diff options
Diffstat (limited to '75298-0.txt')
| -rw-r--r-- | 75298-0.txt | 6656 |
1 files changed, 6656 insertions, 0 deletions
diff --git a/75298-0.txt b/75298-0.txt new file mode 100644 index 0000000..ae3fc4b --- /dev/null +++ b/75298-0.txt @@ -0,0 +1,6656 @@ + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75298 *** + + + + + + Anmerkungen zur Transkription + + + Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter + Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter + Text ist ~so markiert~. + + Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des + Buches. + + + + +Iwan Turgenieff / Rudin + +[Illustration] + + + + + Iwan Turgenieff + + Rudin + + * + + München bei Georg Müller + 1927 + + + + + Copyright 1926 by Georg Müller Verlag + A.-G., München / Printed in Germany + + + + +I + + +Es war ein stiller Sommermorgen. Die Sonne stand schon ziemlich hoch +am reinen Himmel, auf den Feldern aber glänzte noch der Tau, aus den +eben erwachten Tälern wehte duftige Frische und in dem noch feuchten +und lautlosen Walde stimmten die kleinen Vögel lustig ihr Morgenlied +an. Auf dem Gipfel eines Hügels, dessen Abhänge von oben bis unten mit +reifendem Roggen bedeckt waren, zeigte sich ein kleines Dörfchen. Nach +diesem Dörfchen ging, auf schmalem Nebenwege, eine junge Frau in weißem +Mousselinkleide und rundem Strohhute, einen Sonnenschirm in der Hand. +Ein kleiner, als Kosak gekleideter Dienstbursche folgte ihr in einiger +Entfernung. + +Sie ging, ohne sich zu beeilen und als fände sie Vergnügen an ihrem +Spaziergange. Rings umher auf dem langen und schwankenden Roggen zogen +in silbergraulichem und rötlichem Farbenspiele langgestreckte Wogen mit +sanftem Rauschen dahin; in der Höhe schmetterten Lerchen. Die junge +Frau kam aus dem ihr gehörigen größeren Dorfe, das etwa eine Werst von +dem Dörfchen entfernt lag, wohin sie ihre Schritte gerichtet hatte. +Sie hieß Alexandra Pawlowna Lipin, war Witwe, kinderlos und ziemlich +begütert, und lebte zusammen mit ihrem unverheirateten Bruder, Sergei +Pawlowitsch Wolinzow, einem Stab-Rittmeister außer Diensten, welcher +ihr Gut verwaltete. + +Alexandra Pawlowna hatte das Dorf erreicht; sie blieb bei dem +äußersten, sehr alten und verfallenen Bauernhäuschen stehen, rief ihren +Dienstburschen heran und befahl ihm, hineinzugehen und sich nach dem +Befinden der Eigentümerin zu erkundigen. Er kehrte bald zurück, gefolgt +von einem altersschwachen Bauer mit weißem Barte. + +»Nun, wie steht’s?« fragte Alexandra Pawlowna. + +»Sie lebt noch …« erwiderte der Alte. + +»Kann ich hineingehen?« + +»Warum nicht.« + +Alexandra Pawlowna trat in die Hütte. Es war eng darin, beklommen und +räucherig … Auf der Ofenbank regte sich jemand und stöhnte. Alexandra +Pawlowna sah sich um und gewahrte in dem Halbdunkel den gelben und +runzeligen Kopf einer alten Frau, den ein kariertes Tuch umhüllte. Bis +unter den Hals mit einem dicken Oberrock bedeckt, atmete sie schwer und +bewegte schwach ihre mageren Arme. + +Alexandra Pawlowna trat zu der Alten heran und berührte ihre Stirne +mit der Hand; sie war brennend heiß. + +»Wie ist dein Befinden, Matrona?« fragte sie, sich über die Ofenbank +beugend. + +»Ach! Ach!« stöhnte die Alte, nachdem sie Alexandra Pawlowna gewahr +worden war. »Schlecht, schlecht, Mütterchen! Das Todesstündchen ist +gekommen, mein Täubchen.« + +»Mit Gottes Hilfe wird es schon besser werden, Matrona. Hast du die +Arznei eingenommen, die ich dir geschickt habe?« + +Die Alte stöhnte schwer und gab keine Antwort. Sie hatte die Frage +nicht recht gehört. + +»Sie hat sie eingenommen,« erklärte der Alte, der an der Türe +stehengeblieben war. + +Alexandra Pawlowna wandte sich zu ihm. + +»Außer dir ist niemand bei ihr?« fragte sie. + +»Die Kleine ist da – ihre Enkelin, läuft aber immer davon. Kann nicht +sitzen bleiben: ein wildes Ding. Einen Trunk Wasser der Großmutter +reichen – selbst das fällt ihr schwer. Bin selbst zu alt: was kann ich +helfen?« + +»Sollte man sie nicht zu mir ins Krankenhaus tragen?« + +»Nein! Wozu ins Krankenhaus! Ganz gleich, wo man stirbt. Sie hat ihre +Zeit abgelebt; es muß wohl Gottes Wille so sein. Sie kann von der +Ofenbank nicht herunter. Wie soll die ins Krankenhaus! Hebt man sie nur +auf, so ist sie tot.« + +»Ach,« stöhnte die Kranke wieder: »Meine schöne, gnädige Frau, meine +Kleine, die Waise, verlaß sie nicht; unsere Herrschaft ist weit von +hier, du aber …« + +Die Alte schwieg, sie konnte kaum sprechen. + +»Sei ruhig,« sagte Alexandra Pawlowna, »es soll alles geschehen. Ich +habe dir da Tee und Zucker gebracht. Wenn du Lust haben wirst, trinke … +Ihr habt ja doch wohl einen Samowar?« setzte sie, mit einem Blick auf +den Alten, hinzu. + +»Einen Samowar? Nein, einen Samowar haben wir nicht, man kann sich das +aber verschaffen.« + +»Nun, dann verschaffe ihn dir, geht’s nicht, so schicke ich dir einen. +Und sage auch deiner Enkelin, sie solle nicht aus dem Hause laufen. +Sage ihr, es sei das gar nicht recht von ihr.« + +Der Alte antwortete nichts, nahm indessen den eingewickelten Tee und +Zucker mit beiden Händen entgegen. + +»Nun, lebe wohl, Matrona!« sagte Alexandra Pawlowna, »ich komme wieder +zu dir, verliere den Mut nicht und nimm die Arznei pünktlich ein …« + +Die Alte hob den Kopf ein wenig und streckte sich gegen Alexandra +Pawlowna vor. + +»Gib, Gnädige, das Händchen,« lallte sie. + +Alexandra Pawlowna gab ihr nicht die Hand, sie beugte sich über sie und +küßte sie auf die Stirne. + +»Gib also acht,« sagte sie im Fortgehen zum Alten, »die Arznei muß ihr +durchaus eingegeben werden, wie vorgeschrieben ist … Und auch Tee gebt +ihr zu trinken.« + +Der Alte erwiderte abermals nichts und verbeugte sich nur. + +Alexandra Pawlowna atmete freier, als sie wieder in die frische Luft +gekommen war. Sie schlug ihren Sonnenschirm auf und wollte bereits +nach Hause gehen, als plötzlich um die Ecke der Hütte herum auf einer +niedrigen Reitdroschke ein Mann in den Dreißigen angefahren kam; er +hatte einen alten Paletot aus grauem Leinzeuge an und trug eine Mütze +aus gleichem Stoffe. Als er Alexandra Pawlownas ansichtig wurde, hielt +er sogleich an und wandte sich zu ihr. Sein Gesicht war breit und +bleich, mit kleinen blaßgrauen Augen und hellblondem Schnurrbart; das +Ganze paßte zur Farbe seines Anzuges. + +»Guten Tag,« brachte er mit einem trägen Lächeln hervor, »was machen +Sie denn hier, wenn ich fragen darf?« + +»Ich habe eine Kranke besucht … Von wo kommen Sie aber, Michael +Michailitsch?« + +Der Mann, der Michael Michailitsch hieß, schaute ihr in die Augen und +lächelte wieder. + +»Sie haben gut daran getan,« fuhr er fort, »eine Kranke zu besuchen; +wäre es aber nicht besser, Sie ließen sie ins Krankenhaus bringen?« + +»Sie ist zu schwach: man darf sie nicht rühren.« + +»Wie ist’s denn mit Ihrem Krankenhause, sind Sie nicht Willens, es +eingehen zu lassen?« + +»Eingehen lassen? Weshalb?« + +»Nun, so.« + +»Welch sonderbarer Einfall! Wie ist Ihnen der in den Kopf gekommen?« + +»Sie verkehren ja so viel mit Frau Laßunski, und stehen, wie +es scheint, unter ihrem Einflusse. Wie die nun sagt, sind ja +Krankenhäuser, Schulen – nichts als Unsinn, unnütze Erfindungen. Die +Wohltätigkeit soll persönlich sein, ebenso die Bildung; das alles ist +Sache der Seele … in dieser Weise, glaube ich, drückt sie sich aus. Wem +sie das nachsingt, möchte ich aber wissen?« + +Alexandra Pawlowna lachte auf. + +»Darja Michailowna ist eine kluge Frau, ich liebe und achte sie sehr; +sie kann ja aber auch irren und ich glaube nicht an jedes ihrer Worte.« + +»Und Sie tun sehr wohl daran,« erwiderte Michael Michailitsch, immer +noch auf der Droschke sitzend, »denn sie selbst schenkt ihren eigenen +Worten keinen rechten Glauben. Es freut mich übrigens sehr, daß ich Sie +getroffen habe.« + +»Wieso?« + +»Eine schöne Frage! Als wenn es nicht immer angenehm wäre, mit Ihnen +zusammenzukommen! Heute sind Sie ebenso frisch und freundlich, wie +dieser Morgen.« + +Alexandra Pawlowna lachte wieder. + +»Worüber lachen Sie denn?« + +»Wie, worüber? Wenn Sie sehen könnten, mit welcher apathischen, kalten +Miene Sie Ihr Kompliment vorbrachten! Es wundert mich, daß Sie es ohne +Gähnen zu Ende gebracht haben.« + +»Mit kalter Miene … Sie wollen immer Feuer haben; Feuer taugt aber zu +nichts. Es lodert auf, qualmt und verlischt.« + +»Und wärmt,« setzte Alexandra Pawlowna hinzu. + +»Ja … und brennt auch.« + +»Nun, was tut es, mag es brennen! Das ist auch kein Übel! Immer noch +besser als …« + +»Nun, ich will doch sehen, ob Sie wohl noch ebenso sprechen, wenn Sie +sich, auch nur einmal, tüchtig verbrannt haben werden,« unterbrach +sie ärgerlich Michael Michailitsch und schlug mit den Zügeln auf sein +Pferd. »Leben Sie wohl!« + +»Michael Michailitsch, warten Sie!« rief Alexandra Pawlowna, »wann +sehen wir Sie bei uns?« + +»Morgen; grüßen Sie Ihren Bruder.« + +Und die Droschke rollte davon. + +Alexandra Pawlowna sah Michael Michailitsch nach. Ein wahrer Mehlsack! +dachte sie. Zusammengebückt, staubbedeckt, mit der in den Nacken +geschobenen Mütze, unter welcher unordentliche Büschel gelben Haares +hervorguckten, war er in der Tat einem großen Mehlsack ähnlich. + +Langsam kehrte Alexandra Pawlowna auf dem Wege nach Hause zurück. +Gesenkten Blickes schritt sie dahin, als der Hufschlag eines Pferdes +in der Nähe sie zwang, stehen zu bleiben und den Blick zu erheben … Ihr +entgegen ritt ihr Bruder; neben ihm schritt ein junger Mann, mittleren +Wuchses, in aufgeknöpftem, dünnem Röckchen, schmalem Halstüchelchen und +leichtem grauen Hute, mit einem Spazierstöckchen in der Hand. Schon von +weitem lächelte er Alexandra Pawlowna entgegen, obgleich er wohl sah, +daß sie in Gedanken versunken einherging, ohne auf irgend etwas acht zu +geben. Sie bemerkte ihn erst, als er zu ihr herantrat und freudig, fast +zärtlich sagte: + +»Guten Morgen, Alexandra Pawlowna, guten Morgen!« + +»Ah! Constantin Diomiditsch! Guten Tag!« antwortete sie. »Sie kommen +von Darja Michailowna?« + +»Gewiß, gewiß,« rief mit strahlendem Gesicht der junge Mann, »von Darja +Michailowna. Sie hat mich zu Ihnen geschickt; ich habe es vorgezogen +zu Fuß zu kommen … Der Morgen ist so wunderschön, es sind im ganzen +nur vier Werst bis hierher. Ich komme – finde Sie nicht zu Hause. Ihr +Bruder sagt mir, sie seien nach Semenowka gegangen, er selbst war im +Begriff aufs Feld zu reiten; so bin ich denn mit ihm gegangen, Ihnen +entgegen. Jawohl. Wie herrlich!« + +Der junge Mann sprach russisch, rein und grammatikalisch richtig, +jedoch mit einem fremden Akzent, dessen Abstammung schwer zu bestimmen +war. In seinen Gesichtszügen lag etwas Asiatisches. Die lange, gebogene +Nase, die großen, hervortretenden, starren Augen, die dicken roten +Lippen, die eingedrückte Stirn, das pechschwarze Haar, – alles an ihm +bekundete die orientalische Abkunft. + +Sein Name war Pandalewski und als seine Heimat gab er Odessa an, +obgleich er irgendwo in Weißrußland auf Kosten einer wohltätigen und +reichen Witwe erzogen worden war. Eine andere Witwe hatte ihm eine +Anstellung ausgewirkt. Überhaupt begünstigten ihn vorzugsweise Frauen +reiferen Alters: er verstand es, von ihnen zu erlangen, was er wollte. + +Auch im gegenwärtigen Augenblick lebte er bei einer reichen +Gutsbesitzerin, Darja Michailowna Laßunski, als Pflegesohn oder +Kostgänger. Er war überaus freundlich, dienstbereit, gefühlvoll und im +geheimen sinnlich, hatte eine angenehme Stimme, spielte nicht schlecht +Klavier und pflegte jedermann, mit dem er sprach, starr anzublicken. +Seine Kleidung war sehr sauber und hielt bei ihm lange vor, sein +breites Kinn war sorgfältig rasiert und sein Haar stets glatt gekämmt. + +Alexandra Pawlowna hörte seine Anrede bis zu Ende an und wandte sich +darauf zu ihrem Bruder. + +»Heute begegne ich einem nach dem andern; soeben habe ich Leschnew +gesprochen.« + +»Ah! wirklich!« + +»Ja; und denke nur, er fuhr auf einer Reitdroschke, in einem linnenen +Sackkittel, ganz von Staub bedeckt … Ein wahrer Sonderling!« + +»Mag sein! er ist aber ein prächtiger Mensch.« + +»Was? Herr Leschnew?« fragte Pandalewski verwundert. + +»Nun, Michael Michailitsch Leschnew,« erwiderte Wolinzow. »Indessen, +lebe wohl, Schwester: ich muß jetzt aufs Feld; es wird bei dir +Buchweizen gesät. Herr Pandalewski wird dich nach Hause begleiten.« + +Und Wolinzow trabte davon. + +»Mit dem größten Vergnügen!« rief Constantin Diomiditsch und bot +Alexandra Pawlowna seinen Arm. + +Sie reichte ihm den ihrigen, und beide schlugen den Weg zum +herrschaftlichen Hause ein. + + * * * * * + +Arm in Arm mit Alexandra Pawlowna zu wandeln, erfüllte, wie es schien, +Constantin Diomiditsch mit Glück und Stolz; er machte nur kurze +Schritte, lächelte mit Behagen, und seine morgenländischen Augen +wurden feucht, was übrigens bei ihm nicht selten vorkam: es kostete +ihm wenig, gerührt zu werden und eine Träne fallen zu lassen. Und wem +wäre es wohl nicht angenehm, ein hübsches, junges und schmuckes Weib am +Arme zu führen? Von Alexandra Pawlowna sagte das ganze Gouvernement, +sie sei reizend, und das Gouvernement täuschte sich nicht. Schon ihr +gerades, unmerklich aufgeworfenes Näschen konnte jeden Sterblichen um +den Verstand bringen, wieviel mehr die sammetweichen, braunen Augen, +das goldblondene Haar und die Grübchen auf den vollen Wangen, ihrer +vielen anderen Vorzüge gar nicht zu gedenken. Das Beste an ihr war +jedoch der Ausdruck ihres lieblichen Gesichts: durch Zutraulichkeit, +Treuherzigkeit und Sanftmut rührte und zog es an. Alexandra Pawlowna +hatte den Blick und das Lachen eines Kindes; die Damen ihres Standes +fanden sie etwas einfach … Ließ sich wohl mehr wünschen? + +»Darja Michailowna hätte Sie zu mir geschickt, sagten Sie?« fragte sie +Pandalewski. + +»Gewiß, sie haben mich hergeschickt,« erwiderte er, und er sprach +dabei den Buchstaben s, wie die Engländer das th aus, »sie wünschten +durchaus und lassen inständig ersuchen, Sie wollten sie heute zu Mittag +besuchen. Sie erwarteten einen neuen Gast« (Pandalewski, wenn er von +einer dritten Person redete, gebrauchte in der Regel die Mehrzahl) »und +wünschten durchaus, daß Sie dessen Bekanntschaft machen.« + +»Wer ist das?« + +»Ein gewisser Muffel, ein Baron, Kammerjunker aus Petersburg. Darja +Michailowna haben ihn unlängst beim Fürsten Garin kennengelernt +und sind des Lobes über ihn voll, als über einen liebenswürdigen +und gebildeten jungen Mann. Der Herr Baron beschäftigen sich auch +mit Literatur, oder richtiger gesagt … ach, was für ein reizender +Schmetterling! bitte, betrachten Sie … oder richtiger gesagt, mit +politischer Ökonomie. Er hat einen Aufsatz über eine sehr interessante +Frage geschrieben – und wünscht ihn dem Urteil von Darja Michailowna zu +unterwerfen.« + +»Einen Aufsatz über politische Ökonomie?« + +»In bezug auf den Stil, Alexandra Pawlowna, in bezug auf den Stil. +Es ist Ihnen wohl, denke ich, bekannt, daß Darja Michailowna auch +hierauf sich versteht. Schukowski hat sie zu Rate gezogen und mein +Wohltäter, der in Odessa lebende, hochehrenwerte, großwürdige Roxolan +Mediarowitsch Xandrika … Der Name dieses Mannes ist Ihnen gewiß +bekannt?« + +»Ganz und gar nicht, ich habe ihn noch nie gehört.« + +»Haben von diesem Manne nichts gehört? Merkwürdig! Ich wollte sagen, +daß auch Roxolan Mediarowitsch jederzeit eine hohe Meinung von den +Kenntnissen Darja Michailownas in der russischen Sprache gehabt hat.« + +»Ist jener Baron nicht ein Pedant?« fragte Alexandra Pawlowna. + +»Nicht im geringsten; Darja Michailowna sagen, im Gegenteil, man +erkenne in ihm sogleich den Mann von Welt. Von Beethoven hat er mit +solcher Beredsamkeit gesprochen, daß sogar den alten Fürsten Entzücken +überkam … Das, muß ich gestehen, hätte ich gern mit angehört: das +schlägt ja in mein Fach. Darf ich Ihnen dieses herrliche Feldblümchen +anbieten?« + +Alexandra Pawlowna nahm das Blümchen und ließ es, einige Schritte +weiter, auf den Weg fallen … Bis zu ihrem Hause hatte sie noch etwa +zweihundert Schritte, nicht mehr. Vor kurzem gebaut und weiß getüncht, +schaute es mit seinen breiten, hellen Fenstern einladend aus dem +dichten Laube alter Linden und Ahornbäume hervor. + +»Was hätte ich also Darja Michailowna zu hinterbringen,« begann +Pandalewski von neuem, ein wenig beleidigt durch das Schicksal, welches +sein Blümchen betroffen hatte, »werden Sie sich zum Mittage hinbemühen? +Darja Michailowna lassen Ihren Bruder auch einladen.« + +»Ja, wir werden kommen, ganz bestimmt. Was macht Natascha?« + +»Natalia Alexejewna ist Gott sei Dank gesund … Doch wir sind an dem +Wege, welcher zum Gute Darja Michailownas führt, schon vorbei. Erlauben +Sie, daß ich Abschied nehme.« + +Alexandra Pawlowna blieb stehen. »Sie wollen also nicht bei uns +vorsprechen?« fragte sie zögernd. + +»Würde es herzlich gern tun, wenn ich nicht befürchtete, zu spät +zu kommen. Darja Michailowna haben gewünscht, eine neue Etüde von +Thalberg zu hören: da muß denn vorbereitet und einstudiert werden. Dann +aber, muß ich gestehen, bezweifle ich, daß meine Unterhaltung Ihnen +irgendwelches Vergnügen bereiten könnte.« + +»Doch nein … warum aber …« + +Pandalewski stieß einen Seufzer aus und senkte beredt den Blick. + +»Auf Wiedersehen, Alexandra Pawlowna!« sagte er nach einigem Schweigen, +verbeugte sich und trat einen Schritt zurück. + +Alexandra Pawlowna wandte sich um und ging nach Hause. + +Auch Constantin Diomiditsch schlug den Rückweg ein. Alles Süßliche +war sogleich von seinem Gesicht verschwunden: ein selbstvertrauender, +ja harter Ausdruck hatte es ersetzt. Sein Gang sogar war ein anderer +geworden; er schritt jetzt rascher vorwärts und trat fester auf. Zwei +Werst mochte er gegangen sein, nachlässig die Luft mit seinem Stöckchen +zerteilend, als plötzlich das schmunzelnde Lächeln wiederkehrte: er +war hart am Wege ein junges, ziemlich hübsches Bauernmädchen gewahr +geworden, das Kälber aus einem Haferfelde hinaustrieb. Constantin +Diomiditsch näherte sich, vorsichtig wie ein Kater, dem Mädchen und +redete es an. Anfangs antwortete es nichts, wechselte die Farbe und +lachte vor sich hin, dann bedeckte es den Mund mit dem Ärmel, wandte +sich ab und sagte: + +»Geh doch, Herr, wahrhaftig …« + +Constantin Diomiditsch drohte ihr mit dem Finger und hieß sie ihm +Kornblumen holen. + +»Wozu brauchst du Kornblumen? Willst du etwa Kränze flechten?« +erwiderte das Mädchen, »nun, so geh doch, aber wirklich …« + +»Höre, mein schönes Liebchen,« begann wieder Constantin Diomiditsch … + +»Nun geh aber endlich,« unterbrach ihn das Mädchen, »sieh, da kommen +die jungen Herren.« + +Constantin Diomiditsch blickte sich um. Wirklich, auf dem Wege daher +kamen Wanja und Petja, die Söhne der Darja Michailowna; hinter ihnen +her schritt ihr Lehrer, Bassistow, ein junger Mann von zweiundzwanzig +Jahren, der eben erst seine Studien beendet hatte. Bassistow war ein +langer Bursche, mit gewöhnlichem Gesicht, großer Nase, starken Lippen +und kleinen Augen, unbeholfen, nicht hübsch, aber gut, ehrlich und +gerade. Er trug sich nachlässig, ließ sich das Haar wachsen, – nicht +um damit zu stolzieren, sondern aus Faulheit; – liebte zu essen und +zu schlafen, aber auch ein gutes Buch und anregende Unterhaltung; +Pandalewski haßte er von ganzer Seele. + +Die Kinder der Darja Michailowna hatten Bassistow über alles lieb und +nicht die geringste Furcht vor ihm; mit den übrigen Hausgenossen stand +er auf vertrautem Fuße, was der Dame des Hauses gerade nicht gefiel, +obwohl sie oft behauptete, von Vorurteilen frei zu sein. + +»Guten Tag, meine Lieben,« sagte Constantin Diomiditsch, »wie früh +ihr heute spazieren geht! Ich bin auch schon zeitig vom Hause +fortgegangen,« setzte er, zu Bassistow gewendet, hinzu; »meine +Leidenschaft ist’s, in der Natur zu schwelgen.« + +»Wir haben es gesehen, wie Sie in der Natur schwelgen,« brummte +Bassistow. + +»Sie sind ein Materialist: Sie sehen gleich in allem etwas … Ich kenne +Sie!« + +Wenn Pandalewski mit Bassistow oder diesem ähnlichen Leuten redete, +so geriet er leicht in Eifer und sprach den Buchstaben s rein und oft +etwas pfeifend aus. + +»Sie haben sich also wohl bei jenem Mädchen nach dem Wege erkundigt?« +sagte Bassistow, indem er den Blick bald rechts- bald linkshin +schweifen ließ. + +Er empfand es, daß Pandalewski ihm starr ins Gesicht blickte, und das +war ihm äußerst peinlich. + +»Ich wiederhole es, Sie sind ein Materialist und weiter nichts. Sie +wollen in allem durchaus nur die prosaische Seite sehen … + +»Kinder,« kommandierte plötzlich Bassistow, »ihr seht auf der Wiese den +Weidenbusch: wir wollen doch sehen, wer am schnellsten dorthin läuft … +eins! zwei! drei!« + +Und über Hals und Kopf rannten die Kinder zu der Weide. + +Bassistow stürzte ihnen nach … + +Der Lümmel! dachte Pandalewski, verderben wird er die Jungen … Ein +wahrer Bauernlümmel! + +Und mit selbstgefälligem Blicke sein eigenes sauberes und nettes +Figürchen musternd, betupfte Constantin Diomiditsch zweimal mit +ausgespreizten Fingern die Ärmel seines Rockes, schob den Kragen +zurecht und ging seines Weges. Auf seinem Zimmer angelangt, zog er +einen abgetragenen Schlafrock an und setzte sich mit besorgter Miene +ans Klavier. + + + + +II + + +Darja Michailowna Laßunskis Haus galt fast für das erste im ganzen +Gouvernement. Massiv, steinern, nach Entwürfen Rastrellis im Geschmacke +des vergangenen Jahrhunderts erbaut, erhob es sich großartig auf dem +Gipfel eines Hügels, an dessen Fuße einer der bedeutendsten Ströme +des mittleren Rußlands vorüberfloß. Darja Michailowna selbst war eine +angenehme und reiche Edelfrau, eines Geheimrats Witwe. Wenn auch +Pandalewski von ihr zu sagen pflegte, sie kenne ganz Europa und Europa +kenne sie, – so kannte sie doch Europa wenig und spielte selbst in +Petersburg keine bedeutende Rolle; in Moskau dagegen kannten sie alle +und statteten ihr Besuche ab. Sie gehörte der großen Welt an, und wurde +für eine etwas sonderbare, nicht sehr gute, aber außerordentlich kluge +Frau gehalten. In ihrer Jugend war sie sehr schön gewesen. Poeten +hatten ihr Gedichte gewidmet, junge Leute sich in sie verliebt, hohe +Herren ihr den Hof gemacht. Doch seit jener Zeit waren fünfundzwanzig +bis dreißig Jahre verstrichen, und von den früheren Reizen war keine +Spur zurückgeblieben. »Ist es möglich,« fragte sich jeder, der sie +zum ersten Male sah, »ist es möglich, daß diese hagere, gelbliche, +spitznasige und noch nicht betagte Frau einst eine Schönheit gewesen +wäre? Ist sie es wirklich, sie selbst, welche ehedem von den Dichtern +besungen wurde?« Und jedermann staunte innerlich über den Wechsel alles +Irdischen. Es ist wahr, Pandalewski fand, daß Darja Michailownas Augen +in wunderbarer Weise ihren alten Zauber behalten hatten; eben dieser +Pandalewski aber behauptete ja auch, daß ganz Europa sie kenne. + +Darja Michailowna kam jeden Sommer auf ihr Landgut mit ihren Kindern +(sie hatte deren drei: eine Tochter Natalia, siebzehn Jahre, und zwei +Söhne, zehn und neun Jahre alt), sie hielt offenes Haus, das heißt, +sie empfing bei sich Männer; besonders unverheiratete Edeldamen +aus der Provinz konnte sie nicht ausstehen. Dafür ließen ihr diese +Damen aber auch kein gutes Haar! Darja Michailowna war, nach deren +Aussagen, stolz, sittenverderbt, eine furchtbare Tyrannin, und was +die Hauptsache wäre, – sie erlaube sich solche Freiheiten in der +Unterhaltung, daß es ein Greuel sei! Darja Michailowna liebte es +in der Tat nicht, sich auf dem Lande Zwang aufzulegen, und in der +freien Einfachheit ihres Umganges blickte etwas von der Verachtung +einer großstädtischen Weltdame für die sie umgebenden, meistens +unbedeutenden Persönlichkeiten hindurch … Selbst mit ihren städtischen +Bekannten ging sie ziemlich ungeniert, ja spöttisch um; doch fehlte +dabei die Schattierung von Verachtung. + +Hast du, lieber Leser, jemals bemerkt, daß Leute, die im Kreise ihrer +Untergebenen ungewöhnlich zerstreut zu sein pflegen, es niemals im +Umgange mit höher gestellten Personen sind? Woher mag das kommen? Doch +– wozu dergleichen Fragen! + +Nachdem Constantin Diomiditsch endlich die Thalbergsche Etüde +einstudiert hatte, begab er sich aus seinem netten und freundlichen +Stübchen hinaus ins Empfangszimmer und fand dort die ganze Gesellschaft +des Hauses bereits versammelt. Der Salon war schon geöffnet. Auf einer +breiten Couchette lag mit untergeschlagenen Beinen und eine neue +französische Broschüre in der Hand, die Frau vom Hause; am Fenster vor +dem Stickrahmen saßen, von einer Seite die Tochter Darja Michailownas, +von der anderen Mlle. Boncourt, die Gouvernante, eine alte, +vertrocknete Jungfer von sechzig Jahren mit einer schwarzen Haartour +unter der farbigen Haube und Baumwolle in den Ohren; in der Ecke bei +der Tür hatte Bassistow seinen Sitz genommen und las die Zeitung, +während neben ihm Petja und Wanja auf dem Damenbrette spielten; an den +Ofen gelehnt, die Hände auf dem Rücken, stand ein Herr von mittlerem +Wuchse, mit unordentlichem, grauem Haar, von dunkler Gesichtsfarbe und +kleinen, unruhigen, schwarzen Augen – Afrikan Semenitsch Pigassow mit +Namen. + +Ein sonderbarer Mensch war dieser Herr Pigassow. Auf alles und alle +erbittert – vorzüglich auf das weibliche Geschlecht, schalt er vom +Morgen bis zum Abend, zuweilen sehr treffend, zuweilen ziemlich flach, +immer jedoch mit Selbstbefriedigung. Er war reizbar wie ein Kind; sein +Lachen, der Ton seiner Stimme, sein ganzes Wesen schien von Galle +getränkt. Darja Michailowna sah ihn gern bei sich: er ergötzte sie +mit seinen Ausfällen. Und in der Tat waren sie sehr erheiternd. Es +war seine Lust, alles zu übertreiben. Erzählte man zum Beispiel in +seiner Gegenwart von einem Unfalle – war’s nun, daß der Blitz ein Dorf +in Brand gesteckt, oder daß Wasser einen Mühldamm durchbrochen, oder +daß ein Bauer sich mit der Axt die Hand abgehauen hatte – jedesmal +fragte er mit gesteigerter Erbitterung: »Wie heißt _sie_?« nämlich +wie das Weib heiße, das an dem Unglück schuld sei, – denn seiner +Behauptung nach brauchte man nur tiefer auf den Grund zu gehen, um +zu finden, daß jegliches Unglück durch ein Weib herbeigeführt werde. +Einst warf er sich auf die Knie vor einer ihm fast unbekannten Frau, +die in ihn drang, etwas zu kosten, und beschwor sie unter Tränen, +aber mit sichtbarem Grimm in den verzerrten Zügen, sie wolle seiner +schonen, er hätte nichts gegen sie verschuldet und werde sie künftig +nie mehr besuchen. Ein anderes Mal ging ein Pferd mit einer der +Waschfrauen Darja Michailownas einen Berg hinunter durch, warf in +einem Graben um und hätte die Frau beinahe getötet. Pigassow nannte +später das Pferd nie anders als das wackere, wackere Rößchen, und der +Berg selbst, wie auch der Graben, däuchten ihm überaus malerische +Plätze. Pigassow hatte kein Glück im Leben gehabt – daher in der +Hauptsache sein wunderliches Gebaren. Er war armer Eltern Kind; die +Beschäftigung seines Vaters war eine ziemlich untergeordnete gewesen, +er hatte kaum lesen und schreiben gelernt und nicht an die Erziehung +seines Sohnes gedacht; er hatte ihm Nahrung und Kleidung gegeben – +das war alles! Von der Mutter wurde er verhätschelt, sie starb aber +früh. Pigassow verdankte seine Bildung sich selbst; zuerst besuchte +er die Kreisschule, dann das Gymnasium, erlernte die französische, +deutsche, ja sogar die lateinische Sprache, und nachdem er mit einem +vorzüglichen Zeugnisse das Gymnasium absolviert hatte, begab er sich +nach Dorpat, wo er unter fortwährendem Kampfe mit der Not, dennoch nach +drei Jahren richtig sein Triennium beendigte. Pigassows Fähigkeiten +waren keineswegs außergewöhnlicher Art; er zeichnete sich durch Geduld +und Beharrlichkeit aus, besonders stark war jedoch in ihm der Ehrgeiz, +das Verlangen nach guter Gesellschaft und die Sucht, anderen nicht +nachzustehen, dem Schicksal zum Trotz. Er lernte fleißig und hatte die +Dorpatsche Universität aus Ehrgeiz bezogen. Die Armut stachelte ihn +auf und entwickelte in ihm Beobachtungsgeist und Verschlagenheit. Er +hatte eine eigentümliche Art sich auszudrücken; von Jugend auf hatte er +sich eine besondere Art erbitterter und gereizter Beredsamkeit zu eigen +gemacht. Seine Gedanken überstiegen nicht das gewöhnliche Niveau; doch +war seine Rede der Art, daß er nicht bloß für einen klugen, sondern +sogar für einen geistreichen Menschen gelten konnte. Nachdem er den +Kandidatengrad erhalten hatte, beschloß er, sich dem Gelehrtenstande +zu widmen, denn es war ihm klar, daß er in jeder anderen Laufbahn +hinter seinen Gefährten zurückbleiben würde; er war bemüht, sich +dieselben aus den höheren Ständen zu wählen und verstand es, sich +ihnen gefällig zu zeigen, ja, er schmeichelte ihnen sogar, wenn auch +immer mit Schelten. Doch da gebrach es ihm, um es einfach zu sagen, +am nötigen Stoff. Als Autodidakt ohne Liebe zur Wissenschaft, wußte +Pigassow im Grunde zu wenig. Er fiel bei der Disputation schmählich +durch, während ein anderer Student, sein Stubengefährte, über den er +sich beständig lustig gemacht hatte, ein beschränkter Kopf, der jedoch +eine regelmäßige und gründliche Bildung genossen hatte, vollständigen +Triumph über ihn davontrug. Dieser Unfall erbitterte Pigassow aufs +äußerste: er warf alle seine Bücher und Hefte ins Feuer und trat in +den Staatsdienst. Anfangs ging es nicht schlecht damit: als Beamter +war er zu allem gut, zwar nicht sehr expeditiv, dagegen aber über die +Maßen selbstvertrauend und großsprecherisch; er wollte nur zu rasch +emporkommen – verwickelte sich, strauchelte und war gezwungen, seinen +Abschied zu nehmen. Drei Jahre lang blieb er auf seinem wohlerworbenen +Gütchen sitzen und heiratete unvermutet eine reiche, wenig gebildete +Gutsbesitzerin, die er an dem Köder seiner freien und spöttischen +Manieren gefangen hatte; sein Charakter aber wurde immer verbissener +und das Familienleben drückte ihn … Nachdem seine Frau einige Jahre +mit ihm gelebt hatte, fuhr sie heimlich nach Moskau und verkaufte +einem gewandten Abenteurer ihr Gut, in welchem Pigassow eben erst ein +Wirtschaftsgebäude hatte erbauen lassen. Durch diesen letzten Schlag +bis ins Innerste erschüttert, fing er einen Prozeß gegen seine Frau +an, den er jedoch verlor … So lebte er nun seine Tage allein, besuchte +seine Nachbarn, die er selbst in deren Gegenwart aufzog und die ihn +mit einem gewissen gezwungenen und verbissenen Lachen empfingen, doch +flößte er ihnen keine besondere Furcht ein, – ein Buch nahm er nie in +die Hand. Er besaß nahezu hundert Seelen; seine Bauern litten nicht Not. + + * * * * * + +»Ah! Constantin!« sagte Darja Michailowna, als Pandalewski ins +Gastzimmer trat. »Kommt Alexandrine?« + +»Alexandra Pawlowna lassen sich empfehlen und werden sich ein +besonderes Vergnügen daraus machen,« erwiderte Constantin Diomiditsch, +sich nach allen Seiten hin anmutig verbeugend, und mit dem dicken, aber +weißen Händchen, dessen Fingernägel dreieckig zugestutzt waren, sich +das vorzüglich geordnete Haar leichthin streichelnd. + +»Und Wolinzow kommt auch?« + +»Wird auch kommen.« + +»Ihrer Ansicht nach, Afrikan Semenitsch,« fuhr Darja Michailowna zu +Pigassow gewendet fort, »sind also alle jungen Mädchen geziert?« + +Pigassows Lippen verzerrten sich nach einer Seite hin, und er zuckte +konvulsivisch mit dem Ellenbogen. + +»Ich sage,« begann er in ungeduldigem Ton, – er sprach im heftigsten +Anfall von Erbitterung langsam und deutlich, »ich sage, daß die jungen +Mädchen im ganzen genommen – von den anwesenden, versteht sich’s, rede +ich nicht …« + +»Das hindert Sie aber nicht, auch diese im Sinne zu haben,« unterbrach +ihn Darja Michailowna. + +»Ich übergehe sie mit Schweigen,« wiederholte Pigassow. »Alle jungen +Mädchen im allgemeinen sind in höchstem Grade geziert im Ausdrucke +ihrer Gefühle. Erschrickt zum Beispiel ein junges Mädchen, erfreut oder +betäubt sie etwas, das erste was sie tut, ist, sie gibt ihrem Körper +eine gewisse graziöse Biegung (dabei gab Pigassow seiner Gestalt eine +angemessene Wendung und streckte die Arme voneinander) und dann erst +kreischt sie: ach! oder bricht in Lachen oder Schluchzen aus. Einmal +übrigens,« und dabei lächelte Pigassow wohlgefällig, »habe ich es bei +einem außerordentlich gezierten Fräulein dahin gebracht, einen wahren, +ungeheuchelten Gefühlsausdruck zu erzwingen.« + +»Auf welche Weise?« + +Pigassows Augen funkelten. + +»Ich gab ihr von hinten mit einem Espenpfahle einen Stoß in die Seite. +Wie sie aufschrie! Bravo! bravo! rief ich. Das war die Stimme der +Natur, das war ein natürlicher Schrei. So müssen Sie es künftig halten.« + +Alle im Zimmer lachten auf. + +»Was für einen Unsinn schwatzen Sie da, Afrikan Semenitsch!« rief Darja +Michailowna. »Sie meinen, ich werde Ihnen glauben, Sie hätten ein +Mädchen mit einem Pfahle in die Seite gestoßen!« + +»So wahr Gott lebt, mit einem Pfahle, mit einem ungeheuren, wie jene, +die bei der Verteidigung von Festungen gebraucht werden.« + +»~Mais c’est une horreur ce que vous dites là, monsieur~,« rief mit +Entsetzen Mlle. Boncourt, und warf einen strengen Blick auf die +lachenden Kinder. + +»Glauben Sie ihm doch nicht,« sagte Darja Michailowna, »kennen Sie ihn +denn nicht?« + +Die entrüstete Französin konnte sich aber lange nicht beruhigen und +fuhr fort, vor sich hinzubrummen. + +»Sie mögen mir glauben oder nicht,« fuhr mit gelassener Stimme Pigassow +fort, »ich beteuere aber, daß ich die reine Wahrheit gesagt habe. Wer +könnte es denn besser wissen als ich? Dann werden Sie es wohl auch +nicht glauben, daß unsere Nachbarin, die Tschepusow, mir selbst erzählt +hat, merken Sie wohl, sie selbst hat mir’s erzählt, daß sie ihren +eigenen Neffen umgebracht hat?« + +»Wieder eine schöne Erfindung!« + +»Bitte, bitte! hören Sie und urteilen Sie selbst. Vergessen Sie nicht, +ich will sie nicht verleumden, ich habe sie sogar lieb, das heißt, so +lieb man ein Weib haben kann; es ist im ganzen Hause bei ihr kein Buch +aufzutreiben, den Kalender ausgenommen, und lesen kann sie nicht anders +als laut – diese Anstrengung treibt ihr den Schweiß auf die Stirn und +sie klagt dann, daß ihr die Augen aus dem Kopfe springen wollten … Mit +einem Wort, eine vortreffliche Frau, und ihre Dienstmädchen sind gut +genährt. Warum sollte ich sie also verleumden?« + +»Nun!« warf Darja Michailowna hin, »unser Afrikan Semenitsch hat +sein Steckenpferd bestiegen – vor dem Abend steigt er nicht wieder +herunter.« + +»Mein Steckenpferd … Die Weiber haben deren drei und kommen niemals von +denselben herunter – außer etwa, wenn sie schlafen.« + +»Welches sind denn diese drei?« + +»Sticheln, Anspielen, Anklagen.« + +»Aber, Afrikan Semenitsch,« sagte Darja Michailowna, »Sie müssen gewiß +nicht ohne Grund so sehr gegen die Frauen erbittert sein. Es muß Sie +durchaus irgendeine …« + +»Beleidigt haben, wollen Sie sagen?« unterbrach sie Pigassow. + +Darja Michailowna wurde etwas verwirrt; es fiel ihr die unglückliche +Ehe Pigassows ein … und sie nickte bloß mit dem Kopfe. + +»Es ist wahr, mich hat ein Weib beleidigt,« erwiderte Pigassow, +»obgleich es eine gute, sehr gute Frau war …« + +»Wer war denn das?« + +»Meine Mutter,« brachte Pigassow halblaut hervor. + +»Ihre Mutter? Wie konnte die Sie wohl kränken?« + +»Dadurch, daß sie mich zur Welt gebracht hat.« + +Darja Michailowna zog die Brauen zusammen. + +»Mich dünkt,« sagte sie, »unsere Unterhaltung nimmt eine trübe Wendung +… Constantin, spielen Sie uns doch die neue Etüde von Thalberg vor … +Vielleicht werden die Töne der Musik Afrikan Semenitsch bezähmen. Hat +es doch Orpheus über wilde Tiere vermocht.« + +Constantin Diomiditsch setzte sich ans Klavier und trug die Etüde zu +voller Befriedigung vor. Anfangs hörte Natalia mit Aufmerksamkeit zu, +fuhr aber dann in ihrer Arbeit wieder fort. + +»~Merci c’est charmant~,« äußerte Darja Michailowna, »ich liebe +den Thalberg. ~Il est si distingué.~ Worüber sinnen Sie, Afrikan +Semenitsch?« + +»Ich dachte,« begann langsam Pigassow, »es gibt drei Sorten von +Egoisten: solche, welche selbst leben und andere leben lassen; +Egoisten, welche selbst leben und andere nicht leben lassen, und +endlich solche, welche weder selbst leben, noch andere leben lassen … +Die Weiber gehören größtenteils zu der dritten Gattung.« + +»Wie liebenswürdig! Was mich aber wundert, Afrikan Semenitsch, das ist +die Zuversicht in Ihren Reden: Sie urteilen, als könnten Sie niemals +irren.« + +»Bewahre! Auch ich kann mich irren! Auch der Mann kann sich irren! +Aber, wissen Sie, worin der Unterschied besteht zwischen unserem Irren +und dem eines Weibes? Sie wissen es nicht? Ich will es Ihnen sagen: ein +Mann zum Beispiel kann sagen, zwei mal zwei mache nicht vier, sondern +fünf oder dreiundeinhalb; ein Weib aber wird sagen: zweimal zwei macht +– ein Stearinlicht.« + +»Das habe ich, dünkt mich, schon einmal gehört … Erlauben Sie mir aber +die Frage, in welcher Beziehung steht Ihre Idee von den drei Gattungen +Egoisten zu der Musik, die wir soeben gehört haben?« + +»Durchaus in keiner; ich habe gar nicht auf die Musik gehört.« + +»Nun, mein Bester, ich sehe, Sie sind unverbesserlich, ich ziehe +mich zurück,« erwiderte Darja Michailowna, einen Vers aus Gribojedow +variierend. »Was lieben Sie denn, wenn selbst Musik Sie nicht +anspricht? Literatur etwa?« + +»Die Literatur liebe ich, aber nicht die der Gegenwart.« + +»Weshalb?« + +»Das will ich Ihnen sagen. Vor kurzem bei einer Überfahrt über die Oka +traf ich mit einem Herrn zusammen. Die Fähre legte bei einer steilen +Stelle an: die Equipage mußte durch Menschenhände hinaufgeschleppt +werden. Jener Herr hatte eine außerordentlich schwere Kalesche. Während +die Fährleute sich bei dem Hinaufziehen des Fuhrwerks abarbeiteten, +stand der Herr auf der Fähre und stöhnte, daß man ordentlich Mitleid +mit ihm haben konnte … Da haben wir, fiel mir ein, eine neue Anwendung +des Systems der geteilten Arbeit! So ist es auch mit der Literatur der +Gegenwart: Andere ziehen und verrichten die Arbeit, und sie stöhnt.