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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Der Prozess - Roman - -Author: Franz Kafka - -Release Date: November 11, 2022 [eBook #69327] - -Language: German - -Produced by: Jeroen Hellingman and the Online Distributed Proofreading - Team at https://www.pgdp.net/ for Project Gutenberg (This - file was produced from images generously made available by - The Internet Archive/Canadian Libraries) - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER PROZESS *** - - - - - - FRANZ KAFKA - - - DER PROZESS - ROMAN - - - VERLAG DIE SCHMIEDE - BERLIN - 1925 - - - - - - - - -ERSTES KAPITEL - -VERHAFTUNG · GESPRÄCH MIT FRAU GRUBACH · DANN FRÄULEIN BÜRSTNER - - -Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses -getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Die Köchin der Frau -Grubach, seiner Zimmervermieterin, die ihm jeden Tag gegen acht Uhr -früh das Frühstück brachte, kam diesmal nicht. Das war noch niemals -geschehen. K. wartete noch ein Weilchen, sah von seinem Kopfkissen aus -die alte Frau, die ihm gegenüber wohnte und die ihn mit einer an ihr -ganz ungewöhnlichen Neugierde beobachtete, dann aber, gleichzeitig -befremdet und hungrig, läutete er. Sofort klopfte es und ein Mann, den -er in dieser Wohnung noch niemals gesehen hatte, trat ein. Er war -schlank und doch fest gebaut, er trug ein anliegendes schwarzes Kleid, -das ähnlich den Reiseanzügen mit verschiedenen Falten, Taschen, -Schnallen, Knöpfen und einem Gürtel versehen war und infolgedessen, -ohne daß man sich darüber klar wurde, wozu es dienen sollte, besonders -praktisch erschien. „Wer sind Sie?“ fragte K. und saß gleich halb -aufrecht im Bett. Der Mann aber ging über die Frage hinweg, als müsse -man seine Erscheinung hinnehmen, und sagte bloß seinerseits: „Sie haben -geläutet?“ „Anna soll mir das Frühstück bringen,“ sagte K. und -versuchte zunächst stillschweigend durch Aufmerksamkeit und Überlegung -festzustellen, wer der Mann eigentlich war. Aber dieser setzte sich -nicht allzu lange seinen Blicken aus, sondern wandte sich zur Tür, die -er ein wenig öffnete, um jemandem, der offenbar knapp hinter der Tür -stand, zu sagen: „Er will, daß Anna ihm das Frühstück bringt.“ Ein -kleines Gelächter im Nebenzimmer folgte, es war nach dem Klang nicht -sicher, ob nicht mehrere Personen daran beteiligt waren. Trotzdem der -fremde Mann dadurch nichts erfahren haben konnte, was er nicht schon -früher gewußt hätte, sagte er nun doch zu K. im Tone einer Meldung: „Es -ist unmöglich.“ „Das wäre neu,“ sagte K., sprang aus dem Bett und zog -rasch seine Hosen an. „Ich will doch sehn, was für Leute im Nebenzimmer -sind und wie Frau Grubach diese Störung mir gegenüber verantworten -wird.“ Es fiel ihm zwar gleich ein, daß er das nicht hätte laut sagen -müssen und daß er dadurch gewissermaßen ein Beaufsichtigungsrecht des -Fremden anerkannte, aber es schien ihm jetzt nicht wichtig. Immerhin -faßte es der Fremde so auf, denn er sagte: „Wollen Sie nicht lieber -hierbleiben?“ „Ich will weder hierbleiben noch von Ihnen angesprochen -werden, solange Sie sich mir nicht vorstellen.“ „Es war gut gemeint,“ -sagte der Fremde und öffnete nun freiwillig die Tür. Im Nebenzimmer, in -das K. langsamer eintrat als er wollte, sah es auf den ersten Blick -fast genau so aus, wie am Abend vorher. Es war das Wohnzimmer der Frau -Grubach, vielleicht war in diesem mit Möbeln, Decken, Porzellan und -Photographien überfüllten Zimmer heute ein wenig mehr Raum als sonst, -man erkannte das nicht gleich, um so weniger, als die Hauptveränderung -in der Anwesenheit eines Mannes bestand, der beim offenen Fenster mit -einem Buch saß, von dem er jetzt aufblickte. „Sie hätten in Ihrem -Zimmer bleiben sollen! Hat es Ihnen denn Franz nicht gesagt?“ „Ja, was -wollen Sie denn?“ sagte K. und sah von der neuen Bekanntschaft zu dem -mit Franz Benannten, der in der Tür stehengeblieben war, und dann -wieder zurück. Durch das offene Fenster erblickte man wieder die alte -Frau, die mit wahrhaft greisenhafter Neugierde zu dem jetzt -gegenüberliegenden Fenster getreten war, um auch weiterhin alles zu -sehn. „Ich will doch Frau Grubach —“ sagte K., machte eine Bewegung, -als reiße er sich von den zwei Männern los, die aber weit von ihm -entfernt standen, und wollte weitergehn. „Nein,“ sagte der Mann beim -Fenster, warf das Buch auf ein Tischchen und stand auf. „Sie dürfen -nicht weggehn, Sie sind ja gefangen.“ „Es sieht so aus,“ sagte K. „Und -warum denn?“ fragte er dann. „Wir sind nicht dazu bestellt, Ihnen das -zu sagen. Gehn Sie in Ihr Zimmer und warten Sie. Das Verfahren ist nun -einmal eingeleitet und Sie werden alles zur richtigen Zeit erfahren. -Ich gehe über meinen Auftrag hinaus, wenn ich Ihnen so freundschaftlich -zurede. Aber ich hoffe, es hört es niemand sonst als Franz und der ist -selbst gegen alle Vorschrift freundlich zu Ihnen. Wenn Sie auch -weiterhin so viel Glück haben wie bei der Bestimmung Ihrer Wächter, -dann können Sie zuversichtlich sein.“ K. wollte sich setzen, aber nun -sah er, daß im ganzen Zimmer keine Sitzgelegenheit war, außer dem -Sessel beim Fenster. „Sie werden noch einsehn, wie wahr das alles ist,“ -sagte Franz und ging gleichzeitig mit dem andern Mann auf ihn zu. -Besonders der letztere überragte K. bedeutend und klopfte ihm öfters -auf die Schulter. Beide prüften K.s Nachthemd und sagten, daß er jetzt -ein viel schlechteres Hemd werde anziehn müssen, daß sie aber dieses -Hemd wie auch seine übrige Wäsche aufbewahren und, wenn seine Sache -günstig ausfallen sollte, ihm wieder zurückgeben würden. „Es ist -besser, Sie geben die Sachen uns als ins Depot,“ sagten sie, „denn im -Depot kommen öfters Unterschleife vor und außerdem verkauft man dort -alle Sachen nach einer gewissen Zeit ohne Rücksicht, ob das betreffende -Verfahren zu Ende ist oder nicht. Und wie lange dauern doch derartige -Prozesse besonders in letzter Zeit. Sie bekämen dann schließlich -allerdings vom Depot den Erlös, aber dieser Erlös ist erstens an sich -schon gering, denn beim Verkauf entscheidet nicht die Höhe des -Angebotes, sondern die Höhe der Bestechung und weiter verringern sich -solche Erlöse erfahrungsgemäß, wenn sie von Hand zu Hand und von Jahr -zu Jahr weitergegeben werden.“ K. achtete auf diese Reden kaum, das -Verfügungsrecht über seine Sachen, das er vielleicht noch besaß, -schätzte er nicht hoch ein, viel wichtiger war es ihm, Klarheit über -seine Lage zu bekommen; in Gegenwart dieser Leute konnte er aber nicht -einmal nachdenken, immer wieder stieß der Bauch des zweiten Wächters — -es konnten ja nur Wächter sein — förmlich freundschaftlich an ihn, sah -er aber auf, dann erblickte er ein zu diesem dicken Körper gar nicht -passendes trockenes, knochiges Gesicht, mit starker, seitlich gedrehter -Nase, das sich über ihn hinweg mit dem andern Wächter verständigte. Was -waren denn das für Menschen? Wovon sprachen sie? Welcher Behörde -gehörten sie an? K. lebte doch in einem Rechtsstaat, überall herrschte -Friede, alle Gesetze bestanden aufrecht, wer wagte ihn in seiner -Wohnung zu überfallen? Er neigte stets dazu, alles möglichst leicht zu -nehmen, das Schlimmste erst beim Eintritt des Schlimmsten zu glauben, -keine Vorsorge für die Zukunft zu treffen, selbst wenn alles drohte. -Hier schien ihm das aber nicht richtig, man konnte zwar das Ganze als -Spaß ansehn, als einen groben Spaß, den ihm aus unbekannten Gründen, -vielleicht weil heute sein dreißigster Geburtstag war, die Kollegen in -der Bank veranstaltet hatten, es war natürlich möglich, vielleicht -brauchte er nur auf irgendeine Weise den Wächtern ins Gesicht zu lachen -und sie würden mitlachen, vielleicht waren es Dienstmänner von der -Straßenecke, sie sahen ihnen nicht unähnlich — trotzdem war er diesmal -förmlich schon seit dem ersten Anblick des Wächters Franz entschlossen, -nicht den geringsten Vorteil, den er vielleicht gegenüber diesen Leuten -besaß, aus der Hand zu geben. Darin, daß man später sagen würde, er -habe keinen Spaß verstanden, sah K. eine ganz geringe Gefahr, wohl aber -erinnerte er sich — ohne daß es sonst seine Gewohnheit gewesen wäre, -aus Erfahrungen zu lernen — an einige an sich unbedeutende Fälle, in -denen er zum Unterschied von seinen Freunden mit Bewußtsein, ohne das -geringste Gefühl für die möglichen Folgen sich unvorsichtig benommen -hatte und dafür durch das Ergebnis gestraft worden war. Es sollte nicht -wieder geschehen, zumindest nicht diesmal; war es eine Komödie, so -wollte er mitspielen. - -Noch war er frei. „Erlauben Sie,“ sagte er und ging eilig zwischen den -Wächtern durch in sein Zimmer. „Er scheint vernünftig zu sein,“ hörte -er hinter sich sagen. In seinem Zimmer riß er gleich die Schubladen des -Schreibtischs auf, es lag dort alles in großer Ordnung, aber gerade die -Legitimationspapiere, die er suchte, konnte er in der Aufregung nicht -gleich finden. Schließlich fand er seine Radfahrlegitimation und wollte -schon mit ihr zu den Wächtern gehn, dann aber schien ihm das Papier zu -geringfügig und er suchte weiter, bis er den Geburtsschein fand. Als er -wieder in das Nebenzimmer zurückkam, öffnete sich gerade die -gegenüberliegende Tür und Frau Grubach wollte dort eintreten. Man sah -sie nur einen Augenblick, denn kaum hatte sie K. erkannt, als sie -offenbar verlegen wurde, um Verzeihung bat, verschwand und äußerst -vorsichtig die Tür schloß. „Kommen Sie doch herein,“ hatte K. gerade -noch sagen können. Nun aber stand er mit seinen Papieren in der Mitte -des Zimmers, sah noch auf die Tür hin, die sich nicht wieder öffnete, -und wurde erst durch einen Anruf der Wächter aufgeschreckt, die bei dem -Tischchen am offenen Fenster saßen und, wie K. jetzt erkannte, sein -Frühstück verzehrten. „Warum ist sie nicht eingetreten?“ fragte er. -„Sie darf nicht,“ sagte der große Wächter. „Sie sind doch verhaftet.“ -„Wie kann ich denn verhaftet sein? Und gar auf diese Weise?“ „Nun -fangen Sie also wieder an,“ sagte der Wächter und tauchte ein -Butterbrot ins Honigfäßchen. „Solche Fragen beantworten wir nicht.“ -„Sie werden sie beantworten müssen,“ sagte K. „Hier sind meine -Legitimationspapiere, zeigen Sie mir jetzt die Ihrigen und vor allem -den Verhaftbefehl.“ „Du lieber Himmel!“ sagte der Wächter, „daß Sie -sich in Ihre Lage nicht fügen können und daß Sie es darauf angelegt zu -haben scheinen, uns, die wir Ihnen jetzt wahrscheinlich von allen Ihren -Mitmenschen am nächsten stehn, nutzlos zu reizen.“ „Es ist so, glauben -Sie es doch,“ sagte Franz, führte die Kaffeetasse, die er in der Hand -hielt, nicht zum Mund, sondern sah K. mit einem langen, wahrscheinlich -bedeutungsvollen, aber unverständlichen Blick an. K. ließ sich, ohne es -zu wollen, in ein Zwiegespräch der Blicke mit Franz ein, schlug dann -aber doch auf seine Papiere und sagte: „Hier sind meine -Legitimationspapiere.“ „Was kümmern uns denn die?“ rief nun schon der -große Wächter. „Sie führen sich ärger auf als ein Kind. Was wollen Sie -denn? Wollen Sie Ihren großen verfluchten Prozeß dadurch zu einem -raschen Ende bringen, daß Sie mit uns, den Wächtern, über Legitimation -und Verhaftbefehl diskutieren. Wir sind niedrige Angestellte, die sich -in einem Legitimationspapier kaum auskennen und die mit Ihrer Sache -nichts anderes zu tun haben, als daß sie zehn Stunden täglich bei Ihnen -Wache halten und dafür bezahlt werden. Das ist alles, was wir sind, -trotzdem aber sind wir fähig, einzusehn, daß die hohen Behörden, in -deren Dienst wir stehn, ehe sie eine solche Verhaftung verfügen, sich -sehr genau über die Gründe der Verhaftung und die Person des -Verhafteten unterrichten. Es gibt darin keinen Irrtum. Unsere Behörde, -soweit ich sie kenne, und ich kenne nur die niedrigsten Grade, sucht -doch nicht etwa die Schuld in der Bevölkerung, sondern wird, wie es im -Gesetz heißt, von der Schuld angezogen und muß uns Wächter ausschicken. -Das ist Gesetz. Wo gäbe es da einen Irrtum?“ „Dieses Gesetz kenne ich -nicht,“ sagte K. „Desto schlimmer für Sie,“ sagte der Wächter. „Es -besteht wohl auch nur in Ihren Köpfen,“ sagte K., er wollte sich -irgendwie in die Gedanken der Wächter einschleichen, sie zu seinen -Gunsten wenden oder sich dort einbürgern. Aber der Wächter sagte nur -abweisend: „Sie werden es zu fühlen bekommen.“ Franz mischte sich ein -und sagte: „Sieh, Willem, er gibt zu, er kenne das Gesetz nicht und -behauptet gleichzeitig, schuldlos zu sein.“ „Du hast ganz recht, aber -ihm kann man nichts begreiflich machen,“ sagte der andere. K. -antwortete nicht mehr; muß ich, dachte er, durch das Geschwätz dieser -niedrigsten Organe — sie geben selbst zu, es zu sein — mich noch mehr -verwirren lassen? Sie reden doch jedenfalls von Dingen, die sie gar -nicht verstehn. Ihre Sicherheit ist nur durch ihre Dummheit möglich. -Ein paar Worte, die ich mit einem mir ebenbürtigen Menschen sprechen -werde, werden alles unvergleichlich klarer machen als die längsten -Reden mit diesen. Er ging einige Male in dem freien Raum des Zimmers -auf und ab, drüben sah er die alte Frau, die einen noch viel ältern -Greis zum Fenster gezerrt hatte, den sie umschlungen hielt. K. mußte -dieser Schaustellung ein Ende machen: „Führen Sie mich zu Ihrem -Vorgesetzten,“ sagte er. „Bis er es wünscht; nicht früher,“ sagte der -Wächter, der Willem genannt worden war. „Und nun rate ich Ihnen,“ fügte -er hinzu, „in Ihr Zimmer zu gehn, sich ruhig zu verhalten und darauf zu -warten, was über Sie verfügt werden wird. Wir raten Ihnen, zerstreuen -Sie sich nicht durch nutzlose Gedanken, sondern sammeln Sie sich, es -werden große Anforderungen an Sie gestellt werden. Sie haben uns nicht -so behandelt, wie es unser Entgegenkommen verdient hätte, Sie haben -vergessen, daß wir, mögen wir auch sein was immer, zumindest jetzt -Ihnen gegenüber freie Männer sind, das ist kein kleines Übergewicht. -Trotzdem sind wir bereit, falls Sie Geld haben, Ihnen ein kleines -Frühstück aus dem Kaffeehaus drüben zu bringen.“ - -Ohne auf dieses Angebot zu antworten, stand K. ein Weilchen lang still. -Vielleicht würden ihn die beiden, wenn er die Tür des folgenden Zimmers -oder gar die Tür des Vorzimmers öffnen würde, gar nicht zu hindern -wagen, vielleicht wäre es die einfachste Lösung des Ganzen, daß er es -auf die Spitze trieb. Aber vielleicht würden sie ihn doch packen, und -war er einmal niedergeworfen, so war auch alle Überlegenheit verloren, -die er jetzt ihnen gegenüber in gewisser Hinsicht doch wahrte. Deshalb -zog er die Sicherheit der Lösung vor, wie sie der natürliche Verlauf -bringen mußte, und ging in sein Zimmer zurück, ohne daß von seiner -Seite oder von Seite der Wächter ein weiteres Wort gefallen wäre. - -Er warf sich auf sein Bett und nahm vom Waschtisch einen schönen Apfel, -den er sich gestern abend für das Frühstück vorbereitet hatte. Jetzt -war er sein einziges Frühstück und jedenfalls, wie er sich beim ersten -großen Bissen versicherte, viel besser, als das Frühstück aus dem -schmutzigen Nachtcafé gewesen wäre, das er durch die Gnade der Wächter -hätte bekommen können. Er fühlte sich wohl und zuversichtlich, in der -Bank versäumte er zwar heute vormittag seinen Dienst, aber das war bei -der verhältnismäßig hohen Stellung, die er dort einnahm, leicht -entschuldigt. Sollte er die wirkliche Entschuldigung anführen? Er -gedachte es zu tun. Würde man ihm nicht glauben, was in diesem Fall -begreiflich war, so konnte er Frau Grubach als Zeugin führen oder auch -die beiden Alten von drüben, die wohl jetzt auf dem Marsch zum -gegenüberliegenden Fenster waren. Es wunderte K., wenigstens aus dem -Gedankengang der Wächter wunderte es ihn, daß sie ihn in das Zimmer -getrieben und ihn hier allein gelassen hatten, wo er doch mehrfache -Möglichkeit hatte, sich umzubringen. Gleichzeitig allerdings fragte er -sich, aus seinem Gedankengang, was für einen Grund er haben könnte, es -zu tun. Etwa, weil die zwei nebenan saßen und sein Frühstück abgefangen -hatten. Es wäre so sinnlos gewesen sich umzubringen, daß er, selbst -wenn er es hätte tun wollen, infolge der Sinnlosigkeit dazu nicht -imstande gewesen wäre. Wäre die geistige Beschränktheit der Wächter -nicht so auffallend gewesen, so hätte man annehmen können, daß auch sie -infolge der gleichen Überzeugung keine Gefahr darin gesehen hätten, ihn -allein zu lassen. Sie mochten jetzt, wenn sie wollten, zusehn, wie er -zu einem Wandschränkchen ging, in dem er einen guten Schnaps -aufbewahrte, wie er ein Gläschen zuerst zum Ersatz des Frühstücks -leerte und wie er ein zweites Gläschen dazu bestimmte, ihm Mut zu -machen, das letztere nur aus Vorsicht für den unwahrscheinlichen Fall, -daß es nötig sein sollte. - -Da erschreckte ihn ein Zuruf aus dem Nebenzimmer derartig, daß er mit -den Zähnen ans Glas schlug. „Der Aufseher ruft Sie,“ hieß es. Es war -nur das Schreien, das ihn erschreckte, dieses kurze abgehackte -militärische Schreien, das er dem Wächter Franz gar nicht zugetraut -hätte. Der Befehl selbst war ihm sehr willkommen, „endlich“, rief er -zurück, versperrte den Wandschrank und eilte sofort ins Nebenzimmer. -Dort standen die zwei Wächter und jagten ihn, als wäre das -selbstverständlich, wieder in sein Zimmer zurück. „Was fällt Euch ein?“ -riefen sie, „im Hemd wollt Ihr vor den Aufseher? Er läßt Euch -durchprügeln und uns mit.“ „Laßt mich, zum Teufel,“ rief K., der schon -bis zu seinem Kleiderkasten zurückgedrängt war, „wenn man mich im Bett -überfällt, kann man nicht erwarten, mich im Festanzug zu finden.“ „Es -hilft nichts,“ sagten die Wächter, die immer, wenn K. schrie, ganz -ruhig, ja fast traurig wurden und ihn dadurch verwirrten oder -gewissermaßen zur Besinnung brachten. „Lächerliche Zeremonien!“ brummte -er noch, hob aber schon einen Rock vom Stuhl und hielt ihn ein Weilchen -mit beiden Händen, als unterbreite er ihn dem Urteil der Wächter. Sie -schüttelten die Köpfe. „Es muß ein schwarzer Rock sein,“ sagten sie. K. -warf daraufhin den Rock zu Boden und sagte — er wußte selbst nicht, in -welchem Sinn er es sagte —: „Es ist doch noch nicht die -Hauptverhandlung.“ Die Wächter lächelten, blieben aber bei ihrem: „Es -muß ein schwarzer Rock sein.“ „Wenn ich dadurch die Sache beschleunige, -soll es mir recht sein,“ sagte K., öffnete selbst den Kleiderkasten, -suchte lange unter den vielen Kleidern, wählte sein bestes schwarzes -Kleid, ein Jackettkleid, das durch seine Taille unter den Bekannten -fast Aufsehen gemacht hatte, zog nun auch ein anderes Hemd hervor und -begann sich sorgfältig anzuziehn. Im Geheimen glaubte er eine -Beschleunigung des Ganzen damit erreicht zu haben, daß die Wächter -vergessen hatten, ihn zum Bad zu zwingen. Er beobachtete sie, ob sie -sich vielleicht daran doch erinnern würden, aber das fiel ihnen -natürlich gar nicht ein, dagegen vergaß Willem nicht, Franz mit der -Meldung, daß sich K. anziehe, zum Aufseher zu schicken. - -Als er vollständig angezogen war, mußte er knapp vor Willem durch das -leere Nebenzimmer in das folgende Zimmer gehn, dessen Tür mit beiden -Flügeln bereits geöffnet war. Dieses Zimmer wurde, wie K. genau wußte, -seit kurzer Zeit von einem Fräulein Bürstner, einer -Schreibmaschinistin, bewohnt, die sehr früh in die Arbeit zu gehen -pflegte, spät nach Hause kam und mit der K. nicht viel mehr als die -Grußworte gewechselt hatte. Jetzt war das Nachttischchen von ihrem Bett -als Verhandlungstisch in die Mitte des Zimmers gerückt und der Aufseher -saß hinter ihm. Er hatte die Beine übereinandergeschlagen und einen Arm -auf die Rückenlehne des Stuhles gelegt. - -In einer Ecke des Zimmers standen drei junge Leute und sahen die -Photographien des Fräulein Bürstner an, die in einer an der Wand -aufgehängten Matte steckten. An der Klinke des offenen Fensters hing -eine weiße Bluse. Im gegenüberliegenden Fenster lagen wieder die zwei -Alten, doch hatte sich ihre Gesellschaft vergrößert, denn hinter ihnen, -sie weit überragend, stand ein Mann mit einem auf der Brust offenen -Hemd, der seinen rötlichen Spitzbart mit den Fingern drückte und -drehte. „Josef K?“ fragte der Aufseher, vielleicht nur um K.s -zerstreute Blicke auf sich zu lenken. K. nickte. „Sie sind durch die -Vorgänge des heutigen Morgens wohl sehr überrascht,“ fragte der -Aufseher und verschob dabei mit beiden Händen die paar Gegenstände, die -auf dem Nachttischchen lagen, die Kerze mit Zündhölzchen, ein Buch und -ein Nadelkissen, als seien es Gegenstände, die er zur Verhandlung -benötige. „Gewiß,“ sagte K. und das Wohlgefühl, endlich einem -vernünftigen Menschen gegenüberzustehen und über seine Angelegenheit -mit ihm sprechen zu können, ergriff ihn, „gewiß, ich bin überrascht, -aber ich bin keineswegs sehr überrascht.“ „Nicht sehr überrascht?“ -fragte der Aufseher und stellte nun die Kerze in die Mitte des -Tischchens, während er die andern Sachen um sie gruppierte. „Sie -mißverstehen mich vielleicht,“ beeilte sich K. zu bemerken. „Ich meine“ -— Hier unterbrach sich K. und sah sich nach einem Sessel um. „Ich kann -mich doch setzen?“ fragte er. „Es ist nicht üblich,“ antwortete der -Aufseher. „Ich meine,“ sagte nun K. ohne weitere Pause, „ich bin -allerdings sehr überrascht, aber man ist, wenn man 30 Jahre auf der -Welt ist und sich allein hat durchschlagen müssen, wie es mir -beschieden war, gegen Überraschungen abgehärtet und nimmt sie nicht zu -schwer. Besonders die heutige nicht.“ „Warum besonders die heutige -nicht?“ „Ich will nicht sagen, daß ich das Ganze für einen Spaß ansehe, -dafür scheinen mir die Veranstaltungen, die gemacht wurden, doch zu -umfangreich. Es müßten alle Mitglieder der Pension daran beteiligt sein -und auch Sie alle, das ginge über die Grenzen eines Spaßes. Ich will -also nicht sagen, daß es ein Spaß ist.“ „Ganz richtig,“ sagte der -Aufseher und sah nach, wieviel Zündhölzchen in der -Zündhölzchenschachtel waren. „Andererseits aber,“ fuhr K. fort und -wandte sich hierbei an alle und hätte gern sogar die drei bei den -Photographien sich zugewendet, „andererseits aber kann die Sache auch -nicht viel Wichtigkeit haben. Ich folgere das daraus, daß ich angeklagt -bin, aber nicht die geringste Schuld auffinden kann, wegen deren man -mich anklagen könnte. Aber auch das ist nebensächlich, die Hauptfrage -ist, von wem bin ich angeklagt? Welche Behörde führt das Verfahren? -Sind Sie Beamte? Keiner hat eine Uniform, wenn man nicht Ihr Kleid — -hier wandte er sich an Franz — eine Uniform nennen will, aber es ist -doch eher ein Reiseanzug. In diesen Fragen verlange ich Klarheit und -ich bin überzeugt, daß wir nach dieser Klarstellung voneinander den -herzlichsten Abschied werden nehmen können.“ Der Aufseher schlug die -Zündhölzchenschachtel auf den Tisch nieder. „Sie befinden sich in einem -großen Irrtum,“ sagte er. „Diese Herren hier und ich sind für Ihre -Angelegenheit vollständig nebensächlich, ja wir wissen sogar von ihr -fast nichts. Wir könnten die regelrechtesten Uniformen tragen und Ihre -Sache würde um nichts schlechter stehn. Ich kann Ihnen auch durchaus -nicht sagen, daß Sie angeklagt sind, oder vielmehr ich weiß nicht, ob -Sie es sind. Sie sind verhaftet, das ist richtig, mehr weiß ich nicht. -Vielleicht haben die Wächter etwas anderes geschwätzt, dann ist es eben -nur Geschwätz gewesen. Wenn ich nun aber auch Ihre Fragen nicht -beantworte, so kann ich Ihnen doch raten, denken Sie weniger an uns und -an das, was mit Ihnen geschehen wird, denken Sie lieber mehr an sich. -Und machen Sie keinen solchen Lärm mit dem Gefühl Ihrer Unschuld, es -stört den nicht gerade schlechten Eindruck, den Sie im übrigen machen. -Auch sollten Sie überhaupt im Reden zurückhaltender sein, fast alles, -was Sie vorhin gesagt haben, hätte man auch, wenn Sie nur ein paar -Worte gesagt hätten, Ihrem Verhalten entnehmen können, außerdem war es -nichts für Sie übermäßig Günstiges.“ - -K. starrte den Aufseher an. Schulmäßige Lehren bekam er hier von einem -vielleicht jüngeren Menschen? Für seine Offenheit wurde er mit einer -Rüge bestraft? Und über den Grund seiner Verhaftung und über deren -Auftraggeber erfuhr er nichts? - -Er geriet in eine gewisse Aufregung, ging auf und ab, woran ihn niemand -hinderte, schob seine Manschetten zurück, befühlte die Brust, strich -sein Haar zurecht, kam an den drei Herren vorüber, sagte, „es ist ja -sinnlos“, worauf sich diese zu ihm umdrehten und ihn entgegenkommend, -aber ernst ansahen, und machte endlich wieder vor dem Tisch des -Aufsehers halt. „Der Staatsanwalt Hasterer ist mein guter Freund,“ -sagte er „kann ich ihm telephonieren?“ „Gewiß,“ sagte der Aufseher, -„aber ich weiß nicht, welchen Sinn das haben sollte, es müßte denn -sein, daß Sie irgendeine private Angelegenheit mit ihm zu besprechen -haben.“ „Welchen Sinn?“ rief K. mehr bestürzt als geärgert. „Wer sind -Sie denn? Sie wollen einen Sinn und führen das Sinnloseste auf, was es -gibt. Ist es nicht zum Steinerweichen? Die Herren haben mich zuerst -überfallen und jetzt sitzen oder stehn sie hier herum und lassen mich -vor Ihnen die hohe Schule reiten. Welchen Sinn es hätte, an einen -Staatsanwalt zu telephonieren, wenn ich angeblich verhaftet bin? Gut, -ich werde nicht telephonieren.“ „Aber doch,“ sagte der Aufseher und -streckte die Hand zum Vorzimmer aus, wo das Telephon war, „bitte -telephonieren Sie doch.“ „Nein, ich will nicht mehr,“ sagte K. und ging -zum Fenster. Drüben war noch die Gesellschaft beim Fenster und schien -nur jetzt dadurch, daß K. ans Fenster herangetreten war, in der Ruhe -des Zuschauens ein wenig gestört. Die Alten wollten sich erheben, aber -der Mann hinter ihnen beruhigte sie. „Dort sind auch solche Zuschauer,“ -rief K. ganz laut dem Aufseher zu und zeigte mit dem Zeigefinger -hinaus. „Weg von dort,“ rief er dann hinüber. Die drei wichen auch -sofort ein paar Schritte zurück, die beiden Alten sogar noch hinter den -Mann, der sie mit seinem breiten Körper deckte und, nach seinen -Mundbewegungen zu schließen, irgend etwas auf die Entfernung hin -Unverständliches sagte. Ganz aber verschwanden sie nicht, sondern -schienen auf den Augenblick zu warten, bis sie sich unbemerkt wieder -dem Fenster nähern könnten. „Zudringliche, rücksichtslose Leute!“ sagte -K., als er sich im Zimmer zurückwendete. Der Aufseher stimmte ihm -möglicherweise zu, wie K. mit einem Seitenblick zu erkennen glaubte. -Aber es war ebensogut möglich, daß er gar nicht zugehört hatte, denn er -hatte eine Hand fest auf den Tisch gedrückt und schien die Finger ihrer -Länge nach zu vergleichen. Die zwei Wächter saßen auf einen mit einer -Schmuckdecke verhüllten Koffer und rieben ihre Knie. Die drei jungen -Leute hatten die Hände in die Hüften gelegt und sahen ziellos herum. Es -war still wie in irgendeinem vergessenen Bureau. „Nun, meine Herren,“ -rief K., es schien ihm einen Augenblick lang, als trage er alle auf -seinen Schultern, „Ihrem Aussehn nach zu schließen, dürfte meine -Angelegenheit beendet sein. Ich bin der Ansicht, daß es am besten ist, -über die Berechtigung oder Nichtberechtigung Ihres Vorgehns nicht mehr -nachzudenken und der Sache durch einen gegenseitigen Händedruck einen -versöhnlichen Abschluß zu geben. Wenn auch Sie meiner Ansicht sind, -dann bitte“ — und er trat an den Tisch des Aufsehers hin und reichte -ihm die Hand. Der Aufseher hob die Augen, nagte an den Lippen und sah -auf K.s ausgestreckte Hand, noch immer glaubte K., der Aufseher werde -einschlagen. Dieser aber stand auf, nahm einen harten runden Hut, der -auf Fräulein Bürstners Bett lag und setzte sich ihn vorsichtig mit -beiden Händen auf, wie man es bei der Anprobe neuer Hüte tut. „Wie -einfach Ihnen alles scheint!“ sagte er dabei zu K., „wir sollten der -Sache einen versöhnlichen Abschluß geben, meinten Sie? Nein, nein, das -geht wirklich nicht. Womit ich andererseits durchaus nicht sagen will, -daß Sie verzweifeln sollen. Nein, warum denn? Sie sind nur verhaftet, -nichts weiter. Das hatte ich Ihnen mitzuteilen, habe es getan und habe -auch gesehn, wie Sie es aufgenommen haben. Damit ist es für heute genug -und wir können uns verabschieden, allerdings nur vorläufig. Sie werden -wohl jetzt in die Bank gehn wollen?“ „In die Bank?“ fragte K., „ich -dachte, ich wäre verhaftet.“ K. fragte mit einem gewissen Trotz, denn -obwohl sein Handschlag nicht angenommen worden war, fühlte er sich, -insbesondere seitdem der Aufseher aufgestanden war, immer unabhängiger -von allen diesen Leuten. Er spielte mit ihnen. Er hatte die Absicht, -falls sie weggehn sollten, bis zum Haustor nachzulaufen und ihnen seine -Verhaftung anzubieten. Darum wiederholte er auch: „Wie kann ich denn in -die Bank gehn, da ich verhaftet bin?“ „Ach so,“ sagte der Aufseher, der -schon bei der Tür war, „Sie haben mich mißverstanden. Sie sind -verhaftet, gewiß, aber das soll Sie nicht hindern, Ihren Beruf zu -erfüllen. Sie sollen auch in Ihrer gewöhnlichen Lebensweise nicht -gehindert sein.“ „Dann ist das Verhaftetsein nicht sehr schlimm,“ sagte -K. und ging nahe an den Aufseher heran. „Ich meinte es niemals anders,“ -sagte dieser. „Es scheint aber dann nicht einmal die Mitteilung der -Verhaftung sehr notwendig gewesen zu sein,“ sagte K. und ging noch -näher. Auch die andern hatten sich genähert. Alle waren jetzt auf einem -engen Raum bei der Tür versammelt. „Es war meine Pflicht,“ sagte der -Aufseher. „Eine dumme Pflicht,“ sagte K. unnachgiebig. „Mag sein,“ -antwortete der Aufseher, „aber wir wollen mit solchen Reden nicht -unsere Zeit verlieren. Ich hatte angenommen, daß Sie in die Bank gehn -wollen. Da Sie auf alle Worte aufpassen, füge ich hinzu: ich zwinge Sie -nicht in die Bank zu gehn, ich hatte nur angenommen, daß Sie es wollen. -Und um Ihnen das zu erleichtern, und Ihre Ankunft in der Bank möglichst -unauffällig zu machen, habe ich diese drei Herren, Ihre Kollegen, hier -zu Ihrer Verfügung gehalten.“ „Wie?“ rief K. und staunte die drei an. -Diese so uncharakteristischen blutarmen jungen Leute, die er immer noch -nur als Gruppe bei den Photographien in der Erinnerung hatte, waren -tatsächlich Beamte aus seiner Bank, nicht Kollegen, das war zu viel -gesagt und bereits eine Lücke in der Allwissenheit des Aufsehers, aber -untergeordnete Beamte aus der Bank waren es allerdings. Wie hatte K. -das übersehen können? Wie hatte er doch hingenommen sein müssen, von -dem Aufseher und den Wächtern, um diese drei nicht zu erkennen. Den -steifen, die Hände schwingenden Rabensteiner, den blonden Kullich mit -den tiefliegenden Augen und Kaminer mit dem unausstehlichen, durch eine -chronische Muskelzerrung bewirkten Lächeln, „Guten Morgen!“ sagte K. -nach einem Weilchen und reichte den sich korrekt verbeugenden Herren -die Hand. „Ich habe Sie gar nicht erkannt. Nun werden wir also an die -Arbeit gehn, nicht?“ Die Herren nickten lachend und eifrig, als hätten -sie die ganze Zeit über darauf gewartet, nur als K. seinen Hut -vermißte, der in seinem Zimmer liegen geblieben war, liefen sie -sämtlich hintereinander ihn holen, was immerhin auf eine gewisse -Verlegenheit schließen ließ. K. stand still und sah ihnen durch die -zwei offenen Türen nach, der letzte war natürlich der gleichgültige -Rabensteiner, der bloß einen eleganten Trab angeschlagen hatte. Kaminer -überreichte den Hut und K. mußte sich, wie dies übrigens auch öfters in -der Bank nötig war, ausdrücklich sagen, daß Kaminers Lächeln nicht -Absicht war, ja daß er überhaupt absichtlich nicht lächeln konnte. Im -Vorzimmer öffnete dann Frau Grubach, die gar nicht sehr schuldbewußt -aussah, der ganzen Gesellschaft die Wohnungstür und K. sah, wie so oft, -auf ihr Schürzenband nieder, das so unnötig tief in ihren mächtigen -Leib einschnitt. Unten entschloß sich K., die Uhr in der Hand, ein -Automobil zu nehmen, um die schon halbstündige Verspätung nicht unnötig -zu vergrößern. Kaminer lief zur Ecke, um den Wagen zu holen, die zwei -andern versuchten offensichtlich K. zu zerstreuen, als plötzlich -Kullich auf das gegenüberliegende Haustor zeigte, in dem eben der große -Mann mit dem blonden Spitzbart erschien und im ersten Augenblick, ein -wenig verlegen darüber, daß er sich jetzt in seiner ganzen Größe -zeigte, zur Wand zurücktrat und sich anlehnte. Die Alten waren wohl -noch auf der Treppe. K. ärgerte sich über Kullich, daß dieser auf den -Mann aufmerksam machte, den er selbst schon früher gesehen, ja den er -sogar erwartet hatte. „Schauen Sie nicht hin,“ stieß er hervor, ohne zu -bemerken, wie auffallend eine solche Redeweise gegenüber selbständigen -Männern war. Es war aber auch keine Erklärung nötig, denn gerade kam -das Automobil, man setzte sich und fuhr los. Da erinnerte sich K., daß -er das Weggehn des Aufsehers und der Wächter gar nicht bemerkt hatte, -der Aufseher hatte ihm die drei Beamten verdeckt und nun wieder die -Beamten den Aufseher. Viel Geistesgegenwart bewies das nicht, und K. -nahm sich vor, sich in dieser Hinsicht genauer zu beobachten. Doch -drehte er sich noch unwillkürlich um und beugte sich über das -Hinterdeck des Automobils vor, um möglicherweise den Aufseher und die -Wächter noch zu sehn. Aber gleich wendete er sich wieder zurück, und -lehnte sich bequem in die Wagenecke ohne auch nur den Versuch gemacht -zu haben, jemanden zu suchen. Trotzdem es nicht den Anschein hatte, -hätte er gerade jetzt Zuspruch nötig gehabt, aber nun schienen die -Herren ermüdet, Rabensteiner sah rechts aus dem Wagen, Kullich links -und nur Kaminer stand mit seinem Grinsen zur Verfügung, über das einen -Spaß zu machen leider die Menschlichkeit verbot. - - - -In diesem Frühjahr pflegte K. die Abende in der Weise zu verbringen, -daß er nach der Arbeit, wenn dies noch möglich war — er saß meistens -bis 9 Uhr im Bureau — einen kleinen Spaziergang allein oder mit Beamten -machte und dann in eine Bierstube ging, wo er an einem Stammtisch mit -meist ältern Herren gewöhnlich bis 11 Uhr beisammen saß. Es gab aber -auch Ausnahmen von dieser Einteilung, wenn K. z. B. vom Bankdirektor, -der seine Arbeitskraft und Vertrauenswürdigkeit sehr schätzte, zu einer -Autofahrt oder zu einem Abendessen in seiner Villa eingeladen wurde. -Außerdem ging K. einmal in der Woche zu einem Mädchen namens Elsa, die -während der Nacht bis in den späten Morgen als Kellnerin in einer -Weinstube bediente und während des Tages nur vom Bett aus Besuche -empfing. - -An diesem Abend aber — der Tag war unter angestrengter Arbeit und -vielen ehrenden und freundschaftlichen Geburtstagswünschen schnell -verlaufen — wollte K. sofort nach Hause gehn. In allen kleinen Pausen -der Tagesarbeit hatte er daran gedacht; ohne genau zu wissen, was er -meinte, schien es ihm, als ob durch die Vorfälle des Morgens eine große -Unordnung in der ganzen Wohnung der Frau Grubach verursacht worden sei -und daß gerade er nötig sei, um die Ordnung wiederherzustellen. War -aber einmal diese Ordnung hergestellt, dann war jede Spur jener -Vorfälle ausgelöscht und alles nahm seinen alten Gang wieder auf. -Insbesondere von den drei Beamten war nichts zu befürchten, sie waren -wieder in die große Beamtenschaft der Bank versenkt, es war keine -Veränderung an ihnen zu bemerken. K. hatte sie öfters einzeln und -gemeinsam in sein Bureau berufen, zu keinem andern Zweck, als um sie zu -beobachten; immer hatte er sie befriedigt entlassen können. - -Als er um ½10 Uhr abends vor dem Hause, in dem er wohnte, ankam, traf -er im Haustor einen jungen Burschen, der dort breitbeinig stand und -eine Pfeife rauchte. „Wer sind Sie,“ fragte K. sofort und brachte sein -Gesicht nahe an den Burschen, man sah nicht viel im Halbdunkel des -Flurs. „Ich bin der Sohn des Hausmeisters, gnädiger Herr,“ antwortete -der Bursche, nahm die Pfeife aus dem Mund und trat zur Seite. „Der Sohn -des Hausmeisters?“ fragte K. und klopfte mit seinem Stock ungeduldig -den Boden. „Wünscht der gnädige Herr etwas? Soll ich den Vater holen?“ -„Nein, nein,“ sagte K., in seiner Stimme lag etwas Verzeihendes, als -habe der Bursche etwas Böses ausgeführt, er aber verzeihe ihm. „Es ist -gut,“ sagte er dann und ging weiter, aber ehe er die Treppe -hinaufstieg, drehte er sich noch einmal um. - -Er hätte geradewegs in sein Zimmer gehen können, aber da er mit Frau -Grubach sprechen wollte, klopfte er gleich an ihre Türe an. Sie saß mit -einem Strickstrumpf am Tisch, auf dem noch ein Haufen alter Strümpfe -lag. K. entschuldigte sich zerstreut, daß er so spät komme, aber Frau -Grubach war sehr freundlich und wollte keine Entschuldigung hören, für -ihn sei sie immer zu sprechen, er wisse sehr gut, daß er ihr bester und -liebster Mieter sei. K. sah sich im Zimmer um, es war wieder vollkommen -in seinem alten Zustand, das Frühstücksgeschirr, das früh auf dem -Tischchen beim Fenster gestanden hatte, war auch schon weggeräumt. -Frauenhände bringen doch im Stillen viel fertig, dachte er, er hätte -das Geschirr vielleicht auf der Stelle zerschlagen, aber gewiß nicht -hinaustragen können. Er sah Frau Grubach mit einer gewissen Dankbarkeit -an. „Warum arbeiten Sie noch so spät,“ fragte er. Sie saßen nun beide -am Tisch und K. vergrub von Zeit zu Zeit seine Hand in die Strümpfe. -„Es gibt viel Arbeit,“ sagte sie, „während des Tages gehöre ich den -Mietern; wenn ich meine Sachen in Ordnung bringen will, bleiben mir nur -die Abende.“ „Ich habe Ihnen heute wohl noch eine außergewöhnliche -Arbeit gemacht.“ „Wieso denn,“ fragte sie, etwas eifriger werdend, die -Arbeit ruhte in ihrem Schoße. „Ich meine die Männer, die heute früh -hier waren.“ „Ach so,“ sagte sie und kehrte wieder in ihre Ruhe zurück, -„das hat mir keine besondere Arbeit gemacht.“ K. sah schweigend zu, wie -sie den Strickstrumpf wieder vornahm. Sie scheint sich zu wundern, daß -ich davon spreche, dachte er, sie scheint es nicht für richtig zu -halten, daß ich davon spreche. Desto wichtiger ist es, daß ich es tue. -Nur mit einer alten Frau kann ich davon sprechen. „Doch, Arbeit hat es -gewiß gemacht,“ sagte er dann, „aber es wird nicht wieder vorkommen.“ -„Nein, das kann nicht wieder vorkommen,“ sagte sie bekräftigend und -lächelte K. fast wehmütig an. „Meinen Sie das ernstlich?“ fragte K. -„Ja,“ sagte sie leiser, „aber vor allem dürfen Sie es nicht zu schwer -nehmen. Was geschieht nicht alles in der Welt! Da Sie so vertraulich -mit mir reden, Herr K., kann ich Ihnen ja eingestehen, daß ich ein -wenig hinter der Tür gehorcht habe und daß mir auch die beiden Wächter -einiges erzählt haben. Es handelt sich ja um Ihr Glück, und das liegt -mir wirklich am Herzen, mehr als mir vielleicht zusteht, denn ich bin -ja bloß die Vermieterin. Nun, ich habe also einiges gehört, aber ich -kann nicht sagen, daß es etwas besonders Schlimmes war. Nein. Sie sind -zwar verhaftet, aber nicht so wie ein Dieb verhaftet wird. Wenn man wie -ein Dieb verhaftet wird, so ist es schlimm, aber diese Verhaftung—. Es -kommt mir wie etwas Gelehrtes vor, entschuldigen Sie, wenn ich etwas -Dummes sage, es kommt mir wie etwas Gelehrtes vor, das ich zwar nicht -verstehe, das man aber auch nicht verstehen muß.“ - -„Es ist gar nichts Dummes, was Sie gesagt haben, Frau Grubach, -wenigstens bin auch ich zum Teil Ihrer Meinung, nur urteile ich über -das Ganze noch schärfer als Sie, und halte es einfach nicht einmal für -etwas Gelehrtes, sondern überhaupt für nichts. Ich wurde überrumpelt, -das war es. Wäre ich gleich nach dem Erwachen, ohne mich durch das -Ausbleiben der Anna beirren zu lassen, aufgestanden und ohne Rücksicht -auf irgend jemand, der mir in den Weg getreten wäre, zu Ihnen gegangen, -hätte ich diesmal ausnahmsweise etwa in der Küche gefrühstückt, hätte -mir von Ihnen die Kleidungsstücke aus meinem Zimmer bringen lassen, -kurz, hätte ich vernünftig gehandelt, so wäre nichts weiter geschehen, -es wäre alles, was werden wollte, erstickt worden. Man ist aber so -wenig vorbereitet. In der Bank z. B. bin ich vorbereitet, dort könnte -mir etwas Derartiges unmöglich geschehn, ich habe dort einen eigenen -Diener, das allgemeine Telephon und das Bureautelephon stehn vor mir -auf dem Tisch, immerfort kommen Leute, Parteien und Beamte, außerdem -aber und vor allem bin ich dort immerfort im Zusammenhang der Arbeit, -daher geistesgegenwärtig, es würde mir geradezu ein Vergnügen machen, -dort einer solchen Sache gegenübergestellt zu werden. Nun, es ist -vorüber und ich wollte eigentlich auch gar nicht mehr darüber sprechen, -nur Ihr Urteil, das Urteil einer vernünftigen Frau wollte ich hören und -bin sehr froh, daß wir darin übereinstimmen. Nun müssen Sie mir aber -die Hand reichen, eine solche Übereinstimmung muß durch Handschlag -bekräftigt werden.“ - -Ob sie mir die Hand reichen wird? Der Aufseher hat mir die Hand nicht -gereicht, dachte er und sah die Frau anders als früher, prüfend an. Sie -stand auf, weil auch er aufgestanden war, sie war ein wenig befangen, -weil ihr nicht alles, was K. gesagt hatte, verständlich gewesen war. -Infolge dieser Befangenheit sagte sie aber etwas, was sie gar nicht -wollte und was auch gar nicht am Platze war: „Nehmen Sie es doch nicht -so schwer, Herr K.,“ sagte sie, hatte Tränen in der Stimme und vergaß -natürlich auch den Handschlag. „Ich wüßte nicht, daß ich es schwer -nehme,“ sagte K. plötzlich ermüdet und das Wertlose aller Zustimmungen -dieser Frau einsehend. - -Bei der Tür fragte er noch: „Ist Fräulein Bürstner zu Hause?“ „Nein,“ -sagte Frau Grubach und lächelte bei dieser trockenen Auskunft mit einer -verspäteten vernünftigen Teilnahme. „Sie ist im Theater. Wollten Sie -etwas von ihr? Soll ich ihr etwas ausrichten?“ „Ach, ich wollte nur -paar Worte mit ihr reden.“ „Ich weiß leider nicht, wann sie kommt; wenn -sie im Theater ist, kommt sie gewöhnlich spät.“ „Das ist ja ganz -gleichgültig,“ sagte K. und drehte schon den gesenkten Kopf der Tür zu, -um wegzugehn, „ich wollte mich nur bei ihr entschuldigen, daß ich heute -ihr Zimmer in Anspruch genommen habe.“ „Das ist nicht nötig, Herr K., -Sie sind zu rücksichtsvoll, das Fräulein weiß ja von gar nichts, sie -war seit dem frühen Morgen noch nicht zu Hause, es ist auch schon alles -in Ordnung gebracht, sehen Sie selbst.“ Und sie öffnete die Tür zu -Fräulein Bürstners Zimmer. „Danke, ich glaube es,“ sagte K., ging dann -aber doch zu der offenen Tür. Der Mond schien still in das dunkle -Zimmer. Soviel man sehen konnte, war wirklich alles an seinem Platz, -auch die Bluse hing nicht mehr an der Fensterklinke. Auffallend hoch -schienen die Polster im Bett, sie lagen zum Teil im Mondlicht. „Das -Fräulein kommt oft spät nach Hause,“ sagte K. und sah Frau Grubach an, -als trage sie die Verantwortung dafür. „Wie eben junge Leute sind!“ -sagte Frau Grubach entschuldigend. „Gewiß, gewiß,“ sagte K., „es kann -aber zu weit gehen.“ „Das kann es,“ sagte Frau Grubach, „wie sehr haben -Sie recht, Herr K. Vielleicht sogar in diesem Fall. Ich will Fräulein -Bürstner gewiß nicht verleumden, sie ist ein gutes liebes Mädchen, -freundlich, ordentlich, pünktlich, arbeitsam, ich schätze das alles -sehr, aber eines ist wahr, sie sollte stolzer, zurückhaltender sein. -Ich habe sie in diesem Monat schon zweimal in entlegenen Straßen und -immer mit einem andern Herrn gesehn. Es ist mir sehr peinlich, ich -erzähle es beim wahrhaftigen Gott nur Ihnen, Herr K., aber es wird sich -nicht vermeiden lassen, daß ich auch mit dem Fräulein selbst darüber -spreche. Es ist übrigens nicht das einzige, das sie mir verdächtig -macht.“ „Sie sind auf ganz falschem Weg,“ sagte K. wütend und fast -unfähig es zu verbergen, „übrigens haben Sie offenbar auch meine -Bemerkung über das Fräulein mißverstanden, so war es nicht gemeint. Ich -warne Sie sogar aufrichtig, dem Fräulein irgend etwas zu sagen, Sie -sind durchaus im Irrtum, ich kenne das Fräulein sehr gut, es ist nichts -davon wahr, was Sie sagten. Übrigens vielleicht gehe ich zu weit, ich -will Sie nicht hindern, sagen Sie ihr, was Sie wollen. Gute Nacht.“ -„Herr K.,“ sagte Frau Grubach bittend und eilte K. bis zu seiner Tür -nach, die er schon geöffnet hatte, „ich will ja noch gar nicht mit dem -Fräulein reden, natürlich will ich sie vorher noch weiter beobachten, -nur Ihnen habe ich anvertraut, was ich wußte. Schließlich muß es doch -im Sinne jedes Mieters sein, wenn man die Pension rein zu erhalten -sucht, und nichts anderes ist mein Bestreben dabei.“ „Die Reinheit!“ -rief K. noch durch die Spalte der Tür, „wenn sie die Pension rein -erhalten wollen, müssen Sie zuerst mir kündigen.“ Dann schlug er die -Tür zu, ein leises Klopfen beachtete er nicht mehr. - -Dagegen beschloß er, da er gar keine Lust zum Schlafen hatte, noch -wachzubleiben und bei dieser Gelegenheit auch festzustellen, wann -Fräulein Bürstner kommen würde. Vielleicht wäre es dann auch möglich, -so unpassend es sein mochte, noch ein paar Worte mit ihr zu reden. Als -er im Fenster lag und die müden Augen drückte, dachte er einen -Augenblick sogar daran, Frau Grubach zu bestrafen und Fräulein Bürstner -zu überreden, gemeinsam mit ihm zu kündigen. Sofort aber erschien ihm -das entsetzlich übertrieben und er hatte sogar den Verdacht gegen sich, -daß er darauf ausging, die Wohnung wegen der Vorfälle am Morgen zu -wechseln. Nichts wäre unsinniger und vor allem zweckloser und -verächtlicher gewesen. - -Als er des Hinausschauens auf die leere Straße überdrüssig geworden -war, legte er sich auf das Kanapee, nachdem er die Tür zum Vorzimmer -ein wenig geöffnet hatte, um jeden, der die Wohnung betrat, gleich vom -Kanapee aus sehen zu können. Etwa bis 11 Uhr lag er ruhig, eine Zigarre -rauchend, auf dem Kanapee. Von da ab hielt er es aber nicht mehr dort -aus, sondern ging ein wenig ins Vorzimmer, als könne er dadurch die -Ankunft des Fräulein Bürstner beschleunigen. Er hatte kein besonderes -Verlangen nach ihr, er konnte sich nicht einmal genau erinnern, wie sie -aussah, aber nun wollte er mit ihr reden und es reizte ihn, daß sie -durch ihr spätes Kommen auch noch in den Abschluß dieses Tages Unruhe -und Unordnung brachte. Sie war auch schuld daran, daß er heute nicht zu -Abend gegessen und daß er den für heute beabsichtigten Besuch bei Elsa -unterlassen hatte. Beides konnte er allerdings noch dadurch nachholen, -daß er jetzt in das Weinlokal ging, in dem Elsa bedienstet war. Er -wollte es auch noch später nach der Unterredung mit Fräulein Bürstner -tun. - -Es war ½12 vorüber, als jemand im Treppenhaus zu hören war. K., der -seinen Gedanken hingegeben im Vorzimmer so als wäre es sein eigenes -Zimmer laut auf und ab ging, flüchtete hinter seine Tür. Es war -Fräulein Bürstner, die gekommen war. Fröstelnd zog sie, während sie die -Tür versperrte, einen seidenen Schal um ihre schmalen Schultern -zusammen. Im nächsten Augenblick mußte sie in ihr Zimmer gehen, in das -K. gewiß um Mitternacht nicht eindringen durfte; er mußte sie also -jetzt ansprechen, hatte aber unglücklicherweise versäumt, das -elektrische Licht in seinem Zimmer anzudrehen, so daß sein Vortreten -aus dem dunklen Zimmer den Anschein eines Überfalls hatte und -wenigstens sehr erschrecken mußte. In seiner Hilflosigkeit und da keine -Zeit zu verlieren war, flüsterte er durch den Türspalt: „Fräulein -Bürstner.“ Es klang wie eine Bitte, nicht wie ein Anruf. „Ist jemand -hier,“ fragte Fräulein Bürstner und sah sich mit großen Augen um. „Ich -bin es,“ sagte K. und trat vor. „Ach Herr K.!“ sagte Fräulein Bürstner -lächelnd. „Guten Abend“ und sie reichte ihm die Hand. „Ich wollte ein -paar Worte mit Ihnen sprechen, wollen Sie mir das jetzt erlauben?“ -„Jetzt?“ fragte Fräulein Bürstner, „muß es jetzt sein? es ist ein wenig -sonderbar, nicht?“ „Ich warte seit 9 Uhr auf Sie.“ „Nun ja, ich war im -Theater, ich wußte doch nichts von Ihnen.“ „Der Anlaß für das, was ich -Ihnen sagen will, hat sich erst heute ergeben.“ „So, nun ich habe ja -nichts Grundsätzliches dagegen, außer daß ich zum Hinfallen müde bin. -Also kommen Sie auf ein paar Minuten in mein Zimmer. Hier können wir -uns auf keinen Fall unterhalten, wir wecken ja alle und das wäre mir -unseretwegen noch unangenehmer als der Leute wegen. Warten Sie hier, -bis ich in meinem Zimmer angezündet habe, und drehen Sie dann hier das -Licht ab.“ K. tat so, wartete dann aber noch, bis Fräulein Bürstner ihn -aus ihrem Zimmer nochmals leise aufforderte zu kommen. „Setzen Sie -sich,“ sagte sie und zeigte auf die Ottomane, sie selbst blieb aufrecht -am Bettpfosten trotz der Müdigkeit, von der sie gesprochen hatte; nicht -einmal ihren kleinen, aber mit einer Überfülle von Blumen geschmückten -Hut legte sie ab. „Was wollten Sie also? Ich bin wirklich neugierig?“ -Sie kreuzte leicht die Beine. „Sie werden vielleicht sagen,“ begann K., -„daß die Sache nicht so dringend war, um jetzt besprochen zu werden, -aber —“ „Einleitungen überhöre ich immer,“ sagte Fräulein Bürstner. -„Das erleichtert meine Aufgabe,“ sagte K. „Ihr Zimmer ist heute früh, -gewissermaßen durch meine Schuld, ein wenig in Unordnung gebracht -worden, es geschah durch fremde Leute gegen meinen Willen und doch wie -gesagt durch meine Schuld; dafür wollte ich um Entschuldigung bitten.“ -„Mein Zimmer?“ fragte Fräulein Bürstner, und sah statt des Zimmers K. -prüfend an. „Es ist so,“ sagte K. und nun sahen einander beide zum -erstenmal in die Augen, „die Art und Weise, in der es geschah, ist an -sich keines Wortes wert.“ „Aber doch das eigentlich Interessante,“ -sagte Fräulein Bürstner. „Nein,“ sagte K. „Nun,“ sagte Fräulein -Bürstner, „ich will mich nicht in Geheimnisse eindrängen, bestehen Sie -darauf, daß es uninteressant ist, so will ich auch nichts dagegen -einwenden. Die Entschuldigung, um die Sie bitten, gebe ich Ihnen -hiermit gern, besonders da ich keine Spur einer Unordnung finden kann.“ -Sie machte, die flachen Hände tief an die Hüften gelegt, einen Rundgang -durch das Zimmer. Bei der Matte mit den Photographien blieb sie stehn. -„Sehn Sie doch,“ rief sie, „meine Photographien sind wirklich -durcheinandergeworfen. Das ist aber häßlich. Es ist also jemand -unberechtigterweise in meinem Zimmer gewesen.“ K. nickte und verfluchte -im stillen den Beamten Kaminer, der seine öde sinnlose Lebhaftigkeit -niemals zähmen konnte. „Es ist sonderbar,“ sagte Fräulein Bürstner, -„daß ich gezwungen bin, Ihnen etwas zu verbieten, was Sie sich selbst -verbieten müßten, nämlich in meiner Abwesenheit mein Zimmer zu -betreten.“ „Ich erklärte Ihnen doch, Fräulein,“ sagte K. und ging auch -zu den Photographien, „daß nicht ich es war, der sich an Ihren -Photographien vergangen hat; aber da Sie mir nicht glauben, so muß ich -also eingestehn, daß die Untersuchungskommission drei Bankbeamte -mitgebracht hat, von denen der eine, den ich bei nächster Gelegenheit -aus der Bank hinausbefördern werde, die Photographien wahrscheinlich in -die Hand genommen hat.“ „Ja es war eine Untersuchungskommission hier,“ -fügte K. hinzu, da ihn das Fräulein mit einem fragenden Blick ansah. -„Ihretwegen?“ fragte das Fräulein. „Ja,“ antwortete K. „Nein,“ rief das -Fräulein und lachte. „Doch,“ sagte K., „glauben Sie denn, daß ich -schuldlos bin?“ „Nun, schuldlos,“ sagte das Fräulein, „ich will nicht -gleich ein vielleicht folgenschweres Urteil aussprechen, auch kenne ich -Sie doch nicht, immerhin, es muß doch schon ein schwerer Verbrecher -sein, dem man gleich eine Untersuchungskommission auf den Leib schickt. -Da Sie aber doch frei sind — ich schließe wenigstens aus Ihrer Ruhe, -daß Sie nicht aus dem Gefängnis entlaufen sind — so können Sie doch -kein solches Verbrechen begangen haben.“ „Ja,“ sagte K., „aber die -Untersuchungskommission kann doch eingesehen haben, daß ich unschuldig -bin oder doch nicht so schuldig, wie angenommen wurde.“ „Gewiß, das -kann sein,“ sagte Fräulein Bürstner sehr aufmerksam. „Sehen Sie,“ sagte -K., „Sie haben nicht viel Erfahrung in Gerichtssachen.“ „Nein, das habe -ich nicht,“ sagte Fräulein Bürstner „und habe es auch schon oft -bedauert, denn ich möchte alles wissen, und gerade Gerichtssachen -interessieren mich ungemein. Das Gericht hat eine eigentümliche -Anziehungskraft, nicht? Aber ich werde in dieser Richtung meine -Kenntnisse sicher vervollständigen, denn ich trete nächsten Monat als -Kanzleikraft in ein Advokatenbureau ein.“ „Das ist sehr gut,“ sagte K., -„Sie werden mir dann in meinem Prozeß ein wenig helfen können.“ „Das -könnte sein,“ sagte Fräulein Bürstner, „warum denn nicht? Ich verwende -gern meine Kenntnisse.“ „Ich meine es auch im Ernst,“ sagte K., „oder -zumindest indem halben Ernst, in dem Sie es meinen. Um einen Advokaten -heranzuziehen, dazu ist die Sache doch zu kleinlich, aber einen -Ratgeber könnte ich gut brauchen.“ „Ja, aber wenn ich Ratgeber sein -soll, müßte ich wissen, worum es sich handelt,“ sagte Fräulein -Bürstner. „Das ist eben der Haken,“ sagte K., „das weiß ich selbst -nicht.“ „Dann haben Sie sich also einen Spaß aus mir gemacht,“ sagte -Fräulein Bürstner übermäßig enttäuscht, „es war höchst unnötig, sich -diese späte Nachtzeit dazu auszusuchen.“ Und sie ging von den -Photographien weg, wo sie so lange vereinigt gestanden hatten. „Aber -mein Fräulein,“ sagte K., „ich mache keinen Spaß. Daß Sie mir nicht -glauben wollen! Was ich weiß, habe ich Ihnen schon gesagt. Sogar mehr -als ich weiß, denn es war gar keine Untersuchungskommission, ich nenne -es so, weil ich keinen andern Namen dafür weiß. Es wurde gar nichts -untersucht, ich wurde nur verhaftet, aber von einer Kommission.“ -Fräulein Bürstner saß auf der Ottomane und lachte wieder. „Wie war es -denn?“ fragte sie. „Schrecklich“ sagte K., aber er dachte jetzt gar -nicht daran, sondern war ganz vom Anblick des Fräulein Bürstner -ergriffen, die das Gesicht auf eine Hand stützte — der Ellbogen ruhte -auf dem Kissen der Ottomane — während die andere Hand langsam die Hüfte -strich. „Das ist zu allgemein,“ sagte Fräulein Bürstner. „Was ist zu -allgemein?“ fragte K. Dann erinnerte er sich und fragte: „Soll ich -Ihnen zeigen, wie es gewesen ist?