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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75298 ***
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+ Anmerkungen zur Transkription
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+ Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter
+ Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter
+ Text ist ~so markiert~.
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+ Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
+ Buches.
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+Iwan Turgenieff / Rudin
+
+[Illustration]
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+ Iwan Turgenieff
+
+ Rudin
+
+ *
+
+ München bei Georg Müller
+ 1927
+
+
+
+
+ Copyright 1926 by Georg Müller Verlag
+ A.-G., München / Printed in Germany
+
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+
+
+I
+
+
+Es war ein stiller Sommermorgen. Die Sonne stand schon ziemlich hoch
+am reinen Himmel, auf den Feldern aber glänzte noch der Tau, aus den
+eben erwachten Tälern wehte duftige Frische und in dem noch feuchten
+und lautlosen Walde stimmten die kleinen Vögel lustig ihr Morgenlied
+an. Auf dem Gipfel eines Hügels, dessen Abhänge von oben bis unten mit
+reifendem Roggen bedeckt waren, zeigte sich ein kleines Dörfchen. Nach
+diesem Dörfchen ging, auf schmalem Nebenwege, eine junge Frau in weißem
+Mousselinkleide und rundem Strohhute, einen Sonnenschirm in der Hand.
+Ein kleiner, als Kosak gekleideter Dienstbursche folgte ihr in einiger
+Entfernung.
+
+Sie ging, ohne sich zu beeilen und als fände sie Vergnügen an ihrem
+Spaziergange. Rings umher auf dem langen und schwankenden Roggen zogen
+in silbergraulichem und rötlichem Farbenspiele langgestreckte Wogen mit
+sanftem Rauschen dahin; in der Höhe schmetterten Lerchen. Die junge
+Frau kam aus dem ihr gehörigen größeren Dorfe, das etwa eine Werst von
+dem Dörfchen entfernt lag, wohin sie ihre Schritte gerichtet hatte.
+Sie hieß Alexandra Pawlowna Lipin, war Witwe, kinderlos und ziemlich
+begütert, und lebte zusammen mit ihrem unverheirateten Bruder, Sergei
+Pawlowitsch Wolinzow, einem Stab-Rittmeister außer Diensten, welcher
+ihr Gut verwaltete.
+
+Alexandra Pawlowna hatte das Dorf erreicht; sie blieb bei dem
+äußersten, sehr alten und verfallenen Bauernhäuschen stehen, rief ihren
+Dienstburschen heran und befahl ihm, hineinzugehen und sich nach dem
+Befinden der Eigentümerin zu erkundigen. Er kehrte bald zurück, gefolgt
+von einem altersschwachen Bauer mit weißem Barte.
+
+»Nun, wie steht’s?« fragte Alexandra Pawlowna.
+
+»Sie lebt noch …« erwiderte der Alte.
+
+»Kann ich hineingehen?«
+
+»Warum nicht.«
+
+Alexandra Pawlowna trat in die Hütte. Es war eng darin, beklommen und
+räucherig … Auf der Ofenbank regte sich jemand und stöhnte. Alexandra
+Pawlowna sah sich um und gewahrte in dem Halbdunkel den gelben und
+runzeligen Kopf einer alten Frau, den ein kariertes Tuch umhüllte. Bis
+unter den Hals mit einem dicken Oberrock bedeckt, atmete sie schwer und
+bewegte schwach ihre mageren Arme.
+
+Alexandra Pawlowna trat zu der Alten heran und berührte ihre Stirne
+mit der Hand; sie war brennend heiß.
+
+»Wie ist dein Befinden, Matrona?« fragte sie, sich über die Ofenbank
+beugend.
+
+»Ach! Ach!« stöhnte die Alte, nachdem sie Alexandra Pawlowna gewahr
+worden war. »Schlecht, schlecht, Mütterchen! Das Todesstündchen ist
+gekommen, mein Täubchen.«
+
+»Mit Gottes Hilfe wird es schon besser werden, Matrona. Hast du die
+Arznei eingenommen, die ich dir geschickt habe?«
+
+Die Alte stöhnte schwer und gab keine Antwort. Sie hatte die Frage
+nicht recht gehört.
+
+»Sie hat sie eingenommen,« erklärte der Alte, der an der Türe
+stehengeblieben war.
+
+Alexandra Pawlowna wandte sich zu ihm.
+
+»Außer dir ist niemand bei ihr?« fragte sie.
+
+»Die Kleine ist da – ihre Enkelin, läuft aber immer davon. Kann nicht
+sitzen bleiben: ein wildes Ding. Einen Trunk Wasser der Großmutter
+reichen – selbst das fällt ihr schwer. Bin selbst zu alt: was kann ich
+helfen?«
+
+»Sollte man sie nicht zu mir ins Krankenhaus tragen?«
+
+»Nein! Wozu ins Krankenhaus! Ganz gleich, wo man stirbt. Sie hat ihre
+Zeit abgelebt; es muß wohl Gottes Wille so sein. Sie kann von der
+Ofenbank nicht herunter. Wie soll die ins Krankenhaus! Hebt man sie nur
+auf, so ist sie tot.«
+
+»Ach,« stöhnte die Kranke wieder: »Meine schöne, gnädige Frau, meine
+Kleine, die Waise, verlaß sie nicht; unsere Herrschaft ist weit von
+hier, du aber …«
+
+Die Alte schwieg, sie konnte kaum sprechen.
+
+»Sei ruhig,« sagte Alexandra Pawlowna, »es soll alles geschehen. Ich
+habe dir da Tee und Zucker gebracht. Wenn du Lust haben wirst, trinke …
+Ihr habt ja doch wohl einen Samowar?« setzte sie, mit einem Blick auf
+den Alten, hinzu.
+
+»Einen Samowar? Nein, einen Samowar haben wir nicht, man kann sich das
+aber verschaffen.«
+
+»Nun, dann verschaffe ihn dir, geht’s nicht, so schicke ich dir einen.
+Und sage auch deiner Enkelin, sie solle nicht aus dem Hause laufen.
+Sage ihr, es sei das gar nicht recht von ihr.«
+
+Der Alte antwortete nichts, nahm indessen den eingewickelten Tee und
+Zucker mit beiden Händen entgegen.
+
+»Nun, lebe wohl, Matrona!« sagte Alexandra Pawlowna, »ich komme wieder
+zu dir, verliere den Mut nicht und nimm die Arznei pünktlich ein …«
+
+Die Alte hob den Kopf ein wenig und streckte sich gegen Alexandra
+Pawlowna vor.
+
+»Gib, Gnädige, das Händchen,« lallte sie.
+
+Alexandra Pawlowna gab ihr nicht die Hand, sie beugte sich über sie und
+küßte sie auf die Stirne.
+
+»Gib also acht,« sagte sie im Fortgehen zum Alten, »die Arznei muß ihr
+durchaus eingegeben werden, wie vorgeschrieben ist … Und auch Tee gebt
+ihr zu trinken.«
+
+Der Alte erwiderte abermals nichts und verbeugte sich nur.
+
+Alexandra Pawlowna atmete freier, als sie wieder in die frische Luft
+gekommen war. Sie schlug ihren Sonnenschirm auf und wollte bereits
+nach Hause gehen, als plötzlich um die Ecke der Hütte herum auf einer
+niedrigen Reitdroschke ein Mann in den Dreißigen angefahren kam; er
+hatte einen alten Paletot aus grauem Leinzeuge an und trug eine Mütze
+aus gleichem Stoffe. Als er Alexandra Pawlownas ansichtig wurde, hielt
+er sogleich an und wandte sich zu ihr. Sein Gesicht war breit und
+bleich, mit kleinen blaßgrauen Augen und hellblondem Schnurrbart; das
+Ganze paßte zur Farbe seines Anzuges.
+
+»Guten Tag,« brachte er mit einem trägen Lächeln hervor, »was machen
+Sie denn hier, wenn ich fragen darf?«
+
+»Ich habe eine Kranke besucht … Von wo kommen Sie aber, Michael
+Michailitsch?«
+
+Der Mann, der Michael Michailitsch hieß, schaute ihr in die Augen und
+lächelte wieder.
+
+»Sie haben gut daran getan,« fuhr er fort, »eine Kranke zu besuchen;
+wäre es aber nicht besser, Sie ließen sie ins Krankenhaus bringen?«
+
+»Sie ist zu schwach: man darf sie nicht rühren.«
+
+»Wie ist’s denn mit Ihrem Krankenhause, sind Sie nicht Willens, es
+eingehen zu lassen?«
+
+»Eingehen lassen? Weshalb?«
+
+»Nun, so.«
+
+»Welch sonderbarer Einfall! Wie ist Ihnen der in den Kopf gekommen?«
+
+»Sie verkehren ja so viel mit Frau Laßunski, und stehen, wie
+es scheint, unter ihrem Einflusse. Wie die nun sagt, sind ja
+Krankenhäuser, Schulen – nichts als Unsinn, unnütze Erfindungen. Die
+Wohltätigkeit soll persönlich sein, ebenso die Bildung; das alles ist
+Sache der Seele … in dieser Weise, glaube ich, drückt sie sich aus. Wem
+sie das nachsingt, möchte ich aber wissen?«
+
+Alexandra Pawlowna lachte auf.
+
+»Darja Michailowna ist eine kluge Frau, ich liebe und achte sie sehr;
+sie kann ja aber auch irren und ich glaube nicht an jedes ihrer Worte.«
+
+»Und Sie tun sehr wohl daran,« erwiderte Michael Michailitsch, immer
+noch auf der Droschke sitzend, »denn sie selbst schenkt ihren eigenen
+Worten keinen rechten Glauben. Es freut mich übrigens sehr, daß ich Sie
+getroffen habe.«
+
+»Wieso?«
+
+»Eine schöne Frage! Als wenn es nicht immer angenehm wäre, mit Ihnen
+zusammenzukommen! Heute sind Sie ebenso frisch und freundlich, wie
+dieser Morgen.«
+
+Alexandra Pawlowna lachte wieder.
+
+»Worüber lachen Sie denn?«
+
+»Wie, worüber? Wenn Sie sehen könnten, mit welcher apathischen, kalten
+Miene Sie Ihr Kompliment vorbrachten! Es wundert mich, daß Sie es ohne
+Gähnen zu Ende gebracht haben.«
+
+»Mit kalter Miene … Sie wollen immer Feuer haben; Feuer taugt aber zu
+nichts. Es lodert auf, qualmt und verlischt.«
+
+»Und wärmt,« setzte Alexandra Pawlowna hinzu.
+
+»Ja … und brennt auch.«
+
+»Nun, was tut es, mag es brennen! Das ist auch kein Übel! Immer noch
+besser als …«
+
+»Nun, ich will doch sehen, ob Sie wohl noch ebenso sprechen, wenn Sie
+sich, auch nur einmal, tüchtig verbrannt haben werden,« unterbrach
+sie ärgerlich Michael Michailitsch und schlug mit den Zügeln auf sein
+Pferd. »Leben Sie wohl!«
+
+»Michael Michailitsch, warten Sie!« rief Alexandra Pawlowna, »wann
+sehen wir Sie bei uns?«
+
+»Morgen; grüßen Sie Ihren Bruder.«
+
+Und die Droschke rollte davon.
+
+Alexandra Pawlowna sah Michael Michailitsch nach. Ein wahrer Mehlsack!
+dachte sie. Zusammengebückt, staubbedeckt, mit der in den Nacken
+geschobenen Mütze, unter welcher unordentliche Büschel gelben Haares
+hervorguckten, war er in der Tat einem großen Mehlsack ähnlich.
+
+Langsam kehrte Alexandra Pawlowna auf dem Wege nach Hause zurück.
+Gesenkten Blickes schritt sie dahin, als der Hufschlag eines Pferdes
+in der Nähe sie zwang, stehen zu bleiben und den Blick zu erheben … Ihr
+entgegen ritt ihr Bruder; neben ihm schritt ein junger Mann, mittleren
+Wuchses, in aufgeknöpftem, dünnem Röckchen, schmalem Halstüchelchen und
+leichtem grauen Hute, mit einem Spazierstöckchen in der Hand. Schon von
+weitem lächelte er Alexandra Pawlowna entgegen, obgleich er wohl sah,
+daß sie in Gedanken versunken einherging, ohne auf irgend etwas acht zu
+geben. Sie bemerkte ihn erst, als er zu ihr herantrat und freudig, fast
+zärtlich sagte:
+
+»Guten Morgen, Alexandra Pawlowna, guten Morgen!«
+
+»Ah! Constantin Diomiditsch! Guten Tag!« antwortete sie. »Sie kommen
+von Darja Michailowna?«
+
+»Gewiß, gewiß,« rief mit strahlendem Gesicht der junge Mann, »von Darja
+Michailowna. Sie hat mich zu Ihnen geschickt; ich habe es vorgezogen
+zu Fuß zu kommen … Der Morgen ist so wunderschön, es sind im ganzen
+nur vier Werst bis hierher. Ich komme – finde Sie nicht zu Hause. Ihr
+Bruder sagt mir, sie seien nach Semenowka gegangen, er selbst war im
+Begriff aufs Feld zu reiten; so bin ich denn mit ihm gegangen, Ihnen
+entgegen. Jawohl. Wie herrlich!«
+
+Der junge Mann sprach russisch, rein und grammatikalisch richtig,
+jedoch mit einem fremden Akzent, dessen Abstammung schwer zu bestimmen
+war. In seinen Gesichtszügen lag etwas Asiatisches. Die lange, gebogene
+Nase, die großen, hervortretenden, starren Augen, die dicken roten
+Lippen, die eingedrückte Stirn, das pechschwarze Haar, – alles an ihm
+bekundete die orientalische Abkunft.
+
+Sein Name war Pandalewski und als seine Heimat gab er Odessa an,
+obgleich er irgendwo in Weißrußland auf Kosten einer wohltätigen und
+reichen Witwe erzogen worden war. Eine andere Witwe hatte ihm eine
+Anstellung ausgewirkt. Überhaupt begünstigten ihn vorzugsweise Frauen
+reiferen Alters: er verstand es, von ihnen zu erlangen, was er wollte.
+
+Auch im gegenwärtigen Augenblick lebte er bei einer reichen
+Gutsbesitzerin, Darja Michailowna Laßunski, als Pflegesohn oder
+Kostgänger. Er war überaus freundlich, dienstbereit, gefühlvoll und im
+geheimen sinnlich, hatte eine angenehme Stimme, spielte nicht schlecht
+Klavier und pflegte jedermann, mit dem er sprach, starr anzublicken.
+Seine Kleidung war sehr sauber und hielt bei ihm lange vor, sein
+breites Kinn war sorgfältig rasiert und sein Haar stets glatt gekämmt.
+
+Alexandra Pawlowna hörte seine Anrede bis zu Ende an und wandte sich
+darauf zu ihrem Bruder.
+
+»Heute begegne ich einem nach dem andern; soeben habe ich Leschnew
+gesprochen.«
+
+»Ah! wirklich!«
+
+»Ja; und denke nur, er fuhr auf einer Reitdroschke, in einem linnenen
+Sackkittel, ganz von Staub bedeckt … Ein wahrer Sonderling!«
+
+»Mag sein! er ist aber ein prächtiger Mensch.«
+
+»Was? Herr Leschnew?« fragte Pandalewski verwundert.
+
+»Nun, Michael Michailitsch Leschnew,« erwiderte Wolinzow. »Indessen,
+lebe wohl, Schwester: ich muß jetzt aufs Feld; es wird bei dir
+Buchweizen gesät. Herr Pandalewski wird dich nach Hause begleiten.«
+
+Und Wolinzow trabte davon.
+
+»Mit dem größten Vergnügen!« rief Constantin Diomiditsch und bot
+Alexandra Pawlowna seinen Arm.
+
+Sie reichte ihm den ihrigen, und beide schlugen den Weg zum
+herrschaftlichen Hause ein.
+
+ * * * * *
+
+Arm in Arm mit Alexandra Pawlowna zu wandeln, erfüllte, wie es schien,
+Constantin Diomiditsch mit Glück und Stolz; er machte nur kurze
+Schritte, lächelte mit Behagen, und seine morgenländischen Augen
+wurden feucht, was übrigens bei ihm nicht selten vorkam: es kostete
+ihm wenig, gerührt zu werden und eine Träne fallen zu lassen. Und wem
+wäre es wohl nicht angenehm, ein hübsches, junges und schmuckes Weib am
+Arme zu führen? Von Alexandra Pawlowna sagte das ganze Gouvernement,
+sie sei reizend, und das Gouvernement täuschte sich nicht. Schon ihr
+gerades, unmerklich aufgeworfenes Näschen konnte jeden Sterblichen um
+den Verstand bringen, wieviel mehr die sammetweichen, braunen Augen,
+das goldblondene Haar und die Grübchen auf den vollen Wangen, ihrer
+vielen anderen Vorzüge gar nicht zu gedenken. Das Beste an ihr war
+jedoch der Ausdruck ihres lieblichen Gesichts: durch Zutraulichkeit,
+Treuherzigkeit und Sanftmut rührte und zog es an. Alexandra Pawlowna
+hatte den Blick und das Lachen eines Kindes; die Damen ihres Standes
+fanden sie etwas einfach … Ließ sich wohl mehr wünschen?
+
+»Darja Michailowna hätte Sie zu mir geschickt, sagten Sie?« fragte sie
+Pandalewski.
+
+»Gewiß, sie haben mich hergeschickt,« erwiderte er, und er sprach
+dabei den Buchstaben s, wie die Engländer das th aus, »sie wünschten
+durchaus und lassen inständig ersuchen, Sie wollten sie heute zu Mittag
+besuchen. Sie erwarteten einen neuen Gast« (Pandalewski, wenn er von
+einer dritten Person redete, gebrauchte in der Regel die Mehrzahl) »und
+wünschten durchaus, daß Sie dessen Bekanntschaft machen.«
+
+»Wer ist das?«
+
+»Ein gewisser Muffel, ein Baron, Kammerjunker aus Petersburg. Darja
+Michailowna haben ihn unlängst beim Fürsten Garin kennengelernt
+und sind des Lobes über ihn voll, als über einen liebenswürdigen
+und gebildeten jungen Mann. Der Herr Baron beschäftigen sich auch
+mit Literatur, oder richtiger gesagt … ach, was für ein reizender
+Schmetterling! bitte, betrachten Sie … oder richtiger gesagt, mit
+politischer Ökonomie. Er hat einen Aufsatz über eine sehr interessante
+Frage geschrieben – und wünscht ihn dem Urteil von Darja Michailowna zu
+unterwerfen.«
+
+»Einen Aufsatz über politische Ökonomie?«
+
+»In bezug auf den Stil, Alexandra Pawlowna, in bezug auf den Stil.
+Es ist Ihnen wohl, denke ich, bekannt, daß Darja Michailowna auch
+hierauf sich versteht. Schukowski hat sie zu Rate gezogen und mein
+Wohltäter, der in Odessa lebende, hochehrenwerte, großwürdige Roxolan
+Mediarowitsch Xandrika … Der Name dieses Mannes ist Ihnen gewiß
+bekannt?«
+
+»Ganz und gar nicht, ich habe ihn noch nie gehört.«
+
+»Haben von diesem Manne nichts gehört? Merkwürdig! Ich wollte sagen,
+daß auch Roxolan Mediarowitsch jederzeit eine hohe Meinung von den
+Kenntnissen Darja Michailownas in der russischen Sprache gehabt hat.«
+
+»Ist jener Baron nicht ein Pedant?« fragte Alexandra Pawlowna.
+
+»Nicht im geringsten; Darja Michailowna sagen, im Gegenteil, man
+erkenne in ihm sogleich den Mann von Welt. Von Beethoven hat er mit
+solcher Beredsamkeit gesprochen, daß sogar den alten Fürsten Entzücken
+überkam … Das, muß ich gestehen, hätte ich gern mit angehört: das
+schlägt ja in mein Fach. Darf ich Ihnen dieses herrliche Feldblümchen
+anbieten?«
+
+Alexandra Pawlowna nahm das Blümchen und ließ es, einige Schritte
+weiter, auf den Weg fallen … Bis zu ihrem Hause hatte sie noch etwa
+zweihundert Schritte, nicht mehr. Vor kurzem gebaut und weiß getüncht,
+schaute es mit seinen breiten, hellen Fenstern einladend aus dem
+dichten Laube alter Linden und Ahornbäume hervor.
+
+»Was hätte ich also Darja Michailowna zu hinterbringen,« begann
+Pandalewski von neuem, ein wenig beleidigt durch das Schicksal, welches
+sein Blümchen betroffen hatte, »werden Sie sich zum Mittage hinbemühen?
+Darja Michailowna lassen Ihren Bruder auch einladen.«
+
+»Ja, wir werden kommen, ganz bestimmt. Was macht Natascha?«
+
+»Natalia Alexejewna ist Gott sei Dank gesund … Doch wir sind an dem
+Wege, welcher zum Gute Darja Michailownas führt, schon vorbei. Erlauben
+Sie, daß ich Abschied nehme.«
+
+Alexandra Pawlowna blieb stehen. »Sie wollen also nicht bei uns
+vorsprechen?« fragte sie zögernd.
+
+»Würde es herzlich gern tun, wenn ich nicht befürchtete, zu spät
+zu kommen. Darja Michailowna haben gewünscht, eine neue Etüde von
+Thalberg zu hören: da muß denn vorbereitet und einstudiert werden. Dann
+aber, muß ich gestehen, bezweifle ich, daß meine Unterhaltung Ihnen
+irgendwelches Vergnügen bereiten könnte.«
+
+»Doch nein … warum aber …«
+
+Pandalewski stieß einen Seufzer aus und senkte beredt den Blick.
+
+»Auf Wiedersehen, Alexandra Pawlowna!« sagte er nach einigem Schweigen,
+verbeugte sich und trat einen Schritt zurück.
+
+Alexandra Pawlowna wandte sich um und ging nach Hause.
+
+Auch Constantin Diomiditsch schlug den Rückweg ein. Alles Süßliche
+war sogleich von seinem Gesicht verschwunden: ein selbstvertrauender,
+ja harter Ausdruck hatte es ersetzt. Sein Gang sogar war ein anderer
+geworden; er schritt jetzt rascher vorwärts und trat fester auf. Zwei
+Werst mochte er gegangen sein, nachlässig die Luft mit seinem Stöckchen
+zerteilend, als plötzlich das schmunzelnde Lächeln wiederkehrte: er
+war hart am Wege ein junges, ziemlich hübsches Bauernmädchen gewahr
+geworden, das Kälber aus einem Haferfelde hinaustrieb. Constantin
+Diomiditsch näherte sich, vorsichtig wie ein Kater, dem Mädchen und
+redete es an. Anfangs antwortete es nichts, wechselte die Farbe und
+lachte vor sich hin, dann bedeckte es den Mund mit dem Ärmel, wandte
+sich ab und sagte:
+
+»Geh doch, Herr, wahrhaftig …«
+
+Constantin Diomiditsch drohte ihr mit dem Finger und hieß sie ihm
+Kornblumen holen.
+
+»Wozu brauchst du Kornblumen? Willst du etwa Kränze flechten?«
+erwiderte das Mädchen, »nun, so geh doch, aber wirklich …«
+
+»Höre, mein schönes Liebchen,« begann wieder Constantin Diomiditsch …
+
+»Nun geh aber endlich,« unterbrach ihn das Mädchen, »sieh, da kommen
+die jungen Herren.«
+
+Constantin Diomiditsch blickte sich um. Wirklich, auf dem Wege daher
+kamen Wanja und Petja, die Söhne der Darja Michailowna; hinter ihnen
+her schritt ihr Lehrer, Bassistow, ein junger Mann von zweiundzwanzig
+Jahren, der eben erst seine Studien beendet hatte. Bassistow war ein
+langer Bursche, mit gewöhnlichem Gesicht, großer Nase, starken Lippen
+und kleinen Augen, unbeholfen, nicht hübsch, aber gut, ehrlich und
+gerade. Er trug sich nachlässig, ließ sich das Haar wachsen, – nicht
+um damit zu stolzieren, sondern aus Faulheit; – liebte zu essen und
+zu schlafen, aber auch ein gutes Buch und anregende Unterhaltung;
+Pandalewski haßte er von ganzer Seele.
+
+Die Kinder der Darja Michailowna hatten Bassistow über alles lieb und
+nicht die geringste Furcht vor ihm; mit den übrigen Hausgenossen stand
+er auf vertrautem Fuße, was der Dame des Hauses gerade nicht gefiel,
+obwohl sie oft behauptete, von Vorurteilen frei zu sein.
+
+»Guten Tag, meine Lieben,« sagte Constantin Diomiditsch, »wie früh
+ihr heute spazieren geht! Ich bin auch schon zeitig vom Hause
+fortgegangen,« setzte er, zu Bassistow gewendet, hinzu; »meine
+Leidenschaft ist’s, in der Natur zu schwelgen.«
+
+»Wir haben es gesehen, wie Sie in der Natur schwelgen,« brummte
+Bassistow.
+
+»Sie sind ein Materialist: Sie sehen gleich in allem etwas … Ich kenne
+Sie!«
+
+Wenn Pandalewski mit Bassistow oder diesem ähnlichen Leuten redete,
+so geriet er leicht in Eifer und sprach den Buchstaben s rein und oft
+etwas pfeifend aus.
+
+»Sie haben sich also wohl bei jenem Mädchen nach dem Wege erkundigt?«
+sagte Bassistow, indem er den Blick bald rechts- bald linkshin
+schweifen ließ.
+
+Er empfand es, daß Pandalewski ihm starr ins Gesicht blickte, und das
+war ihm äußerst peinlich.
+
+»Ich wiederhole es, Sie sind ein Materialist und weiter nichts. Sie
+wollen in allem durchaus nur die prosaische Seite sehen …
+
+»Kinder,« kommandierte plötzlich Bassistow, »ihr seht auf der Wiese den
+Weidenbusch: wir wollen doch sehen, wer am schnellsten dorthin läuft …
+eins! zwei! drei!«
+
+Und über Hals und Kopf rannten die Kinder zu der Weide.
+
+Bassistow stürzte ihnen nach …
+
+Der Lümmel! dachte Pandalewski, verderben wird er die Jungen … Ein
+wahrer Bauernlümmel!
+
+Und mit selbstgefälligem Blicke sein eigenes sauberes und nettes
+Figürchen musternd, betupfte Constantin Diomiditsch zweimal mit
+ausgespreizten Fingern die Ärmel seines Rockes, schob den Kragen
+zurecht und ging seines Weges. Auf seinem Zimmer angelangt, zog er
+einen abgetragenen Schlafrock an und setzte sich mit besorgter Miene
+ans Klavier.
+
+
+
+
+II
+
+
+Darja Michailowna Laßunskis Haus galt fast für das erste im ganzen
+Gouvernement. Massiv, steinern, nach Entwürfen Rastrellis im Geschmacke
+des vergangenen Jahrhunderts erbaut, erhob es sich großartig auf dem
+Gipfel eines Hügels, an dessen Fuße einer der bedeutendsten Ströme
+des mittleren Rußlands vorüberfloß. Darja Michailowna selbst war eine
+angenehme und reiche Edelfrau, eines Geheimrats Witwe. Wenn auch
+Pandalewski von ihr zu sagen pflegte, sie kenne ganz Europa und Europa
+kenne sie, – so kannte sie doch Europa wenig und spielte selbst in
+Petersburg keine bedeutende Rolle; in Moskau dagegen kannten sie alle
+und statteten ihr Besuche ab. Sie gehörte der großen Welt an, und wurde
+für eine etwas sonderbare, nicht sehr gute, aber außerordentlich kluge
+Frau gehalten. In ihrer Jugend war sie sehr schön gewesen. Poeten
+hatten ihr Gedichte gewidmet, junge Leute sich in sie verliebt, hohe
+Herren ihr den Hof gemacht. Doch seit jener Zeit waren fünfundzwanzig
+bis dreißig Jahre verstrichen, und von den früheren Reizen war keine
+Spur zurückgeblieben. »Ist es möglich,« fragte sich jeder, der sie
+zum ersten Male sah, »ist es möglich, daß diese hagere, gelbliche,
+spitznasige und noch nicht betagte Frau einst eine Schönheit gewesen
+wäre? Ist sie es wirklich, sie selbst, welche ehedem von den Dichtern
+besungen wurde?« Und jedermann staunte innerlich über den Wechsel alles
+Irdischen. Es ist wahr, Pandalewski fand, daß Darja Michailownas Augen
+in wunderbarer Weise ihren alten Zauber behalten hatten; eben dieser
+Pandalewski aber behauptete ja auch, daß ganz Europa sie kenne.
+
+Darja Michailowna kam jeden Sommer auf ihr Landgut mit ihren Kindern
+(sie hatte deren drei: eine Tochter Natalia, siebzehn Jahre, und zwei
+Söhne, zehn und neun Jahre alt), sie hielt offenes Haus, das heißt,
+sie empfing bei sich Männer; besonders unverheiratete Edeldamen
+aus der Provinz konnte sie nicht ausstehen. Dafür ließen ihr diese
+Damen aber auch kein gutes Haar! Darja Michailowna war, nach deren
+Aussagen, stolz, sittenverderbt, eine furchtbare Tyrannin, und was
+die Hauptsache wäre, – sie erlaube sich solche Freiheiten in der
+Unterhaltung, daß es ein Greuel sei! Darja Michailowna liebte es
+in der Tat nicht, sich auf dem Lande Zwang aufzulegen, und in der
+freien Einfachheit ihres Umganges blickte etwas von der Verachtung
+einer großstädtischen Weltdame für die sie umgebenden, meistens
+unbedeutenden Persönlichkeiten hindurch … Selbst mit ihren städtischen
+Bekannten ging sie ziemlich ungeniert, ja spöttisch um; doch fehlte
+dabei die Schattierung von Verachtung.
+
+Hast du, lieber Leser, jemals bemerkt, daß Leute, die im Kreise ihrer
+Untergebenen ungewöhnlich zerstreut zu sein pflegen, es niemals im
+Umgange mit höher gestellten Personen sind? Woher mag das kommen? Doch
+– wozu dergleichen Fragen!
+
+Nachdem Constantin Diomiditsch endlich die Thalbergsche Etüde
+einstudiert hatte, begab er sich aus seinem netten und freundlichen
+Stübchen hinaus ins Empfangszimmer und fand dort die ganze Gesellschaft
+des Hauses bereits versammelt. Der Salon war schon geöffnet. Auf einer
+breiten Couchette lag mit untergeschlagenen Beinen und eine neue
+französische Broschüre in der Hand, die Frau vom Hause; am Fenster vor
+dem Stickrahmen saßen, von einer Seite die Tochter Darja Michailownas,
+von der anderen Mlle. Boncourt, die Gouvernante, eine alte,
+vertrocknete Jungfer von sechzig Jahren mit einer schwarzen Haartour
+unter der farbigen Haube und Baumwolle in den Ohren; in der Ecke bei
+der Tür hatte Bassistow seinen Sitz genommen und las die Zeitung,
+während neben ihm Petja und Wanja auf dem Damenbrette spielten; an den
+Ofen gelehnt, die Hände auf dem Rücken, stand ein Herr von mittlerem
+Wuchse, mit unordentlichem, grauem Haar, von dunkler Gesichtsfarbe und
+kleinen, unruhigen, schwarzen Augen – Afrikan Semenitsch Pigassow mit
+Namen.
+
+Ein sonderbarer Mensch war dieser Herr Pigassow. Auf alles und alle
+erbittert – vorzüglich auf das weibliche Geschlecht, schalt er vom
+Morgen bis zum Abend, zuweilen sehr treffend, zuweilen ziemlich flach,
+immer jedoch mit Selbstbefriedigung. Er war reizbar wie ein Kind; sein
+Lachen, der Ton seiner Stimme, sein ganzes Wesen schien von Galle
+getränkt. Darja Michailowna sah ihn gern bei sich: er ergötzte sie
+mit seinen Ausfällen. Und in der Tat waren sie sehr erheiternd. Es
+war seine Lust, alles zu übertreiben. Erzählte man zum Beispiel in
+seiner Gegenwart von einem Unfalle – war’s nun, daß der Blitz ein Dorf
+in Brand gesteckt, oder daß Wasser einen Mühldamm durchbrochen, oder
+daß ein Bauer sich mit der Axt die Hand abgehauen hatte – jedesmal
+fragte er mit gesteigerter Erbitterung: »Wie heißt _sie_?« nämlich
+wie das Weib heiße, das an dem Unglück schuld sei, – denn seiner
+Behauptung nach brauchte man nur tiefer auf den Grund zu gehen, um
+zu finden, daß jegliches Unglück durch ein Weib herbeigeführt werde.
+Einst warf er sich auf die Knie vor einer ihm fast unbekannten Frau,
+die in ihn drang, etwas zu kosten, und beschwor sie unter Tränen,
+aber mit sichtbarem Grimm in den verzerrten Zügen, sie wolle seiner
+schonen, er hätte nichts gegen sie verschuldet und werde sie künftig
+nie mehr besuchen. Ein anderes Mal ging ein Pferd mit einer der
+Waschfrauen Darja Michailownas einen Berg hinunter durch, warf in
+einem Graben um und hätte die Frau beinahe getötet. Pigassow nannte
+später das Pferd nie anders als das wackere, wackere Rößchen, und der
+Berg selbst, wie auch der Graben, däuchten ihm überaus malerische
+Plätze. Pigassow hatte kein Glück im Leben gehabt – daher in der
+Hauptsache sein wunderliches Gebaren. Er war armer Eltern Kind; die
+Beschäftigung seines Vaters war eine ziemlich untergeordnete gewesen,
+er hatte kaum lesen und schreiben gelernt und nicht an die Erziehung
+seines Sohnes gedacht; er hatte ihm Nahrung und Kleidung gegeben –
+das war alles! Von der Mutter wurde er verhätschelt, sie starb aber
+früh. Pigassow verdankte seine Bildung sich selbst; zuerst besuchte
+er die Kreisschule, dann das Gymnasium, erlernte die französische,
+deutsche, ja sogar die lateinische Sprache, und nachdem er mit einem
+vorzüglichen Zeugnisse das Gymnasium absolviert hatte, begab er sich
+nach Dorpat, wo er unter fortwährendem Kampfe mit der Not, dennoch nach
+drei Jahren richtig sein Triennium beendigte. Pigassows Fähigkeiten
+waren keineswegs außergewöhnlicher Art; er zeichnete sich durch Geduld
+und Beharrlichkeit aus, besonders stark war jedoch in ihm der Ehrgeiz,
+das Verlangen nach guter Gesellschaft und die Sucht, anderen nicht
+nachzustehen, dem Schicksal zum Trotz. Er lernte fleißig und hatte die
+Dorpatsche Universität aus Ehrgeiz bezogen. Die Armut stachelte ihn
+auf und entwickelte in ihm Beobachtungsgeist und Verschlagenheit. Er
+hatte eine eigentümliche Art sich auszudrücken; von Jugend auf hatte er
+sich eine besondere Art erbitterter und gereizter Beredsamkeit zu eigen
+gemacht. Seine Gedanken überstiegen nicht das gewöhnliche Niveau; doch
+war seine Rede der Art, daß er nicht bloß für einen klugen, sondern
+sogar für einen geistreichen Menschen gelten konnte. Nachdem er den
+Kandidatengrad erhalten hatte, beschloß er, sich dem Gelehrtenstande
+zu widmen, denn es war ihm klar, daß er in jeder anderen Laufbahn
+hinter seinen Gefährten zurückbleiben würde; er war bemüht, sich
+dieselben aus den höheren Ständen zu wählen und verstand es, sich
+ihnen gefällig zu zeigen, ja, er schmeichelte ihnen sogar, wenn auch
+immer mit Schelten. Doch da gebrach es ihm, um es einfach zu sagen,
+am nötigen Stoff. Als Autodidakt ohne Liebe zur Wissenschaft, wußte
+Pigassow im Grunde zu wenig. Er fiel bei der Disputation schmählich
+durch, während ein anderer Student, sein Stubengefährte, über den er
+sich beständig lustig gemacht hatte, ein beschränkter Kopf, der jedoch
+eine regelmäßige und gründliche Bildung genossen hatte, vollständigen
+Triumph über ihn davontrug. Dieser Unfall erbitterte Pigassow aufs
+äußerste: er warf alle seine Bücher und Hefte ins Feuer und trat in
+den Staatsdienst. Anfangs ging es nicht schlecht damit: als Beamter
+war er zu allem gut, zwar nicht sehr expeditiv, dagegen aber über die
+Maßen selbstvertrauend und großsprecherisch; er wollte nur zu rasch
+emporkommen – verwickelte sich, strauchelte und war gezwungen, seinen
+Abschied zu nehmen. Drei Jahre lang blieb er auf seinem wohlerworbenen
+Gütchen sitzen und heiratete unvermutet eine reiche, wenig gebildete
+Gutsbesitzerin, die er an dem Köder seiner freien und spöttischen
+Manieren gefangen hatte; sein Charakter aber wurde immer verbissener
+und das Familienleben drückte ihn … Nachdem seine Frau einige Jahre
+mit ihm gelebt hatte, fuhr sie heimlich nach Moskau und verkaufte
+einem gewandten Abenteurer ihr Gut, in welchem Pigassow eben erst ein
+Wirtschaftsgebäude hatte erbauen lassen. Durch diesen letzten Schlag
+bis ins Innerste erschüttert, fing er einen Prozeß gegen seine Frau
+an, den er jedoch verlor … So lebte er nun seine Tage allein, besuchte
+seine Nachbarn, die er selbst in deren Gegenwart aufzog und die ihn
+mit einem gewissen gezwungenen und verbissenen Lachen empfingen, doch
+flößte er ihnen keine besondere Furcht ein, – ein Buch nahm er nie in
+die Hand. Er besaß nahezu hundert Seelen; seine Bauern litten nicht Not.
+
+ * * * * *
+
+»Ah! Constantin!« sagte Darja Michailowna, als Pandalewski ins
+Gastzimmer trat. »Kommt Alexandrine?«
+
+»Alexandra Pawlowna lassen sich empfehlen und werden sich ein
+besonderes Vergnügen daraus machen,« erwiderte Constantin Diomiditsch,
+sich nach allen Seiten hin anmutig verbeugend, und mit dem dicken, aber
+weißen Händchen, dessen Fingernägel dreieckig zugestutzt waren, sich
+das vorzüglich geordnete Haar leichthin streichelnd.
+
+»Und Wolinzow kommt auch?«
+
+»Wird auch kommen.«
+
+»Ihrer Ansicht nach, Afrikan Semenitsch,« fuhr Darja Michailowna zu
+Pigassow gewendet fort, »sind also alle jungen Mädchen geziert?«
+
+Pigassows Lippen verzerrten sich nach einer Seite hin, und er zuckte
+konvulsivisch mit dem Ellenbogen.
+
+»Ich sage,« begann er in ungeduldigem Ton, – er sprach im heftigsten
+Anfall von Erbitterung langsam und deutlich, »ich sage, daß die jungen
+Mädchen im ganzen genommen – von den anwesenden, versteht sich’s, rede
+ich nicht …«
+
+»Das hindert Sie aber nicht, auch diese im Sinne zu haben,« unterbrach
+ihn Darja Michailowna.
+
+»Ich übergehe sie mit Schweigen,« wiederholte Pigassow. »Alle jungen
+Mädchen im allgemeinen sind in höchstem Grade geziert im Ausdrucke
+ihrer Gefühle. Erschrickt zum Beispiel ein junges Mädchen, erfreut oder
+betäubt sie etwas, das erste was sie tut, ist, sie gibt ihrem Körper
+eine gewisse graziöse Biegung (dabei gab Pigassow seiner Gestalt eine
+angemessene Wendung und streckte die Arme voneinander) und dann erst
+kreischt sie: ach! oder bricht in Lachen oder Schluchzen aus. Einmal
+übrigens,« und dabei lächelte Pigassow wohlgefällig, »habe ich es bei
+einem außerordentlich gezierten Fräulein dahin gebracht, einen wahren,
+ungeheuchelten Gefühlsausdruck zu erzwingen.«
+
+»Auf welche Weise?«
+
+Pigassows Augen funkelten.
+
+»Ich gab ihr von hinten mit einem Espenpfahle einen Stoß in die Seite.
+Wie sie aufschrie! Bravo! bravo! rief ich. Das war die Stimme der
+Natur, das war ein natürlicher Schrei. So müssen Sie es künftig halten.«
+
+Alle im Zimmer lachten auf.
+
+»Was für einen Unsinn schwatzen Sie da, Afrikan Semenitsch!« rief Darja
+Michailowna. »Sie meinen, ich werde Ihnen glauben, Sie hätten ein
+Mädchen mit einem Pfahle in die Seite gestoßen!«
+
+»So wahr Gott lebt, mit einem Pfahle, mit einem ungeheuren, wie jene,
+die bei der Verteidigung von Festungen gebraucht werden.«
+
+»~Mais c’est une horreur ce que vous dites là, monsieur~,« rief mit
+Entsetzen Mlle. Boncourt, und warf einen strengen Blick auf die
+lachenden Kinder.
+
+»Glauben Sie ihm doch nicht,« sagte Darja Michailowna, »kennen Sie ihn
+denn nicht?«
+
+Die entrüstete Französin konnte sich aber lange nicht beruhigen und
+fuhr fort, vor sich hinzubrummen.
+
+»Sie mögen mir glauben oder nicht,« fuhr mit gelassener Stimme Pigassow
+fort, »ich beteuere aber, daß ich die reine Wahrheit gesagt habe. Wer
+könnte es denn besser wissen als ich? Dann werden Sie es wohl auch
+nicht glauben, daß unsere Nachbarin, die Tschepusow, mir selbst erzählt
+hat, merken Sie wohl, sie selbst hat mir’s erzählt, daß sie ihren
+eigenen Neffen umgebracht hat?«
+
+»Wieder eine schöne Erfindung!«
+
+»Bitte, bitte! hören Sie und urteilen Sie selbst. Vergessen Sie nicht,
+ich will sie nicht verleumden, ich habe sie sogar lieb, das heißt, so
+lieb man ein Weib haben kann; es ist im ganzen Hause bei ihr kein Buch
+aufzutreiben, den Kalender ausgenommen, und lesen kann sie nicht anders
+als laut – diese Anstrengung treibt ihr den Schweiß auf die Stirn und
+sie klagt dann, daß ihr die Augen aus dem Kopfe springen wollten … Mit
+einem Wort, eine vortreffliche Frau, und ihre Dienstmädchen sind gut
+genährt. Warum sollte ich sie also verleumden?«
+
+»Nun!« warf Darja Michailowna hin, »unser Afrikan Semenitsch hat
+sein Steckenpferd bestiegen – vor dem Abend steigt er nicht wieder
+herunter.«
+
+»Mein Steckenpferd … Die Weiber haben deren drei und kommen niemals von
+denselben herunter – außer etwa, wenn sie schlafen.«
+
+»Welches sind denn diese drei?«
+
+»Sticheln, Anspielen, Anklagen.«
+
+»Aber, Afrikan Semenitsch,« sagte Darja Michailowna, »Sie müssen gewiß
+nicht ohne Grund so sehr gegen die Frauen erbittert sein. Es muß Sie
+durchaus irgendeine …«
+
+»Beleidigt haben, wollen Sie sagen?« unterbrach sie Pigassow.
+
+Darja Michailowna wurde etwas verwirrt; es fiel ihr die unglückliche
+Ehe Pigassows ein … und sie nickte bloß mit dem Kopfe.
+
+»Es ist wahr, mich hat ein Weib beleidigt,« erwiderte Pigassow,
+»obgleich es eine gute, sehr gute Frau war …«
+
+»Wer war denn das?«
+
+»Meine Mutter,« brachte Pigassow halblaut hervor.
+
+»Ihre Mutter? Wie konnte die Sie wohl kränken?«
+
+»Dadurch, daß sie mich zur Welt gebracht hat.«
+
+Darja Michailowna zog die Brauen zusammen.
+
+»Mich dünkt,« sagte sie, »unsere Unterhaltung nimmt eine trübe Wendung
+… Constantin, spielen Sie uns doch die neue Etüde von Thalberg vor …
+Vielleicht werden die Töne der Musik Afrikan Semenitsch bezähmen. Hat
+es doch Orpheus über wilde Tiere vermocht.«
+
+Constantin Diomiditsch setzte sich ans Klavier und trug die Etüde zu
+voller Befriedigung vor. Anfangs hörte Natalia mit Aufmerksamkeit zu,
+fuhr aber dann in ihrer Arbeit wieder fort.
+
+»~Merci c’est charmant~,« äußerte Darja Michailowna, »ich liebe
+den Thalberg. ~Il est si distingué.~ Worüber sinnen Sie, Afrikan
+Semenitsch?«
+
+»Ich dachte,« begann langsam Pigassow, »es gibt drei Sorten von
+Egoisten: solche, welche selbst leben und andere leben lassen;
+Egoisten, welche selbst leben und andere nicht leben lassen, und
+endlich solche, welche weder selbst leben, noch andere leben lassen …
+Die Weiber gehören größtenteils zu der dritten Gattung.«
+
+»Wie liebenswürdig! Was mich aber wundert, Afrikan Semenitsch, das ist
+die Zuversicht in Ihren Reden: Sie urteilen, als könnten Sie niemals
+irren.«
+
+»Bewahre! Auch ich kann mich irren! Auch der Mann kann sich irren!
+Aber, wissen Sie, worin der Unterschied besteht zwischen unserem Irren
+und dem eines Weibes? Sie wissen es nicht? Ich will es Ihnen sagen: ein
+Mann zum Beispiel kann sagen, zwei mal zwei mache nicht vier, sondern
+fünf oder dreiundeinhalb; ein Weib aber wird sagen: zweimal zwei macht
+– ein Stearinlicht.«
+
+»Das habe ich, dünkt mich, schon einmal gehört … Erlauben Sie mir aber
+die Frage, in welcher Beziehung steht Ihre Idee von den drei Gattungen
+Egoisten zu der Musik, die wir soeben gehört haben?«
+
+»Durchaus in keiner; ich habe gar nicht auf die Musik gehört.«
+
+»Nun, mein Bester, ich sehe, Sie sind unverbesserlich, ich ziehe
+mich zurück,« erwiderte Darja Michailowna, einen Vers aus Gribojedow
+variierend. »Was lieben Sie denn, wenn selbst Musik Sie nicht
+anspricht? Literatur etwa?«
+
+»Die Literatur liebe ich, aber nicht die der Gegenwart.«
+
+»Weshalb?«
+
+»Das will ich Ihnen sagen. Vor kurzem bei einer Überfahrt über die Oka
+traf ich mit einem Herrn zusammen. Die Fähre legte bei einer steilen
+Stelle an: die Equipage mußte durch Menschenhände hinaufgeschleppt
+werden. Jener Herr hatte eine außerordentlich schwere Kalesche. Während
+die Fährleute sich bei dem Hinaufziehen des Fuhrwerks abarbeiteten,
+stand der Herr auf der Fähre und stöhnte, daß man ordentlich Mitleid
+mit ihm haben konnte … Da haben wir, fiel mir ein, eine neue Anwendung
+des Systems der geteilten Arbeit! So ist es auch mit der Literatur der
+Gegenwart: Andere ziehen und verrichten die Arbeit, und sie stöhnt.«
+
+Darja Michailowna lächelte.
+
+»Und das nennt sich ein Spiegelbild des Lebens der Gegenwart,« fuhr der
+unerbittliche Pigassow fort, »tiefe Sympathie für die sozialen Fragen
+und wer weiß wie noch … Ach, über diese hochtönenden Worte!«
+
+»Die Frauen aber, die Sie so angreifen, sie wenigstens gebrauchen keine
+hochtönenden Worte.«
+
+Pigassow zuckte die Achseln.
+
+»Sie gebrauchen sie nicht, weil sie sich darauf – nicht verstehen.«
+
+Darja Michailowna errötete leicht.
+
+»Sie werden etwas dreist, Afrikan Semenitsch!« bemerkte sie mit
+erzwungenem Lächeln.