« + +Darja Michailowna lächelte. + +»Und das nennt sich ein Spiegelbild des Lebens der Gegenwart,« fuhr der +unerbittliche Pigassow fort, »tiefe Sympathie für die sozialen Fragen +und wer weiß wie noch … Ach, über diese hochtönenden Worte!« + +»Die Frauen aber, die Sie so angreifen, sie wenigstens gebrauchen keine +hochtönenden Worte.« + +Pigassow zuckte die Achseln. + +»Sie gebrauchen sie nicht, weil sie sich darauf – nicht verstehen.« + +Darja Michailowna errötete leicht. + +»Sie werden etwas dreist, Afrikan Semenitsch!« bemerkte sie mit +erzwungenem Lächeln. + +Alle im Zimmer wurden still. + +»Wo liegt Solotonoscha?« fragte auf einmal einer der Knaben Bassistow. + +»Im Gouvernement Poltawa, mein Lieber,« nahm Pigassow das Wort, »im +Herzen des Schopflandes[1].« (Er war froh, der Unterhaltung eine andere +Wendung geben zu können.) »Wir sprachen von Literatur,« fuhr er fort, +»wenn ich Geld übrig hätte, so würde ich ohne weiteres kleinrussischer +Dichter werden.« + +»Was soll denn das noch? Ein schöner Dichter!« erwiderte Darja +Michailowna, »kennen Sie denn die kleinrussische Sprache?« + +»Nicht im mindesten; das ist aber auch nicht nötig.« + +»Wieso nicht nötig?« + +»Ganz einfach! Man nehme nur einen Bogen Papier und schreibe oben +darauf: ›Duma‹[2]; dann stelle man eine Anzahl Worte ohne all und jeden +Sinn zusammen, füge nur einige kleinrussische Interjektionen wie: +graje, graje, woropaje, hopp, hopp! oder etwas in dieser Art hinzu, +und das Ding ist fertig. Dann schicke man es in die Druckerei und gebe +es heraus. Der Kleinrusse wird es lesen, den Kopf auf die Hand fallen +lassen und gewiß dabei Tränen vergießen. Das ist nun einmal so eine +gefühlvolle Seele!« + +»Ich bitte Sie!« rief Bassistow. »Was erzählen Sie da? Da hört aber +alles auf. Ich habe in Kleinrußland gelebt, liebe das Land und kenne +die Sprache … ›graje, graje, woropaje‹ ist ein vollständiger Unsinn.« + +»Möglich, der Schopfkurt würde aber doch Tränen dabei vergießen. Sie +sagen die Sprache … Gibt es aber denn eine kleinrussische Sprache? Ich +bat einmal einen Kleinrussen, mir irgendeine Phrase zu übersetzen, +und wie glauben Sie, daß er sie übersetzt hat? Er wiederholte fast +genau die von mir vorgesprochenen Worte, nur daß er durchgängig i in +ü verwandelte. Ist das etwa nach Ihren Begriffen eine Sprache? Eine +selbständige Sprache? Bevor ich Ihnen das zugebe, lasse ich meinen +besten Freund in einem Mörser zerstoßen …« + +Bassistow wollte ihm etwas entgegnen. + +»Lassen Sie ihn,« sagte Darja Michailowna, »Sie wissen ja, daß man von +ihm außer Paradoxen nichts zu hören bekommt.« + +Pigassow lächelte boshaft. Ein Diener erschien und meldete die Ankunft +Alexandra Pawlownas und ihres Bruders. + +Darja Michailowna erhob sich, um ihre Gäste zu empfangen. + +»Guten Tag, Alexandrine!« sagte sie, ihr entgegengehend, »wie schön von +Ihnen, daß Sie gekommen sind … Guten Tag, Sergei Pawlowitsch!« + +Wolinzow drückte Darja Michailowna die Hand und trat auf Natalia zu. + +»Nun, und der Baron, Ihr neuer Bekannter, wird er heute kommen?« fragte +Pigassow. + +»Ja, er wird kommen.« + +»Es soll ja ein großer Philosoph sein: wirft mit Hegel um sich.« + +Darja Michailowna antwortete nichts, ließ Alexandra Pawlowna auf der +Couchette Platz nehmen und setzte sich selbst neben sie. + +»Die Philosophie,« fuhr Pigassow fort, »der höhere Gesichtspunkt! Sind +sie mir zum Ekel geworden, diese höheren Gesichtspunkte! Und was kann +man aus der Höhe sehen? Ich denke, kauft jemand ein Pferd, so wird er +nicht erst einen Turm besteigen, um es zu beschauen!« + +»Dieser Baron wollte Ihnen einen Aufsatz bringen?« fragte Alexandra +Pawlowna. + +»Ja, einen Aufsatz«, erwiderte Darja Michailowna mit übertriebener +Gleichgültigkeit, »über die Beziehungen des Handels zu der Industrie +in Rußland … Erschrecken Sie aber nicht: wir werden das jetzt nicht +lesen … Ich habe Sie nicht deshalb eingeladen. ~Le baron est aussi +aimable que savant.~ Und spricht sehr gut russisch! ~C’est un vrai +torrent … il vous entraine.~« + +»Er spricht so gut russisch,« brummte Pigassow, »daß er verdient hat, +französisch gelobt zu werden.« + +»Brummen Sie nur, Afrikan Semenitsch, brummen Sie nur immer zu … das +paßt sehr gut zu Ihrem verwühlten Haar … Warum kommt er aber nicht? +Wissen Sie aber, ~messieurs et mesdames~,« setzte Darja Michailowna, +sich im Kreise umsehend, hinzu: »wir wollen in den Garten gehen. Bis +zum Essen ist es noch eine Stunde und das Wetter ist so herrlich …« + +Die ganze Gesellschaft erhob sich und begab sich in den Garten. + +Der Garten Darja Michailownas reichte bis an den Fluß. Es waren in +demselben viele dunkle und duftige Alleen alter Lindenbäume, die in +smaragdgrüne Lichtungen mit vielen Lauben aus Akazien und Fliederbäumen +ausliefen. + +Wolinzow in Begleitung von Natalia und Mlle. Boncourt hatten sich in +das Dickicht des Gartens vertieft. Wolinzow ging neben Natalia her und +schwieg. Mlle. Boncourt folgte in einiger Entfernung. + +»Womit haben Sie sich heute beschäftigt?« fragte endlich Wolinzow +und streichelte dabei die Spitze seines schönen, dunkelblonden +Schnurrbartes. + +Er war seiner Schwester sehr ähnlich, doch zeigten seine Gesichtszüge +weniger Beweglichkeit und Leben, und seine Augen, hübsch und sanft, +hatten einen etwas schwermütigen Ausdruck. + +»Mit wenigem,« erwiderte Natalia, »ich habe das Schelten Pigassows mit +angehört, habe am Stickrahmen genäht und habe gelesen.« + +»Und was haben Sie gelesen?« + +»Ich habe … die Geschichte der Kreuzzüge gelesen,« brachte Natalia mit +einigem Stocken hervor. + +Wolinzow blickte sie an. + +»Oh,« sagte er endlich, »das muß interessant sein.« + +Er riß einen Zweig ab und fächelte damit in der Luft. Sie gingen noch +etwa zwanzig Schritte weiter. + +»Was für ein Baron ist das, dessen Bekanntschaft Ihre Mama gemacht +hat?« fragte dann wieder Wolinzow. + +»Ein Kammerjunker, seit kurzem angekommen; Mama lobt ihn sehr.« + +»Ihre Mama gibt sich leicht dem ersten Eindrucke hin.« + +»Ein Beweis, daß ihr Herz noch jugendlich fühlt,« bemerkte Natalia. + +»Gewiß. Ich werde Ihnen bald Ihr Pferd zuschicken. Es ist schon fast +ganz zugeritten. Es soll mir gleich im Galopp vom Platz, dazu muß ich +es bringen.« + +»~Merci~ … Es macht mich aber wirklich verlegen. Sie reiten es selbst +zu … das soll ja sehr angreifend sein.« + +»Um Ihnen das geringste Vergnügen zu bereiten, Sie wissen es, Natalia +Alexejewna, bin ich bereit … würde ich … nicht solche Kleinigkeiten …« + +Wolinzow stockte. + +Natalia blickte ihn freundlich an und sagte nochmals: ~merci~. + +»Sie wissen,« fuhr Sergei Pawlitsch nach längerem Schweigen fort, »es +gibt nichts … Doch warum sage ich das! Sie wissen ja alles.« + +In diesem Augenblicke erschallte die Glocke im Hause. + +»Ah! ~La cloche du dîner!~« rief Mlle. Boncourt, »~rentrons~.« + +~Quel dommage~, dachte bei sich die alte Französin, als sie hinter +Natalia und Wolinzow die Stufen zur Terrasse hinaufstieg, ~quel dommage +que ce charmant garçon ait si peu de ressources dans la conversation~ +… was man etwa so wiedergeben könnte: du bist ganz nett, mein Lieber, +aber etwas beschränkt. + +Der Baron kam nicht zum Mittagessen. Man wartete eine halbe Stunde auf +ihn. Bei Tische wollte es mit der Unterhaltung nicht recht vorwärts +gehen. Sergei Pawlitsch blickte fortwährend Natalia an, neben welcher +er saß, und schenkte ihr eifrig Wasser ins Glas. Pandalewski bemühte +sich vergeblich, seine Nachbarin, Alexandra Pawlowna, zu unterhalten: +er zerfloß in Liebenswürdigkeiten, während es ihr Mühe kostete, das +Gähnen zu unterdrücken. + +Bassistow machte Brotkügelchen und dachte an nichts; selbst Pigassow +war verstummt, und als Darja Michailowna ihm bemerkte, daß er heute +nicht liebenswürdig sei, antwortete er mürrisch: »Wann bin ich denn +liebenswürdig? Es ist nicht meine Art …« Und setzte mit bitterem +Lächeln hinzu: »Haben Sie nur Geduld; ich bin ja nur Kwas, ordinärer +russischer Kwas; wenn aber Ihr Kammerjunker …« + +»Bravo!« rief Darja Michailowna. »Pigassow wird eifersüchtig, zum +voraus eifersüchtig!« + +Pigassow jedoch erwiderte nichts darauf, sondern schaute finster vor +sich hin. + +Es schlug sieben Uhr und alle versammelten sich wieder im Gastzimmer. + +»Es scheint, er wird nicht kommen,« sagte Darja Michailowna … Doch +plötzlich ließ sich das Rollen eines Wagens vernehmen, ein mittelgroßer +Tarantaß lenkte in den Hof und nach einigen Minuten erschien ein Diener +im Gastzimmer und reichte Darja Michailowna einen Brief auf einem +kleinen silbernen Präsentierteller. Sie durchlief denselben bis zum +Ende und fragte dann, zum Diener gewendet: + +»Und wo ist der Herr, der diesen Brief gebracht hat?« + +»Er ist im Wagen sitzengeblieben. Befehlen Sie, ihn herein zu nötigen?« + +»Bitte ihn her.« + +Der Diener verschwand. + +»Ist das nicht ärgerlich, denken Sie doch,« fuhr Darja Michailowna +fort, »der Baron hat die Weisung bekommen, sogleich nach Petersburg +zurückzukehren. Er schickt mir seinen Aufsatz durch einen Herrn Rudin, +seinen Freund. Der Baron wollte mir denselben vorstellen – er sagt von +ihm viel Gutes. Doch wie das störend ist! Ich hatte darauf gerechnet, +der Baron werde hier einige Zeit zubringen …« + +»Dimitri Nikolaitsch Rudin,« meldete der Diener. + + + + +III + + +Ins Zimmer trat ein Mann von fünfunddreißig Jahren, hohem Wuchse, etwas +gebückter Haltung, kraushaarig und von dunkler Gesichtsfarbe, mit +unregelmäßigen, aber ausdrucksvollen und klugen Zügen, feuchtem Glanze +in den lebhaften, dunkelblauen Augen, gerader und breiter Nase und +anmutig gezeichneten Lippen. Sein Anzug war nicht neu und eng, als wäre +er demselben entwachsen. + +Gewandt trat er auf Darja Michailowna zu, entbot ihr einen kurzen Gruß, +sagte, daß ihn schon längst nach der Ehre, ihr vorgestellt zu werden, +verlangt habe und daß sein Freund, der Baron, es sehr bedauere, nicht +persönlich Abschied von ihr habe nehmen zu können. + +Die feine Stimme Rudins entsprach weder seinem hohen Wuchse noch seiner +breiten Brust. + +»Nehmen Sie Platz … es freut mich, Sie kennenzulernen,« sagte Darja +Michailowna, und nachdem sie ihn der ganzen Gesellschaft vorgestellt +hatte, fragte sie, ob er aus dieser Gegend oder angereist sei? + +»Meine Besitzung liegt im T…schen Gouvernement,« erwiderte Rudin, +den Hut auf den Knien haltend, »ich bin seit kurzem hier. Ich bin in +Geschäften hergekommen und habe meinen Wohnsitz fürs erste in Ihrer +Kreisstadt genommen.« + +»Bei wem?« + +»Beim Doktor. Er ist ein alter Universitätsfreund von mir.« + +»Ah! Beim Doktor … Man lobt ihn. Er soll, wie man sagt, seine Sache +verstehen. Und der Baron, seit wann sind Sie mit ihm bekannt?« + +»Ich traf ihn im vergangenen Winter in Moskau und habe jetzt ungefähr +eine Woche bei ihm zugebracht.« + +»Ein sehr gebildeter Mann – der Baron!« + +»Gewiß.« + +Darja Michailowna führte die mit Kölnischem Wasser getränkte Ecke ihres +Taschentuches an die Nase. + +»Sie stehen vermutlich im Staatsdienste?« fragte sie. + +»Wer? Ich?« + +»Ja. Sie!« + +»Nein … Ich habe den Dienst verlassen.« + +Ein kurzes Schweigen trat ein, dann wurde die Unterhaltung wieder +allgemein. + +»Dürfte ich wohl fragen,« begann Pigassow, sich zu Rudin wendend: »Sie +kennen gewiß den Inhalt des Aufsatzes, den der Herr Baron geschickt +hat?« + +»Ich kenne ihn.« + +»Jener Aufsatz berührt die Beziehungen des Handels … oder, besser +gesagt – der Industrie zum Handel in unserem Vaterlande … So, dünkt +mich, hatten Sie die Gefälligkeit zu sagen, Darja Michailowna?« + +»Ja, es ist darin die Rede davon,« äußerte Darja Michailowna, die Hand +an die Stirn führend. + +»Ich verstehe mich freilich schlecht auf solche Dinge,« fuhr Pigassow +fort, »muß jedoch gestehen, daß mir allein schon der Titel des +Aufsatzes sehr … wie sag’ ich das gelinder … sehr dunkel und konfus +vorkommt.« + +»Woher scheint Ihnen das?« + +Pigassow lächelte und warf einen Seitenblick auf Darja Michailowna. + +»Ist dieser Titel Ihnen denn klar?« äußerte er, sein Fuchsgesicht +wieder zu Rudin wendend. + +»Mir? Ja gewiß.« + +»Hm … Freilich, Sie müssen das besser wissen.« + +»Haben Sie Kopfschmerzen?« fragte Alexandra Pawlowna Darja Michailowna. + +»Nein, es ist nichts … ~C’est nerveux.~« + +»Dürfte ich wohl fragen,« lenkte Pigassow, mit etwas näselnder Stimme, +wieder ein: »Ihr Bekannter, der Herr Baron Muffel … so, glaube ich, +heißt er?« + +»Ganz recht.« + +»Beschäftigt sich der Herr Baron Muffel speziell mit politischer +Ökonomie, oder widmet er dieser anziehenden Wissenschaft nur so +nebenbei die Mußestunden, welche er nach den weltlichen Vergnügungen +und Dienstobliegenheiten erübrigen kann?« + +Rudin blickte Pigassow scharf an. + +»Der Baron ist in diesem Fache Dilettant,« erwiderte er mit leichtem +Erröten, »es ist aber viel Wahres und Interessantes in seinem Aufsatze.« + +»Ich kann darüber nicht mit Ihnen disputieren, da mir der Aufsatz +unbekannt ist … Ich erlaube mir aber die Frage: Ihr Freund, der Baron +Muffel, geht vermutlich in dem Aufsatze mehr von allgemeinen Theorien +als von Tatsachen aus?« + +»Er bietet sowohl Tatsachen als auch Theorien, die sich auf Tatsachen +stützen.« + +»So, so. Meiner Meinung nach, Sie werden erlauben … ich darf wohl +gelegentlich mein Wort dazu geben: ich habe drei Jahre in Dorpat +zugebracht … alle diese sogenannten allgemeinen Theorien, Hypothesen, +Systeme … nehmen Sie es nicht übel, ich bin Provinzler, nehme kein +Blatt vor den Mund … taugen alle zu nichts. Das ist alles nur Klügelei +– um die Leute zu betören. Gebt uns Fakta, meine Herren, weiter fordern +wir nichts von euch.« + +»Wirklich!« erwiderte Rudin. »Aber der Sinn der Fakten muß doch +gedeutet werden!« + +»Allgemeine Theorien,« fuhr Pigassow fort, »nicht ausstehen kann ich +sie, diese allgemeinen Theorien, Übersichten, Schlußfolgerungen! Das +stützt sich alles auf sogenannte Überzeugungen; ein jeder faselt von +seinen Überzeugungen und verlangt noch dazu, daß man sie respektiere, +daß man sich mit dergleichen befasse … Oh! Oh!« + +Und Pigassow schüttelte die Faust in der Luft. Pandalewski lachte auf. + +»Herrlich!« sagte Rudin, »es gibt also, Ihrer Ansicht nach, keine +Überzeugungen.« + +»Nein – es gibt keine.« + +»Das ist Ihre Überzeugung?« + +»Ja.« + +»Wie können Sie nun sagen, es gäbe keine? Da haben Sie eben eine +ausgesprochen.« + +Alle im Zimmer lächelten und warfen sich Blicke zu. + +»Erlauben Sie, erlauben Sie aber,« begann Pigassow wieder … + +Doch Darja Michailowna klatschte in die Hände und rief: »Bravo, bravo, +geschlagen, Pigassow ist geschlagen!« und nahm sachte den Hut aus +Rudins Händen. + +»Halten Sie ein wenig ein mit der Freude, gnädige Frau: ein wenig +Geduld!« sagte Pigassow ärgerlich. »Es kommt nicht darauf an, mit +Überlegenheitsmiene ein witziges Wort abzuschießen, beweisen soll man, +widerlegen … Wir sind vom Gegenstande unseres Streites abgekommen.« + +»Erlauben Sie,« bemerkte Rudin gelassen, »die Sache ist ganz einfach. +Sie glauben nicht an den Nutzen allgemeiner Theorien, Sie glauben nicht +an Überzeugungen.« + +»Ich glaube nicht, glaube daran nicht, an nichts glaube ich!« + +»Sehr gut. Sie sind Skeptiker.« + +»Ich sehe nicht ein, wozu uns dies gelehrte Wort nützen soll. +Indessen …« + +»Unterbrechen Sie doch nicht,« mischte sich Darja Michailowna ins +Gespräch. + +»Jetzt geht es los!« sagte Pandalewski schmunzelnd vor sich hin. + +»Dieses Wort drückt meinen Gedanken aus,« fuhr Rudin fort. »Sie +verstehen es: weshalb sollte ich es nicht gebrauchen? Sie glauben an +nichts … Wie glauben Sie denn an ein Faktum?« + +»Wie? das ist aber schön! Ein Faktum ist eine bekannte Sache, ein jeder +weiß, was ein Faktum ist … Ich urteile darüber aus Erfahrung, nach +eigener Empfindung.« + +»Die Empfindung kann Sie aber täuschen! Die Empfindung sagt Ihnen, daß +die Sonne sich um die Erde dreht, oder … oder, vielleicht teilen Sie +Kopernikus’ Ansicht nicht? Sie glauben auch ihm nicht?« + +Von neuem überflog ein Lächeln die Gesichter. Aller Augen waren auf +Rudin gerichtet. Ein ganz gescheiter Mensch, dachte jeder. + +»Sie gefallen sich in Scherzen,« sagte Pigassow. »Freilich, das ist +sehr originell, gehört aber nicht zur Sache.« + +»In dem, was ich bis jetzt gesagt habe,« erwiderte Rudin, »war leider +sehr wenig Originelles. Alles dies ist schon längst bekannt und ist +tausendmal wiederholt worden. Nicht darauf kam es an …« + +»Aber worauf denn?« fragte Pigassow, mit leichtem Anflug von +Unverschämtheit. + +Er pflegte, wenn er stritt, mit spöttischen Ausfällen gegen seinen +Widerpart anzufangen, dann grob zu werden und endlich schmollend zu +verstummen. + +»Ich will Ihnen sagen, worauf,« fuhr Rudin fort: »ich kann mich +wirklich nicht, ich muß es gestehen, eines tiefen Bedauerns erwehren, +wenn verständige Leute in meiner Gegenwart herfallen über …« + +»Über Systeme!« unterbrach ihn Pigassow. + +»Nun, meinetwegen, über Systeme. Was bringt Sie dies Wort so außer +sich? Jedes System stützt sich ja auf die Kenntnis der Grundgesetze +des Lebens …« + +»Aber ich bitte Sie, die kann man doch nicht kennen, nicht ergründen …« + +»Erlauben Sie. Freilich, nicht jedem sind sie zugänglich, und der +Mensch ist dem Irrtum unterworfen. Sie werden mir aber wahrscheinlich +zugeben, daß Newton zum Beispiel einige dieser Grundgesetze dennoch +entdeckt hat. Das war ein Genie, zugestanden; die Entdeckungen, +die geniale Geister machen, sind aber eben dadurch groß, daß sie +zum Gemeingute aller werden. Das Bestreben, allgemeine Gesetze aus +partiellen Erscheinungen herauszufinden, bildet eine Grundeigenschaft +des menschlichen Geistes, und unsere ganze Bildung …« + +»Dahin also wollten Sie!« unterbrach ihn wiederum mit gedehnter Stimme +Pigassow. »Ich bin ein praktischer Mensch und vertiefe mich nicht gern +in diese metaphysischen Spitzfindigkeiten.« + +»Sehr wohl! Das steht bei Ihnen. Beachten Sie indessen, daß schon der +Wille allein, ausschließlich ein praktischer Mensch zu sein, an und für +sich ein System vorstellt, eine Theorie …« + +»Bildung! sagten Sie,« unterbrach ihn Pigassow, »Sie glauben wohl, mich +mit diesem Wort aus der Fassung zu bringen! Wir haben sie sehr nötig, +diese angepriesene Bildung! Nicht einen kupfernen Groschen möchte ich +für diese Ihre Bildung hingeben!« + +»Sie disputieren aber grundschlecht, Afrikan Semenitsch!« bemerkte +Darja Michailowna, im Innern sehr befriedigt durch die Ruhe und +weltmännische Artigkeit ihres neuen Gastes. ~C’est un homme comme il +faut~, dachte sie, Rudins Gesicht mit Wohlwollen betrachtend: »Ich muß +ihn gewinnen.« Die letzten Worte sagte sie in Gedanken russisch. + +»Ich werde es nicht unternehmen,« fuhr Rudin nach einigem Schweigen +fort, »die Bildung zu verteidigen: – sie bedarf meiner Verteidigung +nicht. Sie mögen dieselbe nicht … Jeder hat seinen eigenen Geschmack. +Es würde uns übrigens auch zu weit führen. Erlauben Sie mir nur, Sie +an einen alten Spruch zu erinnern: ›Jupiter, du wirst böse, folglich +hast du unrecht!‹ Ich wollte sagen, daß alle diese Ausfälle auf +Systeme, allgemeine Theorien usw. deshalb ebenso zu bedauern sind, +weil mit den Systemen zugleich die Menschen das Wissen überhaupt, die +Wissenschaft und den Glauben an eine solche verleugnen, folglich auch +den Glauben an sich selbst, an die eigene Kraft. Die Menschen bedürfen +aber dieses Glaubens: von Eindrücken allein können sie nicht leben, +es wäre sündhaft, wenn sie vor dem Gedanken Scheu hätten und ihm +nicht Vertrauen schenkten. Der Skeptizismus hat sich von jeher durch +Unfruchtbarkeit und Ohnmacht ausgezeichnet …« + +»Das sind alles Worte!« murrte Pigassow. + +»Vielleicht. Erlauben Sie mir aber, Ihnen zu bemerken, daß mit dem +Ausrufe ›Das sind nur Worte‹ wir uns oft der Notwendigkeit entheben, +etwas Gescheiteres als nur Worte zu sagen.« + +»Wie?« fragte Pigassow und kniff die Augen zusammen. + +»Sie haben verstanden, was ich Ihnen sagen wollte,« erwiderte Rudin mit +unwillkürlicher, doch sofort unterdrückter Ungeduld. »Ich wiederhole +es, wenn der Mensch keinen festen Grund hat, an den er glaubt, keinen +Boden, auf dem er sicher fußt, wie kann er sich dann Rechenschaft geben +von den Bedürfnissen, der Bedeutung, der Zukunft seines Volkes? Wie +kann er wissen, was er selbst zu tun hat, wenn …« + +»Ehre dem Ehre gebührt!« stotterte Pigassow hervor, verbeugte sich und +trat auf die Seite, ohne jemand anzublicken. + +Rudin sah ihn an, lächelte leicht und verstummte. + +»Aha! Er hat die Flucht ergriffen!« begann Darja Michailowna. »Seien +Sie unbesorgt, Dimitri … Um Vergebung,« fügte sie mit freundlichem +Lächeln hinzu: »Wie hieß Ihr Herr Vater?« + +»Nikolai!« + +»Machen Sie sich keine Sorge, werter Dimitri Nikolaitsch! Er hat +niemand hier angeführt. Er tut so, als wolle er nicht mehr disputieren +… Er fühlt, daß er es mit Ihnen nicht kann. Setzen Sie sich aber näher +zu uns und lassen Sie uns plaudern.« + +Rudin rückte seinen Sessel näher. + +»Wie kommt es, daß wir nicht früher bekannt geworden sind?« fuhr +Darja Michailowna fort. »Das ist mir ein Rätsel … Haben Sie dies Buch +gelesen? ~C’est de Tocqueville, vous savez?~« + +Und Darja Michailowna schob Rudin eine französische Broschüre hin. + +Rudin nahm das dünne Büchlein in die Hand, blätterte ein wenig darin +und erklärte, nachdem er es wieder auf den Tisch zurückgelegt hatte, +er habe diese Schrift des Herrn Tocqueville zwar nicht gelesen, doch +häufig über die von ihm berührte Frage nachgedacht. Das Gespräch war +angeknüpft. Rudin zeigte sich anfangs etwas befangen, er zögerte, mit +seiner Meinung hervorzutreten, fand nicht immer sogleich die Ausdrücke, +wurde jedoch allmählich warm und beredt. Eine Viertelstunde später +vernahm man nur seine Stimme im Zimmer. Alle hatten einen Kreis um ihn +geschlossen. + +Pigassow allein blieb entfernt, in einer Ecke neben dem Kamin. Rudin +sprach klug, mit Geist und Feuer, und zeigte viele Kenntnisse und große +Belesenheit. Niemand hatte erwartet, in ihm einen bedeutenden Menschen +zu treffen … Er war so alltäglich gekleidet, man hatte bisher so wenig +von ihm gehört. Allen blieb es unbegreiflich und auffallend, wie ein +so geistreicher Mann so unverhofft auf dem Lande hatte auftauchen +können. Um so mehr erregte er bei allen Bewunderung, man könnte sagen, +er bezauberte jeden, vor allen Darja Michailowna … Sie war stolz auf +ihren Fang und dachte schon im voraus daran, wie sie Rudin in die Welt +führen wolle. Trotz ihres Alters mischte sich bei ihr in die ersten +Eindrücke viel jugendliches, ja beinahe kindliches Feuer. Alexandra +Pawlowna hatte, offen gestanden, wenig von allem begriffen, was Rudin +gesprochen, war aber dennoch sehr erstaunt und erfreut; ihr Bruder war +es nicht weniger; Pandalewski beobachtete Darja Michailowna und wurde +neidisch; Pigassow dachte: wollte ich fünfhundert Rubel wegwerfen – ich +könnte mir eine bessere Nachtigall verschaffen … Mehr als alle übrigen +waren jedoch Bassistow und Natalia erstaunt. Bassistow war der Atem +fast ausgegangen; er war die ganze Zeit über mit offenem Munde und weit +geöffneten Augen sitzengeblieben und hatte mit einer Spannung zugehört, +wie bisher noch niemals; Natalias Gesicht war rot geworden und ihr +Blick, den sie unverwandt auf Rudin geheftet gehalten hatte, wurde +dunkler und glänzender zugleich … + +»Was für prachtvolle Augen er hat,« flüsterte ihr Wolinzow zu. + +»Ja, sie sind schön.« + +»Schade nur, daß seine Hände so groß und rot sind.« + +Natalia antwortete nichts. + +Man bracht den Tee. Die Unterhaltung wurde allgemeiner, doch ließ +sich an dem plötzlichen Verstummen aller, sobald Rudin den Mund +auftat, gleich merken, wie überwältigend der Eindruck war, den er +hervorgebracht hatte. Es kam Darja Michailowna in den Sinn, Pigassow +ein wenig aufzuziehen. Sie trat zu ihm und fragte ihn halblaut: »Warum +schweigen Sie denn und zeigen uns nur ein höhnisches Lächeln? Versuchen +Sie es doch, mit ihm wieder anzubinden,« und ohne seine Antwort +abzuwarten, winkte sie Rudin zu sich. + +»Eine seiner Seiten kennen Sie noch nicht,« sagte sie zu ihm, auf +Pigassow deutend, »er ist ein erschrecklicher Weiberfeind, fortwährend +greift er sie an; ich bitte, bekehren Sie ihn doch.« + +Rudin blickte Pigassow unwillkürlich … von oben herab an: er war um +zwei Kopflängen höher als er. Dieser krümmte sich fast vor Ärger, sein +gelbes Gesicht wurde noch gelber. + +»Darja Michailowna hat nicht ganz recht,« begann er mit unsicherer +Stimme, »ich greife nicht ausschließlich die Weiber an; das ganze +Menschengeschlecht behagt mir nicht sehr.« + +»Was konnte Ihnen denn eine so schlechte Meinung von demselben +einflößen?« fragte Rudin. + +Pigassow schaute ihm gerade ins Gesicht. + +»Vermutlich meine Studien des eigenen Herzens, in welchem ich mit jedem +Tage mehr und mehr Schlacken entdecke. Ich urteile über andere nach mir +selbst. Das mag vielleicht ungerecht sein, und ich tauge viel weniger +als andere; was wollen Sie aber? Gewohnheit!« + +»Ich verstehe Sie und sympathisiere mit Ihnen,« erwiderte Rudin. +»Welche edle Seele hätte nicht Anwandlungen von Selbstunterschätzung +gehabt! Man sollte aber doch aus dieser schlimmen Lage herauszukommen +trachten.« + +»Danke recht sehr für die Adelsbescheinigung, die Sie meiner Seele +ausstellen,« erwiderte Pigassow, »mit meiner Lage hält sich’s noch – +sie ist so übel nicht, und wenn es auch einen Ausgang aus ihr gibt, er +mag bleiben, suchen will ich ihn nicht.« + +»Das hieße aber, verzeihen Sie den Ausdruck – die Befriedigung seiner +Eigenliebe dem Verlangen, in der Wahrheit zu verbleiben, vorziehen …« + +»Und was denn anderes!« rief Pigassow, »die Eigenliebe – das Ding +verstehe ich, verstehen Sie, versteht ein jeder; aber Wahrheit – was +ist Wahrheit? Wo ist sie, diese Wahrheit?« + +»Sie verfallen in Wiederholungen, ich muß Ihnen diese Bemerkung +machen,« warf Darja Michailowna ein. + +Pigassow zuckte die Achseln. + +»Und was liegt daran? Ich frage: wo ist Wahrheit? Die Philosophen +selbst wissen nicht, was sie ist. So sagt Kant: Das ist sie; Hegel aber +– nein, bewahre! Dies ist sie.« + +»Und wissen Sie, was Hegel darüber sagt?« fragte Rudin, ohne die Stimme +zu erheben. + +»Ich wiederhole,« eiferte Pigassow, »ich kann nicht begreifen, was +Wahrheit ist. Meiner Ansicht nach gibt es eine solche nicht auf der +Welt, das heißt, das Wort ist da, die Sache selbst aber existiert +nicht.« + +»Ei! Ei!« rief Darja Michailowna, »schämen Sie sich doch, so zu +sprechen, Sie alter Sünder! Es gäbe keine Wahrheit? Wozu nützte es +denn, auf der Welt zu leben?« + +»Und wissen Sie, Darja Michailowna,« erwiderte ärgerlich Pigassow, +»ich bin der Meinung, daß Sie, auf jeden Fall, das Leben ohne +Wahrheit leichter finden würden, als ohne Ihren Koch Stephan, der so +vortreffliche Bouillons kocht! Und wozu brauchten Sie überhaupt die +Wahrheit, wenn ich fragen darf? Ein Häubchen ließe sich doch nicht +daraus machen!« + +»Spaßen ist nicht beweisen,« bemerkte Darja Michailowna, »besonders +wenn es in Verleumdung ausartet.« + +»Ich weiß nicht, wie es mit der Wahrheit bestellt ist, aber sie zu +hören ist freilich vielen schmerzlich,« brummte Pigassow und zog sich +mürrisch zurück. + +Rudin jedoch begann von dem Selbstgefühl zu reden und sprach sehr +verständig. Er bewies, daß der Mensch ohne Selbstgefühl nichts bedeute, +daß Selbstgefühl »Archimedes’ Hebel« sei, durch welchen der Erdball +aus seiner Stellung gehoben werden könne; doch verdiene in der Tat +nur derjenige »Mensch« genannt zu werden, der sein Selbstgefühl zu +bändigen wisse, wie der Reiter sein Roß, der seine Persönlichkeit dem +Wohle aller zum Opfer bringe … + +»Selbstsucht«, so beschloß er seine Rede, »ist Selbstmord. Der +selbstsüchtige Mensch verdorrt gleich einem vereinzelten, unfruchtbaren +Baume; Selbstgefühl aber, als lebendiges Streben nach Vervollkommnung, +ist der Ursprung alles Großen … Ja! es muß der Mensch den starren +Egoismus seiner Persönlichkeit brechen, um ihr das Recht zu +verschaffen, sich frei auszusprechen.« + +»Dürfte ich Sie wohl um einen Bleistift bitten?« wandte sich Pigassow +an Bassistow. + +Bassistow faßte nicht gleich, was Pigassow von ihm verlangte. + +»Wozu brauchen Sie einen Bleistift?« brachte er endlich hervor. + +»Ich will diese letzte Phrase des Herrn Rudin notieren. Notiere ich +sie nicht, ich könnte sie vergessen, stehe nicht dafür! Und Sie werden +selbst zugeben, solch eine Phrase kommt doch einem großen Schlemm im +Whist gleich.« + +»Es gibt Dinge, Afrikan Semenitsch, über welche zu scherzen und zu +spotten unschicklich ist!« erwiderte Bassistow mit Wärme und drehte +Pigassow den Rücken. + +Unterdessen war Rudin zu Natalia getreten. Sie erhob sich und auf ihrem +Gesichte zeigte sich Verwirrung. + +Wolinzow, der neben ihr saß, erhob sich gleichfalls. + +»Ich sehe da ein Klavier,« begann Rudin mit weicher, wohlwollender +Stimme, als wäre er ein Prinz auf Reisen, »spielen Sie vielleicht?« + +»Ja, ich spiele,« sagte Natalia, »aber nicht besonders. Hier, +Constantin Diomiditsch spielt bedeutend besser als ich.« + +Pandalewski streckte sein Gesicht vor und fletschte die Zähne. + +»Sie sind ungerecht gegen sich, Natalia Alexejewna: ich spiele wirklich +nicht besser als Sie.« + +»Spielen Sie den Erlkönig von Schubert?« fragte Rudin. + +»Er spielt ihn, er spielt ihn!« nahm Darja Michailowna das Wort. +»Setzen Sie sich, Constantin … Sie lieben die Musik, Dimitri +Nikolaitsch?« + +Rudin verneigte sich leicht mit dem Kopfe und fuhr mit der Hand über +das Haar, als bereite er sich zum Anhören vor … Pandalewski begann. + +Natalia stellte sich ans Klavier, Rudin gerade gegenüber. Gleich bei +den ersten Tönen erhielt sein Gesicht einen begeisterten Ausdruck. +Seine tiefblauen Augen schweiften langsam umher, von Zeit zu Zeit auf +Natalia haften bleibend. Pandalewski hatte geendet. + +Rudin sagte kein Wort und trat an das geöffnete Fenster. Ein +aromatischer Duft lag gleich einer leichten Hülle auf dem Garten, +einschläfernde Kühle entstieg den nahegelegenen Bäumen. Sanft +schimmerten die Sterne. Wonnig war die Sommernacht und Wonne +verbreitete sie um sich her. Rudin schaute in den dunklen Garten hinaus +und – wandte sich um. + +»Diese Musik und diese Nacht«, sagte er, »haben in mir Erinnerungen +erweckt an meine Studentenzeit in Deutschland, an unsere +Zusammenkünfte, unsere Serenaden …« + +»Sie waren in Deutschland?« fragte Darja Michailowna. + +»Ich habe ein Jahr in Heidelberg studiert und etwa ebensolange in +Berlin.« + +»Und Sie kleideten sich wie die Studenten? Die sollen dort, sagt man, +eine eigentümliche Kleidung tragen.« + +»In Heidelberg habe ich hohe Stiefel mit Sporen und einen kurzen +Leibrock mit Schnurbesatz getragen und das Haar lang wachsen lassen +bis herab auf die Schultern … In Berlin kleiden sich die Studenten wie +jedermann.« + +»Erzählen Sie uns etwas aus Ihrem Studentenleben,« bat Alexandra +Pawlowna. + +Rudin begann seine Erzählung. Er war kein guter Erzähler. In seinen +Schilderungen vermißte man die Färbung. Er verstand es nicht, +Heiterkeit zu erregen. Übrigens ging er bald von der Erzählung seiner +Abenteuer im Auslande auf allgemeine Betrachtungen über, von der +Bedeutung der Aufklärung und Wissenschaft, den Universitäten und dem +Universitätsleben überhaupt. Mit breiten und kühnen Zügen entwarf er +ein riesiges Bild. Alle hörten ihm mit gespannter Aufmerksamkeit zu. +Er sprach meisterhaft, hinreißend, nicht immer bestimmt … aber diese +Unbestimmtheit selbst verlieh seiner Rede einen eigentümlichen Reiz. + +Der Reichtum seiner Gedanken hinderte Rudin, sich bestimmt und genau +auszudrücken. Ein Bild drängte das andere; Gleichnisse, bald unerwartet +kühn, bald merkwürdig treffend, folgten Schlag auf Schlag. Nicht +selbstgefällige Worthascherei des geschulten Schönredners, sondern +Begeisterung sprach aus seinem ungestümen Redefluß. Er war um Worte +nicht verlegen: folgsam und frei traten sie ihm auf die Lippen, +und jedes Wort schien, durchglüht vom Feuer der vollständigsten +Überzeugung, direkt aus der Seele zu strömen. Rudin besaß im höchsten +Grade jene Eigenschaft, die man »Musik der Beredsamkeit« nennen könnte. +Er verstand es, indem er gewisse Saiten des Herzens anschlug, zugleich +alle anderen unbestimmt mittönen und erzittern zu machen. Es mag der +Fall gewesen sein, daß der eine oder der andere seiner Zuhörer nicht +recht verstand, wovon die Rede war, doch fühlte er die Brust schwellen, +ein Schleier schien von seinen Augen zu fallen, und in der Ferne stieg +ein gewisses strahlendes Etwas vor seinen Blicken empor … + +Alle Gedanken Rudins schienen der Zukunft zugewandt zu sein; dieser +Umstand verlieh ihnen das Drangvolle und Jugendliche … Am Fenster +stehend, niemand vorzugsweise anblickend, sprach er – und begeistert +durch die Zustimmung und Aufmerksamkeit aller, durch die Nähe junger +Frauen, die Schönheit der Nacht, hingerissen von der Flut eigener +Empfindungen – erhob er sich bis zur Beredsamkeit, bis zur Poesie … +der Klang seiner Stimme sogar, sonor und ruhig, vermehrte noch den +Zauber; es schien, als redete aus seinem Munde etwas Höheres, ihm +selbst Ungewohntes … Rudin sprach von dem, was dem zeitlichen Leben des +Menschen Bedeutung für die Ewigkeit verleiht. + +»Dabei fällt mir eine skandinavische Sage ein,« so beschloß er seine +Rede. »Es sitzt ein König mit seinen Recken in einer langen, dunklen +Halle um ein Feuer herum. Es war zu Winterszeit und nachts. Auf einmal +kommt ein kleiner Vogel durch die offene Tür hereingeflogen und fliegt +zur anderen wieder hinaus. Der König sagt: ›Das Vöglein ist wie der +Mensch auf Erden: aus dem Dunkel kommt es geflogen, in das Dunkel +fliegt es wieder zurück, und hat sich nur kurze Zeit der Wärme und des +Lichtes erfreut‹ … ›O König,‹ erwidert der Älteste der Krieger, ›das +Vöglein wird auch im Dunkeln nicht umkommen und sein Nest wiederfinden‹ +… In der Tat, unser Leben ist kurz und vergänglich; doch alles Große +geschieht durch den Menschen. Das Bewußtsein, höheren Mächten zum +Werkzeug zu dienen, muß ihm Ersatz sein für alle übrigen Freuden; im +Tode selbst wird er sein Leben, sein Nest finden …« + +Rudin hielt inne und senkte den Blick mit einem unwillkürlichen Lächeln +der Verwirrung. + +»~Vous êtes un poète~,« sagte halblaut Darja Michailowna. + +Und alle stimmten ihr im stillen bei, – alle, Pigassow ausgenommen. +Ohne das Ende der langen Rede Rudins abzuwarten, hatte er leise den +Hut genommen und, sich entfernend, dem bei der Türe stehengebliebenen +Pandalewski erbittert zugeflüstert: »Die klugen Leute machen es mir zu +bunt! Ich begebe mich zu den Einfaltspinseln!« + +Es hatte ihn übrigens niemand zurückgehalten, auch seine Abwesenheit +nicht bemerkt. + +Die Diener trugen das Abendessen auf, und eine halbe Stunde darauf +trennte man sich. Darja Michailowna hatte Rudin überredet, über +Nacht zu bleiben. Alexandra Pawlowna drückte auf der Heimfahrt in +der Kutsche ihrem Bruder unter vielen Achs ihr Erstaunen über Rudins +ungewöhnlichen Geist aus. Wolinzow stimmte ihr bei, bemerkte jedoch, +daß er sich zuweilen etwas unverständlich ausdrücke … das heißt nicht +ganz überzeugend, fügte er hinzu, vermutlich, um seinen Gedanken +besseren Ausdruck zu geben; sein Gesicht verfinsterte sich jedoch, und +der Blick, den er in die Ecke der Kutsche gerichtet hielt, war noch +schwermütiger geworden. + +Pandalewski ließ, während er, sich zum Schlafengehen anschickend, seine +seidengestickten Tragbänder löste, laut die Worte fallen: »Ein sehr +gewandter Mensch!« und befahl dann sogleich mit strengem Blicke seinem +Kammerdiener, das Zimmer zu verlassen. Bassistow schlief die ganze +Nacht nicht und kleidete sich nicht einmal aus; bis zum Anbruch des +Tages schrieb er ununterbrochen einen Brief an einen seiner Freunde +nach Moskau; Natalia hatte sich zwar ausgekleidet und zu Bette gelegt, +aber gleichfalls nicht eine Minute geschlafen und sogar die Augen nicht +einmal geschlossen. Den Kopf auf den Arm gestützt, hatte sie in das +Dunkel hinausgeblickt; ihre Pulse pochten wie im Fieber und häufige +schwere Seufzer hoben ihren Busen. + + + + +IV + + +Kaum hatte sich Rudin am folgenden Morgen angekleidet, so erschien bei +ihm ein Diener von Darja Michailowna mit der Einladung, sich zu ihr ins +Kabinett zum Tee zu bemühen. Rudin traf sie allein. Sie bewillkommnete +ihn höchst freundlich, erkundigte sich, ob er die Nacht gut verbracht +habe und schenkte ihm selbst eine Tasse Tee ein; sie fragte sogar, ob +Zucker genug darin sei, bot ihm eine Zigarette an, und äußerte wieder +ein paar Male, daß sie sich wundere, wie sie nicht früher mit ihm +bekannt geworden sei. Rudin hatte etwas entfernt Platz genommen; Darja +Michailowna aber wies auf einen Diwan, der neben ihrem Sessel stand, +und begann, sich ein wenig nach seiner Seite hinneigend, ihn über +seine Verwandten, seine Pläne und seine Aussichten zu befragen. Darja +Michailowna sprach leicht hingeworfen und hörte zerstreut zu; Rudin +aber merkte sehr wohl, daß sie ihm zu gefallen suche, ja, ihm sogar +schmeichele: Nicht umsonst hatte sie also dieses Morgenstelldichein +vorbereitet, nicht umsonst ein einfaches aber graziöses Kleid ~à la +madame Récamier~ angelegt! Übrigens hörte Darja Michailowna bald auf, +ihn auszufragen: sie fing an, ihm von sich zu erzählen, von ihren +Jugendjahren und den Personen, mit denen sie bekannt gewesen war. +Rudin hörte teilnehmend ihrem Gerede zu, doch – sonderbar! – von wem +Darja Michailowna auch sprechen mochte, ihre eigene Person stand stets +im Vordergrunde und drängte jede andere zurück; dabei erfuhr Rudin +umständlich, was Darja Michailowna namentlich zu dieser bekannten, +hochgestellten Persönlichkeit geredet, welchen Einfluß sie auf jenen +berühmten Dichter ausgeübt hatte. Den Bekenntnissen Darja Michailownas +zufolge hätte man glauben können, daß alle Bedeutenden unter ihren +Zeitgenossen einzig und allein nur danach getrachtet hätten, mit ihr +bekannt zu werden, oder sich ihr Wohlwollen zu erwerben. Sie sprach von +ihnen in einfacher Weise, ohne besonderes Entzücken oder Lobeserhebung, +wie von ihr nahestehenden Personen; einige nannte sie sonderbare Käuze, +immer aber reihten sich ihre Namen, wie bei einem kostbar gefaßten +Edelstein, in strahlendem Kranze um den einen Namen: Darja Michailowna. + + * * * * * + +Rudin hörte zu, rauchte seine Zigarette und schwieg; nur hin und wieder +unterbrach er durch kurze Bemerkungen den Redeschwall der gnädigen +Frau. Er verstand und liebte zu sprechen; eine Unterhaltung im Gange zu +halten, war ihm nicht eigen, doch verstand er auch zuzuhören. Jeder, +den er nicht gleich anfangs eingeschüchtert hatte, ließ sich in seiner +Gegenwart zutraulich aus; so gefällig und ermunternd folgte der dem +Faden der Erörterungen anderer. Er besaß viel Gutmütigkeit, viel von +jener eigentümlichen Gutmütigkeit, welche Leuten eigen ist, die gewohnt +sind, sich über andere erhaben zu fühlen. Im Wortstreit ließ er selten +seinem Gegner das letzte Wort, sondern überwältigte ihn mit seiner +ungestümen und leidenschaftlichen Dialektik. + + * * * * * + +Darja Michailowna sprach russisch. Sie prahlte mit der Kenntnis ihrer +Muttersprache, obgleich bei ihr oft Gallizismen und französische Worte +mit unterliefen. Absichtlich gebrauchte sie einfache, volkstümliche +Ausdrucksweisen, doch nicht immer an dem rechten Orte. Rudins Ohr fand +sich durch die buntscheckige Sprache in Darja Michailownas Munde nicht +unangenehm berührt, wenn überhaupt er ein Ohr dafür hatte. + +Diese hatte sich indes bald erschöpft, sie ließ den Kopf auf das +Rückenkissen des Lehnstuhls zurücksinken, richtete den Blick auf Rudin +und verstummte. + +»Jetzt begreife ich,« begann langsam Rudin, »begreife ich es, weshalb +Sie jeden Sommer aufs Land reisen. Sie bedürfen dieser Erholung; die +ländliche Stille, nach dem Leben in der Hauptstadt, muß Sie erfrischen +und stärken. Ich bin überzeugt, Sie müssen ein tiefes Gefühl für die +Schönheiten der Natur haben.