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-The Project Gutenberg eBook of Deutsche Nordseeküste, by Hippolyt
-Haas
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Deutsche Nordseeküste
- Friesische Inseln und Helgoland.
-
-Author: Hippolyt Haas
-
-Release Date: January 30, 2023 [eBook #69903]
-
-Language: German
-
-Produced by: Peter Becker, Marc-André Seekamp and the Online
- Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This
- file was produced from images generously made available by
- The Internet Archive)
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE NORDSEEKÜSTE ***
-
- +------------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Gesperrter Text ist als ¯gesperrt¯ dargestellt, Antiquaschrift |
- | als ~Antiqua~. |
- | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. |
- +------------------------------------------------------------------+
-
-
- Land und Leute
-
-
- Monographien zur Erdkunde
-
-
- Land und Leute
-
- Monographien zur Erdkunde
-
-
- In Verbindung mit hervorragenden Fachgelehrten
-
- herausgegeben von
-
- A. Scobel
-
-
- ~VIII.~
-
-
-
-
- Deutsche Nordseeküste
-
- Friesische Inseln und Helgoland.
-
-
- Bielefeld und Leipzig
-
- Verlag von Velhagen & Klasing
-
- 1900
-
-
-
-
- Deutsche
- Nordseeküste
-
- Friesische Inseln und Helgoland.
-
-
- Von
-
-
- Professor ~Dr.~ H. Haas
-
-
- ¯Mit 166 Abbildungen nach photographischen Aufnahmen
- und einer farbigen Karte.¯
-
- [Illustration]
-
-
- Bielefeld und Leipzig
-
- ¯Verlag von Velhagen & Klasing¯
- 1900
-
-
- ¯Alle Rechte vorbehalten.¯
-
-
- Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- Seite
-
- I. Allgemeines 3
-
- II. Etwas von der Nordsee 5
-
- III. Geologisches 17
-
- IV. Sturmfluten 26
-
- V. Land und Leute 39
-
- VI. Geschichtliches 58
-
- VII. Von Husum nach Tondern und an die Grenze Jütlands 62
-
- VIII. Die nordfriesischen Inseln 74
-
- IX. Eiderstedt 98
-
- X. Die schleswig-holsteinische Westküste von der Eider
- bis Hamburg-Altona 102
-
- XI. Hamburg-Altona 114
-
- XII. Helgoland 129
-
- XIII. Die Marschlande am linken Elbufer 137
-
- XIV. Das Geestland zwischen Unterelbe und Unterweser 142
-
- XV. Bremen und die Marschlande am rechten Ufer der Weser 147
-
- XVI. Das Küstengebiet Oldenburgs und Ostfrieslands.
- Die ostfriesischen Inseln 158
-
- * * * * *
-
- Litteratur 172
-
- Register 173
-
-
-[Illustration: Abb. 1. ¯Helgoland. Unterland und die Düne.¯
-
-(Nach einer Photographie von F. Schensky in Helgoland.)]
-
-
-[Illustration: Abb. 2. ¯Strand von Wyk auf Föhr¯.
-
-(Nach einer Photographie von Waldemar Lind in Wyk auf Föhr.)]
-
-
-
-
-Deutsche Nordseeküste.
-
-
- Thalatta, Thalatta!
- Sei mir gegrüßt, du ewiges Meer!
- Sei mir gegrüßt viel tausendmal
- Aus jauchzendem Herzen,
- Wie einst dich begrüßten
- Zehntausend Griechenherzen,
- Unglückbekämpfende, heimatverlangende,
- Weltberühmte Griechenherzen.
-
- Sei mir gegrüßt, du ewiges Meer,
- Wie Sprache der Heimat rauscht mir dein Wasser,
- Wie Träume der Kindheit seh’ ich es flimmern
- Auf deinem wogenden Wellengebiet. --
-
- (H. ¯Heine¯.)
-
-
-
-
-~I.~
-
-Allgemeines.
-
-
-Thalatta, Thalatta!
-
-Gekannt hatte ich ihn zwar schon von meinen Schülerzeiten her, den
-Freudenruf der Zehntausend, die nach langem Umherstreifen in der
-Fremde den wogenden Ocean wieder erblicken durften. Gekannt wohl,
-aber nachempfunden? Nein! Man wird’s wohl bei den Tertianern einer
-Gelehrtenschule in einer weit von den Gestaden der See belegenen
-Binnenstadt verzeihlich finden, daß ihnen das nötige Verständnis
-für den Jubelschrei der griechischen Söldner und noch für sonstige
-andere Schönheiten in des Xenophon Anabasis gemangelt hat. Das lag
-so in der Natur der Sache, und die Gründe dafür mögen hier besser
-nicht erörtert werden. Viele Jahre später aber, an einem hellen und
-sonnigen Junimorgen, sollte mir dieses Verständnis für den Erlösungsruf
-des umherirrenden Griechenvolkes desto gewaltiger aufgehen, und
-sicherlich mit nicht geringerer Ergriffenheit, als des jüngeren Cyrus
-Waffengefährten sie vor Zeiten hinausgeschmettert haben in die schöne
-Gottesnatur, hat auch mein Mund damals die Worte hervorgestammelt:
-„Thalatta, Thalatta!“
-
-[Sidenote: Einleitung.]
-
-Auf den Höhen des roten Kliffs bei Wenningstedt auf der Insel Sylt
-ist’s gewesen, als ich zum erstenmal die brausende Nordsee erblickte
-(Abb. 3). In meinem Leben habe ich viel Schönes gesehen und manches
-herrliche Landschaftsbild im Norden und Süden, im Westen und Osten
-bewundert. Nichts aber von dem allem hat mir jemals wieder einen so
-großartigen Eindruck gemacht, nichts meine Sinne wieder in solchem
-Maße gefangen genommen, als diese meine erste Bekanntschaft mit dem
-brandenden und tosenden nordischen Meere. Noch ebenso lebendig, als ob
-es gestern gewesen wäre, steht heute, nach mehr als zwanzig Jahren,
-jenes herrliche Bild in meiner Erinnerung. Vor mir am Rande des steil
-wie eine Mauer abfallenden Kliffs die stark bewegte, wild aufschäumende
-See, zu meinen Füßen das lang dahingestreckte, wie ein Schild gegen den
-unermeßlichen Ocean vorgeschobene Eiland mit seinen weiß schimmernden
-Dünenketten, seinen freundlichen Dörfern und seiner braunen Heide,
-im Norden die klargezeichnete Insel Röm, tief am südlichen Horizont
-der Leuchtturm von Amrum und die Umrisse von Föhr, und hinter mir die
-grauen, schlammigen Fluten des Wattenmeeres, begrenzt im fernen Osten
-von der nur leicht angedeuteten Küstenlinie Schleswigs. Und das alles
-beschienen von der warmen Sonne eines schönen nordischen Sommertages,
-während um mich herum die Bienen summten und die Möven in den Lüften
-umherflogen, fürwahr ein Bild, an dem sich mein schönheitstrunkenes
-Auge nicht genugsam satt sehen konnte! Ganz im fernen Westen aber, auf
-den Wellen schaukelnd und nicht größer als wie Nußschalen erscheinend,
-die rauchenden und hochmastigen Panzerkolosse unserer zu jenen Zeiten
-noch in ihren Kinderschuhen steckenden deutschen Flotte, die auf einer
-Übungsfahrt in den heimischen Gewässern begriffen waren.
-
-Nichts von der leuchtenden Farbenpracht, welche den blauen Spiegel
-des Mittelmeeres verklärt, nichts von der Lieblichkeit und Anmut der
-vom Schatten der Buchenwälder und vom schwellenden Grün der Wiesen
-umrahmten Ostsee zeigen die Gestade des nordischen Meeres. Grau in
-grau, nur selten unbewegt und meist gepeitscht von schäumenden Wellen
-liegt es da. Keine großen Städte, keine üppigen Fluren spiegeln sich
-in seinen Fluten, allein der von einer dünnen Grasnarbe bewachsene
-Deich oder der blinkende weiße Sand der Dünen rahmen seine weiten
-Ufer ein. Eine gewisse Öde und Einförmigkeit schwebt auf dem Wasser,
-aber eine Öde und Einförmigkeit, welchen der Stempel der Erhabenheit
-und Gewaltigkeit aufgeprägt ist. Wie ein überirdischer Schimmer,
-wie ein mystischer Schleier liegt’s über dem Gebrüll und Getobe der
-Nordseewellen. Freilich, die menschliche Sprache ist zu arm, um das in
-Worten ausdrücken zu können, aber die Tonkunst vermag’s. Einer ihrer
-größten Meister hat es fertig gebracht, den Zauber, den die Nordsee
-auf ihren Beschauer ausübt, in Töne zu bannen: Richard Wagner in den
-gespensterhaften Akkorden seiner Einleitung zum Fliegenden Holländer.
-Ob sie mit ihrer wellendurchfurchten Fläche im Sonnenschein daliegt, ob
-das scheidende Abendrot sie rosig erglühen läßt, oder ob aus schwarzer
-Wolkenwand der zackige Wetterstrahl rasch aufleuchtet über das wüste,
-wogende Wasser, wenn der Donner weithin rollt und des Boreas weiße
-Wellenrosse dahinspringen, die Nordsee bleibt sich doch immer gleich
-in ihrer eigenartigen Pracht, ein Abglanz der Unendlichkeit und der
-Allmacht Dessen, der sie ins Dasein gerufen hat.
-
-Goethe hat einmal gesagt: „Das freie Meer befreit den Geist.“ Wohl
-auf wenige Stellen auf unserem Planeten dürfte dieses Wort bessere
-Anwendung finden, als auf dasjenige Gebiet, dessen Beschreibung dieses
-Büchlein gewidmet ist. Die Unbeugsamkeit und der Freiheitsdrang des
-steifnackigen Friesenvolkes, das seine Wohnplätze an den Ufern der
-Nordsee hat, sie sind zweifellos Produkte jenes fortgesetzten und
-harten Kampfes, den es seit mehr denn zweitausend Jahren mit den wilden
-Meeresfluten um seine Heimat führen mußte. Denn nur durch unausgesetzte
-Anstrengungen sind die Bewohner der Nordseeküste im stande gewesen, das
-ihnen von der Vorsehung angewiesene Land dem Meere abzugewinnen und
-dasselbe vor dem Untergang zu bewahren.
-
- ~Deus mare, Friso litora fecit~,
-
-so lautet ein alter stolzer Spruch des friesischen Stammes. Seine
-Richtigkeit werden wir im Verlaufe der nun folgenden Schilderungen
-kennen lernen, zugleich aber auch die Wahrheit der Verse vom alten
-Vater Homer:
-
- Denn nichts Schrecklicheres ist mir bekannt,
- als die Schrecken des Meeres.
-
-Ist doch die Nordsee zugleich auch eine Mordsee!
-
-
-
-
-~II.~
-
-Etwas von der Nordsee.
-
-
- „Das Meer ist der Raum der Hoffnung
- Und der Zufälle launisch Reich:
- Wie der Wind mit Gedankensschnelle
- Läuft um die ganze Windesrose,
- Wechseln hier des Geschickes Lose,
- Dreht das Glück seine Kugel um:
- Auf den Wellen ist alles Welle,
- Auf dem Meer ist kein Eigentum.“
-
- (¯Schiller.¯)
-
-[Sidenote: Grenzen der Nordsee.]
-
-Unter allen Meeresräumen unserer Erde nimmt die Nordsee insofern eine
-Ausnahmestellung ein, als ihre Grenzen genau so wie die politischen
-Areale der civilisierten Welt auf diplomatischem Wege vereinbart
-und festgesetzt sind. Das ist in dem internationalen Vertrage zu
-Haag geschehen, der am 6. Mai 1882 von den sechs Nordseemächten:
-Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Belgien, den Niederlanden und
-Dänemark über die polizeiliche Regelung der Fischerei in der Nordsee
-außerhalb der Küstengewässer abgeschlossen wurde.
-
-[Illustration: Abb. 3. ¯Rotes Kliff bei Wenningstedt.¯
-
-(Nach einer Photographie von Bernh. Lassen in Westerland-Sylt.)]
-
-Nach den Bestimmungen dieses Vertrages werden die Grenzen der Nordsee
-gebildet:
-
-im Norden: durch den 61. Grad nördl. Breite,
-
-im Osten und im Süden:
-
- 1. durch die norwegische Küste zwischen dem 61. Grade nördl. Breite
- und dem Leuchtturm von Lindesnäs (Norwegen),
-
- 2. durch eine gerade Linie, die man sich von dem Leuchtturm von
- Lindesnäs (Norwegen) nach dem Leuchtturm von Hanstholm (Dänemark)
- gezogen denkt,
-
- 3. durch die Küsten Dänemarks, Deutschlands, der Niederlande, Belgiens
- und Frankreichs bis zum Leuchtturm von Gris-Nez (Frankreich);
-
-im Westen:
-
- 1. durch eine gerade Linie, die man sich vom Leuchtturm von Gris-Nez
- (Frankreich) nach dem östlichen Feuer von South Foreland (England)
- gezogen denkt,
-
- 2. durch die Ostküsten von England und Schottland,
-
- 3. durch eine gerade Linie, welche Duncansby Head (Schottland) mit
- der Südspitze von South Ronaldsha (Orkneyinseln) verbindet,
-
- 4. durch die Ostküsten der Orkneyinseln,
-
- 5. durch eine gerade Linie, welche das Feuer von North Ronaldsha
- (Orkneyinseln) mit dem Feuer von Sumburgh Head (Shetlandinseln)
- verbindet,
-
- 6. durch die Ostküsten der Shetlandinseln,
-
- 7. durch den Meridian des Feuers von North Unst (Shetlandinseln) bis
- zum 61. Grad nördl. Breite.
-
-[Illustration: Abb. 4. ¯Rettungsstation „Borkum Süd“.¯
-
-(Nach einer Photographie von Wolffram & Co. in Bremen.)]
-
-[Sidenote: Der deutsche Anteil an der Nordsee.]
-
-Der deutsche Anteil der Nordseeküste gleicht in seiner Grundform einem
-rechten Winkel, dessen Scheitel etwa bei Brunsbüttel an der Elbe zu
-suchen ist, und dessen beide Schenkel gleiche Länge besitzen, und
-einerseits bei Borkum, andererseits bei Hvidding in Nordschleswig
-endigen. Ihr westlichster Punkt ist die Westspitze der äußersten
-der ostfriesischen Inseln, des Eilands Borkum, der unter 6° 40′
-östl. Länge und 53° 35′ nördl. Breite liegt, ihr nördlichster ist
-da zu suchen, wo die deutsch-dänische Grenze zwischen dem dänischen
-Grenzorte Vester-Vedstedt und dem deutschen Dorfe Endrup bei Hvidding
-in Nordschleswig das Wattenmeer erreicht, und zwar unter 8° 40′
-östl. Länge und 55° 17′ nördl. Breite. Der südlichste Punkt der
-deutschen Nordseeküste ist zugleich der südlichste des deutschen
-Dollartufers, da, wo die deutsche Westgrenze den Dollart erreicht, an
-der Mündung des Grenzflüßchens zwischen Deutschland und Holland, der
-Westerwoldschen Aa, und befindet sich unter 7° 13′ östl. Länge und 53°
-14′ nördl. Breite. Als der östlichste Punkt präsentiert sich Meldorf in
-Ditmarschen unter 9° 2′ östl. Länge und 54° 29′ nördl. Breite.
-
-Zwei Inselguirlanden umsäumen das deutsche Nordseegestade, und auf
-diese Weise entsteht eine Doppelküste, deren innerer Teil von der
-eigentlichen Festlandsküste gebildet wird, während der äußere der
-Inselküste mit der Westspitze von Borkum und der Nordspitze von Röm als
-Eckpfeiler angehört.
-
-[Illustration: Abb. 5. ¯Boot zu Wasser.¯
-
-(Nach einer Photographie von Wolffram & Co. in Bremen.)]
-
-Der nordsüdlich verlaufende Teil unseres Küstengebietes zeigt in
-seiner nördlichen Hälfte drei Einbuchtungen, diejenige von Husum,
-von Tönning und von Meldorf, denen die Halbinseln Eiderstedts, der
-Landschaft Wesselburen und Dieksands entsprechen. Die Buchten des
-Dollart und der Jade und die Mündungen der Weser und der Elbe gliedern
-den ostwestlich verlaufenden Küstenteil.
-
-[Sidenote: Gezeiten und Strömungen.]
-
-Eine selbständige Flutwelle besitzt die Nordsee bekanntlich nicht,
-sondern ihre Gezeitenbewegung erhält sie durch zwei aus dem
-Atlantischen Ocean nördlich von Schottland und durch den Ärmelkanal
-eintretende Flutwellen. So entstehen eine Anzahl von Strömungen, welche
-die Gezeitenbewegungen an der Nordseeküste zu recht komplizierten
-machen. Sechs Stunden braucht die Flutwelle, um von der britischen
-Ostküste bis zu den nordfriesischen Inseln zu gelangen, sechs
-Stunden lang läuft der Ebbestrom denselben Weg zurück. Wenn sich
-der Meeresspiegel am Ostrande des Beckens hebt, sinkt er an dessen
-Westrande, und umgekehrt.
-
-An der dem offenen Meere zugewandten deutschen Nordseeküste schwankt
-der Flutwechsel zwischen 2,5 und 3,5 Meter, und wird im Mittel als
-3,3 Meter angenommen. Den höchsten Betrag zeigt Wilhelmshaven mit 3,5
-Meter, dann folgen Geestemünde und Bremerhaven mit 3,3 Meter, Brake mit
-3 Meter, Emden mit 2,8 Meter, Borkum und Wangeroog mit 2,5 Meter u.
-s. f. Das Minimum aller unmittelbar am Meere gelegenen deutschen Orte
-weist Helgoland aus, 2,8 Meter zur Springzeit, 1,8 Meter zur Nippzeit.
-
-[Illustration: Abb. 6. ¯Versandetes Wrack.¯]
-
-Von den Gezeiten unabhängige, also selbständige Strömungen sind
-nur in demjenigen Teile der Nordsee vorhanden, in welchem die
-Gezeitenerscheinungen nahezu verschwinden, kommen also für unser
-Küstengebiet nicht in Betracht. In den geringen Tiefen der Nordsee, wo
-die Wellenbewegung sich bis auf den Grund fortpflanzt, vermögen die
-Windströmungen die ganze Wassermasse in Bewegung zu setzen. Sobald aber
-der Wind wieder aufhört, müssen auch diese ganzen Wallungen derselben
-wieder verschwinden. Von der Erregung beständiger Strömungen in der
-mittleren Windesrichtung kann in der Nordsee keine Rede sein. Dagegen
-bedingt die Gestaltung der Küsten Veränderungen des Meeresniveaus,
-sobald der Wind das Wasser vor sich hertreibt, und dieser Windstau gibt
-dann zu Strömungen Veranlassung, welche noch andauern können, wenn sich
-die Windrichtung bereits geändert hat.
-
-[Sidenote: Sturmfluten.]
-
-Zu den charakteristischen Erscheinungen der Nordsee gehören
-die Sturmfluten, die dann eintreten, wenn auf einen starken und
-anhaltenden Südweststurm, der das Wasser durch den Kanal in die Nordsee
-gepreßt hat, plötzlich ein Nordweststurm folgt, der die vereinigten
-Wassermassen gegen die deutschen Küsten treibt. Vernichtende Wirkungen
-von grausiger Art, beträchtliche Verluste an Land und Menschenleben
-haben diese Sturmfluten zuweilen hervorgebracht, wenn auch diese
-Verheerungen von der Sage manchmal ins Maßlose und Ungeheuerliche
-übertrieben worden sind. An den Küsten, und besonders an deren sich
-verengenden Winkeln und Buchten steigt die Flut dann am höchsten. Nach
-den von Eilker angestellten Untersuchungen fällt die Mehrzahl der
-sämtlichen Sturmfluten, von denen man bisher überhaupt Kunde erhalten
-hat, in den Monat November, etwa ein Viertel der Gesamtsumme! Dann
-folgen Januar, Dezember und Oktober, die geringste Zahl zeigen Juni und
-Juli. Auf die sechs Wintermonate Oktober bis März kommt eine fünfmal
-größere Zahl schwererer Sturmfluten, als auf die Sommermonate. Das
-wird erklärlich, wenn man bedenkt, daß es heftige Stürme, förmliche
-Orkane sind, welche diese Katastrophen herbeiführen. Ungewöhnlich
-heftige Stürme und Orkane sind aber weiter nichts, als abnorme
-Gleichgewichtsstörungen des Luftmeeres, und die an unserer Nordseeküste
-gemachten Beobachtungen zeigen, daß gerade in den Wintermonaten die
-extremsten Barometerschwankungen vorkommen. Unser Gebiet ist in dem
-Zeitraum von 1500–1800 durchschnittlich von 50 schweren Sturmfluten in
-jedem Jahrhundert heimgesucht worden.
-
-[Illustration: Abb. 7. ¯Postfahrt durch das Wattenmeer im Sommer.¯]
-
-Weiter oben ist bereits betont worden, daß die Überlieferungen von
-den durch diese Katastrophen hervorgerufenen Verheerungen in vielen
-Dingen zuweilen gar sehr übertrieben sind. Ganz besonders gilt dies von
-den Chronisten des Mittelalters, deren Zahl keine geringe ist. Ihre
-Erzählungen bedürften daher erst einer recht gründlichen kritischen
-Sichtung, bevor man dieselben als Grundlagen für eine Gesamtdarstellung
-der Sturmfluten an unserer Nordseeküste benutzen könnte. Für
-Nordfriesland ist das durch die schönen Untersuchungen Reimer Hansens
-geschehen, und es soll deshalb in einem der folgenden Abschnitte ein
-kurzer Überblick über die hier in Frage kommenden Ereignisse an der
-schleswig-holsteinischen Meeresküste mit eingehender Berücksichtigung
-der soeben angeführten Forschungen gegeben werden.
-
-[Sidenote: Temperatur.]
-
-Die Temperatur an der Wasseroberfläche der Nordsee folgt der
-Temperatur der Luft, unter Abstumpfung der Extreme, wegen der
-großen Wärmeabsorption des Wassers. Die Temperaturschwankungen des
-Oberflächenwassers sind in der Nähe des offenen Oceans am geringsten,
-da, wo das Wasser vom Lande eingeschlossen ist, am größten, und das
-Maximum der Temperatur fällt in die Mitte August, das Minimum in
-die erste Hälfte des Monats März. Mit zunehmender Tiefe nehmen die
-Temperaturschwankungen des Wassers ab.
-
-[Sidenote: Salzgehalt der Nordsee.]
-
-Die Schwankungen des Salzgehalts im Nordseewasser sind weniger groß
-und weniger ungleichmäßig als die der Lufttemperatur folgenden
-Wassertemperaturen. Im nördlichen tiefen Teil der Nordsee treffen wir
-das schwerste, salzigste Wasser an, mit 3,56–3,52% Salzgehalt.
-
-Als dem Nordseewasser in seinem mittleren, von fremden Zuflüssen
-wenig berührten Becken zukommend kann ein Salzgehalt von 3,52–3,48%
-gelten. In der deutschen Bucht erleidet das Seewasser durch die
-Zuflüsse der deutschen Ströme eine Verdünnung, die sich sehr weit
-bemerkbar macht. Das Maximum der Dichtigkeit fällt hier in den
-Sommer und Herbst, das Minimum in den Winter und in das Frühjahr,
-entsprechend den schwankenden Wassermengen, welche von den Flüssen
-abgeführt werden. Für die Zeit vom November bis einschließlich April
-betragen die Abflußmengen der Elbe und Weser mehr als das Doppelte
-(1 : 0,45) derjenigen für die Sommerzeit vom Mai bis Oktober. Die Weser
-erreicht im Februar, die Elbe im März ihren höchsten, beide Flüsse im
-September ihren niedrigsten Wasserstand. Für die Weser verhält sich die
-Abflußmenge des wasserärmsten Monats zu der des wasserreichsten (bei
-Minden) wie 1 : 4, für die Elbe (bei Torgau) wie 1 : 5,2.
-
-[Illustration: Abb. 8. ¯Postfahrt durch das Wattenmeer im Winter (von
-Dagebüll nach Föhr).¯
-
-(Nach einer Photographie von W. Dreesen in Flensburg.)]
-
-Folgende Jahreszeitenmittel des Salzgehaltes an der Oberfläche des
-Nordseewassers sind in den Jahren 1874–1876 festgestellt worden:
-
- =====================================================================
- Beobachtungsort | Winter | Frühling | Sommer | Herbst | Jahr
- ========================+========+==========+========+========+======
- Borkum (Feuerschiff) | 3,25 | 3,25 | 3,28 | 3,31 | 3,28
- Weser (Außenfeuerschiff)| 3,46 | 3,31 | 3,28 | 3,35 | 3,35
- Helgoland | 3,42 | 3,29 | 3,26 | 3,41 | 3,34
- List auf Sylt | 2,97 | 3,03 | 3,24 | 3,08 | 3,08
-
-Nach den Mitteilungen von Arends enthalten 7680 Teile Nordseewasser:
-
- Chlornatrium 197,5 Teile
- Chlormagnesium 28,362 "
- Chlorkalium 4,446 "
- Schwefelsaure Talkerde 10,2 "
- Schwefelsaure Kalkerde 4,926 "
- Kieselerde 0,782 "
-
-Nach Pfaff zerfällt der Salzgehalt des Nordseewassers, zu 3,44%
-angenommen, in:
-
- Chlornatrium 74,20 Teile
- Chlormagnesium 11,04 "
- Chlorkalium 3,80 "
- Bromnatrium 1,09 "
- Schwefelsaurer Kalk 4,72 "
- Schwefelsaure Magnesia 5,15 "
-
-Der starke Salzgehalt und die hohe Temperatur ihres Wassers lassen
-ein Zufrieren der Nordsee auf hoher See niemals zu. Dagegen sind
-Eisbildungen an den Küsten und im Wattenmeer nicht selten; wir werden
-noch im folgenden Gelegenheit haben, darauf zurückzukommen. Unsere Abb.
-7 u. 8 veranschaulichen die besonders im Winter erhöhte Schwierigkeit
-des Verkehrs im Wattenmeer.
-
-[Illustration: Abb. 9. ¯Eine Hallig bei Sturmflut.¯]
-
-[Sidenote: Deutsche Nordseeschiffahrt.]
-
-Bezüglich der dem deutschen Küstengebiete der Nordsee zugehörigen
-Schiffe mögen hier einige genaue Mitteilungen gemacht werden. Dieselben
-sind der Statistik des Deutschen Reiches entnommen und gelten für
-den 1. Januar 1897. An diesem Tage waren in den Häfen des gesamten
-deutschen Nordseegebietes beheimatet:
-
- 2043 Segler mit 550258 Registertonnen
- br. Rauminh.
-
- 737 Dampfer " 1200348 Registertonnen
- br. Rauminh.
- ------------------------------------------------
- Zus.: 2780 Seeschiffe mit 1750606 Registertonnen
- br. Rauminh.
-
-Auf die einzelnen Teile der Nordseeküste verteilen sich diese Zahlen
-wie folgt:
-
-Nordseeküste Schleswig-Holsteins:
-
- 383 Segler mit 16985 Rt. br.
- 29 Dampfer " 10608 " "
- -----------------------------------
- Zus.: 412 Schiffe mit 27593 Rt. br.
-
-Hamburg und die zu diesem Freistaat gehörigen Häfen:
-
- 430 Segler mit 205842 Rt. br.
- 388 Dampfer " 764146 " "
- ------------------------------------
- Zus.: 818 Schiffe mit 969988 Rt. br.
-
-Provinz Hannover, u. zw. Elbe- und Wesergebiet:
-
- 422 Segler mit 17843 Rt. br.
- 51 Dampfer " 30468 " "
- -----------------------------------
- Zus.: 473 Schiffe mit 48311 Rt. br.
-
-Freie Stadt Bremen:
-
- 221 Segler mit 199982 Rt. br.
- 218 Dampfer " 369072 " "
- ------------------------------------
- Zus.: 439 Schiffe mit 569054 Rt. br.
-
-Großherzogtum Oldenburg:
-
- 219 Segler mit 78063 Rt. br.
- 19 Dampfer " 11303 " "
- -----------------------------------
- Zus.: 238 Schiffe mit 89366 Rt. br.
-
-Provinz Hannover, u. zw. Emsgebiet und Regierungsbezirk Aurich:
-
- 365 Segler mit 31010 Rt. br.
- 23 Dampfer " 3305 " "
- -----------------------------------
- Zus.: 388 Schiffe mit 34315 Rt. br.
-
-[Illustration: Abb. 10. ¯Eine Halligwerft nahe vor dem Einsturz
-(Langeneß).¯
-
-(Nach einer Photographie von W. Dreesen in Flensburg.)]
-
-[Sidenote: Schiffsunfälle.]
-
-In betreff der Schiffsunfälle, welche etwa durchschnittlich in
-Jahresfrist auf der 295 Seemeilen langen Küstenstrecke des deutschen
-Nordseegebietes stattfinden, geben die Mitteilungen des kaiserlichen
-statistischen Amtes ebenfalls interessante Aufschlüsse.
-
-Die Aufstellung für das Jahr 1896 weist aus:
-
- 51 Strandungen,
- 7 Kentern,
- 5 Sinken,
- 65 Kollisionen,
- 37 andere Unfälle.
- ----------
- Zusammen: 165 Unfälle.
-
-Der Verlust an Schiffen betrug 31, Verluste an Menschenleben werden 22
-verzeichnet.
-
-Diese Zahlen beziehen sich natürlich nicht nur auf deutsche Schiffe
-allein, sondern auch auf solche anderer seefahrender Nationen, also
-auf sämtliche Schiffsunfälle an der deutschen Nordseeküste überhaupt.
-Betrachten wir die Verunglückungen, die nur deutsche Schiffe betroffen
-haben, so finden wir in der Statistik für das Jahr 1896 folgende Daten:
-
-Der Gesamtverlust an deutschen Schiffen in sämtlichen Meeren dieser
-Erde zusammen betrug 79. Darunter befanden sich 35 Strandungen und 10
-verschollene Schiffe.
-
-[Illustration: Abb. 11. ¯Grab Theodor Storms in Husum.¯
-
-(Nach einer Photographie von Hans Breuer in Hamburg.)]
-
-Auf das Gebiet der Nordsee mit dem Skagerak fallen hiervon: 28
-Schiffe mit 36 verlorenen Menschenleben, auf dasjenige der Ostsee,
-einschließlich der Belte, des Sundes und des Kattegats: 20 Schiffe mit
-20 verlorenen Menschenleben!
-
-Auch in Bezug auf die Verluste an Schiffen und Menschenleben, mit
-welchen die Schiffsunfälle verbunden waren, steht das deutsche
-Nordseegebiet dem Ostseegebiet im Verhältnis zu seiner Küstenlänge
-bedeutend voran. Besonders stark ist dort der Verlust an Schiffen und
-Menschenleben im Küstengebiet zwischen Eider und Elbe mit den Mündungen
-und Gebieten dieser Flüsse, an welch letzterem Küstenteile sich
-zugleich der stärkste Verlust an Menschenleben zeigt. Ziemlich groß
-ist auch die Zahl der verlorenen Schiffe an der Küste von Ostfriesland
-mit den ostfriesischen Inseln nebst dem Dollart und dem Emsgebiet bis
-Papenburg, dann im Mündungsgebiet der Weser und Jade, und schließlich
-an der Westküste von Schleswig-Holstein von der dänischen Grenze bis
-zur Eidermündung mit den dazu gehörigen Inseln.
-
-Untersucht man das Verhältnis der Totalverluste zur Gesamtzahl der
-von Unfällen betroffenen Schiffe, so war im Jahre 1896 die Strecke
-zwischen der dänischen Grenze und der Eidermündung die verlustreichste.
-Ihr stand an Gefährlichkeit am nächsten die Küstenstrecke zwischen
-Wangeroog und der niederländischen Grenze. Dann folgt das
-Mündungsgebiet der Weser und Jade. Der verhältnismäßig geringste
-Verlust entfiel auf die Westküste Schleswig-Holsteins zwischen Eider
-und Elbe.
-
-[Sidenote: Deutsche Hochseefischerei.]
-
-Es wäre nicht angängig, von der deutschen Schiffahrt in der Nordsee
-zu sprechen, ohne nicht auch etwas der im blühenden Aufschwunge
-begriffenen deutschen Hochseefischerei zu gedenken. Am 1. Januar 1898
-betrug die im Dienste der deutschen Hochseefischerei stehende Flotte
-der Nordsee:
-
-563 Fahrzeuge mit 94898 ~cbm~ Raumgehalt und 3503 Mann Besatzung.
-Darunter waren 117 Dampfer mit 48027 ~cbm~ Raumgehalt und 1185 Mann
-Besatzung.
-
-Der Wert der Hochseefischereifahrzeuge im deutschen Nordseegebiet und
-ihrer Ausrüstung, unter Abrechnung von 10–25% vom Anschaffungswert
-betrug für 1897 etwa 12660000 Mark. Heute kann man nach der Begründung
-großer Gesellschaften für Hochseefischerei in den Jahren 1897 und 1898
-jedoch einen wesentlich höheren Kapitalsanlagewert annehmen.
-
-Zu den Zeiten der alten Hansa beherrschte Deutschland in Wisby, Bergen,
-Schonen und vor allem in Island den Fischmarkt. Dann aber wurden die
-deutschen Fischer und Händler überall von den Engländern und Schotten,
-Franzosen, Holländern, Skandinaviern und Dänen zurückgedrängt. Vor
-achtzig Jahren machte man in Bremen nach langer Zeit wieder einen
-Versuch, die Heringsfischerei neu zu beleben, doch konnte sich die zu
-diesem Behufe gegründete Aktiengesellschaft nicht lange halten, weil
-der Zoll für deutsche Heringe höher war als derjenige für holländische,
-und so ging das Unternehmen wieder ein. Später und besonders in den
-vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts wurde dann von Bremen
-aus ein lebhafter Walfischfang sowohl im nördlichen wie im südlichen
-Eismeer betrieben.
-
-[Illustration: Abb. 12. ¯Hafen von Tönning.¯
-
-(Nach einer Photographie von Hans Breuer in Hamburg.)]
-
-[Sidenote: Hochseefischerei.]
-
-Im Jahre 1866 erwachte in weiteren Kreisen der Nation auch wieder
-der Sinn für die Förderung der deutschen Seefischerei, und zu Beginn
-der siebziger Jahre war bereits in Blankenese und Finkenwerder eine
-nennenswerte Hochseefischerei im Betrieb, welche über 139 kleine Segler
-mit 437 Mann Besatzung verfügen konnte und, je nach der Güte des
-Jahres, Erträgnisse von 100000 bis 250000 Mark aufwies. Der eigentliche
-Aufschwung der deutschen Hochseefischerei stammt jedoch erst aus
-dem Ende des neunten Jahrzehnts. Wie groß dieselbe für das deutsche
-Nordseegebiet zur Stunde schon geworden ist, das haben wir weiter oben
-schon gesagt.
-
-Bedeutende kapitalistische Hochseefischereiunternehmungen der
-neueren Zeit sind die Aktiengesellschaft Nordsee in Nordenham, die
-mit 26 Dampfern und drei Millionen Mark Kapital Fischfang betreibt,
-sodann eine große Herings- und Hochseefischereigesellschaft in
-Geestemünde, welche den Heringsfang mit zehn Dampfloggern statt mit
-Segelloggern betreibt, ferner neue Heringsfischereigesellschaften in
-Emden, in Vegesack, in Elsfleth und in Glückstadt. Man hofft, damit
-der großen Einfuhr von Heringen aus dem Auslande eine erfolgreiche
-Konkurrenz bieten und die hohen Geldsummen, welche für dieses wichtige
-Volksnahrungsmittel fremden Nationen zufließen, dem Reiche erhalten zu
-können, namentlich wenn entsprechende Zollveränderungen durchgeführt
-würden. Im Zeitraum von fünf Jahren hat Deutschland nicht weniger als
-355 Millionen Mark für eingeführte frische und zubereitete Seefische an
-das Ausland bezahlt, darunter für Salzheringe und frische Fische, meist
-sogenannte grüne Heringe, 330 Millionen Mark!
-
-[Illustration: Abb. 13. ¯Kirkeby auf Röm.¯
-
-(Nach einer Photographie von W. Dreesen in Flensburg.)]
-
-[Illustration: Abb. 14. ¯Die Blockhäuser des Seebades Lakolk auf Röm.¯
-
-(Nach einer Photographie von W. Dreesen in Flensburg.)]
-
-Die Fischkutter der verschiedenen Hochseefischereigesellschaften
-gehen in der Regel als Flottillen von zwanzig, dreißig und noch mehr
-Schiffen in See. Die Dampfer sind etwa 31 Meter lang, besitzen 150
-Tonnen Rauminhalt und Maschinen von 259 Pferdekräften. Etwa acht Tage
-bleiben die Fahrzeuge in der Regel dem Heimathafen fern, und es kommt
-vor, daß ein solcher Dampfer 30000 Kilogramm und noch mehr Fische an
-den Markt bringt. Sie sind bestrebt, am Sonntag zurück zu sein, Montag
-und Dienstag findet alsdann die Versendung der gefangenen Fische statt,
-um vor Freitag, dem Haupttage für den Fischgenuß, die gesamte Beute auf
-die Märkte zu schaffen.
-
-[Illustration: Abb. 15. ¯Mädchen in Römer Tracht.¯
-
-(Nach einer Photographie von W. Dreesen in Flensburg.)]
-
-Mangelnder Absatz hat ursprünglich die gedeihliche Entwickelung des
-Fischhandels gehemmt, so daß der Verbrauch von frischen Seefischen
-eigentlich nur auf die Küstenstriche beschränkt gewesen ist. Erst
-die fortschreitende Organisation des Fischhandels, besonders
-vermittelst großer Fischauktionen in Hamburg, Altona, Geestemünde und
-Bremerhaven, der verbesserte, mit praktischen neuen Verpackungs- und
-Kühlvorrichtungen versehene Transportdienst der Fische ins Binnenland
-u. dergl. Dinge mehr konnten die Fortentwickelung unseres Fischhandels
-in gedeihlicher Weise fördern, so daß im Jahre 1896 die Bruttoerträge
-der deutschen Hochseefischerei in der Nordsee bereits zehn Millionen
-Mark erreichten. Der dauernd steigende Umsatz der Fischauktionen betrug
-im Jahre 1898:
-
- in Hamburg 1295139 Mark,
- in Altona 1993632 "
- in Geestemünde 3459908 "
- in Bremerhaven 729946 "
-
-was an diesen vier Plätzen einem Gesamtumsatz von 7478625 Mark
-entspricht, gegenüber 6938902 Mark im Vorjahre. Doch ist hier zu
-bemerken, daß den Auktionsmärkten auch von ausländischen Fischereien
-und Fischern Waren zugeführt werden. Dagegen aber ist in der
-Gesamtsumme ein fünfter Fischmarkt, Nordenham, nicht verzeichnet, wo
-Auktionen nicht stattfinden, der aber jährlich für mindestens 1500000
-Mark Fische anbringen dürfte.
-
-Sowohl das Reich, als auch dessen dabei interessierte Einzelstaaten
-suchen die Seefischerei in Deutschland nach Kräften zu fördern, wobei
-der Deutsche Seefischereiverein wirksame Unterstützung bietet. Von
-Reichs wegen werden gegenwärtig 400000 Mark im Jahre für diese Zwecke
-aufgewendet, abgesehen von verschiedenen wissenschaftlichen Forschungen
-und Unternehmungen, die aus dem Reichssäckel bezahlt werden und der
-Erweiterung unserer Gesamtkenntnisse von der Tiefsee, also damit auch
-den Fischverhältnissen dienen (Plankton- und Valdiviaexpedition).
-
-[Illustration: Abb. 16. ¯Strand von Sylt zur Zeit der Flut.¯]
-
-Die deutsche Hochseefischerei wird bekanntlich alle Jahre von
-einem Kreuzer der Kaiserlichen Marine überwacht. An Bord desselben
-war in den jüngstverflossenen Jahren eine Fischereischule
-eingerichtet, in der eine Anzahl von Berufsfischern -- 1897 waren
-es deren 14 -- durch einen besonders ausgebildeten Offizier und
-einen Arzt Unterricht in Navigation, über Wissenswertes aus ihrem
-Gewerbe und über den menschlichen Körper nebst Anleitung für das
-Verhalten bei Unglücksfällen erhielten. Dieser Kreuzer dient
-zugleich als Sanitätswache für die Fischer, und er hilft auch den
-Fischereifahrzeugen, die bei schwerem Wetter in Seenot wrack geworden
-sind. Für den allgemeinen Reiseplan dieser Marinefahrzeuge sind die
-Wünsche des Deutschen Seefischervereins angehört worden.
-
-Vom 29. März bis zum 18. November 1898 versah die „Olga“ den
-Schutzdienst der Nordseefischerei; 1899 haben „Zieten“ und „Blitz“
-diese Arbeit besorgt.
-
- Hoch klingt das Lied vom braven Mann,
- Wie Orgelton und Glockenklang!
-
-[Sidenote: Rettungsstationen.]
-
-Wer müßte nicht an Bürgers Verse denken, wenn er der Rettungsstationen
-der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger ansichtig
-wird, die, 116 an der Zahl, allenthalben an der deutschen Meeresküste
-verbreitet sind. 51 davon sind sog. Doppelstationen, mit Boot und mit
-Raketenapparat ausgerüstet, 49 Boots-, 16 Raketenstationen. 44 dieser
-Stationen entfallen auf das Gebiet der deutschen Nordseeküste, 72 auf
-das Gelände an der Ostsee. Seit der Begründung der Gesellschaft im
-Jahre 1865 sind 2510 Menschenleben durch ihre Stationen und Geräte
-dem grausigen Tod in den Fluten entrissen worden, und zwar 2169
-Personen in 388 Strandungsfällen durch Boote und 341 Menschen in 75
-Strandungsfällen durch die Raketenapparate. Allein im Jahre 1898–1899
-wurden auf solche Weise 96 brave Seeleute vor dem Untergang bewahrt
-(Abb. 4 u. 5).
-
-Aus dem gesamten deutschen Vaterlande fließen diesem Unternehmen
-warmer Nächstenliebe milde Gaben zu, und ein über das ganze Reich
-ausgespanntes Netz von Vereinigungen ist thätig, um diese Hilfsquellen
-nicht versiegen zu lassen, deren Totalbetrag im Rechnungsjahre
-1898/1899 151064 Mark 62 Pfennige betrug, wozu noch 87107 Mark 81
-Pfennige außerordentlicher Einnahmen hinzukamen, so daß sich die
-Gesamtsumme der Einnahmen in der besagten Zeit, incl. der Zinsen
-von belegten Kapitalien, auf 301714 Mark 20 Pfennige belaufen hat,
-denen 199846 Mark 32 Pfennige Ausgaben gegenüber standen. Seit ihrer
-Begründung, also in den verflossenen 35 Jahren, hat die Gesellschaft
-4674254 Mark 37 Pfennige für ihre edlen Zwecke verausgabt.
-
-Freilich, neben diesen Aufwendungen an klingender Münze hat es noch
-ganz anderer an Aufopferung und kühnem Mute von seiten der Männer von
-der Waterkante bedurft, die furchtlos ihr Leben einzusetzen gewohnt
-sind, wenn es gilt, die armen Schiffbrüchigen aus schwerer Todesnot zu
-erretten. Aber diese Dinge lassen sich ja nicht in gemünztes Gold und
-Silber umwerten!
-
-[Illustration: Abb. 17. ¯Westerland auf Sylt.¯ (Nach einer Photographie
-von Bernh. Lassen in Westerland-Sylt.)]
-
-
-
-
-~III.~
-
-Geologisches.
-
-
-„Wie viele der Reisenden, die die Nordsee auf den großen Post- und
-Passagierrouten kreuzten, mögen sich wohl gefragt haben, wie lange
-diese merkwürdige See schon existiere, d. h. wann die jetzt von ihren
-Wogen überspülte Fläche sich so weit gesenkt habe, daß sie so viel
-niedriger liegt, als ihre Umgebung?“ So fragt der bekannte Kieler
-Geograph und Oceanograph Otto Krümmel in einem kleinen Aufsatz über die
-geographische Entwickelung der Nordsee, aus dessen reichem Inhalte wir
-hier Verschiedenes schöpfen wollen.
-
-[Sidenote: Tiefe der Nordsee. Urgeschichte der Nordsee.]
-
-Die Nordsee ist ein sehr seichtes Gewässer -- sie besitzt nur eine
-durchschnittliche Tiefe von 89 Metern --, und eine Hebung des Bodens
-um hundert Meter würde völlig genügen, ihren ganzen südlichen Teil in
-trockenes Land umzuwandeln, das dann England, Dänemark und Holland
-verbände. Nun ist wohl kaum eine Stelle auf unserem Erdballe vorhanden,
-welche, wenn sie heute vom Ocean überspült wird, im Verlaufe der Äonen
-nicht auch einmal festes Land gewesen wäre, und umgekehrt. Das ist
-so auch mit dem von der Nordsee der Gegenwart eingenommenen Areale
-der Fall gewesen. Während der cretaceischen Periode zog sich wohl
-ein ziemlich tiefes Meer vom Atlantischen Ocean her über Frankreich,
-die Britischen Inseln, die Nordsee, das südliche Skandinavien und
-die baltischen Gebiete hin, dessen Absätze -- die Kreideschichten --
-hier überall bekannt sind. Mit Beginn der Tertiärzeit war das Bild
-wohl schon ein etwas anderes. Der Norden unseres Gebietes war zum
-größeren Teil Festland, das von Skandinavien nach Schottland und von
-dort über die Britischen Inseln nach Frankreich herüberreichte und ein
-flaches, von sumpfigen Küsten umgebenes Meer über dem jetzigen unteren
-Themsengebiete, der südlichen Nordsee und Belgien im Norden und Westen
-abschloß. Im nördlichen Teile des Landes erhoben sich mächtige Gebirge
-und Hochländer, Vulkane rauchten dort, und große Flüsse strömten dem
-Meere zu. Etwas später, zur Zeit als die Londonthone abgesetzt wurden,
-griff dieses flache Binnenmeer nach Nordwesten hinüber, und am Ende
-des Eocäns stand es auch durch Flandern, Nordfrankreich und die Gegend
-des jetzigen Ärmelkanals durch einen schmalen Zugang mit dem damaligen
-Atlantischen Ocean in Verbindung.
-
-[Illustration: Abb. 18. ¯Kurhaus in Westerland.¯
-
-(Nach einer Photographie von Bernh. Lassen in Westerland-Sylt.)]
-
-Wiederum verschieden gestalteten sich die Verhältnisse während des
-Oligocäns, indem sich wieder ein Abschluß in Gestalt eines Isthmus von
-Dover nach Flandern und den Ardennen hinüber gebildet hatte, welcher
-die holländisch-ostenglische Bucht dieses Oligocänmeeres von einem
-Golfe des Atlantischen Oceans trennte.
-
-Von nun an beginnt eine allmähliche allgemeine Trockenlegung
-unseres Areals, und gegen Schluß der Miocänzeit griff das miocäne
-Meer nur noch durch einen verhältnismäßig schmalen Arm über Belgien,
-Schleswig-Holstein und Hannover bis in das baltische Gebiet hinüber,
-ohne jedoch den Osten Deutschlands und Skandinavien noch zu erreichen.
-Jukes-Browne ist der Ansicht, daß sich damals auch die bekannte tiefe
-Rinne ausgebildet habe, welche die Uferlinien Norwegens gegen die
-jetzige Nordsee abgrenzt und dem Skagerrak so erhebliche Tiefe gibt.
-Sie soll zu jener Zeit das breite Thal eines großen, aus den baltischen
-Landflächen hier den Weg ins Nordmeer sich suchenden und mit der
-fortschreitenden Hebung des Landes sich immer tiefer einschneidenden
-Riesenflusses gewesen sein.
-
-In der Pliocänzeit war im anglo-belgischen Gebiete wiederum Meer,
-das im Westen durch das Festland begrenzt wurde, welches sich noch
-ungebrochen von England nach Frankreich hinüberzog. Die damals
-abgelagerten Diesterschichten enthalten eine große Überzahl von
-mediterranen Fossilien; von 250 Arten haben 205 unzweifelhaft ihre
-Hauptverbreitung in den südeuropäischen Gebieten, und 51 davon sind
-noch im heutigen Mittelmeer lebend zu finden. Doch reichte dieser Golf
-wärmeren Wassers sicherlich nicht weit nach Norden, wo noch das alte
-schottisch-skandinavisch-baltische Festland eine gewaltige Schranke
-gegen das Nordmeer hin bildete. Dieses Festland genoß lange Zeit
-hindurch ein warmes und feuchtes Klima, unter dessen Einwirkung die
-Gesteine seiner Oberfläche zu lateritischem Detritus verwitterten. Und
-aus diesem dürfte wiederum das Material zu den tertiären marinen und
-vielleicht auch noch andersgestaltigen Ablagerungen in dem hier in
-Frage kommenden Areale genommen worden sein.
-
-[Illustration: Abb. 19. ¯Friedhof für Heimatlose.¯
-
-(Nach einer Photographie von Bernh. Lassen in Westerland-Sylt.)]
-
-Noch in die Pliocänzeit hinein fallen wohl die großartigen
-Bodenbewegungen, welche den völligen Zusammenbruch dieses soeben
-erwähnten, Schottland mit Skandinavien und Finland verbindenden
-Festlandes zur Folge hatten und auch einen sehr großen, wenn nicht gar
-den allergrößten Teil des heutigen Norddeutschlands in Mitleidenschaft
-gezogen haben. Dadurch trat eine Verbindung mit dem nördlichen Ocean
-ein, und es entstand ein Meeresgebilde, das unserer heutigen Nordsee
-in vielem wohl schon recht ähnlich gesehen haben mag, doch noch etwas
-kleiner war, als diese. Die Shetlandsinseln waren damals noch mit
-Schottland landfest, die Ostküste Englands reichte etwa 100 Kilometer
-weiter nach Osten, dagegen waren wieder die östlichen Teile von
-Norfolk und Suffolk vom Meere bedeckt, ebenso auch Belgien, das untere
-Rheingebiet, die Küste Ostfrieslands, jedenfalls aber nicht viel mehr
-vom schleswig-holsteinischen Lande. Der Süden Englands war noch im
-landfesten Zusammenhang mit Frankreich. Diese erste, pliocäne Nordsee
-hatte also die Gestalt eines allein nach Norden zum arktischen Gebiet
-hin geöffneten Golfes. Groß wurde ihr Alter jedoch nicht. Schon am
-Schlusse der Pliocänzeit wurde der belgisch-niederländische Teil wieder
-trockenes Land, vielleicht zugebaut von den Anschwemmungen des Rheines,
-der damals, wie aus seinen Schottern und Ablagerungen im sogenannten
-Cromer-forest hervorgeht, an der Küste Nordenglands nach Norden strömte
-und die Themse als linken Nebenfluß aufnahm, um irgendwo in der Höhe
-von Norfolk in einer see- und sumpfreichen Deltalandschaft zu münden.
-
-[Illustration: Abb. 20. ¯Leuchtturm bei Kampen.¯
-
-(Nach einer Photographie von Bernh. Lassen in Westerland-Sylt.)]
-
-Dann kam die Eiszeit. Mächtige Eisströme zogen von Skandinavien her
-über die wieder ganz festländisch gewordene Nordsee, überall ihren
-Moränenschutt ausbreitend. Und als diese Kälteperiode auch zum Abschluß
-gelangte und die gewaltigen Eismassen zum Schmelzen gebracht worden
-waren, lag an der Stelle der heutigen Nordsee wiederum ein ausgedehntes
-Festland. Ein milderes Klima herrschte über dieses von Mitteleuropa
-aus überall zugängliche Gebiet, und die Vertreter derselben Flora und
-Tierwelt, die wir heute noch finden, gediehen auf seinem Boden neben
-vielen anderen seitdem ausgestorbenen Formen, wie Mammut, Nashorn,
-Löwen, Bären u. s. w. Gleichzeitig hielt der paläolithische Mensch
-seinen Einzug in das eisfrei gewordene Land. Abermals ließ der Rhein
-als Hauptsammler der atmosphärischen Niederschläge Mitteleuropas
-seine gewaltigen Fluten nach Norden strömen. Die Doggerbank, unseren
-Fischern als Fischgrund wohlbekannt, bildet das Überbleibsel eines
-alten Höhenrückens, der durch keine jüngeren Ablagerungen sich hat
-verdecken lassen, und hier scharren die Fischer, mit ihren Grundnetzen
-nach Plattfischen jagend, die Überreste vom Mammut, vom Bison, vom
-wollhaarigen Rhinoceros, von Rentieren, Elchen, Hyänen, Wildpferden
-und noch anderen Tieren mehr auf. Diese Knochenansammlungen werden als
-die Ablagerungen und Schotter des alten Rheinlaufes gedeutet, die hier
-zusammengeschwemmt zur Ruhe gelangt sind.
-
-Die zweite, und zwar die heutige Nordsee folgte dann durch allmähliche
-Senkung auf dieses letzte angloskandinavische Festland. Allenthalben
-drang das Meer vor, dessen Wellen erst die Doggerbank als eine
-Insel umspülten und in später Zeit ganz überflutet haben. Von der
-Nordspitze Jütlands bis zum Isthmus von Calais-Dover zog sich, auf
-erhöhtem Vorlande belegen, ein großartiger Dünenwall dahin, der einem
-hinter ihm vorhandenen weiten von Hügeln, Heiden, Mooren und Sümpfen
-bedeckten Gebiete Schutz gewährte. Größere und kleinere, von dem
-hohen Geestrücken der cimbrischen Halbinsel herabkommende Wasserläufe
-mögen dasselbe durchzogen haben. An dem höher belegenen Küstensaume
-brachen sich die Seewinde, so daß sich auf dem Hinterlande eine
-kräftige Waldvegetation entwickeln konnte. Dem gewaltigen Andrange
-der Meereswogen von Norden und Westen her konnte die immer schmaler
-gewordene anglogallische Landenge nicht länger mehr widerstehen. Sie
-zerriß, und die Verbindung zwischen Kanal und Nordsee entstand. Ein
-allgemeiner Senkungsprozeß im fraglichen Gebiet begünstigte wohl
-diesen Vorgang. Damit war aber auch die das Festland schützende
-Dünenkette preisgegeben. Die Fluten brachen in das Land ein und
-zerstörten die Dünenwälle mehr und mehr, so daß im Laufe der Zeit nur
-noch die Inseln davon übriggeblieben sind, welche heute die äußere
-Umsäumung unserer Nordseeküste bilden. Auch diese sind durch den
-stetigen Anprall der Wellen immer geringer an Umfang und Ausdehnung
-geworden, und jedes Jahr bringt hier neue Zerstückelungen mit sich. Die
-Überreste der zerstörten Waldungen und Moorbildungen sind uns in den
-unterseeischen Wäldern und in den Dargmassen erhalten geblieben, die
-sich in großartiger Ausdehnung längs der ganzen deutschen Nordseeküste
-finden und die Unterlage des Watts bilden. An gewissen Stellen, so in
-den Marschen von Jever in Ostfriesland, besitzen diese Moore sogar
-an 16 Meter Mächtigkeit. Ohne Ausnahme zeigen sie deutlich, daß sie
-von Süßwasserpflanzen gebildet wurden; Eichen, Birken, Espen, Erlen,
-Weißdorn, Haselstaude und mehrere Arten von Nadelhölzern nehmen an
-dieser Zusammensetzung teil. Die Bäume stehen teilweise noch frei und
-aufrecht im Meerwasser, teilweise sind dieselben von einer zwei bis
-drei Meter mächtigen Schlickschicht bedeckt; in den meisten Fällen sind
-sie, jedenfalls unter der Einwirkung der Stürme und Fluten, denen sie
-einst ausgesetzt waren, in der Richtung nach Südost überkippt. Es sind,
-wie schon vor Jahren von dem schleswig-holsteinischen Geologen Ludwig
-Meyn ausdrücklich betont worden ist, keine brackischen oder salzigen
-Lagunenmoore, sondern vollkommene Festlands- und Süßwasserbildungen,
-welche mit diesen ihren Eigenschaften nur entstehen konnten in einem
-wesentlich über der See erhabenen, hügeligen Terrain und unter einem
-Klima, das der natürlichen ungepflegten Baumvegetation mehr hold ist,
-als das gegenwärtige Klima unserer Westküste mit ihren ungebrochenen
-Sturmwinden.
-
-[Illustration: Abb. 21. ¯Weg nach Rantum.¯
-
-(Nach einer Photographie von Bernh. Lassen in Westerland-Sylt.)]
-
-[Sidenote: Der Boden der Nordsee.]
-
-An der Westküste von Sylt liegen sogar noch solche untermeerische
-Torfbänke, über welche die äußere Landgrenze längst zurückgeschritten
-ist. Ungewöhnliche Sturmfluten zerreißen die äußersten derselben und
-werfen ihre losgelösten Schollen ans Land, ein Umstand, der auf der
-Insel stets als eine Wohlthat und eine dankenswerte Gabe des Meeres
-betrachtet wird, da dieselbe an Brennmaterial arm ist.
-
-[Sidenote: Entstehung von Watt und Marsch.]
-
-Man wird kaum fehlgehen, wenn man sich das Landschaftsbild an
-der deutschen Nordseeküste nach dem Eindringen des Meeres in das
-obenerwähnte Areal nicht viel anders vorstellen will, als dasselbe
-in der Gegenwart erscheint. Natürlich nur dem Typus, dem Charakter
-nach, denn was die Umgrenzungen des damaligen Festlandes und der
-Inselwelt jener vergangenen Tage betrifft, so waren dieselben
-grundverschieden von denjenigen der Jetztzeit. Der westliche Rand der
-Inseln lag sicherlich viel weiter seewärts, als dies nunmehr der Fall
-ist, und die Konturen der Festlandsküste, so wie sie sich heutzutage
-darstellen, sind nach vielen Peripetien größtenteils die Produkte der
-späteren Zeiten und das Werk menschlicher Arbeit und unablässigen
-Fleißes. Aber gerade so wie heute haben wohl auch dazumal größere und
-kleinere Eilande aus dem seichten Meere hervorgeragt, die Überreste
-der hügeligen Partien des untergesunkenen Landes, geradeso wie heute
-füllte das Watt mit seinen Tiefen und Prielen den Zwischenraum
-zwischen diesen Inseln und dem Festlande aus, geradeso vollzog sich
-schon damals jener eigentümliche Wechselprozeß der Zerstörung des
-Küstenlandes durch das Meer und das Wiederabsetzen dieses losgelösten
-Materials an einer anderen Stelle, jener Vorgang, dem das Watt und die
-daraus hervorgegangenen Marschen ihr Dasein verdanken. Denn was die
-See an einer Stelle nimmt, das schenkt sie an einer anderen wieder
-her. Allerdings, sehr einfach ist dieser Prozeß der Landneubildung
-nicht, es ist derselbe vielmehr ein kompliziertes Ding, bei welchem
-vielerlei noch nicht gehörig aufgeklärt ist. Das Material, das hierbei
-in Betracht kommt, ist ein sandiger und glimmerreicher Schlick, welcher
-unter der Einwirkung von Ebbe und Flut abgesetzt wird, und zwar nicht
-vom Meere allein, sondern auch von den verschiedenen Zuflüssen der
-Nordsee. Er besteht aus den feinerdigen Stoffen, welche die Flüsse mit
-sich führen, aber mehr von zerstörten älteren Flußalluvionen als von
-zerstörtem Gebirge herrührend, dann aus den mineralischen Teilen, die
-von den Abnagungen des Meeres an den benachbarten tertiären, diluvialen
-und alluvialen Küsten stammen, aus dem feinen Meeressande, welcher
-durch die Brandung mit in Suspension gebracht wird, aus den unzähligen
-Resten von winzig kleinen Lebewesen der marinen Tier- und Pflanzenwelt
-und der ins Meer geführten Süßwasserbewohner, und den Humussäuren der
-von allen Seiten kommenden Moorwässer, welche sich mit den Kalk- und
-Talkerdesalzen des Meeres niederschlagen. „Letztere liefern so den
-Schlamm, das wichtigste Bindemittel für die Sandmassen und übrigen
-Stoffe, welche vom Meere und den Flüssen an den Mündungen angehäuft
-werden. Die humussauren Salze bilden den Hauptfaktor für die Entstehung
-der Watten und der Marschen. Hieraus erklärt sich auch in gewisser
-Hinsicht das Fehlen der Wattenbildungen in anderen Meeren, wie z. B. in
-der salzarmen Ostsee“ (Haage).
-
-Die Watten sind nun, wie man sie treffend genannt hat, ein
-amphibisches Übergangsgebilde zwischen Wasser und Land, ein Gebiet, das
-für das gewöhnliche Auge vom übrigen Meere nicht zu unterscheiden ist,
-wenn das Wasser seinen Höhepunkt erreicht hat, das aber bei niedrigem
-Wasser in der Gestalt von trockenen gelben Sandflächen erscheint,
-die nur nach dem Festlande hin und in der Umrandung der Inseln mit
-grauem Schlick bekleidet sind. Eine Unmenge von Wasserrinnen, sog.
-Tiefe, Baljen, Priele u. s. f., umsäumen und gliedern die Watten und
-vereinigen sich zu größeren Tiefen, in welchen Strömungen cirkulieren,
-die, wie Meyn sagt, „mit der Geschwindigkeit des Rheinstromes dem Meere
-zuschießen, allen eingewehten Sand vor sich herfegend und den größten
-Schiffen Einfahrt räumend“. Der eingeborene Fischer und Schiffer,
-dessen Erwerb, ja dessen Leben von der richtigen Beurteilung der
-Wasserfläche abhängen, gewahrt bei Hochwasserstand mit Leichtigkeit
-diese Tiefen und vermag dieselben von den ausgedehnten Untiefen zu
-unterscheiden, auch wo sie nicht durch die in Wind und Wogenschlag
-schwankenden jungen Birkenstämme bezeichnet sind, die überall als
-Zeichen des Tiefs in seinen untiefen Rändern versenkt sind und die
-Binnenschiffahrt erleichtern. Das Areal dieser amphibischen Grenzzone
-der Watten zwischen dem deutschen Festlandsboden und der Nordsee ist
-3655,9 Quadratkilometer groß; hiervon bilden 3372 Quadratkilometer =
-92¼% einen geschlossenen Grenzsaum, die übrigen 283,9 Quadratkilometer
-= 7¾% liegen als Exklaven innerhalb des Meeresgebietes. Es sind diese
-letzteren isolierte Wattinseln, die mit dem geschlossenen Wattensaum
-nicht in fester Berührung stehen und sich nicht wie dieser an dauernd
-trockenes Land anlehnen. Vereinzelt tauchen sie als „Sande“ vor den
-Friesischen Inseln und innerhalb der zahlreichen Buchten, die das
-Meer in das Wattland hineinsendet, aus dessen Wassern auf. Auf die
-Watten an der Küste Schleswig-Holsteins entfallen insgesamt 2023,4
-Quadratkilometer, auf diejenigen an der Küste von Hannover und
-Oldenburg 1632,5 Quadratkilometer.
-
-[Illustration: Abb. 22. ¯Keitum nebst Kliff, von Osten gesehen.¯
-
-(Nach einer Photographie von Bernh. Lassen in Westerland-Sylt.)]
-
-Die großen Flächen der Watten sind sandig und fest zu betreten, dagegen
-sinkt man tief in dieselben ein, wenn sie schlammiger Natur sind. Der
-Marschbewohner Nordfrieslands geht bei Ostwind an vielen Stellen von
-Insel zu Insel, sogar von Sylt nach dem Festlande. Doch ist eine solche
-Wanderung, ein Schlicklauf, nicht immer ohne Gefahr, und Vorsicht thut
-hier besonders not (Abb. 6–8).
-
-[Sidenote: Bernsteinfunde.]
-
-In früheren Zeiten hat der auf den Watten häufig vorkommende Bernstein
-bei den Bewohnern der umliegenden Küsten zur Beleuchtung gedient.
-Nach jeder höheren Flut wirft die See Bernsteinstücke verschiedenen
-Formates aus und diese bleiben dann, wie Meyn bemerkt, „mit einem
-schwarzen Brockenwerk aus Braunkohlenstückchen, Schiffstrümmerchen,
-Torfstückchen und zerriebenem Torfholze, teilweise auch glattgerollten
-größeren Holzstücken aus dem Torfe, dem sog. ‚Rollholz‘, in langen
-braunen Streifen als äußerste Wattenkante an Hochsanden, Hochstranden
-und sonstigen erhabenen Stellen liegen, wo sie von den Schlickläufern
-gesammelt, weiter südlich durch die abenteuerlichen ‚Bernsteinreiter‘
-gefischt werden“. Über die mit diesem Bernsteinsammeln verbundenen
-Gefahren hat vor 112 Jahren der Pastor Heinrich Wolf zu Wesselburen
-eine belehrende Darstellung in den schleswig-holsteinischen
-Provinzialberichten gegeben, worin derselbe u. a. mitteilt, daß oft
-Stücke von 24 Lot gefunden würden und kurz vorher sogar ein solches von
-dritthalb Pfund aufgelesen worden sei. „Man will mir sagen,“ schreibt
-er weiter, „daß ein gewisser Mann in einer benachbarten Gegend jährlich
-über tausend Mark auf diese Weise umgesetzt habe.“ Tausend Mark Banko
-waren aber im Jahre 1788 eine recht beträchtliche Summe.
-
-[Illustration: Abb. 23. ¯Kurhaus in Wittdün auf Amrum.¯
-
-(Nach einer Photographie von Waldemar Lind in Wyk auf Föhr.)]
-
-Ludwig Meyn hat den Beweis dafür erbracht, daß hier an ein originales
-Bernsteingebirge nicht gedacht werden kann, sondern daß das Material
-aus dritter, vierter oder fünfter Lagerstätte kommen müsse, und daß
-seine Anwesenheit demnach als das Zeichen eines zerstörten Miocän-
-resp. Diluviallandes zu gelten habe.
-
-Aber nicht nur vom geologischen Standpunkte aus, auch von demjenigen
-des Altertumsforschers ist das Vorkommen des Bernsteins in größerer
-Menge an den deutschen Nordseeküsten von Wichtigkeit. Es ist
-bekanntlich ein lange Zeit hindurch strittiger Punkt gewesen, woher
-die Römer ihren Bernstein bezogen hätten, und wo die von Pytheas von
-Massilia geschilderte Bernsteininsel Abalus zu suchen sei. Der eben
-genannte Reisende hat zu Alexander des Großen Zeiten, den Schritten der
-Phönicier und Karthager folgend, die britannische Küste und auch zuerst
-das germanische Nordseegestade besucht, von dem er die Schilderung
-eines Ästuars -- Mentonomon nennt er es -- von 6000 Stadien Ausdehnung
-gibt. „Dort,“ so lautet sein durch Aufzeichnungen des Timäus von
-Müllenhoff ergänzter Bericht, „wohnen die Teutonen und vor ihrer Küste
-liegt im Meere außer mehreren unbenannten Inseln in der Entfernung von
-einer Tagefahrt die Insel Abalus, wohin im Frühjahr die Fluten den
-Bernstein, der eine Absonderung des geronnenen Meeres ist, tragen und
-in großer Menge auswerfen. Die Einwohner dort sammeln ihn und haben so
-reichlich davon, daß sie ihn statt des Holzes zum Feuern gebrauchen“ u.
