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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Landesverein Sächsischer Heimatschutz -- Mitteilungen Band XII, - Heft 1-3 - -Author: Landesverein Sächsischer Heimatschutz - -Release Date: December 15, 2022 [eBook #69548] - -Language: German - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LANDESVEREIN SÄCHSISCHER -HEIMATSCHUTZ -- MITTEILUNGEN BAND XII, HEFT 1-3 *** - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter - oder unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original - in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter - Text ist =so dargestellt=. - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. - - - - - Landesverein Sächsischer - Heimatschutz - - Dresden - - Mitteilungen - Heft - 1 bis 3 - - Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege - - Band XII - - _Inhalt_: Im Zauber des Erzgebirges – Kurt Arnold Findeisen – Auf - der Schwelle des Erzgebirges – Der Vielfraß in Sachsen – Der - Wanderfalke in Sachsen – In der Zeit der schweren Not – Hiddensee, - die Insel der Heimatsehnsucht – Unsre Elbvögel, einst und jetzt! – - Der Kiebitz als Brutvogel im Moritzburger Gebiet – Die Sageneiche - am Ölteiche zu Kohren – Die Grabentour – Sächsische »Schweiz«? – - Bücherbesprechung - - Einzelpreis dieses Heftes M. 2500.--, Bezugspreis für einen Band - (aus 12 Nummern bestehend) M. 9000.--, für Behörden und Büchereien - M. 5000.--. Mitglieder erhalten die Mitteilungen kostenlos, - _Mindest_monatsbeitrag M. 300.--, freiwillige Einschätzung erbeten - - Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24 - - Postscheckkonto: Leipzig 13987, Dresden 15835 - Stadtgirokasse Dresden 610 - Bankkonto: Commerz- und Privatbank, - Abteilung Pirnaischer Platz, Dresden - - Dresden 1923 - - - - -An unsre geehrten Mitglieder! - - -In den letzten Tagen haben wir um Einsendung eines Notbeitrages von -1000 M. für Einzelmitglieder, 5000 M. für körperschaftliche Mitglieder -gebeten, und wir haben so viel ansehnliche Beträge aus freiem Ermessen -erhalten, daß wir die feste Zuversicht haben, daß, wenn alle noch -ausstehenden Beiträge eingehen, wir in der Lage sein werden, den Verein -und seine Werke durchzuhalten. _Die vielen Einsendungen, die noch -ausstehen, müssen aber unter allen Umständen eingehen, und deshalb -bitten wir alle diejenigen, die unsrer Bitte noch nicht nachgekommen -sind, dies umgehend zu tun und zur Einsendung die Zahlkarte zu -benutzen, die unsrem Rundschreiben beilag, das wir in den letzten Tagen -des Februar an alle unsre Mitglieder versandten._ - -Aus dem vorliegenden Heft bitten wir zu entnehmen, daß es ohne die -geringste Einschränkung in der alten Ausstattung, wie unsre Hefte -seit 1908 erscheinen, hergestellt worden ist. Auch daraus bitten wir -unsre verehrten Mitarbeiter, Mitglieder und Freunde zu ersehen, daß -unsre Hoffnungen auf das Durchhalten unsres Vereins nicht trügerisch -sind, sondern daß bei uns nicht nur der feste Wille dazu besteht, -sondern auch die sicheren, wohldurchdachten und berechneten Grundlagen -vorhanden sind, das gesteckte Ziel zu erreichen. - -Wir bitten, die beiden letzten Umschlagseiten dieses Heftes zu beachten -und uns im weiteren Kampf um das Bestehen des Vereins zum Besten von -Heimat und Volk nicht im Stich zu lassen. Wir danken aufrichtig und -herzlich für alle Mitarbeit, für alle Hilfe; der schönste Dank ist das -Durchhalten der Bewegung, des Vereins in schwerster Zeit. - - Mit deutschem Gruß! - - Landesverein Sächsischer Heimatschutz - - =O. Seyffert=, =Michael=, - Hofrat, Professor Oberregierungsrat - - März 1923 - - - - - Band XII, Heft 1/3 1923 - -[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz - -Dresden] - -Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern -herausgegeben - -Abgeschlossen am 1. Februar 1923 - - - - -Im Zauber des Erzgebirges - -Von _Hans Hänig_ (Wurzen) - - -Worin besteht eigentlich der Zauber des Erzgebirges? - -Ich habe es seit länger als zwei Jahrzehnten nach allen Richtungen -durchstreift, ich bin auf tausend Pfaden gegangen, an denen die -große Menge achtlos vorbeigeht und habe einsame Bäche in ihrem Laufe -verfolgt, die in irgendeinem Winkel des Hochwaldes ihren Ursprung -nehmen. Ich habe beinahe auf allen Hochwarten gestanden, die das -Gebirge aufzuweisen hat, und immer hat es mir wieder Neues und -Seltsames geboten. Es muß wohl die Menschenseele sein, die hier in den -Höhen und Tiefen der Landschaft ihre Geheimnisse wiederfindet. - -Seitdem ich das erstemal auf einer Höhe des Gebirges stand, um die -Blicke nach dem Wogen von Bergen und Tälern hinüberschweifen zu lassen, -durchwanderte ich einen großen Teil von Deutschlands Gauen, und das -Schicksal verschlug mich auch in andere Teile Europas – aber alles, -was ich da fand, das finde ich vereint in meinem Erzgebirge wieder. -Der Wald- und Moorreichtum des westlichen Gebirges versetzt mich immer -wieder zu den Höhen des Böhmerwaldes, wenngleich von dessen Gipfeln -die Aussicht vielleicht noch weiter und umfassender ist, aber das -schwermütige Bild zu den Füßen des Beschauers ist noch dasselbe und mir -ist, als müßte dem Erzgebirge noch einmal ein Dichter wie A. Stifter -erstehen, der seine Schönheit im Innersten zu erfassen vermag. Die -Burgruinen und bewaldeten Kuppen am südlichen Steilabfall des Gebirges -vermögen dem Wanderer einen Augenblick rheinische Landschaften vor -das Auge zu zaubern. Das Waldgebiet um den Teufelsstein im oberen -Schwarzwassertal zeigt Fichtelgebirgsstimmungen, und die langen Linien -des stilleren östlichen Gebirges werden ihn an die Landschaften der -Eifel und des hohen Venn erinnern, die besonders im Herbst einen -so eigentümlich schwermütigen Eindruck machen. Mit dem Hochgebirge -hat das Erzgebirge nur wenig Gemeinsames, und doch finden sich auch -hier Berührungspunkte: der Greifenstein ist eine gute Schule für -angehende Kletterer, und der Gebirgskamm am Fichtelberg und Keilberg -trägt wie der alpine Steig im Schwarzwassertal bei Aue einen echt -alpinen Charakter wie vielleicht wenig andere Gebirgslandschaften in -Deutschland. - -Ich habe diese Täler und Höhen zu jeder Zeit des Jahres beobachtet: -wenn der Frühling die Gebirgsbäche schwellt oder wenn Sommertagszauber -auf den Bergstädten und Halden liegt. Vielleicht ist auch hier der -Herbst am schönsten, und die klare, reine Luft läßt dann Einzelheiten -hervortreten, die durch die Schwüle des Sommers nur allzuoft verwischt -waren. An solchen Tagen hebt sich jedes Baumblatt in klaren Umrissen -vom Horizonte ab und dahinter ein Stück altersgrauer Fels, bis auch -dieser wieder in das brennende Feuer der Abendröte getaucht ist. Dann -wird die Freude an den tausend kleinen Entdeckungen, die der Wandrer -bei seinen Fahrten macht, zur Andacht – zu der großen, stillen -Andacht, die den Menschen im Innersten seine Verwandtschaft mit der -Natur ahnen läßt. - -Oft lag der Mittagszauber über dieser Erzgebirgsnatur, und die Linien -des Gebirges lösten sich in der Schwüle auf, die über Tälern und -Wäldern lag. Das Mittagsgespenst geht um und drückt Menschen und Tiere. -Die Halden liegen einsam und versonnen, und in den Bergstädten schläft -man ein Stück in den Nachmittag hinein. Wer in solchen Zeiten in der -Natur ist und ihrem Weben nachgeht, den umfängt ein geheimnisvoller -Schauer, den Schwind in seiner Mittagsfrau unnachahmbar zum Ausdruck -gebracht hat. Aber mich soll sie heute nicht abhalten, immer mehr in -die Fichtelgebirgsnatur hineinzuwandern, die sich hinter Mittweida -auftut. Die Mühle, die hier am Eingange des oberen Mittweidaer Tales -eingebettet ist in lauschiger Einsamkeit, soll mein erstes Ziel sein. - -Schon vor Jahren hatte es mich öfter in diese Gegend gezogen, als ich -eines Nachmittags die Crottendorfer Kirche entdeckte. Inmitten dieser -Erzgebirgsnatur, umrahmt von den Vorhöhen des Fichtelberges ein Stück -Kunst hinter den altersgrauen Mauern, wie es selbst der farbenfrohe -Südländer sich nicht besser wünschen könnte. Ein prachtvoller alter -Holzaltar, die Decke getäfelt und selbst an den Wänden und Emporen -Bilderschmuck – so wird das Ganze dieses Kirchleins zu einer inneren -Anregung für den Besucher, wie sie unsre protestantischen Gotteshäuser -leider nur allzuoft vermissen lassen und wie sie doch gerade in unsrer -hastenden Zeit so wohl tut. Ob uns wohl etwas mehr Farbenfreude in -unserem arm gewordenen Deutschland schaden würde? - -[Illustration: Abb. 1 =Kirche zu Crottendorf=] - -Hinter der Bahnstation von Mittweida beginnt das eigentliche Tal, das -sich von hier bis zum Fichtelberg selbst hinzieht. Während der ersten -Wegstunde immer dasselbe Bild: drunten am Bach ein paar Häuser oder -eine Papier- und Sägemühle – dahinter weite Waldbestände, die, je -höher man hinaufkommt, desto mehr den Blick gefangennehmen und die -Gedanken an nichts anderes aufkommen lassen. Hinter der Wolfner Mühle, -die noch einmal an einer Talgabelung liegt, tritt der Wald so nahe -heran, daß nur noch die Mittweida und eine Waldstraße durch das Tal -führen. Dann hören auch die letzten Ansiedlungen auf, und die große, -feierliche Stille der Natur beginnt. Die umliegenden Höhen senden -ihre Blöcke und Kuppen vor, die über dem Waldreichtum Wache halten. -Der Weg zieht sich immer weiter zur Höhe hinan und täuscht doch immer -wieder, indem er weitere Ausblicke eröffnet – es ist, als wollte der -Wald hier kein Ende nehmen und als sollte niemand wieder aus seinem -Bann herauskommen, der sich einmal hinein begeben hat. Endlich, als -sich schon der Fichtelberg selbst wie ein Wächter dieser Landschaft -emporreckt, teilt sich der Weg, indem ein Pfad gerade an dem Abhang -emporführt, während ein anderer sich oberhalb der Tellerhäuser mit dem -sogenannten Prinzenweg vereinigt. Die Mittweida selbst entspringt nicht -weit vom Unterkunftshause, und man hat somit Gelegenheit, das Werden -und Wachsen dieses kristallenen Baches bis zu seiner Mündung in das -Schwarzwasser zu verfolgen. - -[Illustration: Abb. 2 =Inneres der Kirche zu Crottendorf=] - -Wer es kann, wandere diese einsame Straße, wenn im November das -Abendrot hinter den Bäumen hängt und aus dem Waldbereich einsame Feuer -emporsteigen. Er wird hier ein Stück Naturmystik finden wie selten im -Erzgebirge, und er wird aus solchen Fahrten neue Erholung und Kraft -schöpfen. Jene Kraft, die uns mit der Natur selbst verbindet und die -unser armes Volk gerade in den jetzigen Tagen so nötig hat. - - -Anmerkung - -Nach der Mitteilung des Herrn Pfarrers Merz in Crottendorf hat -wahrscheinlich schon im dreizehnten Jahrhundert an der Stelle der -heutigen Kirche dieses Dorfes eine frühere gestanden, deren Größe -noch heute an dem Nordgiebel des Kirchbodens zu sehen ist. Am fünften -Sonntag nach Trinitatis 1539 wurde hier wahrscheinlich von dem Pfarrer -Abraham Schroot (oder Adam Schrott) die erste evangelische Predigt -gehalten. Die jetzige Kirche wurde 1654 geweiht. Der schöne Altar, -der neben der kunstvollen Holzdecke einen Hauptschmuck der Kirche -bildet, wurde von dem Freiberger Bildhauer Theodor Meyer begonnen und -nach seinem Tode in Crottendorf von seinem Eidam 1698 vollendet und -1699 geweiht. Die Kanzel ist ein Werk des Annaberger Meisters Andrä -Götze und ist zweimal, 1883 und 1896 erneuert worden. Neben der Kanzel -steht ein alter Flügelaltar, der in gleicher Höhe rechts auf dem Bilde -sichtbar ist. Ferner sind noch zwei Ölgemälde, Bildnisse der Kurfürsten -Johann Georg I. und Johann Georg II., des letzteren in jugendlichem -Alter, vorhanden, dazu rechts und links von den beiden Emporen Ölbilder -mit Darstellungen aus dem alten und neuen Testament, die sehr alt und -noch gut erhalten sind. Der Taufstein ist aus Crottendorfer Marmor -hergestellt. - - - - -Kurt Arnold Findeisen - -Von _Otto Eduard Schmidt_ - - -Am nächsten 15. Oktober vollenden sich vierzig Jahre, seit Kurt -Arnold Findeisen im sächsischen Zwickau geboren wurde. So liegt die -Jugendzeit hinter ihm, das männliche Alter beginnt und damit ist der -rechte Zeitpunkt gegeben, einen Rückblick auf das Schaffen des Dichters -anzustellen und – soweit es ein Menschenauge vermag – einen Ausblick -auf seine Zukunft zu wagen. Aus einer Familie stammend, die Juristen, -Schulleute, Forstbeamte hervorgebracht hat, trat er als Sohn eines -Kohlenschachtbuchhalters ins Leben, seine Mutter war eine ehemalige -Kleinkinderlehrerin. An ihr hing der Knabe mit zärtlicher Liebe; ihr -Bild taucht wie ein sorgsam gehütetes Kleinod in Findeisens Gedichten -immer wieder auf. Seine Schulbildung erhielt er in Dresden, Zwickau und -Schneeberg. Er wurde Lehrer in Mylau, dann in Plauen im Vogtlande. -Durch Teilnahme an Ferienkursen der Universität Jena erweiterte und -vertiefte er sein Wissen und seine Weltauffassung. Findeisen selbst -sagt, daß er erst nach seinen Bildungsjahren zu seiner eigentlichen -Bestimmung erwachte. Das mag wohl sein, aber jedenfalls ist schon -lange, bevor er die ersten Früchte seiner Muse pflückte, tüchtig an -ihm gearbeitet worden und noch mehr wohl hat es in ihm gearbeitet. -Oder wer hat wohl das sinnige Wesen, das ihm von Kind auf eigen war, -die tiefgewurzelte Hinneigung zur Natur und vor allem den stärksten -Antrieb seines ganzen Schaffens, die Sehnsucht, in ihn gepflanzt, wenn -nicht die frühverklärte Mutter? Sehnsucht nach etwas anderem, als dem -gemeinen Alltag trug er schon als Knabe im Herzen, wenn er am »roten -Brückenberg« in Zwickau »im Zittergras stundenlang« träumte, mit der -Sehnsucht in der Seele durchwanderte er in Plauen seine Umwelt und -verliebte sich in die wenigen stillen Gründe und Gartenwinkel, die der -Industrialismus dort übriggelassen hatte, die Sehnsucht begleitete ihn -hinaus auf die vogtländischen Wiesen und erlenumsäumten Bachtäler, über -denen noch der Nachhall der Heimatlieder Julius Mosens schwebte, die -Sehnsucht führte ihn früh zu der Hinterlassenschaft seines Landsmannes -Robert Schumann und zu Wilhelm Raabe, mit dem er noch eine persönliche -Beziehung knüpfen durfte. Und zu der Sehnsucht kam die Parzivalstimmung -»durch Mitleid wissend«, die Heimat und Welt umspannende Menschenliebe, -der zweite Brennpunkt seines Wesens. Das reiche Innenleben drängte -nach außen: er fand eine doppelte künstlerische Ausdrucksmöglichkeit -für alles, was in ihm lebte, die dichterische und die musikalische. -Die dichterische betätigte er zuerst in weichen Klängen inniger -Heimatliebe, in Liedern und Balladen, die er in Zeitschriften -veröffentlichte. Er selbst gab seit 1912 mit Paul Miller und Emil -Rösler die Monatsschrift »Das Vogtland und seine Nachbargebiete« -heraus, die von Anbeginn an durch die auf den Grundsätzen der Romantik -beruhende innere Verknüpfung der Künste hoch über den meisten -Unternehmungen dieser Art stand. Dann riß ihn der Weltkrieg als -Krankenpfleger mitten hinein in die äußere und innere Not unseres -schwer ringenden Volkes. Mitten im Brausen des Kriegssturmes entstand -seine erste Gedichtsammlung »Mutterland« in den zwei Unterabteilungen -»Vogtland« und »Erzgebirge«, die Findeisen später (1922) bei Oskar -Laube in erweiterter Gestalt unter dem Titel »Sachsen, zwei Bücher -Landschaftsgedichte und Balladen« (1. Mutterland, 2. Ahnenland) -herausgab. Niemand kann Findeisen verstehen, der nicht in diesen -von inniger Heimatliebe getragenen, aber zugleich auch die tiefsten -und letzten Fragen des menschlichen Lebens berührenden und lösenden -Dichtungen gründlich zu Hause ist. Ich gestehe, daß ich in diesen -Gedichten seiner ersten Periode das Schönste finde, was Findeisen in -Vers und Reim geleistet hat, und ich möchte wünschen, daß er sich nie -von dieser ihm ureigenen Art zu künstlicheren, vielleicht auch einmal -verkünstelten Gedichten, wie sie sich neben vielem urkräftig Schönen -hie und da unter seinen späteren Gedichten finden (»Aus der Armutei«, -E. Focke, Chemnitz 1919), entfernen möge. Im »Vogtlandslied« und im -»Erzgebirgslied« klingen so herzbewegende Töne, wie sie seit Julius -Mosen kein Obersachse mehr anzuschlagen verstand, aber weit größer -und eindrucksvoller als bei dem älteren Dichter ist bei Findeisen der -musikalische Wohllaut der Sprache: - - O ihr Berge meiner Väter, - Träumerisch und tannengrün, - Dran die braunen Hütten kleben - Und die Abendlichter blühn! - O ihr Hänge meiner Heimat! - Tief in Holz und Heidekraut - Hat bei euch sich meine Seele - Ach, ein kleines Nest gebaut. - -Für die Krone der älteren Dichtungen Findeisens halte ich die von -ihm ganz frei aus der innerlichsten Anschauung des großen Altars der -Schneeberger Wolfgangskirche und aus dem Erleben der Schneeberger -Weihnachtswoche und der Christmetten ersonnene und gestaltete Ballade -»Der kleine Melchior und das Weihnachtskind«. Aus der gesamten -deutschen poetischen Literatur über das Weihnachtsfest weiß ich dieser -geradezu klassischen Verherrlichung des Christnachtszaubers wegen der -»Fülle der Gesichte« und der brunnengleich quellenden Sprache nichts -Gleichwertiges an die Seite zu stellen. Der dem Dichter wesensverwandte -Maler Alfred Hofmann-Stollberg, hat die Anschaulichkeit der Gedichte -Findeisens durch wundersam beseelte Zeichnungen noch erhöht. - -Um dieselbe Zeit erschien auch die erste Geschichtensammlung Findeisens -unter dem Titel »Heimwege« (Konstanz 1918, Verlag von Reuß & Itta), -vier Perlen einer schlichten, aber tief ergreifenden Erzählungskunst. -Am erschütterndsten sind wohl »Der Schulmeister von Dröda«, jene -»sonnenlose Geschichte«, die er dem ehemaligen Lehrer von Papstleithen, -seinem