« + +Darja Michailowna blickte Rudin von der Seite an. + +»Die Natur … nun ja … ja, freilich … ich liebe sie außerordentlich; +wissen Sie aber, Dmitri Nikolajitsch, selbst auf dem Lande lebt sich’s +nicht ohne Menschen. Hier herum gibt’s aber keinen. Pigassow gilt hier +als der Geistreichste.« + +»Der mürrische Graukopf von gestern?« fragte Rudin. + +»Nun ja, derselbe. Auf dem Lande übrigens nimmt man ihn schon mit – er +heitert zuweilen auf.« + +»Er hat Verstand,« erwiderte Rudin, »geht aber einen falschen Weg. +Ich weiß nicht, ob Sie mir recht geben werden, Darja Michailowna, es +liegt aber wirklich kein Segen in dem unbegrenzten und vollständigen +Verneinen. Verneinen Sie alles, und man wird Sie möglicherweise für +einen klugen Kopf halten: dieser Kunstgriff ist bekannt. Es werden +viele in ihrer Einfalt sogleich bereit sein, den Schluß zu ziehen, +Sie ständen höher als das, was Sie verneinen. Das ist aber oftmals +falsch. Erstens lassen sich in allem Flecken finden, zweitens, wenn +Sie auch recht hätten, bleiben Sie im Nachteil: Ihr Geist, fortwährend +und ausschließlich zur Verneinung gestimmt, verliert seine Kraft, er +stumpft ab. Indem Sie Ihre Selbstliebe befriedigen, rauben Sie sich den +wirklichen Genuß der Erkenntnis; das Leben – der innere Wert des Lebens +– entschlüpft Ihrem kleinlichen und erbitterten Beobachtungsgeiste +und Sie sinken zuletzt zu einem Zänker und Spaßmacher herab. Rügen, +schelten darf nur, wer liebt.« + +»~Voilà Mr. Pigassoff enterré~,« sagte Darja Michailowna. »Sie +verstehen es aber meisterhaft, die Menschen zu schildern! Übrigens +würde Pigassow Sie wahrscheinlich nicht einmal begriffen haben. Liebt +er ja doch ausschließlich seine eigene Person.« + +»Und er schilt dieselbe, um einen Vorwand zu haben, andere schelten zu +dürfen,« fiel Rudin ein. + +Darja Michailowna lachte. + +»Ja, ja, wie das Sprichwort sagt: vom kranken Kopf auf den Gesunden! – +A propos – was halten Sie von dem Baron?« + +»Vom Baron? Er ist ein vortrefflicher Mensch, mit gutem Herzen und +erfahren … aber ohne Charakter … er wird sein ganzes Leben ein halber +Gelehrter, halber Weltmann, d. h. Dilettant bleiben, kurz gesagt, ein – +Nichts … Es ist aber schade um ihn!« + +»Das ist auch meine Ansicht,« erwiderte Darja Michailowna. »Ich habe +seinen Aufsatz gelesen … ~Entre nous … cela a assez peu de fond.~« + +»Wen haben Sie sonst noch in der Nähe?« fragte nach einigem Schweigen +Rudin. + +Darja Michailowna strich mit dem kleinen Finger die Asche von ihrer +Zigarette. + +»Weiter gibt es wohl niemand. Die Lipin, Alexandra Pawlowna, die +Sie gestern gesehen haben: sie ist allerliebst, und weiter nichts. +Ihr Bruder – ebenfalls ein vortrefflicher Mensch, ~un parfait +honnête homme~. Den Fürsten Garin kennen Sie. Das sind sie alle. +Es sind da noch zwei, drei Nachbarn, die sind aber ganz und gar +unbedeutend. Entweder Wichtigtuer – mit ungeheuren Prätensionen oder +menschenscheues, oft am unrichtigen Platze ungeniertes Volk. Mit den +Damen gehe ich nicht um, wie Sie wissen. Wir haben wohl noch einen +Nachbarn, einen sehr gebildeten, sogar gelehrten Mann, aber einen +schrecklichen Sonderling, einen Schwärmer. Alexandrine kennt ihn +und, wie es scheint, ist er ihr nicht gleichgültig … Sie sollten ihr +wirklich Aufmerksamkeit schenken, Dmitri Nikolaitsch: das ist ein +liebes Wesen; sie müßte nur etwas ausgebildet werden, ja sie muß es +durchaus werden.« + +»Sie ist sehr anziehend,« bemerkte Rudin. + +»Ein wahres Kind, Dmitri Nikolaitsch, eine wahre Unschuld. Sie ist +verheiratet gewesen, ~mais c’est tout comme~ … Wäre ich ein Mann, ich +würde mich nur in solche Weiber verlieben.« + +»Wirklich?« + +»Gewiß! Dergleichen Frauen sind zum mindesten frisch und die Frische +läßt sich nicht künstlich nachahmen.« + +»Alles andere aber?« fragte Rudin mit Lachen, was selten bei ihm der +Fall war. Wenn er lachte, nahm sein Gesicht einen eigentümlichen, fast +greisenhaften Ausdruck an, die Augen zogen sich zusammen, er rümpfte +die Nase … + +»Wer ist denn aber jener Sonderling, wie Sie sagen, der Frau Lipin +nicht gleichgültig wäre?« fragte er. + +»Ein gewisser Leschnew, Michael Michailitsch, ein Gutsbesitzer aus +dieser Gegend.« + +Rudin erstaunte und erhob den Kopf. + +»Leschnew, Michael Michailitsch?« fragte er, »ist der denn Ihr Nachbar?« + +»Ja. Sie kennen ihn also?« + +Rudin schwieg. + +»Ich habe ihn vormals gekannt … es ist schon lange her. Er ist reich, +wie man sagt?« fügte er hinzu, indem er an den Fransen des Lehnstuhles +zupfte. + +»Ja, reich ist er, kleidet sich jedoch abscheulich und fährt auf einer +Reitdroschke gleich einem Dorfverwalter umher. Ich habe den Versuch +gemacht, ihn in mein Haus zu ziehen; er soll Verstand haben; dann stehe +ich auch gewissermaßen in Geschäftsverbindung mit ihm … Sie wissen +doch, daß ich mein Gut selbst verwalte?« + +Rudin nickte mit dem Kopfe. + +»Ja, selbst,« fuhr Darja Michailowna fort, »ich führe nichts von den +fremdländischen Albernheiten bei mir ein, halte mich an dem Meinigen, +dem Russischen, und Sie sehen, die Sache geht, denke ich, nicht +schlecht,« setzte sie hinzu, indem sie dabei mit der Hand einen Kreis +durch die Luft beschrieb. + +»Ich bin immer der Überzeugung gewesen,« bemerkte Rudin verbindlich, +»daß diejenigen schreiendes Unrecht begehen, die den Frauen praktischen +Sinn absprechen.« + +Darja Michailowna lächelte. + +»Sie sind sehr nachsichtig,« sagte sie, »aber was wollte ich Ihnen doch +erzählen? Wovon sprachen wir denn? Ja! von Leschnew. Ich habe mit ihm +über Landvermessung zu verhandeln. Mehrmals schon habe ich ihn zu mir +eingeladen und erwarte ihn sogar heute; er kommt aber nie … ein wahrer +Sonderling.« + +Der Vorhang an der Tür wurde behutsam zurückgezogen und der +Haushofmeister, ein hochgewachsener, grauer Mann mit einer Glatze, in +schwarzem Frack, weißer Halsbinde und weißer Weste, trat ein. + +»Was willst du?« fragte Darja Michailowna und setzte mit einer leichten +Wendung zu Rudin halblaut hinzu: »~n’est ce pas, comme il ressemble à +Canning~?« + +»Michael Michailitsch Leschnew ist angekommen,« meldete der Mann, +»befehlen Sie zu empfangen?« + +»Ach, mein Gott!« rief Darja Michailowna, »er kommt wie gerufen. Bitte +ihn her!« + +Der Haushofmeister ging hinaus. + +»Der sonderbare Mensch, da wäre er endlich, und doch nicht zur rechten +Stunde; er unterbricht unser Gespräch.« + +Rudin erhob sich von seinem Platze, Darja Michailowna hielt ihn aber +zurück. + +»Wohin wollen Sie denn? Das läßt sich auch in Ihrer Gegenwart +besprechen, und dann wünsche ich, daß Sie mir sein Bild entwerfen, wie +das von Pigassow. Wenn Sie reden, ~vous gravez comme avec un burin~. +Bleiben Sie?« + +Rudin wollte etwas einwenden, überlegte ein wenig und blieb. + +Michael Michailowitsch, dem Leser bereits bekannt, trat ins Kabinett. +Er hatte denselben grauen Paletot an und hielt in den gebräunten Händen +dieselbe alte Mütze. Er grüßte gelassen Darja Michailowna und trat an +den Teetisch heran. + +»Endlich sind Sie so gefällig gewesen, sich herzubemühen, Monsieur +Leschnew!« sagte Darja Michailowna. »Ich bitte, nehmen Sie Platz. Sie +sind miteinander bekannt, habe ich gehört,« fuhr sie fort, auf Rudin +deutend. + +Leschnew blickte Rudin an und lächelte dabei sonderbar. + +»Ich kenne Herrn Rudin,« sagte er mit einer kurzen Verbeugung. + +»Wir sind zusammen auf der Universität gewesen,« bemerkte Rudin +halblaut und schlug den Blick zu Boden. + +»Auch später sind wir miteinander zusammengetroffen,« sagte Leschnew +kalt. + +Darja Michailowna blickte beide mit einigem Befremden an und bat +Leschnew, Platz zu nehmen. Er setzte sich. + +»Sie hatten gewünscht, mich zu sehen,« begann er, »es betrifft die +Vermessung?« + +»Ja, die Vermessung, doch habe ich auch überhaupt Sie zu sehen +gewünscht. Sind wir doch noch Nachbarn und auch wohl vielleicht +verwandt miteinander.« + +»Sehr verbunden,« erwiderte Leschnew, »was nun die Vermessung betrifft, +so habe ich diese Angelegenheit bereits mit Ihrem Verwalter vollständig +zum Abschluß gebracht: ich gehe auf alle seine Vorschläge ein.« + +»Das wußte ich.« + +»Nur«, sagt er mir, »könnten ohne vorherige persönliche Zusammenkunft +mit Ihnen die Papiere nicht unterzeichnet werden.« + +»Ja; so ist es nun einmal bei mir eingeführt. Darf ich wohl fragen, ob +die Bauern bei Ihnen zinspflichtig sind?« + +»So ist es.« + +»Und Sie selbst haben die Vermessung in Anregung gebracht? Das ist +lobenswert.« + +Leschnew schwieg einen Augenblick. + +»Da bin ich denn der persönlichen Zusammenkunft wegen hergekommen,« +sagte er. + +Darja Michailowna lächelte. + +»Ich sehe, daß Sie gekommen sind. Sie sagen das in solch besonderem +Tone … Gewiß hatten Sie sehr wenig Lust, zu mir zu kommen.« + +»Ich besuche niemand,« erwiderte Leschnew phlegmatisch. + +»Niemand? Sie besuchen aber doch Alexandra Pawlowna?« + +»Ich bin ein alter Bekannter ihres Bruders.« + +»Ihres Bruders! Übrigens, ich lege niemandem Zwang auf … Indessen, +Sie werden vergeben, Michael Michailitsch, ich bin älter als Sie +an Jahren und darf Sie ein wenig schelten: wie können Sie an einem +so zurückgezogenen Leben Vergnügen finden? Oder ist es _mein_ Haus +vielleicht, das Ihnen nicht gefällt? oder vielleicht gefalle _ich_ +Ihnen nicht?« + +»Ich kenne Sie nicht, Darja Michailowna, und deshalb können Sie mir +auch nicht mißfallen. Ihr Haus ist sehr schön; ich muß Ihnen aber offen +gestehen, ich tue mir nicht gern Zwang an. Ich habe nicht einmal einen +gehörigen Frack, keine Handschuhe; zudem passe ich auch nicht in Ihren +Kreis.« + +»Der Geburt, der Erziehung nach gehören Sie demselben an, Michael +Michailitsch! ~vous êtes des nôtres~.« + +»Wir wollen Geburt und Erziehung beiseite lassen, Darja Michailowna! +Nicht darauf kommt es an …« + +»Der Mensch soll unter Menschen leben, Michael Michailitsch! Was hat +man davon, wie Diogenes in der Tonne zu sitzen?« + +»Erstens fühlte sich Diogenes sehr wohl dabei; zweitens, weshalb +glauben Sie, daß ich nicht unter Menschen lebe?« + +Darja Michailowna biß sich in die Lippen. + +»Das ist eine andere Sache! Mir bleibt also nur zu bedauern, daß ich +mich zu denen nicht zählen darf, die Sie Ihrer Bekanntschaft würdigen.« + +»Monsieur Leschnew«, mischte sich Rudin ein, »treibt zu weit, wie mich +dünkt, ein sonst sehr lobenswertes Gefühl – die Liebe zur Freiheit.« + +Leschnew erwiderte nichts und blickte Rudin nur an. Ein kurzes +Schweigen trat ein. + +»Und somit«, sagte Leschnew, sich erhebend, »darf ich unsere +Angelegenheit als erledigt betrachten und Ihren Verwalter bedeuten, daß +er mir die Papiere zur Unterschrift zustelle?« + +»Sie können es … obgleich Sie, ich gestehe es, so wenig liebenswürdig +sind … daß ich es Ihnen abschlagen sollte.« + +»Aber diese Vermessung bringt Ihnen ja mehr Vorteil als mir.« + +Darja Michailowna zuckte die Achseln. + +»Und Sie wollen nicht einmal das Frühstück bei mir einnehmen?« fragte +sie. + +»Danke Ihnen gehorsamst; ich frühstücke niemals, und dann muß ich auch +bald nach Hause.« + +Darja Michailowna erhob sich. + +»Ich will Sie nicht aufhalten,« sagte sie, ans Fenster tretend, »ich +darf Sie nicht aufhalten.« + +Leschnew verabschiedete sich. + +»Adieu, Monsieur Leschnew! Verzeihen Sie, daß ich Sie belästigt habe.« + +»Oh, ich bitte, hat nichts zu sagen,« erwiderte Leschnew und ging +hinaus. + +»Wie gefällt er Ihnen?« fragte Darja Michailowna Rudin. »Ich hatte wohl +von ihm gehört, er sei ein sonderbarer Mensch; dies übersteigt aber +doch alles!« + +»Er leidet an demselben Übel wie Pigassow,« erwiderte Rudin, »dem +Verlangen, originell zu erscheinen. Jener spielt den Mephistopheles, +dieser den Zyniker. In allem dem steckt viel Egoismus, viel Selbstsucht +und wenig Wahrheit, wenig Liebe. Das ist ja auch eine Berechnung in +ihrer Art: es bindet sich einer die Larve der Gleichgültigkeit und der +Nachlässigkeit vor, da muß denn gleich, denkt er, ein jeder auf den +Gedanken kommen, daß der Mensch auf unverantwortliche Weise sein Licht +unter den Scheffel stellt! Aber näher betrachtet, ist gar kein Licht +vorhanden!« + +»~Et de deux!~« äußerte Darja Michailowna. »Sie sind furchtbar in der +Charakterschilderung. Ihnen entgeht man nicht.« + +»Glauben Sie?« sagte Rudin … »Übrigens,« fuhr er fort, »ich sollte +eigentlich nicht von Leschnew sprechen: ich habe ihn geliebt, +geliebt wie einen Freund … nachher aber, infolge verschiedener +Mißverständnisse …« + +»Haben Sie sich entzweit?« + +»Das nicht. Wir haben uns getrennt, und, wie mir scheint, für immer +getrennt.« + +»Das war es! Darum war Ihnen auch während seines Hierseins, wie +mir deuchte, nicht wohl zumute … Ich bin Ihnen aber doch sehr für +den heutigen Morgen verbunden. Ich habe die Zeit überaus angenehm +verbracht. Aber – alles mit Maß! Ich gebe Ihnen Urlaub bis zum +Frühstück, und will jetzt auch selbst an meine Geschäfte gehen. Mein +Sekretär, Sie haben ihn gesehen – ~Constantin, c’est lui qui est +mon secrétaire~ – wartet gewiß schon auf mich. Ich empfehle Ihnen +denselben: ein herrlicher, überaus dienstfertiger junger Mann und ganz +entzückt von Ihnen. Auf Wiedersehen, ~cher~ Dmitri Nikolaitsch. Wie +bin ich dem Baron zu Dank verpflichtet, daß er mir Ihre Bekanntschaft +verschafft hat!« + +Und Darja Michailowna reichte Rudin die Hand. Er drückte sie zuerst, +führte sie dann an die Lippen und begab sich in den Saal und von da auf +die Terrasse, wo er Natalia traf. + + + + +V + + +Darja Michailownas Tochter, Natalia Alexejewna, konnte auf den ersten +Blick nicht gefallen. Sie war noch nicht vollständig ausgebildet, +mager, von bräunlicher Gesichtsfarbe und hielt sich etwas gebückt. +Die Züge ihres Gesichtes jedoch waren edel und regelmäßig, obgleich +etwas breit für ein siebzehnjähriges Mädchen. Besonders schön trat +ihre reine und glatte Stirn über den leicht geknickten Augenbrauen +hervor. Sie sprach wenig, aber hörte und schaute mit Aufmerksamkeit, +fast unverwandten Blickes, als wollte sie sich über alles Rechenschaft +geben. Sie war oft unbeweglich, in Gedanken versunken, und ließ die +Arme herabhängen; es zeigte dann ihr Gesicht den Ausdruck innerer +Gedankentätigkeit … Ein kaum merkliches Lächeln spielte um ihre Lippen +und verschwand wieder; die großen dunklen Augen hoben sich sanft … +~Qu’avez vous?~ pflegte sie dann Mlle. Boncourt zu fragen und ihr +vorzuhalten, daß es sich für ein junges Mädchen nicht schicke, den +Kopf hängen zu lassen und zerstreut auszusehen. Natalia war aber nicht +zerstreut: im Gegenteil, sie lernte fleißig, las und arbeitete gern. +Sie fühlte tief und stark, aber im stillen; schon als Kind hatte sie +selten geweint, jetzt seufzte sie sogar selten und wurde nur bleich, +wenn etwas sie betrübte. Die Mutter sah in ihr ein wohlgesittetes, +vernünftiges Mädchen, nannte sie scherzweise: ~mon honnête homme de +fille~, hatte jedoch keine hohe Meinung von ihren Geistesfähigkeiten. +»Meine Natascha ist kalt von Natur,« pflegte sie zu sagen, »nicht +wie ich … um so besser. Sie wird glücklich sein.« Darja Michailowna +täuschte sich. Übrigens nicht jede Mutter kennt ihre Tochter. + +Natalia liebte ihre Mutter, hatte aber kein volles Vertrauen zu ihr. + +»Du hast nichts vor mir zu verbergen,« sagte einmal Darja Michailowna +zu ihr, »sonst würdest du wohl ein wenig geheimtun, denn du hast deinen +Kopf für dich.« + +Natalia blickte ihrer Mutter ins Gesicht und dachte: und warum sollte +ich nicht meinen Kopf für mich haben? + +Als Rudin sie auf der Terrasse traf, schritt sie eben mit Mlle. +Boncourt ins Zimmer, um ihren Hut aufzusetzen und in den Garten zu +gehen. Ihre Morgenbeschäftigungen waren bereits beendigt. Man hatte +aufgehört, Natalia als Kind zu behandeln, Mlle. Boncourt gab ihr +schon lange keinen Unterricht mehr in der Mythologie und Geographie; +doch mußte Natalia jeden Morgen – in ihrer Gegenwart – historische +Bücher, Reisebeschreibungen und andere erbauliche Schriften lesen. +Darja Michailowna traf die Auswahl, scheinbar einem ihr eigenen +System folgend, in der Tat aber gab sie Natalia alles, was ihr ein +französischer Buchhändler aus Petersburg zuschickte, ausgenommen +natürlich Romane von Alexander Dumas Sohn und Comp. Diese Romane +las Darja Michailowna selbst. Mlle. Boncourt pflegte ganz besonders +streng und sauer Natalia über ihre Brille anzuschauen, wenn letztere +historische Bücher las: nach den Begriffen der alten Französin war die +ganze Geschichte voll unerlaubter Dinge, obgleich sie von den berühmten +Männern des Altertums, Gott weiß warum, nur einzig und allein den +Kambyses kannte, und aus neuerer Zeit – Ludwig den XIV. und Napoleon, +den sie nicht leiden konnte. Natalia las aber auch solche Bücher, deren +Dasein Mlle. Boncourt nicht ahnte: sie kannte den ganzen Puschkin +auswendig. + +Natalia errötete etwas, als sie mit Rudin zusammentraf. + +»Sie wollen spazierengehen?« fragte er sie. + +»Ja. Wir gehen in den Garten.« + +»Darf ich mich Ihnen anschließen?« + +Natalia sah Mlle. Boncourt an. + +»~Mais certainement, monsieur, avec plaisir~,« rief eilig die alte +Jungfer. + +Rudin nahm seinen Hut und folgte ihnen. + +Anfangs machte es Natalia etwas verlegen, an Rudins Seite auf demselben +Gartenwege zu wandeln; bald aber wurde es ihr leichter. Er richtete +an sie Fragen über ihre Beschäftigungen, und auch darüber, wie ihr +das Leben auf dem Lande gefalle. Sie antwortete ihm nicht ohne +Schüchternheit, aber ohne jene sich überstürzende Befangenheit, die so +oft für Schamhaftigkeit gehalten wird. Es klopfte ihr das Herz. + +»Sie fühlen auf dem Lande keine Langeweile?« fragte Rudin, sie mit +einem Seitenblick streifend. + +»Wie kann man auf dem Lande Langeweile empfinden? Ich bin sehr froh, +daß wir hier sind. Ich bin hier sehr glücklich.« + +»Sie sind glücklich … Das ist ein großes Wort. Übrigens ist es +begreiflich: Sie sind jung.« + +Rudin betonte dies letzte Wort in eigentümlicher Weise: es war wie eine +Anwandlung von Neid und Beileid, die ihn überkam. + +»Ja! die Jugend!« setzte er hinzu. »Das Bestreben der Wissenschaft ist +– mit Bewußtsein das zu erringen, was die Jugend von selbst hat.« + +Natalia blickte Rudin aufmerksam an: sie hatte ihn nicht verstanden. + +»Ich habe mich heute den ganzen Morgen mit Ihrer Mama unterhalten,« +fuhr er fort, »eine außergewöhnliche Frau. Ich begreife, weshalb alle +unsere Poeten so großen Wert auf ihre Freundschaft legten. Lieben Sie +auch Gedichte?« setzte er nach einigem Schweigen hinzu. + +Er examiniert mich, dachte Natalia und sagte: »Ja, ich liebe sie sehr.« + +»Die Poesie ist die Sprache der Götter. Ich selbst liebe Gedichte. Doch +nicht in Gedichten allein liegt Poesie: sie ist überall, sie umfängt +uns … Sehen Sie diese Bäume, diesen Himmel an – von allen Seiten strömt +Schönheit und Leben hervor; wo aber Schönheit und Leben, da ist auch +Poesie.« + +»Wollen wir nicht auf der Bank hier Platz nehmen,« fuhr er fort. »So. +Mir scheint, ich kann mir nicht erklären warum, daß, sobald Sie sich +ein wenig an mich werden gewöhnt haben (er blickte ihr hierbei lächelnd +in die Augen), wir gute Freunde sein werden. Was meinen Sie?« + +Er behandelt mich wie ein kleines Mädchen, dachte Natalia wieder, und +ungewiß, was sie dazu sagen sollte, fragte sie ihn, ob er noch lange +auf dem Lande zu bleiben beabsichtige. + +»Den ganzen Sommer, den Herbst und vielleicht auch den Winter. Ich bin, +wie Sie wohl wissen, wenig begütert; meine Verhältnisse sind zerrüttet, +und dann habe ich es auch schon satt, von einem Ort zum andern zu +ziehen. Es ist Zeit, daß ich mir Ruhe gönne.« + +Natalia sah ihn erstaunt an. + +»Sie finden wirklich, daß es _für Sie_ Zeit sei auszuruhen?« fragte sie +schüchtern. + +Rudin wandte sein Gesicht ihr zu. + +»Was wollen Sie damit sagen?« + +»Ich will sagen,« erwiderte sie mit einiger Verwirrung, »daß andere +sich wohl Ruhe gönnen dürfen; Sie aber … Sie müssen arbeiten, müssen +sich bestreben, Nutzen zu schaffen. Wer denn wohl, wenn nicht Sie …« + +»Ich danke für die schmeichelhafte Meinung,« unterbrach sie Rudin. +»Nutzen schaffen … das ist leicht gesagt! (Er fuhr mit der Hand über +sein Gesicht.) Nutzen schaffen!« wiederholte er. »Wenn ich auch die +feste Überzeugung hätte: auf welche Art ich Nutzen bringen könnte – +ja, wenn ich sogar Vertrauen in meine eigene Kraft hätte – wo fände ich +wohl lautere, mitfühlende Seelen? …« + +Und Rudin ließ mit so hoffnungsloser Miene die Hand fallen und senkte +so betrübt den Kopf, daß Natalia unwillkürlich die Frage an sich +stellte: ob sie denn wohl aus _seinem_ Munde tags zuvor so begeisterte, +Hoffnung sprühende Reden gehört habe? + +»Doch nein,« setzte er hinzu, und schüttelte ungestüm seine Löwenmähne, +»Unsinn das, Sie haben recht. Ich danke Ihnen, Natalia Alexejewna, +danke Ihnen von Herzen. (Natalia wußte entschieden nicht, wofür er ihr +dankte.) Ein Wort von Ihnen hat mich an meine Pflicht erinnert, hat mir +meine Bahn vorgezeichnet … Ja, ich muß handeln. Ich darf mein Talent, +wenn ich es wirklich besitze, nicht verbergen; ich darf meine Kräfte +nicht in Geschwätz, in leerem, nichtsnutzigem Geschwätz und eitlem +Gerede vergeuden …« + + * * * * * + +Und es ergoß sich seine Rede wie ein Strom. Er sprach schön, +begeistert, hinreißend – über Kleinmütigkeit und Trägheit, über +die Notwendigkeit, Taten zu vollbringen. Er machte sich selbst +Vorwürfe, bewies, daß sich über das, was man leisten wolle, im voraus +auszulassen, ebenso nachteilig wäre, wie wenn man eine reifende Frucht +mit einer Nadel anstechen wollte, das sei nur nutzlose Vergeudung der +Kräfte und Säfte. Er behauptete, es gäbe keinen edleren Gedanken, der +nicht Anklang fände, daß nur jene Menschen unverstanden blieben, die +entweder selbst noch nicht wüßten, was sie wollen, oder solche, die +nicht wert seien, verstanden zu werden. Er sprach lange und schloß +seine Rede damit, daß er Natalia nochmals dankte und ganz unerwartet, +ihr die Hand drückend, sagte: »Sie sind ein herrliches, edles Wesen!« + +Diese Freiheit setzte Mlle. Boncourt in Erstaunen, die, trotz ihres +vierzigjährigen Aufenthaltes in Rußland, mit Mühe das Russische +verstand und nur die anmutige Schnelligkeit und das Fließende in der +Rede Rudins bewunderte. Er galt überhaupt in ihren Augen als eine Art +Virtuos oder Künstler, und an Leute dieses Schlages durften keine +Schicklichkeitsforderungen gestellt werden. + +Sie erhob sich von ihrem Platze und ihr Kleid hastig zurechtklopfend, +machte sie Natalia darauf aufmerksam, daß es Zeit sei heimzukehren, +um so mehr, da ~monsieur Volinsoff~ (so nannte sie Wolinzow) sich zum +Frühstück habe einfinden wollen. + +»Da ist er bereits!« fügte sie mit einem Blicke nach einer der Alleen, +die zum Hause führten, hinzu. + +Und wirklich zeigte sich Wolinzow in einiger Entfernung. + +Mit unentschlossenen Schritten trat er näher, begrüßte alle schon +von weitem und, mit leidendem Ausdruck im Gesichte, sich zu Natalia +wendend, fragte er: + +»Ah! Sie gehen spazieren?« + +»Ja,« antwortete Natalia, »wir waren im Begriff, nach Hause +zurückzukehren.« + +»Ah!« sprach Wolinzow. »Nun, so wollen wir gehen.« + +Und alle machten sich nach dem Hause auf. + +»Wie ist das Befinden Ihrer Schwester?« fragte Rudin mit besonders +teilnehmender Stimme Wolinzow. Auch am Abend vorher war er sehr +freundlich gegen ihn gewesen. + +»Ich danke recht sehr. Sie befindet sich wohl. Sie wird vielleicht +heute kommen … Sie unterhielten sich vorhin, wie mir schien, als ich +herkam?« + +»Ja, wir unterhielten uns. Natalia Alexejewna hat ein Wort fallen +lassen, das eine gewaltige Wirkung auf mich hervorgebracht hat …« + +Wolinzow fragte nicht, was für ein Wort das gewesen sei, und in tiefem +Schweigen erreichten alle das Haus der Darja Michailowna. + + * * * * * + +Vor dem Essen fand sich die Gesellschaft wieder im Salon ein. Pigassow +jedoch erschien nicht. Rudin war nicht aufgelegt; er bat fortwährend +Pandalewski, aus Beethoven vorzuspielen. Wolinzow schwieg und schaute +vor sich hin. Natalia blieb der Mutter immer zur Seite und war bald +in Gedanken versunken, bald mit ihrer Arbeit beschäftigt. Bassistow +verwandte die Augen nicht von Rudin, immer in der Erwartung, er werde +etwas Kluges vorbringen. So vergingen ziemlich einförmig drei Stunden. +Alexandra Pawlowna kam nicht zu Mittag – und Wolinzow ließ gleich nach +beendigter Tafel seine Kalesche anspannen und fuhr davon, ohne von +jemand Abschied genommen zu haben. + +Er fühlte sich beklommen. Schon lange liebte er Natalia, hatte es aber +noch nicht gewagt, ihr seine Neigung zu gestehen, und unter diesem +ängstlichen Zustande litt er aufs grausamste … Sie sah ihn gerne – +doch blieb ihr Herz ruhig: darüber täuschte er sich nicht. Er hatte +auch nicht gehofft, ihr zärtliche Gefühle einzuflößen und erwartete +nur, sie werde mit der Zeit, wenn sie sich vollkommen an ihn gewöhnt +haben würde, ihm näherstehen. Was konnte ihn denn beunruhigen? Was für +eine Veränderung hatte er in diesen paar Tagen wahrgenommen? Natalias +Benehmen gegen ihn war ganz so wie vorher … + +War es die Befürchtung: er kenne Natalias Charakter nicht, sie sei ihm +fremder, als er geglaubt habe – war’s Eifersucht, die in ihm erwacht +war, oder hatte er eine dunkle Ahnung von etwas Schlimmem … genug, er +litt, so sehr er sich auch zu beherrschen suchte. + +Als er bei seiner Schwester eintrat, saß Leschnew bei ihr. + +»Warum so früh zurückgekehrt?« fragte Alexandra Pawlowna. + +»Ich weiß es selbst nicht! Ich langweilte mich.« + +»War Rudin da?« + +»Er war da.« + +Wolinzow warf seine Mütze hin und setzte sich. + +Alexandra Pawlowna wandte sich mit Lebhaftigkeit zu ihm. + +»Ich bitte dich, Sergei, hilf mir, diesem starrsinnigen Menschen da« +– sie wies dabei auf Leschnew – »begreiflich zu machen, daß Rudin +ungewöhnlich klug und beredt ist.« + +Wolinzow brummte etwas in den Bart. + +»Ich widerstreite Ihnen durchaus nicht,« begann Leschnew, »ich zweifle +nicht an Rudins Geist und Beredsamkeit; ich sage bloß, daß er mir nicht +gefällt.« + +»Hast du ihn denn gesehen?« fragte Wolinzow. + +»Ich habe ihn heute morgen bei Darja Michailowna gesehen. Er ist +ja jetzt ihr Großwesir. Es wird die Zeit kommen, wo sie auch ihn +verabschiedet – von Pandalewski allein wird sie sich niemals trennen –, +jetzt aber herrscht jener. Jawohl, ich habe ihn gesehen! Er saß da – +und sie zeigte mich ihm: da schauen Sie einmal, mein Bester, was für +sonderbare Kerle wir hier haben. Ich bin kein Zuchtpferd – bin es nicht +gewohnt, vorgeführt zu werden. Da bin ich ohne Umstände davongefahren.« + +»Warum warst du denn aber bei ihr?« + +»Wegen einer Vermessung; aber das ist nur ein Vorwand: sie wollte sich +ganz einfach meine Physiognomie besehen. Eine große Dame – wir kennen +das!« + +»Seine Überlegenheit ist Ihnen störend – das ist es!« sagte mit Feuer +Alexandra Pawlowna, »das ist es, was Sie ihm nicht vergeben können. +Ich aber bin überzeugt, daß er nicht nur Verstand, sondern auch ein +vortreffliches Herz hat. Betrachten Sie nur seine Augen, wenn er …« + +»Von hoher Tugend spricht …«[3], setzte Leschnew hinzu. + +»Sie werden mich böse machen und zum Weinen bringen. Es tut mir in der +Seele leid, daß ich bei Ihnen geblieben und nicht zu Darja Michailowna +gefahren bin. Sie waren es nicht wert. Hören Sie auf, mich zu reizen,« +setzte sie mit weinerlicher Stimme hinzu. »Es wird besser sein, Sie +erzählen mir etwas aus seinen Jugendjahren.« + +»Aus Rudins Jugendjahren?« + +»Ja doch. Sie sagten mir ja, Sie kennten ihn gut und seien schon lange +mit ihm bekannt.« + +Leschnew erhob sich und fing an, im Zimmer auf und ab zu gehen. + +»Ja,« begann er, »ich kenne ihn gut. Sie wollen, daß ich Ihnen +seine Jugend erzähle? Wohlan! Er ist in T. geboren, eines armen +Gutsbesitzers Kind. Sein Vater starb früh und er blieb mit der Mutter +allein. Sie war eine herzensgute Frau und liebte ihn über alles; sie +lebte sehr sparsam, und das wenige Geld, was sie hatte, gab sie für ihn +aus. Seine Erziehung hat er in Moskau erhalten, anfänglich auf Kosten +eines Oheims, dann aber, als er aufgewachsen und flügge geworden war, +auf Rechnung eines reichen Fürstensöhnchens, den er ausgewittert hatte +… schon gut, verzeihen Sie, ich werde nicht mehr … mit welchem er sich +befreundet hatte. Dann bezog er die Universität. Dort wurde ich mit ihm +bekannt und sehr intim. Von unserem damaligen Leben erzähle ich Ihnen +ein anderes Mal. Jetzt geht es nicht. Dann reiste er ins Ausland …« + +Leschnew ging noch immer im Zimmer auf und ab; Alexandra Pawlowna +folgte ihm mit den Blicken. + +»Aus dem Auslande«, fuhr er fort, »schrieb Rudin seiner Mutter äußerst +selten und hat sie nur einmal besucht, auf zehn Tage … Die Alte starb +auch in seiner Abwesenheit in fremden Armen, hat aber bis zu ihrem +Todesstündchen nicht das Auge von seinem Bildnisse verwandt. Als ich in +T. lebte, besuchte ich sie. Sie war eine gute, überaus gastfreie Frau +und pflegte mir immer eingemachte Kirschen vorzusetzen. Ihren Mitja +liebte sie unsäglich. Die Herren aus der Petschorinschen Schule[4] +werden Ihnen sagen, daß wir immer diejenigen lieben, die selbst wenig +fähig sind, Liebe zu fühlen; mir aber scheint es, daß alle Mütter ihre +Kinder lieben, besonders die fern von ihnen Weilenden. Später traf ich +mit Rudin im Auslande zusammen. Dort hatte ihn eine Dame, eine unserer +russischen Damen, an sich gezogen, ein Blaustrumpf, weder jung noch +hübsch, wie sich’s auch für einen Blaustrumpf schickt. Ziemlich lange +schleppte er sich mit ihr umher und ließ sie dann im Stich … doch nein, +entschuldigen Sie: sie ließ ihn im Stiche. Und auch ich verließ ihn zu +jener Zeit. Das ist alles.« + +Leschnew schwieg, strich mit der Hand über die Stirn und ließ sich wie +erschöpft auf einen Lehnstuhl nieder. + +»Wissen Sie aber wohl, Michael Michailitsch,« begann Alexandra +Pawlowna, »Sie sind, wie ich sehe, ein boshafter Mensch; wahrhaftig, +Sie sind nicht besser als Pigassow. Ich bin überzeugt, daß alles, was +Sie gesagt haben, wahr ist, daß Sie nichts hinzugedichtet haben, und +dennoch, in welch mißgünstigem Lichte haben Sie das alles dargestellt! +Die alte Frau, ihre Mutterliebe, ihr einsamer Tod, jene Dame … Wozu +alles das? … Wissen Sie wohl, man kann das Leben des allerbesten +Menschen mit solchen Farben schildern – ohne etwas hinzuzufügen, +wohl verstanden –, daß sich jeder davor entsetzen wird! Das ist auch +Verleumdung in ihrer Art!« + +Leschnew erhob sich und begann wieder im Zimmer auf und ab zu gehen. + +»Ich hatte durchaus nicht die Absicht, Ihnen Entsetzen einzuflößen, +Alexandra Pawlowna,« brachte er endlich heraus. »Ich bin kein +Verleumder. Übrigens«, setzte er nach einigem Schweigen hinzu, »in +dem, was Sie gesagt haben, ist ein Teil Wahrheit. Ich habe Rudin nicht +verleumdet; doch – wer weiß! – vielleicht hat er sich seit jener Zeit +verändert – vielleicht bin ich ungerecht gegen ihn.« + +»Da haben Sie es! … Versprechen Sie mir also, daß Sie die Bekanntschaft +mit ihm erneuern, ihn gehörig ergründen und mir dann erst Ihre +schließliche Meinung über ihn sagen wollen.« + +»Wenn Sie es wünschen … Warum schweigst du aber, Sergei Pawlitsch?« + +Wolinzow fuhr zusammen und erhob den Kopf, als hätte man ihn aus dem +Schlafe gerüttelt. + +»Was sollte ich sagen? Ich kenne ihn nicht. Übrigens habe ich heute +Kopfweh.« + +»Du bist wirklich etwas bleich,« bemerkte Alexandra Pawlowna. + +»Ich habe Kopfweh,« wiederholte Wolinzow und verließ das Zimmer. + +Alexandra Pawlowna und Leschnew sahen ihm nach und tauschten einen +Blick miteinander, doch ohne ein Wort zu sprechen. Weder ihm noch ihr +war es ein Geheimnis, was im Herzen Wolinzows vorging. + + + + +VI + + +Über zwei Monate waren vergangen. Während dieser ganzen Zeit war Rudin +fast nicht aus Darja Michailownas Hause gekommen. Sie konnte ihn nicht +mehr entbehren. Es war ihr zur Gewohnheit geworden, ihm von sich zu +erzählen und sich von ihm erzählen zu lassen. Einmal hatte er abreisen +wollen, unter dem Vorwande, seine Geldmittel seien erschöpft – sie gab +ihm fünfhundert Rubel, was ihn nicht hinderte, weitere zweihundert +von Wolinzow zu borgen. Pigassow besuchte Darja Michailowna bedeutend +seltener als vorher: Rudin übte durch seine Gegenwart auf ihn einen +Druck aus, den übrigens Pigassow nicht allein empfand. + +»Ich mag ihn nicht, diesen eingebildeten Menschen,« pflegte er zu +sagen, »seine Ausdrucksweise ist unnatürlich, ganz so wie bei den +Helden in russischen Romanen. Mit einem: Ich! fängt er an, hält dann +wie gerührt inne … Ich, also, ich … Und er zieht die Worte so lang. +Habt ihr geniest, so wird er euch sogleich auseinandersetzen, warum +Ihr geniest und nicht gehustet habt … lobt er euch, so klingt es, als +befördere er euch zu einer höheren Rangstufe … fängt er aber an, sich +selbst zu schelten, dann zieht er sich geradezu in den Schmutz herab – +nun, denkt ihr, der darf sich jetzt nicht mehr bei Tageslicht zeigen! +Nichts davon! Noch heiterer stimmt es ihn, so daß man glauben könnte, +jene bitteren Worte hätten ihm nur zu Erfrischung und Kräftigung +gedient, wie ein Schluck bitteren Schnapses!« Pandalewski empfand eine +gewisse Scheu vor Rudin und machte ihm mit einiger Vorsicht den Hof. +Wolinzows Stellung, Rudin gegenüber, war eigentümlicher Art. Dieser +nannte ihn einen Ritter und rühmte ihn, er mochte zugegen sein oder +nicht, über die Maßen; Wolinzow aber konnte ihn nicht liebgewinnen, und +seine schmeichelhaftesten Komplimente erzeugten in ihm unwillkürlich +Ungeduld und Ärger. ›Er macht sich wohl gar über mich lustig!