summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/old/69327-0.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to 'old/69327-0.txt')
-rw-r--r--old/69327-0.txt7507
1 files changed, 0 insertions, 7507 deletions
diff --git a/old/69327-0.txt b/old/69327-0.txt
deleted file mode 100644
index d8df65e..0000000
--- a/old/69327-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,7507 +0,0 @@
-The Project Gutenberg eBook of Der Prozess, by Franz Kafka
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Der Prozess
- Roman
-
-Author: Franz Kafka
-
-Release Date: November 11, 2022 [eBook #69327]
-
-Language: German
-
-Produced by: Jeroen Hellingman and the Online Distributed Proofreading
- Team at https://www.pgdp.net/ for Project Gutenberg (This
- file was produced from images generously made available by
- The Internet Archive/Canadian Libraries)
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER PROZESS ***
-
-
-
-
-
- FRANZ KAFKA
-
-
- DER PROZESS
- ROMAN
-
-
- VERLAG DIE SCHMIEDE
- BERLIN
- 1925
-
-
-
-
-
-
-
-
-ERSTES KAPITEL
-
-VERHAFTUNG · GESPRÄCH MIT FRAU GRUBACH · DANN FRÄULEIN BÜRSTNER
-
-
-Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses
-getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Die Köchin der Frau
-Grubach, seiner Zimmervermieterin, die ihm jeden Tag gegen acht Uhr
-früh das Frühstück brachte, kam diesmal nicht. Das war noch niemals
-geschehen. K. wartete noch ein Weilchen, sah von seinem Kopfkissen aus
-die alte Frau, die ihm gegenüber wohnte und die ihn mit einer an ihr
-ganz ungewöhnlichen Neugierde beobachtete, dann aber, gleichzeitig
-befremdet und hungrig, läutete er. Sofort klopfte es und ein Mann, den
-er in dieser Wohnung noch niemals gesehen hatte, trat ein. Er war
-schlank und doch fest gebaut, er trug ein anliegendes schwarzes Kleid,
-das ähnlich den Reiseanzügen mit verschiedenen Falten, Taschen,
-Schnallen, Knöpfen und einem Gürtel versehen war und infolgedessen,
-ohne daß man sich darüber klar wurde, wozu es dienen sollte, besonders
-praktisch erschien. „Wer sind Sie?“ fragte K. und saß gleich halb
-aufrecht im Bett. Der Mann aber ging über die Frage hinweg, als müsse
-man seine Erscheinung hinnehmen, und sagte bloß seinerseits: „Sie haben
-geläutet?“ „Anna soll mir das Frühstück bringen,“ sagte K. und
-versuchte zunächst stillschweigend durch Aufmerksamkeit und Überlegung
-festzustellen, wer der Mann eigentlich war. Aber dieser setzte sich
-nicht allzu lange seinen Blicken aus, sondern wandte sich zur Tür, die
-er ein wenig öffnete, um jemandem, der offenbar knapp hinter der Tür
-stand, zu sagen: „Er will, daß Anna ihm das Frühstück bringt.“ Ein
-kleines Gelächter im Nebenzimmer folgte, es war nach dem Klang nicht
-sicher, ob nicht mehrere Personen daran beteiligt waren. Trotzdem der
-fremde Mann dadurch nichts erfahren haben konnte, was er nicht schon
-früher gewußt hätte, sagte er nun doch zu K. im Tone einer Meldung: „Es
-ist unmöglich.“ „Das wäre neu,“ sagte K., sprang aus dem Bett und zog
-rasch seine Hosen an. „Ich will doch sehn, was für Leute im Nebenzimmer
-sind und wie Frau Grubach diese Störung mir gegenüber verantworten
-wird.“ Es fiel ihm zwar gleich ein, daß er das nicht hätte laut sagen
-müssen und daß er dadurch gewissermaßen ein Beaufsichtigungsrecht des
-Fremden anerkannte, aber es schien ihm jetzt nicht wichtig. Immerhin
-faßte es der Fremde so auf, denn er sagte: „Wollen Sie nicht lieber
-hierbleiben?“ „Ich will weder hierbleiben noch von Ihnen angesprochen
-werden, solange Sie sich mir nicht vorstellen.“ „Es war gut gemeint,“
-sagte der Fremde und öffnete nun freiwillig die Tür. Im Nebenzimmer, in
-das K. langsamer eintrat als er wollte, sah es auf den ersten Blick
-fast genau so aus, wie am Abend vorher. Es war das Wohnzimmer der Frau
-Grubach, vielleicht war in diesem mit Möbeln, Decken, Porzellan und
-Photographien überfüllten Zimmer heute ein wenig mehr Raum als sonst,
-man erkannte das nicht gleich, um so weniger, als die Hauptveränderung
-in der Anwesenheit eines Mannes bestand, der beim offenen Fenster mit
-einem Buch saß, von dem er jetzt aufblickte. „Sie hätten in Ihrem
-Zimmer bleiben sollen! Hat es Ihnen denn Franz nicht gesagt?“ „Ja, was
-wollen Sie denn?“ sagte K. und sah von der neuen Bekanntschaft zu dem
-mit Franz Benannten, der in der Tür stehengeblieben war, und dann
-wieder zurück. Durch das offene Fenster erblickte man wieder die alte
-Frau, die mit wahrhaft greisenhafter Neugierde zu dem jetzt
-gegenüberliegenden Fenster getreten war, um auch weiterhin alles zu
-sehn. „Ich will doch Frau Grubach —“ sagte K., machte eine Bewegung,
-als reiße er sich von den zwei Männern los, die aber weit von ihm
-entfernt standen, und wollte weitergehn. „Nein,“ sagte der Mann beim
-Fenster, warf das Buch auf ein Tischchen und stand auf. „Sie dürfen
-nicht weggehn, Sie sind ja gefangen.“ „Es sieht so aus,“ sagte K. „Und
-warum denn?“ fragte er dann. „Wir sind nicht dazu bestellt, Ihnen das
-zu sagen. Gehn Sie in Ihr Zimmer und warten Sie. Das Verfahren ist nun
-einmal eingeleitet und Sie werden alles zur richtigen Zeit erfahren.
-Ich gehe über meinen Auftrag hinaus, wenn ich Ihnen so freundschaftlich
-zurede. Aber ich hoffe, es hört es niemand sonst als Franz und der ist
-selbst gegen alle Vorschrift freundlich zu Ihnen. Wenn Sie auch
-weiterhin so viel Glück haben wie bei der Bestimmung Ihrer Wächter,
-dann können Sie zuversichtlich sein.“ K. wollte sich setzen, aber nun
-sah er, daß im ganzen Zimmer keine Sitzgelegenheit war, außer dem
-Sessel beim Fenster. „Sie werden noch einsehn, wie wahr das alles ist,“
-sagte Franz und ging gleichzeitig mit dem andern Mann auf ihn zu.
-Besonders der letztere überragte K. bedeutend und klopfte ihm öfters
-auf die Schulter. Beide prüften K.s Nachthemd und sagten, daß er jetzt
-ein viel schlechteres Hemd werde anziehn müssen, daß sie aber dieses
-Hemd wie auch seine übrige Wäsche aufbewahren und, wenn seine Sache
-günstig ausfallen sollte, ihm wieder zurückgeben würden. „Es ist
-besser, Sie geben die Sachen uns als ins Depot,“ sagten sie, „denn im
-Depot kommen öfters Unterschleife vor und außerdem verkauft man dort
-alle Sachen nach einer gewissen Zeit ohne Rücksicht, ob das betreffende
-Verfahren zu Ende ist oder nicht. Und wie lange dauern doch derartige
-Prozesse besonders in letzter Zeit. Sie bekämen dann schließlich
-allerdings vom Depot den Erlös, aber dieser Erlös ist erstens an sich
-schon gering, denn beim Verkauf entscheidet nicht die Höhe des
-Angebotes, sondern die Höhe der Bestechung und weiter verringern sich
-solche Erlöse erfahrungsgemäß, wenn sie von Hand zu Hand und von Jahr
-zu Jahr weitergegeben werden.“ K. achtete auf diese Reden kaum, das
-Verfügungsrecht über seine Sachen, das er vielleicht noch besaß,
-schätzte er nicht hoch ein, viel wichtiger war es ihm, Klarheit über
-seine Lage zu bekommen; in Gegenwart dieser Leute konnte er aber nicht
-einmal nachdenken, immer wieder stieß der Bauch des zweiten Wächters —
-es konnten ja nur Wächter sein — förmlich freundschaftlich an ihn, sah
-er aber auf, dann erblickte er ein zu diesem dicken Körper gar nicht
-passendes trockenes, knochiges Gesicht, mit starker, seitlich gedrehter
-Nase, das sich über ihn hinweg mit dem andern Wächter verständigte. Was
-waren denn das für Menschen? Wovon sprachen sie? Welcher Behörde
-gehörten sie an? K. lebte doch in einem Rechtsstaat, überall herrschte
-Friede, alle Gesetze bestanden aufrecht, wer wagte ihn in seiner
-Wohnung zu überfallen? Er neigte stets dazu, alles möglichst leicht zu
-nehmen, das Schlimmste erst beim Eintritt des Schlimmsten zu glauben,
-keine Vorsorge für die Zukunft zu treffen, selbst wenn alles drohte.
-Hier schien ihm das aber nicht richtig, man konnte zwar das Ganze als
-Spaß ansehn, als einen groben Spaß, den ihm aus unbekannten Gründen,
-vielleicht weil heute sein dreißigster Geburtstag war, die Kollegen in
-der Bank veranstaltet hatten, es war natürlich möglich, vielleicht
-brauchte er nur auf irgendeine Weise den Wächtern ins Gesicht zu lachen
-und sie würden mitlachen, vielleicht waren es Dienstmänner von der
-Straßenecke, sie sahen ihnen nicht unähnlich — trotzdem war er diesmal
-förmlich schon seit dem ersten Anblick des Wächters Franz entschlossen,
-nicht den geringsten Vorteil, den er vielleicht gegenüber diesen Leuten
-besaß, aus der Hand zu geben. Darin, daß man später sagen würde, er
-habe keinen Spaß verstanden, sah K. eine ganz geringe Gefahr, wohl aber
-erinnerte er sich — ohne daß es sonst seine Gewohnheit gewesen wäre,
-aus Erfahrungen zu lernen — an einige an sich unbedeutende Fälle, in
-denen er zum Unterschied von seinen Freunden mit Bewußtsein, ohne das
-geringste Gefühl für die möglichen Folgen sich unvorsichtig benommen
-hatte und dafür durch das Ergebnis gestraft worden war. Es sollte nicht
-wieder geschehen, zumindest nicht diesmal; war es eine Komödie, so
-wollte er mitspielen.
-
-Noch war er frei. „Erlauben Sie,“ sagte er und ging eilig zwischen den
-Wächtern durch in sein Zimmer. „Er scheint vernünftig zu sein,“ hörte
-er hinter sich sagen. In seinem Zimmer riß er gleich die Schubladen des
-Schreibtischs auf, es lag dort alles in großer Ordnung, aber gerade die
-Legitimationspapiere, die er suchte, konnte er in der Aufregung nicht
-gleich finden. Schließlich fand er seine Radfahrlegitimation und wollte
-schon mit ihr zu den Wächtern gehn, dann aber schien ihm das Papier zu
-geringfügig und er suchte weiter, bis er den Geburtsschein fand. Als er
-wieder in das Nebenzimmer zurückkam, öffnete sich gerade die
-gegenüberliegende Tür und Frau Grubach wollte dort eintreten. Man sah
-sie nur einen Augenblick, denn kaum hatte sie K. erkannt, als sie
-offenbar verlegen wurde, um Verzeihung bat, verschwand und äußerst
-vorsichtig die Tür schloß. „Kommen Sie doch herein,“ hatte K. gerade
-noch sagen können. Nun aber stand er mit seinen Papieren in der Mitte
-des Zimmers, sah noch auf die Tür hin, die sich nicht wieder öffnete,
-und wurde erst durch einen Anruf der Wächter aufgeschreckt, die bei dem
-Tischchen am offenen Fenster saßen und, wie K. jetzt erkannte, sein
-Frühstück verzehrten. „Warum ist sie nicht eingetreten?“ fragte er.
-„Sie darf nicht,“ sagte der große Wächter. „Sie sind doch verhaftet.“
-„Wie kann ich denn verhaftet sein? Und gar auf diese Weise?“ „Nun
-fangen Sie also wieder an,“ sagte der Wächter und tauchte ein
-Butterbrot ins Honigfäßchen. „Solche Fragen beantworten wir nicht.“
-„Sie werden sie beantworten müssen,“ sagte K. „Hier sind meine
-Legitimationspapiere, zeigen Sie mir jetzt die Ihrigen und vor allem
-den Verhaftbefehl.“ „Du lieber Himmel!“ sagte der Wächter, „daß Sie
-sich in Ihre Lage nicht fügen können und daß Sie es darauf angelegt zu
-haben scheinen, uns, die wir Ihnen jetzt wahrscheinlich von allen Ihren
-Mitmenschen am nächsten stehn, nutzlos zu reizen.“ „Es ist so, glauben
-Sie es doch,“ sagte Franz, führte die Kaffeetasse, die er in der Hand
-hielt, nicht zum Mund, sondern sah K. mit einem langen, wahrscheinlich
-bedeutungsvollen, aber unverständlichen Blick an. K. ließ sich, ohne es
-zu wollen, in ein Zwiegespräch der Blicke mit Franz ein, schlug dann
-aber doch auf seine Papiere und sagte: „Hier sind meine
-Legitimationspapiere.“ „Was kümmern uns denn die?“ rief nun schon der
-große Wächter. „Sie führen sich ärger auf als ein Kind. Was wollen Sie
-denn? Wollen Sie Ihren großen verfluchten Prozeß dadurch zu einem
-raschen Ende bringen, daß Sie mit uns, den Wächtern, über Legitimation
-und Verhaftbefehl diskutieren. Wir sind niedrige Angestellte, die sich
-in einem Legitimationspapier kaum auskennen und die mit Ihrer Sache
-nichts anderes zu tun haben, als daß sie zehn Stunden täglich bei Ihnen
-Wache halten und dafür bezahlt werden. Das ist alles, was wir sind,
-trotzdem aber sind wir fähig, einzusehn, daß die hohen Behörden, in
-deren Dienst wir stehn, ehe sie eine solche Verhaftung verfügen, sich
-sehr genau über die Gründe der Verhaftung und die Person des
-Verhafteten unterrichten. Es gibt darin keinen Irrtum. Unsere Behörde,
-soweit ich sie kenne, und ich kenne nur die niedrigsten Grade, sucht
-doch nicht etwa die Schuld in der Bevölkerung, sondern wird, wie es im
-Gesetz heißt, von der Schuld angezogen und muß uns Wächter ausschicken.
-Das ist Gesetz. Wo gäbe es da einen Irrtum?“ „Dieses Gesetz kenne ich
-nicht,“ sagte K. „Desto schlimmer für Sie,“ sagte der Wächter. „Es
-besteht wohl auch nur in Ihren Köpfen,“ sagte K., er wollte sich
-irgendwie in die Gedanken der Wächter einschleichen, sie zu seinen
-Gunsten wenden oder sich dort einbürgern. Aber der Wächter sagte nur
-abweisend: „Sie werden es zu fühlen bekommen.“ Franz mischte sich ein
-und sagte: „Sieh, Willem, er gibt zu, er kenne das Gesetz nicht und
-behauptet gleichzeitig, schuldlos zu sein.“ „Du hast ganz recht, aber
-ihm kann man nichts begreiflich machen,“ sagte der andere. K.
-antwortete nicht mehr; muß ich, dachte er, durch das Geschwätz dieser
-niedrigsten Organe — sie geben selbst zu, es zu sein — mich noch mehr
-verwirren lassen? Sie reden doch jedenfalls von Dingen, die sie gar
-nicht verstehn. Ihre Sicherheit ist nur durch ihre Dummheit möglich.
-Ein paar Worte, die ich mit einem mir ebenbürtigen Menschen sprechen
-werde, werden alles unvergleichlich klarer machen als die längsten
-Reden mit diesen. Er ging einige Male in dem freien Raum des Zimmers
-auf und ab, drüben sah er die alte Frau, die einen noch viel ältern
-Greis zum Fenster gezerrt hatte, den sie umschlungen hielt. K. mußte
-dieser Schaustellung ein Ende machen: „Führen Sie mich zu Ihrem
-Vorgesetzten,“ sagte er. „Bis er es wünscht; nicht früher,“ sagte der
-Wächter, der Willem genannt worden war. „Und nun rate ich Ihnen,“ fügte
-er hinzu, „in Ihr Zimmer zu gehn, sich ruhig zu verhalten und darauf zu
-warten, was über Sie verfügt werden wird. Wir raten Ihnen, zerstreuen
-Sie sich nicht durch nutzlose Gedanken, sondern sammeln Sie sich, es
-werden große Anforderungen an Sie gestellt werden. Sie haben uns nicht
-so behandelt, wie es unser Entgegenkommen verdient hätte, Sie haben
-vergessen, daß wir, mögen wir auch sein was immer, zumindest jetzt
-Ihnen gegenüber freie Männer sind, das ist kein kleines Übergewicht.
-Trotzdem sind wir bereit, falls Sie Geld haben, Ihnen ein kleines
-Frühstück aus dem Kaffeehaus drüben zu bringen.“
-
-Ohne auf dieses Angebot zu antworten, stand K. ein Weilchen lang still.
-Vielleicht würden ihn die beiden, wenn er die Tür des folgenden Zimmers
-oder gar die Tür des Vorzimmers öffnen würde, gar nicht zu hindern
-wagen, vielleicht wäre es die einfachste Lösung des Ganzen, daß er es
-auf die Spitze trieb. Aber vielleicht würden sie ihn doch packen, und
-war er einmal niedergeworfen, so war auch alle Überlegenheit verloren,
-die er jetzt ihnen gegenüber in gewisser Hinsicht doch wahrte. Deshalb
-zog er die Sicherheit der Lösung vor, wie sie der natürliche Verlauf
-bringen mußte, und ging in sein Zimmer zurück, ohne daß von seiner
-Seite oder von Seite der Wächter ein weiteres Wort gefallen wäre.
-
-Er warf sich auf sein Bett und nahm vom Waschtisch einen schönen Apfel,
-den er sich gestern abend für das Frühstück vorbereitet hatte. Jetzt
-war er sein einziges Frühstück und jedenfalls, wie er sich beim ersten
-großen Bissen versicherte, viel besser, als das Frühstück aus dem
-schmutzigen Nachtcafé gewesen wäre, das er durch die Gnade der Wächter
-hätte bekommen können. Er fühlte sich wohl und zuversichtlich, in der
-Bank versäumte er zwar heute vormittag seinen Dienst, aber das war bei
-der verhältnismäßig hohen Stellung, die er dort einnahm, leicht
-entschuldigt. Sollte er die wirkliche Entschuldigung anführen? Er
-gedachte es zu tun. Würde man ihm nicht glauben, was in diesem Fall
-begreiflich war, so konnte er Frau Grubach als Zeugin führen oder auch
-die beiden Alten von drüben, die wohl jetzt auf dem Marsch zum
-gegenüberliegenden Fenster waren. Es wunderte K., wenigstens aus dem
-Gedankengang der Wächter wunderte es ihn, daß sie ihn in das Zimmer
-getrieben und ihn hier allein gelassen hatten, wo er doch mehrfache
-Möglichkeit hatte, sich umzubringen. Gleichzeitig allerdings fragte er
-sich, aus seinem Gedankengang, was für einen Grund er haben könnte, es
-zu tun. Etwa, weil die zwei nebenan saßen und sein Frühstück abgefangen
-hatten. Es wäre so sinnlos gewesen sich umzubringen, daß er, selbst
-wenn er es hätte tun wollen, infolge der Sinnlosigkeit dazu nicht
-imstande gewesen wäre. Wäre die geistige Beschränktheit der Wächter
-nicht so auffallend gewesen, so hätte man annehmen können, daß auch sie
-infolge der gleichen Überzeugung keine Gefahr darin gesehen hätten, ihn
-allein zu lassen. Sie mochten jetzt, wenn sie wollten, zusehn, wie er
-zu einem Wandschränkchen ging, in dem er einen guten Schnaps
-aufbewahrte, wie er ein Gläschen zuerst zum Ersatz des Frühstücks
-leerte und wie er ein zweites Gläschen dazu bestimmte, ihm Mut zu
-machen, das letztere nur aus Vorsicht für den unwahrscheinlichen Fall,
-daß es nötig sein sollte.
-
-Da erschreckte ihn ein Zuruf aus dem Nebenzimmer derartig, daß er mit
-den Zähnen ans Glas schlug. „Der Aufseher ruft Sie,“ hieß es. Es war
-nur das Schreien, das ihn erschreckte, dieses kurze abgehackte
-militärische Schreien, das er dem Wächter Franz gar nicht zugetraut
-hätte. Der Befehl selbst war ihm sehr willkommen, „endlich“, rief er
-zurück, versperrte den Wandschrank und eilte sofort ins Nebenzimmer.
-Dort standen die zwei Wächter und jagten ihn, als wäre das
-selbstverständlich, wieder in sein Zimmer zurück. „Was fällt Euch ein?“
-riefen sie, „im Hemd wollt Ihr vor den Aufseher? Er läßt Euch
-durchprügeln und uns mit.“ „Laßt mich, zum Teufel,“ rief K., der schon
-bis zu seinem Kleiderkasten zurückgedrängt war, „wenn man mich im Bett
-überfällt, kann man nicht erwarten, mich im Festanzug zu finden.“ „Es
-hilft nichts,“ sagten die Wächter, die immer, wenn K. schrie, ganz
-ruhig, ja fast traurig wurden und ihn dadurch verwirrten oder
-gewissermaßen zur Besinnung brachten. „Lächerliche Zeremonien!“ brummte
-er noch, hob aber schon einen Rock vom Stuhl und hielt ihn ein Weilchen
-mit beiden Händen, als unterbreite er ihn dem Urteil der Wächter. Sie
-schüttelten die Köpfe. „Es muß ein schwarzer Rock sein,“ sagten sie. K.
-warf daraufhin den Rock zu Boden und sagte — er wußte selbst nicht, in
-welchem Sinn er es sagte —: „Es ist doch noch nicht die
-Hauptverhandlung.“ Die Wächter lächelten, blieben aber bei ihrem: „Es
-muß ein schwarzer Rock sein.“ „Wenn ich dadurch die Sache beschleunige,
-soll es mir recht sein,“ sagte K., öffnete selbst den Kleiderkasten,
-suchte lange unter den vielen Kleidern, wählte sein bestes schwarzes
-Kleid, ein Jackettkleid, das durch seine Taille unter den Bekannten
-fast Aufsehen gemacht hatte, zog nun auch ein anderes Hemd hervor und
-begann sich sorgfältig anzuziehn. Im Geheimen glaubte er eine
-Beschleunigung des Ganzen damit erreicht zu haben, daß die Wächter
-vergessen hatten, ihn zum Bad zu zwingen. Er beobachtete sie, ob sie
-sich vielleicht daran doch erinnern würden, aber das fiel ihnen
-natürlich gar nicht ein, dagegen vergaß Willem nicht, Franz mit der
-Meldung, daß sich K. anziehe, zum Aufseher zu schicken.
-
-Als er vollständig angezogen war, mußte er knapp vor Willem durch das
-leere Nebenzimmer in das folgende Zimmer gehn, dessen Tür mit beiden
-Flügeln bereits geöffnet war. Dieses Zimmer wurde, wie K. genau wußte,
-seit kurzer Zeit von einem Fräulein Bürstner, einer
-Schreibmaschinistin, bewohnt, die sehr früh in die Arbeit zu gehen
-pflegte, spät nach Hause kam und mit der K. nicht viel mehr als die
-Grußworte gewechselt hatte. Jetzt war das Nachttischchen von ihrem Bett
-als Verhandlungstisch in die Mitte des Zimmers gerückt und der Aufseher
-saß hinter ihm. Er hatte die Beine übereinandergeschlagen und einen Arm
-auf die Rückenlehne des Stuhles gelegt.
-
-In einer Ecke des Zimmers standen drei junge Leute und sahen die
-Photographien des Fräulein Bürstner an, die in einer an der Wand
-aufgehängten Matte steckten. An der Klinke des offenen Fensters hing
-eine weiße Bluse. Im gegenüberliegenden Fenster lagen wieder die zwei
-Alten, doch hatte sich ihre Gesellschaft vergrößert, denn hinter ihnen,
-sie weit überragend, stand ein Mann mit einem auf der Brust offenen
-Hemd, der seinen rötlichen Spitzbart mit den Fingern drückte und
-drehte. „Josef K?“ fragte der Aufseher, vielleicht nur um K.s
-zerstreute Blicke auf sich zu lenken. K. nickte. „Sie sind durch die
-Vorgänge des heutigen Morgens wohl sehr überrascht,“ fragte der
-Aufseher und verschob dabei mit beiden Händen die paar Gegenstände, die
-auf dem Nachttischchen lagen, die Kerze mit Zündhölzchen, ein Buch und
-ein Nadelkissen, als seien es Gegenstände, die er zur Verhandlung
-benötige. „Gewiß,“ sagte K. und das Wohlgefühl, endlich einem
-vernünftigen Menschen gegenüberzustehen und über seine Angelegenheit
-mit ihm sprechen zu können, ergriff ihn, „gewiß, ich bin überrascht,
-aber ich bin keineswegs sehr überrascht.“ „Nicht sehr überrascht?“
-fragte der Aufseher und stellte nun die Kerze in die Mitte des
-Tischchens, während er die andern Sachen um sie gruppierte. „Sie
-mißverstehen mich vielleicht,“ beeilte sich K. zu bemerken. „Ich meine“
-— Hier unterbrach sich K. und sah sich nach einem Sessel um. „Ich kann
-mich doch setzen?“ fragte er. „Es ist nicht üblich,“ antwortete der
-Aufseher. „Ich meine,“ sagte nun K. ohne weitere Pause, „ich bin
-allerdings sehr überrascht, aber man ist, wenn man 30 Jahre auf der
-Welt ist und sich allein hat durchschlagen müssen, wie es mir
-beschieden war, gegen Überraschungen abgehärtet und nimmt sie nicht zu
-schwer. Besonders die heutige nicht.“ „Warum besonders die heutige
-nicht?“ „Ich will nicht sagen, daß ich das Ganze für einen Spaß ansehe,
-dafür scheinen mir die Veranstaltungen, die gemacht wurden, doch zu
-umfangreich. Es müßten alle Mitglieder der Pension daran beteiligt sein
-und auch Sie alle, das ginge über die Grenzen eines Spaßes. Ich will
-also nicht sagen, daß es ein Spaß ist.“ „Ganz richtig,“ sagte der
-Aufseher und sah nach, wieviel Zündhölzchen in der
-Zündhölzchenschachtel waren. „Andererseits aber,“ fuhr K. fort und
-wandte sich hierbei an alle und hätte gern sogar die drei bei den
-Photographien sich zugewendet, „andererseits aber kann die Sache auch
-nicht viel Wichtigkeit haben. Ich folgere das daraus, daß ich angeklagt
-bin, aber nicht die geringste Schuld auffinden kann, wegen deren man
-mich anklagen könnte. Aber auch das ist nebensächlich, die Hauptfrage
-ist, von wem bin ich angeklagt? Welche Behörde führt das Verfahren?
-Sind Sie Beamte? Keiner hat eine Uniform, wenn man nicht Ihr Kleid —
-hier wandte er sich an Franz — eine Uniform nennen will, aber es ist
-doch eher ein Reiseanzug. In diesen Fragen verlange ich Klarheit und
-ich bin überzeugt, daß wir nach dieser Klarstellung voneinander den
-herzlichsten Abschied werden nehmen können.“ Der Aufseher schlug die
-Zündhölzchenschachtel auf den Tisch nieder. „Sie befinden sich in einem
-großen Irrtum,“ sagte er. „Diese Herren hier und ich sind für Ihre
-Angelegenheit vollständig nebensächlich, ja wir wissen sogar von ihr
-fast nichts. Wir könnten die regelrechtesten Uniformen tragen und Ihre
-Sache würde um nichts schlechter stehn. Ich kann Ihnen auch durchaus
-nicht sagen, daß Sie angeklagt sind, oder vielmehr ich weiß nicht, ob
-Sie es sind. Sie sind verhaftet, das ist richtig, mehr weiß ich nicht.
-Vielleicht haben die Wächter etwas anderes geschwätzt, dann ist es eben
-nur Geschwätz gewesen. Wenn ich nun aber auch Ihre Fragen nicht
-beantworte, so kann ich Ihnen doch raten, denken Sie weniger an uns und
-an das, was mit Ihnen geschehen wird, denken Sie lieber mehr an sich.
-Und machen Sie keinen solchen Lärm mit dem Gefühl Ihrer Unschuld, es
-stört den nicht gerade schlechten Eindruck, den Sie im übrigen machen.
-Auch sollten Sie überhaupt im Reden zurückhaltender sein, fast alles,
-was Sie vorhin gesagt haben, hätte man auch, wenn Sie nur ein paar
-Worte gesagt hätten, Ihrem Verhalten entnehmen können, außerdem war es
-nichts für Sie übermäßig Günstiges.“
-
-K. starrte den Aufseher an. Schulmäßige Lehren bekam er hier von einem
-vielleicht jüngeren Menschen? Für seine Offenheit wurde er mit einer
-Rüge bestraft? Und über den Grund seiner Verhaftung und über deren
-Auftraggeber erfuhr er nichts?
-
-Er geriet in eine gewisse Aufregung, ging auf und ab, woran ihn niemand
-hinderte, schob seine Manschetten zurück, befühlte die Brust, strich
-sein Haar zurecht, kam an den drei Herren vorüber, sagte, „es ist ja
-sinnlos“, worauf sich diese zu ihm umdrehten und ihn entgegenkommend,
-aber ernst ansahen, und machte endlich wieder vor dem Tisch des
-Aufsehers halt. „Der Staatsanwalt Hasterer ist mein guter Freund,“
-sagte er „kann ich ihm telephonieren?“ „Gewiß,“ sagte der Aufseher,
-„aber ich weiß nicht, welchen Sinn das haben sollte, es müßte denn
-sein, daß Sie irgendeine private Angelegenheit mit ihm zu besprechen
-haben.“ „Welchen Sinn?“ rief K. mehr bestürzt als geärgert. „Wer sind
-Sie denn? Sie wollen einen Sinn und führen das Sinnloseste auf, was es
-gibt. Ist es nicht zum Steinerweichen? Die Herren haben mich zuerst
-überfallen und jetzt sitzen oder stehn sie hier herum und lassen mich
-vor Ihnen die hohe Schule reiten. Welchen Sinn es hätte, an einen
-Staatsanwalt zu telephonieren, wenn ich angeblich verhaftet bin? Gut,
-ich werde nicht telephonieren.“ „Aber doch,“ sagte der Aufseher und
-streckte die Hand zum Vorzimmer aus, wo das Telephon war, „bitte
-telephonieren Sie doch.“ „Nein, ich will nicht mehr,“ sagte K. und ging
-zum Fenster. Drüben war noch die Gesellschaft beim Fenster und schien
-nur jetzt dadurch, daß K. ans Fenster herangetreten war, in der Ruhe
-des Zuschauens ein wenig gestört. Die Alten wollten sich erheben, aber
-der Mann hinter ihnen beruhigte sie. „Dort sind auch solche Zuschauer,“
-rief K. ganz laut dem Aufseher zu und zeigte mit dem Zeigefinger
-hinaus. „Weg von dort,“ rief er dann hinüber. Die drei wichen auch
-sofort ein paar Schritte zurück, die beiden Alten sogar noch hinter den
-Mann, der sie mit seinem breiten Körper deckte und, nach seinen
-Mundbewegungen zu schließen, irgend etwas auf die Entfernung hin
-Unverständliches sagte. Ganz aber verschwanden sie nicht, sondern
-schienen auf den Augenblick zu warten, bis sie sich unbemerkt wieder
-dem Fenster nähern könnten. „Zudringliche, rücksichtslose Leute!“ sagte
-K., als er sich im Zimmer zurückwendete. Der Aufseher stimmte ihm
-möglicherweise zu, wie K. mit einem Seitenblick zu erkennen glaubte.
-Aber es war ebensogut möglich, daß er gar nicht zugehört hatte, denn er
-hatte eine Hand fest auf den Tisch gedrückt und schien die Finger ihrer
-Länge nach zu vergleichen. Die zwei Wächter saßen auf einen mit einer
-Schmuckdecke verhüllten Koffer und rieben ihre Knie. Die drei jungen
-Leute hatten die Hände in die Hüften gelegt und sahen ziellos herum. Es
-war still wie in irgendeinem vergessenen Bureau. „Nun, meine Herren,“
-rief K., es schien ihm einen Augenblick lang, als trage er alle auf
-seinen Schultern, „Ihrem Aussehn nach zu schließen, dürfte meine
-Angelegenheit beendet sein. Ich bin der Ansicht, daß es am besten ist,
-über die Berechtigung oder Nichtberechtigung Ihres Vorgehns nicht mehr
-nachzudenken und der Sache durch einen gegenseitigen Händedruck einen
-versöhnlichen Abschluß zu geben. Wenn auch Sie meiner Ansicht sind,
-dann bitte“ — und er trat an den Tisch des Aufsehers hin und reichte
-ihm die Hand. Der Aufseher hob die Augen, nagte an den Lippen und sah
-auf K.s ausgestreckte Hand, noch immer glaubte K., der Aufseher werde
-einschlagen. Dieser aber stand auf, nahm einen harten runden Hut, der
-auf Fräulein Bürstners Bett lag und setzte sich ihn vorsichtig mit
-beiden Händen auf, wie man es bei der Anprobe neuer Hüte tut. „Wie
-einfach Ihnen alles scheint!“ sagte er dabei zu K., „wir sollten der
-Sache einen versöhnlichen Abschluß geben, meinten Sie? Nein, nein, das
-geht wirklich nicht. Womit ich andererseits durchaus nicht sagen will,
-daß Sie verzweifeln sollen. Nein, warum denn? Sie sind nur verhaftet,
-nichts weiter. Das hatte ich Ihnen mitzuteilen, habe es getan und habe
-auch gesehn, wie Sie es aufgenommen haben. Damit ist es für heute genug
-und wir können uns verabschieden, allerdings nur vorläufig. Sie werden
-wohl jetzt in die Bank gehn wollen?“ „In die Bank?“ fragte K., „ich
-dachte, ich wäre verhaftet.“ K. fragte mit einem gewissen Trotz, denn
-obwohl sein Handschlag nicht angenommen worden war, fühlte er sich,
-insbesondere seitdem der Aufseher aufgestanden war, immer unabhängiger
-von allen diesen Leuten. Er spielte mit ihnen. Er hatte die Absicht,
-falls sie weggehn sollten, bis zum Haustor nachzulaufen und ihnen seine
-Verhaftung anzubieten. Darum wiederholte er auch: „Wie kann ich denn in
-die Bank gehn, da ich verhaftet bin?“ „Ach so,“ sagte der Aufseher, der
-schon bei der Tür war, „Sie haben mich mißverstanden. Sie sind
-verhaftet, gewiß, aber das soll Sie nicht hindern, Ihren Beruf zu
-erfüllen. Sie sollen auch in Ihrer gewöhnlichen Lebensweise nicht
-gehindert sein.“ „Dann ist das Verhaftetsein nicht sehr schlimm,“ sagte
-K. und ging nahe an den Aufseher heran. „Ich meinte es niemals anders,“
-sagte dieser. „Es scheint aber dann nicht einmal die Mitteilung der
-Verhaftung sehr notwendig gewesen zu sein,“ sagte K. und ging noch
-näher. Auch die andern hatten sich genähert. Alle waren jetzt auf einem
-engen Raum bei der Tür versammelt. „Es war meine Pflicht,“ sagte der
-Aufseher. „Eine dumme Pflicht,“ sagte K. unnachgiebig. „Mag sein,“
-antwortete der Aufseher, „aber wir wollen mit solchen Reden nicht
-unsere Zeit verlieren. Ich hatte angenommen, daß Sie in die Bank gehn
-wollen. Da Sie auf alle Worte aufpassen, füge ich hinzu: ich zwinge Sie
-nicht in die Bank zu gehn, ich hatte nur angenommen, daß Sie es wollen.
-Und um Ihnen das zu erleichtern, und Ihre Ankunft in der Bank möglichst
-unauffällig zu machen, habe ich diese drei Herren, Ihre Kollegen, hier
-zu Ihrer Verfügung gehalten.“ „Wie?“ rief K. und staunte die drei an.
-Diese so uncharakteristischen blutarmen jungen Leute, die er immer noch
-nur als Gruppe bei den Photographien in der Erinnerung hatte, waren
-tatsächlich Beamte aus seiner Bank, nicht Kollegen, das war zu viel
-gesagt und bereits eine Lücke in der Allwissenheit des Aufsehers, aber
-untergeordnete Beamte aus der Bank waren es allerdings. Wie hatte K.
-das übersehen können? Wie hatte er doch hingenommen sein müssen, von
-dem Aufseher und den Wächtern, um diese drei nicht zu erkennen. Den
-steifen, die Hände schwingenden Rabensteiner, den blonden Kullich mit
-den tiefliegenden Augen und Kaminer mit dem unausstehlichen, durch eine
-chronische Muskelzerrung bewirkten Lächeln, „Guten Morgen!“ sagte K.
-nach einem Weilchen und reichte den sich korrekt verbeugenden Herren
-die Hand. „Ich habe Sie gar nicht erkannt. Nun werden wir also an die
-Arbeit gehn, nicht?“ Die Herren nickten lachend und eifrig, als hätten
-sie die ganze Zeit über darauf gewartet, nur als K. seinen Hut
-vermißte, der in seinem Zimmer liegen geblieben war, liefen sie
-sämtlich hintereinander ihn holen, was immerhin auf eine gewisse
-Verlegenheit schließen ließ. K. stand still und sah ihnen durch die
-zwei offenen Türen nach, der letzte war natürlich der gleichgültige
-Rabensteiner, der bloß einen eleganten Trab angeschlagen hatte. Kaminer
-überreichte den Hut und K. mußte sich, wie dies übrigens auch öfters in
-der Bank nötig war, ausdrücklich sagen, daß Kaminers Lächeln nicht
-Absicht war, ja daß er überhaupt absichtlich nicht lächeln konnte. Im
-Vorzimmer öffnete dann Frau Grubach, die gar nicht sehr schuldbewußt
-aussah, der ganzen Gesellschaft die Wohnungstür und K. sah, wie so oft,
-auf ihr Schürzenband nieder, das so unnötig tief in ihren mächtigen
-Leib einschnitt. Unten entschloß sich K., die Uhr in der Hand, ein
-Automobil zu nehmen, um die schon halbstündige Verspätung nicht unnötig
-zu vergrößern. Kaminer lief zur Ecke, um den Wagen zu holen, die zwei
-andern versuchten offensichtlich K. zu zerstreuen, als plötzlich
-Kullich auf das gegenüberliegende Haustor zeigte, in dem eben der große
-Mann mit dem blonden Spitzbart erschien und im ersten Augenblick, ein
-wenig verlegen darüber, daß er sich jetzt in seiner ganzen Größe
-zeigte, zur Wand zurücktrat und sich anlehnte. Die Alten waren wohl
-noch auf der Treppe. K. ärgerte sich über Kullich, daß dieser auf den
-Mann aufmerksam machte, den er selbst schon früher gesehen, ja den er
-sogar erwartet hatte. „Schauen Sie nicht hin,“ stieß er hervor, ohne zu
-bemerken, wie auffallend eine solche Redeweise gegenüber selbständigen
-Männern war. Es war aber auch keine Erklärung nötig, denn gerade kam
-das Automobil, man setzte sich und fuhr los. Da erinnerte sich K., daß
-er das Weggehn des Aufsehers und der Wächter gar nicht bemerkt hatte,
-der Aufseher hatte ihm die drei Beamten verdeckt und nun wieder die
-Beamten den Aufseher. Viel Geistesgegenwart bewies das nicht, und K.
-nahm sich vor, sich in dieser Hinsicht genauer zu beobachten. Doch
-drehte er sich noch unwillkürlich um und beugte sich über das
-Hinterdeck des Automobils vor, um möglicherweise den Aufseher und die
-Wächter noch zu sehn. Aber gleich wendete er sich wieder zurück, und
-lehnte sich bequem in die Wagenecke ohne auch nur den Versuch gemacht
-zu haben, jemanden zu suchen. Trotzdem es nicht den Anschein hatte,
-hätte er gerade jetzt Zuspruch nötig gehabt, aber nun schienen die
-Herren ermüdet, Rabensteiner sah rechts aus dem Wagen, Kullich links
-und nur Kaminer stand mit seinem Grinsen zur Verfügung, über das einen
-Spaß zu machen leider die Menschlichkeit verbot.
-
-
-
-In diesem Frühjahr pflegte K. die Abende in der Weise zu verbringen,
-daß er nach der Arbeit, wenn dies noch möglich war — er saß meistens
-bis 9 Uhr im Bureau — einen kleinen Spaziergang allein oder mit Beamten
-machte und dann in eine Bierstube ging, wo er an einem Stammtisch mit
-meist ältern Herren gewöhnlich bis 11 Uhr beisammen saß. Es gab aber
-auch Ausnahmen von dieser Einteilung, wenn K. z. B. vom Bankdirektor,
-der seine Arbeitskraft und Vertrauenswürdigkeit sehr schätzte, zu einer
-Autofahrt oder zu einem Abendessen in seiner Villa eingeladen wurde.
-Außerdem ging K. einmal in der Woche zu einem Mädchen namens Elsa, die
-während der Nacht bis in den späten Morgen als Kellnerin in einer
-Weinstube bediente und während des Tages nur vom Bett aus Besuche
-empfing.
-
-An diesem Abend aber — der Tag war unter angestrengter Arbeit und
-vielen ehrenden und freundschaftlichen Geburtstagswünschen schnell
-verlaufen — wollte K. sofort nach Hause gehn. In allen kleinen Pausen
-der Tagesarbeit hatte er daran gedacht; ohne genau zu wissen, was er
-meinte, schien es ihm, als ob durch die Vorfälle des Morgens eine große
-Unordnung in der ganzen Wohnung der Frau Grubach verursacht worden sei
-und daß gerade er nötig sei, um die Ordnung wiederherzustellen. War
-aber einmal diese Ordnung hergestellt, dann war jede Spur jener
-Vorfälle ausgelöscht und alles nahm seinen alten Gang wieder auf.
-Insbesondere von den drei Beamten war nichts zu befürchten, sie waren
-wieder in die große Beamtenschaft der Bank versenkt, es war keine
-Veränderung an ihnen zu bemerken. K. hatte sie öfters einzeln und
-gemeinsam in sein Bureau berufen, zu keinem andern Zweck, als um sie zu
-beobachten; immer hatte er sie befriedigt entlassen können.
-
-Als er um ½10 Uhr abends vor dem Hause, in dem er wohnte, ankam, traf
-er im Haustor einen jungen Burschen, der dort breitbeinig stand und
-eine Pfeife rauchte. „Wer sind Sie,“ fragte K. sofort und brachte sein
-Gesicht nahe an den Burschen, man sah nicht viel im Halbdunkel des
-Flurs. „Ich bin der Sohn des Hausmeisters, gnädiger Herr,“ antwortete
-der Bursche, nahm die Pfeife aus dem Mund und trat zur Seite. „Der Sohn
-des Hausmeisters?“ fragte K. und klopfte mit seinem Stock ungeduldig
-den Boden. „Wünscht der gnädige Herr etwas? Soll ich den Vater holen?“
-„Nein, nein,“ sagte K., in seiner Stimme lag etwas Verzeihendes, als
-habe der Bursche etwas Böses ausgeführt, er aber verzeihe ihm. „Es ist
-gut,“ sagte er dann und ging weiter, aber ehe er die Treppe
-hinaufstieg, drehte er sich noch einmal um.
-
-Er hätte geradewegs in sein Zimmer gehen können, aber da er mit Frau
-Grubach sprechen wollte, klopfte er gleich an ihre Türe an. Sie saß mit
-einem Strickstrumpf am Tisch, auf dem noch ein Haufen alter Strümpfe
-lag. K. entschuldigte sich zerstreut, daß er so spät komme, aber Frau
-Grubach war sehr freundlich und wollte keine Entschuldigung hören, für
-ihn sei sie immer zu sprechen, er wisse sehr gut, daß er ihr bester und
-liebster Mieter sei. K. sah sich im Zimmer um, es war wieder vollkommen
-in seinem alten Zustand, das Frühstücksgeschirr, das früh auf dem
-Tischchen beim Fenster gestanden hatte, war auch schon weggeräumt.
-Frauenhände bringen doch im Stillen viel fertig, dachte er, er hätte
-das Geschirr vielleicht auf der Stelle zerschlagen, aber gewiß nicht
-hinaustragen können. Er sah Frau Grubach mit einer gewissen Dankbarkeit
-an. „Warum arbeiten Sie noch so spät,“ fragte er. Sie saßen nun beide
-am Tisch und K. vergrub von Zeit zu Zeit seine Hand in die Strümpfe.
-„Es gibt viel Arbeit,“ sagte sie, „während des Tages gehöre ich den
-Mietern; wenn ich meine Sachen in Ordnung bringen will, bleiben mir nur
-die Abende.“ „Ich habe Ihnen heute wohl noch eine außergewöhnliche
-Arbeit gemacht.“ „Wieso denn,“ fragte sie, etwas eifriger werdend, die
-Arbeit ruhte in ihrem Schoße. „Ich meine die Männer, die heute früh
-hier waren.“ „Ach so,“ sagte sie und kehrte wieder in ihre Ruhe zurück,
-„das hat mir keine besondere Arbeit gemacht.“ K. sah schweigend zu, wie
-sie den Strickstrumpf wieder vornahm. Sie scheint sich zu wundern, daß
-ich davon spreche, dachte er, sie scheint es nicht für richtig zu
-halten, daß ich davon spreche. Desto wichtiger ist es, daß ich es tue.
-Nur mit einer alten Frau kann ich davon sprechen. „Doch, Arbeit hat es
-gewiß gemacht,“ sagte er dann, „aber es wird nicht wieder vorkommen.“
-„Nein, das kann nicht wieder vorkommen,“ sagte sie bekräftigend und
-lächelte K. fast wehmütig an. „Meinen Sie das ernstlich?“ fragte K.
-„Ja,“ sagte sie leiser, „aber vor allem dürfen Sie es nicht zu schwer
-nehmen. Was geschieht nicht alles in der Welt! Da Sie so vertraulich
-mit mir reden, Herr K., kann ich Ihnen ja eingestehen, daß ich ein
-wenig hinter der Tür gehorcht habe und daß mir auch die beiden Wächter
-einiges erzählt haben. Es handelt sich ja um Ihr Glück, und das liegt
-mir wirklich am Herzen, mehr als mir vielleicht zusteht, denn ich bin
-ja bloß die Vermieterin. Nun, ich habe also einiges gehört, aber ich
-kann nicht sagen, daß es etwas besonders Schlimmes war. Nein. Sie sind
-zwar verhaftet, aber nicht so wie ein Dieb verhaftet wird. Wenn man wie
-ein Dieb verhaftet wird, so ist es schlimm, aber diese Verhaftung—. Es
-kommt mir wie etwas Gelehrtes vor, entschuldigen Sie, wenn ich etwas
-Dummes sage, es kommt mir wie etwas Gelehrtes vor, das ich zwar nicht
-verstehe, das man aber auch nicht verstehen muß.“
-
-„Es ist gar nichts Dummes, was Sie gesagt haben, Frau Grubach,
-wenigstens bin auch ich zum Teil Ihrer Meinung, nur urteile ich über
-das Ganze noch schärfer als Sie, und halte es einfach nicht einmal für
-etwas Gelehrtes, sondern überhaupt für nichts. Ich wurde überrumpelt,
-das war es. Wäre ich gleich nach dem Erwachen, ohne mich durch das
-Ausbleiben der Anna beirren zu lassen, aufgestanden und ohne Rücksicht
-auf irgend jemand, der mir in den Weg getreten wäre, zu Ihnen gegangen,
-hätte ich diesmal ausnahmsweise etwa in der Küche gefrühstückt, hätte
-mir von Ihnen die Kleidungsstücke aus meinem Zimmer bringen lassen,
-kurz, hätte ich vernünftig gehandelt, so wäre nichts weiter geschehen,
-es wäre alles, was werden wollte, erstickt worden. Man ist aber so
-wenig vorbereitet. In der Bank z. B. bin ich vorbereitet, dort könnte
-mir etwas Derartiges unmöglich geschehn, ich habe dort einen eigenen
-Diener, das allgemeine Telephon und das Bureautelephon stehn vor mir
-auf dem Tisch, immerfort kommen Leute, Parteien und Beamte, außerdem
-aber und vor allem bin ich dort immerfort im Zusammenhang der Arbeit,
-daher geistesgegenwärtig, es würde mir geradezu ein Vergnügen machen,
-dort einer solchen Sache gegenübergestellt zu werden. Nun, es ist
-vorüber und ich wollte eigentlich auch gar nicht mehr darüber sprechen,
-nur Ihr Urteil, das Urteil einer vernünftigen Frau wollte ich hören und
-bin sehr froh, daß wir darin übereinstimmen. Nun müssen Sie mir aber
-die Hand reichen, eine solche Übereinstimmung muß durch Handschlag
-bekräftigt werden.“
-
-Ob sie mir die Hand reichen wird? Der Aufseher hat mir die Hand nicht
-gereicht, dachte er und sah die Frau anders als früher, prüfend an. Sie
-stand auf, weil auch er aufgestanden war, sie war ein wenig befangen,
-weil ihr nicht alles, was K. gesagt hatte, verständlich gewesen war.
-Infolge dieser Befangenheit sagte sie aber etwas, was sie gar nicht
-wollte und was auch gar nicht am Platze war: „Nehmen Sie es doch nicht
-so schwer, Herr K.,“ sagte sie, hatte Tränen in der Stimme und vergaß
-natürlich auch den Handschlag. „Ich wüßte nicht, daß ich es schwer
-nehme,“ sagte K. plötzlich ermüdet und das Wertlose aller Zustimmungen
-dieser Frau einsehend.
-
-Bei der Tür fragte er noch: „Ist Fräulein Bürstner zu Hause?“ „Nein,“
-sagte Frau Grubach und lächelte bei dieser trockenen Auskunft mit einer
-verspäteten vernünftigen Teilnahme. „Sie ist im Theater. Wollten Sie
-etwas von ihr? Soll ich ihr etwas ausrichten?“ „Ach, ich wollte nur
-paar Worte mit ihr reden.“ „Ich weiß leider nicht, wann sie kommt; wenn
-sie im Theater ist, kommt sie gewöhnlich spät.“ „Das ist ja ganz
-gleichgültig,“ sagte K. und drehte schon den gesenkten Kopf der Tür zu,
-um wegzugehn, „ich wollte mich nur bei ihr entschuldigen, daß ich heute
-ihr Zimmer in Anspruch genommen habe.“ „Das ist nicht nötig, Herr K.,
-Sie sind zu rücksichtsvoll, das Fräulein weiß ja von gar nichts, sie
-war seit dem frühen Morgen noch nicht zu Hause, es ist auch schon alles
-in Ordnung gebracht, sehen Sie selbst.“ Und sie öffnete die Tür zu
-Fräulein Bürstners Zimmer. „Danke, ich glaube es,“ sagte K., ging dann
-aber doch zu der offenen Tür. Der Mond schien still in das dunkle
-Zimmer. Soviel man sehen konnte, war wirklich alles an seinem Platz,
-auch die Bluse hing nicht mehr an der Fensterklinke. Auffallend hoch
-schienen die Polster im Bett, sie lagen zum Teil im Mondlicht. „Das
-Fräulein kommt oft spät nach Hause,“ sagte K. und sah Frau Grubach an,
-als trage sie die Verantwortung dafür. „Wie eben junge Leute sind!“
-sagte Frau Grubach entschuldigend. „Gewiß, gewiß,“ sagte K., „es kann
-aber zu weit gehen.“ „Das kann es,“ sagte Frau Grubach, „wie sehr haben
-Sie recht, Herr K. Vielleicht sogar in diesem Fall. Ich will Fräulein
-Bürstner gewiß nicht verleumden, sie ist ein gutes liebes Mädchen,
-freundlich, ordentlich, pünktlich, arbeitsam, ich schätze das alles
-sehr, aber eines ist wahr, sie sollte stolzer, zurückhaltender sein.
-Ich habe sie in diesem Monat schon zweimal in entlegenen Straßen und
-immer mit einem andern Herrn gesehn. Es ist mir sehr peinlich, ich
-erzähle es beim wahrhaftigen Gott nur Ihnen, Herr K., aber es wird sich
-nicht vermeiden lassen, daß ich auch mit dem Fräulein selbst darüber
-spreche. Es ist übrigens nicht das einzige, das sie mir verdächtig
-macht.“ „Sie sind auf ganz falschem Weg,“ sagte K. wütend und fast
-unfähig es zu verbergen, „übrigens haben Sie offenbar auch meine
-Bemerkung über das Fräulein mißverstanden, so war es nicht gemeint. Ich
-warne Sie sogar aufrichtig, dem Fräulein irgend etwas zu sagen, Sie
-sind durchaus im Irrtum, ich kenne das Fräulein sehr gut, es ist nichts
-davon wahr, was Sie sagten. Übrigens vielleicht gehe ich zu weit, ich
-will Sie nicht hindern, sagen Sie ihr, was Sie wollen. Gute Nacht.“
-„Herr K.,“ sagte Frau Grubach bittend und eilte K. bis zu seiner Tür
-nach, die er schon geöffnet hatte, „ich will ja noch gar nicht mit dem
-Fräulein reden, natürlich will ich sie vorher noch weiter beobachten,
-nur Ihnen habe ich anvertraut, was ich wußte. Schließlich muß es doch
-im Sinne jedes Mieters sein, wenn man die Pension rein zu erhalten
-sucht, und nichts anderes ist mein Bestreben dabei.“ „Die Reinheit!“
-rief K. noch durch die Spalte der Tür, „wenn sie die Pension rein
-erhalten wollen, müssen Sie zuerst mir kündigen.“ Dann schlug er die
-Tür zu, ein leises Klopfen beachtete er nicht mehr.
-
-Dagegen beschloß er, da er gar keine Lust zum Schlafen hatte, noch
-wachzubleiben und bei dieser Gelegenheit auch festzustellen, wann
-Fräulein Bürstner kommen würde. Vielleicht wäre es dann auch möglich,
-so unpassend es sein mochte, noch ein paar Worte mit ihr zu reden. Als
-er im Fenster lag und die müden Augen drückte, dachte er einen
-Augenblick sogar daran, Frau Grubach zu bestrafen und Fräulein Bürstner
-zu überreden, gemeinsam mit ihm zu kündigen. Sofort aber erschien ihm
-das entsetzlich übertrieben und er hatte sogar den Verdacht gegen sich,
-daß er darauf ausging, die Wohnung wegen der Vorfälle am Morgen zu
-wechseln. Nichts wäre unsinniger und vor allem zweckloser und
-verächtlicher gewesen.
-
-Als er des Hinausschauens auf die leere Straße überdrüssig geworden
-war, legte er sich auf das Kanapee, nachdem er die Tür zum Vorzimmer
-ein wenig geöffnet hatte, um jeden, der die Wohnung betrat, gleich vom
-Kanapee aus sehen zu können. Etwa bis 11 Uhr lag er ruhig, eine Zigarre
-rauchend, auf dem Kanapee. Von da ab hielt er es aber nicht mehr dort
-aus, sondern ging ein wenig ins Vorzimmer, als könne er dadurch die
-Ankunft des Fräulein Bürstner beschleunigen. Er hatte kein besonderes
-Verlangen nach ihr, er konnte sich nicht einmal genau erinnern, wie sie
-aussah, aber nun wollte er mit ihr reden und es reizte ihn, daß sie
-durch ihr spätes Kommen auch noch in den Abschluß dieses Tages Unruhe
-und Unordnung brachte. Sie war auch schuld daran, daß er heute nicht zu
-Abend gegessen und daß er den für heute beabsichtigten Besuch bei Elsa
-unterlassen hatte. Beides konnte er allerdings noch dadurch nachholen,
-daß er jetzt in das Weinlokal ging, in dem Elsa bedienstet war. Er
-wollte es auch noch später nach der Unterredung mit Fräulein Bürstner
-tun.
-
-Es war ½12 vorüber, als jemand im Treppenhaus zu hören war. K., der
-seinen Gedanken hingegeben im Vorzimmer so als wäre es sein eigenes
-Zimmer laut auf und ab ging, flüchtete hinter seine Tür. Es war
-Fräulein Bürstner, die gekommen war. Fröstelnd zog sie, während sie die
-Tür versperrte, einen seidenen Schal um ihre schmalen Schultern
-zusammen. Im nächsten Augenblick mußte sie in ihr Zimmer gehen, in das
-K. gewiß um Mitternacht nicht eindringen durfte; er mußte sie also
-jetzt ansprechen, hatte aber unglücklicherweise versäumt, das
-elektrische Licht in seinem Zimmer anzudrehen, so daß sein Vortreten
-aus dem dunklen Zimmer den Anschein eines Überfalls hatte und
-wenigstens sehr erschrecken mußte. In seiner Hilflosigkeit und da keine
-Zeit zu verlieren war, flüsterte er durch den Türspalt: „Fräulein
-Bürstner.“ Es klang wie eine Bitte, nicht wie ein Anruf. „Ist jemand
-hier,“ fragte Fräulein Bürstner und sah sich mit großen Augen um. „Ich
-bin es,“ sagte K. und trat vor. „Ach Herr K.!“ sagte Fräulein Bürstner
-lächelnd. „Guten Abend“ und sie reichte ihm die Hand. „Ich wollte ein
-paar Worte mit Ihnen sprechen, wollen Sie mir das jetzt erlauben?“
-„Jetzt?“ fragte Fräulein Bürstner, „muß es jetzt sein? es ist ein wenig
-sonderbar, nicht?“ „Ich warte seit 9 Uhr auf Sie.“ „Nun ja, ich war im
-Theater, ich wußte doch nichts von Ihnen.“ „Der Anlaß für das, was ich
-Ihnen sagen will, hat sich erst heute ergeben.“ „So, nun ich habe ja
-nichts Grundsätzliches dagegen, außer daß ich zum Hinfallen müde bin.
-Also kommen Sie auf ein paar Minuten in mein Zimmer. Hier können wir
-uns auf keinen Fall unterhalten, wir wecken ja alle und das wäre mir
-unseretwegen noch unangenehmer als der Leute wegen. Warten Sie hier,
-bis ich in meinem Zimmer angezündet habe, und drehen Sie dann hier das
-Licht ab.“ K. tat so, wartete dann aber noch, bis Fräulein Bürstner ihn
-aus ihrem Zimmer nochmals leise aufforderte zu kommen. „Setzen Sie
-sich,“ sagte sie und zeigte auf die Ottomane, sie selbst blieb aufrecht
-am Bettpfosten trotz der Müdigkeit, von der sie gesprochen hatte; nicht
-einmal ihren kleinen, aber mit einer Überfülle von Blumen geschmückten
-Hut legte sie ab. „Was wollten Sie also? Ich bin wirklich neugierig?“
-Sie kreuzte leicht die Beine. „Sie werden vielleicht sagen,“ begann K.,
-„daß die Sache nicht so dringend war, um jetzt besprochen zu werden,
-aber —“ „Einleitungen überhöre ich immer,“ sagte Fräulein Bürstner.
-„Das erleichtert meine Aufgabe,“ sagte K. „Ihr Zimmer ist heute früh,
-gewissermaßen durch meine Schuld, ein wenig in Unordnung gebracht
-worden, es geschah durch fremde Leute gegen meinen Willen und doch wie
-gesagt durch meine Schuld; dafür wollte ich um Entschuldigung bitten.“
-„Mein Zimmer?“ fragte Fräulein Bürstner, und sah statt des Zimmers K.
-prüfend an. „Es ist so,“ sagte K. und nun sahen einander beide zum
-erstenmal in die Augen, „die Art und Weise, in der es geschah, ist an
-sich keines Wortes wert.“ „Aber doch das eigentlich Interessante,“
-sagte Fräulein Bürstner. „Nein,“ sagte K. „Nun,“ sagte Fräulein
-Bürstner, „ich will mich nicht in Geheimnisse eindrängen, bestehen Sie
-darauf, daß es uninteressant ist, so will ich auch nichts dagegen
-einwenden. Die Entschuldigung, um die Sie bitten, gebe ich Ihnen
-hiermit gern, besonders da ich keine Spur einer Unordnung finden kann.“
-Sie machte, die flachen Hände tief an die Hüften gelegt, einen Rundgang
-durch das Zimmer. Bei der Matte mit den Photographien blieb sie stehn.
-„Sehn Sie doch,“ rief sie, „meine Photographien sind wirklich
-durcheinandergeworfen. Das ist aber häßlich. Es ist also jemand
-unberechtigterweise in meinem Zimmer gewesen.“ K. nickte und verfluchte
-im stillen den Beamten Kaminer, der seine öde sinnlose Lebhaftigkeit
-niemals zähmen konnte. „Es ist sonderbar,“ sagte Fräulein Bürstner,
-„daß ich gezwungen bin, Ihnen etwas zu verbieten, was Sie sich selbst
-verbieten müßten, nämlich in meiner Abwesenheit mein Zimmer zu
-betreten.“ „Ich erklärte Ihnen doch, Fräulein,“ sagte K. und ging auch
-zu den Photographien, „daß nicht ich es war, der sich an Ihren
-Photographien vergangen hat; aber da Sie mir nicht glauben, so muß ich
-also eingestehn, daß die Untersuchungskommission drei Bankbeamte
-mitgebracht hat, von denen der eine, den ich bei nächster Gelegenheit
-aus der Bank hinausbefördern werde, die Photographien wahrscheinlich in
-die Hand genommen hat.“ „Ja es war eine Untersuchungskommission hier,“
-fügte K. hinzu, da ihn das Fräulein mit einem fragenden Blick ansah.
-„Ihretwegen?“ fragte das Fräulein. „Ja,“ antwortete K. „Nein,“ rief das
-Fräulein und lachte. „Doch,“ sagte K., „glauben Sie denn, daß ich
-schuldlos bin?“ „Nun, schuldlos,“ sagte das Fräulein, „ich will nicht
-gleich ein vielleicht folgenschweres Urteil aussprechen, auch kenne ich
-Sie doch nicht, immerhin, es muß doch schon ein schwerer Verbrecher
-sein, dem man gleich eine Untersuchungskommission auf den Leib schickt.
-Da Sie aber doch frei sind — ich schließe wenigstens aus Ihrer Ruhe,
-daß Sie nicht aus dem Gefängnis entlaufen sind — so können Sie doch
-kein solches Verbrechen begangen haben.“ „Ja,“ sagte K., „aber die
-Untersuchungskommission kann doch eingesehen haben, daß ich unschuldig
-bin oder doch nicht so schuldig, wie angenommen wurde.“ „Gewiß, das
-kann sein,“ sagte Fräulein Bürstner sehr aufmerksam. „Sehen Sie,“ sagte
-K., „Sie haben nicht viel Erfahrung in Gerichtssachen.“ „Nein, das habe
-ich nicht,“ sagte Fräulein Bürstner „und habe es auch schon oft
-bedauert, denn ich möchte alles wissen, und gerade Gerichtssachen
-interessieren mich ungemein. Das Gericht hat eine eigentümliche
-Anziehungskraft, nicht? Aber ich werde in dieser Richtung meine
-Kenntnisse sicher vervollständigen, denn ich trete nächsten Monat als
-Kanzleikraft in ein Advokatenbureau ein.“ „Das ist sehr gut,“ sagte K.,
-„Sie werden mir dann in meinem Prozeß ein wenig helfen können.“ „Das
-könnte sein,“ sagte Fräulein Bürstner, „warum denn nicht? Ich verwende
-gern meine Kenntnisse.“ „Ich meine es auch im Ernst,“ sagte K., „oder
-zumindest indem halben Ernst, in dem Sie es meinen. Um einen Advokaten
-heranzuziehen, dazu ist die Sache doch zu kleinlich, aber einen
-Ratgeber könnte ich gut brauchen.“ „Ja, aber wenn ich Ratgeber sein
-soll, müßte ich wissen, worum es sich handelt,“ sagte Fräulein
-Bürstner. „Das ist eben der Haken,“ sagte K., „das weiß ich selbst
-nicht.“ „Dann haben Sie sich also einen Spaß aus mir gemacht,“ sagte
-Fräulein Bürstner übermäßig enttäuscht, „es war höchst unnötig, sich
-diese späte Nachtzeit dazu auszusuchen.“ Und sie ging von den
-Photographien weg, wo sie so lange vereinigt gestanden hatten. „Aber
-mein Fräulein,“ sagte K., „ich mache keinen Spaß. Daß Sie mir nicht
-glauben wollen! Was ich weiß, habe ich Ihnen schon gesagt. Sogar mehr
-als ich weiß, denn es war gar keine Untersuchungskommission, ich nenne
-es so, weil ich keinen andern Namen dafür weiß. Es wurde gar nichts
-untersucht, ich wurde nur verhaftet, aber von einer Kommission.“
-Fräulein Bürstner saß auf der Ottomane und lachte wieder. „Wie war es
-denn?“ fragte sie. „Schrecklich“ sagte K., aber er dachte jetzt gar
-nicht daran, sondern war ganz vom Anblick des Fräulein Bürstner
-ergriffen, die das Gesicht auf eine Hand stützte — der Ellbogen ruhte
-auf dem Kissen der Ottomane — während die andere Hand langsam die Hüfte
-strich. „Das ist zu allgemein,“ sagte Fräulein Bürstner. „Was ist zu
-allgemein?“ fragte K. Dann erinnerte er sich und fragte: „Soll ich
-Ihnen zeigen, wie es gewesen ist?“ Er wollte Bewegung machen und doch
-nicht weggehn. „Ich bin schon müde,“ sagte Fräulein Bürstner. „Sie
-kamen so spät,“ sagte K. „Nun endet es damit, daß ich Vorwürfe bekomme,
-es ist auch berechtigt, denn ich hätte Sie nicht mehr hereinlassen
-sollen. Notwendig war es ja auch nicht, wie sich gezeigt hat.“ „Es war
-notwendig, daß werden Sie erst jetzt sehn,“ sagte K. „Darf ich das
-Nachttischchen von ihrem Bett herrücken?“ „Was fällt Ihnen ein?“ sagte
-Fräulein Bürstner, „das dürfen Sie natürlich nicht!“ „Dann kann ich es
-Ihnen nicht zeigen,“ sagte K. aufgeregt, als füge man ihm dadurch einen
-unermeßlichen Schaden zu. „Ja, wenn Sie es zur Darstellung brauchen,
-dann rücken Sie das Tischchen nur ruhig fort,“ sagte Fräulein Bürstner
-und fügte nach einem Weilchen mit schwächerer Stimme hinzu: „Ich bin so
-müde, daß ich mehr erlaube, als gut ist.“ K. stellte das Tischchen in
-die Mitte des Zimmers und setzte sich dahinter. „Sie müssen sich die
-Verteilung der Personen richtig vorstellen, es ist sehr interessant.
-Ich bin der Aufseher, dort auf dem Koffer sitzen zwei Wächter, bei den
-Photographien stehen drei junge Leute. An der Fensterklinke hängt, was
-ich nur nebenbei erwähne, eine weiße Bluse. Und jetzt fängt es an. Ja,
-ich vergesse mich, die wichtigste Person, also ich, stehe hier vor dem
-Tischchen. Der Aufseher sitzt äußerst bequem, die Beine übereinander
-gelegt, den Arm hier über die Lehne hinunterhängend, ein Lümmel
-sondergleichen. Und jetzt fängt es also wirklich an. Der Aufseher ruft,
-als ob er mich wecken müßte, er schreit geradezu, ich muß leider, wenn
-ich es Ihnen begreiflich machen will, auch schreien, es ist übrigens
-nur mein Name, den er so schreit.“ Fräulein Bürstner, die lachend
-zuhörte, legte den Zeigefinger an den Mund, um K. am Schreien zu
-hindern, aber es war zu spät, K. war zu sehr in der Rolle, er rief
-langsam „Josef K.,“ übrigens nicht so laut wie er gedroht hatte, aber
-doch so, daß sich der Ruf, nachdem er plötzlich ausgestoßen war, erst
-allmählich im Zimmer zu verbreiten schien.
-
-Da klopfte es an die Tür des Nebenzimmers einigemal, stark, kurz und
-regelmäßig. Fräulein Bürstner erbleichte und legte die Hand aufs Herz.
-K. erschrak deshalb besonders stark, weil er noch ein Weilchen ganz
-unfähig war, an etwas anderes zu denken als an die Vorfälle des Morgens
-und an das Mädchen, dem er sie vorführte. Kaum hatte er sich gefaßt,
-sprang er zu Fräulein Bürstner und nahm ihre Hand. „Fürchten Sie
-nichts,“ flüsterte er, „ich werde alles in Ordnung bringen. Wer kann es
-aber sein? Hier nebenan ist doch nur das Wohnzimmer, in dem niemand
-schläft.“ „Doch,“ flüsterte Fräulein Bürstner an K.s Ohr, „seit gestern
-schläft hier ein Neffe von Frau Grubach, ein Hauptmann. Es ist gerade
-kein anderes Zimmer frei. Auch ich habe daran vergessen. Daß Sie so
-schreien mußten! Ich bin unglücklich darüber.“ „Dafür ist gar kein
-Grund,“ sagte K. und küßte, als sie jetzt auf das Kissen zurücksank,
-ihre Stirn. „Weg, weg,“ sagte sie und richtete sich eilig wieder auf,
-„gehn Sie doch, gehn Sie doch, was wollen Sie, er horcht doch an der
-Tür, er hört doch alles. Wie Sie mich quälen!“ „Ich gehe nicht früher,“
-sagte K., „bis Sie ein wenig beruhigt sind. Kommen Sie in die andere
-Ecke des Zimmers, dort kann er uns nicht hören.“ Sie ließ sich dorthin
-führen. „Sie überlegen nicht,“ sagte er, „daß es sich zwar um eine
-Unannehmlichkeit für Sie handelt, aber durchaus nicht um eine Gefahr.
