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-The Project Gutenberg eBook of Landesverein Sächsischer Heimatschutz
--- Mitteilungen Band XII, Heft 1-3, by Landesverein Sächsischer
-Heimatschutz
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Landesverein Sächsischer Heimatschutz -- Mitteilungen Band XII,
- Heft 1-3
-
-Author: Landesverein Sächsischer Heimatschutz
-
-Release Date: December 15, 2022 [eBook #69548]
-
-Language: German
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LANDESVEREIN SÄCHSISCHER
-HEIMATSCHUTZ -- MITTEILUNGEN BAND XII, HEFT 1-3 ***
-
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter
- oder unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original
- in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter
- Text ist =so dargestellt=.
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-
-
-
-
- Landesverein Sächsischer
- Heimatschutz
-
- Dresden
-
- Mitteilungen
- Heft
- 1 bis 3
-
- Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege
-
- Band XII
-
- _Inhalt_: Im Zauber des Erzgebirges – Kurt Arnold Findeisen – Auf
- der Schwelle des Erzgebirges – Der Vielfraß in Sachsen – Der
- Wanderfalke in Sachsen – In der Zeit der schweren Not – Hiddensee,
- die Insel der Heimatsehnsucht – Unsre Elbvögel, einst und jetzt! –
- Der Kiebitz als Brutvogel im Moritzburger Gebiet – Die Sageneiche
- am Ölteiche zu Kohren – Die Grabentour – Sächsische »Schweiz«? –
- Bücherbesprechung
-
- Einzelpreis dieses Heftes M. 2500.--, Bezugspreis für einen Band
- (aus 12 Nummern bestehend) M. 9000.--, für Behörden und Büchereien
- M. 5000.--. Mitglieder erhalten die Mitteilungen kostenlos,
- _Mindest_monatsbeitrag M. 300.--, freiwillige Einschätzung erbeten
-
- Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24
-
- Postscheckkonto: Leipzig 13987, Dresden 15835
- Stadtgirokasse Dresden 610
- Bankkonto: Commerz- und Privatbank,
- Abteilung Pirnaischer Platz, Dresden
-
- Dresden 1923
-
-
-
-
-An unsre geehrten Mitglieder!
-
-
-In den letzten Tagen haben wir um Einsendung eines Notbeitrages von
-1000 M. für Einzelmitglieder, 5000 M. für körperschaftliche Mitglieder
-gebeten, und wir haben so viel ansehnliche Beträge aus freiem Ermessen
-erhalten, daß wir die feste Zuversicht haben, daß, wenn alle noch
-ausstehenden Beiträge eingehen, wir in der Lage sein werden, den Verein
-und seine Werke durchzuhalten. _Die vielen Einsendungen, die noch
-ausstehen, müssen aber unter allen Umständen eingehen, und deshalb
-bitten wir alle diejenigen, die unsrer Bitte noch nicht nachgekommen
-sind, dies umgehend zu tun und zur Einsendung die Zahlkarte zu
-benutzen, die unsrem Rundschreiben beilag, das wir in den letzten Tagen
-des Februar an alle unsre Mitglieder versandten._
-
-Aus dem vorliegenden Heft bitten wir zu entnehmen, daß es ohne die
-geringste Einschränkung in der alten Ausstattung, wie unsre Hefte
-seit 1908 erscheinen, hergestellt worden ist. Auch daraus bitten wir
-unsre verehrten Mitarbeiter, Mitglieder und Freunde zu ersehen, daß
-unsre Hoffnungen auf das Durchhalten unsres Vereins nicht trügerisch
-sind, sondern daß bei uns nicht nur der feste Wille dazu besteht,
-sondern auch die sicheren, wohldurchdachten und berechneten Grundlagen
-vorhanden sind, das gesteckte Ziel zu erreichen.
-
-Wir bitten, die beiden letzten Umschlagseiten dieses Heftes zu beachten
-und uns im weiteren Kampf um das Bestehen des Vereins zum Besten von
-Heimat und Volk nicht im Stich zu lassen. Wir danken aufrichtig und
-herzlich für alle Mitarbeit, für alle Hilfe; der schönste Dank ist das
-Durchhalten der Bewegung, des Vereins in schwerster Zeit.
-
- Mit deutschem Gruß!
-
- Landesverein Sächsischer Heimatschutz
-
- =O. Seyffert=, =Michael=,
- Hofrat, Professor Oberregierungsrat
-
- März 1923
-
-
-
-
- Band XII, Heft 1/3 1923
-
-[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz
-
-Dresden]
-
-Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern
-herausgegeben
-
-Abgeschlossen am 1. Februar 1923
-
-
-
-
-Im Zauber des Erzgebirges
-
-Von _Hans Hänig_ (Wurzen)
-
-
-Worin besteht eigentlich der Zauber des Erzgebirges?
-
-Ich habe es seit länger als zwei Jahrzehnten nach allen Richtungen
-durchstreift, ich bin auf tausend Pfaden gegangen, an denen die
-große Menge achtlos vorbeigeht und habe einsame Bäche in ihrem Laufe
-verfolgt, die in irgendeinem Winkel des Hochwaldes ihren Ursprung
-nehmen. Ich habe beinahe auf allen Hochwarten gestanden, die das
-Gebirge aufzuweisen hat, und immer hat es mir wieder Neues und
-Seltsames geboten. Es muß wohl die Menschenseele sein, die hier in den
-Höhen und Tiefen der Landschaft ihre Geheimnisse wiederfindet.
-
-Seitdem ich das erstemal auf einer Höhe des Gebirges stand, um die
-Blicke nach dem Wogen von Bergen und Tälern hinüberschweifen zu lassen,
-durchwanderte ich einen großen Teil von Deutschlands Gauen, und das
-Schicksal verschlug mich auch in andere Teile Europas – aber alles,
-was ich da fand, das finde ich vereint in meinem Erzgebirge wieder.
-Der Wald- und Moorreichtum des westlichen Gebirges versetzt mich immer
-wieder zu den Höhen des Böhmerwaldes, wenngleich von dessen Gipfeln
-die Aussicht vielleicht noch weiter und umfassender ist, aber das
-schwermütige Bild zu den Füßen des Beschauers ist noch dasselbe und mir
-ist, als müßte dem Erzgebirge noch einmal ein Dichter wie A. Stifter
-erstehen, der seine Schönheit im Innersten zu erfassen vermag. Die
-Burgruinen und bewaldeten Kuppen am südlichen Steilabfall des Gebirges
-vermögen dem Wanderer einen Augenblick rheinische Landschaften vor
-das Auge zu zaubern. Das Waldgebiet um den Teufelsstein im oberen
-Schwarzwassertal zeigt Fichtelgebirgsstimmungen, und die langen Linien
-des stilleren östlichen Gebirges werden ihn an die Landschaften der
-Eifel und des hohen Venn erinnern, die besonders im Herbst einen
-so eigentümlich schwermütigen Eindruck machen. Mit dem Hochgebirge
-hat das Erzgebirge nur wenig Gemeinsames, und doch finden sich auch
-hier Berührungspunkte: der Greifenstein ist eine gute Schule für
-angehende Kletterer, und der Gebirgskamm am Fichtelberg und Keilberg
-trägt wie der alpine Steig im Schwarzwassertal bei Aue einen echt
-alpinen Charakter wie vielleicht wenig andere Gebirgslandschaften in
-Deutschland.
-
-Ich habe diese Täler und Höhen zu jeder Zeit des Jahres beobachtet:
-wenn der Frühling die Gebirgsbäche schwellt oder wenn Sommertagszauber
-auf den Bergstädten und Halden liegt. Vielleicht ist auch hier der
-Herbst am schönsten, und die klare, reine Luft läßt dann Einzelheiten
-hervortreten, die durch die Schwüle des Sommers nur allzuoft verwischt
-waren. An solchen Tagen hebt sich jedes Baumblatt in klaren Umrissen
-vom Horizonte ab und dahinter ein Stück altersgrauer Fels, bis auch
-dieser wieder in das brennende Feuer der Abendröte getaucht ist. Dann
-wird die Freude an den tausend kleinen Entdeckungen, die der Wandrer
-bei seinen Fahrten macht, zur Andacht – zu der großen, stillen
-Andacht, die den Menschen im Innersten seine Verwandtschaft mit der
-Natur ahnen läßt.
-
-Oft lag der Mittagszauber über dieser Erzgebirgsnatur, und die Linien
-des Gebirges lösten sich in der Schwüle auf, die über Tälern und
-Wäldern lag. Das Mittagsgespenst geht um und drückt Menschen und Tiere.
-Die Halden liegen einsam und versonnen, und in den Bergstädten schläft
-man ein Stück in den Nachmittag hinein. Wer in solchen Zeiten in der
-Natur ist und ihrem Weben nachgeht, den umfängt ein geheimnisvoller
-Schauer, den Schwind in seiner Mittagsfrau unnachahmbar zum Ausdruck
-gebracht hat. Aber mich soll sie heute nicht abhalten, immer mehr in
-die Fichtelgebirgsnatur hineinzuwandern, die sich hinter Mittweida
-auftut. Die Mühle, die hier am Eingange des oberen Mittweidaer Tales
-eingebettet ist in lauschiger Einsamkeit, soll mein erstes Ziel sein.
-
-Schon vor Jahren hatte es mich öfter in diese Gegend gezogen, als ich
-eines Nachmittags die Crottendorfer Kirche entdeckte. Inmitten dieser
-Erzgebirgsnatur, umrahmt von den Vorhöhen des Fichtelberges ein Stück
-Kunst hinter den altersgrauen Mauern, wie es selbst der farbenfrohe
-Südländer sich nicht besser wünschen könnte. Ein prachtvoller alter
-Holzaltar, die Decke getäfelt und selbst an den Wänden und Emporen
-Bilderschmuck – so wird das Ganze dieses Kirchleins zu einer inneren
-Anregung für den Besucher, wie sie unsre protestantischen Gotteshäuser
-leider nur allzuoft vermissen lassen und wie sie doch gerade in unsrer
-hastenden Zeit so wohl tut. Ob uns wohl etwas mehr Farbenfreude in
-unserem arm gewordenen Deutschland schaden würde?
-
-[Illustration: Abb. 1 =Kirche zu Crottendorf=]
-
-Hinter der Bahnstation von Mittweida beginnt das eigentliche Tal, das
-sich von hier bis zum Fichtelberg selbst hinzieht. Während der ersten
-Wegstunde immer dasselbe Bild: drunten am Bach ein paar Häuser oder
-eine Papier- und Sägemühle – dahinter weite Waldbestände, die, je
-höher man hinaufkommt, desto mehr den Blick gefangennehmen und die
-Gedanken an nichts anderes aufkommen lassen. Hinter der Wolfner Mühle,
-die noch einmal an einer Talgabelung liegt, tritt der Wald so nahe
-heran, daß nur noch die Mittweida und eine Waldstraße durch das Tal
-führen. Dann hören auch die letzten Ansiedlungen auf, und die große,
-feierliche Stille der Natur beginnt. Die umliegenden Höhen senden
-ihre Blöcke und Kuppen vor, die über dem Waldreichtum Wache halten.
-Der Weg zieht sich immer weiter zur Höhe hinan und täuscht doch immer
-wieder, indem er weitere Ausblicke eröffnet – es ist, als wollte der
-Wald hier kein Ende nehmen und als sollte niemand wieder aus seinem
-Bann herauskommen, der sich einmal hinein begeben hat. Endlich, als
-sich schon der Fichtelberg selbst wie ein Wächter dieser Landschaft
-emporreckt, teilt sich der Weg, indem ein Pfad gerade an dem Abhang
-emporführt, während ein anderer sich oberhalb der Tellerhäuser mit dem
-sogenannten Prinzenweg vereinigt. Die Mittweida selbst entspringt nicht
-weit vom Unterkunftshause, und man hat somit Gelegenheit, das Werden
-und Wachsen dieses kristallenen Baches bis zu seiner Mündung in das
-Schwarzwasser zu verfolgen.
-
-[Illustration: Abb. 2 =Inneres der Kirche zu Crottendorf=]
-
-Wer es kann, wandere diese einsame Straße, wenn im November das
-Abendrot hinter den Bäumen hängt und aus dem Waldbereich einsame Feuer
-emporsteigen. Er wird hier ein Stück Naturmystik finden wie selten im
-Erzgebirge, und er wird aus solchen Fahrten neue Erholung und Kraft
-schöpfen. Jene Kraft, die uns mit der Natur selbst verbindet und die
-unser armes Volk gerade in den jetzigen Tagen so nötig hat.
-
-
-Anmerkung
-
-Nach der Mitteilung des Herrn Pfarrers Merz in Crottendorf hat
-wahrscheinlich schon im dreizehnten Jahrhundert an der Stelle der
-heutigen Kirche dieses Dorfes eine frühere gestanden, deren Größe
-noch heute an dem Nordgiebel des Kirchbodens zu sehen ist. Am fünften
-Sonntag nach Trinitatis 1539 wurde hier wahrscheinlich von dem Pfarrer
-Abraham Schroot (oder Adam Schrott) die erste evangelische Predigt
-gehalten. Die jetzige Kirche wurde 1654 geweiht. Der schöne Altar,
-der neben der kunstvollen Holzdecke einen Hauptschmuck der Kirche
-bildet, wurde von dem Freiberger Bildhauer Theodor Meyer begonnen und
-nach seinem Tode in Crottendorf von seinem Eidam 1698 vollendet und
-1699 geweiht. Die Kanzel ist ein Werk des Annaberger Meisters Andrä
-Götze und ist zweimal, 1883 und 1896 erneuert worden. Neben der Kanzel
-steht ein alter Flügelaltar, der in gleicher Höhe rechts auf dem Bilde
-sichtbar ist. Ferner sind noch zwei Ölgemälde, Bildnisse der Kurfürsten
-Johann Georg I. und Johann Georg II., des letzteren in jugendlichem
-Alter, vorhanden, dazu rechts und links von den beiden Emporen Ölbilder
-mit Darstellungen aus dem alten und neuen Testament, die sehr alt und
-noch gut erhalten sind. Der Taufstein ist aus Crottendorfer Marmor
-hergestellt.
-
-
-
-
-Kurt Arnold Findeisen
-
-Von _Otto Eduard Schmidt_
-
-
-Am nächsten 15. Oktober vollenden sich vierzig Jahre, seit Kurt
-Arnold Findeisen im sächsischen Zwickau geboren wurde. So liegt die
-Jugendzeit hinter ihm, das männliche Alter beginnt und damit ist der
-rechte Zeitpunkt gegeben, einen Rückblick auf das Schaffen des Dichters
-anzustellen und – soweit es ein Menschenauge vermag – einen Ausblick
-auf seine Zukunft zu wagen. Aus einer Familie stammend, die Juristen,
-Schulleute, Forstbeamte hervorgebracht hat, trat er als Sohn eines
-Kohlenschachtbuchhalters ins Leben, seine Mutter war eine ehemalige
-Kleinkinderlehrerin. An ihr hing der Knabe mit zärtlicher Liebe; ihr
-Bild taucht wie ein sorgsam gehütetes Kleinod in Findeisens Gedichten
-immer wieder auf. Seine Schulbildung erhielt er in Dresden, Zwickau und
-Schneeberg. Er wurde Lehrer in Mylau, dann in Plauen im Vogtlande.
-Durch Teilnahme an Ferienkursen der Universität Jena erweiterte und
-vertiefte er sein Wissen und seine Weltauffassung. Findeisen selbst
-sagt, daß er erst nach seinen Bildungsjahren zu seiner eigentlichen
-Bestimmung erwachte. Das mag wohl sein, aber jedenfalls ist schon
-lange, bevor er die ersten Früchte seiner Muse pflückte, tüchtig an
-ihm gearbeitet worden und noch mehr wohl hat es in ihm gearbeitet.
-Oder wer hat wohl das sinnige Wesen, das ihm von Kind auf eigen war,
-die tiefgewurzelte Hinneigung zur Natur und vor allem den stärksten
-Antrieb seines ganzen Schaffens, die Sehnsucht, in ihn gepflanzt, wenn
-nicht die frühverklärte Mutter? Sehnsucht nach etwas anderem, als dem
-gemeinen Alltag trug er schon als Knabe im Herzen, wenn er am »roten
-Brückenberg« in Zwickau »im Zittergras stundenlang« träumte, mit der
-Sehnsucht in der Seele durchwanderte er in Plauen seine Umwelt und
-verliebte sich in die wenigen stillen Gründe und Gartenwinkel, die der
-Industrialismus dort übriggelassen hatte, die Sehnsucht begleitete ihn
-hinaus auf die vogtländischen Wiesen und erlenumsäumten Bachtäler, über
-denen noch der Nachhall der Heimatlieder Julius Mosens schwebte, die
-Sehnsucht führte ihn früh zu der Hinterlassenschaft seines Landsmannes
-Robert Schumann und zu Wilhelm Raabe, mit dem er noch eine persönliche
-Beziehung knüpfen durfte. Und zu der Sehnsucht kam die Parzivalstimmung
-»durch Mitleid wissend«, die Heimat und Welt umspannende Menschenliebe,
-der zweite Brennpunkt seines Wesens. Das reiche Innenleben drängte
-nach außen: er fand eine doppelte künstlerische Ausdrucksmöglichkeit
-für alles, was in ihm lebte, die dichterische und die musikalische.
-Die dichterische betätigte er zuerst in weichen Klängen inniger
-Heimatliebe, in Liedern und Balladen, die er in Zeitschriften
-veröffentlichte. Er selbst gab seit 1912 mit Paul Miller und Emil
-Rösler die Monatsschrift »Das Vogtland und seine Nachbargebiete«
-heraus, die von Anbeginn an durch die auf den Grundsätzen der Romantik
-beruhende innere Verknüpfung der Künste hoch über den meisten
-Unternehmungen dieser Art stand. Dann riß ihn der Weltkrieg als
-Krankenpfleger mitten hinein in die äußere und innere Not unseres
-schwer ringenden Volkes. Mitten im Brausen des Kriegssturmes entstand
-seine erste Gedichtsammlung »Mutterland« in den zwei Unterabteilungen
-»Vogtland« und »Erzgebirge«, die Findeisen später (1922) bei Oskar
-Laube in erweiterter Gestalt unter dem Titel »Sachsen, zwei Bücher
-Landschaftsgedichte und Balladen« (1. Mutterland, 2. Ahnenland)
-herausgab. Niemand kann Findeisen verstehen, der nicht in diesen
-von inniger Heimatliebe getragenen, aber zugleich auch die tiefsten
-und letzten Fragen des menschlichen Lebens berührenden und lösenden
-Dichtungen gründlich zu Hause ist. Ich gestehe, daß ich in diesen
-Gedichten seiner ersten Periode das Schönste finde, was Findeisen in
-Vers und Reim geleistet hat, und ich möchte wünschen, daß er sich nie
-von dieser ihm ureigenen Art zu künstlicheren, vielleicht auch einmal
-verkünstelten Gedichten, wie sie sich neben vielem urkräftig Schönen
-hie und da unter seinen späteren Gedichten finden (»Aus der Armutei«,
-E. Focke, Chemnitz 1919), entfernen möge. Im »Vogtlandslied« und im
-»Erzgebirgslied« klingen so herzbewegende Töne, wie sie seit Julius
-Mosen kein Obersachse mehr anzuschlagen verstand, aber weit größer
-und eindrucksvoller als bei dem älteren Dichter ist bei Findeisen der
-musikalische Wohllaut der Sprache:
-
- O ihr Berge meiner Väter,
- Träumerisch und tannengrün,
- Dran die braunen Hütten kleben
- Und die Abendlichter blühn!
- O ihr Hänge meiner Heimat!
- Tief in Holz und Heidekraut
- Hat bei euch sich meine Seele
- Ach, ein kleines Nest gebaut.
-
-Für die Krone der älteren Dichtungen Findeisens halte ich die von
-ihm ganz frei aus der innerlichsten Anschauung des großen Altars der
-Schneeberger Wolfgangskirche und aus dem Erleben der Schneeberger
-Weihnachtswoche und der Christmetten ersonnene und gestaltete Ballade
-»Der kleine Melchior und das Weihnachtskind«. Aus der gesamten
-deutschen poetischen Literatur über das Weihnachtsfest weiß ich dieser
-geradezu klassischen Verherrlichung des Christnachtszaubers wegen der
-»Fülle der Gesichte« und der brunnengleich quellenden Sprache nichts
-Gleichwertiges an die Seite zu stellen. Der dem Dichter wesensverwandte
-Maler Alfred Hofmann-Stollberg, hat die Anschaulichkeit der Gedichte
-Findeisens durch wundersam beseelte Zeichnungen noch erhöht.
-
-Um dieselbe Zeit erschien auch die erste Geschichtensammlung Findeisens
-unter dem Titel »Heimwege« (Konstanz 1918, Verlag von Reuß & Itta),
-vier Perlen einer schlichten, aber tief ergreifenden Erzählungskunst.
-Am erschütterndsten sind wohl »Der Schulmeister von Dröda«, jene
-»sonnenlose Geschichte«, die er dem ehemaligen Lehrer von Papstleithen,
-seinem Schwiegervater, künstlerisch gestaltend nacherzählte,
-und »Der Wunderbaum«, das in samtweicher Sprache dahintönende,
-schmerzensreiche »Hohelied« vom vogtländischen Heimweh, durch das er
-die Heimwehstimmungen seines stärksten Vorgängers auf diesem Gebiete,
-Julius Mosens, weit übertraf. Sie sind, um vier kleinere Erzählungen
-vermehrt, in einer zweiten Auflage unter dem Titel »Der Tod und das
-Tödlein« 1921 in Dresden erschienen.
-
-Unterdessen hatte der Dichter, seit 1913 mit Wanda Hildegard Gebauer
-verheiratet und Vater eines 1915 geborenen Sohnes, Plauen, die rührige
-Hauptstadt des Vogtlandes, mit der sächsischen Landeshauptstadt
-Dresden vertauscht. Hier spricht die Kunst im weitesten Sinne des
-Wortes und eine lange, spuren- und werkreiche Geschichte des geistigen
-und künstlerischen Lebens der Obersachsen noch weit eindringlicher
-zu seiner empfänglichen Seele, hier hat er unter dem Einflusse der
-unabsehbaren Folgen des Weltkrieges und der Staatsumwälzung neue
-Gärungen durchgemacht, die seine Wesensbildung rasch steigerten und
-hoffentlich ohne Schädigung seiner natürlichen Eigenart vollenden
-werden. Die wichtigste Frucht dieser inneren Kämpfe und Wandlungen
-ist die immer stärkere Hinneigung zu der Dichtungsart, durch die
-gegenwärtig die kräftigste Einwirkung auf die Stimmung und Gesinnung
-des Volkes erzielt wird: zum Roman. Sehr bezeichnend für Findeisen
-ist die Wahl der Stoffe. Für ihn gab es kein Schweifen in die
-Ferne, sondern, wie er mit allen Fasern seines Wesens in Volk und
-Heimat verankert ist, packten ihn mit zwingender Notwendigkeit fast
-gleichzeitig zwei obersächsische Stoffe von sehr verschiedener
-Art und noch verschiedenerem Ausmaß: Robert Schumann und – Karl
-Stülpner. Dem Schumann-Roman gingen zwei Bücher voraus, die die
-besondere Befähigung des Verfassers für die Auslegung musikalischer
-Werte und musikgeschichtlicher Verhältnisse an den Tag legten: die
-bei Dürr in Leipzig verlegten »Klaviergeschichten, Einführungen in
-ein volkstümliches Verständnis der Musik« und die schon in zweiter
-Auflage gedruckten »Robert Schumanns Kinderszenen auf heimatlichen
-Grund gelegt«. Von dem Schumann-Roman, der den Titel trägt »Der
-Davidsbündler« ist Weihnachten 1921 der erste Teil »Herzen und
-Masken« erschienen, der die Entwicklung Robert Schumanns in Leipzig,
-das Leipziger Musikleben jener Zeit und Schumanns dornenvolles
-Liebeswerben um Klara Wieck bis zur endlichen Vereinigung mit der
-Geliebten schildert. Vieles ist in dem Roman aus den Kompositionen und
-dem Briefwechsel der beteiligten Personen und aus dem eindringendsten
-Studium der Orts- und Zeitverhältnisse mit feinem Nachempfinden
-und sicherem Sicheinfühlen gestaltet, anderes, was der Dichter zur
-Ergänzung der trümmerhaften Überlieferung brauchte, ist mit genialem
-Seherblick und kraftvoller Phantasie frei erfunden. Man wird aber mit
-einem Urteil über das Ganze billigerweise zurückhalten müssen, bis
-der Dichter auch den zweiten Teil »Den Weg in den Aschermittwoch«,
-den Niedergang und das Erlöschen des leuchtenden Gestirns, das ihm
-Robert Schumann bedeutet, dargestellt haben wird. Der Stülpner-Roman
-erschien zuerst in einzelnen Stücken in der »Sächsischen Heimat«, der
-von Findeisen herausgegebenen »Zeitschrift für volkstümliche Kunst
-und Wissenschaft in den obersächsischen Landen«, dann aber, durch
-einige wichtige Kapitel abgerundet, in Buchform bei Grethlein & Co.,
-Leipzig und Zürich, zu Weihnachten 1922 unter dem Titel »Der Sohn
-der Wälder«. Die Geschichte vom Raubschützen Karl Stülpner, dessen
-Bild noch heute in mancher Holzhütte des oberen Gebirges hängt,
-von dem ein selten gewordenes Buch mit bunten Kupfern erzählt, das
-ich in meiner Knabenzeit voll Begeisterung las, der noch immer als
-das beste Kassenstück des sächsischen Puppentheaters gilt, ist der
-kräftigste und ergiebigste Stoff, den die erzgebirgische Vergangenheit
-für den kommenden Dichter aufbewahrt hat, und Findeisen, in dem die
-erzgebirgische Heimat lebt und atmet, der am liebsten selbst in den
-Tiefen des Waldes die Schwere und die Unrast der Zeit vergessen möchte,
-war der rechte Mann, diesen köstlichen Schatz zu heben und künstlerisch
-zu verklären. In Findeisens Stülpnerbuch waltet ein dem Geist der
-Romantiker verwandter mystischer Naturalismus, wie wenn Goethe in der
-Szene »Wald und Höhle« den Faust zum Erdgeist sagen läßt:
-
- Du führst die Reihe der Lebendigen
- Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brüder
- Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
-
-Sein Stülpner lebt mit Wald und Fels, mit Tier und Blume in innigster
-Gemeinschaft, er erscheint selbst als eine Art Erzeugnis der
-Waldesnatur und sinkt zuletzt in geheimnisvoller Weise in das Reich
-zurück, aus dem er gekommen ist. Man genießt diesen Roman im ersten
-Lesesturm wie einen erfrischenden Hauch aus der Zeit unseres Gebirges,
-in der es noch in unverfälschter Ursprünglichkeit zum Menschen redete.
-Erst beim zweiten und dritten Durchlesen wird man sich der feinen
-Kunst bewußt, mit der der Dichter diese Wirkung erzielt. Wie der
-Tau eines Frühlingsmorgens liegt Reinheit und Keuschheit über dem
-Ganzen. Die Frauenliebe tritt gegen die Mutterliebe zurück, und wo
-sie einmal im Vordergrund steht, da spart der Dichter die sinnlichen
-Ausmalungen. Dagegen ist der gebirgischen Derbheit reichlich Raum
-gegeben, namentlich in der wohlgelungenen Zeichnung des Amtsfrons
-Wohllebe und der Genossen Stülpners, der Wildschützen Dotzinger und
-Hertzog. Ich stehe nicht an, Findeisens Stülpner-Roman als die echteste
-und volkstümlichste Schöpfung zu bezeichnen, die die Dichtung des
-Erzgebirges bis jetzt hervorgebracht hat. Damit ist nun auch der Platz
-besetzt, den wir mit Bedauern so lange leer gesehen haben. Findeisen
-hat, wie schon früher in seiner Lyrik und seiner Ballade, so nunmehr
-auch im Roman die Bedeutung erlangt, daß wir in ihm einen der führenden
-Dichter des obersächsischen Stammes erkennen dürfen. Möge es dem
-Dichter, dessen wir uns als eines teuern Kleinods erfreuen wollen,
-vergönnt sein, von Stufe zu Stufe in seiner naturgemäßen Entwicklung
-fortzuschreiten und das Ehrenkränzlein obersächsischer Dichtung mit
-neuen, immer schöneren Blüten zu schmücken.
-
-
-
-
-Auf der Schwelle des Erzgebirges
-
-Von ~Dr.~ _Kurt Schumann_
-
-Mit Bildern nach Aufnahmen von _J. Ostermaier_, Dresden-Blasewitz
-
-
-So oft ich, gequält durch den Lärm von fünf äußerst betriebsreichen
-Straßenbahnlinien und das melodische Gewimmer eines
-Luftschaukelleierkastens, gegen das ich seit Jahren einen ebenso
-zähen wie erfolglosen Kampf führe, mich mit dem Gedanken trage,
-meinen Striesener Wigwam zu verlassen und mich auf die mit meiner
-Arbeitsstätte durch die billige Reichsbahn verbundene Lausitzer
-Hochfläche zurückzuziehen, brauche ich nur einen Blick zum Fenster
-hinauszutun, um mich in meinem Entschluß wieder wankend werden zu
-lassen. Denn bis zu den Gipfeln des östlichen Erzgebirges, zum Geising
-und Sattelberg, wandert der Blick selbst vom Schreibtisch aus, und
-auch bei neunzehnhundertzweiundzwanziger Wetter sind wenigstens
-seine Vorhöhen gut zu überschauen. Und dieser Blick wiegt schon
-eine ordentliche Portion Straßen- und Karussellärm auf. Die letzten
-Cunnersdorfer Schächte begrenzen den Horizont im Westen; dann folgt die
-Goldene Höhe, und zwischen ihr und dem Plateau der Babisnauer Pappel
-guckt der Walfischrücken der Quohrener Kipse durch, was besonders
-schön in die Erscheinung tritt, wenn der hintere Höhenzug im Schimmer
-frischgefallenen Schnees glänzt, während den vorderen niederen schon
-der grüne Schein lenzesfroher Saaten schmückt. Beherrscht aber wird
-das ganze Bild von dem einzigen wirklichen Gipfel dieser Höhenzüge,
-dem nahezu fünfhundert Meter hohen Wilisch. Im Osten schließt die
-flache Kuppe des Finkenfangs das besonders im Morgen- und Abendlicht
-ganz wundersame Bild ab. Da sich außerdem mit dem überblickten Gebiet
-Erinnerungen an meine ersten Wandertaten verknüpfen, ist es kein
-Wunder, daß ich mit ihm noch vertrauter bin als mit manchem anderen
-Dresdner Ausflugsgebiet, und mir die redlichste Mühe gebe, ihm immer
-neue Verehrer zu gewinnen. »Warum sucht ich den Weg so sehnsuchtsvoll,
-wenn ich ihn nicht den Brüdern zeigen soll?«
-
-Wie notwendig solche Führungen sind, konnte ich wieder einmal erkennen,
-als ich mit einer sonst wirklich nicht auf den Kopf gefallenen
-Jugendgruppe die letzte diesjährige Volkshochschulwanderung unternahm.
-War doch z. B. keiner von den etwa dreißig Teilnehmern bisher mit
-der _Windbergbahn_ gefahren, obgleich eine Fahrt auf dieser Strecke
-unzweifelhaft zu den schönsten und billigsten Genüssen gehört, die
-sich der Dresdner leisten kann. – Am Bahnhof Plauen blickt man
-zunächst einmal der Gegend in die Eingeweide. Über dem Syenit des
-_Ratssteinbruchs_ lagern, schräg nach dem Elbtal zu einfallend,
-Plänerschichten, Erinnerungen an die Zeit, da über diesem Gebiet die
-Fluten des Kreidemeers wogten. Bei dem mächtigen Getreidesilo am Fuße
-der Heideschanze verläßt der Zug die Enge des Plauenschen Grundes
-und tritt in das weite _Döhlener Becken_ ein, das die Weißeritz
-durch Abtransport der diese ganze Gegend bedeckenden Geröllmassen,
-die im Zeitalter des _Rotliegenden_ hier abgelagert worden waren,
-geschaffen hat. Der das Becken beherrschende Windberg zeigt an,
-bis zu welcher Höhe diese Konglomerate einst lagen. An den weichen
-Lehnen klettert unser Zug empor, wobei sich die herrlichsten Blicke
-über das Freitaler Industriegebiet, das Elbtal und die Lößnitzhänge
-eröffnen. Auf der Höhe angelangt, können wir die Blicke weit nach
-Norden und Osten schweifen lassen. Wir wissen nicht, welcher von den
-drei überschauten Landschaften wir den Preis der Schönheit zuerkennen
-sollen, den sanftgewellten Höhen des Lausitzer Berglandes, der
-weiten von Siedlungen erfüllten Elbaue mit den Loschwitzer Hängen
-und dem Eckpfeiler des Borsbergs im Hintergrund oder der zierlichen
-Tafelberggesellschaft des Elbsandsteins, die fremd und eigenartig im
-Süden auftaucht. Die Nähe aber ist nicht minder interessant. Mächtige
-Wälder von Baumfarnen und anderen tropischen Gewächsen, deren Schönheit
-uns heutzutage nur noch die Gewächshäuser (Pillnitz) offenbaren, wurden
-von den Schottermassen der Rotliegendzeit einst zugedeckt. Im Laufe
-verschiedener Jahrmillionen wurden die Baumleichen in Kohle verwandelt,
-die der Niederhäslicher und Burgker Bergmann nun unter schwerer Mühe
-und Lebensgefahr, von der auch das Denkmal auf dem Segen-Gottes-Schacht
-erzählt, ans Licht bringt. Denjenigen, die sich für unsern heimischen
-Bergbau näher interessieren, kann ich gar nicht warm genug die
-Ausstellung im Heimatkundlichen Schulmuseum des Dresdner Lehrervereins
-auf der Sedanstraße empfehlen, wo sich nicht nur Zeichnungen und
-Modelle von Bergwerken, die Werkzeuge des Bergmanns, geologische Karten
-und Profile und geschichtliche Erinnerungsblätter finden, sondern
-man auch in bequemer und übersichtlicher Weise einen Einblick in die
-Bedeutung, Verbreitung und Arbeitsweise der verschiedenen auf dem
-Kohlenreichtum des Gebiets sich aufbauenden Industriezweige erhält.
-Eine treffliche Ergänzung dazu bildet die Schilderung, die H. Beier im
-ersten Band des Dresdner Wanderbuchs vom »Industriegebiet des Döhlener
-Beckens« gibt. Unser Züglein führt uns in der Nähe verschiedener
-Schächte und ganz dicht am Marienschacht vorüber, so daß wir bei der
-beängstigenden Geschwindigkeit unseres Vehikels genügend Gelegenheit
-haben, neiderfüllte Blicke nach den mit den schönsten Steinkohlen
-beladenen Hunden und Eisenbahnwagen zu werfen.
-
-[Illustration: Abb. 1 =Im Plauenschen Grund bei Coßmannsdorf=]
-
-Am Bahnhof Bannewitz wendet sich die Bahn südwärts, und wir gewinnen
-einen prächtigen Blick auf das nach dem Döhlener Becken hinabziehende
-Poisental, das den in den unfruchtbaren Sandsteinen des Rotliegenden
-wurzelnden _Poisenwald_ umschlingt. Auch dieser den Dresdnern noch
-verhältnismäßig wenig bekannte Wald hat seine besonderen Reize. Wenn im
-Frühjahr und Herbst die Birkenreihen wie Fackelzüge durch den dunklen
-Kiefern- und Fichtenwald sich durchschlängeln, kann er wohl mit seinen
-bevorzugten Brüdern in Wettbewerb treten. Nachdem uns die Halde neben
-der Haltestelle Goldene Höhe daran erinnert hat, daß sich früher
-der Bergbau bis nach Rippien hinüberzog, fahren wir an der schönen
-Pappelallee nach Possendorf hinab. Tief unter uns liegt Wilmsdorf
-im oberen Poisental. Nur wenigen dürfte bekannt sein, daß dort der
-Freiheitskämpfer Schill 1776 geboren wurde.
-
-[Illustration: Abb. 2 =Die Possendorfer Windmühle=]
-
-Uns verheißt die goldne Herbstsonne, die uns beim Aussteigen in
-_Possendorf_ begrüßt, ein schöneres Los als ihm, und so wandern wir
-wohlgemut durch das behäbige Dorf, das als Mittelpunkt der ganzen
-Pflege einen sehr stattlichen Gasthof, eine ebensolche Kirche und ein
-mit schönen Renaissancegiebeln versehenes Rittergut besitzt. Einen
-halben Kilometer jenseits des Dorfes, wo die prächtige Kastanienallee
-in einem schön geschwungenen Bogen die Wendischkarsdorfer Höhe
-nimmt, geht ein schmaler Fußsteig rechts feldein. Wir folgen ihm und
-beobachten dabei, daß die Felder eine auffällig rote Farbe tragen.
-Wir befinden uns also immer noch im Gebiet des Rotliegenden. Einige
-aufgelesene Steine belehren uns, daß wir es mit einer Ansammlung
-erzgebirgischer Gneise zu tun haben. Wenn nun diese Gneise schon in
-ihrem Ursprungsgebiet einen leidlichen Ackerboden abgeben, so ist
-dies naturgemäß hier, wo sie im bereits zerschlagenen Zustande der
-Verwitterung viel leichter anheimfallen, noch mehr der Fall. Deshalb
-macht auch das Quellreihendorf _Börnchen_, das nach fünf Minuten vor
-uns in der Tiefe auftaucht, einen ziemlich wohlgenährten Eindruck. Den
-Bewohnern der Umgegend ist es unter den Namen Käsebörnchen bekannt,
-weil die Börnchener sich nicht nur des Ackerbaues sondern auch der
-Käserei befleißigen. Noch heute kaufen wirtschaftsgeographisch
-geschulte Dresdner Hausfrauen ihren Käsebedarf unmittelbar von
-den Börnchner Käsewagen und -weibern in der Ausspannung in der
-Wilsdruffer Vorstadt. Sobald man die Quellmulde, in der Börnchen liegt,
-verlassen hat, liegt ein Turmgasthaus vor uns, das den »Gipfel« des
-_Lerchenbergs_ krönt. Mit seinen vierhundertfünfundzwanzig Metern ist
-der Lerchenberg noch achtzig Meter höher als die wegen ihrer Aussicht
-berühmte Goldene Höhe; kein Wunder, daß seine Aussicht mindestens vom
-geographischen Standpunkt als die vielseitigste der näheren Dresdner
-Umgebung bezeichnet werden muß. Das vulkanische böhmische Mittelgebirge
-ist mit seinen schönsten Repräsentanten ebenso vertreten wie die
-Sächsische Schweiz mit ihren sämtlichen »Steinen«, die Lausitz mit
-ihren Granitkuppen (Keulenberg, Butterberg, Valtenberg, Triebenberg)
-und das Erzgebirge mit den der einförmigen Rumpffläche aufgesetzten
-Basaltbergen (Sattelberg, Geising, Luchberg, Wilisch) und den wegen
-ihrer Härte herauspräparierten Porphyrhöhen (Kahleberg, Tellkoppe,
-Frauenstein). Das uns umgebende Rotliegendengebiet zeichnet sich durch
-seine sanftgewölbten Formen aus (gutes Skigelände!), mit denen nur
-die Basaltspitze des Wilisch und die Sandsteintafel an der Babisnauer
-Pappel kontrastiert. Ein anderes Sandsteingebiet liegt südlich von
-unserm Standpunkt. Es tritt deutlich aus der Landschaft hervor, weil
-es statt der Felder, die sich auf Gneis und Rotliegendem ausbreiten,
-große Waldflächen trägt. Daß sich der Sandstein dort gehalten hat,
-beruht auf ähnlichen Ursachen wie die Existenz _der_ Sandsteinscholle,
-aus der die Sächsische Schweiz herausmodelliert wurde. Auch hier
-ist der Sandstein durch eine sogenannte Verwerfung in ein tieferes
-Niveau gebracht und dadurch vor der Abtragung bewahrt worden. Diesem
-Sandsteingebiet streben wir nunmehr zu. _Groß-Ölsa_, das wir zunächst
-berühren, ist heute ein Hauptsitz der Möbelindustrie, die überhaupt zu
-den charakteristischen Erwerbszweigen des östlichen Erzgebirges gehört.
-Nur die Strohindustrie, die sich vom Kamm bis nach Dresden hineinzieht,
-kann sich mit ihr messen. Auch bei diesen beiden Erwerbszweigen
-können wir dieselbe Entwicklung verfolgen wie bei den meisten andern
-Industrien, sowohl im Erzgebirge als auch in andern deutschen
-Mittelgebirgen. Ursprünglich bauten sie sich auf den Rohstoffen auf,
-die das Gebirge lieferte (Holz, Erz, Stroh) und siedelten sich da an,
-wo das Wasser eine billige Betriebskraft lieferte. Jetzt reichen weder
-die heimischen Rohstoffe noch die Kraft der heimischen Gewässer zum
-Betrieb der Unternehmungen. Trotzdem bleiben sie mit Rücksicht auf die
-dadurch entstandene Bevölkerungsverteilung an den Ursprungsorten, und
-so kommt es, daß wir heute an Orten Industrie finden, wo Rohstoffe und
-Betriebsmittel von auswärts bezogen werden müssen. Die Entstehung der
-Überlandzentralen hat diese Entwicklung noch begünstigt. Im Interesse
-der Volksgesundheit ist dies nur zu begrüßen; denn der Arbeiter, der
-von seiner Werkbank ins Freie blickt auf grüne Wiesen, wogende Felder
-und freundliche Gehöfte, und nach beendeter Arbeit sich in einem
-Heim findet, das von lauter Natur umgeben ist, möchte wahrscheinlich
-nicht mit seinem Kollegen in der Oppellvorstadt tauschen, der seinen
-Augen und Lungen während der Woche nichts Besseres vorsetzen kann als
-finstre, dunstige Höfe und sterbenslangweilige luft- und liebeleere
-Straßen. Selbstverständlich tragen diese Fabrikbauten auf den Dörfern
-nicht gerade zur Verschönerung der Landschaft bei; aber auch auf
-diesem Gebiet sind wir über das Gröbste hinweg. Wie die Schulen auf
-dem Lande nicht mehr im Kasernengewande in die Landschaft hineinragen,
-sondern sich dem dörflichen Bilde einpassen, so gehören auch die mit
-knallroter Schauseite jedes Dorfidyll erschlagenden Fabriken, von denen
-man besonders in den Lausitzer Weberdörfern wahre Prachtexemplare
-findet, hoffentlich der Vergangenheit an.
-
-[Illustration: Abb. 3 =Die Barbarakapelle in der Dippoldiswalder Heide=]
-
-Unter solchen erbaulichen Sonntagsmorgenbetrachtungen sind wir in
-die Seifersdorfer Straße eingebogen. Auf dem ersten links abgehenden
-Feldwege verlassen wir sie wieder und gelangen bald in den Wald,
-die _Dippoldiswalder Heide_. Sie zeigt hier noch wenig ihren wahren
-Charakter, denn überall sinkt der Fuß in moorigen Boden ein, aus dem
-hier und da sogar bescheidene Bächlein entspringen. Die Sandsteindecke
-ist hier noch sehr dünn, so daß sich das durchsickernde Wasser auf
-der Gneisunterlage sammelt und abläuft. Nach wenigen Minuten sehen
-wir links vom Wege die Ruinen der Barbarakapelle. O. E. Schmidt
-bringt sie mit dem Bergbau in Beziehung (die heilige Barbara ist
-die Schutzheilige der Bergleute), während Schiffner in seinem
-ausführlichen Handbuch des Königreichs Sachsen von 1840 den Namen
-Barbarakapelle überhaupt nicht kennt. Er schreibt über die Ruine:
-»Südlich von Ölsa, tausend Schritt entfernt, steht im Walde die
-Claus- oder Clausenkirche, d. h. die Ruine der Nicolaikapelle, welche
-dem Kloster Zella gehörte, und deren Altar man noch in Seifersdorf
-sieht; dicht dabei quillt eine überaus starke Quelle (sie wird heute
-für die Wasserversorgung von Rabenau ausgenützt, wie der Steinborn
-bei Obermalter der Stadt Dippoldiswalde täglich bis über zweihundert
-Kubikmeter zu liefern vermag), und das Ganze war wohl eine Station
-für die nach Zella Wallfahrenden.« Schäfer fügt in seinem Führer
-durch Dresdens Umgebung noch hinzu, daß sie von Johann VIII. von
-Maltitz, dem dreiundvierzigsten Bischof von Meißen, gestorben 1649,
-zerstört wurde, weil ihr Geistlicher reformatorisch aufgetreten war.