Schwiegervater, künstlerisch gestaltend nacherzählte, -und »Der Wunderbaum«, das in samtweicher Sprache dahintönende, -schmerzensreiche »Hohelied« vom vogtländischen Heimweh, durch das er -die Heimwehstimmungen seines stärksten Vorgängers auf diesem Gebiete, -Julius Mosens, weit übertraf. Sie sind, um vier kleinere Erzählungen -vermehrt, in einer zweiten Auflage unter dem Titel »Der Tod und das -Tödlein« 1921 in Dresden erschienen. - -Unterdessen hatte der Dichter, seit 1913 mit Wanda Hildegard Gebauer -verheiratet und Vater eines 1915 geborenen Sohnes, Plauen, die rührige -Hauptstadt des Vogtlandes, mit der sächsischen Landeshauptstadt -Dresden vertauscht. Hier spricht die Kunst im weitesten Sinne des -Wortes und eine lange, spuren- und werkreiche Geschichte des geistigen -und künstlerischen Lebens der Obersachsen noch weit eindringlicher -zu seiner empfänglichen Seele, hier hat er unter dem Einflusse der -unabsehbaren Folgen des Weltkrieges und der Staatsumwälzung neue -Gärungen durchgemacht, die seine Wesensbildung rasch steigerten und -hoffentlich ohne Schädigung seiner natürlichen Eigenart vollenden -werden. Die wichtigste Frucht dieser inneren Kämpfe und Wandlungen -ist die immer stärkere Hinneigung zu der Dichtungsart, durch die -gegenwärtig die kräftigste Einwirkung auf die Stimmung und Gesinnung -des Volkes erzielt wird: zum Roman. Sehr bezeichnend für Findeisen -ist die Wahl der Stoffe. Für ihn gab es kein Schweifen in die -Ferne, sondern, wie er mit allen Fasern seines Wesens in Volk und -Heimat verankert ist, packten ihn mit zwingender Notwendigkeit fast -gleichzeitig zwei obersächsische Stoffe von sehr verschiedener -Art und noch verschiedenerem Ausmaß: Robert Schumann und – Karl -Stülpner. Dem Schumann-Roman gingen zwei Bücher voraus, die die -besondere Befähigung des Verfassers für die Auslegung musikalischer -Werte und musikgeschichtlicher Verhältnisse an den Tag legten: die -bei Dürr in Leipzig verlegten »Klaviergeschichten, Einführungen in -ein volkstümliches Verständnis der Musik« und die schon in zweiter -Auflage gedruckten »Robert Schumanns Kinderszenen auf heimatlichen -Grund gelegt«. Von dem Schumann-Roman, der den Titel trägt »Der -Davidsbündler« ist Weihnachten 1921 der erste Teil »Herzen und -Masken« erschienen, der die Entwicklung Robert Schumanns in Leipzig, -das Leipziger Musikleben jener Zeit und Schumanns dornenvolles -Liebeswerben um Klara Wieck bis zur endlichen Vereinigung mit der -Geliebten schildert. Vieles ist in dem Roman aus den Kompositionen und -dem Briefwechsel der beteiligten Personen und aus dem eindringendsten -Studium der Orts- und Zeitverhältnisse mit feinem Nachempfinden -und sicherem Sicheinfühlen gestaltet, anderes, was der Dichter zur -Ergänzung der trümmerhaften Überlieferung brauchte, ist mit genialem -Seherblick und kraftvoller Phantasie frei erfunden. Man wird aber mit -einem Urteil über das Ganze billigerweise zurückhalten müssen, bis -der Dichter auch den zweiten Teil »Den Weg in den Aschermittwoch«, -den Niedergang und das Erlöschen des leuchtenden Gestirns, das ihm -Robert Schumann bedeutet, dargestellt haben wird. Der Stülpner-Roman -erschien zuerst in einzelnen Stücken in der »Sächsischen Heimat«, der -von Findeisen herausgegebenen »Zeitschrift für volkstümliche Kunst -und Wissenschaft in den obersächsischen Landen«, dann aber, durch -einige wichtige Kapitel abgerundet, in Buchform bei Grethlein & Co., -Leipzig und Zürich, zu Weihnachten 1922 unter dem Titel »Der Sohn -der Wälder«. Die Geschichte vom Raubschützen Karl Stülpner, dessen -Bild noch heute in mancher Holzhütte des oberen Gebirges hängt, -von dem ein selten gewordenes Buch mit bunten Kupfern erzählt, das -ich in meiner Knabenzeit voll Begeisterung las, der noch immer als -das beste Kassenstück des sächsischen Puppentheaters gilt, ist der -kräftigste und ergiebigste Stoff, den die erzgebirgische Vergangenheit -für den kommenden Dichter aufbewahrt hat, und Findeisen, in dem die -erzgebirgische Heimat lebt und atmet, der am liebsten selbst in den -Tiefen des Waldes die Schwere und die Unrast der Zeit vergessen möchte, -war der rechte Mann, diesen köstlichen Schatz zu heben und künstlerisch -zu verklären. In Findeisens Stülpnerbuch waltet ein dem Geist der -Romantiker verwandter mystischer Naturalismus, wie wenn Goethe in der -Szene »Wald und Höhle« den Faust zum Erdgeist sagen läßt: - - Du führst die Reihe der Lebendigen - Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brüder - Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen. - -Sein Stülpner lebt mit Wald und Fels, mit Tier und Blume in innigster -Gemeinschaft, er erscheint selbst als eine Art Erzeugnis der -Waldesnatur und sinkt zuletzt in geheimnisvoller Weise in das Reich -zurück, aus dem er gekommen ist. Man genießt diesen Roman im ersten -Lesesturm wie einen erfrischenden Hauch aus der Zeit unseres Gebirges, -in der es noch in unverfälschter Ursprünglichkeit zum Menschen redete. -Erst beim zweiten und dritten Durchlesen wird man sich der feinen -Kunst bewußt, mit der der Dichter diese Wirkung erzielt. Wie der -Tau eines Frühlingsmorgens liegt Reinheit und Keuschheit über dem -Ganzen. Die Frauenliebe tritt gegen die Mutterliebe zurück, und wo -sie einmal im Vordergrund steht, da spart der Dichter die sinnlichen -Ausmalungen. Dagegen ist der gebirgischen Derbheit reichlich Raum -gegeben, namentlich in der wohlgelungenen Zeichnung des Amtsfrons -Wohllebe und der Genossen Stülpners, der Wildschützen Dotzinger und -Hertzog. Ich stehe nicht an, Findeisens Stülpner-Roman als die echteste -und volkstümlichste Schöpfung zu bezeichnen, die die Dichtung des -Erzgebirges bis jetzt hervorgebracht hat. Damit ist nun auch der Platz -besetzt, den wir mit Bedauern so lange leer gesehen haben. Findeisen -hat, wie schon früher in seiner Lyrik und seiner Ballade, so nunmehr -auch im Roman die Bedeutung erlangt, daß wir in ihm einen der führenden -Dichter des obersächsischen Stammes erkennen dürfen. Möge es dem -Dichter, dessen wir uns als eines teuern Kleinods erfreuen wollen, -vergönnt sein, von Stufe zu Stufe in seiner naturgemäßen Entwicklung -fortzuschreiten und das Ehrenkränzlein obersächsischer Dichtung mit -neuen, immer schöneren Blüten zu schmücken. - - - - -Auf der Schwelle des Erzgebirges - -Von ~Dr.~ _Kurt Schumann_ - -Mit Bildern nach Aufnahmen von _J. Ostermaier_, Dresden-Blasewitz - - -So oft ich, gequält durch den Lärm von fünf äußerst betriebsreichen -Straßenbahnlinien und das melodische Gewimmer eines -Luftschaukelleierkastens, gegen das ich seit Jahren einen ebenso -zähen wie erfolglosen Kampf führe, mich mit dem Gedanken trage, -meinen Striesener Wigwam zu verlassen und mich auf die mit meiner -Arbeitsstätte durch die billige Reichsbahn verbundene Lausitzer -Hochfläche zurückzuziehen, brauche ich nur einen Blick zum Fenster -hinauszutun, um mich in meinem Entschluß wieder wankend werden zu -lassen. Denn bis zu den Gipfeln des östlichen Erzgebirges, zum Geising -und Sattelberg, wandert der Blick selbst vom Schreibtisch aus, und -auch bei neunzehnhundertzweiundzwanziger Wetter sind wenigstens -seine Vorhöhen gut zu überschauen. Und dieser Blick wiegt schon -eine ordentliche Portion Straßen- und Karussellärm auf. Die letzten -Cunnersdorfer Schächte begrenzen den Horizont im Westen; dann folgt die -Goldene Höhe, und zwischen ihr und dem Plateau der Babisnauer Pappel -guckt der Walfischrücken der Quohrener Kipse durch, was besonders -schön in die Erscheinung tritt, wenn der hintere Höhenzug im Schimmer -frischgefallenen Schnees glänzt, während den vorderen niederen schon -der grüne Schein lenzesfroher Saaten schmückt. Beherrscht aber wird -das ganze Bild von dem einzigen wirklichen Gipfel dieser Höhenzüge, -dem nahezu fünfhundert Meter hohen Wilisch. Im Osten schließt die -flache Kuppe des Finkenfangs das besonders im Morgen- und Abendlicht -ganz wundersame Bild ab. Da sich außerdem mit dem überblickten Gebiet -Erinnerungen an meine ersten Wandertaten verknüpfen, ist es kein -Wunder, daß ich mit ihm noch vertrauter bin als mit manchem anderen -Dresdner Ausflugsgebiet, und mir die redlichste Mühe gebe, ihm immer -neue Verehrer zu gewinnen. »Warum sucht ich den Weg so sehnsuchtsvoll, -wenn ich ihn nicht den Brüdern zeigen soll?« - -Wie notwendig solche Führungen sind, konnte ich wieder einmal erkennen, -als ich mit einer sonst wirklich nicht auf den Kopf gefallenen -Jugendgruppe die letzte diesjährige Volkshochschulwanderung unternahm. -War doch z. B. keiner von den etwa dreißig Teilnehmern bisher mit -der _Windbergbahn_ gefahren, obgleich eine Fahrt auf dieser Strecke -unzweifelhaft zu den schönsten und billigsten Genüssen gehört, die -sich der Dresdner leisten kann. – Am Bahnhof Plauen blickt man -zunächst einmal der Gegend in die Eingeweide. Über dem Syenit des -_Ratssteinbruchs_ lagern, schräg nach dem Elbtal zu einfallend, -Plänerschichten, Erinnerungen an die Zeit, da über diesem Gebiet die -Fluten des Kreidemeers wogten. Bei dem mächtigen Getreidesilo am Fuße -der Heideschanze verläßt der Zug die Enge des Plauenschen Grundes -und tritt in das weite _Döhlener Becken_ ein, das die Weißeritz -durch Abtransport der diese ganze Gegend bedeckenden Geröllmassen, -die im Zeitalter des _Rotliegenden_ hier abgelagert worden waren, -geschaffen hat. Der das Becken beherrschende Windberg zeigt an, -bis zu welcher Höhe diese Konglomerate einst lagen. An den weichen -Lehnen klettert unser Zug empor, wobei sich die herrlichsten Blicke -über das Freitaler Industriegebiet, das Elbtal und die Lößnitzhänge -eröffnen. Auf der Höhe angelangt, können wir die Blicke weit nach -Norden und Osten schweifen lassen. Wir wissen nicht, welcher von den -drei überschauten Landschaften wir den Preis der Schönheit zuerkennen -sollen, den sanftgewellten Höhen des Lausitzer Berglandes, der -weiten von Siedlungen erfüllten Elbaue mit den Loschwitzer Hängen -und dem Eckpfeiler des Borsbergs im Hintergrund oder der zierlichen -Tafelberggesellschaft des Elbsandsteins, die fremd und eigenartig im -Süden auftaucht. Die Nähe aber ist nicht minder interessant. Mächtige -Wälder von Baumfarnen und anderen tropischen Gewächsen, deren Schönheit -uns heutzutage nur noch die Gewächshäuser (Pillnitz) offenbaren, wurden -von den Schottermassen der Rotliegendzeit einst zugedeckt. Im Laufe -verschiedener Jahrmillionen wurden die Baumleichen in Kohle verwandelt, -die der Niederhäslicher und Burgker Bergmann nun unter schwerer Mühe -und Lebensgefahr, von der auch das Denkmal auf dem Segen-Gottes-Schacht -erzählt, ans Licht bringt. Denjenigen, die sich für unsern heimischen -Bergbau näher interessieren, kann ich gar nicht warm genug die -Ausstellung im Heimatkundlichen Schulmuseum des Dresdner Lehrervereins -auf der Sedanstraße empfehlen, wo sich nicht nur Zeichnungen und -Modelle von Bergwerken, die Werkzeuge des Bergmanns, geologische Karten -und Profile und geschichtliche Erinnerungsblätter finden, sondern -man auch in bequemer und übersichtlicher Weise einen Einblick in die -Bedeutung, Verbreitung und Arbeitsweise der verschiedenen auf dem -Kohlenreichtum des Gebiets sich aufbauenden Industriezweige erhält. -Eine treffliche Ergänzung dazu bildet die Schilderung, die H. Beier im -ersten Band des Dresdner Wanderbuchs vom »Industriegebiet des Döhlener -Beckens« gibt. Unser Züglein führt uns in der Nähe verschiedener -Schächte und ganz dicht am Marienschacht vorüber, so daß wir bei der -beängstigenden Geschwindigkeit unseres Vehikels genügend Gelegenheit -haben, neiderfüllte Blicke nach den mit den schönsten Steinkohlen -beladenen Hunden und Eisenbahnwagen zu werfen. - -[Illustration: Abb. 1 =Im Plauenschen Grund bei Coßmannsdorf=] - -Am Bahnhof Bannewitz wendet sich die Bahn südwärts, und wir gewinnen -einen prächtigen Blick auf das nach dem Döhlener Becken hinabziehende -Poisental, das den in den unfruchtbaren Sandsteinen des Rotliegenden -wurzelnden _Poisenwald_ umschlingt. Auch dieser den Dresdnern noch -verhältnismäßig wenig bekannte Wald hat seine besonderen Reize. Wenn im -Frühjahr und Herbst die Birkenreihen wie Fackelzüge durch den dunklen -Kiefern- und Fichtenwald sich durchschlängeln, kann er wohl mit seinen -bevorzugten Brüdern in Wettbewerb treten. Nachdem uns die Halde neben -der Haltestelle Goldene Höhe daran erinnert hat, daß sich früher -der Bergbau bis nach Rippien hinüberzog, fahren wir an der schönen -Pappelallee nach Possendorf hinab. Tief unter uns liegt Wilmsdorf -im oberen Poisental. Nur wenigen dürfte bekannt sein, daß dort der -Freiheitskämpfer Schill 1776 geboren wurde. - -[Illustration: Abb. 2 =Die Possendorfer Windmühle=] - -Uns verheißt die goldne Herbstsonne, die uns beim Aussteigen in -_Possendorf_ begrüßt, ein schöneres Los als ihm, und so wandern wir -wohlgemut durch das behäbige Dorf, das als Mittelpunkt der ganzen -Pflege einen sehr stattlichen Gasthof, eine ebensolche Kirche und ein -mit schönen Renaissancegiebeln versehenes Rittergut besitzt. Einen -halben Kilometer jenseits des Dorfes, wo die prächtige Kastanienallee -in einem schön geschwungenen Bogen die Wendischkarsdorfer Höhe -nimmt, geht ein schmaler Fußsteig rechts feldein. Wir folgen ihm und -beobachten dabei, daß die Felder eine auffällig rote Farbe tragen. -Wir befinden uns also immer noch im Gebiet des Rotliegenden. Einige -aufgelesene Steine belehren uns, daß wir es mit einer Ansammlung -erzgebirgischer Gneise zu tun haben. Wenn nun diese Gneise schon in -ihrem Ursprungsgebiet einen leidlichen Ackerboden abgeben, so ist -dies naturgemäß hier, wo sie im bereits zerschlagenen Zustande der -Verwitterung viel leichter anheimfallen, noch mehr der Fall. Deshalb -macht auch das Quellreihendorf _Börnchen_, das nach fünf Minuten vor -uns in der Tiefe auftaucht, einen ziemlich wohlgenährten Eindruck. Den -Bewohnern der Umgegend ist es unter den Namen Käsebörnchen bekannt, -weil die Börnchener sich nicht nur des Ackerbaues sondern auch der -Käserei befleißigen. Noch heute kaufen wirtschaftsgeographisch -geschulte Dresdner Hausfrauen ihren Käsebedarf unmittelbar von -den Börnchner Käsewagen und -weibern in der Ausspannung in der -Wilsdruffer Vorstadt. Sobald man die Quellmulde, in der Börnchen liegt, -verlassen hat, liegt ein Turmgasthaus vor uns, das den »Gipfel« des -_Lerchenbergs_ krönt. Mit seinen vierhundertfünfundzwanzig Metern ist -der Lerchenberg noch achtzig Meter höher als die wegen ihrer Aussicht -berühmte Goldene Höhe; kein Wunder, daß seine Aussicht mindestens vom -geographischen Standpunkt als die vielseitigste der näheren Dresdner -Umgebung bezeichnet werden muß. Das vulkanische böhmische Mittelgebirge -ist mit seinen schönsten Repräsentanten ebenso vertreten wie die -Sächsische Schweiz mit ihren sämtlichen »Steinen«, die Lausitz mit -ihren Granitkuppen (Keulenberg, Butterberg, Valtenberg, Triebenberg) -und das Erzgebirge mit den der einförmigen Rumpffläche aufgesetzten -Basaltbergen (Sattelberg, Geising, Luchberg, Wilisch) und den wegen -ihrer Härte herauspräparierten Porphyrhöhen (Kahleberg, Tellkoppe, -Frauenstein). Das uns umgebende Rotliegendengebiet zeichnet sich durch -seine sanftgewölbten Formen aus (gutes Skigelände!), mit denen nur -die Basaltspitze des Wilisch und die Sandsteintafel an der Babisnauer -Pappel kontrastiert. Ein anderes Sandsteingebiet liegt südlich von -unserm Standpunkt. Es tritt deutlich aus der Landschaft hervor, weil -es statt der Felder, die sich auf Gneis und Rotliegendem ausbreiten, -große Waldflächen trägt. Daß sich der Sandstein dort gehalten hat, -beruht auf ähnlichen Ursachen wie die Existenz _der_ Sandsteinscholle, -aus der die Sächsische Schweiz herausmodelliert wurde. Auch hier -ist der Sandstein durch eine sogenannte Verwerfung in ein tieferes -Niveau gebracht und dadurch vor der Abtragung bewahrt worden. Diesem -Sandsteingebiet streben wir nunmehr zu. _Groß-Ölsa_, das wir zunächst -berühren, ist heute ein Hauptsitz der Möbelindustrie, die überhaupt zu -den charakteristischen Erwerbszweigen des östlichen Erzgebirges gehört. -Nur die Strohindustrie, die sich vom Kamm bis nach Dresden hineinzieht, -kann sich mit ihr messen. Auch bei diesen beiden Erwerbszweigen -können wir dieselbe Entwicklung verfolgen wie bei den meisten andern -Industrien, sowohl im Erzgebirge als auch in andern deutschen -Mittelgebirgen. Ursprünglich bauten sie sich auf den Rohstoffen auf, -die das Gebirge lieferte (Holz, Erz, Stroh) und siedelten sich da an, -wo das Wasser eine billige Betriebskraft lieferte. Jetzt reichen weder -die heimischen Rohstoffe noch die Kraft der heimischen Gewässer zum -Betrieb der Unternehmungen. Trotzdem bleiben sie mit Rücksicht auf die -dadurch entstandene Bevölkerungsverteilung an den Ursprungsorten, und -so kommt es, daß wir heute an Orten Industrie finden, wo Rohstoffe und -Betriebsmittel von auswärts bezogen werden müssen. Die Entstehung der -Überlandzentralen hat diese Entwicklung noch begünstigt. Im Interesse -der Volksgesundheit ist dies nur zu begrüßen; denn der Arbeiter, der -von seiner Werkbank ins Freie blickt auf grüne Wiesen, wogende Felder -und freundliche Gehöfte, und nach beendeter Arbeit sich in einem -Heim findet, das von lauter Natur umgeben ist, möchte wahrscheinlich -nicht mit seinem Kollegen in der Oppellvorstadt tauschen, der seinen -Augen und Lungen während der Woche nichts Besseres vorsetzen kann als -finstre, dunstige Höfe und sterbenslangweilige luft- und liebeleere -Straßen. Selbstverständlich tragen diese Fabrikbauten auf den Dörfern -nicht gerade zur Verschönerung der Landschaft bei; aber auch auf -diesem Gebiet sind wir über das Gröbste hinweg. Wie die Schulen auf -dem Lande nicht mehr im Kasernengewande in die Landschaft hineinragen, -sondern sich dem dörflichen Bilde einpassen, so gehören auch die mit -knallroter Schauseite jedes Dorfidyll erschlagenden Fabriken, von denen -man besonders in den Lausitzer Weberdörfern wahre Prachtexemplare -findet, hoffentlich der Vergangenheit an. - -[Illustration: Abb. 3 =Die Barbarakapelle in der Dippoldiswalder Heide=] - -Unter solchen erbaulichen Sonntagsmorgenbetrachtungen sind wir in -die Seifersdorfer Straße eingebogen. Auf dem ersten links abgehenden -Feldwege verlassen wir sie wieder und gelangen bald in den Wald, -die _Dippoldiswalder Heide_. Sie zeigt hier noch wenig ihren wahren -Charakter, denn überall sinkt der Fuß in moorigen Boden ein, aus dem -hier und da sogar bescheidene Bächlein entspringen. Die Sandsteindecke -ist hier noch sehr dünn, so daß sich das durchsickernde Wasser auf -der Gneisunterlage sammelt und abläuft. Nach wenigen Minuten sehen -wir links vom Wege die Ruinen der Barbarakapelle. O. E. Schmidt -bringt sie mit dem Bergbau in Beziehung (die heilige Barbara ist -die Schutzheilige der Bergleute), während Schiffner in seinem -ausführlichen Handbuch des Königreichs Sachsen von 1840 den Namen -Barbarakapelle überhaupt nicht kennt. Er schreibt über die Ruine: -»Südlich von Ölsa, tausend Schritt entfernt, steht im Walde die -Claus- oder Clausenkirche, d. h. die Ruine der Nicolaikapelle, welche -dem Kloster Zella gehörte, und deren Altar man noch in Seifersdorf -sieht; dicht dabei quillt eine überaus starke Quelle (sie wird heute -für die Wasserversorgung von Rabenau ausgenützt, wie der Steinborn -bei Obermalter der Stadt Dippoldiswalde täglich bis über zweihundert -Kubikmeter zu liefern vermag), und das Ganze war wohl eine Station -für die nach Zella Wallfahrenden.