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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..d7b82bc --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,4 @@ +*.txt text eol=lf +*.htm text eol=lf +*.html text eol=lf +*.md text eol=lf diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Landesverein Sächsischer Heimatschutz -- Mitteilungen Band XII, - Heft 1-3 - -Author: Landesverein Sächsischer Heimatschutz - -Release Date: December 15, 2022 [eBook #69548] - -Language: German - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LANDESVEREIN SÄCHSISCHER -HEIMATSCHUTZ -- MITTEILUNGEN BAND XII, HEFT 1-3 *** - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter - oder unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original - in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter - Text ist =so dargestellt=. - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. - - - - - Landesverein Sächsischer - Heimatschutz - - Dresden - - Mitteilungen - Heft - 1 bis 3 - - Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege - - Band XII - - _Inhalt_: Im Zauber des Erzgebirges – Kurt Arnold Findeisen – Auf - der Schwelle des Erzgebirges – Der Vielfraß in Sachsen – Der - Wanderfalke in Sachsen – In der Zeit der schweren Not – Hiddensee, - die Insel der Heimatsehnsucht – Unsre Elbvögel, einst und jetzt! – - Der Kiebitz als Brutvogel im Moritzburger Gebiet – Die Sageneiche - am Ölteiche zu Kohren – Die Grabentour – Sächsische »Schweiz«? – - Bücherbesprechung - - Einzelpreis dieses Heftes M. 2500.--, Bezugspreis für einen Band - (aus 12 Nummern bestehend) M. 9000.--, für Behörden und Büchereien - M. 5000.--. Mitglieder erhalten die Mitteilungen kostenlos, - _Mindest_monatsbeitrag M. 300.--, freiwillige Einschätzung erbeten - - Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24 - - Postscheckkonto: Leipzig 13987, Dresden 15835 - Stadtgirokasse Dresden 610 - Bankkonto: Commerz- und Privatbank, - Abteilung Pirnaischer Platz, Dresden - - Dresden 1923 - - - - -An unsre geehrten Mitglieder! - - -In den letzten Tagen haben wir um Einsendung eines Notbeitrages von -1000 M. für Einzelmitglieder, 5000 M. für körperschaftliche Mitglieder -gebeten, und wir haben so viel ansehnliche Beträge aus freiem Ermessen -erhalten, daß wir die feste Zuversicht haben, daß, wenn alle noch -ausstehenden Beiträge eingehen, wir in der Lage sein werden, den Verein -und seine Werke durchzuhalten. _Die vielen Einsendungen, die noch -ausstehen, müssen aber unter allen Umständen eingehen, und deshalb -bitten wir alle diejenigen, die unsrer Bitte noch nicht nachgekommen -sind, dies umgehend zu tun und zur Einsendung die Zahlkarte zu -benutzen, die unsrem Rundschreiben beilag, das wir in den letzten Tagen -des Februar an alle unsre Mitglieder versandten._ - -Aus dem vorliegenden Heft bitten wir zu entnehmen, daß es ohne die -geringste Einschränkung in der alten Ausstattung, wie unsre Hefte -seit 1908 erscheinen, hergestellt worden ist. Auch daraus bitten wir -unsre verehrten Mitarbeiter, Mitglieder und Freunde zu ersehen, daß -unsre Hoffnungen auf das Durchhalten unsres Vereins nicht trügerisch -sind, sondern daß bei uns nicht nur der feste Wille dazu besteht, -sondern auch die sicheren, wohldurchdachten und berechneten Grundlagen -vorhanden sind, das gesteckte Ziel zu erreichen. - -Wir bitten, die beiden letzten Umschlagseiten dieses Heftes zu beachten -und uns im weiteren Kampf um das Bestehen des Vereins zum Besten von -Heimat und Volk nicht im Stich zu lassen. Wir danken aufrichtig und -herzlich für alle Mitarbeit, für alle Hilfe; der schönste Dank ist das -Durchhalten der Bewegung, des Vereins in schwerster Zeit. - - Mit deutschem Gruß! - - Landesverein Sächsischer Heimatschutz - - =O. Seyffert=, =Michael=, - Hofrat, Professor Oberregierungsrat - - März 1923 - - - - - Band XII, Heft 1/3 1923 - -[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz - -Dresden] - -Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern -herausgegeben - -Abgeschlossen am 1. Februar 1923 - - - - -Im Zauber des Erzgebirges - -Von _Hans Hänig_ (Wurzen) - - -Worin besteht eigentlich der Zauber des Erzgebirges? - -Ich habe es seit länger als zwei Jahrzehnten nach allen Richtungen -durchstreift, ich bin auf tausend Pfaden gegangen, an denen die -große Menge achtlos vorbeigeht und habe einsame Bäche in ihrem Laufe -verfolgt, die in irgendeinem Winkel des Hochwaldes ihren Ursprung -nehmen. Ich habe beinahe auf allen Hochwarten gestanden, die das -Gebirge aufzuweisen hat, und immer hat es mir wieder Neues und -Seltsames geboten. Es muß wohl die Menschenseele sein, die hier in den -Höhen und Tiefen der Landschaft ihre Geheimnisse wiederfindet. - -Seitdem ich das erstemal auf einer Höhe des Gebirges stand, um die -Blicke nach dem Wogen von Bergen und Tälern hinüberschweifen zu lassen, -durchwanderte ich einen großen Teil von Deutschlands Gauen, und das -Schicksal verschlug mich auch in andere Teile Europas – aber alles, -was ich da fand, das finde ich vereint in meinem Erzgebirge wieder. -Der Wald- und Moorreichtum des westlichen Gebirges versetzt mich immer -wieder zu den Höhen des Böhmerwaldes, wenngleich von dessen Gipfeln -die Aussicht vielleicht noch weiter und umfassender ist, aber das -schwermütige Bild zu den Füßen des Beschauers ist noch dasselbe und mir -ist, als müßte dem Erzgebirge noch einmal ein Dichter wie A. Stifter -erstehen, der seine Schönheit im Innersten zu erfassen vermag. Die -Burgruinen und bewaldeten Kuppen am südlichen Steilabfall des Gebirges -vermögen dem Wanderer einen Augenblick rheinische Landschaften vor -das Auge zu zaubern. Das Waldgebiet um den Teufelsstein im oberen -Schwarzwassertal zeigt Fichtelgebirgsstimmungen, und die langen Linien -des stilleren östlichen Gebirges werden ihn an die Landschaften der -Eifel und des hohen Venn erinnern, die besonders im Herbst einen -so eigentümlich schwermütigen Eindruck machen. Mit dem Hochgebirge -hat das Erzgebirge nur wenig Gemeinsames, und doch finden sich auch -hier Berührungspunkte: der Greifenstein ist eine gute Schule für -angehende Kletterer, und der Gebirgskamm am Fichtelberg und Keilberg -trägt wie der alpine Steig im Schwarzwassertal bei Aue einen echt -alpinen Charakter wie vielleicht wenig andere Gebirgslandschaften in -Deutschland. - -Ich habe diese Täler und Höhen zu jeder Zeit des Jahres beobachtet: -wenn der Frühling die Gebirgsbäche schwellt oder wenn Sommertagszauber -auf den Bergstädten und Halden liegt. Vielleicht ist auch hier der -Herbst am schönsten, und die klare, reine Luft läßt dann Einzelheiten -hervortreten, die durch die Schwüle des Sommers nur allzuoft verwischt -waren. An solchen Tagen hebt sich jedes Baumblatt in klaren Umrissen -vom Horizonte ab und dahinter ein Stück altersgrauer Fels, bis auch -dieser wieder in das brennende Feuer der Abendröte getaucht ist. Dann -wird die Freude an den tausend kleinen Entdeckungen, die der Wandrer -bei seinen Fahrten macht, zur Andacht – zu der großen, stillen -Andacht, die den Menschen im Innersten seine Verwandtschaft mit der -Natur ahnen läßt. - -Oft lag der Mittagszauber über dieser Erzgebirgsnatur, und die Linien -des Gebirges lösten sich in der Schwüle auf, die über Tälern und -Wäldern lag. Das Mittagsgespenst geht um und drückt Menschen und Tiere. -Die Halden liegen einsam und versonnen, und in den Bergstädten schläft -man ein Stück in den Nachmittag hinein. Wer in solchen Zeiten in der -Natur ist und ihrem Weben nachgeht, den umfängt ein geheimnisvoller -Schauer, den Schwind in seiner Mittagsfrau unnachahmbar zum Ausdruck -gebracht hat. Aber mich soll sie heute nicht abhalten, immer mehr in -die Fichtelgebirgsnatur hineinzuwandern, die sich hinter Mittweida -auftut. Die Mühle, die hier am Eingange des oberen Mittweidaer Tales -eingebettet ist in lauschiger Einsamkeit, soll mein erstes Ziel sein. - -Schon vor Jahren hatte es mich öfter in diese Gegend gezogen, als ich -eines Nachmittags die Crottendorfer Kirche entdeckte. Inmitten dieser -Erzgebirgsnatur, umrahmt von den Vorhöhen des Fichtelberges ein Stück -Kunst hinter den altersgrauen Mauern, wie es selbst der farbenfrohe -Südländer sich nicht besser wünschen könnte. Ein prachtvoller alter -Holzaltar, die Decke getäfelt und selbst an den Wänden und Emporen -Bilderschmuck – so wird das Ganze dieses Kirchleins zu einer inneren -Anregung für den Besucher, wie sie unsre protestantischen Gotteshäuser -leider nur allzuoft vermissen lassen und wie sie doch gerade in unsrer -hastenden Zeit so wohl tut. Ob uns wohl etwas mehr Farbenfreude in -unserem arm gewordenen Deutschland schaden würde? - -[Illustration: Abb. 1 =Kirche zu Crottendorf=] - -Hinter der Bahnstation von Mittweida beginnt das eigentliche Tal, das -sich von hier bis zum Fichtelberg selbst hinzieht. Während der ersten -Wegstunde immer dasselbe Bild: drunten am Bach ein paar Häuser oder -eine Papier- und Sägemühle – dahinter weite Waldbestände, die, je -höher man hinaufkommt, desto mehr den Blick gefangennehmen und die -Gedanken an nichts anderes aufkommen lassen. Hinter der Wolfner Mühle, -die noch einmal an einer Talgabelung liegt, tritt der Wald so nahe -heran, daß nur noch die Mittweida und eine Waldstraße durch das Tal -führen. Dann hören auch die letzten Ansiedlungen auf, und die große, -feierliche Stille der Natur beginnt. Die umliegenden Höhen senden -ihre Blöcke und Kuppen vor, die über dem Waldreichtum Wache halten. -Der Weg zieht sich immer weiter zur Höhe hinan und täuscht doch immer -wieder, indem er weitere Ausblicke eröffnet – es ist, als wollte der -Wald hier kein Ende nehmen und als sollte niemand wieder aus seinem -Bann herauskommen, der sich einmal hinein begeben hat. Endlich, als -sich schon der Fichtelberg selbst wie ein Wächter dieser Landschaft -emporreckt, teilt sich der Weg, indem ein Pfad gerade an dem Abhang -emporführt, während ein anderer sich oberhalb der Tellerhäuser mit dem -sogenannten Prinzenweg vereinigt. Die Mittweida selbst entspringt nicht -weit vom Unterkunftshause, und man hat somit Gelegenheit, das Werden -und Wachsen dieses kristallenen Baches bis zu seiner Mündung in das -Schwarzwasser zu verfolgen. - -[Illustration: Abb. 2 =Inneres der Kirche zu Crottendorf=] - -Wer es kann, wandere diese einsame Straße, wenn im November das -Abendrot hinter den Bäumen hängt und aus dem Waldbereich einsame Feuer -emporsteigen. Er wird hier ein Stück Naturmystik finden wie selten im -Erzgebirge, und er wird aus solchen Fahrten neue Erholung und Kraft -schöpfen. Jene Kraft, die uns mit der Natur selbst verbindet und die -unser armes Volk gerade in den jetzigen Tagen so nötig hat. - - -Anmerkung - -Nach der Mitteilung des Herrn Pfarrers Merz in Crottendorf hat -wahrscheinlich schon im dreizehnten Jahrhundert an der Stelle der -heutigen Kirche dieses Dorfes eine frühere gestanden, deren Größe -noch heute an dem Nordgiebel des Kirchbodens zu sehen ist. Am fünften -Sonntag nach Trinitatis 1539 wurde hier wahrscheinlich von dem Pfarrer -Abraham Schroot (oder Adam Schrott) die erste evangelische Predigt -gehalten. Die jetzige Kirche wurde 1654 geweiht. Der schöne Altar, -der neben der kunstvollen Holzdecke einen Hauptschmuck der Kirche -bildet, wurde von dem Freiberger Bildhauer Theodor Meyer begonnen und -nach seinem Tode in Crottendorf von seinem Eidam 1698 vollendet und -1699 geweiht. Die Kanzel ist ein Werk des Annaberger Meisters Andrä -Götze und ist zweimal, 1883 und 1896 erneuert worden. Neben der Kanzel -steht ein alter Flügelaltar, der in gleicher Höhe rechts auf dem Bilde -sichtbar ist. Ferner sind noch zwei Ölgemälde, Bildnisse der Kurfürsten -Johann Georg I. und Johann Georg II., des letzteren in jugendlichem -Alter, vorhanden, dazu rechts und links von den beiden Emporen Ölbilder -mit Darstellungen aus dem alten und neuen Testament, die sehr alt und -noch gut erhalten sind. Der Taufstein ist aus Crottendorfer Marmor -hergestellt. - - - - -Kurt Arnold Findeisen - -Von _Otto Eduard Schmidt_ - - -Am nächsten 15. Oktober vollenden sich vierzig Jahre, seit Kurt -Arnold Findeisen im sächsischen Zwickau geboren wurde. So liegt die -Jugendzeit hinter ihm, das männliche Alter beginnt und damit ist der -rechte Zeitpunkt gegeben, einen Rückblick auf das Schaffen des Dichters -anzustellen und – soweit es ein Menschenauge vermag – einen Ausblick -auf seine Zukunft zu wagen. Aus einer Familie stammend, die Juristen, -Schulleute, Forstbeamte hervorgebracht hat, trat er als Sohn eines -Kohlenschachtbuchhalters ins Leben, seine Mutter war eine ehemalige -Kleinkinderlehrerin. An ihr hing der Knabe mit zärtlicher Liebe; ihr -Bild taucht wie ein sorgsam gehütetes Kleinod in Findeisens Gedichten -immer wieder auf. Seine Schulbildung erhielt er in Dresden, Zwickau und -Schneeberg. Er wurde Lehrer in Mylau, dann in Plauen im Vogtlande. -Durch Teilnahme an Ferienkursen der Universität Jena erweiterte und -vertiefte er sein Wissen und seine Weltauffassung. Findeisen selbst -sagt, daß er erst nach seinen Bildungsjahren zu seiner eigentlichen -Bestimmung erwachte. Das mag wohl sein, aber jedenfalls ist schon -lange, bevor er die ersten Früchte seiner Muse pflückte, tüchtig an -ihm gearbeitet worden und noch mehr wohl hat es in ihm gearbeitet. -Oder wer hat wohl das sinnige Wesen, das ihm von Kind auf eigen war, -die tiefgewurzelte Hinneigung zur Natur und vor allem den stärksten -Antrieb seines ganzen Schaffens, die Sehnsucht, in ihn gepflanzt, wenn -nicht die frühverklärte Mutter? Sehnsucht nach etwas anderem, als dem -gemeinen Alltag trug er schon als Knabe im Herzen, wenn er am »roten -Brückenberg« in Zwickau »im Zittergras stundenlang« träumte, mit der -Sehnsucht in der Seele durchwanderte er in Plauen seine Umwelt und -verliebte sich in die wenigen stillen Gründe und Gartenwinkel, die der -Industrialismus dort übriggelassen hatte, die Sehnsucht begleitete ihn -hinaus auf die vogtländischen Wiesen und erlenumsäumten Bachtäler, über -denen noch der Nachhall der Heimatlieder Julius Mosens schwebte, die -Sehnsucht führte ihn früh zu der Hinterlassenschaft seines Landsmannes -Robert Schumann und zu Wilhelm Raabe, mit dem er noch eine persönliche -Beziehung knüpfen durfte. Und zu der Sehnsucht kam die Parzivalstimmung -»durch Mitleid wissend«, die Heimat und Welt umspannende Menschenliebe, -der zweite Brennpunkt seines Wesens. Das reiche Innenleben drängte -nach außen: er fand eine doppelte künstlerische Ausdrucksmöglichkeit -für alles, was in ihm lebte, die dichterische und die musikalische. -Die dichterische betätigte er zuerst in weichen Klängen inniger -Heimatliebe, in Liedern und Balladen, die er in Zeitschriften -veröffentlichte. Er selbst gab seit 1912 mit Paul Miller und Emil -Rösler die Monatsschrift »Das Vogtland und seine Nachbargebiete« -heraus, die von Anbeginn an durch die auf den Grundsätzen der Romantik -beruhende innere Verknüpfung der Künste hoch über den meisten -Unternehmungen dieser Art stand. Dann riß ihn der Weltkrieg als -Krankenpfleger mitten hinein in die äußere und innere Not unseres -schwer ringenden Volkes. Mitten im Brausen des Kriegssturmes entstand -seine erste Gedichtsammlung »Mutterland« in den zwei Unterabteilungen -»Vogtland« und »Erzgebirge«, die Findeisen später (1922) bei Oskar -Laube in erweiterter Gestalt unter dem Titel »Sachsen, zwei Bücher -Landschaftsgedichte und Balladen« (1. Mutterland, 2. Ahnenland) -herausgab. Niemand kann Findeisen verstehen, der nicht in diesen -von inniger Heimatliebe getragenen, aber zugleich auch die tiefsten -und letzten Fragen des menschlichen Lebens berührenden und lösenden -Dichtungen gründlich zu Hause ist. Ich gestehe, daß ich in diesen -Gedichten seiner ersten Periode das Schönste finde, was Findeisen in -Vers und Reim geleistet hat, und ich möchte wünschen, daß er sich nie -von dieser ihm ureigenen Art zu künstlicheren, vielleicht auch einmal -verkünstelten Gedichten, wie sie sich neben vielem urkräftig Schönen -hie und da unter seinen späteren Gedichten finden (»Aus der Armutei«, -E. Focke, Chemnitz 1919), entfernen möge. Im »Vogtlandslied« und im -»Erzgebirgslied« klingen so herzbewegende Töne, wie sie seit Julius -Mosen kein Obersachse mehr anzuschlagen verstand, aber weit größer -und eindrucksvoller als bei dem älteren Dichter ist bei Findeisen der -musikalische Wohllaut der Sprache: - - O ihr Berge meiner Väter, - Träumerisch und tannengrün, - Dran die braunen Hütten kleben - Und die Abendlichter blühn! - O ihr Hänge meiner Heimat! - Tief in Holz und Heidekraut - Hat bei euch sich meine Seele - Ach, ein kleines Nest gebaut. - -Für die Krone der älteren Dichtungen Findeisens halte ich die von -ihm ganz frei aus der innerlichsten Anschauung des großen Altars der -Schneeberger Wolfgangskirche und aus dem Erleben der Schneeberger -Weihnachtswoche und der Christmetten ersonnene und gestaltete Ballade -»Der kleine Melchior und das Weihnachtskind«. Aus der gesamten -deutschen poetischen Literatur über das Weihnachtsfest weiß ich dieser -geradezu klassischen Verherrlichung des Christnachtszaubers wegen der -»Fülle der Gesichte« und der brunnengleich quellenden Sprache nichts -Gleichwertiges an die Seite zu stellen. Der dem Dichter wesensverwandte -Maler Alfred Hofmann-Stollberg, hat die Anschaulichkeit der Gedichte -Findeisens durch wundersam beseelte Zeichnungen noch erhöht. - -Um dieselbe Zeit erschien auch die erste Geschichtensammlung Findeisens -unter dem Titel »Heimwege« (Konstanz 1918, Verlag von Reuß & Itta), -vier Perlen einer schlichten, aber tief ergreifenden Erzählungskunst. -Am erschütterndsten sind wohl »Der Schulmeister von Dröda«, jene -»sonnenlose Geschichte«, die er dem ehemaligen Lehrer von Papstleithen, -seinem Schwiegervater, künstlerisch gestaltend nacherzählte, -und »Der Wunderbaum«, das in samtweicher Sprache dahintönende, -schmerzensreiche »Hohelied« vom vogtländischen Heimweh, durch das er -die Heimwehstimmungen seines stärksten Vorgängers auf diesem Gebiete, -Julius Mosens, weit übertraf. Sie sind, um vier kleinere Erzählungen -vermehrt, in einer zweiten Auflage unter dem Titel »Der Tod und das -Tödlein« 1921 in Dresden erschienen. - -Unterdessen hatte der Dichter, seit 1913 mit Wanda Hildegard Gebauer -verheiratet und Vater eines 1915 geborenen Sohnes, Plauen, die rührige -Hauptstadt des Vogtlandes, mit der sächsischen Landeshauptstadt -Dresden vertauscht. Hier spricht die Kunst im weitesten Sinne des -Wortes und eine lange, spuren- und werkreiche Geschichte des geistigen -und künstlerischen Lebens der Obersachsen noch weit eindringlicher -zu seiner empfänglichen Seele, hier hat er unter dem Einflusse der -unabsehbaren Folgen des Weltkrieges und der Staatsumwälzung neue -Gärungen durchgemacht, die seine Wesensbildung rasch steigerten und -hoffentlich ohne Schädigung seiner natürlichen Eigenart vollenden -werden. Die wichtigste Frucht dieser inneren Kämpfe und Wandlungen -ist die immer stärkere Hinneigung zu der Dichtungsart, durch die -gegenwärtig die kräftigste Einwirkung auf die Stimmung und Gesinnung -des Volkes erzielt wird: zum Roman. Sehr bezeichnend für Findeisen -ist die Wahl der Stoffe. Für ihn gab es kein Schweifen in die -Ferne, sondern, wie er mit allen Fasern seines Wesens in Volk und -Heimat verankert ist, packten ihn mit zwingender Notwendigkeit fast -gleichzeitig zwei obersächsische Stoffe von sehr verschiedener -Art und noch verschiedenerem Ausmaß: Robert Schumann und – Karl -Stülpner. Dem Schumann-Roman gingen zwei Bücher voraus, die die -besondere Befähigung des Verfassers für die Auslegung musikalischer -Werte und musikgeschichtlicher Verhältnisse an den Tag legten: die -bei Dürr in Leipzig verlegten »Klaviergeschichten, Einführungen in -ein volkstümliches Verständnis der Musik« und die schon in zweiter -Auflage gedruckten »Robert Schumanns Kinderszenen auf heimatlichen -Grund gelegt«. Von dem Schumann-Roman, der den Titel trägt »Der -Davidsbündler« ist Weihnachten 1921 der erste Teil »Herzen und -Masken« erschienen, der die Entwicklung Robert Schumanns in Leipzig, -das Leipziger Musikleben jener Zeit und Schumanns dornenvolles -Liebeswerben um Klara Wieck bis zur endlichen Vereinigung mit der -Geliebten schildert. Vieles ist in dem Roman aus den Kompositionen und -dem Briefwechsel der beteiligten Personen und aus dem eindringendsten -Studium der Orts- und Zeitverhältnisse mit feinem Nachempfinden -und sicherem Sicheinfühlen gestaltet, anderes, was der Dichter zur -Ergänzung der trümmerhaften Überlieferung brauchte, ist mit genialem -Seherblick und kraftvoller Phantasie frei erfunden. Man wird aber mit -einem Urteil über das Ganze billigerweise zurückhalten müssen, bis -der Dichter auch den zweiten Teil »Den Weg in den Aschermittwoch«, -den Niedergang und das Erlöschen des leuchtenden Gestirns, das ihm -Robert Schumann bedeutet, dargestellt haben wird. Der Stülpner-Roman -erschien zuerst in einzelnen Stücken in der »Sächsischen Heimat«, der -von Findeisen herausgegebenen »Zeitschrift für volkstümliche Kunst -und Wissenschaft in den obersächsischen Landen«, dann aber, durch -einige wichtige Kapitel abgerundet, in Buchform bei Grethlein & Co., -Leipzig und Zürich, zu Weihnachten 1922 unter dem Titel »Der Sohn -der Wälder«. Die Geschichte vom Raubschützen Karl Stülpner, dessen -Bild noch heute in mancher Holzhütte des oberen Gebirges hängt, -von dem ein selten gewordenes Buch mit bunten Kupfern erzählt, das -ich in meiner Knabenzeit voll Begeisterung las, der noch immer als -das beste Kassenstück des sächsischen Puppentheaters gilt, ist der -kräftigste und ergiebigste Stoff, den die erzgebirgische Vergangenheit -für den kommenden Dichter aufbewahrt hat, und Findeisen, in dem die -erzgebirgische Heimat lebt und atmet, der am liebsten selbst in den -Tiefen des Waldes die Schwere und die Unrast der Zeit vergessen möchte, -war der rechte Mann, diesen köstlichen Schatz zu heben und künstlerisch -zu verklären. In Findeisens Stülpnerbuch waltet ein dem Geist der -Romantiker verwandter mystischer Naturalismus, wie wenn Goethe in der -Szene »Wald und Höhle« den Faust zum Erdgeist sagen läßt: - - Du führst die Reihe der Lebendigen - Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brüder - Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen. - -Sein Stülpner lebt mit Wald und Fels, mit Tier und Blume in innigster -Gemeinschaft, er erscheint selbst als eine Art Erzeugnis der -Waldesnatur und sinkt zuletzt in geheimnisvoller Weise in das Reich -zurück, aus dem er gekommen ist. Man genießt diesen Roman im ersten -Lesesturm wie einen erfrischenden Hauch aus der Zeit unseres Gebirges, -in der es noch in unverfälschter Ursprünglichkeit zum Menschen redete. -Erst beim zweiten und dritten Durchlesen wird man sich der feinen -Kunst bewußt, mit der der Dichter diese Wirkung erzielt. Wie der -Tau eines Frühlingsmorgens liegt Reinheit und Keuschheit über dem -Ganzen. Die Frauenliebe tritt gegen die Mutterliebe zurück, und wo -sie einmal im Vordergrund steht, da spart der Dichter die sinnlichen -Ausmalungen. Dagegen ist der gebirgischen Derbheit reichlich Raum -gegeben, namentlich in der wohlgelungenen Zeichnung des Amtsfrons -Wohllebe und der Genossen Stülpners, der Wildschützen Dotzinger und -Hertzog. Ich stehe nicht an, Findeisens Stülpner-Roman als die echteste -und volkstümlichste Schöpfung zu bezeichnen, die die Dichtung des -Erzgebirges bis jetzt hervorgebracht hat. Damit ist nun auch der Platz -besetzt, den wir mit Bedauern so lange leer gesehen haben. Findeisen -hat, wie schon früher in seiner Lyrik und seiner Ballade, so nunmehr -auch im Roman die Bedeutung erlangt, daß wir in ihm einen der führenden -Dichter des obersächsischen Stammes erkennen dürfen. Möge es dem -Dichter, dessen wir uns als eines teuern Kleinods erfreuen wollen, -vergönnt sein, von Stufe zu Stufe in seiner naturgemäßen Entwicklung -fortzuschreiten und das Ehrenkränzlein obersächsischer Dichtung mit -neuen, immer schöneren Blüten zu schmücken. - - - - -Auf der Schwelle des Erzgebirges - -Von ~Dr.~ _Kurt Schumann_ - -Mit Bildern nach Aufnahmen von _J. Ostermaier_, Dresden-Blasewitz - - -So oft ich, gequält durch den Lärm von fünf äußerst betriebsreichen -Straßenbahnlinien und das melodische Gewimmer eines -Luftschaukelleierkastens, gegen das ich seit Jahren einen ebenso -zähen wie erfolglosen Kampf führe, mich mit dem Gedanken trage, -meinen Striesener Wigwam zu verlassen und mich auf die mit meiner -Arbeitsstätte durch die billige Reichsbahn verbundene Lausitzer -Hochfläche zurückzuziehen, brauche ich nur einen Blick zum Fenster -hinauszutun, um mich in meinem Entschluß wieder wankend werden zu -lassen. Denn bis zu den Gipfeln des östlichen Erzgebirges, zum Geising -und Sattelberg, wandert der Blick selbst vom Schreibtisch aus, und -auch bei neunzehnhundertzweiundzwanziger Wetter sind wenigstens -seine Vorhöhen gut zu überschauen. Und dieser Blick wiegt schon -eine ordentliche Portion Straßen- und Karussellärm auf. Die letzten -Cunnersdorfer Schächte begrenzen den Horizont im Westen; dann folgt die -Goldene Höhe, und zwischen ihr und dem Plateau der Babisnauer Pappel -guckt der Walfischrücken der Quohrener Kipse durch, was besonders -schön in die Erscheinung tritt, wenn der hintere Höhenzug im Schimmer -frischgefallenen Schnees glänzt, während den vorderen niederen schon -der grüne Schein lenzesfroher Saaten schmückt. Beherrscht aber wird -das ganze Bild von dem einzigen wirklichen Gipfel dieser Höhenzüge, -dem nahezu fünfhundert Meter hohen Wilisch. Im Osten schließt die -flache Kuppe des Finkenfangs das besonders im Morgen- und Abendlicht -ganz wundersame Bild ab. Da sich außerdem mit dem überblickten Gebiet -Erinnerungen an meine ersten Wandertaten verknüpfen, ist es kein -Wunder, daß ich mit ihm noch vertrauter bin als mit manchem anderen -Dresdner Ausflugsgebiet, und mir die redlichste Mühe gebe, ihm immer -neue Verehrer zu gewinnen. »Warum sucht ich den Weg so sehnsuchtsvoll, -wenn ich ihn nicht den Brüdern zeigen soll?« - -Wie notwendig solche Führungen sind, konnte ich wieder einmal erkennen, -als ich mit einer sonst wirklich nicht auf den Kopf gefallenen -Jugendgruppe die letzte diesjährige Volkshochschulwanderung unternahm. -War doch z. B. keiner von den etwa dreißig Teilnehmern bisher mit -der _Windbergbahn_ gefahren, obgleich eine Fahrt auf dieser Strecke -unzweifelhaft zu den schönsten und billigsten Genüssen gehört, die -sich der Dresdner leisten kann. – Am Bahnhof Plauen blickt man -zunächst einmal der Gegend in die Eingeweide. Über dem Syenit des -_Ratssteinbruchs_ lagern, schräg nach dem Elbtal zu einfallend, -Plänerschichten, Erinnerungen an die Zeit, da über diesem Gebiet die -Fluten des Kreidemeers wogten. Bei dem mächtigen Getreidesilo am Fuße -der Heideschanze verläßt der Zug die Enge des Plauenschen Grundes -und tritt in das weite _Döhlener Becken_ ein, das die Weißeritz -durch Abtransport der diese ganze Gegend bedeckenden Geröllmassen, -die im Zeitalter des _Rotliegenden_ hier abgelagert worden waren, -geschaffen hat. Der das Becken beherrschende Windberg zeigt an, -bis zu welcher Höhe diese Konglomerate einst lagen. An den weichen -Lehnen klettert unser Zug empor, wobei sich die herrlichsten Blicke -über das Freitaler Industriegebiet, das Elbtal und die Lößnitzhänge -eröffnen. Auf der Höhe angelangt, können wir die Blicke weit nach -Norden und Osten schweifen lassen. Wir wissen nicht, welcher von den -drei überschauten Landschaften wir den Preis der Schönheit zuerkennen -sollen, den sanftgewellten Höhen des Lausitzer Berglandes, der -weiten von Siedlungen erfüllten Elbaue mit den Loschwitzer Hängen -und dem Eckpfeiler des Borsbergs im Hintergrund oder der zierlichen -Tafelberggesellschaft des Elbsandsteins, die fremd und eigenartig im -Süden auftaucht. Die Nähe aber ist nicht minder interessant. Mächtige -Wälder von Baumfarnen und anderen tropischen Gewächsen, deren Schönheit -uns heutzutage nur noch die Gewächshäuser (Pillnitz) offenbaren, wurden -von den Schottermassen der Rotliegendzeit einst zugedeckt. Im Laufe -verschiedener Jahrmillionen wurden die Baumleichen in Kohle verwandelt, -die der Niederhäslicher und Burgker Bergmann nun unter schwerer Mühe -und Lebensgefahr, von der auch das Denkmal auf dem Segen-Gottes-Schacht -erzählt, ans Licht bringt. Denjenigen, die sich für unsern heimischen -Bergbau näher interessieren, kann ich gar nicht warm genug die -Ausstellung im Heimatkundlichen Schulmuseum des Dresdner Lehrervereins -auf der Sedanstraße empfehlen, wo sich nicht nur Zeichnungen und -Modelle von Bergwerken, die Werkzeuge des Bergmanns, geologische Karten -und Profile und geschichtliche Erinnerungsblätter finden, sondern -man auch in bequemer und übersichtlicher Weise einen Einblick in die -Bedeutung, Verbreitung und Arbeitsweise der verschiedenen auf dem -Kohlenreichtum des Gebiets sich aufbauenden Industriezweige erhält. -Eine treffliche Ergänzung dazu bildet die Schilderung, die H. Beier im -ersten Band des Dresdner Wanderbuchs vom »Industriegebiet des Döhlener -Beckens« gibt. Unser Züglein führt uns in der Nähe verschiedener -Schächte und ganz dicht am Marienschacht vorüber, so daß wir bei der -beängstigenden Geschwindigkeit unseres Vehikels genügend Gelegenheit -haben, neiderfüllte Blicke nach den mit den schönsten Steinkohlen -beladenen Hunden und Eisenbahnwagen zu werfen. - -[Illustration: Abb. 1 =Im Plauenschen Grund bei Coßmannsdorf=] - -Am Bahnhof Bannewitz wendet sich die Bahn südwärts, und wir gewinnen -einen prächtigen Blick auf das nach dem Döhlener Becken hinabziehende -Poisental, das den in den unfruchtbaren Sandsteinen des Rotliegenden -wurzelnden _Poisenwald_ umschlingt. Auch dieser den Dresdnern noch -verhältnismäßig wenig bekannte Wald hat seine besonderen Reize. Wenn im -Frühjahr und Herbst die Birkenreihen wie Fackelzüge durch den dunklen -Kiefern- und Fichtenwald sich durchschlängeln, kann er wohl mit seinen -bevorzugten Brüdern in Wettbewerb treten. Nachdem uns die Halde neben -der Haltestelle Goldene Höhe daran erinnert hat, daß sich früher -der Bergbau bis nach Rippien hinüberzog, fahren wir an der schönen -Pappelallee nach Possendorf hinab. Tief unter uns liegt Wilmsdorf -im oberen Poisental. Nur wenigen dürfte bekannt sein, daß dort der -Freiheitskämpfer Schill 1776 geboren wurde. - -[Illustration: Abb. 2 =Die Possendorfer Windmühle=] - -Uns verheißt die goldne Herbstsonne, die uns beim Aussteigen in -_Possendorf_ begrüßt, ein schöneres Los als ihm, und so wandern wir -wohlgemut durch das behäbige Dorf, das als Mittelpunkt der ganzen -Pflege einen sehr stattlichen Gasthof, eine ebensolche Kirche und ein -mit schönen Renaissancegiebeln versehenes Rittergut besitzt. Einen -halben Kilometer jenseits des Dorfes, wo die prächtige Kastanienallee -in einem schön geschwungenen Bogen die Wendischkarsdorfer Höhe -nimmt, geht ein schmaler Fußsteig rechts feldein. Wir folgen ihm und -beobachten dabei, daß die Felder eine auffällig rote Farbe tragen. -Wir befinden uns also immer noch im Gebiet des Rotliegenden. Einige -aufgelesene Steine belehren uns, daß wir es mit einer Ansammlung -erzgebirgischer Gneise zu tun haben. Wenn nun diese Gneise schon in -ihrem Ursprungsgebiet einen leidlichen Ackerboden abgeben, so ist -dies naturgemäß hier, wo sie im bereits zerschlagenen Zustande der -Verwitterung viel leichter anheimfallen, noch mehr der Fall. Deshalb -macht auch das Quellreihendorf _Börnchen_, das nach fünf Minuten vor -uns in der Tiefe auftaucht, einen ziemlich wohlgenährten Eindruck. Den -Bewohnern der Umgegend ist es unter den Namen Käsebörnchen bekannt, -weil die Börnchener sich nicht nur des Ackerbaues sondern auch der -Käserei befleißigen. Noch heute kaufen wirtschaftsgeographisch -geschulte Dresdner Hausfrauen ihren Käsebedarf unmittelbar von -den Börnchner Käsewagen und -weibern in der Ausspannung in der -Wilsdruffer Vorstadt. Sobald man die Quellmulde, in der Börnchen liegt, -verlassen hat, liegt ein Turmgasthaus vor uns, das den »Gipfel« des -_Lerchenbergs_ krönt. Mit seinen vierhundertfünfundzwanzig Metern ist -der Lerchenberg noch achtzig Meter höher als die wegen ihrer Aussicht -berühmte Goldene Höhe; kein Wunder, daß seine Aussicht mindestens vom -geographischen Standpunkt als die vielseitigste der näheren Dresdner -Umgebung bezeichnet werden muß. Das vulkanische böhmische Mittelgebirge -ist mit seinen schönsten Repräsentanten ebenso vertreten wie die -Sächsische Schweiz mit ihren sämtlichen »Steinen«, die Lausitz mit -ihren Granitkuppen (Keulenberg, Butterberg, Valtenberg, Triebenberg) -und das Erzgebirge mit den der einförmigen Rumpffläche aufgesetzten -Basaltbergen (Sattelberg, Geising, Luchberg, Wilisch) und den wegen -ihrer Härte herauspräparierten Porphyrhöhen (Kahleberg, Tellkoppe, -Frauenstein). Das uns umgebende Rotliegendengebiet zeichnet sich durch -seine sanftgewölbten Formen aus (gutes Skigelände!), mit denen nur -die Basaltspitze des Wilisch und die Sandsteintafel an der Babisnauer -Pappel kontrastiert. Ein anderes Sandsteingebiet liegt südlich von -unserm Standpunkt. Es tritt deutlich aus der Landschaft hervor, weil -es statt der Felder, die sich auf Gneis und Rotliegendem ausbreiten, -große Waldflächen trägt. Daß sich der Sandstein dort gehalten hat, -beruht auf ähnlichen Ursachen wie die Existenz _der_ Sandsteinscholle, -aus der die Sächsische Schweiz herausmodelliert wurde. Auch hier -ist der Sandstein durch eine sogenannte Verwerfung in ein tieferes -Niveau gebracht und dadurch vor der Abtragung bewahrt worden. Diesem -Sandsteingebiet streben wir nunmehr zu. _Groß-Ölsa_, das wir zunächst -berühren, ist heute ein Hauptsitz der Möbelindustrie, die überhaupt zu -den charakteristischen Erwerbszweigen des östlichen Erzgebirges gehört. -Nur die Strohindustrie, die sich vom Kamm bis nach Dresden hineinzieht, -kann sich mit ihr messen. Auch bei diesen beiden Erwerbszweigen -können wir dieselbe Entwicklung verfolgen wie bei den meisten andern -Industrien, sowohl im Erzgebirge als auch in andern deutschen -Mittelgebirgen. Ursprünglich bauten sie sich auf den Rohstoffen auf, -die das Gebirge lieferte (Holz, Erz, Stroh) und siedelten sich da an, -wo das Wasser eine billige Betriebskraft lieferte. Jetzt reichen weder -die heimischen Rohstoffe noch die Kraft der heimischen Gewässer zum -Betrieb der Unternehmungen. Trotzdem bleiben sie mit Rücksicht auf die -dadurch entstandene Bevölkerungsverteilung an den Ursprungsorten, und -so kommt es, daß wir heute an Orten Industrie finden, wo Rohstoffe und -Betriebsmittel von auswärts bezogen werden müssen. Die Entstehung der -Überlandzentralen hat diese Entwicklung noch begünstigt. Im Interesse -der Volksgesundheit ist dies nur zu begrüßen; denn der Arbeiter, der -von seiner Werkbank ins Freie blickt auf grüne Wiesen, wogende Felder -und freundliche Gehöfte, und nach beendeter Arbeit sich in einem -Heim findet, das von lauter Natur umgeben ist, möchte wahrscheinlich -nicht mit seinem Kollegen in der Oppellvorstadt tauschen, der seinen -Augen und Lungen während der Woche nichts Besseres vorsetzen kann als -finstre, dunstige Höfe und sterbenslangweilige luft- und liebeleere -Straßen. Selbstverständlich tragen diese Fabrikbauten auf den Dörfern -nicht gerade zur Verschönerung der Landschaft bei; aber auch auf -diesem Gebiet sind wir über das Gröbste hinweg. Wie die Schulen auf -dem Lande nicht mehr im Kasernengewande in die Landschaft hineinragen, -sondern sich dem dörflichen Bilde einpassen, so gehören auch die mit -knallroter Schauseite jedes Dorfidyll erschlagenden Fabriken, von denen -man besonders in den Lausitzer Weberdörfern wahre Prachtexemplare -findet, hoffentlich der Vergangenheit an. - -[Illustration: Abb. 3 =Die Barbarakapelle in der Dippoldiswalder Heide=] - -Unter solchen erbaulichen Sonntagsmorgenbetrachtungen sind wir in -die Seifersdorfer Straße eingebogen. Auf dem ersten links abgehenden -Feldwege verlassen wir sie wieder und gelangen bald in den Wald, -die _Dippoldiswalder Heide_. Sie zeigt hier noch wenig ihren wahren -Charakter, denn überall sinkt der Fuß in moorigen Boden ein, aus dem -hier und da sogar bescheidene Bächlein entspringen. Die Sandsteindecke -ist hier noch sehr dünn, so daß sich das durchsickernde Wasser auf -der Gneisunterlage sammelt und abläuft. Nach wenigen Minuten sehen -wir links vom Wege die Ruinen der Barbarakapelle. O. E. Schmidt -bringt sie mit dem Bergbau in Beziehung (die heilige Barbara ist -die Schutzheilige der Bergleute), während Schiffner in seinem -ausführlichen Handbuch des Königreichs Sachsen von 1840 den Namen -Barbarakapelle überhaupt nicht kennt. Er schreibt über die Ruine: -»Südlich von Ölsa, tausend Schritt entfernt, steht im Walde die -Claus- oder Clausenkirche, d. h. die Ruine der Nicolaikapelle, welche -dem Kloster Zella gehörte, und deren Altar man noch in Seifersdorf -sieht; dicht dabei quillt eine überaus starke Quelle (sie wird heute -für die Wasserversorgung von Rabenau ausgenützt, wie der Steinborn -bei Obermalter der Stadt Dippoldiswalde täglich bis über zweihundert -Kubikmeter zu liefern vermag), und das Ganze war wohl eine Station -für die nach Zella Wallfahrenden.