-Irgendwelche künstlerische Bedeutung hat die Ruine nicht und jede
-Anwandlung feierlicher Stimmung, die sich in solchen Waldruinen
-bei empfindsamen Seelen einzustellen pflegt, wird jäh vernichtet
-durch die trotz der freundlichen Warnungen des Gebirgsvereins hier
-angesammelten Papierhaufen, die von der Beliebtheit dieses Platzes beim
-naturliebenden Publikum zeugen. Ich bin nur gespannt, bis zu welchen
-phantastischen Preisen das Papier noch steigen muß, ehe diesem Unfug
-ein Ende gemacht wird. Ein wunderschöner trockner Frühstücksplatz
-zwischen Heidekraut und Birken entschädigt uns für die an der
-Barbarakapelle nicht zustande gekommene Gefühlswallung. So landen wir
-wohl oder übel wieder im seichten Materialismus und lassen uns den
-Inhalt unserer Rucksäcke so gut schmecken, als es der üppige Belag
-zuläßt.
-
-Zu den bemerkenswerten Sehenswürdigkeiten der Dippoldiswalder
-Heide gehören die Wolfssäule und der Einsiedlerstein. Darum
-mußten auch wir ihnen unbedingt einen Besuch abstatten. Beide
-liegen an der schönen Straße, die Malter mit Wendischkarsdorf
-verbindet. Die Wolfssäule erinnert an eine Jagd im Jahre 1802,
-bei der »ein Wolf, der seit fünf Jahren aus- und eingetrabt ist
-und hundertunddrei Pfund wog, geschossen« wurde. Der glückliche
-Schütze war der kurpfalz-baiersche Gesandte und Minister Herr von
-Lerchenfeld. Bei dieser Gelegenheit sei mit hingewiesen auf den
-außerordentlichen Wildreichtum, der sich noch vor dreihundert
-Jahren in unsern Wäldern fand. Johann Georg I. (1611–1656) schoß
-während seiner Regierung fünfzehntausendzweihundertachtundzwanzig
-Hirsche, neunundzwanzigtausendeinhundertsechsundzwanzig Wildschweine,
-zweihundertvier Bären, eintausendfünfhundertdreiundvierzig
-Wölfe, zweihundert Luchse, elftausendachthundertelf Hasen,
-achtzehntausendneunhundertsiebenundfünfzig Füchse und
-dreitausendfünfhundertvierundzwanzig Wildkatzen. Wenn man auch
-versteht, daß mit der stärkeren Besiedlung und Kultivierung des Landes
-diese Fülle schwinden mußte, so kann doch der Naturfreund nur aufs
-tiefste die Verarmung beklagen, die unsrer heimischen Tierwelt dadurch
-widerfahren ist.
-
-[Illustration: Abb. 4 =Der Einsiedlerstein bei Dippoldiswalde=]
-
-Auf der vorhin genannten Waldstraße, die infolge des durchlässigen
-Sandsteinuntergrundes auch nach den stärksten Regengüssen trocken ist,
-und deshalb den Stöckelschuh-Schleierstrumpftouristen aufs wärmste
-empfohlen werden kann, gelangen wir zum Einsiedlerstein. Es ist
-tatsächlich ein kleines Stück Sächsische Schweiz, das sich hier vor
-uns aufbaut. Alle die typischen Erscheinungen der Sandsteinklüftung,
-Verwitterung und Pflanzenwelt sind hier zu beobachten. Nur die jedem
-Teilnehmer an wissenschaftlichen Sächsische Schweiz-Exkursionen
-bekannte Hauptattraktion fehlt: wenigstens haben wir alle Wände
-vergebens abgeleckt und kein _Alaun_ gefunden.
-
-[Illustration: Abb. 5 =Blick auf den Wilisch von Hermsdorfer Seite=]
-
-Auf dem Weiterwege können wir feststellen, was für ein herrlicher Baum
-die sonst ihren benadelten Schwestern nachstehende Kiefer werden kann,
-wenn sie auf günstigem Boden steht. Die wundervollen Exemplare links
-von unserm Wege künden die Behausung des Pflegers dieses Waldgebiets,
-die Oberförsterei Wendischkarsdorf an. Sie liegt im flachen Wiesental
-des Ölsenbachs und hat als Nachbarin die schöne Wendischkarsdorfer
-Heidemühle, die sich in wundervoller Weise der Landschaft einpaßt.
-Seit die allgemein mit Freude begrüßte Badeepidemie unser Volk
-ergriffen hat, ist es in dieser Gegend etwas lebendiger geworden;
-denn zehn Minuten oberhalb der Heidemühle liegt ein schöner Teich.
-Der Oktoberfrost hat der Sommerlust ein Ende gemacht, und abgesehen
-von den Verbotstafeln, erinnert nichts mehr daran, daß sonst die
-Fülle des Volks die Ufer säumte. Um so ungestörter können wir das
-stimmungsvolle Herbstbild genießen. Dann verfolgen wir ein Bächlein,
-das sich in den Teich ergießt, von der Mündung, vor der ein großer
-Schuttkegel liegt, bis zur Quelle, die sich wieder da findet, wo
-Sandstein und Gneis aneinanderstoßen. Nun schlagen wir uns durch nach
-der verlängerten »Prager Straße«, haben das seltene Glück, von keinem
-Automobil gerädert zu werden und gewinnen durch das Zscheckwitzer Holz
-den Zugang zur _Quohrener Kipse_. Wir begnügen uns heute mit einem
-Besuch der in ihren Südhang eingelassenen Grube, die uns ausgezeichnet
-erkennen läßt, woraus sich dieser markante Höhenzug zusammensetzt.
-Es ist »Gneisgeröll« aus dem unmittelbar anstoßenden Erzgebirge.
-Viele dieser Ablagerungen zeigen eine feine Fältelung und andere
-Stauchungserscheinungen, wie sie bei den Gneisen des Weißeritztales
-gewöhnlich sind, ein Beweis dafür, daß schon zur Zeit des Rotliegenden
-bedeutende Faltungen im Erzgebirge vollzogen waren und die Gneise schon
-denselben petrographischen Charakter besaßen wie heute[1]. Die Straße
-nach dem Wilisch führt immer an der Grenze von Gneis und Rotliegendem
-hin. Deshalb haben wir hier wieder einen Quellhorizont, wie die
-zahlreichen Brunnen bei _Hermsdorf_ beweisen. Name und Form des Dorfes
-zeigen uns, daß wir es hier mit einer deutschen Siedlung zu tun haben,
-und wir auch in dieser Beziehung an der Schwelle des Erzgebirges, das
-in wundervoller Klarheit immer vor uns liegt, stehen. Alle Dörfer
-nördlich der Hermsdorfer Höhen und auch das an der Paßstraße liegende
-Wendischkarsdorf haben zum mindesten einen slawischen Kern.
-
-[Illustration: Abb. 6 =Die »Malermühle« bei Goppeln=]
-
-Die schmucke Wilischbaude verführt uns, trotz des herrlichen
-Nachmittags unsre Mittag-Vesperpause im Innern dieses gemütlichen
-Berggasthauses zu verbringen. Selbst die sonst prinzipienfeste
-Jugend, der ich ein paar herrliche Lagerplätze in der Nähe des
-Hauses wärmstens empfohlen hatte, beging einen Sündenfall und
-frönte dem Kaffeegenuß und anderen Lastern (Ansichtskarten!).
-Nachdem zum Nachtisch noch die unvermeidlichen Volkstänze im
-Steinbruch getanzt worden waren, konnten wir den wissenschaftlichen
-Problemen des Berges zu Leibe rücken. Der _Wilisch_ besteht wie so
-viele andere bemerkenswerte Gipfel der weiteren Dresdner Umgebung
-(Winterberg, Stolpener Schloßberg, Landberg, Ascherhübel, Luchberg,
-Geising, Sattelberg) aus Basalt. Dieses Eruptivgestein ist in der
-Braunkohlenzeit durch die Ablagerungen des Rotliegenden und der Kreide
-durchgebrochen. Wie man aus der Richtung der Säulen feststellen kann,
-befinden wir uns auf dem Wilisch im Schlot des einstigen Vulkans. Die
-Grenzfläche zwischen Basalt und den Gneiskonglomeraten des Rotliegenden
-ist am Eingang zum Steinbruch ausgezeichnet zu sehen. Die Aussicht vom
-Gipfel, den seit vorigem Jahr statt der alten Landesvermessungssäule
-ein Kriegsgedenkstein krönt, wird durch den Baumbestand etwas
-beeinträchtigt. Ich bitte, die schönen Buchen aber trotzdem
-stehenzulassen, zumal der Charakter des Berges schon durch Kahlschläge
-in unmittelbarer Nähe des Gipfels aufs empfindlichste geschädigt
-worden ist. Ich habe damals, als ich mit wachsendem Grimm von meinem
-Fenster aus die Verschandelung des geliebten Berges bemerkte, sofort
-den Heimatschutz alarmiert, aber er konnte leider auch nichts mehr
-ausrichten.
-
-In reichlich zwei Stunden gelangt man vom Wilisch über Kreischa,
-Kautzsch, Bärenklause, Gaustritz, Goppeln nach Dresden. Wenn man die
-Babisnauer Pappel (Gewissensfrage: Wieviele Dresdner sind noch nicht
-dort gewesen?), vor der ein neues Aussichtsgerüst steht, noch mitnimmt
-und über Golberode mit seinen schönen Gütern nach Goppeln wandert,
-dauerts eine halbe Stunde länger. Jedenfalls liegt dieses herrliche
-Wandergebiet so nahe vor den Toren der Stadt, daß jeder, der noch nicht
-von der Schwelle des Erzgebirges ins weite Land geschaut hat, es recht
-bald einmal tun sollte. Und wenn uns der Winter wieder eine Schneedecke
-beschert, wie wir sie letztes Jahr hatten, dann säume keiner, dem vor
-den letzten Markstürzen ein freundliches Geschick noch ein paar Brettel
-bescherte, statt der nur mit Lebensgefahr (Umsteigen in Hainsberg!) zu
-erreichenden Kipsdorfer und Geisinger Gefilde die Höhen zwischen Malter
-und Wilisch, Kipse und Schmiedeberg aufzusuchen. Wie oft ist nicht der
-Blick ins gelobte Land schöner als das gelobte Land selbst!
-
-[Illustration]
-
-
-Fußnoten:
-
- [1] Beck, Geol. Führer: Elbtallandschaft.
-
-
-
-
-Der Vielfraß in Sachsen
-
-Von _Rudolf Zimmermann_
-
-
-Es dürfte meines Erachtens nicht zu empfehlen sein, als Beweis für
-den früher vorhandenen Wildreichtum des Erzgebirges – vergleiche
-Klengel, Jagdschloß Rehefeld, Mitteilungen Sächsischer Heimatschutz,
-Band XI, 1922, Seite 254 bis 257 – die Erlegung auch des Vielfraßes
-bei Frauenstein anzuführen. Denn hierbei handelt es sich lediglich nur
-um die _einmalige_ Erbeutung eines versprengten, _in Deutschland gar
-nicht heimischen und in historischer Zeit auch nicht heimisch gewesenen
-Tieres_. Bereits Blasius, der noch ein zweites deutsches Vorkommen
-anführt und nur diese beiden Vorkommen kennt, betont dies in seinen
-»Säugetieren Deutschlands« (Braunschweig 1857, Seite 211). »Einige Male
-hat man ihn (den Vielfraß) in Deutschland angetroffen: bei Frauenstein
-in Sachsen nach Bechstein und bei Helmstedt im Braunschweigischen
-nach Zimmermann. Das Skelett dieses letzteren, am weitesten nach
-Westen vorgedrungenen Tieres, habe ich noch im Museum in Braunschweig
-gesehen. Dieses vereinzelte Vorkommen ist sicher als das versprengter
-Flüchtlinge anzusehen. Es ist kein Grund vorhanden, daß der Vielfraß
-bis so weit nach Deutschland hinein je einheimisch gewesen wäre.«
-
-Über die Erbeutung unsres sächsischen Tieres berichtet zunächst Bahn
-in seinem »Amt, Schloß und Städtgen Frauenstein« (Friedrichstadt bei
-Dresden, 1748, Seite 10) das folgende: »Den 2. April [1715] erschoß der
-Förster zu Hennersdorff, Herr Kanngießer, auf dem Töpffer-Wald, bei dem
-Königs-Brunnen, ein unbekanntes Raub-Thier. Als es nach Hofe geschicket
-wurde, so wurde es erkannt, daß es ein Vielfraß wäre, dergleichen in
-Moscau und Persien anzutreffen sind.« Über die Einlieferung in Dresden
-findet sich bereits vordem in den »Dresdnischen Merkwürdigkeiten«
-(1750, Seite 60) eine kurze Notiz: »Den 4ten ~hujus~ [April] ward
-ein Vielfraß, so von einem Jäger bey Frauenstein geschossen worden,
-eingebracht, und auf die Kunstkammer geliefert«. Das Tier wird dann
-wieder in Hasches »Umständlicher Beschreibung Dresdens« (Dresden
-1781/83) als im Kurfürstlichen Naturalien-Cabinett stehend erwähnt:
-»Zwey Vielfraße, einer weißrötlich, bey Frauenstein gefangen, der andre
-schwarzbräunlich aus Sibirien.« Robert Berge, der dann später das
-Vorkommen erwähnt – Wissenschaftliche Beilage Leipziger Zeitung 1899,
-Nr. 61, Seite 241 bis 244 und Zoologischer Garten, Band 41, 1900, Seite
-129 bis 135 – und sich dabei auf die Bahnsche Angabe stützt, in der
-der Erlegung des Tieres zweimal (Seite 10 und 149) gedacht und das eine
-Mal dabei seine Erbeutung infolge eines offenbaren Druckfehlers auf das
-Jahr 1718 verlegt worden ist (»und sonderlich 1718 ein ungewöhnliches
-Raub-Thier, ein Vielfraß gefangen und eingeliefert worden«), spricht
-dementsprechend, aber natürlich irrtümlicherweise, von einem
-zweimaligen Vorkommen des Tieres.
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-Ich hielt diese kurzen Darstellungen für notwendig, um zu vermeiden,
-daß aus der Klengelschen Notiz etwaige falsche Schlüsse auf den
-früheren Tierbestand Sachsens gezogen werden könnten. Einmal
-eingebürgerte unrichtige Vorstellungen aber sind ja dann auch immer
-schwer wieder zu beseitigen. Wie spuken zum Beispiel heute nicht die
-auf keinerlei sichere Unterlagen sich stützende Angaben von Heinrich
-Meschwitz in seiner sonst so schönen »Geschichte der Dresdner Heide«
-umher, der diese in der Vergangenheit unter anderen von Biber, Storch,
-Reiher, Kranich, Trappen usw. bevölkert gewesen sein läßt, also von
-Tieren, von denen zum mindesten für einen Teil das Vorkommen in der
-Heide völlig ausgeschlossen ist (Biber, Trappe! usw.).
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-Der Wanderfalke in Sachsen
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-Von _Rud. Zimmermann_
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-Mit Abbildungen nach Aufnahmen des Verfassers
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-Sachsens stattlichster Nachtraubvogel, der königliche Uhu, wie
-Altmeister Naumann ihn nennt, gehört unserm Vaterlande seit nunmehr
-fast fünfzehn Jahren als Brutvogel nicht mehr an, – er ist ein Opfer
-der erlittenen scharfen Nachstellungen und blindester Jagdleidenschaft
-geworden; der letzte in der Sächsischen Schweiz auf Postelwitzer
-Revier horstende Vogel unsrer Art wurde, wie Richard Heyder in seiner
-»~Ornis Saxonica~« mitteilt, 1910 von einem Bergsteiger mit dem
-Revolver totgeknallt!! Die Sächsische Schweiz und das Zittauer Gebirge
-gewährten dem Vogel die letzten Wohn- und Horstplätze im Sachsenlande;
-im Zittauer Gebirge war er nachweisbarer Brutvogel etwa bis um das Jahr
-1906 und in der Sächsischen Schweiz nur ereilte ihn, wie wir schon
-gehört haben, das Schicksal etwas später. Sein Verschwinden ging,
-nachdem er einmal spärlich geworden war, allerdings ziemlich rasch
-vor sich; um 1892 etwa horstete er auf Rosenthaler Revier linksseitig
-der Elbe das letzte Mal, um 1904 verschwand er rechtsseitig auf
-Mittelndorfer und 1906 auf Hohnsteiner Revier, bis dann wenige Jahre
-später der letzte brütende Uhu in der obengeschilderten Weise auf
-Postelwitzer Revier endete.
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-Das Schicksal, das den Uhu betroffen hat, wirft in gefahrdrohender
-Weise seine Schatten auch auf den letzten kleinen Restbestand unsres
-schönsten und kühnsten Tagraubvogels, des _Wanderfalken_. Einst –
-ganz ähnlich wie auch der Uhu – viel weiter im Lande verbreitet
-und auch in den nordsächsischen Tieflandsgebieten daheim, dessen
-ausgedehnte Waldungen ihm günstige Horstgelegenheiten boten, umfaßt
-sein Brutbestand heute nur einige wenige Paare, von denen das eine
-(das einzige Ostsachsens überhaupt) im Zittauer Gebirge am Oybin
-horstet und erfreulicherweise von der Stadt Zittau, auf deren Gebiet
-sich der Horstplatz befindet, unter Schutz gestellt worden ist,
-während die übrigen dem Lande noch angehörenden Brutpaare in der
-Felsenwildnis der Sächsischen Schweiz ihre Jagdgründe und Brutplätze
-besitzen. Nach _Heyder_ horsteten bei Abschluß seiner im Jahre 1916
-erschienenen »~Ornis Saxonica~« nach den Auskünften der dabei in Frage
-kommenden Staatsforstrevierverwaltungen auf Postelwitzer Revier fünf,
-auf Mittelndorfer, Ottendorfer und Hohnsteiner Revier rechtsseitig
-der Elbe sowie auf Rosenthaler Revier linksseitig derselben je ein
-Paar Wanderfalken. Diese Zahlen, die wohl schon damals nur noch
-einen Abglanz von dem Einst boten – von Üchtritz beispielsweise
-bezeichnet 1821 den Wanderfalken als »gemein« für unser Gebiet –
-dürften heute nicht ganz mehr stimmen und sich in den letzten Jahren
-weiter zuungunsten des Vogels verschoben haben; der eine oder andere
-der damals noch vorhandenen Horstplätze mag jetzt verwaist und
-seine Bewohner aus dem Gebiete verschwunden sein. Von den genannten
-Revierverwaltungen meldeten mir für das letzte Jahr Rosenthal ein,
-Ottendorf ein bis zwei und Postelwitz zwei bis drei Paare, während
-Hohnstein den Wanderfalken als Brutvogel nicht mehr kennt und von
-Mittelndorf trotz aller Bemühungen leider keine Auskunft zu erlangen
-war. Zu diesen gemeldeten Horstpaaren kommen noch zwei weitere, von
-denen das eine Heyder unbekannt geblieben war, so daß wir – die mir
-von den Revierverwaltungen gemeldeten Zahlen dürften sich auf Grund
-eigener Nachforschungen an Ort und Stelle noch um etwas verschieben
-– für die Gegenwart wahrscheinlich mit einem Bestand von sicher
-sechs, wahrscheinlich aber sieben oder acht Brutpaaren rechnen dürfen,
-gegenüber einem solchen von etwa zehn bei Abschluß der Heyderschen
-»~Ornis Saxonica~.«
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-[Illustration: Abb. 1 =Alter Horststandort des Wanderfalken auf dem
-Pfaffenstein=]
-
-Die größte Gefahr für unsern Vogel in der Sächsischen Schweiz besteht
-– auch die Mitteilungen der befragten Revierverwaltungen deuten
-dies an – im Klettersport; die Bergsteiger ersteigen im Frühjahr
-die Horstplätze der »Geier«, wie sie mir gegenüber den Wanderfalken
-wiederholt bezeichneten, und nehmen die Horste aus. Ich weiß von
-einem solchen, an dem dies in den Jahren vor und während des Krieges
-regelmäßig geschah (die »kühnen Geierjäger« haben sich dabei –
-selbstverständlich! – auch immer noch photographieren lassen) und
-ebenso ist mir von andern Horsten berichtet worden, die noch nach
-dem Krieg ausgeräubert worden sind. Es mögen nun freilich in der
-Mehrzahl dieser Fälle keine bewußt schlechten Absichten sein, die diese
-Horstplünderer leiten, sondern nur die Unkenntnis der Verhältnisse
-sie zu ihrem Tun veranlassen; sie kennen den hohen ästhetischen Wert
-des Vogels nicht und wissen nicht, daß sie uns durch ihre Handlungen
-eines unsrer schönsten Naturdenkmäler berauben, sondern sind vielmehr
-noch überzeugt, ein gutes, des »Schadens« des Vogels wegen zu
-billigendes Werk geleistet zu haben (um so mehr, als in einem der
-älteren mir gemeldeten Fälle der Horst mit ausdrücklicher Billigung der
-Revierverwaltung ausgenommen wurde).
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-[Illustration: Abb. 2 =Horstplatz des Wanderfalken im Polenztal=]
-
-Nur, wer den Wanderfalken kennt, wer ihn schon draußen in seinem Reiche
-hat beobachten dürfen, wird ermessen können, welches hervorragende
-Naturdenkmal wir in ihm besitzen. Unvergessen z. B. steht mir eine
-Begegnung mit dem Vogel an einem Spätherbsttage jenes trüben Jahres
-in der Erinnerung, in dem die deutsche Ehre dahinsank und wir unsers
-Reiches Größe begraben mußten. Ich war an den Frohburg-Eschefelder
-Teichen gewesen und wanderte dem waldgelegenen, stillen Vaterhause
-zu. Aufgeblockt auf einer einsam im weiten, freien Felde stehenden
-Kiefer, die als schwarze Silhouette vor einem trübroten Herbsthimmel
-mit sturmgejagten, regendunklen Wolken stand, saß einer unsrer
-wundervollen, kühnen Räuber der Lüfte – ein Bild, so schön und die
-Sinne gefangennehmend, daß hinter ihm, für kurze Zeit wenigstens, das
-ganze Elend einer toll gewordenen Zeit verschwand. Und unverwischbar
-in der Erinnerung haben sich dann auch wieder Beobachtungen
-des Wanderfalken eingegraben, die ich im Frühjahr 1921 auf dem
-Pfaffenstein, einem seiner Horstplätze in der Sächsischen Schweiz,
-machen konnte. Mit einem warmherzigen, naturfrohen lieben Freund aus
-Sachsens unruhevollster Fabrikstadt hatte ich mich dort getroffen, und
-fast drei Tage lang konnten wir uns dann an dem fesselnden Leben und
-Treiben der eben flügge gewordenen jungen Wanderfalken erfreuen. Auf
-den Felskegeln und Felsleisten des Steines hockten sie, rufend und von
-Zeit zu Zeit die Schwingen in kurzen, aber wunderbaren Flugübungen und
-Flugschwenkungen erprobend. Tauchte dann in der Ferne beutebeladen
-einer der Alten auf, so stürmten die Jungen ihm entgegen, bettelnd und
-dann im Flug die von dem Elternvogel fallengelassene Beute erhaschend.
-Einmal sah ich dabei ein Bild, wie es sonst wohl nur wenige zu sehen
-bekommen. Der alte Vogel hatte die Beute fallengelassen, der an
-seiner Seite fliegende junge sie aber nicht aufgefangen. Senkrecht
-sich fallenlassend, stürzte ihr da der alte Vogel nach, und, sich
-überschlagend, daß er dabei auf dem Rücken zu liegen kam, fing er sie
-auf, ließ sie – in normale Fluglage zurückgekehrt – von neuem fallen,
-folgte ihr wiederum im Sturzfluge, um sie wie in der eben geschilderten
-Weise auf dem Rücken liegend wieder zu erhaschen, und wiederholte
-dieses, wie eine direkte Schauleistung wirkende flugkünstlerische Spiel
-fünf- oder sechsmal, so daß der Vogel geradezu wie ein in der Luft
-rasend umherwirbelndes Rad anmutete.
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-[Illustration: Abb. 3 =Junger, flügge gewordener Wanderfalk=]
-
-Sollen wir nun tatenlos zusehen, wie dieser schöne Vogel, dem wir
-unter den sächsischen Raubvögeln keinen zweiten an die Seite stellen
-können, rettungslos seinem Untergang zueilt, auf das wir in wenigen
-Jahren vielleicht schon auf ihn das »Es war einmal« des Märchens
-anwenden können? Nein! Der Schreiber dieses nimmt gegenwärtig im
-Auftrage des Vereins sächsischer Ornithologen und mit Unterstützung
-des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz eine Bestandsaufnahme des
-Wanderfalken in der Sächsischen Schweiz vor, die dann die Unterlagen
-für den bereits eingeleiteten, umfassenden und hoffentlich von einem
-dauernden Erfolg begleiteten Schutz unsres »~Falco peregrinus~« bilden
-sollen.
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-In der Zeit der schweren Not
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-Von _Gerhard Platz_, Weißer Hirsch
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-»Anna Elisabeth hieß sie, nicht Rosina Rebekka. Mensch, wann wirst du
-unsre Familiengeschichte endlich mal beherrschen lernen! Die Großmutter
-von der Urgroßmutter, die bei euch überm Kanapee hängt. Das ist doch
-so einfach! – – Wie’s eigentlich sich zugetragen hat? Nu, dabei war
-ich nicht, denn man schrieb das Jahr 1720. Ein Sonntag war’s, kurz vor
-Silvester unter der Predigt. Da waren dazumal nicht zu viel Leut’ auf
-der Gasse, denn Kirchgang war Pflicht eines rechten Christenmenschen
-und der Herr Oberpfarrer von Schellenberg merkte sich’s, wenn einer
-gar zu selten erschien. Draußen auf den Gassen standen die Röhrbrunnen
-dick im eisigen Strohpanzer und die Sperlinge saßen dickaufgeplustert
-in dem bißchen Morgensonnenschein – eine Bärenkälte war’s wieder
-einmal im Lande. Das mochte auch der Meister Petz im Schloßzwinger
-fühlen und er beschloß, sich mal ein wenig Bewegung zu machen, wo noch
-dazu heute das Gatter offen stand. Eins – zwei – drei – hopla, da
-war er oben, schüttelte sich den Pelz sauber zurecht und trollte die
-Schloßgasse hinunter ins Städtel. Kein Mensch ist ihm begegnet, nur
-die lahme Großmutter vom Meister Lohgerber, die ganz allein zuhause
-war und im Lehnstuhl am Fenster über ihrem Dresdner Gesangbuch
-saß, sah auf einmal eine dickvermummte Gestalt vor dem Nachbarhaus
-sitzen und immer nach dem grünen Wirtshauskranz schlagen, der dorten
-heraushing. Aber wer der dicke Kerl eigentlich war, bekam die Alte
-doch nicht heraus, dieweilen ihr Augenlicht ja schon gar schwach war.
-Petz aber trabte weiter und in der nächsten Gasse verschwand er im
-Hausflur. Finster war’s hier, und er brummelte ein bißchen unwillig
-über die mangelnde Flur- und Treppenbeleuchtung, dann aber gab eine
-Türe vor seiner stoßenden Nase nach, und er war in der Wohnstube der
-Bürgersleute. Menschenleer auch hier alles, aber im Winkel dort stand
-ein hölzernes Ding auf breiten Kufen. Das fing lustig an zu schwanken,
-wie der Bär mit der Tatze danach langte und alsbald erscholl aus dem
-Innern des Kastens ein schwaches Geschrei; der kleine Kerl in der
-Wiege war munter geworden. Zuerst wunderte sich der Braune ein wenig,
-dann aber macht’ ihm die Sache Vergnügen und er fing immer kräftiger
-an, die Wiege zu treten. Da gab’s denn nun wohl bald ein lautres
-Geschrei bei dem Insassen, also, daß sich auf einmal die Tür auftat
-und Anna Elisabeth Hungerin auf der Schwelle stand – deine Ahne,
-Mensch! Die war heute nicht in der Kirche gewesen; hatte vielmehr ein
-kräftig Wochensüpplein zu der Frau Schulmeisterin getragen. Auf dem
-Heimweg dann hatte sie das Kindergezeter gehört und war in die Stube
-getreten. Muß ein tapferes Weiblein gewesen sein, die Urahne, denn
-alsbald ist sie mit ihrem Stecken auf den Braunen losgegangen und hat
-ihm das Fell zu gerben begonnen. Vielleicht war’s mehr das Geschrei
-als die Schläge – aber jedenfalls ward der Ausreißer zornig, ging
-vorne hoch und dann sauste seine Pranke auf das Haupt der Angreiferin
-nieder. Dann hat er sie in Stücke gerissen und sich auch nicht durch
-die heimkehrenden Kirchengänger stören lassen, bis ein Musketenlauf
-zum Fenster hereinklirrte und die Kugel ihm das Lebenslicht ausblies.
-Seinen Schädel kannst du jetzt noch am Augustusburger Schloßtor dir
-ansehn. Na, weißt du nu, wie’s zugegangen?«
-
-Krach, saust es auf einmal zwischen uns zwei müde Jägersleute
-hernieder, die wir eben von weiter Morgenbirsch heimkehren und uns den
-Weg durch alte Geschichten kürzen. Ein vertrockneter Astzacken aus den
-hohen Kiefernwipfeln über uns!
-
-»Ha, ha,« lacht der Vetter, »mein märkischer Wald mag es nicht leiden,
-daß ich so viel hier von Kursachsen spreche. Glaub’s wohl, der Zipfel
-hier, so nah’ an der kursächsischen Grenze, ist den preußischen Königen
-gerad’ zur Zeit unsres Familienabenteuers oft ein Dorn im Auge gewesen.
-Die langen Kerle aus Potsdam rissen nur gar zu gern hier herüber
-aus in die sächsischen Dörfer. Und der sächsische Kurfürst wieder
-mußte sich ärgern über die vermaledeiten Werber, die gerade auch von
-hier aus bei ihm einfielen und Jagd machten auf seine Landeskinder.
-›Totschlagen die Kerle, wo sie erwischt werden‹, war die Parole auf
-kursächsischer Seite, da alle diplomatischen Vorstellungen in Berlin
-nichts fruchteten. Aber na, da ist ja das Forsthaus – wünsche wohl zu
-ruhen, liebwerter Herr Vetter.«
-
-Es will gar nicht recht klappen dies Jahr mit der Birsch auf den
-Keiler, und an manchem Abend sitzt der Vetter, der mich liebend gern zu
-Schuß bringen möchte, auf dem ehrwürdigen Kanapee, pafft wie ein Vulkan
-und nimmt nicht die geringste Notiz von Waldine und Hexe, den beiden
-Dackeln, die rechts und links von ihm Schönmännchen machen. Da hilft
-dann gewöhnlich nur ein Mittel, ihn aufzuheitern: ein Abstecher in das
-Gebiet der Familiengeschichte. Es ist beinahe rührend, diesen so weit
-von der Heimat verschlagenen Menschen zu beobachten, wie er auflebt,
-kann er sich ein wenig in die Vergangenheit seiner und meiner Familie
-versenken und einmal nach Herzenslust plaudern von unsern Ahnen, den
-alten Freiberger Glockengießern Hilliger zumal, auf die er besonders
-stolz ist. Da ziehen sie vorüber im Tabaksnebel des märkischen
-Forsthauses, die stolzen, alten Patrizier aus der hochberühmten
-Silberstadt, die Trainer, die Theler, die Monhaupt, die Schönlebe, und
-der Vetter klirrt förmlich durch die Stube, wenn er von Wenzel von
-Allnpeck erzählt, der 1396 vor Nikopolis gegen den Türken fiel.
-
-Der Vetter hat übrigens unrecht, wenn er gestern gar so sehr auf sein
-Revier schimpfte, das mir kein Weidmannsheil bringen will. Ich fühl’
-mich gar wohl hier auch ohne Bruch am Hut, und er, nun er liebt seinen
-Wald hier in der dürren Zauche mit aller Kraft seines treuen Herzens.
-Unvergeßlich wird mir die Überraschung bleiben, die ich am zweiten
-Abend hier erleben durfte, als mich der Vetter durch die rotbestrahlten
-Altkiefern hinunterführte und ich dann auf einmal am Ufer eines
-gewaltigen Sees stand, am Schwielow, dem Sohne der Havel, dessen
-Geburtsstunde in stürmischer Springflutnacht uns der kurmärkische
-Wandersmann Theodor Fontane so eindrucksvoll schildert in seinem Buch
-»Havelland«. Ruhevoll gleiten ein paar Segel auf der Höhe dahin, aber
-auf dem modrigen Grunde liegen, so erzählt es der Vetter, die Trümmer
-manch eines Lastkahnes, und kalt rieselt es mir über den Rücken,
-denke ich an das Abenteuer, das ein Bekannter in der Heimat in seinen
-Jugendjahren hier auf dem Schwielow erlebt hat.
-
-Von Potsdam aus waren die zwei jungen Leute in der Mondnacht die Havel
-hinabgefahren im leichten Ruderboot. Auf dem Schwielow dann hatten sie
-Lust bekommen, ein Bad zu nehmen im sommerwarmen Gewässer. Gedacht,
-getan! Bald schwammen sie lustig im See herum, über den der Vollmond
-seinen goldnen Steg baute. Nach einem Viertelstündchen rüstigen
-Schwimmens beschloß man, zum Boot zurückzukehren. Man machte Kehrt
-und schwamm auf die Stelle zu, da man ins Wasser gesprungen. Hell
-war die Luft und leuchtend hüpften die Wogen – aber das Boot, das
-Boot war weg. Herr des Himmels, wo war der Kahn hin? So hoch sich die
-Schwimmer aus dem Wasser hoben, überall rundum nur glitzernde Hügel,
-dahinter schwarzes unübersehbares Wasser. Guter Rat war teuer. Man
-wußte nicht einmal mehr, wo man sich befand; was Nord war oder Süd.
-Schwamm man jetzt quer zu dem See, so war’s eine Stunde noch nach
-Baumgartenbrück; teilte man die Wogen in der Längsrichtung, so waren
-es zwei Stunden bis hinunter nach Ferch. Und die Kräfte nahmen schon
-jetzt merklich ab! Mein Bekannter schlug vor, zunächst einmal immer im
-Kreise zu schwimmen, das Boot konnte ja nicht weit abgetrieben sein.
-Ach, gering war die Hoffnung, immer mehr kostbare Kraft ging verloren.
-Da auf einmal hemmt ein dröhnender Stoß an den Kopf den müdewerdenden
-Schwimmer – das Boot ist es, das Boot – unsehbar treibt das dunkle
-Gefährt zwischen den glitzernden Springwogen. – – –
-
-Eine Reise tut man ja wohl, um zu erkennen, daß es in der lieben Heimat
-am allerbesten ist. So bin ich denn auch von Herzen froh, wie ich bei
-Großenhain wieder auf sächsischen Schienen dahinrolle. Aber ach, was
-hat sich während der stillen Urlaubswochen alles ereignet. Die fremden
-Völker sind eingefallen im lieben Dresden, jetzt, da die Reichsmark so
-tief gesunken und das Leben in Deutschland so angenehm geworden ist
-für einen, der »Valuta« besitzt. – Gottlob, alles können sie uns doch
-nicht wegtragen! Wir haben noch Werte im Lande, nach denen keiner der
-Fremden greifen mag, weil sie seiner Seele eben nichts bieten. Uns
-aber gelten sie hoch und teuer, höher als alles kostbare Pelzwerk,
-höher als alle Perlenschnüre und Diamantringe. Unsre Heimatflur ist
-es, unsre stillen Dörfer und kleinen Städte draußen zwischen Heide,
-Wasser und Bergland. Dorthin kommen sie nicht, die Hochvalutarier,
-und gerade daran kann ein Herz sich stärken und genesen, das fast
-zerbrechen will manchmal in dem Jammer der Zeit und in dem Drang einer
-verzweiflungsvollen, hoffnungslosen Arbeitslast. Sieh’, so ein Abend
-auf der Kuppe eines grünumbuschten Heimatberges etwa, mit dem Blick
-hinaus auf den unendlichen Frieden der stillen Flur, er ist dir doch
-hier und da einmal beschieden, und wenn du es früher nicht so gewußt
-hast in den »guten« Jahren, da du verreisen konntest nach Nord und Süd,
-so weit du nur wolltest, jetzt fühlst du es mit einem Glücksgefühl ohne
-Gleichen: deine Heimat ist dir geblieben und sie tröstet dich heut, wie
-einen seine Mutter tröstet. Du erhebst dich voll Dank gegen Gott, aber
-du möchtest auch selbst etwas tun, um dich der gebliebenen Gabe wert
-zu zeigen, du sinnst vielleicht, wie du es anfangen sollst. Da kommt
-dir ein guter Geist zu Hilfe und flüstert ein Wort in dein Ohr, das
-klingt so traulich und hold wie ein Kinderliedchen zur Weihnacht und
-wie ein Abendlied in blühender Laube – »Heimatschutz« heißt es, das
-Wort! In die Stadt kehrst du heim; in eine Altdresdner Gasse lenkst du
-den Schritt, vor ein Haus mit hallendem Flur und dunkelnden Stiegen.
-Du klopfst an der Tür, man tut dir auf und auf einmal ist dir’s so
-wohl, so heimlich unter den Menschen, die da in später Stunde noch
-schaffen. Im Heimatschutz bist du hier, Freund, beim Treuhänder all der
-ungeheuren Goldschätze, die du auf deiner Streife soeben erst geahnt
-hast. Unverdrossen arbeiten sie hier, die Werkleute, mit Liebe zu ihrer
-Sache im Herzen, und immer einmal huscht dann und wann nach getanem
-eignen Tagewerk noch einer der Mitkämpfer über die Schwelle, einer aus
-den Ausschüssen, aus dem Gesamtvorstand. »Unser aller Leben ist reicher
-geworden, meine Freunde, seit wir dem Heimatschutz dienen,« so sprach
-einer der unsern, ein Junggebliebner im schneeweißen Bart, erst vor ein
-paar Monaten es aus. Damals saß er auch noch unter uns, Freude im Blick
-und heitre Rede auf den Lippen, unser Führer, den wir im Spätjahr auf
-immer verloren, aber dessen Geist weiter unter uns wirkt und wirbt,
-und dessen Andenken in Segen bleiben wird unter uns – Karl Schmidt,
-der getreue Eckart der Heimat. Schöner als aus Menschenmund tönt ihm
-sein Lob im Rauschen der alten Bäume draußen im Land, die er vor der
-Axt bewahrt hat und im Sprudeln des Baches, den er vor Schändung durch
-giftige Abwässer behütet. Er ruhe in Frieden – sein Werk ist sein
-schönstes und bleibendstes Mal!
-
-Ja, nicht undankbar wollen wir sein. Manch stille gute Stunde hat uns
-Heimatfreunden das Jahr 1922 doch auch noch gebracht. Wie denke ich
-da heute so gern an den Tag in der Adventszeit, da ich den Markt zu
-Stolpen hinanklettern sah nach der Burg mit seinen rührenden Häuschen,
-auf denen der rote Morgensonnenschein lag, und an dem ich durch die
-stillen Gassen schritt, bis hin zum grünüberwucherten Tor. Hier war
-es auch, wo ich eine nicht unbedeutende Neuerwerbung machte, die für
-den Heimatfahrer beinahe so wichtig ist, wie ein Gaul für den Reiter
-– einen neuen Wanderstab! Seit vorigem Spätjahr fehlte mir einer
-– gar zu rasch war die Flucht aus dem Jagdwagen vor sich gegangen,
-drüben im Meißner Tiefland, als uns auf der offnen Bahnstrecke vor
-der großen Kurve auf einmal die glühenden Augen des Dresdner Zuges
-entgegensprühten, und als dann in übelangebrachter Pflichtnachholung
-der Blockwärter die Schranke gerade herunterließ, als wir im Galopp
-über die Schienen jagen wollten. Gott Lob konnten wir das Pferd noch
-aufs Nebengleis herumwerfen und das brave Rößlein hielt auch ruhig den
-vorbeischmetternden Zug aus – aber mein alter Hakenstock war bei der
-Geschichte verlorengegangen! Schwächlich nur war der Ersatz gewesen aus
-fremdem Rebenholz; einen richtigen Eichenstock mit Buckeln, Krümmung
-und Knoten kriegt man, glaub ich, in der Großstadt gar nicht. Hier nun
-in Stolpen fand ich ihn, fest und stark, wie für Geschlechter berechnet
-in seiner tiefdunklen Edelfärbung. Und ich hoffe allen Ernstes, er
-soll sich in meinem bescheidnen bürgerlichen Familienkreis vererben,
-wie die hirschlederne Reithose des ritterlichen Dichtersmannes aus dem
-Stamm der Münchhausen. Wenigstens einer meiner Nachfahren wird doch mal
-ein Jäger sein und ein Wandrer, wie sein Ahn, und dann werden sie sich
-auch erzählen von der Zeit der schweren Not, da dieser Stecken erworben
-ward für vierhundertundfünfzig Reichsmark, eine Summe, um die sie dann
-hoffentlich wieder im deutschen Land eine Kuh kaufen können mit Kalb,
-denn Bauer soll doch auch wieder mal einer werden von ihnen!
-
-Mit dem Stock in der Hand hoff’ ich aber vorher noch selbst manche
-Straße zu ziehen im lieben Heimatland, noch manch stillen Birschgang
-zu machen im Heimatwald, dessen grüne Hallen sich erst kürzlich mir
-wieder geöffnet haben in einem neuen, schönen Revier voll reicher
-heimatgeschichtlicher Erinnerung – – – ich glaube wahrhaftig, ich
-bin doch noch recht reich, selbst in der Zeit der schweren Not!
-
-
-
-
-Hiddensee, die Insel der Heimatsehnsucht
-
-Von _A. Klengel_
-
-Mit Aufnahmen des Bundes für Vogelschutz, Stuttgart
-
-
-Draußen in der Ostsee, der Insel Rügen westlich vorgelagert, liegt das
-siebzehn Kilometer lange und sehr schmale Eiland Hiddensee, erst seit
-wenigen Jahren ein Reiseziel erholungsbedürftiger Naturfreunde.
-
-Wer hat wohl früher von diesem weltfernen Ländchen etwas gehört, das
-sich in seiner insularen Abgeschiedenheit nicht nur die erhabene
-ernste Einsamkeit unberührter Natur, sondern auch das ursprüngliche
-Volkstum trefflich bewahrt hat! Hin und wieder las man wohl, daß die
-dort geborenen Schiffer, die in die Fremde verschlagen wurden, all
-ihr Leben lang mit unwiderstehlicher Sehnsucht an »dat söte Länneken«
-denken und nichts sehnlicher wünschen, als dorthin zurückzukehren,
-um ihren Lebensabend, wenn auch noch so bescheiden, in der teuren
-Heimat zu beschließen. _So gilt Hiddensee immer als ein Wahrzeichen
-der Heimatsehnsucht und hoher hehrer Heimatliebe._ Und wer Goethe
-gründlicher liest, der findet in den »Maximen und Reflexionen« den
-Satz: »Liebes gewaschenes Seelchen ist der verliebteste Ausdruck
-auf Hiddensee«. Wenn auch hier eine sehr freie Übersetzung des
-plattdeutschen Satzes »min lewet wittet Seelken« vorliegt – man wird
-das Wort »wittet« besser in »weißes oder unschuldiges« übertragen – so
-spiegelt sich doch in dem Ausdruck ein sittenstrenges und edles Volk
-wieder.
-
-[Illustration: Abb. 1 =Rauchhaus des Fährmanns Johann Gau auf der
-Fährinsel bei Hiddensee=]
-
-Verschiedene Wege führen nach Hiddensee! Von Stralsund aus stellt der
-Dampfer »Caprivi« die Verbindung her; ein anderer Weg zu Schiff führt
-von dem, durch das sächsische Kinderheim bekannten Rügendörfchen Wieck
-dorthin. Der rüstige Fußgänger wandert wohl auch von der rügenschen
-Kleinbahnstation Trent aus durch ährenschweres Land und an mit
-Storchnestern gezierten uralten Bauerhöfen vorüber nach dem Seehof
-und läßt sich von dort aus zwischen Vitter und Schaproder Bodden über
-den »Trog« durch die Fährleute der kleinen, zu Hiddensee gehörenden
-Fährinsel in das Märchenland hineinsegeln.
