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-The Project Gutenberg eBook of Landesverein Sächsischer Heimatschutz
--- Mitteilungen Band XII, Heft 1-3, by Landesverein Sächsischer
-Heimatschutz
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-using this eBook.
-
-Title: Landesverein Sächsischer Heimatschutz -- Mitteilungen Band XII,
- Heft 1-3
-
-Author: Landesverein Sächsischer Heimatschutz
-
-Release Date: December 15, 2022 [eBook #69548]
-
-Language: German
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LANDESVEREIN SÄCHSISCHER
-HEIMATSCHUTZ -- MITTEILUNGEN BAND XII, HEFT 1-3 ***
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- Anmerkungen zur Transkription
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- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter
- oder unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original
- in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter
- Text ist =so dargestellt=.
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
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- Landesverein Sächsischer
- Heimatschutz
-
- Dresden
-
- Mitteilungen
- Heft
- 1 bis 3
-
- Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege
-
- Band XII
-
- _Inhalt_: Im Zauber des Erzgebirges – Kurt Arnold Findeisen – Auf
- der Schwelle des Erzgebirges – Der Vielfraß in Sachsen – Der
- Wanderfalke in Sachsen – In der Zeit der schweren Not – Hiddensee,
- die Insel der Heimatsehnsucht – Unsre Elbvögel, einst und jetzt! –
- Der Kiebitz als Brutvogel im Moritzburger Gebiet – Die Sageneiche
- am Ölteiche zu Kohren – Die Grabentour – Sächsische »Schweiz«? –
- Bücherbesprechung
-
- Einzelpreis dieses Heftes M. 2500.--, Bezugspreis für einen Band
- (aus 12 Nummern bestehend) M. 9000.--, für Behörden und Büchereien
- M. 5000.--. Mitglieder erhalten die Mitteilungen kostenlos,
- _Mindest_monatsbeitrag M. 300.--, freiwillige Einschätzung erbeten
-
- Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24
-
- Postscheckkonto: Leipzig 13987, Dresden 15835
- Stadtgirokasse Dresden 610
- Bankkonto: Commerz- und Privatbank,
- Abteilung Pirnaischer Platz, Dresden
-
- Dresden 1923
-
-
-
-
-An unsre geehrten Mitglieder!
-
-
-In den letzten Tagen haben wir um Einsendung eines Notbeitrages von
-1000 M. für Einzelmitglieder, 5000 M. für körperschaftliche Mitglieder
-gebeten, und wir haben so viel ansehnliche Beträge aus freiem Ermessen
-erhalten, daß wir die feste Zuversicht haben, daß, wenn alle noch
-ausstehenden Beiträge eingehen, wir in der Lage sein werden, den Verein
-und seine Werke durchzuhalten. _Die vielen Einsendungen, die noch
-ausstehen, müssen aber unter allen Umständen eingehen, und deshalb
-bitten wir alle diejenigen, die unsrer Bitte noch nicht nachgekommen
-sind, dies umgehend zu tun und zur Einsendung die Zahlkarte zu
-benutzen, die unsrem Rundschreiben beilag, das wir in den letzten Tagen
-des Februar an alle unsre Mitglieder versandten._
-
-Aus dem vorliegenden Heft bitten wir zu entnehmen, daß es ohne die
-geringste Einschränkung in der alten Ausstattung, wie unsre Hefte
-seit 1908 erscheinen, hergestellt worden ist. Auch daraus bitten wir
-unsre verehrten Mitarbeiter, Mitglieder und Freunde zu ersehen, daß
-unsre Hoffnungen auf das Durchhalten unsres Vereins nicht trügerisch
-sind, sondern daß bei uns nicht nur der feste Wille dazu besteht,
-sondern auch die sicheren, wohldurchdachten und berechneten Grundlagen
-vorhanden sind, das gesteckte Ziel zu erreichen.
-
-Wir bitten, die beiden letzten Umschlagseiten dieses Heftes zu beachten
-und uns im weiteren Kampf um das Bestehen des Vereins zum Besten von
-Heimat und Volk nicht im Stich zu lassen. Wir danken aufrichtig und
-herzlich für alle Mitarbeit, für alle Hilfe; der schönste Dank ist das
-Durchhalten der Bewegung, des Vereins in schwerster Zeit.
-
- Mit deutschem Gruß!
-
- Landesverein Sächsischer Heimatschutz
-
- =O. Seyffert=, =Michael=,
- Hofrat, Professor Oberregierungsrat
-
- März 1923
-
-
-
-
- Band XII, Heft 1/3 1923
-
-[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz
-
-Dresden]
-
-Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern
-herausgegeben
-
-Abgeschlossen am 1. Februar 1923
-
-
-
-
-Im Zauber des Erzgebirges
-
-Von _Hans Hänig_ (Wurzen)
-
-
-Worin besteht eigentlich der Zauber des Erzgebirges?
-
-Ich habe es seit länger als zwei Jahrzehnten nach allen Richtungen
-durchstreift, ich bin auf tausend Pfaden gegangen, an denen die
-große Menge achtlos vorbeigeht und habe einsame Bäche in ihrem Laufe
-verfolgt, die in irgendeinem Winkel des Hochwaldes ihren Ursprung
-nehmen. Ich habe beinahe auf allen Hochwarten gestanden, die das
-Gebirge aufzuweisen hat, und immer hat es mir wieder Neues und
-Seltsames geboten. Es muß wohl die Menschenseele sein, die hier in den
-Höhen und Tiefen der Landschaft ihre Geheimnisse wiederfindet.
-
-Seitdem ich das erstemal auf einer Höhe des Gebirges stand, um die
-Blicke nach dem Wogen von Bergen und Tälern hinüberschweifen zu lassen,
-durchwanderte ich einen großen Teil von Deutschlands Gauen, und das
-Schicksal verschlug mich auch in andere Teile Europas – aber alles,
-was ich da fand, das finde ich vereint in meinem Erzgebirge wieder.
-Der Wald- und Moorreichtum des westlichen Gebirges versetzt mich immer
-wieder zu den Höhen des Böhmerwaldes, wenngleich von dessen Gipfeln
-die Aussicht vielleicht noch weiter und umfassender ist, aber das
-schwermütige Bild zu den Füßen des Beschauers ist noch dasselbe und mir
-ist, als müßte dem Erzgebirge noch einmal ein Dichter wie A. Stifter
-erstehen, der seine Schönheit im Innersten zu erfassen vermag. Die
-Burgruinen und bewaldeten Kuppen am südlichen Steilabfall des Gebirges
-vermögen dem Wanderer einen Augenblick rheinische Landschaften vor
-das Auge zu zaubern. Das Waldgebiet um den Teufelsstein im oberen
-Schwarzwassertal zeigt Fichtelgebirgsstimmungen, und die langen Linien
-des stilleren östlichen Gebirges werden ihn an die Landschaften der
-Eifel und des hohen Venn erinnern, die besonders im Herbst einen
-so eigentümlich schwermütigen Eindruck machen. Mit dem Hochgebirge
-hat das Erzgebirge nur wenig Gemeinsames, und doch finden sich auch
-hier Berührungspunkte: der Greifenstein ist eine gute Schule für
-angehende Kletterer, und der Gebirgskamm am Fichtelberg und Keilberg
-trägt wie der alpine Steig im Schwarzwassertal bei Aue einen echt
-alpinen Charakter wie vielleicht wenig andere Gebirgslandschaften in
-Deutschland.
-
-Ich habe diese Täler und Höhen zu jeder Zeit des Jahres beobachtet:
-wenn der Frühling die Gebirgsbäche schwellt oder wenn Sommertagszauber
-auf den Bergstädten und Halden liegt. Vielleicht ist auch hier der
-Herbst am schönsten, und die klare, reine Luft läßt dann Einzelheiten
-hervortreten, die durch die Schwüle des Sommers nur allzuoft verwischt
-waren. An solchen Tagen hebt sich jedes Baumblatt in klaren Umrissen
-vom Horizonte ab und dahinter ein Stück altersgrauer Fels, bis auch
-dieser wieder in das brennende Feuer der Abendröte getaucht ist. Dann
-wird die Freude an den tausend kleinen Entdeckungen, die der Wandrer
-bei seinen Fahrten macht, zur Andacht – zu der großen, stillen
-Andacht, die den Menschen im Innersten seine Verwandtschaft mit der
-Natur ahnen läßt.
-
-Oft lag der Mittagszauber über dieser Erzgebirgsnatur, und die Linien
-des Gebirges lösten sich in der Schwüle auf, die über Tälern und
-Wäldern lag. Das Mittagsgespenst geht um und drückt Menschen und Tiere.
-Die Halden liegen einsam und versonnen, und in den Bergstädten schläft
-man ein Stück in den Nachmittag hinein. Wer in solchen Zeiten in der
-Natur ist und ihrem Weben nachgeht, den umfängt ein geheimnisvoller
-Schauer, den Schwind in seiner Mittagsfrau unnachahmbar zum Ausdruck
-gebracht hat. Aber mich soll sie heute nicht abhalten, immer mehr in
-die Fichtelgebirgsnatur hineinzuwandern, die sich hinter Mittweida
-auftut. Die Mühle, die hier am Eingange des oberen Mittweidaer Tales
-eingebettet ist in lauschiger Einsamkeit, soll mein erstes Ziel sein.
-
-Schon vor Jahren hatte es mich öfter in diese Gegend gezogen, als ich
-eines Nachmittags die Crottendorfer Kirche entdeckte. Inmitten dieser
-Erzgebirgsnatur, umrahmt von den Vorhöhen des Fichtelberges ein Stück
-Kunst hinter den altersgrauen Mauern, wie es selbst der farbenfrohe
-Südländer sich nicht besser wünschen könnte. Ein prachtvoller alter
-Holzaltar, die Decke getäfelt und selbst an den Wänden und Emporen
-Bilderschmuck – so wird das Ganze dieses Kirchleins zu einer inneren
-Anregung für den Besucher, wie sie unsre protestantischen Gotteshäuser
-leider nur allzuoft vermissen lassen und wie sie doch gerade in unsrer
-hastenden Zeit so wohl tut. Ob uns wohl etwas mehr Farbenfreude in
-unserem arm gewordenen Deutschland schaden würde?
-
-[Illustration: Abb. 1 =Kirche zu Crottendorf=]
-
-Hinter der Bahnstation von Mittweida beginnt das eigentliche Tal, das
-sich von hier bis zum Fichtelberg selbst hinzieht. Während der ersten
-Wegstunde immer dasselbe Bild: drunten am Bach ein paar Häuser oder
-eine Papier- und Sägemühle – dahinter weite Waldbestände, die, je
-höher man hinaufkommt, desto mehr den Blick gefangennehmen und die
-Gedanken an nichts anderes aufkommen lassen. Hinter der Wolfner Mühle,
-die noch einmal an einer Talgabelung liegt, tritt der Wald so nahe
-heran, daß nur noch die Mittweida und eine Waldstraße durch das Tal
-führen. Dann hören auch die letzten Ansiedlungen auf, und die große,
-feierliche Stille der Natur beginnt. Die umliegenden Höhen senden
-ihre Blöcke und Kuppen vor, die über dem Waldreichtum Wache halten.
-Der Weg zieht sich immer weiter zur Höhe hinan und täuscht doch immer
-wieder, indem er weitere Ausblicke eröffnet – es ist, als wollte der
-Wald hier kein Ende nehmen und als sollte niemand wieder aus seinem
-Bann herauskommen, der sich einmal hinein begeben hat. Endlich, als
-sich schon der Fichtelberg selbst wie ein Wächter dieser Landschaft
-emporreckt, teilt sich der Weg, indem ein Pfad gerade an dem Abhang
-emporführt, während ein anderer sich oberhalb der Tellerhäuser mit dem
-sogenannten Prinzenweg vereinigt. Die Mittweida selbst entspringt nicht
-weit vom Unterkunftshause, und man hat somit Gelegenheit, das Werden
-und Wachsen dieses kristallenen Baches bis zu seiner Mündung in das
-Schwarzwasser zu verfolgen.
-
-[Illustration: Abb. 2 =Inneres der Kirche zu Crottendorf=]
-
-Wer es kann, wandere diese einsame Straße, wenn im November das
-Abendrot hinter den Bäumen hängt und aus dem Waldbereich einsame Feuer
-emporsteigen. Er wird hier ein Stück Naturmystik finden wie selten im
-Erzgebirge, und er wird aus solchen Fahrten neue Erholung und Kraft
-schöpfen. Jene Kraft, die uns mit der Natur selbst verbindet und die
-unser armes Volk gerade in den jetzigen Tagen so nötig hat.
-
-
-Anmerkung
-
-Nach der Mitteilung des Herrn Pfarrers Merz in Crottendorf hat
-wahrscheinlich schon im dreizehnten Jahrhundert an der Stelle der
-heutigen Kirche dieses Dorfes eine frühere gestanden, deren Größe
-noch heute an dem Nordgiebel des Kirchbodens zu sehen ist. Am fünften
-Sonntag nach Trinitatis 1539 wurde hier wahrscheinlich von dem Pfarrer
-Abraham Schroot (oder Adam Schrott) die erste evangelische Predigt
-gehalten. Die jetzige Kirche wurde 1654 geweiht. Der schöne Altar,
-der neben der kunstvollen Holzdecke einen Hauptschmuck der Kirche
-bildet, wurde von dem Freiberger Bildhauer Theodor Meyer begonnen und
-nach seinem Tode in Crottendorf von seinem Eidam 1698 vollendet und
-1699 geweiht. Die Kanzel ist ein Werk des Annaberger Meisters Andrä
-Götze und ist zweimal, 1883 und 1896 erneuert worden. Neben der Kanzel
-steht ein alter Flügelaltar, der in gleicher Höhe rechts auf dem Bilde
-sichtbar ist. Ferner sind noch zwei Ölgemälde, Bildnisse der Kurfürsten
-Johann Georg I. und Johann Georg II., des letzteren in jugendlichem
-Alter, vorhanden, dazu rechts und links von den beiden Emporen Ölbilder
-mit Darstellungen aus dem alten und neuen Testament, die sehr alt und
-noch gut erhalten sind. Der Taufstein ist aus Crottendorfer Marmor
-hergestellt.
-
-
-
-
-Kurt Arnold Findeisen
-
-Von _Otto Eduard Schmidt_
-
-
-Am nächsten 15. Oktober vollenden sich vierzig Jahre, seit Kurt
-Arnold Findeisen im sächsischen Zwickau geboren wurde. So liegt die
-Jugendzeit hinter ihm, das männliche Alter beginnt und damit ist der
-rechte Zeitpunkt gegeben, einen Rückblick auf das Schaffen des Dichters
-anzustellen und – soweit es ein Menschenauge vermag – einen Ausblick
-auf seine Zukunft zu wagen. Aus einer Familie stammend, die Juristen,
-Schulleute, Forstbeamte hervorgebracht hat, trat er als Sohn eines
-Kohlenschachtbuchhalters ins Leben, seine Mutter war eine ehemalige
-Kleinkinderlehrerin. An ihr hing der Knabe mit zärtlicher Liebe; ihr
-Bild taucht wie ein sorgsam gehütetes Kleinod in Findeisens Gedichten
-immer wieder auf. Seine Schulbildung erhielt er in Dresden, Zwickau und
-Schneeberg. Er wurde Lehrer in Mylau, dann in Plauen im Vogtlande.
-Durch Teilnahme an Ferienkursen der Universität Jena erweiterte und
-vertiefte er sein Wissen und seine Weltauffassung. Findeisen selbst
-sagt, daß er erst nach seinen Bildungsjahren zu seiner eigentlichen
-Bestimmung erwachte. Das mag wohl sein, aber jedenfalls ist schon
-lange, bevor er die ersten Früchte seiner Muse pflückte, tüchtig an
-ihm gearbeitet worden und noch mehr wohl hat es in ihm gearbeitet.
-Oder wer hat wohl das sinnige Wesen, das ihm von Kind auf eigen war,
-die tiefgewurzelte Hinneigung zur Natur und vor allem den stärksten
-Antrieb seines ganzen Schaffens, die Sehnsucht, in ihn gepflanzt, wenn
-nicht die frühverklärte Mutter? Sehnsucht nach etwas anderem, als dem
-gemeinen Alltag trug er schon als Knabe im Herzen, wenn er am »roten
-Brückenberg« in Zwickau »im Zittergras stundenlang« träumte, mit der
-Sehnsucht in der Seele durchwanderte er in Plauen seine Umwelt und
-verliebte sich in die wenigen stillen Gründe und Gartenwinkel, die der
-Industrialismus dort übriggelassen hatte, die Sehnsucht begleitete ihn
-hinaus auf die vogtländischen Wiesen und erlenumsäumten Bachtäler, über
-denen noch der Nachhall der Heimatlieder Julius Mosens schwebte, die
-Sehnsucht führte ihn früh zu der Hinterlassenschaft seines Landsmannes
-Robert Schumann und zu Wilhelm Raabe, mit dem er noch eine persönliche
-Beziehung knüpfen durfte. Und zu der Sehnsucht kam die Parzivalstimmung
-»durch Mitleid wissend«, die Heimat und Welt umspannende Menschenliebe,
-der zweite Brennpunkt seines Wesens. Das reiche Innenleben drängte
-nach außen: er fand eine doppelte künstlerische Ausdrucksmöglichkeit
-für alles, was in ihm lebte, die dichterische und die musikalische.
-Die dichterische betätigte er zuerst in weichen Klängen inniger
-Heimatliebe, in Liedern und Balladen, die er in Zeitschriften
-veröffentlichte. Er selbst gab seit 1912 mit Paul Miller und Emil
-Rösler die Monatsschrift »Das Vogtland und seine Nachbargebiete«
-heraus, die von Anbeginn an durch die auf den Grundsätzen der Romantik
-beruhende innere Verknüpfung der Künste hoch über den meisten
-Unternehmungen dieser Art stand. Dann riß ihn der Weltkrieg als
-Krankenpfleger mitten hinein in die äußere und innere Not unseres
-schwer ringenden Volkes. Mitten im Brausen des Kriegssturmes entstand
-seine erste Gedichtsammlung »Mutterland« in den zwei Unterabteilungen
-»Vogtland« und »Erzgebirge«, die Findeisen später (1922) bei Oskar
-Laube in erweiterter Gestalt unter dem Titel »Sachsen, zwei Bücher
-Landschaftsgedichte und Balladen« (1. Mutterland, 2. Ahnenland)
-herausgab. Niemand kann Findeisen verstehen, der nicht in diesen
-von inniger Heimatliebe getragenen, aber zugleich auch die tiefsten
-und letzten Fragen des menschlichen Lebens berührenden und lösenden
-Dichtungen gründlich zu Hause ist. Ich gestehe, daß ich in diesen
-Gedichten seiner ersten Periode das Schönste finde, was Findeisen in
-Vers und Reim geleistet hat, und ich möchte wünschen, daß er sich nie
-von dieser ihm ureigenen Art zu künstlicheren, vielleicht auch einmal
-verkünstelten Gedichten, wie sie sich neben vielem urkräftig Schönen
-hie und da unter seinen späteren Gedichten finden (»Aus der Armutei«,
-E. Focke, Chemnitz 1919), entfernen möge. Im »Vogtlandslied« und im
-»Erzgebirgslied« klingen so herzbewegende Töne, wie sie seit Julius
-Mosen kein Obersachse mehr anzuschlagen verstand, aber weit größer
-und eindrucksvoller als bei dem älteren Dichter ist bei Findeisen der
-musikalische Wohllaut der Sprache:
-
- O ihr Berge meiner Väter,
- Träumerisch und tannengrün,
- Dran die braunen Hütten kleben
- Und die Abendlichter blühn!
- O ihr Hänge meiner Heimat!
- Tief in Holz und Heidekraut
- Hat bei euch sich meine Seele
- Ach, ein kleines Nest gebaut.
-
-Für die Krone der älteren Dichtungen Findeisens halte ich die von
-ihm ganz frei aus der innerlichsten Anschauung des großen Altars der
-Schneeberger Wolfgangskirche und aus dem Erleben der Schneeberger
-Weihnachtswoche und der Christmetten ersonnene und gestaltete Ballade
-»Der kleine Melchior und das Weihnachtskind«. Aus der gesamten
-deutschen poetischen Literatur über das Weihnachtsfest weiß ich dieser
-geradezu klassischen Verherrlichung des Christnachtszaubers wegen der
-»Fülle der Gesichte« und der brunnengleich quellenden Sprache nichts
-Gleichwertiges an die Seite zu stellen. Der dem Dichter wesensverwandte
-Maler Alfred Hofmann-Stollberg, hat die Anschaulichkeit der Gedichte
-Findeisens durch wundersam beseelte Zeichnungen noch erhöht.
-
-Um dieselbe Zeit erschien auch die erste Geschichtensammlung Findeisens
-unter dem Titel »Heimwege« (Konstanz 1918, Verlag von Reuß & Itta),
-vier Perlen einer schlichten, aber tief ergreifenden Erzählungskunst.
-Am erschütterndsten sind wohl »Der Schulmeister von Dröda«, jene
-»sonnenlose Geschichte«, die er dem ehemaligen Lehrer von Papstleithen,
-seinem Schwiegervater, künstlerisch gestaltend nacherzählte,
-und »Der Wunderbaum«, das in samtweicher Sprache dahintönende,
-schmerzensreiche »Hohelied« vom vogtländischen Heimweh, durch das er
-die Heimwehstimmungen seines stärksten Vorgängers auf diesem Gebiete,
-Julius Mosens, weit übertraf. Sie sind, um vier kleinere Erzählungen
-vermehrt, in einer zweiten Auflage unter dem Titel »Der Tod und das
-Tödlein« 1921 in Dresden erschienen.