-s. f. Oberhalb der Elbe im Gebiete der Eidermündungen wird noch jetzt
-der meiste Bernstein an der Nordsee gefunden und in dieser Gegend mag
-wohl die mythische Bernsteininsel gelegen haben, die, wie Müllenhoff
-meint, Pytheas wohl mit eigenen Augen erblickt hat, was mehrfach in
-Zweifel gezogen worden war. Er war der erste namhafte Mann, der wohl
-die Germanen in ihrer Heimat aufsuchte und von Angesicht sah, und
-jedenfalls der erste, der von ihnen eine Kunde erlangt und Nachricht
-gegeben hat. Wenn es auch unzweifelhaft erscheinen dürfte, daß ein
-großer Teil des von dem römischen Volke verbrauchten Bernsteins,
-besonders seit Domitian, aus dem Samland kam, so ist es doch wohl nicht
-minder sicher, daß schon in früheren Zeiten auch von der Nordseeküste
-aus dieses edle Harz seinen Weg an den Tiberstrom gefunden hat.
-
-In eigentümlicher Weise geschliffen, von den rollenden Wellen zu
-Kugeln, Ellipsoiden, Doppelkugeln, Spindeln u. s. f. geformt, stellt
-sich das Rollholz dar, das aus den submarinen Mooren und Wäldern
-stammt. Seine Spalten sind erfüllt von Sandkörnern, Foraminiferen und
-winzigen Tierresten, als kleine Echinitenstacheln u. s. f. Es zeigt
-uns, daß Moore und Wälder unter dem Sande jetzt bis an die äußerste,
-vor der Brandung liegende und sich verzehrende Kante reichen, daß also
-jetzt die Brandung bereits innerhalb des ehemaligen hochbelegenen
-Küstensaums im Bereich des vormaligen Niederlandes aufschlägt.
-
-[Sidenote: Bernstein. Die Watten.]
-
-Die Unterlage der Watten besteht, wie gezeigt worden ist, aus einem
-untergetauchten und von den Wellen teilweise zerstörten, mannigfaltig
-gegliederten Festlande, und damit hängt auch der Umstand zusammen, daß
-sich auf ihrem Gebiete Süßwasserquellen vorfinden, wodurch wiederum der
-geologische Zusammenhang mit dem naheliegenden Küstenlande bewiesen
-wird. So soll vormals bei der Hallig Nordmarsch eine solche Quelle
-gewesen sein, eine andere nördlich von Langeneß, wo „ein Brunnen mit
-frischem Wasser mitten in dem salzen Meere hervorquillt“, wie Lorenz
-Lorenzen, der Halligmann, in Camerers Nachrichten von merkwürdigen
-Gegenden der Herzogtümer Schleswig und Holstein erzählt. Dann ist in
-früheren Zeiten nicht selten berichtet worden, daß Tuulgräber im Watt
-ertrunken seien, weil plötzlich in der unterseeischen Torfgrube das
-süße Wasser aufsprudelte.
-
-[Illustration: Abb. 24. ¯Leuchtturm auf Amrum.¯
-
-(Nach einer Photographie von Waldemar Lind in Wyk auf Föhr.)]
-
-[Sidenote: Landverluste. Sturmfluten.]
-
-Die Watten und ganz besonders diejenigen Nordfrieslands verdienten
-eigentlich als ein großer Kirchhof bezeichnet zu werden. Denn alsbald,
-nachdem die Anschlickung an die Überreste des zusammengerissenen und
-teilweise von den Wogen verschlungenen alten Festlandes wieder begonnen
-und die erste Marschbildung sich vollzogen hatte, mag es auch nicht
-an Menschen gefehlt haben, welche von dem so gebildeten Neulande
-Besitz nahmen und in diesem Gebiete ihre Ansiedelungen erbauten.
-Neue Meereseinbrüche, veranlaßt durch die von den Sturmfluten auf
-das nunmehr schutzlos gewordene Land hinaufgetriebenen Wassermassen,
-brachten neue Zerstörungen mit sich, denen wiederum neue Anschlickungen
-und neue Besiedelungen folgten, die ebenfalls ein Opfer der Wellen
-wurden. Und so ist es zweifellos von den ältesten Zeiten her gegangen,
-in denen der Mensch im Lande erschien; ein immerwährender Wechsel war
-es, der die Oberfläche des Gebietes immer und immer wieder anders
-gestaltete, allerdings aber so, daß der Landverlust den Landgewinn
-durch Anschlickung schließlich um ein sehr Bedeutendes überwog. Erst
-als der Mensch gelernt hatte, sich vermittelst der Deiche Schutzwehren
-gegen den vernichtenden Anprall und den alles zernagenden Zahn der
-Meereswogen zu bauen, wurde es besser. Aber auch in dieser Beziehung
-hat der Marschbewohner mit Leib und Leben, mit Hab und Gut gar oft
-Lehrgeld bezahlen müssen, und bis er die Kunst des Deichbaues so
-erfaßt hatte, daß ihm die grünen an der Küste aufsteigenden Wälle
-nicht nur bei der nächsten besten Sturmflut von der Brandung wieder
-zusammengerissene Brustwehren waren, sondern zum mächtigen Schild
-wurden, hinter dem er sein Eigentum und sein Leben in Sicherheit
-barg, hat es gar lange und bis in unser Jahrhundert hinein gedauert!
-Millionen von Menschen, Tausende von Wohnstätten haben bis dahin dem
-wütenden Elemente zum Opfer fallen müssen, ganze Kirchspiele sind
-von der Erdoberfläche verschwunden, große Landareale von den nassen
-Wogen verschlungen worden, bedeutende Städte mußten „vergehen“, wie
-die Chronisten aus früheren Zeiten sich ausdrückten, bevor dies
-geschah. Über diese weiten großen Flächen, in deren Tiefen dies alles
-versunken ist, rollt heute die salzige Welle der Nordsee dahin und
-nur Pfahlstümpfe, Mauertrümmer, verwitterte Leichensteine und dergl.
-Dinge mehr, welche die tiefe Ebbe bisweilen auf dem Watt bloßlegt,
-erinnern daran, daß ehemals hier menschliche Wohnstätten gestanden und
-menschliche Wesen hier gelebt, geliebt, gehofft und auch gelitten haben.
-
-
-
-
-~IV.~
-
-Sturmfluten.
-
-
-Plinius berichtet schon von einer gewaltigen Sturmflut, welche den
-größten Teil der Cimbern und die Teutonen gezwungen haben soll, sich
-nach gesicherteren Wohnstätten in Südeuropa umzuschauen. Wie wir aus
-Mitteilungen des eben genannten Schriftstellers und aus solchen des
-Ptolemäus wissen, lag die Heimat des cimbrischen Volkes im äußersten
-Norden des germanischen Landes, im cimbrischen Chersonesus, also in
-dem heutigen Jütland und wohl auch im nördlichen Teil des Herzogtums
-Schleswig. Das erste Erscheinen der Cimbern im Lande der Taurisker,
-in der Umgegend von Klagenfurt, fällt in das Jahr 113 v. Chr., woraus
-zu schließen wäre, daß die obenerwähnte Wasserflut wohl einige
-Jahre früher stattgehabt hätte. Nach Eugen Traeger ist jedoch die
-erste historisch festgestellte Flut diejenige gewesen, welche 445
-Jahre später, ~anno~ 333 nach des Heilands Geburt, die germanische
-Nordseeküste verheert hat. In den darauf folgenden Jahrhunderten
-haben sich derartige Ereignisse mehrfach wiederholt, so um 516, wo in
-den friesischen Landen über 6000 Menschenleben von den Wasserfluten
-vernichtet wurden, und im Jahre 819, das den Untergang von 2000
-Wohnstätten an der Nordsee gesehen hat. In jene fernen Zeiten fallen
-auch die ersten bedeutenderen Versuche, die Küsten durch besondere
-Schutzbauten, durch Deiche, vor der Zerstörung durch die See zu
-bewahren, zumal die von den Fluten immer mehr und mehr zerrissenen und
-zu Grunde gerichteten Dünensäume nicht länger mehr dem Anprall der
-Wogen stand zu halten vermochten. Aber erst vom Jahre 1100 ab wurden
-die Deichbauten mit größerem Eifer betrieben, insbesondere in den
-Dreilanden, dem jetzigen Eiderstedt und auf Nordstrand.
-
-[Illustration: Abb. 25. ¯Strand von Wyk auf Föhr.¯
-
-(Nach einer Photographie von Waldemar Lind in Wyk auf Föhr.)]
-
-[Sidenote: Sturmfluten.]
-
-Von den zahlreichen Fluten, über welche uns von den verschiedenen
-Chronisten Frieslands, insbesondere von Anton Heinreich in seiner
-nordfriesischen Chronik berichtet wird, ist, wie in neuerer Zeit von
-Reimer Hansen an der Hand kritischer historischer Forschung dargethan
-wurde, bei weitem der größere Prozentsatz zu streichen. Im zwölften
-Jahrhundert kommen für Dithmarschen und Nordfriesland in Betracht die
-Flut vom 16. Februar 1164 und vielleicht auch diejenige von 1158. Für
-das dreizehnte Säkulum ist wohl die Katastrophe vom 17. November 1218
-verbürgt, bei welcher nach Peter Sax „im Oldenburgischen Jadeleh,
-Wardeleh, Aldessen in Rustringen vergangen; in den Nordländern volle
-36000 Menschen ertrunken“. Vielleicht ist damals auch die Lundenburger
-Harde durchgerissen worden, wie Heimreich erzählt. Ebenso wird die
-Flut vom 28. Dezember 1248 von nordalbingischen Chronisten so ziemlich
-sicher bezeugt. 1277 und 1287 entstand durch die Zerstörung von 385
-Quadratkilometern des fruchtbarsten Landes mit 50 Ortschaften der
-Mündungsbusen der Ems mit dem Dollart, und mit dem Jahre 1300 begann
-dann eine Periode, die im Bereich der friesischen Lande mit Recht die
-Elendszeit genannt worden ist. Eine wenig günstige Schilderung der
-Charaktereigentümlichkeiten des Friesenvolkes jener Zeit haben uns,
-allerdings erst einige Jahrhunderte später, einige Chronisten gegeben.
-Es heißt da, sie seien durch ihren Reichtum hochmütig gewordene und das
-Wort Gottes und die heiligen Sakramente verachtende Menschen gewesen,
-die sich durch ihre Sündhaftigkeit diese schrecklichen Strafen Gottes
-zugezogen hätten. Es mag hier dahingestellt bleiben, ob dieses harte
-Urteil nicht sehr durch Parteilichkeit getrübt ist, und inwiefern
-die Ursache der Unfolgsamkeit des sonst so schlichten, wenn auch
-derben friesischen Volkes nicht in einem gegründeten Verdachte oder
-in Mißtrauen gegen seine katholischen Priester zu suchen war, denn,
-wie Petrejus in seiner Beschreibung des Landes Nordstrand sagt: „Die
-Papisterey und Mönnicherey ist ihnen vielleicht verdächtig gewesen.“
-
-[Illustration: Abb. 26. ¯Frauentracht auf Föhr.¯
-
-(Nach einer Photographie von W. Dreesen in Flensburg.)]
-
-Unsicher ist die Flut vom 1. Mai 1313, sicherer eine solche aus dem
-Jahre 1341, wahrscheinlich eine weitere am 1. Mai 1380, am sichersten
-aber diejenige vom 16. Januar 1362, die schlimmste von allen vor
-der zweiten großen Manndränke am 11. Oktober 1634. Damals stieg das
-Wasser über die höchsten Deiche Nordfrieslands, richtete in den
-Außenlanden furchtbare Verwüstungen an und riß an der Südseite der
-Insel Nordstrand einen beträchtlichen Teil des Landes hinweg, so daß
-ein bedeutender Meerbusen an dessen Stelle entstand. Die überaus
-reiche Stadt Rungholt und noch sieben andere Kirchspiele auf dem
-ebengedachten Eiland wurden zerstört, an der Hever und ihren Enden
-sollen 28 Gemeinden untergegangen sein, und 7600 Menschen haben dabei
-ihren Tod in den mörderischen Wellen gefunden. Der Rungholter Sand
-zwischen Pellworm und dem heutigen Nordstrand erinnert jetzt noch an
-die versunkene Stadt, deren Missethaten der Sage nach den Zorn des
-Herrn besonders heraufbeschworen haben sollen. Als die Rungholter gar
-ein Schwein betrunken gemacht und dasselbe in ein Bett gelegt hatten
-und hierauf ihren Priester rufen ließen, damit dieser dem Kranken
-das heilige Abendmahl gebe, war das Maß göttlicher Langmut voll. Der
-Bitte des gesalbten Mannes, der ob jener Zumutung aufs höchste empört
-in die Kirche gelaufen war, um dort Gottes Strafe auf die gottlosen
-Leute herabzuflehen, wurde von oben stattgegeben, und es erfolgte, wie
-uns Jonas Hoyer überliefert hat, „in der Nacht ein so erschrecklich
-Erdbeben und gräulich Wetter“, daß Rungholt gänzlich umkam und in den
-Tiefen des Meeres versank.
-
- Als endlich sich der Tag gelichtet
- Und sich besänftigt die Natur,
- Da sah man, Rungholt war gerichtet --
- Der ganzen Landschaft keine Spur!
- Nur Wasser deckte ihre Matten
- und floß im Wechsel zu und ab;
- Noch heute sind die Rungholtwatten
- Ein weites, nasses Totengrab.
-
- (¯Eugen Traeger.¯)
-
-Am gleichen Tage sollen auf Sylt das alte Wendingstadt und der
-Friesenhafen der Zerstörung anheim gefallen sein. Den letzteren
-haben der Überlieferung nach die Angelsachsen auf ihren Zügen ins
-britannische Land als Abfahrtshafen benutzt.
-
-[Illustration: Abb. 27. ¯Dorfstraße in Nieblum.¯
-
-(Nach einer Photographie von Waldemar Lind in Wyk auf Föhr.)]
-
-Zeitgenossen haben die Zahl der an jenem Unglückstage zwischen Elbe
-und Ripenersfjord umgekommenen Menschen auf etwa 200000 geschätzt,
-weshalb diese gewaltige Flut auch den Namen „Manndränke“ oder
-„Manndrankelse“ bekommen hat, eine Bezeichnung, die übrigens noch für
-andere ähnliche Ereignisse in Anspruch genommen worden ist. „Wenn man
-nun,“ so äußerte sich Traeger, „fortwährend von solchen Zahlen hört,
-so drängt sich die Vermutung auf, daß die Schätzungen damaliger Zeit
-wiederholt nur pessimistischer Abrundung eine so erschreckende Höhe
-verdanken. Wo hätten denn immer wieder in den sicherlich nicht dicht
-bevölkerten Küstengebieten die Menschen herkommen sollen, um allein
-von den Meeresfluten so massenweise verschlungen zu werden!“ Man darf
-ja nicht vergessen, daß, wie solches von Reimer Hansen ausdrücklich
-hervorgehoben wird, die Chronisten des sechzehnten und siebzehnten
-Jahrhunderts über die Fluten des zwölften, dreizehnten, vierzehnten
-und zum Teil auch des fünfzehnten Jahrhunderts außerordentlich wenig
-sichere Mitteilungen machen und, daß Heimreichs zahlreiche Angaben fast
-ganz wertlos sind.
-
-Größere Fluten des fünfzehnten Jahrhunderts waren am 22. November 1412,
-am 29. September 1426, am 1. November 1436, am 6. Januar 1471, am
-16. Oktober 1476, am 4. Dezember 1479 und am 16. Oktober und 22.
-November 1483. Die bedeutendsten davon scheinen die vom 1. November
-1436 und vom 16. Oktober 1483 gewesen zu sein.
-
-Am Allerheiligentage 1530, und am gleichen Tage genau zwei Jahre
-später brachen die Wogen der Nordsee von neuem mit besonderem Ungestüm
-in Nordfriesland ein. Dann begann mit den ersten Novembertagen
-1570 wiederum eine neue Periode großen Elends in der langen
-Leidensgeschichte des Friesenvolkes, die ebenfalls eine ungeheure
-Anzahl Menschenleben zum Opfer gefordert haben soll.
-
-[Illustration: Abb. 28. ¯Dorfstraße in Boldixum.¯
-
-(Nach einer Photographie von Waldemar Lind in Wyk auf Föhr.)]
-
-Genauere und bestimmtere Darstellungen von dem durch die Sturmfluten
-verursachten und heraufbeschworenen Unglück besitzen wir erst aus
-späteren Jahrhunderten, und das erste derartige Ereignis, von dem sich
-einigermaßen zuverlässige Mitteilungen bis auf unsere Tage erhalten
-haben, ist wohl die Sturmflut vom 11. Oktober 1634 gewesen. Diese
-bildet, um hier Traegers Worte zu gebrauchen, einen entscheidenden
-Zeitpunkt in der Geschichte der schleswigschen Westküste. In seiner im
-Jahre 1652 erschienenen großen neuen Landesbeschreibung der Herzogtümer
-Schleswig und Holstein erzählt der ehrenwerte Kaspar Danckwerth von
-dieser „überaus argen und grausamen Flut, so anno 1634 auf Burchardi
-durch Gottes Verhängnis inner fünf oder sechs Stunden alle diese
-Nordfriesische Marschländer übergangen, und den Nordstrandt schier ganz
-dahin gerissen hat, also daß nur das Kirspel Pillworm wieder errettet
-worden: und ist zu verwundern, daß man zu der Zeit in Holland von
-überaus großem Sturm weniger von erfolgetem Schaden durch Einbrüche
-des Meeres nicht gehöret“. Und Adam Olearius, der Sekretarius,
-Mathematikus, Antiquarius und Rat Friedrichs ~III.~, Herzogs von
-Holstein-Gottorp (1600–1671), schreibt darüber in seinem kurzen Begriff
-einer Holsteinischen Chronik: „Es halten ihrer viel davor, daß dies
-erschreckliche Unglück und Garauß sie (die Bewohner Nordstrands) unter
-anderen ihren groben frevelhafften Sünden, auch mit dem Ungehorsam
-und Rebellion wider ihren frommen Landesfürsten durch einen Fluch
-ihnen über den Hals gezogen. Matthias Boetius, ihr eigen Landsmann und
-Pfarrherr gedenket bei Beschreibung des Cataclismi, so sie anno 1615
-auch erlitten, ihrer groben Laster, Wildheit und Frechheit mit vielen
-Worten: daß sie den Todtschlag eines Menschen nur eines Hundes gleich
-geachtet, daher sie auch damahls solche Straffe wol verdienet hätten.“
-
-[Illustration: Abb. 29. ¯Strand von Wyk auf Föhr.¯ (Nach einer
-Photographie von Waldemar Lind in Wyk auf Föhr.)]
-
-Es mag hier wohl am Platze sein, etwas bei dem Berichte über jene
-verhängnisvolle Sturmflut zu verweilen, welchen uns C. P. Hansen
-in seiner Chronik der friesischen Uthlande in warmempfundener und
-poetischer Sprache hinterlassen hat. Derselbe fußt größtenteils auf
-Niederschriften von Augenzeugen und von Zeitgenossen der Katastrophe.
-
-„Endlich kam,“ so beginnt der Autor, „der jüngste, der schrecklichste
-Tag des alten Nordstrands, und ich möchte sagen, des alten
-Nordfrieslands. Noch am 10. Oktober 1634 lag es da, das grüne, von
-Fett und Fruchtbarkeit erfüllte Tiefland inmitten der finsteren,
-grollenden See, die Freude, die Kraft, der Stolz und Mittelpunkt der
-Uthlande, nicht ahnend dessen, was ihm bevorstand, nach hundert trüben
-Erfahrungen noch immer fest bauend auf den Schutz seiner erst vor
-kurzem wieder errichteten Deiche. Ringsum lag ein Kranz von Halligen
-und Hallighütten, die wie seltsam gestaltete und gruppierte Felsen
-aus der Wasser- und Wattenwüste hervorragten; weiterhin, jenseits
-derselben, glänzte ein Schaumgürtel der sich brechenden Wellen an den
-äußeren Sandbänken und Inseln. Im Westen und Süden zogen finstere
-Wolkenmassen am Himmel herauf, obgleich der Wind noch ruhte. Es war die
-Totenstille, die oft dem Sturm vorhergeht. Im fernen Westen blitzte
-es, und als es Abend wurde, die finstere lange Nacht heranschlich,
-da flüchtete ahnungsvoll der Schiffer wie die Seemöve ans Ufer, die
-vorsichtige Krähe aber aufs Festland. Die Nacht verging, der Morgen
-des 11. Oktober kam, der letzte, welchen das altberühmte Nordstrand
-erlebte. Blutrot stieg die Sonne im Südost hinter Eiderstedt herauf,
-beschaute noch einmal das schöne, fruchtbare Eiland mit seinem
-goldenen Ring, mit seinen grünen Wiesen und weidenden Viehherden, mit
-seinen gesegneten Äckern, seinen Kirchen und Mühlen, seinen stillen
-Dörfern und zerstreuten Bauernhöfen, seiner emsigen, tüchtigen, Gott
-und sich selber vertrauenden Bevölkerung; dann verbarg sie sich wie
-weinend hinter die dichten Wolken, die für den Tag ihr die Herrschaft
-stahlen. Noch einmal läuteten die Kirchenglocken die gläubigen Christen
-zum Gottesdienst in die Kirchen -- denn es war eben Sonntag. Noch
-einmal scharten sich die Schlachtopfer betend in den heimatlichen
-Gotteshäusern, stimmten noch einmal ein Loblied dem Herrn an, während
-der Donner schon über ihre Häuser rollte und der Regen sich in Strömen
-ergoß. Noch einmal sammelten sich die Familien an ihrem freien
-Eigentumsherd und um den gefüllten Tisch im Frieden, nicht ahnend, daß
-es das letzte Mal sein würde.“
-
-[Illustration: Abb. 30. ¯Blick auf das Watt zwischen Föhr und Amrum.¯]
-
-Ein ungeheurer Sturmwind aus Südwesten kommend brach los, dessen
-Ungestüm sich den Tag über immer mehr und mehr steigerte, und gegen
-neun Uhr abends geschah das Entsetzliche, daß im Verlaufe einer
-einzigen Stunde das Meer durch 44 Deichbrüche in die Köge stürzte.
-Schon um zehn Uhr war die Insel vernichtet, und Nordstrand hatte
-aufgehört zu sein. „Da waren mehr als 6200 Menschen und 50000 Stück
-Vieh dort ertrunken; da waren die Deiche der Insel an zahllosen Stellen
-zerstört; da lagen 30 Mühlen und mehr als 1300 Häuser zertrümmert
-danieder; da war vernichtet die Heimat und das Glück von mehr als
-8000 Menschen. Nur die Kirchtürme und Kirchen ragten, obgleich auch
-beschädigt, aus diesem wilden Chaos, aus diesem großen Kirchhofe wie
-kolossale Grabmäler hervor. Der kalte Nordwest hatte unterdessen in der
-Nacht über die Trauerscene geweht, jedoch der Sturm sich allmählich
-gelegt. Nur 2633 Menschen hatten diese Schreckensnacht, hatten den
-Untergang ihrer Heimatinsel überlebt, blickten aber jetzt trostlos
-auf die verödeten Land- und Häusertrümmer, auf die zerrissenen Deiche
-und das frei ein- und ausströmende erbarmungslose Meer, auf die im
-Wasser und Schlamm umherliegenden Menschen- und Tierleichen, auf die
-zerstörten und verdorbenen Geräte und Vorräte und vor allem auf den
-nahen Winter mit seinem Frost und Schnee, mit neuen Stürmen und Fluten
-und neuem Elend, und auf ihr eigenes nacktes Dasein inmitten dieser
-Wasserwüste und dieser wilden Elemente.“
-
-[Illustration: Abb. 31. ¯Peterswerft auf Langeneß vor dem Einsturz.¯
-
-(Nach einer Photographie von Waldemar Lind in Wyk auf Föhr.)]
-
-[Sidenote: Nordstrandisch-Moor.]
-
-Der gelehrte und in diesen Blättern schon genannte friesische Chronist
-Anton Heinrich Walther, der 30 Jahre lang (1656–1685) Prediger an
-der Kirche der Hallig Nordstrandisch-Moor gewesen ist, fügt seinem
-eigenen Bericht über den 11. Oktober 1634 noch die Worte hinzu: „Es
-ist aber der Wasserfluth nicht genug gewesen, sondern es hat auch
-Gott der Herr viele daneben mit der Feuerruthe gestrafet, indem eines
-Theils aus Unvorsichtigkeit, anderen Theils aus Ungestümigkeit der
-Winde ihr Feuer ihre eigenen Häuser, darauf sie gesessen und den Tod
-stündlich erwartet, hat eingeäschert, also daß sie einen zwiefachen Tod
-vor ihren Augen haben sehen müssen, auch wol, wie man Exempel weiß,
-aus Furcht vor dem Feuer selbst in’s Wasser gesprungen und sich also
-ersäuft, da man sonst noch das Leben hätte retten können. Und ist nicht
-ungläublich, daß mehrermeldeter ungeheurer Sturmwind mit einem Erdbeben
-vermenget gewesen.“
-
-Von der Mitte der Insel Nordstrand waren nur einige Halligen
-übriggeblieben, die im Laufe der Zeit bis auf wenige Überreste nach
-und nach gänzlich von den Meereswogen verschlungen worden sind. Eines
-dieser Überbleibsel bildet die heutige Hallig Nordstrandisch-Moor,
-ehemals ein in der Mitte des alten Nordstrand befindliches, hoch
-belegenes Moor, auf welches sich ein Teil der Einwohner geflüchtet
-hatte. Sie bauten sich hier Werften, Häuser und 1656 sogar eine eigene
-Kirche und nährten sich in der Folge von Fischfang, Schiffahrt,
-Schafzucht und Torfgraben. Auch Nordstrandisch-Moor hat hernach
-noch viele böse Zeiten erleben müssen, mehrfach sind die brandenden
-Wogen der Nordsee wieder über die Hallig hinweggezogen und Elend und
-Not haben sie in noch mannigfacher Weise heimgesucht. Ihre letzten
-Unglückstage waren der 1. Dezember 1821 und dann wieder der 4. Februar
-1825, an denen die Meereswellen die Kirche zusammengerissen haben,
-die seither nicht wieder aufgebaut worden ist. Die Kirchwerft steht
-heute verlassen da. Der letzte Geistliche, welcher in dem zerstörten
-Gotteshause seines Amtes gewaltet hat, war Johann Christoph Biernatzki,
-der berühmte Verfasser der Novelle „Die Hallig“. Seine darin
-niedergelegte ergreifende Schilderung der Sturmflut von 1825 ist längst
-ein Gemeingut des deutschen Volkes geworden.
-
-[Sidenote: Nordstrand.]
-
-Das westliche Ende des alten Nordstrand, Pellworm, wurde später
-mit Hilfe der Holländer wiedergewonnen, das östliche, das jetzige
-Nordstrand, erst viele Jahre nachher wieder eingedeicht. Von den 40000
-Demat, welche die Insel eben vor der Flut noch maß, sind jetzt, nach
-276 Jahren, kaum der dritte Teil wieder dem Meere entrissen.
-
-Es mangelt uns hier an Raum, um weiter von den Zerstörungen zu
-berichten, welche die Sturmflut von 1634 noch an anderen Stellen der
-deutschen Nordseeküste angerichtet hat. Die Schätzung Hansens, daß
-dieselbe in allen ehemaligen nordfriesischen Uthlanden etwa 9089
-Menschen, in ganz Nordfriesland ca. 10300 menschliche Wesen, in allen
-Marschländern der cimbrischen Halbinsel jedoch deren an 15000 zum Opfer
-gefordert habe, dürfte kaum zu hoch gegriffen sein.
-
-[Illustration: Abb. 32. ¯Auf der Hallig Oland.¯
-
-(Nach einer Photographie von W. Dreesen in Flensburg.)]
-
-Im achtzehnten Jahrhundert verzeichnet die Chronik eine ganze Anzahl
-von Unglückstagen, welche das stürmische und wildbewegte Meer über die
-friesischen Lande heraufbeschworen hat. Da war es der Christtag 1717,
-an dem, fünf Tage nach dem Vollmond, bei heftig wütendem Südwestwinde,
-der in der Nacht nach Nordwesten umsprang, das Wasser an der Küste
-um eine ganze Elle höher gestanden haben soll als im Jahre 1634.
-Schon um die dritte Stunde des Weihnachtsmorgens war das ganze Land
-überschwemmt, aber erst gegen acht Uhr hatte die Flut ihren höchsten
-Stand erreicht. Die Halligen, die Inseln Föhr und Sylt, Dithmarschen
-und das Land nördlich der Eider mußten alle gewaltig unter dem Andrang
-des Wassers leiden. Auf Langeneß durchwühlten die Wogen den Kirchhof
-und rissen die Särge aus ihren Gräbern. In Süderdithmarschen kamen
-468 Menschen und 6530 Stück Vieh um, 1067 Häuser wurden zerstört. Man
-begann überall sofort, soweit das bei der Witterung im Winter angängig
-war, die entstandenen Schäden wieder auszubessern, allein schon zwei
-Monate später, am 25. Februar 1718, entstand abermals ein entsetzliches
-Unwetter, das eine neue Überflutung zur Folge hatte. Der Sturm trieb
-das Wasser der Nordsee in ungewöhnliche Höhe über die Inseln und
-Marschen Frieslands hinweg, zerbrach die Eisdecke des inneren Haffes,
-schob die Eistrümmer aufeinander und führte sie mit sich gegen die
-Ufer und Deiche, ja zum Teil weit in das Land hinein, so daß die
-Wirkungen dieser Sturmflut teilweise noch viel zerstörender wurden, als
-diejenigen der Weihnachtsflut.
-
-Eine weitere Katastrophe ereignete sich in den Tagen des 9. zum
-11. September 1751, wobei unter anderen die Insel Föhr durch einen
-fünffachen Deichbruch stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Dann ist
-der Oktobersturm von 1756 (7. Oktober) nicht zu vergessen, der von
-gewaltigen Deichbrüchen und Unheil aller Art begleitet gewesen ist.
-„Auf Gröde,“ so erzählt Hansen, „schien eine Auferstehung der Toten vor
-sich zu gehen. Die aus den Gräbern des dortigen Kirchhofes durch die
-tobenden Wellen herausgespülten Särge stießen die Wand des dortigen
-Pastorates ein und stürzten in die Stube desselben.“
-
-Nachdem schon der Dezember 1790 sehr sturmreich gewesen war -- allein
-während dieses Monats werden sieben Sturmtage gezählt --, brachte das
-Jahr 1791 eine wahre Unzahl von Stürmen, deren stärkster mit einer
-großen Wassersflut am 21.–22. März erfolgte. Noch gewaltiger tobten
-aber die aufgeregten Wellen der See in der Zeit vom 4. zum 11. Dezember
-1792, bei vorherrschendem Südwest- und nachher wieder, wie gewöhnlich
-nach Nordwesten umspringendem Winde. Die friesischen Deiche litten
-überall in hohem Maße; nur noch „wie Klippen ragten die besonders
-arg mitgenommenen Deiche Pellworms aus dem wogenden und schäumenden
-Meere hervor“, und die dortigen Köge sollen sogar meist sechs Fuß
-unter Wasser gestanden haben. Von Föhr und von verschiedenen Stellen
-des Festlandes werden ebenfalls viele Deichbrüche gemeldet, und die
-Marschen blieben dort noch geraume Zeit vom salzigen Wasser bedeckt,
-das sich nur langsam verlief. Übrigens ereigneten sich schon wieder am
-18., 19. und 21. Dezember neue, wenn auch viel schwächere Stürme.
-
-Kaum waren die so arg heimgesuchten Bewohner wieder etwas zur Besinnung
-gekommen, als bereits am 3. März 1793 und am 26. Januar 1794 neuer
-Schrecken und Not über Nordfriesland hereinbrachen.
-
-[Sidenote: Höhen der Fluten.]
-
-Traeger hat die Höhen einzelner Fluten des achtzehnten Jahrhunderts
-zusammengestellt. Sie betrugen:
-
- Anno 1717 20 Fuß
- " 1751 20 " 2 Zoll,
- " 1756 20 " 5 "
- " 1791 20 " 2 "
- " 1792 20 " 6 "
-
-Zum letztenmal in größerem Umfang ist die friesische Küste am Ende
-des neunzehnten Jahrhunderts der Tummelplatz der zerstörenden Wellen
-gewesen. Das ist in der denkwürdigen Nacht vom 3. zum 4. Februar
-1825 geschehen. In vielen Dingen soll dieses grausige Ereignis den
-Sturmfluten von 1634 und 1717 ähnlich gewesen sein. Auch diesmal kam
-der Sturm erst aus Südwesten und drehte dann nach Nordwesten um.
-Sylt, Amrum, Föhr, am meisten aber die Halligen und Pellworm wissen
-von dieser Unglücksnacht zu erzählen. In mehr als 100 Häuser auf
-der erstgenannten Insel drangen die Wasserströme ein, viele davon
-wurden zerstört, und das kleine, verarmte Dorf Rantum ging fast ganz
-verloren. Föhrs Deiche brachen an fünf verschiedenen Stellen; seine
-Marschen wurden überschwemmt, zwei Menschenleben, viele Kühe und 4000
-Schafe kamen in den Wellen um. Auf den Halligen standen vor dieser
-Sturmflut 339 Häuser; davon waren 79 ganz verschwunden und 233 durch
-das Wasser unbewohnbar geworden. Auf Hooge ertranken 28 Menschen, 30
-auf Nordmarsch und Langeneß, 10 auf Gröde. Die von den Wellen verschont
-gebliebenen Halligbewohner saßen durchnäßt, hungernd und frierend auf
-den Trümmern ihrer Wohnstätten, fanden aber durch die Barmherzigkeit
-der Föhringer fast alle Obdach und freundliche Aufnahme in Wyk auf
-Föhr. Manche blieben für immer dort, andere siedelten sich auf dem
-Festlande an, die übrigen kehrten bald wieder auf ihre verödeten
-Heimstätten zurück und fingen von neuem an zu bauen an Werften und
-Häusern. Nur Norderoog ist nach dieser Flut nicht wieder bewohnt
-worden. Im Sommer 1825 ist König Friedrich ~VI.~ von Dänemark selbst
-nach den nordfriesischen Inseln gekommen, um sich persönlich von dem
-unhaltbaren Zustand an den Westmarken seines Reiches zu überzeugen. Das
-Königshaus auf der Hallig Hooge erinnert heute noch an diesen seltenen
-Besuch. Seither ist manches geschehen, um den bestehenden Übelständen
-abzuhelfen und das gefährdete Land vor neuem zerstörenden Anprall der
-Nordseewogen zu beschützen. Im Laufe der Jahre hatte man gelernt, daß
-die Eindeichung des Landes die größte Gefahr bringt, solange sie nicht
-auch gegen die höchste Flut Sicherheit zu gewähren vermag. „Während
-selbst das empörteste Meer und die höchste Flut machtlos über den
-uneingedeichten ebenen Rasen rollt, vernichtet die Sturmflut, welche
-den Deich zerbricht, nicht bloß diesen, daß er in ruinenhaften Trümmern
-stehen bleibt und maßlose Erdopfer zu seiner Wiederherstellung braucht,
-sondern an der Stelle des Bruches entsteht auch durch den Wasserfall
-ein ausgewühlter, tiefer Kolk, eine Wehle, die sich wohl immer und
-immer wieder als neue Angriffsstelle darbietet. Auch das innerhalb
-des Kooges beackerte, also seiner Rasendecke beraubte Land wird bis
-zu jener Tiefe abgeschält, die dem Aus- und Einlaufen der Fluten
-entspricht, und geht dadurch, wenn neue Eindeichung nicht bald möglich
-ist, gänzlich verloren, wird wieder zu Watt. Leider ist diese Erfahrung
-so spät gewonnen, daß der größte Teil des alten Nordfrieslands verloren
-war, als man lernte, die Kraft des ganzen Hinterlandes zu verwenden, um
-den Schutz gegen das Meer zu einem wirklich vollständigen zu machen“
-(Meyn).
-
-[Illustration: Abb. 33. ¯Die Häuser der Hallig Gröde.¯ (Nach einer
-Photographie von W. Dreesen in Flensburg.)]
-
-[Sidenote: Rettung der Inseln.]
-
-Die heutigen, gegen die verflossenen Zeiten so sehr veränderten
-Verkehrsverhältnisse ermöglichen das Heranziehen großer Arbeitermengen,
-und dadurch ist nach dem Landesbaurat Eckermann, aus dessen Geschichte
-der Eindeichungen in Norderdithmarschen wir citieren, der Deichbau der
-Jetztzeit gegen die früheren Jahrhunderte in außerordentlich günstiger
-Lage. In alter Zeit war jede Kommune bei den Eindeichungen auf ihre
-eigenen Kräfte angewiesen; nur bei ganz außergewöhnlichen Aufgaben
-wurden die benachbarten Harden und Kirchspiele auf fürstlichen Befehl
-mit zu der Arbeit herangezogen. Dammbauten zwischen den Halligen und
-dem Festlande helfen neuerdings zur Befestigung und Rettung der Inseln.
-
-[Illustration: Abb. 34. ¯Haus der Hallig Gröde.¯
-
-(Nach einer Photographie von W. Dreesen in Flensburg.)]
-
-
-
-
-~V.~
-
-Land und Leute.
-
-
-[Illustration]
-
-[Sidenote: Die Watten.]
-
-Bei Endrup, gegenüber der kleinen dänischen Insel Manö, beginnt der
-deutsche Teil der Nordseeküste und zieht sich in etwa nordsüdlicher
-Linie bis zu der Elbmündung hin. Von hier nimmt ihr Verlauf eine
-westöstliche Richtung und erreicht an dem Einfluß der Ems ins Meer und
-am Dollart die holländische Grenze. Wie wir schon weiter oben gesehen
-haben, trägt das deutsche Gestade an der Nordsee den Charakter einer
-Doppelküste, indem der mannigfach gegliederten Festlandsküste eine
-Inselküste vorgelagert ist, der Überrest eines großen, im Laufe der
-Äonen zerstörten und vormals bis weit nach Westen reichenden Areales.
-Zwischen beiden Küstenlinien dehnt sich das Watt aus, das vor den
-Einmündungen der Eider, Elbe, Weser und Ems Unterbrechungen erleidet,
-aber längs der Unterläufe dieser Ströme seine Fortsetzung in das
-Flachland hinein in der Gestalt der Flußwatten besitzt. Neben diesen
-Wasserläufen ergießen sich noch eine beträchtliche Anzahl von kleineren
-Flüssen in das deutsche Meer, so von Schleswig-Holstein her die Bredau,
-die Wiedau bei Hoyer, die Husumer Au, die Miele bei Meldorf u. s. f.,
-und die zahlreichen Küstenflüsse in Hadeln und Wursten, Butjadingen, im
-Gebiete der Jade und in Ostfriesland.
-
-[Illustration: Abb. 35. ¯Küche des Gröder Hauses.¯
-
-(Nach einer Photographie von W. Dreesen in Flensburg.)]
-
-Es ist in allerneuester Zeit die Ansicht ausgesprochen worden, daß
-in den sogenannten Baljen, welche die einzelnen ostfriesischen Inseln
-voneinander trennen, die Fortsetzung etlicher dieser Gewässer zu suchen
-sein könnte, ebenso, wie an der Westküste von Schleswig-Holstein
-die dort ins Meer fallenden Wasserläufe in Verbindung mit den ihren
-Mündungsstellen entsprechenden Tiefen stehen dürften, so die Brönsau
-im äußersten Norden unseres Gebietes mit dem Juvrer Tief, die Wiedau
-mit dem Römer Tief, die Eider mit dem Süderhever, die Miele mit dem
-Norderpiep u. s. f.
-
-[Sidenote: Die Inselreihen.]
-
-Die Inselküste gliedert sich in die zur cimbrischen Halbinsel
-gehörige Kette der nordfriesischen Eilande. Röm oder Romö ist das
-nördlichste derselben, dann folgen das lang gestreckte Sylt und Amrum,
-mehr landeinwärts und von Amrum gedeckt, Föhr, hierauf die Gruppe
-der Halligen mit Nordstrand und Pellworm. Vor dem linken Ufer der
-Elbemündung erhebt sich Neuwerk aus den Fluten und weit draußen, rings
-von der offenen Nordsee umspült, steigt der rote Felsen Helgolands
-mit seinen Riffen aus dem Wasser empor. Wangeroog eröffnet den
-ostfriesischen Inselkranz, den weiter Spiekeroog, Langeoog, Baltrum,
-Norderney, Juist und Borkum bilden, und der sich jenseits der deutschen
-Meeresgrenze längs der niederländischen Küste über die Zuidersee hinaus
-fortsetzt. Von der vielgestaltigen Gliederung der Festlandsküste mit
-den Halbinseln Eiderstedt, Dieksand u. s. f. ist schon weiter oben kurz
-die Rede gewesen.
-
-[Illustration: Abb. 36. ¯Einholen des Netzes beim Sandspierenfang.¯]
-
-Was nun das Klima anbetrifft, so schreibt Penck darüber, daß nicht
-die Bodengestaltung die klimatischen Verschiedenheiten einzelner
-Teile Norddeutschlands bedinge. Die geographische Breite im Verein
-mit der mehr oder minder großen Nähe des Meeres erweist sich
-dagegen als Hauptfaktor bei der Bestimmung der Temperatur und
-Regenverhältnisse eines Ortes. Die wärmsten Gegenden sind im Westen,
-im Bereiche der großen Moore belegen, und längs der Ems findet man
-mittlere Jahrestemperaturen von 9° und darüber. Die Regenmenge auf
-den nordfriesischen Inseln erhebt sich bis auf 1000 ~mm~; in den
-Moorgegenden beträgt dieselbe an 800 ~mm~.
-
-In politischer Beziehung gehören die Lande an dem deutschen
-Nordseegestade mit alleiniger Ausnahme des Gebietes der freien Städte
-Hamburg und Bremens, sowie des oldenburgischen Küstenstriches dem
-Königreich Preußen, und zwar den Provinzen Schleswig-Holstein und
-Hannover an.
-
-[Illustration: Abb. 37. ¯Seehundsjäger.¯]
-
-[Sidenote: Geest und Marsch.]
-
-Mit Ausnahme einiger weniger Stellen, an denen anstehendes Gestein
-zu Tage tritt (Helgoland, Stade, Hemmoor, Umgebung von Altona und an
-anderen Orten, Lägerdorf bei Itzehoe, Schobüller Berg bei Husum),
-das dem Zechstein, der Trias, der Kreide und dem Tertiär angehört,
-nehmen ausschließlich nur Diluvium und Alluvium, in den Dünen und dem
-Flugsande auch Gebilde äolischer Art an dem Aufbau der Lande an der
-deutschen Nordseeküste teil. Aus dem Diluvium besteht der innere Kern
-des Küstenlandes, der wiederum in der Tiefe auf älteren Formationen
-aufruht. Da und dort tritt diese Quartärbildung hervor, jedoch wird
-sie auch vielfach von Alluvium und zwar von Mooren und Marschen,
-oder von Dünen überlagert. Vom geographischen Standpunkte aus sind
-zu unterscheiden: die Geest und die Marsch. Schon vor 50 Jahren hat
-Bernhard von Cotta den zwischen den beiden ebengenannten Bildungen
-bestehenden Gegensatz also definiert: „Die Marsch ist niedrig, flach
-und eben, die Geest hoch, uneben und minder fruchtbar. Die Marsch
-ist kahl und völlig baumlos, die Geest stellenweise bewaldet, die
-Marsch zeigt nirgends Sand und Heide, sondern ist ein ununterbrochener
-fetter, höchst fruchtbarer Erdstrich, Acker an Acker, Wiese an Wiese;
-die Geest ist heidig, sandig und nur stellenweise bebaut. Die Marsch
-ist von Deichen und schnurgeraden Kanälen durchzogen, ohne Quellen
-und Flüsse, die Geest hat Quellen, Bäche und Ströme.“ Der eigentliche
-Geest- oder Heiderücken, ursprünglich nur mit Heide, Brahm und
-verkrüppelten Eichen bestanden und Roggen als Ackerfrucht tragend,
-wird von einem schwach lehmigen, aber sehr eisenschüssigen Sande
-bedeckt, der gewöhnlich reich an Grand und stark abgerundeten Geröllen
-ist. Nicht selten liegen einzelne Riesenblöcke umher, welche von den
-germanischen Ureinwohnern zu ihren Steinsetzungen und zur Herstellung
-ihrer Hünengräber verwendet worden sind. Breite Thäler unterbrechen
-zuweilen den Geestrücken, von grobem Sande ohne Rollsteine erfüllt oder
-auch wirkliche Moorsümpfe tragend. Man hat diese Erscheinungen zum
-Unterschiede von der eigentlichen Geest auch als Blachfeld bezeichnet.
-Der Sand des letzteren ist alluvialen Alters, während die sandigen
-Lagen der eigentlichen Geest, der Geschiebedecksand, noch dem Diluvium
-zugerechnet werden müssen, wie auch der an manchen vom letzteren freien
-Stellen des Bodens zu Tage tretende Geschiebe- resp. Moränenmergel.
-Weiter nach der Küste zu entwickelt sich aus dem Blachfelde die von
-steinleerem, mehligem Sande bedeckte Heideebene oder Vorgeest, deren
-unfruchtbarste Teile durch die unzugänglichen Einöden der Hochmoore
-gebildet werden oder von Binnenlandsdünen durchzogen sind, Sandschollen
-und Sandhügel, die der Wind aus dem Heidesand aufgetürmt hat. Solche
-Hochmoore befinden sich in ganz besonders großartiger Entfaltung im
-westlichen Teil der deutschen Nordseeküstenländer, am stärksten im
-Gebiete zwischen den Mündungen der Weser und Ems. Im Regierungsbezirk
-Aurich entfallen 748,8 Quadratkilometer = 24,6% der Bodenfläche
-auf Moor, im Regierungsbezirk Osnabrück 1249,9 Quadratkilometer
-= 20,5%, im Regierungsbezirk Lüneburg 776,4 Quadratkilometer =
-7%, im Regierungsbezirk Stade 1877,6 Quadratkilometer = 28,2%, im
-Großherzogtum Oldenburg 945,4 Quadratkilometer = 18,6%. Etwa 27500
-Quadratkilometer Moorlandes befinden sich innerhalb der Grenzen des
-Deutschen Reiches, und davon kommt auf die Provinz Hannover mit
-Oldenburg zusammen allein beinahe der vierte Teil, ungefähr 6525
-Quadratkilometer. Schleswig-Holsteins Moorflächen schätzt man auf 1500
-Quadratkilometer, von denen etwa ein Drittteil auf das eigentliche
-Areal der Nordseeküste zu stellen wäre, und wenn man die Wasserscheide
-zwischen Nord- und Ostsee als östliche Grenzlinie unseres Areals
-ansehen wollte -- was in rein geographischem Sinne seine Richtigkeit
-hätte --, so müßte der weitaus beträchtliche Teil dieser Zahl dazu
-gerechnet werden.
-
-[Illustration: Abb. 38. ¯Nordstrand. Partie am Norderhafen.¯
-(Liebhaberaufnahme von A. Höck in Nordstrand.)]
-
-[Sidenote: Moorbildungen.]
-
-Man hat in unserem Gebiet zweierlei Moorbildungen zu unterscheiden,
-nämlich die Grünlands-, Wiesen- oder Niederungsmoore und die
-Hochmoore. Die ersteren bestehen vorwiegend aus den Resten von
-Gräsern, Scheingräsern, Moosen und Sumpfwiesenpflanzen und sind
-reich an wichtigen Pflanzennährstoffen, so an Stickstoff und Kalk.
-Wir finden diese Art Moore in den Niederungen, den Thälern träge
-fließender Gewässer, die zur Versumpfung des Geländes Anlaß geben. Ihre
-Erhebung über den Wasserspiegel ist nur sehr gering. In den weiten
-Flußthälern des Nordwestens sind sie in großer Ausdehnung vorhanden, so
-beispielsweise im Gebiet der Wümme und Hamme, die vereint als Lesum in
-die Weser fließen.
-
-[Illustration: Abb. 39. ¯Ein Mövennest.¯
-
-(Nach einer Photographie von Wolffram & Co. in Bremen.)]
-
-[Sidenote: Moor und Heide.]
-
-Die verbreitetste Moorart im deutschen Nordwesten stellen jedoch
-die Hochmoore dar, die dort ungeheure Flächen bedecken. Sphagneen
-(Torfmoose), einzelne grasartige Pflanzen, als Simsen und Wollgräser
-und heidekrautartige Gewächse nehmen an ihrer Zusammensetzung teil.
-Die Hochmoore zeigen eine Art von Schichtung, indem deren untere Lagen
-gewöhnlich sehr dicht, ziemlich stark zersetzt, dunkel gefärbt und
-nicht selten reich an Holzresten sind, während die oberen häufig hell,
-locker, faserig und mit bloßem Auge schon als Reste von Torfmoosen
-erkennbar sind. „Diese letzteren besitzen ein außerordentlich hohes
-Vermögen, das Wasser aufzusaugen und festzuhalten, sie bilden einen
-ungeheuren, wassererfüllten Schwamm, Generationen auf Generationen
-wachsen empor, solange die Feuchtigkeit ausreicht, und gehen unter, um
-dem eigentümlichen Prozeß der Vertorfung zu verfallen; nicht selten
-erheben sich die centralen Teile des Hochmoors merklich über die
-Umgebung, was zur Entstehung des Namens Veranlassung gegeben haben mag.
-In unberührtem, jungfräulichem Zustand trägt die Oberfläche unserer
-Hochmoore ein dichtes, üppiges Torfmoospolster, in dem spärlicher oder
-zahlreicher Simsen und Wollgräser, und nach dem Grade der natürlichen
-Abwässerung Heidekräuter eingestreut erscheinen. Hin und wieder fristet
-eine Kiefer oder eine Birke ein kümmerliches Dasein. In unzähligen
-Lachen und Rinnsalen steht das braune Moorwasser; ein Beschreiten des
-schwankenden Bodens ist unmöglich oder mit großer Vorsicht nur zu sehr
-trockener Zeit oder im Winter, bei Frost ausführbar“ (Tacke).
-
-Da, wo das Gebiet der Vorgeest von Bächen durchzogen wird, die vom
-Blachfeld herkommen, tritt die Heidebildung zurück, und ihre Stelle
-nimmt eine dem Acker- und Wiesenbau zugängliche Grasvegetation ein,
-die zur förmlichen Sandmarsch wird und an manchen Stellen in die
-eigentliche Marsch übergeht. Dieser Übergang wird nicht selten durch
-graswüchsige Grünlandsmoore vermittelt.
-
-Ohne ihre landschaftlichen Reize ist die Heide übrigens nicht, und sie
-bietet dem Beschauer gar oftmals ganz herrliche Stimmungsbilder, denen
-eine gewisse schwermütige Färbung zu eigen ist. Meisterlich hat es
-der schleswig-holsteinische Schriftsteller und Dichter Wilhelm Jensen
-verstanden, in seinen Werken die eigentümlichen, düsteren Reize der
-Heide in seiner Heimat zu schildern, und ein wundervolles Bild davon
-rollt uns Theodor Storm in seinem „Abseits“ betitelten Gedicht auf:
-
- Es ist so still; die Heide liegt
- Im warmen Mittagssonnenstrahle,
- Ein rosenroter Schimmer fliegt
- Um ihre alten Gräbermale,
- Die Kräuter blühn; der Heideduft
- Steigt in die blaue Sonnenluft.
-
- Laufkäfer hasten durchs Gesträuch
- In ihren goldnen Panzerröckchen,
- Die Bienen hängen Zweig um Zweig
- Sich an der Edelheide Glöckchen,
- Die Vögel schwirren aus dem Kraut --
- Die Luft ist voller Lerchenlaut.
-
-[Illustration: Abb. 40. ¯Meldorf.¯]
-
-Wenn uns so der große Sohn Husums die Heide in der Schwüle eines heißen
-Sommertages zeigt, im rotvioletten Schimmer ihrer blühenden Erica, so
-hat uns Herman Allmers, der Friesendichter, eine nicht minder herrliche
-Beschreibung der Heidelandschaft gegeben, wenn sie mit ihren weiten
-Flächen im Zwielicht der Dämmerung oder in der gespenstigen Beleuchtung
-des Mondscheins daliegt:
-
- Wenn trüb’ das verlöschende letzte Rot
- Herschimmert über die Heide,
- Wenn sie liegt so still, so schwarz und tot,
- Soweit du nur schauest, die Heide;
- Wenn der Mond steigt auf und mit bleichem Schein
- Erhellt den granitenen Hünenstein,
- Und der Nachtwind seufzt und flüstert darein
- Auf der Heide, der stillen Heide.
-
- Das ist die Zeit, dann mußt du gehn
- Ganz einsam über die Heide,
- Mußt achten still auf des Nachtwinds Wehn
- und des Mondes Licht auf der Heide;
- Was du nie vernahmst durch Menschenmund,
- Uraltes Geheimnis, es wird dir kund,
- Es durchschauert dich tief in der Seele Grund
- Auf der Heide, der stillen Heide.
-
-[Sidenote: Marsch und Watt.]
-
-Ein Marschgürtel von verschiedener Breite (an der Küste
-Schleswig-Holsteins von 7 bis 22 Kilometer) umgibt das deutsche
-Küstenland an der Nordsee von Hoyer in Nordschleswig bis zu den
-Grenzpfählen der Niederlande. Es ist das dem Meere wieder abgerungene
-und durch Deiche vor seiner Zerstörungswut geschützte Land, Watt, das
-urbar gemacht und in kulturfähigen Zustand übergeführt worden ist. Dies
-wird bewirkt durch geeignete Vorrichtungen, als die zapfenförmig in das
-Meer hineinreichenden, sogenannten Schlengen oder Lahnungen, lange mit
-Pfählen befestigte Buschdämme und durch Auswerfen von sehr breiten,
-aber ganz flachen Gräben, in denen sich bei richtiger Anlage und unter
-günstigen Verhältnissen der Schlick rasch ablagert. „Im Frühling,“ sagt
-L. Meyn, „sieht man das sonst schwarzgraue Watt auf weite Flächen vom
-Lande aus mit dunkelgrüner Farbe bedeckt. Der Landmann sagt: das Watt
-blüht. Im Sonnenschein wird das Grün heller, es trocknet ein und wird
-schließlich zu einer gelben oder braunen Kruste, aus unzähligen Fäden
-einer Konserve zusammengefügt, welche vorher während der Bedeckung lang
-hingestreckt mit dem Ebbe- oder Flutstrom im Wasser schwanken.“
-
-[Illustration: Abb. 41. ¯Binnenhafen zu Brunsbüttel.¯
-
-(Nach einer Photographie von Th. Backens in Marne.)]
-
-Die zarten, schnell wachsenden Keime dieser Kryptogamen, welche
-unendlich verbreitet sind, finden ihren Halt, indem sie sich auf die
-weichen Teile des Schlicks heften. Mit jeder neuen Flut aufgeweicht
-oder neugesät, erscheinen sie von neuem, beitragend zur Vermehrung der
-Masse und zur Befestigung des neuen Bodensatzes. Mit bezeichnendem
-Namen ist diese nur in Massen sichtbare Pflanze als „landbildend“
-(~Conferva chtonoplastes~) in der Naturgeschichte eingeführt.
-
-[Illustration: Abb. 42. ¯Kaiser Wilhelms-Kanal. Elbschleuse.¯ (Nach
-einer Photographie von Th. Backens in Marne.)]
-
-Wenn die Anschlickung nun schon so hoch geworden ist, daß die
-gewöhnliche Flut sie täglich nur noch kurze Zeit bedecken kann, so
-erscheint ein Gewächs, das „zu den auffallendsten Gestalten im ganzen
-deutschen Pflanzenschatze gehört“. Das ist der Queller oder Quendel
-(~Salicornia herbacea, L.~). Dasselbe besitzt das Aussehen eines
-fetthenneartigen, fausthohen, vollsaftigen Pflänzchens mit vielen Ästen
-und Abzweigungen, das vermöge dieser letzteren besonders geeignet ist,
-den Schlick festzuhalten. Noch im Bereiche der Wellen, als wären sie
-künstlich in den Sand gesteckt, finden sich bereits einige Individuen
-des Quellers; landaufwärts zeigen sich immer mehr und gehen dann
-ziemlich rasch, aber immer nur der Böschung gerecht werdend, in einen
-ganz geschlossenen buschigen Rasen über.
-
-[Sidenote: Entstehung der Marschen.]
-
-Durch stetiges Auffangen des Schlammes erhöhen und festigen die
-Quellergewächse die Wattflächen, und in stillen Buchten, wo keine
-heftige Strömung oder große und stürmische Fluten diesen Prozeß störend
-unterbrechen, kann der Anwuchs bis zu 50 Meter im Jahre groß werden,
-während das geringste Maß auf 2 Meter geschätzt wird. Allmählich
-stellen sich dann noch andere Pflanzen ein, darunter fleischige
-Salzpflanzen (~Salsola Kali, L.~, ~Atriplex arenaria, Woods~, u.
-s. f.), Sandkräuter von kleinem Wuchse (~Lepigonum marinum, L.~,
-~Plantago maritima, L.~, ~Armeria maritima, Willd.~), das Seegras, die
-Meergrasnelke, der Strandwermut u. s. f.
-
-Ihnen allen gelingt es aber nicht, den Queller zu verdrängen;
-das vollbringt nur die sich nun in gewaltiger Masse ausbreitende
-Binsenlilie (~Juncus bottnicus, Wahlenb.~), „die den bezeichnenden
-Namen Drückdahl erhalten hat, weil sie alles Höherwachsende
-niederdrückt“.
-
-[Illustration: Abb. 43. ¯Kaiser Wilhelms-Kanal. Brunsbütteler Schleuse.¯
-
-(Nach einer Photographie von Th. Backens in Marne.)]
-
-Nun wächst die Anschlickung immer mehr und mehr, bis sie jene Höhe
-bekommen hat, wo sie durch das Regenwasser genügend von den immer
-seltener werdenden salzigen Überflutungen der See ausgesüßt werden
-kann. Wenn das der Fall geworden ist, müssen die vorgenannten Gewächse
-dem Graswuchse weichen. Bald entstehen denn auch auf dem so dem
-Meere entstiegenen Vorlande dichte Rasen von zwei Gräsern, ~Glyceria
-distans, Wahlenb.~ und ~Glyceria maritima, Drej~, der Andel, die
-reiches Futtergras und äußerst wertvolles Heu liefern. Wenn sich nun
-im Laufe der Jahre der Boden noch mehr erhöht und seinen Salzgehalt
-fast gänzlich verloren hat, so ist die Zeit gekommen, sein Areal vor
-dem ferneren Eindringen des Meeres dauernd zu schützen. Es hat nun
-alle hierzu erforderlichen Eigenschaften erhalten, es ist „deichreif“
-geworden, und das deutsche Küstenland kann einen Koog (an der
-schleswig-holsteinischen Küste) oder Polder (westlich der Elbe) mehr zu
-seinem Gebiete zählen.
-
-[Illustration: Abb. 44. ¯Kaiser Wilhelms-Kanal. Binnenhafen am
-Brunsbüttelkoog.¯ (Nach einer Photographie von Th. Backens in Marne.)]
-
-[Sidenote: Eindeichungen.]
-
-Die Deiche, in einigen Gegenden auch Kaje genannt (das französische
-Wort ~quai~ ist ja bekannt), welche im Landschaftsbild als hohe,
-grasbewachsene Wälle erscheinen, die jede Fernsicht abschneiden und
-den Horizont der Marsch recht einförmig begrenzen, umranden das ganze
-Gebiet unserer Nordseeküste und ziehen sich bis weit in die Unterläufe
-der großen Wasserläufe hinein. Nur an wenigen Stellen, auf der langen
-Linie zwischen dem Dollart und Hoyer und zwar da, wo Geest oder Dünen
-bis an den Meeresstrand vorrücken, setzt diese Deichumwallung aus. Dies
-ist der Fall beim Dorfe Dangast am Jadebusen, in der Nähe von Cuxhaven,
-an der Hitzbank bei St. Peter in Eiderstedt und am Schobüller Berg bei
-Husum. Nach der Seeseite zu sind diese 6–8 Meter über der gewöhnlichen
-Fluthöhe sich erhebenden, grasbewachsenen Deiche sanft abgeböscht,
-und zuweilen ist hier ihr Fuß mit starken Pfählen berammt oder mit
-großen Steinsetzungen bewehrt, um sie widerstandsfähiger gegen den
-Andrang der Wogen zu machen. Förmliche Steindossierungen an besonders
-exponierten Stellen kommen ebenfalls vor. Nach dem Lande zu fällt der
-Deich ziemlich steil ab, etwa mit 45° Neigung. Im allgemeinen dürfte
-die Breite des Deichfußes 15–40 Meter betragen, diejenige des Kammes
-oder der Kappe ungefähr 2–4 Meter.
-
-Um dem Binnenwasser Abfluß zu verschaffen, ebenso um dessen Wasserläufe
-in schiffbarer Verbindung mit dem Meere zu erhalten, sind die Deiche
-mit Schleusenanlagen, mit Sielen versehen, deren Thore durch die
-ankommende Flut geschlossen, bei Niedrigwasser jedoch durch den Druck
-der davor angesammelten Binnengewässer wieder geöffnet werden.
-
-Die Unterhaltung ihrer Deiche ist eine der Hauptsorgen der
-Marschbewohner und eine nicht minder kostspielige Sache, als deren
-Aufbau. Nach Jensen waren zur Eindeichung eines Kooges in der
-tondernschen Marsch von 670 Hektar Größe 6,5 Kilometer Deich notwendig,
-zu rund 700 Mark Kosten für das Hektar. Nach dem Genannten erforderte
-der 14,32 Kilometer Gesamtlänge besitzende Osterlandföhrer Deich
-in dem Zeitraum von 1825–1880 etwa 300000 Mark für Verstärkung und
-Verbesserung, außerdem noch jährlich an 37318 Mark für Strohbestrickung
-und ähnliche Dinge, ein Betrag, der von den Besitzern der 2591,56
-Hektare deichpflichtiger Marschländereien aufgebracht werden mußte.
-Durch die Deichverbände wird für diese Instandhaltung bestens gesorgt.
-Das Herzogtum Schleswig hat beispielsweise drei solche Vereinigungen,
-deren eine die Marschen des früheren Amtes Tondern, 32 Köge mit 32500
-Hektaren, die zweite diejenige des vormaligen Amtes Bredstedt, 40 Köge
-mit 20500 Hektaren, und die dritte diejenige des früheren Amtes Husum,
-Eiderstedt u. s. f. mit ungefähr 31800 Hektaren Marschlandes umfaßt.
-Holsteins Marschen sind in sechs größere Deichverbände eingeteilt,
-so derjenige der Wilstermarsch, der Süderdithmarschens, derjenige
-Norderdithmarschens u. s. f.
-
-Übrigens darf nicht zu früh zur Eindeichung geschritten werden, und
-Hand in Hand mit derselben muß auch eine rationelle Entwässerung des
-neueingedeichten Landes vor sich gehen, damit das letztere nicht unter
-allzu großer Nässe zu leiden hat, wie dies z. B. mit dem Stedinger
-Lande am linken Weserufer der Fall ist.
-
-Dem „blanken Hans“, so nennt der Nordfriese die Nordsee, hat man
-im Verlaufe der Jahrhunderte an der Westküste Schleswigs etwa 120
-Köge abgerungen, die in ihrem gegenwärtigen Bestand ungefähr 900
-Quadratkilometer umfassen. „Von den 20000 Hektaren,“ sagt Jensen,
-„welche Nordstrand 1634 verloren, sind 6700 Hektare wieder gewonnen
-worden, während im übrigen seit 1634 an der ganzen schleswigschen
-Westküste etwa 130 Quadratkilometer eingenommen worden sind.
-Seit 1860 haben 2252 Hektare Fläche mit 2476000 Mark Wert dem
-Überschwemmungsgebiete des Meeres entzogen werden können. Wie demnach
-die Watten der ausgebreitete Kirchhof der Marschen sind, so sind also
-die Marschen Koog an Koog ein ebenso langer Triumphzug des Menschen
-über die Natur.“
-
-Der auf diese Weise gewonnene Boden, der Marschklei, ist von äußerster
-Fruchtbarkeit; derselbe besitzt eine zu ungewöhnlichen Tiefen
-reichende, fast gar nicht schwankende Zusammensetzung der tragfähigen
-Krume und ist in ausgezeichneter Weise für den Anbau des Korns, der Öl-
-und der Hülsenfrüchte geeignet. Natürlich ist dementsprechend auch der
-Wert des Landes in den Marschen ein hoher. So sind im jüngsten Kooge
-an der Westküste der Herzogtümer, im Kaiserin Auguste Viktoria-Kooge
-im April 1900 für 367 Hektare 1038850 Mark erzielt worden, so daß der
-Durchschnittspreis für 1 Hektar 2617 Mark beträgt. Der höchste Preis
-für 1 Hektar war 3000 Mark, der niedrigste 1500 Mark.
-
-[Illustration: Abb. 45. ¯Kaiser Wilhelms-Kanal. Hochbrücke bei
-Grünenthal.¯]
-
-[Sidenote: Deiche.]
-
-Innerhalb des vom großen See- resp. Außendeich umwallten Landes
-liegen vielfach kleine Erdwälle, die Sommerdeiche, welche größere
-Landkomplexe umschließen und gegen Überschwemmung von seiten der die
-Marschländereien durchziehenden Kanäle schützen sollen, teilweise auch
-ehemalige durch Gewinnung vom neuen Vorlande außer Dienst gesetzte
-Seedeiche sind. Windmühlen und andere derartige Anlagen schaffen das
-überflüssige Wasser aus den Gräben und kleineren Kanälen fort und
-dann durch die Schleusen bei Ebbezeit in die See. Wie schon weiter
-oben bemerkt wurde, trägt die Marsch keinerlei größere Holzungen,
-dagegen sind die Wohnstätten oftmals von ansehnlichen, wohlgepflegten
-Baumgruppen umgeben, welche von der Ferne gesehen den Eindruck kleiner,
-schattiger Haine beim Beschauer erwecken.
-
-[Sidenote: Werften.]