“ Er wollte Bewegung machen und doch -nicht weggehn. „Ich bin schon müde,“ sagte Fräulein Bürstner. „Sie -kamen so spät,“ sagte K. „Nun endet es damit, daß ich Vorwürfe bekomme, -es ist auch berechtigt, denn ich hätte Sie nicht mehr hereinlassen -sollen. Notwendig war es ja auch nicht, wie sich gezeigt hat.“ „Es war -notwendig, daß werden Sie erst jetzt sehn,“ sagte K. „Darf ich das -Nachttischchen von ihrem Bett herrücken?“ „Was fällt Ihnen ein?“ sagte -Fräulein Bürstner, „das dürfen Sie natürlich nicht!“ „Dann kann ich es -Ihnen nicht zeigen,“ sagte K. aufgeregt, als füge man ihm dadurch einen -unermeßlichen Schaden zu. „Ja, wenn Sie es zur Darstellung brauchen, -dann rücken Sie das Tischchen nur ruhig fort,“ sagte Fräulein Bürstner -und fügte nach einem Weilchen mit schwächerer Stimme hinzu: „Ich bin so -müde, daß ich mehr erlaube, als gut ist.“ K. stellte das Tischchen in -die Mitte des Zimmers und setzte sich dahinter. „Sie müssen sich die -Verteilung der Personen richtig vorstellen, es ist sehr interessant. -Ich bin der Aufseher, dort auf dem Koffer sitzen zwei Wächter, bei den -Photographien stehen drei junge Leute. An der Fensterklinke hängt, was -ich nur nebenbei erwähne, eine weiße Bluse. Und jetzt fängt es an. Ja, -ich vergesse mich, die wichtigste Person, also ich, stehe hier vor dem -Tischchen. Der Aufseher sitzt äußerst bequem, die Beine übereinander -gelegt, den Arm hier über die Lehne hinunterhängend, ein Lümmel -sondergleichen. Und jetzt fängt es also wirklich an. Der Aufseher ruft, -als ob er mich wecken müßte, er schreit geradezu, ich muß leider, wenn -ich es Ihnen begreiflich machen will, auch schreien, es ist übrigens -nur mein Name, den er so schreit.“ Fräulein Bürstner, die lachend -zuhörte, legte den Zeigefinger an den Mund, um K. am Schreien zu -hindern, aber es war zu spät, K. war zu sehr in der Rolle, er rief -langsam „Josef K.,“ übrigens nicht so laut wie er gedroht hatte, aber -doch so, daß sich der Ruf, nachdem er plötzlich ausgestoßen war, erst -allmählich im Zimmer zu verbreiten schien. - -Da klopfte es an die Tür des Nebenzimmers einigemal, stark, kurz und -regelmäßig. Fräulein Bürstner erbleichte und legte die Hand aufs Herz. -K. erschrak deshalb besonders stark, weil er noch ein Weilchen ganz -unfähig war, an etwas anderes zu denken als an die Vorfälle des Morgens -und an das Mädchen, dem er sie vorführte. Kaum hatte er sich gefaßt, -sprang er zu Fräulein Bürstner und nahm ihre Hand. „Fürchten Sie -nichts,“ flüsterte er, „ich werde alles in Ordnung bringen. Wer kann es -aber sein? Hier nebenan ist doch nur das Wohnzimmer, in dem niemand -schläft.“ „Doch,“ flüsterte Fräulein Bürstner an K.s Ohr, „seit gestern -schläft hier ein Neffe von Frau Grubach, ein Hauptmann. Es ist gerade -kein anderes Zimmer frei. Auch ich habe daran vergessen. Daß Sie so -schreien mußten! Ich bin unglücklich darüber.“ „Dafür ist gar kein -Grund,“ sagte K. und küßte, als sie jetzt auf das Kissen zurücksank, -ihre Stirn. „Weg, weg,“ sagte sie und richtete sich eilig wieder auf, -„gehn Sie doch, gehn Sie doch, was wollen Sie, er horcht doch an der -Tür, er hört doch alles. Wie Sie mich quälen!“ „Ich gehe nicht früher,“ -sagte K., „bis Sie ein wenig beruhigt sind. Kommen Sie in die andere -Ecke des Zimmers, dort kann er uns nicht hören.“ Sie ließ sich dorthin -führen. „Sie überlegen nicht,“ sagte er, „daß es sich zwar um eine -Unannehmlichkeit für Sie handelt, aber durchaus nicht um eine Gefahr. -Sie wissen, wie mich Frau Grubach, die in dieser Sache doch -entscheidet, besonders da der Hauptmann ihr Neffe ist, geradezu verehrt -und alles, was ich sage, unbedingt glaubt. Sie ist auch im übrigen von -mir abhängig, denn sie hat eine größere Summe von mir geliehen. Jeden -Ihrer Vorschläge über eine Erklärung für unser Beisammen nehme ich an, -wenn er nur ein wenig zweckentsprechend ist, und verbürge mich, Frau -Grubach dazu zu bringen, die Erklärung nicht nur vor der -Öffentlichkeit, sondern wirklich und aufrichtig zu glauben. Mich müssen -Sie dabei in keiner Weise schonen. Wollen Sie verbreitet haben, daß ich -Sie überfallen habe, so wird Frau Grubach in diesem Sinne unterrichtet -werden und wird es glauben, ohne das Vertrauen zu mir zu verlieren, so -sehr hängt sie an mir.“ Fräulein Bürstner sah, still und ein wenig -zusammengesunken, vor sich auf den Boden. „Warum sollte Frau Grubach -nicht glauben, daß ich Sie überfallen habe,“ fügte K. hinzu. Vor sich -sah er ihr Haar, geteiltes, niedrig gebauschtes, fest -zusammengehaltenes, rötliches Haar. Er glaubte, sie werde ihm den Blick -zuwenden, aber sie sagte in unveränderter Haltung: „Verzeihen Sie, ich -bin durch das plötzliche Klopfen erschreckt worden, nicht so sehr durch -die Folgen, die die Anwesenheit des Hauptmanns haben könnte. Es war so -still nach Ihrem Schrei und da klopfte es, deshalb bin ich so -erschrocken, ich saß auch in der Nähe der Tür, es klopfte fast neben -mir. Für Ihre Vorschläge danke ich, aber ich nehme sie nicht an. Ich -kann für alles, was in meinem Zimmer geschieht, die Verantwortung -tragen, und zwar gegenüber jedem. Ich wundere mich, daß Sie nicht -merken, was für eine Beleidigung für mich in Ihren Vorschlägen liegt, -neben den guten Absichten natürlich, die ich gewiß anerkenne. Aber nun -gehen Sie, lassen Sie mich allein, ich habe es jetzt noch nötiger als -früher. Aus den paar Minuten, um die Sie gebeten haben, ist nun eine -halbe Stunde und mehr geworden.“ K. faßte sie bei der Hand und dann -beim Handgelenk: „Sie sind mir aber nicht böse?“ sagte er. Sie streifte -seine Hand ab und antwortete: „Nein, nein, ich bin niemals und -niemandem böse.“ Er faßte wieder nach ihrem Handgelenk, sie duldete es -jetzt und führte ihn so zur Tür. Er war fest entschlossen, wegzugehen. -Aber vor der Tür, als hätte er nicht erwartet, hier eine Tür zu finden, -stockte er, diesen Augenblick benutzte Fräulein Bürstner, sich -loszumachen, die Tür zu öffnen, ins Vorzimmer zu schlüpfen und von dort -aus K. leise zu sagen: „Nun kommen Sie doch, bitte. Sehen Sie“ — sie -zeigte auf die Tür des Hauptmanns, unter der ein Lichtschein hervorkam -— „er hat angezündet und unterhält sich über uns.“ „Ich komme schon,“ -sagte K., lief vor, faßte sie, küßte sie auf den Mund und dann über das -ganze Gesicht, wie ein durstiges Tier mit der Zunge über das endlich -gefundene Quellwasser hinjagt. Schließlich küßte er sie auf den Hals, -wo die Gurgel ist, und dort ließ er die Lippen lange liegen. Ein -Geräusch aus dem Zimmer des Hauptmanns ließ ihn aufschauen. „Jetzt -werde ich gehn,“ sagte er, er wollte Fräulein Bürstner beim Taufnamen -nennen, wußte ihn aber nicht. Sie nickte müde, überließ ihm schon halb -abgewendet die Hand zum Küssen, als wisse sie nichts davon und ging -gebückt in ihr Zimmer. Kurz darauf lag K. in seinem Bett. Er schlief -sehr bald ein, vor dem Einschlafen dachte er noch ein Weilchen über -sein Verhalten nach, er war damit zufrieden, wunderte sich aber, daß er -nicht noch zufriedener war; wegen des Hauptmanns machte er sich für -Fräulein Bürstner ernstliche Sorgen. - - - - - - - - -ZWEITES KAPITEL - -ERSTE UNTERSUCHUNG - - -K. war telephonisch verständigt worden, daß am nächsten Sonntag eine -kleine Untersuchung in seiner Angelegenheit stattfinden würde. Man -machte ihn darauf aufmerksam, daß diese Untersuchungen nun regelmäßig, -wenn auch vielleicht nicht jede Woche, so doch häufiger einander folgen -würden. Es liege einerseits im allgemeinen Interesse, den Prozeß rasch -zu Ende zu führen, anderseits aber müßten die Untersuchungen in jeder -Hinsicht gründlich sein und doch wegen der damit verbundenen -Anstrengung niemals allzulange dauern. Deshalb habe man den Ausweg -dieser rasch aufeinanderfolgenden, aber kurzen Untersuchungen gewählt. -Die Bestimmung des Sonntags als Untersuchungstag habe man deshalb -vorgenommen, um K. in seiner beruflichen Arbeit nicht zu stören. Man -setze voraus, daß er damit einverstanden sei, wollte er einen andern -Termin wünschen, so würde man ihm, so gut es ginge, entgegenkommen. Die -Untersuchungen wären beispielsweise auch in der Nacht möglich, aber da -sei wohl K. nicht frisch genug. Jedenfalls werde man es, solange K. -nichts einwende, beim Sonntag belassen. Es sei selbstverständlich, daß -er bestimmt erscheinen müsse, darauf müsse man ihn wohl nicht erst -aufmerksam machen. Es wurde ihm die Nummer des Hauses genannt, in dem -er sich einfinden solle, es war ein Haus in einer entlegenen -Vorstadtstraße, in der K. noch niemals gewesen war. - -K. hängte, als er diese Meldung erhalten hatte, ohne zu antworten, den -Hörer an; er war gleich entschlossen, Sonntag hinzugehn, es war gewiß -notwendig, der Prozeß kam in Gang und er mußte sich dem -entgegenstellen, diese erste Untersuchung sollte auch die letzte sein. -Er stand noch nachdenklich beim Apparat, da hörte er hinter sich die -Stimme des Direktor-Stellvertreters, der telephonieren wollte, dem aber -K. den Weg verstellte. „Schlechte Nachrichten?“ fragte der -Direktor-Stellvertreter leichthin, nicht um etwas zu erfahren, sondern -um K. vom Apparat wegzubringen. „Nein, nein,“ sagte K., trat beiseite, -ging aber nicht weg. Der Direktor-Stellvertreter nahm den Hörer und -sagte, während er auf die telephonische Verbindung wartete, über das -Hörrohr hinweg: „Eine Frage, Herr K.? Möchten Sie mir Sonntag früh das -Vergnügen machen, eine Partie auf meinem Segelboot mitzumachen. Es wird -eine größere Gesellschaft sein, gewiß auch Ihre Bekannten darunter. -Unter anderem Staatsanwalt Hesterer. Wollen Sie kommen? Kommen Sie -doch!“ K. versuchte, darauf achtzugeben, was der -Direktor-Stellvertreter sagte. Es war nicht unwichtig für ihn, denn -diese Einladung des Direktor-Stellvertreters, mit dem er sich niemals -sehr gut vertragen hatte, bedeutete einen Versöhnungsversuch von dessen -Seite und zeigte, wie wichtig K. in der Bank geworden war und wie -wertvoll seine Freundschaft oder wenigstens seine Unparteilichkeit dem -zweithöchsten Beamten der Bank erschien. Diese Einladung war eine -Demütigung des Direktor-Stellvertreters, mochte sie auch nur in -Erwartung der telephonischen Verbindung über das Hörrohr hinweg gesagt -sein. Aber K. mußte eine zweite Demütigung folgen lassen, er sagte: -„Vielen Dank! Aber ich habe leider Sonntag keine Zeit, ich habe schon -eine Verpflichtung.“ „Schade,“ sagte der Direktor-Stellvertreter und -wandte sich dem telephonischen Gespräch zu, das gerade hergestellt -worden war. Es war kein kurzes Gespräch, aber K. blieb in seiner -Zerstreutheit die ganze Zeit über neben dem Apparat stehn. Erst als der -Direktor-Stellvertreter abläutete, erschrak er und sagte, um sein -unnützes Dastehn nur ein wenig zu entschuldigen: „Ich bin jetzt -antelephoniert worden, ich möchte irgendwo hinkommen, aber man hat -vergessen, mir zu sagen, zu welcher Stunde.“ „Fragen Sie doch noch -einmal nach,“ sagte der Direktor-Stellvertreter. „Es ist nicht so -wichtig,“ sagte K., trotzdem dadurch seine frühere schon an sich -mangelhafte Entschuldigung noch weiter verfiel. Der -Direktor-Stellvertreter sprach noch im Weggehn über andere Dinge. K. -zwang sich auch zu antworten, dachte aber hauptsächlich daran, daß es -am besten sein werde, Sonntag um 9 Uhr vormittag hinzukommen, da zu -dieser Stunde an Werktagen alle Gerichte zu arbeiten anfangen. - -Sonntag war trübes Wetter. K. war sehr ermüdet, da er wegen einer -Stammtischfeierlichkeit bis spät in die Nacht im Gasthaus geblieben -war, er hätte fast verschlafen. Eilig, ohne Zeit zu haben, zu überlegen -und die verschiedenen Pläne, die er während der Woche ausgedacht hatte, -zusammenzustellen, kleidete er sich an und lief, ohne zu frühstücken, -in die ihm bezeichnete Vorstadt. Eigentümlicherweise traf er, trotzdem -er wenig Zeit hatte umherzublicken, die drei in seiner Angelegenheit -beteiligten Beamten, Rabensteiner, Kullich und Kaminer. Die ersten zwei -fuhren in einer Elektrischen quer über K.s Weg, Kaminer aber saß auf -der Terrasse eines Kaffeehauses und beugte sich gerade, als K. -vorüberkam, neugierig über die Brüstung. Alle sahen ihm wohl nach und -wunderten sich, wie ihr Vorgesetzter lief; es war irgendein Trotz, der -K. davon abgehalten hatte, zu fahren, er hatte Abscheu vor jeder, -selbst der geringsten fremden Hilfe in dieser seiner Sache, auch wollte -er niemanden in Anspruch nehmen und dadurch selbst nur im -allerentferntesten einweihen, schließlich hatte er aber auch nicht die -geringste Lust, sich durch allzu große Pünktlichkeit vor der -Untersuchungskommission zu erniedrigen. Allerdings lief er jetzt, um -nur möglichst um 9 Uhr einzutreffen, trotzdem er nicht einmal für eine -bestimmte Stunde bestellt war. - -Er hatte gedacht, das Haus schon von der Ferne an irgendeinem Zeichen, -das er sich selbst nicht genau vorgestellt hatte, oder an einer -besondern Bewegung vor dem Eingang schon von weitem zu erkennen. Aber -die Juliusstraße, in der es sein sollte und an deren Beginn K. einen -Augenblick lang stehen blieb, enthielt auf beiden Seiten fast ganz -einförmige Häuser, hohe graue, von armen Leuten bewohnte Miethäuser. -Jetzt am Sonntagmorgen waren die meisten Fenster besetzt, Männer in -Hemdärmeln lehnten dort und rauchten oder hielten kleine Kinder -vorsichtig und zärtlich an den Fensterrand. Andere Fenster waren hoch -mit Bettzeug angefüllt, über dem flüchtig der zerzauste Kopf einer Frau -erschien. Man rief einander über die Gasse zu, ein solcher Zuruf -bewirkte gerade über K. ein großes Gelächter. Regelmäßig verteilt -befanden sich in der langen Straße kleine, unter dem Straßenniveau -liegende, durch ein paar Treppen erreichbare Läden mit verschiedenen -Lebensmitteln. Dort gingen Frauen aus und ein oder standen auf den -Stufen und plauderten. Ein Obsthändler, der seine Waren zu den Fenstern -hinauf empfahl, hätte, ebenso unaufmerksam wie K., mit seinem Karren -diesen fast niedergeworfen. Eben begann ein in bessern Stadtvierteln -ausgedientes Grammophon mörderisch zu spielen. - -K. ging tiefer in die Gasse hinein, langsam, als hätte er nun schon -Zeit oder als sähe ihn der Untersuchungsrichter aus irgendeinem Fenster -und wisse also, daß sich K. eingefunden habe. Es war kurz nach 9 Uhr. -Das Haus lag ziemlich weit, es war fast ungewöhnlich ausgedehnt, -besonders die Toreinfahrt war hoch und weit. Sie war offenbar für -Lastfuhren bestimmt, die zu den verschiedenen Warenmagazinen gehörten, -die jetzt versperrt den großen Hof umgaben und Aufschriften von Firmen -trugen, von denen K. einige aus dem Bankgeschäft kannte. Gegen seine -sonstige Gewohnheit sich mit allen diesen Äußerlichkeiten genauer -befassend, blieb er auch ein wenig am Eingang des Hofes stehen. In -seiner Nähe auf einer Kiste saß ein bloßfüßiger Mann und las eine -Zeitung. Auf einem Handkarren schaukelten zwei Jungen. Vor einer Pumpe -stand ein schwaches junges Mädchen in einer Nachtjoppe und blickte, -während das Wasser in ihre Kanne strömte, auf K. hin. In einer Ecke des -Hofes wurde zwischen zwei Fenstern ein Strick gespannt, auf dem die zum -Trocknen bestimmte Wäsche schon hing. Ein Mann stand unten und leitete -die Arbeit durch ein paar Zurufe. - -K. wandte sich der Treppe zu, um zum Untersuchungszimmer zu kommen, -stand dann aber wieder still, denn außer dieser Treppe sah er im Hof -noch drei verschiedene Treppenaufgänge und überdies schien ein kleiner -Durchgang am Ende des Hofes noch in einen zweiten Hof zu führen. Er -ärgerte sich, daß man ihm die Lage des Zimmers nicht näher bezeichnet -hatte, es war doch eine sonderbare Nachlässigkeit oder -Gleichgültigkeit, mit der man ihn behandelte, er beabsichtigte, das -sehr laut und deutlich festzustellen. Schließlich stieg er doch die -erste Treppe hinauf und spielte in Gedanken mit einer Erinnerung an den -Ausspruch des Wächters Willem, daß das Gericht von der Schuld angezogen -werde, woraus eigentlich folgte, daß das Untersuchungszimmer an der -Treppe liegen mußte, die K. zufällig wählte. - -Er störte im Hinaufgehen viele Kinder, die auf der Treppe spielten und -ihn, wenn er durch ihre Reihe schritt, böse ansahen. „Wenn ich -nächstens wieder hergehen sollte,“ sagte er sich, „muß ich entweder -Zuckerwerk mitnehmen, um sie zu gewinnen, oder den Stock, um sie zu -prügeln.“ Knapp vor dem ersten Stockwerk mußte er sogar ein Weilchen -warten, bis eine Spielkugel ihren Weg vollendet hatte, zwei kleine -Jungen mit den verzwickten Gesichtern erwachsener Strolche hielten ihn -indessen an den Beinkleidern; hätte er sie abschütteln wollen, hätte er -ihnen wehtun müssen und er fürchtete ihr Geschrei. - -Im ersten Stockwerk begann die eigentliche Suche. Da er doch nicht nach -der Untersuchungskommission fragen konnte, erfand er einen Tischler -Lanz — der Name fiel ihm ein, weil der Hauptmann, der Neffe der Frau -Grubach, so hieß — und wollte nun in allen Wohnungen nachfragen, ob -hier ein Tischler Lanz wohne, um so die Möglichkeit zu bekommen, in die -Zimmer hineinzusehen. Es zeigte sich aber, daß das meistens ohne -weiteres möglich war, denn fast alle Türen standen offen und die Kinder -liefen ein und aus. Es waren in der Regel kleine einfenstrige Zimmer, -in denen auch gekocht wurde. Manche Frauen hielten Säuglinge im Arm und -arbeiteten mit der freien Hand auf dem Herd. Halbwüchsige, scheinbar -nur mit Schürzen bekleidete Mädchen liefen am fleißigsten hin und her. -In allen Zimmern standen die Betten noch in Benutzung, es lagen dort -Kranke oder noch Schlafende oder Leute, die sich dort in Kleidern -streckten. An den Wohnungen, deren Türen geschlossen waren, klopfte K. -an und fragte, ob hier ein Tischler Lanz wohne. Meistens öffnete eine -Frau, hörte die Frage an und wandte sich ins Zimmer zu jemandem, der -sich aus dem Bett erhob. „Der Herr fragt, ob ein Tischler Lanz hier -wohnt.“ „Tischler Lanz?“ fragte der aus dem Bett. „Ja,“ sagte K., -trotzdem sich hier die Untersuchungskommission zweifellos nicht befand -und daher seine Aufgabe beendet war. Viele glaubten, es liege K. sehr -viel daran, den Tischler Lanz zu finden, dachten lange nach, nannten -einen Tischler, der aber nicht Lanz hieß, oder einen Namen, der mit -Lanz eine ganz entfernte Ähnlichkeit hatte, oder sie fragten bei -Nachbarn oder begleiteten K. zu einer weit entfernten Tür, wo ihrer -Meinung nach ein derartiger Mann möglicherweise in Aftermiete wohne -oder wo jemand sei, der bessere Auskunft als sie selbst geben könne. -Schließlich mußte K. kaum mehr selbst fragen, sondern wurde auf diese -Weise durch die Stockwerke gezogen. Er bedauerte seinen Plan, der ihm -zuerst so praktisch erschienen war. Vor dem fünften Stockwerk entschloß -er sich die Suche aufzugeben, verabschiedete sich von einem -freundlichen jungen Arbeiter, der ihn weiter hinaufführen wollte, und -ging hinunter. Dann aber ärgerte ihn wieder das Nutzlose dieser ganzen -Unternehmung, er ging nochmals zurück und klopfte an die erste Tür des -fünften Stockwerkes. Das erste, was er in dem kleinen Zimmer sah, war -eine große Wanduhr, die schon 10 Uhr zeigte. „Wohnt ein Tischler Lanz -hier?“ fragte er. „Bitte,“ sagte eine junge Frau mit schwarzen -leuchtenden Augen, die gerade in einem Kübel Kinderwäsche wusch, und -zeigte mit der nassen Hand auf die offene Tür des Nebenzimmers. - -K. glaubte in eine Versammlung einzutreten. Ein Gedränge der -verschiedensten Leute — niemand kümmerte sich um den Eintretenden — -füllte ein mittelgroßes zweifenstriges Zimmer, das knapp an der Decke -von einer Galerie umgeben war, die gleichfalls vollständig besetzt war -und wo die Leute nur gebückt stehen konnten und mit Kopf und Rücken an -die Decke stießen. K., dem die Luft zu dumpf war, trat wieder hinaus -und sagte zu der jungen Frau, die ihn wahrscheinlich falsch verstanden -hatte: „Ich habe nach einem Tischler, einem gewissen Lanz gefragt?“ -„Ja,“ sagte die Frau, „gehen Sie bitte hinein.“ K. hätte ihr vielleicht -nicht gefolgt, wenn die Frau nicht auf ihn zugegangen wäre, die -Türklinke ergriffen und gesagt hätte: „Nach Ihnen muß ich schließen, es -darf niemand mehr hinein.“ „Sehr vernünftig,“ sagte K., „es ist aber -schon jetzt zu voll.“ Dann ging er aber doch wieder hinein. - -Zwischen zwei Männern hindurch, die sich unmittelbar bei der Tür -unterhielten — der eine machte mit beiden weit vorgestreckten Händen -die Bewegung des Geldaufzählens, der andere sah ihm scharf in die Augen -— faßte eine Hand nach K. Es war ein kleiner rotbäckiger Junge. „Kommen -Sie, kommen Sie,“ sagte er. K. ließ sich von ihm führen, es zeigte -sich, daß in dem durcheinanderwimmelnden Gedränge doch ein schmaler Weg -frei war, der möglicherweise zwei Parteien schied; dafür sprach auch, -daß K. in den ersten Reihen rechts und links kaum ein ihm zugewendetes -Gesicht sah, sondern nur die Rücken von Leuten, welche ihre Reden und -Bewegungen nur an Leute ihrer Partei richteten. Die meisten waren -schwarz angezogenen, in alten lange und lose hinunterhängenden -Feiertagsröcken. Nur diese Kleidung beirrte K., sonst hätte er das -ganze für eine politische Bezirksversammlung angesehen. - -Am andern Ende des Saales, zu dem K. geführt wurde, stand auf einem -sehr niedrigen, gleichfalls überfüllten Podium ein kleiner Tisch, der -Quere nach aufgestellt, und hinter ihm nahe am Rand des Podiums saß ein -kleiner dicker schnaufender Mann, der sich gerade mit einem hinter ihm -Stehenden — dieser hatte den Ellbogen auf die Sessellehne gestützt und -die Beine gekreuzt — unter großem Gelächter unterhielt. Manchmal warf -er den Arm in die Luft, als karrikiere er jemanden. Der Junge, der K. -führte, hatte Mühe seine Meldung vorzubringen. Zweimal hatte er schon -auf den Fußspitzen stehend etwas auszurichten versucht, ohne von dem -Mann oben beachtet worden zu sein. Erst als einer der Leute oben auf -dem Podium auf den Jungen aufmerksam machte, wandte sich der Mann ihm -zu und hörte heruntergebeugt seinen leisen Bericht an. Dann zog er -seine Uhr und sah schnell nach K. hin. „Sie hätten vor 1 Stunde und 5 -Minuten erscheinen sollen,“ sagte er. K. wollte etwas antworten, aber -er hatte keine Zeit, denn kaum hatte der Mann ausgesprochen, erhob sich -in der rechten Saalhälfte ein allgemeines Murren. „Sie hätten vor 1 -Stunde und 5 Minuten erscheinen sollen,“ wiederholte nun der Mann mit -erhobener Stimme und sah nun auch schnell in den Saal hinunter. Sofort -wurde auch das Murren stärker und verlor sich, da der Mann nichts mehr -sagte, nur allmählich. Es war jetzt im Saal viel stiller als bei K.s -Eintritt. Nur die Leute auf der Galerie hörten nicht auf, ihre -Bemerkungen zu machen. Sie schienen, soweit man oben in dem Halbdunkel, -Dunst und Staub etwas unterscheiden konnte, schlechter angezogen zu -sein als die unten. Manche hatten Polster mitgebracht, die sie zwischen -den Kopf und die Zimmerdecke gelegt hatten, um sich nicht -wundzudrücken. - -K. hatte sich entschlossen, mehr zu beobachten als zu reden, -infolgedessen verzichtete er auf die Verteidigung wegen seines -angeblichen Zuspätkommens und sagte bloß: „Mag ich zu spät gekommen -sein, jetzt bin ich hier.“ Ein Beifallklatschen, wieder aus der rechten -Saalhälfte, folgte. „Leicht zu gewinnende Leute,“ dachte K. und war nur -gestört durch die Stille in der linken Saalhälfte, die gerade hinter -ihm lag und aus der sich nur ganz vereinzeltes Händeklatschen erhoben -hatte. Er dachte nach, was er sagen könnte, um alle auf einmal oder, -wenn das nicht möglich sein sollte, wenigstens zeitweilig auch die -andern zu gewinnen. - -„Ja,“ sagte der Mann, „aber ich bin nicht mehr verpflichtet, Sie jetzt -zu verhören“ — wieder das Murren, diesmal aber mißverständlich, denn -der Mann fuhr, indem er den Leuten mit der Hand abwinkte, fort — „ich -will es jedoch ausnahmsweise heute noch tun. Eine solche Verspätung -darf sich aber nicht mehr wiederholen. Und nun treten Sie vor!“ Irgend -jemand sprang vom Podium herunter, so daß für K. ein Platz frei wurde, -auf den er hinaufstieg. Er stand eng an den Tisch gedrückt, das -Gedränge hinter ihm war so groß, daß er ihm Widerstand leisten mußte, -wollte er nicht den Tisch des Untersuchungsrichters und vielleicht auch -diesen selbst vom Podium hinunterstoßen. - -Der Untersuchungsrichter kümmerte sich aber nicht darum, sondern saß -bequem genug auf seinem Sessel und griff, nachdem er dem Mann hinter -ihm ein abschließendes Wort gesagt hatte nach einem kleinen -Anmerkungsbuch, dem einzigen Gegenstand auf seinem Tisch. Es war -schulheftartig, alt, durch vieles Blättern ganz aus der Form gebracht. -„Also,“ sagte der Untersuchungsrichter, blätterte in dem Heft und -wendete sich im Tone einer Feststellung an K., „Sie sind Zimmermaler?“ -„Nein,“ sagte K. „sondern erster Prokurist einer großen Bank.“ Dieser -Antwort folgte bei der rechten Partei ein Gelächter, das so herzlich -war, daß K. mitlachen mußte. Die Leute stützten sich mit den Händen auf -ihre Knie und schüttelten sich wie unter schweren Hustenanfällen. Es -lachten sogar einzelne auf der Galerie. Der ganz böse gewordene -Untersuchungsrichter, der wahrscheinlich gegen die Leute unten machtlos -war, suchte sich an der Galerie zu entschädigen, sprang auf, drohte der -Galerie, und seine sonst wenig auffallenden Augenbrauen drängten sich -buschig, schwarz und groß über seinen Augen. - -Die linke Saalhälfte war aber noch immer still, die Leute standen dort -in Reihen, hatten ihre Gesichter dem Podium zugewendet und hörten die -Worte, die oben gewechselt wurden, ebenso ruhig an wie den Lärm der -andern Partei, sie duldeten sogar, daß einzelne aus ihren Reihen mit -der andern Partei hie und da gemeinsam vorgingen. Die Leute der linken -Partei, die übrigens weniger zahlreich war, mochten im Grunde ebenso -unbedeutend sein wie die der rechten Partei, aber die Ruhe ihres -Verhaltens ließ sie bedeutungsvoller erscheinen. Als K. jetzt zu reden -begann, war er überzeugt, in ihrem Sinne zu sprechen. - -„Ihre Frage, Herr Untersuchungsrichter, ob ich Zimmermaler bin — -vielmehr Sie haben gar nicht gefragt, sondern es mir auf den Kopf -zugesagt — ist bezeichnend für die ganze Art des Verfahrens, das gegen -mich geführt wird. Sie können einwenden, daß es ja überhaupt kein -Verfahren ist, Sie haben sehr Recht, denn es ist ja nur ein Verfahren, -wenn ich es als solches anerkenne. Aber ich erkenne es also für den -Augenblick jetzt an, aus Mitleid gewissermaßen. Man kann sich nicht -anders als mitleidig dazu stellen, wenn man es überhaupt beachten will. -Ich sage nicht, daß es ein liederliches Verfahren ist, aber ich möchte -Ihnen diese Bezeichnung zur Selbsterkenntnis angeboten haben.“ - -K. unterbrach sich und sah in den Saal hinunter. Was er gesagt hatte, -war scharf, schärfer als er es beabsichtigt hatte, aber doch richtig. -Es hätte Beifall hier oder dort verdient, es war jedoch alles still, -man wartete offenbar gespannt auf das Folgende, es bereitete sich -vielleicht in der Stille ein Ausbruch vor, der allem ein Ende machen -würde. Störend war es, daß sich jetzt die Tür am Saalende öffnete, die -junge Wäscherin, die ihre Arbeit wahrscheinlich beendet hatte, eintrat -und trotz aller Vorsicht, die sie aufwendete, einige Blicke auf sich -zog. Nur der Untersuchungsrichter machte K. unmittelbare Freude, denn -er schien von den Worten sofort getroffen zu werden. Er hatte bisher -stehend zugehört, denn er war von K.s Ansprache überrascht worden, -während er sich für die Galerie aufgerichtet hatte. Jetzt in der Pause -setzte er sich allmählich, als sollte es nicht bemerkt werden. -Wahrscheinlich, um seine Miene zu beruhigen, nahm er wieder das -Heftchen vor. - -„Es hilft nichts,“ fuhr K. fort, „auch Ihr Heftchen, Herr -Untersuchungsrichter, bestätigt, was ich sage.“ Zufrieden damit, nur -seine ruhigen Worte in der fremden Versammlung zu hören, wagte es K. -sogar, kurzerhand das Heft dem Untersuchungsrichter wegzunehmen und es -mit den Fingerspitzen, als scheue er sich davor, an einem mittleren -Blatte hochzuheben, so daß beiderseits die engbeschriebenen, fleckigen, -gelbrandigen Blätter hinunterhingen. „Das sind die Akten des -Untersuchungsrichters,“ sagte er und ließ das Heft auf den Tisch -hinunterfallen. „Lesen Sie darin ruhig weiter, Herr -Untersuchungsrichter, vor diesem Schuldbuch fürchte ich mich wahrhaftig -nicht, trotzdem es mir unzugänglich ist, denn ich kann es nur mit zwei -Fingerspitzen anfassen und nicht in die Hand nehmen.“ Es konnte nur ein -Zeichen tiefer Demütigung sein oder es mußte zumindest so aufgefaßt -werden, daß der Untersuchungsrichter nach dem Heftchen, wie es auf den -Tisch gefallen war, griff, es ein wenig in Ordnung zu bringen suchte -und es wieder vornahm, um darin zu lesen. - -Die Gesichter der Leute in der ersten Reihe waren so gespannt auf K. -gerichtet, daß er ein Weilchen lang zu ihnen hinuntersah. Es waren -durchwegs ältere Männer, einige waren weißbärtig. Waren vielleicht sie -die Entscheidenden, die die ganze Versammlung beeinflussen konnten, -welche auch durch die Demütigung des Untersuchungsrichters sich nicht -aus der Regungslosigkeit bringen ließ, in welche sie seit K.s Rede -versunken war. - -„Was mir geschehen ist,“ fuhr K. fort, etwas leiser als früher, und -suchte immer wieder die Gesichter der ersten Reihe ab, was seiner Rede -einen etwas fahrigen Ausdruck gab, „was mir geschehen ist, ist ja nur -ein einzelner Fall und als solcher nicht sehr wichtig, da ich es nicht -sehr schwer nehme, aber es ist das Zeichen eines Verfahrens, wie es -gegen viele geübt wird. Für diese stehe ich hier ein, nicht für mich.“ - -Er hatte unwillkürlich seine Stimme erhoben. Irgendwo klatschte jemand -mit erhobenen Händen und rief: „Bravo! Warum denn nicht? Bravo! Und -wieder Bravo!“ Die in der ersten Reihe griffen hie und da in ihre -Barte, keiner kehrte sich wegen des Ausrufs um. Auch K. maß ihm keine -Bedeutung bei, war aber doch aufgemuntert; er hielt es jetzt gar nicht -mehr für nötig, daß alle Beifall klatschten, es genügte, wenn die -Allgemeinheit über die Sache nachzudenken begann und nur manchmal einer -durch Überredung gewonnen wurde. - -„Ich will nicht Rednererfolg,“ sagte K. aus dieser Überlegung heraus, -„er dürfte mir auch nicht erreichbar sein. Der Herr -Untersuchungsrichter spricht wahrscheinlich viel besser, es gehört ja -zu seinem Beruf. Was ich will, ist nur die öffentliche Besprechung -eines öffentlichen Mißstandes. Hören Sie: Ich bin vor etwa 10 Tagen -verhaftet worden, über die Tatsache der Verhaftung selbst lache ich, -aber das gehört jetzt nicht hierher. Ich wurde früh im Bett überfallen, -vielleicht hatte man — es ist nach dem, was der Untersuchungsrichter -sagte, nicht ausgeschlossen — den Befehl, irgendeinen Zimmermaler, der -ebenso unschuldig ist wie ich, zu verhaften, aber man wählte mich. Das -Nebenzimmer war von zwei groben Wächtern besetzt. Wenn ich ein -gefährlicher Räuber wäre, hätte man nicht bessere Vorsorge treffen -können. Diese Wächter waren überdies demoralisiertes Gesindel, sie -schwätzten mir die Ohren voll, sie wollten sich bestechen lassen, sie -wollten mir unter Vorspiegelungen Wäsche und Kleider herauslocken, sie -wollten Geld, um mir angeblich ein Frühstück zu bringen, nachdem sie -mein eigenes Frühstück vor meinen Augen schamlos aufgegessen hatten. -Nicht genug daran. Ich wurde in ein drittes Zimmer vor den Aufseher -geführt. Es war das Zimmer einer Dame, die ich sehr schätze, und ich -mußte zusehen, wie dieses Zimmer meinetwegen, aber ohne meine Schuld -durch die Anwesenheit der Wächter und des Aufsehers gewissermaßen -verunreinigt wurde. Es war nicht leicht, ruhig zu bleiben. Es gelang -mir aber, und ich fragte den Aufseher vollständig ruhig — wenn er hier -wäre, müßte er es bestätigen — warum ich verhaftet sei. Was antwortete -nun dieser Aufseher, den ich jetzt noch vor mir sehe, wie er auf dem -Sessel der erwähnten Dame als eine Darstellung des stumpfsinnigsten -Hochmuts sitzt? Meine Herren, er antwortete im Grunde nichts, -vielleicht wußte er wirklich nichts, er hatte mich verhaftet und war -damit zufrieden. Er hat sogar noch ein übriges getan und in das Zimmer -jener Dame drei niedrige Angestellte meiner Bank gebracht, die sich -damit beschäftigten, Photographien, Eigentum der Dame, zu betasten und -in Unordnung zu bringen. Die Anwesenheit dieser Angestellten hatte -natürlich noch einen andern Zweck, sie sollten, ebenso wie meine -Vermieterin und ihr Dienstmädchen, die Nachricht von meiner Verhaftung -verbreiten, mein öffentliches Ansehen schädigen und insbesondere in der -Bank meine Stellung erschüttern. Nun ist nichts davon, auch nicht im -geringsten, gelungen, selbst meine Vermieterin, eine ganz einfache -Person — ich will ihren Namen hier in ehrendem Sinne nennen, sie heißt -Frau Grubach — selbst Frau Grubach war verständig genug einzusehen, daß -eine solche Verhaftung nicht mehr bedeutet als ein Anschlag, den nicht -genügend beaufsichtigte Jungen auf der Gasse ausführen. Ich wiederhole, -mir hat das Ganze nur Unannehmlichkeiten und vorübergehenden Ärger -bereitet, hätte es aber nicht auch schlimmere Folgen haben können?“ - -Als K. sich hier unterbrach und nach dem stillen Untersuchungsrichter -hinsah, glaubte er zu bemerken, daß dieser gerade mit einem Blick -jemandem in der Menge ein Zeichen gab. K. lächelte und sagte: „Eben -gibt hier neben mir der Herr Untersuchungsrichter jemandem von Ihnen -ein geheimes Zeichen. Es sind also Leute unter Ihnen, die von hier oben -dirigiert werden. Ich weiß nicht, ob das Zeichen jetzt Zischen oder -Beifall bewirken sollte, und verzichte dadurch, daß ich die Sache -vorzeitig verrate, ganz bewußt darauf, die Bedeutung des Zeichens zu -erfahren. Es ist mir vollständig gleichgültig, und ich ermächtige den -Herrn Untersuchungsrichter öffentlich, seine bezahlten Angestellten -dort unten statt mit geheimen Zeichen, laut mit Worten zu befehligen, -indem er etwa einmal sagt: Jetzt zischt, und das nächste Mal: Jetzt -klatscht.“ - -In Verlegenheit oder Ungeduld rückte der Untersuchungsrichter auf -seinem Sessel hin und her. Der Mann hinter ihm, mit dem er sich schon -früher unterhalten hatte, beugte sich wieder zu ihm, sei es, um ihm im -allgemeinen Mut zuzusprechen oder um ihm einen besondern Rat zu geben. -Unten unterhielten sich die Leute leise, aber lebhaft. Die zwei -Parteien, die früher so entgegengesetzte Meinungen gehabt zu haben -schienen, vermischten sich, einzelne Leute zeigten mit dem Finger auf -K., andere auf den Untersuchungsrichter. Der neblige Dunst im Zimmer -war äußerst lästig, er verhinderte sogar eine genauere Beobachtung der -Fernerstehenden. Besonders für die Galeriebesucher mußte er störend -sein, sie waren gezwungen, allerdings unter scheuen Seitenblicken nach -dem Untersuchungsrichter, leise Fragen an die Versammlungsteilnehmer zu -stellen, um sich näher zu unterrichten. Die Antworten wurden im Schutz -der vorgehaltenen Hände ebenso leise gegeben. - -„Ich bin gleich zu Ende,“ sagte K. und schlug, da keine Glocke -vorhanden war, mit der Faust auf den Tisch. Im Schrecken darüber fuhren -die Köpfe des Untersuchungsrichters und seines Ratgebers augenblicklich -auseinander: „Mir steht die ganze Sache fern, ich beurteile sie daher -ruhig, und Sie können, vorausgesetzt, daß Ihnen an diesem angeblichen -Gericht etwas gelegen ist, großen Vorteil davon haben, wenn Sie mir -zuhören. Ihre gegenseitigen Besprechungen dessen, was ich vorbringe, -bitte ich Sie für späterhin zu verschieben, denn ich habe keine Zeit -und werde bald weggehn.“ - -Sofort war es still, so sehr beherrschte schon K. die Versammlung. Man -schrie nicht mehr durcheinander wie am Anfang, man klatschte nicht -einmal mehr Beifall, aber man schien schon überzeugt oder auf dem -nächsten Wege dazu. - -„Es ist kein Zweifel,“ sagte K. sehr leise, denn ihn freute das -angespannte Aufhorchen der ganzen Versammlung, in dieser Stille -entstand ein Sausen, das aufreizender war als der verzückteste Beifall, -„es ist kein Zweifel, daß hinter allen Äußerungen dieses Gerichtes, in -meinem Fall also hinter der Verhaftung und der heutigen Untersuchung -eine große Organisation sich befindet. Eine Organisation, die nicht nur -bestechliche Wächter, läppische Aufseher und Untersuchungsrichter, die -günstigsten Falles bescheiden sind, beschäftigt, sondern die weiterhin -jedenfalls eine Richterschaft hohen und höchsten Grades unterhält, mit -dem zahllosen unumgänglichen Gefolge von Dienern, Schreibern, Gendarmen -und andern Hilfskräften, vielleicht sogar Henkern, ich scheue vor dem -Wort nicht zurück. Und der Sinn dieser großen Organisation, meine -Herren? Er besteht darin, daß unschuldige Personen verhaftet werden und -gegen sie ein sinnloses und meistens wie in meinem Fall ergebnisloses -Verfahren eingeleitet wird. Wie ließe sich bei dieser Sinnlosigkeit des -Ganzen die schlimmste Korruption der Beamtenschaft vertuschen? Das ist -unmöglich, das brächte auch der höchste Richter nicht einmal für sich -selbst zustande. Darum suchen die Wächter den Verhafteten die Kleider -vom Leib zu stehlen, darum brechen Aufseher in fremde Wohnungen ein, -darum sollen Unschuldige statt verhört lieber vor ganzen Versammlungen -entwürdigt werden. Die Wächter haben nur von Depots erzählt, in die man -das Eigentum der Verhafteten bringt, ich wollte einmal diese -Depotplätze sehen, in denen das mühsam erarbeitete Vermögen der -Verhafteten fault, soweit es nicht von diebischen Depotbeamten -gestohlen ist.“ - -K. wurde durch ein Kreischen vom Saalende unterbrochen, er beschattete -die Augen, um hinsehen zu können, denn das trübe Tageslicht machte den -Dunst weißlich und blendete. Es handelte sich um die Waschfrau, die K. -gleich bei ihrem Eintritt als eine wesentliche Störung erkannt hatte. -Ob sie jetzt schuldig war oder nicht, konnte man nicht erkennen. K. sah -nur, daß ein Mann sie in einen Winkel bei der Tür gezogen hatte und -dort an sich drückte. Aber nicht sie kreischte, sondern der Mann, er -hatte den Mund breit gezogen und blickte zur Decke. Ein kleiner Kreis -hatte sich um beide gebildet, die Galeriebesucher in der Nähe schienen -darüber begeistert, daß der Ernst, den K. in die Versammlung eingeführt -hatte, auf diese Weise unterbrochen wurde. K. wollte unter dem ersten -Eindruck gleich hinlaufen, auch dachte er, allen würde daran gelegen -sein, dort Ordnung zu schaffen und zumindest das Paar aus dem Saal zu -weisen, aber die ersten Reihen vor ihm blieben ganz fest, keiner rührte -sich und keiner ließ K. durch. Im Gegenteil, man hinderte ihn, und -irgendeine Hand — er hatte nicht Zeit sich umzudrehn — faßte ihn hinten -am Kragen, alte Männer hielten den Arm vor, K. dachte nicht eigentlich -mehr an das Paar, ihm war, als werde seine Freiheit eingeschränkt, als -mache man mit der Verhaftung ernst und er sprang rücksichtslos vom -Podium hinunter. Nun stand er Aug’ an Aug’ dem Gedränge gegenüber. -Hatte er die Leute nicht richtig beurteilt? Hatte er seiner Rede zuviel -Wirkung zugetraut? Hatte man sich verstellt, solange er gesprochen -hatte, und hatte man jetzt, da er zu den Schlußfolgerungen kam, die -Verstellung satt? Was für Gesichter rings um ihn! Kleine schwarze -Äuglein huschten hin und her, die Wangen hingen herab wie bei -Versoffenen, die langen Bärte waren steif und schütter, und griff man -in sie, so war es, als bilde man bloß Krallen, nicht als griffe man an -Bärte. Unter den Bärten aber — und das war die eigentliche Entdeckung, -die K. machte — schimmerten am Rockkragen Abzeichen in verschiedener -Größe und Farbe. Alle hatten diese Abzeichen, soweit man sehen konnte. -Alle gehörten zueinander, die scheinbaren Parteien rechts und links, -und als er sich plötzlich umdrehte, sah er die gleichen Abzeichen am -Kragen des Untersuchungsrichters, der, die Hände im Schoß, ruhig -hinuntersah. „So,“ rief K. und warf die Arme in die Höhe, die -plötzliche Erkenntnis wollte Raum, „ihr seid ja alle Beamte, wie ich -sehe, ihr seid ja die korrupte Bande, gegen die ich sprach, ihr habt -euch hier gedrängt, als Zuhörer und Schnüffler, habt scheinbar Parteien -gebildet, und eine hat applaudiert, um mich zu prüfen, ihr wolltet -lernen, wie man Unschuldige verführen soll. Nun, ihr seid richtig -nutzlos hier gewesen, hoffe ich, entweder habt ihr euch darüber -unterhalten, daß jemand die Verteidigung der Unschuld von euch erwartet -hat, oder aber — laß mich oder ich schlage,“ rief K. einem zitternden -Greis zu, der sich besonders nahe an ihn geschoben hatte — „oder aber -ihr habt wirklich etwas gelernt. Und damit wünsche ich euch Glück zu -eurem Gewerbe.“ Er nahm schnell seinen Hut, der am Rand des Tisches -lag, und drängte sich unter allgemeiner Stille, jedenfalls der Stille -vollkommenster Überraschung, zum Ausgang. Der Untersuchungsrichter -schien aber noch schneller als K. gewesen zu sein, denn er erwartete -ihn bei der Tür. „Einen Augenblick,“ sagte er. K. blieb stehen, sah -aber nicht auf den Untersuchungsrichter, sondern auf die Tür, deren -Klinke er schon ergriffen hatte. „Ich wollte Sie nur darauf aufmerksam -machen,“ sagte der Untersuchungsrichter, „daß Sie sich heute — es -dürfte Ihnen noch nicht zu Bewußtsein gekommen sein — des Vorteils -beraubt haben, den ein Verhör für den Verhafteten in jedem Falle -bedeutet.“ K. lachte die Tür an. „Ihr Lumpen, ich schenke euch alle -Verhöre,“ rief er, öffnete die Tür und eilte die Treppe hinunter. -Hinter ihm erhob sich der Lärm der wieder lebendig gewordenen -Versammlung, welche die Vorfälle nach Art von Studierenden zu -besprechen begann. - - - - - - - - -DRITTES KAPITEL - -IM LEEREN SITZUNGSSAAL · DER STUDENT · DIE KANZLEIEN - - -K. wartete während der nächsten Woche von Tag zu Tag auf eine -neuerliche Verständigung, er konnte nicht glauben, daß man seinen -Verzicht auf Verhör wörtlich genommen hatte, und als die erwartete -Verständigung bis Sonntagabend wirklich nicht kam, nahm er an, er sei -stillschweigend in das gleiche Haus für die gleiche Zeit wieder -vorgeladen. Er begab sich daher Sonntags wieder hin, ging diesmal -geradewegs über Treppen und Gänge; einige Leute, die sich seiner -erinnerten, grüßten ihn an ihren Türen, aber er mußte niemanden mehr -fragen und kam bald zu der richtigen Tür. Auf sein Klopfen wurde ihm -gleich aufgemacht, und ohne sich weiter nach der bekannten Frau -umzusehn, die bei der Tür stehen blieb, wollte er gleich ins -Nebenzimmer. „Heute ist keine Sitzung,“ sagte die Frau. „Warum sollte -keine Sitzung sein?“ fragte er und wollte es nicht glauben. Aber die -Frau überzeugte ihn, indem sie die Tür des Nebenzimmers öffnete. Es war -wirklich leer und sah in seiner Leere noch kläglicher aus, als am -letzten Sonntag. Auf dem Tisch, der unverändert auf dem Podium stand, -lagen einige Bücher. „Kann ich mir die Bücher anschauen,“ fragte K., -nicht aus besonderer Neugierde, sondern nur um nicht vollständig -nutzlos hier gewesen zu sein. „Nein,“ sagte die Frau und schloß wieder -die Tür, „das ist nicht erlaubt. Die Bücher gehören dem -Untersuchungsrichter.“ „Ach so,“ sagte K. und nickte, „die Bücher sind -wohl Gesetzbücher und es gehört zu der Art dieses Gerichtswesens, daß -man nicht nur unschuldig, sondern auch unwissend verurteilt wird.“ „Es -wird so sein,“ sagte die Frau, die ihn nicht genau verstanden hatte. -„Nun, dann gehe ich wieder,“ sagte K. „Soll ich dem -Untersuchungsrichter etwas melden?“ fragte die Frau. „Sie kennen ihn?“ -fragte K. „Natürlich,“ sagte die Frau, „mein Mann ist ja -Gerichtsdiener.“ Erst jetzt merkte K., daß das Zimmer, in dem letzthin -nur ein Waschbottich gestanden war, jetzt ein völlig eingerichtetes -Wohnzimmer bildete. Die Frau bemerkte sein Staunen und sagte: „Ja, wir -haben hier freie Wohnung, müssen aber an Sitzungstagen das Zimmer -ausräumen. Die Stellung meines Mannes hat manche Nachteile.“ „Ich -staune nicht so sehr über das Zimmer,“ sagte K. und blickte sie böse -an, „als vielmehr darüber, daß Sie verheiratet sind.“ „Spielen Sie -vielleicht auf den Vorfall in der letzten Sitzung an, durch den ich -Ihre Rede störte,“ fragte die Frau. „Natürlich,“ sagte K., „heute ist -es ja schon vorüber und fast vergessen, aber damals hat es mich -geradezu wütend gemacht. Und nun sagen Sie selbst, daß Sie eine -verheiratete Frau sind.“ „Es war nicht zu Ihrem Nachteil, daß Ihre Rede -abgebrochen wurde. Man hat nachher noch sehr ungünstig über sie -geurteilt.“ „Mag sein,“ sagte K. ablenkend, „aber Sie entschuldigt das -nicht.“ „Ich bin vor allen entschuldigt, die mich kennen,“ sagte die -Frau, „der, welcher mich damals umarmt hat, verfolgt mich schon seit -langem. Ich mag im allgemeinen nicht verlockend sein, für ihn bin ich -es aber. Es gibt hiefür keinen Schutz, auch mein Mann hat sich schon -damit abgefunden; will er seine Stellung behalten, muß er es dulden, -denn jener Mann ist Student und wird voraussichtlich zu größerer Macht -kommen. Er ist immerfort hinter mir her, gerade ehe Sie kamen, ist er -fortgegangen.“ „Es paßt zu allem andern,“ sagte K., „es überrascht mich -nicht.“ „Sie wollen hier wohl einiges verbessern,“ fragte die Frau -langsam und prüfend, als sage sie etwas, was sowohl für sie als für K. -gefährlich war. „Ich habe das schon aus Ihrer Rede geschlossen, die mir -persönlich sehr gut gefallen hat. Ich habe allerdings nur einen Teil -gehört, den Anfang habe ich versäumt und während des Schlusses lag ich -mit dem Studenten auf dem Boden. — Es ist ja so widerlich hier,“ sagte -sie nach einer Pause und faßte K.s Hand. „Glauben Sie, daß es Ihnen -gelingen wird, eine Besserung zu erreichen?“ K. lächelte und drehte -seine Hand ein wenig in ihren weichen Händen. „Eigentlich,“ sagte er, -„bin ich nicht dazu angestellt, Besserungen hier zu erreichen, wie Sie -sich ausdrücken, und wenn Sie es z. B. dem Untersuchungsrichter sagen -würden, würden Sie ausgelacht oder bestraft werden. Tatsächlich hätte -ich mich auch aus freiem Willen in diese Dinge gewiß nicht eingemischt -und meinen Schlaf hätte die Verbesserungsbedürftigkeit dieses -Gerichtswesens niemals gestört. Aber ich bin dadurch, daß ich angeblich -verhaftet wurde — ich bin nämlich verhaftet — gezwungen worden, hier -einzugreifen, und zwar um meinetwillen. Wenn ich aber dabei auch Ihnen -irgendwie nützlich sein kann, werde ich es natürlich sehr gerne tun. -Nicht etwa nur aus Nächstenliebe, sondern außerdem deshalb, weil auch -Sie mir helfen können.“ „Wie könnte ich denn das,“ fragte die Frau. -„Indem Sie mir z. B. jetzt die Bücher dort auf dem Tisch zeigen.“ „Aber -gewiß,“ rief die Frau und zog ihn eiligst hinter sich her. Es waren -alte abgegriffene Bücher, ein Einbanddeckel war in der Mitte fast -zerbrochen, die Stücke hingen nur durch Fasern zusammen. „Wie schmutzig -hier alles ist,“ sagte K. kopfschüttelnd und die Frau wischte mit ihrer -Schürze, ehe K. nach den Büchern greifen konnte, wenigstens -oberflächlich den Staub weg. K. schlug das erste Buch auf, es erschien -ein unanständiges Bild. Ein Mann und eine Frau saßen nackt auf dem -Kanapee, die gemeine Absicht des Zeichners war deutlich zu erkennen, -aber seine Ungeschicklichkeit war so groß gewesen, daß schließlich doch -nur ein Mann und eine Frau zu sehen waren, die allzu körperlich aus dem -Bilde hervorragten, übermäßig aufrecht dasaßen und sich infolge -falscher Perspektive nur mühsam einander zuwendeten. K. blätterte nicht -weiter, sondern schlug nur noch das Titelblatt des zweiten Buches auf, -es war ein Roman mit dem Titel: „Die Plagen, welche Grete von ihrem -Manne Hans zu erleiden hatte.“ „Das sind die Gesetzbücher, die hier -studiert werden,“ sagte K., „von solchen Menschen soll ich gerichtet -werden.“ „Ich werde Ihnen helfen,“ sagte die Frau. „Wollen Sie?“ -„Könnten Sie denn das wirklich, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen? -Sie sagten doch vorhin, Ihr Mann sei sehr abhängig von Vorgesetzten.“ -„Trotzdem will ich Ihnen helfen,“ sagte die Frau, „kommen Sie, wir -müssen es besprechen. Über meine Gefahr reden Sie nicht mehr, ich -fürchte die Gefahr nur dort, wo ich sie fürchten will. Kommen Sie.“ Sie -zeigte auf das Podium und bat ihn, sich mit ihr auf die Stufe zu -setzen. „Sie haben schöne dunkle Augen,“ sagte sie, nachdem sie sich -gesetzt hatten und sah K. von unten ins Gesicht, „man sagt mir, ich -hätte auch schöne Augen, aber Ihre sind viel schöner. Sie fielen mir -übrigens gleich damals auf, als Sie zum erstenmal hier eintraten. Sie -waren auch der Grund, warum ich dann später hierher ins -Versammlungszimmer ging, was ich sonst niemals tue und was mir sogar -gewissermaßen verboten ist.“ ‚Das ist also alles,‘ dachte K., ‚sie -bietet sich mir an, sie ist verdorben wie alle hier rings herum, sie -hat die Gerichtsbeamten satt, was ja begreiflich ist, und begrüßt -deshalb jeden beliebigen Fremden mit einem Kompliment wegen seiner -Augen.‘ Und K. stand stillschweigend auf, als hätte er seine Gedanken -laut ausgesprochen und dadurch der Frau sein Verhalten erklärt. „Ich -glaube nicht, daß Sie mir helfen könnten,“ sagte er, „um mir wirklich -zu helfen, müßte man Beziehungen zu hohen Beamten haben. Sie aber -kennen gewiß nur die niedrigen Angestellten, die sich hier in Mengen -herumtreiben. Diese kennen Sie gewiß sehr gut und könnten bei ihnen -auch manches durchsetzen, das bezweifle ich nicht, aber das Größte, was -man bei ihnen durchsetzen könnte, wäre für den endgültigen Ausgang des -Prozesses gänzlich belanglos. Sie aber hätten sich dadurch doch einige -Freunde verscherzt. Das will ich nicht. Führen Sie Ihr bisheriges -Verhältnis zu diesen Leuten weiter, es scheint mir nämlich, daß es -Ihnen unentbehrlich ist. Ich sage das nicht ohne Bedauern, denn, um Ihr -Kompliment doch auch irgendwie zu erwidern, auch Sie gefallen mir gut, -besonders wenn Sie mich wie jetzt so traurig ansehn, wozu übrigens für -Sie gar kein Grund ist. Sie gehören zu der Gesellschaft, die ich -bekämpfen muß, befinden sich aber in ihr sehr wohl, Sie lieben sogar -den Studenten, und wenn Sie ihn nicht lieben, so ziehen Sie ihn doch -wenigstens Ihrem Manne vor. Das konnte man aus Ihren Worten leicht -erkennen.“ „Nein,“ rief sie, blieb sitzen und griff nur nach K.s Hand, -die er ihr nicht rasch genug entzog. „Sie dürfen jetzt nicht weggehn, -Sie dürfen nicht mit einem falschen Urteil über mich weggehn. Brächten -Sie es wirklich zustande, jetzt wegzugehn? Bin ich wirklich so wertlos, -daß Sie mir nicht einmal den Gefallen tun wollen, noch ein kleines -Weilchen hierzubleiben?“ „Sie mißverstehen mich,“ sagte K. und setzte -sich, „wenn Ihnen wirklich daran liegt, daß ich hierbleibe, bleibe ich -gern, ich habe ja Zeit, ich kam doch in der Erwartung her, daß heute -eine Verhandlung sein werde. Mit dem, was ich früher sagte, wollte ich -Sie nur bitten, in meinem Prozeß nichts für mich zu unternehmen. Aber -auch das muß Sie nicht kränken, wenn Sie bedenken, daß mir am Ausgang -des Prozesses gar nichts liegt und daß ich über eine Verurteilung nur -lachen werde. Vorausgesetzt, daß es überhaupt zu einem wirklichen -Abschluß des Prozesses kommt, was ich sehr bezweifle. Ich glaube -vielmehr, daß das Verfahren infolge Faulheit oder Vergeßlichkeit oder -vielleicht sogar infolge Angst der Beamtenschaft schon abgebrochen ist -oder in der nächsten Zeit abgebrochen werden wird. Möglich ist -allerdings auch, daß man in Hoffnung auf irgendeine größere Bestechung -den Prozeß scheinbar weiterführen wird, ganz vergeblich, wie ich heute -schon sagen kann, denn ich besteche niemanden. Es wäre immerhin eine -Gefälligkeit, die Sie mir leisten könnten, wenn Sie dem -Untersuchungsrichter oder irgend jemandem sonst, der wichtige -Nachrichten gern verbreitet, mitteilen würden, daß ich niemals und -durch keine Kunststücke, an denen die Herren wohl reich sind, zu einer -Bestechung zu bewegen sein werde. Es wäre ganz aussichtslos, das können -Sie ihnen offen sagen. Übrigens wird man es vielleicht selbst schon -bemerkt haben und selbst wenn dies nicht sein sollte, liegt mir gar -nicht soviel daran, daß man es jetzt schon erfährt. Es würde ja dadurch -den Herren nur Arbeit erspart werden, allerdings auch mir einige -Unannehmlichkeiten, die ich aber gern auf mich nehme, wenn ich weiß, -daß jede gleichzeitig ein Hieb für die andern ist. Und daß es so wird, -dafür will ich sorgen. Kennen Sie eigentlich den Untersuchungsrichter?“ -„Natürlich,“ sagte die Frau, „an den dachte ich sogar zuerst, als ich -Ihnen Hilfe anbot. Ich wußte nicht, daß er nur ein niedriger Beamter -ist, aber da Sie es sagen, wird es wahrscheinlich richtig sein. -Trotzdem glaube ich, daß der Bericht, den er nach oben liefert, -immerhin einigen Einfluß hat. Und er schreibt soviel Berichte. Sie -sagen, daß die Beamten faul sind, alle gewiß nicht, besonders dieser -Untersuchungsrichter nicht, er schreibt sehr viel. Letzten Sonntag z. -B. dauerte die Sitzung bis gegen Abend. Alle Leute gingen weg, der -Untersuchungsrichter aber blieb im Saal, ich mußte ihm eine Lampe -bringen, ich hatte nur eine kleine Küchenlampe, aber er war mit ihr -zufrieden und fing gleich zu schreiben an. Inzwischen war auch mein -Mann gekommen, der an jenem Sonntag gerade Urlaub hatte, wir holten die -Möbel, richteten wieder unser Zimmer ein, es kamen dann noch Nachbarn, -wir unterhielten uns noch bei einer Kerze, kurz, wir vergaßen den -Untersuchungsrichter und gingen schlafen. Plötzlich in der Nacht, es -muß schon tief in der Nacht gewesen sein, wache ich auf, neben dem Bett -steht der Untersuchungsrichter und blendet die Lampe mit der Hand ab, -so daß auf meinen Mann kein Licht fällt, es war unnötige Vorsicht, mein -Mann hat einen solchen Schlaf, daß ihn auch das Licht nicht geweckt -hätte. Ich war so erschrocken, daß ich fast geschrien hätte, aber der -Untersuchungsrichter war sehr freundlich, ermahnte mich zur Vorsicht, -flüsterte mir zu, daß er bis jetzt geschrieben habe, daß er mir jetzt -die Lampe zurückbringe und daß er niemals den Anblick vergessen werde, -wie er mich schlafend gefunden habe. Mit dem allen wollte ich Ihnen nur -sagen, daß der Untersuchungsrichter tatsächlich viele Berichte -schreibt, insbesondere über Sie, denn Ihre Einvernahme war gewiß einer -der Hauptgegenstände der zweitägigen Sitzung. Solche lange Berichte -können aber doch nicht ganz bedeutungslos sein. Außerdem aber können -Sie doch auch aus dem Vorfall sehn, daß sich der Untersuchungsrichter -um mich bewirbt und daß ich gerade jetzt in der ersten Zeit, er muß -mich überhaupt erst jetzt bemerkt haben, großen Einfluß auf ihn haben -kann. Daß ihm viel an mir liegt, dafür habe ich jetzt auch noch andere -Beweise. Er hat mir gestern durch den Studenten, zu dem er viel -Vertrauen hat und der sein Mitarbeiter ist, seidene Strümpfe zum -Geschenk geschickt, angeblich dafür, daß ich das Sitzungszimmer -aufräume, aber das ist nur ein Vorwand, denn diese Arbeit ist doch nur -meine Pflicht und für sie wird mein Mann bezahlt. Es sind schöne -Strümpfe, sehen Sie — sie streckte die Beine, zog die Röcke bis zum -Knie hinauf und sah auch selbst die Strümpfe an — es sind schöne -Strümpfe, aber doch eigentlich zu fein und für mich nicht geeignet.