-
-Unterdessen hatte der Dichter, seit 1913 mit Wanda Hildegard Gebauer
-verheiratet und Vater eines 1915 geborenen Sohnes, Plauen, die rührige
-Hauptstadt des Vogtlandes, mit der sächsischen Landeshauptstadt
-Dresden vertauscht. Hier spricht die Kunst im weitesten Sinne des
-Wortes und eine lange, spuren- und werkreiche Geschichte des geistigen
-und künstlerischen Lebens der Obersachsen noch weit eindringlicher
-zu seiner empfänglichen Seele, hier hat er unter dem Einflusse der
-unabsehbaren Folgen des Weltkrieges und der Staatsumwälzung neue
-Gärungen durchgemacht, die seine Wesensbildung rasch steigerten und
-hoffentlich ohne Schädigung seiner natürlichen Eigenart vollenden
-werden. Die wichtigste Frucht dieser inneren Kämpfe und Wandlungen
-ist die immer stärkere Hinneigung zu der Dichtungsart, durch die
-gegenwärtig die kräftigste Einwirkung auf die Stimmung und Gesinnung
-des Volkes erzielt wird: zum Roman. Sehr bezeichnend für Findeisen
-ist die Wahl der Stoffe. Für ihn gab es kein Schweifen in die
-Ferne, sondern, wie er mit allen Fasern seines Wesens in Volk und
-Heimat verankert ist, packten ihn mit zwingender Notwendigkeit fast
-gleichzeitig zwei obersächsische Stoffe von sehr verschiedener
-Art und noch verschiedenerem Ausmaß: Robert Schumann und – Karl
-Stülpner. Dem Schumann-Roman gingen zwei Bücher voraus, die die
-besondere Befähigung des Verfassers für die Auslegung musikalischer
-Werte und musikgeschichtlicher Verhältnisse an den Tag legten: die
-bei Dürr in Leipzig verlegten »Klaviergeschichten, Einführungen in
-ein volkstümliches Verständnis der Musik« und die schon in zweiter
-Auflage gedruckten »Robert Schumanns Kinderszenen auf heimatlichen
-Grund gelegt«. Von dem Schumann-Roman, der den Titel trägt »Der
-Davidsbündler« ist Weihnachten 1921 der erste Teil »Herzen und
-Masken« erschienen, der die Entwicklung Robert Schumanns in Leipzig,
-das Leipziger Musikleben jener Zeit und Schumanns dornenvolles
-Liebeswerben um Klara Wieck bis zur endlichen Vereinigung mit der
-Geliebten schildert. Vieles ist in dem Roman aus den Kompositionen und
-dem Briefwechsel der beteiligten Personen und aus dem eindringendsten
-Studium der Orts- und Zeitverhältnisse mit feinem Nachempfinden
-und sicherem Sicheinfühlen gestaltet, anderes, was der Dichter zur
-Ergänzung der trümmerhaften Überlieferung brauchte, ist mit genialem
-Seherblick und kraftvoller Phantasie frei erfunden. Man wird aber mit
-einem Urteil über das Ganze billigerweise zurückhalten müssen, bis
-der Dichter auch den zweiten Teil »Den Weg in den Aschermittwoch«,
-den Niedergang und das Erlöschen des leuchtenden Gestirns, das ihm
-Robert Schumann bedeutet, dargestellt haben wird. Der Stülpner-Roman
-erschien zuerst in einzelnen Stücken in der »Sächsischen Heimat«, der
-von Findeisen herausgegebenen »Zeitschrift für volkstümliche Kunst
-und Wissenschaft in den obersächsischen Landen«, dann aber, durch
-einige wichtige Kapitel abgerundet, in Buchform bei Grethlein & Co.,
-Leipzig und Zürich, zu Weihnachten 1922 unter dem Titel »Der Sohn
-der Wälder«. Die Geschichte vom Raubschützen Karl Stülpner, dessen
-Bild noch heute in mancher Holzhütte des oberen Gebirges hängt,
-von dem ein selten gewordenes Buch mit bunten Kupfern erzählt, das
-ich in meiner Knabenzeit voll Begeisterung las, der noch immer als
-das beste Kassenstück des sächsischen Puppentheaters gilt, ist der
-kräftigste und ergiebigste Stoff, den die erzgebirgische Vergangenheit
-für den kommenden Dichter aufbewahrt hat, und Findeisen, in dem die
-erzgebirgische Heimat lebt und atmet, der am liebsten selbst in den
-Tiefen des Waldes die Schwere und die Unrast der Zeit vergessen möchte,
-war der rechte Mann, diesen köstlichen Schatz zu heben und künstlerisch
-zu verklären. In Findeisens Stülpnerbuch waltet ein dem Geist der
-Romantiker verwandter mystischer Naturalismus, wie wenn Goethe in der
-Szene »Wald und Höhle« den Faust zum Erdgeist sagen läßt:
-
- Du führst die Reihe der Lebendigen
- Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brüder
- Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
-
-Sein Stülpner lebt mit Wald und Fels, mit Tier und Blume in innigster
-Gemeinschaft, er erscheint selbst als eine Art Erzeugnis der
-Waldesnatur und sinkt zuletzt in geheimnisvoller Weise in das Reich
-zurück, aus dem er gekommen ist. Man genießt diesen Roman im ersten
-Lesesturm wie einen erfrischenden Hauch aus der Zeit unseres Gebirges,
-in der es noch in unverfälschter Ursprünglichkeit zum Menschen redete.
-Erst beim zweiten und dritten Durchlesen wird man sich der feinen
-Kunst bewußt, mit der der Dichter diese Wirkung erzielt. Wie der
-Tau eines Frühlingsmorgens liegt Reinheit und Keuschheit über dem
-Ganzen. Die Frauenliebe tritt gegen die Mutterliebe zurück, und wo
-sie einmal im Vordergrund steht, da spart der Dichter die sinnlichen
-Ausmalungen. Dagegen ist der gebirgischen Derbheit reichlich Raum
-gegeben, namentlich in der wohlgelungenen Zeichnung des Amtsfrons
-Wohllebe und der Genossen Stülpners, der Wildschützen Dotzinger und
-Hertzog. Ich stehe nicht an, Findeisens Stülpner-Roman als die echteste
-und volkstümlichste Schöpfung zu bezeichnen, die die Dichtung des
-Erzgebirges bis jetzt hervorgebracht hat. Damit ist nun auch der Platz
-besetzt, den wir mit Bedauern so lange leer gesehen haben. Findeisen
-hat, wie schon früher in seiner Lyrik und seiner Ballade, so nunmehr
-auch im Roman die Bedeutung erlangt, daß wir in ihm einen der führenden
-Dichter des obersächsischen Stammes erkennen dürfen. Möge es dem
-Dichter, dessen wir uns als eines teuern Kleinods erfreuen wollen,
-vergönnt sein, von Stufe zu Stufe in seiner naturgemäßen Entwicklung
-fortzuschreiten und das Ehrenkränzlein obersächsischer Dichtung mit
-neuen, immer schöneren Blüten zu schmücken.
-
-
-
-
-Auf der Schwelle des Erzgebirges
-
-Von ~Dr.~ _Kurt Schumann_
-
-Mit Bildern nach Aufnahmen von _J. Ostermaier_, Dresden-Blasewitz
-
-
-So oft ich, gequält durch den Lärm von fünf äußerst betriebsreichen
-Straßenbahnlinien und das melodische Gewimmer eines
-Luftschaukelleierkastens, gegen das ich seit Jahren einen ebenso
-zähen wie erfolglosen Kampf führe, mich mit dem Gedanken trage,
-meinen Striesener Wigwam zu verlassen und mich auf die mit meiner
-Arbeitsstätte durch die billige Reichsbahn verbundene Lausitzer
-Hochfläche zurückzuziehen, brauche ich nur einen Blick zum Fenster
-hinauszutun, um mich in meinem Entschluß wieder wankend werden zu
-lassen. Denn bis zu den Gipfeln des östlichen Erzgebirges, zum Geising
-und Sattelberg, wandert der Blick selbst vom Schreibtisch aus, und
-auch bei neunzehnhundertzweiundzwanziger Wetter sind wenigstens
-seine Vorhöhen gut zu überschauen. Und dieser Blick wiegt schon
-eine ordentliche Portion Straßen- und Karussellärm auf. Die letzten
-Cunnersdorfer Schächte begrenzen den Horizont im Westen; dann folgt die
-Goldene Höhe, und zwischen ihr und dem Plateau der Babisnauer Pappel
-guckt der Walfischrücken der Quohrener Kipse durch, was besonders
-schön in die Erscheinung tritt, wenn der hintere Höhenzug im Schimmer
-frischgefallenen Schnees glänzt, während den vorderen niederen schon
-der grüne Schein lenzesfroher Saaten schmückt. Beherrscht aber wird
-das ganze Bild von dem einzigen wirklichen Gipfel dieser Höhenzüge,
-dem nahezu fünfhundert Meter hohen Wilisch. Im Osten schließt die
-flache Kuppe des Finkenfangs das besonders im Morgen- und Abendlicht
-ganz wundersame Bild ab. Da sich außerdem mit dem überblickten Gebiet
-Erinnerungen an meine ersten Wandertaten verknüpfen, ist es kein
-Wunder, daß ich mit ihm noch vertrauter bin als mit manchem anderen
-Dresdner Ausflugsgebiet, und mir die redlichste Mühe gebe, ihm immer
-neue Verehrer zu gewinnen. »Warum sucht ich den Weg so sehnsuchtsvoll,
-wenn ich ihn nicht den Brüdern zeigen soll?«
-
-Wie notwendig solche Führungen sind, konnte ich wieder einmal erkennen,
-als ich mit einer sonst wirklich nicht auf den Kopf gefallenen
-Jugendgruppe die letzte diesjährige Volkshochschulwanderung unternahm.
-War doch z. B. keiner von den etwa dreißig Teilnehmern bisher mit
-der _Windbergbahn_ gefahren, obgleich eine Fahrt auf dieser Strecke
-unzweifelhaft zu den schönsten und billigsten Genüssen gehört, die
-sich der Dresdner leisten kann. – Am Bahnhof Plauen blickt man
-zunächst einmal der Gegend in die Eingeweide. Über dem Syenit des
-_Ratssteinbruchs_ lagern, schräg nach dem Elbtal zu einfallend,
-Plänerschichten, Erinnerungen an die Zeit, da über diesem Gebiet die
-Fluten des Kreidemeers wogten. Bei dem mächtigen Getreidesilo am Fuße
-der Heideschanze verläßt der Zug die Enge des Plauenschen Grundes
-und tritt in das weite _Döhlener Becken_ ein, das die Weißeritz
-durch Abtransport der diese ganze Gegend bedeckenden Geröllmassen,
-die im Zeitalter des _Rotliegenden_ hier abgelagert worden waren,
-geschaffen hat. Der das Becken beherrschende Windberg zeigt an,
-bis zu welcher Höhe diese Konglomerate einst lagen. An den weichen
-Lehnen klettert unser Zug empor, wobei sich die herrlichsten Blicke
-über das Freitaler Industriegebiet, das Elbtal und die Lößnitzhänge
-eröffnen. Auf der Höhe angelangt, können wir die Blicke weit nach
-Norden und Osten schweifen lassen. Wir wissen nicht, welcher von den
-drei überschauten Landschaften wir den Preis der Schönheit zuerkennen
-sollen, den sanftgewellten Höhen des Lausitzer Berglandes, der
-weiten von Siedlungen erfüllten Elbaue mit den Loschwitzer Hängen
-und dem Eckpfeiler des Borsbergs im Hintergrund oder der zierlichen
-Tafelberggesellschaft des Elbsandsteins, die fremd und eigenartig im
-Süden auftaucht. Die Nähe aber ist nicht minder interessant. Mächtige
-Wälder von Baumfarnen und anderen tropischen Gewächsen, deren Schönheit
-uns heutzutage nur noch die Gewächshäuser (Pillnitz) offenbaren, wurden
-von den Schottermassen der Rotliegendzeit einst zugedeckt. Im Laufe
-verschiedener Jahrmillionen wurden die Baumleichen in Kohle verwandelt,
-die der Niederhäslicher und Burgker Bergmann nun unter schwerer Mühe
-und Lebensgefahr, von der auch das Denkmal auf dem Segen-Gottes-Schacht
-erzählt, ans Licht bringt. Denjenigen, die sich für unsern heimischen
-Bergbau näher interessieren, kann ich gar nicht warm genug die
-Ausstellung im Heimatkundlichen Schulmuseum des Dresdner Lehrervereins
-auf der Sedanstraße empfehlen, wo sich nicht nur Zeichnungen und
-Modelle von Bergwerken, die Werkzeuge des Bergmanns, geologische Karten
-und Profile und geschichtliche Erinnerungsblätter finden, sondern
-man auch in bequemer und übersichtlicher Weise einen Einblick in die
-Bedeutung, Verbreitung und Arbeitsweise der verschiedenen auf dem
-Kohlenreichtum des Gebiets sich aufbauenden Industriezweige erhält.
-Eine treffliche Ergänzung dazu bildet die Schilderung, die H. Beier im
-ersten Band des Dresdner Wanderbuchs vom »Industriegebiet des Döhlener
-Beckens« gibt. Unser Züglein führt uns in der Nähe verschiedener
-Schächte und ganz dicht am Marienschacht vorüber, so daß wir bei der
-beängstigenden Geschwindigkeit unseres Vehikels genügend Gelegenheit
-haben, neiderfüllte Blicke nach den mit den schönsten Steinkohlen
-beladenen Hunden und Eisenbahnwagen zu werfen.
-
-[Illustration: Abb. 1 =Im Plauenschen Grund bei Coßmannsdorf=]
-
-Am Bahnhof Bannewitz wendet sich die Bahn südwärts, und wir gewinnen
-einen prächtigen Blick auf das nach dem Döhlener Becken hinabziehende
-Poisental, das den in den unfruchtbaren Sandsteinen des Rotliegenden
-wurzelnden _Poisenwald_ umschlingt. Auch dieser den Dresdnern noch
-verhältnismäßig wenig bekannte Wald hat seine besonderen Reize. Wenn im
-Frühjahr und Herbst die Birkenreihen wie Fackelzüge durch den dunklen
-Kiefern- und Fichtenwald sich durchschlängeln, kann er wohl mit seinen
-bevorzugten Brüdern in Wettbewerb treten. Nachdem uns die Halde neben
-der Haltestelle Goldene Höhe daran erinnert hat, daß sich früher
-der Bergbau bis nach Rippien hinüberzog, fahren wir an der schönen
-Pappelallee nach Possendorf hinab. Tief unter uns liegt Wilmsdorf
-im oberen Poisental. Nur wenigen dürfte bekannt sein, daß dort der
-Freiheitskämpfer Schill 1776 geboren wurde.
-
-[Illustration: Abb. 2 =Die Possendorfer Windmühle=]
-
-Uns verheißt die goldne Herbstsonne, die uns beim Aussteigen in
-_Possendorf_ begrüßt, ein schöneres Los als ihm, und so wandern wir
-wohlgemut durch das behäbige Dorf, das als Mittelpunkt der ganzen
-Pflege einen sehr stattlichen Gasthof, eine ebensolche Kirche und ein
-mit schönen Renaissancegiebeln versehenes Rittergut besitzt. Einen
-halben Kilometer jenseits des Dorfes, wo die prächtige Kastanienallee
-in einem schön geschwungenen Bogen die Wendischkarsdorfer Höhe
-nimmt, geht ein schmaler Fußsteig rechts feldein. Wir folgen ihm und
-beobachten dabei, daß die Felder eine auffällig rote Farbe tragen.
-Wir befinden uns also immer noch im Gebiet des Rotliegenden. Einige
-aufgelesene Steine belehren uns, daß wir es mit einer Ansammlung
-erzgebirgischer Gneise zu tun haben. Wenn nun diese Gneise schon in
-ihrem Ursprungsgebiet einen leidlichen Ackerboden abgeben, so ist
-dies naturgemäß hier, wo sie im bereits zerschlagenen Zustande der
-Verwitterung viel leichter anheimfallen, noch mehr der Fall. Deshalb
-macht auch das Quellreihendorf _Börnchen_, das nach fünf Minuten vor
-uns in der Tiefe auftaucht, einen ziemlich wohlgenährten Eindruck. Den
-Bewohnern der Umgegend ist es unter den Namen Käsebörnchen bekannt,
-weil die Börnchener sich nicht nur des Ackerbaues sondern auch der
-Käserei befleißigen. Noch heute kaufen wirtschaftsgeographisch
-geschulte Dresdner Hausfrauen ihren Käsebedarf unmittelbar von
-den Börnchner Käsewagen und -weibern in der Ausspannung in der
-Wilsdruffer Vorstadt. Sobald man die Quellmulde, in der Börnchen liegt,
-verlassen hat, liegt ein Turmgasthaus vor uns, das den »Gipfel« des
-_Lerchenbergs_ krönt. Mit seinen vierhundertfünfundzwanzig Metern ist
-der Lerchenberg noch achtzig Meter höher als die wegen ihrer Aussicht
-berühmte Goldene Höhe; kein Wunder, daß seine Aussicht mindestens vom
-geographischen Standpunkt als die vielseitigste der näheren Dresdner
-Umgebung bezeichnet werden muß. Das vulkanische böhmische Mittelgebirge
-ist mit seinen schönsten Repräsentanten ebenso vertreten wie die
-Sächsische Schweiz mit ihren sämtlichen »Steinen«, die Lausitz mit
-ihren Granitkuppen (Keulenberg, Butterberg, Valtenberg, Triebenberg)
-und das Erzgebirge mit den der einförmigen Rumpffläche aufgesetzten
-Basaltbergen (Sattelberg, Geising, Luchberg, Wilisch) und den wegen
-ihrer Härte herauspräparierten Porphyrhöhen (Kahleberg, Tellkoppe,
-Frauenstein). Das uns umgebende Rotliegendengebiet zeichnet sich durch
-seine sanftgewölbten Formen aus (gutes Skigelände!), mit denen nur
-die Basaltspitze des Wilisch und die Sandsteintafel an der Babisnauer
-Pappel kontrastiert. Ein anderes Sandsteingebiet liegt südlich von
-unserm Standpunkt. Es tritt deutlich aus der Landschaft hervor, weil
-es statt der Felder, die sich auf Gneis und Rotliegendem ausbreiten,
-große Waldflächen trägt. Daß sich der Sandstein dort gehalten hat,
-beruht auf ähnlichen Ursachen wie die Existenz _der_ Sandsteinscholle,
-aus der die Sächsische Schweiz herausmodelliert wurde. Auch hier
-ist der Sandstein durch eine sogenannte Verwerfung in ein tieferes
-Niveau gebracht und dadurch vor der Abtragung bewahrt worden. Diesem
-Sandsteingebiet streben wir nunmehr zu. _Groß-Ölsa_, das wir zunächst
-berühren, ist heute ein Hauptsitz der Möbelindustrie, die überhaupt zu
-den charakteristischen Erwerbszweigen des östlichen Erzgebirges gehört.
-Nur die Strohindustrie, die sich vom Kamm bis nach Dresden hineinzieht,
-kann sich mit ihr messen. Auch bei diesen beiden Erwerbszweigen
-können wir dieselbe Entwicklung verfolgen wie bei den meisten andern
-Industrien, sowohl im Erzgebirge als auch in andern deutschen
-Mittelgebirgen. Ursprünglich bauten sie sich auf den Rohstoffen auf,
-die das Gebirge lieferte (Holz, Erz, Stroh) und siedelten sich da an,
-wo das Wasser eine billige Betriebskraft lieferte. Jetzt reichen weder
-die heimischen Rohstoffe noch die Kraft der heimischen Gewässer zum
-Betrieb der Unternehmungen. Trotzdem bleiben sie mit Rücksicht auf die
-dadurch entstandene Bevölkerungsverteilung an den Ursprungsorten, und
-so kommt es, daß wir heute an Orten Industrie finden, wo Rohstoffe und
-Betriebsmittel von auswärts bezogen werden müssen. Die Entstehung der
-Überlandzentralen hat diese Entwicklung noch begünstigt. Im Interesse
-der Volksgesundheit ist dies nur zu begrüßen; denn der Arbeiter, der
-von seiner Werkbank ins Freie blickt auf grüne Wiesen, wogende Felder
-und freundliche Gehöfte, und nach beendeter Arbeit sich in einem
-Heim findet, das von lauter Natur umgeben ist, möchte wahrscheinlich
-nicht mit seinem Kollegen in der Oppellvorstadt tauschen, der seinen
-Augen und Lungen während der Woche nichts Besseres vorsetzen kann als
-finstre, dunstige Höfe und sterbenslangweilige luft- und liebeleere
-Straßen. Selbstverständlich tragen diese Fabrikbauten auf den Dörfern
-nicht gerade zur Verschönerung der Landschaft bei; aber auch auf
-diesem Gebiet sind wir über das Gröbste hinweg. Wie die Schulen auf
-dem Lande nicht mehr im Kasernengewande in die Landschaft hineinragen,
-sondern sich dem dörflichen Bilde einpassen, so gehören auch die mit
-knallroter Schauseite jedes Dorfidyll erschlagenden Fabriken, von denen
-man besonders in den Lausitzer Weberdörfern wahre Prachtexemplare
-findet, hoffentlich der Vergangenheit an.