-
-[Illustration: Abb. 2 =Die Verlandung durch die Pflanzenwelt= (Ein Teil
-des Gellens; die langgestreckte Insel ist der Gänsewerder)]
-
-Die Natur der nur etwa sechzehn Quadratkilometer großen Insel ist
-außerordentlich abwechslungsreich; man findet hier in kleinerem Kreise
-alle die Schönheiten und Eigenheiten wieder, welche der Ostseeküste
-ihren Reiz und ihren Zauber verleihen. Im Norden erhebt sich das
-bis zweiundsiebzig Meter aufsteigende und weithin vom Meer und von
-den rügenschen Bergen aus sichtbare, von einem Leuchtturme gekrönte
-Dornbuschhochland, eine aus Mergel, Ton und Geschiebesteinen aufgebaute
-Höhengruppe, die nach der Küste zu steil abfällt. Stattlicher
-Kiefernhochwald, mit dünner Grasnarbe bedeckte und von Ginsterbüschen
-umrahmte Weidetriften, sanfte Täler und vom ewigen Wind umbrauste
-kahle Höhen wechseln ab mit steil zum Meer abfallenden, von Sanddorn
-umwucherten Schluchten, hohen nackten Uferabstürzen und ewig bewegten
-Dünenbildungen. Und wo immer der Blick hinausschweift in die Weite,
-dehnt sich das endlose gewaltige Meer aus; an der Westküste im ewig
-gleichen Spiel seiner Wellen den Steinstrand umschmeichelnd und am
-Lande nagend, an der Ostseite, im Schutze des Hochlandes und der Insel
-Rügen, still und blank in der Sonne glitzernd. Wo findet man wohl sonst
-auf gleich engem Raume so vielen bunten Wechsel in der Landschaft, wo
-wandelt sich die Natur so auf Schritt und Tritt und bietet Bilder, die
-von sanfter Anmut aufsteigen bis zur gewaltigen heroischen Wucht, vor
-der uns die Kleinheit unsres Menschendaseins so recht bewußt wird! Und
-welch’ abwechslungsreiche Bilder bietet das Land im Wandel des Jahres!
-Bald liegt glühender Sonnenglast auf den Bergen, der uns im Schatten
-der Kiefern vergessen läßt, daß wir auf einem kleinen Eiland stehen.
-Zur Herbst- und Frühlingszeit toben die gewaltigen Äquinoktialstürme
-über die Insel, Naturgebilde und Menschenwerk auf ihre Festigkeit
-erprobend. Und wenn der klare Sommertag zur Rüste geht, bietet
-sich dem entzückten Auge vom Dornbusch aus ein Sonnenuntergang von
-überwältigender und unvergeßlicher Schönheit.
-
-[Illustration: Abb. 3 =Die Dünenbildung des Windes= (bei Neuendorf)]
-
-Wahrlich, schon der Dornbusch allein ist ein Stück Erde nach dem man
-Sehnsucht, nach dem man Heimweh haben kann und der fühlende Mensch
-verspürt einen Hauch von der Heimatliebe der Hiddenseer Einwohner, er
-lernt das Wort begreifen, das einst der rügensche Dichter Lappe in
-seiner »Agnete« dem zurückkehrenden Insulaner in den Mund legte:
-
- Wo wollt’ ich ruhen,
- Wo sollt’ ich lieben,
- Wo könnt’ ich sterben
- Denn nur auf dir!
-
-Zu Füßen des Dornbuschhochlandes liegen das Fischerdörfchen Grieben und
-die älteste Siedlung der Insel, Kloster mit seinem schlichten turmlosen
-Kirchlein, einem großen, dem Provisoriat des Klosters zum Heiligen
-Geist in Stralsund gehörigen Rittergute, zahlreichen neuen, schmucken
-Landhäusern und einigen neuzeitlichen Gasthöfen. Dem Dörfchen Kloster
-und dem weiter südlich gelegenen, aus verstreuten Häusern bestehenden
-Ort Vitte hat der beginnende Fremdenverkehr bereits seinen Stempel
-aufgedrückt, noch findet man aber hier wie in Grieben und in dem noch
-südlicher gelegenen Dörfchen Plogshagen zahlreiche alte niedrige,
-schilfgedeckte und dornenumhegte Fischerhütten von malerischer
-Schönheit. Von dem für Rügen und Hiddensee charakteristischen uralten
-schornsteinlosen Rauchhaus ist freilich im vorigen Jahre der letzte
-Vertreter verschwunden. Auch die alte Vitter Windmühle steht still und
-hat ihre Flügel verloren, obwohl es dem Müller auf dieser »Insel im
-Winde« wahrscheinlich selten einmal an Betriebskraft gefehlt hat.
-
-Ein neues Bild entrollt sich vor unsern Augen! Südwärts von Vitte
-dehnt sich eine weite Heidelandschaft aus. Die violette Heide
-wechselt mit der rosaroten Glockenheide, mit Wacholder, Birken und
-der für Hiddensee eigentümlichen niedrigen apfelroten Heckenrose.
-Um einen kleinen Süßwassersee inmitten der Heide wuchert der Porst,
-die duftige Totenmyrte, und der zarte Sonnentau. Die Einsamkeit der
-Heidelandschaft schlägt den Besucher in ihren Bann! Inmitten dieses
-wundersamen Landstrichs steht das Gasthaus zur Heiderose, der Sitz
-einer kleinen Künstlerkolonie, des Hiddenseer Künstlerinnenbundes,
-dem der Kunstfreund schon viel Schönes aus der Natur und dem Volkstum
-Hiddensees verdankt.
-
-Südlich der anschließenden Dörfer Plogshagen und Neuendorf verschmälert
-sich das Land; dort liegt der etwa sieben Kilometer lange Gellen,
-eine unbewohnte, mit Gras bewachsene Halbinsel. Ein langer Steindamm
-schützt den mit der schönen Stranddistel reich bewachsenen Weststrand
-vor der Wucht der Wellen und eine schmale Kiefernpflanzung hält die
-zerstörenden Stürme ab.
-
-Diese Schutzmaßnahme war zur Erhaltung der Insel dringend erforderlich,
-wurde doch im Jahre 1878 die Insel südlich von Neuendorf beim
-sogenannten »Schwarzen Peter« von einer Sturmflut durchbrochen. Das
-Meer bezahlt seine Zerstörungsarbeit mit reichen Geschenken, anderwärts
-wirft es Bernstein an den Strand, in Hiddensee schenkte es im Jahre
-1872 eine goldene Kette, die bei einer Sturmflut zutage kam und heute
-eine Hauptsehenswürdigkeit des Provinzialmuseums zu Stralsund bildet.
-Ihr Alter ist mit Sicherheit nicht zu ermitteln; man nimmt jedoch an,
-daß sie schon aus dem zehnten Jahrhundert stammen kann.
-
-[Illustration: Abb. 4 =Die Hakenbildung des Meeres durch Anschwemmung=]
-
-Der Hiddenseer Goldschmuck gibt Anlaß, einen kurzen Blick in die reiche
-Geschichte der Insel zu werfen, die wohl schon seit den Tagen der
-Urzeit immer mit der Rügens verbunden war. Funde von Steinwerkzeugen
-und Tonscherben deuten darauf hin, daß Hiddensee schon in der Urzeit
-besiedelt war, doch ist nicht erwiesen, ob germanische oder keltische
-Stämme das Eiland Heimat nannten. Mit der Völkerwanderung faßten
-die slawischen Wenden auf Hiddensee und Rügen festen Fuß bis nach
-der Eroberung der nahen Tempelburg Arkona und der Zerstörung des
-Nationalheiligtums des Gottes Swantewit durch den Bischof Absalon von
-Roeskilde am 14. Juni 1168 Rügen und damit Hiddensee unter dänische
-Herrschaft kam. Im Jahre 1296 schenkte der Rügensche Fürst Wizlaw
-die Insel Hiddensee dem Zisterzienserorden zur Anlegung der Abtei
-Kloster auf Hiddensee. Nur wenige Überreste des einst mächtigen und
-reichbegüterten Klosters, dem die päpstliche goldene Rose zuteil wurde
-und dessen Abt den Bischofsstab führte, sind auf unsre Tage gekommen,
-ein alter verwitterter Torbogen und der Grabstein des letzten Abtes.
-Das Kloster unterstand ursprünglich dem Bischof von Roeskilde und
-kam später unter das Bistum Kammin. Nach Aufhebung des Klosters im
-Jahre 1536 kam Hiddensee an die pommerschen Herzöge, geriet 1648
-unter schwedische Herrschaft, worunter es bis 1815 verblieb. In
-den nordischen Kriegen errichteten die Schweden auf der Fährinsel
-und gegenüber am Seehof auf Rügen zum Schutze der Durchfahrt große
-Schanzen, die heute noch erhalten sind. Also auch von kriegerischen
-Drangsalen ist Hiddensee nicht verschont geblieben. Noch am 17. August
-1870 kam es in seiner Nähe zu einem kleinen Seegefecht zwischen
-französischen Kriegsschiffen einerseits und dem deutschen Aviso
-»Grille« und Strandbatterien anderseits.
-
-[Illustration: Abb. 5 =Lachmöwe am Nest=]
-
-Die Sage berichtet, daß die unermeßlichen Schätze des Klosters bei
-seiner Aufhebung auf der Insel vergraben wurden; der Aschkoben, ein
-Hügel am Dornbusch soll sie beherbergen und die aufgefundene Kette soll
-ein Teil davon sein. Fast der ganze Landbesitz von Hiddensee gehört
-heute dem Provisoriat des Klosters zum Heiligen Geist und damit zum
-Besitze der Stadt Stralsund.
-
-[Illustration: Abb. 6 =Austernfischer am Nest=]
-
-Wer die echte und ursprüngliche Bevölkerung Hiddensees in ihrer
-Natürlichkeit und Biederkeit kennen gelernt hat, muß sie liebgewinnen,
-die sturmerprobten, wetterzerzausten Fischergestalten und die blonden
-stattlichen Frauen. An der häufigen Wiederkehr derselben Familiennamen
-– fast unzählige Male kommt der Name Gau und Schluck vor – merkt man,
-daß eine Vermischung mit fremden Elementen zu den Seltenheiten gehört.
-In ihren Fischer- und Schiffsgenossenschaften liegt noch ein Stück
-alten Patriarchentums, ein goldenes Stück großen Familiensinns. Möge
-es immer so bleiben, mag auch die neue Zeit, unter der Hiddensee als
-Badeinsel Mode geworden ist, nichts daran ändern.
-
-[Illustration: Abb. 7 =Fluß-Seeschwalbe=]
-
-Eine Idylle für sich bildet die Fährinsel bei Hiddensee, und ein Stück
-unverfälschten Inselvolkstums ist verkörpert in dem alten Fährmanne
-»John Jau« (Johann Gau), der dort in seiner wohnlicher gestalteten
-Rauchkate haust und in der übrigen, kaum ein halbes Dutzend Köpfe
-zählenden Fährinselbevölkerung.
-
-[Illustration: Abb. 8 =Halsbandregenpfeifer am Nest=]
-
-Daß bei der insularen Abgeschlossenheit Hiddensees auch die Gemütswerte
-der Bevölkerung unverfälscht erhalten geblieben sind, ist wohl
-selbstverständlich. Wie auf den vom Verkehr abgelegenen Teilen
-Rügens, so hat auch hier die Sage noch eine treffliche Heimstatt.
-Schier unerschöpflich ist der Born, aus dem die Sagen von der Riesin
-Hitthim, von Spukgestalten und andern weltentrückten Geistern der
-Vorzeit sprudeln. Wundern wird dies den tiefer schürfenden Beobachter
-nicht, ist doch Hiddensee mit den alten Kulturen eng verbunden. Nicht
-allzu weit auf Arkona liegen die Trümmer der schon hochentwickelten
-wendischen Kultur und drüben von Rügen, von Hiddensee aus sichtbar,
-grüßen die Hünengräber, Zeugen eines noch viel älteren germanischen
-Daseins herüber. »Altgermanische Vorfahren haben die Hünensteine
-zusammengewälzt, sei es als Gedächtnismale gefallener Helden, sei es
-als Altäre der bildlosen großen Gottheit, die sie im dumpfen Ahnen
-besser und klarer erkannten, als römische und hellenische Weisheit
-in all ihrer Pracht und Herrlichkeit sie faßten.« Darf es uns
-wundernehmen, daß Reste dieser Kulturen ihren Niederschlag fanden
-im seelischen Leben und im Gemütsempfinden der unberührten einsamen
-Inselbevölkerung!
-
-Hiddensee hat in der Literatur schon mehrfach eine Rolle gespielt,
-von den rügenschen Dichtern Kosegarten und Lappe an, die noch im
-achtzehnten Jahrhundert lebten, bis in unsre Tage. Am meisten bekannt
-geworden ist es jedoch durch Gerhart Hauptmanns Drama »Gabriel
-Schillings Flucht«, das auf Hiddensee spielt. Der zu den ständigen
-Besuchern Hiddensees zählende Dichter hat mehrere seiner Werke hier
-vollendet und den Namen seines »Schluck und Jau« der Inselbevölkerung
-entlehnt.
-
-[Illustration: Abb. 9 =Junge Lachmöwen=]
-
-In der weiteren Öffentlichkeit bekannt wurde Hiddensee aber durch
-die Bestrebungen zum Schutze der Seevogelwelt, welche seit 1911 von
-den deutschen Vogelschutzverbänden, wie dem Bund für Vogelschutz,
-dem Naturschutzbund Hiddensee, dem Ornithologischen Verein Stralsund
-usw. auf Hiddenseer Boden unternommen werden. In Frage kommen dafür
-in der Hauptsache die Fährinsel, die Südspitze der Halbinsel Gellen
-mit dem Gänsewerder und die Halbinsel Altbessin. Der einst dort
-vorhandene gewaltige Reichtum an brütenden Seevögeln, namentlich an
-Sturm- und Lachmöwen, Seeschwalben, Strandläufern, Austernfischern,
-Rotschenkeln, Regenpfeifern, Enten, Sägern usw. war durch Eierraub und
-verbotswidrigen Abschuß soweit zurückgegangen, daß dringende Hilfe not
-tat, wenn man dem völligen Untergange der die Gestade der Insel und das
-Meer selbst in wundervoller Weise belebenden Vogelwelt nicht tatenlos
-zusehen wollte. Unter Aufwendung erheblicher Kosten wurden Ländereien
-gepachtet und vom Jagdrecht ausgeschieden, Drahtzäune angelegt, Wärter
-und Aufsichtsbeamte angestellt usw. Diesen Bemühungen ist es zu danken,
-daß der Bestand an Brutvögeln wieder erfreulich gestiegen ist. Die
-Erfolge könnten noch größer sein, wenn die nötigen Geldmittel vorhanden
-wären, die es ermöglichten, den durch die heute zu beobachtende
-Verwilderung der Rechtsbegriffe und Sitten entstandenen Mißhelligkeiten
-einen wirksamen Damm entgegenzusetzen. Hoffentlich kommen auch hier
-einst bessere Zeiten zum Segen unsrer schwer bedrängten Seevogelwelt,
-zum Besten des deutschen Naturschutzes!
-
-Jeder Naturfreund, jeder für landschaftliche Schönheiten und Eigenarten
-empfängliche Mensch, der Hiddensee kennen gelernt, muß die kleine Insel
-lieben. Die Hiddenseer Tage werden ihm unvergeßlich bleiben und auch in
-ihm wird nachklingen, was Siegfried Mauermann in seinem tiefempfundenen
-Gedichte von Hiddensee sagt:
-
- Ein Wundereiland hat mein Fuß betreten,
- Mein ganzes Wesen ist der Welt entrückt.
- Und mich durchglüht ein ungewolltes Beten.
- Fragt nicht, warum: ich fühl’s und bin beglückt.
-
- Ihr schaut von Hügeln auf den Glanz der Wogen,
- Ihr rühmt der Schluchten Absturz in das Meer,
- Bespülter Buchten weite, sanfte Bogen;
- Der Blick ist reich. O sei das Herz nicht leer.
-
- Ihr hört das Tosen und das Wellenrauschen,
- Der Zweige Flüstern leis’ im Abendwind;
- Ihr wißt dem Vogelzwitschern fein zu lauschen,
- Ihr hört mit Ohren, die voll Weisheit sind.
-
- Ihr pflückt euch Ginster, Ähren, Immortellen,
- Der Heckenrose luftiges Gebild.
- Ihr laßt euch schaukeln von bewegten Wellen,
- Euch blinkt die Abendsonne glitzernd, mild.
-
- Und all’ dies, alles schildert ihr begeistert.
- Ich bleibe selig überwältigt, stumm.
- Und wenn mein Mund nicht schöne Worte meistert –
- Ich bin beglückt, ich fühl’s; fragt nicht warum!
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Unsre Elbvögel einst und jetzt!
-
-Von Prof. ~Dr.~ _Bernhard Hoffmann_
-
-
-Unter dem »einst« ist nicht etwa der Beginn unsrer Zeitrechnung,
-sondern die zweite Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts zu verstehen,
-zu welcher Zeit der ehemalige Rektor der Meißner Fürstenschule, namens
-Fabricius, Annalen der Stadt Meißen verfaßte, worin auch die damals
-an und auf der Elbe bei Meißen vorkommenden Vögel aufgeführt werden.
-Die Schrift ist lateinisch geschrieben. Nachstehend gebe ich eine
-kleine Probe des wohl ältesten Verzeichnisses sächsischer Vögel, das
-alphabetisch geordnet ist:
-
- Brandgense / ~a colore nigricante~ / ~vt~ Brandhirsch /
- Brandfuchs.
- Bachsteltze / Wassersteltze / ~Saxonibus~ / ein ackermencken /
- ~Motacilla Juneo. Viridis~.
- ~Flava~ / ~a colore ventris~.
- Eisvogel / ~Halcedo~, ~Ispis~.
- Ente / ~Anas~.
- Großente / ~Anas magna Penelops: insigni collo propter colorem
- puniceum et viridem~.
- Mittelente / ~Boscas~ / ~Anas mediocris~.
- Krucentlein oder Krichentlein / ~Querquedula Varroni~ /
- ~anas parva~ usw.
-
-Nach dieser Probe sind die von Fabricius genannten Arten nicht
-schwer zu erkennen, wennschon z. B. unter »Brandgense« nicht unsre
-heutigen »Brandgänse«, sondern Ringelgänse zu verstehen sind. Daneben
-aber führt Fabricius noch manche Namen an, deren Deutung sehr große
-Schwierigkeiten bereitet; es seien z. B. erwähnt: Facke, Münchle,
-Pilwenckgen, Racke, die verschiedenen Arten der »Reiger«, Schnetz,
-Tittiluen usw. In einigen Fällen dürften Schreib- oder Druckfehler
-vorliegen; es muß beispielsweise wahrscheinlich heißen: Focke,
-Schnertz, Tittilgen usw. Doch soll auf all die Schwierigkeiten der
-Übersetzung und Deutung hier nicht eingegangen werden[2]. Dagegen
-dürfte das Endergebnis der Untersuchung auch weitere Kreise fesseln.
-Die seinerzeit an und auf der Elbe bei Meißen beobachteten Vögel sind
-die nachstehend verzeichneten:
-
- Schwalben
- Krähen (?)
- Weiße Bachstelze
- Gebirgsbachstelze
- Kuhstelze
- Rohrammer
- Wasseramsel
- Mauersegler
- Eisvogel
- Gem. Kranich
- Wiesenralle
- Bläßhuhn
- Grünfüß. Teichhuhn
- Brauner Sichler
- Löffler
- Schwarzer Storch
- Weißer Storch
- Nachtreiher
- Große Rohrdommel
- Fischreiher
- Purpurreiher
- Flußuferläufer
- Rotschenkel
- Bekassine
- Flußregenpfeifer
- Kiebitz
- Höckerschwan
- Singschwan
- Bläßgans
- Graugans
- Ringelgans
- Saatgans
- Krickente
- Löffelente
- Moorente
- Schnatterente
- Stockente
- Tafelente
- Großer Säger
- Mittler Säger
- Zwergsäger
- Flußscharbe
- Dreizehenmöwe (?)
- Heringsmöwe
- Lachmöwe
- Silbermöwe
- Sturmmöwe
- Flußseeschwalbe
- Zwergseeschwalbe
- Rothalstaucher (?)
- Schwarzhalstaucher
- Zwergtaucher
-
-Fast könnte diese stattliche Liste den Neid der Gegenwart erwecken!
-Nicht weniger als über fünfzig verschiedene Vogelarten haben im
-sechzehnten Jahrhundert die Elbe und ihre Ufer belebt, darunter recht
-ansehnliche Vögel, wie z. B. die verschiedenen Gänsearten, Reiher,
-Störche, Schwäne usw.! Damals freilich war der Elbstrom und seine Ufer
-noch in dem Zustand, wie ihn Mutter Natur geschaffen hatte. Sie boten
-Nahrung, Unterschlupf, Verstecke und Nistgelegenheiten in Hülle und
-Fülle. Aber die Zeit, die uns die gemauerten Steindämme der Flüsse,
-das Ausfüllen von Teichen und stillstehenden Gewässern mit Schutt usw.
-bzw. ihre Urbarmachung, ferner die Zunahme der Besiedelung und damit
-der Anwohner am Strom entlang, das Beseitigen der Heger und Kiesbänke
-im Strombett und noch manche andre hier in Betracht kommende Änderung
-gebracht hat – sie hat auch im Vogelbestande Wandel geschaffen,
-leider in einer sehr betrüblichen Weise! Sieht man von ganz vereinzelt
-auftretenden Stücken ab, so ist der weitaus größte Teil der oben
-genannten Arten von der mittleren Elbe gänzlich verschwunden, wie
-z. B. die Kraniche, Löffler, Nacht- und Purpurreiher, die Schwäne,
-Gänse, Flußscharben und vor allem auch die Seeschwalben. Andre sind
-auf der Elbe in der Hauptsache nur Wintergäste, wie z. B. die Säger,
-Bläßhühner, Zwergtaucher und die Scharen von Stockenten. Nur ganz
-wenige Arten trifft man noch jetzt in geringerer oder größerer Zahl
-während des Sommers an der Elbe an; ich nenne u. a. die Schwalben,
-Bachstelzen, Krähen, Flußregenpfeifer und Lachmöwen. Einen Teil der
-andern von Fabricius aufgeführten Arten finden wir glücklicherweise
-noch heute in und an den Teichen und Seen, insbesondre der Lausitz, von
-Moritzburg bis hinter nach Königswartha, Baselitz usw., darunter vor
-allem die verschiedenen Entenarten, die Taucher, die Bekassine, die
-Rohrdommel, den Rotschenkel, den Kiebitz, das Bläßhuhn usw. Möchten
-ihnen wenigstens diese Wohn- bzw. Zufluchtsstätten für alle Zeit
-erhalten bleiben und sie selbst sich eines dauernden Schutzes erfreuen,
-damit unser Sachsenland an diesem Teile der Vogelwelt nicht auch noch
-vollständig verarmt!
-
-
-Fußnoten:
-
- [2] Man vergleiche hierüber den im Journal für Ornith. 1923,
- S. 1–10 veröffentlichten Auszug aus meiner umfangreichen
- Arbeit »Das älteste sächsische Verzeichnis von Vögeln, die
- ums Jahr 1564 auf und an der Elbe bei Meißen vorgekommen
- sind«.
-
-
-
-
-Der Kiebitz als Brutvogel im Moritzburger Gebiet
-
-Von _Paul Bernhardt_
-
-Mit Aufnahmen des Verfassers
-
-
-Der Monat Februar geht zu Ende. Ein sonniger Tag lockt mich hinaus ins
-Beobachtungsgebiet. Gefiederte Freunde, die Kiebitze, sind nach den
-Aufzeichnungen meines ornithologischen Tagebuches heute zu erwarten.
-Vor mir liegt der Großteich im Sonnenschein, befreit von der starren
-Eisdecke, die monatelang jegliches Leben bannte. Doch so ohne Kampf
-räumt der Winter das Feld nicht. Weiße Flecken in der Landschaft zeigen
-seine Spuren.
-
-Ein nordischer Wintergast, der Zwergsäger, ist immer noch zwischen den
-Schellenten auf der Wasserfläche zu beobachten. Die dürren Rohrstengel
-bewegt ein eisiger Wind hin und her; er verdeckt die wärmende Sonne
-mit dunklen Wolken und treibt leichte Schneeschauer übers Land.
-Schon zweifle ich an der Ankunft des Kiebitzes, da entdecke ich ihn
-durchs Glas am jenseitigen Ufer. Dort steht der prächtige Vogel mit
-seiner schönen Schwarzweißfärbung, der stahlblauen Oberseite und dem
-zierlichen Federschopfe – der Harlekin unter den Vögeln. Er hat Wort
-gehalten. Wenn es das Wetter nur einigermaßen gestattet, kehrt er jedes
-Jahr am 28. Februar zurück. Den Körper fast wagrecht auf den Ständern,
-die Brust etwas nach vorn gebeugt, steht er mit eingezogenem Kopfe
-ruhig im dürren Riedgrase. Heute spürt er keine Lust zum gaukelnden
-Fluge; die lange Reise und das unfreundliche Wetter sitzen ihm noch
-in den Gliedern. Nur um den Hunger zu stillen, trippelt er nach dem
-Teichrand und sucht im angeschwemmten Geäste nach Nahrung. Bald nimmt
-er wieder die Ruhestellung ein. In den nächsten Tagen sind auffällig
-viel Kiebitze im Gebiet; es sind meistens Durchzügler. Die heimischen
-Brutpaare kehren zuerst zurück.
-
-Nach drei Wochen ist unser Kiebitz kaum wiederzuerkennen. Der
-Frühling hat es ihm angetan. Die Sonne scheint wärmer, und an der
-Tiergartenmauer blühen schon die ersten Veilchen. Der Kiebitz hat
-eine Gefährtin gefunden und behauptet als Platzhahn sein Gebiet gegen
-jeden Eindringling. Die Nordostecke am Großteich, von wo er alles
-überblicken kann, hat er sich ausgewählt. Für ihn ist jetzt Wonnemonat;
-sein Gefieder steht in voller Pracht und liebestrunken verlebt er die
-kommenden Tage. In ganz eigenartiger Weise wirbt er um die Gunst seiner
-Gefährtin. Die Liebe nimmt ihn völlig gefangen und treibt ihn zu den
-tollsten Liebesspielen. Eine närrische Balz beobachtete ich am 25. März
-1921: Auf der noch grauen, sumpfigen Wiese steht ruhig das kleinere,
-weniger lebhaft gefärbte Weibchen, nicht weit davon das Männchen im
-Prachtkleide. Mit vorgebeugter Brust erhebt es sich, fliegt wuchtelnd
-kurz über dem Boden hin; plötzlich geht es mit schneidendem »knū’it« im
-45°-Winkel in die Höhe, und nun folgt ein Gaukeln und Stürzen in der
-Luft, so daß der Beobachter verwundert den Kopf schüttelt. Im tollen
-Übermut ruft der Kiebitz seinen Balzruf: knū’it, knū’it in den sonnigen
-Frühlingstag, vollführt den schönsten Sturzflug und steht plötzlich
-wieder neben dem Weibchen, um hier sein närrisches Liebesspiel
-fortzusetzen. Mit gesenkter Brust, das frische Weiß der Schenkel
-zeigend, führt er einige kippende Verbeugungen vor seiner Schönen aus,
-stößt mehrmals mit dem Schnabel nach unten und macht eine Bewegung, als
-würfe er dürre Grashalme hinter sich. Plötzlich drückt er den ganzen
-Körper tief an den Boden, so daß der Kopf die Erde berührt, schlägt
-die Flügel nach oben und führt mit diesen und dem rostrot gefärbten
-Schwanze zuckende Bewegungen aus, als wolle er seine Liebesglut der
-kühlen Erde anvertrauen. Wozu dieses närrische Spiel? Will er das
-Weibchen ermuntern, indem er durch diese Bewegungen auf den Nestbau
-hinweist? Noch mehrmals kann ich diesem eigenartigen Treiben zuschauen
-und über die Allgewalt der Liebe staunen. Das Weibchen zeigt sich sehr
-spröde, es hat scheinbar nicht viel übrig für den Liebhaber.
-
-[Illustration: Abb. 1 =Gelege des Kiebitzes=]
-
-Erst wenn die vier kreiselförmigen, olivengrünen Eier im unscheinbaren
-Neste liegen, geht die schöne Liebeszeit zu Ende, und sorgenvolle
-Tage kommen. Jetzt gilt es, durch allerlei Manöver sich nähernde
-Menschen, Hunde und sonstige Nestplünderer irrezuführen und vom Neste
-fernzuhalten. Doch kenne ich diese Schliche zu genau; bald habe ich
-durchs Glas schon von der Straße aus das Weibchen entdeckt, wie es
-dem stillen Brutgeschäft nachgeht. Dort im Seggengrase, kaum dreißig
-Meter vom Ufer entfernt, sitzt es und beobachtet mit dem großen Auge
-das Gelände. Es hat mich erblickt. Trotzdem ich noch weit vom Neste
-entfernt bin, verläßt es die Eier, läuft geduckt in entgegengesetzter
-Richtung am Boden hin, erhebt sich erst weit vom Neste und fliegt
-wehklagend auf mich zu. Ich lasse mich nicht irreführen; und doch macht
-es mir Mühe, das Gelege zu finden. Schön in Kreuzform angeordnet,
-die Spitzen nach innen, liegen vier dunkelgefärbte Eier unmittelbar
-vor meinen Füßen in einer kleinen Vertiefung. Wie oft wird dieses
-Familienglück von roher Hand zerstört, um Schlemmern in der nahen
-Großstadt den entarteten Gaumen zu kitzeln auf Kosten unsrer schon
-so hart bedrängten Natur! Helle Entrüstung stieg aber in mir auf,
-als ich eines Tages ein kleines Schlageisen im Neste fand. Ein
-»Auch-Naturfreund« wollte auf diese Weise einen Kiebitz zum Ausstopfen
-erlangen. Glücklicherweise hatte er nicht mit der Klugheit des Vogels
-gerechnet. Doch weg mit diesen Gedanken! Heute bin ich mit der
-Kamera im Rucksack ausgezogen, um im Bilde zeigen zu können, welche
-Schönheiten unsre Heimat aufweist. Von all den Mühen dieser Kamerajagd
-zu erzählen, wäre verlockend, würde aber zu weit führen. Erst im
-dritten Jahre gelang es mir nach vielen Enttäuschungen und Mißerfolgen
-unter Anwendung größter List und Geduld, das brütende Weibchen auf
-die Platte zu bannen. Auch ich hatte nicht mit der Klugheit des
-Kiebitzes gerechnet! Gemeinsam suchten das Männchen und Weibchen meinen
-Plan zu vereiteln, und noch klingt mir der schreckliche Warnruf des
-Kiebitzhahnes in den Ohren, der mir bestimmt sagte, daß er mich erspäht
-habe und das Jagen deshalb heute erfolglos sei. Dem großen Kiebitzauge
-(Bild 2) entgeht nichts! Im Jahre 1921 fand ich allein am wenig
-gefüllten Großteich acht Kiebitzgelege. Im ganzen Gebiete brüteten
-in diesem Jahre ungefähr fünfundzwanzig Paare. H. Mayhoff nimmt für
-1915/16 nur fünfzehn Brutpaare an. Demnach wäre eine erfreuliche
-Zunahme festzustellen.
-
-[Illustration: Abb. 2 =Brütender Kiebitz=]
-
-Große Aufregung und Sorge bringt dem Kiebitzpaare der Tag, an dem
-die Kleinen der Eischale entschlüpfen. Die Jungen verlassen sofort
-das Nest, nachdem sie trocken sind, und folgen der besorgten Mutter,
-die sie nach Art einer Glucke führt. Wie oft habe ich dieses schöne
-Familienbild aus dem Versteck belauscht! Die kleinen Wollklümpchen
-huschen flink durch das Seggengras und finden bald selbständig den
-Wurm und die Schnecke. Geradezu rührend ist die große elterliche
-Sorge. Bei der geringsten Gefahr erheben die Alten ein Klagegeschrei
-und versuchen den Feind zu vertreiben. Der harmlose Spaziergänger
-staunt nicht schlecht, wenn sich ihm ein schwarzweißer Vogel mit
-jammernden »kuit« fast um die Ohren schlägt. Er verspürt ganz deutlich
-den Luftzug und vernimmt ein dumpfes »wupp, wupp, wupp«. Auch der
-Köter des auf der Landstraße fahrenden Fleischers, der sich eine
-»Extratour« ins Gelände erlaubt, verläßt schnell den Brutplatz. Ihm
-ist die Zudringlichkeit des Vogels zuwider. Selbst Reinecke Fuchs,
-der in der Dämmerung durch die Riedgräser des Georgenteiches schnürt,
-wird mit lautem Geschrei und fortwährendem Anfliegen vom dortigen
-Brutpaare empfangen. Ihm liegt an dieser Aufmerksamkeit rein gar
-nichts, er schnürt eilig weiter und beantwortet die gröbsten Angriffe
-mit erfolglosem In-die-Luft-schnappen. Die Dunenjungen verstehen
-den Warnruf der Mutter: »kiebit« (d. h. drückt euch!) sehr gut und
-drücken sich fest an den Boden, daß sie fast den menschlichen Blicken
-entzogen sind. Selbst dem Kenner bereitet es Mühe, diese unscheinbaren
-Wollklümpchen aufzufinden (siehe Bild 3). Erst wenn sich der kleine
-Kerl erhebt, macht er sich durch seine weiße Halsfärbung gut sichtbar
-(Bild 4). Noch eine Überraschung! Als ich eines Tages guten Freunden
-vierzehn Tage alte Dunenjunge zeigen wollte, die ich schon öfter in
-der Hand gehabt hatte, vertrauten diese sich plötzlich dem Wasser an
-und schwammen zu unserm größten Erstaunen gewandt wie junge Enten nach
-dem zweihundert Meter entfernten jenseitigen Ufer, wo sie die besorgte
-Mutter empfing. Hier gingen sie sofort der Nahrungssuche nach, als wäre
-nichts geschehen.
-
-[Illustration: Abb. 3 =Junger Kiebitz in Schutzstellung=]
-
-Im Monat August verlassen die Brutpaare mit den flüggen Jungvögeln
-das Moritzburger Gebiet, das um diese Zeit fast kiebitzleer ist.
-Wenige Beobachtungen aus den Augusttagen liegen vor mir. Erst im
-September stellen sich große Schwärme ein. Es sind Durchzügler aus
-Skandinavien und den baltischen Ländern. Ein besonderer Genuß ist es,
-dem eigenartigen Flug eines solchen Kiebitzschwarmes, der oft bis
-zweihundert Vögel zählt, in der Herbstsonne zuzusehen (Bild 5). Bei
-eintretender Kälte machen sich auch diese Gäste auf nach dem südlichen
-Europa. Als spätesten Abzugstag notierte ich den 10. November.
-
-[Illustration: Abb. 4 =Junger Kiebitz=]
-
-Jeder Naturfreund würde es mit mir tief beklagen, wenn sich der
-Kiebitzbestand im Moritzburger Gebiet durch menschliche Eingriffe
-verminderte, und wenn wir uns nicht mehr an dem Treiben des prächtigen
-Vogels so nahe an den Toren der Großstadt erfreuen könnten. Deshalb
-sorge ein jeder, dem seine Heimat lieb und wert ist, durch Aufklärung
-und Vorbild dafür, daß Eierraub und sinnlose Schießerei im Gebiet
-aufhört. Vom Landesverein wird zum Schutz unsrer bedrängten heimischen
-Vogelwelt alles getan. Dafür ist ihm der Dank aller Naturfreunde sicher.
-
-[Illustration: Abb. 5 =Kiebitzflug über dem Großteich=]
-
-
-
-
-[Illustration: =Fällen der Sageneiche am Ölteiche zu Kohren=]
-
-
-Wenn sich, wie im vorliegenden Falle, der Herr Förster so imposant als
-Oberbaumhauer im Bilde verewigen läßt, so liegt die Frage nahe, wie
-der Mann wohl zu solch »idealer« Auffassung seines Berufes gekommen
-sein möchte. Wahrscheinlich wird ihn selbst dabei die Hauptschuld nicht
-treffen. Möge das Bild recht ausgiebig als abschreckendes Beispiel
-wirken.
-
- T.
-
-
-
-
-Die Grabentour
-
-Von _A. Klengel_
-
-Mit Aufnahmen von _Alfred Hermann Nitsche_, Dresden und _Karl Reymann_,
-Freiberg
-
-
-»Wir machen die Grabentour!« oder »Wir wandern die Grabentour
-entlang!« – Das sind in wanderfrohen Kreisen Mittelsachsens oft
-gehörte Worte. Man wählt dies Reiseziel zur Pfingstzeit, wenn Birke
-und Buche mit erstem frischen Grün sich schmücken, oder im Herbst,
-wenn verschwenderische Farbenpracht über die Wälder ausgegossen ist
-und die Kastanienbäume stolze goldene Kronen tragen; wohl auch im
-Winter, wenn weicher Schnee auf dem Walde lastet und jede Fichte in
-einen glitzernden Weihnachtsbaum verzaubert, wenn die Wasser unter dem
-Eispanzer murmeln und die Meisen leise klingelnd den Wald durchstreifen.
-
-Die Worte des Reiseplanes lassen erkennen, daß man unter der Grabentour
-sowohl die eigentliche Wanderung, als auch das Stück Heimatland selbst
-versteht, das es dabei zu durchwandern gilt. Die Landkarten verzeichnen
-als »Grabentour« nur den Oberreinsberg mit Krummenhennersdorf
-verbindenden Weg, der den Graben entlang am Hange des Bobritzschtales
-hinführt. Der wanderfrohe Naturfreund hat den Begriff im Laufe der
-Jahrzehnte erweitert, ohne ihn jedoch in eine feste Grenze zu zwängen.
-Im Norden rechnet man wohl das ganze Bobritzschtal bis zur Mündung
-des Flusses in die Mulde beim Zollhaus Bieberstein dazu und im Süden
-das Gebiet bis in den Bereich der Halsbrücker Esse. Und in der Tat!
-Eine schönere Einleitung zur eigentlichen Grabentour läßt sich kaum
-denken als die Wanderung durch das landschaftlich bevorzugte untere
-Bobritzschtal und einen würdigen Ausklang findet die Fahrt in dem
-reiche geschichtliche Erinnerungen bergenden Landstrich, dem der
-Silberbergbau das Gepräge verleiht, von dessen Höhen unser Blick
-hinüberschweift zu den Türmen des silberschweren Freiberg. Verdankt
-doch auch der Graben dem Freiberger Bergbau sein Dasein.
-
-Warum ich die Grabentour im Norden, also geographisch betrachtet, an
-ihrem Ende beginnen will? – Einmal, weil ich sie stets in dieser
-Weise unternahm, so oft mich auch der Weg seit über zwei Jahrzehnten
-dorthin führte und Tausende es in gleicher Weise tun. Zum andern, weil
-ich meinen Wanderungen stets einen Besuch der Ruinen des Klosters
-Altenzella vorausgehen ließ. An dieser denkwürdigen Kulturstätte mit
-ihrer fast tausendjährigen Geschichte habe ich mich immer mit der
-rechten Stimmung zur Wanderfahrt ausgerüstet. Das Land, das es zu
-durchwandern gilt, ist entweder uralter ehemaliger Klosterbesitz oder
-trägt doch wenigstens reiche Erinnerungen an die Zeit, da das mächtige
-Kloster Altenzella noch in Blüte stand. Und wer sich weiter hinein
-vertieft in die ältere Geschichte des zu durchwandernden Gebiets – nur
-flüchtige Andeutungen können hier gemacht werden – wird immer wieder
-auf den Namen Altenzella stoßen.
-
-[Illustration: Abb. 1 =Eingang zur Grabentour bei Krummenhennersdorf=]
-
-Beim Zollhaus Bieberstein an der Bobritzschmündung soll die Wanderung
-beginnen! Kulturgeschichtlich denkwürdiger Boden ist es, den wir
-betreten. Die alte Heerstraße Freiberg–Meißen führt vorüber und
-die Herrschaft des Rittergutes Bieberstein erhob einst hier einen
-Brückenzoll. Reger Fuhrverkehr bevölkerte in alten Tagen die wichtige
-Straße und aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges wird von wilden
-Kriegsvölkern berichtet, die hier vorüberzogen. Es ist anders geworden
-im Lande, längst hat die Eisenbahn den Verkehr an sich gezogen,
-die Straße, die über die Alt-Väterbrücke bei Freiberg führt, ist
-vereinsamt, unbekannt geworden und zum Teil verfallen. Hochauf steigt
-die Landzunge, die Mulde und Bobritzsch umschließen. Von bewaldeter
-Höhe herab grüßt das Schloß Bieberstein, ein wuchtiger Bau mit hohem
-Ziegeldach, arm an baukünstlerischem Schmuck. Um die Mitte des
-siebzehnten Jahrhunderts ist das Schloß entstanden auf und neben der
-in den Stürmen des Dreißigjährigen Krieges unwohnlich gewordenen alten
-Doppelburg Bieberstein. Die schwere Not der Zeit, die damals auf dem
-Lande lastete, mag auf schlichte, ja nüchterne Bauweise gedrungen
-haben. Unbewußt erfüllte der alte Baumeister dadurch eine Forderung
-des Heimatschutzes: Hier wo die schlichten Naturschönheiten eines
-anmutigen, stillen Tales sprechen, ist kein Raum für einen Prunkbau,
-für ein Bauwerk, dessen wechselnde Linien ein schönes Heimatbild
-zerstören, Naturschönheiten erdrücken würden. So ist jeder Mißklang
-ferngeblieben und mit Wohlgefallen ruht das Auge des Heimatfreundes
-auf dem Schloß Bieberstein, das verwachsen scheint mit den ehrwürdigen
-Baumriesen des Schloßparks, der Berghöhe und Talhang in seinen grünen
-Mantel hüllt.
-
-[Illustration: Abb. 2 =Mundloch einer Grabenrösche=]
-
-Fast so alt wie die Geschichte des Landes ist die Geschichte der
-alten Burg Bieberstein, von der freilich nur Reste der Feinde Wut und
-dem Zahn der Zeit standgehalten haben. Von Moos und Efeu umgrünte
-Turmgebäude mit tiefen, gewölbten, schaurigen Gängen, durch die die
-Sage raunt, erzählen von dem mächtigen Geschlecht der Herren von
-biuverstein, dem die Burg im zwölften Jahrhundert den Namen gab. Sie
-berichten auch von späteren Besitzern, den fehdelustigen Herren von
-Marschalk, die ihren Geschlechtsnamen nach der Burg in Marschall von
-Bieberstein ergänzten und mit dem Kloster Altenzella blutige Fehden um
-die Gerichtsbarkeit führten. Nach Teilung der Herrschaft und mehrfachem
-Besitzwechsel kam Bieberstein im Jahre 1630 an die Herren von
-Schönberg auf Reinsberg und bildete nunmehr einen Teil des sogenannten
-Schönberger Ländchens. Gotthelf Friedrich von Schönberg erbaute das
-jetzige Schloß an die Stelle der alten oberen Burg. Im Jahre 1807
-ging der Besitz durch Heirat an die Familie von Schröter über. Das
-Schloß birgt reiche Kunstschätze und mannigfache Erinnerungen aus alter
-Zeit. Als wertvollste Kleinodien erscheinen mir jedoch die herrlichen
-Ausblicke vom Altan und aus den Schloßgemächern hinab ins Bobritzschtal
-und hinaus in die Gefilde der Heimat.
-
-[Illustration: Abb. 3 =Grabentour= (Waldwiese an der Bobritzsch)]
-
-Eine prächtige Lindenallee führt vom Schloß Bieberstein hinab ins
-Tal der Bobritzsch. Gleichen Ursprung haben die Namen Bieberstein
-und Bobritzsch; sie erinnern an den Biber, den heute leider fast
-ausgestorbenen Nager, der einst am Flusse seine Burgen baute. In großer
-Zahl mag er hier vorgekommen sein, man würde sonst kaum den Fluß und
-die Burg nach ihm benannt haben. Spärlich nur fließen freilich die
-Quellen, die von seinem Dasein in alter Zeit berichten, wahrscheinlich
-hatte starke Nachstellung ihn schon frühzeitig zu einem seltenen
-Naturdenkmal gemacht.
-
-Nur eine kurze Strecke, an der Mühle mit dem Schönbergschen Wappen
-vorüber, führt der Weg talaufwärts und schon lädt eine Allee aus Linden
-und Ahorn zum Besuch des Schlosses und des einstigen »Städtleins«
-Reinsberg ein. Trotzig schaut das teilweise in den Felsen gesprengte
-alte Schloß, dessen Burgcharakter trefflich gewahrt ist, hinaus in das
-Land. Im Dunkel des Mittelalters liegt seine Gründungszeit, werden doch
-schon im Jahre 1197 Herren von Reyensberg in Altenzellaer Urkunden
-als Schiedsrichter und in andern hochangesehenen Ämtern genannt. Im
-Jahre 1377 ging der Besitz an die Herren von Schönberg über, die ihn
-heute noch ihr eigen nennen. Um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts
-erfolgte eine Teilung der Herrschaft innerhalb der Familie in Ober-
-und Niederreinsberg. Die beiden Besitzer bewohnten bis 1816 die Burg
-gemeinsam, doch räumlich getrennt und durch besondere Brücken über den
-Burggraben mit der Außenwelt verbunden.