« Schäfer fügt in seinem Führer -durch Dresdens Umgebung noch hinzu, daß sie von Johann VIII. von -Maltitz, dem dreiundvierzigsten Bischof von Meißen, gestorben 1649, -zerstört wurde, weil ihr Geistlicher reformatorisch aufgetreten war. -Irgendwelche künstlerische Bedeutung hat die Ruine nicht und jede -Anwandlung feierlicher Stimmung, die sich in solchen Waldruinen -bei empfindsamen Seelen einzustellen pflegt, wird jäh vernichtet -durch die trotz der freundlichen Warnungen des Gebirgsvereins hier -angesammelten Papierhaufen, die von der Beliebtheit dieses Platzes beim -naturliebenden Publikum zeugen. Ich bin nur gespannt, bis zu welchen -phantastischen Preisen das Papier noch steigen muß, ehe diesem Unfug -ein Ende gemacht wird. Ein wunderschöner trockner Frühstücksplatz -zwischen Heidekraut und Birken entschädigt uns für die an der -Barbarakapelle nicht zustande gekommene Gefühlswallung. So landen wir -wohl oder übel wieder im seichten Materialismus und lassen uns den -Inhalt unserer Rucksäcke so gut schmecken, als es der üppige Belag -zuläßt. - -Zu den bemerkenswerten Sehenswürdigkeiten der Dippoldiswalder -Heide gehören die Wolfssäule und der Einsiedlerstein. Darum -mußten auch wir ihnen unbedingt einen Besuch abstatten. Beide -liegen an der schönen Straße, die Malter mit Wendischkarsdorf -verbindet. Die Wolfssäule erinnert an eine Jagd im Jahre 1802, -bei der »ein Wolf, der seit fünf Jahren aus- und eingetrabt ist -und hundertunddrei Pfund wog, geschossen« wurde. Der glückliche -Schütze war der kurpfalz-baiersche Gesandte und Minister Herr von -Lerchenfeld. Bei dieser Gelegenheit sei mit hingewiesen auf den -außerordentlichen Wildreichtum, der sich noch vor dreihundert -Jahren in unsern Wäldern fand. Johann Georg I. (1611–1656) schoß -während seiner Regierung fünfzehntausendzweihundertachtundzwanzig -Hirsche, neunundzwanzigtausendeinhundertsechsundzwanzig Wildschweine, -zweihundertvier Bären, eintausendfünfhundertdreiundvierzig -Wölfe, zweihundert Luchse, elftausendachthundertelf Hasen, -achtzehntausendneunhundertsiebenundfünfzig Füchse und -dreitausendfünfhundertvierundzwanzig Wildkatzen. Wenn man auch -versteht, daß mit der stärkeren Besiedlung und Kultivierung des Landes -diese Fülle schwinden mußte, so kann doch der Naturfreund nur aufs -tiefste die Verarmung beklagen, die unsrer heimischen Tierwelt dadurch -widerfahren ist. - -[Illustration: Abb. 4 =Der Einsiedlerstein bei Dippoldiswalde=] - -Auf der vorhin genannten Waldstraße, die infolge des durchlässigen -Sandsteinuntergrundes auch nach den stärksten Regengüssen trocken ist, -und deshalb den Stöckelschuh-Schleierstrumpftouristen aufs wärmste -empfohlen werden kann, gelangen wir zum Einsiedlerstein. Es ist -tatsächlich ein kleines Stück Sächsische Schweiz, das sich hier vor -uns aufbaut. Alle die typischen Erscheinungen der Sandsteinklüftung, -Verwitterung und Pflanzenwelt sind hier zu beobachten. Nur die jedem -Teilnehmer an wissenschaftlichen Sächsische Schweiz-Exkursionen -bekannte Hauptattraktion fehlt: wenigstens haben wir alle Wände -vergebens abgeleckt und kein _Alaun_ gefunden. - -[Illustration: Abb. 5 =Blick auf den Wilisch von Hermsdorfer Seite=] - -Auf dem Weiterwege können wir feststellen, was für ein herrlicher Baum -die sonst ihren benadelten Schwestern nachstehende Kiefer werden kann, -wenn sie auf günstigem Boden steht. Die wundervollen Exemplare links -von unserm Wege künden die Behausung des Pflegers dieses Waldgebiets, -die Oberförsterei Wendischkarsdorf an. Sie liegt im flachen Wiesental -des Ölsenbachs und hat als Nachbarin die schöne Wendischkarsdorfer -Heidemühle, die sich in wundervoller Weise der Landschaft einpaßt. -Seit die allgemein mit Freude begrüßte Badeepidemie unser Volk -ergriffen hat, ist es in dieser Gegend etwas lebendiger geworden; -denn zehn Minuten oberhalb der Heidemühle liegt ein schöner Teich. -Der Oktoberfrost hat der Sommerlust ein Ende gemacht, und abgesehen -von den Verbotstafeln, erinnert nichts mehr daran, daß sonst die -Fülle des Volks die Ufer säumte. Um so ungestörter können wir das -stimmungsvolle Herbstbild genießen. Dann verfolgen wir ein Bächlein, -das sich in den Teich ergießt, von der Mündung, vor der ein großer -Schuttkegel liegt, bis zur Quelle, die sich wieder da findet, wo -Sandstein und Gneis aneinanderstoßen. Nun schlagen wir uns durch nach -der verlängerten »Prager Straße«, haben das seltene Glück, von keinem -Automobil gerädert zu werden und gewinnen durch das Zscheckwitzer Holz -den Zugang zur _Quohrener Kipse_. Wir begnügen uns heute mit einem -Besuch der in ihren Südhang eingelassenen Grube, die uns ausgezeichnet -erkennen läßt, woraus sich dieser markante Höhenzug zusammensetzt. -Es ist »Gneisgeröll« aus dem unmittelbar anstoßenden Erzgebirge. -Viele dieser Ablagerungen zeigen eine feine Fältelung und andere -Stauchungserscheinungen, wie sie bei den Gneisen des Weißeritztales -gewöhnlich sind, ein Beweis dafür, daß schon zur Zeit des Rotliegenden -bedeutende Faltungen im Erzgebirge vollzogen waren und die Gneise schon -denselben petrographischen Charakter besaßen wie heute[1]. Die Straße -nach dem Wilisch führt immer an der Grenze von Gneis und Rotliegendem -hin. Deshalb haben wir hier wieder einen Quellhorizont, wie die -zahlreichen Brunnen bei _Hermsdorf_ beweisen. Name und Form des Dorfes -zeigen uns, daß wir es hier mit einer deutschen Siedlung zu tun haben, -und wir auch in dieser Beziehung an der Schwelle des Erzgebirges, das -in wundervoller Klarheit immer vor uns liegt, stehen. Alle Dörfer -nördlich der Hermsdorfer Höhen und auch das an der Paßstraße liegende -Wendischkarsdorf haben zum mindesten einen slawischen Kern. - -[Illustration: Abb. 6 =Die »Malermühle« bei Goppeln=] - -Die schmucke Wilischbaude verführt uns, trotz des herrlichen -Nachmittags unsre Mittag-Vesperpause im Innern dieses gemütlichen -Berggasthauses zu verbringen. Selbst die sonst prinzipienfeste -Jugend, der ich ein paar herrliche Lagerplätze in der Nähe des -Hauses wärmstens empfohlen hatte, beging einen Sündenfall und -frönte dem Kaffeegenuß und anderen Lastern (Ansichtskarten!). -Nachdem zum Nachtisch noch die unvermeidlichen Volkstänze im -Steinbruch getanzt worden waren, konnten wir den wissenschaftlichen -Problemen des Berges zu Leibe rücken. Der _Wilisch_ besteht wie so -viele andere bemerkenswerte Gipfel der weiteren Dresdner Umgebung -(Winterberg, Stolpener Schloßberg, Landberg, Ascherhübel, Luchberg, -Geising, Sattelberg) aus Basalt. Dieses Eruptivgestein ist in der -Braunkohlenzeit durch die Ablagerungen des Rotliegenden und der Kreide -durchgebrochen. Wie man aus der Richtung der Säulen feststellen kann, -befinden wir uns auf dem Wilisch im Schlot des einstigen Vulkans. Die -Grenzfläche zwischen Basalt und den Gneiskonglomeraten des Rotliegenden -ist am Eingang zum Steinbruch ausgezeichnet zu sehen. Die Aussicht vom -Gipfel, den seit vorigem Jahr statt der alten Landesvermessungssäule -ein Kriegsgedenkstein krönt, wird durch den Baumbestand etwas -beeinträchtigt. Ich bitte, die schönen Buchen aber trotzdem -stehenzulassen, zumal der Charakter des Berges schon durch Kahlschläge -in unmittelbarer Nähe des Gipfels aufs empfindlichste geschädigt -worden ist. Ich habe damals, als ich mit wachsendem Grimm von meinem -Fenster aus die Verschandelung des geliebten Berges bemerkte, sofort -den Heimatschutz alarmiert, aber er konnte leider auch nichts mehr -ausrichten. - -In reichlich zwei Stunden gelangt man vom Wilisch über Kreischa, -Kautzsch, Bärenklause, Gaustritz, Goppeln nach Dresden. Wenn man die -Babisnauer Pappel (Gewissensfrage: Wieviele Dresdner sind noch nicht -dort gewesen?), vor der ein neues Aussichtsgerüst steht, noch mitnimmt -und über Golberode mit seinen schönen Gütern nach Goppeln wandert, -dauerts eine halbe Stunde länger. Jedenfalls liegt dieses herrliche -Wandergebiet so nahe vor den Toren der Stadt, daß jeder, der noch nicht -von der Schwelle des Erzgebirges ins weite Land geschaut hat, es recht -bald einmal tun sollte. Und wenn uns der Winter wieder eine Schneedecke -beschert, wie wir sie letztes Jahr hatten, dann säume keiner, dem vor -den letzten Markstürzen ein freundliches Geschick noch ein paar Brettel -bescherte, statt der nur mit Lebensgefahr (Umsteigen in Hainsberg!) zu -erreichenden Kipsdorfer und Geisinger Gefilde die Höhen zwischen Malter -und Wilisch, Kipse und Schmiedeberg aufzusuchen. Wie oft ist nicht der -Blick ins gelobte Land schöner als das gelobte Land selbst! - -[Illustration] - - -Fußnoten: - - [1] Beck, Geol. Führer: Elbtallandschaft. - - - - -Der Vielfraß in Sachsen - -Von _Rudolf Zimmermann_ - - -Es dürfte meines Erachtens nicht zu empfehlen sein, als Beweis für -den früher vorhandenen Wildreichtum des Erzgebirges – vergleiche -Klengel, Jagdschloß Rehefeld, Mitteilungen Sächsischer Heimatschutz, -Band XI, 1922, Seite 254 bis 257 – die Erlegung auch des Vielfraßes -bei Frauenstein anzuführen. Denn hierbei handelt es sich lediglich nur -um die _einmalige_ Erbeutung eines versprengten, _in Deutschland gar -nicht heimischen und in historischer Zeit auch nicht heimisch gewesenen -Tieres_. Bereits Blasius, der noch ein zweites deutsches Vorkommen -anführt und nur diese beiden Vorkommen kennt, betont dies in seinen -»Säugetieren Deutschlands« (Braunschweig 1857, Seite 211). »Einige Male -hat man ihn (den Vielfraß) in Deutschland angetroffen: bei Frauenstein -in Sachsen nach Bechstein und bei Helmstedt im Braunschweigischen -nach Zimmermann. Das Skelett dieses letzteren, am weitesten nach -Westen vorgedrungenen Tieres, habe ich noch im Museum in Braunschweig -gesehen. Dieses vereinzelte Vorkommen ist sicher als das versprengter -Flüchtlinge anzusehen. Es ist kein Grund vorhanden, daß der Vielfraß -bis so weit nach Deutschland hinein je einheimisch gewesen wäre.« - -Über die Erbeutung unsres sächsischen Tieres berichtet zunächst Bahn -in seinem »Amt, Schloß und Städtgen Frauenstein« (Friedrichstadt bei -Dresden, 1748, Seite 10) das folgende: »Den 2. April [1715] erschoß der -Förster zu Hennersdorff, Herr Kanngießer, auf dem Töpffer-Wald, bei dem -Königs-Brunnen, ein unbekanntes Raub-Thier. Als es nach Hofe geschicket -wurde, so wurde es erkannt, daß es ein Vielfraß wäre, dergleichen in -Moscau und Persien anzutreffen sind.« Über die Einlieferung in Dresden -findet sich bereits vordem in den »Dresdnischen Merkwürdigkeiten« -(1750, Seite 60) eine kurze Notiz: »Den 4ten ~hujus~ [April] ward -ein Vielfraß, so von einem Jäger bey Frauenstein geschossen worden, -eingebracht, und auf die Kunstkammer geliefert«. Das Tier wird dann -wieder in Hasches »Umständlicher Beschreibung Dresdens« (Dresden -1781/83) als im Kurfürstlichen Naturalien-Cabinett stehend erwähnt: -»Zwey Vielfraße, einer weißrötlich, bey Frauenstein gefangen, der andre -schwarzbräunlich aus Sibirien.« Robert Berge, der dann später das -Vorkommen erwähnt – Wissenschaftliche Beilage Leipziger Zeitung 1899, -Nr. 61, Seite 241 bis 244 und Zoologischer Garten, Band 41, 1900, Seite -129 bis 135 – und sich dabei auf die Bahnsche Angabe stützt, in der -der Erlegung des Tieres zweimal (Seite 10 und 149) gedacht und das eine -Mal dabei seine Erbeutung infolge eines offenbaren Druckfehlers auf das -Jahr 1718 verlegt worden ist (»und sonderlich 1718 ein ungewöhnliches -Raub-Thier, ein Vielfraß gefangen und eingeliefert worden«), spricht -dementsprechend, aber natürlich irrtümlicherweise, von einem -zweimaligen Vorkommen des Tieres. - -Ich hielt diese kurzen Darstellungen für notwendig, um zu vermeiden, -daß aus der Klengelschen Notiz etwaige falsche Schlüsse auf den -früheren Tierbestand Sachsens gezogen werden könnten. Einmal -eingebürgerte unrichtige Vorstellungen aber sind ja dann auch immer -schwer wieder zu beseitigen. Wie spuken zum Beispiel heute nicht die -auf keinerlei sichere Unterlagen sich stützende Angaben von Heinrich -Meschwitz in seiner sonst so schönen »Geschichte der Dresdner Heide« -umher, der diese in der Vergangenheit unter anderen von Biber, Storch, -Reiher, Kranich, Trappen usw. bevölkert gewesen sein läßt, also von -Tieren, von denen zum mindesten für einen Teil das Vorkommen in der -Heide völlig ausgeschlossen ist (Biber, Trappe! usw.). - - - - -Der Wanderfalke in Sachsen - -Von _Rud. Zimmermann_ - -Mit Abbildungen nach Aufnahmen des Verfassers - - -Sachsens stattlichster Nachtraubvogel, der königliche Uhu, wie -Altmeister Naumann ihn nennt, gehört unserm Vaterlande seit nunmehr -fast fünfzehn Jahren als Brutvogel nicht mehr an, – er ist ein Opfer -der erlittenen scharfen Nachstellungen und blindester Jagdleidenschaft -geworden; der letzte in der Sächsischen Schweiz auf Postelwitzer -Revier horstende Vogel unsrer Art wurde, wie Richard Heyder in seiner -»~Ornis Saxonica~« mitteilt, 1910 von einem Bergsteiger mit dem -Revolver totgeknallt!! Die Sächsische Schweiz und das Zittauer Gebirge -gewährten dem Vogel die letzten Wohn- und Horstplätze im Sachsenlande; -im Zittauer Gebirge war er nachweisbarer Brutvogel etwa bis um das Jahr -1906 und in der Sächsischen Schweiz nur ereilte ihn, wie wir schon -gehört haben, das Schicksal etwas später. Sein Verschwinden ging, -nachdem er einmal spärlich geworden war, allerdings ziemlich rasch -vor sich; um 1892 etwa horstete er auf Rosenthaler Revier linksseitig -der Elbe das letzte Mal, um 1904 verschwand er rechtsseitig auf -Mittelndorfer und 1906 auf Hohnsteiner Revier, bis dann wenige Jahre -später der letzte brütende Uhu in der obengeschilderten Weise auf -Postelwitzer Revier endete. - -Das Schicksal, das den Uhu betroffen hat, wirft in gefahrdrohender -Weise seine Schatten auch auf den letzten kleinen Restbestand unsres -schönsten und kühnsten Tagraubvogels, des _Wanderfalken_. Einst – -ganz ähnlich wie auch der Uhu – viel weiter im Lande verbreitet -und auch in den nordsächsischen Tieflandsgebieten daheim, dessen -ausgedehnte Waldungen ihm günstige Horstgelegenheiten boten, umfaßt -sein Brutbestand heute nur einige wenige Paare, von denen das eine -(das einzige Ostsachsens überhaupt) im Zittauer Gebirge am Oybin -horstet und erfreulicherweise von der Stadt Zittau, auf deren Gebiet -sich der Horstplatz befindet, unter Schutz gestellt worden ist, -während die übrigen dem Lande noch angehörenden Brutpaare in der -Felsenwildnis der Sächsischen Schweiz ihre Jagdgründe und Brutplätze -besitzen. Nach _Heyder_ horsteten bei Abschluß seiner im Jahre 1916 -erschienenen »~Ornis Saxonica~« nach den Auskünften der dabei in Frage -kommenden Staatsforstrevierverwaltungen auf Postelwitzer Revier fünf, -auf Mittelndorfer, Ottendorfer und Hohnsteiner Revier rechtsseitig -der Elbe sowie auf Rosenthaler Revier linksseitig derselben je ein -Paar Wanderfalken. Diese Zahlen, die wohl schon damals nur noch -einen Abglanz von dem Einst boten – von Üchtritz beispielsweise -bezeichnet 1821 den Wanderfalken als »gemein« für unser Gebiet – -dürften heute nicht ganz mehr stimmen und sich in den letzten Jahren -weiter zuungunsten des Vogels verschoben haben; der eine oder andere -der damals noch vorhandenen Horstplätze mag jetzt verwaist und -seine Bewohner aus dem Gebiete verschwunden sein. Von den genannten -Revierverwaltungen meldeten mir für das letzte Jahr Rosenthal ein, -Ottendorf ein bis zwei und Postelwitz zwei bis drei Paare, während -Hohnstein den Wanderfalken als Brutvogel nicht mehr kennt und von -Mittelndorf trotz aller Bemühungen leider keine Auskunft zu erlangen -war. Zu diesen gemeldeten Horstpaaren kommen noch zwei weitere, von -denen das eine Heyder unbekannt geblieben war, so daß wir – die mir -von den Revierverwaltungen gemeldeten Zahlen dürften sich auf Grund -eigener Nachforschungen an Ort und Stelle noch um etwas verschieben -– für die Gegenwart wahrscheinlich mit einem Bestand von sicher -sechs, wahrscheinlich aber sieben oder acht Brutpaaren rechnen dürfen, -gegenüber einem solchen von etwa zehn bei Abschluß der Heyderschen -»~Ornis Saxonica~.