-
-[Illustration: Abb. 3 =Die Barbarakapelle in der Dippoldiswalder Heide=]
-
-Unter solchen erbaulichen Sonntagsmorgenbetrachtungen sind wir in
-die Seifersdorfer Straße eingebogen. Auf dem ersten links abgehenden
-Feldwege verlassen wir sie wieder und gelangen bald in den Wald,
-die _Dippoldiswalder Heide_. Sie zeigt hier noch wenig ihren wahren
-Charakter, denn überall sinkt der Fuß in moorigen Boden ein, aus dem
-hier und da sogar bescheidene Bächlein entspringen. Die Sandsteindecke
-ist hier noch sehr dünn, so daß sich das durchsickernde Wasser auf
-der Gneisunterlage sammelt und abläuft. Nach wenigen Minuten sehen
-wir links vom Wege die Ruinen der Barbarakapelle. O. E. Schmidt
-bringt sie mit dem Bergbau in Beziehung (die heilige Barbara ist
-die Schutzheilige der Bergleute), während Schiffner in seinem
-ausführlichen Handbuch des Königreichs Sachsen von 1840 den Namen
-Barbarakapelle überhaupt nicht kennt. Er schreibt über die Ruine:
-»Südlich von Ölsa, tausend Schritt entfernt, steht im Walde die
-Claus- oder Clausenkirche, d. h. die Ruine der Nicolaikapelle, welche
-dem Kloster Zella gehörte, und deren Altar man noch in Seifersdorf
-sieht; dicht dabei quillt eine überaus starke Quelle (sie wird heute
-für die Wasserversorgung von Rabenau ausgenützt, wie der Steinborn
-bei Obermalter der Stadt Dippoldiswalde täglich bis über zweihundert
-Kubikmeter zu liefern vermag), und das Ganze war wohl eine Station
-für die nach Zella Wallfahrenden.« Schäfer fügt in seinem Führer
-durch Dresdens Umgebung noch hinzu, daß sie von Johann VIII. von
-Maltitz, dem dreiundvierzigsten Bischof von Meißen, gestorben 1649,
-zerstört wurde, weil ihr Geistlicher reformatorisch aufgetreten war.
-Irgendwelche künstlerische Bedeutung hat die Ruine nicht und jede
-Anwandlung feierlicher Stimmung, die sich in solchen Waldruinen
-bei empfindsamen Seelen einzustellen pflegt, wird jäh vernichtet
-durch die trotz der freundlichen Warnungen des Gebirgsvereins hier
-angesammelten Papierhaufen, die von der Beliebtheit dieses Platzes beim
-naturliebenden Publikum zeugen. Ich bin nur gespannt, bis zu welchen
-phantastischen Preisen das Papier noch steigen muß, ehe diesem Unfug
-ein Ende gemacht wird. Ein wunderschöner trockner Frühstücksplatz
-zwischen Heidekraut und Birken entschädigt uns für die an der
-Barbarakapelle nicht zustande gekommene Gefühlswallung. So landen wir
-wohl oder übel wieder im seichten Materialismus und lassen uns den
-Inhalt unserer Rucksäcke so gut schmecken, als es der üppige Belag
-zuläßt.
-
-Zu den bemerkenswerten Sehenswürdigkeiten der Dippoldiswalder
-Heide gehören die Wolfssäule und der Einsiedlerstein. Darum
-mußten auch wir ihnen unbedingt einen Besuch abstatten. Beide
-liegen an der schönen Straße, die Malter mit Wendischkarsdorf
-verbindet. Die Wolfssäule erinnert an eine Jagd im Jahre 1802,
-bei der »ein Wolf, der seit fünf Jahren aus- und eingetrabt ist
-und hundertunddrei Pfund wog, geschossen« wurde. Der glückliche
-Schütze war der kurpfalz-baiersche Gesandte und Minister Herr von
-Lerchenfeld. Bei dieser Gelegenheit sei mit hingewiesen auf den
-außerordentlichen Wildreichtum, der sich noch vor dreihundert
-Jahren in unsern Wäldern fand. Johann Georg I. (1611–1656) schoß
-während seiner Regierung fünfzehntausendzweihundertachtundzwanzig
-Hirsche, neunundzwanzigtausendeinhundertsechsundzwanzig Wildschweine,
-zweihundertvier Bären, eintausendfünfhundertdreiundvierzig
-Wölfe, zweihundert Luchse, elftausendachthundertelf Hasen,
-achtzehntausendneunhundertsiebenundfünfzig Füchse und
-dreitausendfünfhundertvierundzwanzig Wildkatzen. Wenn man auch
-versteht, daß mit der stärkeren Besiedlung und Kultivierung des Landes
-diese Fülle schwinden mußte, so kann doch der Naturfreund nur aufs
-tiefste die Verarmung beklagen, die unsrer heimischen Tierwelt dadurch
-widerfahren ist.
-
-[Illustration: Abb. 4 =Der Einsiedlerstein bei Dippoldiswalde=]
-
-Auf der vorhin genannten Waldstraße, die infolge des durchlässigen
-Sandsteinuntergrundes auch nach den stärksten Regengüssen trocken ist,
-und deshalb den Stöckelschuh-Schleierstrumpftouristen aufs wärmste
-empfohlen werden kann, gelangen wir zum Einsiedlerstein. Es ist
-tatsächlich ein kleines Stück Sächsische Schweiz, das sich hier vor
-uns aufbaut. Alle die typischen Erscheinungen der Sandsteinklüftung,
-Verwitterung und Pflanzenwelt sind hier zu beobachten. Nur die jedem
-Teilnehmer an wissenschaftlichen Sächsische Schweiz-Exkursionen
-bekannte Hauptattraktion fehlt: wenigstens haben wir alle Wände
-vergebens abgeleckt und kein _Alaun_ gefunden.
-
-[Illustration: Abb. 5 =Blick auf den Wilisch von Hermsdorfer Seite=]
-
-Auf dem Weiterwege können wir feststellen, was für ein herrlicher Baum
-die sonst ihren benadelten Schwestern nachstehende Kiefer werden kann,
-wenn sie auf günstigem Boden steht. Die wundervollen Exemplare links
-von unserm Wege künden die Behausung des Pflegers dieses Waldgebiets,
-die Oberförsterei Wendischkarsdorf an. Sie liegt im flachen Wiesental
-des Ölsenbachs und hat als Nachbarin die schöne Wendischkarsdorfer
-Heidemühle, die sich in wundervoller Weise der Landschaft einpaßt.
-Seit die allgemein mit Freude begrüßte Badeepidemie unser Volk
-ergriffen hat, ist es in dieser Gegend etwas lebendiger geworden;
-denn zehn Minuten oberhalb der Heidemühle liegt ein schöner Teich.
-Der Oktoberfrost hat der Sommerlust ein Ende gemacht, und abgesehen
-von den Verbotstafeln, erinnert nichts mehr daran, daß sonst die
-Fülle des Volks die Ufer säumte. Um so ungestörter können wir das
-stimmungsvolle Herbstbild genießen. Dann verfolgen wir ein Bächlein,
-das sich in den Teich ergießt, von der Mündung, vor der ein großer
-Schuttkegel liegt, bis zur Quelle, die sich wieder da findet, wo
-Sandstein und Gneis aneinanderstoßen. Nun schlagen wir uns durch nach
-der verlängerten »Prager Straße«, haben das seltene Glück, von keinem
-Automobil gerädert zu werden und gewinnen durch das Zscheckwitzer Holz
-den Zugang zur _Quohrener Kipse_. Wir begnügen uns heute mit einem
-Besuch der in ihren Südhang eingelassenen Grube, die uns ausgezeichnet
-erkennen läßt, woraus sich dieser markante Höhenzug zusammensetzt.
-Es ist »Gneisgeröll« aus dem unmittelbar anstoßenden Erzgebirge.
-Viele dieser Ablagerungen zeigen eine feine Fältelung und andere
-Stauchungserscheinungen, wie sie bei den Gneisen des Weißeritztales
-gewöhnlich sind, ein Beweis dafür, daß schon zur Zeit des Rotliegenden
-bedeutende Faltungen im Erzgebirge vollzogen waren und die Gneise schon
-denselben petrographischen Charakter besaßen wie heute[1]. Die Straße
-nach dem Wilisch führt immer an der Grenze von Gneis und Rotliegendem
-hin. Deshalb haben wir hier wieder einen Quellhorizont, wie die
-zahlreichen Brunnen bei _Hermsdorf_ beweisen. Name und Form des Dorfes
-zeigen uns, daß wir es hier mit einer deutschen Siedlung zu tun haben,
-und wir auch in dieser Beziehung an der Schwelle des Erzgebirges, das
-in wundervoller Klarheit immer vor uns liegt, stehen. Alle Dörfer
-nördlich der Hermsdorfer Höhen und auch das an der Paßstraße liegende
-Wendischkarsdorf haben zum mindesten einen slawischen Kern.
-
-[Illustration: Abb. 6 =Die »Malermühle« bei Goppeln=]
-
-Die schmucke Wilischbaude verführt uns, trotz des herrlichen
-Nachmittags unsre Mittag-Vesperpause im Innern dieses gemütlichen
-Berggasthauses zu verbringen. Selbst die sonst prinzipienfeste
-Jugend, der ich ein paar herrliche Lagerplätze in der Nähe des
-Hauses wärmstens empfohlen hatte, beging einen Sündenfall und
-frönte dem Kaffeegenuß und anderen Lastern (Ansichtskarten!).
-Nachdem zum Nachtisch noch die unvermeidlichen Volkstänze im
-Steinbruch getanzt worden waren, konnten wir den wissenschaftlichen
-Problemen des Berges zu Leibe rücken. Der _Wilisch_ besteht wie so
-viele andere bemerkenswerte Gipfel der weiteren Dresdner Umgebung
-(Winterberg, Stolpener Schloßberg, Landberg, Ascherhübel, Luchberg,
-Geising, Sattelberg) aus Basalt. Dieses Eruptivgestein ist in der
-Braunkohlenzeit durch die Ablagerungen des Rotliegenden und der Kreide
-durchgebrochen. Wie man aus der Richtung der Säulen feststellen kann,
-befinden wir uns auf dem Wilisch im Schlot des einstigen Vulkans. Die
-Grenzfläche zwischen Basalt und den Gneiskonglomeraten des Rotliegenden
-ist am Eingang zum Steinbruch ausgezeichnet zu sehen. Die Aussicht vom
-Gipfel, den seit vorigem Jahr statt der alten Landesvermessungssäule
-ein Kriegsgedenkstein krönt, wird durch den Baumbestand etwas
-beeinträchtigt. Ich bitte, die schönen Buchen aber trotzdem
-stehenzulassen, zumal der Charakter des Berges schon durch Kahlschläge
-in unmittelbarer Nähe des Gipfels aufs empfindlichste geschädigt
-worden ist. Ich habe damals, als ich mit wachsendem Grimm von meinem
-Fenster aus die Verschandelung des geliebten Berges bemerkte, sofort
-den Heimatschutz alarmiert, aber er konnte leider auch nichts mehr
-ausrichten.
-
-In reichlich zwei Stunden gelangt man vom Wilisch über Kreischa,
-Kautzsch, Bärenklause, Gaustritz, Goppeln nach Dresden. Wenn man die
-Babisnauer Pappel (Gewissensfrage: Wieviele Dresdner sind noch nicht
-dort gewesen?), vor der ein neues Aussichtsgerüst steht, noch mitnimmt
-und über Golberode mit seinen schönen Gütern nach Goppeln wandert,
-dauerts eine halbe Stunde länger. Jedenfalls liegt dieses herrliche
-Wandergebiet so nahe vor den Toren der Stadt, daß jeder, der noch nicht
-von der Schwelle des Erzgebirges ins weite Land geschaut hat, es recht
-bald einmal tun sollte. Und wenn uns der Winter wieder eine Schneedecke
-beschert, wie wir sie letztes Jahr hatten, dann säume keiner, dem vor
-den letzten Markstürzen ein freundliches Geschick noch ein paar Brettel
-bescherte, statt der nur mit Lebensgefahr (Umsteigen in Hainsberg!) zu
-erreichenden Kipsdorfer und Geisinger Gefilde die Höhen zwischen Malter
-und Wilisch, Kipse und Schmiedeberg aufzusuchen. Wie oft ist nicht der
-Blick ins gelobte Land schöner als das gelobte Land selbst!
-
-[Illustration]
-
-
-Fußnoten:
-
- [1] Beck, Geol. Führer: Elbtallandschaft.
-
-
-
-
-Der Vielfraß in Sachsen
-
-Von _Rudolf Zimmermann_
-
-
-Es dürfte meines Erachtens nicht zu empfehlen sein, als Beweis für
-den früher vorhandenen Wildreichtum des Erzgebirges – vergleiche
-Klengel, Jagdschloß Rehefeld, Mitteilungen Sächsischer Heimatschutz,
-Band XI, 1922, Seite 254 bis 257 – die Erlegung auch des Vielfraßes
-bei Frauenstein anzuführen. Denn hierbei handelt es sich lediglich nur
-um die _einmalige_ Erbeutung eines versprengten, _in Deutschland gar
-nicht heimischen und in historischer Zeit auch nicht heimisch gewesenen
-Tieres_. Bereits Blasius, der noch ein zweites deutsches Vorkommen
-anführt und nur diese beiden Vorkommen kennt, betont dies in seinen
-»Säugetieren Deutschlands« (Braunschweig 1857, Seite 211). »Einige Male
-hat man ihn (den Vielfraß) in Deutschland angetroffen: bei Frauenstein
-in Sachsen nach Bechstein und bei Helmstedt im Braunschweigischen
-nach Zimmermann. Das Skelett dieses letzteren, am weitesten nach
-Westen vorgedrungenen Tieres, habe ich noch im Museum in Braunschweig
-gesehen. Dieses vereinzelte Vorkommen ist sicher als das versprengter
-Flüchtlinge anzusehen. Es ist kein Grund vorhanden, daß der Vielfraß
-bis so weit nach Deutschland hinein je einheimisch gewesen wäre.«
-
-Über die Erbeutung unsres sächsischen Tieres berichtet zunächst Bahn
-in seinem »Amt, Schloß und Städtgen Frauenstein« (Friedrichstadt bei
-Dresden, 1748, Seite 10) das folgende: »Den 2. April [1715] erschoß der
-Förster zu Hennersdorff, Herr Kanngießer, auf dem Töpffer-Wald, bei dem
-Königs-Brunnen, ein unbekanntes Raub-Thier. Als es nach Hofe geschicket
-wurde, so wurde es erkannt, daß es ein Vielfraß wäre, dergleichen in
-Moscau und Persien anzutreffen sind.« Über die Einlieferung in Dresden
-findet sich bereits vordem in den »Dresdnischen Merkwürdigkeiten«
-(1750, Seite 60) eine kurze Notiz: »Den 4ten ~hujus~ [April] ward
-ein Vielfraß, so von einem Jäger bey Frauenstein geschossen worden,
-eingebracht, und auf die Kunstkammer geliefert«. Das Tier wird dann
-wieder in Hasches »Umständlicher Beschreibung Dresdens« (Dresden
-1781/83) als im Kurfürstlichen Naturalien-Cabinett stehend erwähnt:
-»Zwey Vielfraße, einer weißrötlich, bey Frauenstein gefangen, der andre
-schwarzbräunlich aus Sibirien.« Robert Berge, der dann später das
-Vorkommen erwähnt – Wissenschaftliche Beilage Leipziger Zeitung 1899,
-Nr. 61, Seite 241 bis 244 und Zoologischer Garten, Band 41, 1900, Seite
-129 bis 135 – und sich dabei auf die Bahnsche Angabe stützt, in der
-der Erlegung des Tieres zweimal (Seite 10 und 149) gedacht und das eine
-Mal dabei seine Erbeutung infolge eines offenbaren Druckfehlers auf das
-Jahr 1718 verlegt worden ist (»und sonderlich 1718 ein ungewöhnliches
-Raub-Thier, ein Vielfraß gefangen und eingeliefert worden«), spricht
-dementsprechend, aber natürlich irrtümlicherweise, von einem
-zweimaligen Vorkommen des Tieres.
-
-Ich hielt diese kurzen Darstellungen für notwendig, um zu vermeiden,
-daß aus der Klengelschen Notiz etwaige falsche Schlüsse auf den
-früheren Tierbestand Sachsens gezogen werden könnten. Einmal
-eingebürgerte unrichtige Vorstellungen aber sind ja dann auch immer
-schwer wieder zu beseitigen. Wie spuken zum Beispiel heute nicht die
-auf keinerlei sichere Unterlagen sich stützende Angaben von Heinrich
-Meschwitz in seiner sonst so schönen »Geschichte der Dresdner Heide«
-umher, der diese in der Vergangenheit unter anderen von Biber, Storch,
-Reiher, Kranich, Trappen usw. bevölkert gewesen sein läßt, also von
-Tieren, von denen zum mindesten für einen Teil das Vorkommen in der
-Heide völlig ausgeschlossen ist (Biber, Trappe! usw.).
-
-
-
-
-Der Wanderfalke in Sachsen
-
-Von _Rud. Zimmermann_
-
-Mit Abbildungen nach Aufnahmen des Verfassers
-
-
-Sachsens stattlichster Nachtraubvogel, der königliche Uhu, wie
-Altmeister Naumann ihn nennt, gehört unserm Vaterlande seit nunmehr
-fast fünfzehn Jahren als Brutvogel nicht mehr an, – er ist ein Opfer
-der erlittenen scharfen Nachstellungen und blindester Jagdleidenschaft
-geworden; der letzte in der Sächsischen Schweiz auf Postelwitzer
-Revier horstende Vogel unsrer Art wurde, wie Richard Heyder in seiner
-»~Ornis Saxonica~« mitteilt, 1910 von einem Bergsteiger mit dem
-Revolver totgeknallt!! Die Sächsische Schweiz und das Zittauer Gebirge
-gewährten dem Vogel die letzten Wohn- und Horstplätze im Sachsenlande;
-im Zittauer Gebirge war er nachweisbarer Brutvogel etwa bis um das Jahr
-1906 und in der Sächsischen Schweiz nur ereilte ihn, wie wir schon
-gehört haben, das Schicksal etwas später. Sein Verschwinden ging,
-nachdem er einmal spärlich geworden war, allerdings ziemlich rasch
-vor sich; um 1892 etwa horstete er auf Rosenthaler Revier linksseitig
-der Elbe das letzte Mal, um 1904 verschwand er rechtsseitig auf
-Mittelndorfer und 1906 auf Hohnsteiner Revier, bis dann wenige Jahre
-später der letzte brütende Uhu in der obengeschilderten Weise auf
-Postelwitzer Revier endete.
-
-Das Schicksal, das den Uhu betroffen hat, wirft in gefahrdrohender
-Weise seine Schatten auch auf den letzten kleinen Restbestand unsres
-schönsten und kühnsten Tagraubvogels, des _Wanderfalken_. Einst –
-ganz ähnlich wie auch der Uhu – viel weiter im Lande verbreitet
-und auch in den nordsächsischen Tieflandsgebieten daheim, dessen
-ausgedehnte Waldungen ihm günstige Horstgelegenheiten boten, umfaßt
-sein Brutbestand heute nur einige wenige Paare, von denen das eine
-(das einzige Ostsachsens überhaupt) im Zittauer Gebirge am Oybin
-horstet und erfreulicherweise von der Stadt Zittau, auf deren Gebiet
-sich der Horstplatz befindet, unter Schutz gestellt worden ist,
-während die übrigen dem Lande noch angehörenden Brutpaare in der
-Felsenwildnis der Sächsischen Schweiz ihre Jagdgründe und Brutplätze
-besitzen. Nach _Heyder_ horsteten bei Abschluß seiner im Jahre 1916
-erschienenen »~Ornis Saxonica~« nach den Auskünften der dabei in Frage
-kommenden Staatsforstrevierverwaltungen auf Postelwitzer Revier fünf,
-auf Mittelndorfer, Ottendorfer und Hohnsteiner Revier rechtsseitig
-der Elbe sowie auf Rosenthaler Revier linksseitig derselben je ein
-Paar Wanderfalken. Diese Zahlen, die wohl schon damals nur noch
-einen Abglanz von dem Einst boten – von Üchtritz beispielsweise
-bezeichnet 1821 den Wanderfalken als »gemein« für unser Gebiet –
-dürften heute nicht ganz mehr stimmen und sich in den letzten Jahren
-weiter zuungunsten des Vogels verschoben haben; der eine oder andere
-der damals noch vorhandenen Horstplätze mag jetzt verwaist und
-seine Bewohner aus dem Gebiete verschwunden sein. Von den genannten
-Revierverwaltungen meldeten mir für das letzte Jahr Rosenthal ein,
-Ottendorf ein bis zwei und Postelwitz zwei bis drei Paare, während
-Hohnstein den Wanderfalken als Brutvogel nicht mehr kennt und von
-Mittelndorf trotz aller Bemühungen leider keine Auskunft zu erlangen
-war. Zu diesen gemeldeten Horstpaaren kommen noch zwei weitere, von
-denen das eine Heyder unbekannt geblieben war, so daß wir – die mir
-von den Revierverwaltungen gemeldeten Zahlen dürften sich auf Grund
-eigener Nachforschungen an Ort und Stelle noch um etwas verschieben
-– für die Gegenwart wahrscheinlich mit einem Bestand von sicher
-sechs, wahrscheinlich aber sieben oder acht Brutpaaren rechnen dürfen,
-gegenüber einem solchen von etwa zehn bei Abschluß der Heyderschen
-»~Ornis Saxonica~.«
-
-[Illustration: Abb. 1 =Alter Horststandort des Wanderfalken auf dem
-Pfaffenstein=]
-
-Die größte Gefahr für unsern Vogel in der Sächsischen Schweiz besteht
-– auch die Mitteilungen der befragten Revierverwaltungen deuten
-dies an – im Klettersport; die Bergsteiger ersteigen im Frühjahr
-die Horstplätze der »Geier«, wie sie mir gegenüber den Wanderfalken
-wiederholt bezeichneten, und nehmen die Horste aus. Ich weiß von
-einem solchen, an dem dies in den Jahren vor und während des Krieges
-regelmäßig geschah (die »kühnen Geierjäger« haben sich dabei –
-selbstverständlich! – auch immer noch photographieren lassen) und
-ebenso ist mir von andern Horsten berichtet worden, die noch nach
-dem Krieg ausgeräubert worden sind. Es mögen nun freilich in der
-Mehrzahl dieser Fälle keine bewußt schlechten Absichten sein, die diese
-Horstplünderer leiten, sondern nur die Unkenntnis der Verhältnisse
-sie zu ihrem Tun veranlassen; sie kennen den hohen ästhetischen Wert
-des Vogels nicht und wissen nicht, daß sie uns durch ihre Handlungen
-eines unsrer schönsten Naturdenkmäler berauben, sondern sind vielmehr
-noch überzeugt, ein gutes, des »Schadens« des Vogels wegen zu
-billigendes Werk geleistet zu haben (um so mehr, als in einem der
-älteren mir gemeldeten Fälle der Horst mit ausdrücklicher Billigung der
-Revierverwaltung ausgenommen wurde).