-
-[Illustration: Abb. 4 =Grabentour= (an der Bobritzsch)]
-
-Reinsberg hat eine reiche Geschichte. Im Jahre 1632 wurde die Burg von
-den Österreichern mit stürmender Hand genommen, wobei fünf Söhne des
-Besitzers den Heldentod fanden und der Besitzer, Lorenz von Schönberg,
-selbst in der Nähe der Bobritzsch, wie heute noch ein Denkstein kündet,
-einer feindlichen Kugel zum Opfer fiel. Den bunten Wechsel der Zeiten
-trotzten die bis fünf Stock hohen Gebäude, die altertümlichen Türme
-und Erker, der Rittersaal mit der Ahnengalerie. Trefflich erhalten
-sind auch das efeuumsponnene, wappengeschmückte Burgtor und der
-tiefe Burggraben. Nesselgestrüpp und bunte Blumen bedecken heute den
-Grabengrund; Bienengesumme klingt herauf. Nur der Kuckucksruf aus
-dem nahen Wald unterbricht das große ernste Schweigen, das über dem
-wohlerhaltenen Zeugen einer andern Zeit ausgebreitet ist; Reinsbergs
-Bedeutung liegt Jahrhunderte zurück im Schoße der Vergangenheit.
-
-Der Vergessenheit gehört auch die einstige Bedeutung der Reinsberger
-Kirche als Wallfahrtsziel an. Die Kalandbrüderschaft unterhielt hier
-in alter Zeit einen Altar als Gnadenort, an dem frommen Wallfahrern
-reicher Ablaß gewährt wurde. Gewaltig war der Zuzug, bis die
-Reformation mit den Wallfahrten aufräumte. Unbewußt hält jedoch
-die Volksseele noch heute an der alten Wallfahrtsfeier fest; das
-weitbekannte und stets stark besuchte »Reinsberger Vogelschießen« ist
-daraus entstanden.
-
-Der Reinsberger Friedhof mit der Gruft der Herren von Schönberg, mit
-zahlreichen wohlerhaltenen, in vergangene Jahrhunderte zurückreichenden
-Grabmälern und Eisenkreuzen bietet reiche Anregung zu sinnigen
-Betrachtungen und ernster Forscherarbeit.
-
-In der Mitte des Dorfes, dicht am Bahnhofe, steht ein Schachtgebäude!
-Des Haldenglöckleins heller Klang schallt vom Türmchen. Ein Stollen
-läßt Wasser auf ein Radwerk fließen. Wir stehen am vierten Lichtloche
-des _Rothschönberger Stollens_ und zugleich am Ausflusse, also am Ende
-des Grabens, der der Grabentour den Namen gab. Wie ich aus Erfahrung
-weiß, kennen die meisten Grabentourwanderer den Zusammenhang zwischen
-Rothschönberger Stollen und Graben nicht, meist wird beides miteinander
-verwechselt. Auch Wanderbücher und Reisebeschreibungen lassen uns meist
-im Unklaren, obwohl die Erbauung des Stollens und die Anlegung des
-Grabens erst vor wenigen Jahrzehnten erfolgten. Der Heimatfreund wird
-es deshalb gewiß begrüßen, wenn er an dieser Stelle Ausführlicheres
-darüber erfährt.
-
-Mit dem in den Jahren 1844 bis 1877 erbauten Rothschönberger Erbstollen
-wurde ein gewaltiges Kulturwerk geschaffen, dessen Nutzen freilich
-hinter den Erwartungen zurückblieb, die man beim Baubeginn gehabt
-hatte. Obwohl mit der Einstellung des Freiberger Bergwerks der Stollen
-so gut wie bedeutungslos geworden ist, bleibt er doch für alle Zeiten
-ein gewaltiges Kulturdenkmal, dem so leicht nichts Ähnliches zur Seite
-gestellt werden kann. Daß sich die Anlage des Stollens nicht lohnte,
-ist ja auch durchaus nicht die Folge falscher Berechnung oder eines
-andern technischen Fehlers; lediglich die unter dem Drucke damaliger
-Edelmetallentwertung notwendig gewordene Einstellung des Freiberger
-Silberbergbaues nahm dem Rothschönberger Stollen seine Bedeutung,
-ehe sie recht zur Geltung gekommen war. Als man ans Werk ging, stand
-das Wertverhältnis von Gold zu Silber wie 1 : 15. Schon vor der
-Vollendung begann unter dem Einflusse der gewaltigen Silbergewinnung
-Nordamerikas der Preissturz des Silbers, der das Wertverhältnis um die
-Wende des Jahrhunderts auf 1 : 40 herabdrückte. Unter so veränderten
-Umständen vermochte auch die kunstvollste Technik und die umsichtigste
-Sparsamkeit aller Bergbau- und Verhüttungsverfahren die Freiberger
-Silbergewinnung nicht mehr lohnend zu gestalten. Sie starb dahin. Die
-unterirdische Leitung der durch den Stollen bemeisterten Gruben- und
-Aufschlagwässer ist eins der Denkmäler, das den Freiberger Bergbau
-überlebt.
-
-Was führte nun zur Anlegung des Rothschönberger Stollens? – Nach
-jahrhundertelanger Ausbeute der Freiberger Silbergruben war das
-erzhaltige Gebirge in seinen oberen Schichten in der Hauptsache
-abgebaut; es galt tiefer zu gehen. Diesem Vorhaben bereitete aber das
-Grundwasser, der Hauptfeind des Bergbaues, immer größere Hindernisse,
-je weiter man in das Berginnere eindrang. Die Bewältigung der
-Grubengewässer war in der Hauptsache auf von Wasserkräften betriebene
-maschinelle Anlagen angewiesen, die aber zur Wasserhebung aus immer
-bedeutender werdenden Tiefen nicht mehr ausreichten. Die Anwendung der
-Dampfkraft erschien zu kostspielig. Infolge dieser Hindernisse waren
-bereits verschiedene wichtige Grubenbetriebe zum Erliegen gekommen und
-anderen drohte ein langsames Dahinsiechen.
-
-[Illustration: Abb. 5 =Schloß und Kirche Reinsberg=]
-
-Den einzigen Ausweg aus diesen Schwierigkeiten sah man in der
-Anlegung eines tiefen Revierstollens, durch den das Wasser ohne
-Hebung aus den tiefsten Stellen des Bergreviers nach einem Fluß in
-der Umgebung abgeführt werden konnte. Durch eine solche Anlage konnte
-zugleich das Aufschlagwasser für die in tieferen Stellen der Gruben
-erbauten Kraftanlagen mit beseitigt werden. Die Erbauung derartiger
-Wasserabführungsstollen war nicht neu. Wie andre Grubenreviere, so
-besaß auch Freiberg bereits eine größere Anzahl, doch reichten sie
-wegen ihrer geringen Tiefe zur Wasserbewältigung nicht aus.
-
-Im Jahre 1838 trat nun Oberberghauptmann von Herder mit einem ebenso
-gewaltigen wie genialen Plan an die Öffentlichkeit. Er schlug den
-sogenannten »Meißner Stollen« vor, der das Wasser durch einen
-dreiundzwanzig Kilometer langen und ungefähr hundertdreiundachtzig
-Meter unter dem tiefsten Freiberger Bergwerk zu liegen kommenden Abfluß
-nach der Elbe bei Meißen leiten sollte. Der Plan ist zwar unausgeführt
-geblieben, doch fußte auf ihm das Projekt des später vom Bergmeister
-von Weißenbach entworfenen Rothschönberger Stollens, der 1844 begonnen
-und 1877 vollendet wurde. Der Hauptstollen mündet bei Rothschönberg
-in das Triebischtal und wurde in dreizehntausendneunhundert Meter
-Länge bis an den Halsbrücker Spatgang, vierundneunzig Meter unter
-den tiefsten dortigen Stollen, den Anna-Stollen, geführt. Nach
-Anschluß aller Flügelstollen erhielt das gewaltige unterirdische
-Wasserwerk später eine Gesamtlänge von einundachtzigtausend Metern.
-Der Hauptstollen wurde von acht Lichtlöchern aus erbaut, die je
-nach der Höhenlage des durchbrochenen Gebirges eine Tiefe von
-dreiundfünfzig bis hundertfünfundfünfzig Metern besitzen. Zwischen
-dem Mundloch bei Rothschönberg und dem siebenten Lichtloch bei
-Halsbrücke hat der Stollen bei drei Meter Höhe eine Breite von zwei
-Meter fünfzig Zentimeter und weiter aufwärts bei gleicher Höhe eine
-Breite von einem Meter fünfzig Zentimeter. Letzteres Maß haben auch
-die Stollenhauptflügel im Innern des Freiberger Reviers. Der gewaltige
-Stollen kann demnach bequem mit einem Kahne durchfahren werden.
-Wir stehen hier in Reinsberg am vierten Lichtloch, unter dem in
-vierundachtzig Meter Tiefe der Rothschönberger Stollen die Freiberger
-Grubenwässer zur Triebisch führt, die sie wieder bei Meißen in die Elbe
-leitet.
-
-Die Kosten des Stollens in Höhe von
-siebenmillionenhundertsechsundachtzigtausendsechshundertsiebenundneunzig
-Mark dreiundvierzig Pfennige überschritten den Anschlag um
-neunundsiebzig Prozent, was bei der Länge der Bauzeit und bei den
-mannigfachen und großen Schwierigkeiten, die sich der Vollendung
-entgegenstellten, durchaus nicht verwunderlich ist. Die Geschichte des
-Stollenbaues bietet ein Bild deutscher Gründlichkeit, zähester Ausdauer
-und hoher technischer Leistungsfähigkeit. Wer je an Deutschlands
-Schaffenskraft zweifeln wollte, dem sei ein Studium der Baugeschichte
-des Rothschönberger Stollens empfohlen; er wird sicher eines besseren
-belehrt werden.
-
-Aus der Bauzeit des Rothschönberger Stollens stammt auch der
-Graben, die Wasserkunst, welche der Grabentour den Namen gegeben
-hat. An den einzelnen Lichtlöchern wurden die Förderarbeiten durch
-Dampfkunstgezeuge und Dampfgöpel ausgeführt. Nur am vierten Lichtloch
-in Reinsberg nahm man ein Radkunstgezeug und einen Kehrradgöpel und am
-fünften Lichtloch im Bobritzschtale zwei vertikale (Schwamkrug’sche)
-Turbinen zum Betriebe der Wasserhebungs-, Wetter- und Fördermaschinen
-zu Hilfe. Das nötige Aufschlagwasser wurde unterhalb Krummenhennersdorf
-aus der Bobritzsch entnommen und den Betriebsstellen durch eine
-dreitausendfünfhundertsiebenundfünfzig Meter lange Leitung, _den
-Graben an der Grabentour_, zugeführt. Die Wasserführung ist auf
-eintausendsechshundertzweiundfünfzig Meter als offener Graben und auf
-eintausendneunhundertundfünf Meter als unterirdische Rösche angelegt.
-Mit dem eigentlichen Rothschönberger Stollen hat also der Graben heute
-nichts mehr zu tun, wiewohl dies vielfach angenommen wird. Er war
-lediglich ein Hilfsmittel bei seiner Erbauung und ist heute ein Denkmal
-großzügigen Bergbauunternehmens.
-
-[Illustration: Abb. 6 =Schloß Reinsberg=]
-
-Das Dorf Reinsberg verlassend, führt uns der Weg an der alten
-kursächsischen Postmeilensäule vorüber dem Walde und der Grabentour
-im engeren Sinne zu. Aus Inschriften ist zu ersehen, daß wir uns
-auf Oberreinsberger Forstrevier befinden und daß der Graben der
-Betriebsdirektion der staatlichen Grube Himmelfahrt zu Freiberg
-untersteht.
-
-Wir kennen mancherlei ausgedehnte Wasserkunstanlagen, Floßgräben usw.
-im lieben Sachsenlande. Jede Anlage hat ihre Eigentümlichkeiten, ihre
-besonderen Reize für den Wandrer, der an ihrem Ufer streift. Unser
-Graben ist dadurch merkwürdig und besonders anziehend, daß er nur zum
-Teil im offenen Bett dahinfließt. Fünfmal wird das Wasser vom Felsen
-verschlungen und durch Tunnel geleitet. Dazu kommt seine herrliche
-Waldumgebung und die malerische Lage hoch am Hange des Bobritzschtals.
-Der Weg am Graben hin bietet dem Wandrer Bilder einzigartiger
-Naturschönheit; anmutige friedliche Waldblicke wechseln ab mit Bildern
-voll wildromantischer Wucht. Unberührte Natur und Menschenwerk einen
-sich harmonisch.
-
-Bald nach dem Eintritt in den Wald kommen wir an die erste offene
-Grabenstelle. Etwa dreihundert Meter weit plätschert das klare Wasser,
-um im ersten Tunnel zu verschwinden und durch den Berg dem Reinsberger
-Lichtloch zuzufließen. Ein schroffer Felsvorsprung schiebt sich nun ins
-Tal, vom zweiten Grabentunnel durchzogen. Wohl dreißig Meter tief im
-Grunde braust die Bobritzsch hin, von gewaltigen Fichten beschattet.
-Ein neues schöneres Bild tut sich hinter dem Felsen auf; wir kommen
-wieder an den offenen Graben. Ein Felsriegel ist durchschnitten für
-das Grabenbett. So geht es weiter im bunten Wechsel. Über eine alte
-Berghalde führt der Weg, Sedum begrünt den Schutt und im Schatten
-von Linden und Eschen laden Bänke zu kurzer Rast ein. Auch hier ein
-herrlicher Blick hinab ins Bobritzschtal, hinüber in den schönen Wald.
-Die Halde und ein Wehr am Graben erinnern an den Bau des fünften
-Lichtloches des Rothschönberger Stollens, das einst hier in die Tiefe
-führte. Es ist heute zugewölbt und verschüttet. Der Fußweg senkt sich
-hinab zur Bobritzsch, auf schmalem Pfade geht die Wanderung weiter,
-oben am Berge fließt der Graben. Dort, wo er zum viertenmal in den
-Felsen verschwindet, ist sein Geburtszeugnis eingemeißelt:
-
- Ausgeführt 18 ~L~ 44/~C~ 46
- durch
- Ob. Ef. ~E. v. W.~
- Ostg. ~A. J.~
- Mstg. ~G. B.~
-
-Die Namen des Bauleiters Oberbergrat von Warnsdorff, des Obersteigers
-Jobst und des Maschinensteigers sind hier verewigt. In nur drei Jahre
-fällt also die Bauzeit des Grabens; wahrlich eine beachtliche Leistung!
-
-Noch manches herrliche Bild landschaftlicher Schönheit zieht vor unserm
-Auge vorüber. Dort gähnt eine dunkle Felshöhle, hier liegt am Ufer der
-Bobritzsch eine kleine blumenübersäte Wiese, umrahmt von hohen Fichten.
-Jungwald zieht sich zum Gipfel des Berghanges empor und dort, wo die
-Sonne ungehindert durch Bäume in den Graben scheint, spielen Scharen
-kleiner Fische im blanken Wasser.
-
-Viel zu früh für den wanderfrohen Heimatfreund tritt der Wald zurück
-und bald tauchen die ersten Häuser von Krummenhennersdorf auf. Wir sind
-am Ende der Grabenwanderung angelangt! Oberhalb des »Gasthauses zur
-Grabentour« liegt das Wehr, welches das Bobritzschwasser in den Graben
-leitet. Wir verlassen die Bobritzsch auf hoher Brücke und biegen in
-das Seitental ein, in dem der eigentliche alte Ort Krummenhennersdorf
-liegt.
-
-Krummenhennersdorf – heute kaum genannt, oder höchstens bekannt als
-Ausgangs- oder Endpunkt der Grabentour, und doch hat Klio den Namen
-mehrfach eingezeichnet in die Annalen der sächsischen Geschichte.
-Zu der Zeit, als man Freiberg erbaute, mag auch Krummenhennersdorf
-mit andern Bergbaudörfern der Umgebung entstanden sein. Ursprünglich
-nach seinem Gründer Hinrichsdorf, also Heinrichsdorf genannt,
-erhielt der Ort später wegen seiner Lage am gebogenen, krummen
-Laufe des ihn durchfließenden Baches und zum Unterschiede vom nahen
-Langhennersdorf seinen heutigen, etwas merkwürdig anmutenden Namen.
-Vor über siebenhundert Jahren wird Krummenhennersdorf erstmals in
-der sächsischen Landesgeschichte erwähnt, in den Tagen, da deutsche
-Fürsten harte Fehden unter einander und gegen den Kaiser ausfochten.
-Im Juni 1195 endete hier das kampfesfrohe Leben des ritterlichen
-Meißner Markgrafen Albrecht des Stolzen. Er wurde, wie wenige Tage
-später auch seine Gemahlin, die schöne Sophie von Böhmen, nach der
-Inschrift in der Grufthalle zu Altenzella »~veneno sublati~«, durch
-Gift hinweggenommen. Völlig geklärt ist das trübe Geschehnis nicht; die
-Chronisten berichten, Kaiser Heinrich VI. sei der Anstifter zu diesem
-Morde gewesen, da ihm daran gelegen war, den kampfeslustigen und ihn
-selbst wiederholt befehdenden Fürsten zu beseitigen. Vielleicht fand
-der Kaiser willige Helfer in Altenzella, lud doch Markgraf Albrecht den
-Haß des Klosters auf sich, als er einen Teil der Schätze einzog, mit
-denen sein Vater Otto der Reiche das junge, von ihm begründete Kloster
-in verschwenderischer Weise ausgestattet hatte. Es wird überliefert,
-eine gedungene Kreatur des Kaisers habe dem Fürsten in Freiberg den
-Todestrunk gereicht; auf der Reise nach Meißen erkrankte Albrecht
-und in der Mühle zu Krummenhennersdorf hauchte er sein Leben aus.
-Irgendwelche sichtbare Zeichen, die das Gedächtnis an dieses Drama in
-der Mark Meißen alten Tagen wachhalten, sind nicht zu finden und wohl
-auch kaum vorhanden gewesen. Im Jahre 1910 ist die wahrscheinlich im
-Laufe der Jahrhunderte schon mehrmals erneuerte Mühle niedergebrannt;
-ein stattlicher Neubau in schmucker heimatlicher Bauweise ist dafür
-erstanden. Der eben aus der Bobritzsch abgeleitete Graben liefert der
-Mühle die Wasserkraft.
-
-Noch eine andre geschichtliche Erinnerung birgt Krummenhennersdorf.
-In der Ortsmitte, hoch auf dem Berge liegt neben der neuen Kirche das
-uralte Rittergut, einst ein Besitztum Altenzellas. Hierher übersiedelte
-im Jahre 1545 der letzte, der einundvierzigste Abt des Klosters,
-Andreas Schmiedewalt, als die Macht des reichen und in seinem Besitz
-einem kleinen Fürstentum gleichenden Klosters Altenzella in den Stürmen
-der Reformation zusammenbrach. Aus dem Klostergewaltigen war ein
-schlichter Pächter geworden, der mit seinem Schicksal ausgesöhnt hier
-hochbetagt im Jahre 1586 starb. Er war friedliebend und glich nicht im
-entferntesten seinem Vorgänger, dem kampfeslustigen und wortgewandten
-Abte Martin, der unter dem Schutze des Landesherrn Georg des Bärtigen
-den Siegeslauf der Lehre Luthers aufzuhalten suchte. Manch kräftig
-Wörtlein wurde gewechselt von hüben und drüben. Am bekanntesten
-geworden ist davon wohl des Abtes Flugschrift aus dem stillen
-Altenzella: »Wider das wildgeyfernde Eberschwein, Marten Luthern, so
-mit seinem Riesel umzustossen sucht die Canonisation S. Bennonis,
-Bischofs zu Meißen.«
-
-[Illustration: Abb. 7 =Schloß Bieberstein=]
-
-Das Andenken an Andreas wurde etwas getrübt, als sich später
-herausstellte, daß er einen Teil der Klosterschätze und goldenen
-Kleinodien beiseite geschafft und der Sequestierung entzogen hatte.
-Freilich ist nie aufgeklärt worden, ob der sonst so gewissenhafte Abt
-sich damit einen Notpfennig für sein Alter sichern wollte, oder ob er
-in der Hoffnung lebte, das Land werde wieder katholisch werden und sein
-Kloster in neuem Glanze erstehen. Sagen von vergrabenen Schätzen, die
-sich gern um verfallenes Klostergemäuer ranken, wurde damit auf recht
-realistische Weise der Nährboden geraubt.
-
-[Illustration: Abb. 8 =Kirche zu Bieberstein=]
-
-Frühlingssonnenglanz lag auf der Landschaft, als ich die Höhe erstiegen
-hatte, und nun, an blühenden Kastanien vorüber, durch die gewölbte
-Toreinfahrt eintrat in den weiten, von Linden beschatteten Hof des
-alten Klosterguts Krummenhennersdorf. Ein Bild des Friedens bot sich
-meinem Auge, Schwalben umzwitscherten die von wildem Wein umrankten
-Gebäude, die von Efeu dicht übersponnenen altersgrauen Mauern und aus
-dem malerischen Taubenhaus in der Mitte des Hofes klang vielstimmiges
-Gurren. Kein andrer Laut störte die klösterliche Stille. So mag’s auch
-einst gewesen sein, als Abt Andreas hier seine Tage verlebte. An den
-Gutshof grenzt der sehr große und heute noch wohlgepflegte Park. Eine
-hohe Mauer umgibt ihn, ein Anklang an die gewaltige Mauer, welche das
-Kloster Altenzella von der Außenwelt abschloß.
-
-Nach kurzer Wanderung erreichen wir die hohe Esse und blicken hinab
-auf die rußgeschwärzte Halsbrücker Hütte. Noch einmal taucht die
-Erinnerung auf an den Rothschönberger Stollen; dicht bei der Esse
-steht ein kleines Schachtgebäude, unter dem das siebente Lichtloch
-hundertdreiundzwanzig Meter tief auf die Stollensohle führt. Und nun
-geht unsre Fahrt weiter auf Freiberg zu; wir schlagen den Fußweg über
-»Herders Ruhe« ein und besuchen die denkwürdige Stätte, wo unter einer
-Berghalde »der Knappen treuester Freund«, der Oberberghauptmann von
-Herder seine letzte Schicht verfährt. Auch uns war er heute ein Freund
-und eine herrliche Wanderfahrt hat er uns beschieden. Herders genialer
-Geist hat den Plan zu der gewaltigen Grubenwasserabführung erdacht,
-aus dem der Rothschönberger Stollen und der Graben an der Grabentour
-hervorgegangen sind.
-
-
-
-
-Sächsische »Schweiz«?
-
-Von ~Dr.~ _Kurt Schumann_
-
-
-Gelegentlich der Ausstellung der Gilde vom Berge: Das sächsische
-Felsengebirge in Literatur, Bild und Kartographie im Japanischen Palais
-in Dresden ist wieder einmal der Streit um den Namen des bekanntesten
-sächsischen Gebirges entbrannt. ~Dr.~ Kuhfahl, der bekannte
-Bergsteiger, Photograph und Steinkreuzforscher schreibt im Dresdner
-Anzeiger im Anschluß an eine Besprechung der genannten Ausstellung:
-»Mit der richtigen Würdigung dieses Gebirgscharakters taucht aber in
-denkenden Köpfen gleichzeitig eine Art Beschämung darüber auf, daß
-der Name für diese heimatliche Felsenwildnis in denkbar läppischster
-Weise aus hochalpinen Verhältnissen herbeigezogen worden ist, mit denen
-er auch nicht die allergeringsten Vergleichspunkte besitzt. Das Wort
-»Sächsische Schweiz«, das jedem Alpenkenner als eine Herabwürdigung der
-Heimat erscheinen muß, hat sich seit 1780 gedankenlos fortgepflanzt und
-selbst in wissenschaftlichen Werken hier und da Eingang gefunden. Der
-Ausdruck Elbsandsteingebirge besitzt keine Volkstümlichkeit, und wenn
-die Gilde vom Berge heute ihre Ausstellung Sächsisches Felsengebirge
-betitelt, so ist sie sich gleichfalls bewußt, daß dies noch nicht die
-erwünschte Lösung der Namenfrage bedeutet.« Deshalb regt ~Dr.~ Kuhfahl
-an, man möge sich, wie schon vor Jahren gelegentlich eines von einer
-Zeitschrift ausgeschriebenen Wettbewerbs, mit dieser Frage befassen und
-nach einem treffenden, knappen und klangvollen Namen suchen.
-
-Zunächst eine kleine Richtigstellung, die für unsre weiteren
-Darlegungen nicht ohne Bedeutung ist: Der Name »Sächsische Schweiz«
-hat nicht selbst in wissenschaftlichen Werken hier und da Eingang
-gefunden, sondern wird seit Jahrzehnten beinahe ausnahmslos von allen
-Wissenschaftlern und vor allem von den Geographen gebraucht. Als Beleg
-nur die Verfassernamen der mir gerade zugänglichen Werke, in denen
-er an hervorragender Stelle gebraucht wird: Beck, Freiberg; Beyer,
-Dresden; Hettner, Heidelberg; Ruge, Dresden; Stübler, Bautzen; Berg,
-Göttingen; Machatschek, Prag; Weicker, Dresden; Meiche, Dresden;
-Schmaler, Dresden; Philippson, Bonn; Partsch, Leipzig; Koßmat, Leipzig;
-Pietzsch, Leipzig usw. Besonders stutzig muß uns die Tatsache machen,
-daß es ein geborener Dresdner, der jetzige Ordinarius für Geographie
-in Heidelberg, _A. Hettner_, war, der mit seinem klassischen Werk über
-den _Gebirgsbau_ und die _Oberflächengestaltung_ der _Sächsischen
-Schweiz_ das Wort in die wissenschaftliche Literatur einführte.
-Man kann wohl kaum annehmen, daß bei ihm wie bei all den genannten
-Geographen, Geologen, Historikern und Heimatforschern, denen man das
-Attribut denkende Köpfe kaum verweigern dürfte, reine Gedankenlosigkeit
-die Ursache zu diesem Brauche war. Schmaler schreibt in seiner
-trefflichen Landeskunde von Sachsen: »Der Geologe wird die Bezeichnung
-Elbsandsteingebirge lieber anwenden als den Begriff Sächsische Schweiz.
-Jedoch hat sich dieser so _allgemein eingebürgert_, daß ihn heute auch
-die wissenschaftliche Geographie braucht. Es ist darum zwecklos, über
-seine Berechtigung zu streiten. Interessant ist es, daß er in der
-Zeit der Aufschließung des Gebirges für den Reiseverkehr auch von den
-bekannten Schweizer Malern Adrian Zingg und Anton Graff angewendet
-worden ist.«
-
-Ich glaube, wir kommen nicht um die Notwendigkeit herum, dem was
-Schmaler sagt, zuzustimmen. Es ist auch bei den Verfechtern dieses
-Namens kein Zweifel darüber, daß es wenige Gebirge gibt, die in
-Gesteinsaufbau und Oberflächenform weniger Ähnlichkeit mit den
-Schweizer Alpen haben, als die Sächsische Schweiz. Die Kardinalfrage
-bei der ganzen Erörterung ist deshalb: Wollten diejenigen, die zuerst
-diesen Namen brauchten, und wollen alle die, die ihn heute in Schrift
-und Wort anwenden, überhaupt einen Vergleich zwischen den Alpen und
-unserm »Salongebirge«, wie es Ruge scherzhaft, wenn auch nicht für alle
-Teile zutreffend genannt hat, ziehen? Diese Frage aber muß unbedingt
-verneint werden. Wer heute Sonntags »in die Schweiz fährt«, um zu
-wandern oder zu klettern, um zu botanisieren oder Leitfossilien zu
-sammeln, um die Spuren alter Raubnester zu suchen oder sich im Schatten
-der Kiefern im Angesicht einer erhabenen Landschaft philosophischen
-Spekulationen oder dichterischen Träumen hinzugeben, denkt nicht
-im entferntesten an das für die meisten nicht erst seit dem Kriege
-unerreichbare Gebiet der Berner oder Walliser Alpen, und wäre er
-gleich am Vorabend erst im Tell oder einer Filmvorführung gewesen,
-die ihm die ganze Herrlichkeit dieser Landschaften vor Auge und Seele
-stellte. Ebensowenig wie sich der Schüler, der morgens ins Gymnasium
-geht, des Gegensatzes bewußt ist, der zwischen der Anstalt, die also
-bezeichnet wird und ihrem Vorbild besteht, denkt der Schweizfahrer an
-das Land, das – man ist versucht zu sagen »zufällig« – denselben
-Namen trägt wie sein geliebtes Felsengebirge. Es verbinden sich
-einfach mit dem _Wortklang_ nicht nur für den Dresdner, sondern für
-jeden, der die besondere Schönheit dieses Gebirges genossen hat, so
-starke Gefühlswerte, daß er den Namen ebensowenig missen möchte, wie
-den der Frauenkirche, des Zwingers oder der im Volksmund auch in der
-Zeit des albernsten Byzantinismus nie ausgestorbenen Augustusbrücke.
-Als mir neulich eine Kollegin erzählte, sie sei am Sonntag im
-Elbsandsteingebirge gewesen, lief mir ein kalter Schauer den Rücken
-hinunter, und mit dem Sächsischen Felsengebirge geht es mir nicht viel
-besser. Am wärmsten klingt noch Meißner Hochland, aber auch nur dem,
-der unter der Schwelle des Bewußtseins die ganze sächsische Geschichte
-liegen hat. Die weiteren Folgen einer Namensänderung will ich hier
-nicht ausmalen. Nur die bescheidene Frage: Wem wäre es nicht komisch
-zu Mute, wenn er von Ostern ab statt mit dem Schweizzuge mit dem
-Felsengebirgs- oder Elbgebirgszuge nach Schöna fahren und anschließend
-eine Meißner Hochlandstour unternehmen sollte?
-
-Und wer doch beim Klange des Wortes Schweiz es nicht lassen kann,
-nach den Gletschern des Engadin und den Firnspitzen von Zermatt einen
-ängstlichen Blick zu werfen, den werden vielleicht die folgenden Worte
-beruhigen, die ich in einem Wegweiser durch die Gegend um Dresden im
-Jahre 1804, als man sich auch schon einmal nach neuen Namen den Kopf
-zerbrach, fand, und mit denen ich meine Verteidigung der »Sächsischen
-Schweiz«, deren ragende Steine schon mein Söhnlein vom Landgraben aus
-mit dem Jubelruf grüßt: »Water, die Weiz! die Weiz!!«, schließen: »Doch
-das Gebirge heiße, wie es wolle, es ist unendlich malerisch. Alle
-Kontraste des Großen und Gefälligen, des Wunderbaren und Schönen, des
-Kühnen und Leichten, des Grausenden und Sanften sind mit romantischer
-Mannigfaltigkeit an den triumphierenden Lauf des Elbstroms gefesselt,
-und Schweizer, die hier weder ein Haslital noch die Spitzen der
-Jungfrau und des Finsteraarhorns fanden, die hier keinen Kuhreigen
-hörten und keinem Gemsenjäger begegneten, wurden dem allen ungeachtet
-von dem wunderbaren Charakter der Landschaft ergriffen und mit
-magischer Gewalt in die ferne Welt ihrer geliebten Heimat versetzt.«
-
-
-
-
-Bücherbesprechung
-
-
-»=Das Deutsche Haus=« von Paul Ehmig, 3. Band – 5. und 6. Buch
-– ist soeben bei Ernst Wasmuth, Berlin, erschienen. Somit ist in
-glücklichster Weise dieses großzügig angelegte Werk zum Abschluß
-gebracht worden. Die künstlerischen Bedingungen des deutschen
-Hauses, Anlage, Aufbau, Hauskörper, Innenraum und Garten werden
-in tiefgründiger Weise vom Standpunkte des schaffenden Künstlers
-behandelt. Der dritte Band ist ebenso wie seine Vorgänger hervorragend
-ausgestattet und mit 131 wertvollen Abbildungen illustriert. Wir
-empfehlen allen Baulustigen wie Freunden der nationalen künstlerischen
-Kultur das Buch aufs wärmste, aber auch den Jüngern der Baukunst.
-Ist es doch frei von der in technischen Gebieten allzu üblichen
-schematischen Behandlung der Aufgaben, betont es doch immer
-wieder die Notwendigkeit, die Erfahrungen der Alten zu benützen
-und die Bedürfnisse aus ihnen zu entwickeln. Alles in allem eine
-bedeutsame Weiterentwicklung der in den letzten Jahren erschienenen
-Veröffentlichungen ähnlichen Charakters –, auf die vom Deutschen Bund
-Heimatschutz herausgegebenen Grundlagen für das Bauen in Stadt und Land
-von Steinmetz, Berlin, und die sechs Bücher vom Bauen Ostendorfs sei
-hierbei hingewiesen. –
-
-Daß dem Siedelungsproblem, Reihenhaus und Bebauungsplan umfangreiche
-Teile des Buches gewidmet sind, mag hervorgehoben werden, aber auch,
-daß die künstlerische Gestaltung des Hausinneren in Verbindung mit
-den Gartenräumen unter Beibringung schönen Abbildungsmaterials mit
-besonderer Liebe behandelt ist.
-
- Paul Goldhardt
-
- Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt –
- Druck: Lehmannsche Buchdruckerei
-
- Klischees von Römmler & Jonas, sämtlich in Dresden
-
-
-
-
-An unsre geschätzten Mitglieder!
-
-
-Die immer weitere Zunahme unsrer Mitglieder, der Aufschwung
-unsrer Bewegung macht eine vollständige Umorganisation unsrer
-Mitglieder-Kartothek notwendig. Dabei werden nach Möglichkeit alle
-die Wünsche berücksichtigt, die uns seitens unsrer Mitglieder zur
-Geschäftsvereinfachung und zur Erzielung von Ersparnissen mitgeteilt
-wurden.
-
-Der =jetzige= Versand unsrer Mitteilungen erfolgt noch auf Grund unsrer
-alten Kartothek, und da die Briefumschläge seit Wochen geschrieben
-sind, ist in vielen Fällen die neue Anschrift, die uns in den letzten
-Monaten mitgeteilt wurde, noch nicht berücksichtigt worden.
-
-Um bei der Neuordnung unsrer Geschäftsführung auch nach Möglichkeit
-alle veränderten Anschriften berücksichtigen zu können, bitten wir
-unsre geschätzten Mitglieder, uns die jetzige und frühere Anschrift
-dann mitzuteilen, wenn die Anschrift auf dem Briefumschlag, in dem
-dieses Heft versandt wurde, nicht mehr stimmt.
-
-Jede Neuorganisation und Umänderung von Geschäftseinrichtungen
-bringt Versehen und Unstimmigkeiten naturgemäß mit sich. Wir bitten
-daher in den kommenden Wochen und Monaten – denn die vollständige
-Neueinrichtung unsrer Kartothek wird bei dem umfangreichen
-Mitgliederbestand diese Zeit erfordern – um freundliche Nachsicht.
-
-Wir danken allen, die uns durch Ratschläge bisher unterstützt haben;
-wir ersehen daraus die Liebe zu unsrem Verein, das Interesse an dem
-weiteren Heranwachsen unsrer Bewegung zum Wohle des letzten Schatzes,
-der uns blieb: zum Wohle unsrer geliebten Heimat.
-
-
-Landesverein Sächsischer Heimatschutz
-
-März 1923
-
-
-
-
-Einbanddecken in Leinen
-
-
- Einzelbände M. 3000.--
- Doppelbände M. 3500.--
-
-
-Heimatbücherei des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz
-
- Band I (2. Auflage): _Gerhard Platz_ »Vom Wandern und Weilen im
- Heimatland«
-
- M. 7500.--
-
- Band II. _Max Zeibig_ »Bunte Gassen, helle Straßen«
-
- M. 4000.--
-
- Band III. _Edgar Hahnewald_ »Sächsische Landschaften«
-
- M. 6000.--
-
- Bestellkarte in diesem Heft
-
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-Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-A.
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-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LANDESVEREIN SÄCHSISCHER
-HEIMATSCHUTZ -- MITTEILUNGEN BAND XII, HEFT 1-3 ***
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-<body>
-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<p style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of <span lang='de' xml:lang='de'>Landesverein Sächsischer Heimatschutz -- Mitteilungen Band XII, Heft 1-3</span>, by Landesverein Sächsischer Heimatschutz</p>
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
-at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you
-are not located in the United States, you will have to check the laws of the
-country where you are located before using this eBook.
-</div>
-</div>
-
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: <span lang='de' xml:lang='de'>Landesverein Sächsischer Heimatschutz -- Mitteilungen Band XII, Heft 1-3</span></p>
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Landesverein Sächsischer Heimatschutz</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Release Date: December 15, 2022 [eBook #69548]</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Language: German</p>
- <p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em; text-align:left'>Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</p>
-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>LANDESVEREIN SÄCHSISCHER HEIMATSCHUTZ -- MITTEILUNGEN BAND XII, HEFT 1-3</span> ***</div>
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.
-Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.
-</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.</p>
-</div>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="cover">
- <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="Cover" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">Landesverein Sächsischer
-Heimatschutz</p>
-<p class="center larger">Dresden</p>
-
-<h1>Mitteilungen<br />
-Heft<br />
-1 bis 3</h1>
-
-<p class="center larger">Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege</p>
-
-<p class="h2">Band XII</p>
-
-<p class="blockquot noind"><em class="gesperrt">Inhalt</em>:
-<a href="#Im_Zauber_des_Erzgebirges">Im Zauber des Erzgebirges</a> –
-<a href="#Kurt_Arnold_Findeisen">Kurt Arnold Findeisen</a> –
-<a href="#Auf_der_Schwelle_des_Erzgebirges">Auf der Schwelle des Erzgebirges</a> –
-<a href="#Der_Vielfra_in_Sachsen">Der Vielfraß in Sachsen</a> –
-<a href="#Der_Wanderfalke_in_Sachsen">Der Wanderfalke in Sachsen</a> –
-<a href="#In_der_Zeit_der_schweren_Not">In der Zeit der schweren Not</a> –
-<a href="#Hiddensee_die_Insel_der_Heimatsehnsucht">Hiddensee, die Insel der Heimatsehnsucht</a> –
-<a href="#Unsre_Elbvoegel_einst_und_jetzt">Unsre Elbvögel, einst und jetzt!</a> –
-<a href="#Der_Kiebitz_als_Brutvogel_im_Moritzburger_Gebiet">Der Kiebitz als Brutvogel im Moritzburger Gebiet</a> –
-<a href="#Faellen_der_Sageneiche">Die Sageneiche am Ölteiche zu Kohren</a> –
-<a href="#Die_Grabentour">Die Grabentour</a> –
-<a href="#Saechsische_Schweiz">Sächsische »Schweiz«?</a> –
-<a href="#Buecherbesprechung">Bücherbesprechung</a></p>
-
-<p class="noind">Einzelpreis dieses Heftes M. 2500.—, Bezugspreis für einen Band (aus 12 Nummern
-bestehend) M. 9000.—, für Behörden und Büchereien M. 5000.—. Mitglieder erhalten
-die Mitteilungen kostenlos, <em class="gesperrt u">Mindest</em>monatsbeitrag M. 300.—, freiwillige Einschätzung
-erbeten</p>
-
-<p class="center p2">Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24</p>
-
-<div class="smaller p2">
-<div class="bleft">
-Postscheckkonto: Leipzig 13987, Dresden 15835
-</div>
-<div class="bright right">
-Stadtgirokasse Dresden 610
-</div>
-<p class="center">Bankkonto: Commerz- und Privatbank, Abteilung Pirnaischer Platz, Dresden</p>
-</div>
-<p class="center p2">Dresden 1923
-</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="An_unsre_geehrten_Mitglieder">An unsre geehrten Mitglieder!</h2>
-</div>
-
-<p>In den letzten Tagen haben wir um Einsendung eines Notbeitrages
-von 1000 M. für Einzelmitglieder, 5000 M. für körperschaftliche Mitglieder
-gebeten, und wir haben so viel ansehnliche Beträge aus freiem
-Ermessen erhalten, daß wir die feste Zuversicht haben, daß, wenn alle
-noch ausstehenden Beiträge eingehen, wir in der Lage sein werden, den
-Verein und seine Werke durchzuhalten. <span class="u">Die vielen Einsendungen, die
-noch ausstehen, müssen aber unter allen Umständen eingehen, und deshalb
-bitten wir alle diejenigen, die unsrer Bitte noch nicht nachgekommen sind,
-dies umgehend zu tun und zur Einsendung die Zahlkarte zu benutzen,
-die unsrem Rundschreiben beilag, das wir in den letzten Tagen des
-Februar an alle unsre Mitglieder versandten.</span></p>
-
-<p>Aus dem vorliegenden Heft bitten wir zu entnehmen, daß es ohne
-die geringste Einschränkung in der alten Ausstattung, wie unsre Hefte
-seit 1908 erscheinen, hergestellt worden ist. Auch daraus bitten wir
-unsre verehrten Mitarbeiter, Mitglieder und Freunde zu ersehen,
-daß unsre Hoffnungen auf das Durchhalten unsres Vereins nicht
-trügerisch sind, sondern daß bei uns nicht nur der feste Wille dazu
-besteht, sondern auch die sicheren, wohldurchdachten und berechneten
-Grundlagen vorhanden sind, das gesteckte Ziel zu erreichen.</p>
-
-<p>Wir bitten, die beiden letzten Umschlagseiten dieses Heftes zu
-beachten und uns im weiteren Kampf um das Bestehen des Vereins
-zum Besten von Heimat und Volk nicht im Stich zu lassen. Wir
-danken aufrichtig und herzlich für alle Mitarbeit, für alle Hilfe; der
-schönste Dank ist das Durchhalten der Bewegung, des Vereins in
-schwerster Zeit.</p>
-
-<p class="center">
-Mit deutschem Gruß!</p>
-<p class="h2">Landesverein Sächsischer Heimatschutz</p>
-<div>
-<div class="bleft center">
-<b>O. Seyffert</b>,<br />
-Hofrat, Professor</div>
-<div class="bright center">
-<b>Michael</b>,<br />
-Oberregierungsrat</div>
-</div>
-<p class="center p2">März 1923
-</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[1]</span></p>
-
-<div>
-<div class="bleft">
-Band XII, Heft 1/3
-</div>
-<div class="bright right">
-1923</div>
-</div>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-003">
- <img class="w100" src="images/illu-003.jpg" alt="Landesverein Sächsischer
-Heimatschutz" />
-</div>
-
-<p class="center">Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern herausgegeben</p>
-
-<p class="center">Abgeschlossen am 1. Februar 1923</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Im_Zauber_des_Erzgebirges">Im Zauber des Erzgebirges</h2>
-</div>
-
-<p class="center">Von <em class="gesperrt">Hans Hänig</em> (Wurzen)</p>
-
-<p>Worin besteht eigentlich der Zauber des Erzgebirges?</p>
-
-<p>Ich habe es seit länger als zwei Jahrzehnten nach allen Richtungen durchstreift,
-ich bin auf tausend Pfaden gegangen, an denen die große Menge achtlos
-vorbeigeht und habe einsame Bäche in ihrem Laufe verfolgt, die in irgendeinem
-Winkel des Hochwaldes ihren Ursprung nehmen. Ich habe beinahe auf allen
-Hochwarten gestanden, die das Gebirge aufzuweisen hat, und immer hat es mir
-wieder Neues und Seltsames geboten. Es muß wohl die Menschenseele sein, die
-hier in den Höhen und Tiefen der Landschaft ihre Geheimnisse wiederfindet.</p>
-
-<p>Seitdem ich das erstemal auf einer Höhe des Gebirges stand, um die Blicke
-nach dem Wogen von Bergen und Tälern hinüberschweifen zu lassen, durchwanderte
-ich einen großen Teil von Deutschlands Gauen, und das Schicksal verschlug mich
-auch in andere Teile Europas – aber alles, was ich da fand, das finde ich
-vereint in meinem Erzgebirge wieder. Der Wald- und Moorreichtum des westlichen
-Gebirges versetzt mich immer wieder zu den Höhen des Böhmerwaldes, wenngleich
-von dessen Gipfeln die Aussicht vielleicht noch weiter und umfassender ist, aber das
-schwermütige Bild zu den Füßen des Beschauers ist noch dasselbe und mir ist, als
-müßte dem Erzgebirge noch einmal ein Dichter wie A. Stifter erstehen, der seine<span class="pagenum" id="Seite_2">[2]</span>
-Schönheit im Innersten zu erfassen vermag. Die Burgruinen und bewaldeten
-Kuppen am südlichen Steilabfall des Gebirges vermögen dem Wanderer einen Augenblick
-rheinische Landschaften vor das Auge zu zaubern. Das Waldgebiet um den
-Teufelsstein im oberen Schwarzwassertal zeigt Fichtelgebirgsstimmungen, und die
-langen Linien des stilleren östlichen Gebirges werden ihn an die Landschaften der
-Eifel und des hohen Venn erinnern, die besonders im Herbst einen so eigentümlich
-schwermütigen Eindruck machen. Mit dem Hochgebirge hat das Erzgebirge nur
-wenig Gemeinsames, und doch finden sich auch hier Berührungspunkte: der Greifenstein
-ist eine gute Schule für angehende Kletterer, und der Gebirgskamm am Fichtelberg
-und Keilberg trägt wie der alpine Steig im Schwarzwassertal bei Aue einen
-echt alpinen Charakter wie vielleicht wenig andere Gebirgslandschaften in Deutschland.</p>
-
-<p>Ich habe diese Täler und Höhen zu jeder Zeit des Jahres beobachtet: wenn
-der Frühling die Gebirgsbäche schwellt oder wenn Sommertagszauber auf den Bergstädten
-und Halden liegt. Vielleicht ist auch hier der Herbst am schönsten, und die
-klare, reine Luft läßt dann Einzelheiten hervortreten, die durch die Schwüle des
-Sommers nur allzuoft verwischt waren. An solchen Tagen hebt sich jedes Baumblatt
-in klaren Umrissen vom Horizonte ab und dahinter ein Stück altersgrauer
-Fels, bis auch dieser wieder in das brennende Feuer der Abendröte getaucht ist.