-Sie wissen, wie mich Frau Grubach, die in dieser Sache doch
-entscheidet, besonders da der Hauptmann ihr Neffe ist, geradezu verehrt
-und alles, was ich sage, unbedingt glaubt. Sie ist auch im übrigen von
-mir abhängig, denn sie hat eine größere Summe von mir geliehen. Jeden
-Ihrer Vorschläge über eine Erklärung für unser Beisammen nehme ich an,
-wenn er nur ein wenig zweckentsprechend ist, und verbürge mich, Frau
-Grubach dazu zu bringen, die Erklärung nicht nur vor der
-Öffentlichkeit, sondern wirklich und aufrichtig zu glauben. Mich müssen
-Sie dabei in keiner Weise schonen. Wollen Sie verbreitet haben, daß ich
-Sie überfallen habe, so wird Frau Grubach in diesem Sinne unterrichtet
-werden und wird es glauben, ohne das Vertrauen zu mir zu verlieren, so
-sehr hängt sie an mir.“ Fräulein Bürstner sah, still und ein wenig
-zusammengesunken, vor sich auf den Boden. „Warum sollte Frau Grubach
-nicht glauben, daß ich Sie überfallen habe,“ fügte K. hinzu. Vor sich
-sah er ihr Haar, geteiltes, niedrig gebauschtes, fest
-zusammengehaltenes, rötliches Haar. Er glaubte, sie werde ihm den Blick
-zuwenden, aber sie sagte in unveränderter Haltung: „Verzeihen Sie, ich
-bin durch das plötzliche Klopfen erschreckt worden, nicht so sehr durch
-die Folgen, die die Anwesenheit des Hauptmanns haben könnte. Es war so
-still nach Ihrem Schrei und da klopfte es, deshalb bin ich so
-erschrocken, ich saß auch in der Nähe der Tür, es klopfte fast neben
-mir. Für Ihre Vorschläge danke ich, aber ich nehme sie nicht an. Ich
-kann für alles, was in meinem Zimmer geschieht, die Verantwortung
-tragen, und zwar gegenüber jedem. Ich wundere mich, daß Sie nicht
-merken, was für eine Beleidigung für mich in Ihren Vorschlägen liegt,
-neben den guten Absichten natürlich, die ich gewiß anerkenne. Aber nun
-gehen Sie, lassen Sie mich allein, ich habe es jetzt noch nötiger als
-früher. Aus den paar Minuten, um die Sie gebeten haben, ist nun eine
-halbe Stunde und mehr geworden.“ K. faßte sie bei der Hand und dann
-beim Handgelenk: „Sie sind mir aber nicht böse?“ sagte er. Sie streifte
-seine Hand ab und antwortete: „Nein, nein, ich bin niemals und
-niemandem böse.“ Er faßte wieder nach ihrem Handgelenk, sie duldete es
-jetzt und führte ihn so zur Tür. Er war fest entschlossen, wegzugehen.
-Aber vor der Tür, als hätte er nicht erwartet, hier eine Tür zu finden,
-stockte er, diesen Augenblick benutzte Fräulein Bürstner, sich
-loszumachen, die Tür zu öffnen, ins Vorzimmer zu schlüpfen und von dort
-aus K. leise zu sagen: „Nun kommen Sie doch, bitte. Sehen Sie“ — sie
-zeigte auf die Tür des Hauptmanns, unter der ein Lichtschein hervorkam
-— „er hat angezündet und unterhält sich über uns.“ „Ich komme schon,“
-sagte K., lief vor, faßte sie, küßte sie auf den Mund und dann über das
-ganze Gesicht, wie ein durstiges Tier mit der Zunge über das endlich
-gefundene Quellwasser hinjagt. Schließlich küßte er sie auf den Hals,
-wo die Gurgel ist, und dort ließ er die Lippen lange liegen. Ein
-Geräusch aus dem Zimmer des Hauptmanns ließ ihn aufschauen. „Jetzt
-werde ich gehn,“ sagte er, er wollte Fräulein Bürstner beim Taufnamen
-nennen, wußte ihn aber nicht. Sie nickte müde, überließ ihm schon halb
-abgewendet die Hand zum Küssen, als wisse sie nichts davon und ging
-gebückt in ihr Zimmer. Kurz darauf lag K. in seinem Bett. Er schlief
-sehr bald ein, vor dem Einschlafen dachte er noch ein Weilchen über
-sein Verhalten nach, er war damit zufrieden, wunderte sich aber, daß er
-nicht noch zufriedener war; wegen des Hauptmanns machte er sich für
-Fräulein Bürstner ernstliche Sorgen.
-
-
-
-
-
-
-
-
-ZWEITES KAPITEL
-
-ERSTE UNTERSUCHUNG
-
-
-K. war telephonisch verständigt worden, daß am nächsten Sonntag eine
-kleine Untersuchung in seiner Angelegenheit stattfinden würde. Man
-machte ihn darauf aufmerksam, daß diese Untersuchungen nun regelmäßig,
-wenn auch vielleicht nicht jede Woche, so doch häufiger einander folgen
-würden. Es liege einerseits im allgemeinen Interesse, den Prozeß rasch
-zu Ende zu führen, anderseits aber müßten die Untersuchungen in jeder
-Hinsicht gründlich sein und doch wegen der damit verbundenen
-Anstrengung niemals allzulange dauern. Deshalb habe man den Ausweg
-dieser rasch aufeinanderfolgenden, aber kurzen Untersuchungen gewählt.
-Die Bestimmung des Sonntags als Untersuchungstag habe man deshalb
-vorgenommen, um K. in seiner beruflichen Arbeit nicht zu stören. Man
-setze voraus, daß er damit einverstanden sei, wollte er einen andern
-Termin wünschen, so würde man ihm, so gut es ginge, entgegenkommen. Die
-Untersuchungen wären beispielsweise auch in der Nacht möglich, aber da
-sei wohl K. nicht frisch genug. Jedenfalls werde man es, solange K.
-nichts einwende, beim Sonntag belassen. Es sei selbstverständlich, daß
-er bestimmt erscheinen müsse, darauf müsse man ihn wohl nicht erst
-aufmerksam machen. Es wurde ihm die Nummer des Hauses genannt, in dem
-er sich einfinden solle, es war ein Haus in einer entlegenen
-Vorstadtstraße, in der K. noch niemals gewesen war.
-
-K. hängte, als er diese Meldung erhalten hatte, ohne zu antworten, den
-Hörer an; er war gleich entschlossen, Sonntag hinzugehn, es war gewiß
-notwendig, der Prozeß kam in Gang und er mußte sich dem
-entgegenstellen, diese erste Untersuchung sollte auch die letzte sein.
-Er stand noch nachdenklich beim Apparat, da hörte er hinter sich die
-Stimme des Direktor-Stellvertreters, der telephonieren wollte, dem aber
-K. den Weg verstellte. „Schlechte Nachrichten?“ fragte der
-Direktor-Stellvertreter leichthin, nicht um etwas zu erfahren, sondern
-um K. vom Apparat wegzubringen. „Nein, nein,“ sagte K., trat beiseite,
-ging aber nicht weg. Der Direktor-Stellvertreter nahm den Hörer und
-sagte, während er auf die telephonische Verbindung wartete, über das
-Hörrohr hinweg: „Eine Frage, Herr K.? Möchten Sie mir Sonntag früh das
-Vergnügen machen, eine Partie auf meinem Segelboot mitzumachen. Es wird
-eine größere Gesellschaft sein, gewiß auch Ihre Bekannten darunter.
-Unter anderem Staatsanwalt Hesterer. Wollen Sie kommen? Kommen Sie
-doch!“ K. versuchte, darauf achtzugeben, was der
-Direktor-Stellvertreter sagte. Es war nicht unwichtig für ihn, denn
-diese Einladung des Direktor-Stellvertreters, mit dem er sich niemals
-sehr gut vertragen hatte, bedeutete einen Versöhnungsversuch von dessen
-Seite und zeigte, wie wichtig K. in der Bank geworden war und wie
-wertvoll seine Freundschaft oder wenigstens seine Unparteilichkeit dem
-zweithöchsten Beamten der Bank erschien. Diese Einladung war eine
-Demütigung des Direktor-Stellvertreters, mochte sie auch nur in
-Erwartung der telephonischen Verbindung über das Hörrohr hinweg gesagt
-sein. Aber K. mußte eine zweite Demütigung folgen lassen, er sagte:
-„Vielen Dank! Aber ich habe leider Sonntag keine Zeit, ich habe schon
-eine Verpflichtung.“ „Schade,“ sagte der Direktor-Stellvertreter und
-wandte sich dem telephonischen Gespräch zu, das gerade hergestellt
-worden war. Es war kein kurzes Gespräch, aber K. blieb in seiner
-Zerstreutheit die ganze Zeit über neben dem Apparat stehn. Erst als der
-Direktor-Stellvertreter abläutete, erschrak er und sagte, um sein
-unnützes Dastehn nur ein wenig zu entschuldigen: „Ich bin jetzt
-antelephoniert worden, ich möchte irgendwo hinkommen, aber man hat
-vergessen, mir zu sagen, zu welcher Stunde.“ „Fragen Sie doch noch
-einmal nach,“ sagte der Direktor-Stellvertreter. „Es ist nicht so
-wichtig,“ sagte K., trotzdem dadurch seine frühere schon an sich
-mangelhafte Entschuldigung noch weiter verfiel. Der
-Direktor-Stellvertreter sprach noch im Weggehn über andere Dinge. K.
-zwang sich auch zu antworten, dachte aber hauptsächlich daran, daß es
-am besten sein werde, Sonntag um 9 Uhr vormittag hinzukommen, da zu
-dieser Stunde an Werktagen alle Gerichte zu arbeiten anfangen.
-
-Sonntag war trübes Wetter. K. war sehr ermüdet, da er wegen einer
-Stammtischfeierlichkeit bis spät in die Nacht im Gasthaus geblieben
-war, er hätte fast verschlafen. Eilig, ohne Zeit zu haben, zu überlegen
-und die verschiedenen Pläne, die er während der Woche ausgedacht hatte,
-zusammenzustellen, kleidete er sich an und lief, ohne zu frühstücken,
-in die ihm bezeichnete Vorstadt. Eigentümlicherweise traf er, trotzdem
-er wenig Zeit hatte umherzublicken, die drei in seiner Angelegenheit
-beteiligten Beamten, Rabensteiner, Kullich und Kaminer. Die ersten zwei
-fuhren in einer Elektrischen quer über K.s Weg, Kaminer aber saß auf
-der Terrasse eines Kaffeehauses und beugte sich gerade, als K.
-vorüberkam, neugierig über die Brüstung. Alle sahen ihm wohl nach und
-wunderten sich, wie ihr Vorgesetzter lief; es war irgendein Trotz, der
-K. davon abgehalten hatte, zu fahren, er hatte Abscheu vor jeder,
-selbst der geringsten fremden Hilfe in dieser seiner Sache, auch wollte
-er niemanden in Anspruch nehmen und dadurch selbst nur im
-allerentferntesten einweihen, schließlich hatte er aber auch nicht die
-geringste Lust, sich durch allzu große Pünktlichkeit vor der
-Untersuchungskommission zu erniedrigen. Allerdings lief er jetzt, um
-nur möglichst um 9 Uhr einzutreffen, trotzdem er nicht einmal für eine
-bestimmte Stunde bestellt war.
-
-Er hatte gedacht, das Haus schon von der Ferne an irgendeinem Zeichen,
-das er sich selbst nicht genau vorgestellt hatte, oder an einer
-besondern Bewegung vor dem Eingang schon von weitem zu erkennen. Aber
-die Juliusstraße, in der es sein sollte und an deren Beginn K. einen
-Augenblick lang stehen blieb, enthielt auf beiden Seiten fast ganz
-einförmige Häuser, hohe graue, von armen Leuten bewohnte Miethäuser.
-Jetzt am Sonntagmorgen waren die meisten Fenster besetzt, Männer in
-Hemdärmeln lehnten dort und rauchten oder hielten kleine Kinder
-vorsichtig und zärtlich an den Fensterrand. Andere Fenster waren hoch
-mit Bettzeug angefüllt, über dem flüchtig der zerzauste Kopf einer Frau
-erschien. Man rief einander über die Gasse zu, ein solcher Zuruf
-bewirkte gerade über K. ein großes Gelächter. Regelmäßig verteilt
-befanden sich in der langen Straße kleine, unter dem Straßenniveau
-liegende, durch ein paar Treppen erreichbare Läden mit verschiedenen
-Lebensmitteln. Dort gingen Frauen aus und ein oder standen auf den
-Stufen und plauderten. Ein Obsthändler, der seine Waren zu den Fenstern
-hinauf empfahl, hätte, ebenso unaufmerksam wie K., mit seinem Karren
-diesen fast niedergeworfen. Eben begann ein in bessern Stadtvierteln
-ausgedientes Grammophon mörderisch zu spielen.
-
-K. ging tiefer in die Gasse hinein, langsam, als hätte er nun schon
-Zeit oder als sähe ihn der Untersuchungsrichter aus irgendeinem Fenster
-und wisse also, daß sich K. eingefunden habe. Es war kurz nach 9 Uhr.
-Das Haus lag ziemlich weit, es war fast ungewöhnlich ausgedehnt,
-besonders die Toreinfahrt war hoch und weit. Sie war offenbar für
-Lastfuhren bestimmt, die zu den verschiedenen Warenmagazinen gehörten,
-die jetzt versperrt den großen Hof umgaben und Aufschriften von Firmen
-trugen, von denen K. einige aus dem Bankgeschäft kannte. Gegen seine
-sonstige Gewohnheit sich mit allen diesen Äußerlichkeiten genauer
-befassend, blieb er auch ein wenig am Eingang des Hofes stehen. In
-seiner Nähe auf einer Kiste saß ein bloßfüßiger Mann und las eine
-Zeitung. Auf einem Handkarren schaukelten zwei Jungen. Vor einer Pumpe
-stand ein schwaches junges Mädchen in einer Nachtjoppe und blickte,
-während das Wasser in ihre Kanne strömte, auf K. hin. In einer Ecke des
-Hofes wurde zwischen zwei Fenstern ein Strick gespannt, auf dem die zum
-Trocknen bestimmte Wäsche schon hing. Ein Mann stand unten und leitete
-die Arbeit durch ein paar Zurufe.
-
-K. wandte sich der Treppe zu, um zum Untersuchungszimmer zu kommen,
-stand dann aber wieder still, denn außer dieser Treppe sah er im Hof
-noch drei verschiedene Treppenaufgänge und überdies schien ein kleiner
-Durchgang am Ende des Hofes noch in einen zweiten Hof zu führen. Er
-ärgerte sich, daß man ihm die Lage des Zimmers nicht näher bezeichnet
-hatte, es war doch eine sonderbare Nachlässigkeit oder
-Gleichgültigkeit, mit der man ihn behandelte, er beabsichtigte, das
-sehr laut und deutlich festzustellen. Schließlich stieg er doch die
-erste Treppe hinauf und spielte in Gedanken mit einer Erinnerung an den
-Ausspruch des Wächters Willem, daß das Gericht von der Schuld angezogen
-werde, woraus eigentlich folgte, daß das Untersuchungszimmer an der
-Treppe liegen mußte, die K. zufällig wählte.
-
-Er störte im Hinaufgehen viele Kinder, die auf der Treppe spielten und
-ihn, wenn er durch ihre Reihe schritt, böse ansahen. „Wenn ich
-nächstens wieder hergehen sollte,“ sagte er sich, „muß ich entweder
-Zuckerwerk mitnehmen, um sie zu gewinnen, oder den Stock, um sie zu
-prügeln.“ Knapp vor dem ersten Stockwerk mußte er sogar ein Weilchen
-warten, bis eine Spielkugel ihren Weg vollendet hatte, zwei kleine
-Jungen mit den verzwickten Gesichtern erwachsener Strolche hielten ihn
-indessen an den Beinkleidern; hätte er sie abschütteln wollen, hätte er
-ihnen wehtun müssen und er fürchtete ihr Geschrei.
-
-Im ersten Stockwerk begann die eigentliche Suche. Da er doch nicht nach
-der Untersuchungskommission fragen konnte, erfand er einen Tischler
-Lanz — der Name fiel ihm ein, weil der Hauptmann, der Neffe der Frau
-Grubach, so hieß — und wollte nun in allen Wohnungen nachfragen, ob
-hier ein Tischler Lanz wohne, um so die Möglichkeit zu bekommen, in die
-Zimmer hineinzusehen. Es zeigte sich aber, daß das meistens ohne
-weiteres möglich war, denn fast alle Türen standen offen und die Kinder
-liefen ein und aus. Es waren in der Regel kleine einfenstrige Zimmer,
-in denen auch gekocht wurde. Manche Frauen hielten Säuglinge im Arm und
-arbeiteten mit der freien Hand auf dem Herd. Halbwüchsige, scheinbar
-nur mit Schürzen bekleidete Mädchen liefen am fleißigsten hin und her.
-In allen Zimmern standen die Betten noch in Benutzung, es lagen dort
-Kranke oder noch Schlafende oder Leute, die sich dort in Kleidern
-streckten. An den Wohnungen, deren Türen geschlossen waren, klopfte K.
-an und fragte, ob hier ein Tischler Lanz wohne. Meistens öffnete eine
-Frau, hörte die Frage an und wandte sich ins Zimmer zu jemandem, der
-sich aus dem Bett erhob. „Der Herr fragt, ob ein Tischler Lanz hier
-wohnt.“ „Tischler Lanz?“ fragte der aus dem Bett. „Ja,“ sagte K.,
-trotzdem sich hier die Untersuchungskommission zweifellos nicht befand
-und daher seine Aufgabe beendet war. Viele glaubten, es liege K. sehr
-viel daran, den Tischler Lanz zu finden, dachten lange nach, nannten
-einen Tischler, der aber nicht Lanz hieß, oder einen Namen, der mit
-Lanz eine ganz entfernte Ähnlichkeit hatte, oder sie fragten bei
-Nachbarn oder begleiteten K. zu einer weit entfernten Tür, wo ihrer
-Meinung nach ein derartiger Mann möglicherweise in Aftermiete wohne
-oder wo jemand sei, der bessere Auskunft als sie selbst geben könne.
-Schließlich mußte K. kaum mehr selbst fragen, sondern wurde auf diese
-Weise durch die Stockwerke gezogen. Er bedauerte seinen Plan, der ihm
-zuerst so praktisch erschienen war. Vor dem fünften Stockwerk entschloß
-er sich die Suche aufzugeben, verabschiedete sich von einem
-freundlichen jungen Arbeiter, der ihn weiter hinaufführen wollte, und
-ging hinunter. Dann aber ärgerte ihn wieder das Nutzlose dieser ganzen
-Unternehmung, er ging nochmals zurück und klopfte an die erste Tür des
-fünften Stockwerkes. Das erste, was er in dem kleinen Zimmer sah, war
-eine große Wanduhr, die schon 10 Uhr zeigte. „Wohnt ein Tischler Lanz
-hier?“ fragte er. „Bitte,“ sagte eine junge Frau mit schwarzen
-leuchtenden Augen, die gerade in einem Kübel Kinderwäsche wusch, und
-zeigte mit der nassen Hand auf die offene Tür des Nebenzimmers.
-
-K. glaubte in eine Versammlung einzutreten. Ein Gedränge der
-verschiedensten Leute — niemand kümmerte sich um den Eintretenden —
-füllte ein mittelgroßes zweifenstriges Zimmer, das knapp an der Decke
-von einer Galerie umgeben war, die gleichfalls vollständig besetzt war
-und wo die Leute nur gebückt stehen konnten und mit Kopf und Rücken an
-die Decke stießen. K., dem die Luft zu dumpf war, trat wieder hinaus
-und sagte zu der jungen Frau, die ihn wahrscheinlich falsch verstanden
-hatte: „Ich habe nach einem Tischler, einem gewissen Lanz gefragt?“
-„Ja,“ sagte die Frau, „gehen Sie bitte hinein.“ K. hätte ihr vielleicht
-nicht gefolgt, wenn die Frau nicht auf ihn zugegangen wäre, die
-Türklinke ergriffen und gesagt hätte: „Nach Ihnen muß ich schließen, es
-darf niemand mehr hinein.“ „Sehr vernünftig,“ sagte K., „es ist aber
-schon jetzt zu voll.“ Dann ging er aber doch wieder hinein.
-
-Zwischen zwei Männern hindurch, die sich unmittelbar bei der Tür
-unterhielten — der eine machte mit beiden weit vorgestreckten Händen
-die Bewegung des Geldaufzählens, der andere sah ihm scharf in die Augen
-— faßte eine Hand nach K. Es war ein kleiner rotbäckiger Junge. „Kommen
-Sie, kommen Sie,“ sagte er. K. ließ sich von ihm führen, es zeigte
-sich, daß in dem durcheinanderwimmelnden Gedränge doch ein schmaler Weg
-frei war, der möglicherweise zwei Parteien schied; dafür sprach auch,
-daß K. in den ersten Reihen rechts und links kaum ein ihm zugewendetes
-Gesicht sah, sondern nur die Rücken von Leuten, welche ihre Reden und
-Bewegungen nur an Leute ihrer Partei richteten. Die meisten waren
-schwarz angezogenen, in alten lange und lose hinunterhängenden
-Feiertagsröcken. Nur diese Kleidung beirrte K., sonst hätte er das
-ganze für eine politische Bezirksversammlung angesehen.
-
-Am andern Ende des Saales, zu dem K. geführt wurde, stand auf einem
-sehr niedrigen, gleichfalls überfüllten Podium ein kleiner Tisch, der
-Quere nach aufgestellt, und hinter ihm nahe am Rand des Podiums saß ein
-kleiner dicker schnaufender Mann, der sich gerade mit einem hinter ihm
-Stehenden — dieser hatte den Ellbogen auf die Sessellehne gestützt und
-die Beine gekreuzt — unter großem Gelächter unterhielt. Manchmal warf
-er den Arm in die Luft, als karrikiere er jemanden. Der Junge, der K.
-führte, hatte Mühe seine Meldung vorzubringen. Zweimal hatte er schon
-auf den Fußspitzen stehend etwas auszurichten versucht, ohne von dem
-Mann oben beachtet worden zu sein. Erst als einer der Leute oben auf
-dem Podium auf den Jungen aufmerksam machte, wandte sich der Mann ihm
-zu und hörte heruntergebeugt seinen leisen Bericht an. Dann zog er
-seine Uhr und sah schnell nach K. hin. „Sie hätten vor 1 Stunde und 5
-Minuten erscheinen sollen,“ sagte er. K. wollte etwas antworten, aber
-er hatte keine Zeit, denn kaum hatte der Mann ausgesprochen, erhob sich
-in der rechten Saalhälfte ein allgemeines Murren. „Sie hätten vor 1
-Stunde und 5 Minuten erscheinen sollen,“ wiederholte nun der Mann mit
-erhobener Stimme und sah nun auch schnell in den Saal hinunter. Sofort
-wurde auch das Murren stärker und verlor sich, da der Mann nichts mehr
-sagte, nur allmählich. Es war jetzt im Saal viel stiller als bei K.s
-Eintritt. Nur die Leute auf der Galerie hörten nicht auf, ihre
-Bemerkungen zu machen. Sie schienen, soweit man oben in dem Halbdunkel,
-Dunst und Staub etwas unterscheiden konnte, schlechter angezogen zu
-sein als die unten. Manche hatten Polster mitgebracht, die sie zwischen
-den Kopf und die Zimmerdecke gelegt hatten, um sich nicht
-wundzudrücken.
-
-K. hatte sich entschlossen, mehr zu beobachten als zu reden,
-infolgedessen verzichtete er auf die Verteidigung wegen seines
-angeblichen Zuspätkommens und sagte bloß: „Mag ich zu spät gekommen
-sein, jetzt bin ich hier.“ Ein Beifallklatschen, wieder aus der rechten
-Saalhälfte, folgte. „Leicht zu gewinnende Leute,“ dachte K. und war nur
-gestört durch die Stille in der linken Saalhälfte, die gerade hinter
-ihm lag und aus der sich nur ganz vereinzeltes Händeklatschen erhoben
-hatte. Er dachte nach, was er sagen könnte, um alle auf einmal oder,
-wenn das nicht möglich sein sollte, wenigstens zeitweilig auch die
-andern zu gewinnen.
-
-„Ja,“ sagte der Mann, „aber ich bin nicht mehr verpflichtet, Sie jetzt
-zu verhören“ — wieder das Murren, diesmal aber mißverständlich, denn
-der Mann fuhr, indem er den Leuten mit der Hand abwinkte, fort — „ich
-will es jedoch ausnahmsweise heute noch tun. Eine solche Verspätung
-darf sich aber nicht mehr wiederholen. Und nun treten Sie vor!“ Irgend
-jemand sprang vom Podium herunter, so daß für K. ein Platz frei wurde,
-auf den er hinaufstieg. Er stand eng an den Tisch gedrückt, das
-Gedränge hinter ihm war so groß, daß er ihm Widerstand leisten mußte,
-wollte er nicht den Tisch des Untersuchungsrichters und vielleicht auch
-diesen selbst vom Podium hinunterstoßen.
-
-Der Untersuchungsrichter kümmerte sich aber nicht darum, sondern saß
-bequem genug auf seinem Sessel und griff, nachdem er dem Mann hinter
-ihm ein abschließendes Wort gesagt hatte nach einem kleinen
-Anmerkungsbuch, dem einzigen Gegenstand auf seinem Tisch. Es war
-schulheftartig, alt, durch vieles Blättern ganz aus der Form gebracht.
-„Also,“ sagte der Untersuchungsrichter, blätterte in dem Heft und
-wendete sich im Tone einer Feststellung an K., „Sie sind Zimmermaler?“
-„Nein,“ sagte K. „sondern erster Prokurist einer großen Bank.“ Dieser
-Antwort folgte bei der rechten Partei ein Gelächter, das so herzlich
-war, daß K. mitlachen mußte. Die Leute stützten sich mit den Händen auf
-ihre Knie und schüttelten sich wie unter schweren Hustenanfällen. Es
-lachten sogar einzelne auf der Galerie. Der ganz böse gewordene
-Untersuchungsrichter, der wahrscheinlich gegen die Leute unten machtlos
-war, suchte sich an der Galerie zu entschädigen, sprang auf, drohte der
-Galerie, und seine sonst wenig auffallenden Augenbrauen drängten sich
-buschig, schwarz und groß über seinen Augen.
-
-Die linke Saalhälfte war aber noch immer still, die Leute standen dort
-in Reihen, hatten ihre Gesichter dem Podium zugewendet und hörten die
-Worte, die oben gewechselt wurden, ebenso ruhig an wie den Lärm der
-andern Partei, sie duldeten sogar, daß einzelne aus ihren Reihen mit
-der andern Partei hie und da gemeinsam vorgingen. Die Leute der linken
-Partei, die übrigens weniger zahlreich war, mochten im Grunde ebenso
-unbedeutend sein wie die der rechten Partei, aber die Ruhe ihres
-Verhaltens ließ sie bedeutungsvoller erscheinen. Als K. jetzt zu reden
-begann, war er überzeugt, in ihrem Sinne zu sprechen.
-
-„Ihre Frage, Herr Untersuchungsrichter, ob ich Zimmermaler bin —
-vielmehr Sie haben gar nicht gefragt, sondern es mir auf den Kopf
-zugesagt — ist bezeichnend für die ganze Art des Verfahrens, das gegen
-mich geführt wird. Sie können einwenden, daß es ja überhaupt kein
-Verfahren ist, Sie haben sehr Recht, denn es ist ja nur ein Verfahren,
-wenn ich es als solches anerkenne. Aber ich erkenne es also für den
-Augenblick jetzt an, aus Mitleid gewissermaßen. Man kann sich nicht
-anders als mitleidig dazu stellen, wenn man es überhaupt beachten will.
-Ich sage nicht, daß es ein liederliches Verfahren ist, aber ich möchte
-Ihnen diese Bezeichnung zur Selbsterkenntnis angeboten haben.“
-
-K. unterbrach sich und sah in den Saal hinunter. Was er gesagt hatte,
-war scharf, schärfer als er es beabsichtigt hatte, aber doch richtig.
-Es hätte Beifall hier oder dort verdient, es war jedoch alles still,
-man wartete offenbar gespannt auf das Folgende, es bereitete sich
-vielleicht in der Stille ein Ausbruch vor, der allem ein Ende machen
-würde. Störend war es, daß sich jetzt die Tür am Saalende öffnete, die
-junge Wäscherin, die ihre Arbeit wahrscheinlich beendet hatte, eintrat
-und trotz aller Vorsicht, die sie aufwendete, einige Blicke auf sich
-zog. Nur der Untersuchungsrichter machte K. unmittelbare Freude, denn
-er schien von den Worten sofort getroffen zu werden. Er hatte bisher
-stehend zugehört, denn er war von K.s Ansprache überrascht worden,
-während er sich für die Galerie aufgerichtet hatte. Jetzt in der Pause
-setzte er sich allmählich, als sollte es nicht bemerkt werden.
-Wahrscheinlich, um seine Miene zu beruhigen, nahm er wieder das
-Heftchen vor.
-
-„Es hilft nichts,“ fuhr K. fort, „auch Ihr Heftchen, Herr
-Untersuchungsrichter, bestätigt, was ich sage.“ Zufrieden damit, nur
-seine ruhigen Worte in der fremden Versammlung zu hören, wagte es K.
-sogar, kurzerhand das Heft dem Untersuchungsrichter wegzunehmen und es
-mit den Fingerspitzen, als scheue er sich davor, an einem mittleren
-Blatte hochzuheben, so daß beiderseits die engbeschriebenen, fleckigen,
-gelbrandigen Blätter hinunterhingen. „Das sind die Akten des
-Untersuchungsrichters,“ sagte er und ließ das Heft auf den Tisch
-hinunterfallen. „Lesen Sie darin ruhig weiter, Herr
-Untersuchungsrichter, vor diesem Schuldbuch fürchte ich mich wahrhaftig
-nicht, trotzdem es mir unzugänglich ist, denn ich kann es nur mit zwei
-Fingerspitzen anfassen und nicht in die Hand nehmen.“ Es konnte nur ein
-Zeichen tiefer Demütigung sein oder es mußte zumindest so aufgefaßt
-werden, daß der Untersuchungsrichter nach dem Heftchen, wie es auf den
-Tisch gefallen war, griff, es ein wenig in Ordnung zu bringen suchte
-und es wieder vornahm, um darin zu lesen.
-
-Die Gesichter der Leute in der ersten Reihe waren so gespannt auf K.
-gerichtet, daß er ein Weilchen lang zu ihnen hinuntersah. Es waren
-durchwegs ältere Männer, einige waren weißbärtig. Waren vielleicht sie
-die Entscheidenden, die die ganze Versammlung beeinflussen konnten,
-welche auch durch die Demütigung des Untersuchungsrichters sich nicht
-aus der Regungslosigkeit bringen ließ, in welche sie seit K.s Rede
-versunken war.
-
-„Was mir geschehen ist,“ fuhr K. fort, etwas leiser als früher, und
-suchte immer wieder die Gesichter der ersten Reihe ab, was seiner Rede
-einen etwas fahrigen Ausdruck gab, „was mir geschehen ist, ist ja nur
-ein einzelner Fall und als solcher nicht sehr wichtig, da ich es nicht
-sehr schwer nehme, aber es ist das Zeichen eines Verfahrens, wie es
-gegen viele geübt wird. Für diese stehe ich hier ein, nicht für mich.“
-
-Er hatte unwillkürlich seine Stimme erhoben. Irgendwo klatschte jemand
-mit erhobenen Händen und rief: „Bravo! Warum denn nicht? Bravo! Und
-wieder Bravo!“ Die in der ersten Reihe griffen hie und da in ihre
-Barte, keiner kehrte sich wegen des Ausrufs um. Auch K. maß ihm keine
-Bedeutung bei, war aber doch aufgemuntert; er hielt es jetzt gar nicht
-mehr für nötig, daß alle Beifall klatschten, es genügte, wenn die
-Allgemeinheit über die Sache nachzudenken begann und nur manchmal einer
-durch Überredung gewonnen wurde.
-
-„Ich will nicht Rednererfolg,“ sagte K. aus dieser Überlegung heraus,
-„er dürfte mir auch nicht erreichbar sein. Der Herr
-Untersuchungsrichter spricht wahrscheinlich viel besser, es gehört ja
-zu seinem Beruf. Was ich will, ist nur die öffentliche Besprechung
-eines öffentlichen Mißstandes. Hören Sie: Ich bin vor etwa 10 Tagen
-verhaftet worden, über die Tatsache der Verhaftung selbst lache ich,
-aber das gehört jetzt nicht hierher. Ich wurde früh im Bett überfallen,
-vielleicht hatte man — es ist nach dem, was der Untersuchungsrichter
-sagte, nicht ausgeschlossen — den Befehl, irgendeinen Zimmermaler, der
-ebenso unschuldig ist wie ich, zu verhaften, aber man wählte mich. Das
-Nebenzimmer war von zwei groben Wächtern besetzt. Wenn ich ein
-gefährlicher Räuber wäre, hätte man nicht bessere Vorsorge treffen
-können. Diese Wächter waren überdies demoralisiertes Gesindel, sie
-schwätzten mir die Ohren voll, sie wollten sich bestechen lassen, sie
-wollten mir unter Vorspiegelungen Wäsche und Kleider herauslocken, sie
-wollten Geld, um mir angeblich ein Frühstück zu bringen, nachdem sie
-mein eigenes Frühstück vor meinen Augen schamlos aufgegessen hatten.
-Nicht genug daran. Ich wurde in ein drittes Zimmer vor den Aufseher
-geführt. Es war das Zimmer einer Dame, die ich sehr schätze, und ich
-mußte zusehen, wie dieses Zimmer meinetwegen, aber ohne meine Schuld
-durch die Anwesenheit der Wächter und des Aufsehers gewissermaßen
-verunreinigt wurde. Es war nicht leicht, ruhig zu bleiben. Es gelang
-mir aber, und ich fragte den Aufseher vollständig ruhig — wenn er hier
-wäre, müßte er es bestätigen — warum ich verhaftet sei. Was antwortete
-nun dieser Aufseher, den ich jetzt noch vor mir sehe, wie er auf dem
-Sessel der erwähnten Dame als eine Darstellung des stumpfsinnigsten
-Hochmuts sitzt? Meine Herren, er antwortete im Grunde nichts,
-vielleicht wußte er wirklich nichts, er hatte mich verhaftet und war
-damit zufrieden. Er hat sogar noch ein übriges getan und in das Zimmer
-jener Dame drei niedrige Angestellte meiner Bank gebracht, die sich
-damit beschäftigten, Photographien, Eigentum der Dame, zu betasten und
-in Unordnung zu bringen. Die Anwesenheit dieser Angestellten hatte
-natürlich noch einen andern Zweck, sie sollten, ebenso wie meine
-Vermieterin und ihr Dienstmädchen, die Nachricht von meiner Verhaftung
-verbreiten, mein öffentliches Ansehen schädigen und insbesondere in der
-Bank meine Stellung erschüttern. Nun ist nichts davon, auch nicht im
-geringsten, gelungen, selbst meine Vermieterin, eine ganz einfache
-Person — ich will ihren Namen hier in ehrendem Sinne nennen, sie heißt
-Frau Grubach — selbst Frau Grubach war verständig genug einzusehen, daß
-eine solche Verhaftung nicht mehr bedeutet als ein Anschlag, den nicht
-genügend beaufsichtigte Jungen auf der Gasse ausführen. Ich wiederhole,
-mir hat das Ganze nur Unannehmlichkeiten und vorübergehenden Ärger
-bereitet, hätte es aber nicht auch schlimmere Folgen haben können?“
-
-Als K. sich hier unterbrach und nach dem stillen Untersuchungsrichter
-hinsah, glaubte er zu bemerken, daß dieser gerade mit einem Blick
-jemandem in der Menge ein Zeichen gab. K. lächelte und sagte: „Eben
-gibt hier neben mir der Herr Untersuchungsrichter jemandem von Ihnen
-ein geheimes Zeichen. Es sind also Leute unter Ihnen, die von hier oben
-dirigiert werden. Ich weiß nicht, ob das Zeichen jetzt Zischen oder
-Beifall bewirken sollte, und verzichte dadurch, daß ich die Sache
-vorzeitig verrate, ganz bewußt darauf, die Bedeutung des Zeichens zu
-erfahren. Es ist mir vollständig gleichgültig, und ich ermächtige den
-Herrn Untersuchungsrichter öffentlich, seine bezahlten Angestellten
-dort unten statt mit geheimen Zeichen, laut mit Worten zu befehligen,
-indem er etwa einmal sagt: Jetzt zischt, und das nächste Mal: Jetzt
-klatscht.“
-
-In Verlegenheit oder Ungeduld rückte der Untersuchungsrichter auf
-seinem Sessel hin und her. Der Mann hinter ihm, mit dem er sich schon
-früher unterhalten hatte, beugte sich wieder zu ihm, sei es, um ihm im
-allgemeinen Mut zuzusprechen oder um ihm einen besondern Rat zu geben.
-Unten unterhielten sich die Leute leise, aber lebhaft. Die zwei
-Parteien, die früher so entgegengesetzte Meinungen gehabt zu haben
-schienen, vermischten sich, einzelne Leute zeigten mit dem Finger auf
-K., andere auf den Untersuchungsrichter. Der neblige Dunst im Zimmer
-war äußerst lästig, er verhinderte sogar eine genauere Beobachtung der
-Fernerstehenden. Besonders für die Galeriebesucher mußte er störend
-sein, sie waren gezwungen, allerdings unter scheuen Seitenblicken nach
-dem Untersuchungsrichter, leise Fragen an die Versammlungsteilnehmer zu
-stellen, um sich näher zu unterrichten. Die Antworten wurden im Schutz
-der vorgehaltenen Hände ebenso leise gegeben.
-
-„Ich bin gleich zu Ende,“ sagte K. und schlug, da keine Glocke
-vorhanden war, mit der Faust auf den Tisch. Im Schrecken darüber fuhren
-die Köpfe des Untersuchungsrichters und seines Ratgebers augenblicklich
-auseinander: „Mir steht die ganze Sache fern, ich beurteile sie daher
-ruhig, und Sie können, vorausgesetzt, daß Ihnen an diesem angeblichen
-Gericht etwas gelegen ist, großen Vorteil davon haben, wenn Sie mir
-zuhören. Ihre gegenseitigen Besprechungen dessen, was ich vorbringe,
-bitte ich Sie für späterhin zu verschieben, denn ich habe keine Zeit
-und werde bald weggehn.“
-
-Sofort war es still, so sehr beherrschte schon K. die Versammlung. Man
-schrie nicht mehr durcheinander wie am Anfang, man klatschte nicht
-einmal mehr Beifall, aber man schien schon überzeugt oder auf dem
-nächsten Wege dazu.
-
-„Es ist kein Zweifel,“ sagte K. sehr leise, denn ihn freute das
-angespannte Aufhorchen der ganzen Versammlung, in dieser Stille
-entstand ein Sausen, das aufreizender war als der verzückteste Beifall,
-„es ist kein Zweifel, daß hinter allen Äußerungen dieses Gerichtes, in
-meinem Fall also hinter der Verhaftung und der heutigen Untersuchung
-eine große Organisation sich befindet. Eine Organisation, die nicht nur
-bestechliche Wächter, läppische Aufseher und Untersuchungsrichter, die
-günstigsten Falles bescheiden sind, beschäftigt, sondern die weiterhin
-jedenfalls eine Richterschaft hohen und höchsten Grades unterhält, mit
-dem zahllosen unumgänglichen Gefolge von Dienern, Schreibern, Gendarmen
-und andern Hilfskräften, vielleicht sogar Henkern, ich scheue vor dem
-Wort nicht zurück. Und der Sinn dieser großen Organisation, meine
-Herren? Er besteht darin, daß unschuldige Personen verhaftet werden und
-gegen sie ein sinnloses und meistens wie in meinem Fall ergebnisloses
-Verfahren eingeleitet wird. Wie ließe sich bei dieser Sinnlosigkeit des
-Ganzen die schlimmste Korruption der Beamtenschaft vertuschen? Das ist
-unmöglich, das brächte auch der höchste Richter nicht einmal für sich
-selbst zustande. Darum suchen die Wächter den Verhafteten die Kleider
-vom Leib zu stehlen, darum brechen Aufseher in fremde Wohnungen ein,
-darum sollen Unschuldige statt verhört lieber vor ganzen Versammlungen
-entwürdigt werden. Die Wächter haben nur von Depots erzählt, in die man
-das Eigentum der Verhafteten bringt, ich wollte einmal diese
-Depotplätze sehen, in denen das mühsam erarbeitete Vermögen der
-Verhafteten fault, soweit es nicht von diebischen Depotbeamten
-gestohlen ist.“
-
-K. wurde durch ein Kreischen vom Saalende unterbrochen, er beschattete
-die Augen, um hinsehen zu können, denn das trübe Tageslicht machte den
-Dunst weißlich und blendete. Es handelte sich um die Waschfrau, die K.
-gleich bei ihrem Eintritt als eine wesentliche Störung erkannt hatte.
-Ob sie jetzt schuldig war oder nicht, konnte man nicht erkennen. K. sah
-nur, daß ein Mann sie in einen Winkel bei der Tür gezogen hatte und
-dort an sich drückte. Aber nicht sie kreischte, sondern der Mann, er
-hatte den Mund breit gezogen und blickte zur Decke. Ein kleiner Kreis
-hatte sich um beide gebildet, die Galeriebesucher in der Nähe schienen
-darüber begeistert, daß der Ernst, den K. in die Versammlung eingeführt
-hatte, auf diese Weise unterbrochen wurde. K. wollte unter dem ersten
-Eindruck gleich hinlaufen, auch dachte er, allen würde daran gelegen
-sein, dort Ordnung zu schaffen und zumindest das Paar aus dem Saal zu
-weisen, aber die ersten Reihen vor ihm blieben ganz fest, keiner rührte
-sich und keiner ließ K. durch. Im Gegenteil, man hinderte ihn, und
-irgendeine Hand — er hatte nicht Zeit sich umzudrehn — faßte ihn hinten
-am Kragen, alte Männer hielten den Arm vor, K. dachte nicht eigentlich
-mehr an das Paar, ihm war, als werde seine Freiheit eingeschränkt, als
-mache man mit der Verhaftung ernst und er sprang rücksichtslos vom
-Podium hinunter. Nun stand er Aug’ an Aug’ dem Gedränge gegenüber.
-Hatte er die Leute nicht richtig beurteilt? Hatte er seiner Rede zuviel
-Wirkung zugetraut? Hatte man sich verstellt, solange er gesprochen
-hatte, und hatte man jetzt, da er zu den Schlußfolgerungen kam, die
-Verstellung satt? Was für Gesichter rings um ihn! Kleine schwarze
-Äuglein huschten hin und her, die Wangen hingen herab wie bei
-Versoffenen, die langen Bärte waren steif und schütter, und griff man
-in sie, so war es, als bilde man bloß Krallen, nicht als griffe man an
-Bärte. Unter den Bärten aber — und das war die eigentliche Entdeckung,
-die K. machte — schimmerten am Rockkragen Abzeichen in verschiedener
-Größe und Farbe. Alle hatten diese Abzeichen, soweit man sehen konnte.
-Alle gehörten zueinander, die scheinbaren Parteien rechts und links,
-und als er sich plötzlich umdrehte, sah er die gleichen Abzeichen am
-Kragen des Untersuchungsrichters, der, die Hände im Schoß, ruhig
-hinuntersah. „So,“ rief K. und warf die Arme in die Höhe, die
-plötzliche Erkenntnis wollte Raum, „ihr seid ja alle Beamte, wie ich
-sehe, ihr seid ja die korrupte Bande, gegen die ich sprach, ihr habt
-euch hier gedrängt, als Zuhörer und Schnüffler, habt scheinbar Parteien
-gebildet, und eine hat applaudiert, um mich zu prüfen, ihr wolltet
-lernen, wie man Unschuldige verführen soll. Nun, ihr seid richtig
-nutzlos hier gewesen, hoffe ich, entweder habt ihr euch darüber
-unterhalten, daß jemand die Verteidigung der Unschuld von euch erwartet
-hat, oder aber — laß mich oder ich schlage,“ rief K. einem zitternden
-Greis zu, der sich besonders nahe an ihn geschoben hatte — „oder aber
-ihr habt wirklich etwas gelernt. Und damit wünsche ich euch Glück zu
-eurem Gewerbe.“ Er nahm schnell seinen Hut, der am Rand des Tisches
-lag, und drängte sich unter allgemeiner Stille, jedenfalls der Stille
-vollkommenster Überraschung, zum Ausgang. Der Untersuchungsrichter
-schien aber noch schneller als K. gewesen zu sein, denn er erwartete
-ihn bei der Tür. „Einen Augenblick,“ sagte er. K. blieb stehen, sah
-aber nicht auf den Untersuchungsrichter, sondern auf die Tür, deren
-Klinke er schon ergriffen hatte. „Ich wollte Sie nur darauf aufmerksam
-machen,“ sagte der Untersuchungsrichter, „daß Sie sich heute — es
-dürfte Ihnen noch nicht zu Bewußtsein gekommen sein — des Vorteils
-beraubt haben, den ein Verhör für den Verhafteten in jedem Falle
-bedeutet.“ K. lachte die Tür an. „Ihr Lumpen, ich schenke euch alle
-Verhöre,“ rief er, öffnete die Tür und eilte die Treppe hinunter.
-Hinter ihm erhob sich der Lärm der wieder lebendig gewordenen
-Versammlung, welche die Vorfälle nach Art von Studierenden zu
-besprechen begann.
-
-
-
-
-
-
-
-
-DRITTES KAPITEL
-
-IM LEEREN SITZUNGSSAAL · DER STUDENT · DIE KANZLEIEN
-
-
-K. wartete während der nächsten Woche von Tag zu Tag auf eine
-neuerliche Verständigung, er konnte nicht glauben, daß man seinen
-Verzicht auf Verhör wörtlich genommen hatte, und als die erwartete
-Verständigung bis Sonntagabend wirklich nicht kam, nahm er an, er sei
-stillschweigend in das gleiche Haus für die gleiche Zeit wieder
-vorgeladen. Er begab sich daher Sonntags wieder hin, ging diesmal
-geradewegs über Treppen und Gänge; einige Leute, die sich seiner
-erinnerten, grüßten ihn an ihren Türen, aber er mußte niemanden mehr
-fragen und kam bald zu der richtigen Tür. Auf sein Klopfen wurde ihm
-gleich aufgemacht, und ohne sich weiter nach der bekannten Frau
-umzusehn, die bei der Tür stehen blieb, wollte er gleich ins
-Nebenzimmer. „Heute ist keine Sitzung,“ sagte die Frau. „Warum sollte
-keine Sitzung sein?“ fragte er und wollte es nicht glauben. Aber die
-Frau überzeugte ihn, indem sie die Tür des Nebenzimmers öffnete. Es war
-wirklich leer und sah in seiner Leere noch kläglicher aus, als am
-letzten Sonntag. Auf dem Tisch, der unverändert auf dem Podium stand,
-lagen einige Bücher. „Kann ich mir die Bücher anschauen,“ fragte K.,
-nicht aus besonderer Neugierde, sondern nur um nicht vollständig
-nutzlos hier gewesen zu sein. „Nein,“ sagte die Frau und schloß wieder
-die Tür, „das ist nicht erlaubt. Die Bücher gehören dem
-Untersuchungsrichter.“ „Ach so,“ sagte K. und nickte, „die Bücher sind
-wohl Gesetzbücher und es gehört zu der Art dieses Gerichtswesens, daß
-man nicht nur unschuldig, sondern auch unwissend verurteilt wird.“ „Es
-wird so sein,“ sagte die Frau, die ihn nicht genau verstanden hatte.
-„Nun, dann gehe ich wieder,“ sagte K. „Soll ich dem
-Untersuchungsrichter etwas melden?“ fragte die Frau. „Sie kennen ihn?“
-fragte K. „Natürlich,“ sagte die Frau, „mein Mann ist ja
-Gerichtsdiener.“ Erst jetzt merkte K., daß das Zimmer, in dem letzthin
-nur ein Waschbottich gestanden war, jetzt ein völlig eingerichtetes
-Wohnzimmer bildete. Die Frau bemerkte sein Staunen und sagte: „Ja, wir
-haben hier freie Wohnung, müssen aber an Sitzungstagen das Zimmer
-ausräumen. Die Stellung meines Mannes hat manche Nachteile.“ „Ich
-staune nicht so sehr über das Zimmer,“ sagte K. und blickte sie böse
-an, „als vielmehr darüber, daß Sie verheiratet sind.“ „Spielen Sie
-vielleicht auf den Vorfall in der letzten Sitzung an, durch den ich
-Ihre Rede störte,“ fragte die Frau. „Natürlich,“ sagte K., „heute ist
-es ja schon vorüber und fast vergessen, aber damals hat es mich
-geradezu wütend gemacht. Und nun sagen Sie selbst, daß Sie eine
-verheiratete Frau sind.“ „Es war nicht zu Ihrem Nachteil, daß Ihre Rede
-abgebrochen wurde. Man hat nachher noch sehr ungünstig über sie
-geurteilt.“ „Mag sein,“ sagte K. ablenkend, „aber Sie entschuldigt das
-nicht.“ „Ich bin vor allen entschuldigt, die mich kennen,“ sagte die
-Frau, „der, welcher mich damals umarmt hat, verfolgt mich schon seit
-langem. Ich mag im allgemeinen nicht verlockend sein, für ihn bin ich
-es aber. Es gibt hiefür keinen Schutz, auch mein Mann hat sich schon
-damit abgefunden; will er seine Stellung behalten, muß er es dulden,
-denn jener Mann ist Student und wird voraussichtlich zu größerer Macht
-kommen. Er ist immerfort hinter mir her, gerade ehe Sie kamen, ist er
-fortgegangen.“ „Es paßt zu allem andern,“ sagte K., „es überrascht mich
-nicht.“ „Sie wollen hier wohl einiges verbessern,“ fragte die Frau
-langsam und prüfend, als sage sie etwas, was sowohl für sie als für K.
-gefährlich war. „Ich habe das schon aus Ihrer Rede geschlossen, die mir
-persönlich sehr gut gefallen hat. Ich habe allerdings nur einen Teil
-gehört, den Anfang habe ich versäumt und während des Schlusses lag ich
-mit dem Studenten auf dem Boden. — Es ist ja so widerlich hier,“ sagte
-sie nach einer Pause und faßte K.s Hand. „Glauben Sie, daß es Ihnen
-gelingen wird, eine Besserung zu erreichen?“ K. lächelte und drehte
-seine Hand ein wenig in ihren weichen Händen. „Eigentlich,“ sagte er,
-„bin ich nicht dazu angestellt, Besserungen hier zu erreichen, wie Sie
-sich ausdrücken, und wenn Sie es z. B. dem Untersuchungsrichter sagen
-würden, würden Sie ausgelacht oder bestraft werden. Tatsächlich hätte
-ich mich auch aus freiem Willen in diese Dinge gewiß nicht eingemischt
-und meinen Schlaf hätte die Verbesserungsbedürftigkeit dieses
-Gerichtswesens niemals gestört. Aber ich bin dadurch, daß ich angeblich
-verhaftet wurde — ich bin nämlich verhaftet — gezwungen worden, hier
-einzugreifen, und zwar um meinetwillen. Wenn ich aber dabei auch Ihnen
-irgendwie nützlich sein kann, werde ich es natürlich sehr gerne tun.
-Nicht etwa nur aus Nächstenliebe, sondern außerdem deshalb, weil auch
-Sie mir helfen können.“ „Wie könnte ich denn das,“ fragte die Frau.
-„Indem Sie mir z. B. jetzt die Bücher dort auf dem Tisch zeigen.“ „Aber
-gewiß,“ rief die Frau und zog ihn eiligst hinter sich her. Es waren
-alte abgegriffene Bücher, ein Einbanddeckel war in der Mitte fast
-zerbrochen, die Stücke hingen nur durch Fasern zusammen. „Wie schmutzig
-hier alles ist,“ sagte K. kopfschüttelnd und die Frau wischte mit ihrer
-Schürze, ehe K. nach den Büchern greifen konnte, wenigstens
-oberflächlich den Staub weg. K. schlug das erste Buch auf, es erschien
-ein unanständiges Bild. Ein Mann und eine Frau saßen nackt auf dem
-Kanapee, die gemeine Absicht des Zeichners war deutlich zu erkennen,
-aber seine Ungeschicklichkeit war so groß gewesen, daß schließlich doch
-nur ein Mann und eine Frau zu sehen waren, die allzu körperlich aus dem
-Bilde hervorragten, übermäßig aufrecht dasaßen und sich infolge
-falscher Perspektive nur mühsam einander zuwendeten. K. blätterte nicht
-weiter, sondern schlug nur noch das Titelblatt des zweiten Buches auf,
-es war ein Roman mit dem Titel: „Die Plagen, welche Grete von ihrem
-Manne Hans zu erleiden hatte.“ „Das sind die Gesetzbücher, die hier
-studiert werden,“ sagte K., „von solchen Menschen soll ich gerichtet
-werden.“ „Ich werde Ihnen helfen,“ sagte die Frau. „Wollen Sie?“
-„Könnten Sie denn das wirklich, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen?
-Sie sagten doch vorhin, Ihr Mann sei sehr abhängig von Vorgesetzten.“
-„Trotzdem will ich Ihnen helfen,“ sagte die Frau, „kommen Sie, wir
-müssen es besprechen. Über meine Gefahr reden Sie nicht mehr, ich
-fürchte die Gefahr nur dort, wo ich sie fürchten will. Kommen Sie.“ Sie
-zeigte auf das Podium und bat ihn, sich mit ihr auf die Stufe zu
-setzen. „Sie haben schöne dunkle Augen,“ sagte sie, nachdem sie sich
-gesetzt hatten und sah K. von unten ins Gesicht, „man sagt mir, ich
-hätte auch schöne Augen, aber Ihre sind viel schöner. Sie fielen mir
-übrigens gleich damals auf, als Sie zum erstenmal hier eintraten. Sie
-waren auch der Grund, warum ich dann später hierher ins
-Versammlungszimmer ging, was ich sonst niemals tue und was mir sogar
-gewissermaßen verboten ist.“ ‚Das ist also alles,‘ dachte K., ‚sie
-bietet sich mir an, sie ist verdorben wie alle hier rings herum, sie
-hat die Gerichtsbeamten satt, was ja begreiflich ist, und begrüßt
-deshalb jeden beliebigen Fremden mit einem Kompliment wegen seiner
-Augen.‘ Und K. stand stillschweigend auf, als hätte er seine Gedanken
-laut ausgesprochen und dadurch der Frau sein Verhalten erklärt. „Ich
-glaube nicht, daß Sie mir helfen könnten,“ sagte er, „um mir wirklich
-zu helfen, müßte man Beziehungen zu hohen Beamten haben. Sie aber
-kennen gewiß nur die niedrigen Angestellten, die sich hier in Mengen
-herumtreiben. Diese kennen Sie gewiß sehr gut und könnten bei ihnen
-auch manches durchsetzen, das bezweifle ich nicht, aber das Größte, was
-man bei ihnen durchsetzen könnte, wäre für den endgültigen Ausgang des
-Prozesses gänzlich belanglos. Sie aber hätten sich dadurch doch einige
-Freunde verscherzt. Das will ich nicht. Führen Sie Ihr bisheriges
-Verhältnis zu diesen Leuten weiter, es scheint mir nämlich, daß es
-Ihnen unentbehrlich ist. Ich sage das nicht ohne Bedauern, denn, um Ihr
-Kompliment doch auch irgendwie zu erwidern, auch Sie gefallen mir gut,
-besonders wenn Sie mich wie jetzt so traurig ansehn, wozu übrigens für
-Sie gar kein Grund ist. Sie gehören zu der Gesellschaft, die ich
-bekämpfen muß, befinden sich aber in ihr sehr wohl, Sie lieben sogar
-den Studenten, und wenn Sie ihn nicht lieben, so ziehen Sie ihn doch
-wenigstens Ihrem Manne vor. Das konnte man aus Ihren Worten leicht
-erkennen.“ „Nein,“ rief sie, blieb sitzen und griff nur nach K.s Hand,
-die er ihr nicht rasch genug entzog. „Sie dürfen jetzt nicht weggehn,
-Sie dürfen nicht mit einem falschen Urteil über mich weggehn. Brächten
-Sie es wirklich zustande, jetzt wegzugehn? Bin ich wirklich so wertlos,
-daß Sie mir nicht einmal den Gefallen tun wollen, noch ein kleines
-Weilchen hierzubleiben?“ „Sie mißverstehen mich,“ sagte K. und setzte
-sich, „wenn Ihnen wirklich daran liegt, daß ich hierbleibe, bleibe ich
-gern, ich habe ja Zeit, ich kam doch in der Erwartung her, daß heute
-eine Verhandlung sein werde. Mit dem, was ich früher sagte, wollte ich
-Sie nur bitten, in meinem Prozeß nichts für mich zu unternehmen. Aber
-auch das muß Sie nicht kränken, wenn Sie bedenken, daß mir am Ausgang
-des Prozesses gar nichts liegt und daß ich über eine Verurteilung nur
-lachen werde. Vorausgesetzt, daß es überhaupt zu einem wirklichen
-Abschluß des Prozesses kommt, was ich sehr bezweifle. Ich glaube
-vielmehr, daß das Verfahren infolge Faulheit oder Vergeßlichkeit oder
-vielleicht sogar infolge Angst der Beamtenschaft schon abgebrochen ist
-oder in der nächsten Zeit abgebrochen werden wird. Möglich ist
-allerdings auch, daß man in Hoffnung auf irgendeine größere Bestechung
-den Prozeß scheinbar weiterführen wird, ganz vergeblich, wie ich heute
-schon sagen kann, denn ich besteche niemanden. Es wäre immerhin eine
-Gefälligkeit, die Sie mir leisten könnten, wenn Sie dem
-Untersuchungsrichter oder irgend jemandem sonst, der wichtige
-Nachrichten gern verbreitet, mitteilen würden, daß ich niemals und
-durch keine Kunststücke, an denen die Herren wohl reich sind, zu einer
-Bestechung zu bewegen sein werde. Es wäre ganz aussichtslos, das können
-Sie ihnen offen sagen. Übrigens wird man es vielleicht selbst schon
-bemerkt haben und selbst wenn dies nicht sein sollte, liegt mir gar
-nicht soviel daran, daß man es jetzt schon erfährt. Es würde ja dadurch
-den Herren nur Arbeit erspart werden, allerdings auch mir einige
-Unannehmlichkeiten, die ich aber gern auf mich nehme, wenn ich weiß,
-daß jede gleichzeitig ein Hieb für die andern ist. Und daß es so wird,
-dafür will ich sorgen. Kennen Sie eigentlich den Untersuchungsrichter?“
-„Natürlich,“ sagte die Frau, „an den dachte ich sogar zuerst, als ich
-Ihnen Hilfe anbot. Ich wußte nicht, daß er nur ein niedriger Beamter
-ist, aber da Sie es sagen, wird es wahrscheinlich richtig sein.
-Trotzdem glaube ich, daß der Bericht, den er nach oben liefert,
-immerhin einigen Einfluß hat. Und er schreibt soviel Berichte. Sie
-sagen, daß die Beamten faul sind, alle gewiß nicht, besonders dieser
-Untersuchungsrichter nicht, er schreibt sehr viel. Letzten Sonntag z.
-B. dauerte die Sitzung bis gegen Abend. Alle Leute gingen weg, der
-Untersuchungsrichter aber blieb im Saal, ich mußte ihm eine Lampe
-bringen, ich hatte nur eine kleine Küchenlampe, aber er war mit ihr
-zufrieden und fing gleich zu schreiben an. Inzwischen war auch mein
-Mann gekommen, der an jenem Sonntag gerade Urlaub hatte, wir holten die
-Möbel, richteten wieder unser Zimmer ein, es kamen dann noch Nachbarn,
-wir unterhielten uns noch bei einer Kerze, kurz, wir vergaßen den
-Untersuchungsrichter und gingen schlafen. Plötzlich in der Nacht, es
-muß schon tief in der Nacht gewesen sein, wache ich auf, neben dem Bett
-steht der Untersuchungsrichter und blendet die Lampe mit der Hand ab,
-so daß auf meinen Mann kein Licht fällt, es war unnötige Vorsicht, mein
-Mann hat einen solchen Schlaf, daß ihn auch das Licht nicht geweckt
-hätte. Ich war so erschrocken, daß ich fast geschrien hätte, aber der
-Untersuchungsrichter war sehr freundlich, ermahnte mich zur Vorsicht,
-flüsterte mir zu, daß er bis jetzt geschrieben habe, daß er mir jetzt
-die Lampe zurückbringe und daß er niemals den Anblick vergessen werde,
-wie er mich schlafend gefunden habe. Mit dem allen wollte ich Ihnen nur
-sagen, daß der Untersuchungsrichter tatsächlich viele Berichte
-schreibt, insbesondere über Sie, denn Ihre Einvernahme war gewiß einer
-der Hauptgegenstände der zweitägigen Sitzung. Solche lange Berichte
-können aber doch nicht ganz bedeutungslos sein. Außerdem aber können
-Sie doch auch aus dem Vorfall sehn, daß sich der Untersuchungsrichter
-um mich bewirbt und daß ich gerade jetzt in der ersten Zeit, er muß
-mich überhaupt erst jetzt bemerkt haben, großen Einfluß auf ihn haben
-kann. Daß ihm viel an mir liegt, dafür habe ich jetzt auch noch andere
-Beweise. Er hat mir gestern durch den Studenten, zu dem er viel
-Vertrauen hat und der sein Mitarbeiter ist, seidene Strümpfe zum
-Geschenk geschickt, angeblich dafür, daß ich das Sitzungszimmer
-aufräume, aber das ist nur ein Vorwand, denn diese Arbeit ist doch nur
-meine Pflicht und für sie wird mein Mann bezahlt. Es sind schöne
-Strümpfe, sehen Sie — sie streckte die Beine, zog die Röcke bis zum
-Knie hinauf und sah auch selbst die Strümpfe an — es sind schöne
-Strümpfe, aber doch eigentlich zu fein und für mich nicht geeignet.“
-
-Plötzlich unterbrach sie sich, legte ihre Hand auf K.s Hand, als wolle
-sie ihn beruhigen und flüsterte: „Still, Bertold sieht uns zu.“ K. hob
-langsam den Blick. In der Tür des Sitzungszimmers stand ein junger
-Mann, er war klein, hatte nicht ganz gerade Beine und suchte sich durch
-einen kurzen schüttern rötlichen Vollbart, in dem er die Finger
-fortwährend herumführte, Würde zu geben. K. sah ihn neugierig an, es
-war ja der erste Student der unbekannten Rechtswissenschaft, dem er
-gewissermaßen menschlich begegnete, ein Mann, der wahrscheinlich auch
-einmal zu höhern Beamtenstellen gelangen würde. Der Student dagegen
-kümmerte sich um K. scheinbar gar nicht, er winkte nur mit einem
-Finger, den er für einen Augenblick aus seinem Barte zog, der Frau und
-ging zum Fenster, die Frau beugte sich zu K. und flüsterte: „Seien Sie
-mir nicht böse, ich bitte Sie vielmals, denken Sie auch nicht schlecht
-von mir, ich muß jetzt zu ihm gehn, zu diesem scheußlichen Menschen,
-sehn Sie nur seine krummen Beine an. Aber ich komme gleich zurück und
-dann geh ich mit Ihnen, wenn Sie mich mitnehmen, ich gehe, wohin Sie
-wollen, Sie können mit mir tun, was Sie wollen, ich werde glücklich
-sein, wenn ich von hier für möglichst lange Zeit fort bin, am liebsten
-allerdings für immer.“ Sie streichelte noch K.s Hand, sprang auf und
-lief zum Fenster. Unwillkürlich haschte noch K. nach ihrer Hand ins
-Leere. Die Frau verlockte ihn wirklich, er fand trotz allem Nachdenken
-keinen haltbaren Grund dafür, warum er der Verlockung nicht nachgeben
-sollte. Den flüchtigen Einwand, daß ihn die Frau für das Gericht
-einfange, wehrte er ohne Mühe ab. Auf welche Weise konnte sie ihn
-einfangen? Blieb er nicht immer so frei, daß er das ganze Gericht,
-wenigstens soweit es ihn betraf, sofort zerschlagen konnte? Konnte er
-nicht dieses geringe Vertrauen zu sich haben? Und ihr Anerbieten einer
-Hilfe klang aufrichtig und war vielleicht nicht wertlos. Und es gab
-vielleicht keine bessere Rache an dem Untersuchungsrichter und seinem
-Anhang, als daß er ihnen diese Frau entzog und an sich nahm. Es könnte
-sich dann einmal der Fall ereignen, daß der Untersuchungsrichter nach
-mühevoller Arbeit an Lügenberichten über K. in später Nacht das Bett
-der Frau leer fand. Und leer deshalb, weil sie K. gehörte, weil diese
-Frau am Fenster, dieser üppige gelenkige warme Körper im dunklen Kleid
-aus grobem schweren Stoff durchaus nur K. gehörte.
-
-Nachdem er auf diese Weise die Bedenken gegen die Frau beseitigt hatte,
-wurde ihm das leise Zwiegespräch am Fenster zu lang, er klopfte mit den
-Knöcheln auf das Podium und dann auch mit der Faust. Der Student sah
-kurz über die Schulter der Frau hinweg nach K. hin, ließ sich aber
-nicht stören, ja drückte sich sogar enger an die Frau und umfaßte sie.
-Sie senkte tief den Kopf, als höre sie ihm aufmerksam zu, er küßte sie,
-als sie sich bückte, laut auf den Hals, ohne sich im Reden wesentlich
-zu unterbrechen. K. sah darin die Tyrannei bestätigt, die der Student
-nach den Klagen der Frau über sie ausübte, stand auf und ging im Zimmer
-auf und ab. Er überlegte unter Seitenblicken nach dem Studenten, wie er
-ihn möglichst schnell wegschaffen könnte, und es war ihm daher nicht
-unwillkommen, als der Student, offenbar gestört durch K.s Herumgehn,
-das schon zeitweilig zu einem Trampeln ausgeartet war, bemerkte: „Wenn
-Sie ungeduldig sind, können Sie weggehn. Sie hätten auch schon früher
-weggehn können, es hätte Sie niemand vermißt. Ja, Sie hätten sogar
-weggehn sollen, und zwar schon bei meinem Eintritt, und zwar
-schleunigst.“ Es mochte in dieser Bemerkung alle mögliche Wut zum
-Ausbruch kommen, jedenfalls lag darin aber auch der Hochmut des
-künftigen Gerichtsbeamten, der zu einem mißliebigen Angeklagten sprach.
-K. blieb ganz nahe bei ihm stehn und sagte lächelnd: „Ich bin
-ungeduldig, das ist richtig, aber diese Ungeduld wird am leichtesten
-dadurch zu beseitigen sein, daß Sie uns verlassen. Wenn Sie aber
-vielleicht hergekommen sind, um zu studieren — ich hörte, daß Sie
-Student sind — so will ich Ihnen gerne Platz machen und mit der Frau
-weggehn. Sie werden übrigens noch viel studieren müssen, ehe Sie
-Richter werden. Ich kenne zwar Ihr Gerichtswesen noch nicht sehr genau,
-nehme aber an, daß es mit groben Reden allein, die Sie allerdings schon
-unverschämt gut zu führen wissen, noch lange nicht getan ist.“ „Man
-hätte ihn nicht so frei herumlaufen lassen sollen,“ sagte der Student,
-als wolle er der Frau eine Erklärung für K.s beleidigende Rede geben,
-„es war ein Mißgriff. Ich habe es dem Untersuchungsrichter gesagt. Man
-hätte ihn zwischen den Verhören zumindest in seinem Zimmer halten
-sollen. Der Untersuchungsrichter ist manchmal unbegreiflich.“ „Unnütze
-Reden,“ sagte K. und streckte die Hand nach der Frau aus, „kommen Sie.“
-„Ach so,“ sagte der Student, „nein, nein, die bekommen Sie nicht,“ und
-mit einer Kraft, die man ihm nicht zugetraut hätte, hob er sie auf
-einen Arm, und lief mit gebeugtem Rücken, zärtlich zu ihr aufsehend,
-zur Tür. Eine gewisse Angst vor K. war hiebei nicht zu verkennen,
-trotzdem wagte er es, K. noch zu reizen, indem er mit der freien Hand
-den Arm der Frau streichelte und drückte. K. lief paar Schritte neben
-ihm her, bereit, ihn zu fassen und, wenn es sein müßte, zu würgen, da
-sagte die Frau: „Es hilft nichts, der Untersuchungsrichter läßt mich
-holen, ich darf nicht mit Ihnen gehn, dieses kleine Scheusal,“ sie fuhr
-hiebei dem Studenten mit der Hand übers Gesicht, „dieses kleine
-Scheusal läßt mich nicht.“ „Und Sie wollen nicht befreit werden,“
-schrie K. und legte die Hand auf die Schulter des Studenten, der mit
-den Zähnen nach ihr schnappte. „Nein,“ rief die Frau und wehrte K. mit
-beiden Händen ab, „nein, nein, nur das nicht, woran denken Sie denn!
-Das wäre mein Verderben. Lassen Sie ihn doch, o bitte, lassen Sie ihn
-doch. Er führt ja nur den Befehl des Untersuchungsrichters aus und
-trägt mich zu ihm.“ „Dann mag er laufen und Sie will ich nie mehr
-sehn,“ sagte K. wütend vor Enttäuschung und gab dem Studenten einen
-Stoß in den Rücken, daß er kurz stolperte, um gleich darauf, vor
-Vergnügen darüber, daß er nicht gefallen war, mit seiner Last desto
-höher zu springen. K. ging ihnen langsam nach, er sah ein, daß das die
-erste zweifellose Niederlage war, die er von diesen Leuten erfahren
-hatte. Es war natürlich gar kein Grund, sich deshalb zu ängstigen, er
-erhielt die Niederlage nur deshalb, weil er den Kampf aufsuchte. Wenn
-er zu Hause bliebe und sein gewohntes Leben führen würde, war er jedem
-dieser Leute tausendfach überlegen und konnte jeden mit einem Fußtritt
-von seinem Wege räumen. Und er stellte sich die allerlächerlichste
-Szene vor, die es z. B. geben würde, wenn dieser klägliche Student,
-dieses aufgeblasene Kind, dieser krumme Bartträger vor Elsas Bett knien
-und mit gefalteten Händen um Gnade bitten würde. K. gefiel diese
-Vorstellung so, daß er beschloß, wenn sich nur irgendeine Gelegenheit
-dafür ergeben sollte, den Studenten einmal zu Elsa mitzunehmen.
-
-Aus Neugierde eilte K. noch zur Tür, er wollte sehn, wohin die Frau
-getragen wurde, der Student würde sie doch nicht etwa über die Straßen
-auf dem Arm tragen. Es zeigte sich, daß der Weg viel kürzer war. Gleich
-gegenüber der Wohnungstür führte eine schmale hölzerne Treppe
-wahrscheinlich zum Dachboden, sie machte eine Wendung, so daß man ihr
-Ende nicht sah. Über diese Treppe trug der Student die Frau hinauf,
-schon sehr langsam und stöhnend, denn er war durch das bisherige Laufen
-geschwächt. Die Frau grüßte mit der Hand zu K. hinunter, und suchte
-durch Auf- und Abziehn der Schultern zu zeigen, daß sie an der
-Entführung unschuldig sei, viel Bedauern lag aber in dieser Bewegung
-nicht. K. sah sie ausdruckslos, wie eine Fremde an, er wollte weder
-verraten, daß er enttäuscht war, noch auch, daß er die Enttäuschung
-leicht überwinden könne.
-
-Die zwei waren schon verschwunden, K. aber stand noch immer in der Tür.