+
+Alle im Zimmer wurden still.
+
+»Wo liegt Solotonoscha?« fragte auf einmal einer der Knaben Bassistow.
+
+»Im Gouvernement Poltawa, mein Lieber,« nahm Pigassow das Wort, »im
+Herzen des Schopflandes[1].« (Er war froh, der Unterhaltung eine andere
+Wendung geben zu können.) »Wir sprachen von Literatur,« fuhr er fort,
+»wenn ich Geld übrig hätte, so würde ich ohne weiteres kleinrussischer
+Dichter werden.«
+
+»Was soll denn das noch? Ein schöner Dichter!« erwiderte Darja
+Michailowna, »kennen Sie denn die kleinrussische Sprache?«
+
+»Nicht im mindesten; das ist aber auch nicht nötig.«
+
+»Wieso nicht nötig?«
+
+»Ganz einfach! Man nehme nur einen Bogen Papier und schreibe oben
+darauf: ›Duma‹[2]; dann stelle man eine Anzahl Worte ohne all und jeden
+Sinn zusammen, füge nur einige kleinrussische Interjektionen wie:
+graje, graje, woropaje, hopp, hopp! oder etwas in dieser Art hinzu,
+und das Ding ist fertig. Dann schicke man es in die Druckerei und gebe
+es heraus. Der Kleinrusse wird es lesen, den Kopf auf die Hand fallen
+lassen und gewiß dabei Tränen vergießen. Das ist nun einmal so eine
+gefühlvolle Seele!«
+
+»Ich bitte Sie!« rief Bassistow. »Was erzählen Sie da? Da hört aber
+alles auf. Ich habe in Kleinrußland gelebt, liebe das Land und kenne
+die Sprache … ›graje, graje, woropaje‹ ist ein vollständiger Unsinn.«
+
+»Möglich, der Schopfkurt würde aber doch Tränen dabei vergießen. Sie
+sagen die Sprache … Gibt es aber denn eine kleinrussische Sprache? Ich
+bat einmal einen Kleinrussen, mir irgendeine Phrase zu übersetzen,
+und wie glauben Sie, daß er sie übersetzt hat? Er wiederholte fast
+genau die von mir vorgesprochenen Worte, nur daß er durchgängig i in
+ü verwandelte. Ist das etwa nach Ihren Begriffen eine Sprache? Eine
+selbständige Sprache? Bevor ich Ihnen das zugebe, lasse ich meinen
+besten Freund in einem Mörser zerstoßen …«
+
+Bassistow wollte ihm etwas entgegnen.
+
+»Lassen Sie ihn,« sagte Darja Michailowna, »Sie wissen ja, daß man von
+ihm außer Paradoxen nichts zu hören bekommt.«
+
+Pigassow lächelte boshaft. Ein Diener erschien und meldete die Ankunft
+Alexandra Pawlownas und ihres Bruders.
+
+Darja Michailowna erhob sich, um ihre Gäste zu empfangen.
+
+»Guten Tag, Alexandrine!« sagte sie, ihr entgegengehend, »wie schön von
+Ihnen, daß Sie gekommen sind … Guten Tag, Sergei Pawlowitsch!«
+
+Wolinzow drückte Darja Michailowna die Hand und trat auf Natalia zu.
+
+»Nun, und der Baron, Ihr neuer Bekannter, wird er heute kommen?« fragte
+Pigassow.
+
+»Ja, er wird kommen.«
+
+»Es soll ja ein großer Philosoph sein: wirft mit Hegel um sich.«
+
+Darja Michailowna antwortete nichts, ließ Alexandra Pawlowna auf der
+Couchette Platz nehmen und setzte sich selbst neben sie.
+
+»Die Philosophie,« fuhr Pigassow fort, »der höhere Gesichtspunkt! Sind
+sie mir zum Ekel geworden, diese höheren Gesichtspunkte! Und was kann
+man aus der Höhe sehen? Ich denke, kauft jemand ein Pferd, so wird er
+nicht erst einen Turm besteigen, um es zu beschauen!«
+
+»Dieser Baron wollte Ihnen einen Aufsatz bringen?« fragte Alexandra
+Pawlowna.
+
+»Ja, einen Aufsatz«, erwiderte Darja Michailowna mit übertriebener
+Gleichgültigkeit, »über die Beziehungen des Handels zu der Industrie
+in Rußland … Erschrecken Sie aber nicht: wir werden das jetzt nicht
+lesen … Ich habe Sie nicht deshalb eingeladen. ~Le baron est aussi
+aimable que savant.~ Und spricht sehr gut russisch! ~C’est un vrai
+torrent … il vous entraine.~«
+
+»Er spricht so gut russisch,« brummte Pigassow, »daß er verdient hat,
+französisch gelobt zu werden.«
+
+»Brummen Sie nur, Afrikan Semenitsch, brummen Sie nur immer zu … das
+paßt sehr gut zu Ihrem verwühlten Haar … Warum kommt er aber nicht?
+Wissen Sie aber, ~messieurs et mesdames~,« setzte Darja Michailowna,
+sich im Kreise umsehend, hinzu: »wir wollen in den Garten gehen. Bis
+zum Essen ist es noch eine Stunde und das Wetter ist so herrlich …«
+
+Die ganze Gesellschaft erhob sich und begab sich in den Garten.
+
+Der Garten Darja Michailownas reichte bis an den Fluß. Es waren in
+demselben viele dunkle und duftige Alleen alter Lindenbäume, die in
+smaragdgrüne Lichtungen mit vielen Lauben aus Akazien und Fliederbäumen
+ausliefen.
+
+Wolinzow in Begleitung von Natalia und Mlle. Boncourt hatten sich in
+das Dickicht des Gartens vertieft. Wolinzow ging neben Natalia her und
+schwieg. Mlle. Boncourt folgte in einiger Entfernung.
+
+»Womit haben Sie sich heute beschäftigt?« fragte endlich Wolinzow
+und streichelte dabei die Spitze seines schönen, dunkelblonden
+Schnurrbartes.
+
+Er war seiner Schwester sehr ähnlich, doch zeigten seine Gesichtszüge
+weniger Beweglichkeit und Leben, und seine Augen, hübsch und sanft,
+hatten einen etwas schwermütigen Ausdruck.
+
+»Mit wenigem,« erwiderte Natalia, »ich habe das Schelten Pigassows mit
+angehört, habe am Stickrahmen genäht und habe gelesen.«
+
+»Und was haben Sie gelesen?«
+
+»Ich habe … die Geschichte der Kreuzzüge gelesen,« brachte Natalia mit
+einigem Stocken hervor.
+
+Wolinzow blickte sie an.
+
+»Oh,« sagte er endlich, »das muß interessant sein.«
+
+Er riß einen Zweig ab und fächelte damit in der Luft. Sie gingen noch
+etwa zwanzig Schritte weiter.
+
+»Was für ein Baron ist das, dessen Bekanntschaft Ihre Mama gemacht
+hat?« fragte dann wieder Wolinzow.
+
+»Ein Kammerjunker, seit kurzem angekommen; Mama lobt ihn sehr.«
+
+»Ihre Mama gibt sich leicht dem ersten Eindrucke hin.«
+
+»Ein Beweis, daß ihr Herz noch jugendlich fühlt,« bemerkte Natalia.
+
+»Gewiß. Ich werde Ihnen bald Ihr Pferd zuschicken. Es ist schon fast
+ganz zugeritten. Es soll mir gleich im Galopp vom Platz, dazu muß ich
+es bringen.«
+
+»~Merci~ … Es macht mich aber wirklich verlegen. Sie reiten es selbst
+zu … das soll ja sehr angreifend sein.«
+
+»Um Ihnen das geringste Vergnügen zu bereiten, Sie wissen es, Natalia
+Alexejewna, bin ich bereit … würde ich … nicht solche Kleinigkeiten …«
+
+Wolinzow stockte.
+
+Natalia blickte ihn freundlich an und sagte nochmals: ~merci~.
+
+»Sie wissen,« fuhr Sergei Pawlitsch nach längerem Schweigen fort, »es
+gibt nichts … Doch warum sage ich das! Sie wissen ja alles.«
+
+In diesem Augenblicke erschallte die Glocke im Hause.
+
+»Ah! ~La cloche du dîner!~« rief Mlle. Boncourt, »~rentrons~.«
+
+~Quel dommage~, dachte bei sich die alte Französin, als sie hinter
+Natalia und Wolinzow die Stufen zur Terrasse hinaufstieg, ~quel dommage
+que ce charmant garçon ait si peu de ressources dans la conversation~
+… was man etwa so wiedergeben könnte: du bist ganz nett, mein Lieber,
+aber etwas beschränkt.
+
+Der Baron kam nicht zum Mittagessen. Man wartete eine halbe Stunde auf
+ihn. Bei Tische wollte es mit der Unterhaltung nicht recht vorwärts
+gehen. Sergei Pawlitsch blickte fortwährend Natalia an, neben welcher
+er saß, und schenkte ihr eifrig Wasser ins Glas. Pandalewski bemühte
+sich vergeblich, seine Nachbarin, Alexandra Pawlowna, zu unterhalten:
+er zerfloß in Liebenswürdigkeiten, während es ihr Mühe kostete, das
+Gähnen zu unterdrücken.
+
+Bassistow machte Brotkügelchen und dachte an nichts; selbst Pigassow
+war verstummt, und als Darja Michailowna ihm bemerkte, daß er heute
+nicht liebenswürdig sei, antwortete er mürrisch: »Wann bin ich denn
+liebenswürdig? Es ist nicht meine Art …« Und setzte mit bitterem
+Lächeln hinzu: »Haben Sie nur Geduld; ich bin ja nur Kwas, ordinärer
+russischer Kwas; wenn aber Ihr Kammerjunker …«
+
+»Bravo!« rief Darja Michailowna. »Pigassow wird eifersüchtig, zum
+voraus eifersüchtig!«
+
+Pigassow jedoch erwiderte nichts darauf, sondern schaute finster vor
+sich hin.
+
+Es schlug sieben Uhr und alle versammelten sich wieder im Gastzimmer.
+
+»Es scheint, er wird nicht kommen,« sagte Darja Michailowna … Doch
+plötzlich ließ sich das Rollen eines Wagens vernehmen, ein mittelgroßer
+Tarantaß lenkte in den Hof und nach einigen Minuten erschien ein Diener
+im Gastzimmer und reichte Darja Michailowna einen Brief auf einem
+kleinen silbernen Präsentierteller. Sie durchlief denselben bis zum
+Ende und fragte dann, zum Diener gewendet:
+
+»Und wo ist der Herr, der diesen Brief gebracht hat?«
+
+»Er ist im Wagen sitzengeblieben. Befehlen Sie, ihn herein zu nötigen?«
+
+»Bitte ihn her.«
+
+Der Diener verschwand.
+
+»Ist das nicht ärgerlich, denken Sie doch,« fuhr Darja Michailowna
+fort, »der Baron hat die Weisung bekommen, sogleich nach Petersburg
+zurückzukehren. Er schickt mir seinen Aufsatz durch einen Herrn Rudin,
+seinen Freund. Der Baron wollte mir denselben vorstellen – er sagt von
+ihm viel Gutes. Doch wie das störend ist! Ich hatte darauf gerechnet,
+der Baron werde hier einige Zeit zubringen …«
+
+»Dimitri Nikolaitsch Rudin,« meldete der Diener.
+
+
+
+
+III
+
+
+Ins Zimmer trat ein Mann von fünfunddreißig Jahren, hohem Wuchse, etwas
+gebückter Haltung, kraushaarig und von dunkler Gesichtsfarbe, mit
+unregelmäßigen, aber ausdrucksvollen und klugen Zügen, feuchtem Glanze
+in den lebhaften, dunkelblauen Augen, gerader und breiter Nase und
+anmutig gezeichneten Lippen. Sein Anzug war nicht neu und eng, als wäre
+er demselben entwachsen.
+
+Gewandt trat er auf Darja Michailowna zu, entbot ihr einen kurzen Gruß,
+sagte, daß ihn schon längst nach der Ehre, ihr vorgestellt zu werden,
+verlangt habe und daß sein Freund, der Baron, es sehr bedauere, nicht
+persönlich Abschied von ihr habe nehmen zu können.
+
+Die feine Stimme Rudins entsprach weder seinem hohen Wuchse noch seiner
+breiten Brust.
+
+»Nehmen Sie Platz … es freut mich, Sie kennenzulernen,« sagte Darja
+Michailowna, und nachdem sie ihn der ganzen Gesellschaft vorgestellt
+hatte, fragte sie, ob er aus dieser Gegend oder angereist sei?
+
+»Meine Besitzung liegt im T…schen Gouvernement,« erwiderte Rudin,
+den Hut auf den Knien haltend, »ich bin seit kurzem hier. Ich bin in
+Geschäften hergekommen und habe meinen Wohnsitz fürs erste in Ihrer
+Kreisstadt genommen.«
+
+»Bei wem?«
+
+»Beim Doktor. Er ist ein alter Universitätsfreund von mir.«
+
+»Ah! Beim Doktor … Man lobt ihn. Er soll, wie man sagt, seine Sache
+verstehen. Und der Baron, seit wann sind Sie mit ihm bekannt?«
+
+»Ich traf ihn im vergangenen Winter in Moskau und habe jetzt ungefähr
+eine Woche bei ihm zugebracht.«
+
+»Ein sehr gebildeter Mann – der Baron!«
+
+»Gewiß.«
+
+Darja Michailowna führte die mit Kölnischem Wasser getränkte Ecke ihres
+Taschentuches an die Nase.
+
+»Sie stehen vermutlich im Staatsdienste?« fragte sie.
+
+»Wer? Ich?«
+
+»Ja. Sie!«
+
+»Nein … Ich habe den Dienst verlassen.«
+
+Ein kurzes Schweigen trat ein, dann wurde die Unterhaltung wieder
+allgemein.
+
+»Dürfte ich wohl fragen,« begann Pigassow, sich zu Rudin wendend: »Sie
+kennen gewiß den Inhalt des Aufsatzes, den der Herr Baron geschickt
+hat?«
+
+»Ich kenne ihn.«
+
+»Jener Aufsatz berührt die Beziehungen des Handels … oder, besser
+gesagt – der Industrie zum Handel in unserem Vaterlande … So, dünkt
+mich, hatten Sie die Gefälligkeit zu sagen, Darja Michailowna?«
+
+»Ja, es ist darin die Rede davon,« äußerte Darja Michailowna, die Hand
+an die Stirn führend.
+
+»Ich verstehe mich freilich schlecht auf solche Dinge,« fuhr Pigassow
+fort, »muß jedoch gestehen, daß mir allein schon der Titel des
+Aufsatzes sehr … wie sag’ ich das gelinder … sehr dunkel und konfus
+vorkommt.«
+
+»Woher scheint Ihnen das?«
+
+Pigassow lächelte und warf einen Seitenblick auf Darja Michailowna.
+
+»Ist dieser Titel Ihnen denn klar?« äußerte er, sein Fuchsgesicht
+wieder zu Rudin wendend.
+
+»Mir? Ja gewiß.«
+
+»Hm … Freilich, Sie müssen das besser wissen.«
+
+»Haben Sie Kopfschmerzen?« fragte Alexandra Pawlowna Darja Michailowna.
+
+»Nein, es ist nichts … ~C’est nerveux.~«
+
+»Dürfte ich wohl fragen,« lenkte Pigassow, mit etwas näselnder Stimme,
+wieder ein: »Ihr Bekannter, der Herr Baron Muffel … so, glaube ich,
+heißt er?«
+
+»Ganz recht.«
+
+»Beschäftigt sich der Herr Baron Muffel speziell mit politischer
+Ökonomie, oder widmet er dieser anziehenden Wissenschaft nur so
+nebenbei die Mußestunden, welche er nach den weltlichen Vergnügungen
+und Dienstobliegenheiten erübrigen kann?«
+
+Rudin blickte Pigassow scharf an.
+
+»Der Baron ist in diesem Fache Dilettant,« erwiderte er mit leichtem
+Erröten, »es ist aber viel Wahres und Interessantes in seinem Aufsatze.«
+
+»Ich kann darüber nicht mit Ihnen disputieren, da mir der Aufsatz
+unbekannt ist … Ich erlaube mir aber die Frage: Ihr Freund, der Baron
+Muffel, geht vermutlich in dem Aufsatze mehr von allgemeinen Theorien
+als von Tatsachen aus?«
+
+»Er bietet sowohl Tatsachen als auch Theorien, die sich auf Tatsachen
+stützen.«
+
+»So, so. Meiner Meinung nach, Sie werden erlauben … ich darf wohl
+gelegentlich mein Wort dazu geben: ich habe drei Jahre in Dorpat
+zugebracht … alle diese sogenannten allgemeinen Theorien, Hypothesen,
+Systeme … nehmen Sie es nicht übel, ich bin Provinzler, nehme kein
+Blatt vor den Mund … taugen alle zu nichts. Das ist alles nur Klügelei
+– um die Leute zu betören. Gebt uns Fakta, meine Herren, weiter fordern
+wir nichts von euch.«
+
+»Wirklich!« erwiderte Rudin. »Aber der Sinn der Fakten muß doch
+gedeutet werden!«
+
+»Allgemeine Theorien,« fuhr Pigassow fort, »nicht ausstehen kann ich
+sie, diese allgemeinen Theorien, Übersichten, Schlußfolgerungen! Das
+stützt sich alles auf sogenannte Überzeugungen; ein jeder faselt von
+seinen Überzeugungen und verlangt noch dazu, daß man sie respektiere,
+daß man sich mit dergleichen befasse … Oh! Oh!«
+
+Und Pigassow schüttelte die Faust in der Luft. Pandalewski lachte auf.
+
+»Herrlich!« sagte Rudin, »es gibt also, Ihrer Ansicht nach, keine
+Überzeugungen.«
+
+»Nein – es gibt keine.«
+
+»Das ist Ihre Überzeugung?«
+
+»Ja.«
+
+»Wie können Sie nun sagen, es gäbe keine? Da haben Sie eben eine
+ausgesprochen.«
+
+Alle im Zimmer lächelten und warfen sich Blicke zu.
+
+»Erlauben Sie, erlauben Sie aber,« begann Pigassow wieder …
+
+Doch Darja Michailowna klatschte in die Hände und rief: »Bravo, bravo,
+geschlagen, Pigassow ist geschlagen!« und nahm sachte den Hut aus
+Rudins Händen.
+
+»Halten Sie ein wenig ein mit der Freude, gnädige Frau: ein wenig
+Geduld!« sagte Pigassow ärgerlich. »Es kommt nicht darauf an, mit
+Überlegenheitsmiene ein witziges Wort abzuschießen, beweisen soll man,
+widerlegen … Wir sind vom Gegenstande unseres Streites abgekommen.«
+
+»Erlauben Sie,« bemerkte Rudin gelassen, »die Sache ist ganz einfach.
+Sie glauben nicht an den Nutzen allgemeiner Theorien, Sie glauben nicht
+an Überzeugungen.«
+
+»Ich glaube nicht, glaube daran nicht, an nichts glaube ich!«
+
+»Sehr gut. Sie sind Skeptiker.«
+
+»Ich sehe nicht ein, wozu uns dies gelehrte Wort nützen soll.
+Indessen …«
+
+»Unterbrechen Sie doch nicht,« mischte sich Darja Michailowna ins
+Gespräch.
+
+»Jetzt geht es los!« sagte Pandalewski schmunzelnd vor sich hin.
+
+»Dieses Wort drückt meinen Gedanken aus,« fuhr Rudin fort. »Sie
+verstehen es: weshalb sollte ich es nicht gebrauchen? Sie glauben an
+nichts … Wie glauben Sie denn an ein Faktum?«
+
+»Wie? das ist aber schön! Ein Faktum ist eine bekannte Sache, ein jeder
+weiß, was ein Faktum ist … Ich urteile darüber aus Erfahrung, nach
+eigener Empfindung.«
+
+»Die Empfindung kann Sie aber täuschen! Die Empfindung sagt Ihnen, daß
+die Sonne sich um die Erde dreht, oder … oder, vielleicht teilen Sie
+Kopernikus’ Ansicht nicht? Sie glauben auch ihm nicht?«
+
+Von neuem überflog ein Lächeln die Gesichter. Aller Augen waren auf
+Rudin gerichtet. Ein ganz gescheiter Mensch, dachte jeder.
+
+»Sie gefallen sich in Scherzen,« sagte Pigassow. »Freilich, das ist
+sehr originell, gehört aber nicht zur Sache.«
+
+»In dem, was ich bis jetzt gesagt habe,« erwiderte Rudin, »war leider
+sehr wenig Originelles. Alles dies ist schon längst bekannt und ist
+tausendmal wiederholt worden. Nicht darauf kam es an …«
+
+»Aber worauf denn?« fragte Pigassow, mit leichtem Anflug von
+Unverschämtheit.
+
+Er pflegte, wenn er stritt, mit spöttischen Ausfällen gegen seinen
+Widerpart anzufangen, dann grob zu werden und endlich schmollend zu
+verstummen.
+
+»Ich will Ihnen sagen, worauf,« fuhr Rudin fort: »ich kann mich
+wirklich nicht, ich muß es gestehen, eines tiefen Bedauerns erwehren,
+wenn verständige Leute in meiner Gegenwart herfallen über …«
+
+»Über Systeme!« unterbrach ihn Pigassow.
+
+»Nun, meinetwegen, über Systeme. Was bringt Sie dies Wort so außer
+sich? Jedes System stützt sich ja auf die Kenntnis der Grundgesetze
+des Lebens …«
+
+»Aber ich bitte Sie, die kann man doch nicht kennen, nicht ergründen …«
+
+»Erlauben Sie. Freilich, nicht jedem sind sie zugänglich, und der
+Mensch ist dem Irrtum unterworfen. Sie werden mir aber wahrscheinlich
+zugeben, daß Newton zum Beispiel einige dieser Grundgesetze dennoch
+entdeckt hat. Das war ein Genie, zugestanden; die Entdeckungen,
+die geniale Geister machen, sind aber eben dadurch groß, daß sie
+zum Gemeingute aller werden. Das Bestreben, allgemeine Gesetze aus
+partiellen Erscheinungen herauszufinden, bildet eine Grundeigenschaft
+des menschlichen Geistes, und unsere ganze Bildung …«
+
+»Dahin also wollten Sie!« unterbrach ihn wiederum mit gedehnter Stimme
+Pigassow. »Ich bin ein praktischer Mensch und vertiefe mich nicht gern
+in diese metaphysischen Spitzfindigkeiten.«
+
+»Sehr wohl! Das steht bei Ihnen. Beachten Sie indessen, daß schon der
+Wille allein, ausschließlich ein praktischer Mensch zu sein, an und für
+sich ein System vorstellt, eine Theorie …«
+
+»Bildung! sagten Sie,« unterbrach ihn Pigassow, »Sie glauben wohl, mich
+mit diesem Wort aus der Fassung zu bringen! Wir haben sie sehr nötig,
+diese angepriesene Bildung! Nicht einen kupfernen Groschen möchte ich
+für diese Ihre Bildung hingeben!«
+
+»Sie disputieren aber grundschlecht, Afrikan Semenitsch!« bemerkte
+Darja Michailowna, im Innern sehr befriedigt durch die Ruhe und
+weltmännische Artigkeit ihres neuen Gastes. ~C’est un homme comme il
+faut~, dachte sie, Rudins Gesicht mit Wohlwollen betrachtend: »Ich muß
+ihn gewinnen.« Die letzten Worte sagte sie in Gedanken russisch.
+
+»Ich werde es nicht unternehmen,« fuhr Rudin nach einigem Schweigen
+fort, »die Bildung zu verteidigen: – sie bedarf meiner Verteidigung
+nicht. Sie mögen dieselbe nicht … Jeder hat seinen eigenen Geschmack.
+Es würde uns übrigens auch zu weit führen. Erlauben Sie mir nur, Sie
+an einen alten Spruch zu erinnern: ›Jupiter, du wirst böse, folglich
+hast du unrecht!‹ Ich wollte sagen, daß alle diese Ausfälle auf
+Systeme, allgemeine Theorien usw. deshalb ebenso zu bedauern sind,
+weil mit den Systemen zugleich die Menschen das Wissen überhaupt, die
+Wissenschaft und den Glauben an eine solche verleugnen, folglich auch
+den Glauben an sich selbst, an die eigene Kraft. Die Menschen bedürfen
+aber dieses Glaubens: von Eindrücken allein können sie nicht leben,
+es wäre sündhaft, wenn sie vor dem Gedanken Scheu hätten und ihm
+nicht Vertrauen schenkten. Der Skeptizismus hat sich von jeher durch
+Unfruchtbarkeit und Ohnmacht ausgezeichnet …«
+
+»Das sind alles Worte!« murrte Pigassow.
+
+»Vielleicht. Erlauben Sie mir aber, Ihnen zu bemerken, daß mit dem
+Ausrufe ›Das sind nur Worte‹ wir uns oft der Notwendigkeit entheben,
+etwas Gescheiteres als nur Worte zu sagen.«
+
+»Wie?« fragte Pigassow und kniff die Augen zusammen.
+
+»Sie haben verstanden, was ich Ihnen sagen wollte,« erwiderte Rudin mit
+unwillkürlicher, doch sofort unterdrückter Ungeduld. »Ich wiederhole
+es, wenn der Mensch keinen festen Grund hat, an den er glaubt, keinen
+Boden, auf dem er sicher fußt, wie kann er sich dann Rechenschaft geben
+von den Bedürfnissen, der Bedeutung, der Zukunft seines Volkes? Wie
+kann er wissen, was er selbst zu tun hat, wenn …«
+
+»Ehre dem Ehre gebührt!« stotterte Pigassow hervor, verbeugte sich und
+trat auf die Seite, ohne jemand anzublicken.
+
+Rudin sah ihn an, lächelte leicht und verstummte.
+
+»Aha! Er hat die Flucht ergriffen!« begann Darja Michailowna. »Seien
+Sie unbesorgt, Dimitri … Um Vergebung,« fügte sie mit freundlichem
+Lächeln hinzu: »Wie hieß Ihr Herr Vater?«
+
+»Nikolai!«
+
+»Machen Sie sich keine Sorge, werter Dimitri Nikolaitsch! Er hat
+niemand hier angeführt. Er tut so, als wolle er nicht mehr disputieren
+… Er fühlt, daß er es mit Ihnen nicht kann. Setzen Sie sich aber näher
+zu uns und lassen Sie uns plaudern.«
+
+Rudin rückte seinen Sessel näher.
+
+»Wie kommt es, daß wir nicht früher bekannt geworden sind?« fuhr
+Darja Michailowna fort. »Das ist mir ein Rätsel … Haben Sie dies Buch
+gelesen? ~C’est de Tocqueville, vous savez?~«
+
+Und Darja Michailowna schob Rudin eine französische Broschüre hin.
+
+Rudin nahm das dünne Büchlein in die Hand, blätterte ein wenig darin
+und erklärte, nachdem er es wieder auf den Tisch zurückgelegt hatte,
+er habe diese Schrift des Herrn Tocqueville zwar nicht gelesen, doch
+häufig über die von ihm berührte Frage nachgedacht. Das Gespräch war
+angeknüpft. Rudin zeigte sich anfangs etwas befangen, er zögerte, mit
+seiner Meinung hervorzutreten, fand nicht immer sogleich die Ausdrücke,
+wurde jedoch allmählich warm und beredt. Eine Viertelstunde später
+vernahm man nur seine Stimme im Zimmer. Alle hatten einen Kreis um ihn
+geschlossen.
+
+Pigassow allein blieb entfernt, in einer Ecke neben dem Kamin. Rudin
+sprach klug, mit Geist und Feuer, und zeigte viele Kenntnisse und große
+Belesenheit. Niemand hatte erwartet, in ihm einen bedeutenden Menschen
+zu treffen … Er war so alltäglich gekleidet, man hatte bisher so wenig
+von ihm gehört. Allen blieb es unbegreiflich und auffallend, wie ein
+so geistreicher Mann so unverhofft auf dem Lande hatte auftauchen
+können. Um so mehr erregte er bei allen Bewunderung, man könnte sagen,
+er bezauberte jeden, vor allen Darja Michailowna … Sie war stolz auf
+ihren Fang und dachte schon im voraus daran, wie sie Rudin in die Welt
+führen wolle. Trotz ihres Alters mischte sich bei ihr in die ersten
+Eindrücke viel jugendliches, ja beinahe kindliches Feuer. Alexandra
+Pawlowna hatte, offen gestanden, wenig von allem begriffen, was Rudin
+gesprochen, war aber dennoch sehr erstaunt und erfreut; ihr Bruder war
+es nicht weniger; Pandalewski beobachtete Darja Michailowna und wurde
+neidisch; Pigassow dachte: wollte ich fünfhundert Rubel wegwerfen – ich
+könnte mir eine bessere Nachtigall verschaffen … Mehr als alle übrigen
+waren jedoch Bassistow und Natalia erstaunt. Bassistow war der Atem
+fast ausgegangen; er war die ganze Zeit über mit offenem Munde und weit
+geöffneten Augen sitzengeblieben und hatte mit einer Spannung zugehört,
+wie bisher noch niemals; Natalias Gesicht war rot geworden und ihr
+Blick, den sie unverwandt auf Rudin geheftet gehalten hatte, wurde
+dunkler und glänzender zugleich …
+
+»Was für prachtvolle Augen er hat,« flüsterte ihr Wolinzow zu.
+
+»Ja, sie sind schön.«
+
+»Schade nur, daß seine Hände so groß und rot sind.«
+
+Natalia antwortete nichts.
+
+Man bracht den Tee. Die Unterhaltung wurde allgemeiner, doch ließ
+sich an dem plötzlichen Verstummen aller, sobald Rudin den Mund
+auftat, gleich merken, wie überwältigend der Eindruck war, den er
+hervorgebracht hatte. Es kam Darja Michailowna in den Sinn, Pigassow
+ein wenig aufzuziehen. Sie trat zu ihm und fragte ihn halblaut: »Warum
+schweigen Sie denn und zeigen uns nur ein höhnisches Lächeln? Versuchen
+Sie es doch, mit ihm wieder anzubinden,« und ohne seine Antwort
+abzuwarten, winkte sie Rudin zu sich.
+
+»Eine seiner Seiten kennen Sie noch nicht,« sagte sie zu ihm, auf
+Pigassow deutend, »er ist ein erschrecklicher Weiberfeind, fortwährend
+greift er sie an; ich bitte, bekehren Sie ihn doch.«
+
+Rudin blickte Pigassow unwillkürlich … von oben herab an: er war um
+zwei Kopflängen höher als er. Dieser krümmte sich fast vor Ärger, sein
+gelbes Gesicht wurde noch gelber.
+
+»Darja Michailowna hat nicht ganz recht,« begann er mit unsicherer
+Stimme, »ich greife nicht ausschließlich die Weiber an; das ganze
+Menschengeschlecht behagt mir nicht sehr.«
+
+»Was konnte Ihnen denn eine so schlechte Meinung von demselben
+einflößen?« fragte Rudin.
+
+Pigassow schaute ihm gerade ins Gesicht.
+
+»Vermutlich meine Studien des eigenen Herzens, in welchem ich mit jedem
+Tage mehr und mehr Schlacken entdecke. Ich urteile über andere nach mir
+selbst. Das mag vielleicht ungerecht sein, und ich tauge viel weniger
+als andere; was wollen Sie aber? Gewohnheit!«
+
+»Ich verstehe Sie und sympathisiere mit Ihnen,« erwiderte Rudin.
+»Welche edle Seele hätte nicht Anwandlungen von Selbstunterschätzung
+gehabt! Man sollte aber doch aus dieser schlimmen Lage herauszukommen
+trachten.«
+
+»Danke recht sehr für die Adelsbescheinigung, die Sie meiner Seele
+ausstellen,« erwiderte Pigassow, »mit meiner Lage hält sich’s noch –
+sie ist so übel nicht, und wenn es auch einen Ausgang aus ihr gibt, er
+mag bleiben, suchen will ich ihn nicht.«
+
+»Das hieße aber, verzeihen Sie den Ausdruck – die Befriedigung seiner
+Eigenliebe dem Verlangen, in der Wahrheit zu verbleiben, vorziehen …«
+
+»Und was denn anderes!« rief Pigassow, »die Eigenliebe – das Ding
+verstehe ich, verstehen Sie, versteht ein jeder; aber Wahrheit – was
+ist Wahrheit? Wo ist sie, diese Wahrheit?«
+
+»Sie verfallen in Wiederholungen, ich muß Ihnen diese Bemerkung
+machen,« warf Darja Michailowna ein.
+
+Pigassow zuckte die Achseln.
+
+»Und was liegt daran? Ich frage: wo ist Wahrheit? Die Philosophen
+selbst wissen nicht, was sie ist. So sagt Kant: Das ist sie; Hegel aber
+– nein, bewahre! Dies ist sie.«
+
+»Und wissen Sie, was Hegel darüber sagt?« fragte Rudin, ohne die Stimme
+zu erheben.
+
+»Ich wiederhole,« eiferte Pigassow, »ich kann nicht begreifen, was
+Wahrheit ist. Meiner Ansicht nach gibt es eine solche nicht auf der
+Welt, das heißt, das Wort ist da, die Sache selbst aber existiert
+nicht.«
+
+»Ei! Ei!« rief Darja Michailowna, »schämen Sie sich doch, so zu
+sprechen, Sie alter Sünder! Es gäbe keine Wahrheit? Wozu nützte es
+denn, auf der Welt zu leben?«
+
+»Und wissen Sie, Darja Michailowna,« erwiderte ärgerlich Pigassow,
+»ich bin der Meinung, daß Sie, auf jeden Fall, das Leben ohne
+Wahrheit leichter finden würden, als ohne Ihren Koch Stephan, der so
+vortreffliche Bouillons kocht! Und wozu brauchten Sie überhaupt die
+Wahrheit, wenn ich fragen darf? Ein Häubchen ließe sich doch nicht
+daraus machen!«
+
+»Spaßen ist nicht beweisen,« bemerkte Darja Michailowna, »besonders
+wenn es in Verleumdung ausartet.«
+
+»Ich weiß nicht, wie es mit der Wahrheit bestellt ist, aber sie zu
+hören ist freilich vielen schmerzlich,« brummte Pigassow und zog sich
+mürrisch zurück.
+
+Rudin jedoch begann von dem Selbstgefühl zu reden und sprach sehr
+verständig. Er bewies, daß der Mensch ohne Selbstgefühl nichts bedeute,
+daß Selbstgefühl »Archimedes’ Hebel« sei, durch welchen der Erdball
+aus seiner Stellung gehoben werden könne; doch verdiene in der Tat
+nur derjenige »Mensch« genannt zu werden, der sein Selbstgefühl zu
+bändigen wisse, wie der Reiter sein Roß, der seine Persönlichkeit dem
+Wohle aller zum Opfer bringe …
+
+»Selbstsucht«, so beschloß er seine Rede, »ist Selbstmord. Der
+selbstsüchtige Mensch verdorrt gleich einem vereinzelten, unfruchtbaren
+Baume; Selbstgefühl aber, als lebendiges Streben nach Vervollkommnung,
+ist der Ursprung alles Großen … Ja! es muß der Mensch den starren
+Egoismus seiner Persönlichkeit brechen, um ihr das Recht zu
+verschaffen, sich frei auszusprechen.«
+
+»Dürfte ich Sie wohl um einen Bleistift bitten?« wandte sich Pigassow
+an Bassistow.
+
+Bassistow faßte nicht gleich, was Pigassow von ihm verlangte.
+
+»Wozu brauchen Sie einen Bleistift?« brachte er endlich hervor.
+
+»Ich will diese letzte Phrase des Herrn Rudin notieren. Notiere ich
+sie nicht, ich könnte sie vergessen, stehe nicht dafür! Und Sie werden
+selbst zugeben, solch eine Phrase kommt doch einem großen Schlemm im
+Whist gleich.«
+
+»Es gibt Dinge, Afrikan Semenitsch, über welche zu scherzen und zu
+spotten unschicklich ist!« erwiderte Bassistow mit Wärme und drehte
+Pigassow den Rücken.
+
+Unterdessen war Rudin zu Natalia getreten. Sie erhob sich und auf ihrem
+Gesichte zeigte sich Verwirrung.
+
+Wolinzow, der neben ihr saß, erhob sich gleichfalls.
+
+»Ich sehe da ein Klavier,« begann Rudin mit weicher, wohlwollender
+Stimme, als wäre er ein Prinz auf Reisen, »spielen Sie vielleicht?«
+
+»Ja, ich spiele,« sagte Natalia, »aber nicht besonders. Hier,
+Constantin Diomiditsch spielt bedeutend besser als ich.«
+
+Pandalewski streckte sein Gesicht vor und fletschte die Zähne.
+
+»Sie sind ungerecht gegen sich, Natalia Alexejewna: ich spiele wirklich
+nicht besser als Sie.«
+
+»Spielen Sie den Erlkönig von Schubert?« fragte Rudin.
+
+»Er spielt ihn, er spielt ihn!« nahm Darja Michailowna das Wort.
+»Setzen Sie sich, Constantin … Sie lieben die Musik, Dimitri
+Nikolaitsch?«
+
+Rudin verneigte sich leicht mit dem Kopfe und fuhr mit der Hand über
+das Haar, als bereite er sich zum Anhören vor … Pandalewski begann.
+
+Natalia stellte sich ans Klavier, Rudin gerade gegenüber. Gleich bei
+den ersten Tönen erhielt sein Gesicht einen begeisterten Ausdruck.
+Seine tiefblauen Augen schweiften langsam umher, von Zeit zu Zeit auf
+Natalia haften bleibend. Pandalewski hatte geendet.
+
+Rudin sagte kein Wort und trat an das geöffnete Fenster. Ein
+aromatischer Duft lag gleich einer leichten Hülle auf dem Garten,
+einschläfernde Kühle entstieg den nahegelegenen Bäumen. Sanft
+schimmerten die Sterne. Wonnig war die Sommernacht und Wonne
+verbreitete sie um sich her. Rudin schaute in den dunklen Garten hinaus
+und – wandte sich um.
+
+»Diese Musik und diese Nacht«, sagte er, »haben in mir Erinnerungen
+erweckt an meine Studentenzeit in Deutschland, an unsere
+Zusammenkünfte, unsere Serenaden …«
+
+»Sie waren in Deutschland?« fragte Darja Michailowna.
+
+»Ich habe ein Jahr in Heidelberg studiert und etwa ebensolange in
+Berlin.«
+
+»Und Sie kleideten sich wie die Studenten? Die sollen dort, sagt man,
+eine eigentümliche Kleidung tragen.«
+
+»In Heidelberg habe ich hohe Stiefel mit Sporen und einen kurzen
+Leibrock mit Schnurbesatz getragen und das Haar lang wachsen lassen
+bis herab auf die Schultern … In Berlin kleiden sich die Studenten wie
+jedermann.«
+
+»Erzählen Sie uns etwas aus Ihrem Studentenleben,« bat Alexandra
+Pawlowna.
+
+Rudin begann seine Erzählung. Er war kein guter Erzähler. In seinen
+Schilderungen vermißte man die Färbung. Er verstand es nicht,
+Heiterkeit zu erregen. Übrigens ging er bald von der Erzählung seiner
+Abenteuer im Auslande auf allgemeine Betrachtungen über, von der
+Bedeutung der Aufklärung und Wissenschaft, den Universitäten und dem
+Universitätsleben überhaupt. Mit breiten und kühnen Zügen entwarf er
+ein riesiges Bild. Alle hörten ihm mit gespannter Aufmerksamkeit zu.
+Er sprach meisterhaft, hinreißend, nicht immer bestimmt … aber diese
+Unbestimmtheit selbst verlieh seiner Rede einen eigentümlichen Reiz.
+
+Der Reichtum seiner Gedanken hinderte Rudin, sich bestimmt und genau
+auszudrücken. Ein Bild drängte das andere; Gleichnisse, bald unerwartet
+kühn, bald merkwürdig treffend, folgten Schlag auf Schlag. Nicht
+selbstgefällige Worthascherei des geschulten Schönredners, sondern
+Begeisterung sprach aus seinem ungestümen Redefluß. Er war um Worte
+nicht verlegen: folgsam und frei traten sie ihm auf die Lippen,
+und jedes Wort schien, durchglüht vom Feuer der vollständigsten
+Überzeugung, direkt aus der Seele zu strömen. Rudin besaß im höchsten
+Grade jene Eigenschaft, die man »Musik der Beredsamkeit« nennen könnte.
+Er verstand es, indem er gewisse Saiten des Herzens anschlug, zugleich
+alle anderen unbestimmt mittönen und erzittern zu machen. Es mag der
+Fall gewesen sein, daß der eine oder der andere seiner Zuhörer nicht
+recht verstand, wovon die Rede war, doch fühlte er die Brust schwellen,
+ein Schleier schien von seinen Augen zu fallen, und in der Ferne stieg
+ein gewisses strahlendes Etwas vor seinen Blicken empor …
+
+Alle Gedanken Rudins schienen der Zukunft zugewandt zu sein; dieser
+Umstand verlieh ihnen das Drangvolle und Jugendliche … Am Fenster
+stehend, niemand vorzugsweise anblickend, sprach er – und begeistert
+durch die Zustimmung und Aufmerksamkeit aller, durch die Nähe junger
+Frauen, die Schönheit der Nacht, hingerissen von der Flut eigener
+Empfindungen – erhob er sich bis zur Beredsamkeit, bis zur Poesie …
+der Klang seiner Stimme sogar, sonor und ruhig, vermehrte noch den
+Zauber; es schien, als redete aus seinem Munde etwas Höheres, ihm
+selbst Ungewohntes … Rudin sprach von dem, was dem zeitlichen Leben des
+Menschen Bedeutung für die Ewigkeit verleiht.
+
+»Dabei fällt mir eine skandinavische Sage ein,« so beschloß er seine
+Rede. »Es sitzt ein König mit seinen Recken in einer langen, dunklen
+Halle um ein Feuer herum. Es war zu Winterszeit und nachts. Auf einmal
+kommt ein kleiner Vogel durch die offene Tür hereingeflogen und fliegt
+zur anderen wieder hinaus. Der König sagt: ›Das Vöglein ist wie der
+Mensch auf Erden: aus dem Dunkel kommt es geflogen, in das Dunkel
+fliegt es wieder zurück, und hat sich nur kurze Zeit der Wärme und des
+Lichtes erfreut‹ … ›O König,‹ erwidert der Älteste der Krieger, ›das
+Vöglein wird auch im Dunkeln nicht umkommen und sein Nest wiederfinden‹
+… In der Tat, unser Leben ist kurz und vergänglich; doch alles Große
+geschieht durch den Menschen. Das Bewußtsein, höheren Mächten zum
+Werkzeug zu dienen, muß ihm Ersatz sein für alle übrigen Freuden; im
+Tode selbst wird er sein Leben, sein Nest finden …«
+
+Rudin hielt inne und senkte den Blick mit einem unwillkürlichen Lächeln
+der Verwirrung.
+
+»~Vous êtes un poète~,« sagte halblaut Darja Michailowna.
+
+Und alle stimmten ihr im stillen bei, – alle, Pigassow ausgenommen.
+Ohne das Ende der langen Rede Rudins abzuwarten, hatte er leise den
+Hut genommen und, sich entfernend, dem bei der Türe stehengebliebenen
+Pandalewski erbittert zugeflüstert: »Die klugen Leute machen es mir zu
+bunt! Ich begebe mich zu den Einfaltspinseln!«
+
+Es hatte ihn übrigens niemand zurückgehalten, auch seine Abwesenheit
+nicht bemerkt.
+
+Die Diener trugen das Abendessen auf, und eine halbe Stunde darauf
+trennte man sich. Darja Michailowna hatte Rudin überredet, über
+Nacht zu bleiben. Alexandra Pawlowna drückte auf der Heimfahrt in
+der Kutsche ihrem Bruder unter vielen Achs ihr Erstaunen über Rudins
+ungewöhnlichen Geist aus. Wolinzow stimmte ihr bei, bemerkte jedoch,
+daß er sich zuweilen etwas unverständlich ausdrücke … das heißt nicht
+ganz überzeugend, fügte er hinzu, vermutlich, um seinen Gedanken
+besseren Ausdruck zu geben; sein Gesicht verfinsterte sich jedoch, und
+der Blick, den er in die Ecke der Kutsche gerichtet hielt, war noch
+schwermütiger geworden.
+
+Pandalewski ließ, während er, sich zum Schlafengehen anschickend, seine
+seidengestickten Tragbänder löste, laut die Worte fallen: »Ein sehr
+gewandter Mensch!« und befahl dann sogleich mit strengem Blicke seinem
+Kammerdiener, das Zimmer zu verlassen. Bassistow schlief die ganze
+Nacht nicht und kleidete sich nicht einmal aus; bis zum Anbruch des
+Tages schrieb er ununterbrochen einen Brief an einen seiner Freunde
+nach Moskau; Natalia hatte sich zwar ausgekleidet und zu Bette gelegt,
+aber gleichfalls nicht eine Minute geschlafen und sogar die Augen nicht
+einmal geschlossen. Den Kopf auf den Arm gestützt, hatte sie in das
+Dunkel hinausgeblickt; ihre Pulse pochten wie im Fieber und häufige
+schwere Seufzer hoben ihren Busen.
+
+
+
+
+IV
+
+
+Kaum hatte sich Rudin am folgenden Morgen angekleidet, so erschien bei
+ihm ein Diener von Darja Michailowna mit der Einladung, sich zu ihr ins
+Kabinett zum Tee zu bemühen. Rudin traf sie allein. Sie bewillkommnete
+ihn höchst freundlich, erkundigte sich, ob er die Nacht gut verbracht
+habe und schenkte ihm selbst eine Tasse Tee ein; sie fragte sogar, ob
+Zucker genug darin sei, bot ihm eine Zigarette an, und äußerte wieder
+ein paar Male, daß sie sich wundere, wie sie nicht früher mit ihm
+bekannt geworden sei. Rudin hatte etwas entfernt Platz genommen; Darja
+Michailowna aber wies auf einen Diwan, der neben ihrem Sessel stand,
+und begann, sich ein wenig nach seiner Seite hinneigend, ihn über
+seine Verwandten, seine Pläne und seine Aussichten zu befragen. Darja
+Michailowna sprach leicht hingeworfen und hörte zerstreut zu; Rudin
+aber merkte sehr wohl, daß sie ihm zu gefallen suche, ja, ihm sogar
+schmeichele: Nicht umsonst hatte sie also dieses Morgenstelldichein
+vorbereitet, nicht umsonst ein einfaches aber graziöses Kleid ~à la
+madame Récamier~ angelegt! Übrigens hörte Darja Michailowna bald auf,
+ihn auszufragen: sie fing an, ihm von sich zu erzählen, von ihren
+Jugendjahren und den Personen, mit denen sie bekannt gewesen war.
+Rudin hörte teilnehmend ihrem Gerede zu, doch – sonderbar! – von wem
+Darja Michailowna auch sprechen mochte, ihre eigene Person stand stets
+im Vordergrunde und drängte jede andere zurück; dabei erfuhr Rudin
+umständlich, was Darja Michailowna namentlich zu dieser bekannten,
+hochgestellten Persönlichkeit geredet, welchen Einfluß sie auf jenen
+berühmten Dichter ausgeübt hatte. Den Bekenntnissen Darja Michailownas
+zufolge hätte man glauben können, daß alle Bedeutenden unter ihren
+Zeitgenossen einzig und allein nur danach getrachtet hätten, mit ihr
+bekannt zu werden, oder sich ihr Wohlwollen zu erwerben. Sie sprach von
+ihnen in einfacher Weise, ohne besonderes Entzücken oder Lobeserhebung,
+wie von ihr nahestehenden Personen; einige nannte sie sonderbare Käuze,
+immer aber reihten sich ihre Namen, wie bei einem kostbar gefaßten
+Edelstein, in strahlendem Kranze um den einen Namen: Darja Michailowna.