“ - -Plötzlich unterbrach sie sich, legte ihre Hand auf K.s Hand, als wolle -sie ihn beruhigen und flüsterte: „Still, Bertold sieht uns zu.“ K. hob -langsam den Blick. In der Tür des Sitzungszimmers stand ein junger -Mann, er war klein, hatte nicht ganz gerade Beine und suchte sich durch -einen kurzen schüttern rötlichen Vollbart, in dem er die Finger -fortwährend herumführte, Würde zu geben. K. sah ihn neugierig an, es -war ja der erste Student der unbekannten Rechtswissenschaft, dem er -gewissermaßen menschlich begegnete, ein Mann, der wahrscheinlich auch -einmal zu höhern Beamtenstellen gelangen würde. Der Student dagegen -kümmerte sich um K. scheinbar gar nicht, er winkte nur mit einem -Finger, den er für einen Augenblick aus seinem Barte zog, der Frau und -ging zum Fenster, die Frau beugte sich zu K. und flüsterte: „Seien Sie -mir nicht böse, ich bitte Sie vielmals, denken Sie auch nicht schlecht -von mir, ich muß jetzt zu ihm gehn, zu diesem scheußlichen Menschen, -sehn Sie nur seine krummen Beine an. Aber ich komme gleich zurück und -dann geh ich mit Ihnen, wenn Sie mich mitnehmen, ich gehe, wohin Sie -wollen, Sie können mit mir tun, was Sie wollen, ich werde glücklich -sein, wenn ich von hier für möglichst lange Zeit fort bin, am liebsten -allerdings für immer.“ Sie streichelte noch K.s Hand, sprang auf und -lief zum Fenster. Unwillkürlich haschte noch K. nach ihrer Hand ins -Leere. Die Frau verlockte ihn wirklich, er fand trotz allem Nachdenken -keinen haltbaren Grund dafür, warum er der Verlockung nicht nachgeben -sollte. Den flüchtigen Einwand, daß ihn die Frau für das Gericht -einfange, wehrte er ohne Mühe ab. Auf welche Weise konnte sie ihn -einfangen? Blieb er nicht immer so frei, daß er das ganze Gericht, -wenigstens soweit es ihn betraf, sofort zerschlagen konnte? Konnte er -nicht dieses geringe Vertrauen zu sich haben? Und ihr Anerbieten einer -Hilfe klang aufrichtig und war vielleicht nicht wertlos. Und es gab -vielleicht keine bessere Rache an dem Untersuchungsrichter und seinem -Anhang, als daß er ihnen diese Frau entzog und an sich nahm. Es könnte -sich dann einmal der Fall ereignen, daß der Untersuchungsrichter nach -mühevoller Arbeit an Lügenberichten über K. in später Nacht das Bett -der Frau leer fand. Und leer deshalb, weil sie K. gehörte, weil diese -Frau am Fenster, dieser üppige gelenkige warme Körper im dunklen Kleid -aus grobem schweren Stoff durchaus nur K. gehörte. - -Nachdem er auf diese Weise die Bedenken gegen die Frau beseitigt hatte, -wurde ihm das leise Zwiegespräch am Fenster zu lang, er klopfte mit den -Knöcheln auf das Podium und dann auch mit der Faust. Der Student sah -kurz über die Schulter der Frau hinweg nach K. hin, ließ sich aber -nicht stören, ja drückte sich sogar enger an die Frau und umfaßte sie. -Sie senkte tief den Kopf, als höre sie ihm aufmerksam zu, er küßte sie, -als sie sich bückte, laut auf den Hals, ohne sich im Reden wesentlich -zu unterbrechen. K. sah darin die Tyrannei bestätigt, die der Student -nach den Klagen der Frau über sie ausübte, stand auf und ging im Zimmer -auf und ab. Er überlegte unter Seitenblicken nach dem Studenten, wie er -ihn möglichst schnell wegschaffen könnte, und es war ihm daher nicht -unwillkommen, als der Student, offenbar gestört durch K.s Herumgehn, -das schon zeitweilig zu einem Trampeln ausgeartet war, bemerkte: „Wenn -Sie ungeduldig sind, können Sie weggehn. Sie hätten auch schon früher -weggehn können, es hätte Sie niemand vermißt. Ja, Sie hätten sogar -weggehn sollen, und zwar schon bei meinem Eintritt, und zwar -schleunigst.“ Es mochte in dieser Bemerkung alle mögliche Wut zum -Ausbruch kommen, jedenfalls lag darin aber auch der Hochmut des -künftigen Gerichtsbeamten, der zu einem mißliebigen Angeklagten sprach. -K. blieb ganz nahe bei ihm stehn und sagte lächelnd: „Ich bin -ungeduldig, das ist richtig, aber diese Ungeduld wird am leichtesten -dadurch zu beseitigen sein, daß Sie uns verlassen. Wenn Sie aber -vielleicht hergekommen sind, um zu studieren — ich hörte, daß Sie -Student sind — so will ich Ihnen gerne Platz machen und mit der Frau -weggehn. Sie werden übrigens noch viel studieren müssen, ehe Sie -Richter werden. Ich kenne zwar Ihr Gerichtswesen noch nicht sehr genau, -nehme aber an, daß es mit groben Reden allein, die Sie allerdings schon -unverschämt gut zu führen wissen, noch lange nicht getan ist.“ „Man -hätte ihn nicht so frei herumlaufen lassen sollen,“ sagte der Student, -als wolle er der Frau eine Erklärung für K.s beleidigende Rede geben, -„es war ein Mißgriff. Ich habe es dem Untersuchungsrichter gesagt. Man -hätte ihn zwischen den Verhören zumindest in seinem Zimmer halten -sollen. Der Untersuchungsrichter ist manchmal unbegreiflich.“ „Unnütze -Reden,“ sagte K. und streckte die Hand nach der Frau aus, „kommen Sie.“ -„Ach so,“ sagte der Student, „nein, nein, die bekommen Sie nicht,“ und -mit einer Kraft, die man ihm nicht zugetraut hätte, hob er sie auf -einen Arm, und lief mit gebeugtem Rücken, zärtlich zu ihr aufsehend, -zur Tür. Eine gewisse Angst vor K. war hiebei nicht zu verkennen, -trotzdem wagte er es, K. noch zu reizen, indem er mit der freien Hand -den Arm der Frau streichelte und drückte. K. lief paar Schritte neben -ihm her, bereit, ihn zu fassen und, wenn es sein müßte, zu würgen, da -sagte die Frau: „Es hilft nichts, der Untersuchungsrichter läßt mich -holen, ich darf nicht mit Ihnen gehn, dieses kleine Scheusal,“ sie fuhr -hiebei dem Studenten mit der Hand übers Gesicht, „dieses kleine -Scheusal läßt mich nicht.“ „Und Sie wollen nicht befreit werden,“ -schrie K. und legte die Hand auf die Schulter des Studenten, der mit -den Zähnen nach ihr schnappte. „Nein,“ rief die Frau und wehrte K. mit -beiden Händen ab, „nein, nein, nur das nicht, woran denken Sie denn! -Das wäre mein Verderben. Lassen Sie ihn doch, o bitte, lassen Sie ihn -doch. Er führt ja nur den Befehl des Untersuchungsrichters aus und -trägt mich zu ihm.“ „Dann mag er laufen und Sie will ich nie mehr -sehn,“ sagte K. wütend vor Enttäuschung und gab dem Studenten einen -Stoß in den Rücken, daß er kurz stolperte, um gleich darauf, vor -Vergnügen darüber, daß er nicht gefallen war, mit seiner Last desto -höher zu springen. K. ging ihnen langsam nach, er sah ein, daß das die -erste zweifellose Niederlage war, die er von diesen Leuten erfahren -hatte. Es war natürlich gar kein Grund, sich deshalb zu ängstigen, er -erhielt die Niederlage nur deshalb, weil er den Kampf aufsuchte. Wenn -er zu Hause bliebe und sein gewohntes Leben führen würde, war er jedem -dieser Leute tausendfach überlegen und konnte jeden mit einem Fußtritt -von seinem Wege räumen. Und er stellte sich die allerlächerlichste -Szene vor, die es z. B. geben würde, wenn dieser klägliche Student, -dieses aufgeblasene Kind, dieser krumme Bartträger vor Elsas Bett knien -und mit gefalteten Händen um Gnade bitten würde. K. gefiel diese -Vorstellung so, daß er beschloß, wenn sich nur irgendeine Gelegenheit -dafür ergeben sollte, den Studenten einmal zu Elsa mitzunehmen. - -Aus Neugierde eilte K. noch zur Tür, er wollte sehn, wohin die Frau -getragen wurde, der Student würde sie doch nicht etwa über die Straßen -auf dem Arm tragen. Es zeigte sich, daß der Weg viel kürzer war. Gleich -gegenüber der Wohnungstür führte eine schmale hölzerne Treppe -wahrscheinlich zum Dachboden, sie machte eine Wendung, so daß man ihr -Ende nicht sah. Über diese Treppe trug der Student die Frau hinauf, -schon sehr langsam und stöhnend, denn er war durch das bisherige Laufen -geschwächt. Die Frau grüßte mit der Hand zu K. hinunter, und suchte -durch Auf- und Abziehn der Schultern zu zeigen, daß sie an der -Entführung unschuldig sei, viel Bedauern lag aber in dieser Bewegung -nicht. K. sah sie ausdruckslos, wie eine Fremde an, er wollte weder -verraten, daß er enttäuscht war, noch auch, daß er die Enttäuschung -leicht überwinden könne. - -Die zwei waren schon verschwunden, K. aber stand noch immer in der Tür. -Er mußte annehmen, daß ihn die Frau nicht nur betrogen, sondern mit der -Angabe, daß sie zum Untersuchungsrichter getragen werde, auch belogen -habe. Der Untersuchungsrichter würde doch nicht auf dem Dachboden -sitzen und warten. Die Holztreppe erklärte nichts, so lange man sie -auch ansah. Da bemerkte K. einen kleinen Zettel neben dem Aufgang, ging -hinüber und las in einer kindlichen ungeübten Schrift: „Aufgang zu den -Gerichtskanzleien.“ Hier auf dem Dachboden dieses Miethauses waren also -die Gerichtskanzleien? Das war keine Einrichtung, die viel Achtung -einzuflößen imstande war und es war für einen Angeklagten beruhigend, -sich vorzustellen, wie wenig Geldmittel diesem Gericht zur Verfügung -standen, wenn es seine Kanzleien dort unterbrachte, wo die -Mietparteien, die schon selbst zu den Ärmsten gehörten, ihren unnützen -Kram hinwarfen. Allerdings war es nicht ausgeschlossen, daß man Geld -genug hatte, daß aber die Beamtenschaft sich darüber warf, ehe es für -Gerichtszwecke verwendet wurde. Das war nach den bisherigen Erfahrungen -K.s sogar sehr wahrscheinlich, nur war dann eine solche Verlotterung -des Gerichtes für einen Angeklagten zwar entwürdigend, aber im Grunde -noch beruhigender, als es die Armut des Gerichtes gewesen wäre. Nun war -es K. auch begreiflich, daß man sich beim ersten Verhör schämte, den -Angeklagten auf den Dachboden vorzuladen und es vorzog, ihn in seiner -Wohnung zu belästigen. In welcher Stellung befand sich doch K. -gegenüber dem Richter, der auf dem Dachboden saß, während er selbst in -der Bank ein großes Zimmer mit einem Vorzimmer hatte und durch eine -riesige Fensterscheibe auf den belebten Stadtplatz hinuntersehen -konnte. Allerdings hatte er keine Nebeneinkünfte aus Bestechungen oder -Unterschlagungen und konnte sich auch vom Diener keine Frau auf dem Arm -ins Bureau tragen lassen. Darauf wollte K. aber, wenigstens in diesem -Leben, gerne verzichten. - -K. stand noch vor dem Anschlagzettel, als ein Mann die Treppe -heraufkam, durch die offene Tür ins Wohnzimmer sah, aus dem man auch in -das Sitzungszimmer sehen konnte, und schließlich K. fragte, ob er hier -nicht vor kurzem eine Frau gesehen habe. „Sie sind der Gerichtsdiener, -nicht?“ fragte K. „Ja,“ sagte der Mann, „ach so, Sie sind der -Angeklagte K., jetzt erkenne ich Sie auch, seien Sie willkommen.“ Und -er reichte K., der es gar nicht erwartet hatte, die Hand. „Heute ist -aber keine Sitzung angezeigt,“ sagte dann der Gerichtsdiener, als K. -schwieg. „Ich weiß,“ sagte K. und betrachtete den Zivilrock des -Gerichtsdieners, der als einziges amtliches Abzeichen neben einigen -gewöhnlichen Knöpfen auch zwei vergoldete Knöpfe aufwies, die von einem -alten Offiziersmantel abgetrennt zu sein schienen. „Ich habe vor einem -Weilchen mit Ihrer Frau gesprochen. Sie ist nicht mehr hier. Der -Student hat sie zum Untersuchungsrichter getragen.“ „Sehen Sie,“ sagte -der Gerichtsdiener, „immer trägt man sie mir weg. Heute ist doch -Sonntag und ich bin zu keiner Arbeit verpflichtet, aber nur, um mich -von hier zu entfernen, schickt man mich mit einer unnützen Meldung weg. -Und zwar schickt man mich nicht weit weg, so daß ich die Hoffnung habe, -wenn ich mich sehr beeile, vielleicht noch rechtzeitig zurückzukommen. -Ich laufe also, so sehr ich kann, schreie dem Amt, zu dem ich geschickt -wurde, meine Meldung durch den Türspalt so atemlos zu, daß man sie kaum -verstanden haben wird, laufe wieder zurück, aber der Student hat sich -noch mehr beeilt als ich, er hatte allerdings auch einen kürzeren Weg, -er mußte nur die Bodentreppe hinunterlaufen. Wäre ich nicht so -abhängig, ich hätte den Studenten schon längst hier an der Wand -zerdrückt. Hier neben dem Anschlagzettel. Davon träume ich immer. Hier -ein wenig über dem Fußboden ist er festgedrückt, die Arme gestreckt, -die Finger gespreizt, die krummen Beine zum Kreis gedreht und -ringsherum Blutspritzer. Bisher war es aber nur Traum.“ „Eine andere -Hilfe gibt es nicht?“ fragte K. lächelnd. „Ich wüßte keine,“ sagte der -Gerichtsdiener. „Und jetzt wird es ja noch ärger, bisher hat er sie nur -zu sich getragen, jetzt trägt er sie, was ich allerdings längst -erwartet habe, auch zum Untersuchungsrichter.“ „Hat denn Ihre Frau gar -keine Schuld dabei,“ fragte K., er mußte sich bei dieser Frage -bezwingen, so sehr fühlte auch er jetzt die Eifersucht. „Aber gewiß,“ -sagte der Gerichtsdiener, „sie hat sogar die größte Schuld. Sie hat -sich ja an ihn gehängt. Was ihn betrifft, er läuft allen Weibern nach. -In diesem Hause allein ist er schon aus fünf Wohnungen, in die er sich -eingeschlichen hat, hinausgeworfen worden. Meine Frau ist allerdings -die schönste im ganzen Haus, und gerade ich darf mich nicht wehren.“ -„Wenn es sich so verhält, dann gibt es allerdings keine Hilfe,“ sagte -K. „Warum denn nicht,“ fragte der Gerichtsdiener. „Man müßte den -Studenten, der ein Feigling ist, einmal, wenn er meine Frau anrühren -will, so durchprügeln, daß er es niemals mehr wagt. Aber ich darf es -nicht und andere machen mir den Gefallen nicht, denn alle fürchten -seine Macht. Nur ein Mann wie Sie könnte es tun.“ „Wieso denn ich?“ -fragte K. erstaunt. „Sie sind doch angeklagt,“ sagte der -Gerichtsdiener. „Ja,“ sagte K., „aber desto mehr müßte ich doch -fürchten, daß er, wenn auch vielleicht nicht Einfluß auf den Ausgang -des Prozesses, so doch wahrscheinlich auf die Voruntersuchung hat.“ -„Ja, gewiß,“ sagte der Gerichtsdiener, als sei die Ansicht K.s genau so -richtig wie seine eigene. „Es werden aber bei uns in der Regel keine -aussichtslosen Prozesse geführt.“ „Ich bin nicht Ihrer Meinung,“ sagte -K., „das soll mich aber nicht hindern, gelegentlich den Studenten in -Behandlung zu nehmen.“ „Ich wäre Ihnen sehr dankbar,“ sagte der -Gerichtsdiener etwas förmlich, er schien eigentlich doch nicht an die -Erfüllbarkeit seines höchsten Wunsches zu glauben. „Es würden -vielleicht,“ fuhr K. fort, „auch noch andere Ihrer Beamten und -vielleicht sogar alle das gleiche verdienen.“ „Ja, ja,“ sagte der -Gerichtsdiener, als handle es sich um etwas Selbstverständliches. Dann -sah er K. mit einem zutraulichen Blick an, wie er es bisher trotz aller -Freundlichkeit nicht getan hatte, und fügte hinzu: „Man rebelliert eben -immer.“ Aber das Gespräch schien ihm doch ein wenig unbehaglich -geworden zu sein, denn er brach es ab, indem er sagte: „Jetzt muß ich -mich in der Kanzlei melden. Wollen Sie mitkommen?“ „Ich habe dort -nichts zu tun,“ sagte K. „Sie könnten die Kanzleien ansehn. Es wird -sich niemand um Sie kümmern.“ „Sind sie denn sehenswert?“ fragte K. -zögernd, hatte aber große Lust mitzugehn. „Nun,“ sagte der -Gerichtsdiener, „ich dachte, es würde Sie interessieren.“ „Gut,“ sagte -K. schließlich, „ich gehe mit“. Und er lief schneller als der -Gerichtsdiener die Treppe hinauf. - -Beim Eintritt wäre er fast hingefallen, denn hinter der Tür war noch -eine Stufe. „Auf das Publikum nimmt man nicht viel Rücksicht,“ sagte -er. „Man nimmt überhaupt keine Rücksicht,“ sagte der Gerichtsdiener, -„sehn Sie nur hier das Wartezimmer.“ Es war ein langer Gang, von dem -aus rohe gezimmerte Türen zu den einzelnen Abteilungen des Dachbodens -führten. Trotzdem kein unmittelbarer Lichtzutritt bestand, war es doch -nicht vollständig dunkel, denn manche Abteilungen hatten gegen den Gang -zu statt einheitlicher Bretterwände, bloße, allerdings bis zur Decke -reichende Holzgitter, durch die einiges Licht drang und durch die man -auch einzelne Beamte sehen konnte, wie sie an Tischen schrieben oder -geradezu am Gitter standen und durch die Lücken die Leute auf dem Gang -beobachteten. Es waren, wahrscheinlich weil Sonntag war, nur wenig -Leute auf dem Gang. Sie machten einen sehr bescheidenen Eindruck. In -fast regelmäßigen Entfernungen voneinander saßen sie auf den zwei -Reihen langer Holzbänke, die zu beiden Seiten des Ganges angebracht -waren. Alle waren vernachlässigt angezogen, trotzdem die meisten nach -dem Gesichtsausdruck, der Haltung, der Barttracht und vielen kaum -sicherzustellenden kleinen Einzelheiten den höheren Klassen angehörten. -Da keine Kleiderhaken vorhanden waren, hatten sie die Hüte, -wahrscheinlich einer dem Beispiel des andern folgend, unter die Bank -gestellt. Als die, welche zunächst der Tür saßen, K. und den -Gerichtsdiener erblickten, erhoben sie sich zum Gruß, da das die -Folgenden sahen, glaubten sie auch grüßen zu müssen, so daß alle beim -Vorbeigehn der zwei sich erhoben. Sie standen niemals vollständig -aufrecht, der Rücken war geneigt, die Knie geknickt, sie standen wie -Straßenbettler. K. wartete auf den ein wenig hinter ihm gehenden -Gerichtsdiener und sagte: „Wie gedemütigt die sein müssen.“ „Ja,“ sagte -der Gerichtsdiener, „es sind Angeklagte, alle die Sie hier sehn, sind -Angeklagte.“ „Wirklich!“ sagte K. „Dann sind es ja meine Kollegen.“ Und -er wandte sich an den nächsten, einen großen schlanken, schon fast -grauhaarigen Mann. „Worauf warten Sie hier?“ fragte K. höflich. Die -unerwartete Ansprache aber machte den Mann verwirrt, was um so -peinlicher aussah, da es sich offenbar um einen welterfahrenen Menschen -handelte, der anderswo gewiß sich zu beherrschen verstand und die -Überlegenheit, die er sich über viele erworben hatte, nicht leicht -aufgab. Hier aber wußte er auf eine so einfache Frage nicht zu -antworten und sah auf die andern hin, als seien sie verpflichtet, ihm -zu helfen, und als könne niemand von ihm eine Antwort verlangen, wenn -diese Hilfe ausbliebe. Da trat der Gerichtsdiener hinzu und sagte, um -den Mann zu beruhigen und aufzumuntern: „Der Herr hier fragt ja nur, -auf was Sie warten. Antworten Sie doch.“ Die ihm wahrscheinlich -bekannte Stimme des Gerichtsdieners wirkte besser: „Ich warte —“ begann -er und stockte. Offenbar hatte er diesen Anfang gewählt, um ganz genau -auf die Fragestellung zu antworten, fand aber jetzt die Fortsetzung -nicht. Einige der Wartenden hatten sich genähert und umstanden die -Gruppe, der Gerichtsdiener sagte zu ihnen: „Weg, weg, macht den Gang -frei.“ Sie wichen ein wenig zurück, aber nicht bis zu ihren früheren -Sitzen. Inzwischen hatte sich der Gefragte gesammelt und antwortete -sogar mit einem kleinen Lächeln: „Ich habe vor einem Monat einige -Beweisanträge in meiner Sache gemacht und warte auf die Erledigung.“ -„Sie scheinen sich ja viele Mühe zu geben,“ sagte K. „Ja,“ sagte der -Mann, „es ist ja meine Sache.“ „Jeder denkt nicht so wie Sie,“ sagte -K., „ich z. B. bin auch angeklagt, habe aber, so wahr ich selig werden -will, weder einen Beweisantrag gestellt, noch auch sonst irgend etwas -derartiges unternommen. Halten Sie denn das für nötig?“ „Ich weiß nicht -genau,“ sagte der Mann wieder in vollständiger Unsicherheit; er glaubte -offenbar, K. mache mit ihm einen Scherz, deshalb hätte er -wahrscheinlich am liebsten, aus Furcht, irgendeinen neuen Fehler zu -machen, seine frühere Antwort ganz wiederholt, vor K.s ungeduldigem -Blick aber sagte er nur, „was mich betrifft, ich habe Beweisanträge -gestellt.“ „Sie glauben wohl nicht, daß ich angeklagt bin,“ fragte K. -„O bitte gewiß,“ sagte der Mann, und trat ein wenig zur Seite, aber in -der Antwort war nicht Glaube, sondern nur Angst. „Sie glauben mir also -nicht?“ fragte K. und faßte ihn, unbewußt durch das demütige Wesen des -Mannes dazu aufgefordert, beim Arm, als wolle er ihn zum Glauben -zwingen. Er wollte ihm nicht Schmerz bereiten, hatte ihn auch nur ganz -leicht angegriffen, trotzdem aber schrie der Mann auf, als habe K. ihn -nicht mit zwei Fingern, sondern mit einer glühenden Zange erfaßt. -Dieses lächerliche Schreien machte K. endgültig überdrüssig; glaubte -man ihm nicht, daß er angeklagt war, so war es desto besser; vielleicht -hielt er ihn sogar für einen Richter. Und er faßte ihn nun zum Abschied -wirklich fester, stieß ihn auf die Bank zurück und ging weiter. „Die -meisten Angeklagten sind so empfindlich,“ sagte der Gerichtsdiener. -Hinter ihnen sammelten sich jetzt fast alle Wartenden um den Mann, der -schon zu schreien aufgehört hatte, und schienen ihn über den -Zwischenfall genau auszufragen. K. entgegen kam jetzt ein Wächter, der -hauptsächlich an einem Säbel kenntlich war, dessen Scheide, wenigstens -der Farbe nach, aus Aluminium bestand. K. staunte darüber und griff -sogar mit der Hand hin. Der Wächter, der wegen des Schreins gekommen -war, fragte nach dem Vorgefallenen. Der Gerichtsdiener suchte ihn mit -einigen Worten zu beruhigen, aber der Wächter erklärte, doch noch -selbst nachsehn zu müssen, salutierte und ging weiter mit sehr eiligen, -aber sehr kurzen, wahrscheinlich durch Gicht abgemessenen Schritten. - -K. kümmerte sich nicht lange um ihn und die Gesellschaft auf dem Gang, -besonders da er etwa in der Hälfte des Ganges die Möglichkeit sah, -rechts durch eine türlose Öffnung einzubiegen. Er verständigte sich mit -dem Gerichtsdiener darüber, ob das der richtige Weg sei, der -Gerichtsdiener nickte und K. bog nun wirklich dort ein. Es war ihm -lästig, daß er immer einen oder zwei Schritte vor dem Gerichtsdiener -gehen mußte, es konnte wenigstens an diesem Ort den Anschein haben, als -ob er verhaftet vorgeführt werde. Er wartete also öfters auf den -Gerichtsdiener, aber dieser blieb gleich wieder zurück. Schließlich -sagte K., um seinem Unbehagen ein Ende zu machen: „Nun habe ich gesehn, -wie es hier aussieht, ich will jetzt weggehn.“ „Sie haben noch nicht -alles gesehn,“ sagte der Gerichtsdiener vollständig unverfänglich. „Ich -will nicht alles sehn,“ sagte K., der sich übrigens wirklich müde -fühlte, „ich will gehn, wie kommt man zum Ausgang?“ „Sie haben sich -doch nicht schon verirrt,“ fragte der Gerichtsdiener erstaunt, „Sie -gehn hier bis zur Ecke und dann rechts den Gang hinunter geradeaus zur -Tür.“ „Kommen Sie mit,“ sagte K., „zeigen Sie mir den Weg, ich werde -ihn verfehlen, es sind hier so viele Wege.“ „Es ist der einzige Weg,“ -sagte der Gerichtsdiener nun schon vorwurfsvoll, „ich kann nicht wieder -mit Ihnen zurückgehn, ich muß doch meine Meldung vorbringen und habe -schon viel Zeit durch Sie versäumt.“ „Kommen Sie mit,“ wiederholte K. -jetzt schärfer, als habe er endlich den Gerichtsdiener auf einer -Unwahrheit ertappt. „Schreien Sie doch nicht so,“ flüsterte der -Gerichtsdiener, „es sind ja hier überall Bureaus. Wenn Sie nicht allein -zurückgehn wollen, so gehn Sie noch ein Stückchen mit mir oder warten -Sie hier, bis ich meine Meldung erledigt habe, dann will ich ja gern -mit Ihnen wieder zurückgehn.“ „Nein, nein,“ sagte K., „ich werde nicht -warten und Sie müssen jetzt mit mir gehn.“ K. hatte sich noch gar nicht -in dem Raum umgesehn, in dem er sich befand, erst als jetzt eine der -vielen Holztüren, die ringsherum standen, sich öffnete, blickte er hin. -Ein Mädchen, das wohl durch K.s lautes Sprechen herbeigerufen war, trat -ein und fragte: „Was wünscht der Herr?“ Hinter ihr in der Ferne sah man -im Halbdunkel noch einen Mann sich nähern. K. blickte den -Gerichtsdiener an. Dieser hatte doch gesagt, daß sich niemand um K. -kümmern werde, und nun kamen schon zwei, es brauchte nur wenig und die -Beamtenschaft wurde auf ihn aufmerksam, würde eine Erklärung seiner -Anwesenheit haben wollen. Die einzig verständliche und annehmbare war -die, daß er Angeklagter war und das Datum des nächsten Verhörs erfahren -wollte, gerade diese Erklärung aber wollte er nicht geben, besonders da -sie auch nicht wahrheitsgemäß war, denn er war nur aus Neugierde -gekommen oder, was als Erklärung noch unmöglicher war, aus dem -Verlangen, festzustellen, daß das Innere dieses Gerichtswesens ebenso -widerlich war wie sein Äußeres. Und es schien ja, daß er mit dieser -Annahme recht hatte, er wollte nicht weiter eindringen, er war beengt -genug von dem, was er bisher gesehen hatte, er war gerade jetzt nicht -in der Verfassung, einem höheren Beamten gegenüberzutreten, wie er -hinter jeder Tür auftauchen konnte, er wollte weggehn, und zwar mit dem -Gerichtsdiener oder allein, wenn es sein mußte. - -Aber sein stummes Dastehn mußte auffallend sein und wirklich sahen ihn -das Mädchen und der Gerichtsdiener derartig an, als ob in der nächsten -Minute irgendeine große Verwandlung mit ihm geschehen müsse, die sie zu -beobachten nicht versäumen wollten. Und in der Türöffnung stand der -Mann, den K. früher in der Ferne bemerkt hatte, er hielt sich am -Deckbalken der niedrigen Tür fest und schaukelte ein wenig auf den -Fußspitzen, wie ein ungeduldiger Zuschauer. Das Mädchen aber erkannte -doch zuerst, daß das Benehmen K.s in einem leichten Unwohlsein seinen -Grund hatte, sie brachte einen Sessel und fragte: „Wollen Sie sich -nicht setzen?“ K. setzte sich sofort und stützte, um noch besser Halt -zu bekommen, die Ellbogen auf die Lehnen. „Sie haben ein wenig -Schwindel, nicht?“ fragte sie ihn. Er hatte nun ihr Gesicht nahe vor -sich, es hatte den strengen Ausdruck, wie ihn manche Frauen gerade in -ihrer schönsten Jugend haben. „Machen Sie sich darüber keine Gedanken,“ -sagte sie, „das ist hier nichts Außergewöhnliches, fast jeder bekommt -einen solchen Anfall, wenn er zum erstenmal herkommt. Sie sind zum -erstenmal hier? Nun ja, das ist aber nichts Außergewöhnliches. Die -Sonne brennt hier auf das Dachgerüst und das heiße Holz macht die Luft -so dumpf und schwer. Der Ort ist deshalb für Bureauräumlichkeiten nicht -sehr geeignet, so große Vorteile er allerdings sonst bietet. Aber was -die Luft betrifft, so ist sie an Tagen großen Parteienverkehrs, und das -ist fast jeder Tag, kaum mehr atembar. Wenn Sie dann noch bedenken, daß -hier auch vielfach Wäsche zum Trocknen ausgehängt wird, — man kann es -den Mietern nicht gänzlich untersagen, — so werden Sie sich nicht mehr -wundern, daß Ihnen ein wenig übel wurde. Aber man gewöhnt sich -schließlich an die Luft sehr gut. Wenn Sie zum zweiten- oder drittenmal -herkommen, werden Sie das Drückende hier kaum mehr spüren. Fühlen Sie -sich schon besser?“ K. antwortete nicht, es war ihm zu peinlich, durch -diese plötzliche Schwäche den Leuten hier ausgeliefert zu sein, -überdies war ihm, da er jetzt die Ursachen seiner Übelkeit erfahren -hatte, nicht besser, sondern noch ein wenig schlechter. Das Mädchen -merkte es gleich, nahm, um K. eine Erfrischung zu bereiten, eine -Hakenstange, die an der Wand lehnte und stieß damit eine kleine Luke -auf, die gerade über K. angebracht war und ins Freie führte. Aber es -fiel soviel Ruß herein, daß das Mädchen die Luke gleich wieder zuziehn -und mit ihrem Taschentuch die Hände K.s vom Ruß reinigen mußte, denn K. -war zu müde, um das selbst zu besorgen. Er wäre gern hier ruhig -sitzengeblieben, bis er sich zum Weggehn genügend gekräftigt hatte, das -mußte aber um so früher geschehen, je weniger man sich um ihn kümmern -würde. Nun sagte aber überdies das Mädchen: „Hier können Sie nicht -bleiben, hier stören wir den Verkehr.“ — K. fragte mit den Blicken, -welchen Verkehr er denn hier störe — „ich werde Sie, wenn Sie wollen, -ins Krankenzimmer führen.“ „Helfen Sie mir bitte,“ sagte sie zu dem -Mann in der Tür, der auch gleich näher kam. Aber K. wollte nicht ins -Krankenzimmer, gerade das wollte er ja vermeiden, weiter geführt zu -werden, je weiter er kam, desto ärger mußte es werden. „Ich kann schon -gehn,“ sagte er deshalb und stand, durch das bequeme Sitzen verwöhnt, -zitternd auf. Dann aber konnte er sich nicht aufrecht halten. „Es geht -doch nicht,“ sagte er kopfschüttelnd und setzte sich seufzend wieder -nieder. Er erinnerte sich an den Gerichtsdiener, der ihn trotz allem -leicht hinausführen konnte, aber der schien schon längst weg zu sein, -K. sah zwischen dem Mädchen und dem Mann, die vor ihm standen, -hindurch, konnte aber den Gerichtsdiener nicht finden. - -„Ich glaube,“ sagte der Mann, der übrigens elegant gekleidet war und -besonders durch eine graue Weste auffiel, die in zwei langen, scharf -geschnittenen Spitzen endigte, „das Unwohlsein des Herrn geht auf die -Atmosphäre hier zurück, es wird daher am besten und auch ihm am -liebsten sein, wenn wir ihn nicht erst ins Krankenzimmer, sondern -überhaupt aus den Kanzleien hinausführen.“ „Das ist es,“ rief K. und -fuhr vor lauter Freude fast noch in die Rede des Mannes hinein, „mir -wird gewiß sofort besser werden, ich bin auch gar nicht so schwach, nur -ein wenig Unterstützung unter den Achseln brauche ich, ich werde Ihnen -nicht viel Mühe machen, es ist ja auch kein langer Weg, führen Sie mich -nur zur Tür, ich setze mich dann noch ein wenig auf die Stufen und -werde gleich erholt sein, ich leide nämlich gar nicht unter solchen -Anfällen, es kommt mir selbst überraschend. Ich bin doch auch Beamter -und an Bureauluft gewöhnt, aber hier scheint es doch zu arg, Sie sagen -es selbst. Wollen Sie also die Freundlichkeit haben, mich ein wenig zu -führen, ich habe nämlich Schwindel und es wird mir schlecht, wenn ich -allein aufstehe.“ Und er hob die Schultern, um es den beiden zu -erleichtern, ihm unter die Arme zu greifen. - -Aber der Mann folgte der Aufforderung nicht, sondern hielt die Hände -ruhig in den Hosentaschen und lachte laut. „Sehen Sie,“ sagte er zu dem -Mädchen, „ich habe also doch das Richtige getroffen. Dem Herrn ist nur -hier nicht wohl, nicht im Allgemeinen.“ Das Mädchen lächelte auch, -schlug aber dem Mann leicht mit den Fingerspitzen auf den Arm, als -hätte er sich mit K. einen zu starken Spaß erlaubt. „Aber was denken -Sie denn,“ sagte der Mann noch immer lachend, „ich will ja den Herrn -wirklich hinausführen.“ „Dann ist es gut,“ sagte das Mädchen, indem sie -ihren zierlichen Kopf für einen Augenblick neigte. „Messen Sie dem -Lachen nicht zu viel Bedeutung zu,“ sagte das Mädchen zu K., der wieder -traurig geworden vor sich hinstarrte und keine Erklärung zu brauchen -schien, „dieser Herr — ich darf Sie doch vorstellen?“ (der Herr gab mit -einer Handbewegung die Erlaubnis) — „dieser Herr also ist der -Auskunftgeber. Er gibt den wartenden Parteien alle Auskunft, die sie -brauchen, und da unser Gerichtswesen in der Bevölkerung nicht sehr -bekannt ist, werden viele Auskünfte verlangt. Er weiß auf alle Fragen -eine Antwort, Sie können ihn, wenn Sie einmal Lust dazu haben, -daraufhin erproben. Das ist aber nicht sein einziger Vorzug, sein -zweiter Vorzug ist die elegante Kleidung. Wir, d. h. die Beamtenschaft, -meinte einmal, man müsse den Auskunftgeber, der immerfort, und zwar als -erster mit Parteien verhandelt, des würdigen ersten Eindrucks halber, -auch elegant anziehn. Wir andern sind, wie Sie gleich an mir sehn -können, leider sehr schlecht und altmodisch angezogen; es hat auch -nicht viel Sinn, für die Kleidung etwas zu verwenden, da wir fast -unaufhörlich in den Kanzleien sind, wir schlafen ja auch hier. Aber wie -gesagt, für den Auskunftgeber hielten wir einmal schöne Kleidung für -nötig. Da sie aber von unserer Verwaltung, die in dieser Hinsicht etwas -sonderbar ist, nicht erhältlich war, machten wir eine Sammlung — auch -Parteien steuerten bei — und wir kauften ihm dieses schöne Kleid und -noch andere. Alles wäre jetzt vorbereitet, einen guten Eindruck zu -machen, aber durch sein Lachen verdirbt er es wieder und erschreckt die -Leute.“ „So ist es,“ sagte der Herr spöttisch, „aber ich verstehe -nicht, Fräulein, warum Sie dem Herrn alle unsere Intimitäten erzählen, -oder besser aufdrängen, denn er will sie ja gar nicht erfahren. Sehen -Sie nur, wie er, offenbar mit seinen eigenen Angelegenheiten -beschäftigt, dasitzt.“ K. hatte nicht einmal Lust zu widersprechen, die -Absicht des Mädchens mochte eine gute sein, sie war vielleicht darauf -gerichtet, ihn zu zerstreuen oder ihm die Möglichkeit zu geben, sich zu -sammeln, aber das Mittel war verfehlt. „Ich mußte ihm Ihr Lachen -erklären,“ sagte das Mädchen. „Es war ja beleidigend.“ „Ich glaube, er -würde noch ärgere Beleidigungen verzeihen, wenn ich ihn schließlich -hinausführe.“ K. sagte nichts, sah nicht einmal auf, er duldete es, daß -die zwei über ihn wie über eine Sache verhandelten, es war ihm sogar am -liebsten. Aber plötzlich fühlte er die Hand des Auskunftgebers an einem -Arm und die Hand des Mädchens am andern. „Also auf, Sie schwacher -Mann,“ sagte der Auskunftgeber. „Ich danke Ihnen beiden vielmals,“ -sagte K. freudig überrascht, erhob sich langsam und führte selbst die -fremden Hände an die Stellen, an denen er die Stütze am meisten -brauchte. „Es sieht so aus,“ sagte das Mädchen leise in K.s Ohr, -während sie sich dem Gang näherten, „als ob mir besonders viel daran -gelegen wäre, den Auskunftgeber in ein gutes Licht zu stellen, aber man -mag es glauben, ich will doch die Wahrheit sagen. Er hat kein hartes -Herz. Er ist nicht verpflichtet, kranke Parteien hinauszuführen, und -tut es doch, wie Sie sehn. Vielleicht ist niemand von uns hartherzig, -wir wollten vielleicht alle gern helfen, aber als Gerichtsbeamte -bekommen wir leicht den Anschein, als ob wir hartherzig wären und -niemandem helfen wollten. Ich leide geradezu darunter.“ „Wollen Sie -sich nicht hier ein wenig setzen,“ fragte der Auskunftgeber, sie waren -schon im Gang und gerade vor dem Angeklagten, den K. früher -angesprochen hatte. K. schämte sich fast vor ihm, früher war er so -aufrecht vor ihm gestanden, jetzt mußten ihn zwei stützen, seinen Hut -balancierte der Auskunftgeber auf den gespreizten Fingern, die Frisur -war zerstört, die Haare hingen ihm in die schweißbedeckte Stirn. Aber -der Angeklagte schien nichts davon zu bemerken, demütig stand er vor -dem Auskunftgeber, der über ihn hinwegsah, und suchte nur seine -Anwesenheit zu entschuldigen. „Ich weiß,“ sagte er, „daß die Erledigung -meiner Anträge heute noch nicht gegeben werden kann. Ich bin aber doch -gekommen, ich dachte, ich könnte doch hier warten, es ist Sonntag, ich -habe ja Zeit und hier störe ich nicht.“ „Sie müssen das nicht so sehr -entschuldigen,“ sagte der Auskunftgeber, „Ihre Sorgsamkeit ist ja ganz -lobenswert, Sie nehmen hier zwar unnötigerweise den Platz weg, aber ich -will Sie, trotzdem, so lange es mir nicht lästig wird, durchaus nicht -hindern, den Gang Ihrer Angelegenheit genau zu verfolgen. Wenn man -Leute gesehen hat, die Ihre Pflicht schändlich vernachlässigten, lernt -man es, mit Leuten wie Sie sind, Geduld zu haben. Setzen Sie sich.“ -„Wie er mit den Parteien zu reden versteht,“ flüsterte das Mädchen. K. -nickte, fuhr aber gleich auf, als ihn der Auskunftgeber wieder fragte: -„Wollen Sie sich nicht hier niedersetzen?“ „Nein,“ sagte K., „ich will -nicht ausruhn.“ Er hatte das mit möglichster Bestimmtheit gesagt, in -Wirklichkeit hätte es ihm aber sehr wohlgetan, sich niederzusetzen. Er -war wie seekrank. Er glaubte auf einem Schiff zu sein, das sich in -schwerem Seegang befand. Es war ihm, als stürze das Wasser gegen die -Holzwände, als komme aus der Tiefe des Ganges ein Brausen her wie von -überschlagendem Wasser, als schaukle der Gang in der Quere und als -würden die wartenden Parteien zu beiden Seiten gesenkt und gehoben. -Desto unbegreiflicher war die Ruhe des Mädchens und des Mannes, die ihn -führten. Er war ihnen ausgeliefert, ließen sie ihn los, so mußte er -hinfallen wie ein Brett. Aus ihren kleinen Augen gingen scharfe Blicke -hin und her, ihre gleichmäßigen Schritte fühlte K., ohne sie -mitzumachen, denn er wurde fast von Schritt zu Schritt getragen. -Endlich merkte er, daß sie zu ihm sprachen, aber er verstand sie nicht, -er hörte nur den Lärm, der alles erfüllte und durch den hindurch ein -unveränderlicher hoher Ton wie von einer Sirene zu klingen schien. -„Lauter,“ flüsterte er mit gesenktem Kopf und schämte sich, denn er -wußte, daß sie laut genug, wenn auch für ihn unverständlich gesprochen -hatten. Da kam endlich, als wäre die Wand vor ihnen durchrissen, ein -frischer Luftzug ihm entgegen und er hörte neben sich sagen: „Zuerst -will er weg, dann aber kann man ihm hundertmal sagen, daß hier der -Ausgang ist, und er rührt sich nicht.“ K. merkte, daß er vor der -Ausgangstür stand, die das Mädchen geöffnet hatte. Ihm war, als wären -alle seine Kräfte mit einemmal zurückgekehrt, um einen Vorgeschmack der -Freiheit zu gewinnen, trat er gleich auf eine Treppenstufe und -verabschiedete sich von dort aus von seinen Begleitern, die sich zu ihm -herabbeugten. „Vielen Dank,“ wiederholte er, drückte beiden wiederholt -die Hände und ließ erst ab, als er zu sehen glaubte, daß sie, an die -Kanzleiluft gewöhnt, die verhältnismäßig frische Luft, die von der -Treppe kam, schlecht ertrugen. Sie konnten kaum antworten und das -Mädchen wäre vielleicht abgestürzt, wenn K. nicht äußerst schnell die -Tür geschlossen hätte. K. stand dann noch einen Augenblick still, -strich sich mit Hilfe eines Taschenspiegels das Haar zurecht, hob -seinen Hut auf, der auf dem nächsten Treppenabsatz lag — der -Auskunftgeber hatte ihn wohl hingeworfen — und lief dann die Treppe -hinunter so frisch und in so langen Sprüngen, daß er vor diesem -Umschwung fast Angst bekam. Solche Überraschungen hatte ihm sein sonst -ganz gefestigter Gesundheitszustand noch nie bereitet. Wollte etwa sein -Körper revolutionieren und ihm einen neuen Prozeß bereiten, da er den -alten so mühelos ertrug. Er lehnte den Gedanken nicht ganz ab, bei -nächster Gelegenheit zu einem Arzt zu gehn, jedenfalls aber wollte er — -darin konnte er sich selbst beraten — alle zukünftigen -Sonntagvormittage besser als diesen verwenden. - - - - - - - - -VIERTES KAPITEL - -DIE FREUNDIN DES FRÄULEIN BÜRSTNER - - -In der nächsten Zeit war es K. unmöglich, mit Fräulein Bürstner auch -nur einige wenige Worte zu sprechen. Er versuchte auf die -verschiedenste Weise an sie heranzukommen, sie aber wußte es immer zu -verhindern. Er kam gleich nach dem Bureau nach Hause, blieb in seinem -Zimmer, ohne das Licht anzudrehn, auf dem Kanapee sitzen und -beschäftigte sich mit nichts anderem, als das Vorzimmer zu beobachten. -Ging etwa das Dienstmädchen vorbei und schloß die Tür des scheinbar -leeren Zimmers, so stand er nach einem Weilchen auf und öffnete sie -wieder. Des Morgens stand er um eine Stunde früher auf als sonst, um -vielleicht Fräulein Bürstner allein treffen zu können, wenn sie ins -Bureau ging. Aber keiner dieser Versuche gelang. Dann schrieb er ihr -einen Brief sowohl ins Bureau als auch in die Wohnung, suchte darin -nochmals sein Verhalten zu rechtfertigen, bot sich zu jeder Genugtuung -an, versprach, niemals die Grenzen zu überschreiten, die sie ihm setzen -würde und bat nur, ihm die Möglichkeit zu geben, einmal mit ihr zu -sprechen, besonders da er auch bei Frau Grubach nichts veranlassen -könne, solange er sich nicht vorher mit ihr beraten habe, schließlich -teilte er ihr mit, daß er den nächsten Sonntag während des ganzen Tages -in seinem Zimmer auf ein Zeichen von ihr warten werde, das ihm die -Erfüllung seiner Bitte in Aussicht stelle oder das ihm wenigstens -erklären solle, warum sie die Bitte nicht erfüllen könne, trotzdem er -doch versprochen habe, sich in allem ihr zu fügen. Die Briefe kamen -nicht zurück, aber es erfolgte auch keine Antwort. Dagegen gab es -Sonntag ein Zeichen, dessen Deutlichkeit genügend war. Gleich früh -bemerkte K. durch das Schlüsselloch eine besondere Bewegung im -Vorzimmer, die sich bald aufklärte. Eine Lehrerin des Französischen, -sie war übrigens eine Deutsche und hieß Montag, ein schwaches blasses, -ein wenig hinkendes Mädchen, das bisher ein eigenes Zimmer bewohnt -hatte, übersiedelte in das Zimmer des Fräulein Bürstner. Stundenlang -sah man sie durch das Vorzimmer schlürfen. Immer war noch ein -Wäschestück oder ein Deckchen oder ein Buch vergessen, das besonders -geholt und in die neue Wohnung hinübergetragen werden mußte. - -Als Frau Grubach K. das Frühstück brachte — sie überließ, seitdem sie -K. so erzürnt hatte, auch nicht die geringste Bedienung dem -Dienstmädchen — konnte sich K. nicht zurückhalten, sie zum erstenmal -anzusprechen. „Warum ist denn heute ein solcher Lärm im Vorzimmer?“ -fragte er, während er den Kaffee eingoß, „könnte das nicht eingestellt -werden? Muß gerade am Sonntag aufgeräumt werden?“ Trotzdem K. nicht zu -Frau Grubach aufsah, bemerkte er doch, daß sie wie erleichtert -aufatmete. Selbst diese strengen Fragen K.s faßte sie als Verzeihung -oder als Beginn der Verzeihung auf. „Es wird nicht aufgeräumt, Herr -K.,“ sagte sie, „Fräulein Montag übersiedelt nur zu Fräulein Bürstner -und schafft ihre Sachen hinüber.“ Sie sagte nichts weiter, sondern -wartete, wie K. es aufnehmen und ob er ihr gestatten würde, weiter zu -reden. K. stellte sie aber auf die Probe, rührte nachdenklich den -Kaffee mit dem Löffel und schwieg. Dann sah er zu ihr auf und sagte: -„Haben Sie schon Ihren frühern Verdacht wegen Fräulein Bürstner -aufgegeben.“ „Herr K.,“ rief Frau Grubach, die nur auf diese Frage -gewartet hatte und hielt K. ihre gefalteten Hände hin. „Sie haben eine -gelegentliche Bemerkung letzthin so schwer genommen. Ich habe ja nicht -im entferntesten daran gedacht, Sie oder irgend jemand zu kränken. Sie -kennen mich doch schon lange genug, Herr K., um davon überzeugt sein zu -können. Sie wissen gar nicht, wie ich die letzten Tage gelitten habe! -Ich sollte meine Mieter verleumden! Und Sie, Herr K., glaubten es! Und -sagten, ich solle Ihnen kündigen! Ihnen kündigen!“ Der letzte Ausruf -erstickte schon unter Tränen, sie hob die Schürze zum Gesicht und -schluchzte laut. - -„Weinen Sie doch nicht, Frau Grubach,“ sagte K. und sah zum Fenster -hinaus, er dachte nur an Fräulein Bürstner und daran, daß sie ein -fremdes Mädchen in ihr Zimmer aufgenommen hatte. „Weinen Sie doch -nicht,“ sagte er nochmals, als er sich ins Zimmer zurückwandte und Frau -Grubach noch immer weinte. „Es war ja damals auch von mir nicht so -schlimm gemeint. Wir haben eben einander gegenseitig mißverstanden. Das -kann auch alten Freunden einmal geschehn.“ Frau Grubach rückte die -Schürze unter die Augen, um zu sehn, ob K. wirklich versöhnt sei. „Nun -ja, es ist so,“ sagte K. und wagte nun, da nach dem Verhalten der Frau -Grubach zu schließen, der Hauptmann nichts verraten hatte, noch -hinzuzufügen: „Glauben Sie denn wirklich, daß ich mich wegen eines -fremden Mädchens mit Ihnen verfeinden könnte.“ „Das ist es ja eben, -Herr K.,“ sagte Frau Grubach, es war ihr Unglück, daß sie, sobald sie -sich nur irgendwie freier fühlte, gleich etwas Ungeschicktes sagte. -„Ich fragte mich immerfort: Warum nimmt sich Herr K. so sehr des -Fräulein Bürstner an? Warum zankt er ihretwegen mit mir, trotzdem er -weiß, daß mir jedes böse Wort von ihm den Schlaf nimmt? Ich habe ja -über das Fräulein nichts anderes gesagt, als was ich mit eigenen Augen -gesehen habe.“ K. sagte dazu nichts, er hätte sie mit dem ersten Wort -aus dem Zimmer jagen müssen und das wollte er nicht. Er begnügte sich -damit, den Kaffee zu trinken und Frau Grubach ihre Überflüssigkeit -fühlen zu lassen. Draußen hörte man wieder den schleppenden Schritt des -Fräulein Montag, welche das ganze Vorzimmer durchquerte. „Hören Sie -es?“ fragte K. und zeigte mit der Hand nach der Tür. „Ja,“ sagte Frau -Grubach und seufzte, „ich wollte ihr helfen und auch vom Dienstmädchen -helfen lassen, aber sie ist eigensinnig, sie will alles selbst -übersiedeln. Ich wundere mich über Fräulein Bürstner. Mir ist es oft -lästig, daß ich Fräulein Montag in Miete habe, Fräulein Bürstner aber -nimmt sie sogar zu sich ins Zimmer.“ „Das muß Sie gar nicht kümmern,“ -sagte K. und zerdrückte die Zuckerreste in der Tasse. „Haben Sie denn -dadurch einen Schaden?“ „Nein,“ sagte Frau Grubach, „an und für sich -ist es mir ganz willkommen, ich bekomme dadurch ein Zimmer frei und -kann dort meinen Neffen, den Hauptmann, unterbringen. Ich fürchtete -schon längst, daß er Sie in den letzten Tagen, während derer ich ihn -nebenan im Wohnzimmer wohnen lassen mußte, gestört haben könnte. Er -nimmt nicht viel Rücksicht.“ „Was für Einfälle!“ sagte K. und stand -auf, „davon ist ja keine Rede. Sie scheinen mich wohl für -überempfindlich zu halten, weil ich diese Wanderungen des Fräulein -Montag — jetzt geht sie wieder zurück — nicht vertragen kann.“ Frau -Grubach kam sich recht machtlos vor. „Soll ich, Herr K., sagen, daß sie -den restlichen Teil der Übersiedelung aufschieben soll? Wenn Sie -wollen, tue ich es sofort.“ „Aber sie soll doch zu Fräulein Bürstner -übersiedeln!“ sagte K. „Ja,“ sagte Frau Grubach, sie verstand nicht -ganz, was K. meinte. „Nun also,“ sagte K., „dann muß sie doch ihre -Sachen hinübertragen.“ Frau Grubach nickte nur. Diese stumme -Hilflosigkeit, die äußerlich nicht anders aussah als Trotz, reizte K. -noch mehr. Er fing an, im Zimmer vom Fenster zur Tür auf und ab zu gehn -und nahm dadurch Frau Grubach die Möglichkeit, sich zu entfernen, was -sie sonst wahrscheinlich getan hätte. - -Gerade war K. einmal wieder bis zur Tür gekommen, als es klopfte. Es -war das Dienstmädchen, welches meldete, daß Fräulein Montag gern mit -Herrn K. ein paar Worte sprechen möchte und daß sie ihn deshalb bitte, -ins Eßzimmer zu kommen, wo sie ihn erwarte. K. hörte das Dienstmädchen -nachdenklich an, dann wandte er sich mit einem fast höhnischen Blick -nach der erschrockenen Frau Grubach um. Dieser Blick schien zu sagen, -daß K. diese Einladung des Fräulein Montag schon längst vorausgesehen -habe und daß sie auch sehr gut mit der Quälerei zusammenpasse, die er -diesen Sonntagvormittag von den Mietern der Frau Grubach erfahren -mußte. Er schickte das Dienstmädchen zurück mit der Antwort, daß er -sofort komme, ging dann zum Kleiderkasten, um den Rock zu wechseln und -hatte als Antwort für Frau Grubach, welche leise über die lästige -Person jammerte, nur die Bitte, sie möge das Frühstücksgeschirr schon -forttragen. „Sie haben ja fast nichts angerührt,“ sagte Frau Grubach. -„Ach, tragen Sie es doch weg,“ rief K., es war ihm, als sei irgendwie -allem Fräulein Montag beigemischt und mache es widerwärtig. - -Als er durch das Vorzimmer ging, sah er nach der geschlossenen Tür von -Fräulein Bürstners Zimmer. Aber er war nicht dorthin eingeladen, -sondern in das Eßzimmer, dessen Tür er aufriß, ohne zu klopfen. - -Es war ein sehr langes aber schmales einfenstriges Zimmer. Es war dort -nur soviel Platz vorhanden, daß man in den Ecken an der Türseite zwei -Schränke schief hatte aufstellen können, während der übrige Raum -vollständig von dem langen Speisetisch eingenommen war, der in der Nähe -der Tür begann und bis knapp zum großen Fenster reichte, welches -dadurch fast unzugänglich geworden war. Der Tisch war bereits gedeckt, -und zwar für viele Personen, da am Sonntag fast alle Mieter hier zu -Mittag aßen. - -Als K. eintrat, kam Fräulein Montag vom Fenster her an der einen Seite -des Tisches entlang K. entgegen. Sie grüßten einander stumm. Dann sagte -Fräulein Montag, wie immer den Kopf ungewöhnlich aufgerichtet: „Ich -weiß nicht, ob Sie mich kennen.“ K. sah sie mit zusammengezogenen Augen -an. „Gewiß,“ sagte er, „Sie wohnen doch schon längere Zeit bei Frau -Grubach.“ „Sie kümmern sich aber, wie ich glaube, nicht viel um die -Pension,“ sagte Fräulein Montag. „Nein,“ sagte K. „Wollen Sie sich -nicht setzen,“ sagte Fräulein Montag. Sie zogen beide schweigend zwei -Sessel am äußersten Ende des Tisches hervor und setzten sich einander -gegenüber. Aber Fräulein Montag stand gleich wieder auf, denn sie hatte -ihr Handtäschchen auf dem Fensterbrett liegengelassen und ging es -holen; sie schleifte durch das ganze Zimmer. Als sie, das Handtäschchen -leicht schwenkend, wieder zurückkam, sagte sie: „Ich möchte nur im -Auftrag meiner Freundin ein paar Worte mit Ihnen sprechen. Sie wollte -selbst kommen, aber sie fühlt sich heute ein wenig unwohl. Sie möchten -sie entschuldigen und mich statt ihrer anhören. Sie hätte Ihnen auch -nichts anderes sagen können, als ich Ihnen sagen werde. Im Gegenteil, -ich glaube, ich kann Ihnen sogar mehr sagen, da ich doch -verhältnismäßig unbeteiligt bin. Glauben Sie nicht auch?“ - -„Was wäre denn zu sagen?“ antwortete K., der dessen müde war, die Augen -des Fräulein Montag fortwährend auf seine Lippe gerichtet zu sehn. Sie -maßte sich dadurch eine Herrschaft schon darüber an, was er erst sagen -wollte. „Fräulein Bürstner will mir offenbar die persönliche -Aussprache, um die ich sie gebeten habe, nicht bewilligen.“ „Das ist -es,“ sagte Fräulein Montag, „oder vielmehr, so ist es gar nicht, Sie -drücken es sonderbar scharf aus. Im allgemeinen werden doch Aussprachen -weder bewilligt, noch geschieht das Gegenteil. Aber es kann geschehn, -daß man Aussprachen für unnötig hält und so ist es eben hier. Jetzt, -nach Ihrer Bemerkung kann ich ja offen reden. Sie haben meine Freundin -schriftlich oder mündlich um eine Unterredung gebeten. Nun weiß aber -meine Freundin, so muß ich wenigstens annehmen, was diese Unterredung -betreffen soll, und ist deshalb aus Gründen, die ich nicht kenne, -überzeugt, daß es niemandem Nutzen bringen würde, wenn die Unterredung -wirklich zustande käme. Im übrigen erzählte sie mir erst gestern und -nur ganz flüchtig davon, sie sagte hierbei, daß auch Ihnen jedenfalls -nicht viel an der Unterredung liegen könne, denn Sie wären nur durch -einen Zufall auf einen derartigen Gedanken gekommen und würden selbst -auch ohne besondere Erklärung, wenn nicht schon jetzt, so doch sehr -bald die Sinnlosigkeit des Ganzen erkennen. Ich antwortete darauf, daß -das richtig sein mag, daß ich es aber zur vollständigen Klarstellung -doch für vorteilhaft halten würde, Ihnen eine ausdrückliche Antwort -zukommen zu lassen. Ich bot mich an, diese Aufgabe zu übernehmen, nach -einigem Zögern gab meine Freundin mir nach. Ich hoffe nun aber auch in -Ihrem Sinne gehandelt zu haben, denn selbst die kleinste Unsicherheit -in der geringfügigsten Sache ist doch immer quälend und wenn man sie, -wie in diesem Falle, leicht beseitigen kann, so soll es doch besser -sofort geschehn.“ „Ich danke Ihnen,“ sagte K. sofort, stand langsam -auf, sah Fräulein Montag an, dann über den Tisch hin, dann aus dem -Fenster — das gegenüberliegende Haus stand in der Sonne — und ging zur -Tür. Fräulein Montag folgte ihm ein paar Schritte, als vertraue sie ihm -nicht ganz. Vor der Tür mußten aber beide zurückweichen, denn sie -öffnete sich und der Hauptmann Lanz trat ein. K. sah ihn zum erstenmal -aus der Nähe. Es war ein großer, etwa 40 jähriger Mann mit -braungebranntem fleischigen Gesicht. Er machte eine leichte Verbeugung, -die auch K. galt, ging dann zu Fräulein Montag und küßte ihr -ehrerbietig die Hand. Er war sehr gewandt in seinen Bewegungen. Seine -Höflichkeit gegen Fräulein Montag stach auffallend von der Behandlung -ab, die sie von K. erfahren hatte. Trotzdem schien Fräulein Montag K. -nicht böse zu sein, denn sie wollte ihn sogar, wie K. zu bemerken -glaubte, dem Hauptmann vorstellen. Aber K. wollte nicht vorgestellt -werden, er wäre nicht imstande gewesen, weder dem Hauptmann noch -Fräulein Montag gegenüber irgendwie freundlich zu sein, der Handkuß -hatte sie für ihn zu einer Gruppe verbunden, die ihn unter dem Anschein -äußerster Harmlosigkeit und Uneigennützigkeit von Fräulein Bürstner -abhalten wollte. K. glaubte jedoch nicht nur das zu erkennen, er -erkannte auch, daß Fräulein Montag ein gutes, allerdings -zweischneidiges Mittel gewählt hatte. Sie übertrieb die Bedeutung der -Beziehung zwischen Fräulein Bürstner und K., sie übertrieb vor allem -die Bedeutung der erbetenen Aussprache und versuchte es gleichzeitig so -zu wenden, als ob es K. sei, der alles übertreibe. Sie sollte sich -täuschen, K. wollte nichts übertreiben, er wußte, daß Fräulein Bürstner -ein kleines Schreibmaschinenfräulein war, die ihm nicht lange -Widerstand leisten sollte. Hiebei zog er absichtlich gar nicht in -Berechnung, was er von Frau Grubach über Fräulein Bürstner erfahren -hatte. Das alles überlegte er, während er kaum grüßend das Zimmer -verließ. Er wollte gleich in sein Zimmer gehn, aber ein kleines Lachen -des Fräulein Montag, das er hinter sich aus dem Eßzimmer hörte, brachte -ihn auf den Gedanken, daß er vielleicht beiden, dem Hauptmann wie -Fräulein Montag eine Überraschung bereiten könnte. Er sah sich um und -horchte, ob aus irgendeinem der umliegenden Zimmer eine Störung zu -erwarten wäre, es war überall still, nur die Unterhaltung aus dem -Eßzimmer war zu hören und aus dem Gang, der zur Küche führte, die -Stimme der Frau Grubach. Die Gelegenheit schien günstig, K. ging zur -Tür von Fräulein Bürstners Zimmer und klopfte leise. Da sich nichts -rührte, klopfte er nochmals, aber es erfolgte noch immer keine Antwort. -Schlief sie? Oder war sie wirklich unwohl? Oder verleugnete sie sich -nur deshalb, weil sie ahnte, daß es nur K, sein konnte, der so leise -klopfte? K. nahm an, daß sie sich verleugne und klopfte stärker, -öffnete schließlich, da das Klopfen keinen Erfolg hatte, vorsichtig und -nicht ohne das Gefühl, etwas Unrechtes und überdies Nutzloses zu tun, -die Tür. Im Zimmer war niemand. Es erinnerte übrigens kaum mehr an das -Zimmer, wie es K. gekannt hatte. An der Wand waren nun zwei Betten -hintereinander aufgestellt, drei Sessel in der Nähe der Tür waren mit -Kleidern und Wäsche überhäuft, ein Schrank stand offen. Fräulein -Bürstner war wahrscheinlich fortgegangen, während Fräulein Montag im -Eßzimmer auf K. eingeredet hatte. K. war dadurch nicht sehr bestürzt, -er hatte kaum mehr erwartet, Fräulein Bürstner so leicht zu treffen, er -hatte diesen Versuch fast nur aus Trotz gegen Fräulein Montag gemacht. -Um so peinlicher war es ihm aber, als er, während er die Tür wieder -schloß, in der offenen Tür des Eßzimmers Fräulein Montag und den -Hauptmann sich unterhalten sah. Sie standen dort vielleicht schon, -seitdem K. die Tür geöffnet hatte, sie vermieden jeden Anschein, als ob -sie K. etwa beobachteten, sie unterhielten sich leise und verfolgten -K.s Bewegungen mit den Blicken nur so, wie man während eines Gespräches -zerstreut umherblickt. Aber auf K. lagen diese Blicke doch schwer, er -beeilte sich, an der Wand entlang in sein Zimmer zu kommen. - - - - - - - - -FÜNFTES KAPITEL - -DER PRÜGLER - - -Als K. an einem der nächsten Abende den Korridor passierte, der sein -Bureau von der Haupttreppe trennte — er ging diesmal fast als der -letzte nach Hause, nur in der Expedition arbeiteten noch zwei Diener im -kleinen Lichtfeld einer Glühlampe — hörte er hinter einer Tür, hinter -der er immer nur eine Rumpelkammer vermutet hatte, ohne sie jemals -selbst gesehen zu haben, Seufzer ausstoßen. Er blieb erstaunt stehn und -horchte noch einmal auf, um festzustellen, ob er sich nicht irrte — es -wurde ein Weilchen still, dann waren es aber doch wieder Seufzer. — -Zuerst wollte er einen der Diener holen, man konnte vielleicht einen -Zeugen brauchen, dann aber faßte ihn eine derart unbezähmbare -Neugierde, daß er die Tür förmlich aufriß. Es war, wie er richtig -vermutet hatte, eine Rumpelkammer. Unbrauchbare alte Drucksorten, -umgeworfene leere irdene Tintenflaschen lagen hinter der Schwelle. In -der Kammer selbst aber standen drei Männer, gebückt in dem niedrigen -Raum. Eine auf einem Regal festgemachte Kerze gab ihnen Licht. „Was -treibt Ihr hier?