-Er mußte annehmen, daß ihn die Frau nicht nur betrogen, sondern mit der
-Angabe, daß sie zum Untersuchungsrichter getragen werde, auch belogen
-habe. Der Untersuchungsrichter würde doch nicht auf dem Dachboden
-sitzen und warten. Die Holztreppe erklärte nichts, so lange man sie
-auch ansah. Da bemerkte K. einen kleinen Zettel neben dem Aufgang, ging
-hinüber und las in einer kindlichen ungeübten Schrift: „Aufgang zu den
-Gerichtskanzleien.“ Hier auf dem Dachboden dieses Miethauses waren also
-die Gerichtskanzleien? Das war keine Einrichtung, die viel Achtung
-einzuflößen imstande war und es war für einen Angeklagten beruhigend,
-sich vorzustellen, wie wenig Geldmittel diesem Gericht zur Verfügung
-standen, wenn es seine Kanzleien dort unterbrachte, wo die
-Mietparteien, die schon selbst zu den Ärmsten gehörten, ihren unnützen
-Kram hinwarfen. Allerdings war es nicht ausgeschlossen, daß man Geld
-genug hatte, daß aber die Beamtenschaft sich darüber warf, ehe es für
-Gerichtszwecke verwendet wurde. Das war nach den bisherigen Erfahrungen
-K.s sogar sehr wahrscheinlich, nur war dann eine solche Verlotterung
-des Gerichtes für einen Angeklagten zwar entwürdigend, aber im Grunde
-noch beruhigender, als es die Armut des Gerichtes gewesen wäre. Nun war
-es K. auch begreiflich, daß man sich beim ersten Verhör schämte, den
-Angeklagten auf den Dachboden vorzuladen und es vorzog, ihn in seiner
-Wohnung zu belästigen. In welcher Stellung befand sich doch K.
-gegenüber dem Richter, der auf dem Dachboden saß, während er selbst in
-der Bank ein großes Zimmer mit einem Vorzimmer hatte und durch eine
-riesige Fensterscheibe auf den belebten Stadtplatz hinuntersehen
-konnte. Allerdings hatte er keine Nebeneinkünfte aus Bestechungen oder
-Unterschlagungen und konnte sich auch vom Diener keine Frau auf dem Arm
-ins Bureau tragen lassen. Darauf wollte K. aber, wenigstens in diesem
-Leben, gerne verzichten.
-
-K. stand noch vor dem Anschlagzettel, als ein Mann die Treppe
-heraufkam, durch die offene Tür ins Wohnzimmer sah, aus dem man auch in
-das Sitzungszimmer sehen konnte, und schließlich K. fragte, ob er hier
-nicht vor kurzem eine Frau gesehen habe. „Sie sind der Gerichtsdiener,
-nicht?“ fragte K. „Ja,“ sagte der Mann, „ach so, Sie sind der
-Angeklagte K., jetzt erkenne ich Sie auch, seien Sie willkommen.“ Und
-er reichte K., der es gar nicht erwartet hatte, die Hand. „Heute ist
-aber keine Sitzung angezeigt,“ sagte dann der Gerichtsdiener, als K.
-schwieg. „Ich weiß,“ sagte K. und betrachtete den Zivilrock des
-Gerichtsdieners, der als einziges amtliches Abzeichen neben einigen
-gewöhnlichen Knöpfen auch zwei vergoldete Knöpfe aufwies, die von einem
-alten Offiziersmantel abgetrennt zu sein schienen. „Ich habe vor einem
-Weilchen mit Ihrer Frau gesprochen. Sie ist nicht mehr hier. Der
-Student hat sie zum Untersuchungsrichter getragen.“ „Sehen Sie,“ sagte
-der Gerichtsdiener, „immer trägt man sie mir weg. Heute ist doch
-Sonntag und ich bin zu keiner Arbeit verpflichtet, aber nur, um mich
-von hier zu entfernen, schickt man mich mit einer unnützen Meldung weg.
-Und zwar schickt man mich nicht weit weg, so daß ich die Hoffnung habe,
-wenn ich mich sehr beeile, vielleicht noch rechtzeitig zurückzukommen.
-Ich laufe also, so sehr ich kann, schreie dem Amt, zu dem ich geschickt
-wurde, meine Meldung durch den Türspalt so atemlos zu, daß man sie kaum
-verstanden haben wird, laufe wieder zurück, aber der Student hat sich
-noch mehr beeilt als ich, er hatte allerdings auch einen kürzeren Weg,
-er mußte nur die Bodentreppe hinunterlaufen. Wäre ich nicht so
-abhängig, ich hätte den Studenten schon längst hier an der Wand
-zerdrückt. Hier neben dem Anschlagzettel. Davon träume ich immer. Hier
-ein wenig über dem Fußboden ist er festgedrückt, die Arme gestreckt,
-die Finger gespreizt, die krummen Beine zum Kreis gedreht und
-ringsherum Blutspritzer. Bisher war es aber nur Traum.“ „Eine andere
-Hilfe gibt es nicht?“ fragte K. lächelnd. „Ich wüßte keine,“ sagte der
-Gerichtsdiener. „Und jetzt wird es ja noch ärger, bisher hat er sie nur
-zu sich getragen, jetzt trägt er sie, was ich allerdings längst
-erwartet habe, auch zum Untersuchungsrichter.“ „Hat denn Ihre Frau gar
-keine Schuld dabei,“ fragte K., er mußte sich bei dieser Frage
-bezwingen, so sehr fühlte auch er jetzt die Eifersucht. „Aber gewiß,“
-sagte der Gerichtsdiener, „sie hat sogar die größte Schuld. Sie hat
-sich ja an ihn gehängt. Was ihn betrifft, er läuft allen Weibern nach.
-In diesem Hause allein ist er schon aus fünf Wohnungen, in die er sich
-eingeschlichen hat, hinausgeworfen worden. Meine Frau ist allerdings
-die schönste im ganzen Haus, und gerade ich darf mich nicht wehren.“
-„Wenn es sich so verhält, dann gibt es allerdings keine Hilfe,“ sagte
-K. „Warum denn nicht,“ fragte der Gerichtsdiener. „Man müßte den
-Studenten, der ein Feigling ist, einmal, wenn er meine Frau anrühren
-will, so durchprügeln, daß er es niemals mehr wagt. Aber ich darf es
-nicht und andere machen mir den Gefallen nicht, denn alle fürchten
-seine Macht. Nur ein Mann wie Sie könnte es tun.“ „Wieso denn ich?“
-fragte K. erstaunt. „Sie sind doch angeklagt,“ sagte der
-Gerichtsdiener. „Ja,“ sagte K., „aber desto mehr müßte ich doch
-fürchten, daß er, wenn auch vielleicht nicht Einfluß auf den Ausgang
-des Prozesses, so doch wahrscheinlich auf die Voruntersuchung hat.“
-„Ja, gewiß,“ sagte der Gerichtsdiener, als sei die Ansicht K.s genau so
-richtig wie seine eigene. „Es werden aber bei uns in der Regel keine
-aussichtslosen Prozesse geführt.“ „Ich bin nicht Ihrer Meinung,“ sagte
-K., „das soll mich aber nicht hindern, gelegentlich den Studenten in
-Behandlung zu nehmen.“ „Ich wäre Ihnen sehr dankbar,“ sagte der
-Gerichtsdiener etwas förmlich, er schien eigentlich doch nicht an die
-Erfüllbarkeit seines höchsten Wunsches zu glauben. „Es würden
-vielleicht,“ fuhr K. fort, „auch noch andere Ihrer Beamten und
-vielleicht sogar alle das gleiche verdienen.“ „Ja, ja,“ sagte der
-Gerichtsdiener, als handle es sich um etwas Selbstverständliches. Dann
-sah er K. mit einem zutraulichen Blick an, wie er es bisher trotz aller
-Freundlichkeit nicht getan hatte, und fügte hinzu: „Man rebelliert eben
-immer.“ Aber das Gespräch schien ihm doch ein wenig unbehaglich
-geworden zu sein, denn er brach es ab, indem er sagte: „Jetzt muß ich
-mich in der Kanzlei melden. Wollen Sie mitkommen?“ „Ich habe dort
-nichts zu tun,“ sagte K. „Sie könnten die Kanzleien ansehn. Es wird
-sich niemand um Sie kümmern.“ „Sind sie denn sehenswert?“ fragte K.
-zögernd, hatte aber große Lust mitzugehn. „Nun,“ sagte der
-Gerichtsdiener, „ich dachte, es würde Sie interessieren.“ „Gut,“ sagte
-K. schließlich, „ich gehe mit“. Und er lief schneller als der
-Gerichtsdiener die Treppe hinauf.
-
-Beim Eintritt wäre er fast hingefallen, denn hinter der Tür war noch
-eine Stufe. „Auf das Publikum nimmt man nicht viel Rücksicht,“ sagte
-er. „Man nimmt überhaupt keine Rücksicht,“ sagte der Gerichtsdiener,
-„sehn Sie nur hier das Wartezimmer.“ Es war ein langer Gang, von dem
-aus rohe gezimmerte Türen zu den einzelnen Abteilungen des Dachbodens
-führten. Trotzdem kein unmittelbarer Lichtzutritt bestand, war es doch
-nicht vollständig dunkel, denn manche Abteilungen hatten gegen den Gang
-zu statt einheitlicher Bretterwände, bloße, allerdings bis zur Decke
-reichende Holzgitter, durch die einiges Licht drang und durch die man
-auch einzelne Beamte sehen konnte, wie sie an Tischen schrieben oder
-geradezu am Gitter standen und durch die Lücken die Leute auf dem Gang
-beobachteten. Es waren, wahrscheinlich weil Sonntag war, nur wenig
-Leute auf dem Gang. Sie machten einen sehr bescheidenen Eindruck. In
-fast regelmäßigen Entfernungen voneinander saßen sie auf den zwei
-Reihen langer Holzbänke, die zu beiden Seiten des Ganges angebracht
-waren. Alle waren vernachlässigt angezogen, trotzdem die meisten nach
-dem Gesichtsausdruck, der Haltung, der Barttracht und vielen kaum
-sicherzustellenden kleinen Einzelheiten den höheren Klassen angehörten.
-Da keine Kleiderhaken vorhanden waren, hatten sie die Hüte,
-wahrscheinlich einer dem Beispiel des andern folgend, unter die Bank
-gestellt. Als die, welche zunächst der Tür saßen, K. und den
-Gerichtsdiener erblickten, erhoben sie sich zum Gruß, da das die
-Folgenden sahen, glaubten sie auch grüßen zu müssen, so daß alle beim
-Vorbeigehn der zwei sich erhoben. Sie standen niemals vollständig
-aufrecht, der Rücken war geneigt, die Knie geknickt, sie standen wie
-Straßenbettler. K. wartete auf den ein wenig hinter ihm gehenden
-Gerichtsdiener und sagte: „Wie gedemütigt die sein müssen.“ „Ja,“ sagte
-der Gerichtsdiener, „es sind Angeklagte, alle die Sie hier sehn, sind
-Angeklagte.“ „Wirklich!“ sagte K. „Dann sind es ja meine Kollegen.“ Und
-er wandte sich an den nächsten, einen großen schlanken, schon fast
-grauhaarigen Mann. „Worauf warten Sie hier?“ fragte K. höflich. Die
-unerwartete Ansprache aber machte den Mann verwirrt, was um so
-peinlicher aussah, da es sich offenbar um einen welterfahrenen Menschen
-handelte, der anderswo gewiß sich zu beherrschen verstand und die
-Überlegenheit, die er sich über viele erworben hatte, nicht leicht
-aufgab. Hier aber wußte er auf eine so einfache Frage nicht zu
-antworten und sah auf die andern hin, als seien sie verpflichtet, ihm
-zu helfen, und als könne niemand von ihm eine Antwort verlangen, wenn
-diese Hilfe ausbliebe. Da trat der Gerichtsdiener hinzu und sagte, um
-den Mann zu beruhigen und aufzumuntern: „Der Herr hier fragt ja nur,
-auf was Sie warten. Antworten Sie doch.“ Die ihm wahrscheinlich
-bekannte Stimme des Gerichtsdieners wirkte besser: „Ich warte —“ begann
-er und stockte. Offenbar hatte er diesen Anfang gewählt, um ganz genau
-auf die Fragestellung zu antworten, fand aber jetzt die Fortsetzung
-nicht. Einige der Wartenden hatten sich genähert und umstanden die
-Gruppe, der Gerichtsdiener sagte zu ihnen: „Weg, weg, macht den Gang
-frei.“ Sie wichen ein wenig zurück, aber nicht bis zu ihren früheren
-Sitzen. Inzwischen hatte sich der Gefragte gesammelt und antwortete
-sogar mit einem kleinen Lächeln: „Ich habe vor einem Monat einige
-Beweisanträge in meiner Sache gemacht und warte auf die Erledigung.“
-„Sie scheinen sich ja viele Mühe zu geben,“ sagte K. „Ja,“ sagte der
-Mann, „es ist ja meine Sache.“ „Jeder denkt nicht so wie Sie,“ sagte
-K., „ich z. B. bin auch angeklagt, habe aber, so wahr ich selig werden
-will, weder einen Beweisantrag gestellt, noch auch sonst irgend etwas
-derartiges unternommen. Halten Sie denn das für nötig?“ „Ich weiß nicht
-genau,“ sagte der Mann wieder in vollständiger Unsicherheit; er glaubte
-offenbar, K. mache mit ihm einen Scherz, deshalb hätte er
-wahrscheinlich am liebsten, aus Furcht, irgendeinen neuen Fehler zu
-machen, seine frühere Antwort ganz wiederholt, vor K.s ungeduldigem
-Blick aber sagte er nur, „was mich betrifft, ich habe Beweisanträge
-gestellt.“ „Sie glauben wohl nicht, daß ich angeklagt bin,“ fragte K.
-„O bitte gewiß,“ sagte der Mann, und trat ein wenig zur Seite, aber in
-der Antwort war nicht Glaube, sondern nur Angst. „Sie glauben mir also
-nicht?“ fragte K. und faßte ihn, unbewußt durch das demütige Wesen des
-Mannes dazu aufgefordert, beim Arm, als wolle er ihn zum Glauben
-zwingen. Er wollte ihm nicht Schmerz bereiten, hatte ihn auch nur ganz
-leicht angegriffen, trotzdem aber schrie der Mann auf, als habe K. ihn
-nicht mit zwei Fingern, sondern mit einer glühenden Zange erfaßt.
-Dieses lächerliche Schreien machte K. endgültig überdrüssig; glaubte
-man ihm nicht, daß er angeklagt war, so war es desto besser; vielleicht
-hielt er ihn sogar für einen Richter. Und er faßte ihn nun zum Abschied
-wirklich fester, stieß ihn auf die Bank zurück und ging weiter. „Die
-meisten Angeklagten sind so empfindlich,“ sagte der Gerichtsdiener.
-Hinter ihnen sammelten sich jetzt fast alle Wartenden um den Mann, der
-schon zu schreien aufgehört hatte, und schienen ihn über den
-Zwischenfall genau auszufragen. K. entgegen kam jetzt ein Wächter, der
-hauptsächlich an einem Säbel kenntlich war, dessen Scheide, wenigstens
-der Farbe nach, aus Aluminium bestand. K. staunte darüber und griff
-sogar mit der Hand hin. Der Wächter, der wegen des Schreins gekommen
-war, fragte nach dem Vorgefallenen. Der Gerichtsdiener suchte ihn mit
-einigen Worten zu beruhigen, aber der Wächter erklärte, doch noch
-selbst nachsehn zu müssen, salutierte und ging weiter mit sehr eiligen,
-aber sehr kurzen, wahrscheinlich durch Gicht abgemessenen Schritten.
-
-K. kümmerte sich nicht lange um ihn und die Gesellschaft auf dem Gang,
-besonders da er etwa in der Hälfte des Ganges die Möglichkeit sah,
-rechts durch eine türlose Öffnung einzubiegen. Er verständigte sich mit
-dem Gerichtsdiener darüber, ob das der richtige Weg sei, der
-Gerichtsdiener nickte und K. bog nun wirklich dort ein. Es war ihm
-lästig, daß er immer einen oder zwei Schritte vor dem Gerichtsdiener
-gehen mußte, es konnte wenigstens an diesem Ort den Anschein haben, als
-ob er verhaftet vorgeführt werde. Er wartete also öfters auf den
-Gerichtsdiener, aber dieser blieb gleich wieder zurück. Schließlich
-sagte K., um seinem Unbehagen ein Ende zu machen: „Nun habe ich gesehn,
-wie es hier aussieht, ich will jetzt weggehn.“ „Sie haben noch nicht
-alles gesehn,“ sagte der Gerichtsdiener vollständig unverfänglich. „Ich
-will nicht alles sehn,“ sagte K., der sich übrigens wirklich müde
-fühlte, „ich will gehn, wie kommt man zum Ausgang?“ „Sie haben sich
-doch nicht schon verirrt,“ fragte der Gerichtsdiener erstaunt, „Sie
-gehn hier bis zur Ecke und dann rechts den Gang hinunter geradeaus zur
-Tür.“ „Kommen Sie mit,“ sagte K., „zeigen Sie mir den Weg, ich werde
-ihn verfehlen, es sind hier so viele Wege.“ „Es ist der einzige Weg,“
-sagte der Gerichtsdiener nun schon vorwurfsvoll, „ich kann nicht wieder
-mit Ihnen zurückgehn, ich muß doch meine Meldung vorbringen und habe
-schon viel Zeit durch Sie versäumt.“ „Kommen Sie mit,“ wiederholte K.
-jetzt schärfer, als habe er endlich den Gerichtsdiener auf einer
-Unwahrheit ertappt. „Schreien Sie doch nicht so,“ flüsterte der
-Gerichtsdiener, „es sind ja hier überall Bureaus. Wenn Sie nicht allein
-zurückgehn wollen, so gehn Sie noch ein Stückchen mit mir oder warten
-Sie hier, bis ich meine Meldung erledigt habe, dann will ich ja gern
-mit Ihnen wieder zurückgehn.“ „Nein, nein,“ sagte K., „ich werde nicht
-warten und Sie müssen jetzt mit mir gehn.“ K. hatte sich noch gar nicht
-in dem Raum umgesehn, in dem er sich befand, erst als jetzt eine der
-vielen Holztüren, die ringsherum standen, sich öffnete, blickte er hin.
-Ein Mädchen, das wohl durch K.s lautes Sprechen herbeigerufen war, trat
-ein und fragte: „Was wünscht der Herr?“ Hinter ihr in der Ferne sah man
-im Halbdunkel noch einen Mann sich nähern. K. blickte den
-Gerichtsdiener an. Dieser hatte doch gesagt, daß sich niemand um K.
-kümmern werde, und nun kamen schon zwei, es brauchte nur wenig und die
-Beamtenschaft wurde auf ihn aufmerksam, würde eine Erklärung seiner
-Anwesenheit haben wollen. Die einzig verständliche und annehmbare war
-die, daß er Angeklagter war und das Datum des nächsten Verhörs erfahren
-wollte, gerade diese Erklärung aber wollte er nicht geben, besonders da
-sie auch nicht wahrheitsgemäß war, denn er war nur aus Neugierde
-gekommen oder, was als Erklärung noch unmöglicher war, aus dem
-Verlangen, festzustellen, daß das Innere dieses Gerichtswesens ebenso
-widerlich war wie sein Äußeres. Und es schien ja, daß er mit dieser
-Annahme recht hatte, er wollte nicht weiter eindringen, er war beengt
-genug von dem, was er bisher gesehen hatte, er war gerade jetzt nicht
-in der Verfassung, einem höheren Beamten gegenüberzutreten, wie er
-hinter jeder Tür auftauchen konnte, er wollte weggehn, und zwar mit dem
-Gerichtsdiener oder allein, wenn es sein mußte.
-
-Aber sein stummes Dastehn mußte auffallend sein und wirklich sahen ihn
-das Mädchen und der Gerichtsdiener derartig an, als ob in der nächsten
-Minute irgendeine große Verwandlung mit ihm geschehen müsse, die sie zu
-beobachten nicht versäumen wollten. Und in der Türöffnung stand der
-Mann, den K. früher in der Ferne bemerkt hatte, er hielt sich am
-Deckbalken der niedrigen Tür fest und schaukelte ein wenig auf den
-Fußspitzen, wie ein ungeduldiger Zuschauer. Das Mädchen aber erkannte
-doch zuerst, daß das Benehmen K.s in einem leichten Unwohlsein seinen
-Grund hatte, sie brachte einen Sessel und fragte: „Wollen Sie sich
-nicht setzen?“ K. setzte sich sofort und stützte, um noch besser Halt
-zu bekommen, die Ellbogen auf die Lehnen. „Sie haben ein wenig
-Schwindel, nicht?“ fragte sie ihn. Er hatte nun ihr Gesicht nahe vor
-sich, es hatte den strengen Ausdruck, wie ihn manche Frauen gerade in
-ihrer schönsten Jugend haben. „Machen Sie sich darüber keine Gedanken,“
-sagte sie, „das ist hier nichts Außergewöhnliches, fast jeder bekommt
-einen solchen Anfall, wenn er zum erstenmal herkommt. Sie sind zum
-erstenmal hier? Nun ja, das ist aber nichts Außergewöhnliches. Die
-Sonne brennt hier auf das Dachgerüst und das heiße Holz macht die Luft
-so dumpf und schwer. Der Ort ist deshalb für Bureauräumlichkeiten nicht
-sehr geeignet, so große Vorteile er allerdings sonst bietet. Aber was
-die Luft betrifft, so ist sie an Tagen großen Parteienverkehrs, und das
-ist fast jeder Tag, kaum mehr atembar. Wenn Sie dann noch bedenken, daß
-hier auch vielfach Wäsche zum Trocknen ausgehängt wird, — man kann es
-den Mietern nicht gänzlich untersagen, — so werden Sie sich nicht mehr
-wundern, daß Ihnen ein wenig übel wurde. Aber man gewöhnt sich
-schließlich an die Luft sehr gut. Wenn Sie zum zweiten- oder drittenmal
-herkommen, werden Sie das Drückende hier kaum mehr spüren. Fühlen Sie
-sich schon besser?“ K. antwortete nicht, es war ihm zu peinlich, durch
-diese plötzliche Schwäche den Leuten hier ausgeliefert zu sein,
-überdies war ihm, da er jetzt die Ursachen seiner Übelkeit erfahren
-hatte, nicht besser, sondern noch ein wenig schlechter. Das Mädchen
-merkte es gleich, nahm, um K. eine Erfrischung zu bereiten, eine
-Hakenstange, die an der Wand lehnte und stieß damit eine kleine Luke
-auf, die gerade über K. angebracht war und ins Freie führte. Aber es
-fiel soviel Ruß herein, daß das Mädchen die Luke gleich wieder zuziehn
-und mit ihrem Taschentuch die Hände K.s vom Ruß reinigen mußte, denn K.
-war zu müde, um das selbst zu besorgen. Er wäre gern hier ruhig
-sitzengeblieben, bis er sich zum Weggehn genügend gekräftigt hatte, das
-mußte aber um so früher geschehen, je weniger man sich um ihn kümmern
-würde. Nun sagte aber überdies das Mädchen: „Hier können Sie nicht
-bleiben, hier stören wir den Verkehr.“ — K. fragte mit den Blicken,
-welchen Verkehr er denn hier störe — „ich werde Sie, wenn Sie wollen,
-ins Krankenzimmer führen.“ „Helfen Sie mir bitte,“ sagte sie zu dem
-Mann in der Tür, der auch gleich näher kam. Aber K. wollte nicht ins
-Krankenzimmer, gerade das wollte er ja vermeiden, weiter geführt zu
-werden, je weiter er kam, desto ärger mußte es werden. „Ich kann schon
-gehn,“ sagte er deshalb und stand, durch das bequeme Sitzen verwöhnt,
-zitternd auf. Dann aber konnte er sich nicht aufrecht halten. „Es geht
-doch nicht,“ sagte er kopfschüttelnd und setzte sich seufzend wieder
-nieder. Er erinnerte sich an den Gerichtsdiener, der ihn trotz allem
-leicht hinausführen konnte, aber der schien schon längst weg zu sein,
-K. sah zwischen dem Mädchen und dem Mann, die vor ihm standen,
-hindurch, konnte aber den Gerichtsdiener nicht finden.
-
-„Ich glaube,“ sagte der Mann, der übrigens elegant gekleidet war und
-besonders durch eine graue Weste auffiel, die in zwei langen, scharf
-geschnittenen Spitzen endigte, „das Unwohlsein des Herrn geht auf die
-Atmosphäre hier zurück, es wird daher am besten und auch ihm am
-liebsten sein, wenn wir ihn nicht erst ins Krankenzimmer, sondern
-überhaupt aus den Kanzleien hinausführen.“ „Das ist es,“ rief K. und
-fuhr vor lauter Freude fast noch in die Rede des Mannes hinein, „mir
-wird gewiß sofort besser werden, ich bin auch gar nicht so schwach, nur
-ein wenig Unterstützung unter den Achseln brauche ich, ich werde Ihnen
-nicht viel Mühe machen, es ist ja auch kein langer Weg, führen Sie mich
-nur zur Tür, ich setze mich dann noch ein wenig auf die Stufen und
-werde gleich erholt sein, ich leide nämlich gar nicht unter solchen
-Anfällen, es kommt mir selbst überraschend. Ich bin doch auch Beamter
-und an Bureauluft gewöhnt, aber hier scheint es doch zu arg, Sie sagen
-es selbst. Wollen Sie also die Freundlichkeit haben, mich ein wenig zu
-führen, ich habe nämlich Schwindel und es wird mir schlecht, wenn ich
-allein aufstehe.“ Und er hob die Schultern, um es den beiden zu
-erleichtern, ihm unter die Arme zu greifen.
-
-Aber der Mann folgte der Aufforderung nicht, sondern hielt die Hände
-ruhig in den Hosentaschen und lachte laut. „Sehen Sie,“ sagte er zu dem
-Mädchen, „ich habe also doch das Richtige getroffen. Dem Herrn ist nur
-hier nicht wohl, nicht im Allgemeinen.“ Das Mädchen lächelte auch,
-schlug aber dem Mann leicht mit den Fingerspitzen auf den Arm, als
-hätte er sich mit K. einen zu starken Spaß erlaubt. „Aber was denken
-Sie denn,“ sagte der Mann noch immer lachend, „ich will ja den Herrn
-wirklich hinausführen.“ „Dann ist es gut,“ sagte das Mädchen, indem sie
-ihren zierlichen Kopf für einen Augenblick neigte. „Messen Sie dem
-Lachen nicht zu viel Bedeutung zu,“ sagte das Mädchen zu K., der wieder
-traurig geworden vor sich hinstarrte und keine Erklärung zu brauchen
-schien, „dieser Herr — ich darf Sie doch vorstellen?“ (der Herr gab mit
-einer Handbewegung die Erlaubnis) — „dieser Herr also ist der
-Auskunftgeber. Er gibt den wartenden Parteien alle Auskunft, die sie
-brauchen, und da unser Gerichtswesen in der Bevölkerung nicht sehr
-bekannt ist, werden viele Auskünfte verlangt. Er weiß auf alle Fragen
-eine Antwort, Sie können ihn, wenn Sie einmal Lust dazu haben,
-daraufhin erproben. Das ist aber nicht sein einziger Vorzug, sein
-zweiter Vorzug ist die elegante Kleidung. Wir, d. h. die Beamtenschaft,
-meinte einmal, man müsse den Auskunftgeber, der immerfort, und zwar als
-erster mit Parteien verhandelt, des würdigen ersten Eindrucks halber,
-auch elegant anziehn. Wir andern sind, wie Sie gleich an mir sehn
-können, leider sehr schlecht und altmodisch angezogen; es hat auch
-nicht viel Sinn, für die Kleidung etwas zu verwenden, da wir fast
-unaufhörlich in den Kanzleien sind, wir schlafen ja auch hier. Aber wie
-gesagt, für den Auskunftgeber hielten wir einmal schöne Kleidung für
-nötig. Da sie aber von unserer Verwaltung, die in dieser Hinsicht etwas
-sonderbar ist, nicht erhältlich war, machten wir eine Sammlung — auch
-Parteien steuerten bei — und wir kauften ihm dieses schöne Kleid und
-noch andere. Alles wäre jetzt vorbereitet, einen guten Eindruck zu
-machen, aber durch sein Lachen verdirbt er es wieder und erschreckt die
-Leute.“ „So ist es,“ sagte der Herr spöttisch, „aber ich verstehe
-nicht, Fräulein, warum Sie dem Herrn alle unsere Intimitäten erzählen,
-oder besser aufdrängen, denn er will sie ja gar nicht erfahren. Sehen
-Sie nur, wie er, offenbar mit seinen eigenen Angelegenheiten
-beschäftigt, dasitzt.“ K. hatte nicht einmal Lust zu widersprechen, die
-Absicht des Mädchens mochte eine gute sein, sie war vielleicht darauf
-gerichtet, ihn zu zerstreuen oder ihm die Möglichkeit zu geben, sich zu
-sammeln, aber das Mittel war verfehlt. „Ich mußte ihm Ihr Lachen
-erklären,“ sagte das Mädchen. „Es war ja beleidigend.“ „Ich glaube, er
-würde noch ärgere Beleidigungen verzeihen, wenn ich ihn schließlich
-hinausführe.“ K. sagte nichts, sah nicht einmal auf, er duldete es, daß
-die zwei über ihn wie über eine Sache verhandelten, es war ihm sogar am
-liebsten. Aber plötzlich fühlte er die Hand des Auskunftgebers an einem
-Arm und die Hand des Mädchens am andern. „Also auf, Sie schwacher
-Mann,“ sagte der Auskunftgeber. „Ich danke Ihnen beiden vielmals,“
-sagte K. freudig überrascht, erhob sich langsam und führte selbst die
-fremden Hände an die Stellen, an denen er die Stütze am meisten
-brauchte. „Es sieht so aus,“ sagte das Mädchen leise in K.s Ohr,
-während sie sich dem Gang näherten, „als ob mir besonders viel daran
-gelegen wäre, den Auskunftgeber in ein gutes Licht zu stellen, aber man
-mag es glauben, ich will doch die Wahrheit sagen. Er hat kein hartes
-Herz. Er ist nicht verpflichtet, kranke Parteien hinauszuführen, und
-tut es doch, wie Sie sehn. Vielleicht ist niemand von uns hartherzig,
-wir wollten vielleicht alle gern helfen, aber als Gerichtsbeamte
-bekommen wir leicht den Anschein, als ob wir hartherzig wären und
-niemandem helfen wollten. Ich leide geradezu darunter.“ „Wollen Sie
-sich nicht hier ein wenig setzen,“ fragte der Auskunftgeber, sie waren
-schon im Gang und gerade vor dem Angeklagten, den K. früher
-angesprochen hatte. K. schämte sich fast vor ihm, früher war er so
-aufrecht vor ihm gestanden, jetzt mußten ihn zwei stützen, seinen Hut
-balancierte der Auskunftgeber auf den gespreizten Fingern, die Frisur
-war zerstört, die Haare hingen ihm in die schweißbedeckte Stirn. Aber
-der Angeklagte schien nichts davon zu bemerken, demütig stand er vor
-dem Auskunftgeber, der über ihn hinwegsah, und suchte nur seine
-Anwesenheit zu entschuldigen. „Ich weiß,“ sagte er, „daß die Erledigung
-meiner Anträge heute noch nicht gegeben werden kann. Ich bin aber doch
-gekommen, ich dachte, ich könnte doch hier warten, es ist Sonntag, ich
-habe ja Zeit und hier störe ich nicht.“ „Sie müssen das nicht so sehr
-entschuldigen,“ sagte der Auskunftgeber, „Ihre Sorgsamkeit ist ja ganz
-lobenswert, Sie nehmen hier zwar unnötigerweise den Platz weg, aber ich
-will Sie, trotzdem, so lange es mir nicht lästig wird, durchaus nicht
-hindern, den Gang Ihrer Angelegenheit genau zu verfolgen. Wenn man
-Leute gesehen hat, die Ihre Pflicht schändlich vernachlässigten, lernt
-man es, mit Leuten wie Sie sind, Geduld zu haben. Setzen Sie sich.“
-„Wie er mit den Parteien zu reden versteht,“ flüsterte das Mädchen. K.
-nickte, fuhr aber gleich auf, als ihn der Auskunftgeber wieder fragte:
-„Wollen Sie sich nicht hier niedersetzen?“ „Nein,“ sagte K., „ich will
-nicht ausruhn.“ Er hatte das mit möglichster Bestimmtheit gesagt, in
-Wirklichkeit hätte es ihm aber sehr wohlgetan, sich niederzusetzen. Er
-war wie seekrank. Er glaubte auf einem Schiff zu sein, das sich in
-schwerem Seegang befand. Es war ihm, als stürze das Wasser gegen die
-Holzwände, als komme aus der Tiefe des Ganges ein Brausen her wie von
-überschlagendem Wasser, als schaukle der Gang in der Quere und als
-würden die wartenden Parteien zu beiden Seiten gesenkt und gehoben.
-Desto unbegreiflicher war die Ruhe des Mädchens und des Mannes, die ihn
-führten. Er war ihnen ausgeliefert, ließen sie ihn los, so mußte er
-hinfallen wie ein Brett. Aus ihren kleinen Augen gingen scharfe Blicke
-hin und her, ihre gleichmäßigen Schritte fühlte K., ohne sie
-mitzumachen, denn er wurde fast von Schritt zu Schritt getragen.
-Endlich merkte er, daß sie zu ihm sprachen, aber er verstand sie nicht,
-er hörte nur den Lärm, der alles erfüllte und durch den hindurch ein
-unveränderlicher hoher Ton wie von einer Sirene zu klingen schien.
-„Lauter,“ flüsterte er mit gesenktem Kopf und schämte sich, denn er
-wußte, daß sie laut genug, wenn auch für ihn unverständlich gesprochen
-hatten. Da kam endlich, als wäre die Wand vor ihnen durchrissen, ein
-frischer Luftzug ihm entgegen und er hörte neben sich sagen: „Zuerst
-will er weg, dann aber kann man ihm hundertmal sagen, daß hier der
-Ausgang ist, und er rührt sich nicht.“ K. merkte, daß er vor der
-Ausgangstür stand, die das Mädchen geöffnet hatte. Ihm war, als wären
-alle seine Kräfte mit einemmal zurückgekehrt, um einen Vorgeschmack der
-Freiheit zu gewinnen, trat er gleich auf eine Treppenstufe und
-verabschiedete sich von dort aus von seinen Begleitern, die sich zu ihm
-herabbeugten. „Vielen Dank,“ wiederholte er, drückte beiden wiederholt
-die Hände und ließ erst ab, als er zu sehen glaubte, daß sie, an die
-Kanzleiluft gewöhnt, die verhältnismäßig frische Luft, die von der
-Treppe kam, schlecht ertrugen. Sie konnten kaum antworten und das
-Mädchen wäre vielleicht abgestürzt, wenn K. nicht äußerst schnell die
-Tür geschlossen hätte. K. stand dann noch einen Augenblick still,
-strich sich mit Hilfe eines Taschenspiegels das Haar zurecht, hob
-seinen Hut auf, der auf dem nächsten Treppenabsatz lag — der
-Auskunftgeber hatte ihn wohl hingeworfen — und lief dann die Treppe
-hinunter so frisch und in so langen Sprüngen, daß er vor diesem
-Umschwung fast Angst bekam. Solche Überraschungen hatte ihm sein sonst
-ganz gefestigter Gesundheitszustand noch nie bereitet. Wollte etwa sein
-Körper revolutionieren und ihm einen neuen Prozeß bereiten, da er den
-alten so mühelos ertrug. Er lehnte den Gedanken nicht ganz ab, bei
-nächster Gelegenheit zu einem Arzt zu gehn, jedenfalls aber wollte er —
-darin konnte er sich selbst beraten — alle zukünftigen
-Sonntagvormittage besser als diesen verwenden.
-
-
-
-
-
-
-
-
-VIERTES KAPITEL
-
-DIE FREUNDIN DES FRÄULEIN BÜRSTNER
-
-
-In der nächsten Zeit war es K. unmöglich, mit Fräulein Bürstner auch
-nur einige wenige Worte zu sprechen. Er versuchte auf die
-verschiedenste Weise an sie heranzukommen, sie aber wußte es immer zu
-verhindern. Er kam gleich nach dem Bureau nach Hause, blieb in seinem
-Zimmer, ohne das Licht anzudrehn, auf dem Kanapee sitzen und
-beschäftigte sich mit nichts anderem, als das Vorzimmer zu beobachten.
-Ging etwa das Dienstmädchen vorbei und schloß die Tür des scheinbar
-leeren Zimmers, so stand er nach einem Weilchen auf und öffnete sie
-wieder. Des Morgens stand er um eine Stunde früher auf als sonst, um
-vielleicht Fräulein Bürstner allein treffen zu können, wenn sie ins
-Bureau ging. Aber keiner dieser Versuche gelang. Dann schrieb er ihr
-einen Brief sowohl ins Bureau als auch in die Wohnung, suchte darin
-nochmals sein Verhalten zu rechtfertigen, bot sich zu jeder Genugtuung
-an, versprach, niemals die Grenzen zu überschreiten, die sie ihm setzen
-würde und bat nur, ihm die Möglichkeit zu geben, einmal mit ihr zu
-sprechen, besonders da er auch bei Frau Grubach nichts veranlassen
-könne, solange er sich nicht vorher mit ihr beraten habe, schließlich
-teilte er ihr mit, daß er den nächsten Sonntag während des ganzen Tages
-in seinem Zimmer auf ein Zeichen von ihr warten werde, das ihm die
-Erfüllung seiner Bitte in Aussicht stelle oder das ihm wenigstens
-erklären solle, warum sie die Bitte nicht erfüllen könne, trotzdem er
-doch versprochen habe, sich in allem ihr zu fügen. Die Briefe kamen
-nicht zurück, aber es erfolgte auch keine Antwort. Dagegen gab es
-Sonntag ein Zeichen, dessen Deutlichkeit genügend war. Gleich früh
-bemerkte K. durch das Schlüsselloch eine besondere Bewegung im
-Vorzimmer, die sich bald aufklärte. Eine Lehrerin des Französischen,
-sie war übrigens eine Deutsche und hieß Montag, ein schwaches blasses,
-ein wenig hinkendes Mädchen, das bisher ein eigenes Zimmer bewohnt
-hatte, übersiedelte in das Zimmer des Fräulein Bürstner. Stundenlang
-sah man sie durch das Vorzimmer schlürfen. Immer war noch ein
-Wäschestück oder ein Deckchen oder ein Buch vergessen, das besonders
-geholt und in die neue Wohnung hinübergetragen werden mußte.
-
-Als Frau Grubach K. das Frühstück brachte — sie überließ, seitdem sie
-K. so erzürnt hatte, auch nicht die geringste Bedienung dem
-Dienstmädchen — konnte sich K. nicht zurückhalten, sie zum erstenmal
-anzusprechen. „Warum ist denn heute ein solcher Lärm im Vorzimmer?“
-fragte er, während er den Kaffee eingoß, „könnte das nicht eingestellt
-werden? Muß gerade am Sonntag aufgeräumt werden?“ Trotzdem K. nicht zu
-Frau Grubach aufsah, bemerkte er doch, daß sie wie erleichtert
-aufatmete. Selbst diese strengen Fragen K.s faßte sie als Verzeihung
-oder als Beginn der Verzeihung auf. „Es wird nicht aufgeräumt, Herr
-K.,“ sagte sie, „Fräulein Montag übersiedelt nur zu Fräulein Bürstner
-und schafft ihre Sachen hinüber.“ Sie sagte nichts weiter, sondern
-wartete, wie K. es aufnehmen und ob er ihr gestatten würde, weiter zu
-reden. K. stellte sie aber auf die Probe, rührte nachdenklich den
-Kaffee mit dem Löffel und schwieg. Dann sah er zu ihr auf und sagte:
-„Haben Sie schon Ihren frühern Verdacht wegen Fräulein Bürstner
-aufgegeben.“ „Herr K.,“ rief Frau Grubach, die nur auf diese Frage
-gewartet hatte und hielt K. ihre gefalteten Hände hin. „Sie haben eine
-gelegentliche Bemerkung letzthin so schwer genommen. Ich habe ja nicht
-im entferntesten daran gedacht, Sie oder irgend jemand zu kränken. Sie
-kennen mich doch schon lange genug, Herr K., um davon überzeugt sein zu
-können. Sie wissen gar nicht, wie ich die letzten Tage gelitten habe!
-Ich sollte meine Mieter verleumden! Und Sie, Herr K., glaubten es! Und
-sagten, ich solle Ihnen kündigen! Ihnen kündigen!“ Der letzte Ausruf
-erstickte schon unter Tränen, sie hob die Schürze zum Gesicht und
-schluchzte laut.
-
-„Weinen Sie doch nicht, Frau Grubach,“ sagte K. und sah zum Fenster
-hinaus, er dachte nur an Fräulein Bürstner und daran, daß sie ein
-fremdes Mädchen in ihr Zimmer aufgenommen hatte. „Weinen Sie doch
-nicht,“ sagte er nochmals, als er sich ins Zimmer zurückwandte und Frau
-Grubach noch immer weinte. „Es war ja damals auch von mir nicht so
-schlimm gemeint. Wir haben eben einander gegenseitig mißverstanden. Das
-kann auch alten Freunden einmal geschehn.“ Frau Grubach rückte die
-Schürze unter die Augen, um zu sehn, ob K. wirklich versöhnt sei. „Nun
-ja, es ist so,“ sagte K. und wagte nun, da nach dem Verhalten der Frau
-Grubach zu schließen, der Hauptmann nichts verraten hatte, noch
-hinzuzufügen: „Glauben Sie denn wirklich, daß ich mich wegen eines
-fremden Mädchens mit Ihnen verfeinden könnte.“ „Das ist es ja eben,
-Herr K.,“ sagte Frau Grubach, es war ihr Unglück, daß sie, sobald sie
-sich nur irgendwie freier fühlte, gleich etwas Ungeschicktes sagte.
-„Ich fragte mich immerfort: Warum nimmt sich Herr K. so sehr des
-Fräulein Bürstner an? Warum zankt er ihretwegen mit mir, trotzdem er
-weiß, daß mir jedes böse Wort von ihm den Schlaf nimmt? Ich habe ja
-über das Fräulein nichts anderes gesagt, als was ich mit eigenen Augen
-gesehen habe.“ K. sagte dazu nichts, er hätte sie mit dem ersten Wort
-aus dem Zimmer jagen müssen und das wollte er nicht. Er begnügte sich
-damit, den Kaffee zu trinken und Frau Grubach ihre Überflüssigkeit
-fühlen zu lassen. Draußen hörte man wieder den schleppenden Schritt des
-Fräulein Montag, welche das ganze Vorzimmer durchquerte. „Hören Sie
-es?“ fragte K. und zeigte mit der Hand nach der Tür. „Ja,“ sagte Frau
-Grubach und seufzte, „ich wollte ihr helfen und auch vom Dienstmädchen
-helfen lassen, aber sie ist eigensinnig, sie will alles selbst
-übersiedeln. Ich wundere mich über Fräulein Bürstner. Mir ist es oft
-lästig, daß ich Fräulein Montag in Miete habe, Fräulein Bürstner aber
-nimmt sie sogar zu sich ins Zimmer.“ „Das muß Sie gar nicht kümmern,“
-sagte K. und zerdrückte die Zuckerreste in der Tasse. „Haben Sie denn
-dadurch einen Schaden?“ „Nein,“ sagte Frau Grubach, „an und für sich
-ist es mir ganz willkommen, ich bekomme dadurch ein Zimmer frei und
-kann dort meinen Neffen, den Hauptmann, unterbringen. Ich fürchtete
-schon längst, daß er Sie in den letzten Tagen, während derer ich ihn
-nebenan im Wohnzimmer wohnen lassen mußte, gestört haben könnte. Er
-nimmt nicht viel Rücksicht.“ „Was für Einfälle!“ sagte K. und stand
-auf, „davon ist ja keine Rede. Sie scheinen mich wohl für
-überempfindlich zu halten, weil ich diese Wanderungen des Fräulein
-Montag — jetzt geht sie wieder zurück — nicht vertragen kann.“ Frau
-Grubach kam sich recht machtlos vor. „Soll ich, Herr K., sagen, daß sie
-den restlichen Teil der Übersiedelung aufschieben soll? Wenn Sie
-wollen, tue ich es sofort.“ „Aber sie soll doch zu Fräulein Bürstner
-übersiedeln!“ sagte K. „Ja,“ sagte Frau Grubach, sie verstand nicht
-ganz, was K. meinte. „Nun also,“ sagte K., „dann muß sie doch ihre
-Sachen hinübertragen.“ Frau Grubach nickte nur. Diese stumme
-Hilflosigkeit, die äußerlich nicht anders aussah als Trotz, reizte K.
-noch mehr. Er fing an, im Zimmer vom Fenster zur Tür auf und ab zu gehn
-und nahm dadurch Frau Grubach die Möglichkeit, sich zu entfernen, was
-sie sonst wahrscheinlich getan hätte.
-
-Gerade war K. einmal wieder bis zur Tür gekommen, als es klopfte. Es
-war das Dienstmädchen, welches meldete, daß Fräulein Montag gern mit
-Herrn K. ein paar Worte sprechen möchte und daß sie ihn deshalb bitte,
-ins Eßzimmer zu kommen, wo sie ihn erwarte. K. hörte das Dienstmädchen
-nachdenklich an, dann wandte er sich mit einem fast höhnischen Blick
-nach der erschrockenen Frau Grubach um. Dieser Blick schien zu sagen,
-daß K. diese Einladung des Fräulein Montag schon längst vorausgesehen
-habe und daß sie auch sehr gut mit der Quälerei zusammenpasse, die er
-diesen Sonntagvormittag von den Mietern der Frau Grubach erfahren
-mußte. Er schickte das Dienstmädchen zurück mit der Antwort, daß er
-sofort komme, ging dann zum Kleiderkasten, um den Rock zu wechseln und
-hatte als Antwort für Frau Grubach, welche leise über die lästige
-Person jammerte, nur die Bitte, sie möge das Frühstücksgeschirr schon
-forttragen. „Sie haben ja fast nichts angerührt,“ sagte Frau Grubach.
-„Ach, tragen Sie es doch weg,“ rief K., es war ihm, als sei irgendwie
-allem Fräulein Montag beigemischt und mache es widerwärtig.
-
-Als er durch das Vorzimmer ging, sah er nach der geschlossenen Tür von
-Fräulein Bürstners Zimmer. Aber er war nicht dorthin eingeladen,
-sondern in das Eßzimmer, dessen Tür er aufriß, ohne zu klopfen.
-
-Es war ein sehr langes aber schmales einfenstriges Zimmer. Es war dort
-nur soviel Platz vorhanden, daß man in den Ecken an der Türseite zwei
-Schränke schief hatte aufstellen können, während der übrige Raum
-vollständig von dem langen Speisetisch eingenommen war, der in der Nähe
-der Tür begann und bis knapp zum großen Fenster reichte, welches
-dadurch fast unzugänglich geworden war. Der Tisch war bereits gedeckt,
-und zwar für viele Personen, da am Sonntag fast alle Mieter hier zu
-Mittag aßen.
-
-Als K. eintrat, kam Fräulein Montag vom Fenster her an der einen Seite
-des Tisches entlang K. entgegen. Sie grüßten einander stumm. Dann sagte
-Fräulein Montag, wie immer den Kopf ungewöhnlich aufgerichtet: „Ich
-weiß nicht, ob Sie mich kennen.“ K. sah sie mit zusammengezogenen Augen
-an. „Gewiß,“ sagte er, „Sie wohnen doch schon längere Zeit bei Frau
-Grubach.“ „Sie kümmern sich aber, wie ich glaube, nicht viel um die
-Pension,“ sagte Fräulein Montag. „Nein,“ sagte K. „Wollen Sie sich
-nicht setzen,“ sagte Fräulein Montag. Sie zogen beide schweigend zwei
-Sessel am äußersten Ende des Tisches hervor und setzten sich einander
-gegenüber. Aber Fräulein Montag stand gleich wieder auf, denn sie hatte
-ihr Handtäschchen auf dem Fensterbrett liegengelassen und ging es
-holen; sie schleifte durch das ganze Zimmer. Als sie, das Handtäschchen
-leicht schwenkend, wieder zurückkam, sagte sie: „Ich möchte nur im
-Auftrag meiner Freundin ein paar Worte mit Ihnen sprechen. Sie wollte
-selbst kommen, aber sie fühlt sich heute ein wenig unwohl. Sie möchten
-sie entschuldigen und mich statt ihrer anhören. Sie hätte Ihnen auch
-nichts anderes sagen können, als ich Ihnen sagen werde. Im Gegenteil,
-ich glaube, ich kann Ihnen sogar mehr sagen, da ich doch
-verhältnismäßig unbeteiligt bin. Glauben Sie nicht auch?“
-
-„Was wäre denn zu sagen?“ antwortete K., der dessen müde war, die Augen
-des Fräulein Montag fortwährend auf seine Lippe gerichtet zu sehn. Sie
-maßte sich dadurch eine Herrschaft schon darüber an, was er erst sagen
-wollte. „Fräulein Bürstner will mir offenbar die persönliche
-Aussprache, um die ich sie gebeten habe, nicht bewilligen.“ „Das ist
-es,“ sagte Fräulein Montag, „oder vielmehr, so ist es gar nicht, Sie
-drücken es sonderbar scharf aus. Im allgemeinen werden doch Aussprachen
-weder bewilligt, noch geschieht das Gegenteil. Aber es kann geschehn,
-daß man Aussprachen für unnötig hält und so ist es eben hier. Jetzt,
-nach Ihrer Bemerkung kann ich ja offen reden. Sie haben meine Freundin
-schriftlich oder mündlich um eine Unterredung gebeten. Nun weiß aber
-meine Freundin, so muß ich wenigstens annehmen, was diese Unterredung
-betreffen soll, und ist deshalb aus Gründen, die ich nicht kenne,
-überzeugt, daß es niemandem Nutzen bringen würde, wenn die Unterredung
-wirklich zustande käme. Im übrigen erzählte sie mir erst gestern und
-nur ganz flüchtig davon, sie sagte hierbei, daß auch Ihnen jedenfalls
-nicht viel an der Unterredung liegen könne, denn Sie wären nur durch
-einen Zufall auf einen derartigen Gedanken gekommen und würden selbst
-auch ohne besondere Erklärung, wenn nicht schon jetzt, so doch sehr
-bald die Sinnlosigkeit des Ganzen erkennen. Ich antwortete darauf, daß
-das richtig sein mag, daß ich es aber zur vollständigen Klarstellung
-doch für vorteilhaft halten würde, Ihnen eine ausdrückliche Antwort
-zukommen zu lassen. Ich bot mich an, diese Aufgabe zu übernehmen, nach
-einigem Zögern gab meine Freundin mir nach. Ich hoffe nun aber auch in
-Ihrem Sinne gehandelt zu haben, denn selbst die kleinste Unsicherheit
-in der geringfügigsten Sache ist doch immer quälend und wenn man sie,
-wie in diesem Falle, leicht beseitigen kann, so soll es doch besser
-sofort geschehn.“ „Ich danke Ihnen,“ sagte K. sofort, stand langsam
-auf, sah Fräulein Montag an, dann über den Tisch hin, dann aus dem
-Fenster — das gegenüberliegende Haus stand in der Sonne — und ging zur
-Tür. Fräulein Montag folgte ihm ein paar Schritte, als vertraue sie ihm
-nicht ganz. Vor der Tür mußten aber beide zurückweichen, denn sie
-öffnete sich und der Hauptmann Lanz trat ein. K. sah ihn zum erstenmal
-aus der Nähe. Es war ein großer, etwa 40 jähriger Mann mit
-braungebranntem fleischigen Gesicht. Er machte eine leichte Verbeugung,
-die auch K. galt, ging dann zu Fräulein Montag und küßte ihr
-ehrerbietig die Hand. Er war sehr gewandt in seinen Bewegungen. Seine
-Höflichkeit gegen Fräulein Montag stach auffallend von der Behandlung
-ab, die sie von K. erfahren hatte. Trotzdem schien Fräulein Montag K.
-nicht böse zu sein, denn sie wollte ihn sogar, wie K. zu bemerken
-glaubte, dem Hauptmann vorstellen. Aber K. wollte nicht vorgestellt
-werden, er wäre nicht imstande gewesen, weder dem Hauptmann noch
-Fräulein Montag gegenüber irgendwie freundlich zu sein, der Handkuß
-hatte sie für ihn zu einer Gruppe verbunden, die ihn unter dem Anschein
-äußerster Harmlosigkeit und Uneigennützigkeit von Fräulein Bürstner
-abhalten wollte. K. glaubte jedoch nicht nur das zu erkennen, er
-erkannte auch, daß Fräulein Montag ein gutes, allerdings
-zweischneidiges Mittel gewählt hatte. Sie übertrieb die Bedeutung der
-Beziehung zwischen Fräulein Bürstner und K., sie übertrieb vor allem
-die Bedeutung der erbetenen Aussprache und versuchte es gleichzeitig so
-zu wenden, als ob es K. sei, der alles übertreibe. Sie sollte sich
-täuschen, K. wollte nichts übertreiben, er wußte, daß Fräulein Bürstner
-ein kleines Schreibmaschinenfräulein war, die ihm nicht lange
-Widerstand leisten sollte. Hiebei zog er absichtlich gar nicht in
-Berechnung, was er von Frau Grubach über Fräulein Bürstner erfahren
-hatte. Das alles überlegte er, während er kaum grüßend das Zimmer
-verließ. Er wollte gleich in sein Zimmer gehn, aber ein kleines Lachen
-des Fräulein Montag, das er hinter sich aus dem Eßzimmer hörte, brachte
-ihn auf den Gedanken, daß er vielleicht beiden, dem Hauptmann wie
-Fräulein Montag eine Überraschung bereiten könnte. Er sah sich um und
-horchte, ob aus irgendeinem der umliegenden Zimmer eine Störung zu
-erwarten wäre, es war überall still, nur die Unterhaltung aus dem
-Eßzimmer war zu hören und aus dem Gang, der zur Küche führte, die
-Stimme der Frau Grubach. Die Gelegenheit schien günstig, K. ging zur
-Tür von Fräulein Bürstners Zimmer und klopfte leise. Da sich nichts
-rührte, klopfte er nochmals, aber es erfolgte noch immer keine Antwort.
-Schlief sie? Oder war sie wirklich unwohl? Oder verleugnete sie sich
-nur deshalb, weil sie ahnte, daß es nur K, sein konnte, der so leise
-klopfte? K. nahm an, daß sie sich verleugne und klopfte stärker,
-öffnete schließlich, da das Klopfen keinen Erfolg hatte, vorsichtig und
-nicht ohne das Gefühl, etwas Unrechtes und überdies Nutzloses zu tun,
-die Tür. Im Zimmer war niemand. Es erinnerte übrigens kaum mehr an das
-Zimmer, wie es K. gekannt hatte. An der Wand waren nun zwei Betten
-hintereinander aufgestellt, drei Sessel in der Nähe der Tür waren mit
-Kleidern und Wäsche überhäuft, ein Schrank stand offen. Fräulein
-Bürstner war wahrscheinlich fortgegangen, während Fräulein Montag im
-Eßzimmer auf K. eingeredet hatte. K. war dadurch nicht sehr bestürzt,
-er hatte kaum mehr erwartet, Fräulein Bürstner so leicht zu treffen, er
-hatte diesen Versuch fast nur aus Trotz gegen Fräulein Montag gemacht.
-Um so peinlicher war es ihm aber, als er, während er die Tür wieder
-schloß, in der offenen Tür des Eßzimmers Fräulein Montag und den
-Hauptmann sich unterhalten sah. Sie standen dort vielleicht schon,
-seitdem K. die Tür geöffnet hatte, sie vermieden jeden Anschein, als ob
-sie K. etwa beobachteten, sie unterhielten sich leise und verfolgten
-K.s Bewegungen mit den Blicken nur so, wie man während eines Gespräches
-zerstreut umherblickt. Aber auf K. lagen diese Blicke doch schwer, er
-beeilte sich, an der Wand entlang in sein Zimmer zu kommen.
-
-
-
-
-
-
-
-
-FÜNFTES KAPITEL
-
-DER PRÜGLER
-
-
-Als K. an einem der nächsten Abende den Korridor passierte, der sein
-Bureau von der Haupttreppe trennte — er ging diesmal fast als der
-letzte nach Hause, nur in der Expedition arbeiteten noch zwei Diener im
-kleinen Lichtfeld einer Glühlampe — hörte er hinter einer Tür, hinter
-der er immer nur eine Rumpelkammer vermutet hatte, ohne sie jemals
-selbst gesehen zu haben, Seufzer ausstoßen. Er blieb erstaunt stehn und
-horchte noch einmal auf, um festzustellen, ob er sich nicht irrte — es
-wurde ein Weilchen still, dann waren es aber doch wieder Seufzer. —
-Zuerst wollte er einen der Diener holen, man konnte vielleicht einen
-Zeugen brauchen, dann aber faßte ihn eine derart unbezähmbare
-Neugierde, daß er die Tür förmlich aufriß. Es war, wie er richtig
-vermutet hatte, eine Rumpelkammer. Unbrauchbare alte Drucksorten,
-umgeworfene leere irdene Tintenflaschen lagen hinter der Schwelle. In
-der Kammer selbst aber standen drei Männer, gebückt in dem niedrigen
-Raum. Eine auf einem Regal festgemachte Kerze gab ihnen Licht. „Was
-treibt Ihr hier?“ fragte K., sich vor Aufregung überstürzend, aber
-nicht laut. Der eine Mann, der die andern offenbar beherrschte und
-zuerst den Blick auf sich lenkte, stak in einer Art dunklen
-Lederkleidung, die den Hals bis tief zur Brust und die ganzen Arme
-nackt ließ. Er antwortete nicht. Aber die zwei andern riefen: „Herr!
-Wir sollen geprügelt werden, weil du dich beim Untersuchungsrichter
-über uns beklagt hast.“ Und nun erst erkannte K., daß es wirklich die
-Wächter Franz und Willem waren, und daß der Dritte eine Rute in der
-Hand hielt, um sie zu prügeln. „Nun,“ sagte K. und starrte sie an, „ich
-habe mich nicht beklagt, ich habe nur gesagt, wie es sich in meiner
-Wohnung zugetragen hat. Und einwandfrei habt Ihr Euch ja nicht
-benommen.“ „Herr,“ sagte Willem, während Franz sich hinter ihm vor dem
-Dritten offenbar zu sichern suchte, „wenn Ihr wüßtet, wie schlecht wir
-bezahlt sind, Ihr würdet besser über uns urteilen. Ich habe eine
-Familie zu ernähren und Franz hier wollte heiraten, man sucht sich zu
-bereichern, wie es geht, durch bloße Arbeit gelingt es nicht, selbst
-durch die angestrengteste. Eure feine Wäsche hat mich verlockt, es ist
-natürlich den Wächtern verboten, so zu handeln, es war unrecht, aber
-Tradition ist es, daß die Wäsche den Wächtern gehört, es ist immer so
-gewesen, glaubt es mir; es ist ja auch verständlich, was bedeuten denn
-noch solche Dinge für den, welcher so unglücklich ist, verhaftet zu
-werden. Bringt er es dann allerdings öffentlich zur Sprache, dann muß
-die Strafe erfolgen.“ „Was Ihr jetzt sagt, wußte ich nicht, ich habe
-auch keineswegs Eure Bestrafung verlangt, mir ging es um ein Prinzip.“
-„Franz,“ wandte sich Willem zum andern Wächter, „sagte ich dir nicht,
-daß der Herr unsere Bestrafung nicht verlangt hat. Jetzt hörst du, daß
-er nicht einmal gewußt hat, daß wir bestraft werden müssen.“ „Laß dich
-nicht durch solche Reden rühren,“ sagte der Dritte zu K., „die Strafe
-ist ebenso gerecht als unvermeidlich.“ „Höre nicht auf ihn,“ sagte
-Willem und unterbrach sich nur, um die Hand, über die er einen
-Rutenhieb bekommen hatte, schnell an den Mund zu führen, „wir werden
-nur gestraft, weil du uns angezeigt hast. Sonst wäre uns nichts
-geschehn, selbst wenn man erfahren hätte, was wir getan haben. Kann man
-das Gerechtigkeit nennen? Wir zwei, insbesondere aber ich, hatten uns
-als Wächter durch lange Zeit sehr bewährt — du selbst mußt eingestehn,
-daß wir, vom Gesichtspunkt der Behörde gesehn, gut gewacht haben — wir
-hatten Aussicht, vorwärts zu kommen und wären gewiß bald auch Prügler
-geworden, wie dieser, der eben das Glück hatte, von niemandem angezeigt
-worden zu sein, denn eine solche Anzeige kommt wirklich nur sehr selten
-vor. Und jetzt, Herr, ist alles verloren, unsere Laufbahn beendet, wir
-werden noch viel untergeordnetere Arbeiten leisten müssen, als der
-Wachdienst ist, und überdies bekommen wir jetzt diese schrecklich
-schmerzhaften Prügel.“ „Kann denn die Rute solche Schmerzen machen,“
-fragte K. und prüfte die Rute, die der Prügler vor ihm schwang. „Wir
-werden uns ja ganz nackt ausziehn müssen,“ sagte Willem. „Ach so,“
-sagte K. und sah den Prügler genau an, er war braun gebrannt wie ein
-Matrose und hatte ein wildes frisches Gesicht. „Gibt es keine
-Möglichkeit, den zweien die Prügel zu ersparen,“ fragte er ihn. „Nein,“
-sagte der Prügler und schüttelte lächelnd den Kopf. „Zieht Euch aus,“
-befahl er den Wächtern. Und zu K. sagte er: „Du mußt ihnen nicht alles
-glauben, sie sind durch die Angst vor den Prügeln schon ein wenig
-schwachsinnig geworden. Was dieser hier z. B.“ — zeigte auf Willem —
-„über seine mögliche Laufbahn erzählt hat, ist geradezu lächerlich.
-Sieh an, wie fett er ist — die ersten Rutenstreiche werden überhaupt im
-Fett verloren gehn. — Weißt du, wodurch er so fett geworden ist? Er hat
-die Gewohnheit, allen Verhafteten das Frühstück aufzuessen. Hat er
-nicht auch dein Frühstück aufgegessen? Nun, ich sagte es ja. Aber ein
-Mann mit einem solchen Bauch kann nie und nimmermehr Prügler werden,
-das ist ganz ausgeschlossen.“ „Es gibt auch solche Prügler,“ behauptete
-Willem, der gerade seinen Hosengürtel löste. „Nein,“ sagte der Prügler
-und strich ihm mit der Rute derartig über den Hals, daß er
-zusammenzuckte, „du sollst nicht zuhören, sondern dich ausziehn.“ „Ich
-würde dich gut belohnen, wenn du sie laufen läßt,“ sagte K. und zog,
-ohne den Prügler nochmals anzusehn — solche Geschäfte werden
-beiderseits mit niedergeschlagenen Augen am besten abgewickelt — seine
-Brieftasche hervor. „Du willst wohl dann auch mich anzeigen,“ sagte der
-Prügler, „und auch noch mir Prügel verschaffen. Nein, nein!“ „Sei doch
-vernünftig,“ sagte K., „wenn ich gewollt hätte, daß diese zwei bestraft
-werden, würde ich sie doch jetzt nicht loskaufen wollen. Ich könnte
-einfach die Tür hier zuschlagen, nichts weiter sehn und hören wollen
-und nach Hause gehn; nun tue ich das aber nicht, vielmehr liegt mir
-ernstlich daran, sie zu befreien; hätte ich geahnt, daß sie bestraft
-werden sollen oder auch nur bestraft werden können, hätte ich ihre
-Namen nie genannt. Ich halte sie nämlich gar nicht für schuldig,
-schuldig ist die Organisation, schuldig sind die hohen Beamten.“ „So
-ist es,“ riefen die Wächter und bekamen sofort einen Hieb über ihren
-schon entkleideten Rücken. „Hättest du hier unter deiner Rute einen
-hohen Richter,“ sagte K. und drückte, während er sprach, die Rute, die
-sich schon wieder erheben wollte, nieder, „ich würde dich wahrhaftig
-nicht hindern, loszuschlagen, im Gegenteil, ich würde dir noch Geld
-geben, damit du dich für die gute Sache kräftigst.“ „Was du sagst,
-klingt ja glaubwürdig,“ sagte der Prügler, „aber ich lasse mich nicht
-bestechen. Ich bin zum Prügeln angestellt, also prügle ich.“ Der
-Wächter Franz, der vielleicht in Erwartung eines guten Ausgangs des
-Eingreifens von K. bisher ziemlich zurückhaltend gewesen war, trat
-jetzt nur noch mit den Hosen bekleidet zur Tür, hing sich niederkniend
-an K.s Arm und flüsterte: „Wenn du für uns beide Schonung nicht
-durchsetzen kannst, so versuche wenigstens mich zu befreien. Willem ist
-älter als ich, in jeder Hinsicht weniger empfindlich, auch hat er schon
-einmal vor paar Jahren eine leichte Prügelstrafe bekommen, ich aber bin
-noch nicht entehrt und bin doch zu meiner Handlungsweise nur durch
-Willem gebracht worden, der im Guten und Schlechten mein Lehrer ist.
-Unten vor der Bank wartet meine arme Braut auf den Ausgang, ich schäme
-mich ja so erbärmlich.“ Er trocknete mit K.s Rock sein von Tränen ganz
-überlaufenes Gesicht. „Ich warte nicht mehr,“ sagte der Prügler, faßte
-die Rute mit beiden Händen und hieb auf Franz ein, während Willem in
-einem Winkel kauerte und heimlich zusah, ohne eine Kopfwendung zu
-wagen. Da erhob sich der Schrei, den Franz ausstieß, ungeteilt und
-unveränderlich, er schien nicht von einem Menschen, sondern von einem
-gemarterten Instrument zu stammen, der ganze Korridor stöhnte von ihm,
-das ganze Haus mußte es hören. „Schrei nicht,“ rief K., er konnte sich
-nicht zurückhalten, und während er gespannt in die Richtung sah, aus
-der die Diener kommen mußten, stieß er den Franz, nicht stark aber doch
-stark genug, daß der Besinnungslose niederfiel und im Krampf mit den
-Händen den Boden absuchte; den Schlägen entging er aber nicht, die Rute
-fand ihn auch auf der Erde; während er sich unter ihr wälzte, schwang
-sich ihre Spitze regelmäßig auf und ab. Und schon erschien in der Ferne
-ein Diener und ein paar Schritte hinter ihm ein zweiter. K. hatte
-schnell die Tür zugeworfen, war zu einem nahen Hoffenster getreten und
-öffnete es. Das Schreien hatte vollständig aufgehört. Um die Diener
-nicht herankommen zu lassen, rief er: „Ich bin es.“ „Guten Abend, Herr
-Prokurist,“ rief es zurück. „Ist etwas geschehn?“ „Nein, nein,“
-antwortete K. „es schreit nur ein Hund auf dem Hof.“ Als die Diener
-sich doch nicht rührten, fügte er hinzu: „Sie können bei Ihrer Arbeit
-bleiben.“ Um sich in kein Gespräch mit den Dienern einlassen zu müssen,
-beugte er sich aus dem Fenster. Als er nach einem Weilchen wieder in
-den Korridor sah, waren sie schon weg. K. aber blieb nun beim Fenster,
-in die Rumpelkammer wagte er nicht zu gehn und nach Hause gehn wollte
-er auch nicht. Es war ein kleiner viereckiger Hof, in den er
-hinuntersah, ringsherum waren Bureauräume untergebracht, alle Fenster
-waren jetzt schon dunkel, nur die obersten fingen einen Widerschein des
-Mondes auf. K. suchte angestrengt mit den Blicken in das Dunkel eines
-Hofwinkels einzudringen, in dem einige Handkarren ineinandergefahren
-waren. Es quälte ihn, daß es ihm nicht gelungen war, das Prügeln zu
-verhindern, aber es war nicht seine Schuld, daß es nicht gelungen war,
-hätte Franz nicht geschrien — gewiß, es mußte sehr weh getan haben,
-aber in einem entscheidenden Augenblick muß man sich beherrschen —
-hätte er nicht geschrien, so hätte K., wenigstens sehr wahrscheinlich,
-noch ein Mittel gefunden, den Prügler zu überreden. Wenn die ganze
-unterste Beamtenschaft Gesindel war, warum hätte gerade der Prügler,
-der das unmenschlichste Amt hatte, eine Ausnahme machen sollen. K.
-hatte auch gut beobachtet, wie ihm beim Anblick der Banknote die Augen
-geleuchtet hatten, er hatte mit dem Prügeln offenbar nur deshalb Ernst
-gemacht, um die Bestechungssumme noch ein wenig zu erhöhen. Und K.
-hätte nicht gespart, es lag ihm wirklich daran, die Wächter zu
-befreien; wenn er nun schon angefangen hatte, die Verderbnis dieses
-Gerichtswesens zu bekämpfen, so war es selbstverständlich, daß er auch
-von dieser Seite eingriff. Aber in dem Augenblick, wo Franz zu schreien
-angefangen hatte, war natürlich alles zu Ende. K. konnte nicht
-zulassen, daß die Diener und vielleicht noch alle möglichen Leute kämen
-und ihn in Unterhandlungen mit der Gesellschaft in der Rumpelkammer
-überraschten. Diese Aufopferung konnte wirklich niemand von K.
-verlangen. Wenn er das zu tun beabsichtigt hätte, so wäre es ja fast
-einfacher gewesen, K. hätte sich selbst ausgezogen und dem Prügler als
-Ersatz für die Wächter angeboten. Übrigens hätte der Prügler diese
-Vertretung gewiß nicht angenommen, da er dadurch, ohne einen Vorteil zu
-gewinnen, dennoch seine Pflicht schwer verletzt hätte, und
-wahrscheinlich doppelt verletzt hätte, denn K. mußte wohl, solange er
-im Verfahren stand, für alle Angestellten des Gerichts unverletzlich
-sein. Allerdings konnten hier auch besondere Bestimmungen gelten.
-Jedenfalls hatte K. nichts anderes tun können, als die Tür zuschlagen,
-trotzdem dadurch auch jetzt noch für K. durchaus nicht jede Gefahr
-beseitigt blieb. Daß er zuletzt noch Franz einen Stoß gegeben hatte,
-war bedauerlich und nur durch seine Aufregung zu entschuldigen.
-
-In der Ferne hörte er die Schritte der Diener; um ihnen nicht auffällig
-zu werden, schloß er das Fenster und ging in der Richtung zur
-Haupttreppe. Bei der Tür zur Rumpelkammer blieb er ein wenig stehn und
-horchte. Es war ganz still. Der Mann konnte die Wächter totgeprügelt
-haben, sie waren ja ganz in seine Macht gegeben. K. hatte schon die
-Hand nach der Klinke ausgestreckt, zog sie dann aber wieder zurück.
-Helfen konnte er niemandem mehr und die Diener mußten gleich kommen; er
-gelobte sich aber, die Sache noch zur Sprache zu bringen und die
-wirklich Schuldigen, die hohen Beamten, von denen sich ihm noch keiner
-zu zeigen gewagt hatte, soweit es in seinen Kräften war, gebührend zu
-bestrafen. Als er die Freitreppe der Bank hinunterging, beobachtete er
-sorgfältig alle Passanten, aber selbst in der weitern Umgebung war kein
-Mädchen zu sehn, das auf jemanden gewartet hätte. Die Bemerkung
-Franzens, daß seine Braut auf ihn warte, erwies sich als eine
-allerdings verzeihliche Lüge, die nur den Zweck gehabt hatte, größeres
-Mitleid zu erwecken.
-
-Auch noch am nächsten Tage kamen K. die Wächter nicht aus dem Sinn; er
-war bei der Arbeit zerstreut und mußte, um sie zu bewältigen, noch ein
-wenig länger im Bureau bleiben als am Tag vorher. Als er auf dem
-Nachhauseweg wieder an der Rumpelkammer vorbeikam, öffnete er sie aus
-Gewohnheit. Vor dem, was er statt des erwarteten Dunkels erblickte,
-wußte er sich nicht zu fassen. Alles war unverändert, so wie er es am
-Abend vorher beim Öffnen der Tür gefunden hatte. Die Drucksorten und
-Tintenflaschen gleich hinter der Schwelle, der Prügler mit der Rute,
-die noch vollständig angezogenen Wächter, die Kerze auf dem Regal und
-die Wächter begannen zu klagen und riefen: Herr! Sofort warf K. die Tür
-zu und schlug noch mit den Fäusten gegen sie, als sei sie dann fester
-verschlossen. Fast weinend lief er zu den Dienern, die ruhig an den
-Kopiermaschinen arbeiteten und erstaunt in ihrer Arbeit innehielten.