‹ dachte +er, und eine feindselige Stimmung überschlich ihn dann. Wolinzow +versuchte Herr über sich zu werden; es ging nicht: die Eifersucht nagte +heimlich an ihm. Aber auch Rudin, der Wolinzow stets geräuschvoll +entgegenkam, ihn einen Ritter nannte und Geld bei ihm borgte, fühlte +sich nichts weniger als zu ihm hingezogen. Es wäre nicht leicht zu +bestimmen gewesen, was in beiden Männern vorging, wenn sie einander +freundschaftlich die Hände drückten und ihre Blicke sich begegneten … + +Bassistow fuhr fort, vor Rudin die äußerste Hochachtung zu empfinden +und jedes seiner Worte im Fluge zu haschen. Dieser aber beachtete ihn +wenig. Einmal brachte er mit ihm einen ganzen Morgen zu, unterhielt +sich von den wichtigsten Weltfragen und Weltaufgaben und erregte in +ihm das lebhafteste Entzücken, nachher beachtete er ihn nicht mehr +… Es war demnach nur eitles Gerede gewesen, wenn er nach reinen und +ergebenen Seelen Verlangen geäußert hatte. Mit Leschnew, der mit seinen +Besuchen bei Darja Michailowna begonnen hatte, ließ Rudin sich niemals +in einen Wortstreit ein, ja er schien ihm auszuweichen. Leschnew +seinerseits behandelte ihn gleichfalls kalt, ließ aber immer noch nicht +seine letzte Meinung über ihn laut werden, was Alexandra Pawlowna sehr +unangenehm berührte. Sie beugte sich vor Rudin – zu Leschnew aber +hatte sie Vertrauen. Alle im Hause Darja Michailownas unterwarfen sich +den Launen Rudins: seinen geringsten Wünschen wurde nachgekommen. Die +Verteilung der täglichen Beschäftigungen hing von ihm ab. Nicht eine +einzige ~partie de plaisir~ konnte ohne ihn zustande kommen. Alle +unerwarteten Ausflüge und Überraschungen waren übrigens nicht sehr nach +seinem Geschmack, und er nahm teil daran wie Erwachsene am Spiel der +Kinder, mit freundlicher und etwas gelangweilter Miene. Dagegen mischte +er sich in alles: räsonierte mit Darja Michailowna über Gutsverwaltung, +Kindererziehung, Wirtschafts- und Geschäftsangelegenheiten überhaupt; +hörte ihre Pläne an, schätzte auch Unwichtiges nicht zu gering und +schlug Verbesserungen und Neuerungen vor. Darja Michailowna war +entzückt darüber – doch dabei blieb es. Bezüglich der Gutsverwaltung +folgte sie den Ratschlägen ihres Verwalters, eines ältlichen, +einäugigen Kleinrussen, eines gutmütigen, doch listigen Schelmes. +– »Das Alte ist fett, das Neue ist hager,« pflegte er zu sagen und +schmunzelte und blinzelte dabei wohlgefällig. + +Außer mit Darja Michailowna hatte Rudin mit niemandem so häufige und +lange Unterredungen wie mit Natalia. Er steckte ihr insgeheim Bücher +zu, vertraute ihr seine Pläne und las ihr die ersten Seiten künftiger +Aufsätze und Werke vor. Das Verständnis dafür fehlte ihr oft, doch +daran lag Rudin anscheinend wenig, wenn sie ihn nur anhörte. Dieses +nahe Verhältnis zu Natalia war Darja Michailowna nicht ganz unangenehm. +Mag sie immerhin – dachte sie – mit ihm hier auf dem Lande schwatzen. +Er findet Gefallen an ihr, wie an einem kleinen Mädchen. Gefahr ist +nicht dabei, und jedenfalls lernt sie von ihm … In Petersburg will ich +das alles anders einrichten. + +Darja Michailowna täuschte sich. Nicht wie ein kleines Mädchen +schwatzte Natalia mit Rudin: sie lauschte gierig seinen Worten, bemühte +sich, in den Sinn derselben einzudringen und unterwarf seinem Urteile +ihre Gedanken, ihre Zweifel; er war ihr Erzieher, ihr Führer. Fürs +erste kochte es bei ihr nur im Kopfe … in einem jungen Kopfe kocht es +aber nicht lange, ohne daß das Herz auch ein Wort mitredet. Was für +wonnevolle Minuten verbrachte Natalia, wenn, wie es oft vorkam, Rudin +im Garten auf einer Bank, im leichten und lichten Schatten einer +Esche, anfing ihr Goethes Faust, Hoffmann, die Briefe Bettinas oder +Novalis vorzulesen, und er sich dabei beständig unterbrach, um ihr +zu erläutern, was ihr dunkel schien! Sie sprach das Deutsche nicht +gut, wie fast alle unsere jungen Damen, verstand es aber vollkommen, +und Rudin war ganz in deutscher Poesie, deutscher Romantik und +deutscher Philosophie versunken und zog Natalia nach sich in jene +höheren Regionen. Eine unbekannte, erhabene Welt enthüllte sich dem +aufmerksamen Blicke des jungen Mädchens. Von den Seiten des Buches, das +Rudin in der Hand hielt, strömten gleich einer Flut entzückender Musik +wunderbare Bilder, neue, lichte Gedanken unaufhörlich in ihre Seele +über, und in ihrem Herzen, das von edler Freude hoher Empfindungen +erschüttert worden, erglimmte und entbrannte sanft der heilige Funken +der Entzückung … + + * * * * * + +»Sagen Sie doch, Dmitri Nikolaitsch,« redete sie ihn einst an, als sie +vor ihrem Stickrahmen am Fenster saß, »Sie werden für den Winter wohl +nach Petersburg fahren?« + +»Ich weiß es nicht,« erwiderte Rudin, das Buch, in welchem er +herumblätterte, auf die Knie sinken lassend, »wenn ich die Mittel dazu +auftreibe, fahre ich hin.« + +Er sprach träge: er fühlte sich ermattet und war den ganzen Morgen über +müßig gewesen. + +»Wie sollten Sie die nicht finden?« + +Rudin schüttelte den Kopf. + +»Ihnen deucht es so!« + +Und er warf einen bedeutsamen Seitenblick auf sie. + +Natalia wollte etwas sagen, hielt jedoch inne. + +»Sehen Sie,« begann Rudin und wies mit der Hand nach dem Fenster, +»sehen Sie jenen Apfelbaum: er ist gebrochen unter der Last und Fülle +seiner Früchte. Ein treues Sinnbild des Genies …« + +»Er ist gebrochen, weil er keine Stütze gehabt hat,« erwiderte Natalia. + +»Ich verstehe Sie, Natalia Alexejewna; es ist aber für den Menschen +nicht so ganz leicht, sie zu finden, diese Stütze.« + +»Mir scheint, das Mitgefühl anderer … Einsamkeit aber muß jedenfalls …« + +Natalia verwirrte sich ein wenig und wurde rot. + +»Und was wollen Sie im Winter auf dem Lande anfangen?« setzte sie rasch +hinzu. + +»Was ich anfangen werde? Ich werde meine große Abhandlung beendigen +– Sie wissen – vom Tragischen im Leben und in der Kunst – ich setzte +Ihnen vorgestern den Plan auseinander – und werde Ihnen den Aufsatz +zustellen.« + +»Und werden ihn drucken lassen?« + +»Nein.« + +»Warum aber nicht? Für wen wollen Sie denn arbeiten?« + +»Nun, wenn es für Sie wäre?« + +Natalia senkte den Blick. + +»Das wäre für meinen Verstand zu hoch.« + +»Wovon handelt, wenn ich fragen darf, der Aufsatz?« fragte bescheiden +Bassistow, der in einiger Entfernung saß. + +»Vom Tragischen im Leben und in der Kunst,« wiederholte Rudin. +»Hier, Herr Bassistow wird ihn auch lesen. Übrigens bin ich, was den +Grundgedanken angeht, noch nicht mit mir im reinen. Ich habe mir +bis jetzt noch nicht hinreichend die tragische Bedeutung der Liebe +klargemacht.« + +Rudin ließ sich gern und häufig über Liebe aus. Beim Worte Liebe +war Mlle. Boncourt bisher immer zusammengefahren und hatte die +Ohren gespitzt wie ein alter Schlachtgaul, der die Trompeten hört; +nachher aber wurde sie es gewohnt und begnügte sich, die Lippen +zusammenzuziehen und in Zwischenräumen Tabak zu schnupfen. + +»Mich dünkt,« bemerkte Natalia schüchtern, »das Tragische in der Liebe +– das ist die unglückliche Liebe.« + +»Keineswegs!« erwiderte Rudin, »das ist eher die komische Seite in der +Liebe … Man muß diese Frage ganz anders stellen … tiefer hineingreifen +… Die Liebe!« fuhr er fort, »in ihr ist alles Geheimnis, wie sie kommt, +wie sie sich entwickelt, wie sie verschwindet. Bald zeigt sie sich +plötzlich, unzweideutig, freudig, wie der Tag; bald glimmt sie lange, +wie die Glut unter der Asche, und bricht als Flamme in der Seele aus, +wenn alles bereits zerstört ist; bald schleicht sie sich schlangenhaft +ins Herz hinein und unerwartet wieder hinaus … Ja, ja; das ist eine +bedeutsame Frage. Und wer liebt wohl zu jetziger Zeit? Wer erkühnt sich +zu lieben?« + +Rudin wurde nachdenkend. + +»Weshalb zeigt sich aber Sergei Pawlitsch schon so lange nicht mehr?« +fragte er plötzlich. + +Natalia wurde über und über rot und senkte den Kopf auf ihren +Stickrahmen. + +»Ich weiß es nicht,« antwortete sie leise. + +»Was für ein herrlicher, vortrefflicher Mensch,« sagte aufstehend +Rudin. »Das ist einer der besten Vertreter des jetzigen russischen +Adels …« + +Mlle. Boncourt betrachtete ihn von der Seite mit ihren kleinen, +französischen Augen. + +Rudin ging einige Male durchs Zimmer. + +»Haben Sie vielleicht die Bemerkung gemacht,« hub er an, sich rasch +auf den Absätzen umdrehend, »daß die Eiche – und die Eiche ist ein +starker Baum – ihr altes Laub erst dann abwirft, wenn das neue bereits +hervorzubrechen beginnt?« + +»Ja,« erwiderte langsam Natalia, »ich habe das beobachtet.« + +»Ganz dasselbe ist auch der Fall mit alter Liebe in einem starken +Herzen: sie ist bereits abgestorben, hält sich aber noch immer; und nur +eine andere, neue Liebe vermag sie zu verdrängen.« + +Natalia erwiderte nichts. + +»Was soll das bedeuten?« dachte sie. + +Rudin blieb eine Weile stehen, schüttelte die Haare und entfernte sich. + +Natalia ging auf ihr Zimmer. Lange blieb sie in Nachdenken versunken +auf ihrem Bettchen sitzen, lange dachte sie über die letzten Worte +Rudins nach, drückte plötzlich die Hände zusammen und brach in Tränen +aus. Worüber sie geweint hat – das weiß Gott allein! Sie selbst wußte +nicht, warum sie so plötzlich weinen mußte. Sie trocknete ihre Tränen, +doch von neuem flossen sie, gleich dem Wasser einer lange verhaltenen +Quelle. + + * * * * * + +An eben diesem Tage war Rudin der Gegenstand eines Gesprächs zwischen +Alexandra Pawlowna und Leschnew. Anfangs wollte letzterer sich durch +Schweigen abfinden; sie hatte es aber darauf angelegt, etwas aus ihm +herauszubringen. + +»Ich sehe,« sagte sie zu ihm, »Dmitri Nikolajewitsch gefällt Ihnen +nach wie vor nicht. Ich habe Sie absichtlich bis heute nicht befragt; +jetzt aber müssen Sie die Gewißheit gewonnen haben, ob in ihm eine +Veränderung vorgegangen ist, und ich wünsche zu erfahren, weshalb er +Ihnen nicht gefällt.« + +»Sehr wohl,« erwiderte Leschnew mit gewohntem Phlegma, »wenn Sie +wirklich so ungeduldig sind; doch, merken Sie sich’s, Sie müssen nicht +böse werden …« + +»Nun, fangen Sie an, fangen Sie an.« + +»Und lassen Sie mich ausreden, bis zu Ende.« + +»Gut, gut; fangen Sie an.« + +»So will ich Ihnen denn sagen,« begann Leschnew, sich langsam auf den +Diwan niederlassend, »mir gefällt Rudin in der Tat nicht. Er ist ein +kluger Mensch …« + +»Das ist nicht zu leugnen!« + +»Er ist ein auffallend kluger Mensch, wenn auch im Grunde gehaltlos …« + +»Das ist leicht gesagt!« + +»Obgleich im Grunde gehaltlos,« wiederholte Leschnew, »das tut aber +weiter nichts: wir sind alle gehaltlose Menschen. Ich rechne es ihm +sogar nicht als Schuld an, daß er herrschsüchtigen Geistes ist, träge, +nicht sehr kenntnisreich …« + +Alexandra Pawlowna schlug die Hände zusammen. + +»Rudin nicht sehr kenntnisreich!« rief sie aus. + +»Nicht sehr kenntnisreich,« wiederholte Leschnew ganz in demselben +Tone, »auch daß er es liebt, auf Kosten anderer zu leben, eine Rolle +spielen will und so weiter … das ist alles in der Ordnung. Schlecht ist +es aber, daß er kalt ist wie Eis.« + +»Er, diese feurige Seele, kalt!« unterbrach ihn Alexandra Pawlowna. + +»Ja, kalt wie Eis, und er weiß es und spielt den Feurigen. Schlecht ist +das,« fuhr Leschnew, allmählich sich belebend, fort, »denn es ist ein +gefährliches Spiel, das er spielt – gefährlich, nicht für ihn, versteht +sich, keinen Kopeken, kein Härchen setzt er auf die Karte – andere +dagegen setzen ihre Seele ein …« + +»Von wem, wovon reden Sie? Ich verstehe Sie nicht,« sagte Alexandra +Pawlowna. + +»Schlecht ist, daß er nicht ehrlich ist. Weil er ein Mann von Geist +ist, muß er den Wert seiner Worte kennen, – und doch läßt er sie von +seinen Lippen fallen, als ob sie ihm aus dem Herzen kämen … Nun ja, er +ist beredt; seine Beredsamkeit ist aber nicht die eines Russen. Und +dann – verzeiht man auch der Jugend Schönrednerei, in seinem Alter +ist es eine Schande, am Getön eigener Worte Gefallen zu finden, eine +Schande, sich derartig zur Schau zu stellen.« + +»Mich dünkt, Michael Michailitsch, für den Zuhörer ist es ganz gleich, +ob man sich zur Schau stellt oder nicht …« + +»Bitte um Vergebung, Alexandra Pawlowna, es ist nicht ganz gleich. Es +kann mir jemand ein Wort sagen und es dringt mir durch Mark und Bein, +ein anderer sagt mir genau dasselbe Wort und vielleicht noch schöner – +und es wird mir nicht einmal das Ohr kitzeln. Woher kommt das?« + +»Das heißt, _Ihr_ Ohr wird es nicht kitzeln,« unterbrach ihn Alexandra +Pawlowna. + +»Ja, mein Ohr,« erwiderte Leschnew, »obgleich ich vielleicht große +Ohren habe. Die Sache ist die, daß Rudins Worte eben nur Worte bleiben +und niemals zu Taten werden, dennoch aber können diese seine Worte +Verwirrungen erzeugen in einem jungen Herzen und dasselbe zugrunde +richten.« + +»Von wem, von wem reden Sie aber, Michael Michailitsch?« + +Leschnew zögerte. + +»Sie wünschen zu wissen, von wem ich rede? Von Natalia Alexejewna.« + +Alexandra Pawlowna wurde für einen Augenblick verwirrt, lächelte aber +gleich darauf. + +»Du lieber Gott!« begann sie, »was für sonderbare Einfälle Sie immer +haben! Natalia ist noch ein Kind; und dann, gesetzt es wäre auch etwas +daran, so werden Sie doch nicht glauben, daß Darja Michailowna …« + +»Darja Michailowna ist vor allem eine Egoistin und lebt nur für sich; +dann aber ist sie so sehr von ihrer Erfahrung in Erziehung der Kinder +überzeugt, daß es ihr nicht einmal einfällt, um ihre Tochter besorgt +zu sein. Bewahre! Wie könnte sie das! Ein Wink, ein majestätischer +Blick – und alles muß wie am Drahte gehen. Das ist’s, woran diese +Gnädige denkt, die sich eine Beschützerin der Künste und Wissenschaften +dünkt, sich für einen hohen Geist und Gott weiß was noch hält, in der +Tat aber weiter nichts ist als ein altes Weltdämchen. Natalia ist +kein Kind; glauben Sie mir, sie gibt sich häufigeren und tieferen +Betrachtungen hin als wir beide. Und da mußte solch ein ehrliches, +leidenschaftliches Gemüt auf diesen Schauspieler, diesen Gecken stoßen! +Übrigens ist auch dies in der Ordnung.« + +»Gecken! Sie nennen ihn einen Gecken?« + +»Natürlich ihn … Sagen Sie doch selbst, Alexandra Pawlowna, was für +eine Rolle spielt er bei Darja Michailowna? Den Götzen, das Orakel des +Hauses vorstellen, sich in die Wirtschaft, in häusliche Klatschereien +und Lappalien mischen – ist das wohl eines Mannes würdig?« + +Alexandra Pawlowna blickte Leschnew mit Erstaunen an. + +»Ich erkenne Sie nicht wieder, Michael Michailitsch,« sagte sie. »Das +Blut ist Ihnen ins Gesicht gestiegen, Sie sind in Aufregung. – Nein, +wahrhaftig, da steckt etwas anderes dahinter …« + +»Nun, da haben wir’s! Sagt man einer Frau die Wahrheit auf sein +Gewissen – sie wird sich nicht zufrieden geben, bevor sie nicht +irgendeinen nichtigen Nebengrund erdichtet, weshalb man gerade so und +nicht anders geredet hat.« + +Alexandra Pawlowna wurde böse. + +»Bravo, Monsieur Leschnew! Sie fangen an, die Frauen nicht besser +zu behandeln, als Herr Pigassow es tut; doch, mit Ihrer Erlaubnis, +wie scharfsichtig Sie auch sein mögen, wird es mir doch schwer, zu +glauben, daß Sie in so kurzer Zeit alle und alles durchdringen konnten. +Mir scheint, Sie sind im Irrtum. In Ihren Augen wäre Rudin eine Art +Tartüffe.« + +»Das ist’s eben, daß er nicht einmal ein Tartüffe ist. Tartüffe, der +wußte wenigstens, um was es ihm zu tun war; dieser aber, trotz seines +Verstandes …« + +Leschnew hielt inne. + +»Nun denn, dieser also? Reden Sie aus, Sie ungerechter, garstiger +Mensch!« + +Leschnew erhob sich. + +»Hören Sie, Alexandra Pawlowna,« begann er, »ungerecht sind Sie, nicht +ich. Sie zürnen mir wegen meines strengen Urteils über Rudin: ich +habe ein Recht, mich über ihn streng zu äußern! Vielleicht habe ich +dieses Recht nicht um billigen Preis erkauft. Ich kenne ihn gut: habe +lange mit ihm zusammen gelebt. Erinnern Sie sich, ich versprach Ihnen +gelegentlich, unser Leben in Moskau zu erzählen. Wie es scheint, muß +ich es wohl jetzt tun. Werden Sie aber die Geduld haben, mich bis zu +Ende anzuhören?« + +»Reden Sie, reden Sie!« + +»Wohlan denn!« + +Leschnew begann langsamen Schrittes durch das Zimmer zu gehen, von Zeit +zu Zeit blieb er stehen und senkte den Kopf nach vorn. + +»Vielleicht ist es Ihnen bekannt,« hub er an, »vielleicht auch nicht, +daß ich früh als Waise zurückblieb und bereits im siebzehnten Jahre +keine andere Autorität über mich kannte als die eigene. Ich lebte im +Hause meiner Tante in Moskau und tat, was ich wollte. Ich war ein +ziemlich hohler und selbstsüchtiger Bursche und liebte mich zu brüsten +und großzutun. Als ich die Universität bezogen hatte, war mein Betragen +das eines Schuljungen und verwickelte mich bald in eine höchst fatale +Geschichte. Ich will sie Ihnen nicht erzählen: es lohnt nicht. Ich +hatte mir eine Lüge zuschulden kommen lassen, eine ziemlich garstige +Lüge … Die Sache kam heraus, ich ward überführt, beschämt … ich war +verwirrt und weinte wie ein Kind. Das ereignete sich in der Wohnung +eines Bekannten, in Gegenwart unserer Gefährten. Alle machten sich +lustig über mich, alle, einen Studenten ausgenommen, der, bitte zu +beachten, mehr als die übrigen unwillig über mich gewesen war, solange +ich verstockt blieb und meine Lüge nicht eingestanden hatte. Tat ich +ihm vielleicht leid – genug, er nahm mich unter den Arm und führte mich +zu sich.« + +»Das war Rudin?« fragte Alexandra Pawlowna. + +»Nein, es war nicht Rudin … das war ein Mensch … er ist jetzt schon +tot … das war ein ungewöhnlicher Mensch. Er hieß Pokorski. Ihn mit +wenigen Worten zu schildern, bin ich nicht imstande, kommt sein Name +mir auf die Lippen, dann vergeht mir die Lust, von jedem anderen zu +sprechen. Das war eine erhabene reine Seele und ein Geist, wie er mir +nachher nicht wieder vorgekommen ist. Pokorski bewohnte ein kleines, +niedriges Stübchen im Halbgeschosse eines alten, hölzernen Häuschens. +Er war sehr arm und schlug sich, so gut es ging, mit Unterrichtgeben +durch. Es kamen Zeiten, wo er nicht einmal mit einer Tasse Tee seinen +Gast zu bewirten imstande war, und sein einziger Diwan war dermaßen +eingesessen, daß er einem Boote nicht unähnlich sah. Dennoch, trotz des +Mangels an Bequemlichkeiten, besuchten ihn viele. Es hatten ihn alle +lieb und er zog die Herzen an. Sie können sich nicht vorstellen, wie +angenehm und heiter es sich in seinem ärmlichen Stübchen saß! Bei ihm +wurde ich mit Rudin bekannt. Er hatte sich damals bereits von seinem +Fürstensöhnchen getrennt.« + +»Was hatte denn jener Pokorski Besonderes an sich?« fragte Alexandra +Pawlowna. + +»Wie soll ich Ihnen das erklären? Poesie und Wahrheit – das zog alle +zu ihm hin. Bei seinem hellen, weiten Geiste war er liebenswürdig und +unterhaltend, wie ein Kind. Noch jetzt tönt sein frohes Lachen in +meinen Ohren nach, und dabei + + ›Glühte er still und unauslöschlich für das Gute + Wie vor dem Heiligenbild die nächtliche Lampe …‹ + +wie sich über ihn ein halbverrückter, überaus liebenswürdiger Poet +unseres Kreises ausgedrückt hat.« + +»Und wie sprach er?« fragte wieder Alexandra Pawlowna. + +»Er sprach gut, wenn er aufgelegt war, doch nicht auffallend. Rudin +war schon damals zwanzigmal beredter als er.« + +Leschnew hielt inne und kreuzte die Arme übereinander. + +»Pokorski und Rudin glichen einander nicht. An Rudin war gleich +mehr Glanz und Effekt, mehr Phrase, und – wenn Sie wollen – mehr +Begeisterung. Er schien viel mehr Talent zu besitzen als Pokorski, +in der Tat aber war er, im Vergleich zu ihm, ein armer Wicht. Rudin +entwickelte ganz vorzüglich jeden beliebigen Gedanken und disputierte +meisterhaft; die Gedanken entsprangen aber nicht aus seinem Kopfe: er +stahl sie anderen, vorzüglich Pokorski. Dieser war äußerlich ruhig und +sanft, fast schwach – liebte die Frauen bis zur Narrheit, zechte gern +und würde von niemandem eine Beleidigung ertragen haben. Rudin schien +voll Feuer, Kühnheit, Leben, war jedoch im Innern der Seele kalt und +beinahe ein Poltron, solange seine Selbstliebe nicht angefochten wurde: +dann aber konnte er aus der Haut fahren. Er suchte beständig, andere +zu beherrschen, tat es aber immer im Namen allgemeiner Prinzipien und +Ideen und gewann dadurch wirklich großen Einfluß auf viele. Es ist +wahr, niemand liebte ihn; ich war vielleicht der einzige, der sich an +ihn geschlossen hatte. Sein Joch wurde ertragen … Pokorski unterwarfen +sich alle von selbst. Rudin vermied aber auch niemals, sich mit dem +ersten besten in Unterhaltung oder Wortstreit einzulassen … Er hatte +nicht viel gelesen, jedenfalls aber bedeutend mehr als Pokorski und +wir alle, überdies besaß er einen systematischen Verstand und ein +ungeheures Gedächtnis, dies alles aber verfehlt niemals seine Wirkung +auf die Jugend! Ein Resultat muß sie haben, Abschlüsse, wenn auch +falsche, aber es müssen Abschlüsse sein! Ein durchweg ehrenhafter +Mensch taugt dazu nichts. Versuchen Sie es, der Jugend zu gestehen, daß +Sie ihr reine Wahrheit nicht reichen können, weil Sie selbst solche +nicht besitzen … die Jugend wird Sie nicht anhören wollen. Sie geradezu +hinter das Licht führen können Sie aber auch nicht. Es ist durchaus +notwendig, daß Sie selbst, wenn auch nur zur Hälfte, glauben, Sie seien +im Besitze der Wahrheit … Darum war denn auch die Wirkung, die Rudin +auf unsereinen ausübte, so mächtig. Nun sehen Sie, ich sagte Ihnen +soeben, daß er nicht viel gelesen hatte; es waren aber philosophische +Bücher, die er las, und sein Kopf war so eingerichtet, daß er aus dem, +was er gelesen hatte, sogleich das Allgemeine herausnahm, sich an die +Wurzel der Sache klammerte und dann erst von derselben aus, nach allen +Seiten hin, klare und gerade Gedankenfäden zog, geistige Fernsichten +eröffnete. Unseren damaligen Kreis bildeten, offen gestanden, Knaben +– und nur oberflächlich gebildete Knaben. Philosophie, Kunst, +Wissenschaft, das Leben selbst – alles das waren für uns nur Worte, +vielleicht auch Begriffe, anziehende, herrliche, aber zerstreute, +vereinzelte Begriffe. Von einem allgemeinen Zusammenhange dieser +Vorstellungen, von einem allgemeinen Weltgesetze hatten wir keine +Ahnung, nichts davon stand vor unseren Blicken, obgleich wir unbestimmt +disputierten und uns abmühten, uns Licht darüber zu verschaffen. Hörten +wir Rudin sprechen, so glaubten wir zum ersten Male, ihn endlich erfaßt +zu haben, diesen allgemeinen Zusammenhang, wir wähnten, der Vorhang +sei endlich vor uns aufgehoben! Gesetzt auch, er habe nicht Eigenes +vorgetragen – was tat es! Eine regelmäßige Ordnung war in unserem +ganzen Wissen eingetreten, alles Verworrene hatte sich gesammelt, +geschichtet und war vor uns aufgewachsen, wie ein Bau, überall war +Licht und wehte Lebensgeist … Nichts blieb unverständlich, zufällig: +aus allem sprach vernünftige Notwendigkeit und Schönheit, alles bekam +eine klare und zugleich geheimnisvolle Bedeutung, jede vereinzelte +Erscheinung im Leben tönte wie ein Akkord, und wir selbst, von einer +heiligen Scheu, einem sanften Herzensschauer erfüllt, dünkten uns +belebte Gefäße jener ewigen Wahrheit, ihre Werkzeuge, zu etwas Großem +berufen … Kommt Ihnen das nicht lächerlich vor?« + +»Nicht im mindesten!« erwiderte Alexandra Pawlowna gedehnt. »Warum +glauben Sie das? Ich verstehe Sie nicht ganz, finde es aber nicht +lächerlich.« + +»Seit der Zeit sind wir freilich klüger geworden,« fuhr Leschnew +fort, »das muß uns alles jetzt wie Kinderei vorkommen … Doch, ich +wiederhole es, wir hatten damals Rudin viel zu verdanken. Pokorski +stand unvergleichlich höher als er, dagegen ist nichts zu sagen; +Pokorski flößte uns allen Feuer und Kraft ein, er fühlte sich indessen +zu gewissen Zeiten schlaff und wurde schweigsam. Er war ein nervöser, +krankhafter Mensch; wenn er aber seine Flügel entfaltete – Gott! Wohin +nahm er dann seinen Flug! Gerade in das tiefste Blau des Himmels +hinein! In Rudin hingegen, diesem schönen und stattlichen Jungen, gab +es viel Kleinliches; er machte sogar Klatschereien; seine Leidenschaft +war es, sich in alles zu mischen, über alles sein Wort abzugeben, alles +zu erklären. Seine rührige Tätigkeit gönnte sich niemals Ruhe … ein +politischer Geist das! Ich rede von ihm, wie ich ihn damals gekannt +habe. Er hat sich übrigens leider nicht verändert. Und auch in seinen +Überzeugungen ist keine Veränderung eingetreten … bei fünfunddreißig +Jahren! … Das kann nicht jeder von sich sagen.« + +»Setzen Sie sich,« sagte Alexandra Pawlowna zu ihm, »Sie brauchen ja +nicht wie ein Perpendikel das Zimmer zu durchlaufen!« + +»Mir ist’s so bequemer,« erwiderte Leschnew. »Kaum war ich in den Kreis +Pokorskis hineingeraten, so war ich wie umgewandelt: ich demütigte +mich, fragte, lernte, freute mich, empfand eine Art von Ehrfurcht, +wie wenn ich in einen Tempel getreten wäre. Und in der Tat, wenn +ich an unsere Zusammenkünfte zurückdenke, ja, bei Gott, es war viel +Gutes, ja Rührendes in ihnen. Stellen Sie sich eine Gesellschaft von +fünf, sechs jungen Burschen vor, ein einziges Talglicht brennt, es +wird ein abscheulicher Tee getrunken mit altem, ganz altem Zwieback +dazu; zugleich aber betrachten Sie unsere Gesichter und hören unsere +Reden! In den Blicken eines jeden – Entzücken, es glühen die Wangen, +das Herz klopft, wir reden von Gott, von Wahrheit, von der Zukunft +der Menschen, von Poesie, – zuweilen auch Unsinn, lassen uns von +einem Nichts hinreißen; was tut das aber! … Pokorski sitzt da, mit +untergeschlagenen Beinen, seine Hand stützt die bleiche Wange: seine +Augen leuchten. Rudin steht mitten im Zimmer und redet, redet schön, +das treue Abbild eines jugendlichen Demosthenes vor dem brausenden +Meere; Ssubotin, der Poet mit verwühltem Haar, stößt von Zeit zu Zeit +und wie im Traume abgebrochene Sätze aus; ein vierzigjähriger Bursche, +Sohn eines deutschen Pastors, Scheller genannt, der wegen seines +beständigen, unverbrüchlichen Schweigens unter uns sich den Ruf eines +überaus tiefen Denkers erworben hatte, schweigt auf ganz besonders +feierliche Weise – und der heitere Stschitow selbst, der Aristophanes +unseres Kreises, wird stille und lächelt bloß; zwei drei Neulinge +horchen mit begeistertem Entzücken auf … Und die Nacht zieht unbemerkt +in stillem Fluge wie auf Fittichen vorüber. Da graut schon der Morgen, +und gerührt, heiter, ehrsam, nüchtern – an Wein dachte man damals bei +uns nicht – und mit einer gewissen, der Seele wohltuenden Müdigkeit +gehen wir auseinander … Noch jetzt denke ich daran, wie ich, ganz in +Rührung zerflossen, die menschenleeren Gassen durchstreifte und sogar +den Sternen zutrauliche Blicke zuwarf, als wären sie mir näher gerückt +und verständlicher geworden … Oh! Die herrliche Zeit damals, und ich +kann nicht glauben, daß sie nutzlos verlorengegangen ist! Und sie ist +es auch nicht – sie ist nicht verloren, selbst für diejenigen nicht, +welche nachmals in der Alltäglichkeit des Lebens untergingen … Wie +oft sind mir dergleichen Leute, einstige Kommilitonen, vorgekommen! +Man hätte glauben können, ganz vertiert wäre der Mensch, – und es +bedürfte nur des Namens Pokorski –, so wurde sogleich alles Gute, das +in ihm übriggeblieben war, rege, wie wenn man in einem schmutzigen und +finsteren Gemache ein liegengebliebenes Fläschchen voll Wohlgeruch +öffnet …« + +Leschnew schwieg; sein bleiches Gesicht hatte sich gerötet. + +»Weshalb aber, wann – haben Sie sich mit Rudin entzweit?« fragte +Alexandra Pawlowna mit verwundertem Blick. + +»Ich habe mich nicht mit ihm entzweit; ich trennte mich von ihm, als +ich ihn im Auslande genau kennengelernt hatte. Aber schon in Moskau +hätten wir uns entzweien können. Schon damals spielte er mir einen +bösen Streich.« + +»Was war denn das?« + +»Das will ich Ihnen sagen. Ich war … wie soll ich mich ausdrücken? Zu +meiner Figur paßt das nicht … ich war von jeher sehr geneigt, mich zu +verlieben.« + +»Sie?« + +»Ja, ich! Das ist sonderbar, nicht wahr? Dem ist aber doch so … Nun, +ich verliebte mich also damals in ein sehr liebliches Mädchen … Warum +sehen Sie mich denn so an? Ich könnte Ihnen von mir eine bei weitem +wunderbarere Geschichte erzählen.« + +»Was für eine Geschichte? Wenn ich fragen darf? Sie machen mich +neugierig.« + +»Einfach folgende: Zu jener Zeit in Moskau pflegte ich bei Nacht +mich zu einem Rendezvous einzustellen … mit wem meinen Sie wohl? Mit +einer jungen Linde am Ende eines Gartens. Ich hielt ihren dünnen und +schlanken Stamm umfangen, und es deuchte mir, ich umfasse die ganze +Natur, und das Herz wurde mir weit und verging in Liebe, als ob +wirklich die ganze Natur sich in dasselbe ergossen hätte … Ja, so war +ich! … Doch was! Sie glauben vielleicht auch, ich hätte damals keine +Verse gemacht? Ich habe es dennoch getan, ja sogar eine Nachbildung des +›Manfred‹ von Byron! Unter den handelnden Personen kam ein Gespenst +vor, mit Blut auf der Brust, und, wohl verstanden, nicht sein eigenes +Blut, sondern das Blut der Menschheit überhaupt … Ja, ja, also wundern +Sie sich nicht … Doch, ich fing an, von meiner Liebe zu erzählen. Ich +machte also die Bekanntschaft eines jungen Mädchens …« + +»Und hörten auf, zu der Linde zu gehen?« fragte Alexandra Pawlowna. + +»Hörte auf hinzugehen. Jenes junge Mädchen war ein herzensgutes, +allerliebstes Geschöpfchen mit lebhaften, klaren Augen und +hellklingender Stimme.« + +»Sie schildern sehr gut,« bemerkte mit einem feinen Lächeln Alexandra +Pawlowna. + +»Sie aber sind eine strenge Richterin,« erwiderte Leschnew. »Nun, +dieses Mädchen wohnte bei ihrem greisen Vater … Doch ich will mich +nicht in Details einlassen. Ich muß Ihnen aber wiederholen, daß dieses +junge Mädchen wirklich herzensgut war – goß sie mir doch immer beim Tee +das Glas bis zum Rande voll, wenn ich auch nur um ein halbes gebeten +hatte! … Drei Tage nach unserem ersten Zusammentreffen war ich schon +in Liebe zu ihr entbrannt, am siebenten Tage hielt ich es nicht mehr +aus und teilte Rudin alles mit. Junge Leute, wenn sie verliebt sind, +können es nicht für sich behalten; ich beichtete also Rudin alles. Ich +stand damals ganz unter seinem Einflusse, und dieser Einfluß, ich muß +es unverhohlen bekennen, war in vieler Hinsicht wohltuend. Er war der +erste, der mich nicht geringachtete, er gab mir den nötigen Schliff. +Pokorski liebte ich leidenschaftlich, aber ich empfand eine gewisse +Scheu vor seiner reinen Seele, Rudin stand mir näher. Als er von meiner +Liebe hörte, geriet er in unbeschreibliches Entzücken, gratulierte +mir, umarmte mich und begann sogleich mich belehren, mir die große +Wichtigkeit meiner neuen Lage auseinanderzusetzen. Ich war ganz Ohr +… Nun, Sie wissen ja, wie er zu reden versteht. Seine Worte machten +auf mich einen außerordentlichen Eindruck. Ich bekam auf einmal eine +merkwürdige Achtung vor mir selbst, nahm eine ernsthafte Miene an und +lachte nicht mehr. Ich weiß es noch, ich fing sogar an, vorsichtiger +aufzutreten, als trüge ich in der Brust ein Gefäß, mit kostbarer +Flüssigkeit angefüllt, die ich zu verschütten befürchtete … Ich fühlte +mich so hoch beglückt, um so mehr, da mir unverkennbare Beweise von +Wohlwollen zuteil wurden. Rudin äußerte den Wunsch, die Bekanntschaft +des Gegenstandes meiner Liebe zu machen, und vielleicht war ich es +selbst, der darauf bestand, daß er ihm vorgestellt werde.« + +»Nun, ich sehe, sehe jetzt, wo dies hinausläuft,« unterbrach ihn +Alexandra Pawlowna. »Rudin hat Ihnen Ihren Gegenstand abgejagt, und Sie +können es ihm bis jetzt nicht verzeihen … Ich wollte wetten, ich habe +es getroffen!« + +»Und Sie würden Ihre Wette verlieren, Alexandra Pawlowna: Sie sind im +Irrtum. Rudin hat mir meinen Gegenstand nicht abgejagt und wollte ihn +mir auch nicht abjagen; er hat aber dennoch mein Glück zertrümmert, +obgleich ich ihm jetzt, wenn ich es mit kaltem Blute betrachte, Dank +dafür wissen möchte. Damals aber verlor ich beinahe den Verstand. Rudin +wollte mir keineswegs schaden – im Gegenteil! Doch, getreu seiner +unglückseligen Gewohnheit: jede Regung des Lebens, des eigenen sowohl +wie des anderen, an ein Wort zu spießen, wie den Schmetterling an die +Nadel, begann er uns über uns selbst aufzuklären, unser Verhältnis, +unser gegenseitiges Benehmen zu analysieren, er zwang uns despotisch, +ihm Rechenschaft abzulegen von unseren Gedanken, erteilte uns Lob und +Tadel, ja – wollen Sie es glauben – er ließ sich mit uns sogar in +einen Briefwechsel ein! … Kurz, wir wurden durch ihn ganz und gar irre +aneinander! Ich würde wohl damals schwerlich meine Schöne geheiratet +haben, soviel gesunder Verstand war mir noch geblieben, wir hätten aber +immerhin, gleich Paul und Virginie, einige glückliche Monate verbringen +können; so aber kam es zu Mißverständnissen und Spannungen aller Art – +mit einem Worte, es wurde ein völliger Wirrwarr daraus. Das Ende vom +Liede war, daß Rudin eines schönen Morgens aus seinen eigenen Reden die +Überzeugung herausschälte: es läge ihm, als dem Freunde, die heilige +Verpflichtung ob, den greisen Vater von allem in Kenntnis zu setzen, +und das hat er auch getan.« + +»Wäre es möglich?« rief Alexandra Pawlowna aus. + +»Ja, doch nicht zu vergessen, mit meiner Einwilligung – das ist das +Wunderbare! Ich erinnere mich jetzt noch, welch ein Chaos ich damals +im Kopf mit mir umherschleppte: es drehte sich und verrückte sich in +demselben alles, wie in einer Camera obscura: was weiß gewesen, zeigte +sich schwarz, Schwarzes – weiß, Lüge schien Wahrheit, Einbildung – +Pflicht geworden zu sein … Oh! Noch jetzt fühle ich mich beschämt, wenn +ich daran denke! Rudin, – der verlor den Mut nicht … warum sollte er +es auch! Er flog nur so hinweg über Mißverständnisse und Verwicklungen +aller Art, wie die Schwalbe über den Teich.« + +»Und so schieden Sie denn von Ihrem Mädchen?« fragte Alexandra +Pawlowna, das Köpfchen naiv auf die Seite neigend und die Augenbrauen +heraufziehend. + +»Ich schied von ihr … und es war ein schlechtes, ein beleidigendes, +ungeschicktes, unnützerweise offenkundiges Scheiden … Ich weinte, sie +weinte und der Teufel weiß, was daraus wurde … Es hatte sich da ein +gordischer Knoten zusammengezogen – er mußte durchhauen werden, das tat +wehe! Übrigens fügt sich alles auf der Welt zum besten. Sie hat einen +braven Mann geheiratet und lebt jetzt glücklich …« + +»Gestehen Sie es, Sie haben Rudin doch nicht vergeben können …« warf +Alexandra Pawlowna ein. + +»Sie irren sich!« erwiderte Leschnew, »geweint habe ich wie ein Kind, +als ich bei seiner Abreise ins Ausland Abschied von ihm nahm. Die +Wahrheit zu sagen, ist mir aber doch, schon damals, ein Stachel in +der Seele steckengeblieben. Und als ich später im Auslande mit ihm +zusammentraf … je nun, da war ich auch schon älter geworden … Rudin +erschien mir in seinem wahren Lichte.« + +»Was war es denn, was Sie an ihm entdeckt hatten?« + +»Nun, alles, wovon ich Ihnen vor einer Stunde erzählte. Doch genug von +ihm. Vielleicht endet noch alles gut. Ich wollte Ihnen nur beweisen, +daß, wenn ich über ihn ein strenges Urteil fälle, ich es nicht tue, +weil ich ihn etwa nicht kenne … Was indessen Natalia Alexejewna +betrifft, so will ich nicht unnütze Worte verlieren; Sie aber mögen auf +Ihren Bruder achtgeben.« + +»Auf meinen Bruder! Was ist denn mit ihm?« + +»Sehen Sie ihn doch nur an. Bemerken Sie denn nichts?« + +Alexandra Pawlowna senkte den Kopf. + +»Sie haben recht,« sagte sie, »mein Bruder … seit einiger Zeit erkenne +ich ihn nicht wieder … Glauben Sie aber wirklich …« + +»Still! Er kommt, deucht mir,« flüsterte Leschnew. »Natalia ist gewiß +kein Kind mehr, glauben Sie mir’s, obschon sie unerfahren ist wie ein +solches. Sie werden sehen, dieses kleine Mädchen wird uns noch alle in +Erstaunen setzen.« + +»Wodurch meinen Sie?« + +»So meine ich: solche kleine Mädchen pflegen sich ins Wasser zu +stürzen, Gift zu nehmen und dergleichen mehr. Beurteilen Sie sie nicht +nach ihrem ruhigen Aussehen, sie besitzt heftige Leidenschaften und +auch Charakter, verlassen Sie sich darauf!« + +»Nun, mir scheint, Sie versteigen sich in das Reich der Dichtung. Einem +solchen Phlegmatiker wie Ihnen könnte auch ich noch als ein Vulkan +erscheinen.« + +»O nein!« äußerte Leschnew lächelnd … »Was Charakter anbetrifft – davon +besitzen Sie, Gott sei Dank, nichts.« + +»Was ist das wieder für ein unartiger Ausfall!« + +»Wie? Ich bitte Sie, das ist ja das allergrößte Kompliment …« + +Wolinzow trat herein und warf einen mißtrauischen Blick auf Leschnew +und seine Schwester. Er hatte in der letzten Zeit etwas abgenommen. +Beide redeten ihn an; er würdigte aber ihre Scherze kaum eines Lächelns +und hatte, wie sich einst Pigassow über ihn äußerte, die Miene eines +»melancholischen Hasen«. Es hat aber wohl kaum jemals einen Menschen +gegeben, der nicht, wenn auch nur einmal in seinem Leben, eine noch +schlechtere Miene gezeigt hätte. Wolinzow fühlte, daß Natalia sich von +ihm abwandte, mit ihr aber, so deuchte es ihm, schwand auch der Boden +unter seinen Füßen. + + + + +VII + + +Der folgende Tag war ein Sonntag, und Natalia verließ spät ihr Lager. +Tags zuvor war sie bis zum Abend sehr schweigsam gewesen, hatte sich +insgeheim ihrer Tränen geschämt und schlecht geruht. Halb angekleidet +vor dem kleinen Klavier sitzend, hatte sie, um Mlle. Boncourt nicht +zu wecken, kaum hörbare Akkorde gegriffen, oder war, die Stirn an die +kalten Tasten gedrückt, lange regungslos sitzengeblieben. Sie hatte +fortwährend, nicht sowohl an Rudin selbst, als vielmehr an dieses +oder jenes seiner Worte gedacht und sich gänzlich ihren Eindrücken +hingegeben. + +Von Zeit zu Zeit tauchte Wolinzow in ihrer Erinnerung auf. Sie wußte, +daß er sie liebe, doch sie verwarf den Gedanken an ihn sogleich +wieder … Sie empfand eine eigentümliche Aufregung. Als der Morgen +gekommen war, kleidete sie sich rasch an, ging hinunter, und nachdem +sie ihrer Mutter einen guten Tag gewünscht hatte, benutzte sie einen +günstigen Augenblick, um sich allein in den Garten zu begeben. Es +war ein heißer, heller, sonniger Tag, wenn auch von Zeit zu Zeit von +kurzem Regen unterbrochen. Niedrige wollige Wolkenknäuel zogen ruhig +am reinen Himmel, ohne die Sonne zu verdecken, dahin und sandten den +Feldern in Zwischenräumen heftige und plötzliche Regengüsse. Große, +glänzende Tropfen fielen gleich Brillanten mit abgerissenem, trocknem +Geräusch; die Sonnenstrahlen spielten mitten durch den Regen; das Gras, +noch vor kurzem vom Winde bewegt, rührte sich nicht: es sog gierig +die Feuchtigkeit auf; das benetzte Laub zitterte an den Bäumen; die +Vögel hatten ihren Gesang nicht unterbrochen und es war eine Lust, +dem munteren Gezwitscher derselben beim kühlen Rauschen und Murmeln +des vorüberziehenden Regens zu lauschen. Kleine Staubwirbel zogen wie +Rauch auf der Landstraße dahin, die von den heftig aufschlagenden +Regentropfen wie gefleckt erschienen. Doch da ist das Wölkchen vorüber, +ein leichter Wind hat sich erhoben, in Smaragden und Gold spielt das +Gras … Blatt hat sich an Blatt gelegt, wie angeklebt, und lichter ist +es in dem Laube geworden … Starker Duft steigt überall empor … + +Der Himmel hatte sich fast ganz aufgeklärt, als Natalia sich in +den Garten begab. Frische und Stille umfingen sie, jene sanfte und +beglückende Stille, welche im menschlichen Herzen sehnsuchtsvolles +Mitgefühl und unbestimmtes, heimliches Verlangen hervorruft … + +Natalia wandelte den Teich entlang, in der langen Allee von +Silberpappeln, als plötzlich vor ihr, wie aus dem Boden +emporgeschossen, Rudin erschien. + +Sie wurde verwirrt. Er blickte ihr ins Gesicht. + +»Sie sind allein?« fragte er. + +»Ja, ich bin allein,« antwortete Natalia, »ich habe übrigens nur für +eine Minute das Freie gesucht … Ich muß sogleich zurück.« + +»Ich werde Sie begleiten.« + +Und er ging an ihrer Seite hin. + +»Sie scheinen betrübt?« sagte er nach kurzem Schweigen. + +»Ich? … Und eben wollte ich Ihnen dieselbe Frage vorlegen! Sie sind, +wie mir deucht, nicht aufgelegt.« + +»Vielleicht … ich bin es zuweilen. Mir kann man das leichter verzeihen +als Ihnen.« + +»Weshalb das? Glauben Sie etwa, ich hätte keine Ursache, betrübt zu +sein?« + +»In Ihren Jahren muß man das Leben genießen.« + +Einige Schritte ging Natalia schweigend weiter. + +»Dmitri Nikolaitsch!« begann sie. + +»Was wünschen Sie?