“ fragte K., sich vor Aufregung überstürzend, aber -nicht laut. Der eine Mann, der die andern offenbar beherrschte und -zuerst den Blick auf sich lenkte, stak in einer Art dunklen -Lederkleidung, die den Hals bis tief zur Brust und die ganzen Arme -nackt ließ. Er antwortete nicht. Aber die zwei andern riefen: „Herr! -Wir sollen geprügelt werden, weil du dich beim Untersuchungsrichter -über uns beklagt hast.“ Und nun erst erkannte K., daß es wirklich die -Wächter Franz und Willem waren, und daß der Dritte eine Rute in der -Hand hielt, um sie zu prügeln. „Nun,“ sagte K. und starrte sie an, „ich -habe mich nicht beklagt, ich habe nur gesagt, wie es sich in meiner -Wohnung zugetragen hat. Und einwandfrei habt Ihr Euch ja nicht -benommen.“ „Herr,“ sagte Willem, während Franz sich hinter ihm vor dem -Dritten offenbar zu sichern suchte, „wenn Ihr wüßtet, wie schlecht wir -bezahlt sind, Ihr würdet besser über uns urteilen. Ich habe eine -Familie zu ernähren und Franz hier wollte heiraten, man sucht sich zu -bereichern, wie es geht, durch bloße Arbeit gelingt es nicht, selbst -durch die angestrengteste. Eure feine Wäsche hat mich verlockt, es ist -natürlich den Wächtern verboten, so zu handeln, es war unrecht, aber -Tradition ist es, daß die Wäsche den Wächtern gehört, es ist immer so -gewesen, glaubt es mir; es ist ja auch verständlich, was bedeuten denn -noch solche Dinge für den, welcher so unglücklich ist, verhaftet zu -werden. Bringt er es dann allerdings öffentlich zur Sprache, dann muß -die Strafe erfolgen.“ „Was Ihr jetzt sagt, wußte ich nicht, ich habe -auch keineswegs Eure Bestrafung verlangt, mir ging es um ein Prinzip.“ -„Franz,“ wandte sich Willem zum andern Wächter, „sagte ich dir nicht, -daß der Herr unsere Bestrafung nicht verlangt hat. Jetzt hörst du, daß -er nicht einmal gewußt hat, daß wir bestraft werden müssen.“ „Laß dich -nicht durch solche Reden rühren,“ sagte der Dritte zu K., „die Strafe -ist ebenso gerecht als unvermeidlich.“ „Höre nicht auf ihn,“ sagte -Willem und unterbrach sich nur, um die Hand, über die er einen -Rutenhieb bekommen hatte, schnell an den Mund zu führen, „wir werden -nur gestraft, weil du uns angezeigt hast. Sonst wäre uns nichts -geschehn, selbst wenn man erfahren hätte, was wir getan haben. Kann man -das Gerechtigkeit nennen? Wir zwei, insbesondere aber ich, hatten uns -als Wächter durch lange Zeit sehr bewährt — du selbst mußt eingestehn, -daß wir, vom Gesichtspunkt der Behörde gesehn, gut gewacht haben — wir -hatten Aussicht, vorwärts zu kommen und wären gewiß bald auch Prügler -geworden, wie dieser, der eben das Glück hatte, von niemandem angezeigt -worden zu sein, denn eine solche Anzeige kommt wirklich nur sehr selten -vor. Und jetzt, Herr, ist alles verloren, unsere Laufbahn beendet, wir -werden noch viel untergeordnetere Arbeiten leisten müssen, als der -Wachdienst ist, und überdies bekommen wir jetzt diese schrecklich -schmerzhaften Prügel.“ „Kann denn die Rute solche Schmerzen machen,“ -fragte K. und prüfte die Rute, die der Prügler vor ihm schwang. „Wir -werden uns ja ganz nackt ausziehn müssen,“ sagte Willem. „Ach so,“ -sagte K. und sah den Prügler genau an, er war braun gebrannt wie ein -Matrose und hatte ein wildes frisches Gesicht. „Gibt es keine -Möglichkeit, den zweien die Prügel zu ersparen,“ fragte er ihn. „Nein,“ -sagte der Prügler und schüttelte lächelnd den Kopf. „Zieht Euch aus,“ -befahl er den Wächtern. Und zu K. sagte er: „Du mußt ihnen nicht alles -glauben, sie sind durch die Angst vor den Prügeln schon ein wenig -schwachsinnig geworden. Was dieser hier z. B.“ — zeigte auf Willem — -„über seine mögliche Laufbahn erzählt hat, ist geradezu lächerlich. -Sieh an, wie fett er ist — die ersten Rutenstreiche werden überhaupt im -Fett verloren gehn. — Weißt du, wodurch er so fett geworden ist? Er hat -die Gewohnheit, allen Verhafteten das Frühstück aufzuessen. Hat er -nicht auch dein Frühstück aufgegessen? Nun, ich sagte es ja. Aber ein -Mann mit einem solchen Bauch kann nie und nimmermehr Prügler werden, -das ist ganz ausgeschlossen.“ „Es gibt auch solche Prügler,“ behauptete -Willem, der gerade seinen Hosengürtel löste. „Nein,“ sagte der Prügler -und strich ihm mit der Rute derartig über den Hals, daß er -zusammenzuckte, „du sollst nicht zuhören, sondern dich ausziehn.“ „Ich -würde dich gut belohnen, wenn du sie laufen läßt,“ sagte K. und zog, -ohne den Prügler nochmals anzusehn — solche Geschäfte werden -beiderseits mit niedergeschlagenen Augen am besten abgewickelt — seine -Brieftasche hervor. „Du willst wohl dann auch mich anzeigen,“ sagte der -Prügler, „und auch noch mir Prügel verschaffen. Nein, nein!“ „Sei doch -vernünftig,“ sagte K., „wenn ich gewollt hätte, daß diese zwei bestraft -werden, würde ich sie doch jetzt nicht loskaufen wollen. Ich könnte -einfach die Tür hier zuschlagen, nichts weiter sehn und hören wollen -und nach Hause gehn; nun tue ich das aber nicht, vielmehr liegt mir -ernstlich daran, sie zu befreien; hätte ich geahnt, daß sie bestraft -werden sollen oder auch nur bestraft werden können, hätte ich ihre -Namen nie genannt. Ich halte sie nämlich gar nicht für schuldig, -schuldig ist die Organisation, schuldig sind die hohen Beamten.“ „So -ist es,“ riefen die Wächter und bekamen sofort einen Hieb über ihren -schon entkleideten Rücken. „Hättest du hier unter deiner Rute einen -hohen Richter,“ sagte K. und drückte, während er sprach, die Rute, die -sich schon wieder erheben wollte, nieder, „ich würde dich wahrhaftig -nicht hindern, loszuschlagen, im Gegenteil, ich würde dir noch Geld -geben, damit du dich für die gute Sache kräftigst.“ „Was du sagst, -klingt ja glaubwürdig,“ sagte der Prügler, „aber ich lasse mich nicht -bestechen. Ich bin zum Prügeln angestellt, also prügle ich.“ Der -Wächter Franz, der vielleicht in Erwartung eines guten Ausgangs des -Eingreifens von K. bisher ziemlich zurückhaltend gewesen war, trat -jetzt nur noch mit den Hosen bekleidet zur Tür, hing sich niederkniend -an K.s Arm und flüsterte: „Wenn du für uns beide Schonung nicht -durchsetzen kannst, so versuche wenigstens mich zu befreien. Willem ist -älter als ich, in jeder Hinsicht weniger empfindlich, auch hat er schon -einmal vor paar Jahren eine leichte Prügelstrafe bekommen, ich aber bin -noch nicht entehrt und bin doch zu meiner Handlungsweise nur durch -Willem gebracht worden, der im Guten und Schlechten mein Lehrer ist. -Unten vor der Bank wartet meine arme Braut auf den Ausgang, ich schäme -mich ja so erbärmlich.“ Er trocknete mit K.s Rock sein von Tränen ganz -überlaufenes Gesicht. „Ich warte nicht mehr,“ sagte der Prügler, faßte -die Rute mit beiden Händen und hieb auf Franz ein, während Willem in -einem Winkel kauerte und heimlich zusah, ohne eine Kopfwendung zu -wagen. Da erhob sich der Schrei, den Franz ausstieß, ungeteilt und -unveränderlich, er schien nicht von einem Menschen, sondern von einem -gemarterten Instrument zu stammen, der ganze Korridor stöhnte von ihm, -das ganze Haus mußte es hören. „Schrei nicht,“ rief K., er konnte sich -nicht zurückhalten, und während er gespannt in die Richtung sah, aus -der die Diener kommen mußten, stieß er den Franz, nicht stark aber doch -stark genug, daß der Besinnungslose niederfiel und im Krampf mit den -Händen den Boden absuchte; den Schlägen entging er aber nicht, die Rute -fand ihn auch auf der Erde; während er sich unter ihr wälzte, schwang -sich ihre Spitze regelmäßig auf und ab. Und schon erschien in der Ferne -ein Diener und ein paar Schritte hinter ihm ein zweiter. K. hatte -schnell die Tür zugeworfen, war zu einem nahen Hoffenster getreten und -öffnete es. Das Schreien hatte vollständig aufgehört. Um die Diener -nicht herankommen zu lassen, rief er: „Ich bin es.“ „Guten Abend, Herr -Prokurist,“ rief es zurück. „Ist etwas geschehn?“ „Nein, nein,“ -antwortete K. „es schreit nur ein Hund auf dem Hof.“ Als die Diener -sich doch nicht rührten, fügte er hinzu: „Sie können bei Ihrer Arbeit -bleiben.“ Um sich in kein Gespräch mit den Dienern einlassen zu müssen, -beugte er sich aus dem Fenster. Als er nach einem Weilchen wieder in -den Korridor sah, waren sie schon weg. K. aber blieb nun beim Fenster, -in die Rumpelkammer wagte er nicht zu gehn und nach Hause gehn wollte -er auch nicht. Es war ein kleiner viereckiger Hof, in den er -hinuntersah, ringsherum waren Bureauräume untergebracht, alle Fenster -waren jetzt schon dunkel, nur die obersten fingen einen Widerschein des -Mondes auf. K. suchte angestrengt mit den Blicken in das Dunkel eines -Hofwinkels einzudringen, in dem einige Handkarren ineinandergefahren -waren. Es quälte ihn, daß es ihm nicht gelungen war, das Prügeln zu -verhindern, aber es war nicht seine Schuld, daß es nicht gelungen war, -hätte Franz nicht geschrien — gewiß, es mußte sehr weh getan haben, -aber in einem entscheidenden Augenblick muß man sich beherrschen — -hätte er nicht geschrien, so hätte K., wenigstens sehr wahrscheinlich, -noch ein Mittel gefunden, den Prügler zu überreden. Wenn die ganze -unterste Beamtenschaft Gesindel war, warum hätte gerade der Prügler, -der das unmenschlichste Amt hatte, eine Ausnahme machen sollen. K. -hatte auch gut beobachtet, wie ihm beim Anblick der Banknote die Augen -geleuchtet hatten, er hatte mit dem Prügeln offenbar nur deshalb Ernst -gemacht, um die Bestechungssumme noch ein wenig zu erhöhen. Und K. -hätte nicht gespart, es lag ihm wirklich daran, die Wächter zu -befreien; wenn er nun schon angefangen hatte, die Verderbnis dieses -Gerichtswesens zu bekämpfen, so war es selbstverständlich, daß er auch -von dieser Seite eingriff. Aber in dem Augenblick, wo Franz zu schreien -angefangen hatte, war natürlich alles zu Ende. K. konnte nicht -zulassen, daß die Diener und vielleicht noch alle möglichen Leute kämen -und ihn in Unterhandlungen mit der Gesellschaft in der Rumpelkammer -überraschten. Diese Aufopferung konnte wirklich niemand von K. -verlangen. Wenn er das zu tun beabsichtigt hätte, so wäre es ja fast -einfacher gewesen, K. hätte sich selbst ausgezogen und dem Prügler als -Ersatz für die Wächter angeboten. Übrigens hätte der Prügler diese -Vertretung gewiß nicht angenommen, da er dadurch, ohne einen Vorteil zu -gewinnen, dennoch seine Pflicht schwer verletzt hätte, und -wahrscheinlich doppelt verletzt hätte, denn K. mußte wohl, solange er -im Verfahren stand, für alle Angestellten des Gerichts unverletzlich -sein. Allerdings konnten hier auch besondere Bestimmungen gelten. -Jedenfalls hatte K. nichts anderes tun können, als die Tür zuschlagen, -trotzdem dadurch auch jetzt noch für K. durchaus nicht jede Gefahr -beseitigt blieb. Daß er zuletzt noch Franz einen Stoß gegeben hatte, -war bedauerlich und nur durch seine Aufregung zu entschuldigen. - -In der Ferne hörte er die Schritte der Diener; um ihnen nicht auffällig -zu werden, schloß er das Fenster und ging in der Richtung zur -Haupttreppe. Bei der Tür zur Rumpelkammer blieb er ein wenig stehn und -horchte. Es war ganz still. Der Mann konnte die Wächter totgeprügelt -haben, sie waren ja ganz in seine Macht gegeben. K. hatte schon die -Hand nach der Klinke ausgestreckt, zog sie dann aber wieder zurück. -Helfen konnte er niemandem mehr und die Diener mußten gleich kommen; er -gelobte sich aber, die Sache noch zur Sprache zu bringen und die -wirklich Schuldigen, die hohen Beamten, von denen sich ihm noch keiner -zu zeigen gewagt hatte, soweit es in seinen Kräften war, gebührend zu -bestrafen. Als er die Freitreppe der Bank hinunterging, beobachtete er -sorgfältig alle Passanten, aber selbst in der weitern Umgebung war kein -Mädchen zu sehn, das auf jemanden gewartet hätte. Die Bemerkung -Franzens, daß seine Braut auf ihn warte, erwies sich als eine -allerdings verzeihliche Lüge, die nur den Zweck gehabt hatte, größeres -Mitleid zu erwecken. - -Auch noch am nächsten Tage kamen K. die Wächter nicht aus dem Sinn; er -war bei der Arbeit zerstreut und mußte, um sie zu bewältigen, noch ein -wenig länger im Bureau bleiben als am Tag vorher. Als er auf dem -Nachhauseweg wieder an der Rumpelkammer vorbeikam, öffnete er sie aus -Gewohnheit. Vor dem, was er statt des erwarteten Dunkels erblickte, -wußte er sich nicht zu fassen. Alles war unverändert, so wie er es am -Abend vorher beim Öffnen der Tür gefunden hatte. Die Drucksorten und -Tintenflaschen gleich hinter der Schwelle, der Prügler mit der Rute, -die noch vollständig angezogenen Wächter, die Kerze auf dem Regal und -die Wächter begannen zu klagen und riefen: Herr! Sofort warf K. die Tür -zu und schlug noch mit den Fäusten gegen sie, als sei sie dann fester -verschlossen. Fast weinend lief er zu den Dienern, die ruhig an den -Kopiermaschinen arbeiteten und erstaunt in ihrer Arbeit innehielten. -„Räumt doch endlich die Rumpelkammer aus,“ rief er. „Wir versinken ja -im Schmutz.“ Die Diener waren bereit, es am nächsten Tag zu tun, K. -nickte, jetzt spät am Abend konnte er sie nicht mehr zu der Arbeit -zwingen, wie er es eigentlich beabsichtigt hatte. Er setzte sich ein -wenig, um die Diener ein Weilchen lang in der Nähe zu behalten, warf -einige Kopien durcheinander, wodurch er den Anschein zu erwecken -glaubte, daß er sie überprüfe, und ging dann, da er einsah, daß die -Diener nicht wagen würden, gleichzeitig mit ihm wegzugehn, müde und -gedankenlos nach Hause. - - - - - - - - -SECHSTES KAPITEL - -DER ONKEL · LENI - - -Eines Nachmittags — K. war gerade vor dem Postabschluß sehr beschäftigt -— drängte sich zwischen zwei Dienern, die Schriftstücke hereintrugen, -K.s Onkel Karl, ein kleiner Grundbesitzer vom Lande, ins Zimmer. K. -erschrak bei dem Anblick weniger, als er schon vor längerer Zeit bei -der Vorstellung vom Kommen des Onkels erschrocken war. Der Onkel mußte -kommen, das stand bei K. schon etwa einen Monat lang fest. Schon damals -hatte er ihn zu sehen geglaubt, wie er, ein wenig gebückt, den -eingedrückten Panamahut in der Linken, die Rechte schon von weitem ihm -entgegenstreckte und sie mit rücksichtsloser Eile über den Schreibtisch -hinreichte, alles umstoßend, was ihm im Wege war. Der Onkel befand sich -immer in Eile, denn er war von dem unglücklichen Gedanken verfolgt, bei -seinem immer nur eintägigen Aufenthalt in der Hauptstadt müsse er alles -erledigen können, was er sich vorgenommen hatte, und dürfe überdies -auch kein gelegentlich sich darbietendes Gespräch oder Geschäft oder -Vergnügen sich entgehen lassen. Dabei mußte ihm K., der ihm als seinem -gewesenen Vormund besonders verpflichtet war, in allem möglichen -behilflich sein und ihn außerdem bei sich übernachten lassen. „Das -Gespenst vom Lande“ pflegte er ihn zu nennen. - -Gleich nach der Begrüßung — sich in das Fauteuil zu setzen, wozu ihn K. -einlud, hatte er keine Zeit — bat er K. um ein kurzes Gespräch unter -vier Augen. „Es ist notwendig,“ sagte er, mühselig schluckend, „zu -meiner Beruhigung ist es notwendig.“ K. schickte sofort die Diener aus -dem Zimmer mit der Weisung, niemand einzulassen. „Was habe ich gehört, -Josef?“ rief der Onkel, als sie allein waren, setzte sich auf den Tisch -und stopfte ohne hinzusehn verschiedene Papiere unter sich, um besser -zu sitzen. K. schwieg, er wußte, was kommen würde, aber, plötzlich von -der anstrengenden Arbeit entspannt, wie er war, gab er sich zunächst -einer angenehmen Mattigkeit hin und sah durch das Fenster auf die -gegenüberliegende Straßenseite, von der von seinem Sitz aus nur ein -kleiner dreieckiger Ausschnitt zu sehen war, ein Stück leerer -Häusermauer, zwischen zwei Geschäftsauslagen. „Du schaust aus dem -Fenster,“ rief der Onkel mit erhobenen Armen, „um Himmels willen, -Josef, antworte mir doch. Ist es wahr, kann es denn wahr sein?“ „Lieber -Onkel,“ sagte K. und riß sich von seiner Zerstreutheit los, „ich weiß -ja gar nicht, was du von mir willst.“ „Josef,“ sagte der Onkel warnend, -„die Wahrheit hast du immer gesagt, soviel ich weiß. Soll ich deine -letzten Worte als schlimmes Zeichen auffassen.“ „Ich ahne ja, was du -willst,“ sagte K. folgsam, „du hast wahrscheinlich von meinem Prozeß -gehört.“ „So ist es,“ antwortete der Onkel, langsam nickend, „ich habe -von deinem Prozeß gehört.“ „Von wem denn?“ fragte K. „Erna hat es mir -geschrieben,“ sagte der Onkel, „sie hat ja keinen Verkehr mit dir, du -kümmerst dich leider nicht viel um sie, trotzdem hat sie es erfahren. -Heute habe ich den Brief bekommen und bin natürlich sofort hergefahren. -Aus keinem andern Grund, aber es scheint ein genügender Grund zu sein. -Ich kann dir die Briefstelle, die dich betrifft, vorlesen.“ Er zog den -Brief aus der Brieftasche. „Hier ist es. Sie schreibt: Josef habe ich -schon lange nicht gesehn, vorige Woche war ich einmal in der Bank, aber -Josef war so beschäftigt, daß ich nicht vorgelassen wurde; ich habe -fast eine Stunde gewartet, mußte dann aber nach Hause, weil ich -Klavierstunde hatte. Ich hätte gern mit ihm gesprochen, vielleicht wird -sich nächstens eine Gelegenheit finden. Zu meinem Namenstag hat er mir -eine große Schachtel Schokolade geschickt, es war sehr lieb und -aufmerksam. Ich hatte vergessen, es Euch damals zu schreiben, erst -jetzt, da Ihr mich fragt, erinnere ich mich daran. Schokolade, müßt Ihr -wissen, verschwindet nämlich in der Pension sofort, kaum ist man zum -Bewußtsein dessen gekommen, daß man mit Schokolade beschenkt worden -ist, ist sie auch schon weg. Aber was Josef betrifft, wollte ich Euch -noch etwas sagen. Wie erwähnt, wurde ich in der Bank nicht zu ihm -vorgelassen, weil er gerade mit einem Herrn verhandelte. Nachdem ich -eine Zeitlang ruhig gewartet hatte, fragte ich einen Diener, ob die -Verhandlung noch lange dauern werde. Er sagte, das dürfte wohl sein, -denn es handle sich wahrscheinlich um den Prozeß, der gegen den Herrn -Prokuristen geführt werde. Ich fragte, was denn das für ein Prozeß sei, -ob er sich nicht irre, er aber sagte, er irre sich nicht, es sei ein -Prozeß, und zwar ein schwerer Prozeß, mehr aber wisse er nicht. Er -selbst möchte dem Herrn Prokuristen gerne helfen, denn dieser sei ein -guter und gerechter Herr, aber er wisse nicht, wie er es anfangen -sollte, und er möchte nur wünschen, daß sich einflußreiche Herren -seiner annehmen würden. Dies werde auch sicher geschehn und es werde -schließlich ein gutes Ende nehmen, vorläufig aber stehe es, wie er aus -der Laune des Herrn Prokuristen entnehmen könne, gar nicht gut. Ich -legte diesen Reden natürlich nicht viel Bedeutung bei, suchte auch den -einfältigen Diener zu beruhigen, verbot ihm, andern gegenüber davon zu -sprechen und halte das Ganze für ein Geschwätz. Trotzdem wäre es -vielleicht gut, wenn Du, liebster Vater, bei Deinem nächsten Besuch der -Sache nachgehn wolltest, es wird Dir leicht sein, Genaueres zu erfahren -und wenn es wirklich nötig sein sollte, durch Deine großen -einflußreichen Bekanntschaften einzugreifen. Sollte es aber nicht nötig -sein, was ja das Wahrscheinlichste ist, so wird es wenigstens Deiner -Tochter bald Gelegenheit geben, Dich zu umarmen, was sie freuen würde.“ -„Ein gutes Kind,“ sagte der Onkel, als er die Vorlesung beendet hatte, -und wischte einige Tränen aus den Augen fort. K. nickte, er hatte -infolge der verschiedenen Störungen der letzten Zeit Erna vollständig -vergessen, sogar ihren Geburtstag hatte er vergessen, und die -Geschichte von der Schokolade war offenbar zu dem Zweck erfunden, um -ihn vor Onkel und Tante in Schutz zu nehmen. Es war sehr rührend, und -mit den Theaterkarten, die er ihr von jetzt ab regelmäßig schicken -wollte, gewiß nicht genügend belohnt, aber zu Besuchen in der Pension -und zu Unterhaltungen mit einer kleinen 18 jährigen Gymnasiastin fühlte -er sich jetzt nicht geeignet. „Und was sagst du jetzt?“ fragte der -Onkel, der durch den Brief alle Eile und Aufregung vergessen hatte und -ihn noch einmal zu lesen schien. „Ja, Onkel,“ sagte K., „es ist wahr.“ -„Wahr?“ rief der Onkel, „Was ist wahr? Wie kann es denn wahr sein? Was -für ein Prozeß? Doch nicht ein Strafprozeß?“ „Ein Strafprozeß,“ -antwortete K. „Und du sitzt ruhig hier und hast einen Strafprozeß auf -dem Halse?“ rief der Onkel, der immer lauter wurde. „Je ruhiger ich -bin, desto besser ist es für den Ausgang,“ sagte K. müde. „Fürchte -nichts.“ „Das kann mich nicht beruhigen,“ rief der Onkel, „Josef, -lieber Josef, denke an dich, an deine Verwandten, an unsern guten -Namen. Du warst bisher unsere Ehre, du darfst nicht unsere Schande -werden. Deine Haltung,“ er sah K. mit schief geneigtem Kopfe an, -„gefällt mir nicht, so verhält sich kein unschuldig Angeklagter, der -noch bei Kräften ist. Sag mir nur schnell, um was es sich handelt, -damit ich dir helfen kann. Es handelt sich natürlich um die Bank?“ -„Nein,“ sagte K. und stand auf, „du sprichst aber zu laut, lieber -Onkel, der Diener steht wahrscheinlich an der Tür und horcht. Das ist -mir unangenehm. Wir wollen lieber weggehn. Ich werde dir dann alle -Fragen so gut es geht beantworten. Ich weiß sehr gut, daß ich der -Familie Rechenschaft schuldig bin.“ „Richtig,“ schrie der Onkel, „sehr -richtig, beeile dich nur, Josef, beeile dich.“ „Ich muß nur noch einige -Aufträge geben,“ sagte K. und berief telephonisch seinen Vertreter zu -sich, der in wenigen Augenblicken eintrat. Der Onkel in seiner -Aufregung zeigte ihm mit der Hand, daß K. ihn habe rufen lassen, woran -auch sonst kein Zweifel gewesen wäre. K., der vor dem Schreibtisch -stand, erklärte dem jungen Mann, der kühl aber aufmerksam zuhörte, mit -leiser Stimme unter Zuhilfenahme verschiedener Schriftstücke, was in -seiner Abwesenheit heute noch erledigt werden müsse. Der Onkel störte, -indem er zuerst mit großen Augen und nervösem Lippenbeißen dabeistand, -ohne allerdings zuzuhören, aber der Anschein dessen war schon störend -genug. Dann aber ging er im Zimmer auf und ab und blieb hie und da vor -dem Fenster oder vor einem Bild stehen, wobei er immer in verschiedene -Ausrufe ausbrach, wie: „Mir ist es vollständig unbegreiflich“ oder -„Jetzt sagt mir nur, was soll denn daraus werden.“ Der junge Mann tat, -als bemerke er nichts davon, hörte ruhig K.s Aufträge bis zu Ende an, -notierte sich auch einiges und ging, nachdem er sich vor K. wie auch -vor dem Onkel verneigt hatte, der ihm aber gerade den Rücken zukehrte, -aus dem Fenster sah und mit ausgestreckten Händen die Vorhänge -zusammenknüllte. Die Tür hatte sich noch kaum geschlossen, als der -Onkel ausrief: „Endlich ist der Hampelmann weggegangen, jetzt können -doch auch wir gehn. Endlich!“ Es gab leider kein Mittel, den Onkel zu -bewegen, in der Vorhalle, wo einige Beamte und Diener herumstanden und -die gerade auch der Direktor-Stellvertreter kreuzte, die Fragen wegen -des Prozesses zu unterlassen. „Also, Josef,“ begann der Onkel, während -er die Verbeugungen der Umstehenden durch leichtes Salutieren -beantwortete, „jetzt sag’ mir offen, was es für ein Prozeß ist.“ K. -machte einige nichtssagende Bemerkungen, lachte auch ein wenig und erst -auf der Treppe erklärte er dem Onkel, daß er vor den Leuten nicht habe -offen reden wollen. „Richtig,“ sagte der Onkel, „aber jetzt rede.“ Mit -geneigtem Kopf, eine Zigarre in kurzen, eiligen Zügen rauchend, hörte -er zu. „Vor allem, Onkel,“ sagte K., „handelt es sich gar nicht um -einen Prozeß vor dem gewöhnlichen Gericht.“ „Das ist schlimm,“ sagte -der Onkel. „Wie?“ sagte K. und sah den Onkel an. „Daß das schlimm ist, -meine ich,“ wiederholte der Onkel. Sie standen auf der Freitreppe, die -zur Straße führte; da der Portier zu horchen schien, zog K. den Onkel -hinunter; der lebhafte Straßenverkehr nahm sie auf. Der Onkel, der sich -in K. eingehängt hatte, fragte nicht mehr so dringend nach dem Prozeß, -sie gingen sogar eine Zeitlang schweigend weiter. „Wie ist es aber -geschehn?“ fragte endlich der Onkel, so plötzlich stehen bleibend, daß -die hinter ihm gehenden Leute erschreckt auswichen. „Solche Dinge -kommen doch nicht plötzlich, sie bereiten sich seit langem vor, es -müssen Anzeichen gewesen sein, warum hast du mir nicht geschrieben. Du -weißt, daß ich für dich alles tue, ich bin ja gewissermaßen noch dein -Vormund und war bis heute stolz darauf. Ich werde dir natürlich auch -jetzt noch helfen, nur ist es jetzt, wenn der Prozeß schon im Gange -ist, sehr schwer. Am besten wäre es jedenfalls, wenn du dir jetzt einen -kleinen Urlaub nimmst und zu uns aufs Land kommst. Du bist auch ein -wenig abgemagert, jetzt merke ich es. Auf dem Land wirst du dich -kräftigen, das wird gut sein, es stehen dir ja gewiß Anstrengungen -bevor. Außerdem aber wirst du dadurch dem Gericht gewissermaßen -entzogen sein. Hier haben sie alle möglichen Machtmittel, die sie -notwendigerweise automatisch auch dir gegenüber anwenden; auf das Land -müßten sie aber erst Organe delegieren oder nur brieflich, -telegraphisch, telephonisch auf dich einzuwirken suchen. Das schwächt -natürlich die Wirkung ab, befreit dich zwar nicht, aber läßt dich -aufatmen.“ „Sie könnten mir ja verbieten, wegzufahren,“ sagte K., den -die Rede des Onkels ein wenig in ihren Gedankengang gezogen hatte. „Ich -glaube nicht, daß sie das tun werden,“ sagte der Onkel nachdenklich, -„so groß ist der Verlust an Macht nicht, den sie durch deine Abreise -erleiden.“ „Ich dachte,“ sagte K. und faßte den Onkel unterm Arm, um -ihn am Stehenbleiben hindern zu können, „daß du dem Ganzen noch weniger -Bedeutung beimessen würdest als ich, und jetzt nimmst du es selbst so -schwer.“ „Josef,“ rief der Onkel und wollte sich ihm entwinden, um -stehn bleiben zu können, aber K. ließ ihn nicht, „du bist verwandelt, -du hattest doch immer ein so richtiges Auffassungsvermögen und gerade -jetzt verläßt es dich? Willst du denn den Prozeß verlieren? Weißt du, -was das bedeutet? Das bedeutet, daß du einfach gestrichen wirst. Und -daß die ganze Verwandtschaft mitgerissen oder wenigstens bis auf den -Boden gedemütigt wird. Josef, nimm dich doch zusammen. Deine -Gleichgültigkeit bringt mich um den Verstand. Wenn man dich ansieht, -möchte man fast dem Sprichwort glauben: „Einen solchen Prozeß haben, -heißt ihn schon verloren haben.“ „Lieber Onkel,“ sagte K., „die -Aufregung ist so unnütz, sie ist es auf deiner Seite und wäre es auch -auf meiner. Mit Aufregung gewinnt man die Prozesse nicht, laß auch -meine praktischen Erfahrungen ein wenig gelten, so wie ich deine, -selbst wenn sie mich überraschen, immer und auch jetzt sehr achte. Da -du sagst, daß auch die Familie durch den Prozeß in Mitleidenschaft -gezogen würde, — was ich für meinen Teil durchaus nicht begreifen kann, -das ist aber Nebensache — so will ich dir gerne in allem folgen. Nur -den Landaufenthalt halte ich selbst in deinem Sinn nicht für -vorteilhaft, denn das würde Flucht und Schuldbewußtsein bedeuten. -Überdies bin ich hier zwar mehr verfolgt, kann aber auch selbst die -Sache mehr betreiben.“ „Richtig,“ sagte der Onkel in einem Ton, als -kämen sie jetzt endlich einander näher, „ich machte den Vorschlag nur, -weil ich, wenn du hier bliebst, die Sache von deiner Gleichgültigkeit -gefährdet sah und es für besser hielt, wenn ich statt deiner für dich -arbeitete. Willst du sie aber mit aller Kraft selbst betreiben, so ist -es natürlich weit besser.“ „Darin wären wir also einig,“ sagte K. „Und -hast du jetzt einen Vorschlag dafür, was ich zunächst machen soll?“ -„Ich muß mir natürlich die Sache noch überlegen,“ sagte der Onkel, „du -mußt bedenken, daß ich jetzt schon 20 Jahre fast ununterbrochen auf dem -Lande bin, dabei läßt der Spürsinn in diesen Richtungen nach. -Verschiedene wichtige Verbindungen mit Persönlichkeiten, die sich hier -vielleicht besser auskennen, haben sich von selbst gelockert. Ich bin -auf dem Land ein wenig verlassen, das weißt du ja. Selbst merkt man es -eigentlich erst bei solchen Gelegenheiten. Zum Teil kam mir deine Sache -auch unerwartet, wenn ich auch merkwürdigerweise nach Ernas Brief schon -etwas derartiges ahnte und es heute bei deinem Anblick fast mit -Bestimmtheit wußte. Aber das ist gleichgültig, das Wichtigste ist -jetzt, keine Zeit zu verlieren.“ Schon während seiner Rede hatte er auf -den Fußspitzen stehend einem Automobil gewinkt und zog jetzt, während -er gleichzeitig dem Wagenlenker eine Adresse zurief, K. hinter sich in -den Wagen. „Wir fahren jetzt zum Advokaten Huld,“ sagte er, „er war -mein Schulkollege. Du kennst den Namen gewiß auch? Nicht? Das ist aber -merkwürdig. Er hat doch als Verteidiger und Armenadvokat einen -bedeutenden Ruf. Ich aber habe besonders zu ihm als Menschen großes -Vertrauen.“ „Mir ist alles recht, was du unternimmst,“ sagte K., -trotzdem ihn die eilige und dringliche Art, mit der der Onkel die -Angelegenheit behandelte, Unbehagen verursachte. Es war nicht sehr -erfreulich, als Angeklagter zu einem Armenadvokaten zu fahren. „Ich -wußte nicht,“ sagte er, „daß man in einer solchen Sache auch einen -Advokaten zuziehen könne.“ „Aber natürlich,“ sagte der Onkel, „das ist -ja selbstverständlich. Warum denn nicht? Und nun erzähle mir, damit ich -über die Sache genau unterrichtet bin, alles, was bisher geschehen -ist.“ K. begann sofort zu erzählen, ohne irgend etwas zu verschweigen, -seine vollständige Offenheit war der einzige Protest, den er sich gegen -des Onkels Ansicht, der Prozeß sei eine große Schande, erlauben konnte. -Fräulein Bürstners Namen erwähnte er nur einmal und flüchtig, aber das -beeinträchtigte nicht die Offenheit, denn Fräulein Bürstner stand mit -dem Prozeß in keiner Verbindung. Während er erzählte, sah er aus dem -Fenster und beobachtete, wie sie sich gerade jener Vorstadt näherten, -in der die Gerichtskanzleien waren, er machte den Onkel darauf -aufmerksam, der aber das Zusammentreffen nicht besonders auffallend -fand. Der Wagen hielt vor einem dunklen Haus. Der Onkel läutete gleich -im Parterre bei der ersten Tür; während sie warteten, fletschte er -lächelnd seine großen Zähne und flüsterte: „8 Uhr, eine ungewöhnliche -Zeit für Parteienbesuche. Huld nimmt es mir aber nicht übel.“ Im -Guckfenster der Tür erschienen zwei große schwarze Augen, sahen ein -Weilchen die zwei Gäste an und verschwanden; die Tür öffnete sich aber -nicht. Der Onkel und K. bestätigten einander gegenseitig die Tatsache, -die zwei Augen gesehen zu haben. „Ein neues Stubenmädchen, das sich vor -Fremden fürchtet,“ sagte der Onkel und klopfte nochmals. Wieder -erschienen die Augen, man konnte sie jetzt fast für traurig halten, -vielleicht war das aber auch nur eine Täuschung, hervorgerufen durch -die offene Gasflamme, die nahe über den Köpfen stark zischend brannte, -aber wenig Licht gab. „Öffnen Sie,“ rief der Onkel und hieb mit der -Faust gegen die Tür, „es sind Freunde des Herrn Advokaten.“ „Der Herr -Advokat ist krank,“ flüsterte es hinter ihnen. In einer Tür am andern -Ende des kleinen Ganges stand ein Herr im Schlafrock und machte mit -äußerst leiser Stimme diese Mitteilung. Der Onkel, der schon wegen des -langen Wartens wütend war, wandte sich mit einem Ruck um, rief: „Krank? -Sie sagen, er ist krank?“ und ging fast drohend, als sei der Herr die -Krankheit, auf ihn zu. „Man hat schon geöffnet,“ sagte der Herr, zeigte -auf die Tür des Advokaten, raffte seinen Schlafrock zusammen und -verschwand. Die Tür war wirklich geöffnet worden, ein junges Mädchen — -K. erkannte die dunklen, ein wenig hervorgewälzten Augen wieder — stand -in langer weißer Schürze im Vorzimmer und hielt eine Kerze in der Hand. -„Nächstens öffnen Sie früher,“ sagte der Onkel statt einer Begrüßung, -während das Mädchen einen kleinen Knix machte. „Komm, Josef,“ sagte er -dann zu K., der sich langsam an dem Mädchen vorüberschob. „Der Herr -Advokat ist krank,“ sagte das Mädchen, da der Onkel, ohne sich -aufzuhalten, auf eine Tür zueilte. K. staunte das Mädchen noch an, -während es sich schon umgedreht hatte, um die Wohnungstüre wieder zu -versperren, es hatte ein puppenförmig gerundetes Gesicht, nicht nur die -bleichen Wangen und das Kinn verliefen rund, auch die Schläfen und die -Stirnränder. „Josef,“ rief der Onkel wieder und das Mädchen fragte er: -„Es ist das Herzleiden?“ „Ich glaube wohl,“ sagte das Mädchen, es hatte -Zeit gefunden mit der Kerze voranzugehn und die Zimmertür zu öffnen. In -einem Winkel des Zimmers, wohin das Kerzenlicht noch nicht drang, erhob -sich im Bett ein Gesicht mit langem Bart. „Leni, wer kommt denn,“ -fragte der Advokat, der, durch die Kerze geblendet, die Gäste nicht -erkannte. „Albert, dein alter Freund ist es,“ sagte der Onkel. „Ach -Albert,“ sagte der Advokat und ließ sich auf die Kissen zurückfallen, -als bedürfe es diesem Besuch gegenüber keiner Verstellung. „Steht es -wirklich so schlecht?“ fragte der Onkel und setzte sich auf den -Bettrand. „Ich glaube es nicht. Es ist ein Anfall deines Herzleidens -und wird vorübergehn wie die frühern.“ „Möglich,“ sagte der Advokat -leise, „es ist aber ärger, als es jemals gewesen ist. Ich atme schwer, -schlafe gar nicht und verliere täglich an Kraft.“ „So,“ sagte der Onkel -und drückte den Panamahut mit seiner großen Hand fest aufs Knie. „Das -sind schlechte Nachrichten. Hast du übrigens die richtige Pflege? Es -ist auch so traurig hier, so dunkel. Es ist schon lange her, seitdem -ich zum letztenmal hier war, damals schien es mir freundlicher. Auch -dein kleines Fräulein hier scheint nicht sehr lustig oder sie verstellt -sich.“ Das Mädchen stand noch immer mit der Kerze nahe bei der Tür; -soweit ihr unbestimmter Blick erkennen ließ, sah sie eher K. an als den -Onkel, selbst als dieser jetzt von ihr sprach. K. lehnte an einem -Sessel, den er in die Nähe des Mädchens geschoben hatte. „Wenn man so -krank ist wie ich,“ sagte der Advokat, „muß man Ruhe haben. Mir ist es -nicht traurig.“ Nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: „Und Leni -pflegt mich gut, sie ist brav.“ Den Onkel konnte das aber nicht -überzeugen, er war sichtlich gegen die Pflegerin voreingenommen und -wenn er auch dem Kranken nichts entgegnete, so verfolgte er doch die -Pflegerin mit strengen Blicken, als sie jetzt zum Bett hinging, die -Kerze auf das Nachttischchen stellte, sich über den Kranken hinbeugte -und beim Ordnen der Kissen mit ihm flüsterte. Er vergaß fast die -Rücksicht auf den Kranken, stand auf, ging hinter der Pflegerin hin und -her, und K. hätte es nicht gewundert, wenn er sie hinten an den Röcken -erfaßt und vom Bett fortgezogen hätte. K. selbst sah allem ruhig zu, -die Krankheit des Advokaten war ihm sogar nicht ganz unwillkommen, dem -Eifer, den der Onkel für seine Sache entwickelt hatte, hatte er sich -nicht entgegenstellen können, die Ablenkung, die dieser Eifer jetzt -ohne sein Zutun erfuhr, nahm er gerne hin. Da sagte der Onkel, -vielleicht nur in der Absicht, die Pflegerin zu beleidigen: „Fräulein, -bitte, lassen Sie uns ein Weilchen allein, ich habe mit meinem Freund -eine persönliche Angelegenheit zu besprechen.“ Die Pflegerin, die noch -weit über den Kranken hingebeugt war und gerade das Leintuch an der -Wand glättete, wendete nur den Kopf und sagte sehr ruhig, was einen -auffallenden Unterschied zu den vor Wut stockenden und dann wieder -überfließenden Reden des Onkels bildete: „Sie sehen, der Herr ist so -krank, er kann keine Angelegenheiten besprechen.“ Sie hatte die Worte -des Onkels wahrscheinlich nur aus Bequemlichkeit wiederholt, immerhin -konnte es selbst von einem Unbeteiligten als spöttisch aufgefaßt -werden, der Onkel aber fuhr natürlich wie ein Gestochener auf. „Du -Verdammte,“ sagte er im ersten Gurgeln der Aufregung noch ziemlich -unverständlich, K. erschrak, trotzdem er etwas Ähnliches erwartet -hatte, und lief auf den Onkel zu, mit der bestimmten Absicht, ihm mit -beiden Händen den Mund zu schließen. Glücklicherweise erhob sich aber -hinter dem Mädchen der Kranke, der Onkel machte ein finsteres Gesicht, -als schlucke er etwas Abscheuliches hinunter, und sagte dann ruhiger: -„Wir haben natürlich auch noch den Verstand nicht verloren; wäre das, -was ich verlange, nicht möglich, würde ich es nicht verlangen. Bitte -gehn Sie jetzt.“ Die Pflegerin stand aufgerichtet am Bett dem Onkel -voll zugewendet, mit der einen Hand streichelte sie, wie K. zu bemerken -glaubte, die Hand des Advokaten. „Du kannst vor Leni alles sagen,“ -sagte der Kranke zweifellos im Ton einer dringenden Bitte. „Es betrifft -nicht mich,“ sagte der Onkel, „es ist nicht mein Geheimnis.“ Und er -drehte sich um, als gedenke er in keine Verhandlungen mehr einzugehn, -gebe aber noch eine kleine Bedenkzeit. „Wen betrifft es denn?“ fragte -der Advokat mit erlöschender Stimme und legte sich wieder zurück. -„Meinen Neffen,“ sagte der Onkel, „ich habe ihn auch mitgebracht.“ Und -er stellte vor: Prokurist Josef K. „Oh,“ sagte der Kranke viel -lebhafter und streckte K. die Hand entgegen, „verzeihen Sie, ich habe -Sie gar nicht bemerkt. Geh, Leni,“ sagte er dann zu der Pflegerin, die -sich auch gar nicht mehr wehrte, und reichte ihr die Hand, als gelte es -einen Abschied für lange Zeit. „Du bist also,“ sagte er endlich zum -Onkel, der versöhnt nähergetreten war, „nicht gekommen, mir einen -Krankenbesuch zu machen, sondern du kommst in Geschäften.“ Es war, als -hätte die Vorstellung eines Krankenbesuches den Advokaten bisher -gelähmt, so gekräftigt sah er jetzt aus, blieb ständig auf einen -Ellbogen aufgestützt, was ziemlich anstrengend sein mußte, und zog -immer wieder an einem Bartstrahn in der Mitte seines Bartes. „Du siehst -schon viel gesünder aus,“ sagte der Onkel, „seitdem diese Hexe draußen -ist.“ Er unterbrach sich, flüsterte: „Ich wette, daß sie horcht“ und -sprang zur Tür. Aber hinter der Tür war niemand, der Onkel kam zurück, -nicht enttäuscht, denn ihr Nichthorchen erschien ihm als eine noch -größere Bosheit, wohl aber verbittert. „Du verkennst sie,“ sagte der -Advokat, ohne die Pflegerin weiter in Schutz zu nehmen; vielleicht -wollte er damit ausdrücken, daß sie nicht schutzbedürftig sei. Aber in -viel teilnehmenderem Tone fuhr er fort: „Was die Angelegenheit deines -Herrn Neffen betrifft, so würde ich mich allerdings glücklich schätzen, -wenn meine Kraft für diese äußerst schwierige Aufgabe ausreichen -könnte; ich fürchte sehr, daß sie nicht ausreichen wird, jedenfalls -will ich nichts unversucht lassen; wenn ich nicht ausreiche, könnte man -ja noch jemanden andern beiziehen. Um aufrichtig zu sein, interessiert -mich die Sache zu sehr, als daß ich es über mich bringen könnte, auf -jede Beteiligung zu verzichten. Hält es mein Herz nicht aus, so wird es -doch wenigstens hier eine würdige Gelegenheit finden, gänzlich zu -versagen.“ K. glaubte kein Wort dieser ganzen Rede zu verstehn, er sah -den Onkel an, um doch eine Erklärung zu finden, aber dieser saß mit der -Kerze in der Hand auf dem Nachttischchen, von dem bereits eine -Arzneiflasche auf den Teppich gerollt war, nickte zu allem, was der -Advokat sagte, war mit allem einverstanden und sah hie und da auf K. -mit der Aufforderung zu gleichem Einverständnis hin. Hatte vielleicht -der Onkel schon früher dem Advokaten von dem Prozeß erzählt? Aber das -war unmöglich, alles was vorhergegangen war, sprach dagegen. „Ich -verstehe nicht“ — sagte er deshalb. „Ja, habe vielleicht ich Sie -mißverstanden?“ fragte der Advokat ebenso erstaunt und verlegen wie K. -„Ich war vielleicht voreilig. Worüber wollten Sie denn mit mir -sprechen? Ich dachte, es handle sich um Ihren Prozeß?“ „Natürlich,“ -sagte der Onkel und fragte dann K.: „Was willst du denn?“ „Ja, aber -woher wissen Sie denn etwas über mich und meinen Prozeß?“ fragte K. -„Ach so,“ sagte der Advokat lächelnd, „ich bin doch Advokat, ich -verkehre in Gerichtskreisen, man spricht über verschiedene Prozesse und -auffallendere, besonders wenn es den Neffen eines Freundes betrifft, -behält man im Gedächtnis. Das ist doch nichts Merkwürdiges.“ „Was -willst du denn?“ fragte der Onkel K. nochmals. „Du bist so unruhig.“ -„Sie verkehren in diesen Gerichtskreisen,“ fragte K. „Ja,“ sagte der -Advokat. „Du fragst wie ein Kind,“ sagte der Onkel. „Mit wem sollte ich -denn verkehren, wenn nicht mit Leuten meines Faches?“ fügte der Advokat -hinzu. Es klang so unwiderleglich, daß K. gar nicht antwortete. „Sie -arbeiten doch bei dem Gericht im Justizpalast, und nicht bei dem auf -dem Dachboden,“ hatte er sagen wollen, konnte sich aber nicht -überwinden, es wirklich zu sagen. „Sie müssen doch bedenken,“ fuhr der -Advokat fort, in einem Tone, als erkläre er etwas Selbstverständliches, -überflüssigerweise und nebenbei, „Sie müssen doch bedenken, daß ich aus -einem solchen Verkehr auch große Vorteile für meine Klientel ziehe, und -zwar in vielfacher Hinsicht, man darf nicht einmal immer davon reden. -Natürlich bin ich jetzt infolge meiner Krankheit ein wenig behindert, -aber ich bekomme trotzdem Besuch von guten Freunden vom Gericht und -erfahre doch einiges. Erfahre vielleicht mehr als manche, die in bester -Gesundheit den ganzen Tag bei Gericht verbringen. So habe ich z. B. -gerade jetzt einen lieben Besuch.“ Und er zeigte in eine dunkle -Zimmerecke. „Wo denn?“ fragte K. in der ersten Überraschung fast grob. -Er sah unsicher umher; das Licht der kleinen Kerze drang bei weitem -nicht bis zur gegenüberliegenden Wand. Und wirklich begann sich dort in -der Ecke etwas zu rühren. Im Licht der Kerze, die der Onkel jetzt -hochhielt, sah man dort bei einem kleinen Tischchen einen älteren Herrn -sitzen. Er hatte wohl gar nicht geatmet, daß er solange unbemerkt -geblieben war. Jetzt stand er umständlich auf, offenbar unzufrieden -damit, daß man auf ihn aufmerksam gemacht hatte. Es war, als wolle er -mit den Händen, die er wie kurze Flügel bewegte, alle Vorstellungen und -Begrüßungen abwehren, als wolle er auf keinen Fall die andern durch -seine Anwesenheit stören und als bitte er dringend wieder um die -Versetzung ins Dunkel und um das Vergessen seiner Anwesenheit. Das -konnte man ihm nun aber nicht mehr zugestehn. „Ihr habt uns nämlich -überrascht,“ sagte der Advokat zur Erklärung und winkte dabei dem Herrn -aufmunternd zu, näherzukommen, was dieser langsam, zögernd, -herumblickend und doch mit einer gewissen Würde tat, „der Herr -Kanzleidirektor — ach so, Verzeihung, ich habe nicht vorgestellt — hier -mein Freund Albert K., hier sein Neffe Prokurist Josef K. und hier der -Herr Kanzleidirektor — der Herr Kanzleidirektor also war so -freundlich, mich zu besuchen. Den Wert eines solchen Besuches kann -eigentlich nur der Eingeweihte würdigen, welcher weiß, wie der liebe -Kanzleidirektor mit Arbeit überhäuft ist. Nun, er kam aber trotzdem, -wir unterhielten uns friedlich, soweit meine Schwäche es erlaubte, wir -hatten zwar Leni nicht verboten, Besuche einzulassen, denn es waren -keine zu erwarten, aber unsere Meinung war doch, daß wir allein bleiben -sollten, dann aber kamen deine Fausthiebe, Albert, der Herr -Kanzleidirektor rückte mit Sessel und Tisch in den Winkel, nun aber -zeigt sich, daß wir möglicherweise, d. h. wenn der Wunsch danach -besteht, gemeinsame Angelegenheit zu besprechen haben und sehr gut -wieder zusammenrücken können. — Herr Kanzleidirektor,“ sagte er mit -Kopfneigen und unterwürfigem Lächeln und zeigte auf einen Lehnstuhl in -der Nähe des Bettes. „Ich kann leider nur noch ein paar Minuten -bleiben,“ sagte der Kanzleidirektor freundlich, setzte sich breit in -den Lehnstuhl und sah auf die Uhr, „die Geschäfte rufen mich. -Jedenfalls will ich nicht die Gelegenheit vorübergehen lassen, einen -Freund meines Freundes kennenzulernen.“ Er neigte den Kopf leicht gegen -den Onkel, der von der neuen Bekanntschaft sehr befriedigt schien, aber -infolge seiner Natur Gefühle der Ergebenheit nicht ausdrücken konnte -und die Worte des Kanzleidirektors mit verlegenem, aber lautem Lachen -begleitete. Ein häßlicher Anblick! K. konnte ruhig alles beobachten, -denn um ihn kümmerte sich niemand, der Kanzleidirektor nahm, wie es -seine Gewohnheit schien, da er nun schon einmal hervorgezogen war, die -Herrschaft über das Gespräch an sich, der Advokat, dessen erste -Schwäche vielleicht nur dazu hatte dienen sollen, den neuen Besuch zu -vertreiben, hörte aufmerksam, die Hand am Ohre, zu, der Onkel als -Kerzenträger — er balancierte die Kerze auf seinem Schenkel, der -Advokat sah öfters besorgt hin — war bald frei von Verlegenheit und nur -noch entzückt, sowohl von der Art der Rede des Kanzleidirektors, als -auch von den sanften wellenförmigen Handbewegungen, mit denen er sie -begleitete. K., der am Bettpfosten lehnte, wurde vom Kanzleidirektor -vielleicht sogar mit Absicht vollständig vernachlässigt und diente den -alten Herren nur als Zuhörer. Übrigens wußte er kaum, wovon die Rede -war und dachte bald an die Pflegerin und an die schlechte Behandlung, -die sie vom Onkel erfahren hatte, bald daran, ob er den Kanzleidirektor -nicht schon einmal gesehn hatte, vielleicht sogar in der Versammlung -bei seiner ersten Untersuchung. Wenn er sich vielleicht auch täuschte, -so hätte sich doch der Kanzleidirektor den Versammlungsteilnehmern in -der ersten Reihe, den alten Herren mit den schüttern Bärten, vorzüglich -eingefügt. - -Da ließ ein Lärm aus dem Vorzimmer wie von zerbrechendem Porzellan alle -aufhorchen. „Ich will nachsehn, was geschehen ist,“ sagte K. und ging -langsam hinaus, als gebe er den andern noch Gelegenheit, ihn -zurückzuhalten. Kaum war er ins Vorzimmer getreten und wollte sich im -Dunkel zurechtfinden, als sich auf die Hand, mit der er die Tür noch -festhielt, eine kleine Hand legte, viel kleiner als K.s Hand und die -Tür leise schloß. Es war die Pflegerin, die hier gewartet hatte. „Es -ist nichts geschehn,“ flüsterte sie, „ich habe nur einen Teller gegen -die Mauer geworfen, um Sie herauszuholen.“ In seiner Befangenheit sagte -K.: „Ich habe auch an Sie gedacht.“ „Desto besser,“ sagte die -Pflegerin, „kommen Sie.“ Nach ein paar Schritten kamen sie zu einer Tür -aus mattem Glas, welche die Pflegerin vor K. öffnete. „Treten Sie doch -ein,“ sagte sie. Es war jedenfalls das Arbeitszimmer des Advokaten; -soweit man im Mondlicht sehen konnte, das jetzt nur einen kleinen -viereckigen Teil des Fußbodens an jedem der zwei großen Fenster stark -erhellte, war es mit schweren alten Möbelstücken ausgestattet. -„Hierher,“ sagte die Pflegerin und zeigte auf eine dunkle Truhe mit -holzgeschnitzter Lehne. Noch als er sich gesetzt hatte, sah sich K. im -Zimmer um, es war ein hohes großes Zimmer, die Kundschaft des -Armenadvokaten mußte sich hier verloren vorkommen. K. glaubte die -kleinen Schritte zu sehn, mit denen die Besucher zu dem gewaltigen -Schreibtisch vorrückten. Dann aber vergaß er daran und hatte nur noch -Augen für die Pflegerin, die ganz nahe neben ihm saß und ihn fast an -die Seitenlehne drückte. „Ich dachte,“ sagte sie, „Sie würden allein zu -mir herauskommen, ohne daß ich Sie erst rufen müßte. Es war doch -merkwürdig. Zuerst sahen Sie mich gleich beim Eintritt ununterbrochen -an und dann ließen Sie mich warten. Nennen Sie mich übrigens Leni,“ -fügte sie noch rasch und unvermittelt zu, als solle kein Augenblick -dieser Aussprache versäumt werden. „Gern,“ sagte K. „Was aber die -Merkwürdigkeit betrifft, Leni, so ist sie leicht zu erklären. Erstens -mußte ich doch das Geschwätz der alten Herren anhören und konnte nicht -grundlos weglaufen, zweitens aber bin ich nicht frech, sondern eher -schüchtern und auch Sie, Leni, sahen wahrhaftig nicht so aus, als ob -Sie in einem Sprung zu gewinnen wären.“ „Das ist es nicht,“ sagte Leni, -legte den Arm über die Lehne und sah K. an, „aber ich gefiel Ihnen -nicht und gefalle Ihnen wahrscheinlich auch jetzt nicht.“ „Gefallen -wäre ja nicht viel,“ sagte K. ausweichend. „Oh!“ sagte sie lächelnd und -gewann durch K.s Bemerkung und diesen kleinen Ausruf eine gewisse -Überlegenheit. Deshalb schwieg K. ein Weilchen. Da er sich an das -Dunkel im Zimmer schon gewöhnt hatte, konnte er verschiedene -Einzelheiten der Einrichtung unterscheiden. Besonders fiel ihm ein -großes Bild auf, das rechts von der Tür hing, er beugte sich vor, um es -besser zu sehn. Es stellte einen Mann im Richtertalar dar; er saß auf -einem hohen Thronsessel, dessen Vergoldung vielfach aus dem Bilde -hervorstach. Das Ungewöhnliche war, daß dieser Richter nicht in Ruhe -und Würde dort saß, sondern den linken Arm fest an Rücken- und -Seitenlehne drückte, den rechten Arm aber völlig frei hatte und nur mit -der Hand die Seitenlehne umfaßte, als wolle er im nächsten Augenblick -mit einer heftigen und vielleicht empörten Wendung aufspringen, um -etwas Entscheidendes zu sagen oder gar das Urteil zu verkünden. Der -Angeklagte war wohl zu Füßen der Treppe zu denken, deren oberste, mit -einem gelben Teppich bedeckte Stufen noch auf dem Bilde zu sehen waren. -„Vielleicht ist das mein Richter,“ sagte K. und zeigte mit einem Finger -auf das Bild. „Ich kenne ihn,“ sagte Leni und sah auch zum Bilde auf, -„er kommt öfters hierher. Das Bild stammt aus seiner Jugend, er kann -aber niemals dem Bilde auch nur ähnlich gewesen sein, denn er ist fast -winzig klein. Trotzdem hat er sich auf dem Bild so in die Länge ziehen -lassen, denn er ist unsinnig eitel, wie alle hier. Aber auch ich bin -eitel und sehr unzufrieden damit, daß ich Ihnen gar nicht gefalle.“ Auf -die letzte Bemerkung antwortete K. nur damit, daß er Leni umfaßte und -an sich zog, sie lehnte still den Kopf an seine Schulter. Zu dem -übrigen aber sagte er: „Was für einen Rang hat er?“ „Er ist -Untersuchungsrichter,“ sagte sie, ergriff K.s Hand, mit der er sie -umfaßt hielt, und spielte mit seinen Fingern. „Wieder nur -Untersuchungsricher,“ sagte K. enttäuscht, „die hohen Beamten -verstecken sich. Aber er sitzt doch auf einem Thronsessel.“ „Das ist -alles Erfindung,“ sagte Leni, das Gesicht über K.s Hand gebeugt, „in -Wirklichkeit sitzt er auf einem Küchensessel, auf dem eine alte -Pferdedecke zusammengelegt ist. Aber müssen Sie denn immerfort an Ihren -Prozeß denken?“ fügte sie langsam hinzu. „Nein, durchaus nicht,“ sagte -K., „ich denke wahrscheinlich sogar zu wenig an ihn.“ „Das ist nicht -der Fehler, den Sie machen,“ sagte Leni, „Sie sind zu unnachgiebig, so -habe ich es gehört.“ „Wer hat das gesagt?“ fragte K., er fühlte ihren -Körper an seiner Brust und sah auf ihr reiches dunkles fest gedrehtes -Haar hinab. „Ich würde zuviel verraten, wenn ich das sagte,“ antwortete -Leni. „Fragen Sie, bitte, nicht nach Namen, stellen Sie aber Ihren -Fehler ab, seien Sie nicht mehr so unnachgiebig, gegen dieses Gericht -kann man sich ja nicht wehren, man muß das Geständnis machen. Machen -Sie doch bei nächster Gelegenheit das Geständnis. Erst dann ist die -Möglichkeit, zu entschlüpfen, gegeben, erst dann. Jedoch selbst das ist -ohne fremde Hilfe nicht möglich, wegen dieser Hilfe aber müssen Sie -sich nicht ängstigen, die will ich Ihnen selbst leisten.“ „Sie -verstehen viel von diesem Gericht und von den Betrügereien, die hier -nötig sind,“ sagte K. und hob sie, da sie sich allzu stark an ihn -drängte, auf seinen Schoß. „So ist es gut,“ sagte sie und richtete sich -auf seinem Schoß ein, indem sie den Rock glättete und die Bluse -zurechtzog. Dann hing sie sich mit beiden Händen an seinen Hals, lehnte -sich zurück und sah ihn lange an. „Und wenn ich das Geständnis nicht -mache, dann können Sie mir nicht helfen?“ fragte K. versuchsweise. Ich -werbe Helferinnen, dachte er fast verwundert, zuerst Fräulein Bürstner, -dann die Frau des Gerichtsdieners und endlich diese kleine Pflegerin, -die ein unbegreifliches Bedürfnis nach mir zu haben scheint. Wie sie -auf meinem Schoß sitzt, als sei es ihr einzig richtiger Platz! „Nein,“ -antwortete Leni und schüttelte langsam den Kopf, „dann kann ich Ihnen -nicht helfen. Aber Sie wollen ja meine Hilfe gar nicht, es liegt Ihnen -nichts daran, Sie sind eigensinnig und lassen sich nicht überzeugen.“ -„Haben Sie eine Geliebte?“ fragte sie nach einem Weilchen. „Nein,“ -sagte K. „O doch,“ sagte sie. „Ja, wirklich,“ sagte K., „denken Sie -nur, ich habe sie verleugnet und trage doch sogar ihre Photographie bei -mir.