« Schäfer fügt in seinem Führer -durch Dresdens Umgebung noch hinzu, daß sie von Johann VIII. von -Maltitz, dem dreiundvierzigsten Bischof von Meißen, gestorben 1649, -zerstört wurde, weil ihr Geistlicher reformatorisch aufgetreten war. -Irgendwelche künstlerische Bedeutung hat die Ruine nicht und jede -Anwandlung feierlicher Stimmung, die sich in solchen Waldruinen -bei empfindsamen Seelen einzustellen pflegt, wird jäh vernichtet -durch die trotz der freundlichen Warnungen des Gebirgsvereins hier -angesammelten Papierhaufen, die von der Beliebtheit dieses Platzes beim -naturliebenden Publikum zeugen. Ich bin nur gespannt, bis zu welchen -phantastischen Preisen das Papier noch steigen muß, ehe diesem Unfug -ein Ende gemacht wird. Ein wunderschöner trockner Frühstücksplatz -zwischen Heidekraut und Birken entschädigt uns für die an der -Barbarakapelle nicht zustande gekommene Gefühlswallung. So landen wir -wohl oder übel wieder im seichten Materialismus und lassen uns den -Inhalt unserer Rucksäcke so gut schmecken, als es der üppige Belag -zuläßt. - -Zu den bemerkenswerten Sehenswürdigkeiten der Dippoldiswalder -Heide gehören die Wolfssäule und der Einsiedlerstein. Darum -mußten auch wir ihnen unbedingt einen Besuch abstatten. Beide -liegen an der schönen Straße, die Malter mit Wendischkarsdorf -verbindet. Die Wolfssäule erinnert an eine Jagd im Jahre 1802, -bei der »ein Wolf, der seit fünf Jahren aus- und eingetrabt ist -und hundertunddrei Pfund wog, geschossen« wurde. Der glückliche -Schütze war der kurpfalz-baiersche Gesandte und Minister Herr von -Lerchenfeld. Bei dieser Gelegenheit sei mit hingewiesen auf den -außerordentlichen Wildreichtum, der sich noch vor dreihundert -Jahren in unsern Wäldern fand. Johann Georg I. (1611–1656) schoß -während seiner Regierung fünfzehntausendzweihundertachtundzwanzig -Hirsche, neunundzwanzigtausendeinhundertsechsundzwanzig Wildschweine, -zweihundertvier Bären, eintausendfünfhundertdreiundvierzig -Wölfe, zweihundert Luchse, elftausendachthundertelf Hasen, -achtzehntausendneunhundertsiebenundfünfzig Füchse und -dreitausendfünfhundertvierundzwanzig Wildkatzen. Wenn man auch -versteht, daß mit der stärkeren Besiedlung und Kultivierung des Landes -diese Fülle schwinden mußte, so kann doch der Naturfreund nur aufs -tiefste die Verarmung beklagen, die unsrer heimischen Tierwelt dadurch -widerfahren ist. - -[Illustration: Abb. 4 =Der Einsiedlerstein bei Dippoldiswalde=] - -Auf der vorhin genannten Waldstraße, die infolge des durchlässigen -Sandsteinuntergrundes auch nach den stärksten Regengüssen trocken ist, -und deshalb den Stöckelschuh-Schleierstrumpftouristen aufs wärmste -empfohlen werden kann, gelangen wir zum Einsiedlerstein. Es ist -tatsächlich ein kleines Stück Sächsische Schweiz, das sich hier vor -uns aufbaut. Alle die typischen Erscheinungen der Sandsteinklüftung, -Verwitterung und Pflanzenwelt sind hier zu beobachten. Nur die jedem -Teilnehmer an wissenschaftlichen Sächsische Schweiz-Exkursionen -bekannte Hauptattraktion fehlt: wenigstens haben wir alle Wände -vergebens abgeleckt und kein _Alaun_ gefunden. - -[Illustration: Abb. 5 =Blick auf den Wilisch von Hermsdorfer Seite=] - -Auf dem Weiterwege können wir feststellen, was für ein herrlicher Baum -die sonst ihren benadelten Schwestern nachstehende Kiefer werden kann, -wenn sie auf günstigem Boden steht. Die wundervollen Exemplare links -von unserm Wege künden die Behausung des Pflegers dieses Waldgebiets, -die Oberförsterei Wendischkarsdorf an. Sie liegt im flachen Wiesental -des Ölsenbachs und hat als Nachbarin die schöne Wendischkarsdorfer -Heidemühle, die sich in wundervoller Weise der Landschaft einpaßt. -Seit die allgemein mit Freude begrüßte Badeepidemie unser Volk -ergriffen hat, ist es in dieser Gegend etwas lebendiger geworden; -denn zehn Minuten oberhalb der Heidemühle liegt ein schöner Teich. -Der Oktoberfrost hat der Sommerlust ein Ende gemacht, und abgesehen -von den Verbotstafeln, erinnert nichts mehr daran, daß sonst die -Fülle des Volks die Ufer säumte. Um so ungestörter können wir das -stimmungsvolle Herbstbild genießen. Dann verfolgen wir ein Bächlein, -das sich in den Teich ergießt, von der Mündung, vor der ein großer -Schuttkegel liegt, bis zur Quelle, die sich wieder da findet, wo -Sandstein und Gneis aneinanderstoßen. Nun schlagen wir uns durch nach -der verlängerten »Prager Straße«, haben das seltene Glück, von keinem -Automobil gerädert zu werden und gewinnen durch das Zscheckwitzer Holz -den Zugang zur _Quohrener Kipse_. Wir begnügen uns heute mit einem -Besuch der in ihren Südhang eingelassenen Grube, die uns ausgezeichnet -erkennen läßt, woraus sich dieser markante Höhenzug zusammensetzt. -Es ist »Gneisgeröll« aus dem unmittelbar anstoßenden Erzgebirge. -Viele dieser Ablagerungen zeigen eine feine Fältelung und andere -Stauchungserscheinungen, wie sie bei den Gneisen des Weißeritztales -gewöhnlich sind, ein Beweis dafür, daß schon zur Zeit des Rotliegenden -bedeutende Faltungen im Erzgebirge vollzogen waren und die Gneise schon -denselben petrographischen Charakter besaßen wie heute[1]. Die Straße -nach dem Wilisch führt immer an der Grenze von Gneis und Rotliegendem -hin. Deshalb haben wir hier wieder einen Quellhorizont, wie die -zahlreichen Brunnen bei _Hermsdorf_ beweisen. Name und Form des Dorfes -zeigen uns, daß wir es hier mit einer deutschen Siedlung zu tun haben, -und wir auch in dieser Beziehung an der Schwelle des Erzgebirges, das -in wundervoller Klarheit immer vor uns liegt, stehen. Alle Dörfer -nördlich der Hermsdorfer Höhen und auch das an der Paßstraße liegende -Wendischkarsdorf haben zum mindesten einen slawischen Kern. - -[Illustration: Abb. 6 =Die »Malermühle« bei Goppeln=] - -Die schmucke Wilischbaude verführt uns, trotz des herrlichen -Nachmittags unsre Mittag-Vesperpause im Innern dieses gemütlichen -Berggasthauses zu verbringen. Selbst die sonst prinzipienfeste -Jugend, der ich ein paar herrliche Lagerplätze in der Nähe des -Hauses wärmstens empfohlen hatte, beging einen Sündenfall und -frönte dem Kaffeegenuß und anderen Lastern (Ansichtskarten!). -Nachdem zum Nachtisch noch die unvermeidlichen Volkstänze im -Steinbruch getanzt worden waren, konnten wir den wissenschaftlichen -Problemen des Berges zu Leibe rücken. Der _Wilisch_ besteht wie so -viele andere bemerkenswerte Gipfel der weiteren Dresdner Umgebung -(Winterberg, Stolpener Schloßberg, Landberg, Ascherhübel, Luchberg, -Geising, Sattelberg) aus Basalt. Dieses Eruptivgestein ist in der -Braunkohlenzeit durch die Ablagerungen des Rotliegenden und der Kreide -durchgebrochen. Wie man aus der Richtung der Säulen feststellen kann, -befinden wir uns auf dem Wilisch im Schlot des einstigen Vulkans. Die -Grenzfläche zwischen Basalt und den Gneiskonglomeraten des Rotliegenden -ist am Eingang zum Steinbruch ausgezeichnet zu sehen. Die Aussicht vom -Gipfel, den seit vorigem Jahr statt der alten Landesvermessungssäule -ein Kriegsgedenkstein krönt, wird durch den Baumbestand etwas -beeinträchtigt. Ich bitte, die schönen Buchen aber trotzdem -stehenzulassen, zumal der Charakter des Berges schon durch Kahlschläge -in unmittelbarer Nähe des Gipfels aufs empfindlichste geschädigt -worden ist. Ich habe damals, als ich mit wachsendem Grimm von meinem -Fenster aus die Verschandelung des geliebten Berges bemerkte, sofort -den Heimatschutz alarmiert, aber er konnte leider auch nichts mehr -ausrichten. - -In reichlich zwei Stunden gelangt man vom Wilisch über Kreischa, -Kautzsch, Bärenklause, Gaustritz, Goppeln nach Dresden. Wenn man die -Babisnauer Pappel (Gewissensfrage: Wieviele Dresdner sind noch nicht -dort gewesen?), vor der ein neues Aussichtsgerüst steht, noch mitnimmt -und über Golberode mit seinen schönen Gütern nach Goppeln wandert, -dauerts eine halbe Stunde länger. Jedenfalls liegt dieses herrliche -Wandergebiet so nahe vor den Toren der Stadt, daß jeder, der noch nicht -von der Schwelle des Erzgebirges ins weite Land geschaut hat, es recht -bald einmal tun sollte. Und wenn uns der Winter wieder eine Schneedecke -beschert, wie wir sie letztes Jahr hatten, dann säume keiner, dem vor -den letzten Markstürzen ein freundliches Geschick noch ein paar Brettel -bescherte, statt der nur mit Lebensgefahr (Umsteigen in Hainsberg!) zu -erreichenden Kipsdorfer und Geisinger Gefilde die Höhen zwischen Malter -und Wilisch, Kipse und Schmiedeberg aufzusuchen. Wie oft ist nicht der -Blick ins gelobte Land schöner als das gelobte Land selbst! - -[Illustration] - - -Fußnoten: - - [1] Beck, Geol. Führer: Elbtallandschaft. - - - - -Der Vielfraß in Sachsen - -Von _Rudolf Zimmermann_ - - -Es dürfte meines Erachtens nicht zu empfehlen sein, als Beweis für -den früher vorhandenen Wildreichtum des Erzgebirges – vergleiche -Klengel, Jagdschloß Rehefeld, Mitteilungen Sächsischer Heimatschutz, -Band XI, 1922, Seite 254 bis 257 – die Erlegung auch des Vielfraßes -bei Frauenstein anzuführen. Denn hierbei handelt es sich lediglich nur -um die _einmalige_ Erbeutung eines versprengten, _in Deutschland gar -nicht heimischen und in historischer Zeit auch nicht heimisch gewesenen -Tieres_. Bereits Blasius, der noch ein zweites deutsches Vorkommen -anführt und nur diese beiden Vorkommen kennt, betont dies in seinen -»Säugetieren Deutschlands« (Braunschweig 1857, Seite 211). »Einige Male -hat man ihn (den Vielfraß) in Deutschland angetroffen: bei Frauenstein -in Sachsen nach Bechstein und bei Helmstedt im Braunschweigischen -nach Zimmermann. Das Skelett dieses letzteren, am weitesten nach -Westen vorgedrungenen Tieres, habe ich noch im Museum in Braunschweig -gesehen. Dieses vereinzelte Vorkommen ist sicher als das versprengter -Flüchtlinge anzusehen. Es ist kein Grund vorhanden, daß der Vielfraß -bis so weit nach Deutschland hinein je einheimisch gewesen wäre.« - -Über die Erbeutung unsres sächsischen Tieres berichtet zunächst Bahn -in seinem »Amt, Schloß und Städtgen Frauenstein« (Friedrichstadt bei -Dresden, 1748, Seite 10) das folgende: »Den 2. April [1715] erschoß der -Förster zu Hennersdorff, Herr Kanngießer, auf dem Töpffer-Wald, bei dem -Königs-Brunnen, ein unbekanntes Raub-Thier. Als es nach Hofe geschicket -wurde, so wurde es erkannt, daß es ein Vielfraß wäre, dergleichen in -Moscau und Persien anzutreffen sind.« Über die Einlieferung in Dresden -findet sich bereits vordem in den »Dresdnischen Merkwürdigkeiten« -(1750, Seite 60) eine kurze Notiz: »Den 4ten ~hujus~ [April] ward -ein Vielfraß, so von einem Jäger bey Frauenstein geschossen worden, -eingebracht, und auf die Kunstkammer geliefert«. Das Tier wird dann -wieder in Hasches »Umständlicher Beschreibung Dresdens« (Dresden -1781/83) als im Kurfürstlichen Naturalien-Cabinett stehend erwähnt: -»Zwey Vielfraße, einer weißrötlich, bey Frauenstein gefangen, der andre -schwarzbräunlich aus Sibirien.« Robert Berge, der dann später das -Vorkommen erwähnt – Wissenschaftliche Beilage Leipziger Zeitung 1899, -Nr. 61, Seite 241 bis 244 und Zoologischer Garten, Band 41, 1900, Seite -129 bis 135 – und sich dabei auf die Bahnsche Angabe stützt, in der -der Erlegung des Tieres zweimal (Seite 10 und 149) gedacht und das eine -Mal dabei seine Erbeutung infolge eines offenbaren Druckfehlers auf das -Jahr 1718 verlegt worden ist (»und sonderlich 1718 ein ungewöhnliches -Raub-Thier, ein Vielfraß gefangen und eingeliefert worden«), spricht -dementsprechend, aber natürlich irrtümlicherweise, von einem -zweimaligen Vorkommen des Tieres. - -Ich hielt diese kurzen Darstellungen für notwendig, um zu vermeiden, -daß aus der Klengelschen Notiz etwaige falsche Schlüsse auf den -früheren Tierbestand Sachsens gezogen werden könnten. Einmal -eingebürgerte unrichtige Vorstellungen aber sind ja dann auch immer -schwer wieder zu beseitigen. Wie spuken zum Beispiel heute nicht die -auf keinerlei sichere Unterlagen sich stützende Angaben von Heinrich -Meschwitz in seiner sonst so schönen »Geschichte der Dresdner Heide« -umher, der diese in der Vergangenheit unter anderen von Biber, Storch, -Reiher, Kranich, Trappen usw. bevölkert gewesen sein läßt, also von -Tieren, von denen zum mindesten für einen Teil das Vorkommen in der -Heide völlig ausgeschlossen ist (Biber, Trappe! usw.). - - - - -Der Wanderfalke in Sachsen - -Von _Rud. Zimmermann_ - -Mit Abbildungen nach Aufnahmen des Verfassers - - -Sachsens stattlichster Nachtraubvogel, der königliche Uhu, wie -Altmeister Naumann ihn nennt, gehört unserm Vaterlande seit nunmehr -fast fünfzehn Jahren als Brutvogel nicht mehr an, – er ist ein Opfer -der erlittenen scharfen Nachstellungen und blindester Jagdleidenschaft -geworden; der letzte in der Sächsischen Schweiz auf Postelwitzer -Revier horstende Vogel unsrer Art wurde, wie Richard Heyder in seiner -»~Ornis Saxonica~« mitteilt, 1910 von einem Bergsteiger mit dem -Revolver totgeknallt!! Die Sächsische Schweiz und das Zittauer Gebirge -gewährten dem Vogel die letzten Wohn- und Horstplätze im Sachsenlande; -im Zittauer Gebirge war er nachweisbarer Brutvogel etwa bis um das Jahr -1906 und in der Sächsischen Schweiz nur ereilte ihn, wie wir schon -gehört haben, das Schicksal etwas später. Sein Verschwinden ging, -nachdem er einmal spärlich geworden war, allerdings ziemlich rasch -vor sich; um 1892 etwa horstete er auf Rosenthaler Revier linksseitig -der Elbe das letzte Mal, um 1904 verschwand er rechtsseitig auf -Mittelndorfer und 1906 auf Hohnsteiner Revier, bis dann wenige Jahre -später der letzte brütende Uhu in der obengeschilderten Weise auf -Postelwitzer Revier endete. - -Das Schicksal, das den Uhu betroffen hat, wirft in gefahrdrohender -Weise seine Schatten auch auf den letzten kleinen Restbestand unsres -schönsten und kühnsten Tagraubvogels, des _Wanderfalken_. Einst – -ganz ähnlich wie auch der Uhu – viel weiter im Lande verbreitet -und auch in den nordsächsischen Tieflandsgebieten daheim, dessen -ausgedehnte Waldungen ihm günstige Horstgelegenheiten boten, umfaßt -sein Brutbestand heute nur einige wenige Paare, von denen das eine -(das einzige Ostsachsens überhaupt) im Zittauer Gebirge am Oybin -horstet und erfreulicherweise von der Stadt Zittau, auf deren Gebiet -sich der Horstplatz befindet, unter Schutz gestellt worden ist, -während die übrigen dem Lande noch angehörenden Brutpaare in der -Felsenwildnis der Sächsischen Schweiz ihre Jagdgründe und Brutplätze -besitzen. Nach _Heyder_ horsteten bei Abschluß seiner im Jahre 1916 -erschienenen »~Ornis Saxonica~« nach den Auskünften der dabei in Frage -kommenden Staatsforstrevierverwaltungen auf Postelwitzer Revier fünf, -auf Mittelndorfer, Ottendorfer und Hohnsteiner Revier rechtsseitig -der Elbe sowie auf Rosenthaler Revier linksseitig derselben je ein -Paar Wanderfalken. Diese Zahlen, die wohl schon damals nur noch -einen Abglanz von dem Einst boten – von Üchtritz beispielsweise -bezeichnet 1821 den Wanderfalken als »gemein« für unser Gebiet – -dürften heute nicht ganz mehr stimmen und sich in den letzten Jahren -weiter zuungunsten des Vogels verschoben haben; der eine oder andere -der damals noch vorhandenen Horstplätze mag jetzt verwaist und -seine Bewohner aus dem Gebiete verschwunden sein. Von den genannten -Revierverwaltungen meldeten mir für das letzte Jahr Rosenthal ein, -Ottendorf ein bis zwei und Postelwitz zwei bis drei Paare, während -Hohnstein den Wanderfalken als Brutvogel nicht mehr kennt und von -Mittelndorf trotz aller Bemühungen leider keine Auskunft zu erlangen -war. Zu diesen gemeldeten Horstpaaren kommen noch zwei weitere, von -denen das eine Heyder unbekannt geblieben war, so daß wir – die mir -von den Revierverwaltungen gemeldeten Zahlen dürften sich auf Grund -eigener Nachforschungen an Ort und Stelle noch um etwas verschieben -– für die Gegenwart wahrscheinlich mit einem Bestand von sicher -sechs, wahrscheinlich aber sieben oder acht Brutpaaren rechnen dürfen, -gegenüber einem solchen von etwa zehn bei Abschluß der Heyderschen -»~Ornis Saxonica~.« - -[Illustration: Abb. 1 =Alter Horststandort des Wanderfalken auf dem -Pfaffenstein=] - -Die größte Gefahr für unsern Vogel in der Sächsischen Schweiz besteht -– auch die Mitteilungen der befragten Revierverwaltungen deuten -dies an – im Klettersport; die Bergsteiger ersteigen im Frühjahr -die Horstplätze der »Geier«, wie sie mir gegenüber den Wanderfalken -wiederholt bezeichneten, und nehmen die Horste aus. Ich weiß von -einem solchen, an dem dies in den Jahren vor und während des Krieges -regelmäßig geschah (die »kühnen Geierjäger« haben sich dabei – -selbstverständlich! – auch immer noch photographieren lassen) und -ebenso ist mir von andern Horsten berichtet worden, die noch nach -dem Krieg ausgeräubert worden sind. Es mögen nun freilich in der -Mehrzahl dieser Fälle keine bewußt schlechten Absichten sein, die diese -Horstplünderer leiten, sondern nur die Unkenntnis der Verhältnisse -sie zu ihrem Tun veranlassen; sie kennen den hohen ästhetischen Wert -des Vogels nicht und wissen nicht, daß sie uns durch ihre Handlungen -eines unsrer schönsten Naturdenkmäler berauben, sondern sind vielmehr -noch überzeugt, ein gutes, des »Schadens« des Vogels wegen zu -billigendes Werk geleistet zu haben (um so mehr, als in einem der -älteren mir gemeldeten Fälle der Horst mit ausdrücklicher Billigung der -Revierverwaltung ausgenommen wurde). - -[Illustration: Abb. 2 =Horstplatz des Wanderfalken im Polenztal=] - -Nur, wer den Wanderfalken kennt, wer ihn schon draußen in seinem Reiche -hat beobachten dürfen, wird ermessen können, welches hervorragende -Naturdenkmal wir in ihm besitzen. Unvergessen z. B. steht mir eine -Begegnung mit dem Vogel an einem Spätherbsttage jenes trüben Jahres -in der Erinnerung, in dem die deutsche Ehre dahinsank und wir unsers -Reiches Größe begraben mußten. Ich war an den Frohburg-Eschefelder -Teichen gewesen und wanderte dem waldgelegenen, stillen Vaterhause -zu. Aufgeblockt auf einer einsam im weiten, freien Felde stehenden -Kiefer, die als schwarze Silhouette vor einem trübroten Herbsthimmel -mit sturmgejagten, regendunklen Wolken stand, saß einer unsrer -wundervollen, kühnen Räuber der Lüfte – ein Bild, so schön und die -Sinne gefangennehmend, daß hinter ihm, für kurze Zeit wenigstens, das -ganze Elend einer toll gewordenen Zeit verschwand. Und unverwischbar -in der Erinnerung haben sich dann auch wieder Beobachtungen -des Wanderfalken eingegraben, die ich im Frühjahr 1921 auf dem -Pfaffenstein, einem seiner Horstplätze in der Sächsischen Schweiz, -machen konnte. Mit einem warmherzigen, naturfrohen lieben Freund aus -Sachsens unruhevollster Fabrikstadt hatte ich mich dort getroffen, und -fast drei Tage lang konnten wir uns dann an dem fesselnden Leben und -Treiben der eben flügge gewordenen jungen Wanderfalken erfreuen. Auf -den Felskegeln und Felsleisten des Steines hockten sie, rufend und von -Zeit zu Zeit die Schwingen in kurzen, aber wunderbaren Flugübungen und -Flugschwenkungen erprobend. Tauchte dann in der Ferne beutebeladen -einer der Alten auf, so stürmten die Jungen ihm entgegen, bettelnd und -dann im Flug die von dem Elternvogel fallengelassene Beute erhaschend. -Einmal sah ich dabei ein Bild, wie es sonst wohl nur wenige zu sehen -bekommen. Der alte Vogel hatte die Beute fallengelassen, der an -seiner Seite fliegende junge sie aber nicht aufgefangen. Senkrecht -sich fallenlassend, stürzte ihr da der alte Vogel nach, und, sich -überschlagend, daß er dabei auf dem Rücken zu liegen kam, fing er sie -auf, ließ sie – in normale Fluglage zurückgekehrt – von neuem fallen, -folgte ihr wiederum im Sturzfluge, um sie wie in der eben geschilderten -Weise auf dem Rücken liegend wieder zu erhaschen, und wiederholte -dieses, wie eine direkte Schauleistung wirkende flugkünstlerische Spiel -fünf- oder sechsmal, so daß der Vogel geradezu wie ein in der Luft -rasend umherwirbelndes Rad anmutete. - -[Illustration: Abb. 3 =Junger, flügge gewordener Wanderfalk=] - -Sollen wir nun tatenlos zusehen, wie dieser schöne Vogel, dem wir -unter den sächsischen Raubvögeln keinen zweiten an die Seite stellen -können, rettungslos seinem Untergang zueilt, auf das wir in wenigen -Jahren vielleicht schon auf ihn das »Es war einmal« des Märchens -anwenden können? Nein! Der Schreiber dieses nimmt gegenwärtig im -Auftrage des Vereins sächsischer Ornithologen und mit Unterstützung -des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz eine Bestandsaufnahme des -Wanderfalken in der Sächsischen Schweiz vor, die dann die Unterlagen -für den bereits eingeleiteten, umfassenden und hoffentlich von einem -dauernden Erfolg begleiteten Schutz unsres »~Falco peregrinus~« bilden -sollen. - - - - -In der Zeit der schweren Not - -Von _Gerhard Platz_, Weißer Hirsch - - -»Anna Elisabeth hieß sie, nicht Rosina Rebekka. Mensch, wann wirst du -unsre Familiengeschichte endlich mal beherrschen lernen! Die Großmutter -von der Urgroßmutter, die bei euch überm Kanapee hängt. Das ist doch -so einfach! – – Wie’s eigentlich sich zugetragen hat? Nu, dabei war -ich nicht, denn man schrieb das Jahr 1720. Ein Sonntag war’s, kurz vor -Silvester unter der Predigt. Da waren dazumal nicht zu viel Leut’ auf -der Gasse, denn Kirchgang war Pflicht eines rechten Christenmenschen -und der Herr Oberpfarrer von Schellenberg merkte sich’s, wenn einer -gar zu selten erschien. Draußen auf den Gassen standen die Röhrbrunnen -dick im eisigen Strohpanzer und die Sperlinge saßen dickaufgeplustert -in dem bißchen Morgensonnenschein – eine Bärenkälte war’s wieder -einmal im Lande. Das mochte auch der Meister Petz im Schloßzwinger -fühlen und er beschloß, sich mal ein wenig Bewegung zu machen, wo noch -dazu heute das Gatter offen stand. Eins – zwei – drei – hopla, da -war er oben, schüttelte sich den Pelz sauber zurecht und trollte die -Schloßgasse hinunter ins Städtel. Kein Mensch ist ihm begegnet, nur -die lahme Großmutter vom Meister Lohgerber, die ganz allein zuhause -war und im Lehnstuhl am Fenster über ihrem Dresdner Gesangbuch -saß, sah auf einmal eine dickvermummte Gestalt vor dem Nachbarhaus -sitzen und immer nach dem grünen Wirtshauskranz schlagen, der dorten -heraushing. Aber wer der dicke Kerl eigentlich war, bekam die Alte -doch nicht heraus, dieweilen ihr Augenlicht ja schon gar schwach war. -Petz aber trabte weiter und in der nächsten Gasse verschwand er im -Hausflur. Finster war’s hier, und er brummelte ein bißchen unwillig -über die mangelnde Flur- und Treppenbeleuchtung, dann aber gab eine -Türe vor seiner stoßenden Nase nach, und er war in der Wohnstube der -Bürgersleute. Menschenleer auch hier alles, aber im Winkel dort stand -ein hölzernes Ding auf breiten Kufen. Das fing lustig an zu schwanken, -wie der Bär mit der Tatze danach langte und alsbald erscholl aus dem -Innern des Kastens ein schwaches Geschrei; der kleine Kerl in der -Wiege war munter geworden. Zuerst wunderte sich der Braune ein wenig, -dann aber macht’ ihm die Sache Vergnügen und er fing immer kräftiger -an, die Wiege zu treten. Da gab’s denn nun wohl bald ein lautres -Geschrei bei dem Insassen, also, daß sich auf einmal die Tür auftat -und Anna Elisabeth Hungerin auf der Schwelle stand – deine Ahne, -Mensch! Die war heute nicht in der Kirche gewesen; hatte vielmehr ein -kräftig Wochensüpplein zu der Frau Schulmeisterin getragen. Auf dem -Heimweg dann hatte sie das Kindergezeter gehört und war in die Stube -getreten. Muß ein tapferes Weiblein gewesen sein, die Urahne, denn -alsbald ist sie mit ihrem Stecken auf den Braunen losgegangen und hat -ihm das Fell zu gerben begonnen. Vielleicht war’s mehr das Geschrei -als die Schläge – aber jedenfalls ward der Ausreißer zornig, ging -vorne hoch und dann sauste seine Pranke auf das Haupt der Angreiferin -nieder. Dann hat er sie in Stücke gerissen und sich auch nicht durch -die heimkehrenden Kirchengänger stören lassen, bis ein Musketenlauf -zum Fenster hereinklirrte und die Kugel ihm das Lebenslicht ausblies. -Seinen Schädel kannst du jetzt noch am Augustusburger Schloßtor dir -ansehn. Na, weißt du nu, wie’s zugegangen?« - -Krach, saust es auf einmal zwischen uns zwei müde Jägersleute -hernieder, die wir eben von weiter Morgenbirsch heimkehren und uns den -Weg durch alte Geschichten kürzen. Ein vertrockneter Astzacken aus den -hohen Kiefernwipfeln über uns! - -»Ha, ha,« lacht der Vetter, »mein märkischer Wald mag es nicht leiden, -daß ich so viel hier von Kursachsen spreche. Glaub’s wohl, der Zipfel -hier, so nah’ an der kursächsischen Grenze, ist den preußischen Königen -gerad’ zur Zeit unsres Familienabenteuers oft ein Dorn im Auge gewesen. -Die langen Kerle aus Potsdam rissen nur gar zu gern hier herüber -aus in die sächsischen Dörfer. Und der sächsische Kurfürst wieder -mußte sich ärgern über die vermaledeiten Werber, die gerade auch von -hier aus bei ihm einfielen und Jagd machten auf seine Landeskinder. -›Totschlagen die Kerle, wo sie erwischt werden‹, war die Parole auf -kursächsischer Seite, da alle diplomatischen Vorstellungen in Berlin -nichts fruchteten. Aber na, da ist ja das Forsthaus – wünsche wohl zu -ruhen, liebwerter Herr Vetter.« - -Es will gar nicht recht klappen dies Jahr mit der Birsch auf den -Keiler, und an manchem Abend sitzt der Vetter, der mich liebend gern zu -Schuß bringen möchte, auf dem ehrwürdigen Kanapee, pafft wie ein Vulkan -und nimmt nicht die geringste Notiz von Waldine und Hexe, den beiden -Dackeln, die rechts und links von ihm Schönmännchen machen. Da hilft -dann gewöhnlich nur ein Mittel, ihn aufzuheitern: ein Abstecher in das -Gebiet der Familiengeschichte. Es ist beinahe rührend, diesen so weit -von der Heimat verschlagenen Menschen zu beobachten, wie er auflebt, -kann er sich ein wenig in die Vergangenheit seiner und meiner Familie -versenken und einmal nach Herzenslust plaudern von unsern Ahnen, den -alten Freiberger Glockengießern Hilliger zumal, auf die er besonders -stolz ist. Da ziehen sie vorüber im Tabaksnebel des märkischen -Forsthauses, die stolzen, alten Patrizier aus der hochberühmten -Silberstadt, die Trainer, die Theler, die Monhaupt, die Schönlebe, und -der Vetter klirrt förmlich durch die Stube, wenn er von Wenzel von -Allnpeck erzählt, der 1396 vor Nikopolis gegen den Türken fiel. - -Der Vetter hat übrigens unrecht, wenn er gestern gar so sehr auf sein -Revier schimpfte, das mir kein Weidmannsheil bringen will. Ich fühl’ -mich gar wohl hier auch ohne Bruch am Hut, und er, nun er liebt seinen -Wald hier in der dürren Zauche mit aller Kraft seines treuen Herzens. -Unvergeßlich wird mir die Überraschung bleiben, die ich am zweiten -Abend hier erleben durfte, als mich der Vetter durch die rotbestrahlten -Altkiefern hinunterführte und ich dann auf einmal am Ufer eines -gewaltigen Sees stand, am Schwielow, dem Sohne der Havel, dessen -Geburtsstunde in stürmischer Springflutnacht uns der kurmärkische -Wandersmann Theodor Fontane so eindrucksvoll schildert in seinem Buch -»Havelland«. Ruhevoll gleiten ein paar Segel auf der Höhe dahin, aber -auf dem modrigen Grunde liegen, so erzählt es der Vetter, die Trümmer -manch eines Lastkahnes, und kalt rieselt es mir über den Rücken, -denke ich an das Abenteuer, das ein Bekannter in der Heimat in seinen -Jugendjahren hier auf dem Schwielow erlebt hat. - -Von Potsdam aus waren die zwei jungen Leute in der Mondnacht die Havel -hinabgefahren im leichten Ruderboot. Auf dem Schwielow dann hatten sie -Lust bekommen, ein Bad zu nehmen im sommerwarmen Gewässer. Gedacht, -getan! Bald schwammen sie lustig im See herum, über den der Vollmond -seinen goldnen Steg baute. Nach einem Viertelstündchen rüstigen -Schwimmens beschloß man, zum Boot zurückzukehren. Man machte Kehrt -und schwamm auf die Stelle zu, da man ins Wasser gesprungen. Hell -war die Luft und leuchtend hüpften die Wogen – aber das Boot, das -Boot war weg. Herr des Himmels, wo war der Kahn hin? So hoch sich die -Schwimmer aus dem Wasser hoben, überall rundum nur glitzernde Hügel, -dahinter schwarzes unübersehbares Wasser. Guter Rat war teuer. Man -wußte nicht einmal mehr, wo man sich befand; was Nord war oder Süd. -Schwamm man jetzt quer zu dem See, so war’s eine Stunde noch nach -Baumgartenbrück; teilte man die Wogen in der Längsrichtung, so waren -es zwei Stunden bis hinunter nach Ferch. Und die Kräfte nahmen schon -jetzt merklich ab! Mein Bekannter schlug vor, zunächst einmal immer im -Kreise zu schwimmen, das Boot konnte ja nicht weit abgetrieben sein. -Ach, gering war die Hoffnung, immer mehr kostbare Kraft ging verloren. -Da auf einmal hemmt ein dröhnender Stoß an den Kopf den müdewerdenden -Schwimmer – das Boot ist es, das Boot – unsehbar treibt das dunkle -Gefährt zwischen den glitzernden Springwogen. – – – - -Eine Reise tut man ja wohl, um zu erkennen, daß es in der lieben Heimat -am allerbesten ist. So bin ich denn auch von Herzen froh, wie ich bei -Großenhain wieder auf sächsischen Schienen dahinrolle. Aber ach, was -hat sich während der stillen Urlaubswochen alles ereignet. Die fremden -Völker sind eingefallen im lieben Dresden, jetzt, da die Reichsmark so -tief gesunken und das Leben in Deutschland so angenehm geworden ist -für einen, der »Valuta« besitzt. – Gottlob, alles können sie uns doch -nicht wegtragen! Wir haben noch Werte im Lande, nach denen keiner der -Fremden greifen mag, weil sie seiner Seele eben nichts bieten. Uns -aber gelten sie hoch und teuer, höher als alles kostbare Pelzwerk, -höher als alle Perlenschnüre und Diamantringe. Unsre Heimatflur ist -es, unsre stillen Dörfer und kleinen Städte draußen zwischen Heide, -Wasser und Bergland. Dorthin kommen sie nicht, die Hochvalutarier, -und gerade daran kann ein Herz sich stärken und genesen, das fast -zerbrechen will manchmal in dem Jammer der Zeit und in dem Drang einer -verzweiflungsvollen, hoffnungslosen Arbeitslast. Sieh’, so ein Abend -auf der Kuppe eines grünumbuschten Heimatberges etwa, mit dem Blick -hinaus auf den unendlichen Frieden der stillen Flur, er ist dir doch -hier und da einmal beschieden, und wenn du es früher nicht so gewußt -hast in den »guten« Jahren, da du verreisen konntest nach Nord und Süd, -so weit du nur wolltest, jetzt fühlst du es mit einem Glücksgefühl ohne -Gleichen: deine Heimat ist dir geblieben und sie tröstet dich heut, wie -einen seine Mutter tröstet. Du erhebst dich voll Dank gegen Gott, aber -du möchtest auch selbst etwas tun, um dich der gebliebenen Gabe wert -zu zeigen, du sinnst vielleicht, wie du es anfangen sollst. Da kommt -dir ein guter Geist zu Hilfe und flüstert ein Wort in dein Ohr, das -klingt so traulich und hold wie ein Kinderliedchen zur Weihnacht und -wie ein Abendlied in blühender Laube – »Heimatschutz« heißt es, das -Wort! In die Stadt kehrst du heim; in eine Altdresdner Gasse lenkst du -den Schritt, vor ein Haus mit hallendem Flur und dunkelnden Stiegen. -Du klopfst an der Tür, man tut dir auf und auf einmal ist dir’s so -wohl, so heimlich unter den Menschen, die da in später Stunde noch -schaffen. Im Heimatschutz bist du hier, Freund, beim Treuhänder all der -ungeheuren Goldschätze, die du auf deiner Streife soeben erst geahnt -hast. Unverdrossen arbeiten sie hier, die Werkleute, mit Liebe zu ihrer -Sache im Herzen, und immer einmal huscht dann und wann nach getanem -eignen Tagewerk noch einer der Mitkämpfer über die Schwelle, einer aus -den Ausschüssen, aus dem Gesamtvorstand. »Unser aller Leben ist reicher -geworden, meine Freunde, seit wir dem Heimatschutz dienen,« so sprach -einer der unsern, ein Junggebliebner im schneeweißen Bart, erst vor ein -paar Monaten es aus. Damals saß er auch noch unter uns, Freude im Blick -und heitre Rede auf den Lippen, unser Führer, den wir im Spätjahr auf -immer verloren, aber dessen Geist weiter unter uns wirkt und wirbt, -und dessen Andenken in Segen bleiben wird unter uns – Karl Schmidt, -der getreue Eckart der Heimat. Schöner als aus Menschenmund tönt ihm -sein Lob im Rauschen der alten Bäume draußen im Land, die er vor der -Axt bewahrt hat und im Sprudeln des Baches, den er vor Schändung durch -giftige Abwässer behütet. Er ruhe in Frieden – sein Werk ist sein -schönstes und bleibendstes Mal! - -Ja, nicht undankbar wollen wir sein. Manch stille gute Stunde hat uns -Heimatfreunden das Jahr 1922 doch auch noch gebracht. Wie denke ich -da heute so gern an den Tag in der Adventszeit, da ich den Markt zu -Stolpen hinanklettern sah nach der Burg mit seinen rührenden Häuschen, -auf denen der rote Morgensonnenschein lag, und an dem ich durch die -stillen Gassen schritt, bis hin zum grünüberwucherten Tor. Hier war -es auch, wo ich eine nicht unbedeutende Neuerwerbung machte, die für -den Heimatfahrer beinahe so wichtig ist, wie ein Gaul für den Reiter -– einen neuen Wanderstab! Seit vorigem Spätjahr fehlte mir einer -– gar zu rasch war die Flucht aus dem Jagdwagen vor sich gegangen, -drüben im Meißner Tiefland, als uns auf der offnen Bahnstrecke vor -der großen Kurve auf einmal die glühenden Augen des Dresdner Zuges -entgegensprühten, und als dann in übelangebrachter Pflichtnachholung -der Blockwärter die Schranke gerade herunterließ, als wir im Galopp -über die Schienen jagen wollten. Gott Lob konnten wir das Pferd noch -aufs Nebengleis herumwerfen und das brave Rößlein hielt auch ruhig den -vorbeischmetternden Zug aus – aber mein alter Hakenstock war bei der -Geschichte verlorengegangen! Schwächlich nur war der Ersatz gewesen aus -fremdem Rebenholz; einen richtigen Eichenstock mit Buckeln, Krümmung -und Knoten kriegt man, glaub ich, in der Großstadt gar nicht. Hier nun -in Stolpen fand ich ihn, fest und stark, wie für Geschlechter berechnet -in seiner tiefdunklen Edelfärbung. Und ich hoffe allen Ernstes, er -soll sich in meinem bescheidnen bürgerlichen Familienkreis vererben, -wie die hirschlederne Reithose des ritterlichen Dichtersmannes aus dem -Stamm der Münchhausen. Wenigstens einer meiner Nachfahren wird doch mal -ein Jäger sein und ein Wandrer, wie sein Ahn, und dann werden sie sich -auch erzählen von der Zeit der schweren Not, da dieser Stecken erworben -ward für vierhundertundfünfzig Reichsmark, eine Summe, um die sie dann -hoffentlich wieder im deutschen Land eine Kuh kaufen können mit Kalb, -denn Bauer soll doch auch wieder mal einer werden von ihnen! - -Mit dem Stock in der Hand hoff’ ich aber vorher noch selbst manche -Straße zu ziehen im lieben Heimatland, noch manch stillen Birschgang -zu machen im Heimatwald, dessen grüne Hallen sich erst kürzlich mir -wieder geöffnet haben in einem neuen, schönen Revier voll reicher -heimatgeschichtlicher Erinnerung – – – ich glaube wahrhaftig, ich -bin doch noch recht reich, selbst in der Zeit der schweren Not! - - - - -Hiddensee, die Insel der Heimatsehnsucht - -Von _A. Klengel_ - -Mit Aufnahmen des Bundes für Vogelschutz, Stuttgart - - -Draußen in der Ostsee, der Insel Rügen westlich vorgelagert, liegt das -siebzehn Kilometer lange und sehr schmale Eiland Hiddensee, erst seit -wenigen Jahren ein Reiseziel erholungsbedürftiger Naturfreunde. - -Wer hat wohl früher von diesem weltfernen Ländchen etwas gehört, das -sich in seiner insularen Abgeschiedenheit nicht nur die erhabene -ernste Einsamkeit unberührter Natur, sondern auch das ursprüngliche -Volkstum trefflich bewahrt hat! Hin und wieder las man wohl, daß die -dort geborenen Schiffer, die in die Fremde verschlagen wurden, all -ihr Leben lang mit unwiderstehlicher Sehnsucht an »dat söte Länneken« -denken und nichts sehnlicher wünschen, als dorthin zurückzukehren, -um ihren Lebensabend, wenn auch noch so bescheiden, in der teuren -Heimat zu beschließen. _So gilt Hiddensee immer als ein Wahrzeichen -der Heimatsehnsucht und hoher hehrer Heimatliebe._ Und wer Goethe -gründlicher liest, der findet in den »Maximen und Reflexionen« den -Satz: »Liebes gewaschenes Seelchen ist der verliebteste Ausdruck -auf Hiddensee«. Wenn auch hier eine sehr freie Übersetzung des -plattdeutschen Satzes »min lewet wittet Seelken« vorliegt – man wird -das Wort »wittet« besser in »weißes oder unschuldiges« übertragen – so -spiegelt sich doch in dem Ausdruck ein sittenstrenges und edles Volk -wieder. - -[Illustration: Abb. 1 =Rauchhaus des Fährmanns Johann Gau auf der -Fährinsel bei Hiddensee=] - -Verschiedene Wege führen nach Hiddensee! Von Stralsund aus stellt der -Dampfer »Caprivi« die Verbindung her; ein anderer Weg zu Schiff führt -von dem, durch das sächsische Kinderheim bekannten Rügendörfchen Wieck -dorthin. Der rüstige Fußgänger wandert wohl auch von der rügenschen -Kleinbahnstation Trent aus durch ährenschweres Land und an mit -Storchnestern gezierten uralten Bauerhöfen vorüber nach dem Seehof -und läßt sich von dort aus zwischen Vitter und Schaproder Bodden über -den »Trog« durch die Fährleute der kleinen, zu Hiddensee gehörenden -Fährinsel in das Märchenland hineinsegeln. - -[Illustration: Abb. 2 =Die Verlandung durch die Pflanzenwelt= (Ein Teil -des Gellens; die langgestreckte Insel ist der Gänsewerder)] - -Die Natur