+
+ * * * * *
+
+Rudin hörte zu, rauchte seine Zigarette und schwieg; nur hin und wieder
+unterbrach er durch kurze Bemerkungen den Redeschwall der gnädigen
+Frau. Er verstand und liebte zu sprechen; eine Unterhaltung im Gange zu
+halten, war ihm nicht eigen, doch verstand er auch zuzuhören. Jeder,
+den er nicht gleich anfangs eingeschüchtert hatte, ließ sich in seiner
+Gegenwart zutraulich aus; so gefällig und ermunternd folgte der dem
+Faden der Erörterungen anderer. Er besaß viel Gutmütigkeit, viel von
+jener eigentümlichen Gutmütigkeit, welche Leuten eigen ist, die gewohnt
+sind, sich über andere erhaben zu fühlen. Im Wortstreit ließ er selten
+seinem Gegner das letzte Wort, sondern überwältigte ihn mit seiner
+ungestümen und leidenschaftlichen Dialektik.
+
+ * * * * *
+
+Darja Michailowna sprach russisch. Sie prahlte mit der Kenntnis ihrer
+Muttersprache, obgleich bei ihr oft Gallizismen und französische Worte
+mit unterliefen. Absichtlich gebrauchte sie einfache, volkstümliche
+Ausdrucksweisen, doch nicht immer an dem rechten Orte. Rudins Ohr fand
+sich durch die buntscheckige Sprache in Darja Michailownas Munde nicht
+unangenehm berührt, wenn überhaupt er ein Ohr dafür hatte.
+
+Diese hatte sich indes bald erschöpft, sie ließ den Kopf auf das
+Rückenkissen des Lehnstuhls zurücksinken, richtete den Blick auf Rudin
+und verstummte.
+
+»Jetzt begreife ich,« begann langsam Rudin, »begreife ich es, weshalb
+Sie jeden Sommer aufs Land reisen. Sie bedürfen dieser Erholung; die
+ländliche Stille, nach dem Leben in der Hauptstadt, muß Sie erfrischen
+und stärken. Ich bin überzeugt, Sie müssen ein tiefes Gefühl für die
+Schönheiten der Natur haben.«
+
+Darja Michailowna blickte Rudin von der Seite an.
+
+»Die Natur … nun ja … ja, freilich … ich liebe sie außerordentlich;
+wissen Sie aber, Dmitri Nikolajitsch, selbst auf dem Lande lebt sich’s
+nicht ohne Menschen. Hier herum gibt’s aber keinen. Pigassow gilt hier
+als der Geistreichste.«
+
+»Der mürrische Graukopf von gestern?« fragte Rudin.
+
+»Nun ja, derselbe. Auf dem Lande übrigens nimmt man ihn schon mit – er
+heitert zuweilen auf.«
+
+»Er hat Verstand,« erwiderte Rudin, »geht aber einen falschen Weg.
+Ich weiß nicht, ob Sie mir recht geben werden, Darja Michailowna, es
+liegt aber wirklich kein Segen in dem unbegrenzten und vollständigen
+Verneinen. Verneinen Sie alles, und man wird Sie möglicherweise für
+einen klugen Kopf halten: dieser Kunstgriff ist bekannt. Es werden
+viele in ihrer Einfalt sogleich bereit sein, den Schluß zu ziehen,
+Sie ständen höher als das, was Sie verneinen. Das ist aber oftmals
+falsch. Erstens lassen sich in allem Flecken finden, zweitens, wenn
+Sie auch recht hätten, bleiben Sie im Nachteil: Ihr Geist, fortwährend
+und ausschließlich zur Verneinung gestimmt, verliert seine Kraft, er
+stumpft ab. Indem Sie Ihre Selbstliebe befriedigen, rauben Sie sich den
+wirklichen Genuß der Erkenntnis; das Leben – der innere Wert des Lebens
+– entschlüpft Ihrem kleinlichen und erbitterten Beobachtungsgeiste
+und Sie sinken zuletzt zu einem Zänker und Spaßmacher herab. Rügen,
+schelten darf nur, wer liebt.«
+
+»~Voilà Mr. Pigassoff enterré~,« sagte Darja Michailowna. »Sie
+verstehen es aber meisterhaft, die Menschen zu schildern! Übrigens
+würde Pigassow Sie wahrscheinlich nicht einmal begriffen haben. Liebt
+er ja doch ausschließlich seine eigene Person.«
+
+»Und er schilt dieselbe, um einen Vorwand zu haben, andere schelten zu
+dürfen,« fiel Rudin ein.
+
+Darja Michailowna lachte.
+
+»Ja, ja, wie das Sprichwort sagt: vom kranken Kopf auf den Gesunden! –
+A propos – was halten Sie von dem Baron?«
+
+»Vom Baron? Er ist ein vortrefflicher Mensch, mit gutem Herzen und
+erfahren … aber ohne Charakter … er wird sein ganzes Leben ein halber
+Gelehrter, halber Weltmann, d. h. Dilettant bleiben, kurz gesagt, ein –
+Nichts … Es ist aber schade um ihn!«
+
+»Das ist auch meine Ansicht,« erwiderte Darja Michailowna. »Ich habe
+seinen Aufsatz gelesen … ~Entre nous … cela a assez peu de fond.~«
+
+»Wen haben Sie sonst noch in der Nähe?« fragte nach einigem Schweigen
+Rudin.
+
+Darja Michailowna strich mit dem kleinen Finger die Asche von ihrer
+Zigarette.
+
+»Weiter gibt es wohl niemand. Die Lipin, Alexandra Pawlowna, die
+Sie gestern gesehen haben: sie ist allerliebst, und weiter nichts.
+Ihr Bruder – ebenfalls ein vortrefflicher Mensch, ~un parfait
+honnête homme~. Den Fürsten Garin kennen Sie. Das sind sie alle.
+Es sind da noch zwei, drei Nachbarn, die sind aber ganz und gar
+unbedeutend. Entweder Wichtigtuer – mit ungeheuren Prätensionen oder
+menschenscheues, oft am unrichtigen Platze ungeniertes Volk. Mit den
+Damen gehe ich nicht um, wie Sie wissen. Wir haben wohl noch einen
+Nachbarn, einen sehr gebildeten, sogar gelehrten Mann, aber einen
+schrecklichen Sonderling, einen Schwärmer. Alexandrine kennt ihn
+und, wie es scheint, ist er ihr nicht gleichgültig … Sie sollten ihr
+wirklich Aufmerksamkeit schenken, Dmitri Nikolaitsch: das ist ein
+liebes Wesen; sie müßte nur etwas ausgebildet werden, ja sie muß es
+durchaus werden.«
+
+»Sie ist sehr anziehend,« bemerkte Rudin.
+
+»Ein wahres Kind, Dmitri Nikolaitsch, eine wahre Unschuld. Sie ist
+verheiratet gewesen, ~mais c’est tout comme~ … Wäre ich ein Mann, ich
+würde mich nur in solche Weiber verlieben.«
+
+»Wirklich?«
+
+»Gewiß! Dergleichen Frauen sind zum mindesten frisch und die Frische
+läßt sich nicht künstlich nachahmen.«
+
+»Alles andere aber?« fragte Rudin mit Lachen, was selten bei ihm der
+Fall war. Wenn er lachte, nahm sein Gesicht einen eigentümlichen, fast
+greisenhaften Ausdruck an, die Augen zogen sich zusammen, er rümpfte
+die Nase …
+
+»Wer ist denn aber jener Sonderling, wie Sie sagen, der Frau Lipin
+nicht gleichgültig wäre?« fragte er.
+
+»Ein gewisser Leschnew, Michael Michailitsch, ein Gutsbesitzer aus
+dieser Gegend.«
+
+Rudin erstaunte und erhob den Kopf.
+
+»Leschnew, Michael Michailitsch?« fragte er, »ist der denn Ihr Nachbar?«
+
+»Ja. Sie kennen ihn also?«
+
+Rudin schwieg.
+
+»Ich habe ihn vormals gekannt … es ist schon lange her. Er ist reich,
+wie man sagt?« fügte er hinzu, indem er an den Fransen des Lehnstuhles
+zupfte.
+
+»Ja, reich ist er, kleidet sich jedoch abscheulich und fährt auf einer
+Reitdroschke gleich einem Dorfverwalter umher. Ich habe den Versuch
+gemacht, ihn in mein Haus zu ziehen; er soll Verstand haben; dann stehe
+ich auch gewissermaßen in Geschäftsverbindung mit ihm … Sie wissen
+doch, daß ich mein Gut selbst verwalte?«
+
+Rudin nickte mit dem Kopfe.
+
+»Ja, selbst,« fuhr Darja Michailowna fort, »ich führe nichts von den
+fremdländischen Albernheiten bei mir ein, halte mich an dem Meinigen,
+dem Russischen, und Sie sehen, die Sache geht, denke ich, nicht
+schlecht,« setzte sie hinzu, indem sie dabei mit der Hand einen Kreis
+durch die Luft beschrieb.
+
+»Ich bin immer der Überzeugung gewesen,« bemerkte Rudin verbindlich,
+»daß diejenigen schreiendes Unrecht begehen, die den Frauen praktischen
+Sinn absprechen.«
+
+Darja Michailowna lächelte.
+
+»Sie sind sehr nachsichtig,« sagte sie, »aber was wollte ich Ihnen doch
+erzählen? Wovon sprachen wir denn? Ja! von Leschnew. Ich habe mit ihm
+über Landvermessung zu verhandeln. Mehrmals schon habe ich ihn zu mir
+eingeladen und erwarte ihn sogar heute; er kommt aber nie … ein wahrer
+Sonderling.«
+
+Der Vorhang an der Tür wurde behutsam zurückgezogen und der
+Haushofmeister, ein hochgewachsener, grauer Mann mit einer Glatze, in
+schwarzem Frack, weißer Halsbinde und weißer Weste, trat ein.
+
+»Was willst du?« fragte Darja Michailowna und setzte mit einer leichten
+Wendung zu Rudin halblaut hinzu: »~n’est ce pas, comme il ressemble à
+Canning~?«
+
+»Michael Michailitsch Leschnew ist angekommen,« meldete der Mann,
+»befehlen Sie zu empfangen?«
+
+»Ach, mein Gott!« rief Darja Michailowna, »er kommt wie gerufen. Bitte
+ihn her!«
+
+Der Haushofmeister ging hinaus.
+
+»Der sonderbare Mensch, da wäre er endlich, und doch nicht zur rechten
+Stunde; er unterbricht unser Gespräch.«
+
+Rudin erhob sich von seinem Platze, Darja Michailowna hielt ihn aber
+zurück.
+
+»Wohin wollen Sie denn? Das läßt sich auch in Ihrer Gegenwart
+besprechen, und dann wünsche ich, daß Sie mir sein Bild entwerfen, wie
+das von Pigassow. Wenn Sie reden, ~vous gravez comme avec un burin~.
+Bleiben Sie?«
+
+Rudin wollte etwas einwenden, überlegte ein wenig und blieb.
+
+Michael Michailowitsch, dem Leser bereits bekannt, trat ins Kabinett.
+Er hatte denselben grauen Paletot an und hielt in den gebräunten Händen
+dieselbe alte Mütze. Er grüßte gelassen Darja Michailowna und trat an
+den Teetisch heran.
+
+»Endlich sind Sie so gefällig gewesen, sich herzubemühen, Monsieur
+Leschnew!« sagte Darja Michailowna. »Ich bitte, nehmen Sie Platz. Sie
+sind miteinander bekannt, habe ich gehört,« fuhr sie fort, auf Rudin
+deutend.
+
+Leschnew blickte Rudin an und lächelte dabei sonderbar.
+
+»Ich kenne Herrn Rudin,« sagte er mit einer kurzen Verbeugung.
+
+»Wir sind zusammen auf der Universität gewesen,« bemerkte Rudin
+halblaut und schlug den Blick zu Boden.
+
+»Auch später sind wir miteinander zusammengetroffen,« sagte Leschnew
+kalt.
+
+Darja Michailowna blickte beide mit einigem Befremden an und bat
+Leschnew, Platz zu nehmen. Er setzte sich.
+
+»Sie hatten gewünscht, mich zu sehen,« begann er, »es betrifft die
+Vermessung?«
+
+»Ja, die Vermessung, doch habe ich auch überhaupt Sie zu sehen
+gewünscht. Sind wir doch noch Nachbarn und auch wohl vielleicht
+verwandt miteinander.«
+
+»Sehr verbunden,« erwiderte Leschnew, »was nun die Vermessung betrifft,
+so habe ich diese Angelegenheit bereits mit Ihrem Verwalter vollständig
+zum Abschluß gebracht: ich gehe auf alle seine Vorschläge ein.«
+
+»Das wußte ich.«
+
+»Nur«, sagt er mir, »könnten ohne vorherige persönliche Zusammenkunft
+mit Ihnen die Papiere nicht unterzeichnet werden.«
+
+»Ja; so ist es nun einmal bei mir eingeführt. Darf ich wohl fragen, ob
+die Bauern bei Ihnen zinspflichtig sind?«
+
+»So ist es.«
+
+»Und Sie selbst haben die Vermessung in Anregung gebracht? Das ist
+lobenswert.«
+
+Leschnew schwieg einen Augenblick.
+
+»Da bin ich denn der persönlichen Zusammenkunft wegen hergekommen,«
+sagte er.
+
+Darja Michailowna lächelte.
+
+»Ich sehe, daß Sie gekommen sind. Sie sagen das in solch besonderem
+Tone … Gewiß hatten Sie sehr wenig Lust, zu mir zu kommen.«
+
+»Ich besuche niemand,« erwiderte Leschnew phlegmatisch.
+
+»Niemand? Sie besuchen aber doch Alexandra Pawlowna?«
+
+»Ich bin ein alter Bekannter ihres Bruders.«
+
+»Ihres Bruders! Übrigens, ich lege niemandem Zwang auf … Indessen,
+Sie werden vergeben, Michael Michailitsch, ich bin älter als Sie
+an Jahren und darf Sie ein wenig schelten: wie können Sie an einem
+so zurückgezogenen Leben Vergnügen finden? Oder ist es _mein_ Haus
+vielleicht, das Ihnen nicht gefällt? oder vielleicht gefalle _ich_
+Ihnen nicht?«
+
+»Ich kenne Sie nicht, Darja Michailowna, und deshalb können Sie mir
+auch nicht mißfallen. Ihr Haus ist sehr schön; ich muß Ihnen aber offen
+gestehen, ich tue mir nicht gern Zwang an. Ich habe nicht einmal einen
+gehörigen Frack, keine Handschuhe; zudem passe ich auch nicht in Ihren
+Kreis.«
+
+»Der Geburt, der Erziehung nach gehören Sie demselben an, Michael
+Michailitsch! ~vous êtes des nôtres~.«
+
+»Wir wollen Geburt und Erziehung beiseite lassen, Darja Michailowna!
+Nicht darauf kommt es an …«
+
+»Der Mensch soll unter Menschen leben, Michael Michailitsch! Was hat
+man davon, wie Diogenes in der Tonne zu sitzen?«
+
+»Erstens fühlte sich Diogenes sehr wohl dabei; zweitens, weshalb
+glauben Sie, daß ich nicht unter Menschen lebe?«
+
+Darja Michailowna biß sich in die Lippen.
+
+»Das ist eine andere Sache! Mir bleibt also nur zu bedauern, daß ich
+mich zu denen nicht zählen darf, die Sie Ihrer Bekanntschaft würdigen.«
+
+»Monsieur Leschnew«, mischte sich Rudin ein, »treibt zu weit, wie mich
+dünkt, ein sonst sehr lobenswertes Gefühl – die Liebe zur Freiheit.«
+
+Leschnew erwiderte nichts und blickte Rudin nur an. Ein kurzes
+Schweigen trat ein.
+
+»Und somit«, sagte Leschnew, sich erhebend, »darf ich unsere
+Angelegenheit als erledigt betrachten und Ihren Verwalter bedeuten, daß
+er mir die Papiere zur Unterschrift zustelle?«
+
+»Sie können es … obgleich Sie, ich gestehe es, so wenig liebenswürdig
+sind … daß ich es Ihnen abschlagen sollte.«
+
+»Aber diese Vermessung bringt Ihnen ja mehr Vorteil als mir.«
+
+Darja Michailowna zuckte die Achseln.
+
+»Und Sie wollen nicht einmal das Frühstück bei mir einnehmen?« fragte
+sie.
+
+»Danke Ihnen gehorsamst; ich frühstücke niemals, und dann muß ich auch
+bald nach Hause.«
+
+Darja Michailowna erhob sich.
+
+»Ich will Sie nicht aufhalten,« sagte sie, ans Fenster tretend, »ich
+darf Sie nicht aufhalten.«
+
+Leschnew verabschiedete sich.
+
+»Adieu, Monsieur Leschnew! Verzeihen Sie, daß ich Sie belästigt habe.«
+
+»Oh, ich bitte, hat nichts zu sagen,« erwiderte Leschnew und ging
+hinaus.
+
+»Wie gefällt er Ihnen?« fragte Darja Michailowna Rudin. »Ich hatte wohl
+von ihm gehört, er sei ein sonderbarer Mensch; dies übersteigt aber
+doch alles!«
+
+»Er leidet an demselben Übel wie Pigassow,« erwiderte Rudin, »dem
+Verlangen, originell zu erscheinen. Jener spielt den Mephistopheles,
+dieser den Zyniker. In allem dem steckt viel Egoismus, viel Selbstsucht
+und wenig Wahrheit, wenig Liebe. Das ist ja auch eine Berechnung in
+ihrer Art: es bindet sich einer die Larve der Gleichgültigkeit und der
+Nachlässigkeit vor, da muß denn gleich, denkt er, ein jeder auf den
+Gedanken kommen, daß der Mensch auf unverantwortliche Weise sein Licht
+unter den Scheffel stellt! Aber näher betrachtet, ist gar kein Licht
+vorhanden!«
+
+»~Et de deux!~« äußerte Darja Michailowna. »Sie sind furchtbar in der
+Charakterschilderung. Ihnen entgeht man nicht.«
+
+»Glauben Sie?« sagte Rudin … »Übrigens,« fuhr er fort, »ich sollte
+eigentlich nicht von Leschnew sprechen: ich habe ihn geliebt,
+geliebt wie einen Freund … nachher aber, infolge verschiedener
+Mißverständnisse …«
+
+»Haben Sie sich entzweit?«
+
+»Das nicht. Wir haben uns getrennt, und, wie mir scheint, für immer
+getrennt.«
+
+»Das war es! Darum war Ihnen auch während seines Hierseins, wie
+mir deuchte, nicht wohl zumute … Ich bin Ihnen aber doch sehr für
+den heutigen Morgen verbunden. Ich habe die Zeit überaus angenehm
+verbracht. Aber – alles mit Maß! Ich gebe Ihnen Urlaub bis zum
+Frühstück, und will jetzt auch selbst an meine Geschäfte gehen. Mein
+Sekretär, Sie haben ihn gesehen – ~Constantin, c’est lui qui est
+mon secrétaire~ – wartet gewiß schon auf mich. Ich empfehle Ihnen
+denselben: ein herrlicher, überaus dienstfertiger junger Mann und ganz
+entzückt von Ihnen. Auf Wiedersehen, ~cher~ Dmitri Nikolaitsch. Wie
+bin ich dem Baron zu Dank verpflichtet, daß er mir Ihre Bekanntschaft
+verschafft hat!«
+
+Und Darja Michailowna reichte Rudin die Hand. Er drückte sie zuerst,
+führte sie dann an die Lippen und begab sich in den Saal und von da auf
+die Terrasse, wo er Natalia traf.
+
+
+
+
+V
+
+
+Darja Michailownas Tochter, Natalia Alexejewna, konnte auf den ersten
+Blick nicht gefallen. Sie war noch nicht vollständig ausgebildet,
+mager, von bräunlicher Gesichtsfarbe und hielt sich etwas gebückt.
+Die Züge ihres Gesichtes jedoch waren edel und regelmäßig, obgleich
+etwas breit für ein siebzehnjähriges Mädchen. Besonders schön trat
+ihre reine und glatte Stirn über den leicht geknickten Augenbrauen
+hervor. Sie sprach wenig, aber hörte und schaute mit Aufmerksamkeit,
+fast unverwandten Blickes, als wollte sie sich über alles Rechenschaft
+geben. Sie war oft unbeweglich, in Gedanken versunken, und ließ die
+Arme herabhängen; es zeigte dann ihr Gesicht den Ausdruck innerer
+Gedankentätigkeit … Ein kaum merkliches Lächeln spielte um ihre Lippen
+und verschwand wieder; die großen dunklen Augen hoben sich sanft …
+~Qu’avez vous?~ pflegte sie dann Mlle. Boncourt zu fragen und ihr
+vorzuhalten, daß es sich für ein junges Mädchen nicht schicke, den
+Kopf hängen zu lassen und zerstreut auszusehen. Natalia war aber nicht
+zerstreut: im Gegenteil, sie lernte fleißig, las und arbeitete gern.
+Sie fühlte tief und stark, aber im stillen; schon als Kind hatte sie
+selten geweint, jetzt seufzte sie sogar selten und wurde nur bleich,
+wenn etwas sie betrübte. Die Mutter sah in ihr ein wohlgesittetes,
+vernünftiges Mädchen, nannte sie scherzweise: ~mon honnête homme de
+fille~, hatte jedoch keine hohe Meinung von ihren Geistesfähigkeiten.
+»Meine Natascha ist kalt von Natur,« pflegte sie zu sagen, »nicht
+wie ich … um so besser. Sie wird glücklich sein.« Darja Michailowna
+täuschte sich. Übrigens nicht jede Mutter kennt ihre Tochter.
+
+Natalia liebte ihre Mutter, hatte aber kein volles Vertrauen zu ihr.
+
+»Du hast nichts vor mir zu verbergen,« sagte einmal Darja Michailowna
+zu ihr, »sonst würdest du wohl ein wenig geheimtun, denn du hast deinen
+Kopf für dich.«
+
+Natalia blickte ihrer Mutter ins Gesicht und dachte: und warum sollte
+ich nicht meinen Kopf für mich haben?
+
+Als Rudin sie auf der Terrasse traf, schritt sie eben mit Mlle.
+Boncourt ins Zimmer, um ihren Hut aufzusetzen und in den Garten zu
+gehen. Ihre Morgenbeschäftigungen waren bereits beendigt. Man hatte
+aufgehört, Natalia als Kind zu behandeln, Mlle. Boncourt gab ihr
+schon lange keinen Unterricht mehr in der Mythologie und Geographie;
+doch mußte Natalia jeden Morgen – in ihrer Gegenwart – historische
+Bücher, Reisebeschreibungen und andere erbauliche Schriften lesen.
+Darja Michailowna traf die Auswahl, scheinbar einem ihr eigenen
+System folgend, in der Tat aber gab sie Natalia alles, was ihr ein
+französischer Buchhändler aus Petersburg zuschickte, ausgenommen
+natürlich Romane von Alexander Dumas Sohn und Comp. Diese Romane
+las Darja Michailowna selbst. Mlle. Boncourt pflegte ganz besonders
+streng und sauer Natalia über ihre Brille anzuschauen, wenn letztere
+historische Bücher las: nach den Begriffen der alten Französin war die
+ganze Geschichte voll unerlaubter Dinge, obgleich sie von den berühmten
+Männern des Altertums, Gott weiß warum, nur einzig und allein den
+Kambyses kannte, und aus neuerer Zeit – Ludwig den XIV. und Napoleon,
+den sie nicht leiden konnte. Natalia las aber auch solche Bücher, deren
+Dasein Mlle. Boncourt nicht ahnte: sie kannte den ganzen Puschkin
+auswendig.
+
+Natalia errötete etwas, als sie mit Rudin zusammentraf.
+
+»Sie wollen spazierengehen?« fragte er sie.
+
+»Ja. Wir gehen in den Garten.«
+
+»Darf ich mich Ihnen anschließen?«
+
+Natalia sah Mlle. Boncourt an.
+
+»~Mais certainement, monsieur, avec plaisir~,« rief eilig die alte
+Jungfer.
+
+Rudin nahm seinen Hut und folgte ihnen.
+
+Anfangs machte es Natalia etwas verlegen, an Rudins Seite auf demselben
+Gartenwege zu wandeln; bald aber wurde es ihr leichter. Er richtete
+an sie Fragen über ihre Beschäftigungen, und auch darüber, wie ihr
+das Leben auf dem Lande gefalle. Sie antwortete ihm nicht ohne
+Schüchternheit, aber ohne jene sich überstürzende Befangenheit, die so
+oft für Schamhaftigkeit gehalten wird. Es klopfte ihr das Herz.
+
+»Sie fühlen auf dem Lande keine Langeweile?« fragte Rudin, sie mit
+einem Seitenblick streifend.
+
+»Wie kann man auf dem Lande Langeweile empfinden? Ich bin sehr froh,
+daß wir hier sind. Ich bin hier sehr glücklich.«
+
+»Sie sind glücklich … Das ist ein großes Wort. Übrigens ist es
+begreiflich: Sie sind jung.«
+
+Rudin betonte dies letzte Wort in eigentümlicher Weise: es war wie eine
+Anwandlung von Neid und Beileid, die ihn überkam.
+
+»Ja! die Jugend!« setzte er hinzu. »Das Bestreben der Wissenschaft ist
+– mit Bewußtsein das zu erringen, was die Jugend von selbst hat.«
+
+Natalia blickte Rudin aufmerksam an: sie hatte ihn nicht verstanden.
+
+»Ich habe mich heute den ganzen Morgen mit Ihrer Mama unterhalten,«
+fuhr er fort, »eine außergewöhnliche Frau. Ich begreife, weshalb alle
+unsere Poeten so großen Wert auf ihre Freundschaft legten. Lieben Sie
+auch Gedichte?« setzte er nach einigem Schweigen hinzu.
+
+Er examiniert mich, dachte Natalia und sagte: »Ja, ich liebe sie sehr.«
+
+»Die Poesie ist die Sprache der Götter. Ich selbst liebe Gedichte. Doch
+nicht in Gedichten allein liegt Poesie: sie ist überall, sie umfängt
+uns … Sehen Sie diese Bäume, diesen Himmel an – von allen Seiten strömt
+Schönheit und Leben hervor; wo aber Schönheit und Leben, da ist auch
+Poesie.«
+
+»Wollen wir nicht auf der Bank hier Platz nehmen,« fuhr er fort. »So.
+Mir scheint, ich kann mir nicht erklären warum, daß, sobald Sie sich
+ein wenig an mich werden gewöhnt haben (er blickte ihr hierbei lächelnd
+in die Augen), wir gute Freunde sein werden. Was meinen Sie?«
+
+Er behandelt mich wie ein kleines Mädchen, dachte Natalia wieder, und
+ungewiß, was sie dazu sagen sollte, fragte sie ihn, ob er noch lange
+auf dem Lande zu bleiben beabsichtige.
+
+»Den ganzen Sommer, den Herbst und vielleicht auch den Winter. Ich bin,
+wie Sie wohl wissen, wenig begütert; meine Verhältnisse sind zerrüttet,
+und dann habe ich es auch schon satt, von einem Ort zum andern zu
+ziehen. Es ist Zeit, daß ich mir Ruhe gönne.«
+
+Natalia sah ihn erstaunt an.
+
+»Sie finden wirklich, daß es _für Sie_ Zeit sei auszuruhen?« fragte sie
+schüchtern.
+
+Rudin wandte sein Gesicht ihr zu.
+
+»Was wollen Sie damit sagen?«
+
+»Ich will sagen,« erwiderte sie mit einiger Verwirrung, »daß andere
+sich wohl Ruhe gönnen dürfen; Sie aber … Sie müssen arbeiten, müssen
+sich bestreben, Nutzen zu schaffen. Wer denn wohl, wenn nicht Sie …«
+
+»Ich danke für die schmeichelhafte Meinung,« unterbrach sie Rudin.
+»Nutzen schaffen … das ist leicht gesagt! (Er fuhr mit der Hand über
+sein Gesicht.) Nutzen schaffen!« wiederholte er. »Wenn ich auch die
+feste Überzeugung hätte: auf welche Art ich Nutzen bringen könnte –
+ja, wenn ich sogar Vertrauen in meine eigene Kraft hätte – wo fände ich
+wohl lautere, mitfühlende Seelen? …«
+
+Und Rudin ließ mit so hoffnungsloser Miene die Hand fallen und senkte
+so betrübt den Kopf, daß Natalia unwillkürlich die Frage an sich
+stellte: ob sie denn wohl aus _seinem_ Munde tags zuvor so begeisterte,
+Hoffnung sprühende Reden gehört habe?
+
+»Doch nein,« setzte er hinzu, und schüttelte ungestüm seine Löwenmähne,
+»Unsinn das, Sie haben recht. Ich danke Ihnen, Natalia Alexejewna,
+danke Ihnen von Herzen. (Natalia wußte entschieden nicht, wofür er ihr
+dankte.) Ein Wort von Ihnen hat mich an meine Pflicht erinnert, hat mir
+meine Bahn vorgezeichnet … Ja, ich muß handeln. Ich darf mein Talent,
+wenn ich es wirklich besitze, nicht verbergen; ich darf meine Kräfte
+nicht in Geschwätz, in leerem, nichtsnutzigem Geschwätz und eitlem
+Gerede vergeuden …«
+
+ * * * * *
+
+Und es ergoß sich seine Rede wie ein Strom. Er sprach schön,
+begeistert, hinreißend – über Kleinmütigkeit und Trägheit, über
+die Notwendigkeit, Taten zu vollbringen. Er machte sich selbst
+Vorwürfe, bewies, daß sich über das, was man leisten wolle, im voraus
+auszulassen, ebenso nachteilig wäre, wie wenn man eine reifende Frucht
+mit einer Nadel anstechen wollte, das sei nur nutzlose Vergeudung der
+Kräfte und Säfte. Er behauptete, es gäbe keinen edleren Gedanken, der
+nicht Anklang fände, daß nur jene Menschen unverstanden blieben, die
+entweder selbst noch nicht wüßten, was sie wollen, oder solche, die
+nicht wert seien, verstanden zu werden. Er sprach lange und schloß
+seine Rede damit, daß er Natalia nochmals dankte und ganz unerwartet,
+ihr die Hand drückend, sagte: »Sie sind ein herrliches, edles Wesen!«
+
+Diese Freiheit setzte Mlle. Boncourt in Erstaunen, die, trotz ihres
+vierzigjährigen Aufenthaltes in Rußland, mit Mühe das Russische
+verstand und nur die anmutige Schnelligkeit und das Fließende in der
+Rede Rudins bewunderte. Er galt überhaupt in ihren Augen als eine Art
+Virtuos oder Künstler, und an Leute dieses Schlages durften keine
+Schicklichkeitsforderungen gestellt werden.
+
+Sie erhob sich von ihrem Platze und ihr Kleid hastig zurechtklopfend,
+machte sie Natalia darauf aufmerksam, daß es Zeit sei heimzukehren,
+um so mehr, da ~monsieur Volinsoff~ (so nannte sie Wolinzow) sich zum
+Frühstück habe einfinden wollen.
+
+»Da ist er bereits!« fügte sie mit einem Blicke nach einer der Alleen,
+die zum Hause führten, hinzu.
+
+Und wirklich zeigte sich Wolinzow in einiger Entfernung.
+
+Mit unentschlossenen Schritten trat er näher, begrüßte alle schon
+von weitem und, mit leidendem Ausdruck im Gesichte, sich zu Natalia
+wendend, fragte er:
+
+»Ah! Sie gehen spazieren?«
+
+»Ja,« antwortete Natalia, »wir waren im Begriff, nach Hause
+zurückzukehren.«
+
+»Ah!« sprach Wolinzow. »Nun, so wollen wir gehen.«
+
+Und alle machten sich nach dem Hause auf.
+
+»Wie ist das Befinden Ihrer Schwester?« fragte Rudin mit besonders
+teilnehmender Stimme Wolinzow. Auch am Abend vorher war er sehr
+freundlich gegen ihn gewesen.
+
+»Ich danke recht sehr. Sie befindet sich wohl. Sie wird vielleicht
+heute kommen … Sie unterhielten sich vorhin, wie mir schien, als ich
+herkam?«
+
+»Ja, wir unterhielten uns. Natalia Alexejewna hat ein Wort fallen
+lassen, das eine gewaltige Wirkung auf mich hervorgebracht hat …«
+
+Wolinzow fragte nicht, was für ein Wort das gewesen sei, und in tiefem
+Schweigen erreichten alle das Haus der Darja Michailowna.
+
+ * * * * *
+
+Vor dem Essen fand sich die Gesellschaft wieder im Salon ein. Pigassow
+jedoch erschien nicht. Rudin war nicht aufgelegt; er bat fortwährend
+Pandalewski, aus Beethoven vorzuspielen. Wolinzow schwieg und schaute
+vor sich hin. Natalia blieb der Mutter immer zur Seite und war bald
+in Gedanken versunken, bald mit ihrer Arbeit beschäftigt. Bassistow
+verwandte die Augen nicht von Rudin, immer in der Erwartung, er werde
+etwas Kluges vorbringen. So vergingen ziemlich einförmig drei Stunden.
+Alexandra Pawlowna kam nicht zu Mittag – und Wolinzow ließ gleich nach
+beendigter Tafel seine Kalesche anspannen und fuhr davon, ohne von
+jemand Abschied genommen zu haben.
+
+Er fühlte sich beklommen. Schon lange liebte er Natalia, hatte es aber
+noch nicht gewagt, ihr seine Neigung zu gestehen, und unter diesem
+ängstlichen Zustande litt er aufs grausamste … Sie sah ihn gerne –
+doch blieb ihr Herz ruhig: darüber täuschte er sich nicht. Er hatte
+auch nicht gehofft, ihr zärtliche Gefühle einzuflößen und erwartete
+nur, sie werde mit der Zeit, wenn sie sich vollkommen an ihn gewöhnt
+haben würde, ihm näherstehen. Was konnte ihn denn beunruhigen? Was für
+eine Veränderung hatte er in diesen paar Tagen wahrgenommen? Natalias
+Benehmen gegen ihn war ganz so wie vorher …
+
+War es die Befürchtung: er kenne Natalias Charakter nicht, sie sei ihm
+fremder, als er geglaubt habe – war’s Eifersucht, die in ihm erwacht
+war, oder hatte er eine dunkle Ahnung von etwas Schlimmem … genug, er
+litt, so sehr er sich auch zu beherrschen suchte.
+
+Als er bei seiner Schwester eintrat, saß Leschnew bei ihr.
+
+»Warum so früh zurückgekehrt?« fragte Alexandra Pawlowna.
+
+»Ich weiß es selbst nicht! Ich langweilte mich.«
+
+»War Rudin da?«
+
+»Er war da.«
+
+Wolinzow warf seine Mütze hin und setzte sich.
+
+Alexandra Pawlowna wandte sich mit Lebhaftigkeit zu ihm.
+
+»Ich bitte dich, Sergei, hilf mir, diesem starrsinnigen Menschen da«
+– sie wies dabei auf Leschnew – »begreiflich zu machen, daß Rudin
+ungewöhnlich klug und beredt ist.«
+
+Wolinzow brummte etwas in den Bart.
+
+»Ich widerstreite Ihnen durchaus nicht,« begann Leschnew, »ich zweifle
+nicht an Rudins Geist und Beredsamkeit; ich sage bloß, daß er mir nicht
+gefällt.«
+
+»Hast du ihn denn gesehen?« fragte Wolinzow.
+
+»Ich habe ihn heute morgen bei Darja Michailowna gesehen. Er ist
+ja jetzt ihr Großwesir. Es wird die Zeit kommen, wo sie auch ihn
+verabschiedet – von Pandalewski allein wird sie sich niemals trennen –,
+jetzt aber herrscht jener. Jawohl, ich habe ihn gesehen! Er saß da –
+und sie zeigte mich ihm: da schauen Sie einmal, mein Bester, was für
+sonderbare Kerle wir hier haben. Ich bin kein Zuchtpferd – bin es nicht
+gewohnt, vorgeführt zu werden. Da bin ich ohne Umstände davongefahren.«
+
+»Warum warst du denn aber bei ihr?«
+
+»Wegen einer Vermessung; aber das ist nur ein Vorwand: sie wollte sich
+ganz einfach meine Physiognomie besehen. Eine große Dame – wir kennen
+das!«
+
+»Seine Überlegenheit ist Ihnen störend – das ist es!« sagte mit Feuer
+Alexandra Pawlowna, »das ist es, was Sie ihm nicht vergeben können.
+Ich aber bin überzeugt, daß er nicht nur Verstand, sondern auch ein
+vortreffliches Herz hat. Betrachten Sie nur seine Augen, wenn er …«
+
+»Von hoher Tugend spricht …«[3], setzte Leschnew hinzu.
+
+»Sie werden mich böse machen und zum Weinen bringen. Es tut mir in der
+Seele leid, daß ich bei Ihnen geblieben und nicht zu Darja Michailowna
+gefahren bin. Sie waren es nicht wert. Hören Sie auf, mich zu reizen,«
+setzte sie mit weinerlicher Stimme hinzu. »Es wird besser sein, Sie
+erzählen mir etwas aus seinen Jugendjahren.«
+
+»Aus Rudins Jugendjahren?«
+
+»Ja doch. Sie sagten mir ja, Sie kennten ihn gut und seien schon lange
+mit ihm bekannt.«
+
+Leschnew erhob sich und fing an, im Zimmer auf und ab zu gehen.
+
+»Ja,« begann er, »ich kenne ihn gut. Sie wollen, daß ich Ihnen
+seine Jugend erzähle? Wohlan! Er ist in T. geboren, eines armen
+Gutsbesitzers Kind. Sein Vater starb früh und er blieb mit der Mutter
+allein. Sie war eine herzensgute Frau und liebte ihn über alles; sie
+lebte sehr sparsam, und das wenige Geld, was sie hatte, gab sie für ihn
+aus. Seine Erziehung hat er in Moskau erhalten, anfänglich auf Kosten
+eines Oheims, dann aber, als er aufgewachsen und flügge geworden war,
+auf Rechnung eines reichen Fürstensöhnchens, den er ausgewittert hatte
+… schon gut, verzeihen Sie, ich werde nicht mehr … mit welchem er sich
+befreundet hatte. Dann bezog er die Universität. Dort wurde ich mit ihm
+bekannt und sehr intim. Von unserem damaligen Leben erzähle ich Ihnen
+ein anderes Mal. Jetzt geht es nicht. Dann reiste er ins Ausland …«
+
+Leschnew ging noch immer im Zimmer auf und ab; Alexandra Pawlowna
+folgte ihm mit den Blicken.
+
+»Aus dem Auslande«, fuhr er fort, »schrieb Rudin seiner Mutter äußerst
+selten und hat sie nur einmal besucht, auf zehn Tage … Die Alte starb
+auch in seiner Abwesenheit in fremden Armen, hat aber bis zu ihrem
+Todesstündchen nicht das Auge von seinem Bildnisse verwandt. Als ich in
+T. lebte, besuchte ich sie. Sie war eine gute, überaus gastfreie Frau
+und pflegte mir immer eingemachte Kirschen vorzusetzen. Ihren Mitja
+liebte sie unsäglich. Die Herren aus der Petschorinschen Schule[4]
+werden Ihnen sagen, daß wir immer diejenigen lieben, die selbst wenig
+fähig sind, Liebe zu fühlen; mir aber scheint es, daß alle Mütter ihre
+Kinder lieben, besonders die fern von ihnen Weilenden. Später traf ich
+mit Rudin im Auslande zusammen. Dort hatte ihn eine Dame, eine unserer
+russischen Damen, an sich gezogen, ein Blaustrumpf, weder jung noch
+hübsch, wie sich’s auch für einen Blaustrumpf schickt. Ziemlich lange
+schleppte er sich mit ihr umher und ließ sie dann im Stich … doch nein,
+entschuldigen Sie: sie ließ ihn im Stiche. Und auch ich verließ ihn zu
+jener Zeit. Das ist alles.«
+
+Leschnew schwieg, strich mit der Hand über die Stirn und ließ sich wie
+erschöpft auf einen Lehnstuhl nieder.
+
+»Wissen Sie aber wohl, Michael Michailitsch,« begann Alexandra
+Pawlowna, »Sie sind, wie ich sehe, ein boshafter Mensch; wahrhaftig,
+Sie sind nicht besser als Pigassow. Ich bin überzeugt, daß alles, was
+Sie gesagt haben, wahr ist, daß Sie nichts hinzugedichtet haben, und
+dennoch, in welch mißgünstigem Lichte haben Sie das alles dargestellt!
+Die alte Frau, ihre Mutterliebe, ihr einsamer Tod, jene Dame … Wozu
+alles das? … Wissen Sie wohl, man kann das Leben des allerbesten
+Menschen mit solchen Farben schildern – ohne etwas hinzuzufügen,
+wohl verstanden –, daß sich jeder davor entsetzen wird! Das ist auch
+Verleumdung in ihrer Art!«
+
+Leschnew erhob sich und begann wieder im Zimmer auf und ab zu gehen.
+
+»Ich hatte durchaus nicht die Absicht, Ihnen Entsetzen einzuflößen,
+Alexandra Pawlowna,« brachte er endlich heraus. »Ich bin kein
+Verleumder. Übrigens«, setzte er nach einigem Schweigen hinzu, »in
+dem, was Sie gesagt haben, ist ein Teil Wahrheit. Ich habe Rudin nicht
+verleumdet; doch – wer weiß! – vielleicht hat er sich seit jener Zeit
+verändert – vielleicht bin ich ungerecht gegen ihn.«
+
+»Da haben Sie es! … Versprechen Sie mir also, daß Sie die Bekanntschaft
+mit ihm erneuern, ihn gehörig ergründen und mir dann erst Ihre
+schließliche Meinung über ihn sagen wollen.«
+
+»Wenn Sie es wünschen … Warum schweigst du aber, Sergei Pawlitsch?«
+
+Wolinzow fuhr zusammen und erhob den Kopf, als hätte man ihn aus dem
+Schlafe gerüttelt.
+
+»Was sollte ich sagen? Ich kenne ihn nicht. Übrigens habe ich heute
+Kopfweh.«
+
+»Du bist wirklich etwas bleich,« bemerkte Alexandra Pawlowna.
+
+»Ich habe Kopfweh,« wiederholte Wolinzow und verließ das Zimmer.
+
+Alexandra Pawlowna und Leschnew sahen ihm nach und tauschten einen
+Blick miteinander, doch ohne ein Wort zu sprechen. Weder ihm noch ihr
+war es ein Geheimnis, was im Herzen Wolinzows vorging.
+
+
+
+
+VI
+
+
+Über zwei Monate waren vergangen. Während dieser ganzen Zeit war Rudin
+fast nicht aus Darja Michailownas Hause gekommen. Sie konnte ihn nicht
+mehr entbehren. Es war ihr zur Gewohnheit geworden, ihm von sich zu
+erzählen und sich von ihm erzählen zu lassen. Einmal hatte er abreisen
+wollen, unter dem Vorwande, seine Geldmittel seien erschöpft – sie gab
+ihm fünfhundert Rubel, was ihn nicht hinderte, weitere zweihundert
+von Wolinzow zu borgen. Pigassow besuchte Darja Michailowna bedeutend
+seltener als vorher: Rudin übte durch seine Gegenwart auf ihn einen
+Druck aus, den übrigens Pigassow nicht allein empfand.
+
+»Ich mag ihn nicht, diesen eingebildeten Menschen,« pflegte er zu
+sagen, »seine Ausdrucksweise ist unnatürlich, ganz so wie bei den
+Helden in russischen Romanen. Mit einem: Ich! fängt er an, hält dann
+wie gerührt inne … Ich, also, ich … Und er zieht die Worte so lang.
+Habt ihr geniest, so wird er euch sogleich auseinandersetzen, warum
+Ihr geniest und nicht gehustet habt … lobt er euch, so klingt es, als
+befördere er euch zu einer höheren Rangstufe … fängt er aber an, sich
+selbst zu schelten, dann zieht er sich geradezu in den Schmutz herab –
+nun, denkt ihr, der darf sich jetzt nicht mehr bei Tageslicht zeigen!
+Nichts davon! Noch heiterer stimmt es ihn, so daß man glauben könnte,
+jene bitteren Worte hätten ihm nur zu Erfrischung und Kräftigung
+gedient, wie ein Schluck bitteren Schnapses!« Pandalewski empfand eine
+gewisse Scheu vor Rudin und machte ihm mit einiger Vorsicht den Hof.
+Wolinzows Stellung, Rudin gegenüber, war eigentümlicher Art. Dieser
+nannte ihn einen Ritter und rühmte ihn, er mochte zugegen sein oder
+nicht, über die Maßen; Wolinzow aber konnte ihn nicht liebgewinnen, und
+seine schmeichelhaftesten Komplimente erzeugten in ihm unwillkürlich
+Ungeduld und Ärger. ›Er macht sich wohl gar über mich lustig!‹ dachte
+er, und eine feindselige Stimmung überschlich ihn dann. Wolinzow
+versuchte Herr über sich zu werden; es ging nicht: die Eifersucht nagte
+heimlich an ihm. Aber auch Rudin, der Wolinzow stets geräuschvoll
+entgegenkam, ihn einen Ritter nannte und Geld bei ihm borgte, fühlte
+sich nichts weniger als zu ihm hingezogen. Es wäre nicht leicht zu
+bestimmen gewesen, was in beiden Männern vorging, wenn sie einander
+freundschaftlich die Hände drückten und ihre Blicke sich begegneten …
+
+Bassistow fuhr fort, vor Rudin die äußerste Hochachtung zu empfinden
+und jedes seiner Worte im Fluge zu haschen. Dieser aber beachtete ihn
+wenig. Einmal brachte er mit ihm einen ganzen Morgen zu, unterhielt
+sich von den wichtigsten Weltfragen und Weltaufgaben und erregte in
+ihm das lebhafteste Entzücken, nachher beachtete er ihn nicht mehr
+… Es war demnach nur eitles Gerede gewesen, wenn er nach reinen und
+ergebenen Seelen Verlangen geäußert hatte. Mit Leschnew, der mit seinen
+Besuchen bei Darja Michailowna begonnen hatte, ließ Rudin sich niemals
+in einen Wortstreit ein, ja er schien ihm auszuweichen. Leschnew
+seinerseits behandelte ihn gleichfalls kalt, ließ aber immer noch nicht
+seine letzte Meinung über ihn laut werden, was Alexandra Pawlowna sehr
+unangenehm berührte. Sie beugte sich vor Rudin – zu Leschnew aber
+hatte sie Vertrauen. Alle im Hause Darja Michailownas unterwarfen sich
+den Launen Rudins: seinen geringsten Wünschen wurde nachgekommen. Die
+Verteilung der täglichen Beschäftigungen hing von ihm ab. Nicht eine
+einzige ~partie de plaisir~ konnte ohne ihn zustande kommen. Alle
+unerwarteten Ausflüge und Überraschungen waren übrigens nicht sehr nach
+seinem Geschmack, und er nahm teil daran wie Erwachsene am Spiel der
+Kinder, mit freundlicher und etwas gelangweilter Miene. Dagegen mischte
+er sich in alles: räsonierte mit Darja Michailowna über Gutsverwaltung,
+Kindererziehung, Wirtschafts- und Geschäftsangelegenheiten überhaupt;
+hörte ihre Pläne an, schätzte auch Unwichtiges nicht zu gering und
+schlug Verbesserungen und Neuerungen vor. Darja Michailowna war
+entzückt darüber – doch dabei blieb es. Bezüglich der Gutsverwaltung
+folgte sie den Ratschlägen ihres Verwalters, eines ältlichen,
+einäugigen Kleinrussen, eines gutmütigen, doch listigen Schelmes.
+– »Das Alte ist fett, das Neue ist hager,« pflegte er zu sagen und
+schmunzelte und blinzelte dabei wohlgefällig.