-
-Schon Plinius erwähnt in seiner Naturgeschichte jene von Menschenhand
-aufgeworfenen Hügel, worauf das armselige Volk an den Gestaden des
-germanischen Meeres seine Hütten erbaut hatte. Auf solchen Erhöhungen,
-die entweder aus gewachsenem Boden bestehen, also natürliche Erhebungen
-des Erdreiches darstellen, oder künstlich gemacht worden sind, steht
-die größte Mehrzahl der menschlichen Ansiedelungen in den Marschlanden.
-Man nennt diese Hügel Warfen, Warften, Würten, Worften, Werften und
-Wurthen.
-
-[Sidenote: Geographische Lage der Städte.]
-
-In seinem interessanten Werke über die Städte der norddeutschen
-Tiefebene in ihren Beziehungen zur Bodengestaltung hat der Königsberger
-Geograph Hahn auf die Lage der Städte in unserem Areale, als Randstädte
-an der Grenze zwischen Geest und Marsch aufmerksam gemacht. Der Boden
-der eingedeichten Marschlande mit seinem hohen Wert war offenbar kein
-günstiger Bauplatz für größere Ortschaften und Städte. Man wollte das
-kostbare Land nicht durch Bebauung der Kultur entziehen, andererseits
-aber auch Haus und Hof vor etwaigen Überschwemmungen schützen, und
-darum suchte man sich besonders dort, wo das Marschgebiet nicht
-mehr so breit war, den nahebelegenen Geestrücken zur Errichtung
-der Ansiedelungen aus. Von dort ließen sich die Marschareale gut
-übersehen und ebenso bequem bewirtschaften. So liegt z. B. Hoyer auf
-einem Geesthügel, der rings von Marschwiesen umgeben ist, dagegen
-macht Tondern eine Ausnahme, und seine niedere Lage ist wohl mit
-Rücksicht auf die Ausnützung der Schiffahrtsgelegenheit gewählt
-worden. Bredstedt, Husum, Garding in Eiderstedt, Lunden, Heide,
-Meldorf, Itzehoe gehören zu dieser Art von Randstädten, hinwiederum
-sind Wesselburen und Marne typische Marschorte. Ebenso ist Hamburg
-ursprünglich auf der schmalen Geestzunge erwachsen, welche Elbe
-und Alster trennt. Erst später griff sein Weichbild über auf das
-Marschland. Dann müssen links des Elbstroms Harburg, Buxtehude,
-Horneburg an der Lühe, Stade, Varel und Jever hier genannt werden,
-ebenso in Ostfriesland Wittmund, Esens und Norden. Zu denjenigen
-Randstädten, welche zwar auf Geestboden erbaut sind, der aber mehr von
-Moor als von Marsch oder ganz von ersterem umgrenzt wird, wären Aurich,
-Weener und Bunde, alle drei in Ostfriesland, zu zählen.
-
-[Sidenote: Volksdichte.]
-
-Sehr verschieden ist die Größe der Volksdichte im Geest-, Moor- und
-Marschland. Auf den Geestflächen Schleswig-Holsteins beträgt sie 30–40
-Seelen auf den Quadratkilometer, in den Gegenden der großen Moore sinkt
-sie sogar öfters unter 30 herab, während in den Marschen an 80 Menschen
-den Quadratkilometer Land bewohnen. Der Stader Marschkreis weist eine
-Volksdichte von 75 Einwohnern für den Quadratkilometer auf, der Stader
-Geestkreis nur eine solche von 42 Seelen für die gleiche Fläche.
-
-[Illustration: Abb. 46. ¯Itzehoe.¯
-
-(Nach einer Photographie von H. Mehlert in Itzehoe.)]
-
-[Sidenote: Die Bevölkerung.]
-
-Dänen im Norden, Friesen, Sachsen, eingewanderte Holländer in den
-Marschen, Sachsen auf der Geest, das sind die Volksstämme, welche
-die deutsche Nordseeküste bewohnen. Die ursprünglichen Landsassen
-waren wohl die germanische Völkerschaft der Chauken, welchen Tacitus
-das Lob gespendet hat, der edelste Stamm unter den Germanen zu sein,
-gerechtigkeitsliebend, ohne Gier nach fremdem Hab und Gut, mann- und
-wehrhaft. Die großen Sachsenzüge nach England im fünften Jahrhundert
-entvölkerten das Land, und die Friesen nahmen, von Westen her
-vordringend, die leer gewordenen Wohnplätze der Chauken ein. Noch zur
-Römerzeit reichten die Ansiedelungen dieses ersteren Volkes im Osten
-nur bis zur Ems. So kamen die Friesen auch auf die cimbrische Halbinsel
-und machten die Treene und Wiedau zur Grenze ihrer Ansiedelungen. Von
-Hattstedt bei Husum bis nach Hoyer und auf den nach ihrer Bevölkerung
-benannten nordfriesischen Inseln ist heute noch dieses Element unter
-den eigentlichen Einwohnern des Landes vorherrschend. Jenseits der
-Elbe hat Kehdingen eine aus Sachsen und Friesen gemischte Bevölkerung,
-Wursten, das Vieland, Wührden und Osterstade sind ganz friesisch, und
-bis oberhalb Bremen läßt sich am rechten Weserufer der friesische
-Charakter, wenn auch nicht allgemein, so doch da und dort nachweisen.
-Auch an der linken Seite der Weser finden sich mitten im Sachsenlande
-friesische Enklaven. Stedingerland, Stadland, Butjadingen und die ganze
-Provinz Ostfriesland mit Ausnahme des Lengener Landes gehören völlig
-den Friesen an. Dithmarschen und die Geestgebiete der cimbrischen
-Halbinsel sind sächsisch, ebenso wird links der Elbe das Land Hadeln
-von Sachsen bewohnt, während im Alten Lande und teilweise in den
-Elbmarschen eingewanderte Holländer sich niedergelassen haben.
-
-[Illustration: Abb. 47. ¯Elmshorn.¯]
-
-Diese Verschiedenheit in der Abstammung der Bewohner unserer
-Nordseeküste kommt naturgemäß auch in ihrem Körperbau und ihrem
-Charakter, in ihren Sitten und Gebräuchen, ihrer Sprache, Tracht und
-in der Art ihrer Wohnstätten zum Ausdruck. So ist beispielsweise
-der Marschfriese von breitschultriger, nicht über das Mittelmaß der
-Höhe hinausgehender Gestalt, stark, mit breiten Händen und feinem,
-schlichtem hellfarbigen Haar, hellblauen oder grauen Augen, weißer
-Gesichtsfarbe und rundlichem Antlitz, meist ohne scharf ausgeprägte
-Züge. Sein Charakter ist ernst, zuweilen sogar finster, er wird nicht
-leicht fröhlich, wenn er aber lustig wird, so hat seine Heiterkeit
-leicht etwas Gewaltsames. Das Sprichwort: „~Frisia non cantat~“ ist ja
-bekannt. Schwer geht der Friese aus sich heraus, zeigt aber großen Hang
-zum Aufwand und zur Pracht, ist von peinlicher Sauberkeit und stolz
-auf seinen von seinen Vätern dem Meere abgerungenen Besitz. Dagegen
-ist der Sachse schmächtiger und hagerer gebaut, hat lange Beine und
-einen kurzen Oberkörper, ein schmales Gesicht und ausgeprägte Züge.
-Bewunderungswürdig ist die Heimatsliebe der Friesen. Wie weit sie auch
-in der Welt herumkamen, wie groß auch der Wohlstand war, zu dem sie es
-dort gebracht hatten, Länder und Städte draußen hatten keinen Reiz für
-sie, immer und immer wieder zog sie ihre meerumspülte Heimat an. Hier
-war es am schönsten und besten; nach langem Umherfahren auf den Meeren
-dieser Erde hier ausruhen und in Frieden sterben zu dürfen, das war ihr
-Wunsch vor Zeiten, das ist auch heute noch die Sehnsucht, die jeder
-Nordseefriese in den geheimen Falten seines Herzens birgt. Das mag
-wohl, so hat schon vor anderthalbhundert Jahren der Halligmann Lorenz
-Lorenzen gesagt, darin seinen Grund haben, weil sie auf der ganzen Welt
-keinen besseren Fleck finden konnten, als ihr Heim, wo sie geboren und
-erzogen waren!
-
-[Illustration: Abb. 48. ¯Uhlenhorst, mit Fährhaus.¯
-
-(Nach einer Photographie im Verlag von Conrad Döring in Hamburg.)]
-
-Dem Friesen wird eine hervorragende Begabung für die Mathematik
-nachgerühmt, ein Umstand, der übrigens wohl auch für den Niedersachsen
-volle Geltung hat. Eine Reihe großer Männer in Litteratur und
-Wissenschaft sind dem deutschen Volke in den Ländern an der Nordsee
-erwachsen. In Heide in Norderdithmarschen kam der Sänger des Quickborn,
-Klaus Groth, zur Welt, Wesselburen darf sich rühmen, der Geburtsort
-eines der Größten unter unseren Großen im Reiche der Geister, Friedrich
-Hebbels, zu sein, in Husum, der grauen Stadt am Meer, hat Theodor
-Storm die Sonne zum erstenmal gegrüßt. Zu Rechtenfleth in Osterstade
-weilt noch heute Hermann Allmers, der Friesendichter, und Garding
-in Eiderstedt hat den weltbekannten Historiker Theodor Mommsen zum
-Landsmann. In Jever in Ostfriesland sind der Geschichtsschreiber
-Schlosser und der Chemiker Mitscherlich geboren. Die schaffende
-Tonkunst hat an den deutschen Nordseegestaden weniger ihr Heim
-gefunden, doch hat auch sie unter den hier zur Welt gekommenen Männern
-einen hoch bedeutenden Namen zu verzeichnen, denjenigen von Johannes
-Brahms, der zwar von Geburt Hamburger, aber, wenn wir nicht irren,
-von dithmarsischer Abkunft ist. Dagegen ist unser Areal unter den
-ausübenden Tonkünstlern recht gut vertreten. Für die plastischen
-Künste ist von jeher viel Sinn an unseren Nordseeküsten gewesen; die
-wundervoll geschnitzten Schränke und Truhen, die man allenthalben
-in wohlhabenderen Häusern noch finden kann, der berühmte Swynsche
-Pesel aus Lehe, jetzt in Meldorf, und des großen Bildschnitzers
-Hans Brüggemann Werke, so das Altarblatt im Schleswiger Dom, legen
-beredtes Zeugnis dafür ab. Prächtige Schilderungen von den Halligen
-und aus dem Volksleben der Friesen, die wir dem Pinsel der noch jetzt
-wirkenden Meister Alberts und Jessen verdanken, haben weit und breit
-die verdiente Anerkennung gefunden, und die Worpsweder Schule durfte
-in der Darstellung ihrer stimmungsvollen Bilder aus dem Moor nicht
-minder große Erfolge verzeichnen. Die Städte und Ortschaften an der
-Westküste Schleswig-Holsteins haben leider mit der Zeit so manche
-Gebäude, die ihrer Architektur einen bestimmten Stempel aufgedrückt
-hatten, verloren. Doch wird dem Auge des aufmerksamen Beschauers auch
-in Husum oder Tondern noch vielerlei Schönes und Beachtenswertes
-auffallen. Durch den großen Brand von 1842 erhielt Hamburg eine
-veränderte Physiognomie, und ein großer Teil der alten Stadt fiel den
-Flammen zum Raub. Andere alte, wenn auch vom Standpunkte der Baukunst
-nicht besonders in Betracht fallende Stadtviertel mußten den neuen
-Hafenanlagen weichen, und so ist denn heute Deutschlands reichste
-und größte Handelsstadt durchweg eines besonderen architektonischen
-Charakters bar. Hinwiederum bietet Bremens Altstadt desto mehr, und
-da und dort in den Städten links der Elbe und in Ostfriesland sind
-noch manche Bauten erhalten geblieben, die an vergangene Pracht und
-Herrlichkeit erinnern und wohlthuend von dem modernen Kasernenstil
-abstechen, der sich auch hier, wie anderswo, breit zu machen anfängt.
-
-[Illustration: Abb. 49. ¯Außenalster und Binnenalster.¯]
-
-[Illustration: Abb. 50. ¯Hamburger Hafen. Abendstimmung.¯
-
-(Nach einer Photographie von W. Dreesen in Flensburg.)]
-
-[Sidenote: Bauart der Häuser.]
-
-Auf dem Lande dagegen und in den kleineren Ortschaften tragen die
-Wohnstätten auch heute noch ihr eigentümliches Gepräge. Da treffen
-wir in den von den Sachsen eingenommenen Gebieten auf die sächsische
-Bauart der Häuser. Lange, schornsteinlose Gebäude, deren Ende der
-Straße zugekehrt liegt, und die am Giebelende eine Einfahrt haben,
-charakterisieren dieselbe. Wenn wir das Haus durch die letztere
-betreten, kommen wir auf die Diele, die auch als Tenne dienen muß;
-rechts und links davon befinden sich die Ställe, in denen das Vieh
-mit seinen Köpfen nach innen zugekehrt steht. Der Einfahrt gegenüber
-erblicken wir den oben gewölbten, schornsteinlosen Herd, dessen Rauch
-unter der Decke hinzieht und zum Einräuchern von Speckseiten, Würsten
-etc. benützt wird. Dahinter, am anderen Ende des Hauses, sind die Wohn-
-und Schlafräume der Familie. Zuweilen, so in Dithmarschen, tritt am
-oberen Ende der Diele noch ein großer Raum, der Pesel, hinzu. Hölzerne
-Pferdeköpfe am Ende der First schmücken meist noch das Haus.
-
-[Illustration: Abb. 51. ¯Hamburger Segelschiffhafen.¯]
-
-Der Hauberg, Heuberg oder kurzweg „Berg“ ist friesischen Ursprungs.
-Sein Name will so viel besagen als Bergeplatz des Heus. Hauberge kannte
-man schon im Mittelalter in den Niederlanden, und gegen Ende des
-sechzehnten Jahrhunderts tauchten sie bereits in der Gegend zwischen
-Ems und Weser und in Dithmarschen auf. Von hier aus breitete sich
-diese Bauart über Eiderstedt aus, wo dieselbe vor einem Menschenalter
-noch die herrschende war, und ging sogar auch noch weiter nach Norden
-bis in die Umgegend von Tondern. Das charakteristischste Merkmal am
-Hauberg ist der von vier bis sechs hohen Pfosten getragene Vierkant,
-westlich von der Elbe Gulf genannt, ein Raum von sechs bis acht
-Metern im Quadrat, bei den älteren Gebäuden hoch wie eine Kirche.
-Selbst an sonnenhellen Sommertagen ist er düster, da Licht nur durch
-ein einziges Loch im First einfällt, das zuweilen 50 Fuß über dem
-Fußboden angebracht ist. Der gewaltige Dachraum wird zum Unterbringen
-des Heues oder auch als Kornmagazin benutzt. Um den Vierkant liegen,
-wie die Seitenschiffe einer Kirche um das Hauptschiff, vier weitere
-langgestreckte Räume, deren vorderster, meist nach Süden gekehrt, die
-Wohnung des Besitzers und seiner Familie birgt. Auch hier trägt die
-größte Stube den Namen Pesel. Gegen Osten und Norden befinden sich
-die Ställe, gegen Westen die Tenne. Zumeist ist der Hauberg auf einer
-Werft erbaut, die wiederum von einem fünf bis acht Meter breiten Graben
-umgeben ist und in vergangenen Zeiten durch eine Zugbrücke mit der
-Umgebung verbunden war, die in der Gegenwart durch feste Stege ersetzt
-wird.
-
-Die anglisch-dänische Bauart, die wir im Norden finden, ist wiederum
-anderer Gestalt. Hier stellen die Gebäude eines Hofes ein Viereck
-dar, das den Hofplatz einschließt. Eine Seite des Vierecks bildet das
-mit einem ebenfalls als Pesel bezeichneten Raume versehene Wohnhaus,
-welches Schornsteine besitzt, und von dem Stall, Scheune und andere
-Nebengebäude streng gesondert sind. Das Vieh steht in den Ställen mit
-den Köpfen der Außenwand zugekehrt.
-
-Selbstverständlich kommen in den verschiedenen Landstrichen wiederum
-mancherlei Abweichungen in der Bauart der Häuser vor, und in der
-neueren Zeit gar verwischt sich da und dort der landesübliche Stil,
-und Wohnungen moderner Art treten an seine Stelle. Das alte Strohdach
-verschwindet mehr und mehr, mit Schiefer oder Dachpfannen gedeckte
-Dächer kommen dafür auf, und die von den Ureltern herstammenden
-Schränke, Truhen und andere Haushaltungsgeräte kunstvoller Art werden
-verschachert und müssen modernen Möbeln und neumodischem Tand weichen.
-
-Ebenso ist es mit den Trachten, die nur noch bei besonderen
-Gelegenheiten getragen werden oder auch überhaupt gar nicht mehr. Hier
-ebenfalls hat die städtische Kleidung das Alte und Schöne fast schon
-ganz ersetzt, und die Zeit ist vielleicht nicht mehr allzu ferne, in
-der auch der letzte Rest davon von dem Moloch Mode verschlungen sein
-wird. Und so geschieht es noch mit vielen anderen Dingen, auf die wir
-wegen Mangels an Raum nicht mehr näher eingehen können.
-
-[Illustration: Abb. 52. ¯Hamburger Hafen und Werft von Blohm & Voß.¯]
-
-[Sidenote: Sprache und Charakter der Bevölkerung.]
-
-Was die Sprache anbetrifft, so hat das Plattdeutsche die friesische
-Mundart heutzutage fast vollständig verdrängt. Friesisch wird
-heute nur noch im oldenburgischen Saterlande, auf den ost- und den
-nordfriesischen Inseln gesprochen und ist aber auch hier im Aussterben
-begriffen. In konfessioneller Beziehung gehören die Bewohner unserer
-deutschen Nordseeküste fast durchgängig dem protestantischen Glauben an.
-
-„Marsch, Geest und Moor,“ so sagt Hermann Allmers einmal in seinem
-Marschenbuch, „vergegenwärtigen uns gewissermaßen die menschlichen
-Temperamente. Die Marsch repräsentiert, auf den ersten Blick erkennbar,
-das Phlegmatische. Die leichte Geest dagegen ist durch und durch
-sanguinisch. Hier ist alles Wechsel, bald ernst, bald heiter, bald
-dürr, bald fruchtbar, bald Thal, bald Hügel, hier dämmeriger Wald,
-dort schattenlose Sandwüste; hier grünender Wiesengrund und wallende
-Kornfelder, dort steiniges unfruchtbares Heideland; hier rauschende
-Mühlenbäche, dort stille, rohrumflüsterte Teiche -- alles in schroffen
-Gegensätzen, wie der Ausdruck eines sanguinischen Gemüts. Wie das
-Geestvieh leichter und lebhafter ist, als das Vieh der Marsch, so oft
-auch der Menschenschlag. Im Moor endlich findet die tiefste Melancholie
-ihren Ausdruck, welche der köstlichste Frühlingsmorgen und der
-sonnigblaueste Sommertag nicht ganz verscheuchen können, der aber bei
-trübem, wolkigem Himmel, im Spätherbst und zur Winterszeit wahrhaft
-grauenerregend auf die Seele zu wirken vermag.“
-
-[Illustration: Abb. 53. ¯Sandthorkai und Freihafenlagerhäuser.¯ (Nach
-einer Photographie im Verlag von Conrad Döring in Hamburg.)]
-
-
-
-
-~VI.~
-
-Geschichtliches.
-
-
-Es leuchtet ein, daß ein von so verschiedenartigen Volksstämmen
-bewohntes und im Laufe der Jahrhunderte so vielen verschiedenen
-Herren unterthan gewesenes Areal wie das Land, welches die deutsche
-Nordseeküste umsäumt, auch eine höchst wechselvolle Geschichte hat.
-Nun ist es nicht unseres Amtes, eingehendere Ausführungen darüber zu
-machen, ganz abgesehen vom Mangel an Platz dafür, so daß wir uns hier
-auf einige allgemeine Bemerkungen über dieses Thema zu beschränken
-haben werden.
-
-[Illustration: Abb. 54. ¯Fleet zwischen Deichstraße und Cremon.¯
-
-(Nach einer Photographie im Verlag von Conrad Döring in Hamburg.)]
-
-[Sidenote: Älteste Völkerverschiebungen. Kämpfe mit den Dänen.]
-
-Die cimbrische Halbinsel hat schon im grauen Altertum mannigfache
-Schicksale über sich ergehen lassen müssen. Der eherne Tritt der
-römischen Legionen wird wohl ihren Boden kaum berührt haben, wenn
-ihre Adler auch an den Mündungen des Elbstroms aufgepflanzt gewesen
-sein dürften. Um so mehr Unruhe hat aber die Zeit der Völkerwanderung
-in das schleswig-holsteinische Land getragen. Von hier aus wanderten
-die Cimbern und Teutonen in den sonnigeren Süden, von hier aus zogen
-Hengist und Horsa mit ihren Mannen nach Britannien hinüber. Als es
-in der germanischen Welt wieder etwas ruhiger geworden war und die
-einzelnen Volksstämme dauernd seßhaft wurden, da kamen von Norden und
-von Osten her andere Eindringlinge ins Land. Hier Slaven, dort Dänen.
-Erstere berührten freilich die Gegenden an der Nordsee kaum, dagegen
-hat es bis in die Gegenwart hinein von seiten der dänischen Nachbarn
-nicht an stetig erneuten und nie erlahmenden Versuchen gefehlt, sich
-des meerumschlungenen Landes zu bemächtigen. Und diese Umstände sind
-nicht zum geringsten Teil maßgebend geworden für die ferneren Geschicke
-der Herzogtümer. Am Maria-Magdalenentage 1227 schlug der Holsteiner
-Graf Adolph ~IV.~ den Dänenkönig Waldemar ~II.~ aus dem Felde, und bei
-Oldenswort und Mildenburg mußte König Abel der friesischen Streitmacht,
-die er zu unterjochen gedachte, durch eilige Flucht weichen.
-Jahrhunderte hindurch folgte dann noch Fehde auf Fehde bis in die
-neuere Zeit hinein. Die Bauernrepublik der Dithmarschen war den Holsten
-und den Dänen schon lange ein Dorn im Auge, und mit vereinten Kräften
-zogen sie los, um den kleinen Staat zu vernichten. Der aber war auf der
-Hut, und beim Dusenddüvels-Warf bei Hemmingstedt in Dithmarschen kam
-es am 17. Februar 1500 zur blutigen Schlacht. Zwar blieben die Bauern
-dieses Mal noch Sieger, aber die Stunde, welche ihrer Unabhängigkeit
-ein Ende machen sollte, war nicht mehr fern, und im Entscheidungskampf
-bei Heide wurde ihnen durch Heinrich Rantzau ihre Selbständigkeit für
-immer genommen.
-
-[Illustration: Abb. 55. ¯Fleet bei der Reimersbrücke, mit
-Katharinenkirche.¯ (Nach einer Photographie im Verlag von Conrad Döring
-in Hamburg.)]
-
-[Sidenote: Schleswig-Holstein bis zur Neuzeit.]
-
-Von den Schreckensjahren des großen Religionskrieges ist
-Schleswig-Holstein schwer heimgesucht worden. Als Kreisoberster von
-Niedersachsen rückte bekanntlich Christian ~IV.~ von Dänemark, Herzog
-von Schleswig-Holstein, ins Feld und zog sich nach dem verhängnisvollen
-Tage bei Lutter am Barenberge in seine Stammlande zurück. Tilly und der
-Friedländer folgten ihm eilends nach, und so wurde Schleswig-Holstein
-ein großes Schlachtfeld. Dann kamen nach dem Frieden zu Lübeck die
-Zeiten des dänisch-schwedischen und hierauf die Tage des großen
-nordischen Krieges; Steenbock verheerte das Land. Mit Anbeginn des
-Jahrhunderts sahen die Herzogtümer wiederum fremde Söldnerscharen
-innerhalb ihrer Grenzen. Das Jahr 1848 brachte die erste Erhebung,
-und die Totenglocken Friedrichs ~VII.~ am 15. November 1863 waren
-zugleich das Grabgeläut für die dänische Herrschaft im Lande. Am
-Morgen des 18. April 1864 hat der Danebrog zum letztenmal auf dem
-schleswig-holsteinischen Festlande geweht, am 29. Juni des gleichen
-Jahres wurde auch Alsen, die letzte Insel des Landes, über der er noch
-flatterte, frei vom dänischen Joch.
-
-Einige der wichtigsten Begebenheiten in der Geschichte der beiden
-Hansastädte Hamburg und Bremen werden wir bei der Besprechung und
-Schilderung dieser letzteren selbst bringen.
-
-[Illustration: Abb. 56. ¯Winserbaum in Hamburg.¯]
-
-[Sidenote: Geschichte des Gebietes westlich der Elbe.]
-
-Mancherlei Ähnlichkeiten mit der Geschichte der Herzogtümer
-Schleswig-Holsteins hat diejenige der Herzogtümer Bremen und
-Verden. Hier waren es die Bischöfe, die fast in ständiger Fehde
-mit den Bewohnern der Marschlande links der Elbe lagen. Die Macht
-der Kirchenfürsten verfiel aber immer mehr und mehr im fünfzehnten
-Jahrhundert, und das sechzehnte Säculum brachte die Reformation, die
-1521 bereits in Hadeln, 1522 durch Heinrich von Zütphen in Bremen
-eingeführt wurde. Erzbischof Christoph von Verden wollte zwar ihrer
-Verbreitung mit allen Mitteln Einhalt thun, doch hinderten ihn seine
-langen Kämpfe mit den Wurstern daran, dies mit Erfolg zur Ausführung
-zu bringen. 1567 trat Eberhard von Holle, Bischof von Verden, zum
-evangelischen Glauben über, kurz darauf that Erzbischof Heinrich ~III.~
-von Bremen ebenso. Von nun ab folgte die fast hundertjährige Periode
-der protestantischen Bischöfe, und nur kurze Zeit über wurde gemäß dem
-Restitutionsedikt der katholische Gottesdienst in Verden und Stade
-wiederhergestellt. Der Westfälische Friede verwies die Herzogtümer
-an Schweden, unter dessen Scepter sie bis 1719 blieben. Hierauf nahm
-Hannover Besitz davon, wie denn auch das Land Hadeln um 1773 nach
-Aussterben der Herzöge von Lauenburg an diese Regierung kam. Während
-der Napoleonischen Herrschaft zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts
-wurden bekanntlich alle deutschen Küstenländer an der Nordsee dem
-französischen Kaiserstaate einverleibt. 1811 wurden dieselben mit dem
-Königreich Westfalen, später abermals mit Frankreich vereinigt. Nach
-dem Sturze des korsischen Eroberers fielen diese Lande wieder ihren
-rechtmäßigen Fürsten zu und blieben unter deren Scepter, bis 1866
-Hannover eine preußische Provinz geworden ist.
-
-Der in der Geschichte berühmt gewordenen Kämpfe der Stedinger gegen die
-Erzbischöfe von Bremen im dreizehnten Jahrhundert mag hier ebenfalls
-mit einigen Worten Erwähnung gethan werden. Letztere veranstalteten
-förmliche Kreuzzüge gegen die Stedinger, die zuvor als Ketzer erklärt
-und vom Papst in den Bann, vom Kaiser in die Reichsacht gethan worden
-waren. Erst war der Erfolg auf seiten der braven Bauern; mehrfach
-schlugen sie den gegen sie aufgebotenen Heerbann zurück, mußten aber
-am 27. Mai 1234 bei Altenesch unterliegen, und damit war auch ihr
-Schicksal besiegelt. Ein im Jahre 1834 errichteter Obelisk erinnert
-heute noch an diesen Kampf, in dem die tapferen Stedinger für Freiheit
-und Glauben gefallen sind.
-
-[Illustration: Abb. 57. ¯Steckelhörn in Hamburg.¯
-
-(Nach einer Photographie im Verlag von Conrad Döring in Hamburg.)]
-
-Unter den Vasallen Heinrichs des Löwen werden bereits Oldenburger
-Grafen genannt. Nach deren Aussterben gegen die Mitte des siebzehnten
-Jahrhunderts fiel ihr Land in den Besitz der dänischen Könige
-und der Herzöge von Schleswig-Holstein-Gottorp. Als Herzogtum
-Holstein-Oldenburg erscheint es im Jahre 1777 zuerst, Friedrich August
-von Holstein-Gottorp, Bischof von Lübeck, eröffnet die Reihe seiner
-selbständigen Fürsten. Zu Beginn des Jahrhunderts war Oldenburg
-französisches Land, 1813 wurde das Herzogtum aber wiederhergestellt,
-und 1829 nahm Paul Friedrich August den Titel eines Großherzogs an.
-
-Ostfriesland, das sogenannte Emder Land, war ehemals eine unabhängige
-Grafschaft, die seit dem Jahre 1454 unter der Regierung des Cirksena
-stand. Seine Herrscher erhielten 1654 den Rang von Reichsfürsten. 1744
-starb der letzte Cirksena, der Fürst Carl Edzard, und nach dessen Tode
-nahm Friedrich der Große das Land für Preußen in Besitz. 1807 kam aber
-Ostfriesland an Holland, wurde dann auf kurze Zeit wieder preußisch,
-hierauf nochmals an Hannover abgetreten, bis es 1866 wieder unter
-Preußens Oberhoheit kam. Heute bildet Ostfriesland den Regierungsbezirk
-Aurich.
-
-[Illustration: Abb. 58. ¯Hamburg, von Steinwärder gesehen.¯
-
-(Nach einer Photographie im Verlag von Conrad Döring in Hamburg.)]
-
-
-
-
-~VII.~
-
-Von Husum nach Tondern und an die Grenze Jütlands.
-
-
- Am grauen Strand, am grauen Meer
- und seitab liegt die Stadt;
- Der Nebel drückt die Dächer schwer,
- und durch die Stille braust das Meer
- Eintönig um die Stadt.
-
- Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
- Kein Vogel ohn’ Unterlaß;
- Die Wandergans mit hartem Schrei
- Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,
- Am Strande weht das Gras.
-
- Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
- Du graue Stadt am Meer;
- Der Jugendzauber für und für
- Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
- Du graue Stadt am Meer.
-
-[Sidenote: Husum.]
-
-So hat ein großer Sohn Husums, so hat der am 14. September 1817 hier
-geborene Dichter von Immensee und vom Schimmelreiter seine Vaterstadt
-mit wenigen Strichen gekennzeichnet. In einer seiner Novellen entwirft
-Theodor Storm allerdings ein etwas heitereres und sonnigeres Bild von
-der grauen Stadt am Meer. „Es ist nur ein schmuckloses Städtchen, meine
-Vaterstadt; sie liegt in einer baumlosen Küstenebene und ihre Häuser
-sind alt und finster. Dennoch habe ich sie immer für einen angenehmen
-Ort gehalten, und zwei den Menschen heilige Vögel scheinen diese
-Meinung zu teilen. Bei hoher Sommerluft schweben fortwährend Störche
-über der Stadt, die ihre Nester unten auf den Dächern haben; und wenn
-im April die ersten Lüfte aus dem Süden wehen, so bringen sie gewiß die
-Schwalben mit, und ein Nachbar sagt’s dem anderen, daß sie da sind.“
-Ein schmuckloses Städtchen am Rande von Geest und Marsch! Je nun, aber
-mit Einschränkungen! Denn es hat etwas an sich, was manchen anderen
-Städten und Städtlein Schleswig-Holsteins fehlt: es heimelt einen
-an, um einen süddeutschen Ausdruck für dieses Gefühl zu gebrauchen.
-Und dann birgt das kleine Husum doch noch einige Erinnerungen an die
-alte Zeit seines nunmehr verblichenen Glanzes in seinen Mauern, an
-die dahingeschwundenen Tage, da „die vor Kurtzem so florisante Stadt“
-noch nicht in „Decadence“ geraten war, wie in seinem ~Theatrum Daniae~
-Erich Pontoppidan berichtet. Da stehen noch etliche schöne alte Häuser,
-deren Zahl freilich mit jedem Jahr geringer wird, und dann das Schloß,
-welches Herzog Adolph ~I.~ von 1577–1582 an der Stelle eines alten
-Franziskanerklosters errichten ließ, „mit großen Kosten und dessen
-verwittibten Hertzoginnen des Gottorfischen Hauses zur Residentz
-gewidmet“.
-
-Durch die Größe und Schönheit ihrer Hallen und den reichen Schmuck
-ihres Inneren erfreute sich die gotische Marienkirche in verflossenen
-Jahrhunderten eines großen Ruhmes. Im Jahre 1474 erbaut, um 1500
-vergrößert, wurde sie, angeblich wegen Baufälligkeit, zu Beginn des
-neunzehnten Säculums abgebrochen. Damals machte im Volksmund der
-Spottvers die Runde:
-
- De Tönninger Tom is hoch und spitz;
- De Husumer Herrn hemm Verstand in de Mütz!
-
-1829 wurde die Kirche durch ein Gotteshaus ersetzt, dem man besonders
-Schmeichelhaftes leider nicht nachsagen kann. Die schönste Zierde der
-Marienkirche war das vom großen Bildschnitzer Hans Brüggemann, der ein
-Sohn Husums gewesen sein soll, gefertigte Sakramentshäuschen, welches
-leider verschwunden ist. Vor hundert Jahren soll es noch in irgend
-einem Winkel des Städtchens in sehr verdorbenem Zustand herumgestanden
-sein.
-
-[Illustration: Abb. 59. ¯Schnelldampfer „Auguste Victoria“.¯
-
-(Nach einer Photographie im Verlag von Conrad Döring in Hamburg.)]
-
-Ja, Husum hat bessere Tage gesehen, und wenn es auch heute noch
-der bedeutendste Ort an Schleswigs Westküste ist, weithin bekannt
-durch seine großen Viehmärkte und die bedeutende Ausfuhr von Rindern
-und Schafen -- der jährliche Geldumsatz auf dem Viehmarkt dürfte
-gegenwärtig 28–30 Millionen Mark betragen --, so will das doch nichts
-sagen gegen die hohe Blüte, in welcher die Stadt im sechzehnten und
-bis ins siebzehnte Jahrhundert hinein gestanden hat. Heinrich Rantzau
-schreibt im Jahre 1597 von Husum: „Eine reiche und ansehnliche und
-mit Flensburg wetteifernde Stadt, mit berühmtem Seehafen und Handel
-aus Schottland, England, Holland, Seeland durch viele eigene Schiffe,
-in kurzer Zeit zu hohem Wohlstand erwachsen. Ihr Aussehen zeugt
-von erstaunlichem Reichtum; darin und auch an Größe übertrifft sie
-eigentlich alle Städte des Herzogtums.“
-
-[Illustration: Abb. 60. ¯Deutsche Seewarte.¯
-
-(Nach einer Photographie von Strumper & Co. in Hamburg.)]
-
-Im siebzehnten Jahrhundert haben auch „die zwei vortrefflich gelahrte
-Männer“ Caspar Dankwerth und Johannes Meyer hier gelebt, der erstere
-als Bürgermeister und als „Geographus, der das große und rühmenswürdige
-Werk: Landes-Beschreibung der beyden Herzogthümer Schleswig und
-Holstein genannt, abgefaßt, der zweyte aber als Mathematicus, der die
-dabey befindliche viele Speciale Land Karten und Grund Risse der Städte
-verfertiget“.
-
-Eine Aue fließt an der Stadt vorbei und mündet in den Hever. Trotz des
-zur Ebbezeit fast wasserleer daliegenden Hafens, der nur von Fahrzeugen
-mit geringem Tiefgang benützt werden kann, ist die Schiffahrt, welche
-Husum auf dem Wattenmeere mit Nordstrand, Pellworm und den Halligen
-unterhält, durchaus nicht unbedeutend.
-
-[Sidenote: Der Geestrücken nördlich von Husum.]
-
-Wenn wir uns von Husum nordwärts begeben, sehen wir vor uns einen
-breiten Geestrücken, den Schobüller Berg. Ein Spaziergang auf denselben
-lohnt sowohl in landschaftlicher, als auch in naturwissenschaftlicher
-Hinsicht aufs beste. Es ist ein ganz eigenartiges Bild, das sich auf
-diesem Wege vor uns aufrollt. Langsam steigt die sandige Straße an, und
-bald tritt zur Rechten der hohe Kirchturm von Hattstedt hervor, dessen
-Einwohner viele Jahre hindurch so sehr von den großen Deichlasten
-bedrückt wurden, daß das Sprichwort entstand:
-
- Hatten de Hattstedter nich de böse Diek,
- Se kehmen nümmer int Himmelriek.
-
-[Sidenote: Geestufer von Schobüll.]
-
-Zur Linken aber blicken wir erst auf den grünbewachsenen Außendeich,
-dessen gerade Linie bis zu dem an die See vorgeschobenen Schobüller
-Geestrücken reicht. Hier verläuft er dann in diesem Vorsprung. Ueber
-dem hohen Schutzwall aber erscheint eine graue einförmige, kaum bewegte
-Fläche, auf der die verschiedensten Lichter spielen, das Wattenmeer.
-Fern am Horizont hebt sich, wie über dem Wasser schwebend, ein Streifen
-Landes heraus: klar sind darauf eine Windmühle und die Dächer einiger
-Häuser zu erkennen. Es ist die Insel Nordstrand. Je mehr wir ansteigen,
-um so größer wird auch der Raum, den unser Gesichtskreis umspannt,
-und wenn wir etwa an der kleinen Schobüller Ziegelei angelangt sind,
-so dünkt uns derselbe grenzenlos. Dunklere Punkte, kleine Eilande im
-Westen und Nordwesten gewähren dem Auge einige Ruhepunkte. Je nach der
-Beleuchtung tritt ihr Umriß bald nur ganz licht, wie Luftspiegelung
-hervor, bald aber so scharf und klar gezeichnet, daß wir die Häuser
-auf ihren Werften ganz deutlich zu erkennen vermögen. Das sind die
-Halligen. An regentrüben Sommertagen jedoch, wenn Flut und Land am
-Horizont miteinander verschwimmen und die See regungslos daliegt,
-
- Dann steht an unserm grauen Strande
- Das Wunder aus dem Morgenlande,
- Morgane, die berufne Fee ...
- Doch hebt sich nicht, wie dort im Süden
- Auf rosigen Karyatiden
- Ein Wundermärchenschloß ins Blau;
- Nur eines Hauberg graues Bildnis
- Schwimmt einsam in der Nebelwildnis,
- Und keinen lockt der Hexenbau.
-
-[Illustration: Abb. 61. ¯Michaeliskirche in Hamburg.¯
-
-(Nach einer Photographie im Verlag von Conrad Döring in Hamburg.)]
-
-Der Eindruck, den solche Anblicke bei ihren Beschauern hinterlassen,
-ist ein unbeschreiblich großartiger, zumal wenn man das Glück hat,
-dieses einzig in seiner Art dastehende Landschaftsbild bei wechselnden
-Farben genießen zu können. Für denjenigen aber, der sich auch für
-geologische Dinge interessiert, bietet dieser Geestvorsprung noch eine
-ganz besondere Überraschung. Die schon weiter oben erwähnte kleine
-Ziegelei ist nämlich auf anstehendem Gestein erbaut, das sich an der
-Oberfläche als eine rötliche, zuweilen von helleren Adern durchzogene
-thonige Masse darstellt, nach der Tiefe zu jedoch steinhart wird und
-zweifelsohne ein Analogon des thonigen Gesteines ist, von welchem die
-Basis der roten Felsen Helgolands zusammengesetzt wird. Aber nicht nur
-dieser am Strande des Wattenmeeres anstehende Zechsteinletten ist von
-großer Merkwürdigkeit, sondern auch das Vorkommen der gequetschten und
-wiederverkitteten Kalksteingeschiebe, die sich an der oberen Grenze des
-roten Thones mit dem darüber liegenden diluvialen Moränenmergel finden
-und besondere Curiosa im Gebiete der norddeutschen Diluvialablagerungen
-sind.
-
-[Sidenote: Die Küstenlandschaft von Bredstedt bis Niebüll.]
-
-Von Wobbenbüll bis Hattstedt, wo der Deich nordwärts zu wieder seinen
-Anfang nimmt, bis hinauf nach Hoyer tritt die Geest nicht wieder an die
-Meeresküste heran. „In alter Zeit war hier ein sich stets veränderndes
-und für uns unentwirrbares Labyrinth von Halligen, Meeresarmen und
-Geestinseln. Hier finden sich auch die tief ins Land hineingehenden
-Auen, welche das Wasser der Geest in die unbedeichten und später auch
-in die bedeichten Niederungen gesandt haben, denn erst hart am Rande
-der Ostseebuchten liegt die Wasserscheide.“ Eindeichungen, die sich
-an die Geest anschlossen, oder auch solche, welche von den Inseln
-selbst ausgegangen sind, schufen die jetzige Küstenlinie. Eine,
-wenn auch nicht sehr starke Bevölkerung bewohnte schon vor dieser
-Landfestigung die Niederungen auf künstlich aufgeworfenen Wurthen. Die
-Nutzung der sich neu bildenden Landflächen fand aber von der Geest aus
-statt, deren Rand hier stark besiedelt ist. Hier befinden sich das
-stattliche Bredstedt mit dem nahebei belegenen Missionsort Breklum,
-Bordelum, Bargum, Stedesand, Leck und noch andere Flecken und Dörfer
-mehr. In der Marsch selbst treffen wir zuweilen auf einsam liegende
-Geestinseln, auf denen sich dann ebenfalls stattliche Ansiedelungen
-erheben. Lindholm, Riesum, Niebüll-Deezbüll mögen hier als Beispiele
-dafür angeführt werden. Die Marschen und deren erste Eindeichungen sind
-zweifelsohne schon sehr alt. Bereits im zwölften Jahrhundert beschreibt
-Saxo Grammaticus die Friesische Marsch als einen von niedrigen Wällen
-umgebenen gesegneten Boden, eine Bezeichnung, die sie heute noch in
-vollem Maße verdient. Steht doch der alte Christian-Albrechts-Koog
-bei Tondern im Rufe, das fruchtbarste Land im gesamten Marschgebiete
-zu sein! Bei der Eindeichung der rückliegenden Ländereien ist aber
-in früheren Zeiten bisweilen etwas zu rasch verfahren und unreifes
-Marschland mitgenommen worden. Der Gotteskoogsee ist ein warnendes
-Beispiel hierfür.
-
-[Illustration: Abb. 62. ¯Großer Burstah in Hamburg.¯
-
-(Nach einer Photographie im Verlag von Conrad Döring in Hamburg.)]
-
-[Sidenote: Die Horsbüllharde.]
-
-Der vorspringende Teil unserer Küstenlinie, welcher etwas südlich
-von Emmelsbüll beginnt und sich über Horsbüll und Klauxbüll bis etwas
-nördlich von Rodenäs hinzieht und heute noch den Namen der Horsbüll-
-oder Wiedingharde führt, war jahrhundertelang eine erst uneingedeichte,
-später aber nur ungenügend eingedeichte feste Marschinsel, die von
-der Geest zwischen Hoyer, Tondern u. s. f. durch niedrige Ländereien,
-große Wasserflächen und Meeresarme getrennt gewesen ist. Ihre Bewohner
-konnten die westlichen Grenzen des Eilands aber nicht gegen den Ansturm
-des Meeres behaupten, und die Deiche mußten mehrfach zurückverlegt
-werden, während viel Land verloren ging. So versanken die Kirchen
-von Wippenbüll und Alt-Feddersbüll; ebenso wurde am 1. Dezember 1615
-die Rickelsbüller Kirche im Norden der Harde, welche damals schon
-mit ihrem Kirchdorf im Haffdeich lag, in den Meeresfluten begraben.
-Die Särge sind dabei aus den Gräbern getrieben worden. Es hat in das
-siebzehnte Jahrhundert hinein gedauert, bis die Horsbüllharde mit dem
-schleswigschen Festlande verbunden war, nachdem mehrere Versuche immer
-und immer wieder gescheitert waren.
-
-[Illustration: Abb. 63. ¯Hopfenmarkt und Nikolaikirche in Hamburg.¯
-
-(Nach einer Photographie im Verlag von Conrad Döring in Hamburg.)]
-
-[Sidenote: Die Marsch bei Tondern.]
-
-Als weiteres Beispiel für die Verhältnisse dieser verwickelten
-Marschlandschaft mag hier noch die merkwürdige, inselartig aus den
-Marschalluvionen herausragende sandige, im Kerne moorige Fläche des
-Risummoor, auch Kornkoog genannt, erwähnt werden, an deren Rändern
-Deetzbüll und Lindholm belegen sind. Noch im Jahre 1624 war dies
-abgesonderte Ländchen so sehr Insel, daß eine schwedische Flottille an
-ihr landen konnte. ~Tempora mutantur!~ Heute ist Lindholm Station der
-Marschbahnstrecke Husum-Tondern.
-
-[Illustration: Abb. 64. ¯Lombardsbrücke in Hamburg.¯]
-
-[Sidenote: Die Marschbahn.]
-
-Es ist wirklich eine angenehme Sache, an einem schönen Sommertage auf
-dieser Eisenbahnlinie, welche das nordwestliche Schleswig so recht dem
-Verkehr erschlossen hat, dem Rücken der Geest entlang zu fahren. Da
-liegen gegen Westen die grünen Marschen vor uns ausgebreitet, flach und
-eben wie ein Teller und durchzogen von unzähligen Gräben und Sielen. Da
-und dort ein einsames Gehöft oder ein kleines Stück Deich, der wie ein
-Festungswall erscheint, am Horizont, sonst nichts als weites Grasland,
-darauf unzählige Rinderherden weiden. Bisweilen scheucht die keuchende
-Lokomotive auch ein paar Pferde auf, die sich hier gütlich thun
-dürfen; beängstigt von dem so ungewohnten Lärm in der sonst so stillen
-Landschaft galoppieren sie in wilder Hast davon. Phlegmatisch aber
-steht Freund Adebar dabei und beschaut sich in philosophischer Ruhe den
-dahinbrausenden Eisenbahnzug. Ihn stört das alles nicht; verächtlich
-blickt er auf die erschrocken dahinspringenden Vierfüßer herab, die
-noch nicht über die Grenzen ihrer Gemarkung gekommen sind, während er,
-der Weltreisende, der Globetrotter unter der Tierwelt unserer Zonen,
-doch schon so viel gesehen hat, und ebenso zu Hause ist in südlichen
-Geländen, wo der Nil träge dahinflutet und die Pyramiden gen Himmel
-ragen, als hier, in seiner Sommerheimat an den Gestaden des deutschen
-Meeres. Und ihre Sommerheimat ist es wirklich, dieses Marschland, das
-mit seinem Reichtum an Fröschen und anderem kleinen Getier den Störchen
-geradezu die allergünstigsten Lebensbedingungen bietet. Im weiten
-Umkreis ist fast kein Giebel zu schauen, der nicht wenigstens ein
-Storchennest trüge, und Meister Langbein gehört mindestens so gut zum
-vollen Landschaftsbild, wie sonst etwas darin: ja, er ist geradezu ein
-eigentümliches Merkmal desselben.
-
-[Illustration: Abb. 65. ¯Rathaus in Hamburg.¯
-
-(Nach einer Photographie von Conrad Döring in Hamburg.)]
-
-Dem Charakter des Landes und seiner Bevölkerung entsprechend, dem
-sie als Verkehrsmittel dient, geht es in gewöhnlichen Zeiten auf der
-Marschbahn nicht allzu lebhaft zu. Es wird eben alles, wenn auch
-pünktlich und genau, so doch mit einer gewissen Ruhe und Behäbigkeit
-besorgt. Eigentliche Schnellzüge befahren die Strecke im Winter nicht,
-denn die Bahn soll ja in erster Linie den lokalen Verhältnissen
-Rechnung tragen. Anders aber ist’s in den schönen Sommertagen, wenn in
-den Monaten Juli, August und September die Badezüge durch das weite
-grüne Feld dahinsausen und die erholungsbedürftige Menschheit aus der
-heißen Stickluft der großen Städte des Binnenlandes hinausführen zu
-dem stärkenden Odem der Nordsee. Dann ist die Physiognomie der Bahn
-eine gänzlich veränderte. Dann zieht das schnaubende Dampfroß nur
-vollbesetzte Wagen hinter sich her durch die saftigen Auen der Marsch,
-und erstaunt ob des ungewohnten Anblicks schaut der kleine Hirtenjunge
-da unten am Bahndamm dem mit Windesbraus an ihm vorbeirollenden und
-seinem Gesichtskreise alsbald wieder entschwindenden funkensprühenden
-Ungetüm nach, vielleicht zuweilen nicht ohne die leise Sehnsucht, es
-doch auch einmal so zu können und zurückgelehnt in die schwellenden
-Polster durch die Lande fliegen zu dürfen.
-
-[Sidenote: Dagebüll.]
-
-Und vollends gar, wenn die Zeit der Schulferien beginnt! In Niebüll
-reißt der Schaffner die Wagenthüren auf. „Niebüll,“ schreit er,
-„Wagenwechsel für die Reisenden nach Dagebüll und Wyk auf Föhr!“ Da
-stürzt es heraus aus den vollgepfropften Abteilen, ein erster Schwarm
-von Großen und Kleinen verläßt den Zug und stürmt die auf einem
-Nebengeleise schon bereitstehenden Vehikel der kleinen Bahnlinie nach
-Dagebüll. Von da geht’s auf das Schiff, das in einer kurzen Stunde das
-Wattenmeer durchquert und seine Passagiere wohlbehalten und von der
-bösen Seekrankheit unbehelligt im sicheren Hafen von Wyk landet.
-
-[Sidenote: Hoyerschleuse.]
-
-Von Niebüll nach Tondern ist es nur eine kurze Strecke. Hier verlassen
-auch wir den Zug, der nach kurzem Aufenthalt weiterrast nach Hoyer und
-zur Hoyerschleuse. Dort entleert er seine Wagen, deren Insassen die
-Insel Sylt zum Reiseziel genommen haben und von hier aus zuweilen noch
-tüchtig von den Wellen geschaukelt werden, bevor der Dampfer sie bei
-Munkmarsch wieder auf festen Boden gesetzt hat. Der Geburtsort Johann
-Georg Forchhammers und die Heimat des Propsten Balthasar Petersen ist
-es aber wohl wert, daß wir ihr einige wenige Stunden der Betrachtung
-schenken.
-
-[Illustration: Abb. 66. ¯Partie aus dem Hamburger Ratskeller.¯
-
-(Nach einer Photographie im Verlag von Conrad Döring in Hamburg.)]
-
-[Sidenote: Tondern.]
-
-Tondern ist eine kleine freundliche und saubere Stadt von etwa 3800
-Seelen, an der wasserreichen Widau auf einer äußerst geringfügigen
-Bodenerhebung gelegen. Dieser ungünstige Bauplatz ist vermutlich
-darum gewählt worden, um von der Schiffahrt Nutzen ziehen zu können,
-denn die Nähe der Stadt zur See war ehedem eine viel größere, als in
-der Gegenwart, und Tondern besaß zahlreiche Meeresfahrzeuge. Bis zum
-Jahre 1554 konnten selbst größere Schiffe noch ungehindert an Tondern
-herankommen, als aber von 1553 bis 1555 die sich von Hoyer bis Humptrup
-erstreckenden und vor der Tonderner Geest gelegenen Niederungen
-eingedeicht wurden, versperrte die von holländischen Baumeistern
-erbaute neue Schleuse bedeutenderen Schiffen den Weg. Später konnten
-selbst kleinere Fahrzeuge nicht mehr bis zur Stadt gelangen, als
-nach und nach neue Anschlickungen stattfanden und immer mehr Deiche
-entstanden. Seiner tiefen Lage wegen hat Tondern mehrfach unter den
-Sturmfluten zu leiden gehabt. Im Jahre 1532 stand das Wasser drei Ellen
-hoch in der Stadt, 1593 brach es abermals in die Häuser herein und that
-großen Schaden, nicht minder ~anno~ 1615. Am stärksten aber ist Tondern
-von der großen und denkwürdigen Oktoberflut 1634 heimgesucht worden.
-Auch die Pest war in verflossenen Tagen ein mehrfacher unheimlicher
-Gast in der Stadt. So besonders im sechzehnten und zu Beginn des
-siebzehnten Jahrhunderts. Vielleicht, so meint Hahn, hängen diese
-zahlreichen Pestepidemien mit der niedrigen Lage der Stadt zusammen.
-
-[Illustration: Abb. 67. ¯Rathausbrunnen in Hamburg.¯
-
-(Nach einer Photographie von Joh. Thiele in Hamburg.)]
-
-In Tondern befindet sich eins der Lehrerseminare der Provinz
-Schleswig-Holstein. Der schon erwähnte Propst Balthasar Petersen hat es
-gegen Ende des verflossenen Säculums gegründet. Dann hat, wie ebenfalls
-schon kurz angedeutet wurde, die Wiege eines großen Naturforschers
-des Landes, des im Jahre 1863 zu Kopenhagen verstorbenen Geologen
-Forchhammers hier gestanden. Er hat zu den bedeutendsten Männern seiner
-Zeit gehört und hat bis zum heutigen Tage in seinem engeren Heimatlande
-leider immer noch nicht die Anerkennung gefunden, die er eigentlich
-verdiente.
-
-Weder in landschaftlicher noch in künstlerischer Hinsicht besitzt
-Tondern viel Bemerkenswertes, es sei denn eine sehr schöne, alte
-Kirche, deren innere im Stil der Renaissance gehaltene Ausstattung alle
-anderen des Landes in ihrem jetzigen Zustand an Pracht übertrifft,
-sodann einige gotische Giebelhäuser, die zierlichen, in Hausteinarbeit
-ausgeführten Barock- und Rokokoportale, welche sich an verschiedenen
-Wohnhäusern finden, nicht zu vergessen. Es sind dies wahre Juwele in
-ihrer Art.
-
-In früheren Zeiten blühten in Tondern neben dem Handel besonders die
-Weberei und das Spitzenklöppeln. Das letztere Gewerbe soll schon gegen
-1639 von Dortmund aus eingeführt worden sein und gelangte sowohl für
-die Stadt selbst, als auch für ihre Umgebung zu hoher Bedeutung. Im
-Jahre 1780 waren an 1200 Frauen damit beschäftigt, und zu Anbeginn
-dieses Jahrhunderts sind noch 13 Spitzenfabriken vorhanden gewesen.
-Seit 1825 ist die Spitzenklöppelei sehr zurückgegangen, wird aber bis
-in die Gegenwart noch, wenn auch in kleinerem Umfange betrieben. Die
-Tonderner Spitzen sind bei der Frauenwelt des deutschen Nordens auch
-jetzt noch ein sehr geschätzter Gegenstand.
-
-[Illustration: Abb. 68. ¯Kriegerdenkmal in Hamburg.¯]
-
-[Sidenote: Der Strand von Jerpstedt bis zur dänischen Grenze.]
-
-Westlich von Tondern, an Mögeltondern und dem schon sehr alten,
-früheren bischöflichen Schlosse Schackenburg vorbei, führt uns die
-Bahn nach dem auf einem rings von Marschlanden umgebenen Geesthügel in
-der Nähe des Meeres erbauten Hoyer und von da in wenigen Minuten zur
-Hoyerschleuse, dem bereits genannten Hafenort für die Schiffahrt nach
-der Insel Sylt. Zieht man von hier aus am Strande nordwärts, so gelangt
-man über Emmerlef mit seinem hell ins Wattenmeer hinausschimmernden
-Kliff, einem kleinen Steilufer, über Jerpstedt nach Ballum, dem
-Ausgangspunkt für die Insel Röm. Über die Brede-Au hinüber führt der
-Weg nach Bröns, woselbst man die von Tondern über Bredebro, Döstrup
-und Scherrebek nach dem Norden führende Westbahn wieder erreicht. Dann
-folgen noch Reisby, das keine selbständige Bahnstation hat, und hierauf
-Hvidding. Hier ist dann die Nordgrenze des Reiches erreicht und wir
-betreten dänisches Gebiet. Der ganze Meeresstrand von Jerpstedt ab bis
-hinauf nach Jütland ist so flach, daß bei Hochfluten die Bahnlinie
-sogar schon überschwemmt und das Wasser bis nach Döstrup und Scherrebek
-hineingetrieben worden ist. Von diesen ebengenannten Ortschaften nimmt
-eigentlich nur das letztgenannte Kirchdorf unser besonderes Interesse
-in Anspruch, und zwar wegen der mannigfachen und segensreichen
-Bestrebungen seines geistlichen Hirten, des Herrn Pastor Jacobsen.
-Dieselben beruhen auf echt nationaler Basis und sind industrieller
-und socialer Natur, darunter ein Bankinstitut, eine Webeschule, mit
-ganz hervorragenden Leistungen, einen Arbeiterbauverein und andere die
-Volkswohlfahrt in hohem Maße befördernde Einrichtungen mehr.
-
-[Sidenote: Entwaldung.]
-
-Im Mittelalter soll fast ganz Nordschleswig vom Walde bedeckt gewesen
-sein, und von den Marschwiesen bei Farup nördlich von der jetzt
-dänischen Stadt Ripen erstreckte sich der Sage nach der Farriswald,
-über die ganze Halbinsel bis zum Kleinen Belt, acht Meilen lang und
-anderthalb Meilen breit. Im Osten sind diese Wälder noch vorhanden und
-ziehen sich bis Gramm, Rödding und Lintrup gegen Westen. Von hier ab
-fehlen aber mit nur wenigen und kümmerlichen Ausnahmen die Holzungen,
-weil man fortwährend Holz geschlagen, aber keine jungen Bäume zum
-Nachwuchs gepflanzt hat. Auch durch Heidebrand entstandene Waldbrände
-mögen Schuld daran tragen. Stellenweise legten die Bauern sogar selbst
-Feuer an, wie beispielsweise bei Scherrebek, um eine Räuberbande
-auszurotten, die sich im Holz verborgen hielt. Die Eiche war der
-wichtigste Baum; auf sumpfigem Boden jedoch hatten sich besonders
-die Erle und die Birke angesiedelt. In den Waldungen wimmelte es von
-allerhand Wild; Hirsche, Rehe und Wildschweine lebten dort in großer
-Zahl. Auch an Wölfen soll kein Mangel gewesen sein.
-
-Das Land im Westen ist heutzutage nackt und kahl, bei so magerem
-Boden, daß selbst das Heidekraut nur niedrig bleibt und das Getreide
-erbärmlich steht. Aber an Wasserläufen und Bächen, wo Binsen und
-Seerosen wachsen, wo dichtes mit Wachtelweizen untermengtes Gras grünt
-und das Vergißmeinnicht und die goldgelbe Butterblume wachsen, da hat
-es dennoch auch seine Reize.
-
-[Sidenote: Lügumkloster.]
-
-Schon im bewaldeten Teil des Mittelrückens Nordschleswigs, in
-lieblicher, holzreicher Umgebung befindet sich der Flecken
-Lügumkloster, von dem hier noch einige wenige Worte gesagt seien, bevor
-wir von dieser Gegend Abschied nehmen wollen. Seinen Namen hat der Ort
-von einem ehemaligen der heiligen Jungfrau gewidmeten Kloster, das um
-1173 Cisterciensermönche gegründet haben. In verflossenen Jahrhunderten
-erfreute es sich keines geringen Ruhmes in den cimbrischen Landen,
-und bei mancherlei Anlässen ist das Wort seiner 23 Äbte gar gewichtig
-in die Wagschale gefallen. Vier Bischöfe von Ripen, deren Hirtenstab
-Lügumkloster vor Zeiten untergestellt gewesen ist, liegen in der
-spätromanischen und im Übergangsstil aufgeführten schönen Klosterkirche
-begraben. Nach der Marienkirche in Hadersleben wird sie für das
-schönste Bauwerk Nordschleswigs gehalten. Der anmutige und freundliche
-Flecken ist durch eine von Bredebro abgehende Zweiglinie mit der
-Westbahn verbunden. Die vormals auch hier, wie in und bei Tondern
-eifrig betriebene Spitzenklöppelei, die früher vielen Wohlstand in die
-Gegend brachte, hat nunmehr fast ganz aufgehört.
-
-[Illustration: Abb. 69. ¯Der Jungfernstieg in Hamburg.¯]
-
-
-
-
-~VIII.~
-
-Die nordfriesischen Inseln.
-
-
-[Sidenote: Röm.]
-
-Röm, die nördlichste der nordfriesischen Inseln, ist ungefähr zwei
-deutsche Meilen lang und fünf Kilometer breit, von halbmondförmiger
-Gestalt, und durch das Lister Tief von Sylt getrennt. Letzteres ist
-eine der wenigen tiefen Wasserstraßen an der sonst so flachen deutschen
-Nordseeküste, und die einzige für große Schiffe zugängliche Einfahrt an
-diesem ganzen Areal. Die ungemein reißende Strömung verhindert auch im
-strengsten Winter das Zufrieren des Lister Tiefs, das sich als Römer
-Tief um die Südseite der Insel herum bis an deren Ostküste fortsetzt.
-
-[Illustration: Abb. 70. ¯Hamburger Volkstrachten.¯]
-
-Der größte Teil Röms ist von Dünen bedeckt, die am Westrande auch
-Ketten bilden, im Inneren der Insel aber meist als Einzeldünen
-auftreten und an vielen Stellen dicht bewachsen sind. „Am Ostrande
-der Dünen, aber teilweise tief in dieselben hineingedrängt liegen die
-dadurch vollkommen unregelmäßig verstreuten Häuser der Insulaner,
-welche durch aufgeschüttete, mit Tang und Marschschlick gedeckte,
-durch Dünenpflanzen gefestete, hohe Wälle sich und ihre kleinen
-Gärten schirmend, vor dem Flugsande sich gewehrt und teilweise seiner
-Verbreitung andere, als die natürlichen Formen gegeben haben“ (Meyn).
-Dazwischen finden sich mit üppigen Früchten, so besonders mit Gerste
-bestandene Ackerfelder.
-
-Kirkeby im Süden belegen, ist das Kirchdorf der Insel, welche sonst
-noch eine Anzahl von kleineren und größeren Gehöften als Juvre, Toftum,
-Bolilmark u. s. f. im Nordosten, Kongsmark im Osten u. s. f. trägt.
-Die Bewohner sind friesischer Abstammung, und deren männlichem Teil
-wird große Erfahrung und Tüchtigkeit im Seemannsberufe nachgerühmt.
-Ihre ursprüngliche friesische Sprache, die sich heutzutage nur noch in
-einzelnen Ausdrücken und Worten verrät, hat dem landesüblichen Idiom
-des Plattdänischen weichen müssen.
-
-Mit dem Festlande steht Röm durch Schiffahrt über Ballum oder über
-Scherrebek in Verbindung. Die letztere ist neueren Datums. Nach einer
-Fahrt von etwa fünfzig Minuten landet man bei Kongsmark, und von
-hier führt eine Dampfspurbahn die Passagiere in wenig Minuten nach
-dem Westrande der Insel, in das Nordseebad Lakolk. Den Namen hat
-dieses jüngste der deutschen Nordseebäder von dem jetzt in den Fluten
-versunkenen Dorfe gleicher Benennung erhalten, das vor Zeiten westwärts
-vom jetzigen Westrande des Eilands lag, und dessen Überreste bei
-besonders tiefer Ebbe zuweilen noch sichtbar sein sollen (Abb. 13–15).
-
-[Illustration: Abb. 71. ¯Denkmal für Matthias Claudius bei Wandsbek.¯]
-
-[Sidenote: Sylt.]
-
-Sylt, die nächstfolgende Insel, zwischen 55° 3´ und 54° 44´ nördlicher
-Breite belegen, erstreckt sich in nordsüdlicher Richtung 35 Kilometer
-weit, bei einer wechselnden Breitenausdehnung von 1–4 Kilometer.
-Sylts Flächeninhalt beträgt 102 Quadratkilometer, 50 davon sind von
-Dünen bedeckt, die im Norden, bei List, über 80 Meter Höhe erreichen
-und sowohl am nördlichen, als auch am südlichen Teile der Insel ein
-Hochgebirge im kleinen darstellen, das die verschiedenartigsten
-Bildungen von Längs- und Querthälern aufweist und auch kleine
-Binnengewässer enthält. Hinter den Dünen kommt das Heideland und auf
-dem weit nach Osten zurückgestreckten mittleren Teile der Insel das
-fruchtbare Marschland mit den Dörfern Keitum, Archsum und Morsum.
-Nahe bei der äußersten Spitze dieses Vorsprungs gegen Norden liegt
-das Morsumkliff, an dessen Steilabhang die Schichten des oberen
-Miocängebirges in der Gestalt von Limonitsandsteinen, Glimmerthon
-und Kaolinsand zu Tage treten. Das Kliff selbst steigt im Munkehoi
-(Mönchshügel) bis zur Höhe von 23 Meter über den Spiegel der Nordsee
-auf. Auch noch an anderen Stellen der Insel, so in der Nähe des Roten
-Kliffs bei Wenningstedt, können diese tertiären Bildungen anstehend
-beobachtet werden.
-
-[Illustration: Abb. 72. ¯Vierländerin.¯
-
-Studie von Friedrich Kallmorgen.]
-
-Der mittlere Teil des Eilands trägt an der Westseite die beiden
-Ortschaften Westerland und Wennigstedt. In diesen beiden konzentriert
-sich auch das eigentliche Badeleben. Westerland, das 1900 das 43. Jahr
-seines Bestehens als Nordseebad feiert und bisher von weit über 100000
-Badegästen besucht worden ist, trägt im Höhepunkt der Saison durchaus
-den Charakter eines Badeortes ersten Ranges. Große Gasthöfe, breite und
-saubere Straßen, flankiert von schön gebauten Ziegelhäusern, in jeder
-Beziehung gut ausgestattete Kaufläden und ein imposantes, in den Jahren
-1896–1897 erbautes Kurhaus lassen uns ganz und gar vergessen, daß wir
-uns auf einer einsamen Insel im Wattenmeer befinden. Am merkwürdigsten
-ist das Leben am Strand, das auf den ersten Anblick völlig einem
-bunten Jahrmarkttreiben gleicht. Am Abhang der Düne und teilweise
-über diese selbst hin zieht sich die lange hölzerne Wandelbahn und
-längs derselben haben die hauptsächlichsten Gasthöfe Westerlands zur
-Bequemlichkeit ihrer Kurgäste besondere Strandhallen erbaut. Dort
-erhebt sich auch der kleine Musiktempel für die Kurkapelle, deren Töne
-sich freilich gegenüber der brausenden, wenn auch etwas monotonen
-Symphonie, welche die Wellen der Nordsee hier aufspielen, zuweilen
-recht ärmlich ausnehmen. Am Strand aber reiht sich Zelt an Zelt und
-Burg an Burg. So nennt man die aus dem feinen weißen Ufersande von
-den Badegästen aufgeführten Bauten, in ihrer primitivsten Einrichtung
-einfach Umwallungen, die eine Vertiefung im Sande umschließen, in
-welche Stühle, Bänke, Tische oder auch Zelte gestellt werden, und deren
-jede einen kleineren oder größeren Flaggenmast oder auch nur eine
-einfache Stange besitzt, von welchen herab die Fahne des Landes weht,
-dessen Angehöriger der Burgbesitzer ist. Ein ungemein farbenreiches,
-vom Lärmen und geschäftigen Treiben von Tausenden von Menschen, Großen
-wie Kleinen belebtes Bild ist’s, das so entsteht, und zu dem die Wogen
-ihr sich ewig gleichbleibendes Lied bald im gemächlichen Andante, bald
-im Allegro furioso singen.