der nur etwa sechzehn Quadratkilometer großen Insel ist -außerordentlich abwechslungsreich; man findet hier in kleinerem Kreise -alle die Schönheiten und Eigenheiten wieder, welche der Ostseeküste -ihren Reiz und ihren Zauber verleihen. Im Norden erhebt sich das -bis zweiundsiebzig Meter aufsteigende und weithin vom Meer und von -den rügenschen Bergen aus sichtbare, von einem Leuchtturme gekrönte -Dornbuschhochland, eine aus Mergel, Ton und Geschiebesteinen aufgebaute -Höhengruppe, die nach der Küste zu steil abfällt. Stattlicher -Kiefernhochwald, mit dünner Grasnarbe bedeckte und von Ginsterbüschen -umrahmte Weidetriften, sanfte Täler und vom ewigen Wind umbrauste -kahle Höhen wechseln ab mit steil zum Meer abfallenden, von Sanddorn -umwucherten Schluchten, hohen nackten Uferabstürzen und ewig bewegten -Dünenbildungen. Und wo immer der Blick hinausschweift in die Weite, -dehnt sich das endlose gewaltige Meer aus; an der Westküste im ewig -gleichen Spiel seiner Wellen den Steinstrand umschmeichelnd und am -Lande nagend, an der Ostseite, im Schutze des Hochlandes und der Insel -Rügen, still und blank in der Sonne glitzernd. Wo findet man wohl sonst -auf gleich engem Raume so vielen bunten Wechsel in der Landschaft, wo -wandelt sich die Natur so auf Schritt und Tritt und bietet Bilder, die -von sanfter Anmut aufsteigen bis zur gewaltigen heroischen Wucht, vor -der uns die Kleinheit unsres Menschendaseins so recht bewußt wird! Und -welch’ abwechslungsreiche Bilder bietet das Land im Wandel des Jahres! -Bald liegt glühender Sonnenglast auf den Bergen, der uns im Schatten -der Kiefern vergessen läßt, daß wir auf einem kleinen Eiland stehen. -Zur Herbst- und Frühlingszeit toben die gewaltigen Äquinoktialstürme -über die Insel, Naturgebilde und Menschenwerk auf ihre Festigkeit -erprobend. Und wenn der klare Sommertag zur Rüste geht, bietet -sich dem entzückten Auge vom Dornbusch aus ein Sonnenuntergang von -überwältigender und unvergeßlicher Schönheit. - -[Illustration: Abb. 3 =Die Dünenbildung des Windes= (bei Neuendorf)] - -Wahrlich, schon der Dornbusch allein ist ein Stück Erde nach dem man -Sehnsucht, nach dem man Heimweh haben kann und der fühlende Mensch -verspürt einen Hauch von der Heimatliebe der Hiddenseer Einwohner, er -lernt das Wort begreifen, das einst der rügensche Dichter Lappe in -seiner »Agnete« dem zurückkehrenden Insulaner in den Mund legte: - - Wo wollt’ ich ruhen, - Wo sollt’ ich lieben, - Wo könnt’ ich sterben - Denn nur auf dir! - -Zu Füßen des Dornbuschhochlandes liegen das Fischerdörfchen Grieben und -die älteste Siedlung der Insel, Kloster mit seinem schlichten turmlosen -Kirchlein, einem großen, dem Provisoriat des Klosters zum Heiligen -Geist in Stralsund gehörigen Rittergute, zahlreichen neuen, schmucken -Landhäusern und einigen neuzeitlichen Gasthöfen. Dem Dörfchen Kloster -und dem weiter südlich gelegenen, aus verstreuten Häusern bestehenden -Ort Vitte hat der beginnende Fremdenverkehr bereits seinen Stempel -aufgedrückt, noch findet man aber hier wie in Grieben und in dem noch -südlicher gelegenen Dörfchen Plogshagen zahlreiche alte niedrige, -schilfgedeckte und dornenumhegte Fischerhütten von malerischer -Schönheit. Von dem für Rügen und Hiddensee charakteristischen uralten -schornsteinlosen Rauchhaus ist freilich im vorigen Jahre der letzte -Vertreter verschwunden. Auch die alte Vitter Windmühle steht still und -hat ihre Flügel verloren, obwohl es dem Müller auf dieser »Insel im -Winde« wahrscheinlich selten einmal an Betriebskraft gefehlt hat. - -Ein neues Bild entrollt sich vor unsern Augen! Südwärts von Vitte -dehnt sich eine weite Heidelandschaft aus. Die violette Heide -wechselt mit der rosaroten Glockenheide, mit Wacholder, Birken und -der für Hiddensee eigentümlichen niedrigen apfelroten Heckenrose. -Um einen kleinen Süßwassersee inmitten der Heide wuchert der Porst, -die duftige Totenmyrte, und der zarte Sonnentau. Die Einsamkeit der -Heidelandschaft schlägt den Besucher in ihren Bann! Inmitten dieses -wundersamen Landstrichs steht das Gasthaus zur Heiderose, der Sitz -einer kleinen Künstlerkolonie, des Hiddenseer Künstlerinnenbundes, -dem der Kunstfreund schon viel Schönes aus der Natur und dem Volkstum -Hiddensees verdankt. - -Südlich der anschließenden Dörfer Plogshagen und Neuendorf verschmälert -sich das Land; dort liegt der etwa sieben Kilometer lange Gellen, -eine unbewohnte, mit Gras bewachsene Halbinsel. Ein langer Steindamm -schützt den mit der schönen Stranddistel reich bewachsenen Weststrand -vor der Wucht der Wellen und eine schmale Kiefernpflanzung hält die -zerstörenden Stürme ab. - -Diese Schutzmaßnahme war zur Erhaltung der Insel dringend erforderlich, -wurde doch im Jahre 1878 die Insel südlich von Neuendorf beim -sogenannten »Schwarzen Peter« von einer Sturmflut durchbrochen. Das -Meer bezahlt seine Zerstörungsarbeit mit reichen Geschenken, anderwärts -wirft es Bernstein an den Strand, in Hiddensee schenkte es im Jahre -1872 eine goldene Kette, die bei einer Sturmflut zutage kam und heute -eine Hauptsehenswürdigkeit des Provinzialmuseums zu Stralsund bildet. -Ihr Alter ist mit Sicherheit nicht zu ermitteln; man nimmt jedoch an, -daß sie schon aus dem zehnten Jahrhundert stammen kann. - -[Illustration: Abb. 4 =Die Hakenbildung des Meeres durch Anschwemmung=] - -Der Hiddenseer Goldschmuck gibt Anlaß, einen kurzen Blick in die reiche -Geschichte der Insel zu werfen, die wohl schon seit den Tagen der -Urzeit immer mit der Rügens verbunden war. Funde von Steinwerkzeugen -und Tonscherben deuten darauf hin, daß Hiddensee schon in der Urzeit -besiedelt war, doch ist nicht erwiesen, ob germanische oder keltische -Stämme das Eiland Heimat nannten. Mit der Völkerwanderung faßten -die slawischen Wenden auf Hiddensee und Rügen festen Fuß bis nach -der Eroberung der nahen Tempelburg Arkona und der Zerstörung des -Nationalheiligtums des Gottes Swantewit durch den Bischof Absalon von -Roeskilde am 14. Juni 1168 Rügen und damit Hiddensee unter dänische -Herrschaft kam. Im Jahre 1296 schenkte der Rügensche Fürst Wizlaw -die Insel Hiddensee dem Zisterzienserorden zur Anlegung der Abtei -Kloster auf Hiddensee. Nur wenige Überreste des einst mächtigen und -reichbegüterten Klosters, dem die päpstliche goldene Rose zuteil wurde -und dessen Abt den Bischofsstab führte, sind auf unsre Tage gekommen, -ein alter verwitterter Torbogen und der Grabstein des letzten Abtes. -Das Kloster unterstand ursprünglich dem Bischof von Roeskilde und -kam später unter das Bistum Kammin. Nach Aufhebung des Klosters im -Jahre 1536 kam Hiddensee an die pommerschen Herzöge, geriet 1648 -unter schwedische Herrschaft, worunter es bis 1815 verblieb. In -den nordischen Kriegen errichteten die Schweden auf der Fährinsel -und gegenüber am Seehof auf Rügen zum Schutze der Durchfahrt große -Schanzen, die heute noch erhalten sind. Also auch von kriegerischen -Drangsalen ist Hiddensee nicht verschont geblieben. Noch am 17. August -1870 kam es in seiner Nähe zu einem kleinen Seegefecht zwischen -französischen Kriegsschiffen einerseits und dem deutschen Aviso -»Grille« und Strandbatterien anderseits. - -[Illustration: Abb. 5 =Lachmöwe am Nest=] - -Die Sage berichtet, daß die unermeßlichen Schätze des Klosters bei -seiner Aufhebung auf der Insel vergraben wurden; der Aschkoben, ein -Hügel am Dornbusch soll sie beherbergen und die aufgefundene Kette soll -ein Teil davon sein. Fast der ganze Landbesitz von Hiddensee gehört -heute dem Provisoriat des Klosters zum Heiligen Geist und damit zum -Besitze der Stadt Stralsund. - -[Illustration: Abb. 6 =Austernfischer am Nest=] - -Wer die echte und ursprüngliche Bevölkerung Hiddensees in ihrer -Natürlichkeit und Biederkeit kennen gelernt hat, muß sie liebgewinnen, -die sturmerprobten, wetterzerzausten Fischergestalten und die blonden -stattlichen Frauen. An der häufigen Wiederkehr derselben Familiennamen -– fast unzählige Male kommt der Name Gau und Schluck vor – merkt man, -daß eine Vermischung mit fremden Elementen zu den Seltenheiten gehört. -In ihren Fischer- und Schiffsgenossenschaften liegt noch ein Stück -alten Patriarchentums, ein goldenes Stück großen Familiensinns. Möge -es immer so bleiben, mag auch die neue Zeit, unter der Hiddensee als -Badeinsel Mode geworden ist, nichts daran ändern. - -[Illustration: Abb. 7 =Fluß-Seeschwalbe=] - -Eine Idylle für sich bildet die Fährinsel bei Hiddensee, und ein Stück -unverfälschten Inselvolkstums ist verkörpert in dem alten Fährmanne -»John Jau« (Johann Gau), der dort in seiner wohnlicher gestalteten -Rauchkate haust und in der übrigen, kaum ein halbes Dutzend Köpfe -zählenden Fährinselbevölkerung. - -[Illustration: Abb. 8 =Halsbandregenpfeifer am Nest=] - -Daß bei der insularen Abgeschlossenheit Hiddensees auch die Gemütswerte -der Bevölkerung unverfälscht erhalten geblieben sind, ist wohl -selbstverständlich. Wie auf den vom Verkehr abgelegenen Teilen -Rügens, so hat auch hier die Sage noch eine treffliche Heimstatt. -Schier unerschöpflich ist der Born, aus dem die Sagen von der Riesin -Hitthim, von Spukgestalten und andern weltentrückten Geistern der -Vorzeit sprudeln. Wundern wird dies den tiefer schürfenden Beobachter -nicht, ist doch Hiddensee mit den alten Kulturen eng verbunden. Nicht -allzu weit auf Arkona liegen die Trümmer der schon hochentwickelten -wendischen Kultur und drüben von Rügen, von Hiddensee aus sichtbar, -grüßen die Hünengräber, Zeugen eines noch viel älteren germanischen -Daseins herüber. »Altgermanische Vorfahren haben die Hünensteine -zusammengewälzt, sei es als Gedächtnismale gefallener Helden, sei es -als Altäre der bildlosen großen Gottheit, die sie im dumpfen Ahnen -besser und klarer erkannten, als römische und hellenische Weisheit -in all ihrer Pracht und Herrlichkeit sie faßten.« Darf es uns -wundernehmen, daß Reste dieser Kulturen ihren Niederschlag fanden -im seelischen Leben und im Gemütsempfinden der unberührten einsamen -Inselbevölkerung! - -Hiddensee hat in der Literatur schon mehrfach eine Rolle gespielt, -von den rügenschen Dichtern Kosegarten und Lappe an, die noch im -achtzehnten Jahrhundert lebten, bis in unsre Tage. Am meisten bekannt -geworden ist es jedoch durch Gerhart Hauptmanns Drama »Gabriel -Schillings Flucht«, das auf Hiddensee spielt. Der zu den ständigen -Besuchern Hiddensees zählende Dichter hat mehrere seiner Werke hier -vollendet und den Namen seines »Schluck und Jau« der Inselbevölkerung -entlehnt. - -[Illustration: Abb. 9 =Junge Lachmöwen=] - -In der weiteren Öffentlichkeit bekannt wurde Hiddensee aber durch -die Bestrebungen zum Schutze der Seevogelwelt, welche seit 1911 von -den deutschen Vogelschutzverbänden, wie dem Bund für Vogelschutz, -dem Naturschutzbund Hiddensee, dem Ornithologischen Verein Stralsund -usw. auf Hiddenseer Boden unternommen werden. In Frage kommen dafür -in der Hauptsache die Fährinsel, die Südspitze der Halbinsel Gellen -mit dem Gänsewerder und die Halbinsel Altbessin. Der einst dort -vorhandene gewaltige Reichtum an brütenden Seevögeln, namentlich an -Sturm- und Lachmöwen, Seeschwalben, Strandläufern, Austernfischern, -Rotschenkeln, Regenpfeifern, Enten, Sägern usw. war durch Eierraub und -verbotswidrigen Abschuß soweit zurückgegangen, daß dringende Hilfe not -tat, wenn man dem völligen Untergange der die Gestade der Insel und das -Meer selbst in wundervoller Weise belebenden Vogelwelt nicht tatenlos -zusehen wollte. Unter Aufwendung erheblicher Kosten wurden Ländereien -gepachtet und vom Jagdrecht ausgeschieden, Drahtzäune angelegt, Wärter -und Aufsichtsbeamte angestellt usw. Diesen Bemühungen ist es zu danken, -daß der Bestand an Brutvögeln wieder erfreulich gestiegen ist. Die -Erfolge könnten noch größer sein, wenn die nötigen Geldmittel vorhanden -wären, die es ermöglichten, den durch die heute zu beobachtende -Verwilderung der Rechtsbegriffe und Sitten entstandenen Mißhelligkeiten -einen wirksamen Damm entgegenzusetzen. Hoffentlich kommen auch hier -einst bessere Zeiten zum Segen unsrer schwer bedrängten Seevogelwelt, -zum Besten des deutschen Naturschutzes! - -Jeder Naturfreund, jeder für landschaftliche Schönheiten und Eigenarten -empfängliche Mensch, der Hiddensee kennen gelernt, muß die kleine Insel -lieben. Die Hiddenseer Tage werden ihm unvergeßlich bleiben und auch in -ihm wird nachklingen, was Siegfried Mauermann in seinem tiefempfundenen -Gedichte von Hiddensee sagt: - - Ein Wundereiland hat mein Fuß betreten, - Mein ganzes Wesen ist der Welt entrückt. - Und mich durchglüht ein ungewolltes Beten. - Fragt nicht, warum: ich fühl’s und bin beglückt. - - Ihr schaut von Hügeln auf den Glanz der Wogen, - Ihr rühmt der Schluchten Absturz in das Meer, - Bespülter Buchten weite, sanfte Bogen; - Der Blick ist reich. O sei das Herz nicht leer. - - Ihr hört das Tosen und das Wellenrauschen, - Der Zweige Flüstern leis’ im Abendwind; - Ihr wißt dem Vogelzwitschern fein zu lauschen, - Ihr hört mit Ohren, die voll Weisheit sind. - - Ihr pflückt euch Ginster, Ähren, Immortellen, - Der Heckenrose luftiges Gebild. - Ihr laßt euch schaukeln von bewegten Wellen, - Euch blinkt die Abendsonne glitzernd, mild. - - Und all’ dies, alles schildert ihr begeistert. - Ich bleibe selig überwältigt, stumm. - Und wenn mein Mund nicht schöne Worte meistert – - Ich bin beglückt, ich fühl’s; fragt nicht warum! - -[Illustration] - - - - -Unsre Elbvögel einst und jetzt! - -Von Prof. ~Dr.~ _Bernhard Hoffmann_ - - -Unter dem »einst« ist nicht etwa der Beginn unsrer Zeitrechnung, -sondern die zweite Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts zu verstehen, -zu welcher Zeit der ehemalige Rektor der Meißner Fürstenschule, namens -Fabricius, Annalen der Stadt Meißen verfaßte, worin auch die damals -an und auf der Elbe bei Meißen vorkommenden Vögel aufgeführt werden. -Die Schrift ist lateinisch geschrieben. Nachstehend gebe ich eine -kleine Probe des wohl ältesten Verzeichnisses sächsischer Vögel, das -alphabetisch geordnet ist: - - Brandgense / ~a colore nigricante~ / ~vt~ Brandhirsch / - Brandfuchs. - Bachsteltze / Wassersteltze / ~Saxonibus~ / ein ackermencken / - ~Motacilla Juneo. Viridis~. - ~Flava~ / ~a colore ventris~. - Eisvogel / ~Halcedo~, ~Ispis~. - Ente / ~Anas~. - Großente / ~Anas magna Penelops: insigni collo propter colorem - puniceum et viridem~. - Mittelente / ~Boscas~ / ~Anas mediocris~. - Krucentlein oder Krichentlein / ~Querquedula Varroni~ / - ~anas parva~ usw. - -Nach dieser Probe sind die von Fabricius genannten Arten nicht -schwer zu erkennen, wennschon z. B. unter »Brandgense« nicht unsre -heutigen »Brandgänse«, sondern Ringelgänse zu verstehen sind. Daneben -aber führt Fabricius noch manche Namen an, deren Deutung sehr große -Schwierigkeiten bereitet; es seien z. B. erwähnt: Facke, Münchle, -Pilwenckgen, Racke, die verschiedenen Arten der »Reiger«, Schnetz, -Tittiluen usw. In einigen Fällen dürften Schreib- oder Druckfehler -vorliegen; es muß beispielsweise wahrscheinlich heißen: Focke, -Schnertz, Tittilgen usw. Doch soll auf all die Schwierigkeiten der -Übersetzung und Deutung hier nicht eingegangen werden[2]. Dagegen -dürfte das Endergebnis der Untersuchung auch weitere Kreise fesseln. -Die seinerzeit an und auf der Elbe bei Meißen beobachteten Vögel sind -die nachstehend verzeichneten: - - Schwalben - Krähen (?) - Weiße Bachstelze - Gebirgsbachstelze - Kuhstelze - Rohrammer - Wasseramsel - Mauersegler - Eisvogel - Gem. Kranich - Wiesenralle - Bläßhuhn - Grünfüß. Teichhuhn - Brauner Sichler - Löffler - Schwarzer Storch - Weißer Storch - Nachtreiher - Große Rohrdommel - Fischreiher - Purpurreiher - Flußuferläufer - Rotschenkel - Bekassine - Flußregenpfeifer - Kiebitz - Höckerschwan - Singschwan - Bläßgans - Graugans - Ringelgans - Saatgans - Krickente - Löffelente - Moorente - Schnatterente - Stockente - Tafelente - Großer Säger - Mittler Säger - Zwergsäger - Flußscharbe - Dreizehenmöwe (?) - Heringsmöwe - Lachmöwe - Silbermöwe - Sturmmöwe - Flußseeschwalbe - Zwergseeschwalbe - Rothalstaucher (?) - Schwarzhalstaucher - Zwergtaucher - -Fast könnte diese stattliche Liste den Neid der Gegenwart erwecken! -Nicht weniger als über fünfzig verschiedene Vogelarten haben im -sechzehnten Jahrhundert die Elbe und ihre Ufer belebt, darunter recht -ansehnliche Vögel, wie z. B. die verschiedenen Gänsearten, Reiher, -Störche, Schwäne usw.! Damals freilich war der Elbstrom und seine Ufer -noch in dem Zustand, wie ihn Mutter Natur geschaffen hatte. Sie boten -Nahrung, Unterschlupf, Verstecke und Nistgelegenheiten in Hülle und -Fülle. Aber die Zeit, die uns die gemauerten Steindämme der Flüsse, -das Ausfüllen von Teichen und stillstehenden Gewässern mit Schutt usw. -bzw. ihre Urbarmachung, ferner die Zunahme der Besiedelung und damit -der Anwohner am Strom entlang, das Beseitigen der Heger und Kiesbänke -im Strombett und noch manche andre hier in Betracht kommende Änderung -gebracht hat – sie hat auch im Vogelbestande Wandel geschaffen, -leider in einer sehr betrüblichen Weise! Sieht man von ganz vereinzelt -auftretenden Stücken ab, so ist der weitaus größte Teil der oben -genannten Arten von der mittleren Elbe gänzlich verschwunden, wie -z. B. die Kraniche, Löffler, Nacht- und Purpurreiher, die Schwäne, -Gänse, Flußscharben und vor allem auch die Seeschwalben. Andre sind -auf der Elbe in der Hauptsache nur Wintergäste, wie z. B. die Säger, -Bläßhühner, Zwergtaucher und die Scharen von Stockenten. Nur ganz -wenige Arten trifft man noch jetzt in geringerer oder größerer Zahl -während des Sommers an der Elbe an; ich nenne u. a. die Schwalben, -Bachstelzen, Krähen, Flußregenpfeifer und Lachmöwen. Einen Teil der -andern von Fabricius aufgeführten Arten finden wir glücklicherweise -noch heute in und an den Teichen und Seen, insbesondre der Lausitz, von -Moritzburg bis hinter nach Königswartha, Baselitz usw., darunter vor -allem die verschiedenen Entenarten, die Taucher, die Bekassine, die -Rohrdommel, den Rotschenkel, den Kiebitz, das Bläßhuhn usw. Möchten -ihnen wenigstens diese Wohn- bzw. Zufluchtsstätten für alle Zeit -erhalten bleiben und sie selbst sich eines dauernden Schutzes erfreuen, -damit unser Sachsenland an diesem Teile der Vogelwelt nicht auch noch -vollständig verarmt! - - -Fußnoten: - - [2] Man vergleiche hierüber den im Journal für Ornith. 1923, - S. 1–10 veröffentlichten Auszug aus meiner umfangreichen - Arbeit »Das älteste sächsische Verzeichnis von Vögeln, die - ums Jahr 1564 auf und an der Elbe bei Meißen vorgekommen - sind«. - - - - -Der Kiebitz als Brutvogel im Moritzburger Gebiet - -Von _Paul Bernhardt_ - -Mit Aufnahmen des Verfassers - - -Der Monat Februar geht zu Ende. Ein sonniger Tag lockt mich hinaus ins -Beobachtungsgebiet. Gefiederte Freunde, die Kiebitze, sind nach den -Aufzeichnungen meines ornithologischen Tagebuches heute zu erwarten. -Vor mir liegt der Großteich im Sonnenschein, befreit von der starren -Eisdecke, die monatelang jegliches Leben bannte. Doch so ohne Kampf -räumt der Winter das Feld nicht. Weiße Flecken in der Landschaft zeigen -seine Spuren. - -Ein nordischer Wintergast, der Zwergsäger, ist immer noch zwischen den -Schellenten auf der Wasserfläche zu beobachten. Die dürren Rohrstengel -bewegt ein eisiger Wind hin und her; er verdeckt die wärmende Sonne -mit dunklen Wolken und treibt leichte Schneeschauer übers Land. -Schon zweifle ich an der Ankunft des Kiebitzes, da entdecke ich ihn -durchs Glas am jenseitigen Ufer. Dort steht der prächtige Vogel mit -seiner schönen Schwarzweißfärbung, der stahlblauen Oberseite und dem -zierlichen Federschopfe – der Harlekin unter den Vögeln. Er hat Wort -gehalten. Wenn es das Wetter nur einigermaßen gestattet, kehrt er jedes -Jahr am 28. Februar zurück. Den Körper fast wagrecht auf den Ständern, -die Brust etwas nach vorn gebeugt, steht er mit eingezogenem Kopfe -ruhig im dürren Riedgrase. Heute spürt er keine Lust zum gaukelnden -Fluge; die lange Reise und das unfreundliche Wetter sitzen ihm noch -in den Gliedern. Nur um den Hunger zu stillen, trippelt er nach dem -Teichrand und sucht im angeschwemmten Geäste nach Nahrung. Bald nimmt -er wieder die Ruhestellung ein. In den nächsten Tagen sind auffällig -viel Kiebitze im Gebiet; es sind meistens Durchzügler. Die heimischen -Brutpaare kehren zuerst zurück. - -Nach drei Wochen ist unser Kiebitz kaum wiederzuerkennen. Der -Frühling hat es ihm angetan. Die Sonne scheint wärmer, und an der -Tiergartenmauer blühen schon die ersten Veilchen. Der Kiebitz hat -eine Gefährtin gefunden und behauptet als Platzhahn sein Gebiet gegen -jeden Eindringling. Die Nordostecke am Großteich, von wo er alles -überblicken kann, hat er sich ausgewählt. Für ihn ist jetzt Wonnemonat; -sein Gefieder steht in voller Pracht und liebestrunken verlebt er die -kommenden Tage. In ganz eigenartiger Weise wirbt er um die Gunst seiner -Gefährtin. Die Liebe nimmt ihn völlig gefangen und treibt ihn zu den -tollsten Liebesspielen. Eine närrische Balz beobachtete ich am 25. März -1921: Auf der noch grauen, sumpfigen Wiese steht ruhig das kleinere, -weniger lebhaft gefärbte Weibchen, nicht weit davon das Männchen im -Prachtkleide. Mit vorgebeugter Brust erhebt es sich, fliegt wuchtelnd -kurz über dem Boden hin; plötzlich geht es mit schneidendem »knū’it« im -45°-Winkel in die Höhe, und nun folgt ein Gaukeln und Stürzen in der -Luft, so daß der Beobachter verwundert den Kopf schüttelt. Im tollen -Übermut ruft der Kiebitz seinen Balzruf: knū’it, knū’it in den sonnigen -Frühlingstag, vollführt den schönsten Sturzflug und steht plötzlich -wieder neben dem Weibchen, um hier sein närrisches Liebesspiel -fortzusetzen. Mit gesenkter Brust, das frische Weiß der Schenkel -zeigend, führt er einige kippende Verbeugungen vor seiner Schönen aus, -stößt mehrmals mit dem Schnabel nach unten und macht eine Bewegung, als -würfe er dürre Grashalme hinter sich. Plötzlich drückt er den ganzen -Körper tief an den Boden, so daß der Kopf die Erde berührt, schlägt -die Flügel nach oben und führt mit diesen und dem rostrot gefärbten -Schwanze zuckende Bewegungen aus, als wolle er seine Liebesglut der -kühlen Erde anvertrauen. Wozu dieses närrische Spiel? Will er das -Weibchen ermuntern, indem er durch diese Bewegungen auf den Nestbau -hinweist? Noch mehrmals kann ich diesem eigenartigen Treiben zuschauen -und über die Allgewalt der Liebe staunen. Das Weibchen zeigt sich sehr -spröde, es hat scheinbar nicht viel übrig für den Liebhaber. - -[Illustration: Abb. 1 =Gelege des Kiebitzes=] - -Erst wenn die vier kreiselförmigen, olivengrünen Eier im unscheinbaren -Neste liegen, geht die schöne Liebeszeit zu Ende, und sorgenvolle -Tage kommen. Jetzt gilt es, durch allerlei Manöver sich nähernde -Menschen, Hunde und sonstige Nestplünderer irrezuführen und vom Neste -fernzuhalten. Doch kenne ich diese Schliche zu genau; bald habe ich -durchs Glas schon von der Straße aus das Weibchen entdeckt, wie es -dem stillen Brutgeschäft nachgeht. Dort im Seggengrase, kaum dreißig -Meter vom Ufer entfernt, sitzt es und beobachtet mit dem großen Auge -das Gelände. Es hat mich erblickt. Trotzdem ich noch weit vom Neste -entfernt bin, verläßt es die Eier, läuft geduckt in entgegengesetzter -Richtung am Boden hin, erhebt sich erst weit vom Neste und fliegt -wehklagend auf mich zu. Ich lasse mich nicht irreführen; und doch macht -es mir Mühe, das Gelege zu finden. Schön in Kreuzform angeordnet, -die Spitzen nach innen, liegen vier dunkelgefärbte Eier unmittelbar -vor meinen Füßen in einer kleinen Vertiefung. Wie oft wird dieses -Familienglück von roher Hand zerstört, um Schlemmern in der nahen -Großstadt den entarteten Gaumen zu kitzeln auf Kosten unsrer schon -so hart bedrängten Natur! Helle Entrüstung stieg aber in mir auf, -als ich eines Tages ein kleines Schlageisen im Neste fand. Ein -»Auch-Naturfreund« wollte auf diese Weise einen Kiebitz zum Ausstopfen -erlangen. Glücklicherweise hatte er nicht mit der Klugheit des Vogels -gerechnet. Doch weg mit diesen Gedanken! Heute bin ich mit der -Kamera im Rucksack ausgezogen, um im Bilde zeigen zu können, welche -Schönheiten unsre Heimat aufweist. Von all den Mühen dieser Kamerajagd -zu erzählen, wäre verlockend, würde aber zu weit führen. Erst im -dritten Jahre gelang es mir nach vielen Enttäuschungen und Mißerfolgen -unter Anwendung größter List und Geduld, das brütende Weibchen auf -die Platte zu bannen. Auch ich hatte nicht mit der Klugheit des -Kiebitzes gerechnet! Gemeinsam suchten das Männchen und Weibchen meinen -Plan zu vereiteln, und noch klingt mir der schreckliche Warnruf des -Kiebitzhahnes in den Ohren, der mir bestimmt sagte, daß er mich erspäht -habe und das Jagen deshalb heute erfolglos sei. Dem großen Kiebitzauge -(Bild 2) entgeht nichts! Im Jahre 1921 fand ich allein am wenig -gefüllten Großteich acht Kiebitzgelege. Im ganzen Gebiete brüteten -in diesem Jahre ungefähr fünfundzwanzig Paare. H. Mayhoff nimmt für -1915/16 nur fünfzehn Brutpaare an. Demnach wäre eine erfreuliche -Zunahme festzustellen. - -[Illustration: Abb. 2 =Brütender Kiebitz=] - -Große Aufregung und Sorge bringt dem Kiebitzpaare der Tag, an dem -die Kleinen der Eischale entschlüpfen. Die Jungen verlassen sofort -das Nest, nachdem sie trocken sind, und folgen der besorgten Mutter, -die sie nach Art einer Glucke führt. Wie oft habe ich dieses schöne -Familienbild aus dem Versteck belauscht! Die kleinen Wollklümpchen -huschen flink durch das Seggengras und finden bald selbständig den -Wurm und die Schnecke. Geradezu rührend ist die große elterliche -Sorge. Bei der geringsten Gefahr erheben die Alten ein Klagegeschrei -und versuchen den Feind zu vertreiben. Der harmlose Spaziergänger -staunt nicht schlecht, wenn sich ihm ein schwarzweißer Vogel mit -jammernden »kuit« fast um die Ohren schlägt. Er verspürt ganz deutlich -den Luftzug und vernimmt ein dumpfes »wupp, wupp, wupp«. Auch der -Köter des auf der Landstraße fahrenden Fleischers, der sich eine -»Extratour« ins Gelände erlaubt, verläßt schnell den Brutplatz. Ihm -ist die Zudringlichkeit des Vogels zuwider. Selbst Reinecke Fuchs, -der in der Dämmerung durch die Riedgräser des Georgenteiches schnürt, -wird mit lautem Geschrei und fortwährendem Anfliegen vom dortigen -Brutpaare empfangen. Ihm liegt an dieser Aufmerksamkeit rein gar -nichts, er schnürt eilig weiter und beantwortet die gröbsten Angriffe -mit erfolglosem In-die-Luft-schnappen. Die Dunenjungen verstehen -den Warnruf der Mutter: »kiebit« (d. h. drückt euch!) sehr gut und -drücken sich fest an den Boden, daß sie fast den menschlichen Blicken -entzogen sind. Selbst dem Kenner bereitet es Mühe, diese unscheinbaren -Wollklümpchen aufzufinden (siehe Bild 3). Erst wenn sich der kleine -Kerl erhebt, macht er sich durch seine weiße Halsfärbung gut sichtbar -(Bild 4). Noch eine Überraschung! Als ich eines Tages guten Freunden -vierzehn Tage alte Dunenjunge zeigen wollte, die ich schon öfter in -der Hand gehabt hatte, vertrauten diese sich plötzlich dem Wasser an -und schwammen zu unserm größten Erstaunen gewandt wie junge Enten nach -dem zweihundert Meter entfernten jenseitigen Ufer, wo sie die besorgte -Mutter empfing. Hier gingen sie sofort der Nahrungssuche nach, als wäre -nichts geschehen. - -[Illustration: Abb. 3 =Junger Kiebitz in Schutzstellung=] - -Im Monat August verlassen die Brutpaare mit den flüggen Jungvögeln -das Moritzburger Gebiet, das um diese Zeit fast kiebitzleer ist. -Wenige Beobachtungen aus den Augusttagen liegen vor mir. Erst im -September stellen sich große Schwärme ein. Es sind Durchzügler aus -Skandinavien und den baltischen Ländern. Ein besonderer Genuß ist es, -dem eigenartigen Flug eines solchen Kiebitzschwarmes, der oft bis -zweihundert Vögel zählt, in der Herbstsonne zuzusehen (Bild 5). Bei -eintretender Kälte machen sich auch diese Gäste auf nach dem südlichen -Europa. Als spätesten Abzugstag notierte ich den 10. November. - -[Illustration: Abb. 4 =Junger Kiebitz=] - -Jeder Naturfreund würde es mit mir tief beklagen, wenn sich der -Kiebitzbestand im Moritzburger Gebiet durch menschliche Eingriffe -verminderte, und wenn wir uns nicht mehr an dem Treiben des prächtigen -Vogels so nahe an den Toren der Großstadt erfreuen könnten. Deshalb -sorge ein jeder, dem seine Heimat lieb und wert ist, durch Aufklärung -und Vorbild dafür, daß Eierraub und sinnlose Schießerei im Gebiet -aufhört. Vom Landesverein wird zum Schutz unsrer bedrängten heimischen -Vogelwelt alles getan. Dafür ist ihm der Dank aller Naturfreunde sicher. - -[Illustration: Abb. 5 =Kiebitzflug über dem Großteich=] - - - - -[Illustration: =Fällen der Sageneiche am Ölteiche zu Kohren=] - - -Wenn sich, wie im vorliegenden Falle, der Herr Förster so imposant als -Oberbaumhauer im Bilde verewigen läßt, so liegt die Frage nahe, wie -der Mann wohl zu solch »idealer« Auffassung seines Berufes gekommen -sein möchte. Wahrscheinlich wird ihn selbst dabei die Hauptschuld nicht -treffen. Möge das Bild recht ausgiebig als abschreckendes Beispiel -wirken. - - T. - - - - -Die Grabentour - -Von _A. Klengel_ - -Mit Aufnahmen von _Alfred Hermann Nitsche_, Dresden und _Karl Reymann_, -Freiberg - - -»Wir machen die Grabentour!« oder »Wir wandern die Grabentour -entlang!« – Das sind in wanderfrohen Kreisen Mittelsachsens oft -gehörte Worte. Man wählt dies Reiseziel zur Pfingstzeit, wenn Birke -und Buche mit erstem frischen Grün sich schmücken, oder im Herbst, -wenn verschwenderische Farbenpracht über die Wälder ausgegossen ist -und die Kastanienbäume stolze goldene Kronen tragen; wohl auch im -Winter, wenn weicher Schnee auf dem Walde lastet und jede Fichte in -einen glitzernden Weihnachtsbaum verzaubert, wenn die Wasser unter dem -Eispanzer murmeln und die Meisen leise klingelnd den Wald durchstreifen. - -Die Worte des Reiseplanes lassen erkennen, daß man unter der Grabentour -sowohl die eigentliche Wanderung, als auch das Stück Heimatland selbst -versteht, das es dabei zu durchwandern gilt. Die Landkarten verzeichnen -als »Grabentour« nur den Oberreinsberg mit Krummenhennersdorf -verbindenden Weg, der den Graben entlang am Hange des Bobritzschtales -hinführt. Der wanderfrohe Naturfreund hat den Begriff im Laufe der -Jahrzehnte erweitert, ohne ihn jedoch in eine feste Grenze zu zwängen. -Im Norden rechnet man wohl das ganze Bobritzschtal bis zur Mündung -des Flusses in die Mulde beim Zollhaus Bieberstein dazu und im Süden -das Gebiet bis in den Bereich der Halsbrücker Esse. Und in der Tat! -Eine schönere Einleitung zur eigentlichen Grabentour läßt sich kaum -denken als die Wanderung durch das landschaftlich bevorzugte untere -Bobritzschtal und einen würdigen Ausklang findet die Fahrt in dem -reiche geschichtliche Erinnerungen bergenden Landstrich, dem der -Silberbergbau das Gepräge verleiht, von dessen Höhen unser Blick -hinüberschweift zu den Türmen des silberschweren Freiberg. Verdankt -doch auch der Graben dem Freiberger Bergbau sein Dasein. - -Warum ich die Grabentour im Norden, also geographisch betrachtet, an -ihrem Ende beginnen will? – Einmal, weil ich sie stets in dieser -Weise unternahm, so oft mich auch der Weg seit über zwei Jahrzehnten -dorthin führte und Tausende es in gleicher Weise tun. Zum andern, weil -ich meinen Wanderungen stets einen Besuch der Ruinen des Klosters -Altenzella vorausgehen ließ. An dieser denkwürdigen Kulturstätte mit -ihrer fast tausendjährigen Geschichte habe ich mich immer mit der -rechten Stimmung zur Wanderfahrt ausgerüstet. Das Land, das es zu -durchwandern gilt, ist entweder uralter ehemaliger Klosterbesitz oder -trägt doch wenigstens reiche Erinnerungen an die Zeit, da das mächtige -Kloster Altenzella noch in Blüte stand. Und wer sich weiter hinein -vertieft in die ältere Geschichte des zu durchwandernden Gebiets – nur -flüchtige Andeutungen können hier gemacht werden – wird immer wieder -auf den Namen Altenzella stoßen. - -[Illustration: Abb. 1 =Eingang zur Grabentour bei Krummenhennersdorf=] - -Beim Zollhaus Bieberstein an der Bobritzschmündung soll die Wanderung -beginnen! Kulturgeschichtlich denkwürdiger Boden ist es, den wir -betreten. Die alte Heerstraße Freiberg–Meißen führt vorüber und -die Herrschaft des Rittergutes Bieberstein erhob einst hier einen -Brückenzoll. Reger Fuhrverkehr bevölkerte in alten Tagen die wichtige -Straße und aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges wird von wilden -Kriegsvölkern berichtet, die hier vorüberzogen. Es ist anders geworden -im Lande, längst hat die Eisenbahn den Verkehr an sich gezogen, -die Straße, die über die Alt-Väterbrücke bei Freiberg führt, ist -vereinsamt, unbekannt geworden und zum Teil verfallen. Hochauf steigt -die Landzunge, die Mulde und Bobritzsch umschließen. Von bewaldeter -Höhe herab grüßt das Schloß Bieberstein, ein wuchtiger Bau mit hohem -Ziegeldach, arm an baukünstlerischem Schmuck. Um die Mitte des -siebzehnten Jahrhunderts ist das Schloß entstanden auf und neben der -in den Stürmen des Dreißigjährigen Krieges unwohnlich gewordenen alten -Doppelburg Bieberstein. Die schwere Not der Zeit, die damals auf dem -Lande lastete, mag auf schlichte, ja nüchterne Bauweise gedrungen -haben. Unbewußt erfüllte der alte Baumeister dadurch eine Forderung -des Heimatschutzes: Hier wo die schlichten Naturschönheiten eines -anmutigen, stillen Tales sprechen, ist kein Raum für einen Prunkbau, -für ein Bauwerk, dessen wechselnde Linien ein schönes Heimatbild -zerstören, Naturschönheiten erdrücken würden. So ist jeder Mißklang -ferngeblieben und mit Wohlgefallen ruht das Auge des Heimatfreundes -auf dem Schloß Bieberstein, das verwachsen scheint mit den ehrwürdigen -Baumriesen des Schloßparks, der Berghöhe und Talhang in seinen grünen -Mantel hüllt. - -[Illustration: Abb. 2 =Mundloch einer Grabenrösche=] - -Fast so alt wie die Geschichte des Landes ist die Geschichte der -alten Burg Bieberstein, von der freilich nur Reste der Feinde Wut und -dem Zahn der Zeit standgehalten haben. Von Moos und Efeu umgrünte -Turmgebäude mit tiefen, gewölbten, schaurigen Gängen, durch die die -Sage raunt, erzählen von dem mächtigen Geschlecht der Herren von -biuverstein, dem die Burg im zwölften Jahrhundert den Namen gab. Sie -berichten auch von späteren Besitzern, den fehdelustigen Herren von -Marschalk, die ihren Geschlechtsnamen nach der Burg in Marschall von -Bieberstein ergänzten und mit dem Kloster Altenzella blutige Fehden um -die Gerichtsbarkeit führten. Nach Teilung der Herrschaft und mehrfachem -Besitzwechsel kam Bieberstein im Jahre 1630 an die Herren von -Schönberg auf Reinsberg und bildete nunmehr einen Teil des sogenannten -Schönberger Ländchens. Gotthelf Friedrich von Schönberg erbaute das -jetzige Schloß an die Stelle der alten oberen Burg. Im Jahre 1807 -ging der Besitz durch Heirat an die Familie von Schröter über. Das -Schloß birgt reiche Kunstschätze und mannigfache Erinnerungen aus alter -Zeit. Als wertvollste Kleinodien erscheinen mir jedoch die herrlichen -Ausblicke vom Altan und aus den Schloßgemächern hinab ins Bobritzschtal -und hinaus in die Gefilde der Heimat. - -[Illustration: Abb. 3 =Grabentour= (Waldwiese an der Bobritzsch)] - -Eine prächtige Lindenallee führt vom Schloß Bieberstein hinab ins -Tal der Bobritzsch. Gleichen Ursprung haben die Namen Bieberstein -und Bobritzsch; sie erinnern an den Biber, den heute leider fast -ausgestorbenen Nager, der einst am Flusse seine Burgen baute. In großer -Zahl mag er hier vorgekommen sein, man würde sonst kaum den Fluß und -die Burg nach ihm benannt haben. Spärlich nur fließen freilich die -Quellen, die von seinem Dasein in alter Zeit berichten, wahrscheinlich -hatte starke Nachstellung ihn schon frühzeitig zu einem seltenen -Naturdenkmal gemacht. - -Nur eine kurze Strecke, an der Mühle mit dem Schönbergschen Wappen -vorüber, führt der Weg talaufwärts und schon lädt eine Allee aus Linden -und Ahorn zum Besuch des Schlosses und des einstigen »Städtleins« -Reinsberg ein. Trotzig schaut das teilweise in den Felsen gesprengte -alte Schloß, dessen Burgcharakter trefflich gewahrt ist, hinaus in das -Land. Im Dunkel des Mittelalters liegt seine Gründungszeit, werden doch -schon im Jahre 1197 Herren von Reyensberg in Altenzellaer Urkunden -als Schiedsrichter und in andern hochangesehenen Ämtern genannt. Im -Jahre 1377 ging der Besitz an die Herren von Schönberg über, die ihn -heute noch ihr eigen nennen. Um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts -erfolgte eine Teilung der Herrschaft innerhalb der Familie in Ober- -und Niederreinsberg. Die beiden Besitzer bewohnten bis 1816 die Burg -gemeinsam, doch räumlich getrennt und durch besondere Brücken über den -Burggraben mit der Außenwelt verbunden. - -[Illustration: Abb. 4 =Grabentour= (an der Bobritzsch)] - -Reinsberg hat eine reiche Geschichte. Im Jahre 1632 wurde die Burg von -den Österreichern mit stürmender Hand genommen, wobei fünf Söhne des -Besitzers den Heldentod fanden und der Besitzer, Lorenz von Schönberg, -selbst in der Nähe der Bobritzsch, wie heute noch ein Denkstein kündet, -einer feindlichen Kugel