+
+Außer mit Darja Michailowna hatte Rudin mit niemandem so häufige und
+lange Unterredungen wie mit Natalia. Er steckte ihr insgeheim Bücher
+zu, vertraute ihr seine Pläne und las ihr die ersten Seiten künftiger
+Aufsätze und Werke vor. Das Verständnis dafür fehlte ihr oft, doch
+daran lag Rudin anscheinend wenig, wenn sie ihn nur anhörte. Dieses
+nahe Verhältnis zu Natalia war Darja Michailowna nicht ganz unangenehm.
+Mag sie immerhin – dachte sie – mit ihm hier auf dem Lande schwatzen.
+Er findet Gefallen an ihr, wie an einem kleinen Mädchen. Gefahr ist
+nicht dabei, und jedenfalls lernt sie von ihm … In Petersburg will ich
+das alles anders einrichten.
+
+Darja Michailowna täuschte sich. Nicht wie ein kleines Mädchen
+schwatzte Natalia mit Rudin: sie lauschte gierig seinen Worten, bemühte
+sich, in den Sinn derselben einzudringen und unterwarf seinem Urteile
+ihre Gedanken, ihre Zweifel; er war ihr Erzieher, ihr Führer. Fürs
+erste kochte es bei ihr nur im Kopfe … in einem jungen Kopfe kocht es
+aber nicht lange, ohne daß das Herz auch ein Wort mitredet. Was für
+wonnevolle Minuten verbrachte Natalia, wenn, wie es oft vorkam, Rudin
+im Garten auf einer Bank, im leichten und lichten Schatten einer
+Esche, anfing ihr Goethes Faust, Hoffmann, die Briefe Bettinas oder
+Novalis vorzulesen, und er sich dabei beständig unterbrach, um ihr
+zu erläutern, was ihr dunkel schien! Sie sprach das Deutsche nicht
+gut, wie fast alle unsere jungen Damen, verstand es aber vollkommen,
+und Rudin war ganz in deutscher Poesie, deutscher Romantik und
+deutscher Philosophie versunken und zog Natalia nach sich in jene
+höheren Regionen. Eine unbekannte, erhabene Welt enthüllte sich dem
+aufmerksamen Blicke des jungen Mädchens. Von den Seiten des Buches, das
+Rudin in der Hand hielt, strömten gleich einer Flut entzückender Musik
+wunderbare Bilder, neue, lichte Gedanken unaufhörlich in ihre Seele
+über, und in ihrem Herzen, das von edler Freude hoher Empfindungen
+erschüttert worden, erglimmte und entbrannte sanft der heilige Funken
+der Entzückung …
+
+ * * * * *
+
+»Sagen Sie doch, Dmitri Nikolaitsch,« redete sie ihn einst an, als sie
+vor ihrem Stickrahmen am Fenster saß, »Sie werden für den Winter wohl
+nach Petersburg fahren?«
+
+»Ich weiß es nicht,« erwiderte Rudin, das Buch, in welchem er
+herumblätterte, auf die Knie sinken lassend, »wenn ich die Mittel dazu
+auftreibe, fahre ich hin.«
+
+Er sprach träge: er fühlte sich ermattet und war den ganzen Morgen über
+müßig gewesen.
+
+»Wie sollten Sie die nicht finden?«
+
+Rudin schüttelte den Kopf.
+
+»Ihnen deucht es so!«
+
+Und er warf einen bedeutsamen Seitenblick auf sie.
+
+Natalia wollte etwas sagen, hielt jedoch inne.
+
+»Sehen Sie,« begann Rudin und wies mit der Hand nach dem Fenster,
+»sehen Sie jenen Apfelbaum: er ist gebrochen unter der Last und Fülle
+seiner Früchte. Ein treues Sinnbild des Genies …«
+
+»Er ist gebrochen, weil er keine Stütze gehabt hat,« erwiderte Natalia.
+
+»Ich verstehe Sie, Natalia Alexejewna; es ist aber für den Menschen
+nicht so ganz leicht, sie zu finden, diese Stütze.«
+
+»Mir scheint, das Mitgefühl anderer … Einsamkeit aber muß jedenfalls …«
+
+Natalia verwirrte sich ein wenig und wurde rot.
+
+»Und was wollen Sie im Winter auf dem Lande anfangen?« setzte sie rasch
+hinzu.
+
+»Was ich anfangen werde? Ich werde meine große Abhandlung beendigen
+– Sie wissen – vom Tragischen im Leben und in der Kunst – ich setzte
+Ihnen vorgestern den Plan auseinander – und werde Ihnen den Aufsatz
+zustellen.«
+
+»Und werden ihn drucken lassen?«
+
+»Nein.«
+
+»Warum aber nicht? Für wen wollen Sie denn arbeiten?«
+
+»Nun, wenn es für Sie wäre?«
+
+Natalia senkte den Blick.
+
+»Das wäre für meinen Verstand zu hoch.«
+
+»Wovon handelt, wenn ich fragen darf, der Aufsatz?« fragte bescheiden
+Bassistow, der in einiger Entfernung saß.
+
+»Vom Tragischen im Leben und in der Kunst,« wiederholte Rudin.
+»Hier, Herr Bassistow wird ihn auch lesen. Übrigens bin ich, was den
+Grundgedanken angeht, noch nicht mit mir im reinen. Ich habe mir
+bis jetzt noch nicht hinreichend die tragische Bedeutung der Liebe
+klargemacht.«
+
+Rudin ließ sich gern und häufig über Liebe aus. Beim Worte Liebe
+war Mlle. Boncourt bisher immer zusammengefahren und hatte die
+Ohren gespitzt wie ein alter Schlachtgaul, der die Trompeten hört;
+nachher aber wurde sie es gewohnt und begnügte sich, die Lippen
+zusammenzuziehen und in Zwischenräumen Tabak zu schnupfen.
+
+»Mich dünkt,« bemerkte Natalia schüchtern, »das Tragische in der Liebe
+– das ist die unglückliche Liebe.«
+
+»Keineswegs!« erwiderte Rudin, »das ist eher die komische Seite in der
+Liebe … Man muß diese Frage ganz anders stellen … tiefer hineingreifen
+… Die Liebe!« fuhr er fort, »in ihr ist alles Geheimnis, wie sie kommt,
+wie sie sich entwickelt, wie sie verschwindet. Bald zeigt sie sich
+plötzlich, unzweideutig, freudig, wie der Tag; bald glimmt sie lange,
+wie die Glut unter der Asche, und bricht als Flamme in der Seele aus,
+wenn alles bereits zerstört ist; bald schleicht sie sich schlangenhaft
+ins Herz hinein und unerwartet wieder hinaus … Ja, ja; das ist eine
+bedeutsame Frage. Und wer liebt wohl zu jetziger Zeit? Wer erkühnt sich
+zu lieben?«
+
+Rudin wurde nachdenkend.
+
+»Weshalb zeigt sich aber Sergei Pawlitsch schon so lange nicht mehr?«
+fragte er plötzlich.
+
+Natalia wurde über und über rot und senkte den Kopf auf ihren
+Stickrahmen.
+
+»Ich weiß es nicht,« antwortete sie leise.
+
+»Was für ein herrlicher, vortrefflicher Mensch,« sagte aufstehend
+Rudin. »Das ist einer der besten Vertreter des jetzigen russischen
+Adels …«
+
+Mlle. Boncourt betrachtete ihn von der Seite mit ihren kleinen,
+französischen Augen.
+
+Rudin ging einige Male durchs Zimmer.
+
+»Haben Sie vielleicht die Bemerkung gemacht,« hub er an, sich rasch
+auf den Absätzen umdrehend, »daß die Eiche – und die Eiche ist ein
+starker Baum – ihr altes Laub erst dann abwirft, wenn das neue bereits
+hervorzubrechen beginnt?«
+
+»Ja,« erwiderte langsam Natalia, »ich habe das beobachtet.«
+
+»Ganz dasselbe ist auch der Fall mit alter Liebe in einem starken
+Herzen: sie ist bereits abgestorben, hält sich aber noch immer; und nur
+eine andere, neue Liebe vermag sie zu verdrängen.«
+
+Natalia erwiderte nichts.
+
+»Was soll das bedeuten?« dachte sie.
+
+Rudin blieb eine Weile stehen, schüttelte die Haare und entfernte sich.
+
+Natalia ging auf ihr Zimmer. Lange blieb sie in Nachdenken versunken
+auf ihrem Bettchen sitzen, lange dachte sie über die letzten Worte
+Rudins nach, drückte plötzlich die Hände zusammen und brach in Tränen
+aus. Worüber sie geweint hat – das weiß Gott allein! Sie selbst wußte
+nicht, warum sie so plötzlich weinen mußte. Sie trocknete ihre Tränen,
+doch von neuem flossen sie, gleich dem Wasser einer lange verhaltenen
+Quelle.
+
+ * * * * *
+
+An eben diesem Tage war Rudin der Gegenstand eines Gesprächs zwischen
+Alexandra Pawlowna und Leschnew. Anfangs wollte letzterer sich durch
+Schweigen abfinden; sie hatte es aber darauf angelegt, etwas aus ihm
+herauszubringen.
+
+»Ich sehe,« sagte sie zu ihm, »Dmitri Nikolajewitsch gefällt Ihnen
+nach wie vor nicht. Ich habe Sie absichtlich bis heute nicht befragt;
+jetzt aber müssen Sie die Gewißheit gewonnen haben, ob in ihm eine
+Veränderung vorgegangen ist, und ich wünsche zu erfahren, weshalb er
+Ihnen nicht gefällt.«
+
+»Sehr wohl,« erwiderte Leschnew mit gewohntem Phlegma, »wenn Sie
+wirklich so ungeduldig sind; doch, merken Sie sich’s, Sie müssen nicht
+böse werden …«
+
+»Nun, fangen Sie an, fangen Sie an.«
+
+»Und lassen Sie mich ausreden, bis zu Ende.«
+
+»Gut, gut; fangen Sie an.«
+
+»So will ich Ihnen denn sagen,« begann Leschnew, sich langsam auf den
+Diwan niederlassend, »mir gefällt Rudin in der Tat nicht. Er ist ein
+kluger Mensch …«
+
+»Das ist nicht zu leugnen!«
+
+»Er ist ein auffallend kluger Mensch, wenn auch im Grunde gehaltlos …«
+
+»Das ist leicht gesagt!«
+
+»Obgleich im Grunde gehaltlos,« wiederholte Leschnew, »das tut aber
+weiter nichts: wir sind alle gehaltlose Menschen. Ich rechne es ihm
+sogar nicht als Schuld an, daß er herrschsüchtigen Geistes ist, träge,
+nicht sehr kenntnisreich …«
+
+Alexandra Pawlowna schlug die Hände zusammen.
+
+»Rudin nicht sehr kenntnisreich!« rief sie aus.
+
+»Nicht sehr kenntnisreich,« wiederholte Leschnew ganz in demselben
+Tone, »auch daß er es liebt, auf Kosten anderer zu leben, eine Rolle
+spielen will und so weiter … das ist alles in der Ordnung. Schlecht ist
+es aber, daß er kalt ist wie Eis.«
+
+»Er, diese feurige Seele, kalt!« unterbrach ihn Alexandra Pawlowna.
+
+»Ja, kalt wie Eis, und er weiß es und spielt den Feurigen. Schlecht ist
+das,« fuhr Leschnew, allmählich sich belebend, fort, »denn es ist ein
+gefährliches Spiel, das er spielt – gefährlich, nicht für ihn, versteht
+sich, keinen Kopeken, kein Härchen setzt er auf die Karte – andere
+dagegen setzen ihre Seele ein …«
+
+»Von wem, wovon reden Sie? Ich verstehe Sie nicht,« sagte Alexandra
+Pawlowna.
+
+»Schlecht ist, daß er nicht ehrlich ist. Weil er ein Mann von Geist
+ist, muß er den Wert seiner Worte kennen, – und doch läßt er sie von
+seinen Lippen fallen, als ob sie ihm aus dem Herzen kämen … Nun ja, er
+ist beredt; seine Beredsamkeit ist aber nicht die eines Russen. Und
+dann – verzeiht man auch der Jugend Schönrednerei, in seinem Alter
+ist es eine Schande, am Getön eigener Worte Gefallen zu finden, eine
+Schande, sich derartig zur Schau zu stellen.«
+
+»Mich dünkt, Michael Michailitsch, für den Zuhörer ist es ganz gleich,
+ob man sich zur Schau stellt oder nicht …«
+
+»Bitte um Vergebung, Alexandra Pawlowna, es ist nicht ganz gleich. Es
+kann mir jemand ein Wort sagen und es dringt mir durch Mark und Bein,
+ein anderer sagt mir genau dasselbe Wort und vielleicht noch schöner –
+und es wird mir nicht einmal das Ohr kitzeln. Woher kommt das?«
+
+»Das heißt, _Ihr_ Ohr wird es nicht kitzeln,« unterbrach ihn Alexandra
+Pawlowna.
+
+»Ja, mein Ohr,« erwiderte Leschnew, »obgleich ich vielleicht große
+Ohren habe. Die Sache ist die, daß Rudins Worte eben nur Worte bleiben
+und niemals zu Taten werden, dennoch aber können diese seine Worte
+Verwirrungen erzeugen in einem jungen Herzen und dasselbe zugrunde
+richten.«
+
+»Von wem, von wem reden Sie aber, Michael Michailitsch?«
+
+Leschnew zögerte.
+
+»Sie wünschen zu wissen, von wem ich rede? Von Natalia Alexejewna.«
+
+Alexandra Pawlowna wurde für einen Augenblick verwirrt, lächelte aber
+gleich darauf.
+
+»Du lieber Gott!« begann sie, »was für sonderbare Einfälle Sie immer
+haben! Natalia ist noch ein Kind; und dann, gesetzt es wäre auch etwas
+daran, so werden Sie doch nicht glauben, daß Darja Michailowna …«
+
+»Darja Michailowna ist vor allem eine Egoistin und lebt nur für sich;
+dann aber ist sie so sehr von ihrer Erfahrung in Erziehung der Kinder
+überzeugt, daß es ihr nicht einmal einfällt, um ihre Tochter besorgt
+zu sein. Bewahre! Wie könnte sie das! Ein Wink, ein majestätischer
+Blick – und alles muß wie am Drahte gehen. Das ist’s, woran diese
+Gnädige denkt, die sich eine Beschützerin der Künste und Wissenschaften
+dünkt, sich für einen hohen Geist und Gott weiß was noch hält, in der
+Tat aber weiter nichts ist als ein altes Weltdämchen. Natalia ist
+kein Kind; glauben Sie mir, sie gibt sich häufigeren und tieferen
+Betrachtungen hin als wir beide. Und da mußte solch ein ehrliches,
+leidenschaftliches Gemüt auf diesen Schauspieler, diesen Gecken stoßen!
+Übrigens ist auch dies in der Ordnung.«
+
+»Gecken! Sie nennen ihn einen Gecken?«
+
+»Natürlich ihn … Sagen Sie doch selbst, Alexandra Pawlowna, was für
+eine Rolle spielt er bei Darja Michailowna? Den Götzen, das Orakel des
+Hauses vorstellen, sich in die Wirtschaft, in häusliche Klatschereien
+und Lappalien mischen – ist das wohl eines Mannes würdig?«
+
+Alexandra Pawlowna blickte Leschnew mit Erstaunen an.
+
+»Ich erkenne Sie nicht wieder, Michael Michailitsch,« sagte sie. »Das
+Blut ist Ihnen ins Gesicht gestiegen, Sie sind in Aufregung. – Nein,
+wahrhaftig, da steckt etwas anderes dahinter …«
+
+»Nun, da haben wir’s! Sagt man einer Frau die Wahrheit auf sein
+Gewissen – sie wird sich nicht zufrieden geben, bevor sie nicht
+irgendeinen nichtigen Nebengrund erdichtet, weshalb man gerade so und
+nicht anders geredet hat.«
+
+Alexandra Pawlowna wurde böse.
+
+»Bravo, Monsieur Leschnew! Sie fangen an, die Frauen nicht besser
+zu behandeln, als Herr Pigassow es tut; doch, mit Ihrer Erlaubnis,
+wie scharfsichtig Sie auch sein mögen, wird es mir doch schwer, zu
+glauben, daß Sie in so kurzer Zeit alle und alles durchdringen konnten.
+Mir scheint, Sie sind im Irrtum. In Ihren Augen wäre Rudin eine Art
+Tartüffe.«
+
+»Das ist’s eben, daß er nicht einmal ein Tartüffe ist. Tartüffe, der
+wußte wenigstens, um was es ihm zu tun war; dieser aber, trotz seines
+Verstandes …«
+
+Leschnew hielt inne.
+
+»Nun denn, dieser also? Reden Sie aus, Sie ungerechter, garstiger
+Mensch!«
+
+Leschnew erhob sich.
+
+»Hören Sie, Alexandra Pawlowna,« begann er, »ungerecht sind Sie, nicht
+ich. Sie zürnen mir wegen meines strengen Urteils über Rudin: ich
+habe ein Recht, mich über ihn streng zu äußern! Vielleicht habe ich
+dieses Recht nicht um billigen Preis erkauft. Ich kenne ihn gut: habe
+lange mit ihm zusammen gelebt. Erinnern Sie sich, ich versprach Ihnen
+gelegentlich, unser Leben in Moskau zu erzählen. Wie es scheint, muß
+ich es wohl jetzt tun. Werden Sie aber die Geduld haben, mich bis zu
+Ende anzuhören?«
+
+»Reden Sie, reden Sie!«
+
+»Wohlan denn!«
+
+Leschnew begann langsamen Schrittes durch das Zimmer zu gehen, von Zeit
+zu Zeit blieb er stehen und senkte den Kopf nach vorn.
+
+»Vielleicht ist es Ihnen bekannt,« hub er an, »vielleicht auch nicht,
+daß ich früh als Waise zurückblieb und bereits im siebzehnten Jahre
+keine andere Autorität über mich kannte als die eigene. Ich lebte im
+Hause meiner Tante in Moskau und tat, was ich wollte. Ich war ein
+ziemlich hohler und selbstsüchtiger Bursche und liebte mich zu brüsten
+und großzutun. Als ich die Universität bezogen hatte, war mein Betragen
+das eines Schuljungen und verwickelte mich bald in eine höchst fatale
+Geschichte. Ich will sie Ihnen nicht erzählen: es lohnt nicht. Ich
+hatte mir eine Lüge zuschulden kommen lassen, eine ziemlich garstige
+Lüge … Die Sache kam heraus, ich ward überführt, beschämt … ich war
+verwirrt und weinte wie ein Kind. Das ereignete sich in der Wohnung
+eines Bekannten, in Gegenwart unserer Gefährten. Alle machten sich
+lustig über mich, alle, einen Studenten ausgenommen, der, bitte zu
+beachten, mehr als die übrigen unwillig über mich gewesen war, solange
+ich verstockt blieb und meine Lüge nicht eingestanden hatte. Tat ich
+ihm vielleicht leid – genug, er nahm mich unter den Arm und führte mich
+zu sich.«
+
+»Das war Rudin?« fragte Alexandra Pawlowna.
+
+»Nein, es war nicht Rudin … das war ein Mensch … er ist jetzt schon
+tot … das war ein ungewöhnlicher Mensch. Er hieß Pokorski. Ihn mit
+wenigen Worten zu schildern, bin ich nicht imstande, kommt sein Name
+mir auf die Lippen, dann vergeht mir die Lust, von jedem anderen zu
+sprechen. Das war eine erhabene reine Seele und ein Geist, wie er mir
+nachher nicht wieder vorgekommen ist. Pokorski bewohnte ein kleines,
+niedriges Stübchen im Halbgeschosse eines alten, hölzernen Häuschens.
+Er war sehr arm und schlug sich, so gut es ging, mit Unterrichtgeben
+durch. Es kamen Zeiten, wo er nicht einmal mit einer Tasse Tee seinen
+Gast zu bewirten imstande war, und sein einziger Diwan war dermaßen
+eingesessen, daß er einem Boote nicht unähnlich sah. Dennoch, trotz des
+Mangels an Bequemlichkeiten, besuchten ihn viele. Es hatten ihn alle
+lieb und er zog die Herzen an. Sie können sich nicht vorstellen, wie
+angenehm und heiter es sich in seinem ärmlichen Stübchen saß! Bei ihm
+wurde ich mit Rudin bekannt. Er hatte sich damals bereits von seinem
+Fürstensöhnchen getrennt.«
+
+»Was hatte denn jener Pokorski Besonderes an sich?« fragte Alexandra
+Pawlowna.
+
+»Wie soll ich Ihnen das erklären? Poesie und Wahrheit – das zog alle
+zu ihm hin. Bei seinem hellen, weiten Geiste war er liebenswürdig und
+unterhaltend, wie ein Kind. Noch jetzt tönt sein frohes Lachen in
+meinen Ohren nach, und dabei
+
+ ›Glühte er still und unauslöschlich für das Gute
+ Wie vor dem Heiligenbild die nächtliche Lampe …‹
+
+wie sich über ihn ein halbverrückter, überaus liebenswürdiger Poet
+unseres Kreises ausgedrückt hat.«
+
+»Und wie sprach er?« fragte wieder Alexandra Pawlowna.
+
+»Er sprach gut, wenn er aufgelegt war, doch nicht auffallend. Rudin
+war schon damals zwanzigmal beredter als er.«
+
+Leschnew hielt inne und kreuzte die Arme übereinander.
+
+»Pokorski und Rudin glichen einander nicht. An Rudin war gleich
+mehr Glanz und Effekt, mehr Phrase, und – wenn Sie wollen – mehr
+Begeisterung. Er schien viel mehr Talent zu besitzen als Pokorski,
+in der Tat aber war er, im Vergleich zu ihm, ein armer Wicht. Rudin
+entwickelte ganz vorzüglich jeden beliebigen Gedanken und disputierte
+meisterhaft; die Gedanken entsprangen aber nicht aus seinem Kopfe: er
+stahl sie anderen, vorzüglich Pokorski. Dieser war äußerlich ruhig und
+sanft, fast schwach – liebte die Frauen bis zur Narrheit, zechte gern
+und würde von niemandem eine Beleidigung ertragen haben. Rudin schien
+voll Feuer, Kühnheit, Leben, war jedoch im Innern der Seele kalt und
+beinahe ein Poltron, solange seine Selbstliebe nicht angefochten wurde:
+dann aber konnte er aus der Haut fahren. Er suchte beständig, andere
+zu beherrschen, tat es aber immer im Namen allgemeiner Prinzipien und
+Ideen und gewann dadurch wirklich großen Einfluß auf viele. Es ist
+wahr, niemand liebte ihn; ich war vielleicht der einzige, der sich an
+ihn geschlossen hatte. Sein Joch wurde ertragen … Pokorski unterwarfen
+sich alle von selbst. Rudin vermied aber auch niemals, sich mit dem
+ersten besten in Unterhaltung oder Wortstreit einzulassen … Er hatte
+nicht viel gelesen, jedenfalls aber bedeutend mehr als Pokorski und
+wir alle, überdies besaß er einen systematischen Verstand und ein
+ungeheures Gedächtnis, dies alles aber verfehlt niemals seine Wirkung
+auf die Jugend! Ein Resultat muß sie haben, Abschlüsse, wenn auch
+falsche, aber es müssen Abschlüsse sein! Ein durchweg ehrenhafter
+Mensch taugt dazu nichts. Versuchen Sie es, der Jugend zu gestehen, daß
+Sie ihr reine Wahrheit nicht reichen können, weil Sie selbst solche
+nicht besitzen … die Jugend wird Sie nicht anhören wollen. Sie geradezu
+hinter das Licht führen können Sie aber auch nicht. Es ist durchaus
+notwendig, daß Sie selbst, wenn auch nur zur Hälfte, glauben, Sie seien
+im Besitze der Wahrheit … Darum war denn auch die Wirkung, die Rudin
+auf unsereinen ausübte, so mächtig. Nun sehen Sie, ich sagte Ihnen
+soeben, daß er nicht viel gelesen hatte; es waren aber philosophische
+Bücher, die er las, und sein Kopf war so eingerichtet, daß er aus dem,
+was er gelesen hatte, sogleich das Allgemeine herausnahm, sich an die
+Wurzel der Sache klammerte und dann erst von derselben aus, nach allen
+Seiten hin, klare und gerade Gedankenfäden zog, geistige Fernsichten
+eröffnete. Unseren damaligen Kreis bildeten, offen gestanden, Knaben
+– und nur oberflächlich gebildete Knaben. Philosophie, Kunst,
+Wissenschaft, das Leben selbst – alles das waren für uns nur Worte,
+vielleicht auch Begriffe, anziehende, herrliche, aber zerstreute,
+vereinzelte Begriffe. Von einem allgemeinen Zusammenhange dieser
+Vorstellungen, von einem allgemeinen Weltgesetze hatten wir keine
+Ahnung, nichts davon stand vor unseren Blicken, obgleich wir unbestimmt
+disputierten und uns abmühten, uns Licht darüber zu verschaffen. Hörten
+wir Rudin sprechen, so glaubten wir zum ersten Male, ihn endlich erfaßt
+zu haben, diesen allgemeinen Zusammenhang, wir wähnten, der Vorhang
+sei endlich vor uns aufgehoben! Gesetzt auch, er habe nicht Eigenes
+vorgetragen – was tat es! Eine regelmäßige Ordnung war in unserem
+ganzen Wissen eingetreten, alles Verworrene hatte sich gesammelt,
+geschichtet und war vor uns aufgewachsen, wie ein Bau, überall war
+Licht und wehte Lebensgeist … Nichts blieb unverständlich, zufällig:
+aus allem sprach vernünftige Notwendigkeit und Schönheit, alles bekam
+eine klare und zugleich geheimnisvolle Bedeutung, jede vereinzelte
+Erscheinung im Leben tönte wie ein Akkord, und wir selbst, von einer
+heiligen Scheu, einem sanften Herzensschauer erfüllt, dünkten uns
+belebte Gefäße jener ewigen Wahrheit, ihre Werkzeuge, zu etwas Großem
+berufen … Kommt Ihnen das nicht lächerlich vor?«
+
+»Nicht im mindesten!« erwiderte Alexandra Pawlowna gedehnt. »Warum
+glauben Sie das? Ich verstehe Sie nicht ganz, finde es aber nicht
+lächerlich.«
+
+»Seit der Zeit sind wir freilich klüger geworden,« fuhr Leschnew
+fort, »das muß uns alles jetzt wie Kinderei vorkommen … Doch, ich
+wiederhole es, wir hatten damals Rudin viel zu verdanken. Pokorski
+stand unvergleichlich höher als er, dagegen ist nichts zu sagen;
+Pokorski flößte uns allen Feuer und Kraft ein, er fühlte sich indessen
+zu gewissen Zeiten schlaff und wurde schweigsam. Er war ein nervöser,
+krankhafter Mensch; wenn er aber seine Flügel entfaltete – Gott! Wohin
+nahm er dann seinen Flug! Gerade in das tiefste Blau des Himmels
+hinein! In Rudin hingegen, diesem schönen und stattlichen Jungen, gab
+es viel Kleinliches; er machte sogar Klatschereien; seine Leidenschaft
+war es, sich in alles zu mischen, über alles sein Wort abzugeben, alles
+zu erklären. Seine rührige Tätigkeit gönnte sich niemals Ruhe … ein
+politischer Geist das! Ich rede von ihm, wie ich ihn damals gekannt
+habe. Er hat sich übrigens leider nicht verändert. Und auch in seinen
+Überzeugungen ist keine Veränderung eingetreten … bei fünfunddreißig
+Jahren! … Das kann nicht jeder von sich sagen.«
+
+»Setzen Sie sich,« sagte Alexandra Pawlowna zu ihm, »Sie brauchen ja
+nicht wie ein Perpendikel das Zimmer zu durchlaufen!«
+
+»Mir ist’s so bequemer,« erwiderte Leschnew. »Kaum war ich in den Kreis
+Pokorskis hineingeraten, so war ich wie umgewandelt: ich demütigte
+mich, fragte, lernte, freute mich, empfand eine Art von Ehrfurcht,
+wie wenn ich in einen Tempel getreten wäre. Und in der Tat, wenn
+ich an unsere Zusammenkünfte zurückdenke, ja, bei Gott, es war viel
+Gutes, ja Rührendes in ihnen. Stellen Sie sich eine Gesellschaft von
+fünf, sechs jungen Burschen vor, ein einziges Talglicht brennt, es
+wird ein abscheulicher Tee getrunken mit altem, ganz altem Zwieback
+dazu; zugleich aber betrachten Sie unsere Gesichter und hören unsere
+Reden! In den Blicken eines jeden – Entzücken, es glühen die Wangen,
+das Herz klopft, wir reden von Gott, von Wahrheit, von der Zukunft
+der Menschen, von Poesie, – zuweilen auch Unsinn, lassen uns von
+einem Nichts hinreißen; was tut das aber! … Pokorski sitzt da, mit
+untergeschlagenen Beinen, seine Hand stützt die bleiche Wange: seine
+Augen leuchten. Rudin steht mitten im Zimmer und redet, redet schön,
+das treue Abbild eines jugendlichen Demosthenes vor dem brausenden
+Meere; Ssubotin, der Poet mit verwühltem Haar, stößt von Zeit zu Zeit
+und wie im Traume abgebrochene Sätze aus; ein vierzigjähriger Bursche,
+Sohn eines deutschen Pastors, Scheller genannt, der wegen seines
+beständigen, unverbrüchlichen Schweigens unter uns sich den Ruf eines
+überaus tiefen Denkers erworben hatte, schweigt auf ganz besonders
+feierliche Weise – und der heitere Stschitow selbst, der Aristophanes
+unseres Kreises, wird stille und lächelt bloß; zwei drei Neulinge
+horchen mit begeistertem Entzücken auf … Und die Nacht zieht unbemerkt
+in stillem Fluge wie auf Fittichen vorüber. Da graut schon der Morgen,
+und gerührt, heiter, ehrsam, nüchtern – an Wein dachte man damals bei
+uns nicht – und mit einer gewissen, der Seele wohltuenden Müdigkeit
+gehen wir auseinander … Noch jetzt denke ich daran, wie ich, ganz in
+Rührung zerflossen, die menschenleeren Gassen durchstreifte und sogar
+den Sternen zutrauliche Blicke zuwarf, als wären sie mir näher gerückt
+und verständlicher geworden … Oh! Die herrliche Zeit damals, und ich
+kann nicht glauben, daß sie nutzlos verlorengegangen ist! Und sie ist
+es auch nicht – sie ist nicht verloren, selbst für diejenigen nicht,
+welche nachmals in der Alltäglichkeit des Lebens untergingen … Wie
+oft sind mir dergleichen Leute, einstige Kommilitonen, vorgekommen!
+Man hätte glauben können, ganz vertiert wäre der Mensch, – und es
+bedürfte nur des Namens Pokorski –, so wurde sogleich alles Gute, das
+in ihm übriggeblieben war, rege, wie wenn man in einem schmutzigen und
+finsteren Gemache ein liegengebliebenes Fläschchen voll Wohlgeruch
+öffnet …«
+
+Leschnew schwieg; sein bleiches Gesicht hatte sich gerötet.
+
+»Weshalb aber, wann – haben Sie sich mit Rudin entzweit?« fragte
+Alexandra Pawlowna mit verwundertem Blick.
+
+»Ich habe mich nicht mit ihm entzweit; ich trennte mich von ihm, als
+ich ihn im Auslande genau kennengelernt hatte. Aber schon in Moskau
+hätten wir uns entzweien können. Schon damals spielte er mir einen
+bösen Streich.«
+
+»Was war denn das?«
+
+»Das will ich Ihnen sagen. Ich war … wie soll ich mich ausdrücken? Zu
+meiner Figur paßt das nicht … ich war von jeher sehr geneigt, mich zu
+verlieben.«
+
+»Sie?«
+
+»Ja, ich! Das ist sonderbar, nicht wahr? Dem ist aber doch so … Nun,
+ich verliebte mich also damals in ein sehr liebliches Mädchen … Warum
+sehen Sie mich denn so an? Ich könnte Ihnen von mir eine bei weitem
+wunderbarere Geschichte erzählen.«
+
+»Was für eine Geschichte? Wenn ich fragen darf? Sie machen mich
+neugierig.«
+
+»Einfach folgende: Zu jener Zeit in Moskau pflegte ich bei Nacht
+mich zu einem Rendezvous einzustellen … mit wem meinen Sie wohl? Mit
+einer jungen Linde am Ende eines Gartens. Ich hielt ihren dünnen und
+schlanken Stamm umfangen, und es deuchte mir, ich umfasse die ganze
+Natur, und das Herz wurde mir weit und verging in Liebe, als ob
+wirklich die ganze Natur sich in dasselbe ergossen hätte … Ja, so war
+ich! … Doch was! Sie glauben vielleicht auch, ich hätte damals keine
+Verse gemacht? Ich habe es dennoch getan, ja sogar eine Nachbildung des
+›Manfred‹ von Byron! Unter den handelnden Personen kam ein Gespenst
+vor, mit Blut auf der Brust, und, wohl verstanden, nicht sein eigenes
+Blut, sondern das Blut der Menschheit überhaupt … Ja, ja, also wundern
+Sie sich nicht … Doch, ich fing an, von meiner Liebe zu erzählen. Ich
+machte also die Bekanntschaft eines jungen Mädchens …«
+
+»Und hörten auf, zu der Linde zu gehen?« fragte Alexandra Pawlowna.
+
+»Hörte auf hinzugehen. Jenes junge Mädchen war ein herzensgutes,
+allerliebstes Geschöpfchen mit lebhaften, klaren Augen und
+hellklingender Stimme.«
+
+»Sie schildern sehr gut,« bemerkte mit einem feinen Lächeln Alexandra
+Pawlowna.
+
+»Sie aber sind eine strenge Richterin,« erwiderte Leschnew. »Nun,
+dieses Mädchen wohnte bei ihrem greisen Vater … Doch ich will mich
+nicht in Details einlassen. Ich muß Ihnen aber wiederholen, daß dieses
+junge Mädchen wirklich herzensgut war – goß sie mir doch immer beim Tee
+das Glas bis zum Rande voll, wenn ich auch nur um ein halbes gebeten
+hatte! … Drei Tage nach unserem ersten Zusammentreffen war ich schon
+in Liebe zu ihr entbrannt, am siebenten Tage hielt ich es nicht mehr
+aus und teilte Rudin alles mit. Junge Leute, wenn sie verliebt sind,
+können es nicht für sich behalten; ich beichtete also Rudin alles. Ich
+stand damals ganz unter seinem Einflusse, und dieser Einfluß, ich muß
+es unverhohlen bekennen, war in vieler Hinsicht wohltuend. Er war der
+erste, der mich nicht geringachtete, er gab mir den nötigen Schliff.
+Pokorski liebte ich leidenschaftlich, aber ich empfand eine gewisse
+Scheu vor seiner reinen Seele, Rudin stand mir näher. Als er von meiner
+Liebe hörte, geriet er in unbeschreibliches Entzücken, gratulierte
+mir, umarmte mich und begann sogleich mich belehren, mir die große
+Wichtigkeit meiner neuen Lage auseinanderzusetzen. Ich war ganz Ohr
+… Nun, Sie wissen ja, wie er zu reden versteht. Seine Worte machten
+auf mich einen außerordentlichen Eindruck. Ich bekam auf einmal eine
+merkwürdige Achtung vor mir selbst, nahm eine ernsthafte Miene an und
+lachte nicht mehr. Ich weiß es noch, ich fing sogar an, vorsichtiger
+aufzutreten, als trüge ich in der Brust ein Gefäß, mit kostbarer
+Flüssigkeit angefüllt, die ich zu verschütten befürchtete … Ich fühlte
+mich so hoch beglückt, um so mehr, da mir unverkennbare Beweise von
+Wohlwollen zuteil wurden. Rudin äußerte den Wunsch, die Bekanntschaft
+des Gegenstandes meiner Liebe zu machen, und vielleicht war ich es
+selbst, der darauf bestand, daß er ihm vorgestellt werde.«
+
+»Nun, ich sehe, sehe jetzt, wo dies hinausläuft,« unterbrach ihn
+Alexandra Pawlowna. »Rudin hat Ihnen Ihren Gegenstand abgejagt, und Sie
+können es ihm bis jetzt nicht verzeihen … Ich wollte wetten, ich habe
+es getroffen!«
+
+»Und Sie würden Ihre Wette verlieren, Alexandra Pawlowna: Sie sind im
+Irrtum. Rudin hat mir meinen Gegenstand nicht abgejagt und wollte ihn
+mir auch nicht abjagen; er hat aber dennoch mein Glück zertrümmert,
+obgleich ich ihm jetzt, wenn ich es mit kaltem Blute betrachte, Dank
+dafür wissen möchte. Damals aber verlor ich beinahe den Verstand. Rudin
+wollte mir keineswegs schaden – im Gegenteil! Doch, getreu seiner
+unglückseligen Gewohnheit: jede Regung des Lebens, des eigenen sowohl
+wie des anderen, an ein Wort zu spießen, wie den Schmetterling an die
+Nadel, begann er uns über uns selbst aufzuklären, unser Verhältnis,
+unser gegenseitiges Benehmen zu analysieren, er zwang uns despotisch,
+ihm Rechenschaft abzulegen von unseren Gedanken, erteilte uns Lob und
+Tadel, ja – wollen Sie es glauben – er ließ sich mit uns sogar in
+einen Briefwechsel ein! … Kurz, wir wurden durch ihn ganz und gar irre
+aneinander! Ich würde wohl damals schwerlich meine Schöne geheiratet
+haben, soviel gesunder Verstand war mir noch geblieben, wir hätten aber
+immerhin, gleich Paul und Virginie, einige glückliche Monate verbringen
+können; so aber kam es zu Mißverständnissen und Spannungen aller Art –
+mit einem Worte, es wurde ein völliger Wirrwarr daraus. Das Ende vom
+Liede war, daß Rudin eines schönen Morgens aus seinen eigenen Reden die
+Überzeugung herausschälte: es läge ihm, als dem Freunde, die heilige
+Verpflichtung ob, den greisen Vater von allem in Kenntnis zu setzen,
+und das hat er auch getan.«
+
+»Wäre es möglich?« rief Alexandra Pawlowna aus.
+
+»Ja, doch nicht zu vergessen, mit meiner Einwilligung – das ist das
+Wunderbare! Ich erinnere mich jetzt noch, welch ein Chaos ich damals
+im Kopf mit mir umherschleppte: es drehte sich und verrückte sich in
+demselben alles, wie in einer Camera obscura: was weiß gewesen, zeigte
+sich schwarz, Schwarzes – weiß, Lüge schien Wahrheit, Einbildung –
+Pflicht geworden zu sein … Oh! Noch jetzt fühle ich mich beschämt, wenn
+ich daran denke! Rudin, – der verlor den Mut nicht … warum sollte er
+es auch! Er flog nur so hinweg über Mißverständnisse und Verwicklungen
+aller Art, wie die Schwalbe über den Teich.«
+
+»Und so schieden Sie denn von Ihrem Mädchen?« fragte Alexandra
+Pawlowna, das Köpfchen naiv auf die Seite neigend und die Augenbrauen
+heraufziehend.
+
+»Ich schied von ihr … und es war ein schlechtes, ein beleidigendes,
+ungeschicktes, unnützerweise offenkundiges Scheiden … Ich weinte, sie
+weinte und der Teufel weiß, was daraus wurde … Es hatte sich da ein
+gordischer Knoten zusammengezogen – er mußte durchhauen werden, das tat
+wehe! Übrigens fügt sich alles auf der Welt zum besten. Sie hat einen
+braven Mann geheiratet und lebt jetzt glücklich …«
+
+»Gestehen Sie es, Sie haben Rudin doch nicht vergeben können …« warf
+Alexandra Pawlowna ein.
+
+»Sie irren sich!« erwiderte Leschnew, »geweint habe ich wie ein Kind,
+als ich bei seiner Abreise ins Ausland Abschied von ihm nahm. Die
+Wahrheit zu sagen, ist mir aber doch, schon damals, ein Stachel in
+der Seele steckengeblieben. Und als ich später im Auslande mit ihm
+zusammentraf … je nun, da war ich auch schon älter geworden … Rudin
+erschien mir in seinem wahren Lichte.«
+
+»Was war es denn, was Sie an ihm entdeckt hatten?«
+
+»Nun, alles, wovon ich Ihnen vor einer Stunde erzählte. Doch genug von
+ihm. Vielleicht endet noch alles gut. Ich wollte Ihnen nur beweisen,
+daß, wenn ich über ihn ein strenges Urteil fälle, ich es nicht tue,
+weil ich ihn etwa nicht kenne … Was indessen Natalia Alexejewna
+betrifft, so will ich nicht unnütze Worte verlieren; Sie aber mögen auf
+Ihren Bruder achtgeben.«
+
+»Auf meinen Bruder! Was ist denn mit ihm?«
+
+»Sehen Sie ihn doch nur an. Bemerken Sie denn nichts?«
+
+Alexandra Pawlowna senkte den Kopf.
+
+»Sie haben recht,« sagte sie, »mein Bruder … seit einiger Zeit erkenne
+ich ihn nicht wieder … Glauben Sie aber wirklich …«
+
+»Still! Er kommt, deucht mir,« flüsterte Leschnew. »Natalia ist gewiß
+kein Kind mehr, glauben Sie mir’s, obschon sie unerfahren ist wie ein
+solches. Sie werden sehen, dieses kleine Mädchen wird uns noch alle in
+Erstaunen setzen.«
+
+»Wodurch meinen Sie?«
+
+»So meine ich: solche kleine Mädchen pflegen sich ins Wasser zu
+stürzen, Gift zu nehmen und dergleichen mehr. Beurteilen Sie sie nicht
+nach ihrem ruhigen Aussehen, sie besitzt heftige Leidenschaften und
+auch Charakter, verlassen Sie sich darauf!«
+
+»Nun, mir scheint, Sie versteigen sich in das Reich der Dichtung. Einem
+solchen Phlegmatiker wie Ihnen könnte auch ich noch als ein Vulkan
+erscheinen.«
+
+»O nein!« äußerte Leschnew lächelnd … »Was Charakter anbetrifft – davon
+besitzen Sie, Gott sei Dank, nichts.«
+
+»Was ist das wieder für ein unartiger Ausfall!«
+
+»Wie? Ich bitte Sie, das ist ja das allergrößte Kompliment …«
+
+Wolinzow trat herein und warf einen mißtrauischen Blick auf Leschnew
+und seine Schwester. Er hatte in der letzten Zeit etwas abgenommen.
+Beide redeten ihn an; er würdigte aber ihre Scherze kaum eines Lächelns
+und hatte, wie sich einst Pigassow über ihn äußerte, die Miene eines
+»melancholischen Hasen«. Es hat aber wohl kaum jemals einen Menschen
+gegeben, der nicht, wenn auch nur einmal in seinem Leben, eine noch
+schlechtere Miene gezeigt hätte. Wolinzow fühlte, daß Natalia sich von
+ihm abwandte, mit ihr aber, so deuchte es ihm, schwand auch der Boden
+unter seinen Füßen.
+
+
+
+
+VII
+
+
+Der folgende Tag war ein Sonntag, und Natalia verließ spät ihr Lager.
+Tags zuvor war sie bis zum Abend sehr schweigsam gewesen, hatte sich
+insgeheim ihrer Tränen geschämt und schlecht geruht. Halb angekleidet
+vor dem kleinen Klavier sitzend, hatte sie, um Mlle. Boncourt nicht
+zu wecken, kaum hörbare Akkorde gegriffen, oder war, die Stirn an die
+kalten Tasten gedrückt, lange regungslos sitzengeblieben. Sie hatte
+fortwährend, nicht sowohl an Rudin selbst, als vielmehr an dieses
+oder jenes seiner Worte gedacht und sich gänzlich ihren Eindrücken
+hingegeben.
+
+Von Zeit zu Zeit tauchte Wolinzow in ihrer Erinnerung auf. Sie wußte,
+daß er sie liebe, doch sie verwarf den Gedanken an ihn sogleich
+wieder … Sie empfand eine eigentümliche Aufregung. Als der Morgen
+gekommen war, kleidete sie sich rasch an, ging hinunter, und nachdem
+sie ihrer Mutter einen guten Tag gewünscht hatte, benutzte sie einen
+günstigen Augenblick, um sich allein in den Garten zu begeben. Es
+war ein heißer, heller, sonniger Tag, wenn auch von Zeit zu Zeit von
+kurzem Regen unterbrochen. Niedrige wollige Wolkenknäuel zogen ruhig
+am reinen Himmel, ohne die Sonne zu verdecken, dahin und sandten den
+Feldern in Zwischenräumen heftige und plötzliche Regengüsse. Große,
+glänzende Tropfen fielen gleich Brillanten mit abgerissenem, trocknem
+Geräusch; die Sonnenstrahlen spielten mitten durch den Regen; das Gras,
+noch vor kurzem vom Winde bewegt, rührte sich nicht: es sog gierig
+die Feuchtigkeit auf; das benetzte Laub zitterte an den Bäumen; die
+Vögel hatten ihren Gesang nicht unterbrochen und es war eine Lust,
+dem munteren Gezwitscher derselben beim kühlen Rauschen und Murmeln
+des vorüberziehenden Regens zu lauschen. Kleine Staubwirbel zogen wie
+Rauch auf der Landstraße dahin, die von den heftig aufschlagenden
+Regentropfen wie gefleckt erschienen. Doch da ist das Wölkchen vorüber,
+ein leichter Wind hat sich erhoben, in Smaragden und Gold spielt das
+Gras … Blatt hat sich an Blatt gelegt, wie angeklebt, und lichter ist
+es in dem Laube geworden … Starker Duft steigt überall empor …
+
+Der Himmel hatte sich fast ganz aufgeklärt, als Natalia sich in
+den Garten begab. Frische und Stille umfingen sie, jene sanfte und
+beglückende Stille, welche im menschlichen Herzen sehnsuchtsvolles
+Mitgefühl und unbestimmtes, heimliches Verlangen hervorruft …
+
+Natalia wandelte den Teich entlang, in der langen Allee von
+Silberpappeln, als plötzlich vor ihr, wie aus dem Boden
+emporgeschossen, Rudin erschien.
+
+Sie wurde verwirrt. Er blickte ihr ins Gesicht.
+
+»Sie sind allein?« fragte er.
+
+»Ja, ich bin allein,« antwortete Natalia, »ich habe übrigens nur für
+eine Minute das Freie gesucht … Ich muß sogleich zurück.«
+
+»Ich werde Sie begleiten.«
+
+Und er ging an ihrer Seite hin.
+
+»Sie scheinen betrübt?« sagte er nach kurzem Schweigen.
+
+»Ich? … Und eben wollte ich Ihnen dieselbe Frage vorlegen! Sie sind,
+wie mir deucht, nicht aufgelegt.«
+
+»Vielleicht … ich bin es zuweilen. Mir kann man das leichter verzeihen
+als Ihnen.«
+
+»Weshalb das? Glauben Sie etwa, ich hätte keine Ursache, betrübt zu
+sein?«
+
+»In Ihren Jahren muß man das Leben genießen.«
+
+Einige Schritte ging Natalia schweigend weiter.
+
+»Dmitri Nikolaitsch!« begann sie.
+
+»Was wünschen Sie?«
+
+»Erinnern Sie sich … des Gleichnisses, das Sie gestern gebrauchten … es
+war … von der Eiche.«
+
+»Gewiß! Ich erinnere mich. Aber warum diese Frage?«
+
+Natalia warf verstohlen einen Blick auf Rudin.
+
+»Warum … was wollten Sie mit dem Gleichnisse sagen?«
+
+Rudin senkte den Kopf und ließ den Blick in die Weite schweifen.
+
+»Natalia Alexejewna!« fing er mit dem ihm eigenen, zurückhaltenden und
+bedeutungsvollen Ausdruck an, der seine Zuhörer stets glauben machte,
+er äußere kaum den zehnten Teil von dem, was ihm die Brust schwellte.