-Dann wird die Freude an den tausend kleinen Entdeckungen, die der Wandrer bei
-seinen Fahrten macht, zur Andacht – zu der großen, stillen Andacht, die den
-Menschen im Innersten seine Verwandtschaft mit der Natur ahnen läßt.</p>
-
-<p>Oft lag der Mittagszauber über dieser Erzgebirgsnatur, und die Linien des
-Gebirges lösten sich in der Schwüle auf, die über Tälern und Wäldern lag. Das
-Mittagsgespenst geht um und drückt Menschen und Tiere. Die Halden liegen einsam
-und versonnen, und in den Bergstädten schläft man ein Stück in den Nachmittag
-hinein. Wer in solchen Zeiten in der Natur ist und ihrem Weben nachgeht, den
-umfängt ein geheimnisvoller Schauer, den Schwind in seiner Mittagsfrau unnachahmbar
-zum Ausdruck gebracht hat. Aber mich soll sie heute nicht abhalten, immer
-mehr in die Fichtelgebirgsnatur hineinzuwandern, die sich hinter Mittweida auftut.
-Die Mühle, die hier am Eingange des oberen Mittweidaer Tales eingebettet ist in
-lauschiger Einsamkeit, soll mein erstes Ziel sein.</p>
-
-<p>Schon vor Jahren hatte es mich öfter in diese Gegend gezogen, als ich eines
-Nachmittags die Crottendorfer Kirche entdeckte. Inmitten dieser Erzgebirgsnatur,
-umrahmt von den Vorhöhen des Fichtelberges ein Stück Kunst hinter den altersgrauen
-Mauern, wie es selbst der farbenfrohe Südländer sich nicht besser wünschen
-könnte. Ein prachtvoller alter Holzaltar, die Decke getäfelt und selbst an den
-Wänden und Emporen Bilderschmuck – so wird das Ganze dieses Kirchleins zu
-einer inneren Anregung für den Besucher, wie sie unsre protestantischen Gotteshäuser
-leider nur allzuoft vermissen lassen und wie sie doch gerade in unsrer
-hastenden Zeit so wohl tut. Ob uns wohl etwas mehr Farbenfreude in unserem
-arm gewordenen Deutschland schaden würde?</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-005">
- <img class="w100" src="images/illu-005.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 1 <b>Kirche zu Crottendorf</b></div>
-</div>
-
-<p>Hinter der Bahnstation von Mittweida beginnt das eigentliche Tal, das sich
-von hier bis zum Fichtelberg selbst hinzieht. Während der ersten Wegstunde immer
-dasselbe Bild: drunten am Bach ein paar Häuser oder eine Papier- und Sägemühle –<span class="pagenum" id="Seite_3">[3]</span>
-dahinter weite Waldbestände, die, je höher man hinaufkommt, desto mehr den Blick
-gefangennehmen und die Gedanken an nichts anderes aufkommen lassen. Hinter
-der Wolfner Mühle, die noch einmal an einer Talgabelung liegt, tritt der Wald
-so nahe heran, daß nur noch die Mittweida und eine Waldstraße durch das Tal
-führen. Dann hören auch die letzten Ansiedlungen auf, und die große, feierliche
-Stille der Natur beginnt. Die umliegenden Höhen senden ihre Blöcke und Kuppen
-vor, die über dem Waldreichtum Wache halten. Der Weg zieht sich immer weiter
-zur Höhe hinan und täuscht doch immer wieder, indem er weitere Ausblicke eröffnet –
-es ist, als wollte der Wald hier kein Ende nehmen und als sollte niemand wieder
-aus seinem Bann herauskommen, der sich einmal hinein begeben hat. Endlich, als
-sich schon der Fichtelberg selbst wie ein Wächter dieser Landschaft emporreckt, teilt<span class="pagenum" id="Seite_5">[5]</span>
-sich der Weg, indem ein Pfad gerade an dem Abhang emporführt, während ein
-anderer sich oberhalb der Tellerhäuser mit dem sogenannten Prinzenweg vereinigt.
-Die Mittweida selbst entspringt nicht weit vom Unterkunftshause, und man hat
-somit Gelegenheit, das Werden und Wachsen dieses kristallenen Baches bis zu seiner
-Mündung in das Schwarzwasser zu verfolgen.</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-006">
- <img class="w100" src="images/illu-006.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 2 <b>Inneres der Kirche zu Crottendorf</b></div>
-</div>
-
-<p>Wer es kann, wandere diese einsame Straße, wenn im November das Abendrot
-hinter den Bäumen hängt und aus dem Waldbereich einsame Feuer emporsteigen.
-Er wird hier ein Stück Naturmystik finden wie selten im Erzgebirge, und er wird
-aus solchen Fahrten neue Erholung und Kraft schöpfen. Jene Kraft, die uns mit
-der Natur selbst verbindet und die unser armes Volk gerade in den jetzigen Tagen
-so nötig hat.</p>
-
-<h3>Anmerkung</h3>
-
-<p>Nach der Mitteilung des Herrn Pfarrers Merz in Crottendorf hat wahrscheinlich
-schon im dreizehnten Jahrhundert an der Stelle der heutigen Kirche dieses
-Dorfes eine frühere gestanden, deren Größe noch heute an dem Nordgiebel des
-Kirchbodens zu sehen ist. Am fünften Sonntag nach Trinitatis 1539 wurde hier
-wahrscheinlich von dem Pfarrer Abraham Schroot (oder Adam Schrott) die erste
-evangelische Predigt gehalten. Die jetzige Kirche wurde 1654 geweiht. Der schöne
-Altar, der neben der kunstvollen Holzdecke einen Hauptschmuck der Kirche bildet,
-wurde von dem Freiberger Bildhauer Theodor Meyer begonnen und nach seinem
-Tode in Crottendorf von seinem Eidam 1698 vollendet und 1699 geweiht. Die Kanzel
-ist ein Werk des Annaberger Meisters Andrä Götze und ist zweimal, 1883 und
-1896 erneuert worden. Neben der Kanzel steht ein alter Flügelaltar, der in
-gleicher Höhe rechts auf dem Bilde sichtbar ist. Ferner sind noch zwei Ölgemälde,
-Bildnisse der Kurfürsten Johann Georg I. und Johann Georg II., des letzteren in
-jugendlichem Alter, vorhanden, dazu rechts und links von den beiden Emporen
-Ölbilder mit Darstellungen aus dem alten und neuen Testament, die sehr alt und
-noch gut erhalten sind. Der Taufstein ist aus Crottendorfer Marmor hergestellt.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Kurt_Arnold_Findeisen">Kurt Arnold Findeisen</h2>
-</div>
-
-<p class="center">Von <em class="gesperrt">Otto Eduard Schmidt</em></p>
-
-<p>Am nächsten 15. Oktober vollenden sich vierzig Jahre, seit Kurt Arnold Findeisen
-im sächsischen Zwickau geboren wurde. So liegt die Jugendzeit hinter ihm, das
-männliche Alter beginnt und damit ist der rechte Zeitpunkt gegeben, einen Rückblick
-auf das Schaffen des Dichters anzustellen und – soweit es ein Menschenauge vermag
-– einen Ausblick auf seine Zukunft zu wagen. Aus einer Familie stammend,
-die Juristen, Schulleute, Forstbeamte hervorgebracht hat, trat er als Sohn eines
-Kohlenschachtbuchhalters ins Leben, seine Mutter war eine ehemalige Kleinkinderlehrerin.
-An ihr hing der Knabe mit zärtlicher Liebe; ihr Bild taucht wie ein
-sorgsam gehütetes Kleinod in Findeisens Gedichten immer wieder auf. Seine Schulbildung
-erhielt er in Dresden, Zwickau und Schneeberg. Er wurde Lehrer in<span class="pagenum" id="Seite_6">[6]</span>
-Mylau, dann in Plauen im Vogtlande. Durch Teilnahme an Ferienkursen der
-Universität Jena erweiterte und vertiefte er sein Wissen und seine Weltauffassung.
-Findeisen selbst sagt, daß er erst nach seinen Bildungsjahren zu seiner eigentlichen
-Bestimmung erwachte. Das mag wohl sein, aber jedenfalls ist schon lange, bevor
-er die ersten Früchte seiner Muse pflückte, tüchtig an ihm gearbeitet worden und
-noch mehr wohl hat es in ihm gearbeitet. Oder wer hat wohl das sinnige Wesen,
-das ihm von Kind auf eigen war, die tiefgewurzelte Hinneigung zur Natur und
-vor allem den stärksten Antrieb seines ganzen Schaffens, die Sehnsucht, in ihn
-gepflanzt, wenn nicht die frühverklärte Mutter? Sehnsucht nach etwas anderem,
-als dem gemeinen Alltag trug er schon als Knabe im Herzen, wenn er am »roten
-Brückenberg« in Zwickau »im Zittergras stundenlang« träumte, mit der Sehnsucht
-in der Seele durchwanderte er in Plauen seine Umwelt und verliebte sich in die
-wenigen stillen Gründe und Gartenwinkel, die der Industrialismus dort übriggelassen
-hatte, die Sehnsucht begleitete ihn hinaus auf die vogtländischen Wiesen
-und erlenumsäumten Bachtäler, über denen noch der Nachhall der Heimatlieder
-Julius Mosens schwebte, die Sehnsucht führte ihn früh zu der Hinterlassenschaft
-seines Landsmannes Robert Schumann und zu Wilhelm Raabe, mit dem er noch
-eine persönliche Beziehung knüpfen durfte. Und zu der Sehnsucht kam die Parzivalstimmung
-»durch Mitleid wissend«, die Heimat und Welt umspannende Menschenliebe,
-der zweite Brennpunkt seines Wesens. Das reiche Innenleben drängte nach
-außen: er fand eine doppelte künstlerische Ausdrucksmöglichkeit für alles, was in
-ihm lebte, die dichterische und die musikalische. Die dichterische betätigte er zuerst
-in weichen Klängen inniger Heimatliebe, in Liedern und Balladen, die er in Zeitschriften
-veröffentlichte. Er selbst gab seit 1912 mit Paul Miller und Emil Rösler
-die Monatsschrift »Das Vogtland und seine Nachbargebiete« heraus, die von Anbeginn
-an durch die auf den Grundsätzen der Romantik beruhende innere Verknüpfung
-der Künste hoch über den meisten Unternehmungen dieser Art stand. Dann riß
-ihn der Weltkrieg als Krankenpfleger mitten hinein in die äußere und innere Not
-unseres schwer ringenden Volkes. Mitten im Brausen des Kriegssturmes entstand
-seine erste Gedichtsammlung »Mutterland« in den zwei Unterabteilungen »Vogtland«
-und »Erzgebirge«, die Findeisen später (1922) bei Oskar Laube in erweiterter
-Gestalt unter dem Titel »Sachsen, zwei Bücher Landschaftsgedichte und Balladen«
-(1. Mutterland, 2. Ahnenland) herausgab. Niemand kann Findeisen verstehen, der
-nicht in diesen von inniger Heimatliebe getragenen, aber zugleich auch die tiefsten
-und letzten Fragen des menschlichen Lebens berührenden und lösenden Dichtungen
-gründlich zu Hause ist. Ich gestehe, daß ich in diesen Gedichten seiner ersten Periode
-das Schönste finde, was Findeisen in Vers und Reim geleistet hat, und ich möchte
-wünschen, daß er sich nie von dieser ihm ureigenen Art zu künstlicheren, vielleicht
-auch einmal verkünstelten Gedichten, wie sie sich neben vielem urkräftig Schönen
-hie und da unter seinen späteren Gedichten finden (»Aus der Armutei«, E. Focke,
-Chemnitz 1919), entfernen möge. Im »Vogtlandslied« und im »Erzgebirgslied«
-klingen so herzbewegende Töne, wie sie seit Julius Mosen kein Obersachse mehr
-anzuschlagen verstand, aber weit größer und eindrucksvoller als bei dem älteren
-Dichter ist bei Findeisen der musikalische Wohllaut der Sprache:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[7]</span></p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">O ihr Berge meiner Väter,</div>
- <div class="verse indent0">Träumerisch und tannengrün,</div>
- <div class="verse indent0">Dran die braunen Hütten kleben</div>
- <div class="verse indent0">Und die Abendlichter blühn!</div>
- <div class="verse indent0">O ihr Hänge meiner Heimat!</div>
- <div class="verse indent0">Tief in Holz und Heidekraut</div>
- <div class="verse indent0">Hat bei euch sich meine Seele</div>
- <div class="verse indent0">Ach, ein kleines Nest gebaut.</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Für die Krone der älteren Dichtungen Findeisens halte ich die von ihm ganz
-frei aus der innerlichsten Anschauung des großen Altars der Schneeberger Wolfgangskirche
-und aus dem Erleben der Schneeberger Weihnachtswoche und der Christmetten
-ersonnene und gestaltete Ballade »Der kleine Melchior und das Weihnachtskind«.
-Aus der gesamten deutschen poetischen Literatur über das Weihnachtsfest weiß ich
-dieser geradezu klassischen Verherrlichung des Christnachtszaubers wegen der »Fülle
-der Gesichte« und der brunnengleich quellenden Sprache nichts Gleichwertiges an
-die Seite zu stellen. Der dem Dichter wesensverwandte Maler Alfred Hofmann-Stollberg,
-hat die Anschaulichkeit der Gedichte Findeisens durch wundersam beseelte
-Zeichnungen noch erhöht.</p>
-
-<p>Um dieselbe Zeit erschien auch die erste Geschichtensammlung Findeisens unter
-dem Titel »Heimwege« (Konstanz 1918, Verlag von Reuß &amp; Itta), vier Perlen einer
-schlichten, aber tief ergreifenden Erzählungskunst. Am erschütterndsten sind wohl
-»Der Schulmeister von Dröda«, jene »sonnenlose Geschichte«, die er dem ehemaligen
-Lehrer von Papstleithen, seinem Schwiegervater, künstlerisch gestaltend nacherzählte,
-und »Der Wunderbaum«, das in samtweicher Sprache dahintönende, schmerzensreiche
-»Hohelied« vom vogtländischen Heimweh, durch das er die Heimwehstimmungen
-seines stärksten Vorgängers auf diesem Gebiete, Julius Mosens, weit übertraf. Sie
-sind, um vier kleinere Erzählungen vermehrt, in einer zweiten Auflage unter dem
-Titel »Der Tod und das Tödlein« 1921 in Dresden erschienen.</p>
-
-<p>Unterdessen hatte der Dichter, seit 1913 mit Wanda Hildegard Gebauer verheiratet
-und Vater eines 1915 geborenen Sohnes, Plauen, die rührige Hauptstadt des Vogtlandes,
-mit der sächsischen Landeshauptstadt Dresden vertauscht. Hier spricht die Kunst
-im weitesten Sinne des Wortes und eine lange, spuren- und werkreiche Geschichte
-des geistigen und künstlerischen Lebens der Obersachsen noch weit eindringlicher zu
-seiner empfänglichen Seele, hier hat er unter dem Einflusse der unabsehbaren Folgen
-des Weltkrieges und der Staatsumwälzung neue Gärungen durchgemacht, die seine
-Wesensbildung rasch steigerten und hoffentlich ohne Schädigung seiner natürlichen
-Eigenart vollenden werden. Die wichtigste Frucht dieser inneren Kämpfe und
-Wandlungen ist die immer stärkere Hinneigung zu der Dichtungsart, durch die
-gegenwärtig die kräftigste Einwirkung auf die Stimmung und Gesinnung des Volkes
-erzielt wird: zum Roman. Sehr bezeichnend für Findeisen ist die Wahl der Stoffe.
-Für ihn gab es kein Schweifen in die Ferne, sondern, wie er mit allen Fasern
-seines Wesens in Volk und Heimat verankert ist, packten ihn mit zwingender Notwendigkeit
-fast gleichzeitig zwei obersächsische Stoffe von sehr verschiedener Art und
-noch verschiedenerem Ausmaß: Robert Schumann und – Karl Stülpner. Dem<span class="pagenum" id="Seite_8">[8]</span>
-Schumann-Roman gingen zwei Bücher voraus, die die besondere Befähigung des
-Verfassers für die Auslegung musikalischer Werte und musikgeschichtlicher Verhältnisse
-an den Tag legten: die bei Dürr in Leipzig verlegten »Klaviergeschichten, Einführungen
-in ein volkstümliches Verständnis der Musik« und die schon in zweiter Auflage
-gedruckten »Robert Schumanns Kinderszenen auf heimatlichen Grund gelegt«. Von dem
-Schumann-Roman, der den Titel trägt »Der Davidsbündler« ist Weihnachten 1921
-der erste Teil »Herzen und Masken« erschienen, der die Entwicklung Robert Schumanns
-in Leipzig, das Leipziger Musikleben jener Zeit und Schumanns dornenvolles Liebeswerben
-um Klara Wieck bis zur endlichen Vereinigung mit der Geliebten schildert.
-Vieles ist in dem Roman aus den Kompositionen und dem Briefwechsel der beteiligten
-Personen und aus dem eindringendsten Studium der Orts- und Zeitverhältnisse mit
-feinem Nachempfinden und sicherem Sicheinfühlen gestaltet, anderes, was der Dichter
-zur Ergänzung der trümmerhaften Überlieferung brauchte, ist mit genialem Seherblick
-und kraftvoller Phantasie frei erfunden. Man wird aber mit einem Urteil über
-das Ganze billigerweise zurückhalten müssen, bis der Dichter auch den zweiten Teil
-»Den Weg in den Aschermittwoch«, den Niedergang und das Erlöschen des leuchtenden
-Gestirns, das ihm Robert Schumann bedeutet, dargestellt haben wird. Der Stülpner-Roman
-erschien zuerst in einzelnen Stücken in der »Sächsischen Heimat«, der von
-Findeisen herausgegebenen »Zeitschrift für volkstümliche Kunst und Wissenschaft in
-den obersächsischen Landen«, dann aber, durch einige wichtige Kapitel abgerundet,
-in Buchform bei Grethlein &amp; Co., Leipzig und Zürich, zu Weihnachten 1922 unter
-dem Titel »Der Sohn der Wälder«. Die Geschichte vom Raubschützen Karl Stülpner,
-dessen Bild noch heute in mancher Holzhütte des oberen Gebirges hängt, von dem
-ein selten gewordenes Buch mit bunten Kupfern erzählt, das ich in meiner Knabenzeit
-voll Begeisterung las, der noch immer als das beste Kassenstück des sächsischen
-Puppentheaters gilt, ist der kräftigste und ergiebigste Stoff, den die erzgebirgische
-Vergangenheit für den kommenden Dichter aufbewahrt hat, und Findeisen, in dem
-die erzgebirgische Heimat lebt und atmet, der am liebsten selbst in den Tiefen des
-Waldes die Schwere und die Unrast der Zeit vergessen möchte, war der rechte
-Mann, diesen köstlichen Schatz zu heben und künstlerisch zu verklären. In Findeisens
-Stülpnerbuch waltet ein dem Geist der Romantiker verwandter mystischer
-Naturalismus, wie wenn Goethe in der Szene »Wald und Höhle« den Faust zum
-Erdgeist sagen läßt:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Du führst die Reihe der Lebendigen</div>
- <div class="verse indent0">Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brüder</div>
- <div class="verse indent0">Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Sein Stülpner lebt mit Wald und Fels, mit Tier und Blume in innigster
-Gemeinschaft, er erscheint selbst als eine Art Erzeugnis der Waldesnatur und
-sinkt zuletzt in geheimnisvoller Weise in das Reich zurück, aus dem er gekommen
-ist. Man genießt diesen Roman im ersten Lesesturm wie einen erfrischenden Hauch
-aus der Zeit unseres Gebirges, in der es noch in unverfälschter Ursprünglichkeit
-zum Menschen redete. Erst beim zweiten und dritten Durchlesen wird man sich
-der feinen Kunst bewußt, mit der der Dichter diese Wirkung erzielt. Wie der Tau
-eines Frühlingsmorgens liegt Reinheit und Keuschheit über dem Ganzen. Die<span class="pagenum" id="Seite_9">[9]</span>
-Frauenliebe tritt gegen die Mutterliebe zurück, und wo sie einmal im Vordergrund
-steht, da spart der Dichter die sinnlichen Ausmalungen. Dagegen ist der gebirgischen
-Derbheit reichlich Raum gegeben, namentlich in der wohlgelungenen Zeichnung des
-Amtsfrons Wohllebe und der Genossen Stülpners, der Wildschützen Dotzinger und
-Hertzog. Ich stehe nicht an, Findeisens Stülpner-Roman als die echteste und volkstümlichste
-Schöpfung zu bezeichnen, die die Dichtung des Erzgebirges bis jetzt
-hervorgebracht hat. Damit ist nun auch der Platz besetzt, den wir mit Bedauern
-so lange leer gesehen haben. Findeisen hat, wie schon früher in seiner Lyrik und
-seiner Ballade, so nunmehr auch im Roman die Bedeutung erlangt, daß wir in ihm
-einen der führenden Dichter des obersächsischen Stammes erkennen dürfen. Möge es
-dem Dichter, dessen wir uns als eines teuern Kleinods erfreuen wollen, vergönnt sein,
-von Stufe zu Stufe in seiner naturgemäßen Entwicklung fortzuschreiten und das Ehrenkränzlein
-obersächsischer Dichtung mit neuen, immer schöneren Blüten zu schmücken.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Auf_der_Schwelle_des_Erzgebirges">Auf der Schwelle des Erzgebirges</h2>
-</div>
-
-<p class="center">Von <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">Kurt Schumann</em></p>
-
-<p class="center smaller">Mit Bildern nach Aufnahmen von <em class="gesperrt">J. Ostermaier</em>, Dresden-Blasewitz</p>
-
-<p>So oft ich, gequält durch den Lärm von fünf äußerst betriebsreichen Straßenbahnlinien
-und das melodische Gewimmer eines Luftschaukelleierkastens, gegen das
-ich seit Jahren einen ebenso zähen wie erfolglosen Kampf führe, mich mit dem
-Gedanken trage, meinen Striesener Wigwam zu verlassen und mich auf die mit
-meiner Arbeitsstätte durch die billige Reichsbahn verbundene Lausitzer Hochfläche
-zurückzuziehen, brauche ich nur einen Blick zum Fenster hinauszutun, um mich in
-meinem Entschluß wieder wankend werden zu lassen. Denn bis zu den Gipfeln
-des östlichen Erzgebirges, zum Geising und Sattelberg, wandert der Blick selbst
-vom Schreibtisch aus, und auch bei neunzehnhundert&#xad;zweiundzwanziger Wetter sind
-wenigstens seine Vorhöhen gut zu überschauen. Und dieser Blick wiegt schon eine
-ordentliche Portion Straßen- und Karussellärm auf. Die letzten Cunnersdorfer
-Schächte begrenzen den Horizont im Westen; dann folgt die Goldene Höhe, und
-zwischen ihr und dem Plateau der Babisnauer Pappel guckt der Walfischrücken
-der Quohrener Kipse durch, was besonders schön in die Erscheinung tritt, wenn
-der hintere Höhenzug im Schimmer frischgefallenen Schnees glänzt, während
-den vorderen niederen schon der grüne Schein lenzesfroher Saaten schmückt.
-Beherrscht aber wird das ganze Bild von dem einzigen wirklichen Gipfel dieser
-Höhenzüge, dem nahezu fünfhundert Meter hohen Wilisch. Im Osten schließt die
-flache Kuppe des Finkenfangs das besonders im Morgen- und Abendlicht ganz
-wundersame Bild ab. Da sich außerdem mit dem überblickten Gebiet Erinnerungen
-an meine ersten Wandertaten verknüpfen, ist es kein Wunder, daß ich mit ihm
-noch vertrauter bin als mit manchem anderen Dresdner Ausflugsgebiet, und mir
-die redlichste Mühe gebe, ihm immer neue Verehrer zu gewinnen. »Warum sucht
-ich den Weg so sehnsuchtsvoll, wenn ich ihn nicht den Brüdern zeigen soll?«</p>
-
-<p>Wie notwendig solche Führungen sind, konnte ich wieder einmal erkennen,
-als ich mit einer sonst wirklich nicht auf den Kopf gefallenen Jugendgruppe die<span class="pagenum" id="Seite_10">[10]</span>
-letzte diesjährige Volkshochschulwanderung unternahm. War doch z. B. keiner
-von den etwa dreißig Teilnehmern bisher mit der <em class="gesperrt">Windbergbahn</em> gefahren,
-obgleich eine Fahrt auf dieser Strecke unzweifelhaft zu den schönsten und billigsten
-Genüssen gehört, die sich der Dresdner leisten kann. – Am Bahnhof Plauen blickt
-man zunächst einmal der Gegend in die Eingeweide. Über dem Syenit des <em class="gesperrt">Ratssteinbruchs</em>
-lagern, schräg nach dem Elbtal zu einfallend, Plänerschichten,
-Erinnerungen an die Zeit, da über diesem Gebiet die Fluten des Kreidemeers
-wogten. Bei dem mächtigen Getreidesilo am Fuße der Heideschanze verläßt der
-Zug die Enge des Plauenschen Grundes und tritt in das weite <em class="gesperrt">Döhlener Becken</em>
-ein, das die Weißeritz durch Abtransport der diese ganze Gegend bedeckenden
-Geröllmassen, die im Zeitalter des <em class="gesperrt">Rotliegenden</em> hier abgelagert worden waren,
-geschaffen hat. Der das Becken beherrschende Windberg zeigt an, bis zu welcher
-Höhe diese Konglomerate einst lagen. An den weichen Lehnen klettert
-unser Zug empor, wobei sich die herrlichsten Blicke über das Freitaler Industriegebiet,
-das Elbtal und die Lößnitzhänge eröffnen. Auf der Höhe angelangt, können
-wir die Blicke weit nach Norden und Osten schweifen lassen. Wir wissen nicht,
-welcher von den drei überschauten Landschaften wir den Preis der Schönheit zuerkennen
-sollen, den sanftgewellten Höhen des Lausitzer Berglandes, der weiten von
-Siedlungen erfüllten Elbaue mit den Loschwitzer Hängen und dem Eckpfeiler des
-Borsbergs im Hintergrund oder der zierlichen Tafelberggesellschaft des Elbsandsteins,
-die fremd und eigenartig im Süden auftaucht. Die Nähe aber ist nicht
-minder interessant. Mächtige Wälder von Baumfarnen und anderen tropischen
-Gewächsen, deren Schönheit uns heutzutage nur noch die Gewächshäuser (Pillnitz)
-offenbaren, wurden von den Schottermassen der Rotliegendzeit einst zugedeckt. Im
-Laufe verschiedener Jahrmillionen wurden die Baumleichen in Kohle verwandelt, die
-der Niederhäslicher und Burgker Bergmann nun unter schwerer Mühe und Lebensgefahr,
-von der auch das Denkmal auf dem Segen-Gottes-Schacht erzählt, ans
-Licht bringt. Denjenigen, die sich für unsern heimischen Bergbau näher interessieren,
-kann ich gar nicht warm genug die Ausstellung im Heimatkundlichen Schulmuseum
-des Dresdner Lehrervereins auf der Sedanstraße empfehlen, wo sich nicht nur
-Zeichnungen und Modelle von Bergwerken, die Werkzeuge des Bergmanns, geologische
-Karten und Profile und geschichtliche Erinnerungsblätter finden, sondern man
-auch in bequemer und übersichtlicher Weise einen Einblick in die Bedeutung, Verbreitung
-und Arbeitsweise der verschiedenen auf dem Kohlenreichtum des Gebiets
-sich aufbauenden Industriezweige erhält. Eine treffliche Ergänzung dazu bildet
-die Schilderung, die H. Beier im ersten Band des Dresdner Wanderbuchs vom
-»Industriegebiet des Döhlener Beckens« gibt. Unser Züglein führt uns in der
-Nähe verschiedener Schächte und ganz dicht am Marienschacht vorüber, so daß wir
-bei der beängstigenden Geschwindigkeit unseres Vehikels genügend Gelegenheit haben,
-neiderfüllte Blicke nach den mit den schönsten Steinkohlen beladenen Hunden und
-Eisenbahnwagen zu werfen.</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-013">
- <img class="w100" src="images/illu-013.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 1 <b>Im Plauenschen Grund bei Coßmannsdorf</b></div>
-</div>
-
-<p>Am Bahnhof Bannewitz wendet sich die Bahn südwärts, und wir gewinnen
-einen prächtigen Blick auf das nach dem Döhlener Becken hinabziehende Poisental,
-das den in den unfruchtbaren Sandsteinen des Rotliegenden wurzelnden <em class="gesperrt">Poisenwald</em><span class="pagenum" id="Seite_11">[11]</span>
-umschlingt. Auch dieser den Dresdnern noch verhältnismäßig wenig
-bekannte Wald hat seine besonderen Reize. Wenn im Frühjahr und Herbst die
-Birkenreihen wie Fackelzüge durch den dunklen Kiefern- und Fichtenwald sich
-durchschlängeln, kann er wohl mit seinen bevorzugten Brüdern in Wettbewerb
-treten. Nachdem uns die Halde neben der Haltestelle Goldene Höhe daran
-erinnert hat, daß sich früher der Bergbau bis nach Rippien hinüberzog, fahren
-wir an der schönen Pappelallee nach Possendorf hinab. Tief unter uns liegt<span class="pagenum" id="Seite_12">[12]</span>
-Wilmsdorf im oberen Poisental. Nur wenigen dürfte bekannt sein, daß dort der
-Freiheitskämpfer Schill 1776 geboren wurde.</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-014">
- <img class="w100" src="images/illu-014.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 2 <b>Die Possendorfer Windmühle</b></div>
-</div>
-
-<p>Uns verheißt die goldne Herbstsonne, die uns beim Aussteigen in <em class="gesperrt">Possendorf</em>
-begrüßt, ein schöneres Los als ihm, und so wandern wir wohlgemut durch das
-behäbige Dorf, das als Mittelpunkt der ganzen Pflege einen sehr stattlichen Gasthof,
-eine ebensolche Kirche und ein mit schönen Renaissancegiebeln versehenes Rittergut besitzt.
-Einen halben Kilometer jenseits des Dorfes, wo die prächtige Kastanienallee in
-einem schön geschwungenen Bogen die Wendischkarsdorfer Höhe nimmt, geht ein
-schmaler Fußsteig rechts feldein. Wir folgen ihm und beobachten dabei, daß die
-Felder eine auffällig rote Farbe tragen. Wir befinden uns also immer noch im
-Gebiet des Rotliegenden. Einige aufgelesene Steine belehren uns, daß wir es mit
-einer Ansammlung erzgebirgischer Gneise zu tun haben. Wenn nun diese Gneise
-schon in ihrem Ursprungsgebiet einen leidlichen Ackerboden abgeben, so ist dies
-naturgemäß hier, wo sie im bereits zerschlagenen Zustande der Verwitterung viel
-leichter anheimfallen, noch mehr der Fall. Deshalb macht auch das Quellreihendorf
-<em class="gesperrt">Börnchen</em>, das nach fünf Minuten vor uns in der Tiefe auftaucht, einen
-ziemlich wohlgenährten Eindruck. Den Bewohnern der Umgegend ist es unter
-den Namen Käsebörnchen bekannt, weil die Börnchener sich nicht nur des Ackerbaues
-sondern auch der Käserei befleißigen. Noch heute kaufen wirtschaftsgeographisch
-geschulte Dresdner Hausfrauen ihren Käsebedarf unmittelbar von den
-Börnchner Käsewagen und -weibern in der Ausspannung in der Wilsdruffer Vorstadt.
-Sobald man die Quellmulde, in der Börnchen liegt, verlassen hat, liegt ein<span class="pagenum" id="Seite_13">[13]</span>
-Turmgasthaus vor uns, das den »Gipfel« des <em class="gesperrt">Lerchenbergs</em> krönt. Mit seinen
-vierhundertfünfundzwanzig Metern ist der Lerchenberg noch achtzig Meter höher
-als die wegen ihrer Aussicht berühmte Goldene Höhe; kein Wunder, daß seine Aussicht
-mindestens vom geographischen Standpunkt als die vielseitigste der näheren
-Dresdner Umgebung bezeichnet werden muß. Das vulkanische böhmische Mittelgebirge
-ist mit seinen schönsten Repräsentanten ebenso vertreten wie die Sächsische
-Schweiz mit ihren sämtlichen »Steinen«, die Lausitz mit ihren Granitkuppen (Keulenberg,
-Butterberg, Valtenberg, Triebenberg) und das Erzgebirge mit den der einförmigen
-Rumpffläche aufgesetzten Basaltbergen (Sattelberg, Geising, Luchberg, Wilisch) und
-den wegen ihrer Härte herauspräparierten Porphyrhöhen (Kahleberg, Tellkoppe,
-Frauenstein). Das uns umgebende Rotliegendengebiet zeichnet sich durch seine
-sanftgewölbten Formen aus (gutes Skigelände!), mit denen nur die Basaltspitze
-des Wilisch und die Sandsteintafel an der Babisnauer Pappel kontrastiert. Ein
-anderes Sandsteingebiet liegt südlich von unserm Standpunkt. Es tritt deutlich
-aus der Landschaft hervor, weil es statt der Felder, die sich auf Gneis und Rotliegendem
-ausbreiten, große Waldflächen trägt. Daß sich der Sandstein dort
-gehalten hat, beruht auf ähnlichen Ursachen wie die Existenz <em class="gesperrt">der</em> Sandsteinscholle,
-aus der die Sächsische Schweiz herausmodelliert wurde. Auch hier ist der Sandstein
-durch eine sogenannte Verwerfung in ein tieferes Niveau gebracht und dadurch
-vor der Abtragung bewahrt worden. Diesem Sandsteingebiet streben wir nunmehr
-zu. <em class="gesperrt">Groß-Ölsa</em>, das wir zunächst berühren, ist heute ein Hauptsitz der
-Möbelindustrie, die überhaupt zu den charakteristischen Erwerbszweigen des östlichen
-Erzgebirges gehört. Nur die Strohindustrie, die sich vom Kamm bis nach
-Dresden hineinzieht, kann sich mit ihr messen. Auch bei diesen beiden Erwerbszweigen
-können wir dieselbe Entwicklung verfolgen wie bei den meisten andern
-Industrien, sowohl im Erzgebirge als auch in andern deutschen Mittelgebirgen.
-Ursprünglich bauten sie sich auf den Rohstoffen auf, die das Gebirge lieferte (Holz,
-Erz, Stroh) und siedelten sich da an, wo das Wasser eine billige Betriebskraft
-lieferte. Jetzt reichen weder die heimischen Rohstoffe noch die Kraft der heimischen
-Gewässer zum Betrieb der Unternehmungen. Trotzdem bleiben sie mit Rücksicht
-auf die dadurch entstandene Bevölkerungsverteilung an den Ursprungsorten, und
-so kommt es, daß wir heute an Orten Industrie finden, wo Rohstoffe und Betriebsmittel
-von auswärts bezogen werden müssen. Die Entstehung der Überlandzentralen
-hat diese Entwicklung noch begünstigt. Im Interesse der Volksgesundheit ist dies
-nur zu begrüßen; denn der Arbeiter, der von seiner Werkbank ins Freie blickt
-auf grüne Wiesen, wogende Felder und freundliche Gehöfte, und nach beendeter
-Arbeit sich in einem Heim findet, das von lauter Natur umgeben ist, möchte
-wahrscheinlich nicht mit seinem Kollegen in der Oppellvorstadt tauschen, der seinen
-Augen und Lungen während der Woche nichts Besseres vorsetzen kann als finstre,
-dunstige Höfe und sterbenslangweilige luft- und liebeleere Straßen. Selbstverständlich
-tragen diese Fabrikbauten auf den Dörfern nicht gerade zur Verschönerung der
-Landschaft bei; aber auch auf diesem Gebiet sind wir über das Gröbste hinweg.
-Wie die Schulen auf dem Lande nicht mehr im Kasernengewande in die Landschaft
-hineinragen, sondern sich dem dörflichen Bilde einpassen, so gehören auch<span class="pagenum" id="Seite_14">[14]</span>
-die mit knallroter Schauseite jedes Dorfidyll erschlagenden Fabriken, von denen man
-besonders in den Lausitzer Weberdörfern wahre Prachtexemplare findet, hoffentlich
-der Vergangenheit an.</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-016">
- <img class="w100" src="images/illu-016.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 3 <b>Die Barbarakapelle in der Dippoldiswalder Heide</b></div>
-</div>
-
-<p>Unter solchen erbaulichen Sonntagsmorgenbetrachtungen sind wir in die
-Seifersdorfer Straße eingebogen. Auf dem ersten links abgehenden Feldwege verlassen
-wir sie wieder und gelangen bald in den Wald, die <em class="gesperrt">Dippoldiswalder
-Heide</em>. Sie zeigt hier noch wenig ihren wahren Charakter, denn überall sinkt
-der Fuß in moorigen Boden ein, aus dem hier und da sogar bescheidene Bächlein
-entspringen. Die Sandsteindecke ist hier noch sehr dünn, so daß sich das durchsickernde
-Wasser auf der Gneisunterlage sammelt und abläuft. Nach wenigen
-Minuten sehen wir links vom Wege die Ruinen der Barbarakapelle. O. E. Schmidt
-bringt sie mit dem Bergbau in Beziehung (die heilige Barbara ist die Schutzheilige<span class="pagenum" id="Seite_15">[15]</span>
-der Bergleute), während Schiffner in seinem ausführlichen Handbuch des
-Königreichs Sachsen von 1840 den Namen Barbarakapelle überhaupt nicht kennt.
-Er schreibt über die Ruine: »Südlich von Ölsa, tausend Schritt entfernt, steht im
-Walde die Claus- oder Clausenkirche, d. h. die Ruine der Nicolaikapelle, welche
-dem Kloster Zella gehörte, und deren Altar man noch in Seifersdorf sieht; dicht
-dabei quillt eine überaus starke Quelle (sie wird heute für die Wasserversorgung
-von Rabenau ausgenützt, wie der Steinborn bei Obermalter der Stadt Dippoldiswalde
-täglich bis über zweihundert Kubikmeter zu liefern vermag), und das
-Ganze war wohl eine Station für die nach Zella Wallfahrenden.« Schäfer fügt
-in seinem Führer durch Dresdens Umgebung noch hinzu, daß sie von Johann VIII.
-von Maltitz, dem dreiundvierzigsten Bischof von Meißen, gestorben 1649, zerstört
-wurde, weil ihr Geistlicher reformatorisch aufgetreten war. Irgendwelche künstlerische
-Bedeutung hat die Ruine nicht und jede Anwandlung feierlicher Stimmung,
-die sich in solchen Waldruinen bei empfindsamen Seelen einzustellen pflegt, wird
-jäh vernichtet durch die trotz der freundlichen Warnungen des Gebirgsvereins hier
-angesammelten Papierhaufen, die von der Beliebtheit dieses Platzes beim naturliebenden
-Publikum zeugen. Ich bin nur gespannt, bis zu welchen phantastischen
-Preisen das Papier noch steigen muß, ehe diesem Unfug ein Ende gemacht wird.
-Ein wunderschöner trockner Frühstücksplatz zwischen Heidekraut und Birken entschädigt
-uns für die an der Barbarakapelle nicht zustande gekommene Gefühlswallung.
-So landen wir wohl oder übel wieder im seichten Materialismus und lassen uns
-den Inhalt unserer Rucksäcke so gut schmecken, als es der üppige Belag zuläßt.</p>
-
-<p>Zu den bemerkenswerten Sehenswürdigkeiten der Dippoldiswalder Heide
-gehören die Wolfssäule und der Einsiedlerstein. Darum mußten auch wir ihnen
-unbedingt einen Besuch abstatten. Beide liegen an der schönen Straße, die Malter
-mit Wendischkarsdorf verbindet. Die Wolfssäule erinnert an eine Jagd im Jahre
-1802, bei der »ein Wolf, der seit fünf Jahren aus- und eingetrabt ist und hundertunddrei
-Pfund wog, geschossen« wurde. Der glückliche Schütze war der kurpfalz-baiersche
-Gesandte und Minister Herr von Lerchenfeld. Bei dieser Gelegenheit sei
-mit hingewiesen auf den außerordentlichen Wildreichtum, der sich noch vor dreihundert
-Jahren in unsern Wäldern fand. Johann Georg I. (1611–1656) schoß
-während seiner Regierung fünfzehntausend&#xad;zweihundertachtundzwanzig Hirsche,
-neunundzwanzigtausend&#xad;einhundertsechsundzwanzig Wildschweine, zweihundertvier
-Bären, eintausend&#xad;fünfhundertdreiundvierzig Wölfe, zweihundert Luchse, elftausendachthundertelf
-Hasen, achtzehntausend&#xad;neunhundertsiebenundfünfzig Füchse und dreitausend&#xad;fünfhundertvierundzwanzig
-Wildkatzen. Wenn man auch versteht, daß mit
-der stärkeren Besiedlung und Kultivierung des Landes diese Fülle schwinden mußte,
-so kann doch der Naturfreund nur aufs tiefste die Verarmung beklagen, die unsrer
-heimischen Tierwelt dadurch widerfahren ist.</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-018">
- <img class="w100" src="images/illu-018.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 4 <b>Der Einsiedlerstein bei Dippoldiswalde</b></div>
-</div>
-
-<p>Auf der vorhin genannten Waldstraße, die infolge des durchlässigen Sandsteinuntergrundes
-auch nach den stärksten Regengüssen trocken ist, und deshalb den
-Stöckelschuh-Schleierstrumpftouristen aufs wärmste empfohlen werden kann, gelangen
-wir zum Einsiedlerstein. Es ist tatsächlich ein kleines Stück Sächsische Schweiz,
-das sich hier vor uns aufbaut. Alle die typischen Erscheinungen der Sandsteinklüftung,<span class="pagenum" id="Seite_16">[16]</span>
-Verwitterung und Pflanzenwelt sind hier zu beobachten. Nur die jedem Teilnehmer
-an wissenschaftlichen Sächsische Schweiz-Exkursionen bekannte Hauptattraktion
-fehlt: wenigstens haben wir alle Wände vergebens abgeleckt und kein <em class="gesperrt">Alaun</em> gefunden.</p>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-019">
- <img class="w100" src="images/illu-019.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 5 <b>Blick auf den Wilisch von Hermsdorfer Seite</b></div>
-</div>
-
-<p>Auf dem Weiterwege können wir feststellen, was für ein herrlicher Baum
-die sonst ihren benadelten Schwestern nachstehende Kiefer werden kann, wenn sie
-auf günstigem Boden steht. Die wundervollen Exemplare links von unserm Wege
-künden die Behausung des Pflegers dieses Waldgebiets, die Oberförsterei Wendischkarsdorf
-an. Sie liegt im flachen Wiesental des Ölsenbachs und hat als Nachbarin
-die schöne Wendischkarsdorfer Heidemühle, die sich in wundervoller Weise der
-Landschaft einpaßt. Seit die allgemein mit Freude begrüßte Badeepidemie unser<span class="pagenum" id="Seite_17">[17]</span>
-Volk ergriffen hat, ist es in dieser Gegend etwas lebendiger geworden; denn zehn
-Minuten oberhalb der Heidemühle liegt ein schöner Teich. Der Oktoberfrost hat
-der Sommerlust ein Ende gemacht, und abgesehen von den Verbotstafeln, erinnert
-nichts mehr daran, daß sonst die Fülle des Volks die Ufer säumte. Um so ungestörter
-können wir das stimmungsvolle Herbstbild genießen. Dann verfolgen wir
-ein Bächlein, das sich in den Teich ergießt, von der Mündung, vor der ein großer
-Schuttkegel liegt, bis zur Quelle, die sich wieder da findet, wo Sandstein und Gneis
-aneinanderstoßen. Nun schlagen wir uns durch nach der verlängerten »Prager
-Straße«, haben das seltene Glück, von keinem Automobil gerädert zu werden und
-gewinnen durch das Zscheckwitzer Holz den Zugang zur <em class="gesperrt">Quohrener Kipse</em>.