-
-[Illustration: Abb. 2 =Horstplatz des Wanderfalken im Polenztal=]
-
-Nur, wer den Wanderfalken kennt, wer ihn schon draußen in seinem Reiche
-hat beobachten dürfen, wird ermessen können, welches hervorragende
-Naturdenkmal wir in ihm besitzen. Unvergessen z. B. steht mir eine
-Begegnung mit dem Vogel an einem Spätherbsttage jenes trüben Jahres
-in der Erinnerung, in dem die deutsche Ehre dahinsank und wir unsers
-Reiches Größe begraben mußten. Ich war an den Frohburg-Eschefelder
-Teichen gewesen und wanderte dem waldgelegenen, stillen Vaterhause
-zu. Aufgeblockt auf einer einsam im weiten, freien Felde stehenden
-Kiefer, die als schwarze Silhouette vor einem trübroten Herbsthimmel
-mit sturmgejagten, regendunklen Wolken stand, saß einer unsrer
-wundervollen, kühnen Räuber der Lüfte – ein Bild, so schön und die
-Sinne gefangennehmend, daß hinter ihm, für kurze Zeit wenigstens, das
-ganze Elend einer toll gewordenen Zeit verschwand. Und unverwischbar
-in der Erinnerung haben sich dann auch wieder Beobachtungen
-des Wanderfalken eingegraben, die ich im Frühjahr 1921 auf dem
-Pfaffenstein, einem seiner Horstplätze in der Sächsischen Schweiz,
-machen konnte. Mit einem warmherzigen, naturfrohen lieben Freund aus
-Sachsens unruhevollster Fabrikstadt hatte ich mich dort getroffen, und
-fast drei Tage lang konnten wir uns dann an dem fesselnden Leben und
-Treiben der eben flügge gewordenen jungen Wanderfalken erfreuen. Auf
-den Felskegeln und Felsleisten des Steines hockten sie, rufend und von
-Zeit zu Zeit die Schwingen in kurzen, aber wunderbaren Flugübungen und
-Flugschwenkungen erprobend. Tauchte dann in der Ferne beutebeladen
-einer der Alten auf, so stürmten die Jungen ihm entgegen, bettelnd und
-dann im Flug die von dem Elternvogel fallengelassene Beute erhaschend.
-Einmal sah ich dabei ein Bild, wie es sonst wohl nur wenige zu sehen
-bekommen. Der alte Vogel hatte die Beute fallengelassen, der an
-seiner Seite fliegende junge sie aber nicht aufgefangen. Senkrecht
-sich fallenlassend, stürzte ihr da der alte Vogel nach, und, sich
-überschlagend, daß er dabei auf dem Rücken zu liegen kam, fing er sie
-auf, ließ sie – in normale Fluglage zurückgekehrt – von neuem fallen,
-folgte ihr wiederum im Sturzfluge, um sie wie in der eben geschilderten
-Weise auf dem Rücken liegend wieder zu erhaschen, und wiederholte
-dieses, wie eine direkte Schauleistung wirkende flugkünstlerische Spiel
-fünf- oder sechsmal, so daß der Vogel geradezu wie ein in der Luft
-rasend umherwirbelndes Rad anmutete.
-
-[Illustration: Abb. 3 =Junger, flügge gewordener Wanderfalk=]
-
-Sollen wir nun tatenlos zusehen, wie dieser schöne Vogel, dem wir
-unter den sächsischen Raubvögeln keinen zweiten an die Seite stellen
-können, rettungslos seinem Untergang zueilt, auf das wir in wenigen
-Jahren vielleicht schon auf ihn das »Es war einmal« des Märchens
-anwenden können? Nein! Der Schreiber dieses nimmt gegenwärtig im
-Auftrage des Vereins sächsischer Ornithologen und mit Unterstützung
-des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz eine Bestandsaufnahme des
-Wanderfalken in der Sächsischen Schweiz vor, die dann die Unterlagen
-für den bereits eingeleiteten, umfassenden und hoffentlich von einem
-dauernden Erfolg begleiteten Schutz unsres »~Falco peregrinus~« bilden
-sollen.
-
-
-
-
-In der Zeit der schweren Not
-
-Von _Gerhard Platz_, Weißer Hirsch
-
-
-»Anna Elisabeth hieß sie, nicht Rosina Rebekka. Mensch, wann wirst du
-unsre Familiengeschichte endlich mal beherrschen lernen! Die Großmutter
-von der Urgroßmutter, die bei euch überm Kanapee hängt. Das ist doch
-so einfach! – – Wie’s eigentlich sich zugetragen hat? Nu, dabei war
-ich nicht, denn man schrieb das Jahr 1720. Ein Sonntag war’s, kurz vor
-Silvester unter der Predigt. Da waren dazumal nicht zu viel Leut’ auf
-der Gasse, denn Kirchgang war Pflicht eines rechten Christenmenschen
-und der Herr Oberpfarrer von Schellenberg merkte sich’s, wenn einer
-gar zu selten erschien. Draußen auf den Gassen standen die Röhrbrunnen
-dick im eisigen Strohpanzer und die Sperlinge saßen dickaufgeplustert
-in dem bißchen Morgensonnenschein – eine Bärenkälte war’s wieder
-einmal im Lande. Das mochte auch der Meister Petz im Schloßzwinger
-fühlen und er beschloß, sich mal ein wenig Bewegung zu machen, wo noch
-dazu heute das Gatter offen stand. Eins – zwei – drei – hopla, da
-war er oben, schüttelte sich den Pelz sauber zurecht und trollte die
-Schloßgasse hinunter ins Städtel. Kein Mensch ist ihm begegnet, nur
-die lahme Großmutter vom Meister Lohgerber, die ganz allein zuhause
-war und im Lehnstuhl am Fenster über ihrem Dresdner Gesangbuch
-saß, sah auf einmal eine dickvermummte Gestalt vor dem Nachbarhaus
-sitzen und immer nach dem grünen Wirtshauskranz schlagen, der dorten
-heraushing. Aber wer der dicke Kerl eigentlich war, bekam die Alte
-doch nicht heraus, dieweilen ihr Augenlicht ja schon gar schwach war.
-Petz aber trabte weiter und in der nächsten Gasse verschwand er im
-Hausflur. Finster war’s hier, und er brummelte ein bißchen unwillig
-über die mangelnde Flur- und Treppenbeleuchtung, dann aber gab eine
-Türe vor seiner stoßenden Nase nach, und er war in der Wohnstube der
-Bürgersleute. Menschenleer auch hier alles, aber im Winkel dort stand
-ein hölzernes Ding auf breiten Kufen. Das fing lustig an zu schwanken,
-wie der Bär mit der Tatze danach langte und alsbald erscholl aus dem
-Innern des Kastens ein schwaches Geschrei; der kleine Kerl in der
-Wiege war munter geworden. Zuerst wunderte sich der Braune ein wenig,
-dann aber macht’ ihm die Sache Vergnügen und er fing immer kräftiger
-an, die Wiege zu treten. Da gab’s denn nun wohl bald ein lautres
-Geschrei bei dem Insassen, also, daß sich auf einmal die Tür auftat
-und Anna Elisabeth Hungerin auf der Schwelle stand – deine Ahne,
-Mensch! Die war heute nicht in der Kirche gewesen; hatte vielmehr ein
-kräftig Wochensüpplein zu der Frau Schulmeisterin getragen. Auf dem
-Heimweg dann hatte sie das Kindergezeter gehört und war in die Stube
-getreten. Muß ein tapferes Weiblein gewesen sein, die Urahne, denn
-alsbald ist sie mit ihrem Stecken auf den Braunen losgegangen und hat
-ihm das Fell zu gerben begonnen. Vielleicht war’s mehr das Geschrei
-als die Schläge – aber jedenfalls ward der Ausreißer zornig, ging
-vorne hoch und dann sauste seine Pranke auf das Haupt der Angreiferin
-nieder. Dann hat er sie in Stücke gerissen und sich auch nicht durch
-die heimkehrenden Kirchengänger stören lassen, bis ein Musketenlauf
-zum Fenster hereinklirrte und die Kugel ihm das Lebenslicht ausblies.
-Seinen Schädel kannst du jetzt noch am Augustusburger Schloßtor dir
-ansehn. Na, weißt du nu, wie’s zugegangen?«
-
-Krach, saust es auf einmal zwischen uns zwei müde Jägersleute
-hernieder, die wir eben von weiter Morgenbirsch heimkehren und uns den
-Weg durch alte Geschichten kürzen. Ein vertrockneter Astzacken aus den
-hohen Kiefernwipfeln über uns!
-
-»Ha, ha,« lacht der Vetter, »mein märkischer Wald mag es nicht leiden,
-daß ich so viel hier von Kursachsen spreche. Glaub’s wohl, der Zipfel
-hier, so nah’ an der kursächsischen Grenze, ist den preußischen Königen
-gerad’ zur Zeit unsres Familienabenteuers oft ein Dorn im Auge gewesen.
-Die langen Kerle aus Potsdam rissen nur gar zu gern hier herüber
-aus in die sächsischen Dörfer. Und der sächsische Kurfürst wieder
-mußte sich ärgern über die vermaledeiten Werber, die gerade auch von
-hier aus bei ihm einfielen und Jagd machten auf seine Landeskinder.
-›Totschlagen die Kerle, wo sie erwischt werden‹, war die Parole auf
-kursächsischer Seite, da alle diplomatischen Vorstellungen in Berlin
-nichts fruchteten. Aber na, da ist ja das Forsthaus – wünsche wohl zu
-ruhen, liebwerter Herr Vetter.«
-
-Es will gar nicht recht klappen dies Jahr mit der Birsch auf den
-Keiler, und an manchem Abend sitzt der Vetter, der mich liebend gern zu
-Schuß bringen möchte, auf dem ehrwürdigen Kanapee, pafft wie ein Vulkan
-und nimmt nicht die geringste Notiz von Waldine und Hexe, den beiden
-Dackeln, die rechts und links von ihm Schönmännchen machen. Da hilft
-dann gewöhnlich nur ein Mittel, ihn aufzuheitern: ein Abstecher in das
-Gebiet der Familiengeschichte. Es ist beinahe rührend, diesen so weit
-von der Heimat verschlagenen Menschen zu beobachten, wie er auflebt,
-kann er sich ein wenig in die Vergangenheit seiner und meiner Familie
-versenken und einmal nach Herzenslust plaudern von unsern Ahnen, den
-alten Freiberger Glockengießern Hilliger zumal, auf die er besonders
-stolz ist. Da ziehen sie vorüber im Tabaksnebel des märkischen
-Forsthauses, die stolzen, alten Patrizier aus der hochberühmten
-Silberstadt, die Trainer, die Theler, die Monhaupt, die Schönlebe, und
-der Vetter klirrt förmlich durch die Stube, wenn er von Wenzel von
-Allnpeck erzählt, der 1396 vor Nikopolis gegen den Türken fiel.
-
-Der Vetter hat übrigens unrecht, wenn er gestern gar so sehr auf sein
-Revier schimpfte, das mir kein Weidmannsheil bringen will. Ich fühl’
-mich gar wohl hier auch ohne Bruch am Hut, und er, nun er liebt seinen
-Wald hier in der dürren Zauche mit aller Kraft seines treuen Herzens.
-Unvergeßlich wird mir die Überraschung bleiben, die ich am zweiten
-Abend hier erleben durfte, als mich der Vetter durch die rotbestrahlten
-Altkiefern hinunterführte und ich dann auf einmal am Ufer eines
-gewaltigen Sees stand, am Schwielow, dem Sohne der Havel, dessen
-Geburtsstunde in stürmischer Springflutnacht uns der kurmärkische
-Wandersmann Theodor Fontane so eindrucksvoll schildert in seinem Buch
-»Havelland«. Ruhevoll gleiten ein paar Segel auf der Höhe dahin, aber
-auf dem modrigen Grunde liegen, so erzählt es der Vetter, die Trümmer
-manch eines Lastkahnes, und kalt rieselt es mir über den Rücken,
-denke ich an das Abenteuer, das ein Bekannter in der Heimat in seinen
-Jugendjahren hier auf dem Schwielow erlebt hat.
-
-Von Potsdam aus waren die zwei jungen Leute in der Mondnacht die Havel
-hinabgefahren im leichten Ruderboot. Auf dem Schwielow dann hatten sie
-Lust bekommen, ein Bad zu nehmen im sommerwarmen Gewässer. Gedacht,
-getan! Bald schwammen sie lustig im See herum, über den der Vollmond
-seinen goldnen Steg baute. Nach einem Viertelstündchen rüstigen
-Schwimmens beschloß man, zum Boot zurückzukehren. Man machte Kehrt
-und schwamm auf die Stelle zu, da man ins Wasser gesprungen. Hell
-war die Luft und leuchtend hüpften die Wogen – aber das Boot, das
-Boot war weg. Herr des Himmels, wo war der Kahn hin? So hoch sich die
-Schwimmer aus dem Wasser hoben, überall rundum nur glitzernde Hügel,
-dahinter schwarzes unübersehbares Wasser. Guter Rat war teuer. Man
-wußte nicht einmal mehr, wo man sich befand; was Nord war oder Süd.
-Schwamm man jetzt quer zu dem See, so war’s eine Stunde noch nach
-Baumgartenbrück; teilte man die Wogen in der Längsrichtung, so waren
-es zwei Stunden bis hinunter nach Ferch. Und die Kräfte nahmen schon
-jetzt merklich ab! Mein Bekannter schlug vor, zunächst einmal immer im
-Kreise zu schwimmen, das Boot konnte ja nicht weit abgetrieben sein.
-Ach, gering war die Hoffnung, immer mehr kostbare Kraft ging verloren.
-Da auf einmal hemmt ein dröhnender Stoß an den Kopf den müdewerdenden
-Schwimmer – das Boot ist es, das Boot – unsehbar treibt das dunkle
-Gefährt zwischen den glitzernden Springwogen. – – –
-
-Eine Reise tut man ja wohl, um zu erkennen, daß es in der lieben Heimat
-am allerbesten ist. So bin ich denn auch von Herzen froh, wie ich bei
-Großenhain wieder auf sächsischen Schienen dahinrolle. Aber ach, was
-hat sich während der stillen Urlaubswochen alles ereignet. Die fremden
-Völker sind eingefallen im lieben Dresden, jetzt, da die Reichsmark so
-tief gesunken und das Leben in Deutschland so angenehm geworden ist
-für einen, der »Valuta« besitzt. – Gottlob, alles können sie uns doch
-nicht wegtragen! Wir haben noch Werte im Lande, nach denen keiner der
-Fremden greifen mag, weil sie seiner Seele eben nichts bieten. Uns
-aber gelten sie hoch und teuer, höher als alles kostbare Pelzwerk,
-höher als alle Perlenschnüre und Diamantringe. Unsre Heimatflur ist
-es, unsre stillen Dörfer und kleinen Städte draußen zwischen Heide,
-Wasser und Bergland. Dorthin kommen sie nicht, die Hochvalutarier,
-und gerade daran kann ein Herz sich stärken und genesen, das fast
-zerbrechen will manchmal in dem Jammer der Zeit und in dem Drang einer
-verzweiflungsvollen, hoffnungslosen Arbeitslast. Sieh’, so ein Abend
-auf der Kuppe eines grünumbuschten Heimatberges etwa, mit dem Blick
-hinaus auf den unendlichen Frieden der stillen Flur, er ist dir doch
-hier und da einmal beschieden, und wenn du es früher nicht so gewußt
-hast in den »guten« Jahren, da du verreisen konntest nach Nord und Süd,
-so weit du nur wolltest, jetzt fühlst du es mit einem Glücksgefühl ohne
-Gleichen: deine Heimat ist dir geblieben und sie tröstet dich heut, wie
-einen seine Mutter tröstet. Du erhebst dich voll Dank gegen Gott, aber
-du möchtest auch selbst etwas tun, um dich der gebliebenen Gabe wert
-zu zeigen, du sinnst vielleicht, wie du es anfangen sollst. Da kommt
-dir ein guter Geist zu Hilfe und flüstert ein Wort in dein Ohr, das
-klingt so traulich und hold wie ein Kinderliedchen zur Weihnacht und
-wie ein Abendlied in blühender Laube – »Heimatschutz« heißt es, das
-Wort! In die Stadt kehrst du heim; in eine Altdresdner Gasse lenkst du
-den Schritt, vor ein Haus mit hallendem Flur und dunkelnden Stiegen.
-Du klopfst an der Tür, man tut dir auf und auf einmal ist dir’s so
-wohl, so heimlich unter den Menschen, die da in später Stunde noch
-schaffen. Im Heimatschutz bist du hier, Freund, beim Treuhänder all der
-ungeheuren Goldschätze, die du auf deiner Streife soeben erst geahnt
-hast. Unverdrossen arbeiten sie hier, die Werkleute, mit Liebe zu ihrer
-Sache im Herzen, und immer einmal huscht dann und wann nach getanem
-eignen Tagewerk noch einer der Mitkämpfer über die Schwelle, einer aus
-den Ausschüssen, aus dem Gesamtvorstand. »Unser aller Leben ist reicher
-geworden, meine Freunde, seit wir dem Heimatschutz dienen,« so sprach
-einer der unsern, ein Junggebliebner im schneeweißen Bart, erst vor ein
-paar Monaten es aus. Damals saß er auch noch unter uns, Freude im Blick
-und heitre Rede auf den Lippen, unser Führer, den wir im Spätjahr auf
-immer verloren, aber dessen Geist weiter unter uns wirkt und wirbt,
-und dessen Andenken in Segen bleiben wird unter uns – Karl Schmidt,
-der getreue Eckart der Heimat. Schöner als aus Menschenmund tönt ihm
-sein Lob im Rauschen der alten Bäume draußen im Land, die er vor der
-Axt bewahrt hat und im Sprudeln des Baches, den er vor Schändung durch
-giftige Abwässer behütet. Er ruhe in Frieden – sein Werk ist sein
-schönstes und bleibendstes Mal!
-
-Ja, nicht undankbar wollen wir sein. Manch stille gute Stunde hat uns
-Heimatfreunden das Jahr 1922 doch auch noch gebracht. Wie denke ich
-da heute so gern an den Tag in der Adventszeit, da ich den Markt zu
-Stolpen hinanklettern sah nach der Burg mit seinen rührenden Häuschen,
-auf denen der rote Morgensonnenschein lag, und an dem ich durch die
-stillen Gassen schritt, bis hin zum grünüberwucherten Tor. Hier war
-es auch, wo ich eine nicht unbedeutende Neuerwerbung machte, die für
-den Heimatfahrer beinahe so wichtig ist, wie ein Gaul für den Reiter
-– einen neuen Wanderstab! Seit vorigem Spätjahr fehlte mir einer
-– gar zu rasch war die Flucht aus dem Jagdwagen vor sich gegangen,
-drüben im Meißner Tiefland, als uns auf der offnen Bahnstrecke vor
-der großen Kurve auf einmal die glühenden Augen des Dresdner Zuges
-entgegensprühten, und als dann in übelangebrachter Pflichtnachholung
-der Blockwärter die Schranke gerade herunterließ, als wir im Galopp
-über die Schienen jagen wollten. Gott Lob konnten wir das Pferd noch
-aufs Nebengleis herumwerfen und das brave Rößlein hielt auch ruhig den
-vorbeischmetternden Zug aus – aber mein alter Hakenstock war bei der
-Geschichte verlorengegangen! Schwächlich nur war der Ersatz gewesen aus
-fremdem Rebenholz; einen richtigen Eichenstock mit Buckeln, Krümmung
-und Knoten kriegt man, glaub ich, in der Großstadt gar nicht. Hier nun
-in Stolpen fand ich ihn, fest und stark, wie für Geschlechter berechnet
-in seiner tiefdunklen Edelfärbung. Und ich hoffe allen Ernstes, er
-soll sich in meinem bescheidnen bürgerlichen Familienkreis vererben,
-wie die hirschlederne Reithose des ritterlichen Dichtersmannes aus dem
-Stamm der Münchhausen. Wenigstens einer meiner Nachfahren wird doch mal
-ein Jäger sein und ein Wandrer, wie sein Ahn, und dann werden sie sich
-auch erzählen von der Zeit der schweren Not, da dieser Stecken erworben
-ward für vierhundertundfünfzig Reichsmark, eine Summe, um die sie dann
-hoffentlich wieder im deutschen Land eine Kuh kaufen können mit Kalb,
-denn Bauer soll doch auch wieder mal einer werden von ihnen!