zum Opfer fiel. Den bunten Wechsel der Zeiten -trotzten die bis fünf Stock hohen Gebäude, die altertümlichen Türme -und Erker, der Rittersaal mit der Ahnengalerie. Trefflich erhalten -sind auch das efeuumsponnene, wappengeschmückte Burgtor und der -tiefe Burggraben. Nesselgestrüpp und bunte Blumen bedecken heute den -Grabengrund; Bienengesumme klingt herauf. Nur der Kuckucksruf aus -dem nahen Wald unterbricht das große ernste Schweigen, das über dem -wohlerhaltenen Zeugen einer andern Zeit ausgebreitet ist; Reinsbergs -Bedeutung liegt Jahrhunderte zurück im Schoße der Vergangenheit. - -Der Vergessenheit gehört auch die einstige Bedeutung der Reinsberger -Kirche als Wallfahrtsziel an. Die Kalandbrüderschaft unterhielt hier -in alter Zeit einen Altar als Gnadenort, an dem frommen Wallfahrern -reicher Ablaß gewährt wurde. Gewaltig war der Zuzug, bis die -Reformation mit den Wallfahrten aufräumte. Unbewußt hält jedoch -die Volksseele noch heute an der alten Wallfahrtsfeier fest; das -weitbekannte und stets stark besuchte »Reinsberger Vogelschießen« ist -daraus entstanden. - -Der Reinsberger Friedhof mit der Gruft der Herren von Schönberg, mit -zahlreichen wohlerhaltenen, in vergangene Jahrhunderte zurückreichenden -Grabmälern und Eisenkreuzen bietet reiche Anregung zu sinnigen -Betrachtungen und ernster Forscherarbeit. - -In der Mitte des Dorfes, dicht am Bahnhofe, steht ein Schachtgebäude! -Des Haldenglöckleins heller Klang schallt vom Türmchen. Ein Stollen -läßt Wasser auf ein Radwerk fließen. Wir stehen am vierten Lichtloche -des _Rothschönberger Stollens_ und zugleich am Ausflusse, also am Ende -des Grabens, der der Grabentour den Namen gab. Wie ich aus Erfahrung -weiß, kennen die meisten Grabentourwanderer den Zusammenhang zwischen -Rothschönberger Stollen und Graben nicht, meist wird beides miteinander -verwechselt. Auch Wanderbücher und Reisebeschreibungen lassen uns meist -im Unklaren, obwohl die Erbauung des Stollens und die Anlegung des -Grabens erst vor wenigen Jahrzehnten erfolgten. Der Heimatfreund wird -es deshalb gewiß begrüßen, wenn er an dieser Stelle Ausführlicheres -darüber erfährt. - -Mit dem in den Jahren 1844 bis 1877 erbauten Rothschönberger Erbstollen -wurde ein gewaltiges Kulturwerk geschaffen, dessen Nutzen freilich -hinter den Erwartungen zurückblieb, die man beim Baubeginn gehabt -hatte. Obwohl mit der Einstellung des Freiberger Bergwerks der Stollen -so gut wie bedeutungslos geworden ist, bleibt er doch für alle Zeiten -ein gewaltiges Kulturdenkmal, dem so leicht nichts Ähnliches zur Seite -gestellt werden kann. Daß sich die Anlage des Stollens nicht lohnte, -ist ja auch durchaus nicht die Folge falscher Berechnung oder eines -andern technischen Fehlers; lediglich die unter dem Drucke damaliger -Edelmetallentwertung notwendig gewordene Einstellung des Freiberger -Silberbergbaues nahm dem Rothschönberger Stollen seine Bedeutung, -ehe sie recht zur Geltung gekommen war. Als man ans Werk ging, stand -das Wertverhältnis von Gold zu Silber wie 1 : 15. Schon vor der -Vollendung begann unter dem Einflusse der gewaltigen Silbergewinnung -Nordamerikas der Preissturz des Silbers, der das Wertverhältnis um die -Wende des Jahrhunderts auf 1 : 40 herabdrückte. Unter so veränderten -Umständen vermochte auch die kunstvollste Technik und die umsichtigste -Sparsamkeit aller Bergbau- und Verhüttungsverfahren die Freiberger -Silbergewinnung nicht mehr lohnend zu gestalten. Sie starb dahin. Die -unterirdische Leitung der durch den Stollen bemeisterten Gruben- und -Aufschlagwässer ist eins der Denkmäler, das den Freiberger Bergbau -überlebt. - -Was führte nun zur Anlegung des Rothschönberger Stollens? – Nach -jahrhundertelanger Ausbeute der Freiberger Silbergruben war das -erzhaltige Gebirge in seinen oberen Schichten in der Hauptsache -abgebaut; es galt tiefer zu gehen. Diesem Vorhaben bereitete aber das -Grundwasser, der Hauptfeind des Bergbaues, immer größere Hindernisse, -je weiter man in das Berginnere eindrang. Die Bewältigung der -Grubengewässer war in der Hauptsache auf von Wasserkräften betriebene -maschinelle Anlagen angewiesen, die aber zur Wasserhebung aus immer -bedeutender werdenden Tiefen nicht mehr ausreichten. Die Anwendung der -Dampfkraft erschien zu kostspielig. Infolge dieser Hindernisse waren -bereits verschiedene wichtige Grubenbetriebe zum Erliegen gekommen und -anderen drohte ein langsames Dahinsiechen. - -[Illustration: Abb. 5 =Schloß und Kirche Reinsberg=] - -Den einzigen Ausweg aus diesen Schwierigkeiten sah man in der -Anlegung eines tiefen Revierstollens, durch den das Wasser ohne -Hebung aus den tiefsten Stellen des Bergreviers nach einem Fluß in -der Umgebung abgeführt werden konnte. Durch eine solche Anlage konnte -zugleich das Aufschlagwasser für die in tieferen Stellen der Gruben -erbauten Kraftanlagen mit beseitigt werden. Die Erbauung derartiger -Wasserabführungsstollen war nicht neu. Wie andre Grubenreviere, so -besaß auch Freiberg bereits eine größere Anzahl, doch reichten sie -wegen ihrer geringen Tiefe zur Wasserbewältigung nicht aus. - -Im Jahre 1838 trat nun Oberberghauptmann von Herder mit einem ebenso -gewaltigen wie genialen Plan an die Öffentlichkeit. Er schlug den -sogenannten »Meißner Stollen« vor, der das Wasser durch einen -dreiundzwanzig Kilometer langen und ungefähr hundertdreiundachtzig -Meter unter dem tiefsten Freiberger Bergwerk zu liegen kommenden Abfluß -nach der Elbe bei Meißen leiten sollte. Der Plan ist zwar unausgeführt -geblieben, doch fußte auf ihm das Projekt des später vom Bergmeister -von Weißenbach entworfenen Rothschönberger Stollens, der 1844 begonnen -und 1877 vollendet wurde. Der Hauptstollen mündet bei Rothschönberg -in das Triebischtal und wurde in dreizehntausendneunhundert Meter -Länge bis an den Halsbrücker Spatgang, vierundneunzig Meter unter -den tiefsten dortigen Stollen, den Anna-Stollen, geführt. Nach -Anschluß aller Flügelstollen erhielt das gewaltige unterirdische -Wasserwerk später eine Gesamtlänge von einundachtzigtausend Metern. -Der Hauptstollen wurde von acht Lichtlöchern aus erbaut, die je -nach der Höhenlage des durchbrochenen Gebirges eine Tiefe von -dreiundfünfzig bis hundertfünfundfünfzig Metern besitzen. Zwischen -dem Mundloch bei Rothschönberg und dem siebenten Lichtloch bei -Halsbrücke hat der Stollen bei drei Meter Höhe eine Breite von zwei -Meter fünfzig Zentimeter und weiter aufwärts bei gleicher Höhe eine -Breite von einem Meter fünfzig Zentimeter. Letzteres Maß haben auch -die Stollenhauptflügel im Innern des Freiberger Reviers. Der gewaltige -Stollen kann demnach bequem mit einem Kahne durchfahren werden. -Wir stehen hier in Reinsberg am vierten Lichtloch, unter dem in -vierundachtzig Meter Tiefe der Rothschönberger Stollen die Freiberger -Grubenwässer zur Triebisch führt, die sie wieder bei Meißen in die Elbe -leitet. - -Die Kosten des Stollens in Höhe von -siebenmillionenhundertsechsundachtzigtausendsechshundertsiebenundneunzig -Mark dreiundvierzig Pfennige überschritten den Anschlag um -neunundsiebzig Prozent, was bei der Länge der Bauzeit und bei den -mannigfachen und großen Schwierigkeiten, die sich der Vollendung -entgegenstellten, durchaus nicht verwunderlich ist. Die Geschichte des -Stollenbaues bietet ein Bild deutscher Gründlichkeit, zähester Ausdauer -und hoher technischer Leistungsfähigkeit. Wer je an Deutschlands -Schaffenskraft zweifeln wollte, dem sei ein Studium der Baugeschichte -des Rothschönberger Stollens empfohlen; er wird sicher eines besseren -belehrt werden. - -Aus der Bauzeit des Rothschönberger Stollens stammt auch der -Graben, die Wasserkunst, welche der Grabentour den Namen gegeben -hat. An den einzelnen Lichtlöchern wurden die Förderarbeiten durch -Dampfkunstgezeuge und Dampfgöpel ausgeführt. Nur am vierten Lichtloch -in Reinsberg nahm man ein Radkunstgezeug und einen Kehrradgöpel und am -fünften Lichtloch im Bobritzschtale zwei vertikale (Schwamkrug’sche) -Turbinen zum Betriebe der Wasserhebungs-, Wetter- und Fördermaschinen -zu Hilfe. Das nötige Aufschlagwasser wurde unterhalb Krummenhennersdorf -aus der Bobritzsch entnommen und den Betriebsstellen durch eine -dreitausendfünfhundertsiebenundfünfzig Meter lange Leitung, _den -Graben an der Grabentour_, zugeführt. Die Wasserführung ist auf -eintausendsechshundertzweiundfünfzig Meter als offener Graben und auf -eintausendneunhundertundfünf Meter als unterirdische Rösche angelegt. -Mit dem eigentlichen Rothschönberger Stollen hat also der Graben heute -nichts mehr zu tun, wiewohl dies vielfach angenommen wird. Er war -lediglich ein Hilfsmittel bei seiner Erbauung und ist heute ein Denkmal -großzügigen Bergbauunternehmens. - -[Illustration: Abb. 6 =Schloß Reinsberg=] - -Das Dorf Reinsberg verlassend, führt uns der Weg an der alten -kursächsischen Postmeilensäule vorüber dem Walde und der Grabentour -im engeren Sinne zu. Aus Inschriften ist zu ersehen, daß wir uns -auf Oberreinsberger Forstrevier befinden und daß der Graben der -Betriebsdirektion der staatlichen Grube Himmelfahrt zu Freiberg -untersteht. - -Wir kennen mancherlei ausgedehnte Wasserkunstanlagen, Floßgräben usw. -im lieben Sachsenlande. Jede Anlage hat ihre Eigentümlichkeiten, ihre -besonderen Reize für den Wandrer, der an ihrem Ufer streift. Unser -Graben ist dadurch merkwürdig und besonders anziehend, daß er nur zum -Teil im offenen Bett dahinfließt. Fünfmal wird das Wasser vom Felsen -verschlungen und durch Tunnel geleitet. Dazu kommt seine herrliche -Waldumgebung und die malerische Lage hoch am Hange des Bobritzschtals. -Der Weg am Graben hin bietet dem Wandrer Bilder einzigartiger -Naturschönheit; anmutige friedliche Waldblicke wechseln ab mit Bildern -voll wildromantischer Wucht. Unberührte Natur und Menschenwerk einen -sich harmonisch. - -Bald nach dem Eintritt in den Wald kommen wir an die erste offene -Grabenstelle. Etwa dreihundert Meter weit plätschert das klare Wasser, -um im ersten Tunnel zu verschwinden und durch den Berg dem Reinsberger -Lichtloch zuzufließen. Ein schroffer Felsvorsprung schiebt sich nun ins -Tal, vom zweiten Grabentunnel durchzogen. Wohl dreißig Meter tief im -Grunde braust die Bobritzsch hin, von gewaltigen Fichten beschattet. -Ein neues schöneres Bild tut sich hinter dem Felsen auf; wir kommen -wieder an den offenen Graben. Ein Felsriegel ist durchschnitten für -das Grabenbett. So geht es weiter im bunten Wechsel. Über eine alte -Berghalde führt der Weg, Sedum begrünt den Schutt und im Schatten -von Linden und Eschen laden Bänke zu kurzer Rast ein. Auch hier ein -herrlicher Blick hinab ins Bobritzschtal, hinüber in den schönen Wald. -Die Halde und ein Wehr am Graben erinnern an den Bau des fünften -Lichtloches des Rothschönberger Stollens, das einst hier in die Tiefe -führte. Es ist heute zugewölbt und verschüttet. Der Fußweg senkt sich -hinab zur Bobritzsch, auf schmalem Pfade geht die Wanderung weiter, -oben am Berge fließt der Graben. Dort, wo er zum viertenmal in den -Felsen verschwindet, ist sein Geburtszeugnis eingemeißelt: - - Ausgeführt 18 ~L~ 44/~C~ 46 - durch - Ob. Ef. ~E. v. W.~ - Ostg. ~A. J.~ - Mstg. ~G. B.~ - -Die Namen des Bauleiters Oberbergrat von Warnsdorff, des Obersteigers -Jobst und des Maschinensteigers sind hier verewigt. In nur drei Jahre -fällt also die Bauzeit des Grabens; wahrlich eine beachtliche Leistung! - -Noch manches herrliche Bild landschaftlicher Schönheit zieht vor unserm -Auge vorüber. Dort gähnt eine dunkle Felshöhle, hier liegt am Ufer der -Bobritzsch eine kleine blumenübersäte Wiese, umrahmt von hohen Fichten. -Jungwald zieht sich zum Gipfel des Berghanges empor und dort, wo die -Sonne ungehindert durch Bäume in den Graben scheint, spielen Scharen -kleiner Fische im blanken Wasser. - -Viel zu früh für den wanderfrohen Heimatfreund tritt der Wald zurück -und bald tauchen die ersten Häuser von Krummenhennersdorf auf. Wir sind -am Ende der Grabenwanderung angelangt! Oberhalb des »Gasthauses zur -Grabentour« liegt das Wehr, welches das Bobritzschwasser in den Graben -leitet. Wir verlassen die Bobritzsch auf hoher Brücke und biegen in -das Seitental ein, in dem der eigentliche alte Ort Krummenhennersdorf -liegt. - -Krummenhennersdorf – heute kaum genannt, oder höchstens bekannt als -Ausgangs- oder Endpunkt der Grabentour, und doch hat Klio den Namen -mehrfach eingezeichnet in die Annalen der sächsischen Geschichte. -Zu der Zeit, als man Freiberg erbaute, mag auch Krummenhennersdorf -mit andern Bergbaudörfern der Umgebung entstanden sein. Ursprünglich -nach seinem Gründer Hinrichsdorf, also Heinrichsdorf genannt, -erhielt der Ort später wegen seiner Lage am gebogenen, krummen -Laufe des ihn durchfließenden Baches und zum Unterschiede vom nahen -Langhennersdorf seinen heutigen, etwas merkwürdig anmutenden Namen. -Vor über siebenhundert Jahren wird Krummenhennersdorf erstmals in -der sächsischen Landesgeschichte erwähnt, in den Tagen, da deutsche -Fürsten harte Fehden unter einander und gegen den Kaiser ausfochten. -Im Juni 1195 endete hier das kampfesfrohe Leben des ritterlichen -Meißner Markgrafen Albrecht des Stolzen. Er wurde, wie wenige Tage -später auch seine Gemahlin, die schöne Sophie von Böhmen, nach der -Inschrift in der Grufthalle zu Altenzella »~veneno sublati~«, durch -Gift hinweggenommen. Völlig geklärt ist das trübe Geschehnis nicht; die -Chronisten berichten, Kaiser Heinrich VI. sei der Anstifter zu diesem -Morde gewesen, da ihm daran gelegen war, den kampfeslustigen und ihn -selbst wiederholt befehdenden Fürsten zu beseitigen. Vielleicht fand -der Kaiser willige Helfer in Altenzella, lud doch Markgraf Albrecht den -Haß des Klosters auf sich, als er einen Teil der Schätze einzog, mit -denen sein Vater Otto der Reiche das junge, von ihm begründete Kloster -in verschwenderischer Weise ausgestattet hatte. Es wird überliefert, -eine gedungene Kreatur des Kaisers habe dem Fürsten in Freiberg den -Todestrunk gereicht; auf der Reise nach Meißen erkrankte Albrecht -und in der Mühle zu Krummenhennersdorf hauchte er sein Leben aus. -Irgendwelche sichtbare Zeichen, die das Gedächtnis an dieses Drama in -der Mark Meißen alten Tagen wachhalten, sind nicht zu finden und wohl -auch kaum vorhanden gewesen. Im Jahre 1910 ist die wahrscheinlich im -Laufe der Jahrhunderte schon mehrmals erneuerte Mühle niedergebrannt; -ein stattlicher Neubau in schmucker heimatlicher Bauweise ist dafür -erstanden. Der eben aus der Bobritzsch abgeleitete Graben liefert der -Mühle die Wasserkraft. - -Noch eine andre geschichtliche Erinnerung birgt Krummenhennersdorf. -In der Ortsmitte, hoch auf dem Berge liegt neben der neuen Kirche das -uralte Rittergut, einst ein Besitztum Altenzellas. Hierher übersiedelte -im Jahre 1545 der letzte, der einundvierzigste Abt des Klosters, -Andreas Schmiedewalt, als die Macht des reichen und in seinem Besitz -einem kleinen Fürstentum gleichenden Klosters Altenzella in den Stürmen -der Reformation zusammenbrach. Aus dem Klostergewaltigen war ein -schlichter Pächter geworden, der mit seinem Schicksal ausgesöhnt hier -hochbetagt im Jahre 1586 starb. Er war friedliebend und glich nicht im -entferntesten seinem Vorgänger, dem kampfeslustigen und wortgewandten -Abte Martin, der unter dem Schutze des Landesherrn Georg des Bärtigen -den Siegeslauf der Lehre Luthers aufzuhalten suchte. Manch kräftig -Wörtlein wurde gewechselt von hüben und drüben. Am bekanntesten -geworden ist davon wohl des Abtes Flugschrift aus dem stillen -Altenzella: »Wider das wildgeyfernde Eberschwein, Marten Luthern, so -mit seinem Riesel umzustossen sucht die Canonisation S. Bennonis, -Bischofs zu Meißen.« - -[Illustration: Abb. 7 =Schloß Bieberstein=] - -Das Andenken an Andreas wurde etwas getrübt, als sich später -herausstellte, daß er einen Teil der Klosterschätze und goldenen -Kleinodien beiseite geschafft und der Sequestierung entzogen hatte. -Freilich ist nie aufgeklärt worden, ob der sonst so gewissenhafte Abt -sich damit einen Notpfennig für sein Alter sichern wollte, oder ob er -in der Hoffnung lebte, das Land werde wieder katholisch werden und sein -Kloster in neuem Glanze erstehen. Sagen von vergrabenen Schätzen, die -sich gern um verfallenes Klostergemäuer ranken, wurde damit auf recht -realistische Weise der Nährboden geraubt. - -[Illustration: Abb. 8 =Kirche zu Bieberstein=] - -Frühlingssonnenglanz lag auf der Landschaft, als ich die Höhe erstiegen -hatte, und nun, an blühenden Kastanien vorüber, durch die gewölbte -Toreinfahrt eintrat in den weiten, von Linden beschatteten Hof des -alten Klosterguts Krummenhennersdorf. Ein Bild des Friedens bot sich -meinem Auge, Schwalben umzwitscherten die von wildem Wein umrankten -Gebäude, die von Efeu dicht übersponnenen altersgrauen Mauern und aus -dem malerischen Taubenhaus in der Mitte des Hofes klang vielstimmiges -Gurren. Kein andrer Laut störte die klösterliche Stille. So mag’s auch -einst gewesen sein, als Abt Andreas hier seine Tage verlebte. An den -Gutshof grenzt der sehr große und heute noch wohlgepflegte Park. Eine -hohe Mauer umgibt ihn, ein Anklang an die gewaltige Mauer, welche das -Kloster Altenzella von der Außenwelt abschloß. - -Nach kurzer Wanderung erreichen wir die hohe Esse und blicken hinab -auf die rußgeschwärzte Halsbrücker Hütte. Noch einmal taucht die -Erinnerung auf an den Rothschönberger Stollen; dicht bei der Esse -steht ein kleines Schachtgebäude, unter dem das siebente Lichtloch -hundertdreiundzwanzig Meter tief auf die Stollensohle führt. Und nun -geht unsre Fahrt weiter auf Freiberg zu; wir schlagen den Fußweg über -»Herders Ruhe« ein und besuchen die denkwürdige Stätte, wo unter einer -Berghalde »der Knappen treuester Freund«, der Oberberghauptmann von -Herder seine letzte Schicht verfährt. Auch uns war er heute ein Freund -und eine herrliche Wanderfahrt hat er uns beschieden. Herders genialer -Geist hat den Plan zu der gewaltigen Grubenwasserabführung erdacht, -aus dem der Rothschönberger Stollen und der Graben an der Grabentour -hervorgegangen sind. - - - - -Sächsische »Schweiz«? - -Von ~Dr.~ _Kurt Schumann_ - - -Gelegentlich der Ausstellung der Gilde vom Berge: Das sächsische -Felsengebirge in Literatur, Bild und Kartographie im Japanischen Palais -in Dresden ist wieder einmal der Streit um den Namen des bekanntesten -sächsischen Gebirges entbrannt. ~Dr.~ Kuhfahl, der bekannte -Bergsteiger, Photograph und Steinkreuzforscher schreibt im Dresdner -Anzeiger im Anschluß an eine Besprechung der genannten Ausstellung: -»Mit der richtigen Würdigung dieses Gebirgscharakters taucht aber in -denkenden Köpfen gleichzeitig eine Art Beschämung darüber auf, daß -der Name für diese heimatliche Felsenwildnis in denkbar läppischster -Weise aus hochalpinen Verhältnissen herbeigezogen worden ist, mit denen -er auch nicht die allergeringsten Vergleichspunkte besitzt. Das Wort -»Sächsische Schweiz«, das jedem Alpenkenner als eine Herabwürdigung der -Heimat erscheinen muß, hat sich seit 1780 gedankenlos fortgepflanzt und -selbst in wissenschaftlichen Werken hier und da Eingang gefunden. Der -Ausdruck Elbsandsteingebirge besitzt keine Volkstümlichkeit, und wenn -die Gilde vom Berge heute ihre Ausstellung Sächsisches Felsengebirge -betitelt, so ist sie sich gleichfalls bewußt, daß dies noch nicht die -erwünschte Lösung der Namenfrage bedeutet.« Deshalb regt ~Dr.~ Kuhfahl -an, man möge sich, wie schon vor Jahren gelegentlich eines von einer -Zeitschrift ausgeschriebenen Wettbewerbs, mit dieser Frage befassen und -nach einem treffenden, knappen und klangvollen Namen suchen. - -Zunächst eine kleine Richtigstellung, die für unsre weiteren -Darlegungen nicht ohne Bedeutung ist: Der Name »Sächsische Schweiz« -hat nicht selbst in wissenschaftlichen Werken hier und da Eingang -gefunden, sondern wird seit Jahrzehnten beinahe ausnahmslos von allen -Wissenschaftlern und vor allem von den Geographen gebraucht. Als Beleg -nur die Verfassernamen der mir gerade zugänglichen Werke, in denen -er an hervorragender Stelle gebraucht wird: Beck, Freiberg; Beyer, -Dresden; Hettner, Heidelberg; Ruge, Dresden; Stübler, Bautzen; Berg, -Göttingen; Machatschek, Prag; Weicker, Dresden; Meiche, Dresden; -Schmaler, Dresden; Philippson, Bonn; Partsch, Leipzig; Koßmat, Leipzig; -Pietzsch, Leipzig usw. Besonders stutzig muß uns die Tatsache machen, -daß es ein geborener Dresdner, der jetzige Ordinarius für Geographie -in Heidelberg, _A. Hettner_, war, der mit seinem klassischen Werk über -den _Gebirgsbau_ und die _Oberflächengestaltung_ der _Sächsischen -Schweiz_ das Wort in die wissenschaftliche Literatur einführte. -Man kann wohl kaum annehmen, daß bei ihm wie bei all den genannten -Geographen, Geologen, Historikern und Heimatforschern, denen man das -Attribut denkende Köpfe kaum verweigern dürfte, reine Gedankenlosigkeit -die Ursache zu diesem Brauche war. Schmaler schreibt in seiner -trefflichen Landeskunde von Sachsen: »Der Geologe wird die Bezeichnung -Elbsandsteingebirge lieber anwenden als den Begriff Sächsische Schweiz. -Jedoch hat sich dieser so _allgemein eingebürgert_, daß ihn heute auch -die wissenschaftliche Geographie braucht. Es ist darum zwecklos, über -seine Berechtigung zu streiten. Interessant ist es, daß er in der -Zeit der Aufschließung des Gebirges für den Reiseverkehr auch von den -bekannten Schweizer Malern Adrian Zingg und Anton Graff angewendet -worden ist.« - -Ich glaube, wir kommen nicht um die Notwendigkeit herum, dem was -Schmaler sagt, zuzustimmen. Es ist auch bei den Verfechtern dieses -Namens kein Zweifel darüber, daß es wenige Gebirge gibt, die in -Gesteinsaufbau und Oberflächenform weniger Ähnlichkeit mit den -Schweizer Alpen haben, als die Sächsische Schweiz. Die Kardinalfrage -bei der ganzen Erörterung ist deshalb: Wollten diejenigen, die zuerst -diesen Namen brauchten, und wollen alle die, die ihn heute in Schrift -und Wort anwenden, überhaupt einen Vergleich zwischen den Alpen und -unserm »Salongebirge«, wie es Ruge scherzhaft, wenn auch nicht für alle -Teile zutreffend genannt hat, ziehen? Diese Frage aber muß unbedingt -verneint werden. Wer heute Sonntags »in die Schweiz fährt«, um zu -wandern oder zu klettern, um zu botanisieren oder Leitfossilien zu -sammeln, um die Spuren alter Raubnester zu suchen oder sich im Schatten -der Kiefern im Angesicht einer erhabenen Landschaft philosophischen -Spekulationen oder dichterischen Träumen hinzugeben, denkt nicht -im entferntesten an das für die meisten nicht erst seit dem Kriege -unerreichbare Gebiet der Berner oder Walliser Alpen, und wäre er -gleich am Vorabend erst im Tell oder einer Filmvorführung gewesen, -die ihm die ganze Herrlichkeit dieser Landschaften vor Auge und Seele -stellte. Ebensowenig wie sich der Schüler, der morgens ins Gymnasium -geht, des Gegensatzes bewußt ist, der zwischen der Anstalt, die also -bezeichnet wird und ihrem Vorbild besteht, denkt der Schweizfahrer an -das Land, das – man ist versucht zu sagen »zufällig« – denselben -Namen trägt wie sein geliebtes Felsengebirge. Es verbinden sich -einfach mit dem _Wortklang_ nicht nur für den Dresdner, sondern für -jeden, der die besondere Schönheit dieses Gebirges genossen hat, so -starke Gefühlswerte, daß er den Namen ebensowenig missen möchte, wie -den der Frauenkirche, des Zwingers oder der im Volksmund auch in der -Zeit des albernsten Byzantinismus nie ausgestorbenen Augustusbrücke. -Als mir neulich eine Kollegin erzählte, sie sei am Sonntag im -Elbsandsteingebirge gewesen, lief mir ein kalter Schauer den Rücken -hinunter, und mit dem Sächsischen Felsengebirge geht es mir nicht viel -besser. Am wärmsten klingt noch Meißner Hochland, aber auch nur dem, -der unter der Schwelle des Bewußtseins die ganze sächsische Geschichte -liegen hat. Die weiteren Folgen einer Namensänderung will ich hier -nicht ausmalen. Nur die bescheidene Frage: Wem wäre es nicht komisch -zu Mute, wenn er von Ostern ab statt mit dem Schweizzuge mit dem -Felsengebirgs- oder Elbgebirgszuge nach Schöna fahren und anschließend -eine Meißner Hochlandstour unternehmen sollte? - -Und wer doch beim Klange des Wortes Schweiz es nicht lassen kann, -nach den Gletschern des Engadin und den Firnspitzen von Zermatt einen -ängstlichen Blick zu werfen, den werden vielleicht die folgenden Worte -beruhigen, die ich in einem Wegweiser durch die Gegend um Dresden im -Jahre 1804, als man sich auch schon einmal nach neuen Namen den Kopf -zerbrach, fand, und mit denen ich meine Verteidigung der »Sächsischen -Schweiz«, deren ragende Steine schon mein Söhnlein vom Landgraben aus -mit dem Jubelruf grüßt: »Water, die Weiz! die Weiz!!«, schließen: »Doch -das Gebirge heiße, wie es wolle, es ist unendlich malerisch. Alle -Kontraste des Großen und Gefälligen, des Wunderbaren und Schönen, des -Kühnen und Leichten, des Grausenden und Sanften sind mit romantischer -Mannigfaltigkeit an den triumphierenden Lauf des Elbstroms gefesselt, -und Schweizer, die hier weder ein Haslital noch die Spitzen der -Jungfrau und des Finsteraarhorns fanden, die hier keinen Kuhreigen -hörten und keinem Gemsenjäger begegneten, wurden dem allen ungeachtet -von dem wunderbaren Charakter der Landschaft ergriffen und mit -magischer Gewalt in die ferne Welt ihrer geliebten Heimat versetzt.« - - - - -Bücherbesprechung - - -»=Das Deutsche Haus=« von Paul Ehmig, 3. Band – 5. und 6. Buch -– ist soeben bei Ernst Wasmuth, Berlin, erschienen. Somit ist in -glücklichster Weise dieses großzügig angelegte Werk zum Abschluß -gebracht worden. Die künstlerischen Bedingungen des deutschen -Hauses, Anlage, Aufbau, Hauskörper, Innenraum und Garten werden -in tiefgründiger Weise vom Standpunkte des schaffenden Künstlers -behandelt. Der dritte Band ist ebenso wie seine Vorgänger hervorragend -ausgestattet und mit 131 wertvollen Abbildungen illustriert. Wir -empfehlen allen Baulustigen wie Freunden der nationalen künstlerischen -Kultur das Buch aufs wärmste, aber auch den Jüngern der Baukunst. -Ist es doch frei von der in technischen Gebieten allzu üblichen -schematischen Behandlung der Aufgaben, betont es doch immer -wieder die Notwendigkeit, die Erfahrungen der Alten zu benützen -und die Bedürfnisse aus ihnen zu entwickeln. Alles in allem eine -bedeutsame Weiterentwicklung der in den letzten Jahren erschienenen -Veröffentlichungen ähnlichen Charakters –, auf die vom Deutschen Bund -Heimatschutz herausgegebenen Grundlagen für das Bauen in Stadt und Land -von Steinmetz, Berlin, und die sechs Bücher vom Bauen Ostendorfs sei -hierbei hingewiesen. – - -Daß dem Siedelungsproblem, Reihenhaus und Bebauungsplan umfangreiche -Teile des Buches gewidmet sind, mag hervorgehoben werden, aber auch, -daß die künstlerische Gestaltung des Hausinneren in Verbindung mit -den Gartenräumen unter Beibringung schönen Abbildungsmaterials mit -besonderer Liebe behandelt ist. - - Paul Goldhardt - - Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt – - Druck: Lehmannsche Buchdruckerei - - Klischees von Römmler & Jonas, sämtlich in Dresden - - - - -An unsre geschätzten Mitglieder! - - -Die immer weitere Zunahme unsrer Mitglieder, der Aufschwung -unsrer Bewegung macht eine vollständige Umorganisation unsrer -Mitglieder-Kartothek notwendig. Dabei werden nach Möglichkeit alle -die Wünsche berücksichtigt, die uns seitens unsrer Mitglieder zur -Geschäftsvereinfachung und zur Erzielung von Ersparnissen mitgeteilt -wurden. - -Der =jetzige= Versand unsrer Mitteilungen erfolgt noch auf Grund unsrer -alten Kartothek, und da die Briefumschläge seit Wochen geschrieben -sind, ist in vielen Fällen die neue Anschrift, die uns in den letzten -Monaten mitgeteilt wurde, noch nicht berücksichtigt worden. - -Um bei der Neuordnung unsrer Geschäftsführung auch nach Möglichkeit -alle veränderten Anschriften berücksichtigen zu können, bitten wir -unsre geschätzten Mitglieder, uns die jetzige und frühere Anschrift -dann mitzuteilen, wenn die Anschrift auf dem Briefumschlag, in dem -dieses Heft versandt wurde, nicht mehr stimmt. - -Jede Neuorganisation und Umänderung von Geschäftseinrichtungen -bringt Versehen und Unstimmigkeiten naturgemäß mit sich. Wir bitten -daher in den kommenden Wochen und Monaten – denn die vollständige -Neueinrichtung unsrer Kartothek wird bei dem umfangreichen -Mitgliederbestand diese Zeit erfordern – um freundliche Nachsicht. - -Wir danken allen, die uns durch Ratschläge bisher unterstützt haben; -wir ersehen daraus die Liebe zu unsrem Verein, das Interesse an dem -weiteren Heranwachsen unsrer Bewegung zum Wohle des letzten Schatzes, -der uns blieb: zum Wohle unsrer geliebten Heimat. - - -Landesverein Sächsischer Heimatschutz - -März 1923 - - - - -Einbanddecken in Leinen - - - Einzelbände M. 3000.-- - Doppelbände M. 3500.-- - - -Heimatbücherei des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz - - Band I (2. Auflage): _Gerhard Platz_ »Vom Wandern und Weilen im - Heimatland« - - M. 7500.-- - - Band II. _Max Zeibig_ »Bunte Gassen, helle Straßen« - - M. 4000.-- - - Band III. _Edgar Hahnewald_ »Sächsische Landschaften« - - M. 6000.-- - - Bestellkarte in diesem Heft - - -Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-A. - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LANDESVEREIN SÄCHSISCHER -HEIMATSCHUTZ -- MITTEILUNGEN BAND XII, HEFT 1-3 *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. 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Mitglieder erhalten -die Mitteilungen kostenlos, <em class="gesperrt u">Mindest</em>monatsbeitrag M. 300.—, freiwillige Einschätzung -erbeten</p> - -<p class="center p2">Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24</p> - -<div class="smaller p2"> -<div class="bleft"> -Postscheckkonto: Leipzig 13987, Dresden 15835 -</div> -<div class="bright right"> -Stadtgirokasse Dresden 610 -</div> -<p class="center">Bankkonto: Commerz- und Privatbank, Abteilung Pirnaischer Platz, Dresden</p> -</div> -<p class="center p2">Dresden 1923 -</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="An_unsre_geehrten_Mitglieder">An unsre geehrten Mitglieder!</h2> -</div> - -<p>In den letzten Tagen haben wir um Einsendung eines Notbeitrages -von 1000 M. für Einzelmitglieder, 5000 M. für körperschaftliche Mitglieder -gebeten, und wir haben so viel ansehnliche Beträge aus freiem -Ermessen erhalten, daß wir die feste Zuversicht haben, daß, wenn alle -noch ausstehenden Beiträge eingehen, wir in der Lage sein werden, den -Verein und seine Werke durchzuhalten. <span class="u">Die vielen Einsendungen, die -noch ausstehen, müssen aber unter allen Umständen eingehen, und deshalb -bitten wir alle diejenigen, die unsrer Bitte noch nicht nachgekommen sind, -dies umgehend zu tun und zur Einsendung die Zahlkarte zu benutzen, -die unsrem Rundschreiben beilag, das wir in den letzten Tagen des -Februar an alle unsre Mitglieder versandten.</span></p> - -<p>Aus dem vorliegenden Heft bitten wir zu entnehmen, daß es ohne -die geringste Einschränkung in der alten Ausstattung, wie unsre Hefte -seit 1908 erscheinen, hergestellt worden ist. Auch daraus bitten wir -unsre verehrten Mitarbeiter, Mitglieder und Freunde zu ersehen, -daß unsre Hoffnungen auf das Durchhalten unsres Vereins nicht -trügerisch sind, sondern daß bei uns nicht nur der feste Wille dazu -besteht, sondern auch die sicheren, wohldurchdachten und berechneten -Grundlagen vorhanden sind, das gesteckte Ziel zu erreichen.</p> - -<p>Wir bitten, die beiden letzten Umschlagseiten dieses Heftes zu -beachten und uns im weiteren Kampf um das Bestehen des Vereins -zum Besten von Heimat und Volk nicht im Stich zu lassen. Wir -danken aufrichtig und herzlich für alle Mitarbeit, für alle Hilfe; der -schönste Dank ist das Durchhalten der Bewegung, des Vereins in -schwerster Zeit.</p> - -<p class="center"> -Mit deutschem Gruß!</p> -<p class="h2">Landesverein Sächsischer Heimatschutz</p> -<div> -<div class="bleft center"> -<b>O. Seyffert</b>,<br /> -Hofrat, Professor</div> -<div class="bright center"> -<b>Michael</b>,<br /> -Oberregierungsrat</div> -</div> -<p class="center p2">März 1923 -</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[1]</span></p> - -<div> -<div class="bleft"> -Band XII, Heft 1/3 -</div> -<div class="bright right"> -1923</div> -</div> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-003"> - <img class="w100" src="images/illu-003.jpg" alt="Landesverein Sächsischer -Heimatschutz" /> -</div> - -<p class="center">Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern herausgegeben</p> - -<p class="center">Abgeschlossen am 1. Februar 1923</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Im_Zauber_des_Erzgebirges">Im Zauber des Erzgebirges</h2> -</div> - -<p class="center">Von <em class="gesperrt">Hans Hänig</em> (Wurzen)</p> - -<p>Worin besteht eigentlich der Zauber des Erzgebirges?</p> - -<p>Ich habe es seit länger als zwei Jahrzehnten nach allen Richtungen durchstreift, -ich bin auf tausend Pfaden gegangen, an denen die große Menge achtlos -vorbeigeht und habe einsame Bäche in ihrem Laufe verfolgt, die in irgendeinem -Winkel des Hochwaldes ihren Ursprung nehmen. Ich habe beinahe auf allen -Hochwarten gestanden, die das Gebirge aufzuweisen hat, und immer hat es mir -wieder Neues und Seltsames geboten. Es muß wohl die Menschenseele sein, die -hier in den Höhen und Tiefen der Landschaft ihre Geheimnisse wiederfindet.</p> - -<p>Seitdem ich das erstemal auf einer Höhe des Gebirges stand, um die Blicke -nach dem Wogen von Bergen und Tälern hinüberschweifen zu lassen, durchwanderte -ich einen großen Teil von Deutschlands Gauen, und das Schicksal verschlug mich -auch in andere Teile Europas – aber alles, was ich da fand, das finde ich -vereint in meinem Erzgebirge wieder. Der Wald- und Moorreichtum des westlichen -Gebirges versetzt mich immer wieder zu den Höhen des Böhmerwaldes, wenngleich -von dessen Gipfeln die Aussicht vielleicht noch weiter und umfassender ist, aber das -schwermütige Bild zu den Füßen des Beschauers ist noch dasselbe und mir ist, als -müßte dem Erzgebirge noch einmal ein Dichter wie A. Stifter erstehen, der seine<span class="pagenum" id="Seite_2">[2]</span> -Schönheit im Innersten zu erfassen vermag. Die Burgruinen und bewaldeten -Kuppen am südlichen Steilabfall des Gebirges vermögen dem Wanderer einen Augenblick -rheinische Landschaften vor das Auge zu zaubern. Das Waldgebiet um den -Teufelsstein im oberen Schwarzwassertal zeigt Fichtelgebirgsstimmungen, und die -langen Linien des stilleren östlichen Gebirges werden ihn an die Landschaften der -Eifel und des hohen Venn erinnern, die besonders im Herbst einen so eigentümlich -schwermütigen Eindruck machen. Mit dem Hochgebirge hat das Erzgebirge nur -wenig Gemeinsames, und doch finden sich auch hier Berührungspunkte: der Greifenstein -ist eine gute Schule für angehende Kletterer, und der Gebirgskamm am Fichtelberg -und Keilberg trägt wie der alpine Steig im Schwarzwassertal bei Aue einen -echt alpinen Charakter wie vielleicht wenig andere Gebirgslandschaften in Deutschland.</p> - -<p>Ich habe diese Täler und Höhen zu jeder Zeit des Jahres beobachtet: wenn -der Frühling die Gebirgsbäche schwellt oder wenn Sommertagszauber auf den Bergstädten -und Halden liegt. Vielleicht ist auch hier der Herbst am schönsten, und die -klare, reine Luft läßt dann Einzelheiten hervortreten, die durch die Schwüle des -Sommers nur allzuoft verwischt waren. An solchen Tagen hebt sich jedes Baumblatt -in klaren Umrissen vom Horizonte ab und dahinter ein Stück altersgrauer -Fels, bis auch dieser wieder in das brennende Feuer der Abendröte getaucht ist. -Dann wird die Freude an den tausend kleinen Entdeckungen, die der Wandrer bei -seinen Fahrten macht, zur Andacht – zu der großen, stillen Andacht, die den -Menschen im Innersten seine Verwandtschaft mit der Natur ahnen läßt.</p> - -<p>Oft lag der Mittagszauber über dieser Erzgebirgsnatur, und die Linien des -Gebirges lösten sich in der Schwüle auf, die über Tälern und Wäldern lag. Das -Mittagsgespenst geht um und drückt Menschen und Tiere. Die Halden liegen einsam -und versonnen, und in den Bergstädten schläft man ein Stück in den Nachmittag -hinein. Wer in solchen Zeiten in der Natur ist und ihrem Weben nachgeht, den -umfängt ein geheimnisvoller Schauer, den Schwind in seiner Mittagsfrau unnachahmbar -zum Ausdruck gebracht hat. Aber mich soll sie heute nicht abhalten, immer -mehr in die Fichtelgebirgsnatur hineinzuwandern, die sich hinter Mittweida auftut. -Die Mühle, die hier am Eingange des oberen Mittweidaer Tales eingebettet ist in -lauschiger Einsamkeit, soll mein erstes Ziel sein.</p> - -<p>Schon vor Jahren hatte es mich öfter in diese Gegend gezogen, als ich eines -Nachmittags die Crottendorfer Kirche entdeckte. Inmitten dieser Erzgebirgsnatur, -umrahmt von den Vorhöhen des Fichtelberges ein Stück Kunst hinter den altersgrauen -Mauern, wie es selbst der farbenfrohe Südländer sich nicht besser wünschen -könnte. Ein prachtvoller alter Holzaltar, die Decke getäfelt und selbst an den -Wänden und Emporen Bilderschmuck – so wird das Ganze dieses Kirchleins zu -einer inneren Anregung für den Besucher, wie sie unsre protestantischen Gotteshäuser -leider nur allzuoft vermissen lassen und wie sie doch gerade in unsrer -hastenden Zeit so wohl tut. Ob uns wohl etwas mehr Farbenfreude in unserem -arm gewordenen Deutschland schaden würde?