« - -[Illustration: Abb. 1 =Alter Horststandort des Wanderfalken auf dem -Pfaffenstein=] - -Die größte Gefahr für unsern Vogel in der Sächsischen Schweiz besteht -– auch die Mitteilungen der befragten Revierverwaltungen deuten -dies an – im Klettersport; die Bergsteiger ersteigen im Frühjahr -die Horstplätze der »Geier«, wie sie mir gegenüber den Wanderfalken -wiederholt bezeichneten, und nehmen die Horste aus. Ich weiß von -einem solchen, an dem dies in den Jahren vor und während des Krieges -regelmäßig geschah (die »kühnen Geierjäger« haben sich dabei – -selbstverständlich! – auch immer noch photographieren lassen) und -ebenso ist mir von andern Horsten berichtet worden, die noch nach -dem Krieg ausgeräubert worden sind. Es mögen nun freilich in der -Mehrzahl dieser Fälle keine bewußt schlechten Absichten sein, die diese -Horstplünderer leiten, sondern nur die Unkenntnis der Verhältnisse -sie zu ihrem Tun veranlassen; sie kennen den hohen ästhetischen Wert -des Vogels nicht und wissen nicht, daß sie uns durch ihre Handlungen -eines unsrer schönsten Naturdenkmäler berauben, sondern sind vielmehr -noch überzeugt, ein gutes, des »Schadens« des Vogels wegen zu -billigendes Werk geleistet zu haben (um so mehr, als in einem der -älteren mir gemeldeten Fälle der Horst mit ausdrücklicher Billigung der -Revierverwaltung ausgenommen wurde). - -[Illustration: Abb. 2 =Horstplatz des Wanderfalken im Polenztal=] - -Nur, wer den Wanderfalken kennt, wer ihn schon draußen in seinem Reiche -hat beobachten dürfen, wird ermessen können, welches hervorragende -Naturdenkmal wir in ihm besitzen. Unvergessen z. B. steht mir eine -Begegnung mit dem Vogel an einem Spätherbsttage jenes trüben Jahres -in der Erinnerung, in dem die deutsche Ehre dahinsank und wir unsers -Reiches Größe begraben mußten. Ich war an den Frohburg-Eschefelder -Teichen gewesen und wanderte dem waldgelegenen, stillen Vaterhause -zu. Aufgeblockt auf einer einsam im weiten, freien Felde stehenden -Kiefer, die als schwarze Silhouette vor einem trübroten Herbsthimmel -mit sturmgejagten, regendunklen Wolken stand, saß einer unsrer -wundervollen, kühnen Räuber der Lüfte – ein Bild, so schön und die -Sinne gefangennehmend, daß hinter ihm, für kurze Zeit wenigstens, das -ganze Elend einer toll gewordenen Zeit verschwand. Und unverwischbar -in der Erinnerung haben sich dann auch wieder Beobachtungen -des Wanderfalken eingegraben, die ich im Frühjahr 1921 auf dem -Pfaffenstein, einem seiner Horstplätze in der Sächsischen Schweiz, -machen konnte. Mit einem warmherzigen, naturfrohen lieben Freund aus -Sachsens unruhevollster Fabrikstadt hatte ich mich dort getroffen, und -fast drei Tage lang konnten wir uns dann an dem fesselnden Leben und -Treiben der eben flügge gewordenen jungen Wanderfalken erfreuen. Auf -den Felskegeln und Felsleisten des Steines hockten sie, rufend und von -Zeit zu Zeit die Schwingen in kurzen, aber wunderbaren Flugübungen und -Flugschwenkungen erprobend. Tauchte dann in der Ferne beutebeladen -einer der Alten auf, so stürmten die Jungen ihm entgegen, bettelnd und -dann im Flug die von dem Elternvogel fallengelassene Beute erhaschend. -Einmal sah ich dabei ein Bild, wie es sonst wohl nur wenige zu sehen -bekommen. Der alte Vogel hatte die Beute fallengelassen, der an -seiner Seite fliegende junge sie aber nicht aufgefangen. Senkrecht -sich fallenlassend, stürzte ihr da der alte Vogel nach, und, sich -überschlagend, daß er dabei auf dem Rücken zu liegen kam, fing er sie -auf, ließ sie – in normale Fluglage zurückgekehrt – von neuem fallen, -folgte ihr wiederum im Sturzfluge, um sie wie in der eben geschilderten -Weise auf dem Rücken liegend wieder zu erhaschen, und wiederholte -dieses, wie eine direkte Schauleistung wirkende flugkünstlerische Spiel -fünf- oder sechsmal, so daß der Vogel geradezu wie ein in der Luft -rasend umherwirbelndes Rad anmutete. - -[Illustration: Abb. 3 =Junger, flügge gewordener Wanderfalk=] - -Sollen wir nun tatenlos zusehen, wie dieser schöne Vogel, dem wir -unter den sächsischen Raubvögeln keinen zweiten an die Seite stellen -können, rettungslos seinem Untergang zueilt, auf das wir in wenigen -Jahren vielleicht schon auf ihn das »Es war einmal« des Märchens -anwenden können? Nein! Der Schreiber dieses nimmt gegenwärtig im -Auftrage des Vereins sächsischer Ornithologen und mit Unterstützung -des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz eine Bestandsaufnahme des -Wanderfalken in der Sächsischen Schweiz vor, die dann die Unterlagen -für den bereits eingeleiteten, umfassenden und hoffentlich von einem -dauernden Erfolg begleiteten Schutz unsres »~Falco peregrinus~« bilden -sollen. - - - - -In der Zeit der schweren Not - -Von _Gerhard Platz_, Weißer Hirsch - - -»Anna Elisabeth hieß sie, nicht Rosina Rebekka. Mensch, wann wirst du -unsre Familiengeschichte endlich mal beherrschen lernen! Die Großmutter -von der Urgroßmutter, die bei euch überm Kanapee hängt. Das ist doch -so einfach! – – Wie’s eigentlich sich zugetragen hat? Nu, dabei war -ich nicht, denn man schrieb das Jahr 1720. Ein Sonntag war’s, kurz vor -Silvester unter der Predigt. Da waren dazumal nicht zu viel Leut’ auf -der Gasse, denn Kirchgang war Pflicht eines rechten Christenmenschen -und der Herr Oberpfarrer von Schellenberg merkte sich’s, wenn einer -gar zu selten erschien. Draußen auf den Gassen standen die Röhrbrunnen -dick im eisigen Strohpanzer und die Sperlinge saßen dickaufgeplustert -in dem bißchen Morgensonnenschein – eine Bärenkälte war’s wieder -einmal im Lande. Das mochte auch der Meister Petz im Schloßzwinger -fühlen und er beschloß, sich mal ein wenig Bewegung zu machen, wo noch -dazu heute das Gatter offen stand. Eins – zwei – drei – hopla, da -war er oben, schüttelte sich den Pelz sauber zurecht und trollte die -Schloßgasse hinunter ins Städtel. Kein Mensch ist ihm begegnet, nur -die lahme Großmutter vom Meister Lohgerber, die ganz allein zuhause -war und im Lehnstuhl am Fenster über ihrem Dresdner Gesangbuch -saß, sah auf einmal eine dickvermummte Gestalt vor dem Nachbarhaus -sitzen und immer nach dem grünen Wirtshauskranz schlagen, der dorten -heraushing. Aber wer der dicke Kerl eigentlich war, bekam die Alte -doch nicht heraus, dieweilen ihr Augenlicht ja schon gar schwach war. -Petz aber trabte weiter und in der nächsten Gasse verschwand er im -Hausflur. Finster war’s hier, und er brummelte ein bißchen unwillig -über die mangelnde Flur- und Treppenbeleuchtung, dann aber gab eine -Türe vor seiner stoßenden Nase nach, und er war in der Wohnstube der -Bürgersleute. Menschenleer auch hier alles, aber im Winkel dort stand -ein hölzernes Ding auf breiten Kufen. Das fing lustig an zu schwanken, -wie der Bär mit der Tatze danach langte und alsbald erscholl aus dem -Innern des Kastens ein schwaches Geschrei; der kleine Kerl in der -Wiege war munter geworden. Zuerst wunderte sich der Braune ein wenig, -dann aber macht’ ihm die Sache Vergnügen und er fing immer kräftiger -an, die Wiege zu treten. Da gab’s denn nun wohl bald ein lautres -Geschrei bei dem Insassen, also, daß sich auf einmal die Tür auftat -und Anna Elisabeth Hungerin auf der Schwelle stand – deine Ahne, -Mensch! Die war heute nicht in der Kirche gewesen; hatte vielmehr ein -kräftig Wochensüpplein zu der Frau Schulmeisterin getragen. Auf dem -Heimweg dann hatte sie das Kindergezeter gehört und war in die Stube -getreten. Muß ein tapferes Weiblein gewesen sein, die Urahne, denn -alsbald ist sie mit ihrem Stecken auf den Braunen losgegangen und hat -ihm das Fell zu gerben begonnen. Vielleicht war’s mehr das Geschrei -als die Schläge – aber jedenfalls ward der Ausreißer zornig, ging -vorne hoch und dann sauste seine Pranke auf das Haupt der Angreiferin -nieder. Dann hat er sie in Stücke gerissen und sich auch nicht durch -die heimkehrenden Kirchengänger stören lassen, bis ein Musketenlauf -zum Fenster hereinklirrte und die Kugel ihm das Lebenslicht ausblies. -Seinen Schädel kannst du jetzt noch am Augustusburger Schloßtor dir -ansehn. Na, weißt du nu, wie’s zugegangen?« - -Krach, saust es auf einmal zwischen uns zwei müde Jägersleute -hernieder, die wir eben von weiter Morgenbirsch heimkehren und uns den -Weg durch alte Geschichten kürzen. Ein vertrockneter Astzacken aus den -hohen Kiefernwipfeln über uns! - -»Ha, ha,« lacht der Vetter, »mein märkischer Wald mag es nicht leiden, -daß ich so viel hier von Kursachsen spreche. Glaub’s wohl, der Zipfel -hier, so nah’ an der kursächsischen Grenze, ist den preußischen Königen -gerad’ zur Zeit unsres Familienabenteuers oft ein Dorn im Auge gewesen. -Die langen Kerle aus Potsdam rissen nur gar zu gern hier herüber -aus in die sächsischen Dörfer. Und der sächsische Kurfürst wieder -mußte sich ärgern über die vermaledeiten Werber, die gerade auch von -hier aus bei ihm einfielen und Jagd machten auf seine Landeskinder. -›Totschlagen die Kerle, wo sie erwischt werden‹, war die Parole auf -kursächsischer Seite, da alle diplomatischen Vorstellungen in Berlin -nichts fruchteten. Aber na, da ist ja das Forsthaus – wünsche wohl zu -ruhen, liebwerter Herr Vetter.« - -Es will gar nicht recht klappen dies Jahr mit der Birsch auf den -Keiler, und an manchem Abend sitzt der Vetter, der mich liebend gern zu -Schuß bringen möchte, auf dem ehrwürdigen Kanapee, pafft wie ein Vulkan -und nimmt nicht die geringste Notiz von Waldine und Hexe, den beiden -Dackeln, die rechts und links von ihm Schönmännchen machen. Da hilft -dann gewöhnlich nur ein Mittel, ihn aufzuheitern: ein Abstecher in das -Gebiet der Familiengeschichte. Es ist beinahe rührend, diesen so weit -von der Heimat verschlagenen Menschen zu beobachten, wie er auflebt, -kann er sich ein wenig in die Vergangenheit seiner und meiner Familie -versenken und einmal nach Herzenslust plaudern von unsern Ahnen, den -alten Freiberger Glockengießern Hilliger zumal, auf die er besonders -stolz ist. Da ziehen sie vorüber im Tabaksnebel des märkischen -Forsthauses, die stolzen, alten Patrizier aus der hochberühmten -Silberstadt, die Trainer, die Theler, die Monhaupt, die Schönlebe, und -der Vetter klirrt förmlich durch die Stube, wenn er von Wenzel von -Allnpeck erzählt, der 1396 vor Nikopolis gegen den Türken fiel. - -Der Vetter hat übrigens unrecht, wenn er gestern gar so sehr auf sein -Revier schimpfte, das mir kein Weidmannsheil bringen will. Ich fühl’ -mich gar wohl hier auch ohne Bruch am Hut, und er, nun er liebt seinen -Wald hier in der dürren Zauche mit aller Kraft seines treuen Herzens. -Unvergeßlich wird mir die Überraschung bleiben, die ich am zweiten -Abend hier erleben durfte, als mich der Vetter durch die rotbestrahlten -Altkiefern hinunterführte und ich dann auf einmal am Ufer eines -gewaltigen Sees stand, am Schwielow, dem Sohne der Havel, dessen -Geburtsstunde in stürmischer Springflutnacht uns der kurmärkische -Wandersmann Theodor Fontane so eindrucksvoll schildert in seinem Buch -»Havelland«. Ruhevoll gleiten ein paar Segel auf der Höhe dahin, aber -auf dem modrigen Grunde liegen, so erzählt es der Vetter, die Trümmer -manch eines Lastkahnes, und kalt rieselt es mir über den Rücken, -denke ich an das Abenteuer, das ein Bekannter in der Heimat in seinen -Jugendjahren hier auf dem Schwielow erlebt hat. - -Von Potsdam aus waren die zwei jungen Leute in der Mondnacht die Havel -hinabgefahren im leichten Ruderboot. Auf dem Schwielow dann hatten sie -Lust bekommen, ein Bad zu nehmen im sommerwarmen Gewässer. Gedacht, -getan! Bald schwammen sie lustig im See herum, über den der Vollmond -seinen goldnen Steg baute. Nach einem Viertelstündchen rüstigen -Schwimmens beschloß man, zum Boot zurückzukehren. Man machte Kehrt -und schwamm auf die Stelle zu, da man ins Wasser gesprungen. Hell -war die Luft und leuchtend hüpften die Wogen – aber das Boot, das -Boot war weg. Herr des Himmels, wo war der Kahn hin? So hoch sich die -Schwimmer aus dem Wasser hoben, überall rundum nur glitzernde Hügel, -dahinter schwarzes unübersehbares Wasser. Guter Rat war teuer. Man -wußte nicht einmal mehr, wo man sich befand; was Nord war oder Süd. -Schwamm man jetzt quer zu dem See, so war’s eine Stunde noch nach -Baumgartenbrück; teilte man die Wogen in der Längsrichtung, so waren -es zwei Stunden bis hinunter nach Ferch. Und die Kräfte nahmen schon -jetzt merklich ab! Mein Bekannter schlug vor, zunächst einmal immer im -Kreise zu schwimmen, das Boot konnte ja nicht weit abgetrieben sein. -Ach, gering war die Hoffnung, immer mehr kostbare Kraft ging verloren. -Da auf einmal hemmt ein dröhnender Stoß an den Kopf den müdewerdenden -Schwimmer – das Boot ist es, das Boot – unsehbar treibt das dunkle -Gefährt zwischen den glitzernden Springwogen. – – – - -Eine Reise tut man ja wohl, um zu erkennen, daß es in der lieben Heimat -am allerbesten ist. So bin ich denn auch von Herzen froh, wie ich bei -Großenhain wieder auf sächsischen Schienen dahinrolle. Aber ach, was -hat sich während der stillen Urlaubswochen alles ereignet. Die fremden -Völker sind eingefallen im lieben Dresden, jetzt, da die Reichsmark so -tief gesunken und das Leben in Deutschland so angenehm geworden ist -für einen, der »Valuta« besitzt. – Gottlob, alles können sie uns doch -nicht wegtragen! Wir haben noch Werte im Lande, nach denen keiner der -Fremden greifen mag, weil sie seiner Seele eben nichts bieten. Uns -aber gelten sie hoch und teuer, höher als alles kostbare Pelzwerk, -höher als alle Perlenschnüre und Diamantringe. Unsre Heimatflur ist -es, unsre stillen Dörfer und kleinen Städte draußen zwischen Heide, -Wasser und Bergland. Dorthin kommen sie nicht, die Hochvalutarier, -und gerade daran kann ein Herz sich stärken und genesen, das fast -zerbrechen will manchmal in dem Jammer der Zeit und in dem Drang einer -verzweiflungsvollen, hoffnungslosen Arbeitslast. Sieh’, so ein Abend -auf der Kuppe eines grünumbuschten Heimatberges etwa, mit dem Blick -hinaus auf den unendlichen Frieden der stillen Flur, er ist dir doch -hier und da einmal beschieden, und wenn du es früher nicht so gewußt -hast in den »guten« Jahren, da du verreisen konntest nach Nord und Süd, -so weit du nur wolltest, jetzt fühlst du es mit einem Glücksgefühl ohne -Gleichen: deine Heimat ist dir geblieben und sie tröstet dich heut, wie -einen seine Mutter tröstet. Du erhebst dich voll Dank gegen Gott, aber -du möchtest auch selbst etwas tun, um dich der gebliebenen Gabe wert -zu zeigen, du sinnst vielleicht, wie du es anfangen sollst. Da kommt -dir ein guter Geist zu Hilfe und flüstert ein Wort in dein Ohr, das -klingt so traulich und hold wie ein Kinderliedchen zur Weihnacht und -wie ein Abendlied in blühender Laube – »Heimatschutz« heißt es, das -Wort! In die Stadt kehrst du heim; in eine Altdresdner Gasse lenkst du -den Schritt, vor ein Haus mit hallendem Flur und dunkelnden Stiegen. -Du klopfst an der Tür, man tut dir auf und auf einmal ist dir’s so -wohl, so heimlich unter den Menschen, die da in später Stunde noch -schaffen. Im Heimatschutz bist du hier, Freund, beim Treuhänder all der -ungeheuren Goldschätze, die du auf deiner Streife soeben erst geahnt -hast. Unverdrossen arbeiten sie hier, die Werkleute, mit Liebe zu ihrer -Sache im Herzen, und immer einmal huscht dann und wann nach getanem -eignen Tagewerk noch einer der Mitkämpfer über die Schwelle, einer aus -den Ausschüssen, aus dem Gesamtvorstand. »Unser aller Leben ist reicher -geworden, meine Freunde, seit wir dem Heimatschutz dienen,« so sprach -einer der unsern, ein Junggebliebner im schneeweißen Bart, erst vor ein -paar Monaten es aus. Damals saß er auch noch unter uns, Freude im Blick -und heitre Rede auf den Lippen, unser Führer, den wir im Spätjahr auf -immer verloren, aber dessen Geist weiter unter uns wirkt und wirbt, -und dessen Andenken in Segen bleiben wird unter uns – Karl Schmidt, -der getreue Eckart der Heimat. Schöner als aus Menschenmund tönt ihm -sein Lob im Rauschen der alten Bäume draußen im Land, die er vor der -Axt bewahrt hat und im Sprudeln des Baches, den er vor Schändung durch -giftige Abwässer behütet. Er ruhe in Frieden – sein Werk ist sein -schönstes und bleibendstes Mal! - -Ja, nicht undankbar wollen wir sein. Manch stille gute Stunde hat uns -Heimatfreunden das Jahr 1922 doch auch noch gebracht. Wie denke ich -da heute so gern an den Tag in der Adventszeit, da ich den Markt zu -Stolpen hinanklettern sah nach der Burg mit seinen rührenden Häuschen, -auf denen der rote Morgensonnenschein lag, und an dem ich durch die -stillen Gassen schritt, bis hin zum grünüberwucherten Tor. Hier war -es auch, wo ich eine nicht unbedeutende Neuerwerbung machte, die für -den Heimatfahrer beinahe so wichtig ist, wie ein Gaul für den Reiter -– einen neuen Wanderstab! Seit vorigem Spätjahr fehlte mir einer -– gar zu rasch war die Flucht aus dem Jagdwagen vor sich gegangen, -drüben im Meißner Tiefland, als uns auf der offnen Bahnstrecke vor -der großen Kurve auf einmal die glühenden Augen des Dresdner Zuges -entgegensprühten, und als dann in übelangebrachter Pflichtnachholung -der Blockwärter die Schranke gerade herunterließ, als wir im Galopp -über die Schienen jagen wollten. Gott Lob konnten wir das Pferd noch -aufs Nebengleis herumwerfen