-Wir begnügen uns heute mit einem Besuch der in ihren Südhang eingelassenen
-Grube, die uns ausgezeichnet erkennen läßt, woraus sich dieser markante Höhenzug
-zusammensetzt. Es ist »Gneisgeröll« aus dem unmittelbar anstoßenden Erzgebirge.
-Viele dieser Ablagerungen zeigen eine feine Fältelung und andere Stauchungserscheinungen,
-wie sie bei den Gneisen des Weißeritztales gewöhnlich sind, ein
-Beweis dafür, daß schon zur Zeit des Rotliegenden bedeutende Faltungen im Erzgebirge
-vollzogen waren und die Gneise schon denselben petrographischen Charakter
-besaßen wie heute<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a>. Die Straße nach dem Wilisch führt immer an der Grenze
-von Gneis und Rotliegendem hin. Deshalb haben wir hier wieder einen Quellhorizont,
-wie die zahlreichen Brunnen bei <em class="gesperrt">Hermsdorf</em> beweisen. Name und<span class="pagenum" id="Seite_18">[18]</span>
-Form des Dorfes zeigen uns, daß wir es hier mit einer deutschen Siedlung zu
-tun haben, und wir auch in dieser Beziehung an der Schwelle des Erzgebirges,
-das in wundervoller Klarheit immer vor uns liegt, stehen. Alle Dörfer nördlich
-der Hermsdorfer Höhen und auch das an der Paßstraße liegende Wendischkarsdorf
-haben zum mindesten einen slawischen Kern.</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-020">
- <img class="w100" src="images/illu-020.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 6 <b>Die »Malermühle« bei Goppeln</b></div>
-</div>
-
-<p>Die schmucke Wilischbaude verführt uns, trotz des herrlichen Nachmittags
-unsre Mittag-Vesperpause im Innern dieses gemütlichen Berggasthauses zu verbringen.
-Selbst die sonst prinzipienfeste Jugend, der ich ein paar herrliche Lagerplätze<span class="pagenum" id="Seite_19">[19]</span>
-in der Nähe des Hauses wärmstens empfohlen hatte, beging einen Sündenfall
-und frönte dem Kaffeegenuß und anderen Lastern (Ansichtskarten!). Nachdem
-zum Nachtisch noch die unvermeidlichen Volkstänze im Steinbruch getanzt worden
-waren, konnten wir den wissenschaftlichen Problemen des Berges zu Leibe rücken.
-Der <em class="gesperrt">Wilisch</em> besteht wie so viele andere bemerkenswerte Gipfel der weiteren
-Dresdner Umgebung (Winterberg, Stolpener Schloßberg, Landberg, Ascherhübel,
-Luchberg, Geising, Sattelberg) aus Basalt. Dieses Eruptivgestein ist in der Braunkohlenzeit
-durch die Ablagerungen des Rotliegenden und der Kreide durchgebrochen.
-Wie man aus der Richtung der Säulen feststellen kann, befinden wir uns auf dem
-Wilisch im Schlot des einstigen Vulkans. Die Grenzfläche zwischen Basalt und den
-Gneiskonglomeraten des Rotliegenden ist am Eingang zum Steinbruch ausgezeichnet
-zu sehen. Die Aussicht vom Gipfel, den seit vorigem Jahr statt der alten Landesvermessungssäule
-ein Kriegsgedenkstein krönt, wird durch den Baumbestand etwas
-beeinträchtigt. Ich bitte, die schönen Buchen aber trotzdem stehenzulassen, zumal
-der Charakter des Berges schon durch Kahlschläge in unmittelbarer Nähe des
-Gipfels aufs empfindlichste geschädigt worden ist. Ich habe damals, als ich mit
-wachsendem Grimm von meinem Fenster aus die Verschandelung des geliebten
-Berges bemerkte, sofort den Heimatschutz alarmiert, aber er konnte leider auch
-nichts mehr ausrichten.</p>
-
-<p>In reichlich zwei Stunden gelangt man vom Wilisch über Kreischa, Kautzsch,
-Bärenklause, Gaustritz, Goppeln nach Dresden. Wenn man die Babisnauer Pappel
-(Gewissensfrage: Wieviele Dresdner sind noch nicht dort gewesen?), vor der ein
-neues Aussichtsgerüst steht, noch mitnimmt und über Golberode mit seinen schönen
-Gütern nach Goppeln wandert, dauerts eine halbe Stunde länger. Jedenfalls liegt
-dieses herrliche Wandergebiet so nahe vor den Toren der Stadt, daß jeder, der
-noch nicht von der Schwelle des Erzgebirges ins weite Land geschaut hat, es
-recht bald einmal tun sollte. Und wenn uns der Winter wieder eine Schneedecke
-beschert, wie wir sie letztes Jahr hatten, dann säume keiner, dem vor den letzten
-Markstürzen ein freundliches Geschick noch ein paar Brettel bescherte, statt der nur
-mit Lebensgefahr (Umsteigen in Hainsberg!) zu erreichenden Kipsdorfer und Geisinger
-Gefilde die Höhen zwischen Malter und Wilisch, Kipse und Schmiedeberg aufzusuchen.
-Wie oft ist nicht der Blick ins gelobte Land schöner als das gelobte Land selbst!</p>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-021">
- <img class="w100" src="images/illu-021.jpg" alt="" />
-</div>
-<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Beck, Geol. Führer: Elbtallandschaft.</p>
-
-</div>
-</div>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_20">[20]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_Vielfra_in_Sachsen">Der Vielfraß in Sachsen</h2>
-</div>
-
-<p class="center">Von <em class="gesperrt">Rudolf Zimmermann</em></p>
-
-<p>Es dürfte meines Erachtens nicht zu empfehlen sein, als Beweis für den
-früher vorhandenen Wildreichtum des Erzgebirges – vergleiche Klengel, Jagdschloß
-Rehefeld, Mitteilungen Sächsischer Heimatschutz, Band XI, 1922, Seite 254 bis
-257 – die Erlegung auch des Vielfraßes bei Frauenstein anzuführen. Denn hierbei
-handelt es sich lediglich nur um die <em class="gesperrt">einmalige</em> Erbeutung eines versprengten,
-<em class="gesperrt">in Deutschland gar nicht heimischen und in historischer Zeit auch
-nicht heimisch gewesenen Tieres</em>. Bereits Blasius, der noch ein zweites
-deutsches Vorkommen anführt und nur diese beiden Vorkommen kennt, betont dies
-in seinen »Säugetieren Deutschlands« (Braunschweig 1857, Seite 211). »Einige
-Male hat man ihn (den Vielfraß) in Deutschland angetroffen: bei Frauenstein in
-Sachsen nach Bechstein und bei Helmstedt im Braunschweigischen nach Zimmermann.
-Das Skelett dieses letzteren, am weitesten nach Westen vorgedrungenen Tieres, habe
-ich noch im Museum in Braunschweig gesehen. Dieses vereinzelte Vorkommen
-ist sicher als das versprengter Flüchtlinge anzusehen. Es ist kein Grund vorhanden,
-daß der Vielfraß bis so weit nach Deutschland hinein je einheimisch gewesen wäre.«</p>
-
-<p>Über die Erbeutung unsres sächsischen Tieres berichtet zunächst Bahn in
-seinem »Amt, Schloß und Städtgen Frauenstein« (Friedrichstadt bei Dresden, 1748,
-Seite 10) das folgende: »Den 2. April [1715] erschoß der Förster zu Hennersdorff,
-Herr Kanngießer, auf dem Töpffer-Wald, bei dem Königs-Brunnen, ein unbekanntes
-Raub-Thier. Als es nach Hofe geschicket wurde, so wurde es erkannt, daß es
-ein Vielfraß wäre, dergleichen in Moscau und Persien anzutreffen sind.« Über
-die Einlieferung in Dresden findet sich bereits vordem in den »Dresdnischen
-Merkwürdigkeiten« (1750, Seite 60) eine kurze Notiz: »Den 4ten <em class="antiqua">hujus</em> [April]
-ward ein Vielfraß, so von einem Jäger bey Frauenstein geschossen worden, eingebracht,
-und auf die Kunstkammer geliefert«. Das Tier wird dann wieder in
-Hasches »Umständlicher Beschreibung Dresdens« (Dresden 1781/83) als im Kurfürstlichen
-Naturalien-Cabinett stehend erwähnt: »Zwey Vielfraße, einer weißrötlich,
-bey Frauenstein gefangen, der andre schwarzbräunlich aus Sibirien.« Robert
-Berge, der dann später das Vorkommen erwähnt – Wissenschaftliche Beilage
-Leipziger Zeitung 1899, Nr. 61, Seite 241 bis 244 und Zoologischer Garten,
-Band 41, 1900, Seite 129 bis 135 – und sich dabei auf die Bahnsche Angabe stützt,
-in der der Erlegung des Tieres zweimal (Seite 10 und 149) gedacht und das
-eine Mal dabei seine Erbeutung infolge eines offenbaren Druckfehlers auf das
-Jahr 1718 verlegt worden ist (»und sonderlich 1718 ein ungewöhnliches Raub-Thier,
-ein Vielfraß gefangen und eingeliefert worden«), spricht dementsprechend, aber
-natürlich irrtümlicherweise, von einem zweimaligen Vorkommen des Tieres.</p>
-
-<p>Ich hielt diese kurzen Darstellungen für notwendig, um zu vermeiden, daß
-aus der Klengelschen Notiz etwaige falsche Schlüsse auf den früheren Tierbestand
-Sachsens gezogen werden könnten. Einmal eingebürgerte unrichtige Vorstellungen
-aber sind ja dann auch immer schwer wieder zu beseitigen. Wie spuken zum
-Beispiel heute nicht die auf keinerlei sichere Unterlagen sich stützende Angaben von<span class="pagenum" id="Seite_21">[21]</span>
-Heinrich Meschwitz in seiner sonst so schönen »Geschichte der Dresdner Heide«
-umher, der diese in der Vergangenheit unter anderen von Biber, Storch, Reiher,
-Kranich, Trappen usw. bevölkert gewesen sein läßt, also von Tieren, von denen
-zum mindesten für einen Teil das Vorkommen in der Heide völlig ausgeschlossen
-ist (Biber, Trappe! usw.).</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Der_Wanderfalke_in_Sachsen">Der Wanderfalke in Sachsen</h2>
-</div>
-
-<p class="center">Von <em class="gesperrt">Rud. Zimmermann</em></p>
-
-<p class="center smaller">Mit Abbildungen nach Aufnahmen des Verfassers</p>
-
-<p>Sachsens stattlichster Nachtraubvogel, der königliche Uhu, wie Altmeister
-Naumann ihn nennt, gehört unserm Vaterlande seit nunmehr fast fünfzehn Jahren
-als Brutvogel nicht mehr an, – er ist ein Opfer der erlittenen scharfen Nachstellungen
-und blindester Jagdleidenschaft geworden; der letzte in der Sächsischen
-Schweiz auf Postelwitzer Revier horstende Vogel unsrer Art wurde, wie Richard
-Heyder in seiner »<em class="antiqua">Ornis Saxonica</em>« mitteilt, 1910 von einem Bergsteiger mit dem
-Revolver totgeknallt!! Die Sächsische Schweiz und das Zittauer Gebirge gewährten
-dem Vogel die letzten Wohn- und Horstplätze im Sachsenlande; im Zittauer Gebirge
-war er nachweisbarer Brutvogel etwa bis um das Jahr 1906 und in der Sächsischen
-Schweiz nur ereilte ihn, wie wir schon gehört haben, das Schicksal etwas später.
-Sein Verschwinden ging, nachdem er einmal spärlich geworden war, allerdings
-ziemlich rasch vor sich; um 1892 etwa horstete er auf Rosenthaler Revier linksseitig
-der Elbe das letzte Mal, um 1904 verschwand er rechtsseitig auf Mittelndorfer
-und 1906 auf Hohnsteiner Revier, bis dann wenige Jahre später der letzte brütende
-Uhu in der obengeschilderten Weise auf Postelwitzer Revier endete.</p>
-
-<p>Das Schicksal, das den Uhu betroffen hat, wirft in gefahrdrohender Weise
-seine Schatten auch auf den letzten kleinen Restbestand unsres schönsten und kühnsten
-Tagraubvogels, des <em class="gesperrt">Wanderfalken</em>. Einst – ganz ähnlich wie auch der Uhu –
-viel weiter im Lande verbreitet und auch in den nordsächsischen Tieflandsgebieten
-daheim, dessen ausgedehnte Waldungen ihm günstige Horstgelegenheiten boten,
-umfaßt sein Brutbestand heute nur einige wenige Paare, von denen das eine (das
-einzige Ostsachsens überhaupt) im Zittauer Gebirge am Oybin horstet und erfreulicherweise
-von der Stadt Zittau, auf deren Gebiet sich der Horstplatz befindet, unter
-Schutz gestellt worden ist, während die übrigen dem Lande noch angehörenden Brutpaare
-in der Felsenwildnis der Sächsischen Schweiz ihre Jagdgründe und Brutplätze
-besitzen. Nach <em class="gesperrt">Heyder</em> horsteten bei Abschluß seiner im Jahre 1916 erschienenen
-»<em class="antiqua">Ornis Saxonica</em>« nach den Auskünften der dabei in Frage kommenden Staatsforstrevierverwaltungen
-auf Postelwitzer Revier fünf, auf Mittelndorfer, Ottendorfer und
-Hohnsteiner Revier rechtsseitig der Elbe sowie auf Rosenthaler Revier linksseitig
-derselben je ein Paar Wanderfalken. Diese Zahlen, die wohl schon damals nur
-noch einen Abglanz von dem Einst boten – von Üchtritz beispielsweise bezeichnet
-1821 den Wanderfalken als »gemein« für unser Gebiet – dürften heute nicht ganz
-mehr stimmen und sich in den letzten Jahren weiter zuungunsten des Vogels verschoben<span class="pagenum" id="Seite_22">[22]</span>
-haben; der eine oder andere der damals noch vorhandenen Horstplätze mag
-jetzt verwaist und seine Bewohner aus dem Gebiete verschwunden sein. Von den
-genannten Revierverwaltungen meldeten mir für das letzte Jahr Rosenthal ein, Ottendorf
-ein bis zwei und Postelwitz zwei bis drei Paare, während Hohnstein den Wanderfalken
-als Brutvogel nicht mehr kennt und von Mittelndorf trotz aller Bemühungen leider
-keine Auskunft zu erlangen war. Zu diesen gemeldeten Horstpaaren kommen noch
-zwei weitere, von denen das eine Heyder unbekannt geblieben war, so daß wir –
-die mir von den Revierverwaltungen gemeldeten Zahlen dürften sich auf Grund
-eigener Nachforschungen an Ort und Stelle noch um etwas verschieben – für die
-Gegenwart wahrscheinlich mit einem Bestand von sicher sechs, wahrscheinlich aber
-sieben oder acht Brutpaaren rechnen dürfen, gegenüber einem solchen von etwa zehn
-bei Abschluß der Heyderschen »<em class="antiqua">Ornis Saxonica</em>.«</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-024">
- <img class="w100" src="images/illu-024.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 1 <b>Alter Horststandort des Wanderfalken auf dem Pfaffenstein</b></div>
-</div>
-
-<p>Die größte Gefahr für unsern Vogel in der Sächsischen Schweiz besteht –
-auch die Mitteilungen der befragten Revierverwaltungen deuten dies an – im
-Klettersport; die Bergsteiger ersteigen im Frühjahr die Horstplätze der »Geier«,
-wie sie mir gegenüber den Wanderfalken wiederholt bezeichneten, und nehmen die
-Horste aus. Ich weiß von einem solchen, an dem dies in den Jahren vor und<span class="pagenum" id="Seite_23">[23]</span>
-während des Krieges regelmäßig geschah (die »kühnen Geierjäger« haben sich dabei –
-selbstverständlich! – auch immer noch photographieren lassen) und ebenso ist mir
-von andern Horsten berichtet worden, die noch nach dem Krieg ausgeräubert
-worden sind. Es mögen nun freilich in der Mehrzahl dieser Fälle keine bewußt
-schlechten Absichten sein, die diese Horstplünderer leiten, sondern nur die Unkenntnis
-der Verhältnisse sie zu ihrem Tun veranlassen; sie kennen den hohen ästhetischen
-Wert des Vogels nicht und wissen nicht, daß sie uns durch ihre Handlungen eines
-unsrer schönsten Naturdenkmäler berauben, sondern sind vielmehr noch überzeugt, ein
-gutes, des »Schadens« des Vogels wegen zu billigendes Werk geleistet zu haben
-(um so mehr, als in einem der älteren mir gemeldeten Fälle der Horst mit
-ausdrücklicher Billigung der Revierverwaltung ausgenommen wurde).</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-025">
- <img class="w100" src="images/illu-025.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 2 <b>Horstplatz des Wanderfalken im Polenztal</b></div>
-</div>
-
-<p>Nur, wer den Wanderfalken kennt, wer ihn schon draußen in seinem Reiche
-hat beobachten dürfen, wird ermessen können, welches hervorragende Naturdenkmal
-wir in ihm besitzen. Unvergessen z. B. steht mir eine Begegnung mit dem Vogel
-an einem Spätherbsttage jenes trüben Jahres in der Erinnerung, in dem die deutsche
-Ehre dahinsank und wir unsers Reiches Größe begraben mußten. Ich war an
-den Frohburg-Eschefelder Teichen gewesen und wanderte dem waldgelegenen, stillen<span class="pagenum" id="Seite_24">[24]</span>
-Vaterhause zu. Aufgeblockt auf einer einsam im weiten, freien Felde stehenden
-Kiefer, die als schwarze Silhouette vor einem trübroten Herbsthimmel mit sturmgejagten,
-regendunklen Wolken stand, saß einer unsrer wundervollen, kühnen
-Räuber der Lüfte – ein Bild, so schön und die Sinne gefangennehmend, daß hinter
-ihm, für kurze Zeit wenigstens, das ganze Elend einer toll gewordenen Zeit verschwand.
-Und unverwischbar in der Erinnerung haben sich dann auch wieder Beobachtungen
-des Wanderfalken eingegraben, die ich im Frühjahr 1921 auf dem Pfaffenstein,
-einem seiner Horstplätze in der Sächsischen Schweiz, machen konnte. Mit einem
-warmherzigen, naturfrohen lieben Freund aus Sachsens unruhevollster Fabrikstadt
-hatte ich mich dort getroffen, und fast drei Tage lang konnten wir uns dann an
-dem fesselnden Leben und Treiben der eben flügge gewordenen jungen Wanderfalken<span class="pagenum" id="Seite_25">[25]</span>
-erfreuen. Auf den Felskegeln und Felsleisten des Steines hockten sie, rufend und
-von Zeit zu Zeit die Schwingen in kurzen, aber wunderbaren Flugübungen und
-Flugschwenkungen erprobend. Tauchte dann in der Ferne beutebeladen einer der
-Alten auf, so stürmten die Jungen ihm entgegen, bettelnd und dann im Flug die
-von dem Elternvogel fallengelassene Beute erhaschend. Einmal sah ich dabei ein
-Bild, wie es sonst wohl nur wenige zu sehen bekommen. Der alte Vogel hatte
-die Beute fallengelassen, der an seiner Seite fliegende junge sie aber nicht aufgefangen.
-Senkrecht sich fallenlassend, stürzte ihr da der alte Vogel nach, und,
-sich überschlagend, daß er dabei auf dem Rücken zu liegen kam, fing er sie auf,
-ließ sie – in normale Fluglage zurückgekehrt – von neuem fallen, folgte ihr
-wiederum im Sturzfluge, um sie wie in der eben geschilderten Weise auf dem
-Rücken liegend wieder zu erhaschen, und wiederholte dieses, wie eine direkte Schauleistung
-wirkende flugkünstlerische Spiel fünf- oder sechsmal, so daß der Vogel
-geradezu wie ein in der Luft rasend umherwirbelndes Rad anmutete.</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-026">
- <img class="w100" src="images/illu-026.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 3 <b>Junger, flügge gewordener Wanderfalk</b></div>
-</div>
-
-<p>Sollen wir nun tatenlos zusehen, wie dieser schöne Vogel, dem wir unter den
-sächsischen Raubvögeln keinen zweiten an die Seite stellen können, rettungslos seinem
-Untergang zueilt, auf das wir in wenigen Jahren vielleicht schon auf ihn das »Es
-war einmal« des Märchens anwenden können? Nein! Der Schreiber dieses nimmt
-gegenwärtig im Auftrage des Vereins sächsischer Ornithologen und mit Unterstützung
-des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz eine Bestandsaufnahme des Wanderfalken
-in der Sächsischen Schweiz vor, die dann die Unterlagen für den bereits eingeleiteten,
-umfassenden und hoffentlich von einem dauernden Erfolg begleiteten Schutz unsres
-»<em class="antiqua">Falco peregrinus</em>« bilden sollen.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="In_der_Zeit_der_schweren_Not">In der Zeit der schweren Not</h2>
-</div>
-
-<p class="center">Von <em class="gesperrt">Gerhard Platz</em>, Weißer Hirsch</p>
-
-<p>»Anna Elisabeth hieß sie, nicht Rosina Rebekka. Mensch, wann wirst du
-unsre Familiengeschichte endlich mal beherrschen lernen! Die Großmutter von der
-Urgroßmutter, die bei euch überm Kanapee hängt. Das ist doch so einfach! – –
-Wie’s eigentlich sich zugetragen hat? Nu, dabei war ich nicht, denn man schrieb
-das Jahr 1720. Ein Sonntag war’s, kurz vor Silvester unter der Predigt. Da
-waren dazumal nicht zu viel Leut’ auf der Gasse, denn Kirchgang war Pflicht eines
-rechten Christenmenschen und der Herr Oberpfarrer von Schellenberg merkte sich’s,
-wenn einer gar zu selten erschien. Draußen auf den Gassen standen die Röhrbrunnen
-dick im eisigen Strohpanzer und die Sperlinge saßen dickaufgeplustert in dem
-bißchen Morgensonnenschein – eine Bärenkälte war’s wieder einmal im Lande.
-Das mochte auch der Meister Petz im Schloßzwinger fühlen und er beschloß, sich
-mal ein wenig Bewegung zu machen, wo noch dazu heute das Gatter offen stand.
-Eins – zwei – drei – hopla, da war er oben, schüttelte sich den Pelz sauber
-zurecht und trollte die Schloßgasse hinunter ins Städtel. Kein Mensch ist ihm
-begegnet, nur die lahme Großmutter vom Meister Lohgerber, die ganz allein
-zuhause war und im Lehnstuhl am Fenster über ihrem Dresdner Gesangbuch saß,<span class="pagenum" id="Seite_26">[26]</span>
-sah auf einmal eine dickvermummte Gestalt vor dem Nachbarhaus sitzen und
-immer nach dem grünen Wirtshauskranz schlagen, der dorten heraushing. Aber
-wer der dicke Kerl eigentlich war, bekam die Alte doch nicht heraus, dieweilen
-ihr Augenlicht ja schon gar schwach war. Petz aber trabte weiter und in der
-nächsten Gasse verschwand er im Hausflur. Finster war’s hier, und er brummelte
-ein bißchen unwillig über die mangelnde Flur- und Treppenbeleuchtung,
-dann aber gab eine Türe vor seiner stoßenden Nase nach, und er war in der
-Wohnstube der Bürgersleute. Menschenleer auch hier alles, aber im Winkel dort
-stand ein hölzernes Ding auf breiten Kufen. Das fing lustig an zu schwanken,
-wie der Bär mit der Tatze danach langte und alsbald erscholl aus dem Innern des
-Kastens ein schwaches Geschrei; der kleine Kerl in der Wiege war munter
-geworden. Zuerst wunderte sich der Braune ein wenig, dann aber macht’ ihm die
-Sache Vergnügen und er fing immer kräftiger an, die Wiege zu treten. Da gab’s
-denn nun wohl bald ein lautres Geschrei bei dem Insassen, also, daß sich auf einmal
-die Tür auftat und Anna Elisabeth Hungerin auf der Schwelle stand – deine
-Ahne, Mensch! Die war heute nicht in der Kirche gewesen; hatte vielmehr ein
-kräftig Wochensüpplein zu der Frau Schulmeisterin getragen. Auf dem Heimweg
-dann hatte sie das Kindergezeter gehört und war in die Stube getreten. Muß ein
-tapferes Weiblein gewesen sein, die Urahne, denn alsbald ist sie mit ihrem
-Stecken auf den Braunen losgegangen und hat ihm das Fell zu gerben begonnen.
-Vielleicht war’s mehr das Geschrei als die Schläge – aber jedenfalls ward der
-Ausreißer zornig, ging vorne hoch und dann sauste seine Pranke auf das Haupt
-der Angreiferin nieder. Dann hat er sie in Stücke gerissen und sich auch nicht
-durch die heimkehrenden Kirchengänger stören lassen, bis ein Musketenlauf zum
-Fenster hereinklirrte und die Kugel ihm das Lebenslicht ausblies. Seinen Schädel
-kannst du jetzt noch am Augustusburger Schloßtor dir ansehn. Na, weißt du nu,
-wie’s zugegangen?«</p>
-
-<p>Krach, saust es auf einmal zwischen uns zwei müde Jägersleute hernieder,
-die wir eben von weiter Morgenbirsch heimkehren und uns den Weg durch alte
-Geschichten kürzen. Ein vertrockneter Astzacken aus den hohen Kiefernwipfeln
-über uns!</p>
-
-<p>»Ha, ha,« lacht der Vetter, »mein märkischer Wald mag es nicht leiden, daß
-ich so viel hier von Kursachsen spreche. Glaub’s wohl, der Zipfel hier, so nah’
-an der kursächsischen Grenze, ist den preußischen Königen gerad’ zur Zeit unsres
-Familienabenteuers oft ein Dorn im Auge gewesen. Die langen Kerle aus Potsdam
-rissen nur gar zu gern hier herüber aus in die sächsischen Dörfer. Und der sächsische
-Kurfürst wieder mußte sich ärgern über die vermaledeiten Werber, die gerade auch
-von hier aus bei ihm einfielen und Jagd machten auf seine Landeskinder. ›Totschlagen
-die Kerle, wo sie erwischt werden‹, war die Parole auf kursächsischer Seite,
-da alle diplomatischen Vorstellungen in Berlin nichts fruchteten. Aber na, da ist
-ja das Forsthaus – wünsche wohl zu ruhen, liebwerter Herr Vetter.«</p>
-
-<p>Es will gar nicht recht klappen dies Jahr mit der Birsch auf den Keiler,
-und an manchem Abend sitzt der Vetter, der mich liebend gern zu Schuß bringen
-möchte, auf dem ehrwürdigen Kanapee, pafft wie ein Vulkan und nimmt nicht<span class="pagenum" id="Seite_27">[27]</span>
-die geringste Notiz von Waldine und Hexe, den beiden Dackeln, die rechts und
-links von ihm Schönmännchen machen. Da hilft dann gewöhnlich nur ein Mittel,
-ihn aufzuheitern: ein Abstecher in das Gebiet der Familiengeschichte. Es ist beinahe
-rührend, diesen so weit von der Heimat verschlagenen Menschen zu beobachten,
-wie er auflebt, kann er sich ein wenig in die Vergangenheit seiner und meiner
-Familie versenken und einmal nach Herzenslust plaudern von unsern Ahnen, den
-alten Freiberger Glockengießern Hilliger zumal, auf die er besonders stolz ist. Da
-ziehen sie vorüber im Tabaksnebel des märkischen Forsthauses, die stolzen, alten Patrizier
-aus der hochberühmten Silberstadt, die Trainer, die Theler, die Monhaupt, die
-Schönlebe, und der Vetter klirrt förmlich durch die Stube, wenn er von Wenzel
-von Allnpeck erzählt, der 1396 vor Nikopolis gegen den Türken fiel.</p>
-
-<p>Der Vetter hat übrigens unrecht, wenn er gestern gar so sehr auf sein Revier
-schimpfte, das mir kein Weidmannsheil bringen will. Ich fühl’ mich gar wohl
-hier auch ohne Bruch am Hut, und er, nun er liebt seinen Wald hier in der
-dürren Zauche mit aller Kraft seines treuen Herzens. Unvergeßlich wird mir die
-Überraschung bleiben, die ich am zweiten Abend hier erleben durfte, als mich der
-Vetter durch die rotbestrahlten Altkiefern hinunterführte und ich dann auf einmal
-am Ufer eines gewaltigen Sees stand, am Schwielow, dem Sohne der Havel,
-dessen Geburtsstunde in stürmischer Springflutnacht uns der kurmärkische Wandersmann
-Theodor Fontane so eindrucksvoll schildert in seinem Buch »Havelland«.
-Ruhevoll gleiten ein paar Segel auf der Höhe dahin, aber auf dem modrigen
-Grunde liegen, so erzählt es der Vetter, die Trümmer manch eines Lastkahnes, und
-kalt rieselt es mir über den Rücken, denke ich an das Abenteuer, das ein
-Bekannter in der Heimat in seinen Jugendjahren hier auf dem Schwielow
-erlebt hat.</p>
-
-<p>Von Potsdam aus waren die zwei jungen Leute in der Mondnacht die Havel
-hinabgefahren im leichten Ruderboot. Auf dem Schwielow dann hatten sie Lust
-bekommen, ein Bad zu nehmen im sommerwarmen Gewässer. Gedacht, getan!
-Bald schwammen sie lustig im See herum, über den der Vollmond seinen goldnen
-Steg baute. Nach einem Viertelstündchen rüstigen Schwimmens beschloß man, zum
-Boot zurückzukehren. Man machte Kehrt und schwamm auf die Stelle zu, da
-man ins Wasser gesprungen. Hell war die Luft und leuchtend hüpften die
-Wogen – aber das Boot, das Boot war weg. Herr des Himmels, wo war der
-Kahn hin? So hoch sich die Schwimmer aus dem Wasser hoben, überall rundum
-nur glitzernde Hügel, dahinter schwarzes unübersehbares Wasser. Guter Rat war
-teuer. Man wußte nicht einmal mehr, wo man sich befand; was Nord war oder
-Süd. Schwamm man jetzt quer zu dem See, so war’s eine Stunde noch nach
-Baumgartenbrück; teilte man die Wogen in der Längsrichtung, so waren es zwei
-Stunden bis hinunter nach Ferch. Und die Kräfte nahmen schon jetzt merklich
-ab! Mein Bekannter schlug vor, zunächst einmal immer im Kreise zu schwimmen,
-das Boot konnte ja nicht weit abgetrieben sein. Ach, gering war die Hoffnung,
-immer mehr kostbare Kraft ging verloren. Da auf einmal hemmt ein dröhnender
-Stoß an den Kopf den müdewerdenden Schwimmer – das Boot ist es, das Boot –
-unsehbar treibt das dunkle Gefährt zwischen den glitzernden Springwogen. – – –</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[28]</span></p>
-
-<p>Eine Reise tut man ja wohl, um zu erkennen, daß es in der lieben Heimat
-am allerbesten ist. So bin ich denn auch von Herzen froh, wie ich bei Großenhain
-wieder auf sächsischen Schienen dahinrolle. Aber ach, was hat sich während der
-stillen Urlaubswochen alles ereignet. Die fremden Völker sind eingefallen im lieben
-Dresden, jetzt, da die Reichsmark so tief gesunken und das Leben in Deutschland
-so angenehm geworden ist für einen, der »Valuta« besitzt. – Gottlob, alles können
-sie uns doch nicht wegtragen! Wir haben noch Werte im Lande, nach denen
-keiner der Fremden greifen mag, weil sie seiner Seele eben nichts bieten. Uns
-aber gelten sie hoch und teuer, höher als alles kostbare Pelzwerk, höher als alle
-Perlenschnüre und Diamantringe. Unsre Heimatflur ist es, unsre stillen Dörfer
-und kleinen Städte draußen zwischen Heide, Wasser und Bergland. Dorthin
-kommen sie nicht, die Hochvalutarier, und gerade daran kann ein Herz sich
-stärken und genesen, das fast zerbrechen will manchmal in dem Jammer der Zeit
-und in dem Drang einer verzweiflungsvollen, hoffnungslosen Arbeitslast. Sieh’,
-so ein Abend auf der Kuppe eines grünumbuschten Heimatberges etwa, mit dem
-Blick hinaus auf den unendlichen Frieden der stillen Flur, er ist dir doch hier
-und da einmal beschieden, und wenn du es früher nicht so gewußt hast in den
-»guten« Jahren, da du verreisen konntest nach Nord und Süd, so weit du nur
-wolltest, jetzt fühlst du es mit einem Glücksgefühl ohne Gleichen: deine Heimat
-ist dir geblieben und sie tröstet dich heut, wie einen seine Mutter tröstet. Du
-erhebst dich voll Dank gegen Gott, aber du möchtest auch selbst etwas tun, um
-dich der gebliebenen Gabe wert zu zeigen, du sinnst vielleicht, wie du es anfangen
-sollst. Da kommt dir ein guter Geist zu Hilfe und flüstert ein Wort in dein Ohr,
-das klingt so traulich und hold wie ein Kinderliedchen zur Weihnacht und wie
-ein Abendlied in blühender Laube – »Heimatschutz« heißt es, das Wort! In
-die Stadt kehrst du heim; in eine Altdresdner Gasse lenkst du den Schritt, vor
-ein Haus mit hallendem Flur und dunkelnden Stiegen. Du klopfst an der Tür,
-man tut dir auf und auf einmal ist dir’s so wohl, so heimlich unter den Menschen,
-die da in später Stunde noch schaffen. Im Heimatschutz bist du hier, Freund,
-beim Treuhänder all der ungeheuren Goldschätze, die du auf deiner Streife soeben
-erst geahnt hast. Unverdrossen arbeiten sie hier, die Werkleute, mit Liebe zu ihrer
-Sache im Herzen, und immer einmal huscht dann und wann nach getanem eignen
-Tagewerk noch einer der Mitkämpfer über die Schwelle, einer aus den Ausschüssen,
-aus dem Gesamtvorstand. »Unser aller Leben ist reicher geworden, meine Freunde,
-seit wir dem Heimatschutz dienen,« so sprach einer der unsern, ein Junggebliebner
-im schneeweißen Bart, erst vor ein paar Monaten es aus. Damals saß er auch
-noch unter uns, Freude im Blick und heitre Rede auf den Lippen, unser Führer,
-den wir im Spätjahr auf immer verloren, aber dessen Geist weiter unter uns
-wirkt und wirbt, und dessen Andenken in Segen bleiben wird unter uns –
-Karl Schmidt, der getreue Eckart der Heimat. Schöner als aus Menschenmund
-tönt ihm sein Lob im Rauschen der alten Bäume draußen im Land, die er vor
-der Axt bewahrt hat und im Sprudeln des Baches, den er vor Schändung durch
-giftige Abwässer behütet. Er ruhe in Frieden – sein Werk ist sein schönstes und
-bleibendstes Mal!</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_29">[29]</span></p>
-
-<p>Ja, nicht undankbar wollen wir sein. Manch stille gute Stunde hat uns
-Heimatfreunden das Jahr 1922 doch auch noch gebracht. Wie denke ich da heute
-so gern an den Tag in der Adventszeit, da ich den Markt zu Stolpen hinanklettern
-sah nach der Burg mit seinen rührenden Häuschen, auf denen der rote Morgensonnenschein
-lag, und an dem ich durch die stillen Gassen schritt, bis hin zum
-grünüberwucherten Tor. Hier war es auch, wo ich eine nicht unbedeutende Neuerwerbung
-machte, die für den Heimatfahrer beinahe so wichtig ist, wie ein Gaul
-für den Reiter – einen neuen Wanderstab! Seit vorigem Spätjahr fehlte mir
-einer – gar zu rasch war die Flucht aus dem Jagdwagen vor sich gegangen,
-drüben im Meißner Tiefland, als uns auf der offnen Bahnstrecke vor der großen
-Kurve auf einmal die glühenden Augen des Dresdner Zuges entgegensprühten,
-und als dann in übelangebrachter Pflichtnachholung der Blockwärter die Schranke
-gerade herunterließ, als wir im Galopp über die Schienen jagen wollten. Gott
-Lob konnten wir das Pferd noch aufs Nebengleis herumwerfen und das brave
-Rößlein hielt auch ruhig den vorbeischmetternden Zug aus – aber mein alter
-Hakenstock war bei der Geschichte verlorengegangen! Schwächlich nur war der
-Ersatz gewesen aus fremdem Rebenholz; einen richtigen Eichenstock mit Buckeln,
-Krümmung und Knoten kriegt man, glaub ich, in der Großstadt gar nicht. Hier
-nun in Stolpen fand ich ihn, fest und stark, wie für Geschlechter berechnet in seiner
-tiefdunklen Edelfärbung. Und ich hoffe allen Ernstes, er soll sich in meinem bescheidnen
-bürgerlichen Familienkreis vererben, wie die hirschlederne Reithose des ritterlichen
-Dichtersmannes aus dem Stamm der Münchhausen. Wenigstens einer meiner
-Nachfahren wird doch mal ein Jäger sein und ein Wandrer, wie sein Ahn, und
-dann werden sie sich auch erzählen von der Zeit der schweren Not, da dieser
-Stecken erworben ward für vierhundertundfünfzig Reichsmark, eine Summe, um
-die sie dann hoffentlich wieder im deutschen Land eine Kuh kaufen können mit
-Kalb, denn Bauer soll doch auch wieder mal einer werden von ihnen!</p>
-
-<p>Mit dem Stock in der Hand hoff’ ich aber vorher noch selbst manche Straße
-zu ziehen im lieben Heimatland, noch manch stillen Birschgang zu machen im
-Heimatwald, dessen grüne Hallen sich erst kürzlich mir wieder geöffnet haben in
-einem neuen, schönen Revier voll reicher heimatgeschichtlicher Erinnerung – – – ich
-glaube wahrhaftig, ich bin doch noch recht reich, selbst in der Zeit der schweren Not!</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Hiddensee_die_Insel_der_Heimatsehnsucht">Hiddensee, die Insel der Heimatsehnsucht</h2>
-</div>
-
-<p class="center">Von <em class="gesperrt">A. Klengel</em></p>
-
-<p class="center smaller">Mit Aufnahmen des Bundes für Vogelschutz, Stuttgart</p>
-
-<p>Draußen in der Ostsee, der Insel Rügen westlich vorgelagert, liegt das siebzehn
-Kilometer lange und sehr schmale Eiland Hiddensee, erst seit wenigen Jahren
-ein Reiseziel erholungsbedürftiger Naturfreunde.</p>
-
-<p>Wer hat wohl früher von diesem weltfernen Ländchen etwas gehört, das sich
-in seiner insularen Abgeschiedenheit nicht nur die erhabene ernste Einsamkeit unberührter
-Natur, sondern auch das ursprüngliche Volkstum trefflich bewahrt hat!
-Hin und wieder las man wohl, daß die dort geborenen Schiffer, die in die Fremde<span class="pagenum" id="Seite_30">[30]</span>
-verschlagen wurden, all ihr Leben lang mit unwiderstehlicher Sehnsucht an »dat
-söte Länneken« denken und nichts sehnlicher wünschen, als dorthin zurückzukehren,
-um ihren Lebensabend, wenn auch noch so bescheiden, in der teuren Heimat zu
-beschließen. <em class="gesperrt">So gilt Hiddensee immer als ein Wahrzeichen der
-Heimatsehnsucht und hoher hehrer Heimatliebe.</em> Und wer Goethe
-gründlicher liest, der findet in den »Maximen und Reflexionen« den Satz: »Liebes
-gewaschenes Seelchen ist der verliebteste Ausdruck auf Hiddensee«. Wenn auch
-hier eine sehr freie Übersetzung des plattdeutschen Satzes »min lewet wittet Seelken«
-vorliegt – man wird das Wort »wittet« besser in »weißes oder unschuldiges«
-übertragen – so spiegelt sich doch in dem Ausdruck ein sittenstrenges und edles
-Volk wieder.</p>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-033">
- <img class="w100" src="images/illu-033.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 1 <b>Rauchhaus des Fährmanns Johann Gau auf der Fährinsel bei Hiddensee</b></div>
-</div>
-
-<p>Verschiedene Wege führen nach Hiddensee! Von Stralsund aus stellt der
-Dampfer »Caprivi« die Verbindung her; ein anderer Weg zu Schiff führt von
-dem, durch das sächsische Kinderheim bekannten Rügendörfchen Wieck dorthin.
-Der rüstige Fußgänger wandert wohl auch von der rügenschen Kleinbahnstation
-Trent aus durch ährenschweres Land und an mit Storchnestern gezierten uralten
-Bauerhöfen vorüber nach dem Seehof und läßt sich von dort aus zwischen Vitter
-und Schaproder Bodden über den »Trog« durch die Fährleute der kleinen, zu
-Hiddensee gehörenden Fährinsel in das Märchenland hineinsegeln.</p>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-034">
- <img class="w100" src="images/illu-034.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 2 <b>Die Verlandung durch die Pflanzenwelt</b> (Ein Teil des Gellens; die langgestreckte Insel ist der Gänsewerder)</div>
-</div>
-
-<p>Die Natur der nur etwa sechzehn Quadratkilometer großen Insel ist außerordentlich
-abwechslungsreich; man findet hier in kleinerem Kreise alle die Schönheiten
-und Eigenheiten wieder, welche der Ostseeküste ihren Reiz und ihren Zauber
-verleihen. Im Norden erhebt sich das bis zweiundsiebzig Meter aufsteigende und weithin
-vom Meer und von den rügenschen Bergen aus sichtbare, von einem Leuchtturme
-gekrönte Dornbuschhochland, eine aus Mergel, Ton und Geschiebesteinen aufgebaute
-Höhengruppe, die nach der Küste zu steil abfällt. Stattlicher Kiefernhochwald, mit
-dünner Grasnarbe bedeckte und von Ginsterbüschen umrahmte Weidetriften, sanfte
-Täler und vom ewigen Wind umbrauste kahle Höhen wechseln ab mit steil zum Meer
-abfallenden, von Sanddorn umwucherten Schluchten, hohen nackten Uferabstürzen
-und ewig bewegten Dünenbildungen. Und wo immer der Blick hinausschweift in
-die Weite, dehnt sich das endlose gewaltige Meer aus; an der Westküste im ewig
-gleichen Spiel seiner Wellen den Steinstrand umschmeichelnd und am Lande nagend,
-an der Ostseite, im Schutze des Hochlandes und der Insel Rügen, still und blank
-in der Sonne glitzernd. Wo findet man wohl sonst auf gleich engem Raume
-so vielen bunten Wechsel in der Landschaft, wo wandelt sich die Natur so auf
-Schritt und Tritt und bietet Bilder, die von sanfter Anmut aufsteigen bis zur
-gewaltigen heroischen Wucht, vor der uns die Kleinheit unsres Menschendaseins so
-recht bewußt wird! Und welch’ abwechslungsreiche Bilder bietet das Land im
-Wandel des Jahres! Bald liegt glühender Sonnenglast auf den Bergen, der uns
-im Schatten der Kiefern vergessen läßt, daß wir auf einem kleinen Eiland stehen.