</p> - -<div class="figcenter illowp60" id="illu-005"> - <img class="w100" src="images/illu-005.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 1 <b>Kirche zu Crottendorf</b></div> -</div> - -<p>Hinter der Bahnstation von Mittweida beginnt das eigentliche Tal, das sich -von hier bis zum Fichtelberg selbst hinzieht. Während der ersten Wegstunde immer -dasselbe Bild: drunten am Bach ein paar Häuser oder eine Papier- und Sägemühle –<span class="pagenum" id="Seite_3">[3]</span> -dahinter weite Waldbestände, die, je höher man hinaufkommt, desto mehr den Blick -gefangennehmen und die Gedanken an nichts anderes aufkommen lassen. Hinter -der Wolfner Mühle, die noch einmal an einer Talgabelung liegt, tritt der Wald -so nahe heran, daß nur noch die Mittweida und eine Waldstraße durch das Tal -führen. Dann hören auch die letzten Ansiedlungen auf, und die große, feierliche -Stille der Natur beginnt. Die umliegenden Höhen senden ihre Blöcke und Kuppen -vor, die über dem Waldreichtum Wache halten. Der Weg zieht sich immer weiter -zur Höhe hinan und täuscht doch immer wieder, indem er weitere Ausblicke eröffnet – -es ist, als wollte der Wald hier kein Ende nehmen und als sollte niemand wieder -aus seinem Bann herauskommen, der sich einmal hinein begeben hat. Endlich, als -sich schon der Fichtelberg selbst wie ein Wächter dieser Landschaft emporreckt, teilt<span class="pagenum" id="Seite_5">[5]</span> -sich der Weg, indem ein Pfad gerade an dem Abhang emporführt, während ein -anderer sich oberhalb der Tellerhäuser mit dem sogenannten Prinzenweg vereinigt. -Die Mittweida selbst entspringt nicht weit vom Unterkunftshause, und man hat -somit Gelegenheit, das Werden und Wachsen dieses kristallenen Baches bis zu seiner -Mündung in das Schwarzwasser zu verfolgen.</p> - -<div class="figcenter illowp60" id="illu-006"> - <img class="w100" src="images/illu-006.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 2 <b>Inneres der Kirche zu Crottendorf</b></div> -</div> - -<p>Wer es kann, wandere diese einsame Straße, wenn im November das Abendrot -hinter den Bäumen hängt und aus dem Waldbereich einsame Feuer emporsteigen. -Er wird hier ein Stück Naturmystik finden wie selten im Erzgebirge, und er wird -aus solchen Fahrten neue Erholung und Kraft schöpfen. Jene Kraft, die uns mit -der Natur selbst verbindet und die unser armes Volk gerade in den jetzigen Tagen -so nötig hat.</p> - -<h3>Anmerkung</h3> - -<p>Nach der Mitteilung des Herrn Pfarrers Merz in Crottendorf hat wahrscheinlich -schon im dreizehnten Jahrhundert an der Stelle der heutigen Kirche dieses -Dorfes eine frühere gestanden, deren Größe noch heute an dem Nordgiebel des -Kirchbodens zu sehen ist. Am fünften Sonntag nach Trinitatis 1539 wurde hier -wahrscheinlich von dem Pfarrer Abraham Schroot (oder Adam Schrott) die erste -evangelische Predigt gehalten. Die jetzige Kirche wurde 1654 geweiht. Der schöne -Altar, der neben der kunstvollen Holzdecke einen Hauptschmuck der Kirche bildet, -wurde von dem Freiberger Bildhauer Theodor Meyer begonnen und nach seinem -Tode in Crottendorf von seinem Eidam 1698 vollendet und 1699 geweiht. Die Kanzel -ist ein Werk des Annaberger Meisters Andrä Götze und ist zweimal, 1883 und -1896 erneuert worden. Neben der Kanzel steht ein alter Flügelaltar, der in -gleicher Höhe rechts auf dem Bilde sichtbar ist. Ferner sind noch zwei Ölgemälde, -Bildnisse der Kurfürsten Johann Georg I. und Johann Georg II., des letzteren in -jugendlichem Alter, vorhanden, dazu rechts und links von den beiden Emporen -Ölbilder mit Darstellungen aus dem alten und neuen Testament, die sehr alt und -noch gut erhalten sind. Der Taufstein ist aus Crottendorfer Marmor hergestellt.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Kurt_Arnold_Findeisen">Kurt Arnold Findeisen</h2> -</div> - -<p class="center">Von <em class="gesperrt">Otto Eduard Schmidt</em></p> - -<p>Am nächsten 15. Oktober vollenden sich vierzig Jahre, seit Kurt Arnold Findeisen -im sächsischen Zwickau geboren wurde. So liegt die Jugendzeit hinter ihm, das -männliche Alter beginnt und damit ist der rechte Zeitpunkt gegeben, einen Rückblick -auf das Schaffen des Dichters anzustellen und – soweit es ein Menschenauge vermag -– einen Ausblick auf seine Zukunft zu wagen. Aus einer Familie stammend, -die Juristen, Schulleute, Forstbeamte hervorgebracht hat, trat er als Sohn eines -Kohlenschachtbuchhalters ins Leben, seine Mutter war eine ehemalige Kleinkinderlehrerin. -An ihr hing der Knabe mit zärtlicher Liebe; ihr Bild taucht wie ein -sorgsam gehütetes Kleinod in Findeisens Gedichten immer wieder auf. Seine Schulbildung -erhielt er in Dresden, Zwickau und Schneeberg. Er wurde Lehrer in<span class="pagenum" id="Seite_6">[6]</span> -Mylau, dann in Plauen im Vogtlande. Durch Teilnahme an Ferienkursen der -Universität Jena erweiterte und vertiefte er sein Wissen und seine Weltauffassung. -Findeisen selbst sagt, daß er erst nach seinen Bildungsjahren zu seiner eigentlichen -Bestimmung erwachte. Das mag wohl sein, aber jedenfalls ist schon lange, bevor -er die ersten Früchte seiner Muse pflückte, tüchtig an ihm gearbeitet worden und -noch mehr wohl hat es in ihm gearbeitet. Oder wer hat wohl das sinnige Wesen, -das ihm von Kind auf eigen war, die tiefgewurzelte Hinneigung zur Natur und -vor allem den stärksten Antrieb seines ganzen Schaffens, die Sehnsucht, in ihn -gepflanzt, wenn nicht die frühverklärte Mutter? Sehnsucht nach etwas anderem, -als dem gemeinen Alltag trug er schon als Knabe im Herzen, wenn er am »roten -Brückenberg« in Zwickau »im Zittergras stundenlang« träumte, mit der Sehnsucht -in der Seele durchwanderte er in Plauen seine Umwelt und verliebte sich in die -wenigen stillen Gründe und Gartenwinkel, die der Industrialismus dort übriggelassen -hatte, die Sehnsucht begleitete ihn hinaus auf die vogtländischen Wiesen -und erlenumsäumten Bachtäler, über denen noch der Nachhall der Heimatlieder -Julius Mosens schwebte, die Sehnsucht führte ihn früh zu der Hinterlassenschaft -seines Landsmannes Robert Schumann und zu Wilhelm Raabe, mit dem er noch -eine persönliche Beziehung knüpfen durfte. Und zu der Sehnsucht kam die Parzivalstimmung -»durch Mitleid wissend«, die Heimat und Welt umspannende Menschenliebe, -der zweite Brennpunkt seines Wesens. Das reiche Innenleben drängte nach -außen: er fand eine doppelte künstlerische Ausdrucksmöglichkeit für alles, was in -ihm lebte, die dichterische und die musikalische. Die dichterische betätigte er zuerst -in weichen Klängen inniger Heimatliebe, in Liedern und Balladen, die er in Zeitschriften -veröffentlichte. Er selbst gab seit 1912 mit Paul Miller und Emil Rösler -die Monatsschrift »Das Vogtland und seine Nachbargebiete« heraus, die von Anbeginn -an durch die auf den Grundsätzen der Romantik beruhende innere Verknüpfung -der Künste hoch über den meisten Unternehmungen dieser Art stand. Dann riß -ihn der Weltkrieg als Krankenpfleger mitten hinein in die äußere und innere Not -unseres schwer ringenden Volkes. Mitten im Brausen des Kriegssturmes entstand -seine erste Gedichtsammlung »Mutterland« in den zwei Unterabteilungen »Vogtland« -und »Erzgebirge«, die Findeisen später (1922) bei Oskar Laube in erweiterter -Gestalt unter dem Titel »Sachsen, zwei Bücher Landschaftsgedichte und Balladen« -(1. Mutterland, 2. Ahnenland) herausgab. Niemand kann Findeisen verstehen, der -nicht in diesen von inniger Heimatliebe getragenen, aber zugleich auch die tiefsten -und letzten Fragen des menschlichen Lebens berührenden und lösenden Dichtungen -gründlich zu Hause ist. Ich gestehe, daß ich in diesen Gedichten seiner ersten Periode -das Schönste finde, was Findeisen in Vers und Reim geleistet hat, und ich möchte -wünschen, daß er sich nie von dieser ihm ureigenen Art zu künstlicheren, vielleicht -auch einmal verkünstelten Gedichten, wie sie sich neben vielem urkräftig Schönen -hie und da unter seinen späteren Gedichten finden (»Aus der Armutei«, E. Focke, -Chemnitz 1919), entfernen möge. Im »Vogtlandslied« und im »Erzgebirgslied« -klingen so herzbewegende Töne, wie sie seit Julius Mosen kein Obersachse mehr -anzuschlagen verstand, aber weit größer und eindrucksvoller als bei dem älteren -Dichter ist bei Findeisen der musikalische Wohllaut der Sprache:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[7]</span></p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">O ihr Berge meiner Väter,</div> - <div class="verse indent0">Träumerisch und tannengrün,</div> - <div class="verse indent0">Dran die braunen Hütten kleben</div> - <div class="verse indent0">Und die Abendlichter blühn!</div> - <div class="verse indent0">O ihr Hänge meiner Heimat!</div> - <div class="verse indent0">Tief in Holz und Heidekraut</div> - <div class="verse indent0">Hat bei euch sich meine Seele</div> - <div class="verse indent0">Ach, ein kleines Nest gebaut.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Für die Krone der älteren Dichtungen Findeisens halte ich die von ihm ganz -frei aus der innerlichsten Anschauung des großen Altars der Schneeberger Wolfgangskirche -und aus dem Erleben der Schneeberger Weihnachtswoche und der Christmetten -ersonnene und gestaltete Ballade »Der kleine Melchior und das Weihnachtskind«. -Aus der gesamten deutschen poetischen Literatur über das Weihnachtsfest weiß ich -dieser geradezu klassischen Verherrlichung des Christnachtszaubers wegen der »Fülle -der Gesichte« und der brunnengleich quellenden Sprache nichts Gleichwertiges an -die Seite zu stellen. Der dem Dichter wesensverwandte Maler Alfred Hofmann-Stollberg, -hat die Anschaulichkeit der Gedichte Findeisens durch wundersam beseelte -Zeichnungen noch erhöht.</p> - -<p>Um dieselbe Zeit erschien auch die erste Geschichtensammlung Findeisens unter -dem Titel »Heimwege« (Konstanz 1918, Verlag von Reuß & Itta), vier Perlen einer -schlichten, aber tief ergreifenden Erzählungskunst. Am erschütterndsten sind wohl -»Der Schulmeister von Dröda«, jene »sonnenlose Geschichte«, die er dem ehemaligen -Lehrer von Papstleithen, seinem Schwiegervater, künstlerisch gestaltend nacherzählte, -und »Der Wunderbaum«, das in samtweicher Sprache dahintönende, schmerzensreiche -»Hohelied« vom vogtländischen Heimweh, durch das er die Heimwehstimmungen -seines stärksten Vorgängers auf diesem Gebiete, Julius Mosens, weit übertraf. Sie -sind, um vier kleinere Erzählungen vermehrt, in einer zweiten Auflage unter dem -Titel »Der Tod und das Tödlein« 1921 in Dresden erschienen.</p> - -<p>Unterdessen hatte der Dichter, seit 1913 mit Wanda Hildegard Gebauer verheiratet -und Vater eines 1915 geborenen Sohnes, Plauen, die rührige Hauptstadt des Vogtlandes, -mit der sächsischen Landeshauptstadt Dresden vertauscht. Hier spricht die Kunst -im weitesten Sinne des Wortes und eine lange, spuren- und werkreiche Geschichte -des geistigen und künstlerischen Lebens der Obersachsen noch weit eindringlicher zu -seiner empfänglichen Seele, hier hat er unter dem Einflusse der unabsehbaren Folgen -des Weltkrieges und der Staatsumwälzung neue Gärungen durchgemacht, die seine -Wesensbildung rasch steigerten und hoffentlich ohne Schädigung seiner natürlichen -Eigenart vollenden werden. Die wichtigste Frucht dieser inneren Kämpfe und -Wandlungen ist die immer stärkere Hinneigung zu der Dichtungsart, durch die -gegenwärtig die kräftigste Einwirkung auf die Stimmung und Gesinnung des Volkes -erzielt wird: zum Roman. Sehr bezeichnend für Findeisen ist die Wahl der Stoffe. -Für ihn gab es kein Schweifen in die Ferne, sondern, wie er mit allen Fasern -seines Wesens in Volk und Heimat verankert ist, packten ihn mit zwingender Notwendigkeit -fast gleichzeitig zwei obersächsische Stoffe von sehr verschiedener Art und -noch verschiedenerem Ausmaß: Robert Schumann und – Karl Stülpner. Dem<span class="pagenum" id="Seite_8">[8]</span> -Schumann-Roman gingen zwei Bücher voraus, die die besondere Befähigung des -Verfassers für die Auslegung musikalischer Werte und musikgeschichtlicher Verhältnisse -an den Tag legten: die bei Dürr in Leipzig verlegten »Klaviergeschichten, Einführungen -in ein volkstümliches Verständnis der Musik« und die schon in zweiter Auflage -gedruckten »Robert Schumanns Kinderszenen auf heimatlichen Grund gelegt«. Von dem -Schumann-Roman, der den Titel trägt »Der Davidsbündler« ist Weihnachten 1921 -der erste Teil »Herzen und Masken« erschienen, der die Entwicklung Robert Schumanns -in Leipzig, das Leipziger Musikleben jener Zeit und Schumanns dornenvolles Liebeswerben -um Klara Wieck bis zur endlichen Vereinigung mit der Geliebten schildert. -Vieles ist in dem Roman aus den Kompositionen und dem Briefwechsel der beteiligten -Personen und aus dem eindringendsten Studium der Orts- und Zeitverhältnisse mit -feinem Nachempfinden und sicherem Sicheinfühlen gestaltet, anderes, was der Dichter -zur Ergänzung der trümmerhaften Überlieferung brauchte, ist mit genialem Seherblick -und kraftvoller Phantasie frei erfunden. Man wird aber mit einem Urteil über -das Ganze billigerweise zurückhalten müssen, bis der Dichter auch den zweiten Teil -»Den Weg in den Aschermittwoch«, den Niedergang und das Erlöschen des leuchtenden -Gestirns, das ihm Robert Schumann bedeutet, dargestellt haben wird. Der Stülpner-Roman -erschien zuerst in einzelnen Stücken in der »Sächsischen Heimat«, der von -Findeisen herausgegebenen »Zeitschrift für volkstümliche Kunst und Wissenschaft in -den obersächsischen Landen«, dann aber, durch einige wichtige Kapitel abgerundet, -in Buchform bei Grethlein & Co., Leipzig und Zürich, zu Weihnachten 1922 unter -dem Titel »Der Sohn der Wälder«. Die Geschichte vom Raubschützen Karl Stülpner, -dessen Bild noch heute in mancher Holzhütte des oberen Gebirges hängt, von dem -ein selten gewordenes Buch mit bunten Kupfern erzählt, das ich in meiner Knabenzeit -voll Begeisterung las, der noch immer als das beste Kassenstück des sächsischen -Puppentheaters gilt, ist der kräftigste und ergiebigste Stoff, den die erzgebirgische -Vergangenheit für den kommenden Dichter aufbewahrt hat, und Findeisen, in dem -die erzgebirgische Heimat lebt und atmet, der am liebsten selbst in den Tiefen des -Waldes die Schwere und die Unrast der Zeit vergessen möchte, war der rechte -Mann, diesen köstlichen Schatz zu heben und künstlerisch zu verklären. In Findeisens -Stülpnerbuch waltet ein dem Geist der Romantiker verwandter mystischer -Naturalismus, wie wenn Goethe in der Szene »Wald und Höhle« den Faust zum -Erdgeist sagen läßt:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Du führst die Reihe der Lebendigen</div> - <div class="verse indent0">Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brüder</div> - <div class="verse indent0">Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Sein Stülpner lebt mit Wald und Fels, mit Tier und Blume in innigster -Gemeinschaft, er erscheint selbst als eine Art Erzeugnis der Waldesnatur und -sinkt zuletzt in geheimnisvoller Weise in das Reich zurück, aus dem er gekommen -ist. Man genießt diesen Roman im ersten Lesesturm wie einen erfrischenden Hauch -aus der Zeit unseres Gebirges, in der es noch in unverfälschter Ursprünglichkeit -zum Menschen redete. Erst beim zweiten und dritten Durchlesen wird man sich -der feinen Kunst bewußt, mit der der Dichter diese Wirkung erzielt. Wie der Tau -eines Frühlingsmorgens liegt Reinheit und Keuschheit über dem Ganzen. Die<span class="pagenum" id="Seite_9">[9]</span> -Frauenliebe tritt gegen die Mutterliebe zurück, und wo sie einmal im Vordergrund -steht, da spart der Dichter die sinnlichen Ausmalungen. Dagegen ist der gebirgischen -Derbheit reichlich Raum gegeben, namentlich in der wohlgelungenen Zeichnung des -Amtsfrons Wohllebe und der Genossen Stülpners, der Wildschützen Dotzinger und -Hertzog. Ich stehe nicht an, Findeisens Stülpner-Roman als die echteste und volkstümlichste -Schöpfung zu bezeichnen, die die Dichtung des Erzgebirges bis jetzt -hervorgebracht hat. Damit ist nun auch der Platz besetzt, den wir mit Bedauern -so lange leer gesehen haben. Findeisen hat, wie schon früher in seiner Lyrik und -seiner Ballade, so nunmehr auch im Roman die Bedeutung erlangt, daß wir in ihm -einen der führenden Dichter des obersächsischen Stammes erkennen dürfen. Möge es -dem Dichter, dessen wir uns als eines teuern Kleinods erfreuen wollen, vergönnt sein, -von Stufe zu Stufe in seiner naturgemäßen Entwicklung fortzuschreiten und das Ehrenkränzlein -obersächsischer Dichtung mit neuen, immer schöneren Blüten zu schmücken.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Auf_der_Schwelle_des_Erzgebirges">Auf der Schwelle des Erzgebirges</h2> -</div> - -<p class="center">Von <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">Kurt Schumann</em></p> - -<p class="center smaller">Mit Bildern nach Aufnahmen von <em class="gesperrt">J. Ostermaier</em>, Dresden-Blasewitz</p> - -<p>So oft ich, gequält durch den Lärm von fünf äußerst betriebsreichen Straßenbahnlinien -und das melodische Gewimmer eines Luftschaukelleierkastens, gegen das -ich seit Jahren einen ebenso zähen wie erfolglosen Kampf führe, mich mit dem -Gedanken trage, meinen Striesener Wigwam zu verlassen und mich auf die mit -meiner Arbeitsstätte durch die billige Reichsbahn verbundene Lausitzer Hochfläche -zurückzuziehen, brauche ich nur einen Blick zum Fenster hinauszutun, um mich in -meinem Entschluß wieder wankend werden zu lassen. Denn bis zu den Gipfeln -des östlichen Erzgebirges, zum Geising und Sattelberg, wandert der Blick selbst -vom Schreibtisch aus, und auch bei neunzehnhundert­zweiundzwanziger Wetter sind -wenigstens seine Vorhöhen gut zu überschauen. Und dieser Blick wiegt schon eine -ordentliche Portion Straßen- und Karussellärm auf. Die letzten Cunnersdorfer -Schächte begrenzen den Horizont im Westen; dann folgt die Goldene Höhe, und -zwischen ihr und dem Plateau der Babisnauer Pappel guckt der Walfischrücken -der Quohrener Kipse durch, was besonders schön in die Erscheinung tritt, wenn -der hintere Höhenzug im Schimmer frischgefallenen Schnees glänzt, während -den vorderen niederen schon der grüne Schein lenzesfroher Saaten schmückt. -Beherrscht aber wird das ganze Bild von dem einzigen wirklichen Gipfel dieser -Höhenzüge, dem nahezu fünfhundert Meter hohen Wilisch. Im Osten schließt die -flache Kuppe des Finkenfangs das besonders im Morgen- und Abendlicht ganz -wundersame Bild ab. Da sich außerdem mit dem überblickten Gebiet Erinnerungen -an meine ersten Wandertaten verknüpfen, ist es kein Wunder, daß ich mit ihm -noch vertrauter bin als mit manchem anderen Dresdner Ausflugsgebiet, und mir -die redlichste Mühe gebe, ihm immer neue Verehrer zu gewinnen. »Warum sucht -ich den Weg so sehnsuchtsvoll, wenn ich ihn nicht den Brüdern zeigen soll?«</p> - -<p>Wie notwendig solche Führungen sind, konnte ich wieder einmal erkennen, -als ich mit einer sonst wirklich nicht auf den Kopf gefallenen Jugendgruppe die<span class="pagenum" id="Seite_10">[10]</span> -letzte diesjährige Volkshochschulwanderung unternahm. War doch z. B. keiner -von den etwa dreißig Teilnehmern bisher mit der <em class="gesperrt">Windbergbahn</em> gefahren, -obgleich eine Fahrt auf dieser Strecke unzweifelhaft zu den schönsten und billigsten -Genüssen gehört, die sich der Dresdner leisten kann. – Am Bahnhof Plauen blickt -man zunächst einmal der Gegend in die Eingeweide. Über dem Syenit des <em class="gesperrt">Ratssteinbruchs</em> -lagern, schräg nach dem Elbtal zu einfallend, Plänerschichten, -Erinnerungen an die Zeit, da über diesem Gebiet die Fluten des Kreidemeers -wogten. Bei dem mächtigen Getreidesilo am Fuße der Heideschanze verläßt der -Zug die Enge des Plauenschen Grundes und tritt in das weite <em class="gesperrt">Döhlener Becken</em> -ein, das die Weißeritz durch Abtransport der diese ganze Gegend bedeckenden -Geröllmassen, die im Zeitalter des <em class="gesperrt">Rotliegenden</em> hier abgelagert worden waren, -geschaffen hat. Der das Becken beherrschende Windberg zeigt an, bis zu welcher -Höhe diese Konglomerate einst lagen. An den weichen Lehnen klettert -unser Zug empor, wobei sich die herrlichsten Blicke über das Freitaler Industriegebiet, -das Elbtal und die Lößnitzhänge eröffnen. Auf der Höhe angelangt, können -wir die Blicke weit nach Norden und Osten schweifen lassen. Wir wissen nicht, -welcher von den drei überschauten Landschaften wir den Preis der Schönheit zuerkennen -sollen, den sanftgewellten Höhen des Lausitzer Berglandes, der weiten von -Siedlungen erfüllten Elbaue mit den Loschwitzer Hängen und dem Eckpfeiler des -Borsbergs im Hintergrund oder der zierlichen Tafelberggesellschaft des Elbsandsteins, -die fremd und eigenartig im Süden auftaucht. Die Nähe aber ist nicht -minder interessant. Mächtige Wälder von Baumfarnen und anderen tropischen -Gewächsen, deren Schönheit uns heutzutage nur noch die Gewächshäuser (Pillnitz) -offenbaren, wurden von den Schottermassen der Rotliegendzeit einst zugedeckt. Im -Laufe verschiedener Jahrmillionen wurden die Baumleichen in Kohle verwandelt, die -der Niederhäslicher und Burgker Bergmann nun unter schwerer Mühe und Lebensgefahr, -von der auch das Denkmal auf dem Segen-Gottes-Schacht erzählt, ans -Licht bringt. Denjenigen, die sich für unsern heimischen Bergbau näher interessieren, -kann ich gar nicht warm genug die Ausstellung im Heimatkundlichen Schulmuseum -des Dresdner Lehrervereins auf der Sedanstraße empfehlen, wo sich nicht nur -Zeichnungen und Modelle von Bergwerken, die Werkzeuge des Bergmanns, geologische -Karten und Profile und geschichtliche Erinnerungsblätter finden, sondern man -auch in bequemer und übersichtlicher Weise einen Einblick in die Bedeutung, Verbreitung -und Arbeitsweise der verschiedenen auf dem Kohlenreichtum des Gebiets -sich aufbauenden Industriezweige erhält. Eine treffliche Ergänzung dazu bildet -die Schilderung, die H. Beier im ersten Band des Dresdner Wanderbuchs vom -»Industriegebiet des Döhlener Beckens« gibt. Unser Züglein führt uns in der -Nähe verschiedener Schächte und ganz dicht am Marienschacht vorüber, so daß wir -bei der beängstigenden Geschwindigkeit unseres Vehikels genügend Gelegenheit haben, -neiderfüllte Blicke nach den mit den schönsten Steinkohlen beladenen Hunden und -Eisenbahnwagen zu werfen.</p> - -<div class="figcenter illowp60" id="illu-013"> - <img class="w100" src="images/illu-013.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 1 <b>Im Plauenschen Grund bei Coßmannsdorf</b></div> -</div> - -<p>Am Bahnhof Bannewitz wendet sich die Bahn südwärts, und wir gewinnen -einen prächtigen Blick auf das nach dem Döhlener Becken hinabziehende Poisental, -das den in den unfruchtbaren Sandsteinen des Rotliegenden wurzelnden <em class="gesperrt">Poisenwald</em><span class="pagenum" id="Seite_11">[11]</span> -umschlingt. Auch dieser den Dresdnern noch verhältnismäßig wenig -bekannte Wald hat seine besonderen Reize. Wenn im Frühjahr und Herbst die -Birkenreihen wie Fackelzüge durch den dunklen Kiefern- und Fichtenwald sich -durchschlängeln, kann er wohl mit seinen bevorzugten Brüdern in Wettbewerb -treten. Nachdem uns die Halde neben der Haltestelle Goldene Höhe daran -erinnert hat, daß sich früher der Bergbau bis nach Rippien hinüberzog, fahren -wir an der schönen Pappelallee nach Possendorf hinab. Tief unter uns liegt<span class="pagenum" id="Seite_12">[12]</span> -Wilmsdorf im oberen Poisental. Nur wenigen dürfte bekannt sein, daß dort der -Freiheitskämpfer Schill 1776 geboren wurde.</p> - -<div class="figcenter illowp60" id="illu-014"> - <img class="w100" src="images/illu-014.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 2 <b>Die Possendorfer Windmühle</b></div> -</div> - -<p>Uns verheißt die goldne Herbstsonne, die uns beim Aussteigen in <em class="gesperrt">Possendorf</em> -begrüßt, ein schöneres Los als ihm, und so wandern wir wohlgemut durch das -behäbige Dorf, das als Mittelpunkt der ganzen Pflege einen sehr stattlichen Gasthof, -eine ebensolche Kirche und ein mit schönen Renaissancegiebeln versehenes Rittergut besitzt. -Einen halben Kilometer jenseits des Dorfes, wo die prächtige Kastanienallee in -einem schön geschwungenen Bogen die Wendischkarsdorfer Höhe nimmt, geht ein -schmaler Fußsteig rechts feldein. Wir folgen ihm und beobachten dabei, daß die -Felder eine auffällig rote Farbe tragen. Wir befinden uns also immer noch im -Gebiet des Rotliegenden. Einige aufgelesene Steine belehren uns, daß wir es mit -einer Ansammlung erzgebirgischer Gneise zu tun haben. Wenn nun diese Gneise -schon in ihrem Ursprungsgebiet einen leidlichen Ackerboden abgeben, so ist dies -naturgemäß hier, wo sie im bereits zerschlagenen Zustande der Verwitterung viel -leichter anheimfallen, noch mehr der Fall. Deshalb macht auch das Quellreihendorf -<em class="gesperrt">Börnchen</em>, das nach fünf Minuten vor uns in der Tiefe auftaucht, einen -ziemlich wohlgenährten Eindruck. Den Bewohnern der Umgegend ist es unter -den Namen Käsebörnchen bekannt, weil die Börnchener sich nicht nur des Ackerbaues -sondern auch der Käserei befleißigen. Noch heute kaufen wirtschaftsgeographisch -geschulte Dresdner Hausfrauen ihren Käsebedarf unmittelbar von den -Börnchner Käsewagen und -weibern in der Ausspannung in der Wilsdruffer Vorstadt. -Sobald man die Quellmulde, in der Börnchen liegt, verlassen hat, liegt ein<span class="pagenum" id="Seite_13">[13]</span> -Turmgasthaus vor uns, das den »Gipfel« des <em class="gesperrt">Lerchenbergs</em> krönt. Mit seinen -vierhundertfünfundzwanzig Metern ist der Lerchenberg noch achtzig Meter höher -als die wegen ihrer Aussicht berühmte Goldene Höhe; kein Wunder, daß seine Aussicht -mindestens vom geographischen Standpunkt als die vielseitigste der näheren -Dresdner Umgebung bezeichnet werden muß. Das vulkanische böhmische Mittelgebirge -ist mit seinen schönsten Repräsentanten ebenso vertreten wie die Sächsische -Schweiz mit ihren sämtlichen »Steinen«, die Lausitz mit ihren Granitkuppen (Keulenberg, -Butterberg, Valtenberg, Triebenberg) und das Erzgebirge mit den der einförmigen -Rumpffläche aufgesetzten Basaltbergen (Sattelberg, Geising, Luchberg, Wilisch) und -den wegen ihrer Härte herauspräparierten Porphyrhöhen (Kahleberg, Tellkoppe, -Frauenstein). Das uns umgebende Rotliegendengebiet zeichnet sich durch seine -sanftgewölbten Formen aus (gutes Skigelände!), mit denen nur die Basaltspitze -des Wilisch und die Sandsteintafel an der Babisnauer Pappel kontrastiert. Ein -anderes Sandsteingebiet liegt südlich von unserm Standpunkt. Es tritt deutlich -aus der Landschaft hervor, weil es statt der Felder, die sich auf Gneis und Rotliegendem -ausbreiten, große Waldflächen trägt. Daß sich der Sandstein dort -gehalten hat, beruht auf ähnlichen Ursachen wie die Existenz <em class="gesperrt">der</em> Sandsteinscholle, -aus der die Sächsische Schweiz herausmodelliert wurde. Auch hier ist der Sandstein -durch eine sogenannte Verwerfung in ein tieferes Niveau gebracht und dadurch -vor der Abtragung bewahrt worden. Diesem Sandsteingebiet streben wir nunmehr -zu. <em class="gesperrt">Groß-Ölsa</em>, das wir zunächst berühren, ist heute ein Hauptsitz der -Möbelindustrie, die überhaupt zu den charakteristischen Erwerbszweigen des östlichen -Erzgebirges gehört. Nur die Strohindustrie, die sich vom Kamm bis nach -Dresden hineinzieht, kann sich mit ihr messen. Auch bei diesen beiden Erwerbszweigen -können wir dieselbe Entwicklung verfolgen wie bei den meisten andern -Industrien, sowohl im Erzgebirge als auch in andern deutschen Mittelgebirgen. -Ursprünglich bauten sie sich auf den Rohstoffen auf, die das Gebirge lieferte (Holz, -Erz, Stroh) und siedelten sich da an, wo das Wasser eine billige Betriebskraft -lieferte. Jetzt reichen weder die heimischen Rohstoffe noch die Kraft der heimischen -Gewässer zum Betrieb der Unternehmungen. Trotzdem bleiben sie mit Rücksicht -auf die dadurch entstandene Bevölkerungsverteilung an den Ursprungsorten, und -so kommt es, daß wir heute an Orten Industrie finden, wo Rohstoffe und Betriebsmittel -von auswärts bezogen werden müssen. Die Entstehung der Überlandzentralen -hat diese Entwicklung noch begünstigt. Im Interesse der Volksgesundheit ist dies -nur zu begrüßen; denn der Arbeiter, der von seiner Werkbank ins Freie blickt -auf grüne Wiesen, wogende Felder und freundliche Gehöfte, und nach beendeter -Arbeit sich in einem Heim findet, das von lauter Natur umgeben ist, möchte -wahrscheinlich nicht mit seinem Kollegen in der Oppellvorstadt tauschen, der seinen -Augen und Lungen während der Woche nichts Besseres vorsetzen kann als finstre, -dunstige Höfe und sterbenslangweilige luft- und liebeleere Straßen. Selbstverständlich -tragen diese Fabrikbauten auf den Dörfern nicht gerade zur Verschönerung der -Landschaft bei; aber auch auf diesem Gebiet sind wir über das Gröbste hinweg. -Wie die Schulen auf dem Lande nicht mehr im Kasernengewande in die Landschaft -hineinragen, sondern sich dem dörflichen Bilde einpassen, so gehören auch<span class="pagenum" id="Seite_14">[14]</span> -die mit knallroter Schauseite jedes Dorfidyll erschlagenden Fabriken, von denen man -besonders in den Lausitzer Weberdörfern wahre Prachtexemplare findet, hoffentlich -der Vergangenheit an.</p> - -<div class="figcenter illowp60" id="illu-016"> - <img class="w100" src="images/illu-016.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 3 <b>Die Barbarakapelle in der Dippoldiswalder Heide</b></div> -</div> - -<p>Unter solchen erbaulichen Sonntagsmorgenbetrachtungen sind wir in die -Seifersdorfer Straße eingebogen. Auf dem ersten links abgehenden Feldwege verlassen -wir sie wieder und gelangen bald in den Wald, die <em class="gesperrt">Dippoldiswalder -Heide</em>. Sie zeigt hier noch wenig ihren wahren Charakter, denn überall sinkt -der Fuß in moorigen Boden ein, aus dem hier und da sogar bescheidene Bächlein -entspringen. Die Sandsteindecke ist hier noch sehr dünn, so daß sich das durchsickernde -Wasser auf der Gneisunterlage sammelt und abläuft. Nach wenigen -Minuten sehen wir links vom Wege die Ruinen der Barbarakapelle. O. E. Schmidt -bringt sie mit dem Bergbau in Beziehung (die heilige Barbara ist die Schutzheilige<span class="pagenum" id="Seite_15">[15]</span> -der Bergleute), während Schiffner in seinem ausführlichen Handbuch des -Königreichs Sachsen von 1840 den Namen Barbarakapelle überhaupt nicht kennt. -Er schreibt über die Ruine: »Südlich von Ölsa, tausend Schritt entfernt, steht im -Walde die Claus- oder Clausenkirche, d. h. die Ruine der Nicolaikapelle, welche -dem Kloster Zella gehörte, und deren Altar man noch in Seifersdorf sieht; dicht -dabei quillt eine überaus starke Quelle (sie wird heute für die Wasserversorgung -von Rabenau ausgenützt, wie der Steinborn bei Obermalter der Stadt Dippoldiswalde -täglich bis über zweihundert Kubikmeter zu liefern vermag), und das -Ganze war wohl eine Station für die nach Zella Wallfahrenden.« Schäfer fügt -in seinem Führer durch Dresdens Umgebung noch hinzu, daß sie von Johann VIII. -von Maltitz, dem dreiundvierzigsten Bischof von Meißen, gestorben 1649, zerstört -wurde, weil ihr Geistlicher reformatorisch aufgetreten war. Irgendwelche künstlerische -Bedeutung hat die Ruine nicht und jede Anwandlung feierlicher Stimmung, -die sich in solchen Waldruinen bei empfindsamen Seelen einzustellen pflegt, wird -jäh vernichtet durch die trotz der freundlichen Warnungen des Gebirgsvereins hier -angesammelten Papierhaufen, die von der Beliebtheit dieses Platzes beim naturliebenden -Publikum zeugen. Ich bin nur gespannt, bis zu welchen phantastischen -Preisen das Papier noch steigen muß, ehe diesem Unfug ein Ende gemacht wird. -Ein wunderschöner trockner Frühstücksplatz zwischen Heidekraut und Birken entschädigt -uns für die an der Barbarakapelle nicht zustande gekommene Gefühlswallung. -So landen wir wohl oder übel wieder im seichten Materialismus und lassen uns -den Inhalt unserer Rucksäcke so gut schmecken, als es der üppige Belag zuläßt.</p> - -<p>Zu den bemerkenswerten Sehenswürdigkeiten der Dippoldiswalder Heide -gehören die Wolfssäule und der Einsiedlerstein. Darum mußten auch wir ihnen -unbedingt einen Besuch abstatten. Beide liegen an der schönen Straße, die Malter -mit Wendischkarsdorf verbindet. Die Wolfssäule erinnert an eine Jagd im Jahre -1802, bei der »ein Wolf, der seit fünf Jahren aus- und eingetrabt ist und hundertunddrei -Pfund wog, geschossen« wurde. Der glückliche Schütze war der kurpfalz-baiersche -Gesandte und Minister Herr von Lerchenfeld. Bei dieser Gelegenheit sei -mit hingewiesen auf den außerordentlichen Wildreichtum, der sich noch vor dreihundert -Jahren in unsern Wäldern fand. Johann Georg I. (1611–1656) schoß -während seiner Regierung fünfzehntausend­zweihundertachtundzwanzig Hirsche, -neunundzwanzigtausend­einhundertsechsundzwanzig Wildschweine, zweihundertvier -Bären, eintausend­fünfhundertdreiundvierzig Wölfe, zweihundert Luchse, elftausendachthundertelf -Hasen, achtzehntausend­neunhundertsiebenundfünfzig Füchse und dreitausend­fünfhundertvierundzwanzig -Wildkatzen. Wenn man auch versteht, daß mit -der stärkeren Besiedlung und Kultivierung des Landes diese Fülle schwinden mußte, -so kann doch der Naturfreund nur aufs tiefste die Verarmung beklagen, die unsrer -heimischen Tierwelt dadurch widerfahren ist.</p> - -<div class="figcenter illowp60" id="illu-018"> - <img class="w100" src="images/illu-018.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 4 <b>Der Einsiedlerstein bei Dippoldiswalde</b></div> -</div> - -<p>Auf der vorhin genannten Waldstraße, die infolge des durchlässigen Sandsteinuntergrundes -auch nach den stärksten Regengüssen trocken ist, und deshalb den -Stöckelschuh-Schleierstrumpftouristen aufs wärmste empfohlen werden kann, gelangen -wir zum Einsiedlerstein. Es ist tatsächlich ein kleines Stück Sächsische Schweiz, -das sich hier vor uns aufbaut. Alle die typischen Erscheinungen der Sandsteinklüftung,<span class="pagenum" id="Seite_16">[16]</span> -Verwitterung und Pflanzenwelt sind hier zu beobachten. Nur die jedem Teilnehmer -an wissenschaftlichen Sächsische Schweiz-Exkursionen bekannte Hauptattraktion -fehlt: wenigstens haben wir alle Wände vergebens abgeleckt und kein <em class="gesperrt">Alaun</em> gefunden.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-019"> - <img class="w100" src="images/illu-019.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 5 <b>Blick auf den Wilisch von Hermsdorfer Seite</b></div> -</div> - -<p>Auf dem Weiterwege können wir feststellen, was für ein herrlicher Baum -die sonst ihren benadelten Schwestern nachstehende Kiefer werden kann, wenn sie -auf günstigem Boden steht. Die wundervollen Exemplare links von unserm Wege -künden die Behausung des Pflegers dieses Waldgebiets, die Oberförsterei Wendischkarsdorf -an. Sie liegt im flachen Wiesental des Ölsenbachs und hat als Nachbarin -die schöne Wendischkarsdorfer Heidemühle, die sich in wundervoller Weise der -Landschaft einpaßt. Seit die allgemein mit Freude begrüßte Badeepidemie unser<span class="pagenum" id="Seite_17">[17]</span> -Volk ergriffen hat, ist es in dieser Gegend etwas lebendiger geworden; denn zehn -Minuten oberhalb der Heidemühle liegt ein schöner Teich. Der Oktoberfrost hat -der Sommerlust ein Ende gemacht, und abgesehen von den Verbotstafeln, erinnert -nichts mehr daran, daß sonst die Fülle des Volks die Ufer säumte. Um so ungestörter -können wir das stimmungsvolle Herbstbild genießen. Dann verfolgen wir -ein Bächlein, das sich in den Teich ergießt, von der Mündung, vor der ein großer -Schuttkegel liegt, bis zur Quelle, die sich wieder da findet, wo Sandstein und Gneis -aneinanderstoßen. Nun schlagen wir uns durch nach der verlängerten »Prager -Straße«, haben das seltene Glück, von keinem Automobil gerädert zu werden und -gewinnen durch das Zscheckwitzer Holz den Zugang zur <em class="gesperrt">Quohrener Kipse</em>. -Wir begnügen uns heute mit einem Besuch der in ihren Südhang eingelassenen -Grube, die uns ausgezeichnet erkennen läßt, woraus sich dieser markante Höhenzug -zusammensetzt. Es ist »Gneisgeröll« aus dem unmittelbar anstoßenden Erzgebirge. -Viele dieser Ablagerungen zeigen eine feine Fältelung und andere Stauchungserscheinungen, -wie sie bei den Gneisen des Weißeritztales gewöhnlich sind, ein -Beweis dafür, daß schon zur Zeit des Rotliegenden bedeutende Faltungen im Erzgebirge -vollzogen waren und die Gneise schon denselben petrographischen Charakter -besaßen wie heute<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a>. Die Straße nach dem Wilisch führt immer an der Grenze -von Gneis und Rotliegendem hin. Deshalb haben wir hier wieder einen Quellhorizont, -wie die zahlreichen Brunnen bei <em class="gesperrt">Hermsdorf</em> beweisen. Name und<span class="pagenum" id="Seite_18">[18]</span> -Form des Dorfes zeigen uns, daß wir es hier mit einer deutschen Siedlung zu -tun haben, und wir auch in dieser Beziehung an der Schwelle des Erzgebirges, -das in wundervoller Klarheit immer vor uns liegt, stehen. Alle Dörfer nördlich -der Hermsdorfer Höhen und auch das an der Paßstraße liegende Wendischkarsdorf -haben zum mindesten einen slawischen Kern.