-
-Mit dem Stock in der Hand hoff’ ich aber vorher noch selbst manche
-Straße zu ziehen im lieben Heimatland, noch manch stillen Birschgang
-zu machen im Heimatwald, dessen grüne Hallen sich erst kürzlich mir
-wieder geöffnet haben in einem neuen, schönen Revier voll reicher
-heimatgeschichtlicher Erinnerung – – – ich glaube wahrhaftig, ich
-bin doch noch recht reich, selbst in der Zeit der schweren Not!
-
-
-
-
-Hiddensee, die Insel der Heimatsehnsucht
-
-Von _A. Klengel_
-
-Mit Aufnahmen des Bundes für Vogelschutz, Stuttgart
-
-
-Draußen in der Ostsee, der Insel Rügen westlich vorgelagert, liegt das
-siebzehn Kilometer lange und sehr schmale Eiland Hiddensee, erst seit
-wenigen Jahren ein Reiseziel erholungsbedürftiger Naturfreunde.
-
-Wer hat wohl früher von diesem weltfernen Ländchen etwas gehört, das
-sich in seiner insularen Abgeschiedenheit nicht nur die erhabene
-ernste Einsamkeit unberührter Natur, sondern auch das ursprüngliche
-Volkstum trefflich bewahrt hat! Hin und wieder las man wohl, daß die
-dort geborenen Schiffer, die in die Fremde verschlagen wurden, all
-ihr Leben lang mit unwiderstehlicher Sehnsucht an »dat söte Länneken«
-denken und nichts sehnlicher wünschen, als dorthin zurückzukehren,
-um ihren Lebensabend, wenn auch noch so bescheiden, in der teuren
-Heimat zu beschließen. _So gilt Hiddensee immer als ein Wahrzeichen
-der Heimatsehnsucht und hoher hehrer Heimatliebe._ Und wer Goethe
-gründlicher liest, der findet in den »Maximen und Reflexionen« den
-Satz: »Liebes gewaschenes Seelchen ist der verliebteste Ausdruck
-auf Hiddensee«. Wenn auch hier eine sehr freie Übersetzung des
-plattdeutschen Satzes »min lewet wittet Seelken« vorliegt – man wird
-das Wort »wittet« besser in »weißes oder unschuldiges« übertragen – so
-spiegelt sich doch in dem Ausdruck ein sittenstrenges und edles Volk
-wieder.
-
-[Illustration: Abb. 1 =Rauchhaus des Fährmanns Johann Gau auf der
-Fährinsel bei Hiddensee=]
-
-Verschiedene Wege führen nach Hiddensee! Von Stralsund aus stellt der
-Dampfer »Caprivi« die Verbindung her; ein anderer Weg zu Schiff führt
-von dem, durch das sächsische Kinderheim bekannten Rügendörfchen Wieck
-dorthin. Der rüstige Fußgänger wandert wohl auch von der rügenschen
-Kleinbahnstation Trent aus durch ährenschweres Land und an mit
-Storchnestern gezierten uralten Bauerhöfen vorüber nach dem Seehof
-und läßt sich von dort aus zwischen Vitter und Schaproder Bodden über
-den »Trog« durch die Fährleute der kleinen, zu Hiddensee gehörenden
-Fährinsel in das Märchenland hineinsegeln.
-
-[Illustration: Abb. 2 =Die Verlandung durch die Pflanzenwelt= (Ein Teil
-des Gellens; die langgestreckte Insel ist der Gänsewerder)]
-
-Die Natur der nur etwa sechzehn Quadratkilometer großen Insel ist
-außerordentlich abwechslungsreich; man findet hier in kleinerem Kreise
-alle die Schönheiten und Eigenheiten wieder, welche der Ostseeküste
-ihren Reiz und ihren Zauber verleihen. Im Norden erhebt sich das
-bis zweiundsiebzig Meter aufsteigende und weithin vom Meer und von
-den rügenschen Bergen aus sichtbare, von einem Leuchtturme gekrönte
-Dornbuschhochland, eine aus Mergel, Ton und Geschiebesteinen aufgebaute
-Höhengruppe, die nach der Küste zu steil abfällt. Stattlicher
-Kiefernhochwald, mit dünner Grasnarbe bedeckte und von Ginsterbüschen
-umrahmte Weidetriften, sanfte Täler und vom ewigen Wind umbrauste
-kahle Höhen wechseln ab mit steil zum Meer abfallenden, von Sanddorn
-umwucherten Schluchten, hohen nackten Uferabstürzen und ewig bewegten
-Dünenbildungen. Und wo immer der Blick hinausschweift in die Weite,
-dehnt sich das endlose gewaltige Meer aus; an der Westküste im ewig
-gleichen Spiel seiner Wellen den Steinstrand umschmeichelnd und am
-Lande nagend, an der Ostseite, im Schutze des Hochlandes und der Insel
-Rügen, still und blank in der Sonne glitzernd. Wo findet man wohl sonst
-auf gleich engem Raume so vielen bunten Wechsel in der Landschaft, wo
-wandelt sich die Natur so auf Schritt und Tritt und bietet Bilder, die
-von sanfter Anmut aufsteigen bis zur gewaltigen heroischen Wucht, vor
-der uns die Kleinheit unsres Menschendaseins so recht bewußt wird! Und
-welch’ abwechslungsreiche Bilder bietet das Land im Wandel des Jahres!
-Bald liegt glühender Sonnenglast auf den Bergen, der uns im Schatten
-der Kiefern vergessen läßt, daß wir auf einem kleinen Eiland stehen.
-Zur Herbst- und Frühlingszeit toben die gewaltigen Äquinoktialstürme
-über die Insel, Naturgebilde und Menschenwerk auf ihre Festigkeit
-erprobend. Und wenn der klare Sommertag zur Rüste geht, bietet
-sich dem entzückten Auge vom Dornbusch aus ein Sonnenuntergang von
-überwältigender und unvergeßlicher Schönheit.
-
-[Illustration: Abb. 3 =Die Dünenbildung des Windes= (bei Neuendorf)]
-
-Wahrlich, schon der Dornbusch allein ist ein Stück Erde nach dem man
-Sehnsucht, nach dem man Heimweh haben kann und der fühlende Mensch
-verspürt einen Hauch von der Heimatliebe der Hiddenseer Einwohner, er
-lernt das Wort begreifen, das einst der rügensche Dichter Lappe in
-seiner »Agnete« dem zurückkehrenden Insulaner in den Mund legte:
-
- Wo wollt’ ich ruhen,
- Wo sollt’ ich lieben,
- Wo könnt’ ich sterben
- Denn nur auf dir!
-
-Zu Füßen des Dornbuschhochlandes liegen das Fischerdörfchen Grieben und
-die älteste Siedlung der Insel, Kloster mit seinem schlichten turmlosen
-Kirchlein, einem großen, dem Provisoriat des Klosters zum Heiligen
-Geist in Stralsund gehörigen Rittergute, zahlreichen neuen, schmucken
-Landhäusern und einigen neuzeitlichen Gasthöfen. Dem Dörfchen Kloster
-und dem weiter südlich gelegenen, aus verstreuten Häusern bestehenden
-Ort Vitte hat der beginnende Fremdenverkehr bereits seinen Stempel
-aufgedrückt, noch findet man aber hier wie in Grieben und in dem noch
-südlicher gelegenen Dörfchen Plogshagen zahlreiche alte niedrige,
-schilfgedeckte und dornenumhegte Fischerhütten von malerischer
-Schönheit. Von dem für Rügen und Hiddensee charakteristischen uralten
-schornsteinlosen Rauchhaus ist freilich im vorigen Jahre der letzte
-Vertreter verschwunden. Auch die alte Vitter Windmühle steht still und
-hat ihre Flügel verloren, obwohl es dem Müller auf dieser »Insel im
-Winde« wahrscheinlich selten einmal an Betriebskraft gefehlt hat.
-
-Ein neues Bild entrollt sich vor unsern Augen! Südwärts von Vitte
-dehnt sich eine weite Heidelandschaft aus. Die violette Heide
-wechselt mit der rosaroten Glockenheide, mit Wacholder, Birken und
-der für Hiddensee eigentümlichen niedrigen apfelroten Heckenrose.
-Um einen kleinen Süßwassersee inmitten der Heide wuchert der Porst,
-die duftige Totenmyrte, und der zarte Sonnentau. Die Einsamkeit der
-Heidelandschaft schlägt den Besucher in ihren Bann! Inmitten dieses
-wundersamen Landstrichs steht das Gasthaus zur Heiderose, der Sitz
-einer kleinen Künstlerkolonie, des Hiddenseer Künstlerinnenbundes,
-dem der Kunstfreund schon viel Schönes aus der Natur und dem Volkstum
-Hiddensees verdankt.
-
-Südlich der anschließenden Dörfer Plogshagen und Neuendorf verschmälert
-sich das Land; dort liegt der etwa sieben Kilometer lange Gellen,
-eine unbewohnte, mit Gras bewachsene Halbinsel. Ein langer Steindamm
-schützt den mit der schönen Stranddistel reich bewachsenen Weststrand
-vor der Wucht der Wellen und eine schmale Kiefernpflanzung hält die
-zerstörenden Stürme ab.
-
-Diese Schutzmaßnahme war zur Erhaltung der Insel dringend erforderlich,
-wurde doch im Jahre 1878 die Insel südlich von Neuendorf beim
-sogenannten »Schwarzen Peter« von einer Sturmflut durchbrochen. Das
-Meer bezahlt seine Zerstörungsarbeit mit reichen Geschenken, anderwärts
-wirft es Bernstein an den Strand, in Hiddensee schenkte es im Jahre
-1872 eine goldene Kette, die bei einer Sturmflut zutage kam und heute
-eine Hauptsehenswürdigkeit des Provinzialmuseums zu Stralsund bildet.
-Ihr Alter ist mit Sicherheit nicht zu ermitteln; man nimmt jedoch an,
-daß sie schon aus dem zehnten Jahrhundert stammen kann.
-
-[Illustration: Abb. 4 =Die Hakenbildung des Meeres durch Anschwemmung=]
-
-Der Hiddenseer Goldschmuck gibt Anlaß, einen kurzen Blick in die reiche
-Geschichte der Insel zu werfen, die wohl schon seit den Tagen der
-Urzeit immer mit der Rügens verbunden war. Funde von Steinwerkzeugen
-und Tonscherben deuten darauf hin, daß Hiddensee schon in der Urzeit
-besiedelt war, doch ist nicht erwiesen, ob germanische oder keltische
-Stämme das Eiland Heimat nannten. Mit der Völkerwanderung faßten
-die slawischen Wenden auf Hiddensee und Rügen festen Fuß bis nach
-der Eroberung der nahen Tempelburg Arkona und der Zerstörung des
-Nationalheiligtums des Gottes Swantewit durch den Bischof Absalon von
-Roeskilde am 14. Juni 1168 Rügen und damit Hiddensee unter dänische
-Herrschaft kam. Im Jahre 1296 schenkte der Rügensche Fürst Wizlaw
-die Insel Hiddensee dem Zisterzienserorden zur Anlegung der Abtei
-Kloster auf Hiddensee. Nur wenige Überreste des einst mächtigen und
-reichbegüterten Klosters, dem die päpstliche goldene Rose zuteil wurde
-und dessen Abt den Bischofsstab führte, sind auf unsre Tage gekommen,
-ein alter verwitterter Torbogen und der Grabstein des letzten Abtes.
-Das Kloster unterstand ursprünglich dem Bischof von Roeskilde und
-kam später unter das Bistum Kammin. Nach Aufhebung des Klosters im
-Jahre 1536 kam Hiddensee an die pommerschen Herzöge, geriet 1648
-unter schwedische Herrschaft, worunter es bis 1815 verblieb. In
-den nordischen Kriegen errichteten die Schweden auf der Fährinsel
-und gegenüber am Seehof auf Rügen zum Schutze der Durchfahrt große
-Schanzen, die heute noch erhalten sind. Also auch von kriegerischen
-Drangsalen ist Hiddensee nicht verschont geblieben. Noch am 17. August
-1870 kam es in seiner Nähe zu einem kleinen Seegefecht zwischen
-französischen Kriegsschiffen einerseits und dem deutschen Aviso
-»Grille« und Strandbatterien anderseits.
-
-[Illustration: Abb. 5 =Lachmöwe am Nest=]
-
-Die Sage berichtet, daß die unermeßlichen Schätze des Klosters bei
-seiner Aufhebung auf der Insel vergraben wurden; der Aschkoben, ein
-Hügel am Dornbusch soll sie beherbergen und die aufgefundene Kette soll
-ein Teil davon sein. Fast der ganze Landbesitz von Hiddensee gehört
-heute dem Provisoriat des Klosters zum Heiligen Geist und damit zum
-Besitze der Stadt Stralsund.
-
-[Illustration: Abb. 6 =Austernfischer am Nest=]
-
-Wer die echte und ursprüngliche Bevölkerung Hiddensees in ihrer
-Natürlichkeit und Biederkeit kennen gelernt hat, muß sie liebgewinnen,
-die sturmerprobten, wetterzerzausten Fischergestalten und die blonden
-stattlichen Frauen. An der häufigen Wiederkehr derselben Familiennamen
-– fast unzählige Male kommt der Name Gau und Schluck vor – merkt man,
-daß eine Vermischung mit fremden Elementen zu den Seltenheiten gehört.
-In ihren Fischer- und Schiffsgenossenschaften liegt noch ein Stück
-alten Patriarchentums, ein goldenes Stück großen Familiensinns. Möge
-es immer so bleiben, mag auch die neue Zeit, unter der Hiddensee als
-Badeinsel Mode geworden ist, nichts daran ändern.
-
-[Illustration: Abb. 7 =Fluß-Seeschwalbe=]
-
-Eine Idylle für sich bildet die Fährinsel bei Hiddensee, und ein Stück
-unverfälschten Inselvolkstums ist verkörpert in dem alten Fährmanne
-»John Jau« (Johann Gau), der dort in seiner wohnlicher gestalteten
-Rauchkate haust und in der übrigen, kaum ein halbes Dutzend Köpfe
-zählenden Fährinselbevölkerung.
-
-[Illustration: Abb. 8 =Halsbandregenpfeifer am Nest=]
-
-Daß bei der insularen Abgeschlossenheit Hiddensees auch die Gemütswerte
-der Bevölkerung unverfälscht erhalten geblieben sind, ist wohl
-selbstverständlich. Wie auf den vom Verkehr abgelegenen Teilen
-Rügens, so hat auch hier die Sage noch eine treffliche Heimstatt.
-Schier unerschöpflich ist der Born, aus dem die Sagen von der Riesin
-Hitthim, von Spukgestalten und andern weltentrückten Geistern der
-Vorzeit sprudeln. Wundern wird dies den tiefer schürfenden Beobachter
-nicht, ist doch Hiddensee mit den alten Kulturen eng verbunden. Nicht
-allzu weit auf Arkona liegen die Trümmer der schon hochentwickelten
-wendischen Kultur und drüben von Rügen, von Hiddensee aus sichtbar,
-grüßen die Hünengräber, Zeugen eines noch viel älteren germanischen
-Daseins herüber. »Altgermanische Vorfahren haben die Hünensteine
-zusammengewälzt, sei es als Gedächtnismale gefallener Helden, sei es
-als Altäre der bildlosen großen Gottheit, die sie im dumpfen Ahnen
-besser und klarer erkannten, als römische und hellenische Weisheit
-in all ihrer Pracht und Herrlichkeit sie faßten.« Darf es uns
-wundernehmen, daß Reste dieser Kulturen ihren Niederschlag fanden
-im seelischen Leben und im Gemütsempfinden der unberührten einsamen
-Inselbevölkerung!
-
-Hiddensee hat in der Literatur schon mehrfach eine Rolle gespielt,
-von den rügenschen Dichtern Kosegarten und Lappe an, die noch im
-achtzehnten Jahrhundert lebten, bis in unsre Tage. Am meisten bekannt
-geworden ist es jedoch durch Gerhart Hauptmanns Drama »Gabriel
-Schillings Flucht«, das auf Hiddensee spielt. Der zu den ständigen
-Besuchern Hiddensees zählende Dichter hat mehrere seiner Werke hier
-vollendet und den Namen seines »Schluck und Jau« der Inselbevölkerung
-entlehnt.
-
-[Illustration: Abb. 9 =Junge Lachmöwen=]
-
-In der weiteren Öffentlichkeit bekannt wurde Hiddensee aber durch
-die Bestrebungen zum Schutze der Seevogelwelt, welche seit 1911 von
-den deutschen Vogelschutzverbänden, wie dem Bund für Vogelschutz,
-dem Naturschutzbund Hiddensee, dem Ornithologischen Verein Stralsund
-usw. auf Hiddenseer Boden unternommen werden. In Frage kommen dafür
-in der Hauptsache die Fährinsel, die Südspitze der Halbinsel Gellen
-mit dem Gänsewerder und die Halbinsel Altbessin. Der einst dort
-vorhandene gewaltige Reichtum an brütenden Seevögeln, namentlich an
-Sturm- und Lachmöwen, Seeschwalben, Strandläufern, Austernfischern,
-Rotschenkeln, Regenpfeifern, Enten, Sägern usw. war durch Eierraub und
-verbotswidrigen Abschuß soweit zurückgegangen, daß dringende Hilfe not
-tat, wenn man dem völligen Untergange der die Gestade der Insel und das
-Meer selbst in wundervoller Weise belebenden Vogelwelt nicht tatenlos
-zusehen wollte. Unter Aufwendung erheblicher Kosten wurden Ländereien
-gepachtet und vom Jagdrecht ausgeschieden, Drahtzäune angelegt, Wärter
-und Aufsichtsbeamte angestellt usw. Diesen Bemühungen ist es zu danken,
-daß der Bestand an Brutvögeln wieder erfreulich gestiegen ist. Die
-Erfolge könnten noch größer sein, wenn die nötigen Geldmittel vorhanden
-wären, die es ermöglichten, den durch die heute zu beobachtende
-Verwilderung der Rechtsbegriffe und Sitten entstandenen Mißhelligkeiten
-einen wirksamen Damm entgegenzusetzen. Hoffentlich kommen auch hier
-einst bessere Zeiten zum Segen unsrer schwer bedrängten Seevogelwelt,
-zum Besten des deutschen Naturschutzes!
-
-Jeder Naturfreund, jeder für landschaftliche Schönheiten und Eigenarten
-empfängliche Mensch, der Hiddensee kennen gelernt, muß die kleine Insel
-lieben. Die Hiddenseer Tage werden ihm unvergeßlich bleiben und auch in
-ihm wird nachklingen, was Siegfried Mauermann in seinem tiefempfundenen
-Gedichte von Hiddensee sagt:
-
- Ein Wundereiland hat mein Fuß betreten,
- Mein ganzes Wesen ist der Welt entrückt.
- Und mich durchglüht ein ungewolltes Beten.
- Fragt nicht, warum: ich fühl’s und bin beglückt.
-
- Ihr schaut von Hügeln auf den Glanz der Wogen,
- Ihr rühmt der Schluchten Absturz in das Meer,
- Bespülter Buchten weite, sanfte Bogen;
- Der Blick ist reich. O sei das Herz nicht leer.
-
- Ihr hört das Tosen und das Wellenrauschen,
- Der Zweige Flüstern leis’ im Abendwind;
- Ihr wißt dem Vogelzwitschern fein zu lauschen,
- Ihr hört mit Ohren, die voll Weisheit sind.
-
- Ihr pflückt euch Ginster, Ähren, Immortellen,
- Der Heckenrose luftiges Gebild.
- Ihr laßt euch schaukeln von bewegten Wellen,
- Euch blinkt die Abendsonne glitzernd, mild.
-
- Und all’ dies, alles schildert ihr begeistert.
- Ich bleibe selig überwältigt, stumm.
- Und wenn mein Mund nicht schöne Worte meistert –
- Ich bin beglückt, ich fühl’s; fragt nicht warum!
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Unsre Elbvögel einst und jetzt!
-
-Von Prof. ~Dr.~ _Bernhard Hoffmann_
-
-
-Unter dem »einst« ist nicht etwa der Beginn unsrer Zeitrechnung,
-sondern die zweite Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts zu verstehen,
-zu welcher Zeit der ehemalige Rektor der Meißner Fürstenschule, namens
-Fabricius, Annalen der Stadt Meißen verfaßte, worin auch die damals
-an und auf der Elbe bei Meißen vorkommenden Vögel aufgeführt werden.
-Die Schrift ist lateinisch geschrieben. Nachstehend gebe ich eine
-kleine Probe des wohl ältesten Verzeichnisses sächsischer Vögel, das
-alphabetisch geordnet ist:
-
- Brandgense / ~a colore nigricante~ / ~vt~ Brandhirsch /
- Brandfuchs.