-„Räumt doch endlich die Rumpelkammer aus,“ rief er. „Wir versinken ja
-im Schmutz.“ Die Diener waren bereit, es am nächsten Tag zu tun, K.
-nickte, jetzt spät am Abend konnte er sie nicht mehr zu der Arbeit
-zwingen, wie er es eigentlich beabsichtigt hatte. Er setzte sich ein
-wenig, um die Diener ein Weilchen lang in der Nähe zu behalten, warf
-einige Kopien durcheinander, wodurch er den Anschein zu erwecken
-glaubte, daß er sie überprüfe, und ging dann, da er einsah, daß die
-Diener nicht wagen würden, gleichzeitig mit ihm wegzugehn, müde und
-gedankenlos nach Hause.
-
-
-
-
-
-
-
-
-SECHSTES KAPITEL
-
-DER ONKEL · LENI
-
-
-Eines Nachmittags — K. war gerade vor dem Postabschluß sehr beschäftigt
-— drängte sich zwischen zwei Dienern, die Schriftstücke hereintrugen,
-K.s Onkel Karl, ein kleiner Grundbesitzer vom Lande, ins Zimmer. K.
-erschrak bei dem Anblick weniger, als er schon vor längerer Zeit bei
-der Vorstellung vom Kommen des Onkels erschrocken war. Der Onkel mußte
-kommen, das stand bei K. schon etwa einen Monat lang fest. Schon damals
-hatte er ihn zu sehen geglaubt, wie er, ein wenig gebückt, den
-eingedrückten Panamahut in der Linken, die Rechte schon von weitem ihm
-entgegenstreckte und sie mit rücksichtsloser Eile über den Schreibtisch
-hinreichte, alles umstoßend, was ihm im Wege war. Der Onkel befand sich
-immer in Eile, denn er war von dem unglücklichen Gedanken verfolgt, bei
-seinem immer nur eintägigen Aufenthalt in der Hauptstadt müsse er alles
-erledigen können, was er sich vorgenommen hatte, und dürfe überdies
-auch kein gelegentlich sich darbietendes Gespräch oder Geschäft oder
-Vergnügen sich entgehen lassen. Dabei mußte ihm K., der ihm als seinem
-gewesenen Vormund besonders verpflichtet war, in allem möglichen
-behilflich sein und ihn außerdem bei sich übernachten lassen. „Das
-Gespenst vom Lande“ pflegte er ihn zu nennen.
-
-Gleich nach der Begrüßung — sich in das Fauteuil zu setzen, wozu ihn K.
-einlud, hatte er keine Zeit — bat er K. um ein kurzes Gespräch unter
-vier Augen. „Es ist notwendig,“ sagte er, mühselig schluckend, „zu
-meiner Beruhigung ist es notwendig.“ K. schickte sofort die Diener aus
-dem Zimmer mit der Weisung, niemand einzulassen. „Was habe ich gehört,
-Josef?“ rief der Onkel, als sie allein waren, setzte sich auf den Tisch
-und stopfte ohne hinzusehn verschiedene Papiere unter sich, um besser
-zu sitzen. K. schwieg, er wußte, was kommen würde, aber, plötzlich von
-der anstrengenden Arbeit entspannt, wie er war, gab er sich zunächst
-einer angenehmen Mattigkeit hin und sah durch das Fenster auf die
-gegenüberliegende Straßenseite, von der von seinem Sitz aus nur ein
-kleiner dreieckiger Ausschnitt zu sehen war, ein Stück leerer
-Häusermauer, zwischen zwei Geschäftsauslagen. „Du schaust aus dem
-Fenster,“ rief der Onkel mit erhobenen Armen, „um Himmels willen,
-Josef, antworte mir doch. Ist es wahr, kann es denn wahr sein?“ „Lieber
-Onkel,“ sagte K. und riß sich von seiner Zerstreutheit los, „ich weiß
-ja gar nicht, was du von mir willst.“ „Josef,“ sagte der Onkel warnend,
-„die Wahrheit hast du immer gesagt, soviel ich weiß. Soll ich deine
-letzten Worte als schlimmes Zeichen auffassen.“ „Ich ahne ja, was du
-willst,“ sagte K. folgsam, „du hast wahrscheinlich von meinem Prozeß
-gehört.“ „So ist es,“ antwortete der Onkel, langsam nickend, „ich habe
-von deinem Prozeß gehört.“ „Von wem denn?“ fragte K. „Erna hat es mir
-geschrieben,“ sagte der Onkel, „sie hat ja keinen Verkehr mit dir, du
-kümmerst dich leider nicht viel um sie, trotzdem hat sie es erfahren.
-Heute habe ich den Brief bekommen und bin natürlich sofort hergefahren.
-Aus keinem andern Grund, aber es scheint ein genügender Grund zu sein.
-Ich kann dir die Briefstelle, die dich betrifft, vorlesen.“ Er zog den
-Brief aus der Brieftasche. „Hier ist es. Sie schreibt: Josef habe ich
-schon lange nicht gesehn, vorige Woche war ich einmal in der Bank, aber
-Josef war so beschäftigt, daß ich nicht vorgelassen wurde; ich habe
-fast eine Stunde gewartet, mußte dann aber nach Hause, weil ich
-Klavierstunde hatte. Ich hätte gern mit ihm gesprochen, vielleicht wird
-sich nächstens eine Gelegenheit finden. Zu meinem Namenstag hat er mir
-eine große Schachtel Schokolade geschickt, es war sehr lieb und
-aufmerksam. Ich hatte vergessen, es Euch damals zu schreiben, erst
-jetzt, da Ihr mich fragt, erinnere ich mich daran. Schokolade, müßt Ihr
-wissen, verschwindet nämlich in der Pension sofort, kaum ist man zum
-Bewußtsein dessen gekommen, daß man mit Schokolade beschenkt worden
-ist, ist sie auch schon weg. Aber was Josef betrifft, wollte ich Euch
-noch etwas sagen. Wie erwähnt, wurde ich in der Bank nicht zu ihm
-vorgelassen, weil er gerade mit einem Herrn verhandelte. Nachdem ich
-eine Zeitlang ruhig gewartet hatte, fragte ich einen Diener, ob die
-Verhandlung noch lange dauern werde. Er sagte, das dürfte wohl sein,
-denn es handle sich wahrscheinlich um den Prozeß, der gegen den Herrn
-Prokuristen geführt werde. Ich fragte, was denn das für ein Prozeß sei,
-ob er sich nicht irre, er aber sagte, er irre sich nicht, es sei ein
-Prozeß, und zwar ein schwerer Prozeß, mehr aber wisse er nicht. Er
-selbst möchte dem Herrn Prokuristen gerne helfen, denn dieser sei ein
-guter und gerechter Herr, aber er wisse nicht, wie er es anfangen
-sollte, und er möchte nur wünschen, daß sich einflußreiche Herren
-seiner annehmen würden. Dies werde auch sicher geschehn und es werde
-schließlich ein gutes Ende nehmen, vorläufig aber stehe es, wie er aus
-der Laune des Herrn Prokuristen entnehmen könne, gar nicht gut. Ich
-legte diesen Reden natürlich nicht viel Bedeutung bei, suchte auch den
-einfältigen Diener zu beruhigen, verbot ihm, andern gegenüber davon zu
-sprechen und halte das Ganze für ein Geschwätz. Trotzdem wäre es
-vielleicht gut, wenn Du, liebster Vater, bei Deinem nächsten Besuch der
-Sache nachgehn wolltest, es wird Dir leicht sein, Genaueres zu erfahren
-und wenn es wirklich nötig sein sollte, durch Deine großen
-einflußreichen Bekanntschaften einzugreifen. Sollte es aber nicht nötig
-sein, was ja das Wahrscheinlichste ist, so wird es wenigstens Deiner
-Tochter bald Gelegenheit geben, Dich zu umarmen, was sie freuen würde.“
-„Ein gutes Kind,“ sagte der Onkel, als er die Vorlesung beendet hatte,
-und wischte einige Tränen aus den Augen fort. K. nickte, er hatte
-infolge der verschiedenen Störungen der letzten Zeit Erna vollständig
-vergessen, sogar ihren Geburtstag hatte er vergessen, und die
-Geschichte von der Schokolade war offenbar zu dem Zweck erfunden, um
-ihn vor Onkel und Tante in Schutz zu nehmen. Es war sehr rührend, und
-mit den Theaterkarten, die er ihr von jetzt ab regelmäßig schicken
-wollte, gewiß nicht genügend belohnt, aber zu Besuchen in der Pension
-und zu Unterhaltungen mit einer kleinen 18 jährigen Gymnasiastin fühlte
-er sich jetzt nicht geeignet. „Und was sagst du jetzt?“ fragte der
-Onkel, der durch den Brief alle Eile und Aufregung vergessen hatte und
-ihn noch einmal zu lesen schien. „Ja, Onkel,“ sagte K., „es ist wahr.“
-„Wahr?“ rief der Onkel, „Was ist wahr? Wie kann es denn wahr sein? Was
-für ein Prozeß? Doch nicht ein Strafprozeß?“ „Ein Strafprozeß,“
-antwortete K. „Und du sitzt ruhig hier und hast einen Strafprozeß auf
-dem Halse?“ rief der Onkel, der immer lauter wurde. „Je ruhiger ich
-bin, desto besser ist es für den Ausgang,“ sagte K. müde. „Fürchte
-nichts.“ „Das kann mich nicht beruhigen,“ rief der Onkel, „Josef,
-lieber Josef, denke an dich, an deine Verwandten, an unsern guten
-Namen. Du warst bisher unsere Ehre, du darfst nicht unsere Schande
-werden. Deine Haltung,“ er sah K. mit schief geneigtem Kopfe an,
-„gefällt mir nicht, so verhält sich kein unschuldig Angeklagter, der
-noch bei Kräften ist. Sag mir nur schnell, um was es sich handelt,
-damit ich dir helfen kann. Es handelt sich natürlich um die Bank?“
-„Nein,“ sagte K. und stand auf, „du sprichst aber zu laut, lieber
-Onkel, der Diener steht wahrscheinlich an der Tür und horcht. Das ist
-mir unangenehm. Wir wollen lieber weggehn. Ich werde dir dann alle
-Fragen so gut es geht beantworten. Ich weiß sehr gut, daß ich der
-Familie Rechenschaft schuldig bin.“ „Richtig,“ schrie der Onkel, „sehr
-richtig, beeile dich nur, Josef, beeile dich.“ „Ich muß nur noch einige
-Aufträge geben,“ sagte K. und berief telephonisch seinen Vertreter zu
-sich, der in wenigen Augenblicken eintrat. Der Onkel in seiner
-Aufregung zeigte ihm mit der Hand, daß K. ihn habe rufen lassen, woran
-auch sonst kein Zweifel gewesen wäre. K., der vor dem Schreibtisch
-stand, erklärte dem jungen Mann, der kühl aber aufmerksam zuhörte, mit
-leiser Stimme unter Zuhilfenahme verschiedener Schriftstücke, was in
-seiner Abwesenheit heute noch erledigt werden müsse. Der Onkel störte,
-indem er zuerst mit großen Augen und nervösem Lippenbeißen dabeistand,
-ohne allerdings zuzuhören, aber der Anschein dessen war schon störend
-genug. Dann aber ging er im Zimmer auf und ab und blieb hie und da vor
-dem Fenster oder vor einem Bild stehen, wobei er immer in verschiedene
-Ausrufe ausbrach, wie: „Mir ist es vollständig unbegreiflich“ oder
-„Jetzt sagt mir nur, was soll denn daraus werden.“ Der junge Mann tat,
-als bemerke er nichts davon, hörte ruhig K.s Aufträge bis zu Ende an,
-notierte sich auch einiges und ging, nachdem er sich vor K. wie auch
-vor dem Onkel verneigt hatte, der ihm aber gerade den Rücken zukehrte,
-aus dem Fenster sah und mit ausgestreckten Händen die Vorhänge
-zusammenknüllte. Die Tür hatte sich noch kaum geschlossen, als der
-Onkel ausrief: „Endlich ist der Hampelmann weggegangen, jetzt können
-doch auch wir gehn. Endlich!“ Es gab leider kein Mittel, den Onkel zu
-bewegen, in der Vorhalle, wo einige Beamte und Diener herumstanden und
-die gerade auch der Direktor-Stellvertreter kreuzte, die Fragen wegen
-des Prozesses zu unterlassen. „Also, Josef,“ begann der Onkel, während
-er die Verbeugungen der Umstehenden durch leichtes Salutieren
-beantwortete, „jetzt sag’ mir offen, was es für ein Prozeß ist.“ K.
-machte einige nichtssagende Bemerkungen, lachte auch ein wenig und erst
-auf der Treppe erklärte er dem Onkel, daß er vor den Leuten nicht habe
-offen reden wollen. „Richtig,“ sagte der Onkel, „aber jetzt rede.“ Mit
-geneigtem Kopf, eine Zigarre in kurzen, eiligen Zügen rauchend, hörte
-er zu. „Vor allem, Onkel,“ sagte K., „handelt es sich gar nicht um
-einen Prozeß vor dem gewöhnlichen Gericht.“ „Das ist schlimm,“ sagte
-der Onkel. „Wie?“ sagte K. und sah den Onkel an. „Daß das schlimm ist,
-meine ich,“ wiederholte der Onkel. Sie standen auf der Freitreppe, die
-zur Straße führte; da der Portier zu horchen schien, zog K. den Onkel
-hinunter; der lebhafte Straßenverkehr nahm sie auf. Der Onkel, der sich
-in K. eingehängt hatte, fragte nicht mehr so dringend nach dem Prozeß,
-sie gingen sogar eine Zeitlang schweigend weiter. „Wie ist es aber
-geschehn?“ fragte endlich der Onkel, so plötzlich stehen bleibend, daß
-die hinter ihm gehenden Leute erschreckt auswichen. „Solche Dinge
-kommen doch nicht plötzlich, sie bereiten sich seit langem vor, es
-müssen Anzeichen gewesen sein, warum hast du mir nicht geschrieben. Du
-weißt, daß ich für dich alles tue, ich bin ja gewissermaßen noch dein
-Vormund und war bis heute stolz darauf. Ich werde dir natürlich auch
-jetzt noch helfen, nur ist es jetzt, wenn der Prozeß schon im Gange
-ist, sehr schwer. Am besten wäre es jedenfalls, wenn du dir jetzt einen
-kleinen Urlaub nimmst und zu uns aufs Land kommst. Du bist auch ein
-wenig abgemagert, jetzt merke ich es. Auf dem Land wirst du dich
-kräftigen, das wird gut sein, es stehen dir ja gewiß Anstrengungen
-bevor. Außerdem aber wirst du dadurch dem Gericht gewissermaßen
-entzogen sein. Hier haben sie alle möglichen Machtmittel, die sie
-notwendigerweise automatisch auch dir gegenüber anwenden; auf das Land
-müßten sie aber erst Organe delegieren oder nur brieflich,
-telegraphisch, telephonisch auf dich einzuwirken suchen. Das schwächt
-natürlich die Wirkung ab, befreit dich zwar nicht, aber läßt dich
-aufatmen.“ „Sie könnten mir ja verbieten, wegzufahren,“ sagte K., den
-die Rede des Onkels ein wenig in ihren Gedankengang gezogen hatte. „Ich
-glaube nicht, daß sie das tun werden,“ sagte der Onkel nachdenklich,
-„so groß ist der Verlust an Macht nicht, den sie durch deine Abreise
-erleiden.“ „Ich dachte,“ sagte K. und faßte den Onkel unterm Arm, um
-ihn am Stehenbleiben hindern zu können, „daß du dem Ganzen noch weniger
-Bedeutung beimessen würdest als ich, und jetzt nimmst du es selbst so
-schwer.“ „Josef,“ rief der Onkel und wollte sich ihm entwinden, um
-stehn bleiben zu können, aber K. ließ ihn nicht, „du bist verwandelt,
-du hattest doch immer ein so richtiges Auffassungsvermögen und gerade
-jetzt verläßt es dich? Willst du denn den Prozeß verlieren? Weißt du,
-was das bedeutet? Das bedeutet, daß du einfach gestrichen wirst. Und
-daß die ganze Verwandtschaft mitgerissen oder wenigstens bis auf den
-Boden gedemütigt wird. Josef, nimm dich doch zusammen. Deine
-Gleichgültigkeit bringt mich um den Verstand. Wenn man dich ansieht,
-möchte man fast dem Sprichwort glauben: „Einen solchen Prozeß haben,
-heißt ihn schon verloren haben.“ „Lieber Onkel,“ sagte K., „die
-Aufregung ist so unnütz, sie ist es auf deiner Seite und wäre es auch
-auf meiner. Mit Aufregung gewinnt man die Prozesse nicht, laß auch
-meine praktischen Erfahrungen ein wenig gelten, so wie ich deine,
-selbst wenn sie mich überraschen, immer und auch jetzt sehr achte. Da
-du sagst, daß auch die Familie durch den Prozeß in Mitleidenschaft
-gezogen würde, — was ich für meinen Teil durchaus nicht begreifen kann,
-das ist aber Nebensache — so will ich dir gerne in allem folgen. Nur
-den Landaufenthalt halte ich selbst in deinem Sinn nicht für
-vorteilhaft, denn das würde Flucht und Schuldbewußtsein bedeuten.
-Überdies bin ich hier zwar mehr verfolgt, kann aber auch selbst die
-Sache mehr betreiben.“ „Richtig,“ sagte der Onkel in einem Ton, als
-kämen sie jetzt endlich einander näher, „ich machte den Vorschlag nur,
-weil ich, wenn du hier bliebst, die Sache von deiner Gleichgültigkeit
-gefährdet sah und es für besser hielt, wenn ich statt deiner für dich
-arbeitete. Willst du sie aber mit aller Kraft selbst betreiben, so ist
-es natürlich weit besser.“ „Darin wären wir also einig,“ sagte K. „Und
-hast du jetzt einen Vorschlag dafür, was ich zunächst machen soll?“
-„Ich muß mir natürlich die Sache noch überlegen,“ sagte der Onkel, „du
-mußt bedenken, daß ich jetzt schon 20 Jahre fast ununterbrochen auf dem
-Lande bin, dabei läßt der Spürsinn in diesen Richtungen nach.
-Verschiedene wichtige Verbindungen mit Persönlichkeiten, die sich hier
-vielleicht besser auskennen, haben sich von selbst gelockert. Ich bin
-auf dem Land ein wenig verlassen, das weißt du ja. Selbst merkt man es
-eigentlich erst bei solchen Gelegenheiten. Zum Teil kam mir deine Sache
-auch unerwartet, wenn ich auch merkwürdigerweise nach Ernas Brief schon
-etwas derartiges ahnte und es heute bei deinem Anblick fast mit
-Bestimmtheit wußte. Aber das ist gleichgültig, das Wichtigste ist
-jetzt, keine Zeit zu verlieren.“ Schon während seiner Rede hatte er auf
-den Fußspitzen stehend einem Automobil gewinkt und zog jetzt, während
-er gleichzeitig dem Wagenlenker eine Adresse zurief, K. hinter sich in
-den Wagen. „Wir fahren jetzt zum Advokaten Huld,“ sagte er, „er war
-mein Schulkollege. Du kennst den Namen gewiß auch? Nicht? Das ist aber
-merkwürdig. Er hat doch als Verteidiger und Armenadvokat einen
-bedeutenden Ruf. Ich aber habe besonders zu ihm als Menschen großes
-Vertrauen.“ „Mir ist alles recht, was du unternimmst,“ sagte K.,
-trotzdem ihn die eilige und dringliche Art, mit der der Onkel die
-Angelegenheit behandelte, Unbehagen verursachte. Es war nicht sehr
-erfreulich, als Angeklagter zu einem Armenadvokaten zu fahren. „Ich
-wußte nicht,“ sagte er, „daß man in einer solchen Sache auch einen
-Advokaten zuziehen könne.“ „Aber natürlich,“ sagte der Onkel, „das ist
-ja selbstverständlich. Warum denn nicht? Und nun erzähle mir, damit ich
-über die Sache genau unterrichtet bin, alles, was bisher geschehen
-ist.“ K. begann sofort zu erzählen, ohne irgend etwas zu verschweigen,
-seine vollständige Offenheit war der einzige Protest, den er sich gegen
-des Onkels Ansicht, der Prozeß sei eine große Schande, erlauben konnte.
-Fräulein Bürstners Namen erwähnte er nur einmal und flüchtig, aber das
-beeinträchtigte nicht die Offenheit, denn Fräulein Bürstner stand mit
-dem Prozeß in keiner Verbindung. Während er erzählte, sah er aus dem
-Fenster und beobachtete, wie sie sich gerade jener Vorstadt näherten,
-in der die Gerichtskanzleien waren, er machte den Onkel darauf
-aufmerksam, der aber das Zusammentreffen nicht besonders auffallend
-fand. Der Wagen hielt vor einem dunklen Haus. Der Onkel läutete gleich
-im Parterre bei der ersten Tür; während sie warteten, fletschte er
-lächelnd seine großen Zähne und flüsterte: „8 Uhr, eine ungewöhnliche
-Zeit für Parteienbesuche. Huld nimmt es mir aber nicht übel.“ Im
-Guckfenster der Tür erschienen zwei große schwarze Augen, sahen ein
-Weilchen die zwei Gäste an und verschwanden; die Tür öffnete sich aber
-nicht. Der Onkel und K. bestätigten einander gegenseitig die Tatsache,
-die zwei Augen gesehen zu haben. „Ein neues Stubenmädchen, das sich vor
-Fremden fürchtet,“ sagte der Onkel und klopfte nochmals. Wieder
-erschienen die Augen, man konnte sie jetzt fast für traurig halten,
-vielleicht war das aber auch nur eine Täuschung, hervorgerufen durch
-die offene Gasflamme, die nahe über den Köpfen stark zischend brannte,
-aber wenig Licht gab. „Öffnen Sie,“ rief der Onkel und hieb mit der
-Faust gegen die Tür, „es sind Freunde des Herrn Advokaten.“ „Der Herr
-Advokat ist krank,“ flüsterte es hinter ihnen. In einer Tür am andern
-Ende des kleinen Ganges stand ein Herr im Schlafrock und machte mit
-äußerst leiser Stimme diese Mitteilung. Der Onkel, der schon wegen des
-langen Wartens wütend war, wandte sich mit einem Ruck um, rief: „Krank?
-Sie sagen, er ist krank?“ und ging fast drohend, als sei der Herr die
-Krankheit, auf ihn zu. „Man hat schon geöffnet,“ sagte der Herr, zeigte
-auf die Tür des Advokaten, raffte seinen Schlafrock zusammen und
-verschwand. Die Tür war wirklich geöffnet worden, ein junges Mädchen —
-K. erkannte die dunklen, ein wenig hervorgewälzten Augen wieder — stand
-in langer weißer Schürze im Vorzimmer und hielt eine Kerze in der Hand.
-„Nächstens öffnen Sie früher,“ sagte der Onkel statt einer Begrüßung,
-während das Mädchen einen kleinen Knix machte. „Komm, Josef,“ sagte er
-dann zu K., der sich langsam an dem Mädchen vorüberschob. „Der Herr
-Advokat ist krank,“ sagte das Mädchen, da der Onkel, ohne sich
-aufzuhalten, auf eine Tür zueilte. K. staunte das Mädchen noch an,
-während es sich schon umgedreht hatte, um die Wohnungstüre wieder zu
-versperren, es hatte ein puppenförmig gerundetes Gesicht, nicht nur die
-bleichen Wangen und das Kinn verliefen rund, auch die Schläfen und die
-Stirnränder. „Josef,“ rief der Onkel wieder und das Mädchen fragte er:
-„Es ist das Herzleiden?“ „Ich glaube wohl,“ sagte das Mädchen, es hatte
-Zeit gefunden mit der Kerze voranzugehn und die Zimmertür zu öffnen. In
-einem Winkel des Zimmers, wohin das Kerzenlicht noch nicht drang, erhob
-sich im Bett ein Gesicht mit langem Bart. „Leni, wer kommt denn,“
-fragte der Advokat, der, durch die Kerze geblendet, die Gäste nicht
-erkannte. „Albert, dein alter Freund ist es,“ sagte der Onkel. „Ach
-Albert,“ sagte der Advokat und ließ sich auf die Kissen zurückfallen,
-als bedürfe es diesem Besuch gegenüber keiner Verstellung. „Steht es
-wirklich so schlecht?“ fragte der Onkel und setzte sich auf den
-Bettrand. „Ich glaube es nicht. Es ist ein Anfall deines Herzleidens
-und wird vorübergehn wie die frühern.“ „Möglich,“ sagte der Advokat
-leise, „es ist aber ärger, als es jemals gewesen ist. Ich atme schwer,
-schlafe gar nicht und verliere täglich an Kraft.“ „So,“ sagte der Onkel
-und drückte den Panamahut mit seiner großen Hand fest aufs Knie. „Das
-sind schlechte Nachrichten. Hast du übrigens die richtige Pflege? Es
-ist auch so traurig hier, so dunkel. Es ist schon lange her, seitdem
-ich zum letztenmal hier war, damals schien es mir freundlicher. Auch
-dein kleines Fräulein hier scheint nicht sehr lustig oder sie verstellt
-sich.“ Das Mädchen stand noch immer mit der Kerze nahe bei der Tür;
-soweit ihr unbestimmter Blick erkennen ließ, sah sie eher K. an als den
-Onkel, selbst als dieser jetzt von ihr sprach. K. lehnte an einem
-Sessel, den er in die Nähe des Mädchens geschoben hatte. „Wenn man so
-krank ist wie ich,“ sagte der Advokat, „muß man Ruhe haben. Mir ist es
-nicht traurig.“ Nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: „Und Leni
-pflegt mich gut, sie ist brav.“ Den Onkel konnte das aber nicht
-überzeugen, er war sichtlich gegen die Pflegerin voreingenommen und
-wenn er auch dem Kranken nichts entgegnete, so verfolgte er doch die
-Pflegerin mit strengen Blicken, als sie jetzt zum Bett hinging, die
-Kerze auf das Nachttischchen stellte, sich über den Kranken hinbeugte
-und beim Ordnen der Kissen mit ihm flüsterte. Er vergaß fast die
-Rücksicht auf den Kranken, stand auf, ging hinter der Pflegerin hin und
-her, und K. hätte es nicht gewundert, wenn er sie hinten an den Röcken
-erfaßt und vom Bett fortgezogen hätte. K. selbst sah allem ruhig zu,
-die Krankheit des Advokaten war ihm sogar nicht ganz unwillkommen, dem
-Eifer, den der Onkel für seine Sache entwickelt hatte, hatte er sich
-nicht entgegenstellen können, die Ablenkung, die dieser Eifer jetzt
-ohne sein Zutun erfuhr, nahm er gerne hin. Da sagte der Onkel,
-vielleicht nur in der Absicht, die Pflegerin zu beleidigen: „Fräulein,
-bitte, lassen Sie uns ein Weilchen allein, ich habe mit meinem Freund
-eine persönliche Angelegenheit zu besprechen.“ Die Pflegerin, die noch
-weit über den Kranken hingebeugt war und gerade das Leintuch an der
-Wand glättete, wendete nur den Kopf und sagte sehr ruhig, was einen
-auffallenden Unterschied zu den vor Wut stockenden und dann wieder
-überfließenden Reden des Onkels bildete: „Sie sehen, der Herr ist so
-krank, er kann keine Angelegenheiten besprechen.“ Sie hatte die Worte
-des Onkels wahrscheinlich nur aus Bequemlichkeit wiederholt, immerhin
-konnte es selbst von einem Unbeteiligten als spöttisch aufgefaßt
-werden, der Onkel aber fuhr natürlich wie ein Gestochener auf. „Du
-Verdammte,“ sagte er im ersten Gurgeln der Aufregung noch ziemlich
-unverständlich, K. erschrak, trotzdem er etwas Ähnliches erwartet
-hatte, und lief auf den Onkel zu, mit der bestimmten Absicht, ihm mit
-beiden Händen den Mund zu schließen. Glücklicherweise erhob sich aber
-hinter dem Mädchen der Kranke, der Onkel machte ein finsteres Gesicht,
-als schlucke er etwas Abscheuliches hinunter, und sagte dann ruhiger:
-„Wir haben natürlich auch noch den Verstand nicht verloren; wäre das,
-was ich verlange, nicht möglich, würde ich es nicht verlangen. Bitte
-gehn Sie jetzt.“ Die Pflegerin stand aufgerichtet am Bett dem Onkel
-voll zugewendet, mit der einen Hand streichelte sie, wie K. zu bemerken
-glaubte, die Hand des Advokaten. „Du kannst vor Leni alles sagen,“
-sagte der Kranke zweifellos im Ton einer dringenden Bitte. „Es betrifft
-nicht mich,“ sagte der Onkel, „es ist nicht mein Geheimnis.“ Und er
-drehte sich um, als gedenke er in keine Verhandlungen mehr einzugehn,
-gebe aber noch eine kleine Bedenkzeit. „Wen betrifft es denn?“ fragte
-der Advokat mit erlöschender Stimme und legte sich wieder zurück.
-„Meinen Neffen,“ sagte der Onkel, „ich habe ihn auch mitgebracht.“ Und
-er stellte vor: Prokurist Josef K. „Oh,“ sagte der Kranke viel
-lebhafter und streckte K. die Hand entgegen, „verzeihen Sie, ich habe
-Sie gar nicht bemerkt. Geh, Leni,“ sagte er dann zu der Pflegerin, die
-sich auch gar nicht mehr wehrte, und reichte ihr die Hand, als gelte es
-einen Abschied für lange Zeit. „Du bist also,“ sagte er endlich zum
-Onkel, der versöhnt nähergetreten war, „nicht gekommen, mir einen
-Krankenbesuch zu machen, sondern du kommst in Geschäften.“ Es war, als
-hätte die Vorstellung eines Krankenbesuches den Advokaten bisher
-gelähmt, so gekräftigt sah er jetzt aus, blieb ständig auf einen
-Ellbogen aufgestützt, was ziemlich anstrengend sein mußte, und zog
-immer wieder an einem Bartstrahn in der Mitte seines Bartes. „Du siehst
-schon viel gesünder aus,“ sagte der Onkel, „seitdem diese Hexe draußen
-ist.“ Er unterbrach sich, flüsterte: „Ich wette, daß sie horcht“ und
-sprang zur Tür. Aber hinter der Tür war niemand, der Onkel kam zurück,
-nicht enttäuscht, denn ihr Nichthorchen erschien ihm als eine noch
-größere Bosheit, wohl aber verbittert. „Du verkennst sie,“ sagte der
-Advokat, ohne die Pflegerin weiter in Schutz zu nehmen; vielleicht
-wollte er damit ausdrücken, daß sie nicht schutzbedürftig sei. Aber in
-viel teilnehmenderem Tone fuhr er fort: „Was die Angelegenheit deines
-Herrn Neffen betrifft, so würde ich mich allerdings glücklich schätzen,
-wenn meine Kraft für diese äußerst schwierige Aufgabe ausreichen
-könnte; ich fürchte sehr, daß sie nicht ausreichen wird, jedenfalls
-will ich nichts unversucht lassen; wenn ich nicht ausreiche, könnte man
-ja noch jemanden andern beiziehen. Um aufrichtig zu sein, interessiert
-mich die Sache zu sehr, als daß ich es über mich bringen könnte, auf
-jede Beteiligung zu verzichten. Hält es mein Herz nicht aus, so wird es
-doch wenigstens hier eine würdige Gelegenheit finden, gänzlich zu
-versagen.“ K. glaubte kein Wort dieser ganzen Rede zu verstehn, er sah
-den Onkel an, um doch eine Erklärung zu finden, aber dieser saß mit der
-Kerze in der Hand auf dem Nachttischchen, von dem bereits eine
-Arzneiflasche auf den Teppich gerollt war, nickte zu allem, was der
-Advokat sagte, war mit allem einverstanden und sah hie und da auf K.
-mit der Aufforderung zu gleichem Einverständnis hin. Hatte vielleicht
-der Onkel schon früher dem Advokaten von dem Prozeß erzählt? Aber das
-war unmöglich, alles was vorhergegangen war, sprach dagegen. „Ich
-verstehe nicht“ — sagte er deshalb. „Ja, habe vielleicht ich Sie
-mißverstanden?“ fragte der Advokat ebenso erstaunt und verlegen wie K.
-„Ich war vielleicht voreilig. Worüber wollten Sie denn mit mir
-sprechen? Ich dachte, es handle sich um Ihren Prozeß?“ „Natürlich,“
-sagte der Onkel und fragte dann K.: „Was willst du denn?“ „Ja, aber
-woher wissen Sie denn etwas über mich und meinen Prozeß?“ fragte K.
-„Ach so,“ sagte der Advokat lächelnd, „ich bin doch Advokat, ich
-verkehre in Gerichtskreisen, man spricht über verschiedene Prozesse und
-auffallendere, besonders wenn es den Neffen eines Freundes betrifft,
-behält man im Gedächtnis. Das ist doch nichts Merkwürdiges.“ „Was
-willst du denn?“ fragte der Onkel K. nochmals. „Du bist so unruhig.“
-„Sie verkehren in diesen Gerichtskreisen,“ fragte K. „Ja,“ sagte der
-Advokat. „Du fragst wie ein Kind,“ sagte der Onkel. „Mit wem sollte ich
-denn verkehren, wenn nicht mit Leuten meines Faches?“ fügte der Advokat
-hinzu. Es klang so unwiderleglich, daß K. gar nicht antwortete. „Sie
-arbeiten doch bei dem Gericht im Justizpalast, und nicht bei dem auf
-dem Dachboden,“ hatte er sagen wollen, konnte sich aber nicht
-überwinden, es wirklich zu sagen. „Sie müssen doch bedenken,“ fuhr der
-Advokat fort, in einem Tone, als erkläre er etwas Selbstverständliches,
-überflüssigerweise und nebenbei, „Sie müssen doch bedenken, daß ich aus
-einem solchen Verkehr auch große Vorteile für meine Klientel ziehe, und
-zwar in vielfacher Hinsicht, man darf nicht einmal immer davon reden.
-Natürlich bin ich jetzt infolge meiner Krankheit ein wenig behindert,
-aber ich bekomme trotzdem Besuch von guten Freunden vom Gericht und
-erfahre doch einiges. Erfahre vielleicht mehr als manche, die in bester
-Gesundheit den ganzen Tag bei Gericht verbringen. So habe ich z. B.
-gerade jetzt einen lieben Besuch.“ Und er zeigte in eine dunkle
-Zimmerecke. „Wo denn?“ fragte K. in der ersten Überraschung fast grob.
-Er sah unsicher umher; das Licht der kleinen Kerze drang bei weitem
-nicht bis zur gegenüberliegenden Wand. Und wirklich begann sich dort in
-der Ecke etwas zu rühren. Im Licht der Kerze, die der Onkel jetzt
-hochhielt, sah man dort bei einem kleinen Tischchen einen älteren Herrn
-sitzen. Er hatte wohl gar nicht geatmet, daß er solange unbemerkt
-geblieben war. Jetzt stand er umständlich auf, offenbar unzufrieden
-damit, daß man auf ihn aufmerksam gemacht hatte. Es war, als wolle er
-mit den Händen, die er wie kurze Flügel bewegte, alle Vorstellungen und
-Begrüßungen abwehren, als wolle er auf keinen Fall die andern durch
-seine Anwesenheit stören und als bitte er dringend wieder um die
-Versetzung ins Dunkel und um das Vergessen seiner Anwesenheit. Das
-konnte man ihm nun aber nicht mehr zugestehn. „Ihr habt uns nämlich
-überrascht,“ sagte der Advokat zur Erklärung und winkte dabei dem Herrn
-aufmunternd zu, näherzukommen, was dieser langsam, zögernd,
-herumblickend und doch mit einer gewissen Würde tat, „der Herr
-Kanzleidirektor — ach so, Verzeihung, ich habe nicht vorgestellt — hier
-mein Freund Albert K., hier sein Neffe Prokurist Josef K. und hier der
-Herr Kanzleidirektor — der Herr Kanzleidirektor also war so
-freundlich, mich zu besuchen. Den Wert eines solchen Besuches kann
-eigentlich nur der Eingeweihte würdigen, welcher weiß, wie der liebe
-Kanzleidirektor mit Arbeit überhäuft ist. Nun, er kam aber trotzdem,
-wir unterhielten uns friedlich, soweit meine Schwäche es erlaubte, wir
-hatten zwar Leni nicht verboten, Besuche einzulassen, denn es waren
-keine zu erwarten, aber unsere Meinung war doch, daß wir allein bleiben
-sollten, dann aber kamen deine Fausthiebe, Albert, der Herr
-Kanzleidirektor rückte mit Sessel und Tisch in den Winkel, nun aber
-zeigt sich, daß wir möglicherweise, d. h. wenn der Wunsch danach
-besteht, gemeinsame Angelegenheit zu besprechen haben und sehr gut
-wieder zusammenrücken können. — Herr Kanzleidirektor,“ sagte er mit
-Kopfneigen und unterwürfigem Lächeln und zeigte auf einen Lehnstuhl in
-der Nähe des Bettes. „Ich kann leider nur noch ein paar Minuten
-bleiben,“ sagte der Kanzleidirektor freundlich, setzte sich breit in
-den Lehnstuhl und sah auf die Uhr, „die Geschäfte rufen mich.
-Jedenfalls will ich nicht die Gelegenheit vorübergehen lassen, einen
-Freund meines Freundes kennenzulernen.“ Er neigte den Kopf leicht gegen
-den Onkel, der von der neuen Bekanntschaft sehr befriedigt schien, aber
-infolge seiner Natur Gefühle der Ergebenheit nicht ausdrücken konnte
-und die Worte des Kanzleidirektors mit verlegenem, aber lautem Lachen
-begleitete. Ein häßlicher Anblick! K. konnte ruhig alles beobachten,
-denn um ihn kümmerte sich niemand, der Kanzleidirektor nahm, wie es
-seine Gewohnheit schien, da er nun schon einmal hervorgezogen war, die
-Herrschaft über das Gespräch an sich, der Advokat, dessen erste
-Schwäche vielleicht nur dazu hatte dienen sollen, den neuen Besuch zu
-vertreiben, hörte aufmerksam, die Hand am Ohre, zu, der Onkel als
-Kerzenträger — er balancierte die Kerze auf seinem Schenkel, der
-Advokat sah öfters besorgt hin — war bald frei von Verlegenheit und nur
-noch entzückt, sowohl von der Art der Rede des Kanzleidirektors, als
-auch von den sanften wellenförmigen Handbewegungen, mit denen er sie
-begleitete. K., der am Bettpfosten lehnte, wurde vom Kanzleidirektor
-vielleicht sogar mit Absicht vollständig vernachlässigt und diente den
-alten Herren nur als Zuhörer. Übrigens wußte er kaum, wovon die Rede
-war und dachte bald an die Pflegerin und an die schlechte Behandlung,
-die sie vom Onkel erfahren hatte, bald daran, ob er den Kanzleidirektor
-nicht schon einmal gesehn hatte, vielleicht sogar in der Versammlung
-bei seiner ersten Untersuchung. Wenn er sich vielleicht auch täuschte,
-so hätte sich doch der Kanzleidirektor den Versammlungsteilnehmern in
-der ersten Reihe, den alten Herren mit den schüttern Bärten, vorzüglich
-eingefügt.
-
-Da ließ ein Lärm aus dem Vorzimmer wie von zerbrechendem Porzellan alle
-aufhorchen. „Ich will nachsehn, was geschehen ist,“ sagte K. und ging
-langsam hinaus, als gebe er den andern noch Gelegenheit, ihn
-zurückzuhalten. Kaum war er ins Vorzimmer getreten und wollte sich im
-Dunkel zurechtfinden, als sich auf die Hand, mit der er die Tür noch
-festhielt, eine kleine Hand legte, viel kleiner als K.s Hand und die
-Tür leise schloß. Es war die Pflegerin, die hier gewartet hatte. „Es
-ist nichts geschehn,“ flüsterte sie, „ich habe nur einen Teller gegen
-die Mauer geworfen, um Sie herauszuholen.“ In seiner Befangenheit sagte
-K.: „Ich habe auch an Sie gedacht.“ „Desto besser,“ sagte die
-Pflegerin, „kommen Sie.“ Nach ein paar Schritten kamen sie zu einer Tür
-aus mattem Glas, welche die Pflegerin vor K. öffnete. „Treten Sie doch
-ein,“ sagte sie. Es war jedenfalls das Arbeitszimmer des Advokaten;
-soweit man im Mondlicht sehen konnte, das jetzt nur einen kleinen
-viereckigen Teil des Fußbodens an jedem der zwei großen Fenster stark
-erhellte, war es mit schweren alten Möbelstücken ausgestattet.
-„Hierher,“ sagte die Pflegerin und zeigte auf eine dunkle Truhe mit
-holzgeschnitzter Lehne. Noch als er sich gesetzt hatte, sah sich K. im
-Zimmer um, es war ein hohes großes Zimmer, die Kundschaft des
-Armenadvokaten mußte sich hier verloren vorkommen. K. glaubte die
-kleinen Schritte zu sehn, mit denen die Besucher zu dem gewaltigen
-Schreibtisch vorrückten. Dann aber vergaß er daran und hatte nur noch
-Augen für die Pflegerin, die ganz nahe neben ihm saß und ihn fast an
-die Seitenlehne drückte. „Ich dachte,“ sagte sie, „Sie würden allein zu
-mir herauskommen, ohne daß ich Sie erst rufen müßte. Es war doch
-merkwürdig. Zuerst sahen Sie mich gleich beim Eintritt ununterbrochen
-an und dann ließen Sie mich warten. Nennen Sie mich übrigens Leni,“
-fügte sie noch rasch und unvermittelt zu, als solle kein Augenblick
-dieser Aussprache versäumt werden. „Gern,“ sagte K. „Was aber die
-Merkwürdigkeit betrifft, Leni, so ist sie leicht zu erklären. Erstens
-mußte ich doch das Geschwätz der alten Herren anhören und konnte nicht
-grundlos weglaufen, zweitens aber bin ich nicht frech, sondern eher
-schüchtern und auch Sie, Leni, sahen wahrhaftig nicht so aus, als ob
-Sie in einem Sprung zu gewinnen wären.“ „Das ist es nicht,“ sagte Leni,
-legte den Arm über die Lehne und sah K. an, „aber ich gefiel Ihnen
-nicht und gefalle Ihnen wahrscheinlich auch jetzt nicht.“ „Gefallen
-wäre ja nicht viel,“ sagte K. ausweichend. „Oh!“ sagte sie lächelnd und
-gewann durch K.s Bemerkung und diesen kleinen Ausruf eine gewisse
-Überlegenheit. Deshalb schwieg K. ein Weilchen. Da er sich an das
-Dunkel im Zimmer schon gewöhnt hatte, konnte er verschiedene
-Einzelheiten der Einrichtung unterscheiden. Besonders fiel ihm ein
-großes Bild auf, das rechts von der Tür hing, er beugte sich vor, um es
-besser zu sehn. Es stellte einen Mann im Richtertalar dar; er saß auf
-einem hohen Thronsessel, dessen Vergoldung vielfach aus dem Bilde
-hervorstach. Das Ungewöhnliche war, daß dieser Richter nicht in Ruhe
-und Würde dort saß, sondern den linken Arm fest an Rücken- und
-Seitenlehne drückte, den rechten Arm aber völlig frei hatte und nur mit
-der Hand die Seitenlehne umfaßte, als wolle er im nächsten Augenblick
-mit einer heftigen und vielleicht empörten Wendung aufspringen, um
-etwas Entscheidendes zu sagen oder gar das Urteil zu verkünden. Der
-Angeklagte war wohl zu Füßen der Treppe zu denken, deren oberste, mit
-einem gelben Teppich bedeckte Stufen noch auf dem Bilde zu sehen waren.
-„Vielleicht ist das mein Richter,“ sagte K. und zeigte mit einem Finger
-auf das Bild. „Ich kenne ihn,“ sagte Leni und sah auch zum Bilde auf,
-„er kommt öfters hierher. Das Bild stammt aus seiner Jugend, er kann
-aber niemals dem Bilde auch nur ähnlich gewesen sein, denn er ist fast
-winzig klein. Trotzdem hat er sich auf dem Bild so in die Länge ziehen
-lassen, denn er ist unsinnig eitel, wie alle hier. Aber auch ich bin
-eitel und sehr unzufrieden damit, daß ich Ihnen gar nicht gefalle.“ Auf
-die letzte Bemerkung antwortete K. nur damit, daß er Leni umfaßte und
-an sich zog, sie lehnte still den Kopf an seine Schulter. Zu dem
-übrigen aber sagte er: „Was für einen Rang hat er?“ „Er ist
-Untersuchungsrichter,“ sagte sie, ergriff K.s Hand, mit der er sie
-umfaßt hielt, und spielte mit seinen Fingern. „Wieder nur
-Untersuchungsricher,“ sagte K. enttäuscht, „die hohen Beamten
-verstecken sich. Aber er sitzt doch auf einem Thronsessel.“ „Das ist
-alles Erfindung,“ sagte Leni, das Gesicht über K.s Hand gebeugt, „in
-Wirklichkeit sitzt er auf einem Küchensessel, auf dem eine alte
-Pferdedecke zusammengelegt ist. Aber müssen Sie denn immerfort an Ihren
-Prozeß denken?“ fügte sie langsam hinzu. „Nein, durchaus nicht,“ sagte
-K., „ich denke wahrscheinlich sogar zu wenig an ihn.“ „Das ist nicht
-der Fehler, den Sie machen,“ sagte Leni, „Sie sind zu unnachgiebig, so
-habe ich es gehört.“ „Wer hat das gesagt?“ fragte K., er fühlte ihren
-Körper an seiner Brust und sah auf ihr reiches dunkles fest gedrehtes
-Haar hinab. „Ich würde zuviel verraten, wenn ich das sagte,“ antwortete
-Leni. „Fragen Sie, bitte, nicht nach Namen, stellen Sie aber Ihren
-Fehler ab, seien Sie nicht mehr so unnachgiebig, gegen dieses Gericht
-kann man sich ja nicht wehren, man muß das Geständnis machen. Machen
-Sie doch bei nächster Gelegenheit das Geständnis. Erst dann ist die
-Möglichkeit, zu entschlüpfen, gegeben, erst dann. Jedoch selbst das ist
-ohne fremde Hilfe nicht möglich, wegen dieser Hilfe aber müssen Sie
-sich nicht ängstigen, die will ich Ihnen selbst leisten.“ „Sie
-verstehen viel von diesem Gericht und von den Betrügereien, die hier
-nötig sind,“ sagte K. und hob sie, da sie sich allzu stark an ihn
-drängte, auf seinen Schoß. „So ist es gut,“ sagte sie und richtete sich
-auf seinem Schoß ein, indem sie den Rock glättete und die Bluse
-zurechtzog. Dann hing sie sich mit beiden Händen an seinen Hals, lehnte
-sich zurück und sah ihn lange an. „Und wenn ich das Geständnis nicht
-mache, dann können Sie mir nicht helfen?“ fragte K. versuchsweise. Ich
-werbe Helferinnen, dachte er fast verwundert, zuerst Fräulein Bürstner,
-dann die Frau des Gerichtsdieners und endlich diese kleine Pflegerin,
-die ein unbegreifliches Bedürfnis nach mir zu haben scheint. Wie sie
-auf meinem Schoß sitzt, als sei es ihr einzig richtiger Platz! „Nein,“
-antwortete Leni und schüttelte langsam den Kopf, „dann kann ich Ihnen
-nicht helfen. Aber Sie wollen ja meine Hilfe gar nicht, es liegt Ihnen
-nichts daran, Sie sind eigensinnig und lassen sich nicht überzeugen.“
-„Haben Sie eine Geliebte?“ fragte sie nach einem Weilchen. „Nein,“
-sagte K. „O doch,“ sagte sie. „Ja, wirklich,“ sagte K., „denken Sie
-nur, ich habe sie verleugnet und trage doch sogar ihre Photographie bei
-mir.“ Auf ihre Bitten zeigte er ihr eine Photographie Elsas,
-zusammengekrümmt auf seinem Schoß studierte sie das Bild. Es war eine
-Momentphotographie, Elsa war nach einem Wirbeltanz aufgenommen, wie sie
-ihn in dem Weinlokal gern tanzte, ihr Rock flog noch im Faltenwurf der
-Drehung um sie her, die Hände hatte sie auf die festen Hüften gelegt
-und sah mit straffem Hals lachend zur Seite; wem ihr Lachen galt,
-konnte man aus dem Bild nicht erkennen. „Sie ist stark geschnürt,“
-sagte Leni und zeigte auf die Stelle, wo dies ihrer Meinung nach zu
-sehen war. „Sie gefällt mir nicht, sie ist unbeholfen und roh.
-Vielleicht ist sie aber Ihnen gegenüber sanft und freundlich, darauf
-könnte man nach dem Bilde schließen. So große starke Mädchen wissen oft
-nichts anderes, als sanft und freundlich zu sein. Würde sie sich aber
-für Sie opfern können?“ „Nein,“ sagte K., „sie ist weder sanft und
-freundlich, noch würde sie sich für mich opfern können. Auch habe ich
-bisher weder das eine noch das andere von ihr verlangt. Ja, ich habe
-noch nicht einmal das Bild so genau angesehn wie Sie.“ „Es liegt Ihnen
-also gar nicht viel an ihr,“ sagte Leni, „sie ist also gar nicht Ihre
-Geliebte.“ „Doch,“ sagte K. „Ich nehme mein Wort nicht zurück.“ „Mag
-sie also jetzt Ihre Geliebte sein,“ sagte Leni, „Sie würden sie aber
-nicht sehr vermissen, wenn Sie sie verlieren oder für jemand andern, z.
-B. für mich, eintauschen würden.“ „Gewiß,“ sagte K. lächelnd, „das wäre
-denkbar, aber sie hat einen großen Vorteil Ihnen gegenüber, sie weiß
-nichts von meinem Prozeß, und selbst wenn sie etwas davon wüßte, würde
-sie nicht daran denken. Sie würde mich nicht zur Nachgiebigkeit zu
-überreden suchen.“ „Das ist kein Vorteil,“ sagte Leni. „Wenn sie keine
-sonstigen Vorteile hat, verliere ich nicht den Mut. Hat sie irgendeinen
-körperlichen Fehler?“ „Einen körperlichen Fehler?“ fragte K. „Ja,“
-sagte Leni, „ich habe nämlich einen solchen kleinen Fehler, sehen Sie.“
-Sie spannte den Mittel- und Ringfinger ihrer rechten Hand auseinander,
-zwischen denen das Verbindungshäutchen fast bis zum obersten Gelenk der
-kurzen Finger reichte. K. merkte im Dunkel nicht gleich, was sie ihm
-zeigen wollte, sie führte deshalb seine Hand hin, damit er es abtaste.
-„Was für ein Naturspiel,“ sagte K. und fügte, als er die ganze Hand
-überblickt hatte, hinzu. „Was für eine hübsche Kralle!“ Mit einer Art
-Stolz sah Leni zu, wie K. staunend immer wieder ihre zwei Finger
-auseinanderzog und zusammenlegte, bis er sie schließlich flüchtig küßte
-und losließ. „Oh!“ rief sie aber sofort, „Sie haben mich geküßt!“
-Eilig, mit offenem Mund erkletterte sie mit den Knien seinen Schoß, K.
-sah fast bestürzt zu ihr auf, jetzt, da sie ihm so nahe war, ging ein
-bitterer anfeuernder Geruch wie von Pfeffer von ihr aus, sie nahm
-seinen Kopf an sich, beugte sich über ihn hinweg und biß und küßte
-seinen Hals, biß selbst in seine Haare. „Sie haben mich eingetauscht,“
-rief sie von Zeit zu Zeit, „sehen Sie, nun haben Sie mich doch
-eingetauscht!“ Da glitt ihr Knie aus, mit einem kleinen Schrei fiel sie
-fast auf den Teppich, K. umfaßte sie, um sie noch zu halten, und wurde
-zu ihr hinabgezogen. „Jetzt gehörst du mir,“ sagte sie.
-
-„Hier hast du den Hausschlüssel, komm, wann du willst,“ waren ihre
-letzten Worte und ein zielloser Kuß traf ihn noch im Weggehn auf den
-Rücken. Als er aus dem Haustor trat, fiel ein leichter Regen, er wollte
-in die Mitte der Straße gehn, um vielleicht Leni noch beim Fenster
-erblicken zu können, da stürzte aus einem Automobil, das vor dem Hause
-wartete und das K. in seiner Zerstreutheit gar nicht bemerkt hatte, der
-Onkel, faßte ihn bei den Armen und stieß ihn gegen das Haustor, als
-wolle er ihn dort festnageln. „Junge,“ rief er, „wie konntest du nur
-das tun! Du hast deiner Sache, die auf gutem Wege war, schrecklich
-geschadet. Verkriechst dich mit einem kleinen schmutzigen Ding, das
-überdies offensichtlich die Geliebte des Advokaten ist, und bleibst
-stundenlang weg. Suchst nicht einmal einen Vorwand, verheimlichst
-nichts, nein, bist ganz offen, läufst zu ihr und bleibst bei ihr. Und
-unterdessen sitzen wir beisammen, der Onkel, der sich für dich abmüht,
-der Advokat, der für dich gewonnen werden soll, der Kanzleidirektor vor
-allem, dieser große Herr, der deine Sache in ihrem jetzigen Stadium
-geradezu beherrscht. Wir wollen beraten, wie dir zu helfen wäre, ich
-muß den Advokaten vorsichtig behandeln, dieser wieder den
-Kanzleidirektor und du hättest doch allen Grund, mich wenigstens zu
-unterstützen. Statt dessen bleibst du fort. Schließlich läßt es sich
-nicht verheimlichen, nun, es sind höfliche gewandte Männer, sie
-sprechen nicht davon, sie schonen mich, schließlich können aber auch
-sie sich nicht mehr überwinden und da sie von der Sache nicht reden
-können, verstummen sie. Wir sind minutenlang schweigend dagesessen und
-haben gehorcht, ob du nicht doch endlich kämest. Alles vergebens.
-Endlich steht der Kanzleidirektor, der viel länger geblieben ist, als
-er ursprünglich wollte, auf, verabschiedet sich, bedauert mich
-sichtlich, ohne mir helfen zu können, wartet in unbegreiflicher
-Liebenswürdigkeit noch eine Zeitlang in der Tür, dann geht er. Ich war
-natürlich glücklich, daß er weg war, mir war schon die Luft zum Atmen
-ausgegangen. Auf den kranken Advokaten hat alles noch stärker
-eingewirkt, er konnte, der gute Mann, gar nicht sprechen, als ich mich
-von ihm verabschiedete. Du hast wahrscheinlich im seinem vollständigen
-Zusammenbrechen beigetragen und beschleunigst so den Tod eines Mannes,
-auf den du angewiesen bist. Und mich, deinen Onkel, läßt du hier im
-Regen, fühle nur, ich bin ganz durchnäßt, stundenlang warten.“
-
-
-
-
-
-
-
-
-SIEBENTES KAPITEL
-
-ADVOKAT · FABRIKANT · MALER
-
-
-An einem Wintervormittag - draußen fiel Schnee im trüben Licht - saß K.
-trotz der frühen Stunde schon äußerst müde in seinem Bureau. Um sich
-wenigstens vor den untersten Beamten zu schützen, hatte er dem Diener
-den Auftrag gegeben, niemanden von ihnen einzulassen, da er mit einer
-größern Arbeit beschäftigt sei. Aber statt zu arbeiten, drehte er sich
-in seinem Sessel, verschob langsam einige Gegenstände auf dem Tisch,
-ließ dann aber, ohne es zu wissen, den ganzen Arm ausgestreckt auf der
-Tischplatte liegen und blieb mit gesenktem Kopf unbeweglich sitzen.
-
-Der Gedanke an den Prozeß verließ ihn nicht mehr. Öfters schon hatte er
-überlegt, ob es nicht gut wäre, eine Verteidigungsschrift auszuarbeiten
-und bei Gericht einzureichen. Er wollte darin eine kurze
-Lebensbeschreibung vorlegen und bei jedem irgendwie wichtigen Ereignis
-erklären, aus welchen Gründen er so gehandelt hatte, ob diese
-Handlungsweise nach seinem gegenwärtigen Urteil zu verwerfen oder zu
-billigen war und welche Gründe er für dieses oder jenes anführen
-konnte. Die Vorteile einer solchen Verteidigungsschrift gegenüber der
-bloßen Verteidigung durch den übrigens auch sonst nicht einwandfreien
-Advokaten waren zweifellos. K. wußte ja gar nicht, was der Advokat
-unternahm; viel war es jedenfalls nicht, schon einen Monat lang hatte
-er ihn nicht mehr zu sich berufen und auch bei keiner der frühern
-Besprechungen hatte K. den Eindruck gehabt, daß dieser Mann viel für
-ihn erreichen könne. Vor allem hatte er ihn fast gar nicht ausgefragt.
-Und hier war doch so viel zu fragen. Fragen war die Hauptsache. K.
-hatte das Gefühl, als ob er selbst alle hier nötigen Fragen stellen
-könnte. Der Advokat dagegen, statt zu fragen, erzählte selbst oder saß
-ihm stumm gegenüber, beugte sich, wahrscheinlich wegen seines schwachen
-Gehörs, ein wenig über den Schreibtisch vor, zog an einem Bartstrahn
-innerhalb seines Bartes und blickte auf den Teppich nieder, vielleicht
-gerade auf die Stelle, wo K. mit Leni gelegen war. Hie und da gab er K.
-einige leere Ermahnungen, wie man sie Kindern gibt. Ebenso nutzlose wie
-langweilige Reden, die K. in der Schlußabrechnung mit keinem Heller zu
-bezahlen gedachte. Nachdem der Advokat ihn genügend gedemütigt zu haben
-glaubte, fing er gewöhnlich an, ihn wieder ein wenig aufzumuntern. Er
-habe schon, erzählte er dann, viele ähnliche Prozesse ganz oder
-teilweise gewonnen. Prozesse, die, wenn auch in Wirklichkeit vielleicht
-nicht so schwierig wie dieser, äußerlich noch hoffnungsloser waren. Ein
-Verzeichnis dieser Prozesse habe er hier in der Schublade — hiebei
-klopfte er an irgendeine Lade des Tisches —, die Schriften könne er
-leider nicht zeigen, da es sich um Amtsgeheimnisse handle. Trotzdem
-komme jetzt die große Erfahrung, die er durch alle diese Prozesse
-erworben habe, K. zugute. Er habe natürlich sofort zu arbeiten begonnen
-und die erste Eingabe sei schon fast fertiggestellt. Sie sei sehr
-wichtig, weil der erste Eindruck, den die Verteidigung mache, oft die
-ganze Richtung des Verfahrens bestimme. Leider, darauf müsse er K.
-allerdings aufmerksam machen, geschehe es manchmal, daß die ersten
-Eingaben bei Gericht gar nicht gelesen würden. Man lege sie einfach zu
-den Akten und weise darauf hin, daß vorläufig die Einvernahme und
-Beobachtung des Angeklagten wichtiger sei, als alles Geschriebene. Man
-fügt, wenn der Petent dringlich wird, hinzu, daß man vor der
-Entscheidung, bis alles Material gesammelt ist, im Zusammenhang
-natürlich alle Akten, also auch diese erste Eingabe, überprüfen wird.
-Leider sei aber auch dies meistens nicht richtig, die erste Eingabe
-werde gewöhnlich verlegt oder gehe gänzlich verloren und, selbst wenn
-sie bis zum Ende erhalten bleibt, werde sie, wie der Advokat allerdings
-nur gerüchtweise erfahren hat, kaum gelesen. Das alles sei bedauerlich,
-aber nicht ganz ohne Berechtigung. K. möge doch nicht außer acht
-lassen, daß das Verfahren nicht öffentlich sei, es kann, wenn das
-Gericht es für nötig hält, öffentlich werden, das Gesetz aber schreibt
-Öffentlichkeit nicht vor. Infolgedessen sind auch die Schriften des
-Gerichts, vor allem die Anklageschrift dem Angeklagten und seiner
-Verteidigung unzugänglich, man weiß daher im allgemeinen nicht oder
-wenigstens nicht genau, wogegen sich die erste Eingabe zu richten hat,
-sie kann daher eigentlich nur zufälligerweise etwas enthalten, was für
-die Sache von Bedeutung ist. Wirklich zutreffende und beweisführende
-Eingaben kann man erst später ausarbeiten, wenn im Laufe der
-Einvernahmen des Angeklagten die einzelnen Anklagepunkte und ihre
-Begründung deutlicher hervortreten oder erraten werden können. Unter
-diesen Verhältnissen ist natürlich die Verteidigung in einer sehr
-ungünstigen und schwierigen Lage. Aber auch das ist beabsichtigt. Die
-Verteidigung ist nämlich durch das Gesetz nicht eigentlich gestattet,
-sondern nur geduldet und selbst darüber, ob aus der betreffenden
-Gesetzesstelle wenigstens Duldung herausgelesen werden soll, besteht
-Streit. Es gibt daher strenggenommen gar keine vom Gericht anerkannten
-Advokaten, alle, die vor diesem Gericht als Advokaten auftreten, sind
-im Grunde nur Winkeladvokaten. Das wirkt natürlich auf den ganzen Stand
-sehr entwürdigend ein und wenn K. nächstens einmal in die
-Gerichtskanzleien gehen werde, könne er sich ja, um auch das einmal
-gesehen zu haben, das Advokatenzimmer ansehn. Er werde vor der
-Gesellschaft, die dort beisammen sei, vermutlich erschrecken. Schon die
-ihnen zugewiesene enge niedrige Kammer zeige die Verachtung, die das
-Gericht für diese Leute hat. Licht bekommt die Kammer nur durch eine
-kleine Luke, die so hochgelegen ist, daß man, wenn man hinausschauen
-will, wo einem übrigens der Rauch eines knapp davor gelegenen Kamins in
-die Nase fährt und das Gesicht schwärzt, erst einen Kollegen suchen
-muß, der einen auf den Rücken nimmt. Im Fußboden dieser Kammer — um nur
-noch ein Beispiel für diese Zustände anzuführen — ist nun schon seit
-mehr als einem Jahr ein Loch, nicht so groß, daß ein Mensch durchfallen
-könnte, aber groß genug, daß man mit einem Bein ganz einsinkt. Das
-Advokatenzimmer liegt auf dem zweiten Dachboden; sinkt also einer ein,
-so hängt sein Bein in den ersten Dachboden hinunter und zwar gerade in
-den Gang, wo die Parteien warten. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn man
-in Advokatenkreisen solche Verhältnisse schändlich nennt. Beschwerden
-an die Verwaltung haben nicht den geringsten Erfolg, wohl aber ist es
-den Advokaten auf das strengste verboten, irgend etwas in dem Zimmer
-auf eigene Kosten ändern zu lassen. Aber auch diese Behandlung der
-Advokaten hat ihre Begründung. Man will die Verteidigung möglichst
-ausschalten, alles soll auf den Angeklagten selbst gestellt sein. Kein
-schlechter Standpunkt im Grunde, nichts wäre aber verfehlter, als
-daraus zu folgern, daß bei diesem Gericht die Advokaten für den
-Angeklagten unnötig sind. Im Gegenteil, bei keinem andern Gericht sind
-sie so notwendig wie bei diesem. Das Verfahren ist nämlich im
-allgemeinen nicht nur vor der Öffentlichkeit geheim, sondern auch vor
-dem Angeklagten. Natürlich nur soweit dies möglich ist, es ist aber in
-sehr weitem Ausmaß möglich. Auch der Angeklagte hat nämlich keinen
-Einblick in die Gerichtsschriften und aus den Verhören auf die ihnen
-zugrundeliegenden Schriften zu schließen, ist sehr schwierig,
-insbesondere aber für den Angeklagten, der doch befangen ist und alle
-möglichen Sorgen hat, die ihn zerstreuen. Hier greift nun die
-Verteidigung ein. Bei den Verhören dürfen im allgemeinen Verteidiger
-nicht anwesend sein, sie müssen daher nach den Verhören und zwar
-möglichst noch an der Tür des Untersuchungszimmers den Angeklagten über
-das Verhör ausforschen und diesen oft schon sehr verwischten Berichten
-das für die Verteidigung Taugliche entnehmen. Aber das Wichtigste ist
-dies nicht, denn viel kann man auf diese Weise nicht erfahren, wenn
-natürlich auch hier wie überall ein tüchtiger Mann mehr erfährt als
-andere. Das Wichtigste bleiben trotzdem die persönlichen Beziehungen
-des Advokaten, in ihnen liegt der Hauptwert der Verteidigung. Nun habe
-ja wohl K. schon aus seinen eigenen Erlebnissen entnommen, daß die
-allerunterste Organisation des Gerichtes nicht ganz vollkommen ist,
-pflichtvergessene und bestechliche Angestellte aufweist, wodurch
-gewissermaßen die strenge Abschließung des Gerichtes Lücken bekommt.
-Hier nun drängt sich die Mehrzahl der Advokaten ein, hier wird
-bestochen und ausgehorcht, ja es kamen wenigstens in früherer Zeit
-sogar Fälle von Aktendiebstählen vor. Es ist nicht zu leugnen, daß auf
-diese Weise für den Augenblick einige sogar überraschend günstige
-Resultate für den Angeklagten sich erzielen lassen, damit stolzieren
-auch diese kleinen Advokaten herum und locken neue Kundschaft an, aber
-für den weitern Fortgang des Prozesses bedeutet es entweder nichts oder
-nichts Gutes. Wirklichen Wert aber haben nur ehrliche persönliche
-Beziehungen und zwar mit höhern Beamten, womit natürlich nur höhere
-Beamten der untern Grade gemeint sind. Nur dadurch kann der Fortgang
-des Prozesses, wenn auch zunächst nur unmerklich, später aber immer
-deutlicher beeinflußt werden. Das können natürlich nur wenige Advokaten
-und hier sei die Wahl K.s sehr günstig gewesen. Nur noch vielleicht ein
-oder zwei Advokaten könnten sich mit ähnlichen Beziehungen ausweisen
-wie Dr. Huld. Diese kümmern sich allerdings um die Gesellschaft im
-Advokatenzimmer nicht und haben auch nichts mit ihr zu tun. Um so enger
-sei aber die Verbindung mit den Gerichtsbeamten. Es sei nicht einmal
-immer nötig, daß Dr. Huld zu Gericht gehe, in den Vorzimmern der
-Untersuchungsrichter auf ihr zufälliges Erscheinen warte, und je nach
-ihrer Laune einen meist nur scheinbaren Erfolg erziele oder auch nicht
-einmal diesen. Nein, K. habe es ja selbst gesehen, die Beamten und
-darunter recht hohe kommen selbst, geben bereitwillig Auskunft, offene
-oder wenigstens leicht deutbare, besprechen den nächsten Fortgang der
-Prozesse, ja sie lassen sich sogar in einzelnen Fällen überzeugen und
-nehmen die fremde Ansicht gern an. Allerdings dürfe man ihnen gerade in
-dieser letzten Hinsicht nicht allzusehr vertrauen, so bestimmt sie ihre
-neue, für die Verteidigung günstige Absicht, auch aussprechen, gehen
-sie doch vielleicht geradewegs in ihre Kanzlei und geben für den
-nächsten Tag einen Gerichtsbeschluß heraus, der gerade das
-Entgegengesetzte enthält und vielleicht für den Angeklagten noch viel
-strenger ist, als ihre erste Absicht, von der sie gänzlich abgekommen
-zu sein behaupteten. Dagegen könne man sich natürlich nicht wehren,
-denn das, was sie zwischen vier Augen gesagt haben, ist eben auch nur
-zwischen vier Augen gesagt und lasse keine öffentliche Folgerung zu,
-selbst wenn die Verteidigung nicht auch sonst bestrebt sein müßte, sich
-die Gunst der Herren zu erhalten. Andererseits sei es allerdings auch
-richtig, daß die Herren nicht etwa nur aus Menschenliebe oder aus
-freundschaftlichen Gefühlen sich mit der Verteidigung, natürlich nur
-mit einer sachverständigen Verteidigung, in Verbindung setzen, sie sind
-vielmehr in gewisser Hinsicht auch auf sie angewiesen. Hier mache sich
-eben der Nachteil einer Gerichtsorganisation geltend, die selbst in
-ihren Anfängen den geheimen Bericht festsetzt. Den Beamten fehlt der
-Zusammenhang mit der Bevölkerung, für die gewöhnlichen mittleren
-Prozesse sind sie gut ausgerüstet, ein solcher Prozeß rollt fast von
-selbst auf seiner Bahn ab und braucht nur hier und da einen Anstoß,
-gegenüber den ganz einfachen Fällen aber, wie auch gegenüber den
-besonders schwierigen, sind sie oft ratlos, sie haben, weil sie
-fortwährend Tag und Nacht in ihr Gesetz eingezwängt sind, nicht den
-richtigen Sinn für menschliche Beziehungen und das entbehren sie in
-solchen Fällen schwer. Dann kommen sie zum Advokaten um Rat und hinter
-ihnen trägt ein Diener die Akten, die sonst so geheim sind. An diesem
-Fenster hätte man manche Herren, von denen man es am wenigsten erwarten
-würde, antreffen können wie sie geradezu trostlos auf die Gasse
-hinaussahen, während der Advokat an seinem Tisch die Akten studierte,
-um ihnen einen guten Rat geben zu können. Übrigens könne man gerade bei
-solchen Gelegenheiten sehn, wie ungemein ernst die Herren ihren Beruf
-nehmen und wie sie über Hindernisse, die sie ihrer Natur nach nicht
-bewältigen können, in große Verzweiflung geraten. Ihre Stellung sei
-auch sonst nicht leicht und man dürfe ihnen nicht Unrecht tun und ihre
-Stellung nicht für leicht ansehn. Die Rangordnung und die Steigerung
-des Gerichtes sei unendlich und selbst für den Eingeweihten nicht
-absehbar. Das Verfahren vor den Gerichtshöfen sei aber im allgemeinen
-auch für die untern Beamten geheim, sie können daher die
-Angelegenheiten, die sie bearbeiten, in ihrem fernern Weitergang kaum
-jemals vollständig verfolgen, die Gerichtssache erscheint also in ihrem
-Gerichtskreis, ohne daß sie oft wissen, woher sie kommt, und sie geht
-weiter, ohne daß sie erfahren, wohin. Die Belehrung also, die man aus
-dem Studium der einzelnen Prozeßstadien, der schließlichen Entscheidung
-und ihrer Gründe schöpfen kann, entgeht diesen Beamten. Sie dürfen sich
-nur mit jenem Teil des Prozesses befassen, der vom Gesetz für sie
-abgegrenzt ist und wissen von dem Weitern, also von den Ergebnissen
-ihrer eigenen Arbeit meist weniger als die Verteidigung, die doch in
-der Regel fast bis zum Schluß des Prozesses mit dem Angeklagten in
-Verbindung bleibt. Auch in dieser Richtung also können sie von der
-Verteidigung manches Wertvolle erfahren. Wundere sich K. noch, wenn er
-alles dieses im Auge behalte über die Gereiztheit der Beamten, die sich
-manchmal den Parteien gegenüber in — jeder mache diese Erfahrung —
-beleidigenderweise äußert. Alle Beamten seien gereizt, selbst wenn sie
-ruhig scheinen. Natürlich haben kleine Advokaten besonders viel
-darunter zu leiden. Man erzählt z. B. folgende Geschichte, die sehr den
-Anschein der Wahrheit hat. Ein alter Beamter, ein guter stiller Herr,
-hatte eine schwierige Gerichtssache, welche besonders durch die
-Eingaben des Advokaten verwickelt worden war, einen Tag und eine Nacht
-ununterbrochen studiert — diese Beamten sind tatsächlich fleißig, wie
-niemand sonst. Gegen Morgen nun, nach 24stündiger, wahrscheinlich nicht
-sehr ergiebiger Arbeit ging er zur Eingangstür, stellte sich dort in
-Hinterhalt und warf jeden Advokaten der eintreten wollte, die Treppe
-hinunter. Die Advokaten sammelten sich unten auf dem Treppenabsatz und
-berieten, was sie tun sollten; einerseits haben sie keinen eigentlichen
-Anspruch darauf, eingelassen zu werden, können daher rechtlich gegen
-den Beamten kaum etwas unternehmen und müssen sich, wie schon erwähnt,
-auch hüten, die Beamtenschaft gegen sich aufzubringen. Andererseits
-aber ist jeder nicht bei Gericht verbrachte Tag für sie verloren und es
-lag ihnen also viel daran einzudringen. Schließlich einigten sie sich
-darauf, daß sie den alten Herren ermüden wollten. Immer wieder wurde
-ein Advokat ausgeschickt, der die Treppe hinauflief und sich dann unter
-möglichstem, allerdings passivem Widerstand hinunterwerfen ließ, wo er
-dann von den Kollegen aufgefangen wurde. Das dauerte etwa eine Stunde,
-dann wurde der alte Herr, er war ja auch von der Nachtarbeit schon
-erschöpft, wirklich müde und ging in seine Kanzlei zurück. Die unten
-wollten es erst gar nicht glauben und schickten zuerst einen aus, der
-hinter der Tür nachsehen sollte, ob dort wirklich leer war. Dann erst
-zogen sie ein und wagten wahrscheinlich nicht einmal zu murren. Denn
-den Advokaten — und selbst der kleinste kann doch die Verhältnisse
-wenigstens zum Teil übersehn — liegt es vollständig ferne, bei Gericht
-irgendwelche Verbesserungen einführen oder durchsetzen zu wollen,
-während — und dies ist sehr bezeichnend — fast jeder Angeklagte, selbst
-ganz einfältige Leute, gleich beim allerersten Eintritt in den Prozeß
-an Verbesserungsvorschläge zu denken anfängt und damit oft Zeit und
-Kraft verschwendet, die anders viel besser verwendet werden könnten.