« + +»Erinnern Sie sich … des Gleichnisses, das Sie gestern gebrauchten … es +war … von der Eiche.« + +»Gewiß! Ich erinnere mich. Aber warum diese Frage?« + +Natalia warf verstohlen einen Blick auf Rudin. + +»Warum … was wollten Sie mit dem Gleichnisse sagen?« + +Rudin senkte den Kopf und ließ den Blick in die Weite schweifen. + +»Natalia Alexejewna!« fing er mit dem ihm eigenen, zurückhaltenden und +bedeutungsvollen Ausdruck an, der seine Zuhörer stets glauben machte, +er äußere kaum den zehnten Teil von dem, was ihm die Brust schwellte. +»Natalia Alexejewna! Sie haben bemerken müssen, daß ich von meiner +Vergangenheit wenig rede. Es gibt darin gewisse Saiten, die ich gar +nicht berühre. Mein Herz … wer braucht überhaupt zu wissen, was in +demselben vorgegangen ist? Solche Dinge zu offenbaren, habe ich stets +für einen Frevel gehalten. Ihnen gegenüber jedoch bin ich aufrichtig: +Sie erwecken mein Zutraun … Ich darf Ihnen kein Geheimnis daraus +machen, daß auch ich geliebt und gelitten habe, wie alle … Wann und +wie? davon lohnt sich’s nicht zu sprechen; genug, mein Herz hat der +Freuden und Leiden viel erfahren …« + +Rudin hielt einen Augenblick inne. + +»Das, was ich Ihnen gestern sagte,« fuhr er fort, »ließ sich in +gewisser Hinsicht auf mich anwenden, auf meine jetzige Lage. Doch +wahrlich, es lohnt nicht, davon zu reden. Diese Seite des Lebens ist +für mich bereits dahin. Mir bleibt jetzt nur, mich auf staubiger und +heißer Landstraße in elendem Wagen von Station zu Station fortrütteln +zu lassen … Wann ich mein Ziel erreichen – ob ich es überhaupt +erreichen werde – das weiß Gott … Lassen Sie uns lieber von Ihnen +sprechen.« + +»Wäre es möglich, Dmitri Nikolaitsch,« unterbrach ihn Natalia, »Sie +erwarten nichts mehr vom Leben?« + +»O nein! Ich erwarte vieles; doch nicht für mich … Der Tätigkeit, der +Freude am Handeln werde ich niemals entsagen; ich habe aber dem Genusse +entsagt. Mein Hoffen, mein Träumen und mein persönliches Glück haben +nichts miteinander gemein. Die Liebe (bei diesem Worte zuckte er die +Achseln) … die Liebe: – ist nicht für mich; ich bin … ihrer nicht wert; +ein Weib, welches liebt, hat das Recht des Anspruchs auf den ganzen +Mann, ganz aber kann ich mich nicht hingeben. Und dann – Gefallen ist +das Ziel und das Recht der Jugend: ich bin zu alt dazu. Wie sollte +ich noch fremde Köpfe verdrehen? Gott helfe mir, den meinen auf den +Schultern zu behalten!« + +»Ich verstehe,« äußerte Natalia, »wer einem hohen Ziele entgegenstrebt, +darf nicht mehr an sich denken; warum aber wäre das Weib nicht +imstande, einen solchen Menschen zu würdigen? Mich dünkt im Gegenteil, +es würde sich eher von einem Egoisten abwenden … Alle jungen Leute, +jene Jünglinge, wie Sie sagen, sind insgesamt – Egoisten, nur mit sich +selbst beschäftigt, selbst wenn sie lieben. Glauben Sie mir, das Weib +ist nicht bloß imstande, Aufopferung zu begreifen, sie versteht es +auch, sich selbst zum Opfer zu bringen.« + +Natalias Wangen hatten sich leicht gerötet und ihre Augen glänzten. Vor +ihrer Bekanntschaft mit Rudin würde man nie aus ihrem Munde eine so +lange und feurige Rede vernommen haben. + +»Sie haben schon mehrmals meine Meinung von dem Berufe der Frauen +gehört,« erwiderte Rudin mit herablassendem Lächeln, »Sie wissen, daß, +meiner Ansicht nach, Johanna d’Arc allein Frankreich retten konnte … +doch, nicht davon ist die Rede. Ich wollte von Ihnen sprechen. Sie +stehen an der Schwelle des Lebens … Von Ihrer Zukunft zu sprechen, +macht Vergnügen und ist nicht ohne Nutzen … Hören Sie mich: Sie +wissen, ich bin Ihr Freund; ich nehme teil an Ihnen, wie etwa an +einer Verwandten … darum, hoffe ich, werden Sie meine Frage nicht +unbescheiden finden: sagen Sie mir, ist Ihr Herz bis jetzt ganz ruhig +gewesen?« + +Natalia wurde feuerrot und antwortete nichts. Rudin blieb stehen und +sie tat dasselbe. + +»Sind Sie mir böse?« fragte er. + +»Nein,« sagte sie, »ich hatte aber durchaus nicht erwartet …« + +»Übrigens«, fuhr er fort, »brauchen Sie mir nicht zu antworten. Ihr +Geheimnis ist mir bekannt.« + +Fast erschrocken blickte Natalia ihn an. + +»Ja … ja; ich weiß, wer Ihnen gefällt. Und ich muß Ihnen sagen – eine +bessere Wahl konnten Sie nicht treffen. Er ist ein vortrefflicher +Mensch; er wird Sie zu schätzen verstehen; das Leben hat ihn noch nicht +abgenutzt – seine Seele ist einfach und klar … er wird Sie glücklich +machen.« + +»Von wem sprechen Sie, Dmitri Nikolajewitsch?« + +»Sie sollten nicht verstehen, von wem ich spreche? Natürlich von +Wolinzow. Wie? Sollte ich mich geirrt haben?« + +Natalia wandte sich etwas von Rudin ab. Sie war ganz außer Fassung. + +»Liebt er Sie denn nicht? Gehen Sie doch! Er hat nur Augen für Sie +und folgt jeder Ihrer Bewegungen; läßt sich denn überhaupt die Liebe +verheimlichen? Und sind Sie ihm denn nicht selbst gut? Soviel ich +bemerken konnte, gefällt er auch Ihrer Mama … Ihre Wahl …« + +»Dmitri Nikolaitsch!« unterbrach ihn Natalia, in ihrer Verwirrung die +Hand nach einem nahestehenden Strauche ausstreckend, »wirklich, es ist +mir peinlich, über diesen Gegenstand zu sprechen; ich versichere Ihnen +aber, Sie irren sich.« + +»Ich mich irren?« wiederholte Rudin. »Ich glaube es nicht … Ich habe +zwar erst vor kurzem Ihre Bekanntschaft gemacht; kenne Sie aber bereits +gut. Was bedeutet denn die Veränderung, die ich an Ihnen wahrnehme, +deutlich wahrnehme! Sind Sie denn jetzt dieselbe, wie ich Sie vor +sechs Wochen gefunden habe? Nein, Natalia Alexejewna, Ihr Herz ist +nicht ruhig.« + +»Kann sein,« erwiderte kaum hörbar Natalia, »Sie sind aber dennoch im +Irrtum.« + +»Inwiefern?« fragte Rudin. + +»Lassen Sie mich, fragen Sie mich nicht!« sagte Natalia und eilte +raschen Schrittes dem Hause zu. + +Ihr selbst wurde Angst vor dem, was so plötzlich in ihr vorgegangen war. + +Rudin eilte ihr nach und hielt sie auf. + +»Natalia Alexejewna!« redete er sie an, »diese Unterredung darf kein +solches Ende nehmen: sie ist auch für mich gar zu wichtig … Wie soll +ich Sie verstehen?« + +»Lassen Sie mich!« wiederholte Natalia. + +»Natalia Alexejewna, um Gottes willen!« + +Auf Rudins Gesicht war Unruhe zu lesen. Er war bleich geworden. + +»Sie verstehen alles, müssen auch mich verstehen!« sagte Natalia, riß +ihre Hand aus der seinigen und entfernte sich, ohne sich umzusehen. + +»Nur ein Wort!« rief ihr Rudin nach. + +Sie blieb stehen, ohne sich jedoch umzudrehen. + +»Sie fragten mich, was ich mit dem gestrigen Gleichnisse hätte sagen +wollen. So hören Sie es, ich will Sie nicht hintergehen. Ich sprach von +mir, von meiner Vergangenheit – und von Ihnen.« + +»Wie? Von mir?« + +»Ja, von Ihnen; ich wiederhole es, ich will Sie nicht hintergehen … +Jetzt wissen Sie, von welchem Gefühle, von welchem neuen Gefühle ich +in jenem Augenblick sprach … Vor dem heutigen Tage würde ich es nicht +gewagt haben …« + +Natalia bedeckte rasch das Gesicht mit den Händen und lief dem Hause zu. + +Sie war dermaßen durch den unerwarteten Ausgang ihres Gesprächs mit +Rudin erschüttert, daß sie Wolinzow, an dem sie vorbeigelaufen war, +nicht einmal bemerkt hatte. Er stand unbeweglich, mit dem Rücken +an einen Baum gelehnt. Eine Viertelstunde vorher war er zu Darja +Michailowna gekommen, hatte dieselbe im Gastzimmer getroffen, ihr ein +paar Worte gesagt und sich unbemerkt entfernt, in der Absicht, Natalia +aufzusuchen. Geleitet von dem, den Verliebten eigentümlichen Instinkt, +war er geradeswegs in den Garten gegangen und auf Rudin und Natalia +in dem Augenblicke gestoßen, als sie ihre Hand der seinigen entriß. +Wolinzow war es dunkel vor den Augen geworden. Nachdem er Natalia mit +den Blicken gefolgt war, verließ er den Baum und tat ein paar Schritte, +ohne selbst zu wissen, wohin und warum. + +Rudin bemerkte ihn im Vorbeigehen. Beide blickten einander in die +Augen, tauschten einen Gruß und trennten sich schweigend. + +Damit ist es nicht abgemacht, dachten beide. + +Wolinzow entfernte sich an das äußerste Ende des Gartens. Ein +bitterpeinliches Gefühl hatte sich seiner bemächtigt; auf dem Herzen +lag es ihm wie Blei und das Blut in ihm wallte von Zeit zu Zeit +schwer und heftig auf. Es fielen wieder Tropfen. Rudin war auf sein +Zimmer zurückgekehrt. Auch er war nicht ruhig: im Wirbel drehten +sich die Gedanken in seinem Kopfe. Wer sollte durch die unerwartete, +vertrauensvolle Hingabe einer jungen, reinen Seele nicht verwirrt +werden! + +Bei der Mittagstafel wollte kein Gespräch in Gang kommen. Natalia +war sehr bleich, hielt sich kaum auf ihrem Stuhle und hob die Augen +nicht auf. Wolinzow saß, wie er gewohnt war, an ihrer Seite, und zwang +sich von Zeit zu Zeit, das Wort an sie zu richten. Es traf sich, +daß Pigassow an diesem Tage bei Darja Michailowna speiste. Er war +der Gesprächigste von allen bei Tische. Unter anderen suchte er zu +beweisen, daß man die Menschen, wie Hunde, in zwei Klassen, in kurz- +und langohrige, einteilen könne. »Die Menschen«, sagte er, »haben kurze +Ohren, entweder von Geburt an oder durch eigene Schuld. In beiden +Fällen sind sie zu beklagen, denn nichts gelingt ihnen – es fehlt ihnen +das Selbstvertrauen. Der Langohrige dagegen ist ein Glückskind. Er +mag schlechter und schwächer als der Kurzohrige sein, er besitzt aber +Selbstvertrauen; er spitzt die Ohren – und alles bewundert ihn.« + +»Ich«, setzte er mit einem Seufzer hinzu, »gehöre zur Klasse der +Kurzohrigen, und, was dabei das Schlimmste ist, ich habe mir die Ohren +selbst gestutzt.« + +»Damit wollen Sie sagen,« warf nachlässig Rudin ein, »was übrigens +bereits lange vor Ihnen La Rochefoucauld gesagt hat: ›Vertraue +dir selbst und andere werden dir vertrauen.‹ Wozu aber da die +Ohrengeschichte!« + +»So lassen Sie doch jeden,« bemerkte Wolinzow bitter und mit funkelndem +Blick, »lassen Sie jeden sich ausdrücken, wie es ihm gefällt. Man redet +von Despotismus … Nach meiner Meinung gibt’s keinen ärgeren Despotismus +als den der sogenannten klugen Geister. Fort mit ihnen!« + +Alle waren über diesen Ausfall Wolinzows in Staunen geraten und +verstummt. Rudin warf einen Blick auf ihn, konnte aber den seinigen +nicht ertragen und wandte sich ab, lächelte verlegen und sagte nichts. + +Oho! Auch du hast kurze Ohren! dachte Pigassow bei sich; Natalia bebte +vor Angst. Darja Michailowna maß Wolinzow mit einem langen, erstaunten +Blick und nahm endlich das Wort; sie begann von einem ungewöhnlichen +Hunde zu erzählen, der ihrem Freunde, dem Minister N. N., gehörte … + +Wolinzow entfernte sich bald nach Tische. Beim Abschiednehmen von +Natalia hielt er nicht mehr an sich und sagte zu ihr: + +»Warum sind Sie so verstört, als wären Sie sich einer Schuld bewußt? +Sie können sich – vor niemandem – einer Schuld bewußt sein! …« + +Natalia hatte nichts verstanden und folgte ihm bloß mit den Augen. Vor +dem Tee trat Rudin zu ihr, und über den Tisch gebeugt, als überfliege +er die Zeitungen, flüsterte er ihr zu: + +»Es ist wie ein Traum, nicht wahr? Ich muß Sie durchaus allein sprechen +… wäre es auch nur auf einen Augenblick.« Und zu Mlle. Boncourt +gewendet, sagte er: »Hier ist das Feuilleton, welches Sie suchten,« +dann neigte er sich wieder zu Natalia und setzte leise hinzu: »Suchen +Sie gegen zehn Uhr sich in der Fliederlaube neben der Terrasse +einzufinden, ich werde Sie erwarten …« + +Der Held dieses Abends blieb Pigassow. Rudin hatte ihm den Kampfplatz +überlassen. Er machte Darja Michailowna viel lachen; zuerst erzählte +er von einem seiner Nachbarn, der dreißig Jahre unter dem Pantoffel +seiner Ehehälfte gestanden und sich bis zu dem Grade Weibergewohnheiten +angeeignet hatte, daß er einst, im Beisein Pigassows, beim +Überschreiten einer kleinen Pfütze, die Schöße seines Gehrocks aufnahm, +wie Frauen es mit ihren Röcken zu tun pflegen. Dann kam er auf einen +anderen Gutsbesitzer, der anfangs Freimaurer, dann Melancholiker +gewesen war und endlich Bankier zu werden gewünscht hatte. + +»Wie haben Sie es denn angefangen, Freimaurer zu werden, Philipp +Stepanitsch?« hatte ihn Pigassow gefragt. + +»Nichts leichter als das,« habe er geantwortet, »ich ließ mir den +Nagel des kleinen Fingers wachsen.« Über nichts jedoch lachte Darja +Michailowna mehr, als wenn Pigassow anfing, sich über die Liebe +auszulassen und zu beteuern, auch nach ihm sei geseufzt worden, und +eine feurige Ausländerin habe ihn sogar »ihr appetitliches Afrikänchen« +genannt. Darja Michailowna lachte, doch war es die Wahrheit, was +Pigassow erzählte: er hatte in der Tat ein Recht, mit seinen Siegen +zu prahlen. Er behauptete, nichts wäre leichter, als jedes beliebige +Frauenzimmer verliebt zu machen: man dürfe ihr bloß zehn Tage +nacheinander wiederholen, sie habe das Paradies auf den Lippen, +Seligkeit in den Augen und die übrigen Weiber seien bloß Lappen im +Vergleich zu ihr; und am elften Tage werde sie selbst sagen, sie habe +das Paradies auf den Lippen, Seligkeit in den Augen und wird sich in +Sie verlieben. In der Welt kommt alles vor. Wer weiß, vielleicht hatte +Pigassow recht. + +Um halb neun Uhr war Rudin bereits in der Laube. Am fernen, +erbleichenden Horizonte tauchten eben die ersten Sternchen auf; im +Westen war der Himmel noch gerötet – auch war auf dieser Seite der +Horizont heller und reiner; der Halbmond schimmerte wie Gold durch +das dunkle Geflecht der Trauerbirke. Die übrigen Bäume standen +entweder vereinzelt mit durchscheinenden Laubkronen gleich finsteren, +tausendäugigen Riesen da oder verschwammen in dichte, düstere +Massen. Kein Blatt regte sich; die äußersten Zweige der Flieder- +und Akazienbäume strecken ihre Spitzen in die warme Luft hinaus, als +lauschten sie auf etwas. Das nahe Haus hüllte sich in Dunkel; wie +rötlich gefärbte Streifen hoben sich an demselben die erhellten, +länglichen Fenster ab. Die Nacht war milde und still; doch schien es, +als ob ein zurückgehaltener, leidenschaftlicher Seufzer geheimnisvoll +in dieser Stille verhallte. + +Rudin stand, die Arme über die Brust gekreuzt und horchte mit äußerster +Spannung. Sein Herz klopfte heftig und unwillkürlich hielt er den Atem +an. Endlich glaubte er leichte, hastige Schritte zu vernehmen und +Natalia trat in die Laube. + +Rudin stürzte ihr entgegen und ergriff ihre Hände. Sie waren kalt wie +Eis. + +»Natalia Alexejewna!« redete er sie mit bebender Stimme an, »ich wollte +Sie sehen … ich konnte den morgenden Tag nicht erwarten. Ich muß Ihnen +sagen, was ich vor dem heutigen Morgen selbst noch nicht geahnt hatte, +mir noch nicht bewußt war: ich liebe Sie.« + +Natalias Hände zuckten schwach in den seinigen. + +»Ich liebe Sie,« wiederholte er, »und daß ich so lange mich täuschen, +so lange nicht ahnen konnte, daß ich Sie liebe … Und Sie, Natalia +Alexejewna … antworten Sie mir – und Sie?« + +Natalia konnte kaum atmen. + +»Sie sehn, ich bin hergekommen,« brachte sie endlich hervor. + +»Oh! sagen Sie, lieben Sie mich?« + +»Ich glaube … ja …« sagte sie leise. + +Rudin drückte ihr noch heftiger die Hände und wollte sie an sich +ziehen … + +Natalia blickte sich rasch um. + +»Lassen Sie mich – es wird mir bange –, mir deucht, es belauscht uns +jemand … Um Gottes willen, seien Sie vorsichtig. Wolinzow ahnt etwas.« + +»Mag er! Sie haben gesehen, ich habe ihm heute nicht einmal geantwortet +… Ach, Natalia Alexejewna, wie bin ich glücklich! Jetzt soll uns nichts +mehr trennen!« + +Natalia blickte ihm in die Augen. + +»Lassen Sie mich,« flüsterte sie, »es ist Zeit, daß ich zurückkehre.« + +»Einen Augenblick,« bat Rudin. + +»Nein, lassen Sie, lassen Sie mich …« + +»Sie scheinen Furcht vor mir zu haben?« + +»Nein; ich habe keine Zeit mehr …« + +»So wiederholen Sie denn, wenigstens noch einmal …« + +»Sie sagen, Sie sind glücklich?« fragte Natalia. + +»Ich? Es gibt keinen glücklicheren Menschen als mich auf der Welt! +Zweifeln Sie etwa?« + +Natalia erhob den Kopf. Wie schön war ihr bleiches, edles, junges, +aufgeregtes Gesicht – in dem geheimnisvollen Dunkel der Laube, beim +schwachen Lichte des nächtlichen Himmels. + +»So wissen Sie denn,« sagte sie, »ich bin die Ihre.« + +»O Gott!« rief Rudin aus. + +Natalia aber machte sich los und ging fort. Rudin blieb einige Zeit +stehen, und verließ dann langsam die Laube. Der Mond erleuchtete hell +sein Gesicht; ein Lächeln schwebte auf seinen Lippen. + +»Ich bin glücklich,« sagte er halblaut. »Ja, ich bin glücklich,« +wiederholte er, als suchte er sich selbst dazu zu überreden. + +Er warf sich in die Brust, strich sein Lockenhaar zurecht und vertiefte +sich in den Garten, lustig die Arme schwenkend. + +Unterdessen aber wurden in der Fliederlaube die Zweige behutsam +voneinandergebogen und es zeigte sich Pandalewski. Vorsichtig blickte +er sich um, schüttelte den Kopf, preßte die Lippen zusammen, sagte +mit bezeichnendem Tone: »So stehen die Sachen! Davon muß man Darja +Michailowna in Kenntnis setzen,« und verschwand. + + + + +VIII + + +Als Wolinzow nach Hause gekommen war, war er niedergeschlagen und +finster, gab so ungern der Schwester Antwort und verschloß sich so bald +in seinem Kabinett, daß sie sich entschloß, einen reitenden Boten zu +Leschnew zu schicken. In allen zweifelhaften Fällen nahm sie zu ihm +ihre Zuflucht. Leschnew ließ ihr sagen, er werde am folgenden Tage +kommen. + +Wolinzow war auch am folgenden Morgen nicht heiterer gestimmt. Nach dem +Tee dachte er seine Arbeiten zu besichtigen, blieb jedoch, streckte +sich auf einen Diwan hin, und nahm ein Buch in die Hand, was bei ihm +nicht oft der Fall war. Wolinzow empfand keine Neigung für Literatur, +und vor Gedichten eine wahre Scheu. »Unverständlich wie ein Gedicht,« +pflegte er zu sagen, und zur Bekräftigung seiner Worte folgende Strophe +des Dichters Aibulat anzuführen: + + Und bis zum Ende meiner trüben Tage + Wird die Erfahrung nicht und nicht Verstand + Des Lebens blutige Vergißmeinnichte + Entwenden mir mit rauher Hand! + +Alexandra Pawlowna blickte ihren Bruder besorgt an, belästigte ihn +jedoch nicht mit Fragen. Ein Wagen fuhr vor. Nun, dachte sie, Gott sei +Dank, Leschnew … Der Diener trat ein und meldete Rudin. + +Wolinzow warf das Buch auf den Boden und hob den Kopf in die Höhe. + +»Wer ist gekommen?« fragte er. + +»Rudin, Dmitri Nikolaitsch,« wiederholte der Diener. + +Wolinzow erhob sich. + +»Bitte ihn herein,« sagte er. »Du aber, Schwester,« setzte er hinzu, +sich zu Alexandra Pawlowna wendend: »laß uns allein.« + +»Weshalb aber?« wandte sie ein. + +»Ich weiß warum,« unterbrach er sie mit Heftigkeit, »ich bitte dich.« + +Rudin trat herein. Wolinzow begrüßte ihn kalt, in der Mitte des Zimmers +stehend, und reichte ihm nicht die Hand. + +»Sie hatten mich nicht erwartet,« fing Rudin an, »gestehen Sie es,« und +stellte seinen Hut auf das Fensterbrett. + +Ein leichtes Zucken umspielte seine Lippen. Ihm war nicht behaglich +zumute; doch suchte er seine Verwirrung zu verbergen. + +»Ich erwartete Sie nicht, gewiß,« erwiderte Wolinzow, »nach dem +gestrigen Tage hätte ich eher jemand – mit einem Auftrage von Ihnen +erwarten können.« + +»Ich verstehe, was Sie sagen wollen,« äußerte Rudin, sich setzend, »und +Ihre Offenherzigkeit freut mich sehr. So ist es viel besser. Ich bin +selbst zu Ihnen gekommen, wie zu einem Manne von Ehre.« + +»Geht es nicht ohne Komplimente?« bemerkte Wolinzow. + +»Ich wünsche Ihnen zu erklären, weshalb ich gekommen bin.« + +»Wir sind miteinander bekannt, warum sollten Sie nicht zu mir kommen +können? Und dann erweisen Sie mir ja auch nicht zum ersten Male die +Ehre Ihres Besuches.« + +»Ich bin zu Ihnen gekommen als Mann von Ehre zu einem Manne von +Ehre,« wiederholte Rudin, »und will mich jetzt auf Ihren eigenen +Richterausspruch berufen … Ich habe zu Ihnen volles Vertrauen …« + +»Worum handelt es sich?« fragte Wolinzow, immer noch in derselben +Stellung, mit finsteren Blicken auf Rudin, und von Zeit zu Zeit die +Spitzen seines Schnurrbartes drehend. + +»Erlauben Sie … ich bin, um mich zu erklären hergekommen, das kann man +aber nicht mit ein paar Worten abmachen.« + +»Warum nicht?« + +»Es ist noch eine dritte Person dabei im Spiel …« + +»Eine dritte Person? und welche?« + +»Sergei Pawlitsch, Sie verstehen mich.« + +»Dmitri Nikolaitsch, ich verstehe Sie durchaus nicht.« + +»Sie wünschen …« + +»Ich wünsche, daß Sie ohne Umschweife reden!« unterbrach ihn Wolinzow. + +Er wurde im Ernste böse. + +Rudin zog die Brauen zusammen. + +»Sehr wohl … wir sind allein … Ich muß Ihnen sagen – übrigens kommen +Sie gewiß selbst schon darauf (Wolinzow zuckte ungeduldig die Achseln) +– ich muß Ihnen sagen, daß ich Natalia Alexejewna liebe und mit Grund +vermuten darf, daß auch sie mich liebt.« + +Wolinzow wurde bleich, antwortete jedoch nichts; er trat ans Fenster +und wandte Rudin den Rücken. + +»Sie begreifen, Sergei Pawlitsch,« fuhr Rudin fort: »wenn ich nicht +überzeugt wäre …« + +»Oh, bitte sehr!« unterbrach ihn hastig Wolinzow: »ich zweifle durchaus +nicht … Nun, dann viel Glück! Nur wundere ich mich, was zum Teufel Sie +bewogen hat, mit dieser Nachricht zu mir zu kommen … Was habe ich damit +zu schaffen? Was geht es mich an, wen Sie lieben, wer Sie liebt? Das +ist mir unbegreiflich …« + +Wolinzow fuhr fort, zum Fenster hinauszusehen. Seine Stimme tönte hohl. + +Rudin erhob sich. + +»Ich will Ihnen sagen, Sergei Pawlitsch, weshalb ich mich entschlossen +habe, zu Ihnen zu kommen, weshalb ich mir sogar das Recht nicht +zutraute, aus unserer … unserer gegenseitigen Neigung ein Geheimnis vor +Ihnen zu machen. Ich habe gar zu große Achtung für Sie – deshalb bin +ich gekommen; ich wollte nicht … wir beide wollten nicht Komödie vor +Ihnen spielen. Ihre Gefühle für Natalia Alexejewna waren mir bekannt … +Glauben Sie mir, ich kenne meinen Wert: ich weiß, wie wenig würdig ich +bin, Ihre Stelle in ihrem Herzen einzunehmen; da es sich aber dennoch +so gefügt hat, wären dann wohl List, Betrug, Verstellung schicklich +gewesen? Könnte es wünschenswert sein, sich Mißverständnissen +auszusetzen, oder selbst nur einer solchen Szene wie der gestrigen bei +Tische? Sergei Pawlitsch, gestehen Sie es selbst.« + +Wolinzow kreuzte die Arme über der Brust, als koste es ihm Mühe, sich +zu beherrschen. + +»Sergei Pawlitsch!« fuhr Rudin fort, »ich habe Sie gekränkt, ich +fühle es … aber mißverstehen Sie uns nicht … Sie müssen begreifen, +daß uns kein anderes Mittel blieb, Ihnen unsere Achtung zu beweisen, +Ihnen zu zeigen, daß wir Ihren offenen Edelmut zu schätzen wissen. +Aufrichtigkeit, vollkommene Aufrichtigkeit würde jedem anderen +gegenüber unstatthaft gewesen sein, Ihnen gegenüber jedoch wird sie zur +Pflicht. Es ist uns ein Vergnügen, zu glauben, daß unser Geheimnis in +Ihren Händen …« + +Wolinzow lachte gezwungen auf. + +»Danke für dieses Vertrauen!« rief er aus, »obgleich ich, +wohlverstanden, weder Ihr Geheimnis zu wissen, noch das meinige Ihnen +zu entdecken gewünscht hatte, verfügen Sie dennoch darüber, wie über +Ihr eigenes Gut. Erlauben Sie aber, Sie reden zugleich im Namen einer +anderen Person. Also darf ich voraussetzen, daß Ihr Besuch und der +Zweck desselben Natalia Alexejewna bekannt ist?« + +Rudin ward bei diesen Worten etwas verlegen. + +»Nein, ich habe Natalia Alexejewna von meinem Vorhaben nicht +unterrichtet; weiß jedoch, daß sie meine Ansicht teilt.« + +»Das ist alles sehr schön,« sagte nach einigem Schweigen Wolinzow und +begann mit den Fingern an der Scheibe zu trommeln. »Viel besser, +ich gestehe es, wäre es aber doch, wenn Sie etwas … weniger Achtung +für mich hätten. Die Wahrheit zu sagen, ist mir Ihre Achtung keinen +Groschen wert; was aber wollen Sie eigentlich von mir?« + +»Nichts will ich … oder nein! ich will etwas: ich will, daß Sie mich +nicht für einen hinterlistigen und schlauen Menschen halten, daß Sie +mich kennenlernen … Ich hoffe, Sie können auch schon jetzt meine +Aufrichtigkeit nicht in Zweifel ziehen … Ich will, Sergei Pawlitsch, +daß wir als Freunde voneinander scheiden … daß Sie, wie ehemals, mir +die Hand reichen …« + +Und Rudin näherte sich Wolinzow. + +»Verzeihen Sie, mein Herr,« sagte Wolinzow, indem er sich zu Rudin +wandte und einen Schritt zurücktrat: »ich bin bereit, Ihren Absichten +volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, das ist alles sehr schön, +sogar erhaben, wir sind aber schlichte Leute, an Marzipan nicht +gewöhnt, wir sind nicht imstande, dem Schwunge so hoher Geister, wie +des Ihrigen, zu folgen … Was Ihnen aufrichtig erscheint, dünkt uns +zudringlich und unbescheiden … Was Ihnen einfach und klar vorkommt, ist +für uns verwickelt und dunkel … Sie prahlen mit dem, was wir heimlich +halten: wie sollte unsereiner Sie verstehen! Verzeihen Sie mir: weder +als meinen Freund kann ich Sie betrachten, noch Ihnen die Hand reichen +… Vielleicht ist das kleinlich; ich bin jedoch selbst klein.« + +Rudin ergriff seinen Hut. + +»Leben Sie wohl, Sergei Pawlitsch!« sagte er betrübt, »meine +Erwartungen haben mich getäuscht. Mein Besuch war in der Tat etwas +ungewöhnlich, ich hatte jedoch gehofft … (Wolinzow machte eine +ungeduldige Bewegung) … Verzeihen Sie, ich werde nicht mehr davon +reden. Alles erwogen, sehe ich, daß Sie wirklich recht haben und +nicht anders handeln konnten. Leben Sie wohl, und erlauben Sie mir +wenigstens, daß ich Ihnen noch einmal, zum letzten Male die Lauterkeit +meiner Absichten beteuere … Von Ihrer Verschwiegenheit bin ich +überzeugt …« + +»Das ist denn doch zu stark!« rief Wolinzow zitternd vor Zorn, »ich +habe mich Ihrem Vertrauen in keiner Weise aufgedrängt; und Sie haben +darum durchaus kein Anrecht auf meine Verschwiegenheit!« + +Rudin wollte noch etwas sagen, spreizte jedoch bloß die Arme +auseinander, verneigte sich und verließ das Gemach, Wolinzow aber warf +sich auf den Diwan und kehrte das Gesicht gegen die Wand. + +»Darf ich zu dir?« ließ sich an der Tür Alexandra Pawlownas Stimme +vernehmen. + +Wolinzow gab nicht sogleich Antwort und fuhr mit der Hand hastig über +das Gesicht. »Nein, Sascha,« sagte er mit etwas veränderter Stimme: +»warte noch etwas.« + +Eine halbe Stunde später näherte sich Alexandra Pawlowna von neuem der +Tür. + +»Michael Michailitsch ist gekommen,« sagte sie, »willst du ihn sehen?« + +»Gewiß,« erwiderte Wolinzow, »laß ihn kommen.« Leschnew trat herein. + +»Ist dir nicht wohl?« fragte er und ließ sich auf einen Sessel neben +dem Diwan nieder. + +Wolinzow erhob sich etwas, stützte sich auf den Arm, blickte seinem +Freunde lange, lange ins Gesicht und erzählte ihm dann sogleich Wort +für Wort sein ganzes Gespräch mit Rudin. Bis dahin hatte er nie vor +Leschnew seiner Gefühle für Natalia Erwähnung getan, obwohl er vermuten +konnte, daß sie kein Geheimnis für ihn waren. + +»Du hast meine Verwunderung erregt, Bruder,« sagte Leschnew, als +Wolinzow seine Erzählung beendigt hatte. »Auf viele Sonderbarkeiten +seinerseits war ich gefaßt; dies aber … Übrigens erkenne ich ihn auch +hierin wieder.« + +»Aber bedenke doch!« sagte Wolinzow, »das ist ja geradezu eine +Frechheit! Fast hätte ich ihn zum Fenster hinausgeworfen. Hat er vor +mir prahlen wollen oder im voraus Angst bekommen? Und zu welchem Ende? +Wie kann man zu einem Menschen gehen …« + +Wolinzow hielt sich den Kopf mit beiden Händen und schwieg. + +»Nein, Bruder, das ist es nicht,« erwiderte Leschnew gelassen. »Du +wirst mir’s nicht glauben, ich bin jedoch überzeugt, er hat es in guter +Absicht getan. Wahrhaftig … Siehst du, das hat so einen Anstrich von +Edelsinn und Offenherzigkeit, und bietet einen Vorwand zum Reden, +der Beredsamkeit freien Lauf zu gewähren; das eben brauchen wir ja, +ohne dergleichen könnten wir nicht leben … Ah, seine Zunge – seine +Rednergabe – sie ist seine Feindin … sie hat ihm aber auch recht brav +gedient!« + +»Du kannst dir nicht vorstellen, mit welcher Feierlichkeit er +hereintrat und seine Rede vorbrachte!« + +»Nun, das ist so seine Art. Knöpft er seinen Rock zu, so tut er’s, als +erfüllte er eine heilige Pflicht. Ich möchte ihn auf eine unbewohnte +Insel setzen und aus einem Hinterhalt beobachten, wie er da wohl +schalten und walten würde. Und der faselt dabei immer von Einfachheit!« + +»Sage mir aber, Bruder, um des Himmels willen, soll das etwa +Philosophie sein?« fragte Wolinzow. + +»Wie soll ich sagen? Von einer Seite – du hast recht – ist es in der +Tat Philosophie – von der anderen ist es durchaus keine. Man darf doch +nicht jeden Unsinn der Philosophie zur Last legen!« + +Wolinzow blickte ihn an. + +»Wenn er aber gelogen hätte, was glaubst du?« + +»Nein, mein Freund, er hat nicht gelogen. Indessen, weißt du – wir +haben genug von ihm gesprochen. Wir wollen jetzt unsere Pfeifen +anzünden, lieber Bruder, und Alexandra Pawlowna herbitten … Wenn sie +dabei ist, spricht sich’s besser und schweigt sich’s leichter. Sie +wird uns Tee machen.« + +»Meinetwegen,« erwiderte Wolinzow. »Sascha, komm herein!« rief er. + +Alexandra Pawlowna trat herein. Er faßte ihre Hand und drückte sie fest +an seine Lippen. + + * * * * * + +Rudin kehrte in einer eigentümlich unruhigen Stimmung nach Hause +zurück. Er war ärgerlich auf sich selbst und machte sich Vorwürfe über +seine unverzeihliche Voreiligkeit und sein knabenhaftes Betragen. An +ihm bewährte sich: daß es nichts Drückenderes gibt als das Bewußtsein, +eine Torheit begangen zu haben. + +Reue marterte Rudin. + +»Daß der Teufel«, murrte er durch die Zähne, »mir den Gedanken eingeben +mußte, zu diesem Menschen zu gehen! Das war eine schöne Idee! Habe mir +nichts als Grobheiten geholt! …« + +In dem Hause Darja Michailownas ging unterdessen Ungewöhnliches vor. +Die Hausfrau selbst zeigte sich den ganzen Morgen nicht und erschien +auch nicht bei der Tafel: sie litt an Kopfweh, wie Pandalewski, die +einzige Person, die Einlaß bei ihr hatte, behauptete. Rudin sah Natalia +auch nur flüchtig: sie saß auf ihrem Zimmer mit Mlle. Boncourt … Als +sie mit ihm im Speisesaale zusammentraf, blickte sie ihn so traurig +an, daß ihm das Herz erbebte. Ihr Gesicht hatte sich verändert, als +wenn seit dem gestrigen Tage ein Unglück über sie hereingebrochen +wäre. Unbestimmte, ahnungsvolle Zweifel begannen Rudin zu quälen. +Um sich einigermaßen zu zerstreuen, machte er sich an Bassistow, +unterhielt sich mit ihm lange, und fand in ihm einen feurigen, +lebhaften Jüngling, voll begeisterter Hoffnungen und noch ungebrochener +Glaubenskraft. Gegen abend zeigte sich Darja Michailowna für ein paar +Stunden im Gastzimmer. Gegen Rudin war sie liebenswürdig, doch etwas +zurückhaltend, bald heiter, bald ernst, sprach etwas durch die Nase und +meist in Anspielungen … Sie war ganz Hofdame. In der letzten Zeit war +sie scheinbar kälter gegen Rudin geworden. + +Wer löst mir dieses Rätsel? dachte er, ihr zurückgeworfenes Köpfchen +von der Seite betrachtend. + +Nicht lange brauchte er auf dessen Lösung zu warten. Gegen Mitternacht, +im Begriff, sich auf sein Zimmer zu begeben, schritt er durch einen +finsteren Gang, als plötzlich jemand ihm einen Zettel zusteckte. Er +blickte sich um und sah ein junges Mädchen davoneilen, in welchem er +Natalias Kammerjungfer erkannte. Auf seinem Zimmer angelangt, schickte +er seinen Diener fort, öffnete den Zettel und las folgende von Natalias +Hand geschriebene Zeilen: »Kommen Sie morgen früh gegen sieben Uhr, +nicht später, zum Awdjuchinteich hinter dem Eichengehölz. Eine andere +Stunde vermag ich nicht zu bestimmen! Wir werden uns dort zum letzten +Male sehen und alles wird zu Ende sein, wenn nicht … Kommen Sie. Ein +Entschluß muß gefaßt werden … + +~P. S.~ Komme ich nicht, dann sehen wir uns nie wieder: dann werde ich +Sie wissen lassen …« + +Rudin versank in Nachdenken, drehte den Zettel in den Händen herum, +steckte ihn unter das Kissen, kleidete sich aus und legte sich nieder, +konnte aber lange nicht die Ruhe finden, welche er suchte; sein Schlaf +war unruhig und es war noch nicht fünf Uhr, als er erwachte. + + + + +IX + + +Der Awdjuchinteich, welchen Natalia Rudin als Ort der Zusammenkunft +bezeichnet, hatte schon längst aufgehört, Teich zu sein. Vor dreißig +Jahren hatte das Wasser den Damm durchbrochen, und seit der Zeit war er +so geblieben. Nur an dem ebenen und flachen Grunde der Vertiefung, den +einst fetter Schlamm überzog, sowie an den Überresten des Dammes konnte +man erraten, daß dort ein Teich gewesen war. Es hatte daneben auch ein +Edelhof gestanden. Auch dieser war schon längst verschwunden. Zwei +riesige Fichten allein erinnerten noch an denselben; mürrisch zogen +und rauschten ewige Winde durch ihr spärliches, hoch oben wachsendes +Grün … Die Volkssage erzählte von einer schauerlichen Missetat, die am +Fuße dieser Fichten vollbracht worden sei, ja man wollte sogar vorher +wissen, keine derselben werde fallen, ohne jemandem den Tod zu bringen; +vor Zeiten habe dort noch eine dritte gestanden, sei aber vom Sturme +umgestürzt worden und habe im Falle ein kleines Mädchen getötet. Die +ganze Gegend um den Teich herum wurde als nicht geheuer betrachtet; +wüste und kahl und dabei verwildert und düster sogar bei Sonnenlicht, +erschien sie noch düsterer und verwilderter durch die Nähe des alten, +längst abgestorbenen und verdorrten Eichengehölzes. Einzelne graue +Gerippe mächtiger Bäume ragten, finsteren Gespenstern gleich, über das +niedrige Gestrüpp empor. Unheimlich waren sie anzuschauen: als wären +es böse Greise gewesen, die sich da versammelt hätten und irgendeinen +schlimmen Plan berieten. Seitwärts zog sich in Windungen ein selten +betretener Fußweg hin. Wer nicht dazu gezwungen war, vermied es, am +Awdjuchinteiche vorüberzugehen. Natalia hatte mit Absicht diesen +einsamen Ort gewählt, der vom Hause Darja Michailownas kaum eine halbe +Werst entfernt lag. + +Die Sonne war längst aufgegangen, als Rudin vor den Awdjuchinteich +kam; es war aber kein heiterer Morgen. Dicht aneinandergedrängte, +weißlich-graue Wolken bedeckten den ganzen Himmel; mit Pfeifen und +Heulen trieb der Wind sie heftig weiter. Rudin begann auf dem mit +dichten Disteln und schwarzgewordenen Nesseln bedeckten Damme auf und +ab zu gehen. Er war nicht ruhig. Diese Zusammenkünfte, diese neuen +Eindrücke interessierten ihn, regten ihn aber auch auf, besonders aber +nach dem gestrigen Zettel. Er sah ein, daß die Katastrophe nahe sei und +war insgeheim verwirrt, obgleich es niemand geglaubt hätte, der ihn so +mit gesammelter Entschlossenheit, mit auf der Brust gekreuzten Armen +um sich schauend, beobachtet hätte. Nicht unrecht hatte Pigassow, als +er einst von ihm sagte, daß bei ihm, wie bei den chinesischen Puppen, +der Kopf beständig überschlage. Doch wie stark auch ein Kopf immer +sein möge, so fällt es dem Menschen doch schwer, durch ihn allein auch +nur das zu erkennen, was in seinem eigenen Innern vorgeht … Rudin, +der kluge, scharfsichtige Rudin, war nicht imstande, mit Gewißheit zu +sagen, ob er Natalia liebe, ob er leide, ob er leiden werde, wenn er +sich von ihr trennen sollte. Weshalb nun mußte er, ohne den Lovelace +zu spielen – diese Gerechtigkeit lassen wir ihm widerfahren –, einem +armen Mädchen den Kopf verdrehen? Warum wartete er auf dasselbe mit +heimlichem Beben? Hierauf gibt es nur die eine Antwort: Niemand läßt +sich so leicht hinreißen, wie ein leidenschaftsloser Mensch. + +Er schritt den Damm entlang, während Natalia geradeaus über das Feld, +auf feuchtem Grase ihm entgegeneilte. + +»Fräulein! Fräulein! Sie werden sich die Füße naß machen,« sagte +Mascha, ihr Kammermädchen, kaum imstande, gleichen Schritt mit ihr zu +halten. + +Natalia gab nicht darauf acht und lief weiter, ohne sich umzusehen. + +»Ach, wenn man uns nur nicht belauscht!« rief Mascha zu wiederholten +Malen. »Selbst das ist schon zu bewundern, wie wir aus dem Hause +gekommen sind. Wenn die Mamsell nur nicht erwacht ist … Ein Glück, +daß es nicht weit ist … Und der Herr wartet auch schon,« setzte sie +hinzu, als sie plötzlich die stattliche Figur Rudins gewahr wurde, der +malerisch auf dem Damme stand, »doch, warum steht denn der Herr so +hoch, – besser wäre es, er stellte sich in die Vertiefung.« + +Natalia blieb stehen. + +»Warte hier bei den Fichten, Mascha,« sagte sie und schritt zu dem +Teich hinab. + +Rudin trat zu ihr heran und blieb verwundert stehen. Einen solchen +Ausdruck hatte er noch nicht auf ihrem Gesichte bemerkt. Die Brauen +waren zusammengezogen, die Lippen aufeinandergepreßt, der Blick war +fest, ja fast strenge. + +»Dmitri Nikolaitsch,« begann sie, »wir haben keine Zeit zu verlieren. +Ich bin auf fünf Minuten hergekommen. Ich muß Ihnen sagen, daß Mama +alles weiß. Herr Pandalewski hat uns vorgestern belauscht und ihr von +unserer Zusammenkunft erzählt. Er war immer Mamas Spion. Gestern rief +sie mich zu sich …« + +»Mein Gott!« rief Rudin aus, »das ist schrecklich! … Was hat Ihre Mama +gesagt?« + +»Sie war nicht böse auf mich, hat mich nicht gescholten, nur Vorwürfe +machte sie mir über meinen Leichtsinn.« + +»Weiter nichts?« + +»Ja, dann erklärte sie mir, sie würde sich eher mit dem Gedanken +vertragen, daß ich stürbe, als daß ich Ihre Frau würde.« + +»Hat sie das wirklich gesagt?« + +»Ja; und setzte noch hinzu, daß Sie selbst keineswegs willens wären, +mich zu heiraten, daß Sie bloß zum Zeitvertreib mir den Hof machten, +was sie von Ihnen nicht erwartet hätte; übrigens wäre sie selbst +daran schuld: warum habe sie es erlaubt, daß ich so oft mit Ihnen +zusammenkomme … sie rechne auf meine Einsicht, sei sehr erstaunt über +mein unüberlegtes Betragen … Kurzum, ich weiß wirklich nicht mehr, was +sie mir sonst noch sagte.« + +Natalia sprach dieses alles mit eintöniger, fast lautloser Stimme. + +»Und Sie, Natalia Alexejewna, was haben Sie ihr geantwortet?« fragte +Rudin. + +»Was ich ihr geantwortet habe?« wiederholte Natalia. »… Was +beabsichtigen _Sie_ jetzt zu tun?« + +»Mein Gott! Mein Gott!« erwiderte Rudin, »das ist hart! So rasch! … ein +so unerwarteter Schlag! … Und Ihre Mama war so entrüstet?« + +»Ja … ja, sie will nichts von Ihnen hören.« + +»Das ist schrecklich! Es bleibt also keine Hoffnung?« + +»Keine.