- Bachsteltze / Wassersteltze / ~Saxonibus~ / ein ackermencken /
- ~Motacilla Juneo. Viridis~.
- ~Flava~ / ~a colore ventris~.
- Eisvogel / ~Halcedo~, ~Ispis~.
- Ente / ~Anas~.
- Großente / ~Anas magna Penelops: insigni collo propter colorem
- puniceum et viridem~.
- Mittelente / ~Boscas~ / ~Anas mediocris~.
- Krucentlein oder Krichentlein / ~Querquedula Varroni~ /
- ~anas parva~ usw.
-
-Nach dieser Probe sind die von Fabricius genannten Arten nicht
-schwer zu erkennen, wennschon z. B. unter »Brandgense« nicht unsre
-heutigen »Brandgänse«, sondern Ringelgänse zu verstehen sind. Daneben
-aber führt Fabricius noch manche Namen an, deren Deutung sehr große
-Schwierigkeiten bereitet; es seien z. B. erwähnt: Facke, Münchle,
-Pilwenckgen, Racke, die verschiedenen Arten der »Reiger«, Schnetz,
-Tittiluen usw. In einigen Fällen dürften Schreib- oder Druckfehler
-vorliegen; es muß beispielsweise wahrscheinlich heißen: Focke,
-Schnertz, Tittilgen usw. Doch soll auf all die Schwierigkeiten der
-Übersetzung und Deutung hier nicht eingegangen werden[2]. Dagegen
-dürfte das Endergebnis der Untersuchung auch weitere Kreise fesseln.
-Die seinerzeit an und auf der Elbe bei Meißen beobachteten Vögel sind
-die nachstehend verzeichneten:
-
- Schwalben
- Krähen (?)
- Weiße Bachstelze
- Gebirgsbachstelze
- Kuhstelze
- Rohrammer
- Wasseramsel
- Mauersegler
- Eisvogel
- Gem. Kranich
- Wiesenralle
- Bläßhuhn
- Grünfüß. Teichhuhn
- Brauner Sichler
- Löffler
- Schwarzer Storch
- Weißer Storch
- Nachtreiher
- Große Rohrdommel
- Fischreiher
- Purpurreiher
- Flußuferläufer
- Rotschenkel
- Bekassine
- Flußregenpfeifer
- Kiebitz
- Höckerschwan
- Singschwan
- Bläßgans
- Graugans
- Ringelgans
- Saatgans
- Krickente
- Löffelente
- Moorente
- Schnatterente
- Stockente
- Tafelente
- Großer Säger
- Mittler Säger
- Zwergsäger
- Flußscharbe
- Dreizehenmöwe (?)
- Heringsmöwe
- Lachmöwe
- Silbermöwe
- Sturmmöwe
- Flußseeschwalbe
- Zwergseeschwalbe
- Rothalstaucher (?)
- Schwarzhalstaucher
- Zwergtaucher
-
-Fast könnte diese stattliche Liste den Neid der Gegenwart erwecken!
-Nicht weniger als über fünfzig verschiedene Vogelarten haben im
-sechzehnten Jahrhundert die Elbe und ihre Ufer belebt, darunter recht
-ansehnliche Vögel, wie z. B. die verschiedenen Gänsearten, Reiher,
-Störche, Schwäne usw.! Damals freilich war der Elbstrom und seine Ufer
-noch in dem Zustand, wie ihn Mutter Natur geschaffen hatte. Sie boten
-Nahrung, Unterschlupf, Verstecke und Nistgelegenheiten in Hülle und
-Fülle. Aber die Zeit, die uns die gemauerten Steindämme der Flüsse,
-das Ausfüllen von Teichen und stillstehenden Gewässern mit Schutt usw.
-bzw. ihre Urbarmachung, ferner die Zunahme der Besiedelung und damit
-der Anwohner am Strom entlang, das Beseitigen der Heger und Kiesbänke
-im Strombett und noch manche andre hier in Betracht kommende Änderung
-gebracht hat – sie hat auch im Vogelbestande Wandel geschaffen,
-leider in einer sehr betrüblichen Weise! Sieht man von ganz vereinzelt
-auftretenden Stücken ab, so ist der weitaus größte Teil der oben
-genannten Arten von der mittleren Elbe gänzlich verschwunden, wie
-z. B. die Kraniche, Löffler, Nacht- und Purpurreiher, die Schwäne,
-Gänse, Flußscharben und vor allem auch die Seeschwalben. Andre sind
-auf der Elbe in der Hauptsache nur Wintergäste, wie z. B. die Säger,
-Bläßhühner, Zwergtaucher und die Scharen von Stockenten. Nur ganz
-wenige Arten trifft man noch jetzt in geringerer oder größerer Zahl
-während des Sommers an der Elbe an; ich nenne u. a. die Schwalben,
-Bachstelzen, Krähen, Flußregenpfeifer und Lachmöwen. Einen Teil der
-andern von Fabricius aufgeführten Arten finden wir glücklicherweise
-noch heute in und an den Teichen und Seen, insbesondre der Lausitz, von
-Moritzburg bis hinter nach Königswartha, Baselitz usw., darunter vor
-allem die verschiedenen Entenarten, die Taucher, die Bekassine, die
-Rohrdommel, den Rotschenkel, den Kiebitz, das Bläßhuhn usw. Möchten
-ihnen wenigstens diese Wohn- bzw. Zufluchtsstätten für alle Zeit
-erhalten bleiben und sie selbst sich eines dauernden Schutzes erfreuen,
-damit unser Sachsenland an diesem Teile der Vogelwelt nicht auch noch
-vollständig verarmt!
-
-
-Fußnoten:
-
- [2] Man vergleiche hierüber den im Journal für Ornith. 1923,
- S. 1–10 veröffentlichten Auszug aus meiner umfangreichen
- Arbeit »Das älteste sächsische Verzeichnis von Vögeln, die
- ums Jahr 1564 auf und an der Elbe bei Meißen vorgekommen
- sind«.
-
-
-
-
-Der Kiebitz als Brutvogel im Moritzburger Gebiet
-
-Von _Paul Bernhardt_
-
-Mit Aufnahmen des Verfassers
-
-
-Der Monat Februar geht zu Ende. Ein sonniger Tag lockt mich hinaus ins
-Beobachtungsgebiet. Gefiederte Freunde, die Kiebitze, sind nach den
-Aufzeichnungen meines ornithologischen Tagebuches heute zu erwarten.
-Vor mir liegt der Großteich im Sonnenschein, befreit von der starren
-Eisdecke, die monatelang jegliches Leben bannte. Doch so ohne Kampf
-räumt der Winter das Feld nicht. Weiße Flecken in der Landschaft zeigen
-seine Spuren.
-
-Ein nordischer Wintergast, der Zwergsäger, ist immer noch zwischen den
-Schellenten auf der Wasserfläche zu beobachten. Die dürren Rohrstengel
-bewegt ein eisiger Wind hin und her; er verdeckt die wärmende Sonne
-mit dunklen Wolken und treibt leichte Schneeschauer übers Land.
-Schon zweifle ich an der Ankunft des Kiebitzes, da entdecke ich ihn
-durchs Glas am jenseitigen Ufer. Dort steht der prächtige Vogel mit
-seiner schönen Schwarzweißfärbung, der stahlblauen Oberseite und dem
-zierlichen Federschopfe – der Harlekin unter den Vögeln. Er hat Wort
-gehalten. Wenn es das Wetter nur einigermaßen gestattet, kehrt er jedes
-Jahr am 28. Februar zurück. Den Körper fast wagrecht auf den Ständern,
-die Brust etwas nach vorn gebeugt, steht er mit eingezogenem Kopfe
-ruhig im dürren Riedgrase. Heute spürt er keine Lust zum gaukelnden
-Fluge; die lange Reise und das unfreundliche Wetter sitzen ihm noch
-in den Gliedern. Nur um den Hunger zu stillen, trippelt er nach dem
-Teichrand und sucht im angeschwemmten Geäste nach Nahrung. Bald nimmt
-er wieder die Ruhestellung ein. In den nächsten Tagen sind auffällig
-viel Kiebitze im Gebiet; es sind meistens Durchzügler. Die heimischen
-Brutpaare kehren zuerst zurück.
-
-Nach drei Wochen ist unser Kiebitz kaum wiederzuerkennen. Der
-Frühling hat es ihm angetan. Die Sonne scheint wärmer, und an der
-Tiergartenmauer blühen schon die ersten Veilchen. Der Kiebitz hat
-eine Gefährtin gefunden und behauptet als Platzhahn sein Gebiet gegen
-jeden Eindringling. Die Nordostecke am Großteich, von wo er alles
-überblicken kann, hat er sich ausgewählt. Für ihn ist jetzt Wonnemonat;
-sein Gefieder steht in voller Pracht und liebestrunken verlebt er die
-kommenden Tage. In ganz eigenartiger Weise wirbt er um die Gunst seiner
-Gefährtin. Die Liebe nimmt ihn völlig gefangen und treibt ihn zu den
-tollsten Liebesspielen. Eine närrische Balz beobachtete ich am 25. März
-1921: Auf der noch grauen, sumpfigen Wiese steht ruhig das kleinere,
-weniger lebhaft gefärbte Weibchen, nicht weit davon das Männchen im
-Prachtkleide. Mit vorgebeugter Brust erhebt es sich, fliegt wuchtelnd
-kurz über dem Boden hin; plötzlich geht es mit schneidendem »knū’it« im
-45°-Winkel in die Höhe, und nun folgt ein Gaukeln und Stürzen in der
-Luft, so daß der Beobachter verwundert den Kopf schüttelt. Im tollen
-Übermut ruft der Kiebitz seinen Balzruf: knū’it, knū’it in den sonnigen
-Frühlingstag, vollführt den schönsten Sturzflug und steht plötzlich
-wieder neben dem Weibchen, um hier sein närrisches Liebesspiel
-fortzusetzen. Mit gesenkter Brust, das frische Weiß der Schenkel
-zeigend, führt er einige kippende Verbeugungen vor seiner Schönen aus,
-stößt mehrmals mit dem Schnabel nach unten und macht eine Bewegung, als
-würfe er dürre Grashalme hinter sich. Plötzlich drückt er den ganzen
-Körper tief an den Boden, so daß der Kopf die Erde berührt, schlägt
-die Flügel nach oben und führt mit diesen und dem rostrot gefärbten
-Schwanze zuckende Bewegungen aus, als wolle er seine Liebesglut der
-kühlen Erde anvertrauen. Wozu dieses närrische Spiel? Will er das
-Weibchen ermuntern, indem er durch diese Bewegungen auf den Nestbau
-hinweist? Noch mehrmals kann ich diesem eigenartigen Treiben zuschauen
-und über die Allgewalt der Liebe staunen. Das Weibchen zeigt sich sehr
-spröde, es hat scheinbar nicht viel übrig für den Liebhaber.
-
-[Illustration: Abb. 1 =Gelege des Kiebitzes=]
-
-Erst wenn die vier kreiselförmigen, olivengrünen Eier im unscheinbaren
-Neste liegen, geht die schöne Liebeszeit zu Ende, und sorgenvolle
-Tage kommen. Jetzt gilt es, durch allerlei Manöver sich nähernde
-Menschen, Hunde und sonstige Nestplünderer irrezuführen und vom Neste
-fernzuhalten. Doch kenne ich diese Schliche zu genau; bald habe ich
-durchs Glas schon von der Straße aus das Weibchen entdeckt, wie es
-dem stillen Brutgeschäft nachgeht. Dort im Seggengrase, kaum dreißig
-Meter vom Ufer entfernt, sitzt es und beobachtet mit dem großen Auge
-das Gelände. Es hat mich erblickt. Trotzdem ich noch weit vom Neste
-entfernt bin, verläßt es die Eier, läuft geduckt in entgegengesetzter
-Richtung am Boden hin, erhebt sich erst weit vom Neste und fliegt
-wehklagend auf mich zu. Ich lasse mich nicht irreführen; und doch macht
-es mir Mühe, das Gelege zu finden. Schön in Kreuzform angeordnet,
-die Spitzen nach innen, liegen vier dunkelgefärbte Eier unmittelbar
-vor meinen Füßen in einer kleinen Vertiefung. Wie oft wird dieses
-Familienglück von roher Hand zerstört, um Schlemmern in der nahen
-Großstadt den entarteten Gaumen zu kitzeln auf Kosten unsrer schon
-so hart bedrängten Natur! Helle Entrüstung stieg aber in mir auf,
-als ich eines Tages ein kleines Schlageisen im Neste fand. Ein
-»Auch-Naturfreund« wollte auf diese Weise einen Kiebitz zum Ausstopfen
-erlangen. Glücklicherweise hatte er nicht mit der Klugheit des Vogels
-gerechnet. Doch weg mit diesen Gedanken! Heute bin ich mit der
-Kamera im Rucksack ausgezogen, um im Bilde zeigen zu können, welche
-Schönheiten unsre Heimat aufweist. Von all den Mühen dieser Kamerajagd
-zu erzählen, wäre verlockend, würde aber zu weit führen. Erst im
-dritten Jahre gelang es mir nach vielen Enttäuschungen und Mißerfolgen
-unter Anwendung größter List und Geduld, das brütende Weibchen auf
-die Platte zu bannen. Auch ich hatte nicht mit der Klugheit des
-Kiebitzes gerechnet! Gemeinsam suchten das Männchen und Weibchen meinen
-Plan zu vereiteln, und noch klingt mir der schreckliche Warnruf des
-Kiebitzhahnes in den Ohren, der mir bestimmt sagte, daß er mich erspäht
-habe und das Jagen deshalb heute erfolglos sei. Dem großen Kiebitzauge
-(Bild 2) entgeht nichts! Im Jahre 1921 fand ich allein am wenig
-gefüllten Großteich acht Kiebitzgelege. Im ganzen Gebiete brüteten
-in diesem Jahre ungefähr fünfundzwanzig Paare. H. Mayhoff nimmt für
-1915/16 nur fünfzehn Brutpaare an. Demnach wäre eine erfreuliche
-Zunahme festzustellen.
-
-[Illustration: Abb. 2 =Brütender Kiebitz=]
-
-Große Aufregung und Sorge bringt dem Kiebitzpaare der Tag, an dem
-die Kleinen der Eischale entschlüpfen. Die Jungen verlassen sofort
-das Nest, nachdem sie trocken sind, und folgen der besorgten Mutter,
-die sie nach Art einer Glucke führt. Wie oft habe ich dieses schöne
-Familienbild aus dem Versteck belauscht! Die kleinen Wollklümpchen
-huschen flink durch das Seggengras und finden bald selbständig den
-Wurm und die Schnecke. Geradezu rührend ist die große elterliche
-Sorge. Bei der geringsten Gefahr erheben die Alten ein Klagegeschrei
-und versuchen den Feind zu vertreiben. Der harmlose Spaziergänger
-staunt nicht schlecht, wenn sich ihm ein schwarzweißer Vogel mit
-jammernden »kuit« fast um die Ohren schlägt. Er verspürt ganz deutlich
-den Luftzug und vernimmt ein dumpfes »wupp, wupp, wupp«. Auch der
-Köter des auf der Landstraße fahrenden Fleischers, der sich eine
-»Extratour« ins Gelände erlaubt, verläßt schnell den Brutplatz. Ihm
-ist die Zudringlichkeit des Vogels zuwider. Selbst Reinecke Fuchs,
-der in der Dämmerung durch die Riedgräser des Georgenteiches schnürt,
-wird mit lautem Geschrei und fortwährendem Anfliegen vom dortigen
-Brutpaare empfangen. Ihm liegt an dieser Aufmerksamkeit rein gar
-nichts, er schnürt eilig weiter und beantwortet die gröbsten Angriffe
-mit erfolglosem In-die-Luft-schnappen. Die Dunenjungen verstehen
-den Warnruf der Mutter: »kiebit« (d. h. drückt euch!) sehr gut und
-drücken sich fest an den Boden, daß sie fast den menschlichen Blicken
-entzogen sind. Selbst dem Kenner bereitet es Mühe, diese unscheinbaren
-Wollklümpchen aufzufinden (siehe Bild 3). Erst wenn sich der kleine
-Kerl erhebt, macht er sich durch seine weiße Halsfärbung gut sichtbar
-(Bild 4). Noch eine Überraschung! Als ich eines Tages guten Freunden
-vierzehn Tage alte Dunenjunge zeigen wollte, die ich schon öfter in
-der Hand gehabt hatte, vertrauten diese sich plötzlich dem Wasser an
-und schwammen zu unserm größten Erstaunen gewandt wie junge Enten nach
-dem zweihundert Meter entfernten jenseitigen Ufer, wo sie die besorgte
-Mutter empfing. Hier gingen sie sofort der Nahrungssuche nach, als wäre
-nichts geschehen.
-
-[Illustration: Abb. 3 =Junger Kiebitz in Schutzstellung=]
-
-Im Monat August verlassen die Brutpaare mit den flüggen Jungvögeln
-das Moritzburger Gebiet, das um diese Zeit fast kiebitzleer ist.
-Wenige Beobachtungen aus den Augusttagen liegen vor mir. Erst im
-September stellen sich große Schwärme ein. Es sind Durchzügler aus
-Skandinavien und den baltischen Ländern. Ein besonderer Genuß ist es,
-dem eigenartigen Flug eines solchen Kiebitzschwarmes, der oft bis
-zweihundert Vögel zählt, in der Herbstsonne zuzusehen (Bild 5). Bei
-eintretender Kälte machen sich auch diese Gäste auf nach dem südlichen
-Europa. Als spätesten Abzugstag notierte ich den 10. November.
-
-[Illustration: Abb. 4 =Junger Kiebitz=]
-
-Jeder Naturfreund würde es mit mir tief beklagen, wenn sich der
-Kiebitzbestand im Moritzburger Gebiet durch menschliche Eingriffe
-verminderte, und wenn wir uns nicht mehr an dem Treiben des prächtigen
-Vogels so nahe an den Toren der Großstadt erfreuen könnten. Deshalb
-sorge ein jeder, dem seine Heimat lieb und wert ist, durch Aufklärung
-und Vorbild dafür, daß Eierraub und sinnlose Schießerei im Gebiet
-aufhört. Vom Landesverein wird zum Schutz unsrer bedrängten heimischen
-Vogelwelt alles getan. Dafür ist ihm der Dank aller Naturfreunde sicher.
-
-[Illustration: Abb. 5 =Kiebitzflug über dem Großteich=]
-
-
-
-
-[Illustration: =Fällen der Sageneiche am Ölteiche zu Kohren=]
-
-
-Wenn sich, wie im vorliegenden Falle, der Herr Förster so imposant als
-Oberbaumhauer im Bilde verewigen läßt, so liegt die Frage nahe, wie
-der Mann wohl zu solch »idealer« Auffassung seines Berufes gekommen
-sein möchte. Wahrscheinlich wird ihn selbst dabei die Hauptschuld nicht
-treffen. Möge das Bild recht ausgiebig als abschreckendes Beispiel
-wirken.
-
- T.
-
-
-
-
-Die Grabentour
-
-Von _A. Klengel_
-
-Mit Aufnahmen von _Alfred Hermann Nitsche_, Dresden und _Karl Reymann_,
-Freiberg
-
-
-»Wir machen die Grabentour!« oder »Wir wandern die Grabentour
-entlang!« – Das sind in wanderfrohen Kreisen Mittelsachsens oft
-gehörte Worte. Man wählt dies Reiseziel zur Pfingstzeit, wenn Birke
-und Buche mit erstem frischen Grün sich schmücken, oder im Herbst,
-wenn verschwenderische Farbenpracht über die Wälder ausgegossen ist
-und die Kastanienbäume stolze goldene Kronen tragen; wohl auch im
-Winter, wenn weicher Schnee auf dem Walde lastet und jede Fichte in
-einen glitzernden Weihnachtsbaum verzaubert, wenn die Wasser unter dem
-Eispanzer murmeln und die Meisen leise klingelnd den Wald durchstreifen.
-
-Die Worte des Reiseplanes lassen erkennen, daß man unter der Grabentour
-sowohl die eigentliche Wanderung, als auch das Stück Heimatland selbst
-versteht, das es dabei zu durchwandern gilt. Die Landkarten verzeichnen
-als »Grabentour« nur den Oberreinsberg mit Krummenhennersdorf
-verbindenden Weg, der den Graben entlang am Hange des Bobritzschtales
-hinführt. Der wanderfrohe Naturfreund hat den Begriff im Laufe der
-Jahrzehnte erweitert, ohne ihn jedoch in eine feste Grenze zu zwängen.
-Im Norden rechnet man wohl das ganze Bobritzschtal bis zur Mündung
-des Flusses in die Mulde beim Zollhaus Bieberstein dazu und im Süden
-das Gebiet bis in den Bereich der Halsbrücker Esse. Und in der Tat!
-Eine schönere Einleitung zur eigentlichen Grabentour läßt sich kaum
-denken als die Wanderung durch das landschaftlich bevorzugte untere
-Bobritzschtal und einen würdigen Ausklang findet die Fahrt in dem
-reiche geschichtliche Erinnerungen bergenden Landstrich, dem der
-Silberbergbau das Gepräge verleiht, von dessen Höhen unser Blick
-hinüberschweift zu den Türmen des silberschweren Freiberg. Verdankt
-doch auch der Graben dem Freiberger Bergbau sein Dasein.