-Das einzig Richtige sei es, sich mit den vorhandenen Verhältnissen
-abzufinden. Selbst wenn es möglich wäre, Einzelheiten zu verbessern —
-es ist aber ein unsinniger Aberglaube — hätte man bestenfalls für
-künftige Fälle etwas erreicht, sich selbst aber unermeßlich dadurch
-geschadet, daß man die besondere Aufmerksamkeit der immer rachsüchtigen
-Beamtenschaft erregt hat. Nur keine Aufmerksamkeit erregen! Sich ruhig
-verhalten, selbst wenn es einem noch so sehr gegen den Sinn geht!
-Einzusehen versuchen, daß dieser große Gerichtsorganismus gewissermaßen
-ewig in Schwebe bleibt und daß man zwar, wenn man auf seinem Platz
-selbständig etwas ändert, den Boden unter den Füßen sich wegnimmt und
-selbst abstürzen kann, während der große Organismus sich selbst für die
-kleine Störung leicht an einer andern Stelle — alles ist doch in
-Verbindung — Ersatz schafft und unverändert bleibt, wenn er nicht etwa,
-was sogar wahrscheinlich ist, noch geschlossener, noch aufmerksamer,
-noch strenger, noch böser wird. Man überlasse doch die Arbeit dem
-Advokaten, statt sie zu stören. Vorwürfe nützen ja nicht viel,
-besonders wenn man ihre Ursache in ihrer ganzen Bedeutung nicht
-begreiflich machen kann, aber gesagt müsse es doch werden, wie viel K.
-seiner Sache durch das Verhalten gegenüber dem Kanzleidirektor
-geschadet habe. Dieser einflußreiche Mann sei aus der Liste jener, bei
-denen man für K. etwas unternehmen könne, schon fast zu streichen.
-Selbst flüchtige Erwähnungen des Prozesses überhöre er mit deutlicher
-Absicht. In manchem seien ja die Beamten wie Kinder. Oft können sie
-durch Harmlosigkeiten, unter die allerdings K.s Verhalten leider nicht
-gehörte, derartig verletzt werden, daß sie selbst mit guten Freunden zu
-reden aufhören, sich von ihnen abwenden, wenn sie ihnen begegnen, und
-ihnen in allem möglichen entgegenarbeiten. Dann aber einmal,
-überraschenderweise, ohne besondern Grund lassen sie sich durch einen
-kleinen Scherz, den man nur deshalb wagt, weil alles aussichtslos
-scheint, zum Lachen bringen und sind versöhnt. Es sei eben gleichzeitig
-schwer und leicht, sich mit ihnen zu verhalten, Grundsätze dafür gibt
-es kaum. Manchmal sei es zum Verwundern, daß ein einziges
-Durchschnittsleben dafür hinreiche, um soviel zu erfassen, daß man hier
-mit einigem Erfolg arbeiten könne. Es kommen allerdings trübe Stunden,
-wie sie ja jeder hat, wo man glaubt, nicht das geringste erzielt zu
-haben, wo es einem scheint, als hätten nur die von Anfang an für einen
-guten Ausgang bestimmten Prozesse ein gutes Ende genommen, wie es auch
-ohne Mithilfe geschehen wäre, während alle andern verlorengegangen
-sind, trotz alles Nebenherlaufens, aller Mühe, aller kleinen
-scheinbaren Erfolge, über die man solche Freude hatte. Dann scheint
-einem allerdings nichts mehr sicher und man würde auf bestimmte Fragen
-hin nicht einmal zu leugnen wagen, daß man ihrem Wesen nach gut
-verlaufende Prozesse gerade durch die Mithilfe auf Abwege gebracht hat.
-Auch das ist ja eine Art Selbstvertrauen, aber es ist das einzige, das
-dann übrigbleibt. Solchen Anfällen — es sind natürlich nur Anfälle,
-nichts weiter — sind Advokaten besonders dann ausgesetzt, wenn ihnen
-ein Prozeß, den sie weit genug und zufriedenstellend geführt haben,
-plötzlich aus der Hand genommen wird. Das ist wohl das Ärgste, was
-einem Advokaten geschehen kann. Nicht etwa durch den Angeklagten wird
-ihnen der Prozeß entzogen, das geschieht wohl niemals, ein Angeklagter,
-der einmal einen bestimmten Advokaten genommen hat, muß bei ihm
-bleiben, geschehe was immer. Wie könnte er sich überhaupt, wenn er
-einmal Hilfe in Anspruch genommen hat, allein noch erhalten. Das
-geschieht also nicht, wohl aber geschieht es manchmal, daß der Prozeß
-eine Richtung nimmt, wo der Advokat nicht mehr mitkommen darf. Der
-Prozeß und der Angeklagte und alles wird dem Advokaten einfach
-entzogen; dann können auch die besten Beziehungen zu den Beamten nicht
-mehr helfen, denn sie selbst wissen nichts. Der Prozeß ist eben in ein
-Stadium getreten, wo keine Hilfe mehr geleistet werden darf, wo ihn
-unzugängliche Gerichtshöfe bearbeiten, wo auch der Angeklagte für den
-Advokaten nicht mehr erreichbar ist. Man kommt dann eines Tages nach
-Hause und findet auf seinem Tisch alle die vielen Eingaben, die man mit
-allem Fleiß und mit den schönsten Hoffnungen in dieser Sache gemacht
-hat, sie sind zurückgestellt worden, da sie in das neue Prozeßstadium
-nicht übertragen werden dürfen, es sind wertlose Fetzen. Dabei muß der
-Prozeß noch nicht verloren sein, durchaus nicht, wenigstens liegt kein
-entscheidender Grund für diese Annahme vor, man weiß bloß nichts mehr
-von dem Prozeß und wird auch nichts mehr von ihm erfahren. Nun sind ja
-solche Fälle glücklicherweise Ausnahmen, und selbst wenn K.s Prozeß ein
-solcher Fall sein sollte, sei er doch vorläufig noch weit von einem
-solchen Stadium entfernt. Hier sei aber noch reichliche Gelegenheit für
-Advokatenarbeit gegeben, und daß sie ausgenutzt werde, dessen dürfe K.
-sicher sein. Die Eingabe sei, wie erwähnt, noch nicht überreicht, das
-eile aber auch nicht, viel wichtiger seien die einleitenden
-Besprechungen mit maßgebenden Beamten und die hätten schon
-stattgefunden. Mit verschiedenem Erfolg, wie offen zugestanden werden
-soll. Es sei viel besser, vorläufig Einzelheiten nicht zu verraten,
-durch die K. nur ungünstig beeinflußt und allzu hoffnungsfreudig oder
-allzu ängstlich gemacht werden könnte, nur soviel sei gesagt, daß sich
-einzelne sehr günstig ausgesprochen und sich auch sehr bereitwillig
-gezeigt haben, während andere sich weniger günstig geäußert, aber doch
-ihre Mithilfe keineswegs verweigert haben. Das Ergebnis sei also im
-ganzen sehr erfreulich, nur dürfe man daraus keine besondern Schlüsse
-ziehen, da alle Vorverhandlungen ähnlich beginnen und durchaus erst die
-weitere Entwicklung den Wert dieser Vorverhandlungen zeigt. Jedenfalls
-sei noch nichts verloren und wenn es noch gelingen sollte, den
-Kanzleidirektor trotz allem zu gewinnen — es sei schon verschiedenes zu
-diesem Zwecke eingeleitet — dann sei das Ganze —, wie die Chirurgen
-sagen, eine reine Wunde und man könne getrost das Folgende erwarten.
-
-In solchen und ähnlichen Reden war der Advokat unerschöpflich. Sie
-wiederholten sich bei jedem Besuch. Immer gab es Fortschritte, niemals
-aber konnte die Art dieser Fortschritte mitgeteilt werden. Immerfort
-wurde an der ersten Eingabe gearbeitet, aber sie wurde nicht fertig,
-was sich meistens beim nächsten Besuch als gewisser Vorteil
-herausstellte, da die letzte Zeit, was man nicht hatte voraussehen
-können, für die Übergabe sehr ungünstig gewesen wäre. Bemerkte K.
-manchmal, ganz ermattet von den Reden, daß es doch selbst unter
-Berücksichtigung aller Schwierigkeiten, sehr langsam vorwärtsgehe,
-wurde ihm entgegnet, es gehe gar nicht langsam vorwärts, wohl aber wäre
-man schon viel weiter, wenn K. sich rechtzeitig an den Advokaten
-gewendet hätte. Das hatte er aber leider versäumt und diese Versäumnis
-werde auch noch weitere Nachteile bringen, nicht nur zeitliche.
-
-Die einzige wohltätige Unterbrechung dieser Besuche war Leni, die es
-immer so einzurichten wußte, daß sie dem Advokaten in Anwesenheit K.s
-den Tee brachte. Dann stand sie hinter K., sah scheinbar zu, wie der
-Advokat mit einer Art Gier tief zur Tasse herabgebeugt den Tee eingoß
-und trank, und ließ im Geheimen ihre Hand von K. erfassen. Es herrschte
-völliges Schweigen. Der Advokat trank, K. drückte Lenis Hand und Leni
-wagte es manchmal K.s Haare sanft zu streicheln. „Du bist noch hier?“
-fragte der Advokat, nachdem er fertig war. „Ich wollte das Geschirr
-wegnehmen“, sagte Leni, es gab noch einen letzten Händedruck, der
-Advokat wischte sich den Mund und begann mit neuer Kraft auf K.
-einzureden.
-
-War es Trost oder Verzweiflung, was der Advokat erreichen wollte? K.
-wußte es nicht, wohl aber hielt er es bald für feststehend, daß seine
-Verteidigung nicht in guten Händen war. Es mochte ja alles richtig
-sein, was der Advokat erzählte, wenn es auch durchsichtig war, daß er
-sich möglichst in den Vordergrund stellen wollte und wahrscheinlich
-noch niemals einen so großen Prozeß geführt hatte, wie es K.s Prozeß
-seiner Meinung nach war. Verdächtig aber blieben die unaufhörlich
-hervorgehobenen persönlichen Beziehungen zu den Beamten. Mußten sie
-denn ausschließlich zu K.s Nutzen ausgebeutet werden? Der Advokat
-vergaß nie zu bemerken, daß es sich nur um niedrige Beamte handelte,
-also um Beamte in sehr abhängiger Stellung, für deren Fortkommen
-gewisse Wendungen der Prozesse wahrscheinlich von Bedeutung sein
-konnten. Benutzten sie vielleicht den Advokaten dazu, um solche für den
-Angeklagten natürlich immer ungünstige Wendungen zu erzielen?
-Vielleicht taten sie das nicht in jedem Prozeß, gewiß, das war nicht
-wahrscheinlich, es gab dann wohl wieder Prozesse, in deren Verlauf sie
-dem Advokaten für seine Dienste Vorteile einräumten, denn es mußte
-ihnen ja auch daran gelegen sein, seinen Ruf ungeschädigt zu erhalten.
-Verhielt es sich aber wirklich so, in welcher Weise würden sie bei K.s
-Prozeß eingreifen, der, wie der Advokat erklärte, ein sehr schwieriger,
-also wichtiger Prozeß war und gleich anfangs bei Gericht große
-Aufmerksamkeit erregt hatte? Es konnte nicht sehr zweifelhaft sein, was
-sie tun würden. Anzeichen dessen konnte man ja schon darin sehn, daß
-die erste Eingabe noch immer nicht überreicht war, trotzdem der Prozeß
-schon Monate dauerte und daß sich alles den Angaben des Advokaten nach
-in den Anfängen befand, was natürlich sehr geeignet war, den
-Angeklagten einzuschläfern und hilflos zu erhalten, um ihn dann
-plötzlich mit der Entscheidung zu überfallen oder wenigstens mit der
-Bekanntmachung, daß die zu seinen Ungunsten abgeschlossene Untersuchung
-an die höhern Behörden weitergegeben werde.
-
-Es war unbedingt nötig, daß K. selbst eingriff. Gerade in Zuständen
-großer Müdigkeit, wie an diesem Wintervormittag, wo ihm alles willenlos
-durch den Kopf zog, war diese Überzeugung unabweisbar. Die Verachtung,
-die er früher für den Prozeß gehabt hatte, galt nicht mehr. Wäre er
-allein in der Welt gewesen, hätte er den Prozeß leicht mißachten
-können, wenn es allerdings auch sicher war, daß dann der Prozeß
-überhaupt nicht entstanden wäre. Jetzt aber hatte ihn der Onkel schon
-zum Advokaten gezogen, Familienrücksichten sprachen mit; seine Stellung
-war nicht mehr vollständig unabhängig von dem Verlauf des Prozesses, er
-selbst hatte unvorsichtigerweise mit einer gewissen unerklärlichen
-Genugtuung vor Bekannten den Prozeß erwähnt, andere hatten auf
-unbekannte Weise davon erfahren, das Verhältnis zu Fräulein Bürstner
-schien entsprechend dem Prozeß zu schwanken — kurz, er hatte kaum mehr
-die Wahl, den Prozeß anzunehmen oder abzulehnen, er stand mitten darin
-und mußte sich wehren. War er müde, dann war es schlimm.
-
-Zu übertriebener Sorge war allerdings vorläufig kein Grund. Er hatte es
-verstanden, sich in der Bank in verhältnismäßig kurzer Zeit zu seiner
-hohen Stellung emporzuarbeiten und sich von allen anerkannt in dieser
-Stellung zu erhalten, er mußte jetzt nur diese Fähigkeiten, die ihm das
-ermöglicht hatten, ein wenig dem Prozeß zuwenden und es war kein
-Zweifel, daß es gut ausgehn müßte. Vor allem war es, wenn etwas
-erreicht werden sollte, notwendig, jeden Gedanken an eine mögliche
-Schuld von vornherein abzulehnen. Es gab keine Schuld. Der Prozeß war
-nichts anderes als ein großes Geschäft, wie er es schon oft mit Vorteil
-für die Bank abgeschlossen hatte, ein Geschäft, innerhalb dessen, wie
-das die Regel war, verschiedene Gefahren lauerten, die eben abgewehrt
-werden mußten. Zu diesem Zwecke durfte man allerdings nicht mit
-Gedanken an irgendeine Schuld spielen, sondern den Gedanken an den
-eigenen Vorteil möglichst festhalten. Von diesem Gesichtspunkt aus war
-es auch unvermeidlich, dem Advokaten die Vertretung sehr bald, am
-besten noch an diesem Abend, zu entziehen. Es war zwar nach seinen
-Erzählungen etwas Unerhörtes und wahrscheinlich sehr Beleidigendes,
-aber K. konnte nicht dulden, daß seinen Anstrengungen in dem Prozeß
-Hindernisse begegneten, die vielleicht von seinem eigenen Advokaten
-veranlaßt waren. War aber einmal der Advokat abgeschüttelt, dann mußte
-die Eingabe sofort überreicht und womöglich jeden Tag darauf gedrängt
-werden, daß man sie berücksichtige. Zu diesem Zwecke würde es natürlich
-nicht genügen, daß K. wie die andern im Gang saß und den Hut unter die
-Bank stellte. Er selbst oder die Frauen oder andere Boten mußten Tag
-für Tag die Beamten überlaufen und sie zwingen, statt durch das Gitter
-auf den Gang zu schauen, sich zu ihrem Tisch zu setzen und K.s Eingabe
-zu studieren. Von diesen Anstrengungen dürfte man nicht ablassen, alles
-müßte organisiert und überwacht werden, das Gericht sollte einmal auf
-einen Angeklagten stoßen, der sein Recht zu wahren verstand.
-
-Wenn sich aber auch K. dies alles durchzuführen getraute, die
-Schwierigkeit der Abfassung der Eingabe war überwältigend. Früher, etwa
-noch vor einer Woche, hatte er nur mit einem Gefühl der Scham daran
-denken können, daß er einmal genötigt sein könnte, eine solche Eingabe
-selbst zu machen; daß dies auch schwierig sein konnte, daran hatte er
-gar nicht gedacht. Er erinnerte sich, wie er einmal an einem Vormittag,
-als er gerade mit Arbeit überhäuft war, plötzlich alles zur Seite
-geschoben und den Schreibblock vorgenommen hatte, um versuchsweise den
-Gedankengang einer derartigen Eingabe zu entwerfen und ihn vielleicht
-dem schwerfälligen Advokaten zur Verfügung zu stellen und wie gerade in
-diesem Augenblick die Tür des Direktionszimmers sich öffnete und der
-Direktor-Stellvertreter mit großem Gelächter eintrat. Es war für K.
-damals sehr peinlich gewesen, trotzdem der Direktor-Stellvertreter
-natürlich nicht über die Eingabe gelacht hatte, von der er nichts
-wußte, sondern über einen Börsenwitz, den er eben gehört hatte, einen
-Witz, der zum Verständnis eine Zeichnung erforderte, die nun der
-Direktor-Stellvertreter über K.s Tisch gebeugt mit K.s Bleistift, den
-er ihm aus der Hand nahm, auf dem Schreibblock ausführte, der für die
-Eingabe bestimmt gewesen war.
-
-Heute wußte K. nichts mehr von Scham, die Eingabe mußte gemacht werden.
-Wenn er im Bureau keine Zeit für sie fand, was sehr wahrscheinlich war,
-dann mußte er sie zu Hause in den Nächten machen. Würden auch die
-Nächte nicht genügen, dann mußte er einen Urlaub nehmen. Nur nicht auf
-halbem Wege stehnbleiben, das war nicht nur in Geschäften, sondern
-immer und überall das Unsinnigste. Die Eingabe bedeutete freilich eine
-fast endlose Arbeit. Man mußte keinen sehr ängstlichen Charakter haben
-und konnte doch leicht zu dem Glauben kommen, daß es unmöglich war, die
-Eingabe jemals fertigzustellen. Nicht aus Faulheit oder Hinterlist, die
-den Advokaten allein an der Fertigstellung hindern konnten, sondern
-weil in Unkenntnis der vorhandenen Anklage und gar ihrer möglichen
-Erweiterungen das ganze Leben in den kleinsten Handlungen und
-Ereignissen in die Erinnerung zurückgebracht, dargestellt und von allen
-Seiten überprüft werden mußte. Und wie traurig war eine solche Arbeit
-überdies. Sie war vielleicht geeignet, einmal nach der Pensionierung
-den kindisch gewordenen Geist zu beschäftigen und ihm zu helfen, die
-langen Tage hinzubringen. Aber jetzt, wo K. alle Gedanken zu seiner
-Arbeit brauchte, wo jede Stunde, da er noch im Aufstieg war und schon
-für den Direktor-Stellvertreter eine Drohung bedeutete, mit größter
-Schnelligkeit verging und wo er die kurzen Abende und Nächte als junger
-Mensch genießen wollte, jetzt sollte er mit der Verfassung dieser
-Eingabe beginnen. Wieder ging sein Denken in Klagen aus. Fast
-unwillkürlich, nur um dem ein Ende zu machen, tastete er mit dem Finger
-nach dem Knopf der elektrischen Glocke, die ins Vorzimmer führte.
-Während er ihn niederdrückte, blickte er zur Uhr auf. Es war 11 Uhr,
-zwei Stunden, eine lange kostbare Zeit hatte er verträumt und war
-natürlich noch matter als vorher. Immerhin war die Zeit nicht verloren,
-er hatte Entschlüsse gefaßt, die wertvoll sein konnten. Die Diener
-brachten außer verschiedener Post zwei Visitenkarten von Herren, die
-schon längere Zeit auf K. warteten. Es waren gerade sehr wichtige
-Kundschaften der Bank, die man eigentlich auf keinen Fall hätte warten
-lassen sollen. Warum kamen sie zu so ungelegener Zeit? — und warum, so
-schienen wieder die Herren hinter der geschlossenen Tür zu fragen,
-verwendete der fleißige K. für Privatangelegenheiten die beste
-Geschäftszeit? Müde von dem Vorhergegangenen und müde das Folgende
-erwartend, stand K. auf, um den ersten zu empfangen.
-
-Es war ein kleiner munterer Herr, ein Fabrikant, den K. gut kannte. Er
-bedauerte, K. in wichtiger Arbeit gestört zu haben und K. bedauerte
-seinerseits, daß er den Fabrikanten so lange hatte warten lassen. Schon
-dieses Bedauern aber sprach er in derartig mechanischer Weise und mit
-fast falscher Betonung aus, daß der Fabrikant, wenn er nicht ganz von
-der Geschäftssache eingenommen gewesen wäre, es hätte bemerken müssen.
-Statt dessen zog er eilig Rechnungen und Tabellen aus allen Taschen,
-breitete sie vor K. aus, erklärte verschiedene Posten, verbesserte
-einen kleinen Rechenfehler, der ihm sogar bei diesem flüchtigen
-Überblick aufgefallen war, erinnerte K. an ein ähnliches Geschäft, das
-er mit ihm vor etwa einem Jahr abgeschlossen hatte, erwähnte nebenbei,
-daß sich diesmal eine andere Bank unter größten Opfern um das Geschäft
-bewerbe und verstummte schließlich, um nun K.s Meinung zu erfahren. K.
-hatte auch tatsächlich im Anfang die Rede des Fabrikanten gut verfolgt,
-der Gedanke an das wichtige Geschäft hatte dann auch ihn ergriffen, nur
-leider nicht für die Dauer, er war bald vom Zuhören abgekommen, hatte
-dann noch ein Weilchen zu den lauteren Ausrufen des Fabrikanten mit dem
-Kopf genickt, hatte aber schließlich auch das unterlassen und sich
-darauf eingeschränkt, den kahlen, auf die Papiere hinabgebeugten Kopf
-anzusehn und sich zu fragen, wann der Fabrikant endlich erkennen werde,
-daß seine ganze Rede nutzlos sei. Als er nun verstummte, glaubte K.
-zuerst wirklich, es geschehe dies deshalb, um ihm Gelegenheit zu dem
-Eingeständnis zu geben, daß er nicht fähig sei, zuzuhören. Nur mit
-Bedauern merkte er aber an dem gespannten Blick des offenbar auf alle
-Entgegnungen gefaßten Fabrikanten, daß die geschäftliche Besprechung
-fortgesetzt werden müsse. Er neigte also den Kopf wie vor einem Befehl
-und begann mit dem Bleistift langsam über den Papieren hin- und
-herzufahren, hie und da hielt er inne und starrte eine Ziffer an. Der
-Fabrikant vermutete Einwände, vielleicht waren die Ziffern wirklich
-nicht feststehend, vielleicht waren sie nicht das Entscheidende,
-jedenfalls bedeckte der Fabrikant die Papiere mit der Hand und begann
-von neuem, ganz nahe an K. heranrückend, eine allgemeine Darstellung
-des Geschäftes. „Es ist schwierig,“ sagte K., rümpfte die Lippen und
-sank, da die Papiere, das einzig Faßbare, verdeckt waren, haltlos gegen
-die Seitenlehne. Er blickte sogar nur schwach auf, als sich die Tür des
-Direktionszimmers öffnete und dort nicht ganz deutlich, etwa wie hinter
-einem Gazeschleier, der Direktor-Stellvertreter erschien. K. dachte
-nicht weiter darüber nach, sondern verfolgte nur die unmittelbare
-Wirkung, die für ihn sehr erfreulich war. Denn sofort hüpfte der
-Fabrikant vom Sessel auf und eilte dem Direktor-Stellvertreter
-entgegen, K. aber hätte ihn noch zehnmal flinker machen sollen, denn er
-fürchtete, der Direktor-Stellvertreter könnte wieder verschwinden. Es
-war unnütze Furcht, die Herren trafen sich, reichten einander die Hände
-und gingen gemeinsam auf K.s Schreibtisch zu. Der Fabrikant beklagte
-sich, daß er beim Prokuristen so wenig Neigung für das Geschäft
-gefunden habe und zeigte auf K., der sich unter dem Blick des
-Direktor-Stellvertreters wieder über die Papiere beugte. Als dann die
-zwei sich an den Schreibtisch lehnten und der Fabrikant sich daran
-machte, den Direktor-Stellvertreter für sich zu erobern, war es K., als
-werde über seinem Kopf von zwei Männern, deren Größe er sich
-übertrieben vorstellte, über ihn selbst verhandelt. Langsam suchte er
-mit vorsichtig aufwärts gedrehten Augen zu erfahren, was sich oben
-ereignete, nahm vom Schreibtisch ohne hinzusehn eines der Papiere,
-legte es auf die flache Hand und hob es allmählich, während er selbst
-aufstand, zu den Herren hinauf. Er dachte hiebei an nichts Bestimmtes,
-sondern handelte nur in dem Gefühl, daß er sich so verhalten müßte,
-wenn er einmal die große Eingabe fertiggestellt hätte, die ihn gänzlich
-entlasten sollte. Der Direktor-Stellvertreter, der sich an dem Gespräch
-mit aller Aufmerksamkeit beteiligte, sah nur flüchtig auf das Papier,
-überlas gar nicht, was dort stand, denn was dem Prokuristen wichtig
-war, war ihm unwichtig, nahm es aus K.s Hand, sagte „danke, ich weiß
-schon alles“ und legte es ruhig wieder auf den Tisch zurück. K. sah ihn
-verbittert von der Seite an. Der Direktor-Stellvertreter aber merkte es
-gar nicht oder wurde, wenn er es merkte, dadurch nur aufgemuntert,
-lachte öfters laut auf, brachte einmal durch eine schlagfertige
-Entgegnung den Fabrikanten in deutliche Verlegenheit, aus der er ihn
-aber sofort riß, indem er sich selbst einen Einwand machte, und lud ihn
-schließlich ein, in sein Bureau hinüberzukommen, wo sie die
-Angelegenheit zu Ende führen könnten. „Es ist eine sehr wichtige
-Sache,“ sagte er zum Fabrikanten, „ich sehe das vollständig ein. Und
-dem Herrn Prokuristen“ — selbst bei dieser Bemerkung redete er
-eigentlich nur zum Fabrikanten — „wird es gewiß lieb sein, wenn wir es
-ihm abnehmen. Die Sache verlangt ruhige Überlegung. Er aber scheint
-heute sehr überlastet zu sein, auch warten ja einige Leute im Vorzimmer
-schon stundenlang auf ihn.“ K. hatte gerade noch genügend Fassung, sich
-vom Direktor-Stellvertreter wegzudrehn und sein freundliches, aber
-starres Lächeln nur dem Fabrikanten zuzuwenden, sonst griff er gar
-nicht ein, stützte sich ein wenig vorgebeugt mit beiden Händen auf den
-Schreibtisch wie ein Kommis hinter dem Pult und sah zu, wie die zwei
-Herren unter weiteren Reden die Papiere vom Tisch nahmen und im
-Direktionszimmer verschwanden. In der Tür drehte sich der Fabrikant
-noch um, sagte, er verabschiede sich noch nicht, sondern werde
-natürlich dem Herrn Prokuristen über den Erfolg der Besprechung
-berichten, auch habe er ihm noch eine andere kleine Mitteilung zu
-machen.
-
-Endlich war K. allein. Er dachte gar nicht daran, irgendeine andere
-Partei vorzulassen, und nur undeutlich kam ihm zu Bewußtsein, wie
-angenehm es sei, daß die Leute draußen in dem Glauben waren, er
-verhandle noch mit dem Fabrikanten und es könne aus diesem Grunde
-niemand, nicht einmal der Diener, bei ihm eintreten. Er ging zum
-Fenster, setzte sich auf die Brüstung, hielt sich mit einer Hand an der
-Klinke fest und sah auf den Platz hinaus. Der Schnee fiel noch immer,
-es hatte sich noch gar nicht aufgehellt.
-
-Lange saß er so, ohne zu wissen, was ihm eigentlich Sorgen machte, nur
-von Zeit zu Zeit blickte er ein wenig erschreckt über die Schulter
-hinweg zur Vorzimmertür, wo er irrtümlicherweise ein Geräusch zu hören
-geglaubt hatte. Da aber niemand kam, wurde er ruhiger, ging zum
-Waschtisch, wusch sich mit kaltem Wasser und kehrte mit freierem Kopf
-zu seinem Fensterplatz zurück. Der Entschluß, seine Verteidigung selbst
-in die Hand zu nehmen, stellte sich ihm nun schwerwiegender dar, als er
-ursprünglich angenommen hatte. Solange er die Verteidigung auf den
-Advokaten überwälzt hatte, war er doch noch vom Prozeß im Grunde wenig
-betroffen gewesen, er hatte ihn von der Ferne beobachtet und hatte
-unmittelbar von ihm kaum erreicht werden können, er hatte nachsehn
-können, wann er wollte, wie seine Sache stand, aber er hatte auch den
-Kopf wieder zurückziehn können, wann er wollte. Jetzt hingegen, wenn er
-seine Verteidigung selbst führen würde, mußte er sich wenigstens für
-den Augenblick ganz und gar dem Gericht aussetzen, der Erfolg dessen
-sollte ja für später seine vollständige und endgültige Befreiung sein,
-aber um diese zu erreichen, mußte er sich vorläufig jedenfalls in viel
-größere Gefahr begeben als bisher. Hätte er daran zweifeln wollen, so
-hätte ihn das heutige Beisammensein mit dem Direktor-Stellvertreter und
-dem Fabrikanten hinreichend vom Gegenteil überzeugen können. Wie war er
-doch dagesessen, schon vom bloßen Entschluß, sich selbst zu
-verteidigen, gänzlich benommen? Wie sollte es aber später werden? Was
-für Tage standen ihm bevor! Würde er den Weg finden, der durch alles
-hindurch zum guten Ende führte? Bedeutete nicht eine sorgfältige
-Verteidigung — und alles andere war sinnlos — bedeutete nicht eine
-sorgfältige Verteidigung gleichzeitig die Notwendigkeit, sich von allem
-andern möglichst abzuschließen? Würde er das glücklich überstehn? Und
-wie sollte ihm die Durchführung in der Bank gelingen? Es handelte sich
-ja nicht nur um die Eingabe, für die ein Urlaub vielleicht genügt
-hätte, trotzdem die Bitte um einen Urlaub gerade jetzt ein großes
-Wagnis gewesen wäre, es handelte sich doch um einen ganzen Prozeß,
-dessen Dauer unabsehbar war. Was für ein Hindernis war plötzlich in K.s
-Laufbahn geworfen worden!
-
-Und jetzt sollte er für die Bank arbeiten? — Er sah auf den
-Schreibtisch hin. — Jetzt sollte er Parteien vorlassen und mit ihnen
-verhandeln? Während sein Prozeß weiterrollte, während oben auf dem
-Dachboden die Gerichtsbeamten über den Schriften dieses Prozesses
-saßen, sollte er die Geschäfte der Bank besorgen? Sah es nicht aus wie
-eine Folter, die, vom Gericht anerkannt, mit dem Prozeß zusammenhing
-und ihn begleitete? Und würde man etwa in der Bank bei der Beurteilung
-seiner Arbeit seine besondere Lage berücksichtigen? Niemand und
-niemals. Ganz unbekannt war ja sein Prozeß nicht, wenn es auch noch
-nicht ganz klar war, wer davon wußte und wie viel. Bis zum
-Direktor-Stellvertreter aber war das Gerücht hoffentlich noch nicht
-gedrungen, sonst hätte man schon deutlich sehen müssen, wie er es ohne
-jede Kollegialität und Menschlichkeit gegen K. ausnützen würde. Und der
-Direktor? Gewiß, er war K. gut gesinnt und er hätte wahrscheinlich,
-sobald er vom Prozeß erfahren hätte, soweit es an ihm lag, manche
-Erleichterungen für K. schaffen wollen, aber er wäre damit gewiß nicht
-durchgedrungen, denn er unterlag jetzt, da das Gegengewicht, das K.
-bisher gebildet hatte, schwächer zu werden anfing, immer mehr dem
-Einfluß des Direktor-Stellvertreter, der außerdem auch den leidenden
-Zustand des Direktors zur Stärkung der eigenen Macht ausnutzte. Was
-hatte also K. zu erhoffen? Vielleicht schwächte er durch solche
-Überlegungen seine Widerstandskraft, aber es war doch auch notwendig,
-sich selbst nicht zu täuschen und alles so klar zu sehn, als es
-augenblicklich möglich war.
-
-Ohne besondern Grund, nur um vorläufig noch nicht zum Schreibtisch
-zurückkehren zu müssen, öffnete er das Fenster. Es ließ sich nur schwer
-öffnen, er mußte mit beiden Händen die Klinke drehn. Dann zog durch das
-Fenster in dessen ganzer Breite und Höhe der mit Rauch vermischte Nebel
-in das Zimmer und füllte es mit einem leichten Brandgeruch. Auch einige
-Schneeflocken wurden hereingeweht. „Ein häßlicher Herbst,“ sagte hinter
-K. der Fabrikant, der, vom Direktor-Stellvertreter kommend, unbemerkt
-ins Zimmer getreten war. K. nickte und sah unruhig auf die Aktentasche
-des Fabrikanten, aus der dieser nun wohl die Papiere herausziehn würde,
-um K. das Ergebnis der Verhandlungen mit dem Direktor-Stellvertreter
-mitzuteilen. Der Fabrikant aber folgte K.s Blick, klopfte auf seine
-Tasche und sagte, ohne sie zu öffnen: „Sie wollen hören, wie es
-ausgefallen ist. Ich trage schon fast den Geschäftsabschluß in der
-Tasche. Ein reizender Mensch, Ihr Direktor-Stellvertreter, aber
-durchaus nicht ungefährlich.“ Er lachte, schüttelte K.s Hand und wollte
-auch ihn zum Lachen bringen. Aber K. schien es nun wieder verdächtig,
-daß ihm der Fabrikant die Papiere nicht zeigen wollte und er fand an
-der Bemerkung des Fabrikanten nichts zum Lachen. „Herr Prokurist,“
-sagte der Fabrikant, „Sie leiden wohl unter dem Wetter. Sie sehn heute
-so bedrückt aus.“ „Ja,“ sagte K. und griff mit der Hand an die Schläfe,
-„Kopfschmerzen, Familiensorgen.“ „Sehr richtig,“ sagte der Fabrikant,
-der ein eiliger Mensch war und niemanden ruhig anhören konnte, „jeder
-hat sein Kreuz zu tragen.“ Unwillkürlich hatte K. einen Schritt gegen
-die Tür gemacht, als wolle er den Fabrikanten hinausbegleiten, dieser
-aber sagte: „Ich hätte, Herr Prokurist, noch eine kleine Mitteilung für
-Sie. Ich fürchte sehr, daß ich Sie gerade heute damit vielleicht
-belästige, aber ich war schon zweimal in der letzten Zeit bei Ihnen und
-habe es jedesmal vergessen. Schiebe ich es aber noch weiterhin auf,
-verliert es wahrscheinlich vollständig seinen Zweck. Das wäre aber
-schade, denn im Grunde ist meine Mitteilung vielleicht doch nicht
-wertlos.“ Ehe K. Zeit hatte zu antworten, trat der Fabrikant nahe an
-ihn heran, klopfte mit dem Fingerknöchel leicht an seine Brust und
-sagte leise: „Sie haben einen Prozeß, nicht wahr?“ K. trat zurück und
-rief sofort: „Das hat Ihnen der Direktor-Stellvertreter gesagt.“ „Ach
-nein,“ sagte der Fabrikant, „woher sollte denn der
-Direktor-Stellvertreter es wissen?“ „Durch Sie?“ fragte K. schon viel
-gefaßter. „Ich erfahre hie und da etwas von dem Gericht,“ sagte der
-Fabrikant, „das betrifft eben die Mitteilung, die ich Ihnen machen
-wollte.“ „So viel Leute sind mit dem Gericht in Verbindung!“ sagte K.
-mit gesenktem Kopf und führte den Fabrikanten zum Schreibtisch. Sie
-setzten sich wieder wie früher und der Fabrikant sagte: „Es ist leider
-nicht sehr viel, was ich Ihnen mitteilen kann. Aber in solchen Dingen
-soll man nicht das Geringste vernachlässigen. Außerdem drängte es mich
-aber, Ihnen irgendwie zu helfen, und sei meine Hilfe noch so
-bescheiden. Wir waren doch bisher gute Geschäftsfreunde, nicht? Nun
-also.“ K. wollte sich wegen seines Verhaltens bei der heutigen
-Besprechung entschuldigen, aber der Fabrikant duldete keine
-Unterbrechung, schob die Aktentasche hoch unter die Achsel, um zu
-zeigen, daß er Eile habe, und fuhr fort: „Von Ihrem Prozeß weiß ich
-durch einen gewissen Titorelli. Es ist ein Maler, Titorelli ist nur
-sein Künstlername, seinen wirklichen Namen kenne ich gar nicht. Er
-kommt schon seit Jahren von Zeit zu Zeit in mein Bureau und bringt
-kleine Bilder mit, für die ich ihm — er ist fast ein Bettler — immer
-eine Art Almosen gebe. Es sind übrigens hübsche Bilder,
-Heidelandschaften und dergleichen. Diese Verkäufe — wir hatten uns
-schon beide daran gewöhnt — gingen ganz glatt vor sich. Einmal aber
-wiederholten sich diese Besuche doch zu oft, ich machte ihm Vorwürfe,
-wir kamen ins Gespräch, es interessierte mich, wie er sich allein durch
-Malen erhalten könne, und ich erfuhr nun zu meinem Staunen, daß seine
-Haupteinnahmsquelle das Porträtmalen sei. Er arbeite für das Gericht,
-sagte er. Für welches Gericht, fragte ich. Und nun erzählte er mir von
-dem Gericht. Sie werden sich wohl am besten vorstellen können, wie
-erstaunt ich über diese Erzählungen war. Seitdem höre ich bei jedem
-seiner Besuche irgendwelche Neuigkeiten vom Gericht und bekomme so
-allmählich einen großen Einblick in die Sache. Allerdings ist Titorelli
-geschwätzig und ich muß ihn oft abwehren, nicht nur weil er gewiß auch
-lügt, sondern vor allem, weil ein Geschäftsmann wie ich, der unter den
-eigenen Geschäftssorgen fast zusammenbricht, sich nicht noch viel um
-fremde Dinge kümmern kann. Aber das nur nebenbei. Vielleicht — so
-dachte ich jetzt — kann Ihnen Titorelli ein wenig behilflich sein, er
-kennt viele Richter und wenn er selbst auch keinen großen Einfluß haben
-sollte, so kann er Ihnen doch Ratschläge geben, wie man verschiedenen
-einflußreichen Leuten beikommen kann. Und wenn auch diese Ratschläge an
-und für sich nicht entscheidend sein sollten, so werden sie doch meiner
-Meinung nach in Ihrem Besitz von großer Bedeutung sein. Sie sind ja
-fast ein Advokat. Ich pflege immer zu sagen: Prokurist K. ist fast ein
-Advokat. Oh, ich habe keine Sorgen wegen Ihres Prozesses. Wollen Sie
-nun aber zu Titorelli gehen? Auf meine Empfehlung hin wird er gewiß
-alles tun, was ihm möglich ist. Ich denke wirklich, Sie sollten
-hingehn. Es muß natürlich nicht heute sein, einmal, gelegentlich.
-Allerdings sind Sie — das will ich noch sagen — dadurch, daß gerade ich
-Ihnen diesen Rat gebe, nicht im geringsten verpflichtet, auch wirklich
-zu Titorelli hinzugehn. Nein, wenn Sie Titorelli entbehren zu können
-glauben, ist es gewiß besser, ihn ganz beiseite zu lassen. Vielleicht
-haben Sie schon einen ganz genauen Plan und Titorelli könnte ihn
-stören. Nein, dann gehn Sie natürlich auf keinen Fall hin. Es kostet
-gewiß auch Überwindung, sich von einem solchen Burschen Ratschläge
-geben zu lassen. Nun, wie Sie wollen. Hier ist das Empfehlungsschreiben
-und hier die Adresse.“
-
-Enttäuscht nahm K. den Brief und steckte ihn in die Tasche. Selbst im
-günstigsten Falle war der Vorteil, den ihm die Empfehlung bringen
-konnte, verhältnismäßig kleiner als der Schaden, der darin lag, daß der
-Fabrikant von seinem Prozeß wußte und daß der Maler die Nachricht
-weiter verbreitete. Er konnte sich kaum dazu zwingen, dem Fabrikanten,
-der schon auf dem Weg zur Tür war, mit ein paar Worten zu danken. „Ich
-werde hingehn,“ sagte er, als er sich bei der Tür vom Fabrikanten
-verabschiedete, „oder ihm, da ich jetzt sehr beschäftigt bin,
-schreiben, er möge einmal zu mir ins Bureau kommen.“ „Ich wußte ja,“
-sagte der Fabrikant, „daß Sie den besten Ausweg finden würden.
-Allerdings dachte ich, daß Sie es lieber vermeiden wollen, Leute wie
-diesen Titorelli in die Bank einzuladen, um mit ihm hier über den
-Prozeß zu sprechen. Es ist auch nicht immer vorteilhaft, Briefe an
-solche Leute aus der Hand zu geben. Aber Sie haben gewiß alles
-durchgedacht und wissen, was Sie tun dürfen.“ K. nickte und begleitete
-den Fabrikanten noch durch das Vorzimmer. Aber trotz äußerlicher Ruhe
-war er über sich sehr erschrocken. Daß er Titorelli schreiben würde,
-hatte er eigentlich nur gesagt, um dem Fabrikanten irgendwie zu zeigen,
-daß er die Empfehlung zu schätzen wisse und die Möglichkeiten mit
-Titorelli zusammenzukommen sofort überlege, aber wenn er Titorellis
-Beistand für wertvoll angesehen hätte, hätte er auch nicht gezögert,
-ihm wirklich zu schreiben. Die Gefahren aber, die das zur Folge haben
-könnte, hatte er erst durch die Bemerkung des Fabrikanten erkannt.
-Konnte er sich auf seinen eigenen Verstand tatsächlich schon so wenig
-verlassen? Wenn es möglich war, daß er einen fragwürdigen Menschen
-durch einen deutlichen Brief in die Bank einlud, um von ihm, nur durch
-eine Tür vom Direktor-Stellvertreter getrennt, Ratschläge wegen seines
-Prozesses zu erbitten, war es dann nicht möglich und sogar sehr
-wahrscheinlich, daß er auch andere Gefahren übersah oder in sie
-hineinrannte? Nicht immer stand jemand neben ihm, um ihn zu warnen. Und
-gerade jetzt, wo er mit gesammelten Kräften auftreten wollte, mußten
-derartige, ihm bisher fremde Zweifel an seiner eigenen Wachsamkeit
-auftreten! Sollten die Schwierigkeiten, die er bei Ausführung seiner
-Bureauarbeit fühlte, nun auch im Prozeß beginnen? Jetzt allerdings
-begriff er es gar nicht mehr, wie es möglich gewesen war, daß er an
-Titorelli hatte schreiben und ihn in die Bank einladen wollen.
-
-Er schüttelte noch den Kopf darüber, als der Diener an seine Seite trat
-und ihn auf drei Herren aufmerksam machte, die hier im Vorzimmer auf
-einer Bank saßen. Sie warteten schon lange darauf, zu K. vorgelassen zu
-werden. Jetzt, da der Diener mit K. sprach, waren sie aufgestanden und
-jeder wollte eine günstige Gelegenheit ausnützen, um sich vor den
-andern an K. heranzumachen. Da man von seiten der Bank so rücksichtslos
-war, sie hier im Wartezimmer ihre Zeit verlieren zu lassen, wollten
-auch sie keine Rücksicht mehr üben. „Herr Prokurist,“ sagte schon der
-eine. Aber K. hatte sich vom Diener den Winterrock bringen lassen und
-sagte, während er ihn mit Hilfe des Dieners anzog, zu allen dreien:
-„Verzeihen Sie meine Herren, ich habe augenblicklich leider keine Zeit,
-Sie zu empfangen. Ich bitte Sie sehr um Verzeihung, aber ich habe einen
-dringenden Geschäftsgang zu erledigen und muß sofort weggehn. Sie haben
-ja selbst gesehn, wie lange ich jetzt aufgehalten wurde. Wären Sie so
-freundlich, morgen oder wann immer wiederzukommen? Oder wollen wir die
-Sachen vielleicht telephonisch besprechen? Oder wollen Sie mir
-vielleicht jetzt kurz sagen, um was es sich handelt, und ich gebe Ihnen
-dann eine ausführliche schriftliche Antwort. Am besten wäre es
-allerdings, Sie kämen nächstens.“ Diese Vorschläge K.s brachten die
-Herren, die nun vollständig nutzlos gewartet haben sollten, in solches
-Staunen, daß sie einander stumm ansahen. „Wir sind also einig?“ fragte
-K., der sich nach dem Diener umgewendet hatte, der ihm nun auch den Hut
-brachte. Durch die offene Tür zu K.s Zimmer sah man, wie sich draußen
-der Schneefall sehr verstärkt hatte. K. schlug daher den Mantelkragen
-in die Höhe und knöpfte ihn hoch unter dem Halse zu.
-
-Da trat gerade aus dem Nebenzimmer der Direktor-Stellvertreter, sah
-lächelnd K. im Winterrock mit den Herren verhandeln und fragte: „Sie
-gehn jetzt weg, Herr Prokurist.“ „Ja,“ sagte K. und richtete sich auf,
-„ich habe einen Geschäftsgang zu machen.“ Aber der
-Direktor-Stellvertreter hatte sich schon den Herren zugewendet. „Und
-die Herren?“ fragte er. „Ich glaube, sie warten schon lange.“ „Wir
-haben uns schon geeinigt,“ sagte K. Aber nun ließen sich die Herren
-nicht mehr halten, umringten K. und erklärten, daß sie nicht
-stundenlang gewartet hätten, wenn ihre Angelegenheiten nicht wichtig
-wären und nicht jetzt, und zwar ausführlich und unter vier Augen
-besprochen werden müßten. Der Direktor-Stellvertreter hörte ihnen ein
-Weilchen zu, betrachtete auch K., der den Hut in der Hand hielt und ihn
-stellenweise von Staub reinigte, und sagte dann: „Meine Herren, es gibt
-ja einen sehr einfachen Ausweg. Wenn Sie mit mir vorlieb nehmen wollen,
-übernehme ich sehr gerne die Verhandlungen statt des Herrn Prokuristen.
-Ihre Angelegenheiten müssen natürlich sofort besprochen werden. Wir
-sind Geschäftsleute wie Sie und wissen die Zeit von Geschäftsleuten
-richtig zu bewerten. Wollen Sie hier eintreten?“ Und er öffnete die
-Tür, die zu dem Vorzimmer seines Bureaus führte.
-
-Wie sich doch der Direktor-Stellvertreter alles anzueignen verstand,
-was K. jetzt notgedrungen aufgeben mußte! Gab aber K. nicht mehr auf,
-als unbedingt nötig war? Während er mit unbestimmten und, wie er sich
-eingestehen mußte, sehr geringen Hoffnungen zu einem unbekannten Maler
-lief, erlitt hier sein Ansehen eine unheilbare Schädigung. Es wäre
-wahrscheinlich viel besser gewesen, den Winterrock wieder auszuziehn
-und wenigstens die zwei Herren, die ja nebenan doch noch warten mußten,
-für sich zurückzugewinnen. K. hätte es vielleicht auch versucht, wenn
-er nicht jetzt in seinem Zimmer den Direktor-Stellvertreter erblickt
-hätte, wie er im Bücherständer, als wäre es sein eigener, etwas suchte.
-Als K. sich erregt der Tür näherte, rief er: „Ach, Sie sind noch nicht
-weggegangen.“ Er wandte ihm sein Gesicht zu, dessen viele straffe
-Falten nicht Alter, sondern Kraft zu beweisen schienen, und fing sofort
-wieder zu suchen an. „Ich suche eine Vertragsabschrift,“ sagte er, „die
-sich, wie der Vertreter der Firma behauptet, bei Ihnen befinden soll.
-Wollen Sie mir nicht suchen helfen.“ K. machte einen Schritt, aber der
-Direktor-Stellvertreter sagte: „Danke, ich habe sie schon gefunden,“
-und kehrte mit einem großen Paket Schriften, das nicht nur die
-Vertragsabschrift, sondern gewiß noch vieles andere enthielt, wieder in
-sein Zimmer zurück.
-
-Jetzt bin ich ihm nicht gewachsen, sagte sich K., wenn aber meine
-persönlichen Schwierigkeiten einmal beseitigt sein werden, dann soll er
-wahrhaftig der erste sein, der es zu fühlen bekommt, und zwar möglichst
-bitter. Durch diesen Gedanken ein wenig beruhigt, gab K. dem Diener,
-der schon lange die Tür zum Korridor für ihn offenhielt, den Auftrag,
-dem Direktor gelegentlich die Meldung zu machen, daß er sich auf einem
-Geschäftsgang befinde, und verließ fast glücklich darüber, sich eine
-Zeitlang vollständiger seiner Sache widmen zu können, die Bank.
-
-Er fuhr sofort zum Maler, der in einer Vorstadt wohnte, die jener, in
-welcher sich die Gerichtskanzleien befanden, vollständig
-entgegengesetzt war. Es war eine noch ärmere Gegend, die Häuser noch
-dunkler, die Gassen voll Schmutz, der auf dem zerflossenen Schnee
-langsam umhertrieb. Im Hause, in dem der Maler wohnte, war nur ein
-Flügel des großen Tores geöffnet, in dem andern aber war unten in der
-Mauer eine Lücke gebrochen, aus der gerade, als sich K. näherte, eine
-widerliche gelbe, rauchende Flüssigkeit herausschoß, vor der sich eine
-Ratte in den nahen Kanal flüchtete. Unten an der Treppe lag ein kleines
-Kind bäuchlings auf der Erde und weinte, aber man hörte es kaum infolge
-des alles übertönenden Lärms, der aus einer Klempnerwerkstätte auf der
-andern Seite des Torganges kam. Die Tür der Werkstätte war offen, drei
-Gehilfen standen im Halbkreis um irgendein Werkstück, auf das sie mit
-den Hämmern schlugen. Eine große Platte Weißblech, die an der Wand
-hing, warf ein bleiches Licht, das zwischen zwei Gehilfen eindrang und
-die Gesichter und Arbeitsschürzen erhellte. K. hatte für alles nur
-einen flüchtigen Blick, er wollte möglichst rasch hier fertig werden,
-nur den Maler mit ein paar Worten ausforschen und sofort wieder in die
-Bank zurückgehn. Wenn er hier nur den kleinsten Erfolg hatte, sollte
-das auf seine heutige Arbeit in der Bank noch eine gute Wirkung
-ausüben. Im dritten Stockwerk mußte er seinen Schritt mäßigen, er war
-ganz außer Atem, die Treppen ebenso wie die Stockwerke waren übermäßig
-hoch, und der Maler sollte ganz oben in einer Dachkammer wohnen. Auch
-war die Luft sehr drückend, es gab keinen Treppenhof, die enge Treppe
-war auf beiden Seiten von Mauern eingeschlossen, in denen nur hier und
-da fast ganz oben kleine Fenster angebracht waren. Gerade als K. ein
-wenig stehenblieb, liefen ein paar kleine Mädchen aus einer Wohnung
-heraus und eilten lachend die Treppe weiter hinauf. K. folgte ihnen
-langsam, holte eines der Mädchen ein, das gestolpert und hinter den
-andern zurückgeblieben war, und fragte es, während sie neben einander
-weiterstiegen: „Wohnt hier ein Maler Titorelli?“ Das Mädchen, ein kaum
-dreizehnjähriges, etwas buckliges Mädchen, stieß ihn darauf mit dem
-Ellbogen an und sah von der Seite zu ihm auf. Weder ihre Jugend, noch
-ihr Körperfehler hatte verhindern können, daß sie schon ganz verdorben
-war. Sie lächelte nicht einmal, sondern sah K. ernst mit scharfem,
-aufforderndem Blicke an. K. tat, als hätte er ihr Benehmen nicht
-bemerkt, und fragte: „Kennst du den Maler Titorelli?“ Sie nickte und
-fragte ihrerseits: „Was wollen Sie von ihm?“ K. schien es vorteilhaft,
-sich noch schnell ein wenig über Titorelli zu unterrichten: „Ich will
-mich von ihm malen lassen,“ sagte er. „Malen lassen?“ fragte sie,
-öffnete übermäßig den Mund, schlug leicht mit der Hand gegen K., als
-hätte er etwas außerordentlich Überraschendes oder Ungeschicktes
-gesagt, hob mit beiden Händen ihr ohnedies sehr kurzes Röckchen und
-lief, so schnell sie konnte, hinter den andern Mädchen her, deren
-Geschrei schon undeutlich in der Höhe sich verlor. Bei der nächsten
-Wendung der Treppe aber traf K. schon wieder alle Mädchen. Sie waren
-offenbar von der Buckligen von K.s Absicht verständigt worden und
-erwarteten ihn. Sie standen zu beiden Seiten der Treppe, drückten sich
-an die Mauer, damit K. bequem zwischen ihnen durchkomme und glätteten
-mit der Hand ihre Schürzen. Alle Gesichter, wie auch diese
-Spalierbildung stellten eine Mischung von Kindlichkeit und
-Verworfenheit dar. Oben an der Spitze der Mädchen, die sich jetzt
-hinter K. lachend zusammenschlossen, war die Bucklige, welche die
-Führung übernahm. K. hatte es ihr zu verdanken, daß er gleich den
-richtigen Weg fand. Er wollte nämlich geradeaus weitersteigen, sie aber
-zeigte ihm, daß er eine Abzweigung der Treppe wählen müsse, um zu
-Titorelli zu kommen. Die Treppe, die zu ihm führte, war besonders
-schmal, sehr lang, ohne Biegung, in ihrer ganzen Länge zu übersehn und
-oben unmittelbar von Titorellis Tür abgeschlossen. Diese Tür, die durch
-ein kleines, schief über ihr eingesetztes Oberlichtfenster im Gegensatz
-zur übrigen Treppe verhältnismäßig hell beleuchtet wurde, war aus nicht
-übertünchten Balken zusammengesetzt, auf die der Name Titorelli mit
-roter Farbe in breiten Pinselstrichen gemalt war. K. war mit seinem
-Gefolge noch kaum in der Mitte der Treppe, als oben, offenbar veranlaßt
-durch das Geräusch der vielen Schritte, die Tür ein wenig geöffnet
-wurde und ein wahrscheinlich nur mit einem Nachthemd bekleideter Mann
-in der Türspalte erschien. „Oh!“ rief er, als er die Menge kommen sah,
-und verschwand. Die Bucklige klatschte vor Freude in die Hände und die
-übrigen Mädchen drängten hinter K., um ihn schneller vorwärtszutreiben.
-
-Sie waren aber noch nicht einmal hinaufgekommen, als oben der Maler die
-Tür gänzlich aufriß und mit einer tiefen Verbeugung K. einlud
-einzutreten. Die Mädchen dagegen wehrte er ab, er wollte keine von
-ihnen einlassen, so sehr sie baten und so sehr sie versuchten, wenn
-schon nicht mit seiner Erlaubnis, so gegen seinen Willen einzudringen.
-Nur der Buckligen gelang es, unter seinem ausgestreckten Arm
-durchzuschlüpfen, aber der Maler jagte hinter ihr her, packte sie bei
-den Röcken, wirbelte sie einmal um sich herum und setzte sie dann vor
-der Tür bei den andern Mädchen ab, die es, während der Maler seinen
-Posten verlassen hatte, doch nicht gewagt hatten, die Schwelle zu
-überschreiten. K. wußte nicht, wie er das Ganze beurteilen sollte, es
-hatte nämlich den Anschein, als ob alles in freundschaftlichem
-Einvernehmen geschehe. Die Mädchen bei der Tür streckten eines hinter
-dem andern die Hälse in die Höhe, riefen dem Maler verschiedene
-scherzhaft gemeinte Worte zu, die K. nicht verstand und auch der Maler
-lachte, während die Bucklige in seiner Hand fast flog. Dann schloß er
-die Tür, verbeugte sich nochmals vor K., reichte ihm die Hand und
-sagte, sich vorstellend: „Kunstmaler Titorelli.“ K. zeigte auf die Tür,
-hinter der die Mädchen flüsterten und sagte: „Sie scheinen im Hause
-sehr beliebt zu sein.“ „Ach, die Fratzen!“ sagte der Maler und suchte
-vergebens sein Nachthemd am Halse zuzuknöpfen. Er war im übrigen
-bloßfüßig und nur noch mit einer breiten gelblichen Leinenhose
-bekleidet, die mit einem Riemen festgemacht war, dessen langes Ende
-frei hin und her schlug. „Diese Fratzen sind mir eine wahre Last,“ fuhr
-er fort, während er vom Nachthemd, dessen letzter Knopf gerade
-abgerissen war, abließ, einen Sessel holte und K. zum Niedersetzen
-nötigte. „Ich habe eine von ihnen — sie ist heute nicht einmal dabei —
-einmal gemalt und seitdem verfolgen mich alle. Wenn ich selbst hier
-bin, kommen sie nur herein, wenn ich es erlaube, bin ich aber einmal
-weg, dann ist immer zumindest eine da. Sie haben sich einen Schlüssel
-zu meiner Tür machen lassen, den sie untereinander verleihen. Man kann
-sich kaum vorstellen, wie lästig das ist. Ich komme z. B. mit einer
-Dame, die ich malen soll, nach Hause, öffne die Tür mit meinem
-Schlüssel und finde etwa die Bucklige dort beim Tischchen, wie sie sich
-mit dem Pinsel die Lippen rot färbt, während ihre kleinen Geschwister,
-die sie zu beaufsichtigen hat, sich herumtreiben und das Zimmer in
-allen Ecken verunreinigen. Oder ich komme, wie es mir erst gestern
-geschehen ist, spät abends nach Hause — entschuldigen Sie bitte mit
-Rücksicht darauf meinen Zustand und die Unordnung im Zimmer — also ich
-komme spät abends nach Hause und will ins Bett steigen, da zwickt mich
-etwas ins Bein, ich schaue unter das Bett und ziehe wieder so ein Ding
-heraus. Warum sie sich so zu mir drängen, weiß ich nicht, daß ich sie
-nicht zu mir zu locken suche, dürften Sie eben bemerkt haben. Natürlich
-bin ich dadurch auch in meiner Arbeit gestört. Wäre mir dieses Atelier
-nicht umsonst zur Verfügung gestellt, ich wäre schon längst
-ausgezogen.“ Gerade rief hinter der Tür ein Stimmchen, zart und
-ängstlich: „Titorelli, dürfen wir schon kommen?“ „Nein,“ antwortete der
-Maler. „Ich allein auch nicht?“ fragte es wieder. „Auch nicht,“ sagte
-der Maler, ging zur Tür und sperrte sie ab.
-
-K. hatte sich inzwischen im Zimmer umgesehen, er wäre niemals selbst
-auf den Gedanken gekommen, daß man dieses elende kleine Zimmer ein
-Atelier nennen könnte. Mehr als zwei lange Schritte konnte man der
-Länge und Quere nach kaum hier machen. Alles, Fußboden, Wände und
-Zimmerdecke war aus Holz, zwischen den Balken sah man schmale Ritzen.
-K. gegenüber stand an der Wand das Bett, das mit verschiedenfarbigem
-Bettzeug überladen war. In der Mitte des Zimmers war auf einer
-Staffelei ein Bild, das mit einem Hemd verhüllt war, dessen Ärmel bis
-zum Boden baumelten. Hinter K. war das Fenster, durch das man im Nebel
-nicht weiter sehen konnte als über das mit Schnee bedeckte Dach des
-Nachbarhauses.
-
-Das Umdrehn des Schlüssels im Schloß erinnerte K. daran, daß er bald
-hatte weggehn wollen. Er zog daher den Brief des Fabrikanten aus der
-Tasche, reichte ihn dem Maler und sagte: „Ich habe durch diesen Herrn,
-Ihren Bekannten, von Ihnen erfahren und bin auf seinen Rat hin
-gekommen.“ Der Maler las den Brief flüchtig durch und warf ihn aufs
-Bett. Hätte der Fabrikant nicht auf das bestimmteste von Titorelli als
-von seinem Bekannten gesprochen, als von einem armen Menschen, der auf
-seine Almosen angewiesen war, so hätte man jetzt wirklich glauben
-können, Titorelli kenne den Fabrikanten nicht oder wisse sich an ihn
-wenigstens nicht zu erinnern. Überdies fragte nun der Maler: „Wollen
-Sie Bilder kaufen oder sich selbst malen lassen?“ K. sah den Maler
-erstaunt an. Was stand denn eigentlich in dem Brief? K. hatte es als
-selbstverständlich angenommen, daß der Fabrikant in dem Brief den Maler
-davon unterrichtet hatte, daß K. nichts anderes wollte, als sich hier
-wegen seines Prozesses zu erkundigen. Er war doch gar zu eilig und
-unüberlegt hierhergelaufen! Aber er mußte jetzt dem Maler irgendwie
-antworten und sagte mit einem Blick auf die Staffelei: „Sie arbeiten
-gerade an einem Bild?“ „Ja,“ sagte der Maler und warf das Hemd, das
-über der Staffelei hing, dem Brief nach auf das Bett. „Es ist ein
-Porträt. Eine gute Arbeit, aber noch nicht ganz fertig.“ Der Zufall war
-K. günstig, die Möglichkeit vom Gericht zu reden, wurde ihm förmlich
-angeboten, denn es war offenbar das Porträt eines Richters. Es war
-übrigens dem Bild im Arbeitszimmer des Advokaten auffallend ähnlich. Es
-handelte sich hier zwar um einen ganz andern Richter, einen dicken Mann
-mit schwarzem buschigen Vollbart, der seitlich weit die Wangen
-hinaufreichte, auch war jenes Bild ein Ölbild, dieses aber mit
-Pastellfarben schwach und undeutlich angesetzt. Aber alles übrige war
-ähnlich, denn auch hier wollte sich gerade der Richter von seinem
-Thronsessel, dessen Seitenlehnen er festhielt, drohend erheben. „Das
-ist ja ein Richter,“ hatte K. gleich sagen wollen, hielt sich dann aber
-vorläufig noch zurück und näherte sich dem Bild, als wolle er es in den
-Einzelheiten studieren. Eine große Figur, die in der Mitte über der
-Rückenlehne des Thronsessels stand, konnte er sich nicht erklären und
-fragte den Maler nach ihr. Sie müsse noch ein wenig ausgearbeitet
-werden, antwortete der Maler, holte von einem Tischchen einen
-Pastellstift und strichelte mit ihm ein wenig an den Rändern der Figur,
-ohne sie aber dadurch für K. deutlicher zu machen. „Es ist die
-Gerechtigkeit,“ sagte der Maler schließlich. „Jetzt erkenne ich sie
-schon,“ sagte K., „hier ist die Binde um die Augen und hier die Wage.
-Aber sind nicht an den Fersen Flügel und befindet sie sich nicht im
-Lauf?“ „Ja,“ sagte der Maler, „ich mußte es über Auftrag so malen, es
-ist eigentlich die Gerechtigkeit und die Siegesgöttin in einem.“ „Das
-ist keine gute Verbindung,“ sagte K. lächelnd, „die Gerechtigkeit muß
-ruhen, sonst schwankt die Wage und es ist kein gerechtes Urteil
-möglich.“ „Ich füge mich darin meinem Auftraggeber,“ sagte der Maler.
-„Ja gewiß,“ sagte K., der mit seiner Bemerkung niemanden hatte kränken
-wollen. „Sie haben die Figur so gemalt, wie sie auf dem Thronsessel
-wirklich steht.“ „Nein,“ sagte der Maler, „ich habe weder die Figur
-noch den Thronsessel gesehn, das alles ist Erfindung, aber es wurde mir
-angegeben, was ich zu malen habe.“ „Wie?“ fragte K., er tat
-absichtlich, als verstehe er den Maler nicht völlig, „es ist doch ein
-Richter, der auf dem Richterstuhl sitzt.“ „Ja,“ sagte der Maler, „aber
-es ist kein hoher Richter und ist niemals auf einem solchen Thronsessel
-gesessen.“ „Und läßt sich doch in so feierlicher Haltung malen? Er
-sitzt ja da wie ein Gerichtspräsident.“ „Ja, eitel sind die Herren,“
-sagte der Maler. „Aber sie haben die höhere Erlaubnis, sich so malen zu
-lassen. Jedem ist genau vorgeschrieben, wie er sich malen lassen darf.
-Nur kann man leider gerade nach diesem Bilde die Einzelheiten der
-Tracht und des Sitzes nicht beurteilen, die Pastellfarben sind für
-solche Darstellungen nicht geeignet.“ „Ja,“ sagte K., „es ist
-sonderbar, daß es in Pastellfarben gemalt ist.“ „Der Richter wünschte
-es so,“ sagte der Maler, „es ist für eine Dame bestimmt.“ Der Anblick
-des Bildes schien ihm Lust zur Arbeit gemacht zu haben, er krempelte
-die Hemdärmel aufwärts, nahm einige Stifte in die Hand und K. sah zu,
-wie unter den zitternden Spitzen der Stifte anschließend an den Kopf
-des Richters ein rötlicher Schatten sich bildete, der strahlenförmig
-gegen den Rand des Bildes verging. Allmählich umgab dieses Spiel des
-Schattens den Kopf wie ein Schmuck oder eine hohe Auszeichnung. Um die
-Figur der Gerechtigkeit aber blieb es bis auf eine unmerkliche Tönung
-hell, in dieser Helligkeit schien die Figur besonders vorzudringen, sie
-erinnerte kaum mehr an die Göttin der Gerechtigkeit, aber auch nicht an
-die des Sieges, sie sah jetzt vielmehr vollkommen wie die Göttin der
-Jagd aus. Die Arbeit des Malers zog K. mehr an, als er wollte;
-schließlich aber machte er sich doch Vorwürfe, daß er so lange schon
-hier war und im Grunde noch nichts für seine eigene Sache unternommen
-hatte. „Wie heißt dieser Richter?“ fragte er plötzlich. „Das darf ich
-nicht sagen,“ antwortete der Maler, er war tief zum Bild hinabgebeugt
-und vernachlässigte deutlich seinen Gast, den er doch zuerst so
-rücksichtsvoll empfangen hatte. K. hielt das für eine Laune und ärgerte
-sich darüber, weil er dadurch Zeit verlor. „Sie sind wohl ein
-Vertrauensmann des Gerichtes?“ fragte er. Sofort legte der Maler die
-Stifte beiseite, richtete sich auf, rieb die Hände aneinander und sah
-K. lächelnd an. „Nur immer gleich mit der Wahrheit heraus,“ sagte er,
-„Sie wollen etwas über das Gericht erfahren, wie es ja auch in Ihrem
-Empfehlungsschreiben steht, und haben zunächst über meine Bilder
-gesprochen, um mich zu gewinnen. Aber ich nehme das nicht übel, Sie
-konnten ja nicht wissen, daß das bei mir unangebracht ist. O bitte!“
-sagte er scharf abwehrend, als K. etwas einwenden wollte. Und fuhr dann
-fort: „Im übrigen haben Sie mit Ihrer Bemerkung vollständig recht, ich
-bin ein Vertrauensmann des Gerichtes.“ Er machte eine Pause, als wolle
-er K. Zeit lassen, sich mit dieser Tatsache abzufinden. Man hörte jetzt
-wieder hinter der Tür die Mädchen. Sie drängten sich wahrscheinlich um
-das Schlüsselloch, vielleicht konnte man auch durch die Ritzen ins
-Zimmer hereinsehn. K. unterließ es, sich irgendwie zu entschuldigen,
-denn er wollte den Maler nicht ablenken, wohl aber wollte er nicht, daß
-der Maler sich allzusehr überhebe und sich auf diese Weise
-gewissermaßen unerreichbar mache, er fragte deshalb: „Ist das eine
-öffentlich anerkannte Stellung?“ „Nein,“ sagte der Maler kurz, als sei
-ihm dadurch die weitere Rede verschlagen. K. wollte ihn aber nicht
-verstummen lassen und sagte: „Nun, oft sind derartige nicht anerkannte
-Stellungen einflußreicher als die anerkannten.“ „Das ist eben bei mir
-der Fall,“ sagte der Maler und nickte mit zusammengezogener Stirn. „Ich
-sprach gestern mit dem Fabrikanten über Ihren Fall, er fragte mich, ob
-ich Ihnen nicht helfen wollte, ich antwortete: „Der Mann kann ja einmal
-zu mir kommen,“ und nun freue ich mich, Sie so bald hier zu sehn. Die
-Sache scheint Ihnen ja sehr nahe zu gehn, worüber ich mich natürlich
-gar nicht wundere. Wollen Sie vielleicht zunächst Ihren Rock ablegen?“
-Trotzdem K. beabsichtigte, nur ganz kurze Zeit hierzubleiben, war ihm
-diese Aufforderung des Malers doch sehr willkommen. Die Luft im Zimmer
-war ihm allmählich drückend geworden, öfters hatte er schon verwundert
-auf einen kleinen, zweifellos nicht geheizten Eisenofen in der Ecke
-hingesehn, die Schwüle im Zimmer war unerklärlich. Während er den
-Winterrock ablegte und auch noch den Rock aufknöpfte, sagte der Maler
-sich entschuldigend: „Ich muß Wärme haben. Es ist hier doch sehr
-behaglich, nicht? Das Zimmer ist in dieser Hinsicht sehr gut gelegen.“
-K. sagte dazu nichts, aber es war eigentlich nicht die Wärme, die ihm
-Unbehagen machte, es war vielmehr die dumpfe, das Atmen fast
-behindernde Luft, das Zimmer war wohl schon lange nicht gelüftet. Diese
-Unannehmlichkeit wurde für K. dadurch noch verstärkt, daß ihn der Maler
-bat, sich auf das Bett zu setzen, während er sich selbst auf den
-einzigen Stuhl des Zimmers vor der Staffelei niedersetzte. Außerdem
-schien es der Maler mißzuverstehn, warum K. nur am Bettrand blieb, er
-bat vielmehr, K. möchte es sich bequem machen und ging, da K. zögerte,
-selbst hin und drängte ihn tief in die Betten und Polster hinein. Dann
-kehrte er wieder zu seinem Sessel zurück und stellte endlich die erste
-sachliche Frage, die K. alles andere vergessen ließ. „Sind Sie
-unschuldig?“ fragte er. „Ja,“ sagte K. Die Beantwortung dieser Frage
-machte ihm geradezu Freude, besonders da sie gegenüber einem
-Privatmann, also ohne jede Verantwortung erfolgte. Noch niemand hatte
-ihn so offen gefragt. Um diese Freude auszukosten, fügte er noch hinzu:
-„Ich bin vollständig unschuldig.“ „So,“ sagte der Maler, senkte den
-Kopf und schien nachzudenken. Plötzlich hob er wieder den Kopf und
-sagte: „Wenn Sie unschuldig sind, dann ist ja die Sache sehr einfach.“
-K.s Blick trübte sich, dieser angebliche Vertrauensmann des Gerichtes
-redete wie ein unwissendes Kind. „Meine Unschuld vereinfacht die Sache
-nicht,“ sagte K. Er mußte trotz allem lächeln und schüttelte langsam
-den Kopf. „Es kommt auf viele Feinheiten an, in die sich das Gericht
-verliert. Zum Schluß aber zieht es von irgendwoher, wo ursprünglich gar
-nichts gewesen ist, eine große Schuld hervor.“ „Ja, ja, gewiß,“ sagte
-der Maler, als störe K. unnötigerweise seinen Gedankengang. „Sie sind
-aber doch unschuldig?“ „Nun ja,“ sagte K. „Das ist die Hauptsache,“
-sagte der Maler. Er war durch Gegengründe nicht zu beeinflussen, nur
-war es trotz seiner Entschiedenheit nicht klar, ob er aus Überzeugung
-oder nur aus Gleichgültigkeit so redete. K. wollte das zunächst
-feststellen und sagte deshalb: „Sie kennen ja gewiß das Gericht viel
-besser als ich, ich weiß nicht viel mehr, als was ich darüber,
-allerdings von ganz verschiedenen Leuten, gehört habe. Darin stimmten
-aber alle überein, daß leichtsinnige Anklagen nicht erhoben werden, und
-daß das Gericht, wenn es einmal anklagt, fest von der Schuld des
-Angeklagten überzeugt ist und von dieser Überzeugung nur schwer
-abgebracht werden kann.“ „Schwer?“ fragte der Maler und warf eine Hand
-in die Höhe. „Niemals ist das Gericht davon abzubringen. Wenn ich hier
-alle Richter nebeneinander auf eine Leinwand male und Sie werden sich
-vor dieser Leinwand verteidigen, so werden Sie mehr Erfolg haben, als
-vor dem wirklichen Gericht.“ „Ja,“ sagte K. für sich und vergaß, daß er
-den Maler nur hatte ausforschen wollen.