-
-[Illustration: Abb. 73. ¯Bauernhäuser von Neuengamme.¯]
-
-Wie an vielen anderen Stellen auf unserer Erde, so berühren sich auch
-hier die Gegensätze. Gleich hinter dem Badestrande mit seinem frisch
-pulsierenden Leben steht ein dunkles Mauerviereck. „Heimatstätte für
-Heimatlose“ besagen die Worte an der Eingangspforte. Der stille und
-friedliche Raum birgt eine große Anzahl von Gräbern; jedes derselben
-trägt ein einfaches Kreuz, dessen Inschrift Auskunft gibt über den Tag,
-da der hier Bestattete in die kühle Erde gebettet worden ist, und über
-die Stelle, wo er gefunden wurde. Nur eine einzige Grabstätte nennt
-auch noch den Namen des Toten, der unter dem Hügel schläft, von allen
-den übrigen armen Schiffbrüchigen aber, welche das Meer an den Sylter
-Strand geworfen hat, kennt man weder „Nam’ noch Art“. Vor 45 Jahren,
-am 3. Oktober 1855 hat man hier den ersten Heimatlosen in die kühle
-Erde gesenkt, und seither sind über 40 Strandleichen an dieser Stelle
-geborgen worden. Wenn das so recht wehmutsvoll stimmende Fleckchen Land
-heute in so gutem Stande gehalten und im vollen Sinne des Wortes eine
-Heimatstätte für Heimatlose geworden ist, so gebührt das Verdienst
-hierfür in allererster Linie einer deutschen Fürstin auf einem fremden
-Throne, der rumänischen Königin Elisabeth. Im Sommer 1888 weilte sie
-auf Sylt, hat den kleinen Friedhof oft besucht, seine Gräber mit Blumen
-geschmückt und für denselben einen großen Granitblock gestiftet, in
-welchen die folgenden, vom verstorbenen Hofprediger Kögel gedichteten
-schönen Verse eingemeißelt stehen:
-
- Wir sind ein Volk, vom Strom der Zeit
- Gespült zum Erdeneiland,
- Voll Unfall und voll Herzeleid,
- Bis heim uns holt der Heiland.
- Das Vaterhaus ist immer nah,
- Wie wechselnd auch die Lose --
- Es ist das Kreuz von Golgatha
- „Heimat für Heimatlose“.
-
-[Illustration: Abb. 74. ¯Vierländer.¯]
-
-[Illustration: Abb. 75. ¯Einfahrt der Heuernte auf den Hof eines
-Bauerngutes in Kurslak.¯]
-
-Ein schärferer Kontrast, als derjenige zwischen Westerland und dem
-etwa 4,5 Kilometer nördlich davon belegenen Wenningstedt ist kaum
-denkbar. Hier alles noch im ursprünglichen Zustande, keine großen
-Gasthöfe, keine Kurhäuser, keine Kurtaxe, nur etliche strohbedeckte
-Friesenhäuser, dort der gesamte Komfort des modernen Modebades, hier
-idyllische Ruhe, dort geräuschvolles Badeleben. Wenningstedt liegt am
-Ostabhange einer alten auf hohem Steilufer aufsitzenden Dünenkette,
-mitten in der Sylter Heide und etwa fünf bis zehn Minuten vom Strande
-selbst entfernt, zu dem eine breite und bequeme Holztreppe hinabführt.
-In landschaftlicher Beziehung bietet der Ort selbst nicht viel,
-um so schöner und herrlicher ist aber seine Umgebung. Ein kurzer
-Spaziergang bringt uns an diejenige Stelle, wo sich die Natur Sylts
-am großartigsten entfaltet, an den Steilabsturz des Roten Kliffs
-mit einer der wundervollsten Fernsichten, die man überhaupt an der
-deutschen Nordseeküste haben kann. Eine der darauf befindlichen
-Einzeldünen, der Uwenberg, erreicht die Höhe von 46 Meter über dem
-Meeresspiegel. Auf luftiger Höhe des Kliffs steht ein im großen Stil
-erbauter Gasthof, das Kurhaus von Kampen. Dessen Erbauung soll, wie
-man sich erzählt, den Westerländern wegen der für ihren Badeort zu
-fürchtenden Konkurrenz ein arger Dorn im Auge gewesen sein. Mehr
-landeinwärts liegt das Dorf Kampen selbst mit einer Rettungsstation für
-Schiffbrüchige und seinem weit auf das Meer hinaus und über die Insel
-dahinschauenden 35 Meter hohen Leuchtturm, dessen Fuß selbst schon
-27 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Nahebei sieht man auf etliche
-Hünengräber, wie denn die Insel Sylt im wahrsten Sinne des Wortes mit
-solchen Grabhügeln aus grauer Vorzeit überdeckt ist. Der schönste davon
-ist der Denghoog ganz dicht bei Wenningstedt, der „Gerichtshügel“,
-wie sein friesischer Name besagt. Der Denghoog ist ein sogenannter
-Gangbau und stellt in seiner heutigen Gestalt einen etwa 4½ Meter
-hohen Hügel dar, dessen Erdmauern ein aus mächtigen, teilweise ganz
-herrliche Gletscherschrammen tragenden und glatt polierten Findlingen
-aufgemauertes Gewölbe, die Steinkammer, decken. Letztere war von Westen
-her durch einen gepflasterten Gang zu betreten. Die mannigfachen
-Gegenstände, welche in diesem Grab aus der jüngeren Steinzeit gefunden
-wurden, so Knochenreste, Thonwaren, Steingeräte, Bernsteinperlen,
-Holzkohlen u. s. f. befinden sich im Museum vaterländischer Altertümer
-zu Kiel.
-
-[Illustration: Abb. 76. ¯Wohnstube mit geöffnetem Wandbett in einem
-Bauernhaus in Neuengamme.¯]
-
-Vor Wenningstedt, draußen im Meer, liegt das alte Wendingstadt mit dem
-berühmten Friesenhafen, das am 16. Januar 1300 (nach anderen Ansichten
-vielleicht erst 1362) von den Fluten verschlungen worden ist. Noch im
-Jahre 1640 waren die Überreste der alten Stadt etwa eine halbe Meile
-weit von der Küste bei tiefer Ebbe sichtbar. Heute erinnert nur noch
-der kleine Ort Wenningstedt an diese vergangenen Zeiten, über den
-Ruinen Wendingstadts aber rollen die Wogen der See.
-
-Am Strande entlang wandern wir nordwärts, unter den Abhängen des Roten
-Kliffs vorbei, das seinen Namen eigentlich nicht ganz mit Recht trägt,
-denn die Farbe seines zumeist aus diluvialen Gebilden bestehenden
-Steilabsturzes ist eher gelblich, als rot. Bald sind wir mitten in
-die großartige Dünenlandschaft gelangt, die hier beginnt und sich bis
-an die Nordspitze der Insel hinauf zieht. Die gewaltigen, beweglichen
-Sandberge bildet vorzugsweise der Nordwestwind und treibt dieselben
-nach Südosten zu, in der vorherrschenden Windrichtung weiter. Man hat
-berechnet, daß ihr jährliches Vordringen bis sechs Meter betragen kann.
-Schon im verflossenen Jahrhundert wurde der Versuch gemacht, den Sand
-der Dünen durch rationelles Bepflanzen mit gewissen Gewächsen, so mit
-dem Halm, dem Sandhafer und der Dünengerste festzulegen. Diese Pflanzen
-besitzen nämlich sehr lange und ausdauernde Wurzelstöcke, die sich weit
-hinein in den Sand bohren und denselben binden. Derartige Dünenkulturen
-lagen besonders den Frauen ob. In neuerer Zeit wird diese Methode in
-großem Maßstabe angewendet, und seit 1867 ist diese Arbeit Sache des
-Staates selbst. Im verflossenen Jahrzehnt sind jährlich etwa 16000 Mark
-für die Bepflanzung der Sylter Dünen verausgabt worden.
-
-[Illustration: Abb. 77. ¯Diele in einem Bauernhaus in Kurslak.¯]
-
-Zum weiteren Schutze des Strandes führt man in der Gegenwart
-kostspielige Pfahl- und Steinbuhnen auf, so beispielsweise im Zeitraum
-von 1872–1881 20 Stück, welche allein einen Aufwand von 596550 Mark
-verursacht und deren Unterhaltung von 1875–1881 beinahe 60000 Mark
-gekostet hat. Seither sind noch eine ganze Reihe weiterer solcher
-Bauten hinzugekommen, und unablässig ist die Regierung bemüht, ihr
-möglichstes für die Erhaltung des Strandes zu thun.
-
-Achtzehn Kilometer nördlich von Westerland zeigen sich auf einer
-grünen Oase die Häuser der kleinen Ortschaft List, im Westen von
-gewaltigen Dünenzügen geschützt, im Norden und Osten von den Wellen des
-Wattenmeeres bespült, das hier als tiefe Bucht in die Nordspitze der
-Insel eingreift, und der Königshafen genannt wird. Derselbe muß einst
-eine immerhin beträchtlichere Tiefe gehabt haben, denn im Jahre 1644
-lagen darin die verbündeten holländischen und dänischen Flotten, welche
-Christian ~IV.~ von Dänemark angriff und schlug. In der Gegenwart ist
-der Königshafen mehr und mehr versandet. Am Ufer des Wattenmeeres
-selbst hat die deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger ein
-Bootshaus erbaut, und ganz dicht dabei liegt, vom Sande schon halb
-überdeckt, das Wrack eines größeren Fahrzeugs, das hier gestrandet ist.
-
-Das äußerste Nordende der Insel wird von der sandigen Halbinsel
-Ellenbogen gebildet, welche zwei 18 und 20 Meter hohe Leuchtfeuer
-trägt, der Ost- und der Westleuchtturm, wichtige Orientierungspunkte
-für die in das Lister Tief einsegelnden Schiffe.
-
-Den Rückweg von List nehmen wir längs des Wattenmeeres und haben
-nun die Gelegenheit, die zahlreichen Vögel aller Art, als Möven,
-verschiedenerlei Enten, Strandläufer, Eidergänse, Seeschwalben,
-Kiebitze u. s. f. zu beobachten, welche die weiten Dünenketten und die
-dazwischen gelegenen Thäler bevölkern. Im Frühjahr wird hier zuweilen
-eifrig nach Möveneiern gesucht, und die bewaffnete Staatsgewalt der
-Insel hat mehr als genug zu thun, um die Nester dieser Vögel vor der
-Ausraubung beutegieriger Eiersucher zu schützen. In verflossenen
-Jahren, bevor das Eiersammeln verboten war, sollen jährlich an
-50000 Stück davon in den Lister Dünen aufgelesen worden sein. An
-der Vogelkoje, welche sich auf unserem Wege befindet -- sie soll
-die älteste auf den nordfriesischen Inseln und schon im Jahre 1767
-hergestellt worden sein --, gehen wir nicht vorbei, ohne nicht auch
-einen Blick hineingeworfen zu haben. Es ist, wie auch alle übrigen
-Einrichtungen dieser Art, ein viereckiger Teich, von dichtem Gebüsch,
-das aus Weiden, Eschen, Pappeln und anderen Bäumen und Gesträuchen
-besteht, umgeben, und an jedem Ende mit einem immer enger werdenden
-und schließlich mit Netzen überspannten Kanal, einer Pfeife, versehen.
-Gezähmte Enten verschiedener Art locken die wilden an, die in die
-Pfeifen und von da in die Netze geraten und dort ergriffen werden. Bis
-150 Vögel sind auf ein einziges Mal in einer solchen Vogelkoje gefangen
-worden, deren es auf Sylt, Amrum und Föhr zusammen elf gibt. Im Jahre
-1887 wurden auf diesen drei Inseln zusammen etwa 56000 Stück Enten in
-den Vogelkojen gefangen.
-
-[Illustration: Abb. 78. ¯Schloß Friedrichsruh. Einfahrtsthor und
-Hauptansicht.¯]
-
-[Illustration: Abb. 79. ¯Das Schlaf- und Sterbezimmer des Fürsten
-Bismarck.¯]
-
-[Illustration: Abb. 80. ¯Schloß Friedrichsruh. Zimmer im Erdgeschoß.¯]
-
-[Illustration: Abb. 81. ¯Das Mausoleum des Fürsten Bismarck in
-Friedrichsruh.¯
-
-(Nach einer Photographie von H. Breuer in Hamburg.)]
-
-Einen nicht minder guten Einblick in das Tierleben des Wattenmeeres
-gewährt uns ein zur Ebbezeit von List nach Kampen oder umgekehrt
-unternommener Spaziergang. Da liegen leere Gehäuse des Wellhorns,
-dort ein wabenpäckchenartiges Gebilde, die leeren Eischalen dieser
-Schnecke (~Buccinum undatum, L.~). Hier hat ein seltsames Tier, der
-Einsiedlerkrebs (~Pagurus Bernhardus, L.~), seinen nackten Hinterleib
-zum Schutze in ein leeres Wellhorn gesteckt. In den von der Flut
-zurückgelassenen Wassertümpeln wimmelt es von kleinen Nordseekrabben
-(~Crangon vulgaris, L.~), welche die Watten bevölkern und hier in Menge
-gefangen werden, dichte Haufen von Muscheln aller Art, so ~Cardium~,
-~Pecten~, und vor allem die Mießmuschel (~Mytilus edulis~) haben die
-Wellen auf dem Lande aufgetürmt und dazwischen lagern zahllose Leichen
-von Quallen, welchen der Rückzug des Wassers das Leben gekostet hat.
-Hier und da trifft man auch auf Fische, die sich nicht rechtzeitig
-mit den Wellen auf und davon gemacht haben, und häufig auf leere
-Austernschalen, welche die Wogen von den im Wattenmeere vorhandenen
-Austernbänken losspülten. Die Befischung dieser letzteren hat in
-vergangenen Zeiten den Bewohnern des Wattenmeeres reichen Erwerb
-gebracht. Seit 1587 hatte Friedrich ~II.~ von Dänemark ihre Ausbeutung
-als ein Recht der Krone in Anspruch genommen und vom 1. September bis
-zum Mai wurde der Fang dieses Schaltieres betrieben. Im Jahre 1746
-betrug die von den Pächtern des Fangrechtes zu erlegende Summe noch
-2000 Thaler, im Jahre 1879 mußten Hamburger Herren 163000 Mark dafür
-zahlen.
-
-[Illustration: Abb. 82. ¯Rathaus in Altona.¯
-
-(Nach einer Photographie von M. Kruse in Altona-Ottensen.)]
-
-[Illustration: Abb. 83. ¯Altona. Palmaille mit Blücherdenkmal.¯
-
-(Nach einer Photographie von M. Kruse in Altona-Ottensen.)]
-
-[Sidenote: Die Austernbänke.]
-
-Die Austernbänke, deren es in Sylt etwa elf gibt, liegen am Rande
-der tiefen Rinnen des Wattenmeeres, ihre Ergiebigkeit ist aber
-allmählich immer geringer und geringer geworden, indem man dieselben
-zweifelsohne zu stark ausgebeutet hat. So ist denn im letzten
-Jahrzehnt ihre Befischung ganz und gar eingestellt worden. Doch sorgen
-die Austernzuchtanstalten bei Husum einigermaßen für Ersatz dieses
-Leckerbissens, den schon anno 1565 der ehrsame Johannes Petrejus,
-Pastor zu Odenbüll auf Nordstrand, „vor ein Fürsten Essen geachtet“.
-Allerdings ist auch hier die Nachfrage größer, als die Produktion, und
-meist sind schon im Januar keine Husumer Austern mehr zu haben. Noch
-im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts kosteten 1000 Stück Austern an
-der Westküste Schleswig-Holsteins eine Mark, in den letzten Fangjahren
-war der Preis schon auf 40–50 Mk. gestiegen und dürfte in Zukunft
-ein beträchtlich höherer werden, falls der Austernfang hier wieder
-aufblühen sollte. Im Dezember des verflossenen Jahres galten 100 Stück
-Husumer Austern an Ort und Stelle 18 Mk.
-
-Auch Seehunde leben im Wattenmeere, und die Jagd auf diese klugen, den
-Fischgründen aber äußerst verderblichen Tiere wird von den Badegästen
-auf den nordfriesischen Inseln nicht selten als Sport geübt. Jährlich
-sollen am Sylter Strande etwa 100 Stück davon geschossen werden (vergl.
-Abb. 37).
-
-Von Kampen aus schlagen wir den Weg über das Heidedorf Braderup nach
-Munkmarsch ein, der heutigen Landungsstelle für den Schiffsverkehr mit
-Sylt, nachdem der frühere Hafen der Insel bei Keitum im Laufe der Jahre
-so versandete und verschlickte, daß er seit 1868 nicht mehr benützt
-werden konnte. Mehrere Dampfer halten die Verbindung Sylts mit dem
-Festlande einigemal am Tage aufrecht, außerdem ist das Eiland aber
-auch noch von Hamburg aus auf dem direkten Seewege zu erreichen, und
-zwar dreimal wöchentlich über Helgoland, täglich aber für die aus dem
-Westen Deutschlands kommenden Reisenden über Bremerhaven-Helgoland-Wyk,
-jedoch derart, daß die Passagiere zur Fahrt auf dem Wattenmeere selbst
-auf kleinere Dampfer übersteigen müssen. Für denjenigen, welcher die
-Seekrankheit fürchten sollte, ist die Reise über Hoyerschleuse immer
-das geringere Übel, wenn auch dabei die Gefahr, Ägir opfern zu müssen,
-nie ganz ausgeschlossen ist. Von Munkmarsch führt eine vier Kilometer
-lange Kleinbahn nach Westerland.
-
-[Illustration: Abb. 84. ¯Klopstocks Grab.¯
-
-(Nach einer Photographie von M. Kruse in Altona-Ottensen.)]
-
-Am Panderkliff vorbei lenken wir unsere Schritte nach dem freundlichen
-Keitum, einem etwa 870 Einwohner zählenden hübschen Orte, mit
-freundlichen Häusern, netten Gärten und schönen Bäumen in denselben,
-ein sonst für Sylt mit seinen baumlosen Heiden und wenigen vom Winde
-im Baumwuchse gedrückten Hainen ziemlich seltener Anblick, den wir nur
-an den vor dem Westwinde geschützten Stellen der Ostseite des Eilandes
-genießen können. Keitum hat eine schöne, dem heiligen Severinus
-geweihte Kirche, deren hoher Turm den Schiffern des Wattenmeeres als
-Merkzeichen gilt, und ist das Kirchdorf für Archsum, Tinnum, Kampen,
-Braderup, Wenningstedt und für Munkmarsch. Hier ist der berühmte
-schleswig-holsteinische Patriot Uwe Jens Lornsen geboren, dem sein
-Heimatsdorf ein hübsches Denkmal gesetzt hat, und hier befindet sich
-auch das Sylter Museum, eine Gründung des verstorbenen und um die
-Geschichte der nordfriesischen Inseln sehr verdienten Lehrers C. P.
-Hansen.
-
-Wenige Kilometer von Keitum treffen wir das niedrig gelegene Dorf
-Archsum mit den Resten eines alten Burgwalles an, der Archsumburg,
-welche vom Volksmund dem Zwingherrn Limbek zugeschrieben wird. Das Dorf
-hatte unter der Sturmflut von 1825 viel zu leiden. Wenn wir von hier
-aus unsere Wanderung ostwärts ausdehnen, so betreten wir schon nach
-kurzer Zeit die hufeisenförmig angelegte Ortschaft Morsum mit ihrem
-bleigedeckten und turmlosen Gotteshause.
-
-Über das uns schon bekannte Morsumkliff steigend, statten wir noch dem
-östlichsten Punkte Sylts, Näs Odde oder Nösse, einen kurzen Besuch ab.
-In Näs Odde befindet sich eine Eisbootstation, die wir etwas näher
-kennen lernen wollen. Wenn nämlich bei eintretendem starken Froste das
-Wattenmeer sich mit Eis überzieht, nicht mit einer zusammenhängenden
-Decke, sondern mit unzähligen, von den Wellen und den Strömungen stetig
-übereinander geschobenen Eisschollen, die zuweilen zu eisbergähnlichen
-mächtigen Bildungen werden, so hört die gewöhnliche Postverbindung der
-nordfriesischen Inseln, vermittelst der Postfahrzeuge und Dampfer auf,
-und das Eisboot tritt an ihre Stelle (Abb. 7 u. 8).
-
-[Illustration: Abb. 85. ¯Neumühlen.¯]
-
-So gelangt dann die Post, zuweilen mit recht unliebsamem Aufenthalt von
-13–14 Stunden, an ihr Ziel! Wenn die Eisdecke die nötige Festigkeit
-erlangt hat, um Pferde und Gefährt zu tragen und ein zusammenhängendes
-Ganzes bildet, dann kommt wohl auch der von Rossen gezogene Schlitten
-zur Postbeförderung in Betracht. Im Winter 1899–1900 sind zwischen
-Ballum und Röm in jeder Richtung 26 schwierige Eisfahrten verrichtet
-worden, zwischen Rodenäs und Näs Odde 28 ebensolche, zwischen Husum und
-Nordstrand 18, u. s. f.
-
-[Illustration: Abb. 86. ¯Blankenese und Süllberg, vom Bismarckstein
-gesehen.¯
-
-(Nach einer Photographie im Verlag von Conrad Döring in Hamburg.)]
-
-[Illustration: Abb. 87. ¯Blankenese, vom Süllberg gesehen.¯]
-
-Neun Kilometer südwärts von Westerland grüßen uns die wenigen Häuser
-von Rantum, dem südlichsten Dorfe auf der Insel, vor Zeiten ansehnlich
-und wohlhabend, aber durch die Fluten und die landeinwärts wandernden
-Dünen zu einem der ärmsten Dörfer herabgesunken. Die im Jahre 1757
-aufgeführte Kirche Rantums, deren Vorgängerin schon einmal wegen
-Gefahr der Verschüttung durch die Sandberge abgebrochen werden mußte,
-war bereits 1802 zur Hälfte von den Dünen bedeckt und mußte ebenfalls
-wieder abgerissen werden. Am 18. Juli 1801 bestieg der Prediger
-zum letztenmal die schon vom Sande umgebene Kanzel. Auch die alte
-Rantumburg, auf welcher in den ältesten Zeiten die Sylter ihre Landtage
-abhielten, ist jetzt vom Sande begraben. Bei anhaltendem Ostwinde
-sollen die Spuren vergangener Dörfer, Kirchen, Wohnstellen und Brunnen
-draußen im Wasser vor Rantum noch deutlich zu erkennen sein.
-
-[Illustration: Abb. 88. ¯Hafeneinfahrt von Cuxhaven.¯]
-
-[Illustration: Abb. 89. ¯„Alte Liebe“ bei Cuxhaven.¯]
-
-Eine nicht minder großartige Dünenlandschaft, als der Nordflügel der
-Insel aufweist, zeigt auch deren südliches Ende, das bei Hörnum in
-einer Art Hochstrand endigt.
-
-Daß Sylt einen verhältnismäßig geringen, nur in geschützter Lage
-gedeihenden Baumwuchs hat -- einige Gehölzanpflanzungen, die jedoch
-auch an Verkrüppelung durch den Westwind leiden, sind der Viktoriahain
-und der Lornsenhain im Centrum der Insel --, das wurde schon
-angedeutet. Die Flora bietet aber sonst allerlei Interessantes und
-Schönes, und als besonderes Curiosum wird angeführt, daß alpine Formen
-von Enzian darunter sind.
-
-In verflossenen Jahrhunderten hatten die Sylter, wie auch die Bewohner
-der anderen nordfriesischen Inseln ihre besondere Tracht, die in der
-Gegenwart ganz und gar abgekommen ist. „Die Weiber aber“, so hat in
-der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts Herr Erich Pontoppidan
-in seinem ~Theatrum Daniae~ gemeint, „distinguieren sich durch ihre
-lächerliche Kleidung am allermeisten. Ihre Haare tragen sie ganz
-lang herabhangend, und zieren einen jeden Zopff, mit verschiedenen
-Messingen Ringen, Rechen-Pfennigen, und dergleichen Possen. Ihre Wämbse
-sind weit, und bestehen aus lauter Falten; und ihre Röcke sind gar
-nicht nach der Ehrbarkeit eingerichtet, indem sie kaum bis über die
-bloßen Knie hinunterreichen, gleich wie vormals an denen Spartanischen
-Weibern, denen sie sich auch an Muth und Herz gleichen.“ Die
-Bevölkerung Sylts zählt gegenwärtig etwa 4000 Seelen, die Zahl der im
-Jahre 1899 in Westerland und Wenningstedt zusammen anwesenden Kurgäste
-betrug 12695, im Jahre 1890 nur erst 7300.
-
-[Illustration: Abb. 90. ¯Insel Neuwerk.¯]
-
-[Sidenote: Amrum.]
-
-Südlich von Sylt, südwestlich von Föhr, von der ersteren Insel durch
-das Fartrapp-Tief, von letzterer durch das Amrumer Tief getrennt,
-liegt das Eiland Amrum, 10 Kilometer lang, bis 3 Kilometer breit, und
-30 Kilometer vom Westrande des schleswig-holsteinischen Festlandes
-entfernt. Amrum ist nicht mit Unrecht als kleines Sylt bezeichnet
-worden, mit dem es in seiner Beschaffenheit viel Ähnlichkeit hat. Dem
-hochliegenden (16–20 Meter über dem Meer) diluvialen Hauptkörper der
-Insel sind in dessen östlichen Buchten schmale, sandige Marschbildungen
-angelagert, eine Dünenkette folgt dem ganzen Verlaufe der Insel,
-und nördlich wie südlich bildet dieselbe, über dem Hauptkörper
-hinausragend, eine eigene Dünenhalbinsel. Die scharf abgebrochenen
-Ränder, die wir auf Sylt in den verschiedenen Kliffbildungen kennen
-gelernt haben, fehlen Amrum bis auf eine einzige Stelle an der
-Ostseite, wo das jüngere Diluvium sich kliffartig bis zur Höhe von
-12,6 Meter aus dem Wattenmeer erhebt. Amrums Bewohner beanspruchen,
-der edelste Stamm unter den Friesen zu sein, bestehen aus ca. 900
-Seelen und leben von Schiffahrt, Fischerei und Ackerbau. Für den
-Altertumsforscher besitzt Amrum großes Interesse, befindet sich doch
-nordwestlich von Kirchdorf Nebel und südwestlich von Norddorf die
-altheidnische Opferstelle des Skalnas-Thales dort. Es ist dies ein von
-hohen Dünenwällen eingerahmtes, von diesen aber auch schon verschüttet
-gewesenes 100 Schritt langes, und 80 Schritte breites Thal mit 22
-verschiedenen Steinkreisen von verschiedener Form und Größe, mit und
-ohne Thorsetzungen, die -- leider! -- zum Teil beim Deichbau benutzt
-worden sind.
-
-[Illustration: Abb. 91. ¯Scharhörnwatt.¯]
-
-Ein gewaltiger Leuchtturm im Süden Amrums, dessen Laterne (Drehfeuer)
-in 67 Meter Meereshöhe leuchtet und 22 Seemeilen weit sichtbar ist,
-der höchste an der deutschen Nordseeküste, gewährt einen guten
-Überblick über das Eiland und seine Umgebung, über Föhr, die Halligen,
-die der Insel im Westen vorgelagerte Sandbank Kniepsand u. s. f.
-Im Norden stehen die Häuser von Norddorf, schon auf der südlichen
-Hälfte desselben das Haupt- und Kirchdorf Nebel mit der alten St.
-Clemens-Kirche und dem interessanten Friedhofe, und südlich davon das
-Süddorf. Auf Amrum sind in den jüngstverflossenen Jahren mit allem
-Komfort der Neuzeit ausgerüstete Badeetablissements entstanden. Dahin
-gehört Wittdün mit schönem Kurhaus und vorzüglich eingerichteten
-Gasthöfen an der Südseite. Von dort führt eine Dampfspurbahn
-die Badegäste an den Badestrand auf Kniepsand. Etwa 4 Kilometer
-nordwestlich von Wittdün treffen wir mitten in den Dünen, am Fuße der
-29 Meter hohen Satteldüne das gleichnamige Hotel mit eigenem, durch
-eine Pferdebahn mit dem Gasthofe verbundenen, ebenfalls auf Kniepsand
-belegenen Badestrande (Abb. 23 u. 24).
-
-[Illustration: Abb. 92. ¯Helgoland aus der Vogelperspektive.¯]
-
-[Illustration: Abb. 93. ¯Helgoland, von der Düne gesehen.¯
-
-(Nach einer Photographie von F. Schensky in Helgoland.)]
-
-Für eine direkte Verbindung Amrums mit verschiedenen Stellen der
-deutschen Nordseeküste während des Sommers ist bestens gesorgt. Dampfer
-der Nordseelinie vermitteln dieselbe, sowohl von Bremerhaven ab, als
-auch von Hamburg aus, beide Fahrten über Helgoland. Wer eine allzulange
-Seefahrt scheut, kann Amrum aber auch von Husum aus erreichen; diese
-interessantere Reise führt durch die Inselwelt der Halligen hindurch.
-Noch bequemer aber ist der Weg über Niebüll und Wyk auf Föhr. Die
-Landungsbrücke für alle Dampfer befindet sich in Wittdün.
-
-[Illustration: Abb. 94. ¯Mönch und Predigtstuhl.¯
-
-(Nach einer Photographie von F. Schensky in Helgoland.)]
-
-[Sidenote: Föhr.]
-
-Wesentlich anders als der Boden der drei nordfriesischen Inseln, die
-wir bisher kennen gelernt haben, ist der Untergrund der übrigen,
-hierher gehörigen Eilande beschaffen. Derselbe besteht nämlich
-größtenteils aus Marschboden. Föhr macht davon allerdings insofern
-eine kleine Ausnahme, als dessen südwestlicher Teil, etwa zwei
-Fünftel des ganzen Areals dieser Insel, hochliegendes Geestland, das
-übrige aber Marschland ist. Neben Föhr kommen hier in Betracht die
-Eilande Pellworm und Nordstrand und die zehn Halligen, als Oland,
-Langeneß-Nordmarsch, Gröde mit Appelland, Habel, Hamburger Hallig,
-Hooge, Nordstrandisch-Moor, Norderoog, Süderoog, Südfall. Pohnshallig
-hat seine Eigenschaft als selbständige Insel verloren infolge seiner
-Verbindung mit Nordstrand durch einen Damm, und ist nur mehr noch
-als ein Vorland dieses letzten Eilandes zu betrachten. Die südliche
-Begrenzungslinie dieser ganzen Inselwelt bildet der Hever.
-
-Föhr hat einen Umfang von 37 Kilometer, einen Flächeninhalt von 82
-Quadratkilometer und seine Marschen sind durch starke Deiche gegen
-den Anprall der Nordseewogen geschützt. Im Westen der Insel tritt an
-die Stelle des gewöhnlichen Deiches ein gewaltiger Steindeich, dessen
-Gesamtlänge zur Zeit über 3500 Meter beträgt. Zur Verstärkung der
-Deiche Föhrs, die voraussichtlich im Jahr 1900 beendet sein wird, sind
-362000 Mark (als 4. und letzte Rate) in den Staatshaushaltsplan des
-Königreichs Preußen für 1900 eingestellt worden.
-
-[Illustration: Abb. 95. ¯Helgoland. Das Oberland und die Nordspitze.¯
-
-(Nach einer Photographie von F. Schensky in Helgoland.)]
-
-Der Flecken Wyk im Südosten ist die bekannteste und wichtigste
-Ortschaft der Insel Föhr, berühmt durch sein seit 1819 bestehendes
-Nordseebad, das in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts
-ein Sammelplatz der dänischen Aristokratie gewesen ist. Die Könige
-Christian ~VIII.~ und Friedrich ~VII.~ hielten sich gerne hier auf.
-Wyk ist noch immer im stetigen Aufschwung begriffen, und 1899 wurde
-das Bad von 5169 Kurgästen besucht. Der Verein für Kinderheilstätten
-an den deutschen Seeküsten hat hier eine Kinderheilanstalt gegründet,
-ein Liebeswerk, das in erster Linie armen Kindern aus allen deutschen
-Gauen zu gut kommt, und in neuester Zeit ist an der Südseite von Föhr
-und nahe bei Wyk ein Nordsee-Sanatorium entstanden, das bezweckt,
-der leidenden Menschheit einen verlängerten Aufenthalt an der See zu
-ermöglichen und als Herbst- und Winterstation dienen soll.
-
-[Illustration: Abb. 96. ¯Helgoländerinnen.¯
-
-(Nach dem Gemälde von Bennewitz von Loesen jr.)]
-
-Neben Wyk, das bei der Volkszählung von 1895 von 1154 Menschen bewohnt
-war, liegen noch eine große Anzahl von Dörfern auf dem im ganzen von
-etwa 5000 Menschen bevölkerten Eilande Föhr, so Alkersum, Boldixum,
-Goting, Nieblum, Övenum, Utersum u. s. f. Der höchste Punkt der Insel
-ist der 13 Meter hohe Sülwert bei Witsum am Südrande Föhrs. Etwas
-östlich davon, bei Borgsum ist ein alter Burgwall, dessen Errichtung
-ebenfalls auf den uns schon von Sylt her bekannten Ritter Claes Limbek,
-einen Vasallen König Waldemars von Dänemark, zurückgeführt wird. An
-Grabhügeln und anderen Denkmälern aus prähistorischer Zeit fehlt es auf
-Föhr ebensowenig als auf Sylt oder Amrum.
-
-In Nieblum steht die große St. Johannis-Kirche, eine der größten
-Landkirchen des Landes, 58 Meter lang. Die Nordseite des Schiffes
-besitzt Stroh-, der übrige Teil des Gotteshauses Bleibedeckung. St.
-Johannis ist die Mutterkirche Föhrs, das außerdem noch im Westen,
-östlich von Utersum die St. Laurenti-Kirche und im Osten, in Boldixum
-ein dem heiligen Nikolaus geweihtes Gotteshaus hat. Eine Anzahl von
-Kirchen sind im Verlaufe der Zeiten durch die Fluten in die Tiefe
-gerissen worden, so beispielsweise die Hanumkirche, von der in einem
-Hause von Midlum noch Balken vorhanden sein sollen.
-
-Das Föhringer Land ist gut bebaut; üppige Kornfelder und fruchtbare
-Wiesen bedecken es, und viel Wohlstand ist auf dem Eilande zu finden.
-Ihre reizende, durch schöne, große, in Filigranarbeit ausgeführte
-Silberknöpfe ausgeschmückte Nationaltracht haben die Föhringerinnen
-noch nicht in dem Maße abgelegt, wie die Frauen von Sylt. Die
-erheblichen Kosten bei der Neuanschaffung des Kleides mögen immerhin an
-dem allmählichen Verschwinden der Tracht auch auf Föhr Schuld tragen
-(Abb. 25–29).
-
-[Sidenote: Nordstrand. Pellworm.]
-
-Nordstrand und Pellworm sind Reste der großen Insel Nordstrand, welche
-die Sturmflut 1634 zerrissen und zerstört hat. Das übriggebliebene
-östliche Stück ist das heutige Nordstrand, das westliche Pellworm, ein
-Ueberbleibsel vom Mittelstück bildet die Hallig Nordstrandisch-Moor
-(vgl. hier den Abschnitt über die Sturmfluten, S. 26).
-
-Das 8 Kilometer lange und ebenso breite Nordstrand wurde nach der
-Katastrophe von 1634 von Herzog Friedrich ~III.~ von Gottorp Brabantern
-und Niederländern zur Eindeichung überlassen, nachdem sich die von der
-Sturmflut übriggebliebenen früheren Bewohner zum Teil geweigert hatten,
-wieder auf die Insel zurückzukehren. Gegenwärtig besteht es aus 6
-Kögen und wird von etwas über 2400 Menschen bewohnt. Von den vor 1634
-vorhanden gewesenen Gebäuden ist nur noch die Vincenzkirche zu Odenbüll
-erhalten, zugleich das einzige, das die Fluten damals verschonten.
-Der in diesen Blättern mehrfach genannte Chronist Johannes Petrejus,
-gestorben 1608, war hier Pastor. Die Vincenzkirche ist ein turmloser
-Ziegelbau auf hoher Werft mit schöngeschnitztem Altar aus dem Ende des
-fünfzehnten Jahrhunderts.
-
-Pellworm ist 8 Kilometer lang und 7 Kilometer breit, von mächtigen
-Deichen, darunter im Westen ein riesenhafter Steindeich, umwallt.
-Es bildete früher ein sehr hohes Marschland, das aber infolge einer
-beträchtlichen Lagerung des Bodens in den letzten Jahrhunderten
-gegenwärtig unter gewöhnlicher Fluthöhe liegt. Das Moor unter der
-Marsch ist zusammengepreßt, und so wurde die Marscherde selbst
-allmählich dichter. An den in der Mitte der Insel belegenen „großen
-Koog“ gliedern sich 10 weitere, verschieden eingedeichte, aber, wie
-betont, von einem einheitlichen Außendeich umzogene Köge an.
-
-[Illustration: Abb. 97. ¯Helgoländer Fischerwohnung.¯]
-
-Zwei Kirchspiele befinden sich auf der Insel, die alte Kirche und die
-neue Kirche. Die erstere, ein sehr merkwürdiges und mit verschiedenen,
-interessanten Kunstschätzen ausgestattetes Gotteshaus, aus dem Anfang
-des elften Jahrhunderts, hatte einen Turm von 57 Meter Höhe, der um
-1611 einstürzte und dabei einen Teil der Kirche zerschmetterte. Seine
-stehen gebliebene Westmauer war lange Zeit hindurch ein wichtiges
-Seezeichen. Die Einwohnerzahl Pellworms betrug am 1. Dezember 1890 2406
-Seelen.
-
-[Illustration: Abb. 98. ¯Hengst und Nordspitze von Helgoland.¯
-
-(Nach einer Photographie von F. Schensky in Helgoland.)]
-
-[Sidenote: Die Halligen.]
-
-Unter demselben Namen „Halligen“ umfaßt der heutige Sprachgebrauch
-„alle Grasländereien, die ohne den Schutz von Dämmen den
-Überschwemmungen durch die See ausgesetzt sind, also auch den ganzen
-Vorlandssaum längs der Außendeiche“, sagt Eugen Traeger, der beredte
-Schilderer und unermüdliche Anwalt der Halligenwelt. Mit diesem Autor
-beschränken wir hier diesen Ausdruck auf die echten Inselhalligen, die
-wir weiter oben schon namentlich aufgeführt haben. Eine elfte Hallig
-ist das erst im Laufe dieses Jahrhunderts neu emporgewachsene und noch
-unbewohnte Helmsand in der Meldorfer Bucht, eine zwölfte Jordsand bei
-Sylt, das nicht mehr bewohnt ist. Die Halligen sind insulare Reste
-des in geschichtlicher Zeit von den Sturmfluten, dem Eisgang und den
-Gezeitenströmungen zerrissenen Festlandes, welche das Meer ehemals im
-Schutze der äußeren Dünenkette abgelagert hatte. Eine Hallig steigt
-mit stark zerklüfteten und zerrissenen, ½–1½ Meter hohen Wänden
-senkrecht von dem Wattenplateau empor, welches um sie her bei Ebbe vom
-Meer verlassen, bei Flut aber wieder überschwemmt wird. Ihr Boden ist
-ganz eben, von größter Fruchtbarkeit und dicht bestanden mit einem
-feinen, kräftigen und außerordentlich dichten Gras (~Poa maritima~ und
-~Poa laxa~), zwischen dessen Halmen weiß blühender Klee und die Sude
-(~Plantago maritima~) neben vielen anderen Kindern Floras gedeihen. Bei
-jeder Überschwemmung läßt das Meer eine Schicht feinen Schlicks auf dem
-Halligboden zurück und besorgt so dessen Düngung. Die Halligen nehmen
-also, ähnlich wie die Lande am Nilstrom, jährlich unmerklich an Höhe
-zu. Gräben von verschiedener Länge und Tiefe durchziehen die Halligen,
-bisweilen in solchem Maße, daß sie den Wattenfahrzeugen als Häfen
-dienen können. Wie freundliche Oasen liegen die Halligen in der grauen,
-öden Wüste der Wattengefilde da.
-
-Die menschlichen Wohnstätten und Stallungen für das Vieh liegen auf
-Werften von etwa vier Meter absoluter Höhe, bald nur eine, bald mehrere
-an der Zahl, mit Gärtchen umgeben. Bei den Häusern befindet sich der
-„Fething“ genannte Teich, welcher zum Auffangen der Niederschläge dient
-und im Falle der Not mit seinem Wasservorrat auszuhelfen hat. Aus dem
-Fething werden auch die Wassertröge für das Vieh gespeist. Das Wasser
-für den menschlichen Gebrauch wird in etwa zehn bis zwölf Fuß tiefen,
-aufgemauerten Cisternen gesammelt (vergl. Abb. 9 u. 10, sowie Abb.
-31–35).
-
-Eigenartig ist die innere Einrichtung der mit Rohrschauben bedeckten,
-ziemlich hochgiebligen Häuser mit ihren holzverschalten oder mit
-Kacheln verkleideten Zimmerwänden, ihren durch Thüren abgeschlossenen
-Bettnischen, der reinlichen Küche u. s. f. Eine berühmte
-Hallighauswohnstube birgt das Könighaus auf Hooge, den „Königspesel“,
-so genannt nach Friedrich ~VI.~ von Dänemark, der hier im Jahre 1825
-einige Tage zugebracht hat.
-
-Die Halligbewohner sind von ungeheuchelter Frömmigkeit und
-bemerkenswerter Wohlanständigkeit, ihre Frauen züchtig, ehrbar und
-freundlich, dagegen von etwas schwerfälliger Bedächtigkeit, so daß es,
-wie Traeger bemerkt, fast unmöglich erscheint, sie zu Privatleistungen
-zu bewegen, bei denen gemeinsames Handeln unter Aufbietung persönlicher
-Opfer im allgemeinen Interesse erforderlich ist. „Das ist ihr
-Hauptfehler, ihr nationales Unglück, welches sie im Kampfe mit den
-Fluten der Nordsee durch schreckliche Verluste an Menschenleben, Land
-und beweglicher Habe gebüßt haben.“ Ihre hauptsächlichste Beschäftigung
-bilden die Viehzucht und die Schiffahrt. Die Männer der Halligen
-sind geborene Seeleute und sollen in dieser Beziehung von keinem
-Volk der Erde übertroffen werden. Im achtzehnten Jahrhundert blieb
-kein Mensch, der gesunde Glieder hatte, zu Haus: gleich im Frühjahr
-verschwand die ganze männliche Bevölkerung und ging aufs Schiff, um
-erst um Weihnachten heimzukehren. Mancher freilich hat die Heimat nicht
-wieder gesehen. Mitsamt den Männern von Amrum, Föhr, Sylt und den
-Nachbarinseln lieferten die Halligleute vorzugsweise die Bemannung der
-nach Indien, China oder ins Eismeer zum Walfischfang fahrenden Schiffe.
-Viele brachten es zu hohen Ehren und großem Reichtum, aber zäh und fest
-hingen sie doch immer mit allen Fasern ihres Herzens an ihrer Heimat.
-
-[Illustration: Abb. 99. ¯Helgoland. Oberland und Unterland.¯
-
-(Nach einer Photographie von F. Schensky in Helgoland.)]
-
-Eine kleinere Erwerbsquelle für die Halligbewohner bildet auch der
-Porren-(Krabben-)fang. Jede Hallig hat ihren Porrenpriel, woselbst
-diese kleinen Krebse, besonders in der Zeit nach der Heuernte bis zu
-Anfang November vermittelst eines besonders dazu konstruierten Netzes
-gefangen werden. Man nennt diesen Vorgang das Porrenstreichen. Die
-Fische fängt man in sogenannten Fischgärten, Faschinenreiser, die in
-der Gestalt eines langschenkligen Winkels auf geneigten Wattenflächen
-in den Boden gesteckt werden und am Scheitelpunkte des Winkels einen
-mit einem Netz in Verbindung stehenden Durchlaß haben. Die in die
-Einhegung geratenen Fische ziehen sich bei eintretender Ebbe immer
-weiter nach dem Durchlaß hin zurück und geraten schließlich ins Netz.
-In der Gegenwart soll diese Art der Fischerei immer mehr abkommen.
-Dagegen pflegt man mit dem Stecheisen die Plattfische aufzuspießen,
-und in den schlammigen Halliggräben die darin befindlichen Fische,
-besonders Aale, mit der Hand zu greifen.
-
-[Illustration: Abb. 100. ¯Die neue Brücke von Harburg nach Hamburg.¯
-
-(Nach einer Photographie von Max Wichmann in Harburg.)]
-
-Die Jagd auf Vögel (Regenpfeifer, Austernfischer, wilde Enten, Gänse u.
-s. f.) wird selten mehr mit dem Netz, sondern durch Schießen ausgeübt,
-mit besonderem Erfolge bei Nacht, indem man die Vögel durch den Schein
-einer brennenden Laterne anlockt. Das systematische Einsammeln der
-Vogeleier (Möven, Enten u. s. f.) verschafft den Halligbewohnern
-gute Einnahmen. An den Rändern der Wasserflächen befinden sich
-zahllose Nester, und von hier holen sie sich ihre Ernte an Eiern und
-Jungen. Auf Süderoog soll es besonders von Vögeln wimmeln. Am Ende
-des achtzehnten Jahrhunderts war die Menge dort so groß, daß die
-kleinen Leute auf Pellworm fast den ganzen Sommer hindurch davon leben
-konnten. Ganze Massen davon wurden ferner auf das Festland gebracht
-und dort von den Bauern als Schweinefutter verwendet. Des weiteren
-sind die Halligbewohner nicht selten geschickte Seehundsjäger; der
-Schiffszimmermann Holdt auf Hooge hat im Jahre 1891 80 Stück davon
-erlegt, deren Durchschnittsertrag sechs Mark war, so daß ihm eine
-Bruttoeinnahme von 500 Mark daraus erwachsen ist (Abb. 36 u. 37).
-
-Die längste der Halligen ist Langeneß-Nordmarsch; nach der Vermessung
-von 1882 betrug ihr Areal etwa 1025 Hektar, gegenüber 1179 Hektaren,
-die sie bei derjenigen von 1873–1874 noch besaß. Norderoog, mit 16,96
-Hektaren (gegenüber 22,72 Hektaren 1873–1874) ist die kleinste. In der
-Gegenwart hat die preußische Regierung die Fürsorge für die fernere
-Erhaltung dieser kleinen Inseln, die schon deshalb besonders geschützt
-werden müßten, weil sie die Wellenbrecher für das Festland bilden,
-besonders im Auge. 1896 bewilligte der Landtag hierfür die Summe von
-1320000 Mark. Ein großer Teil des Verdienstes, das mit veranlaßt und
-herbeigeführt zu haben, mag wohl dem Sekretär der Handelskammer zu
-Offenbach a. M., ~Dr.~ Eugen Traeger gebühren, der unablässig dafür
-eingetreten ist. So hat in den jüngstverflossenen Jahren Oland mächtige
-Dämme mit schwerer Steindecke und Busch und Pfahlbuhnen erhalten, und
-nicht minder großartige Dämme wurden zur Verbindung dieser Insel mit
-dem Festlande bei Fahretoft (Kosten 408000 Mark) und mit Langeneß
-(Kosten 207000 Mark) in die See gebaut, zum Teil unter unsäglichen
-Schwierigkeiten, denn die Strecke Oland-Fahretoft hat allein im
-Jahre 1898 infolge schwerer Beschädigung durch die Wellen an 100000
-Mark Ausbesserungskosten verursacht und mußte in ihrer Anlage etwas
-verändert werden. Die Herstellung der Olander Dämme, deren Sohlenbreite
-10 Meter beträgt, die sich zu einer Kronenbreite von 4 Metern verjüngt,
-an besonders exponierten Stellen aber, so am Olander Tief 7½ Meter groß
-bleibt, hat rund 90000 Kubikmeter Faschinen, 100000 laufende Meter
-Würste aus Busch- und Pfahlwerk, 200000 Stackpfähle zur Befestigung und
-4000 Kubikmeter Felsbelag erfordert, von der massenhaft verwendeten
-Erde ganz zu schweigen. Zur Zeit haben auch die Arbeiten zum Schutze
-der Insel Gröde ihren Anfang genommen, und man war im Frühjahr 1900
-damit beschäftigt, an denjenigen Stellen Erde auszuheben, wo die
-Steindossierung angelegt werden soll.
-
-Über Hooge läuft das Kabel, das von Amrum, Pellworm und Nordstrand nach
-dem Festland führt. Hooge ist auch die einzige der Halligeninseln, die
-außer Kirche und Pfarrhaus noch ein eigenes Schulhaus besitzt. Die
-Kirchen sind einfache Gebäude, ohne Turm, mit dem Giebel von Osten
-nach Westen gerichtet, wie alle Gebäude auf den Halligen, daneben ein
-kleines hölzernes Glockentürmchen. Im Inneren sind Gänge und Altarraum
-mit Ziegelpflaster versehen, der übrige Raum ist mit Meeressand
-bedeckt, Bänke, Kanzel und Altar sind bescheiden ohne viel Schmuck.
-Dem Langenesser Gotteshaus fehlt das Glockentürmchen an der Seite; das
-Zeichen zum Beginn des Gottesdienstes wird hier mit der Kirchenflagge
-gegeben. Von besonderem Interesse sind auch die Friedhöfe mit manchen
-alten Grabsteinen und bemerkenswerten Inschriften darauf. Den alten
-Kirchhof von Nordstrandisch-Moor haben die Wellen zerstört, und aus dem
-tiefen Schlamm schauen die Reste der Särge und die Skelette der Toten
-hervor. Auf verschiedenen Halligen sind Schulen; wo das nicht der Fall
-ist, da werden die schulpflichtigen Kinder in Pension gegeben.
-
-[Illustration: Abb. 101. ¯Schnelldampfer „Kaiser Wilhelm der Große“.¯
-
-(Nach einer Photographie im Besitz des Norddeutschen Lloyd.)]
-
-Die Postverbindung mit den Halligen erfolgt über Husum-Nordstrand,
-von hier weiter durch einen Postschiffer zwei- bis dreimal in der
-Woche. Bei starken Stürmen oder bei schwerem Eisgang erleidet dieselbe
-natürlich allerlei Unterbrechungen von kürzerer oder längerer
-Dauer. Dies war beispielsweise im Winter 1888 der Fall, wo man auf
-Hooge und Gröde noch am 22. März den 91. Geburtstag des damals
-schon seit 14 Tagen entschlafenen Kaisers Wilhelm ~I.~ feierte. Die
-Telegraphenverbindung Hooges mit der Festlandküste war damals noch
-nicht vorhanden.
-
-[Illustration: Abb. 102. ¯Gesellschaftszimmer im Schnelldampfer „Kaiser
-Wilhelm der Große“.¯
-
-(Nach einer Photographie im Besitz des Norddeutschen Lloyd.)]
-
-
-
-
-~IX.~
-
-Eiderstedt.
-
-
-[Sidenote: Die Landschaft Eiderstedt.]
-
-Südlich von Husum, zwischen dem vom Heverstrom durchzogenen Teil
-des Wattenmeeres im Norden und der Eidermündung in ihrer heutigen
-Gestalt, sowie den Ditmarscher Gründen im Süden, westlich von der
-Nordsee begrenzt, dehnt sich die erst in historischen Zeiten mit
-dem Festland verbundene Landschaft Eiderstedt aus. Politisch bildet
-dieselbe den 330,5 Quadratkilometer umfassenden, gleichnamigen
-Landkreis, dessen Bewohnerzahl nach der Volkszählung vom 2. Dezember
-1895 15788 Seelen betrug, was einer Volksdichte von etwa 49 Menschen
-auf dem Quadratkilometer gleichkommt. Eiderstedts Boden besteht
-größtenteils aus dem besten Marschlande, und der dortige Klei ist, um
-mit Pontoppidan zu reden, „eine Mutter des wohlriechenden und großen,
-kräftigen Wiesen-Klees: daher in Eiderstedt die vortrefflichsten
-Meyereyen anzutreffen, und soll eine Kuh des Tages 16 ~à~ 18 Kannen der
-allerbesten Milch ausgeben können; daher die Eiderstedtische Butter und
-Käse in sehr großer Menge außerhalb Landes verführet wird“. Nach aus
-dem Anfang des siebzehnten Jahrhunderts datierenden Zollabrechnungen
-wurden jährlich an dritthalb Millionen Käse nach Hamburg, Bremen und
-sogar nach Amsterdam versandt. Und was der Autor des ~Theatrum Daniae~
-vor nunmehr 170 Jahren schrieb, hat auch noch heute volle Geltung. Es
-geht die Rede, daß nach dem Garten Eden Eiderstedt der schönste Fleck
-auf Gottes weiter Erde sei. Für den Eiderstedter Bauern mag diese
-Auffassung sicherlich ihre Berechtigung haben. Behauptet doch ein
-landesübliches Sprichwort, daß ein solcher Landmann von echtem Schrot
-und Korn weiter nicht viel mehr zu thun habe, als: Slopen, Äten, Supen,
-Spazierengahn und -- ordentlich zu verdauen. Das letzte Reimwort im
-Originaltext richtig wiederzugeben, verbietet mir hier der Anstand.
-
-[Illustration: Abb. 103. ¯Rauchzimmer im Schnelldampfer „Kaiser Wilhelm
-der Große“.¯
-
-(Nach einer Photographie im Besitz des Norddeutschen Lloyd.)]
-
-[Sidenote: Der Boden Eiderstedts.]
-
-Eigentliche Bodenerhebungen gibt es im Inneren Eiderstedts kaum.
-Seine Küstenlinie umzieht der grüne Wall der Seedeiche, und
-Binnendeiche trennen die zu verschiedenen Zeiten dem Meere abgetrotzten
-Köge voneinander. Ebensowenig wird man von der Natur geschaffene
-Vertiefungen hier finden und vergebens nach Flüssen, Bächen oder Seen
-suchen. Aber Graben- und Wasserzüge durchqueren Eiderstedt allenthalben
-und schaffen die viereckige Landeinteiluug der Fennen. Wenn der Bauer
-über Land geht, so führt er den „Klüwerstock“, einen vier bis sechs
-Ellen langen Springstock, mit sich, mit dessen Hilfe er über diese
-Gräben hinwegsetzt. Frauen, Kinder und Landfremde müssen aber den
-Fußsteigen folgen, die oftmals erst über lange Umwege zum Hause des
-Nachbarn führen. Einen Gang durch Eiderstedt hat Professor Meiborg in
-Kopenhagen in gar anziehender Weise mit folgenden Worten geschildert:
-„Wir gehen landeinwärts. Der Kuckuck ruft, solange der Tag währt,
-und die Lerche schlägt ihre Triller. Eine zahllose Menge von Pferden
-und Rindern grast auf den Weiden; ausgedehnte Strecken sehen von der
-Anzahl des Viehes aus, wie ungeheure Marktplätze. Bald fesseln das Auge
-einzelne Tiere, bald ziehen es einzelne Gruppen an, die sich um die
-Scheunenplätze gesammelt haben. Mehr in der Ferne sehen sie aus wie
-bunte Flecke auf dem grünen Teppich, die, je weiter der Blick geht,
-desto enger zusammenrücken. -- Sonst läßt sich die Landschaft mit einem
-englischen Park von ungemessener Größe vergleichen: auf meilenweiter
-Grasfläche, die wie ein einziger wundervoll herrlicher Rasen erscheint,
-hingesäet liegen die Gehöfte, wie im Gehölze halb versteckt, hinter
-Gruppen prächtiger Eschen, und der Kranz dieser Haine vereinigt sich am
-Gesichtskreis wie in einen einzigen zusammenhängenden Wald.“
-
-In der Nähe der Küste ist das Landschaftsbild zuweilen ein etwas
-anderes, denn die jüngsten Köge sind teilweise noch von Sümpfen
-eingenommen und stehen in Regenzeiten manchmal sogar unter Wasser.
-In trockenen Sommern aber erscheinen sie dann auf weite Strecken hin
-als nackte Lehmflächen, die von modernden Algen weiß und blaurot
-gefärbt sind und dann in grellem Kontraste mit dem sonst so üppigen
-Pflanzenwuchse stehen. Zahlreiche Schafherden weiden hier, und eine
-Menge von Möven (Abb. 39), Kiebitzen, Regenpfeifern und anderen
-Strandvögeln halten sich hier auf.
-
-[Sidenote: Viehzucht und Ackerbau in Eiderstedt.]
-
-Große Strecken Landes haben seit undenklichen Zeiten nur als
-Weideplätze gedient, und da dem Landmann, welcher nur Viehzucht treibt,
-ein viel leichteres und angenehmeres Leben blüht, als dem Ackerbauern,
-so hat das weiter oben angeführte Verslein natürlich in erster Linie
-auf jenen Bezug. Soll doch das fette Eiderstedter Gras sogar dem Hafer
-an Mastwert gleichkommen. Jährlich werden hier etwa 3000 bis 4000 Stück
-Fettvieh und eine bedeutende Zahl von Schafen hervorgebracht, welche
-meistenteils nach Husum auf den Markt wandern. Bei der Zählung am 10.
-Januar 1883 betrug der gesamte Viehstand des Kreises 2522 Pferde, 13304
-Rinder, 24453 Stück Schafe und 1322 Schweine.
-
-In vergangenen Zeiten hatte Eiderstedts Viehzucht nicht wenig unter
-Ueberflutungen zu leiden gehabt, so daß das Vieh unter unaufhörlichem
-Gebrüll ruhelos auf den Fennen herumwaten mußte und kein trockenes
-Plätzchen zum Hinliegen finden konnte. Seitdem aber das Sielwesen
-im Lande so verbessert wurde, ist das anders geworden. Auch die
-Rinderpesten haben zuweilen viel Schaden gebracht, so besonders
-im Jahre 1745, wo wiederholt binnen wenigen Wochen fast der ganze
-Viehstand fiel.
-
-Nicht minder lohnend als die Viehzucht ist aber auch der Ackerbau im
-Lande Eiderstedt, wenn auch sehr viel mühsamer und beschwerlicher.
-Denn in trockenem Zustande ist der schwere Kleiboden so hart, daß der
-Pflug kaum hindurchkommen kann, und bei Regenwetter wiederum wird die
-Erde so weich, daß es den Pferden nur bei allergrößter Anstrengung
-möglich ist, sich hindurchzuarbeiten. Bisweilen müssen ihrer sechs am
-Pfluge ziehen, und dann müssen die Schollen doch noch hier und da mit
-Schlägeln zertrümmert werden. Dafür steht aber in guten Jahren das
-Korn so dicht und stark, daß es mit der Sichel geschnitten werden muß,
-und der Hafer 30-, die Gerste 44fältig trägt; vom Raps geben 20 Kannen
-Aussaat 150–200 Tonnen Ertrag. „Wer,“ so schreibt Meiborg weiter, „von
-den angrenzenden Harden des mittleren Schleswigs, die den magersten
-Sandboden haben, herüberkommt nach Eiderstedt, dem erscheint es, als
-komme er in ein ganz anderes Land, und er versteht wohl die Äußerung
-des alten eiderstedtischen Bauern, der zu seinem wanderlustigen Sohne
-sagte: ‚Hier ist die Marsch; die ganze übrige Welt ist nur Geest; was
-willst du doch in der Wüste?‘“
-
-Der wohlhabende Eiderstedter Bauer ist eine stattliche Erscheinung und
-soll noch heutzutage, wie vorzeiten seine Ahnen etwas phlegmatisch
-angelegt sein und mit einer gewissen Geringschätzung auf Leute anderen
-Berufes und anderer Herkunft herabschauen.
-
-Große, hochgiebelige Häuser, sogenannte Hauberge, sind die
-Wohnstätten des Eiderstedter Landmannes. Im Verlaufe des siebzehnten
-und des achtzehnten Jahrhunderts kamen sie in Eiderstedt immer
-mehr auf und verdrängten nach und nach den bisher im Lande üblich
-gewesenen Haustypus, den man im übrigen schleswigischen Frieslande
-noch allgemeiner findet, und der in der Gegenwart im Eiderstedtischen
-bis auf ganz wenige vereinzelte Überreste vollständig verschwunden
-zu sein scheint. Ein berühmtes Beispiel eines Haubergs steht an der
-Nordküste, nahe bei Husum; es ist der sogenannte „rote Hauberg“,
-einer der ältesten im Lande und wohl schon in der ersten Hälfte des
-siebzehnten Jahrhunderts errichtet. Es unterscheidet sich derselbe
-übrigens in manchen Einzelheiten von seinen Genossen, so durch seine
-zwei Hauptthüren, seine beiden Dachgiebel, durch die eigentümlichen
-Verzierungen seiner Thüreinfassungen und noch durch anderes mehr. Im
-Volksmunde heißt er auch der Hauberg mit den 100 Fenstern, und die Sage
-nennt den leibhaftigen Satan als seinen Baumeister.
-
-[Illustration: Abb. 104. ¯Bremen.¯ (Nach einer Photographie von Louis
-Koch in Bremen.)]
-
-Denselben Anstrich von prunkendem Reichtum, den das eiderstedtische
-Haus in seinen äußeren Teilen zeigt, besitzt es meist auch in seinen
-inneren Räumen. Der Fremde, der dort willkommen geheißen wird, kann
-sich des Gefühles nicht erwehren, als ob er bei einem Landedelmann zu
-Gaste wäre.
-
-Über die Sitten und Gebräuche der Eiderstedter in dahingeschwundenen
-Tagen ließe sich recht viel Interessantes berichten. Leider aber
-mangelt uns der nötige Platz hierfür. Immerhin mag hier noch die
-Blutrache Erwähnung finden, die noch lange Zeit nach der Einführung
-des jütischen Gesetzbuches Waldemars des Siegers in den Marschlanden
-vorgeherrscht hat. Ein vor nicht gar langer Zeit im roten Hauberg
-entdecktes Gefängnis, ein unterirdisches Verließ mit Pfahl, Ketten
-und Halseisen erinnert an diese schreckliche Sitte. Rings auf den
-Bauernhöfen gab es ähnliche Kerker, in denen man Angehörige des
-Getöteten, die man am Leben lassen wollte, in Ketten gefangen hielt,
-bis die Mannbuße für sie gezahlt war.
-
-[Sidenote: Tönning.]
-
-Verhältnismäßig gute Landstraßen und die Bahnlinie
-Husum-Tönning-Garding sind die Adern des Verkehrs in Eiderstedt. Große
-Städte hat es nicht; die größte, Tönning, zugleich Sitz des Landrats,
-hat etwa 3300 Einwohner. Sie liegt an der Eider, nur wenige Meilen von
-deren Mündung entfernt, und hat einen 1613 von Herzog Johann Adolph
-mit großem Kostenaufwand angelegten, früher recht bedeutenden Hafen,
-der an 100 Schiffe mittlerer Größe, deren Tiefgang nicht mehr als elf
-Fuß betrug, fassen konnte. In der Gegenwart kommt derselbe nicht mehr
-in Betracht, und von dem lebhaften Handel, den sie ehemals betrieb,
-ist in der recht still gewordenen Stadt wenig mehr zu merken. Am 1.
-Januar 1891 war ihr Schiffsbestand sechs Segler und acht Dampfschiffe
-groß, mit insgesamt 5081 Registertons Rauminhalt (Abb. 12). Besondere
-Berühmtheit in der Kriegsgeschichte Schleswig-Holsteins hat Tönning
-durch das Bombardement im April 1700 erlangt -- die Dänen unter dem
-Herzog von Württemberg warfen damals 11000 Bomben und 20000 Kugeln in
-die Stadt -- und durch die unter ihren Mauern am 16. Mai 1713 erfolgte
-Kapitulation des schwedischen Generals Steenbock nach seinem bekannten
-Übergang über die vereiste Eider.
-
-Am Endpunkte der Bahn steht Garding, eine kleine, kaum 1700 Einwohner
-zählende Stadt, die Heimat des Historikers Theodor Mommsen. Von hier
-aus gelangt man auf guten Wegen nach Tating, dessen Umgebung von der
-Sturmflut im Jahre 1825 hart mitgenommen wurde, und wenn man noch
-weiter westwärts zieht, zu dem durch den langen Dünenwall der Hitzbank
-geschützten Kirchdorfe St. Peter. Hier hat sich im Verlaufe der
-jüngsten Jahre ein kleiner Nordseebadeort entwickelt, der zweifelsohne
-einer günstigen Zukunft entgegensieht. Beinahe ganz in Eiderstedts
-Nordwestecke treffen wir auf das Kirchspiel Westerhever, einen Teil der
-in den Fluten vergangenen Insel Utholm. Die älteste Kirche des Dorfes
-soll um 1362 von den Wellen der See weggespült worden sein.
-
-
-
-
-~X.~
-
-Die schleswig-holsteinische Westküste von der Eider bis Hamburg-Altona.
-
-
-Die lange Küstenstrecke von der Eider bis Hamburg wird durch eine
-Anzahl von Eisenbahnlinien durchzogen, die meist in den letzten
-Jahrzehnten entstanden sind und viel dazu beigetragen haben, diese
-bis dahin ziemlich abgelegenen Lande dem Reiseverkehr zu erschließen.
-Die Hauptlinie, die Marsch- oder Westbahn, zweigt in Elmshorn von
-der Bahnlinie Altona-Vamdrup, der verkehrsreichsten Ader in den
-Herzogtümern ab. Über Glückstadt, Itzehoe, Meldorf, Heide und
-Friedrichstadt erreicht sie Husum, Tondern und geht jenseits der Grenze
-in die Bahn nach Ripen über. Von Husum bis nach Jütland hinauf ist uns
-die Strecke ja schon bekannt geworden. An die Marschbahn schließen
-sich nun mehrere Zweiglinien an, so in Husum diejenige nach Eiderstedt
-(Garding über Tönning), die uns ebenfalls schon bekannt ist, und die
-die Marschbahn mit der Hauptlinie bei Jübek verbindende Strecke. Bei
-Heide mündet ein weiterer Verbindungsstrang mit dieser letzteren,
-der bis Neumünster läuft und bei Grünenthal den Kaiser Wilhelm-Kanal
-vermittelst einer schönen Hochbrücke überquert, von der im folgenden
-noch einiges gesagt werden soll. Nach Westen zu setzt sich diese Linie
-über Wesselburen bis nach Büsum fort. In St. Michaelisdonn steigen
-die Reisenden für Marne und den Friedrichskoog um, eine andere nur
-kurze Zweigbahn verbindet die Hafenanlagen des ebenerwähnten Kanals
-an den Brunsbütteler Schleusen mit der Station St. Margareten, und
-von Itzehoe aus ist die Hauptlinie ebenfalls wieder über die Strecke
-Lockstedt-Kellinghusen-Wrist zu erreichen. Endlich besteht eine von
-Altona bis nach Wedel reichende Bahnlinie über die Ortschaften am
-rechten Elbufer.