-
-Warum ich die Grabentour im Norden, also geographisch betrachtet, an
-ihrem Ende beginnen will? – Einmal, weil ich sie stets in dieser
-Weise unternahm, so oft mich auch der Weg seit über zwei Jahrzehnten
-dorthin führte und Tausende es in gleicher Weise tun. Zum andern, weil
-ich meinen Wanderungen stets einen Besuch der Ruinen des Klosters
-Altenzella vorausgehen ließ. An dieser denkwürdigen Kulturstätte mit
-ihrer fast tausendjährigen Geschichte habe ich mich immer mit der
-rechten Stimmung zur Wanderfahrt ausgerüstet. Das Land, das es zu
-durchwandern gilt, ist entweder uralter ehemaliger Klosterbesitz oder
-trägt doch wenigstens reiche Erinnerungen an die Zeit, da das mächtige
-Kloster Altenzella noch in Blüte stand. Und wer sich weiter hinein
-vertieft in die ältere Geschichte des zu durchwandernden Gebiets – nur
-flüchtige Andeutungen können hier gemacht werden – wird immer wieder
-auf den Namen Altenzella stoßen.
-
-[Illustration: Abb. 1 =Eingang zur Grabentour bei Krummenhennersdorf=]
-
-Beim Zollhaus Bieberstein an der Bobritzschmündung soll die Wanderung
-beginnen! Kulturgeschichtlich denkwürdiger Boden ist es, den wir
-betreten. Die alte Heerstraße Freiberg–Meißen führt vorüber und
-die Herrschaft des Rittergutes Bieberstein erhob einst hier einen
-Brückenzoll. Reger Fuhrverkehr bevölkerte in alten Tagen die wichtige
-Straße und aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges wird von wilden
-Kriegsvölkern berichtet, die hier vorüberzogen. Es ist anders geworden
-im Lande, längst hat die Eisenbahn den Verkehr an sich gezogen,
-die Straße, die über die Alt-Väterbrücke bei Freiberg führt, ist
-vereinsamt, unbekannt geworden und zum Teil verfallen. Hochauf steigt
-die Landzunge, die Mulde und Bobritzsch umschließen. Von bewaldeter
-Höhe herab grüßt das Schloß Bieberstein, ein wuchtiger Bau mit hohem
-Ziegeldach, arm an baukünstlerischem Schmuck. Um die Mitte des
-siebzehnten Jahrhunderts ist das Schloß entstanden auf und neben der
-in den Stürmen des Dreißigjährigen Krieges unwohnlich gewordenen alten
-Doppelburg Bieberstein. Die schwere Not der Zeit, die damals auf dem
-Lande lastete, mag auf schlichte, ja nüchterne Bauweise gedrungen
-haben. Unbewußt erfüllte der alte Baumeister dadurch eine Forderung
-des Heimatschutzes: Hier wo die schlichten Naturschönheiten eines
-anmutigen, stillen Tales sprechen, ist kein Raum für einen Prunkbau,
-für ein Bauwerk, dessen wechselnde Linien ein schönes Heimatbild
-zerstören, Naturschönheiten erdrücken würden. So ist jeder Mißklang
-ferngeblieben und mit Wohlgefallen ruht das Auge des Heimatfreundes
-auf dem Schloß Bieberstein, das verwachsen scheint mit den ehrwürdigen
-Baumriesen des Schloßparks, der Berghöhe und Talhang in seinen grünen
-Mantel hüllt.
-
-[Illustration: Abb. 2 =Mundloch einer Grabenrösche=]
-
-Fast so alt wie die Geschichte des Landes ist die Geschichte der
-alten Burg Bieberstein, von der freilich nur Reste der Feinde Wut und
-dem Zahn der Zeit standgehalten haben. Von Moos und Efeu umgrünte
-Turmgebäude mit tiefen, gewölbten, schaurigen Gängen, durch die die
-Sage raunt, erzählen von dem mächtigen Geschlecht der Herren von
-biuverstein, dem die Burg im zwölften Jahrhundert den Namen gab. Sie
-berichten auch von späteren Besitzern, den fehdelustigen Herren von
-Marschalk, die ihren Geschlechtsnamen nach der Burg in Marschall von
-Bieberstein ergänzten und mit dem Kloster Altenzella blutige Fehden um
-die Gerichtsbarkeit führten. Nach Teilung der Herrschaft und mehrfachem
-Besitzwechsel kam Bieberstein im Jahre 1630 an die Herren von
-Schönberg auf Reinsberg und bildete nunmehr einen Teil des sogenannten
-Schönberger Ländchens. Gotthelf Friedrich von Schönberg erbaute das
-jetzige Schloß an die Stelle der alten oberen Burg. Im Jahre 1807
-ging der Besitz durch Heirat an die Familie von Schröter über. Das
-Schloß birgt reiche Kunstschätze und mannigfache Erinnerungen aus alter
-Zeit. Als wertvollste Kleinodien erscheinen mir jedoch die herrlichen
-Ausblicke vom Altan und aus den Schloßgemächern hinab ins Bobritzschtal
-und hinaus in die Gefilde der Heimat.
-
-[Illustration: Abb. 3 =Grabentour= (Waldwiese an der Bobritzsch)]
-
-Eine prächtige Lindenallee führt vom Schloß Bieberstein hinab ins
-Tal der Bobritzsch. Gleichen Ursprung haben die Namen Bieberstein
-und Bobritzsch; sie erinnern an den Biber, den heute leider fast
-ausgestorbenen Nager, der einst am Flusse seine Burgen baute. In großer
-Zahl mag er hier vorgekommen sein, man würde sonst kaum den Fluß und
-die Burg nach ihm benannt haben. Spärlich nur fließen freilich die
-Quellen, die von seinem Dasein in alter Zeit berichten, wahrscheinlich
-hatte starke Nachstellung ihn schon frühzeitig zu einem seltenen
-Naturdenkmal gemacht.
-
-Nur eine kurze Strecke, an der Mühle mit dem Schönbergschen Wappen
-vorüber, führt der Weg talaufwärts und schon lädt eine Allee aus Linden
-und Ahorn zum Besuch des Schlosses und des einstigen »Städtleins«
-Reinsberg ein. Trotzig schaut das teilweise in den Felsen gesprengte
-alte Schloß, dessen Burgcharakter trefflich gewahrt ist, hinaus in das
-Land. Im Dunkel des Mittelalters liegt seine Gründungszeit, werden doch
-schon im Jahre 1197 Herren von Reyensberg in Altenzellaer Urkunden
-als Schiedsrichter und in andern hochangesehenen Ämtern genannt. Im
-Jahre 1377 ging der Besitz an die Herren von Schönberg über, die ihn
-heute noch ihr eigen nennen. Um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts
-erfolgte eine Teilung der Herrschaft innerhalb der Familie in Ober-
-und Niederreinsberg. Die beiden Besitzer bewohnten bis 1816 die Burg
-gemeinsam, doch räumlich getrennt und durch besondere Brücken über den
-Burggraben mit der Außenwelt verbunden.
-
-[Illustration: Abb. 4 =Grabentour= (an der Bobritzsch)]
-
-Reinsberg hat eine reiche Geschichte. Im Jahre 1632 wurde die Burg von
-den Österreichern mit stürmender Hand genommen, wobei fünf Söhne des
-Besitzers den Heldentod fanden und der Besitzer, Lorenz von Schönberg,
-selbst in der Nähe der Bobritzsch, wie heute noch ein Denkstein kündet,
-einer feindlichen Kugel zum Opfer fiel. Den bunten Wechsel der Zeiten
-trotzten die bis fünf Stock hohen Gebäude, die altertümlichen Türme
-und Erker, der Rittersaal mit der Ahnengalerie. Trefflich erhalten
-sind auch das efeuumsponnene, wappengeschmückte Burgtor und der
-tiefe Burggraben. Nesselgestrüpp und bunte Blumen bedecken heute den
-Grabengrund; Bienengesumme klingt herauf. Nur der Kuckucksruf aus
-dem nahen Wald unterbricht das große ernste Schweigen, das über dem
-wohlerhaltenen Zeugen einer andern Zeit ausgebreitet ist; Reinsbergs
-Bedeutung liegt Jahrhunderte zurück im Schoße der Vergangenheit.
-
-Der Vergessenheit gehört auch die einstige Bedeutung der Reinsberger
-Kirche als Wallfahrtsziel an. Die Kalandbrüderschaft unterhielt hier
-in alter Zeit einen Altar als Gnadenort, an dem frommen Wallfahrern
-reicher Ablaß gewährt wurde. Gewaltig war der Zuzug, bis die
-Reformation mit den Wallfahrten aufräumte. Unbewußt hält jedoch
-die Volksseele noch heute an der alten Wallfahrtsfeier fest; das
-weitbekannte und stets stark besuchte »Reinsberger Vogelschießen« ist
-daraus entstanden.
-
-Der Reinsberger Friedhof mit der Gruft der Herren von Schönberg, mit
-zahlreichen wohlerhaltenen, in vergangene Jahrhunderte zurückreichenden
-Grabmälern und Eisenkreuzen bietet reiche Anregung zu sinnigen
-Betrachtungen und ernster Forscherarbeit.
-
-In der Mitte des Dorfes, dicht am Bahnhofe, steht ein Schachtgebäude!
-Des Haldenglöckleins heller Klang schallt vom Türmchen. Ein Stollen
-läßt Wasser auf ein Radwerk fließen. Wir stehen am vierten Lichtloche
-des _Rothschönberger Stollens_ und zugleich am Ausflusse, also am Ende
-des Grabens, der der Grabentour den Namen gab. Wie ich aus Erfahrung
-weiß, kennen die meisten Grabentourwanderer den Zusammenhang zwischen
-Rothschönberger Stollen und Graben nicht, meist wird beides miteinander
-verwechselt. Auch Wanderbücher und Reisebeschreibungen lassen uns meist
-im Unklaren, obwohl die Erbauung des Stollens und die Anlegung des
-Grabens erst vor wenigen Jahrzehnten erfolgten. Der Heimatfreund wird
-es deshalb gewiß begrüßen, wenn er an dieser Stelle Ausführlicheres
-darüber erfährt.
-
-Mit dem in den Jahren 1844 bis 1877 erbauten Rothschönberger Erbstollen
-wurde ein gewaltiges Kulturwerk geschaffen, dessen Nutzen freilich
-hinter den Erwartungen zurückblieb, die man beim Baubeginn gehabt
-hatte. Obwohl mit der Einstellung des Freiberger Bergwerks der Stollen
-so gut wie bedeutungslos geworden ist, bleibt er doch für alle Zeiten
-ein gewaltiges Kulturdenkmal, dem so leicht nichts Ähnliches zur Seite
-gestellt werden kann. Daß sich die Anlage des Stollens nicht lohnte,
-ist ja auch durchaus nicht die Folge falscher Berechnung oder eines
-andern technischen Fehlers; lediglich die unter dem Drucke damaliger
-Edelmetallentwertung notwendig gewordene Einstellung des Freiberger
-Silberbergbaues nahm dem Rothschönberger Stollen seine Bedeutung,
-ehe sie recht zur Geltung gekommen war. Als man ans Werk ging, stand
-das Wertverhältnis von Gold zu Silber wie 1 : 15. Schon vor der
-Vollendung begann unter dem Einflusse der gewaltigen Silbergewinnung
-Nordamerikas der Preissturz des Silbers, der das Wertverhältnis um die
-Wende des Jahrhunderts auf 1 : 40 herabdrückte. Unter so veränderten
-Umständen vermochte auch die kunstvollste Technik und die umsichtigste
-Sparsamkeit aller Bergbau- und Verhüttungsverfahren die Freiberger
-Silbergewinnung nicht mehr lohnend zu gestalten. Sie starb dahin. Die
-unterirdische Leitung der durch den Stollen bemeisterten Gruben- und
-Aufschlagwässer ist eins der Denkmäler, das den Freiberger Bergbau
-überlebt.
-
-Was führte nun zur Anlegung des Rothschönberger Stollens? – Nach
-jahrhundertelanger Ausbeute der Freiberger Silbergruben war das
-erzhaltige Gebirge in seinen oberen Schichten in der Hauptsache
-abgebaut; es galt tiefer zu gehen. Diesem Vorhaben bereitete aber das
-Grundwasser, der Hauptfeind des Bergbaues, immer größere Hindernisse,
-je weiter man in das Berginnere eindrang. Die Bewältigung der
-Grubengewässer war in der Hauptsache auf von Wasserkräften betriebene
-maschinelle Anlagen angewiesen, die aber zur Wasserhebung aus immer
-bedeutender werdenden Tiefen nicht mehr ausreichten. Die Anwendung der
-Dampfkraft erschien zu kostspielig. Infolge dieser Hindernisse waren
-bereits verschiedene wichtige Grubenbetriebe zum Erliegen gekommen und
-anderen drohte ein langsames Dahinsiechen.
-
-[Illustration: Abb. 5 =Schloß und Kirche Reinsberg=]
-
-Den einzigen Ausweg aus diesen Schwierigkeiten sah man in der
-Anlegung eines tiefen Revierstollens, durch den das Wasser ohne
-Hebung aus den tiefsten Stellen des Bergreviers nach einem Fluß in
-der Umgebung abgeführt werden konnte. Durch eine solche Anlage konnte
-zugleich das Aufschlagwasser für die in tieferen Stellen der Gruben
-erbauten Kraftanlagen mit beseitigt werden. Die Erbauung derartiger
-Wasserabführungsstollen war nicht neu. Wie andre Grubenreviere, so
-besaß auch Freiberg bereits eine größere Anzahl, doch reichten sie
-wegen ihrer geringen Tiefe zur Wasserbewältigung nicht aus.
-
-Im Jahre 1838 trat nun Oberberghauptmann von Herder mit einem ebenso
-gewaltigen wie genialen Plan an die Öffentlichkeit. Er schlug den
-sogenannten »Meißner Stollen« vor, der das Wasser durch einen
-dreiundzwanzig Kilometer langen und ungefähr hundertdreiundachtzig
-Meter unter dem tiefsten Freiberger Bergwerk zu liegen kommenden Abfluß
-nach der Elbe bei Meißen leiten sollte. Der Plan ist zwar unausgeführt
-geblieben, doch fußte auf ihm das Projekt des später vom Bergmeister
-von Weißenbach entworfenen Rothschönberger Stollens, der 1844 begonnen
-und 1877 vollendet wurde. Der Hauptstollen mündet bei Rothschönberg
-in das Triebischtal und wurde in dreizehntausendneunhundert Meter
-Länge bis an den Halsbrücker Spatgang, vierundneunzig Meter unter
-den tiefsten dortigen Stollen, den Anna-Stollen, geführt. Nach
-Anschluß aller Flügelstollen erhielt das gewaltige unterirdische
-Wasserwerk später eine Gesamtlänge von einundachtzigtausend Metern.
-Der Hauptstollen wurde von acht Lichtlöchern aus erbaut, die je
-nach der Höhenlage des durchbrochenen Gebirges eine Tiefe von
-dreiundfünfzig bis hundertfünfundfünfzig Metern besitzen. Zwischen
-dem Mundloch bei Rothschönberg und dem siebenten Lichtloch bei
-Halsbrücke hat der Stollen bei drei Meter Höhe eine Breite von zwei
-Meter fünfzig Zentimeter und weiter aufwärts bei gleicher Höhe eine
-Breite von einem Meter fünfzig Zentimeter. Letzteres Maß haben auch
-die Stollenhauptflügel im Innern des Freiberger Reviers. Der gewaltige
-Stollen kann demnach bequem mit einem Kahne durchfahren werden.
-Wir stehen hier in Reinsberg am vierten Lichtloch, unter dem in
-vierundachtzig Meter Tiefe der Rothschönberger Stollen die Freiberger
-Grubenwässer zur Triebisch führt, die sie wieder bei Meißen in die Elbe
-leitet.
-
-Die Kosten des Stollens in Höhe von
-siebenmillionenhundertsechsundachtzigtausendsechshundertsiebenundneunzig
-Mark dreiundvierzig Pfennige überschritten den Anschlag um
-neunundsiebzig Prozent, was bei der Länge der Bauzeit und bei den
-mannigfachen und großen Schwierigkeiten, die sich der Vollendung
-entgegenstellten, durchaus nicht verwunderlich ist. Die Geschichte des
-Stollenbaues bietet ein Bild deutscher Gründlichkeit, zähester Ausdauer
-und hoher technischer Leistungsfähigkeit. Wer je an Deutschlands
-Schaffenskraft zweifeln wollte, dem sei ein Studium der Baugeschichte
-des Rothschönberger Stollens empfohlen; er wird sicher eines besseren
-belehrt werden.
-
-Aus der Bauzeit des Rothschönberger Stollens stammt auch der
-Graben, die Wasserkunst, welche der Grabentour den Namen gegeben
-hat. An den einzelnen Lichtlöchern wurden die Förderarbeiten durch
-Dampfkunstgezeuge und Dampfgöpel ausgeführt. Nur am vierten Lichtloch
-in Reinsberg nahm man ein Radkunstgezeug und einen Kehrradgöpel und am
-fünften Lichtloch im Bobritzschtale zwei vertikale (Schwamkrug’sche)
-Turbinen zum Betriebe der Wasserhebungs-, Wetter- und Fördermaschinen
-zu Hilfe. Das nötige Aufschlagwasser wurde unterhalb Krummenhennersdorf
-aus der Bobritzsch entnommen und den Betriebsstellen durch eine
-dreitausendfünfhundertsiebenundfünfzig Meter lange Leitung, _den
-Graben an der Grabentour_, zugeführt. Die Wasserführung ist auf
-eintausendsechshundertzweiundfünfzig Meter als offener Graben und auf
-eintausendneunhundertundfünf Meter als unterirdische Rösche angelegt.
-Mit dem eigentlichen Rothschönberger Stollen hat also der Graben heute
-nichts mehr zu tun, wiewohl dies vielfach angenommen wird. Er war
-lediglich ein Hilfsmittel bei seiner Erbauung und ist heute ein Denkmal
-großzügigen Bergbauunternehmens.
-
-[Illustration: Abb. 6 =Schloß Reinsberg=]
-
-Das Dorf Reinsberg verlassend, führt uns der Weg an der alten
-kursächsischen Postmeilensäule vorüber dem Walde und der Grabentour
-im engeren Sinne zu. Aus Inschriften ist zu ersehen, daß wir uns
-auf Oberreinsberger Forstrevier befinden und daß der Graben der
-Betriebsdirektion der staatlichen Grube Himmelfahrt zu Freiberg
-untersteht.
-
-Wir kennen mancherlei ausgedehnte Wasserkunstanlagen, Floßgräben usw.
-im lieben Sachsenlande. Jede Anlage hat ihre Eigentümlichkeiten, ihre
-besonderen Reize für den Wandrer, der an ihrem Ufer streift. Unser
-Graben ist dadurch merkwürdig und besonders anziehend, daß er nur zum
-Teil im offenen Bett dahinfließt. Fünfmal wird das Wasser vom Felsen
-verschlungen und durch Tunnel geleitet. Dazu kommt seine herrliche
-Waldumgebung und die malerische Lage hoch am Hange des Bobritzschtals.
-Der Weg am Graben hin bietet dem Wandrer Bilder einzigartiger
-Naturschönheit; anmutige friedliche Waldblicke wechseln ab mit Bildern
-voll wildromantischer Wucht. Unberührte Natur und Menschenwerk einen
-sich harmonisch.
-
-Bald nach dem Eintritt in den Wald kommen wir an die erste offene
-Grabenstelle. Etwa dreihundert Meter weit plätschert das klare Wasser,
-um im ersten Tunnel zu verschwinden und durch den Berg dem Reinsberger
-Lichtloch zuzufließen. Ein schroffer Felsvorsprung schiebt sich nun ins
-Tal, vom zweiten Grabentunnel durchzogen. Wohl dreißig Meter tief im
-Grunde braust die Bobritzsch hin, von gewaltigen Fichten beschattet.
-Ein neues schöneres Bild tut sich hinter dem Felsen auf; wir kommen
-wieder an den offenen Graben. Ein Felsriegel ist durchschnitten für
-das Grabenbett. So geht es weiter im bunten Wechsel. Über eine alte
-Berghalde führt der Weg, Sedum begrünt den Schutt und im Schatten
-von Linden und Eschen laden Bänke zu kurzer Rast ein. Auch hier ein
-herrlicher Blick hinab ins Bobritzschtal, hinüber in den schönen Wald.
-Die Halde und ein Wehr am Graben erinnern an den Bau des fünften
-Lichtloches des Rothschönberger Stollens, das einst hier in die Tiefe
-führte. Es ist heute zugewölbt und verschüttet. Der Fußweg senkt sich
-hinab zur Bobritzsch, auf schmalem Pfade geht die Wanderung weiter,
-oben am Berge fließt der Graben. Dort, wo er zum viertenmal in den
-Felsen verschwindet, ist sein Geburtszeugnis eingemeißelt:
-
- Ausgeführt 18 ~L~ 44/~C~ 46
- durch
- Ob. Ef. ~E. v. W.~
- Ostg. ~A. J.~
- Mstg. ~G. B.~
-
-Die Namen des Bauleiters Oberbergrat von Warnsdorff, des Obersteigers
-Jobst und des Maschinensteigers sind hier verewigt. In nur drei Jahre
-fällt also die Bauzeit des Grabens; wahrlich eine beachtliche Leistung!
-
-Noch manches herrliche Bild landschaftlicher Schönheit zieht vor unserm
-Auge vorüber. Dort gähnt eine dunkle Felshöhle, hier liegt am Ufer der
-Bobritzsch eine kleine blumenübersäte Wiese, umrahmt von hohen Fichten.