-
-Wieder begann ein Mädchen hinter der Tür zu fragen: „Titorelli, wird er
-denn nicht schon bald weggehn.“ „Schweigt,“ rief der Maler zur Tür hin,
-„seht Ihr denn nicht, daß ich mit dem Herrn eine Besprechung habe.“
-Aber das Mädchen gab sich damit nicht zufrieden, sondern fragte: „Du
-wirst ihn malen?“ Und als der Maler nicht antwortete, sagte sie noch:
-„Bitte mal’ ihn nicht, einen so häßlichen Menschen.“ Ein Durcheinander
-unverständlicher zustimmender Zurufe folgte. Der Maler machte einen
-Sprung zur Tür, öffnete sie bis zu einem Spalt — man sah die bittend
-vorgestreckten gefalteten Hände der Mädchen — und sagte: „Wenn Ihr
-nicht still seid, werfe ich euch alle die Treppe hinunter. Setzt Euch
-hier auf die Stufen und verhaltet Euch ruhig.“ Wahrscheinlich folgten
-sie nicht gleich, so daß er kommandieren mußte: „Nieder auf die
-Stufen!“ Erst dann wurde es still.
-
-„Verzeihen Sie,“ sagte der Maler, als er zu K. wieder zurückkehrte. K.
-hatte sich kaum zur Tür hingewendet, er hatte es vollständig dem Maler
-überlassen, ob und wie er ihn in Schutz nehmen wollte. Er machte auch
-jetzt kaum eine Bewegung, als sich der Maler zu ihm niederbeugte und
-ihm, um draußen nicht gehört zu werden, ins Ohr flüsterte: „Auch diese
-Mädchen gehören zum Gericht.“ „Wie?“ fragte K., wich mit dem Kopf zur
-Seite und sah den Maler an. Dieser aber setzte sich wieder auf seinen
-Sessel und sagte halb im Scherz, halb zur Erklärung: „Es gehört ja
-alles zum Gericht.“ „Das habe ich noch nicht bemerkt,“ sagte K. kurz,
-die allgemeine Bemerkung des Malers nahm dem Hinweis auf die Mädchen
-alles Beunruhigende. Trotzdem sah K. ein Weilchen lang zur Tür hin,
-hinter der die Mädchen jetzt still auf den Stufen saßen. Nur eines
-hatte einen Strohhalm durch eine Ritze zwischen den Balken gestreckt
-und führte ihn langsam auf und ab.
-
-„Sie scheinen noch keinen Überblick über das Gericht zu haben,“ sagte
-der Maler, er hatte die Beine weit auseinandergestreckt und klatschte
-mit den Fußspitzen auf den Boden. „Da Sie aber unschuldig sind, werden
-Sie ihn auch nicht benötigen. Ich allein hole Sie heraus,“ „Wie wollen
-Sie das tun?“ fragte K. „Da Sie doch vor kurzem selbst gesagt haben,
-daß das Gericht für Beweisgründe vollständig unzugänglich ist.“
-„Unzugänglich nur für Beweisgründe, die man vor dem Gericht vorbringt,“
-sagte der Maler und hob den Zeigefinger, als habe K. eine feine
-Unterscheidung nicht bemerkt. „Anders verhält es sich aber damit, was
-man in dieser Hinsicht hinter dem öffentlichen Gericht versucht, also
-in den Beratungszimmern, in den Korridoren oder z. B. auch hier im
-Atelier.“ Was der Maler jetzt sagte, schien K. nicht mehr so
-unglaubwürdig, es zeigte vielmehr eine große Übereinstimmung mit dem,
-was K. auch von andern Leuten gehört hatte. Ja, es war sogar sehr
-hoffnungsvoll. War der Richter durch persönliche Beziehungen wirklich
-so leicht zu lenken, wie es der Advokat dargestellt hatte, dann waren
-die Beziehungen des Malers zu den eitlen Richtern besonders wichtig und
-jedenfalls keineswegs zu unterschätzen. Dann fügte sich der Maler sehr
-gut in den Kreis von Helfern, die K. allmählich um sich versammelte.
-Man hatte einmal in der Bank sein Organisationstalent gerühmt, hier, wo
-er ganz allein auf sich gestellt war, zeigte sich eine gute
-Gelegenheit, es auf das Äußerste zu erproben. Der Maler beobachtete die
-Wirkung, die seine Erklärung auf K. gemacht hatte und sagte dann mit
-einer gewissen Ängstlichkeit: „Fällt es Ihnen nicht auf, daß ich fast
-wie ein Jurist spreche? Es ist der ununterbrochene Verkehr mit den
-Herren vom Gericht, der mich so beeinflußt. Ich habe natürlich viel
-Gewinn davon, aber der künstlerische Schwung geht zum großen Teil
-verloren.“ „Wie sind Sie denn zum erstenmal mit den Richtern in
-Verbindung gekommen?“ fragte K., er wollte zuerst das Vertrauen des
-Malers gewinnen, bevor er ihn geradezu in seine Dienste nahm. „Das war
-sehr einfach,“ sagte der Maler, „ich habe diese Verbindung geerbt.
-Schon mein Vater war Gerichtsmaler. Es ist das eine Stellung, die sich
-immer vererbt. Man kann dafür neue Leute nicht brauchen. Es sind
-nämlich für das Malen der verschiedenen Beamtengrade so verschiedene,
-vielfache und vor allem geheime Regeln aufgestellt, daß sie überhaupt
-nicht außerhalb bestimmter Familien bekannt werden. Dort in der
-Schublade z. B. habe ich die Aufzeichnungen meines Vaters, die ich
-niemandem zeige. Aber nur wer sie kennt, ist zum Malen von Richtern
-befähigt. Jedoch selbst wenn ich sie verlieren würde, blieben mir noch
-so viele Regeln, die ich allein in meinem Kopfe trage, daß mir niemand
-meine Stellung streitig machen könnte. Es will doch jeder Richter so
-gemalt werden, wie die alten großen Richter gemalt worden sind, und das
-kann nur ich.“ „Das ist beneidenswert,“ sagte K., der an seine Stellung
-in der Bank dachte. „Ihre Stellung ist also unerschütterlich?“ „Ja,
-unerschütterlich,“ sagte der Maler und hob stolz die Achseln. „Deshalb
-kann ich es auch wagen, hie und da einem armen Manne, der einen Prozeß
-hat, zu helfen.“ „Und wie tun Sie das?“ fragte K., als sei es nicht er,
-den der Mann soeben einen armen Mann genannt hatte. Der Maler aber ließ
-sich nicht ablenken, sondern sagte: „In Ihrem Fall z. B. werde ich, da
-Sie vollständig unschuldig sind, Folgendes unternehmen.“ Die
-wiederholte Erwähnung seiner Unschuld wurde K. schon lästig. Ihm schien
-es manchmal, als mache der Maler durch solche Bemerkungen einen
-günstigen Ausgang des Prozesses zur Voraussetzung seiner Hilfe, die
-dadurch natürlich in sich selbst zusammenfiel. Trotz dieser Zweifel
-bezwang sich aber K. und unterbrach den Maler nicht. Verzichten wollte
-er auf die Hilfe des Malers nicht, dazu war er entschlossen, auch
-schien ihm diese Hilfe durchaus nicht fragwürdiger als die des
-Advokaten zu sein. K. zog sie jener sogar bei weitem vor, weil sie
-harmloser und offener dargeboten wurde.
-
-Der Maler hatte seinen Sessel näher zum Bett gezogen und fuhr mit
-gedämpfter Stimme fort: „Ich habe vergessen, Sie zunächst zu fragen,
-welche Art der Befreiung Sie wünschen. Es gibt drei Möglichkeiten,
-nämlich die wirkliche Freisprechung, die scheinbare Freisprechung und
-die Verschleppung. Die wirkliche Freisprechung ist natürlich das Beste,
-nur habe ich nicht den geringsten Einfluß auf diese Art der Lösung. Es
-gibt meiner Meinung nach überhaupt keine einzelne Person, die auf die
-wirkliche Freisprechung Einfluß hätte. Hier entscheidet wahrscheinlich
-nur die Unschuld des Angeklagten. Da Sie unschuldig sind, wäre es
-wirklich möglich, daß Sie sich allein auf Ihre Unschuld verlassen. Dann
-brauchen Sie aber weder mich noch irgendeine andere Hilfe.“
-
-Diese geordnete Darstellung verblüffte K. anfangs, dann aber sagte er
-ebenso leise wie der Maler: „Ich glaube, Sie widersprechen sich.“ „Wie
-denn?“ fragte der Maler geduldig und lehnte sich lächelnd zurück.
-Dieses Lächeln erweckte in K. das Gefühl, als ob er jetzt daran gehe,
-nicht in den Worten des Malers, sondern in dem Gerichtsverfahren selbst
-Widersprüche zu entdecken. Trotzdem wich er aber nicht zurück und
-sagte: „Sie haben früher die Bemerkung gemacht, daß das Gericht für
-Beweisgründe unzugänglich ist, später haben Sie dies auf das
-öffentliche Gericht eingeschränkt und jetzt sagen Sie sogar, daß der
-Unschuldige vor dem Gericht keine Hilfe braucht. Darin liegt schon ein
-Widerspruch. Außerdem aber haben Sie früher gesagt, daß man die Richter
-persönlich beeinflussen kann, stellen aber jetzt in Abrede, daß die
-wirkliche Freisprechung, wie Sie sie nennen, jemals durch persönliche
-Beeinflussung zu erreichen ist. Darin liegt der zweite Widerspruch.“
-„Diese Widersprüche sind leicht aufzuklären,“ sagte der Maler. „Es ist
-hier von zwei verschiedenen Dingen die Rede, von dem, was im Gesetz
-steht, und von dem, was ich persönlich erfahren habe, das dürfen Sie
-nicht verwechseln. Im Gesetz, ich habe es allerdings nicht gelesen,
-steht natürlich einerseits, daß der Unschuldige freigesprochen wird,
-andererseits steht dort aber nicht, daß die Richter beeinflußt werden
-können. Nun habe aber ich gerade das Gegenteil dessen erfahren. Ich
-weiß von keiner wirklichen Freisprechung, wohl aber von vielen
-Beeinflussungen. Es ist natürlich möglich, daß in allen mir bekannten
-Fällen keine Unschuld vorhanden war. Aber ist das nicht
-unwahrscheinlich? In so vielen Fällen keine einzige Unschuld? Schon als
-Kind hörte ich dem Vater genau zu, wenn er zu Hause von Prozessen
-erzählte, auch die Richter, die in sein Atelier kamen, erzählten vom
-Gericht, man spricht in unsern Kreisen überhaupt von nichts anderem;
-kaum bekam ich die Möglichkeit, selbst zu Gericht zu gehn, nützte ich
-sie immer aus, unzählbare Prozesse habe ich in wichtigen Stadien
-angehört und soweit sie sichtbar sind, verfolgt, und — ich muß es
-zugeben — nicht einen einzigen wirklichen Freispruch erlebt.“ „Keinen
-einzigen Freispruch also,“ sagte K., als rede er zu sich selbst und zu
-seinen Hoffnungen. „Das bestätigt aber die Meinung, die ich von dem
-Gericht schon habe. Es ist also auch von dieser Seite zwecklos. Ein
-einziger Henker könnte das ganze Gericht ersetzen.“ „Sie dürfen nicht
-verallgemeinern,“ sagte der Maler unzufrieden, „ich habe ja nur von
-meinen Erfahrungen gesprochen.“ „Das genügt doch,“ sagte K., „oder
-haben Sie von Freisprüchen aus früherer Zeit gehört?“ „Solche
-Freisprüche,“ antwortete der Maler, „soll es allerdings gegeben haben.
-Nur ist es sehr schwer, das festzustellen. Die abschließenden
-Entscheidungen des Gerichtes werden nicht veröffentlicht, sie sind
-nicht einmal den Richtern zugänglich, infolgedessen haben sich über
-alte Gerichtsfälle nur Legenden erhalten. Diese enthalten allerdings
-sogar in der Mehrzahl wirkliche Freisprechungen, man kann sie glauben,
-nachweisbar sind sie aber nicht. Trotzdem muß man sie nicht ganz
-vernachlässigen, eine gewisse Wahrheit enthalten sie wohl gewiß, auch
-sind sie sehr schön, ich selbst habe einige Bilder gemalt, die solche
-Legenden zum Inhalt haben.“ „Bloße Legenden ändern meine Meinung
-nicht,“ sagte K., „man kann sich wohl auch vor Gericht auf diese
-Legenden nicht berufen?“ Der Maler lachte. „Nein, das kann man nicht,“
-sagte er. „Dann ist es nutzlos, darüber zu reden,“ sagte K., er wollte
-vorläufig alle Meinungen des Malers hinnehmen, selbst wenn er sie für
-unwahrscheinlich hielt und sie andern Berichten widersprachen. Er hatte
-jetzt nicht die Zeit, alles, was der Maler sagte, auf die Wahrheit hin
-zu überprüfen oder gar zu widerlegen, es war schon das Äußerste
-erreicht, wenn er den Maler dazu bewog, ihm in irgendeiner, sei es auch
-in einer nicht entscheidenden Weise zu helfen. Darum sagte er: „Sehn
-wir also von der wirklichen Freisprechung ab, Sie erwähnten aber noch
-zwei andere Möglichkeiten.“ „Die scheinbare Freisprechung und die
-Verschleppung. Um die allein kann es sich handeln,“ sagte der Maler.
-„Wollen Sie aber nicht, ehe wir davon reden, den Rock ausziehn. Es ist
-Ihnen wohl heiß.“ „Ja,“ sagte K., der bisher auf nichts als auf die
-Erklärungen des Malers geachtet hatte, dem aber jetzt, da er an die
-Hitze erinnert worden war, starker Schweiß auf der Stirn ausbrach. „Es
-ist fast unerträglich.“ Der Maler nickte, als verstehe er K.s Unbehagen
-sehr gut. „Könnte man nicht das Fenster öffnen?“ fragte K. „Nein,“
-sagte der Maler. „Es ist bloß eine fest eingesetzte Glasscheibe, man
-kann es nicht öffnen.“ Jetzt erkannte K., daß er die ganze Zeit über
-darauf gehofft hatte, plötzlich werde der Maler oder er zum Fenster
-gehn und es aufreißen. Er war darauf vorbereitet, selbst den Nebel mit
-offenem Mund einzuatmen. Das Gefühl, hier von der Luft vollständig
-abgesperrt zu sein, verursachte ihm Schwindel. Er schlug leicht mit der
-Hand auf das Federbett neben sich und sagte mit schwacher Stimme: „Das
-ist ja unbequem und ungesund.“ „O nein,“ sagte der Maler zur
-Verteidigung seines Fensters. „Dadurch, daß es nicht aufgemacht werden
-kann, wird, trotzdem es nur eine einfache Scheibe ist, die Wärme hier
-besser festgehalten als durch ein Doppelfenster. Will ich aber lüften,
-was nicht sehr notwendig ist, da durch die Balkenritzen überall Luft
-eindringt, kann ich eine meiner Türen oder sogar beide öffnen.“ K.,
-durch diese Erklärung ein wenig getröstet, blickte herum, um die zweite
-Tür zu finden. Der Maler bemerkte das und sagte: „Sie ist hinter Ihnen,
-ich mußte sie durch das Bett verstellen.“ Jetzt erst sah K. die kleine
-Türe in der Wand. „Es ist eben hier alles viel zu klein für ein
-Atelier,“ sagte der Maler, als wolle er einem Tadel K.s zuvorkommen.
-„Ich mußte mich einrichten so gut es ging. Das Bett vor der Tür steht
-natürlich an einem sehr schlechten Platz. Der Richter z. B., den ich
-jetzt male, kommt immer durch die Tür beim Bett und ich habe ihm auch
-einen Schlüssel von dieser Tür gegeben, damit er, auch wenn ich nicht
-zu Hause bin, hier im Atelier auf mich warten kann. Nun kommt er aber
-gewöhnlich früh am Morgen, während ich noch schlafe. Es reißt mich
-natürlich immer aus dem tiefsten Schlaf, wenn sich neben dem Bett die
-Türe öffnet. Sie würden jede Ehrfurcht vor den Richtern verlieren, wenn
-Sie die Flüche hören würden, mit denen ich ihn empfange, wenn er früh
-über mein Bett steigt. Ich könnte ihm allerdings den Schlüssel
-wegnehmen, aber es würde dadurch nur ärger werden. Man kann hier alle
-Türen mit der geringsten Anstrengung aus den Angeln brechen.“ Während
-dieser ganzen Rede überlegte K., ob er den Rock ausziehn sollte, er sah
-aber schließlich ein, daß er, wenn er es nicht tat, unfähig war, hier
-noch länger zu bleiben, er zog daher den Rock aus, legte ihn aber über
-die Knie, um ihn, falls die Besprechung zu Ende wäre, wieder anziehn zu
-können. Kaum hatte er den Rock ausgezogen, rief eines der Mädchen: „Er
-hat schon den Rock ausgezogen“ und man hörte, wie sich alle zu den
-Ritzen drängten, um das Schauspiel selbst zu sehn. „Die Mädchen glauben
-nämlich,“ sagte der Maler, „daß ich Sie malen werde und daß Sie sich
-deshalb ausziehn.“ „So,“ sagte K. nur wenig belustigt, denn er fühlte
-sich nicht viel besser als früher, trotzdem er jetzt in Hemdärmeln
-dasaß. Fast mürrisch fragte er: „Wie nannten Sie die zwei andern
-Möglichkeiten.“ Er hatte die Ausdrücke schon wieder vergessen. „Die
-scheinbare Freisprechung und die Verschleppung,“ sagte der Maler. „Es
-liegt an Ihnen, was Sie davon wählen. Beides ist durch meine Hilfe
-erreichbar, natürlich nicht ohne Mühe, der Unterschied in dieser
-Hinsicht ist der, daß die scheinbare Freisprechung eine gesammelte
-zeitweilige, die Verschleppung eine viel geringere aber dauernde
-Anstrengung verlangt. Zunächst also die scheinbare Freisprechung. Wenn
-Sie diese wünschen sollten, schreibe ich auf einem Bogen Papier eine
-Bestätigung Ihrer Unschuld auf. Der Text für eine solche Bestätigung
-ist mir von meinem Vater überliefert und ganz unangreifbar. Mit dieser
-Bestätigung mache ich nun einen Rundgang bei den mir bekannten
-Richtern. Ich fange also etwa damit an, daß ich dem Richter, den ich
-jetzt male, heute abend, wenn er zur Sitzung kommt, die Bestätigung
-vorlege. Ich lege ihm die Bestätigung vor, erkläre ihm, daß Sie
-unschuldig sind und verbürge mich für Ihre Unschuld. Das ist aber keine
-bloß äußerliche, sondern eine wirkliche bindende Bürgschaft.“ In den
-Blicken des Malers lag es wie ein Vorwurf, daß K. ihm die Last einer
-solchen Bürgschaft auferlegen wolle. „Das wäre ja sehr freundlich,“
-sagte K. „Und der Richter würde Ihnen glauben und mich trotzdem nicht
-wirklich freisprechen?“ „Wie ich schon sagte,“ antwortete der Maler.
-„Übrigens ist es durchaus nicht sicher, daß jeder mir glauben würde,
-mancher Richter wird z. B. verlangen, daß ich Sie selbst zu ihm
-hinführe. Dann müßten Sie also einmal mitkommen. Allerdings ist in
-einem solchen Falle die Sache schon halb gewonnen, besonders, da ich
-Sie natürlich vorher genau darüber unterrichten würde, wie Sie sich bei
-dem betreffenden Richter zu verhalten haben. Schlimmer ist es bei den
-Richtern, die mich — auch das wird vorkommen — von vornherein abweisen.
-Auf diese müssen wir, wenn ich es auch an mehrfachen Versuchen gewiß
-nicht fehlen lassen werde, verzichten, wir dürfen das aber auch, denn
-einzelne Richter können hier nicht den Ausschlag geben. Wenn ich nun
-auf dieser Bestätigung eine genügende Anzahl von Unterschriften der
-Richter habe, gehe ich mit dieser Bestätigung zu dem Richter, der Ihren
-Prozeß gerade führt. Möglicherweise habe ich auch seine Unterschrift,
-dann entwickelt sich alles noch ein wenig rascher als sonst. Im
-allgemeinen gibt es aber dann überhaupt nicht mehr viel Hindernisse, es
-ist dann für den Angeklagten die Zeit der höchsten Zuversicht. Es ist
-merkwürdig, aber wahr, die Leute sind in dieser Zeit zuversichtlicher
-als nach dem Freispruch. Es bedarf jetzt keiner besondern Mühe mehr.
-Der Richter besitzt in der Bestätigung die Bürgschaft einer Anzahl von
-Richtern, kann Sie unbesorgt freisprechen und wird es allerdings nach
-Durchführung verschiedener Formalitäten mir und andern Bekannten zu
-Gefallen zweifellos tun. Sie aber treten aus dem Gericht und sind
-frei.“ „Dann bin ich also frei,“ sagte K. zögernd. „Ja,“ sagte der
-Maler, „aber nur scheinbar frei oder besser ausgedrückt zeitweilig
-frei. Die untersten Richter nämlich, zu denen meine Bekannten gehören,
-haben nicht das Recht, endgültig freizusprechen, dieses Recht hat nur
-das oberste, für Sie, für mich und für uns alle ganz unerreichbare
-Gericht. Wie es dort aussieht, wissen wir nicht und wollen wir,
-nebenbei gesagt, auch nicht wissen. Das große Recht, von der Anklage zu
-befreien, haben also unsere Richter nicht, wohl aber haben sie das
-Recht, von der Anklage loszulösen. Das heißt, wenn Sie auf diese Weise
-freigesprochen werden, sind Sie für den Augenblick der Anklage
-entzogen, aber sie schwebt auch weiterhin über Ihnen und kann, sobald
-nur der höhere Befehl kommt, sofort in Wirkung treten. Da ich mit dem
-Gericht in so guter Verbindung stehe, kann ich Ihnen auch sagen, wie
-sich in den Vorschriften für die Gerichtskanzleien der Unterschied
-zwischen der wirklichen und der scheinbaren Freisprechung rein
-äußerlich zeigt. Bei einer wirklichen Freisprechung sollen die
-Prozeßakten vollständig abgelegt werden, sie verschwinden gänzlich aus
-dem Verfahren, nicht nur die Anklage, auch der Prozeß und sogar der
-Freispruch sind vernichtet, alles ist vernichtet. Anders beim
-scheinbaren Freispruch. Mit dem Akt ist keine weitere Veränderung vor
-sich gegangen, als daß er um die Bestätigung der Unschuld, um den
-Freispruch und um die Begründung des Freispruchs bereichert worden ist.
-Im übrigen aber bleibt er im Verfahren, er wird, wie es der
-ununterbrochene Verkehr der Gerichtskanzleien erfordert, zu den höhern
-Gerichten weitergeleitet, kommt zu den niedrigen zurück und pendelt so
-mit größeren und kleineren Schwingungen, mit größeren und kleineren
-Stockungen auf und ab. Diese Wege sind unberechenbar. Von außen gesehn,
-kann es manchmal den Anschein bekommen, daß alles längst vergessen, der
-Akt verloren und der Freispruch ein vollkommener ist. Ein Eingeweihter
-wird das nicht glauben. Es geht kein Akt verloren, es gibt bei Gericht
-kein Vergessen. Eines Tages — niemand erwartet es — nimmt irgendein
-Richter den Akt aufmerksam in die Hand, erkennt, daß in diesem Falle
-die Anklage noch lebendig ist und ordnet die sofortige Verhaftung an.
-Ich habe hier angenommen, daß zwischen dem scheinbaren Freispruch und
-der neuen Verhaftung eine lange Zeit vergeht, das ist möglich und ich
-weiß von solchen Fällen, es ist aber ebensogut möglich, daß der
-Freigesprochene vom Gericht nach Hause kommt und dort schon Beauftragte
-warten, um ihn wieder zu verhaften. Dann ist natürlich das freie Leben
-zu Ende.“ „Und der Prozeß beginnt von neuem?“ fragte K. fast ungläubig.
-„Allerdings,“ sagte der Maler, „der Prozeß beginnt von neuem, es
-besteht aber wieder die Möglichkeit, ebenso wie früher, einen
-scheinbaren Freispruch zu erwirken. Man muß wieder alle Kräfte
-zusammennehmen und darf sich nicht ergeben.“ Das Letztere sagte der
-Maler vielleicht unter dem Eindruck, den K., der ein wenig
-zusammengesunken war, auf ihn machte. „Ist aber,“ fragte K., als wolle
-er jetzt irgendwelchen Enthüllungen des Malers zuvorkommen, „die
-Erwirkung eines zweiten Freispruchs nicht schwieriger als die des
-ersten?“ „Man kann,“ antwortete der Maler, „in dieser Hinsicht nichts
-Bestimmtes sagen. Sie meinen wohl, daß die Richter durch die zweite
-Verhaftung in ihrem Urteil zuungunsten des Angeklagten beeinflußt
-werden? Das ist nicht der Fall. Die Richter haben ja schon beim
-Freispruch diese Verhaftung vorhergesehn. Dieser Umstand wirkt also
-kaum ein. Wohl aber kann aus zahllosen sonstigen Gründen die Stimmung
-der Richter sowie ihre rechtliche Beurteilung des Falles eine andere
-geworden sein, und die Bemühungen um den zweiten Freispruch müssen
-daher den veränderten Umständen angepaßt werden und im allgemeinen
-ebenso kräftig sein wie die vor dem ersten Freispruch.“ „Aber dieser
-zweite Freispruch ist doch wieder nicht endgültig,“ sagte K. und drehte
-abweisend den Kopf. „Natürlich nicht,“ sagte der Maler, „dem zweiten
-Freispruch folgt die dritte Verhaftung, dem dritten Freispruch die
-vierte Verhaftung und so fort. Das liegt schon in dem Begriff des
-scheinbaren Freispruchs.“ K. schwieg. „Der scheinbare Freispruch
-scheint Ihnen offenbar nicht vorteilhaft zu sein,“ sagte der Maler,
-„vielleicht entspricht Ihnen die Verschleppung besser. Soll ich Ihnen
-das Wesen der Verschleppung erklären?“ K. nickte. Der Maler hatte sich
-breit in seinen Sessel zurückgelehnt, das Nachthemd war weit offen, er
-hatte eine Hand darunter geschoben, mit der er über die Brust und die
-Seiten strich. „Die Verschleppung,“ sagte der Maler und sah einen
-Augenblick vor sich hin, als suche er eine vollständig zutreffende
-Erklärung, „die Verschleppung besteht darin, daß der Prozeß dauernd im
-niedrigsten Prozeßstadium erhalten wird. Um dies zu erreichen, ist es
-nötig, daß der Angeklagte und der Helfer, insbesondere aber der Helfer
-in ununterbrochener persönlicher Fühlung mit dem Gerichte bleibt. Ich
-wiederhole, es ist hiefür kein solcher Kraftaufwand nötig, wie bei der
-Erreichung eines scheinbaren Freispruchs, wohl aber ist eine viel
-größere Aufmerksamkeit nötig. Man darf den Prozeß nicht aus dem Auge
-verlieren, man muß zu dem betreffenden Richter in regelmäßigen
-Zwischenräumen und außerdem bei besondern Gelegenheiten gehn und ihn
-auf jede Weise sich freundlich zu erhalten suchen; ist man mit dem
-Richter nicht persönlich bekannt, so muß man durch bekannte Richter ihn
-beeinflussen lassen, ohne daß man etwa deshalb die unmittelbaren
-Besprechungen aufgeben dürfte. Versäumt man in dieser Hinsicht nichts,
-so kann man mit genügender Bestimmtheit annehmen, daß der Prozeß über
-sein erstes Stadium nicht hinauskommt. Der Prozeß hört zwar nicht auf,
-aber der Angeklagte ist vor einer Verurteilung fast ebenso gesichert,
-wie wenn er frei wäre. Gegenüber dem scheinbaren Freispruch hat die
-Verschleppung den Vorteil, daß die Zukunft des Angeklagten weniger
-unbestimmt ist, er bleibt vor dem Schrecken der plötzlichen
-Verhaftungen bewahrt und muß nicht fürchten, etwa gerade zu Zeiten, wo
-seine sonstigen Umstände dafür am wenigsten günstig sind, die
-Anstrengungen und Aufregungen auf sich nehmen zu müssen, welche mit der
-Erreichung des scheinbaren Freispruchs verbunden sind. Allerdings hat
-auch die Verschleppung für den Angeklagten gewisse Nachteile, die man
-nicht unterschätzen darf. Ich denke hiebei nicht daran, daß hier der
-Angeklagte niemals frei ist, das ist er ja auch bei der scheinbaren
-Freisprechung im eigentlichen Sinne nicht. Es ist ein anderer Nachteil.
-Der Prozeß kann nicht stillstehn, ohne daß wenigstens scheinbare Gründe
-dafür vorliegen. Es muß deshalb im Prozeß nach außen hin etwas
-geschehn. Es müssen also von Zeit zu Zeit verschiedene Anordnungen
-getroffen werden, der Angeklagte muß verhört werden, Untersuchungen
-müssen stattfinden usw. Der Prozeß muß eben immerfort in dem kleinen
-Kreis, auf den er künstlich eingeschränkt worden ist, gedreht werden.
-Das bringt natürlich gewisse Unannehmlichkeiten für den Angeklagten mit
-sich, die Sie sich aber wiederum nicht zu schlimm vorstellen dürfen. Es
-ist ja alles nur äußerlich, die Verhöre beispielsweise sind also nur
-ganz kurz; wenn man einmal keine Zeit oder keine Lust hat hinzugehn,
-darf man sich entschuldigen, man kann sogar bei gewissen Richtern die
-Anordnungen für eine lange Zeit im voraus gemeinsam festsetzen, es
-handelt sich im Wesen nur darum, daß man, da man Angeklagter ist, von
-Zeit zu Zeit bei seinem Richter sich meldet.“ Schon während der letzten
-Worte hatte K. den Rock über den Arm gelegt und war aufgestanden. „Er
-steht schon auf,“ rief es sofort draußen vor der Tür. „Sie wollen schon
-fortgehn?“ fragte der Maler, der auch aufgestanden war. „Es ist gewiß
-die Luft, die Sie von hier vertreibt. Es ist mir sehr peinlich. Ich
-hätte Ihnen auch noch manches zu sagen. Ich mußte mich ganz kurz
-fassen. Ich hoffe aber verständlich gewesen zu sein.“ „O ja,“ sagte K.,
-dem von der Anstrengung, mit der er sich zum Zuhören gezwungen hatte,
-der Kopf schmerzte. Trotz dieser Bestätigung sagte der Maler alles noch
-einmal zusammenfassend, als wolle er K. auf den Heimweg einen Trost
-mitgeben: „Beide Methoden haben das Gemeinsame, daß sie eine
-Verurteilung des Angeklagten verhindern.“ „Sie verhindern aber auch die
-wirkliche Freisprechung,“ sagte K. leise, als schäme er sich, das
-erkannt zu haben. „Sie haben den Kern der Sache erfaßt,“ sagte der
-Maler schnell. K. legte die Hand auf seinen Winterrock, konnte sich
-aber nicht einmal entschließen, den Rock anzuziehn. Am liebsten hätte
-er alles zusammengepackt und wäre damit an die frische Luft gelaufen.
-Auch die Mädchen konnten ihn nicht dazu bewegen, sich anzuziehn,
-trotzdem sie, verfrüht, einander schon zuriefen, daß er sich anziehe.
-Dem Maler lag daran, K.s Stimmung irgendwie zu deuten, er sagte
-deshalb: „Sie haben sich wohl hinsichtlich meiner Vorschläge noch nicht
-entschieden. Ich billige das. Ich hätte Ihnen sogar davon abgeraten,
-sich sofort zu entscheiden. Die Vorteile und Nachteile sind haarfein.
-Man muß alles genau abschätzen. Allerdings darf man auch nicht zuviel
-Zeit verlieren.“ „Ich werde bald wiederkommen,“ sagte K., der in einem
-plötzlichen Entschluß den Rock anzog, den Mantel über die Schulter warf
-und zur Tür eilte, hinter der jetzt die Mädchen zu schreien anfingen.
-K. glaubte, die schreienden Mädchen durch die Tür zu sehn. „Sie müssen
-aber Wort halten,“ sagte der Maler, der ihm nicht gefolgt war, „sonst
-komme ich in die Bank, um selbst nachzufragen.“ „Sperren Sie doch die
-Tür auf,“ sagte K. und riß an der Klinke, die die Mädchen, wie er an
-dem Gegendruck merkte, draußen festhielten. „Wollen Sie von den Mädchen
-belästigt werden?“ fragte der Maler. „Benutzen Sie doch lieber diesen
-Ausgang“, und er zeigte auf die Tür hinter dem Bett. K. war damit
-einverstanden und sprang zum Bett zurück. Aber statt die Tür dort zu
-öffnen, kroch der Maler unter das Bett und fragte von unten: „Nur noch
-einen Augenblick. Wollen Sie nicht noch ein Bild sehn, das ich Ihnen
-verkaufen könnte?“ K. wollte nicht unhöflich sein, der Maler hatte sich
-wirklich seiner angenommen und versprochen, ihm weiterhin zu helfen,
-auch war infolge der Vergeßlichkeit K.s über die Entlohnung für die
-Hilfe noch gar nicht gesprochen worden, deshalb konnte ihn K. jetzt
-nicht abweisen und ließ sich das Bild zeigen, wenn er auch vor Ungeduld
-zitterte, aus dem Atelier wegzukommen. Der Maler zog unter dem Bett
-einen Haufen ungerahmter Bilder hervor, die so mit Staub bedeckt waren,
-daß dieser, als ihn der Maler vom obersten Bild wegzublasen suchte,
-längere Zeit atemraubend K. vor den Augen wirbelte. „Eine
-Heidelandschaft,“ sagte der Maler und reichte K. das Bild. Es stellte
-zwei schwache Bäume dar, die weit voneinander entfernt im dunklen Gras
-standen. Im Hintergrund war ein vielfarbiger Sonnenuntergang. „Schön,“
-sagte K., „ich kaufe es.“ K. hatte unbedacht sich so kurz geäußert, er
-war daher froh, als der Maler, statt dies übelzunehmen, ein zweites
-Bild vom Boden aufhob. „Hier ist ein Gegenstück zu diesem Bild,“ sagte
-der Maler. Es mochte als Gegenstück beabsichtigt sein, es war aber
-nicht der geringste Unterschied gegenüber dem ersten Bild zu merken,
-hier waren die Bäume, hier das Gras und dort der Sonnenuntergang. Aber
-K. lag wenig daran. „Es sind schöne Landschaften,“ sagte er, „ich kaufe
-beide und werde sie in meinem Bureau aufhängen.“ „Das Motiv scheint
-Ihnen zu gefallen,“ sagte der Maler und holte ein drittes Bild herauf,
-„es trifft sich gut, daß ich noch ein ähnliches Bild hier habe.“ Es war
-aber nicht ähnlich, es war vielmehr die völlig gleiche alte
-Heidelandschaft. Der Maler nutzte diese Gelegenheit, alte Bilder zu
-verkaufen, gut aus. „Ich nehme auch dieses noch,“ sagte K. „Wieviel
-kosten die drei Bilder?“ „Darüber werden wir nächstens sprechen,“ sagte
-der Maler. „Sie haben jetzt Eile und wir bleiben doch in Verbindung. Im
-übrigen freut es mich, daß Ihnen die Bilder gefallen, ich werde Ihnen
-alle Bilder mitgeben, die ich hier unten habe. Es sind lauter
-Heidelandschaften, ich habe schon viele Heidelandschaften gemalt.
-Manche Leute weisen solche Bilder ab, weil sie zu düster sind, andere
-aber, und Sie gehören zu ihnen, lieben gerade das Düstere.“ Aber K.
-hatte jetzt keinen Sinn für die beruflichen Erfahrungen des
-Bettelmalers. „Packen Sie alle Bilder ein,“ rief er, dem Maler in die
-Rede fallend, „morgen kommt mein Diener und wird sie holen.“ „Es ist
-nicht nötig,“ sagte der Maler. „Ich hoffe, ich werde Ihnen einen Träger
-verschaffen können, der gleich mit Ihnen gehen wird.“ Und er beugte
-sich endlich über das Bett und sperrte die Tür auf, „Steigen Sie ohne
-Scheu auf das Bett,“ sagte der Maler, „das tut jeder, der hier
-hereinkommt.“ K. hätte auch ohne diese Aufforderung keine Rücksicht
-genommen, er hatte sogar schon einen Fuß mitten auf das Federbett
-gesetzt, da sah er durch die offene Tür hinaus und zog den Fuß wieder
-zurück. „Was ist das?“ fragte er den Maler. „Worüber staunen Sie?“
-fragte dieser, seinerseits staunend. „Es sind die Gerichtskanzleien.
-Wußten Sie nicht, daß hier Gerichtskanzleien sind? Gerichtskanzleien
-sind doch fast auf jedem Dachboden, warum sollten sie gerade hier
-fehlen? Auch mein Atelier gehört eigentlich zu den Gerichtskanzleien,
-das Gericht hat es mir aber zur Verfügung gestellt.“ K. erschrak nicht
-so sehr darüber, daß er auch hier Gerichtskanzleien gefunden hatte, er
-erschrak hauptsächlich über sich, über seine Unwissenheit in
-Gerichtssachen. Als eine Grundregel für das Verhalten eines Angeklagten
-erschien es ihm, immer vorbereitet zu sein, sich niemals überraschen
-lassen, nicht ahnungslos nach rechts zu schauen, wenn links der Richter
-neben ihm stand — und gerade gegen diese Grundregel verstieß er immer
-wieder. Vor ihm dehnte sich ein langer Gang, aus dem eine Luft wehte,
-mit der verglichen die Luft im Atelier erfrischend war. Bänke waren zu
-beiden Seiten des Ganges aufgestellt, genau so wie im Wartezimmer der
-Kanzlei, die für K. zuständig war. Es schienen genaue Vorschriften für
-die Einrichtung von Kanzleien zu bestehn. Augenblicklich war der
-Parteienverkehr hier nicht sehr groß. Ein Mann saß dort halb liegend,
-das Gesicht hatte er auf der Bank in seine Arme vergraben und schien zu
-schlafen; ein anderer stand im Halbdunkel am Ende des Ganges. K. stieg
-nun über das Bett, der Maler folgte ihm mit den Bildern. Sie trafen
-bald einen Gerichtsdiener — K. erkannte jetzt schon alle Gerichtsdiener
-an dem Goldknopf, den diese an ihrem Zivilanzug unter den gewöhnlichen
-Knöpfen hatten — und der Maler gab ihm den Auftrag, K. mit den Bildern
-zu begleiten. K. wankte mehr als er ging, das Taschentuch hielt er an
-den Mund gedrückt. Sie waren schon nahe am Ausgang, da stürmten ihnen
-die Mädchen entgegen, die also K. auch nicht erspart geblieben waren.
-Sie hatten offenbar gesehn, daß die zweite Tür des Ateliers geöffnet
-worden war und hatten den Umweg gemacht, um von dieser Seite
-einzudringen. „Ich kann Sie nicht mehr begleiten,“ rief der Maler
-lachend unter dem Andrang der Mädchen. „Auf Wiedersehn. Und überlegen
-Sie nicht zu lange!“ K. sah sich nicht einmal nach ihm um. Auf der
-Gasse nahm er den ersten Wagen, der ihm in den Weg kam. Es lag ihm
-daran, den Diener loszuwerden, dessen Goldknopf ihm unaufhörlich in die
-Augen stach, wenn er auch sonst wahrscheinlich niemandem auffiel. In
-seiner Dienstfertigkeit wollte sich der Diener noch auf den Kutschbock
-setzen, K. jagte ihn aber herunter. Mittag war schon längst vorüber,
-als K. vor der Bank ankam. Er hätte gern die Bilder im Wagen gelassen,
-fürchtete aber, bei irgendeiner Gelegenheit genötigt zu werden, sich
-dem Maler gegenüber mit ihnen auszuweisen. Er ließ sie daher in das
-Bureau schaffen und versperrte sie in die unterste Lade seines Tisches,
-um sie wenigstens für die allernächsten Tage vor den Blicken des
-Direktor-Stellvertreters in Sicherheit zu bringen.
-
-
-
-
-
-
-
-
-ACHTES KAPITEL
-
-KAUFMANN BLOCK · KÜNDIGUNG DES ADVOKATEN
-
-
-Endlich hatte sich K. doch entschlossen, dem Advokaten seine Vertretung
-zu entziehn. Zweifel daran, ob es richtig war, so zu handeln, waren
-zwar nicht auszurotten, aber die Überzeugung von der Notwendigkeit
-dessen überwog. Die Entschließung hatte K. an dem Tage, an dem er zum
-Advokaten gehen wollte, viel Arbeitskraft entzogen, er arbeitete
-besonders langsam, er mußte sehr lange im Bureau bleiben, und es war
-schon 10 Uhr vorüber, als er endlich vor der Tür des Advokaten stand.
-Noch ehe er läutete, überlegte er, ob es nicht besser wäre, dem
-Advokaten telephonisch oder brieflich zu kündigen, die persönliche
-Unterredung würde gewiß sehr peinlich werden. Trotzdem wollte K.
-schließlich nicht auf sie verzichten, bei jeder andern Art der
-Kündigung würde diese stillschweigend oder mit ein paar förmlichen
-Worten angenommen werden und K. würde, wenn nicht etwa Leni einiges
-erforschen könnte, niemals erfahren, wie der Advokat die Kündigung
-aufgenommen hatte und was für Folgen für K. diese Kündigung nach der
-nicht unwichtigen Meinung des Advokaten haben könnte. Saß aber der
-Advokat K. gegenüber und wurde er von der Kündigung überrascht, so
-würde K., selbst wenn der Advokat sich nicht viel entlocken ließ, aus
-seinem Gesicht und seinem Benehmen alles, was er wollte, leicht
-entnehmen können. Es war sogar nicht ausgeschlossen, daß er überzeugt
-wurde, daß es doch gut wäre, dem Advokaten die Verteidigung zu
-überlassen und daß er dann seine Kündigung zurückzog.
-
-Das erste Läuten an der Tür des Advokaten war, wie gewöhnlich,
-zwecklos. „Leni könnte flinker sein,“ dachte K. Aber es war schon ein
-Vorteil, wenn sich nicht die andere Partei einmischte, wie sie es
-gewöhnlich tat, sei es, daß der Mann im Schlafrock oder sonst jemand zu
-belästigen anfing. Während K. zum zweitenmal den Knopf drückte, sah er
-nach der andern Tür zurück, diesmal aber blieb auch sie geschlossen.
-Endlich erschienen an dem Guckfenster der Tür des Advokaten zwei Augen,
-es waren aber nicht Lenis Augen. Jemand schloß die Tür auf, stemmte
-sich aber vorläufig noch gegen sie, rief in die Wohnung zurück: „Er ist
-es,“ und öffnete erst dann vollständig. K. hatte gegen die Tür
-gedrängt, denn schon hörte er, wie hinter ihm in der Tür der andern
-Wohnung der Schlüssel hastig im Schloß gedreht wurde. Als sich daher
-die Tür vor ihm endlich öffnete, stürmte er geradezu ins Vorzimmer und
-sah noch, wie durch den Gang, der zwischen den Zimmern hindurchführte,
-Leni, welcher der Warnungsruf des Türöffners gegolten hatte, im Hemd
-davonlief. Er blickte ihr ein Weilchen nach und sah sich dann nach dem
-Türöffner um. Es war ein kleiner dürrer Mann mit Vollbart, er hielt
-eine Kerze in der Hand. „Sie sind hier angestellt?“ fragte K. „Nein,“
-antwortete der Mann, „ich bin hier fremd, der Advokat ist nur mein
-Vertreter, ich bin hier wegen einer Rechtsangelegenheit.“ „Ohne Rock?“
-fragte K. und zeigte mit einer Handbewegung auf die mangelhafte
-Bekleidung des Mannes. „Ach verzeihen Sie,“ sagte der Mann und
-beleuchtete sich selbst mit der Kerze, als sähe er selbst zum erstenmal
-seinen Zustand. „Leni ist Ihre Geliebte?“ fragte K. kurz. Er hatte die
-Beine ein wenig gespreizt, die Hände, in denen er den Hut hielt, hinten
-verschlungen. Schon durch den Besitz eines starken Überrocks fühlte er
-sich dem magern Kleinen sehr überlegen. „O Gott,“ sagte der und hob die
-eine Hand in erschrockener Abwehr vor das Gesicht, „nein, nein, was
-denken Sie denn?“ „Sie sehn glaubwürdig aus,“ sagte K. lächelnd,
-„trotzdem — kommen Sie.“ Er winkte ihm mit dem Hut und ließ ihn vor
-sich gehn. „Wie heißen Sie denn?“ fragte K. auf dem Weg. „Block,
-Kaufmann Block,“ sagte der Kleine und drehte sich bei dieser
-Vorstellung nach K. um, stehenbleiben ließ ihn aber K. nicht. „Ist das
-Ihr wirklicher Name?“ fragte K. „Gewiß,“ war die Antwort, „warum haben
-Sie denn Zweifel?“ „Ich dachte, Sie könnten Grund haben, Ihren Namen zu
-verschweigen,“ sagte K. Er fühlte sich so frei, wie man es sonst nur
-ist, wenn man in der Fremde mit niedrigen Leuten spricht, alles was
-einen selbst betrifft, bei sich behält, nur gleichmütig von den
-Interessen der andern redet, sie dadurch vor sich selbst erhöht, aber
-auch nach Belieben fallen lassen kann. Bei der Tür des Arbeitszimmers
-des Advokaten blieb K. stehn, öffnete sie und rief dem Kaufmann, der
-folgsam weitergegangen war, zu: „Nicht so eilig, leuchten Sie hier.“ K.
-dachte, Leni könnte sich hier versteckt haben, er ließ den Kaufmann
-alle Winkel absuchen, aber das Zimmer war leer. Vor dem Bild des
-Richters hielt K. den Kaufmann hinten an den Hosenträgern zurück.
-„Kennen Sie den,“ fragte er und zeigte mit dem Zeigefinger in die Höhe.
-Der Kaufmann hob die Kerze, sah blinzelnd hinauf und sagte: „Es ist ein
-Richter.“ „Ein hoher Richter?“ fragte K. und stellte sich seitlich vor
-den Kaufmann, um den Eindruck, den das Bild auf ihn machte, zu
-beobachten. Der Kaufmann sah bewundernd aufwärts. „Es ist ein hoher
-Richter,“ sagte er. „Sie haben keinen großen Einblick,“ sagte K. „Unter
-den niedrigen Untersuchungsrichtern ist er der niedrigste.“ „Nun
-erinnere ich mich,“ sagte der Kaufmann und senkte die Kerze, „ich habe
-es auch schon gehört.“ „Aber natürlich,“ rief K., „ich vergaß ja,
-natürlich müssen Sie es schon gehört haben.“ „Aber warum denn, warum
-denn?“ fragte der Kaufmann, während er sich, von K. mit den Händen
-angetrieben, zur Tür fortbewegte. Draußen auf dem Gang sagte K.: „Sie
-wissen doch, wo sich Leni versteckt hat?“ „Versteckt?“ sagte der
-Kaufmann, „nein, sie dürfte aber in der Küche sein und dem Advokaten
-eine Suppe kochen.“ „Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?“ fragte
-K. „Ich wollte Sie ja hinführen, Sie haben mich aber wieder
-zurückgerufen,“ antwortete der Kaufmann, wie verwirrt durch die
-widersprechenden Befehle. „Sie glauben wohl sehr schlau zu sein,“ sagte
-K., „führen Sie mich also!“ In der Küche war K. noch nie gewesen, sie
-war überraschend groß und reich ausgestattet. Allein der Herd war
-dreimal so groß wie gewöhnliche Herde, von dem übrigen sah man keine
-Einzelheiten, denn die Küche wurde jetzt nur von einer kleinen Lampe
-beleuchtet, die beim Eingang hing. Am Herd stand Leni in weißer Schürze
-wie immer und leerte Eier in einen Topf aus, der auf einem
-Spiritusfeuer stand. „Guten Abend, Josef,“ sagte sie mit einem
-Seitenblick. „Guten Abend,“ sagte K. und zeigte mit einer Hand auf
-einen abseits stehenden Sessel, auf den sich der Kaufmann setzen
-sollte, was dieser auch tat. K. aber ging ganz nahe hinter Leni, beugte
-sich über ihre Schulter und fragte: „Wer ist der Mann?“ Leni umfaßte K.
-mit einer Hand, die andere quirlte die Suppe, zog ihn nach vorn zu sich
-und sagte: „Es ist ein bedauernswerter Mensch, ein armer Kaufmann, ein
-gewisser Block. Sieh ihn nur an.“ Sie blickten beide zurück. Der
-Kaufmann saß auf dem Sessel, auf den ihn K. gewiesen hatte, er hatte
-die Kerze, deren Licht jetzt unnötig war, ausgepustet und drückte mit
-den Fingern den Docht, um den Rauch zu verhindern. „Du warst im Hemd,“
-sagte K. und wendete ihren Kopf mit der Hand wieder dem Herd zu. Sie
-schwieg. „Er ist dein Geliebter?“ fragte K. Sie wollte nach dem
-Suppentopf greifen, aber K. nahm ihre beiden Hände und sagte: „Nun,
-antworte!“ Sie sagte: „Komm ins Arbeitszimmer, ich werde dir alles
-erklären.“ „Nein,“ sagte K., „ich will, daß du es hier erklärst.“ Sie
-hing sich an ihn und wollte ihn küssen. K. wehrte sie aber ab und
-sagte: „Ich will nicht, daß du mich jetzt küßt.“ „Josef,“ sagte Leni
-und sah K. bittend und doch offen in die Augen, „du wirst doch nicht
-auf Herrn Block eifersüchtig sein.“ „Rudi,“ sagte sie dann, sich an den
-Kaufmann wendend, „so hilf mir doch, du siehst, ich werde verdächtigt,
-laß die Kerze.“ Man hätte denken können, er hätte nicht achtgegeben,
-aber er war vollständig eingeweiht. „Ich wüßte auch nicht, warum Sie
-eifersüchtig sein sollten,“ sagte er wenig schlagfertig. „Ich weiß es
-eigentlich auch nicht,“ sagte K. und sah den Kaufmann lächelnd an. Leni
-lachte laut, benutzte die Unaufmerksamkeit K.s, um sich in seinen Arm
-einzuhängen und flüsterte: „Laß ihn jetzt, du siehst ja, was für ein
-Mensch er ist. Ich habe mich seiner ein wenig angenommen, weil er eine
-große Kundschaft des Advokaten ist, aus keinem andern Grunde. Und du?
-Willst du noch heute mit dem Advokaten sprechen? Er ist heute sehr
-krank, aber wenn du willst, melde ich dich doch an. Über Nacht bleibst
-du aber bei mir ganz gewiß. Du warst auch schon so lange nicht bei uns,
-selbst der Advokat hat nach dir gefragt. Vernachlässige den Prozeß
-nicht! Auch ich habe dir verschiedenes mitzuteilen, was ich erfahren
-habe. Nun aber zieh fürs erste deinen Mantel aus!“ Sie half ihm ihn
-ausziehn, nahm ihm den Hut ab, lief mit den Sachen ins Vorzimmer, sie
-anzuhängen, lief dann wieder zurück und sah nach der Suppe. „Soll ich
-zuerst dich anmelden oder ihm zuerst die Suppe bringen.“ „Melde mich
-zuerst an,“ sagte K. Er war ärgerlich, er hatte ursprünglich
-beabsichtigt, mit Leni seine Angelegenheit, insbesondere die fragliche
-Kündigung, genau zu besprechen, die Anwesenheit des Kaufmanns hatte ihm
-aber die Lust dazu genommen. Jetzt aber hielt er seine Sache doch für
-zu wichtig, als daß dieser kleine Kaufmann vielleicht entscheidend
-eingreifen sollte und so rief er Leni, die schon auf dem Gang war,
-wieder zurück. „Bring ihm doch zuerst die Suppe,“ sagte er, „er soll
-sich für die Unterredung mit mir stärken, er wird es nötig haben.“ „Sie
-sind auch ein Klient des Advokaten,“ sagte wie zur Feststellung der
-Kaufmann leise aus seiner Ecke. Es wurde aber nicht gut aufgenommen.
-„Was kümmert Sie denn das?“ sagte K. und Leni sagte: „Wirst du still
-sein.“ „Dann bringe ich ihm also zuerst die Suppe,“ sagte Leni zu K.
-und goß die Suppe auf einen Teller. „Es ist dann nur zu befürchten, daß
-er bald einschläft, nach dem Essen schläft er bald ein.“ „Das, was ich
-ihm sagen werde, wird ihn wacherhalten,“ sagte K., er wollte immerfort
-durchblicken lassen, daß er etwas Wichtiges mit dem Advokaten zu
-verhandeln beabsichtige, er wollte von Leni gefragt werden, was es sei,
-und dann erst sie um Rat fragen. Aber sie erfüllte pünktlich bloß die
-ausgesprochenen Befehle. Als sie mit der Tasse an ihm vorüberging,
-stieß sie absichtlich sanft an ihn und flüsterte: „Bis er die Suppe
-gegessen hat, melde ich dich gleich an, damit ich dich möglichst bald
-wieder bekomme.“ „Geh nur,“ sagte K., „geh nur.“ „Sei doch
-freundlicher,“ sagte sie und drehte sich in der Tür mit der Tasse
-nochmals ganz um.
-
-K. sah ihr nach; nun war es endgültig beschlossen, daß der Advokat
-entlassen würde, es war wohl auch besser, daß er vorher mit Leni nicht
-mehr darüber sprechen konnte; sie hatte kaum den genügenden Überblick
-über das Ganze, hätte gewiß abgeraten, hätte möglicherweise K. auch
-wirklich von der Kündigung diesmal abgehalten, er wäre weiterhin in
-Zweifel und Unruhe geblieben und schließlich hätte er nach einiger Zeit
-seinen Entschluß doch ausgeführt, denn dieser Entschluß war allzu
-zwingend. Je früher er aber ausgeführt wurde, desto mehr Schaden wurde
-abgehalten. Vielleicht wußte übrigens der Kaufmann etwas darüber zu
-sagen.
-
-K. wandte sich um; kaum bemerkte das der Kaufmann, als er sofort
-aufstehen wollte. „Bleiben Sie sitzen,“ sagte K. und zog einen Sessel
-neben ihn. „Sind Sie schon ein alter Klient des Advokaten?“ fragte K.
-„Ja,“ sagte der Kaufmann, „ein sehr alter Klient.“ „Wieviel Jahre
-vertritt er Sie denn schon?“ fragte K. „Ich weiß nicht, wie Sie es
-meinen,“ sagte der Kaufmann, „in geschäftlichen Rechtsangelegenheiten —
-ich habe ein Getreidegeschäft — vertritt mich der Advokat schon seitdem
-ich das Geschäft übernommen habe, also etwa seit 20 Jahren, in meinem
-eigenen Prozeß, auf den Sie wahrscheinlich anspielen, vertritt er mich
-auch seit Beginn, es ist schon länger als 5 Jahre. Ja, weit über 5
-Jahre,“ fügte er dann hinzu und zog eine alte Brieftasche hervor, „hier
-habe ich alles aufgeschrieben; wenn Sie wollen, sage ich Ihnen die
-genauen Daten. Es ist schwer, alles zu behalten. Mein Prozeß dauert
-wahrscheinlich schon viel länger, er begann kurz nach dem Tod meiner
-Frau und das ist schon länger als 5½ Jahre.“ K. rückte näher zu ihm.
-„Der Advokat übernimmt also auch gewöhnliche Rechtssachen?“ fragte er.
-Diese Verbindung der Geschäfte und Rechtswissenschaften schien K.
-ungemein beruhigend. „Gewiß,“ sagte der Kaufmann und flüsterte dann K.
-zu: „Man sagt sogar, daß er in diesen Rechtssachen tüchtiger ist, als
-in den andern.“ Aber dann schien er das Gesagte zu bereuen, er legte K.
-eine Hand auf die Schulter und sagte: „Ich bitte Sie sehr, verraten Sie
-mich nicht.“ K. klopfte ihm zur Beruhigung auf den Schenkel und sagte:
-„Nein, ich bin kein Verräter.“ „Er ist nämlich rachsüchtig,“ sagte der
-Kaufmann. „Gegen einen so treuen Klienten wird er gewiß nichts tun,“
-sagte K. „O doch,“ sagte der Kaufmann, „wenn er aufgeregt ist, kennt er
-keine Unterschiede, übrigens bin ich ihm nicht eigentlich treu.“ „Wieso
-denn nicht?“ fragte K. „Soll ich es Ihnen anvertrauen,“ fragte der
-Kaufmann zweifelnd. „Ich denke, Sie dürfen es,“ sagte K. „Nun,“ sagte
-der Kaufmann, „ich werde es Ihnen zum Teil anvertrauen, Sie müssen mir
-aber auch ein Geheimnis sagen, damit wir uns gegenüber dem Advokaten
-gegenseitig festhalten.“ „Sie sind sehr vorsichtig,“ sagte K., „aber
-ich werde Ihnen ein Geheimnis sagen, das Sie vollständig beruhigen
-wird. Worin besteht also Ihre Untreue gegenüber dem Advokaten?“ „Ich
-habe,“ sagte der Kaufmann zögernd und in einem Ton, als gestehe er
-etwas Unehrenhaftes ein, „ich habe außer ihm noch andere Advokaten.“
-„Das ist doch nichts so Schlimmes,“ sagte K. ein wenig enttäuscht.
-„Hier ja,“ sagte der Kaufmann, der noch seit seinem Geständnis schwer
-atmete, infolge K.s Bemerkung aber mehr Vertrauen faßte. „Es ist nicht
-erlaubt. Und am allerwenigsten ist es erlaubt, neben einem sogenannten
-Advokaten auch noch Winkeladvokaten zu nehmen. Und gerade das habe ich
-getan, ich habe außer ihm noch fünf Winkeladvokaten.“ „Fünf!“ rief K.,
-erst die Zahl setzte ihn in Erstaunen, „fünf Advokaten außer diesem?“
-Der Kaufmann nickte: „Ich verhandle gerade noch mit einem sechsten.“
-„Aber wozu brauchen Sie denn so viel Advokaten,“ fragte K. „Ich brauche
-alle,“ sagte der Kaufmann. „Wollen Sie mir das nicht erklären?“ fragte
-K. „Gern,“ sagte der Kaufmann. „Vor allem will ich doch meinen Prozeß
-nicht verlieren, das ist doch selbstverständlich. Infolgedessen darf
-ich nichts, was mir nützen könnte, außer acht lassen; selbst wenn die
-Hoffnung auf Nutzen in einem bestimmten Falle nur ganz gering ist, darf
-ich sie nicht verwerfen. Ich habe deshalb alles, was ich besitze, auf
-den Prozeß verwendet. So habe ich z. B. alles Geld meinem Geschäft
-entzogen, früher füllten die Bureauräume meines Geschäfts fast ein
-Stockwerk, heute genügt eine kleine Kammer im Hinterhaus, wo ich mit
-einem Lehrjungen arbeite. Diesen Rückgang hatte natürlich nicht nur die
-Entziehung des Geldes verschuldet, sondern mehr noch die Entziehung
-meiner Arbeitskraft. Wenn man für seinen Prozeß etwas tun will, kann
-man sich mit anderem nur wenig befassen.“ „Sie arbeiten also noch
-selbst bei Gericht,“ fragte K. „Gerade darüber möchte ich gern etwas
-erfahren.“ „Darüber kann ich nur wenig berichten,“ sagte der Kaufmann,
-„anfangs habe ich es wohl auch versucht, aber ich habe bald wieder
-davon abgelassen. Es ist zu erschöpfend und bringt nicht viel Erfolg.
-Selbst dort zu arbeiten und zu unterhandeln hat sich wenigstens für
-mich als ganz unmöglich erwiesen. Es ist ja dort schon das bloße Sitzen
-und Warten eine große Anstrengung. Sie kennen ja selbst die schwere
-Luft in den Kanzleien.“ „Wieso wissen Sie denn, daß ich dort war?“
-fragte K. „Ich war gerade im Wartezimmer, als Sie durchgingen.“ „Was
-für ein Zufall das ist!“ rief K. ganz hingenommen und die frühere
-Lächerlichkeit des Kaufmanns ganz vergessend, „Sie haben mich also
-gesehn! Sie waren im Wartezimmer, als ich durchging. Ja, ich bin dort
-einmal durchgegangen.“ „Es ist kein so großer Zufall,“ sagte der
-Kaufmann, „ich bin dort fast jeden Tag.“ „Ich werde nun wahrscheinlich
-auch öfters hingehn müssen,“ sagte K., „nur werde ich wohl kaum mehr so
-ehrenvoll aufgenommen werden wie damals. Alle standen auf. Man dachte
-wohl, ich sei ein Richter.“ „Nein,“ sagte der Kaufmann, „wir grüßten
-damals den Gerichtsdiener. Daß Sie ein Angeklagter sind, das wußten
-wir. Solche Nachrichten verbreiten sich sehr rasch.“ „Das wußten Sie
-also schon,“ sagte K., „dann erschien Ihnen aber mein Benehmen
-vielleicht hochmütig. Sprach man sich nicht darüber aus?“ „Nein,“ sagte
-der Kaufmann, „im Gegenteil. Aber das sind Dummheiten.“ „Was für
-Dummheiten denn?“ fragte K. „Warum fragen Sie danach?“ sagte der
-Kaufmann ärgerlich. „Sie scheinen die Leute dort noch nicht zu kennen
-und werden es vielleicht unrichtig auffassen. Sie müssen bedenken, daß
-in diesem Verfahren immer wieder viele Dinge zur Sprache kommen, für
-die der Verstand nicht mehr ausreicht, man ist einfach zu müde und
-abgelenkt für vieles und zum Ersatz verlegt man sich auf den
-Aberglauben. Ich rede von den andern, bin aber selbst gar nicht besser.
-Ein solcher Aberglaube ist es z. B., daß viele aus dem Gesicht des
-Angeklagten, insbesondere aus der Zeichnung der Lippen den Ausgang des
-Prozesses erkennen wollen. Diese Leute also haben behauptet, Sie
-würden, nach Ihren Lippen zu schließen, gewiß und bald verurteilt
-werden. Ich wiederhole, es ist ein lächerlicher Aberglaube und in den
-meisten Fällen durch die Tatsachen auch vollständig widerlegt, aber
-wenn man in jener Gesellschaft lebt, ist es schwer, sich solchen
-Meinungen zu entziehen. Denken Sie nur, wie stark dieser Aberglaube
-wirken kann. Sie haben doch einen dort angesprochen, nicht? Er konnte
-Ihnen aber kaum antworten. Es gibt natürlich viele Gründe, um dort
-verwirrt zu sein, aber einer davon war auch der Anblick Ihrer Lippen.
-Er hat später erzählt, er hätte auf Ihren Lippen auch das Zeichen
-seiner eigenen Verurteilung zu sehen geglaubt.“ „Meine Lippen?“ fragte
-K., zog einen Taschenspiegel hervor und sah sich an. „Ich kann an
-meinen Lippen nichts Besonderes erkennen. Und Sie?“ „Ich auch nicht,“
-sagte der Kaufmann, „ganz und gar nicht.“ „Wie abergläubisch diese
-Leute sind,“ rief K. aus. „Sagte ich es nicht?“ fragte der Kaufmann.
-„Verkehren sie denn so viel untereinander und tauschen sie ihre
-Meinungen aus?“ sagte K. „Ich habe mich bisher ganz abseits gehalten.“
-„Im allgemeinen verkehren sie nicht miteinander,“ sagte der Kaufmann,
-„das wäre nicht möglich, es sind ja so viele. Es gibt auch wenig
-gemeinsame Interessen. Wenn manchmal in einer Gruppe der Glaube an ein
-gemeinsames Interesse auftaucht, so erweist er sich bald als ein
-Irrtum. Gemeinsam läßt sich gegen das Gericht nichts durchsetzen. Jeder
-Fall wird für sich untersucht, es ist ja das sorgfältigste Gericht.
-Gemeinsam kann man also nichts durchsetzen, nur ein einzelner erreicht
-manchmal etwas im Geheimen; erst wenn es erreicht ist, erfahren es die
-andern; keiner weiß, wie es geschehen ist. Es gibt also keine
-Gemeinsamkeit, man kommt zwar hie und da in den Wartezimmern zusammen,
-aber dort wird wenig besprochen. Die abergläubischen Meinungen bestehen
-schon seit altersher und vermehren sich förmlich von selbst.“ „Ich sah
-die Herren dort im Wartezimmer,“ sagte K., „ihr Warten kam mir so
-nutzlos vor.“ „Das Warten ist nicht nutzlos,“ sagte der Kaufmann,
-„nutzlos ist nur das selbständige Eingreifen. Ich sagte schon, daß ich
-jetzt außer diesem noch fünf Advokaten habe. Man sollte doch glauben —
-ich selbst glaubte es zuerst — jetzt könnte ich ihnen die Sache
-vollständig überlassen. Das wäre aber ganz falsch. Ich kann sie ihnen
-weniger überlassen, als wenn ich nur einen hätte. Sie verstehn das wohl
-nicht?“ „Nein,“ sagte K. und legte, um den Kaufmann an seinen allzu
-schnellen Reden zu hindern, die Hand beruhigend auf seine Hand, „ich
-möchte Sie nur bitten, ein wenig langsamer zu reden, es sind doch
-lauter für mich sehr wichtige Dinge und ich kann ihnen nicht recht
-folgen.“ „Gut, daß Sie mich daran erinnern,“ sagte der Kaufmann, „Sie
-sind ja ein Neuer, ein Junger. Ihr Prozeß ist ein halbes Jahr alt,
-nicht wahr? Ja, ich habe davon gehört. Ein so junger Prozeß! Ich aber
-habe diese Dinge schon unzähligemal durchgedacht, sie sind mir das
-Selbstverständlichste auf der Welt.“ „Sie sind wohl froh, daß Ihr
-Prozeß schon so weit fortgeschritten ist?“ fragte K., er wollte nicht
-geradezu fragen wie die Angelegenheiten des Kaufmanns stünden. Er bekam
-aber auch keine deutliche Antwort. „Ja, ich habe meinen Prozeß fünf
-Jahre lang fortgewälzt,“ sagte der Kaufmann und senkte den Kopf, „es
-ist keine kleine Leistung.“ Dann schwieg er ein Weilchen. K. horchte,
-ob Leni nicht schon komme. Einerseits wollte er nicht, daß sie komme,
-denn er hatte noch vieles zu fragen und wollte auch nicht von Leni in
-diesem vertraulichen Gespräch mit dem Kaufmann angetroffen werden,
-andererseits aber ärgerte er sich darüber, daß sie trotz seiner
-Anwesenheit solange beim Advokaten blieb, viel länger, als zum Reichen
-der Suppe nötig war. „Ich erinnere mich noch genau an diese Zeit,“
-begann der Kaufmann wieder und K. war gleich voll Aufmerksamkeit, „als
-mein Prozeß etwa so alt war wie jetzt Ihr Prozeß. Ich hatte damals nur
-diesen Advokaten, war aber nicht sehr mit ihm zufrieden.“ Hier erfahre
-ich ja alles, dachte K. und nickte lebhaft mit dem Kopf, als könne er
-dadurch den Kaufmann aufmuntern, alles Wissenswerte zu sagen. „Mein
-Prozeß,“ fuhr der Kaufmann fort, „kam nicht vorwärts, es fanden zwar
-Untersuchungen statt, ich kam auch zu jeder, sammelte Material, erlegte
-alle meine Geschäftsbücher bei Gericht, was, wie ich später erfuhr,
-nicht einmal nötig war, ich lief immer wieder zum Advokaten, er brachte
-auch verschiedene Eingaben ein —.“ „Verschiedene Eingaben?“ fragte K.