-
-[Illustration: Abb. 105. ¯Bremer Freihafen.¯ (Nach einer Photographie
-von Louis Koch in Bremen.)]
-
-[Illustration: Abb. 106. ¯Weserbrücke in Bremen.¯
-
-(Nach einer Photographie von Louis Koch in Bremen.)]
-
-[Sidenote: Die Marschen südlich der Eider.]
-
-Der nördliche Teil unseres Gebietes gehört noch zum Kreis Schleswig,
-der hier weit nach Westen übergreift, dann folgen Norderditmarschen,
-Süderditmarschen, Steinburg und Pinneberg. An der Zusammensetzung
-des Bodens nehmen sowohl Geest, als auch Marsch teil, in dem von uns
-zu besprechenden Küstenareal in vorwiegender Weise die letztere,
-die aus einer größeren Menge der fruchtbarsten Köge besteht, so der
-Sophienkoog, der Kronprinzenkoog, der Friedrichskoog (so genannt nach
-König Friedrich ~VII.~ von Dänemark) auf der früheren, jetzt zur
-Halbinsel gewordenen Insel Dieksand, der Kaiser Wilhelm-Koog, u. s. f.
-Daran schließen sich südlich die holsteinischen Elbmarschen, und zwar
-im Kreise Steinburg die im zwölften Jahrhundert von Holländern und
-Flamländern eingedeichten Wilstermarsch und die Krempermarsch, und dann
-noch weiter nach Süden die Haseldorfer Marschen.
-
-[Sidenote: Friedrichstadt. Lunden. Heide.]
-
-An der Mündung der Treene in den Eiderstrom liegt Friedrichstadt,
-mit 2350 Einwohnern, 1621 nach holländischer Art im Viereck mit
-regelmäßigen und gerade verlaufenden Straßen von Herzog Friedrich
-~III.~ von Gottorp gebaut. Die Hoffnungen ihres Begründers, daß sie
-einmal einer der ersten Handelsplätze in seinen Landen werden sollte,
-hat die Stadt im Laufe der Zeit unerfüllt gelassen. Ihre ursprünglichen
-Bewohner waren holländische Remonstranten, sogenannte Arminianer, die
-ihr Vaterland aus Glaubensgründen verließen, und in der Gegenwart
-noch gibt es hier eine remonstrantisch-reformierte Gemeinde neben der
-lutherischen. In den verflossenen Jahrzehnten hat Friedrichstadt einen
-nicht unbedeutenden industriellen Aufschwung zu verzeichnen gehabt
-(Knochenmehl-, Kunstdünger-, Seifenfabriken), in der Kriegsgeschichte
-der Herzogtümer ist es durch den Kampf, der am 4. Oktober 1850
-zwischen den Dänen und den Schleswig-Holsteinern unter seinen Mauern
-ausgefochten wurde (der Friedrichstädter Sturm), bekannt.
-
-Hier führt eine lange Brücke über die Eider (Ägidora, Ögysdyr, das
-heißt Meeresthor, Thor des Meergottes Ägir), die wir bereits von
-Tönning her kennen. Schon auf holsteinischem Boden liegt das alte
-Lunden, ein Flecken in Norderditmarschen, mit 4000 Seelen, in sandiger
-Gegend, am Rande der Marsch. In den vergangenen Tagen des freien
-Ditmarschens war es einmal ein reicher und wichtiger Punkt für Handel
-und Verkehr, nunmehr ist es ein stiller Ort. Joachim Rachel, der
-bekannte Satirendichter, hat im Jahre 1618 das Licht der Welt hier
-erblickt. Nicht weit davon ist das alte Kirchdorf Weddingstedt mit
-seiner dem heiligen Andreas geweihten Kirche, welche nächst derjenigen
-Meldorfs die älteste Ditmarschens ist. Heide, mit 7500 Einwohnern ist
-die Hauptstadt Norderditmarschens und war nach Meldorf die zweite der
-ehemaligen Bauernrepublik, in deren Gebiet wir uns befinden. Riesig,
-27000 Quadratmeter groß, ist der Marktplatz von Heide, auf dem seit
-1434 die Landesversammlungen gehalten wurden. Auch heute herrscht
-noch rühriges Leben in der Stadt, welche sich rühmen darf, des Landes
-Schleswig-Holsteins größten Lyriker, den erst 1899 zu Kiel verstorbenen
-Dichter Klaus Groth, hervorgebracht zu haben.
-
-[Illustration: Abb. 107. ¯Rathaus in Bremen.¯
-
-(Nach einer Photographie von Louis Koch in Bremen.)]
-
-[Sidenote: Wesselburen. Büsum.]
-
-Westlich von Heide erhebt sich auf großen Werften das alte Wesselburen
-mit etwa 6500 Einwohnern, ein seines bedeutenden Kornhandels wegen
-wichtiger Ort. In der Geschichte der deutschen Litteratur steht
-Wesselburens Namen vorne an. Dort wurde am 18. März 1813 der Mann
-geboren
-
- Von düstrer Größ’ umwoben,
- Der uns den Nibelungenhort
- Zum zweitenmal gehoben.
- Der von der Tischlertochter Lied
- Das grause Lied gesungen!
- Ditmarschens Trotz und Mächtigkeit
- Hat keinen so durchdrungen.
-
- (Bartels.)
-
-Ein einfaches Denkmal mit der Büste des Geistestitanen erinnert an
-Friedrich Hebbel. Das Haus seiner Eltern steht nicht mehr, wohl aber
-noch die ehemalige Kirchspielvogtei, in deren dumpfer Schreiberstube
-der Dichter geduldet und gelitten hat, bis er, einem jungen
-freigelassenen Adler gleich, seinen Flug anheben konnte in die weite
-Welt, die er mit seinem Ruhm erfüllen sollte. Draußen an der See liegt
-Büsum, der alte Rest eines großen Kirchspiels, das in vergangenen
-Jahrhunderten südwestlich sich ausgedehnt hat, aber größtenteils von
-den Fluten verschlungen worden ist.
-
-Später setzte sich dafür wieder an einer anderen Stelle Land an, und
-mit der Zeit wurde Büsum mit dem festen Lande verbunden. Auf der
-ehemaligen, in der Gegenwart ebenfalls landfest gewordenen Insel Horst
-befindet sich ein vielbesuchtes Seebad. Es wird an der dortigen Küste
-der Krabbenfang in großem Maße betrieben, von Büsum allein zur Zeit
-durch nicht weniger als 36 Fahrzeuge, denen sich im Sommer noch ein
-dazu erbautes Dampfschiff zugesellen wird. Büsum ist die Heimat des
-bekannten Chronisten aus dem Beginn des siebzehnten Jahrhunderts,
-Neocorus.
-
-[Illustration: Abb. 108. ¯Saal im Bremer Rathaus.¯
-
-(Nach einer Photographie von Louis Koch in Bremen.)]
-
-[Sidenote: Hemmingstedt.]
-
-Im Süden von Heide gelangen wir bei Hemmingstedt auf das bekannte
-Schlachtfeld vom Jahre 1500, auf welchem sich seit wenigen Monaten
-ein Erinnerungsdenkmal an den großen Sieg der Ditmarscher erhebt.
-Vor vierzig Jahren wurde hier auch Erdöl gewonnen, das im Jahre 1856
-bei Anlaß einer Brunnenbohrung in den daselbst ziemlich nahe an die
-Erdoberfläche tretenden Kreideschichten zufällig entdeckt worden war.
-Das mit der Ausbeutung dieses Vorkommens beschäftigte Unternehmen
-stand längere Zeit hindurch in Blüte und das Erdöl von Heide erhielt
-sogar auf der Weltausstellung zu London im Jahre 1862 eine ehrenvolle
-Auszeichnung. Der Betrieb konnte wegen der immer mehr zunehmenden
-Konkurrenz des billigeren amerikanischen Petroleums später nicht
-mehr aufrecht erhalten werden, und auch ein weiterer, im Jahre 1880
-unternommener Versuch der Erdölgewinnung mußte leider scheitern.
-
-[Illustration: Abb. 109. ¯Partie aus dem Bremer Ratskeller.¯
-
-(Nach einer Photographie von Louis Koch in Bremen.)]
-
-[Illustration: Abb. 110. ¯Partie aus dem Bremer Ratskeller.¯
-
-(Nach einer Photographie von Louis Koch in Bremen.)]
-
-[Sidenote: Meldorf.]
-
-Meldorf ist das vormalige Melinthorp oder auch Milethorp. Noch bis
-in das sechzehnte Jahrhundert hinein besaß die Stadt einen Hafen, der
-aber nunmehr an eine halbe Meile von ihrem Weichbild entfernt ist. Das
-sehr gemütliche Städtchen zählt zur Zeit etwa 4000 Einwohner und ist
-auf der Geest, dicht am Marschrande erbaut (Abb. 40). Schon um 1259
-hatte Meldorf Stadtrecht erhalten, sank aber nach der Eroberung von
-Ditmarschen zum Flecken herab, um 1870 aufs neue zum Range einer Stadt
-erhoben zu werden. Hier tagten in alten Zeiten die Landesversammlungen
-der Bauernrepublik. Man rühmt der Kirche Meldorfs nach, nunmehr die
-schönste in den schleswig-holsteinischen Landen zu sein, nachdem sie
-in den jüngstverflossenen Jahrzehnten einer gründlichen Reparatur
-unterworfen gewesen ist. Sie ist schon sehr alt, und der erste Bischof
-von Bremen, Willehad, soll sie um 780 begründet haben. Dann befindet
-sich in Meldorf noch der aus Lehe bei Lunden hierher gebrachte Pesel
-des ersten ditmarschen Landvogts Markus Swyn, mit wundervollen
-Schnitzereien und herrlichen Möbelstücken. Ferner ist auch die alte
-berühmte, aus dem sechzehnten Jahrhundert stammende Gelehrtenschule zu
-erwähnen, die sich heute noch des besten Rufes erfreut. Im Pastorate
-Meldorfs wurde der Reformator Heinrich von Zütphen gefangen genommen,
-um nach Heide gebracht und daselbst als Märtyrer verbrannt zu werden.
-Heinrich Christoph Boje, der bekannte Hainbunddichter, ist in Meldorf
-geboren, und der weitberühmte Reisende Karsten Niebuhr, der Vater des
-Historikers, hat hier gelebt.
-
-[Illustration: Abb. 111. ¯Bremer Börse.¯
-
-(Nach einer Photographie von Louis Koch in Bremen.)]
-
-[Illustration: Abb. 112. ¯Der Dom in Bremen¯ (links das Rathaus, rechts
-die Börse).
-
-(Nach einer Photographie von Louis Koch in Bremen.)]
-
-Südwestlich von Meldorf, mitten im fetten Marschlande, an der
-Zweigbahn St. Michaelisdonn-Friedrichskoog liegt das große Kirchdorf,
-resp. der Flecken Marne (2600 Einwohner), der bedeutenden Kornhandel
-treibt, für welchen der Neudorfer Hafen an der Elbe, südlich von Marne,
-von Bedeutung ist. Zwei große Männer des Landes sind hier zur Welt
-gekommen, der Germanist Karl Müllenhoff in Marne selbst, und im ganz
-nahebei belegenen Fahrstedt der Theologe Klaus Harms, weiland Propst in
-Kiel und ein weithin bekannter Kanzelredner und Menschenfreund.
-
-[Illustration: Abb. 113. ¯Das Essighaus in Bremen.¯
-
-(Nach einer Photographie von Louis Koch in Bremen.)]
-
-[Sidenote: Kaiser Wilhelms-Kanal.]
-
-Brunsbüttel mit Brunsbüttlerhafen war bis vor wenigen Jahren ein
-kleiner für die Kornausfuhr wichtiger Hafenort an der Elbe, der mehr
-als einmal in verflossenen Jahrhunderten durch die Wasserfluten zu
-leiden gehabt hat. Im Jahre 1676 war der ganze Flecken mitsamt der
-Kirche davon zu Grunde gerichtet worden. Durch die Einmündung des
-Kaiser Wilhelm-Kanals in die Elbe nahe beim Orte hat Brunsbüttel
-nunmehr erhöhte Bedeutung gewonnen. Gewaltige Schleusenanlagen
-bezeichnen den Anfang dieser 98,65 Kilometer langen, durchschnittlich
-etwa neun Meter tiefen Wasserstraße, die mit zwei großen weit in
-die Elbe bis zur Fahrwassertiefe hinausgebauten Molen beginnt. Die
-Schleusenhäupter selbst liegen 250 Meter hinter der Deichlinie
-zurück, so daß dadurch ein geräumiger, nach innen trichterförmig
-verlaufender Vorhafen geschaffen worden ist. Um den Wasserstand im
-Kanal regulieren zu können und denselben von den Einflüssen der durch
-Ebbe und Flut hervorgerufenen Schwankungen des Wasserstandes der
-Elbe unabhängig zu machen -- bei Brunsbüttel beträgt der Unterschied
-zwischen mittlerem Niedrig- und mittlerem Hochwasser 2,8 Meter --,
-sind große Schleusen mit zwei nebeneinander liegenden Schleusenkammern
-von 150 Meter nutzbarer Länge und 25 Meter Breite erbaut, deren
-eiserne Thore durch hydraulische Maschinen bewegt werden. Da, wo bei
-Grünenthal die westholsteinische Bahn Neumünster-Heide die Kanallinie
-überquert, spannt sich eine großartige eiserne Bogenbrücke von 156,5
-Meter Stützweite, deren Unterkante 42 Meter hoch über dem mittleren
-Kanalwasserspiegel liegt, über diese ebengenannte Wasserstraße,
-mit ihrer Schwester bei Levensau, welche zur Überführung der Bahn
-Kiel-Eckernförde-Flensburg über den Kanal dient, wahre Wunder der
-Brückenbaukunst. Neben der eminenten strategischen Bedeutung des
-Kanals besitzt derselbe eine kaum minder große für die Handelsflotte.
-Der Verkehr der Handelsschiffe auf demselben nimmt seit den fünf
-Jahren seiner Eröffnung ständig zu und diese Wasserstraße trägt
-ungemein viel zur Förderung des sich mehr und mehr entwickelnden
-Schleppschiffverkehrs aus der Nord- in die Ostsee und umgekehrt bei
-(Abb. 41–45).
-
-[Illustration: Abb. 114. ¯Der Markt in Bremen.¯
-
-(Nach einer Photographie von Louis Koch in Bremen.)]
-
-[Sidenote: Die Wilstermarsch.]
-
-Etwas südöstlich von Brunsbüttel liegt St. Margareten. Von hier aus
-wird in einer knappen halben Stunde das Dorf Büttel mit der bekannten
-Elblotsenstation der „Bösch“ erreicht. Besteigen wir in St. Margareten
-wieder den Bahnzug, so erscheint bald nach Eddelak und dem flachen
-Kudensee die kleine in der Anlage und Bauart ihrer Häuser an Holland
-gemahnende Stadt Wilster (ca. 2750 Einwohner) in der Wilstermarsch.
-Charakteristisch für diese Landschaften sind die zahlreichen
-Windmühlen, welche angelegt wurden, um das von der Geest zur Marsch
-herniederströmende Wasser mittels Schnecken aus den Laufgräben in
-die Abzugskanäle zu heben. Der größte Teil der Wilstermarsch liegt
-nämlich auf Moorgrund, und durch die fortschreitende Entwässerung und
-Trockenlegung dieses letzteren senkte sich allmählich der darüber
-liegende Marschboden, und zwar so tief, daß derselbe jetzt unter dem
-Wasserspiegel der Elbe liegt. In den Häusern der Wilstermarsch läßt
-sich holländischer Einfluß nachweisen; dieselben nehmen insbesondere
-noch unser Interesse dadurch in Anspruch, als der Rokokostil Eingang
-darin gefunden hat, ohne jedoch die bäuerliche Behaglichkeit zu
-beeinträchtigen. Die übrigen Elbmarschen Schleswig-Holsteins weisen
-echte Sachsenhäuser auf, sogar die schönsten und reichsten in den
-Marschlanden überhaupt.
-
-[Sidenote: Itzehoe. Breitenburg.]
-
-Wir werfen noch einen kurzen Blick auf das kleine in blauer Ferne auf
-hohem Geestrande thronende Burg und eilen dann weiter nach Itzehoe
-(Abb. 46). Ein buntes und bewegtes Bild heiteren Wallensteinischen
-Lagerlebens wird sich bei Nennung dieses Namens vor dem geistigen Auge
-unserer Leser aufrollen.
-
- Ihr kennt ihn alle aus dem „Wallenstein“,
- Den langen Peter aus Itzehö.
- Zwar würd’ er schwerlich unser Landsmann sein,
- Wenn nicht der schöne Reim wär’ auf „Mußjö“.
-
- (Bartels.)
-
-[Illustration: Abb. 115. ¯Bremer Typen.¯]
-
-[Illustration: Abb. 116. ¯Das Museum für Natur-, Völker- und
-Handelskunde in Bremen.¯
-
-(Nach einer Photographie von Louis Koch in Bremen.)]
-
-Und dem langen Peter mag es Itzehoe wohl zu verdanken haben, wenn es
-in den Landen deutscher Zunge die bestbekannte Stadt an der Westseite
-Schleswig-Holsteins ist. In anmutiger Lage am schiffbaren Störfluß
-erbaut, zählt das gewerbe- und industriereiche Itzehoe (Cement- und
-Zuckerfabriken etc.), in der Gegenwart etwa 12500 Seelen. In früherer
-Zeit nahm die Stadt als der Versammlungsort der holsteinischen Stände
-eine besonders wichtige Stellung ein, doch hat sie dadurch, daß
-dies nunmehr aufgehört hat, nicht verloren, sondern ist in stetigem
-Aufblühen begriffen. Durch das Villenviertel hindurch führt ein schöner
-Spazierweg an Amönenhöhe vorbei, längs der windungsreichen Stör nach
-dem Schlosse Breitenburg, das von Johann von Rantzau, dem Statthalter
-der Herzogtümer und dem Besieger der Ditmarschen in der letzten Fehde
-(1559), erbaut worden ist. Hier hat sich in den Septembertagen 1627
-eine Episode abgespielt, die wohl wert ist, in einigen Worten an dieser
-Stelle erwähnt zu werden. Damals war Breitenburg eine von starken
-Mauern umgebene, durch Türme und Bastionen geschützte und vom Störfluß
-umspülte Feste, in welcher der in dänischen Kriegsdiensten befindliche
-schottische Major Dumbarre mit vier Compagnien Schotten und einigem
-deutschen Fußvolk lag, im ganzen wohl nicht viel mehr als 600 Mann.
-Außerdem hatten aber die Landleute der Umgebung ihre Familien und
-ihren wertvolleren Besitz nach Breitenburg geflüchtet. Vor der Feste
-erschien nun Wallenstein mit seinen Scharen und versuchte bereits am
-17. September den ersten Sturmlauf auf Breitenburg, der abgeschlagen
-wurde. Alsdann begann eine regelmäßige vom Friedländer selbst geleitete
-Belagerung, die elf Tage später zur Übergabe Breitenburgs führte,
-nachdem inzwischen Dumbarre getötet worden war. Alle noch am Leben
-befindlichen Verteidiger des Schlosses wurden von den erbarmungslosen
-Feinden niedergemacht, nur wenige Frauen und Kinder blieben verschont.
-Die ergrimmten Sieger sollen der Leiche Dumbarres das Herz aus dem Leib
-gerissen und in den Mund gesteckt haben. Damals wurde auch Breitenburgs
-Stolz, die berühmte Bibliothek des Humanisten Heinrich Rantzau,
-des Sohnes des Erbauers von Breitenburg, verschleppt und teilweise
-vernichtet. Wallenstein hatte dieselbe dem Beichtvater Ferdinands
-~II.~, dem Pater Lamormain, zum Geschenk gemacht und nach Leitmeritz
-schaffen lassen.
-
-Vom alten Breitenburg steht noch die Schloßkapelle, als
-Sehenswürdigkeit das einzige Stück des alten Schlosses, sonst erinnert
-nichts mehr, auch in der ganzen friedlichen Umgebung nicht, an die
-Greuel des Septembers 1627, mit Ausnahme eines ehrwürdigen Eichbaumes,
-der Wallensteineiche.
-
-Etwas südöstlich von Itzehoe, bei Lägerdorf, tritt die senone Kreide
-zu Tage und wird daselbst in großartigem Maßstabe ausgebeutet, um
-teils dort, teils in Itzehoe unter Zusatz von tertiärem Thon, der
-bei dieser letzteren Stadt und in deren Umgebung gefunden wird, zu
-Cement verarbeitet zu werden. Nordöstlich von Itzehoe befindet sich
-das Lockstedter Lager, ein riesiger Truppenübungs- und Schießplatz,
-auf welchem sich das ganze Frühjahr und den Sommer hindurch reges
-militärisches Leben entfaltet. Lockstedt ist eine der Zwischenstationen
-auf der Bahnlinie Itzehoe-Wrist, die auch das kleine freundliche
-Städtchen Kellinghusen berührt.
-
-[Sidenote: Krempe. Glückstadt. Elmshorn. Ütersen.]
-
-Mitten im kornreichen Marschgebiete gleichen Namens liegt Holsteins
-kleinste Stadt, das alte Krempe. Die Gründung Glückstadts hat ihm viel
-Schaden gethan, denn bis dahin war es der Stapelplatz der Landschaft
-für den Kornhandel gewesen und soll auch keine geringe Schiffahrt
-besessen haben, bevor die Kremper Aue verschlammte. Als Festung
-genoß Krempe eines bedeutenden Rufes und ist durch die lange und
-schwere Belagerung von seiten der Kaiserlichen, die es im Jahre 1627
-durchzumachen hatte, in der Geschichte des dreißigjährigen Krieges
-bekannt geworden. Später sank Krempe zum Range einer kleinen, nicht
-vermögenden Landstadt herab, und der Spruch: „Ein Herr von Glückstadt,
-ein Bürger von Itzehoe, ein Mann von Wilster und ein Kerl von Krempe“
-war für die Vergangenheit charakteristisch.
-
-Auch Glückstadt ist vormals eine starke Festung gewesen. Von dem
-Dänenkönig Christian ~IV.~ in der Absicht gegründet, dem Handel des
-emporblühenden Hamburgs erfolgreich die Spitze zu bieten, und zu diesem
-Zwecke mit weitgehenden Privilegien ausgestattet, hat es mit der Zeit
-die Hoffnungen seines Erbauers aber nicht zu erfüllen vermocht. Doch
-ist es in der Gegenwart eine aufstrebende Landstadt mit gutem Hafen,
-dessen Verkehr durch die in den jüngsten Jahren hier aufgekommene
-Heringsfischerei sicherlich gehoben werden wird. Die etwa von 6000
-Menschen bewohnte Stadt hat ein Gymnasium, und die Korrektionsanstalt
-der Provinz befindet sich in ihren Mauern.
-
-Lebhaften Handel und Industrie besitzt das an 10000 Einwohner zählende
-Elmshorn an der Krückau, am Rande von Geest und Marsch (Abb. 47).
-Nahebei, zwischen Elmshorn und dem kleinen Tornesch hat der preußische
-Fiskus vor 25 Jahren auf Steinkohlen gebohrt, aber vergeblich. Das
-Bohrloch an der Lieth hatte mehrere Jahre über die Ehre, das tiefste
-der Erde (1330 Meter) zu sein, bis dasselbe von demjenigen zu
-Schladebach überflügelt worden ist.
-
-Ütersen an der schiffbaren Pinnau, am Rande der Haseldorfer
-Marsch belegen, ist ein nicht unbedeutender Industrieort von über
-5300 Einwohnern, hat seit 1870 Stadtrecht und steht vermittelst
-einer Pferdebahn mit der eben erwähnten Station Tornesch der
-schleswig-holsteinischen Hauptbahnlinie in Verbindung. Das ehemalige,
-dem Cistercienserorden angehörige Nonnenkloster ist in der Gegenwart
-ein Stift für die Töchter der Ritterschaft des Landes geworden. Im
-Jahre 1412 soll eine Sturmflut Ütersen so sehr mitgenommen haben, daß
-die Klosterjungfrauen bettelnd ihre Nahrung in der Umgegend suchen
-mußten.
-
-Pinneberg an der schon erwähnten, bis dahin schiffbaren Pinnau (3800
-Einwohner) war lange Zeit hindurch der Sitz einer eigenen Linie der
-Schauenburger Grafen. Es ist mit seinen herrlichen Buchenwaldungen
-ein beliebter Ausflugsort der Hamburger Bevölkerung. In historischer
-Beziehung ist es bekannt durch die Belagerung durch Tilly im Jahre
-1627, der hier verwundet wurde, und dann hat es den Ruhm, den bekannten
-schleswig-holsteinischen Geologen ~Dr.~ Ludwig Meyn hervorgebracht zu
-haben. Das Gebiet zwischen Pinnau und Krückau pflegt man auch nach dem
-alten Kirchdorfe Seestermühe die Seestermüher Marsch zu nennen, an die
-sich dann südlich die eigentliche Haseldorfer Marsch anschließt. Auf
-den geräumigen Vorlanden der letzteren, zwischen dem Deich und dem
-Elbstrom gedeiht die Korbweide in großer Zahl und wird als Material für
-Tonnen- und Faßbänder benützt. Dessen Zurichtung, das „Bandreißen“,
-gewährt zahlreichen Bewohnern der dortigen Gegenden lohnenden Erwerb.
-Auch das Rohrschilf (~Phragmites communis~) wird dort gezogen und
-verwertet.
-
-[Illustration: Abb. 117. ¯Geestemünde.¯]
-
-Am schönen Haseldorfer Schloß, einem alten prächtigen Herrensitze
-vorbei gelangen wir nach dem etwa 2000 Einwohner zählenden Städtchen
-Wedel an der Wedelau, der zweitkleinsten Stadt Holsteins. Hier war in
-alten Zeiten eine bedeutende Fähre über die Elbe, und Wedels große
-Ochsenmärkte hatten eine ganz außerordentliche Bedeutung. Auf dem
-Marktplatz steht eine alte Rolandssäule, um deren Restaurierung sich
-der Stifter des Elbschwanenordens Johann Rist, der als Prediger zu
-Wedel geamtet hat, Verdienste erwarb. Eine eigene Bahnlinie verbindet
-Wedel über das an hohem Geestrücken malerisch an den Ufern der Elbe
-gelegenen Blankenese mit den Städten Hamburg-Altona, die wir im
-folgenden kennen lernen wollen.
-
-
-
-
-~XI.~
-
-Hamburg-Altona.
-
-
-[Sidenote: Hamburg.]
-
-Das Areal des Freistaates Hamburg mit der dazu gehörigen, 256 Hektare
-großen Elbfläche, beträgt 414,97 Quadratkilometer und wird von
-insgesamt 681632 Seelen bewohnt (Volkszählung vom 2. Dezember 1895.
-Die Einwohnerzahl Hamburgs am 1. Dezember 1890 betrug dagegen 622530
-Menschen). Danach kommen auf ein Quadratkilometer Landfläche 1642,61
-Einwohner.
-
-An den Mündungen der Alster und der Bille in den Elbstrom ist die Stadt
-Hamburg erbaut. Die erstere, deren beide seenartigen Erweiterungen,
-die Große oder Außenalster und die Kleine oder Binnenalster, dem
-Städtebild Hamburgs besondere Reize verleiht, kommt aus der Gegend von
-Poppenbüttel in Holstein und trägt durch ihre starke Strömung nicht
-wenig zum Schutze des Hamburger Hafens vor Versandung bei, während
-die Bille, im Amte Steinhorst entspringend, bis nahe an ihre Mündung
-die Südostgrenze des eben genannten Herzogtums bildet, um im letzten
-Teil ihres Laufes auf Hamburger Gebiet überzutreten. Die Elbe selbst
-durchschneidet mit zahlreichen Armen das Marschgebiet der Stadt.
-
-Die älteste Anlage Hamburgs befand sich nämlich auf der schmalen
-Geestzunge, welche die Elbe von der Alster trennt. Zwischen dem
-ersteren Strom und der Stadt lag eine erst später eingedeichte
-Marschfläche, welche im Verlaufe der Zeiten dann bebaut wurde, deren
-tiefer belegenen Teile aber bis in die letzten Jahre hinein bei den
-Sturmfluten und bei starkem Hochwasser der Überschwemmung ausgesetzt
-waren. Nicht mit Unrecht ist darum von einem sachkundigen Manne
-behauptet worden, daß nicht die Nähe einer zum Weltmeer führenden
-großen Wasserstraße die Gründung der Stadt Hamburg bedingt habe,
-sondern daß der günstigen Baugrund darbietende Geestrücken, der hier
-erleichterte Elbübergang und das große Wasserbecken der Alster (Abb. 48
-u. 49) wohl die hauptsächlichsten Ursachen dafür gewesen seien.
-
-[Illustration: Abb. 118. ¯Bremerhaven, vom Leuchtturm gesehen.¯]
-
-Nordwärts von der Stadt breitet sich ein wellenförmiges, vom
-Alsterthale durchschnittenes Gelände aus, die Geestlande, längs des
-Elbstromes dagegen fette Marschlande. In treffender Weise hat man diese
-Wasserstraße die Pulsader von Hamburgs Leben und Weben genannt. 135
-Kilometer unterhalb der Stadt ergießt sich dieselbe in die Nordsee,
-welche die regelmäßigen Tagesschwankungen ihres Wasserspiegels bis
-nach Hamburg hinauf fortpflanzt. Von Hamburg abwärts hat die Elbe eine
-so bedeutende, nur hin und wieder durch Sandplatten unterbrochene
-Tiefe, daß Segler oder Dampfer vom größten Tiefgange bis an die
-Stadt herankommen können, und durch kostspielige Baggerarbeiten wird
-die Fahrrinne des Stromes stets offen gehalten. An der Ostseite, am
-Deichthor, tritt ein schmaler Elbarm in die Stadt ein und teilt sich
-hier in mehrere Kanäle, die sogenannten Fleete, um sich weiter unten,
-im Binnenhafen, wiederum mit dem Hauptstrom zu vereinigen. Diese
-Fleete schlängeln sich auf der Hinterseite der Häuser durch die untere
-Stadt, wo die großen Speicher und Magazine sich befinden, und werden
-mit Booten befahren, welche die eingegangenen Waren, die Erzeugnisse
-aller Zonen des Erdenrundes, aus dem Hafen holen und die zur Ausfuhr
-bestimmten Produkte deutscher Arbeit nach dem Hafen zum Verladen
-auf die Schiffe führen. Auch die Alster spaltet sich innerhalb des
-Weichbildes Hamburgs in mehrere Fleete, die zur Zeit der niedrigsten
-Ebbe allerdings halb trocken liegen, da das Wasser des erwähnten
-Flusses zu ihrer Speisung nicht ausreicht, dagegen bei eintretender
-Flut rasch von den aufsteigenden Fluten der Elbe gefüllt werden (Abb.
-50 bis 58).
-
-[Illustration: Abb. 119. ¯Das Schloß in Oldenburg.¯]
-
-„Für den Verkehr auf der Elbe selbst,“ sagt Hahn, „ist Hamburg ein
-weit wichtigerer Grenzort zwischen Fluß- und Seeschiffahrt, als Bremen
-dies für die Weser ist. Die Elbe ist der Weser gegenüber fast in allen
-Beziehungen im Vorteil. Die Weserschiffahrt reicht kaum bis in das
-nördliche Hessen, die Elbe dagegen beherrscht mit ihren Nebenflüssen
-noch einen ansehnlichen Teil von Sachsen und Böhmen. Sie steht mit Oder
-und Weichsel durch die märkischen Kanallinien in Verbindung, während
-die Weser nur auf sich selbst angewiesen ist. Ist auch die Elbe, wie
-alle deutschen Flüsse, vom Ideal einer Wasserstraße ziemlich weit
-entfernt, so fehlen ihr doch so auffällige Schiffahrtshindernisse, wie
-sie an der Weser zwischen Minden und Karlshafen, namentlich bei Hameln
-vorkommen.“
-
-Während im Verlaufe der Zeit die Süderelbe immer mehr dem Schicksal
-der Versandung anheimgefallen ist, nahm die Norderelbe zusehends an
-Bedeutung zu. An ihren Ufern entstanden die ersten Hafenanlagen,
-Kaimauern wurden gebaut, Pfahlreihen in das Flußbett geschlagen, und es
-entwickelte sich hier der Hafen- und Liegeplatz der Schiffe. Bis zur
-Mitte des neunzehnten Jahrhunderts dauerte dieser Zustand an. Immerhin
-war dadurch der ganze Hafenverkehr ein noch recht primitiver, zumal
-besondere Lösch- und Ladevorrichtungen fehlten und die Waren aus den
-Seeschiffen vermittelst der Schuten und Leichter nach den Lagerschuppen
-übergeführt wurden. Als aber bei der stetig zunehmenden Entwickelung
-der Seeschiffahrt diese Übelstände und besonders auch der Platzmangel
-sich recht merklich fühlbar machten, ging man an das Errichten von
-Dockhäfen und Kaianlagen mit genügender Wassertiefe, an denen die
-großen Fahrzeuge direkt anlegen konnten und in die Lage versetzt
-wurden, mit Hilfe mächtiger Kranen Löschen und Laden rasch und bequem
-zu bewerkstelligen. Die langen Kaistrecken wurden mit Schienengeleisen
-versehen und dadurch die Hafenbauten in direkte Verbindung mit den
-inzwischen ebenfalls entstandenen Bahnhöfen und Eisenbahnlinien
-gebracht.
-
-Auch diese eben geschilderten Hafenanlagen genügten dem gewaltig
-emporwachsenden Bedürfnis des Verkehrs nicht mehr, und der am 15.
-Oktober 1888 vollzogene Zollanschluß Hamburgs mit Altona und Wandsbek
-an das Reich bedingte vollends gänzlich veränderte Hafenverhältnisse in
-diesem ersten Seehandelsplatz Deutschlands.
-
-Die Folge dieser Umstände war eine gründliche Umwälzung der
-Hafenbauten Hamburgs, und es entstand das Freihafengebiet, das von
-1883–1888 mit einem Kostenaufwand von über 120 Millionen Mark, von
-welchen das Reich 40 Millionen zu tragen hatte, geschaffen wurde.
-Ein ganzer Stadtteil des alten Hamburgs ist niedergerissen worden,
-um den neuen Hafenanlagen Platz zu machen, etwa 20000 Einwohner
-mußten anderswo untergebracht und an 1000 Häuser expropriiert werden.
-Durch dieses großartige Unternehmen wurde die Stadt mit ihrer ganzen
-Bevölkerung und ihren sämtlichen Verkehrsanlagen in das Zollinland mit
-eingeschlossen, ohne daß aber die freie Bewegung des Schiffsverkehrs
-und des großen Warenhandels dadurch preisgegeben worden ist. Auch für
-die Lagerung und gewerbliche Verarbeitung der dem Ausland entstammenden
-Rohmaterialien wurde im Freibezirk genügender Raum vorgesehen, so daß
-auch fernerhin die Exportindustrie ohne jede Zollkontrolle ermöglicht
-ist. Der Zollkanal und schwimmende Schranken im Elbstrom grenzen das
-Freihafengebiet gegen die Stadt hin ab; es erstreckt sich 5 Kilometer
-in die Länge und 2 Kilometer in die Breite und umfaßt etwa 300 Hektar
-Wasserfläche und 700 Hektar Land.
-
-[Illustration: Abb. 120. ¯Rathaus in Oldenburg.¯]
-
-Und schon wieder sind abermals große Erweiterungen der Hafenanlagen
-Hamburgs ins Auge gefaßt worden, welche bereits die Genehmigung der
-maßgebenden Behörden erlangt haben und wohl in den nächsten Jahren der
-Verwirklichung entgegensehen werden. Das kann uns aber bei dem enormen
-Aufschwung, den Hamburgs Handel während der jüngstverflossenen Jahre
-genommen hat, nicht wundern. Einige Zahlen mögen das belegen:
-
-Im Jahre 1897 sind -- nach den Aufzeichnungen des statistischen Büreaus
-in Hamburg -- im dortigen Hafen eingelaufen:
-
- 11173 Seeschiffe mit insgesamt 6708070 Registertonnen Rauminhalt.
- Davon waren 3336 Segler mit 672374 Registertonnen und 7837 Dampfer mit
- 6035696 Registertonnen.
-
-Aus dem Hamburger Hafen sind während derselben Zeit ausgelaufen:
-
- 11293 Seeschiffe mit 6851987 Registertonnen, und zwar 3367 Segler mit
- 698303 Registertonnen und 7926 Dampfer mit 6153684 Registertonnen.
-
-Nach der vom Deutschen Reich herausgegebenen Statistik wies Hamburgs
-Seeverkehr im Jahre 1898 insgesamt folgende Zahlen auf -- (die
-angekommenen und abgegangenen Schiffe zusammengezählt, und davon die
-Hälfte):
-
- 11163 Schiffe mit 7273778 Registertonnen (netto).
-
-In den zum Gebiet der freien Hansestadt Hamburg gehörigen Häfen waren
-am 1. Januar 1897 beheimatet:
-
- Segler 430 mit 205842 Registertonn. br.
- Dampfer 388 " 764146 " "
- --------------------------------
- Summa 818 Schiffe mit 969988 Registertonn. br.
-
-Davon gehören dem Hamburger Hafen besonders:
-
- Segler 275 mit 200276 Registertonn. br.
- Dampfer 387 " 763923 " "
- -------------------------------
- Summa 662 Schiffe mit 964199 Registertonn. br.
-
-Im Jahre 1900 besitzt Hamburg 690 Schiffe mit 767168 Registertonnen
-netto, davon 392 Dampfschiffe mit 542200 Registertonnen.
-
-Hamburg hat die größte Seglerflotte Deutschlands, sowohl was die Zahl,
-als auch was den Rauminhalt der Schiffe betrifft, und ebenso ist
-seine Dampferflotte derjenigen der übrigen deutschen Seehäfen weit
-voran, indem sie mehr als die Hälfte des gesamten Dampferraumgehalts
-aller deutschen Küstenstaaten ihr eigen nennt. Im Jahre 1897
-zählte Hamburg sieben Schiffe von mehr als 6000 Registertonnen zu
-seinem Flottenbestand. Innerhalb der letzten 50 Jahre hat sich der
-Schiffsbestand Hamburgs an Zahl der Schiffe fast auf das Dreifache und
-an Raumgehalt der Schiffe fast auf das Fünfzehnfache vermehrt.
-
-Einige wenige Angaben über die Größe der deutschen Kauffarteiflotte
-überhaupt, mögen hier wohl am Platze sein. Dieselbe nimmt unter den
-Handelsflotten der Erde jetzt den zweiten Platz ein und dürfte etwa
-750 Millionen Mark Wert besitzen. Die Reichsstatistik vom 1. Januar
-1897 ergibt an registrierten Fahrzeugen von mehr als 50 Kubikmeter
-Bruttoraumgehalt:
-
- 3678 Schiffe mit einem Gesamtraumgehalt von 2059948 Registertonnen
- brutto und 1487577 Registertonnen netto.
-
-Davon waren:
-
- 2552 Segler mit 632030 Registertonnen brutto und 1126 Dampfer mit
- 1427918 Registertonnen brutto.
-
-Der Löwenanteil dieser Flotte fällt, wie wir weiter oben schon gesehen
-haben, Hamburg zu. Ein Vergleich dieses seines Schiffsbestandes mit
-demjenigen der in dieser Beziehung drei nächstfolgenden deutschen
-Seehäfen ist von großem Interesse:
-
- =====================================================================
- Hafen Segel- Rauminhalt, Dampf- Rauminhalt, Schiffe Rauminhalt,
- schiffe Reg.Tonnen, schiffe Reg.Tonnen, insgesamt insgesamt
- brutto brutto Reg.Tonnen,
- brutto
- =====================================================================
- Hamburg 275 200276 387 763983 662 964259
- Bremen 177 161845 170 334668 347 496513
- Bremerhaven 30 37036 48 34404 78 71440
- Flensburg 8 1432 61 57572 69 59004
-
-[Illustration: Abb. 121. ¯Der Stau in Oldenburg.¯]
-
-Im Jahre 1897 betrug das Gewicht der Gesamteinfuhr im Hamburger Hafen
-122598236 Doppelcentner und dasjenige der Gesamtausfuhr 79451087
-Doppelcentner. Die Gesamteinfuhr und -ausfuhr betrugen also 202043323
-Doppelcentner.
-
-1851 hatte sie 15279249 Doppelcentner betragen, sie hat sich demnach
-seit dieser Zeit um das Dreizehnfache vermehrt.
-
-Der Wert der Gesamteinfuhr im Hamburger Hafen war im Jahre 1897
-= 3026582308 Mark, und zwar verteilte sich derselbe auf die
-Hauptwarengruppen, wie folgt:
-
- Verzehrungsgegenstände 36,4%
- Bau- und Brennmaterial 2,0"
- Rohstoffe und Halbfabrikate 52,0"
- Manufakturwaren 3,4"
- Kunst- und Industriegegenstände 6,2"
- -------
- 100%
-
-Der Wert der Gesamtausfuhr war = 2693445570 Mark, der Gesamtwert der
-Ein- und Ausfuhr zusammen betrug 1897 im Hamburger Hafen also:
-
-5720027878 Mark,
-
-gegen 920166156 Mark im Jahre 1851, so daß sich derselbe seither also
-versechsfacht hat.
-
-[Illustration: Abb. 122. ¯Die Lambertikirche in Oldenburg.¯]
-
-Wichtige Handelsartikel sind Kaffee, Zucker, Spiritus, Farbstoffe,
-Wein, Eisen, Getreide, Butter, Häute, Galanteriewaren, letztere fünf
-besonders in der Ausfuhr, und Kohlen (1897 Einfuhr von etwa 21,5
-Millionen Doppelcentner von England und 9,7 Millionen Doppelcentner
-deutsche Kohlen). Von den bedeutenderen Industriezweigen Hamburgs
-selbst nennen wir Dampfzuckersiedereien, Wachsbleichen, Cigarren-
-und Tabakfabriken, Chemikalien, Lederwaren, Maschinen, Stöcke,
-Musikinstrumente, Schiffsbau (Blohm und Voß, Reiherstiegwerft) und
-die dazu gehörigen Gegenstände wie Ankertaue, Seile, Segeltuch, Anker
-u. s. f., Branntweinbrennereien, Eisengießereien, Maschinenfabriken,
-Manufakturen für Kautschuk- und Guttaperchawaren, Seifen- und
-Leimsiedereien, Konservenfabriken u. s. f.
-
-Weltberühmt sind Hamburgs Reedereien, in erster Linie die über eine
-Gesamttonnage von 541083 Registertonnen brutto verfügende im Jahre 1847
-gegründete Hamburg-Amerikanische-Packetfahrt-Aktien-Gesellschaft, die
-größte Reederei der Erde. Weitere Schiffe von 116300 Registertonnen
-Rauminhalt hat die Gesellschaft z. Z. im Bau. Vergessen wollen wir hier
-nicht die den Schiffsverkehr zwischen Hamburg und verschiedenen Küsten-
-und Inselorten vermittelnde Nordseelinie, deren bequem und luxuriös
-eingerichtete Dampfer für die Reisenden in die Nordseebäder besonders
-in Betracht kommen (Abb. 59).
-
-Daß Hamburg einer der wichtigsten Auswanderungshäfen Deutschlands ist,
-das ist ja bekannt, und wenn in den letzten Jahren die Auswanderung aus
-Deutschland auch erheblich zurückgegangen ist, so dürfte das bei der
-jährlichen Bevölkerungsvermehrung im Reiche doch nicht lange anhalten,
-und ein Wiederanwachsen des Auswanderungstriebes wird wohl bald wieder
-bemerkbar werden.
-
-Der Freistaat Hamburg wird regiert vom Senat und der Bürgerschaft
-als gesetzgebenden Faktoren, und vom Senat als der vollziehenden
-Gewalt. Die Verwaltung geschieht durch die sogenannten Deputationen
-oder Kollegien, deren jede von einem Senator geleitet wird; die
-Militärhoheit übt Preußen aus. Die vorwiegende Konfession ist die
-protestantische, etwa 24000 Seelen der Bevölkerung bekennen sich
-zur römisch-katholischen Kirche, und ungefähr 18000 gehören der
-israelitischen Religion an. Der Rest verteilt sich auf andere
-Glaubensgemeinschaften. Durch ein Oberlandesgericht, ein Landgericht
-und verschiedene Amtsgerichte ist für die Rechtspflege gesorgt, sehr
-gut ist das Unterrichtswesen eingerichtet. Hervorragend ist die
-Rolle, die Hamburg in der Entwickelung der deutschen Litteratur und
-Kunst gespielt hat. Wem fielen da nicht die Namen Schröder, Lessing,
-Klopstock, Matthias Claudius, die Neuberin und noch andere mehr ein?
-
-Auch Heinrich Heine gehört so etwas zu Hamburg, wenn er auch sonst
-nicht recht gut auf die alte Hansestadt zu sprechen war.
-
- Ihr Wolken droben, nehmt mich mit,
- Gleichviel nach welchem fernen Ort!
- Nach Lappland oder Afrika,
- Und sei’s nach Pommern -- fort! nur fort!
-
-singt er einmal in jungen Tagen, von der Sehnsucht ergriffen, aus
-dieser Stadt „des faulen Schellfischseelendufts“ herauszukommen.
-
-Vor mehr als zweihundert Jahren fand die erste deutsche Opernbühne ihr
-Heim in Hamburg, und der Sinn für das Musikdrama und das Singspiel hat
-sich in seinen Mauern seither nicht vermindert. Manches Meisterwerk
-dieser Gattung, das nachher seinen Triumphzug durch die weite Welt
-gehalten hat, erblickte hier zuerst das Licht der Lampen; wir erinnern
-nur an Flotows Alessandro Stradella, dessen erste Aufführung am
-Weihnachtstage 1844 in Hamburgs Theater erfolgte, und an den am 15.
-April 1845 hier begonnenen Siegeslauf von Lortzings Undine.
-
-Hamburgs Bevölkerung ist äußerst intelligent und besitzt einen
-ausgesprochenen Zug für die praktischen Seiten des Lebens, ohne
-daß aber das Geistige nicht auch seine Rechnung dabei fände. Diese
-praktische Veranlagung, verbunden mit einem hohen Maße von Energie
-bildet einen der bezeichnendsten Charakterzüge des Hamburger
-Kaufmanns. Rasch und bestimmt wird alles abgewickelt, denn Zeit ist
-Geld. Dabei zeigt der wohlhabende Hamburger eine ausgeprägte Vorliebe
-für ein wohlgepflegtes Äußeres und schätzt die Genauigkeit und
-Pünktlichkeit nicht nur im geschäftlichen, sondern auch ebensosehr
-im gesellschaftlichen Leben. Letzteres ist in vielen Dingen nach
-englischem Muster zugeschnitten.
-
-Harte und herbe Urteile sind bisweilen über die Hamburger
-gefällt worden, Pfeffer- und Kaffeesäcke hat man sie gescholten,
-indem man ihnen dabei jede tiefergehende Neigung für des Lebens
-idealere Güter von vornherein absprach. Aber das ist alles nicht
-wahr. Hochentwickelter Gemeinsinn, gepaart mit einem großen
-Wohlthätigkeitstrieb, gehört mit zu den allerbesten Eigenschaften des
-Hamburger Bürgers. Nicht nur die zahlreichen Anstalten und milden
-Stiftungen für Waisen, Arme, Kranke und die von den Schlägen des
-Schicksals hart Betroffenen zeugen öffentlich für diesen Hang des
-Hamburgers zum Wohlthun, sondern in noch viel höherem Maße ist das mit
-jenen thätlichen Äußerungen der Nächstenliebe der Fall, von denen die
-Allgemeinheit nur wenig bemerkt, und die zu jener Art von Handlungen
-gehören, welche die linke Hand nicht wissen lassen, was die rechte thut.
-
-Hamburgs Gründung fällt in Karls des Großen Zeit, welcher hier eine
-Kirche und eine Burg errichtete. Unter Ludwig dem Frommen wurde der
-Ort der Sitz eines nordischen Metropoliten, den zuerst der berühmte
-Mönch von Corvey, Ansgar, der Apostel des Nordens, innegehabt hat.
-Von hier aus nahm das Christentum seinen Weg in die mitternächtigen
-Länder. Unter den holsteinischen Grafen wuchs Hamburgs Bedeutung, die
-nach Bardowieks Zerstörung durch Heinrich den Löwen noch mehr zunahm.
-Schon um 1255 besaß die Stadt ein eigenes Stadtrecht, seit 1255 die
-Münzgerechtigkeit, und im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert sehen
-wir sie als ein starkes Glied des mächtigen Hansabundes, an dessen
-wichtigen Unternehmungen sie lebhaften Anteil genommen hat. Seine sich
-immer vergrößernde Geldmacht und seine kluge Politik gewannen Hamburg
-den Schutz des deutschen Reiches, und neben der einsichtigen Benutzung
-von Handelsvorteilen aller Art, welche Örtlichkeit und die Verhältnisse
-darboten, dachte seine strebsame Bürgerschaft, besonders seit dem
-fünfzehnten Jahrhundert an den Ausbau ihres Staatsorganismus.
-
-[Illustration: Abb. 123. ¯Wilhelmshaven. Kriegshafen und Hauptschleuse.¯
-
-(Nach einer Photographie von Römmler & Jonas in Dresden.)]
-
-Kaiser Maximilian nahm die Stadt um 1510 in die Reihe der
-Reichsstädte auf, nachdem sie bereits seit 1470 zum Reichstage berufen
-worden war. Günstig beeinflußt wurde die Entwickelung Hamburgs durch
-die Entdeckung Amerikas und des Seewegs nach Ostindien. Dagegen hatte
-es durch die jahrhundertelang fortgesetzten Angriffe Dänemarks,
-des Erben der schauenburgischen Hoheitsrechte, auf ihre städtische
-Selbständigkeit nicht wenig zu leiden. Erst im Vergleich von 1768
-wurde die Unabhängigkeit Hamburgs vom Gesamthause Holstein dauernd
-festgestellt. Fast gar nicht berührt wurde die Stadt von den Schrecken
-des dreißigjährigen Krieges trotz des vielfachen Vorbeiziehens von
-allerhand Kriegsvölkern in der Nähe ihrer Mauern. Doch geriet Hamburg
-über den Zoll mit Christian ~IV.~ in Streitigkeiten, die zu einem Kampf
-zwischen hamburgischen und dänischen Schiffen auf der Elbe führten,
-jedoch 1643 durch Entrichtung einer Abfindungssumme an Dänemark zum
-Abschluß gebracht wurden. Als nun am Ende des siebzehnten Jahrhunderts
-viele Flüchtlinge aus Frankreich sich in der Stadt ansiedelten und
-Großhandel betrieben, erhöhte sich der blühende Zustand von Handel
-und Schiffahrt immer mehr, und neue kommerzielle Verbindungen kamen
-zu stande. Allerlei Mißhelligkeiten und Zwietracht zwischen dem Rat
-und der Bürgerschaft, dann ferner noch Fehden und Streit mit dem
-Herzog von Braunschweig-Lüneburg, mit den dänischen Königen und
-noch anderen mehr hatten eine Zeit des Rückganges zur Folge, die
-jedoch mit dem zwischen Holstein und Hamburg zu Gottorp am 27. Mai
-1768 abgeschlossenen Vertrage einer neuen Periode des Aufschwungs
-weichen mußte. Hamburg erhielt unbeschränkte Handelsfreiheit, König
-Christian ~VII.~ von Dänemark erkannte dessen Reichsunmittelbarkeit
-an, die Grenzstreitigkeiten hörten auf, und so konnte der Schluß
-des achtzehnten Jahrhunderts noch eine große Anzahl zweckmäßiger
-Anordnungen und Einrichtungen zur gedeihlichen Fortbildung des Handels
-und der Erwerbszweige registrieren. Die politischen Stürme und
-Umwälzungen, denen in den letzten Jahren des achtzehnten und in den
-ersten des neunzehnten Säculums Europa zum Opfer fiel, haben auch für
-Hamburg allerlei böse Zeiten mitgebracht. Erst zog der Landgraf Karl
-von Hessen mit den Dänen in seine Mauern ein, dann kam der Marschall
-Mortier mit seinen Franzosen, und am 18. Dezember 1810 verleibte ein
-Napoleonisches Dekret die deutsche Hansestadt dem französischen Reiche
-ein. Unberechenbare Nachteile und Zerrüttungen erlitt in jenen Zeiten
-die Stadt; starke Einquartierungen, Kontributionen, die Blockierung der
-Elbe durch die Engländer und noch anderes Elend mehr ließen Handel und
-Wohlstand immer tiefer sinken. So ging das bis zum März 1813; da schien
-es, als ob die Zeit des Unglücks vorbei wäre. Die Franzosen zogen ab,
-Tettenborn rückte ein, der Senat nahm die Regierung der Stadt wieder in
-seine Hände. Aber die Stunde der Erlösung hatte noch nicht geschlagen.
-Am 30. Mai mußte der russische General Hamburg wieder räumen, und die
-Franzosen schlugen abermals ihr Quartier darin auf. Hamburg wurde außer
-dem Gesetze erklärt, mußte 48 Millionen Franken Strafgelder zahlen und
-unter Vandamme und Davoust schwere Unbill erdulden. Napoleons Fall
-machte auch diesen bösen Tagen ein Ende, am 25. April 1814 hatten seine
-Truppen Hamburg geräumt, und unter großem Jubel der Einwohner zog Graf
-Bennigsen in die befreite Stadt ein.
-
-[Illustration: Abb. 124. ¯Das Rathaus in Wilhelmshaven.¯
-
-(Nach einer Photographie von Römmler & Jonas in Dresden.)]
-
-[Illustration: Abb. 125. ¯Denkmal Kaiser Wilhelms ~I.~ in
-Wilhelmshaven.¯
-
-(Nach einer Photographie von Römmler & Jonas in Dresden.)]
-
-Nimmer ruhender Fleiß und rastlose Thätigkeit verwischten binnen
-wenigen Jahrzehnten nicht nur alle Spuren, welche die Fremdherrschaft
-des Korsen in der Hansestadt hinterlassen hatten, sondern hoben deren
-Wohlstand auf eine bisher noch nicht dagewesene Höhe empor. Dank
-dieser zähen und trotz alles Mißgeschickes immer wieder üppigere
-Blüten treibenden Energie und Lebenskraft vermochte Hamburg auch
-das schreckensvolle Ereignis des großen Brandes überwinden, der am
-5. Mai 1842 ausbrach und innerhalb einiger Tage den fünften Teils
-ihres Weichbildes verzehrte. Aber schon drei Jahre nachher waren
-die abgebrannten Stadtteile dem Phönix gleich desto schöner aus der
-Asche erstanden. Welchen ungeahnten Aufschwung Hamburgs Handel in den
-jüngstverflossenen 50 Jahren genommen hat, das haben wir schon weiter
-oben gesehen.
-
-Die Stadt Hamburg selbst mit ihren ehemaligen 15 Vororten (Rotherbaum,
-Harvestehude, Eimsbüttel, Eppendorf, Borgfelde, Hamm, Hohenfelde u.
-s. f.) zählt in der Gegenwart 668000 Einwohner. Der Fremde, welcher
-die Stadt besichtigen will, wird seine Schritte wohl zuerst zu den
-Hafenanlagen lenken, die sich etwa 8000 Meter weit auf beiden Ufern
-der Elbe bis nach Altona hin erstrecken. Hunderte von großen und
-kleinen Schiffen fast aller seefahrenden Nationen liegen dort, und ihre
-so verschiedenfarbigen Flaggen und Wimpel bringen einen gar bunten
-Ton in das großartige Bild. In neuester Zeit sind von verschiedenen
-Unternehmern eigene Hafenrundfahrten für die auswärtigen Besucher ins
-Leben gerufen worden, welche Gelegenheit bieten, unter sachkundiger
-Führung nicht nur das großartige Leben und Treiben im Hafen selbst
-in den Hauptsachen kennen zu lernen, sondern auch einen der großen
-transatlantischen Dampfer eingehend in Augenschein zu nehmen. Auch
-ein Besuch des gewaltigen am Kaiserquai erbauten Staatsspeichers mit
-seinen ingeniösen Einrichtungen und des 32 Meter hohen Riesenkrans
-sollte nicht versäumt werden. Auf luftiger Höhe über dem Hafen erhebt
-sich das Seemannshaus, ein Asyl für alte und kranke Seeleute und ein
-Unterkommen für beschäftigungslose Männer dieses Berufes, und nicht
-weit davon ist auf einer schönen Terrasse die deutsche Seewarte
-erbaut, ein Institut der deutschen Kriegsmarine (Abb. 60). Es werden
-dort die meteorologischen Tagebücher und die nautischen Berichte
-über Seehäfen und dergleichen Dinge aller deutschen Kriegsschiffe
-und der größten Zahl deutscher Handelsschiffe, die freiwillige
-Mitarbeiter sind, gesammelt und zu großen maritim-meteorologischen
-Segelhandbüchern für die großen Weltmeere verarbeitet, und auch sonst
-besondere meteorologische Arbeiten von weittragender wissenschaftlicher
-Bedeutung, die Wetterkarten, welche auch in den bedeutendsten
-Tagesblättern Veröffentlichung finden, und dergleichen mehr
-veröffentlicht. Dann besorgt die Seewarte den für die Schiffahrt so
-äußerst wichtigen Sturmwarnungs- und Witterungsdienst.
-
-Durch allerlei alte und teilweise recht enge Straßen und Gassen,
-welchen weder die Wohlgerüche des Morgenlandes noch die Reinlichkeit
-holländischer Ansiedelungen zu eigen sind, gelangen wir zu der St.
-Michaels-Kirche mit ihrem 132 Meter hohen Turm, einem Meisterwerk
-des bekannten Architekten Sonnin, der sie 1762–1786 erbaute, nachdem
-ein Blitzstrahl 1750 ihre Vorgängerin, die St. Salvator-Kirche,
-eingeäschert hatte. Von hier ziehen wir über den Zeughausmarkt zum
-Millernthor, und an Hornhardts Konzerthaus vorbei nach St. Pauli. Der
-Spielbudenplatz mit seinen verschiedensten Lockungen für die nach
-langer Seefahrt wieder festen Boden betretenden Seeleute, mit seinen
-Wachsfigurenkabinetten, seinen Tingel-Tangeln, Theatern, Tanzlokalen,
-Menagerien und solchen Dingen mehr vermag uns nicht lange zu fesseln.
-Wir besteigen die elektrische Ringbahn, die uns auf breiter Straße,
-zur linken Hand das weite Heiligengeistfeld, zur rechten schöne
-Anlagen an der Stelle der ehemaligen Wälle, die schon mehrfach als
-Ausstellungsplatz gedient haben, -- so 1897 bei Anlaß der hervorragend
-schön gelungenen Gartenbauausstellung -- rasch zum Holstenthore bringt.
-Hier erheben sich die neuen und weitläufigen Justizgebäude und das
-Untersuchungsgefängnis, die wir zur Rechten liegen lassen, um am
-botanischen Garten und den alten Begräbnisplätzen vorbei den Eingang
-zum zoologischen Garten zu erreichen, der seinesgleichen in Deutschland
-sucht, und zwar nicht nur wegen der Reichhaltigkeit seiner vierfüßigen,
-fliegenden und kriechenden oder schwimmenden Bewohner, sondern auch
-wegen seiner ganz wundervollen landschaftlichen Anlage. Eine prächtige
-Aussicht auf den Garten selbst, dann aber auf die Riesenstadt und ihre
-Umgebung gewährt die auf einem Hügel belegene Eulenburg. Das Aquarium,
-das lehrreiche Einblicke in die marine Tierwelt und in die Fauna des
-Süßwassers thun läßt, ist ein besonderes Schaustück.
-
-Durch das Dammthor betreten wir die innere Stadt. Zunächst fesseln
-am Stephansplatz der große Renaissancebau der kaiserlichen Post-
-und Telegraphenverwaltung und das architektonisch nicht besonders
-hervorragende, aber geräumige und durch seine künstlerischen Leistungen
-bedeutende Stadttheater unsere Blicke, dann nimmt am Gänsemarkt
-Lessings Bronzebild, von Schaper modelliert, unsere Aufmerksamkeit in
-Anspruch. Der Dichter der Minna von Barnhelm ist auf hohem Granitsockel
-sitzend dargestellt: an letzterem sind die Medaillons von Eckhof und
-Reimarus angebracht.
-
-Nun sind wir bis zur Binnenalster vorgedrungen. Das von Dampfschiffen,
-Segel- und Ruderbooten und Frachtschiffen belebte Wasserbecken, auf
-dem sich Schwäne und andere Wasservögel tummeln, bietet vollends vom
-Jungfernstieg aus gesehen, ein ganz besonders anziehendes Bild. Ein
-Rundgang um dasselbe lohnt der Mühe. Da ist der neuerdings verbreiterte
-Jungfernstieg selbst, mit einer Reihe von großartigen Baulichkeiten
-(Hamburger Hof, Filiale der Dresdener Bank), dann der Alsterdamm mit
-seiner stattlichen Häuserreihe. Bald stehen wir auf dem parkartig
-angelegten Platze vor der Kunsthalle und betrachten uns die von
-Blumenteppichen umgebene Lippeltsche Statue Schillers. Der im Stil
-italienischer Frührenaissance aufgeführte Ziegelbau der Kunsthalle
-steht offen und ladet zu einer eingehenden Besichtigung seiner
-zahlreichen Gemälde und plastischen Kunstwerke ein (Abb. 61–70).
-
-Auf den in der Gegenwart schön angepflanzten ehemaligen Umwallungen
-spazieren wir zur Lombardsbrücke. Weit schweift von hier der Blick
-über die glänzende Fläche der Außenalster hin, deren grüne Ufer
-dicht besetzt sind von Villen, Gärten-, Baum- und Parkanlagen. An
-der linken Alsterseite erheben sich die Stadtteile St. Georg und die
-langgedehnte Uhlenhorst, während die Dächer von Winterhude und von
-Eppendorf dieses herrlichste aller deutschen Städtebilder im äußersten
-Hintergrunde abschließen. Auf dem anderen Ufer wird das Wasserbecken
-von den nicht selten schloßartig gebauten Häusern von Harvestehude und
-des Rabenstraßenviertels umsäumt. Hier steigt das Gelände allmählich
-an, während das linke Ufer flach ist, so daß beide Seiten des zur
-See erweiterten Flusses landschaftlich starke Kontraste bilden. Am
-Harvestehuder Weg wohnt das „reiche“ Hamburg, und dieses Wort will
-etwas heißen. Durch die Rabenstraße und den Mittelweg führt uns der Weg
-an das Alsterglacis und zurück auf die alten Umwallungen. Zur Zeit,
-als Hamburg noch eine Festung war, lagen jenseits derselben am Flusse
-einige Vergnügungsörter, wo man sich an den Genüssen der Tafel und des
-Tanzes ergötzen konnte oder unter den Klängen von Musik und Gesang
-auf der Alster umher gondelte. Ein deutscher Dichter aus jenen fernen
-Tagen, Friedrich von Hagedorn, hat uns ein Lied davon gesungen.
-
-An der Esplanade hat Hamburg seinen im Kriege von 1870–1871 gefallenen
-Söhnen durch den berühmten Bildhauer Schilling ein schönes Denkmal
-errichten lassen. Zwei der Hauptverkehrsadern Hamburgs zweigen sich
-vom Jungfernstieg ab, die Große Bleichen und der Neue Wall. Großartige
-Läden mit reichbesetzten Auslagen hinter den hohen Spiegelglasfenstern
-bieten hier die verschiedensten Erzeugnisse der Kunst und Industrie zum
-Kaufe an.
-
-Nahebei, am Adolphsplatze, erhebt sich die schon vor 60 Jahren erbaute,
-seitdem aber mehrfach vergrößerte und verschönerte Börse. Wenn man
-den Elbstrom die Pulsader von Hamburgs Leben und Weben genannt hat,
-so verdient die Börse dagegen die Bezeichnung vom Herzen seines
-Handels. Hier ist zwischen ½2 und ½3 Uhr die kommerzielle Welt Hamburgs
-versammelt, um ihre Geschäfte abzuschließen und abzuwickeln und jeden
-Tag viele Millionen umzusetzen. Nebendran, auf dem Rathausmarkte,
-befindet sich dann das politische Centrum des Freistaates, sein
-Rathaus. Dieser imponierende und gewaltige Renaissancebau, aus
-Sandstein aufgeführt, ist für das beim großen Brande von 1842
-untergegangene alte Rathaus in den Jahren 1886–1897 erbaut worden.
-Zahlreiche Bildwerke und Wappen aus Stein und Erz schmücken sein
-Äußeres.
-
-[Illustration: Abb. 126. ¯Rathaus in Leer, vom Hafen gesehen.¯
-
-(Nach einer Photographie von Römmler & Jonas in Dresden.)]
-
-Die alte Domkirche Hamburgs, sein ältestes Gotteshaus, existiert
-nicht mehr. Im Verlaufe der Zeit wurde es baufällig und kam 1805 zum
-Abbruch. Seine Stelle als städtische Hauptkirche hat nunmehr St.
-Nikolai eingenommen, die nach dem Brande von 1842 im gotischen Stil
-des dreizehnten Jahrhunderts neu erstanden ist, und deren 147 Meter
-hohe Turm, eins der Wahrzeichen Hamburgs, zu den höchsten Bauten
-Europas gehört. Auch die schon um 1195 urkundlich erwähnte Petrikirche
-wurde bei der Brandkatastrophe ein Raub der Flammen und stammt in
-ihrer heutigen Gestalt erst aus dem Jahre 1849. Dagegen hat das
-Feuer St. Katharinen verschont; durch einige alte Gemälde in ihren
-Hallen, darunter ein schönes Altarblatt, ist ihre Besichtigung nicht
-ohne Interesse. Reichhaltige Sammlungen zoologischer, geologischer,
-mineralogischer und ethnographischer Natur birgt das am Steinwall
-neuerbaute naturhistorische Museum. Es verfügt dasselbe nicht nur über
-verhältnismäßig große Mittel, sondern die Munificenz der Hamburger
-Kaufherren und Privatleute hat auch viel zu seiner Bereicherung
-beigetragen. Im ehemaligen Realschulgebäude beim Lübeckerthor ist die
-botanische Sammlung aufgestellt, deren kolonialer Teil nicht genug
-gerühmt werden kann. Kein Besucher Hamburgs möge aber versäumen, dem
-Museum für Kunst und Gewerbe in St. Georg einige Stunden aufmerksamer
-Betrachtung zu schenken, das nächst seiner Schwesteranstalt in Berlin
-wohl das beste seiner Art im Reiche ist. Die herrlichen Fayencen
-und wundervollen geschnitzten alten Schränke und Truhen aus den
-niederdeutschen und holländischen Gebieten sind das Entzücken aller
-Kenner.