« + +»Warum sind wir so unglücklich! Dieser abscheuliche Pandalewski! … Sie +fragen mich, Natalia, was ich zu tun beabsichtige? Der Kopf geht mir +in der Runde – ich kann keinen Gedanken fassen … Ich fühle nur mein +Unglück … ich begreife nicht, wie Sie so kaltblütig sind! …« + +»Sie glauben, es wird mir leicht?« entgegnete Natalia. + +Rudin begann wieder auf dem Damme auf und ab zu gehen. Natalia verlor +ihn nicht aus den Augen. + +»Ihre Mama hat Sie nicht weiter ausgeforscht?« fragte er dann. + +»Sie hat mich gefragt, ob ich Sie liebe.« + +»Nun … und Sie sagten?« + +Natalia schwieg einen Augenblick. »Ich habe ihr die Wahrheit gesagt.« + +Rudin ergriff ihre Hand. + +»Immer, in allem, edelmütig und groß. Oh, das Herz eines Mädchens ist +wie lauteres Gold! Hat aber wirklich Ihre Mama ihren Willen in bezug +auf die Unmöglichkeit unserer Verbindung so entschieden geäußert?« + +»Ja, entschieden. Ich sagte Ihnen schon, sie ist überzeugt, daß Sie +selbst nicht daran denken, mich zu heiraten.« + +»Sie hält mich also für einen Betrüger! Wodurch habe ich das verdient?« + +Und Rudin faßte sich am Kopfe. + +»Dmitri Nikolaitsch!« sagte Natalia, »wir verlieren unnütz die Zeit. +Denken Sie daran, ich sehe Sie zum letzten Male. Ich kam hierher nicht +um zu weinen, nicht um zu klagen – Sie sehen, ich weine nicht – ich +kam, um mir Rat zu holen.« + +»Welchen Rat könnte ich Ihnen geben, Natalia?« + +»Welchen Rat? Sie sind ein Mann; ich war gewohnt, Ihnen zu vertrauen, +ich werde Ihnen vertrauen bis ans Ende. Sagen Sie mir, welches sind +Ihre Absichten?« + +»Meine Absichten! Ihre Mama wird mir vermutlich ihr Haus verschließen.« + +»Wahrscheinlich. Bereits gestern erklärte sie mir, sie werde die +Bekanntschaft mit Ihnen abbrechen müssen … Sie antworten aber nicht auf +meine Frage.« + +»Auf welche Frage?« + +»Was, meinen Sie, sollen wir jetzt tun?« + +»Was wir tun sollen?« erwiderte Rudin, »uns darein ergeben.« + +»Uns ergeben,« wiederholte Natalia gedehnt und ihre Lippen wurden +bleich. + +»Uns dem Geschicke unterwerfen,« fuhr Rudin fort. »Was ist dabei zu +machen! Ich weiß gar zu gut, wie bitter, schwer und unerträglich das +ist; bedenken Sie aber selbst, Natalia, ich bin arm … Freilich, ich +kann arbeiten; doch, wenn ich auch reich wäre, könnten Sie wohl die +gewaltsame Trennung von den Ihrigen, den Zorn Ihrer Mutter ertragen? +… Nein, Natalia, daran ist nicht zu denken. Es muß uns wohl nicht +bestimmt sein, miteinander zu leben, und jenes Glück, von welchem ich +geträumt hatte, ist mir nicht beschieden.« + +Natalia bedeckte plötzlich das Gesicht mit den Händen und brach in +Tränen aus. Rudin trat an sie heran. + +»Natalia, liebe Natalia!« sagte er mit Wärme, »weinen Sie nicht, um +Gottes willen, martern Sie mich nicht, beruhigen Sie sich.« + +Natalia erhob den Kopf. + +»Sie sagen mir, ich solle mich beruhigen,« begann sie, und ihre Augen +glänzten unter Tränen, »ich weine nicht über das, was Sie glauben … +Mich schmerzt nicht das: mich schmerzt, daß ich mich in Ihnen getäuscht +habe … Wie? ich suche bei Ihnen Stütze, und zu welcher Stunde! und Ihr +erstes Wort ist: Ergebung … Ergebung! So also äußert sich durch die Tat +Ihre Theorie von der Freiheit, von Opfern, welche …« + +Ihre Stimme war gebrochen. + +»Erinnern Sie sich doch, Natalia,« begann Rudin bestürzt, »ich nehme +meine Worte nicht zurück … nur …« + +»Sie fragten mich,« fuhr sie mit neuer Kraft fort, »was ich meiner +Mutter geantwortet habe, als sie mir erklärte, sie würde mich lieber +tot wissen, als in meine Verbindung mit Ihnen einwilligen: ich gab +ihr zur Antwort, daß ich lieber tot, als die Frau eines anderen sein +wolle … Und Sie reden von Ergebung! Sie hat also dennoch Recht gehabt: +Sie haben wirklich zum Zeitvertreib, aus Langeweile Scherz mit mir +getrieben …« + +»Ich schwöre Ihnen, Natalia … ich schwöre Ihnen …«, wiederholte Rudin. + +Sie hörte aber nicht auf ihn. + +»Warum hielten Sie mich nicht zurück? Warum mußten Sie selbst … Oder +glaubten Sie, auf keine Hindernisse zu stoßen? Ich muß mich schämen, +davon zu reden … es ist ja aber alles schon aus.« + +»Sie müssen sich beruhigen, Natalia,« nahm Rudin wieder das Wort, »wir +wollen zusammen erwägen, welche Mittel …« + +»Sie haben so oft von Aufopferung gesprochen,« unterbrach sie ihn, +»wissen Sie aber wohl, wenn Sie heute, jetzt zu mir gesagt hätten: ›Ich +liebe dich, kann dich aber nicht heiraten, ich stehe nicht für die +Zukunft ein, reich mir die Hand und folge mir,‹ – wissen Sie wohl, ich +wäre Ihnen gefolgt, wissen Sie’s, ich war zu allem entschlossen! Doch +vom Wort zur Tat ist’s weiter, als ich glaubte, und Sie haben jetzt +Furcht, ganz so wie neulich bei Tische vor Wolinzow.« + +Die Röte stieg Rudin ins Gesicht. Die unerwartete Begeisterung Natalias +hatte ihn bestürzt gemacht; ihre letzten Worte jedoch waren ein +Stachel für seine Eigenliebe. + +»Sie sind jetzt gar zu aufgeregt, Natalia,« fing er an, »Sie können +nicht verstehen, wie grausam Sie mich beleidigen. Ich hoffe, Sie +werden mir mit der Zeit Gerechtigkeit widerfahren lassen; Sie werden +begreifen, was es mich gekostet hat, dem Glücke zu entsagen, das, wie +Sie selbst sagen, mir keinerlei Verpflichtungen auferlegte. Ihre Ruhe +ist mir teurer, als alles auf der Welt, und ich wäre ein Elender, +wollte ich zu meinem Vorteile …« + +»Vielleicht, vielleicht,« unterbrach ihn Natalia, »vielleicht haben Sie +recht, und ich weiß nicht, was ich rede. Bis jetzt jedoch glaubte ich +Ihnen, glaubte jedem Ihrer Worte … In Zukunft bitte ich Sie, wägen Sie +Ihre Worte ab, sprechen Sie dieselben nicht in den Wind. Als ich Ihnen +sagte, daß ich Sie liebe, wußte ich, was dies Wort bedeutet: ich war zu +allem bereit … Jetzt bleibt mir nur, Ihnen für die Lektion zu danken +und mich zu verabschieden.« + +»Halten Sie ein, um Gottes willen, Natalia, ich beschwöre Sie. Ich habe +nicht Ihre Verachtung verdient, das schwöre ich Ihnen. Versetzen Sie +sich aber auch in meine Lage. Ich muß für Sie wie für mich einstehen. +Wenn ich Sie nicht grenzenlos liebte – dann, mein Gott! würde ich Ihnen +selbst sogleich den Vorschlag machen, mit mir zu entfliehen … früher +oder später würde Ihre Mama es uns doch vergeben … und dann … Doch +bevor ich an mein eigenes Glück denken durfte …« + +Er hielt inne. Natalias Blick war gerade und fest auf ihn gerichtet … +Es ging nicht – er mußte schweigen. + +»Sie bestreben sich, mir zu beweisen, daß Sie ein ehrlicher Mann sind, +Dmitri Nikolaitsch,« äußerte sie, »ich zweifle nicht daran. Sie sind +nicht imstande, aus Berechnung zu handeln; war es denn aber diese +Überzeugung, die ich zu gewinnen gewünscht hatte, war ich deshalb +hierhergekommen …« + +»Ich hatte nicht erwartet, Natalia …« + +»Ah! Nun endlich haben Sie es ausgesprochen! Ja, Sie hatten alles dies +nicht erwartet – Sie kannten mich nicht. Beruhigen Sie sich … Sie +lieben mich nicht, ich aber dränge mich niemandem auf.« + +»Ich liebe Sie!« rief Rudin aus. + +Natalia richtete sich auf. + +»Möglich; wie aber lieben Sie mich? Alle Ihre Worte schweben mir vor, +Dmitri Nikolaitsch. Erinnern Sie sich, Sie sagten mir, ohne völlige +Gleichheit gäbe es keine Liebe … Sie stehen mir zu hoch, Sie passen für +mich nicht … Ich habe diese Strafe verdient. Beschäftigungen warten +Ihrer, die Ihrer würdiger sind. Den heutigen Tag werde ich nicht +vergessen … Leben Sie wohl …« + +»Natalia, Sie wollen fort? Sollen wir denn so scheiden?« + +Er streckte die Hände nach ihr aus. Sie blieb stehen. Seine flehende +Stimme schien sie unschlüssig gemacht zu haben. + +»Nein,« rief sie endlich, »ich fühle, es ist in mir etwas gebrochen … +Ich kam hierher, redete mit Ihnen, wie in Fieberhitze; ich muß meine +Sinne zusammennehmen. Es soll nicht sein, Sie selbst sagten, es dürfe +nicht sein. Mein Gott, als ich hierherging, nahm ich in Gedanken +Abschied von meinem Hause, von meiner ganzen Vergangenheit – und was? +Wen traf ich hier? Einen kleinmütigen Mann … Und woher wußten Sie, daß +ich nicht imstande wäre, die Trennung von meiner Familie zu ertragen? +›Ihre Mama gibt nicht ihre Einwilligung … das ist schrecklich!‹ Dies +war alles, was ich von Ihnen hörte. Sind Sie es, sind Sie es, Rudin? +Nein! Leben Sie wohl … Ach! Wenn Sie mich liebten, jetzt, in diesem +Augenblicke müßte ich es fühlen … Nein, nein, leben Sie wohl! …« + +Sie wandte sich rasch um und lief zu Mascha, die schon seit geraumer +Zeit angefangen hatte, unruhig zu werden und ihr Zeichen zu machen. + +»Sie haben Angst bekommen, nicht aber ich!« rief Rudin Natalia nach. +Sie gab nicht mehr acht auf ihn und eilte über das Feld nach Hause. +Glücklich kam sie auf ihrem Zimmer an; kaum aber hatte sie die Schwelle +überschritten, so verließen sie ihre Kräfte und bewußtlos sank sie in +Maschas Arme. + +Rudin blieb inzwischen noch lange auf dem Damme. Endlich raffte er +sich zusammen, schritt langsam dem Fußwege zu und ebenso auf demselben +weiter. Er war tief beschämt … und erbittert. So etwas, dachte er, von +einem achtzehnjährigen Mädchen! … Nein, ich kannte sie nicht … Ein +außergewöhnliches Mädchen. Welch ein starker Wille! … Sie hat recht; +sie ist einer anderen Liebe wert als der, die ich für sie fühlte … +Fühlte? … fragte er sich selbst. Fühle ich denn keine Liebe mehr? Und +mußte alles ein solches Ende nehmen! Wie erbärmlich, wie nichtig war +ich im Vergleiche zu ihr! + +Das leichte Rollen einer Reitdroschke zwang Rudin, die Augen zu +erheben. Ihm entgegen kam, auf seinem bekannten Traber, Leschnew +gefahren. Schweigend tauschte Rudin mit ihm einen Gruß, lenkte dann, +wie von einem plötzlichen Gedanken getroffen, vom Wege ab und ging +rasch in der Richtung zum Hause Darja Michailownas weiter. + +Leschnew ließ ihn ein Stück Weges gehen, folgte ihm mit dem Blick, +wandte nach kurzem Nachsinnen sein Pferd um – und fuhr zurück zu +Wolinzow, bei dem er die Nacht zugebracht hatte. Er fand ihn noch +schlafend, ließ ihn nicht wecken, setzte sich in Erwartung des Tees auf +den Balkon und zündete sich die Pfeife an. + + + + +X + + +Wolinzow verließ gegen zehn Uhr sein Lager und als er hörte, daß +Leschnew bei ihm auf dem Balkon sitze, wunderte er sich sehr und ließ +ihn zu sich bitten. + +»Was ist vorgefallen?« fragte er ihn. »Du wolltest ja nach Hause +fahren.« + +»Ja, ich wollte, mir ist jedoch Rudin begegnet … Spaziert allein auf +dem Felde und das Gesicht so verstört. Ich dachte nicht lange nach und +kehrte um.« + +»Du bist zurückgekehrt, weil dir Rudin begegnete?« + +»Das heißt – die Wahrheit zu sagen – ich weiß selbst nicht, weshalb +ich zurückgekommen bin; vermutlich weil du mir in den Sinn kamst: ich +empfand das Verlangen, noch etwas bei dir zu sitzen, nach Hause komme +ich noch früh genug.« + +Wolinzow lächelte bitter. + +»Ja, an Rudin kann man jetzt nicht mehr denken, ohne zu gleicher Zeit +auch an mich zu denken … He!« rief er dem Diener laut zu, »bringe uns +Tee.« + +Die Freunde nahmen das Frühstück ein. Leschnew begann von +Landwirtschaft zu sprechen, von einer neuen Art, die Scheunen mit Pappe +zu decken … + +Plötzlich sprang Wolinzow von seinem Sessel auf und schlug so heftig +auf den Tisch, daß Tassen und Untertassen erklirrten. + +»Nein!« rief er aus, »ich habe nicht die Kraft, es länger zu ertragen! +Ich werde diesen Schöngeist fordern und mag er mich zusammenschießen, +oder ich ihm eine Kugel durch seine gelehrte Stirn jagen!« + +»Was ficht dich an, ermanne dich!« schalt Leschnew, »wie kann man so +schreien! Ich habe dabei mein Pfeifenrohr fallen lassen … Was ist dir?« + +»Das ist mir, daß ich diesen Namen nicht gleichgültig anhören kann: +alles Blut steigt mir zu Kopfe.« + +»Geh doch, Bruder, geh! Schämst du dich denn nicht!« erwiderte +Leschnew, die Pfeife vom Boden aufhebend. »Denk nicht mehr daran! – Hol +ihn der Teufel!« + +»Er hat mich beleidigt,« fuhr Wolinzow fort, indem er im Zimmer +umherging … »ja! er hat mich beleidigt. Du mußt es selbst gestehen. Im +ersten Augenblick fand ich mich nicht zurecht: er hatte mich stutzig +gemacht; und wer konnte es auch erwarten? Ich will ihm aber beweisen, +daß ich nicht mit mir spaßen lasse … Ich will ihn, diesen verdammten +Philosophen, wie ein Feldhuhn über den Haufen schießen.« + +»Ein großer Gewinn für dich! In der Tat! Von deiner Schwester gar nicht +zu reden. Eine bekannte Sache, die Leidenschaft behält bei dir die +Oberhand … wie solltest du an deine Schwester denken! Aber in betreff +einer anderen Person, glaubst du, du werdest besser reüssieren, wenn +du den ›Philosophen‹ tötest?« + +Wolinzow warf sich in einen Sessel. + +»Dann gehe ich fort, wohin es auch sei, nur fort von hier! Der Gram +preßt mir hier das Herz ab, so daß ich nirgends Ruhe finde.« + +»Du willst fort … das ist eine andere Sache! Damit bin ich ganz +einverstanden. Und weißt du, was ich dir vorschlagen will? Wir wollen +zusammen nach dem Kaukasus oder auch nach Kleinrußland und uns an +Mehlklößen gütlich tun. Ein herrliches Ding das, Bruder!« + +»Gut; wer bleibt aber bei der Schwester?« + +»Und warum sollte denn Alexandra Pawlowna nicht mit uns reisen? Bei +Gott, das wäre herrlich. Ich übernehme es, für sie Sorge zu tragen! Es +soll ihr an nichts fehlen; wenn sie es wünscht, werde ich ihr jeden +Abend unter ihrem Fenster mit einer Serenade aufwarten; die Fuhrleute +will ich mit Kölnischem Wasser einparfümieren, die Wege mit Blumen +schmücken. Na, Bruder, und wir beide, wir werden wie neugeboren sein; +wir wollen uns dem Genusse rückhaltlos hingeben und solche Wänste mit +nach Hause bringen, daß keine Liebe uns mehr etwas wird anhaben können!« + +»Du treibst immer Scherz, Mischa!« + +»Ich scherze durchaus nicht. Das war ein brillanter Einfall von dir.« + +»Nein! Unsinn!« rief Wolinzow wieder, »schlagen, schlagen will ich mich +mit ihm! …« + +»Schon wieder, Bruder, bist du denn heute ganz von Sinnen!« + +Der Diener trat mit einem Briefe in der Hand herein. + +»Von wem?« fragte Leschnew. + +»Von Rudin, von Dmitri Nikolajewitsch Rudin. Der Diener aus dem +Laßunskischen Hause hat ihn gebracht.« + +»Von Rudin?« wiederholte Wolinzow. »An wen?« + +»An Sie.« + +»An mich … gib her.« + +Wolinzow ergriff den Brief, erbrach ihn hastig und las. Leschnew +beobachtete ihn aufmerksam: ein eigentümliches, fast freudiges +Erstaunen war auf Wolinzows Gesicht zu bemerken; er ließ die Arme +sinken. + +»Was gibt’s?« fragte Leschnew. + +»Lies!« sagte Wolinzow halblaut und reichte ihm den Brief. + +Leschnew begann wie folgt zu lesen: + + »Mein Herr Sergei Pawlowitsch! + +Ich verlasse heute Darja Michailownas Haus, verlasse es für immer. Es +wird Sie das befremden, zumal nach dem gestrigen Vorfalle. Ich kann +Ihnen nicht auseinandersetzen, was mich zwingt, so zu verfahren; mich +dünkt aber, ich müsse Sie von meiner Abreise benachrichtigen. Sie +lieben mich nicht und halten mich sogar für einen schlechten Menschen. +Ich beabsichtige nicht, mich zu rechtfertigen: die Zeit wird es tun. +Meiner Ansicht nach ist es eines Mannes nicht würdig und zudem unnütz, +einem von vorgefaßten Meinungen befangenen Menschen das Unbegründete +seiner Vorurteile vorzuhalten. Wer mich verstehen will, wird mich +entschuldigen, wer mich nicht verstehen will oder kann – dessen +Beschuldigungen berühren mich nicht. Ich habe mich in Ihnen getäuscht. +In meinen Augen werden Sie wie vorher als edler und ehrenhafter Mann +dastehen; ich hatte aber gedacht, Sie würden es vermögen, sich über den +Kreis, in welchem Sie auferzogen worden sind, zu erheben … Ich habe +mich getäuscht. Was liegt daran! Es ist nicht das erste und wohl auch +nicht das letztemal, daß mir dies passiert. Ich wiederhole Ihnen: ich +reise ab. Ich wünsche Ihnen alles mögliche Glück. Sie werden gestehen, +daß dies ein durchaus uneigennütziger Wunsch ist, und ich gebe mich der +Hoffnung hin, Sie werden jetzt glücklich werden. Vielleicht werden Sie +mit der Zeit Ihre Meinung über mich ändern. Ob wir einander noch einmal +wiedersehen, weiß ich nicht, ich bleibe aber dennoch der Sie aufrichtig +achtende + + D. R. + +~P. S.~ Die zweihundert Rubel, welche ich Ihnen schulde, werde ich +Ihnen zustellen, sobald ich auf meinem Gute, im T…schen Gouvernement, +angekommen sein werde. Ich bitte noch, in Darja Michailownas Beisein +von diesem Briefe nicht zu reden. + +~P. S.~ Noch eine letzte, doch wichtige Bitte: da ich unverzüglich +abreise, hoffe ich, werden Sie gegen Natalia Alexejewna nicht meines +Besuches bei Ihnen Erwähnung tun …« + +»Nun, was sagst du dazu?« fragte Wolinzow, als Leschnew den Brief +beendigt hatte. + +»Was läßt sich dazu sagen!« erwiderte Leschnew. »Alles, was man tun +kann, ist, wie die Morgenländer: Allah! Allah! ausrufen und den Finger +als Zeichen der Verwunderung in den Mund stecken. – Er reist ab … Nun! +Möge der Weg vor ihm eben sein! Interessant ist’s aber, daß er diesen +Brief zu schreiben für Pflicht gehalten hat, ebenso wie er auch aus +Pflicht getrieben wurde, dir einen Besuch zu machen … Bei diesem Herrn +dreht sich’s immer um den Pflicht- und Schuldbegriff,« setzte Leschnew, +mit einem Lächeln auf das Postskriptum deutend, hinzu. + +»Und was für Phrasen er da macht!« rief Wolinzow. »Hat sich in mir +getäuscht: er hätte erwartet, ich werde mich über einen gewissen Kreis +erheben … Himmel! Ist das ein Gewäsch! Noch ärger als Gedichte!« + +Leschnew erwiderte nichts; nur in den Augen ward ein Lächeln bemerkbar. +Wolinzow erhob sich. + +»Ich will zu Darja Michailowna fahren,« sagte er, »ich will hören, was +dies alles bedeutet …« + +»Warte, Bruder: gib ihm Zeit, sich davonzumachen. Warum wolltest du +wieder mit ihm zusammentreffen? Er verschwindet ja – was willst du +mehr? Besser, du legst dich hin und schläfst aus; du hattest dich +ohnehin gewiß die ganze Nacht von einer Seite auf die andere gewälzt! +Jetzt wird es ja besser mit deinen Angelegenheiten …« + +»Woraus schließt du das?« + +»Nun, mir kommt es so vor. Lege dich aber hin und schlafe ein wenig, +ich will unterdessen zu deiner Schwester – und ihr Gesellschaft +leisten.« + +»Ich will ja nicht schlafen. Weshalb sollte ich schlafen! … Ich will +lieber die Felder besichtigen,« sagte Wolinzow, die Schöße seines +Mantels zurecht zupfend. + +»Auch das! Reite hin, Bruder, reite hin, besichtige die Felder …« + +Und Leschnew begab sich in die andere Hälfte des Hauses zu Alexandra +Pawlowna. Er traf sie in ihrem Gastzimmer. Sie bewillkommnete ihn +freundlich. Sie war wie immer über seinen Besuch erfreut, doch behielt +ihr Gesicht einen betrübten Ausdruck. Der gestrige Besuch Rudins +beunruhigte sie. + +»Sie kommen vom Bruder?« fragte sie Leschnew, »wie ist er heute?« + +»Es macht sich, er ist auf die Felder geritten.« + +Alexandra Pawlowna schwieg. + +»Sagen Sie mir,« begann sie, den Rand ihres Schnupftuches mit +Aufmerksamkeit betrachtend, »Sie wissen nicht, warum …« + +»Rudin gekommen ist?« setzte Leschnew hinzu. »Ich weiß es: er kam, um +Abschied zu nehmen.« + +Alexandra Pawlowna erhob den Kopf. + +»Wie – um Abschied zu nehmen?« + +»Jawohl. Haben Sie denn nicht gehört? Er verläßt Darja Michailowna.« + +»Verläßt sie?« + +»Für immer; so sagt er wenigstens.« + +»Aber wie kann das sein, wie ist das zu verstehen, nach allem, was …« + +»Ja, das ist eine andere Sache! Verstehen läßt sich’s nicht, es ist +aber so. Es muß dort etwas vorgefallen sein. Er hat wohl die Sehne zu +stark gespannt, und sie ist – gerissen.« + +»Michael Michailitsch!« sagte Alexandra Pawlowna, »ich verstehe nichts; +Sie wollen, dünkt mich, Spaß mit mir treiben …« + +»Nein! Bei Gott nicht … Ich sage Ihnen, er reist fort und teilt dies +seinen Bekannten sogar brieflich mit. Von einem gewissen Gesichtspunkte +aus betrachtet, ist das, wenn Sie wollen, nicht übel; seine Abreise +verhindert indessen die Ausführung eines der merkwürdigsten +Unternehmen, welches Ihr Bruder und ich soeben erst zu besprechen +begonnen hatten.« + +»Was ist das für ein Unternehmen?« + +»Sie sollen es hören. Ich machte Ihrem Bruder den Vorschlag, zur +Zerstreuung auf Reisen zu gehen und Sie zu entführen. Ich übernahm es, +speziell für Sie Sorge zu tragen …« + +»Wie ist das schön!« rief Alexandra Pawlowna, »ich kann mir denken, +auf welche Weise Sie für mich Sorge tragen würden. Sie ließen mich +vermutlich Hungers sterben.« + +»Das sagen Sie, Alexandra Pawlowna, weil Sie mich nicht kennen. Sie +glauben, ich sei ein Klotz, ein wahrer Klotz, ein Holzblock! Wissen Sie +aber, daß ich imstande bin, zu schmelzen wie Zucker und tagelang auf +den Knien zu liegen?« + +»Das möchte ich wahrhaftig sehen!« + +Leschnew erhob sich plötzlich. »Nun, nehmen Sie mich zum Manne, +Alexandra Pawlowna, dann werden Sie es erleben.« + +Alexandra Pawlowna wurde bis über die Ohren rot. + +»Was haben Sie da gesagt, Michael Michailitsch?« brachte sie verwirrt +hervor. + +»Gesagt habe ich,« erwiderte Leschnew, »was mir schon längst und +tausendmal auf der Zunge geschwebt hat. Ich habe es nun ausgesprochen +und Sie können nach Gutdünken verfahren. Um Ihnen jedoch nicht störend +zu sein, will ich mich jetzt entfernen. Ja, ich entferne mich … Wenn +Sie meine Frau werden wollen … Wenn es Ihnen nicht zuwider ist, lassen +Sie mich nur rufen; ich werde es schon verstehen …« + +Alexandra Pawlowna wollte Leschnew zurückhalten, er ging aber rasch +hinaus und begab sich ohne Mütze in den Garten und starrte, auf die +Gartentür gestützt, ins Weite hinaus. + +»Michael Michailitsch!« ließ sich hinter ihm die Stimme des +Kammermädchens hören, »die gnädige Frau läßt Sie zu sich bitten.« + +Michael Michailitsch wandte sich um, faßte das Mädchen zu seinem +großen Erstaunen beim Kopfe, küßte es auf die Stirn und begab sich zu +Alexandra Pawlowna. + + + + +XI + + +Als Rudin, kurz nach seinem Zusammentreffen mit Leschnew, nach Hause +zurückgekehrt war, hatte er sich auf seinem Zimmer eingeschlossen und +zwei Briefe geschrieben: einen an Wolinzow, den der Leser bereits +kennt, und einen an Natalia. An diesem zweiten Briefe hatte er lange +gearbeitet, vieles in demselben gestrichen und umgeändert, und +nachdem er ihn säuberlich auf einen Bogen feines Postpapier ins reine +geschrieben und ihn dann so klein als möglich zusammengelegt hatte, +steckte er ihn in die Tasche. Mit gramerfülltem Gesichte ging er einige +Male im Zimmer auf und ab, setzte sich in einen Lehnstuhl ans Fenster +und stützte sich auf den Arm; eine Träne zitterte auf seinen Wimpern … +Plötzlich, als raffte er sich zu einem letzten Entschlusse zusammen, +erhob er sich, knöpfte seinen Rock bis an den Hals zu, rief den Diener +und hieß ihn bei Darja Michailowna nachfragen, ob sie für ihn sichtbar +sei. + +Der Diener kehrte bald zurück und meldete, Darja Michailowna erwarte +ihn. + +Rudin begab sich zu ihr. + +Sie empfing ihn in ihrem Kabinett wie das erstemal, zwei Monate vorher. +Jetzt aber war sie nicht allein: Pandalewski, bescheiden, frisch, +sauber und salbungsvoll wie immer, saß bei ihr. + +Darja Michailowna begegnete Rudin freundlich, und dieser begrüßte +sie mit anscheinender Ungezwungenheit; beim ersten Blick auf die +lächelnden Gesichter beider wäre jeder einigermaßen weltkundige Mensch +jedoch leicht gewahr geworden, daß zwischen ihnen etwas Unangenehmes +vorgefallen, wenn auch nicht verhandelt worden sei. Rudin wußte, daß +Darja Michailowna böse auf ihn war, und diese ahnte, daß er bereits von +ihrem Vorhaben unterrichtet sei. + +Pandalewskis Bericht hatte sie sehr aufgeregt. Der Standeshochmut hatte +sich in ihr geregt. Rudin, der unbegüterte, ranglose und bis jetzt noch +unbekannte Mensch, hatte sich erfrecht, ihrer Tochter – der Tochter +Darja Michailowna Laßunskis – ein Stelldichein zu geben!! + +»Nehmen wir an, er sei klug, ein Genie!« sagte sie, »was folgt denn +daraus? Es könnte demnach ein jeder darauf hoffen, mein Schwiegersohn +zu werden?« + +»Lange wollte ich meinen Augen nicht trauen,« hatte Pandalewski +eingewandt. »Wie es möglich ist, seinen Platz in der Welt nicht zu +kennen, das wundert mich!« + +Darja Michailowna war sehr aufgebracht und Natalia hatte darunter zu +leiden. + +Sie bat Rudin Platz zu nehmen. Er tat es, aber nicht mehr wie der Rudin +von ehemals, der fast Herr im Hause geschienen hatte, selbst nicht wie +ein guter Bekannter, sondern wie ein Gast und nicht sehr befreundeter +Gast. Alles dies war das Werk eines Augenblicks … So verwandelt sich +Wasser plötzlich in festes Eis. + +»Ich komme, Darja Michailowna,« begann Rudin, »Ihnen für Ihre +Gastfreundschaft Dank zu sagen. Ich habe soeben wichtige Nachrichten +von meinem Gütchen bekommen und muß heute noch dahin abreisen.« + +Darja Michailowna blickte Rudin scharf an. + +Er ist mir zuvorgekommen, gewiß hat er Verdacht, dachte sie. Er +überhebt mich der lästigen Erklärungen, um so besser. Es leben die +klugen Köpfe! + +»Wirklich?« sagte sie laut. »Ach, wie das unangenehm ist! Was ist da +zu machen! Ich hoffe, Sie diesen Winter in Moskau zu sehen. Wir reisen +auch bald von hier fort.« + +»Ich weiß nicht, Darja Michailowna, ob es mir möglich sein wird, nach +Moskau zu kommen; sobald ich aber das Nötige dazu werde gefunden haben, +werde ich es für meine Pflicht erachten, Ihnen meine Aufwartung zu +machen.« + +Oho, mein Bester! dachte Pandalewski jetzt bei sich: vor kurzem noch +hast du hier als Sultan geschaltet und gewaltet und drückst dich jetzt +in diesem Tone aus? + +»Sie haben also unbefriedigende Nachrichten von Ihrem Gute erhalten?« +fragte er mit gewohnter Ziererei. + +»Ja,« erwiderte Rudin trocken. + +»Mißernte vielleicht?« + +»Nein … etwas anderes … Glauben Sie mir, Darja Michailowna,« fuhr +Rudin fort, »ich werde die Zeit nie vergessen, die ich in Ihrem Hause +verbracht habe.« + +»Ich meinerseits, Dmitri Nikolaitsch, werde mich immer mit Vergnügen +unserer Bekanntschaft erinnern … Wann reisen Sie?« + +»Heute nach Tische.« + +»So bald! … Nun, ich wünsche Ihnen eine glückliche Reise! Übrigens, +wenn Ihre Geschäfte Sie nicht gar zu lange zurückhalten, könnten Sie +uns vielleicht hier noch treffen.« + +»Das wird schwerlich angehen,« erwiderte Rudin, sich erhebend. +»Entschuldigen Sie mich,« setzte er hinzu, »ich kann nicht sogleich +meine Schuld abtragen, sobald ich aber auf meinem Gute …« + +»Lassen Sie doch das, Dmitri Nikolaitsch!« unterbrach ihn Darja +Michailowna, »wie können Sie davon reden! … Doch wieviel ist’s an der +Zeit?« fragte sie. + +Pandalewski langte aus seiner Westentasche eine kleine, goldene, +emaillierte Uhr hervor und die rosige Wange bedachtsam an den weißen, +steifen Hemdkragen schmiegend, beäugelte er das Zifferblatt. + +»Zwei Uhr dreiunddreißig Minuten,« sagte er. + +»Es ist Zeit, daß ich Toilette mache,« warf Darja Michailowna hin. »Auf +Wiedersehen, Dmitri Nikolaitsch!« + +Rudin erhob sich. Die ganze Unterhaltung mit Darja Michailowna trug ein +eigenes Gepräge. So repetieren Schauspieler ihre Rollen, so tauschen +miteinander auf Konferenzen Diplomaten ihre zum voraus verabredeten +Phrasen … + +Rudin ging hinaus. Er hatte jetzt an sich die Erfahrung gemacht, wie +Leute von Welt einen Menschen, den sie nicht mehr brauchen, beiseite +werfen, oder nicht einmal das, sondern ihn ganz einfach fallen lassen: +wie einen Handschuh nach dem Balle, ein Bonbonpapier, oder ein Billett +der Tombola, das nichts gewonnen hat. + +Rasch packte er seine Sachen ein und wartete mit Ungeduld auf die +Stunde der Abreise. Alle im Hause waren sehr erstaunt, als sie seinen +Entschluß erfuhren; selbst das Dienerpersonal blickte ihn befremdet +an. Bassistow verhehlte nicht seinen Kummer. Augenfällig war’s, daß +Natalia Rudin vermied. Sie bemühte sich sogar, seinen Blicken nicht zu +begegnen; es gelang ihm aber dennoch, ihr seinen Brief zuzustecken. An +der Tafel äußerte Darja Michailowna nochmals, sie hoffe, Rudin noch vor +ihrer Abreise nach Moskau zu sehen, er erwiderte jedoch nichts darauf. +Häufiger als die übrigen richtete Pandalewski an ihn das Wort, und mehr +als einmal spürte Rudin das Verlangen, über ihn herzufallen und sein +blühendes, rosiges Gesicht zu ohrfeigen. Mit eigentümlich verschmitztem +Ausdruck in den Augen warf Mlle. Boncourt häufige Blicke auf Rudin: +solch einen Ausdruck kann man an sehr klugen Hühnerhunden bisweilen +bemerken … Ha, ha, schien sie sagen zu wollen, so also behandelt man +dich jetzt! + +Endlich schlug es sechs Uhr und Rudins Tarantaß fuhr vor. Er nahm eilig +von allen Abschied. Es war ihm sehr unbehaglich zumute. Er hatte nicht +erwartet, daß er so aus diesem Hause scheiden werde: es hatte den +Anschein, als triebe man ihn davon … Wie ist das alles gekommen? und +warum brauchte ich so zu eilen? Doch das Ende bleibt dasselbe, – das +war es, was ihm durch den Kopf ging, als er mit erzwungenem Lächeln +nach allen Seiten hin grüßte. Zum letzten Male warf er einen Blick auf +Natalia, und es regte sich in ihm das Herz: ihre Augen waren auf ihn +gerichtet und gaben ihm ein trauriges, vorwurfsvolles Geleit. + +Rasch lief er die Treppe hinunter und sprang in den Tarantaß. Bassistow +hatte sich erboten, ihn bis zur ersten Station zu begleiten und setzte +sich zu ihm. + +»Erinnern Sie sich,« begann Rudin, nachdem der Wagen aus dem Hofe auf +die breite, mit Tannen besetzte Straße gerollt war, »erinnern Sie +sich, was Don Quijote zu seinem Knappen sagt, als sie das Schloß der +Herzogin verließen? ›Freiheit,‹ sagte er, ›Freund Sancho, ist eins der +kostbarsten Güter der Menschen, und glücklich ist, wem der Himmel sein +tägliches Brot beschert hat und wer anderen dafür nicht verpflichtet +zu sein braucht!‹ Was Don Quijote damals empfand, empfinde ich jetzt … +Gebe Gott, mein guter Bassistow, daß Sie niemals in die Lage kommen, +dies zu empfinden!« + +Bassistow drückte Rudin kräftig die Hand und das Herz des ehrlichen +Jünglings klopfte heftig in seiner gerührten Brust. Bis zu der Station +sprach Rudin von der Würde des Menschen, von der Bedeutung der wahren +Freiheit – seine Worte waren warm, edel und aufrichtig – und als es zum +Scheiden gekommen war, hielt es Bassistow nicht mehr aus, warf sich ihm +um den Hals und brach in Schluchzen aus. Auch Rudin ließ einige Tränen +fallen; doch weinte er nicht darüber, daß er von Bassistow schied, es +waren Tränen der Eigenliebe, die er vergoß. + + * * * * * + +Natalia begab sich auf ihr Zimmer und las Rudins Brief. + +»Verehrte Natalia Alexejewna« – schrieb er – »ich habe mich +entschlossen, abzureisen. Ein anderer Ausweg bleibt mir nicht. Ich habe +mich entschlossen, abzureisen, bevor man mir unumwunden sagt, daß ich +mich entfernen möge. Mit meinem Scheiden hören alle Mißverständnisse +auf; bedauern wird mich schwerlich jemand. Wozu also noch zögern? … +Dies alles ist richtig, werden Sie denken, warum aber schreibe ich an +Sie? + +»Ich scheide von Ihnen, vermutlich für immer, und es wäre gar zu hart, +müßte ich annehmen, daß ich einen schlechteren Ruf, als ich verdiene, +hinterlasse. Darum schreibe ich Ihnen jetzt. Ich will weder mich +rechtfertigen, noch irgend jemand beschuldigen, außer mich selbst: ich +will, so gut es geht, mich erklären … Die Ereignisse der letzten Tage +sind so unerwartet, so plötzlich hereingebrochen … + +»Die heutige Zusammenkunft wird mir als Lehre dienen. Ja, Sie haben +recht: ich kannte Sie nicht, glaubte aber, Sie zu kennen! Auf meiner +Lebensbahn habe ich mit Menschen jeder Gattung zu schaffen gehabt, +bin mit vielen Frauen und Mädchen in Berührung gekommen; doch als Sie +mir begegneten, fand ich zum ersten Male eine vollkommen reine und +gerade Seele. Das war mir neu, und ich verstand nicht, Sie zu würdigen. +Ich fühlte mich gleich am ersten Tage unserer Bekanntschaft zu Ihnen +hingezogen – Sie müssen es bemerkt haben. – Viele Stunden verbrachte +ich mit Ihnen und habe Sie nicht kennengelernt; ja, ich gab mir nicht +einmal Mühe, Sie kennenzulernen … und ich habe mir einbilden können, +ich empfinde Liebe zu Ihnen!! Für diesen Frevel erdulde ich jetzt die +Strafe. + +»Ich liebte vormals ein Weib und wurde wiedergeliebt … Das Gefühl, das +ich für sie empfand, war ein gemischtes, und so war auch das ihrige; +sie war aber kein Naturkind und so paßte denn eines zum anderen. Die +Wahrhaftigkeit zeigte sich mir damals nicht: ich habe sie auch jetzt +nicht erkannt, als sie vor mir stand … Zuletzt erst erkannte ich sie, +doch zu spät … Was vergangen, kehrt nicht wieder … Unser Leben hätte +sich in eins verschmelzen können – und wird es nun nimmer. Wie beweise +ich Ihnen, daß ich Sie mit wahrer Liebe – mit der Liebe des Herzens und +nicht der Einbildung hätte lieben können, wenn ich selbst nicht weiß, +ob ich einer solchen Liebe fähig bin! + +»Die Natur hat mir viel gegeben – ich weiß es und will nicht aus falsch +verstandener Scham bescheiden vor Ihnen tun, vollends jetzt nicht, in +dieser für mich so bitteren, so schmachvollen Stunde … Ja, viel gab mir +die Natur; und ich werde sterben, ohne etwas getan zu haben, was meiner +Fähigkeiten würdig gewesen wäre, ohne von mir die geringste heilsame +Spur zu hinterlassen. Mein ganzer Schatz wird nutzlos verschwinden: +ich werde die Frucht meiner Aussaat nicht ernten. Es gebricht mir … +ich selbst weiß nicht zu sagen, woran es mir namentlich gebricht … +Es gebricht mir vermutlich an dem, ohne welches weder die Herzen der +Menschen sich bewegen, noch ein weibliches Herz sich erobern läßt; +die Herrschaft aber über die Geister allein ist eben so unsicher als +nutzlos. Sonderbar, fast komisch ist mein Geschick: ich gebe mich ganz, +mit wahrer Gier, vollständig hin – und kann mich doch nicht hingeben. +Das Ende wird sein, daß ich mich für irgendein Nichts, dem ich nicht +einmal glaube, opfern werde … Mein Gott! fünfunddreißig Jahre alt und +immer noch sich zur Tat zu rüsten! + +»Ich habe mich noch gegen niemand so ausgesprochen, wie jetzt – dies +ist meine Beichte. + +»Doch genug von mir. Mich verlangt, von Ihnen zu sprechen, Ihnen +einige Ratschläge zu erteilen: zu nichts anderem tauge ich … Sie sind +noch jung; doch wie lange Sie auch leben mögen, folgen Sie stets den +Eingebungen ihres Herzens, lassen Sie sich weder von Ihrem eigenen, +noch von fremdem Verstande beherrschen. Glauben Sie mir, je einfacher, +beschränkter der Kreis ist, in welchem das Leben sich abspinnt, desto +besser ist es; es kommt nicht darauf an, neue Seiten in demselben +zu entdecken, wohl aber, daß jeder Übergang in ihm zur rechten Zeit +stattfinde. ›Glücklich, wer von Jugend auf jung gewesen‹[5] … Ich +bemerke jedoch, daß diese Ratschläge weit mehr mich als Sie betreffen. + +»Ich gestehe Ihnen, Natalia Alexejewna, mir ist sehr schwer ums Herz. +Ich habe mich niemals in der Natur jenes Gefühls, das ich Darja +Michailowna eingeflößt hatte, täuschen können; ich lebe jedoch der +Hoffnung, einen, wenn auch nur temporären Hafen gefunden zu haben … +Jetzt muß ich wieder durch die weite Welt irren. Was ersetzt mir Ihre +Unterhaltung, Ihre Gegenwart, Ihren aufmerkenden und klugen Blick? +… Ich bin selbst daran schuld; Sie werden aber zugeben, daß uns das +Schicksal wie vorsätzlich hart mitgespielt hat. Vor einer Woche ahnte +mir kaum, daß ich Sie liebte. Vorgestern abend im Garten vernahm ich +zum ersten Male aus Ihrem Munde … doch wozu sollte ich Ihnen ins +Gedächtnis rufen, was Sie an dem Abend sagten – und schon heute reise +ich ab, reise schmachbedeckt fort, nach der herben Unterredung mit +Ihnen und trage keine Hoffnung mit mir davon … Und noch wissen Sie +nicht, in welchem Grade ich Ihnen gegenüber schuldbeladen bin … Ich bin +nun einmal so tölpelhaft offenherzig und geschwätzig … Doch wozu davon +reden! Ich reise ab für immer.« (Hier hatte Rudin Natalia von seinem +Besuche bei Wolinzow zu erzählen angefangen, diese ganze Stelle jedoch +nach einigem Überlegen gestrichen und sodann in dem Briefe von Wolinzow +das zweite Postskriptum hinzugefügt.) + +»Ich bleibe einsam auf der Welt, um, wie Sie heute früh mit grausamem +Lächeln zu mir sagten, mich anderen, mehr für mich geeigneten +Beschäftigungen zu widmen. O weh! wäre ich doch imstande, mich in der +Tat diesen Beschäftigungen zu widmen, endlich einmal meine Lässigkeit +zu überwinden … Doch nein! Ich werde dasselbe unvollendete Wesen, das +ich bisher gewesen bin, bleiben … Beim ersten Hindernis – falle ich +auseinander; der Vorfall mit Ihnen hat es mir bewiesen. Hätte ich +mindestens doch meine Liebe einer künftigen Wirksamkeit nach eigenem +Berufe zum Opfer gebracht; es war aber nur die Verantwortlichkeit, die +ich auf mich nehmen sollte, über die ich erschrak, und darum bin ich +wirklich Ihrer nicht würdig. Ich bin es nicht wert, daß Sie sich für +mich aus Ihrer Sphäre losreißen … Übrigens, wer weiß, wozu alles gut +gewesen … Aus dieser Prüfung werde ich vielleicht reiner und kräftiger +hervorgehen. + +»Ich wünsche Ihnen alles Glück. Leben Sie wohl! Erinnern Sie sich +zuweilen meiner. Ich hoffe, Sie sollen noch von mir hören. + + Rudin.