“ Auf ihre Bitten zeigte er ihr eine Photographie Elsas, -zusammengekrümmt auf seinem Schoß studierte sie das Bild. Es war eine -Momentphotographie, Elsa war nach einem Wirbeltanz aufgenommen, wie sie -ihn in dem Weinlokal gern tanzte, ihr Rock flog noch im Faltenwurf der -Drehung um sie her, die Hände hatte sie auf die festen Hüften gelegt -und sah mit straffem Hals lachend zur Seite; wem ihr Lachen galt, -konnte man aus dem Bild nicht erkennen. „Sie ist stark geschnürt,“ -sagte Leni und zeigte auf die Stelle, wo dies ihrer Meinung nach zu -sehen war. „Sie gefällt mir nicht, sie ist unbeholfen und roh. -Vielleicht ist sie aber Ihnen gegenüber sanft und freundlich, darauf -könnte man nach dem Bilde schließen. So große starke Mädchen wissen oft -nichts anderes, als sanft und freundlich zu sein. Würde sie sich aber -für Sie opfern können?“ „Nein,“ sagte K., „sie ist weder sanft und -freundlich, noch würde sie sich für mich opfern können. Auch habe ich -bisher weder das eine noch das andere von ihr verlangt. Ja, ich habe -noch nicht einmal das Bild so genau angesehn wie Sie.“ „Es liegt Ihnen -also gar nicht viel an ihr,“ sagte Leni, „sie ist also gar nicht Ihre -Geliebte.“ „Doch,“ sagte K. „Ich nehme mein Wort nicht zurück.“ „Mag -sie also jetzt Ihre Geliebte sein,“ sagte Leni, „Sie würden sie aber -nicht sehr vermissen, wenn Sie sie verlieren oder für jemand andern, z. -B. für mich, eintauschen würden.“ „Gewiß,“ sagte K. lächelnd, „das wäre -denkbar, aber sie hat einen großen Vorteil Ihnen gegenüber, sie weiß -nichts von meinem Prozeß, und selbst wenn sie etwas davon wüßte, würde -sie nicht daran denken. Sie würde mich nicht zur Nachgiebigkeit zu -überreden suchen.“ „Das ist kein Vorteil,“ sagte Leni. „Wenn sie keine -sonstigen Vorteile hat, verliere ich nicht den Mut. Hat sie irgendeinen -körperlichen Fehler?“ „Einen körperlichen Fehler?“ fragte K. „Ja,“ -sagte Leni, „ich habe nämlich einen solchen kleinen Fehler, sehen Sie.“ -Sie spannte den Mittel- und Ringfinger ihrer rechten Hand auseinander, -zwischen denen das Verbindungshäutchen fast bis zum obersten Gelenk der -kurzen Finger reichte. K. merkte im Dunkel nicht gleich, was sie ihm -zeigen wollte, sie führte deshalb seine Hand hin, damit er es abtaste. -„Was für ein Naturspiel,“ sagte K. und fügte, als er die ganze Hand -überblickt hatte, hinzu. „Was für eine hübsche Kralle!“ Mit einer Art -Stolz sah Leni zu, wie K. staunend immer wieder ihre zwei Finger -auseinanderzog und zusammenlegte, bis er sie schließlich flüchtig küßte -und losließ. „Oh!“ rief sie aber sofort, „Sie haben mich geküßt!“ -Eilig, mit offenem Mund erkletterte sie mit den Knien seinen Schoß, K. -sah fast bestürzt zu ihr auf, jetzt, da sie ihm so nahe war, ging ein -bitterer anfeuernder Geruch wie von Pfeffer von ihr aus, sie nahm -seinen Kopf an sich, beugte sich über ihn hinweg und biß und küßte -seinen Hals, biß selbst in seine Haare. „Sie haben mich eingetauscht,“ -rief sie von Zeit zu Zeit, „sehen Sie, nun haben Sie mich doch -eingetauscht!“ Da glitt ihr Knie aus, mit einem kleinen Schrei fiel sie -fast auf den Teppich, K. umfaßte sie, um sie noch zu halten, und wurde -zu ihr hinabgezogen. „Jetzt gehörst du mir,“ sagte sie. - -„Hier hast du den Hausschlüssel, komm, wann du willst,“ waren ihre -letzten Worte und ein zielloser Kuß traf ihn noch im Weggehn auf den -Rücken. Als er aus dem Haustor trat, fiel ein leichter Regen, er wollte -in die Mitte der Straße gehn, um vielleicht Leni noch beim Fenster -erblicken zu können, da stürzte aus einem Automobil, das vor dem Hause -wartete und das K. in seiner Zerstreutheit gar nicht bemerkt hatte, der -Onkel, faßte ihn bei den Armen und stieß ihn gegen das Haustor, als -wolle er ihn dort festnageln. „Junge,“ rief er, „wie konntest du nur -das tun! Du hast deiner Sache, die auf gutem Wege war, schrecklich -geschadet. Verkriechst dich mit einem kleinen schmutzigen Ding, das -überdies offensichtlich die Geliebte des Advokaten ist, und bleibst -stundenlang weg. Suchst nicht einmal einen Vorwand, verheimlichst -nichts, nein, bist ganz offen, läufst zu ihr und bleibst bei ihr. Und -unterdessen sitzen wir beisammen, der Onkel, der sich für dich abmüht, -der Advokat, der für dich gewonnen werden soll, der Kanzleidirektor vor -allem, dieser große Herr, der deine Sache in ihrem jetzigen Stadium -geradezu beherrscht. Wir wollen beraten, wie dir zu helfen wäre, ich -muß den Advokaten vorsichtig behandeln, dieser wieder den -Kanzleidirektor und du hättest doch allen Grund, mich wenigstens zu -unterstützen. Statt dessen bleibst du fort. Schließlich läßt es sich -nicht verheimlichen, nun, es sind höfliche gewandte Männer, sie -sprechen nicht davon, sie schonen mich, schließlich können aber auch -sie sich nicht mehr überwinden und da sie von der Sache nicht reden -können, verstummen sie. Wir sind minutenlang schweigend dagesessen und -haben gehorcht, ob du nicht doch endlich kämest. Alles vergebens. -Endlich steht der Kanzleidirektor, der viel länger geblieben ist, als -er ursprünglich wollte, auf, verabschiedet sich, bedauert mich -sichtlich, ohne mir helfen zu können, wartet in unbegreiflicher -Liebenswürdigkeit noch eine Zeitlang in der Tür, dann geht er. Ich war -natürlich glücklich, daß er weg war, mir war schon die Luft zum Atmen -ausgegangen. Auf den kranken Advokaten hat alles noch stärker -eingewirkt, er konnte, der gute Mann, gar nicht sprechen, als ich mich -von ihm verabschiedete. Du hast wahrscheinlich im seinem vollständigen -Zusammenbrechen beigetragen und beschleunigst so den Tod eines Mannes, -auf den du angewiesen bist. Und mich, deinen Onkel, läßt du hier im -Regen, fühle nur, ich bin ganz durchnäßt, stundenlang warten.“ - - - - - - - - -SIEBENTES KAPITEL - -ADVOKAT · FABRIKANT · MALER - - -An einem Wintervormittag - draußen fiel Schnee im trüben Licht - saß K. -trotz der frühen Stunde schon äußerst müde in seinem Bureau. Um sich -wenigstens vor den untersten Beamten zu schützen, hatte er dem Diener -den Auftrag gegeben, niemanden von ihnen einzulassen, da er mit einer -größern Arbeit beschäftigt sei. Aber statt zu arbeiten, drehte er sich -in seinem Sessel, verschob langsam einige Gegenstände auf dem Tisch, -ließ dann aber, ohne es zu wissen, den ganzen Arm ausgestreckt auf der -Tischplatte liegen und blieb mit gesenktem Kopf unbeweglich sitzen. - -Der Gedanke an den Prozeß verließ ihn nicht mehr. Öfters schon hatte er -überlegt, ob es nicht gut wäre, eine Verteidigungsschrift auszuarbeiten -und bei Gericht einzureichen. Er wollte darin eine kurze -Lebensbeschreibung vorlegen und bei jedem irgendwie wichtigen Ereignis -erklären, aus welchen Gründen er so gehandelt hatte, ob diese -Handlungsweise nach seinem gegenwärtigen Urteil zu verwerfen oder zu -billigen war und welche Gründe er für dieses oder jenes anführen -konnte. Die Vorteile einer solchen Verteidigungsschrift gegenüber der -bloßen Verteidigung durch den übrigens auch sonst nicht einwandfreien -Advokaten waren zweifellos. K. wußte ja gar nicht, was der Advokat -unternahm; viel war es jedenfalls nicht, schon einen Monat lang hatte -er ihn nicht mehr zu sich berufen und auch bei keiner der frühern -Besprechungen hatte K. den Eindruck gehabt, daß dieser Mann viel für -ihn erreichen könne. Vor allem hatte er ihn fast gar nicht ausgefragt. -Und hier war doch so viel zu fragen. Fragen war die Hauptsache. K. -hatte das Gefühl, als ob er selbst alle hier nötigen Fragen stellen -könnte. Der Advokat dagegen, statt zu fragen, erzählte selbst oder saß -ihm stumm gegenüber, beugte sich, wahrscheinlich wegen seines schwachen -Gehörs, ein wenig über den Schreibtisch vor, zog an einem Bartstrahn -innerhalb seines Bartes und blickte auf den Teppich nieder, vielleicht -gerade auf die Stelle, wo K. mit Leni gelegen war. Hie und da gab er K. -einige leere Ermahnungen, wie man sie Kindern gibt. Ebenso nutzlose wie -langweilige Reden, die K. in der Schlußabrechnung mit keinem Heller zu -bezahlen gedachte. Nachdem der Advokat ihn genügend gedemütigt zu haben -glaubte, fing er gewöhnlich an, ihn wieder ein wenig aufzumuntern. Er -habe schon, erzählte er dann, viele ähnliche Prozesse ganz oder -teilweise gewonnen. Prozesse, die, wenn auch in Wirklichkeit vielleicht -nicht so schwierig wie dieser, äußerlich noch hoffnungsloser waren. Ein -Verzeichnis dieser Prozesse habe er hier in der Schublade — hiebei -klopfte er an irgendeine Lade des Tisches —, die Schriften könne er -leider nicht zeigen, da es sich um Amtsgeheimnisse handle. Trotzdem -komme jetzt die große Erfahrung, die er durch alle diese Prozesse -erworben habe, K. zugute. Er habe natürlich sofort zu arbeiten begonnen -und die erste Eingabe sei schon fast fertiggestellt. Sie sei sehr -wichtig, weil der erste Eindruck, den die Verteidigung mache, oft die -ganze Richtung des Verfahrens bestimme. Leider, darauf müsse er K. -allerdings aufmerksam machen, geschehe es manchmal, daß die ersten -Eingaben bei Gericht gar nicht gelesen würden. Man lege sie einfach zu -den Akten und weise darauf hin, daß vorläufig die Einvernahme und -Beobachtung des Angeklagten wichtiger sei, als alles Geschriebene. Man -fügt, wenn der Petent dringlich wird, hinzu, daß man vor der -Entscheidung, bis alles Material gesammelt ist, im Zusammenhang -natürlich alle Akten, also auch diese erste Eingabe, überprüfen wird. -Leider sei aber auch dies meistens nicht richtig, die erste Eingabe -werde gewöhnlich verlegt oder gehe gänzlich verloren und, selbst wenn -sie bis zum Ende erhalten bleibt, werde sie, wie der Advokat allerdings -nur gerüchtweise erfahren hat, kaum gelesen. Das alles sei bedauerlich, -aber nicht ganz ohne Berechtigung. K. möge doch nicht außer acht -lassen, daß das Verfahren nicht öffentlich sei, es kann, wenn das -Gericht es für nötig hält, öffentlich werden, das Gesetz aber schreibt -Öffentlichkeit nicht vor. Infolgedessen sind auch die Schriften des -Gerichts, vor allem die Anklageschrift dem Angeklagten und seiner -Verteidigung unzugänglich, man weiß daher im allgemeinen nicht oder -wenigstens nicht genau, wogegen sich die erste Eingabe zu richten hat, -sie kann daher eigentlich nur zufälligerweise etwas enthalten, was für -die Sache von Bedeutung ist. Wirklich zutreffende und beweisführende -Eingaben kann man erst später ausarbeiten, wenn im Laufe der -Einvernahmen des Angeklagten die einzelnen Anklagepunkte und ihre -Begründung deutlicher hervortreten oder erraten werden können. Unter -diesen Verhältnissen ist natürlich die Verteidigung in einer sehr -ungünstigen und schwierigen Lage. Aber auch das ist beabsichtigt. Die -Verteidigung ist nämlich durch das Gesetz nicht eigentlich gestattet, -sondern nur geduldet und selbst darüber, ob aus der betreffenden -Gesetzesstelle wenigstens Duldung herausgelesen werden soll, besteht -Streit. Es gibt daher strenggenommen gar keine vom Gericht anerkannten -Advokaten, alle, die vor diesem Gericht als Advokaten auftreten, sind -im Grunde nur Winkeladvokaten. Das wirkt natürlich auf den ganzen Stand -sehr entwürdigend ein und wenn K. nächstens einmal in die -Gerichtskanzleien gehen werde, könne er sich ja, um auch das einmal -gesehen zu haben, das Advokatenzimmer ansehn. Er werde vor der -Gesellschaft, die dort beisammen sei, vermutlich erschrecken. Schon die -ihnen zugewiesene enge niedrige Kammer zeige die Verachtung, die das -Gericht für diese Leute hat. Licht bekommt die Kammer nur durch eine -kleine Luke, die so hochgelegen ist, daß man, wenn man hinausschauen -will, wo einem übrigens der Rauch eines knapp davor gelegenen Kamins in -die Nase fährt und das Gesicht schwärzt, erst einen Kollegen suchen -muß, der einen auf den Rücken nimmt. Im Fußboden dieser Kammer — um nur -noch ein Beispiel für diese Zustände anzuführen — ist nun schon seit -mehr als einem Jahr ein Loch, nicht so groß, daß ein Mensch durchfallen -könnte, aber groß genug, daß man mit einem Bein ganz einsinkt. Das -Advokatenzimmer liegt auf dem zweiten Dachboden; sinkt also einer ein, -so hängt sein Bein in den ersten Dachboden hinunter und zwar gerade in -den Gang, wo die Parteien warten. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn man -in Advokatenkreisen solche Verhältnisse schändlich nennt. Beschwerden -an die Verwaltung haben nicht den geringsten Erfolg, wohl aber ist es -den Advokaten auf das strengste verboten, irgend etwas in dem Zimmer -auf eigene Kosten ändern zu lassen. Aber auch diese Behandlung der -Advokaten hat ihre Begründung. Man will die Verteidigung möglichst -ausschalten, alles soll auf den Angeklagten selbst gestellt sein. Kein -schlechter Standpunkt im Grunde, nichts wäre aber verfehlter, als -daraus zu folgern, daß bei diesem Gericht die Advokaten für den -Angeklagten unnötig sind. Im Gegenteil, bei keinem andern Gericht sind -sie so notwendig wie bei diesem. Das Verfahren ist nämlich im -allgemeinen nicht nur vor der Öffentlichkeit geheim, sondern auch vor -dem Angeklagten. Natürlich nur soweit dies möglich ist, es ist aber in -sehr weitem Ausmaß möglich. Auch der Angeklagte hat nämlich keinen -Einblick in die Gerichtsschriften und aus den Verhören auf die ihnen -zugrundeliegenden Schriften zu schließen, ist sehr schwierig, -insbesondere aber für den Angeklagten, der doch befangen ist und alle -möglichen Sorgen hat, die ihn zerstreuen. Hier greift nun die -Verteidigung ein. Bei den Verhören dürfen im allgemeinen Verteidiger -nicht anwesend sein, sie müssen daher nach den Verhören und zwar -möglichst noch an der Tür des Untersuchungszimmers den Angeklagten über -das Verhör ausforschen und diesen oft schon sehr verwischten Berichten -das für die Verteidigung Taugliche entnehmen. Aber das Wichtigste ist -dies nicht, denn viel kann man auf diese Weise nicht erfahren, wenn -natürlich auch hier wie überall ein tüchtiger Mann mehr erfährt als -andere. Das Wichtigste bleiben trotzdem die persönlichen Beziehungen -des Advokaten, in ihnen liegt der Hauptwert der Verteidigung. Nun habe -ja wohl K. schon aus seinen eigenen Erlebnissen entnommen, daß die -allerunterste Organisation des Gerichtes nicht ganz vollkommen ist, -pflichtvergessene und bestechliche Angestellte aufweist, wodurch -gewissermaßen die strenge Abschließung des Gerichtes Lücken bekommt. -Hier nun drängt sich die Mehrzahl der Advokaten ein, hier wird -bestochen und ausgehorcht, ja es kamen wenigstens in früherer Zeit -sogar Fälle von Aktendiebstählen vor. Es ist nicht zu leugnen, daß auf -diese Weise für den Augenblick einige sogar überraschend günstige -Resultate für den Angeklagten sich erzielen lassen, damit stolzieren -auch diese kleinen Advokaten herum und locken neue Kundschaft an, aber -für den weitern Fortgang des Prozesses bedeutet es entweder nichts oder -nichts Gutes. Wirklichen Wert aber haben nur ehrliche persönliche -Beziehungen und zwar mit höhern Beamten, womit natürlich nur höhere -Beamten der untern Grade gemeint sind. Nur dadurch kann der Fortgang -des Prozesses, wenn auch zunächst nur unmerklich, später aber immer -deutlicher beeinflußt werden. Das können natürlich nur wenige Advokaten -und hier sei die Wahl K.s sehr günstig gewesen. Nur noch vielleicht ein -oder zwei Advokaten könnten sich mit ähnlichen Beziehungen ausweisen -wie Dr. Huld. Diese kümmern sich allerdings um die Gesellschaft im -Advokatenzimmer nicht und haben auch nichts mit ihr zu tun. Um so enger -sei aber die Verbindung mit den Gerichtsbeamten. Es sei nicht einmal -immer nötig, daß Dr. Huld zu Gericht gehe, in den Vorzimmern der -Untersuchungsrichter auf ihr zufälliges Erscheinen warte, und je nach -ihrer Laune einen meist nur scheinbaren Erfolg erziele oder auch nicht -einmal diesen. Nein, K. habe es ja selbst gesehen, die Beamten und -darunter recht hohe kommen selbst, geben bereitwillig Auskunft, offene -oder wenigstens leicht deutbare, besprechen den nächsten Fortgang der -Prozesse, ja sie lassen sich sogar in einzelnen Fällen überzeugen und -nehmen die fremde Ansicht gern an. Allerdings dürfe man ihnen gerade in -dieser letzten Hinsicht nicht allzusehr vertrauen, so bestimmt sie ihre -neue, für die Verteidigung günstige Absicht, auch aussprechen, gehen -sie doch vielleicht geradewegs in ihre Kanzlei und geben für den -nächsten Tag einen Gerichtsbeschluß heraus, der gerade das -Entgegengesetzte enthält und vielleicht für den Angeklagten noch viel -strenger ist, als ihre erste Absicht, von der sie gänzlich abgekommen -zu sein behaupteten. Dagegen könne man sich natürlich nicht wehren, -denn das, was sie zwischen vier Augen gesagt haben, ist eben auch nur -zwischen vier Augen gesagt und lasse keine öffentliche Folgerung zu, -selbst wenn die Verteidigung nicht auch sonst bestrebt sein müßte, sich -die Gunst der Herren zu erhalten. Andererseits sei es allerdings auch -richtig, daß die Herren nicht etwa nur aus Menschenliebe oder aus -freundschaftlichen Gefühlen sich mit der Verteidigung, natürlich nur -mit einer sachverständigen Verteidigung, in Verbindung setzen, sie sind -vielmehr in gewisser Hinsicht auch auf sie angewiesen. Hier mache sich -eben der Nachteil einer Gerichtsorganisation geltend, die selbst in -ihren Anfängen den geheimen Bericht festsetzt. Den Beamten fehlt der -Zusammenhang mit der Bevölkerung, für die gewöhnlichen mittleren -Prozesse sind sie gut ausgerüstet, ein solcher Prozeß rollt fast von -selbst auf seiner Bahn ab und braucht nur hier und da einen Anstoß, -gegenüber den ganz einfachen Fällen aber, wie auch gegenüber den -besonders schwierigen, sind sie oft ratlos, sie haben, weil sie -fortwährend Tag und Nacht in ihr Gesetz eingezwängt sind, nicht den -richtigen Sinn für menschliche Beziehungen und das entbehren sie in -solchen Fällen schwer. Dann kommen sie zum Advokaten um Rat und hinter -ihnen trägt ein Diener die Akten, die sonst so geheim sind. An diesem -Fenster hätte man manche Herren, von denen man es am wenigsten erwarten -würde, antreffen können wie sie geradezu trostlos auf die Gasse -hinaussahen, während der Advokat an seinem Tisch die Akten studierte, -um ihnen einen guten Rat geben zu können. Übrigens könne man gerade bei -solchen Gelegenheiten sehn, wie ungemein ernst die Herren ihren Beruf -nehmen und wie sie über Hindernisse, die sie ihrer Natur nach nicht -bewältigen können, in große Verzweiflung geraten. Ihre Stellung sei -auch sonst nicht leicht und man dürfe ihnen nicht Unrecht tun und ihre -Stellung nicht für leicht ansehn. Die Rangordnung und die Steigerung -des Gerichtes sei unendlich und selbst für den Eingeweihten nicht -absehbar. Das Verfahren vor den Gerichtshöfen sei aber im allgemeinen -auch für die untern Beamten geheim, sie können daher die -Angelegenheiten, die sie bearbeiten, in ihrem fernern Weitergang kaum -jemals vollständig verfolgen, die Gerichtssache erscheint also in ihrem -Gerichtskreis, ohne daß sie oft wissen, woher sie kommt, und sie geht -weiter, ohne daß sie erfahren, wohin. Die Belehrung also, die man aus -dem Studium der einzelnen Prozeßstadien, der schließlichen Entscheidung -und ihrer Gründe schöpfen kann, entgeht diesen Beamten. Sie dürfen sich -nur mit jenem Teil des Prozesses befassen, der vom Gesetz für sie -abgegrenzt ist und wissen von dem Weitern, also von den Ergebnissen -ihrer eigenen Arbeit meist weniger als die Verteidigung, die doch in -der Regel fast bis zum Schluß des Prozesses mit dem Angeklagten in -Verbindung bleibt. Auch in dieser Richtung also können sie von der -Verteidigung manches Wertvolle erfahren. Wundere sich K. noch, wenn er -alles dieses im Auge behalte über die Gereiztheit der Beamten, die sich -manchmal den Parteien gegenüber in — jeder mache diese Erfahrung — -beleidigenderweise äußert. Alle Beamten seien gereizt, selbst wenn sie -ruhig scheinen. Natürlich haben kleine Advokaten besonders viel -darunter zu leiden. Man erzählt z. B. folgende Geschichte, die sehr den -Anschein der Wahrheit hat. Ein alter Beamter, ein guter stiller Herr, -hatte eine schwierige Gerichtssache, welche besonders durch die -Eingaben des Advokaten verwickelt worden war, einen Tag und eine Nacht -ununterbrochen studiert — diese Beamten sind tatsächlich fleißig, wie -niemand sonst. Gegen Morgen nun, nach 24stündiger, wahrscheinlich nicht -sehr ergiebiger Arbeit ging er zur Eingangstür, stellte sich dort in -Hinterhalt und warf jeden Advokaten der eintreten wollte, die Treppe -hinunter. Die Advokaten sammelten sich unten auf dem Treppenabsatz und -berieten, was sie tun sollten; einerseits haben sie keinen eigentlichen -Anspruch darauf, eingelassen zu werden, können daher rechtlich gegen -den Beamten kaum etwas unternehmen und müssen sich, wie schon erwähnt, -auch hüten, die Beamtenschaft gegen sich aufzubringen. Andererseits -aber ist jeder nicht bei Gericht verbrachte Tag für sie verloren und es -lag ihnen also viel daran einzudringen. Schließlich einigten sie sich -darauf, daß sie den alten Herren ermüden wollten. Immer wieder wurde -ein Advokat ausgeschickt, der die Treppe hinauflief und sich dann unter -möglichstem, allerdings passivem Widerstand hinunterwerfen ließ, wo er -dann von den Kollegen aufgefangen wurde. Das dauerte etwa eine Stunde, -dann wurde der alte Herr, er war ja auch von der Nachtarbeit schon -erschöpft, wirklich müde und ging in seine Kanzlei zurück. Die unten -wollten es erst gar nicht glauben und schickten zuerst einen aus, der -hinter der Tür nachsehen sollte, ob dort wirklich leer war. Dann erst -zogen sie ein und wagten wahrscheinlich nicht einmal zu murren. Denn -den Advokaten — und selbst der kleinste kann doch die Verhältnisse -wenigstens zum Teil übersehn — liegt es vollständig ferne, bei Gericht -irgendwelche Verbesserungen einführen oder durchsetzen zu wollen, -während — und dies ist sehr bezeichnend — fast jeder Angeklagte, selbst -ganz einfältige Leute, gleich beim allerersten Eintritt in den Prozeß -an Verbesserungsvorschläge zu denken anfängt und damit oft Zeit und -Kraft verschwendet, die anders viel besser verwendet werden könnten. -Das einzig Richtige sei es, sich mit den vorhandenen Verhältnissen -abzufinden. Selbst wenn es möglich wäre, Einzelheiten zu verbessern — -es ist aber ein unsinniger Aberglaube — hätte man bestenfalls für -künftige Fälle etwas erreicht, sich selbst aber unermeßlich dadurch -geschadet, daß man die besondere Aufmerksamkeit der immer rachsüchtigen -Beamtenschaft erregt hat. Nur keine Aufmerksamkeit erregen! Sich ruhig -verhalten, selbst wenn es einem noch so sehr gegen den Sinn geht! -Einzusehen versuchen, daß dieser große Gerichtsorganismus gewissermaßen -ewig in Schwebe bleibt und daß man zwar, wenn man auf seinem Platz -selbständig etwas ändert, den Boden unter den Füßen sich wegnimmt und -selbst abstürzen kann, während der große Organismus sich selbst für die -kleine Störung leicht an einer andern Stelle — alles ist doch in -Verbindung — Ersatz schafft und unverändert bleibt, wenn er nicht etwa, -was sogar wahrscheinlich ist, noch geschlossener, noch aufmerksamer, -noch strenger, noch böser wird. Man überlasse doch die Arbeit dem -Advokaten, statt sie zu stören. Vorwürfe nützen ja nicht viel, -besonders wenn man ihre Ursache in ihrer ganzen Bedeutung nicht -begreiflich machen kann, aber gesagt müsse es doch werden, wie viel K. -seiner Sache durch das Verhalten gegenüber dem Kanzleidirektor -geschadet habe. Dieser einflußreiche Mann sei aus der Liste jener, bei -denen man für K. etwas unternehmen könne, schon fast zu streichen. -Selbst flüchtige Erwähnungen des Prozesses überhöre er mit deutlicher -Absicht. In manchem seien ja die Beamten wie Kinder. Oft können sie -durch Harmlosigkeiten, unter die allerdings K.s Verhalten leider nicht -gehörte, derartig verletzt werden, daß sie selbst mit guten Freunden zu -reden aufhören, sich von ihnen abwenden, wenn sie ihnen begegnen, und -ihnen in allem möglichen entgegenarbeiten. Dann aber einmal, -überraschenderweise, ohne besondern Grund lassen sie sich durch einen -kleinen Scherz, den man nur deshalb wagt, weil alles aussichtslos -scheint, zum Lachen bringen und sind versöhnt. Es sei eben gleichzeitig -schwer und leicht, sich mit ihnen zu verhalten, Grundsätze dafür gibt -es kaum. Manchmal sei es zum Verwundern, daß ein einziges -Durchschnittsleben dafür hinreiche, um soviel zu erfassen, daß man hier -mit einigem Erfolg arbeiten könne. Es kommen allerdings trübe Stunden, -wie sie ja jeder hat, wo man glaubt, nicht das geringste erzielt zu -haben, wo es einem scheint, als hätten nur die von Anfang an für einen -guten Ausgang bestimmten Prozesse ein gutes Ende genommen, wie es auch -ohne Mithilfe geschehen wäre, während alle andern verlorengegangen -sind, trotz alles Nebenherlaufens, aller Mühe, aller kleinen -scheinbaren Erfolge, über die man solche Freude hatte. Dann scheint -einem allerdings nichts mehr sicher und man würde auf bestimmte Fragen -hin nicht einmal zu leugnen wagen, daß man ihrem Wesen nach gut -verlaufende Prozesse gerade durch die Mithilfe auf Abwege gebracht hat. -Auch das ist ja eine Art Selbstvertrauen, aber es ist das einzige, das -dann übrigbleibt. Solchen Anfällen — es sind natürlich nur Anfälle, -nichts weiter — sind Advokaten besonders dann ausgesetzt, wenn ihnen -ein Prozeß, den sie weit genug und zufriedenstellend geführt haben, -plötzlich aus der Hand genommen wird. Das ist wohl das Ärgste, was -einem Advokaten geschehen kann. Nicht etwa durch den Angeklagten wird -ihnen der Prozeß entzogen, das geschieht wohl niemals, ein Angeklagter, -der einmal einen bestimmten Advokaten genommen hat, muß bei ihm -bleiben, geschehe was immer. Wie könnte er sich überhaupt, wenn er -einmal Hilfe in Anspruch genommen hat, allein noch erhalten. Das -geschieht also nicht, wohl aber geschieht es manchmal, daß der Prozeß -eine Richtung nimmt, wo der Advokat nicht mehr mitkommen darf. Der -Prozeß und der Angeklagte und alles wird dem Advokaten einfach -entzogen; dann können auch die besten Beziehungen zu den Beamten nicht -mehr helfen, denn sie selbst wissen nichts. Der Prozeß ist eben in ein -Stadium getreten, wo keine Hilfe mehr geleistet werden darf, wo ihn -unzugängliche Gerichtshöfe bearbeiten, wo auch der Angeklagte für den -Advokaten nicht mehr erreichbar ist. Man kommt dann eines Tages nach -Hause und findet auf seinem Tisch alle die vielen Eingaben, die man mit -allem Fleiß und mit den schönsten Hoffnungen in dieser Sache gemacht -hat, sie sind zurückgestellt worden, da sie in das neue Prozeßstadium -nicht übertragen werden dürfen, es sind wertlose Fetzen. Dabei muß der -Prozeß noch nicht verloren sein, durchaus nicht, wenigstens liegt kein -entscheidender Grund für diese Annahme vor, man weiß bloß nichts mehr -von dem Prozeß und wird auch nichts mehr von ihm erfahren. Nun sind ja -solche Fälle glücklicherweise Ausnahmen, und selbst wenn K.s Prozeß ein -solcher Fall sein sollte, sei er doch vorläufig noch weit von einem -solchen Stadium entfernt. Hier sei aber noch reichliche Gelegenheit für -Advokatenarbeit gegeben, und daß sie ausgenutzt werde, dessen dürfe K. -sicher sein. Die Eingabe sei, wie erwähnt, noch nicht überreicht, das -eile aber auch nicht, viel wichtiger seien die einleitenden -Besprechungen mit maßgebenden Beamten und die hätten schon -stattgefunden. Mit verschiedenem Erfolg, wie offen zugestanden werden -soll. Es sei viel besser, vorläufig Einzelheiten nicht zu verraten, -durch die K. nur ungünstig beeinflußt und allzu hoffnungsfreudig oder -allzu ängstlich gemacht werden könnte, nur soviel sei gesagt, daß sich -einzelne sehr günstig ausgesprochen und sich auch sehr bereitwillig -gezeigt haben, während andere sich weniger günstig geäußert, aber doch -ihre Mithilfe keineswegs verweigert haben. Das Ergebnis sei also im -ganzen sehr erfreulich, nur dürfe man daraus keine besondern Schlüsse -ziehen, da alle Vorverhandlungen ähnlich beginnen und durchaus erst die -weitere Entwicklung den Wert dieser Vorverhandlungen zeigt. Jedenfalls -sei noch nichts verloren und wenn es noch gelingen sollte, den -Kanzleidirektor trotz allem zu gewinnen — es sei schon verschiedenes zu -diesem Zwecke eingeleitet — dann sei das Ganze —, wie die Chirurgen -sagen, eine reine Wunde und man könne getrost das Folgende erwarten. - -In solchen und ähnlichen Reden war der Advokat unerschöpflich. Sie -wiederholten sich bei jedem Besuch. Immer gab es Fortschritte, niemals -aber konnte die Art dieser Fortschritte mitgeteilt werden. Immerfort -wurde an der ersten Eingabe gearbeitet, aber sie wurde nicht fertig, -was sich meistens beim nächsten Besuch als gewisser Vorteil -herausstellte, da die letzte Zeit, was man nicht hatte voraussehen -können, für die Übergabe sehr ungünstig gewesen wäre. Bemerkte K. -manchmal, ganz ermattet von den Reden, daß es doch selbst unter -Berücksichtigung aller Schwierigkeiten, sehr langsam vorwärtsgehe, -wurde ihm entgegnet, es gehe gar nicht langsam vorwärts, wohl aber wäre -man schon viel weiter, wenn K. sich rechtzeitig an den Advokaten -gewendet hätte. Das hatte er aber leider versäumt und diese Versäumnis -werde auch noch weitere Nachteile bringen, nicht nur zeitliche. - -Die einzige wohltätige Unterbrechung dieser Besuche war Leni, die es -immer so einzurichten wußte, daß sie dem Advokaten in Anwesenheit K.s -den Tee brachte. Dann stand sie hinter K., sah scheinbar zu, wie der -Advokat mit einer Art Gier tief zur Tasse herabgebeugt den Tee eingoß -und trank, und ließ im Geheimen ihre Hand von K. erfassen. Es herrschte -völliges Schweigen. Der Advokat trank, K. drückte Lenis Hand und Leni -wagte es manchmal K.s Haare sanft zu streicheln. „Du bist noch hier?“ -fragte der Advokat, nachdem er fertig war. „Ich wollte das Geschirr -wegnehmen“, sagte Leni, es gab noch einen letzten Händedruck, der -Advokat wischte sich den Mund und begann mit neuer Kraft auf K. -einzureden. - -War es Trost oder Verzweiflung, was der Advokat erreichen wollte? K. -wußte es nicht, wohl aber hielt er es bald für feststehend, daß seine -Verteidigung nicht in guten Händen war. Es mochte ja alles richtig -sein, was der Advokat erzählte, wenn es auch durchsichtig war, daß er -sich möglichst in den Vordergrund stellen wollte und wahrscheinlich -noch niemals einen so großen Prozeß geführt hatte, wie es K.s Prozeß -seiner Meinung nach war. Verdächtig aber blieben die unaufhörlich -hervorgehobenen persönlichen Beziehungen zu den Beamten. Mußten sie -denn ausschließlich zu K.s Nutzen ausgebeutet werden? Der Advokat -vergaß nie zu bemerken, daß es sich nur um niedrige Beamte handelte, -also um Beamte in sehr abhängiger Stellung, für deren Fortkommen -gewisse Wendungen der Prozesse wahrscheinlich von Bedeutung sein -konnten. Benutzten sie vielleicht den Advokaten dazu, um solche für den -Angeklagten natürlich immer ungünstige Wendungen zu erzielen? -Vielleicht taten sie das nicht in jedem Prozeß, gewiß, das war nicht -wahrscheinlich, es gab dann wohl wieder Prozesse, in deren Verlauf sie -dem Advokaten für seine Dienste Vorteile einräumten, denn es mußte -ihnen ja auch daran gelegen sein, seinen Ruf ungeschädigt zu erhalten. -Verhielt es sich aber wirklich so, in welcher Weise würden sie bei K.s -Prozeß eingreifen, der, wie der Advokat erklärte, ein sehr schwieriger, -also wichtiger Prozeß war und gleich anfangs bei Gericht große -Aufmerksamkeit erregt hatte? Es konnte nicht sehr zweifelhaft sein, was -sie tun würden. Anzeichen dessen konnte man ja schon darin sehn, daß -die erste Eingabe noch immer nicht überreicht war, trotzdem der Prozeß -schon Monate dauerte und daß sich alles den Angaben des Advokaten nach -in den Anfängen befand, was natürlich sehr geeignet war, den -Angeklagten einzuschläfern und hilflos zu erhalten, um ihn dann -plötzlich mit der Entscheidung zu überfallen oder wenigstens mit der -Bekanntmachung, daß die zu seinen Ungunsten abgeschlossene Untersuchung -an die höhern Behörden weitergegeben werde. - -Es war unbedingt nötig, daß K. selbst eingriff. Gerade in Zuständen -großer Müdigkeit, wie an diesem Wintervormittag, wo ihm alles willenlos -durch den Kopf zog, war diese Überzeugung unabweisbar. Die Verachtung, -die er früher für den Prozeß gehabt hatte, galt nicht mehr. Wäre er -allein in der Welt gewesen, hätte er den Prozeß leicht mißachten -können, wenn es allerdings auch sicher war, daß dann der Prozeß -überhaupt nicht entstanden wäre. Jetzt aber hatte ihn der Onkel schon -zum Advokaten gezogen, Familienrücksichten sprachen mit; seine Stellung -war nicht mehr vollständig unabhängig von dem Verlauf des Prozesses, er -selbst hatte unvorsichtigerweise mit einer gewissen unerklärlichen -Genugtuung vor Bekannten den Prozeß erwähnt, andere hatten auf -unbekannte Weise davon erfahren, das Verhältnis zu Fräulein Bürstner -schien entsprechend dem Prozeß zu schwanken — kurz, er hatte kaum mehr -die Wahl, den Prozeß anzunehmen oder abzulehnen, er stand mitten darin -und mußte sich wehren. War er müde, dann war es schlimm. - -Zu übertriebener Sorge war allerdings vorläufig kein Grund. Er hatte es -verstanden, sich in der Bank in verhältnismäßig kurzer Zeit zu seiner -hohen Stellung emporzuarbeiten und sich von allen anerkannt in dieser -Stellung zu erhalten, er mußte jetzt nur diese Fähigkeiten, die ihm das -ermöglicht hatten, ein wenig dem Prozeß zuwenden und es war kein -Zweifel, daß es gut ausgehn müßte. Vor allem war es, wenn etwas -erreicht werden sollte, notwendig, jeden Gedanken an eine mögliche -Schuld von vornherein abzulehnen. Es gab keine Schuld. Der Prozeß war -nichts anderes als ein großes Geschäft, wie er es schon oft mit Vorteil -für die Bank abgeschlossen hatte, ein Geschäft, innerhalb dessen, wie -das die Regel war, verschiedene Gefahren lauerten, die eben abgewehrt -werden mußten. Zu diesem Zwecke durfte man allerdings nicht mit -Gedanken an irgendeine Schuld spielen, sondern den Gedanken an den -eigenen Vorteil möglichst festhalten. Von diesem Gesichtspunkt aus war -es auch unvermeidlich, dem Advokaten die Vertretung sehr bald, am -besten noch an diesem Abend, zu entziehen. Es war zwar nach seinen -Erzählungen etwas Unerhörtes und wahrscheinlich sehr Beleidigendes, -aber K. konnte nicht dulden, daß seinen Anstrengungen in dem Prozeß -Hindernisse begegneten, die vielleicht von seinem eigenen Advokaten -veranlaßt waren. War aber einmal der Advokat abgeschüttelt, dann mußte -die Eingabe sofort überreicht und womöglich jeden Tag darauf gedrängt -werden, daß man sie berücksichtige. Zu diesem Zwecke würde es natürlich -nicht genügen, daß K. wie die andern im Gang saß und den Hut unter die -Bank stellte. Er selbst oder die Frauen oder andere Boten mußten Tag -für Tag die Beamten überlaufen und sie zwingen, statt durch das Gitter -auf den Gang zu schauen, sich zu ihrem Tisch zu setzen und K.s Eingabe -zu studieren. Von diesen Anstrengungen dürfte man nicht ablassen, alles -müßte organisiert und überwacht werden, das Gericht sollte einmal auf -einen Angeklagten stoßen, der sein Recht zu wahren verstand. - -Wenn sich aber auch K. dies alles durchzuführen getraute, die -Schwierigkeit der Abfassung der Eingabe war überwältigend. Früher, etwa -noch vor einer Woche, hatte er nur mit einem Gefühl der Scham daran -denken können, daß er einmal genötigt sein könnte, eine solche Eingabe -selbst zu machen; daß dies auch schwierig sein konnte, daran hatte er -gar nicht gedacht. Er erinnerte sich, wie er einmal an einem Vormittag, -als er gerade mit Arbeit überhäuft war, plötzlich alles zur Seite -geschoben und den Schreibblock vorgenommen hatte, um versuchsweise den -Gedankengang einer derartigen Eingabe zu entwerfen und ihn vielleicht -dem schwerfälligen Advokaten zur Verfügung zu stellen und wie gerade in -diesem Augenblick die Tür des Direktionszimmers sich öffnete und der -Direktor-Stellvertreter mit großem Gelächter eintrat. Es war für K. -damals sehr peinlich gewesen, trotzdem der Direktor-Stellvertreter -natürlich nicht über die Eingabe gelacht hatte, von der er nichts -wußte, sondern über einen Börsenwitz, den er eben gehört hatte, einen -Witz, der zum Verständnis eine Zeichnung erforderte, die nun der -Direktor-Stellvertreter über K.s Tisch gebeugt mit K.s Bleistift, den -er ihm aus der Hand nahm, auf dem Schreibblock ausführte, der für die -Eingabe bestimmt gewesen war. - -Heute wußte K. nichts mehr von Scham, die Eingabe mußte gemacht werden. -Wenn er im Bureau keine Zeit für sie fand, was sehr wahrscheinlich war, -dann mußte er sie zu Hause in den Nächten machen. Würden auch die -Nächte nicht genügen, dann mußte er einen Urlaub nehmen. Nur nicht auf -halbem Wege stehnbleiben, das war nicht nur in Geschäften, sondern -immer und überall das Unsinnigste. Die Eingabe bedeutete freilich eine -fast endlose Arbeit. Man mußte keinen sehr ängstlichen Charakter haben -und konnte doch leicht zu dem Glauben kommen, daß es unmöglich war, die -Eingabe jemals fertigzustellen. Nicht aus Faulheit oder Hinterlist, die -den Advokaten allein an der Fertigstellung hindern konnten, sondern -weil in Unkenntnis der vorhandenen Anklage und gar ihrer möglichen -Erweiterungen das ganze Leben in den kleinsten Handlungen und -Ereignissen in die Erinnerung zurückgebracht, dargestellt und von allen -Seiten überprüft werden mußte. Und wie traurig war eine solche Arbeit -überdies. Sie war vielleicht geeignet, einmal nach der Pensionierung -den kindisch gewordenen Geist zu beschäftigen und ihm zu helfen, die -langen Tage hinzubringen. Aber jetzt, wo K. alle Gedanken zu seiner -Arbeit brauchte, wo jede Stunde, da er noch im Aufstieg war und schon -für den Direktor-Stellvertreter eine Drohung bedeutete, mit größter -Schnelligkeit verging und wo er die kurzen Abende und Nächte als junger -Mensch genießen wollte, jetzt sollte er mit der Verfassung dieser -Eingabe beginnen. Wieder ging sein Denken in Klagen aus. Fast -unwillkürlich, nur um dem ein Ende zu machen, tastete er mit dem Finger -nach dem Knopf der elektrischen Glocke, die ins Vorzimmer führte. -Während er ihn niederdrückte, blickte er zur Uhr auf. Es war 11 Uhr, -zwei Stunden, eine lange kostbare Zeit hatte er verträumt und war -natürlich noch matter als vorher. Immerhin war die Zeit nicht verloren, -er hatte Entschlüsse gefaßt, die wertvoll sein konnten. Die Diener -brachten außer verschiedener Post zwei Visitenkarten von Herren, die -schon längere Zeit auf K. warteten. Es waren gerade sehr wichtige -Kundschaften der Bank, die man eigentlich auf keinen Fall hätte warten -lassen sollen. Warum kamen sie zu so ungelegener Zeit? — und warum, so -schienen wieder die Herren hinter der geschlossenen Tür zu fragen, -verwendete der fleißige K. für Privatangelegenheiten die beste -Geschäftszeit? Müde von dem Vorhergegangenen und müde das Folgende -erwartend, stand K. auf, um den ersten zu empfangen. - -Es war ein kleiner munterer Herr, ein Fabrikant, den K. gut kannte. Er -bedauerte, K. in wichtiger Arbeit gestört zu haben und K. bedauerte -seinerseits, daß er den Fabrikanten so lange hatte warten lassen. Schon -dieses Bedauern aber sprach er in derartig mechanischer Weise und mit -fast falscher Betonung aus, daß der Fabrikant, wenn er nicht ganz von -der Geschäftssache eingenommen gewesen wäre, es hätte bemerken müssen. -Statt dessen zog er eilig Rechnungen und Tabellen aus allen Taschen, -breitete sie vor K. aus, erklärte verschiedene Posten, verbesserte -einen kleinen Rechenfehler, der ihm sogar bei diesem flüchtigen -Überblick aufgefallen war, erinnerte K. an ein ähnliches Geschäft, das -er mit ihm vor etwa einem Jahr abgeschlossen hatte, erwähnte nebenbei, -daß sich diesmal eine andere Bank unter größten Opfern um das Geschäft -bewerbe und verstummte schließlich, um nun K.s Meinung zu erfahren. K. -hatte auch tatsächlich im Anfang die Rede des Fabrikanten gut verfolgt, -der Gedanke an das wichtige Geschäft hatte dann auch ihn ergriffen, nur -leider nicht für die Dauer, er war bald vom Zuhören abgekommen, hatte -dann noch ein Weilchen zu den lauteren Ausrufen des Fabrikanten mit dem -Kopf genickt, hatte aber schließlich auch das unterlassen und sich -darauf eingeschränkt, den kahlen, auf die Papiere hinabgebeugten Kopf -anzusehn und sich zu fragen, wann der Fabrikant endlich erkennen werde, -daß seine ganze Rede nutzlos sei. Als er nun verstummte, glaubte K. -zuerst wirklich, es geschehe dies deshalb, um ihm Gelegenheit zu dem -Eingeständnis zu geben, daß er nicht fähig sei, zuzuhören. Nur mit -Bedauern merkte er aber an dem gespannten Blick des offenbar auf alle -Entgegnungen gefaßten Fabrikanten, daß die geschäftliche Besprechung -fortgesetzt werden müsse. Er neigte also den Kopf wie vor einem Befehl -und begann mit dem Bleistift langsam über den Papieren hin- und -herzufahren, hie und da hielt er inne und starrte eine Ziffer an. Der -Fabrikant vermutete Einwände, vielleicht waren die Ziffern wirklich -nicht feststehend, vielleicht waren sie nicht das Entscheidende, -jedenfalls bedeckte der Fabrikant die Papiere mit der Hand und begann -von neuem, ganz nahe an K. heranrückend, eine allgemeine Darstellung -des Geschäftes. „Es ist schwierig,“ sagte K., rümpfte die Lippen und -sank, da die Papiere, das einzig Faßbare, verdeckt waren, haltlos gegen -die Seitenlehne. Er blickte sogar nur schwach auf, als sich die Tür des -Direktionszimmers öffnete und dort nicht ganz deutlich, etwa wie hinter -einem Gazeschleier, der Direktor-Stellvertreter erschien. K. dachte -nicht weiter darüber nach, sondern verfolgte nur die unmittelbare -Wirkung, die für ihn sehr erfreulich war. Denn sofort hüpfte der -Fabrikant vom Sessel auf und eilte dem Direktor-Stellvertreter -entgegen, K. aber hätte ihn noch zehnmal flinker machen sollen, denn er -fürchtete, der Direktor-Stellvertreter könnte wieder verschwinden. Es -war unnütze Furcht, die Herren trafen sich, reichten einander die Hände -und gingen gemeinsam auf K.s Schreibtisch zu. Der Fabrikant beklagte -sich, daß er beim Prokuristen so wenig Neigung für das Geschäft -gefunden habe und zeigte auf K., der sich unter dem Blick des -Direktor-Stellvertreters wieder über die Papiere beugte. Als dann die -zwei sich an den Schreibtisch lehnten und der Fabrikant sich daran -machte, den Direktor-Stellvertreter für sich zu erobern, war es K., als -werde über seinem Kopf von zwei Männern, deren Größe er sich -übertrieben vorstellte, über ihn selbst verhandelt. Langsam suchte er -mit vorsichtig aufwärts gedrehten Augen zu erfahren, was sich oben -ereignete, nahm vom Schreibtisch ohne hinzusehn eines der Papiere, -legte es auf die flache Hand und hob es allmählich, während er selbst -aufstand, zu den Herren hinauf. Er dachte hiebei an nichts Bestimmtes, -sondern handelte nur in dem Gefühl, daß er sich so verhalten müßte, -wenn er einmal die große Eingabe fertiggestellt hätte, die ihn gänzlich -entlasten sollte. Der Direktor-Stellvertreter, der sich an dem Gespräch -mit aller Aufmerksamkeit beteiligte, sah nur flüchtig auf das Papier, -überlas gar nicht, was dort stand, denn was dem Prokuristen wichtig -war, war ihm unwichtig, nahm es aus K.s Hand, sagte „danke, ich weiß -schon alles“ und legte es ruhig wieder auf den Tisch zurück. K. sah ihn -verbittert von der Seite an. Der Direktor-Stellvertreter aber merkte es -gar nicht oder wurde, wenn er es merkte, dadurch nur aufgemuntert, -lachte öfters laut auf, brachte einmal durch eine schlagfertige -Entgegnung den Fabrikanten in deutliche Verlegenheit, aus der er ihn -aber sofort riß, indem er sich selbst einen Einwand machte, und lud ihn -schließlich ein, in sein Bureau hinüberzukommen, wo sie die -Angelegenheit zu Ende führen könnten. „Es ist eine sehr wichtige -Sache,“ sagte er zum Fabrikanten, „ich sehe das vollständig ein. Und -dem Herrn Prokuristen“ — selbst bei dieser Bemerkung redete er -eigentlich nur zum Fabrikanten — „wird es gewiß lieb sein, wenn wir es -ihm abnehmen. Die Sache verlangt ruhige Überlegung. Er aber scheint -heute sehr überlastet zu sein, auch warten ja einige Leute im Vorzimmer -schon stundenlang auf ihn.“ K. hatte gerade noch genügend Fassung, sich -vom Direktor-Stellvertreter wegzudrehn und sein freundliches, aber -starres Lächeln nur dem Fabrikanten zuzuwenden, sonst griff er gar -nicht ein, stützte sich ein wenig vorgebeugt mit beiden Händen auf den -Schreibtisch wie ein Kommis hinter dem Pult und sah zu, wie die zwei -Herren unter weiteren Reden die Papiere vom Tisch nahmen und im -Direktionszimmer verschwanden. In der Tür drehte sich der Fabrikant -noch um, sagte, er verabschiede sich noch nicht, sondern werde -natürlich dem Herrn Prokuristen über den Erfolg der Besprechung -berichten, auch habe er ihm noch eine andere kleine Mitteilung zu -machen. - -Endlich war K. allein. Er dachte gar nicht daran, irgendeine andere -Partei vorzulassen, und nur undeutlich kam ihm zu Bewußtsein, wie -angenehm es sei, daß die Leute draußen in dem Glauben waren, er -verhandle noch mit dem Fabrikanten und es könne aus diesem Grunde -niemand, nicht einmal der Diener, bei ihm eintreten. Er ging zum -Fenster, setzte sich auf die Brüstung, hielt sich mit einer Hand an der -Klinke fest und sah auf den Platz hinaus. Der Schnee fiel noch immer, -es hatte sich noch gar nicht aufgehellt. - -Lange saß er so, ohne zu wissen, was ihm eigentlich Sorgen machte, nur -von Zeit zu Zeit blickte er ein wenig erschreckt über die Schulter -hinweg zur Vorzimmertür, wo er irrtümlicherweise ein Geräusch zu hören -geglaubt hatte. Da aber niemand kam, wurde er ruhiger, ging zum -Waschtisch, wusch sich mit kaltem Wasser und kehrte mit freierem Kopf -zu seinem Fensterplatz zurück. Der Entschluß, seine Verteidigung selbst -in die Hand zu nehmen, stellte sich ihm nun schwerwiegender dar, als er -ursprünglich angenommen hatte. Solange er die Verteidigung auf den -Advokaten überwälzt hatte, war er doch noch vom Prozeß im Grunde wenig -betroffen gewesen, er hatte ihn von der Ferne beobachtet und hatte -unmittelbar von ihm kaum erreicht werden können, er hatte nachsehn -können, wann er wollte, wie seine Sache stand, aber er hatte auch den -Kopf wieder zurückziehn können, wann er wollte. Jetzt hingegen, wenn er -seine Verteidigung selbst führen würde, mußte er sich wenigstens für -den Augenblick ganz und gar dem Gericht aussetzen, der Erfolg dessen -sollte ja für später seine vollständige und endgültige Befreiung sein, -aber um diese zu erreichen, mußte er sich vorläufig jedenfalls in viel -größere Gefahr begeben als bisher. Hätte er daran zweifeln wollen, so -hätte ihn das heutige Beisammensein mit dem Direktor-Stellvertreter und -dem Fabrikanten hinreichend vom Gegenteil überzeugen können. Wie war er -doch dagesessen, schon vom bloßen Entschluß, sich selbst zu -verteidigen, gänzlich benommen? Wie sollte es aber später werden? Was -für Tage standen ihm bevor! Würde er den Weg finden, der durch alles -hindurch zum guten Ende führte? Bedeutete nicht eine sorgfältige -Verteidigung — und alles andere war sinnlos — bedeutete nicht eine -sorgfältige Verteidigung gleichzeitig die Notwendigkeit, sich von allem -andern möglichst abzuschließen? Würde er das glücklich überstehn? Und -wie sollte ihm die Durchführung in der Bank gelingen? Es handelte sich -ja nicht nur um die Eingabe, für die ein Urlaub vielleicht genügt -hätte, trotzdem die Bitte um einen Urlaub gerade jetzt ein großes -Wagnis gewesen wäre, es handelte sich doch um einen ganzen Prozeß, -dessen Dauer unabsehbar war. Was für ein Hindernis war plötzlich in K.s -Laufbahn geworfen worden! - -Und jetzt sollte er für die Bank arbeiten? — Er sah auf den -Schreibtisch hin. — Jetzt sollte er Parteien vorlassen und mit ihnen -verhandeln? Während sein Prozeß weiterrollte, während oben auf dem -Dachboden die Gerichtsbeamten über den Schriften dieses Prozesses -saßen, sollte er die Geschäfte der Bank besorgen? Sah es nicht aus wie -eine Folter, die, vom Gericht anerkannt, mit dem Prozeß zusammenhing -und ihn begleitete? Und würde man etwa in der Bank bei der Beurteilung -seiner Arbeit seine besondere Lage berücksichtigen? Niemand und -niemals. Ganz unbekannt war ja sein Prozeß nicht, wenn es auch noch -nicht ganz klar war, wer davon wußte und wie viel. Bis zum -Direktor-Stellvertreter aber war das Gerücht hoffentlich noch nicht -gedrungen, sonst hätte man schon deutlich sehen müssen, wie er es ohne -jede Kollegialität und Menschlichkeit gegen K. ausnützen würde. Und der -Direktor? Gewiß, er war K. gut gesinnt und er hätte wahrscheinlich, -sobald er vom Prozeß erfahren hätte, soweit es an ihm lag, manche -Erleichterungen für K. schaffen wollen, aber er wäre damit gewiß nicht -durchgedrungen, denn er unterlag jetzt, da das Gegengewicht, das K. -bisher gebildet hatte, schwächer zu werden anfing, immer mehr dem -Einfluß des Direktor-Stellvertreter, der außerdem auch den leidenden -Zustand des Direktors zur Stärkung der eigenen Macht ausnutzte. Was -hatte also K. zu erhoffen? Vielleicht schwächte er durch solche -Überlegungen seine Widerstandskraft, aber es war doch auch notwendig, -sich selbst nicht zu täuschen und alles so klar zu sehn, als es -augenblicklich möglich war. - -Ohne besondern Grund, nur um vorläufig noch nicht zum Schreibtisch -zurückkehren zu müssen, öffnete er das Fenster. Es ließ sich nur schwer -öffnen, er mußte mit beiden Händen die Klinke drehn. Dann zog durch das -Fenster in dessen ganzer Breite und Höhe der mit Rauch vermischte Nebel -in das Zimmer und füllte es mit einem leichten Brandgeruch. Auch einige -Schneeflocken wurden hereingeweht. „Ein häßlicher Herbst,“ sagte hinter -K. der Fabrikant, der, vom Direktor-Stellvertreter kommend, unbemerkt -ins Zimmer getreten war. K. nickte und sah unruhig auf die Aktentasche -des Fabrikanten, aus der dieser nun wohl die Papiere herausziehn würde, -um K. das Ergebnis der Verhandlungen mit dem Direktor-Stellvertreter -mitzuteilen. Der Fabrikant aber folgte K.s Blick, klopfte auf seine -Tasche und sagte, ohne sie zu öffnen: „Sie wollen hören, wie es -ausgefallen ist. Ich trage schon fast den Geschäftsabschluß in der -Tasche. Ein reizender Mensch, Ihr Direktor-Stellvertreter, aber -durchaus nicht ungefährlich.“ Er lachte, schüttelte K.s Hand und wollte -auch ihn zum Lachen bringen. Aber K. schien es nun wieder verdächtig, -daß ihm der Fabrikant die Papiere nicht zeigen wollte und er fand an -der Bemerkung des Fabrikanten nichts zum Lachen. „Herr Prokurist,“ -sagte der Fabrikant, „Sie leiden wohl unter dem Wetter. Sie sehn heute -so bedrückt aus.“ „Ja,“ sagte K. und griff mit der Hand an die Schläfe, -„Kopfschmerzen, Familiensorgen.“ „Sehr richtig,“ sagte der Fabrikant, -der ein eiliger Mensch war und niemanden ruhig anhören konnte, „jeder -hat sein Kreuz zu tragen.“ Unwillkürlich hatte K. einen Schritt gegen -die Tür gemacht, als wolle er den Fabrikanten hinausbegleiten, dieser -aber sagte: „Ich hätte, Herr Prokurist, noch eine kleine Mitteilung für -Sie. Ich fürchte sehr, daß ich Sie gerade heute damit vielleicht -belästige, aber ich war schon zweimal in der letzten Zeit bei Ihnen und -habe es jedesmal vergessen. Schiebe ich es aber noch weiterhin auf, -verliert es wahrscheinlich vollständig seinen Zweck. Das wäre aber -schade, denn im Grunde ist meine Mitteilung vielleicht doch nicht -wertlos.“ Ehe K. Zeit hatte zu antworten, trat der Fabrikant nahe an -ihn heran, klopfte mit dem Fingerknöchel leicht an seine Brust und -sagte leise: „Sie haben einen Prozeß, nicht wahr?“ K. trat zurück und -rief sofort: „Das hat Ihnen der Direktor-Stellvertreter gesagt.“ „Ach -nein,“ sagte der Fabrikant, „woher sollte denn der -Direktor-Stellvertreter es wissen?“ „Durch Sie?“ fragte K. schon viel -gefaßter. „Ich erfahre hie und da etwas von dem Gericht,“ sagte der -Fabrikant, „das betrifft eben die Mitteilung, die ich Ihnen machen -wollte.“ „So viel Leute sind mit dem Gericht in Verbindung!“ sagte K. -mit gesenktem Kopf und führte den Fabrikanten zum Schreibtisch. Sie -setzten sich wieder wie früher und der Fabrikant sagte: „Es ist leider -nicht sehr viel, was ich Ihnen mitteilen kann. Aber in solchen Dingen -soll man nicht das Geringste vernachlässigen. Außerdem drängte es mich -aber, Ihnen irgendwie zu helfen, und sei meine Hilfe noch so -bescheiden. Wir waren doch bisher gute Geschäftsfreunde, nicht? Nun -also.“ K. wollte sich wegen seines Verhaltens bei der heutigen -Besprechung entschuldigen, aber der Fabrikant duldete keine -Unterbrechung, schob die Aktentasche hoch unter die Achsel, um zu -zeigen, daß er Eile habe, und fuhr fort: „Von Ihrem Prozeß weiß ich -durch einen gewissen Titorelli. Es ist ein Maler, Titorelli ist nur -sein Künstlername, seinen wirklichen Namen kenne ich gar nicht. Er -kommt schon seit Jahren von Zeit zu Zeit in mein Bureau und bringt -kleine Bilder mit, für die ich ihm — er ist fast ein Bettler — immer -eine Art Almosen gebe. Es sind übrigens hübsche Bilder, -Heidelandschaften und dergleichen. Diese Verkäufe — wir hatten uns -schon beide daran gewöhnt — gingen ganz glatt vor sich. Einmal aber -wiederholten sich diese Besuche doch zu oft, ich machte ihm Vorwürfe, -wir kamen ins Gespräch, es interessierte mich, wie er sich allein durch -Malen erhalten könne, und ich erfuhr nun zu meinem Staunen, daß seine -Haupteinnahmsquelle das Porträtmalen sei. Er arbeite für das Gericht, -sagte er. Für welches Gericht, fragte ich. Und nun erzählte er mir von -dem Gericht. Sie werden sich wohl am besten vorstellen können, wie -erstaunt ich über diese Erzählungen war. Seitdem höre ich bei jedem -seiner Besuche irgendwelche Neuigkeiten vom Gericht und bekomme so -allmählich einen großen Einblick in die Sache. Allerdings ist Titorelli -geschwätzig und ich muß ihn oft abwehren, nicht nur weil er gewiß auch -lügt, sondern vor allem, weil ein Geschäftsmann wie ich, der unter den -eigenen Geschäftssorgen fast zusammenbricht, sich nicht noch viel um -fremde Dinge kümmern kann. Aber das nur nebenbei. Vielleicht — so -dachte ich jetzt — kann Ihnen Titorelli ein wenig behilflich sein, er -kennt viele Richter und wenn er selbst auch keinen großen Einfluß haben -sollte, so kann er Ihnen doch Ratschläge geben, wie man verschiedenen -einflußreichen Leuten beikommen kann. Und wenn auch diese Ratschläge an -und für sich nicht entscheidend sein sollten, so werden sie doch meiner -Meinung nach in Ihrem Besitz von großer Bedeutung sein. Sie sind ja -fast ein Advokat. Ich pflege immer zu sagen: Prokurist K. ist fast ein -Advokat. Oh, ich habe keine Sorgen wegen Ihres Prozesses. Wollen Sie -nun aber zu Titorelli gehen? Auf meine Empfehlung hin wird er gewiß -alles tun, was ihm möglich ist. Ich denke wirklich, Sie sollten -hingehn. Es muß natürlich nicht heute sein, einmal, gelegentlich. -Allerdings sind Sie — das will ich noch sagen — dadurch, daß gerade ich -Ihnen diesen Rat gebe, nicht im geringsten verpflichtet, auch wirklich -zu Titorelli hinzugehn. Nein, wenn Sie Titorelli entbehren zu können -glauben, ist es gewiß besser, ihn ganz beiseite zu lassen. Vielleicht -haben Sie schon einen ganz genauen Plan und Titorelli könnte ihn -stören. Nein, dann gehn Sie natürlich auf keinen Fall hin. Es kostet -gewiß auch Überwindung, sich von einem solchen Burschen Ratschläge -geben zu lassen. Nun, wie Sie wollen. Hier ist das Empfehlungsschreiben -und hier die Adresse.