-„Ja, gewiß,“ sagte der Kaufmann. „Das ist mir sehr wichtig,“ sagte K.,
-„in meinem Fall arbeitet er noch immer an der ersten Eingabe. Er hat
-noch nichts getan. Ich sehe jetzt, er vernachlässigt mich schändlich.“
-„Daß die Eingabe noch nicht fertig ist, kann verschiedene berechtigte
-Gründe haben,“ sagte der Kaufmann. „Übrigens hatte es sich bei meinen
-Eingaben später gezeigt, daß sie ganz wertlos waren. Ich habe sogar
-eine durch das Entgegenkommen eines Gerichtsbeamten selbst gelesen. Sie
-war zwar gelehrt, aber eigentlich inhaltslos. Vor allem sehr viel
-Latein, das ich nicht verstehe, dann seitenlange allgemeine Anrufungen
-des Gerichtes, dann Schmeicheleien für einzelne bestimmte Beamte, die
-zwar nicht genannt waren, die aber ein Eingeweihter jedenfalls erraten
-mußte, dann Selbstlob des Advokaten, wobei er sich auf geradezu
-hündische Weise vor dem Gericht demütigte, und endlich Untersuchungen
-von Rechtsfällen aus alter Zeit, die dem meinigen ähnlich sein sollten.
-Diese Untersuchungen waren allerdings, soweit ich ihnen folgen konnte,
-sehr sorgfältig gemacht. Ich will auch mit diesem allen kein Urteil
-über die Arbeit des Advokaten abgeben, auch war die Eingabe, die ich
-gelesen habe, nur eine unter mehreren, jedenfalls aber, und davon will
-ich jetzt sprechen, konnte ich damals in meinem Prozeß keinen
-Fortschritt sehn.“ „Was für einen Fortschritt wollten Sie denn sehn?“
-fragte K. „Sie fragen ganz vernünftig,“ sagte der Kaufmann lächelnd,
-„man kann in diesem Verfahren nur selten Fortschritte sehn. Aber damals
-wußte ich das nicht. Ich bin Kaufmann und war es damals noch viel mehr
-als heute, ich wollte greifbare Fortschritte haben, das Ganze sollte
-sich zum Ende neigen oder wenigstens den regelrechten Aufstieg nehmen.
-Statt dessen gab es nur Einvernehmungen, die meist den gleichen Inhalt
-hatten; die Antworten hatte ich schon bereit wie eine Litanei; mehrmals
-in der Woche kamen Gerichtsboten in mein Geschäft, in meine Wohnung
-oder wo sie mich sonst antreffen konnten, das war natürlich störend
-(heute ist es wenigstens in dieser Hinsicht viel besser, der
-telephonische Anruf stört mich weniger), auch unter meinen
-Geschäftsfreunden, insbesondere aber unter meinen Verwandten, fingen
-Gerüchte von meinem Prozeß sich zu verbreiten an, Schädigungen gab es
-also von allen Seiten, aber nicht das geringste Anzeichen sprach dafür,
-daß auch nur die erste Gerichtsverhandlung in der nächsten Zeit
-stattfinden würde. Ich ging also zum Advokaten und beklagte mich. Er
-gab mir zwar lange Erklärungen, lehnte es aber entschieden ab, etwas in
-meinem Sinne zu tun, niemand habe Einfluß auf die Festsetzung der
-Verhandlung, in einer Eingabe darauf zu dringen — wie ich es verlangte
-— sei einfach unerhört und würde mich und ihn verderben. Ich dachte:
-was dieser Advokat nicht will oder kann, wird ein anderer wollen und
-können. Ich sah mich also nach andern Advokaten um. Ich will es gleich
-vorwegnehmen: keiner hat die Festsetzung der Hauptverhandlung verlangt
-oder durchgesetzt, es ist, allerdings mit einem Vorbehalt, von dem ich
-noch sprechen werde, wirklich unmöglich, hinsichtlich dieses Punktes
-hat mich also dieser Advokat nicht getäuscht; im übrigen aber hatte ich
-es nicht zu bedauern, mich noch an andere Advokaten gewendet zu haben.
-Sie dürften wohl von Dr. Huld auch schon manches über die
-Winkeladvokaten gehört haben, er hat sie Ihnen wahrscheinlich als sehr
-verächtlich dargestellt und das sind sie wirklich. Allerdings
-unterläuft ihm immer, wenn er von ihnen spricht und sich und seine
-Kollegen zu ihnen in Vergleich setzt, ein kleiner Fehler, auf den ich
-Sie ganz nebenbei auch aufmerksam machen will. Er nennt dann immer die
-Advokaten seines Kreises zur Unterscheidung die „großen Advokaten“. Das
-ist falsch, es kann sich natürlich jeder „groß“ nennen, wenn es ihm
-beliebt, in diesem Fall aber entscheidet doch nur der Gerichtsgebrauch.
-Nach diesem gibt es nämlich außer den Winkeladvokaten noch kleine und
-große Advokaten. Dieser Advokat und seine Kollegen sind jedoch nur die
-kleinen Advokaten, die großen Advokaten aber, von denen ich nur gehört
-und die ich nie gesehn habe, stehen im Rang unvergleichlich höher über
-den kleinen Advokaten, als diese über den verachteten Winkeladvokaten.“
-„Die großen Advokaten?“ fragte K. „Wer sind denn die? Wie kommt man zu
-ihnen?“ „Sie haben also noch nie von ihnen gehört,“ sagte der Kaufmann.
-„Es gibt kaum einen Angeklagten, der nicht, nachdem er von ihnen
-erfahren hat, eine Zeit lang von ihnen träumen würde. Lassen Sie sich
-lieber nicht dazu verführen. Wer die großen Advokaten sind, weiß ich
-nicht, und zu ihnen kommen kann man wohl gar nicht. Ich kenne keinen
-Fall, von dem sich mit Bestimmtheit sagen ließe, daß sie eingegriffen
-hätten. Manchen verteidigen sie, aber durch eigenen Willen kann man das
-nicht erreichen, sie verteidigen nur den, den sie verteidigen wollen.
-Die Sache, deren sie sich annehmen, muß aber wohl über das niedrige
-Gericht schon hinausgekommen sein. Im übrigen ist es besser, nicht an
-sie zu denken, denn sonst kommen einem die Besprechungen mit den andern
-Advokaten, deren Ratschläge und deren Hilfeleistungen so widerlich und
-nutzlos vor, ich habe es selbst erfahren, daß man am liebsten alles
-wegwerfen, sich zu Hause ins Bett legen und von nichts mehr hören
-wollte. Das wäre aber natürlich wieder das Dümmste, auch hätte man im
-Bett nicht lange Ruhe.“ „Sie dachten damals also nicht an die großen
-Advokaten?“ fragte K. „Nicht lange,“ sagte der Kaufmann und lächelte
-wieder, „vollständig vergessen kann man sie leider nicht, besonders die
-Nacht ist solchen Gedanken günstig. Aber damals wollte ich ja sofortige
-Erfolge, ich ging daher zu den Winkeladvokaten.“
-
-„Wie Ihr hier beieinander sitzt,“ rief Leni, die mit der Tasse
-zurückgekommen war und in der Tür stehenblieb. Sie saßen wirklich eng
-beisammen, bei der kleinsten Wendung mußten sie mit den Köpfen
-aneinanderstoßen, der Kaufmann, der abgesehen von seiner Kleinheit auch
-noch den Rücken gekrümmt hielt, hatte K. gezwungen, sich auch tief zu
-bücken, wenn er alles hören wollte. „Noch ein Weilchen,“ rief K. Leni
-abwehrend zu und zuckte ungeduldig mit der Hand, die er noch immer auf
-des Kaufmanns Hand liegen hatte. „Er wollte, daß ich ihm von meinem
-Prozeß erzähle,“ sagte der Kaufmann zu Leni. „Erzähle nur, erzähle,“
-sagte diese. Sie sprach mit dem Kaufmann liebevoll, aber doch auch
-herablassend. K. gefiel das nicht; wie er jetzt erkannt hatte, hatte
-der Mann doch einen gewissen Wert, zunächst hatte er Erfahrungen, die
-er gut mitzuteilen verstand. Leni beurteilte ihn wahrscheinlich
-unrichtig. Er sah ärgerlich zu, als Leni jetzt dem Kaufmann die Kerze,
-die er die ganze Zeit über festgehalten hatte, abnahm, ihm die Hand mit
-ihrer Schürze abwischte und dann neben ihm niederkniete, um etwas Wachs
-wegzukratzen, das von der Kerze auf seine Hose getropft war. „Sie
-wollten mir von den Winkeladvokaten erzählen,“ sagte K. und schob ohne
-eine weitere Bemerkung Lenis Hand weg. „Was willst du denn?“ fragte
-Leni, schlug leicht nach K. und setzte ihre Arbeit fort. „Ja, von den
-Winkeladvokaten,“ sagte der Kaufmann und fuhr sich über die Stirn, als
-denke er nach. K. wollte ihm nachhelfen und sagte: „Sie wollten
-sofortige Erfolge haben und gingen deshalb zu den Winkeladvokaten.“
-„Ganz richtig,“ sagte der Kaufmann, setzte aber nicht fort. „Er will
-vielleicht vor Leni nicht davon sprechen,“ dachte K., bezwang seine
-Ungeduld, das Weitere gleich jetzt zu hören und drang nun nicht mehr
-weiter in ihn.
-
-„Hast du mich angemeldet?“ fragte er Leni. „Natürlich,“ sagte diese,
-„er wartet auf dich. Laß’ jetzt Block, mit Block kannst du auch später
-reden, er bleibt doch hier.“ K. zögerte noch. „Sie bleiben hier?“
-fragte er den Kaufmann, er wollte seine eigene Antwort, er wollte
-nicht, daß Leni vom Kaufmann wie von einem Abwesenden sprach, er war
-heute gegen Leni voll geheimen Ärgers. Und wieder antwortete nur Leni:
-„Er schläft hier öfters.“ „Schläft hier?“ rief K., er hatte gedacht,
-der Kaufmann werde hier nur auf ihn warten, während er die Unterredung
-mit dem Advokaten rasch erledigen würde, dann aber würden sie gemeinsam
-fortgehn und alles gründlich und ungestört besprechen. „Ja,“ sagte
-Leni, „nicht jeder wird wie du, Josef, zu beliebiger Stunde beim
-Advokaten vorgelassen. Du scheinst dich ja gar nicht darüber zu
-wundern, daß dich der Advokat trotz seiner Krankheit noch um 11 Uhr
-nachts empfängt. Du nimmst das, was deine Freunde für dich tun, doch
-als gar zu selbstverständlich an. Nun, deine Freunde oder zunächst ich,
-tun es gerne. Ich will keinen andern Dank und brauche auch keinen
-andern, als daß du mich lieb hast.“ „Dich liebhaben?“ dachte K. im
-ersten Augenblick, erst dann ging es ihm durch den Kopf: „Nun ja, ich
-habe sie lieb.“ Trotzdem sagte er, alles andere vernachlässigend: „Er
-empfängt mich, weil ich sein Klient bin. Wenn auch dafür noch fremde
-Hilfe nötig wäre, müßte man bei jedem Schritt immer gleichzeitig
-betteln und danken.“ „Wie schlimm er heute ist, nicht?“ fragte Leni den
-Kaufmann. „Jetzt bin ich der Abwesende,“ dachte K. und wurde fast sogar
-auf den Kaufmann böse, als dieser die Unhöflichkeit Lenis übernehmend
-sagte: „Der Advokat empfängt ihn auch noch aus andern Gründen. Sein
-Fall ist nämlich interessanter als der meine. Außerdem aber ist sein
-Prozeß in den Anfängen, also wahrscheinlich noch nicht sehr verfahren,
-da beschäftigt sich der Advokat noch gern mit ihm. Später wird das
-anders werden.“ „Ja, ja,“ sagte Leni und sah den Kaufmann lachend an,
-„wie er schwatzt! Ihm darfst du nämlich,“ hierbei wandte sie sich an
-K., „gar nichts glauben. So lieb er ist, so geschwätzig ist er.
-Vielleicht mag ihn der Advokat auch deshalb nicht leiden. Jedenfalls
-empfängt er ihn nur, wenn er in Laune ist. Ich habe mir schon viel Mühe
-gegeben, das zu ändern, aber es ist unmöglich. Denke nur, manchmal
-melde ich Block an, er empfängt ihn aber erst am dritten Tag nachher.
-Ist Block aber zu der Zeit, wenn er vorgerufen wird, nicht zur Stelle,
-so ist alles verloren und er muß von neuem angemeldet werden. Deshalb
-habe ich Block erlaubt, hier zu schlafen, es ist ja schon vorgekommen,
-daß er in der Nacht um ihn geläutet hat. Jetzt ist also Block auch in
-der Nacht bereit. Allerdings geschieht es jetzt wieder, daß der
-Advokat, wenn sich zeigt, daß Block da ist, seinen Auftrag, ihn
-vorzulassen, manchmal widerruft.“ K. sah fragend zum Kaufmann hin.
-Dieser nickte und sagte, so offen wie er früher mit K. gesprochen
-hatte, vielleicht war er zerstreut vor Beschämung: „Ja, man wird später
-sehr abhängig von seinem Advokaten.“ „Er klagt ja nur zum Schein,“
-sagte Leni. „Er schläft hier sehr gern, wie er mir schon oft gestanden
-hat.“ Sie ging zu einer kleinen Tür und stieß sie auf. „Willst du sein
-Schlafzimmer sehn?“ fragte sie K., ging hin und sah von der Schwelle
-aus in den niedrigen fensterlosen Raum, der von einem schmalen Bett
-vollständig ausgefüllt war. In dieses Bett mußte man über den
-Bettpfosten steigen. Am Kopfende des Bettes war eine Vertiefung in der
-Mauer, dort standen peinlich geordnet eine Kerze, Tintenfaß und Feder,
-sowie ein Bündel Papiere, wahrscheinlich Prozeßschriften. „Sie schlafen
-im Dienstmädchenzimmer?“ fragte K. und wendete sich zum Kaufmann
-zurück. „Leni hat es mir eingeräumt,“ antwortete der Kaufmann, „es ist
-sehr vorteilhaft.“ K. sah ihn lange an; der erste Eindruck, den er von
-dem Kaufmann erhalten hatte, war vielleicht doch der richtige gewesen;
-Erfahrungen hatte er, denn sein Prozeß dauerte schon lange, aber er
-hatte diese Erfahrungen teuer bezahlt. Plötzlich ertrug K. den Anblick
-des Kaufmanns nicht mehr. „Bring ihn doch ins Bett,“ rief er Leni zu,
-die ihn gar nicht zu verstehen schien. Er selbst aber wollte zum
-Advokaten gehn und durch die Kündigung sich nicht nur vom Advokaten,
-sondern auch von Leni und dem Kaufmann befreien. Aber noch ehe er zur
-Tür gekommen war, sprach ihn der Kaufmann mit leiser Stimme an: „Herr
-Prokurist,“ K. wandte sich mit bösem Gesichte um. „Sie haben Ihr
-Versprechen vergessen,“ sagte der Kaufmann und streckte sich von seinem
-Sitz aus bittend K. entgegen. „Sie wollten mir auch ein Geheimnis
-sagen.“ „Wahrhaftig,“ sagte K. und streifte auch Leni, die ihn
-aufmerksam ansah mit einem Blick, „also hören Sie: es ist allerdings
-fast kein Geheimnis mehr. Ich gehe jetzt zum Advokaten, um ihn zu
-entlassen.“ „Er entläßt ihn,“ rief der Kaufmann, sprang vom Sessel und
-lief mit erhobenen Armen in der Küche umher. Immer wieder rief er: „Er
-entläßt den Advokaten.“ Leni wollte gleich auf K. losfahren, aber der
-Kaufmann kam ihr in den Weg, wofür sie ihm mit den Fäusten einen Hieb
-gab. Noch mit den zu Fäusten geballten Händen lief sie dann hinter K.,
-der aber einen großen Vorsprung hatte. Er war schon in das Zimmer des
-Advokaten eingetreten, als ihn Leni einholte. Die Tür hatte er hinter
-sich fest geschlossen, aber Leni, die mit dem Fuß den Türflügel
-offenhielt, faßte ihn beim Arm und wollte ihn zurückziehen. Aber er
-drückte ihr Handgelenk so stark, daß sie ihn unter einem Seufzer
-loslassen mußte. Ins Zimmer einzutreten wagte sie nicht gleich, K. aber
-versperrte die Tür mit dem Schlüssel.
-
-„Ich warte schon sehr lange auf Sie,“ sagte der Advokat vom Bett aus,
-legte ein Schriftstück, das er beim Licht einer Kerze gelesen hatte,
-auf das Nachttischchen und setzte sich eine Brille auf, mit der er K.
-scharf ansah. Statt sich zu entschuldigen, sagte K.: „Ich gehe bald
-wieder weg.“ Der Advokat hatte K.s Bemerkung, weil sie keine
-Entschuldigung war, unbeachtet gelassen und sagte: „Ich werde Sie
-nächstens zu dieser späten Stunde nicht mehr vorlassen.“ „Das kommt
-meinem Anliegen entgegen,“ sagte K. Der Advokat sah ihn fragend an.
-„Setzen Sie sich,“ sagte er. „Weil Sie es wünschen“, sagte K., zog
-einen Sessel zum Nachttischchen und setzte sich. „Es schien mir, daß
-Sie die Tür abgesperrt haben,“ sagte der Advokat. „Ja,“ sagte K., „es
-war Lenis wegen.“ Er hatte nicht die Absicht, irgend jemanden zu
-schonen. Aber der Advokat fragte: „War sie wieder zudringlich?“
-„Zudringlich?“ fragte K. „Ja,“ sagte der Advokat, er lachte dabei,
-bekam einen Hustenanfall und begann, nachdem dieser vergangen war,
-wieder zu lachen. „Sie haben doch wohl ihre Zudringlichkeit schon
-bemerkt,“ fragte er und klopfte K. auf die Hand, die dieser zerstreut
-auf das Nachttischchen gestützt hatte und die er jetzt rasch zurückzog.
-„Sie legen dem nicht viel Bedeutung bei,“ sagte der Advokat, als K.
-schwieg, „desto besser. Sonst hätte ich mich vielleicht bei Ihnen
-entschuldigen müssen. Es ist eine Sonderbarkeit Lenis, die ich ihr
-übrigens längst verziehen habe und von der ich auch nicht reden würde,
-wenn Sie nicht eben jetzt die Tür abgesperrt hätten. Diese
-Sonderbarkeit, Ihnen allerdings müßte ich sie wohl am wenigstens
-erklären, aber Sie sehen mich so bestürzt an und deshalb tue ich es,
-diese Sonderbarkeit besteht darin, daß Leni die meisten Angeklagten
-schön findet. Sie hängt sich an alle, liebt alle, scheint allerdings
-auch von allen geliebt zu werden; um mich zu unterhalten, erzählt sie
-mir dann, wenn ich es erlaube, manchmal davon. Ich bin über das Ganze
-nicht so erstaunt wie Sie es zu sein scheinen. Wenn man den richtigen
-Blick dafür hat, findet man die Angeklagten wirklich oft schön. Das
-allerdings ist eine merkwürdige, gewissermaßen naturwissenschaftliche
-Erscheinung. Es tritt natürlich als Folge der Anklage nicht etwa eine
-deutliche, genau zu bestimmende Veränderung des Aussehens ein. Es ist
-doch nicht wie in andern Gerichtssachen, die meisten bleiben in ihrer
-gewöhnlichen Lebensweise und werden, wenn sie einen guten Advokaten
-haben, der für sie sorgt, durch den Prozeß nicht sehr behindert.
-Trotzdem sind diejenigen, welche darin Erfahrung haben, imstande, aus
-der größten Menge die Angeklagten Mann für Mann zu erkennen. Woran?
-werden Sie fragen. Meine Antwort wird Sie nicht befriedigen. Die
-Angeklagten sind eben die Schönsten. Es kann nicht die Schuld sein, die
-sie schön macht, denn — so muß wenigstens ich als Advokat sprechen — es
-sind doch nicht alle schuldig, es kann auch nicht die richtige Strafe
-sein, die sie jetzt schon schön macht, denn es werden doch nicht alle
-bestraft, es kann also nur an dem gegen sie erhobenen Verfahren liegen,
-das ihnen irgendwie anhaftet. Allerdings gibt es unter den Schönen auch
-besonders Schöne. Schön sind aber alle, selbst Block, dieser elende
-Wurm.“
-
-K. war, als der Advokat geendet hatte, vollständig gefaßt, er hatte
-sogar zu den letzten Worten auffallend genickt und sich so selbst die
-Bestätigung seiner alten Ansicht gegeben, nach welcher der Advokat ihn
-immer und so auch diesmal durch allgemeine Mitteilungen, die nicht zur
-Sache gehörten, zu zerstreuen und von der Hauptfrage, was er an
-tatsächlicher Arbeit für K.s Sache getan hatte, abzulenken suchte. Der
-Advokat merkte wohl, daß ihm K. diesmal mehr Widerstand leistete als
-sonst, denn er verstummte jetzt, um K. die Möglichkeit zu geben, selbst
-zu sprechen, und fragte dann, da K. stumm blieb: „Sind Sie heute mit
-einer bestimmten Absicht zu mir gekommen?“ „Ja,“ sagte K. und blendete
-mit der Hand ein wenig die Kerze ab, um den Advokaten besser zu sehn,
-„ich wollte Ihnen sagen, daß ich Ihnen mit dem heutigen Tage meine
-Vertretung entziehe.“ „Verstehe ich Sie recht,“ fragte der Advokat,
-erhob sich halb im Bett und stützte sich mit einer Hand auf die Kissen.
-„Ich nehme es an,“ sagte K., der straff aufgerichtet wie auf der Lauer
-dasaß. „Nun, wir können ja auch diesen Plan besprechen,“ sagte der
-Advokat nach einem Weilchen. „Es ist kein Plan mehr,“ sagte K. „Mag
-sein,“ sagte der Advokat, „wir wollen aber trotzdem nichts übereilen.“
-Er gebrauchte das Wort „wir“, als habe er nicht die Absicht, K.
-freizulassen und als wolle er, wenn er schon nicht sein Vertreter sein
-dürfe, wenigstens sein Berater bleiben. „Es ist nicht übereilt,“ sagte
-K., stand langsam auf und trat hinter seinen Sessel, „es ist gut
-überlegt und vielleicht sogar zu lange. Der Entschluß ist endgültig.“
-„Dann erlauben Sie mir nur noch einige Worte,“ sagte der Advokat, hob
-das Federbett weg und setzte sich auf den Bettrand. Seine nackten
-weißhaarigen Beine zitterten vor Kälte. Er bat K., ihm vom Kanapee eine
-Decke zu reichen. K. holte die Decke und sagte: „Sie setzen sich ganz
-unnötig einer Verkühlung aus.“ „Der Anlaß ist wichtig genug,“ sagte der
-Advokat, während er den Oberkörper mit dem Federbett umhüllte und dann
-die Beine in die Decke einwickelte. „Ihr Onkel ist mein Freund und auch
-Sie sind mir im Laufe der Zeit lieb geworden. Ich gestehe das offen
-ein. Ich brauche mich dessen nicht zu schämen.“ Diese rührseligen Reden
-des alten Mannes waren K. sehr unwillkommen, denn sie zwangen ihn zu
-einer ausführlicheren Erklärung, die er gern vermieden hätte, und sie
-beirrten ihn außerdem, wie er sich offen eingestand, wenn sie
-allerdings auch seinen Entschluß niemals rückgängig machen konnten.
-„Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Gesinnung,“ sagte er, „ich
-erkenne auch an, daß Sie sich meiner Sache so sehr angenommen haben,
-wie es Ihnen möglich ist und wie es Ihnen für mich vorteilhaft scheint.
-Ich jedoch habe in der letzten Zeit die Überzeugung gewonnen, daß das
-nicht genügend ist. Ich werde natürlich niemals versuchen, Sie, einen
-so viel älteren und erfahreneren Mann von meiner Ansicht überzeugen zu
-wollen; wenn ich es manchmal unwillkürlich versucht habe, so verzeihen
-Sie mir, die Sache aber ist, wie Sie sich selbst ausdrückten, wichtig
-genug, und es ist meiner Überzeugung nach notwendig, viel kräftiger in
-den Prozeß einzugreifen, als es bisher geschehen ist.“ „Ich verstehe
-Sie,“ sagte der Advokat, „Sie sind ungeduldig.“ „Ich bin nicht
-ungeduldig,“ sagte K. ein wenig gereizt und achtete nicht mehr so viel
-auf seine Worte. „Sie dürften bei meinem ersten Besuch, als ich mit
-meinem Onkel zu Ihnen kam, bemerkt haben, daß mir an dem Prozeß nicht
-viel lag; wenn man mich nicht gewissermaßen gewaltsam an ihn erinnerte,
-vergaß ich ihn vollständig. Aber mein Onkel bestand darauf, daß ich
-Ihnen meine Vertretung übergebe, ich tat es, um ihm gefällig zu sein.
-Und nun hätte man doch erwarten sollen, daß mir der Prozeß noch
-leichter fallen würde als bis dahin, denn man übergibt doch dem
-Advokaten die Vertretung, um die Last des Prozesses ein wenig von sich
-abzuwälzen. Es geschah aber das Gegenteil. Niemals früher hatte ich so
-große Sorgen wegen des Prozesses wie seit der Zeit, seitdem Sie mich
-vertreten. Als ich allein war, unternahm ich nichts in meiner Sache,
-aber ich fühlte es kaum, jetzt dagegen hatte ich einen Vertreter, alles
-war dafür eingerichtet, daß etwas geschehe, unaufhörlich und immer
-gespannter erwartete ich Ihr Eingreifen, aber es blieb aus. Ich bekam
-von Ihnen allerdings verschiedene Mitteilungen über das Gericht, die
-ich vielleicht von niemandem sonst hätte bekommen können. Aber das kann
-mir nicht genügen, wenn mir jetzt der Prozeß förmlich im Geheimen immer
-näher an den Leib rückt.“ K. hatte den Sessel von sich gestoßen und
-stand, die Hände in den Rocktaschen, aufrecht da. „Von einem gewissen
-Zeitpunkt der Praxis an,“ sagte der Advokat leise und ruhig, „ereignet
-sich nichts wesentlich Neues mehr. Wie viele Parteien sind in ähnlichen
-Stadien der Prozesse ähnlich wie Sie vor mir gestanden und haben
-ähnlich gesprochen.“ „Dann haben,“ sagte K., „alle diese ähnlichen
-Parteien ebenso recht gehabt wie ich. Das widerlegt mich gar nicht.“
-„Ich wollte Sie damit nicht widerlegen,“ sagte der Advokat, „ich wollte
-aber noch hinzufügen, daß ich bei Ihnen mehr Urteilskraft erwartet
-hätte als bei andern, besonders da ich Ihnen mehr Einblick in das
-Gerichtswesen und in meine Tätigkeit gegeben habe, als ich es sonst
-Parteien gegenüber tue. Und nun muß ich sehn, daß Sie trotz allem nicht
-genügend Vertrauen zu mir haben. Sie machen es mir nicht leicht.“ Wie
-sich der Advokat vor K. demütigte! Ohne jede Rücksicht auf die
-Standesehre, die gewiß gerade in diesem Punkte am empfindlichsten ist.
-Und warum tat er das? Er war doch dem Anschein nach ein
-vielbeschäftigter Advokat und überdies ein reicher Mann, es konnte ihm
-an und für sich weder an dem Verdienstentgang noch an dem Verlust eines
-Klienten viel liegen. Außerdem war er kränklich und hätte selbst darauf
-bedacht sein sollen, daß ihm Arbeit abgenommen werde. Und trotzdem
-hielt er K. so fest! Warum? War es persönliche Anteilnahme für den
-Onkel oder sah er K.s Prozeß wirklich für so außerordentlich an und
-hoffte sich darin auszuzeichnen entweder für K. oder — diese
-Möglichkeit war eben niemals auszuschließen — für die Freunde beim
-Gericht? An ihm selbst war nichts zu erkennen, so rücksichtslos prüfend
-ihn auch K. ansah. Man hätte fast annehmen können, er warte mit
-absichtlich verschlossener Miene die Wirkung seiner Worte ab. Aber er
-deutete offenbar das Schweigen K.s für sich allzu günstig, wenn er
-jetzt fortfuhr: „Sie werden bemerkt haben, daß ich zwar eine große
-Kanzlei habe, aber keine Hilfskräfte beschäftige. Das war früher
-anders, es gab eine Zeit, wo einige junge Juristen für mich arbeiteten,
-heute arbeite ich allein. Es hängt dies zum Teil mit der Änderung
-meiner Praxis zusammen, indem ich mich immer mehr auf Rechtssachen von
-der Art der Ihrigen beschränkte, zum Teil mit der immer tiefern
-Erkenntnis, die ich von diesen Rechtssachen erhielt. Ich fand, daß ich
-diese Arbeit niemandem überlassen dürfe, wenn ich mich nicht an meinen
-Klienten und an der Aufgabe, die ich übernommen hatte, versündigen
-wollte. Der Entschluß aber, alle Arbeit selbst zu leisten, hatte die
-natürlichen Folgen: ich mußte fast alle Ansuchen um Vertretungen
-abweisen und konnte nur denen nachgeben, die mir besonders nahe gingen
-— nun, es gibt ja genug Kreaturen, und sogar ganz in der Nähe, die sich
-auf jeden Brocken stürzen, den ich wegwerfe. Und außerdem wurde ich vor
-Überanstrengung krank. Aber trotzdem bereue ich meinen Entschluß nicht,
-es ist möglich, daß ich mehr Vertretungen hätte abweisen sollen, als
-ich getan habe, daß ich aber den übernommenen Prozessen mich ganz
-hingegeben habe, hat sich als unbedingt notwendig herausgestellt und
-durch die Erfolge belohnt. Ich habe einmal in einer Schrift den
-Unterschied sehr schön ausgedrückt gefunden, der zwischen der
-Vertretung in gewöhnlichen Rechtssachen und der Vertretung in diesen
-Rechtssachen besteht. Es hieß dort: der eine Advokat führt seinen
-Klienten an einem Zwirnsfaden bis zum Urteil, der andere aber hebt
-seinen Klienten gleich auf die Schultern und trägt ihn, ohne ihn
-abzusetzen, zum Urteil und noch darüber hinaus. So ist es. Aber es war
-nicht ganz richtig, wenn ich sagte, daß ich diese große Arbeit niemals
-bereue. Wenn sie, wie in Ihrem Fall, so vollständig verkannt wird,
-dann, nun dann bereue ich fast.“ K. wurde durch diese Reden mehr
-ungeduldig als überzeugt. Er glaubte irgendwie aus dem Tonfall des
-Advokaten herauszuhören, was ihn erwartete, wenn er nachgeben würde,
-wieder würden die Vertröstungen beginnen, die Hinweise auf die
-fortschreitende Eingabe, auf die gebesserte Stimmung der
-Gerichtsbeamten, aber auch auf die großen Schwierigkeiten, die sich der
-Arbeit entgegenstellten, — kurz, alles bis zum Überdruß Bekannte würde
-hervorgeholt werden, um K. wieder mit unbestimmten Hoffnungen zu
-täuschen und mit unbestimmten Drohungen zu quälen. Das mußte endgültig
-verhindert werden, er sagte deshalb: „Was wollen Sie in meiner Sache
-unternehmen, wenn Sie die Vertretung behalten?“ Der Advokat fügte sich
-sogar dieser beleidigenden Frage und antwortete: „In dem, was ich für
-Sie bereits unternommen habe, weiter fortfahren.“ „Ich wußte es ja,“
-sagte K., „nun ist aber jedes weitere Wort überflüssig.“ „Ich werde
-noch einen Versuch machen,“ sagte der Advokat, als geschehe das, was K.
-erregte, nicht K. sondern ihm. „Ich habe nämlich die Vermutung, daß Sie
-nicht nur zu der falschen Beurteilung meines Rechtsbeistandes, sondern
-auch zu Ihrem sonstigen Verhalten, dadurch verleitet werden, daß man
-Sie, trotzdem Sie Angeklagter sind, zu gut behandelt oder richtiger
-ausgedrückt nachlässig, scheinbar nachlässig behandelt. Auch dieses
-Letztere hat seinen Grund; es ist oft besser in Ketten als frei zu
-sein. Aber ich möchte Ihnen doch zeigen, wie andere Angeklagte
-behandelt werden, vielleicht gelingt es Ihnen, daraus eine Lehre zu
-nehmen. Ich werde jetzt nämlich Block vorrufen, sperren Sie die Tür auf
-und setzen Sie sich hier neben den Nachttisch.“ „Gerne,“ sagte K. und
-tat, was der Advokat verlangt hatte; zu lernen war er immer bereit. Um
-sich aber für jeden Fall zu sichern, fragte er noch: „Sie haben aber
-zur Kenntnis genommen, daß ich Ihnen meine Vertretung entziehe?“ „Ja,“
-sagte der Advokat, „Sie können es aber heute noch rückgängig machen.“
-Er legte sich wieder ins Bett zurück, zog das Federbett bis zum Knie
-und drehte sich der Wand zu. Dann läutete er.
-
-Fast gleichzeitig mit dem Glockenzeichen erschien Leni, sie suchte
-durch rasche Blicke zu erfahren, was geschehen war; daß K. still beim
-Bett des Advokaten saß, schien ihr beruhigend. Sie nickte K., der sie
-starr ansah, lächelnd zu. „Hole Block,“ sagte der Advokat. Statt ihn
-aber zu holen, trat sie nur vor die Tür, rief: „Block! Zum Advokaten!“
-und schlüpfte dann, wahrscheinlich weil der Advokat zur Wand abgekehrt
-blieb und sich um nichts kümmerte, hinter K.s Sessel. Sie störte ihn
-von nun ab, indem sie sich über die Sessellehne vorbeugte oder mit den
-Händen, allerdings sehr zart und vorsichtig, durch sein Haar fuhr und
-über seine Wangen strich. Schließlich suchte K. sie daran zu hindern,
-indem er sie bei einer Hand erfaßte, die sie ihm nach einigem
-Widerstreben überließ.
-
-Block war auf den Anruf hin gleich gekommen, blieb aber vor der Tür
-stehn und schien zu überlegen, ob er eintreten sollte. Er zog die
-Augenbrauen hoch und neigte den Kopf, als horche er, ob sich der Befehl
-zum Advokaten zu kommen, wiederholen würde. K. hätte ihn zum Eintreten
-aufmuntern können, aber er hatte sich vorgenommen, nicht nur mit dem
-Advokaten, sondern mit allem, was hier in der Wohnung war, endgültig zu
-brechen und verhielt sich deshalb regungslos. Auch Leni schwieg. Block
-merkte, daß ihn wenigstens niemand verjage und trat auf den Fußspitzen
-ein, das Gesicht gespannt, die Hände auf dem Rücken verkrampft. Die Tür
-hatte er für einen möglichen Rückzug offengelassen. K. blickte er gar
-nicht an, sondern immer nur das hohe Federbett, unter dem der Advokat,
-da er sich ganz nahe an die Wand geschoben hatte, nicht einmal zu sehen
-war. Da hörte man aber seine Stimme: „Block hier?“ fragte er. Diese
-Frage gab Block, der schon eine große Strecke weitergerückt war,
-förmlich einen Stoß in die Brust und dann einen in den Rücken, er
-taumelte, blieb tief gebückt stehn und sagte: „Zu dienen.“ „Was willst
-du?“ fragte der Advokat, „du kommst ungelegen.“ „Wurde ich nicht
-gerufen?“ fragte Block mehr sich selbst als den Advokaten, hielt die
-Hände zum Schutze vor und war bereit wegzulaufen. „Du wurdest gerufen,“
-sagte der Advokat, „trotzdem kommst du ungelegen.“ Und nach einer Pause
-fügte er hinzu: „Du kommst immer ungelegen.“ Seitdem der Advokat
-sprach, sah Block nicht mehr auf das Bett hin, er starrte vielmehr
-irgendwo in eine Ecke und lauschte nur, als sei der Seitenblick des
-Sprechers zu blendend, als daß er ihn ertragen könnte. Es war aber auch
-das Zuhören schwer, denn der Advokat sprach gegen die Wand, und zwar
-leise und schnell. „Wollt Ihr, daß ich weggehe?“ fragte Block. „Nun
-bist du einmal da,“ sagte der Advokat. „Bleib!“ Man hätte glauben
-können, der Advokat habe nicht Blocks Wunsch erfüllt, sondern ihm etwa
-mit Prügeln gedroht, denn jetzt fing Block wirklich zu zittern an. „Ich
-war gestern,“ sagte der Advokat, „beim dritten Richter, meinem Freund,
-und habe allmählich das Gespräch auf dich gelenkt. Willst du wissen,
-was er sagte?“ „O bitte,“ sagte Block. Da der Advokat nicht gleich
-antwortete, wiederholte Block nochmals die Bitte und neigte sich, als
-wolle er niederknien. Da fuhr ihn aber K. an: „Was tust du?“ rief er.
-Da ihn Leni an dem Ausruf hatte hindern wollen, faßte er auch ihre
-zweite Hand. Es war nicht der Druck der Liebe, mit dem er sie
-festhielt, sie seufzte auch öfters und suchte ihm die Hände zu
-entwinden. Für K.s Ausruf aber wurde Block gestraft, denn der Advokat
-fragte ihn: „Wer ist denn dein Advokat?“ „Ihr seid es,“ sagte Block.
-„Und außer mir?“ fragte der Advokat. „Niemand außer Euch,“ sagte Block.
-„Dann folge auch niemandem sonst,“ sagte der Advokat. Block erkannte
-das vollständig an, er maß K. mit bösen Blicken und schüttelte heftig
-gegen ihn den Kopf. Hätte man dieses Benehmen in Worte übersetzt, so
-wären es grobe Beschimpfungen gewesen. Mit diesem Menschen hatte K.
-freundschaftlich über seine eigene Sache reden wollen! „Ich werde dich
-nicht mehr stören,“ sagte K. in den Sessel zurückgelehnt. „Knie nieder
-oder krieche auf allen Vieren, tu’ was du willst, ich werde mich nicht
-darum kümmern.“ Aber Block hatte doch Ehrgefühl, wenigstens gegenüber
-K., denn er ging mit den Fäusten fuchtelnd auf ihn zu, und rief so laut
-als er es nur in der Nähe des Advokaten wagte: „Sie dürfen nicht so mit
-mir reden, das ist nicht erlaubt. Warum beleidigen Sie mich? Und
-überdies noch hier vor dem Herrn Advokaten, wo wir beide, Sie und ich,
-nur aus Barmherzigkeit geduldet sind? Sie sind kein besserer Mensch als
-ich, denn Sie sind auch angeklagt und haben auch einen Prozeß. Wenn Sie
-aber trotzdem noch ein Herr sind, dann bin ich ein ebensolcher Herr,
-wenn nicht gar ein noch größerer. Und ich will auch als ein solcher
-angesprochen werden, gerade von Ihnen. Wenn Sie sich aber dadurch für
-bevorzugt halten, daß Sie hier sitzen und ruhig zuhören dürfen, während
-ich, wie Sie sich ausdrücken, auf allen Vieren krieche, dann erinnere
-ich Sie an den alten Rechtsspruch: für den Verdächtigen ist Bewegung
-besser als Ruhe, denn der, welcher ruht, kann immer, ohne es zu wissen,
-auf einer Wagschale sein und mit seinen Sünden gewogen werden.“ K.
-sagte nichts, er staunte nur mit unbeweglichen Augen diesen verwirrten
-Menschen an. Was für Veränderungen waren mit ihm nur schon in der
-letzten Stunde vor sich gegangen! War es der Prozeß, der ihn so hin und
-her warf und ihn nicht erkennen ließ, wo Freund und wo Feind war. Sah
-er denn nicht, daß der Advokat ihn absichtlich demütigte und diesmal
-nichts anderes bezweckte, als sich vor K. mit seiner Macht zu brüsten
-und sich dadurch vielleicht auch K. zu unterwerfen? Wenn Block aber
-nicht fähig war, das zu erkennen oder wenn er den Advokaten so sehr
-fürchtete, daß ihm jene Erkenntnis nichts helfen konnte, wie kam es,
-daß er doch wieder so schlau oder so kühn war, den Advokaten zu
-betrügen und ihm zu verschweigen, daß er außer ihm noch andere
-Advokaten für sich arbeiten ließ. Und wieso wagte er es, K.
-anzugreifen, da dieser doch gleich sein Geheimnis verraten konnte. Aber
-er wagte noch mehr, er ging zum Bett des Advokaten und begann sich nun
-auch dort über K. zu beschweren: „Herr Advokat,“ sagte er, „habt Ihr
-gehört, wie dieser Mann mit mir gesprochen hat? Man kann noch die
-Stunden seines Prozesses zählen und schon will er mir, einem Mann, der
-fünf Jahre im Prozesse steht, gute Lehren geben. Er beschimpft mich
-sogar. Weiß nichts und beschimpft mich, der ich, soweit meine schwachen
-Kräfte reichen, genau studiert habe, was Anstand, Pflicht und
-Gerichtsgebrauch verlangt.“ „Kümmere dich um niemanden,“ sagte der
-Advokat, „und tue, was dir richtig scheint.“ „Gewiß,“ sagte Block, als
-spreche er sich selbst Mut zu, und kniete unter einem kurzen
-Seitenblick nun knapp beim Bett nieder. „Ich knie schon, mein Advokat,“
-sagte er. Der Advokat schwieg aber. Block streichelte mit einer Hand
-vorsichtig das Federbett. In der Stille, die jetzt herrschte, sagte
-Leni, indem sie sich von K.s Händen befreite: „Du machst mir Schmerzen.
-Laß mich. Ich gehe zu Block.“ Sie ging hin und setzte sich auf den
-Bettrand. Block war über ihr Kommen sehr erfreut, er bat sie gleich
-durch lebhafte, aber stumme Zeichen, sich beim Advokaten für ihn
-einzusetzen. Er benötigte offenbar die Mitteilungen des Advokaten sehr
-dringend, aber vielleicht nur zu dem Zweck, um sie durch seine übrigen
-Advokaten ausnützen zu lassen. Leni wußte wahrscheinlich genau, wie man
-dem Advokaten beikommen könne, sie zeigte auf die Hand des Advokaten
-und spitzte die Lippen wie zum Kuß. Gleich führte Block den Handkuß aus
-und wiederholte ihn auf eine Aufforderung Lenis hin noch zweimal. Aber
-der Advokat schwieg noch immer. Da beugte sich Leni über den Advokaten
-hin, der schöne Wuchs ihres Körpers wurde sichtbar, als sie sich so
-streckte, und strich tief zu seinem Gesicht geneigt über sein langes
-weißes Haar. Das zwang ihm nun doch eine Antwort ab. „Ich zögere, es
-ihm mitzuteilen,“ sagte der Advokat und man sah, wie er den Kopf ein
-wenig schüttelte, vielleicht um des Drucks von Lenis Hand mehr
-teilhaftig zu werden. Block horchte mit gesenktem Kopf, als übertrete
-er durch dieses Horchen ein Gebot. „Warum zögerst du denn?“ fragte
-Leni. K. hatte das Gefühl, als höre er ein einstudiertes Gespräch, das
-sich schon oft wiederholt hatte, das sich noch oft wiederholen würde
-und das nur für Block seine Neuheit nicht verlieren konnte. „Wie hat er
-sich heute verhalten?“ fragte der Advokat, statt zu antworten. Ehe sich
-Leni darüber äußerte, sah sie zu Block hinunter und beobachtete ein
-Weilchen, wie er die Hände ihr entgegenhob und bittend aneinander rieb.
-Schließlich nickte sie ernst, wandte sich zum Advokaten und sagte: „Er
-war ruhig und fleißig.“ Ein alter Kaufmann, ein Mann mit langem Bart
-flehte ein junges Mädchen um ein günstiges Zeugnis an. Mochte er dabei
-auch Hintergedanken haben, nichts konnte ihn in den Augen eines
-Mitmenschen rechtfertigen. Er entwürdigte fast den Zuseher. So wirkte
-also die Methode des Advokaten, welcher K. glücklicherweise nicht lange
-genug ausgesetzt gewesen war, daß der Klient schließlich die ganze Welt
-vergaß und nur auf diesem Irrweg zum Ende des Prozesses sich
-fortzuschleppen hoffte. Das war kein Klient mehr, das war der Hund des
-Advokaten. Hätte ihm dieser befohlen, unter das Bett wie in eine
-Hundehütte zu kriechen und von dort aus zu bellen, er hätte es mit Lust
-getan. Als sei K. beauftragt, alles was hier gesprochen wurde, genau in
-sich aufzunehmen, an einem höhern Ort die Anzeige davon zu erstatten
-und einen Bericht abzulegen, hörte er prüfend und überlegen zu. „Was
-hat er während des ganzen Tags getan?“ fragte der Advokat. „Ich habe
-ihn,“ sagte Leni, „damit er mich bei der Arbeit nicht störe, in dem
-Dienstmädchenzimmer eingesperrt, wo er sich ja gewöhnlich aufhält.
-Durch die Lücke konnte ich von Zeit zu Zeit nachsehn, was er machte. Er
-kniete immer auf dem Bett, hatte die Schriften, die du ihm geliehen
-hast, auf dem Fensterbrett aufgeschlagen und las in ihnen. Das hat
-einen guten Eindruck auf mich gemacht; das Fenster führt nämlich nur in
-einen Luftschacht und gibt fast kein Licht. Daß Block trotzdem las,
-zeigte mir, wie folgsam er ist.“ „Es freut mich, das zu hören,“ sagte
-der Advokat. „Hat er aber auch mit Verständnis gelesen?“ Block bewegte
-während dieses Gesprächs unaufhörlich die Lippen, offenbar formulierte
-er die Antworten, die er von Leni erhoffte. „Darauf kann ich
-natürlich,“ sagte Leni, „nicht mit Bestimmtheit antworten. Jedenfalls
-habe ich gesehn, daß er gründlich las. Er hat den ganzen Tag über die
-gleiche Seite gelesen und beim Lesen den Finger die Zeilen
-entlanggeführt. Immer wenn ich zu ihm hineinsah, hat er geseufzt, als
-mache ihm das Lesen viel Mühe. Die Schriften, die du ihm geliehen hast,
-sind wahrscheinlich schwer verständlich.“ „Ja,“ sagte der Advokat,
-„das sind sie allerdings. Ich glaube auch nicht, daß er etwas von ihnen
-versteht. Sie sollen ihm nur eine Ahnung davon geben, wie schwer der
-Kampf ist, den ich zu seiner Verteidigung führe. Und für wen führe ich
-diesen schweren Kampf? Für — es ist fast lächerlich es auszusprechen —
-für Block. Auch was das bedeutet, soll er begreifen lernen. Hat er
-ununterbrochen studiert?“ „Fast ununterbrochen,“ antwortete Leni, „nur
-einmal hat er mich um Wasser zum Trinken gebeten. Da habe ich ihm ein
-Glas durch die Luke gereicht. Um 8 Uhr habe ich ihn dann herausgelassen
-und ihm etwas zu essen gegeben.“ Block streifte K. mit einem
-Seitenblick, als werde hier Rühmendes von ihm erzählt und müsse auch
-auf K. Eindruck machen. Er schien jetzt gute Hoffnungen zu haben,
-bewegte sich freier und rückte auf den Knien hin und her. Desto
-deutlicher war es, wie er unter den folgenden Worten des Advokaten
-erstarrte. „Du lobst ihn,“ sagte der Advokat. „Aber gerade das macht es
-mir schwer, zu reden. Der Richter hat sich nämlich nicht günstig
-ausgesprochen, weder über Block selbst noch über seinen Prozeß.“ „Nicht
-günstig?“ fragte Leni. „Wie ist das möglich?“ Block sah sie mit einem
-so gespannten Blick an, als traue er ihr die Fähigkeit zu, jetzt noch
-die längst ausgesprochenen Worte des Richters zu seinen Gunsten zu
-wenden. „Nicht günstig,“ sagte der Advokat. „Er war sogar unangenehm
-berührt, als ich von Block zu sprechen anfing. Reden Sie nicht von
-Block, sagte er. Er ist mein Klient, sagte ich. Sie lassen sich
-mißbrauchen, sagte er. Ich halte seine Sache nicht für verloren, sagte
-ich. Sie lassen sich mißbrauchen, wiederholte er. Ich glaube es nicht,
-sagte ich. Block ist im Prozeß fleißig und immer hinter seiner Sache
-her. Er wohnt fast bei mir, um immer auf dem Laufenden zu sein. Solchen
-Eifer findet man nicht immer. Gewiß, er ist persönlich nicht angenehm,
-hat häßliche Umgangsformen und ist schmutzig, aber in prozessualer
-Hinsicht ist er untadelhaft. Ich sagte untadelhaft, ich übertrieb
-absichtlich. Darauf sagte er: Block ist bloß schlau. Er hat viel
-Erfahrung angesammelt und versteht es, den Prozeß zu verschleppen. Aber
-seine Unwissenheit ist noch viel größer als seine Schlauheit. Was würde
-er wohl dazu sagen, wenn er erfahren würde, daß sein Prozeß noch gar
-nicht begonnen hat, wenn man ihm sagen würde, daß noch nicht einmal das
-Glockenzeichen zum Beginn des Prozesses gegeben ist. Ruhig, Block,“
-sagte der Advokat, denn Block begann sich gerade auf unsicheren Knien
-zu erheben und wollte offenbar um Aufklärung bitten. Es war jetzt das
-erstemal, daß sich der Advokat mit ausführlicheren Worten geradezu an
-Block wendete. Mit müden Augen sah er halb ziellos, halb zu Block
-hinunter, der unter diesem Blick wieder langsam in die Knie zurücksank.
-„Diese Äußerung des Richters hat für dich gar keine Bedeutung,“ sagte
-der Advokat. „Erschrick doch nicht bei jedem Wort. Wenn sich das
-wiederholt, werde ich dir gar nichts mehr verraten. Man kann keinen
-Satz beginnen, ohne daß du einen anschaust, als ob jetzt dein Endurteil
-käme. Schäme dich hier vor meinem Klienten! Auch erschütterst du das
-Vertrauen, das er in mich setzt. Was willst du denn? Noch lebst du,
-noch stehst du unter meinem Schutz. Sinnlose Angst! Du hast irgendwo
-gelesen, daß das Endurteil in manchen Fällen unversehens komme aus
-beliebigem Munde zu beliebiger Zeit. Mit vielen Vorbehalten ist das
-allerdings wahr, ebenso wahr aber ist es, daß mich deine Angst anwidert
-und daß ich darin einen Mangel des notwendigen Vertrauens sehe. Was
-habe ich denn gesagt? Ich habe die Äußerung eines Richters
-wiedergegeben. Du weißt, die verschiedenen Ansichten häufen sich um das
-Verfahren bis zur Undurchdringlichkeit. Dieser Richter z. B. nimmt den
-Anfang des Verfahrens zu einem andern Zeitpunkt an als ich. Ein
-Meinungsunterschied, nichts weiter. In einem gewissen Stadium des
-Prozesses wird nach altem Brauch ein Glockenzeichen gegeben. Nach der
-Ansicht dieses Richters beginnt damit der Prozeß. Ich kann dir jetzt
-nicht alles sagen, was dagegen spricht, du würdest es auch nicht
-verstehn, es genüge dir, daß viel dagegen spricht.“ Verlegen fuhr Block
-unten mit den Fingern durch das Fell des Bettvorlegers, die Angst wegen
-des Ausspruchs des Richters ließ ihn zeitweise die eigene
-Untertänigkeit gegenüber dem Advokaten vergessen, er dachte dann nur an
-sich und drehte die Worte des Richters nach allen Seiten. „Block,“
-sagte Leni in warnendem Ton und zog ihn am Rockkragen ein wenig in die
-Höhe. „Laß jetzt das Fell und höre dem Advokaten zu.“ K. begriff nicht,
-wie der Advokat daran hatte denken können, durch diese Vorführung ihn
-zu gewinnen. Hätte er ihn nicht schon früher verjagt, er hätte es durch
-diese Szene erreicht.
-
-
-
-
-
-
-
-
-NEUNTES KAPITEL
-
-IM DOM
-
-
-K. bekam den Auftrag, einem italienischen Geschäftsfreund der Bank, der
-für sie sehr wichtig war und sich zum erstenmal in dieser Stadt
-aufhielt, einige Kunstdenkmäler zu zeigen. Es war ein Auftrag, den er
-zu anderer Zeit gewiß für ehrend gehalten hätte, den er aber jetzt, da
-er nur mit großer Anstrengung sein Ansehn in der Bank noch wahren
-konnte, widerwillig übernahm. Jede Stunde, die er dem Bureau entzogen
-wurde, machte ihm Kummer; er konnte zwar die Bureauzeit bei weitem
-nicht mehr so ausnutzen wie früher, er brachte manche Stunden nur unter
-dem notdürftigsten Anschein wirklicher Arbeit hin, aber desto größer
-waren seine Sorgen, wenn er nicht im Bureau war. Er glaubte dann zu
-sehn, wie der Direktor-Stellvertreter, der ja immer auf der Lauer
-gewesen war, von Zeit zu Zeit in sein Bureau kam, sich an seinen
-Schreibtisch setzte, seine Schriftstücke durchsuchte, Parteien, mit
-denen K. seit Jahren fast befreundet gewesen war, empfing und ihm
-abspenstig machte, ja vielleicht sogar Fehler aufdeckte, von denen sich
-K. während der Arbeit jetzt immer aus tausend Richtungen bedroht sah
-und die er nicht mehr vermeiden konnte. Wurde er daher einmal, sei es
-in noch so auszeichnender Weise, zu einem Geschäftsweg oder gar zu
-einer kleinen Reise beauftragt — solche Aufträge hatten sich in der
-letzten Zeit ganz zufällig gehäuft — dann lag immerhin die Vermutung
-nahe, daß man ihn für ein Weilchen aus dem Bureau entfernen und seine
-Arbeit überprüfen wolle oder wenigstens, daß man ihn im Bureau für
-leicht entbehrlich halte. Die meisten dieser Aufträge hätte er ohne
-Schwierigkeit ablehnen können, aber er wagte es nicht, denn, wenn seine
-Befürchtung auch nur im geringsten begründet war, bedeutete die
-Ablehnung des Auftrags Geständnis seiner Angst. Aus diesem Grunde nahm
-er solche Aufträge scheinbar gleichmütig hin und verschwieg sogar, als
-er eine anstrengende zweitägige Geschäftsreise machen sollte, eine
-ernstliche Verkühlung, um sich nur nicht der Gefahr auszusetzen, mit
-Berufung auf das gerade herrschende regnerische Herbstwetter von der
-Reise abgehalten zu werden. Als er von dieser Reise mit wütenden
-Kopfschmerzen zurückkehrte, erfuhr er, daß er dazu bestimmt sei, am
-nächsten Tag den italienischen Geschäftsfreund zu begleiten. Die
-Verlockung, sich wenigstens dieses eine Mal zu weigern, war sehr groß,
-vor allem war das, was man ihm hier zugedacht hatte, keine unmittelbar
-mit dem Geschäft zusammenhängende Arbeit, aber die Erfüllung dieser
-gesellschaftlichen Pflicht gegenüber dem Geschäftsfreund war an sich
-zweifellos wichtig genug, nur nicht für K., der wohl wußte, daß er sich
-nur durch Arbeitserfolge erhalten könne, und daß es, wenn ihm das nicht
-gelingen würde, vollständig wertlos war, wenn er diesen Italiener
-unerwarteterweise sogar bezaubern sollte; er wollte nicht einmal für
-einen Tag aus dem Bereich der Arbeit geschoben werden, denn die Furcht,
-nicht mehr zurückgelassen zu werden, war zu groß, eine Furcht, die er
-sehr genau als übertrieben erkannte, die ihn aber doch beengte. In
-diesem Fall allerdings war es fast unmöglich, einen annehmbaren Einwand
-zu erfinden, K.s Kenntnis des Italienischen war zwar nicht sehr groß,
-aber immerhin genügend; das Entscheidende aber war, daß K. aus früherer
-Zeit einige künstlerische Kenntnisse besaß, was in äußerst
-übertriebener Weise dadurch in der Bank bekannt geworden war, daß K.
-eine Zeit lang übrigens auch nur aus geschäftlichen Gründen Mitglied
-des Vereins zur Erhaltung der städtischen Kunstdenkmäler gewesen war.
-Nun war aber der Italiener, wie man gerüchtweise erfahren hatte, ein
-Kunstliebhaber und die Wahl K.s zu seinem Begleiter war daher
-selbstverständlich.
-
-Es war ein sehr regnerischer stürmischer Morgen, als K. voll Ärger über
-den Tag, der ihm bevorstand, schon um 7 Uhr ins Bureau kam, um
-wenigstens einige Arbeit noch fertigzubringen, ehe der Besuch ihn allem
-entziehen würde. Er war sehr müde, denn er hatte die halbe Nacht mit
-dem Studium einer italienischen Grammatik verbracht, um sich ein wenig
-vorzubereiten, das Fenster, an dem er in der letzten Zeit viel zu oft
-zu sitzen pflegte, lockte ihn mehr als der Schreibtisch, aber er
-widerstand und setzte sich zur Arbeit. Leider trat gerade der Diener
-ein und meldete, der Herr Direktor habe ihn geschickt, um nachzusehn,
-ob der Herr Prokurist schon hier sei; sei er hier, dann möge er so
-freundlich sein und ins Empfangszimmer hinüberkommen, der Herr aus
-Italien sei schon da. „Ich komme schon,“ sagte K., steckte ein kleines
-Wörterbuch in die Tasche, nahm ein Album der städtischen
-Sehenswürdigkeiten, das er für den Fremden vorbereitet hatte, unter den
-Arm, und ging durch das Bureau des Direktor-Stellvertreters in das
-Direktionszimmer. Er war glücklich darüber, so früh ins Bureau gekommen
-zu sein und sofort zur Verfügung stehn zu können, was wohl niemand
-ernstlich erwartet hatte. Das Bureau des Direktor-Stellvertreters war
-natürlich noch leer wie in tiefer Nacht, wahrscheinlich hatte der
-Diener auch ihn ins Empfangszimmer berufen sollen, es war aber
-erfolglos gewesen. Als K. ins Empfangszimmer eintrat, erhoben sich die
-zwei Herren aus den tiefen Fauteuils. Der Direktor lächelte freundlich,
-offenbar war er sehr erfreut über K.s Kommen, er besorgte sofort die
-Vorstellung, der Italiener schüttelte K. kräftig die Hand und nannte
-lachend irgend jemanden einen Frühaufsteher, K. verstand nicht genau
-wen er meinte, es war überdies ein sonderbares Wort, dessen Sinn K.
-erst nach einem Weilchen erriet. Er antwortete mit einigen glatten
-Sätzen, die der Italiener wieder lachend hinnahm, wobei er mehrmals mit
-nervöser Hand über seinen graublauen buschigen Schnurrbart fuhr. Dieser
-Bart war offenbar parfümiert, man war fast versucht, sich zu nähern und
-zu riechen. Als sich alle gesetzt hatten und ein kleines einleitendes
-Gespräch begann, bemerkte K. mit großem Unbehagen, daß er den Italiener
-nur bruchstückweise verstand. Wenn er ganz ruhig sprach, verstand er
-ihn fast vollständig, das waren aber nur seltene Ausnahmen, meistens
-quoll ihm die Rede aus dem Mund, er schüttelte den Kopf wie vor Lust
-darüber. Bei solchen Reden aber verwickelte er sich regelmäßig in
-irgendeinen Dialekt, der für K. nichts Italienisches mehr hatte, den
-aber der Direktor nicht nur verstand, sondern auch sprach, was K.
-allerdings hätte voraussehn können, denn der Italiener stammte aus
-Süditalien, wo auch der Direktor einige Jahre gewesen war. Jedenfalls
-erkannte K., daß ihm die Möglichkeit, sich mit dem Italiener zu
-verständigen, zum größten Teil genommen war, denn auch dessen
-Französisch war nur schwer verständlich, auch verdeckte der Bart die
-Lippenbewegungen, deren Anblick vielleicht zum Verständnis geholfen
-hätte. K. begann viel Unannehmlichkeiten vorauszusehn, vorläufig gab er
-es auf, den Italiener verstehn zu wollen — in der Gegenwart des
-Direktors, der ihn so leicht verstand, wäre es unnötige Anstrengung
-gewesen — und er beschränkte sich darauf, ihn verdrießlich zu
-beobachten, wie er tief und doch leicht in dem Fauteuil ruhte, wie er
-öfters an seinem kurzen, scharf geschnittenen Röckchen zupfte und wie
-er einmal mit erhobenen Armen und lose in den Gelenken bewegten Händen
-irgend etwas darzustellen versuchte, das K. nicht begreifen konnte,
-trotzdem er vorgebeugt die Hände nicht aus den Augen ließ. Schließlich
-machte sich bei K., der sonst unbeschäftigt, nur mechanisch mit den
-Blicken dem Hin und Her der Reden folgte, die frühere Müdigkeit geltend
-und er ertappte sich einmal zu seinem Schrecken glücklicherweise noch
-rechtzeitig darauf, daß er in der Zerstreutheit gerade hatte aufstehn,
-sich umdrehn und weggehn wollen. Endlich sah der Italiener auf die Uhr
-und sprang auf. Nachdem er sich vom Direktor verabschiedet hatte,
-drängte er sich an K. und zwar so dicht, daß K. sein Fauteuil
-zurückschieben mußte, um sich bewegen zu können. Der Direktor, der
-gewiß an K.s Augen die Not erkannte, in der er sich gegenüber diesem
-Italienisch befand, mischte sich in das Gespräch und zwar so klug und
-so zart, daß es den Anschein hatte, als füge er nur kleine Ratschläge
-bei, während er in Wirklichkeit alles, was der Italiener, unermüdlich
-ihm in die Rede fallend, vorbrachte, in aller Kürze K. verständlich
-machte. K. erfuhr von ihm, daß der Italiener vorläufig noch einige
-Geschäfte zu besorgen habe, daß er leider auch im Ganzen nur wenig Zeit
-haben werde, daß er auch keinesfalls beabsichtige, in Eile alle
-Sehenswürdigkeiten abzulaufen, daß er sich vielmehr — allerdings nur
-wenn K. zustimme, bei ihm allein liege die Entscheidung — entschlossen
-habe, nur den Dom, diesen aber gründlich, zu besichtigen. Er freue sich
-ungemein, diese Besichtigung in Begleitung eines so gelehrten und
-liebenswürdigen Mannes — damit war K. gemeint, der mit nichts anderem
-beschäftigt war, als den Italiener zu überhören und die Worte des
-Direktors schnell aufzufassen — vornehmen zu können und er bitte ihn,
-wenn ihm die Stunde gelegen sei, in zwei Stunden, etwa um 10 Uhr, sich
-im Dom einzufinden. Er selbst hoffe, um diese Zeit schon bestimmt dort
-sein zu können. K. antwortete einiges Entsprechende, der Italiener
-drückte zuerst dem Direktor, dann K., dann nochmals dem Direktor die
-Hand und ging, von beiden gefolgt, nur noch halb ihnen zugewendet, im
-Reden aber noch immer nicht aussetzend, zur Tür. K. blieb dann noch ein
-Weilchen mit dem Direktor beisammen, der heute besonders leidend
-aussah. Er glaubte sich bei K. irgendwie entschuldigen zu müssen und
-sagte — sie standen vertraulich nahe beisammen — zuerst hätte er
-beabsichtigt, selbst mit dem Italiener zu gehn, dann aber — er gab
-keinen nähern Grund an — habe er sich entschlossen, lieber K. zu
-schicken. Wenn er den Italiener nicht gleich im Anfang verstehe, so
-müsse er sich dadurch nicht verblüffen lassen, das Verständnis komme
-sehr rasch, und wenn er auch viel überhaupt nicht verstehen sollte, so
-sei es auch nicht so schlimm, denn für den Italiener sei es nicht gar
-so wichtig, verstanden zu werden. Übrigens sei K.s Italienisch
-überraschend gut und er werde sich gewiß ausgezeichnet mit der Sache
-abfinden. Damit war K. verabschiedet. Die Zeit, die ihm noch freiblieb,
-verbrachte er damit, seltene Vokabeln, die er zur Führung im Dom
-benötigte, aus dem Wörterbuch herauszuschreiben. Es war eine äußerst
-lästige Arbeit, Diener brachten die Post, Beamte kamen mit
-verschiedenen Anfragen und blieben, da sie K. beschäftigt sahen, bei
-der Tür stehn, rührten sich aber nicht weg, bis sie K. angehört hatte,
-der Direktor-Stellvertreter ließ es sich nicht entgehn, K. zu stören,
-kam öfters herein, nahm ihm das Wörterbuch aus der Hand und blätterte
-offenbar ganz sinnlos darin, selbst Parteien tauchten, wenn sich die
-Tür öffnete, im Halbdunkel des Vorzimmers auf und verbeugten sich
-zögernd, sie wollten auf sich aufmerksam machen, waren aber dessen
-nicht sicher, ob sie gesehen wurden — das alles bewegte sich um K. als
-um seinen Mittelpunkt, während er selbst die Wörter, die er brauchte,
-zusammenstellte, dann im Wörterbuch suchte, dann herausschrieb, dann
-sich in ihrer Aussprache übte und schließlich auswendig zu lernen
-versuchte. Sein früheres gutes Gedächtnis schien ihn aber ganz
-verlassen zu haben, manchmal wurde er auf den Italiener, der ihm diese
-Anstrengung verursachte, so wütend, daß er das Wörterbuch unter
-Papieren vergrub mit der festen Absicht, sich nicht mehr vorzubereiten,
-dann aber sah er ein, daß er doch nicht stumm mit dem Italiener vor den
-Kunstwerken im Dom auf und ab gehen könne und er zog mit noch größerer
-Wut das Wörterbuch wieder hervor.
-
-Gerade um ½10 Uhr, als er weggehn wollte, erfolgte ein telephonischer
-Anruf, Leni wünschte ihm guten Morgen und fragte nach seinem Befinden,
-K. dankte eilig und bemerkte, er könne sich jetzt unmöglich in ein
-Gespräch einlassen, denn er müsse in den Dom. „In den Dom?“ fragte
-Leni. „Nun ja, in den Dom.“ „Warum denn in den Dom?“ sagte Leni. K.
-suchte es ihr in Kürze zu erklären, aber kaum hatte er damit
-angefangen, sagte Leni plötzlich: „Sie hetzen dich.“ Bedauern, das er
-nicht herausgefordert und nicht erwartet hatte, vertrug K. nicht, er
-verabschiedete sich mit zwei Worten, sagte aber doch, während er den
-Hörer an seinen Platz hängte, halb zu sich, halb zu dem fernen Mädchen,
-das es nicht mehr hörte: „Ja, sie hetzen mich.“
-
-Nun war es aber schon spät, es bestand schon fast die Gefahr, daß er
-nicht rechtzeitig ankam. Im Automobil fuhr er hin, im letzten
-Augenblick hatte er sich noch an das Album erinnert, das er früh zu
-übergeben keine Gelegenheit gefunden hatte und das er deshalb jetzt
-mitnahm. Er hielt es auf seinen Knien und trommelte während der ganzen
-Fahrt unruhig darauf. Der Regen war schwächer geworden, aber es war
-feucht, kühl und dunkel, man würde im Dom wenig sehn, wohl aber würde
-sich dort, infolge des langen Stehns auf den kalten Fließen, K.s
-Verkühlung sehr verschlimmern.
-
-Der Domplatz war ganz leer, K. erinnerte sich, daß es ihm schon als
-kleinem Kind aufgefallen war, daß in den Häusern dieses engen Platzes
-immer fast alle Fenstervorhänge herabgelassen waren. Bei dem heutigen
-Wetter war es allerdings verständlicher als sonst. Auch im Dom schien
-es leer zu sein, es fiel natürlich niemandem ein, jetzt
-hierherzukommen. K. durchlief beide Seitenschiffe, er traf nur ein
-altes Weib, das eingehüllt in ein warmes Tuch vor einem Marienbild
-kniete und es anblickte. Von weitem sah er dann noch einen hinkenden
-Diener in einer Mauertür verschwinden. K. war pünktlich gekommen,
-gerade bei seinem Eintritt hatte es 10 geschlagen, der Italiener war
-aber noch nicht hier. K. ging zum Haupteingang zurück, stand dort eine
-Zeit lang unentschlossen und machte dann im Regen einen Rundgang um den
-Dom, um nachzusehn, ob der Italiener nicht vielleicht bei irgendeinem
-Seiteneingang warte. Er war nirgends zu finden. Sollte der Direktor
-etwa die Zeitangabe mißverstanden haben? Wie konnte man auch diesen
-Menschen richtig verstehn. Wie es aber auch sein mochte, jedenfalls
-mußte K. zunächst eine halbe Stunde auf ihn warten. Da er müde war,
-wollte er sich setzen, er ging wieder in den Dom, fand auf einer Stufe
-einen kleinen teppichartigen Fetzen, zog ihn mit der Fußspitze vor eine
-nahe Bank, wickelte sich fester in seinen Mantel, schlug den Kragen in
-die Höhe und setzte sich. Um sich zu zerstreuen, schlug er das Album
-auf, blätterte darin ein wenig, mußte aber bald aufhören, denn es wurde
-so dunkel, daß er, als er aufblickte, in dem nahen Seitenschiff kaum
-eine Einzelheit unterscheiden konnte.
-
-In der Ferne funkelte auf dem Hauptaltar ein großes Dreieck von
-Kerzenlichtern, K. hätte nicht mit Bestimmtheit sagen können, ob er sie
-schon früher gesehen hatte. Vielleicht waren sie erst jetzt angezündet
-worden. Die Kirchendiener sind berufsmäßige Schleicher, man bemerkt sie
-nicht. Als sich K. zufällig umdrehte, sah er nicht weit hinter sich
-eine hohe starke an einer Säule befestigte Kerze gleichfalls brennen.
-So schön das war, zur Beleuchtung der Altarbilder, die meistens in der
-Finsternis der Seitenaltäre hingen, war es gänzlich unzureichend, es
-vermehrte vielmehr die Finsternis. Es war vom Italiener ebenso
-vernünftig als unhöflich gehandelt, daß er nicht gekommen war, es wäre
-nichts zu sehen gewesen, man hätte sich damit begnügen müssen, mit K.s
-elektrischer Taschenlampe einige Bilder zollweise abzusuchen. Um zu
-versuchen, was man davon erwarten könnte, ging K. zu einer nahen
-kleinen Seitenkapelle, stieg ein paar Stufen bis zu einer niedrigen
-Marmorbrüstung, und über sie vorgebeugt beleuchtete er mit der Lampe
-das Altarbild. Störend schwebte das ewige Licht davor. Das Erste, was
-K. sah und zum Teil erriet, war ein großer gepanzerter Ritter, der am
-äußersten Rande des Bildes dargestellt war. Er stützte sich auf sein
-Schwert, das er in den kahlen Boden vor sich — nur einige Grashalme
-kamen hier und da hervor — gestoßen hatte. Er schien aufmerksam einen
-Vorgang zu beobachten, der sich vor ihm abspielte. Es war erstaunlich,
-daß er so stehenblieb und sich nicht näherte. Vielleicht war er dazu
-bestimmt, Wache zu stehen. K., der schon lange keine Bilder gesehen
-hatte, betrachtete den Ritter längere Zeit, trotzdem er immerfort mit
-den Augen zwinkern mußte, da er das grüne Licht der Lampe nicht
-vertrug. Als er dann das Licht über den übrigen Teil des Bildes
-streichen ließ, fand er eine Grablegung Christi in gewöhnlicher
-Auffassung, es war übrigens ein neueres Bild. Er steckte die Lampe ein
-und kehrte wieder zu seinem Platz zurück.