-Zur Herbst- und Frühlingszeit toben die gewaltigen Äquinoktialstürme über die
-Insel, Naturgebilde und Menschenwerk auf ihre Festigkeit erprobend. Und wenn
-der klare Sommertag zur Rüste geht, bietet sich dem entzückten Auge vom Dornbusch
-aus ein Sonnenuntergang von überwältigender und unvergeßlicher Schönheit.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_34">[34]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-035">
- <img class="w100" src="images/illu-035.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 3 <b>Die Dünenbildung des Windes</b> (bei Neuendorf)</div>
-</div>
-
-<p>Wahrlich, schon der Dornbusch allein ist ein Stück Erde nach dem man
-Sehnsucht, nach dem man Heimweh haben kann und der fühlende Mensch verspürt
-einen Hauch von der Heimatliebe der Hiddenseer Einwohner, er lernt das Wort
-begreifen, das einst der rügensche Dichter Lappe in seiner »Agnete« dem zurückkehrenden
-Insulaner in den Mund legte:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Wo wollt’ ich ruhen,</div>
- <div class="verse indent0">Wo sollt’ ich lieben,</div>
- <div class="verse indent0">Wo könnt’ ich sterben</div>
- <div class="verse indent0">Denn nur auf dir!</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Zu Füßen des Dornbuschhochlandes liegen das Fischerdörfchen Grieben und
-die älteste Siedlung der Insel, Kloster mit seinem schlichten turmlosen Kirchlein,
-einem großen, dem Provisoriat des Klosters zum Heiligen Geist in Stralsund
-gehörigen Rittergute, zahlreichen neuen, schmucken Landhäusern und einigen neuzeitlichen
-Gasthöfen. Dem Dörfchen Kloster und dem weiter südlich gelegenen, aus
-verstreuten Häusern bestehenden Ort Vitte hat der beginnende Fremdenverkehr
-bereits seinen Stempel aufgedrückt, noch findet man aber hier wie in Grieben und
-in dem noch südlicher gelegenen Dörfchen Plogshagen zahlreiche alte niedrige, schilfgedeckte
-und dornenumhegte Fischerhütten von malerischer Schönheit. Von dem
-für Rügen und Hiddensee charakteristischen uralten schornsteinlosen Rauchhaus ist
-freilich im vorigen Jahre der letzte Vertreter verschwunden. Auch die alte Vitter
-Windmühle steht still und hat ihre Flügel verloren, obwohl es dem Müller auf
-dieser »Insel im Winde« wahrscheinlich selten einmal an Betriebskraft gefehlt hat.</p>
-
-<p>Ein neues Bild entrollt sich vor unsern Augen! Südwärts von Vitte dehnt
-sich eine weite Heidelandschaft aus. Die violette Heide wechselt mit der rosaroten
-Glockenheide, mit Wacholder, Birken und der für Hiddensee eigentümlichen niedrigen
-apfelroten Heckenrose. Um einen kleinen Süßwassersee inmitten der Heide wuchert
-der Porst, die duftige Totenmyrte, und der zarte Sonnentau. Die Einsamkeit der
-Heidelandschaft schlägt den Besucher in ihren Bann! Inmitten dieses wundersamen
-Landstrichs steht das Gasthaus zur Heiderose, der Sitz einer kleinen Künstlerkolonie,
-des Hiddenseer Künstlerinnenbundes, dem der Kunstfreund schon viel Schönes aus
-der Natur und dem Volkstum Hiddensees verdankt.</p>
-
-<p>Südlich der anschließenden Dörfer Plogshagen und Neuendorf verschmälert
-sich das Land; dort liegt der etwa sieben Kilometer lange Gellen, eine unbewohnte,
-mit Gras bewachsene Halbinsel. Ein langer Steindamm schützt den mit der schönen
-Stranddistel reich bewachsenen Weststrand vor der Wucht der Wellen und eine
-schmale Kiefernpflanzung hält die zerstörenden Stürme ab.</p>
-
-<p>Diese Schutzmaßnahme war zur Erhaltung der Insel dringend erforderlich,
-wurde doch im Jahre 1878 die Insel südlich von Neuendorf beim sogenannten
-»Schwarzen Peter« von einer Sturmflut durchbrochen. Das Meer bezahlt seine
-Zerstörungsarbeit mit reichen Geschenken, anderwärts wirft es Bernstein an den
-Strand, in Hiddensee schenkte es im Jahre 1872 eine goldene Kette, die bei einer
-Sturmflut zutage kam und heute eine Hauptsehenswürdigkeit des Provinzialmuseums
-zu Stralsund bildet. Ihr Alter ist mit Sicherheit nicht zu ermitteln; man nimmt
-jedoch an, daß sie schon aus dem zehnten Jahrhundert stammen kann.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_35">[35]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-037">
- <img class="w100" src="images/illu-037.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 4 <b>Die Hakenbildung des Meeres durch Anschwemmung</b></div>
-</div>
-
-<p>Der Hiddenseer Goldschmuck gibt Anlaß, einen kurzen Blick in die reiche
-Geschichte der Insel zu werfen, die wohl schon seit den Tagen der Urzeit immer
-mit der Rügens verbunden war. Funde von Steinwerkzeugen und Tonscherben
-deuten darauf hin, daß Hiddensee schon in der Urzeit besiedelt war, doch ist nicht
-erwiesen, ob germanische oder keltische Stämme das Eiland Heimat nannten. Mit
-der Völkerwanderung faßten die slawischen Wenden auf Hiddensee und Rügen festen
-Fuß bis nach der Eroberung der nahen Tempelburg Arkona und der Zerstörung<span class="pagenum" id="Seite_36">[36]</span>
-des Nationalheiligtums des Gottes Swantewit durch den Bischof Absalon von
-Roeskilde am 14. Juni 1168 Rügen und damit Hiddensee unter dänische Herrschaft
-kam. Im Jahre 1296 schenkte der Rügensche Fürst Wizlaw die Insel Hiddensee
-dem Zisterzienserorden zur Anlegung der Abtei Kloster auf Hiddensee. Nur wenige
-Überreste des einst mächtigen und reichbegüterten Klosters, dem die päpstliche goldene
-Rose zuteil wurde und dessen Abt den Bischofsstab führte, sind auf unsre Tage
-gekommen, ein alter verwitterter Torbogen und der Grabstein des letzten Abtes.
-Das Kloster unterstand ursprünglich dem Bischof von Roeskilde und kam später
-unter das Bistum Kammin. Nach Aufhebung des Klosters im Jahre 1536 kam
-Hiddensee an die pommerschen Herzöge, geriet 1648 unter schwedische Herrschaft,
-worunter es bis 1815 verblieb. In den nordischen Kriegen errichteten die Schweden
-auf der Fährinsel und gegenüber am Seehof auf Rügen zum Schutze der Durchfahrt
-große Schanzen, die heute noch erhalten sind. Also auch von kriegerischen Drangsalen
-ist Hiddensee nicht verschont geblieben. Noch am 17. August 1870 kam es in seiner
-Nähe zu einem kleinen Seegefecht zwischen französischen Kriegsschiffen einerseits
-und dem deutschen Aviso »Grille« und Strandbatterien anderseits.</p>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-038">
- <img class="w100" src="images/illu-038.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 5 <b>Lachmöwe am Nest</b></div>
-</div>
-
-<p>Die Sage berichtet, daß die unermeßlichen Schätze des Klosters bei seiner
-Aufhebung auf der Insel vergraben wurden; der Aschkoben, ein Hügel am Dornbusch
-soll sie beherbergen und die aufgefundene Kette soll ein Teil davon sein. Fast der<span class="pagenum" id="Seite_37">[37]</span>
-ganze Landbesitz von Hiddensee gehört heute dem Provisoriat des Klosters zum
-Heiligen Geist und damit zum Besitze der Stadt Stralsund.</p>
-
-<div class="figcenter illowp80" id="illu-039a">
- <img class="w100" src="images/illu-039a.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 6 <b>Austernfischer am Nest</b></div>
-</div>
-
-<p>Wer die echte und ursprüngliche Bevölkerung Hiddensees in ihrer Natürlichkeit
-und Biederkeit kennen gelernt hat, muß sie liebgewinnen, die sturmerprobten,
-wetterzerzausten Fischergestalten und die blonden stattlichen Frauen. An der häufigen
-Wiederkehr derselben Familiennamen – fast unzählige Male kommt der Name
-Gau und Schluck vor – merkt man, daß eine Vermischung mit fremden Elementen
-zu den Seltenheiten gehört. In ihren Fischer- und Schiffsgenossenschaften liegt<span class="pagenum" id="Seite_38">[38]</span>
-noch ein Stück alten Patriarchentums, ein goldenes Stück großen Familiensinns.
-Möge es immer so bleiben, mag auch die neue Zeit, unter der Hiddensee als Badeinsel
-Mode geworden ist, nichts daran ändern.</p>
-
-<div class="figcenter illowp80" id="illu-039b">
- <img class="w100" src="images/illu-039b.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 7 <b>Fluß-Seeschwalbe</b></div>
-</div>
-
-<p>Eine Idylle für sich bildet die Fährinsel bei Hiddensee, und ein Stück
-unverfälschten Inselvolkstums ist verkörpert in dem alten Fährmanne »John Jau«
-(Johann Gau), der dort in seiner wohnlicher gestalteten Rauchkate haust und in
-der übrigen, kaum ein halbes Dutzend Köpfe zählenden Fährinselbevölkerung.</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-040">
- <img class="w100" src="images/illu-040.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 8 <b>Halsbandregenpfeifer am Nest</b></div>
-</div>
-
-<p>Daß bei der insularen Abgeschlossenheit Hiddensees auch die Gemütswerte der
-Bevölkerung unverfälscht erhalten geblieben sind, ist wohl selbstverständlich. Wie
-auf den vom Verkehr abgelegenen Teilen Rügens, so hat auch hier die Sage noch
-eine treffliche Heimstatt. Schier unerschöpflich ist der Born, aus dem die Sagen
-von der Riesin Hitthim, von Spukgestalten und andern weltentrückten Geistern
-der Vorzeit sprudeln. Wundern wird dies den tiefer schürfenden Beobachter nicht,
-ist doch Hiddensee mit den alten Kulturen eng verbunden. Nicht allzu weit auf
-Arkona liegen die Trümmer der schon hochentwickelten wendischen Kultur und
-drüben von Rügen, von Hiddensee aus sichtbar, grüßen die Hünengräber, Zeugen
-eines noch viel älteren germanischen Daseins herüber. »Altgermanische Vorfahren
-haben die Hünensteine zusammengewälzt, sei es als Gedächtnismale gefallener Helden,
-sei es als Altäre der bildlosen großen Gottheit, die sie im dumpfen Ahnen besser
-und klarer erkannten, als römische und hellenische Weisheit in all ihrer Pracht
-und Herrlichkeit sie faßten.« Darf es uns wundernehmen, daß Reste dieser Kulturen<span class="pagenum" id="Seite_39">[39]</span>
-ihren Niederschlag fanden im seelischen Leben und im Gemütsempfinden der
-unberührten einsamen Inselbevölkerung!</p>
-
-<p>Hiddensee hat in der Literatur schon mehrfach eine Rolle gespielt, von den
-rügenschen Dichtern Kosegarten und Lappe an, die noch im achtzehnten Jahrhundert
-lebten, bis in unsre Tage. Am meisten bekannt geworden ist es jedoch durch
-Gerhart Hauptmanns Drama »Gabriel Schillings Flucht«, das auf Hiddensee spielt.
-Der zu den ständigen Besuchern Hiddensees zählende Dichter hat mehrere seiner
-Werke hier vollendet und den Namen seines »Schluck und Jau« der Inselbevölkerung
-entlehnt.</p>
-
-<div class="figcenter illowp80" id="illu-041">
- <img class="w100" src="images/illu-041.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 9 <b>Junge Lachmöwen</b></div>
-</div>
-
-<p>In der weiteren Öffentlichkeit bekannt wurde Hiddensee aber durch die
-Bestrebungen zum Schutze der Seevogelwelt, welche seit 1911 von den deutschen
-Vogelschutzverbänden, wie dem Bund für Vogelschutz, dem Naturschutzbund Hiddensee,
-dem Ornithologischen Verein Stralsund usw. auf Hiddenseer Boden unternommen
-werden. In Frage kommen dafür in der Hauptsache die Fährinsel, die Südspitze
-der Halbinsel Gellen mit dem Gänsewerder und die Halbinsel Altbessin. Der einst
-dort vorhandene gewaltige Reichtum an brütenden Seevögeln, namentlich an
-Sturm- und Lachmöwen, Seeschwalben, Strandläufern, Austernfischern, Rotschenkeln,
-Regenpfeifern, Enten, Sägern usw. war durch Eierraub und verbotswidrigen Abschuß
-soweit zurückgegangen, daß dringende Hilfe not tat, wenn man dem völligen Untergange
-der die Gestade der Insel und das Meer selbst in wundervoller Weise belebenden
-Vogelwelt nicht tatenlos zusehen wollte. Unter Aufwendung erheblicher Kosten
-wurden Ländereien gepachtet und vom Jagdrecht ausgeschieden, Drahtzäune angelegt,
-Wärter und Aufsichtsbeamte angestellt usw. Diesen Bemühungen ist es zu danken,
-daß der Bestand an Brutvögeln wieder erfreulich gestiegen ist. Die Erfolge könnten
-noch größer sein, wenn die nötigen Geldmittel vorhanden wären, die es ermöglichten,
-den durch die heute zu beobachtende Verwilderung der Rechtsbegriffe und Sitten
-entstandenen Mißhelligkeiten einen wirksamen Damm entgegenzusetzen. Hoffentlich<span class="pagenum" id="Seite_40">[40]</span>
-kommen auch hier einst bessere Zeiten zum Segen unsrer schwer bedrängten Seevogelwelt,
-zum Besten des deutschen Naturschutzes!</p>
-
-<p>Jeder Naturfreund, jeder für landschaftliche Schönheiten und Eigenarten
-empfängliche Mensch, der Hiddensee kennen gelernt, muß die kleine Insel lieben.
-Die Hiddenseer Tage werden ihm unvergeßlich bleiben und auch in ihm wird
-nachklingen, was Siegfried Mauermann in seinem tiefempfundenen Gedichte von
-Hiddensee sagt:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Ein Wundereiland hat mein Fuß betreten,</div>
- <div class="verse indent0">Mein ganzes Wesen ist der Welt entrückt.</div>
- <div class="verse indent0">Und mich durchglüht ein ungewolltes Beten.</div>
- <div class="verse indent0">Fragt nicht, warum: ich fühl’s und bin beglückt.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Ihr schaut von Hügeln auf den Glanz der Wogen,</div>
- <div class="verse indent0">Ihr rühmt der Schluchten Absturz in das Meer,</div>
- <div class="verse indent0">Bespülter Buchten weite, sanfte Bogen;</div>
- <div class="verse indent0">Der Blick ist reich. O sei das Herz nicht leer.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Ihr hört das Tosen und das Wellenrauschen,</div>
- <div class="verse indent0">Der Zweige Flüstern leis’ im Abendwind;</div>
- <div class="verse indent0">Ihr wißt dem Vogelzwitschern fein zu lauschen,</div>
- <div class="verse indent0">Ihr hört mit Ohren, die voll Weisheit sind.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Ihr pflückt euch Ginster, Ähren, Immortellen,</div>
- <div class="verse indent0">Der Heckenrose luftiges Gebild.</div>
- <div class="verse indent0">Ihr laßt euch schaukeln von bewegten Wellen,</div>
- <div class="verse indent0">Euch blinkt die Abendsonne glitzernd, mild.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Und all’ dies, alles schildert ihr begeistert.</div>
- <div class="verse indent0">Ich bleibe selig überwältigt, stumm.</div>
- <div class="verse indent0">Und wenn mein Mund nicht schöne Worte meistert –</div>
- <div class="verse indent0">Ich bin beglückt, ich fühl’s; fragt nicht warum!</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-042">
- <img class="w100" src="images/illu-042.jpg" alt="Dekoration" />
-</div>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_41">[41]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Unsre_Elbvoegel_einst_und_jetzt">Unsre Elbvögel einst und jetzt!</h2>
-</div>
-
-<p class="center">Von Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">Bernhard Hoffmann</em></p>
-
-<p>Unter dem »einst« ist nicht etwa der Beginn unsrer Zeitrechnung, sondern
-die zweite Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts zu verstehen, zu welcher Zeit der
-ehemalige Rektor der Meißner Fürstenschule, namens Fabricius, Annalen der
-Stadt Meißen verfaßte, worin auch die damals an und auf der Elbe bei Meißen
-vorkommenden Vögel aufgeführt werden. Die Schrift ist lateinisch geschrieben.
-Nachstehend gebe ich eine kleine Probe des wohl ältesten Verzeichnisses sächsischer
-Vögel, das alphabetisch geordnet ist:</p>
-
-<ul class="nomark">
-<li>Brandgense / <em class="antiqua">a colore nigricante</em> / <em class="antiqua">vt</em> Brandhirsch / Brandfuchs.</li>
-<li>Bachsteltze / Wassersteltze / <em class="antiqua">Saxonibus</em> / ein ackermencken / <em class="antiqua">Motacilla Juneo. Viridis</em>.
-<ul class="nomark">
-<li><em class="antiqua">Flava</em> / <em class="antiqua">a colore ventris</em>.</li>
-</ul>
-</li>
-<li>Eisvogel / <em class="antiqua">Halcedo</em>, <em class="antiqua">Ispis</em>.</li>
-<li>Ente / <em class="antiqua">Anas</em>.
-<ul class="nomark">
-<li>Großente / <em class="antiqua">Anas magna Penelops: insigni collo propter colorem puniceum et viridem</em>.</li>
-<li>Mittelente / <em class="antiqua">Boscas</em> / <em class="antiqua">Anas mediocris</em>.</li>
-<li>Krucentlein oder Krichentlein / <em class="antiqua">Querquedula Varroni</em> / <em class="antiqua">anas parva</em> usw.</li>
-</ul>
-</li>
-</ul>
-
-<p>Nach dieser Probe sind die von Fabricius genannten Arten nicht schwer zu
-erkennen, wennschon z. B. unter »Brandgense« nicht unsre heutigen »Brandgänse«,
-sondern Ringelgänse zu verstehen sind. Daneben aber führt Fabricius noch manche
-Namen an, deren Deutung sehr große Schwierigkeiten bereitet; es seien z. B. erwähnt:
-Facke, Münchle, Pilwenckgen, Racke, die verschiedenen Arten der »Reiger«, Schnetz,
-Tittiluen usw. In einigen Fällen dürften Schreib- oder Druckfehler vorliegen; es
-muß beispielsweise wahrscheinlich heißen: Focke, Schnertz, Tittilgen usw. Doch
-soll auf all die Schwierigkeiten der Übersetzung und Deutung hier nicht eingegangen
-werden<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a>. Dagegen dürfte das Endergebnis der Untersuchung auch weitere Kreise
-fesseln. Die seinerzeit an und auf der Elbe bei Meißen beobachteten Vögel sind
-die nachstehend verzeichneten:</p>
-
-<ul class="nomark">
-<li>Schwalben</li>
-<li>Krähen (?)</li>
-<li>Weiße Bachstelze</li>
-<li>Gebirgsbachstelze</li>
-<li>Kuhstelze</li>
-<li>Rohrammer</li>
-<li>Wasseramsel</li>
-<li>Mauersegler</li>
-<li>Eisvogel</li>
-<li>Gem. Kranich</li>
-<li>Wiesenralle</li>
-<li>Bläßhuhn</li>
-<li>Grünfüß. Teichhuhn</li>
-<li>Brauner Sichler</li>
-<li>Löffler</li>
-<li>Schwarzer Storch</li>
-<li>Weißer Storch</li>
-<li>Nachtreiher</li>
-<li>Große Rohrdommel</li>
-<li>Fischreiher</li>
-<li>Purpurreiher</li>
-<li>Flußuferläufer</li>
-<li>Rotschenkel</li>
-<li>Bekassine</li>
-<li>Flußregenpfeifer</li>
-<li>Kiebitz</li>
-<li>Höckerschwan</li>
-<li>Singschwan</li>
-<li>Bläßgans</li>
-<li>Graugans</li>
-<li>Ringelgans<span class="pagenum" id="Seite_42">[42]</span></li>
-<li>Saatgans</li>
-<li>Krickente</li>
-<li>Löffelente</li>
-<li>Moorente</li>
-<li>Schnatterente</li>
-<li>Stockente</li>
-<li>Tafelente</li>
-<li>Großer Säger</li>
-<li>Mittler Säger</li>
-<li>Zwergsäger</li>
-<li>Flußscharbe</li>
-<li>Dreizehenmöwe (?)</li>
-<li>Heringsmöwe</li>
-<li>Lachmöwe</li>
-<li>Silbermöwe</li>
-<li>Sturmmöwe</li>
-<li>Flußseeschwalbe</li>
-<li>Zwergseeschwalbe</li>
-<li>Rothalstaucher (?)</li>
-<li>Schwarzhalstaucher</li>
-<li>Zwergtaucher</li>
-</ul>
-
-<p>Fast könnte diese stattliche Liste den Neid der Gegenwart erwecken! Nicht
-weniger als über fünfzig verschiedene Vogelarten haben im sechzehnten Jahrhundert
-die Elbe und ihre Ufer belebt, darunter recht ansehnliche Vögel, wie z. B. die verschiedenen
-Gänsearten, Reiher, Störche, Schwäne usw.! Damals freilich war der
-Elbstrom und seine Ufer noch in dem Zustand, wie ihn Mutter Natur geschaffen
-hatte. Sie boten Nahrung, Unterschlupf, Verstecke und Nistgelegenheiten in Hülle
-und Fülle. Aber die Zeit, die uns die gemauerten Steindämme der Flüsse, das
-Ausfüllen von Teichen und stillstehenden Gewässern mit Schutt usw. bzw. ihre
-Urbarmachung, ferner die Zunahme der Besiedelung und damit der Anwohner am
-Strom entlang, das Beseitigen der Heger und Kiesbänke im Strombett und noch
-manche andre hier in Betracht kommende Änderung gebracht hat – sie hat auch
-im Vogelbestande Wandel geschaffen, leider in einer sehr betrüblichen Weise! Sieht
-man von ganz vereinzelt auftretenden Stücken ab, so ist der weitaus größte Teil
-der oben genannten Arten von der mittleren Elbe gänzlich verschwunden, wie z. B.
-die Kraniche, Löffler, Nacht- und Purpurreiher, die Schwäne, Gänse, Flußscharben
-und vor allem auch die Seeschwalben. Andre sind auf der Elbe in der Hauptsache
-nur Wintergäste, wie z. B. die Säger, Bläßhühner, Zwergtaucher und die Scharen von
-Stockenten. Nur ganz wenige Arten trifft man noch jetzt in geringerer oder größerer
-Zahl während des Sommers an der Elbe an; ich nenne u. a. die Schwalben, Bachstelzen,
-Krähen, Flußregenpfeifer und Lachmöwen. Einen Teil der andern von
-Fabricius aufgeführten Arten finden wir glücklicherweise noch heute in und an
-den Teichen und Seen, insbesondre der Lausitz, von Moritzburg bis hinter nach
-Königswartha, Baselitz usw., darunter vor allem die verschiedenen Entenarten, die
-Taucher, die Bekassine, die Rohrdommel, den Rotschenkel, den Kiebitz, das Bläßhuhn
-usw. Möchten ihnen wenigstens diese Wohn- bzw. Zufluchtsstätten für alle
-Zeit erhalten bleiben und sie selbst sich eines dauernden Schutzes erfreuen, damit
-unser Sachsenland an diesem Teile der Vogelwelt nicht auch noch vollständig verarmt!</p>
-
-<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Man vergleiche hierüber den im Journal für Ornith. 1923, S. 1–10 veröffentlichten
-Auszug aus meiner umfangreichen Arbeit »Das älteste sächsische Verzeichnis von Vögeln, die ums
-Jahr 1564 auf und an der Elbe bei Meißen vorgekommen sind«.</p>
-
-</div>
-</div>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Der_Kiebitz_als_Brutvogel_im_Moritzburger_Gebiet">Der Kiebitz als Brutvogel im Moritzburger Gebiet</h2>
-</div>
-
-<p class="center">Von <em class="gesperrt">Paul Bernhardt</em></p>
-
-<p class="center smaller">Mit Aufnahmen des Verfassers</p>
-
-<p>Der Monat Februar geht zu Ende. Ein sonniger Tag lockt mich hinaus ins
-Beobachtungsgebiet. Gefiederte Freunde, die Kiebitze, sind nach den Aufzeichnungen
-meines ornithologischen Tagebuches heute zu erwarten. Vor mir liegt der Großteich<span class="pagenum" id="Seite_43">[43]</span>
-im Sonnenschein, befreit von der starren Eisdecke, die monatelang jegliches Leben
-bannte. Doch so ohne Kampf räumt der Winter das Feld nicht. Weiße Flecken
-in der Landschaft zeigen seine Spuren.</p>
-
-<p>Ein nordischer Wintergast, der Zwergsäger, ist immer noch zwischen den
-Schellenten auf der Wasserfläche zu beobachten. Die dürren Rohrstengel bewegt
-ein eisiger Wind hin und her; er verdeckt die wärmende Sonne mit dunklen Wolken
-und treibt leichte Schneeschauer übers Land. Schon zweifle ich an der Ankunft
-des Kiebitzes, da entdecke ich ihn durchs Glas am jenseitigen Ufer. Dort steht
-der prächtige Vogel mit seiner schönen Schwarzweißfärbung, der stahlblauen Oberseite
-und dem zierlichen Federschopfe – der Harlekin unter den Vögeln. Er hat Wort
-gehalten. Wenn es das Wetter nur einigermaßen gestattet, kehrt er jedes Jahr
-am 28. Februar zurück. Den Körper fast wagrecht auf den Ständern, die Brust
-etwas nach vorn gebeugt, steht er mit eingezogenem Kopfe ruhig im dürren
-Riedgrase. Heute spürt er keine Lust zum gaukelnden Fluge; die lange Reise und
-das unfreundliche Wetter sitzen ihm noch in den Gliedern. Nur um den Hunger
-zu stillen, trippelt er nach dem Teichrand und sucht im angeschwemmten Geäste
-nach Nahrung. Bald nimmt er wieder die Ruhestellung ein. In den nächsten
-Tagen sind auffällig viel Kiebitze im Gebiet; es sind meistens Durchzügler. Die
-heimischen Brutpaare kehren zuerst zurück.</p>
-
-<p>Nach drei Wochen ist unser Kiebitz kaum wiederzuerkennen. Der Frühling
-hat es ihm angetan. Die Sonne scheint wärmer, und an der Tiergartenmauer
-blühen schon die ersten Veilchen. Der Kiebitz hat eine Gefährtin gefunden und
-behauptet als Platzhahn sein Gebiet gegen jeden Eindringling. Die Nordostecke
-am Großteich, von wo er alles überblicken kann, hat er sich ausgewählt. Für
-ihn ist jetzt Wonnemonat; sein Gefieder steht in voller Pracht und liebestrunken
-verlebt er die kommenden Tage. In ganz eigenartiger Weise wirbt er um die
-Gunst seiner Gefährtin. Die Liebe nimmt ihn völlig gefangen und treibt ihn zu
-den tollsten Liebesspielen. Eine närrische Balz beobachtete ich am 25. März 1921:
-Auf der noch grauen, sumpfigen Wiese steht ruhig das kleinere, weniger lebhaft
-gefärbte Weibchen, nicht weit davon das Männchen im Prachtkleide. Mit vorgebeugter
-Brust erhebt es sich, fliegt wuchtelnd kurz über dem Boden hin; plötzlich
-geht es mit schneidendem »knū’it« im 45°-Winkel in die Höhe, und nun folgt ein
-Gaukeln und Stürzen in der Luft, so daß der Beobachter verwundert den Kopf
-schüttelt. Im tollen Übermut ruft der Kiebitz seinen Balzruf: knū’it, knū’it in den
-sonnigen Frühlingstag, vollführt den schönsten Sturzflug und steht plötzlich wieder
-neben dem Weibchen, um hier sein närrisches Liebesspiel fortzusetzen. Mit gesenkter
-Brust, das frische Weiß der Schenkel zeigend, führt er einige kippende Verbeugungen
-vor seiner Schönen aus, stößt mehrmals mit dem Schnabel nach unten und macht
-eine Bewegung, als würfe er dürre Grashalme hinter sich. Plötzlich drückt er den
-ganzen Körper tief an den Boden, so daß der Kopf die Erde berührt, schlägt die
-Flügel nach oben und führt mit diesen und dem rostrot gefärbten Schwanze zuckende
-Bewegungen aus, als wolle er seine Liebesglut der kühlen Erde anvertrauen.
-Wozu dieses närrische Spiel? Will er das Weibchen ermuntern, indem er durch
-diese Bewegungen auf den Nestbau hinweist? Noch mehrmals kann ich diesem<span class="pagenum" id="Seite_44">[44]</span>
-eigenartigen Treiben zuschauen und über die Allgewalt der Liebe staunen. Das
-Weibchen zeigt sich sehr spröde, es hat scheinbar nicht viel übrig für den Liebhaber.</p>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-046">
- <img class="w100" src="images/illu-046.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 1 <b>Gelege des Kiebitzes</b></div>
-</div>
-
-<p>Erst wenn die vier kreiselförmigen, olivengrünen Eier im unscheinbaren Neste
-liegen, geht die schöne Liebeszeit zu Ende, und sorgenvolle Tage kommen. Jetzt
-gilt es, durch allerlei Manöver sich nähernde Menschen, Hunde und sonstige Nestplünderer
-irrezuführen und vom Neste fernzuhalten. Doch kenne ich diese Schliche
-zu genau; bald habe ich durchs Glas schon von der Straße aus das Weibchen
-entdeckt, wie es dem stillen Brutgeschäft nachgeht. Dort im Seggengrase, kaum
-dreißig Meter vom Ufer entfernt, sitzt es und beobachtet mit dem großen Auge
-das Gelände. Es hat mich erblickt. Trotzdem ich noch weit vom Neste entfernt
-bin, verläßt es die Eier, läuft geduckt in entgegengesetzter Richtung am Boden
-hin, erhebt sich erst weit vom Neste und fliegt wehklagend auf mich zu. Ich lasse
-mich nicht irreführen; und doch macht es mir Mühe, das Gelege zu finden. Schön
-in Kreuzform angeordnet, die Spitzen nach innen, liegen vier dunkelgefärbte Eier
-unmittelbar vor meinen Füßen in einer kleinen Vertiefung. Wie oft wird dieses
-Familienglück von roher Hand zerstört, um Schlemmern in der nahen Großstadt
-den entarteten Gaumen zu kitzeln auf Kosten unsrer schon so hart bedrängten
-Natur! Helle Entrüstung stieg aber in mir auf, als ich eines Tages ein kleines
-Schlageisen im Neste fand. Ein »Auch-Naturfreund« wollte auf diese Weise einen
-Kiebitz zum Ausstopfen erlangen. Glücklicherweise hatte er nicht mit der Klugheit
-des Vogels gerechnet. Doch weg mit diesen Gedanken! Heute bin ich mit der
-Kamera im Rucksack ausgezogen, um im Bilde zeigen zu können, welche Schönheiten<span class="pagenum" id="Seite_45">[45]</span>
-unsre Heimat aufweist. Von all den Mühen dieser Kamerajagd zu erzählen, wäre
-verlockend, würde aber zu weit führen. Erst im dritten Jahre gelang es mir nach
-vielen Enttäuschungen und Mißerfolgen unter Anwendung größter List und Geduld,
-das brütende Weibchen auf die Platte zu bannen. Auch ich hatte nicht mit der
-Klugheit des Kiebitzes gerechnet! Gemeinsam suchten das Männchen und Weibchen
-meinen Plan zu vereiteln, und noch klingt mir der schreckliche Warnruf des Kiebitzhahnes
-in den Ohren, der mir bestimmt sagte, daß er mich erspäht habe und
-das Jagen deshalb heute erfolglos sei. Dem großen Kiebitzauge (<a href="#illu-047">Bild 2</a>) entgeht
-nichts! Im Jahre 1921 fand ich allein am wenig gefüllten Großteich acht Kiebitzgelege.
-Im ganzen Gebiete brüteten in diesem Jahre ungefähr fünfundzwanzig
-Paare. H. Mayhoff nimmt für 1915/16 nur fünfzehn Brutpaare an. Demnach
-wäre eine erfreuliche Zunahme festzustellen.</p>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-047">
- <img class="w100" src="images/illu-047.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 2 <b>Brütender Kiebitz</b></div>
-</div>
-
-<p>Große Aufregung und Sorge bringt dem Kiebitzpaare der Tag, an dem die
-Kleinen der Eischale entschlüpfen. Die Jungen verlassen sofort das Nest, nachdem
-sie trocken sind, und folgen der besorgten Mutter, die sie nach Art einer Glucke
-führt. Wie oft habe ich dieses schöne Familienbild aus dem Versteck belauscht!
-Die kleinen Wollklümpchen huschen flink durch das Seggengras und finden bald
-selbständig den Wurm und die Schnecke. Geradezu rührend ist die große elterliche
-Sorge. Bei der geringsten Gefahr erheben die Alten ein Klagegeschrei und versuchen
-den Feind zu vertreiben. Der harmlose Spaziergänger staunt nicht schlecht, wenn
-sich ihm ein schwarzweißer Vogel mit jammernden »kuit« fast um die Ohren schlägt.
-Er verspürt ganz deutlich den Luftzug und vernimmt ein dumpfes »wupp, wupp,<span class="pagenum" id="Seite_46">[46]</span>
-wupp«. Auch der Köter des auf der Landstraße fahrenden Fleischers, der sich
-eine »Extratour« ins Gelände erlaubt, verläßt schnell den Brutplatz. Ihm ist die
-Zudringlichkeit des Vogels zuwider. Selbst Reinecke Fuchs, der in der Dämmerung
-durch die Riedgräser des Georgenteiches schnürt, wird mit lautem Geschrei und
-fortwährendem Anfliegen vom dortigen Brutpaare empfangen. Ihm liegt an dieser
-Aufmerksamkeit rein gar nichts, er schnürt eilig weiter und beantwortet die gröbsten
-Angriffe mit erfolglosem In-die-Luft-schnappen. Die Dunenjungen verstehen den
-Warnruf der Mutter: »kiebit« (d. h. drückt euch!) sehr gut und drücken sich fest
-an den Boden, daß sie fast den menschlichen Blicken entzogen sind. Selbst dem
-Kenner bereitet es Mühe, diese unscheinbaren Wollklümpchen aufzufinden (siehe
-<a href="#illu-048">Bild 3</a>). Erst wenn sich der kleine Kerl erhebt, macht er sich durch seine weiße
-Halsfärbung gut sichtbar (<a href="#illu-049a">Bild 4</a>). Noch eine Überraschung! Als ich eines Tages
-guten Freunden vierzehn Tage alte Dunenjunge zeigen wollte, die ich schon öfter
-in der Hand gehabt hatte, vertrauten diese sich plötzlich dem Wasser an und
-schwammen zu unserm größten Erstaunen gewandt wie junge Enten nach dem
-zweihundert Meter entfernten jenseitigen Ufer, wo sie die besorgte Mutter empfing.
-Hier gingen sie sofort der Nahrungssuche nach, als wäre nichts geschehen.</p>
-
-<div class="figcenter illowp80" id="illu-048">
- <img class="w100" src="images/illu-048.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 3 <b>Junger Kiebitz in Schutzstellung</b></div>
-</div>
-
-<p>Im Monat August verlassen die Brutpaare mit den flüggen Jungvögeln das
-Moritzburger Gebiet, das um diese Zeit fast kiebitzleer ist. Wenige Beobachtungen
-aus den Augusttagen liegen vor mir. Erst im September stellen sich große Schwärme
-ein. Es sind Durchzügler aus Skandinavien und den baltischen Ländern. Ein
-besonderer Genuß ist es, dem eigenartigen Flug eines solchen Kiebitzschwarmes,
-der oft bis zweihundert Vögel zählt, in der Herbstsonne zuzusehen (<a href="#illu-049b">Bild 5</a>). Bei<span class="pagenum" id="Seite_48">[48]</span>
-eintretender Kälte machen sich auch diese Gäste auf nach dem südlichen Europa.
-Als spätesten Abzugstag notierte ich den 10. November.</p>
-
-<div class="figcenter illowp80" id="illu-049a">
- <img class="w100" src="images/illu-049a.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 4 <b>Junger Kiebitz</b></div>
-</div>
-
-<p>Jeder Naturfreund würde es mit mir tief beklagen, wenn sich der Kiebitzbestand
-im Moritzburger Gebiet durch menschliche Eingriffe verminderte, und wenn
-wir uns nicht mehr an dem Treiben des prächtigen Vogels so nahe an den Toren
-der Großstadt erfreuen könnten. Deshalb sorge ein jeder, dem seine Heimat lieb
-und wert ist, durch Aufklärung und Vorbild dafür, daß Eierraub und sinnlose
-Schießerei im Gebiet aufhört. Vom Landesverein wird zum Schutz unsrer
-bedrängten heimischen Vogelwelt alles getan. Dafür ist ihm der Dank aller Naturfreunde
-sicher.</p>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-049b">
- <img class="w100" src="images/illu-049b.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 5 <b>Kiebitzflug über dem Großteich</b></div>
-</div>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak hidden" id="Faellen_der_Sageneiche">Fällen der Sageneiche am Ölteiche zu Kohren</h2>
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-050">
- <img class="w100" src="images/illu-050.jpg" alt="" />
- <div class="caption"><b>Fällen der Sageneiche am Ölteiche zu Kohren</b></div>
-</div>
-
-<p>Wenn sich, wie im vorliegenden Falle, der Herr Förster so imposant als Oberbaumhauer
-im Bilde verewigen läßt, so liegt die Frage nahe, wie der Mann wohl zu solch »idealer« Auffassung
-seines Berufes gekommen sein möchte. Wahrscheinlich wird ihn selbst dabei die Hauptschuld
-nicht treffen. Möge das Bild recht ausgiebig als abschreckendes Beispiel wirken.</p>
-
-<p class="mright">
-T.
-</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_49">[49]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Die_Grabentour">Die Grabentour</h2>
-</div>
-
-<p class="center">Von <em class="gesperrt">A. Klengel</em></p>
-
-<p class="center smaller">Mit Aufnahmen von <em class="gesperrt">Alfred Hermann Nitsche</em>, Dresden und <em class="gesperrt">Karl Reymann</em>, Freiberg</p>
-
-<p>»Wir machen die Grabentour!« oder »Wir wandern die Grabentour entlang!«
-– Das sind in wanderfrohen Kreisen Mittelsachsens oft gehörte Worte. Man
-wählt dies Reiseziel zur Pfingstzeit, wenn Birke und Buche mit erstem frischen
-Grün sich schmücken, oder im Herbst, wenn verschwenderische Farbenpracht über
-die Wälder ausgegossen ist und die Kastanienbäume stolze goldene Kronen tragen;
-wohl auch im Winter, wenn weicher Schnee auf dem Walde lastet und jede Fichte
-in einen glitzernden Weihnachtsbaum verzaubert, wenn die Wasser unter dem Eispanzer
-murmeln und die Meisen leise klingelnd den Wald durchstreifen.</p>
-
-<p>Die Worte des Reiseplanes lassen erkennen, daß man unter der Grabentour
-sowohl die eigentliche Wanderung, als auch das Stück Heimatland selbst versteht,
-das es dabei zu durchwandern gilt. Die Landkarten verzeichnen als »Grabentour«
-nur den Oberreinsberg mit Krummenhennersdorf verbindenden Weg, der den Graben
-entlang am Hange des Bobritzschtales hinführt. Der wanderfrohe Naturfreund hat
-den Begriff im Laufe der Jahrzehnte erweitert, ohne ihn jedoch in eine feste Grenze
-zu zwängen. Im Norden rechnet man wohl das ganze Bobritzschtal bis zur Mündung
-des Flusses in die Mulde beim Zollhaus Bieberstein dazu und im Süden das
-Gebiet bis in den Bereich der Halsbrücker Esse. Und in der Tat! Eine schönere
-Einleitung zur eigentlichen Grabentour läßt sich kaum denken als die Wanderung
-durch das landschaftlich bevorzugte untere Bobritzschtal und einen würdigen Ausklang
-findet die Fahrt in dem reiche geschichtliche Erinnerungen bergenden Landstrich,
-dem der Silberbergbau das Gepräge verleiht, von dessen Höhen unser Blick hinüberschweift
-zu den Türmen des silberschweren Freiberg. Verdankt doch auch der Graben
-dem Freiberger Bergbau sein Dasein.</p>
-
-<p>Warum ich die Grabentour im Norden, also geographisch betrachtet, an ihrem
-Ende beginnen will? – Einmal, weil ich sie stets in dieser Weise unternahm, so
-oft mich auch der Weg seit über zwei Jahrzehnten dorthin führte und Tausende
-es in gleicher Weise tun. Zum andern, weil ich meinen Wanderungen stets einen
-Besuch der Ruinen des Klosters Altenzella vorausgehen ließ. An dieser denkwürdigen
-Kulturstätte mit ihrer fast tausendjährigen Geschichte habe ich mich immer
-mit der rechten Stimmung zur Wanderfahrt ausgerüstet. Das Land, das es zu
-durchwandern gilt, ist entweder uralter ehemaliger Klosterbesitz oder trägt doch
-wenigstens reiche Erinnerungen an die Zeit, da das mächtige Kloster Altenzella
-noch in Blüte stand. Und wer sich weiter hinein vertieft in die ältere Geschichte
-des zu durchwandernden Gebiets – nur flüchtige Andeutungen können hier gemacht
-werden – wird immer wieder auf den Namen Altenzella stoßen.</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-052">
- <img class="w100" src="images/illu-052.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 1 <b>Eingang zur Grabentour bei Krummenhennersdorf</b></div>
-</div>
-
-<p>Beim Zollhaus Bieberstein an der Bobritzschmündung soll die Wanderung
-beginnen! Kulturgeschichtlich denkwürdiger Boden ist es, den wir betreten. Die
-alte Heerstraße Freiberg–Meißen führt vorüber und die Herrschaft des Rittergutes
-Bieberstein erhob einst hier einen Brückenzoll. Reger Fuhrverkehr bevölkerte in
-alten Tagen die wichtige Straße und aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges<span class="pagenum" id="Seite_50">[50]</span>
-wird von wilden Kriegsvölkern berichtet, die hier vorüberzogen. Es ist anders
-geworden im Lande, längst hat die Eisenbahn den Verkehr an sich gezogen, die
-Straße, die über die Alt-Väterbrücke bei Freiberg führt, ist vereinsamt, unbekannt
-geworden und zum Teil verfallen. Hochauf steigt die Landzunge, die Mulde und
-Bobritzsch umschließen. Von bewaldeter Höhe herab grüßt das Schloß Bieberstein,
-ein wuchtiger Bau mit hohem Ziegeldach, arm an baukünstlerischem Schmuck.
-Um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts ist das Schloß entstanden auf und<span class="pagenum" id="Seite_51">[51]</span>
-neben der in den Stürmen des Dreißigjährigen Krieges unwohnlich gewordenen
-alten Doppelburg Bieberstein. Die schwere Not der Zeit, die damals auf dem
-Lande lastete, mag auf schlichte, ja nüchterne Bauweise gedrungen haben. Unbewußt
-erfüllte der alte Baumeister dadurch eine Forderung des Heimatschutzes: Hier wo
-die schlichten Naturschönheiten eines anmutigen, stillen Tales sprechen, ist kein
-Raum für einen Prunkbau, für ein Bauwerk, dessen wechselnde Linien ein schönes
-Heimatbild zerstören, Naturschönheiten erdrücken würden. So ist jeder Mißklang
-ferngeblieben und mit Wohlgefallen ruht das Auge des Heimatfreundes auf dem
-Schloß Bieberstein, das verwachsen scheint mit den ehrwürdigen Baumriesen des
-Schloßparks, der Berghöhe und Talhang in seinen grünen Mantel hüllt.</p>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-053">
- <img class="w100" src="images/illu-053.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 2 <b>Mundloch einer Grabenrösche</b></div>
-</div>
-
-<p>Fast so alt wie die Geschichte des Landes ist die Geschichte der alten Burg
-Bieberstein, von der freilich nur Reste der Feinde Wut und dem Zahn der Zeit
-standgehalten haben. Von Moos und Efeu umgrünte Turmgebäude mit tiefen,
-gewölbten, schaurigen Gängen, durch die die Sage raunt, erzählen von dem mächtigen
-Geschlecht der Herren von biuverstein, dem die Burg im zwölften Jahrhundert den
-Namen gab. Sie berichten auch von späteren Besitzern, den fehdelustigen Herren
-von Marschalk, die ihren Geschlechtsnamen nach der Burg in Marschall von Bieberstein
-ergänzten und mit dem Kloster Altenzella blutige Fehden um die Gerichtsbarkeit
-führten. Nach Teilung der Herrschaft und mehrfachem Besitzwechsel kam Bieberstein
-im Jahre 1630 an die Herren von Schönberg auf Reinsberg und bildete nunmehr
-einen Teil des sogenannten Schönberger Ländchens. Gotthelf Friedrich von Schönberg
-erbaute das jetzige Schloß an die Stelle der alten oberen Burg. Im Jahre 1807<span class="pagenum" id="Seite_52">[52]</span>
-ging der Besitz durch Heirat an die Familie von Schröter über. Das Schloß birgt reiche
-Kunstschätze und mannigfache Erinnerungen aus alter Zeit. Als wertvollste
-Kleinodien erscheinen mir jedoch die herrlichen Ausblicke vom Altan und aus den
-Schloßgemächern hinab ins Bobritzschtal und hinaus in die Gefilde der Heimat.</p>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-054">
- <img class="w100" src="images/illu-054.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 3 <b>Grabentour</b> (Waldwiese an der Bobritzsch)</div>
-</div>
-
-<p>Eine prächtige Lindenallee führt vom Schloß Bieberstein hinab ins Tal der
-Bobritzsch. Gleichen Ursprung haben die Namen Bieberstein und Bobritzsch; sie
-erinnern an den Biber, den heute leider fast ausgestorbenen Nager, der einst am Flusse
-seine Burgen baute. In großer Zahl mag er hier vorgekommen sein, man würde
-sonst kaum den Fluß und die Burg nach ihm benannt haben. Spärlich nur fließen
-freilich die Quellen, die von seinem Dasein in alter Zeit berichten, wahrscheinlich
-hatte starke Nachstellung ihn schon frühzeitig zu einem seltenen Naturdenkmal gemacht.</p>
-
-<p>Nur eine kurze Strecke, an der Mühle mit dem Schönbergschen Wappen
-vorüber, führt der Weg talaufwärts und schon lädt eine Allee aus Linden und
-Ahorn zum Besuch des Schlosses und des einstigen »Städtleins« Reinsberg ein.