-Jungwald zieht sich zum Gipfel des Berghanges empor und dort, wo die
-Sonne ungehindert durch Bäume in den Graben scheint, spielen Scharen
-kleiner Fische im blanken Wasser.
-
-Viel zu früh für den wanderfrohen Heimatfreund tritt der Wald zurück
-und bald tauchen die ersten Häuser von Krummenhennersdorf auf. Wir sind
-am Ende der Grabenwanderung angelangt! Oberhalb des »Gasthauses zur
-Grabentour« liegt das Wehr, welches das Bobritzschwasser in den Graben
-leitet. Wir verlassen die Bobritzsch auf hoher Brücke und biegen in
-das Seitental ein, in dem der eigentliche alte Ort Krummenhennersdorf
-liegt.
-
-Krummenhennersdorf – heute kaum genannt, oder höchstens bekannt als
-Ausgangs- oder Endpunkt der Grabentour, und doch hat Klio den Namen
-mehrfach eingezeichnet in die Annalen der sächsischen Geschichte.
-Zu der Zeit, als man Freiberg erbaute, mag auch Krummenhennersdorf
-mit andern Bergbaudörfern der Umgebung entstanden sein. Ursprünglich
-nach seinem Gründer Hinrichsdorf, also Heinrichsdorf genannt,
-erhielt der Ort später wegen seiner Lage am gebogenen, krummen
-Laufe des ihn durchfließenden Baches und zum Unterschiede vom nahen
-Langhennersdorf seinen heutigen, etwas merkwürdig anmutenden Namen.
-Vor über siebenhundert Jahren wird Krummenhennersdorf erstmals in
-der sächsischen Landesgeschichte erwähnt, in den Tagen, da deutsche
-Fürsten harte Fehden unter einander und gegen den Kaiser ausfochten.
-Im Juni 1195 endete hier das kampfesfrohe Leben des ritterlichen
-Meißner Markgrafen Albrecht des Stolzen. Er wurde, wie wenige Tage
-später auch seine Gemahlin, die schöne Sophie von Böhmen, nach der
-Inschrift in der Grufthalle zu Altenzella »~veneno sublati~«, durch
-Gift hinweggenommen. Völlig geklärt ist das trübe Geschehnis nicht; die
-Chronisten berichten, Kaiser Heinrich VI. sei der Anstifter zu diesem
-Morde gewesen, da ihm daran gelegen war, den kampfeslustigen und ihn
-selbst wiederholt befehdenden Fürsten zu beseitigen. Vielleicht fand
-der Kaiser willige Helfer in Altenzella, lud doch Markgraf Albrecht den
-Haß des Klosters auf sich, als er einen Teil der Schätze einzog, mit
-denen sein Vater Otto der Reiche das junge, von ihm begründete Kloster
-in verschwenderischer Weise ausgestattet hatte. Es wird überliefert,
-eine gedungene Kreatur des Kaisers habe dem Fürsten in Freiberg den
-Todestrunk gereicht; auf der Reise nach Meißen erkrankte Albrecht
-und in der Mühle zu Krummenhennersdorf hauchte er sein Leben aus.
-Irgendwelche sichtbare Zeichen, die das Gedächtnis an dieses Drama in
-der Mark Meißen alten Tagen wachhalten, sind nicht zu finden und wohl
-auch kaum vorhanden gewesen. Im Jahre 1910 ist die wahrscheinlich im
-Laufe der Jahrhunderte schon mehrmals erneuerte Mühle niedergebrannt;
-ein stattlicher Neubau in schmucker heimatlicher Bauweise ist dafür
-erstanden. Der eben aus der Bobritzsch abgeleitete Graben liefert der
-Mühle die Wasserkraft.
-
-Noch eine andre geschichtliche Erinnerung birgt Krummenhennersdorf.
-In der Ortsmitte, hoch auf dem Berge liegt neben der neuen Kirche das
-uralte Rittergut, einst ein Besitztum Altenzellas. Hierher übersiedelte
-im Jahre 1545 der letzte, der einundvierzigste Abt des Klosters,
-Andreas Schmiedewalt, als die Macht des reichen und in seinem Besitz
-einem kleinen Fürstentum gleichenden Klosters Altenzella in den Stürmen
-der Reformation zusammenbrach. Aus dem Klostergewaltigen war ein
-schlichter Pächter geworden, der mit seinem Schicksal ausgesöhnt hier
-hochbetagt im Jahre 1586 starb. Er war friedliebend und glich nicht im
-entferntesten seinem Vorgänger, dem kampfeslustigen und wortgewandten
-Abte Martin, der unter dem Schutze des Landesherrn Georg des Bärtigen
-den Siegeslauf der Lehre Luthers aufzuhalten suchte. Manch kräftig
-Wörtlein wurde gewechselt von hüben und drüben. Am bekanntesten
-geworden ist davon wohl des Abtes Flugschrift aus dem stillen
-Altenzella: »Wider das wildgeyfernde Eberschwein, Marten Luthern, so
-mit seinem Riesel umzustossen sucht die Canonisation S. Bennonis,
-Bischofs zu Meißen.«
-
-[Illustration: Abb. 7 =Schloß Bieberstein=]
-
-Das Andenken an Andreas wurde etwas getrübt, als sich später
-herausstellte, daß er einen Teil der Klosterschätze und goldenen
-Kleinodien beiseite geschafft und der Sequestierung entzogen hatte.
-Freilich ist nie aufgeklärt worden, ob der sonst so gewissenhafte Abt
-sich damit einen Notpfennig für sein Alter sichern wollte, oder ob er
-in der Hoffnung lebte, das Land werde wieder katholisch werden und sein
-Kloster in neuem Glanze erstehen. Sagen von vergrabenen Schätzen, die
-sich gern um verfallenes Klostergemäuer ranken, wurde damit auf recht
-realistische Weise der Nährboden geraubt.
-
-[Illustration: Abb. 8 =Kirche zu Bieberstein=]
-
-Frühlingssonnenglanz lag auf der Landschaft, als ich die Höhe erstiegen
-hatte, und nun, an blühenden Kastanien vorüber, durch die gewölbte
-Toreinfahrt eintrat in den weiten, von Linden beschatteten Hof des
-alten Klosterguts Krummenhennersdorf. Ein Bild des Friedens bot sich
-meinem Auge, Schwalben umzwitscherten die von wildem Wein umrankten
-Gebäude, die von Efeu dicht übersponnenen altersgrauen Mauern und aus
-dem malerischen Taubenhaus in der Mitte des Hofes klang vielstimmiges
-Gurren. Kein andrer Laut störte die klösterliche Stille. So mag’s auch
-einst gewesen sein, als Abt Andreas hier seine Tage verlebte. An den
-Gutshof grenzt der sehr große und heute noch wohlgepflegte Park. Eine
-hohe Mauer umgibt ihn, ein Anklang an die gewaltige Mauer, welche das
-Kloster Altenzella von der Außenwelt abschloß.
-
-Nach kurzer Wanderung erreichen wir die hohe Esse und blicken hinab
-auf die rußgeschwärzte Halsbrücker Hütte. Noch einmal taucht die
-Erinnerung auf an den Rothschönberger Stollen; dicht bei der Esse
-steht ein kleines Schachtgebäude, unter dem das siebente Lichtloch
-hundertdreiundzwanzig Meter tief auf die Stollensohle führt. Und nun
-geht unsre Fahrt weiter auf Freiberg zu; wir schlagen den Fußweg über
-»Herders Ruhe« ein und besuchen die denkwürdige Stätte, wo unter einer
-Berghalde »der Knappen treuester Freund«, der Oberberghauptmann von
-Herder seine letzte Schicht verfährt. Auch uns war er heute ein Freund
-und eine herrliche Wanderfahrt hat er uns beschieden. Herders genialer
-Geist hat den Plan zu der gewaltigen Grubenwasserabführung erdacht,
-aus dem der Rothschönberger Stollen und der Graben an der Grabentour
-hervorgegangen sind.
-
-
-
-
-Sächsische »Schweiz«?
-
-Von ~Dr.~ _Kurt Schumann_
-
-
-Gelegentlich der Ausstellung der Gilde vom Berge: Das sächsische
-Felsengebirge in Literatur, Bild und Kartographie im Japanischen Palais
-in Dresden ist wieder einmal der Streit um den Namen des bekanntesten
-sächsischen Gebirges entbrannt. ~Dr.~ Kuhfahl, der bekannte
-Bergsteiger, Photograph und Steinkreuzforscher schreibt im Dresdner
-Anzeiger im Anschluß an eine Besprechung der genannten Ausstellung:
-»Mit der richtigen Würdigung dieses Gebirgscharakters taucht aber in
-denkenden Köpfen gleichzeitig eine Art Beschämung darüber auf, daß
-der Name für diese heimatliche Felsenwildnis in denkbar läppischster
-Weise aus hochalpinen Verhältnissen herbeigezogen worden ist, mit denen
-er auch nicht die allergeringsten Vergleichspunkte besitzt. Das Wort
-»Sächsische Schweiz«, das jedem Alpenkenner als eine Herabwürdigung der
-Heimat erscheinen muß, hat sich seit 1780 gedankenlos fortgepflanzt und
-selbst in wissenschaftlichen Werken hier und da Eingang gefunden. Der
-Ausdruck Elbsandsteingebirge besitzt keine Volkstümlichkeit, und wenn
-die Gilde vom Berge heute ihre Ausstellung Sächsisches Felsengebirge
-betitelt, so ist sie sich gleichfalls bewußt, daß dies noch nicht die
-erwünschte Lösung der Namenfrage bedeutet.« Deshalb regt ~Dr.~ Kuhfahl
-an, man möge sich, wie schon vor Jahren gelegentlich eines von einer
-Zeitschrift ausgeschriebenen Wettbewerbs, mit dieser Frage befassen und
-nach einem treffenden, knappen und klangvollen Namen suchen.
-
-Zunächst eine kleine Richtigstellung, die für unsre weiteren
-Darlegungen nicht ohne Bedeutung ist: Der Name »Sächsische Schweiz«
-hat nicht selbst in wissenschaftlichen Werken hier und da Eingang
-gefunden, sondern wird seit Jahrzehnten beinahe ausnahmslos von allen
-Wissenschaftlern und vor allem von den Geographen gebraucht. Als Beleg
-nur die Verfassernamen der mir gerade zugänglichen Werke, in denen
-er an hervorragender Stelle gebraucht wird: Beck, Freiberg; Beyer,
-Dresden; Hettner, Heidelberg; Ruge, Dresden; Stübler, Bautzen; Berg,
-Göttingen; Machatschek, Prag; Weicker, Dresden; Meiche, Dresden;
-Schmaler, Dresden; Philippson, Bonn; Partsch, Leipzig; Koßmat, Leipzig;
-Pietzsch, Leipzig usw. Besonders stutzig muß uns die Tatsache machen,
-daß es ein geborener Dresdner, der jetzige Ordinarius für Geographie
-in Heidelberg, _A. Hettner_, war, der mit seinem klassischen Werk über
-den _Gebirgsbau_ und die _Oberflächengestaltung_ der _Sächsischen
-Schweiz_ das Wort in die wissenschaftliche Literatur einführte.
-Man kann wohl kaum annehmen, daß bei ihm wie bei all den genannten
-Geographen, Geologen, Historikern und Heimatforschern, denen man das
-Attribut denkende Köpfe kaum verweigern dürfte, reine Gedankenlosigkeit
-die Ursache zu diesem Brauche war. Schmaler schreibt in seiner
-trefflichen Landeskunde von Sachsen: »Der Geologe wird die Bezeichnung
-Elbsandsteingebirge lieber anwenden als den Begriff Sächsische Schweiz.
-Jedoch hat sich dieser so _allgemein eingebürgert_, daß ihn heute auch
-die wissenschaftliche Geographie braucht. Es ist darum zwecklos, über
-seine Berechtigung zu streiten. Interessant ist es, daß er in der
-Zeit der Aufschließung des Gebirges für den Reiseverkehr auch von den
-bekannten Schweizer Malern Adrian Zingg und Anton Graff angewendet
-worden ist.«
-
-Ich glaube, wir kommen nicht um die Notwendigkeit herum, dem was
-Schmaler sagt, zuzustimmen. Es ist auch bei den Verfechtern dieses
-Namens kein Zweifel darüber, daß es wenige Gebirge gibt, die in
-Gesteinsaufbau und Oberflächenform weniger Ähnlichkeit mit den
-Schweizer Alpen haben, als die Sächsische Schweiz. Die Kardinalfrage
-bei der ganzen Erörterung ist deshalb: Wollten diejenigen, die zuerst
-diesen Namen brauchten, und wollen alle die, die ihn heute in Schrift
-und Wort anwenden, überhaupt einen Vergleich zwischen den Alpen und
-unserm »Salongebirge«, wie es Ruge scherzhaft, wenn auch nicht für alle
-Teile zutreffend genannt hat, ziehen? Diese Frage aber muß unbedingt
-verneint werden. Wer heute Sonntags »in die Schweiz fährt«, um zu
-wandern oder zu klettern, um zu botanisieren oder Leitfossilien zu
-sammeln, um die Spuren alter Raubnester zu suchen oder sich im Schatten
-der Kiefern im Angesicht einer erhabenen Landschaft philosophischen
-Spekulationen oder dichterischen Träumen hinzugeben, denkt nicht
-im entferntesten an das für die meisten nicht erst seit dem Kriege
-unerreichbare Gebiet der Berner oder Walliser Alpen, und wäre er
-gleich am Vorabend erst im Tell oder einer Filmvorführung gewesen,
-die ihm die ganze Herrlichkeit dieser Landschaften vor Auge und Seele
-stellte. Ebensowenig wie sich der Schüler, der morgens ins Gymnasium
-geht, des Gegensatzes bewußt ist, der zwischen der Anstalt, die also
-bezeichnet wird und ihrem Vorbild besteht, denkt der Schweizfahrer an
-das Land, das – man ist versucht zu sagen »zufällig« – denselben
-Namen trägt wie sein geliebtes Felsengebirge. Es verbinden sich
-einfach mit dem _Wortklang_ nicht nur für den Dresdner, sondern für
-jeden, der die besondere Schönheit dieses Gebirges genossen hat, so
-starke Gefühlswerte, daß er den Namen ebensowenig missen möchte, wie
-den der Frauenkirche, des Zwingers oder der im Volksmund auch in der
-Zeit des albernsten Byzantinismus nie ausgestorbenen Augustusbrücke.
-Als mir neulich eine Kollegin erzählte, sie sei am Sonntag im
-Elbsandsteingebirge gewesen, lief mir ein kalter Schauer den Rücken
-hinunter, und mit dem Sächsischen Felsengebirge geht es mir nicht viel
-besser. Am wärmsten klingt noch Meißner Hochland, aber auch nur dem,
-der unter der Schwelle des Bewußtseins die ganze sächsische Geschichte
-liegen hat. Die weiteren Folgen einer Namensänderung will ich hier
-nicht ausmalen. Nur die bescheidene Frage: Wem wäre es nicht komisch
-zu Mute, wenn er von Ostern ab statt mit dem Schweizzuge mit dem
-Felsengebirgs- oder Elbgebirgszuge nach Schöna fahren und anschließend
-eine Meißner Hochlandstour unternehmen sollte?
-
-Und wer doch beim Klange des Wortes Schweiz es nicht lassen kann,
-nach den Gletschern des Engadin und den Firnspitzen von Zermatt einen
-ängstlichen Blick zu werfen, den werden vielleicht die folgenden Worte
-beruhigen, die ich in einem Wegweiser durch die Gegend um Dresden im
-Jahre 1804, als man sich auch schon einmal nach neuen Namen den Kopf
-zerbrach, fand, und mit denen ich meine Verteidigung der »Sächsischen
-Schweiz«, deren ragende Steine schon mein Söhnlein vom Landgraben aus
-mit dem Jubelruf grüßt: »Water, die Weiz! die Weiz!!«, schließen: »Doch
-das Gebirge heiße, wie es wolle, es ist unendlich malerisch. Alle
-Kontraste des Großen und Gefälligen, des Wunderbaren und Schönen, des
-Kühnen und Leichten, des Grausenden und Sanften sind mit romantischer
-Mannigfaltigkeit an den triumphierenden Lauf des Elbstroms gefesselt,
-und Schweizer, die hier weder ein Haslital noch die Spitzen der
-Jungfrau und des Finsteraarhorns fanden, die hier keinen Kuhreigen
-hörten und keinem Gemsenjäger begegneten, wurden dem allen ungeachtet
-von dem wunderbaren Charakter der Landschaft ergriffen und mit
-magischer Gewalt in die ferne Welt ihrer geliebten Heimat versetzt.«
-
-
-
-
-Bücherbesprechung
-
-
-»=Das Deutsche Haus=« von Paul Ehmig, 3. Band – 5. und 6. Buch
-– ist soeben bei Ernst Wasmuth, Berlin, erschienen. Somit ist in
-glücklichster Weise dieses großzügig angelegte Werk zum Abschluß
-gebracht worden. Die künstlerischen Bedingungen des deutschen
-Hauses, Anlage, Aufbau, Hauskörper, Innenraum und Garten werden
-in tiefgründiger Weise vom Standpunkte des schaffenden Künstlers
-behandelt. Der dritte Band ist ebenso wie seine Vorgänger hervorragend
-ausgestattet und mit 131 wertvollen Abbildungen illustriert. Wir
-empfehlen allen Baulustigen wie Freunden der nationalen künstlerischen
-Kultur das Buch aufs wärmste, aber auch den Jüngern der Baukunst.
-Ist es doch frei von der in technischen Gebieten allzu üblichen
-schematischen Behandlung der Aufgaben, betont es doch immer
-wieder die Notwendigkeit, die Erfahrungen der Alten zu benützen
-und die Bedürfnisse aus ihnen zu entwickeln. Alles in allem eine
-bedeutsame Weiterentwicklung der in den letzten Jahren erschienenen
-Veröffentlichungen ähnlichen Charakters –, auf die vom Deutschen Bund
-Heimatschutz herausgegebenen Grundlagen für das Bauen in Stadt und Land
-von Steinmetz, Berlin, und die sechs Bücher vom Bauen Ostendorfs sei
-hierbei hingewiesen. –
-
-Daß dem Siedelungsproblem, Reihenhaus und Bebauungsplan umfangreiche
-Teile des Buches gewidmet sind, mag hervorgehoben werden, aber auch,
-daß die künstlerische Gestaltung des Hausinneren in Verbindung mit
-den Gartenräumen unter Beibringung schönen Abbildungsmaterials mit
-besonderer Liebe behandelt ist.
-
- Paul Goldhardt
-
- Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt –
- Druck: Lehmannsche Buchdruckerei
-
- Klischees von Römmler & Jonas, sämtlich in Dresden
-
-
-
-
-An unsre geschätzten Mitglieder!
-
-
-Die immer weitere Zunahme unsrer Mitglieder, der Aufschwung
-unsrer Bewegung macht eine vollständige Umorganisation unsrer
-Mitglieder-Kartothek notwendig. Dabei werden nach Möglichkeit alle
-die Wünsche berücksichtigt, die uns seitens unsrer Mitglieder zur
-Geschäftsvereinfachung und zur Erzielung von Ersparnissen mitgeteilt
-wurden.
-
-Der =jetzige= Versand unsrer Mitteilungen erfolgt noch auf Grund unsrer
-alten Kartothek, und da die Briefumschläge seit Wochen geschrieben
-sind, ist in vielen Fällen die neue Anschrift, die uns in den letzten
-Monaten mitgeteilt wurde, noch nicht berücksichtigt worden.
-
-Um bei der Neuordnung unsrer Geschäftsführung auch nach Möglichkeit
-alle veränderten Anschriften berücksichtigen zu können, bitten wir
-unsre geschätzten Mitglieder, uns die jetzige und frühere Anschrift
-dann mitzuteilen, wenn die Anschrift auf dem Briefumschlag, in dem
-dieses Heft versandt wurde, nicht mehr stimmt.
-
-Jede Neuorganisation und Umänderung von Geschäftseinrichtungen
-bringt Versehen und Unstimmigkeiten naturgemäß mit sich. Wir bitten
-daher in den kommenden Wochen und Monaten – denn die vollständige
-Neueinrichtung unsrer Kartothek wird bei dem umfangreichen
-Mitgliederbestand diese Zeit erfordern – um freundliche Nachsicht.
-
-Wir danken allen, die uns durch Ratschläge bisher unterstützt haben;
-wir ersehen daraus die Liebe zu unsrem Verein, das Interesse an dem
-weiteren Heranwachsen unsrer Bewegung zum Wohle des letzten Schatzes,
-der uns blieb: zum Wohle unsrer geliebten Heimat.
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-
-Landesverein Sächsischer Heimatschutz
-
-März 1923
-
-
-
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-Einbanddecken in Leinen
-
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- Einzelbände M. 3000.--
- Doppelbände M. 3500.--
-
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-Heimatbücherei des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz
-
- Band I (2. Auflage): _Gerhard Platz_ »Vom Wandern und Weilen im
- Heimatland«
-
- M. 7500.--
-
- Band II. _Max Zeibig_ »Bunte Gassen, helle Straßen«
-
- M. 4000.--
-
- Band III. _Edgar Hahnewald_ »Sächsische Landschaften«
-
- M. 6000.--
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- Bestellkarte in diesem Heft
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-Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-A.
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-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LANDESVEREIN SÄCHSISCHER
-HEIMATSCHUTZ -- MITTEILUNGEN BAND XII, HEFT 1-3 ***
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