und das brave Rößlein hielt auch ruhig den -vorbeischmetternden Zug aus – aber mein alter Hakenstock war bei der -Geschichte verlorengegangen! Schwächlich nur war der Ersatz gewesen aus -fremdem Rebenholz; einen richtigen Eichenstock mit Buckeln, Krümmung -und Knoten kriegt man, glaub ich, in der Großstadt gar nicht. Hier nun -in Stolpen fand ich ihn, fest und stark, wie für Geschlechter berechnet -in seiner tiefdunklen Edelfärbung. Und ich hoffe allen Ernstes, er -soll sich in meinem bescheidnen bürgerlichen Familienkreis vererben, -wie die hirschlederne Reithose des ritterlichen Dichtersmannes aus dem -Stamm der Münchhausen. Wenigstens einer meiner Nachfahren wird doch mal -ein Jäger sein und ein Wandrer, wie sein Ahn, und dann werden sie sich -auch erzählen von der Zeit der schweren Not, da dieser Stecken erworben -ward für vierhundertundfünfzig Reichsmark, eine Summe, um die sie dann -hoffentlich wieder im deutschen Land eine Kuh kaufen können mit Kalb, -denn Bauer soll doch auch wieder mal einer werden von ihnen! - -Mit dem Stock in der Hand hoff’ ich aber vorher noch selbst manche -Straße zu ziehen im lieben Heimatland, noch manch stillen Birschgang -zu machen im Heimatwald, dessen grüne Hallen sich erst kürzlich mir -wieder geöffnet haben in einem neuen, schönen Revier voll reicher -heimatgeschichtlicher Erinnerung – – – ich glaube wahrhaftig, ich -bin doch noch recht reich, selbst in der Zeit der schweren Not! - - - - -Hiddensee, die Insel der Heimatsehnsucht - -Von _A. Klengel_ - -Mit Aufnahmen des Bundes für Vogelschutz, Stuttgart - - -Draußen in der Ostsee, der Insel Rügen westlich vorgelagert, liegt das -siebzehn Kilometer lange und sehr schmale Eiland Hiddensee, erst seit -wenigen Jahren ein Reiseziel erholungsbedürftiger Naturfreunde. - -Wer hat wohl früher von diesem weltfernen Ländchen etwas gehört, das -sich in seiner insularen Abgeschiedenheit nicht nur die erhabene -ernste Einsamkeit unberührter Natur, sondern auch das ursprüngliche -Volkstum trefflich bewahrt hat! Hin und wieder las man wohl, daß die -dort geborenen Schiffer, die in die Fremde verschlagen wurden, all -ihr Leben lang mit unwiderstehlicher Sehnsucht an »dat söte Länneken« -denken und nichts sehnlicher wünschen, als dorthin zurückzukehren, -um ihren Lebensabend, wenn auch noch so bescheiden, in der teuren -Heimat zu beschließen. _So gilt Hiddensee immer als ein Wahrzeichen -der Heimatsehnsucht und hoher hehrer Heimatliebe._ Und wer Goethe -gründlicher liest, der findet in den »Maximen und Reflexionen« den -Satz: »Liebes gewaschenes Seelchen ist der verliebteste Ausdruck -auf Hiddensee«. Wenn auch hier eine sehr freie Übersetzung des -plattdeutschen Satzes »min lewet wittet Seelken« vorliegt – man wird -das Wort »wittet« besser in »weißes oder unschuldiges« übertragen – so -spiegelt sich doch in dem Ausdruck ein sittenstrenges und edles Volk -wieder. - -[Illustration: Abb. 1 =Rauchhaus des Fährmanns Johann Gau auf der -Fährinsel bei Hiddensee=] - -Verschiedene Wege führen nach Hiddensee! Von Stralsund aus stellt der -Dampfer »Caprivi« die Verbindung her; ein anderer Weg zu Schiff führt -von dem, durch das sächsische Kinderheim bekannten Rügendörfchen Wieck -dorthin. Der rüstige Fußgänger wandert wohl auch von der rügenschen -Kleinbahnstation Trent aus durch ährenschweres Land und an mit -Storchnestern gezierten uralten Bauerhöfen vorüber nach dem Seehof -und läßt sich von dort aus zwischen Vitter und Schaproder Bodden über -den »Trog« durch die Fährleute der kleinen, zu Hiddensee gehörenden -Fährinsel in das Märchenland hineinsegeln. - -[Illustration: Abb. 2 =Die Verlandung durch die Pflanzenwelt= (Ein Teil -des Gellens; die langgestreckte Insel ist der Gänsewerder)] - -Die Natur der nur etwa sechzehn Quadratkilometer großen Insel ist -außerordentlich abwechslungsreich; man findet hier in kleinerem Kreise -alle die Schönheiten und Eigenheiten wieder, welche der Ostseeküste -ihren Reiz und ihren Zauber verleihen. Im Norden erhebt sich das -bis zweiundsiebzig Meter aufsteigende und weithin vom Meer und von -den rügenschen Bergen aus sichtbare, von einem Leuchtturme gekrönte -Dornbuschhochland, eine aus Mergel, Ton und Geschiebesteinen aufgebaute -Höhengruppe, die nach der Küste zu steil abfällt. Stattlicher -Kiefernhochwald, mit dünner Grasnarbe bedeckte und von Ginsterbüschen -umrahmte Weidetriften, sanfte Täler und vom ewigen Wind umbrauste -kahle Höhen wechseln ab mit steil zum Meer abfallenden, von Sanddorn -umwucherten Schluchten, hohen nackten Uferabstürzen und ewig bewegten -Dünenbildungen. Und wo immer der Blick hinausschweift in die Weite, -dehnt sich das endlose gewaltige Meer aus; an der Westküste im ewig -gleichen Spiel seiner Wellen den Steinstrand umschmeichelnd und am -Lande nagend, an der Ostseite, im Schutze des Hochlandes und der Insel -Rügen, still und blank in der Sonne glitzernd. Wo findet man wohl sonst -auf gleich engem Raume so vielen bunten Wechsel in der Landschaft, wo -wandelt sich die Natur so auf Schritt und Tritt und bietet Bilder, die -von sanfter Anmut aufsteigen bis zur gewaltigen heroischen Wucht, vor -der uns die Kleinheit unsres Menschendaseins so recht bewußt wird! Und -welch’ abwechslungsreiche Bilder bietet das Land im Wandel des Jahres! -Bald liegt glühender Sonnenglast auf den Bergen, der uns im Schatten -der Kiefern vergessen läßt, daß wir auf einem kleinen Eiland stehen. -Zur Herbst- und Frühlingszeit toben die gewaltigen Äquinoktialstürme -über die Insel, Naturgebilde und Menschenwerk auf ihre Festigkeit -erprobend. Und wenn der klare Sommertag zur Rüste geht, bietet -sich dem entzückten Auge vom Dornbusch aus ein Sonnenuntergang von -überwältigender und unvergeßlicher Schönheit. - -[Illustration: Abb. 3 =Die Dünenbildung des Windes= (bei Neuendorf)] - -Wahrlich, schon der Dornbusch allein ist ein Stück Erde nach dem man -Sehnsucht, nach dem man Heimweh haben kann und der fühlende Mensch -verspürt einen Hauch von der Heimatliebe der Hiddenseer Einwohner, er -lernt das Wort begreifen, das einst der rügensche Dichter Lappe in -seiner »Agnete« dem zurückkehrenden Insulaner in den Mund legte: - - Wo wollt’ ich ruhen, - Wo sollt’ ich lieben, - Wo könnt’ ich sterben - Denn nur auf dir! - -Zu Füßen des Dornbuschhochlandes liegen das Fischerdörfchen Grieben und -die älteste Siedlung der Insel, Kloster mit seinem schlichten turmlosen -Kirchlein, einem großen, dem Provisoriat des Klosters zum Heiligen -Geist in Stralsund gehörigen Rittergute, zahlreichen neuen, schmucken -Landhäusern und einigen neuzeitlichen Gasthöfen. Dem Dörfchen Kloster -und dem weiter südlich gelegenen, aus verstreuten Häusern bestehenden -Ort Vitte hat der beginnende Fremdenverkehr bereits seinen Stempel -aufgedrückt, noch findet man aber hier wie in Grieben und in dem noch -südlicher gelegenen Dörfchen Plogshagen zahlreiche alte niedrige, -schilfgedeckte und dornenumhegte Fischerhütten von malerischer -Schönheit. Von dem für Rügen und Hiddensee charakteristischen uralten -schornsteinlosen Rauchhaus ist freilich im vorigen Jahre der letzte -Vertreter verschwunden. Auch die alte Vitter Windmühle steht still und -hat ihre Flügel verloren, obwohl es dem Müller auf dieser »Insel im -Winde« wahrscheinlich selten einmal an Betriebskraft gefehlt hat. - -Ein neues Bild entrollt sich vor unsern Augen! Südwärts von Vitte -dehnt sich eine weite Heidelandschaft aus. Die violette Heide -wechselt mit der rosaroten Glockenheide, mit Wacholder, Birken und -der für Hiddensee eigentümlichen niedrigen apfelroten Heckenrose. -Um einen kleinen Süßwassersee inmitten der Heide wuchert der Porst, -die duftige Totenmyrte, und der zarte Sonnentau. Die Einsamkeit der -Heidelandschaft schlägt den Besucher in ihren Bann! Inmitten dieses -wundersamen Landstrichs steht das Gasthaus zur Heiderose, der Sitz -einer kleinen Künstlerkolonie, des Hiddenseer Künstlerinnenbundes, -dem der Kunstfreund schon viel Schönes aus der Natur und dem Volkstum -Hiddensees verdankt. - -Südlich der anschließenden Dörfer Plogshagen und Neuendorf verschmälert -sich das Land; dort liegt der etwa sieben Kilometer lange Gellen, -eine unbewohnte, mit Gras bewachsene Halbinsel. Ein langer Steindamm -schützt den mit der schönen Stranddistel reich bewachsenen Weststrand -vor der Wucht der Wellen und eine schmale Kiefernpflanzung hält die -zerstörenden Stürme ab. - -Diese Schutzmaßnahme war zur Erhaltung der Insel dringend erforderlich, -wurde doch im Jahre 1878 die Insel südlich von Neuendorf beim -sogenannten »Schwarzen Peter« von einer Sturmflut durchbrochen. Das -Meer bezahlt seine Zerstörungsarbeit mit reichen Geschenken, anderwärts -wirft es Bernstein an den Strand, in Hiddensee schenkte es im Jahre -1872 eine goldene Kette, die bei einer Sturmflut zutage kam und heute -eine Hauptsehenswürdigkeit des Provinzialmuseums zu Stralsund bildet. -Ihr Alter ist mit Sicherheit nicht zu ermitteln; man nimmt jedoch an, -daß sie schon aus dem zehnten Jahrhundert stammen kann. - -[Illustration: Abb. 4 =Die Hakenbildung des Meeres durch Anschwemmung=] - -Der Hiddenseer Goldschmuck gibt Anlaß, einen kurzen Blick in die reiche -Geschichte der Insel zu werfen, die wohl schon seit den Tagen der -Urzeit immer mit der Rügens verbunden war. Funde von Steinwerkzeugen -und Tonscherben deuten darauf hin, daß Hiddensee schon in der Urzeit -besiedelt war, doch ist nicht erwiesen, ob germanische oder keltische -Stämme das Eiland Heimat nannten. Mit der Völkerwanderung faßten -die slawischen Wenden auf Hiddensee und Rügen festen Fuß bis nach -der Eroberung der nahen Tempelburg Arkona und der Zerstörung des -Nationalheiligtums des Gottes Swantewit durch den Bischof Absalon von -Roeskilde am 14. Juni 1168 Rügen und damit Hiddensee unter dänische -Herrschaft kam. Im Jahre 1296 schenkte der Rügensche Fürst Wizlaw -die Insel Hiddensee dem Zisterzienserorden zur Anlegung der Abtei -Kloster auf Hiddensee. Nur wenige Überreste des einst mächtigen und -reichbegüterten Klosters, dem die päpstliche goldene Rose zuteil wurde -und dessen Abt den Bischofsstab führte, sind auf unsre Tage gekommen, -ein alter verwitterter Torbogen und der Grabstein des letzten Abtes. -Das Kloster unterstand ursprünglich dem Bischof von Roeskilde und -kam später unter das Bistum Kammin. Nach Aufhebung des Klosters im -Jahre 1536 kam Hiddensee an die pommerschen Herzöge, geriet 1648 -unter schwedische Herrschaft, worunter es bis 1815 verblieb. In -den nordischen Kriegen errichteten die Schweden auf der Fährinsel -und gegenüber am Seehof auf Rügen zum Schutze der Durchfahrt große -Schanzen, die heute noch erhalten sind. Also auch von kriegerischen -Drangsalen ist Hiddensee nicht verschont geblieben. Noch am 17. August -1870 kam es in seiner Nähe zu einem kleinen Seegefecht zwischen -französischen Kriegsschiffen einerseits und dem deutschen Aviso -»Grille« und Strandbatterien anderseits. - -[Illustration: Abb. 5 =Lachmöwe am Nest=] - -Die Sage berichtet, daß die unermeßlichen Schätze des Klosters bei -seiner Aufhebung auf der Insel vergraben wurden; der Aschkoben, ein -Hügel am Dornbusch soll sie beherbergen und die aufgefundene Kette soll -ein Teil davon sein. Fast der ganze Landbesitz von Hiddensee gehört -heute dem Provisoriat des Klosters zum Heiligen Geist und damit zum -Besitze der Stadt Stralsund. - -[Illustration: Abb. 6 =Austernfischer am Nest=] - -Wer die echte und ursprüngliche Bevölkerung Hiddensees in ihrer -Natürlichkeit und Biederkeit kennen gelernt hat, muß sie liebgewinnen, -die sturmerprobten, wetterzerzausten Fischergestalten und die blonden -stattlichen Frauen. An der häufigen Wiederkehr derselben Familiennamen -– fast unzählige Male kommt der Name Gau und Schluck vor – merkt man, -daß eine Vermischung mit fremden Elementen zu den Seltenheiten gehört. -In ihren Fischer- und Schiffsgenossenschaften liegt noch ein Stück -alten Patriarchentums, ein goldenes Stück großen Familiensinns. Möge -es immer so bleiben, mag auch die neue Zeit, unter der Hiddensee als -Badeinsel Mode geworden ist, nichts daran ändern. - -[Illustration: Abb. 7 =Fluß-Seeschwalbe=] - -Eine Idylle für sich bildet die Fährinsel bei Hiddensee, und ein Stück -unverfälschten Inselvolkstums ist verkörpert in dem alten Fährmanne -»John Jau« (Johann Gau), der dort in seiner wohnlicher gestalteten -Rauchkate haust und in der übrigen, kaum ein halbes Dutzend Köpfe -zählenden Fährinselbevölkerung. - -[Illustration: Abb. 8 =Halsbandregenpfeifer am Nest=] - -Daß bei der insularen Abgeschlossenheit Hiddensees auch die Gemütswerte -der Bevölkerung unverfälscht erhalten geblieben sind, ist wohl -selbstverständlich. Wie auf den vom Verkehr abgelegenen Teilen -Rügens, so hat auch hier die Sage noch eine treffliche Heimstatt. -Schier unerschöpflich ist der Born, aus dem die Sagen von der Riesin -Hitthim, von Spukgestalten und andern weltentrückten Geistern der -Vorzeit sprudeln. Wundern wird dies den tiefer schürfenden Beobachter -nicht, ist doch Hiddensee mit den alten Kulturen eng verbunden. Nicht -allzu weit auf Arkona liegen die Trümmer der schon hochentwickelten -wendischen Kultur und drüben von Rügen, von Hiddensee aus sichtbar, -grüßen die Hünengräber, Zeugen eines noch viel älteren germanischen -Daseins herüber. »Altgermanische Vorfahren haben die Hünensteine -zusammengewälzt, sei es als Gedächtnismale gefallener Helden, sei es -als Altäre der bildlosen großen Gottheit, die sie im dumpfen Ahnen -besser und klarer erkannten, als römische und hellenische Weisheit -in all ihrer Pracht und Herrlichkeit sie faßten.« Darf es uns -wundernehmen, daß Reste dieser Kulturen ihren Niederschlag fanden -im seelischen Leben und im Gemütsempfinden der unberührten einsamen -Inselbevölkerung! - -Hiddensee hat in der Literatur schon mehrfach eine Rolle gespielt, -von den rügenschen Dichtern Kosegarten und Lappe an, die noch im -achtzehnten Jahrhundert lebten, bis in unsre Tage. Am meisten bekannt -geworden ist es jedoch durch Gerhart Hauptmanns Drama »Gabriel -Schillings Flucht«, das auf Hiddensee spielt. Der zu den ständigen -Besuchern Hiddensees zählende Dichter hat mehrere seiner Werke hier -vollendet und den Namen seines »Schluck und Jau« der Inselbevölkerung -entlehnt. - -[Illustration: Abb. 9 =Junge Lachmöwen=] - -In der weiteren Öffentlichkeit bekannt wurde Hiddensee aber durch -die Bestrebungen zum Schutze der Seevogelwelt, welche seit 1911 von -den deutschen Vogelschutzverbänden, wie dem Bund für Vogelschutz, -dem Naturschutzbund Hiddensee, dem Ornithologischen Verein Stralsund -usw. auf Hiddenseer Boden unternommen werden. In Frage kommen dafür -in der Hauptsache die Fährinsel, die Südspitze der Halbinsel Gellen -mit dem Gänsewerder und die Halbinsel Altbessin. Der einst dort -vorhandene gewaltige Reichtum an brütenden Seevögeln, namentlich an -Sturm- und Lachmöwen, Seeschwalben, Strandläufern, Austernfischern, -Rotschenkeln, Regenpfeifern, Enten, Sägern usw. war durch Eierraub und -verbotswidrigen Abschuß soweit zurückgegangen, daß dringende Hilfe not -tat, wenn man dem völligen Untergange der die Gestade der Insel und das -Meer selbst in wundervoller Weise belebenden Vogelwelt nicht tatenlos -zusehen wollte. Unter Aufwendung erheblicher Kosten wurden Ländereien -gepachtet und vom Jagdrecht ausgeschieden, Drahtzäune angelegt, Wärter -und Aufsichtsbeamte angestellt usw. Diesen Bemühungen ist es zu danken, -daß der Bestand an Brutvögeln wieder erfreulich gestiegen ist. Die -Erfolge könnten noch größer sein, wenn die nötigen Geldmittel vorhanden -wären, die es ermöglichten, den durch die heute zu beobachtende -Verwilderung der Rechtsbegriffe und Sitten entstandenen Mißhelligkeiten -einen wirksamen Damm entgegenzusetzen. Hoffentlich kommen auch hier -einst bessere Zeiten zum Segen unsrer schwer bedrängten Seevogelwelt, -zum Besten des deutschen Naturschutzes! - -Jeder Naturfreund, jeder für landschaftliche Schönheiten und Eigenarten -empfängliche Mensch, der Hiddensee kennen gelernt, muß die kleine Insel -lieben. Die Hiddenseer Tage werden ihm unvergeßlich bleiben und auch in -ihm wird nachklingen, was Siegfried Mauermann in seinem tiefempfundenen -Gedichte von Hiddensee sagt: - - Ein Wundereiland hat mein Fuß betreten, - Mein ganzes Wesen ist der Welt entrückt. - Und mich durchglüht ein ungewolltes Beten. - Fragt nicht, warum: ich fühl’s und bin beglückt. - - Ihr schaut von Hügeln auf den Glanz der Wogen, - Ihr rühmt der Schluchten Absturz in das Meer, - Bespülter Buchten weite, sanfte Bogen; - Der Blick ist reich. O sei das Herz nicht leer. - - Ihr hört das Tosen und das Wellenrauschen, - Der Zweige Flüstern leis’ im Abendwind; - Ihr wißt dem Vogelzwitschern fein zu lauschen, - Ihr hört mit Ohren, die voll Weisheit sind. - - Ihr pflückt euch Ginster, Ähren, Immortellen, - Der Heckenrose luftiges Gebild. - Ihr laßt euch schaukeln von bewegten Wellen, - Euch blinkt die Abendsonne glitzernd, mild. - - Und all’ dies, alles schildert ihr begeistert. - Ich bleibe selig überwältigt, stumm. - Und wenn mein Mund nicht schöne Worte meistert – - Ich bin beglückt, ich fühl’s; fragt nicht warum! - -[Illustration] - - - - -Unsre Elbvögel einst und jetzt! - -Von Prof. ~Dr.