-
-Es war nun schon wahrscheinlich unnötig, auf den Italiener zu warten,
-draußen war aber gewiß strömender Regen, und da es hier nicht so kalt
-war, wie K. erwartet hatte, beschloß er vorläufig hierzubleiben. In
-seiner Nachbarschaft war die große Kanzel, auf ihrem kleinen runden
-Dach waren halb liegend zwei leere goldene Kreuze angebracht, die sich
-mit ihrer äußersten Spitze überquerten. Die Außenwand der Brüstung und
-der Übergang zur tragenden Säule war von grünem Laubwerk gebildet, in
-das kleine Engel griffen, bald lebhaft, bald ruhend. K. trat vor die
-Kanzel und untersuchte sie von allen Seiten, die Bearbeitung des
-Steines war überaus sorgfältig, das tiefe Dunkel zwischen dem Laubwerk
-und hinter ihm schien wie eingefangen und festgehalten, K. legte seine
-Hand in eine solche Lücke und tastete dann den Stein vorsichtig ab, von
-dem Dasein dieser Kanzel hatte er bisher gar nicht gewußt. Da bemerkte
-er zufällig hinter der nächsten Bankreihe einen Kirchendiener, der dort
-in einem hängenden faltigen schwarzen Rock stand, in der linken Hand
-eine Schnupftabakdose hielt und ihn betrachtete. „Was will denn der
-Mann?“ dachte K. „Bin ich ihm verdächtig? Will er ein Trinkgeld?“ Als
-sich aber nun der Kirchendiener von K. bemerkt sah, zeigte er mit der
-Rechten, zwischen zwei Fingern hielt er noch eine Prise Tabak, in
-irgendeine unbestimmte Richtung. Sein Benehmen war fast unverständlich,
-K. wartete noch ein Weilchen, aber der Kirchendiener hörte nicht auf
-mit der Hand etwas zu zeigen und bekräftigte es noch durch Kopfnicken.
-„Was will er denn?“ fragte K. leise, er wagte es nicht, hier zu rufen;
-dann aber zog er die Geldtasche und drängte sich durch die nächste
-Bank, um zu dem Mann zu kommen. Doch dieser machte sofort eine
-abwehrende Bewegung mit der Hand, zuckte die Schultern und hinkte
-davon. Mit einer ähnlichen Gangart, wie es dieses eilige Hinken war,
-hatte K. als Kind das Reiten auf Pferden nachzuahmen versucht. „Ein
-kindischer Alter,“ dachte K., „sein Verstand reicht nur noch zum
-Kirchendienst aus. Wie er stehnbleibt, wenn ich stehe, und wie er
-lauert, ob ich weitergehen will.“ Lächelnd folgte K. dem Alten durch
-das ganze Seitenschiff fast bis zur Höhe des Hauptaltars, der Alte
-hörte nicht auf, etwas zu zeigen, aber K. drehte sich absichtlich nicht
-um, das Zeigen hatte keinen andern Zweck, als ihn von der Spur des
-Alten abzubringen. Schließlich ließ er wirklich von ihm, er wollte ihn
-nicht zu sehr ängstigen, auch wollte er die Erscheinung, für den Fall,
-daß der Italiener doch noch kommen sollte, nicht ganz verscheuchen.
-
-Als er in das Hauptschiff trat, um seinen Platz zu suchen, auf dem er
-das Album liegengelassen hatte, bemerkte er an einer Säule fast
-angrenzend an die Bänke des Altarchors eine kleine Nebenkanzel, ganz
-einfach, aus kahlem, bleichem Stein. Sie war so klein, daß sie aus der
-Ferne wie eine noch leere Nische erschien, die für die Aufnahme einer
-Statue bestimmt war. Der Prediger konnte gewiß keinen vollen Schritt
-von der Brüstung zurücktreten. Außerdem begann die steinerne Einwölbung
-der Kanzel ungewöhnlich tief und stieg zwar ohne jeden Schmuck, aber
-derartig geschweift in die Höhe, daß ein mittelgroßer Mann dort nicht
-aufrecht stehn konnte, sondern sich dauernd über die Brüstung vorbeugen
-mußte. Das Ganze war wie zur Qual des Predigers bestimmt, es war
-unverständlich, wozu man diese Kanzel benötigte, da man doch die andere
-große und so kunstvoll geschmückte zur Verfügung hatte.
-
-K. wäre auch diese kleine Kanzel gewiß nicht aufgefallen, wenn nicht
-oben eine Lampe befestigt gewesen wäre, wie man sie kurz vor einer
-Predigt bereitzustellen pflegt. Sollte jetzt etwa eine Predigt
-stattfinden? In der leeren Kirche? K. sah an der Treppe hinab, die an
-die Säule sich anschmiegend zur Kanzel führte und so schmal war, als
-solle sie nicht für Menschen, sondern nur zum Schmuck der Säule dienen.
-Aber unten an der Kanzel, K. lächelte vor Staunen, stand wirklich der
-Geistliche, hielt die Hand am Geländer, bereit aufzusteigen und sah auf
-K. hin. Dann nickte er ganz leicht mit dem Kopf, worauf K. sich
-bekreuzigte und verbeugte, was er schon früher hätte tun sollen. Der
-Geistliche gab sich einen kleinen Aufschwung und stieg mit kurzen,
-schnellen Schritten die Kanzel hinauf. Sollte wirklich eine Predigt
-beginnen? War vielleicht der Kirchendiener doch nicht so ganz vom
-Verstand verlassen und hatte K. dem Prediger zutreiben wollen, was
-allerdings in der leeren Kirche äußerst notwendig gewesen war. Übrigens
-gab es ja noch irgendwo vor einem Marienbild ein altes Weib, das auch
-hätte kommen sollen. Und wenn es schon eine Predigt sein sollte, warum
-wurde sie nicht von der Orgel eingeleitet. Aber die blieb still und
-blinkte nur schwach aus der Finsternis ihrer großen Höhe.
-
-K. dachte daran, ob er sich jetzt nicht eiligst entfernen sollte; wenn
-er es jetzt nicht tat, war keine Aussicht, daß er es während der
-Predigt tun könnte, er mußte dann bleiben, so lange sie dauerte, im
-Bureau verlor er so viel Zeit, auf den Italiener zu warten war er
-längst nicht mehr verpflichtet, er sah auf seine Uhr, es war 11. Aber
-konnte denn wirklich gepredigt werden? Konnte K. allein die Gemeinde
-darstellen? Wie, wenn er ein Fremder gewesen wäre, der nur die Kirche
-besichtigen wollte? Im Grunde war er auch nichts anderes. Es war
-unsinnig, daran zu denken, daß gepredigt werden sollte, jetzt um 11
-Uhr, an einem Werktag bei greulichstem Wetter. Der Geistliche — ein
-Geistlicher war es zweifellos, ein junger Mann mit glattem, dunklem
-Gesicht — ging offenbar nur hinauf, um die Lampe zu löschen, die
-irrtümlich angezündet worden war.
-
-Es war aber nicht so, der Geistliche prüfte vielmehr das Licht und
-schraubte es noch ein wenig auf, dann drehte er sich langsam der
-Brüstung zu, die er vorn an der kantigen Einfassung mit beiden Händen
-erfaßte. So stand er eine Zeitlang und blickte, ohne den Kopf zu
-rühren, umher. K. war ein großes Stück zurückgewichen und lehnte mit
-den Ellbogen an der vordersten Kirchenbank. Mit unsichern Augen sah er
-irgendwo, ohne den Ort genau zu bestimmen, den Kirchendiener mit
-krummem Rücken friedlich wie nach beendeter Aufgabe sich
-zusammenkauern. Was für eine Stille herrschte jetzt im Dom! Aber K.
-mußte sie stören, er hatte nicht die Absicht hierzubleiben; wenn es die
-Pflicht des Geistlichen war, zu einer bestimmten Stunde ohne Rücksicht
-auf die Umstände zu predigen, so mochte er es tun, es würde auch ohne
-K.s Beistand gelingen, ebenso wie die Anwesenheit K.s die Wirkung gewiß
-nicht steigern würde. Langsam setzte sich also K. in Gang, tastete sich
-auf den Fußspitzen an der Bank hin, kam dann in den breiten Hauptweg
-und ging auch dort ganz ungestört, nur daß der steinerne Boden unter
-dem leisesten Schritt erklang und die Wölbungen schwach, aber
-ununterbrochen, in vielfachem, gesetzmäßigem Fortschreiten davon
-widerhallten. K. fühlte sich ein wenig verlassen, als er dort, vom
-Geistlichen vielleicht beobachtet, zwischen den leeren Bänken allein
-hindurchging, auch schien ihm die Größe des Doms gerade an der Grenze
-des für Menschen noch Erträglichen zu liegen. Als er zu seinem früheren
-Platz kam, haschte er förmlich ohne weiteren Aufenthalt nach dem dort
-liegengelassenen Album und nahm es an sich. Fast hatte er schon das
-Gebiet der Bänke verlassen und näherte sich dem freien Raum, der
-zwischen ihnen und dem Ausgang lag, als er zum erstenmal die Stimme des
-Geistlichen hörte. Eine mächtige geübte Stimme. Wie durchdrang sie den
-zu ihrer Aufnahme bereiten Dom! Es war aber nicht die Gemeinde, die der
-Geistliche anrief, es war ganz eindeutig und es gab keine Ausflüchte,
-er rief: Josef K.!
-
-K. stockte und sah vor sich auf den Boden. Vorläufig war er noch frei,
-er konnte noch weitergehn und durch eine der drei kleinen dunklen
-Holztüren, die nicht weit vor ihm waren, sich davon machen. Es würde
-eben bedeuten, daß er nicht verstanden hatte, oder daß er zwar
-verstanden hatte, sich aber darum nicht kümmern wollte. Falls er sich
-aber umdrehte, war er festgehalten, denn dann hatte er das Geständnis
-gemacht, daß er gut verstanden hatte, daß er wirklich der Angerufene
-war und daß er auch folgen wollte. Hätte der Geistliche nochmals
-gerufen, wäre K. gewiß fortgegangen, aber da alles still blieb, so
-lange K. auch wartete, drehte er doch ein wenig den Kopf, denn er
-wollte sehn, was der Geistliche jetzt mache. Er stand ruhig auf der
-Kanzel wie früher, es war aber deutlich zu sehn, daß er K.s Kopfwendung
-bemerkt hatte. Es wäre ein kindliches Versteckenspiel gewesen, wenn
-sich jetzt K. nicht vollständig umgedreht hätte. Er tat es und wurde
-vom Geistlichen durch ein Winken des Fingers näher gerufen. Da jetzt
-alles offen geschehen konnte, lief er — er tat es auch aus Neugierde
-und um die Angelegenheit abzukürzen — mit langen fliegenden Schritten
-der Kanzel entgegen. Bei den ersten Bänken machte er halt, aber dem
-Geistlichen schien die Entfernung noch zu groß, er streckte die Hand
-aus und zeigte mit dem scharf gesenkten Zeigefinger auf eine Stelle
-knapp vor der Kanzel. K. folgte auch darin, er mußte auf diesem Platz
-den Kopf schon weit zurückbeugen, um den Geistlichen noch zu sehn. „Du
-bist Josef K.,“ sagte der Geistliche und erhob eine Hand auf der
-Brüstung in einer unbestimmten Bewegung. „Ja,“ sagte K., er dachte
-daran, wie offen er früher immer seinen Namen genannt hatte, seit
-einiger Zeit war er ihm eine Last, auch kannten jetzt seinen Namen
-Leute, mit denen er zum erstenmal zusammenkam; wie schön war es, sich
-zuerst vorzustellen und dann erst gekannt zu werden. „Du bist
-angeklagt,“ sagte der Geistliche besonders leise. „Ja,“ sagte K., „man
-hat mich davon verständigt.“ „Dann bist du der, den ich suche,“ sagte
-der Geistliche. „Ich bin der Gefängniskaplan.“ „Ach so,“ sagte K. „Ich
-habe dich hierher rufen lassen,“ sagte der Geistliche, „um mit dir zu
-sprechen.“ „Ich wußte es nicht,“ sagte K. „Ich bin hierhergekommen, um
-einem Italiener den Dom zu zeigen.“ „Laß das Nebensächliche,“ sagte der
-Geistliche. „Was hältst du in der Hand? Ist es ein Gebetbuch?“ „Nein,“
-antwortete K., „es ist ein Album der städtischen Sehenswürdigkeiten.“
-„Leg es aus der Hand,“ sagte der Geistliche. K. warf es so heftig weg,
-daß es aufklappte und mit zerdrückten Blättern ein Stück über den Boden
-schleifte. „Weißt du, daß dein Prozeß schlecht steht?“ fragte der
-Geistliche. „Es scheint mir auch so,“ sagte K. „Ich habe mir alle Mühe
-gegeben, bisher aber ohne Erfolg. Allerdings habe ich die Eingabe noch
-nicht fertig.“ „Wie stellst du dir das Ende vor,“ fragte der
-Geistliche. „Früher dachte ich, es müsse gut enden,“ sagte K., „jetzt
-zweifle ich daran manchmal selbst. Ich weiß nicht, wie es enden wird.
-Weißt du es?“ „Nein,“ sagte der Geistliche, „aber ich fürchte, es wird
-schlecht enden. Man hält dich für schuldig. Dein Prozeß wird vielleicht
-über ein niedriges Gericht gar nicht hinauskommen. Man hält wenigstens
-vorläufig deine Schuld für erwiesen.“ „Ich bin aber nicht schuldig,“
-sagte K. „Es ist ein Irrtum. Wie kann denn ein Mensch überhaupt
-schuldig sein. Wir sind hier doch alle Menschen, einer wie der andere.“
-„Das ist richtig,“ sagte der Geistliche, „aber so pflegen die
-Schuldigen zu reden.“ „Hast auch du ein Vorurteil gegen mich?“ fragte
-K. „Ich habe kein Vorurteil gegen dich,“ sagte der Geistliche. „Ich
-danke dir,“ sagte K. „Alle andern aber, die an dem Verfahren beteiligt
-sind, haben ein Vorurteil gegen mich. Sie flößen es auch den
-Unbeteiligten ein. Meine Stellung wird immer schwieriger.“ „Du
-mißverstehst die Tatsachen,“ sagte der Geistliche. „Das Urteil kommt
-nicht mit einemmal, das Verfahren geht allmählich ins Urteil über.“ „So
-ist es also,“ sagte K. und senkte den Kopf. „Was willst du nächstens in
-deiner Sache tun?“ fragte der Geistliche. „Ich will noch Hilfe suchen,“
-sagte K. und hob den Kopf, um zu sehn, wie der Geistliche es beurteile.
-„Es gibt noch gewisse Möglichkeiten, die ich nicht ausgenützt habe.“
-„Du suchst zuviel fremde Hilfe,“ sagte der Geistliche mißbilligend,
-„und besonders bei Frauen. Merkst du denn nicht, daß es nicht die wahre
-Hilfe ist.“ „Manchmal und sogar oft könnte ich dir recht geben,“ sagte
-K., „aber nicht immer. Die Frauen haben eine große Macht. Wenn ich
-einige Frauen, die ich kenne, dazu bewegen könnte, gemeinschaftlich für
-mich zu arbeiten, müßte ich durchdringen. Besonders bei diesem Gericht,
-das fast nur aus Frauenjägern besteht. Zeig dem Untersuchungsrichter
-eine Frau aus der Ferne und er überrennt, um nur rechtzeitig
-hinzukommen, den Gerichtstisch und den Angeklagten.“ Der Geistliche
-neigte den Kopf zur Brüstung, jetzt erst schien die Überdachung der
-Kanzel ihn niederzudrücken. Was für ein Unwetter mochte draußen sein?
-Das war kein trüber Tag mehr, das war schon tiefe Nacht. Keine
-Glasmalerei der großen Fenster war imstande, die dunkle Wand auch nur
-mit einem Schimmer zu unterbrechen. Und gerade jetzt begann der
-Kirchendiener die Kerzen auf dem Hauptaltar eine nach der andern
-auszulöschen. „Bist du mir böse,“ fragte K. den Geistlichen. „Du weißt
-vielleicht nicht, was für einem Gericht du dienst.“ Er bekam keine
-Antwort. „Es sind doch nur meine Erfahrungen,“ sagte K. Oben blieb es
-noch immer still. „Ich wollte dich nicht beleidigen,“ sagte K. Da
-schrie der Geistliche zu K. hinunter: „Siehst du denn nicht zwei
-Schritte weit?“ Es war im Zorn geschrien, aber gleichzeitig wie von
-einem, der jemanden fallen sieht und weil er selbst erschrocken ist,
-unvorsichtig ohne Willen schreit.
-
-Nun schwiegen beide lange. Gewiß konnte der Geistliche in dem Dunkel,
-das unten herrschte, K. nicht genau erkennen, während K. den
-Geistlichen im Licht der kleinen Lampe deutlich sah. Warum kam der
-Geistliche nicht herunter? Eine Predigt hatte er ja nicht gehalten,
-sondern K. nur einige Mitteilungen gemacht, die ihm, wenn er sie genau
-beachten würde, wahrscheinlich mehr schaden als nützen würden. Wohl
-aber schien K. die gute Absicht des Geistlichen zweifellos zu sein, es
-war nicht unmöglich, daß er sich mit ihm, wenn er herunterkäme, einigen
-würde, es war nicht unmöglich, daß er von ihm einen entscheidenden und
-annehmbaren Rat bekäme, der ihm z. B. zeigen würde, nicht etwa wie der
-Prozeß zu beeinflussen war, sondern wie man aus dem Prozeß ausbrechen,
-wie man ihn umgehen, wie man außerhalb des Prozesses leben könnte.
-Diese Möglichkeit mußte bestehn, K. hatte in der letzten Zeit öfters an
-sie gedacht. Wußte aber der Geistliche eine solche Möglichkeit, würde
-er sie vielleicht, wenn man ihn darum bat, verraten, trotzdem er selbst
-zum Gerichte gehörte und trotzdem er, als K. das Gericht angegriffen
-hatte, sein sanftes Wesen unterdrückt und K. sogar angeschrien hatte.
-
-„Willst du nicht herunterkommen?“ sagte K. „Es ist doch keine Predigt
-zu halten. Komm zu mir herunter.“ „Jetzt kann ich schon kommen,“ sagte
-der Geistliche, er bereute vielleicht sein Schreien. Während er die
-Lampe von ihrem Haken löste, sagte er: „Ich mußte zuerst aus der
-Entfernung mit dir sprechen. Ich lasse mich sonst zu leicht
-beeinflussen und vergesse meinen Dienst.“
-
-K. erwartete ihn unten an der Treppe. Der Geistliche streckte ihm schon
-von einer obern Stufe im Hinuntergehn die Hand entgegen. „Hast du ein
-wenig Zeit für mich?“ fragte K. „Soviel Zeit als du brauchst,“ sagte
-der Geistliche und reichte K. die kleine Lampe, damit er sie trage.
-Auch in der Nähe verlor sich eine gewisse Feierlichkeit aus seinem
-Wesen nicht. „Du bist sehr freundlich zu mir,“ sagte K. Sie gingen
-nebeneinander im dunklen Seitenschiff auf und ab. „Du bist eine
-Ausnahme unter allen, die zum Gericht gehören. Ich habe mehr Vertrauen
-zu dir als zu irgendjemandem von ihnen, so viele ich schon kenne. Mit
-dir kann ich offen reden.“ „Täusche dich nicht,“ sagte der Geistliche.
-„Worin sollte ich mich denn täuschen?“ fragte K. „In dem Gericht
-täuschst du dich,“ sagte der Geistliche, „in den einleitenden Schriften
-zum Gesetz heißt es von dieser Täuschung: vor dem Gesetz steht ein
-Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um
-Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß er ihm jetzt den
-Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er
-also später werde eintreten dürfen. „Es ist möglich,“ sagt der
-Türhüter, „jetzt aber nicht.“ Da das Tor zum Gesetz offensteht wie
-immer und der Türhüter beiseitetritt, bückt sich der Mann, um durch das
-Tor in das Innere zu sehn. Als der Türhüter das merkt, lacht er und
-sagt: „Wenn es dich so lockt, versuche es doch trotz meines Verbotes
-hineinzugehn. Merke aber: ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste
-Türhüter. Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer mächtiger als der
-andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr
-vertragen.“ Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht
-erwartet, das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt
-er, aber als er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer
-ansieht, seine große Spitznase, den langen, dünnen, schwarzen,
-tartarischen Bart, entschließt er sich doch, lieber zu warten, bis er
-die Erlaubnis zum Eintritt bekommt. Der Türhüter gibt ihm einen Schemel
-und läßt ihn seitwärts von der Tür sich niedersetzen. Dort sitzt er
-Tage und Jahre. Er macht viele Versuche eingelassen zu werden und
-ermüdet den Türhüter durch seine Bitten. Der Türhüter stellt öfters
-kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn nach seiner Heimat aus und nach
-vielem andern, es sind aber teilnahmslose Fragen, wie sie große Herren
-stellen, und zum Schlusse sagt er ihm immer wieder, daß er ihn noch
-nicht einlassen könne. Der Mann, der sich für seine Reise mit vielem
-ausgerüstet hat, verwendet alles und sei es noch so wertvoll, um den
-Türhüter zu bestechen. Dieser nimmt zwar alles an, aber sagt dabei:
-„Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas versäumt zu haben.“
-Während der vielen Jahre beobachtet der Mann den Türhüter fast
-ununterbrochen. Er vergißt die andern Türhüter und dieser erste scheint
-ihm das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz. Er verflucht
-den unglücklichen Zufall in den ersten Jahren laut, später, als er alt
-wird, brummt er nur noch vor sich hin. Er wird kindisch, und da er in
-dem jahrelangen Studium des Türhüters auch die Flöhe in seinem
-Pelzkragen erkannt hat, bittet er auch die Flöhe ihm zu helfen und den
-Türhüter umzustimmen. Schließlich wird sein Augenlicht schwach und er
-weiß nicht, ob es um ihn wirklich dunkler wird oder ob ihn nur die
-Augen täuschen. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der
-unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht. Nun lebt er nicht mehr
-lange. Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen
-der ganzen Zeit zu einer Frage, die er bisher an den Türhüter noch
-nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstarrenden Körper
-nicht mehr aufrichten kann. Der Türhüter muß sich tief zu ihm
-hinunterneigen, denn die Größenunterschiede haben sich sehr zuungunsten
-des Mannes verändert. „Was willst du denn jetzt noch wissen,“ fragt der
-Türhüter, „du bist unersättlich.“ „Alle streben doch nach dem Gesetz,“
-sagt der Mann, „wieso kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer
-mir Einlaß verlangt hat.“ Der Türhüter erkennt, daß der Mann schon am
-Ende ist und um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn
-an: „Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war
-nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“
-
-„Der Türhüter hat also den Mann getäuscht,“ sagte K. sofort, von der
-Geschichte sehr stark angezogen. „Sei nicht übereilt,“ sagte der
-Geistliche, „übernimm nicht die fremde Meinung ungeprüft. Ich habe dir
-die Geschichte im Wortlaut der Schrift erzählt. Von Täuschung steht
-darin nichts.“ „Es ist aber klar,“ sagte K., „und deine erste Deutung
-war ganz richtig. Der Türhüter hat die erlösende Mitteilung erst dann
-gemacht, als sie dem Manne nicht mehr helfen konnte.“ „Er wurde nicht
-früher gefragt,“ sagte der Geistliche, „bedenke auch, daß er nur
-Türhüter war und als solcher hat er seine Pflicht erfüllt.“ „Warum
-glaubst du, daß er seine Pflicht erfüllt hat?“ fragte K., „er hat sie
-nicht erfüllt. Seine Pflicht war es vielleicht, alle Fremden
-abzuwehren, diesen Mann aber, für den der Eingang bestimmt war, hätte
-er einlassen müssen.“ „Du hast nicht genug Achtung vor der Schrift und
-veränderst die Geschichte,“ sagte der Geistliche. „Die Geschichte
-enthält über den Einlaß im Gesetz zwei wichtige Erklärungen des
-Türhüters, eine am Anfang, eine am Ende. Die eine Stelle lautet: daß er
-ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne und die andere: dieser
-Eingang war nur für dich bestimmt. Bestände zwischen diesen beiden
-Erklärungen ein Widerspruch, dann hättest du recht und der Türhüter
-hätte den Mann getäuscht. Nun besteht aber kein Widerspruch. Im
-Gegenteil, die erste Erklärung deutet sogar auf die zweite hin. Man
-könnte fast sagen, der Türhüter ging über seine Pflicht hinaus, indem
-er dem Mann eine zukünftige Möglichkeit des Einlasses in Aussicht
-stellte. Zu jener Zeit scheint es nur seine Pflicht gewesen zu sein,
-den Mann abzuweisen und tatsächlich wundern sich viele Erklärer der
-Schrift darüber, daß der Türhüter jene Andeutung überhaupt gemacht hat,
-denn er scheint die Genauigkeit zu lieben und wacht streng über sein
-Amt. Durch viele Jahre verläßt er seinen Posten nicht und schließt das
-Tor erst ganz zuletzt, er ist sich der Wichtigkeit seines Dienstes sehr
-bewußt, denn er sagt: „Ich bin mächtig,“ er hat Ehrfurcht vor den
-Vorgesetzten, denn er sagt: „Ich bin nur der unterste Türhüter,“ er ist
-nicht geschwätzig, denn während der vielen Jahre stellt er nur wie es
-heißt „teilnahmslose Fragen“, er ist nicht bestechlich, denn er sagt
-über ein Geschenk: „Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas
-versäumt zu haben,“ er ist, wo es um Pflichterfüllung geht, weder zu
-rühren noch zu erbittern, denn es heißt von dem Mann, „er ermüdet den
-Türhüter durch seine Bitten,“ schließlich deutet auch sein Äußeres auf
-einen pedantischen Charakter hin, die große Spitznase und der lange,
-dünne, schwarze, tartarische Bart. Kann es einen pflichttreueren
-Türhüter geben. Nun mischen sich aber in den Türhüter noch andere
-Wesenszüge ein, die für den, der Einlaß verlangt, sehr günstig sind und
-welche es immerhin begreiflich machen, daß er in jener Andeutung einer
-zukünftigen Möglichkeit über seine Pflicht etwas hinausgehn konnte. Es
-ist nämlich nicht zu leugnen, daß er ein wenig einfältig und im
-Zusammenhang damit ein wenig eingebildet ist. Wenn auch seine
-Äußerungen über seine Macht und über die Macht der andern Türhüter und
-über deren sogar für ihn unerträglichen Anblick — ich sage, wenn auch
-alle diese Äußerungen an sich richtig sein mögen, so zeigt doch die
-Art, wie er diese Äußerungen vorbringt, daß seine Auffassung durch
-Einfalt und Überhebung getrübt ist. Die Erklärer sagen hierzu:
-„Richtiges Auffassen einer Sache und Mißverstehn der gleichen Sache
-schließen einander nicht vollständig aus.“ Jedenfalls aber muß man
-annehmen, daß jene Einfalt und Überhebung, so geringfügig sie sich
-vielleicht auch äußern, doch die Bewachung des Eingangs schwächen, es
-sind Lücken im Charakter des Türhüters. Hierzu kommt noch, daß der
-Türhüter seiner Naturanlage nach freundlich zu sein scheint, er ist
-durchaus nicht immer Amtsperson. Gleich in den ersten Augenblicken
-macht er den Spaß, daß er den Mann trotz des ausdrücklich aufrecht
-erhaltenen Verbotes zum Eintritt einladet, dann schickt er ihn nicht
-etwa fort, sondern gibt ihm, wie es heißt, einen Schemel und läßt ihn
-seitwärts von der Tür sich niedersetzen. Die Geduld, mit der er durch
-alle die Jahre die Bitten des Mannes erträgt, die kleinen Verhöre, die
-Annahme der Geschenke, die Vornehmheit, mit der er es zuläßt, daß der
-Mann neben ihm laut den unglücklichen Zufall verflucht, der den
-Türhüter hier aufgestellt hat — alles dieses läßt auf Regungen des
-Mitleids schließen. Nicht jeder Türhüter hätte so gehandelt. Und
-schließlich beugt er sich noch auf einen Wink hin tief zu dem Mann
-hinab, um ihm Gelegenheit zur letzten Frage zu geben. Nur eine schwache
-Ungeduld — der Türhüter weiß ja, daß alles zu Ende ist — spricht sich
-in den Worten aus: „Du bist unersättlich.“ Manche gehn sogar in dieser
-Art der Erklärung noch weiter und meinen, die Worte, „Du bist
-unersättlich,“ drücken eine Art freundschaftlicher Bewunderung aus, die
-allerdings von Herablassung nicht frei ist. Jedenfalls schließt sich so
-die Gestalt des Türhüters anders ab, als du es glaubst.“ „Du kennst die
-Geschichte genauer als ich und längere Zeit,“ sagte K. Sie schwiegen
-ein Weilchen. Dann sagte K.: „Du glaubst also, der Mann wurde nicht
-getäuscht?“ „Mißverstehe mich nicht,“ sagte der Geistliche, „ich zeige
-dir nur die Meinungen, die darüber bestehn. Du mußt nicht zuviel auf
-Meinungen achten. Die Schrift ist unveränderlich und die Meinungen sind
-oft nur ein Ausdruck der Verzweiflung darüber. In diesem Falle gibt es
-sogar eine Meinung, nach welcher gerade der Türhüter der Getäuschte
-ist.“ „Das ist eine weitgehende Meinung,“ sagte K. „Wie wird sie
-begründet?“ „Die Begründung,“ antwortete der Geistliche, „geht von der
-Einfalt des Türhüters aus. Man sagt, daß er das Innere des Gesetzes
-nicht kennt, sondern nur den Weg, den er vor dem Eingang immer wieder
-abgehn muß. Die Vorstellungen, die er von dem Innern hat, werden für
-kindlich gehalten und man nimmt an, daß er das, wovor er dem Manne
-Furcht machen will, selbst fürchtet. Ja, er fürchtet es mehr als der
-Mann, denn dieser will ja nichts anderes als eintreten, selbst als er
-von den schrecklichen Türhütern des Innern gehört hat, der Türhüter
-dagegen will nicht eintreten, wenigstens erfährt man nichts darüber.
-Andere sagen zwar, daß er bereits im Innern gewesen sein muß, denn er
-ist doch einmal in den Dienst des Gesetzes aufgenommen worden und das
-könne nur im Innern geschehen sein. Darauf ist zu antworten, daß er
-wohl auch durch einen Ruf aus dem Innern zum Türhüter bestellt worden
-sein könne und daß er zumindest tief im Innern nicht gewesen sein
-dürfte, da er doch schon den Anblick des dritten Türhüters nicht mehr
-ertragen kann. Außerdem aber wird auch nicht berichtet, daß er während
-der vielen Jahre außer der Bemerkung über die Türhüter irgend etwas von
-dem Innern erzählt hätte. Es könnte ihm verboten sein, aber auch vom
-Verbot hat er nichts erzählt. Aus alledem schließt man, daß er über das
-Aussehn und die Bedeutung des Innern nichts weiß und sich darüber in
-Täuschung befindet. Aber auch über den Mann vom Lande soll er sich in
-Täuschung befinden, denn er ist diesem Mann untergeordnet und weiß es
-nicht. Daß er den Mann als einen Untergeordneten behandelt, erkennt man
-aus vielem, das dir noch erinnerlich sein dürfte. Daß er ihm aber
-tatsächlich untergeordnet ist, soll nach dieser Meinung ebenso deutlich
-hervorgehn. Vor allem ist der Freie dem Gebundenen übergeordnet. Nun
-ist der Mann tatsächlich frei, er kann hingehn, wohin er will, nur der
-Eingang in das Gesetz ist ihm verboten und überdies nur von einem
-Einzelnen, vom Türhüter. Wenn er sich auf den Schemel seitwärts vom Tor
-niedersetzt und dort sein Leben lang bleibt, so geschieht dies
-freiwillig, die Geschichte erzählt von keinem Zwang. Der Türhüter
-dagegen ist durch sein Amt an seinen Posten gebunden, er darf sich
-nicht auswärts entfernen, allem Anschein nach aber auch nicht in das
-Innere gehn, selbst wenn er es wollte. Außerdem ist er zwar im Dienst
-des Gesetzes, dient aber nur für diesen Eingang, also auch nur für
-diesen Mann, für den dieser Eingang allein bestimmt ist. Auch aus
-diesem Grunde ist er ihm untergeordnet. Es ist anzunehmen, daß er durch
-viele Jahre, durch ein ganzes Mannesalter gewissermaßen nur leeren
-Dienst geleistet hat, denn es wird gesagt, daß ein Mann kommt, also
-jemand im Mannesalter, daß also der Türhüter lange warten mußte, ehe
-sich sein Zweck erfüllte, und zwar so lange warten mußte, als es dem
-Mann beliebte, der doch freiwillig kam. Aber auch das Ende des Dienstes
-wird durch das Lebensende des Mannes bestimmt, bis zum Ende also bleibt
-er ihm untergeordnet. Und immer wieder wird betont, daß von alledem der
-Türhüter nichts zu wissen scheint. Daran wird aber nichts Auffälliges
-gesehn, denn nach dieser Meinung befindet sich der Türhüter noch in
-einer viel schwereren Täuschung, sie betrifft seinen Dienst. Zuletzt
-spricht er nämlich vom Eingang und sagt: „Ich gehe jetzt und schließe
-ihn,“ aber am Anfang heißt es, daß das Tor zum Gesetz offensteht wie
-immer, steht es aber immer offen, immer d. h. unabhängig von der
-Lebensdauer des Mannes, für den es bestimmt ist, dann wird es auch der
-Türhüter nicht schließen können. Darüber gehn die Meinungen
-auseinander, ob der Türhüter mit der Ankündigung, daß er das Tor
-schließen wird, nur eine Antwort geben oder seine Dienstpflicht betonen
-oder den Mann noch im letzten Augenblick in Reue und Trauer setzen
-will. Darin aber sind viele einig, daß er das Tor nicht wird schließen
-können. Sie glauben sogar, daß er wenigstens am Ende auch in seinem
-Wissen dem Manne untergeordnet ist, denn dieser sieht den Glanz, der
-aus dem Eingang des Gesetzes bricht, während der Türhüter als solcher
-wohl mit dem Rücken zum Eingang steht und auch durch keine Äußerung
-zeigt, daß er eine Veränderung bemerkt hätte.“ „Das ist gut begründet,“
-sagte K., der einzelne Stellen aus der Erklärung des Geistlichen
-halblaut für sich wiederholt hatte. „Es ist gut begründet und ich
-glaube nun auch, daß der Türhüter getäuscht ist. Dadurch bin ich aber
-von meiner frühern Meinung nicht abgekommen, denn beide decken sich
-teilweise. Es ist unentscheidend, ob der Türhüter klar sieht oder
-getäuscht wird. Ich sagte, der Mann wird getäuscht. Wenn der Türhüter
-klar sieht, könnte man daran zweifeln, wenn der Türhüter aber getäuscht
-ist, dann muß sich seine Täuschung notwendig auf den Mann übertragen.
-Der Türhüter ist dann zwar kein Betrüger, aber so einfältig, daß er
-sofort aus dem Dienst gejagt werden müßte. Du mußt doch bedenken, daß
-die Täuschung, in der sich der Türhüter befindet, ihm nichts schadet,
-dem Mann aber tausendfach.“ „Hier stößt du auf eine Gegenmeinung,“
-sagte der Geistliche. „Manche sagen nämlich, daß die Geschichte
-niemandem ein Recht gibt, über den Türhüter zu urteilen. Wie er uns
-auch erscheinen mag, so ist er doch ein Diener des Gesetzes, also zum
-Gesetz gehörig, also dem menschlichen Urteil entrückt. Man darf dann
-auch nicht glauben, daß der Türhüter dem Manne untergeordnet ist. Durch
-seinen Dienst auch nur an den Eingang des Gesetzes gebunden zu sein,
-ist unvergleichlich mehr als frei in der Welt zu leben. Der Mann kommt
-erst zum Gesetz, der Türhüter ist schon dort. Er ist vom Gesetz zum
-Dienst bestellt, an seiner Würdigkeit zu zweifeln, hieße am Gesetze
-zweifeln.“ „Mit dieser Meinung stimme ich nicht überein,“ sagte K.
-kopfschüttelnd, „denn wenn man sich ihr anschließt, muß man alles, was
-der Türhüter sagt, für wahr halten. Daß das aber nicht möglich ist,
-hast du ja selbst ausführlich begründet.“ „Nein,“ sagte der Geistliche,
-„man muß nicht alles für wahr halten, man muß es nur für notwendig
-halten.“ „Trübselige Meinung,“ sagte K. „Die Lüge wird zur Weltordnung
-gemacht.“
-
-K. sagte das abschließend, aber sein Endurteil war es nicht. Er war zu
-müde, um alle Folgerungen der Geschichte übersehn zu können, es waren
-auch ungewohnte Gedankengänge, in die sie ihn führte, unwirkliche
-Dinge, besser geeignet zur Besprechung für die Gesellschaft der
-Gerichtsbeamten als für ihn. Die einfache Geschichte war unförmlich
-geworden, er wollte sie von sich abschütteln und der Geistliche, der
-jetzt ein großes Zartgefühl bewies, duldete es und nahm K.s Bemerkung
-schweigend auf, trotzdem sie mit seiner eigenen Meinung gewiß nicht
-übereinstimmte.
-
-Sie gingen eine Zeitlang schweigend weiter, K. hielt sich eng neben dem
-Geistlichen, ohne in der Finsternis zu wissen, wo er sich befand. Die
-Lampe in seiner Hand war längst erloschen. Einmal blinkte gerade vor
-ihm das silberne Standbild eines Heiligen nur mit dem Schein des
-Silbers und spielte gleich wieder ins Dunkel über. Um nicht vollständig
-auf den Geistlichen angewiesen zu bleiben, fragte ihn K.: „Sind wir
-jetzt nicht in der Nähe des Haupteinganges?“ „Nein,“ sagte der
-Geistliche, „wir sind weit von ihm entfernt. Willst du schon fortgehn?“
-Trotzdem K. gerade jetzt nicht daran gedacht hatte, sagte er sofort:
-„Gewiß, ich muß fortgehn. Ich bin Prokurist einer Bank, man wartet auf
-mich, ich bin nur hergekommen, um einem ausländischen Geschäftsfreund
-den Dom zu zeigen.“ „Nun,“ sagte der Geistliche, und reichte K. die
-Hand, „dann geh’.“ „Ich kann mich aber im Dunkel allein nicht
-zurechtfinden,“ sagte K. „Geh’ links zur Wand,“ sagte der Geistliche,
-„dann weiter die Wand entlang, ohne sie zu verlassen und du wirst einen
-Ausgang finden.“ Der Geistliche hatte sich erst paar Schritte entfernt,
-aber K. rief schon sehr laut: „Bitte, warte noch.“ „Ich warte,“ sagte
-der Geistliche. „Willst du nicht noch etwas von mir?“ fragte K. „Nein,“
-sagte der Geistliche. „Du warst früher so freundlich zu mir,“ sagte K.,
-„und hast mir alles erklärt, jetzt aber entläßt du mich, als läge dir
-nichts an mir.“ „Du mußt doch fortgehn,“ sagte der Geistliche. „Nun
-ja,“ sagte K., „sieh das doch ein.“ „Sieh du zuerst ein, wer ich bin,“
-sagte der Geistliche. „Du bist der Gefängniskaplan,“ sagte K. und ging
-näher zum Geistlichen hin, seine sofortige Rückkehr in die Bank war
-nicht so notwendig, wie er sie dargestellt hatte, er konnte recht gut
-noch hier bleiben. „Ich gehöre also zum Gericht,“ sagte der Geistliche.
-„Warum sollte ich also etwas von dir wollen. Das Gericht will nichts
-von dir. Es nimmt dich auf, wenn du kommst, und es entläßt dich, wenn
-du gehst.“
-
-
-
-
-
-
-
-
-ZEHNTES KAPITEL
-
-ENDE
-
-
-Am Vorabend seines 31. Geburtstages — es war gegen 9 Uhr abends, die
-Zeit der Stille auf den Straßen — kamen zwei Herren in K.s Wohnung. In
-Gehröcken, bleich und fett, mit scheinbar unverrückbaren Zylinderhüten.
-Nach einer kleinen Förmlichkeit bei der Wohnungstür wegen des ersten
-Eintretens wiederholte sich die gleiche Förmlichkeit in größerem
-Umfange vor K.s Tür. Ohne daß ihm der Besuch angekündigt gewesen wäre,
-saß K. gleichfalls schwarz angezogen in einem Sessel in der Nähe der
-Türe und zog langsam neue, scharf sich über die Finger spannende
-Handschuhe an, in der Haltung, wie man Gäste erwartet. Er stand gleich
-auf und sah die Herren neugierig an. „Sie sind also für mich bestimmt,“
-fragte er. Die Herren nickten, einer zeigte mit dem Zylinderhut in der
-Hand auf den andern. K. gestand sich ein, daß er einen andern Besuch
-erwartet hatte. Er ging zum Fenster und sah noch einmal auf die dunkle
-Straße. Auch fast alle Fenster auf der andern Straßenseite waren noch
-dunkel, in vielen die Vorhänge herabgelassen. In einem beleuchteten
-Fenster des Stockwerkes spielten kleine Kinder hinter einem Gitter
-miteinander und tasteten, noch unfähig sich von ihren Plätzen
-fortzubewegen, mit den Händchen nach einander. „Alte untergeordnete
-Schauspieler schickt man um mich,“ sagte sich K. und sah sich um, um
-sich nochmals davon zu überzeugen. „Man sucht auf billige Weise mit mir
-fertig zu werden.“ K. wendete sich plötzlich ihnen zu und fragte: „An
-welchem Theater spielen Sie.“ „Theater?“ fragte der eine Herr mit
-zuckenden Mundwinkeln den andern um Rat. Der andere gebärdete sich wie
-ein Stummer, der mit dem widerspenstigen Organismus kämpft. „Sie sind
-nicht darauf vorbereitet, gefragt zu werden,“ sagte sich K. und ging
-seinen Hut holen.
-
-Schon auf der Treppe wollten sich die Herren in K. einhängen, aber K.
-sagte: „Erst auf der Gasse, ich bin nicht krank.“ Gleich aber vor dem
-Tor hängten sie sich in ihn in einer Weise ein, wie K. noch niemals mit
-einem Menschen gegangen war. Sie hielten die Schultern eng hinter den
-seinen, knickten die Arme nicht ein, sondern benutzten sie, um K.s Arme
-in ihrer ganzen Länge zu umschlingen, unten erfaßten sie K.s Hände mit
-einem schulmäßigen, eingeübten, unwiderstehlichen Griff. K. ging straff
-gestreckt zwischen ihnen, sie bildeten jetzt alle drei eine solche
-Einheit, daß, wenn man einen von ihnen zerschlagen hätte, alle
-zerschlagen gewesen wären. Es war eine Einheit, wie sie fast nur
-Lebloses bilden kann.
-
-Unter den Laternen versuchte K. öfters, so schwer es bei diesem engen
-Aneinander ausgeführt werden konnte, seine Begleiter deutlicher zu
-sehn, als es in der Dämmerung seines Zimmers möglich gewesen war.
-Vielleicht sind es Tenöre, dachte er im Anblick ihres schweren
-Doppelkinns. Er ekelte sich vor der Reinlichkeit ihrer Gesichter. Man
-sah förmlich noch die säubernde Hand, die in ihre Augenwinkel gefahren,
-die ihre Oberlippe gerieben, die die Falten am Kinn ausgekratzt hatte.
-
-Als K. das bemerkte, blieb er stehn, infolgedessen blieben auch die
-andern stehn; sie waren auf dem Rand eines freien, menschenleeren, mit
-Anlagen geschmückten Platzes. „Warum hat man gerade Sie geschickt!“
-rief er mehr als er fragte. Die Herren wußten scheinbar keine Antwort,
-sie warteten mit dem hängenden freien Arm, wie Krankenwärter, wenn der
-Kranke sich ausruhn will. „Ich gehe nicht weiter,“ sagte K.
-versuchsweise. Darauf brauchten die Herren nicht zu antworten, es
-genügte, daß sie den Griff nicht lockerten und K. von der Stelle
-wegzuheben versuchten, aber K. widerstand. „Ich werde nicht mehr viel
-Kraft brauchen, ich werde jetzt alle anwenden,“ dachte er. Ihm fielen
-die Fliegen ein, die mit zerreißenden Beinchen von der Leimrute
-wegstreben. „Die Herren werden schwere Arbeit haben.“
-
-Da stieg vor ihnen aus einer tiefer gelegenen Gasse auf einer kleinen
-Treppe Fräulein Bürstner zum Platz empor. Es war nicht ganz sicher, ob
-sie es war, die Ähnlichkeit war freilich groß. Aber K. lag auch nichts
-daran, ob es bestimmt Fräulein Bürstner war, bloß die Wertlosigkeit
-seines Widerstandes kam ihm gleich zum Bewußtsein. Es war nichts
-Heldenhaftes, wenn er widerstand, wenn er jetzt den Herren
-Schwierigkeiten bereitete, wenn er jetzt in der Abwehr noch den letzten
-Schein des Lebens zu genießen versuchte. Er setzte sich in Gang, und
-von der Freude, die er dadurch den Herren machte, ging noch etwas auf
-ihn selbst über. Sie duldeten es jetzt, daß er die Wegrichtung
-bestimmte und er bestimmte sie nach dem Weg, den das Fräulein vor ihnen
-nahm, nicht etwa, weil er sie einholen, nicht etwa, weil er sie
-möglichst lange sehen wollte, sondern nur deshalb, um die Mahnung, die
-sie für ihn bedeutete, nicht zu vergessen. „Das Einzige, was ich jetzt
-tun kann,“ sagte er sich und das Gleichmaß seiner Schritte und der
-Schritte der zwei andern bestätigte seine Gedanken, „das Einzige, was
-ich jetzt tue, ist, bis zum Ende den ruhig einteilenden Verstand
-behalten. Ich wollte immer mit zwanzig Händen in die Welt hineinfahren
-und überdies zu einem nicht zu billigenden Zweck. Das war unrichtig,
-soll ich nun zeigen, daß nicht einmal der einjährige Prozeß mich
-belehren konnte? Soll ich als ein begriffstutziger Mensch abgehn? Soll
-man mir nachsagen dürfen, daß ich am Anfang des Prozesses ihn beenden
-und jetzt an seinem Ende ihn wieder beginnen will. Ich will nicht, daß
-man das sagt. Ich bin dankbar dafür, daß man mir auf diesem Weg diese
-halbstummen verständnislosen Herren mitgegeben hat und daß man es mir
-überlassen hat, mir selbst das Notwendige zu sagen.“
-
-Das Fräulein war inzwischen in eine Seitengasse eingebogen, aber K.
-konnte sie schon entbehren und überließ sich seinen Begleitern. Alle
-drei zogen nun in vollem Einverständnis über eine Brücke im Mondschein,
-jeder kleinen Bewegung, die K. machte, gaben die Herren jetzt
-bereitwillig nach, als er ein wenig zum Geländer sich wendete, drehten
-auch sie sich in ganzer Front dorthin. Das im Mondlicht glänzende und
-zitternde Wasser teilte sich um eine kleine Insel, auf der wie
-zusammengedrängt Laubmassen von Bäumen und Sträuchern sich aufhäuften.
-Unter ihnen, jetzt unsichtbar, führten Kieswege mit bequemen Bänken,
-auf denen K. in manchem Sommer sich gestreckt und gedehnt hatte. „Ich
-wollte ja gar nicht stehn bleiben,“ sagte er zu seinen Begleitern,
-beschämt durch ihre Bereitwilligkeit. Der Eine schien dem Andern hinter
-K.s Rücken einen sanften Vorwurf wegen des mißverständlichen
-Stehenbleibens zu machen, dann gingen sie weiter.
-
-Sie kamen durch einige ansteigende Gassen, in denen hie und da
-Polizisten standen oder gingen; bald in der Ferne, bald in nächster
-Nähe. Einer mit buschigem Schnurrbart, die Hand am Griff des Säbels,
-trat wie mit Absicht nahe an die nicht ganz unverdächtige Gruppe. Die
-Herren stockten, der Polizeimann schien schon den Mund zu öffnen, da
-zog K. mit Macht die Herren vorwärts. Öfters drehte er sich vorsichtig
-um, ob der Polizeimann nicht folge; als sie aber eine Ecke zwischen
-sich und dem Polizeimann hatten, fing K. zu laufen an, die Herren
-mußten trotz großer Atemnot auch mit laufen.
-
-So kamen sie rasch aus der Stadt hinaus, die sich in dieser Richtung
-fast ohne Übergang an die Felder anschloß. Ein kleiner Steinbruch,
-verlassen und öde, lag in der Nähe eines noch ganz städtischen Hauses.
-Hier machten die Herren halt, sei es, daß dieser Ort von allem Anfang
-an ihr Ziel gewesen war, sei es, daß sie zu erschöpft waren, um noch
-weiter zu laufen. Jetzt ließen sie K. los, der stumm wartete, nahmen
-die Zylinderhüte ab und wischten sich, während sie sich im Steinbruch
-umsahen, mit den Taschentüchern den Schweiß von der Stirn. Überall lag
-der Mondschein mit seiner Natürlichkeit und Ruhe, die keinem andern
-Licht gegeben ist.
-
-Nach Austausch einiger Höflichkeiten hinsichtlich dessen, wer die
-nächsten Aufgaben auszuführen habe — die Herren schienen die Aufträge
-ungeteilt bekommen zu haben — ging der Eine zu K. und zog ihm den Rock,
-die Weste und schließlich das Hemd aus. K. fröstelte unwillkürlich,
-worauf ihm der Herr einen leichten beruhigenden Schlag auf den Rücken
-gab. Dann legte er die Sachen sorgfältig zusammen, wie Dinge, die man
-noch gebrauchen wird, wenn auch nicht in allernächster Zeit. Um K.
-nicht ohne Bewegung der immerhin kühlen Nachtluft auszusetzen, nahm er
-ihn unter den Arm und ging mit ihm ein wenig auf und ab, während der
-andere Herr den Steinbruch nach irgendeiner passenden Stelle absuchte.
-Als er sie gefunden hatte, winkte er und der andere Herr geleitete K.
-hin. Es war nahe der Bruchwand, es lag dort ein losgebrochener Stein.
-Die Herren setzten K. auf die Erde nieder, lehnten ihn an den Stein und
-betteten seinen Kopf obenauf. Trotz aller Anstrengung, die sie sich
-gaben, und trotz alles Entgegenkommens, das ihnen K. bewies, blieb
-seine Haltung eine sehr gezwungene und unglaubwürdige. Der eine Herr
-bat daher den andern, ihm für ein Weilchen das Hinlegen K.s allein zu
-überlassen, aber auch dadurch wurde es nicht besser. Schließlich ließen
-sie K. in einer Lage, die nicht einmal die beste von den bereits
-erreichten Lagen war. Dann öffnete der eine Herr seinen Gehrock und
-nahm aus einer Scheide, die an einem um die Weste gespannten Gürtel
-hing, ein langes, dünnes, beiderseitig geschärftes Fleischermesser,
-hielt es hoch und prüfte die Schärfen im Licht. Wieder begannen die
-widerlichen Höflichkeiten, einer reichte über K. hinweg das Messer dem
-andern, dieser reichte es wieder über K. zurück. K. wußte jetzt genau,
-daß es seine Pflicht gewesen wäre, das Messer, als es von Hand zu Hand
-über ihm schwebte, selbst zu fassen und sich einzubohren. Aber er tat
-es nicht, sondern drehte den noch freien Hals und sah umher.
-Vollständig konnte er sich nicht bewähren, alle Arbeit den Behörden
-nicht abnehmen, die Verantwortung für diesen letzten Fehler trug der,
-der ihm den Rest der dazu nötigen Kraft versagt hatte. Seine Blicke
-fielen auf das letzte Stockwerk des an dem Steinbruch angrenzenden
-Hauses. Wie ein Licht aufzuckt, so fuhren die Fensterflügel eines
-Fensters dort auseinander, ein Mensch, schwach und dünn in der Ferne
-und Höhe, beugte sich mit einem Ruck weit vor und streckte die Arme
-noch weiter aus. Wer war es? Ein Freund? Ein guter Mensch? Einer, der
-teilnahm? Einer der helfen wollte? War es ein Einzelner? Waren es alle?
-War noch Hilfe? Gab es Einwände, die man vergessen hatte? Gewiß gab es
-solche. Die Logik ist zwar unerschütterlich, aber einem Menschen, der
-leben will, widersteht sie nicht. Wo war der Richter, den er nie
-gesehen hatte? Wo war das hohe Gericht, bis zu dem er nie gekommen war?
-Er hob die Hände und spreizte alle Finger.
-
-Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der
-andere das Messer ihm ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit
-brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht,
-Wange an Wange aneinander gelehnt, die Entscheidung beobachteten. „Wie
-ein Hund!“ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.
-
-
-
-
-
-
-
-
-NACHWORT
-
-
-Eigenartig und tief wie alle Lebensäußerungen Franz Kafkas war auch
-seine Stellungnahme seinem eigenen Werk und jeder Publikation
-gegenüber. Die Probleme, die er bei Behandlung dieser Angelegenheit
-austrug und die daher auch Richtschnur jeder Veröffentlichung aus
-seinem Nachlaß bleiben müssen, können in ihrem Ernst gar nicht
-überschätzt werden. Zu ihrer wenigstens annäherungsweisen Beurteilung
-diene das Folgende:
-
-Fast alles, was Kafka veröffentlicht hat, ist ihm von mir mit List und
-Überredungskunst abgenommen worden. Damit steht nicht im Widerspruch,
-daß er oftmals, in langen Lebensperioden, seines Schreibens wegen (er
-sprach freilich stets nur von einem „Kritzeln“) viel Glück empfunden
-hat. Wer ihn nur je in kleinem Kreise seine eigne Prosa mit
-hinreißendem Feuer, mit einem Rhythmus, dessen Lebendigkeit kein
-Schauspieler je erreichen wird, vorlesen hören durfte, der fühlte auch
-unmittelbar die echte unbändige Schaffenslust und Leidenschaft, die
-hinter diesem Werke stand. Daß er es trotzdem verwarf, hatte seinen
-Grund zunächst in gewissen traurigen Erlebnissen, die ihn zur
-Selbstsabotage, daher auch zum Nihilismus dem eignen Werk gegenüber
-führten; unabhängig davon aber auch in der Tatsache, daß er an dieses
-Werk (freilich ohne dies je auszusprechen) den höchsten religiösen
-Maßstab anlegte, dem es allerdings, aus vielerlei Wirrnissen entrungen,
-nicht entsprechen konnte. Daß sein Werk trotzdem vielen, die zum
-Glauben, zur Natur, zur vollkommenen Seelengesundheit hinstreben, ein
-starker Helfer hätte werden können, durfte ihm nichts bedeuten, der mit
-dem unerbittlichsten Ernst für sich selbst auf der Suche nach dem
-rechten Wege war und zunächst sich selbst, nicht andern Rat zu geben
-hatte.
-
-So deute ich für meine Person die negative Stellungnahme Kafkas zu
-seinem eignen Werk. Er sprach oft von den „falschen Händen, die sich
-einem während des Schreibens entgegenstrecken“ — auch davon, daß ihn
-das Geschriebene und gar das Veröffentlichte in der weitern Arbeit
-beirre. Es gab viele Widerstände zu überwinden, ehe ein Band von ihm
-erschien. Nichtsdestoweniger hat er an den fertigen schönen Büchern und
-gelegentlich auch an ihren Wirkungen eine rechte Freude gehabt, und es
-gab Zeiten, wo er wie sich selbst so auch sein Werk mit gleichsam
-wohlwollendern Blicken, nie ganz ohne Ironie, jedoch mit freundlicher
-Ironie musterte; mit einer Ironie, hinter der sich das ungeheure Pathos
-des kompromißlos nach dem Höchsten Strebenden verbarg.
-
-In Franz Kafkas Nachlaß hat sich kein Testament vorgefunden. In seinem
-Schreibtisch lag unter vielem andern Papier ein zusammengefalteter, mit
-Tinte geschriebener Zettel mit meiner Adresse. Der Zettel hat folgenden
-Wortlaut:
-
-
- Liebster Max, meine letzte Bitte: Alles, was sich in meinem Nachlaß
- (also im Buchkasten, Wäscheschrank, Schreibtisch, zu Hause und im
- Bureau, oder wohin sonst irgend etwas vertragen worden sein sollte
- und Dir auffällt) an Tagebüchern, Manuskripten, Briefen, fremden
- und eignen, Gezeichnetem und so weiter findet, restlos und
- ungelesen zu verbrennen, ebenso alles Geschriebene oder
- Gezeichnete, das Du oder andre, die Du in meinem Namen darum bitten
- sollst, haben. Briefe, die man Dir nicht übergeben will, soll man
- wenigstens selbst zu verbrennen sich verpflichten.
-
- Dein Franz Kafka.
-
-
-Bei genauerm Suchen fand sich auch noch ein mit Bleistift
-geschriebenes, vergilbtes, offenbar älteres Blatt. Es sagt:
-
-
- Lieber Max, vielleicht stehe ich diesmal doch nicht mehr auf, das
- Kommen der Lungenentzündung ist nach dem Monat Lungenfieber genug
- wahrscheinlich, und nicht einmal, daß ich es niederschreibe, wird
- sie abwehren, trotzdem es eine gewisse Macht hat.
-
- Für diesen Fall also mein letzter Wille hinsichtlich alles von mir
- Geschriebenen:
-
- Von allem, was ich geschrieben habe, gelten nur die Bücher: Urteil,
- Heizer, Verwandlung, Strafkolonie, Landarzt und die Erzählung:
- Hungerkünstler. (Die paar Exemplare der ‚Betrachtung‘ mögen
- bleiben, ich will niemandem die Mühe des Einstampfens machen, aber
- neu gedruckt darf nichts daraus werden.) Wenn ich sage, daß jene
- fünf Bücher und die Erzählung gelten, so meine ich damit nicht, daß
- ich den Wunsch habe, sie mögen neu gedruckt und künftigen Zeiten
- überliefert werden, im Gegenteil, sollten sie ganz verlorengehn,
- entspricht dieses meinem eigentlichen Wunsch. Nur hindere ich, da
- sie schon einmal da sind, niemanden daran, sie zu erhalten, wenn er
- dazu Lust hat.
-
- Dagegen ist alles, was sonst an Geschriebenem von mir vorliegt (in
- Zeitschriften Gedrucktes, im Manuskript oder in Briefen)
- ausnahmslos, soweit es erreichbar oder durch Bitten von den
- Adressaten zu erhalten ist (die meisten Adressaten kennst Du ja, in
- der Hauptsache handelt es sich um .........., vergiß besonders
- nicht paar Hefte, die ..... hat) — alles dieses ist ausnahmslos, am
- liebsten ungelesen (doch wehre ich Dir nicht hineinzuschaun, am
- liebsten wäre es mir allerdings, wenn Du es nicht tust, jedenfalls
- aber darf niemand andrer hineinschauen) — alles dieses ist
- ausnahmslos zu verbrennen, und dies möglichst bald zu tun bitte ich
- Dich
-
- Franz
-
-
-Wenn ich diesen so kategorisch ausgesprochenen Verfügungen gegenüber
-dennoch ablehne, die herostratische Tat auszuführen, die mein Freund
-von mir verlangt, so habe ich hierzu die allertriftigsten Gründe.
-
-Einige davon entziehen sich öffentlicher Diskussion. Doch auch die,
-welche ich mitteilen kann, sind meiner Ansicht nach durchaus
-hinreichend zum Verständnis meines Entschlusses.
-
-Der Hauptgrund: als ich 1921 meinen Beruf wechselte, sagte ich meinem
-Freunde, daß ich mein Testament gemacht hätte, in dem ich ihn bäte,
-dieses und jenes zu vernichten, andres durchzusehn und so fort. Darauf
-sagte Kafka und zeigte mir den mit Tinte geschriebenen Zettel, den man
-dann in seinem Schreibtisch vorgefunden hat, von außen: „Mein Testament
-wird ganz einfach sein — die Bitte an dich, alles zu verbrennen.“ Ich
-entsinne mich auch noch ganz genau der Antwort, die ich damals gab:
-„Falls du mir im Ernste so etwas zumuten solltest, so sage ich dir
-schon jetzt, daß ich deine Bitte nicht erfüllen werde.“ Das ganze
-Gespräch wurde in jenem scherzhaften Ton geführt, der unter uns üblich
-war, jedoch mit dem heimlichen Ernst, den wir dabei stets einer bei dem
-andern voraussetzten. Von dem Ernst meiner Ablehnung überzeugt, hätte
-Franz einen andern Testamentsexekutor bestimmen müssen, wenn ihm seine
-eigne Verfügung unbedingter und letzter Ernst gewesen wäre.
-
-Ich bin ihm nicht dankbar, mich in diesen schweren Gewissenskonflikt
-gestürzt zu haben, den er voraussehen mußte, denn er kannte die
-fanatische Verehrung, die ich jedem seiner Worte entgegenbrachte, und
-die mich in den 22 Jahren unsrer niemals getrübten Freundschaft (unter
-anderm) veranlaßte, auch nicht das kleinste Zettelchen, keine
-Ansichtskarte, die von ihm kam, wegzuwerfen. — Das „ich bin nicht
-dankbar“ möge übrigens nicht mißverstanden werden! Was wiegt ein noch
-so schwerer Gewissenskonflikt gegenüber dem unendlichen Segen, den ich
-dem Freunde verdanke, der das eigentliche Rückgrat meiner ganzen
-geistigen Existenz war!
-
-Weitere Gründe: die Ordre des Bleistiftblatts ist von Franz selbst
-nicht befolgt worden, denn er hat später ausdrücklich die Erlaubnis
-gegeben, daß Teile der ‚Betrachtung‘ in einer Zeitung nachgedruckt, und
-daß drei weitere Novellen veröffentlicht würden, die er selbst mit dem
-„Hungerkünstler“ vereinigt und dem Verlag Die Schmiede übergeben hat.
-Beide Verfügungen stammen ferner aus einer Zeit, wo die
-selbstkritischen Tendenzen meines Freundes den Höhepunkt erreicht
-hatten. In seinem letzten Lebensjahre aber hat sein ganzes Dasein eine
-unvorhergesehene, neue, glückliche, positive Wendung genommen, die
-diesen Selbsthaß und Nihilismus derogiert. — Mein Entschluß, den
-Nachlaß zu veröffentlichen, wird übrigens durch die Erinnerung an all
-die erbitterten Kämpfe erleichtert, mit dem ich jede einzelne
-Veröffentlichung von Kafka erzwungen und oft genug erbettelt habe. Und
-dennoch war er nachträglich mit diesen Veröffentlichungen ausgesöhnt
-und relativ zufrieden. — Schließlich entfällt bei einer postumen
-Veröffentlichung eine Reihe von Motiven, zum Beispiel, daß
-Veröffentlichung weitere Arbeit beirren könnte, daß sie die Schatten
-persönlich peinlicher Lebensperioden aufrief. Wie sehr für Kafka die
-Nichtveröffentlichung mit dem Problem seiner Lebensführung zusammenhing
-(ein Problem, das zu unserem unermeßlichen Schmerz jetzt nicht mehr
-stört), geht wie aus vielen Gesprächen aus folgendem Brief an mich
-hervor: „... Die Romane lege ich nicht bei. Warum die alten
-Anstrengungen aufrühren? Nur deshalb, weil ich sie bisher nicht
-verbrannt habe? ... Wenn ich nächstens komme, geschieht es hoffentlich.
-Worin liegt der Sinn des Aufhebens solcher „sogar“ künstlerisch
-mißlungener Arbeiten? Darin, daß man hofft, daß sich aus diesen
-Stückchen ein Ganzes zusammensetzen wird, irgendeine Berufungsinstanz,
-an deren Brust ich werde schlagen können, wenn ich in Not bin. Ich
-weiß, daß das nicht möglich ist, daß von dort keine Hilfe kommt. Was
-soll ich also mit den Sachen? Sollen die, die mir nicht helfen können,
-mir auch noch schaden, wie es, dieses Wissen vorausgesetzt, sein muß?“
-
-Ich fühle sehr wohl, daß ein Rest bleibt, der besonders zartsinnigen
-Menschen die Publikation verbieten würde. Ich halte es aber für meine
-Pflicht, dieser sehr einschmeichelnden Verlockung des Zartsinns zu
-widerstehn. Entscheidend ist dabei natürlich nichts von dem bisher
-Vorgebrachten, sondern einzig und allein die Tatsache, daß der Nachlaß
-Kafkas die wundervollsten Schätze, auch an seinem eignen Werk gemessen
-das Beste, was er geschrieben hat, enthält. Ehrlicherweise muß ich
-eingestehn, daß diese eine Tatsache des literarischen und ethischen
-Werts genügt hätte (selbst wenn ich gegen die Kraft der letztwilligen
-Verfügungen Kafkas gar keinen Einwand hätte) — meine Entscheidung mit
-einer Präzision, der ich nichts entgegenzusetzen hätte, eindeutig zu
-bestimmen.
-
-Leider ist Franz Kafka an einem Teil seines Vermächtnisses sein eigner
-Exekutor geworden. Ich fand in seiner Wohnung zehn große Quarthefte —
-nur ihre Deckel, den Inhalt vollständig vernichtet. Ferner hat er
-(zuverlässigem Bericht zufolge) mehrere Schreibblocks verbrannt. In der
-Wohnung fand sich nur ein Konvolut (etwa hundert Aphorismen über
-religiöse Fragen), ein autobiographischer Versuch, der vorläufig
-unveröffentlicht bleibt, und ein Haufen ungeordneter Papiere, die ich
-jetzt sichte. Ich hoffe, daß sich in diesen Papieren manche vollendete
-oder nahezu vollendete Erzählung finden wird. Ferner wurde mir eine
-(unvollendete) Tier-Novelle und ein Skizzenbuch übergeben.
-
-Der kostbarste Teil des Vermächtnisses besteht mithin in den Werken,
-die dem Grimm des Autors rechtzeitig entzogen und in Sicherheit
-gebracht worden sind. Es sind dies drei Romane. ‚Der Heizer‘, die schon
-veröffentlichte Erzählung, bildet das erste Kapitel des einen Romans,
-der in Amerika spielt, und von dem auch das Schlußkapitel existiert, so
-daß er keine wesentliche Lücke aufweisen dürfte. Dieser Roman befindet
-sich bei einer Freundin des Toten; die beiden andern — „Das Schloß“ und
-den „Prozeß“ habe ich 1920 und 1923 zu mir gebracht, was mir heute ein
-wahrer Trost ist. Erst diese Werke werden zeigen, daß die eigentliche
-Bedeutung Franz Kafkas, den man bisher mit einigem Recht für einen
-Spezialisten, einen Meister der Kleinkunst halten konnte, in der großen
-epischen Form liegt.
-
-Mit diesen Werken, die etwa vier Bände einer Nachlaßausgabe füllen
-dürften, sind aber die Ausstrahlungen von Kafkas zauberhafter
-Persönlichkeit bei weitem nicht erschöpft. Kann auch vorläufig an eine
-Herausgabe der Briefe nicht gedacht werden, von denen jeder einzelne
-dieselbe Natürlichkeit und Intensität besitzt wie Kafkas literarisches
-Werk, so wird man doch in einem kleinen Kreise rechtzeitig daran gehen,
-alles zu sammeln, was als Äußerung dieses einzigartigen Menschen in
-Erinnerung geblieben ist. Um nur ein Beispiel anzuführen: wie viele der
-Werke, die jetzt zu meiner bittern Enttäuschung in Kafkas Wohnung nicht
-mehr vorgefunden wurden, hat mir mein Freund vorgelesen oder wenigstens
-teilweise vorgelesen, teilweise ihren Plan erzählt! Wie unvergeßliche,
-ganz originelle, ganz tiefe Gedanken hat er mir mitgeteilt! Soweit mein
-Gedächtnis, soweit meine Kräfte reichen, soll nichts verlorengehen.
-
-Das Manuskript des Romans „Der Prozeß“ habe ich im Juni 1920 an mich
-genommen und gleich damals geordnet. Das Manuskript trägt keinen Titel.
-Doch hat Kafka dem Roman im Gespräch stets den Titel „Der Prozeß“
-gegeben. Die Einteilung in Kapitel sowie die Kapitelüberschriften
-rühren von Kafka her. Bezüglich der Anordnung der Kapitel war ich auf
-mein Gefühl angewiesen. Doch da mir mein Freund einen großen Teil des
-Romans vorgelesen hatte, konnte sich mein Gefühl bei der Ordnung der
-Papiere auf Erinnerungen stützen. — Franz Kafka hat den Roman als
-unvollendet betrachtet. Vor dem Schlußkapitel, das vorliegt, sollten
-noch einige Stadien des geheimnisvollen Prozesses geschildert werden.
-Da aber der Prozeß nach der vom Dichter mündlich geäußerten Ansicht
-niemals bis zur höchsten Instanz vordringen sollte, war in einem
-gewissen Sinne der Roman überhaupt unvollendbar, d. h. in infinitum
-fortsetzbar. Die vollendeten Kapitel, mit dem abrundenden Schlußkapitel
-zusammengenommen, lassen jedenfalls sowohl den Sinn wie die Gestalt des
-Werkes mit einleuchtendster Klarheit hervortreten, und wer nicht darauf
-aufmerksam gemacht wird, daß der Dichter selbst an dem Werke noch
-weiterzuarbeiten gedachte (er unterließ es, weil er sich einer andern
-Lebensatmosphäre zuwandte) —, wird kaum seine Lücke fühlen. — Meine
-Arbeit an dem großen Papierbündel, das seinerzeit dieser Roman
-darstellte, beschränkte sich darauf, die vollendeten von den
-unvollendeten Kapiteln zu sondern. Die unvollendeten lasse ich für den
-Schlußband der Nachlaßausgabe zurück, sie enthalten nichts für den Gang
-der Handlung Wesentliches. Eines dieser Fragmente wurde vom Dichter
-selbst unter dem Titel „Ein Traum“ in den Band „Ein Landarzt“
-aufgenommen. Die vollendeten Kapitel sind hier vereinigt und geordnet.
-Von den unvollendeten habe ich nur eines, das offenbar nahezu vollendet
-ist, mit einer leichten Umstellung von vier Zeilen als Kapitel 8 hier
-eingereiht. — Im Text habe ich selbstverständlich nichts geändert. Ich
-habe nur die zahlreichen Abkürzungen transkribiert (z. B. statt F. B.
-„Fräulein Bürstner“ — statt T. „Titorelli“ voll ausgeschrieben) und
-einige kleine Versehen berichtigt, die offensichtlich nur deshalb in
-dem Manuskript stehen geblieben sind, weil es der Dichter einer
-definitiven Durchsicht nicht unterworfen hat.
-
-
- Max Brod.
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER PROZESS ***
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the
-United States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for an eBook, except by following
-the terms of the trademark license, including paying royalties for use
-of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for
-copies of this eBook, complying with the trademark license is very
-easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation
-of derivative works, reports, performances and research. Project
-Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away--you may
-do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected
-by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark
-license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country other than the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you will have to check the laws of the country where
- you are located before using this eBook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm website
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that:
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of
-the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the Foundation as set
-forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation's website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without
-widespread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This website includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.