“ - -Enttäuscht nahm K. den Brief und steckte ihn in die Tasche. Selbst im -günstigsten Falle war der Vorteil, den ihm die Empfehlung bringen -konnte, verhältnismäßig kleiner als der Schaden, der darin lag, daß der -Fabrikant von seinem Prozeß wußte und daß der Maler die Nachricht -weiter verbreitete. Er konnte sich kaum dazu zwingen, dem Fabrikanten, -der schon auf dem Weg zur Tür war, mit ein paar Worten zu danken. „Ich -werde hingehn,“ sagte er, als er sich bei der Tür vom Fabrikanten -verabschiedete, „oder ihm, da ich jetzt sehr beschäftigt bin, -schreiben, er möge einmal zu mir ins Bureau kommen.“ „Ich wußte ja,“ -sagte der Fabrikant, „daß Sie den besten Ausweg finden würden. -Allerdings dachte ich, daß Sie es lieber vermeiden wollen, Leute wie -diesen Titorelli in die Bank einzuladen, um mit ihm hier über den -Prozeß zu sprechen. Es ist auch nicht immer vorteilhaft, Briefe an -solche Leute aus der Hand zu geben. Aber Sie haben gewiß alles -durchgedacht und wissen, was Sie tun dürfen.“ K. nickte und begleitete -den Fabrikanten noch durch das Vorzimmer. Aber trotz äußerlicher Ruhe -war er über sich sehr erschrocken. Daß er Titorelli schreiben würde, -hatte er eigentlich nur gesagt, um dem Fabrikanten irgendwie zu zeigen, -daß er die Empfehlung zu schätzen wisse und die Möglichkeiten mit -Titorelli zusammenzukommen sofort überlege, aber wenn er Titorellis -Beistand für wertvoll angesehen hätte, hätte er auch nicht gezögert, -ihm wirklich zu schreiben. Die Gefahren aber, die das zur Folge haben -könnte, hatte er erst durch die Bemerkung des Fabrikanten erkannt. -Konnte er sich auf seinen eigenen Verstand tatsächlich schon so wenig -verlassen? Wenn es möglich war, daß er einen fragwürdigen Menschen -durch einen deutlichen Brief in die Bank einlud, um von ihm, nur durch -eine Tür vom Direktor-Stellvertreter getrennt, Ratschläge wegen seines -Prozesses zu erbitten, war es dann nicht möglich und sogar sehr -wahrscheinlich, daß er auch andere Gefahren übersah oder in sie -hineinrannte? Nicht immer stand jemand neben ihm, um ihn zu warnen. Und -gerade jetzt, wo er mit gesammelten Kräften auftreten wollte, mußten -derartige, ihm bisher fremde Zweifel an seiner eigenen Wachsamkeit -auftreten! Sollten die Schwierigkeiten, die er bei Ausführung seiner -Bureauarbeit fühlte, nun auch im Prozeß beginnen? Jetzt allerdings -begriff er es gar nicht mehr, wie es möglich gewesen war, daß er an -Titorelli hatte schreiben und ihn in die Bank einladen wollen. - -Er schüttelte noch den Kopf darüber, als der Diener an seine Seite trat -und ihn auf drei Herren aufmerksam machte, die hier im Vorzimmer auf -einer Bank saßen. Sie warteten schon lange darauf, zu K. vorgelassen zu -werden. Jetzt, da der Diener mit K. sprach, waren sie aufgestanden und -jeder wollte eine günstige Gelegenheit ausnützen, um sich vor den -andern an K. heranzumachen. Da man von seiten der Bank so rücksichtslos -war, sie hier im Wartezimmer ihre Zeit verlieren zu lassen, wollten -auch sie keine Rücksicht mehr üben. „Herr Prokurist,“ sagte schon der -eine. Aber K. hatte sich vom Diener den Winterrock bringen lassen und -sagte, während er ihn mit Hilfe des Dieners anzog, zu allen dreien: -„Verzeihen Sie meine Herren, ich habe augenblicklich leider keine Zeit, -Sie zu empfangen. Ich bitte Sie sehr um Verzeihung, aber ich habe einen -dringenden Geschäftsgang zu erledigen und muß sofort weggehn. Sie haben -ja selbst gesehn, wie lange ich jetzt aufgehalten wurde. Wären Sie so -freundlich, morgen oder wann immer wiederzukommen? Oder wollen wir die -Sachen vielleicht telephonisch besprechen? Oder wollen Sie mir -vielleicht jetzt kurz sagen, um was es sich handelt, und ich gebe Ihnen -dann eine ausführliche schriftliche Antwort. Am besten wäre es -allerdings, Sie kämen nächstens.“ Diese Vorschläge K.s brachten die -Herren, die nun vollständig nutzlos gewartet haben sollten, in solches -Staunen, daß sie einander stumm ansahen. „Wir sind also einig?“ fragte -K., der sich nach dem Diener umgewendet hatte, der ihm nun auch den Hut -brachte. Durch die offene Tür zu K.s Zimmer sah man, wie sich draußen -der Schneefall sehr verstärkt hatte. K. schlug daher den Mantelkragen -in die Höhe und knöpfte ihn hoch unter dem Halse zu. - -Da trat gerade aus dem Nebenzimmer der Direktor-Stellvertreter, sah -lächelnd K. im Winterrock mit den Herren verhandeln und fragte: „Sie -gehn jetzt weg, Herr Prokurist.“ „Ja,“ sagte K. und richtete sich auf, -„ich habe einen Geschäftsgang zu machen.“ Aber der -Direktor-Stellvertreter hatte sich schon den Herren zugewendet. „Und -die Herren?“ fragte er. „Ich glaube, sie warten schon lange.“ „Wir -haben uns schon geeinigt,“ sagte K. Aber nun ließen sich die Herren -nicht mehr halten, umringten K. und erklärten, daß sie nicht -stundenlang gewartet hätten, wenn ihre Angelegenheiten nicht wichtig -wären und nicht jetzt, und zwar ausführlich und unter vier Augen -besprochen werden müßten. Der Direktor-Stellvertreter hörte ihnen ein -Weilchen zu, betrachtete auch K., der den Hut in der Hand hielt und ihn -stellenweise von Staub reinigte, und sagte dann: „Meine Herren, es gibt -ja einen sehr einfachen Ausweg. Wenn Sie mit mir vorlieb nehmen wollen, -übernehme ich sehr gerne die Verhandlungen statt des Herrn Prokuristen. -Ihre Angelegenheiten müssen natürlich sofort besprochen werden. Wir -sind Geschäftsleute wie Sie und wissen die Zeit von Geschäftsleuten -richtig zu bewerten. Wollen Sie hier eintreten?“ Und er öffnete die -Tür, die zu dem Vorzimmer seines Bureaus führte. - -Wie sich doch der Direktor-Stellvertreter alles anzueignen verstand, -was K. jetzt notgedrungen aufgeben mußte! Gab aber K. nicht mehr auf, -als unbedingt nötig war? Während er mit unbestimmten und, wie er sich -eingestehen mußte, sehr geringen Hoffnungen zu einem unbekannten Maler -lief, erlitt hier sein Ansehen eine unheilbare Schädigung. Es wäre -wahrscheinlich viel besser gewesen, den Winterrock wieder auszuziehn -und wenigstens die zwei Herren, die ja nebenan doch noch warten mußten, -für sich zurückzugewinnen. K. hätte es vielleicht auch versucht, wenn -er nicht jetzt in seinem Zimmer den Direktor-Stellvertreter erblickt -hätte, wie er im Bücherständer, als wäre es sein eigener, etwas suchte. -Als K. sich erregt der Tür näherte, rief er: „Ach, Sie sind noch nicht -weggegangen.“ Er wandte ihm sein Gesicht zu, dessen viele straffe -Falten nicht Alter, sondern Kraft zu beweisen schienen, und fing sofort -wieder zu suchen an. „Ich suche eine Vertragsabschrift,“ sagte er, „die -sich, wie der Vertreter der Firma behauptet, bei Ihnen befinden soll. -Wollen Sie mir nicht suchen helfen.“ K. machte einen Schritt, aber der -Direktor-Stellvertreter sagte: „Danke, ich habe sie schon gefunden,“ -und kehrte mit einem großen Paket Schriften, das nicht nur die -Vertragsabschrift, sondern gewiß noch vieles andere enthielt, wieder in -sein Zimmer zurück. - -Jetzt bin ich ihm nicht gewachsen, sagte sich K., wenn aber meine -persönlichen Schwierigkeiten einmal beseitigt sein werden, dann soll er -wahrhaftig der erste sein, der es zu fühlen bekommt, und zwar möglichst -bitter. Durch diesen Gedanken ein wenig beruhigt, gab K. dem Diener, -der schon lange die Tür zum Korridor für ihn offenhielt, den Auftrag, -dem Direktor gelegentlich die Meldung zu machen, daß er sich auf einem -Geschäftsgang befinde, und verließ fast glücklich darüber, sich eine -Zeitlang vollständiger seiner Sache widmen zu können, die Bank. - -Er fuhr sofort zum Maler, der in einer Vorstadt wohnte, die jener, in -welcher sich die Gerichtskanzleien befanden, vollständig -entgegengesetzt war. Es war eine noch ärmere Gegend, die Häuser noch -dunkler, die Gassen voll Schmutz, der auf dem zerflossenen Schnee -langsam umhertrieb. Im Hause, in dem der Maler wohnte, war nur ein -Flügel des großen Tores geöffnet, in dem andern aber war unten in der -Mauer eine Lücke gebrochen, aus der gerade, als sich K. näherte, eine -widerliche gelbe, rauchende Flüssigkeit herausschoß, vor der sich eine -Ratte in den nahen Kanal flüchtete. Unten an der Treppe lag ein kleines -Kind bäuchlings auf der Erde und weinte, aber man hörte es kaum infolge -des alles übertönenden Lärms, der aus einer Klempnerwerkstätte auf der -andern Seite des Torganges kam. Die Tür der Werkstätte war offen, drei -Gehilfen standen im Halbkreis um irgendein Werkstück, auf das sie mit -den Hämmern schlugen. Eine große Platte Weißblech, die an der Wand -hing, warf ein bleiches Licht, das zwischen zwei Gehilfen eindrang und -die Gesichter und Arbeitsschürzen erhellte. K. hatte für alles nur -einen flüchtigen Blick, er wollte möglichst rasch hier fertig werden, -nur den Maler mit ein paar Worten ausforschen und sofort wieder in die -Bank zurückgehn. Wenn er hier nur den kleinsten Erfolg hatte, sollte -das auf seine heutige Arbeit in der Bank noch eine gute Wirkung -ausüben. Im dritten Stockwerk mußte er seinen Schritt mäßigen, er war -ganz außer Atem, die Treppen ebenso wie die Stockwerke waren übermäßig -hoch, und der Maler sollte ganz oben in einer Dachkammer wohnen. Auch -war die Luft sehr drückend, es gab keinen Treppenhof, die enge Treppe -war auf beiden Seiten von Mauern eingeschlossen, in denen nur hier und -da fast ganz oben kleine Fenster angebracht waren. Gerade als K. ein -wenig stehenblieb, liefen ein paar kleine Mädchen aus einer Wohnung -heraus und eilten lachend die Treppe weiter hinauf. K. folgte ihnen -langsam, holte eines der Mädchen ein, das gestolpert und hinter den -andern zurückgeblieben war, und fragte es, während sie neben einander -weiterstiegen: „Wohnt hier ein Maler Titorelli?“ Das Mädchen, ein kaum -dreizehnjähriges, etwas buckliges Mädchen, stieß ihn darauf mit dem -Ellbogen an und sah von der Seite zu ihm auf. Weder ihre Jugend, noch -ihr Körperfehler hatte verhindern können, daß sie schon ganz verdorben -war. Sie lächelte nicht einmal, sondern sah K. ernst mit scharfem, -aufforderndem Blicke an. K. tat, als hätte er ihr Benehmen nicht -bemerkt, und fragte: „Kennst du den Maler Titorelli?“ Sie nickte und -fragte ihrerseits: „Was wollen Sie von ihm?“ K. schien es vorteilhaft, -sich noch schnell ein wenig über Titorelli zu unterrichten: „Ich will -mich von ihm malen lassen,“ sagte er. „Malen lassen?“ fragte sie, -öffnete übermäßig den Mund, schlug leicht mit der Hand gegen K., als -hätte er etwas außerordentlich Überraschendes oder Ungeschicktes -gesagt, hob mit beiden Händen ihr ohnedies sehr kurzes Röckchen und -lief, so schnell sie konnte, hinter den andern Mädchen her, deren -Geschrei schon undeutlich in der Höhe sich verlor. Bei der nächsten -Wendung der Treppe aber traf K. schon wieder alle Mädchen. Sie waren -offenbar von der Buckligen von K.s Absicht verständigt worden und -erwarteten ihn. Sie standen zu beiden Seiten der Treppe, drückten sich -an die Mauer, damit K. bequem zwischen ihnen durchkomme und glätteten -mit der Hand ihre Schürzen. Alle Gesichter, wie auch diese -Spalierbildung stellten eine Mischung von Kindlichkeit und -Verworfenheit dar. Oben an der Spitze der Mädchen, die sich jetzt -hinter K. lachend zusammenschlossen, war die Bucklige, welche die -Führung übernahm. K. hatte es ihr zu verdanken, daß er gleich den -richtigen Weg fand. Er wollte nämlich geradeaus weitersteigen, sie aber -zeigte ihm, daß er eine Abzweigung der Treppe wählen müsse, um zu -Titorelli zu kommen. Die Treppe, die zu ihm führte, war besonders -schmal, sehr lang, ohne Biegung, in ihrer ganzen Länge zu übersehn und -oben unmittelbar von Titorellis Tür abgeschlossen. Diese Tür, die durch -ein kleines, schief über ihr eingesetztes Oberlichtfenster im Gegensatz -zur übrigen Treppe verhältnismäßig hell beleuchtet wurde, war aus nicht -übertünchten Balken zusammengesetzt, auf die der Name Titorelli mit -roter Farbe in breiten Pinselstrichen gemalt war. K. war mit seinem -Gefolge noch kaum in der Mitte der Treppe, als oben, offenbar veranlaßt -durch das Geräusch der vielen Schritte, die Tür ein wenig geöffnet -wurde und ein wahrscheinlich nur mit einem Nachthemd bekleideter Mann -in der Türspalte erschien. „Oh!“ rief er, als er die Menge kommen sah, -und verschwand. Die Bucklige klatschte vor Freude in die Hände und die -übrigen Mädchen drängten hinter K., um ihn schneller vorwärtszutreiben. - -Sie waren aber noch nicht einmal hinaufgekommen, als oben der Maler die -Tür gänzlich aufriß und mit einer tiefen Verbeugung K. einlud -einzutreten. Die Mädchen dagegen wehrte er ab, er wollte keine von -ihnen einlassen, so sehr sie baten und so sehr sie versuchten, wenn -schon nicht mit seiner Erlaubnis, so gegen seinen Willen einzudringen. -Nur der Buckligen gelang es, unter seinem ausgestreckten Arm -durchzuschlüpfen, aber der Maler jagte hinter ihr her, packte sie bei -den Röcken, wirbelte sie einmal um sich herum und setzte sie dann vor -der Tür bei den andern Mädchen ab, die es, während der Maler seinen -Posten verlassen hatte, doch nicht gewagt hatten, die Schwelle zu -überschreiten. K. wußte nicht, wie er das Ganze beurteilen sollte, es -hatte nämlich den Anschein, als ob alles in freundschaftlichem -Einvernehmen geschehe. Die Mädchen bei der Tür streckten eines hinter -dem andern die Hälse in die Höhe, riefen dem Maler verschiedene -scherzhaft gemeinte Worte zu, die K. nicht verstand und auch der Maler -lachte, während die Bucklige in seiner Hand fast flog. Dann schloß er -die Tür, verbeugte sich nochmals vor K., reichte ihm die Hand und -sagte, sich vorstellend: „Kunstmaler Titorelli.“ K. zeigte auf die Tür, -hinter der die Mädchen flüsterten und sagte: „Sie scheinen im Hause -sehr beliebt zu sein.“ „Ach, die Fratzen!“ sagte der Maler und suchte -vergebens sein Nachthemd am Halse zuzuknöpfen. Er war im übrigen -bloßfüßig und nur noch mit einer breiten gelblichen Leinenhose -bekleidet, die mit einem Riemen festgemacht war, dessen langes Ende -frei hin und her schlug. „Diese Fratzen sind mir eine wahre Last,“ fuhr -er fort, während er vom Nachthemd, dessen letzter Knopf gerade -abgerissen war, abließ, einen Sessel holte und K. zum Niedersetzen -nötigte. „Ich habe eine von ihnen — sie ist heute nicht einmal dabei — -einmal gemalt und seitdem verfolgen mich alle. Wenn ich selbst hier -bin, kommen sie nur herein, wenn ich es erlaube, bin ich aber einmal -weg, dann ist immer zumindest eine da. Sie haben sich einen Schlüssel -zu meiner Tür machen lassen, den sie untereinander verleihen. Man kann -sich kaum vorstellen, wie lästig das ist. Ich komme z. B. mit einer -Dame, die ich malen soll, nach Hause, öffne die Tür mit meinem -Schlüssel und finde etwa die Bucklige dort beim Tischchen, wie sie sich -mit dem Pinsel die Lippen rot färbt, während ihre kleinen Geschwister, -die sie zu beaufsichtigen hat, sich herumtreiben und das Zimmer in -allen Ecken verunreinigen. Oder ich komme, wie es mir erst gestern -geschehen ist, spät abends nach Hause — entschuldigen Sie bitte mit -Rücksicht darauf meinen Zustand und die Unordnung im Zimmer — also ich -komme spät abends nach Hause und will ins Bett steigen, da zwickt mich -etwas ins Bein, ich schaue unter das Bett und ziehe wieder so ein Ding -heraus. Warum sie sich so zu mir drängen, weiß ich nicht, daß ich sie -nicht zu mir zu locken suche, dürften Sie eben bemerkt haben. Natürlich -bin ich dadurch auch in meiner Arbeit gestört. Wäre mir dieses Atelier -nicht umsonst zur Verfügung gestellt, ich wäre schon längst -ausgezogen.“ Gerade rief hinter der Tür ein Stimmchen, zart und -ängstlich: „Titorelli, dürfen wir schon kommen?“ „Nein,“ antwortete der -Maler. „Ich allein auch nicht?“ fragte es wieder. „Auch nicht,“ sagte -der Maler, ging zur Tür und sperrte sie ab. - -K. hatte sich inzwischen im Zimmer umgesehen, er wäre niemals selbst -auf den Gedanken gekommen, daß man dieses elende kleine Zimmer ein -Atelier nennen könnte. Mehr als zwei lange Schritte konnte man der -Länge und Quere nach kaum hier machen. Alles, Fußboden, Wände und -Zimmerdecke war aus Holz, zwischen den Balken sah man schmale Ritzen. -K. gegenüber stand an der Wand das Bett, das mit verschiedenfarbigem -Bettzeug überladen war. In der Mitte des Zimmers war auf einer -Staffelei ein Bild, das mit einem Hemd verhüllt war, dessen Ärmel bis -zum Boden baumelten. Hinter K. war das Fenster, durch das man im Nebel -nicht weiter sehen konnte als über das mit Schnee bedeckte Dach des -Nachbarhauses. - -Das Umdrehn des Schlüssels im Schloß erinnerte K. daran, daß er bald -hatte weggehn wollen. Er zog daher den Brief des Fabrikanten aus der -Tasche, reichte ihn dem Maler und sagte: „Ich habe durch diesen Herrn, -Ihren Bekannten, von Ihnen erfahren und bin auf seinen Rat hin -gekommen.“ Der Maler las den Brief flüchtig durch und warf ihn aufs -Bett. Hätte der Fabrikant nicht auf das bestimmteste von Titorelli als -von seinem Bekannten gesprochen, als von einem armen Menschen, der auf -seine Almosen angewiesen war, so hätte man jetzt wirklich glauben -können, Titorelli kenne den Fabrikanten nicht oder wisse sich an ihn -wenigstens nicht zu erinnern. Überdies fragte nun der Maler: „Wollen -Sie Bilder kaufen oder sich selbst malen lassen?“ K. sah den Maler -erstaunt an. Was stand denn eigentlich in dem Brief? K. hatte es als -selbstverständlich angenommen, daß der Fabrikant in dem Brief den Maler -davon unterrichtet hatte, daß K. nichts anderes wollte, als sich hier -wegen seines Prozesses zu erkundigen. Er war doch gar zu eilig und -unüberlegt hierhergelaufen! Aber er mußte jetzt dem Maler irgendwie -antworten und sagte mit einem Blick auf die Staffelei: „Sie arbeiten -gerade an einem Bild?“ „Ja,“ sagte der Maler und warf das Hemd, das -über der Staffelei hing, dem Brief nach auf das Bett. „Es ist ein -Porträt. Eine gute Arbeit, aber noch nicht ganz fertig.“ Der Zufall war -K. günstig, die Möglichkeit vom Gericht zu reden, wurde ihm förmlich -angeboten, denn es war offenbar das Porträt eines Richters. Es war -übrigens dem Bild im Arbeitszimmer des Advokaten auffallend ähnlich. Es -handelte sich hier zwar um einen ganz andern Richter, einen dicken Mann -mit schwarzem buschigen Vollbart, der seitlich weit die Wangen -hinaufreichte, auch war jenes Bild ein Ölbild, dieses aber mit -Pastellfarben schwach und undeutlich angesetzt. Aber alles übrige war -ähnlich, denn auch hier wollte sich gerade der Richter von seinem -Thronsessel, dessen Seitenlehnen er festhielt, drohend erheben. „Das -ist ja ein Richter,“ hatte K. gleich sagen wollen, hielt sich dann aber -vorläufig noch zurück und näherte sich dem Bild, als wolle er es in den -Einzelheiten studieren. Eine große Figur, die in der Mitte über der -Rückenlehne des Thronsessels stand, konnte er sich nicht erklären und -fragte den Maler nach ihr. Sie müsse noch ein wenig ausgearbeitet -werden, antwortete der Maler, holte von einem Tischchen einen -Pastellstift und strichelte mit ihm ein wenig an den Rändern der Figur, -ohne sie aber dadurch für K. deutlicher zu machen. „Es ist die -Gerechtigkeit,“ sagte der Maler schließlich. „Jetzt erkenne ich sie -schon,“ sagte K., „hier ist die Binde um die Augen und hier die Wage. -Aber sind nicht an den Fersen Flügel und befindet sie sich nicht im -Lauf?“ „Ja,“ sagte der Maler, „ich mußte es über Auftrag so malen, es -ist eigentlich die Gerechtigkeit und die Siegesgöttin in einem.“ „Das -ist keine gute Verbindung,“ sagte K. lächelnd, „die Gerechtigkeit muß -ruhen, sonst schwankt die Wage und es ist kein gerechtes Urteil -möglich.“ „Ich füge mich darin meinem Auftraggeber,“ sagte der Maler. -„Ja gewiß,“ sagte K., der mit seiner Bemerkung niemanden hatte kränken -wollen. „Sie haben die Figur so gemalt, wie sie auf dem Thronsessel -wirklich steht.“ „Nein,“ sagte der Maler, „ich habe weder die Figur -noch den Thronsessel gesehn, das alles ist Erfindung, aber es wurde mir -angegeben, was ich zu malen habe.“ „Wie?“ fragte K., er tat -absichtlich, als verstehe er den Maler nicht völlig, „es ist doch ein -Richter, der auf dem Richterstuhl sitzt.“ „Ja,“ sagte der Maler, „aber -es ist kein hoher Richter und ist niemals auf einem solchen Thronsessel -gesessen.“ „Und läßt sich doch in so feierlicher Haltung malen? Er -sitzt ja da wie ein Gerichtspräsident.“ „Ja, eitel sind die Herren,“ -sagte der Maler. „Aber sie haben die höhere Erlaubnis, sich so malen zu -lassen. Jedem ist genau vorgeschrieben, wie er sich malen lassen darf. -Nur kann man leider gerade nach diesem Bilde die Einzelheiten der -Tracht und des Sitzes nicht beurteilen, die Pastellfarben sind für -solche Darstellungen nicht geeignet.“ „Ja,“ sagte K., „es ist -sonderbar, daß es in Pastellfarben gemalt ist.“ „Der Richter wünschte -es so,“ sagte der Maler, „es ist für eine Dame bestimmt.“ Der Anblick -des Bildes schien ihm Lust zur Arbeit gemacht zu haben, er krempelte -die Hemdärmel aufwärts, nahm einige Stifte in die Hand und K. sah zu, -wie unter den zitternden Spitzen der Stifte anschließend an den Kopf -des Richters ein rötlicher Schatten sich bildete, der strahlenförmig -gegen den Rand des Bildes verging. Allmählich umgab dieses Spiel des -Schattens den Kopf wie ein Schmuck oder eine hohe Auszeichnung. Um die -Figur der Gerechtigkeit aber blieb es bis auf eine unmerkliche Tönung -hell, in dieser Helligkeit schien die Figur besonders vorzudringen, sie -erinnerte kaum mehr an die Göttin der Gerechtigkeit, aber auch nicht an -die des Sieges, sie sah jetzt vielmehr vollkommen wie die Göttin der -Jagd aus. Die Arbeit des Malers zog K. mehr an, als er wollte; -schließlich aber machte er sich doch Vorwürfe, daß er so lange schon -hier war und im Grunde noch nichts für seine eigene Sache unternommen -hatte. „Wie heißt dieser Richter?“ fragte er plötzlich. „Das darf ich -nicht sagen,“ antwortete der Maler, er war tief zum Bild hinabgebeugt -und vernachlässigte deutlich seinen Gast, den er doch zuerst so -rücksichtsvoll empfangen hatte. K. hielt das für eine Laune und ärgerte -sich darüber, weil er dadurch Zeit verlor. „Sie sind wohl ein -Vertrauensmann des Gerichtes?“ fragte er. Sofort legte der Maler die -Stifte beiseite, richtete sich auf, rieb die Hände aneinander und sah -K. lächelnd an. „Nur immer gleich mit der Wahrheit heraus,“ sagte er, -„Sie wollen etwas über das Gericht erfahren, wie es ja auch in Ihrem -Empfehlungsschreiben steht, und haben zunächst über meine Bilder -gesprochen, um mich zu gewinnen. Aber ich nehme das nicht übel, Sie -konnten ja nicht wissen, daß das bei mir unangebracht ist. O bitte!“ -sagte er scharf abwehrend, als K. etwas einwenden wollte. Und fuhr dann -fort: „Im übrigen haben Sie mit Ihrer Bemerkung vollständig recht, ich -bin ein Vertrauensmann des Gerichtes.“ Er machte eine Pause, als wolle -er K. Zeit lassen, sich mit dieser Tatsache abzufinden. Man hörte jetzt -wieder hinter der Tür die Mädchen. Sie drängten sich wahrscheinlich um -das Schlüsselloch, vielleicht konnte man auch durch die Ritzen ins -Zimmer hereinsehn. K. unterließ es, sich irgendwie zu entschuldigen, -denn er wollte den Maler nicht ablenken, wohl aber wollte er nicht, daß -der Maler sich allzusehr überhebe und sich auf diese Weise -gewissermaßen unerreichbar mache, er fragte deshalb: „Ist das eine -öffentlich anerkannte Stellung?“ „Nein,“ sagte der Maler kurz, als sei -ihm dadurch die weitere Rede verschlagen. K. wollte ihn aber nicht -verstummen lassen und sagte: „Nun, oft sind derartige nicht anerkannte -Stellungen einflußreicher als die anerkannten.“ „Das ist eben bei mir -der Fall,“ sagte der Maler und nickte mit zusammengezogener Stirn. „Ich -sprach gestern mit dem Fabrikanten über Ihren Fall, er fragte mich, ob -ich Ihnen nicht helfen wollte, ich antwortete: „Der Mann kann ja einmal -zu mir kommen,“ und nun freue ich mich, Sie so bald hier zu sehn. Die -Sache scheint Ihnen ja sehr nahe zu gehn, worüber ich mich natürlich -gar nicht wundere. Wollen Sie vielleicht zunächst Ihren Rock ablegen?“ -Trotzdem K. beabsichtigte, nur ganz kurze Zeit hierzubleiben, war ihm -diese Aufforderung des Malers doch sehr willkommen. Die Luft im Zimmer -war ihm allmählich drückend geworden, öfters hatte er schon verwundert -auf einen kleinen, zweifellos nicht geheizten Eisenofen in der Ecke -hingesehn, die Schwüle im Zimmer war unerklärlich. Während er den -Winterrock ablegte und auch noch den Rock aufknöpfte, sagte der Maler -sich entschuldigend: „Ich muß Wärme haben. Es ist hier doch sehr -behaglich, nicht? Das Zimmer ist in dieser Hinsicht sehr gut gelegen.“ -K. sagte dazu nichts, aber es war eigentlich nicht die Wärme, die ihm -Unbehagen machte, es war vielmehr die dumpfe, das Atmen fast -behindernde Luft, das Zimmer war wohl schon lange nicht gelüftet. Diese -Unannehmlichkeit wurde für K. dadurch noch verstärkt, daß ihn der Maler -bat, sich auf das Bett zu setzen, während er sich selbst auf den -einzigen Stuhl des Zimmers vor der Staffelei niedersetzte. Außerdem -schien es der Maler mißzuverstehn, warum K. nur am Bettrand blieb, er -bat vielmehr, K. möchte es sich bequem machen und ging, da K. zögerte, -selbst hin und drängte ihn tief in die Betten und Polster hinein. Dann -kehrte er wieder zu seinem Sessel zurück und stellte endlich die erste -sachliche Frage, die K. alles andere vergessen ließ. „Sind Sie -unschuldig?“ fragte er. „Ja,“ sagte K. Die Beantwortung dieser Frage -machte ihm geradezu Freude, besonders da sie gegenüber einem -Privatmann, also ohne jede Verantwortung erfolgte. Noch niemand hatte -ihn so offen gefragt. Um diese Freude auszukosten, fügte er noch hinzu: -„Ich bin vollständig unschuldig.“ „So,“ sagte der Maler, senkte den -Kopf und schien nachzudenken. Plötzlich hob er wieder den Kopf und -sagte: „Wenn Sie unschuldig sind, dann ist ja die Sache sehr einfach.“ -K.s Blick trübte sich, dieser angebliche Vertrauensmann des Gerichtes -redete wie ein unwissendes Kind. „Meine Unschuld vereinfacht die Sache -nicht,“ sagte K. Er mußte trotz allem lächeln und schüttelte langsam -den Kopf. „Es kommt auf viele Feinheiten an, in die sich das Gericht -verliert. Zum Schluß aber zieht es von irgendwoher, wo ursprünglich gar -nichts gewesen ist, eine große Schuld hervor.“ „Ja, ja, gewiß,“ sagte -der Maler, als störe K. unnötigerweise seinen Gedankengang. „Sie sind -aber doch unschuldig?“ „Nun ja,“ sagte K. „Das ist die Hauptsache,“ -sagte der Maler. Er war durch Gegengründe nicht zu beeinflussen, nur -war es trotz seiner Entschiedenheit nicht klar, ob er aus Überzeugung -oder nur aus Gleichgültigkeit so redete. K. wollte das zunächst -feststellen und sagte deshalb: „Sie kennen ja gewiß das Gericht viel -besser als ich, ich weiß nicht viel mehr, als was ich darüber, -allerdings von ganz verschiedenen Leuten, gehört habe. Darin stimmten -aber alle überein, daß leichtsinnige Anklagen nicht erhoben werden, und -daß das Gericht, wenn es einmal anklagt, fest von der Schuld des -Angeklagten überzeugt ist und von dieser Überzeugung nur schwer -abgebracht werden kann.“ „Schwer?“ fragte der Maler und warf eine Hand -in die Höhe. „Niemals ist das Gericht davon abzubringen. Wenn ich hier -alle Richter nebeneinander auf eine Leinwand male und Sie werden sich -vor dieser Leinwand verteidigen, so werden Sie mehr Erfolg haben, als -vor dem wirklichen Gericht.“ „Ja,“ sagte K. für sich und vergaß, daß er -den Maler nur hatte ausforschen wollen. - -Wieder begann ein Mädchen hinter der Tür zu fragen: „Titorelli, wird er -denn nicht schon bald weggehn.“ „Schweigt,“ rief der Maler zur Tür hin, -„seht Ihr denn nicht, daß ich mit dem Herrn eine Besprechung habe.“ -Aber das Mädchen gab sich damit nicht zufrieden, sondern fragte: „Du -wirst ihn malen?“ Und als der Maler nicht antwortete, sagte sie noch: -„Bitte mal’ ihn nicht, einen so häßlichen Menschen.“ Ein Durcheinander -unverständlicher zustimmender Zurufe folgte. Der Maler machte einen -Sprung zur Tür, öffnete sie bis zu einem Spalt — man sah die bittend -vorgestreckten gefalteten Hände der Mädchen — und sagte: „Wenn Ihr -nicht still seid, werfe ich euch alle die Treppe hinunter. Setzt Euch -hier auf die Stufen und verhaltet Euch ruhig.“ Wahrscheinlich folgten -sie nicht gleich, so daß er kommandieren mußte: „Nieder auf die -Stufen!“ Erst dann wurde es still. - -„Verzeihen Sie,“ sagte der Maler, als er zu K. wieder zurückkehrte. K. -hatte sich kaum zur Tür hingewendet, er hatte es vollständig dem Maler -überlassen, ob und wie er ihn in Schutz nehmen wollte. Er machte auch -jetzt kaum eine Bewegung, als sich der Maler zu ihm niederbeugte und -ihm, um draußen nicht gehört zu werden, ins Ohr flüsterte: „Auch diese -Mädchen gehören zum Gericht.“ „Wie?“ fragte K., wich mit dem Kopf zur -Seite und sah den Maler an. Dieser aber setzte sich wieder auf seinen -Sessel und sagte halb im Scherz, halb zur Erklärung: „Es gehört ja -alles zum Gericht.“ „Das habe ich noch nicht bemerkt,“ sagte K. kurz, -die allgemeine Bemerkung des Malers nahm dem Hinweis auf die Mädchen -alles Beunruhigende. Trotzdem sah K. ein Weilchen lang zur Tür hin, -hinter der die Mädchen jetzt still auf den Stufen saßen. Nur eines -hatte einen Strohhalm durch eine Ritze zwischen den Balken gestreckt -und führte ihn langsam auf und ab. - -„Sie scheinen noch keinen Überblick über das Gericht zu haben,“ sagte -der Maler, er hatte die Beine weit auseinandergestreckt und klatschte -mit den Fußspitzen auf den Boden. „Da Sie aber unschuldig sind, werden -Sie ihn auch nicht benötigen. Ich allein hole Sie heraus,“ „Wie wollen -Sie das tun?“ fragte K. „Da Sie doch vor kurzem selbst gesagt haben, -daß das Gericht für Beweisgründe vollständig unzugänglich ist.“ -„Unzugänglich nur für Beweisgründe, die man vor dem Gericht vorbringt,“ -sagte der Maler und hob den Zeigefinger, als habe K. eine feine -Unterscheidung nicht bemerkt. „Anders verhält es sich aber damit, was -man in dieser Hinsicht hinter dem öffentlichen Gericht versucht, also -in den Beratungszimmern, in den Korridoren oder z. B. auch hier im -Atelier.“ Was der Maler jetzt sagte, schien K. nicht mehr so -unglaubwürdig, es zeigte vielmehr eine große Übereinstimmung mit dem, -was K. auch von andern Leuten gehört hatte. Ja, es war sogar sehr -hoffnungsvoll. War der Richter durch persönliche Beziehungen wirklich -so leicht zu lenken, wie es der Advokat dargestellt hatte, dann waren -die Beziehungen des Malers zu den eitlen Richtern besonders wichtig und -jedenfalls keineswegs zu unterschätzen. Dann fügte sich der Maler sehr -gut in den Kreis von Helfern, die K. allmählich um sich versammelte. -Man hatte einmal in der Bank sein Organisationstalent gerühmt, hier, wo -er ganz allein auf sich gestellt war, zeigte sich eine gute -Gelegenheit, es auf das Äußerste zu erproben. Der Maler beobachtete die -Wirkung, die seine Erklärung auf K. gemacht hatte und sagte dann mit -einer gewissen Ängstlichkeit: „Fällt es Ihnen nicht auf, daß ich fast -wie ein Jurist spreche? Es ist der ununterbrochene Verkehr mit den -Herren vom Gericht, der mich so beeinflußt. Ich habe natürlich viel -Gewinn davon, aber der künstlerische Schwung geht zum großen Teil -verloren.“ „Wie sind Sie denn zum erstenmal mit den Richtern in -Verbindung gekommen?“ fragte K., er wollte zuerst das Vertrauen des -Malers gewinnen, bevor er ihn geradezu in seine Dienste nahm. „Das war -sehr einfach,“ sagte der Maler, „ich habe diese Verbindung geerbt. -Schon mein Vater war Gerichtsmaler. Es ist das eine Stellung, die sich -immer vererbt. Man kann dafür neue Leute nicht brauchen. Es sind -nämlich für das Malen der verschiedenen Beamtengrade so verschiedene, -vielfache und vor allem geheime Regeln aufgestellt, daß sie überhaupt -nicht außerhalb bestimmter Familien bekannt werden. Dort in der -Schublade z. B. habe ich die Aufzeichnungen meines Vaters, die ich -niemandem zeige. Aber nur wer sie kennt, ist zum Malen von Richtern -befähigt. Jedoch selbst wenn ich sie verlieren würde, blieben mir noch -so viele Regeln, die ich allein in meinem Kopfe trage, daß mir niemand -meine Stellung streitig machen könnte. Es will doch jeder Richter so -gemalt werden, wie die alten großen Richter gemalt worden sind, und das -kann nur ich.“ „Das ist beneidenswert,“ sagte K., der an seine Stellung -in der Bank dachte. „Ihre Stellung ist also unerschütterlich?“ „Ja, -unerschütterlich,“ sagte der Maler und hob stolz die Achseln. „Deshalb -kann ich es auch wagen, hie und da einem armen Manne, der einen Prozeß -hat, zu helfen.“ „Und wie tun Sie das?“ fragte K., als sei es nicht er, -den der Mann soeben einen armen Mann genannt hatte. Der Maler aber ließ -sich nicht ablenken, sondern sagte: „In Ihrem Fall z. B. werde ich, da -Sie vollständig unschuldig sind, Folgendes unternehmen.“ Die -wiederholte Erwähnung seiner Unschuld wurde K. schon lästig. Ihm schien -es manchmal, als mache der Maler durch solche Bemerkungen einen -günstigen Ausgang des Prozesses zur Voraussetzung seiner Hilfe, die -dadurch natürlich in sich selbst zusammenfiel. Trotz dieser Zweifel -bezwang sich aber K. und unterbrach den Maler nicht. Verzichten wollte -er auf die Hilfe des Malers nicht, dazu war er entschlossen, auch -schien ihm diese Hilfe durchaus nicht fragwürdiger als die des -Advokaten zu sein. K. zog sie jener sogar bei weitem vor, weil sie -harmloser und offener dargeboten wurde. - -Der Maler hatte seinen Sessel näher zum Bett gezogen und fuhr mit -gedämpfter Stimme fort: „Ich habe vergessen, Sie zunächst zu fragen, -welche Art der Befreiung Sie wünschen. Es gibt drei Möglichkeiten, -nämlich die wirkliche Freisprechung, die scheinbare Freisprechung und -die Verschleppung. Die wirkliche Freisprechung ist natürlich das Beste, -nur habe ich nicht den geringsten Einfluß auf diese Art der Lösung. Es -gibt meiner Meinung nach überhaupt keine einzelne Person, die auf die -wirkliche Freisprechung Einfluß hätte. Hier entscheidet wahrscheinlich -nur die Unschuld des Angeklagten. Da Sie unschuldig sind, wäre es -wirklich möglich, daß Sie sich allein auf Ihre Unschuld verlassen. Dann -brauchen Sie aber weder mich noch irgendeine andere Hilfe.“ - -Diese geordnete Darstellung verblüffte K. anfangs, dann aber sagte er -ebenso leise wie der Maler: „Ich glaube, Sie widersprechen sich.“ „Wie -denn?“ fragte der Maler geduldig und lehnte sich lächelnd zurück. -Dieses Lächeln erweckte in K. das Gefühl, als ob er jetzt daran gehe, -nicht in den Worten des Malers, sondern in dem Gerichtsverfahren selbst -Widersprüche zu entdecken. Trotzdem wich er aber nicht zurück und -sagte: „Sie haben früher die Bemerkung gemacht, daß das Gericht für -Beweisgründe unzugänglich ist, später haben Sie dies auf das -öffentliche Gericht eingeschränkt und jetzt sagen Sie sogar, daß der -Unschuldige vor dem Gericht keine Hilfe braucht. Darin liegt schon ein -Widerspruch. Außerdem aber haben Sie früher gesagt, daß man die Richter -persönlich beeinflussen kann, stellen aber jetzt in Abrede, daß die -wirkliche Freisprechung, wie Sie sie nennen, jemals durch persönliche -Beeinflussung zu erreichen ist. Darin liegt der zweite Widerspruch.“ -„Diese Widersprüche sind leicht aufzuklären,“ sagte der Maler. „Es ist -hier von zwei verschiedenen Dingen die Rede, von dem, was im Gesetz -steht, und von dem, was ich persönlich erfahren habe, das dürfen Sie -nicht verwechseln. Im Gesetz, ich habe es allerdings nicht gelesen, -steht natürlich einerseits, daß der Unschuldige freigesprochen wird, -andererseits steht dort aber nicht, daß die Richter beeinflußt werden -können. Nun habe aber ich gerade das Gegenteil dessen erfahren. Ich -weiß von keiner wirklichen Freisprechung, wohl aber von vielen -Beeinflussungen. Es ist natürlich möglich, daß in allen mir bekannten -Fällen keine Unschuld vorhanden war. Aber ist das nicht -unwahrscheinlich? In so vielen Fällen keine einzige Unschuld? Schon als -Kind hörte ich dem Vater genau zu, wenn er zu Hause von Prozessen -erzählte, auch die Richter, die in sein Atelier kamen, erzählten vom -Gericht, man spricht in unsern Kreisen überhaupt von nichts anderem; -kaum bekam ich die Möglichkeit, selbst zu Gericht zu gehn, nützte ich -sie immer aus, unzählbare Prozesse habe ich in wichtigen Stadien -angehört und soweit sie sichtbar sind, verfolgt, und — ich muß es -zugeben — nicht einen einzigen wirklichen Freispruch erlebt.“ „Keinen -einzigen Freispruch also,“ sagte K., als rede er zu sich selbst und zu -seinen Hoffnungen. „Das bestätigt aber die Meinung, die ich von dem -Gericht schon habe. Es ist also auch von dieser Seite zwecklos. Ein -einziger Henker könnte das ganze Gericht ersetzen.“ „Sie dürfen nicht -verallgemeinern,“ sagte der Maler unzufrieden, „ich habe ja nur von -meinen Erfahrungen gesprochen.“ „Das genügt doch,“ sagte K., „oder -haben Sie von Freisprüchen aus früherer Zeit gehört?“ „Solche -Freisprüche,“ antwortete der Maler, „soll es allerdings gegeben haben. -Nur ist es sehr schwer, das festzustellen. Die abschließenden -Entscheidungen des Gerichtes werden nicht veröffentlicht, sie sind -nicht einmal den Richtern zugänglich, infolgedessen haben sich über -alte Gerichtsfälle nur Legenden erhalten. Diese enthalten allerdings -sogar in der Mehrzahl wirkliche Freisprechungen, man kann sie glauben, -nachweisbar sind sie aber nicht. Trotzdem muß man sie nicht ganz -vernachlässigen, eine gewisse Wahrheit enthalten sie wohl gewiß, auch -sind sie sehr schön, ich selbst habe einige Bilder gemalt, die solche -Legenden zum Inhalt haben.“ „Bloße Legenden ändern meine Meinung -nicht,“ sagte K., „man kann sich wohl auch vor Gericht auf diese -Legenden nicht berufen?“ Der Maler lachte. „Nein, das kann man nicht,“ -sagte er. „Dann ist es nutzlos, darüber zu reden,“ sagte K., er wollte -vorläufig alle Meinungen des Malers hinnehmen, selbst wenn er sie für -unwahrscheinlich hielt und sie andern Berichten widersprachen. Er hatte -jetzt nicht die Zeit, alles, was der Maler sagte, auf die Wahrheit hin -zu überprüfen oder gar zu widerlegen, es war schon das Äußerste -erreicht, wenn er den Maler dazu bewog, ihm in irgendeiner, sei es auch -in einer nicht entscheidenden Weise zu helfen. Darum sagte er: „Sehn -wir also von der wirklichen Freisprechung ab, Sie erwähnten aber noch -zwei andere Möglichkeiten.“ „Die scheinbare Freisprechung und die -Verschleppung. Um die allein kann es sich handeln,“ sagte der Maler. -„Wollen Sie aber nicht, ehe wir davon reden, den Rock ausziehn. Es ist -Ihnen wohl heiß.“ „Ja,“ sagte K., der bisher auf nichts als auf die -Erklärungen des Malers geachtet hatte, dem aber jetzt, da er an die -Hitze erinnert worden war, starker Schweiß auf der Stirn ausbrach. „Es -ist fast unerträglich.“ Der Maler nickte, als verstehe er K.s Unbehagen -sehr gut. „Könnte man nicht das Fenster öffnen?“ fragte K. „Nein,“ -sagte der Maler. „Es ist bloß eine fest eingesetzte Glasscheibe, man -kann es nicht öffnen.“ Jetzt erkannte K., daß er die ganze Zeit über -darauf gehofft hatte, plötzlich werde der Maler oder er zum Fenster -gehn und es aufreißen. Er war darauf vorbereitet, selbst den Nebel mit -offenem Mund einzuatmen. Das Gefühl, hier von der Luft vollständig -abgesperrt zu sein, verursachte ihm Schwindel. Er schlug leicht mit der -Hand auf das Federbett neben sich und sagte mit schwacher Stimme: „Das -ist ja unbequem und ungesund.“ „O nein,“ sagte der Maler zur -Verteidigung seines Fensters. „Dadurch, daß es nicht aufgemacht werden -kann, wird, trotzdem es nur eine einfache Scheibe ist, die Wärme hier -besser festgehalten als durch ein Doppelfenster. Will ich aber lüften, -was nicht sehr notwendig ist, da durch die Balkenritzen überall Luft -eindringt, kann ich eine meiner Türen oder sogar beide öffnen.“ K., -durch diese Erklärung ein wenig getröstet, blickte herum, um die zweite -Tür zu finden. Der Maler bemerkte das und sagte: „Sie ist hinter Ihnen, -ich mußte sie durch das Bett verstellen.“ Jetzt erst sah K. die kleine -Türe in der Wand. „Es ist eben hier alles viel zu klein für ein -Atelier,“ sagte der Maler, als wolle er einem Tadel K.s zuvorkommen. -„Ich mußte mich einrichten so gut es ging. Das Bett vor der Tür steht -natürlich an einem sehr schlechten Platz. Der Richter z. B., den ich -jetzt male, kommt immer durch die Tür beim Bett und ich habe ihm auch -einen Schlüssel von dieser Tür gegeben, damit er, auch wenn ich nicht -zu Hause bin, hier im Atelier auf mich warten kann. Nun kommt er aber -gewöhnlich früh am Morgen, während ich noch schlafe. Es reißt mich -natürlich immer aus dem tiefsten Schlaf, wenn sich neben dem Bett die -Türe öffnet. Sie würden jede Ehrfurcht vor den Richtern verlieren, wenn -Sie die Flüche hören würden, mit denen ich ihn empfange, wenn er früh -über mein Bett steigt. Ich könnte ihm allerdings den Schlüssel -wegnehmen, aber es würde dadurch nur ärger werden. Man kann hier alle -Türen mit der geringsten Anstrengung aus den Angeln brechen.“ Während -dieser ganzen Rede überlegte K., ob er den Rock ausziehn sollte, er sah -aber schließlich ein, daß er, wenn er es nicht tat, unfähig war, hier -noch länger zu bleiben, er zog daher den Rock aus, legte ihn aber über -die Knie, um ihn, falls die Besprechung zu Ende wäre, wieder anziehn zu -können. Kaum hatte er den Rock ausgezogen, rief eines der Mädchen: „Er -hat schon den Rock ausgezogen“ und man hörte, wie sich alle zu den -Ritzen drängten, um das Schauspiel selbst zu sehn. „Die Mädchen glauben -nämlich,“ sagte der Maler, „daß ich Sie malen werde und daß Sie sich -deshalb ausziehn.“ „So,“ sagte K. nur wenig belustigt, denn er fühlte -sich nicht viel besser als früher, trotzdem er jetzt in Hemdärmeln -dasaß. Fast mürrisch fragte er: „Wie nannten Sie die zwei andern -Möglichkeiten.“ Er hatte die Ausdrücke schon wieder vergessen. „Die -scheinbare Freisprechung und die Verschleppung,“ sagte der Maler. „Es -liegt an Ihnen, was Sie davon wählen. Beides ist durch meine Hilfe -erreichbar, natürlich nicht ohne Mühe, der Unterschied in dieser -Hinsicht ist der, daß die scheinbare Freisprechung eine gesammelte -zeitweilige, die Verschleppung eine viel geringere aber dauernde -Anstrengung verlangt. Zunächst also die scheinbare Freisprechung. Wenn -Sie diese wünschen sollten, schreibe ich auf einem Bogen Papier eine -Bestätigung Ihrer Unschuld auf. Der Text für eine solche Bestätigung -ist mir von meinem Vater überliefert und ganz unangreifbar. Mit dieser -Bestätigung mache ich nun einen Rundgang bei den mir bekannten -Richtern. Ich fange also etwa damit an, daß ich dem Richter, den ich -jetzt male, heute abend, wenn er zur Sitzung kommt, die Bestätigung -vorlege. Ich lege ihm die Bestätigung vor, erkläre ihm, daß Sie -unschuldig sind und verbürge mich für Ihre Unschuld. Das ist aber keine -bloß äußerliche, sondern eine wirkliche bindende Bürgschaft.“ In den -Blicken des Malers lag es wie ein Vorwurf, daß K. ihm die Last einer -solchen Bürgschaft auferlegen wolle. „Das wäre ja sehr freundlich,“ -sagte K. „Und der Richter würde Ihnen glauben und mich trotzdem nicht -wirklich freisprechen?“ „Wie ich schon sagte,“ antwortete der Maler. -„Übrigens ist es durchaus nicht sicher, daß jeder mir glauben würde, -mancher Richter wird z. B. verlangen, daß ich Sie selbst zu ihm -hinführe. Dann müßten Sie also einmal mitkommen. Allerdings ist in -einem solchen Falle die Sache schon halb gewonnen, besonders, da ich -Sie natürlich vorher genau darüber unterrichten würde, wie Sie sich bei -dem betreffenden Richter zu verhalten haben. Schlimmer ist es bei den -Richtern, die mich — auch das wird vorkommen — von vornherein abweisen. -Auf diese müssen wir, wenn ich es auch an mehrfachen Versuchen gewiß -nicht fehlen lassen werde, verzichten, wir dürfen das aber auch, denn -einzelne Richter können hier nicht den Ausschlag geben. Wenn ich nun -auf dieser Bestätigung eine genügende Anzahl von Unterschriften der -Richter habe, gehe ich mit dieser Bestätigung zu dem Richter, der Ihren -Prozeß gerade führt. Möglicherweise habe ich auch seine Unterschrift, -dann entwickelt sich alles noch ein wenig rascher als sonst. Im -allgemeinen gibt es aber dann überhaupt nicht mehr viel Hindernisse, es -ist dann für den Angeklagten die Zeit der höchsten Zuversicht. Es ist -merkwürdig, aber wahr, die Leute sind in dieser Zeit zuversichtlicher -als nach dem Freispruch. Es bedarf jetzt keiner besondern Mühe mehr. -Der Richter besitzt in der Bestätigung die Bürgschaft einer Anzahl von -Richtern, kann Sie unbesorgt freisprechen und wird es allerdings nach -Durchführung verschiedener Formalitäten mir und andern Bekannten zu -Gefallen zweifellos tun. Sie aber treten aus dem Gericht und sind -frei.“ „Dann bin ich also frei,“ sagte K. zögernd. „Ja,“ sagte der -Maler, „aber nur scheinbar frei oder besser ausgedrückt zeitweilig -frei. Die untersten Richter nämlich, zu denen meine Bekannten gehören, -haben nicht das Recht, endgültig freizusprechen, dieses Recht hat nur -das oberste, für Sie, für mich und für uns alle ganz unerreichbare -Gericht. Wie es dort aussieht, wissen wir nicht und wollen wir, -nebenbei gesagt, auch nicht wissen. Das große Recht, von der Anklage zu -befreien, haben also unsere Richter nicht, wohl aber haben sie das -Recht, von der Anklage loszulösen. Das heißt, wenn Sie auf diese Weise -freigesprochen werden, sind Sie für den Augenblick der Anklage -entzogen, aber sie schwebt auch weiterhin über Ihnen und kann, sobald -nur der höhere Befehl kommt, sofort in Wirkung treten. Da ich mit dem -Gericht in so guter Verbindung stehe, kann ich Ihnen auch sagen, wie -sich in den Vorschriften für die Gerichtskanzleien der Unterschied -zwischen der wirklichen und der scheinbaren Freisprechung rein -äußerlich zeigt. Bei einer wirklichen Freisprechung sollen die -Prozeßakten vollständig abgelegt werden, sie verschwinden gänzlich aus -dem Verfahren, nicht nur die Anklage, auch der Prozeß und sogar der -Freispruch sind vernichtet, alles ist vernichtet. Anders beim -scheinbaren Freispruch. Mit dem Akt ist keine weitere Veränderung vor -sich gegangen, als daß er um die Bestätigung der Unschuld, um den -Freispruch und um die Begründung des Freispruchs bereichert worden ist. -Im übrigen aber bleibt er im Verfahren, er wird, wie es der -ununterbrochene Verkehr der Gerichtskanzleien erfordert, zu den höhern -Gerichten weitergeleitet, kommt zu den niedrigen zurück und pendelt so -mit größeren und kleineren Schwingungen, mit größeren und kleineren -Stockungen auf und ab. Diese Wege sind unberechenbar. Von außen gesehn, -kann es manchmal den Anschein bekommen, daß alles längst vergessen, der -Akt verloren und der Freispruch ein vollkommener ist. Ein Eingeweihter -wird das nicht glauben. Es geht kein Akt verloren, es gibt bei Gericht -kein Vergessen. Eines Tages — niemand erwartet es — nimmt irgendein -Richter den Akt aufmerksam in die Hand, erkennt, daß in diesem Falle -die Anklage noch lebendig ist und ordnet die sofortige Verhaftung an. -Ich habe hier angenommen, daß zwischen dem scheinbaren Freispruch und -der neuen Verhaftung eine lange Zeit vergeht, das ist möglich und ich -weiß von solchen Fällen, es ist aber ebensogut möglich, daß der -Freigesprochene vom Gericht nach Hause kommt und dort schon Beauftragte -warten, um ihn wieder zu verhaften. Dann ist natürlich das freie Leben -zu Ende.“ „Und der Prozeß beginnt von neuem?“ fragte K. fast ungläubig. -„Allerdings,“ sagte der Maler, „der Prozeß beginnt von neuem, es -besteht aber wieder die Möglichkeit, ebenso wie früher, einen -scheinbaren Freispruch zu erwirken. Man muß wieder alle Kräfte -zusammennehmen und darf sich nicht ergeben.“ Das Letztere sagte der -Maler vielleicht unter dem Eindruck, den K., der ein wenig -zusammengesunken war, auf ihn machte. „Ist aber,“ fragte K., als wolle -er jetzt irgendwelchen Enthüllungen des Malers zuvorkommen, „die -Erwirkung eines zweiten Freispruchs nicht schwieriger als die des -ersten?“ „Man kann,“ antwortete der Maler, „in dieser Hinsicht nichts -Bestimmtes sagen. Sie meinen wohl, daß die Richter durch die zweite -Verhaftung in ihrem Urteil zuungunsten des Angeklagten beeinflußt -werden? Das ist nicht der Fall. Die Richter haben ja schon beim -Freispruch diese Verhaftung vorhergesehn. Dieser Umstand wirkt also -kaum ein. Wohl aber kann aus zahllosen sonstigen Gründen die Stimmung -der Richter sowie ihre rechtliche Beurteilung des Falles eine andere -geworden sein, und die Bemühungen um den zweiten Freispruch müssen -daher den veränderten Umständen angepaßt werden und im allgemeinen -ebenso kräftig sein wie die vor dem ersten Freispruch.“ „Aber dieser -zweite Freispruch ist doch wieder nicht endgültig,“ sagte K. und drehte -abweisend den Kopf. „Natürlich nicht,“ sagte der Maler, „dem zweiten -Freispruch folgt die dritte Verhaftung, dem dritten Freispruch die -vierte Verhaftung und so fort. Das liegt schon in dem Begriff des -scheinbaren Freispruchs.“ K. schwieg. „Der scheinbare Freispruch -scheint Ihnen offenbar nicht vorteilhaft zu sein,“ sagte der Maler, -„vielleicht entspricht Ihnen die Verschleppung besser. Soll ich Ihnen -das Wesen der Verschleppung erklären?“ K. nickte. Der Maler hatte sich -breit in seinen Sessel zurückgelehnt, das Nachthemd war weit offen, er -hatte eine Hand darunter geschoben, mit der er über die Brust und die -Seiten strich. „Die Verschleppung,“ sagte der Maler und sah einen -Augenblick vor sich hin, als suche er eine vollständig zutreffende -Erklärung, „die Verschleppung besteht darin, daß der Prozeß dauernd im -niedrigsten Prozeßstadium erhalten wird. Um dies zu erreichen, ist es -nötig, daß der Angeklagte und der Helfer, insbesondere aber der Helfer -in ununterbrochener persönlicher Fühlung mit dem Gerichte bleibt. Ich -wiederhole, es ist hiefür kein solcher Kraftaufwand nötig, wie bei der -Erreichung eines scheinbaren Freispruchs, wohl aber ist eine viel -größere Aufmerksamkeit nötig. Man darf den Prozeß nicht aus dem Auge -verlieren, man muß zu dem betreffenden Richter in regelmäßigen -Zwischenräumen und außerdem bei besondern Gelegenheiten gehn und ihn -auf jede Weise sich freundlich zu erhalten suchen; ist man mit dem -Richter nicht persönlich bekannt, so muß man durch bekannte Richter ihn -beeinflussen lassen, ohne daß man etwa deshalb die unmittelbaren -Besprechungen aufgeben dürfte. Versäumt man in dieser Hinsicht nichts, -so kann man mit genügender Bestimmtheit annehmen, daß der Prozeß über -sein erstes Stadium nicht hinauskommt. Der Prozeß hört zwar nicht auf, -aber der Angeklagte ist vor einer Verurteilung fast ebenso gesichert, -wie wenn er frei wäre. Gegenüber dem scheinbaren Freispruch hat die -Verschleppung den Vorteil, daß die Zukunft des Angeklagten weniger -unbestimmt ist, er bleibt vor dem Schrecken der plötzlichen -Verhaftungen bewahrt und muß nicht fürchten, etwa gerade zu Zeiten, wo -seine sonstigen Umstände dafür am wenigsten günstig sind, die -Anstrengungen und Aufregungen auf sich nehmen zu müssen, welche mit der -Erreichung des scheinbaren Freispruchs verbunden sind. Allerdings hat -auch die Verschleppung für den Angeklagten gewisse Nachteile, die man -nicht unterschätzen darf. Ich denke hiebei nicht daran, daß hier der -Angeklagte niemals frei ist, das ist er ja auch bei der scheinbaren -Freisprechung im eigentlichen Sinne nicht. Es ist ein anderer Nachteil. -Der Prozeß kann nicht stillstehn, ohne daß wenigstens scheinbare Gründe -dafür vorliegen. Es muß deshalb im Prozeß nach außen hin etwas -geschehn. Es müssen also von Zeit zu Zeit verschiedene Anordnungen -getroffen werden, der Angeklagte muß verhört werden, Untersuchungen -müssen stattfinden usw. Der Prozeß muß eben immerfort in dem kleinen -Kreis, auf den er künstlich eingeschränkt worden ist, gedreht werden. -Das bringt natürlich gewisse Unannehmlichkeiten für den Angeklagten mit -sich, die Sie sich aber wiederum nicht zu schlimm vorstellen dürfen. Es -ist ja alles nur äußerlich, die Verhöre beispielsweise sind also nur -ganz kurz; wenn man einmal keine Zeit oder keine Lust hat hinzugehn, -darf man sich entschuldigen, man kann sogar bei gewissen Richtern die -Anordnungen für eine lange Zeit im voraus gemeinsam festsetzen, es -handelt sich im Wesen nur darum, daß man, da man Angeklagter ist, von -Zeit zu Zeit bei seinem Richter sich meldet.“ Schon während der letzten -Worte hatte K. den Rock über den Arm gelegt und war aufgestanden. „Er -steht schon auf,“ rief es sofort draußen vor der Tür. „Sie wollen schon -fortgehn?“ fragte der Maler, der auch aufgestanden war. „Es ist gewiß -die Luft, die Sie von hier vertreibt. Es ist mir sehr peinlich. Ich -hätte Ihnen auch noch manches zu sagen. Ich mußte mich ganz kurz -fassen. Ich hoffe aber verständlich gewesen zu sein.