+»Natalia Alexejewna! Sie haben bemerken müssen, daß ich von meiner
+Vergangenheit wenig rede. Es gibt darin gewisse Saiten, die ich gar
+nicht berühre. Mein Herz … wer braucht überhaupt zu wissen, was in
+demselben vorgegangen ist? Solche Dinge zu offenbaren, habe ich stets
+für einen Frevel gehalten. Ihnen gegenüber jedoch bin ich aufrichtig:
+Sie erwecken mein Zutraun … Ich darf Ihnen kein Geheimnis daraus
+machen, daß auch ich geliebt und gelitten habe, wie alle … Wann und
+wie? davon lohnt sich’s nicht zu sprechen; genug, mein Herz hat der
+Freuden und Leiden viel erfahren …«
+
+Rudin hielt einen Augenblick inne.
+
+»Das, was ich Ihnen gestern sagte,« fuhr er fort, »ließ sich in
+gewisser Hinsicht auf mich anwenden, auf meine jetzige Lage. Doch
+wahrlich, es lohnt nicht, davon zu reden. Diese Seite des Lebens ist
+für mich bereits dahin. Mir bleibt jetzt nur, mich auf staubiger und
+heißer Landstraße in elendem Wagen von Station zu Station fortrütteln
+zu lassen … Wann ich mein Ziel erreichen – ob ich es überhaupt
+erreichen werde – das weiß Gott … Lassen Sie uns lieber von Ihnen
+sprechen.«
+
+»Wäre es möglich, Dmitri Nikolaitsch,« unterbrach ihn Natalia, »Sie
+erwarten nichts mehr vom Leben?«
+
+»O nein! Ich erwarte vieles; doch nicht für mich … Der Tätigkeit, der
+Freude am Handeln werde ich niemals entsagen; ich habe aber dem Genusse
+entsagt. Mein Hoffen, mein Träumen und mein persönliches Glück haben
+nichts miteinander gemein. Die Liebe (bei diesem Worte zuckte er die
+Achseln) … die Liebe: – ist nicht für mich; ich bin … ihrer nicht wert;
+ein Weib, welches liebt, hat das Recht des Anspruchs auf den ganzen
+Mann, ganz aber kann ich mich nicht hingeben. Und dann – Gefallen ist
+das Ziel und das Recht der Jugend: ich bin zu alt dazu. Wie sollte
+ich noch fremde Köpfe verdrehen? Gott helfe mir, den meinen auf den
+Schultern zu behalten!«
+
+»Ich verstehe,« äußerte Natalia, »wer einem hohen Ziele entgegenstrebt,
+darf nicht mehr an sich denken; warum aber wäre das Weib nicht
+imstande, einen solchen Menschen zu würdigen? Mich dünkt im Gegenteil,
+es würde sich eher von einem Egoisten abwenden … Alle jungen Leute,
+jene Jünglinge, wie Sie sagen, sind insgesamt – Egoisten, nur mit sich
+selbst beschäftigt, selbst wenn sie lieben. Glauben Sie mir, das Weib
+ist nicht bloß imstande, Aufopferung zu begreifen, sie versteht es
+auch, sich selbst zum Opfer zu bringen.«
+
+Natalias Wangen hatten sich leicht gerötet und ihre Augen glänzten. Vor
+ihrer Bekanntschaft mit Rudin würde man nie aus ihrem Munde eine so
+lange und feurige Rede vernommen haben.
+
+»Sie haben schon mehrmals meine Meinung von dem Berufe der Frauen
+gehört,« erwiderte Rudin mit herablassendem Lächeln, »Sie wissen, daß,
+meiner Ansicht nach, Johanna d’Arc allein Frankreich retten konnte …
+doch, nicht davon ist die Rede. Ich wollte von Ihnen sprechen. Sie
+stehen an der Schwelle des Lebens … Von Ihrer Zukunft zu sprechen,
+macht Vergnügen und ist nicht ohne Nutzen … Hören Sie mich: Sie
+wissen, ich bin Ihr Freund; ich nehme teil an Ihnen, wie etwa an
+einer Verwandten … darum, hoffe ich, werden Sie meine Frage nicht
+unbescheiden finden: sagen Sie mir, ist Ihr Herz bis jetzt ganz ruhig
+gewesen?«
+
+Natalia wurde feuerrot und antwortete nichts. Rudin blieb stehen und
+sie tat dasselbe.
+
+»Sind Sie mir böse?« fragte er.
+
+»Nein,« sagte sie, »ich hatte aber durchaus nicht erwartet …«
+
+»Übrigens«, fuhr er fort, »brauchen Sie mir nicht zu antworten. Ihr
+Geheimnis ist mir bekannt.«
+
+Fast erschrocken blickte Natalia ihn an.
+
+»Ja … ja; ich weiß, wer Ihnen gefällt. Und ich muß Ihnen sagen – eine
+bessere Wahl konnten Sie nicht treffen. Er ist ein vortrefflicher
+Mensch; er wird Sie zu schätzen verstehen; das Leben hat ihn noch nicht
+abgenutzt – seine Seele ist einfach und klar … er wird Sie glücklich
+machen.«
+
+»Von wem sprechen Sie, Dmitri Nikolajewitsch?«
+
+»Sie sollten nicht verstehen, von wem ich spreche? Natürlich von
+Wolinzow. Wie? Sollte ich mich geirrt haben?«
+
+Natalia wandte sich etwas von Rudin ab. Sie war ganz außer Fassung.
+
+»Liebt er Sie denn nicht? Gehen Sie doch! Er hat nur Augen für Sie
+und folgt jeder Ihrer Bewegungen; läßt sich denn überhaupt die Liebe
+verheimlichen? Und sind Sie ihm denn nicht selbst gut? Soviel ich
+bemerken konnte, gefällt er auch Ihrer Mama … Ihre Wahl …«
+
+»Dmitri Nikolaitsch!« unterbrach ihn Natalia, in ihrer Verwirrung die
+Hand nach einem nahestehenden Strauche ausstreckend, »wirklich, es ist
+mir peinlich, über diesen Gegenstand zu sprechen; ich versichere Ihnen
+aber, Sie irren sich.«
+
+»Ich mich irren?« wiederholte Rudin. »Ich glaube es nicht … Ich habe
+zwar erst vor kurzem Ihre Bekanntschaft gemacht; kenne Sie aber bereits
+gut. Was bedeutet denn die Veränderung, die ich an Ihnen wahrnehme,
+deutlich wahrnehme! Sind Sie denn jetzt dieselbe, wie ich Sie vor
+sechs Wochen gefunden habe? Nein, Natalia Alexejewna, Ihr Herz ist
+nicht ruhig.«
+
+»Kann sein,« erwiderte kaum hörbar Natalia, »Sie sind aber dennoch im
+Irrtum.«
+
+»Inwiefern?« fragte Rudin.
+
+»Lassen Sie mich, fragen Sie mich nicht!« sagte Natalia und eilte
+raschen Schrittes dem Hause zu.
+
+Ihr selbst wurde Angst vor dem, was so plötzlich in ihr vorgegangen war.
+
+Rudin eilte ihr nach und hielt sie auf.
+
+»Natalia Alexejewna!« redete er sie an, »diese Unterredung darf kein
+solches Ende nehmen: sie ist auch für mich gar zu wichtig … Wie soll
+ich Sie verstehen?«
+
+»Lassen Sie mich!« wiederholte Natalia.
+
+»Natalia Alexejewna, um Gottes willen!«
+
+Auf Rudins Gesicht war Unruhe zu lesen. Er war bleich geworden.
+
+»Sie verstehen alles, müssen auch mich verstehen!« sagte Natalia, riß
+ihre Hand aus der seinigen und entfernte sich, ohne sich umzusehen.
+
+»Nur ein Wort!« rief ihr Rudin nach.
+
+Sie blieb stehen, ohne sich jedoch umzudrehen.
+
+»Sie fragten mich, was ich mit dem gestrigen Gleichnisse hätte sagen
+wollen. So hören Sie es, ich will Sie nicht hintergehen. Ich sprach von
+mir, von meiner Vergangenheit – und von Ihnen.«
+
+»Wie? Von mir?«
+
+»Ja, von Ihnen; ich wiederhole es, ich will Sie nicht hintergehen …
+Jetzt wissen Sie, von welchem Gefühle, von welchem neuen Gefühle ich
+in jenem Augenblick sprach … Vor dem heutigen Tage würde ich es nicht
+gewagt haben …«
+
+Natalia bedeckte rasch das Gesicht mit den Händen und lief dem Hause zu.
+
+Sie war dermaßen durch den unerwarteten Ausgang ihres Gesprächs mit
+Rudin erschüttert, daß sie Wolinzow, an dem sie vorbeigelaufen war,
+nicht einmal bemerkt hatte. Er stand unbeweglich, mit dem Rücken
+an einen Baum gelehnt. Eine Viertelstunde vorher war er zu Darja
+Michailowna gekommen, hatte dieselbe im Gastzimmer getroffen, ihr ein
+paar Worte gesagt und sich unbemerkt entfernt, in der Absicht, Natalia
+aufzusuchen. Geleitet von dem, den Verliebten eigentümlichen Instinkt,
+war er geradeswegs in den Garten gegangen und auf Rudin und Natalia
+in dem Augenblicke gestoßen, als sie ihre Hand der seinigen entriß.
+Wolinzow war es dunkel vor den Augen geworden. Nachdem er Natalia mit
+den Blicken gefolgt war, verließ er den Baum und tat ein paar Schritte,
+ohne selbst zu wissen, wohin und warum.
+
+Rudin bemerkte ihn im Vorbeigehen. Beide blickten einander in die
+Augen, tauschten einen Gruß und trennten sich schweigend.
+
+Damit ist es nicht abgemacht, dachten beide.
+
+Wolinzow entfernte sich an das äußerste Ende des Gartens. Ein
+bitterpeinliches Gefühl hatte sich seiner bemächtigt; auf dem Herzen
+lag es ihm wie Blei und das Blut in ihm wallte von Zeit zu Zeit
+schwer und heftig auf. Es fielen wieder Tropfen. Rudin war auf sein
+Zimmer zurückgekehrt. Auch er war nicht ruhig: im Wirbel drehten
+sich die Gedanken in seinem Kopfe. Wer sollte durch die unerwartete,
+vertrauensvolle Hingabe einer jungen, reinen Seele nicht verwirrt
+werden!
+
+Bei der Mittagstafel wollte kein Gespräch in Gang kommen. Natalia
+war sehr bleich, hielt sich kaum auf ihrem Stuhle und hob die Augen
+nicht auf. Wolinzow saß, wie er gewohnt war, an ihrer Seite, und zwang
+sich von Zeit zu Zeit, das Wort an sie zu richten. Es traf sich,
+daß Pigassow an diesem Tage bei Darja Michailowna speiste. Er war
+der Gesprächigste von allen bei Tische. Unter anderen suchte er zu
+beweisen, daß man die Menschen, wie Hunde, in zwei Klassen, in kurz-
+und langohrige, einteilen könne. »Die Menschen«, sagte er, »haben kurze
+Ohren, entweder von Geburt an oder durch eigene Schuld. In beiden
+Fällen sind sie zu beklagen, denn nichts gelingt ihnen – es fehlt ihnen
+das Selbstvertrauen. Der Langohrige dagegen ist ein Glückskind. Er
+mag schlechter und schwächer als der Kurzohrige sein, er besitzt aber
+Selbstvertrauen; er spitzt die Ohren – und alles bewundert ihn.«
+
+»Ich«, setzte er mit einem Seufzer hinzu, »gehöre zur Klasse der
+Kurzohrigen, und, was dabei das Schlimmste ist, ich habe mir die Ohren
+selbst gestutzt.«
+
+»Damit wollen Sie sagen,« warf nachlässig Rudin ein, »was übrigens
+bereits lange vor Ihnen La Rochefoucauld gesagt hat: ›Vertraue
+dir selbst und andere werden dir vertrauen.‹ Wozu aber da die
+Ohrengeschichte!«
+
+»So lassen Sie doch jeden,« bemerkte Wolinzow bitter und mit funkelndem
+Blick, »lassen Sie jeden sich ausdrücken, wie es ihm gefällt. Man redet
+von Despotismus … Nach meiner Meinung gibt’s keinen ärgeren Despotismus
+als den der sogenannten klugen Geister. Fort mit ihnen!«
+
+Alle waren über diesen Ausfall Wolinzows in Staunen geraten und
+verstummt. Rudin warf einen Blick auf ihn, konnte aber den seinigen
+nicht ertragen und wandte sich ab, lächelte verlegen und sagte nichts.
+
+Oho! Auch du hast kurze Ohren! dachte Pigassow bei sich; Natalia bebte
+vor Angst. Darja Michailowna maß Wolinzow mit einem langen, erstaunten
+Blick und nahm endlich das Wort; sie begann von einem ungewöhnlichen
+Hunde zu erzählen, der ihrem Freunde, dem Minister N. N., gehörte …
+
+Wolinzow entfernte sich bald nach Tische. Beim Abschiednehmen von
+Natalia hielt er nicht mehr an sich und sagte zu ihr:
+
+»Warum sind Sie so verstört, als wären Sie sich einer Schuld bewußt?
+Sie können sich – vor niemandem – einer Schuld bewußt sein! …«
+
+Natalia hatte nichts verstanden und folgte ihm bloß mit den Augen. Vor
+dem Tee trat Rudin zu ihr, und über den Tisch gebeugt, als überfliege
+er die Zeitungen, flüsterte er ihr zu:
+
+»Es ist wie ein Traum, nicht wahr? Ich muß Sie durchaus allein sprechen
+… wäre es auch nur auf einen Augenblick.« Und zu Mlle. Boncourt
+gewendet, sagte er: »Hier ist das Feuilleton, welches Sie suchten,«
+dann neigte er sich wieder zu Natalia und setzte leise hinzu: »Suchen
+Sie gegen zehn Uhr sich in der Fliederlaube neben der Terrasse
+einzufinden, ich werde Sie erwarten …«
+
+Der Held dieses Abends blieb Pigassow. Rudin hatte ihm den Kampfplatz
+überlassen. Er machte Darja Michailowna viel lachen; zuerst erzählte
+er von einem seiner Nachbarn, der dreißig Jahre unter dem Pantoffel
+seiner Ehehälfte gestanden und sich bis zu dem Grade Weibergewohnheiten
+angeeignet hatte, daß er einst, im Beisein Pigassows, beim
+Überschreiten einer kleinen Pfütze, die Schöße seines Gehrocks aufnahm,
+wie Frauen es mit ihren Röcken zu tun pflegen. Dann kam er auf einen
+anderen Gutsbesitzer, der anfangs Freimaurer, dann Melancholiker
+gewesen war und endlich Bankier zu werden gewünscht hatte.
+
+»Wie haben Sie es denn angefangen, Freimaurer zu werden, Philipp
+Stepanitsch?« hatte ihn Pigassow gefragt.
+
+»Nichts leichter als das,« habe er geantwortet, »ich ließ mir den
+Nagel des kleinen Fingers wachsen.« Über nichts jedoch lachte Darja
+Michailowna mehr, als wenn Pigassow anfing, sich über die Liebe
+auszulassen und zu beteuern, auch nach ihm sei geseufzt worden, und
+eine feurige Ausländerin habe ihn sogar »ihr appetitliches Afrikänchen«
+genannt. Darja Michailowna lachte, doch war es die Wahrheit, was
+Pigassow erzählte: er hatte in der Tat ein Recht, mit seinen Siegen
+zu prahlen. Er behauptete, nichts wäre leichter, als jedes beliebige
+Frauenzimmer verliebt zu machen: man dürfe ihr bloß zehn Tage
+nacheinander wiederholen, sie habe das Paradies auf den Lippen,
+Seligkeit in den Augen und die übrigen Weiber seien bloß Lappen im
+Vergleich zu ihr; und am elften Tage werde sie selbst sagen, sie habe
+das Paradies auf den Lippen, Seligkeit in den Augen und wird sich in
+Sie verlieben. In der Welt kommt alles vor. Wer weiß, vielleicht hatte
+Pigassow recht.
+
+Um halb neun Uhr war Rudin bereits in der Laube. Am fernen,
+erbleichenden Horizonte tauchten eben die ersten Sternchen auf; im
+Westen war der Himmel noch gerötet – auch war auf dieser Seite der
+Horizont heller und reiner; der Halbmond schimmerte wie Gold durch
+das dunkle Geflecht der Trauerbirke. Die übrigen Bäume standen
+entweder vereinzelt mit durchscheinenden Laubkronen gleich finsteren,
+tausendäugigen Riesen da oder verschwammen in dichte, düstere
+Massen. Kein Blatt regte sich; die äußersten Zweige der Flieder-
+und Akazienbäume strecken ihre Spitzen in die warme Luft hinaus, als
+lauschten sie auf etwas. Das nahe Haus hüllte sich in Dunkel; wie
+rötlich gefärbte Streifen hoben sich an demselben die erhellten,
+länglichen Fenster ab. Die Nacht war milde und still; doch schien es,
+als ob ein zurückgehaltener, leidenschaftlicher Seufzer geheimnisvoll
+in dieser Stille verhallte.
+
+Rudin stand, die Arme über die Brust gekreuzt und horchte mit äußerster
+Spannung. Sein Herz klopfte heftig und unwillkürlich hielt er den Atem
+an. Endlich glaubte er leichte, hastige Schritte zu vernehmen und
+Natalia trat in die Laube.
+
+Rudin stürzte ihr entgegen und ergriff ihre Hände. Sie waren kalt wie
+Eis.
+
+»Natalia Alexejewna!« redete er sie mit bebender Stimme an, »ich wollte
+Sie sehen … ich konnte den morgenden Tag nicht erwarten. Ich muß Ihnen
+sagen, was ich vor dem heutigen Morgen selbst noch nicht geahnt hatte,
+mir noch nicht bewußt war: ich liebe Sie.«
+
+Natalias Hände zuckten schwach in den seinigen.
+
+»Ich liebe Sie,« wiederholte er, »und daß ich so lange mich täuschen,
+so lange nicht ahnen konnte, daß ich Sie liebe … Und Sie, Natalia
+Alexejewna … antworten Sie mir – und Sie?«
+
+Natalia konnte kaum atmen.
+
+»Sie sehn, ich bin hergekommen,« brachte sie endlich hervor.
+
+»Oh! sagen Sie, lieben Sie mich?«
+
+»Ich glaube … ja …« sagte sie leise.
+
+Rudin drückte ihr noch heftiger die Hände und wollte sie an sich
+ziehen …
+
+Natalia blickte sich rasch um.
+
+»Lassen Sie mich – es wird mir bange –, mir deucht, es belauscht uns
+jemand … Um Gottes willen, seien Sie vorsichtig. Wolinzow ahnt etwas.«
+
+»Mag er! Sie haben gesehen, ich habe ihm heute nicht einmal geantwortet
+… Ach, Natalia Alexejewna, wie bin ich glücklich! Jetzt soll uns nichts
+mehr trennen!«
+
+Natalia blickte ihm in die Augen.
+
+»Lassen Sie mich,« flüsterte sie, »es ist Zeit, daß ich zurückkehre.«
+
+»Einen Augenblick,« bat Rudin.
+
+»Nein, lassen Sie, lassen Sie mich …«
+
+»Sie scheinen Furcht vor mir zu haben?«
+
+»Nein; ich habe keine Zeit mehr …«
+
+»So wiederholen Sie denn, wenigstens noch einmal …«
+
+»Sie sagen, Sie sind glücklich?« fragte Natalia.
+
+»Ich? Es gibt keinen glücklicheren Menschen als mich auf der Welt!
+Zweifeln Sie etwa?«
+
+Natalia erhob den Kopf. Wie schön war ihr bleiches, edles, junges,
+aufgeregtes Gesicht – in dem geheimnisvollen Dunkel der Laube, beim
+schwachen Lichte des nächtlichen Himmels.
+
+»So wissen Sie denn,« sagte sie, »ich bin die Ihre.«
+
+»O Gott!« rief Rudin aus.
+
+Natalia aber machte sich los und ging fort. Rudin blieb einige Zeit
+stehen, und verließ dann langsam die Laube. Der Mond erleuchtete hell
+sein Gesicht; ein Lächeln schwebte auf seinen Lippen.
+
+»Ich bin glücklich,« sagte er halblaut. »Ja, ich bin glücklich,«
+wiederholte er, als suchte er sich selbst dazu zu überreden.
+
+Er warf sich in die Brust, strich sein Lockenhaar zurecht und vertiefte
+sich in den Garten, lustig die Arme schwenkend.
+
+Unterdessen aber wurden in der Fliederlaube die Zweige behutsam
+voneinandergebogen und es zeigte sich Pandalewski. Vorsichtig blickte
+er sich um, schüttelte den Kopf, preßte die Lippen zusammen, sagte
+mit bezeichnendem Tone: »So stehen die Sachen! Davon muß man Darja
+Michailowna in Kenntnis setzen,« und verschwand.
+
+
+
+
+VIII
+
+
+Als Wolinzow nach Hause gekommen war, war er niedergeschlagen und
+finster, gab so ungern der Schwester Antwort und verschloß sich so bald
+in seinem Kabinett, daß sie sich entschloß, einen reitenden Boten zu
+Leschnew zu schicken. In allen zweifelhaften Fällen nahm sie zu ihm
+ihre Zuflucht. Leschnew ließ ihr sagen, er werde am folgenden Tage
+kommen.
+
+Wolinzow war auch am folgenden Morgen nicht heiterer gestimmt. Nach dem
+Tee dachte er seine Arbeiten zu besichtigen, blieb jedoch, streckte
+sich auf einen Diwan hin, und nahm ein Buch in die Hand, was bei ihm
+nicht oft der Fall war. Wolinzow empfand keine Neigung für Literatur,
+und vor Gedichten eine wahre Scheu. »Unverständlich wie ein Gedicht,«
+pflegte er zu sagen, und zur Bekräftigung seiner Worte folgende Strophe
+des Dichters Aibulat anzuführen:
+
+ Und bis zum Ende meiner trüben Tage
+ Wird die Erfahrung nicht und nicht Verstand
+ Des Lebens blutige Vergißmeinnichte
+ Entwenden mir mit rauher Hand!
+
+Alexandra Pawlowna blickte ihren Bruder besorgt an, belästigte ihn
+jedoch nicht mit Fragen. Ein Wagen fuhr vor. Nun, dachte sie, Gott sei
+Dank, Leschnew … Der Diener trat ein und meldete Rudin.
+
+Wolinzow warf das Buch auf den Boden und hob den Kopf in die Höhe.
+
+»Wer ist gekommen?« fragte er.
+
+»Rudin, Dmitri Nikolaitsch,« wiederholte der Diener.
+
+Wolinzow erhob sich.
+
+»Bitte ihn herein,« sagte er. »Du aber, Schwester,« setzte er hinzu,
+sich zu Alexandra Pawlowna wendend: »laß uns allein.«
+
+»Weshalb aber?« wandte sie ein.
+
+»Ich weiß warum,« unterbrach er sie mit Heftigkeit, »ich bitte dich.«
+
+Rudin trat herein. Wolinzow begrüßte ihn kalt, in der Mitte des Zimmers
+stehend, und reichte ihm nicht die Hand.
+
+»Sie hatten mich nicht erwartet,« fing Rudin an, »gestehen Sie es,« und
+stellte seinen Hut auf das Fensterbrett.
+
+Ein leichtes Zucken umspielte seine Lippen. Ihm war nicht behaglich
+zumute; doch suchte er seine Verwirrung zu verbergen.
+
+»Ich erwartete Sie nicht, gewiß,« erwiderte Wolinzow, »nach dem
+gestrigen Tage hätte ich eher jemand – mit einem Auftrage von Ihnen
+erwarten können.«
+
+»Ich verstehe, was Sie sagen wollen,« äußerte Rudin, sich setzend, »und
+Ihre Offenherzigkeit freut mich sehr. So ist es viel besser. Ich bin
+selbst zu Ihnen gekommen, wie zu einem Manne von Ehre.«
+
+»Geht es nicht ohne Komplimente?« bemerkte Wolinzow.
+
+»Ich wünsche Ihnen zu erklären, weshalb ich gekommen bin.«
+
+»Wir sind miteinander bekannt, warum sollten Sie nicht zu mir kommen
+können? Und dann erweisen Sie mir ja auch nicht zum ersten Male die
+Ehre Ihres Besuches.«
+
+»Ich bin zu Ihnen gekommen als Mann von Ehre zu einem Manne von
+Ehre,« wiederholte Rudin, »und will mich jetzt auf Ihren eigenen
+Richterausspruch berufen … Ich habe zu Ihnen volles Vertrauen …«
+
+»Worum handelt es sich?« fragte Wolinzow, immer noch in derselben
+Stellung, mit finsteren Blicken auf Rudin, und von Zeit zu Zeit die
+Spitzen seines Schnurrbartes drehend.
+
+»Erlauben Sie … ich bin, um mich zu erklären hergekommen, das kann man
+aber nicht mit ein paar Worten abmachen.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Es ist noch eine dritte Person dabei im Spiel …«
+
+»Eine dritte Person? und welche?«
+
+»Sergei Pawlitsch, Sie verstehen mich.«
+
+»Dmitri Nikolaitsch, ich verstehe Sie durchaus nicht.«
+
+»Sie wünschen …«
+
+»Ich wünsche, daß Sie ohne Umschweife reden!« unterbrach ihn Wolinzow.
+
+Er wurde im Ernste böse.
+
+Rudin zog die Brauen zusammen.
+
+»Sehr wohl … wir sind allein … Ich muß Ihnen sagen – übrigens kommen
+Sie gewiß selbst schon darauf (Wolinzow zuckte ungeduldig die Achseln)
+– ich muß Ihnen sagen, daß ich Natalia Alexejewna liebe und mit Grund
+vermuten darf, daß auch sie mich liebt.«
+
+Wolinzow wurde bleich, antwortete jedoch nichts; er trat ans Fenster
+und wandte Rudin den Rücken.
+
+»Sie begreifen, Sergei Pawlitsch,« fuhr Rudin fort: »wenn ich nicht
+überzeugt wäre …«
+
+»Oh, bitte sehr!« unterbrach ihn hastig Wolinzow: »ich zweifle durchaus
+nicht … Nun, dann viel Glück! Nur wundere ich mich, was zum Teufel Sie
+bewogen hat, mit dieser Nachricht zu mir zu kommen … Was habe ich damit
+zu schaffen? Was geht es mich an, wen Sie lieben, wer Sie liebt? Das
+ist mir unbegreiflich …«
+
+Wolinzow fuhr fort, zum Fenster hinauszusehen. Seine Stimme tönte hohl.
+
+Rudin erhob sich.
+
+»Ich will Ihnen sagen, Sergei Pawlitsch, weshalb ich mich entschlossen
+habe, zu Ihnen zu kommen, weshalb ich mir sogar das Recht nicht
+zutraute, aus unserer … unserer gegenseitigen Neigung ein Geheimnis vor
+Ihnen zu machen. Ich habe gar zu große Achtung für Sie – deshalb bin
+ich gekommen; ich wollte nicht … wir beide wollten nicht Komödie vor
+Ihnen spielen. Ihre Gefühle für Natalia Alexejewna waren mir bekannt …
+Glauben Sie mir, ich kenne meinen Wert: ich weiß, wie wenig würdig ich
+bin, Ihre Stelle in ihrem Herzen einzunehmen; da es sich aber dennoch
+so gefügt hat, wären dann wohl List, Betrug, Verstellung schicklich
+gewesen? Könnte es wünschenswert sein, sich Mißverständnissen
+auszusetzen, oder selbst nur einer solchen Szene wie der gestrigen bei
+Tische? Sergei Pawlitsch, gestehen Sie es selbst.«
+
+Wolinzow kreuzte die Arme über der Brust, als koste es ihm Mühe, sich
+zu beherrschen.
+
+»Sergei Pawlitsch!« fuhr Rudin fort, »ich habe Sie gekränkt, ich
+fühle es … aber mißverstehen Sie uns nicht … Sie müssen begreifen,
+daß uns kein anderes Mittel blieb, Ihnen unsere Achtung zu beweisen,
+Ihnen zu zeigen, daß wir Ihren offenen Edelmut zu schätzen wissen.
+Aufrichtigkeit, vollkommene Aufrichtigkeit würde jedem anderen
+gegenüber unstatthaft gewesen sein, Ihnen gegenüber jedoch wird sie zur
+Pflicht. Es ist uns ein Vergnügen, zu glauben, daß unser Geheimnis in
+Ihren Händen …«
+
+Wolinzow lachte gezwungen auf.
+
+»Danke für dieses Vertrauen!« rief er aus, »obgleich ich,
+wohlverstanden, weder Ihr Geheimnis zu wissen, noch das meinige Ihnen
+zu entdecken gewünscht hatte, verfügen Sie dennoch darüber, wie über
+Ihr eigenes Gut. Erlauben Sie aber, Sie reden zugleich im Namen einer
+anderen Person. Also darf ich voraussetzen, daß Ihr Besuch und der
+Zweck desselben Natalia Alexejewna bekannt ist?«
+
+Rudin ward bei diesen Worten etwas verlegen.
+
+»Nein, ich habe Natalia Alexejewna von meinem Vorhaben nicht
+unterrichtet; weiß jedoch, daß sie meine Ansicht teilt.«
+
+»Das ist alles sehr schön,« sagte nach einigem Schweigen Wolinzow und
+begann mit den Fingern an der Scheibe zu trommeln. »Viel besser,
+ich gestehe es, wäre es aber doch, wenn Sie etwas … weniger Achtung
+für mich hätten. Die Wahrheit zu sagen, ist mir Ihre Achtung keinen
+Groschen wert; was aber wollen Sie eigentlich von mir?«
+
+»Nichts will ich … oder nein! ich will etwas: ich will, daß Sie mich
+nicht für einen hinterlistigen und schlauen Menschen halten, daß Sie
+mich kennenlernen … Ich hoffe, Sie können auch schon jetzt meine
+Aufrichtigkeit nicht in Zweifel ziehen … Ich will, Sergei Pawlitsch,
+daß wir als Freunde voneinander scheiden … daß Sie, wie ehemals, mir
+die Hand reichen …«
+
+Und Rudin näherte sich Wolinzow.
+
+»Verzeihen Sie, mein Herr,« sagte Wolinzow, indem er sich zu Rudin
+wandte und einen Schritt zurücktrat: »ich bin bereit, Ihren Absichten
+volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, das ist alles sehr schön,
+sogar erhaben, wir sind aber schlichte Leute, an Marzipan nicht
+gewöhnt, wir sind nicht imstande, dem Schwunge so hoher Geister, wie
+des Ihrigen, zu folgen … Was Ihnen aufrichtig erscheint, dünkt uns
+zudringlich und unbescheiden … Was Ihnen einfach und klar vorkommt, ist
+für uns verwickelt und dunkel … Sie prahlen mit dem, was wir heimlich
+halten: wie sollte unsereiner Sie verstehen! Verzeihen Sie mir: weder
+als meinen Freund kann ich Sie betrachten, noch Ihnen die Hand reichen
+… Vielleicht ist das kleinlich; ich bin jedoch selbst klein.«
+
+Rudin ergriff seinen Hut.
+
+»Leben Sie wohl, Sergei Pawlitsch!« sagte er betrübt, »meine
+Erwartungen haben mich getäuscht. Mein Besuch war in der Tat etwas
+ungewöhnlich, ich hatte jedoch gehofft … (Wolinzow machte eine
+ungeduldige Bewegung) … Verzeihen Sie, ich werde nicht mehr davon
+reden. Alles erwogen, sehe ich, daß Sie wirklich recht haben und
+nicht anders handeln konnten. Leben Sie wohl, und erlauben Sie mir
+wenigstens, daß ich Ihnen noch einmal, zum letzten Male die Lauterkeit
+meiner Absichten beteuere … Von Ihrer Verschwiegenheit bin ich
+überzeugt …«
+
+»Das ist denn doch zu stark!« rief Wolinzow zitternd vor Zorn, »ich
+habe mich Ihrem Vertrauen in keiner Weise aufgedrängt; und Sie haben
+darum durchaus kein Anrecht auf meine Verschwiegenheit!«
+
+Rudin wollte noch etwas sagen, spreizte jedoch bloß die Arme
+auseinander, verneigte sich und verließ das Gemach, Wolinzow aber warf
+sich auf den Diwan und kehrte das Gesicht gegen die Wand.
+
+»Darf ich zu dir?« ließ sich an der Tür Alexandra Pawlownas Stimme
+vernehmen.
+
+Wolinzow gab nicht sogleich Antwort und fuhr mit der Hand hastig über
+das Gesicht. »Nein, Sascha,« sagte er mit etwas veränderter Stimme:
+»warte noch etwas.«
+
+Eine halbe Stunde später näherte sich Alexandra Pawlowna von neuem der
+Tür.
+
+»Michael Michailitsch ist gekommen,« sagte sie, »willst du ihn sehen?«
+
+»Gewiß,« erwiderte Wolinzow, »laß ihn kommen.« Leschnew trat herein.
+
+»Ist dir nicht wohl?« fragte er und ließ sich auf einen Sessel neben
+dem Diwan nieder.
+
+Wolinzow erhob sich etwas, stützte sich auf den Arm, blickte seinem
+Freunde lange, lange ins Gesicht und erzählte ihm dann sogleich Wort
+für Wort sein ganzes Gespräch mit Rudin. Bis dahin hatte er nie vor
+Leschnew seiner Gefühle für Natalia Erwähnung getan, obwohl er vermuten
+konnte, daß sie kein Geheimnis für ihn waren.
+
+»Du hast meine Verwunderung erregt, Bruder,« sagte Leschnew, als
+Wolinzow seine Erzählung beendigt hatte. »Auf viele Sonderbarkeiten
+seinerseits war ich gefaßt; dies aber … Übrigens erkenne ich ihn auch
+hierin wieder.«
+
+»Aber bedenke doch!« sagte Wolinzow, »das ist ja geradezu eine
+Frechheit! Fast hätte ich ihn zum Fenster hinausgeworfen. Hat er vor
+mir prahlen wollen oder im voraus Angst bekommen? Und zu welchem Ende?
+Wie kann man zu einem Menschen gehen …«
+
+Wolinzow hielt sich den Kopf mit beiden Händen und schwieg.
+
+»Nein, Bruder, das ist es nicht,« erwiderte Leschnew gelassen. »Du
+wirst mir’s nicht glauben, ich bin jedoch überzeugt, er hat es in guter
+Absicht getan. Wahrhaftig … Siehst du, das hat so einen Anstrich von
+Edelsinn und Offenherzigkeit, und bietet einen Vorwand zum Reden,
+der Beredsamkeit freien Lauf zu gewähren; das eben brauchen wir ja,
+ohne dergleichen könnten wir nicht leben … Ah, seine Zunge – seine
+Rednergabe – sie ist seine Feindin … sie hat ihm aber auch recht brav
+gedient!«
+
+»Du kannst dir nicht vorstellen, mit welcher Feierlichkeit er
+hereintrat und seine Rede vorbrachte!«
+
+»Nun, das ist so seine Art. Knöpft er seinen Rock zu, so tut er’s, als
+erfüllte er eine heilige Pflicht. Ich möchte ihn auf eine unbewohnte
+Insel setzen und aus einem Hinterhalt beobachten, wie er da wohl
+schalten und walten würde. Und der faselt dabei immer von Einfachheit!«
+
+»Sage mir aber, Bruder, um des Himmels willen, soll das etwa
+Philosophie sein?« fragte Wolinzow.
+
+»Wie soll ich sagen? Von einer Seite – du hast recht – ist es in der
+Tat Philosophie – von der anderen ist es durchaus keine. Man darf doch
+nicht jeden Unsinn der Philosophie zur Last legen!«
+
+Wolinzow blickte ihn an.
+
+»Wenn er aber gelogen hätte, was glaubst du?«
+
+»Nein, mein Freund, er hat nicht gelogen. Indessen, weißt du – wir
+haben genug von ihm gesprochen. Wir wollen jetzt unsere Pfeifen
+anzünden, lieber Bruder, und Alexandra Pawlowna herbitten … Wenn sie
+dabei ist, spricht sich’s besser und schweigt sich’s leichter. Sie
+wird uns Tee machen.«
+
+»Meinetwegen,« erwiderte Wolinzow. »Sascha, komm herein!« rief er.
+
+Alexandra Pawlowna trat herein. Er faßte ihre Hand und drückte sie fest
+an seine Lippen.
+
+ * * * * *
+
+Rudin kehrte in einer eigentümlich unruhigen Stimmung nach Hause
+zurück. Er war ärgerlich auf sich selbst und machte sich Vorwürfe über
+seine unverzeihliche Voreiligkeit und sein knabenhaftes Betragen. An
+ihm bewährte sich: daß es nichts Drückenderes gibt als das Bewußtsein,
+eine Torheit begangen zu haben.
+
+Reue marterte Rudin.
+
+»Daß der Teufel«, murrte er durch die Zähne, »mir den Gedanken eingeben
+mußte, zu diesem Menschen zu gehen! Das war eine schöne Idee! Habe mir
+nichts als Grobheiten geholt! …«
+
+In dem Hause Darja Michailownas ging unterdessen Ungewöhnliches vor.
+Die Hausfrau selbst zeigte sich den ganzen Morgen nicht und erschien
+auch nicht bei der Tafel: sie litt an Kopfweh, wie Pandalewski, die
+einzige Person, die Einlaß bei ihr hatte, behauptete. Rudin sah Natalia
+auch nur flüchtig: sie saß auf ihrem Zimmer mit Mlle. Boncourt … Als
+sie mit ihm im Speisesaale zusammentraf, blickte sie ihn so traurig
+an, daß ihm das Herz erbebte. Ihr Gesicht hatte sich verändert, als
+wenn seit dem gestrigen Tage ein Unglück über sie hereingebrochen
+wäre. Unbestimmte, ahnungsvolle Zweifel begannen Rudin zu quälen.
+Um sich einigermaßen zu zerstreuen, machte er sich an Bassistow,
+unterhielt sich mit ihm lange, und fand in ihm einen feurigen,
+lebhaften Jüngling, voll begeisterter Hoffnungen und noch ungebrochener
+Glaubenskraft. Gegen abend zeigte sich Darja Michailowna für ein paar
+Stunden im Gastzimmer. Gegen Rudin war sie liebenswürdig, doch etwas
+zurückhaltend, bald heiter, bald ernst, sprach etwas durch die Nase und
+meist in Anspielungen … Sie war ganz Hofdame. In der letzten Zeit war
+sie scheinbar kälter gegen Rudin geworden.
+
+Wer löst mir dieses Rätsel? dachte er, ihr zurückgeworfenes Köpfchen
+von der Seite betrachtend.
+
+Nicht lange brauchte er auf dessen Lösung zu warten. Gegen Mitternacht,
+im Begriff, sich auf sein Zimmer zu begeben, schritt er durch einen
+finsteren Gang, als plötzlich jemand ihm einen Zettel zusteckte. Er
+blickte sich um und sah ein junges Mädchen davoneilen, in welchem er
+Natalias Kammerjungfer erkannte. Auf seinem Zimmer angelangt, schickte
+er seinen Diener fort, öffnete den Zettel und las folgende von Natalias
+Hand geschriebene Zeilen: »Kommen Sie morgen früh gegen sieben Uhr,
+nicht später, zum Awdjuchinteich hinter dem Eichengehölz. Eine andere
+Stunde vermag ich nicht zu bestimmen! Wir werden uns dort zum letzten
+Male sehen und alles wird zu Ende sein, wenn nicht … Kommen Sie. Ein
+Entschluß muß gefaßt werden …
+
+~P. S.~ Komme ich nicht, dann sehen wir uns nie wieder: dann werde ich
+Sie wissen lassen …«
+
+Rudin versank in Nachdenken, drehte den Zettel in den Händen herum,
+steckte ihn unter das Kissen, kleidete sich aus und legte sich nieder,
+konnte aber lange nicht die Ruhe finden, welche er suchte; sein Schlaf
+war unruhig und es war noch nicht fünf Uhr, als er erwachte.
+
+
+
+
+IX
+
+
+Der Awdjuchinteich, welchen Natalia Rudin als Ort der Zusammenkunft
+bezeichnet, hatte schon längst aufgehört, Teich zu sein. Vor dreißig
+Jahren hatte das Wasser den Damm durchbrochen, und seit der Zeit war er
+so geblieben. Nur an dem ebenen und flachen Grunde der Vertiefung, den
+einst fetter Schlamm überzog, sowie an den Überresten des Dammes konnte
+man erraten, daß dort ein Teich gewesen war. Es hatte daneben auch ein
+Edelhof gestanden. Auch dieser war schon längst verschwunden. Zwei
+riesige Fichten allein erinnerten noch an denselben; mürrisch zogen
+und rauschten ewige Winde durch ihr spärliches, hoch oben wachsendes
+Grün … Die Volkssage erzählte von einer schauerlichen Missetat, die am
+Fuße dieser Fichten vollbracht worden sei, ja man wollte sogar vorher
+wissen, keine derselben werde fallen, ohne jemandem den Tod zu bringen;
+vor Zeiten habe dort noch eine dritte gestanden, sei aber vom Sturme
+umgestürzt worden und habe im Falle ein kleines Mädchen getötet. Die
+ganze Gegend um den Teich herum wurde als nicht geheuer betrachtet;
+wüste und kahl und dabei verwildert und düster sogar bei Sonnenlicht,
+erschien sie noch düsterer und verwilderter durch die Nähe des alten,
+längst abgestorbenen und verdorrten Eichengehölzes. Einzelne graue
+Gerippe mächtiger Bäume ragten, finsteren Gespenstern gleich, über das
+niedrige Gestrüpp empor. Unheimlich waren sie anzuschauen: als wären
+es böse Greise gewesen, die sich da versammelt hätten und irgendeinen
+schlimmen Plan berieten. Seitwärts zog sich in Windungen ein selten
+betretener Fußweg hin. Wer nicht dazu gezwungen war, vermied es, am
+Awdjuchinteiche vorüberzugehen. Natalia hatte mit Absicht diesen
+einsamen Ort gewählt, der vom Hause Darja Michailownas kaum eine halbe
+Werst entfernt lag.
+
+Die Sonne war längst aufgegangen, als Rudin vor den Awdjuchinteich
+kam; es war aber kein heiterer Morgen. Dicht aneinandergedrängte,
+weißlich-graue Wolken bedeckten den ganzen Himmel; mit Pfeifen und
+Heulen trieb der Wind sie heftig weiter. Rudin begann auf dem mit
+dichten Disteln und schwarzgewordenen Nesseln bedeckten Damme auf und
+ab zu gehen. Er war nicht ruhig. Diese Zusammenkünfte, diese neuen
+Eindrücke interessierten ihn, regten ihn aber auch auf, besonders aber
+nach dem gestrigen Zettel. Er sah ein, daß die Katastrophe nahe sei und
+war insgeheim verwirrt, obgleich es niemand geglaubt hätte, der ihn so
+mit gesammelter Entschlossenheit, mit auf der Brust gekreuzten Armen
+um sich schauend, beobachtet hätte. Nicht unrecht hatte Pigassow, als
+er einst von ihm sagte, daß bei ihm, wie bei den chinesischen Puppen,
+der Kopf beständig überschlage. Doch wie stark auch ein Kopf immer
+sein möge, so fällt es dem Menschen doch schwer, durch ihn allein auch
+nur das zu erkennen, was in seinem eigenen Innern vorgeht … Rudin,
+der kluge, scharfsichtige Rudin, war nicht imstande, mit Gewißheit zu
+sagen, ob er Natalia liebe, ob er leide, ob er leiden werde, wenn er
+sich von ihr trennen sollte. Weshalb nun mußte er, ohne den Lovelace
+zu spielen – diese Gerechtigkeit lassen wir ihm widerfahren –, einem
+armen Mädchen den Kopf verdrehen? Warum wartete er auf dasselbe mit
+heimlichem Beben? Hierauf gibt es nur die eine Antwort: Niemand läßt
+sich so leicht hinreißen, wie ein leidenschaftsloser Mensch.
+
+Er schritt den Damm entlang, während Natalia geradeaus über das Feld,
+auf feuchtem Grase ihm entgegeneilte.
+
+»Fräulein! Fräulein! Sie werden sich die Füße naß machen,« sagte
+Mascha, ihr Kammermädchen, kaum imstande, gleichen Schritt mit ihr zu
+halten.
+
+Natalia gab nicht darauf acht und lief weiter, ohne sich umzusehen.
+
+»Ach, wenn man uns nur nicht belauscht!« rief Mascha zu wiederholten
+Malen. »Selbst das ist schon zu bewundern, wie wir aus dem Hause
+gekommen sind. Wenn die Mamsell nur nicht erwacht ist … Ein Glück,
+daß es nicht weit ist … Und der Herr wartet auch schon,« setzte sie
+hinzu, als sie plötzlich die stattliche Figur Rudins gewahr wurde, der
+malerisch auf dem Damme stand, »doch, warum steht denn der Herr so
+hoch, – besser wäre es, er stellte sich in die Vertiefung.«
+
+Natalia blieb stehen.
+
+»Warte hier bei den Fichten, Mascha,« sagte sie und schritt zu dem
+Teich hinab.
+
+Rudin trat zu ihr heran und blieb verwundert stehen. Einen solchen
+Ausdruck hatte er noch nicht auf ihrem Gesichte bemerkt. Die Brauen
+waren zusammengezogen, die Lippen aufeinandergepreßt, der Blick war
+fest, ja fast strenge.
+
+»Dmitri Nikolaitsch,« begann sie, »wir haben keine Zeit zu verlieren.
+Ich bin auf fünf Minuten hergekommen. Ich muß Ihnen sagen, daß Mama
+alles weiß. Herr Pandalewski hat uns vorgestern belauscht und ihr von
+unserer Zusammenkunft erzählt. Er war immer Mamas Spion. Gestern rief
+sie mich zu sich …«
+
+»Mein Gott!« rief Rudin aus, »das ist schrecklich! … Was hat Ihre Mama
+gesagt?«
+
+»Sie war nicht böse auf mich, hat mich nicht gescholten, nur Vorwürfe
+machte sie mir über meinen Leichtsinn.«
+
+»Weiter nichts?«
+
+»Ja, dann erklärte sie mir, sie würde sich eher mit dem Gedanken
+vertragen, daß ich stürbe, als daß ich Ihre Frau würde.«
+
+»Hat sie das wirklich gesagt?«
+
+»Ja; und setzte noch hinzu, daß Sie selbst keineswegs willens wären,
+mich zu heiraten, daß Sie bloß zum Zeitvertreib mir den Hof machten,
+was sie von Ihnen nicht erwartet hätte; übrigens wäre sie selbst
+daran schuld: warum habe sie es erlaubt, daß ich so oft mit Ihnen
+zusammenkomme … sie rechne auf meine Einsicht, sei sehr erstaunt über
+mein unüberlegtes Betragen … Kurzum, ich weiß wirklich nicht mehr, was
+sie mir sonst noch sagte.«
+
+Natalia sprach dieses alles mit eintöniger, fast lautloser Stimme.
+
+»Und Sie, Natalia Alexejewna, was haben Sie ihr geantwortet?« fragte
+Rudin.
+
+»Was ich ihr geantwortet habe?« wiederholte Natalia. »… Was
+beabsichtigen _Sie_ jetzt zu tun?«
+
+»Mein Gott! Mein Gott!« erwiderte Rudin, »das ist hart! So rasch! … ein
+so unerwarteter Schlag! … Und Ihre Mama war so entrüstet?«
+
+»Ja … ja, sie will nichts von Ihnen hören.«
+
+»Das ist schrecklich! Es bleibt also keine Hoffnung?«
+
+»Keine.«
+
+»Warum sind wir so unglücklich! Dieser abscheuliche Pandalewski! … Sie
+fragen mich, Natalia, was ich zu tun beabsichtige? Der Kopf geht mir
+in der Runde – ich kann keinen Gedanken fassen … Ich fühle nur mein
+Unglück … ich begreife nicht, wie Sie so kaltblütig sind! …«
+
+»Sie glauben, es wird mir leicht?« entgegnete Natalia.