-
-Zu den besichtigungswerten Dingen der Hansestadt gehören noch das große
-Musterkrankenhaus von Eppendorf, ganz am Ende der Außenalster, und
-die großartigen Friedhofsanlagen von Ohlsdorf, wo das still gewordene
-Hamburg von dieses Lebens Hast und Kampf ausruht. Dann werden Fachleute
-die Stadt nicht verlassen, ohne noch einen Blick auf die großen
-Sandfiltrationen auf der Elbinsel Kaltehofe bei Billwerder geworfen zu
-haben, welche das von der Wasserleitung Hamburgs gebrauchte Stromwasser
-reinigen und genießbar machen. Diese Werke wurden 1893 nach der großen
-Choleraheimsuchung angelegt.
-
-[Sidenote: Wandsbek. Die Vierlande.]
-
-Ein Zeitaufwand von nur wenig Stunden genügt, um die in nordöstlicher
-Richtung gelegene, holsteinische Stadt Wandsbek an der Wanse kennen zu
-lassen. Der 21700 Einwohner zählende Ort ist durch eine elektrische
-und die Bahnlinie nach Lübeck leicht zu erreichen und bot den
-Bankerottierern früher eine Freistatt dar, ein Umstand, welcher dem Ruf
-des Städtchens begreiflicherweise nicht wenig geschadet hat. Friedrich
-~V.~ von Dänemark hob im Jahre 1754 aber dieses sonderbare Privilegium
-auf. Auf dem Friedhof Wandsbeks ist Matthias Claudius begraben, und im
-nahen Gehölz hat die Stadt dem Wandsbeker Boten ein einfaches, aber
-stimmungsvolles Denkmal gesetzt (Abb. 71).
-
-Südlich von Hamburg ist Bergedorf, ebenfalls ein freundliches
-Städtchen am Ufer der Bille. Es besitzt ein von schönen Gärten
-umgebenes altes Schloß, das in der Vergangenheit eine Rolle gespielt
-hat. Der Weg dorthin zieht an den bekannten Anstalten des „Rauhen
-Hauses“ vorbei. Der Marschdistrikt zwischen Elbe und Bille, aus
-den vier reichen Kirchspielen Neuengamme, Altengamme, Kurslack und
-Kirchwerder, außerdem noch aus der Ortschaft Geesthacht bestehend,
-führt den Namen „Vierlande“; derselbe ist vortrefflich angebaut und
-von größter Fruchtbarkeit. Es ist Hamburgs Obst- und Gemüsegarten. Die
-Vierländer zeichnen sich durch ihre Obst-, Erdbeeren-, Gemüsekultur und
-Blumenzucht aus, die Reinlichkeit ihrer Behausungen ist sprichwörtlich
-geworden. Originell ist die Frauentracht in den Vierlanden,
-eigentümlich sind dort Sprache und Sitten (Abb. 72–77). Auch des
-reizend gelegenen Kurortes Reinbeck an der Bille mit seinen vielen
-Villen und Sommerhäusern und des nicht minder freundlich gelegenen
-Aumühle sei hier gedacht, sowie des nahen Friedrichsruh, wo unweit von
-seinem einfachen Schlosse, das die Zuflucht seiner letzten Lebensjahre
-war, der Alte vom Sachsenwalde in einem zwar äußerlich schmucklosen,
-aber würdigen Mausoleum zur Ruhe gebettet worden ist (Abb. 78–81).
-
-St. Pauli verbindet Hamburg mit dem diesen gegenüber verhältnismäßig
-jungen Altona, dessen Name urkundlich erst um 1547 Erwähnung gethan
-wird.
-
-[Sidenote: Altona.]
-
-Altona ist Schleswig-Holsteins größte Stadt, zählt 156800 Einwohner
-und liegt auf einem Höhenzuge, der ziemlich schroff gegen die Elbe
-hin abfällt, so daß die zum Hafen führenden Straßen abschüssig sind.
-Es besitzt eine in den letzten Jahren sich immer mehr ausbreitende
-Handelsthätigkeit, besonders im Export mit Nordamerika, und hat in
-neuerer Zeit Anstrengungen gemacht, um sich in der Hochseefischerei
-einen achtunggebietenden Platz zu erobern, den es in früheren Jahren
-schon einmal inne gehabt hatte. Sein Fischmarkt ist beträchtlich; im
-Jahre 1898 erzielten die in Altona abgehaltenen Fischauktionen einen
-Umsatz von 1993632 Reichsmark. Daneben blühen in der Stadt allerlei
-industrielle Unternehmungen.
-
-In architektonischer Beziehung bietet die Stadt Altona nicht viel.
-Ihre Hauptstraße ist die Palmaille, eine mit schönen Linden bepflanzte
-Verkehrsader, in der das eherne Standbild des früheren dänischen
-Oberpräsidenten Grafen Konrad von Blücher steht. Ihm dankt die Stadt
-ihre Errettung von dem Schicksale, zur Franzosenzeit in Brand gesetzt
-zu werden. In der Königstraße pulsiert das gewerbliche Leben. Hier
-befindet sich auch das hübsche Stadttheater und eine vom Bildhauer
-Brütt geschaffene Statue des Fürsten Bismarck (Abb. 82–84).
-
-Die sich an die Hamburger anschließenden Hafenanlagen Altonas sind
-gut und zweckmäßig eingerichtet, haben geräumige, mit Lagerschuppen
-versehene Kaibauten, starke Kräne neuester Konstruktion und stehen
-durch ein Schienennetz mit der Eisenbahn in Verbindung. 1894 sind 938
-Seeschiffe aus dem Altonaer Hafen ausgelaufen und 677 darin angekommen.
-Die von überseeischen Ländern in gleichem Jahre eingeführten Waren
-besaßen ungefähr 29000 Mark an Wert, die seewärts ausgeführten 11000000
-Mark.
-
-[Illustration: Abb. 127. ¯Emden, vom Hafen gesehen.¯]
-
-Im Verlaufe ihrer Entwickelung hat die Stadt Altona nicht minder viele
-Krisen durchzumachen gehabt, als ihre Nachbarstadt Hamburg. Zu den
-schlimmsten Ereignissen, welche in ihren Annalen verzeichnet stehen,
-dürften die Brandlegung der Stadt gehören, mit welcher sie Steenbock am
-9.–11. Januar 1713 wegen des durch die Dänen verursachten Brandes von
-Stade und einer nichtbezahlten Kriegskontribution bestraft hat. 1546
-Wohnungen wurden durch Hineinwerfen von Pechkränzen und Brandfackeln
-ein Raub der Flammen, und nur 693 Häuser blieben vom Feuer verschont.
-
-Trotzdem blühte aber Altona im achtzehnten Jahrhundert rasch empor,
-der Handel hob sich zusehends, besonders als ihm der in Nordamerika
-entbrannte Krieg neue Bahnen eröffnete. Während der Zeit der
-Kontinentalsperre stockten die Geschäfte aber wieder, der Wohlstand
-verschwand, und Altona wurde eine recht stille Stadt, bis sie in
-den letzten 40–50 Jahren, unter Preußens Oberhoheit, einen erneuten
-Aufschwung genommen hat. Im Jahre 1835 zählte sie kaum 26300 Einwohner,
-heute das Sechsfache dieser Zahl.
-
-Seit dem Jahre 1889 ist Ottensen, dem ehemals der Ruhm zukam, Holsteins
-größtes Kirchdorf zu sein, mit Altona vereinigt. Auf seinem Friedhofe
-ruht unter einer alten Linde der Dichter Klopstock im gemeinsamen Grabe
-mit seinen beiden Frauen aus. „Saat von Gott gesäet, dem Tage der
-Garben zu reifen“ steht auf dem Grabstein zu lesen.
-
-[Illustration: Abb. 128. ¯Am Delft in Emden.¯]
-
-[Sidenote: Die Elbe unterhalb Hamburgs.]
-
-Zwei Wege stehen uns offen, um von Hamburg-Altona an die See zu
-gelangen. Der eine führt uns aufs Dampfboot, das uns in etwa 3½–4½
-Stunden nach Cuxhaven bringt, der andere ist die Eisenbahnlinie,
-welche über Harburg und Stade an der linken Elbseite das gleiche Ziel
-erreichen läßt. Wir bestiegen einen der recht bequem eingerichteten
-Dampfer der Nordseelinie, der alsbald die Landungsbrücke von St.
-Pauli verläßt und seinen Bug elbabwärts wendet. Das rechte Stromufer
-ist zunächst noch von allerlei industriellen Anlagen dicht bebaut,
-bald aber treten diese zurück, Villen und Landhäuser mit prächtigen
-Parkanlagen und große Vergnügungslokale mit weiten Gärten zeigen sich
-im bunten Wechsel, darunter die vielbesuchten Neumühlen (Abb. 85)
-und Teufelsbrücke. Dann erscheint das freundliche Blankenese am Fuße
-des 76 Meter hohen Süllberges, eines bis an den Strom herantretenden
-Vorsprunges der Geest (Abb. 86 u. 87). Dem linken Ufer sind breite und
-flache Inseln vorgelagert, so daß dasselbe nicht besonders anziehend
-erscheint und von dem Alten Lande wenig zu sehen ist. Gegenüber von
-Nienstedten nahe bei Blankenese vereinigt sich die Süderelbe mit
-dem Hauptstrom. Rechts folgen bald Schulau und dann die fruchtbaren
-Marschen Holsteins, links bis nach Stade hin immer noch die grünen
-dorfbesäeten Flächen des Alten Landes, welche nordwärts von der
-ebengenannten Stadt in diejenigen des Landes Kehdingen und von hier
-noch weiter nach Norden in die Landschaft Hadeln übergehen. Bei
-Cuxhaven (Abb. 88 u. 89) ist die offene See beinahe schon erreicht. Nur
-ein kurzer Aufenthalt, schon werden die Anker wieder gelichtet, und das
-Schiff dampft seewärts, an Neuwerk und Scharhörn vorbei (Abb. 90 u.
-91). Dann umspülen es die echten und rechten Nordseewellen, weit hinter
-uns verschwindet allmählich das Land, und um uns herum ist nichts mehr
-zu sehen, als das wellenbewegte Meer, über uns hängen graue Wolken
-am Himmel. So geht es einige Zeit fort, bis plötzlich am Horizont
-ein kleiner dunkler Punkt auftaucht. „Helgoland in Sicht!“ ruft der
-Kapitän. Unter den Passagieren wird es lebendig, selbst die armen
-Seekranken erheben sich von ihrem Schmerzenslager und schöpfen neuen
-Mut. Fernstecher und Fernrohre werden hervorgeholt, Seekarten studiert,
-Gepäck zurechtgelegt. Mit Macht arbeitet sich der Dampfer durch die
-Wogen, der Punkt wird größer und größer, rasch kommen wir ihm näher,
-und ebenso rasch verwandelt er sich auch in das rötlich schimmernde
-Felseneiland, in dessen Hafen wir in wenigen Minuten vor Anker gehen
-werden.
-
-[Illustration: Abb. 129. ¯Rathaus in Emden.¯]
-
-
-
-
-~XII.~
-
-Helgoland.
-
-
- Grön is det Lunn,
- Road is de Kant,
- Witt is de Sunn;
- Deet is det Woapen
- Vun’t „hillige Lunn“.
-
-[Sidenote: Helgoland.]
-
-Zwischen den Mündungen der Elbe und denjenigen der Weser, unter 54°
-11′ nördlicher Breite und 7° 53′ östlicher Länge von Greenwich, 50
-Kilometer von Neuwerk, 62 von Cuxhaven und ca. 150 von Hamburg entfernt
-liegt Helgoland. Senkrecht bis zur Höhe von 58 Meter steigt dieses
-jüngste Glied deutscher Erde aus den Fluten der Nordsee auf mit seinen
-bräunlichrot gefärbten felsigen Kanten, die das ungefähr 46 Hektare
-große Oberland tragen. Die Schichten der Insel fallen von Nordwesten
-nach Südosten in einem Winkel von 10–15° ein. An der Ostseite steigen
-die Felswände zumeist steil ab und bilden eine kahle Mauer, an der
-Westseite jedoch zeigt die Insel ein abwechselungsreiches Bild der
-Zerklüftung, mit Buchten, Felsthoren und einzeln dastehenden Pfeilern,
-welche vom Mutterfelsen losgenagt worden sind, so den Mönch, den
-Predigerstuhl und das Nathurn. Gegen Südosten ist dem Oberland das nur
-wenige Meter über den Meeresspiegel erhabene, aber sehr geschützte
-Unterland vorgelagert. Helgoland ist 0,59 Quadratkilometer groß, und
-gestaltet als ein langes und schmales Dreieck, dessen Spitze, das eben
-erwähnte Nathurn, nach Nordwesten gerichtet ist. Die größte Länge der
-Insel mag 1600 Meter betragen, die größte Breite 500 Meter, der Umfang
-des Oberlandes etwa 3000 Meter und derjenige des Unterlandes ungefähr
-900 Meter (Abb. 1 u. 92–99).
-
-Im Osten der Insel und etwa einen halben Kilometer davon entfernt
-erstreckt sich die längliche, jetzt durch weit in die See hinaus
-gebaute Buhnen vollkommen geschützte Düne. Ihr Untergrund besteht aus
-geschichteten Gesteinen (Triasformation), wird jedoch von Rollsteinen
-und Sanden bedeckt. Die Länge der Düne bei Ebbe mag etwa 2000 Meter
-groß sein, bei 300 Meter Breite. Es ist so recht der Lebensnerv
-Helgolands; dort befindet sich der schöne, stets steinfreie, feste
-und ebene Badestrand. Die auf der Insel wohnenden Kurgäste erreichen
-denselben vermittelst Überfahrt in Fährbooten, welche entweder durch
-Riemen und Segel vorwärts bewegt oder seit dem Jahre 1897 durch einen
-Dampfer geschleppt werden. Für diejenigen aber, welchen ein Bad in der
-offenen See nicht zuträglich ist, ist ein geräumiges und möglichst
-vollkommenes Badehaus mit hoher luftiger Schwimmhalle, warmen Seebädern
-u. s. f. erbaut worden, das seinen Platz an der äußersten Südseite
-des Unterlandes gefunden hat. Wenn stürmisches Wetter die Überfahrt
-zur Düne nicht gestattet, ist damit ein gewisser Ersatz für die Bäder
-in See gegeben. Die Düne setzt sich nach Nordwesten in riffartigen
-Klippenreihen fort, die bei Niedrigwasser stellenweise freiliegen, wie
-denn überhaupt das ganze Eiland von solchen Felsenriffen rings umgeben
-wird. Letztere sind zwar den nahenden Schiffen gefährlich und die
-Ursache zu vielen Strandungen gewesen, der Insel selbst aber bieten
-sie als natürliche Wogenbrecher Schutz, indem sie den Hauptanprall der
-Wellen von ihr fernhalten.
-
-Unter der Zahl der Nordseebäder figuriert Helgoland seit dem Jahre
-1823. Sein günstiges Inselklima und die reine, feuchte und warme
-Seeluft, deren Wärme während der Monate Juni bis September zwischen 14°
-und 15° ~C.~ schwankt, während die Nordsee als höchste und niedrigste
-Temperaturen während der Badezeit 20° und 12° ~C.~ aufweist, haben dem
-Eiland als Seebad im Laufe der Jahre immer mehr Freunde verschafft, so
-daß der Fremdenbesuch sich stetig hob und damit Hand in Hand auch der
-Wohlstand der Insulaner dauernd gestiegen ist. Die Fremdenfrequenz,
-welche im Jahre 1890 noch 12732 Besucher aufweist, hat im Jahre 1898
-schon die hohe Zahl 20669 erreicht.
-
-[Illustration: Abb. 130. ¯Norden.¯]
-
-Die Straßen des Ober- und Unterlandes mit ihren vom Dach bis zum Keller
-blitzblanken Häusern machen einen gar freundlichen Eindruck. Ihrer
-großen Reinlichkeit und Sauberkeit wegen sind die Bewohner Helgolands
-ja bekannt. Interessant und eigenartig ist das Innere der Kirche,
-deren Gewölbe mit den lukenartig geformten oberen Fenstern lebhaft an
-das Innere eines Schiffes erinnert. Auf dem Altar stehen zwei große
-silberne Leuchter, welche der Gemeinde Helgoland von dem als Oberst
-Gustavsson bekannten entthronten König Gustav ~IV.~ Adolph von Schweden
-zur Erinnerung an seinen Aufenthalt auf der Insel im Jahre 1811 verehrt
-worden sind.
-
-Auf dem höchsten Teil des Oberlandes befindet sich der 1810
-aufgeführte neue Leuchtturm mit weiter Rundsicht; westlich davon
-erblickt man den „Pharus“, den alten Leuchtturm, welchen die
-Hamburger um 1670 errichtet haben und in den ersten Zeiten durch
-Kerzenlicht erleuchteten. Derselbe dient in der Gegenwart nur noch
-als Signalstation. Bei Anlaß seiner Erbauung zeigte sich, daß die
-Erderhebung, auf welcher er steht, ein alter Grabhügel war, der Urnen
-und Gebeine enthielt. Ähnliche Grabstätten aus vorgeschichtlicher Zeit
-dürften auch der Flaggenberg, der Bredberg und der Billberg gewesen
-sein; vom Moderberg steht das unzweifelhaft fest. Im letzteren hat man
-ein männliches Skelett, von zwei Gipsplatten eingeschlossen, gefunden,
-eine Bronzewaffe und zwei goldene Spiralringe.
-
-[Illustration: Abb. 131. ¯Inneres der Liudgerikirche in Norden.¯]
-
-An der Falm, der Hauptverkehrsstation, „dem Ausguck der Helgoländer“,
-wie sie genannt worden ist, steht das die kaiserliche Kommandantur
-beherbergende Regierungsgebäude. Die Straße selbst mündet auf die
-das Oberland mit dem Unterland vermittelst 188 Stufen verbindende
-Treppe; in der Nähe ihres Fußes befindet sich die heilige Quelle, ein
-Süßwasserbrunnen, an welchem der Sage nach die Taufen der von Liudger
-bekehrten heidnischen Bewohner des Eilands stattgefunden haben sollen,
-wie Müllenhoff in seinen Sagen, Märchen und Liedern der Herzogtümer
-Schleswig-Holstein und Lauenburg erzählt. Im Unterlande finden wir
-die zwecks Erforschung der Nordseefauna und -Flora im Jahre 1892 vom
-preußischen Staate ins Leben gerufene biologische Anstalt mit dem
-Nordseemuseum, das im alten Konversationshause untergebracht ist. Den
-Grundstock des Museums bildet die vom Deutschen Reiche angekaufte
-berühmte Gätkesche Vogelsammlung, welche im unteren Saale aufgestellt
-ist, während die oberen Räumlichkeiten der Veranschaulichung der
-marinen Tier- und Pflanzenwelt Helgolands und der Nordsee dienen.
-Besondere Berücksichtigung haben dabei die nutzbaren Seetiere, wie
-auch die verschiedenen Arten ihres Fanges gefunden. Die geologische
-Beschaffenheit der Insel wird durch eine Sammlung von Gesteinen und
-Fossilien erläutert.
-
-Am 26. August 1841 dichtete hier auf dem England unterthanen Stück
-deutscher Erde August Heinrich Hoffmann, in der Litteratur Hoffmann von
-Fallersleben genannt, sein berühmtestes Lied „Deutschland, Deutschland
-über alles, über alles in der Welt“. Zur Erinnerung an diese That
-ist ihm 50 Jahre später am Meeresstrande Helgolands ein aus Schapers
-Meisterhand hervorgegangenes Denkmal gesetzt worden, nachdem kurz
-vorher, am 10. August 1890, Kaiser Wilhelm ~II.~ namens des Deutschen
-Reiches wiederum von der Insel Besitz ergriffen hatte. Sie ist dann
-dem schleswig-holsteinischen Landkreis Süderditmarschen zugeteilt
-worden. 76 Jahre lang war Helgoland englisch gewesen; von 1674 bis
-1714 hatte der Danebrog darüber geweht. In noch früheren Zeiten war
-das Eiland abwechselnd Eigentum der Hansestadt Hamburg und der Herzöge
-von Schleswig-Gottorp, die wiederum in normännischen Seeräubern und im
-ersten Jahrtausend unserer Zeitrechnung in verschiedenen Friesenkönigen
-ihre Vorgänger gehabt haben. Der bekannteste unter diesen letzteren
-war nach des Alkuins Bericht König Ratbod, der als Bundesgenosse König
-Dagoberts mit diesen zugleich von Pipin 689 bei Dorstedt geschlagen
-worden ist und auf Helgoland eine sichere Zuflucht fand. Alkuin
-erwähnt unser Eiland unter dem Namen Fositesland, dessen Identität
-mit Helgoland jedoch von Adam von Bremen (nach 1072) als „Heiligland“
-ausdrücklich bezeugt worden ist. Als der schon weiter oben erwähnte
-Liudger, Bischof von Münster, um 785 die Insel auf Weisung Karls des
-Großen hin aufsuchte, war dieselbe der geheiligte Wohnsitz des Gottes
-Fosete, dessen Heiligtümer hier erbaut waren. Ob Helgoland bereits
-den Römern bekannt gewesen ist, oder ob nicht, das muß dahingestellt
-bleiben; nach gewissen Stellen in des Tacitus Germania sowie in dessen
-Annalen wäre die Annahme nicht ganz von der Hand zu weisen, daß auch
-schon römische Augen auf die roten Felsen Helgolands geschaut und
-daß Wimpel römischer Schiffe, die des Germanicus Kohorten nach der
-Schlacht auf dem idistavischen Felde aus der Ems in die Nordsee trugen,
-nach Fositesland hinübergegrüßt haben könnten. Noch unbestimmter aber
-ist es, ob Herr Pytheas von Massilia, der um die Zeit Alexanders des
-Großen in das sagenhafte und vielfach und immer wieder anders gedeutete
-Thule eine Reise gethan hat, seinen Fuß auf Fositesland setzte. Es ist
-zuweilen die Ansicht laut geworden, daß die Bernsteininsel Abalus im
-Busen Metuonis Helgoland gewesen sei. Aber wer mag das mit Bestimmtheit
-wissen?
-
-In den meisten Schriften früherer Jahrhunderte wird von unserer
-Insel als vom „hilligen Lunn“ gesprochen, aus welcher Bezeichnung
-das offizielle englische „Heligoland“ und das deutsche „Helgoland“
-sich mit der Zeit herausgebildet haben. Auch der Name „Farria“ ist
-bisweilen dafür gebraucht worden, der nach Lindemann am richtigsten als
-„Far-öer“, „Schafinsel“ gedeutet wird, „denn Schafe waren früher in
-großer Menge auf der Insel“.
-
-In den Blättern der neuesten deutschen Kriegsgeschichte finden wir
-Helgoland zweimal verzeichnet. Am 4. Juni 1848 fand hier die Feuertaufe
-der deutschen Flotte statt, indem drei Schiffe des Deutschen Bundes mit
-einer dänischen Segelkorvette ins Gefecht gerieten, und am 9. Mai 1864
-kamen hier österreichische und preußische Kriegsschiffe mit einem Teil
-der dänischen Flotte aneinander. Der Befehlshaber des österreichischen
-Geschwaders, der spätere Seeheld von Lissa, Freiherr Wilhelm von
-Tegethoff, hat sich bei diesem Anlaß die Kontreadmirals-Epauletten
-geholt.
-
-Kernig und kräftig ist der zum friesischen Stamme gehörige
-Menschenschlag Helgolands, die Männer sind entschlossene und
-willensstarke Leute, zierlich und schlank die Frauen und Mädchen.
-Phlegmatische Ruhe ist der Grundcharakterzug der Bevölkerung; mitten in
-den stürmischen Wogen des Meeres verliert der Helgoländer diese Ruhe
-nicht, sondern bleibt kaltblütig und gelassen, eine Eigenschaft, die
-für seinen Beruf als Seefahrer nicht hoch genug angeschlagen werden
-kann. Am Althergebrachten hält er unwandelbar fest, so auch an der
-friesischen Mundart, welche die Kinder dort schon sprechen, bevor sie
-in der Schule deutsch reden lernen. Die schöne Nationaltracht der
-Helgoländerinnen hat allerdings mit der Zeit der modernen Kleidung
-weichen müssen und wird heutzutage nur noch bei besonderen festlichen
-Gelegenheiten angelegt. Schiffahrt, Fischerei und Lotsendienst, und
-nicht zum geringsten der Badebetrieb bilden die hauptsächlichsten
-Erwerbsquellen der Inselbewohner. In früheren Jahrhunderten pflegten
-gewaltige Heringszüge vor Helgoland zu erscheinen, und damit brachen
-Zeiten des Glanzes und besonderen Wohlstandes für das Eiland an.
-Die Gewässer wimmelten von fremden Schiffen, und große Faktoreien
-entstanden auf der Insel. Schon im sechzehnten Jahrhundert fingen
-die Heringszüge aber wieder an abzunehmen und waren im achtzehnten
-Jahrhundert beinahe ganz verschwunden.
-
-Gebilde des Zechsteins, der Trias und der Kreide nehmen am
-geologischen Aufbau Helgolands teil. Die ältesten Ablagerungen der
-Insel bestehen aus einer einheitlichen Folge rotbrauner, dickbankiger,
-kalkhaltiger Thonschichten, die auf ihren Schichtflächen häufig
-Glimmerblättchen führen, nur unterbrochen durch eine etwa 20 Centimeter
-starke Schicht eines weißen zerreiblichen Sandes -- der Katersand
-der Helgoländer. Eine Anzahl von Kupfermineralien, so Rotkupfererz,
-Ziegelerz, Kupferglanz und gediegenes Kupfer kommt in diesen Thonbänken
-vor, ebenso zeigen sich elliptische Kalkmandeln, im Inneren oft hohl
-und an den Wänden mit Kalkspatkrystallen ausgekleidet, darin. Gemäß dem
-Fallen und Steigen der Schichten taucht dieser untere Gesteinskomplex
-etwa in der Mitte der Westseite aus dem Meer empor und steigt bis zur
-Nordspitze derart an, daß er am Nathurn und Hengst fast den ganzen
-Steilabfall bildet und nur noch durch wenige Meter mächtige Schichten
-der darüber liegenden Gebilde der Trias überlagert wird.
-
-Diese älteren Ablagerungen Helgolands, Äquivalente der Zechsteinletten,
-also oberster Zechstein, sind, auch im unteren Elbgebiet, so an der
-Lieth bei Elmshorn in Holstein, bei Stade in Hannover und auf dem
-Schobüller Berg in der Nähe von Husum bekannt geworden.
-
-[Illustration: Abb. 132. ¯Wangeroog.¯
-
-(Nach einer Photographie von Römmler & Jonas in Dresden.)]
-
-Dem unteren Buntsandstein entspricht ein Wechsel von roten, schiefrigen
-Thonen mit grünlich-grauen oder rot und grün gefleckten Kalksandsteinen
-und dünn geschichteten grauen Kalken, ohne Beimengungen von Kupfererz.
-Aus diesen Schichten setzt sich die Oberfläche der Insel zusammen. Aus
-Bildungen des Muschelkalks und wohl auch des unteren Keupers sind die
-Düne und die sich von dieser nordwestwärts erstreckenden Klippenzüge
-des Wite Klif und Olde Höve Brunnens aufgebaut. Zwischen diesen
-letzteren und der Hauptinsel dürfte wohl im Verlaufe der Aeonen eine
-etwa 370 Meter mächtige Reihe von Sedimenten verschwunden sein, welche
-den mittleren und den oberen Buntsandstein repräsentiert hat.
-
-Ablagerungen des mittleren und oberen Keupers sowie der Juraformation
-sind auf Helgoland unbekannt, dagegen finden sich dort Schichten
-sowohl der unteren, als auch der oberen Kreide vertreten, teils als
-anstehendes Gestein, teils in der Gestalt von Geröllen. Erstere
-zeigt sich in dem etwa 500 Meter breiten, den ersten vom zweiten
-Klippenzuge trennenden Graben, im Skit-Gatt. Fossilien aus diesen
-als graue, schiefrige Thone oder gelbrote und gelbe thonige Kalke
-auftretenden älteren cretaceischen Sedimenten stellen die von
-den Helgoländern den Badegästen zuweilen zum Kauf angebotenen
-„Katzenpfoten“ und „Hummerschwänze“ dar, Ausfüllungen der Luftkammern
-von Cephalopodenschalen (Crioceras).
-
-Auf den östlich vom Skit-Gatt sich hinziehenden, bei Ebbe hochgelegenen
-Klippenzügen des Krid-Brunnens (resp. des Selle-Brunnens), des
-Kälbertanzes und des Peck-Brunnens kommt die obere Kreide vor.
-Cenomane Gesteine und solche der tiefsten Zone des Turons sind nur
-aus Geschieben bekannt, während die Kreideschichten mit Feuerstein
-am Krid- und am Selle-Brunnen den Zonen des Inoceramus Bonguiarti
-und des Scaphites Geinitzi entsprechen, und in ähnlichem Gestein
-des Peck-Brunnens das untere Senon anstehend nachgewiesen ist. Aus
-Petrefaktenauswürflingen der See geht auch das Vorhandensein jüngerer
-senonen Bildungen bei Helgoland hervor.
-
-Die Diluvialablagerungen der Insel unterscheiden sich nicht wesentlich
-von denjenigen Schleswig-Holsteins und des nordwestlichen Deutschlands,
-und das in größeren Blöcken und in kleineren Geröllen auf der Insel
-sowie auf der Düne herumliegende erratische Material stammt aus dem
-mittleren und dem südlichen Schweden.
-
-Zwischen der Hauptinsel und den die Fortsetzung der Düne bildenden
-Riffen und Klippen liegt der Nordhafen. In einer -- geologisch genommen
--- sehr jungen Zeit stellte derselbe einen Süßwassersee dar. Den Grund
-dieses Nordhafens bildet nämlich ein hellgrauer bis dunkelbrauner
-Thon, von den Helgoländern Töck genannt, wobei zu beachten ist, daß
-diese Bezeichnung auch noch auf die Gesteine der unteren Kreide
-im Skit-Gatt angewandt wurde. In dem Töck des Nordhafens nun sind
-zahlreiche Süßwassermollusken gefunden worden, welche sämtlich noch
-unter der heutigen Fauna Norddeutschlands vertreten sind, und daneben
-noch einzelne Pflanzenreste (Ahornblätter und anderes). Damit ist der
-Beweis geliefert worden, daß der rote Felsen auf einer Insel lag,
-welche eine Ausdehnung besaß, daß eine Süßwasserfauna und Landflora
-auf ihr existieren konnten, daß also das Eiland ehemals, und zwar
-schon in Zeiten der jetzt währenden Erdbildungsperiode -- ob sonst in
-historischer Zeit, muß dahingestellt bleiben -- größer war, als in der
-Gegenwart. Es ist aber nicht ein größeres Felseneiland gewesen, sondern
-eine Geestinsel von gleicher Beschaffenheit etwa wie Sylt und die eine
-Hälfte von Föhr, eine Geestinsel, aus welcher der rote Fels und das
-weiße massige Gestein des Witen Kliff hervorragten.
-
-[Illustration: Abb. 133. ¯Wangeroog, vom Leuchtturm gesehen.¯
-
-(Nach einer Photographie von Römmler & Jonas in Dresden.)]
-
-„Helgoland,“ sagt Dames, „stellt einen vorgeschobenen Posten deutschen
-Bodens dar. Durch seine Einverleibung in Deutschland ist auch politisch
-ein Zusammenhang wiederhergestellt, der geologisch seit dem Schluß der
-paläozoischen Formation fast ununterbrochen bestanden hat.“
-
-[Illustration: Abb. 134. ¯Strand von Wangeroog, mit Seezeichen und
-Giftbude.¯
-
-(Nach einer Photographie von Römmler & Jonas in Dresden.)]
-
-Der schon früher bei der Besprechung seiner Vaterstadt Husum und a.
-a. O. erwähnte „königliche Geographus und Mathematicus“ Johann Meyer
-hat um das Jahr 1649 eine „Newe Landtcarte von der Insel Helgelandt“
-gezeichnet und dazu eine höchst phantastische Darstellung dieser
-Insel „in ~annis Christi~ 800 und 1300“, welche dem Buche Danckwerths
-beigefügt ist. „Die Insel soll viel größer gewesen seyn, dann itzo“,
-und „der Author der Land Carten hat davon zweyerley Vorbilde des
-alten Heiligen Landes vorgestellet, ~de annis~ 800 und 1300, wie
-man sie ~ex traditionibus~, ~sed humanis~ erhalten“, schreibt der
-vormalige Bürgermeister der grauen Stadt am Meere dazu. Eben diese,
-von der kritischen Forschung unserer Tage längst in das Reich der
-Mythe verwiesene kartographische Darstellung des Eilands hat nicht
-wenig dazu beigetragen, die alte Sage von der vormaligen gewaltigen
-Ausdehnung Helgolands noch bis in die neueste Zeit hinein, und sogar in
-wissenschaftlichen Lehrbüchern, aufrecht zu erhalten. Die Umrisse des
-alten, von Meyer rekonstruierten Eilands verhalten sich zu denjenigen
-der gegenwärtigen Insel etwa wie der Elefant zur Maus. Wenn man die
-zuverlässigen und geschichtlichen Zeugnisse überblickt, so kommt man zu
-dem bestimmten Schluß, daß das Eiland, soweit historische Nachrichten
-zurückreichen, immer nur eine kleine, stark isolierte Insel mit einer
-geringen Bewohnerzahl gewesen ist.
-
-Daß der Umfang der Insel allmählich abnimmt und daß einmal eine
-Zeit kommen muß und wird, in der die Meeresfluten ungehindert über
-den Boden Helgolands dahinrollen werden, das ist jedoch sicher. Der
-Verwitterungsprozeß am Gestein, hervorgerufen durch Frost, Sonnenwärme
-und Niederschläge, unterstützt ferner durch die Thätigkeit gewisser
-Meerestange (Laminarien) nagt unaufhaltsam an den Wänden und Klippen
-des Eilands, und die zerstörende, am roten Felsen und seinen Riffen
-stetig anprallende Brandungswelle übt eine noch vernichtendere Wirkung
-daran aus. Wann das aber geschehen wird, das läßt sich in präzisen
-Zahlen nicht ausdrücken. Der Zukunft mag’s vorbehalten bleiben, und
-zweifelsohne werden noch Jahrtausende darüber hingehen bis zu dem
-Zeitpunkte, an dem die letzte Felsenklippe Helgolands in die Wogen
-hinabgestürzt sein wird.
-
-Noch im siebzehnten Jahrhundert verband ein Steinwall, „de Waal“,
-die Düne mit dem Unterlande Helgolands, so daß dadurch je ein nach
-Norden und Süden geöffneter, halbkreisförmiger Hafen gebildet war. Im
-Zusammenhang mit der Düne war ferner der in ihrem Nordwesten belegene
-Klippenzug des Wite Klif. Um 1500 soll dieser weiße Gipsfelsen noch
-so hoch gewesen sein, wie die Hauptinsel selbst; er verlieh der Düne
-und dem Steinwall den nötigen Schutz vor dem Ansturm der Wellen, zumal
-die Hauptströmung des Meeres von Nordwesten her eindrang. Nicht die
-stark brandenden Wogen tragen aber die Schuld an der allmählichen
-Zerstörung des Wite Klif allein, sondern die Bewohner Helgolands
-selbst, indem sie Stücke von dem Felsen abtrugen und verkauften. Die
-alte Bolzendahlsche Chronik der Insel verzeichnet im Jahre 1615 unter
-anderen Begebenheiten auch noch den Umstand, daß „die Gips oder weiße
-Kalksteine hier bey Lande bei der Wittklippe häufig vorhanden gewesen
-und hat man die Last von zwölf Heringtonnen allhier verkauft vor 5
-Pfund“. Am 1. November 1711, des Nachmittags um drei Uhr, wurde der
-letzte damals noch vorhandene Rest des Wite Klif, „so bey zwölf Jahren
-noch als ein Heuschober gestanden, durch eine hohe Fluth bey N. W. Wind
-vollends umgeworfen und absorbiert“. Nach der Vernichtung des Felsens,
-an den heute nur die bei tiefer Ebbe aus dem Meere hervorragende
-Klippe erinnert, hielt der schmale Steinwall den Andrang der Wogen
-nicht mehr lange aus. Ein „rechter Haupt-Sturm und hieselbst ein
-ungemein hohes Wasser mit so grausamen Wellen, daß auch einige Häuser
-und Buden bey Norden dem Lande wegspülten“, riß am Sylvesterabend und
-dem darauffolgenden Neujahrstag gegen zwei Uhr den Steinwall zwischen
-dem Lande und der Düne durch, „und war beynahe ein ganzes Jahr ein
-Loch darin, daß man allemal mit halber Fluth mit Giollen und Chalupen
-durchfahren konnte“.
-
-Damit war die Düne für immer vom Haupteiland getrennt. Die andringenden
-Wogen schwemmten die Geröllmassen und den Schutt des Steinwalls an
-das Unterland an, welches dadurch bedeutend vergrößert wurde, so daß
-am Strande neue Häuserreihen entstehen konnten. Dagegen nahm die Düne
-besonders im Norden und Osten ab, und das blieb in der Folgezeit
-lange so, bis vor etwa 30 Jahren eine allmähliche Versandung der
-nordöstlichen Klippen und eine Änderung in der Strömung eintrat, die
-seither eine Verringerung der Düne im Westen und eine Zunahme im Osten
-bedingte. Besonders die Breite der Düne hat sich in der letzten Zeit
-vergrößert, wie ihre Gestaltung denn abhängig ist von Meeresströmung
-und Windrichtung, indem Nordostwinde sie verkleinern, Südwestwinde
-dagegen zunehmen lassen.
-
-Helgolands Flora stimmt, wie auch diejenige der übrigen nordfriesischen
-Inseln, mit dem Pflanzenteppich der cimbrischen Halbinsel im großen und
-ganzen völlig überein. Doch fehlen die Heidepflanzen hier völlig.
-
-Sämtliche Holzpflanzen sind von Menschenhand an geschützten Orten
-angepflanzt worden; in vergangenen Jahrhunderten war die Insel
-baumlos. In der Gegenwart zeigt Helgoland verschiedene, teilweise
-recht schöne Bäume, so den alljährlich reife Früchte tragenden, im
-Jahre 1814 gepflanzten Maulbeerbaum im Garten des Pastors, die Ulmen
-mit 1½ Fuß Stammesdurchmesser am Fuße der Treppe, die Ahornbäume der
-Siemensterrasse im Unterland und noch andere mehr. Auf dem Oberlande,
-in der Nähe des Armenhauses, dem „langen Jammer“, ist der größte
-Blumengarten der Insel, eine Gärtnerei, in der neben vielen anderen
-Zierpflanzen jährlich 4000 Rosenstöcke zur Blüte gelangen. Einen
-Beweis der Vorliebe der Helgoländer für blühende Blumen geben die
-zahlreichen Blumenstöcke und die zierlichen Gärtchen ihrer schmucken
-Häuser. Bekannt ist der „Kartoffelallee“ benannte Spazierweg auf dem
-Oberland, so benannt nach den an seinen beiden Seiten befindlichen
-Kartoffelfeldern. Daneben wird noch etwas Klee, Gerste und Hafer
-gebaut. Den Rest des Oberlandes nehmen Wiesen ein. Bei Niedrigwasser
-zeigen sich rings um das Eiland weite, submarine Wiesen, von grünen,
-roten und braunen Algen und Tangen bedeckt.
-
-Ebensowenig, wie das auf den übrigen Nordseeinseln der Fall sein soll,
-kommen Maulwürfe oder Spitzmäuse auf Helgoland vor. Auf der Sanddüne
-haben früher Kaninchen in großer Anzahl ihr Unwesen getrieben. Durch
-Unterwühlen und Abfressen der Pflanzen thaten sie großen Schaden,
-so daß, wie Hallier berichtet, 1866 die Sandinsel geradezu ihres
-Vegetationskleides beraubt war. In der Gegenwart dürften die kleinen
-Tiere dort wohl vollständig ausgerottet sein. Haustiere, so Kühe und
-besonders Schafe, werden von den Bewohnern in dem für ihren und ihrer
-Badegäste Lebensunterhalt erforderlichen Verhältnis gehalten. Bei dem
-in verflossenen Tagen auf dem Oberlande betriebenen Kornbau sollen auch
-Pferde verwendet worden sein.
-
-An Zugvögeln ist Helgoland besonders reich, und über 300 Vogelarten
-statten im Früh- und Spätjahr auf ihren Wanderzügen der Insel ihren
-Besuch ab. Unter ihnen finden sich zuweilen seltene Formen, sogar
-solche aus Sibirien und Nordamerika. Möven, Taucher, Seeschwalben
-und Strandläufer beleben das Eiland, auch Sperlinge fehlen nicht,
-und auf einem Felsen an der Nordküste, dem Lummenfelsen, brüten die
-Lummen, nordische Tauchervögel, die vom Februar bis Ende August auf
-Helgoland erscheinen. Die Meeresfauna ist eine überaus reichhaltige,
-und an schwülen Augustabenden rufen hier die zahlreich im oceanischen
-Wasser vorhandenen Mikroorganismen die Erscheinung des Meeresleuchtens
-besonders schön hervor, woran das funkelnde Leuchtbläschen (~Noctiluca
-scintillans~) wohl einen Hauptanteil hat. Bei jeder Bewegung, beim
-Ruderschlag, beim Hineinwerfen von Steinen ins Wasser, im Kielwasser
-des Bootes und auf den Kämmen der sich überstürzenden Wellen funkelt
-und erglänzt das Meer in phosphorischem Scheine.
-
-Helgoland besitzt ein ausgeprägtes gleichmäßig mildes Seeklima und
-weist infolgedessen im Spätherbst und Winteranfang (November, Dezember
-und Januar) eine höhere Durchschnittstemperatur auf, als Bozen, Meran,
-Montreux und Lugano. In diesen erwähnten Monaten ist die Insel, mit
-zahlreichen, wahrscheinlich sämtlichen Städten Deutschlands verglichen,
-der wärmste Ort. Der Herbst ist warm, der Winter mild, das Frühjahr
-kalt, der Sommer kühl.
-
-[Illustration: Abb. 135. ¯Spiekeroog.¯]
-
-
-
-
-~XIII.~
-
-Die Marschlande am linken Elbufer.
-
-
-Ein breites Band fetter Marschländereien begleitet die linke Seite der
-Elbe von dem aufblühenden Harburg, das durch gewaltige Elbbrücken mit
-Hamburg verbunden ist (Abb. 100), an bis an die Mündungen des Stromes
-in die See. Da ist zuerst vom Amte Moorburg an bis an das Ufer der
-Schwinge das Alte Land, von den Schwingemündungen bis zu denjenigen der
-Oste das Land Kehdingen, dann an der Oste die Ostemarsch, als schmaler,
-sich südlich in die Geest hineinziehender Landstreifen zwischen
-Kehdingen und dem Lande Hadeln. Dieses grenzt seinerseits an das Land
-Wursten, das wir bei Besprechung der Marschen auf dem rechten Weserufer
-kennen lernen werden.
-
-[Sidenote: Das alte Land.]
-
-Das Alte Land betreibt den Obstbau im großen und im Frühjahr, wenn
-die zahllosen Kirschen-, Zwetschen- und Apfelbäume in Blüte stehen,
-bietet es ein Landschaftsbild von besonderer Pracht dar. Alle Häuser
-sind umgeben von den eben genannten Obstbäumen, zwischen denen auch
-Walnuß- und Birnbäume in geringerer Menge zu sehen sind, und wo nur ein
-Fleckchen frei ist, selbst auf den Deichen, werden dieselben bepflanzt.
-Der Export des gewonnenen Obstes ist ein ungemein bedeutender und geht
-neben Hamburg besonders in den Norden, so nach Dänemark, Schweden und
-Norwegen und nach Rußland, selbst nach London. Daneben werden Ackerbau
-und Viehzucht nicht vernachlässigt, von welchem etwa die Hälfte der
-Bevölkerung lebt, -- in Bezug auf das Großvieh nimmt das „Alte Land“
-eine bedeutende Stellung ein -- ebenso wird in einzelnen Gegenden viel
-Gemüse, unter anderem besonders Meerrettich kultiviert. Die Einwohner
-sind eingewanderte Niederländer, höchst wahrscheinlich Flamländer und
-die lebendigsten und rührigsten sämtlicher Marschbewohner. Ihre Frauen
-und Mädchen gelten als die schönsten und zierlichsten der Marschlande
-überhaupt. Ihre eigenartig eingerichteten Häuser mit dem farben- und
-formenreichen Vordergiebel, die Wahrzeichen an denselben, zwei Schwäne
-darstellend, deren jeder sich in die Brust beißt, ihre schön gepflegten
-Hausgärten und kleidsame, aber mehr und mehr in Abgang kommende Tracht,
-sowie eine Anzahl besonderer Gebräuche und Sitten unterscheidet die
-Altenländer scharf von ihren sächsischen Nachbarn.
-
-[Sidenote: Buxtehude.]
-
-Das Alte Land -- der Sitz seines Amtsbezirkes ist Jork mit Amtsgericht
-und Superintendenten -- wird von der unterhalb Buxtehude in dasselbe
-eintretenden Este und von der Lühe durchflossen. Am östlichen Rande
-des Alten Landes liegt das gewerbreiche Buxtehude an der schiffbaren
-Este. Die Stadt, welche vor Zeiten Mitglied des Hansabundes gewesen
-ist, zählt gegenwärtig an 3600 Einwohner. Ihre drei Thore, das Marsch-,
-Geest- und Moorthor, lassen die Lage der Stadt sofort erkennen, doch
-ist sie selbst auf Moorboden erbaut. Schöne Laubwaldungen befinden sich
-auf der nahen Geest und tragen dazu bei, Buxtehude zu einem hübschen
-Aufenthaltsort zu stempeln. Schon im siebzehnten Jahrhundert ist es
-„eine feine und lustige Stadt“ genannt worden, ein Ehrentitel, den
-sie, wie man sagt, heute auch noch verdienen soll. Buxtehude liegt
-an der Bahnlinie von Harburg nach Cuxhaven, die sich bis Kadenberge
-teils dem Geestrande entlang zieht, teils auf dieser selbst erbaut ist
-und erst von dort ab die Marsch des Landes Hadeln durchquert. Diese
-Bahnlinie berührt nördlich von Buxtehude das ebenfalls am Geestrande
-erbaute Horneburg an der Lühe mit einer vorwiegend Ackerbau treibenden
-Bevölkerung.
-
-[Illustration: Abb. 136. ¯Dorfstraße in Spiekeroog.¯]
-
-[Sidenote: Land Kehdingen.]
-
-In großem Gegensatze mit dem obstreichen Alten Lande steht das Land
-Kehdingen mit seiner ausgedehnten Wiesen- und Weidenwirtschaft und
-seinen gut bestellten Äckern. Dieses lange, aber ziemlich schmale
-Marschgebiet wird von hohen Deichen umsäumt, denen es auch seinen Namen
-verdankt. Kehdingen (von Kaje-Deich) bedeutet ein gedeichtes Land.
-Sächsische Stämme haben vom Geestrücken bei Kadenberge her den Norden
-und von Stade aus den Süden besiedelt, Friesen sind später, von den
-Erzbischöfen zur Urbarmachung des Moor- und Buschlandes herbeigezogen,
-dazu gekommen. Die Bevölkerung treibt Viehzucht, in neuerer Zeit auch
-Pferdezucht, und Ackerbau, der des schwer zu pflügenden Bodens wegen
-zwar mühsam, doch um so lohnender ist. An den schlammigen Ufern der
-Elbe wächst viel Rohr, hier Reet oder Reit genannt, das gewonnen und
-zur Bedachung der Häuser verwendet wird. Auch Weiden werden gepflanzt
-und zu gewerblichen Zwecken verbraucht.
-
-Der Mittelpunkt des Amtsbezirkes ist Freiburg, das durch das Freiburger
-Tief, einen zwei Meter tiefen Kanal, mit der Elbe in Verbindung steht.
-Die Ortschaften liegen entweder langgestreckt an der das Land der Länge
-nach durchziehenden Landstraße, so Assel, Neuland, Hammelwörden u.
-s. f., die jede mehr als 1000 Einwohner besitzen, oder auch am Rande
-des Kehdinger Moores, welches Kehdingen im Westen vom eigentlichen
-Geestrücken trennt.
-
-[Illustration: Abb. 137. ¯Spiekeroog. Teil des Dorfes.¯]
-
-Am Südrande dieser Moorbildung, auf einem Ausläufer der Geest gegen
-die Marsch treffen wir Stade an der schiffbaren Schwinge mit über
-10000 Einwohnern, Hauptstadt des Regierungsbezirks und des Herzogtums
-Bremen, ehemals ein bedeutender Handelsort und Hansestadt. Stade
-hat viel industrielles Leben (Cigarrenfabrik, Eisengießereien,
-Maschinenfabriken) und betreibt Fischerei und Schiffahrt. Es ist
-Station der Eisenbahnlinie Harburg-Cuxhaven und ferner durch einen
-weiteren Schienenstrang von 69 Kilometer Länge über Bremervörde mit
-Geestemünde in Verbindung. In geschichtlicher Hinsicht ist diese Stadt
-durch verschiedene Ereignisse bekannt geworden, so durch die Belagerung
-durch Tilly, dem es sich am 5. Mai 1628 ergeben mußte, durch den großen
-Brand vom 26. Mai 1659, sowie durch die Belagerung der Dänen, vor denen
-es nach heftiger Beschießung am 7. September 1712 kapitulierte.
-
-Um und in Stade treten Gebilde des permischen Systems, rote
-Zechsteinletten, auf, und fiskalische Bohrungen haben daselbst in
-etwa 180 Meter Tiefe eine sehr gesättigte Sole erschrotet. Gleiches
-war in der Nähe, bei Campe, der Fall, wo die Sole schon bei 162 Meter
-erschlossen wurde. An der Mündung der Schwinge ist die Schwinger
-Schanze und das Dorf Brunshausen, wo früher der 1861 abgelöste Stader-
-oder Elbzoll erhoben worden ist, und die transatlantischen Dampfer der
-Hamburger Linien zu leichtern pflegen.
-
-Die Ostemarsch beginnt mit einer schmalen Zunge, die südlich bis in die
-Gegend von Kranenburg reicht, füllt anfänglich den Raum zwischen den
-Krümmungen des Flusses aus, um sich dann allmählich zu verbreitern,
-indem sie sich auf dem rechten Ufer schneller entwickelt, als auf
-dem linken. Zahlreiche Ortschaften, darunter welche mit mehr als
-1000 Bewohnern (Hüll, Altendorf, Isensee u. s. f.), teils am Rande
-der Geest, teils im Marschland selbst belegen, gehören zu diesem
-Gebiet, das bei Neuhaus an die Elbe tritt und durch den Hadeler Kanal
-vom Lande Hadeln geschieden wird. Ackerbau und Viehzucht bilden die
-Haupterwerbszweige der Bewohner. Die untere Ostemarsch hat Neuhaus an
-der Oste (mit etwa 1500 Seelen) mit lebhafter Schiffahrt zum Hauptort,
-die obere Ostemarsch bildet einen eigenen Amtsbezirk mit Oste (etwa 850
-Einwohner) als Mittelpunkt.
-
-[Sidenote: Land Hadeln.]
-
-Vor Ablagerung der Marsch war das heutige Land Hadeln zum größten Teile
-ein tief in die Geest hineinschneidender Meerbusen zwischen Wingst und
-Hoher-Lieth. Allmählich wurde derselbe von Schlick ausgefüllt, und nur
-in der Innenseite, welche bei der Marschbildung immer niedriger bleibt,
-erhielt sich das Wasser, und in ihr bildete sich das ausgedehnte
-Moor, welches Hadeln im Süden bedeckt. Das abgelagerte Marschland
-hat die Gestalt eines Dreiecks, dessen Grundlinie nach der Elbe
-zu, dessen Spitze aber im Süden liegt. Der nach dem Flusse zu sich
-erstreckende Teil der Marsch ist höher als das innere Gebiet, und so
-unterscheidet man das äußere „Hochland“ von dem inneren „Sietland“
-(Niedrigland), die beide heute noch politisch getrennte Gebiete bilden.
-Letzteres, an der Grenze der Moore mit ihren Seen belegen, war im
-Winter stets Ueberschwemmungen ausgesetzt und drohte zu versumpfen,
-da die beiden Flüsse, die Aue und die Gösche, es nicht hinreichend
-entwässern konnten. Um dem Abhilfe zu schaffen, wurde von 1854 bis
-1856 der Hadeler Kanal gegraben, der nach Norden mit der Elbe in
-Verbindung steht, und 1860 begann man den Geestekanal zu schaffen,
-der nach Süden zur Geeste verläuft. Beide Kanäle haben ihren Ausgang
-im Bederkesaer See. Durch eine große Schleuse ist der Kanal mit der
-Medem in Verbindung, welche nördlich von Oster-Ihlienworth aus der
-Vereinigung der Gösche und Aue entsteht und in vielen Krümmungen den
-Deich erreicht. Die „torfgefärbte Mäme“ hat der Dichter J. H. Voß
-diesen Fluß genannt. Geeste- und Hadeler Kanal sind zusammen 43,5
-Kilometer lang und dienen neben den Zwecken der Entwässerung des Landes
-auch der Schiffahrt, da sie bei gewöhnlichem Wasserstande 1,5 Meter
-Tiefe besitzen, so daß Schiffe bis zu 16 Tonnen von der Elbe zur Weser
-gelangen können. Durchschnittlich wird diese Wasserstraße jährlich von
-700–800 Fahrzeugen benützt.
-
-Die ausgedehnten Moorländereien des Südens (20,8% des Gesamtareals von
-Hadeln) sind nur teilweise entwässert und in Kultur genommen und werden
-nur zum Torfstich benützt. Das Wasser aus dem Westermoor führt die
-unterhalb Altenbruch in die Elbe fallende Bracke ab, das Wannaer Moor
-entwässert die Emmelcke, ein Nebenfluß der Aue. An das letztgenannte
-Moor grenzt die kleine gleichnamige Geestinsel mit dem Kirchspiel
-Wanna, aus leichtem, mit Heidekraut bewachsenem Sandboden bestehend.
-Der Boden der Hadeler Marsch selbst ist nicht so schwer, als derjenige
-Kehdingens und darum zum Ackerbau auch sehr geeignet. Sein Untergrund
-besteht aus einem kalkreichen Schlick, der aus der Tiefe an die
-Oberfläche gebracht und mit Dünger und Ackerkrume vermischt, dem Boden
-eine besondere Ertragsfähigkeit gibt. Man nennt diese Bodenumarbeitung
-das Kuhlen; trotz seiner Kostspieligkeit trägt es reichlich Zinsen.
-Die Viehzucht tritt in Hadeln zurück, dafür blüht der Ackerbau um so
-mehr, und im Sommer ist das Marschland von einem Ende zum anderen
-ein prächtig wogendes Saatenmeer. Raps, Weizen und Roggen bilden den
-Hauptbestand der Felder.
-
-[Illustration: Abb. 138. ¯Langeoog, von der westlichen Kaapdüne
-gesehen.¯]
-
-[Illustration: Abb. 139. ¯Langeoog, Abtei und Blick auf die Nordsee.¯]
-
-Hadelns Bewohner sind rein sächsischen Stammes, und unter allen
-Marschen hat dieses Land seine Eigentümlichkeiten und Freiheiten
-(Hadelnsche Provinzialstände u. s. f.) am treusten bewahrt. Politisch
-zerfällt das Land in drei Verbände, in die Stadt Otterndorf, Kreisstadt
-und Amtsgericht, der Mittelpunkt des Landes, in dem sich Hadelns
-Handel und Verkehr vereinigt, in das Hochland und in das Sietland.
-Otterndorf, ein altmodisches, aber freundliches Landstädtchen, in das
-noch vor einigen Jahrzehnten ein altes Burgthor führte, geschmückt mit
-dem lauenburgischen und dem Stadtwappen, einer Otter (Fischotter) über
-dem sächsischen „Rautenkranze“, wie Allmers schreibt, hat eine höhere
-Bürgerschule, die früher als Progymnasium existierte, und an welcher
-der Dichter Johann Heinrich Voß einst Prorektor gewesen ist. Die
-einzelnen Ortschaften,
-
- -- -- die Wohnung ländlicher Freiheit,
- Durch die Gefilde verstreut, jede von Eschen begrünt --
-
-liegen auf einen weiten Raum verteilt, die größeren Höfe vereinzelt.
-Noch mehr Bewohner, als Otterndorf (etwa 1760 Seelen) zählt die
-Gemeinde Altenbruch (2200 Seelen) mit der ältesten und bedeutendsten,
-einen berühmten Altarschrein aus dem Anfang des sechzehnten
-Jahrhunderts bergenden zweitürmigen Kirche. Neben Altenbruch sei hier
-noch Lüdingworth, der Geburtsort des bekannten Reisenden Karsten
-Niebuhr, erwähnt.
-
-[Illustration: Abb. 140. ¯Langeoog-Dünen mit Blick auf das Dorf.¯]
-
-
-
-
-~XIV.~
-
-Das Geestland zwischen Unterelbe und Unterweser.
-
-
-[Sidenote: Geestland zwischen Unterelbe und Unterweser.]
-
-Die im vorigen beschriebenen Marschlande am linken Elbufer umschließen
-zusammen mit den im folgenden Abschnitte zu besprechenden Marschen von
-Osterstade, Wührden, Vieland und Wursten ein weites und großes Areal,
-das zum allergrößten Teile den ehemaligen Herzogtümern Bremen und
-Verden angehört hat und in der Gegenwart der Hauptsache nach unter der
-Verwaltung der Landdrostei resp. des Regierungsbezirkes Stade steht.
-
-Das Teufelsmoor und die ausgedehnten Moore an der Oste trennen das
-Geestland unseres Areals in zwei Hälften, in eine östliche und in
-eine westliche, die durch einen schmalen Arm bei Bremervörde, etwa im
-Mittelpunkt des Landes miteinander in Verbindung stehen. Im Nordosten
-reicht der östliche Teil bis an die Elbmarschen, westlich wird
-derselbe vom Teufelsmoor und dem mittleren Thal der Oste begrenzt.
-Wir unterscheiden in seinem Gebiet verschiedene scharf ausgeprägte
-Rücken, so denjenigen von Zeven im Süden, am Oberlaufe der Oste, in der
-Mitte den Rücken von Harsefeld, und nördlich von diesem und durch die
-Schwinge getrennt, denjenigen von Himmelpforten.
-
-Bei Bremervörde durchbricht die Oste das auf 3,5 Kilometer
-zusammengedrängte Verbindungsglied der östlichen und westlichen Hälfte.
-Letztere tritt im Süden und im Westen an den Weserstrom, während ihr
-nördliches Ende im Amte Ritzebüttel die Elbe erreicht und hier auf
-eine kurze Strecke die Deiche überflüssig macht. Ein schmaler Rücken,
-vom Verbindungsraume bei Bremervörde ausgehend, zieht zwischen dem
-langen und großen Moore hin und teilt sich wieder in die Hügelgruppen
-des Westerbergs und der Wingst; letztere bildet in den sie umgebenden
-Marschen eine weithin sichtbare Marke. Ein zweiter Zug folgt beiden
-Seiten der Geest; sein südlicher Teil dacht sich allmählich zum
-Vielande hin ab, der nördliche hingegen kehrt sich zwischen Geest und
-den Hadeler Mooren nach Norden und endet mit Sanddünen an der äußersten
-Landesspitze. Als öder Heiderücken der Hohen Lieth scheidet er Hadeln
-von Wursten. Südlich von der Lüne endlich, zwischen dem Teufelsmoor und
-der Weser ist ein weiterer Geestrücken entwickelt, der von Süden an in
-Höhe zunimmt und die Garlstedter und Brundorfer Heide trägt. Er fällt
-im Süden steil in das Thal der Lesum und Weser ab, letztere dadurch zur
-westlichen Richtung zwingend.
-
-[Illustration: Abb. 141. ¯Langeoog, Badestrand und Badewärter.¯
-
-(Nach einer Photographie von A. Overbeck in Düsseldorf.)]
-
-Das Land bildet eine 10–20 Meter hohe, von zahlreichen Bächen und
-Flüssen durchflossene leichtwellige Ebene, deren höchste Punkte 80
-Meter nicht erreichen (Camper Höhe bei Stade 24 Meter; Litberg bei
-Sauensiek auf dem Harsfelder Rücken 65 Meter; Lohberg auf dem Rücken
-von Himmelpforten 42 Meter; Wingst 74 Meter; Hohe Lieth bei Altenwalde
-31 Meter; höchster Punkt der Garlstedter Heide 45 Meter).
-
-[Illustration: Abb. 142. ¯Langeoog. Neutraler Strand mit der
-gestrandeten „Aurora“.¯
-
-(Nach einer Photographie von A. Overbeck in Düsseldorf.)]
-
-[Sidenote: Grünlandsmoore.]
-
-Im Gebiete des Regierungsbezirks Stade werden 183576 Hektare oder 28%
-der Gesamtfläche des Landes von Mooren bedeckt (der Regierungsbezirk
-Osnabrück enthält deren nur 20,5% und der von Aurich 24,6% seines
-Areals). Kein einziger Amtsbezirk unseres Areals ist ohne Moore, die im
-Amte Lilienthal an der Grenze des Bremerlandes 80% des Flächeninhalts
-ausmachen, dagegen in anderen, so im Amte Jork, nur wiederum 0,7%.
-Die Moore, die sich zwischen Marsch und Geest oder auch zwischen zwei
-Marschgebieten hinziehen, nennen wir Randmoore. Es sind größtenteils
-Grünlands- resp. Wiesenmoore, mit scharfem Absatz gegen die Geest, aber
-nur allmählich durch „anmooriges Land“, welches meist tiefer liegt als
-das Moor und die Marsch, in diese übergehend. Hierher zu rechnen sind
-das Altenländer Moor, das Kehdinger Moor, die unteren Oste-Moore, die
-Hadeler Moore, die Osterstader Moore. Moore, die sich in Niederungen
-oder auf beinahe horizontal liegenden Flächen der Geest gebildet
-haben, bezeichnet man als Binnenmoore. Es sind fast nur Hochmoore.
-Als Beispiel dieser auf unserem Gebiete sehr verbreiteten Moore möge
-der größte hierher gehörige Moordistrikt dienen, das Teufelsmoor, das
-sich nördlich von dem flachen Bremer Gebiet keilartig in die Geest
-hineinschiebt.
-
-[Sidenote: Die Moorkulturen.]
-
-Die von Holland zu uns herübergekommene Art der Moornutzung, das
-Moorbrennen oder die Moorbrandkultur, deren Wirkungen sich im weiten
-Umkreise durch den Moor- oder Höhenrauch in so unangenehmer Weise
-bemerkbar machen, hat sehr wenig segenbringend gewirkt, und da, wo
-solche Hochmoorsiedelungen lediglich auf Grundlage des Moorbrennens
-angelegt wurden, ohne vorherige Aufschließung der Moore durch Kanäle
-und Wege u. s. f., verfielen dieselben meist schon nach kurzer Zeit dem
-allergrößten Elend.
-
-Dagegen hat eine zweite Form der Hochmoorkultur, gleichfalls
-holländischer Herkunft, sehr segensreich gewirkt, die Fehnkultur
-oder Sandmischkultur, welche den Zweck hat, die unter den Torfmooren
-befindlichen Landflächen urbar und der Kultur zugänglich zu machen.
-Es kommt dabei auch darauf an, den abgegrabenen Torf zu verwerten und
-ihm billige Transportwege zu eröffnen, und zu diesem Behufe legt man
-von dem zunächst befindlichen Wasserlaufe Kanäle in das Moor hinein
-an, die mit Schiffen befahren werden können, die Fehnkanäle, an die
-sich wiederum im Laufe der fortschreitenden Unternehmung Seiten-
-und Parallelkanäle anschließen. Durch dieses Netz von Wasserstraßen
-wird außerdem noch für die notwendige Entwässerung des in Fehnkultur
-begriffenen Areals gesorgt. Die abgetorften Ländereien werden mit
-Seeschlick, mit Kleierde, mit Sand und mit Dünger bedeckt und dann
-bebaut.
-
-Die Fehnkultur ist um den Anfang des siebzehnten Jahrhunderts in
-Holland zuerst aufgekommen, und im Jahre 1630 brachte der Graf
-Landsberg-Velen diese Art der Moorbebauung bereits in Anwendung auf
-deutschem Boden, indem er die Kolonie Papenborg, das heutige Papenburg,
-anlegte, eine aufblühende Stadt im Regierungsbezirk Osnabrück, mit etwa
-7000 Einwohnern, dem Muster einer Fehnkolonie. Die deutschen Fehnkanäle
-haben zur Zeit eine Gesamtlänge von 195,8 Kilometer.
-
-Fehnkolonien befinden sich besonders in Ostfriesland und im
-Oldenburgischen. In einem gewissen Gegensatz zu denselben stehen
-die Moorkolonien, die nicht die Bebauung des Mooruntergrundes,
-sondern der Mooroberfläche selbst als Endzweck haben. Das preußische
-Landwirtschafts-Ministerium hat es als eine seiner vornehmsten
-Aufgaben erachtet, die Moorkultur immer mehr und mehr thatkräftig
-zu fördern. Zu diesem Zweck wurde von dieser Behörde in Bremen
-eine Moorversuchsstation gegründet, welche durch wissenschaftliche
-Forschungen die Eigenschaften und Eigenarten des Hochmoorbodens
-feststellen und zugleich durch praktische Versuche in den Mooren
-selbst neue Hilfsmittel für die Hochmoorkultur schaffen soll. An
-den verschiedensten Stellen des Areals zwischen Elbe und Weser und
-Ostfrieslands sind neue Moorsiedelungen unter der Leitung der Regierung
-entstanden, und im letztgenannten Lande ist diesen Unternehmungen
-die Erschließung der weiten Flächen durch den Ems-Jade- und den
-Süd-Nord-Kanal sehr zu statten gekommen. Im Jahre 1890 bestanden
-im deutschen Flachlande westlich der Elbe (Regierungsbezirk Stade,
-Osnabrück und Aurich, sowie Oldenburg) bereits über 250 Moorkolonien
-von 55000 Hektaren Gesamtareal und mit 60000 Einwohnern. Das Gebiet
-von Waakhausen am südlichen Ufer der Hamme zeichnet sich durch sein
-weit und breit bekanntes „schwimmendes Land“ aus. Es ist dasselbe ein
-Grünlandmoor von noch unsolider Beschaffenheit, an seiner Oberfläche
-mit einer festen Borke versehen, die aus verfilztem Wurzelgeflecht
-besteht, aber eine Verbindung mit dem Untergrunde noch vermissen läßt.