~ _Bernhard Hoffmann_ - - -Unter dem »einst« ist nicht etwa der Beginn unsrer Zeitrechnung, -sondern die zweite Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts zu verstehen, -zu welcher Zeit der ehemalige Rektor der Meißner Fürstenschule, namens -Fabricius, Annalen der Stadt Meißen verfaßte, worin auch die damals -an und auf der Elbe bei Meißen vorkommenden Vögel aufgeführt werden. -Die Schrift ist lateinisch geschrieben. Nachstehend gebe ich eine -kleine Probe des wohl ältesten Verzeichnisses sächsischer Vögel, das -alphabetisch geordnet ist: - - Brandgense / ~a colore nigricante~ / ~vt~ Brandhirsch / - Brandfuchs. - Bachsteltze / Wassersteltze / ~Saxonibus~ / ein ackermencken / - ~Motacilla Juneo. Viridis~. - ~Flava~ / ~a colore ventris~. - Eisvogel / ~Halcedo~, ~Ispis~. - Ente / ~Anas~. - Großente / ~Anas magna Penelops: insigni collo propter colorem - puniceum et viridem~. - Mittelente / ~Boscas~ / ~Anas mediocris~. - Krucentlein oder Krichentlein / ~Querquedula Varroni~ / - ~anas parva~ usw. - -Nach dieser Probe sind die von Fabricius genannten Arten nicht -schwer zu erkennen, wennschon z. B. unter »Brandgense« nicht unsre -heutigen »Brandgänse«, sondern Ringelgänse zu verstehen sind. Daneben -aber führt Fabricius noch manche Namen an, deren Deutung sehr große -Schwierigkeiten bereitet; es seien z. B. erwähnt: Facke, Münchle, -Pilwenckgen, Racke, die verschiedenen Arten der »Reiger«, Schnetz, -Tittiluen usw. In einigen Fällen dürften Schreib- oder Druckfehler -vorliegen; es muß beispielsweise wahrscheinlich heißen: Focke, -Schnertz, Tittilgen usw. Doch soll auf all die Schwierigkeiten der -Übersetzung und Deutung hier nicht eingegangen werden[2]. Dagegen -dürfte das Endergebnis der Untersuchung auch weitere Kreise fesseln. -Die seinerzeit an und auf der Elbe bei Meißen beobachteten Vögel sind -die nachstehend verzeichneten: - - Schwalben - Krähen (?) - Weiße Bachstelze - Gebirgsbachstelze - Kuhstelze - Rohrammer - Wasseramsel - Mauersegler - Eisvogel - Gem. Kranich - Wiesenralle - Bläßhuhn - Grünfüß. Teichhuhn - Brauner Sichler - Löffler - Schwarzer Storch - Weißer Storch - Nachtreiher - Große Rohrdommel - Fischreiher - Purpurreiher - Flußuferläufer - Rotschenkel - Bekassine - Flußregenpfeifer - Kiebitz - Höckerschwan - Singschwan - Bläßgans - Graugans - Ringelgans - Saatgans - Krickente - Löffelente - Moorente - Schnatterente - Stockente - Tafelente - Großer Säger - Mittler Säger - Zwergsäger - Flußscharbe - Dreizehenmöwe (?) - Heringsmöwe - Lachmöwe - Silbermöwe - Sturmmöwe - Flußseeschwalbe - Zwergseeschwalbe - Rothalstaucher (?) - Schwarzhalstaucher - Zwergtaucher - -Fast könnte diese stattliche Liste den Neid der Gegenwart erwecken! -Nicht weniger als über fünfzig verschiedene Vogelarten haben im -sechzehnten Jahrhundert die Elbe und ihre Ufer belebt, darunter recht -ansehnliche Vögel, wie z. B. die verschiedenen Gänsearten, Reiher, -Störche, Schwäne usw.! Damals freilich war der Elbstrom und seine Ufer -noch in dem Zustand, wie ihn Mutter Natur geschaffen hatte. Sie boten -Nahrung, Unterschlupf, Verstecke und Nistgelegenheiten in Hülle und -Fülle. Aber die Zeit, die uns die gemauerten Steindämme der Flüsse, -das Ausfüllen von Teichen und stillstehenden Gewässern mit Schutt usw. -bzw. ihre Urbarmachung, ferner die Zunahme der Besiedelung und damit -der Anwohner am Strom entlang, das Beseitigen der Heger und Kiesbänke -im Strombett und noch manche andre hier in Betracht kommende Änderung -gebracht hat – sie hat auch im Vogelbestande Wandel geschaffen, -leider in einer sehr betrüblichen Weise! Sieht man von ganz vereinzelt -auftretenden Stücken ab, so ist der weitaus größte Teil der oben -genannten Arten von der mittleren Elbe gänzlich verschwunden, wie -z. B. die Kraniche, Löffler, Nacht- und Purpurreiher, die Schwäne, -Gänse, Flußscharben und vor allem auch die Seeschwalben. Andre sind -auf der Elbe in der Hauptsache nur Wintergäste, wie z. B. die Säger, -Bläßhühner, Zwergtaucher und die Scharen von Stockenten. Nur ganz -wenige Arten trifft man noch jetzt in geringerer oder größerer Zahl -während des Sommers an der Elbe an; ich nenne u. a. die Schwalben, -Bachstelzen, Krähen, Flußregenpfeifer und Lachmöwen. Einen Teil der -andern von Fabricius aufgeführten Arten finden wir glücklicherweise -noch heute in und an den Teichen und Seen, insbesondre der Lausitz, von -Moritzburg bis hinter nach Königswartha, Baselitz usw., darunter vor -allem die verschiedenen Entenarten, die Taucher, die Bekassine, die -Rohrdommel, den Rotschenkel, den Kiebitz, das Bläßhuhn usw. Möchten -ihnen wenigstens diese Wohn- bzw. Zufluchtsstätten für alle Zeit -erhalten bleiben und sie selbst sich eines dauernden Schutzes erfreuen, -damit unser Sachsenland an diesem Teile der Vogelwelt nicht auch noch -vollständig verarmt! - - -Fußnoten: - - [2] Man vergleiche hierüber den im Journal für Ornith. 1923, - S. 1–10 veröffentlichten Auszug aus meiner umfangreichen - Arbeit »Das älteste sächsische Verzeichnis von Vögeln, die - ums Jahr 1564 auf und an der Elbe bei Meißen vorgekommen - sind«. - - - - -Der Kiebitz als Brutvogel im Moritzburger Gebiet - -Von _Paul Bernhardt_ - -Mit Aufnahmen des Verfassers - - -Der Monat Februar geht zu Ende. Ein sonniger Tag lockt mich hinaus ins -Beobachtungsgebiet. Gefiederte Freunde, die Kiebitze, sind nach den -Aufzeichnungen meines ornithologischen Tagebuches heute zu erwarten. -Vor mir liegt der Großteich im Sonnenschein, befreit von der starren -Eisdecke, die monatelang jegliches Leben bannte. Doch so ohne Kampf -räumt der Winter das Feld nicht. Weiße Flecken in der Landschaft zeigen -seine Spuren. - -Ein nordischer Wintergast, der Zwergsäger, ist immer noch zwischen den -Schellenten auf der Wasserfläche zu beobachten. Die dürren Rohrstengel -bewegt ein eisiger Wind hin und her; er verdeckt die wärmende Sonne -mit dunklen Wolken und treibt leichte Schneeschauer übers Land. -Schon zweifle ich an der Ankunft des Kiebitzes, da entdecke ich ihn -durchs Glas am jenseitigen Ufer. Dort steht der prächtige Vogel mit -seiner schönen Schwarzweißfärbung, der stahlblauen Oberseite und dem -zierlichen Federschopfe – der Harlekin unter den Vögeln. Er hat Wort -gehalten. Wenn es das Wetter nur einigermaßen gestattet, kehrt er jedes -Jahr am 28. Februar zurück. Den Körper fast wagrecht auf den Ständern, -die Brust etwas nach vorn gebeugt, steht er mit eingezogenem Kopfe -ruhig im dürren Riedgrase. Heute spürt er keine Lust zum gaukelnden -Fluge; die lange Reise und das unfreundliche Wetter sitzen ihm noch -in den Gliedern. Nur um den Hunger zu stillen, trippelt er nach dem -Teichrand und sucht im angeschwemmten Geäste nach Nahrung. Bald nimmt -er wieder die Ruhestellung ein. In den nächsten Tagen sind auffällig -viel Kiebitze im Gebiet; es sind meistens Durchzügler. Die heimischen -Brutpaare kehren zuerst zurück. - -Nach drei Wochen ist unser Kiebitz kaum wiederzuerkennen. Der -Frühling hat es ihm angetan. Die Sonne scheint wärmer, und an der -Tiergartenmauer blühen schon die ersten Veilchen. Der Kiebitz hat -eine Gefährtin gefunden und behauptet als Platzhahn sein Gebiet gegen -jeden Eindringling. Die Nordostecke am Großteich, von wo er alles -überblicken kann, hat er sich ausgewählt. Für ihn ist jetzt Wonnemonat; -sein Gefieder steht in voller Pracht und liebestrunken verlebt er die -kommenden Tage. In ganz eigenartiger Weise wirbt er um die Gunst seiner -Gefährtin. Die Liebe nimmt ihn völlig gefangen und treibt ihn zu den -tollsten Liebesspielen. Eine närrische Balz beobachtete ich am 25. März -1921: Auf der noch grauen, sumpfigen Wiese steht ruhig das kleinere, -weniger lebhaft gefärbte Weibchen, nicht weit davon das Männchen im -Prachtkleide. Mit vorgebeugter Brust erhebt es sich, fliegt wuchtelnd -kurz über dem Boden hin; plötzlich geht es mit schneidendem »knū’it« im -45°-Winkel in die Höhe, und nun folgt ein Gaukeln und Stürzen in der -Luft, so daß der Beobachter verwundert den Kopf schüttelt. Im tollen -Übermut ruft der Kiebitz seinen Balzruf: knū’it, knū’it in den sonnigen -Frühlingstag, vollführt den schönsten Sturzflug und steht plötzlich -wieder neben dem Weibchen, um hier sein närrisches Liebesspiel -fortzusetzen. Mit gesenkter Brust, das frische Weiß der Schenkel -zeigend, führt er einige kippende Verbeugungen vor seiner Schönen aus, -stößt mehrmals mit dem Schnabel nach unten und macht eine Bewegung, als -würfe er dürre Grashalme hinter sich. Plötzlich drückt er den ganzen -Körper tief an den Boden, so daß der Kopf die Erde berührt, schlägt -die Flügel nach oben und führt mit diesen und dem rostrot gefärbten -Schwanze zuckende Bewegungen aus, als wolle er seine Liebesglut der -kühlen Erde anvertrauen. Wozu dieses närrische Spiel? Will er das -Weibchen ermuntern, indem er durch diese Bewegungen auf den Nestbau -hinweist? Noch mehrmals kann ich diesem eigenartigen Treiben zuschauen -und über die Allgewalt der Liebe staunen. Das Weibchen zeigt sich sehr -spröde, es hat scheinbar nicht viel übrig für den Liebhaber. - -[Illustration: Abb. 1 =Gelege des Kiebitzes=] - -Erst wenn die vier kreiselförmigen, olivengrünen Eier im unscheinbaren -Neste liegen, geht die schöne Liebeszeit zu Ende, und sorgenvolle -Tage kommen. Jetzt gilt es, durch allerlei Manöver sich nähernde -Menschen, Hunde und sonstige Nestplünderer irrezuführen und vom Neste -fernzuhalten. Doch kenne ich diese Schliche zu genau; bald habe ich -durchs Glas schon von der Straße aus das Weibchen entdeckt, wie es -dem stillen Brutgeschäft nachgeht. Dort im Seggengrase, kaum dreißig -Meter vom Ufer entfernt, sitzt es und beobachtet mit dem großen Auge -das Gelände. Es hat mich erblickt. Trotzdem ich noch weit vom Neste -entfernt bin, verläßt es die Eier, läuft geduckt in entgegengesetzter -Richtung am Boden hin, erhebt sich erst weit vom Neste und fliegt -wehklagend auf mich zu. Ich lasse mich nicht irreführen; und doch macht -es mir Mühe, das Gelege zu finden. Schön in Kreuzform angeordnet, -die Spitzen nach innen, liegen vier dunkelgefärbte Eier unmittelbar -vor meinen Füßen in einer kleinen Vertiefung. Wie oft wird dieses -Familienglück von roher Hand zerstört, um Schlemmern in der nahen -Großstadt den entarteten Gaumen zu kitzeln auf Kosten unsrer schon -so hart bedrängten Natur! Helle Entrüstung stieg aber in mir auf, -als ich eines Tages ein kleines Schlageisen im Neste fand. Ein -»Auch-Naturfreund« wollte auf diese Weise einen Kiebitz zum Ausstopfen -erlangen. Glücklicherweise hatte er nicht mit der Klugheit des Vogels -gerechnet. Doch weg mit diesen Gedanken! Heute bin ich mit der -Kamera im Rucksack ausgezogen, um im Bilde zeigen zu können, welche -Schönheiten unsre Heimat aufweist. Von all den Mühen dieser Kamerajagd -zu erzählen, wäre verlockend, würde aber zu weit führen. Erst im -dritten Jahre gelang es mir nach vielen Enttäuschungen und Mißerfolgen -unter Anwendung größter List und Geduld, das brütende Weibchen auf -die Platte zu bannen. Auch ich hatte nicht mit der Klugheit des -Kiebitzes gerechnet! Gemeinsam suchten das Männchen und Weibchen meinen -Plan zu vereiteln, und noch klingt mir der schreckliche Warnruf des -Kiebitzhahnes in den Ohren, der mir bestimmt sagte, daß er mich erspäht -habe und das Jagen deshalb heute erfolglos sei. Dem großen Kiebitzauge -(Bild 2) entgeht nichts! Im Jahre 1921 fand ich allein am wenig -gefüllten Großteich acht Kiebitzgelege. Im ganzen Gebiete brüteten -in diesem Jahre ungefähr fünfundzwanzig Paare. H. Mayhoff nimmt für -1915/16 nur fünfzehn Brutpaare an. Demnach wäre eine erfreuliche -Zunahme festzustellen. - -[Illustration: Abb. 2 =Brütender Kiebitz=] - -Große Aufregung und Sorge bringt dem Kiebitzpaare der Tag, an dem -die Kleinen der Eischale entschlüpfen. Die Jungen verlassen sofort -das Nest, nachdem sie trocken sind, und folgen der besorgten Mutter, -die sie nach Art einer Glucke führt. Wie oft habe ich dieses schöne -Familienbild aus dem Versteck belauscht! Die kleinen Wollklümpchen -huschen flink durch das Seggengras und finden bald selbständig den -Wurm und die Schnecke. Geradezu rührend ist die große elterliche -Sorge. Bei der geringsten Gefahr erheben die Alten ein Klagegeschrei -und versuchen den Feind zu vertreiben. Der harmlose Spaziergänger -staunt nicht schlecht, wenn sich ihm ein schwarzweißer Vogel mit -jammernden »kuit« fast um die Ohren schlägt. Er verspürt ganz deutlich -den Luftzug und vernimmt ein dumpfes »wupp, wupp, wupp«. Auch der -Köter des auf der Landstraße fahrenden Fleischers, der sich eine -»Extratour« ins Gelände erlaubt, verläßt schnell den Brutplatz. Ihm -ist die Zudringlichkeit des Vogels zuwider. Selbst Reinecke Fuchs, -der in der Dämmerung durch die Riedgräser des Georgenteiches schnürt, -wird mit lautem Geschrei und fortwährendem Anfliegen vom dortigen -Brutpaare empfangen. Ihm liegt an dieser Aufmerksamkeit rein gar -nichts, er schnürt eilig weiter und beantwortet die gröbsten Angriffe -mit erfolglosem In-die-Luft-schnappen. Die Dunenjungen verstehen -den Warnruf der Mutter: »kiebit« (d. h. drückt euch!) sehr gut und -drücken sich fest an den Boden, daß sie fast den menschlichen Blicken -entzogen sind. Selbst dem Kenner bereitet es Mühe, diese unscheinbaren -Wollklümpchen aufzufinden (siehe Bild 3). Erst wenn sich der kleine -Kerl erhebt, macht er sich durch seine weiße Halsfärbung gut sichtbar -(Bild 4). Noch eine Überraschung! Als ich eines Tages guten Freunden -vierzehn Tage alte Dunenjunge zeigen wollte, die ich schon öfter in -der Hand gehabt hatte, vertrauten diese sich plötzlich dem Wasser an -und schwammen zu unserm größten Erstaunen gewandt wie junge Enten nach -dem zweihundert Meter entfernten jenseitigen Ufer, wo sie die besorgte -Mutter empfing. Hier gingen sie sofort der Nahrungssuche nach, als wäre -nichts geschehen. - -[Illustration: Abb. 3 =Junger Kiebitz in Schutzstellung=] - -Im Monat August verlassen die Brutpaare mit den flüggen Jungvögeln -das Moritzburger Gebiet, das um diese Zeit fast kiebitzleer ist. -Wenige Beobachtungen aus den Augusttagen liegen vor mir. Erst im -September stellen sich große Schwärme ein. Es sind Durchzügler aus -Skandinavien und den baltischen Ländern. Ein besonderer Genuß ist es, -dem eigenartigen Flug eines solchen Kiebitzschwarmes, der oft bis -zweihundert Vögel zählt, in der Herbstsonne zuzusehen (Bild 5). Bei -eintretender Kälte machen sich auch diese Gäste auf nach dem südlichen -Europa. Als spätesten Abzugstag notierte ich den 10. November. - -[Illustration: Abb. 4 =Junger Kiebitz=] - -Jeder Naturfreund würde es mit mir tief beklagen, wenn sich der -Kiebitzbestand im Moritzburger Gebiet durch menschliche Eingriffe -verminderte, und wenn wir uns nicht mehr an dem Treiben des prächtigen -Vogels so nahe an den Toren der Großstadt erfreuen könnten. Deshalb -sorge ein jeder, dem seine Heimat lieb und wert ist, durch Aufklärung -und Vorbild dafür, daß Eierraub und sinnlose Schießerei im Gebiet -aufhört. Vom Landesverein wird zum Schutz unsrer bedrängten heimischen -Vogelwelt alles getan. Dafür ist ihm der Dank aller Naturfreunde sicher. - -[Illustration: Abb. 5 =Kiebitzflug über dem Großteich=] - - - - -[Illustration: =Fällen der Sageneiche am Ölteiche zu Kohren=] - - -Wenn sich, wie im vorliegenden Falle, der Herr Förster so imposant als -Oberbaumhauer im Bilde verewigen läßt, so liegt die Frage nahe, wie -der Mann wohl zu solch »idealer« Auffassung seines Berufes gekommen -sein möchte. Wahrscheinlich wird ihn selbst dabei die Hauptschuld nicht -treffen. Möge das Bild recht ausgiebig als abschreckendes Beispiel -wirken. - - T. - - - - -Die Grabentour - -Von _A. Klengel_ - -Mit Aufnahmen von _Alfred Hermann Nitsche_, Dresden und _Karl Reymann_, -Freiberg - - -»Wir machen die Grabentour!« oder »Wir wandern die Grabentour -entlang!