+
+Rudin begann wieder auf dem Damme auf und ab zu gehen. Natalia verlor
+ihn nicht aus den Augen.
+
+»Ihre Mama hat Sie nicht weiter ausgeforscht?« fragte er dann.
+
+»Sie hat mich gefragt, ob ich Sie liebe.«
+
+»Nun … und Sie sagten?«
+
+Natalia schwieg einen Augenblick. »Ich habe ihr die Wahrheit gesagt.«
+
+Rudin ergriff ihre Hand.
+
+»Immer, in allem, edelmütig und groß. Oh, das Herz eines Mädchens ist
+wie lauteres Gold! Hat aber wirklich Ihre Mama ihren Willen in bezug
+auf die Unmöglichkeit unserer Verbindung so entschieden geäußert?«
+
+»Ja, entschieden. Ich sagte Ihnen schon, sie ist überzeugt, daß Sie
+selbst nicht daran denken, mich zu heiraten.«
+
+»Sie hält mich also für einen Betrüger! Wodurch habe ich das verdient?«
+
+Und Rudin faßte sich am Kopfe.
+
+»Dmitri Nikolaitsch!« sagte Natalia, »wir verlieren unnütz die Zeit.
+Denken Sie daran, ich sehe Sie zum letzten Male. Ich kam hierher nicht
+um zu weinen, nicht um zu klagen – Sie sehen, ich weine nicht – ich
+kam, um mir Rat zu holen.«
+
+»Welchen Rat könnte ich Ihnen geben, Natalia?«
+
+»Welchen Rat? Sie sind ein Mann; ich war gewohnt, Ihnen zu vertrauen,
+ich werde Ihnen vertrauen bis ans Ende. Sagen Sie mir, welches sind
+Ihre Absichten?«
+
+»Meine Absichten! Ihre Mama wird mir vermutlich ihr Haus verschließen.«
+
+»Wahrscheinlich. Bereits gestern erklärte sie mir, sie werde die
+Bekanntschaft mit Ihnen abbrechen müssen … Sie antworten aber nicht auf
+meine Frage.«
+
+»Auf welche Frage?«
+
+»Was, meinen Sie, sollen wir jetzt tun?«
+
+»Was wir tun sollen?« erwiderte Rudin, »uns darein ergeben.«
+
+»Uns ergeben,« wiederholte Natalia gedehnt und ihre Lippen wurden
+bleich.
+
+»Uns dem Geschicke unterwerfen,« fuhr Rudin fort. »Was ist dabei zu
+machen! Ich weiß gar zu gut, wie bitter, schwer und unerträglich das
+ist; bedenken Sie aber selbst, Natalia, ich bin arm … Freilich, ich
+kann arbeiten; doch, wenn ich auch reich wäre, könnten Sie wohl die
+gewaltsame Trennung von den Ihrigen, den Zorn Ihrer Mutter ertragen?
+… Nein, Natalia, daran ist nicht zu denken. Es muß uns wohl nicht
+bestimmt sein, miteinander zu leben, und jenes Glück, von welchem ich
+geträumt hatte, ist mir nicht beschieden.«
+
+Natalia bedeckte plötzlich das Gesicht mit den Händen und brach in
+Tränen aus. Rudin trat an sie heran.
+
+»Natalia, liebe Natalia!« sagte er mit Wärme, »weinen Sie nicht, um
+Gottes willen, martern Sie mich nicht, beruhigen Sie sich.«
+
+Natalia erhob den Kopf.
+
+»Sie sagen mir, ich solle mich beruhigen,« begann sie, und ihre Augen
+glänzten unter Tränen, »ich weine nicht über das, was Sie glauben …
+Mich schmerzt nicht das: mich schmerzt, daß ich mich in Ihnen getäuscht
+habe … Wie? ich suche bei Ihnen Stütze, und zu welcher Stunde! und Ihr
+erstes Wort ist: Ergebung … Ergebung! So also äußert sich durch die Tat
+Ihre Theorie von der Freiheit, von Opfern, welche …«
+
+Ihre Stimme war gebrochen.
+
+»Erinnern Sie sich doch, Natalia,« begann Rudin bestürzt, »ich nehme
+meine Worte nicht zurück … nur …«
+
+»Sie fragten mich,« fuhr sie mit neuer Kraft fort, »was ich meiner
+Mutter geantwortet habe, als sie mir erklärte, sie würde mich lieber
+tot wissen, als in meine Verbindung mit Ihnen einwilligen: ich gab
+ihr zur Antwort, daß ich lieber tot, als die Frau eines anderen sein
+wolle … Und Sie reden von Ergebung! Sie hat also dennoch Recht gehabt:
+Sie haben wirklich zum Zeitvertreib, aus Langeweile Scherz mit mir
+getrieben …«
+
+»Ich schwöre Ihnen, Natalia … ich schwöre Ihnen …«, wiederholte Rudin.
+
+Sie hörte aber nicht auf ihn.
+
+»Warum hielten Sie mich nicht zurück? Warum mußten Sie selbst … Oder
+glaubten Sie, auf keine Hindernisse zu stoßen? Ich muß mich schämen,
+davon zu reden … es ist ja aber alles schon aus.«
+
+»Sie müssen sich beruhigen, Natalia,« nahm Rudin wieder das Wort, »wir
+wollen zusammen erwägen, welche Mittel …«
+
+»Sie haben so oft von Aufopferung gesprochen,« unterbrach sie ihn,
+»wissen Sie aber wohl, wenn Sie heute, jetzt zu mir gesagt hätten: ›Ich
+liebe dich, kann dich aber nicht heiraten, ich stehe nicht für die
+Zukunft ein, reich mir die Hand und folge mir,‹ – wissen Sie wohl, ich
+wäre Ihnen gefolgt, wissen Sie’s, ich war zu allem entschlossen! Doch
+vom Wort zur Tat ist’s weiter, als ich glaubte, und Sie haben jetzt
+Furcht, ganz so wie neulich bei Tische vor Wolinzow.«
+
+Die Röte stieg Rudin ins Gesicht. Die unerwartete Begeisterung Natalias
+hatte ihn bestürzt gemacht; ihre letzten Worte jedoch waren ein
+Stachel für seine Eigenliebe.
+
+»Sie sind jetzt gar zu aufgeregt, Natalia,« fing er an, »Sie können
+nicht verstehen, wie grausam Sie mich beleidigen. Ich hoffe, Sie
+werden mir mit der Zeit Gerechtigkeit widerfahren lassen; Sie werden
+begreifen, was es mich gekostet hat, dem Glücke zu entsagen, das, wie
+Sie selbst sagen, mir keinerlei Verpflichtungen auferlegte. Ihre Ruhe
+ist mir teurer, als alles auf der Welt, und ich wäre ein Elender,
+wollte ich zu meinem Vorteile …«
+
+»Vielleicht, vielleicht,« unterbrach ihn Natalia, »vielleicht haben Sie
+recht, und ich weiß nicht, was ich rede. Bis jetzt jedoch glaubte ich
+Ihnen, glaubte jedem Ihrer Worte … In Zukunft bitte ich Sie, wägen Sie
+Ihre Worte ab, sprechen Sie dieselben nicht in den Wind. Als ich Ihnen
+sagte, daß ich Sie liebe, wußte ich, was dies Wort bedeutet: ich war zu
+allem bereit … Jetzt bleibt mir nur, Ihnen für die Lektion zu danken
+und mich zu verabschieden.«
+
+»Halten Sie ein, um Gottes willen, Natalia, ich beschwöre Sie. Ich habe
+nicht Ihre Verachtung verdient, das schwöre ich Ihnen. Versetzen Sie
+sich aber auch in meine Lage. Ich muß für Sie wie für mich einstehen.
+Wenn ich Sie nicht grenzenlos liebte – dann, mein Gott! würde ich Ihnen
+selbst sogleich den Vorschlag machen, mit mir zu entfliehen … früher
+oder später würde Ihre Mama es uns doch vergeben … und dann … Doch
+bevor ich an mein eigenes Glück denken durfte …«
+
+Er hielt inne. Natalias Blick war gerade und fest auf ihn gerichtet …
+Es ging nicht – er mußte schweigen.
+
+»Sie bestreben sich, mir zu beweisen, daß Sie ein ehrlicher Mann sind,
+Dmitri Nikolaitsch,« äußerte sie, »ich zweifle nicht daran. Sie sind
+nicht imstande, aus Berechnung zu handeln; war es denn aber diese
+Überzeugung, die ich zu gewinnen gewünscht hatte, war ich deshalb
+hierhergekommen …«
+
+»Ich hatte nicht erwartet, Natalia …«
+
+»Ah! Nun endlich haben Sie es ausgesprochen! Ja, Sie hatten alles dies
+nicht erwartet – Sie kannten mich nicht. Beruhigen Sie sich … Sie
+lieben mich nicht, ich aber dränge mich niemandem auf.«
+
+»Ich liebe Sie!« rief Rudin aus.
+
+Natalia richtete sich auf.
+
+»Möglich; wie aber lieben Sie mich? Alle Ihre Worte schweben mir vor,
+Dmitri Nikolaitsch. Erinnern Sie sich, Sie sagten mir, ohne völlige
+Gleichheit gäbe es keine Liebe … Sie stehen mir zu hoch, Sie passen für
+mich nicht … Ich habe diese Strafe verdient. Beschäftigungen warten
+Ihrer, die Ihrer würdiger sind. Den heutigen Tag werde ich nicht
+vergessen … Leben Sie wohl …«
+
+»Natalia, Sie wollen fort? Sollen wir denn so scheiden?«
+
+Er streckte die Hände nach ihr aus. Sie blieb stehen. Seine flehende
+Stimme schien sie unschlüssig gemacht zu haben.
+
+»Nein,« rief sie endlich, »ich fühle, es ist in mir etwas gebrochen …
+Ich kam hierher, redete mit Ihnen, wie in Fieberhitze; ich muß meine
+Sinne zusammennehmen. Es soll nicht sein, Sie selbst sagten, es dürfe
+nicht sein. Mein Gott, als ich hierherging, nahm ich in Gedanken
+Abschied von meinem Hause, von meiner ganzen Vergangenheit – und was?
+Wen traf ich hier? Einen kleinmütigen Mann … Und woher wußten Sie, daß
+ich nicht imstande wäre, die Trennung von meiner Familie zu ertragen?
+›Ihre Mama gibt nicht ihre Einwilligung … das ist schrecklich!‹ Dies
+war alles, was ich von Ihnen hörte. Sind Sie es, sind Sie es, Rudin?
+Nein! Leben Sie wohl … Ach! Wenn Sie mich liebten, jetzt, in diesem
+Augenblicke müßte ich es fühlen … Nein, nein, leben Sie wohl! …«
+
+Sie wandte sich rasch um und lief zu Mascha, die schon seit geraumer
+Zeit angefangen hatte, unruhig zu werden und ihr Zeichen zu machen.
+
+»Sie haben Angst bekommen, nicht aber ich!« rief Rudin Natalia nach.
+Sie gab nicht mehr acht auf ihn und eilte über das Feld nach Hause.
+Glücklich kam sie auf ihrem Zimmer an; kaum aber hatte sie die Schwelle
+überschritten, so verließen sie ihre Kräfte und bewußtlos sank sie in
+Maschas Arme.
+
+Rudin blieb inzwischen noch lange auf dem Damme. Endlich raffte er
+sich zusammen, schritt langsam dem Fußwege zu und ebenso auf demselben
+weiter. Er war tief beschämt … und erbittert. So etwas, dachte er, von
+einem achtzehnjährigen Mädchen! … Nein, ich kannte sie nicht … Ein
+außergewöhnliches Mädchen. Welch ein starker Wille! … Sie hat recht;
+sie ist einer anderen Liebe wert als der, die ich für sie fühlte …
+Fühlte? … fragte er sich selbst. Fühle ich denn keine Liebe mehr? Und
+mußte alles ein solches Ende nehmen! Wie erbärmlich, wie nichtig war
+ich im Vergleiche zu ihr!
+
+Das leichte Rollen einer Reitdroschke zwang Rudin, die Augen zu
+erheben. Ihm entgegen kam, auf seinem bekannten Traber, Leschnew
+gefahren. Schweigend tauschte Rudin mit ihm einen Gruß, lenkte dann,
+wie von einem plötzlichen Gedanken getroffen, vom Wege ab und ging
+rasch in der Richtung zum Hause Darja Michailownas weiter.
+
+Leschnew ließ ihn ein Stück Weges gehen, folgte ihm mit dem Blick,
+wandte nach kurzem Nachsinnen sein Pferd um – und fuhr zurück zu
+Wolinzow, bei dem er die Nacht zugebracht hatte. Er fand ihn noch
+schlafend, ließ ihn nicht wecken, setzte sich in Erwartung des Tees auf
+den Balkon und zündete sich die Pfeife an.
+
+
+
+
+X
+
+
+Wolinzow verließ gegen zehn Uhr sein Lager und als er hörte, daß
+Leschnew bei ihm auf dem Balkon sitze, wunderte er sich sehr und ließ
+ihn zu sich bitten.
+
+»Was ist vorgefallen?« fragte er ihn. »Du wolltest ja nach Hause
+fahren.«
+
+»Ja, ich wollte, mir ist jedoch Rudin begegnet … Spaziert allein auf
+dem Felde und das Gesicht so verstört. Ich dachte nicht lange nach und
+kehrte um.«
+
+»Du bist zurückgekehrt, weil dir Rudin begegnete?«
+
+»Das heißt – die Wahrheit zu sagen – ich weiß selbst nicht, weshalb
+ich zurückgekommen bin; vermutlich weil du mir in den Sinn kamst: ich
+empfand das Verlangen, noch etwas bei dir zu sitzen, nach Hause komme
+ich noch früh genug.«
+
+Wolinzow lächelte bitter.
+
+»Ja, an Rudin kann man jetzt nicht mehr denken, ohne zu gleicher Zeit
+auch an mich zu denken … He!« rief er dem Diener laut zu, »bringe uns
+Tee.«
+
+Die Freunde nahmen das Frühstück ein. Leschnew begann von
+Landwirtschaft zu sprechen, von einer neuen Art, die Scheunen mit Pappe
+zu decken …
+
+Plötzlich sprang Wolinzow von seinem Sessel auf und schlug so heftig
+auf den Tisch, daß Tassen und Untertassen erklirrten.
+
+»Nein!« rief er aus, »ich habe nicht die Kraft, es länger zu ertragen!
+Ich werde diesen Schöngeist fordern und mag er mich zusammenschießen,
+oder ich ihm eine Kugel durch seine gelehrte Stirn jagen!«
+
+»Was ficht dich an, ermanne dich!« schalt Leschnew, »wie kann man so
+schreien! Ich habe dabei mein Pfeifenrohr fallen lassen … Was ist dir?«
+
+»Das ist mir, daß ich diesen Namen nicht gleichgültig anhören kann:
+alles Blut steigt mir zu Kopfe.«
+
+»Geh doch, Bruder, geh! Schämst du dich denn nicht!« erwiderte
+Leschnew, die Pfeife vom Boden aufhebend. »Denk nicht mehr daran! – Hol
+ihn der Teufel!«
+
+»Er hat mich beleidigt,« fuhr Wolinzow fort, indem er im Zimmer
+umherging … »ja! er hat mich beleidigt. Du mußt es selbst gestehen. Im
+ersten Augenblick fand ich mich nicht zurecht: er hatte mich stutzig
+gemacht; und wer konnte es auch erwarten? Ich will ihm aber beweisen,
+daß ich nicht mit mir spaßen lasse … Ich will ihn, diesen verdammten
+Philosophen, wie ein Feldhuhn über den Haufen schießen.«
+
+»Ein großer Gewinn für dich! In der Tat! Von deiner Schwester gar nicht
+zu reden. Eine bekannte Sache, die Leidenschaft behält bei dir die
+Oberhand … wie solltest du an deine Schwester denken! Aber in betreff
+einer anderen Person, glaubst du, du werdest besser reüssieren, wenn
+du den ›Philosophen‹ tötest?«
+
+Wolinzow warf sich in einen Sessel.
+
+»Dann gehe ich fort, wohin es auch sei, nur fort von hier! Der Gram
+preßt mir hier das Herz ab, so daß ich nirgends Ruhe finde.«
+
+»Du willst fort … das ist eine andere Sache! Damit bin ich ganz
+einverstanden. Und weißt du, was ich dir vorschlagen will? Wir wollen
+zusammen nach dem Kaukasus oder auch nach Kleinrußland und uns an
+Mehlklößen gütlich tun. Ein herrliches Ding das, Bruder!«
+
+»Gut; wer bleibt aber bei der Schwester?«
+
+»Und warum sollte denn Alexandra Pawlowna nicht mit uns reisen? Bei
+Gott, das wäre herrlich. Ich übernehme es, für sie Sorge zu tragen! Es
+soll ihr an nichts fehlen; wenn sie es wünscht, werde ich ihr jeden
+Abend unter ihrem Fenster mit einer Serenade aufwarten; die Fuhrleute
+will ich mit Kölnischem Wasser einparfümieren, die Wege mit Blumen
+schmücken. Na, Bruder, und wir beide, wir werden wie neugeboren sein;
+wir wollen uns dem Genusse rückhaltlos hingeben und solche Wänste mit
+nach Hause bringen, daß keine Liebe uns mehr etwas wird anhaben können!«
+
+»Du treibst immer Scherz, Mischa!«
+
+»Ich scherze durchaus nicht. Das war ein brillanter Einfall von dir.«
+
+»Nein! Unsinn!« rief Wolinzow wieder, »schlagen, schlagen will ich mich
+mit ihm! …«
+
+»Schon wieder, Bruder, bist du denn heute ganz von Sinnen!«
+
+Der Diener trat mit einem Briefe in der Hand herein.
+
+»Von wem?« fragte Leschnew.
+
+»Von Rudin, von Dmitri Nikolajewitsch Rudin. Der Diener aus dem
+Laßunskischen Hause hat ihn gebracht.«
+
+»Von Rudin?« wiederholte Wolinzow. »An wen?«
+
+»An Sie.«
+
+»An mich … gib her.«
+
+Wolinzow ergriff den Brief, erbrach ihn hastig und las. Leschnew
+beobachtete ihn aufmerksam: ein eigentümliches, fast freudiges
+Erstaunen war auf Wolinzows Gesicht zu bemerken; er ließ die Arme
+sinken.
+
+»Was gibt’s?« fragte Leschnew.
+
+»Lies!« sagte Wolinzow halblaut und reichte ihm den Brief.
+
+Leschnew begann wie folgt zu lesen:
+
+ »Mein Herr Sergei Pawlowitsch!
+
+Ich verlasse heute Darja Michailownas Haus, verlasse es für immer. Es
+wird Sie das befremden, zumal nach dem gestrigen Vorfalle. Ich kann
+Ihnen nicht auseinandersetzen, was mich zwingt, so zu verfahren; mich
+dünkt aber, ich müsse Sie von meiner Abreise benachrichtigen. Sie
+lieben mich nicht und halten mich sogar für einen schlechten Menschen.
+Ich beabsichtige nicht, mich zu rechtfertigen: die Zeit wird es tun.
+Meiner Ansicht nach ist es eines Mannes nicht würdig und zudem unnütz,
+einem von vorgefaßten Meinungen befangenen Menschen das Unbegründete
+seiner Vorurteile vorzuhalten. Wer mich verstehen will, wird mich
+entschuldigen, wer mich nicht verstehen will oder kann – dessen
+Beschuldigungen berühren mich nicht. Ich habe mich in Ihnen getäuscht.
+In meinen Augen werden Sie wie vorher als edler und ehrenhafter Mann
+dastehen; ich hatte aber gedacht, Sie würden es vermögen, sich über den
+Kreis, in welchem Sie auferzogen worden sind, zu erheben … Ich habe
+mich getäuscht. Was liegt daran! Es ist nicht das erste und wohl auch
+nicht das letztemal, daß mir dies passiert. Ich wiederhole Ihnen: ich
+reise ab. Ich wünsche Ihnen alles mögliche Glück. Sie werden gestehen,
+daß dies ein durchaus uneigennütziger Wunsch ist, und ich gebe mich der
+Hoffnung hin, Sie werden jetzt glücklich werden. Vielleicht werden Sie
+mit der Zeit Ihre Meinung über mich ändern. Ob wir einander noch einmal
+wiedersehen, weiß ich nicht, ich bleibe aber dennoch der Sie aufrichtig
+achtende
+
+ D. R.
+
+~P. S.~ Die zweihundert Rubel, welche ich Ihnen schulde, werde ich
+Ihnen zustellen, sobald ich auf meinem Gute, im T…schen Gouvernement,
+angekommen sein werde. Ich bitte noch, in Darja Michailownas Beisein
+von diesem Briefe nicht zu reden.
+
+~P. S.~ Noch eine letzte, doch wichtige Bitte: da ich unverzüglich
+abreise, hoffe ich, werden Sie gegen Natalia Alexejewna nicht meines
+Besuches bei Ihnen Erwähnung tun …«
+
+»Nun, was sagst du dazu?« fragte Wolinzow, als Leschnew den Brief
+beendigt hatte.
+
+»Was läßt sich dazu sagen!« erwiderte Leschnew. »Alles, was man tun
+kann, ist, wie die Morgenländer: Allah! Allah! ausrufen und den Finger
+als Zeichen der Verwunderung in den Mund stecken. – Er reist ab … Nun!
+Möge der Weg vor ihm eben sein! Interessant ist’s aber, daß er diesen
+Brief zu schreiben für Pflicht gehalten hat, ebenso wie er auch aus
+Pflicht getrieben wurde, dir einen Besuch zu machen … Bei diesem Herrn
+dreht sich’s immer um den Pflicht- und Schuldbegriff,« setzte Leschnew,
+mit einem Lächeln auf das Postskriptum deutend, hinzu.
+
+»Und was für Phrasen er da macht!« rief Wolinzow. »Hat sich in mir
+getäuscht: er hätte erwartet, ich werde mich über einen gewissen Kreis
+erheben … Himmel! Ist das ein Gewäsch! Noch ärger als Gedichte!«
+
+Leschnew erwiderte nichts; nur in den Augen ward ein Lächeln bemerkbar.
+Wolinzow erhob sich.
+
+»Ich will zu Darja Michailowna fahren,« sagte er, »ich will hören, was
+dies alles bedeutet …«
+
+»Warte, Bruder: gib ihm Zeit, sich davonzumachen. Warum wolltest du
+wieder mit ihm zusammentreffen? Er verschwindet ja – was willst du
+mehr? Besser, du legst dich hin und schläfst aus; du hattest dich
+ohnehin gewiß die ganze Nacht von einer Seite auf die andere gewälzt!
+Jetzt wird es ja besser mit deinen Angelegenheiten …«
+
+»Woraus schließt du das?«
+
+»Nun, mir kommt es so vor. Lege dich aber hin und schlafe ein wenig,
+ich will unterdessen zu deiner Schwester – und ihr Gesellschaft
+leisten.«
+
+»Ich will ja nicht schlafen. Weshalb sollte ich schlafen! … Ich will
+lieber die Felder besichtigen,« sagte Wolinzow, die Schöße seines
+Mantels zurecht zupfend.
+
+»Auch das! Reite hin, Bruder, reite hin, besichtige die Felder …«
+
+Und Leschnew begab sich in die andere Hälfte des Hauses zu Alexandra
+Pawlowna. Er traf sie in ihrem Gastzimmer. Sie bewillkommnete ihn
+freundlich. Sie war wie immer über seinen Besuch erfreut, doch behielt
+ihr Gesicht einen betrübten Ausdruck. Der gestrige Besuch Rudins
+beunruhigte sie.
+
+»Sie kommen vom Bruder?« fragte sie Leschnew, »wie ist er heute?«
+
+»Es macht sich, er ist auf die Felder geritten.«
+
+Alexandra Pawlowna schwieg.
+
+»Sagen Sie mir,« begann sie, den Rand ihres Schnupftuches mit
+Aufmerksamkeit betrachtend, »Sie wissen nicht, warum …«
+
+»Rudin gekommen ist?« setzte Leschnew hinzu. »Ich weiß es: er kam, um
+Abschied zu nehmen.«
+
+Alexandra Pawlowna erhob den Kopf.
+
+»Wie – um Abschied zu nehmen?«
+
+»Jawohl. Haben Sie denn nicht gehört? Er verläßt Darja Michailowna.«
+
+»Verläßt sie?«
+
+»Für immer; so sagt er wenigstens.«
+
+»Aber wie kann das sein, wie ist das zu verstehen, nach allem, was …«
+
+»Ja, das ist eine andere Sache! Verstehen läßt sich’s nicht, es ist
+aber so. Es muß dort etwas vorgefallen sein. Er hat wohl die Sehne zu
+stark gespannt, und sie ist – gerissen.«
+
+»Michael Michailitsch!« sagte Alexandra Pawlowna, »ich verstehe nichts;
+Sie wollen, dünkt mich, Spaß mit mir treiben …«
+
+»Nein! Bei Gott nicht … Ich sage Ihnen, er reist fort und teilt dies
+seinen Bekannten sogar brieflich mit. Von einem gewissen Gesichtspunkte
+aus betrachtet, ist das, wenn Sie wollen, nicht übel; seine Abreise
+verhindert indessen die Ausführung eines der merkwürdigsten
+Unternehmen, welches Ihr Bruder und ich soeben erst zu besprechen
+begonnen hatten.«
+
+»Was ist das für ein Unternehmen?«
+
+»Sie sollen es hören. Ich machte Ihrem Bruder den Vorschlag, zur
+Zerstreuung auf Reisen zu gehen und Sie zu entführen. Ich übernahm es,
+speziell für Sie Sorge zu tragen …«
+
+»Wie ist das schön!« rief Alexandra Pawlowna, »ich kann mir denken,
+auf welche Weise Sie für mich Sorge tragen würden. Sie ließen mich
+vermutlich Hungers sterben.«
+
+»Das sagen Sie, Alexandra Pawlowna, weil Sie mich nicht kennen. Sie
+glauben, ich sei ein Klotz, ein wahrer Klotz, ein Holzblock! Wissen Sie
+aber, daß ich imstande bin, zu schmelzen wie Zucker und tagelang auf
+den Knien zu liegen?«
+
+»Das möchte ich wahrhaftig sehen!«
+
+Leschnew erhob sich plötzlich. »Nun, nehmen Sie mich zum Manne,
+Alexandra Pawlowna, dann werden Sie es erleben.«
+
+Alexandra Pawlowna wurde bis über die Ohren rot.
+
+»Was haben Sie da gesagt, Michael Michailitsch?« brachte sie verwirrt
+hervor.
+
+»Gesagt habe ich,« erwiderte Leschnew, »was mir schon längst und
+tausendmal auf der Zunge geschwebt hat. Ich habe es nun ausgesprochen
+und Sie können nach Gutdünken verfahren. Um Ihnen jedoch nicht störend
+zu sein, will ich mich jetzt entfernen. Ja, ich entferne mich … Wenn
+Sie meine Frau werden wollen … Wenn es Ihnen nicht zuwider ist, lassen
+Sie mich nur rufen; ich werde es schon verstehen …«
+
+Alexandra Pawlowna wollte Leschnew zurückhalten, er ging aber rasch
+hinaus und begab sich ohne Mütze in den Garten und starrte, auf die
+Gartentür gestützt, ins Weite hinaus.
+
+»Michael Michailitsch!« ließ sich hinter ihm die Stimme des
+Kammermädchens hören, »die gnädige Frau läßt Sie zu sich bitten.«
+
+Michael Michailitsch wandte sich um, faßte das Mädchen zu seinem
+großen Erstaunen beim Kopfe, küßte es auf die Stirn und begab sich zu
+Alexandra Pawlowna.
+
+
+
+
+XI
+
+
+Als Rudin, kurz nach seinem Zusammentreffen mit Leschnew, nach Hause
+zurückgekehrt war, hatte er sich auf seinem Zimmer eingeschlossen und
+zwei Briefe geschrieben: einen an Wolinzow, den der Leser bereits
+kennt, und einen an Natalia. An diesem zweiten Briefe hatte er lange
+gearbeitet, vieles in demselben gestrichen und umgeändert, und
+nachdem er ihn säuberlich auf einen Bogen feines Postpapier ins reine
+geschrieben und ihn dann so klein als möglich zusammengelegt hatte,
+steckte er ihn in die Tasche. Mit gramerfülltem Gesichte ging er einige
+Male im Zimmer auf und ab, setzte sich in einen Lehnstuhl ans Fenster
+und stützte sich auf den Arm; eine Träne zitterte auf seinen Wimpern …
+Plötzlich, als raffte er sich zu einem letzten Entschlusse zusammen,
+erhob er sich, knöpfte seinen Rock bis an den Hals zu, rief den Diener
+und hieß ihn bei Darja Michailowna nachfragen, ob sie für ihn sichtbar
+sei.
+
+Der Diener kehrte bald zurück und meldete, Darja Michailowna erwarte
+ihn.
+
+Rudin begab sich zu ihr.
+
+Sie empfing ihn in ihrem Kabinett wie das erstemal, zwei Monate vorher.
+Jetzt aber war sie nicht allein: Pandalewski, bescheiden, frisch,
+sauber und salbungsvoll wie immer, saß bei ihr.
+
+Darja Michailowna begegnete Rudin freundlich, und dieser begrüßte
+sie mit anscheinender Ungezwungenheit; beim ersten Blick auf die
+lächelnden Gesichter beider wäre jeder einigermaßen weltkundige Mensch
+jedoch leicht gewahr geworden, daß zwischen ihnen etwas Unangenehmes
+vorgefallen, wenn auch nicht verhandelt worden sei. Rudin wußte, daß
+Darja Michailowna böse auf ihn war, und diese ahnte, daß er bereits von
+ihrem Vorhaben unterrichtet sei.
+
+Pandalewskis Bericht hatte sie sehr aufgeregt. Der Standeshochmut hatte
+sich in ihr geregt. Rudin, der unbegüterte, ranglose und bis jetzt noch
+unbekannte Mensch, hatte sich erfrecht, ihrer Tochter – der Tochter
+Darja Michailowna Laßunskis – ein Stelldichein zu geben!!
+
+»Nehmen wir an, er sei klug, ein Genie!« sagte sie, »was folgt denn
+daraus? Es könnte demnach ein jeder darauf hoffen, mein Schwiegersohn
+zu werden?«
+
+»Lange wollte ich meinen Augen nicht trauen,« hatte Pandalewski
+eingewandt. »Wie es möglich ist, seinen Platz in der Welt nicht zu
+kennen, das wundert mich!«
+
+Darja Michailowna war sehr aufgebracht und Natalia hatte darunter zu
+leiden.
+
+Sie bat Rudin Platz zu nehmen. Er tat es, aber nicht mehr wie der Rudin
+von ehemals, der fast Herr im Hause geschienen hatte, selbst nicht wie
+ein guter Bekannter, sondern wie ein Gast und nicht sehr befreundeter
+Gast. Alles dies war das Werk eines Augenblicks … So verwandelt sich
+Wasser plötzlich in festes Eis.
+
+»Ich komme, Darja Michailowna,« begann Rudin, »Ihnen für Ihre
+Gastfreundschaft Dank zu sagen. Ich habe soeben wichtige Nachrichten
+von meinem Gütchen bekommen und muß heute noch dahin abreisen.«
+
+Darja Michailowna blickte Rudin scharf an.
+
+Er ist mir zuvorgekommen, gewiß hat er Verdacht, dachte sie. Er
+überhebt mich der lästigen Erklärungen, um so besser. Es leben die
+klugen Köpfe!
+
+»Wirklich?« sagte sie laut. »Ach, wie das unangenehm ist! Was ist da
+zu machen! Ich hoffe, Sie diesen Winter in Moskau zu sehen. Wir reisen
+auch bald von hier fort.«
+
+»Ich weiß nicht, Darja Michailowna, ob es mir möglich sein wird, nach
+Moskau zu kommen; sobald ich aber das Nötige dazu werde gefunden haben,
+werde ich es für meine Pflicht erachten, Ihnen meine Aufwartung zu
+machen.«
+
+Oho, mein Bester! dachte Pandalewski jetzt bei sich: vor kurzem noch
+hast du hier als Sultan geschaltet und gewaltet und drückst dich jetzt
+in diesem Tone aus?
+
+»Sie haben also unbefriedigende Nachrichten von Ihrem Gute erhalten?«
+fragte er mit gewohnter Ziererei.
+
+»Ja,« erwiderte Rudin trocken.
+
+»Mißernte vielleicht?«
+
+»Nein … etwas anderes … Glauben Sie mir, Darja Michailowna,« fuhr
+Rudin fort, »ich werde die Zeit nie vergessen, die ich in Ihrem Hause
+verbracht habe.«
+
+»Ich meinerseits, Dmitri Nikolaitsch, werde mich immer mit Vergnügen
+unserer Bekanntschaft erinnern … Wann reisen Sie?«
+
+»Heute nach Tische.«
+
+»So bald! … Nun, ich wünsche Ihnen eine glückliche Reise! Übrigens,
+wenn Ihre Geschäfte Sie nicht gar zu lange zurückhalten, könnten Sie
+uns vielleicht hier noch treffen.«
+
+»Das wird schwerlich angehen,« erwiderte Rudin, sich erhebend.
+»Entschuldigen Sie mich,« setzte er hinzu, »ich kann nicht sogleich
+meine Schuld abtragen, sobald ich aber auf meinem Gute …«
+
+»Lassen Sie doch das, Dmitri Nikolaitsch!« unterbrach ihn Darja
+Michailowna, »wie können Sie davon reden! … Doch wieviel ist’s an der
+Zeit?« fragte sie.
+
+Pandalewski langte aus seiner Westentasche eine kleine, goldene,
+emaillierte Uhr hervor und die rosige Wange bedachtsam an den weißen,
+steifen Hemdkragen schmiegend, beäugelte er das Zifferblatt.
+
+»Zwei Uhr dreiunddreißig Minuten,« sagte er.
+
+»Es ist Zeit, daß ich Toilette mache,« warf Darja Michailowna hin. »Auf
+Wiedersehen, Dmitri Nikolaitsch!«
+
+Rudin erhob sich. Die ganze Unterhaltung mit Darja Michailowna trug ein
+eigenes Gepräge. So repetieren Schauspieler ihre Rollen, so tauschen
+miteinander auf Konferenzen Diplomaten ihre zum voraus verabredeten
+Phrasen …
+
+Rudin ging hinaus. Er hatte jetzt an sich die Erfahrung gemacht, wie
+Leute von Welt einen Menschen, den sie nicht mehr brauchen, beiseite
+werfen, oder nicht einmal das, sondern ihn ganz einfach fallen lassen:
+wie einen Handschuh nach dem Balle, ein Bonbonpapier, oder ein Billett
+der Tombola, das nichts gewonnen hat.
+
+Rasch packte er seine Sachen ein und wartete mit Ungeduld auf die
+Stunde der Abreise. Alle im Hause waren sehr erstaunt, als sie seinen
+Entschluß erfuhren; selbst das Dienerpersonal blickte ihn befremdet
+an. Bassistow verhehlte nicht seinen Kummer. Augenfällig war’s, daß
+Natalia Rudin vermied. Sie bemühte sich sogar, seinen Blicken nicht zu
+begegnen; es gelang ihm aber dennoch, ihr seinen Brief zuzustecken. An
+der Tafel äußerte Darja Michailowna nochmals, sie hoffe, Rudin noch vor
+ihrer Abreise nach Moskau zu sehen, er erwiderte jedoch nichts darauf.
+Häufiger als die übrigen richtete Pandalewski an ihn das Wort, und mehr
+als einmal spürte Rudin das Verlangen, über ihn herzufallen und sein
+blühendes, rosiges Gesicht zu ohrfeigen. Mit eigentümlich verschmitztem
+Ausdruck in den Augen warf Mlle. Boncourt häufige Blicke auf Rudin:
+solch einen Ausdruck kann man an sehr klugen Hühnerhunden bisweilen
+bemerken … Ha, ha, schien sie sagen zu wollen, so also behandelt man
+dich jetzt!
+
+Endlich schlug es sechs Uhr und Rudins Tarantaß fuhr vor. Er nahm eilig
+von allen Abschied. Es war ihm sehr unbehaglich zumute. Er hatte nicht
+erwartet, daß er so aus diesem Hause scheiden werde: es hatte den
+Anschein, als triebe man ihn davon … Wie ist das alles gekommen? und
+warum brauchte ich so zu eilen? Doch das Ende bleibt dasselbe, – das
+war es, was ihm durch den Kopf ging, als er mit erzwungenem Lächeln
+nach allen Seiten hin grüßte. Zum letzten Male warf er einen Blick auf
+Natalia, und es regte sich in ihm das Herz: ihre Augen waren auf ihn
+gerichtet und gaben ihm ein trauriges, vorwurfsvolles Geleit.
+
+Rasch lief er die Treppe hinunter und sprang in den Tarantaß. Bassistow
+hatte sich erboten, ihn bis zur ersten Station zu begleiten und setzte
+sich zu ihm.
+
+»Erinnern Sie sich,« begann Rudin, nachdem der Wagen aus dem Hofe auf
+die breite, mit Tannen besetzte Straße gerollt war, »erinnern Sie
+sich, was Don Quijote zu seinem Knappen sagt, als sie das Schloß der
+Herzogin verließen? ›Freiheit,‹ sagte er, ›Freund Sancho, ist eins der
+kostbarsten Güter der Menschen, und glücklich ist, wem der Himmel sein
+tägliches Brot beschert hat und wer anderen dafür nicht verpflichtet
+zu sein braucht!‹ Was Don Quijote damals empfand, empfinde ich jetzt …
+Gebe Gott, mein guter Bassistow, daß Sie niemals in die Lage kommen,
+dies zu empfinden!«
+
+Bassistow drückte Rudin kräftig die Hand und das Herz des ehrlichen
+Jünglings klopfte heftig in seiner gerührten Brust. Bis zu der Station
+sprach Rudin von der Würde des Menschen, von der Bedeutung der wahren
+Freiheit – seine Worte waren warm, edel und aufrichtig – und als es zum
+Scheiden gekommen war, hielt es Bassistow nicht mehr aus, warf sich ihm
+um den Hals und brach in Schluchzen aus. Auch Rudin ließ einige Tränen
+fallen; doch weinte er nicht darüber, daß er von Bassistow schied, es
+waren Tränen der Eigenliebe, die er vergoß.
+
+ * * * * *
+
+Natalia begab sich auf ihr Zimmer und las Rudins Brief.
+
+»Verehrte Natalia Alexejewna« – schrieb er – »ich habe mich
+entschlossen, abzureisen. Ein anderer Ausweg bleibt mir nicht. Ich habe
+mich entschlossen, abzureisen, bevor man mir unumwunden sagt, daß ich
+mich entfernen möge. Mit meinem Scheiden hören alle Mißverständnisse
+auf; bedauern wird mich schwerlich jemand. Wozu also noch zögern? …
+Dies alles ist richtig, werden Sie denken, warum aber schreibe ich an
+Sie?
+
+»Ich scheide von Ihnen, vermutlich für immer, und es wäre gar zu hart,
+müßte ich annehmen, daß ich einen schlechteren Ruf, als ich verdiene,
+hinterlasse. Darum schreibe ich Ihnen jetzt. Ich will weder mich
+rechtfertigen, noch irgend jemand beschuldigen, außer mich selbst: ich
+will, so gut es geht, mich erklären … Die Ereignisse der letzten Tage
+sind so unerwartet, so plötzlich hereingebrochen …
+
+»Die heutige Zusammenkunft wird mir als Lehre dienen. Ja, Sie haben
+recht: ich kannte Sie nicht, glaubte aber, Sie zu kennen! Auf meiner
+Lebensbahn habe ich mit Menschen jeder Gattung zu schaffen gehabt,
+bin mit vielen Frauen und Mädchen in Berührung gekommen; doch als Sie
+mir begegneten, fand ich zum ersten Male eine vollkommen reine und
+gerade Seele. Das war mir neu, und ich verstand nicht, Sie zu würdigen.
+Ich fühlte mich gleich am ersten Tage unserer Bekanntschaft zu Ihnen
+hingezogen – Sie müssen es bemerkt haben. – Viele Stunden verbrachte
+ich mit Ihnen und habe Sie nicht kennengelernt; ja, ich gab mir nicht
+einmal Mühe, Sie kennenzulernen … und ich habe mir einbilden können,
+ich empfinde Liebe zu Ihnen!! Für diesen Frevel erdulde ich jetzt die
+Strafe.
+
+»Ich liebte vormals ein Weib und wurde wiedergeliebt … Das Gefühl, das
+ich für sie empfand, war ein gemischtes, und so war auch das ihrige;
+sie war aber kein Naturkind und so paßte denn eines zum anderen. Die
+Wahrhaftigkeit zeigte sich mir damals nicht: ich habe sie auch jetzt
+nicht erkannt, als sie vor mir stand … Zuletzt erst erkannte ich sie,
+doch zu spät … Was vergangen, kehrt nicht wieder … Unser Leben hätte
+sich in eins verschmelzen können – und wird es nun nimmer. Wie beweise
+ich Ihnen, daß ich Sie mit wahrer Liebe – mit der Liebe des Herzens und
+nicht der Einbildung hätte lieben können, wenn ich selbst nicht weiß,
+ob ich einer solchen Liebe fähig bin!
+
+»Die Natur hat mir viel gegeben – ich weiß es und will nicht aus falsch
+verstandener Scham bescheiden vor Ihnen tun, vollends jetzt nicht, in
+dieser für mich so bitteren, so schmachvollen Stunde … Ja, viel gab mir
+die Natur; und ich werde sterben, ohne etwas getan zu haben, was meiner
+Fähigkeiten würdig gewesen wäre, ohne von mir die geringste heilsame
+Spur zu hinterlassen. Mein ganzer Schatz wird nutzlos verschwinden:
+ich werde die Frucht meiner Aussaat nicht ernten. Es gebricht mir …
+ich selbst weiß nicht zu sagen, woran es mir namentlich gebricht …
+Es gebricht mir vermutlich an dem, ohne welches weder die Herzen der
+Menschen sich bewegen, noch ein weibliches Herz sich erobern läßt;
+die Herrschaft aber über die Geister allein ist eben so unsicher als
+nutzlos. Sonderbar, fast komisch ist mein Geschick: ich gebe mich ganz,
+mit wahrer Gier, vollständig hin – und kann mich doch nicht hingeben.
+Das Ende wird sein, daß ich mich für irgendein Nichts, dem ich nicht
+einmal glaube, opfern werde … Mein Gott! fünfunddreißig Jahre alt und
+immer noch sich zur Tat zu rüsten!
+
+»Ich habe mich noch gegen niemand so ausgesprochen, wie jetzt – dies
+ist meine Beichte.
+
+»Doch genug von mir. Mich verlangt, von Ihnen zu sprechen, Ihnen
+einige Ratschläge zu erteilen: zu nichts anderem tauge ich … Sie sind
+noch jung; doch wie lange Sie auch leben mögen, folgen Sie stets den
+Eingebungen ihres Herzens, lassen Sie sich weder von Ihrem eigenen,
+noch von fremdem Verstande beherrschen. Glauben Sie mir, je einfacher,
+beschränkter der Kreis ist, in welchem das Leben sich abspinnt, desto
+besser ist es; es kommt nicht darauf an, neue Seiten in demselben
+zu entdecken, wohl aber, daß jeder Übergang in ihm zur rechten Zeit
+stattfinde. ›Glücklich, wer von Jugend auf jung gewesen‹[5] … Ich
+bemerke jedoch, daß diese Ratschläge weit mehr mich als Sie betreffen.
+
+»Ich gestehe Ihnen, Natalia Alexejewna, mir ist sehr schwer ums Herz.
+Ich habe mich niemals in der Natur jenes Gefühls, das ich Darja
+Michailowna eingeflößt hatte, täuschen können; ich lebe jedoch der
+Hoffnung, einen, wenn auch nur temporären Hafen gefunden zu haben …
+Jetzt muß ich wieder durch die weite Welt irren. Was ersetzt mir Ihre
+Unterhaltung, Ihre Gegenwart, Ihren aufmerkenden und klugen Blick?
+… Ich bin selbst daran schuld; Sie werden aber zugeben, daß uns das
+Schicksal wie vorsätzlich hart mitgespielt hat. Vor einer Woche ahnte
+mir kaum, daß ich Sie liebte. Vorgestern abend im Garten vernahm ich
+zum ersten Male aus Ihrem Munde … doch wozu sollte ich Ihnen ins
+Gedächtnis rufen, was Sie an dem Abend sagten – und schon heute reise
+ich ab, reise schmachbedeckt fort, nach der herben Unterredung mit
+Ihnen und trage keine Hoffnung mit mir davon … Und noch wissen Sie
+nicht, in welchem Grade ich Ihnen gegenüber schuldbeladen bin … Ich bin
+nun einmal so tölpelhaft offenherzig und geschwätzig … Doch wozu davon
+reden! Ich reise ab für immer.« (Hier hatte Rudin Natalia von seinem
+Besuche bei Wolinzow zu erzählen angefangen, diese ganze Stelle jedoch
+nach einigem Überlegen gestrichen und sodann in dem Briefe von Wolinzow
+das zweite Postskriptum hinzugefügt.)
+
+»Ich bleibe einsam auf der Welt, um, wie Sie heute früh mit grausamem
+Lächeln zu mir sagten, mich anderen, mehr für mich geeigneten
+Beschäftigungen zu widmen. O weh! wäre ich doch imstande, mich in der
+Tat diesen Beschäftigungen zu widmen, endlich einmal meine Lässigkeit
+zu überwinden … Doch nein! Ich werde dasselbe unvollendete Wesen, das
+ich bisher gewesen bin, bleiben … Beim ersten Hindernis – falle ich
+auseinander; der Vorfall mit Ihnen hat es mir bewiesen. Hätte ich
+mindestens doch meine Liebe einer künftigen Wirksamkeit nach eigenem
+Berufe zum Opfer gebracht; es war aber nur die Verantwortlichkeit, die
+ich auf mich nehmen sollte, über die ich erschrak, und darum bin ich
+wirklich Ihrer nicht würdig. Ich bin es nicht wert, daß Sie sich für
+mich aus Ihrer Sphäre losreißen … Übrigens, wer weiß, wozu alles gut
+gewesen … Aus dieser Prüfung werde ich vielleicht reiner und kräftiger
+hervorgehen.
+
+»Ich wünsche Ihnen alles Glück. Leben Sie wohl! Erinnern Sie sich
+zuweilen meiner. Ich hoffe, Sie sollen noch von mir hören.
+
+ Rudin.«
+
+Natalia ließ den Brief Rudins auf ihre Knie fallen und blieb lange
+unbeweglich mit auf den Boden gesenktem Blicke sitzen. Dieser Brief
+bewies ihr klarer als irgendwelche Gründe es vermocht hätten, wie
+recht sie gehabt hatte, als sie an diesem Morgen beim Abschiede von
+Rudin unwillkürlich ausgerufen hatte, daß er sie nicht liebe! Doch
+fühlte sie sich dadurch nicht erleichtert. Regungslos saß sie da; es
+däuchte ihr, dunkle Wogen wären geräuschlos über ihr zusammengeschlagen
+und sie versänke in den Abgrund, stumm und erstarrt. Eine erste
+Enttäuschung preßt jedem das Herz ab; fast unerträglich aber ist
+dieselbe für eine offene Seele, die keine Selbsttäuschung sucht,
+und welcher Leichtfertigkeit und Übertreibung fremd sind. Natalia
+gedachte ihrer Kinderzeit, wie sie abends, wenn sie spazierenging,
+jedesmal bemüht gewesen war, dem erleuchteten Rande des Himmels,
+dorthin, wo das Abendrot glühte, und nicht der dunklen Seite desselben
+entgegenzuwandeln. Dunkel stand jetzt das Leben vor ihr, und sie hatte
+dem Lichte den Rücken gekehrt …
+
+Tränen traten ins Natalias Augen. Tränen sind nicht jedesmal wohltuend.