</p> - -<div class="figcenter illowp60" id="illu-020"> - <img class="w100" src="images/illu-020.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 6 <b>Die »Malermühle« bei Goppeln</b></div> -</div> - -<p>Die schmucke Wilischbaude verführt uns, trotz des herrlichen Nachmittags -unsre Mittag-Vesperpause im Innern dieses gemütlichen Berggasthauses zu verbringen. -Selbst die sonst prinzipienfeste Jugend, der ich ein paar herrliche Lagerplätze<span class="pagenum" id="Seite_19">[19]</span> -in der Nähe des Hauses wärmstens empfohlen hatte, beging einen Sündenfall -und frönte dem Kaffeegenuß und anderen Lastern (Ansichtskarten!). Nachdem -zum Nachtisch noch die unvermeidlichen Volkstänze im Steinbruch getanzt worden -waren, konnten wir den wissenschaftlichen Problemen des Berges zu Leibe rücken. -Der <em class="gesperrt">Wilisch</em> besteht wie so viele andere bemerkenswerte Gipfel der weiteren -Dresdner Umgebung (Winterberg, Stolpener Schloßberg, Landberg, Ascherhübel, -Luchberg, Geising, Sattelberg) aus Basalt. Dieses Eruptivgestein ist in der Braunkohlenzeit -durch die Ablagerungen des Rotliegenden und der Kreide durchgebrochen. -Wie man aus der Richtung der Säulen feststellen kann, befinden wir uns auf dem -Wilisch im Schlot des einstigen Vulkans. Die Grenzfläche zwischen Basalt und den -Gneiskonglomeraten des Rotliegenden ist am Eingang zum Steinbruch ausgezeichnet -zu sehen. Die Aussicht vom Gipfel, den seit vorigem Jahr statt der alten Landesvermessungssäule -ein Kriegsgedenkstein krönt, wird durch den Baumbestand etwas -beeinträchtigt. Ich bitte, die schönen Buchen aber trotzdem stehenzulassen, zumal -der Charakter des Berges schon durch Kahlschläge in unmittelbarer Nähe des -Gipfels aufs empfindlichste geschädigt worden ist. Ich habe damals, als ich mit -wachsendem Grimm von meinem Fenster aus die Verschandelung des geliebten -Berges bemerkte, sofort den Heimatschutz alarmiert, aber er konnte leider auch -nichts mehr ausrichten.</p> - -<p>In reichlich zwei Stunden gelangt man vom Wilisch über Kreischa, Kautzsch, -Bärenklause, Gaustritz, Goppeln nach Dresden. Wenn man die Babisnauer Pappel -(Gewissensfrage: Wieviele Dresdner sind noch nicht dort gewesen?), vor der ein -neues Aussichtsgerüst steht, noch mitnimmt und über Golberode mit seinen schönen -Gütern nach Goppeln wandert, dauerts eine halbe Stunde länger. Jedenfalls liegt -dieses herrliche Wandergebiet so nahe vor den Toren der Stadt, daß jeder, der -noch nicht von der Schwelle des Erzgebirges ins weite Land geschaut hat, es -recht bald einmal tun sollte. Und wenn uns der Winter wieder eine Schneedecke -beschert, wie wir sie letztes Jahr hatten, dann säume keiner, dem vor den letzten -Markstürzen ein freundliches Geschick noch ein paar Brettel bescherte, statt der nur -mit Lebensgefahr (Umsteigen in Hainsberg!) zu erreichenden Kipsdorfer und Geisinger -Gefilde die Höhen zwischen Malter und Wilisch, Kipse und Schmiedeberg aufzusuchen. -Wie oft ist nicht der Blick ins gelobte Land schöner als das gelobte Land selbst!</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-021"> - <img class="w100" src="images/illu-021.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Beck, Geol. Führer: Elbtallandschaft.</p> - -</div> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_20">[20]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_Vielfra_in_Sachsen">Der Vielfraß in Sachsen</h2> -</div> - -<p class="center">Von <em class="gesperrt">Rudolf Zimmermann</em></p> - -<p>Es dürfte meines Erachtens nicht zu empfehlen sein, als Beweis für den -früher vorhandenen Wildreichtum des Erzgebirges – vergleiche Klengel, Jagdschloß -Rehefeld, Mitteilungen Sächsischer Heimatschutz, Band XI, 1922, Seite 254 bis -257 – die Erlegung auch des Vielfraßes bei Frauenstein anzuführen. Denn hierbei -handelt es sich lediglich nur um die <em class="gesperrt">einmalige</em> Erbeutung eines versprengten, -<em class="gesperrt">in Deutschland gar nicht heimischen und in historischer Zeit auch -nicht heimisch gewesenen Tieres</em>. Bereits Blasius, der noch ein zweites -deutsches Vorkommen anführt und nur diese beiden Vorkommen kennt, betont dies -in seinen »Säugetieren Deutschlands« (Braunschweig 1857, Seite 211). »Einige -Male hat man ihn (den Vielfraß) in Deutschland angetroffen: bei Frauenstein in -Sachsen nach Bechstein und bei Helmstedt im Braunschweigischen nach Zimmermann. -Das Skelett dieses letzteren, am weitesten nach Westen vorgedrungenen Tieres, habe -ich noch im Museum in Braunschweig gesehen. Dieses vereinzelte Vorkommen -ist sicher als das versprengter Flüchtlinge anzusehen. Es ist kein Grund vorhanden, -daß der Vielfraß bis so weit nach Deutschland hinein je einheimisch gewesen wäre.«</p> - -<p>Über die Erbeutung unsres sächsischen Tieres berichtet zunächst Bahn in -seinem »Amt, Schloß und Städtgen Frauenstein« (Friedrichstadt bei Dresden, 1748, -Seite 10) das folgende: »Den 2. April [1715] erschoß der Förster zu Hennersdorff, -Herr Kanngießer, auf dem Töpffer-Wald, bei dem Königs-Brunnen, ein unbekanntes -Raub-Thier. Als es nach Hofe geschicket wurde, so wurde es erkannt, daß es -ein Vielfraß wäre, dergleichen in Moscau und Persien anzutreffen sind.« Über -die Einlieferung in Dresden findet sich bereits vordem in den »Dresdnischen -Merkwürdigkeiten« (1750, Seite 60) eine kurze Notiz: »Den 4ten <em class="antiqua">hujus</em> [April] -ward ein Vielfraß, so von einem Jäger bey Frauenstein geschossen worden, eingebracht, -und auf die Kunstkammer geliefert«. Das Tier wird dann wieder in -Hasches »Umständlicher Beschreibung Dresdens« (Dresden 1781/83) als im Kurfürstlichen -Naturalien-Cabinett stehend erwähnt: »Zwey Vielfraße, einer weißrötlich, -bey Frauenstein gefangen, der andre schwarzbräunlich aus Sibirien.« Robert -Berge, der dann später das Vorkommen erwähnt – Wissenschaftliche Beilage -Leipziger Zeitung 1899, Nr. 61, Seite 241 bis 244 und Zoologischer Garten, -Band 41, 1900, Seite 129 bis 135 – und sich dabei auf die Bahnsche Angabe stützt, -in der der Erlegung des Tieres zweimal (Seite 10 und 149) gedacht und das -eine Mal dabei seine Erbeutung infolge eines offenbaren Druckfehlers auf das -Jahr 1718 verlegt worden ist (»und sonderlich 1718 ein ungewöhnliches Raub-Thier, -ein Vielfraß gefangen und eingeliefert worden«), spricht dementsprechend, aber -natürlich irrtümlicherweise, von einem zweimaligen Vorkommen des Tieres.</p> - -<p>Ich hielt diese kurzen Darstellungen für notwendig, um zu vermeiden, daß -aus der Klengelschen Notiz etwaige falsche Schlüsse auf den früheren Tierbestand -Sachsens gezogen werden könnten. Einmal eingebürgerte unrichtige Vorstellungen -aber sind ja dann auch immer schwer wieder zu beseitigen. Wie spuken zum -Beispiel heute nicht die auf keinerlei sichere Unterlagen sich stützende Angaben von<span class="pagenum" id="Seite_21">[21]</span> -Heinrich Meschwitz in seiner sonst so schönen »Geschichte der Dresdner Heide« -umher, der diese in der Vergangenheit unter anderen von Biber, Storch, Reiher, -Kranich, Trappen usw. bevölkert gewesen sein läßt, also von Tieren, von denen -zum mindesten für einen Teil das Vorkommen in der Heide völlig ausgeschlossen -ist (Biber, Trappe! usw.).</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Der_Wanderfalke_in_Sachsen">Der Wanderfalke in Sachsen</h2> -</div> - -<p class="center">Von <em class="gesperrt">Rud. Zimmermann</em></p> - -<p class="center smaller">Mit Abbildungen nach Aufnahmen des Verfassers</p> - -<p>Sachsens stattlichster Nachtraubvogel, der königliche Uhu, wie Altmeister -Naumann ihn nennt, gehört unserm Vaterlande seit nunmehr fast fünfzehn Jahren -als Brutvogel nicht mehr an, – er ist ein Opfer der erlittenen scharfen Nachstellungen -und blindester Jagdleidenschaft geworden; der letzte in der Sächsischen -Schweiz auf Postelwitzer Revier horstende Vogel unsrer Art wurde, wie Richard -Heyder in seiner »<em class="antiqua">Ornis Saxonica</em>« mitteilt, 1910 von einem Bergsteiger mit dem -Revolver totgeknallt!! Die Sächsische Schweiz und das Zittauer Gebirge gewährten -dem Vogel die letzten Wohn- und Horstplätze im Sachsenlande; im Zittauer Gebirge -war er nachweisbarer Brutvogel etwa bis um das Jahr 1906 und in der Sächsischen -Schweiz nur ereilte ihn, wie wir schon gehört haben, das Schicksal etwas später. -Sein Verschwinden ging, nachdem er einmal spärlich geworden war, allerdings -ziemlich rasch vor sich; um 1892 etwa horstete er auf Rosenthaler Revier linksseitig -der Elbe das letzte Mal, um 1904 verschwand er rechtsseitig auf Mittelndorfer -und 1906 auf Hohnsteiner Revier, bis dann wenige Jahre später der letzte brütende -Uhu in der obengeschilderten Weise auf Postelwitzer Revier endete.</p> - -<p>Das Schicksal, das den Uhu betroffen hat, wirft in gefahrdrohender Weise -seine Schatten auch auf den letzten kleinen Restbestand unsres schönsten und kühnsten -Tagraubvogels, des <em class="gesperrt">Wanderfalken</em>. Einst – ganz ähnlich wie auch der Uhu – -viel weiter im Lande verbreitet und auch in den nordsächsischen Tieflandsgebieten -daheim, dessen ausgedehnte Waldungen ihm günstige Horstgelegenheiten boten, -umfaßt sein Brutbestand heute nur einige wenige Paare, von denen das eine (das -einzige Ostsachsens überhaupt) im Zittauer Gebirge am Oybin horstet und erfreulicherweise -von der Stadt Zittau, auf deren Gebiet sich der Horstplatz befindet, unter -Schutz gestellt worden ist, während die übrigen dem Lande noch angehörenden Brutpaare -in der Felsenwildnis der Sächsischen Schweiz ihre Jagdgründe und Brutplätze -besitzen. Nach <em class="gesperrt">Heyder</em> horsteten bei Abschluß seiner im Jahre 1916 erschienenen -»<em class="antiqua">Ornis Saxonica</em>« nach den Auskünften der dabei in Frage kommenden Staatsforstrevierverwaltungen -auf Postelwitzer Revier fünf, auf Mittelndorfer, Ottendorfer und -Hohnsteiner Revier rechtsseitig der Elbe sowie auf Rosenthaler Revier linksseitig -derselben je ein Paar Wanderfalken. Diese Zahlen, die wohl schon damals nur -noch einen Abglanz von dem Einst boten – von Üchtritz beispielsweise bezeichnet -1821 den Wanderfalken als »gemein« für unser Gebiet – dürften heute nicht ganz -mehr stimmen und sich in den letzten Jahren weiter zuungunsten des Vogels verschoben<span class="pagenum" id="Seite_22">[22]</span> -haben; der eine oder andere der damals noch vorhandenen Horstplätze mag -jetzt verwaist und seine Bewohner aus dem Gebiete verschwunden sein. Von den -genannten Revierverwaltungen meldeten mir für das letzte Jahr Rosenthal ein, Ottendorf -ein bis zwei und Postelwitz zwei bis drei Paare, während Hohnstein den Wanderfalken -als Brutvogel nicht mehr kennt und von Mittelndorf trotz aller Bemühungen leider -keine Auskunft zu erlangen war. Zu diesen gemeldeten Horstpaaren kommen noch -zwei weitere, von denen das eine Heyder unbekannt geblieben war, so daß wir – -die mir von den Revierverwaltungen gemeldeten Zahlen dürften sich auf Grund -eigener Nachforschungen an Ort und Stelle noch um etwas verschieben – für die -Gegenwart wahrscheinlich mit einem Bestand von sicher sechs, wahrscheinlich aber -sieben oder acht Brutpaaren rechnen dürfen, gegenüber einem solchen von etwa zehn -bei Abschluß der Heyderschen »<em class="antiqua">Ornis Saxonica</em>.«</p> - -<div class="figcenter illowp60" id="illu-024"> - <img class="w100" src="images/illu-024.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 1 <b>Alter Horststandort des Wanderfalken auf dem Pfaffenstein</b></div> -</div> - -<p>Die größte Gefahr für unsern Vogel in der Sächsischen Schweiz besteht – -auch die Mitteilungen der befragten Revierverwaltungen deuten dies an – im -Klettersport; die Bergsteiger ersteigen im Frühjahr die Horstplätze der »Geier«, -wie sie mir gegenüber den Wanderfalken wiederholt bezeichneten, und nehmen die -Horste aus. Ich weiß von einem solchen, an dem dies in den Jahren vor und<span class="pagenum" id="Seite_23">[23]</span> -während des Krieges regelmäßig geschah (die »kühnen Geierjäger« haben sich dabei – -selbstverständlich! – auch immer noch photographieren lassen) und ebenso ist mir -von andern Horsten berichtet worden, die noch nach dem Krieg ausgeräubert -worden sind. Es mögen nun freilich in der Mehrzahl dieser Fälle keine bewußt -schlechten Absichten sein, die diese Horstplünderer leiten, sondern nur die Unkenntnis -der Verhältnisse sie zu ihrem Tun veranlassen; sie kennen den hohen ästhetischen -Wert des Vogels nicht und wissen nicht, daß sie uns durch ihre Handlungen eines -unsrer schönsten Naturdenkmäler berauben, sondern sind vielmehr noch überzeugt, ein -gutes, des »Schadens« des Vogels wegen zu billigendes Werk geleistet zu haben -(um so mehr, als in einem der älteren mir gemeldeten Fälle der Horst mit -ausdrücklicher Billigung der Revierverwaltung ausgenommen wurde).</p> - -<div class="figcenter illowp60" id="illu-025"> - <img class="w100" src="images/illu-025.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 2 <b>Horstplatz des Wanderfalken im Polenztal</b></div> -</div> - -<p>Nur, wer den Wanderfalken kennt, wer ihn schon draußen in seinem Reiche -hat beobachten dürfen, wird ermessen können, welches hervorragende Naturdenkmal -wir in ihm besitzen. Unvergessen z. B. steht mir eine Begegnung mit dem Vogel -an einem Spätherbsttage jenes trüben Jahres in der Erinnerung, in dem die deutsche -Ehre dahinsank und wir unsers Reiches Größe begraben mußten. Ich war an -den Frohburg-Eschefelder Teichen gewesen und wanderte dem waldgelegenen, stillen<span class="pagenum" id="Seite_24">[24]</span> -Vaterhause zu. Aufgeblockt auf einer einsam im weiten, freien Felde stehenden -Kiefer, die als schwarze Silhouette vor einem trübroten Herbsthimmel mit sturmgejagten, -regendunklen Wolken stand, saß einer unsrer wundervollen, kühnen -Räuber der Lüfte – ein Bild, so schön und die Sinne gefangennehmend, daß hinter -ihm, für kurze Zeit wenigstens, das ganze Elend einer toll gewordenen Zeit verschwand. -Und unverwischbar in der Erinnerung haben sich dann auch wieder Beobachtungen -des Wanderfalken eingegraben, die ich im Frühjahr 1921 auf dem Pfaffenstein, -einem seiner Horstplätze in der Sächsischen Schweiz, machen konnte. Mit einem -warmherzigen, naturfrohen lieben Freund aus Sachsens unruhevollster Fabrikstadt -hatte ich mich dort getroffen, und fast drei Tage lang konnten wir uns dann an -dem fesselnden Leben und Treiben der eben flügge gewordenen jungen Wanderfalken<span class="pagenum" id="Seite_25">[25]</span> -erfreuen. Auf den Felskegeln und Felsleisten des Steines hockten sie, rufend und -von Zeit zu Zeit die Schwingen in kurzen, aber wunderbaren Flugübungen und -Flugschwenkungen erprobend. Tauchte dann in der Ferne beutebeladen einer der -Alten auf, so stürmten die Jungen ihm entgegen, bettelnd und dann im Flug die -von dem Elternvogel fallengelassene Beute erhaschend. Einmal sah ich dabei ein -Bild, wie es sonst wohl nur wenige zu sehen bekommen. Der alte Vogel hatte -die Beute fallengelassen, der an seiner Seite fliegende junge sie aber nicht aufgefangen. -Senkrecht sich fallenlassend, stürzte ihr da der alte Vogel nach, und, -sich überschlagend, daß er dabei auf dem Rücken zu liegen kam, fing er sie auf, -ließ sie – in normale Fluglage zurückgekehrt – von neuem fallen, folgte ihr -wiederum im Sturzfluge, um sie wie in der eben geschilderten Weise auf dem -Rücken liegend wieder zu erhaschen, und wiederholte dieses, wie eine direkte Schauleistung -wirkende flugkünstlerische Spiel fünf- oder sechsmal, so daß der Vogel -geradezu wie ein in der Luft rasend umherwirbelndes Rad anmutete.</p> - -<div class="figcenter illowp60" id="illu-026"> - <img class="w100" src="images/illu-026.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 3 <b>Junger, flügge gewordener Wanderfalk</b></div> -</div> - -<p>Sollen wir nun tatenlos zusehen, wie dieser schöne Vogel, dem wir unter den -sächsischen Raubvögeln keinen zweiten an die Seite stellen können, rettungslos seinem -Untergang zueilt, auf das wir in wenigen Jahren vielleicht schon auf ihn das »Es -war einmal« des Märchens anwenden können? Nein! Der Schreiber dieses nimmt -gegenwärtig im Auftrage des Vereins sächsischer Ornithologen und mit Unterstützung -des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz eine Bestandsaufnahme des Wanderfalken -in der Sächsischen Schweiz vor, die dann die Unterlagen für den bereits eingeleiteten, -umfassenden und hoffentlich von einem dauernden Erfolg begleiteten Schutz unsres -»<em class="antiqua">Falco peregrinus</em>« bilden sollen.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="In_der_Zeit_der_schweren_Not">In der Zeit der schweren Not</h2> -</div> - -<p class="center">Von <em class="gesperrt">Gerhard Platz</em>, Weißer Hirsch</p> - -<p>»Anna Elisabeth hieß sie, nicht Rosina Rebekka. Mensch, wann wirst du -unsre Familiengeschichte endlich mal beherrschen lernen! Die Großmutter von der -Urgroßmutter, die bei euch überm Kanapee hängt. Das ist doch so einfach! – – -Wie’s eigentlich sich zugetragen hat? Nu, dabei war ich nicht, denn man schrieb -das Jahr 1720. Ein Sonntag war’s, kurz vor Silvester unter der Predigt. Da -waren dazumal nicht zu viel Leut’ auf der Gasse, denn Kirchgang war Pflicht eines -rechten Christenmenschen und der Herr Oberpfarrer von Schellenberg merkte sich’s, -wenn einer gar zu selten erschien. Draußen auf den Gassen standen die Röhrbrunnen -dick im eisigen Strohpanzer und die Sperlinge saßen dickaufgeplustert in dem -bißchen Morgensonnenschein – eine Bärenkälte war’s wieder einmal im Lande. -Das mochte auch der Meister Petz im Schloßzwinger fühlen und er beschloß, sich -mal ein wenig Bewegung zu machen, wo noch dazu heute das Gatter offen stand. -Eins – zwei – drei – hopla, da war er oben, schüttelte sich den Pelz sauber -zurecht und trollte die Schloßgasse hinunter ins Städtel. Kein Mensch ist ihm -begegnet, nur die lahme Großmutter vom Meister Lohgerber, die ganz allein -zuhause war und im Lehnstuhl am Fenster über ihrem Dresdner Gesangbuch saß,<span class="pagenum" id="Seite_26">[26]</span> -sah auf einmal eine dickvermummte Gestalt vor dem Nachbarhaus sitzen und -immer nach dem grünen Wirtshauskranz schlagen, der dorten heraushing. Aber -wer der dicke Kerl eigentlich war, bekam die Alte doch nicht heraus, dieweilen -ihr Augenlicht ja schon gar schwach war. Petz aber trabte weiter und in der -nächsten Gasse verschwand er im Hausflur. Finster war’s hier, und er brummelte -ein bißchen unwillig über die mangelnde Flur- und Treppenbeleuchtung, -dann aber gab eine Türe vor seiner stoßenden Nase nach, und er war in der -Wohnstube der Bürgersleute. Menschenleer auch hier alles, aber im Winkel dort -stand ein hölzernes Ding auf breiten Kufen. Das fing lustig an zu schwanken, -wie der Bär mit der Tatze danach langte und alsbald erscholl aus dem Innern des -Kastens ein schwaches Geschrei; der kleine Kerl in der Wiege war munter -geworden. Zuerst wunderte sich der Braune ein wenig, dann aber macht’ ihm die -Sache Vergnügen und er fing immer kräftiger an, die Wiege zu treten. Da gab’s -denn nun wohl bald ein lautres Geschrei bei dem Insassen, also, daß sich auf einmal -die Tür auftat und Anna Elisabeth Hungerin auf der Schwelle stand – deine -Ahne, Mensch! Die war heute nicht in der Kirche gewesen; hatte vielmehr ein -kräftig Wochensüpplein zu der Frau Schulmeisterin getragen. Auf dem Heimweg -dann hatte sie das Kindergezeter gehört und war in die Stube getreten. Muß ein -tapferes Weiblein gewesen sein, die Urahne, denn alsbald ist sie mit ihrem -Stecken auf den Braunen losgegangen und hat ihm das Fell zu gerben begonnen. -Vielleicht war’s mehr das Geschrei als die Schläge – aber jedenfalls ward der -Ausreißer zornig, ging vorne hoch und dann sauste seine Pranke auf das Haupt -der Angreiferin nieder. Dann hat er sie in Stücke gerissen und sich auch nicht -durch die heimkehrenden Kirchengänger stören lassen, bis ein Musketenlauf zum -Fenster hereinklirrte und die Kugel ihm das Lebenslicht ausblies. Seinen Schädel -kannst du jetzt noch am Augustusburger Schloßtor dir ansehn. Na, weißt du nu, -wie’s zugegangen?«</p> - -<p>Krach, saust es auf einmal zwischen uns zwei müde Jägersleute hernieder, -die wir eben von weiter Morgenbirsch heimkehren und uns den Weg durch alte -Geschichten kürzen. Ein vertrockneter Astzacken aus den hohen Kiefernwipfeln -über uns!</p> - -<p>»Ha, ha,« lacht der Vetter, »mein märkischer Wald mag es nicht leiden, daß -ich so viel hier von Kursachsen spreche. Glaub’s wohl, der Zipfel hier, so nah’ -an der kursächsischen Grenze, ist den preußischen Königen gerad’ zur Zeit unsres -Familienabenteuers oft ein Dorn im Auge gewesen. Die langen Kerle aus Potsdam -rissen nur gar zu gern hier herüber aus in die sächsischen Dörfer. Und der sächsische -Kurfürst wieder mußte sich ärgern über die vermaledeiten Werber, die gerade auch -von hier aus bei ihm einfielen und Jagd machten auf seine Landeskinder. ›Totschlagen -die Kerle, wo sie erwischt werden‹, war die Parole auf kursächsischer Seite, -da alle diplomatischen Vorstellungen in Berlin nichts fruchteten. Aber na, da ist -ja das Forsthaus – wünsche wohl zu ruhen, liebwerter Herr Vetter.«</p> - -<p>Es will gar nicht recht klappen dies Jahr mit der Birsch auf den Keiler, -und an manchem Abend sitzt der Vetter, der mich liebend gern zu Schuß bringen -möchte, auf dem ehrwürdigen Kanapee, pafft wie ein Vulkan und nimmt nicht<span class="pagenum" id="Seite_27">[27]</span> -die geringste Notiz von Waldine und Hexe, den beiden Dackeln, die rechts und -links von ihm Schönmännchen machen. Da hilft dann gewöhnlich nur ein Mittel, -ihn aufzuheitern: ein Abstecher in das Gebiet der Familiengeschichte. Es ist beinahe -rührend, diesen so weit von der Heimat verschlagenen Menschen zu beobachten, -wie er auflebt, kann er sich ein wenig in die Vergangenheit seiner und meiner -Familie versenken und einmal nach Herzenslust plaudern von unsern Ahnen, den -alten Freiberger Glockengießern Hilliger zumal, auf die er besonders stolz ist. Da -ziehen sie vorüber im Tabaksnebel des märkischen Forsthauses, die stolzen, alten Patrizier -aus der hochberühmten Silberstadt, die Trainer, die Theler, die Monhaupt, die -Schönlebe, und der Vetter klirrt förmlich durch die Stube, wenn er von Wenzel -von Allnpeck erzählt, der 1396 vor Nikopolis gegen den Türken fiel.</p> - -<p>Der Vetter hat übrigens unrecht, wenn er gestern gar so sehr auf sein Revier -schimpfte, das mir kein Weidmannsheil bringen will. Ich fühl’ mich gar wohl -hier auch ohne Bruch am Hut, und er, nun er liebt seinen Wald hier in der -dürren Zauche mit aller Kraft seines treuen Herzens. Unvergeßlich wird mir die -Überraschung bleiben, die ich am zweiten Abend hier erleben durfte, als mich der -Vetter durch die rotbestrahlten Altkiefern hinunterführte und ich dann auf einmal -am Ufer eines gewaltigen Sees stand, am Schwielow, dem Sohne der Havel, -dessen Geburtsstunde in stürmischer Springflutnacht uns der kurmärkische Wandersmann -Theodor Fontane so eindrucksvoll schildert in seinem Buch »Havelland«. -Ruhevoll gleiten ein paar Segel auf der Höhe dahin, aber auf dem modrigen -Grunde liegen, so erzählt es der Vetter, die Trümmer manch eines Lastkahnes, und -kalt rieselt es mir über den Rücken, denke ich an das Abenteuer, das ein -Bekannter in der Heimat in seinen Jugendjahren hier auf dem Schwielow -erlebt hat.</p> - -<p>Von Potsdam aus waren die zwei jungen Leute in der Mondnacht die Havel -hinabgefahren im leichten Ruderboot. Auf dem Schwielow dann hatten sie Lust -bekommen, ein Bad zu nehmen im sommerwarmen Gewässer. Gedacht, getan! -Bald schwammen sie lustig im See herum, über den der Vollmond seinen goldnen -Steg baute. Nach einem Viertelstündchen rüstigen Schwimmens beschloß man, zum -Boot zurückzukehren. Man machte Kehrt und schwamm auf die Stelle zu, da -man ins Wasser gesprungen. Hell war die Luft und leuchtend hüpften die -Wogen – aber das Boot, das Boot war weg. Herr des Himmels, wo war der -Kahn hin? So hoch sich die Schwimmer aus dem Wasser hoben, überall rundum -nur glitzernde Hügel, dahinter schwarzes unübersehbares Wasser. Guter Rat war -teuer. Man wußte nicht einmal mehr, wo man sich befand; was Nord war oder -Süd. Schwamm man jetzt quer zu dem See, so war’s eine Stunde noch nach -Baumgartenbrück; teilte man die Wogen in der Längsrichtung, so waren es zwei -Stunden bis hinunter nach Ferch. Und die Kräfte nahmen schon jetzt merklich -ab! Mein Bekannter schlug vor, zunächst einmal immer im Kreise zu schwimmen, -das Boot konnte ja nicht weit abgetrieben sein. Ach, gering war die Hoffnung, -immer mehr kostbare Kraft ging verloren. Da auf einmal hemmt ein dröhnender -Stoß an den Kopf den müdewerdenden Schwimmer – das Boot ist es, das Boot – -unsehbar treibt das dunkle Gefährt zwischen den glitzernden Springwogen. – – –</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[28]</span></p> - -<p>Eine Reise tut man ja wohl, um zu erkennen, daß es in der lieben Heimat -am allerbesten ist. So bin ich denn auch von Herzen froh, wie ich bei Großenhain -wieder auf sächsischen Schienen dahinrolle. Aber ach, was hat sich während der -stillen Urlaubswochen alles ereignet. Die fremden Völker sind eingefallen im lieben -Dresden, jetzt, da die Reichsmark so tief gesunken und das Leben in Deutschland -so angenehm geworden ist für einen, der »Valuta« besitzt. – Gottlob, alles können -sie uns doch nicht wegtragen! Wir haben noch Werte im Lande, nach denen -keiner der Fremden greifen mag, weil sie seiner Seele eben nichts bieten. Uns -aber gelten sie hoch und teuer, höher als alles kostbare Pelzwerk, höher als alle -Perlenschnüre und Diamantringe. Unsre Heimatflur ist es, unsre stillen Dörfer -und kleinen Städte draußen zwischen Heide, Wasser und Bergland. Dorthin -kommen sie nicht, die Hochvalutarier, und gerade daran kann ein Herz sich -stärken und genesen, das fast zerbrechen will manchmal in dem Jammer der Zeit -und in dem Drang einer verzweiflungsvollen, hoffnungslosen Arbeitslast. Sieh’, -so ein Abend auf der Kuppe eines grünumbuschten Heimatberges etwa, mit dem -Blick hinaus auf den unendlichen Frieden der stillen Flur, er ist dir doch hier -und da einmal beschieden, und wenn du es früher nicht so gewußt hast in den -»guten« Jahren, da du verreisen konntest nach Nord und Süd, so weit du nur -wolltest, jetzt fühlst du es mit einem Glücksgefühl ohne Gleichen: deine Heimat -ist dir geblieben und sie tröstet dich heut, wie einen seine Mutter tröstet. Du -erhebst dich voll Dank gegen Gott, aber du möchtest auch selbst etwas tun, um -dich der gebliebenen Gabe wert zu zeigen, du sinnst vielleicht, wie du es anfangen -sollst. Da kommt dir ein guter Geist zu Hilfe und flüstert ein Wort in dein Ohr, -das klingt so traulich und hold wie ein Kinderliedchen zur Weihnacht und wie -ein Abendlied in blühender Laube – »Heimatschutz« heißt es, das Wort! In -die Stadt kehrst du heim; in eine Altdresdner Gasse lenkst du den Schritt, vor -ein Haus mit hallendem Flur und dunkelnden Stiegen. Du klopfst an der Tür, -man tut dir auf und auf einmal ist dir’s so wohl, so heimlich unter den Menschen, -die da in später Stunde noch schaffen. Im Heimatschutz bist du hier, Freund, -beim Treuhänder all der ungeheuren Goldschätze, die du auf deiner Streife soeben -erst geahnt hast. Unverdrossen arbeiten sie hier, die Werkleute, mit Liebe zu ihrer -Sache im Herzen, und immer einmal huscht dann und wann nach getanem eignen -Tagewerk noch einer der Mitkämpfer über die Schwelle, einer aus den Ausschüssen, -aus dem Gesamtvorstand. »Unser aller Leben ist reicher geworden, meine Freunde, -seit wir dem Heimatschutz dienen,« so sprach einer der unsern, ein Junggebliebner -im schneeweißen Bart, erst vor ein paar Monaten es aus. Damals saß er auch -noch unter uns, Freude im Blick und heitre Rede auf den Lippen, unser Führer, -den wir im Spätjahr auf immer verloren, aber dessen Geist weiter unter uns -wirkt und wirbt, und dessen Andenken in Segen bleiben wird unter uns – -Karl Schmidt, der getreue Eckart der Heimat. Schöner als aus Menschenmund -tönt ihm sein Lob im Rauschen der alten Bäume draußen im Land, die er vor -der Axt bewahrt hat und im Sprudeln des Baches, den er vor Schändung durch -giftige Abwässer behütet. Er ruhe in Frieden – sein Werk ist sein schönstes und -bleibendstes Mal!</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_29">[29]</span></p> - -<p>Ja, nicht undankbar wollen wir sein. Manch stille gute Stunde hat uns -Heimatfreunden das Jahr 1922 doch auch noch gebracht. Wie denke ich da heute -so gern an den Tag in der Adventszeit, da ich den Markt zu Stolpen hinanklettern -sah nach der Burg mit seinen rührenden Häuschen, auf denen der rote Morgensonnenschein -lag, und an dem ich durch die stillen Gassen schritt, bis hin zum -grünüberwucherten Tor. Hier war es auch, wo ich eine nicht unbedeutende Neuerwerbung -machte, die für den Heimatfahrer beinahe so wichtig ist, wie ein Gaul -für den Reiter – einen neuen Wanderstab! Seit vorigem Spätjahr fehlte mir -einer – gar zu rasch war die Flucht aus dem Jagdwagen vor sich gegangen, -drüben im Meißner Tiefland, als uns auf der offnen Bahnstrecke vor der großen -Kurve auf einmal die glühenden Augen des Dresdner Zuges entgegensprühten, -und als dann in übelangebrachter Pflichtnachholung der Blockwärter die Schranke -gerade herunterließ, als wir im Galopp über die Schienen jagen wollten. Gott -Lob konnten wir das Pferd noch aufs Nebengleis herumwerfen und das brave -Rößlein hielt auch ruhig den vorbeischmetternden Zug aus – aber mein alter -Hakenstock war bei der Geschichte verlorengegangen! Schwächlich nur war der -Ersatz gewesen aus fremdem Rebenholz; einen richtigen Eichenstock mit Buckeln, -Krümmung und Knoten kriegt man, glaub ich, in der Großstadt gar nicht. Hier -nun in Stolpen fand ich ihn, fest und stark, wie für Geschlechter berechnet in seiner -tiefdunklen Edelfärbung. Und ich hoffe allen Ernstes, er soll sich in meinem bescheidnen -bürgerlichen Familienkreis vererben, wie die hirschlederne Reithose des ritterlichen -Dichtersmannes aus dem Stamm der Münchhausen. Wenigstens einer meiner -Nachfahren wird doch mal ein Jäger sein und ein Wandrer, wie sein Ahn, und -dann werden sie sich auch erzählen von der Zeit der schweren Not, da dieser -Stecken erworben ward für vierhundertundfünfzig Reichsmark, eine Summe, um -die sie dann hoffentlich wieder im deutschen Land eine Kuh kaufen können mit -Kalb, denn Bauer soll doch auch wieder mal einer werden von ihnen!</p> - -<p>Mit dem Stock in der Hand hoff’ ich aber vorher noch selbst manche Straße -zu ziehen im lieben Heimatland, noch manch stillen Birschgang zu machen im -Heimatwald, dessen grüne Hallen sich erst kürzlich mir wieder geöffnet haben in -einem neuen, schönen Revier voll reicher heimatgeschichtlicher Erinnerung – – – ich -glaube wahrhaftig, ich bin doch noch recht reich, selbst in der Zeit der schweren Not!</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Hiddensee_die_Insel_der_Heimatsehnsucht">Hiddensee, die Insel der Heimatsehnsucht</h2> -</div> - -<p class="center">Von <em class="gesperrt">A. Klengel</em></p> - -<p class="center smaller">Mit Aufnahmen des Bundes für Vogelschutz, Stuttgart</p> - -<p>Draußen in der Ostsee, der Insel Rügen westlich vorgelagert, liegt das siebzehn -Kilometer lange und sehr schmale Eiland Hiddensee, erst seit wenigen Jahren -ein Reiseziel erholungsbedürftiger Naturfreunde.</p> - -<p>Wer hat wohl früher von diesem weltfernen Ländchen etwas gehört, das sich -in seiner insularen Abgeschiedenheit nicht nur die erhabene ernste Einsamkeit unberührter -Natur, sondern auch das ursprüngliche Volkstum trefflich bewahrt hat! -Hin und wieder las man wohl, daß die dort geborenen Schiffer, die in die Fremde<span class="pagenum" id="Seite_30">[30]</span> -verschlagen wurden, all ihr Leben lang mit unwiderstehlicher Sehnsucht an »dat -söte Länneken« denken und nichts sehnlicher wünschen, als dorthin zurückzukehren, -um ihren Lebensabend, wenn auch noch so bescheiden, in der teuren Heimat zu -beschließen. <em class="gesperrt">So gilt Hiddensee immer als ein Wahrzeichen der -Heimatsehnsucht und hoher hehrer Heimatliebe.</em> Und wer Goethe -gründlicher liest, der findet in den »Maximen und Reflexionen« den Satz: »Liebes -gewaschenes Seelchen ist der verliebteste Ausdruck auf Hiddensee«. Wenn auch -hier eine sehr freie Übersetzung des plattdeutschen Satzes »min lewet wittet Seelken« -vorliegt – man wird das Wort »wittet« besser in »weißes oder unschuldiges« -übertragen – so spiegelt sich doch in dem Ausdruck ein sittenstrenges und edles -Volk wieder.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-033"> - <img class="w100" src="images/illu-033.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 1 <b>Rauchhaus des Fährmanns Johann Gau auf der Fährinsel bei Hiddensee</b></div> -</div> - -<p>Verschiedene Wege führen nach Hiddensee! Von Stralsund aus stellt der -Dampfer »Caprivi« die Verbindung her; ein anderer Weg zu Schiff führt von -dem, durch das sächsische Kinderheim bekannten Rügendörfchen Wieck dorthin. -Der rüstige Fußgänger wandert wohl auch von der rügenschen Kleinbahnstation -Trent aus durch ährenschweres Land und an mit Storchnestern gezierten uralten -Bauerhöfen vorüber nach dem Seehof und läßt sich von dort aus zwischen Vitter -und Schaproder Bodden über den »Trog« durch die Fährleute der kleinen, zu -Hiddensee gehörenden Fährinsel in das Märchenland hineinsegeln.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-034"> - <img class="w100" src="images/illu-034.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 2 <b>Die Verlandung durch die Pflanzenwelt</b> (Ein Teil des Gellens; die langgestreckte Insel ist der Gänsewerder)</div> -</div> - -<p>Die Natur der nur etwa sechzehn Quadratkilometer großen Insel ist außerordentlich -abwechslungsreich; man findet hier in kleinerem Kreise alle die Schönheiten -und Eigenheiten wieder, welche der Ostseeküste ihren Reiz und ihren Zauber -verleihen. Im Norden erhebt sich das bis zweiundsiebzig Meter aufsteigende und weithin -vom Meer und von den rügenschen Bergen aus sichtbare, von einem Leuchtturme -gekrönte Dornbuschhochland, eine aus Mergel, Ton und Geschiebesteinen aufgebaute -Höhengruppe, die nach der Küste zu steil abfällt. Stattlicher Kiefernhochwald, mit -dünner Grasnarbe bedeckte und von Ginsterbüschen umrahmte Weidetriften, sanfte -Täler und vom ewigen Wind umbrauste kahle Höhen wechseln ab mit steil zum Meer -abfallenden, von Sanddorn umwucherten Schluchten, hohen nackten Uferabstürzen -und ewig bewegten Dünenbildungen. Und wo immer der Blick hinausschweift in -die Weite, dehnt sich das endlose gewaltige Meer aus; an der Westküste im ewig -gleichen Spiel seiner Wellen den Steinstrand umschmeichelnd und am Lande nagend, -an der Ostseite, im Schutze des Hochlandes und der Insel Rügen, still und blank -in der Sonne glitzernd. Wo findet man wohl sonst auf gleich engem Raume -so vielen bunten Wechsel in der Landschaft, wo wandelt sich die Natur so auf -Schritt und Tritt und bietet Bilder, die von sanfter Anmut aufsteigen bis zur -gewaltigen heroischen Wucht, vor der uns die Kleinheit unsres Menschendaseins so -recht bewußt wird! Und welch’ abwechslungsreiche Bilder bietet das Land im -Wandel des Jahres! Bald liegt glühender Sonnenglast auf den Bergen, der uns -im Schatten der Kiefern vergessen läßt, daß wir auf einem kleinen Eiland stehen. -Zur Herbst- und Frühlingszeit toben die gewaltigen Äquinoktialstürme über die -Insel, Naturgebilde und Menschenwerk auf ihre Festigkeit erprobend. Und wenn -der klare Sommertag zur Rüste geht, bietet sich dem entzückten Auge vom Dornbusch -aus ein Sonnenuntergang von überwältigender und unvergeßlicher Schönheit.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_34">[34]</span></p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-035"> - <img class="w100" src="images/illu-035.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 3 <b>Die Dünenbildung des Windes</b> (bei Neuendorf)</div> -</div> - -<p>Wahrlich, schon der Dornbusch allein ist ein Stück Erde nach dem man -Sehnsucht, nach dem man Heimweh haben kann und der fühlende Mensch verspürt -einen Hauch von der Heimatliebe der Hiddenseer Einwohner, er lernt das Wort -begreifen, das einst der rügensche Dichter Lappe in seiner »Agnete« dem zurückkehrenden -Insulaner in den Mund legte:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Wo wollt’ ich ruhen,</div> - <div class="verse indent0">Wo sollt’ ich lieben,</div> - <div class="verse indent0">Wo könnt’ ich sterben</div> - <div class="verse indent0">Denn nur auf dir!