« – Das sind in wanderfrohen Kreisen Mittelsachsens oft -gehörte Worte. Man wählt dies Reiseziel zur Pfingstzeit, wenn Birke -und Buche mit erstem frischen Grün sich schmücken, oder im Herbst, -wenn verschwenderische Farbenpracht über die Wälder ausgegossen ist -und die Kastanienbäume stolze goldene Kronen tragen; wohl auch im -Winter, wenn weicher Schnee auf dem Walde lastet und jede Fichte in -einen glitzernden Weihnachtsbaum verzaubert, wenn die Wasser unter dem -Eispanzer murmeln und die Meisen leise klingelnd den Wald durchstreifen. - -Die Worte des Reiseplanes lassen erkennen, daß man unter der Grabentour -sowohl die eigentliche Wanderung, als auch das Stück Heimatland selbst -versteht, das es dabei zu durchwandern gilt. Die Landkarten verzeichnen -als »Grabentour« nur den Oberreinsberg mit Krummenhennersdorf -verbindenden Weg, der den Graben entlang am Hange des Bobritzschtales -hinführt. Der wanderfrohe Naturfreund hat den Begriff im Laufe der -Jahrzehnte erweitert, ohne ihn jedoch in eine feste Grenze zu zwängen. -Im Norden rechnet man wohl das ganze Bobritzschtal bis zur Mündung -des Flusses in die Mulde beim Zollhaus Bieberstein dazu und im Süden -das Gebiet bis in den Bereich der Halsbrücker Esse. Und in der Tat! -Eine schönere Einleitung zur eigentlichen Grabentour läßt sich kaum -denken als die Wanderung durch das landschaftlich bevorzugte untere -Bobritzschtal und einen würdigen Ausklang findet die Fahrt in dem -reiche geschichtliche Erinnerungen bergenden Landstrich, dem der -Silberbergbau das Gepräge verleiht, von dessen Höhen unser Blick -hinüberschweift zu den Türmen des silberschweren Freiberg. Verdankt -doch auch der Graben dem Freiberger Bergbau sein Dasein. - -Warum ich die Grabentour im Norden, also geographisch betrachtet, an -ihrem Ende beginnen will? – Einmal, weil ich sie stets in dieser -Weise unternahm, so oft mich auch der Weg seit über zwei Jahrzehnten -dorthin führte und Tausende es in gleicher Weise tun. Zum andern, weil -ich meinen Wanderungen stets einen Besuch der Ruinen des Klosters -Altenzella vorausgehen ließ. An dieser denkwürdigen Kulturstätte mit -ihrer fast tausendjährigen Geschichte habe ich mich immer mit der -rechten Stimmung zur Wanderfahrt ausgerüstet. Das Land, das es zu -durchwandern gilt, ist entweder uralter ehemaliger Klosterbesitz oder -trägt doch wenigstens reiche Erinnerungen an die Zeit, da das mächtige -Kloster Altenzella noch in Blüte stand. Und wer sich weiter hinein -vertieft in die ältere Geschichte des zu durchwandernden Gebiets – nur -flüchtige Andeutungen können hier gemacht werden – wird immer wieder -auf den Namen Altenzella stoßen. - -[Illustration: Abb. 1 =Eingang zur Grabentour bei Krummenhennersdorf=] - -Beim Zollhaus Bieberstein an der Bobritzschmündung soll die Wanderung -beginnen! Kulturgeschichtlich denkwürdiger Boden ist es, den wir -betreten. Die alte Heerstraße Freiberg–Meißen führt vorüber und -die Herrschaft des Rittergutes Bieberstein erhob einst hier einen -Brückenzoll. Reger Fuhrverkehr bevölkerte in alten Tagen die wichtige -Straße und aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges wird von wilden -Kriegsvölkern berichtet, die hier vorüberzogen. Es ist anders geworden -im Lande, längst hat die Eisenbahn den Verkehr an sich gezogen, -die Straße, die über die Alt-Väterbrücke bei Freiberg führt, ist -vereinsamt, unbekannt geworden und zum Teil verfallen. Hochauf steigt -die Landzunge, die Mulde und Bobritzsch umschließen. Von bewaldeter -Höhe herab grüßt das Schloß Bieberstein, ein wuchtiger Bau mit hohem -Ziegeldach, arm an baukünstlerischem Schmuck. Um die Mitte des -siebzehnten Jahrhunderts ist das Schloß entstanden auf und neben der -in den Stürmen des Dreißigjährigen Krieges unwohnlich gewordenen alten -Doppelburg Bieberstein. Die schwere Not der Zeit, die damals auf dem -Lande lastete, mag auf schlichte, ja nüchterne Bauweise gedrungen -haben. Unbewußt erfüllte der alte Baumeister dadurch eine Forderung -des Heimatschutzes: Hier wo die schlichten Naturschönheiten eines -anmutigen, stillen Tales sprechen, ist kein Raum für einen Prunkbau, -für ein Bauwerk, dessen wechselnde Linien ein schönes Heimatbild -zerstören, Naturschönheiten erdrücken würden. So ist jeder Mißklang -ferngeblieben und mit Wohlgefallen ruht das Auge des Heimatfreundes -auf dem Schloß Bieberstein, das verwachsen scheint mit den ehrwürdigen -Baumriesen des Schloßparks, der Berghöhe und Talhang in seinen grünen -Mantel hüllt. - -[Illustration: Abb. 2 =Mundloch einer Grabenrösche=] - -Fast so alt wie die Geschichte des Landes ist die Geschichte der -alten Burg Bieberstein, von der freilich nur Reste der Feinde Wut und -dem Zahn der Zeit standgehalten haben. Von Moos und Efeu umgrünte -Turmgebäude mit tiefen, gewölbten, schaurigen Gängen, durch die die -Sage raunt, erzählen von dem mächtigen Geschlecht der Herren von -biuverstein, dem die Burg im zwölften Jahrhundert den Namen gab. Sie -berichten auch von späteren Besitzern, den fehdelustigen Herren von -Marschalk, die ihren Geschlechtsnamen nach der Burg in Marschall von -Bieberstein ergänzten und mit dem Kloster Altenzella blutige Fehden um -die Gerichtsbarkeit führten. Nach Teilung der Herrschaft und mehrfachem -Besitzwechsel kam Bieberstein im Jahre 1630 an die Herren von -Schönberg auf Reinsberg und bildete nunmehr einen Teil des sogenannten -Schönberger Ländchens. Gotthelf Friedrich von Schönberg erbaute das -jetzige Schloß an die Stelle der alten oberen Burg. Im Jahre 1807 -ging der Besitz durch Heirat an die Familie von Schröter über. Das -Schloß birgt reiche Kunstschätze und mannigfache Erinnerungen aus alter -Zeit. Als wertvollste Kleinodien erscheinen mir jedoch die herrlichen -Ausblicke vom Altan und aus den Schloßgemächern hinab ins Bobritzschtal -und hinaus in die Gefilde der Heimat. - -[Illustration: Abb. 3 =Grabentour= (Waldwiese an der Bobritzsch)] - -Eine prächtige Lindenallee führt vom Schloß Bieberstein hinab ins -Tal der Bobritzsch. Gleichen Ursprung haben die Namen Bieberstein -und Bobritzsch; sie erinnern an den Biber, den heute leider fast -ausgestorbenen Nager, der einst am Flusse seine Burgen baute. In großer -Zahl mag er hier vorgekommen sein, man würde sonst kaum den Fluß und -die Burg nach ihm benannt haben. Spärlich nur fließen freilich die -Quellen, die von seinem Dasein in alter Zeit berichten, wahrscheinlich -hatte starke Nachstellung ihn schon frühzeitig zu einem seltenen -Naturdenkmal gemacht. - -Nur eine kurze Strecke, an der Mühle mit dem Schönbergschen Wappen -vorüber, führt der Weg talaufwärts und schon lädt eine Allee aus Linden -und Ahorn zum Besuch des Schlosses und des einstigen »Städtleins« -Reinsberg ein. Trotzig schaut das teilweise in den Felsen gesprengte -alte Schloß, dessen Burgcharakter trefflich gewahrt ist, hinaus in das -Land. Im Dunkel des Mittelalters liegt seine Gründungszeit, werden doch -schon im Jahre 1197 Herren von Reyensberg in Altenzellaer Urkunden -als Schiedsrichter und in andern hochangesehenen Ämtern genannt. Im -Jahre 1377 ging der Besitz an die Herren von Schönberg über, die ihn -heute noch ihr eigen nennen. Um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts -erfolgte eine Teilung der Herrschaft innerhalb der Familie in Ober- -und Niederreinsberg. Die beiden Besitzer bewohnten bis 1816 die Burg -gemeinsam, doch räumlich getrennt und durch besondere Brücken über den -Burggraben mit der Außenwelt verbunden. - -[Illustration: Abb. 4 =Grabentour= (an der Bobritzsch)] - -Reinsberg hat eine reiche Geschichte. Im Jahre 1632 wurde die Burg von -den Österreichern mit stürmender Hand genommen, wobei fünf Söhne des -Besitzers den Heldentod fanden und der Besitzer, Lorenz von Schönberg, -selbst in der Nähe der Bobritzsch, wie heute noch ein Denkstein kündet, -einer feindlichen Kugel zum Opfer fiel. Den bunten Wechsel der Zeiten -trotzten die bis fünf Stock hohen Gebäude, die altertümlichen Türme -und Erker, der Rittersaal mit der Ahnengalerie. Trefflich erhalten -sind auch das efeuumsponnene, wappengeschmückte Burgtor und der -tiefe Burggraben. Nesselgestrüpp und bunte Blumen bedecken heute den -Grabengrund; Bienengesumme klingt herauf. Nur der Kuckucksruf aus -dem nahen Wald unterbricht das große ernste Schweigen, das über dem -wohlerhaltenen Zeugen einer andern Zeit ausgebreitet ist; Reinsbergs -Bedeutung liegt Jahrhunderte zurück im Schoße der Vergangenheit. - -Der Vergessenheit gehört auch die einstige Bedeutung der Reinsberger -Kirche als Wallfahrtsziel an. Die Kalandbrüderschaft unterhielt hier -in alter Zeit einen Altar als Gnadenort, an dem frommen Wallfahrern -reicher Ablaß gewährt wurde. Gewaltig war der Zuzug, bis die -Reformation mit den Wallfahrten aufräumte. Unbewußt hält jedoch -die Volksseele noch heute an der alten Wallfahrtsfeier fest; das -weitbekannte und stets stark besuchte »Reinsberger Vogelschießen« ist -daraus entstanden. - -Der Reinsberger Friedhof mit der Gruft der Herren von Schönberg, mit -zahlreichen wohlerhaltenen, in vergangene Jahrhunderte zurückreichenden -Grabmälern und Eisenkreuzen bietet reiche Anregung zu sinnigen -Betrachtungen und ernster Forscherarbeit. - -In der Mitte des Dorfes, dicht am Bahnhofe, steht ein Schachtgebäude! -Des Haldenglöckleins heller Klang schallt vom Türmchen. Ein Stollen -läßt Wasser auf ein Radwerk fließen. Wir stehen am vierten Lichtloche -des _Rothschönberger Stollens_ und zugleich am Ausflusse, also am Ende -des Grabens, der der Grabentour den Namen gab. Wie ich aus Erfahrung -weiß, kennen die meisten Grabentourwanderer den Zusammenhang zwischen -Rothschönberger Stollen und Graben nicht, meist wird beides miteinander -verwechselt. Auch Wanderbücher und Reisebeschreibungen lassen uns meist -im Unklaren, obwohl die Erbauung des Stollens und die Anlegung des -Grabens erst vor wenigen Jahrzehnten erfolgten. Der Heimatfreund wird -es deshalb gewiß begrüßen, wenn er an dieser Stelle Ausführlicheres -darüber erfährt. - -Mit dem in den Jahren 1844 bis 1877 erbauten Rothschönberger Erbstollen -wurde ein gewaltiges Kulturwerk geschaffen, dessen Nutzen freilich -hinter den Erwartungen zurückblieb, die man beim Baubeginn gehabt -hatte. Obwohl mit der Einstellung des Freiberger Bergwerks der Stollen -so gut wie bedeutungslos geworden ist, bleibt er doch für alle Zeiten -ein gewaltiges Kulturdenkmal, dem so leicht nichts Ähnliches zur Seite -gestellt werden kann. Daß sich die Anlage des Stollens nicht lohnte, -ist ja auch durchaus nicht die Folge falscher Berechnung oder eines -andern technischen Fehlers; lediglich die unter dem Drucke damaliger -Edelmetallentwertung notwendig gewordene Einstellung des Freiberger -Silberbergbaues nahm dem Rothschönberger Stollen seine Bedeutung, -ehe sie recht zur Geltung gekommen war. Als man ans Werk ging, stand -das Wertverhältnis von Gold zu Silber wie 1 : 15. Schon vor der -Vollendung begann unter dem Einflusse der gewaltigen Silbergewinnung -Nordamerikas der Preissturz des Silbers, der das Wertverhältnis um die -Wende des Jahrhunderts auf 1 : 40 herabdrückte. Unter so veränderten -Umständen vermochte auch die kunstvollste Technik und die umsichtigste -Sparsamkeit aller Bergbau- und Verhüttungsverfahren die Freiberger -Silbergewinnung nicht mehr lohnend zu gestalten. Sie starb dahin. Die -unterirdische Leitung der durch den Stollen bemeisterten Gruben- und -Aufschlagwässer ist eins der Denkmäler, das den Freiberger Bergbau -überlebt. - -Was führte nun zur Anlegung des Rothschönberger Stollens? – Nach -jahrhundertelanger Ausbeute der Freiberger Silbergruben war das -erzhaltige Gebirge in seinen oberen Schichten in der Hauptsache -abgebaut; es galt tiefer zu gehen. Diesem Vorhaben bereitete aber das -Grundwasser, der Hauptfeind des Bergbaues, immer größere Hindernisse, -je weiter man in das Berginnere eindrang. Die Bewältigung der -Grubengewässer war in der Hauptsache auf von Wasserkräften betriebene -maschinelle Anlagen angewiesen, die aber zur Wasserhebung aus immer -bedeutender werdenden Tiefen nicht mehr ausreichten. Die Anwendung der -Dampfkraft erschien zu kostspielig. Infolge dieser Hindernisse waren -bereits verschiedene wichtige Grubenbetriebe zum Erliegen gekommen und -anderen drohte ein langsames Dahinsiechen. - -[Illustration: Abb. 5 =Schloß und Kirche Reinsberg=] - -Den einzigen Ausweg aus diesen Schwierigkeiten sah man in der -Anlegung eines tiefen Revierstollens, durch den das Wasser ohne -Hebung aus den tiefsten Stellen des Bergreviers nach einem Fluß in -der Umgebung abgeführt werden konnte. Durch eine solche Anlage konnte -zugleich das Aufschlagwasser für die in tieferen Stellen der Gruben -erbauten Kraftanlagen mit beseitigt werden. Die Erbauung derartiger -Wasserabführungsstollen war nicht neu. Wie andre Grubenreviere, so -besaß auch Freiberg bereits eine größere Anzahl, doch reichten sie -wegen ihrer geringen Tiefe zur Wasserbewältigung nicht aus. - -Im Jahre 1838 trat nun Oberberghauptmann von Herder mit einem ebenso -gewaltigen wie genialen Plan an die Öffentlichkeit. Er schlug den -sogenannten »Meißner Stollen« vor, der das Wasser durch einen -dreiundzwanzig Kilometer langen und ungefähr hundertdreiundachtzig -Meter unter dem tiefsten Freiberger Bergwerk zu liegen kommenden Abfluß -nach der Elbe bei Meißen leiten sollte. Der Plan ist zwar unausgeführt -geblieben, doch fußte auf ihm das Projekt des später vom Bergmeister -von Weißenbach entworfenen Rothschönberger Stollens, der 1844 begonnen -und 1877 vollendet wurde. Der Hauptstollen mündet bei Rothschönberg -in das Triebischtal und wurde in dreizehntausendneunhundert Meter -Länge bis an den Halsbrücker Spatgang, vierundneunzig Meter unter -den tiefsten dortigen Stollen, den Anna-Stollen, geführt. Nach -Anschluß aller Flügelstollen erhielt das gewaltige unterirdische -Wasserwerk später eine Gesamtlänge von einundachtzigtausend Metern. -Der Hauptstollen wurde von acht Lichtlöchern aus erbaut, die je -nach der Höhenlage des durchbrochenen Gebirges eine Tiefe von -dreiundfünfzig bis hundertfünfundfünfzig Metern besitzen. Zwischen -dem Mundloch bei Rothschönberg und dem siebenten Lichtloch bei -Halsbrücke hat der Stollen bei drei Meter Höhe eine Breite von zwei -Meter fünfzig Zentimeter und weiter aufwärts bei gleicher Höhe eine -Breite von einem Meter fünfzig Zentimeter. Letzteres Maß haben auch -die Stollenhauptflügel im Innern des Freiberger Reviers. Der gewaltige -Stollen kann demnach bequem mit einem Kahne durchfahren werden. -Wir stehen hier in Reinsberg am vierten Lichtloch, unter dem in -vierundachtzig Meter Tiefe der Rothschönberger Stollen die Freiberger -Grubenwässer zur Triebisch führt, die sie wieder bei Meißen in die Elbe -leitet. - -Die Kosten des Stollens in Höhe von -siebenmillionenhundertsechsundachtzigtausendsechshundertsiebenundneunzig -Mark dreiundvierzig Pfennige überschritten den Anschlag um -neunundsiebzig Prozent, was bei der Länge der Bauzeit und bei den -mannigfachen und großen Schwierigkeiten, die sich der Vollendung -entgegenstellten, durchaus nicht verwunderlich ist. Die Geschichte des -Stollenbaues bietet ein Bild deutscher Gründlichkeit, zähester Ausdauer -und hoher technischer Leistungsfähigkeit. Wer je an Deutschlands -Schaffenskraft zweifeln wollte, dem sei ein Studium der Baugeschichte -des Rothschönberger Stollens empfohlen; er wird sicher eines besseren -belehrt werden. - -Aus der Bauzeit des Rothschönberger Stollens stammt auch der -Graben, die Wasserkunst, welche der Grabentour den Namen gegeben -hat. An den einzelnen Lichtlöchern wurden die Förderarbeiten durch -Dampfkunstgezeuge und Dampfgöpel ausgeführt. Nur am vierten Lichtloch -in Reinsberg nahm man ein Radkunstgezeug und einen Kehrradgöpel und am -fünften Lichtloch im Bobritzschtale zwei vertikale (Schwamkrug’sche) -Turbinen zum Betriebe der Wasserhebungs-, Wetter- und Fördermaschinen -zu Hilfe. Das nötige Aufschlagwasser wurde unterhalb Krummenhennersdorf -aus der Bobritzsch entnommen und den Betriebsstellen durch eine -dreitausendfünfhundertsiebenundfünfzig Meter lange Leitung, _den -Graben an der Grabentour_, zugeführt. Die Wasserführung ist auf -eintausendsechshundertzweiundfünfzig Meter als offener Graben und auf -eintausendneunhundertundfünf Meter als unterirdische Rösche angelegt. -Mit dem eigentlichen Rothschönberger Stollen hat also der Graben heute -nichts mehr zu tun, wiewohl dies vielfach angenommen wird. Er war -lediglich ein Hilfsmittel bei seiner Erbauung und ist heute ein Denkmal -großzügigen Bergbauunternehmens. - -[Illustration: Abb. 6 =Schloß Reinsberg=] - -Das Dorf Reinsberg verlassend, führt uns der Weg an der alten -kursächsischen Postmeilensäule vorüber dem Walde und der Grabentour -im engeren Sinne zu. Aus Inschriften ist zu ersehen, daß wir uns -auf Oberreinsberger Forstrevier befinden und daß der Graben der -Betriebsdirektion der staatlichen Grube Himmelfahrt zu Freiberg -untersteht. - -Wir kennen mancherlei ausgedehnte Wasserkunstanlagen, Floßgräben usw. -im lieben Sachsenlande. Jede Anlage hat ihre Eigentümlichkeiten, ihre -besonderen Reize für den Wandrer, der an ihrem Ufer streift. Unser -Graben ist dadurch merkwürdig und besonders anziehend, daß er nur zum -Teil im offenen Bett dahinfließt. Fünfmal wird das Wasser vom Felsen -verschlungen und durch Tunnel geleitet. Dazu kommt seine herrliche -Waldumgebung und die malerische Lage hoch am Hange des Bobritzschtals. -Der Weg am Graben hin bietet dem Wandrer Bilder einzigartiger -Naturschönheit; anmutige friedliche Waldblicke wechseln ab mit Bildern -voll wildromantischer Wucht. Unberührte Natur und Menschenwerk einen -sich harmonisch. - -Bald nach dem Eintritt in den Wald kommen wir an die erste offene -Grabenstelle. Etwa dreihundert Meter weit plätschert das klare Wasser, -um im ersten Tunnel zu verschwinden und durch den Berg dem Reinsberger -Lichtloch zuzufließen. Ein schroffer Felsvorsprung schiebt sich nun ins -Tal, vom zweiten Grabentunnel durchzogen. Wohl dreißig Meter tief im -Grunde braust die Bobritzsch hin, von gewaltigen Fichten beschattet. -Ein neues schöneres Bild tut sich hinter dem Felsen auf; wir kommen -wieder an den offenen Graben. Ein Felsriegel ist durchschnitten für -das Grabenbett. So geht es weiter im bunten Wechsel. Über eine alte -Berghalde führt der Weg, Sedum begrünt den Schutt und im Schatten -von Linden und Eschen laden Bänke zu kurzer Rast ein. Auch hier ein -herrlicher Blick hinab ins Bobritzschtal, hinüber in den schönen Wald. -Die Halde und ein Wehr am Graben erinnern an den Bau des fünften -Lichtloches des Rothschönberger Stollens, das einst hier in die Tiefe -führte. Es ist heute zugewölbt und verschüttet. Der Fußweg senkt sich -hinab zur Bobritzsch, auf schmalem Pfade geht die Wanderung weiter, -oben am Berge fließt der Graben. Dort, wo er zum viertenmal in den -Felsen verschwindet, ist sein Geburtszeugnis eingemeißelt: - - Ausgeführt 18 ~L~ 44/~C~ 46 - durch - Ob. Ef. ~E. v. W.~ - Ostg. ~A. J.~ - Mstg. ~G. B.