+Erquickend und heilbringend sind sie, wenn sie, lange in der Brust
+verhalten, endlich hervorbrechen – anfangs mit Anstrengung, dann immer
+leichter, immer ruhiger; die stumme Angst des Grames löst sich in ihnen
+auf … Es gibt jedoch kalte, spärlich rinnende Tränen: tropfenweise
+entpreßt sie dem Herzen mit seinem schweren und steten Druck das auf
+demselben lastende Leid; erquickungslos sind sie und bringen keine
+Erleichterung. Solche Tränen weint die Not, und wer sie nicht vergoß,
+war noch nicht unglücklich. Natalia lernte sie heute kennen.
+
+Zwei Stunden vergingen. Natalia faßte ein Herz, stand auf, trocknete
+die Augen, zündete ein Licht an, verbrannte an der Flamme desselben
+Rudins Brief bis auf das letzte Stück und warf die Asche zum Fenster
+hinaus. Dann schlug sie aufs Geratewohl Puschkin auf und las die
+ersten Zeilen, die ihr in die Augen fielen (sie pflegte sich häufig auf
+diese Weise aus ihm wahrsagen zu lassen). Auf folgende Stelle fiel ihr
+Blick:
+
+ Wer tief gefühlt, dem gönnt nicht Ruhe
+ Das Schattenbild entschwundnen Glücks …
+ Für ihn hat alles Reiz verloren,
+ Erinnerung nur und Reue bohren
+ Gleich Nattern sich ins Herz ihm ein …
+
+Sie blieb eine Zeitlang stehen, warf mit kaltem Lächeln einen Blick auf
+ihre Gestalt im Spiegel, machte mit dem Kopfe eine leichte Bewegung von
+oben nach unten und begab sich ins Gastzimmer hinab.
+
+Kaum hatte Darja Michailowna Natalia erblickt, so führte sie dieselbe
+in ihr Kabinett, hieß sie neben sich Platz nehmen, streichelte
+ihr freundlich die Wange und blickte ihr dabei aufmerksam, fast
+neugierig in die Augen. In Darja Michailowna waren geheime Mutmaßungen
+aufgestiegen: es kam ihr zum ersten Male der Gedanke – daß sie in
+der Tat ihre Tochter nicht kenne. Als sie durch Pandalewski von der
+Zusammenkunft mit Rudin hörte, war sie weniger entrüstet als erstaunt
+gewesen, daß ihre verständige Natalia sich zu einem solchen Schritte
+hatte entschließen können. Als sie sie aber zu sich rief und sie zu
+schelten begann, nicht etwa im Tone einer feinen Weltdame, sondern
+ziemlich schreiend und unmanierlich, da machten die festen Antworten
+Natalias, ihre Entschlossenheit in Blick und Haltung Darja Michailowna
+verwirrt, ja erschreckten sie sogar.
+
+Die unerwartete, gleichfalls nicht ganz erklärliche Abreise Rudins nahm
+eine Zentnerlast von ihrem Herzen; doch war sie auf Tränen, hysterische
+Anfälle gefaßt … Und abermals machte Natalias äußerliche Ruhe sie irre.
+
+»Nun, mein Kind,« nahm Darja Michailowna das Wort, »wie geht es heute?«
+
+Natalia blickte ihre Mutter an.
+
+»Er ist ja fort … jener Herr. Weißt du nicht, weshalb er sich so
+schnell davongemacht hat?«
+
+»Mama!« sagte Natalia mit leiser Stimme, »ich gebe Ihnen mein Wort,
+wenn Sie nicht selbst seiner Erwähnung tun, sollen Sie von mir nie
+etwas über ihn hören.«
+
+»Du siehst also dein Unrecht gegen mich ein?«
+
+Natalia senkte den Kopf und wiederholte:
+
+»Sie werden von mir nie etwas über ihn hören …«
+
+»Nun nimm dich in acht!« erwiderte Darja Michailowna lächelnd. »Ich
+glaube dir. Vorgestern aber, erinnerst du dich, wie … Nun, nichts
+mehr davon. Er sei beendigt, abgetan und vergessen. Nicht wahr? Jetzt
+erkenne ich dich wieder; ich war aber wirklich ganz irre geworden. Nun,
+gib mir doch einen Kuß, mein liebes, kluges Kind …«
+
+Natalia führte Darja Michailownas Hand an ihre Lippen und diese
+drückte einen Kuß auf den niedergebeugten Kopf ihrer Tochter.
+
+»Beachte immer meine Ratschläge, vergiß nicht, daß du eine Laßunski und
+meine Tochter bist,« setzte sie hinzu, »und du wirst glücklich sein.
+Jetzt aber geh.«
+
+Natalia ging schweigend hinaus. Darja Michailowna sah ihr nach und
+dachte: so war ich – die wird sich auch fortreißen lassen: ~mais elle
+aura moins d’abandon~. Und Darja Michailowna versank in Erinnerungen an
+Vergangenes … längst Vergangenes …
+
+Dann ließ sie Mlle. Boncourt rufen und blieb lange unter vier Augen
+mit ihr eingeschlossen. Nachdem diese entlassen worden war, rief
+sie Pandalewski zu sich. Sie wollte durchaus den wirklichen Grund
+der Abreise Rudins erfahren … Pandalewski beruhigte sie indessen
+vollkommen. So etwas schlug in sein Fach.
+
+ * * * * *
+
+Am folgenden Tage kam Wolinzow mit seiner Schwester zu Mittag. Darja
+Michailowna war immer sehr liebenswürdig gegen beide, diesmal jedoch
+empfing sie diese Gäste mit ausnehmender Freundlichkeit. Natalia war
+unerträglich schwer zumute; Wolinzow dagegen war so ehrerbietig gegen
+sie, so schüchtern, wenn er das Wort an sie richtete, daß sie im Herzen
+nicht anders konnte, als ihm Dank dafür zu wissen.
+
+Der Tag verging ruhig, ziemlich einförmig, doch als man sich trennte,
+fühlte jeder sich wieder ins frühere Geleise gebracht; und das will
+viel, sehr viel sagen. Jawohl, alle waren in das frühere Geleise
+gekommen … alle, ausgenommen Natalia. Als sie allein war, schleppte
+sie sich mit Mühe bis an ihr Bett und sank müde, wie gebrochen mit dem
+Gesicht auf das Kissen. Das Leben dünkte ihr so herbe, so schal, es
+widerte sie so sehr an, sie empfand eine solche Scham vor sich selbst,
+vor ihrer Liebe, ihrem Gram, daß sie gewiß in diesem Augenblicke zu
+sterben bereit gewesen wäre … Noch viele schwere Tage standen ihr
+bevor, viele schlaflose Nächte, martervolle Aufregungen; sie war aber
+jung – das Leben hatte für sie eben erst begonnen, das Leben aber
+schafft sich, früh oder spät, sein Recht. Was für ein Schlag den
+Menschen treffen mag, es wird ihm doch, wenn auch nicht an demselben
+Tage, so vermutlich am folgenden – entschuldigen Sie den trivialen
+Ausdruck – nach Essen verlangen, und da haben wir schon eine erste
+Tröstung …
+
+Natalias Leiden waren qualvoll; sie litt zum ersten Male … Doch die
+ersten Leiden, wie auch die erste Liebe wiederholen sich nicht, – und
+Gott sei es gedankt!
+
+
+
+
+XII
+
+
+Zwei Jahre etwa waren verflossen. Es war in den ersten Tagen des Mai.
+Auf dem Balkon ihres Hauses saß Alexandra Pawlowna, jetzt nicht mehr
+Lipin, sondern Leschnew; ungefähr vor einem Jahre hatte sie Michael
+Michailitsch geheiratet. Sie war lieblich wie ehemals, nur in der
+letzten Zeit etwas stärker geworden. Vor dem Balkon, von welchem
+aus Stufen in den Garten führten, ging eine Amme umher mit einem
+rotbäckigen Kinde in weißem Mäntelchen und weißem Besatz auf dem
+Hütchen. Alexandra Pawlowna verwandte die Augen nicht von dem Kinde. Es
+schrie nicht, saugte mit wichtiger Miene an seinem Finger und schaute
+ruhig um sich herum. Es zeigte sich bereits als würdiger Sohn Michael
+Michailitschs.
+
+Neben Alexandra Pawlowna saß auf dem Balkone unser alter Bekannter
+Pigassow. Er war seit wir ihn aus dem Gesicht verloren haben, merklich
+ergraut, gebeugt, magerer geworden und zischte beim Sprechen: ein
+Vorderzahn war ihm ausgefallen; das Zischen verlieh seiner Rede noch
+mehr Bissigkeit … Seine Gehässigkeit hatte sich mit den Jahren nicht
+vermindert, doch waren seine Witze stumpf geworden, und er verfiel
+häufiger in Wiederholungen. Michael Michailitsch war nicht zu Hause,
+man erwartete ihn zum Tee. Die Sonne war bereits untergegangen. Ein
+langer, blaß-goldener, zitronengelber Streif zog sich am Abendhimmel
+hin, während an dem entgegengesetzten Himmelsrande zwei solcher
+Streifen sichtbar waren: einer, der untere, blau, der andere, obere,
+rötlich-veilchenblau. In der Höhe verschwammen leichte Wölkchen. Alles
+versprach anhaltend gutes Wetter.
+
+Plötzlich lachte Pigassow auf.
+
+»Was macht Sie lachen, Afrikan Semenitsch?« fragte Alexandra Pawlowna.
+
+»Nichts, mir fiel ein … Gestern hörte ich, wie ein Bauer zu seiner
+Frau, die gerade etwas redselig geworden war, sagte: knarre nicht!
+… Mir hat der Ausdruck sehr gefallen. Knarre nicht! Und in der Tat,
+worüber können die Weiber denn reden? Sie wissen, ich habe die
+Anwesenden niemals im Sinne. Unsere Voreltern waren klüger als wir.
+In ihren Legenden sitzt die Schöne am Fenster, mit einem Stern auf
+der Stirn und dabei ist sie stumm wie ein Fisch. So muß es auch
+sein. Und urteilen Sie selbst: da sagt zu mir vorgestern unsere Frau
+Adelsmarschallin – wie ein Pistolenschuß schoß sie mir’s vor den
+Kopf –, sagt die mir, ihr gefalle nicht meine Tendenz! Tendenz! Nun,
+frage ich sie, wäre es nicht besser gewesen für sie, wie für alle, wenn
+sie, kraft irgendwelcher wohltuenden Verfügung der Natur, plötzlich des
+Gebrauches der Sprache beraubt worden wäre?«
+
+»Sie bleiben sich immer gleich, Afrikan Semenitsch, Sie ziehen immer
+gegen uns wehrlose … Wissen Sie, das ist auch ein Unglück in seiner
+Art, gewiß. Sie tun mir leid.«
+
+»Unglück? Wie können Sie das sagen! Erstens gibt es meiner Ansicht
+nach überhaupt nur dreierlei Unglück auf der Welt: im Winter in kalter
+Wohnung zu wohnen, im Sommer enge Stiefel zu tragen und in einem Zimmer
+zu schlafen, wo ein Kind kreischt, auf das man kein Wanzenpulver
+streuen darf. Übrigens bin ich nicht der friedfertigste Mensch von der
+Welt geworden? Zu einer moralischen Sentenz, zu einem Rechenexempel bin
+ich geworden! So sittsam ist jetzt mein Betragen!«
+
+»Ein schönes Betragen, das Ihrige, ich muß es gestehen! Hat doch
+gestern noch Helena Antonowna sich bei mir über Sie beschwert.«
+
+»So–oh! Und was hat sie Ihnen erzählt, wenn ich fragen darf?«
+
+»Sie sagte mir, Sie hätten den ganzen Morgen hindurch. auf alle ihre
+Fragen nur eine Antwort gegeben, ›wa–as? wa–as!‹ und das mit so
+winselndem Tone …«
+
+Pigassow lachte.
+
+»Es war aber eine gute Idee, das müssen Sie doch zugeben, Alexandra
+Pawlowna …, wie?«
+
+»Eine vortreffliche Idee! Darf man sich wohl gegen eine Frau so
+unhöflich benehmen, Afrikan Semenitsch?«
+
+»Was? Helena Antonowna ist eine Frau in Ihren Augen?«
+
+»Was ist sie denn in den Ihrigen?«
+
+»Eine Trommel, nichts weiter, eine gewöhnliche Trommel, worauf man mit
+Stöcken paukt …«
+
+»Ach ja!« unterbrach ihn Alexandra Pawlowna, um der Unterhaltung eine
+andere Richtung zu geben, »man darf Ihnen, wie ich gehört habe, Glück
+wünschen?«
+
+»Wozu?«
+
+»Zur Beendigung Ihres Prozesses. Die Glinow-Wiesen sind Ihnen ja
+zugesprochen …«
+
+»Ja, sie sind mir zugesprochen worden,« erwiderte finster Pigassow.
+
+»Sie haben schon seit langer Zeit darnach getrachtet und scheinen jetzt
+nicht zufrieden.«
+
+»Ich muß Ihnen sagen, Alexandra Pawlowna,« brachte Pigassow langsam
+hervor, »es kann nichts Schlimmeres und Verletzenderes geben, als wenn
+ein Glück zu spät kommt. Freude kann es Ihnen doch nicht bringen,
+dagegen raubt es Ihnen das Recht, das allerkostbarste Recht – das
+Schicksal zu schelten. Ja, meine Gnädige, ein spätes Glück ist nichts
+als ein bitterer und beleidigender Spott. –«
+
+Alexandra Pawlowna zuckte bloß die Achseln.
+
+»Amme,« sagte sie dann, »ich denke, es ist Zeit, daß Mischa zu Bett
+gebracht wird. Gib ihn hierher.«
+
+Und Alexandra Pawlowna machte sich mit ihrem Sohne zu schaffen, während
+Pigassow sich brummend auf die andere Seite des Balkons zurückzog.
+
+Auf einmal zeigte sich in der Nähe, auf dem Wege, der längs dem
+Garten hinlief, Michael Michailitsch auf seiner Reitdroschke. Vor
+derselben liefen zwei große Hofhunde her: der eine gelb, der andere
+grau; er hatte sie sich vor kurzem erst angeschafft. Sie zerrten sich
+unaufhörlich und waren die besten Freunde. Ein alter Dachshund kam
+ihnen bis vor das Tor entgegen und sperrte das Maul auf, als wolle
+er bellen, doch wurde daraus nur ein Gähnen und er kehrte, mit dem
+Schwanze ruhig wedelnd, wieder um.
+
+»Sieh einmal her, Sascha,« rief Leschnew schon von weitem seiner Frau
+zu, »wen ich dir da mitbringe.«
+
+Alexandra Pawlowna erkannte nicht sogleich die Person, die hinter ihrem
+Manne saß.
+
+»Ah! Herr Bassistow!« rief sie dann.
+
+»Er ist es, er!« erwiderte Leschnew, »und was für vortreffliche
+Nachrichten er bringt. Warte nur, du sollst sogleich alles erfahren.«
+
+Und er fuhr in den Hof hinein.
+
+Einige Minuten darauf erschien er mit Bassistow auf dem Balkon.
+
+»Hurra!« rief er, seine Frau in die Arme schließend, »Sergei heiratet!«
+
+»Wen?« fragte Alexandra Pawlowna bewegt.
+
+»Versteht sich, Natalia … Unser Freund hier hat diese Nachricht aus
+Moskau mitgebracht, und es ist auch ein Brief an dich da … Hörst du,
+Mischuk?« setzte er hinzu, die Händchen seines Sohnes erfassend, »Dein
+Onkel heiratet! … Das ist aber ein Phlegma! er blinzelt nur mit den
+Augen dazu!«
+
+»Der junge Herr wollen schlafen,« bemerkte die Amme.
+
+»Ja,« sagte Bassistow, indem er zu Alexandra Pawlowna trat, »ich bin
+heute von Moskau im Auftrage von Darja Michailowna gekommen – die
+Gutsrechnungen durchzusehen. Hier ist auch der Brief.«
+
+Alexandra Pawlowna öffnete hastig den Brief ihres Bruders. Er bestand
+aus nur wenigen Zeilen. Im ersten Anfalle von Freude meldete er der
+Schwester, er habe um Natalia angehalten, ihre und Darja Michailownas
+Einwilligung bekommen, versprach mit der ersten Post ausführlich zu
+schreiben und umarmte und küßte in Gedanken alle. Er schrieb offenbar
+in einer Art von Betäubung.
+
+Der Tee wurde gebracht. Bassistow mußte sich setzen. Man überschüttete
+ihn mit Fragen. Alle, Pigassow sogar, waren über die erhaltene
+Nachricht erfreut.
+
+»Sagen Sie doch,« fragte Leschnew im Laufe der Unterhaltung, »es sind
+uns Gerüchte über einen gewissen Herrn Kartschagin zu Ohren gekommen –
+sollte an ihnen etwas Wahres sein?«
+
+Dieser Kartschagin, welchen der Leser bisher noch nicht kennengelernt
+hat, war ein hübscher junger Mann – ein Dandy, sehr aufgeblasen und
+wichtigtuend; er hielt sich majestätisch und sah dabei so aus,
+als wäre er kein lebendiger Mensch, sondern eine ihm selbst auf
+Subskription errichtete Statue.
+
+»Doch nicht so ganz unwahr,« erwiderte Bassistow mit einem Lächeln.
+»Darja Michailowna war ihm sehr gewogen; Natalia wollte jedoch nichts
+von ihm wissen.«
+
+»Den kenne ich ja,« warf Pigassow dazwischen, »das ist ja ein
+Doppeltölpel, ein Erzperückenstock … ich bitte Sie. Wenn alle Leute
+ihm ähnlich wären, müßte man sich viel Geld zahlen lassen, wenn man
+überhaupt leben sollte … wie ist das möglich!«
+
+»Vielleicht,« erwiderte Bassistow, »in der Welt spielt er jedoch keine
+der letzten Rollen.«
+
+»Je nun, das ist uns gleich!« rief Alexandra Pawlowna aus, »lassen wir
+ihn! Ach, wie bin ich froh um den Bruder! … Und Natalia ist heiter,
+glücklich?«
+
+»Ja. – Sie ist ruhig wie immer – Sie kennen sie ja – sie scheint aber
+zufrieden zu sein.«
+
+Der Abend verging unter angenehmen und heiteren Gesprächen. Man setzte
+sich zu Tische.
+
+»Ja, da fällt mir ein,« sagte Leschnew zu Bassistow, indem er ihm
+Lafitte einschenkte, »wissen Sie, wo Rudin weilt?«
+
+»Für jetzt weiß ich es nicht mit Bestimmtheit. Vorigen Winter kam er
+auf kurze Zeit nach Moskau und reiste dann mit einer Familie nach
+Simbirsk; wir tauschten eine Zeitlang miteinander Briefe: in dem
+letzten benachrichtigte er mich, daß er Simbirsk verlasse – sagte
+jedoch nicht, wohin er ziehe – und seit der Zeit hörte ich nichts mehr
+von ihm.«
+
+»Der geht nicht unter!« nahm Pigassow das Wort, »er sitzt irgendwo
+und hält Reden. Dieser Herr wird immer zwei, drei Verehrer finden,
+die ihm mit aufgerissenem Munde zuhören und ihm Geld vorschießen.
+Geben Sie acht, das Ende davon wird sein, er stirbt in irgendeinem
+Provinzialstädtchen – in den Armen einer überreifen Jungfer mit
+falschem Haar, die ihm, als dem genialsten Menschen von der Welt, ein
+heiliges Andenken bewahren wird …«
+
+»Sie urteilen über ihn sehr scharf,« bemerkte Bassistow halblaut und
+unzufrieden.
+
+»Durchaus nicht scharf,« erwiderte Pigassow, »sondern der Wahrheit
+getreu. Meiner Ansicht nach ist er ein Tellerlecker und weiter nichts.
+Ich habe vergessen, Ihnen zu sagen,« fuhr er, zu Leschnew gewendet,
+fort, »ich habe ja die Bekanntschaft jenes Terlachow gemacht, mit
+welchem Rudin die Reise ins Ausland machte. Jawohl, jawohl! Was der mir
+von ihm erzählt hat, davon machen Sie sich keinen Begriff – das ist
+wirklich lustig! Auffallend ist es, daß alle Freunde und Nacheiferer
+Rudins mit der Zeit seine Feinde werden.«
+
+»Ich bitte, mich aus der Zahl solcher Freunde auszuschließen!«
+unterbrach ihn mit Feuer Bassistow.
+
+»Sie, nun – das ist ein anderes Ding! Auf Sie ist es auch nicht
+gemünzt.«
+
+»Was war es denn, was Ihnen Terlachow erzählte?« fragte Alexandra
+Pawlowna.
+
+»Mancherlei: es fällt mir nicht alles ein. Die allerbeste Anekdote über
+Rudin aber ist folgende: Ohne Unterlaß mit seiner Selbstentwicklung
+beschäftigt (diese Herren sind es fortwährend, während andere,
+einfach gesagt, schlafen und essen – befinden sie sich im Momente
+der Entwicklung des Schlafens oder des Essens; ist es nicht so, Herr
+Bassistow? – Bassistow antwortete nichts) … Also mit seiner Entwicklung
+fortwährend beschäftigt, war Rudin auf dem Wege der Philosophie zu dem
+Vernunftschlusse gekommen, daß er sich verlieben müsse. Er stellte
+Nachforschungen über den Gegenstand an, der einem so wunderbaren
+Vernunftschlusse entspräche. Fortuna lächelte ihm. Er machte die
+Bekanntschaft einer Französin, einer allerliebsten Putzhändlerin. Das
+ereignete sich, merken Sie wohl, in einer deutschen Stadt am Rhein.
+Er besuchte sie, brachte ihr allerlei Bücher und sprach mit ihr über
+Natur und Hegel. Stellen Sie sich die Lage der Putzhändlerin vor! sie
+hielt ihn für einen Astronomen. Nun, Sie wissen, seine Figur ist nicht
+übel: dazu war er Ausländer, Russe – er gefiel. Endlich bestimmte er
+eine Zusammenkunft, ein höchst poetisches Stelldichein: in einer Gondel
+auf dem Flusse. Die Französin willigte ein; legte ihr bestes Kleid an
+und fuhr mit ihm in der Gondel spazieren. Auf diese Weise vergingen
+zwei Stunden. Womit glauben Sie nun, daß er sich diese ganze Zeit über
+beschäftigte? Er hat der Französin den Kopf gestreichelt, gedankenvoll
+den Himmel angeschaut und ihr mehrmals wiederholt, daß er ›väterliche‹
+Zärtlichkeit für sie fühle. Die Französin kehrte wutentbrannt nach
+Hause zurück und hat nachher alles dem Terlachow erzählt. Solch ein
+Kerl ist er gewesen!«
+
+Und Pigassow lachte laut auf.
+
+»Sie sind ein alter Zyniker!« bemerkte Alexandra Pawlowna ärgerlich,
+»indessen gewinne ich immer mehr und mehr die Überzeugung, daß selbst
+diejenigen, die über Rudin herfallen, ihm nichts Schlechtes nachsagen
+können.«
+
+»Nichts Schlechtes? Ich bitte Sie! Und sein beständiges Leben auf
+fremder Leute Kosten, seine Anleihen … Michael Michailitsch? Gewiß hat
+er auch von Ihnen geborgt?«
+
+»Hören Sie, Afrikan Semenitsch!« begann Leschnew, und sein Gesicht
+nahm einen ernsten Ausdruck an, »hören Sie: Sie wissen und meine Frau
+weiß es auch, daß ich in der letzten Zeit keine besondere Zuneigung zu
+Rudin gefühlt und oft sogar hart über ihn geurteilt habe. Bei allem
+dem (Leschnew goß Champagner in die Gläser) will ich Ihnen folgenden
+Vorschlag machen: wir haben soeben auf die Gesundheit unseres teueren
+Bruders und seiner Braut getrunken; ich fordere Sie jetzt auf, auf die
+Gesundheit Dmitri Rudins zu trinken!«
+
+Alexandra Pawlowna und Pigassow sahen Leschnew mit Verwunderung an,
+während Bassistow das Herz im Leibe hüpfte und er vor Freude rot wurde
+und die Augen aufriß.
+
+»Ich kenne ihn gut,« fuhr Leschnew fort, »von seinen Fehlern weiß ich
+nur zu viel. Sie fallen um so mehr in die Augen, weil er selbst kein
+Alltagsmensch ist.«
+
+»Rudin – ist eine geniale Natur!« warf Bassistow ein.
+
+»An Genialität fehlt es ihm nicht,« erwiderte Leschnew, »aber Natur
+– das ist eben das schlimme – Natur hat er nicht … Doch nicht davon,
+von dem Guten, Seltenen in ihm wollte ich sprechen. Er ist voll
+Begeisterung; das ist aber in unseren Tagen, sie können es mir, dem
+Phlegmatiker, glauben, die allerkostbarste Eigenschaft. Wir sind alle
+unausstehlich überlegt, gleichgültig und träge geworden; wir sind
+schläfrig, erkaltet und müssen es demjenigen Dank wissen, der uns, wenn
+auch nur auf einen Augenblick, aufrüttelt und erwärmt! Es ist ja die
+höchste Zeit! Erinnerst du dich, Sascha, ich sprach einmal mit dir von
+ihm und beschuldigte ihn der Kälte. Ich hatte damals recht und unrecht
+zugleich. Diese Kälte steckt bei ihm im Blute – daran ist er nicht
+schuld – nicht aber im Kopfe. Er ist kein Mime, wie ich ihn nannte,
+kein Betrüger, kein Schurke; er lebt auf fremde Kosten nicht wie ein
+Schleicher, sondern wie ein Kind … Ja gewiß, er wird irgendwo in Elend
+und Armut sterben; sollte man aber deshalb einen Stein auf ihn werfen?
+Er selbst wird nie etwas vollenden, ausführen, weil ihm eben Natur
+und Blut fehlen; wer hat aber das Recht, zu behaupten, daß er keinen
+Nutzen bringen werde, nicht bereits Nutzen gebracht habe? Daß seine
+Worte nicht schon viel guten Samen in junge Herzen gestreut haben,
+denen die Natur nicht wie ihm Tatkraft und Verständnis zum Vollbringen
+des Gedachten versagt hat? Habe ich ja doch, ich vor allem, alles
+dieses an mir selbst erfahren … Sascha weiß, was Rudin in meinen jungen
+Jahren mir gewesen ist. Ich entsinne mich ferner, behauptet zu haben,
+daß Rudins Worte keine Wirkung auf die Menschen auszuüben vermöchten;
+ich redete aber damals von Menschen, die mir meinem jetzigen Alter
+nach gleichstanden, von Menschen, die das Leben bereits gekostet
+haben, und die vom Leben etwas zerzaust sind. Ein falscher Ton in der
+Rede – und sie verliert für uns jede Harmonie; beim Jüngling ist aber
+glücklicherweise das Gehör noch nicht so ausgebildet, noch nicht so
+verwöhnt. Wenn nur der Inhalt des Gehörten ihm schön dünkt, was kümmert
+ihn da der Ton! Den wird er schon in sich selbst finden.«
+
+»Bravo! Bravo!« rief Bassistow, »wie wahr ist das gesprochen! Was
+jedoch Rudins Einfluß betrifft, da schwöre ich Ihnen, daß er nicht bloß
+einen Menschen aufzurütteln imstande war, sondern ihn auch weiterschob,
+ihm die Zeit nicht ließ, stehenzubleiben, ihn um und um kehrte, ihn
+entflammte, begeisterte!«
+
+»Sie hören es!« fuhr Leschnew fort, sich an Pigassow wendend, »welchen
+Beweis brauchen Sie noch? Sie machen die Philosophie herunter; wenn Sie
+von ihr reden, finden Sie nicht genug verächtliche Ausdrücke. Ich bin
+ihr auch nicht besonders hold und begreife sie schlecht; doch nicht
+von der Philosophie rühren unsere Hauptverbrechen her! Philosophische
+Spitzfindigkeiten und Träumereien werden an dem Russen nie haften;
+dazu besitzt er zu viel gesunden Menschenverstand; man darf aber auch
+nicht die Philosophie als Vorwand benutzen, um jedes ehrliche Streben
+nach Wahrheit und Erkenntnis anzufechten. Es ist Rudins Unglück, daß
+er Rußland nicht kennt, und in der Tat ist das ein großes Unglück.
+Das Vaterland kann einen jeden von uns entbehren, aber keiner von
+uns das Vaterland. Wehe dem, der da meint, daß er’s könne; doppelt
+wehe über den, der es in der Tat entbehrt! Kosmopolitismus – ist ein
+Unding, der Kosmopolit – eine Null, ärger als eine Null; außerhalb
+der Nationalität gibt es weder Kunst, noch Wahrheit, noch Leben, gibt
+es nichts. Ohne Physiognomie ist nicht einmal das ideale Gesicht;
+nur das gemeine braucht keine zu haben. Ich muß aber wieder darauf
+zurückkommen, Rudins Schuld ist es nicht: sein Verhängnis ist es, ein
+bitteres, schweres Verhängnis, das wir ihm doch gewiß nicht vorwerfen
+werden. Es würde uns zu weit führen, wollten wir untersuchen, warum
+Leute, wie Rudin, verkommen. Wir wollen ihm dagegen für das Gute, das
+in ihm ist, dankbar sein. Dies ist leichter als ungerecht gegen ihn
+zu sein, und wir sind ungerecht gegen ihn gewesen. Eine Strafe über
+ihn zu verhängen, steht uns nicht zu, es wäre auch unnütz: er hat sich
+selbst viel strenger bestraft, als er es verdiente … Und gebe Gott,
+daß das Unglück alles Schlechte aus ihm ausscheide und nur das Schöne
+in ihm zurücklasse! Ich trinke auf Rudins Gesundheit! Ich trinke auf
+die Gesundheit des Kameraden meiner besten Jahre, ich trinke auf das
+Wohl der Jugend, ihrer Hoffnungen, ihres Strebens, ihres Vertrauens und
+ihrer Ehrlichkeit, auf das Wohl von allem, was unsere zwanzigjährigen
+Herzen schon klopfen machte und was im späteren Leben nichts Besseres
+aus unserem Gedächtnis verdrängen konnte, verdrängen wird … Ich trinke
+auf dein Andenken, goldene Zeit, ich trinke auf Rudins Wohl!«
+
+Alle stießen mit Leschnew an. Bassistow hätte im Eifer beinahe sein
+Glas zerschlagen und stürzte dessen Inhalt in einem Zuge hinunter,
+Alexandra Pawlowna drückte Leschnew die Hand.
+
+»Ich hatte gar nicht vermutet, Michael Michailitsch, daß Sie so beredt
+wären,« bemerkte Pigassow, »das war eines Rudin würdig! Ich muß
+gestehen, das hat sogar mich gepackt.«
+
+»Ich bin durchaus nicht beredt,« erwiderte Leschnew nicht ohne
+Unwillen, »_Sie_ aber zu packen, glaub ich, ist keine leichte Sache.
+Doch genug von Rudin; sprechen wir von etwas anderem …«
+
+»Sagen Sie doch … jener, wie heißt er gleich? … Pandalewski! lebt der
+immer noch bei Darja Michailowna?« fragte er, sich an Bassistow wendend.
+
+»Gewiß, er ist immer noch bei ihr! Sie hat ihm eine einträgliche Stelle
+ausgewirkt.«
+
+Leschnew lächelte.
+
+»Der wird nicht im Elend umkommen, dafür ließe sich bürgen.«
+
+Das Abendessen war beendet. Die Gäste gingen auseinander. Als Alexandra
+Pawlowna mit ihrem Manne allein geblieben war, blickte sie ihm zärtlich
+ins Gesicht.
+
+»Wie warst du heute schön, Mischa!« sagte sie, seine Stirn sanft mit
+der Hand streichelnd, »wie klug und edel du gesprochen hast! Gestehe
+aber, du hast dich heute ein wenig zum Vorteil Rudins hinreißen lassen,
+wie ehemals zu dessen Nachteile …«
+
+»Den am Boden Liegenden schlägt man nicht[6] … überdies befürchtete
+ich damals, daß er dir irgendwie den Kopf verdrehen könnte,« fügte er
+lächelnd hinzu.
+
+»Nein,« erwiderte treuherzig Alexandra Pawlowna, »er ist mir von jeher
+zu gelehrt vorgekommen, ich fürchtete mich vor ihm und wußte nicht,
+wie ich in seiner Gegenwart sprechen sollte. Pigassow hat sich aber
+doch heute ziemlich boshaft über ihn lustig gemacht, scheint dir’s
+nicht?«
+
+»Pigassow?« sagte Leschnew. »Darum namentlich nahm ich mit solcher
+Wärme Rudin in Schutz, weil Pigassow da war. Er wagt es, ihn einen
+Tellerlecker zu nennen! Meiner Ansicht nach ist aber die Rolle, die
+er, Pigassow, spielt, hundertmal ärger. Er besitzt ein unabhängiges
+Vermögen, macht sich über alles lustig und schwänzelt bei Vornehmen und
+Reichen herum! Weißt du aber auch, daß dieser Pigassow, der mit solcher
+Erbitterung auf alle und alles schimpft und über Philosophie und Weiber
+herfällt, – weißt du wohl, daß er, als er sich noch im Amte befand, ein
+Sportelreißer war und noch dazu ein arger!«
+
+»Wäre es möglich?« rief Alexandra Pawlowna. »Das hätte ich nicht
+erwartet … Höre, Mischa,« setzte sie nach einigem Schweigen hinzu, »was
+ich dich fragen will …«
+
+»Nun?«
+
+»Wie denkst du, wird der Bruder wohl mit Natalia glücklich sein?«
+
+»Wie soll ich dir darauf antworten … allem Anschein nach, ja … die
+Oberhand wird sie behalten – unter uns brauchen wir kein Geheimnis
+daraus zu machen – sie ist klüger als er; er ist aber ein herrlicher
+Mensch und liebt sie von ganzer Seele. Was willst du mehr? Lieben wir
+beide einander doch und sind glücklich, nicht wahr?«
+
+Alexandra Pawlowna lächelte und drückte Michael Michailitsch die Hand.
+
+ * * * * *
+
+An demselben Tage, als das soeben Erzählte im Hause Alexandra Pawlownas
+vorging – schleppte sich in einem der entlegensten Gouvernements
+Rußlands, in der drückendsten Hitze, auf der Landstraße eine schlechte,
+mit Matten bezogene Kibitka, vor welche drei Gutspferde gespannt waren,
+mühsam dahin. Auf dem Vorderrande hielt sich, die Füße schräg auf das
+Strängeholz gestemmt, ein grauhaariger Bauer in durchlöchertem Wams,
+zog unaufhörlich an den Strickleinen und schwenkte dazu eine kleine
+Peitsche; im Innern der Kibitka saß auf einem kärglich gefüllten
+Mantelsack ein Mann von hohem Wuchse in Mütze und altem, staubigem
+Mantel. Es war Rudin. Er saß gesenkten Hauptes da und hatte den Schirm
+seiner Mütze über die Augen heruntergezogen. Ungleichmäßige Stöße des
+Fuhrwerks warfen ihn von einer Seite auf die andere, er schien nichts
+zu empfinden, als wäre er in Halbschlaf verfallen. Endlich richtete er
+sich auf.
+
+»Wann werden wir denn endlich zur Station kommen?« fragte er den vorn
+sitzenden Bauer.
+
+»Wart, Väterchen,« gab dieser zur Antwort und zog noch eifriger an
+den Leinen, »sind wir erst den Hügel da hinaufgekommen, dann bleiben
+nur noch zwei Werst, nicht mehr … Na, du! schläfst du … Ich will dich
+lehren,« setzte er fistelnd hinzu und begann das rechte Seitenpferd mit
+der Peitsche anzutreiben.
+
+»Du fährst aber sehr schlecht, wie mir scheint,« bemerkte Rudin, »wir
+schleppen uns schon seit dem Morgen und können nicht ankommen. Singe
+mir wenigstens etwas vor.«
+
+»Was soll man machen, Väterchen! Die Pferde, Sie sehen ja selbst, sind
+ganz verhungert … und dazu noch die Hitze. Was nun das Singen betrifft
+… das versteht unsereiner nicht: wir sind keine Fuhrleute … Heda, he!«
+rief auf einmal der Bauer einem vorübergehenden Wanderer in braunem,
+schlechtem Kittel und abgetretenen Bastschuhen zu, »heda, mache uns
+Platz, Freundchen!«
+
+»Seht mir den Kutscher,« brummte der Wanderer ihm nach und blieb
+stehen. »Moskauer Blut!« setzte er mit dem Tone des Vorwurfes hinzu,
+schüttelte den Kopf und ging des Weges langsam weiter.
+
+»Wohin!« schrie der Bauer jetzt dem Mittelpferde zu und zog wieder
+ruckweise an den Leinen; »ach du verdammtes! – ver–damm–tes! …«
+
+So gut es ging, erreichten die ermüdeten Pferde endlich den Posthof.
+Rudin stieg aus der Kibitka, bezahlte den Bauer, der ihm nicht
+dafür dankte und das Geld lange in der hohlen Hand herumwarf – er
+hatte vermutlich ein größeres Trinkgeld erwartet –, und trug seinen
+Mantelsack selbst in das Postzimmer.
+
+Einer meiner Bekannten, der in seinem Leben viel in Rußland
+umhergereist war, hat die Beobachtung gemacht, daß, wenn in einem
+Stationszimmer Bilder hängen, welche Szenen aus Puschkins »Gefangenen
+im Kaukasus« oder russische Generale vorstellen, man bald Pferde
+bekommen kann; wenn dagegen die Bilder das Leben des berüchtigten
+Spielers Georges de Germany darstellen, der Reisende auf baldige
+Beförderung nicht rechnen darf: er wird Zeit genug haben, sich
+sattzusehen an dem emporgestrichenen Hahnenkamm, der weißen Weste
+mit breiten Aufschlägen und den außerordentlich engen und kurzen
+Beinkleidern des Spielers in seiner Jugend und an seiner rasenden
+Physiognomie, als er, schon ergraut, mit hoch aufgehobenem Stuhle, in
+einer Hütte mit schrägem Dache, seinen Sohn erschlägt. In dem Zimmer,
+in welches Rudin trat, hingen gerade diese Bilder aus den »Dreißig
+Jahren aus dem Leben eines Spielers«. Auf seinen Ruf erschien der
+Stationshalter mit verschlafenem Gesichte (ich möchte wissen – ob wohl
+jemand einen Stationshalter mit einem nicht verschlafenen Gesichte
+gesehen hat?) und ohne Rudins Frage abzuwarten, erklärte er mit träger
+Stimme, es seien keine Pferde da.
+
+»Wie können Sie sagen, es seien keine Pferde da,« erwiderte
+Rudin, »wenn Sie nicht einmal wissen, wohin ich fahre? Ich bin mit
+Privatpferden hierhergekommen.«
+
+»Für keinen der Wege sind Pferde da,« erwiderte der Posthalter. »Wohin
+wollen Sie denn?«
+
+»Nach …sk.«
+
+»Es sind keine Pferde da,« wiederholte der Stationshalter und ging
+hinaus.
+
+Rudin trat ärgerlich ans Fenster und warf seine Mütze auf den Tisch. Er
+hatte sich in diesen zwei Jahren nicht sehr verändert, war aber gelber
+geworden; hin und wieder schillerten silberne Fäden in dem Haar und
+die Augen, immer noch schön, schienen etwas matter geworden zu sein;
+leichte Runzeln, Spuren bitteren und unruhevollen Denkens, zeigten sich
+an den Lippen, den Wangen und den Schläfen.
+
+Seine Kleidung war abgetragen und alt, von Wäsche war nirgends etwas zu
+sehen. Die Zeit seiner Blüte war offenbar vergangen, er war, wie der
+Gärtner zu sagen pflegt: in die Saat geschossen.
+
+Er begann die Kritzeleien an den Wänden zu lesen … ein beliebter
+Zeitvertreib sich langweilender Reisenden … plötzlich knarrte die Tür
+und der Stationshalter trat herein.
+
+»Pferde nach …sk sind keine da und werden noch lange nicht da sein,
+aber nach …ow sind Retourpferde zu haben.«
+
+»Nach …ow?« wiederholte Rudin. »Aber ich bitte Sie! das liegt ja gar
+nicht auf meinem Wege. Ich reise nach Pensa, …ow liegt, wie mir deucht,
+in der Richtung nach Tambow.«
+
+»Was tut es? Sie können dann aus Tambow weiter, oder wenn es Ihnen
+beliebt, werden Sie von …ow aus wieder hierher zurückkehren können.«
+
+Rudin überlegte.
+
+»Nun, meinethalben,« sagte er endlich, »lassen Sie einspannen. Mir ist
+es ganz gleich; ich fahre nach Tambow.«
+
+Die Pferde wurden bald vorgeführt. Rudin trug seinen Mantelsack hinaus,
+stieg in den Postkarren, setzte sich und ließ wie vorhin den Kopf
+hängen.
+
+Es lag etwas Hilfloses und Trauervoll-Ergebenes in seiner gebeugten
+Gestalt … Und das Dreigespann schleppte sich in kurzem Trabe unter dem
+einförmigen Geklingel der Schellen dahin.
+
+
+
+
+Epilog
+
+
+Wiederum waren einige Jahre verstrichen.
+
+An einem kalten Herbsttage hielt vor dem Eingange des Hauptposthofes
+der Gouvernementsstadt S. eine Reisekalesche. Ächzend und sich reckend
+stieg aus derselben ein Herr, er war noch nicht alt, besaß jedoch
+bereits jene Fülle des Leibes, die man »respektabel« zu nennen pflegt.
+Nachdem er die Treppe zum ersten Geschoß hinaufgestiegen war, blieb
+er im Eingange des breiten Korridors stehen, und da er niemand gewahr
+wurde, forderte er mit lauter Stimme ein Zimmer. Sogleich hörte man
+eine Tür zuwerfen, ein langer Diener sprang hervor und lief eiligen
+Schrittes den Gang voran, nur an dem Schmutzglanz auf der Rückseite und
+den Ärmeln seines abgetragenen Rockes im Halbdunkel erkenntlich. Als
+der Fremde in sein Zimmer trat, warf er sogleich Mantel und Plaid ab,
+setzte sich auf einen Diwan, stemmte die Arme auf die Knie, blickte
+wie schlaftrunken umher und befahl sodann, seinen Bedienten zu rufen.
+Der Diener tat einen Schritt zurück und verschwand. Dieser Reisende
+war kein anderer als Leschnew. Er war der Rekrutenaushebung wegen von
+seinem Gute nach S. gekommen.
+
+Leschnews Bedienter, ein junger, krausköpfiger und rotwangiger
+Bursche, in grauem, mit blauer Schärpe umgürtetem Mantel und weichen
+Filzstiefeln trat in das Zimmer.
+
+»Nun siehst du, mein Lieber, da sind wir doch angekommen,« sagte
+Leschnew, »und du hattest befürchtet, die Schiene am Rade werde
+abspringen.«
+
+»Ja, wir sind wirklich angekommen,« erwiderte der Bediente, und
+versuchte über dem aufgeschlagenen Kragen des Mantels zu lächeln, »wie
+aber die Schiene nicht abgesprungen ist, das …«
+
+»Ist niemand da?« ließ sich eine Stimme im Korridor hören.
+
+Leschnew fuhr zusammen und horchte auf.
+
+»Heda! Wer da?« wiederholte die Stimme.
+
+Leschnew erhob sich, trat an die Tür und machte sie rasch auf.
+
+Vor ihm stand ein Mann von hohem Wuchse, fast ganz ergraut und gebeugt,
+in einem alten Plüschrock mit bronzenen Knöpfen. Leschnew erkannte ihn
+sogleich.
+
+»Rudin!« rief er bewegt.
+
+Rudin wandte sich um. Er konnte das Gesicht Leschnews, der mit
+dem Rücken gegen das Licht stand, nicht erkennen und blickte ihn
+zweifelhaft an.
+
+»Sie erkennen mich nicht?« redete Leschnew ihn an.
+
+»Michael Michailitsch!« rief Rudin aus und streckte die Hand vor, wurde
+aber verwirrt und zog sie wieder zurück …
+
+Leschnew ergriff sie mit beiden Händen.
+
+»Treten Sie ein, herein zu mir!« sagte er zu Rudin und führte ihn in
+sein Zimmer.
+
+»Wie sind Sie verändert!« sagte Leschnew nach einigem Schweigen und
+unwillkürlich die Stimme senkend.
+
+»Ja, man sagt so,« erwiderte Rudin, mit dem Blicke im Zimmer
+umherschweifend. »Die Jahre … Sie aber – sind wie früher. Wie geht es
+Alexandra … Ihrer Gemahlin?«
+
+»Ich danke, ganz wohl. Welch ein Zufall führt Sie hierher?«
+
+»Mich? Das wäre eine lange Geschichte. In diesem Hause befinde ich
+mich ganz zufällig. Ich suchte einen Bekannten. Übrigens freut es mich
+sehr …«
+
+»Wo speisen Sie?«
+
+»Ich? Ich weiß nicht. Irgendwo in einem Gasthause. Ich muß heute noch
+fort von hier.«
+
+»Sie müssen?«
+
+Rudin lächelte bedeutsam.
+
+»Ja, ich muß. Man weist mir mein Gut zum Aufenthalt an.«
+
+»Speisen Sie mit mir.«
+
+Rudin blickte zum ersten Male Leschnew gerade in die Augen.
+
+»Sie machen mir den Vorschlag, mit Ihnen zu speisen?« fragte er.
+
+»Ja, Rudin, nach alter Art, wie Kameraden. Wollen Sie? Ich glaubte
+nicht, mit Ihnen zusammenzutreffen und Gott weiß, wenn wir uns
+wiedersehen werden. Wir können doch so nicht voneinander scheiden!«
+
+»Gut, ich bin es zufrieden.«
+
+Leschnew drückte Rudin die Hand, rief den Diener, bestellte das Essen
+und befahl, eine Flasche Champagner auf Eis zu stellen.
+
+ * * * * *
+
+Während des Essens unterhielten sich Leschnew und Rudin, gleichsam wie
+verabredet, ausschließlich von ihrem Studentenleben, kamen auf vieles
+zu reden, auf Lebende und bereits Gestorbene. Anfangs sprach Rudin
+gezwungen, doch, nachdem er ein paar Gläser getrunken hatte, wurde er
+warm. Endlich nahm der Diener die letzte Schüssel vom Tisch. Leschnew
+stand auf, verschloß die Tür, setzte sich dann an den Tisch, Rudin
+gerade gegenüber und stützte still sein Kinn auf beide Hände.
+
+»Nun, jetzt«, begann er, »müssen Sie mir alles erzählen, was sich mit
+Ihnen zugetragen hat, seit ich Sie nicht gesehen habe.«
+
+Rudin warf einen Blick auf Leschnew.
+
+Mein Gott! dachte Leschnew nochmals, wie er aussieht, der arme Mensch!
+
+Rudins Züge hatten sich noch immer nicht viel verändert, besonders
+seit der Zeit, da wir ihn auf der Station trafen, obgleich bereits
+Spuren des nahenden Alters darin sichtbar waren, der Ausdruck war jetzt
+aber ein anderer. Die Augen blickten anders; aus seinem ganzen Wesen,
+aus seinen bald langsamen, bald abgerissenen Bewegungen, aus seiner
+schleppenden und gleichsam gebrochenen Rede sprach äußerste Ermattung,
+geheimer und stiller Gram, der jener halbaffektierten Schwermut von
+früher durchaus nicht ähnlich war, jener Schwermut, die einer von
+Hoffnungen und vertrauungsvoller Selbstliebe erfüllten Jugend so gut zu
+Gesichte steht.
+
+»Ich soll Ihnen alles erzählen, was mir begegnet ist?« begann er.
+»Alles läßt sich nicht erzählen und lohnt sich auch nicht … Abgeplackt
+habe ich mich tüchtig und mich umhergetrieben, nicht mit dem Körper
+allein – auch mit der Seele. Welche Enttäuschungen habe ich erfahren!