</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Zu Füßen des Dornbuschhochlandes liegen das Fischerdörfchen Grieben und -die älteste Siedlung der Insel, Kloster mit seinem schlichten turmlosen Kirchlein, -einem großen, dem Provisoriat des Klosters zum Heiligen Geist in Stralsund -gehörigen Rittergute, zahlreichen neuen, schmucken Landhäusern und einigen neuzeitlichen -Gasthöfen. Dem Dörfchen Kloster und dem weiter südlich gelegenen, aus -verstreuten Häusern bestehenden Ort Vitte hat der beginnende Fremdenverkehr -bereits seinen Stempel aufgedrückt, noch findet man aber hier wie in Grieben und -in dem noch südlicher gelegenen Dörfchen Plogshagen zahlreiche alte niedrige, schilfgedeckte -und dornenumhegte Fischerhütten von malerischer Schönheit. Von dem -für Rügen und Hiddensee charakteristischen uralten schornsteinlosen Rauchhaus ist -freilich im vorigen Jahre der letzte Vertreter verschwunden. Auch die alte Vitter -Windmühle steht still und hat ihre Flügel verloren, obwohl es dem Müller auf -dieser »Insel im Winde« wahrscheinlich selten einmal an Betriebskraft gefehlt hat.</p> - -<p>Ein neues Bild entrollt sich vor unsern Augen! Südwärts von Vitte dehnt -sich eine weite Heidelandschaft aus. Die violette Heide wechselt mit der rosaroten -Glockenheide, mit Wacholder, Birken und der für Hiddensee eigentümlichen niedrigen -apfelroten Heckenrose. Um einen kleinen Süßwassersee inmitten der Heide wuchert -der Porst, die duftige Totenmyrte, und der zarte Sonnentau. Die Einsamkeit der -Heidelandschaft schlägt den Besucher in ihren Bann! Inmitten dieses wundersamen -Landstrichs steht das Gasthaus zur Heiderose, der Sitz einer kleinen Künstlerkolonie, -des Hiddenseer Künstlerinnenbundes, dem der Kunstfreund schon viel Schönes aus -der Natur und dem Volkstum Hiddensees verdankt.</p> - -<p>Südlich der anschließenden Dörfer Plogshagen und Neuendorf verschmälert -sich das Land; dort liegt der etwa sieben Kilometer lange Gellen, eine unbewohnte, -mit Gras bewachsene Halbinsel. Ein langer Steindamm schützt den mit der schönen -Stranddistel reich bewachsenen Weststrand vor der Wucht der Wellen und eine -schmale Kiefernpflanzung hält die zerstörenden Stürme ab.</p> - -<p>Diese Schutzmaßnahme war zur Erhaltung der Insel dringend erforderlich, -wurde doch im Jahre 1878 die Insel südlich von Neuendorf beim sogenannten -»Schwarzen Peter« von einer Sturmflut durchbrochen. Das Meer bezahlt seine -Zerstörungsarbeit mit reichen Geschenken, anderwärts wirft es Bernstein an den -Strand, in Hiddensee schenkte es im Jahre 1872 eine goldene Kette, die bei einer -Sturmflut zutage kam und heute eine Hauptsehenswürdigkeit des Provinzialmuseums -zu Stralsund bildet. Ihr Alter ist mit Sicherheit nicht zu ermitteln; man nimmt -jedoch an, daß sie schon aus dem zehnten Jahrhundert stammen kann.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_35">[35]</span></p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-037"> - <img class="w100" src="images/illu-037.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 4 <b>Die Hakenbildung des Meeres durch Anschwemmung</b></div> -</div> - -<p>Der Hiddenseer Goldschmuck gibt Anlaß, einen kurzen Blick in die reiche -Geschichte der Insel zu werfen, die wohl schon seit den Tagen der Urzeit immer -mit der Rügens verbunden war. Funde von Steinwerkzeugen und Tonscherben -deuten darauf hin, daß Hiddensee schon in der Urzeit besiedelt war, doch ist nicht -erwiesen, ob germanische oder keltische Stämme das Eiland Heimat nannten. Mit -der Völkerwanderung faßten die slawischen Wenden auf Hiddensee und Rügen festen -Fuß bis nach der Eroberung der nahen Tempelburg Arkona und der Zerstörung<span class="pagenum" id="Seite_36">[36]</span> -des Nationalheiligtums des Gottes Swantewit durch den Bischof Absalon von -Roeskilde am 14. Juni 1168 Rügen und damit Hiddensee unter dänische Herrschaft -kam. Im Jahre 1296 schenkte der Rügensche Fürst Wizlaw die Insel Hiddensee -dem Zisterzienserorden zur Anlegung der Abtei Kloster auf Hiddensee. Nur wenige -Überreste des einst mächtigen und reichbegüterten Klosters, dem die päpstliche goldene -Rose zuteil wurde und dessen Abt den Bischofsstab führte, sind auf unsre Tage -gekommen, ein alter verwitterter Torbogen und der Grabstein des letzten Abtes. -Das Kloster unterstand ursprünglich dem Bischof von Roeskilde und kam später -unter das Bistum Kammin. Nach Aufhebung des Klosters im Jahre 1536 kam -Hiddensee an die pommerschen Herzöge, geriet 1648 unter schwedische Herrschaft, -worunter es bis 1815 verblieb. In den nordischen Kriegen errichteten die Schweden -auf der Fährinsel und gegenüber am Seehof auf Rügen zum Schutze der Durchfahrt -große Schanzen, die heute noch erhalten sind. Also auch von kriegerischen Drangsalen -ist Hiddensee nicht verschont geblieben. Noch am 17. August 1870 kam es in seiner -Nähe zu einem kleinen Seegefecht zwischen französischen Kriegsschiffen einerseits -und dem deutschen Aviso »Grille« und Strandbatterien anderseits.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-038"> - <img class="w100" src="images/illu-038.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 5 <b>Lachmöwe am Nest</b></div> -</div> - -<p>Die Sage berichtet, daß die unermeßlichen Schätze des Klosters bei seiner -Aufhebung auf der Insel vergraben wurden; der Aschkoben, ein Hügel am Dornbusch -soll sie beherbergen und die aufgefundene Kette soll ein Teil davon sein. Fast der<span class="pagenum" id="Seite_37">[37]</span> -ganze Landbesitz von Hiddensee gehört heute dem Provisoriat des Klosters zum -Heiligen Geist und damit zum Besitze der Stadt Stralsund.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-039a"> - <img class="w100" src="images/illu-039a.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 6 <b>Austernfischer am Nest</b></div> -</div> - -<p>Wer die echte und ursprüngliche Bevölkerung Hiddensees in ihrer Natürlichkeit -und Biederkeit kennen gelernt hat, muß sie liebgewinnen, die sturmerprobten, -wetterzerzausten Fischergestalten und die blonden stattlichen Frauen. An der häufigen -Wiederkehr derselben Familiennamen – fast unzählige Male kommt der Name -Gau und Schluck vor – merkt man, daß eine Vermischung mit fremden Elementen -zu den Seltenheiten gehört. In ihren Fischer- und Schiffsgenossenschaften liegt<span class="pagenum" id="Seite_38">[38]</span> -noch ein Stück alten Patriarchentums, ein goldenes Stück großen Familiensinns. -Möge es immer so bleiben, mag auch die neue Zeit, unter der Hiddensee als Badeinsel -Mode geworden ist, nichts daran ändern.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-039b"> - <img class="w100" src="images/illu-039b.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 7 <b>Fluß-Seeschwalbe</b></div> -</div> - -<p>Eine Idylle für sich bildet die Fährinsel bei Hiddensee, und ein Stück -unverfälschten Inselvolkstums ist verkörpert in dem alten Fährmanne »John Jau« -(Johann Gau), der dort in seiner wohnlicher gestalteten Rauchkate haust und in -der übrigen, kaum ein halbes Dutzend Köpfe zählenden Fährinselbevölkerung.</p> - -<div class="figcenter illowp60" id="illu-040"> - <img class="w100" src="images/illu-040.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 8 <b>Halsbandregenpfeifer am Nest</b></div> -</div> - -<p>Daß bei der insularen Abgeschlossenheit Hiddensees auch die Gemütswerte der -Bevölkerung unverfälscht erhalten geblieben sind, ist wohl selbstverständlich. Wie -auf den vom Verkehr abgelegenen Teilen Rügens, so hat auch hier die Sage noch -eine treffliche Heimstatt. Schier unerschöpflich ist der Born, aus dem die Sagen -von der Riesin Hitthim, von Spukgestalten und andern weltentrückten Geistern -der Vorzeit sprudeln. Wundern wird dies den tiefer schürfenden Beobachter nicht, -ist doch Hiddensee mit den alten Kulturen eng verbunden. Nicht allzu weit auf -Arkona liegen die Trümmer der schon hochentwickelten wendischen Kultur und -drüben von Rügen, von Hiddensee aus sichtbar, grüßen die Hünengräber, Zeugen -eines noch viel älteren germanischen Daseins herüber. »Altgermanische Vorfahren -haben die Hünensteine zusammengewälzt, sei es als Gedächtnismale gefallener Helden, -sei es als Altäre der bildlosen großen Gottheit, die sie im dumpfen Ahnen besser -und klarer erkannten, als römische und hellenische Weisheit in all ihrer Pracht -und Herrlichkeit sie faßten.« Darf es uns wundernehmen, daß Reste dieser Kulturen<span class="pagenum" id="Seite_39">[39]</span> -ihren Niederschlag fanden im seelischen Leben und im Gemütsempfinden der -unberührten einsamen Inselbevölkerung!</p> - -<p>Hiddensee hat in der Literatur schon mehrfach eine Rolle gespielt, von den -rügenschen Dichtern Kosegarten und Lappe an, die noch im achtzehnten Jahrhundert -lebten, bis in unsre Tage. Am meisten bekannt geworden ist es jedoch durch -Gerhart Hauptmanns Drama »Gabriel Schillings Flucht«, das auf Hiddensee spielt. -Der zu den ständigen Besuchern Hiddensees zählende Dichter hat mehrere seiner -Werke hier vollendet und den Namen seines »Schluck und Jau« der Inselbevölkerung -entlehnt.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-041"> - <img class="w100" src="images/illu-041.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 9 <b>Junge Lachmöwen</b></div> -</div> - -<p>In der weiteren Öffentlichkeit bekannt wurde Hiddensee aber durch die -Bestrebungen zum Schutze der Seevogelwelt, welche seit 1911 von den deutschen -Vogelschutzverbänden, wie dem Bund für Vogelschutz, dem Naturschutzbund Hiddensee, -dem Ornithologischen Verein Stralsund usw. auf Hiddenseer Boden unternommen -werden. In Frage kommen dafür in der Hauptsache die Fährinsel, die Südspitze -der Halbinsel Gellen mit dem Gänsewerder und die Halbinsel Altbessin. Der einst -dort vorhandene gewaltige Reichtum an brütenden Seevögeln, namentlich an -Sturm- und Lachmöwen, Seeschwalben, Strandläufern, Austernfischern, Rotschenkeln, -Regenpfeifern, Enten, Sägern usw. war durch Eierraub und verbotswidrigen Abschuß -soweit zurückgegangen, daß dringende Hilfe not tat, wenn man dem völligen Untergange -der die Gestade der Insel und das Meer selbst in wundervoller Weise belebenden -Vogelwelt nicht tatenlos zusehen wollte. Unter Aufwendung erheblicher Kosten -wurden Ländereien gepachtet und vom Jagdrecht ausgeschieden, Drahtzäune angelegt, -Wärter und Aufsichtsbeamte angestellt usw. Diesen Bemühungen ist es zu danken, -daß der Bestand an Brutvögeln wieder erfreulich gestiegen ist. Die Erfolge könnten -noch größer sein, wenn die nötigen Geldmittel vorhanden wären, die es ermöglichten, -den durch die heute zu beobachtende Verwilderung der Rechtsbegriffe und Sitten -entstandenen Mißhelligkeiten einen wirksamen Damm entgegenzusetzen. Hoffentlich<span class="pagenum" id="Seite_40">[40]</span> -kommen auch hier einst bessere Zeiten zum Segen unsrer schwer bedrängten Seevogelwelt, -zum Besten des deutschen Naturschutzes!</p> - -<p>Jeder Naturfreund, jeder für landschaftliche Schönheiten und Eigenarten -empfängliche Mensch, der Hiddensee kennen gelernt, muß die kleine Insel lieben. -Die Hiddenseer Tage werden ihm unvergeßlich bleiben und auch in ihm wird -nachklingen, was Siegfried Mauermann in seinem tiefempfundenen Gedichte von -Hiddensee sagt:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Ein Wundereiland hat mein Fuß betreten,</div> - <div class="verse indent0">Mein ganzes Wesen ist der Welt entrückt.</div> - <div class="verse indent0">Und mich durchglüht ein ungewolltes Beten.</div> - <div class="verse indent0">Fragt nicht, warum: ich fühl’s und bin beglückt.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Ihr schaut von Hügeln auf den Glanz der Wogen,</div> - <div class="verse indent0">Ihr rühmt der Schluchten Absturz in das Meer,</div> - <div class="verse indent0">Bespülter Buchten weite, sanfte Bogen;</div> - <div class="verse indent0">Der Blick ist reich. O sei das Herz nicht leer.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Ihr hört das Tosen und das Wellenrauschen,</div> - <div class="verse indent0">Der Zweige Flüstern leis’ im Abendwind;</div> - <div class="verse indent0">Ihr wißt dem Vogelzwitschern fein zu lauschen,</div> - <div class="verse indent0">Ihr hört mit Ohren, die voll Weisheit sind.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Ihr pflückt euch Ginster, Ähren, Immortellen,</div> - <div class="verse indent0">Der Heckenrose luftiges Gebild.</div> - <div class="verse indent0">Ihr laßt euch schaukeln von bewegten Wellen,</div> - <div class="verse indent0">Euch blinkt die Abendsonne glitzernd, mild.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Und all’ dies, alles schildert ihr begeistert.</div> - <div class="verse indent0">Ich bleibe selig überwältigt, stumm.</div> - <div class="verse indent0">Und wenn mein Mund nicht schöne Worte meistert –</div> - <div class="verse indent0">Ich bin beglückt, ich fühl’s; fragt nicht warum!</div> - </div> -</div> -</div> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-042"> - <img class="w100" src="images/illu-042.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_41">[41]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Unsre_Elbvoegel_einst_und_jetzt">Unsre Elbvögel einst und jetzt!</h2> -</div> - -<p class="center">Von Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">Bernhard Hoffmann</em></p> - -<p>Unter dem »einst« ist nicht etwa der Beginn unsrer Zeitrechnung, sondern -die zweite Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts zu verstehen, zu welcher Zeit der -ehemalige Rektor der Meißner Fürstenschule, namens Fabricius, Annalen der -Stadt Meißen verfaßte, worin auch die damals an und auf der Elbe bei Meißen -vorkommenden Vögel aufgeführt werden. Die Schrift ist lateinisch geschrieben. -Nachstehend gebe ich eine kleine Probe des wohl ältesten Verzeichnisses sächsischer -Vögel, das alphabetisch geordnet ist:</p> - -<ul class="nomark"> -<li>Brandgense / <em class="antiqua">a colore nigricante</em> / <em class="antiqua">vt</em> Brandhirsch / Brandfuchs.</li> -<li>Bachsteltze / Wassersteltze / <em class="antiqua">Saxonibus</em> / ein ackermencken / <em class="antiqua">Motacilla Juneo. Viridis</em>. -<ul class="nomark"> -<li><em class="antiqua">Flava</em> / <em class="antiqua">a colore ventris</em>.</li> -</ul> -</li> -<li>Eisvogel / <em class="antiqua">Halcedo</em>, <em class="antiqua">Ispis</em>.</li> -<li>Ente / <em class="antiqua">Anas</em>. -<ul class="nomark"> -<li>Großente / <em class="antiqua">Anas magna Penelops: insigni collo propter colorem puniceum et viridem</em>.</li> -<li>Mittelente / <em class="antiqua">Boscas</em> / <em class="antiqua">Anas mediocris</em>.</li> -<li>Krucentlein oder Krichentlein / <em class="antiqua">Querquedula Varroni</em> / <em class="antiqua">anas parva</em> usw.</li> -</ul> -</li> -</ul> - -<p>Nach dieser Probe sind die von Fabricius genannten Arten nicht schwer zu -erkennen, wennschon z. B. unter »Brandgense« nicht unsre heutigen »Brandgänse«, -sondern Ringelgänse zu verstehen sind. Daneben aber führt Fabricius noch manche -Namen an, deren Deutung sehr große Schwierigkeiten bereitet; es seien z. B. erwähnt: -Facke, Münchle, Pilwenckgen, Racke, die verschiedenen Arten der »Reiger«, Schnetz, -Tittiluen usw. In einigen Fällen dürften Schreib- oder Druckfehler vorliegen; es -muß beispielsweise wahrscheinlich heißen: Focke, Schnertz, Tittilgen usw. Doch -soll auf all die Schwierigkeiten der Übersetzung und Deutung hier nicht eingegangen -werden<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a>. Dagegen dürfte das Endergebnis der Untersuchung auch weitere Kreise -fesseln. Die seinerzeit an und auf der Elbe bei Meißen beobachteten Vögel sind -die nachstehend verzeichneten:</p> - -<ul class="nomark"> -<li>Schwalben</li> -<li>Krähen (?)</li> -<li>Weiße Bachstelze</li> -<li>Gebirgsbachstelze</li> -<li>Kuhstelze</li> -<li>Rohrammer</li> -<li>Wasseramsel</li> -<li>Mauersegler</li> -<li>Eisvogel</li> -<li>Gem. Kranich</li> -<li>Wiesenralle</li> -<li>Bläßhuhn</li> -<li>Grünfüß. Teichhuhn</li> -<li>Brauner Sichler</li> -<li>Löffler</li> -<li>Schwarzer Storch</li> -<li>Weißer Storch</li> -<li>Nachtreiher</li> -<li>Große Rohrdommel</li> -<li>Fischreiher</li> -<li>Purpurreiher</li> -<li>Flußuferläufer</li> -<li>Rotschenkel</li> -<li>Bekassine</li> -<li>Flußregenpfeifer</li> -<li>Kiebitz</li> -<li>Höckerschwan</li> -<li>Singschwan</li> -<li>Bläßgans</li> -<li>Graugans</li> -<li>Ringelgans<span class="pagenum" id="Seite_42">[42]</span></li> -<li>Saatgans</li> -<li>Krickente</li> -<li>Löffelente</li> -<li>Moorente</li> -<li>Schnatterente</li> -<li>Stockente</li> -<li>Tafelente</li> -<li>Großer Säger</li> -<li>Mittler Säger</li> -<li>Zwergsäger</li> -<li>Flußscharbe</li> -<li>Dreizehenmöwe (?)</li> -<li>Heringsmöwe</li> -<li>Lachmöwe</li> -<li>Silbermöwe</li> -<li>Sturmmöwe</li> -<li>Flußseeschwalbe</li> -<li>Zwergseeschwalbe</li> -<li>Rothalstaucher (?)</li> -<li>Schwarzhalstaucher</li> -<li>Zwergtaucher</li> -</ul> - -<p>Fast könnte diese stattliche Liste den Neid der Gegenwart erwecken! Nicht -weniger als über fünfzig verschiedene Vogelarten haben im sechzehnten Jahrhundert -die Elbe und ihre Ufer belebt, darunter recht ansehnliche Vögel, wie z. B. die verschiedenen -Gänsearten, Reiher, Störche, Schwäne usw.! Damals freilich war der -Elbstrom und seine Ufer noch in dem Zustand, wie ihn Mutter Natur geschaffen -hatte. Sie boten Nahrung, Unterschlupf, Verstecke und Nistgelegenheiten in Hülle -und Fülle. Aber die Zeit, die uns die gemauerten Steindämme der Flüsse, das -Ausfüllen von Teichen und stillstehenden Gewässern mit Schutt usw. bzw. ihre -Urbarmachung, ferner die Zunahme der Besiedelung und damit der Anwohner am -Strom entlang, das Beseitigen der Heger und Kiesbänke im Strombett und noch -manche andre hier in Betracht kommende Änderung gebracht hat – sie hat auch -im Vogelbestande Wandel geschaffen, leider in einer sehr betrüblichen Weise! Sieht -man von ganz vereinzelt auftretenden Stücken ab, so ist der weitaus größte Teil -der oben genannten Arten von der mittleren Elbe gänzlich verschwunden, wie z. B. -die Kraniche, Löffler, Nacht- und Purpurreiher, die Schwäne, Gänse, Flußscharben -und vor allem auch die Seeschwalben. Andre sind auf der Elbe in der Hauptsache -nur Wintergäste, wie z. B. die Säger, Bläßhühner, Zwergtaucher und die Scharen von -Stockenten. Nur ganz wenige Arten trifft man noch jetzt in geringerer oder größerer -Zahl während des Sommers an der Elbe an; ich nenne u. a. die Schwalben, Bachstelzen, -Krähen, Flußregenpfeifer und Lachmöwen. Einen Teil der andern von -Fabricius aufgeführten Arten finden wir glücklicherweise noch heute in und an -den Teichen und Seen, insbesondre der Lausitz, von Moritzburg bis hinter nach -Königswartha, Baselitz usw., darunter vor allem die verschiedenen Entenarten, die -Taucher, die Bekassine, die Rohrdommel, den Rotschenkel, den Kiebitz, das Bläßhuhn -usw. Möchten ihnen wenigstens diese Wohn- bzw. Zufluchtsstätten für alle -Zeit erhalten bleiben und sie selbst sich eines dauernden Schutzes erfreuen, damit -unser Sachsenland an diesem Teile der Vogelwelt nicht auch noch vollständig verarmt!</p> - -<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Man vergleiche hierüber den im Journal für Ornith. 1923, S. 1–10 veröffentlichten -Auszug aus meiner umfangreichen Arbeit »Das älteste sächsische Verzeichnis von Vögeln, die ums -Jahr 1564 auf und an der Elbe bei Meißen vorgekommen sind«.</p> - -</div> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Der_Kiebitz_als_Brutvogel_im_Moritzburger_Gebiet">Der Kiebitz als Brutvogel im Moritzburger Gebiet</h2> -</div> - -<p class="center">Von <em class="gesperrt">Paul Bernhardt</em></p> - -<p class="center smaller">Mit Aufnahmen des Verfassers</p> - -<p>Der Monat Februar geht zu Ende. Ein sonniger Tag lockt mich hinaus ins -Beobachtungsgebiet. Gefiederte Freunde, die Kiebitze, sind nach den Aufzeichnungen -meines ornithologischen Tagebuches heute zu erwarten. Vor mir liegt der Großteich<span class="pagenum" id="Seite_43">[43]</span> -im Sonnenschein, befreit von der starren Eisdecke, die monatelang jegliches Leben -bannte. Doch so ohne Kampf räumt der Winter das Feld nicht. Weiße Flecken -in der Landschaft zeigen seine Spuren.</p> - -<p>Ein nordischer Wintergast, der Zwergsäger, ist immer noch zwischen den -Schellenten auf der Wasserfläche zu beobachten. Die dürren Rohrstengel bewegt -ein eisiger Wind hin und her; er verdeckt die wärmende Sonne mit dunklen Wolken -und treibt leichte Schneeschauer übers Land. Schon zweifle ich an der Ankunft -des Kiebitzes, da entdecke ich ihn durchs Glas am jenseitigen Ufer. Dort steht -der prächtige Vogel mit seiner schönen Schwarzweißfärbung, der stahlblauen Oberseite -und dem zierlichen Federschopfe – der Harlekin unter den Vögeln. Er hat Wort -gehalten. Wenn es das Wetter nur einigermaßen gestattet, kehrt er jedes Jahr -am 28. Februar zurück. Den Körper fast wagrecht auf den Ständern, die Brust -etwas nach vorn gebeugt, steht er mit eingezogenem Kopfe ruhig im dürren -Riedgrase. Heute spürt er keine Lust zum gaukelnden Fluge; die lange Reise und -das unfreundliche Wetter sitzen ihm noch in den Gliedern. Nur um den Hunger -zu stillen, trippelt er nach dem Teichrand und sucht im angeschwemmten Geäste -nach Nahrung. Bald nimmt er wieder die Ruhestellung ein. In den nächsten -Tagen sind auffällig viel Kiebitze im Gebiet; es sind meistens Durchzügler. Die -heimischen Brutpaare kehren zuerst zurück.</p> - -<p>Nach drei Wochen ist unser Kiebitz kaum wiederzuerkennen. Der Frühling -hat es ihm angetan. Die Sonne scheint wärmer, und an der Tiergartenmauer -blühen schon die ersten Veilchen. Der Kiebitz hat eine Gefährtin gefunden und -behauptet als Platzhahn sein Gebiet gegen jeden Eindringling. Die Nordostecke -am Großteich, von wo er alles überblicken kann, hat er sich ausgewählt. Für -ihn ist jetzt Wonnemonat; sein Gefieder steht in voller Pracht und liebestrunken -verlebt er die kommenden Tage. In ganz eigenartiger Weise wirbt er um die -Gunst seiner Gefährtin. Die Liebe nimmt ihn völlig gefangen und treibt ihn zu -den tollsten Liebesspielen. Eine närrische Balz beobachtete ich am 25. März 1921: -Auf der noch grauen, sumpfigen Wiese steht ruhig das kleinere, weniger lebhaft -gefärbte Weibchen, nicht weit davon das Männchen im Prachtkleide. Mit vorgebeugter -Brust erhebt es sich, fliegt wuchtelnd kurz über dem Boden hin; plötzlich -geht es mit schneidendem »knū’it« im 45°-Winkel in die Höhe, und nun folgt ein -Gaukeln und Stürzen in der Luft, so daß der Beobachter verwundert den Kopf -schüttelt. Im tollen Übermut ruft der Kiebitz seinen Balzruf: knū’it, knū’it in den -sonnigen Frühlingstag, vollführt den schönsten Sturzflug und steht plötzlich wieder -neben dem Weibchen, um hier sein närrisches Liebesspiel fortzusetzen. Mit gesenkter -Brust, das frische Weiß der Schenkel zeigend, führt er einige kippende Verbeugungen -vor seiner Schönen aus, stößt mehrmals mit dem Schnabel nach unten und macht -eine Bewegung, als würfe er dürre Grashalme hinter sich. Plötzlich drückt er den -ganzen Körper tief an den Boden, so daß der Kopf die Erde berührt, schlägt die -Flügel nach oben und führt mit diesen und dem rostrot gefärbten Schwanze zuckende -Bewegungen aus, als wolle er seine Liebesglut der kühlen Erde anvertrauen. -Wozu dieses närrische Spiel? Will er das Weibchen ermuntern, indem er durch -diese Bewegungen auf den Nestbau hinweist? Noch mehrmals kann ich diesem<span class="pagenum" id="Seite_44">[44]</span> -eigenartigen Treiben zuschauen und über die Allgewalt der Liebe staunen. Das -Weibchen zeigt sich sehr spröde, es hat scheinbar nicht viel übrig für den Liebhaber.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-046"> - <img class="w100" src="images/illu-046.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 1 <b>Gelege des Kiebitzes</b></div> -</div> - -<p>Erst wenn die vier kreiselförmigen, olivengrünen Eier im unscheinbaren Neste -liegen, geht die schöne Liebeszeit zu Ende, und sorgenvolle Tage kommen. Jetzt -gilt es, durch allerlei Manöver sich nähernde Menschen, Hunde und sonstige Nestplünderer -irrezuführen und vom Neste fernzuhalten. Doch kenne ich diese Schliche -zu genau; bald habe ich durchs Glas schon von der Straße aus das Weibchen -entdeckt, wie es dem stillen Brutgeschäft nachgeht. Dort im Seggengrase, kaum -dreißig Meter vom Ufer entfernt, sitzt es und beobachtet mit dem großen Auge -das Gelände. Es hat mich erblickt. Trotzdem ich noch weit vom Neste entfernt -bin, verläßt es die Eier, läuft geduckt in entgegengesetzter Richtung am Boden -hin, erhebt sich erst weit vom Neste und fliegt wehklagend auf mich zu. Ich lasse -mich nicht irreführen; und doch macht es mir Mühe, das Gelege zu finden. Schön -in Kreuzform angeordnet, die Spitzen nach innen, liegen vier dunkelgefärbte Eier -unmittelbar vor meinen Füßen in einer kleinen Vertiefung. Wie oft wird dieses -Familienglück von roher Hand zerstört, um Schlemmern in der nahen Großstadt -den entarteten Gaumen zu kitzeln auf Kosten unsrer schon so hart bedrängten -Natur! Helle Entrüstung stieg aber in mir auf, als ich eines Tages ein kleines -Schlageisen im Neste fand. Ein »Auch-Naturfreund« wollte auf diese Weise einen -Kiebitz zum Ausstopfen erlangen. Glücklicherweise hatte er nicht mit der Klugheit -des Vogels gerechnet. Doch weg mit diesen Gedanken! Heute bin ich mit der -Kamera im Rucksack ausgezogen, um im Bilde zeigen zu können, welche Schönheiten<span class="pagenum" id="Seite_45">[45]</span> -unsre Heimat aufweist. Von all den Mühen dieser Kamerajagd zu erzählen, wäre -verlockend, würde aber zu weit führen. Erst im dritten Jahre gelang es mir nach -vielen Enttäuschungen und Mißerfolgen unter Anwendung größter List und Geduld, -das brütende Weibchen auf die Platte zu bannen. Auch ich hatte nicht mit der -Klugheit des Kiebitzes gerechnet! Gemeinsam suchten das Männchen und Weibchen -meinen Plan zu vereiteln, und noch klingt mir der schreckliche Warnruf des Kiebitzhahnes -in den Ohren, der mir bestimmt sagte, daß er mich erspäht habe und -das Jagen deshalb heute erfolglos sei. Dem großen Kiebitzauge (<a href="#illu-047">Bild 2</a>) entgeht -nichts! Im Jahre 1921 fand ich allein am wenig gefüllten Großteich acht Kiebitzgelege. -Im ganzen Gebiete brüteten in diesem Jahre ungefähr fünfundzwanzig -Paare. H. Mayhoff nimmt für 1915/16 nur fünfzehn Brutpaare an. Demnach -wäre eine erfreuliche Zunahme festzustellen.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-047"> - <img class="w100" src="images/illu-047.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 2 <b>Brütender Kiebitz</b></div> -</div> - -<p>Große Aufregung und Sorge bringt dem Kiebitzpaare der Tag, an dem die -Kleinen der Eischale entschlüpfen. Die Jungen verlassen sofort das Nest, nachdem -sie trocken sind, und folgen der besorgten Mutter, die sie nach Art einer Glucke -führt. Wie oft habe ich dieses schöne Familienbild aus dem Versteck belauscht! -Die kleinen Wollklümpchen huschen flink durch das Seggengras und finden bald -selbständig den Wurm und die Schnecke. Geradezu rührend ist die große elterliche -Sorge. Bei der geringsten Gefahr erheben die Alten ein Klagegeschrei und versuchen -den Feind zu vertreiben. Der harmlose Spaziergänger staunt nicht schlecht, wenn -sich ihm ein schwarzweißer Vogel mit jammernden »kuit« fast um die Ohren schlägt. -Er verspürt ganz deutlich den Luftzug und vernimmt ein dumpfes »wupp, wupp,<span class="pagenum" id="Seite_46">[46]</span> -wupp«. Auch der Köter des auf der Landstraße fahrenden Fleischers, der sich -eine »Extratour« ins Gelände erlaubt, verläßt schnell den Brutplatz. Ihm ist die -Zudringlichkeit des Vogels zuwider. Selbst Reinecke Fuchs, der in der Dämmerung -durch die Riedgräser des Georgenteiches schnürt, wird mit lautem Geschrei und -fortwährendem Anfliegen vom dortigen Brutpaare empfangen. Ihm liegt an dieser -Aufmerksamkeit rein gar nichts, er schnürt eilig weiter und beantwortet die gröbsten -Angriffe mit erfolglosem In-die-Luft-schnappen. Die Dunenjungen verstehen den -Warnruf der Mutter: »kiebit« (d. h. drückt euch!) sehr gut und drücken sich fest -an den Boden, daß sie fast den menschlichen Blicken entzogen sind. Selbst dem -Kenner bereitet es Mühe, diese unscheinbaren Wollklümpchen aufzufinden (siehe -<a href="#illu-048">Bild 3</a>). Erst wenn sich der kleine Kerl erhebt, macht er sich durch seine weiße -Halsfärbung gut sichtbar (<a href="#illu-049a">Bild 4</a>). Noch eine Überraschung! Als ich eines Tages -guten Freunden vierzehn Tage alte Dunenjunge zeigen wollte, die ich schon öfter -in der Hand gehabt hatte, vertrauten diese sich plötzlich dem Wasser an und -schwammen zu unserm größten Erstaunen gewandt wie junge Enten nach dem -zweihundert Meter entfernten jenseitigen Ufer, wo sie die besorgte Mutter empfing. -Hier gingen sie sofort der Nahrungssuche nach, als wäre nichts geschehen.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-048"> - <img class="w100" src="images/illu-048.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 3 <b>Junger Kiebitz in Schutzstellung</b></div> -</div> - -<p>Im Monat August verlassen die Brutpaare mit den flüggen Jungvögeln das -Moritzburger Gebiet, das um diese Zeit fast kiebitzleer ist. Wenige Beobachtungen -aus den Augusttagen liegen vor mir. Erst im September stellen sich große Schwärme -ein. Es sind Durchzügler aus Skandinavien und den baltischen Ländern. Ein -besonderer Genuß ist es, dem eigenartigen Flug eines solchen Kiebitzschwarmes, -der oft bis zweihundert Vögel zählt, in der Herbstsonne zuzusehen (<a href="#illu-049b">Bild 5</a>). Bei<span class="pagenum" id="Seite_48">[48]</span> -eintretender Kälte machen sich auch diese Gäste auf nach dem südlichen Europa. -Als spätesten Abzugstag notierte ich den 10. November.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-049a"> - <img class="w100" src="images/illu-049a.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 4 <b>Junger Kiebitz</b></div> -</div> - -<p>Jeder Naturfreund würde es mit mir tief beklagen, wenn sich der Kiebitzbestand -im Moritzburger Gebiet durch menschliche Eingriffe verminderte, und wenn -wir uns nicht mehr an dem Treiben des prächtigen Vogels so nahe an den Toren -der Großstadt erfreuen könnten. Deshalb sorge ein jeder, dem seine Heimat lieb -und wert ist, durch Aufklärung und Vorbild dafür, daß Eierraub und sinnlose -Schießerei im Gebiet aufhört. Vom Landesverein wird zum Schutz unsrer -bedrängten heimischen Vogelwelt alles getan. Dafür ist ihm der Dank aller Naturfreunde -sicher.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-049b"> - <img class="w100" src="images/illu-049b.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 5 <b>Kiebitzflug über dem Großteich</b></div> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak hidden" id="Faellen_der_Sageneiche">Fällen der Sageneiche am Ölteiche zu Kohren</h2> -<div class="figcenter illowp100" id="illu-050"> - <img class="w100" src="images/illu-050.jpg" alt="" /> - <div class="caption"><b>Fällen der Sageneiche am Ölteiche zu Kohren</b></div> -</div> - -<p>Wenn sich, wie im vorliegenden Falle, der Herr Förster so imposant als Oberbaumhauer -im Bilde verewigen läßt, so liegt die Frage nahe, wie der Mann wohl zu solch »idealer« Auffassung -seines Berufes gekommen sein möchte. Wahrscheinlich wird ihn selbst dabei die Hauptschuld -nicht treffen. Möge das Bild recht ausgiebig als abschreckendes Beispiel wirken.</p> - -<p class="mright"> -T. -</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_49">[49]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Die_Grabentour">Die Grabentour</h2> -</div> - -<p class="center">Von <em class="gesperrt">A. Klengel</em></p> - -<p class="center smaller">Mit Aufnahmen von <em class="gesperrt">Alfred Hermann Nitsche</em>, Dresden und <em class="gesperrt">Karl Reymann</em>, Freiberg</p> - -<p>»Wir machen die Grabentour!« oder »Wir wandern die Grabentour entlang!« -– Das sind in wanderfrohen Kreisen Mittelsachsens oft gehörte Worte. Man -wählt dies Reiseziel zur Pfingstzeit, wenn Birke und Buche mit erstem frischen -Grün sich schmücken, oder im Herbst, wenn verschwenderische Farbenpracht über -die Wälder ausgegossen ist und die Kastanienbäume stolze goldene Kronen tragen; -wohl auch im Winter, wenn weicher Schnee auf dem Walde lastet und jede Fichte -in einen glitzernden Weihnachtsbaum verzaubert, wenn die Wasser unter dem Eispanzer -murmeln und die Meisen leise klingelnd den Wald durchstreifen.</p> - -<p>Die Worte des Reiseplanes lassen erkennen, daß man unter der Grabentour -sowohl die eigentliche Wanderung, als auch das Stück Heimatland selbst versteht, -das es dabei zu durchwandern gilt. Die Landkarten verzeichnen als »Grabentour« -nur den Oberreinsberg mit Krummenhennersdorf verbindenden Weg, der den Graben -entlang am Hange des Bobritzschtales hinführt. Der wanderfrohe Naturfreund hat -den Begriff im Laufe der Jahrzehnte erweitert, ohne ihn jedoch in eine feste Grenze -zu zwängen. Im Norden rechnet man wohl das ganze Bobritzschtal bis zur Mündung -des Flusses in die Mulde beim Zollhaus Bieberstein dazu und im Süden das -Gebiet bis in den Bereich der Halsbrücker Esse. Und in der Tat! Eine schönere -Einleitung zur eigentlichen Grabentour läßt sich kaum denken als die Wanderung -durch das landschaftlich bevorzugte untere Bobritzschtal und einen würdigen Ausklang -findet die Fahrt in dem reiche geschichtliche Erinnerungen bergenden Landstrich, -dem der Silberbergbau das Gepräge verleiht, von dessen Höhen unser Blick hinüberschweift -zu den Türmen des silberschweren Freiberg. Verdankt doch auch der Graben -dem Freiberger Bergbau sein Dasein.</p> - -<p>Warum ich die Grabentour im Norden, also geographisch betrachtet, an ihrem -Ende beginnen will? – Einmal, weil ich sie stets in dieser Weise unternahm, so -oft mich auch der Weg seit über zwei Jahrzehnten dorthin führte und Tausende -es in gleicher Weise tun. Zum andern, weil ich meinen Wanderungen stets einen -Besuch der Ruinen des Klosters Altenzella vorausgehen ließ. An dieser denkwürdigen -Kulturstätte mit ihrer fast tausendjährigen Geschichte habe ich mich immer -mit der rechten Stimmung zur Wanderfahrt ausgerüstet. Das Land, das es zu -durchwandern gilt, ist entweder uralter ehemaliger Klosterbesitz oder trägt doch -wenigstens reiche Erinnerungen an die Zeit, da das mächtige Kloster Altenzella -noch in Blüte stand. Und wer sich weiter hinein vertieft in die ältere Geschichte -des zu durchwandernden Gebiets – nur flüchtige Andeutungen können hier gemacht -werden – wird immer wieder auf den Namen Altenzella stoßen.</p> - -<div class="figcenter illowp60" id="illu-052"> - <img class="w100" src="images/illu-052.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 1 <b>Eingang zur Grabentour bei Krummenhennersdorf</b></div> -</div> - -<p>Beim Zollhaus Bieberstein an der Bobritzschmündung soll die Wanderung -beginnen! Kulturgeschichtlich denkwürdiger Boden ist es, den wir betreten. Die -alte Heerstraße Freiberg–Meißen führt vorüber und die Herrschaft des Rittergutes -Bieberstein erhob einst hier einen Brückenzoll. Reger Fuhrverkehr bevölkerte in -alten Tagen die wichtige Straße und aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges<span class="pagenum" id="Seite_50">[50]</span> -wird von wilden Kriegsvölkern berichtet, die hier vorüberzogen. Es ist anders -geworden im Lande, längst hat die Eisenbahn den Verkehr an sich gezogen, die -Straße, die über die Alt-Väterbrücke bei Freiberg führt, ist vereinsamt, unbekannt -geworden und zum Teil verfallen. Hochauf steigt die Landzunge, die Mulde und -Bobritzsch umschließen. Von bewaldeter Höhe herab grüßt das Schloß Bieberstein, -ein wuchtiger Bau mit hohem Ziegeldach, arm an baukünstlerischem Schmuck. -Um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts ist das Schloß entstanden auf und<span class="pagenum" id="Seite_51">[51]</span> -neben der in den Stürmen des Dreißigjährigen Krieges unwohnlich gewordenen -alten Doppelburg Bieberstein. Die schwere Not der Zeit, die damals auf dem -Lande lastete, mag auf schlichte, ja nüchterne Bauweise gedrungen haben. Unbewußt -erfüllte der alte Baumeister dadurch eine Forderung des Heimatschutzes: Hier wo -die schlichten Naturschönheiten eines anmutigen, stillen Tales sprechen, ist kein -Raum für einen Prunkbau, für ein Bauwerk, dessen wechselnde Linien ein schönes -Heimatbild zerstören, Naturschönheiten erdrücken würden. So ist jeder Mißklang -ferngeblieben und mit Wohlgefallen ruht das Auge des Heimatfreundes auf dem -Schloß Bieberstein, das verwachsen scheint mit den ehrwürdigen Baumriesen des -Schloßparks, der Berghöhe und Talhang in seinen grünen Mantel hüllt.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-053"> - <img class="w100" src="images/illu-053.