-Trotzig schaut das teilweise in den Felsen gesprengte alte Schloß, dessen Burgcharakter
-trefflich gewahrt ist, hinaus in das Land. Im Dunkel des Mittelalters liegt seine
-Gründungszeit, werden doch schon im Jahre 1197 Herren von Reyensberg in<span class="pagenum" id="Seite_53">[53]</span>
-Altenzellaer Urkunden als Schiedsrichter und in andern hochangesehenen Ämtern
-genannt. Im Jahre 1377 ging der Besitz an die Herren von Schönberg über, die
-ihn heute noch ihr eigen nennen. Um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts
-erfolgte eine Teilung der Herrschaft innerhalb der Familie in Ober- und Niederreinsberg.
-Die beiden Besitzer bewohnten bis 1816 die Burg gemeinsam, doch
-räumlich getrennt und durch besondere Brücken über den Burggraben mit der
-Außenwelt verbunden.</p>
-
-<div class="figcenter illowp80" id="illu-055">
- <img class="w100" src="images/illu-055.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 4 <b>Grabentour</b> (an der Bobritzsch)</div>
-</div>
-
-<p>Reinsberg hat eine reiche Geschichte. Im Jahre 1632 wurde die Burg von
-den Österreichern mit stürmender Hand genommen, wobei fünf Söhne des Besitzers
-den Heldentod fanden und der Besitzer, Lorenz von Schönberg, selbst in der Nähe
-der Bobritzsch, wie heute noch ein Denkstein kündet, einer feindlichen Kugel zum
-Opfer fiel. Den bunten Wechsel der Zeiten trotzten die bis fünf Stock hohen
-Gebäude, die altertümlichen Türme und Erker, der Rittersaal mit der Ahnengalerie.
-Trefflich erhalten sind auch das efeuumsponnene, wappengeschmückte Burgtor und
-der tiefe Burggraben. Nesselgestrüpp und bunte Blumen bedecken heute den Grabengrund;
-Bienengesumme klingt herauf. Nur der Kuckucksruf aus dem nahen Wald<span class="pagenum" id="Seite_54">[54]</span>
-unterbricht das große ernste Schweigen, das über dem wohlerhaltenen Zeugen einer
-andern Zeit ausgebreitet ist; Reinsbergs Bedeutung liegt Jahrhunderte zurück im
-Schoße der Vergangenheit.</p>
-
-<p>Der Vergessenheit gehört auch die einstige Bedeutung der Reinsberger Kirche
-als Wallfahrtsziel an. Die Kalandbrüderschaft unterhielt hier in alter Zeit einen
-Altar als Gnadenort, an dem frommen Wallfahrern reicher Ablaß gewährt wurde.
-Gewaltig war der Zuzug, bis die Reformation mit den Wallfahrten aufräumte.
-Unbewußt hält jedoch die Volksseele noch heute an der alten Wallfahrtsfeier fest;
-das weitbekannte und stets stark besuchte »Reinsberger Vogelschießen« ist daraus
-entstanden.</p>
-
-<p>Der Reinsberger Friedhof mit der Gruft der Herren von Schönberg, mit
-zahlreichen wohlerhaltenen, in vergangene Jahrhunderte zurückreichenden Grabmälern
-und Eisenkreuzen bietet reiche Anregung zu sinnigen Betrachtungen und ernster
-Forscherarbeit.</p>
-
-<p>In der Mitte des Dorfes, dicht am Bahnhofe, steht ein Schachtgebäude!
-Des Haldenglöckleins heller Klang schallt vom Türmchen. Ein Stollen läßt Wasser
-auf ein Radwerk fließen. Wir stehen am vierten Lichtloche des <em class="gesperrt">Rothschönberger
-Stollens</em> und zugleich am Ausflusse, also am Ende des Grabens, der der Grabentour
-den Namen gab. Wie ich aus Erfahrung weiß, kennen die meisten Grabentourwanderer
-den Zusammenhang zwischen Rothschönberger Stollen und Graben nicht,
-meist wird beides miteinander verwechselt. Auch Wanderbücher und Reisebeschreibungen
-lassen uns meist im Unklaren, obwohl die Erbauung des Stollens
-und die Anlegung des Grabens erst vor wenigen Jahrzehnten erfolgten. Der
-Heimatfreund wird es deshalb gewiß begrüßen, wenn er an dieser Stelle Ausführlicheres
-darüber erfährt.</p>
-
-<p>Mit dem in den Jahren 1844 bis 1877 erbauten Rothschönberger Erbstollen
-wurde ein gewaltiges Kulturwerk geschaffen, dessen Nutzen freilich hinter den
-Erwartungen zurückblieb, die man beim Baubeginn gehabt hatte. Obwohl mit der
-Einstellung des Freiberger Bergwerks der Stollen so gut wie bedeutungslos geworden
-ist, bleibt er doch für alle Zeiten ein gewaltiges Kulturdenkmal, dem so leicht
-nichts Ähnliches zur Seite gestellt werden kann. Daß sich die Anlage des Stollens
-nicht lohnte, ist ja auch durchaus nicht die Folge falscher Berechnung oder eines
-andern technischen Fehlers; lediglich die unter dem Drucke damaliger Edelmetallentwertung
-notwendig gewordene Einstellung des Freiberger Silberbergbaues nahm
-dem Rothschönberger Stollen seine Bedeutung, ehe sie recht zur Geltung gekommen
-war. Als man ans Werk ging, stand das Wertverhältnis von Gold zu Silber
-wie 1 : 15. Schon vor der Vollendung begann unter dem Einflusse der gewaltigen
-Silbergewinnung Nordamerikas der Preissturz des Silbers, der das Wertverhältnis
-um die Wende des Jahrhunderts auf 1 : 40 herabdrückte. Unter so veränderten
-Umständen vermochte auch die kunstvollste Technik und die umsichtigste Sparsamkeit
-aller Bergbau- und Verhüttungsverfahren die Freiberger Silbergewinnung nicht
-mehr lohnend zu gestalten. Sie starb dahin. Die unterirdische Leitung der durch
-den Stollen bemeisterten Gruben- und Aufschlagwässer ist eins der Denkmäler, das
-den Freiberger Bergbau überlebt.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[55]</span></p>
-
-<p>Was führte nun zur Anlegung des Rothschönberger Stollens? – Nach jahrhundertelanger
-Ausbeute der Freiberger Silbergruben war das erzhaltige Gebirge
-in seinen oberen Schichten in der Hauptsache abgebaut; es galt tiefer zu gehen.
-Diesem Vorhaben bereitete aber das Grundwasser, der Hauptfeind des Bergbaues,
-immer größere Hindernisse, je weiter man in das Berginnere eindrang. Die Bewältigung
-der Grubengewässer war in der Hauptsache auf von Wasserkräften betriebene
-maschinelle Anlagen angewiesen, die aber zur Wasserhebung aus immer bedeutender
-werdenden Tiefen nicht mehr ausreichten. Die Anwendung der Dampfkraft erschien
-zu kostspielig. Infolge dieser Hindernisse waren bereits verschiedene wichtige
-Grubenbetriebe zum Erliegen gekommen und anderen drohte ein langsames Dahinsiechen.</p>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-057">
- <img class="w100" src="images/illu-057.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 5 <b>Schloß und Kirche Reinsberg</b></div>
-</div>
-
-<p>Den einzigen Ausweg aus diesen Schwierigkeiten sah man in der Anlegung
-eines tiefen Revierstollens, durch den das Wasser ohne Hebung aus den tiefsten
-Stellen des Bergreviers nach einem Fluß in der Umgebung abgeführt werden
-konnte. Durch eine solche Anlage konnte zugleich das Aufschlagwasser für die in<span class="pagenum" id="Seite_56">[56]</span>
-tieferen Stellen der Gruben erbauten Kraftanlagen mit beseitigt werden. Die
-Erbauung derartiger Wasserabführungsstollen war nicht neu. Wie andre Grubenreviere,
-so besaß auch Freiberg bereits eine größere Anzahl, doch reichten sie wegen
-ihrer geringen Tiefe zur Wasserbewältigung nicht aus.</p>
-
-<p>Im Jahre 1838 trat nun Oberberghauptmann von Herder mit einem ebenso
-gewaltigen wie genialen Plan an die Öffentlichkeit. Er schlug den sogenannten
-»Meißner Stollen« vor, der das Wasser durch einen dreiundzwanzig Kilometer
-langen und ungefähr hundertdreiundachtzig Meter unter dem tiefsten Freiberger
-Bergwerk zu liegen kommenden Abfluß nach der Elbe bei Meißen leiten sollte.
-Der Plan ist zwar unausgeführt geblieben, doch fußte auf ihm das Projekt des
-später vom Bergmeister von Weißenbach entworfenen Rothschönberger Stollens, der
-1844 begonnen und 1877 vollendet wurde. Der Hauptstollen mündet bei Rothschönberg
-in das Triebischtal und wurde in dreizehntausendneunhundert Meter Länge bis
-an den Halsbrücker Spatgang, vierundneunzig Meter unter den tiefsten dortigen
-Stollen, den Anna-Stollen, geführt. Nach Anschluß aller Flügelstollen erhielt das
-gewaltige unterirdische Wasserwerk später eine Gesamtlänge von einundachtzigtausend
-Metern. Der Hauptstollen wurde von acht Lichtlöchern aus erbaut, die je nach der
-Höhenlage des durchbrochenen Gebirges eine Tiefe von dreiundfünfzig bis hundertfünfundfünfzig
-Metern besitzen. Zwischen dem Mundloch bei Rothschönberg und
-dem siebenten Lichtloch bei Halsbrücke hat der Stollen bei drei Meter Höhe eine
-Breite von zwei Meter fünfzig Zentimeter und weiter aufwärts bei gleicher Höhe
-eine Breite von einem Meter fünfzig Zentimeter. Letzteres Maß haben auch die
-Stollenhauptflügel im Innern des Freiberger Reviers. Der gewaltige Stollen kann
-demnach bequem mit einem Kahne durchfahren werden. Wir stehen hier in
-Reinsberg am vierten Lichtloch, unter dem in vierundachtzig Meter Tiefe der Rothschönberger
-Stollen die Freiberger Grubenwässer zur Triebisch führt, die sie wieder
-bei Meißen in die Elbe leitet.</p>
-
-<p>Die Kosten des Stollens in Höhe von siebenmillionen&#xad;hundertsechsundachtzigtausend&#xad;sechshundertsiebenundneunzig
-Mark dreiundvierzig Pfennige überschritten den
-Anschlag um neunundsiebzig Prozent, was bei der Länge der Bauzeit und bei den
-mannigfachen und großen Schwierigkeiten, die sich der Vollendung entgegenstellten,
-durchaus nicht verwunderlich ist. Die Geschichte des Stollenbaues bietet ein Bild
-deutscher Gründlichkeit, zähester Ausdauer und hoher technischer Leistungsfähigkeit.
-Wer je an Deutschlands Schaffenskraft zweifeln wollte, dem sei ein Studium der
-Baugeschichte des Rothschönberger Stollens empfohlen; er wird sicher eines besseren
-belehrt werden.</p>
-
-<p>Aus der Bauzeit des Rothschönberger Stollens stammt auch der Graben, die
-Wasserkunst, welche der Grabentour den Namen gegeben hat. An den einzelnen
-Lichtlöchern wurden die Förderarbeiten durch Dampfkunstgezeuge und Dampfgöpel
-ausgeführt. Nur am vierten Lichtloch in Reinsberg nahm man ein Radkunstgezeug
-und einen Kehrradgöpel und am fünften Lichtloch im Bobritzschtale zwei
-vertikale (Schwamkrug’sche) Turbinen zum Betriebe der Wasserhebungs-, Wetter-
-und Fördermaschinen zu Hilfe. Das nötige Aufschlagwasser wurde unterhalb
-Krummenhennersdorf aus der Bobritzsch entnommen und den Betriebsstellen durch<span class="pagenum" id="Seite_57">[57]</span>
-eine dreitausend&#xad;fünfhundertsiebenundfünfzig Meter lange Leitung, <em class="gesperrt">den Graben an
-der Grabentour</em>, zugeführt. Die Wasserführung ist auf eintausend&#xad;sechshundertzweiundfünfzig
-Meter als offener Graben und auf eintausendneunhundertundfünf Meter
-als unterirdische Rösche angelegt. Mit dem eigentlichen Rothschönberger Stollen
-hat also der Graben heute nichts mehr zu tun, wiewohl dies vielfach angenommen
-wird. Er war lediglich ein Hilfsmittel bei seiner Erbauung und ist heute ein
-Denkmal großzügigen Bergbauunternehmens.</p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-059">
- <img class="w100" src="images/illu-059.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 6 <b>Schloß Reinsberg</b></div>
-</div>
-
-<p>Das Dorf Reinsberg verlassend, führt uns der Weg an der alten kursächsischen
-Postmeilensäule vorüber dem Walde und der Grabentour im engeren Sinne zu.
-Aus Inschriften ist zu ersehen, daß wir uns auf Oberreinsberger Forstrevier
-befinden und daß der Graben der Betriebsdirektion der staatlichen Grube Himmelfahrt
-zu Freiberg untersteht.</p>
-
-<p>Wir kennen mancherlei ausgedehnte Wasserkunstanlagen, Floßgräben usw. im
-lieben Sachsenlande. Jede Anlage hat ihre Eigentümlichkeiten, ihre besonderen
-Reize für den Wandrer, der an ihrem Ufer streift. Unser Graben ist dadurch<span class="pagenum" id="Seite_58">[58]</span>
-merkwürdig und besonders anziehend, daß er nur zum Teil im offenen Bett dahinfließt.
-Fünfmal wird das Wasser vom Felsen verschlungen und durch Tunnel
-geleitet. Dazu kommt seine herrliche Waldumgebung und die malerische Lage hoch
-am Hange des Bobritzschtals. Der Weg am Graben hin bietet dem Wandrer
-Bilder einzigartiger Naturschönheit; anmutige friedliche Waldblicke wechseln ab mit
-Bildern voll wildromantischer Wucht. Unberührte Natur und Menschenwerk einen
-sich harmonisch.</p>
-
-<p>Bald nach dem Eintritt in den Wald kommen wir an die erste offene Grabenstelle.
-Etwa dreihundert Meter weit plätschert das klare Wasser, um im ersten Tunnel
-zu verschwinden und durch den Berg dem Reinsberger Lichtloch zuzufließen. Ein
-schroffer Felsvorsprung schiebt sich nun ins Tal, vom zweiten Grabentunnel durchzogen.
-Wohl dreißig Meter tief im Grunde braust die Bobritzsch hin, von gewaltigen
-Fichten beschattet. Ein neues schöneres Bild tut sich hinter dem Felsen auf; wir
-kommen wieder an den offenen Graben. Ein Felsriegel ist durchschnitten für das
-Grabenbett. So geht es weiter im bunten Wechsel. Über eine alte Berghalde
-führt der Weg, Sedum begrünt den Schutt und im Schatten von Linden und Eschen
-laden Bänke zu kurzer Rast ein. Auch hier ein herrlicher Blick hinab ins Bobritzschtal,
-hinüber in den schönen Wald. Die Halde und ein Wehr am Graben erinnern
-an den Bau des fünften Lichtloches des Rothschönberger Stollens, das einst hier
-in die Tiefe führte. Es ist heute zugewölbt und verschüttet. Der Fußweg senkt
-sich hinab zur Bobritzsch, auf schmalem Pfade geht die Wanderung weiter, oben
-am Berge fließt der Graben. Dort, wo er zum viertenmal in den Felsen verschwindet,
-ist sein Geburtszeugnis eingemeißelt:</p>
-
-<p class="center">
-Ausgeführt 18 <span class="frac"><sup><em class="antiqua">L</em> 44</sup><span>/</span><sub><em class="antiqua">C</em> 46</sub></span><br />
-durch<br />
-Ob. Ef. <em class="antiqua">E. v. W.</em><br />
-Ostg. <em class="antiqua">A.&#160; J.</em><br />
-Mstg. <em class="antiqua">G. B.</em>
-</p>
-
-<p class="noind">Die Namen des Bauleiters Oberbergrat von Warnsdorff, des Obersteigers Jobst
-und des Maschinensteigers sind hier verewigt. In nur drei Jahre fällt also die
-Bauzeit des Grabens; wahrlich eine beachtliche Leistung!</p>
-
-<p>Noch manches herrliche Bild landschaftlicher Schönheit zieht vor unserm Auge
-vorüber. Dort gähnt eine dunkle Felshöhle, hier liegt am Ufer der Bobritzsch eine
-kleine blumenübersäte Wiese, umrahmt von hohen Fichten. Jungwald zieht sich
-zum Gipfel des Berghanges empor und dort, wo die Sonne ungehindert durch
-Bäume in den Graben scheint, spielen Scharen kleiner Fische im blanken Wasser.</p>
-
-<p>Viel zu früh für den wanderfrohen Heimatfreund tritt der Wald zurück und
-bald tauchen die ersten Häuser von Krummenhennersdorf auf. Wir sind am Ende
-der Grabenwanderung angelangt! Oberhalb des »Gasthauses zur Grabentour« liegt
-das Wehr, welches das Bobritzschwasser in den Graben leitet. Wir verlassen die
-Bobritzsch auf hoher Brücke und biegen in das Seitental ein, in dem der eigentliche
-alte Ort Krummenhennersdorf liegt.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_59">[59]</span></p>
-
-<p>Krummenhennersdorf – heute kaum genannt, oder höchstens bekannt als
-Ausgangs- oder Endpunkt der Grabentour, und doch hat Klio den Namen mehrfach
-eingezeichnet in die Annalen der sächsischen Geschichte. Zu der Zeit, als man
-Freiberg erbaute, mag auch Krummenhennersdorf mit andern Bergbaudörfern der
-Umgebung entstanden sein. Ursprünglich nach seinem Gründer Hinrichsdorf, also
-Heinrichsdorf genannt, erhielt der Ort später wegen seiner Lage am gebogenen,
-krummen Laufe des ihn durchfließenden Baches und zum Unterschiede vom nahen
-Langhennersdorf seinen heutigen, etwas merkwürdig anmutenden Namen. Vor über
-siebenhundert Jahren wird Krummenhennersdorf erstmals in der sächsischen Landesgeschichte
-erwähnt, in den Tagen, da deutsche Fürsten harte Fehden unter einander
-und gegen den Kaiser ausfochten. Im Juni 1195 endete hier das kampfesfrohe
-Leben des ritterlichen Meißner Markgrafen Albrecht des Stolzen. Er wurde, wie
-wenige Tage später auch seine Gemahlin, die schöne Sophie von Böhmen, nach
-der Inschrift in der Grufthalle zu Altenzella »<em class="antiqua">veneno sublati</em>«, durch Gift hinweggenommen.
-Völlig geklärt ist das trübe Geschehnis nicht; die Chronisten berichten,
-Kaiser Heinrich VI. sei der Anstifter zu diesem Morde gewesen, da ihm daran
-gelegen war, den kampfeslustigen und ihn selbst wiederholt befehdenden Fürsten
-zu beseitigen. Vielleicht fand der Kaiser willige Helfer in Altenzella, lud doch
-Markgraf Albrecht den Haß des Klosters auf sich, als er einen Teil der Schätze
-einzog, mit denen sein Vater Otto der Reiche das junge, von ihm begründete Kloster
-in verschwenderischer Weise ausgestattet hatte. Es wird überliefert, eine gedungene
-Kreatur des Kaisers habe dem Fürsten in Freiberg den Todestrunk gereicht; auf
-der Reise nach Meißen erkrankte Albrecht und in der Mühle zu Krummenhennersdorf
-hauchte er sein Leben aus. Irgendwelche sichtbare Zeichen, die das Gedächtnis
-an dieses Drama in der Mark Meißen alten Tagen wachhalten, sind nicht zu finden
-und wohl auch kaum vorhanden gewesen. Im Jahre 1910 ist die wahrscheinlich
-im Laufe der Jahrhunderte schon mehrmals erneuerte Mühle niedergebrannt; ein
-stattlicher Neubau in schmucker heimatlicher Bauweise ist dafür erstanden. Der
-eben aus der Bobritzsch abgeleitete Graben liefert der Mühle die Wasserkraft.</p>
-
-<p>Noch eine andre geschichtliche Erinnerung birgt Krummenhennersdorf. In
-der Ortsmitte, hoch auf dem Berge liegt neben der neuen Kirche das uralte
-Rittergut, einst ein Besitztum Altenzellas. Hierher übersiedelte im Jahre 1545 der
-letzte, der einundvierzigste Abt des Klosters, Andreas Schmiedewalt, als die Macht
-des reichen und in seinem Besitz einem kleinen Fürstentum gleichenden Klosters
-Altenzella in den Stürmen der Reformation zusammenbrach. Aus dem Klostergewaltigen
-war ein schlichter Pächter geworden, der mit seinem Schicksal ausgesöhnt
-hier hochbetagt im Jahre 1586 starb. Er war friedliebend und glich nicht im
-entferntesten seinem Vorgänger, dem kampfeslustigen und wortgewandten Abte
-Martin, der unter dem Schutze des Landesherrn Georg des Bärtigen den Siegeslauf
-der Lehre Luthers aufzuhalten suchte. Manch kräftig Wörtlein wurde gewechselt
-von hüben und drüben. Am bekanntesten geworden ist davon wohl des Abtes
-Flugschrift aus dem stillen Altenzella: »Wider das wildgeyfernde Eberschwein,
-Marten Luthern, so mit seinem Riesel umzustossen sucht die Canonisation S. Bennonis,
-Bischofs zu Meißen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_60">[60]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-062">
- <img class="w100" src="images/illu-062.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 7 <b>Schloß Bieberstein</b></div>
-</div>
-
-<p>Das Andenken an Andreas wurde etwas getrübt, als sich später herausstellte,
-daß er einen Teil der Klosterschätze und goldenen Kleinodien beiseite geschafft und
-der Sequestierung entzogen hatte. Freilich ist nie aufgeklärt worden, ob der sonst
-so gewissenhafte Abt sich damit einen Notpfennig für sein Alter sichern wollte,
-oder ob er in der Hoffnung lebte, das Land werde wieder katholisch werden und
-sein Kloster in neuem Glanze erstehen. Sagen von vergrabenen Schätzen, die sich
-gern um verfallenes Klostergemäuer ranken, wurde damit auf recht realistische
-Weise der Nährboden geraubt.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_61">[61]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowp60" id="illu-063">
- <img class="w100" src="images/illu-063.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 8 <b>Kirche zu Bieberstein</b></div>
-</div>
-
-<p>Frühlingssonnenglanz lag auf der Landschaft, als ich die Höhe erstiegen hatte,
-und nun, an blühenden Kastanien vorüber, durch die gewölbte Toreinfahrt eintrat
-in den weiten, von Linden beschatteten Hof des alten Klosterguts Krummenhennersdorf.
-Ein Bild des Friedens bot sich meinem Auge, Schwalben umzwitscherten
-die von wildem Wein umrankten Gebäude, die von Efeu dicht übersponnenen altersgrauen
-Mauern und aus dem malerischen Taubenhaus in der Mitte des Hofes
-klang vielstimmiges Gurren. Kein andrer Laut störte die klösterliche Stille. So<span class="pagenum" id="Seite_62">[62]</span>
-mag’s auch einst gewesen sein, als Abt Andreas hier seine Tage verlebte. An den
-Gutshof grenzt der sehr große und heute noch wohlgepflegte Park. Eine hohe
-Mauer umgibt ihn, ein Anklang an die gewaltige Mauer, welche das Kloster
-Altenzella von der Außenwelt abschloß.</p>
-
-<p>Nach kurzer Wanderung erreichen wir die hohe Esse und blicken hinab auf
-die rußgeschwärzte Halsbrücker Hütte. Noch einmal taucht die Erinnerung auf an
-den Rothschönberger Stollen; dicht bei der Esse steht ein kleines Schachtgebäude,
-unter dem das siebente Lichtloch hundertdreiundzwanzig Meter tief auf die Stollensohle
-führt. Und nun geht unsre Fahrt weiter auf Freiberg zu; wir schlagen den
-Fußweg über »Herders Ruhe« ein und besuchen die denkwürdige Stätte, wo unter
-einer Berghalde »der Knappen treuester Freund«, der Oberberghauptmann von
-Herder seine letzte Schicht verfährt. Auch uns war er heute ein Freund und eine
-herrliche Wanderfahrt hat er uns beschieden. Herders genialer Geist hat den Plan
-zu der gewaltigen Grubenwasserabführung erdacht, aus dem der Rothschönberger
-Stollen und der Graben an der Grabentour hervorgegangen sind.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Saechsische_Schweiz">Sächsische »Schweiz«?</h2>
-</div>
-
-<p class="center">Von <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">Kurt Schumann</em></p>
-
-<p>Gelegentlich der Ausstellung der Gilde vom Berge: Das sächsische Felsengebirge
-in Literatur, Bild und Kartographie im Japanischen Palais in Dresden
-ist wieder einmal der Streit um den Namen des bekanntesten sächsischen Gebirges
-entbrannt. <em class="antiqua">Dr.</em> Kuhfahl, der bekannte Bergsteiger, Photograph und Steinkreuzforscher
-schreibt im Dresdner Anzeiger im Anschluß an eine Besprechung der
-genannten Ausstellung: »Mit der richtigen Würdigung dieses Gebirgscharakters
-taucht aber in denkenden Köpfen gleichzeitig eine Art Beschämung darüber auf,
-daß der Name für diese heimatliche Felsenwildnis in denkbar läppischster Weise
-aus hochalpinen Verhältnissen herbeigezogen worden ist, mit denen er auch nicht
-die allergeringsten Vergleichspunkte besitzt. Das Wort »Sächsische Schweiz«, das
-jedem Alpenkenner als eine Herabwürdigung der Heimat erscheinen muß, hat sich
-seit 1780 gedankenlos fortgepflanzt und selbst in wissenschaftlichen Werken hier
-und da Eingang gefunden. Der Ausdruck Elbsandsteingebirge besitzt keine Volkstümlichkeit,
-und wenn die Gilde vom Berge heute ihre Ausstellung Sächsisches
-Felsengebirge betitelt, so ist sie sich gleichfalls bewußt, daß dies noch nicht die
-erwünschte Lösung der Namenfrage bedeutet.« Deshalb regt <em class="antiqua">Dr.</em> Kuhfahl an, man
-möge sich, wie schon vor Jahren gelegentlich eines von einer Zeitschrift ausgeschriebenen
-Wettbewerbs, mit dieser Frage befassen und nach einem treffenden,
-knappen und klangvollen Namen suchen.</p>
-
-<p>Zunächst eine kleine Richtigstellung, die für unsre weiteren Darlegungen nicht
-ohne Bedeutung ist: Der Name »Sächsische Schweiz« hat nicht selbst in wissenschaftlichen
-Werken hier und da Eingang gefunden, sondern wird seit Jahrzehnten
-beinahe ausnahmslos von allen Wissenschaftlern und vor allem von den Geographen
-gebraucht. Als Beleg nur die Verfassernamen der mir gerade zugänglichen Werke,<span class="pagenum" id="Seite_63">[63]</span>
-in denen er an hervorragender Stelle gebraucht wird: Beck, Freiberg; Beyer,
-Dresden; Hettner, Heidelberg; Ruge, Dresden; Stübler, Bautzen; Berg, Göttingen;
-Machatschek, Prag; Weicker, Dresden; Meiche, Dresden; Schmaler, Dresden;
-Philippson, Bonn; Partsch, Leipzig; Koßmat, Leipzig; Pietzsch, Leipzig usw. Besonders
-stutzig muß uns die Tatsache machen, daß es ein geborener Dresdner, der jetzige
-Ordinarius für Geographie in Heidelberg, <em class="gesperrt">A. Hettner</em>, war, der mit seinem
-klassischen Werk über den <em class="gesperrt">Gebirgsbau</em> und die <em class="gesperrt">Oberflächengestaltung</em> der
-<em class="gesperrt">Sächsischen Schweiz</em> das Wort in die wissenschaftliche Literatur einführte.
-Man kann wohl kaum annehmen, daß bei ihm wie bei all den genannten Geographen,
-Geologen, Historikern und Heimatforschern, denen man das Attribut
-denkende Köpfe kaum verweigern dürfte, reine Gedankenlosigkeit die Ursache zu
-diesem Brauche war. Schmaler schreibt in seiner trefflichen Landeskunde von
-Sachsen: »Der Geologe wird die Bezeichnung Elbsandsteingebirge lieber anwenden
-als den Begriff Sächsische Schweiz. Jedoch hat sich dieser so <em class="gesperrt">allgemein eingebürgert</em>,
-daß ihn heute auch die wissenschaftliche Geographie braucht. Es ist
-darum zwecklos, über seine Berechtigung zu streiten. Interessant ist es, daß er
-in der Zeit der Aufschließung des Gebirges für den Reiseverkehr auch von den
-bekannten Schweizer Malern Adrian Zingg und Anton Graff angewendet worden ist.«</p>
-
-<p>Ich glaube, wir kommen nicht um die Notwendigkeit herum, dem was
-Schmaler sagt, zuzustimmen. Es ist auch bei den Verfechtern dieses Namens kein
-Zweifel darüber, daß es wenige Gebirge gibt, die in Gesteinsaufbau und Oberflächenform
-weniger Ähnlichkeit mit den Schweizer Alpen haben, als die Sächsische Schweiz.
-Die Kardinalfrage bei der ganzen Erörterung ist deshalb: Wollten diejenigen, die
-zuerst diesen Namen brauchten, und wollen alle die, die ihn heute in Schrift und
-Wort anwenden, überhaupt einen Vergleich zwischen den Alpen und unserm »Salongebirge«,
-wie es Ruge scherzhaft, wenn auch nicht für alle Teile zutreffend genannt
-hat, ziehen? Diese Frage aber muß unbedingt verneint werden. Wer heute
-Sonntags »in die Schweiz fährt«, um zu wandern oder zu klettern, um zu botanisieren
-oder Leitfossilien zu sammeln, um die Spuren alter Raubnester zu suchen
-oder sich im Schatten der Kiefern im Angesicht einer erhabenen Landschaft philosophischen
-Spekulationen oder dichterischen Träumen hinzugeben, denkt nicht im
-entferntesten an das für die meisten nicht erst seit dem Kriege unerreichbare Gebiet
-der Berner oder Walliser Alpen, und wäre er gleich am Vorabend erst im Tell
-oder einer Filmvorführung gewesen, die ihm die ganze Herrlichkeit dieser Landschaften
-vor Auge und Seele stellte. Ebensowenig wie sich der Schüler, der morgens
-ins Gymnasium geht, des Gegensatzes bewußt ist, der zwischen der Anstalt, die also
-bezeichnet wird und ihrem Vorbild besteht, denkt der Schweizfahrer an das Land,
-das – man ist versucht zu sagen »zufällig« – denselben Namen trägt wie sein geliebtes
-Felsengebirge. Es verbinden sich einfach mit dem <em class="gesperrt">Wortklang</em> nicht nur für den
-Dresdner, sondern für jeden, der die besondere Schönheit dieses Gebirges genossen
-hat, so starke Gefühlswerte, daß er den Namen ebensowenig missen möchte, wie
-den der Frauenkirche, des Zwingers oder der im Volksmund auch in der Zeit des
-albernsten Byzantinismus nie ausgestorbenen Augustusbrücke. Als mir neulich
-eine Kollegin erzählte, sie sei am Sonntag im Elbsandsteingebirge gewesen, lief mir<span class="pagenum" id="Seite_64">[64]</span>
-ein kalter Schauer den Rücken hinunter, und mit dem Sächsischen Felsengebirge
-geht es mir nicht viel besser. Am wärmsten klingt noch Meißner Hochland, aber
-auch nur dem, der unter der Schwelle des Bewußtseins die ganze sächsische Geschichte
-liegen hat. Die weiteren Folgen einer Namensänderung will ich hier nicht ausmalen.
-Nur die bescheidene Frage: Wem wäre es nicht komisch zu Mute, wenn
-er von Ostern ab statt mit dem Schweizzuge mit dem Felsengebirgs- oder Elbgebirgszuge
-nach Schöna fahren und anschließend eine Meißner Hochlandstour unternehmen
-sollte?</p>
-
-<p>Und wer doch beim Klange des Wortes Schweiz es nicht lassen kann, nach
-den Gletschern des Engadin und den Firnspitzen von Zermatt einen ängstlichen Blick
-zu werfen, den werden vielleicht die folgenden Worte beruhigen, die ich in einem
-Wegweiser durch die Gegend um Dresden im Jahre 1804, als man sich auch schon
-einmal nach neuen Namen den Kopf zerbrach, fand, und mit denen ich meine
-Verteidigung der »Sächsischen Schweiz«, deren ragende Steine schon mein Söhnlein
-vom Landgraben aus mit dem Jubelruf grüßt: »Water, die Weiz! die Weiz!!«,
-schließen: »Doch das Gebirge heiße, wie es wolle, es ist unendlich malerisch. Alle
-Kontraste des Großen und Gefälligen, des Wunderbaren und Schönen, des Kühnen
-und Leichten, des Grausenden und Sanften sind mit romantischer Mannigfaltigkeit
-an den triumphierenden Lauf des Elbstroms gefesselt, und Schweizer, die hier weder
-ein Haslital noch die Spitzen der Jungfrau und des Finsteraarhorns fanden, die hier
-keinen Kuhreigen hörten und keinem Gemsenjäger begegneten, wurden dem allen
-ungeachtet von dem wunderbaren Charakter der Landschaft ergriffen und mit
-magischer Gewalt in die ferne Welt ihrer geliebten Heimat versetzt.«</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Buecherbesprechung">Bücherbesprechung</h2>
-</div>
-
-<p>»<b>Das Deutsche Haus</b>« von Paul Ehmig, 3. Band – 5. und 6. Buch – ist soeben bei Ernst
-Wasmuth, Berlin, erschienen. Somit ist in glücklichster Weise dieses großzügig angelegte Werk
-zum Abschluß gebracht worden. Die künstlerischen Bedingungen des deutschen Hauses, Anlage,
-Aufbau, Hauskörper, Innenraum und Garten werden in tiefgründiger Weise vom Standpunkte
-des schaffenden Künstlers behandelt. Der dritte Band ist ebenso wie seine Vorgänger hervorragend
-ausgestattet und mit 131 wertvollen Abbildungen illustriert. Wir empfehlen allen Baulustigen
-wie Freunden der nationalen künstlerischen Kultur das Buch aufs wärmste, aber auch den Jüngern
-der Baukunst. Ist es doch frei von der in technischen Gebieten allzu üblichen schematischen
-Behandlung der Aufgaben, betont es doch immer wieder die Notwendigkeit, die Erfahrungen der
-Alten zu benützen und die Bedürfnisse aus ihnen zu entwickeln. Alles in allem eine bedeutsame
-Weiterentwicklung der in den letzten Jahren erschienenen Veröffentlichungen ähnlichen Charakters –,
-auf die vom Deutschen Bund Heimatschutz herausgegebenen Grundlagen für das Bauen in Stadt
-und Land von Steinmetz, Berlin, und die sechs Bücher vom Bauen Ostendorfs sei hierbei
-hingewiesen. –</p>
-
-<p>Daß dem Siedelungsproblem, Reihenhaus und Bebauungsplan umfangreiche Teile des
-Buches gewidmet sind, mag hervorgehoben werden, aber auch, daß die künstlerische Gestaltung des
-Hausinneren in Verbindung mit den Gartenräumen unter Beibringung schönen Abbildungsmaterials
-mit besonderer Liebe behandelt ist.</p>
-
-<p class="mright">
-Paul Goldhardt
-</p>
-
-<p class="center s90 p2">
-Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt – Druck: Lehmannsche Buchdruckerei<br />
-Klischees von Römmler &amp; Jonas, sämtlich in Dresden
-</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="An_unsre">An unsre
-geschätzten Mitglieder!</h2>
-</div>
-
-<p>Die immer weitere Zunahme unsrer Mitglieder, der Aufschwung
-unsrer Bewegung macht eine vollständige Umorganisation
-unsrer Mitglieder-Kartothek notwendig. Dabei werden nach
-Möglichkeit alle die Wünsche berücksichtigt, die uns seitens unsrer
-Mitglieder zur Geschäftsvereinfachung und zur Erzielung von
-Ersparnissen mitgeteilt wurden.</p>
-
-<p>Der <b>jetzige</b> Versand unsrer Mitteilungen erfolgt noch auf Grund
-unsrer alten Kartothek, und da die Briefumschläge seit Wochen
-geschrieben sind, ist in vielen Fällen die neue Anschrift, die uns in den
-letzten Monaten mitgeteilt wurde, noch nicht berücksichtigt worden.</p>
-
-<p>Um bei der Neuordnung unsrer Geschäftsführung auch nach
-Möglichkeit alle veränderten Anschriften berücksichtigen zu können,
-bitten wir unsre geschätzten Mitglieder, uns die jetzige und frühere
-Anschrift dann mitzuteilen, wenn die Anschrift auf dem Briefumschlag,
-in dem dieses Heft versandt wurde, nicht mehr stimmt.</p>
-
-<p>Jede Neuorganisation und Umänderung von Geschäftseinrichtungen
-bringt Versehen und Unstimmigkeiten naturgemäß
-mit sich. Wir bitten daher in den kommenden Wochen und
-Monaten – denn die vollständige Neueinrichtung unsrer Kartothek
-wird bei dem umfangreichen Mitgliederbestand diese Zeit erfordern –
-um freundliche Nachsicht.</p>
-
-<p>Wir danken allen, die uns durch Ratschläge bisher unterstützt
-haben; wir ersehen daraus die Liebe zu unsrem Verein, das Interesse
-an dem weiteren Heranwachsen unsrer Bewegung zum Wohle des
-letzten Schatzes, der uns blieb: zum Wohle unsrer geliebten Heimat.</p>
-
-<p class="center larger">Landesverein Sächsischer Heimatschutz</p>
-
-<p class="center">März 1923</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">Einbanddecken in Leinen</p>
-</div>
-
-<table>
-<tr><td>Einzelbände</td><td class="tdr">M. 3000.—</td></tr>
-<tr><td>Doppelbände</td><td class="tdr">M. 3500.—</td></tr>
-</table>
-
-<p class="h2 p2">Heimatbücherei des Landesvereins
-Sächsischer Heimatschutz</p>
-
-<div class="hang">
-<p>Band I (2. Auflage): <em class="gesperrt">Gerhard Platz</em> »Vom Wandern
-und Weilen im Heimatland«</p>
-<p class="right">
-M. 7500.—
-</p>
-
-<p>Band II. <em class="gesperrt">Max Zeibig</em> »Bunte Gassen, helle Straßen«</p>
-<p class="right">
-M. 4000.—
-</p>
-
-<p>Band III. <em class="gesperrt">Edgar Hahnewald</em> »Sächsische Landschaften«</p>
-<p class="right">
-M. 6000.—
-</p>
-</div>
-
-<p class="center">
-<span class="bbox padding">Bestellkarte in diesem Heft</span>
-</p>
-
-<p class="p2 center s90">Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-A.</p>
-
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-<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>LANDESVEREIN SÄCHSISCHER HEIMATSCHUTZ -- MITTEILUNGEN BAND XII, HEFT 1-3</span> ***</div>
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-</div>
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-</div>
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-or any Project Gutenberg&#8482; work, (b) alteration, modification, or
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-Defect you cause.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg&#8482;
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg&#8482;&#8217;s
-goals and ensuring that the Project Gutenberg&#8482; collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg&#8482; and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation&#8217;s EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state&#8217;s laws.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
-public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
-visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This website includes information about Project Gutenberg&#8482;,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-</div>
-
-</div>
-</div>
-</body>
-</html>
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Binary files differ
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deleted file mode 100644
index 5a8a410..0000000
--- a/old/69548-h/images/illu-021.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/69548-h/images/illu-024.jpg b/old/69548-h/images/illu-024.jpg
deleted file mode 100644
index a4a2015..0000000
--- a/old/69548-h/images/illu-024.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/69548-h/images/illu-025.jpg b/old/69548-h/images/illu-025.jpg
deleted file mode 100644
index 4de15cc..0000000
--- a/old/69548-h/images/illu-025.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/69548-h/images/illu-026.jpg b/old/69548-h/images/illu-026.jpg
deleted file mode 100644
index fcb7f39..0000000
--- a/old/69548-h/images/illu-026.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/69548-h/images/illu-033.jpg b/old/69548-h/images/illu-033.jpg
deleted file mode 100644
index 70c18a6..0000000
--- a/old/69548-h/images/illu-033.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/69548-h/images/illu-034.jpg b/old/69548-h/images/illu-034.jpg
deleted file mode 100644
index 8de5c68..0000000
--- a/old/69548-h/images/illu-034.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/69548-h/images/illu-035.jpg b/old/69548-h/images/illu-035.jpg
deleted file mode 100644
index 3e84cb7..0000000
--- a/old/69548-h/images/illu-035.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/69548-h/images/illu-037.jpg b/old/69548-h/images/illu-037.jpg
deleted file mode 100644
index 97731b4..0000000
--- a/old/69548-h/images/illu-037.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/69548-h/images/illu-038.jpg b/old/69548-h/images/illu-038.jpg
deleted file mode 100644
index 56c6474..0000000
--- a/old/69548-h/images/illu-038.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/69548-h/images/illu-039a.jpg b/old/69548-h/images/illu-039a.jpg
deleted file mode 100644
index 18350f4..0000000
--- a/old/69548-h/images/illu-039a.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/69548-h/images/illu-039b.jpg b/old/69548-h/images/illu-039b.jpg
deleted file mode 100644
index a1dfa0d..0000000
--- a/old/69548-h/images/illu-039b.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/69548-h/images/illu-040.jpg b/old/69548-h/images/illu-040.jpg
deleted file mode 100644
index 105093d..0000000
--- a/old/69548-h/images/illu-040.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/69548-h/images/illu-041.jpg b/old/69548-h/images/illu-041.jpg
deleted file mode 100644
index 71e97ca..0000000
--- a/old/69548-h/images/illu-041.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/69548-h/images/illu-042.jpg b/old/69548-h/images/illu-042.jpg
deleted file mode 100644
index 1d24a43..0000000
--- a/old/69548-h/images/illu-042.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/69548-h/images/illu-046.jpg b/old/69548-h/images/illu-046.jpg
deleted file mode 100644
index b5ec444..0000000
--- a/old/69548-h/images/illu-046.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/69548-h/images/illu-047.jpg b/old/69548-h/images/illu-047.jpg
deleted file mode 100644
index f97d839..0000000
--- a/old/69548-h/images/illu-047.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/69548-h/images/illu-048.jpg b/old/69548-h/images/illu-048.jpg
deleted file mode 100644
index 472677d..0000000
--- a/old/69548-h/images/illu-048.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/69548-h/images/illu-049a.jpg b/old/69548-h/images/illu-049a.jpg
deleted file mode 100644
index 90a8271..0000000
--- a/old/69548-h/images/illu-049a.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/69548-h/images/illu-049b.jpg b/old/69548-h/images/illu-049b.jpg
deleted file mode 100644
index 013f64a..0000000
--- a/old/69548-h/images/illu-049b.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/69548-h/images/illu-050.jpg b/old/69548-h/images/illu-050.jpg
deleted file mode 100644
index d29ecb0..0000000
--- a/old/69548-h/images/illu-050.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/69548-h/images/illu-052.jpg b/old/69548-h/images/illu-052.jpg
deleted file mode 100644
index 38ecb80..0000000
--- a/old/69548-h/images/illu-052.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/69548-h/images/illu-053.jpg b/old/69548-h/images/illu-053.jpg
deleted file mode 100644
index f42ed08..0000000
--- a/old/69548-h/images/illu-053.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/69548-h/images/illu-054.jpg b/old/69548-h/images/illu-054.jpg
deleted file mode 100644
index 614322b..0000000
--- a/old/69548-h/images/illu-054.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/69548-h/images/illu-055.jpg b/old/69548-h/images/illu-055.jpg
deleted file mode 100644
index 8d5d718..0000000
--- a/old/69548-h/images/illu-055.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/69548-h/images/illu-057.jpg b/old/69548-h/images/illu-057.jpg
deleted file mode 100644
index 25b97a7..0000000
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+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/69548-h/images/illu-059.jpg b/old/69548-h/images/illu-059.jpg
deleted file mode 100644
index 83d9a70..0000000
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Binary files differ
diff --git a/old/69548-h/images/illu-062.jpg b/old/69548-h/images/illu-062.jpg
deleted file mode 100644
index 9c0c33c..0000000
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+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/69548-h/images/illu-063.jpg b/old/69548-h/images/illu-063.jpg
deleted file mode 100644
index da2f7a3..0000000
--- a/old/69548-h/images/illu-063.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