~ - -Die Namen des Bauleiters Oberbergrat von Warnsdorff, des Obersteigers -Jobst und des Maschinensteigers sind hier verewigt. In nur drei Jahre -fällt also die Bauzeit des Grabens; wahrlich eine beachtliche Leistung! - -Noch manches herrliche Bild landschaftlicher Schönheit zieht vor unserm -Auge vorüber. Dort gähnt eine dunkle Felshöhle, hier liegt am Ufer der -Bobritzsch eine kleine blumenübersäte Wiese, umrahmt von hohen Fichten. -Jungwald zieht sich zum Gipfel des Berghanges empor und dort, wo die -Sonne ungehindert durch Bäume in den Graben scheint, spielen Scharen -kleiner Fische im blanken Wasser. - -Viel zu früh für den wanderfrohen Heimatfreund tritt der Wald zurück -und bald tauchen die ersten Häuser von Krummenhennersdorf auf. Wir sind -am Ende der Grabenwanderung angelangt! Oberhalb des »Gasthauses zur -Grabentour« liegt das Wehr, welches das Bobritzschwasser in den Graben -leitet. Wir verlassen die Bobritzsch auf hoher Brücke und biegen in -das Seitental ein, in dem der eigentliche alte Ort Krummenhennersdorf -liegt. - -Krummenhennersdorf – heute kaum genannt, oder höchstens bekannt als -Ausgangs- oder Endpunkt der Grabentour, und doch hat Klio den Namen -mehrfach eingezeichnet in die Annalen der sächsischen Geschichte. -Zu der Zeit, als man Freiberg erbaute, mag auch Krummenhennersdorf -mit andern Bergbaudörfern der Umgebung entstanden sein. Ursprünglich -nach seinem Gründer Hinrichsdorf, also Heinrichsdorf genannt, -erhielt der Ort später wegen seiner Lage am gebogenen, krummen -Laufe des ihn durchfließenden Baches und zum Unterschiede vom nahen -Langhennersdorf seinen heutigen, etwas merkwürdig anmutenden Namen. -Vor über siebenhundert Jahren wird Krummenhennersdorf erstmals in -der sächsischen Landesgeschichte erwähnt, in den Tagen, da deutsche -Fürsten harte Fehden unter einander und gegen den Kaiser ausfochten. -Im Juni 1195 endete hier das kampfesfrohe Leben des ritterlichen -Meißner Markgrafen Albrecht des Stolzen. Er wurde, wie wenige Tage -später auch seine Gemahlin, die schöne Sophie von Böhmen, nach der -Inschrift in der Grufthalle zu Altenzella »~veneno sublati~«, durch -Gift hinweggenommen. Völlig geklärt ist das trübe Geschehnis nicht; die -Chronisten berichten, Kaiser Heinrich VI. sei der Anstifter zu diesem -Morde gewesen, da ihm daran gelegen war, den kampfeslustigen und ihn -selbst wiederholt befehdenden Fürsten zu beseitigen. Vielleicht fand -der Kaiser willige Helfer in Altenzella, lud doch Markgraf Albrecht den -Haß des Klosters auf sich, als er einen Teil der Schätze einzog, mit -denen sein Vater Otto der Reiche das junge, von ihm begründete Kloster -in verschwenderischer Weise ausgestattet hatte. Es wird überliefert, -eine gedungene Kreatur des Kaisers habe dem Fürsten in Freiberg den -Todestrunk gereicht; auf der Reise nach Meißen erkrankte Albrecht -und in der Mühle zu Krummenhennersdorf hauchte er sein Leben aus. -Irgendwelche sichtbare Zeichen, die das Gedächtnis an dieses Drama in -der Mark Meißen alten Tagen wachhalten, sind nicht zu finden und wohl -auch kaum vorhanden gewesen. Im Jahre 1910 ist die wahrscheinlich im -Laufe der Jahrhunderte schon mehrmals erneuerte Mühle niedergebrannt; -ein stattlicher Neubau in schmucker heimatlicher Bauweise ist dafür -erstanden. Der eben aus der Bobritzsch abgeleitete Graben liefert der -Mühle die Wasserkraft. - -Noch eine andre geschichtliche Erinnerung birgt Krummenhennersdorf. -In der Ortsmitte, hoch auf dem Berge liegt neben der neuen Kirche das -uralte Rittergut, einst ein Besitztum Altenzellas. Hierher übersiedelte -im Jahre 1545 der letzte, der einundvierzigste Abt des Klosters, -Andreas Schmiedewalt, als die Macht des reichen und in seinem Besitz -einem kleinen Fürstentum gleichenden Klosters Altenzella in den Stürmen -der Reformation zusammenbrach. Aus dem Klostergewaltigen war ein -schlichter Pächter geworden, der mit seinem Schicksal ausgesöhnt hier -hochbetagt im Jahre 1586 starb. Er war friedliebend und glich nicht im -entferntesten seinem Vorgänger, dem kampfeslustigen und wortgewandten -Abte Martin, der unter dem Schutze des Landesherrn Georg des Bärtigen -den Siegeslauf der Lehre Luthers aufzuhalten suchte. Manch kräftig -Wörtlein wurde gewechselt von hüben und drüben. Am bekanntesten -geworden ist davon wohl des Abtes Flugschrift aus dem stillen -Altenzella: »Wider das wildgeyfernde Eberschwein, Marten Luthern, so -mit seinem Riesel umzustossen sucht die Canonisation S. Bennonis, -Bischofs zu Meißen.« - -[Illustration: Abb. 7 =Schloß Bieberstein=] - -Das Andenken an Andreas wurde etwas getrübt, als sich später -herausstellte, daß er einen Teil der Klosterschätze und goldenen -Kleinodien beiseite geschafft und der Sequestierung entzogen hatte. -Freilich ist nie aufgeklärt worden, ob der sonst so gewissenhafte Abt -sich damit einen Notpfennig für sein Alter sichern wollte, oder ob er -in der Hoffnung lebte, das Land werde wieder katholisch werden und sein -Kloster in neuem Glanze erstehen. Sagen von vergrabenen Schätzen, die -sich gern um verfallenes Klostergemäuer ranken, wurde damit auf recht -realistische Weise der Nährboden geraubt. - -[Illustration: Abb. 8 =Kirche zu Bieberstein=] - -Frühlingssonnenglanz lag auf der Landschaft, als ich die Höhe erstiegen -hatte, und nun, an blühenden Kastanien vorüber, durch die gewölbte -Toreinfahrt eintrat in den weiten, von Linden beschatteten Hof des -alten Klosterguts Krummenhennersdorf. Ein Bild des Friedens bot sich -meinem Auge, Schwalben umzwitscherten die von wildem Wein umrankten -Gebäude, die von Efeu dicht übersponnenen altersgrauen Mauern und aus -dem malerischen Taubenhaus in der Mitte des Hofes klang vielstimmiges -Gurren. Kein andrer Laut störte die klösterliche Stille. So mag’s auch -einst gewesen sein, als Abt Andreas hier seine Tage verlebte. An den -Gutshof grenzt der sehr große und heute noch wohlgepflegte Park. Eine -hohe Mauer umgibt ihn, ein Anklang an die gewaltige Mauer, welche das -Kloster Altenzella von der Außenwelt abschloß. - -Nach kurzer Wanderung erreichen wir die hohe Esse und blicken hinab -auf die rußgeschwärzte Halsbrücker Hütte. Noch einmal taucht die -Erinnerung auf an den Rothschönberger Stollen; dicht bei der Esse -steht ein kleines Schachtgebäude, unter dem das siebente Lichtloch -hundertdreiundzwanzig Meter tief auf die Stollensohle führt. Und nun -geht unsre Fahrt weiter auf Freiberg zu; wir schlagen den Fußweg über -»Herders Ruhe« ein und besuchen die denkwürdige Stätte, wo unter einer -Berghalde »der Knappen treuester Freund«, der Oberberghauptmann von -Herder seine letzte Schicht verfährt. Auch uns war er heute ein Freund -und eine herrliche Wanderfahrt hat er uns beschieden. Herders genialer -Geist hat den Plan zu der gewaltigen Grubenwasserabführung erdacht, -aus dem der Rothschönberger Stollen und der Graben an der Grabentour -hervorgegangen sind. - - - - -Sächsische »Schweiz«? - -Von ~Dr.~ _Kurt Schumann_ - - -Gelegentlich der Ausstellung der Gilde vom Berge: Das sächsische -Felsengebirge in Literatur, Bild und Kartographie im Japanischen Palais -in Dresden ist wieder einmal der Streit um den Namen des bekanntesten -sächsischen Gebirges entbrannt. ~Dr.~ Kuhfahl, der bekannte -Bergsteiger, Photograph und Steinkreuzforscher schreibt im Dresdner -Anzeiger im Anschluß an eine Besprechung der genannten Ausstellung: -»Mit der richtigen Würdigung dieses Gebirgscharakters taucht aber in -denkenden Köpfen gleichzeitig eine Art Beschämung darüber auf, daß -der Name für diese heimatliche Felsenwildnis in denkbar läppischster -Weise aus hochalpinen Verhältnissen herbeigezogen worden ist, mit denen -er auch nicht die allergeringsten Vergleichspunkte besitzt. Das Wort -»Sächsische Schweiz«, das jedem Alpenkenner als eine Herabwürdigung der -Heimat erscheinen muß, hat sich seit 1780 gedankenlos fortgepflanzt und -selbst in wissenschaftlichen Werken hier und da Eingang gefunden. Der -Ausdruck Elbsandsteingebirge besitzt keine Volkstümlichkeit, und wenn -die Gilde vom Berge heute ihre Ausstellung Sächsisches Felsengebirge -betitelt, so ist sie sich gleichfalls bewußt, daß dies noch nicht die -erwünschte Lösung der Namenfrage bedeutet.« Deshalb regt ~Dr.~ Kuhfahl -an, man möge sich, wie schon vor Jahren gelegentlich eines von einer -Zeitschrift ausgeschriebenen Wettbewerbs, mit dieser Frage befassen und -nach einem treffenden, knappen und klangvollen Namen suchen. - -Zunächst eine kleine Richtigstellung, die für unsre weiteren -Darlegungen nicht ohne Bedeutung ist: Der Name »Sächsische Schweiz« -hat nicht selbst in wissenschaftlichen Werken hier und da Eingang -gefunden, sondern wird seit Jahrzehnten beinahe ausnahmslos von allen -Wissenschaftlern und vor allem von den Geographen gebraucht. Als Beleg -nur die Verfassernamen der mir gerade zugänglichen Werke, in denen -er an hervorragender Stelle gebraucht wird: Beck, Freiberg; Beyer, -Dresden; Hettner, Heidelberg; Ruge, Dresden; Stübler, Bautzen; Berg, -Göttingen; Machatschek, Prag; Weicker, Dresden; Meiche, Dresden; -Schmaler, Dresden; Philippson, Bonn; Partsch, Leipzig; Koßmat, Leipzig; -Pietzsch, Leipzig usw. Besonders stutzig muß uns die Tatsache machen, -daß es ein geborener Dresdner, der jetzige Ordinarius für Geographie -in Heidelberg, _A. Hettner_, war, der mit seinem klassischen Werk über -den _Gebirgsbau_ und die _Oberflächengestaltung_ der _Sächsischen -Schweiz_ das Wort in die wissenschaftliche Literatur einführte. -Man kann wohl kaum annehmen, daß bei ihm wie bei all den genannten -Geographen, Geologen, Historikern und Heimatforschern, denen man das -Attribut denkende Köpfe kaum verweigern dürfte, reine Gedankenlosigkeit -die Ursache zu diesem Brauche war. Schmaler schreibt in seiner -trefflichen Landeskunde von Sachsen: »Der Geologe wird die Bezeichnung -Elbsandsteingebirge lieber anwenden als den Begriff Sächsische Schweiz. -Jedoch hat sich dieser so _allgemein eingebürgert_, daß ihn heute auch -die wissenschaftliche Geographie braucht. Es ist darum zwecklos, über -seine Berechtigung zu streiten. Interessant ist es, daß er in der -Zeit der Aufschließung des Gebirges für den Reiseverkehr auch von den -bekannten Schweizer Malern Adrian Zingg und Anton Graff angewendet -worden ist.« - -Ich glaube, wir kommen nicht um die Notwendigkeit herum, dem was -Schmaler sagt, zuzustimmen. Es ist auch bei den Verfechtern dieses -Namens kein Zweifel darüber, daß es wenige Gebirge gibt, die in -Gesteinsaufbau und Oberflächenform weniger Ähnlichkeit mit den -Schweizer Alpen haben, als die Sächsische Schweiz. Die Kardinalfrage -bei der ganzen Erörterung ist deshalb: Wollten diejenigen, die zuerst -diesen Namen brauchten, und wollen alle die, die ihn heute in Schrift -und Wort anwenden, überhaupt einen Vergleich zwischen den Alpen und -unserm »Salongebirge«, wie es Ruge scherzhaft, wenn auch nicht für alle -Teile zutreffend genannt hat, ziehen? Diese Frage aber muß unbedingt -verneint werden. Wer heute Sonntags »in die Schweiz fährt«, um zu -wandern oder zu klettern, um zu botanisieren oder Leitfossilien zu -sammeln, um die Spuren alter Raubnester zu suchen oder sich im Schatten -der Kiefern im Angesicht einer erhabenen Landschaft philosophischen -Spekulationen oder dichterischen Träumen hinzugeben, denkt nicht -im entferntesten an das für die meisten nicht erst seit dem Kriege -unerreichbare Gebiet der Berner oder Walliser Alpen, und wäre er -gleich am Vorabend erst im Tell oder einer Filmvorführung gewesen, -die ihm die ganze Herrlichkeit dieser Landschaften vor Auge und Seele -stellte. Ebensowenig wie sich der Schüler, der morgens ins Gymnasium -geht, des Gegensatzes bewußt ist, der zwischen der Anstalt, die also -bezeichnet wird und ihrem Vorbild besteht, denkt der Schweizfahrer an -das Land, das – man ist versucht zu sagen »zufällig« – denselben -Namen trägt wie sein geliebtes Felsengebirge. Es verbinden sich -einfach mit dem _Wortklang_ nicht nur für den Dresdner, sondern für -jeden, der die besondere Schönheit dieses Gebirges genossen hat, so -starke Gefühlswerte, daß er den Namen ebensowenig missen möchte, wie -den der Frauenkirche, des Zwingers oder der im Volksmund auch in der -Zeit des albernsten Byzantinismus nie ausgestorbenen Augustusbrücke. -Als mir neulich eine Kollegin erzählte, sie sei am Sonntag im -Elbsandsteingebirge gewesen, lief mir ein kalter Schauer den Rücken -hinunter, und mit dem Sächsischen Felsengebirge geht es mir nicht viel -besser. Am wärmsten klingt noch Meißner Hochland, aber auch nur dem, -der unter der Schwelle des Bewußtseins die ganze sächsische Geschichte -liegen hat. Die weiteren Folgen einer Namensänderung will ich hier -nicht ausmalen. Nur die bescheidene Frage: Wem wäre es nicht komisch -zu Mute, wenn er von Ostern ab statt mit dem Schweizzuge mit dem -Felsengebirgs- oder Elbgebirgszuge nach Schöna fahren und anschließend -eine Meißner Hochlandstour unternehmen sollte? - -Und wer doch beim Klange des Wortes Schweiz es nicht lassen kann, -nach den Gletschern des Engadin und den Firnspitzen von Zermatt einen -ängstlichen Blick zu werfen, den werden vielleicht die folgenden Worte -beruhigen, die ich in einem Wegweiser durch die Gegend um Dresden im -Jahre 1804, als man sich auch schon einmal nach neuen Namen den Kopf -zerbrach, fand, und mit denen ich meine Verteidigung der »Sächsischen -Schweiz«, deren ragende Steine schon mein Söhnlein vom Landgraben aus -mit dem Jubelruf grüßt: »Water, die Weiz! die Weiz!!«, schließen: »Doch -das Gebirge heiße, wie es wolle, es ist unendlich malerisch. Alle -Kontraste des Großen und Gefälligen, des Wunderbaren und Schönen, des -Kühnen und Leichten, des Grausenden und Sanften sind mit romantischer -Mannigfaltigkeit an den triumphierenden Lauf des Elbstroms gefesselt, -und Schweizer, die hier weder ein Haslital noch die Spitzen der -Jungfrau und des Finsteraarhorns fanden, die hier keinen Kuhreigen -hörten und keinem Gemsenjäger begegneten, wurden dem allen ungeachtet -von dem wunderbaren Charakter der Landschaft ergriffen und mit -magischer Gewalt in die ferne Welt ihrer geliebten Heimat versetzt.« - - - - -Bücherbesprechung - - -»=Das Deutsche Haus=« von Paul Ehmig, 3. Band – 5. und 6. Buch -– ist soeben bei Ernst Wasmuth, Berlin, erschienen. Somit ist in -glücklichster Weise dieses großzügig angelegte Werk zum Abschluß -gebracht worden. Die künstlerischen Bedingungen des deutschen -Hauses, Anlage, Aufbau, Hauskörper, Innenraum und Garten werden -in tiefgründiger Weise vom Standpunkte des schaffenden Künstlers -behandelt. Der dritte Band ist ebenso wie seine Vorgänger hervorragend -ausgestattet und mit 131 wertvollen Abbildungen illustriert. Wir -empfehlen allen Baulustigen wie Freunden der nationalen künstlerischen -Kultur das Buch aufs wärmste, aber auch den Jüngern der Baukunst. -Ist es doch frei von der in technischen Gebieten allzu üblichen -schematischen Behandlung der Aufgaben, betont es doch immer -wieder die Notwendigkeit, die Erfahrungen der Alten zu benützen -und die Bedürfnisse aus ihnen zu entwickeln. Alles in allem eine -bedeutsame Weiterentwicklung der in den letzten Jahren erschienenen -Veröffentlichungen ähnlichen Charakters –, auf die vom Deutschen Bund -Heimatschutz herausgegebenen Grundlagen für das Bauen in Stadt und Land -von Steinmetz, Berlin, und die sechs Bücher vom Bauen Ostendorfs sei -hierbei hingewiesen. – - -Daß dem Siedelungsproblem, Reihenhaus und Bebauungsplan umfangreiche -Teile des Buches gewidmet sind, mag hervorgehoben werden, aber auch, -daß die künstlerische Gestaltung des Hausinneren in Verbindung mit -den Gartenräumen unter Beibringung schönen Abbildungsmaterials mit -besonderer Liebe behandelt ist. - - Paul Goldhardt - - Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt – - Druck: Lehmannsche Buchdruckerei - - Klischees von Römmler & Jonas, sämtlich in Dresden - - - - -An unsre geschätzten Mitglieder! - - -Die immer weitere Zunahme unsrer Mitglieder, der Aufschwung -unsrer Bewegung macht eine vollständige Umorganisation unsrer -Mitglieder-Kartothek notwendig. Dabei werden nach Möglichkeit alle -die Wünsche berücksichtigt, die uns seitens unsrer Mitglieder zur -Geschäftsvereinfachung und zur Erzielung von Ersparnissen mitgeteilt -wurden. - -Der =jetzige= Versand unsrer Mitteilungen erfolgt noch auf Grund unsrer -alten Kartothek, und da die Briefumschläge seit Wochen geschrieben -sind, ist in vielen Fällen die neue Anschrift, die uns in den letzten -Monaten mitgeteilt wurde, noch nicht berücksichtigt worden. - -Um bei der Neuordnung unsrer Geschäftsführung auch nach Möglichkeit -alle veränderten Anschriften berücksichtigen zu können, bitten wir -unsre geschätzten Mitglieder, uns die jetzige und frühere Anschrift -dann mitzuteilen, wenn die Anschrift auf dem Briefumschlag, in dem -dieses Heft versandt wurde, nicht mehr stimmt. - -Jede Neuorganisation und Umänderung von Geschäftseinrichtungen -bringt Versehen und Unstimmigkeiten naturgemäß mit sich. Wir bitten -daher in den kommenden Wochen und Monaten – denn die vollständige -Neueinrichtung unsrer Kartothek wird bei dem umfangreichen -Mitgliederbestand diese Zeit erfordern – um freundliche Nachsicht. - -Wir danken allen, die uns durch Ratschläge bisher unterstützt haben; -wir ersehen daraus die Liebe zu unsrem Verein, das Interesse an dem -weiteren Heranwachsen unsrer Bewegung zum Wohle des letzten Schatzes, -der uns blieb: zum Wohle unsrer geliebten Heimat. - - -Landesverein Sächsischer Heimatschutz - -März 1923 - - - - -Einbanddecken in Leinen - - - Einzelbände M. 3000.-- - Doppelbände M. 3500.-- - - -Heimatbücherei des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz - - Band I (2. Auflage): _Gerhard Platz_ »Vom Wandern und Weilen im - Heimatland« - - M. 7500.-- - - Band II. _Max Zeibig_ »Bunte Gassen, helle Straßen« - - M. 4000.-- - - Band III. _Edgar Hahnewald_ »Sächsische Landschaften« - - M. 6000.-- - - Bestellkarte in diesem Heft - - -Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-A. - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LANDESVEREIN SÄCHSISCHER -HEIMATSCHUTZ -- MITTEILUNGEN BAND XII, HEFT 1-3 *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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