« + +Natalia ließ den Brief Rudins auf ihre Knie fallen und blieb lange +unbeweglich mit auf den Boden gesenktem Blicke sitzen. Dieser Brief +bewies ihr klarer als irgendwelche Gründe es vermocht hätten, wie +recht sie gehabt hatte, als sie an diesem Morgen beim Abschiede von +Rudin unwillkürlich ausgerufen hatte, daß er sie nicht liebe! Doch +fühlte sie sich dadurch nicht erleichtert. Regungslos saß sie da; es +däuchte ihr, dunkle Wogen wären geräuschlos über ihr zusammengeschlagen +und sie versänke in den Abgrund, stumm und erstarrt. Eine erste +Enttäuschung preßt jedem das Herz ab; fast unerträglich aber ist +dieselbe für eine offene Seele, die keine Selbsttäuschung sucht, +und welcher Leichtfertigkeit und Übertreibung fremd sind. Natalia +gedachte ihrer Kinderzeit, wie sie abends, wenn sie spazierenging, +jedesmal bemüht gewesen war, dem erleuchteten Rande des Himmels, +dorthin, wo das Abendrot glühte, und nicht der dunklen Seite desselben +entgegenzuwandeln. Dunkel stand jetzt das Leben vor ihr, und sie hatte +dem Lichte den Rücken gekehrt … + +Tränen traten ins Natalias Augen. Tränen sind nicht jedesmal wohltuend. +Erquickend und heilbringend sind sie, wenn sie, lange in der Brust +verhalten, endlich hervorbrechen – anfangs mit Anstrengung, dann immer +leichter, immer ruhiger; die stumme Angst des Grames löst sich in ihnen +auf … Es gibt jedoch kalte, spärlich rinnende Tränen: tropfenweise +entpreßt sie dem Herzen mit seinem schweren und steten Druck das auf +demselben lastende Leid; erquickungslos sind sie und bringen keine +Erleichterung. Solche Tränen weint die Not, und wer sie nicht vergoß, +war noch nicht unglücklich. Natalia lernte sie heute kennen. + +Zwei Stunden vergingen. Natalia faßte ein Herz, stand auf, trocknete +die Augen, zündete ein Licht an, verbrannte an der Flamme desselben +Rudins Brief bis auf das letzte Stück und warf die Asche zum Fenster +hinaus. Dann schlug sie aufs Geratewohl Puschkin auf und las die +ersten Zeilen, die ihr in die Augen fielen (sie pflegte sich häufig auf +diese Weise aus ihm wahrsagen zu lassen). Auf folgende Stelle fiel ihr +Blick: + + Wer tief gefühlt, dem gönnt nicht Ruhe + Das Schattenbild entschwundnen Glücks … + Für ihn hat alles Reiz verloren, + Erinnerung nur und Reue bohren + Gleich Nattern sich ins Herz ihm ein … + +Sie blieb eine Zeitlang stehen, warf mit kaltem Lächeln einen Blick auf +ihre Gestalt im Spiegel, machte mit dem Kopfe eine leichte Bewegung von +oben nach unten und begab sich ins Gastzimmer hinab. + +Kaum hatte Darja Michailowna Natalia erblickt, so führte sie dieselbe +in ihr Kabinett, hieß sie neben sich Platz nehmen, streichelte +ihr freundlich die Wange und blickte ihr dabei aufmerksam, fast +neugierig in die Augen. In Darja Michailowna waren geheime Mutmaßungen +aufgestiegen: es kam ihr zum ersten Male der Gedanke – daß sie in +der Tat ihre Tochter nicht kenne. Als sie durch Pandalewski von der +Zusammenkunft mit Rudin hörte, war sie weniger entrüstet als erstaunt +gewesen, daß ihre verständige Natalia sich zu einem solchen Schritte +hatte entschließen können. Als sie sie aber zu sich rief und sie zu +schelten begann, nicht etwa im Tone einer feinen Weltdame, sondern +ziemlich schreiend und unmanierlich, da machten die festen Antworten +Natalias, ihre Entschlossenheit in Blick und Haltung Darja Michailowna +verwirrt, ja erschreckten sie sogar. + +Die unerwartete, gleichfalls nicht ganz erklärliche Abreise Rudins nahm +eine Zentnerlast von ihrem Herzen; doch war sie auf Tränen, hysterische +Anfälle gefaßt … Und abermals machte Natalias äußerliche Ruhe sie irre. + +»Nun, mein Kind,« nahm Darja Michailowna das Wort, »wie geht es heute?« + +Natalia blickte ihre Mutter an. + +»Er ist ja fort … jener Herr. Weißt du nicht, weshalb er sich so +schnell davongemacht hat?« + +»Mama!« sagte Natalia mit leiser Stimme, »ich gebe Ihnen mein Wort, +wenn Sie nicht selbst seiner Erwähnung tun, sollen Sie von mir nie +etwas über ihn hören.« + +»Du siehst also dein Unrecht gegen mich ein?« + +Natalia senkte den Kopf und wiederholte: + +»Sie werden von mir nie etwas über ihn hören …« + +»Nun nimm dich in acht!« erwiderte Darja Michailowna lächelnd. »Ich +glaube dir. Vorgestern aber, erinnerst du dich, wie … Nun, nichts +mehr davon. Er sei beendigt, abgetan und vergessen. Nicht wahr? Jetzt +erkenne ich dich wieder; ich war aber wirklich ganz irre geworden. Nun, +gib mir doch einen Kuß, mein liebes, kluges Kind …« + +Natalia führte Darja Michailownas Hand an ihre Lippen und diese +drückte einen Kuß auf den niedergebeugten Kopf ihrer Tochter. + +»Beachte immer meine Ratschläge, vergiß nicht, daß du eine Laßunski und +meine Tochter bist,« setzte sie hinzu, »und du wirst glücklich sein. +Jetzt aber geh.« + +Natalia ging schweigend hinaus. Darja Michailowna sah ihr nach und +dachte: so war ich – die wird sich auch fortreißen lassen: ~mais elle +aura moins d’abandon~. Und Darja Michailowna versank in Erinnerungen an +Vergangenes … längst Vergangenes … + +Dann ließ sie Mlle. Boncourt rufen und blieb lange unter vier Augen +mit ihr eingeschlossen. Nachdem diese entlassen worden war, rief +sie Pandalewski zu sich. Sie wollte durchaus den wirklichen Grund +der Abreise Rudins erfahren … Pandalewski beruhigte sie indessen +vollkommen. So etwas schlug in sein Fach. + + * * * * * + +Am folgenden Tage kam Wolinzow mit seiner Schwester zu Mittag. Darja +Michailowna war immer sehr liebenswürdig gegen beide, diesmal jedoch +empfing sie diese Gäste mit ausnehmender Freundlichkeit. Natalia war +unerträglich schwer zumute; Wolinzow dagegen war so ehrerbietig gegen +sie, so schüchtern, wenn er das Wort an sie richtete, daß sie im Herzen +nicht anders konnte, als ihm Dank dafür zu wissen. + +Der Tag verging ruhig, ziemlich einförmig, doch als man sich trennte, +fühlte jeder sich wieder ins frühere Geleise gebracht; und das will +viel, sehr viel sagen. Jawohl, alle waren in das frühere Geleise +gekommen … alle, ausgenommen Natalia. Als sie allein war, schleppte +sie sich mit Mühe bis an ihr Bett und sank müde, wie gebrochen mit dem +Gesicht auf das Kissen. Das Leben dünkte ihr so herbe, so schal, es +widerte sie so sehr an, sie empfand eine solche Scham vor sich selbst, +vor ihrer Liebe, ihrem Gram, daß sie gewiß in diesem Augenblicke zu +sterben bereit gewesen wäre … Noch viele schwere Tage standen ihr +bevor, viele schlaflose Nächte, martervolle Aufregungen; sie war aber +jung – das Leben hatte für sie eben erst begonnen, das Leben aber +schafft sich, früh oder spät, sein Recht. Was für ein Schlag den +Menschen treffen mag, es wird ihm doch, wenn auch nicht an demselben +Tage, so vermutlich am folgenden – entschuldigen Sie den trivialen +Ausdruck – nach Essen verlangen, und da haben wir schon eine erste +Tröstung … + +Natalias Leiden waren qualvoll; sie litt zum ersten Male … Doch die +ersten Leiden, wie auch die erste Liebe wiederholen sich nicht, – und +Gott sei es gedankt! + + + + +XII + + +Zwei Jahre etwa waren verflossen. Es war in den ersten Tagen des Mai. +Auf dem Balkon ihres Hauses saß Alexandra Pawlowna, jetzt nicht mehr +Lipin, sondern Leschnew; ungefähr vor einem Jahre hatte sie Michael +Michailitsch geheiratet. Sie war lieblich wie ehemals, nur in der +letzten Zeit etwas stärker geworden. Vor dem Balkon, von welchem +aus Stufen in den Garten führten, ging eine Amme umher mit einem +rotbäckigen Kinde in weißem Mäntelchen und weißem Besatz auf dem +Hütchen. Alexandra Pawlowna verwandte die Augen nicht von dem Kinde. Es +schrie nicht, saugte mit wichtiger Miene an seinem Finger und schaute +ruhig um sich herum. Es zeigte sich bereits als würdiger Sohn Michael +Michailitschs. + +Neben Alexandra Pawlowna saß auf dem Balkone unser alter Bekannter +Pigassow. Er war seit wir ihn aus dem Gesicht verloren haben, merklich +ergraut, gebeugt, magerer geworden und zischte beim Sprechen: ein +Vorderzahn war ihm ausgefallen; das Zischen verlieh seiner Rede noch +mehr Bissigkeit … Seine Gehässigkeit hatte sich mit den Jahren nicht +vermindert, doch waren seine Witze stumpf geworden, und er verfiel +häufiger in Wiederholungen. Michael Michailitsch war nicht zu Hause, +man erwartete ihn zum Tee. Die Sonne war bereits untergegangen. Ein +langer, blaß-goldener, zitronengelber Streif zog sich am Abendhimmel +hin, während an dem entgegengesetzten Himmelsrande zwei solcher +Streifen sichtbar waren: einer, der untere, blau, der andere, obere, +rötlich-veilchenblau. In der Höhe verschwammen leichte Wölkchen. Alles +versprach anhaltend gutes Wetter. + +Plötzlich lachte Pigassow auf. + +»Was macht Sie lachen, Afrikan Semenitsch?« fragte Alexandra Pawlowna. + +»Nichts, mir fiel ein … Gestern hörte ich, wie ein Bauer zu seiner +Frau, die gerade etwas redselig geworden war, sagte: knarre nicht! +… Mir hat der Ausdruck sehr gefallen. Knarre nicht! Und in der Tat, +worüber können die Weiber denn reden? Sie wissen, ich habe die +Anwesenden niemals im Sinne. Unsere Voreltern waren klüger als wir. +In ihren Legenden sitzt die Schöne am Fenster, mit einem Stern auf +der Stirn und dabei ist sie stumm wie ein Fisch. So muß es auch +sein. Und urteilen Sie selbst: da sagt zu mir vorgestern unsere Frau +Adelsmarschallin – wie ein Pistolenschuß schoß sie mir’s vor den +Kopf –, sagt die mir, ihr gefalle nicht meine Tendenz! Tendenz! Nun, +frage ich sie, wäre es nicht besser gewesen für sie, wie für alle, wenn +sie, kraft irgendwelcher wohltuenden Verfügung der Natur, plötzlich des +Gebrauches der Sprache beraubt worden wäre?« + +»Sie bleiben sich immer gleich, Afrikan Semenitsch, Sie ziehen immer +gegen uns wehrlose … Wissen Sie, das ist auch ein Unglück in seiner +Art, gewiß. Sie tun mir leid.« + +»Unglück? Wie können Sie das sagen! Erstens gibt es meiner Ansicht +nach überhaupt nur dreierlei Unglück auf der Welt: im Winter in kalter +Wohnung zu wohnen, im Sommer enge Stiefel zu tragen und in einem Zimmer +zu schlafen, wo ein Kind kreischt, auf das man kein Wanzenpulver +streuen darf. Übrigens bin ich nicht der friedfertigste Mensch von der +Welt geworden? Zu einer moralischen Sentenz, zu einem Rechenexempel bin +ich geworden! So sittsam ist jetzt mein Betragen!« + +»Ein schönes Betragen, das Ihrige, ich muß es gestehen! Hat doch +gestern noch Helena Antonowna sich bei mir über Sie beschwert.« + +»So–oh! Und was hat sie Ihnen erzählt, wenn ich fragen darf?« + +»Sie sagte mir, Sie hätten den ganzen Morgen hindurch. auf alle ihre +Fragen nur eine Antwort gegeben, ›wa–as? wa–as!‹ und das mit so +winselndem Tone …« + +Pigassow lachte. + +»Es war aber eine gute Idee, das müssen Sie doch zugeben, Alexandra +Pawlowna …, wie?« + +»Eine vortreffliche Idee! Darf man sich wohl gegen eine Frau so +unhöflich benehmen, Afrikan Semenitsch?« + +»Was? Helena Antonowna ist eine Frau in Ihren Augen?« + +»Was ist sie denn in den Ihrigen?« + +»Eine Trommel, nichts weiter, eine gewöhnliche Trommel, worauf man mit +Stöcken paukt …« + +»Ach ja!« unterbrach ihn Alexandra Pawlowna, um der Unterhaltung eine +andere Richtung zu geben, »man darf Ihnen, wie ich gehört habe, Glück +wünschen?« + +»Wozu?« + +»Zur Beendigung Ihres Prozesses. Die Glinow-Wiesen sind Ihnen ja +zugesprochen …« + +»Ja, sie sind mir zugesprochen worden,« erwiderte finster Pigassow. + +»Sie haben schon seit langer Zeit darnach getrachtet und scheinen jetzt +nicht zufrieden.« + +»Ich muß Ihnen sagen, Alexandra Pawlowna,« brachte Pigassow langsam +hervor, »es kann nichts Schlimmeres und Verletzenderes geben, als wenn +ein Glück zu spät kommt. Freude kann es Ihnen doch nicht bringen, +dagegen raubt es Ihnen das Recht, das allerkostbarste Recht – das +Schicksal zu schelten. Ja, meine Gnädige, ein spätes Glück ist nichts +als ein bitterer und beleidigender Spott. –« + +Alexandra Pawlowna zuckte bloß die Achseln. + +»Amme,« sagte sie dann, »ich denke, es ist Zeit, daß Mischa zu Bett +gebracht wird. Gib ihn hierher.« + +Und Alexandra Pawlowna machte sich mit ihrem Sohne zu schaffen, während +Pigassow sich brummend auf die andere Seite des Balkons zurückzog. + +Auf einmal zeigte sich in der Nähe, auf dem Wege, der längs dem +Garten hinlief, Michael Michailitsch auf seiner Reitdroschke. Vor +derselben liefen zwei große Hofhunde her: der eine gelb, der andere +grau; er hatte sie sich vor kurzem erst angeschafft. Sie zerrten sich +unaufhörlich und waren die besten Freunde. Ein alter Dachshund kam +ihnen bis vor das Tor entgegen und sperrte das Maul auf, als wolle +er bellen, doch wurde daraus nur ein Gähnen und er kehrte, mit dem +Schwanze ruhig wedelnd, wieder um. + +»Sieh einmal her, Sascha,« rief Leschnew schon von weitem seiner Frau +zu, »wen ich dir da mitbringe.« + +Alexandra Pawlowna erkannte nicht sogleich die Person, die hinter ihrem +Manne saß. + +»Ah! Herr Bassistow!« rief sie dann. + +»Er ist es, er!« erwiderte Leschnew, »und was für vortreffliche +Nachrichten er bringt. Warte nur, du sollst sogleich alles erfahren.« + +Und er fuhr in den Hof hinein. + +Einige Minuten darauf erschien er mit Bassistow auf dem Balkon. + +»Hurra!« rief er, seine Frau in die Arme schließend, »Sergei heiratet!« + +»Wen?« fragte Alexandra Pawlowna bewegt. + +»Versteht sich, Natalia … Unser Freund hier hat diese Nachricht aus +Moskau mitgebracht, und es ist auch ein Brief an dich da … Hörst du, +Mischuk?« setzte er hinzu, die Händchen seines Sohnes erfassend, »Dein +Onkel heiratet! … Das ist aber ein Phlegma! er blinzelt nur mit den +Augen dazu!« + +»Der junge Herr wollen schlafen,« bemerkte die Amme. + +»Ja,« sagte Bassistow, indem er zu Alexandra Pawlowna trat, »ich bin +heute von Moskau im Auftrage von Darja Michailowna gekommen – die +Gutsrechnungen durchzusehen. Hier ist auch der Brief.« + +Alexandra Pawlowna öffnete hastig den Brief ihres Bruders. Er bestand +aus nur wenigen Zeilen. Im ersten Anfalle von Freude meldete er der +Schwester, er habe um Natalia angehalten, ihre und Darja Michailownas +Einwilligung bekommen, versprach mit der ersten Post ausführlich zu +schreiben und umarmte und küßte in Gedanken alle. Er schrieb offenbar +in einer Art von Betäubung. + +Der Tee wurde gebracht. Bassistow mußte sich setzen. Man überschüttete +ihn mit Fragen. Alle, Pigassow sogar, waren über die erhaltene +Nachricht erfreut. + +»Sagen Sie doch,« fragte Leschnew im Laufe der Unterhaltung, »es sind +uns Gerüchte über einen gewissen Herrn Kartschagin zu Ohren gekommen – +sollte an ihnen etwas Wahres sein?« + +Dieser Kartschagin, welchen der Leser bisher noch nicht kennengelernt +hat, war ein hübscher junger Mann – ein Dandy, sehr aufgeblasen und +wichtigtuend; er hielt sich majestätisch und sah dabei so aus, +als wäre er kein lebendiger Mensch, sondern eine ihm selbst auf +Subskription errichtete Statue. + +»Doch nicht so ganz unwahr,« erwiderte Bassistow mit einem Lächeln. +»Darja Michailowna war ihm sehr gewogen; Natalia wollte jedoch nichts +von ihm wissen.« + +»Den kenne ich ja,« warf Pigassow dazwischen, »das ist ja ein +Doppeltölpel, ein Erzperückenstock … ich bitte Sie. Wenn alle Leute +ihm ähnlich wären, müßte man sich viel Geld zahlen lassen, wenn man +überhaupt leben sollte … wie ist das möglich!« + +»Vielleicht,« erwiderte Bassistow, »in der Welt spielt er jedoch keine +der letzten Rollen.« + +»Je nun, das ist uns gleich!« rief Alexandra Pawlowna aus, »lassen wir +ihn! Ach, wie bin ich froh um den Bruder! … Und Natalia ist heiter, +glücklich?« + +»Ja. – Sie ist ruhig wie immer – Sie kennen sie ja – sie scheint aber +zufrieden zu sein.« + +Der Abend verging unter angenehmen und heiteren Gesprächen. Man setzte +sich zu Tische. + +»Ja, da fällt mir ein,« sagte Leschnew zu Bassistow, indem er ihm +Lafitte einschenkte, »wissen Sie, wo Rudin weilt?« + +»Für jetzt weiß ich es nicht mit Bestimmtheit. Vorigen Winter kam er +auf kurze Zeit nach Moskau und reiste dann mit einer Familie nach +Simbirsk; wir tauschten eine Zeitlang miteinander Briefe: in dem +letzten benachrichtigte er mich, daß er Simbirsk verlasse – sagte +jedoch nicht, wohin er ziehe – und seit der Zeit hörte ich nichts mehr +von ihm.« + +»Der geht nicht unter!« nahm Pigassow das Wort, »er sitzt irgendwo +und hält Reden. Dieser Herr wird immer zwei, drei Verehrer finden, +die ihm mit aufgerissenem Munde zuhören und ihm Geld vorschießen. +Geben Sie acht, das Ende davon wird sein, er stirbt in irgendeinem +Provinzialstädtchen – in den Armen einer überreifen Jungfer mit +falschem Haar, die ihm, als dem genialsten Menschen von der Welt, ein +heiliges Andenken bewahren wird …« + +»Sie urteilen über ihn sehr scharf,« bemerkte Bassistow halblaut und +unzufrieden. + +»Durchaus nicht scharf,« erwiderte Pigassow, »sondern der Wahrheit +getreu. Meiner Ansicht nach ist er ein Tellerlecker und weiter nichts. +Ich habe vergessen, Ihnen zu sagen,« fuhr er, zu Leschnew gewendet, +fort, »ich habe ja die Bekanntschaft jenes Terlachow gemacht, mit +welchem Rudin die Reise ins Ausland machte. Jawohl, jawohl! Was der mir +von ihm erzählt hat, davon machen Sie sich keinen Begriff – das ist +wirklich lustig! Auffallend ist es, daß alle Freunde und Nacheiferer +Rudins mit der Zeit seine Feinde werden.« + +»Ich bitte, mich aus der Zahl solcher Freunde auszuschließen!« +unterbrach ihn mit Feuer Bassistow. + +»Sie, nun – das ist ein anderes Ding! Auf Sie ist es auch nicht +gemünzt.« + +»Was war es denn, was Ihnen Terlachow erzählte?« fragte Alexandra +Pawlowna. + +»Mancherlei: es fällt mir nicht alles ein. Die allerbeste Anekdote über +Rudin aber ist folgende: Ohne Unterlaß mit seiner Selbstentwicklung +beschäftigt (diese Herren sind es fortwährend, während andere, +einfach gesagt, schlafen und essen – befinden sie sich im Momente +der Entwicklung des Schlafens oder des Essens; ist es nicht so, Herr +Bassistow? – Bassistow antwortete nichts) … Also mit seiner Entwicklung +fortwährend beschäftigt, war Rudin auf dem Wege der Philosophie zu dem +Vernunftschlusse gekommen, daß er sich verlieben müsse. Er stellte +Nachforschungen über den Gegenstand an, der einem so wunderbaren +Vernunftschlusse entspräche. Fortuna lächelte ihm. Er machte die +Bekanntschaft einer Französin, einer allerliebsten Putzhändlerin. Das +ereignete sich, merken Sie wohl, in einer deutschen Stadt am Rhein. +Er besuchte sie, brachte ihr allerlei Bücher und sprach mit ihr über +Natur und Hegel. Stellen Sie sich die Lage der Putzhändlerin vor! sie +hielt ihn für einen Astronomen. Nun, Sie wissen, seine Figur ist nicht +übel: dazu war er Ausländer, Russe – er gefiel. Endlich bestimmte er +eine Zusammenkunft, ein höchst poetisches Stelldichein: in einer Gondel +auf dem Flusse. Die Französin willigte ein; legte ihr bestes Kleid an +und fuhr mit ihm in der Gondel spazieren. Auf diese Weise vergingen +zwei Stunden. Womit glauben Sie nun, daß er sich diese ganze Zeit über +beschäftigte? Er hat der Französin den Kopf gestreichelt, gedankenvoll +den Himmel angeschaut und ihr mehrmals wiederholt, daß er ›väterliche‹ +Zärtlichkeit für sie fühle. Die Französin kehrte wutentbrannt nach +Hause zurück und hat nachher alles dem Terlachow erzählt. Solch ein +Kerl ist er gewesen!« + +Und Pigassow lachte laut auf. + +»Sie sind ein alter Zyniker!« bemerkte Alexandra Pawlowna ärgerlich, +»indessen gewinne ich immer mehr und mehr die Überzeugung, daß selbst +diejenigen, die über Rudin herfallen, ihm nichts Schlechtes nachsagen +können.« + +»Nichts Schlechtes? Ich bitte Sie! Und sein beständiges Leben auf +fremder Leute Kosten, seine Anleihen … Michael Michailitsch? Gewiß hat +er auch von Ihnen geborgt?« + +»Hören Sie, Afrikan Semenitsch!« begann Leschnew, und sein Gesicht +nahm einen ernsten Ausdruck an, »hören Sie: Sie wissen und meine Frau +weiß es auch, daß ich in der letzten Zeit keine besondere Zuneigung zu +Rudin gefühlt und oft sogar hart über ihn geurteilt habe. Bei allem +dem (Leschnew goß Champagner in die Gläser) will ich Ihnen folgenden +Vorschlag machen: wir haben soeben auf die Gesundheit unseres teueren +Bruders und seiner Braut getrunken; ich fordere Sie jetzt auf, auf die +Gesundheit Dmitri Rudins zu trinken!« + +Alexandra Pawlowna und Pigassow sahen Leschnew mit Verwunderung an, +während Bassistow das Herz im Leibe hüpfte und er vor Freude rot wurde +und die Augen aufriß. + +»Ich kenne ihn gut,« fuhr Leschnew fort, »von seinen Fehlern weiß ich +nur zu viel. Sie fallen um so mehr in die Augen, weil er selbst kein +Alltagsmensch ist.« + +»Rudin – ist eine geniale Natur!« warf Bassistow ein. + +»An Genialität fehlt es ihm nicht,« erwiderte Leschnew, »aber Natur +– das ist eben das schlimme – Natur hat er nicht … Doch nicht davon, +von dem Guten, Seltenen in ihm wollte ich sprechen. Er ist voll +Begeisterung; das ist aber in unseren Tagen, sie können es mir, dem +Phlegmatiker, glauben, die allerkostbarste Eigenschaft. Wir sind alle +unausstehlich überlegt, gleichgültig und träge geworden; wir sind +schläfrig, erkaltet und müssen es demjenigen Dank wissen, der uns, wenn +auch nur auf einen Augenblick, aufrüttelt und erwärmt! Es ist ja die +höchste Zeit! Erinnerst du dich, Sascha, ich sprach einmal mit dir von +ihm und beschuldigte ihn der Kälte. Ich hatte damals recht und unrecht +zugleich. Diese Kälte steckt bei ihm im Blute – daran ist er nicht +schuld – nicht aber im Kopfe. Er ist kein Mime, wie ich ihn nannte, +kein Betrüger, kein Schurke; er lebt auf fremde Kosten nicht wie ein +Schleicher, sondern wie ein Kind … Ja gewiß, er wird irgendwo in Elend +und Armut sterben; sollte man aber deshalb einen Stein auf ihn werfen? +Er selbst wird nie etwas vollenden, ausführen, weil ihm eben Natur +und Blut fehlen; wer hat aber das Recht, zu behaupten, daß er keinen +Nutzen bringen werde, nicht bereits Nutzen gebracht habe? Daß seine +Worte nicht schon viel guten Samen in junge Herzen gestreut haben, +denen die Natur nicht wie ihm Tatkraft und Verständnis zum Vollbringen +des Gedachten versagt hat? Habe ich ja doch, ich vor allem, alles +dieses an mir selbst erfahren … Sascha weiß, was Rudin in meinen jungen +Jahren mir gewesen ist. Ich entsinne mich ferner, behauptet zu haben, +daß Rudins Worte keine Wirkung auf die Menschen auszuüben vermöchten; +ich redete aber damals von Menschen, die mir meinem jetzigen Alter +nach gleichstanden, von Menschen, die das Leben bereits gekostet +haben, und die vom Leben etwas zerzaust sind. Ein falscher Ton in der +Rede – und sie verliert für uns jede Harmonie; beim Jüngling ist aber +glücklicherweise das Gehör noch nicht so ausgebildet, noch nicht so +verwöhnt. Wenn nur der Inhalt des Gehörten ihm schön dünkt, was kümmert +ihn da der Ton! Den wird er schon in sich selbst finden.« + +»Bravo! Bravo!« rief Bassistow, »wie wahr ist das gesprochen! Was +jedoch Rudins Einfluß betrifft, da schwöre ich Ihnen, daß er nicht bloß +einen Menschen aufzurütteln imstande war, sondern ihn auch weiterschob, +ihm die Zeit nicht ließ, stehenzubleiben, ihn um und um kehrte, ihn +entflammte, begeisterte!« + +»Sie hören es!« fuhr Leschnew fort, sich an Pigassow wendend, »welchen +Beweis brauchen Sie noch? Sie machen die Philosophie herunter; wenn Sie +von ihr reden, finden Sie nicht genug verächtliche Ausdrücke. Ich bin +ihr auch nicht besonders hold und begreife sie schlecht; doch nicht +von der Philosophie rühren unsere Hauptverbrechen her! Philosophische +Spitzfindigkeiten und Träumereien werden an dem Russen nie haften; +dazu besitzt er zu viel gesunden Menschenverstand; man darf aber auch +nicht die Philosophie als Vorwand benutzen, um jedes ehrliche Streben +nach Wahrheit und Erkenntnis anzufechten. Es ist Rudins Unglück, daß +er Rußland nicht kennt, und in der Tat ist das ein großes Unglück. +Das Vaterland kann einen jeden von uns entbehren, aber keiner von +uns das Vaterland. Wehe dem, der da meint, daß er’s könne; doppelt +wehe über den, der es in der Tat entbehrt! Kosmopolitismus – ist ein +Unding, der Kosmopolit – eine Null, ärger als eine Null; außerhalb +der Nationalität gibt es weder Kunst, noch Wahrheit, noch Leben, gibt +es nichts. Ohne Physiognomie ist nicht einmal das ideale Gesicht; +nur das gemeine braucht keine zu haben. Ich muß aber wieder darauf +zurückkommen, Rudins Schuld ist es nicht: sein Verhängnis ist es, ein +bitteres, schweres Verhängnis, das wir ihm doch gewiß nicht vorwerfen +werden. Es würde uns zu weit führen, wollten wir untersuchen, warum +Leute, wie Rudin, verkommen. Wir wollen ihm dagegen für das Gute, das +in ihm ist, dankbar sein. Dies ist leichter als ungerecht gegen ihn +zu sein, und wir sind ungerecht gegen ihn gewesen. Eine Strafe über +ihn zu verhängen, steht uns nicht zu, es wäre auch unnütz: er hat sich +selbst viel strenger bestraft, als er es verdiente … Und gebe Gott, +daß das Unglück alles Schlechte aus ihm ausscheide und nur das Schöne +in ihm zurücklasse! Ich trinke auf Rudins Gesundheit! Ich trinke auf +die Gesundheit des Kameraden meiner besten Jahre, ich trinke auf das +Wohl der Jugend, ihrer Hoffnungen, ihres Strebens, ihres Vertrauens und +ihrer Ehrlichkeit, auf das Wohl von allem, was unsere zwanzigjährigen +Herzen schon klopfen machte und was im späteren Leben nichts Besseres +aus unserem Gedächtnis verdrängen konnte, verdrängen wird … Ich trinke +auf dein Andenken, goldene Zeit, ich trinke auf Rudins Wohl!« + +Alle stießen mit Leschnew an. Bassistow hätte im Eifer beinahe sein +Glas zerschlagen und stürzte dessen Inhalt in einem Zuge hinunter, +Alexandra Pawlowna drückte Leschnew die Hand. + +»Ich hatte gar nicht vermutet, Michael Michailitsch, daß Sie so beredt +wären,« bemerkte Pigassow, »das war eines Rudin würdig! Ich muß +gestehen, das hat sogar mich gepackt.« + +»Ich bin durchaus nicht beredt,« erwiderte Leschnew nicht ohne +Unwillen, »_Sie_ aber zu packen, glaub ich, ist keine leichte Sache. +Doch genug von Rudin; sprechen wir von etwas anderem …« + +»Sagen Sie doch … jener, wie heißt er gleich? … Pandalewski! lebt der +immer noch bei Darja Michailowna?« fragte er, sich an Bassistow wendend. + +»Gewiß, er ist immer noch bei ihr! Sie hat ihm eine einträgliche Stelle +ausgewirkt.« + +Leschnew lächelte. + +»Der wird nicht im Elend umkommen, dafür ließe sich bürgen.« + +Das Abendessen war beendet. Die Gäste gingen auseinander. Als Alexandra +Pawlowna mit ihrem Manne allein geblieben war, blickte sie ihm zärtlich +ins Gesicht. + +»Wie warst du heute schön, Mischa!« sagte sie, seine Stirn sanft mit +der Hand streichelnd, »wie klug und edel du gesprochen hast! Gestehe +aber, du hast dich heute ein wenig zum Vorteil Rudins hinreißen lassen, +wie ehemals zu dessen Nachteile …« + +»Den am Boden Liegenden schlägt man nicht[6] … überdies befürchtete +ich damals, daß er dir irgendwie den Kopf verdrehen könnte,« fügte er +lächelnd hinzu. + +»Nein,« erwiderte treuherzig Alexandra Pawlowna, »er ist mir von jeher +zu gelehrt vorgekommen, ich fürchtete mich vor ihm und wußte nicht, +wie ich in seiner Gegenwart sprechen sollte. Pigassow hat sich aber +doch heute ziemlich boshaft über ihn lustig gemacht, scheint dir’s +nicht?« + +»Pigassow?« sagte Leschnew. »Darum namentlich nahm ich mit solcher +Wärme Rudin in Schutz, weil Pigassow da war. Er wagt es, ihn einen +Tellerlecker zu nennen! Meiner Ansicht nach ist aber die Rolle, die +er, Pigassow, spielt, hundertmal ärger. Er besitzt ein unabhängiges +Vermögen, macht sich über alles lustig und schwänzelt bei Vornehmen und +Reichen herum! Weißt du aber auch, daß dieser Pigassow, der mit solcher +Erbitterung auf alle und alles schimpft und über Philosophie und Weiber +herfällt, – weißt du wohl, daß er, als er sich noch im Amte befand, ein +Sportelreißer war und noch dazu ein arger!« + +»Wäre es möglich?« rief Alexandra Pawlowna. »Das hätte ich nicht +erwartet … Höre, Mischa,« setzte sie nach einigem Schweigen hinzu, »was +ich dich fragen will …« + +»Nun?« + +»Wie denkst du, wird der Bruder wohl mit Natalia glücklich sein?« + +»Wie soll ich dir darauf antworten … allem Anschein nach, ja … die +Oberhand wird sie behalten – unter uns brauchen wir kein Geheimnis +daraus zu machen – sie ist klüger als er; er ist aber ein herrlicher +Mensch und liebt sie von ganzer Seele. Was willst du mehr? Lieben wir +beide einander doch und sind glücklich, nicht wahr?« + +Alexandra Pawlowna lächelte und drückte Michael Michailitsch die Hand. + + * * * * * + +An demselben Tage, als das soeben Erzählte im Hause Alexandra Pawlownas +vorging – schleppte sich in einem der entlegensten Gouvernements +Rußlands, in der drückendsten Hitze, auf der Landstraße eine schlechte, +mit Matten bezogene Kibitka, vor welche drei Gutspferde gespannt waren, +mühsam dahin. Auf dem Vorderrande hielt sich, die Füße schräg auf das +Strängeholz gestemmt, ein grauhaariger Bauer in durchlöchertem Wams, +zog unaufhörlich an den Strickleinen und schwenkte dazu eine kleine +Peitsche; im Innern der Kibitka saß auf einem kärglich gefüllten +Mantelsack ein Mann von hohem Wuchse in Mütze und altem, staubigem +Mantel. Es war Rudin. Er saß gesenkten Hauptes da und hatte den Schirm +seiner Mütze über die Augen heruntergezogen. Ungleichmäßige Stöße des +Fuhrwerks warfen ihn von einer Seite auf die andere, er schien nichts +zu empfinden, als wäre er in Halbschlaf verfallen. Endlich richtete er +sich auf. + +»Wann werden wir denn endlich zur Station kommen?« fragte er den vorn +sitzenden Bauer. + +»Wart, Väterchen,« gab dieser zur Antwort und zog noch eifriger an +den Leinen, »sind wir erst den Hügel da hinaufgekommen, dann bleiben +nur noch zwei Werst, nicht mehr … Na, du! schläfst du … Ich will dich +lehren,« setzte er fistelnd hinzu und begann das rechte Seitenpferd mit +der Peitsche anzutreiben. + +»Du fährst aber sehr schlecht, wie mir scheint,« bemerkte Rudin, »wir +schleppen uns schon seit dem Morgen und können nicht ankommen. Singe +mir wenigstens etwas vor.« + +»Was soll man machen, Väterchen! Die Pferde, Sie sehen ja selbst, sind +ganz verhungert … und dazu noch die Hitze. Was nun das Singen betrifft +… das versteht unsereiner nicht: wir sind keine Fuhrleute … Heda, he!« +rief auf einmal der Bauer einem vorübergehenden Wanderer in braunem, +schlechtem Kittel und abgetretenen Bastschuhen zu, »heda, mache uns +Platz, Freundchen!« + +»Seht mir den Kutscher,« brummte der Wanderer ihm nach und blieb +stehen. »Moskauer Blut!« setzte er mit dem Tone des Vorwurfes hinzu, +schüttelte den Kopf und ging des Weges langsam weiter. + +»Wohin!« schrie der Bauer jetzt dem Mittelpferde zu und zog wieder +ruckweise an den Leinen; »ach du verdammtes! – ver–damm–tes! …« + +So gut es ging, erreichten die ermüdeten Pferde endlich den Posthof. +Rudin stieg aus der Kibitka, bezahlte den Bauer, der ihm nicht +dafür dankte und das Geld lange in der hohlen Hand herumwarf – er +hatte vermutlich ein größeres Trinkgeld erwartet –, und trug seinen +Mantelsack selbst in das Postzimmer. + +Einer meiner Bekannten, der in seinem Leben viel in Rußland +umhergereist war, hat die Beobachtung gemacht, daß, wenn in einem +Stationszimmer Bilder hängen, welche Szenen aus Puschkins »Gefangenen +im Kaukasus« oder russische Generale vorstellen, man bald Pferde +bekommen kann; wenn dagegen die Bilder das Leben des berüchtigten +Spielers Georges de Germany darstellen, der Reisende auf baldige +Beförderung nicht rechnen darf: er wird Zeit genug haben, sich +sattzusehen an dem emporgestrichenen Hahnenkamm, der weißen Weste +mit breiten Aufschlägen und den außerordentlich engen und kurzen +Beinkleidern des Spielers in seiner Jugend und an seiner rasenden +Physiognomie, als er, schon ergraut, mit hoch aufgehobenem Stuhle, in +einer Hütte mit schrägem Dache, seinen Sohn erschlägt. In dem Zimmer, +in welches Rudin trat, hingen gerade diese Bilder aus den »Dreißig +Jahren aus dem Leben eines Spielers«. Auf seinen Ruf erschien der +Stationshalter mit verschlafenem Gesichte (ich möchte wissen – ob wohl +jemand einen Stationshalter mit einem nicht verschlafenen Gesichte +gesehen hat?) und ohne Rudins Frage abzuwarten, erklärte er mit träger +Stimme, es seien keine Pferde da. + +»Wie können Sie sagen, es seien keine Pferde da,« erwiderte +Rudin, »wenn Sie nicht einmal wissen, wohin ich fahre? Ich bin mit +Privatpferden hierhergekommen.« + +»Für keinen der Wege sind Pferde da,« erwiderte der Posthalter. »Wohin +wollen Sie denn?« + +»Nach …sk.« + +»Es sind keine Pferde da,« wiederholte der Stationshalter und ging +hinaus. + +Rudin trat ärgerlich ans Fenster und warf seine Mütze auf den Tisch. Er +hatte sich in diesen zwei Jahren nicht sehr verändert, war aber gelber +geworden; hin und wieder schillerten silberne Fäden in dem Haar und +die Augen, immer noch schön, schienen etwas matter geworden zu sein; +leichte Runzeln, Spuren bitteren und unruhevollen Denkens, zeigten sich +an den Lippen, den Wangen und den Schläfen. + +Seine Kleidung war abgetragen und alt, von Wäsche war nirgends etwas zu +sehen. Die Zeit seiner Blüte war offenbar vergangen, er war, wie der +Gärtner zu sagen pflegt: in die Saat geschossen. + +Er begann die Kritzeleien an den Wänden zu lesen … ein beliebter +Zeitvertreib sich langweilender Reisenden … plötzlich knarrte die Tür +und der Stationshalter trat herein. + +»Pferde nach …sk sind keine da und werden noch lange nicht da sein, +aber nach …ow sind Retourpferde zu haben.« + +»Nach …ow?« wiederholte Rudin. »Aber ich bitte Sie! das liegt ja gar +nicht auf meinem Wege. Ich reise nach Pensa, …ow liegt, wie mir deucht, +in der Richtung nach Tambow.« + +»Was tut es? Sie können dann aus Tambow weiter, oder wenn es Ihnen +beliebt, werden Sie von …ow aus wieder hierher zurückkehren können.« + +Rudin überlegte. + +»Nun, meinethalben,« sagte er endlich, »lassen Sie einspannen. Mir ist +es ganz gleich; ich fahre nach Tambow.« + +Die Pferde wurden bald vorgeführt. Rudin trug seinen Mantelsack hinaus, +stieg in den Postkarren, setzte sich und ließ wie vorhin den Kopf +hängen. + +Es lag etwas Hilfloses und Trauervoll-Ergebenes in seiner gebeugten +Gestalt … Und das Dreigespann schleppte sich in kurzem Trabe unter dem +einförmigen Geklingel der Schellen dahin. + + + + +Epilog + + +Wiederum waren einige Jahre verstrichen. + +An einem kalten Herbsttage hielt vor dem Eingange des Hauptposthofes +der Gouvernementsstadt S. eine Reisekalesche. Ächzend und sich reckend +stieg aus derselben ein Herr, er war noch nicht alt, besaß jedoch +bereits jene Fülle des Leibes, die man »respektabel« zu nennen pflegt. +Nachdem er die Treppe zum ersten Geschoß hinaufgestiegen war, blieb +er im Eingange des breiten Korridors stehen, und da er niemand gewahr +wurde, forderte er mit lauter Stimme ein Zimmer. Sogleich hörte man +eine Tür zuwerfen, ein langer Diener sprang hervor und lief eiligen +Schrittes den Gang voran, nur an dem Schmutzglanz auf der Rückseite und +den Ärmeln seines abgetragenen Rockes im Halbdunkel erkenntlich. Als +der Fremde in sein Zimmer trat, warf er sogleich Mantel und Plaid ab, +setzte sich auf einen Diwan, stemmte die Arme auf die Knie, blickte +wie schlaftrunken umher und befahl sodann, seinen Bedienten zu rufen. +Der Diener tat einen Schritt zurück und verschwand. Dieser Reisende +war kein anderer als Leschnew. Er war der Rekrutenaushebung wegen von +seinem Gute nach S. gekommen. + +Leschnews Bedienter, ein junger, krausköpfiger und rotwangiger +Bursche, in grauem, mit blauer Schärpe umgürtetem Mantel und weichen +Filzstiefeln trat in das Zimmer. + +»Nun siehst du, mein Lieber, da sind wir doch angekommen,« sagte +Leschnew, »und du hattest befürchtet, die Schiene am Rade werde +abspringen.« + +»Ja, wir sind wirklich angekommen,« erwiderte der Bediente, und +versuchte über dem aufgeschlagenen Kragen des Mantels zu lächeln, »wie +aber die Schiene nicht abgesprungen ist, das …« + +»Ist niemand da?« ließ sich eine Stimme im Korridor hören. + +Leschnew fuhr zusammen und horchte auf. + +»Heda! Wer da?« wiederholte die Stimme. + +Leschnew erhob sich, trat an die Tür und machte sie rasch auf. + +Vor ihm stand ein Mann von hohem Wuchse, fast ganz ergraut und gebeugt, +in einem alten Plüschrock mit bronzenen Knöpfen. Leschnew erkannte ihn +sogleich. + +»Rudin!« rief er bewegt. + +Rudin wandte sich um. Er konnte das Gesicht Leschnews, der mit +dem Rücken gegen das Licht stand, nicht erkennen und blickte ihn +zweifelhaft an. + +»Sie erkennen mich nicht?« redete Leschnew ihn an. + +»Michael Michailitsch!« rief Rudin aus und streckte die Hand vor, wurde +aber verwirrt und zog sie wieder zurück … + +Leschnew ergriff sie mit beiden Händen. + +»Treten Sie ein, herein zu mir!« sagte er zu Rudin und führte ihn in +sein Zimmer. + +»Wie sind Sie verändert!« sagte Leschnew nach einigem Schweigen und +unwillkürlich die Stimme senkend. + +»Ja, man sagt so,« erwiderte Rudin, mit dem Blicke im Zimmer +umherschweifend. »Die Jahre … Sie aber – sind wie früher. Wie geht es +Alexandra … Ihrer Gemahlin?« + +»Ich danke, ganz wohl. Welch ein Zufall führt Sie hierher?« + +»Mich? Das wäre eine lange Geschichte. In diesem Hause befinde ich +mich ganz zufällig. Ich suchte einen Bekannten. Übrigens freut es mich +sehr …« + +»Wo speisen Sie?« + +»Ich? Ich weiß nicht. Irgendwo in einem Gasthause. Ich muß heute noch +fort von hier.« + +»Sie müssen?« + +Rudin lächelte bedeutsam. + +»Ja, ich muß. Man weist mir mein Gut zum Aufenthalt an.« + +»Speisen Sie mit mir.« + +Rudin blickte zum ersten Male Leschnew gerade in die Augen. + +»Sie machen mir den Vorschlag, mit Ihnen zu speisen?« fragte er. + +»Ja, Rudin, nach alter Art, wie Kameraden. Wollen Sie? Ich glaubte +nicht, mit Ihnen zusammenzutreffen und Gott weiß, wenn wir uns +wiedersehen werden. Wir können doch so nicht voneinander scheiden!« + +»Gut, ich bin es zufrieden.« + +Leschnew drückte Rudin die Hand, rief den Diener, bestellte das Essen +und befahl, eine Flasche Champagner auf Eis zu stellen. + + * * * * * + +Während des Essens unterhielten sich Leschnew und Rudin, gleichsam wie +verabredet, ausschließlich von ihrem Studentenleben, kamen auf vieles +zu reden, auf Lebende und bereits Gestorbene. Anfangs sprach Rudin +gezwungen, doch, nachdem er ein paar Gläser getrunken hatte, wurde er +warm. Endlich nahm der Diener die letzte Schüssel vom Tisch. Leschnew +stand auf, verschloß die Tür, setzte sich dann an den Tisch, Rudin +gerade gegenüber und stützte still sein Kinn auf beide Hände. + +»Nun, jetzt«, begann er, »müssen Sie mir alles erzählen, was sich mit +Ihnen zugetragen hat, seit ich Sie nicht gesehen habe.« + +Rudin warf einen Blick auf Leschnew. + +Mein Gott! dachte Leschnew nochmals, wie er aussieht, der arme Mensch! + +Rudins Züge hatten sich noch immer nicht viel verändert, besonders +seit der Zeit, da wir ihn auf der Station trafen, obgleich bereits +Spuren des nahenden Alters darin sichtbar waren, der Ausdruck war jetzt +aber ein anderer. Die Augen blickten anders; aus seinem ganzen Wesen, +aus seinen bald langsamen, bald abgerissenen Bewegungen, aus seiner +schleppenden und gleichsam gebrochenen Rede sprach äußerste Ermattung, +geheimer und stiller Gram, der jener halbaffektierten Schwermut von +früher durchaus nicht ähnlich war, jener Schwermut, die einer von +Hoffnungen und vertrauungsvoller Selbstliebe erfüllten Jugend so gut zu +Gesichte steht. + +»Ich soll Ihnen alles erzählen, was mir begegnet ist?