“ „O ja,“ sagte K., -dem von der Anstrengung, mit der er sich zum Zuhören gezwungen hatte, -der Kopf schmerzte. Trotz dieser Bestätigung sagte der Maler alles noch -einmal zusammenfassend, als wolle er K. auf den Heimweg einen Trost -mitgeben: „Beide Methoden haben das Gemeinsame, daß sie eine -Verurteilung des Angeklagten verhindern.“ „Sie verhindern aber auch die -wirkliche Freisprechung,“ sagte K. leise, als schäme er sich, das -erkannt zu haben. „Sie haben den Kern der Sache erfaßt,“ sagte der -Maler schnell. K. legte die Hand auf seinen Winterrock, konnte sich -aber nicht einmal entschließen, den Rock anzuziehn. Am liebsten hätte -er alles zusammengepackt und wäre damit an die frische Luft gelaufen. -Auch die Mädchen konnten ihn nicht dazu bewegen, sich anzuziehn, -trotzdem sie, verfrüht, einander schon zuriefen, daß er sich anziehe. -Dem Maler lag daran, K.s Stimmung irgendwie zu deuten, er sagte -deshalb: „Sie haben sich wohl hinsichtlich meiner Vorschläge noch nicht -entschieden. Ich billige das. Ich hätte Ihnen sogar davon abgeraten, -sich sofort zu entscheiden. Die Vorteile und Nachteile sind haarfein. -Man muß alles genau abschätzen. Allerdings darf man auch nicht zuviel -Zeit verlieren.“ „Ich werde bald wiederkommen,“ sagte K., der in einem -plötzlichen Entschluß den Rock anzog, den Mantel über die Schulter warf -und zur Tür eilte, hinter der jetzt die Mädchen zu schreien anfingen. -K. glaubte, die schreienden Mädchen durch die Tür zu sehn. „Sie müssen -aber Wort halten,“ sagte der Maler, der ihm nicht gefolgt war, „sonst -komme ich in die Bank, um selbst nachzufragen.“ „Sperren Sie doch die -Tür auf,“ sagte K. und riß an der Klinke, die die Mädchen, wie er an -dem Gegendruck merkte, draußen festhielten. „Wollen Sie von den Mädchen -belästigt werden?“ fragte der Maler. „Benutzen Sie doch lieber diesen -Ausgang“, und er zeigte auf die Tür hinter dem Bett. K. war damit -einverstanden und sprang zum Bett zurück. Aber statt die Tür dort zu -öffnen, kroch der Maler unter das Bett und fragte von unten: „Nur noch -einen Augenblick. Wollen Sie nicht noch ein Bild sehn, das ich Ihnen -verkaufen könnte?“ K. wollte nicht unhöflich sein, der Maler hatte sich -wirklich seiner angenommen und versprochen, ihm weiterhin zu helfen, -auch war infolge der Vergeßlichkeit K.s über die Entlohnung für die -Hilfe noch gar nicht gesprochen worden, deshalb konnte ihn K. jetzt -nicht abweisen und ließ sich das Bild zeigen, wenn er auch vor Ungeduld -zitterte, aus dem Atelier wegzukommen. Der Maler zog unter dem Bett -einen Haufen ungerahmter Bilder hervor, die so mit Staub bedeckt waren, -daß dieser, als ihn der Maler vom obersten Bild wegzublasen suchte, -längere Zeit atemraubend K. vor den Augen wirbelte. „Eine -Heidelandschaft,“ sagte der Maler und reichte K. das Bild. Es stellte -zwei schwache Bäume dar, die weit voneinander entfernt im dunklen Gras -standen. Im Hintergrund war ein vielfarbiger Sonnenuntergang. „Schön,“ -sagte K., „ich kaufe es.“ K. hatte unbedacht sich so kurz geäußert, er -war daher froh, als der Maler, statt dies übelzunehmen, ein zweites -Bild vom Boden aufhob. „Hier ist ein Gegenstück zu diesem Bild,“ sagte -der Maler. Es mochte als Gegenstück beabsichtigt sein, es war aber -nicht der geringste Unterschied gegenüber dem ersten Bild zu merken, -hier waren die Bäume, hier das Gras und dort der Sonnenuntergang. Aber -K. lag wenig daran. „Es sind schöne Landschaften,“ sagte er, „ich kaufe -beide und werde sie in meinem Bureau aufhängen.“ „Das Motiv scheint -Ihnen zu gefallen,“ sagte der Maler und holte ein drittes Bild herauf, -„es trifft sich gut, daß ich noch ein ähnliches Bild hier habe.“ Es war -aber nicht ähnlich, es war vielmehr die völlig gleiche alte -Heidelandschaft. Der Maler nutzte diese Gelegenheit, alte Bilder zu -verkaufen, gut aus. „Ich nehme auch dieses noch,“ sagte K. „Wieviel -kosten die drei Bilder?“ „Darüber werden wir nächstens sprechen,“ sagte -der Maler. „Sie haben jetzt Eile und wir bleiben doch in Verbindung. Im -übrigen freut es mich, daß Ihnen die Bilder gefallen, ich werde Ihnen -alle Bilder mitgeben, die ich hier unten habe. Es sind lauter -Heidelandschaften, ich habe schon viele Heidelandschaften gemalt. -Manche Leute weisen solche Bilder ab, weil sie zu düster sind, andere -aber, und Sie gehören zu ihnen, lieben gerade das Düstere.“ Aber K. -hatte jetzt keinen Sinn für die beruflichen Erfahrungen des -Bettelmalers. „Packen Sie alle Bilder ein,“ rief er, dem Maler in die -Rede fallend, „morgen kommt mein Diener und wird sie holen.“ „Es ist -nicht nötig,“ sagte der Maler. „Ich hoffe, ich werde Ihnen einen Träger -verschaffen können, der gleich mit Ihnen gehen wird.“ Und er beugte -sich endlich über das Bett und sperrte die Tür auf, „Steigen Sie ohne -Scheu auf das Bett,“ sagte der Maler, „das tut jeder, der hier -hereinkommt.“ K. hätte auch ohne diese Aufforderung keine Rücksicht -genommen, er hatte sogar schon einen Fuß mitten auf das Federbett -gesetzt, da sah er durch die offene Tür hinaus und zog den Fuß wieder -zurück. „Was ist das?“ fragte er den Maler. „Worüber staunen Sie?“ -fragte dieser, seinerseits staunend. „Es sind die Gerichtskanzleien. -Wußten Sie nicht, daß hier Gerichtskanzleien sind? Gerichtskanzleien -sind doch fast auf jedem Dachboden, warum sollten sie gerade hier -fehlen? Auch mein Atelier gehört eigentlich zu den Gerichtskanzleien, -das Gericht hat es mir aber zur Verfügung gestellt.“ K. erschrak nicht -so sehr darüber, daß er auch hier Gerichtskanzleien gefunden hatte, er -erschrak hauptsächlich über sich, über seine Unwissenheit in -Gerichtssachen. Als eine Grundregel für das Verhalten eines Angeklagten -erschien es ihm, immer vorbereitet zu sein, sich niemals überraschen -lassen, nicht ahnungslos nach rechts zu schauen, wenn links der Richter -neben ihm stand — und gerade gegen diese Grundregel verstieß er immer -wieder. Vor ihm dehnte sich ein langer Gang, aus dem eine Luft wehte, -mit der verglichen die Luft im Atelier erfrischend war. Bänke waren zu -beiden Seiten des Ganges aufgestellt, genau so wie im Wartezimmer der -Kanzlei, die für K. zuständig war. Es schienen genaue Vorschriften für -die Einrichtung von Kanzleien zu bestehn. Augenblicklich war der -Parteienverkehr hier nicht sehr groß. Ein Mann saß dort halb liegend, -das Gesicht hatte er auf der Bank in seine Arme vergraben und schien zu -schlafen; ein anderer stand im Halbdunkel am Ende des Ganges. K. stieg -nun über das Bett, der Maler folgte ihm mit den Bildern. Sie trafen -bald einen Gerichtsdiener — K. erkannte jetzt schon alle Gerichtsdiener -an dem Goldknopf, den diese an ihrem Zivilanzug unter den gewöhnlichen -Knöpfen hatten — und der Maler gab ihm den Auftrag, K. mit den Bildern -zu begleiten. K. wankte mehr als er ging, das Taschentuch hielt er an -den Mund gedrückt. Sie waren schon nahe am Ausgang, da stürmten ihnen -die Mädchen entgegen, die also K. auch nicht erspart geblieben waren. -Sie hatten offenbar gesehn, daß die zweite Tür des Ateliers geöffnet -worden war und hatten den Umweg gemacht, um von dieser Seite -einzudringen. „Ich kann Sie nicht mehr begleiten,“ rief der Maler -lachend unter dem Andrang der Mädchen. „Auf Wiedersehn. Und überlegen -Sie nicht zu lange!“ K. sah sich nicht einmal nach ihm um. Auf der -Gasse nahm er den ersten Wagen, der ihm in den Weg kam. Es lag ihm -daran, den Diener loszuwerden, dessen Goldknopf ihm unaufhörlich in die -Augen stach, wenn er auch sonst wahrscheinlich niemandem auffiel. In -seiner Dienstfertigkeit wollte sich der Diener noch auf den Kutschbock -setzen, K. jagte ihn aber herunter. Mittag war schon längst vorüber, -als K. vor der Bank ankam. Er hätte gern die Bilder im Wagen gelassen, -fürchtete aber, bei irgendeiner Gelegenheit genötigt zu werden, sich -dem Maler gegenüber mit ihnen auszuweisen. Er ließ sie daher in das -Bureau schaffen und versperrte sie in die unterste Lade seines Tisches, -um sie wenigstens für die allernächsten Tage vor den Blicken des -Direktor-Stellvertreters in Sicherheit zu bringen. - - - - - - - - -ACHTES KAPITEL - -KAUFMANN BLOCK · KÜNDIGUNG DES ADVOKATEN - - -Endlich hatte sich K. doch entschlossen, dem Advokaten seine Vertretung -zu entziehn. Zweifel daran, ob es richtig war, so zu handeln, waren -zwar nicht auszurotten, aber die Überzeugung von der Notwendigkeit -dessen überwog. Die Entschließung hatte K. an dem Tage, an dem er zum -Advokaten gehen wollte, viel Arbeitskraft entzogen, er arbeitete -besonders langsam, er mußte sehr lange im Bureau bleiben, und es war -schon 10 Uhr vorüber, als er endlich vor der Tür des Advokaten stand. -Noch ehe er läutete, überlegte er, ob es nicht besser wäre, dem -Advokaten telephonisch oder brieflich zu kündigen, die persönliche -Unterredung würde gewiß sehr peinlich werden. Trotzdem wollte K. -schließlich nicht auf sie verzichten, bei jeder andern Art der -Kündigung würde diese stillschweigend oder mit ein paar förmlichen -Worten angenommen werden und K. würde, wenn nicht etwa Leni einiges -erforschen könnte, niemals erfahren, wie der Advokat die Kündigung -aufgenommen hatte und was für Folgen für K. diese Kündigung nach der -nicht unwichtigen Meinung des Advokaten haben könnte. Saß aber der -Advokat K. gegenüber und wurde er von der Kündigung überrascht, so -würde K., selbst wenn der Advokat sich nicht viel entlocken ließ, aus -seinem Gesicht und seinem Benehmen alles, was er wollte, leicht -entnehmen können. Es war sogar nicht ausgeschlossen, daß er überzeugt -wurde, daß es doch gut wäre, dem Advokaten die Verteidigung zu -überlassen und daß er dann seine Kündigung zurückzog. - -Das erste Läuten an der Tür des Advokaten war, wie gewöhnlich, -zwecklos. „Leni könnte flinker sein,“ dachte K. Aber es war schon ein -Vorteil, wenn sich nicht die andere Partei einmischte, wie sie es -gewöhnlich tat, sei es, daß der Mann im Schlafrock oder sonst jemand zu -belästigen anfing. Während K. zum zweitenmal den Knopf drückte, sah er -nach der andern Tür zurück, diesmal aber blieb auch sie geschlossen. -Endlich erschienen an dem Guckfenster der Tür des Advokaten zwei Augen, -es waren aber nicht Lenis Augen. Jemand schloß die Tür auf, stemmte -sich aber vorläufig noch gegen sie, rief in die Wohnung zurück: „Er ist -es,“ und öffnete erst dann vollständig. K. hatte gegen die Tür -gedrängt, denn schon hörte er, wie hinter ihm in der Tür der andern -Wohnung der Schlüssel hastig im Schloß gedreht wurde. Als sich daher -die Tür vor ihm endlich öffnete, stürmte er geradezu ins Vorzimmer und -sah noch, wie durch den Gang, der zwischen den Zimmern hindurchführte, -Leni, welcher der Warnungsruf des Türöffners gegolten hatte, im Hemd -davonlief. Er blickte ihr ein Weilchen nach und sah sich dann nach dem -Türöffner um. Es war ein kleiner dürrer Mann mit Vollbart, er hielt -eine Kerze in der Hand. „Sie sind hier angestellt?“ fragte K. „Nein,“ -antwortete der Mann, „ich bin hier fremd, der Advokat ist nur mein -Vertreter, ich bin hier wegen einer Rechtsangelegenheit.“ „Ohne Rock?“ -fragte K. und zeigte mit einer Handbewegung auf die mangelhafte -Bekleidung des Mannes. „Ach verzeihen Sie,“ sagte der Mann und -beleuchtete sich selbst mit der Kerze, als sähe er selbst zum erstenmal -seinen Zustand. „Leni ist Ihre Geliebte?“ fragte K. kurz. Er hatte die -Beine ein wenig gespreizt, die Hände, in denen er den Hut hielt, hinten -verschlungen. Schon durch den Besitz eines starken Überrocks fühlte er -sich dem magern Kleinen sehr überlegen. „O Gott,“ sagte der und hob die -eine Hand in erschrockener Abwehr vor das Gesicht, „nein, nein, was -denken Sie denn?“ „Sie sehn glaubwürdig aus,“ sagte K. lächelnd, -„trotzdem — kommen Sie.“ Er winkte ihm mit dem Hut und ließ ihn vor -sich gehn. „Wie heißen Sie denn?“ fragte K. auf dem Weg. „Block, -Kaufmann Block,“ sagte der Kleine und drehte sich bei dieser -Vorstellung nach K. um, stehenbleiben ließ ihn aber K. nicht. „Ist das -Ihr wirklicher Name?“ fragte K. „Gewiß,“ war die Antwort, „warum haben -Sie denn Zweifel?“ „Ich dachte, Sie könnten Grund haben, Ihren Namen zu -verschweigen,“ sagte K. Er fühlte sich so frei, wie man es sonst nur -ist, wenn man in der Fremde mit niedrigen Leuten spricht, alles was -einen selbst betrifft, bei sich behält, nur gleichmütig von den -Interessen der andern redet, sie dadurch vor sich selbst erhöht, aber -auch nach Belieben fallen lassen kann. Bei der Tür des Arbeitszimmers -des Advokaten blieb K. stehn, öffnete sie und rief dem Kaufmann, der -folgsam weitergegangen war, zu: „Nicht so eilig, leuchten Sie hier.“ K. -dachte, Leni könnte sich hier versteckt haben, er ließ den Kaufmann -alle Winkel absuchen, aber das Zimmer war leer. Vor dem Bild des -Richters hielt K. den Kaufmann hinten an den Hosenträgern zurück. -„Kennen Sie den,“ fragte er und zeigte mit dem Zeigefinger in die Höhe. -Der Kaufmann hob die Kerze, sah blinzelnd hinauf und sagte: „Es ist ein -Richter.“ „Ein hoher Richter?“ fragte K. und stellte sich seitlich vor -den Kaufmann, um den Eindruck, den das Bild auf ihn machte, zu -beobachten. Der Kaufmann sah bewundernd aufwärts. „Es ist ein hoher -Richter,“ sagte er. „Sie haben keinen großen Einblick,“ sagte K. „Unter -den niedrigen Untersuchungsrichtern ist er der niedrigste.“ „Nun -erinnere ich mich,“ sagte der Kaufmann und senkte die Kerze, „ich habe -es auch schon gehört.“ „Aber natürlich,“ rief K., „ich vergaß ja, -natürlich müssen Sie es schon gehört haben.“ „Aber warum denn, warum -denn?“ fragte der Kaufmann, während er sich, von K. mit den Händen -angetrieben, zur Tür fortbewegte. Draußen auf dem Gang sagte K.: „Sie -wissen doch, wo sich Leni versteckt hat?“ „Versteckt?“ sagte der -Kaufmann, „nein, sie dürfte aber in der Küche sein und dem Advokaten -eine Suppe kochen.“ „Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?“ fragte -K. „Ich wollte Sie ja hinführen, Sie haben mich aber wieder -zurückgerufen,“ antwortete der Kaufmann, wie verwirrt durch die -widersprechenden Befehle. „Sie glauben wohl sehr schlau zu sein,“ sagte -K., „führen Sie mich also!“ In der Küche war K. noch nie gewesen, sie -war überraschend groß und reich ausgestattet. Allein der Herd war -dreimal so groß wie gewöhnliche Herde, von dem übrigen sah man keine -Einzelheiten, denn die Küche wurde jetzt nur von einer kleinen Lampe -beleuchtet, die beim Eingang hing. Am Herd stand Leni in weißer Schürze -wie immer und leerte Eier in einen Topf aus, der auf einem -Spiritusfeuer stand. „Guten Abend, Josef,“ sagte sie mit einem -Seitenblick. „Guten Abend,“ sagte K. und zeigte mit einer Hand auf -einen abseits stehenden Sessel, auf den sich der Kaufmann setzen -sollte, was dieser auch tat. K. aber ging ganz nahe hinter Leni, beugte -sich über ihre Schulter und fragte: „Wer ist der Mann?“ Leni umfaßte K. -mit einer Hand, die andere quirlte die Suppe, zog ihn nach vorn zu sich -und sagte: „Es ist ein bedauernswerter Mensch, ein armer Kaufmann, ein -gewisser Block. Sieh ihn nur an.“ Sie blickten beide zurück. Der -Kaufmann saß auf dem Sessel, auf den ihn K. gewiesen hatte, er hatte -die Kerze, deren Licht jetzt unnötig war, ausgepustet und drückte mit -den Fingern den Docht, um den Rauch zu verhindern. „Du warst im Hemd,“ -sagte K. und wendete ihren Kopf mit der Hand wieder dem Herd zu. Sie -schwieg. „Er ist dein Geliebter?“ fragte K. Sie wollte nach dem -Suppentopf greifen, aber K. nahm ihre beiden Hände und sagte: „Nun, -antworte!“ Sie sagte: „Komm ins Arbeitszimmer, ich werde dir alles -erklären.“ „Nein,“ sagte K., „ich will, daß du es hier erklärst.“ Sie -hing sich an ihn und wollte ihn küssen. K. wehrte sie aber ab und -sagte: „Ich will nicht, daß du mich jetzt küßt.“ „Josef,“ sagte Leni -und sah K. bittend und doch offen in die Augen, „du wirst doch nicht -auf Herrn Block eifersüchtig sein.“ „Rudi,“ sagte sie dann, sich an den -Kaufmann wendend, „so hilf mir doch, du siehst, ich werde verdächtigt, -laß die Kerze.“ Man hätte denken können, er hätte nicht achtgegeben, -aber er war vollständig eingeweiht. „Ich wüßte auch nicht, warum Sie -eifersüchtig sein sollten,“ sagte er wenig schlagfertig. „Ich weiß es -eigentlich auch nicht,“ sagte K. und sah den Kaufmann lächelnd an. Leni -lachte laut, benutzte die Unaufmerksamkeit K.s, um sich in seinen Arm -einzuhängen und flüsterte: „Laß ihn jetzt, du siehst ja, was für ein -Mensch er ist. Ich habe mich seiner ein wenig angenommen, weil er eine -große Kundschaft des Advokaten ist, aus keinem andern Grunde. Und du? -Willst du noch heute mit dem Advokaten sprechen? Er ist heute sehr -krank, aber wenn du willst, melde ich dich doch an. Über Nacht bleibst -du aber bei mir ganz gewiß. Du warst auch schon so lange nicht bei uns, -selbst der Advokat hat nach dir gefragt. Vernachlässige den Prozeß -nicht! Auch ich habe dir verschiedenes mitzuteilen, was ich erfahren -habe. Nun aber zieh fürs erste deinen Mantel aus!“ Sie half ihm ihn -ausziehn, nahm ihm den Hut ab, lief mit den Sachen ins Vorzimmer, sie -anzuhängen, lief dann wieder zurück und sah nach der Suppe. „Soll ich -zuerst dich anmelden oder ihm zuerst die Suppe bringen.“ „Melde mich -zuerst an,“ sagte K. Er war ärgerlich, er hatte ursprünglich -beabsichtigt, mit Leni seine Angelegenheit, insbesondere die fragliche -Kündigung, genau zu besprechen, die Anwesenheit des Kaufmanns hatte ihm -aber die Lust dazu genommen. Jetzt aber hielt er seine Sache doch für -zu wichtig, als daß dieser kleine Kaufmann vielleicht entscheidend -eingreifen sollte und so rief er Leni, die schon auf dem Gang war, -wieder zurück. „Bring ihm doch zuerst die Suppe,“ sagte er, „er soll -sich für die Unterredung mit mir stärken, er wird es nötig haben.“ „Sie -sind auch ein Klient des Advokaten,“ sagte wie zur Feststellung der -Kaufmann leise aus seiner Ecke. Es wurde aber nicht gut aufgenommen. -„Was kümmert Sie denn das?“ sagte K. und Leni sagte: „Wirst du still -sein.“ „Dann bringe ich ihm also zuerst die Suppe,“ sagte Leni zu K. -und goß die Suppe auf einen Teller. „Es ist dann nur zu befürchten, daß -er bald einschläft, nach dem Essen schläft er bald ein.“ „Das, was ich -ihm sagen werde, wird ihn wacherhalten,“ sagte K., er wollte immerfort -durchblicken lassen, daß er etwas Wichtiges mit dem Advokaten zu -verhandeln beabsichtige, er wollte von Leni gefragt werden, was es sei, -und dann erst sie um Rat fragen. Aber sie erfüllte pünktlich bloß die -ausgesprochenen Befehle. Als sie mit der Tasse an ihm vorüberging, -stieß sie absichtlich sanft an ihn und flüsterte: „Bis er die Suppe -gegessen hat, melde ich dich gleich an, damit ich dich möglichst bald -wieder bekomme.“ „Geh nur,“ sagte K., „geh nur.“ „Sei doch -freundlicher,“ sagte sie und drehte sich in der Tür mit der Tasse -nochmals ganz um. - -K. sah ihr nach; nun war es endgültig beschlossen, daß der Advokat -entlassen würde, es war wohl auch besser, daß er vorher mit Leni nicht -mehr darüber sprechen konnte; sie hatte kaum den genügenden Überblick -über das Ganze, hätte gewiß abgeraten, hätte möglicherweise K. auch -wirklich von der Kündigung diesmal abgehalten, er wäre weiterhin in -Zweifel und Unruhe geblieben und schließlich hätte er nach einiger Zeit -seinen Entschluß doch ausgeführt, denn dieser Entschluß war allzu -zwingend. Je früher er aber ausgeführt wurde, desto mehr Schaden wurde -abgehalten. Vielleicht wußte übrigens der Kaufmann etwas darüber zu -sagen. - -K. wandte sich um; kaum bemerkte das der Kaufmann, als er sofort -aufstehen wollte. „Bleiben Sie sitzen,“ sagte K. und zog einen Sessel -neben ihn. „Sind Sie schon ein alter Klient des Advokaten?“ fragte K. -„Ja,“ sagte der Kaufmann, „ein sehr alter Klient.“ „Wieviel Jahre -vertritt er Sie denn schon?“ fragte K. „Ich weiß nicht, wie Sie es -meinen,“ sagte der Kaufmann, „in geschäftlichen Rechtsangelegenheiten — -ich habe ein Getreidegeschäft — vertritt mich der Advokat schon seitdem -ich das Geschäft übernommen habe, also etwa seit 20 Jahren, in meinem -eigenen Prozeß, auf den Sie wahrscheinlich anspielen, vertritt er mich -auch seit Beginn, es ist schon länger als 5 Jahre. Ja, weit über 5 -Jahre,“ fügte er dann hinzu und zog eine alte Brieftasche hervor, „hier -habe ich alles aufgeschrieben; wenn Sie wollen, sage ich Ihnen die -genauen Daten. Es ist schwer, alles zu behalten. Mein Prozeß dauert -wahrscheinlich schon viel länger, er begann kurz nach dem Tod meiner -Frau und das ist schon länger als 5½ Jahre.“ K. rückte näher zu ihm. -„Der Advokat übernimmt also auch gewöhnliche Rechtssachen?“ fragte er. -Diese Verbindung der Geschäfte und Rechtswissenschaften schien K. -ungemein beruhigend. „Gewiß,“ sagte der Kaufmann und flüsterte dann K. -zu: „Man sagt sogar, daß er in diesen Rechtssachen tüchtiger ist, als -in den andern.“ Aber dann schien er das Gesagte zu bereuen, er legte K. -eine Hand auf die Schulter und sagte: „Ich bitte Sie sehr, verraten Sie -mich nicht.“ K. klopfte ihm zur Beruhigung auf den Schenkel und sagte: -„Nein, ich bin kein Verräter.“ „Er ist nämlich rachsüchtig,“ sagte der -Kaufmann. „Gegen einen so treuen Klienten wird er gewiß nichts tun,“ -sagte K. „O doch,“ sagte der Kaufmann, „wenn er aufgeregt ist, kennt er -keine Unterschiede, übrigens bin ich ihm nicht eigentlich treu.“ „Wieso -denn nicht?“ fragte K. „Soll ich es Ihnen anvertrauen,“ fragte der -Kaufmann zweifelnd. „Ich denke, Sie dürfen es,“ sagte K. „Nun,“ sagte -der Kaufmann, „ich werde es Ihnen zum Teil anvertrauen, Sie müssen mir -aber auch ein Geheimnis sagen, damit wir uns gegenüber dem Advokaten -gegenseitig festhalten.“ „Sie sind sehr vorsichtig,“ sagte K., „aber -ich werde Ihnen ein Geheimnis sagen, das Sie vollständig beruhigen -wird. Worin besteht also Ihre Untreue gegenüber dem Advokaten?“ „Ich -habe,“ sagte der Kaufmann zögernd und in einem Ton, als gestehe er -etwas Unehrenhaftes ein, „ich habe außer ihm noch andere Advokaten.“ -„Das ist doch nichts so Schlimmes,“ sagte K. ein wenig enttäuscht. -„Hier ja,“ sagte der Kaufmann, der noch seit seinem Geständnis schwer -atmete, infolge K.s Bemerkung aber mehr Vertrauen faßte. „Es ist nicht -erlaubt. Und am allerwenigsten ist es erlaubt, neben einem sogenannten -Advokaten auch noch Winkeladvokaten zu nehmen. Und gerade das habe ich -getan, ich habe außer ihm noch fünf Winkeladvokaten.“ „Fünf!“ rief K., -erst die Zahl setzte ihn in Erstaunen, „fünf Advokaten außer diesem?“ -Der Kaufmann nickte: „Ich verhandle gerade noch mit einem sechsten.“ -„Aber wozu brauchen Sie denn so viel Advokaten,“ fragte K. „Ich brauche -alle,“ sagte der Kaufmann. „Wollen Sie mir das nicht erklären?“ fragte -K. „Gern,“ sagte der Kaufmann. „Vor allem will ich doch meinen Prozeß -nicht verlieren, das ist doch selbstverständlich. Infolgedessen darf -ich nichts, was mir nützen könnte, außer acht lassen; selbst wenn die -Hoffnung auf Nutzen in einem bestimmten Falle nur ganz gering ist, darf -ich sie nicht verwerfen. Ich habe deshalb alles, was ich besitze, auf -den Prozeß verwendet. So habe ich z. B. alles Geld meinem Geschäft -entzogen, früher füllten die Bureauräume meines Geschäfts fast ein -Stockwerk, heute genügt eine kleine Kammer im Hinterhaus, wo ich mit -einem Lehrjungen arbeite. Diesen Rückgang hatte natürlich nicht nur die -Entziehung des Geldes verschuldet, sondern mehr noch die Entziehung -meiner Arbeitskraft. Wenn man für seinen Prozeß etwas tun will, kann -man sich mit anderem nur wenig befassen.“ „Sie arbeiten also noch -selbst bei Gericht,“ fragte K. „Gerade darüber möchte ich gern etwas -erfahren.“ „Darüber kann ich nur wenig berichten,“ sagte der Kaufmann, -„anfangs habe ich es wohl auch versucht, aber ich habe bald wieder -davon abgelassen. Es ist zu erschöpfend und bringt nicht viel Erfolg. -Selbst dort zu arbeiten und zu unterhandeln hat sich wenigstens für -mich als ganz unmöglich erwiesen. Es ist ja dort schon das bloße Sitzen -und Warten eine große Anstrengung. Sie kennen ja selbst die schwere -Luft in den Kanzleien.“ „Wieso wissen Sie denn, daß ich dort war?“ -fragte K. „Ich war gerade im Wartezimmer, als Sie durchgingen.“ „Was -für ein Zufall das ist!“ rief K. ganz hingenommen und die frühere -Lächerlichkeit des Kaufmanns ganz vergessend, „Sie haben mich also -gesehn! Sie waren im Wartezimmer, als ich durchging. Ja, ich bin dort -einmal durchgegangen.“ „Es ist kein so großer Zufall,“ sagte der -Kaufmann, „ich bin dort fast jeden Tag.“ „Ich werde nun wahrscheinlich -auch öfters hingehn müssen,“ sagte K., „nur werde ich wohl kaum mehr so -ehrenvoll aufgenommen werden wie damals. Alle standen auf. Man dachte -wohl, ich sei ein Richter.“ „Nein,“ sagte der Kaufmann, „wir grüßten -damals den Gerichtsdiener. Daß Sie ein Angeklagter sind, das wußten -wir. Solche Nachrichten verbreiten sich sehr rasch.“ „Das wußten Sie -also schon,“ sagte K., „dann erschien Ihnen aber mein Benehmen -vielleicht hochmütig. Sprach man sich nicht darüber aus?“ „Nein,“ sagte -der Kaufmann, „im Gegenteil. Aber das sind Dummheiten.“ „Was für -Dummheiten denn?“ fragte K. „Warum fragen Sie danach?“ sagte der -Kaufmann ärgerlich. „Sie scheinen die Leute dort noch nicht zu kennen -und werden es vielleicht unrichtig auffassen. Sie müssen bedenken, daß -in diesem Verfahren immer wieder viele Dinge zur Sprache kommen, für -die der Verstand nicht mehr ausreicht, man ist einfach zu müde und -abgelenkt für vieles und zum Ersatz verlegt man sich auf den -Aberglauben. Ich rede von den andern, bin aber selbst gar nicht besser. -Ein solcher Aberglaube ist es z. B., daß viele aus dem Gesicht des -Angeklagten, insbesondere aus der Zeichnung der Lippen den Ausgang des -Prozesses erkennen wollen. Diese Leute also haben behauptet, Sie -würden, nach Ihren Lippen zu schließen, gewiß und bald verurteilt -werden. Ich wiederhole, es ist ein lächerlicher Aberglaube und in den -meisten Fällen durch die Tatsachen auch vollständig widerlegt, aber -wenn man in jener Gesellschaft lebt, ist es schwer, sich solchen -Meinungen zu entziehen. Denken Sie nur, wie stark dieser Aberglaube -wirken kann. Sie haben doch einen dort angesprochen, nicht? Er konnte -Ihnen aber kaum antworten. Es gibt natürlich viele Gründe, um dort -verwirrt zu sein, aber einer davon war auch der Anblick Ihrer Lippen. -Er hat später erzählt, er hätte auf Ihren Lippen auch das Zeichen -seiner eigenen Verurteilung zu sehen geglaubt.“ „Meine Lippen?“ fragte -K., zog einen Taschenspiegel hervor und sah sich an. „Ich kann an -meinen Lippen nichts Besonderes erkennen. Und Sie?“ „Ich auch nicht,“ -sagte der Kaufmann, „ganz und gar nicht.“ „Wie abergläubisch diese -Leute sind,“ rief K. aus. „Sagte ich es nicht?“ fragte der Kaufmann. -„Verkehren sie denn so viel untereinander und tauschen sie ihre -Meinungen aus?“ sagte K. „Ich habe mich bisher ganz abseits gehalten.“ -„Im allgemeinen verkehren sie nicht miteinander,“ sagte der Kaufmann, -„das wäre nicht möglich, es sind ja so viele. Es gibt auch wenig -gemeinsame Interessen. Wenn manchmal in einer Gruppe der Glaube an ein -gemeinsames Interesse auftaucht, so erweist er sich bald als ein -Irrtum. Gemeinsam läßt sich gegen das Gericht nichts durchsetzen. Jeder -Fall wird für sich untersucht, es ist ja das sorgfältigste Gericht. -Gemeinsam kann man also nichts durchsetzen, nur ein einzelner erreicht -manchmal etwas im Geheimen; erst wenn es erreicht ist, erfahren es die -andern; keiner weiß, wie es geschehen ist. Es gibt also keine -Gemeinsamkeit, man kommt zwar hie und da in den Wartezimmern zusammen, -aber dort wird wenig besprochen. Die abergläubischen Meinungen bestehen -schon seit altersher und vermehren sich förmlich von selbst.“ „Ich sah -die Herren dort im Wartezimmer,“ sagte K., „ihr Warten kam mir so -nutzlos vor.“ „Das Warten ist nicht nutzlos,“ sagte der Kaufmann, -„nutzlos ist nur das selbständige Eingreifen. Ich sagte schon, daß ich -jetzt außer diesem noch fünf Advokaten habe. Man sollte doch glauben — -ich selbst glaubte es zuerst — jetzt könnte ich ihnen die Sache -vollständig überlassen. Das wäre aber ganz falsch. Ich kann sie ihnen -weniger überlassen, als wenn ich nur einen hätte. Sie verstehn das wohl -nicht?“ „Nein,“ sagte K. und legte, um den Kaufmann an seinen allzu -schnellen Reden zu hindern, die Hand beruhigend auf seine Hand, „ich -möchte Sie nur bitten, ein wenig langsamer zu reden, es sind doch -lauter für mich sehr wichtige Dinge und ich kann ihnen nicht recht -folgen.“ „Gut, daß Sie mich daran erinnern,“ sagte der Kaufmann, „Sie -sind ja ein Neuer, ein Junger. Ihr Prozeß ist ein halbes Jahr alt, -nicht wahr? Ja, ich habe davon gehört. Ein so junger Prozeß! Ich aber -habe diese Dinge schon unzähligemal durchgedacht, sie sind mir das -Selbstverständlichste auf der Welt.“ „Sie sind wohl froh, daß Ihr -Prozeß schon so weit fortgeschritten ist?“ fragte K., er wollte nicht -geradezu fragen wie die Angelegenheiten des Kaufmanns stünden. Er bekam -aber auch keine deutliche Antwort. „Ja, ich habe meinen Prozeß fünf -Jahre lang fortgewälzt,“ sagte der Kaufmann und senkte den Kopf, „es -ist keine kleine Leistung.“ Dann schwieg er ein Weilchen. K. horchte, -ob Leni nicht schon komme. Einerseits wollte er nicht, daß sie komme, -denn er hatte noch vieles zu fragen und wollte auch nicht von Leni in -diesem vertraulichen Gespräch mit dem Kaufmann angetroffen werden, -andererseits aber ärgerte er sich darüber, daß sie trotz seiner -Anwesenheit solange beim Advokaten blieb, viel länger, als zum Reichen -der Suppe nötig war. „Ich erinnere mich noch genau an diese Zeit,“ -begann der Kaufmann wieder und K. war gleich voll Aufmerksamkeit, „als -mein Prozeß etwa so alt war wie jetzt Ihr Prozeß. Ich hatte damals nur -diesen Advokaten, war aber nicht sehr mit ihm zufrieden.“ Hier erfahre -ich ja alles, dachte K. und nickte lebhaft mit dem Kopf, als könne er -dadurch den Kaufmann aufmuntern, alles Wissenswerte zu sagen. „Mein -Prozeß,“ fuhr der Kaufmann fort, „kam nicht vorwärts, es fanden zwar -Untersuchungen statt, ich kam auch zu jeder, sammelte Material, erlegte -alle meine Geschäftsbücher bei Gericht, was, wie ich später erfuhr, -nicht einmal nötig war, ich lief immer wieder zum Advokaten, er brachte -auch verschiedene Eingaben ein —.“ „Verschiedene Eingaben?“ fragte K. -„Ja, gewiß,“ sagte der Kaufmann. „Das ist mir sehr wichtig,“ sagte K., -„in meinem Fall arbeitet er noch immer an der ersten Eingabe. Er hat -noch nichts getan. Ich sehe jetzt, er vernachlässigt mich schändlich.“ -„Daß die Eingabe noch nicht fertig ist, kann verschiedene berechtigte -Gründe haben,“ sagte der Kaufmann. „Übrigens hatte es sich bei meinen -Eingaben später gezeigt, daß sie ganz wertlos waren. Ich habe sogar -eine durch das Entgegenkommen eines Gerichtsbeamten selbst gelesen. Sie -war zwar gelehrt, aber eigentlich inhaltslos. Vor allem sehr viel -Latein, das ich nicht verstehe, dann seitenlange allgemeine Anrufungen -des Gerichtes, dann Schmeicheleien für einzelne bestimmte Beamte, die -zwar nicht genannt waren, die aber ein Eingeweihter jedenfalls erraten -mußte, dann Selbstlob des Advokaten, wobei er sich auf geradezu -hündische Weise vor dem Gericht demütigte, und endlich Untersuchungen -von Rechtsfällen aus alter Zeit, die dem meinigen ähnlich sein sollten. -Diese Untersuchungen waren allerdings, soweit ich ihnen folgen konnte, -sehr sorgfältig gemacht. Ich will auch mit diesem allen kein Urteil -über die Arbeit des Advokaten abgeben, auch war die Eingabe, die ich -gelesen habe, nur eine unter mehreren, jedenfalls aber, und davon will -ich jetzt sprechen, konnte ich damals in meinem Prozeß keinen -Fortschritt sehn.“ „Was für einen Fortschritt wollten Sie denn sehn?“ -fragte K. „Sie fragen ganz vernünftig,“ sagte der Kaufmann lächelnd, -„man kann in diesem Verfahren nur selten Fortschritte sehn. Aber damals -wußte ich das nicht. Ich bin Kaufmann und war es damals noch viel mehr -als heute, ich wollte greifbare Fortschritte haben, das Ganze sollte -sich zum Ende neigen oder wenigstens den regelrechten Aufstieg nehmen. -Statt dessen gab es nur Einvernehmungen, die meist den gleichen Inhalt -hatten; die Antworten hatte ich schon bereit wie eine Litanei; mehrmals -in der Woche kamen Gerichtsboten in mein Geschäft, in meine Wohnung -oder wo sie mich sonst antreffen konnten, das war natürlich störend -(heute ist es wenigstens in dieser Hinsicht viel besser, der -telephonische Anruf stört mich weniger), auch unter meinen -Geschäftsfreunden, insbesondere aber unter meinen Verwandten, fingen -Gerüchte von meinem Prozeß sich zu verbreiten an, Schädigungen gab es -also von allen Seiten, aber nicht das geringste Anzeichen sprach dafür, -daß auch nur die erste Gerichtsverhandlung in der nächsten Zeit -stattfinden würde. Ich ging also zum Advokaten und beklagte mich. Er -gab mir zwar lange Erklärungen, lehnte es aber entschieden ab, etwas in -meinem Sinne zu tun, niemand habe Einfluß auf die Festsetzung der -Verhandlung, in einer Eingabe darauf zu dringen — wie ich es verlangte -— sei einfach unerhört und würde mich und ihn verderben. Ich dachte: -was dieser Advokat nicht will oder kann, wird ein anderer wollen und -können. Ich sah mich also nach andern Advokaten um. Ich will es gleich -vorwegnehmen: keiner hat die Festsetzung der Hauptverhandlung verlangt -oder durchgesetzt, es ist, allerdings mit einem Vorbehalt, von dem ich -noch sprechen werde, wirklich unmöglich, hinsichtlich dieses Punktes -hat mich also dieser Advokat nicht getäuscht; im übrigen aber hatte ich -es nicht zu bedauern, mich noch an andere Advokaten gewendet zu haben. -Sie dürften wohl von Dr. Huld auch schon manches über die -Winkeladvokaten gehört haben, er hat sie Ihnen wahrscheinlich als sehr -verächtlich dargestellt und das sind sie wirklich. Allerdings -unterläuft ihm immer, wenn er von ihnen spricht und sich und seine -Kollegen zu ihnen in Vergleich setzt, ein kleiner Fehler, auf den ich -Sie ganz nebenbei auch aufmerksam machen will. Er nennt dann immer die -Advokaten seines Kreises zur Unterscheidung die „großen Advokaten“. Das -ist falsch, es kann sich natürlich jeder „groß“ nennen, wenn es ihm -beliebt, in diesem Fall aber entscheidet doch nur der Gerichtsgebrauch. -Nach diesem gibt es nämlich außer den Winkeladvokaten noch kleine und -große Advokaten. Dieser Advokat und seine Kollegen sind jedoch nur die -kleinen Advokaten, die großen Advokaten aber, von denen ich nur gehört -und die ich nie gesehn habe, stehen im Rang unvergleichlich höher über -den kleinen Advokaten, als diese über den verachteten Winkeladvokaten.“ -„Die großen Advokaten?“ fragte K. „Wer sind denn die? Wie kommt man zu -ihnen?“ „Sie haben also noch nie von ihnen gehört,“ sagte der Kaufmann. -„Es gibt kaum einen Angeklagten, der nicht, nachdem er von ihnen -erfahren hat, eine Zeit lang von ihnen träumen würde. Lassen Sie sich -lieber nicht dazu verführen. Wer die großen Advokaten sind, weiß ich -nicht, und zu ihnen kommen kann man wohl gar nicht. Ich kenne keinen -Fall, von dem sich mit Bestimmtheit sagen ließe, daß sie eingegriffen -hätten. Manchen verteidigen sie, aber durch eigenen Willen kann man das -nicht erreichen, sie verteidigen nur den, den sie verteidigen wollen. -Die Sache, deren sie sich annehmen, muß aber wohl über das niedrige -Gericht schon hinausgekommen sein. Im übrigen ist es besser, nicht an -sie zu denken, denn sonst kommen einem die Besprechungen mit den andern -Advokaten, deren Ratschläge und deren Hilfeleistungen so widerlich und -nutzlos vor, ich habe es selbst erfahren, daß man am liebsten alles -wegwerfen, sich zu Hause ins Bett legen und von nichts mehr hören -wollte. Das wäre aber natürlich wieder das Dümmste, auch hätte man im -Bett nicht lange Ruhe.“ „Sie dachten damals also nicht an die großen -Advokaten?“ fragte K. „Nicht lange,“ sagte der Kaufmann und lächelte -wieder, „vollständig vergessen kann man sie leider nicht, besonders die -Nacht ist solchen Gedanken günstig. Aber damals wollte ich ja sofortige -Erfolge, ich ging daher zu den Winkeladvokaten.“ - -„Wie Ihr hier beieinander sitzt,“ rief Leni, die mit der Tasse -zurückgekommen war und in der Tür stehenblieb. Sie saßen wirklich eng -beisammen, bei der kleinsten Wendung mußten sie mit den Köpfen -aneinanderstoßen, der Kaufmann, der abgesehen von seiner Kleinheit auch -noch den Rücken gekrümmt hielt, hatte K. gezwungen, sich auch tief zu -bücken, wenn er alles hören wollte. „Noch ein Weilchen,“ rief K. Leni -abwehrend zu und zuckte ungeduldig mit der Hand, die er noch immer auf -des Kaufmanns Hand liegen hatte. „Er wollte, daß ich ihm von meinem -Prozeß erzähle,“ sagte der Kaufmann zu Leni. „Erzähle nur, erzähle,“ -sagte diese. Sie sprach mit dem Kaufmann liebevoll, aber doch auch -herablassend. K. gefiel das nicht; wie er jetzt erkannt hatte, hatte -der Mann doch einen gewissen Wert, zunächst hatte er Erfahrungen, die -er gut mitzuteilen verstand. Leni beurteilte ihn wahrscheinlich -unrichtig. Er sah ärgerlich zu, als Leni jetzt dem Kaufmann die Kerze, -die er die ganze Zeit über festgehalten hatte, abnahm, ihm die Hand mit -ihrer Schürze abwischte und dann neben ihm niederkniete, um etwas Wachs -wegzukratzen, das von der Kerze auf seine Hose getropft war. „Sie -wollten mir von den Winkeladvokaten erzählen,“ sagte K. und schob ohne -eine weitere Bemerkung Lenis Hand weg. „Was willst du denn?“ fragte -Leni, schlug leicht nach K. und setzte ihre Arbeit fort. „Ja, von den -Winkeladvokaten,“ sagte der Kaufmann und fuhr sich über die Stirn, als -denke er nach. K. wollte ihm nachhelfen und sagte: „Sie wollten -sofortige Erfolge haben und gingen deshalb zu den Winkeladvokaten.“ -„Ganz richtig,“ sagte der Kaufmann, setzte aber nicht fort. „Er will -vielleicht vor Leni nicht davon sprechen,“ dachte K., bezwang seine -Ungeduld, das Weitere gleich jetzt zu hören und drang nun nicht mehr -weiter in ihn. - -„Hast du mich angemeldet?“ fragte er Leni. „Natürlich,“ sagte diese, -„er wartet auf dich. Laß’ jetzt Block, mit Block kannst du auch später -reden, er bleibt doch hier.“ K. zögerte noch. „Sie bleiben hier?“ -fragte er den Kaufmann, er wollte seine eigene Antwort, er wollte -nicht, daß Leni vom Kaufmann wie von einem Abwesenden sprach, er war -heute gegen Leni voll geheimen Ärgers. Und wieder antwortete nur Leni: -„Er schläft hier öfters.“ „Schläft hier?“ rief K., er hatte gedacht, -der Kaufmann werde hier nur auf ihn warten, während er die Unterredung -mit dem Advokaten rasch erledigen würde, dann aber würden sie gemeinsam -fortgehn und alles gründlich und ungestört besprechen. „Ja,“ sagte -Leni, „nicht jeder wird wie du, Josef, zu beliebiger Stunde beim -Advokaten vorgelassen. Du scheinst dich ja gar nicht darüber zu -wundern, daß dich der Advokat trotz seiner Krankheit noch um 11 Uhr -nachts empfängt. Du nimmst das, was deine Freunde für dich tun, doch -als gar zu selbstverständlich an. Nun, deine Freunde oder zunächst ich, -tun es gerne. Ich will keinen andern Dank und brauche auch keinen -andern, als daß du mich lieb hast.“ „Dich liebhaben?“ dachte K. im -ersten Augenblick, erst dann ging es ihm durch den Kopf: „Nun ja, ich -habe sie lieb.“ Trotzdem sagte er, alles andere vernachlässigend: „Er -empfängt mich, weil ich sein Klient bin. Wenn auch dafür noch fremde -Hilfe nötig wäre, müßte man bei jedem Schritt immer gleichzeitig -betteln und danken.“ „Wie schlimm er heute ist, nicht?“ fragte Leni den -Kaufmann. „Jetzt bin ich der Abwesende,“ dachte K. und wurde fast sogar -auf den Kaufmann böse, als dieser die Unhöflichkeit Lenis übernehmend -sagte: „Der Advokat empfängt ihn auch noch aus andern Gründen. Sein -Fall ist nämlich interessanter als der meine. Außerdem aber ist sein -Prozeß in den Anfängen, also wahrscheinlich noch nicht sehr verfahren, -da beschäftigt sich der Advokat noch gern mit ihm. Später wird das -anders werden.“ „Ja, ja,“ sagte Leni und sah den Kaufmann lachend an, -„wie er schwatzt! Ihm darfst du nämlich,“ hierbei wandte sie sich an -K., „gar nichts glauben. So lieb er ist, so geschwätzig ist er. -Vielleicht mag ihn der Advokat auch deshalb nicht leiden. Jedenfalls -empfängt er ihn nur, wenn er in Laune ist. Ich habe mir schon viel Mühe -gegeben, das zu ändern, aber es ist unmöglich. Denke nur, manchmal -melde ich Block an, er empfängt ihn aber erst am dritten Tag nachher. -Ist Block aber zu der Zeit, wenn er vorgerufen wird, nicht zur Stelle, -so ist alles verloren und er muß von neuem angemeldet werden. Deshalb -habe ich Block erlaubt, hier zu schlafen, es ist ja schon vorgekommen, -daß er in der Nacht um ihn geläutet hat. Jetzt ist also Block auch in -der Nacht bereit. Allerdings geschieht es jetzt wieder, daß der -Advokat, wenn sich zeigt, daß Block da ist, seinen Auftrag, ihn -vorzulassen, manchmal widerruft.“ K. sah fragend zum Kaufmann hin. -Dieser nickte und sagte, so offen wie er früher mit K. gesprochen -hatte, vielleicht war er zerstreut vor Beschämung: „Ja, man wird später -sehr abhängig von seinem Advokaten.“ „Er klagt ja nur zum Schein,“ -sagte Leni. „Er schläft hier sehr gern, wie er mir schon oft gestanden -hat.“ Sie ging zu einer kleinen Tür und stieß sie auf. „Willst du sein -Schlafzimmer sehn?“ fragte sie K., ging hin und sah von der Schwelle -aus in den niedrigen fensterlosen Raum, der von einem schmalen Bett -vollständig ausgefüllt war. In dieses Bett mußte man über den -Bettpfosten steigen. Am Kopfende des Bettes war eine Vertiefung in der -Mauer, dort standen peinlich geordnet eine Kerze, Tintenfaß und Feder, -sowie ein Bündel Papiere, wahrscheinlich Prozeßschriften. „Sie schlafen -im Dienstmädchenzimmer?“ fragte K. und wendete sich zum Kaufmann -zurück. „Leni hat es mir eingeräumt,“ antwortete der Kaufmann, „es ist -sehr vorteilhaft.“ K. sah ihn lange an; der erste Eindruck, den er von -dem Kaufmann erhalten hatte, war vielleicht doch der richtige gewesen; -Erfahrungen hatte er, denn sein Prozeß dauerte schon lange, aber er -hatte diese Erfahrungen teuer bezahlt. Plötzlich ertrug K. den Anblick -des Kaufmanns nicht mehr. „Bring ihn doch ins Bett,“ rief er Leni zu, -die ihn gar nicht zu verstehen schien. Er selbst aber wollte zum -Advokaten gehn und durch die Kündigung sich nicht nur vom Advokaten, -sondern auch von Leni und dem Kaufmann befreien. Aber noch ehe er zur -Tür gekommen war, sprach ihn der Kaufmann mit leiser Stimme an: „Herr -Prokurist,“ K. wandte sich mit bösem Gesichte um. „Sie haben Ihr -Versprechen vergessen,“ sagte der Kaufmann und streckte sich von seinem -Sitz aus bittend K. entgegen. „Sie wollten mir auch ein Geheimnis -sagen.“ „Wahrhaftig,“ sagte K. und streifte auch Leni, die ihn -aufmerksam ansah mit einem Blick, „also hören Sie: es ist allerdings -fast kein Geheimnis mehr. Ich gehe jetzt zum Advokaten, um ihn zu -entlassen.“ „Er entläßt ihn,“ rief der Kaufmann, sprang vom Sessel und -lief mit erhobenen Armen in der Küche umher. Immer wieder rief er: „Er -entläßt den Advokaten.“ Leni wollte gleich auf K. losfahren, aber der -Kaufmann kam ihr in den Weg, wofür sie ihm mit den Fäusten einen Hieb -gab. Noch mit den zu Fäusten geballten Händen lief sie dann hinter K., -der aber einen großen Vorsprung hatte. Er war schon in das Zimmer des -Advokaten eingetreten, als ihn Leni einholte. Die Tür hatte er hinter -sich fest geschlossen, aber Leni, die mit dem Fuß den Türflügel -offenhielt, faßte ihn beim Arm und wollte ihn zurückziehen. Aber er -drückte ihr Handgelenk so stark, daß sie ihn unter einem Seufzer -loslassen mußte. Ins Zimmer einzutreten wagte sie nicht gleich, K. aber -versperrte die Tür mit dem Schlüssel. - -„Ich warte schon sehr lange auf Sie,“ sagte der Advokat vom Bett aus, -legte ein Schriftstück, das er beim Licht einer Kerze gelesen hatte, -auf das Nachttischchen und setzte sich eine Brille auf, mit der er K. -scharf ansah. Statt sich zu entschuldigen, sagte K.: „Ich gehe bald -wieder weg.“ Der Advokat hatte K.s Bemerkung, weil sie keine -Entschuldigung war, unbeachtet gelassen und sagte: „Ich werde Sie -nächstens zu dieser späten Stunde nicht mehr vorlassen.“ „Das kommt -meinem Anliegen entgegen,“ sagte K. Der Advokat sah ihn fragend an. -„Setzen Sie sich,“ sagte er. „Weil Sie es wünschen“, sagte K., zog -einen Sessel zum Nachttischchen und setzte sich. „Es schien mir, daß -Sie die Tür abgesperrt haben,“ sagte der Advokat. „Ja,“ sagte K., „es -war Lenis wegen.“ Er hatte nicht die Absicht, irgend jemanden zu -schonen. Aber der Advokat fragte: „War sie wieder zudringlich?“ -„Zudringlich?“ fragte K. „Ja,“ sagte der Advokat, er lachte dabei, -bekam einen Hustenanfall und begann, nachdem dieser vergangen war, -wieder zu lachen. „Sie haben doch wohl ihre Zudringlichkeit schon -bemerkt,“ fragte er und klopfte K. auf die Hand, die dieser zerstreut -auf das Nachttischchen gestützt hatte und die er jetzt rasch zurückzog. -„Sie legen dem nicht viel Bedeutung bei,“ sagte der Advokat, als K. -schwieg, „desto besser. Sonst hätte ich mich vielleicht bei Ihnen -entschuldigen müssen. Es ist eine Sonderbarkeit Lenis, die ich ihr -übrigens längst verziehen habe und von der ich auch nicht reden würde, -wenn Sie nicht eben jetzt die Tür abgesperrt hätten. Diese -Sonderbarkeit, Ihnen allerdings müßte ich sie wohl am wenigstens -erklären, aber Sie sehen mich so bestürzt an und deshalb tue ich es, -diese Sonderbarkeit besteht darin, daß Leni die meisten Angeklagten -schön findet. Sie hängt sich an alle, liebt alle, scheint allerdings -auch von allen geliebt zu werden; um mich zu unterhalten, erzählt sie -mir dann, wenn ich es erlaube, manchmal davon. Ich bin über das Ganze -nicht so erstaunt wie Sie es zu sein scheinen. Wenn man den richtigen -Blick dafür hat, findet man die Angeklagten wirklich oft schön. Das -allerdings ist eine merkwürdige, gewissermaßen naturwissenschaftliche -Erscheinung. Es tritt natürlich als Folge der Anklage nicht etwa eine -deutliche, genau zu bestimmende Veränderung des Aussehens ein. Es ist -doch nicht wie in andern Gerichtssachen, die meisten bleiben in ihrer -gewöhnlichen Lebensweise und werden, wenn sie einen guten Advokaten -haben, der für sie sorgt, durch den Prozeß nicht sehr behindert. -Trotzdem sind diejenigen, welche darin Erfahrung haben, imstande, aus -der größten Menge die Angeklagten Mann für Mann zu erkennen. Woran? -werden Sie fragen. Meine Antwort wird Sie nicht befriedigen. Die -Angeklagten sind eben die Schönsten. Es kann nicht die Schuld sein, die -sie schön macht, denn — so muß wenigstens ich als Advokat sprechen — es -sind doch nicht alle schuldig, es kann auch nicht die richtige Strafe -sein, die sie jetzt schon schön macht, denn es werden doch nicht alle -bestraft, es kann also nur an dem gegen sie erhobenen Verfahren liegen, -das ihnen irgendwie anhaftet. Allerdings gibt es unter den Schönen auch -besonders Schöne. Schön sind aber alle, selbst Block, dieser elende -Wurm.“ - -K. war, als der Advokat geendet hatte, vollständig gefaßt, er hatte -sogar zu den letzten Worten auffallend genickt und sich so selbst die -Bestätigung seiner alten Ansicht gegeben, nach welcher der Advokat ihn -immer und so auch diesmal durch allgemeine Mitteilungen, die nicht zur -Sache gehörten, zu zerstreuen und von der Hauptfrage, was er an -tatsächlicher Arbeit für K.s Sache getan hatte, abzulenken suchte. Der -Advokat merkte wohl, daß ihm K. diesmal mehr Widerstand leistete als -sonst, denn er verstummte jetzt, um K. die Möglichkeit zu geben, selbst -zu sprechen, und fragte dann, da K. stumm blieb: „Sind Sie heute mit -einer bestimmten Absicht zu mir gekommen?“ „Ja,“ sagte K. und blendete -mit der Hand ein wenig die Kerze ab, um den Advokaten besser zu sehn, -„ich wollte Ihnen sagen, daß ich Ihnen mit dem heutigen Tage meine -Vertretung entziehe.“ „Verstehe ich Sie recht,“ fragte der Advokat, -erhob sich halb im Bett und stützte sich mit einer Hand auf die Kissen. -„Ich nehme es an,“ sagte K., der straff aufgerichtet wie auf der Lauer -dasaß. „Nun, wir können ja auch diesen Plan besprechen,“ sagte der -Advokat nach einem Weilchen. „Es ist kein Plan mehr,“ sagte K. „Mag -sein,“ sagte der Advokat, „wir wollen aber trotzdem nichts übereilen.“ -Er gebrauchte das Wort „wir“, als habe er nicht die Absicht, K. -freizulassen und als wolle er, wenn er schon nicht sein Vertreter sein -dürfe, wenigstens sein Berater bleiben. „Es ist nicht übereilt,“ sagte -K., stand langsam auf und trat hinter seinen Sessel, „es ist gut -überlegt und vielleicht sogar zu lange. Der Entschluß ist endgültig.“ -„Dann erlauben Sie mir nur noch einige Worte,“ sagte der Advokat, hob -das Federbett weg und setzte sich auf den Bettrand. Seine nackten -weißhaarigen Beine zitterten vor Kälte. Er bat K., ihm vom Kanapee eine -Decke zu reichen. K. holte die Decke und sagte: „Sie setzen sich ganz -unnötig einer Verkühlung aus.“ „Der Anlaß ist wichtig genug,“ sagte der -Advokat, während er den Oberkörper mit dem Federbett umhüllte und dann -die Beine in die Decke einwickelte. „Ihr Onkel ist mein Freund und auch -Sie sind mir im Laufe der Zeit lieb geworden. Ich gestehe das offen -ein. Ich brauche mich dessen nicht zu schämen.“ Diese rührseligen Reden -des alten Mannes waren K. sehr unwillkommen, denn sie zwangen ihn zu -einer ausführlicheren Erklärung, die er gern vermieden hätte, und sie -beirrten ihn außerdem, wie er sich offen eingestand, wenn sie -allerdings auch seinen Entschluß niemals rückgängig machen konnten. -„Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Gesinnung,“ sagte er, „ich -erkenne auch an, daß Sie sich meiner Sache so sehr angenommen haben, -wie es Ihnen möglich ist und wie es Ihnen für mich vorteilhaft scheint. -Ich jedoch habe in der letzten Zeit die Überzeugung gewonnen, daß das -nicht genügend ist. Ich werde natürlich niemals versuchen, Sie, einen -so viel älteren und erfahreneren Mann von meiner Ansicht überzeugen zu -wollen; wenn ich es manchmal unwillkürlich versucht habe, so verzeihen -Sie mir, die Sache aber ist, wie Sie sich selbst ausdrückten, wichtig -genug, und es ist meiner Überzeugung nach notwendig, viel kräftiger in -den Prozeß einzugreifen, als es bisher geschehen ist.“ „Ich verstehe -Sie,“ sagte der Advokat, „Sie sind ungeduldig.“ „Ich bin nicht -ungeduldig,“ sagte K. ein wenig gereizt und achtete nicht mehr so viel -auf seine Worte. „Sie dürften bei meinem ersten Besuch, als ich mit -meinem Onkel zu Ihnen kam, bemerkt haben, daß mir an dem Prozeß nicht -viel lag; wenn man mich nicht gewissermaßen gewaltsam an ihn erinnerte, -vergaß ich ihn vollständig. Aber mein Onkel bestand darauf, daß ich -Ihnen meine Vertretung übergebe, ich tat es, um ihm gefällig zu sein. -Und nun hätte man doch erwarten sollen, daß mir der Prozeß noch -leichter fallen würde als bis dahin, denn man übergibt doch dem -Advokaten die Vertretung, um die Last des Prozesses ein wenig von sich -abzuwälzen. Es geschah aber das Gegenteil. Niemals früher hatte ich so -große Sorgen wegen des Prozesses wie seit der Zeit, seitdem Sie mich -vertreten. Als ich allein war, unternahm ich nichts in meiner Sache, -aber ich fühlte es kaum, jetzt dagegen hatte ich einen Vertreter, alles -war dafür eingerichtet, daß etwas geschehe, unaufhörlich und immer -gespannter erwartete ich Ihr Eingreifen, aber es blieb aus. Ich bekam -von Ihnen allerdings verschiedene Mitteilungen über das Gericht, die -ich vielleicht von niemandem sonst hätte bekommen können. Aber das kann -mir nicht genügen, wenn mir jetzt der Prozeß förmlich im Geheimen immer -näher an den Leib rückt.“ K. hatte den Sessel von sich gestoßen und -stand, die Hände in den Rocktaschen, aufrecht da. „Von einem gewissen -Zeitpunkt der Praxis an,“ sagte der Advokat leise und ruhig, „ereignet -sich nichts wesentlich Neues mehr. Wie viele Parteien sind in ähnlichen -Stadien der Prozesse ähnlich wie Sie vor mir gestanden und haben -ähnlich gesprochen.“ „Dann haben,“ sagte K., „alle diese ähnlichen -Parteien ebenso recht gehabt wie ich. Das widerlegt mich gar nicht.“ -„Ich wollte Sie damit nicht widerlegen,“ sagte der Advokat, „ich wollte -aber noch hinzufügen, daß ich bei Ihnen mehr Urteilskraft erwartet -hätte als bei andern, besonders da ich Ihnen mehr Einblick in das -Gerichtswesen und in meine Tätigkeit gegeben habe, als ich es sonst -Parteien gegenüber tue. Und nun muß ich sehn, daß Sie trotz allem nicht -genügend Vertrauen zu mir haben. Sie machen es mir nicht leicht.“ Wie -sich der Advokat vor K. demütigte! Ohne jede Rücksicht auf die -Standesehre, die gewiß gerade in diesem Punkte am empfindlichsten ist. -Und warum tat er das? Er war doch dem Anschein nach ein -vielbeschäftigter Advokat und überdies ein reicher Mann, es konnte ihm -an und für sich weder an dem Verdienstentgang noch an dem Verlust eines -Klienten viel liegen. Außerdem war er kränklich und hätte selbst darauf -bedacht sein sollen, daß ihm Arbeit abgenommen werde. Und trotzdem -hielt er K. so fest! Warum? War es persönliche Anteilnahme für den -Onkel oder sah er K.s Prozeß wirklich für so außerordentlich an und -hoffte sich darin auszuzeichnen entweder für K. oder — diese -Möglichkeit war eben niemals auszuschließen — für die Freunde beim -Gericht? An ihm selbst war nichts zu erkennen, so rücksichtslos prüfend -ihn auch K. ansah. Man hätte fast annehmen können, er warte mit -absichtlich verschlossener Miene die Wirkung seiner Worte ab. Aber er -deutete offenbar das Schweigen K.s für sich allzu günstig, wenn er -jetzt fortfuhr: „Sie werden bemerkt haben, daß ich zwar eine große -Kanzlei habe, aber keine Hilfskräfte beschäftige. Das war früher -anders, es gab eine Zeit, wo einige junge Juristen für mich arbeiteten, -heute arbeite ich allein. Es hängt dies zum Teil mit der Änderung -meiner Praxis zusammen, indem ich mich immer mehr auf Rechtssachen von -der Art der Ihrigen beschränkte, zum Teil mit der immer tiefern -Erkenntnis, die ich von diesen Rechtssachen erhielt. Ich fand, daß ich -diese Arbeit niemandem überlassen dürfe, wenn ich mich nicht an meinen -Klienten und an der Aufgabe, die ich übernommen hatte, versündigen -wollte. Der Entschluß aber, alle Arbeit selbst zu leisten, hatte die -natürlichen Folgen: ich mußte fast alle Ansuchen um Vertretungen -abweisen und konnte nur denen nachgeben, die mir besonders nahe gingen -— nun, es gibt ja genug Kreaturen, und sogar ganz in der Nähe, die sich -auf jeden Brocken stürzen, den ich wegwerfe. Und außerdem wurde ich vor -Überanstrengung krank. Aber trotzdem bereue ich meinen Entschluß nicht, -es ist möglich, daß ich mehr Vertretungen hätte abweisen sollen, als -ich getan habe, daß ich aber den übernommenen Prozessen mich ganz -hingegeben habe, hat sich als unbedingt notwendig herausgestellt und -durch die Erfolge belohnt. Ich habe einmal in einer Schrift den -Unterschied sehr schön ausgedrückt gefunden, der zwischen der -Vertretung in gewöhnlichen Rechtssachen und der Vertretung in diesen -Rechtssachen besteht. Es hieß dort: der eine Advokat führt seinen -Klienten an einem Zwirnsfaden bis zum Urteil, der andere aber hebt -seinen Klienten gleich auf die Schultern und trägt ihn, ohne ihn -abzusetzen, zum Urteil und noch darüber hinaus. So ist es. Aber es war -nicht ganz richtig, wenn ich sagte, daß ich diese große Arbeit niemals -bereue. Wenn sie, wie in Ihrem Fall, so vollständig verkannt wird, -dann, nun dann bereue ich fast.