+Mein Gott! Mit wem bin ich alles zusammengekommen! … Ja, mit wem,«
+wiederholte Rudin, als er gewahr wurde, daß Leschnew ihn mit besonderer
+Teilnahme anblickte. »Wie oft haben meine eigenen Worte mich angewidert
+– nicht bloß in meinem eigenen Munde, sondern auch in dem Munde
+jener Leute, die meine Ansichten teilten! Welche Übergänge habe ich
+durchgemacht, von der Ungeduld, von der Reizbarkeit eines Kindes bis
+zur stumpfen Gefühllosigkeit des Pferdes, das nicht einmal mehr mit
+dem Schweife zuckt, wenn die Peitsche es trifft … Wie viele Male
+habe ich mich umsonst gefreut, umsonst gehofft, gekämpft und mich
+erniedrigt! Wie oft habe ich wie ein Falke meine Fittiche ausgebreitet
+– und bin auf die Erde zurückgestürzt, um auf ihr fortzukriechen,
+wie die Schnecke, deren Schale man zertreten hat! … Wo bin ich nicht
+überall gewesen; welche Wege hat mein Fuß nicht betreten! Und es gibt
+schmutzige Wege,« setzte Rudin hinzu und wandte sich etwas ab.
+
+»Sie verstehen,« fuhr er fort …
+
+»Hören Sie,« unterbrach ihn Leschnew, »einst sagten wir ›du‹ zueinander
+… Willst du? Wir frischen das alte auf … Trinken wir auf das Du!«
+
+Rudin erbebte, erhob sich und in seinem Blick flimmerte etwas, was
+keine Sprache wiederzugeben vermag.
+
+»Laß uns trinken, Bruder – Dank, Bruder, laß uns trinken.«
+
+Leschnew und Rudin leerten jeder sein Glas.
+
+»Du weißt,« begann Rudin wieder, mit Betonung des Wortes »du« und
+lächelnd, »es sitzt in meinem Inneren ein Wurm, der an mir nagt und mir
+nimmer Ruhe gönnen wird. Er stößt mich den Menschen entgegen – anfangs
+empfinden sie meinen Einfluß, nachher aber …«
+
+Rudin machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand.
+
+»Seit ich Sie … dich zum letzten Male sah, bin ich um mancherlei
+Erfahrungen reicher geworden … Mehrmals habe ich ein neues Leben
+angefangen, mehrfach die Hand an ein neues Werk gelegt – und da siehst
+du nun, wie weit ich gekommen bin!«
+
+»Du hattest keine Ausdauer,« sagte, gleichsam vor sich hin, Leschnew.
+
+»Wie du sagst, ich hatte keine Ausdauer! … Etwas erbauen, das habe ich
+nie gekonnt! Und es ist auch nicht leicht, Bruder, etwas zu bauen, wenn
+man keinen Boden unter sich fühlt, wenn man sein eigenes Fundament erst
+selbst legen muß! Ich will dir nicht alle meine Abenteuer, das heißt,
+all mein Mißgeschick, erzählen. Zwei, drei Vorfälle sollst du erfahren
+… jene Vorfälle aus meinem Leben, wo, wie es schien, der Erfolg mir
+bereits lächelte, oder nein, wo ich anfing, auf Erfolg zu hoffen – was
+nicht ganz dasselbe ist …«
+
+Rudin warf sein graues und schon lichter gewordenes Haar mit derselben
+Handbewegung zurück, wie er früher zu tun gewohnt war, als er noch
+dunkles und volles Haar hatte.
+
+»Höre also,« begann er. »In Moskau kam ich mit einem ziemlich
+sonderbaren Menschen zusammen. Er war sehr reich und besaß
+beträchtliche Ländereien; er stand nicht in Staatsdiensten, seine
+Hauptleidenschaft, seine einzige Leidenschaft war die Liebe zur
+Wissenschaft, zur Wissenschaft im allgemeinen. Ich kann es bis jetzt
+nicht begreifen, wie diese Leidenschaft bei ihm erwacht war! Sie stand
+ihm ebenso, wie der Kuh der Sattel. Er selbst konnte sich nur mit
+Mühe auf der Höhe der Vernunft behaupten und verstand es kaum, sich
+auszudrücken; er rollte bloß bedeutungsvoll die Augen und schüttelte
+bedenklich den Kopf. Eine wenig begabte und geistig ärmere Natur,
+Bruder, ist mir nicht vorgekommen … Er erinnerte an jene weiten
+Strecken im Smolenskischen Gouvernement, wo man nur Sand findet –
+Sand, und weiter nichts, nur hie und da spärliches Gras, das kein Tier
+fressen mag. Es wollte ihm nichts gelingen – alles glitt förmlich aus
+seinen Händen, alles, und obendrein war er noch darauf versessen,
+was leicht war, sich zu erschweren. Hätte es von ihm abgehangen, er
+würde einen wahrhaftig noch dazu gebracht haben, auf dem Kopfe zu
+gehen. Er arbeitete, schrieb und las unermüdlich. Mit einer gewissen
+starrsinnigen Beharrlichkeit und grenzenlosen Geduld stürzte er sich
+auf die Wissenschaften; sein Ehrgeiz war unbeschreiblich groß und sein
+Charakter war eisern. Er lebte allein und galt für einen Sonderling.
+Ich wurde mit ihm bekannt und … gefiel ihm. Ich muß gestehen, ich hatte
+ihn bald durchschaut, doch sein Eifer rührte mich. Dann besaß er ein
+so schönes Vermögen, es ließ sich durch ihn so viel Gutes, so viel
+wahrhafter Nutzen stiften … Ich blieb bei ihm wohnen und fuhr endlich
+mit ihm auf sein Landgut. – Großartige Pläne, Bruder, trug ich mit mir
+herum; ich träumte von vielen Verbesserungen, Neuerungen …«
+
+»So wie bei der Laßunski, erinnerst du dich,« bemerkte Leschnew mit
+gutmütigem Lächeln.
+
+»Nicht doch! Dort war ich mit meinem Innersten überzeugt, daß meine
+Worte unfruchtbar bleiben würden; hier, hier jedoch … breitete sich vor
+mir ein Feld ganz anderer Art aus … Ich schleppte agronomische Bücher
+herbei … von denen ich, die Wahrheit zu sagen, nicht ein einziges bis
+zu Ende gelesen habe … und dann machte ich mich an die Arbeit. Anfangs
+ging es nicht, wie ich erwartet hatte, nachher aber schien es gehen zu
+wollen. Mein neuer Freund schwieg zu allem und schaute zu, er störte
+mich nicht, das heißt, bis zu einem gewissen Grade störte er mich
+nicht; er nahm zwar meine Vorschläge an, führte dieselben auch aus,
+aber starrsinnig, unnachgiebig und mit heimlichem Mißtrauen lenkte er
+alles nach seinem Sinn. Er hielt mit Zähigkeit fest an jedem seiner
+Gedanken, wie der Sonnenkäfer an dem Grashalm, dessen Spitze er nur
+mit Anstrengung erklommen hat und nun dasitzt, scheinbar seine Flügel
+zurechtzupfend, um weiterzufliegen – plötzlich aber herunterfällt, um
+nochmals hinaufzukriechen … Du mußt dich nicht über diese Gleichnisse
+wundern. Schon damals hatten sie sich in meinem Innern angehäuft.
+Zwei Jahre schlug ich mich so herum. Die Geschäfte gingen schlecht,
+ungeachtet aller meiner Anstrengungen. Ich fing an, ihrer überdrüssig
+zu werden, mein Freund langweilte mich, und ich wurde ihm unbequem und
+erdrückend; sein Mißtrauen ging in schlecht verhehlte Erbitterung über,
+ein feindseliger Geist hatte sich unser beider bemächtigt, wir konnten
+miteinander von nichts mehr sprechen; verstohlen, aber unaufhörlich
+bemühte er sich, mir zu zeigen, daß er sich nicht meinem Einflusse
+fügte; meine Verordnungen wurden entweder verdreht oder ganz widerrufen
+… Ich wurde zuletzt inne, daß ich dem Herrn Gutsbesitzer nur als Mittel
+zur geistigen Gymnastik diente … Ich war zu einer Art intelligenten
+Parasiten geworden! Schmerzlich ward es mir, Zeit und Kräfte nutzlos zu
+vergeuden, schmerzlich empfand ich es, daß ich aber- und abermals mich
+in meinen Erwartungen getäuscht hatte. Ich wußte sehr wohl, wieviel
+ich verlor, wenn ich fortging; vermochte es aber doch nicht über mich,
+und eines Tages, infolge eines widerlichen und empörenden Vorfalles,
+dessen ich Zeuge war und der mir meinen Freund in einem wirklich zu
+unvorteilhaften Lichte zeigte, veruneinigte ich mich vollends mit ihm,
+reiste ab und ließ diesen aus Steppenmehl mit Zutat deutschen Syrups
+zusammengekneteten pedantischen Krautjunker fahren.«
+
+»Das heißt: du hast dein Stück täglichen Brotes fahren lassen,« wandte
+Leschnew ein und legte beide Hände auf Rudins Schulter.
+
+»Ja, und stand wieder nackt und leicht da im leeren Raume. Fliege nun,
+wohin du willst … Ha, trinken wir eins!«
+
+»Auf deine Gesundheit!« sagte Leschnew, erhob sich und küßte Rudin auf
+die Stirn. »Auf deine Gesundheit und auf Pokorskis Andenken … Er hat es
+auch verstanden, arm zu bleiben.«
+
+»Das war Nummer eins meiner Abenteuer,« sagte Rudin nach einer kleinen
+Pause. »Soll ich fortfahren, wie?«
+
+»Fahre fort, ich bitte dich.«
+
+»He! Mit der Sprache will es nicht recht fort. Ich bin des Redens
+müde, Bruder … Nun, es sei. Nachdem ich mich noch an verschiedenen
+Stellen umhergetrieben hatte … ich könnte dir beiläufig erzählen, wie
+ich bei einem pflichtgetreuen hohen Beamten Sekretär wurde und wie das
+endete; es würde uns jedoch zu weit führen … nachdem ich mich also
+an verschiedenen Orten umhergetrieben hatte, beschloß ich zuletzt …
+ich bitte dich, nicht zu lachen … ein Geschäftsmann, ein praktischer
+Mensch zu werden. Das kam folgendermaßen: ich wurde mit einem gewissen
+… vielleicht hast du von ihm gehört … mit einem gewissen Kurbejew
+bekannt …«
+
+»Ich habe den Namen nie gehört. Aber ich bitte dich, Rudin, wie
+konntest du mit deinem Verstande nicht einsehen, daß es gar nicht dein
+Geschäft ist … entschuldige das Wortspiel … Geschäftsmann zu sein?«
+
+»Ich weiß, Bruder, daß es nicht meine Sache ist; was ist denn aber
+überhaupt meine Sache? … Hättest du nur Kurbejew gesehen! Stelle
+ihn dir nur, bitte, nicht als einen hohlen Schwätzer vor. Man sagt,
+ich wäre in früheren Jahren beredt gewesen. Ich bin im Vergleich
+zu ihm nichts. Das war ein überaus gelehrter, belesener Mann; ein
+schöpferischer Kopf, ein Kopf für Industrie und Handelsunternehmungen.
+Die kühnsten, unglaublichsten Projekte sprühten in seinem Geiste. Wir
+traten zusammen und faßten den Entschluß, gemeinschaftlich unsere
+Kräfte einem gemeinnützigen Zwecke zu widmen.«
+
+»Welchem? Sage doch!«
+
+Rudin senkte den Blick.
+
+»Du wirst lachen müssen.«
+
+»Weshalb? Nein, ich werde nicht lachen.«
+
+»Wir beschlossen, einen Fluß im K…schen Gouvernement schiffbar zu
+machen,« äußerte Rudin, verlegen lächelnd.
+
+»Ja so! Dieser Kurbejew war also Kapitalist?«
+
+»Er war ärmer als ich,« erwiderte Rudin und senkte still seinen
+ergrauten Kopf.
+
+Leschnew lachte auf, hielt jedoch plötzlich inne und faßte Rudins Hand.
+
+»Vergib mir, Bruder, ich bitte dich,« sagte er, »ich hatte das nun gar
+nicht erwartet. Nun, euer Unternehmen blieb also auf dem Papier?«
+
+»Nicht so ganz. Ein Angriff wurde gemacht. Wir mieteten Arbeiter … und
+gingen ans Werk. Da stießen wir auf vielerlei Hindernisse. Erstens
+wollte es den Mühlenbesitzern nicht einleuchten, zweitens konnten wir
+mit dem Wasser ohne Maschine nicht fertig werden, für die Maschine
+jedoch fehlte das Geld. Sechs Monate verbrachten wir in Erdhütten.
+Kurbejews einzige Nahrung bestand in Brot; ich selbst wurde auch
+nie satt. Ich bedauere es übrigens nicht: die Gegend da herum ist
+wunderschön. Wir quälten und quälten uns ab, suchten die Kaufleute zu
+überreden und sandten Briefe und Zirkulare in die Welt. Das Ende davon
+war, daß mein letzter Groschen bei diesem Projekte aufging.«
+
+»Nun!« bemerkte Leschnew, »ich denke, es war nicht schwer, deinen
+letzten Groschen daran aufgehen zu sehen.«
+
+»In der Tat war das nicht schwer … doch das Unternehmen war aber, bei
+Gott, nicht übel und hätte großen Gewinn abwerfen können.«
+
+»Was ist aber aus jenem Kurbejew geworden?« fragte Leschnew.
+
+»Aus ihm? Er ist jetzt in Sibirien, Goldgräber ist er geworden. Und du
+wirst sehen, er wird sich Vermögen erwerben; er wird nicht umkommen.«
+
+»Mag sein! Du aber wirst es bestimmt nicht dahin bringen.«
+
+»Ich? Was ist dabei zu machen! Ich weiß ja übrigens, daß ich in deinen
+Augen von jeher für einen unnützen Menschen gegolten habe.«
+
+»Du? Geh doch, Bruder! … Es gab eine Zeit, du hast recht, wo mir nur
+deine Schattenseiten in die Augen fielen; jetzt aber, glaube mir’s,
+habe ich dich schätzen gelernt. Vermögen wirst du dir wohl nicht
+zusammenschlagen … Deshalb aber liebe ich dich …«
+
+Rudin lächelte matt.
+
+»Wirklich?«
+
+»Ich achte dich deshalb!« erwiderte Leschnew, »verstehst du mich wohl?«
+
+Sie schwiegen beide.
+
+»Nun, soll ich zu Nummer drei übergehen?« fragte Rudin.
+
+»Tu mir den Gefallen.«
+
+»Gut. Die Nummer drei und die letzte. Von dieser Nummer habe ich mich
+eben erst losgemacht. Langweilt es dich aber nicht?«
+
+»Erzähle, erzähle.«
+
+»Siehst du,« begann Rudin, »einmal in einer Stunde der Muße … an Muße
+hat es mir niemals gefehlt … überlegte ich bei mir: Kenntnisse besitze
+ich nicht wenig, ich wünsche das Gute du wirst doch nicht absprechen
+wollen, daß ich das Gute wünsche?«
+
+»Das fehlte noch!«
+
+»Auf allen Punkten war ich mehr oder weniger durchgefallen … warum
+sollte ich nicht Pädagog werden, oder um es einfach zu sagen, Lehrer? …
+besser doch, als nichts zu tun …«
+
+Rudin hielt inne und schöpfte Atem.
+
+»Besser, als ein unnützes Leben führen, wird es doch sein, wenn ich
+mich bestrebe, anderen das mitzuteilen, was ich weiß: vielleicht werden
+sie aus meinen Kenntnissen einigen Nutzen für sich schöpfen. Meine
+Talente sind doch am Ende keine alltäglichen; die Gabe der Rede habe
+ich auch … Ich beschloß also, mich diesem neuen Fache zu widmen. Mühe
+genug kostete es mir, eine Anstellung zu finden; Privatunterricht
+wollte ich nicht erteilen; an Elementarschulen war mein Platz nicht.
+Endlich gelang es mir, die Stelle eines Lehrers am hiesigen Gymnasium
+zu erhalten.«
+
+»Eines Lehrers – für welches Fach?« fragte Leschnew.
+
+»Eines Lehrers der russischen Literatur. Ich kann dir sagen, noch keine
+Sache habe ich mit solchem Eifer angegriffen wie diese. Der Gedanke,
+auf die Jugend zu wirken, begeisterte mich. Drei Wochen war ich mit der
+Abfassung meiner Antrittsvorlesung beschäftigt.«
+
+»Hast du sie hier?« unterbrach ihn Leschnew.
+
+»Nein, sie ist mir irgendwo verlorengegangen. Sie kam nicht schlecht
+heraus und fand Beifall. Noch jetzt sehe ich die Gesichter meiner
+Zuhörer vor mir, – diese guten, jungen Gesichter mit dem Ausdrucke der
+treuherzigsten Aufmerksamkeit, Teilnahme, ja selbst des Erstaunens.
+Ich bestieg das Katheder und hielt meinen Vortrag wie im Fieber; ich
+hatte geglaubt, ich würde daran reichlich für eine Stunde haben, und
+in zwanzig Minuten war ich fertig. Der Inspektor war auch zugegen –
+ein trockener Alter mit silbergefaßter Brille und kurzer Perücke, –
+von Zeit zu Zeit neigte er den Kopf nach meiner Seite hin. Als ich zu
+Ende war und von meinem Sessel sprang, sagte er zu mir: ›Gut, doch
+etwas zu hoch und unbestimmt, und von dem Hauptgegenstande ist zu wenig
+gesagt worden.‹ Die Gymnasiasten jedoch geleiteten mich mit Blicken der
+Achtung … wahrhaftig. Das eben gibt einen solchen Wert der Jugend. Die
+zweite Vorlesung und auch die dritte hatte ich aufgeschrieben … dann
+aber improvisierte ich.«
+
+»Und hast Erfolg gehabt?« fragte Leschnew.
+
+»Ich hatte großen Erfolg. Die Zuhörer fanden sich in Massen ein. Ich
+teilte ihnen alles mit, was mir auf der Seele lag. Unter denselben
+waren drei, vier in der Tat ausgezeichnete Knaben; die übrigen
+verstanden mich nur halb. Ich muß indessen gestehen, daß auch
+diejenigen, welche mich verstanden, mich bisweilen durch ihre Fragen
+verwirrt machten. Ich verlor den Mut aber nicht. Liebten mich ja
+doch alle: bei den Repetitionen gab ich allen gute Zensuren. Da aber
+entspann sich gegen mich eine Intrige … oder nein! Eine Intrige war
+es nicht; ich war, einfach gesagt, nicht in meine Sphäre geraten.
+Ich war den anderen unbequem und die anderen waren es mir. Ich hielt
+Gymnasiasten Vorlesungen, wie man sie Studenten nicht immer hält, und
+meinen Zuhörern waren diese Vorlesungen doch nicht so sehr förderlich
+… ich beherrschte die Tatsachen selbst … nicht recht. Zudem genügte
+mir der Wirkungskreis nicht, der mir vorgezeichnet war … Du weißt ja,
+das war immer meine schwache Seite. Ich wollte radikale Reformen und
+schwöre dir, diese Reformen waren gut und ausführbar. Ich hoffte,
+sie mit Hilfe des Direktors, eines braven und ehrlichen Mannes, auf
+welchen ich anfangs Einfluß gehabt hatte, durchzusetzen. Seine Frau
+stand mir bei. Ich habe, Bruder, in meinem Leben nicht viele solcher
+Frauen getroffen. Sie war bereits nahe den Vierzigern, glaubte aber
+noch an das Gute, liebte alles Schöne wie ein fünfzehnjähriges Mädchen
+und scheute sich nicht, ihre Überzeugung, vor wem es auch sein mochte,
+offen auszusprechen. Ich werde niemals ihre edle Begeisterung, ihre
+Lauterkeit vergessen. Ihrem Rate folgend, hatte ich schon einen Plan
+entworfen, doch da wurden geheime Umtriebe gegen mich eingeleitet und
+ich ward bei ihr angeschwärzt. Besonders schadete mir ein Lehrer der
+Mathematik, ein unansehnlicher, bissiger und gallsüchtiger Mensch, der
+an nichts glaubte, in der Art wie Pigassow, aber bei weitem tüchtiger
+als er … ja, sage doch, lebt Pigassow noch?«
+
+»Er lebt und stelle dir’s vor, er hat eine Dienstmagd geheiratet, die,
+wie man sagt, ihn prügeln soll.«
+
+»Das geschieht ihm recht! Und Natalia Alexejewna, geht es ihr gut?«
+
+»Ja.«
+
+»Ist sie glücklich?«
+
+»Ja.«
+
+Rudin schwieg.
+
+»Wovon sprach ich aber soeben … ganz recht, vom Lehrer der Mathematik.
+Er hatte einen Haß auf mich geworfen, meine Vorlesungen verglich er
+mit einem Feuerwerk, haschte im Fluge jeden, nicht ganz deutlichen
+Ausdruck auf und führte mich einmal sogar in bezug auf ein Opus aus
+dem sechzehnten Jahrhundert irre … Die Hauptsache aber war, er hatte
+meine Absichten verdächtigt; meine letzte Seifenblase stieß an ihn wie
+an eine Nadel und zerplatzte. Der Inspektor, zu dem ich mich gleich
+anfangs nicht gut gestellt hatte, reizte den Direktor gegen mich auf;
+und es kam zu einer Szene, ich wollte nicht nachgeben, wurde heftig,
+die Geschichte kam den Oberen zu Ohren, und ich ward gezwungen, meine
+Entlassung zu nehmen. Ich blieb nicht dabei stehen, ich wollte zeigen,
+daß ich mit mir nicht so umspringen lasse … aber leider mußte ich
+einsehen, daß man mit mir nach Belieben verfahren durfte … Jetzt muß
+ich die Stadt verlassen.«
+
+Es trat Schweigen ein. Beide Freunde saßen da mit gesenktem Kopfe.
+
+Rudin nahm zuerst wieder das Wort.
+
+»Ja, Bruder,« begann er, »ich kann jetzt mit Koltzow[7] ausrufen: ›Wie
+hast du, meine Jugend, mir mitgespielt, mich umhergeworfen, ich weiß
+nicht mehr, wo ein noch aus‹ … Und war ich denn wirklich zu nichts
+gut, gab es denn wirklich gar nichts für mich zu tun auf der Welt? Ich
+habe diese Frage oft an mich gerichtet und welche Mühe ich mir auch
+gab, mich in meinen eigenen Augen herabzusetzen, so war mir’s dennoch
+unmöglich, in mir das Vorhandensein von Kräften nicht zu fühlen, mit
+denen nicht jedermann begabt ist! Weshalb bleiben denn diese Kräfte
+unfruchtbar? Und dann noch eins: erinnerst du dich, als wir zusammen im
+Auslande waren, war ich in Selbstvertrauen und Selbsttäuschung befangen
+… Es ist wahr, ich war damals nicht deutlich dessen bewußt, wonach mich
+verlangte, ich labte mich bis zur Übersättigung am Wortgepränge und
+schenkte Trugbildern Glauben; jetzt aber, ich schwöre dir’s, darf ich
+laut, vor allen, gestehen, was ich will. Ich habe nichts zu verhehlen:
+ich bin im wahren Sinne des Wortes ein wohlgesinnter Mensch; ich werde
+demütig, will mich in die Verhältnisse schicken, verlange wenig, strebe
+nach keinem entfernten Ziele, möchte, wenn auch nur geringen, Nutzen
+schaffen. Aber – es will mir nicht gelingen! Was bedeutet das? Was
+hindert mich, zu leben und zu wirken, wie andere es tun? Ich trachte
+ja jetzt nach nichts Höherem. Und doch! Kaum gelingt es mir, eine
+bestimmte Stellung einzunehmen, auf einem gewissen Punkte Posto zu
+fassen, so stößt mich das Geschick unerbittlich fort. Ich fange an,
+Furcht zu bekommen vor meinem Geschicke. Woher das alles? Erkläre mir
+dies Rätsel!«
+
+»Rätsel!« wiederholte Leschnew. »Ja, es ist wahr. Warst du ja für mich
+selbst ein Rätsel. Sogar in unserer Jugend, wenn du, wie es vorkam,
+nach irgendeiner kleinlichen Äußerung plötzlich wieder das Wort nahmst,
+daß uns das Herz im Leibe erzitterte, und dann wieder auf einmal
+anfingst … nun, du weißt, was ich sagen will … selbst damals verstand
+ich dich nicht: deshalb verlor sich auch meine Liebe zu dir … Es lag so
+viel Kraft in dir, ein so unermüdliches Streben nach Idealen …«
+
+»Worte, alles nur Worte! Die Taten fehlten,« unterbrach ihn Rudin.
+
+»Die Taten fehlten! Was für Taten?«
+
+»Was für Taten? Eine blinde Großmutter und die ganze Familie mit seiner
+Hände Arbeit ernähren, wie Priaschenzow, erinnerst du dich – Da hast du
+eine Tat.«
+
+»Ja; aber ein gutes Wort – ist auch eine Tat.«
+
+Rudin blickte schweigend Leschnew an und schüttelte still den Kopf.
+
+Leschnew wollte etwas sagen, fuhr aber bloß mit der Hand über sein
+Gesicht.
+
+»Und so fährst du denn auf dein Gut?«
+
+»Ja, ich fahre hin.«
+
+»Hast du denn dein Gut behalten?«
+
+»Etwas ist davon übriggeblieben. Zweiundeinehalbe Seele. Ein Winkel
+für mich, wo ich den Tod erwarten kann. Du denkst vielleicht in diesem
+Augenblicke: ›Auch dies vermochte er nicht ohne Phrase zu sagen.‹
+Die Phrasen, es ist wahr, sie haben mein Unglück verschuldet, mich
+aufgerieben, bis zum Ende habe ich sie nicht loswerden können. Was
+ich aber soeben sagte, war keine Phrase. Dies weiße Haar, Bruder, ist
+keine Phrase, diese Runzeln, diese durchgescheuerten Ellenbogen – sind
+keine Phrase. Du bist immer streng gegen mich gewesen und das war recht
+von dir; doch nicht von Strenge kann mehr die Rede sein, wenn schon
+alles abgetan, in der Lampe kein Öl mehr und die Lampe auch bereits
+zerschlagen ist und der Docht im nächsten Augenblicke zu verglimmen
+droht … Der Tod, Bruder, muß am Ende alles aussühnen …«
+
+Leschnew sprang auf.
+
+»Rudin!« rief er aus, »warum sagst du mir das? Wodurch habe ich das von
+dir verdient? Wer hat mich zum Richter bestellt, und was für ein Mensch
+würde ich sein, wenn mir, beim Anblicke deiner eingefallenen Wangen und
+Runzeln, das Wort Phrase in den Sinn kommen könnte? Du willst wissen,
+was ich von dir denke? Wohlan! Ich denke: dieser Mensch … was hätte
+der wohl mit seinen Fähigkeiten erringen können, über welche irdischen
+Güter würde er wohl jetzt gebieten, wenn er gewollt hätte! … und ich
+finde ihn hungernd und ohne Obdach …«
+
+»Ich errege dein Mitleid,« brachte Rudin kaum hörbar hervor.
+
+»Nein! Du irrst. Achtung flößest du mir ein – das ist es. Was
+hinderte dich, lange Jahre bei jenem Gutsbesitzer, deinem Bekannten,
+zu verbringen? Ich bin fest überzeugt, wenn du ihm nur zu Gefallen
+hättest leben wollen, dein Auskommen wäre gesichert! Weshalb hast du
+es im Gymnasium nicht ausgehalten, weshalb – sonderbarer Mensch! –
+was auch dein jedesmaliges Sinnen im Anfang gewesen sein mag, mußte
+dein Unternehmen allemal und durchaus damit enden, daß du deinen
+eigenen Vorteil zum Opfer brachtest, keine Wurzel schlagen wolltest in
+schlechtem Boden, wie fett er auch sein mochte!«
+
+»Ich bin als Spielball auf die Welt gekommen,« fuhr Rudin mit
+wehmütig-verächtlichem Lächeln fort. »Ich kann nicht stille stehen.«
+
+»Das ist wahr; du kannst aber nicht stille stehen, nicht weil ein Wurm
+in dir steckt, wie du vorhin sagtest … Kein Wurm steckt in dir, kein
+Geist müßiger Unruhe: Liebe zur Wahrheit durchglüht dich, und wie man
+sieht, glüht sie ungeachtet aller Misere in dir selbst lebhafter als in
+vielen anderen, die sich nicht einmal für Egoisten erklärten und dich
+vielleicht gar einen Intriganten nennen. Ich an deiner Stelle hätte
+wahrlich schon längst jenen Wurm zum Schweigen gebracht und Frieden mit
+allem geschlossen; du aber bist nicht einmal bitterer geworden, und ich
+bin überzeugt, du wärst heute noch, in diesem Augenblicke, bereit, von
+neuem wie ein Jüngling ans Werk zu gehen.«
+
+»Nein, Bruder, ich bin jetzt ermattet,« erwiderte Rudin. »Es war für
+mich genug.«
+
+»Ermattet! Ein anderer wäre längst gestorben. Du sagst, der Tod sei ein
+Sühneopfer; glaubst du denn, das Leben sei es nicht? Wer gelebt hat
+und gegen andere nicht nachsichtig geworden ist, der verdient selbst
+keine Nachsicht. Wer aber wollte behaupten, daß er keiner Nachsicht
+bedürfe? Du hast gewirkt, wie du gekonnt hast, nach Kräften hast du
+gekämpft … Was verlangst du mehr? Unsere Wege gingen auseinander …«
+
+»Du, Bruder, bist ein ganz anderer Mensch als ich,« unterbrach ihn
+Rudin mit einem Seufzer.
+
+»Unsere Wege gingen auseinander,« fuhr Leschnew fort, »vielleicht eben
+darum, daß mich, mit meinem Vermögen, mit meinem kalten Blute und
+unter anderen, glücklicheren Verhältnissen, nichts daran hinderte,
+ruhig sitzenzubleiben und, die Hände im Schoße, den Zuschauer zu
+machen, während du auf das Feld hinaus mußtest, um mit aufgestreiften
+Ärmeln dich zu plagen und abzuarbeiten. Unsere Wege gingen auseinander
+… siehe aber, wie nahe wir einander sind. Reden wir ja beide fast
+dieselbe Sprache, auf einen halben Wink verstehen wir einander, an
+denselben Gefühlen sind wir herangewachsen. Von den Unserigen sind ja
+wenige nur noch übrig, Bruder; beide sind wir die letzten Mohikaner!
+In früheren Jahren, als wir noch das volle Leben vor uns hatten,
+konnten wir verschiedener Meinung sein, ja sogar feindlich einander
+gegenüberstehen; jetzt aber, da das Häufchen um uns lichter wird, da
+neue Geschlechter an uns vorüberziehen, die anderen Zielen, als die
+unserigen es waren, entgegeneilen, müssen wir zusammenhalten. Stoßen
+wir an, Bruder, und laß uns nach alter Art singen: ~Gaudeamus igitur!~«
+
+Die Freunde stießen mit den Gläsern an und sangen in gerührtem und
+falschem, d. h. echt russischem Tone das alte Studentenlied.
+
+»Du fährst jetzt auf dein Landgut,« nahm Leschnew wieder das Wort.
+»Ich glaube nicht, daß du dort lange bleiben wirst, und kann mir nicht
+vorstellen, wie, wo und auf welche Weise es mit dir enden wird. Vergiß
+aber nicht, daß, was sich mit dir auch ereignen möge, du immer einen
+Platz, ein Nest hast, wo du dein Haupt niederlegen kannst: mein Dach …
+hörst du, altes Haus? Die Gedankenarbeit hat auch ihre Invaliden und
+diese bedürfen eines Asyls.«
+
+Rudin erhob sich.
+
+»Danke dir, Bruder,« sagte er. »Habe Dank! Ich werde es dir eingedenk
+sein. Doch eines Asyls bin ich nicht wert. Verdorben ist mein Leben,
+und ich habe dem Ideal nicht gedient, wie sich’s gebührt.«
+
+»Schweig!« unterbrach ihn Leschnew. »Ein jeder bleibt, wozu die Natur
+ihn gemacht hat, und mehr läßt sich von ihm nicht fordern! Nanntest du
+es nicht den ewigen Juden? … Wie kannst du es aber wissen, vielleicht
+bist du dazu bestimmt, ewig umherzuwandern, vielleicht erfüllst du
+dadurch ein höheres, dir selbst unbewußtes Verhängnis: nicht umsonst
+heißt es im Munde der Volksweisheit, daß wir alle unter Gott stehen.
+Ein Samenausstreuer bist du vielleicht! – Gehe also hin, wohin seine
+Hand dich leitet,« fuhr Leschnew fort, als er bemerkte, daß Rudin seine
+Mütze nehmen wollte. »Doch bleibst du nicht für die Nacht?«
+
+»Ich will fort! Lebe wohl. Habe Dank … Mit mir endet es nicht gut.«
+
+»Das steht bei Gott … Du fährst also bestimmt?«
+
+»Ja. Lebe wohl. Behalte mich nicht in bösem Andenken.«
+
+»Lebe wohl! Gedenke auch meiner nicht im Bösen, und vergiß nicht, was
+ich dir gesagt habe. Lebe wohl …«
+
+Die Freunde umarmten einander. Rudin entfernte sich rasch.
+
+Leschnew ging lange im Zimmer auf und ab, hielt beim Fenster still und
+sagte halblaut: »Armer Mensch!«, dann setzte er sich an den Tisch und
+fing einen Brief an seine Frau an.
+
+Draußen erhob sich der Wind und schlug mit unheilverkündendem
+Heulen schwer und wie erbost an die klirrenden Scheiben. Eine lange
+Herbstnacht war hereingebrochen. Wohl dem, der in solchen Nächten ein
+Dach über sich weiß, einen warmen Winkel sein eigen nennt. Und möge
+Gott alle obdachlosen Waller in Gnaden bewahren!
+
+ * * * * *
+
+In der heißen Mittagsstunde des 26. Juni 1848, in Paris, als der
+Aufstand der »Arbeitervereine« fast unterdrückt war, stürmte ein
+Bataillon Linientruppen in einer der engen Quergassen der Vorstadt
+St. Antoine eine Barrikade. Einige Kanonenschüsse hatten sie bereits
+in Schutt gelegt; die am Leben gebliebenen Verteidiger derselben
+zogen sich zurück und waren nur noch auf ihre eigene Rettung
+bedacht, als plötzlich auf dem höchsten Punkte der Barrikade,
+auf dem eingeschlagenen Kasten eines umgestürzten Omnibuswagens,
+ein hochgewachsener Mann sichtbar wurde in einem alten Rock, mit
+einer roten Schärpe umgürtet, mit einem Strohhute auf dem weißen,
+unordentlichen Haare. In der einen Hand hielt er eine rote Fahne, in
+der anderen einen krummen, stumpfen Säbel und schrie mit angestrengter,
+scharfer Stimme, indem er bemüht war, höher hinaufzuklimmen und mit
+Fahne und Säbel Zeichen zu machen. – Ein Vincennes-Jäger legte auf ihn
+an – ein Schuß fiel … dem hochgewachsenen Mann entglitt die Fahne – und
+wie ein Sack stürzte er vornüber auf sein Gesicht, als wäre er jemandem
+zu Füßen gefallen … Die Kugel war ihm gerade durchs Herz gegangen.
+
+»~Tiens!~« sagte einer der fliehenden ~insurgés~ zu einem anderen, »~on
+vient de tuer le Polonais!~«
+
+»~Bigre!~« antwortete der andere, »~sauvons-nous!~« und beide warfen
+sich in das Kellergeschoß eines Hauses, an welchem die Laden alle
+verschlossen waren und dessen Wände überall Spuren von Kugeln und
+Kartätschen zeigten.
+
+Dieser »Polonais« war Dmitri Rudin.
+
+
+Fußnoten:
+
+ [1] Kleinrußland, weil dort das Landvolk und die untersten
+ Klassen der Bevölkerung den Kopf rund herum rasiert tragen
+ und nur auf dem Scheitel einen Schopf wachsen lassen.
+
+ [2] So heißen die kleinrussischen Volkslieder.
+
+ [3] Aus Gribojedow.
+
+ [4] Petschorin, der Held in Lermontoffs Roman: »Der Held
+ unserer Zeit«.
+
+ [5] Puschkin.
+
+ [6] Russisches Sprichwort.
+
+ [7] Russischer Volksdichter.
+
+
+
+
+Bücherverzeichnis des Verlags Georg Müller
+
+
+Friedrich Huch
+
+Neue Träume.
+
+Mit zahlreichen Federzeichnungen im Text und 10 ganzseitigen
+Lithographien von Alfred Kubin. Mit einer Vorrede des Verfassers und
+einer Vorbemerkung des Zeichners. Hergestellt in einer einmaligen
+numerierten Auflage von 800 Exemplaren, von denen die Nummern 1–100 in
+Halbpergament gebunden wurden. Pappband 10 Mk., Halbpergt. 15 Mk.
+
+
+Shakespeare: Sonette.
+
+Deutsche Übertragung von F. Huch. (Aus dem Nachlaß.) Einmalige
+Auflage von 600 Exemplaren, davon 450 auf Bütten, den Titel und die
+zweifarbigen Initialen zeichnete Paul Renner. Halbpergt. 12 Mk.
+
+*
+
+Huldschiner, Richard: Beatus. Aus dem Buch eines Lebens.
+
+Einbandzeichnung Hermann Häger. Geh. 3 Mk., geb. 4 Mk.
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+Humorbuch.
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+Siehe unter Novellenauswahlbände.
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+Huneker, James: Chopin.
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+Der Mensch und der Künstler. Einzig autorisierte Übersetzung von Lola
+Lorme und Heinrich Glücksmann. Mit einem Geleitwort der Übersetzer.
+3.–4. Tsd. Mit 26 Abbildungen. Geh. 5 Mk., Halbleinen 7 Mk.
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+Huysmans, J. K.: Geheimnisse der Gotik.
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+Drei Kirchen und drei Primitive. Übertragung und Anhang von Stefanie
+Strizek. Mit 24 Bildbeigaben. 2. Auflage. Halbleder 15 Mk.
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+Immermann, Karl.
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+Siehe unter Bücherei der neuen Serapionsbrüder.
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+Der Indische Kulturkreis
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+in Einzeldarstellungen. Herausgegeben unter Mitwirkung von Helmuth
+von Glasenapp, Otto Hoever, Noto Soeroto, Heinrich Stönner, Willem
+Stutterheim, Fritz Trautz von Karl Döhring.
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+Siam. Land und Volk / Die bildende Kunst.
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+Von Karl Döhring. Mit 282 Abbildungen. In Leinen 32 Mk.
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+Rama-Legenden und Rama-Reliefs in Indonesien.
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+Von Dr. Willem Stutterheim. 2 Bände. Mit 230 Abbildungen auf Tafeln. In
+Leinen, 2 Bände 50 Mk.
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+Indien. Volk und Kultur / Länder und Städte.
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+Von Dr. Helmuth von Glasenapp. Mit 248 Abbildungen auf Tafeln. In
+Leinen geb. 32 Mk.
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+Heilige Stätten Indiens.
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+Mit ca. 250 Abbildungen. Von Dr. Helmuth von Glasenapp. In Leinen ca.
+32 Mk.
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+Ceylon.
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+ Von Dr. Friedrich M. Trautz.
+ Mit 128 Tafeln.
+ In Leinen geb. 32 Mk.
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+Man verlange den illustrierten Prospekt »Der indische Kulturkreis«.
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+Siehe auch unter Gregor Krause: Bali.
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+Heinrich Eduard Jacob
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+Der Zwanzigjährige.
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+Ein symphonischer Roman. 3. Auflage. Geh. 2 Mk., geb. 3.50 Mk.
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+Beaumarchais und Sonnenfels.
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+Schauspiel in vier Akten. Geh. 1 Mk.
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+Jean Paul
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+Die Briefe Jean Pauls.
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+Kritisch-historische Gesamtausgabe. Herausgegeben und erläutert von
+Eduard Berend. 1. Band: 1780–1794. Mit 6 Tafeln und einem Stammbaum.
+2. Band: 1794–1797. Mit 6 Tafeln und einem Stammbaum. 3. Band: 1797
+bis 1800. Mit 7 Tafeln. 4. Band: 1800 bis 1805. Mit 6 Tafeln und einem
+Stammbaum. Jeder Band geh. 12 Mk., Halbleder 20 Mk., in Ganzleder
+50 Mk.
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+Dr. Katzenbergers Badreise.
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+2. Aufl. Mit Bildern von Walo von May. Halbleinen 10 Mk.
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+Jean Pauls Persönlichkeit.
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+Zeitgenössische Berichte. Gesammelt und herausgegeben von Eduard
+Berend. Mit 15 Bildbeigaben. Geh. 4 Mk., Halbleinen 6 Mk.
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+Das heimliche Klaglied der heutigen Männer.
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+Siehe unter Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher.
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+*
+
+Jenseitsrätsel.
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+Siehe unter Novellenauswahlbände.
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+Elisabeth Joest
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+Jens Palmström.
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+Novellen. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk.
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+Vibrationen.
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+Roman. 1.–5. Tsd. Einbandzeichnung von Hermann Häger. Geh. 3 Mk., geb.
+4 Mk.
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+*
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+Wie Karl von Frankenland gen Jerusalem zoge und, um seiner Frauen
+Reden, gen Konstantinopel, König Hugo zu sen.
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+(Die Weise von Kaiser Karls Fahrt gen Morgenland.) Nachdichtung aus
+dem Altfranzösischen von Werner und Maja Schwartzkopff. Mit einer
+Einführung von Karl Voßler. Mit 12 Holzschnitten von Hans Pape. In
+alter Fraktur gedruckt in einmaliger Aufl. von 250 numerierten
+und vom Künstler signierten Expl., davon 50 auf Bütten. Ausgabe A:
+Büttenausgabe in handgearbeitetem Ganzpgtbd. mit den Holzschnitten in
+Mappe (jeder Holzschnitt signiert) 50 Mk. Ausgabe B: Handgearbeiteter
+Ganzpgtbd. (ohne Mappe) 35 Mk. Ausgabe C: Halbpgtbd. 25 Mk.
+
+
+Kaiser, Georg: Von Morgens bis Mitternachts.
+
+Stück in 2 Teilen. Mit 12 farbigen Steinzeichnungen von Rudolf
+Großmann. Einmalige numerierte Auflage von 325 Expl. Auf Bütten mit der
+Hand als Halblederband gebunden 40 Mk., als Pappband gebunden 18 Mk.
+
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+Kalkoff, Paul: Luther und die Entscheidungsjahre der Reformation.
+
+Von den Ablaßthesen bis zum Wormser Edikt. Mit 8 Abbildungen.
+Halbleinen 4 Mk., geh. 2 Mk.
+
+
+Kant.
+
+Siehe unter Bibliothek der Philosophen.
+
+
+Karlchen.
+
+Siehe unter Ettlinger.
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+
+Kasprowicz, Jan: Mein Abendlied.
+
+Hymnen. Deutsch von Stanislaw Przybyszewski. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk.
+
+
+Kataloge
+
+
+Verzeichnis der lieferbaren Bücher des Verlags Georg Müller. 1924/25.
+
+Mit über 60 Abbildungen. 250 Seiten. 1 Mk.
+
+
+Katalog der Bücher des Verlags Georg Müller. 1923.
+
+Mit einer Zeichnung von Emil Preetorius. 0.50 Mk.
+
+
+Fünfzehn Jahre Georg Müller Verlag.
+
+210 Seiten. 1918. 2 Mk.
+
+
+Bücher des Verlags Georg Müller.
+
+Umschlagzeichnung von Emil Preetorius. Mit zahlreichen Abbildungen. 150
+Seiten. 0.50 Mk.
+
+
+Literaturbericht des Verlags Georg Müller.
+
+Mit zahlreichen Abbild. 95 Seiten. 0.20 Mk.
+
+
+Das Reich des Eros.
+
+Mit zahlreichen Abbildungen. 16 Seiten. Kostenlos.
+
+
+Gesamtausgaben des Verlags Georg Müller.
+
+16 Seiten. Kostenlos.
+
+
+Das Zeitalter Napoleons I.
+
+Mit zahlreichen Abbildungen. Kostenlos.
+
+
+Der Indische Kulturkreis in Einzeldarstellungen.
+
+Mit Abbildungen. Kostenlos.
+
+*
+
+Kaus, Gina: Der Aufstieg.
+
+Novelle. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk.
+
+
+Gottfried Keller
+
+
+Sieben Legenden.
+
+Mit 8 Holzschnitten von Hans Halm. Hergestellt in 1200 Expl. Die
+Holzschnitte wurden von den Originalholzstöcken gedruckt. In Halbpergt.
+geb. 10 Mk., Ganzpergt. 15 Mk.
+
+
+Romeo und Julia auf dem Dorfe u. a.
+
+Halbleinen 2 Mk.
+
+Siehe unter Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher.
+
+*
+
+Kierkegaard: Aus dem Tagebuch des Verführers. Diapsalmata.
+
+Siehe unter Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher und unter Bibliothek der
+Philosophen.
+
+
+Eugen Kilian
+
+
+Goethes Egmont auf der Bühne.
+
+Zur Inszenierung und Darstellung des Trauerspiels. Ein Handbuch der
+Regie. Geh. 4.50 Mk., Halbleinen 5.50 Mk.
+
+
+Dramaturgische Blätter.
+
+Aufsätze und Studien aus dem Gebiete der praktischen Dramaturgie, der
+Regiekunst und der Theatergeschichte. Geh. 3 Mk.
+
+
+Aus der Praxis der modernen Dramaturgie.
+
+Der Dramaturgischen Blätter zweite Reihe. Aufsätze und Studien aus
+dem Gebiete der praktischen Dramaturgie, der Regiekunst und der
+Theatergeschichte. Geh. 3 Mk.
+
+
+Goethes Faust auf der Bühne.
+
+Beiträge zum Probleme der Aufführung und Inszenierung des Gedichtes.
+Geh. 1.50 Mk.
+
+
+Shakespeare: Antonius und Kleopatra.
+
+Trauerspiel in fünf Akten. Nach Baudissins Übersetzung für die deutsche
+Bühne bearbeitet. 2. vielfach veränderte Aufl. Geh. 1 Mk.
+
+*
+
+Kin-Ku-Ki-Kuan: Chinesische Novellen.
+
+Siehe unter Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher.
+
+
+Friedrich M. Kircheisen
+
+
+Napoleon I. Sein Leben und seine Zeit.
+
+1. Bd.: 1769–1796, 2. Bd.: 1796–1797, 3. Bd.: 1797–1799, 4. Bd.: 1799,
+5. Bd.: 1800–1804. Jeder Band mit zahlreichen Abbildungen, Faksimiles,
+Karten und Plänen. Leder je 70 Mk., Halbleder je 25 Mk.
+
+(Bisher 5 Bände erschienen, weitere in Vorbereitung.)
+
+Man verlange den illustrierten Prospekt: »Das Zeitalter Napoleons I.«
+
+
+Napoleon im Lande der Pyramiden und seine Nachfolger 1798–1801.
+
+Mit 100 Abbildungen, Faksimiles, Karten und Plänen. Geh. 7 Mk.,
+Halbleder 20 Mk.
+
+
+Fortsetzung des Bücherverzeichnisses siehe:
+
+Goethes Tagebuch der italienischen Reise
+
+(Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher)
+
+
+Druck von Mänicke & Jahn A.-G., Rudolstadt
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+
+
+
+ Weitere Anmerkung zur Transkription
+
+
+ Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
+ Unterschiedliche Schreibweisen insbesondere bei Namen wurden wie
+ im Original beibehalten.
+ Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
+
+ Das Cover wurde aus dem unbeschrifteten Originalcover und der
+ Titelseite zusammengesetzt und ist gemeinfrei (Public Domain.
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75298 ***