-Die zwischenliegende Schicht ist ein schlammiger Moorboden, der sich
-mit steigendem Wasser ausdehnt und die obere Schicht, solange sie nicht
-zu schwer ist, hebt. Bei eintretendem niedrigen Wasserstand senkt sich
-das Moor wieder und das Land erhält seine frühere Lage zurück. Die
-Häuser auf dem schwimmenden Lande sind auf Wurten gebaut, die auf dem
-festen Untergrunde aufgeschüttet sind, und infolge des wechselnden
-Wasserstandes bald auf Hügel erbaut zu sein, bald in Vertiefungen zu
-stehen scheinen, da sie von den Hebungen und Senkungen des schwimmenden
-Landes ja selbst unberührt bleiben. Da aber auch der Untergrund, der
-die Wurten trägt, nicht sehr fest ist, und diese letzteren erst mit der
-Zeit beständiger werden, so senken sich oftmals die auf neuen Wurten
-erbauten Häuser oder sie werden schief und müssen dann geschroben
-werden, meistens alle zehn Jahre. Darum sind alte Wurten gesuchte
-Grundstücke. Ähnliche schwimmende Ländereien haben auch das Altländer
-Moor (bei Dammhausen) und das Oldenburger Land an verschiedenen Stellen
-aufzuweisen.
-
-[Illustration: Abb. 143. ¯Baltrum, Ostdorf.¯
-
-(Nach einer Photographie von A. Overbeck in Düsseldorf.)]
-
-Nahe bei Waakhausen liegt das Malerdorf Worpswede, von dem im nächsten
-Abschnitt noch etwas eingehender die Rede sein wird.
-
-Südlich der Hamme trifft man ein weites Niederungsgebiet, das St.
-Jürgens-Land, ein großes Wiesenmoor, das von mehreren Kanälen und
-zahllosen Gräben durchzogen wird, aber auch stellenweise größere
-Wasserflächen neben einer Unmenge von „Braaken und Kuhlen“ besitzt.
-Es ist 4569 Hektare groß. Vom Oktober bis April ist das Land meist
-überschwemmt, und selbst im Sommer treten zuweilen noch Überflutungen
-ein. Das Leben der Bewohner hat sich den Verhältnissen angepaßt, und
-der Verkehr zwischen den einzelnen Wurten geschieht fast nur zu Boot.
-Die das Land durchquerende Landstraße ist im Winter meist nicht zu
-benutzen.
-
-[Illustration: Abb. 144. ¯Baltrum, Westdorf.¯
-
-(Nach einer Photographie von A. Overbeck in Düsseldorf.)]
-
-Die zahlreichen Wasserläufe, welche das hier besprochene Gebiet
-durchziehen, haben wir zum größten Teil schon da und dort kennen
-gelernt. Im Südosten tritt die Este in unser Gebiet, der weiter
-nördlich die Horneburg bespülende Lühe, in ihrem Oberlauf Aue genannt,
-folgt, hierauf die durch den Elmer Schiffgraben mit der Oste in
-Verbindung stehende Schwinge, die Oste und die aus Aue und Gösche
-entstandene Medem. Diese alle sind der Elbe tributpflichtig. Im Westen,
-als Nebenflüsse der Weser, treffen wir die Geeste, die Lüne und die
-Drepte und noch weiter südlich die Lesum, wie die Vereinigung der
-aus dem Moorlande herauskommenden Hamme mit der langen, unser Areal
-im Süden begrenzenden Wümme heißt. Größere Wasserbecken weist der
-Nordwesten und Norden des Landes zwischen Elbe und Weser auf, so den
-Balksee, dem der Remperbach das Wasser des nördlichen Westerberges
-und der südlichen Wingst zuführt. Seine öde, unwirtliche und schwer
-zugängliche Umgebung hat ihn beim Volke zum Schauplatz schauriger Sagen
-gestempelt. Durch schöne Waldungen und liebliche Umgebung ist der See
-von Bederkesa ausgezeichnet, die Dahlemer, Halemmer und Flögelner Seen
-sind mit der Hadelner Aue verbunden, in der Nähe des Hymensees war im
-Mittelalter ein berühmter Falkenfang.
-
-[Illustration: Abb. 145. ¯Baltrum, Pfahlwerk in Sturmflut.¯
-
-(Nach einer Photographie von A. Overbeck in Düsseldorf.)]
-
-Neben den Gebilden des Diluviums und Alluviums, welche der Hauptsache
-nach den Boden des Landes zwischen Unterelbe und Unterweser bilden,
-treffen wir noch einige ältere Formationsglieder in unserem Gebiete an.
-Der Zechsteinletten von Stade ist bereits Erwähnung gethan worden. Am
-Südostrande der Wingst, bei Hemmoor, treten die Schichten der oberen
-weißen Kreide auf, welche daselbst die Veranlassung einer bedeutenden
-Cementfabrikation geworden sind, neben verschiedenen tertiären
-Sedimenten (eocäner Thon u. a. m.). Tertiäre Ablagerungen sind noch da
-und dort im Lande zerstreut.
-
-[Sidenote: Bremervörde. Harburg.]
-
-Die wichtigeren Niederlassungen im Osten des Landes sind bereits
-aufgeführt worden. Von den Ortschaften im Inneren ist das beinahe
-central gelegene Bremervörde an der Oste, 1852 zur Stadt erhoben, die
-bedeutendste. Es lebt hauptsächlich von Ackerbau. Doch treibt es auch
-etwas Handel. Die Flut der Oste steigt bis hierher, so daß Bremervörde
-für die Elbschiffe zugänglich ist, die besonders Holz aus den
-benachbarten größeren Waldungen und Torf verfrachten und hauptsächlich
-in Hamburg absetzen, jährlich etwa 4500 Ewerladungen Torf und an 300
-solcher mit Holz. Die Einwohnerzahl beträgt etwa 2920 Seelen. Zeven
-im Süden, ehemals Sitz eines Nonnenklosters vom Orden St. Benedikts,
-hat etwas über 1250 Bewohner. Es wird in der Kriegsgeschichte
-Niedersachsens oftmals genannt und ist durch den hier zwischen dem
-Herzog von Cumberland und dem Herzog von Richelieu am 8. September 1757
-abgeschlossenen Vertrag (Konvention von Kloster Zeven) noch besonders
-bekannt geworden. Bederkesa, durch einen Schienenstrang mit Lehe
-verbunden, am gleichnamigen, schon weiter oben erwähnten See, mit einem
-Lehrerseminar, hat gegenwärtig etwa 1300 Einwohner. Reger Fabrikbetrieb
-und große industrielle Thätigkeit entfaltet das an der Süderelbe
-belegene, rasch aufblühende Harburg. Die gegenwärtig von 49000 Seelen
-bevölkerte Stadt hat einen bedeutenden Schiffahrtsverkehr; mehr als
-700 Seeschiffe laufen jährlich im Harburger Hafen ein. Die Bahnlinie
-Hamburg-Hannover-Cassel berührt Harburg und überquert die zwischen
-dieser Stadt und Hamburg dahinziehenden beiden Elbarme auf zwei großen
-eisernen Brücken. Harburg ist ferner Knotenpunkt für die Linie nach
-Cuxhaven und nach Bremen. Letztere ist 114,5 Kilometer lang und führt
-über Buchholz und den im dreißigjährigen Kriege vielgenannten Flecken
-Rotenburg (2350 Einw.). Die Cuxhavener Bahn ist besonders wichtig,
-seit sie von Stade und von Cuxhaven Verbindung mit Bremerhaven hat.
-Die Lande am rechten Weserufer mit ihren Städten, Flecken und Dörfern
-werden wir im Anschluß an die Beschreibung von Bremen im folgenden
-Abschnitt kennen lernen.
-
-
-
-
-~XV.~
-
-Bremen und die Marschlande am rechten Ufer der Weser.
-
-
-Das Gebiet der freien Handelsstadt Bremen umfaßt ein Areal von 255,56
-Quadratkilometer, von denen 23,12 Quadratkilometer auf die Stadt
-selbst, 226,33 Quadratkilometer auf das Landgebiet des Freistaates
-fallen. Letzteres gliedert sich in das Blockland im Nordosten, in
-das Hollerland im Osten, in das Werderland im Nordwesten und das
-Niedervieland im Westen. Im Süden der Stadt liegt dann noch das
-Obervieland. Der Boden des Freistaates besteht aus Geest und aus
-Marschland, im äußersten Nordwesten nimmt auch Hochmoor an dessen
-Zusammensetzung teil.
-
-[Sidenote: Die Weser.]
-
-Bremens Lebensader ist die Weser (Oberweser von Münden bis Bremen,
-Unterweser von Bremen bis Bremerhaven, Außenweser von Bremerhaven bis
-zur eigentlichen Mündung, den untersten Flußtrichter begreifend).
-Früher konnten nur flachgehende Fahrzeuge nach Bremen hinaufgelangen.
-Da der Tiefgang der Schiffe mit der Zeit zunahm, die Versandung des
-Weserstroms aber stärker wurde, so entstand im siebzehnten Jahrhundert
-der Hafen von Vegesack, 17 Kilometer stromabwärts von Bremen, aber
-schon bald darauf mußten größere Fahrzeuge noch weiter unterhalb,
-in Elsfleth und Brake, vor Anker gehen. Der aufblühende Handel der
-alten Hansestadt verlangte gebieterisch die Anlage eines geeigneten
-Hafens für Schiffe mit größerem Tiefgange, und so wurde um das Jahr
-1830 ein solcher bei Bremerhaven gebaut, auf den wir später noch
-zurückkommen werden. Mit der Zeit trat aber der Umstand deutlich
-zum Vorschein, daß Bremen selbst wieder zum Seehafen werden mußte,
-wenn es seine Stellung auf dem Weltmarkt ebenbürtig neben Hamburg,
-Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen behaupten wollte. Nachdem sich
-Bremen 1884 zum Zollanschluß bereit erklärt hatte, ging man zuerst
-an die Erweiterung der Hafenanlagen der Stadt. Unter der bewährten
-Leitung des Oberbaudirektors Franzius erstand so in dem ein Areal von
-90 Hektaren umfassenden Freibezirk der 22 Hektare große, 2000 Meter
-lange, 120 Meter breite und 7,8 Meter tiefe Freihafen mit seinen
-Verwaltungsgebäuden, Warenschuppen, hydraulischen Kränen u. s. f. Den
-Hafen umschließt eine große Kaimauer, deren Oberkante 5 Meter über
-Null, im ganzen 7,2 Meter hoch liegt, eine 5 Meter breite Sohle besitzt
-und auf einem Pfahlrost steht, der auf 30000 Rundpfählen von großer
-Stärke ruht. Die Gesamtkosten des Zollanschlusses Bremens an das Reich
-wurden auf 34,5 Millionen Mark berechnet, wozu das Reich selbst zwölf
-Millionen beigesteuert hat. Und schon wieder ist Bremen im Begriff,
-seine Hafenbauten mehr als zu verdoppeln und über 40 Millionen Mark
-für die Verbesserung seiner Verkehrsanlagen auszuwerfen. Durch die
-fortgesetzte Korrektion der Unter- und der Außenweser ist dieser
-Strom nämlich im Begriff, sich zu einer Wasserstraße ersten Ranges zu
-entwickeln.
-
-[Illustration: Abb. 146. ¯Haus in den Dünen von Baltrum.¯
-
-(Nach einer Photographie von A. Overbeck in Düsseldorf.)]
-
-[Sidenote: Die Weserkorrektion.]
-
-Die nutzbare Wassertiefe der Unterweser bei gewöhnlichem Hochwasser
-betrug früher etwa 2,75 Meter. Infolge der nach den Plänen von
-Franzius ausgeführten und im Jahre 1887 in Angriff genommenen
-Korrektionsarbeiten war schon im Jahre 1894 eine nutzbare Wassertiefe
-von 5,4 Meter erreicht. Die Deckung der über 30 Millionen betragenden
-Kosten dieses riesigen Unternehmens wurde ebenfalls mit Beihilfe des
-Reiches erreicht, indem ein Reichsgesetz vom 5. April 1886 Bremen
-ermächtigt, auf der Strecke Bremen-Bremerhaven von allen über 300
-Kubikmeter Raum besitzenden Schiffen eine Abgabe zu erheben, sobald
-Fahrzeuge mit fünf Meter Tiefgang dort fahren könnten. Doch darf
-dieselbe nur von solchen Ladungen erhoben werden, welche aus See nach
-bremischen Häfen oberhalb Bremerhavens bestimmt sind oder von solchen
-Häfen nach See gehen, also nicht von den für die oldenburgischen Häfen
-Brake, Elsfleth u. s. f. bestimmten Schiffen.
-
-Mit dem 1. April 1895 konnte diese Schiffahrtsabgabe zum erstenmal
-erhoben werden, und der Erfolg war der, daß an Stelle der 3 Schiffe mit
-4,5–5 Meter Tiefgang, welche 1891 nach Bremen kamen, dies 1896 schon
-300 waren, daß die Verzinsung des Anlagekapitals nicht, wie vorsichtig
-veranschlagt, nach 28 Jahren, sondern schon nach drei Jahren eintrat,
-und daß der Handel Bremens sich schon jetzt auf das Fünffache gehoben
-hat.
-
-[Illustration: Abb. 147. ¯Landungsbuhne von Baltrum.¯
-
-(Nach einer Photographie von A. Overbeck in Düsseldorf.)]
-
-Infolge dieses überraschend günstigen Ergebnisses schlossen Preußen,
-Bremen und Oldenburg ein Abkommen miteinander, dahinzielend, die
-Außenweser unterhalb Bremerhaven auf acht Meter unter Niedrigwasser
-zu vertiefen, so daß die großen Kriegs- und Handelsschiffe bei ihrem
-Ein- und Auslaufen nicht mehr an die Zeit des Hochwassers gebunden sein
-werden. Die Ausführung der Arbeiten wurde Bremen übertragen, und die
-bisherigen Fortschritte derselben berechtigen zu den weitestgehenden
-Hoffnungen. Gleichzeitig mit dieser Unternehmung ist auch eine
-Erweiterung der Hafenanlagen in Bremerhaven in Angriff genommen worden.
-
-Bremen besitzt gegenwärtig 517 Schiffe mit 556665 Registertonnen,
-darunter 225 Dampfer mit 285500 Registertonnen. Darunter sind, wie
-ebenfalls in der Hamburger Flotte, die größten Oceanriesen. Deutschland
-besitzt über 20 Dampfer von mehr als 10000 Tonnen, mehr, als irgend
-eine andere Nation der Erde.
-
-[Sidenote: Bremens Schiffahrt und Handel.]
-
-Bereits im Jahre 1773 machte man von Bremen aus den ersten Versuch
-einer Fahrt nach Amerika, welcher mißlang, aber zehn Jahre später einen
-weiteren zur Folge hatte, der so günstig verlief, daß schon um 1796
-etwa 70 Bremer Schiffe in der Amerikafahrt beschäftigt waren. Den im
-folgenden Jahrhundert sich rasch steigernden überseeischen Verkehr
-nahm auch Bremen wahr und trotz der damals noch geringen Erfahrungen
-und des allgemein herrschenden Mißtrauens gegen eine transatlantische
-Verbindung mittels Dampfschiffe erkannten Mitte der fünfziger Jahre
-weitblickende Bremer Kaufleute, an ihrer Spitze H. H. Meyer, die
-weltumgestaltende Bedeutung des Dampfes und gründeten im Jahre 1857
-den Norddeutschen Lloyd mit drei Millionen Thaler Gold als Kapital.
-Die vier in England gebauten Dampfschiffe „Bremen“, „New-York“,
-„Hudson“ und „Weser“ sind die ersten der neuen Gesellschaft gewesen,
-die gegenwärtig 69 Seedampfer, davon 10 im Bau, 36 Küstendampfer,
-davon ebenfalls 10 im Bau, 24 Flußdampfer, das Schulschiff „Herzogin
-Sophie Charlotte“ und 114 Leichterfahrzeuge und Kohlenprähme zählt,
-mit einem Gesamtraumgehalt von 506754 Registertonnen. Die großen
-neuesten Lloyddoppelschraubenschnelldampfer des Lloyd, „Kaiser Wilhelm
-der Große“ (Abb. 101–103) und „Kaiserin Maria Theresia“, werden mit
-Recht als ein Triumph des deutschen Schiffs- und Maschinenbaues
-geschildert und bilden den Gegenstand der Bewunderung der ganzen Welt.
-Der Norddeutsche Lloyd beherrscht heutzutage 20 Schiffahrtslinien, und
-zwar die Schnelldampferlinien Bremen-New-York und Genua-New-York, eine
-Postdampferlinie nach New-York, zwei Linien nach Baltimore, eine nach
-Galveston, zwei nach Brasilien, je zwei nach Argentinien und Ostasien,
-eine nach Australien, vier Zweiglinien im asiatischen Verkehr und vier
-europäische Linien. Am 1. Dezember 1899 verfügte der Norddeutsche
-Lloyd über ein Aktienkapital von 80000000 Mark, die Prioritätsanleihen
-der Gesellschaft betrugen 31050000 Mark, der Anschaffungspreis der
-vorhandenen Schiffe erreicht die Höhe von 143710000 Mark und deren
-Buchwert eine solche von 93530000 Mark.
-
-[Illustration: Abb. 148. ¯Alter Friedhof von Baltrum.¯
-
-(Nach einer Photographie von A. Overbeck in Düsseldorf.)]
-
-Neben dem Norddeutschen Lloyd bestehen in Bremen zur Zeit noch
-sechs weitere Reedereien (Rickmers’ Reismühlen, Reederei und
-Schiffbauaktiengesellschaft, 13000000 Mark Aktien- und 5000000
-Prioritätsanleihenkapital; Deutsche Dampfschiffahrtsgesellschaft
-„Hansa“, 10000000 Mark Aktien-, 4950000 Prioritätsanleihenkapital u. s.
-f.).
-
-Im Jahre 1897 betrug Bremens Einfuhr 2233212 Tonnen brutto, seine
-Ausfuhr 1161371 Tonnen brutto, das Gesamtgewicht seiner ein- und
-ausgeführten Handelswaren 3394583 Tonnen brutto, der Wert der Einfuhr
-613500000 Mark, derjenige der Ausfuhr 385700000 Mark, der Wert der
-gesamten aus- und eingeführten Waren also 999000000 Mark. Im Jahre
-1896 wanderten über Bremen aus 67040 Personen, 1897 deren 47000.
-Sehr bedeutend ist die Industrie und der Gewerbebetrieb Bremens,
-als Eisengießereien, Reismühlen, Jutespinnereien und Webereien,
-Cigarrenfabrikation, Segelmachereien, Seilereien, Schiffswerften u. s.
-f.
-
-[Sidenote: Bremen.]
-
-Bremen wurde um 789 durch den heiligen Willehad gegründet und
-zum Bischofssitze erhoben, der vom heiligen Ansgar um 848 mit
-demjenigen von Hamburg vereinigt wurde. Unter dem starken Schutz
-der Kirche entwickelte sich die Stadt rasch weiter, die im zwölften
-Jahrhundert von Heinrich dem Löwen mehrfach hart bedrängt wurde. An
-dem Kampf der Welfen mit den Staufern nahm Bremen als kaisertreue
-Stadt teil. Schon im dreizehnten Jahrhundert war die Abhängigkeit
-vom Bischof fast völlig beseitigt, und die Stadt fing an, sich die
-Verkehrsfreiheit auf der Weser vertragsmäßig zu sichern und auch mit
-den Waffen zu erkämpfen. Schwere innere Zwistigkeiten hatte Bremen im
-dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert durchzumachen. Als Mitglied
-des Hansabundes hatte es zuweilen eine eigene Stellung gegenüber den
-übrigen Verbündeten inne, und seine Weigerung, sich dem Kampfe gegen
-Norwegen anzuschließen, trug ihm eine zeitweilige Ausschließung,
-die Verhansung, ein. Heinrich von Zütphen brachte ums Jahr 1522 die
-Reformation nach Bremen, das später ein Glied des schmalkaldischen
-Bundes wurde. 1623 errichteten die Oldenburger Grafen den Elsflether
-Zoll, gegen den Bremen jahrhundertelang vergebens Einspruch erhoben
-hat, und dessen Abschaffung erst im Jahre 1820 gelungen ist. 1646 wurde
-die Reichsunmittelbarkeit Bremens durch den Kaiser ausgesprochen, aber
-von den Schweden bestritten, denen das Erzstift durch den Westfälischen
-Frieden zugefallen war. Der kleine Staat führte deshalb zwei Kriege
-mit Schweden, die aber keinen Erfolg hatten. Als im Jahre 1741 das
-Erzstift in den Besitz des Kurfürsten von Hannover übergegangen war,
-wurde die Reichsunmittelbarkeit anerkannt, die aber durch schwere
-Opfer (Gebietsabtretungen) erkauft werden mußte. 1810 wurde Bremen
-dem französischen Kaiserreiche einverleibt und blieb bis 1813 die
-Hauptstadt des Departements der Wesermündungen. 1812 zählte Bremens
-Bevölkerung 35000 Seelen. Seit dieser Zeit hat es, wie wir auch schon
-weiter oben gesehen haben, einen gewaltigen Aufschwung genommen, wozu
-die Gründung Bremerhavens 1827–1830 den ersten bedeutenden Anstoß
-gegeben hat. Die jetzt in Bremen gültige Verfassung stammt von 21.
-Februar 1854. Die Stadt zählt jetzt 152000 Einwohner.
-
-Die Stadt Bremen liegt 74 Kilometer von der Nordsee entfernt, am
-rechten Ufer die ehemals von Wällen umgebene Altstadt, am linken die
-Neustadt. Auf den drei Hauptplätzen der Altstadt, dem Markt, dem
-Domshof und der Domsheide, konzentriert sich das Leben Bremens. Vom
-Markt gehen auch drei der bedeutendsten Verkehrsadern der Stadt, die
-Langen-, Ober- und Sögestraße ab. Derselbe gewährt ein malerisches
-Bild; hier liegt zunächst das gotische, 1405–1410 erbaute Rathaus mit
-einer um 1610 hinzugekommenen Renaissancefassade an der Südwestseite.
-An der Westseite des Hauses ist der Eingang zu dem durch Hauffs
-„Phantasien“ weit und breit bekannt gewordenen Ratskeller, der mit
-Fresken von Arthur Fitger und mit Kernsprüchen von Hermann Allmers und
-anderen verziert ist (Abb. 104–116).
-
-Vor der Südwestseite des Rathauses erblickt man die aus grauem
-Sandstein gefertigte Bildsäule des Roland, 5,5 Meter hoch, 1404
-an Stelle einer hölzernen Statue des Paladins Karls des Großen
-hierhergestellt. Dem Rathause gegenüber steht das ehemalige Gildehaus
-der Kaufleute, 1537–1594 erbaut, jetzt der Sitz der Handelskammer,
-mit renovierter Fassade, und nahebei die im gotischen Stil gehaltene
-1861–1864 errichtete Börse. Auf dem kleinen Platz zwischen Börse,
-Dom und Rathaus befindet sich der aus dem Jahre 1883 stammende
-Willhadibrunnen, auf dem die Statue des heiligen Willehad, von vier
-wasserspeienden Delphinen umgeben, zu sehen ist. An der Nordwestseite
-des Rathauses erhebt sich seit 1893 das von Bärwald modellierte
-Reiterstandbild Kaiser Wilhelms ~I.~
-
-Der dem Alter nach bis zu den ersten Anfängen Bremens hinabreichende
-Dom ist mehrfach umgestaltet worden. Das dem heiligen Petrus geweihte,
-103 Meter lange, 40 Meter breite und 31 Meter hohe Gotteshaus ist reich
-an verschiedenartigen Kunstschätzen, darunter eine von der Königin
-Christina von Schweden geschenkte Kanzel, ein bronzenes Taufbecken aus
-dem elften Jahrhundert u. s. f. Es besitzt ferner eine vorzügliche
-Orgel. Eigenartig ist der unter dem Chor befindliche Bleikeller, in
-welchem die darin aufbewahrten Leichname -- der älteste soll 400 Jahre
-alt sein -- nicht verwesen.
-
-Nördlich vom Dom breitet sich der Domhof aus, an welchem verschiedene,
-in architektonischer Beziehung hervorragende Baulichkeiten liegen, so
-der Rutenhof und das Museum. Südlich vom Dom kommt man zur Domsheide,
-die das ursprünglich für Gotenburg bestimmte Denkmal des Königs Gustav
-Adolph von Schweden ziert. Stattliche Gebäude umgeben den Platz, so
-das gotische Künstlervereinsgebäude mit geräumigen Sälen, das im
-Renaissancestil gehaltene Reichspostgebäude von Schwalbe, 1876 bis
-1878 erbaut, und das Gerichtshaus, ein Ziegelhausteinbau in deutscher
-Renaissance.
-
-Von weiteren interessanten Bauten der Altstadt erwähnen wir hier
-noch die aus dem zwölften und dreizehnten Jahrhundert stammende
-Liebfrauenkirche und die St. Johannis-Kirche, ein reingotischer
-Backsteinbau aus dem vierzehnten Jahrhundert, die alte Klosterkirche
-der Franziskaner. Am nördlichen Ende der verkehrsreichen Obernstraße
-treffen wir auf die 1856 restaurierte gotische Ansgariikirche
-(1229–1243 erbaut) mit einem schönen Altarblatt von Tischbein und einem
-97 Meter hohen Turme. Davor steht eine von Steinhäusers Meisterhand
-geschaffene Marmorgruppe, der heilige Ansgar, der Apostel des Nordens,
-im Begriff, einem Heidenknaben das Joch abzunehmen. Gegenüber erblicken
-wir das alte Gildehaus der Tuchhändler, mit schöner Renaissancefassade.
-Dasselbe zeigt eine besonders schöne Eingangshalle mit den lebensgroßen
-Porträts bremischer Bürgermeister und Ratsherren und geräumige Säle
-(großer Saal und Kaisersaal). Zur Zeit ist das Haus der Sitz der
-Gewerbekammer von Bremen. Die Stephanikirche, eine in Kreuzform
-gehaltene romanische Pfeilerbasilika aus dem zwölften Jahrhundert, am
-nordwestlichen Ende der Altstadt, ist neuerdings renoviert worden und
-birgt ein schönes Marmorrelief von Steinhäuser, die Grablegung Christi.
-In der Langenstraße kann man noch eine Reihe interessanter Giebelhäuser
-beobachten, so das alte Kornhaus, das Stissersche Haus, das Essighaus
-u. s. f.
-
-[Illustration: Abb. 149. ¯Strand von Norderney.¯
-
-(Nach einer Photographie von E. Risse in Norderney-Bochum.)]
-
-Die Brücken vermitteln den Verkehr aus der Altstadt in die Neustadt,
-im Nordwesten die auch für Fußgänger eingerichtete Eisenbahnbrücke,
-dann die 204 Meter lange eiserne Kaiserbrücke in der Mitte und die
-ebenfalls eiserne 137 Meter lange und 19 Meter breite Große Brücke
-im Süden. Am Rande der Altstadt ziehen sich die vom zickzackförmigen
-Stadtgraben umspülten und von Altmann geschaffenen Wallanlagen an
-Stelle der ehemaligen Festungsumwallungen hin, die, umrahmt von
-schönen Villen, mit den vor der Kontreskarpe belegenen Vorstädten
-durch sechs nach den alten Stadtthoren benannten Übergängen verbunden
-sind. Auf den Wallanlagen stehen das Stadttheater, die Kunsthalle mit
-der Gemäldesammlung, meist von der Hand moderner Meister, und schönen
-plastischen Kunstwerken, das Denkmal für die im Feldzuge 1870 bis
-1871 gebliebenen Söhne Bremens, das Marmorstandbild des Astronomen
-Olbers, die Büste Altmanns und Steinhäusers Marmorvase mit der
-Reliefdarstellung des sogenannten „Klosterochsenzuges“. Am südlichen
-Ende befindet sich ein kleiner Hügel mit schönem Blick auf die Weser
-und die Neustadt, die Altmannshöhe.
-
-Jenseits des Stadtgrabens gelangt man in die von geschmackvollen
-Häusern und Villen -- meist Einfamilienhäusern -- gebildeten neuen
-Stadtteile mit schönen Kirchenbauten (St. Remberti, Methodistenkirche,
-Friedenskirche), und Brunnen (Centaurbrunnen), sowie dem großen
-Krankenhause (am Ende der mit Ulmen bepflanzten Humboldtstraße). Am
-Körnerwall, nahe bei dem an der Weser sich hinziehenden Osterdeiche
-steht ein Miniaturbronzestandbild Theodor Körners. In der Nähe des
-geräumigen Hauptbahnhofes trifft man das städtische Museum für Natur-,
-Völker- und Handelskunde, 1891–1893 erbaut, mit den vereinigten
-städtischen Sammlungen, die äußerst sehenswert und sehr wertvoll
-sind; daneben erhebt sich die Stadtbibliothek, ein holländischer
-Renaissancebau, mit 120000 Bänden. Ueber dem Bahnhof hinaus führt der
-Weg zum Herdenthorfriedhof und zu dem 136 Hektare großen, wundervoll
-angelegten Bürgerpark mit herrlichen Waldpartien, Wildgehege, Meierei
-und dem äußerst behaglichen Parkhause, das Wirtschaftszwecken dient.
-
-Der Freibezirk mit dem 7,8 Meter tiefen Freihafen liegt vor dem
-Stephanithor, im Nordwesten der Altstadt, nahebei das Haus Seefahrt,
-ein Asyl für alte Seeleute und deren Witwen, mit Fresken von Fitger
-im Hauptsaale. Über dem Thorwege liest man die Inschrift: „~Navigare
-necesse est, vivere non necesse est.~“ Am Freibezirk sind ferner eine
-Reihe bedeutender gewerblicher Anlagen, so die Reparaturwerkstätten des
-Norddeutschen Lloyd, die Werkstätten und Werft der Aktiengesellschaft
-Weser, Reismühlen u. s. f.
-
-Die von 1622–1626 angelegte Neustadt weist keine große Besonderheiten
-auf. Im Barockstil erbaut, erhebt sich dort am Weserstrom die aus dem
-Ende des siebzehnten Jahrhunderts stammende St. Pauli-Kirche und die
-1822 gegründete Seefahrtsschule. In der Neustadt befinden sich auch die
-Kasernen.
-
-[Sidenote: Bremen. Vegesack. Worpswede.]
-
-Bremens Umgebung ist reich an großen und wohlhabenden Dörfern,
-welche teilweise beliebte Ausflugsorte seiner Bevölkerung sind.
-Mittels Dampfboot sowohl, als auch durch die Bahn ist das rechts
-von der Weser befindliche, über 4000 Einwohner besitzende, von den
-Landhäusern reicher Bremer Bürger umgebene Vegesack zu erreichen, mit
-bedeutender Industrie (Schiffswerften, Bootsbauereien, Tauwerkfabriken,
-Baumwollenspinnereien u. s. f.). Eine Fischereigesellschaft für
-Heringsfischerei besteht hier ebenfalls. In der Nähe sind die schöne
-Villen und Gärten besitzenden Orte Blumenthal und Rönnebeck. Auf
-der Bahnfahrt nach Vegesack erblicken wir bei Oslebshausen die
-große bremische Strafanstalt; bei Burglesum zweigt die Bahn nach
-Geestemünde und Bremerhaven ab. Osterholz-Scharmbeck mit regem
-gewerblichen Betriebe (Cigarren und Eisenwaren) an dieser Linie ist die
-Eisenbahnstation für die Malerkolonie Worpswede.
-
-Letzteres ist ein freundlicher Ort am Weyersberge, von dessen mit
-einem Denkmal des Moorkommissars Findorf geschmückten Höhe man einen
-weiten Rundblick genießen kann. Wie eine Insel steigt die Erhebung aus
-der weiten Ebene auf, die im Hintergrunde von den blauen Linien der
-Geesthöhen begrenzt wird. Aus der Ferne winken die Türme der alten
-Hansestadt an der Weser herüber.
-
-Den Künstlern, die dort schaffen, den „Worpswedern“, ist die Natur,
-mit welcher sie dauernd zusammenleben, aufs innigste vertraut. „Und
-doch ist nicht photographisch korrekte Wiedergabe, sondern die stark
-persönliche Auffassung, das Temperament für diese Worpsweder Bilder
-charakteristisch. Daher das Befremden des Beschauers, der ein solches
-Bild der wohlbekannten heimischen Natur verlangt, wie er es sieht.
-Daher die packende Wirkung auf den, welchem die Persönlichkeiten in
-der Kunst (und vielleicht auch in Wissenschaft und Leben) alles sind.
-Denn was uns sterblichen Menschen erreichbar und nötig, ist subjektive
-Wahrhaftigkeit, nicht objektive Wahrheit“ (Gildemeister).
-
-Durch die so stimmungsvollen Bilder Fritz Overbecks, Fritz Mackensens,
-Otto Modersohns und Heinrich Vogelers ist die landschaftliche Scenerie
-um Worpswede weit in der Welt bekannt geworden. Freilich, wer etwas von
-der Worpsweder Malerkunst sehen will, wird in München oder in Dresden
-mehr davon finden, als in Worpswede selbst. „Was dort sichtbar ist,“
-sagt Gildemeister, „sind die Ateliers der Maler -- von außen.“
-
-[Illustration: Abb. 150. ¯Kaiserstraße in Norderney.¯
-
-(Nach einer Photographie von E. Risse in Norderney-Bochum.)]
-
-[Sidenote: Geestemünde. Bremerhaven.]
-
-An Oldenbüttel und Stubben, sowie an Loxstedt mit seiner großen
-Torfstreufabrik vorbei wird die hannoversche Stadt Geestemünde am
-linken Ufer der Geeste, die hier in die Weser mündet, erreicht.
-Der 17500 Einwohner besitzende Ort ist 1857 von der hannoverschen
-Regierung angelegt worden, um Bremerhaven Konkurrenz zu machen, von
-dem es nur das Geesteflüßchen trennt. Geestemünde verfügt über einen
-geräumigen Hafen, 506 Meter lang, 117 Meter breit, mit hydraulischen
-Hebevorrichtungen u. s. f., der mit der Weser durch einen Vorhafen
-und eine mächtige Kammerschleuse mit Ebbe- und Flutthoren, die 67
-Meter lange Schiffe aufnehmen kann, betreibt ferner eine aufblühende
-Hochseefischerei und besitzt Schiffswerften und Trockendocks (Abb. 117).
-
-Bremerhaven ist an der Stelle der alten schwedischen Feste Karlsburg
-entstanden, die Karl ~XII.~ 1673 durch seinen Artillerieobersten Melle
-anlegen ließ. Dahinter sollte sich eine neue Handelsstadt mit Namen
-Karlsstadt erheben, von der bereits einige wenige Häuser standen,
-als ein vereinigtes Korps von Dänen, münsterischen, cellischen und
-wolfenbüttelischen Truppen vor Karlsburg erschien, dasselbe belagerte
-und größtenteils zerstörte. Ein späterer Wiederherstellungsversuch
-scheiterte, und die furchtbare Weihnachtsflut im Jahre 1717 that den
-Rest. Durch Vertrag vom 11. Januar 1827 trat Hannover das Gebiet des
-heutigen Bremerhavens an Bremen ab (für 73658 Thaler 17 Groschen
-1 Pfennig), wofür Bremen sich verpflichtete, hier einen Seehafen
-anzulegen. Bald darauf fing man an, und am 12. September 1830 lief als
-erstes Schiff das amerikanische Fahrzeug Draper im neuen Hafen ein.
-Dem damaligen Bürgermeister Smidt von Bremen hat man im Jahre 1888 auf
-dem Markte des von ihm gegründeten 1853 zur Stadt erhobenen Ortes ein
-Denkmal aufgerichtet.
-
-[Sidenote: Bremerhaven. Wesermündung.]
-
-Das rasche Emporblühen Bremerhavens ist aufs innigste verknüpft
-gewesen mit dem großen Aufschwung, den Bremens Handel seit 50 Jahren
-genommen hat, wie wir weiter oben schon betont haben. Zur Zeit hat
-die Bevölkerung der Stadt die Zahl von 20000 Menschen erreicht. Drei
-mächtige, durch Deiche gegen Sturmfluten wohlgeschützten Dockhäfen, der
-Alte Hafen (jetzt 730 Meter lang und 100 Meter breit) südlich belegen
-und 1830 in Betrieb genommen, der 1851 eröffnete Neue Hafen in der
-Mitte (840 Meter lang und 100 Meter breit) und als nördlichster der
-1876 dem Verkehr übergebene Kaiserhafen, der 1897 bedeutend vergrößert
-worden ist und den größten Schiffen Einfahrtsgelegenheit bietet --
-die neue Kaiserschleuse hat eine Länge von 215 Meter, 26 Meter Breite
-und 10,56 Meter Tiefe -- bilden die 34 Hektare große Wasserfläche des
-Hafens. Zum Freihafengebiete, das nach dem Anschluße Bremens an den
-Zollverein geblieben ist, gehören der Kaiserhafen und der nördliche
-Teil des Neuen Hafens.
-
-[Illustration: Abb. 151. ¯Seesteg in Norderney.¯
-
-(Nach einer Photographie von E. Risse in Norderney-Bochum.)]
-
-Bremerhaven ist mit breiten und regelmäßigen Straßen angelegt. Die
-etwa 70 Meter hohe Turmspitze seiner schönen, gotischen Kirche dient
-weithin auf der Weser dem Schiffer als Wahrzeichen (Abb. 118). Von
-großem Interesse ist auch ein Besuch im 1849 erbauten Auswandererhause,
-das zur Aufnahme der Auswanderer vor ihrer Einschiffung dient und von
-mustergültiger Einrichtung ist. Es kann 2000 Auswanderer zugleich
-beherbergen.
-
-„Meine Besuche dieses Hauses,“ so erzählt Hermann Allmers, „gehören
-zu den interessantesten Erinnerungen meines Lebens, und manche Stunde
-schon trieb ich mich umher unter dem bunten Gewimmel, das von unten bis
-oben seine Räume füllte, mischte mich unter die Gruppen der Männer und
-Frauen, frischen Burschen und rosigen Mädchen, redete freundlich mit
-ihnen und fragte sie wohl mit Freiligrath:
-
- O sprecht! warum zogt ihr von dannen?
- Das Neckarthal hat Wein und Korn;
- Der Schwarzwald steht voll finstrer Tannen,
- Im Spessart klingt des Älplers Horn.
-
-Da hab’ ich denn manch tiefen Blick ins Menschenherz gethan, war’s
-nun in ein hoffnungsfreudiges oder in ein armes, halb verzweifelndes,
-und oft Niegeahntes hab’ ich vernommen.“ Unmittelbar grenzt im Norden
-Bremerhavens der hannoversche Flecken Lehe mit 22000 Einwohnern an
-die Stadt. Sowohl die Eisenbahn als auch eine teilweise elektrisch
-betriebene Straßenbahn verbinden beide Orte miteinander. Die Einfahrt
-in die Unterweser wird durch starke Befestigungen beherrscht, die auf
-beiden Seiten des Stromes aufgeworfen sind. Sieben Leuchttürme, zwei
-Leuchtschiffe und mehrere Leuchtbaken bezeichnen zur Nachtzeit das
-Fahrwasser des Weserstromes. Der Hohewegsleuchtturm und derjenige auf
-Rotesand sind besonders erwähnenswert. Der erstere von beiden erhebt
-sich im Dwarsgatt, und seine Laterne leuchtet aus einer Höhe von 35
-Metern über das Wasser. Der Rotesandleuchtturm im offenen Meere wurde
-1885 fertiggestellt und steht 14 Meter tief im Sande auf Caissons. Sein
-Laternendach erhebt sich 28,4 Meter über Hochwasser. Beide Leuchttürme
-sind mit Telegraphenstationen versehen.
-
-[Sidenote: Osterstade.]
-
-Nördlich von Bremen, zwischen Lesum und Neuenkehn, tritt die Geest
-an das rechte Weserufer heran, alsdann begrenzt wiederum Marschland
-in der Breite von 5–7 Kilometer und mehr den Strom. Dieser schmale
-Marschstrich zerfällt in das Land Osterstade im Süden, etwa von
-Rade im Amte Blumenthal an bis zum Lande Wührden. Osterstade gehört
-zu Hannover, das nicht einmal eine Quadratmeile große Land Wührden
-dagegen ist oldenburgisches Gebiet. Dann folgt nördlich von Wührden das
-hannoversche Vieland, ein schmaler, aber sehr fruchtbarer Marschrand,
-der sich bis zum Geestefluß hinzieht. Die vier sehr wohlhabenden
-Dörfer, die dazu gehören, liegen alle auf der Geest selbst. Daran
-schließt sich wiederum weiter nach Norden zu das uns bereits bekannt
-gewordene Gebiet von Geestemünde und Bremerhaven, und dann kommt
-schließlich als nördlichstes der Marschlande am rechten Weserufer das
-Land Wursten.
-
-[Illustration: Abb. 152. ¯Ausblick von den Dünen in Norderney.¯]
-
-Osterstade -- der Name will so viel besagen als das östliche
-Stedingerland -- unterscheidet sich eigentümlich auf den ersten
-Blick von den meisten Marschlanden. „Es trägt den Charakter einer
-einzigen weiten, üppiggrünen, von zahllosen Wassergräben nach allen
-Richtungen durchschnittenen Ebene, die, als fast durchweg kräftiges
-Weideland, von tausend buntscheckigen Rindern belebt wird. Hier und
-dort inmitten der weiten grünen Flächen ein paar Kornfelder; alle
-halbe Stunde ein buschreiches Dorf, meistens in der Nähe des Deiches,
-und endlich die großen Bauernhöfe, nicht wie in anderen Marschen
-einzeln umhergestreut, sondern fast alle im Weichbilde der Dörfer
-selbst liegend, die dadurch ein stattliches Ansehen erhalten. -- Außer
-den Bäumen, welche die Häuser beschatten, und außer einer langen
-Reihe hoher Weiden der äußeren Deichbärme trifft das Auge selten auf
-Baumwuchs, da die Wege hier nicht, wie in anderen Marschen mit solchen
-bepflanzt sind.“ So beschreibt Hermann Allmers seine engere Heimat!
-Bei Alisni, dem jetzigen Dorfe Alse im oldenburgischen Kirchspiele
-Rodenkirchen, überschritt Karl der Große 797 die Weser und betrat
-Osterstade beim Dorfe Rechtenfleth, das, nebenbei bemerkt, Hermann
-Allmers’ Wohnsitz ist. Von hier aus zog er über Stotel nach Bederkesa
-und von dort ins Hadelner Land, dessen sächsische Bewohner er nach
-hartnäckigem Widerstand bezwang. Nahe bei Bederkesa wurde im Jahre
-1855 eine lange Holzbrücke im Moor entdeckt, wie man meint, ein
-Denkmal dieses Heereszuges. Von den männlichen Bewohnern wird hier,
-wie übrigens auch noch in anderen Marschgebieten, der Springstock, in
-Osterstade „Klubenstock“ benannt, benützt, den wir schon bei den Bauern
-Eiderstedts kennen gelernt haben. Im Süden Osterstades herrscht das
-rein niedersächsische Element vor, im Norden das gemischt friesische,
-in Wührden dagegen tritt das Friesische im Gesichtstypus, im Charakter
-und in dem Namen der Bewohner schon ungleich merklicher hervor und läßt
-den Wührdener schon bedeutend derber, selbständiger und entschlossener
-auftreten, als seinen südlichen Nachbar, den Allmers, dem wir hier
-weiter folgen, als den in politischer Hinsicht allerzahmsten,
-gleichgültigsten und allerloyalsten sämtlicher Marschbewohner
-schildert. In Wührden und in den Marschen der nördlich davon in die
-Weser mündenden Lune ist reger Ziegeleibetrieb, da der schwarze
-Marschthon sich sehr gut dazu eignet und sehr harte und dauerhafte
-Mauersteine liefert, die fast durchweg von Arbeitern aus dem Lippeschen
-hergestellt werden.
-
-[Sidenote: Vieland. Wursten.]
-
-Das Vieland -- vom altfriesischen, mit „Sumpf“ gleichbedeutendem Worte
-„Vie“ -- ist die Übergangsregion von der Fluß- zur Meeresstrandflora.
-Das Rohr nimmt ab, und dafür zeigen sich das Löffelkraut und andere
-Pflanzen des Meeresstrandes. In landwirtschaftlicher Beziehung steht
-dieser kleine Marschdistrikt oben an. Die Nähe von Bremerhaven,
-Geestemünde und Lehe, der vortrefflichen Absatzgebiete für die Produkte
-des Vielandes, trägt ungemein viel zu dessen stetig wachsendem
-Wohlstande bei.
-
-[Illustration: Abb. 153. ¯Im Bade von Norderney.¯
-
-(Nach einer Photographie von E. Risse in Norderney-Bochum.)]
-
-[Sidenote: Land Wursten.]
-
-Das Land Wursten ist fast gänzlich von Seemarsch gebildet, doch
-tritt in seinem nördlichen Teil, der vom Hamburger Amte Ritzebüttel
-eingenommen wird, die Geest bis an den Elbstrom heran. Die Marsch
-Wurstens grenzt unmittelbar an das Geestland, deutliche Randmoore
-fehlen hier. Dem südlichen Teil des Landes liegt auf dem linken
-Weserufer der Langlütjensand gegenüber, vor dem mittleren und
-nördlichen Teile desselben breiten sich weitausgedehnte Watten aus.
-Besonders fest ist der Seedeich gebaut; in seiner jetzigen Stärke wurde
-derselbe erst in den vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts
-errichtet und durch einen großen Umzug sämtlicher Bauern Wurstens
-zu Pferd und zu Wagen, durch einen feierlichen Gottesdienst in der
-Hauptkirche des Landes zu Dorum und durch ein Festessen eingeweiht.
-„In seiner Grundfläche 160 Fuß breit und nahe an 30 Fuß in seiner Höhe
-haltend, steht der Wurster Deich wohl als der stärkste Seewall der
-Provinz Hannover da. An schönen Sommertagen auf ihm zu lustwandeln ist
-einer der interessantesten Genüsse, gehoben durch die überraschenden
-Kontraste des segeltragenden Flusses, des mövenumschwärmten Watts und
-des fruchtbaren Landes mit seinen auffallend zahlreichen Kirchtürmen,
-Höfen und Dörfern im wogenden Saatenmeere“ (Allmers). Wursten ist
-3,97 Quadratmeilen groß (= 21797 Hektaren) und hat eine Bevölkerung
-von 9000 Seelen, so daß auf die Quadratmeile 2264 Menschen kommen.
-Dorum mit etwa 1850 Bewohnern ist sein Hauptort und liegt etwa in der
-Mitte zwischen den vier südlichen Kirchspielen (Imsum, Wremen, Mulxum,
-Misselwarden) und den vier nördlichen (Paddingbüttel, Midlum, Cappel
-und Spieka). Die Kirchen sind klein und niedrig, an der Westseite
-mit einem dicken stumpfen Turm versehen und aus einem cyklopischen
-Mauerwerk von unbehauenen Findlingen aufgeführt. Der Boden Wurstens
-ist heller und sandiger als in den oberen Weser- und Elbmarschen,
-daher geeigneter zum Ackerbau, der die Haupterwerbsquelle der Bewohner
-bildet; nur im Süden des Landes wird auch Viehzucht getrieben. Der Name
-bedeutet so viel als das Land der auf den Wurten (Werften) sitzenden
-Bauern, der „Wurtsassen“, „worsati“ der lateinischen Schriftsteller,
-und des Plinius bekannte Beschreibung von unserer Nordseeküste paßt
-ganz für die ersten Ansiedelungen der Wurster, die sich schon in
-frühen Zeiten zu einem kühnen Seeräubervolk ausgebildet hatten. Die
-Bevölkerung ist rein friesischer Abkunft, und noch bis in die Mitte des
-achtzehnten Jahrhunderts hinein hatte sich in Wursten die friesische
-Sprache erhalten, die jetzt nur noch in den Namen der Einwohner und
-der Ortschaften klingt. Von den alten Rechten der Wurster ist noch
-vielerlei erhalten geblieben, so die Landesversammlung zu Dorum, welche
-die Verwaltung der inneren Angelegenheiten des Landes, wie das Deich-
-und Sielwesen zu regeln hat.
-
-[Illustration: Abb. 154. ¯In den Dünen von Norderney.¯
-
-(Nach einer Photographie von E. Risse in Norderney-Bochum.)]
-
-Zwei große Übelstände im Lande Wursten, die sich übrigens auch in
-den übrigen Marschlanden mehr oder weniger fühlbar machen, sind das
-Marschfieber und der Mangel an gutem Wasser, so daß besonders in
-letzterer Hinsicht Winterkälte und dürre Sommer große Not hervorrufen.
-
-Ihre besondere Freiheitsliebe und ihren großen Unabhängigkeitssinn
-haben die Wurster von alters her in vielen Kriegen bewährt, die
-meist von seiten der Bremer Erzbischöfe zu ihrer Unterwerfung gegen
-sie geführt worden sind, und selbst schreckliche Niederlagen, die
-sie erleiden mußten, und die argen Verwüstungen ihres Landes durch
-den Feind (1516 und 1526) hielten sie nicht ab, den Kampf für ihre
-Selbständigkeit immer wieder von neuem zu beginnen. In der Mitte des
-sechzehnten Jahrhunderts trat in der Geschichte des Landes Wursten ein
-Wendepunkt ein. Des langen Haders und Kämpfens müde, entschlossen sie
-sich, dem Bremer Erzbischof billige Steuern zu zahlen, der dafür ihre
-Rechte anerkannte und gewährleistete. Später kam Wursten dann unter das
-schwedische, hierauf unter das dänische Scepter, im Jahre 1715 aber
-unter den Schutz des Kurhuts von Hannover. Seither hat es die Geschicke
-dieses letzteren Landes geteilt.
-
-[Sidenote: Cuxhaven. Das Land zwischen Weser und Ems.]
-
-Eine 44 Kilometer lange Eisenbahnlinie verbindet nunmehr, das Land
-Wursten durchziehend, Geestemünde über Lehe, Imsum, Dorum u. s. f. mit
-Cuxhaven. Letzteres ist ein emporstrebender Flecken im hamburgischen
-Amte Ritzebüttel und seit 1872 mit dem gleichnamigen letzteren Orte
-vereinigt. Gegenwärtig zählt es 6200 Einwohner, verfügt über große im
-letzten Jahrzehnt erbaute Hafenanlagen (Anlegestelle für die Dampfer
-der Hamburg-Amerika-Linie), eine Lotsenstation und hat zugleich auch
-ein früher vielbesuchtes, später durch die Konkurrenz der Seebäder
-auf den ostfriesischen Inseln etwas herabgekommenes, neuerdings aber
-wieder im Aufschwung begriffenes Seebad (Abb. 88 u. 89). Am Ende
-der Alten Liebe, der Strandpromenade Cuxhavens, steht ein 25 Meter
-hoher Leuchtturm; draußen an den äußersten Mündungen der Elbe erheben
-sich zwei weitere Leuchtfeuer auf der kleinen Marschinsel Neuwerk,
-nordwestlich von dieser bezeichnet die „Rote Tonne“ die Einfahrt in
-den Strom. Starke Küstenbefestigungen etwas nördlich von Cuxhaven
-verteidigen diese letztere. Ganz an der Nordspitze des Landes liegen
-endlich noch die kleinen unbedeutenden Orte Döse auf Marschland und
-Duhnen auf Geest, in welchen in neuerer Zeit Kinderhospize entstanden
-sind.
-
-
-
-
-~XVI.~
-
-Das Küstengebiet Oldenburgs und Ostfrieslands. Die ostfriesischen
-Inseln.
-
-
-Ein schmales Band Landes trennt die Weser vom Jadebusen. Es hat einmal
-eine Zeit gegeben, in der die Weser in mehrere Arme geteilt sich in die
-Nordsee ergoß und im Westen des gegenwärtigen Stromes die Entwickelung
-einer großen Deltabildung verursacht hatte. Das war in den Tagen, da
-der Jadebusen noch festes Land war, und bevor noch die Meeresfluten
-das Land Rustringen durchbrochen und diese 190 Quadratkilometer große
-Meereseinbuchtung geschaffen hatten, deren heutige Gestaltung erst
-in historischer Zeit vollendet worden ist. Soll doch die sogenannte
-Eisflut vom 17. Januar 1511 noch fünf Kirchspiele mit Mann und Maus
-alldort verschlungen haben.
-
-Durch spätere Anschlickung, Verschlemmung und wohl auch durch
-die Arbeit fleißiger Menschenhände ist dieses Weserdelta in der
-Gegenwart verschwunden, wenn auch die einzelnen Arme desselben in der
-orographischen Beschaffenheit des Landes sich noch nachweisen lassen.
-Die Weser fließt heutzutage als ein breiter Strom nach der Nordsee,
-dessen Fahrwasser sich dicht an der Küste Oldenburgs hinzieht, hier
-und dort mit Sanden und Platen in ihrem Bette, wie beispielsweise die
-Strohauser Plate, die Luneplate u. s. f. Bei Geestemünde hat der Strom
-bereits eine Breite von 1325 Meter. Nordwestlich von Bremen legen sich
-die Marschen des Stedinger Landes an das linke Weserufer, denen weiter
-nördlich diejenigen des Stadlandes, und nach diesen das Butjadingerland
-folgen. Dem Nordosten und dem Norden der Halbinsel zwischen Weser und
-Jade lagern sich Watt- und Sandbildungen vor, der uns schon bekannte
-Langlütjensand im Osten, das Solthörner Watt, der Hohe Weg und die
-Alte Mellum im Norden. Westlich wird dieses Areal vom Jadebusen selbst
-und dann weiter nach Süden von großen Mooren umrandet. Derjenige Teil
-des Großherzogtums Oldenburg, der in das Bereich unserer Betrachtungen
-fällt und südlich etwa von der Bahnlinie begrenzt wird, welche von der
-Landeshauptstadt nach Leer führt, besteht aus Geestland (Ammerland)
-mit der Wasserfläche des Zwischenahner Meeres und daran liegenden
-großen Moorgebieten (Jührdener Feld), während die östliche Grenze
-des Oldenburger Küstenlandes in seinem südlichen Teil vom Lengener
-Moor bezeichnet wird, das mit dem großen Hochmoor Ostfrieslands im
-Zusammenhang ist. Der an der Jade belegene nördliche Teil besteht
-wiederum aus Alluvionen. Es ist das Jeverland.
-
-Moore in überwiegendem Maße und dann Geest setzen Ostfrieslands Boden
-zusammen, der im Norden und Westen, an der See, am Dollart und am
-äußeren Mündungstrichter der Ems von Marschen und diesen vorgelagerten
-Watten umsäumt wird, über welchen hinaus die Wellen der Nordsee das
-Band der ostfriesischen Inseln bespülen.
-
-Bäche und Flüsse in großer Zahl entwässern das ganze Areal zwischen
-Weser und Ems, von denen die an der Stadt Oldenburg vorbeiziehende und
-bei Elsfleth in die Weser fallende Hunte und die unweit von Leer in die
-Ems sich ergießende Leda die beiden bedeutendsten sind. Auch der 22
-Kilometer lange Küstenfluß der Jade, welcher aus dem Vareler Hochmoor
-kommt und sich in den gleichnamigen Meerbusen wirft, mag hier noch
-erwähnt werden.
-
-[Sidenote: Stedingen. Stadland. Butjadingen.]
-
-Das Stedinger Land besteht aus sehr tiefliegenden und vielfach den
-Überschwemmungen ausgesetzten Marschen, in denen viel Hafer, Hanf
-und Weiden gebaut und kultiviert werden, letztere um als Korbweiden,
-Faßbänder, zu Schlengen u. s. f. Verwendung zu finden. Die Entwässerung
-des Landes wird von großen, aus Steinen gebauten und einer Anzahl
-kleinerer wasserhebender Windmühlen besorgt. Großer Reichtum herrscht
-im Stedinger Lande nicht, dagegen ist aber auch kaum wirkliche Armut
-unter der dortigen, äußerst intelligenten, soliden und wohlgesitteten
-Bevölkerung zu finden, die ein beträchtliches Kontingent der Seeleute
-für die Weserhäfen abgibt. Wer nicht Landmann oder Handwerker ist,
-fährt zur See. Am Einfluß der Hunte in die Weser liegt an der Eisenbahn
-von Hude, einem Knotenpunkt an der Linie Bremen-Oldenburg-Leer, nach
-Nordenham, die kleine Stadt Elsfleth, wo früher ein wichtiger Weserzoll
-erhoben wurde, ein Schiffbau, Schiffahrt und Handel treibender Ort mit
-Navigationsschule. Hier schiffte sich am 7. August 1809 der Held von
-Olfers und von Quatrebras, Herzog Wilhelm von Braunschweig, mit dem
-Häuflein seiner Getreuen am Schlusse seines Zuges durch das vom Feinde
-besetzte deutsche Land ein. Eine gotische Steinpyramide erinnert an
-diese Begebenheit.
-
-Zwischen der Hunte und dem Südrande des Stadlandes heißt das Land
-Moorriem, zu dem Elsfleth eigentlich schon gehört. Etwa elf Kilometer
-nördlich von dieser Stadt erscheint Brake (mit über 4000 Einwohnern),
-Station der Bahn nach Nordenham und durch eine Zweigbahn mit
-Oldenburg verbunden, eine gewerbreiche und viel Schiffahrt treibende
-Hafenstadt, in den Jahren 1848 und 1849 die Hauptstation der deutschen
-Kriegsflotte, in früherer Zeit ein wichtiger Ausfuhrort für das nach
-England verschiffte Butjadinger Vieh, worin ihm nun Nordenham den Rang
-abgelaufen hat.
-
-Stadland trägt den Charakter der Flußmarsch, während Klima und
-Strandflora die Marschen Budjadingens als völlige Seemarsch
-kennzeichnen, die rings vom Salzwasser bespült werden. Auch hier steckt
-im Untergrunde des Bodens jener kalkreiche Schlick, wie in der Hadelner
-Marsch, den man ebenfalls zur Aufbesserung der Bodenoberfläche benützt,
-indem man denselben heraufbringt, eine Arbeit, die hier „wühlen“
-genannt und etwas anders ausgeführt wird, als in den Elbmarschen.
-Stadland treibt mehr Viehzucht als Ackerbau, in Butjadingen herrscht
-letzterer vor. Die Marschhöfe sind gut gepflegt, und die Wohnstätten
-sind nicht nur zu zahlreichen kleinen Dörfern vereinigt, sondern auch
-als Einzelhöfe, dann aber fast immer an den Hauptstraßen des Landes
-reihenweise angeordnet, vorhanden. Die Bauart der Häuser ist meist
-die uns schon als Hauberg, hier „Berg“ genannt bekannt gewordene.
-Butjadingen und Stadland gehörten zu dem durch die Meeresfluten
-teilweise verschlungenen Land Rustringen, einem der sieben zu einem
-Bunde vereinigten friesischen Seelande, die ihre Versammlungen bei
-Aurich unter dem Upstallsboom abhielten.
-
-[Illustration: Abb. 155. ¯Leuchtturm von Norderney.¯
-
-(Nach einer Photographie von E. Risse in Norderney-Bochum.)]
-
-[Sidenote: Nordenham. Delmenhorst. Neuenburger Urwald.]
-
-Golzwarden, in der Geschichte des Landes viel genannt, Rodenkirchen
-mit seiner alten Kreuzkirche und Atens, wo die erste der von den
-Bremern erbauten Zwingburgen sich erhob, sind wichtige Orte unseres
-Gebietes. Bei Atens liegt das durch eine Dampffähre mit Geestemünde
-in Verbindung stehende Nordenham, ein Hochseefischereihafen. Die
-dortige Dampffischereigesellschaft „Nordsee“ hat in den drei ersten
-Monaten des Jahres 1900 2100500 Kilogramm Seefische auf den Markt
-gebracht (im gleichen Zeitraume 1899 1648000 Kilogramm), was etwa dem
-Schlachtgewicht von 21000 fetten Schweinen entsprechen würde. Blexen,
-Burhave, an dessen Kirchenmauer das alte Rustringer Landesmaß, eine
-Rute von 22 Fuß Länge, eingehauen ist, und Langwarden befinden sich
-noch weiter nördlich. Beim letztgenannten Orte wendet das Land um, und
-über die Kirchdörfer Tossens, Eckwarden, Stollhamm und Seefeld kommen
-wir längs der durch starkes Mauerwerk von hartgebrannten Ziegeln und
-sonstige Befestigungsmittel geschützten mächtigen Deiche am Ufer der
-Jade nach dem freundlichen, 5000 Seelen zählenden Städtlein Varel,
-das bedeutende Fabriken, so Spinnereien, Webereien, Färbereien, auch
-Eisengießereien und Maschinenfabriken, außerdem Viehhandel hat und
-ebenso regen Schiffsverkehr in seinen vom Vareler Siel gebildeten Hafen
-betreibt.
-
-Die direkte Bahnverbindung von Bremen nach Varel führt über Delmenhorst
-nach Oldenburg. Hier zweigt der Schienenstrang nach Wilhelmshaven ab,
-welcher Varel berührt.
-
-[Illustration: Abb. 156. ¯Juist.¯
-
-(Nach einer Photographie von Römmler & Jonas in Dresden.)]
-
-Das industriereiche Delmenhorst mit über 12500 Einwohnern, an der
-Delme, liegt zwölf Kilometer westlich von Bremen und hat große
-Cigarren- und Korkfabriken. Im Amte Delmenhorst selbst gibt es viele
-Korkschneidereien. Auch die Linoleum-Industrie Delmenhorsts ist von
-großer Wichtigkeit. Bei Grüppenbühren befindet sich der berühmte
-Eichenwald Hasbruch, der zusammen mit dem Urwald von Neuenburg im
-Jadegebiete im nördlichen Deutschland seinesgleichen sucht. „Echt
-urwaldschauerlich weht es uns an,“ wenn wir diesen prächtigen Wald
-mit seinen urgewaltigen Stämmen betreten, deren es so gewaltige gibt,
-daß sechs Männer sie kaum umklaftern können. Nach den Jahresringen
-zu urteilen, waren mehrere dieser Eichenbäume, welche gefällt werden
-mußten, 1000–1100 Jahre alt, reichten also auf die Zeit Karls des
-Großen heran. Und diese gefällten Eichen waren nicht einmal die
-größten. Das in der Nähe liegende Hude ist seiner großartigen Ruine
-der ehemaligen, im Jahre 1538 durch den bischöflich münsterischen
-Drosten Wilke Steding zerstörten Cisterzienserabtei wegen berühmt, ein
-frühgotischer Ziegelbau aus dem Ende des dreizehnten Jahrhunderts.
-
-[Sidenote: Oldenburg.]
-
-Oldenburg, die Haupt- und Residenzstadt des Landes, an der hier
-schiffbaren Hunte und am Hunte-Ems-Kanal, sowie an einer Anzahl nach
-den verschiedensten Richtungen hinführender Bahnlinien belegen,
-zugleich bedeutender Garnisonsort, zählt gegenwärtig 26000 Einwohner.
-Im Südosten der Stadt erhebt sich das Schloß des Großherzogs, das
-schöne Gemälde und Fresken und mancherlei sehenswerte Kunstschätze
-enthält, auch eine reichhaltige Bibliothek sowie verschiedene
-Sammlungen. Besonders gerühmt werden die schönen Anlagen des
-Schloßgartens. Im Augusteum ist eine treffliche Gemäldesammlung
-älterer, besonders zahlreicher niederländischer Meister aufgehängt, die
-Sammlungen des Museums gewähren einen vortrefflichen Einblick in die
-Natur- und die älteste Kulturgeschichte Oldenburgs. Die ehrwürdige, aus
-dem dreizehnten Jahrhundert stammende, nunmehr renovierte fünftürmige
-Lambertikirche steht am Markt und ist das älteste Gotteshaus der
-Stadt, deren neuere Viertel von schönen Villen bebaut sind. Das 1891
-abgebrannte und im verflossenen Jahrzehnt neu aufgeführte stilvolle
-Theatergebäude mag hier ebenfalls Erwähnung finden. Oldenburg betreibt
-lebhaften Handel und Schiffahrt, seine Pferdemärkte sind von großer
-Bedeutung und werden von weither besucht (Abb. 119–122).
-
-Auf der Bahnfahrt zwischen Oldenburg und Varel kommen wir an der
-kleinen Ortschaft Rastede mit einem reizend gelegenen großherzoglichen
-Schlosse aus dem achtzehnten Jahrhundert in schattigen Parkanlagen
-vorbei. Hier stand früher ein Benediktinerkloster. In Rastede pflegt
-der Landesfürst einen Teil des Sommers zuzubringen.
-
-[Illustration: Abb. 157. ¯Juist. Strand und Giftbude.¯
-
-(Nach einer Photographie von Römmler & Jonas in Dresden.)]
-
-Nördlich von dem uns schon bekannten Varel finden wir am Jadebusen
-auf einem Dünenvorsprung das Seebad Dangast, eine der wenigen Stellen
-an der ganzen Nordseeküste, an denen die künstliche Eindeichung
-unterbrochen ist. Draußen im Jadebusen liegt die Insel Arngast, die
-viel und stark von den Fluten heimgesucht worden ist und früher ein
-ansehnliches Dorf und grüne Weiden getragen hat. Nördlich davon, nahe
-dem Westrande des Busens, sind kleine uneingedeichte Schollen alten
-Marschlandes, echte Halligen, im Winter unbewohnt und nur im Sommer von
-Hirten mit ihren Schafherden aufgesucht, die Oberahnschen Felder.
-
-Westlich von Varel, bei dem durch eine 19 Kilometer lange Zweigbahn mit
-diesem verbundenen Neuenburg, steht ein ähnlicher Urwald, wie derjenige
-von Hasbruch, der wundervolle Baumgruppen enthält und einen Flächenraum
-von etwa 30 Hektaren bedeckt, eine der ältesten Waldungen Deutschlands.
-
-Die von Varel nach Wilhelmshaven ziehende Bahnlinie berührt Sande,
-den Knotenpunkt für die nach Wittmund oder nach Karolinensiel in
-Ostfriesland führenden Strecken, die sich wiederum in Jever verzweigen.
-
-[Sidenote: Wilhelmshaven.]
-
-Wilhelmshaven, gegenwärtig 28000 Einwohner zählend, ist eine neue
-Stadt und die deutsche Marinestation der Nordsee, am in seinen inneren
-Teilen flachen, hier aber unseren größten Kriegsschiffen Einfahrt
-gestattenden Jadebusen. Als Preußen 1853 das Gebiet zur Anlage von
-Wilhelmshaven von Oldenburg erwarb, zählte dasselbe 109 Einwohner auf
-340 Hektaren. Mit der zunehmenden Bedeutung, die unsere Marine durch
-die Gründung des Reiches erlangt hat, hat sich auch Wilhelmshavens
-Weichbild mehr und mehr gehoben. Die großartigen Hafenanlagen zerfallen
-in den im Südwesten der Stadt belegenen Neuen Hafen, der eine Fläche
-von 70000 Quadratmeter umfaßt und 8 Meter Tiefe hat. Derselbe dient
-für die in Dienst gestellten Kriegsschiffe und hat eine besondere für
-die Torpedoboote bestimmte Abteilung. Eine 174 Meter lange Schleuse
-verbindet den Neuen Hafen mit der 1886 eröffneten Neuen Einfahrt. Im
-Westen mündet der Ems-Jade-Kanal, von dem noch später die Rede sein
-wird, vermittelst einer 50 Meter langen und 7,5 Meter breiten Schleuse
-in diesen Hafen.