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 2 <b>Mundloch einer Grabenrösche</b></div> -</div> - -<p>Fast so alt wie die Geschichte des Landes ist die Geschichte der alten Burg -Bieberstein, von der freilich nur Reste der Feinde Wut und dem Zahn der Zeit -standgehalten haben. Von Moos und Efeu umgrünte Turmgebäude mit tiefen, -gewölbten, schaurigen Gängen, durch die die Sage raunt, erzählen von dem mächtigen -Geschlecht der Herren von biuverstein, dem die Burg im zwölften Jahrhundert den -Namen gab. Sie berichten auch von späteren Besitzern, den fehdelustigen Herren -von Marschalk, die ihren Geschlechtsnamen nach der Burg in Marschall von Bieberstein -ergänzten und mit dem Kloster Altenzella blutige Fehden um die Gerichtsbarkeit -führten. Nach Teilung der Herrschaft und mehrfachem Besitzwechsel kam Bieberstein -im Jahre 1630 an die Herren von Schönberg auf Reinsberg und bildete nunmehr -einen Teil des sogenannten Schönberger Ländchens. Gotthelf Friedrich von Schönberg -erbaute das jetzige Schloß an die Stelle der alten oberen Burg. Im Jahre 1807<span class="pagenum" id="Seite_52">[52]</span> -ging der Besitz durch Heirat an die Familie von Schröter über. Das Schloß birgt reiche -Kunstschätze und mannigfache Erinnerungen aus alter Zeit. Als wertvollste -Kleinodien erscheinen mir jedoch die herrlichen Ausblicke vom Altan und aus den -Schloßgemächern hinab ins Bobritzschtal und hinaus in die Gefilde der Heimat.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-054"> - <img class="w100" src="images/illu-054.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 3 <b>Grabentour</b> (Waldwiese an der Bobritzsch)</div> -</div> - -<p>Eine prächtige Lindenallee führt vom Schloß Bieberstein hinab ins Tal der -Bobritzsch. Gleichen Ursprung haben die Namen Bieberstein und Bobritzsch; sie -erinnern an den Biber, den heute leider fast ausgestorbenen Nager, der einst am Flusse -seine Burgen baute. In großer Zahl mag er hier vorgekommen sein, man würde -sonst kaum den Fluß und die Burg nach ihm benannt haben. Spärlich nur fließen -freilich die Quellen, die von seinem Dasein in alter Zeit berichten, wahrscheinlich -hatte starke Nachstellung ihn schon frühzeitig zu einem seltenen Naturdenkmal gemacht.</p> - -<p>Nur eine kurze Strecke, an der Mühle mit dem Schönbergschen Wappen -vorüber, führt der Weg talaufwärts und schon lädt eine Allee aus Linden und -Ahorn zum Besuch des Schlosses und des einstigen »Städtleins« Reinsberg ein. -Trotzig schaut das teilweise in den Felsen gesprengte alte Schloß, dessen Burgcharakter -trefflich gewahrt ist, hinaus in das Land. Im Dunkel des Mittelalters liegt seine -Gründungszeit, werden doch schon im Jahre 1197 Herren von Reyensberg in<span class="pagenum" id="Seite_53">[53]</span> -Altenzellaer Urkunden als Schiedsrichter und in andern hochangesehenen Ämtern -genannt. Im Jahre 1377 ging der Besitz an die Herren von Schönberg über, die -ihn heute noch ihr eigen nennen. Um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts -erfolgte eine Teilung der Herrschaft innerhalb der Familie in Ober- und Niederreinsberg. -Die beiden Besitzer bewohnten bis 1816 die Burg gemeinsam, doch -räumlich getrennt und durch besondere Brücken über den Burggraben mit der -Außenwelt verbunden.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-055"> - <img class="w100" src="images/illu-055.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 4 <b>Grabentour</b> (an der Bobritzsch)</div> -</div> - -<p>Reinsberg hat eine reiche Geschichte. Im Jahre 1632 wurde die Burg von -den Österreichern mit stürmender Hand genommen, wobei fünf Söhne des Besitzers -den Heldentod fanden und der Besitzer, Lorenz von Schönberg, selbst in der Nähe -der Bobritzsch, wie heute noch ein Denkstein kündet, einer feindlichen Kugel zum -Opfer fiel. Den bunten Wechsel der Zeiten trotzten die bis fünf Stock hohen -Gebäude, die altertümlichen Türme und Erker, der Rittersaal mit der Ahnengalerie. -Trefflich erhalten sind auch das efeuumsponnene, wappengeschmückte Burgtor und -der tiefe Burggraben. Nesselgestrüpp und bunte Blumen bedecken heute den Grabengrund; -Bienengesumme klingt herauf. Nur der Kuckucksruf aus dem nahen Wald<span class="pagenum" id="Seite_54">[54]</span> -unterbricht das große ernste Schweigen, das über dem wohlerhaltenen Zeugen einer -andern Zeit ausgebreitet ist; Reinsbergs Bedeutung liegt Jahrhunderte zurück im -Schoße der Vergangenheit.</p> - -<p>Der Vergessenheit gehört auch die einstige Bedeutung der Reinsberger Kirche -als Wallfahrtsziel an. Die Kalandbrüderschaft unterhielt hier in alter Zeit einen -Altar als Gnadenort, an dem frommen Wallfahrern reicher Ablaß gewährt wurde. -Gewaltig war der Zuzug, bis die Reformation mit den Wallfahrten aufräumte. -Unbewußt hält jedoch die Volksseele noch heute an der alten Wallfahrtsfeier fest; -das weitbekannte und stets stark besuchte »Reinsberger Vogelschießen« ist daraus -entstanden.</p> - -<p>Der Reinsberger Friedhof mit der Gruft der Herren von Schönberg, mit -zahlreichen wohlerhaltenen, in vergangene Jahrhunderte zurückreichenden Grabmälern -und Eisenkreuzen bietet reiche Anregung zu sinnigen Betrachtungen und ernster -Forscherarbeit.</p> - -<p>In der Mitte des Dorfes, dicht am Bahnhofe, steht ein Schachtgebäude! -Des Haldenglöckleins heller Klang schallt vom Türmchen. Ein Stollen läßt Wasser -auf ein Radwerk fließen. Wir stehen am vierten Lichtloche des <em class="gesperrt">Rothschönberger -Stollens</em> und zugleich am Ausflusse, also am Ende des Grabens, der der Grabentour -den Namen gab. Wie ich aus Erfahrung weiß, kennen die meisten Grabentourwanderer -den Zusammenhang zwischen Rothschönberger Stollen und Graben nicht, -meist wird beides miteinander verwechselt. Auch Wanderbücher und Reisebeschreibungen -lassen uns meist im Unklaren, obwohl die Erbauung des Stollens -und die Anlegung des Grabens erst vor wenigen Jahrzehnten erfolgten. Der -Heimatfreund wird es deshalb gewiß begrüßen, wenn er an dieser Stelle Ausführlicheres -darüber erfährt.</p> - -<p>Mit dem in den Jahren 1844 bis 1877 erbauten Rothschönberger Erbstollen -wurde ein gewaltiges Kulturwerk geschaffen, dessen Nutzen freilich hinter den -Erwartungen zurückblieb, die man beim Baubeginn gehabt hatte. Obwohl mit der -Einstellung des Freiberger Bergwerks der Stollen so gut wie bedeutungslos geworden -ist, bleibt er doch für alle Zeiten ein gewaltiges Kulturdenkmal, dem so leicht -nichts Ähnliches zur Seite gestellt werden kann. Daß sich die Anlage des Stollens -nicht lohnte, ist ja auch durchaus nicht die Folge falscher Berechnung oder eines -andern technischen Fehlers; lediglich die unter dem Drucke damaliger Edelmetallentwertung -notwendig gewordene Einstellung des Freiberger Silberbergbaues nahm -dem Rothschönberger Stollen seine Bedeutung, ehe sie recht zur Geltung gekommen -war. Als man ans Werk ging, stand das Wertverhältnis von Gold zu Silber -wie 1 : 15. Schon vor der Vollendung begann unter dem Einflusse der gewaltigen -Silbergewinnung Nordamerikas der Preissturz des Silbers, der das Wertverhältnis -um die Wende des Jahrhunderts auf 1 : 40 herabdrückte. Unter so veränderten -Umständen vermochte auch die kunstvollste Technik und die umsichtigste Sparsamkeit -aller Bergbau- und Verhüttungsverfahren die Freiberger Silbergewinnung nicht -mehr lohnend zu gestalten. Sie starb dahin. Die unterirdische Leitung der durch -den Stollen bemeisterten Gruben- und Aufschlagwässer ist eins der Denkmäler, das -den Freiberger Bergbau überlebt.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[55]</span></p> - -<p>Was führte nun zur Anlegung des Rothschönberger Stollens? – Nach jahrhundertelanger -Ausbeute der Freiberger Silbergruben war das erzhaltige Gebirge -in seinen oberen Schichten in der Hauptsache abgebaut; es galt tiefer zu gehen. -Diesem Vorhaben bereitete aber das Grundwasser, der Hauptfeind des Bergbaues, -immer größere Hindernisse, je weiter man in das Berginnere eindrang. Die Bewältigung -der Grubengewässer war in der Hauptsache auf von Wasserkräften betriebene -maschinelle Anlagen angewiesen, die aber zur Wasserhebung aus immer bedeutender -werdenden Tiefen nicht mehr ausreichten. Die Anwendung der Dampfkraft erschien -zu kostspielig. Infolge dieser Hindernisse waren bereits verschiedene wichtige -Grubenbetriebe zum Erliegen gekommen und anderen drohte ein langsames Dahinsiechen.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-057"> - <img class="w100" src="images/illu-057.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 5 <b>Schloß und Kirche Reinsberg</b></div> -</div> - -<p>Den einzigen Ausweg aus diesen Schwierigkeiten sah man in der Anlegung -eines tiefen Revierstollens, durch den das Wasser ohne Hebung aus den tiefsten -Stellen des Bergreviers nach einem Fluß in der Umgebung abgeführt werden -konnte. Durch eine solche Anlage konnte zugleich das Aufschlagwasser für die in<span class="pagenum" id="Seite_56">[56]</span> -tieferen Stellen der Gruben erbauten Kraftanlagen mit beseitigt werden. Die -Erbauung derartiger Wasserabführungsstollen war nicht neu. Wie andre Grubenreviere, -so besaß auch Freiberg bereits eine größere Anzahl, doch reichten sie wegen -ihrer geringen Tiefe zur Wasserbewältigung nicht aus.</p> - -<p>Im Jahre 1838 trat nun Oberberghauptmann von Herder mit einem ebenso -gewaltigen wie genialen Plan an die Öffentlichkeit. Er schlug den sogenannten -»Meißner Stollen« vor, der das Wasser durch einen dreiundzwanzig Kilometer -langen und ungefähr hundertdreiundachtzig Meter unter dem tiefsten Freiberger -Bergwerk zu liegen kommenden Abfluß nach der Elbe bei Meißen leiten sollte. -Der Plan ist zwar unausgeführt geblieben, doch fußte auf ihm das Projekt des -später vom Bergmeister von Weißenbach entworfenen Rothschönberger Stollens, der -1844 begonnen und 1877 vollendet wurde. Der Hauptstollen mündet bei Rothschönberg -in das Triebischtal und wurde in dreizehntausendneunhundert Meter Länge bis -an den Halsbrücker Spatgang, vierundneunzig Meter unter den tiefsten dortigen -Stollen, den Anna-Stollen, geführt. Nach Anschluß aller Flügelstollen erhielt das -gewaltige unterirdische Wasserwerk später eine Gesamtlänge von einundachtzigtausend -Metern. Der Hauptstollen wurde von acht Lichtlöchern aus erbaut, die je nach der -Höhenlage des durchbrochenen Gebirges eine Tiefe von dreiundfünfzig bis hundertfünfundfünfzig -Metern besitzen. Zwischen dem Mundloch bei Rothschönberg und -dem siebenten Lichtloch bei Halsbrücke hat der Stollen bei drei Meter Höhe eine -Breite von zwei Meter fünfzig Zentimeter und weiter aufwärts bei gleicher Höhe -eine Breite von einem Meter fünfzig Zentimeter. Letzteres Maß haben auch die -Stollenhauptflügel im Innern des Freiberger Reviers. Der gewaltige Stollen kann -demnach bequem mit einem Kahne durchfahren werden. Wir stehen hier in -Reinsberg am vierten Lichtloch, unter dem in vierundachtzig Meter Tiefe der Rothschönberger -Stollen die Freiberger Grubenwässer zur Triebisch führt, die sie wieder -bei Meißen in die Elbe leitet.</p> - -<p>Die Kosten des Stollens in Höhe von siebenmillionen­hundertsechsundachtzigtausend­sechshundertsiebenundneunzig -Mark dreiundvierzig Pfennige überschritten den -Anschlag um neunundsiebzig Prozent, was bei der Länge der Bauzeit und bei den -mannigfachen und großen Schwierigkeiten, die sich der Vollendung entgegenstellten, -durchaus nicht verwunderlich ist. Die Geschichte des Stollenbaues bietet ein Bild -deutscher Gründlichkeit, zähester Ausdauer und hoher technischer Leistungsfähigkeit. -Wer je an Deutschlands Schaffenskraft zweifeln wollte, dem sei ein Studium der -Baugeschichte des Rothschönberger Stollens empfohlen; er wird sicher eines besseren -belehrt werden.</p> - -<p>Aus der Bauzeit des Rothschönberger Stollens stammt auch der Graben, die -Wasserkunst, welche der Grabentour den Namen gegeben hat. An den einzelnen -Lichtlöchern wurden die Förderarbeiten durch Dampfkunstgezeuge und Dampfgöpel -ausgeführt. Nur am vierten Lichtloch in Reinsberg nahm man ein Radkunstgezeug -und einen Kehrradgöpel und am fünften Lichtloch im Bobritzschtale zwei -vertikale (Schwamkrug’sche) Turbinen zum Betriebe der Wasserhebungs-, Wetter- -und Fördermaschinen zu Hilfe. Das nötige Aufschlagwasser wurde unterhalb -Krummenhennersdorf aus der Bobritzsch entnommen und den Betriebsstellen durch<span class="pagenum" id="Seite_57">[57]</span> -eine dreitausend­fünfhundertsiebenundfünfzig Meter lange Leitung, <em class="gesperrt">den Graben an -der Grabentour</em>, zugeführt. Die Wasserführung ist auf eintausend­sechshundertzweiundfünfzig -Meter als offener Graben und auf eintausendneunhundertundfünf Meter -als unterirdische Rösche angelegt. Mit dem eigentlichen Rothschönberger Stollen -hat also der Graben heute nichts mehr zu tun, wiewohl dies vielfach angenommen -wird. Er war lediglich ein Hilfsmittel bei seiner Erbauung und ist heute ein -Denkmal großzügigen Bergbauunternehmens.</p> - -<div class="figcenter illowp60" id="illu-059"> - <img class="w100" src="images/illu-059.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 6 <b>Schloß Reinsberg</b></div> -</div> - -<p>Das Dorf Reinsberg verlassend, führt uns der Weg an der alten kursächsischen -Postmeilensäule vorüber dem Walde und der Grabentour im engeren Sinne zu. -Aus Inschriften ist zu ersehen, daß wir uns auf Oberreinsberger Forstrevier -befinden und daß der Graben der Betriebsdirektion der staatlichen Grube Himmelfahrt -zu Freiberg untersteht.</p> - -<p>Wir kennen mancherlei ausgedehnte Wasserkunstanlagen, Floßgräben usw. im -lieben Sachsenlande. Jede Anlage hat ihre Eigentümlichkeiten, ihre besonderen -Reize für den Wandrer, der an ihrem Ufer streift. Unser Graben ist dadurch<span class="pagenum" id="Seite_58">[58]</span> -merkwürdig und besonders anziehend, daß er nur zum Teil im offenen Bett dahinfließt. -Fünfmal wird das Wasser vom Felsen verschlungen und durch Tunnel -geleitet. Dazu kommt seine herrliche Waldumgebung und die malerische Lage hoch -am Hange des Bobritzschtals. Der Weg am Graben hin bietet dem Wandrer -Bilder einzigartiger Naturschönheit; anmutige friedliche Waldblicke wechseln ab mit -Bildern voll wildromantischer Wucht. Unberührte Natur und Menschenwerk einen -sich harmonisch.</p> - -<p>Bald nach dem Eintritt in den Wald kommen wir an die erste offene Grabenstelle. -Etwa dreihundert Meter weit plätschert das klare Wasser, um im ersten Tunnel -zu verschwinden und durch den Berg dem Reinsberger Lichtloch zuzufließen. Ein -schroffer Felsvorsprung schiebt sich nun ins Tal, vom zweiten Grabentunnel durchzogen. -Wohl dreißig Meter tief im Grunde braust die Bobritzsch hin, von gewaltigen -Fichten beschattet. Ein neues schöneres Bild tut sich hinter dem Felsen auf; wir -kommen wieder an den offenen Graben. Ein Felsriegel ist durchschnitten für das -Grabenbett. So geht es weiter im bunten Wechsel. Über eine alte Berghalde -führt der Weg, Sedum begrünt den Schutt und im Schatten von Linden und Eschen -laden Bänke zu kurzer Rast ein. Auch hier ein herrlicher Blick hinab ins Bobritzschtal, -hinüber in den schönen Wald. Die Halde und ein Wehr am Graben erinnern -an den Bau des fünften Lichtloches des Rothschönberger Stollens, das einst hier -in die Tiefe führte. Es ist heute zugewölbt und verschüttet. Der Fußweg senkt -sich hinab zur Bobritzsch, auf schmalem Pfade geht die Wanderung weiter, oben -am Berge fließt der Graben. Dort, wo er zum viertenmal in den Felsen verschwindet, -ist sein Geburtszeugnis eingemeißelt:</p> - -<p class="center"> -Ausgeführt 18 <span class="frac"><sup><em class="antiqua">L</em> 44</sup><span>/</span><sub><em class="antiqua">C</em> 46</sub></span><br /> -durch<br /> -Ob. Ef. <em class="antiqua">E. v. W.</em><br /> -Ostg. <em class="antiqua">A.  J.</em><br /> -Mstg. <em class="antiqua">G. B.</em> -</p> - -<p class="noind">Die Namen des Bauleiters Oberbergrat von Warnsdorff, des Obersteigers Jobst -und des Maschinensteigers sind hier verewigt. In nur drei Jahre fällt also die -Bauzeit des Grabens; wahrlich eine beachtliche Leistung!</p> - -<p>Noch manches herrliche Bild landschaftlicher Schönheit zieht vor unserm Auge -vorüber. Dort gähnt eine dunkle Felshöhle, hier liegt am Ufer der Bobritzsch eine -kleine blumenübersäte Wiese, umrahmt von hohen Fichten. Jungwald zieht sich -zum Gipfel des Berghanges empor und dort, wo die Sonne ungehindert durch -Bäume in den Graben scheint, spielen Scharen kleiner Fische im blanken Wasser.</p> - -<p>Viel zu früh für den wanderfrohen Heimatfreund tritt der Wald zurück und -bald tauchen die ersten Häuser von Krummenhennersdorf auf. Wir sind am Ende -der Grabenwanderung angelangt! Oberhalb des »Gasthauses zur Grabentour« liegt -das Wehr, welches das Bobritzschwasser in den Graben leitet. Wir verlassen die -Bobritzsch auf hoher Brücke und biegen in das Seitental ein, in dem der eigentliche -alte Ort Krummenhennersdorf liegt.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_59">[59]</span></p> - -<p>Krummenhennersdorf – heute kaum genannt, oder höchstens bekannt als -Ausgangs- oder Endpunkt der Grabentour, und doch hat Klio den Namen mehrfach -eingezeichnet in die Annalen der sächsischen Geschichte. Zu der Zeit, als man -Freiberg erbaute, mag auch Krummenhennersdorf mit andern Bergbaudörfern der -Umgebung entstanden sein. Ursprünglich nach seinem Gründer Hinrichsdorf, also -Heinrichsdorf genannt, erhielt der Ort später wegen seiner Lage am gebogenen, -krummen Laufe des ihn durchfließenden Baches und zum Unterschiede vom nahen -Langhennersdorf seinen heutigen, etwas merkwürdig anmutenden Namen. Vor über -siebenhundert Jahren wird Krummenhennersdorf erstmals in der sächsischen Landesgeschichte -erwähnt, in den Tagen, da deutsche Fürsten harte Fehden unter einander -und gegen den Kaiser ausfochten. Im Juni 1195 endete hier das kampfesfrohe -Leben des ritterlichen Meißner Markgrafen Albrecht des Stolzen. Er wurde, wie -wenige Tage später auch seine Gemahlin, die schöne Sophie von Böhmen, nach -der Inschrift in der Grufthalle zu Altenzella »<em class="antiqua">veneno sublati</em>«, durch Gift hinweggenommen. -Völlig geklärt ist das trübe Geschehnis nicht; die Chronisten berichten, -Kaiser Heinrich VI. sei der Anstifter zu diesem Morde gewesen, da ihm daran -gelegen war, den kampfeslustigen und ihn selbst wiederholt befehdenden Fürsten -zu beseitigen. Vielleicht fand der Kaiser willige Helfer in Altenzella, lud doch -Markgraf Albrecht den Haß des Klosters auf sich, als er einen Teil der Schätze -einzog, mit denen sein Vater Otto der Reiche das junge, von ihm begründete Kloster -in verschwenderischer Weise ausgestattet hatte. Es wird überliefert, eine gedungene -Kreatur des Kaisers habe dem Fürsten in Freiberg den Todestrunk gereicht; auf -der Reise nach Meißen erkrankte Albrecht und in der Mühle zu Krummenhennersdorf -hauchte er sein Leben aus. Irgendwelche sichtbare Zeichen, die das Gedächtnis -an dieses Drama in der Mark Meißen alten Tagen wachhalten, sind nicht zu finden -und wohl auch kaum vorhanden gewesen. Im Jahre 1910 ist die wahrscheinlich -im Laufe der Jahrhunderte schon mehrmals erneuerte Mühle niedergebrannt; ein -stattlicher Neubau in schmucker heimatlicher Bauweise ist dafür erstanden. Der -eben aus der Bobritzsch abgeleitete Graben liefert der Mühle die Wasserkraft.</p> - -<p>Noch eine andre geschichtliche Erinnerung birgt Krummenhennersdorf. In -der Ortsmitte, hoch auf dem Berge liegt neben der neuen Kirche das uralte -Rittergut, einst ein Besitztum Altenzellas. Hierher übersiedelte im Jahre 1545 der -letzte, der einundvierzigste Abt des Klosters, Andreas Schmiedewalt, als die Macht -des reichen und in seinem Besitz einem kleinen Fürstentum gleichenden Klosters -Altenzella in den Stürmen der Reformation zusammenbrach. Aus dem Klostergewaltigen -war ein schlichter Pächter geworden, der mit seinem Schicksal ausgesöhnt -hier hochbetagt im Jahre 1586 starb. Er war friedliebend und glich nicht im -entferntesten seinem Vorgänger, dem kampfeslustigen und wortgewandten Abte -Martin, der unter dem Schutze des Landesherrn Georg des Bärtigen den Siegeslauf -der Lehre Luthers aufzuhalten suchte. Manch kräftig Wörtlein wurde gewechselt -von hüben und drüben. Am bekanntesten geworden ist davon wohl des Abtes -Flugschrift aus dem stillen Altenzella: »Wider das wildgeyfernde Eberschwein, -Marten Luthern, so mit seinem Riesel umzustossen sucht die Canonisation S. Bennonis, -Bischofs zu Meißen.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_60">[60]</span></p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-062"> - <img class="w100" src="images/illu-062.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 7 <b>Schloß Bieberstein</b></div> -</div> - -<p>Das Andenken an Andreas wurde etwas getrübt, als sich später herausstellte, -daß er einen Teil der Klosterschätze und goldenen Kleinodien beiseite geschafft und -der Sequestierung entzogen hatte. Freilich ist nie aufgeklärt worden, ob der sonst -so gewissenhafte Abt sich damit einen Notpfennig für sein Alter sichern wollte, -oder ob er in der Hoffnung lebte, das Land werde wieder katholisch werden und -sein Kloster in neuem Glanze erstehen. Sagen von vergrabenen Schätzen, die sich -gern um verfallenes Klostergemäuer ranken, wurde damit auf recht realistische -Weise der Nährboden geraubt.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_61">[61]</span></p> - -<div class="figcenter illowp60" id="illu-063"> - <img class="w100" src="images/illu-063.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 8 <b>Kirche zu Bieberstein</b></div> -</div> - -<p>Frühlingssonnenglanz lag auf der Landschaft, als ich die Höhe erstiegen hatte, -und nun, an blühenden Kastanien vorüber, durch die gewölbte Toreinfahrt eintrat -in den weiten, von Linden beschatteten Hof des alten Klosterguts Krummenhennersdorf. -Ein Bild des Friedens bot sich meinem Auge, Schwalben umzwitscherten -die von wildem Wein umrankten Gebäude, die von Efeu dicht übersponnenen altersgrauen -Mauern und aus dem malerischen Taubenhaus in der Mitte des Hofes -klang vielstimmiges Gurren. Kein andrer Laut störte die klösterliche Stille. So<span class="pagenum" id="Seite_62">[62]</span> -mag’s auch einst gewesen sein, als Abt Andreas hier seine Tage verlebte. An den -Gutshof grenzt der sehr große und heute noch wohlgepflegte Park. Eine hohe -Mauer umgibt ihn, ein Anklang an die gewaltige Mauer, welche das Kloster -Altenzella von der Außenwelt abschloß.</p> - -<p>Nach kurzer Wanderung erreichen wir die hohe Esse und blicken hinab auf -die rußgeschwärzte Halsbrücker Hütte. Noch einmal taucht die Erinnerung auf an -den Rothschönberger Stollen; dicht bei der Esse steht ein kleines Schachtgebäude, -unter dem das siebente Lichtloch hundertdreiundzwanzig Meter tief auf die Stollensohle -führt. Und nun geht unsre Fahrt weiter auf Freiberg zu; wir schlagen den -Fußweg über »Herders Ruhe« ein und besuchen die denkwürdige Stätte, wo unter -einer Berghalde »der Knappen treuester Freund«, der Oberberghauptmann von -Herder seine letzte Schicht verfährt. Auch uns war er heute ein Freund und eine -herrliche Wanderfahrt hat er uns beschieden. Herders genialer Geist hat den Plan -zu der gewaltigen Grubenwasserabführung erdacht, aus dem der Rothschönberger -Stollen und der Graben an der Grabentour hervorgegangen sind.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Saechsische_Schweiz">Sächsische »Schweiz«?</h2> -</div> - -<p class="center">Von <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">Kurt Schumann</em></p> - -<p>Gelegentlich der Ausstellung der Gilde vom Berge: Das sächsische Felsengebirge -in Literatur, Bild und Kartographie im Japanischen Palais in Dresden -ist wieder einmal der Streit um den Namen des bekanntesten sächsischen Gebirges -entbrannt. <em class="antiqua">Dr.</em> Kuhfahl, der bekannte Bergsteiger, Photograph und Steinkreuzforscher -schreibt im Dresdner Anzeiger im Anschluß an eine Besprechung der -genannten Ausstellung: »Mit der richtigen Würdigung dieses Gebirgscharakters -taucht aber in denkenden Köpfen gleichzeitig eine Art Beschämung darüber auf, -daß der Name für diese heimatliche Felsenwildnis in denkbar läppischster Weise -aus hochalpinen Verhältnissen herbeigezogen worden ist, mit denen er auch nicht -die allergeringsten Vergleichspunkte besitzt. Das Wort »Sächsische Schweiz«, das -jedem Alpenkenner als eine Herabwürdigung der Heimat erscheinen muß, hat sich -seit 1780 gedankenlos fortgepflanzt und selbst in wissenschaftlichen Werken hier -und da Eingang gefunden. Der Ausdruck Elbsandsteingebirge besitzt keine Volkstümlichkeit, -und wenn die Gilde vom Berge heute ihre Ausstellung Sächsisches -Felsengebirge betitelt, so ist sie sich gleichfalls bewußt, daß dies noch nicht die -erwünschte Lösung der Namenfrage bedeutet.« Deshalb regt <em class="antiqua">Dr.</em> Kuhfahl an, man -möge sich, wie schon vor Jahren gelegentlich eines von einer Zeitschrift ausgeschriebenen -Wettbewerbs, mit dieser Frage befassen und nach einem treffenden, -knappen und klangvollen Namen suchen.</p> - -<p>Zunächst eine kleine Richtigstellung, die für unsre weiteren Darlegungen nicht -ohne Bedeutung ist: Der Name »Sächsische Schweiz« hat nicht selbst in wissenschaftlichen -Werken hier und da Eingang gefunden, sondern wird seit Jahrzehnten -beinahe ausnahmslos von allen Wissenschaftlern und vor allem von den Geographen -gebraucht. Als Beleg nur die Verfassernamen der mir gerade zugänglichen Werke,<span class="pagenum" id="Seite_63">[63]</span> -in denen er an hervorragender Stelle gebraucht wird: Beck, Freiberg; Beyer, -Dresden; Hettner, Heidelberg; Ruge, Dresden; Stübler, Bautzen; Berg, Göttingen; -Machatschek, Prag; Weicker, Dresden; Meiche, Dresden; Schmaler, Dresden; -Philippson, Bonn; Partsch, Leipzig; Koßmat, Leipzig; Pietzsch, Leipzig usw. Besonders -stutzig muß uns die Tatsache machen, daß es ein geborener Dresdner, der jetzige -Ordinarius für Geographie in Heidelberg, <em class="gesperrt">A. Hettner</em>, war, der mit seinem -klassischen Werk über den <em class="gesperrt">Gebirgsbau</em> und die <em class="gesperrt">Oberflächengestaltung</em> der -<em class="gesperrt">Sächsischen Schweiz</em> das Wort in die wissenschaftliche Literatur einführte. -Man kann wohl kaum annehmen, daß bei ihm wie bei all den genannten Geographen, -Geologen, Historikern und Heimatforschern, denen man das Attribut -denkende Köpfe kaum verweigern dürfte, reine Gedankenlosigkeit die Ursache zu -diesem Brauche war. Schmaler schreibt in seiner trefflichen Landeskunde von -Sachsen: »Der Geologe wird die Bezeichnung Elbsandsteingebirge lieber anwenden -als den Begriff Sächsische Schweiz. Jedoch hat sich dieser so <em class="gesperrt">allgemein eingebürgert</em>, -daß ihn heute auch die wissenschaftliche Geographie braucht. Es ist -darum zwecklos, über seine Berechtigung zu streiten. Interessant ist es, daß er -in der Zeit der Aufschließung des Gebirges für den Reiseverkehr auch von den -bekannten Schweizer Malern Adrian Zingg und Anton Graff angewendet worden ist.«</p> - -<p>Ich glaube, wir kommen nicht um die Notwendigkeit herum, dem was -Schmaler sagt, zuzustimmen. Es ist auch bei den Verfechtern dieses Namens kein -Zweifel darüber, daß es wenige Gebirge gibt, die in Gesteinsaufbau und Oberflächenform -weniger Ähnlichkeit mit den Schweizer Alpen haben, als die Sächsische Schweiz. -Die Kardinalfrage bei der ganzen Erörterung ist deshalb: Wollten diejenigen, die -zuerst diesen Namen brauchten, und wollen alle die, die ihn heute in Schrift und -Wort anwenden, überhaupt einen Vergleich zwischen den Alpen und unserm »Salongebirge«, -wie es Ruge scherzhaft, wenn auch nicht für alle Teile zutreffend genannt -hat, ziehen? Diese Frage aber muß unbedingt verneint werden. Wer heute -Sonntags »in die Schweiz fährt«, um zu wandern oder zu klettern, um zu botanisieren -oder Leitfossilien zu sammeln, um die Spuren alter Raubnester zu suchen -oder sich im Schatten der Kiefern im Angesicht einer erhabenen Landschaft philosophischen -Spekulationen oder dichterischen Träumen hinzugeben, denkt nicht im -entferntesten an das für die meisten nicht erst seit dem Kriege unerreichbare Gebiet -der Berner oder Walliser Alpen, und wäre er gleich am Vorabend erst im Tell -oder einer Filmvorführung gewesen, die ihm die ganze Herrlichkeit dieser Landschaften -vor Auge und Seele stellte. Ebensowenig wie sich der Schüler, der morgens -ins Gymnasium geht, des Gegensatzes bewußt ist, der zwischen der Anstalt, die also -bezeichnet wird und ihrem Vorbild besteht, denkt der Schweizfahrer an das Land, -das – man ist versucht zu sagen »zufällig« – denselben Namen trägt wie sein geliebtes -Felsengebirge. Es verbinden sich einfach mit dem <em class="gesperrt">Wortklang</em> nicht nur für den -Dresdner, sondern für jeden, der die besondere Schönheit dieses Gebirges genossen -hat, so starke Gefühlswerte, daß er den Namen ebensowenig missen möchte, wie -den der Frauenkirche, des Zwingers oder der im Volksmund auch in der Zeit des -albernsten Byzantinismus nie ausgestorbenen Augustusbrücke. Als mir neulich -eine Kollegin erzählte, sie sei am Sonntag im Elbsandsteingebirge gewesen, lief mir<span class="pagenum" id="Seite_64">[64]</span> -ein kalter Schauer den Rücken hinunter, und mit dem Sächsischen Felsengebirge -geht es mir nicht viel besser. Am wärmsten klingt noch Meißner Hochland, aber -auch nur dem, der unter der Schwelle des Bewußtseins die ganze sächsische Geschichte -liegen hat. Die weiteren Folgen einer Namensänderung will ich hier nicht ausmalen. -Nur die bescheidene Frage: Wem wäre es nicht komisch zu Mute, wenn -er von Ostern ab statt mit dem Schweizzuge mit dem Felsengebirgs- oder Elbgebirgszuge -nach Schöna fahren und anschließend eine Meißner Hochlandstour unternehmen -sollte?</p> - -<p>Und wer doch beim Klange des Wortes Schweiz es nicht lassen kann, nach -den Gletschern des Engadin und den Firnspitzen von Zermatt einen ängstlichen Blick -zu werfen, den werden vielleicht die folgenden Worte beruhigen, die ich in einem -Wegweiser durch die Gegend um Dresden im Jahre 1804, als man sich auch schon -einmal nach neuen Namen den Kopf zerbrach, fand, und mit denen ich meine -Verteidigung der »Sächsischen Schweiz«, deren ragende Steine schon mein Söhnlein -vom Landgraben aus mit dem Jubelruf grüßt: »Water, die Weiz! die Weiz!!«, -schließen: »Doch das Gebirge heiße, wie es wolle, es ist unendlich malerisch. Alle -Kontraste des Großen und Gefälligen, des Wunderbaren und Schönen, des Kühnen -und Leichten, des Grausenden und Sanften sind mit romantischer Mannigfaltigkeit -an den triumphierenden Lauf des Elbstroms gefesselt, und Schweizer, die hier weder -ein Haslital noch die Spitzen der Jungfrau und des Finsteraarhorns fanden, die hier -keinen Kuhreigen hörten und keinem Gemsenjäger begegneten, wurden dem allen -ungeachtet von dem wunderbaren Charakter der Landschaft ergriffen und mit -magischer Gewalt in die ferne Welt ihrer geliebten Heimat versetzt.«</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Buecherbesprechung">Bücherbesprechung</h2> -</div> - -<p>»<b>Das Deutsche Haus</b>« von Paul Ehmig, 3. Band – 5. und 6. Buch – ist soeben bei Ernst -Wasmuth, Berlin, erschienen. Somit ist in glücklichster Weise dieses großzügig angelegte Werk -zum Abschluß gebracht worden. Die künstlerischen Bedingungen des deutschen Hauses, Anlage, -Aufbau, Hauskörper, Innenraum und Garten werden in tiefgründiger Weise vom Standpunkte -des schaffenden Künstlers behandelt. Der dritte Band ist ebenso wie seine Vorgänger hervorragend -ausgestattet und mit 131 wertvollen Abbildungen illustriert. Wir empfehlen allen Baulustigen -wie Freunden der nationalen künstlerischen Kultur das Buch aufs wärmste, aber auch den Jüngern -der Baukunst. Ist es doch frei von der in technischen Gebieten allzu üblichen schematischen -Behandlung der Aufgaben, betont es doch immer wieder die Notwendigkeit, die Erfahrungen der -Alten zu benützen und die Bedürfnisse aus ihnen zu entwickeln. Alles in allem eine bedeutsame -Weiterentwicklung der in den letzten Jahren erschienenen Veröffentlichungen ähnlichen Charakters –, -auf die vom Deutschen Bund Heimatschutz herausgegebenen Grundlagen für das Bauen in Stadt -und Land von Steinmetz, Berlin, und die sechs Bücher vom Bauen Ostendorfs sei hierbei -hingewiesen. –</p> - -<p>Daß dem Siedelungsproblem, Reihenhaus und Bebauungsplan umfangreiche Teile des -Buches gewidmet sind, mag hervorgehoben werden, aber auch, daß die künstlerische Gestaltung des -Hausinneren in Verbindung mit den Gartenräumen unter Beibringung schönen Abbildungsmaterials -mit besonderer Liebe behandelt ist.</p> - -<p class="mright"> -Paul Goldhardt -</p> - -<p class="center s90 p2"> -Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt – Druck: Lehmannsche Buchdruckerei<br /> -Klischees von Römmler & Jonas, sämtlich in Dresden -</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="An_unsre">An unsre -geschätzten Mitglieder!</h2> -</div> - -<p>Die immer weitere Zunahme unsrer Mitglieder, der Aufschwung -unsrer Bewegung macht eine vollständige Umorganisation -unsrer Mitglieder-Kartothek notwendig. Dabei werden nach -Möglichkeit alle die Wünsche berücksichtigt, die uns seitens unsrer -Mitglieder zur Geschäftsvereinfachung und zur Erzielung von -Ersparnissen mitgeteilt wurden.</p> - -<p>Der <b>jetzige</b> Versand unsrer Mitteilungen erfolgt noch auf Grund -unsrer alten Kartothek, und da die Briefumschläge seit Wochen -geschrieben sind, ist in vielen Fällen die neue Anschrift, die uns in den -letzten Monaten mitgeteilt wurde, noch nicht berücksichtigt worden.</p> - -<p>Um bei der Neuordnung unsrer Geschäftsführung auch nach -Möglichkeit alle veränderten Anschriften berücksichtigen zu können, -bitten wir unsre geschätzten Mitglieder, uns die jetzige und frühere -Anschrift dann mitzuteilen, wenn die Anschrift auf dem Briefumschlag, -in dem dieses Heft versandt wurde, nicht mehr stimmt.</p> - -<p>Jede Neuorganisation und Umänderung von Geschäftseinrichtungen -bringt Versehen und Unstimmigkeiten naturgemäß -mit sich. Wir bitten daher in den kommenden Wochen und -Monaten – denn die vollständige Neueinrichtung unsrer Kartothek -wird bei dem umfangreichen Mitgliederbestand diese Zeit erfordern – -um freundliche Nachsicht.</p> - -<p>Wir danken allen, die uns durch Ratschläge bisher unterstützt -haben; wir ersehen daraus die Liebe zu unsrem Verein, das Interesse -an dem weiteren Heranwachsen unsrer Bewegung zum Wohle des -letzten Schatzes, der uns blieb: zum Wohle unsrer geliebten Heimat.</p> - -<p class="center larger">Landesverein Sächsischer Heimatschutz</p> - -<p class="center">März 1923</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p class="h2">Einbanddecken in Leinen</p> -</div> - -<table> -<tr><td>Einzelbände</td><td class="tdr">M. 3000.—</td></tr> -<tr><td>Doppelbände</td><td class="tdr">M. 3500.—</td></tr> -</table> - -<p class="h2 p2">Heimatbücherei des Landesvereins -Sächsischer Heimatschutz</p> - -<div class="hang"> -<p>Band I (2. Auflage): <em class="gesperrt">Gerhard Platz</em> »Vom Wandern -und Weilen im Heimatland«</p> -<p class="right"> -M. 7500.— -</p> - -<p>Band II. <em class="gesperrt">Max Zeibig</em> »Bunte Gassen, helle Straßen«</p> -<p class="right"> -M. 4000.— -</p> - -<p>Band III. <em class="gesperrt">Edgar Hahnewald</em> »Sächsische Landschaften«</p> -<p class="right"> -M. 6000.— -</p> -</div> - -<p class="center"> -<span class="bbox padding">Bestellkarte in diesem Heft</span> -</p> - -<p class="p2 center s90">Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-A.</p> - -<div lang='en' xml:lang='en'> -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>LANDESVEREIN SÄCHSISCHER HEIMATSCHUTZ -- MITTEILUNGEN BAND XII, HEFT 1-3</span> ***</div> -<div style='text-align:left'> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin-top:1em; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE</div> -<div style='text-align:center;font-size:0.9em'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE</div> -<div style='text-align:center;font-size:0.9em'>PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg™ -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg™ electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person -or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. 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Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state’s laws. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation’s website -and official page at www.gutenberg.org/contact -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread -public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Most people start at our website which has the main PG search -facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This website includes information about Project Gutenberg™, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. -</div> - -</div> -</div> -</body> -</html> diff --git a/old/69548-h/images/cover.jpg b/old/69548-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index ec7dbc0..0000000 --- a/old/69548-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/69548-h/images/illu-003.jpg b/old/69548-h/images/illu-003.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 4e6b224..0000000 --- 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