« begann er. +»Alles läßt sich nicht erzählen und lohnt sich auch nicht … Abgeplackt +habe ich mich tüchtig und mich umhergetrieben, nicht mit dem Körper +allein – auch mit der Seele. Welche Enttäuschungen habe ich erfahren! +Mein Gott! Mit wem bin ich alles zusammengekommen! … Ja, mit wem,« +wiederholte Rudin, als er gewahr wurde, daß Leschnew ihn mit besonderer +Teilnahme anblickte. »Wie oft haben meine eigenen Worte mich angewidert +– nicht bloß in meinem eigenen Munde, sondern auch in dem Munde +jener Leute, die meine Ansichten teilten! Welche Übergänge habe ich +durchgemacht, von der Ungeduld, von der Reizbarkeit eines Kindes bis +zur stumpfen Gefühllosigkeit des Pferdes, das nicht einmal mehr mit +dem Schweife zuckt, wenn die Peitsche es trifft … Wie viele Male +habe ich mich umsonst gefreut, umsonst gehofft, gekämpft und mich +erniedrigt! Wie oft habe ich wie ein Falke meine Fittiche ausgebreitet +– und bin auf die Erde zurückgestürzt, um auf ihr fortzukriechen, +wie die Schnecke, deren Schale man zertreten hat! … Wo bin ich nicht +überall gewesen; welche Wege hat mein Fuß nicht betreten! Und es gibt +schmutzige Wege,« setzte Rudin hinzu und wandte sich etwas ab. + +»Sie verstehen,« fuhr er fort … + +»Hören Sie,« unterbrach ihn Leschnew, »einst sagten wir ›du‹ zueinander +… Willst du? Wir frischen das alte auf … Trinken wir auf das Du!« + +Rudin erbebte, erhob sich und in seinem Blick flimmerte etwas, was +keine Sprache wiederzugeben vermag. + +»Laß uns trinken, Bruder – Dank, Bruder, laß uns trinken.« + +Leschnew und Rudin leerten jeder sein Glas. + +»Du weißt,« begann Rudin wieder, mit Betonung des Wortes »du« und +lächelnd, »es sitzt in meinem Inneren ein Wurm, der an mir nagt und mir +nimmer Ruhe gönnen wird. Er stößt mich den Menschen entgegen – anfangs +empfinden sie meinen Einfluß, nachher aber …« + +Rudin machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand. + +»Seit ich Sie … dich zum letzten Male sah, bin ich um mancherlei +Erfahrungen reicher geworden … Mehrmals habe ich ein neues Leben +angefangen, mehrfach die Hand an ein neues Werk gelegt – und da siehst +du nun, wie weit ich gekommen bin!« + +»Du hattest keine Ausdauer,« sagte, gleichsam vor sich hin, Leschnew. + +»Wie du sagst, ich hatte keine Ausdauer! … Etwas erbauen, das habe ich +nie gekonnt! Und es ist auch nicht leicht, Bruder, etwas zu bauen, wenn +man keinen Boden unter sich fühlt, wenn man sein eigenes Fundament erst +selbst legen muß! Ich will dir nicht alle meine Abenteuer, das heißt, +all mein Mißgeschick, erzählen. Zwei, drei Vorfälle sollst du erfahren +… jene Vorfälle aus meinem Leben, wo, wie es schien, der Erfolg mir +bereits lächelte, oder nein, wo ich anfing, auf Erfolg zu hoffen – was +nicht ganz dasselbe ist …« + +Rudin warf sein graues und schon lichter gewordenes Haar mit derselben +Handbewegung zurück, wie er früher zu tun gewohnt war, als er noch +dunkles und volles Haar hatte. + +»Höre also,« begann er. »In Moskau kam ich mit einem ziemlich +sonderbaren Menschen zusammen. Er war sehr reich und besaß +beträchtliche Ländereien; er stand nicht in Staatsdiensten, seine +Hauptleidenschaft, seine einzige Leidenschaft war die Liebe zur +Wissenschaft, zur Wissenschaft im allgemeinen. Ich kann es bis jetzt +nicht begreifen, wie diese Leidenschaft bei ihm erwacht war! Sie stand +ihm ebenso, wie der Kuh der Sattel. Er selbst konnte sich nur mit +Mühe auf der Höhe der Vernunft behaupten und verstand es kaum, sich +auszudrücken; er rollte bloß bedeutungsvoll die Augen und schüttelte +bedenklich den Kopf. Eine wenig begabte und geistig ärmere Natur, +Bruder, ist mir nicht vorgekommen … Er erinnerte an jene weiten +Strecken im Smolenskischen Gouvernement, wo man nur Sand findet – +Sand, und weiter nichts, nur hie und da spärliches Gras, das kein Tier +fressen mag. Es wollte ihm nichts gelingen – alles glitt förmlich aus +seinen Händen, alles, und obendrein war er noch darauf versessen, +was leicht war, sich zu erschweren. Hätte es von ihm abgehangen, er +würde einen wahrhaftig noch dazu gebracht haben, auf dem Kopfe zu +gehen. Er arbeitete, schrieb und las unermüdlich. Mit einer gewissen +starrsinnigen Beharrlichkeit und grenzenlosen Geduld stürzte er sich +auf die Wissenschaften; sein Ehrgeiz war unbeschreiblich groß und sein +Charakter war eisern. Er lebte allein und galt für einen Sonderling. +Ich wurde mit ihm bekannt und … gefiel ihm. Ich muß gestehen, ich hatte +ihn bald durchschaut, doch sein Eifer rührte mich. Dann besaß er ein +so schönes Vermögen, es ließ sich durch ihn so viel Gutes, so viel +wahrhafter Nutzen stiften … Ich blieb bei ihm wohnen und fuhr endlich +mit ihm auf sein Landgut. – Großartige Pläne, Bruder, trug ich mit mir +herum; ich träumte von vielen Verbesserungen, Neuerungen …« + +»So wie bei der Laßunski, erinnerst du dich,« bemerkte Leschnew mit +gutmütigem Lächeln. + +»Nicht doch! Dort war ich mit meinem Innersten überzeugt, daß meine +Worte unfruchtbar bleiben würden; hier, hier jedoch … breitete sich vor +mir ein Feld ganz anderer Art aus … Ich schleppte agronomische Bücher +herbei … von denen ich, die Wahrheit zu sagen, nicht ein einziges bis +zu Ende gelesen habe … und dann machte ich mich an die Arbeit. Anfangs +ging es nicht, wie ich erwartet hatte, nachher aber schien es gehen zu +wollen. Mein neuer Freund schwieg zu allem und schaute zu, er störte +mich nicht, das heißt, bis zu einem gewissen Grade störte er mich +nicht; er nahm zwar meine Vorschläge an, führte dieselben auch aus, +aber starrsinnig, unnachgiebig und mit heimlichem Mißtrauen lenkte er +alles nach seinem Sinn. Er hielt mit Zähigkeit fest an jedem seiner +Gedanken, wie der Sonnenkäfer an dem Grashalm, dessen Spitze er nur +mit Anstrengung erklommen hat und nun dasitzt, scheinbar seine Flügel +zurechtzupfend, um weiterzufliegen – plötzlich aber herunterfällt, um +nochmals hinaufzukriechen … Du mußt dich nicht über diese Gleichnisse +wundern. Schon damals hatten sie sich in meinem Innern angehäuft. +Zwei Jahre schlug ich mich so herum. Die Geschäfte gingen schlecht, +ungeachtet aller meiner Anstrengungen. Ich fing an, ihrer überdrüssig +zu werden, mein Freund langweilte mich, und ich wurde ihm unbequem und +erdrückend; sein Mißtrauen ging in schlecht verhehlte Erbitterung über, +ein feindseliger Geist hatte sich unser beider bemächtigt, wir konnten +miteinander von nichts mehr sprechen; verstohlen, aber unaufhörlich +bemühte er sich, mir zu zeigen, daß er sich nicht meinem Einflusse +fügte; meine Verordnungen wurden entweder verdreht oder ganz widerrufen +… Ich wurde zuletzt inne, daß ich dem Herrn Gutsbesitzer nur als Mittel +zur geistigen Gymnastik diente … Ich war zu einer Art intelligenten +Parasiten geworden! Schmerzlich ward es mir, Zeit und Kräfte nutzlos zu +vergeuden, schmerzlich empfand ich es, daß ich aber- und abermals mich +in meinen Erwartungen getäuscht hatte. Ich wußte sehr wohl, wieviel +ich verlor, wenn ich fortging; vermochte es aber doch nicht über mich, +und eines Tages, infolge eines widerlichen und empörenden Vorfalles, +dessen ich Zeuge war und der mir meinen Freund in einem wirklich zu +unvorteilhaften Lichte zeigte, veruneinigte ich mich vollends mit ihm, +reiste ab und ließ diesen aus Steppenmehl mit Zutat deutschen Syrups +zusammengekneteten pedantischen Krautjunker fahren.« + +»Das heißt: du hast dein Stück täglichen Brotes fahren lassen,« wandte +Leschnew ein und legte beide Hände auf Rudins Schulter. + +»Ja, und stand wieder nackt und leicht da im leeren Raume. Fliege nun, +wohin du willst … Ha, trinken wir eins!« + +»Auf deine Gesundheit!« sagte Leschnew, erhob sich und küßte Rudin auf +die Stirn. »Auf deine Gesundheit und auf Pokorskis Andenken … Er hat es +auch verstanden, arm zu bleiben.« + +»Das war Nummer eins meiner Abenteuer,« sagte Rudin nach einer kleinen +Pause. »Soll ich fortfahren, wie?« + +»Fahre fort, ich bitte dich.« + +»He! Mit der Sprache will es nicht recht fort. Ich bin des Redens +müde, Bruder … Nun, es sei. Nachdem ich mich noch an verschiedenen +Stellen umhergetrieben hatte … ich könnte dir beiläufig erzählen, wie +ich bei einem pflichtgetreuen hohen Beamten Sekretär wurde und wie das +endete; es würde uns jedoch zu weit führen … nachdem ich mich also +an verschiedenen Orten umhergetrieben hatte, beschloß ich zuletzt … +ich bitte dich, nicht zu lachen … ein Geschäftsmann, ein praktischer +Mensch zu werden. Das kam folgendermaßen: ich wurde mit einem gewissen +… vielleicht hast du von ihm gehört … mit einem gewissen Kurbejew +bekannt …« + +»Ich habe den Namen nie gehört. Aber ich bitte dich, Rudin, wie +konntest du mit deinem Verstande nicht einsehen, daß es gar nicht dein +Geschäft ist … entschuldige das Wortspiel … Geschäftsmann zu sein?« + +»Ich weiß, Bruder, daß es nicht meine Sache ist; was ist denn aber +überhaupt meine Sache? … Hättest du nur Kurbejew gesehen! Stelle +ihn dir nur, bitte, nicht als einen hohlen Schwätzer vor. Man sagt, +ich wäre in früheren Jahren beredt gewesen. Ich bin im Vergleich +zu ihm nichts. Das war ein überaus gelehrter, belesener Mann; ein +schöpferischer Kopf, ein Kopf für Industrie und Handelsunternehmungen. +Die kühnsten, unglaublichsten Projekte sprühten in seinem Geiste. Wir +traten zusammen und faßten den Entschluß, gemeinschaftlich unsere +Kräfte einem gemeinnützigen Zwecke zu widmen.« + +»Welchem? Sage doch!« + +Rudin senkte den Blick. + +»Du wirst lachen müssen.« + +»Weshalb? Nein, ich werde nicht lachen.« + +»Wir beschlossen, einen Fluß im K…schen Gouvernement schiffbar zu +machen,« äußerte Rudin, verlegen lächelnd. + +»Ja so! Dieser Kurbejew war also Kapitalist?« + +»Er war ärmer als ich,« erwiderte Rudin und senkte still seinen +ergrauten Kopf. + +Leschnew lachte auf, hielt jedoch plötzlich inne und faßte Rudins Hand. + +»Vergib mir, Bruder, ich bitte dich,« sagte er, »ich hatte das nun gar +nicht erwartet. Nun, euer Unternehmen blieb also auf dem Papier?« + +»Nicht so ganz. Ein Angriff wurde gemacht. Wir mieteten Arbeiter … und +gingen ans Werk. Da stießen wir auf vielerlei Hindernisse. Erstens +wollte es den Mühlenbesitzern nicht einleuchten, zweitens konnten wir +mit dem Wasser ohne Maschine nicht fertig werden, für die Maschine +jedoch fehlte das Geld. Sechs Monate verbrachten wir in Erdhütten. +Kurbejews einzige Nahrung bestand in Brot; ich selbst wurde auch +nie satt. Ich bedauere es übrigens nicht: die Gegend da herum ist +wunderschön. Wir quälten und quälten uns ab, suchten die Kaufleute zu +überreden und sandten Briefe und Zirkulare in die Welt. Das Ende davon +war, daß mein letzter Groschen bei diesem Projekte aufging.« + +»Nun!« bemerkte Leschnew, »ich denke, es war nicht schwer, deinen +letzten Groschen daran aufgehen zu sehen.« + +»In der Tat war das nicht schwer … doch das Unternehmen war aber, bei +Gott, nicht übel und hätte großen Gewinn abwerfen können.« + +»Was ist aber aus jenem Kurbejew geworden?« fragte Leschnew. + +»Aus ihm? Er ist jetzt in Sibirien, Goldgräber ist er geworden. Und du +wirst sehen, er wird sich Vermögen erwerben; er wird nicht umkommen.« + +»Mag sein! Du aber wirst es bestimmt nicht dahin bringen.« + +»Ich? Was ist dabei zu machen! Ich weiß ja übrigens, daß ich in deinen +Augen von jeher für einen unnützen Menschen gegolten habe.« + +»Du? Geh doch, Bruder! … Es gab eine Zeit, du hast recht, wo mir nur +deine Schattenseiten in die Augen fielen; jetzt aber, glaube mir’s, +habe ich dich schätzen gelernt. Vermögen wirst du dir wohl nicht +zusammenschlagen … Deshalb aber liebe ich dich …« + +Rudin lächelte matt. + +»Wirklich?« + +»Ich achte dich deshalb!« erwiderte Leschnew, »verstehst du mich wohl?« + +Sie schwiegen beide. + +»Nun, soll ich zu Nummer drei übergehen?« fragte Rudin. + +»Tu mir den Gefallen.« + +»Gut. Die Nummer drei und die letzte. Von dieser Nummer habe ich mich +eben erst losgemacht. Langweilt es dich aber nicht?« + +»Erzähle, erzähle.« + +»Siehst du,« begann Rudin, »einmal in einer Stunde der Muße … an Muße +hat es mir niemals gefehlt … überlegte ich bei mir: Kenntnisse besitze +ich nicht wenig, ich wünsche das Gute du wirst doch nicht absprechen +wollen, daß ich das Gute wünsche?« + +»Das fehlte noch!« + +»Auf allen Punkten war ich mehr oder weniger durchgefallen … warum +sollte ich nicht Pädagog werden, oder um es einfach zu sagen, Lehrer? … +besser doch, als nichts zu tun …« + +Rudin hielt inne und schöpfte Atem. + +»Besser, als ein unnützes Leben führen, wird es doch sein, wenn ich +mich bestrebe, anderen das mitzuteilen, was ich weiß: vielleicht werden +sie aus meinen Kenntnissen einigen Nutzen für sich schöpfen. Meine +Talente sind doch am Ende keine alltäglichen; die Gabe der Rede habe +ich auch … Ich beschloß also, mich diesem neuen Fache zu widmen. Mühe +genug kostete es mir, eine Anstellung zu finden; Privatunterricht +wollte ich nicht erteilen; an Elementarschulen war mein Platz nicht. +Endlich gelang es mir, die Stelle eines Lehrers am hiesigen Gymnasium +zu erhalten.« + +»Eines Lehrers – für welches Fach?« fragte Leschnew. + +»Eines Lehrers der russischen Literatur. Ich kann dir sagen, noch keine +Sache habe ich mit solchem Eifer angegriffen wie diese. Der Gedanke, +auf die Jugend zu wirken, begeisterte mich. Drei Wochen war ich mit der +Abfassung meiner Antrittsvorlesung beschäftigt.« + +»Hast du sie hier?« unterbrach ihn Leschnew. + +»Nein, sie ist mir irgendwo verlorengegangen. Sie kam nicht schlecht +heraus und fand Beifall. Noch jetzt sehe ich die Gesichter meiner +Zuhörer vor mir, – diese guten, jungen Gesichter mit dem Ausdrucke der +treuherzigsten Aufmerksamkeit, Teilnahme, ja selbst des Erstaunens. +Ich bestieg das Katheder und hielt meinen Vortrag wie im Fieber; ich +hatte geglaubt, ich würde daran reichlich für eine Stunde haben, und +in zwanzig Minuten war ich fertig. Der Inspektor war auch zugegen – +ein trockener Alter mit silbergefaßter Brille und kurzer Perücke, – +von Zeit zu Zeit neigte er den Kopf nach meiner Seite hin. Als ich zu +Ende war und von meinem Sessel sprang, sagte er zu mir: ›Gut, doch +etwas zu hoch und unbestimmt, und von dem Hauptgegenstande ist zu wenig +gesagt worden.‹ Die Gymnasiasten jedoch geleiteten mich mit Blicken der +Achtung … wahrhaftig. Das eben gibt einen solchen Wert der Jugend. Die +zweite Vorlesung und auch die dritte hatte ich aufgeschrieben … dann +aber improvisierte ich.« + +»Und hast Erfolg gehabt?« fragte Leschnew. + +»Ich hatte großen Erfolg. Die Zuhörer fanden sich in Massen ein. Ich +teilte ihnen alles mit, was mir auf der Seele lag. Unter denselben +waren drei, vier in der Tat ausgezeichnete Knaben; die übrigen +verstanden mich nur halb. Ich muß indessen gestehen, daß auch +diejenigen, welche mich verstanden, mich bisweilen durch ihre Fragen +verwirrt machten. Ich verlor den Mut aber nicht. Liebten mich ja +doch alle: bei den Repetitionen gab ich allen gute Zensuren. Da aber +entspann sich gegen mich eine Intrige … oder nein! Eine Intrige war +es nicht; ich war, einfach gesagt, nicht in meine Sphäre geraten. +Ich war den anderen unbequem und die anderen waren es mir. Ich hielt +Gymnasiasten Vorlesungen, wie man sie Studenten nicht immer hält, und +meinen Zuhörern waren diese Vorlesungen doch nicht so sehr förderlich +… ich beherrschte die Tatsachen selbst … nicht recht. Zudem genügte +mir der Wirkungskreis nicht, der mir vorgezeichnet war … Du weißt ja, +das war immer meine schwache Seite. Ich wollte radikale Reformen und +schwöre dir, diese Reformen waren gut und ausführbar. Ich hoffte, +sie mit Hilfe des Direktors, eines braven und ehrlichen Mannes, auf +welchen ich anfangs Einfluß gehabt hatte, durchzusetzen. Seine Frau +stand mir bei. Ich habe, Bruder, in meinem Leben nicht viele solcher +Frauen getroffen. Sie war bereits nahe den Vierzigern, glaubte aber +noch an das Gute, liebte alles Schöne wie ein fünfzehnjähriges Mädchen +und scheute sich nicht, ihre Überzeugung, vor wem es auch sein mochte, +offen auszusprechen. Ich werde niemals ihre edle Begeisterung, ihre +Lauterkeit vergessen. Ihrem Rate folgend, hatte ich schon einen Plan +entworfen, doch da wurden geheime Umtriebe gegen mich eingeleitet und +ich ward bei ihr angeschwärzt. Besonders schadete mir ein Lehrer der +Mathematik, ein unansehnlicher, bissiger und gallsüchtiger Mensch, der +an nichts glaubte, in der Art wie Pigassow, aber bei weitem tüchtiger +als er … ja, sage doch, lebt Pigassow noch?« + +»Er lebt und stelle dir’s vor, er hat eine Dienstmagd geheiratet, die, +wie man sagt, ihn prügeln soll.« + +»Das geschieht ihm recht! Und Natalia Alexejewna, geht es ihr gut?« + +»Ja.« + +»Ist sie glücklich?« + +»Ja.« + +Rudin schwieg. + +»Wovon sprach ich aber soeben … ganz recht, vom Lehrer der Mathematik. +Er hatte einen Haß auf mich geworfen, meine Vorlesungen verglich er +mit einem Feuerwerk, haschte im Fluge jeden, nicht ganz deutlichen +Ausdruck auf und führte mich einmal sogar in bezug auf ein Opus aus +dem sechzehnten Jahrhundert irre … Die Hauptsache aber war, er hatte +meine Absichten verdächtigt; meine letzte Seifenblase stieß an ihn wie +an eine Nadel und zerplatzte. Der Inspektor, zu dem ich mich gleich +anfangs nicht gut gestellt hatte, reizte den Direktor gegen mich auf; +und es kam zu einer Szene, ich wollte nicht nachgeben, wurde heftig, +die Geschichte kam den Oberen zu Ohren, und ich ward gezwungen, meine +Entlassung zu nehmen. Ich blieb nicht dabei stehen, ich wollte zeigen, +daß ich mit mir nicht so umspringen lasse … aber leider mußte ich +einsehen, daß man mit mir nach Belieben verfahren durfte … Jetzt muß +ich die Stadt verlassen.« + +Es trat Schweigen ein. Beide Freunde saßen da mit gesenktem Kopfe. + +Rudin nahm zuerst wieder das Wort. + +»Ja, Bruder,« begann er, »ich kann jetzt mit Koltzow[7] ausrufen: ›Wie +hast du, meine Jugend, mir mitgespielt, mich umhergeworfen, ich weiß +nicht mehr, wo ein noch aus‹ … Und war ich denn wirklich zu nichts +gut, gab es denn wirklich gar nichts für mich zu tun auf der Welt? Ich +habe diese Frage oft an mich gerichtet und welche Mühe ich mir auch +gab, mich in meinen eigenen Augen herabzusetzen, so war mir’s dennoch +unmöglich, in mir das Vorhandensein von Kräften nicht zu fühlen, mit +denen nicht jedermann begabt ist! Weshalb bleiben denn diese Kräfte +unfruchtbar? Und dann noch eins: erinnerst du dich, als wir zusammen im +Auslande waren, war ich in Selbstvertrauen und Selbsttäuschung befangen +… Es ist wahr, ich war damals nicht deutlich dessen bewußt, wonach mich +verlangte, ich labte mich bis zur Übersättigung am Wortgepränge und +schenkte Trugbildern Glauben; jetzt aber, ich schwöre dir’s, darf ich +laut, vor allen, gestehen, was ich will. Ich habe nichts zu verhehlen: +ich bin im wahren Sinne des Wortes ein wohlgesinnter Mensch; ich werde +demütig, will mich in die Verhältnisse schicken, verlange wenig, strebe +nach keinem entfernten Ziele, möchte, wenn auch nur geringen, Nutzen +schaffen. Aber – es will mir nicht gelingen! Was bedeutet das? Was +hindert mich, zu leben und zu wirken, wie andere es tun? Ich trachte +ja jetzt nach nichts Höherem. Und doch! Kaum gelingt es mir, eine +bestimmte Stellung einzunehmen, auf einem gewissen Punkte Posto zu +fassen, so stößt mich das Geschick unerbittlich fort. Ich fange an, +Furcht zu bekommen vor meinem Geschicke. Woher das alles? Erkläre mir +dies Rätsel!« + +»Rätsel!« wiederholte Leschnew. »Ja, es ist wahr. Warst du ja für mich +selbst ein Rätsel. Sogar in unserer Jugend, wenn du, wie es vorkam, +nach irgendeiner kleinlichen Äußerung plötzlich wieder das Wort nahmst, +daß uns das Herz im Leibe erzitterte, und dann wieder auf einmal +anfingst … nun, du weißt, was ich sagen will … selbst damals verstand +ich dich nicht: deshalb verlor sich auch meine Liebe zu dir … Es lag so +viel Kraft in dir, ein so unermüdliches Streben nach Idealen …« + +»Worte, alles nur Worte! Die Taten fehlten,« unterbrach ihn Rudin. + +»Die Taten fehlten! Was für Taten?« + +»Was für Taten? Eine blinde Großmutter und die ganze Familie mit seiner +Hände Arbeit ernähren, wie Priaschenzow, erinnerst du dich – Da hast du +eine Tat.« + +»Ja; aber ein gutes Wort – ist auch eine Tat.« + +Rudin blickte schweigend Leschnew an und schüttelte still den Kopf. + +Leschnew wollte etwas sagen, fuhr aber bloß mit der Hand über sein +Gesicht. + +»Und so fährst du denn auf dein Gut?« + +»Ja, ich fahre hin.« + +»Hast du denn dein Gut behalten?« + +»Etwas ist davon übriggeblieben. Zweiundeinehalbe Seele. Ein Winkel +für mich, wo ich den Tod erwarten kann. Du denkst vielleicht in diesem +Augenblicke: ›Auch dies vermochte er nicht ohne Phrase zu sagen.‹ +Die Phrasen, es ist wahr, sie haben mein Unglück verschuldet, mich +aufgerieben, bis zum Ende habe ich sie nicht loswerden können. Was +ich aber soeben sagte, war keine Phrase. Dies weiße Haar, Bruder, ist +keine Phrase, diese Runzeln, diese durchgescheuerten Ellenbogen – sind +keine Phrase. Du bist immer streng gegen mich gewesen und das war recht +von dir; doch nicht von Strenge kann mehr die Rede sein, wenn schon +alles abgetan, in der Lampe kein Öl mehr und die Lampe auch bereits +zerschlagen ist und der Docht im nächsten Augenblicke zu verglimmen +droht … Der Tod, Bruder, muß am Ende alles aussühnen …« + +Leschnew sprang auf. + +»Rudin!« rief er aus, »warum sagst du mir das? Wodurch habe ich das von +dir verdient? Wer hat mich zum Richter bestellt, und was für ein Mensch +würde ich sein, wenn mir, beim Anblicke deiner eingefallenen Wangen und +Runzeln, das Wort Phrase in den Sinn kommen könnte? Du willst wissen, +was ich von dir denke? Wohlan! Ich denke: dieser Mensch … was hätte +der wohl mit seinen Fähigkeiten erringen können, über welche irdischen +Güter würde er wohl jetzt gebieten, wenn er gewollt hätte! … und ich +finde ihn hungernd und ohne Obdach …« + +»Ich errege dein Mitleid,« brachte Rudin kaum hörbar hervor. + +»Nein! Du irrst. Achtung flößest du mir ein – das ist es. Was +hinderte dich, lange Jahre bei jenem Gutsbesitzer, deinem Bekannten, +zu verbringen? Ich bin fest überzeugt, wenn du ihm nur zu Gefallen +hättest leben wollen, dein Auskommen wäre gesichert! Weshalb hast du +es im Gymnasium nicht ausgehalten, weshalb – sonderbarer Mensch! – +was auch dein jedesmaliges Sinnen im Anfang gewesen sein mag, mußte +dein Unternehmen allemal und durchaus damit enden, daß du deinen +eigenen Vorteil zum Opfer brachtest, keine Wurzel schlagen wolltest in +schlechtem Boden, wie fett er auch sein mochte!« + +»Ich bin als Spielball auf die Welt gekommen,« fuhr Rudin mit +wehmütig-verächtlichem Lächeln fort. »Ich kann nicht stille stehen.« + +»Das ist wahr; du kannst aber nicht stille stehen, nicht weil ein Wurm +in dir steckt, wie du vorhin sagtest … Kein Wurm steckt in dir, kein +Geist müßiger Unruhe: Liebe zur Wahrheit durchglüht dich, und wie man +sieht, glüht sie ungeachtet aller Misere in dir selbst lebhafter als in +vielen anderen, die sich nicht einmal für Egoisten erklärten und dich +vielleicht gar einen Intriganten nennen. Ich an deiner Stelle hätte +wahrlich schon längst jenen Wurm zum Schweigen gebracht und Frieden mit +allem geschlossen; du aber bist nicht einmal bitterer geworden, und ich +bin überzeugt, du wärst heute noch, in diesem Augenblicke, bereit, von +neuem wie ein Jüngling ans Werk zu gehen.« + +»Nein, Bruder, ich bin jetzt ermattet,« erwiderte Rudin. »Es war für +mich genug.« + +»Ermattet! Ein anderer wäre längst gestorben. Du sagst, der Tod sei ein +Sühneopfer; glaubst du denn, das Leben sei es nicht? Wer gelebt hat +und gegen andere nicht nachsichtig geworden ist, der verdient selbst +keine Nachsicht. Wer aber wollte behaupten, daß er keiner Nachsicht +bedürfe? Du hast gewirkt, wie du gekonnt hast, nach Kräften hast du +gekämpft … Was verlangst du mehr? Unsere Wege gingen auseinander …« + +»Du, Bruder, bist ein ganz anderer Mensch als ich,« unterbrach ihn +Rudin mit einem Seufzer. + +»Unsere Wege gingen auseinander,« fuhr Leschnew fort, »vielleicht eben +darum, daß mich, mit meinem Vermögen, mit meinem kalten Blute und +unter anderen, glücklicheren Verhältnissen, nichts daran hinderte, +ruhig sitzenzubleiben und, die Hände im Schoße, den Zuschauer zu +machen, während du auf das Feld hinaus mußtest, um mit aufgestreiften +Ärmeln dich zu plagen und abzuarbeiten. Unsere Wege gingen auseinander +… siehe aber, wie nahe wir einander sind. Reden wir ja beide fast +dieselbe Sprache, auf einen halben Wink verstehen wir einander, an +denselben Gefühlen sind wir herangewachsen. Von den Unserigen sind ja +wenige nur noch übrig, Bruder; beide sind wir die letzten Mohikaner! +In früheren Jahren, als wir noch das volle Leben vor uns hatten, +konnten wir verschiedener Meinung sein, ja sogar feindlich einander +gegenüberstehen; jetzt aber, da das Häufchen um uns lichter wird, da +neue Geschlechter an uns vorüberziehen, die anderen Zielen, als die +unserigen es waren, entgegeneilen, müssen wir zusammenhalten. Stoßen +wir an, Bruder, und laß uns nach alter Art singen: ~Gaudeamus igitur!~« + +Die Freunde stießen mit den Gläsern an und sangen in gerührtem und +falschem, d. h. echt russischem Tone das alte Studentenlied. + +»Du fährst jetzt auf dein Landgut,« nahm Leschnew wieder das Wort. +»Ich glaube nicht, daß du dort lange bleiben wirst, und kann mir nicht +vorstellen, wie, wo und auf welche Weise es mit dir enden wird. Vergiß +aber nicht, daß, was sich mit dir auch ereignen möge, du immer einen +Platz, ein Nest hast, wo du dein Haupt niederlegen kannst: mein Dach … +hörst du, altes Haus? Die Gedankenarbeit hat auch ihre Invaliden und +diese bedürfen eines Asyls.« + +Rudin erhob sich. + +»Danke dir, Bruder,« sagte er. »Habe Dank! Ich werde es dir eingedenk +sein. Doch eines Asyls bin ich nicht wert. Verdorben ist mein Leben, +und ich habe dem Ideal nicht gedient, wie sich’s gebührt.« + +»Schweig!« unterbrach ihn Leschnew. »Ein jeder bleibt, wozu die Natur +ihn gemacht hat, und mehr läßt sich von ihm nicht fordern! Nanntest du +es nicht den ewigen Juden? … Wie kannst du es aber wissen, vielleicht +bist du dazu bestimmt, ewig umherzuwandern, vielleicht erfüllst du +dadurch ein höheres, dir selbst unbewußtes Verhängnis: nicht umsonst +heißt es im Munde der Volksweisheit, daß wir alle unter Gott stehen. +Ein Samenausstreuer bist du vielleicht! – Gehe also hin, wohin seine +Hand dich leitet,« fuhr Leschnew fort, als er bemerkte, daß Rudin seine +Mütze nehmen wollte. »Doch bleibst du nicht für die Nacht?« + +»Ich will fort! Lebe wohl. Habe Dank … Mit mir endet es nicht gut.« + +»Das steht bei Gott … Du fährst also bestimmt?« + +»Ja. Lebe wohl. Behalte mich nicht in bösem Andenken.« + +»Lebe wohl! Gedenke auch meiner nicht im Bösen, und vergiß nicht, was +ich dir gesagt habe. Lebe wohl …« + +Die Freunde umarmten einander. Rudin entfernte sich rasch. + +Leschnew ging lange im Zimmer auf und ab, hielt beim Fenster still und +sagte halblaut: »Armer Mensch!«, dann setzte er sich an den Tisch und +fing einen Brief an seine Frau an. + +Draußen erhob sich der Wind und schlug mit unheilverkündendem +Heulen schwer und wie erbost an die klirrenden Scheiben. Eine lange +Herbstnacht war hereingebrochen. Wohl dem, der in solchen Nächten ein +Dach über sich weiß, einen warmen Winkel sein eigen nennt. Und möge +Gott alle obdachlosen Waller in Gnaden bewahren! + + * * * * * + +In der heißen Mittagsstunde des 26. Juni 1848, in Paris, als der +Aufstand der »Arbeitervereine« fast unterdrückt war, stürmte ein +Bataillon Linientruppen in einer der engen Quergassen der Vorstadt +St. Antoine eine Barrikade. Einige Kanonenschüsse hatten sie bereits +in Schutt gelegt; die am Leben gebliebenen Verteidiger derselben +zogen sich zurück und waren nur noch auf ihre eigene Rettung +bedacht, als plötzlich auf dem höchsten Punkte der Barrikade, +auf dem eingeschlagenen Kasten eines umgestürzten Omnibuswagens, +ein hochgewachsener Mann sichtbar wurde in einem alten Rock, mit +einer roten Schärpe umgürtet, mit einem Strohhute auf dem weißen, +unordentlichen Haare. In der einen Hand hielt er eine rote Fahne, in +der anderen einen krummen, stumpfen Säbel und schrie mit angestrengter, +scharfer Stimme, indem er bemüht war, höher hinaufzuklimmen und mit +Fahne und Säbel Zeichen zu machen. – Ein Vincennes-Jäger legte auf ihn +an – ein Schuß fiel … dem hochgewachsenen Mann entglitt die Fahne – und +wie ein Sack stürzte er vornüber auf sein Gesicht, als wäre er jemandem +zu Füßen gefallen … Die Kugel war ihm gerade durchs Herz gegangen. + +»~Tiens!~« sagte einer der fliehenden ~insurgés~ zu einem anderen, »~on +vient de tuer le Polonais!~« + +»~Bigre!~« antwortete der andere, »~sauvons-nous!~« und beide warfen +sich in das Kellergeschoß eines Hauses, an welchem die Laden alle +verschlossen waren und dessen Wände überall Spuren von Kugeln und +Kartätschen zeigten. + +Dieser »Polonais« war Dmitri Rudin. + + +Fußnoten: + + [1] Kleinrußland, weil dort das Landvolk und die untersten + Klassen der Bevölkerung den Kopf rund herum rasiert tragen + und nur auf dem Scheitel einen Schopf wachsen lassen. + + [2] So heißen die kleinrussischen Volkslieder. + + [3] Aus Gribojedow. + + [4] Petschorin, der Held in Lermontoffs Roman: »Der Held + unserer Zeit«. + + [5] Puschkin. + + [6] Russisches Sprichwort. + + [7] Russischer Volksdichter. + + + + +Bücherverzeichnis des Verlags Georg Müller + + +Friedrich Huch + +Neue Träume. + +Mit zahlreichen Federzeichnungen im Text und 10 ganzseitigen +Lithographien von Alfred Kubin. Mit einer Vorrede des Verfassers und +einer Vorbemerkung des Zeichners. Hergestellt in einer einmaligen +numerierten Auflage von 800 Exemplaren, von denen die Nummern 1–100 in +Halbpergament gebunden wurden. Pappband 10 Mk., Halbpergt. 15 Mk. + + +Shakespeare: Sonette. + +Deutsche Übertragung von F. Huch. (Aus dem Nachlaß.) Einmalige +Auflage von 600 Exemplaren, davon 450 auf Bütten, den Titel und die +zweifarbigen Initialen zeichnete Paul Renner. Halbpergt. 12 Mk. + +* + +Huldschiner, Richard: Beatus. Aus dem Buch eines Lebens. + +Einbandzeichnung Hermann Häger. Geh. 3 Mk., geb. 4 Mk. + + +Humorbuch. + +Siehe unter Novellenauswahlbände. + + +Huneker, James: Chopin. + +Der Mensch und der Künstler. Einzig autorisierte Übersetzung von Lola +Lorme und Heinrich Glücksmann. Mit einem Geleitwort der Übersetzer. +3.–4. Tsd. Mit 26 Abbildungen. Geh. 5 Mk., Halbleinen 7 Mk. + + +Huysmans, J. K.: Geheimnisse der Gotik. + +Drei Kirchen und drei Primitive. Übertragung und Anhang von Stefanie +Strizek. Mit 24 Bildbeigaben. 2. Auflage. Halbleder 15 Mk. + + +Immermann, Karl. + +Siehe unter Bücherei der neuen Serapionsbrüder. + + +Der Indische Kulturkreis + +in Einzeldarstellungen. Herausgegeben unter Mitwirkung von Helmuth +von Glasenapp, Otto Hoever, Noto Soeroto, Heinrich Stönner, Willem +Stutterheim, Fritz Trautz von Karl Döhring. + + +Siam. Land und Volk / Die bildende Kunst. + +Von Karl Döhring. Mit 282 Abbildungen. In Leinen 32 Mk. + + +Rama-Legenden und Rama-Reliefs in Indonesien. + +Von Dr. Willem Stutterheim. 2 Bände. Mit 230 Abbildungen auf Tafeln. In +Leinen, 2 Bände 50 Mk. + + +Indien. Volk und Kultur / Länder und Städte. + +Von Dr. Helmuth von Glasenapp. Mit 248 Abbildungen auf Tafeln. In +Leinen geb. 32 Mk. + + +Heilige Stätten Indiens. + +Mit ca. 250 Abbildungen. Von Dr. Helmuth von Glasenapp. In Leinen ca. +32 Mk. + + +Ceylon. + + Von Dr. Friedrich M. Trautz. + Mit 128 Tafeln. + In Leinen geb. 32 Mk. + +Man verlange den illustrierten Prospekt »Der indische Kulturkreis«. + +Siehe auch unter Gregor Krause: Bali. + + +Heinrich Eduard Jacob + + +Der Zwanzigjährige. + +Ein symphonischer Roman. 3. Auflage. Geh. 2 Mk., geb. 3.50 Mk. + + +Beaumarchais und Sonnenfels. + +Schauspiel in vier Akten. Geh. 1 Mk. + + +Jean Paul + + +Die Briefe Jean Pauls. + +Kritisch-historische Gesamtausgabe. Herausgegeben und erläutert von +Eduard Berend. 1. Band: 1780–1794. Mit 6 Tafeln und einem Stammbaum. +2. Band: 1794–1797. Mit 6 Tafeln und einem Stammbaum. 3. Band: 1797 +bis 1800. Mit 7 Tafeln. 4. Band: 1800 bis 1805. Mit 6 Tafeln und einem +Stammbaum. Jeder Band geh. 12 Mk., Halbleder 20 Mk., in Ganzleder +50 Mk. + + +Dr. Katzenbergers Badreise. + +2. Aufl. Mit Bildern von Walo von May. Halbleinen 10 Mk. + + +Jean Pauls Persönlichkeit. + +Zeitgenössische Berichte. Gesammelt und herausgegeben von Eduard +Berend. Mit 15 Bildbeigaben. Geh. 4 Mk., Halbleinen 6 Mk. + + +Das heimliche Klaglied der heutigen Männer. + +Siehe unter Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher. + +* + +Jenseitsrätsel. + +Siehe unter Novellenauswahlbände. + + +Elisabeth Joest + + +Jens Palmström. + +Novellen. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk. + + +Vibrationen. + +Roman. 1.–5. Tsd. Einbandzeichnung von Hermann Häger. Geh. 3 Mk., geb. +4 Mk. + +* + +Wie Karl von Frankenland gen Jerusalem zoge und, um seiner Frauen +Reden, gen Konstantinopel, König Hugo zu sen. + +(Die Weise von Kaiser Karls Fahrt gen Morgenland.) Nachdichtung aus +dem Altfranzösischen von Werner und Maja Schwartzkopff. Mit einer +Einführung von Karl Voßler. Mit 12 Holzschnitten von Hans Pape. In +alter Fraktur gedruckt in einmaliger Aufl. von 250 numerierten +und vom Künstler signierten Expl., davon 50 auf Bütten. Ausgabe A: +Büttenausgabe in handgearbeitetem Ganzpgtbd. mit den Holzschnitten in +Mappe (jeder Holzschnitt signiert) 50 Mk. Ausgabe B: Handgearbeiteter +Ganzpgtbd. (ohne Mappe) 35 Mk. Ausgabe C: Halbpgtbd. 25 Mk. + + +Kaiser, Georg: Von Morgens bis Mitternachts. + +Stück in 2 Teilen. Mit 12 farbigen Steinzeichnungen von Rudolf +Großmann. Einmalige numerierte Auflage von 325 Expl. Auf Bütten mit der +Hand als Halblederband gebunden 40 Mk., als Pappband gebunden 18 Mk. + + +Kalkoff, Paul: Luther und die Entscheidungsjahre der Reformation. + +Von den Ablaßthesen bis zum Wormser Edikt. Mit 8 Abbildungen. +Halbleinen 4 Mk., geh. 2 Mk. + + +Kant. + +Siehe unter Bibliothek der Philosophen. + + +Karlchen. + +Siehe unter Ettlinger. + + +Kasprowicz, Jan: Mein Abendlied. + +Hymnen. Deutsch von Stanislaw Przybyszewski. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk. + + +Kataloge + + +Verzeichnis der lieferbaren Bücher des Verlags Georg Müller. 1924/25. + +Mit über 60 Abbildungen. 250 Seiten. 1 Mk. + + +Katalog der Bücher des Verlags Georg Müller. 1923. + +Mit einer Zeichnung von Emil Preetorius. 0.50 Mk. + + +Fünfzehn Jahre Georg Müller Verlag. + +210 Seiten. 1918. 2 Mk. + + +Bücher des Verlags Georg Müller. + +Umschlagzeichnung von Emil Preetorius. Mit zahlreichen Abbildungen. 150 +Seiten. 0.50 Mk. + + +Literaturbericht des Verlags Georg Müller. + +Mit zahlreichen Abbild. 95 Seiten. 0.20 Mk. + + +Das Reich des Eros. + +Mit zahlreichen Abbildungen. 16 Seiten. Kostenlos. + + +Gesamtausgaben des Verlags Georg Müller. + +16 Seiten. Kostenlos. + + +Das Zeitalter Napoleons I. + +Mit zahlreichen Abbildungen. Kostenlos. + + +Der Indische Kulturkreis in Einzeldarstellungen. + +Mit Abbildungen. Kostenlos. + +* + +Kaus, Gina: Der Aufstieg. + +Novelle. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk. + + +Gottfried Keller + + +Sieben Legenden. + +Mit 8 Holzschnitten von Hans Halm. Hergestellt in 1200 Expl. Die +Holzschnitte wurden von den Originalholzstöcken gedruckt. In Halbpergt. +geb. 10 Mk., Ganzpergt. 15 Mk. + + +Romeo und Julia auf dem Dorfe u. a. + +Halbleinen 2 Mk. + +Siehe unter Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher. + +* + +Kierkegaard: Aus dem Tagebuch des Verführers. Diapsalmata. + +Siehe unter Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher und unter Bibliothek der +Philosophen. + + +Eugen Kilian + + +Goethes Egmont auf der Bühne. + +Zur Inszenierung und Darstellung des Trauerspiels. Ein Handbuch der +Regie. Geh. 4.50 Mk., Halbleinen 5.50 Mk. + + +Dramaturgische Blätter. + +Aufsätze und Studien aus dem Gebiete der praktischen Dramaturgie, der +Regiekunst und der Theatergeschichte. Geh. 3 Mk. + + +Aus der Praxis der modernen Dramaturgie. + +Der Dramaturgischen Blätter zweite Reihe. Aufsätze und Studien aus +dem Gebiete der praktischen Dramaturgie, der Regiekunst und der +Theatergeschichte. Geh. 3 Mk. + + +Goethes Faust auf der Bühne. + +Beiträge zum Probleme der Aufführung und Inszenierung des Gedichtes. +Geh. 1.50 Mk. + + +Shakespeare: Antonius und Kleopatra. + +Trauerspiel in fünf Akten. Nach Baudissins Übersetzung für die deutsche +Bühne bearbeitet. 2. vielfach veränderte Aufl. Geh. 1 Mk. + +* + +Kin-Ku-Ki-Kuan: Chinesische Novellen. + +Siehe unter Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher. + + +Friedrich M. Kircheisen + + +Napoleon I. Sein Leben und seine Zeit. + +1. Bd.: 1769–1796, 2. Bd.: 1796–1797, 3. Bd.: 1797–1799, 4. Bd.: 1799, +5. Bd.: 1800–1804. Jeder Band mit zahlreichen Abbildungen, Faksimiles, +Karten und Plänen. Leder je 70 Mk., Halbleder je 25 Mk. + +(Bisher 5 Bände erschienen, weitere in Vorbereitung.) + +Man verlange den illustrierten Prospekt: »Das Zeitalter Napoleons I.« + + +Napoleon im Lande der Pyramiden und seine Nachfolger 1798–1801. + +Mit 100 Abbildungen, Faksimiles, Karten und Plänen. Geh. 7 Mk., +Halbleder 20 Mk. + + +Fortsetzung des Bücherverzeichnisses siehe: + +Goethes Tagebuch der italienischen Reise + +(Georg Müllers Zwei-Mark-Bücher) + + +Druck von Mänicke & Jahn A.-G., Rudolstadt + + + + + Weitere Anmerkung zur Transkription + + + Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. + Unterschiedliche Schreibweisen insbesondere bei Namen wurden wie + im Original beibehalten. + Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. + + Das Cover wurde aus dem unbeschrifteten Originalcover und der + Titelseite zusammengesetzt und ist gemeinfrei (Public Domain. + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75298 *** |