-
-Nördlich vom Neuen Hafen treffen wir auf den Ausrüstungshafen, der
-sich in einer Länge von 1168 Meter bei 136 Meter Breite ausdehnt und
-mit dem vorgenannten in Verbindung steht. Eine 48 Meter lange Schleuse
-führt von hier in den Vorhafen und dann durch die Alte Einfahrt in
-die Jade hinaus. Der Bauhafen (377 Meter lang, 206 Meter breit) mit
-Trockendocks, je zwei zu 138 Meter und eines zu 120 Meter Länge,
-schließt sich im Westen an den Ausrüstungshafen an. Die Hafenanlagen
-sind von den zahlreichen Gebäuden der kaiserlichen Werft umgeben, auf
-welcher eine Anzahl unserer achtungsgebietenden Kriegsschiffe vom
-Stapel gelaufen sind, und die in Zukunft wohl noch weitere solcher Art
-erbauen wird (Abb. 123–125). Der deutsche Michel ist ja in diesen Tagen
-erwacht und hat begriffen, was der Große Kurfürst einmal in den Worten:
-„Schiffahrt und Handelung sind die fürnehmsten Säulen des Estats“
-ausgedrückt hat.
-
- Michel, horch, der Seewind pfeift,
- Auf und spitz’ die Ohren!
- Wer nicht jetzt ins Ruder greift,
- Hat das Spiel verloren.
- Wer nicht jetzt sein Teil gewinnt,
- Wird es ewig missen,
- Michel, horch, es pfeift der Wind,
- Segel gilt’s zu hissen!
-
- Denk des Ruhms vergangner Zeit
- Und der alten Lehre:
- Volkes Wohl und Herrlichkeit
- Blüht auf freiem Meere.
- Schläfst du wieder, altes Kind?
- Hurtig aus den Kissen!
- Hurtig auf, ins Boot geschwind,
- Segel gilt’s zu hissen!
-
- (Gottfried Schwab.)
-
-Zweier Denkmäler, die in Wilhelmshaven errichtet worden sind, sei hier
-noch kurz gedacht, desjenigen des Prinzen-Admiral Adalbert von Preußen,
-von Schuler entworfen und 1882 enthüllt, vor der Elisabethkirche, und
-des vom gleichen Künstler modellierten Monuments Kaiser Wilhelms ~I.~,
-im Jahre 1896 eingeweiht. Heppens im Norden und Bant im Westen der
-Stadt Wilhelmshaven befinden sich bereits auf oldenburgischem Grund
-und Boden. Wilhelmshaven wird nach der Land- und der Seeseite zu von
-starken Befestigungen verteidigt.
-
-Das Jeverland (Wangerland), das bis 1575 eine selbständige Herrschaft
-bildete und seit 1818 unter der Oberhoheit Oldenburgs steht, breitet
-sich nördlich von Wilhelmshaven bis an das Gestade der Nordsee aus.
-Jever, an einem nach Hooksiel führenden schiffbaren Kanale, mit 5300
-Einwohnern, ist die Hauptstadt dieses Gebietes. Das Schloß ist der
-herrlichen im Renaissancestil gehaltenen Decke seines Audienzsaales
-wegen berühmt. Die Heimat der „Getreuen“ ist zugleich auch der
-Geburtsort des großen Historikers Schlosser (1776 bis 1861) und
-des bekannten Chemikers Mitscherlich (1791 bis 1863). Beiden hat
-ihre Vaterstadt Denkmäler gesetzt. Hooksiel am Jadebusen besitzt
-Schiffswerften und betreibt Schiffahrt.
-
-[Sidenote: Von Oldenburg nach Leer.]
-
-Über die reichbewaldete Geest, nur hier und da die vom Süden
-herantretenden Moorflächen berührend, zieht die Bahnlinie von
-Oldenburg nach Leer am schönen Zwischenahner Meer vorbei, das von
-einem Dampfer befahren wird und ein beliebtes Ausflugsziel der
-Bewohner der Landeshauptstadt bildet. Dann folgt Ocholt mit einer nach
-dem Geestorte Westerstede führenden Zweigbahn. Noch bevor wir die
-Landesgrenze überschreiten, erscheint Augustfehn im Lengener Moor mit
-seinem 4 Kilometer langen, etwa 6 Meter Sohlbreite und 1,5 Meter Tiefe
-besitzenden Kanal. Diese Fehnkolonie gedeiht besonders durch die dort
-im Jahre 1856 gegründete und mit Torf heizende Eisenhüttengesellschaft.
-Südlich dehnt sich das Saterland aus. Während Moor und Geestland die
-Bahnlinie im Norden begrenzen, zeigen sich allmählich im Süden die
-Alluvionen der Jümme, durch welche dieser Fluß sich hindurchwindet, der
-sich eine Meile oberhalb Leer mit der Leda vereinigt.
-
-[Illustration: Abb. 158. ¯Borkum, von der hohen Düne gesehen.¯ (Nach
-einer Photographie von Wolffram & Co. in Bremen.)]
-
-[Sidenote: Ostfriesland.]
-
-Ostfriesland bildet in politischer Beziehung den Regierungsbezirk
-Aurich. Die einzelnen Teile Ostfrieslands tragen jedoch im Volksmunde
-besondere Bezeichnungen. Im Norden und Osten von der Ems, im Westen
-vom Dollart und der holländischen Grenze, südlich von dem Bourtanger
-Moor umzogen breitet sich das Reiderland aus. Weener mit etwas über
-3800 Einwohnern ist sein Hauptort, der Sammelplatz seiner Produkte,
-mit Handel und Industrie, großen Baumschulen und weithin bekanntem
-Pferdemarkt.
-
-Auf dem rechten Emsufer bis Oldersum und landeinwärts bis gegen
-Oldendorf an der Westseite des Hochmoors heißt das Gebiet Moormer Land.
-Zwischen Ems und der 2 Kilometer unterhalb in diese mündenden Leda
-treffen wir als beträchtlichste Niederlassung dieses Gebiets die 11500
-Einwohner zählende Handels- und auch Industriestadt Leer an. Erst spät
-hat sich der so günstig belegene Ort zum Handelsplatz entwickelt und
-bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts wird er als solcher kaum
-genannt. Schiffe bis zu 5 Meter Tiefgang können auf der Ems und Leda
-bis zur Stadt gelangen und hier löschen (Abb. 126). Im Osten reicht
-das kleine nur das eine Kirchspiel Remels (in alten Zeiten Uplengen
-genannt) umfassende Lengener Land an das Moormer Gebiet. Besondere,
-hier übliche Rechtsgebräuche lassen darauf schließen, daß es eine
-sächsische Kolonie innerhalb des alten Friesenlandes ist. Nördlich von
-Oldersum, zwischen Ems, Dollart und dem Emsbusen der Ley, folgt das
-fast nur aus reinem Marschboden bestehende Emsiger Land. Seine Marschen
-sind reich an Werften, auf denen sich die Bevölkerung angesammelt hat.
-Einige derselben sind so klein, daß nur die dichtgedrängten Häuser
-des Dorfes darauf Platz haben und die Gärten auf dem tiefer liegenden
-Boden angelegt werden mußten. Den Marschgürtel Ostfrieslands begleitet
-ein Streifen anmoorigen Bodens, das sogenannte Dargland, auf seiner
-Innenseite, der wesentlich tiefer liegt als Marsch und Hochmoor,
-aus welchem Grunde er auch mit zahlreichen Seenflächen besetzt ist,
-beispielsweise das große Meer bei Wiegoldsbur nordöstlich von Emden.
-Es sind im Darglande dieselben Verhältnisse, die wir im Sietlande
-Hadelns bereits kennen gelernt haben. Im Winter ist das Ganze meist
-überschwemmt.
-
-[Illustration: Abb. 159. ¯Borkum. Das Dorf.¯
-
-(Nach einer Photographie von Wolffram & Co. in Bremen.)]
-
-Noch bis in die zweite Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts hinein war
-das heute vom Dollart eingenommene Areal ein etwa 400 Quadratkilometer
-großes Land, darauf eine Stadt, drei Flecken und fünfzig Ortschaften
-und Dörfer standen. Die Mehrzahl dieser Orte lag im nordöstlichen
-Teil des Gebietes. Am 12. Januar 1277 fingen die Zerstörungen durch
-die Meereswellen an, und die Flut von 1287 vollendete, was die
-ersteren begonnen hatten. Von 1539 ab datieren die Versuche, dem
-Ocean das entrissene Land wieder abzugewinnen, zunächst auf der
-Seite Hollands, seit dem Ende des siebzehnten Jahrhunderts auch auf
-der rechten Seite des Busens. 1682 wurde der Charlottenpolder, 1752
-der Landschaftspolder, gesegnete Marschländer, eingedeicht. Die Ems
-floß vor dem Einbruch des Dollart mit einem Bogen von kurzem Radius
-unmittelbar an der Stadt Emden vorüber, und die Seeschiffe konnten
-vor ihren Thoren ankern. Als aber 1277 der hoch aufgestaute Fluß
-die Halbinsel Nesserland zerriß und zur Insel machte, bevorzugten
-die Gezeitenströme das nunmehr gerade gelegte Flußbett und spülten
-die seitwärts gelegene Stromschlinge, das Emdener Fahrwasser nur
-mangelhaft, so daß dort ein fataler Schlickfall die Wassertiefen rasch
-und stetig verminderte. „Emden,“ sagt Krümmel, dessen Abhandlung über
-die Haupttypen der natürlichen Seehäfen wir diese Mitteilungen entlehnt
-haben, „stand damals, im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert, unter
-den berühmten und blühenden Hansastädten vorn in erster Reihe, was es
-dem Vorzug verdankte, daß die Schiffahrt auf der unteren Ems niemals
-durch Eis behindert wird; der Tuchhandel nach England und die nordische
-Fischerei auf Wale und Heringe beschäftigten über 600 große Seeschiffe,
-und an Unternehmungsgeist und Reichtum übertraf es unzweifelhaft das
-damalige Hamburg und Bremen. Der noch heute viel bewunderte Rathausbau
-entstammt dieser goldenen Zeit.“
-
-[Illustration: Abb. 160. ¯Strandstraße in Borkum, vom Leuchtturm
-gesehen.¯
-
-(Nach einer Photographie von Wolffram & Co. in Bremen.)]
-
-[Sidenote: Emden.]
-
-Bei zunehmender Versandung des Flußarmes am Ende des sechzehnten
-Jahrhunderts stellten die Emdener unter großen Kosten und mit vieler
-Mühe den Zustand von 1277 vermittelst des langen Dammes „Neßmer Höft“
-wieder her. Die Ems wurde in ihr altes Bett zurückgeleitet, und
-Nesserland wurde wieder zur Halbinsel. Im Verlaufe der Zeit waren aber
-Emdens Bewohner durch verschiedene Umstände verhindert, das Neßmer
-Höft zu erhalten. Dasselbe verfiel und wurde im Jahre 1632 aufgegeben.
-Infolgedessen suchte der Fluß abermals sein geradeaus führendes Bett
-auf, das alte, an Emden vorbeiziehende verschlickte, und so liegt
-die Stadt denn heutzutage etwa 4 Kilometer von der Ems entfernt.
-Der kurze Aufschwung von Handel und Schiffahrt, den Emden nach dem
-Frieden zu Basel 1795 erleben durfte, nahm durch die Kriege mit
-Napoleon, die Kontinentalsperre, die holländische und die französische
-Fremdherrschaft ein rasches Ende. Während dieser Zeiten wurden 278
-Emdener Schiffe mit wertvoller Ladung in fremden Häfen fortgenommen.
-Emden wurde zum Rang einer kleinen Landstadt herabgedrückt. Auch
-das im Jahre 1846 mit großen Opfern von der Stadt geschaffene neue
-Fahrwasser nach der Ems konnte ihr nicht aufhelfen. In der Gegenwart
-ändert sich aber die Sachlage. Dadurch, daß die preußische Regierung
-die Unterhaltung des Hafens in Verbindung mit der Anlage des
-Ems-Jade-Kanals übernahm und eine neue Seeschleuse (120 Meter lang,
-6,5 Meter tief und von 15 Meter nutzbarer Breite) schuf, die den
-Wasserspiegel beständig auf Hochwasser erhält, ferner umfangreiche
-Binnenhafenanlagen erstehen ließ, hat der Schiffsverkehr zugenommen und
-wird durch den weiteren Umstand, daß der Dortmund-Emshäfen-Kanal Emdens
-Handel ein großes Hinterland durch eine schiffbare, ihresgleichen
-suchende Wasserstraße erschlossen hat, noch weiter und glänzend gehoben
-werden (Abb. 127–129).
-
-Nach einer Zusammenstellung des königl. Hafenamtes zu Emden aus dem
-laufenden Jahre über die Entwickelung des dortigen Schiffsverkehrs seit
-der Verstaatlichung des Hafens im Jahre 1888 betrug die Zahl der ein-
-und der ausgegangenen Schiffe:
-
- 1888: 806 Seeschiffe ( 33818 Registert.),
- 1209 Flußschiffe ( 18599 Registert.),
- 1893: 1022 Seeschiffe ( 51774 Registert.),
- 2938 Flußschiffe ( 42811 Registert.),
- 1899: 1319 Seeschiffe (141844 Registert.),
- 4290 Flußschiffe ( 70553 Registert.).
-
-In der Berichtszeit hat sich also der Verkehr, was die Schiffszahl
-anlangt, beinahe, was den Raumgehalt der Fahrzeuge angeht, mehr als
-verdreifacht.
-
-[Illustration: Abb. 161. ¯Borkum. Flut.¯
-
-(Nach einer Photographie von Wolffram & Co. in Bremen.)]
-
-[Illustration: Abb. 162. ¯Borkum. Nach der Flut.¯
-
-(Nach einer Photographie von Wolffram & Co. in Bremen.)]
-
-Der Dortmund-Emshäfen-Kanal liegt außerhalb des Bereiches unserer
-Betrachtungen, der Ems-Jade-Kanal jedoch, der Ostfriesland durchquert,
-gehört in unser Gebiet. Derselbe war ursprünglich geplant und angelegt,
-um die großen Moorflächen dieses Landes aufzuschließen und um in
-Kriegszeiten Wilhelmshaven von Ostfriesland her verproviantieren
-zu können, ferner um die Entwässerung eines großen Teiles dieser
-Provinz zu verbessern und um seine Spülkraft für den Kriegshafen an
-der Nordsee zu verwerten. In Emden beginnt diese Wasserstraße und
-endet im Neuen Hafen zu Wilhelmshaven. Dieselbe ist 73 Kilometer
-lang. Mit Benutzung der älteren Treckfahrt zwischen Emden und Aurich
-wurde der Kanal von der preußischen im Verein mit der Reichsregierung
-in den Jahren 1880–1887 mit einem Kostenaufwand von 13967500 Mark
-gebaut. Er ist im Wasserspiegel 18 Meter breit, 8,5 Meter auf
-seiner Sohle und in der Mitte 2,1 Meter tief. Vor der Mündung bei
-Wilhelmshaven ist diese Tiefe auf einen Kilometer Strecke auf 3
-Meter erhöht worden. Fünf Schleusen, mit je 33 Meter Kammerlänge,
-6,5 Meter lichter Weite und 2,1 Meter Tiefe befinden sich auf seiner
-Gesamtlänge. Der Schleuse in Wilhelmshaven ist schon früher gedacht
-worden; ihre größeren Dimensionen wurden im Hinblick auf eine spätere
-Erweiterung der Wasserstraße, die wohl einmal in denjenigen des
-Dortmund-Emshäfen-Kanals ausgebaut werden dürfte, gewählt. Mit dem
-letzteren steht der Ems-Jade-Kanal durch den Seitenkanal Oldersum-Emden
-in Verbindung. Kleine Schraubendampfer vermitteln den Güterverkehr und
-die Passagierfahrten zwischen Emden-Aurich und Aurich-Wilhelmshaven.
-Auf die Melioration des von ihm durchzogenen Landes wirkt der Kanal
-ungemein fördernd ein (Marccardsmoor bei Wiesede). Die Baggerarbeiten
-in der Jade fördern jährlich etwa 200000 Kubikmeter Schlick, wovon
-große Mengen auf dem Kanal für die daran belegenen Moorkolonien
-verschifft werden.
-
-Das älteste Emden wurde auf einer großen Werft, vielleicht der größten
-an der ganzen Nordseeküste, 400 Morgen Fläche umfassend und 10–12 Fuß
-über die umliegende Marsch erhaben, erbaut. Daraus entstand die später
-so bedeutende Handelsstadt. Gegenwärtig zählt Emden 14800 Einwohner.
-Es bietet mancherlei Interessantes. Das im edelsten Renaissancestil
-errichtete Rathaus aus den Jahren 1574 bis 1576 enthält wertvolle
-alte Waffen, das Museum der Gesellschaft für Kunst und vaterländische
-Altertümer, schöne Gemälde niederländischer Künstler, Münzen- und
-Altertumssammlungen. Auch die Große Kirche mit dem Denkmal des
-Grafen Enno ~II.~ von Ostfriesland ist sehenswert. Eine Kleinbahn
-führt von Emden in die Halbinsel Krumme Hörn. Die Leybucht, welche
-dieselbe nördlich umgrenzt, ist wohl erst durch die Flut im Jahre 1373
-entstanden.
-
-[Illustration: Abb. 163. ¯Borkum. Ebbe.¯
-
-(Nach einer Photographie von Wolffram & Co. in Bremen.)]
-
-[Sidenote: Aurich. Norden.]
-
-Die Marschen des Norderlandes im Norden, der Rücken des Hochmoores
-im Osten begrenzen das sich östlich an das Emsiger Land anschließende
-Broekmer Land, dessen Name von den vielen Wiesenmooren oder Brüchen,
-die seinen Boden bedecken, kommt. Es war in den Zeiten des Mittelalters
-seiner vier ansehnlichen Kirchspiele Marienhave, Utengerhave,
-Victorhave und Lambertushave wegen berühmt. Marienhave stand, bevor
-die Eindeichungen an der Ostseite der Ley zustande gekommen waren,
-durch ein vertieftes Fahrwasser, das Störtebeckers Tief, in Verbindung
-mit der See und bot den Vitalienbrüdern einen Zufluchtsort. Auf dem
-quer durch das sonst unwegsame Hochmoor verlaufenden, sich bis Esens
-und Wittmund hinziehenden und zuweilen sogar von Dünen besetzten
-Geestrücken, über welchen der Verbindungsweg von der Ems zur Nordküste
-Frieslands dahingeht, lag die von zehn Dörfern umgebene Kirche von
-Lambertushave. Eines dieser letzteren, Aurichhave oder Aurike,
-überflügelte die übrigen und wurde von den Cirksena, den Fürsten des
-Landes, zu ihrer Residenz erhoben. Die heutzutage 5900 Einwohner
-zählende Stadt Aurich, Hauptort des Regierungsbezirks, Gewerbe und
-Handel betreibend, bekannt durch ihren starken Gartenbau und ihren
-bedeutenden Pferdemarkt, ist daraus entstanden. Südlich von Aurich,
-bei Rahe, erhebt sich ein kleiner, rasenbewachsener Hügel, der von
-niedrigem Gestrüpp umgeben ist. Vor Zeiten trug sein Scheitel drei
-hohe Eichen, und hier, am Upstallsboom (Obergerichtsbaum) kamen die
-Abgeordneten von ganz Friesland zusammen, um über Landfriedensbündnisse
-oder kriegerische Dinge zu beraten. Im Osten von Aurich dehnt sich das
-Hochmoor und weites Heidegebiet aus bis an die Marschen Wangerlandes.
-Dieser Teil, die ödeste Strecke Ostfrieslands, bildete ehemals zusammen
-mit dem früheren Amte Friedburg und dem schon im Marschlande liegenden
-Gebiete von Neustadt-Gödens das Land Ostringen. Die Marschen an der
-Nordsee zerfallen in das Nordernerland im Westen, etwa mit Dornum als
-Ostgrenze; die nachher zu besprechenden Eilande Norderney und Baltrum
-gehören dazu. Von der Gegend von Dornum bis an die oldenburgischen
-Marken, Langeoog und Spiekeroog in sich einbegreifend, reicht das etwa
-400 Quadratkilometer umfassende Harlinger Land. Ein tiefer Busen,
-die Harlbucht, die trichterförmig in das Land eingriff und südlich
-bis Wittmund vordrang, trennte dasselbe noch bis in das sechzehnte
-Jahrhundert hinein vom Wangerlande. 1547 wurde mit den Eindeichungen
-der Anfang gemacht. Wittmund, Esens und Stedesdorf waren die drei
-Häuptlingschaften vom Harlinger Land, dessen Herrscher zwar die
-Cirksena als Nachfolger der alten Häuptlingsfamilie des Sibo waren,
-das aber nur durch Personalunion mit Ostfriesland verbunden gewesen
-ist. Erst durch Preußen wurde es 1745 mit letzterem vereinigt.
-Norden mit 7000 Einwohnern, an einem zum Leybusen führenden Kanal,
-mit viel Gewerbsamkeit (Geneverbrennereien, Zuckerwarenfabrikation,
-Tabakindustrie) und Handel, hat einen architektonisch schönen
-Marktplatz (s. Abb. 130 u. 131). Vier Kilometer davon liegt Norddeich,
-die Dampferstation für Norderney. Eine Eisenbahnlinie verbindet Norden
-über Georgsheil, von wo sich ein Schienenstrang nach Aurich abzweigt,
-mit Emden, und längs der Marsch über Esens, einer Stadt mit etwa
-2100 Seelen, die durch das Benser Siel mit dem Meere verbunden ist,
-sowie Wittmund und Jever. Das erstere ist durch das Harletief für
-kleinere Fahrzeuge vom Meere her erreichbar. Es hat nicht unbedeutenden
-Viehhandel. Nördlich davon, an der See, liegt Karolinensiel mit gutem
-Hafen und aufblühendem Handel.
-
-[Illustration: Abb. 164. ¯Borkum. Im alten Dorf.¯
-
-(Nach einer Photographie von Wolffram & Co. in Bremen.)]
-
-[Sidenote: Die ostfriesischen Inseln.]
-
-Eine Gesamtlänge von 90 Kilometer hat die Kette der ostfriesischen
-Inseln, die sich von der Jade im Osten bis zur Westerems hinzieht
-und erst eine ost-westliche Richtung bis einschließlich Norderney
-einnimmt, um dann mit den beiden westlichsten dieser Eilande, mit Juist
-und Borkum, nach Süden abzuweichen. Im Osten beginnt die Kette mit
-dem unter Oldenburgs Oberhoheit stehenden Wangeroog, nach Westen zu
-folgen Spiekeroog, Langeoog, Baltrum, Norderney, Juist und Borkum, zum
-Regierungsbezirk Aurich gehörig. Schmale Seegate trennen die einzelnen
-Eilande voneinander, bis auf das mitten im äußersten Mündungstrichter
-der Ems belegene Borkum, und mit Ausnahme dieses letzteren sind die
-Inseln auch alle wattfest. Ihre Größe ist verschieden angegeben worden,
-je nachdem man nur die Dünen und das bewachsene Grasland, oder auch
-den oft weit ausgedehnten Strand mit einbezieht. Wenn man als diesen
-letzteren das bei gewöhnlichem Hochwasser noch unbenetzte Areal
-begreift, so würde der Flächenraum der Inseln etwa 80 Quadratkilometer
-ausmachen. Der Körper der Eilande besteht aus einem sehr gleichmäßigen
-und feinen gelblich weißen Sande mit Beimengung von zahlreichen
-Titaneisenkörnern und von Kalk, dem Überreste der zerriebenen
-Muschelschalen, und diese gesamten Sandmassen ruhen wiederum entweder
-auf alten Sandbänken oder auf dem Schlick der Wattwiesen. Auch auf
-den ostfriesischen Inseln tritt uns die Dünenbildung in großartiger
-Weise entgegen. Buchenau, dem wir eine interessante und sehr wertvolle
-Darstellung dieser Eilande und ihrer Flora verdanken, schildert
-dieselbe wie folgt:
-
-„Dem mannigfachen Aufbau der Dünen entsprechend ist denn auch der
-Anblick unserer Inseln ein überraschender. Er bietet sich am besten auf
-dem Watt von einem Fährschiff aus dar. Die Insel mit ihren mannigfach
-eingeschnittenen Erhebungen gleicht dann einem fernen Hochgebirge,
-und die Schwierigkeit der Schätzung von Entfernungen und Höhen auf
-der Wasserfläche verstärkt diesen Eindruck für den Landbewohner noch
-sehr. Das Gewirre der Sandhügel ahmt steile Gipfel und ausgedehnte
-Schneefelder, schroffe Einstürze und plötzliche Gletscherabstürze nach,
-und vor ihnen dehnen sich scheinbar bewaldete Berge und die flache
-Kulturebene aus.“
-
-[Illustration: Abb. 165. ¯Landungsbrücke von Borkum.¯
-
-(Nach einer Photographie von Wolffram & Co. in Bremen.)]
-
-Bäume gedeihen nur im unmittelbaren Schutze der Dünen und Häuser.
-Auf den Dünen wachsen der Dünenweizen, die Dünengerste und besonders
-der Dünenhafer oder Helm, der bekanntlich durch seine Stöcke dazu
-beiträgt, die Düne zu erhöhen, und durch seine zähen, bis 5 Meter
-Länge erreichenden Wurzelausläufer mit ihren zahlreichen, nicht minder
-langen, geschlängelten Wurzeln die Düne durchzieht und sie auf solche
-Weise festigen hilft. Auf den Wattweiden grünen die Meerstrandbinse
-und der Krückfuß, in den Dünenthälern die Zwergweide, der stachelige
-Sanddorn u. s. f. Die Gesamtzahl der auf den ostfriesischen Inseln
-einheimischen höheren Gewächse beträgt etwa 400 Arten.
-
-Unter der Tierwelt zeichnet sich der hier ungewöhnlich häufige Kuckuck
-aus, Strand- und Wasservögel beleben die Inselwelt, Fledermäuse, die
-Wühlmäuse und am Strande die Seehunde vertreten die Säuger, die früher
-hier zahlreichen Kaninchen sind ausgerottet worden. In neuerer Zeit
-wurden Hasen eingeführt, die sich auf einigen Inseln, so auf Langeoog,
-sehr vermehrt haben.
-
-Die Bevölkerung ist echt friesisch; sie treibt Schiffahrt, Fischfang
-und da, wo es geht, etwas Ackerbau, so die Kartoffelkultur, immerhin
-aber nur in sehr beschränktem Maße. Die meisten ostfriesischen Inseln
-besitzen Rettungsstationen, und auf allen sind Nordseebäder, die, wie
-Borkum und Norderney, Weltberühmtheit erlangt haben. Das letztgenannte
-Eiland hat das besuchteste deutsche Nordseebad überhaupt und zählt
-jährlich etwa 24000 Badegäste. Starke Uferschutzwälle halten an den
-dem Andrang der Fluten ausgesetzten Stellen die brandenden Wogen der
-Nordsee ab und tragen zur Sicherung der auf den Inseln befindlichen
-Dörfer und Wohnstätten bei.
-
-Wangeroog (Abb. 132–134) steht über Karolinensiel-Harle mit dem
-Festlande in Verbindung. Als Seebad ist die Insel schon seit dem
-Jahre 1819 bekannt. Kirche und Dorf befinden sich auf dem Eiland.
-Spiekeroog (Abb. 135–137) ist auf demselben Wege oder über Esens
-und Neu-Harlingersiel zu erreichen, und vom Dorfe bis zum Strand
-führt eine Pferdebahn. Auf Langeoog, das 1717 durch die Wogen mitten
-durchgerissen worden ist, so daß Kirche und Dorf zerstört wurden, ist
-ein vom Kloster Loccum verwaltetes Hospiz; das dortige aufblühende
-Seebad ist, wie dasjenige von Spiekeroog einfacheren Verhältnissen
-angepaßt (Abb. 138–142). Über Esens und Bensersiel gelangt man dorthin,
-und über Dornum und Neßmersiel nach Baltrum, der kleinsten der sieben
-ostfriesischen Inseln, die ein Ost- und ein Westdorf besitzt (Abb.
-143–148). Nach der Flut vom Jahre 1825 mußten Dorf und Kirche, die an
-der Westseite der Insel gelegen hatten, nach deren Mitte übertragen
-werden.
-
-Norderney ist 13 Kilometer lang und 4 Kilometer breit; an der
-Südwestecke der Insel erhebt sich das gegenwärtig 3000 Seelen
-zählende gleichnamige Dorf. In der schönen Sommerszeit ist das unter
-staatlicher Verwaltung stehende Seebad Norderney ein Modebad im vollen
-Sinne des Wortes, mit allen Annehmlichkeiten und jedem nur denkbaren
-Komfort, das Ostende und Blankenberghe in den Schatten stellt. Ein
-schön und zweckmäßig eingerichtetes Konversationshaus, großartige
-Gasthöfe, praktische Badehäuser, auch für warme Seebäder, wie sich
-solche übrigens auch auf der Mehrzahl der anderen ostfriesischen
-Inseln finden, gut ausgerüstete Verkaufsläden und dergleichen Dinge
-mehr befinden sich hier. Am nördlichen Strande steht der bekannte
-Restaurationspavillon, die Giftbude. In Norderney hat der Verein
-für Kinderheilstätten an den Seeküsten ein zur Aufnahme von 240
-Kindern eingerichtetes Seehospiz erbaut, das unter dem Protektorate
-der Kaiserin Friedrich steht, ebenso ist auf der Insel eine
-evangelische Diakonissenanstalt zur Heilung skrophulöser Kinder, zwei
-Unternehmungen, die seit der Zeit ihres Bestehens schon vielen Segen
-gestiftet und manchem kranken Kinde wieder zur Gesundheit verholfen
-haben (Abb. 149–155).
-
-Im Osten ist Norderney von 11–15 Meter hohen Dünen bedeckt, im Süden
-steigt der 54 Meter hohe, einen prächtigen Rundblick gewährende
-Leuchtturm auf, nördlich davon erhebt sich der höchste Punkt der Insel,
-die nunmehr mit Helm bepflanzte, früher aber kahle Weiße Düne.
-
-Während der tiefen Ebbe ist Norderney vom Festlande aus durch das
-seichte Watt trockenen Fußes zu erreichen. Auch der Postwagen fährt
-dann über die Watten.
-
-Das langgestreckte Juist hing in alten Zeiten mit Borkum zusammen. Im
-dreizehnten Jahrhundert soll eine grausige Wasserflut beide Eilande
-voneinander getrennt haben. Der Pastor Janus zu Juist war zu Ausgang
-des achtzehnten Jahrhunderts der erste, der, wenn auch damals ohne
-Erfolg, auf die heilsamen Wirkungen der Seebäder hingewiesen hat.
-Juists Bedeutung als Seebad nimmt jährlich zu. Gegenwärtig ist der
-Landungsplatz mit dem Dorfe bereits durch eine Eisenbahn verbunden
-(Abb. 156 u. 157).
-
-Man fährt nach Norderney und Juist über Norden und Norddeich, Norderney
-ist außerdem noch in direktem Seeverkehr mit Bremen und Hamburg durch
-Schiffe der Hamburger Nordseelinie, die auch nach Borkum fahren.
-Letzteres erreicht man auch mittels Dampfboot von Emden oder von Leer
-aus.
-
-Das 8 Kilometer lange und 4 Kilometer breite Borkum, das ~Burchana~
-oder ~Fabaria~ der Römer, hat durch die Sturmfluten in früheren
-Jahrhunderten viel zu leiden gehabt. Nunmehr ist die in West- und
-Ostland zerfallende Insel ein sehr emporstrebender und vielbesuchter
-Badeort, der Norderney nicht allzusehr nachstehen dürfte (jährlich
-14000 Badegäste) und einen vorzüglichen Badestrand besitzt. Der
-Hauptort liegt auf dem Westlande; in demselben ragen die beiden
-Leuchttürme empor, der alte, 47 Meter hohe, und der neue, 60 Meter
-Höhe aufweisende und ein Blinkfeuer erster Ordnung besitzende (Abb.
-158–165). Der Ort selbst steht mit der Landungsbrücke durch eine
-Eisenbahn in Verbindung. Borkums Weiden ernähren einen ansehnlichen
-Viehstand. Eine Eigentümlichkeit der Insel bilden die aus
-Walfischknochen hergestellten Straßenzäune. Ansehnliche Brutstätten von
-vielerlei Seevögeln liegen auf Borkums Ostlande, in noch größerem Maße
-ist dies auf Rottum der Fall, einem westwärts von Borkum belegenen und
-schon Holland zugehörigen Eiland.
-
-Hier sind wir am Ziele unserer Reise angelangt. Hoch oben, im Norden
-Schleswigs, bei Endrup haben wir den Wanderstab in die Hand genommen,
-an der Nordwestgrenze des Reiches, angesichts der holländischen
-Küste, stellen wir denselben wieder beiseite. Unseren Lesern aber,
-die uns auf dieser langen Fahrt begleitet haben, die mit durch die
-großen Hansestädte, durch die alten Flecken und die reichen Dörfer
-gezogen sind, über die schwermütig stimmende Heide, das düstere und
-öde Moorland oder in die fetten Marschen, und dann hinaus an den vom
-frischen und lebendigen Hauch der brandenden Nordsee durchwehten
-Inselstrand mit seinem weißblinkenden Dünensaum, sagen wir ein
-herzliches Lebewohl!
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Einige der wichtigsten Quellenwerke und Abhandlungen zu dem
-vorliegenden Buche.
-
-
- =Allmers=, Hermann. Marschenbuch. Land- und Volksbilder aus den
- Marschen der Weser und Elbe. Dritte Auflage. Oldenburg und Leipzig.
- Ohne Jahreszahl.
-
- =Boysen=, L. ~Dr.~ Statistische Übersichten über die Provinz
- Schleswig-Holstein. Kiel und Leipzig, 1892.
-
- =Buchenau=, ~Dr.~ F. Über die ostfriesischen Inseln und ihre Flora.
- (Verhandlungen des elften deutschen Geographentages zu Bremen, 1895.)
- Berlin, 1896.
-
- =Bücking=, H., Baurat in Bremen. Die Unterweser und ihre Korrektion.
- (Verhandlungen des elften deutschen Geographentages zu Bremen, 1895.)
- Berlin, 1896.
-
- =Eckermann=, Baurat in Kiel. Verschiedene Abhandlungen über die
- Geschichte der Eindeichungen an der Westküste Schleswig-Holsteins.
- (Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig-Holstein-Lauenburgische
- Geschichte.) Kiel.
-
- =Eilker=, Georg. Die Sturmfluten der Nordsee. Emden, 1877.
-
- =Festschrift= zur fünfzigjährigen Jubelfeier des Provinzial-Vereins zu
- Bremervörde (Regierungsbezirk Stade). Stade, 1885.
-
- =Guthe=, H. Die Lande Braunschweig und Hannover, mit Rücksicht auf
- ihre Nachbargebiete geographisch dargestellt. Hannover, 1867.
-
- =Haage=, Reinhold. Die deutsche Nordseeküste in physikalischer und
- morphologischer Hinsicht. (Inauguraldissertation) Leipzig, 1899.
-
- =Haas=, H., =Krumm=, H. und =Stoltenberg=, Fritz. Schleswig-Holstein
- meerumschlungen in Wort und Bild. Kiel, 1897.
-
- =Hahn=, F. G. Die Städte der norddeutschen Tiefebene in ihrer
- Beziehung zur Bodengestaltung. Stuttgart, 1885.
-
- =Hansen=, C. P. Chronik der friesischen Uthlande. Altona, 1856.
-
- =Hansen=, Reimer. Beiträge zur Geschichte und Geographie
- Nordfrieslands im Mittelalter. (Zeitschrift der Gesellschaft für
- Schleswig-Holstein-Lauenburgische Geschichte, Bd. 24.) Kiel, 1894.
-
- =Jensen=, Chr. Die nordfriesischen Inseln Sylt, Föhr, Amrum und die
- Halligen vormals und jetzt. Hamburg, 1891.
-
- =Krümmel=, Otto. Die geographische Entwickelung der Nordsee. Ausland.
-
- =Lepsius=, R. Geologische Karte des Deutschen Reiches. Gotha,
- 1894–1897.
-
- =Meiborg=, R. Das Bauernhaus im Herzogtum Schleswig und das Leben des
- schleswigschen Bauernstandes im 16., 17. und 18. Jahrhundert. Deutsche
- Ausgabe besorgt von R. Haupt. Schleswig, 1896.
-
- =Meyn=, Ludwig. Geographische Beschreibung der Insel Sylt und ihrer
- Umgebung. Berlin.
-
- =Meyn=, L. Geologische Übersichtskarte der Provinz Schleswig-Holstein
- 1 : 300000. Berlin, 1881.
-
- =Nauticus.= Jahrbuch für Deutschlands Seeinteressen. Berlin, 1899.
-
- =Reventlow=, Graf Arthur von. Über Marschbildung an der Küste des
- Herzogtums Schleswig und die Mittel zur Beförderung derselben. Kiel,
- 1863.
-
- =Salfeld=, ~Dr.~ Die Hochmoore auf dem früheren Weser-Delta.
- (Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin, 16. Bd.) Berlin,
- 1881.
-
- =Schröder=, J. von und Herm. =Biernatzki=. Topographie der Herzogtümer
- Holstein und Lauenburg, des Fürstentums Lübeck und des Gebiets der
- Freien und Hanse-Städte Hamburg und Lübeck. Oldenburg i. Holstein,
- 1855 bis 1856.
-
- =Schröder=, J. von. Topographie des Herzogtums Schleswig. Schleswig,
- 1837.
-
- =Seelhorst=, C. von. Acker- und Wiesenbau auf Moorboden. Berlin, 1892.
-
- =Segel-Handbuch= für die Nordsee, herausgegeben von dem
- hydrographischen Amte der Admiralität. Erstes Heft. Berlin, 1884.
-
- =Tacke=, ~Dr.~ Br. Die nordwestdeutschen Moore, ihre Nutzbarmachung
- und ihre volkswirtschaftliche Bedeutung. (Verhandlungen des elften
- deutschen Geographentages zu Bremen, 1896.) Berlin, 1896.
-
- =Tittel=, Ernst. Die natürlichen Verhältnisse Helgolands und die
- Quellen über dieselben. (Inauguraldissertation.) Leipzig, 1894.
-
- =Traeger=, Eugen. Die Halligen der Nordsee. Stuttgart, 1892.
-
- =Traeger=, Eugen. Die Rettung der Halligen und die Zukunft der
- schleswig-holsteinischen Nordseewatten. Stuttgart, 1900.
-
- =Vierteljahrsheft= zur Statistik des Deutschen Reichs, herausgegeben
- vom kaiserlichen statistischen Amt. Siebenter Jahrgang, 1898. Berlin,
- 1898.
-
- =Wichmann=, E. H. Die Elbmarschen. (Zeitschrift der Gesellschaft für
- Erdkunde zu Berlin, 20. Bd.) Berlin, 1885.
-
-
-
-
-Register.
-
-
- Alkersum 92.
-
- Alse 155.
-
- Alster 114.
-
- Alte Land, das 128. 137. 138.
-
- Alte Mellum 158.
-
- Altenbruch 140. 142.
-
- Altendorf 140.
-
- Altengamme 126.
-
- Altenländer Moor 143.
-
- Altenwalde 143.
-
- Altländer Moor 145.
-
- Altmannshöhe 152.
-
- Altona 126. 127. 128;
- Palmaille mit Blücherdenkmal 82 (Abb. 83);
- Rathaus 82 (Abb. 82).
-
- Ammerland 158.
-
- Amönenhöhe 111.
-
- Amrum 36. 87–90;
- Leuchtturm 25 (Abb. 24).
-
- Amrumer-Tief 87.
-
- Appelland 90.
-
- Archsum 75. 84.
-
- Archsumburg 84.
-
- Arngast 161.
-
- Assel 139.
-
- Atens 159.
-
- Aue 140. 145.
-
- Augustfehn 163.
-
- Aumühle 126.
-
- Aurich 163. 168.
-
- Außenalster 114. 53 (Abb. 49).
-
- Austernbänke 82.
-
-
- Baljen 39.
-
- Balksee 146.
-
- Ballum 72. 74.
-
- Baltrum 170. 145 (Abb. 144);
- alter Friedhof 149 (Abb. 148);
- Haus in den Dünen 147 (Abb. 146);
- Landungsbuhne 148 (Abb. 147);
- Ostdorf 145 (Abb. 143);
- Pfahlwerk in Sturmflut 146 (Abb. 145).
-
- Bant 162.
-
- Bargum 66.
-
- Bauernhäuser in Kurslak 77 (Abb. 75). 79 (Abb. 77);
- in Neuengamme 76 (Abb. 73); 78 (Abb. 76).
-
- Bederkesa 146. 155.
-
- Bederkesaer See 140. 146.
-
- Benser Siel 169.
-
- Bergedorf 126.
-
- Bernstein 24. 25.
-
- Bevölkerung 51. 52. 56.
-
- Billberg 131.
-
- Bille 114. 126.
-
- Billwerder 126.
-
- Binnenalster 114. 53 (Abb. 49).
-
- Binnenmoore 144.
-
- Blankenese 128. 85 (Abb. 86), (Abb. 87).
-
- Blexen 160.
-
- Blockhäuser des Seebades Lakolk auf Röm 14 (Abb. 14).
-
- Blockland 147.
-
- Blumenthal 152. 155.
-
- Boldixum 92. 30 (Abb. 28).
-
- Bolilmark 74.
-
- Boot zu Wasser 6 (Abb. 5).
-
- Bordelum 66.
-
- Borkum 170. 171. 6 (Abb. 4).
- 163 (Abb. 158). 164 (Abb. 159). 165 (Abb. 160). 166 (Abb. 161);
- (Abb. 162). 167 (Abb. 163). 168 (Abb. 164). 169 (Abb. 165).
-
- Bösch 110.
-
- Bracke 140.
-
- Braderup 83. 84.
-
- Brake 147. 159.
-
- Bredau 39.
-
- Bredberg 131.
-
- Brede-Au 72.
-
- Bredebro 72. 73.
-
- Bredstedt 66.
-
- Breitenburg, Schloß 111.
-
- Breklum 66.
-
- Bremen 147–152. 101 (Abb. 104);
- Börse 108 (Abb. 111);
- Dom 108 (Abb. 112);
- Essighaus 109 (Abb. 113);
- Freihafen 103 (Abb. 105);
- Markt 110 (Abb. 114);
- Museum 111 (Abb. 116);
- Rathaus 105 (Abb. 107); 106 (Abb. 108). 107 (Abb. 109); (Abb. 110);
- Weserbrücke 104 (Abb. 106).
-
- Bremer Typen 111 (Abb. 115).
-
- Bremerhaven 147. 153. 154. 115 (Abb. 118).
-
- Bremervörde 142. 146.
-
- Broekmer Land 167.
-
- Bröns 72.
-
- Brönsau 39.
-
- Brundorfer Heide 143.
-
- Brunsbüttel 109. 44 (Abb. 41). 46 (Abb. 43).
-
- Brunsbüttelkoog, Binnenhafen 47 (Abb. 44).
-
- Brunshausen 140.
-
- Buchholz 146.
-
- Burg 110.
-
- Burglesum 152.
-
- Burhave 160.
-
- Büsum 106.
-
- Butjadingen 159.
-
- Butjadingerland 158.
-
- Büttel 110.
-
- Buxtehude 138.
-
-
- Campe 140.
-
- Camper Höhe 143.
-
- Cappel 156.
-
- Charlottenpolder 165.
-
- Christian-Albrechts-Koog bei Tondern 66.
-
- Cuxhaven 128. 157. 158. 86 (Abb. 88). (Abb. 89).
-
-
- Dagebüll 70.
-
- Dahlemer See 146.
-
- Dammhausen 145.
-
- Dangast 161.
-
- Dargland 164.
-
- Deetzbüll 68.
-
- Deichen 48. 49.
-
- Delme 160.
-
- Delmenhorst 160.
-
- Denghoog 78.
-
- Dieksand 104.
-
- Doggerbank 20.
-
- Dollart 28. 158. 164.
-
- Dornum 168.
-
- Dorum 156. 157.
-
- Döse 158.
-
- Döstrup 72.
-
- Drepte 145.
-
- Duhnen 158.
-
- Düne (Helgoland) 130. 2 (Abb. 1).
-
- Dwarsgatt 154.
-
-
- Eckwarden 160.
-
- Eddelak 110.
-
- Eider 105.
-
- Eiderstedt 98. 99. 100. 102.
-
- Eindeichungen 48.
-
- Elbe 114. 126.
-
- Elbschleuse 45 (Abb. 42).
-
- Ellenbogen, Halbinsel 79.
-
- Elmer Schiffgraben 145.
-
- Elmshorn 112. 51 (Abb. 47).
-
- Elsfleth 147. 158. 159.
-
- Emden 165. 166. 167. 127 (Abb. 127);
- am Delft in 128 (Abb. 128);
- Rathaus 129 (Abb. 129).
-
- Emmelcke 140.
-
- Emmelsbüll 66.
-
- Emmerlef 72.
-
- Ems 158. 165.
-
- Ems-Jade-Kanal 166. 167.
-
- Emsiger Land 164. 167.
-
- Endrup 39.
-
- Eppendorf 126.
-
- Esens 169.
-
- Este 138. 145.
-
-
- Fahretoft 97.
-
- Fahrstedt 109.
-
- Fartrapp-Tief 87.
-
- Fehnkolonien 144.
-
- Fischerwohnung, Helgoländer 93 (Abb. 97).
-
- Flaggenberg 131.
-
- Flögelner See 146.
-
- Föhr 36. 90. 92;
- Strand von Wyk auf Föhr 3 (Abb. 2).
-
- Frauentracht auf Föhr 28 (Abb. 26).
-
- Freiburg 139.
-
- Freiburger Tief 139.
-
- Friedburg 168.
-
- Friedhof für Heimatlose (Sylt) 19 (Abb. 19).
-
- Friedrichskoog 104. 108.
-
- Friedrichsruh 126. 80 (Abb. 78). 81 (Abb. 80);
- Mausoleum 81 (Abb. 81);
- Schlaf- und Sterbezimmer des Fürsten Bismarck 80 (Abb. 79).
-
- Friedrichsstadt 104. 105.
-
-
- Garding 102.
-
- Garlstedter Heide 143.
-
- Geest 41.
-
- Geeste 142. 145.
-
- Geestemünde 153. 158. 113 (Abb. 117).
-
- Geesthacht 126.
-
- Geestland zwischen Unterelbe und Unterweser 142.
-
- Geestufer von Schobüll 65.
-
- Geologisches 17.
-
- Georgsheil 169.
-
- Gerichtshügel 78.
-
- Geschichtliches 58.
-
- Gezeiten 7.
-
- Glückstadt 112.
-
- Golzwarden 159.
-
- Gösche 140. 145.
-
- Goting 92.
-
- Gotteskoogsee 66.
-
- Gramm 73.
-
- Gröde 36. 90. 97; 37 (Abb. 33). 38 (Abb. 34). 39 (Abb. 35).
-
- Grünenthal 109;
- Hochbrücke 49 (Abb. 45).
-
- Grünlandmoor 144.
-
- Grüppenbühren 160.
-
-
- Habel 90.
-
- Hadeln 128. 137. 140. 141.
-
- Hadeler Kanal 140.
-
- Hadeler Marsch 140.
-
- Hadeler Moore 144.
-
- Halemmer See 146.
-
- Halligen 36. 94. 95. 96. 97. 10 (Abb. 9).
-
- Halligwerft nahe vor dem Einsturz (Langeneß) 11 (Abb. 10).
-
- Hamburg 114–126. 61 (Abb. 57). 62 (Abb. 58). 64 (Abb. 60);
- Fleet zwischen Deichstraße und Cremon 58 (Abb. 54);
- Fleet bei der Reimersbrücke 59 (Abb. 55);
- Freihafenlagerhäuser 57 (Abb. 53);
- Großer Burstah 66 (Abb. 62);
- Hafen 54 (Abb. 50). 56 (Abb. 52);
- Hopfenmarkt 67 (Abb. 63);
- Jungfernstieg 73 (Abb. 69);
- Katharinenkirche 59 (Abb. 55);
- Kriegerdenkmal 72 (Abb. 68);
- Lombardsbrücke 68 (Abb. 64);
- Michaeliskirche 65 (Abb. 61);
- Nikolaikirche 67 (Abb. 63);
- Rathaus 69 (Abb. 65);
- Rathausbrunnen 71 (Abb. 67);
- Ratskeller 70 (Abb. 66);
- Sandthorkai 57 (Abb. 53);
- Seewarte 64 (Abb. 60);
- Segelschiffhafen 55 (Abb. 51);
- Steckelhörn 61 (Abb. 57);
- Winserbaum 60 (Abb. 56);
- neue Brücke nach Harburg 96 (Abb. 100).
-
- Hamburger Hallig 90.
-
- Hamburger Volkstrachten 74 (Abb. 70).
-
- Hamme 42. 144. 145.
-
- Hammelwörden 139.
-
- Harburg 137. 146; neue Brücke nach Hamburg 96 (Abb. 100).
-
- Harlbucht 168.
-
- Harletief 169.
-
- Harlinger Land 168.
-
- Harsefeld 142.
-
- Harsfelder Rücken 143.
-
- Hasbruch 160.
-
- Haseldorfer Marschen 104. 112.
-
- Haseldorfer Schloß 114.
-
- Hattstedt 64.
-
- Heide 43. 105.
-
- Helgoland 129–137. 89 (Abb. 92), (Abb. 93);
- Hengst und Nordspitze 94 (Abb. 98);
- Oberland und Unterland 95 (Abb. 99);
- Oberland und Nordspitze 91 (Abb. 95);
- Unterland und die Düne 2 (Abb. 1).
-
- Helgoländer Fischerwohnung 93 (Abb. 97).
-
- Helgoländerinnen 92 (Abb. 96).
-
- Helmsand 94.
-
- Hemmingstedt 106.
-
- Hemmoor 146.
-
- Heppens 162.
-
- Hever 64. 90.
-
- Himmelpforten 142. 143.
-
- Hitzbank 102.
-
- Hochland 140. 141.
-
- Hochmoore 41. 42. 144.
-
- Hochseefischerei, deutsche 13–15.
-
- Hohe Lieth 143.
-
- Hoher-Lieth 140.
-
- Hoher Weg 158.
-
- Hohewegsleuchtturm 154.
-
- Hollerland 147.
-
- Hooge 36. 90. 95. 96. 97.
-
- Hooksiel 162. 163.
-
- Horneburg 138. 145.
-
- Hörnum 86.
-
- Horsbüll 66.
-
- Horsbüllharde 67. 68.
-
- Horst 106.
-
- Hoyer 50. 70. 71. 72.
-
- Hoyerschleuse 70. 72.
-
- Hude 159. 160.
-
- Hüll 140.
-
- Humptrup 71.
-
- Hunte 158. 159. 161.
-
- Hunte-Ems-Kanal 161.
-
- Husum 62. 63. 64;
- Storms Grab in 12 (Abb. 11).
-
- Husumer Au 39.
-
- Hvidding 72.
-
- Hymensee 146.
-
-
- Imsum 156.
-
- Isensee 140.
-
- Itzehoe 110. 111. 50 (Abb. 46).
-
-
- Jade 158.
-
- Jadebusen 158. 161.
-
- Jerpstedt 72.
-
- Jever 162. 169.
-
- Jeverland 158. 162.
-
- Jordsand 94.
-
- Jork 138. 143.
-
- Jührdener Feld 158.
-
- Juist 170. 171. 160 (Abb. 156). 161 (Abb. 157).
-
- Jümmer 163.
-
- Juvre 74.
-
- Juvrer Tief 40.
-
-
- Kaiser Wilhelm-Kanal 109. 45 (Abb. 42). 46 (Abb. 43).
- 47 (Abb. 44). 49 (Abb. 45).
-
- Kaiser Wilhelm-Koog 104.
-
- Kaltehofe 126.
-
- Kampen 78. 84;
- Kurhaus 77;
- Leuchtturm 20 (Abb. 20).
-
- Karolinensiel 162. 169.
-
- Kehdingen 128. 137. 138. 139.
-
- Kehdinger Moor 139. 144.
-
- Keitum 75. 83. 23 (Abb. 22).
-
- Kellinghusen 112.
-
- Kirchwerder 126.
-
- Kirkeby 74. 14 (Abb. 13).
-
- Klauxbüll 67.
-
- Klopstocks Grab 83 (Abb. 84).
-
- Kniepsand 88.
-
- Kongsmark 74.
-
- Königshafen 79.
-
- Königspesel 95.
-
- Kornkoog 68.
-
- Kranenburg 140.
-
- Krempe 112.
-
- Krempermarsch 104.
-
- Kronprinzenkoog 104.
-
- Krückau 112.
-
- Krumme Hörn 167.
-
- Kudensee 110.
-
- Kurslack 126;
- Bauernhaus 77 (Abb. 75). 79 (Abb. 77).
-
-
- Lägerdorf 112.
-
- Lakolk 74;
- Blockhäuser 14 (Abb. 14).
-
- Land und Leute 39.
-
- Landschaftspolder 165.
-
- Langeneß 25. 36. 97;
- Halligwerft 11 (Abb. 10);
- Peterswerft 34 (Abb. 31).
-
- Langeneß-Nordmarsch 90. 96.
-
- Langeoog 170; 141 (Abb. 138). 141 (Abb. 139); 143 (Abb. 141);
- Neutraler Strand 143 (Abb. 142).
-
- Langeoog-Dünen 142 (Abb. 140).
-
- Langlütjensand 156. 158.
-
- Langwarden 160.
-
- Leck 66.
-
- Leda 158. 163. 164.
-
- Leer 158. 164;
- Rathaus 125 (Abb. 126).
-
- Lehe 154.
-
- Lengener Land 164.
-
- Lengener Moor 158. 163.
-
- Lesum 42. 143. 145. 154.
-
- Ley 164.
-
- Lieth 112.
-
- Lilienthal 143.
-
- Lindholm 66. 68.
-
- Lintrup 73.
-
- List 79.
-
- Lister Tief 74. 79.
-
- Litberg 143.
-
- Lockstedt 112.
-
- Lockstedter Lager 112.
-
- Lohberg 143.
-
- Lombardsbrücke in Hamburg 68 (Abb. 64).
-
- Lornsenhain 86.
-
- Lüdingworth 142.
-
- Lügumkloster 73.
-
- Lühe 138. 145.
-
- Lunden 105.
-
- Lune 145. 156.
-
-
- Manö 39.
-
- Marccardsmoor 167.
-
- Marne 109.
-
- Marschen 22. 41. 44. 46.
-
- Marschlande am linken Elbufer 137.
-
- Marschlande am rechten Weserufer 147.
-
- Medem 140. 145.
-
- Meldorf 107. 108. 43 (Abb. 40).
-
- Meldorfer Bucht 94.
-
- Midlum 156.
-
- Miele 39.
-
- Misselwarden 156.
-
- Moderberg 131.
-
- Mögeltondern 72.
-
- Mönch 90 (Abb. 94).
-
- Mönchshügel 75.
-
- Moorburg 137.
-
- Moore 43.
-
- Moorbildungen 42.
-
- Moorkolonien 144.
-
- Moorkultur 144.
-
- Moormer Land 164.
-
- Moornutzung 144.
-
- Moorriem 159.
-
- Morsum 75. 84.
-
- Morsumkliff 75.
-
- Mövennest 42 (Abb. 39).
-
- Mulxum 156.
-
- Munkehoi 75.
-
- Munkmarsch 70. 83. 84.
-
-
- Näs Odde 84.
-
- Nebel, Kirchdorf 88.
-
- Nesserland 165.
-
- Neßmer Höft 165.
-
- Neudorfer Hafen 109.
-
- Neuenburg 162;
- Urwald von 160.
-
- Neuengamme 126;
- Bauernhäuser in 76 (Abb. 73). 78 (Abb. 76).
-
- Neuenkehn 154.
-
- Neuhaus 140.
-
- Neuland 139.
-
- Neumühlen 128. 84 (Abb. 85).
-
- Neustadt-Gödens 168.
-
- Neuwerk 128. 158. 87 (Abb. 90).
-
- Nieblum 92. 29 (Abb. 27).
-
- Niebüll-Deezbüll 66.
-
- Niedervieland 147.
-
- Nienstedten 128.
-
- Norddeich 168.
-
- Norddeutscher Lloyd 148.
-
- Norddorf 88.
-
- Norden 168. 130 (Abb. 130);
- Liudgerikirche 131 (Abb. 131).
-
- Nordenham 159. 160.
-
- Nordernerland 168.
-
- Norderney, Ausblick von den Dünen 155 (Abb. 152);
- Dünen 157 (Abb. 154);
- Leuchtturm 159 (Abb. 155);
- Seesteg 154 (Abb. 151);
- Strand 151 (Abb. 149).
-
- Norderoog 36. 90. 96.
-
- Norderpiep 40.
-
- Nordmarsch 25. 36.
-
- Nordsee, Grenzen 5;
- Salzgehalt 9.
-
- Nordseeschiffahrt, deutsche 10.
-
- Nordstrand 35. 64. 90. 93. 42 (Abb. 38).
-
- Nordstrandisch-Moor 34. 90. 93. 97.
-
- Nösse 84.
-
-
- Oberahnsche Felder 162.
-
- Obervieland 147.
-
- Ocholt 163.
-
- Odenbüll 93.
-
- Ohlsdorf 126.
-
- Oland 90. 96. 97. 35 (Abb. 32).
-
- Oldenburg 158. 161;
- Lambertikirche 119 (Abb. 122);
- Rathaus 117 (Abb. 120);
- Schloß 116 (Abb. 119);
- der Stau in 118 (Abb. 121).
-
- Oldenbüttel 153.
-
- Oldendorf 164.
-
- Oldersum 164.
-
- Oslebshausen 152.
-
- Oste 137. 140. 142. 145.
-
- Ostemarsch 137. 140.
-
- Oste-Moore 144.
-
- Osterholz-Scharmbeck 152.
-
- Oster-Ihlienworth 140.
-
- Osterstade 154. 155.
-
- Osterstader Moore 144.
-
- Ostfriesische Inseln 158. 169.
-
- Ostfriesland 163. 164. 165.
-
- Ostringen 168.
-
- Ottensen 128.
-
- Otterndorf 141. 142.
-
- Övenum 92.
-
-
- Paddingbüttel 156.
-
- Panderkliff 83.
-
- Papenburg 144.
-
- Pellworm 35. 36. 90. 93. 96.
-
- Pinnau 112.
-
- Pinneberg 112.
-
- Pohnshallig 90.
-
- Poppenbüttel 114.
-
- Postfahrt durch das Wattenmeer 8 (Abb. 7). 9 (Abb. 8).
-
- Predigtstuhl 90 (Abb. 94).
-
-
- Rade 155.
-
- Rahe 168.
-
- Rantum 85. 21 (Abb. 21).
-
- Rastede 161.
-
- Rechtenfleth 155.
-
- Reiderland 164.
-
- Reinbeck 126.
-
- Reisby 72.
-
- Remperbach 146.
-
- Rettungsstationen 6 (Abb. 4). 16 (Abb. 16).
-
- Riesum 66.
-
- Risummoor 68.
-
- Ritzebüttel 156.
-
- Rödding 73.
-
- Rodenäs 67.
-
- Rodenkirchen 155. 159.
-
- Röm 72. 74. 14 (Abb. 13).
-
- Römer Tief 40. 74.
-
- Römer Tracht, Mädchen in 15 (Abb. 15).
-
- Rönnebeck 152.
-
- Rotenburg 146.
-
- Rotesand 154.
-
- Rotes Kliff 75. 77. 78. 5 (Abb. 3).
-
- Rottum 171.
-
- Rungholter Sand 29.
-
- Rustringen 158.
-
-
- Sande 162.
-
- Sandspierenfang 40 (Abb. 36).
-
- Sankt Jürgens-Land 145.
-
- Sankt Margareten 110.
-
- Sankt Michaelisdonn 108.
-
- Sankt Peter 102.
-
- Saterland 163.
-
- Satteldüne 89.
-
- Sauensiek 143.
-
- Schackenburg, Schloß 72.
-
- Scharhörn 128.
-
- Scharhörnwatt 88 (Abb. 91).
-
- Scherrebek 72. 74.
-
- Schiffsunfälle 12.
-
- Schleswig-Holsteinische Westküste 102.
-
- Schnelldampfer „Auguste Victoria“ 63 (Abb. 59);
- „Kaiser Wilhelm der Große“ 97 (Abb. 101). 98 (Abb. 102). 99 (Abb. 103).
-
- Schobüll, Geestufer 65.
-
- Schobüller Berg 64.
-
- Schwinge 137. 139. 145.
-
- Seefeld 160.
-
- Seehundsjäger 41 (Abb. 37).
-
- Seestermühe 112.
-
- Seestermüher Marsch 112.
-
- Seewarte in Hamburg 64 (Abb. 60).
-
- Sietland 140. 141.
-
- Skalnasthal 88.
-
- Solthörner Watt 158.
-
- Sophienkoog 104.
-
- Spieka 156.
-
- Spiekeroog 170. 137 (Abb. 135). 138 (Abb. 136). 139 (Abb. 137).
-
- Stade 139.
-
- Stadland 158. 159.
-
- Stedesand 66.
-
- Stedinger Land 158. 159.
-
- Steinhorst 114.
-
- Stollhamm 160.
-
- Störfluß 111.
-
- Störtebecker Tief 168.
-
- Stotel 155.
-
- Strömungen 7.
-
- Stubben 153.
-
- Sturmfluten 7. 8. 26. 28. 29. 30. 32. 33.
-
- Süddorf 88.
-
- Süderhever 40.
-
- Süderoog 90. 96.
-
- Südfall 90.
-
- Süllberg, vom Bismarckstein gesehen 85 (Abb. 86).
-
- Sülwert 92.
-
- Sylt 36. 74–87. 16 (Abb. 16). 17 (Abb. 17).
-
- Sylter Heide 77.
-
-
- Tating 102.
-
- Temperatur 8.
-
- Teufelsbrücke 128.
-
- Teufelsmoor 142. 144.
-
- Tinnum 84.
-
- Toftum 74.
-
- Tondern 50. 70. 71.
-
- Tönning 102;
- Hafen 13 (Abb. 12).
-
- Tornesch 112.
-
- Tossens 160.
-
- Trachten: Hamburger Volkstrachten 74 (Abb. 70);
- Römer Tracht 15 (Abb. 15);
- Vierländer 75 (Abb. 72). 77 (Abb. 74).
-
-
- Uhlenhorst 52 (Abb. 48).
-
- Unterland (Helgoland) 129. 2 (Abb. 1).
-
- Ütersen 112.
-
- Ütersum 92.
-
- Uwenberg 77.
-
-
- Varel 160.
-
- Vareler Hochmoor 158.
-
- Vegesack 147. 152.
-
- Versandetes Wrack 7 (Abb. 6).
-
- Vieland 143. 155. 156.
-
- Vierlande 126.
-
- Vierländer 75 (Abb. 72). 77 (Abb. 74).
-
- Viktoriahain 86.
-
- Vogelkoje 80.
-
- Volksdichte 80.
-
-
- Waakhausen 144. 145.
-
- Wandsbek 126;
- Denkmal für Matthias Claudius 75 (Abb. 71).
-
- Wangerland 162. 168.
-
- Wangeroog 170. 133 (Abb. 132). 134 (Abb. 133). 135 (Abb. 134).
-
- Wanna 140.
-
- Wannaer Moor 140.
-
- Wanse 126.
-
- Watten 22. 24. 25. 39. 44. 33 (Abb. 30).
-
- Wattenmeer 64.
-
- Weddingstedt 105.
-
- Wedel 114.
-
- Wedelau 114.
-
- Weener 164.
-
- Wendingstadt 29.
-
- Wenningstedt 75. 77. 84;
- Rotes Kliff 5 (Abb. 3).
-
- Werderland 147.
-
- Werften 49.
-
- Weser 143. 147. 158.
-
- Weserbrücke in Bremen 104 (Abb. 106).
-
- Wesselburen 105. 106.
-
- Westerberg 142. 146.
-
- Westerhever 102.
-
- Westerland auf Sylt 75. 17 (Abb. 17). 18 (Abb. 18).
-
- Westerstede 163.
-
- Widau 70.
-
- Wiedau 39.
-
- Wiedingharde 67.
-
- Wiegoldsbur 164.
-
- Wiesede 167.
-
- Wilhelmshaven 162;
- Kaiser Wilhelmsdenkmal 123 (Abb. 125);
- Kriegshafen und Hauptschleuse 121 (Abb. 123);
- Rathaus 122 (Abb. 124).
-
- Wilster 110.
-
- Wilstermarsch 104. 110.
-
- Wingst 140. 142. 143. 146.
-
- Wite Klif 136.
-
- Witsum 92.
-
- Wittdün 88. 24 (Abb. 23).
-
- Wittmund 162. 168. 169.
-
- Worpswede 145. 152.
-
- Wremen 156.
-
- Wührden 155. 156.
-
- Wümme 42. 145.
-
- Wursten 137. 155. 156. 157.
-
- Wyk 70. 90. 92. 3 (Abb. 2). 27 (Abb. 25). 31 (Abb. 29).
-
-
- Zeven 142. 146.
-
- Zwischenahner Meer 163.
-
-
-[Illustration: DIE DEUTSCHE NORDSEEKÜSTE.]
-
-
-
-
- +----------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Der vorliegende Text wurde so weit wie möglich originalgetreu |
- | wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend |
- | korrigiert. |
- | |
- | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |
- | S. 46: „Lepigonim“ in „Lepigonum“ geändert. |
- | S. 49: „Wohnstättten“ in „Wohnstätten“ geändert. |
- | S. 49: „wohl gepflegten“ in „wohlgepflegten“ geändert. |
- | S. 92 & 176: „Uetersum“ und „Ütersum“ in „Utersum“ geändert. |
- | S. 114: „Phragmitis“ in „Phragmites“ geändert. |
- | S. 124: „Heilgengeistfeld“ in „Heiligengeistfeld“ geändert. |
- | S. 133: „Steichen“ in „Steigen“ geändert. |
- | S. 143: „Garlsstedter“ in „Garlstedter“ geändert. |
- | S. 144: „Ems-Jahde“ in „Ems-Jade“ geändert. |
- | S. 146: „Hadelner“ in „Hadeler“ geändert. |
- | S. 170: „Kirche und Insel befinden sich auf dem Eiland“ in |
- | „Kirche und Dorf befinden sich auf dem Eiland“ geändert. |
- | S. 176: „Rotes“ in „Rotes Kliff“ geändert. |
- +----------------------------------------------------------------+
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-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE NORDSEEKÜSTE ***
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