“ K. wurde durch diese Reden mehr -ungeduldig als überzeugt. Er glaubte irgendwie aus dem Tonfall des -Advokaten herauszuhören, was ihn erwartete, wenn er nachgeben würde, -wieder würden die Vertröstungen beginnen, die Hinweise auf die -fortschreitende Eingabe, auf die gebesserte Stimmung der -Gerichtsbeamten, aber auch auf die großen Schwierigkeiten, die sich der -Arbeit entgegenstellten, — kurz, alles bis zum Überdruß Bekannte würde -hervorgeholt werden, um K. wieder mit unbestimmten Hoffnungen zu -täuschen und mit unbestimmten Drohungen zu quälen. Das mußte endgültig -verhindert werden, er sagte deshalb: „Was wollen Sie in meiner Sache -unternehmen, wenn Sie die Vertretung behalten?“ Der Advokat fügte sich -sogar dieser beleidigenden Frage und antwortete: „In dem, was ich für -Sie bereits unternommen habe, weiter fortfahren.“ „Ich wußte es ja,“ -sagte K., „nun ist aber jedes weitere Wort überflüssig.“ „Ich werde -noch einen Versuch machen,“ sagte der Advokat, als geschehe das, was K. -erregte, nicht K. sondern ihm. „Ich habe nämlich die Vermutung, daß Sie -nicht nur zu der falschen Beurteilung meines Rechtsbeistandes, sondern -auch zu Ihrem sonstigen Verhalten, dadurch verleitet werden, daß man -Sie, trotzdem Sie Angeklagter sind, zu gut behandelt oder richtiger -ausgedrückt nachlässig, scheinbar nachlässig behandelt. Auch dieses -Letztere hat seinen Grund; es ist oft besser in Ketten als frei zu -sein. Aber ich möchte Ihnen doch zeigen, wie andere Angeklagte -behandelt werden, vielleicht gelingt es Ihnen, daraus eine Lehre zu -nehmen. Ich werde jetzt nämlich Block vorrufen, sperren Sie die Tür auf -und setzen Sie sich hier neben den Nachttisch.“ „Gerne,“ sagte K. und -tat, was der Advokat verlangt hatte; zu lernen war er immer bereit. Um -sich aber für jeden Fall zu sichern, fragte er noch: „Sie haben aber -zur Kenntnis genommen, daß ich Ihnen meine Vertretung entziehe?“ „Ja,“ -sagte der Advokat, „Sie können es aber heute noch rückgängig machen.“ -Er legte sich wieder ins Bett zurück, zog das Federbett bis zum Knie -und drehte sich der Wand zu. Dann läutete er. - -Fast gleichzeitig mit dem Glockenzeichen erschien Leni, sie suchte -durch rasche Blicke zu erfahren, was geschehen war; daß K. still beim -Bett des Advokaten saß, schien ihr beruhigend. Sie nickte K., der sie -starr ansah, lächelnd zu. „Hole Block,“ sagte der Advokat. Statt ihn -aber zu holen, trat sie nur vor die Tür, rief: „Block! Zum Advokaten!“ -und schlüpfte dann, wahrscheinlich weil der Advokat zur Wand abgekehrt -blieb und sich um nichts kümmerte, hinter K.s Sessel. Sie störte ihn -von nun ab, indem sie sich über die Sessellehne vorbeugte oder mit den -Händen, allerdings sehr zart und vorsichtig, durch sein Haar fuhr und -über seine Wangen strich. Schließlich suchte K. sie daran zu hindern, -indem er sie bei einer Hand erfaßte, die sie ihm nach einigem -Widerstreben überließ. - -Block war auf den Anruf hin gleich gekommen, blieb aber vor der Tür -stehn und schien zu überlegen, ob er eintreten sollte. Er zog die -Augenbrauen hoch und neigte den Kopf, als horche er, ob sich der Befehl -zum Advokaten zu kommen, wiederholen würde. K. hätte ihn zum Eintreten -aufmuntern können, aber er hatte sich vorgenommen, nicht nur mit dem -Advokaten, sondern mit allem, was hier in der Wohnung war, endgültig zu -brechen und verhielt sich deshalb regungslos. Auch Leni schwieg. Block -merkte, daß ihn wenigstens niemand verjage und trat auf den Fußspitzen -ein, das Gesicht gespannt, die Hände auf dem Rücken verkrampft. Die Tür -hatte er für einen möglichen Rückzug offengelassen. K. blickte er gar -nicht an, sondern immer nur das hohe Federbett, unter dem der Advokat, -da er sich ganz nahe an die Wand geschoben hatte, nicht einmal zu sehen -war. Da hörte man aber seine Stimme: „Block hier?“ fragte er. Diese -Frage gab Block, der schon eine große Strecke weitergerückt war, -förmlich einen Stoß in die Brust und dann einen in den Rücken, er -taumelte, blieb tief gebückt stehn und sagte: „Zu dienen.“ „Was willst -du?“ fragte der Advokat, „du kommst ungelegen.“ „Wurde ich nicht -gerufen?“ fragte Block mehr sich selbst als den Advokaten, hielt die -Hände zum Schutze vor und war bereit wegzulaufen. „Du wurdest gerufen,“ -sagte der Advokat, „trotzdem kommst du ungelegen.“ Und nach einer Pause -fügte er hinzu: „Du kommst immer ungelegen.“ Seitdem der Advokat -sprach, sah Block nicht mehr auf das Bett hin, er starrte vielmehr -irgendwo in eine Ecke und lauschte nur, als sei der Seitenblick des -Sprechers zu blendend, als daß er ihn ertragen könnte. Es war aber auch -das Zuhören schwer, denn der Advokat sprach gegen die Wand, und zwar -leise und schnell. „Wollt Ihr, daß ich weggehe?“ fragte Block. „Nun -bist du einmal da,“ sagte der Advokat. „Bleib!“ Man hätte glauben -können, der Advokat habe nicht Blocks Wunsch erfüllt, sondern ihm etwa -mit Prügeln gedroht, denn jetzt fing Block wirklich zu zittern an. „Ich -war gestern,“ sagte der Advokat, „beim dritten Richter, meinem Freund, -und habe allmählich das Gespräch auf dich gelenkt. Willst du wissen, -was er sagte?“ „O bitte,“ sagte Block. Da der Advokat nicht gleich -antwortete, wiederholte Block nochmals die Bitte und neigte sich, als -wolle er niederknien. Da fuhr ihn aber K. an: „Was tust du?“ rief er. -Da ihn Leni an dem Ausruf hatte hindern wollen, faßte er auch ihre -zweite Hand. Es war nicht der Druck der Liebe, mit dem er sie -festhielt, sie seufzte auch öfters und suchte ihm die Hände zu -entwinden. Für K.s Ausruf aber wurde Block gestraft, denn der Advokat -fragte ihn: „Wer ist denn dein Advokat?“ „Ihr seid es,“ sagte Block. -„Und außer mir?“ fragte der Advokat. „Niemand außer Euch,“ sagte Block. -„Dann folge auch niemandem sonst,“ sagte der Advokat. Block erkannte -das vollständig an, er maß K. mit bösen Blicken und schüttelte heftig -gegen ihn den Kopf. Hätte man dieses Benehmen in Worte übersetzt, so -wären es grobe Beschimpfungen gewesen. Mit diesem Menschen hatte K. -freundschaftlich über seine eigene Sache reden wollen! „Ich werde dich -nicht mehr stören,“ sagte K. in den Sessel zurückgelehnt. „Knie nieder -oder krieche auf allen Vieren, tu’ was du willst, ich werde mich nicht -darum kümmern.“ Aber Block hatte doch Ehrgefühl, wenigstens gegenüber -K., denn er ging mit den Fäusten fuchtelnd auf ihn zu, und rief so laut -als er es nur in der Nähe des Advokaten wagte: „Sie dürfen nicht so mit -mir reden, das ist nicht erlaubt. Warum beleidigen Sie mich? Und -überdies noch hier vor dem Herrn Advokaten, wo wir beide, Sie und ich, -nur aus Barmherzigkeit geduldet sind? Sie sind kein besserer Mensch als -ich, denn Sie sind auch angeklagt und haben auch einen Prozeß. Wenn Sie -aber trotzdem noch ein Herr sind, dann bin ich ein ebensolcher Herr, -wenn nicht gar ein noch größerer. Und ich will auch als ein solcher -angesprochen werden, gerade von Ihnen. Wenn Sie sich aber dadurch für -bevorzugt halten, daß Sie hier sitzen und ruhig zuhören dürfen, während -ich, wie Sie sich ausdrücken, auf allen Vieren krieche, dann erinnere -ich Sie an den alten Rechtsspruch: für den Verdächtigen ist Bewegung -besser als Ruhe, denn der, welcher ruht, kann immer, ohne es zu wissen, -auf einer Wagschale sein und mit seinen Sünden gewogen werden.“ K. -sagte nichts, er staunte nur mit unbeweglichen Augen diesen verwirrten -Menschen an. Was für Veränderungen waren mit ihm nur schon in der -letzten Stunde vor sich gegangen! War es der Prozeß, der ihn so hin und -her warf und ihn nicht erkennen ließ, wo Freund und wo Feind war. Sah -er denn nicht, daß der Advokat ihn absichtlich demütigte und diesmal -nichts anderes bezweckte, als sich vor K. mit seiner Macht zu brüsten -und sich dadurch vielleicht auch K. zu unterwerfen? Wenn Block aber -nicht fähig war, das zu erkennen oder wenn er den Advokaten so sehr -fürchtete, daß ihm jene Erkenntnis nichts helfen konnte, wie kam es, -daß er doch wieder so schlau oder so kühn war, den Advokaten zu -betrügen und ihm zu verschweigen, daß er außer ihm noch andere -Advokaten für sich arbeiten ließ. Und wieso wagte er es, K. -anzugreifen, da dieser doch gleich sein Geheimnis verraten konnte. Aber -er wagte noch mehr, er ging zum Bett des Advokaten und begann sich nun -auch dort über K. zu beschweren: „Herr Advokat,“ sagte er, „habt Ihr -gehört, wie dieser Mann mit mir gesprochen hat? Man kann noch die -Stunden seines Prozesses zählen und schon will er mir, einem Mann, der -fünf Jahre im Prozesse steht, gute Lehren geben. Er beschimpft mich -sogar. Weiß nichts und beschimpft mich, der ich, soweit meine schwachen -Kräfte reichen, genau studiert habe, was Anstand, Pflicht und -Gerichtsgebrauch verlangt.“ „Kümmere dich um niemanden,“ sagte der -Advokat, „und tue, was dir richtig scheint.“ „Gewiß,“ sagte Block, als -spreche er sich selbst Mut zu, und kniete unter einem kurzen -Seitenblick nun knapp beim Bett nieder. „Ich knie schon, mein Advokat,“ -sagte er. Der Advokat schwieg aber. Block streichelte mit einer Hand -vorsichtig das Federbett. In der Stille, die jetzt herrschte, sagte -Leni, indem sie sich von K.s Händen befreite: „Du machst mir Schmerzen. -Laß mich. Ich gehe zu Block.“ Sie ging hin und setzte sich auf den -Bettrand. Block war über ihr Kommen sehr erfreut, er bat sie gleich -durch lebhafte, aber stumme Zeichen, sich beim Advokaten für ihn -einzusetzen. Er benötigte offenbar die Mitteilungen des Advokaten sehr -dringend, aber vielleicht nur zu dem Zweck, um sie durch seine übrigen -Advokaten ausnützen zu lassen. Leni wußte wahrscheinlich genau, wie man -dem Advokaten beikommen könne, sie zeigte auf die Hand des Advokaten -und spitzte die Lippen wie zum Kuß. Gleich führte Block den Handkuß aus -und wiederholte ihn auf eine Aufforderung Lenis hin noch zweimal. Aber -der Advokat schwieg noch immer. Da beugte sich Leni über den Advokaten -hin, der schöne Wuchs ihres Körpers wurde sichtbar, als sie sich so -streckte, und strich tief zu seinem Gesicht geneigt über sein langes -weißes Haar. Das zwang ihm nun doch eine Antwort ab. „Ich zögere, es -ihm mitzuteilen,“ sagte der Advokat und man sah, wie er den Kopf ein -wenig schüttelte, vielleicht um des Drucks von Lenis Hand mehr -teilhaftig zu werden. Block horchte mit gesenktem Kopf, als übertrete -er durch dieses Horchen ein Gebot. „Warum zögerst du denn?“ fragte -Leni. K. hatte das Gefühl, als höre er ein einstudiertes Gespräch, das -sich schon oft wiederholt hatte, das sich noch oft wiederholen würde -und das nur für Block seine Neuheit nicht verlieren konnte. „Wie hat er -sich heute verhalten?“ fragte der Advokat, statt zu antworten. Ehe sich -Leni darüber äußerte, sah sie zu Block hinunter und beobachtete ein -Weilchen, wie er die Hände ihr entgegenhob und bittend aneinander rieb. -Schließlich nickte sie ernst, wandte sich zum Advokaten und sagte: „Er -war ruhig und fleißig.“ Ein alter Kaufmann, ein Mann mit langem Bart -flehte ein junges Mädchen um ein günstiges Zeugnis an. Mochte er dabei -auch Hintergedanken haben, nichts konnte ihn in den Augen eines -Mitmenschen rechtfertigen. Er entwürdigte fast den Zuseher. So wirkte -also die Methode des Advokaten, welcher K. glücklicherweise nicht lange -genug ausgesetzt gewesen war, daß der Klient schließlich die ganze Welt -vergaß und nur auf diesem Irrweg zum Ende des Prozesses sich -fortzuschleppen hoffte. Das war kein Klient mehr, das war der Hund des -Advokaten. Hätte ihm dieser befohlen, unter das Bett wie in eine -Hundehütte zu kriechen und von dort aus zu bellen, er hätte es mit Lust -getan. Als sei K. beauftragt, alles was hier gesprochen wurde, genau in -sich aufzunehmen, an einem höhern Ort die Anzeige davon zu erstatten -und einen Bericht abzulegen, hörte er prüfend und überlegen zu. „Was -hat er während des ganzen Tags getan?“ fragte der Advokat. „Ich habe -ihn,“ sagte Leni, „damit er mich bei der Arbeit nicht störe, in dem -Dienstmädchenzimmer eingesperrt, wo er sich ja gewöhnlich aufhält. -Durch die Lücke konnte ich von Zeit zu Zeit nachsehn, was er machte. Er -kniete immer auf dem Bett, hatte die Schriften, die du ihm geliehen -hast, auf dem Fensterbrett aufgeschlagen und las in ihnen. Das hat -einen guten Eindruck auf mich gemacht; das Fenster führt nämlich nur in -einen Luftschacht und gibt fast kein Licht. Daß Block trotzdem las, -zeigte mir, wie folgsam er ist.“ „Es freut mich, das zu hören,“ sagte -der Advokat. „Hat er aber auch mit Verständnis gelesen?“ Block bewegte -während dieses Gesprächs unaufhörlich die Lippen, offenbar formulierte -er die Antworten, die er von Leni erhoffte. „Darauf kann ich -natürlich,“ sagte Leni, „nicht mit Bestimmtheit antworten. Jedenfalls -habe ich gesehn, daß er gründlich las. Er hat den ganzen Tag über die -gleiche Seite gelesen und beim Lesen den Finger die Zeilen -entlanggeführt. Immer wenn ich zu ihm hineinsah, hat er geseufzt, als -mache ihm das Lesen viel Mühe. Die Schriften, die du ihm geliehen hast, -sind wahrscheinlich schwer verständlich.“ „Ja,“ sagte der Advokat, -„das sind sie allerdings. Ich glaube auch nicht, daß er etwas von ihnen -versteht. Sie sollen ihm nur eine Ahnung davon geben, wie schwer der -Kampf ist, den ich zu seiner Verteidigung führe. Und für wen führe ich -diesen schweren Kampf? Für — es ist fast lächerlich es auszusprechen — -für Block. Auch was das bedeutet, soll er begreifen lernen. Hat er -ununterbrochen studiert?“ „Fast ununterbrochen,“ antwortete Leni, „nur -einmal hat er mich um Wasser zum Trinken gebeten. Da habe ich ihm ein -Glas durch die Luke gereicht. Um 8 Uhr habe ich ihn dann herausgelassen -und ihm etwas zu essen gegeben.“ Block streifte K. mit einem -Seitenblick, als werde hier Rühmendes von ihm erzählt und müsse auch -auf K. Eindruck machen. Er schien jetzt gute Hoffnungen zu haben, -bewegte sich freier und rückte auf den Knien hin und her. Desto -deutlicher war es, wie er unter den folgenden Worten des Advokaten -erstarrte. „Du lobst ihn,“ sagte der Advokat. „Aber gerade das macht es -mir schwer, zu reden. Der Richter hat sich nämlich nicht günstig -ausgesprochen, weder über Block selbst noch über seinen Prozeß.“ „Nicht -günstig?“ fragte Leni. „Wie ist das möglich?“ Block sah sie mit einem -so gespannten Blick an, als traue er ihr die Fähigkeit zu, jetzt noch -die längst ausgesprochenen Worte des Richters zu seinen Gunsten zu -wenden. „Nicht günstig,“ sagte der Advokat. „Er war sogar unangenehm -berührt, als ich von Block zu sprechen anfing. Reden Sie nicht von -Block, sagte er. Er ist mein Klient, sagte ich. Sie lassen sich -mißbrauchen, sagte er. Ich halte seine Sache nicht für verloren, sagte -ich. Sie lassen sich mißbrauchen, wiederholte er. Ich glaube es nicht, -sagte ich. Block ist im Prozeß fleißig und immer hinter seiner Sache -her. Er wohnt fast bei mir, um immer auf dem Laufenden zu sein. Solchen -Eifer findet man nicht immer. Gewiß, er ist persönlich nicht angenehm, -hat häßliche Umgangsformen und ist schmutzig, aber in prozessualer -Hinsicht ist er untadelhaft. Ich sagte untadelhaft, ich übertrieb -absichtlich. Darauf sagte er: Block ist bloß schlau. Er hat viel -Erfahrung angesammelt und versteht es, den Prozeß zu verschleppen. Aber -seine Unwissenheit ist noch viel größer als seine Schlauheit. Was würde -er wohl dazu sagen, wenn er erfahren würde, daß sein Prozeß noch gar -nicht begonnen hat, wenn man ihm sagen würde, daß noch nicht einmal das -Glockenzeichen zum Beginn des Prozesses gegeben ist. Ruhig, Block,“ -sagte der Advokat, denn Block begann sich gerade auf unsicheren Knien -zu erheben und wollte offenbar um Aufklärung bitten. Es war jetzt das -erstemal, daß sich der Advokat mit ausführlicheren Worten geradezu an -Block wendete. Mit müden Augen sah er halb ziellos, halb zu Block -hinunter, der unter diesem Blick wieder langsam in die Knie zurücksank. -„Diese Äußerung des Richters hat für dich gar keine Bedeutung,“ sagte -der Advokat. „Erschrick doch nicht bei jedem Wort. Wenn sich das -wiederholt, werde ich dir gar nichts mehr verraten. Man kann keinen -Satz beginnen, ohne daß du einen anschaust, als ob jetzt dein Endurteil -käme. Schäme dich hier vor meinem Klienten! Auch erschütterst du das -Vertrauen, das er in mich setzt. Was willst du denn? Noch lebst du, -noch stehst du unter meinem Schutz. Sinnlose Angst! Du hast irgendwo -gelesen, daß das Endurteil in manchen Fällen unversehens komme aus -beliebigem Munde zu beliebiger Zeit. Mit vielen Vorbehalten ist das -allerdings wahr, ebenso wahr aber ist es, daß mich deine Angst anwidert -und daß ich darin einen Mangel des notwendigen Vertrauens sehe. Was -habe ich denn gesagt? Ich habe die Äußerung eines Richters -wiedergegeben. Du weißt, die verschiedenen Ansichten häufen sich um das -Verfahren bis zur Undurchdringlichkeit. Dieser Richter z. B. nimmt den -Anfang des Verfahrens zu einem andern Zeitpunkt an als ich. Ein -Meinungsunterschied, nichts weiter. In einem gewissen Stadium des -Prozesses wird nach altem Brauch ein Glockenzeichen gegeben. Nach der -Ansicht dieses Richters beginnt damit der Prozeß. Ich kann dir jetzt -nicht alles sagen, was dagegen spricht, du würdest es auch nicht -verstehn, es genüge dir, daß viel dagegen spricht.“ Verlegen fuhr Block -unten mit den Fingern durch das Fell des Bettvorlegers, die Angst wegen -des Ausspruchs des Richters ließ ihn zeitweise die eigene -Untertänigkeit gegenüber dem Advokaten vergessen, er dachte dann nur an -sich und drehte die Worte des Richters nach allen Seiten. „Block,“ -sagte Leni in warnendem Ton und zog ihn am Rockkragen ein wenig in die -Höhe. „Laß jetzt das Fell und höre dem Advokaten zu.“ K. begriff nicht, -wie der Advokat daran hatte denken können, durch diese Vorführung ihn -zu gewinnen. Hätte er ihn nicht schon früher verjagt, er hätte es durch -diese Szene erreicht. - - - - - - - - -NEUNTES KAPITEL - -IM DOM - - -K. bekam den Auftrag, einem italienischen Geschäftsfreund der Bank, der -für sie sehr wichtig war und sich zum erstenmal in dieser Stadt -aufhielt, einige Kunstdenkmäler zu zeigen. Es war ein Auftrag, den er -zu anderer Zeit gewiß für ehrend gehalten hätte, den er aber jetzt, da -er nur mit großer Anstrengung sein Ansehn in der Bank noch wahren -konnte, widerwillig übernahm. Jede Stunde, die er dem Bureau entzogen -wurde, machte ihm Kummer; er konnte zwar die Bureauzeit bei weitem -nicht mehr so ausnutzen wie früher, er brachte manche Stunden nur unter -dem notdürftigsten Anschein wirklicher Arbeit hin, aber desto größer -waren seine Sorgen, wenn er nicht im Bureau war. Er glaubte dann zu -sehn, wie der Direktor-Stellvertreter, der ja immer auf der Lauer -gewesen war, von Zeit zu Zeit in sein Bureau kam, sich an seinen -Schreibtisch setzte, seine Schriftstücke durchsuchte, Parteien, mit -denen K. seit Jahren fast befreundet gewesen war, empfing und ihm -abspenstig machte, ja vielleicht sogar Fehler aufdeckte, von denen sich -K. während der Arbeit jetzt immer aus tausend Richtungen bedroht sah -und die er nicht mehr vermeiden konnte. Wurde er daher einmal, sei es -in noch so auszeichnender Weise, zu einem Geschäftsweg oder gar zu -einer kleinen Reise beauftragt — solche Aufträge hatten sich in der -letzten Zeit ganz zufällig gehäuft — dann lag immerhin die Vermutung -nahe, daß man ihn für ein Weilchen aus dem Bureau entfernen und seine -Arbeit überprüfen wolle oder wenigstens, daß man ihn im Bureau für -leicht entbehrlich halte. Die meisten dieser Aufträge hätte er ohne -Schwierigkeit ablehnen können, aber er wagte es nicht, denn, wenn seine -Befürchtung auch nur im geringsten begründet war, bedeutete die -Ablehnung des Auftrags Geständnis seiner Angst. Aus diesem Grunde nahm -er solche Aufträge scheinbar gleichmütig hin und verschwieg sogar, als -er eine anstrengende zweitägige Geschäftsreise machen sollte, eine -ernstliche Verkühlung, um sich nur nicht der Gefahr auszusetzen, mit -Berufung auf das gerade herrschende regnerische Herbstwetter von der -Reise abgehalten zu werden. Als er von dieser Reise mit wütenden -Kopfschmerzen zurückkehrte, erfuhr er, daß er dazu bestimmt sei, am -nächsten Tag den italienischen Geschäftsfreund zu begleiten. Die -Verlockung, sich wenigstens dieses eine Mal zu weigern, war sehr groß, -vor allem war das, was man ihm hier zugedacht hatte, keine unmittelbar -mit dem Geschäft zusammenhängende Arbeit, aber die Erfüllung dieser -gesellschaftlichen Pflicht gegenüber dem Geschäftsfreund war an sich -zweifellos wichtig genug, nur nicht für K., der wohl wußte, daß er sich -nur durch Arbeitserfolge erhalten könne, und daß es, wenn ihm das nicht -gelingen würde, vollständig wertlos war, wenn er diesen Italiener -unerwarteterweise sogar bezaubern sollte; er wollte nicht einmal für -einen Tag aus dem Bereich der Arbeit geschoben werden, denn die Furcht, -nicht mehr zurückgelassen zu werden, war zu groß, eine Furcht, die er -sehr genau als übertrieben erkannte, die ihn aber doch beengte. In -diesem Fall allerdings war es fast unmöglich, einen annehmbaren Einwand -zu erfinden, K.s Kenntnis des Italienischen war zwar nicht sehr groß, -aber immerhin genügend; das Entscheidende aber war, daß K. aus früherer -Zeit einige künstlerische Kenntnisse besaß, was in äußerst -übertriebener Weise dadurch in der Bank bekannt geworden war, daß K. -eine Zeit lang übrigens auch nur aus geschäftlichen Gründen Mitglied -des Vereins zur Erhaltung der städtischen Kunstdenkmäler gewesen war. -Nun war aber der Italiener, wie man gerüchtweise erfahren hatte, ein -Kunstliebhaber und die Wahl K.s zu seinem Begleiter war daher -selbstverständlich. - -Es war ein sehr regnerischer stürmischer Morgen, als K. voll Ärger über -den Tag, der ihm bevorstand, schon um 7 Uhr ins Bureau kam, um -wenigstens einige Arbeit noch fertigzubringen, ehe der Besuch ihn allem -entziehen würde. Er war sehr müde, denn er hatte die halbe Nacht mit -dem Studium einer italienischen Grammatik verbracht, um sich ein wenig -vorzubereiten, das Fenster, an dem er in der letzten Zeit viel zu oft -zu sitzen pflegte, lockte ihn mehr als der Schreibtisch, aber er -widerstand und setzte sich zur Arbeit. Leider trat gerade der Diener -ein und meldete, der Herr Direktor habe ihn geschickt, um nachzusehn, -ob der Herr Prokurist schon hier sei; sei er hier, dann möge er so -freundlich sein und ins Empfangszimmer hinüberkommen, der Herr aus -Italien sei schon da. „Ich komme schon,“ sagte K., steckte ein kleines -Wörterbuch in die Tasche, nahm ein Album der städtischen -Sehenswürdigkeiten, das er für den Fremden vorbereitet hatte, unter den -Arm, und ging durch das Bureau des Direktor-Stellvertreters in das -Direktionszimmer. Er war glücklich darüber, so früh ins Bureau gekommen -zu sein und sofort zur Verfügung stehn zu können, was wohl niemand -ernstlich erwartet hatte. Das Bureau des Direktor-Stellvertreters war -natürlich noch leer wie in tiefer Nacht, wahrscheinlich hatte der -Diener auch ihn ins Empfangszimmer berufen sollen, es war aber -erfolglos gewesen. Als K. ins Empfangszimmer eintrat, erhoben sich die -zwei Herren aus den tiefen Fauteuils. Der Direktor lächelte freundlich, -offenbar war er sehr erfreut über K.s Kommen, er besorgte sofort die -Vorstellung, der Italiener schüttelte K. kräftig die Hand und nannte -lachend irgend jemanden einen Frühaufsteher, K. verstand nicht genau -wen er meinte, es war überdies ein sonderbares Wort, dessen Sinn K. -erst nach einem Weilchen erriet. Er antwortete mit einigen glatten -Sätzen, die der Italiener wieder lachend hinnahm, wobei er mehrmals mit -nervöser Hand über seinen graublauen buschigen Schnurrbart fuhr. Dieser -Bart war offenbar parfümiert, man war fast versucht, sich zu nähern und -zu riechen. Als sich alle gesetzt hatten und ein kleines einleitendes -Gespräch begann, bemerkte K. mit großem Unbehagen, daß er den Italiener -nur bruchstückweise verstand. Wenn er ganz ruhig sprach, verstand er -ihn fast vollständig, das waren aber nur seltene Ausnahmen, meistens -quoll ihm die Rede aus dem Mund, er schüttelte den Kopf wie vor Lust -darüber. Bei solchen Reden aber verwickelte er sich regelmäßig in -irgendeinen Dialekt, der für K. nichts Italienisches mehr hatte, den -aber der Direktor nicht nur verstand, sondern auch sprach, was K. -allerdings hätte voraussehn können, denn der Italiener stammte aus -Süditalien, wo auch der Direktor einige Jahre gewesen war. Jedenfalls -erkannte K., daß ihm die Möglichkeit, sich mit dem Italiener zu -verständigen, zum größten Teil genommen war, denn auch dessen -Französisch war nur schwer verständlich, auch verdeckte der Bart die -Lippenbewegungen, deren Anblick vielleicht zum Verständnis geholfen -hätte. K. begann viel Unannehmlichkeiten vorauszusehn, vorläufig gab er -es auf, den Italiener verstehn zu wollen — in der Gegenwart des -Direktors, der ihn so leicht verstand, wäre es unnötige Anstrengung -gewesen — und er beschränkte sich darauf, ihn verdrießlich zu -beobachten, wie er tief und doch leicht in dem Fauteuil ruhte, wie er -öfters an seinem kurzen, scharf geschnittenen Röckchen zupfte und wie -er einmal mit erhobenen Armen und lose in den Gelenken bewegten Händen -irgend etwas darzustellen versuchte, das K. nicht begreifen konnte, -trotzdem er vorgebeugt die Hände nicht aus den Augen ließ. Schließlich -machte sich bei K., der sonst unbeschäftigt, nur mechanisch mit den -Blicken dem Hin und Her der Reden folgte, die frühere Müdigkeit geltend -und er ertappte sich einmal zu seinem Schrecken glücklicherweise noch -rechtzeitig darauf, daß er in der Zerstreutheit gerade hatte aufstehn, -sich umdrehn und weggehn wollen. Endlich sah der Italiener auf die Uhr -und sprang auf. Nachdem er sich vom Direktor verabschiedet hatte, -drängte er sich an K. und zwar so dicht, daß K. sein Fauteuil -zurückschieben mußte, um sich bewegen zu können. Der Direktor, der -gewiß an K.s Augen die Not erkannte, in der er sich gegenüber diesem -Italienisch befand, mischte sich in das Gespräch und zwar so klug und -so zart, daß es den Anschein hatte, als füge er nur kleine Ratschläge -bei, während er in Wirklichkeit alles, was der Italiener, unermüdlich -ihm in die Rede fallend, vorbrachte, in aller Kürze K. verständlich -machte. K. erfuhr von ihm, daß der Italiener vorläufig noch einige -Geschäfte zu besorgen habe, daß er leider auch im Ganzen nur wenig Zeit -haben werde, daß er auch keinesfalls beabsichtige, in Eile alle -Sehenswürdigkeiten abzulaufen, daß er sich vielmehr — allerdings nur -wenn K. zustimme, bei ihm allein liege die Entscheidung — entschlossen -habe, nur den Dom, diesen aber gründlich, zu besichtigen. Er freue sich -ungemein, diese Besichtigung in Begleitung eines so gelehrten und -liebenswürdigen Mannes — damit war K. gemeint, der mit nichts anderem -beschäftigt war, als den Italiener zu überhören und die Worte des -Direktors schnell aufzufassen — vornehmen zu können und er bitte ihn, -wenn ihm die Stunde gelegen sei, in zwei Stunden, etwa um 10 Uhr, sich -im Dom einzufinden. Er selbst hoffe, um diese Zeit schon bestimmt dort -sein zu können. K. antwortete einiges Entsprechende, der Italiener -drückte zuerst dem Direktor, dann K., dann nochmals dem Direktor die -Hand und ging, von beiden gefolgt, nur noch halb ihnen zugewendet, im -Reden aber noch immer nicht aussetzend, zur Tür. K. blieb dann noch ein -Weilchen mit dem Direktor beisammen, der heute besonders leidend -aussah. Er glaubte sich bei K. irgendwie entschuldigen zu müssen und -sagte — sie standen vertraulich nahe beisammen — zuerst hätte er -beabsichtigt, selbst mit dem Italiener zu gehn, dann aber — er gab -keinen nähern Grund an — habe er sich entschlossen, lieber K. zu -schicken. Wenn er den Italiener nicht gleich im Anfang verstehe, so -müsse er sich dadurch nicht verblüffen lassen, das Verständnis komme -sehr rasch, und wenn er auch viel überhaupt nicht verstehen sollte, so -sei es auch nicht so schlimm, denn für den Italiener sei es nicht gar -so wichtig, verstanden zu werden. Übrigens sei K.s Italienisch -überraschend gut und er werde sich gewiß ausgezeichnet mit der Sache -abfinden. Damit war K. verabschiedet. Die Zeit, die ihm noch freiblieb, -verbrachte er damit, seltene Vokabeln, die er zur Führung im Dom -benötigte, aus dem Wörterbuch herauszuschreiben. Es war eine äußerst -lästige Arbeit, Diener brachten die Post, Beamte kamen mit -verschiedenen Anfragen und blieben, da sie K. beschäftigt sahen, bei -der Tür stehn, rührten sich aber nicht weg, bis sie K. angehört hatte, -der Direktor-Stellvertreter ließ es sich nicht entgehn, K. zu stören, -kam öfters herein, nahm ihm das Wörterbuch aus der Hand und blätterte -offenbar ganz sinnlos darin, selbst Parteien tauchten, wenn sich die -Tür öffnete, im Halbdunkel des Vorzimmers auf und verbeugten sich -zögernd, sie wollten auf sich aufmerksam machen, waren aber dessen -nicht sicher, ob sie gesehen wurden — das alles bewegte sich um K. als -um seinen Mittelpunkt, während er selbst die Wörter, die er brauchte, -zusammenstellte, dann im Wörterbuch suchte, dann herausschrieb, dann -sich in ihrer Aussprache übte und schließlich auswendig zu lernen -versuchte. Sein früheres gutes Gedächtnis schien ihn aber ganz -verlassen zu haben, manchmal wurde er auf den Italiener, der ihm diese -Anstrengung verursachte, so wütend, daß er das Wörterbuch unter -Papieren vergrub mit der festen Absicht, sich nicht mehr vorzubereiten, -dann aber sah er ein, daß er doch nicht stumm mit dem Italiener vor den -Kunstwerken im Dom auf und ab gehen könne und er zog mit noch größerer -Wut das Wörterbuch wieder hervor. - -Gerade um ½10 Uhr, als er weggehn wollte, erfolgte ein telephonischer -Anruf, Leni wünschte ihm guten Morgen und fragte nach seinem Befinden, -K. dankte eilig und bemerkte, er könne sich jetzt unmöglich in ein -Gespräch einlassen, denn er müsse in den Dom. „In den Dom?“ fragte -Leni. „Nun ja, in den Dom.“ „Warum denn in den Dom?“ sagte Leni. K. -suchte es ihr in Kürze zu erklären, aber kaum hatte er damit -angefangen, sagte Leni plötzlich: „Sie hetzen dich.“ Bedauern, das er -nicht herausgefordert und nicht erwartet hatte, vertrug K. nicht, er -verabschiedete sich mit zwei Worten, sagte aber doch, während er den -Hörer an seinen Platz hängte, halb zu sich, halb zu dem fernen Mädchen, -das es nicht mehr hörte: „Ja, sie hetzen mich.“ - -Nun war es aber schon spät, es bestand schon fast die Gefahr, daß er -nicht rechtzeitig ankam. Im Automobil fuhr er hin, im letzten -Augenblick hatte er sich noch an das Album erinnert, das er früh zu -übergeben keine Gelegenheit gefunden hatte und das er deshalb jetzt -mitnahm. Er hielt es auf seinen Knien und trommelte während der ganzen -Fahrt unruhig darauf. Der Regen war schwächer geworden, aber es war -feucht, kühl und dunkel, man würde im Dom wenig sehn, wohl aber würde -sich dort, infolge des langen Stehns auf den kalten Fließen, K.s -Verkühlung sehr verschlimmern. - -Der Domplatz war ganz leer, K. erinnerte sich, daß es ihm schon als -kleinem Kind aufgefallen war, daß in den Häusern dieses engen Platzes -immer fast alle Fenstervorhänge herabgelassen waren. Bei dem heutigen -Wetter war es allerdings verständlicher als sonst. Auch im Dom schien -es leer zu sein, es fiel natürlich niemandem ein, jetzt -hierherzukommen. K. durchlief beide Seitenschiffe, er traf nur ein -altes Weib, das eingehüllt in ein warmes Tuch vor einem Marienbild -kniete und es anblickte. Von weitem sah er dann noch einen hinkenden -Diener in einer Mauertür verschwinden. K. war pünktlich gekommen, -gerade bei seinem Eintritt hatte es 10 geschlagen, der Italiener war -aber noch nicht hier. K. ging zum Haupteingang zurück, stand dort eine -Zeit lang unentschlossen und machte dann im Regen einen Rundgang um den -Dom, um nachzusehn, ob der Italiener nicht vielleicht bei irgendeinem -Seiteneingang warte. Er war nirgends zu finden. Sollte der Direktor -etwa die Zeitangabe mißverstanden haben? Wie konnte man auch diesen -Menschen richtig verstehn. Wie es aber auch sein mochte, jedenfalls -mußte K. zunächst eine halbe Stunde auf ihn warten. Da er müde war, -wollte er sich setzen, er ging wieder in den Dom, fand auf einer Stufe -einen kleinen teppichartigen Fetzen, zog ihn mit der Fußspitze vor eine -nahe Bank, wickelte sich fester in seinen Mantel, schlug den Kragen in -die Höhe und setzte sich. Um sich zu zerstreuen, schlug er das Album -auf, blätterte darin ein wenig, mußte aber bald aufhören, denn es wurde -so dunkel, daß er, als er aufblickte, in dem nahen Seitenschiff kaum -eine Einzelheit unterscheiden konnte. - -In der Ferne funkelte auf dem Hauptaltar ein großes Dreieck von -Kerzenlichtern, K. hätte nicht mit Bestimmtheit sagen können, ob er sie -schon früher gesehen hatte. Vielleicht waren sie erst jetzt angezündet -worden. Die Kirchendiener sind berufsmäßige Schleicher, man bemerkt sie -nicht. Als sich K. zufällig umdrehte, sah er nicht weit hinter sich -eine hohe starke an einer Säule befestigte Kerze gleichfalls brennen. -So schön das war, zur Beleuchtung der Altarbilder, die meistens in der -Finsternis der Seitenaltäre hingen, war es gänzlich unzureichend, es -vermehrte vielmehr die Finsternis. Es war vom Italiener ebenso -vernünftig als unhöflich gehandelt, daß er nicht gekommen war, es wäre -nichts zu sehen gewesen, man hätte sich damit begnügen müssen, mit K.s -elektrischer Taschenlampe einige Bilder zollweise abzusuchen. Um zu -versuchen, was man davon erwarten könnte, ging K. zu einer nahen -kleinen Seitenkapelle, stieg ein paar Stufen bis zu einer niedrigen -Marmorbrüstung, und über sie vorgebeugt beleuchtete er mit der Lampe -das Altarbild. Störend schwebte das ewige Licht davor. Das Erste, was -K. sah und zum Teil erriet, war ein großer gepanzerter Ritter, der am -äußersten Rande des Bildes dargestellt war. Er stützte sich auf sein -Schwert, das er in den kahlen Boden vor sich — nur einige Grashalme -kamen hier und da hervor — gestoßen hatte. Er schien aufmerksam einen -Vorgang zu beobachten, der sich vor ihm abspielte. Es war erstaunlich, -daß er so stehenblieb und sich nicht näherte. Vielleicht war er dazu -bestimmt, Wache zu stehen. K., der schon lange keine Bilder gesehen -hatte, betrachtete den Ritter längere Zeit, trotzdem er immerfort mit -den Augen zwinkern mußte, da er das grüne Licht der Lampe nicht -vertrug. Als er dann das Licht über den übrigen Teil des Bildes -streichen ließ, fand er eine Grablegung Christi in gewöhnlicher -Auffassung, es war übrigens ein neueres Bild. Er steckte die Lampe ein -und kehrte wieder zu seinem Platz zurück. - -Es war nun schon wahrscheinlich unnötig, auf den Italiener zu warten, -draußen war aber gewiß strömender Regen, und da es hier nicht so kalt -war, wie K. erwartet hatte, beschloß er vorläufig hierzubleiben. In -seiner Nachbarschaft war die große Kanzel, auf ihrem kleinen runden -Dach waren halb liegend zwei leere goldene Kreuze angebracht, die sich -mit ihrer äußersten Spitze überquerten. Die Außenwand der Brüstung und -der Übergang zur tragenden Säule war von grünem Laubwerk gebildet, in -das kleine Engel griffen, bald lebhaft, bald ruhend. K. trat vor die -Kanzel und untersuchte sie von allen Seiten, die Bearbeitung des -Steines war überaus sorgfältig, das tiefe Dunkel zwischen dem Laubwerk -und hinter ihm schien wie eingefangen und festgehalten, K. legte seine -Hand in eine solche Lücke und tastete dann den Stein vorsichtig ab, von -dem Dasein dieser Kanzel hatte er bisher gar nicht gewußt. Da bemerkte -er zufällig hinter der nächsten Bankreihe einen Kirchendiener, der dort -in einem hängenden faltigen schwarzen Rock stand, in der linken Hand -eine Schnupftabakdose hielt und ihn betrachtete. „Was will denn der -Mann?“ dachte K. „Bin ich ihm verdächtig? Will er ein Trinkgeld?“ Als -sich aber nun der Kirchendiener von K. bemerkt sah, zeigte er mit der -Rechten, zwischen zwei Fingern hielt er noch eine Prise Tabak, in -irgendeine unbestimmte Richtung. Sein Benehmen war fast unverständlich, -K. wartete noch ein Weilchen, aber der Kirchendiener hörte nicht auf -mit der Hand etwas zu zeigen und bekräftigte es noch durch Kopfnicken. -„Was will er denn?“ fragte K. leise, er wagte es nicht, hier zu rufen; -dann aber zog er die Geldtasche und drängte sich durch die nächste -Bank, um zu dem Mann zu kommen. Doch dieser machte sofort eine -abwehrende Bewegung mit der Hand, zuckte die Schultern und hinkte -davon. Mit einer ähnlichen Gangart, wie es dieses eilige Hinken war, -hatte K. als Kind das Reiten auf Pferden nachzuahmen versucht. „Ein -kindischer Alter,“ dachte K., „sein Verstand reicht nur noch zum -Kirchendienst aus. Wie er stehnbleibt, wenn ich stehe, und wie er -lauert, ob ich weitergehen will.“ Lächelnd folgte K. dem Alten durch -das ganze Seitenschiff fast bis zur Höhe des Hauptaltars, der Alte -hörte nicht auf, etwas zu zeigen, aber K. drehte sich absichtlich nicht -um, das Zeigen hatte keinen andern Zweck, als ihn von der Spur des -Alten abzubringen. Schließlich ließ er wirklich von ihm, er wollte ihn -nicht zu sehr ängstigen, auch wollte er die Erscheinung, für den Fall, -daß der Italiener doch noch kommen sollte, nicht ganz verscheuchen. - -Als er in das Hauptschiff trat, um seinen Platz zu suchen, auf dem er -das Album liegengelassen hatte, bemerkte er an einer Säule fast -angrenzend an die Bänke des Altarchors eine kleine Nebenkanzel, ganz -einfach, aus kahlem, bleichem Stein. Sie war so klein, daß sie aus der -Ferne wie eine noch leere Nische erschien, die für die Aufnahme einer -Statue bestimmt war. Der Prediger konnte gewiß keinen vollen Schritt -von der Brüstung zurücktreten. Außerdem begann die steinerne Einwölbung -der Kanzel ungewöhnlich tief und stieg zwar ohne jeden Schmuck, aber -derartig geschweift in die Höhe, daß ein mittelgroßer Mann dort nicht -aufrecht stehn konnte, sondern sich dauernd über die Brüstung vorbeugen -mußte. Das Ganze war wie zur Qual des Predigers bestimmt, es war -unverständlich, wozu man diese Kanzel benötigte, da man doch die andere -große und so kunstvoll geschmückte zur Verfügung hatte. - -K. wäre auch diese kleine Kanzel gewiß nicht aufgefallen, wenn nicht -oben eine Lampe befestigt gewesen wäre, wie man sie kurz vor einer -Predigt bereitzustellen pflegt. Sollte jetzt etwa eine Predigt -stattfinden? In der leeren Kirche? K. sah an der Treppe hinab, die an -die Säule sich anschmiegend zur Kanzel führte und so schmal war, als -solle sie nicht für Menschen, sondern nur zum Schmuck der Säule dienen. -Aber unten an der Kanzel, K. lächelte vor Staunen, stand wirklich der -Geistliche, hielt die Hand am Geländer, bereit aufzusteigen und sah auf -K. hin. Dann nickte er ganz leicht mit dem Kopf, worauf K. sich -bekreuzigte und verbeugte, was er schon früher hätte tun sollen. Der -Geistliche gab sich einen kleinen Aufschwung und stieg mit kurzen, -schnellen Schritten die Kanzel hinauf. Sollte wirklich eine Predigt -beginnen? War vielleicht der Kirchendiener doch nicht so ganz vom -Verstand verlassen und hatte K. dem Prediger zutreiben wollen, was -allerdings in der leeren Kirche äußerst notwendig gewesen war. Übrigens -gab es ja noch irgendwo vor einem Marienbild ein altes Weib, das auch -hätte kommen sollen. Und wenn es schon eine Predigt sein sollte, warum -wurde sie nicht von der Orgel eingeleitet. Aber die blieb still und -blinkte nur schwach aus der Finsternis ihrer großen Höhe. - -K. dachte daran, ob er sich jetzt nicht eiligst entfernen sollte; wenn -er es jetzt nicht tat, war keine Aussicht, daß er es während der -Predigt tun könnte, er mußte dann bleiben, so lange sie dauerte, im -Bureau verlor er so viel Zeit, auf den Italiener zu warten war er -längst nicht mehr verpflichtet, er sah auf seine Uhr, es war 11. Aber -konnte denn wirklich gepredigt werden? Konnte K. allein die Gemeinde -darstellen? Wie, wenn er ein Fremder gewesen wäre, der nur die Kirche -besichtigen wollte? Im Grunde war er auch nichts anderes. Es war -unsinnig, daran zu denken, daß gepredigt werden sollte, jetzt um 11 -Uhr, an einem Werktag bei greulichstem Wetter. Der Geistliche — ein -Geistlicher war es zweifellos, ein junger Mann mit glattem, dunklem -Gesicht — ging offenbar nur hinauf, um die Lampe zu löschen, die -irrtümlich angezündet worden war. - -Es war aber nicht so, der Geistliche prüfte vielmehr das Licht und -schraubte es noch ein wenig auf, dann drehte er sich langsam der -Brüstung zu, die er vorn an der kantigen Einfassung mit beiden Händen -erfaßte. So stand er eine Zeitlang und blickte, ohne den Kopf zu -rühren, umher. K. war ein großes Stück zurückgewichen und lehnte mit -den Ellbogen an der vordersten Kirchenbank. Mit unsichern Augen sah er -irgendwo, ohne den Ort genau zu bestimmen, den Kirchendiener mit -krummem Rücken friedlich wie nach beendeter Aufgabe sich -zusammenkauern. Was für eine Stille herrschte jetzt im Dom! Aber K. -mußte sie stören, er hatte nicht die Absicht hierzubleiben; wenn es die -Pflicht des Geistlichen war, zu einer bestimmten Stunde ohne Rücksicht -auf die Umstände zu predigen, so mochte er es tun, es würde auch ohne -K.s Beistand gelingen, ebenso wie die Anwesenheit K.s die Wirkung gewiß -nicht steigern würde. Langsam setzte sich also K. in Gang, tastete sich -auf den Fußspitzen an der Bank hin, kam dann in den breiten Hauptweg -und ging auch dort ganz ungestört, nur daß der steinerne Boden unter -dem leisesten Schritt erklang und die Wölbungen schwach, aber -ununterbrochen, in vielfachem, gesetzmäßigem Fortschreiten davon -widerhallten. K. fühlte sich ein wenig verlassen, als er dort, vom -Geistlichen vielleicht beobachtet, zwischen den leeren Bänken allein -hindurchging, auch schien ihm die Größe des Doms gerade an der Grenze -des für Menschen noch Erträglichen zu liegen. Als er zu seinem früheren -Platz kam, haschte er förmlich ohne weiteren Aufenthalt nach dem dort -liegengelassenen Album und nahm es an sich. Fast hatte er schon das -Gebiet der Bänke verlassen und näherte sich dem freien Raum, der -zwischen ihnen und dem Ausgang lag, als er zum erstenmal die Stimme des -Geistlichen hörte. Eine mächtige geübte Stimme. Wie durchdrang sie den -zu ihrer Aufnahme bereiten Dom! Es war aber nicht die Gemeinde, die der -Geistliche anrief, es war ganz eindeutig und es gab keine Ausflüchte, -er rief: Josef K.! - -K. stockte und sah vor sich auf den Boden. Vorläufig war er noch frei, -er konnte noch weitergehn und durch eine der drei kleinen dunklen -Holztüren, die nicht weit vor ihm waren, sich davon machen. Es würde -eben bedeuten, daß er nicht verstanden hatte, oder daß er zwar -verstanden hatte, sich aber darum nicht kümmern wollte. Falls er sich -aber umdrehte, war er festgehalten, denn dann hatte er das Geständnis -gemacht, daß er gut verstanden hatte, daß er wirklich der Angerufene -war und daß er auch folgen wollte. Hätte der Geistliche nochmals -gerufen, wäre K. gewiß fortgegangen, aber da alles still blieb, so -lange K. auch wartete, drehte er doch ein wenig den Kopf, denn er -wollte sehn, was der Geistliche jetzt mache. Er stand ruhig auf der -Kanzel wie früher, es war aber deutlich zu sehn, daß er K.s Kopfwendung -bemerkt hatte. Es wäre ein kindliches Versteckenspiel gewesen, wenn -sich jetzt K. nicht vollständig umgedreht hätte. Er tat es und wurde -vom Geistlichen durch ein Winken des Fingers näher gerufen. Da jetzt -alles offen geschehen konnte, lief er — er tat es auch aus Neugierde -und um die Angelegenheit abzukürzen — mit langen fliegenden Schritten -der Kanzel entgegen. Bei den ersten Bänken machte er halt, aber dem -Geistlichen schien die Entfernung noch zu groß, er streckte die Hand -aus und zeigte mit dem scharf gesenkten Zeigefinger auf eine Stelle -knapp vor der Kanzel. K. folgte auch darin, er mußte auf diesem Platz -den Kopf schon weit zurückbeugen, um den Geistlichen noch zu sehn. „Du -bist Josef K.,“ sagte der Geistliche und erhob eine Hand auf der -Brüstung in einer unbestimmten Bewegung. „Ja,“ sagte K., er dachte -daran, wie offen er früher immer seinen Namen genannt hatte, seit -einiger Zeit war er ihm eine Last, auch kannten jetzt seinen Namen -Leute, mit denen er zum erstenmal zusammenkam; wie schön war es, sich -zuerst vorzustellen und dann erst gekannt zu werden. „Du bist -angeklagt,“ sagte der Geistliche besonders leise. „Ja,“ sagte K., „man -hat mich davon verständigt.“ „Dann bist du der, den ich suche,“ sagte -der Geistliche. „Ich bin der Gefängniskaplan.“ „Ach so,“ sagte K. „Ich -habe dich hierher rufen lassen,“ sagte der Geistliche, „um mit dir zu -sprechen.“ „Ich wußte es nicht,“ sagte K. „Ich bin hierhergekommen, um -einem Italiener den Dom zu zeigen.“ „Laß das Nebensächliche,“ sagte der -Geistliche. „Was hältst du in der Hand? Ist es ein Gebetbuch?“ „Nein,“ -antwortete K., „es ist ein Album der städtischen Sehenswürdigkeiten.“ -„Leg es aus der Hand,“ sagte der Geistliche. K. warf es so heftig weg, -daß es aufklappte und mit zerdrückten Blättern ein Stück über den Boden -schleifte. „Weißt du, daß dein Prozeß schlecht steht?“ fragte der -Geistliche. „Es scheint mir auch so,“ sagte K. „Ich habe mir alle Mühe -gegeben, bisher aber ohne Erfolg. Allerdings habe ich die Eingabe noch -nicht fertig.“ „Wie stellst du dir das Ende vor,“ fragte der -Geistliche. „Früher dachte ich, es müsse gut enden,“ sagte K., „jetzt -zweifle ich daran manchmal selbst. Ich weiß nicht, wie es enden wird. -Weißt du es?“ „Nein,“ sagte der Geistliche, „aber ich fürchte, es wird -schlecht enden. Man hält dich für schuldig. Dein Prozeß wird vielleicht -über ein niedriges Gericht gar nicht hinauskommen. Man hält wenigstens -vorläufig deine Schuld für erwiesen.“ „Ich bin aber nicht schuldig,“ -sagte K. „Es ist ein Irrtum. Wie kann denn ein Mensch überhaupt -schuldig sein. Wir sind hier doch alle Menschen, einer wie der andere.“ -„Das ist richtig,“ sagte der Geistliche, „aber so pflegen die -Schuldigen zu reden.“ „Hast auch du ein Vorurteil gegen mich?“ fragte -K. „Ich habe kein Vorurteil gegen dich,“ sagte der Geistliche. „Ich -danke dir,“ sagte K. „Alle andern aber, die an dem Verfahren beteiligt -sind, haben ein Vorurteil gegen mich. Sie flößen es auch den -Unbeteiligten ein. Meine Stellung wird immer schwieriger.“ „Du -mißverstehst die Tatsachen,“ sagte der Geistliche. „Das Urteil kommt -nicht mit einemmal, das Verfahren geht allmählich ins Urteil über.“ „So -ist es also,“ sagte K. und senkte den Kopf. „Was willst du nächstens in -deiner Sache tun?“ fragte der Geistliche. „Ich will noch Hilfe suchen,“ -sagte K. und hob den Kopf, um zu sehn, wie der Geistliche es beurteile. -„Es gibt noch gewisse Möglichkeiten, die ich nicht ausgenützt habe.“ -„Du suchst zuviel fremde Hilfe,“ sagte der Geistliche mißbilligend, -„und besonders bei Frauen. Merkst du denn nicht, daß es nicht die wahre -Hilfe ist.“ „Manchmal und sogar oft könnte ich dir recht geben,“ sagte -K., „aber nicht immer. Die Frauen haben eine große Macht. Wenn ich -einige Frauen, die ich kenne, dazu bewegen könnte, gemeinschaftlich für -mich zu arbeiten, müßte ich durchdringen. Besonders bei diesem Gericht, -das fast nur aus Frauenjägern besteht. Zeig dem Untersuchungsrichter -eine Frau aus der Ferne und er überrennt, um nur rechtzeitig -hinzukommen, den Gerichtstisch und den Angeklagten.“ Der Geistliche -neigte den Kopf zur Brüstung, jetzt erst schien die Überdachung der -Kanzel ihn niederzudrücken. Was für ein Unwetter mochte draußen sein? -Das war kein trüber Tag mehr, das war schon tiefe Nacht. Keine -Glasmalerei der großen Fenster war imstande, die dunkle Wand auch nur -mit einem Schimmer zu unterbrechen. Und gerade jetzt begann der -Kirchendiener die Kerzen auf dem Hauptaltar eine nach der andern -auszulöschen. „Bist du mir böse,“ fragte K. den Geistlichen. „Du weißt -vielleicht nicht, was für einem Gericht du dienst.“ Er bekam keine -Antwort. „Es sind doch nur meine Erfahrungen,“ sagte K. Oben blieb es -noch immer still. „Ich wollte dich nicht beleidigen,“ sagte K. Da -schrie der Geistliche zu K. hinunter: „Siehst du denn nicht zwei -Schritte weit?“ Es war im Zorn geschrien, aber gleichzeitig wie von -einem, der jemanden fallen sieht und weil er selbst erschrocken ist, -unvorsichtig ohne Willen schreit. - -Nun schwiegen beide lange. Gewiß konnte der Geistliche in dem Dunkel, -das unten herrschte, K. nicht genau erkennen, während K. den -Geistlichen im Licht der kleinen Lampe deutlich sah. Warum kam der -Geistliche nicht herunter? Eine Predigt hatte er ja nicht gehalten, -sondern K. nur einige Mitteilungen gemacht, die ihm, wenn er sie genau -beachten würde, wahrscheinlich mehr schaden als nützen würden. Wohl -aber schien K. die gute Absicht des Geistlichen zweifellos zu sein, es -war nicht unmöglich, daß er sich mit ihm, wenn er herunterkäme, einigen -würde, es war nicht unmöglich, daß er von ihm einen entscheidenden und -annehmbaren Rat bekäme, der ihm z. B. zeigen würde, nicht etwa wie der -Prozeß zu beeinflussen war, sondern wie man aus dem Prozeß ausbrechen, -wie man ihn umgehen, wie man außerhalb des Prozesses leben könnte. -Diese Möglichkeit mußte bestehn, K. hatte in der letzten Zeit öfters an -sie gedacht. Wußte aber der Geistliche eine solche Möglichkeit, würde -er sie vielleicht, wenn man ihn darum bat, verraten, trotzdem er selbst -zum Gerichte gehörte und trotzdem er, als K. das Gericht angegriffen -hatte, sein sanftes Wesen unterdrückt und K. sogar angeschrien hatte. - -„Willst du nicht herunterkommen?“ sagte K. „Es ist doch keine Predigt -zu halten. Komm zu mir herunter.“ „Jetzt kann ich schon kommen,“ sagte -der Geistliche, er bereute vielleicht sein Schreien. Während er die -Lampe von ihrem Haken löste, sagte er: „Ich mußte zuerst aus der -Entfernung mit dir sprechen. Ich lasse mich sonst zu leicht -beeinflussen und vergesse meinen Dienst.“ - -K. erwartete ihn unten an der Treppe. Der Geistliche streckte ihm schon -von einer obern Stufe im Hinuntergehn die Hand entgegen. „Hast du ein -wenig Zeit für mich?“ fragte K. „Soviel Zeit als du brauchst,“ sagte -der Geistliche und reichte K. die kleine Lampe, damit er sie trage. -Auch in der Nähe verlor sich eine gewisse Feierlichkeit aus seinem -Wesen nicht. „Du bist sehr freundlich zu mir,“ sagte K. Sie gingen -nebeneinander im dunklen Seitenschiff auf und ab. „Du bist eine -Ausnahme unter allen, die zum Gericht gehören. Ich habe mehr Vertrauen -zu dir als zu irgendjemandem von ihnen, so viele ich schon kenne. Mit -dir kann ich offen reden.“ „Täusche dich nicht,“ sagte der Geistliche. -„Worin sollte ich mich denn täuschen?“ fragte K. „In dem Gericht -täuschst du dich,“ sagte der Geistliche, „in den einleitenden Schriften -zum Gesetz heißt es von dieser Täuschung: vor dem Gesetz steht ein -Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um -Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß er ihm jetzt den -Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er -also später werde eintreten dürfen. „Es ist möglich,“ sagt der -Türhüter, „jetzt aber nicht.“ Da das Tor zum Gesetz offensteht wie -immer und der Türhüter beiseitetritt, bückt sich der Mann, um durch das -Tor in das Innere zu sehn. Als der Türhüter das merkt, lacht er und -sagt: „Wenn es dich so lockt, versuche es doch trotz meines Verbotes -hineinzugehn. Merke aber: ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste -Türhüter. Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer mächtiger als der -andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr -vertragen.“ Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht -erwartet, das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt -er, aber als er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer -ansieht, seine große Spitznase, den langen, dünnen, schwarzen, -tartarischen Bart, entschließt er sich doch, lieber zu warten, bis er -die Erlaubnis zum Eintritt bekommt. Der Türhüter gibt ihm einen Schemel -und läßt ihn seitwärts von der Tür sich niedersetzen. Dort sitzt er -Tage und Jahre. Er macht viele Versuche eingelassen zu werden und -ermüdet den Türhüter durch seine Bitten. Der Türhüter stellt öfters -kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn nach seiner Heimat aus und nach -vielem andern, es sind aber teilnahmslose Fragen, wie sie große Herren -stellen, und zum Schlusse sagt er ihm immer wieder, daß er ihn noch -nicht einlassen könne. Der Mann, der sich für seine Reise mit vielem -ausgerüstet hat, verwendet alles und sei es noch so wertvoll, um den -Türhüter zu bestechen. Dieser nimmt zwar alles an, aber sagt dabei: -„Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas versäumt zu haben.“ -Während der vielen Jahre beobachtet der Mann den Türhüter fast -ununterbrochen. Er vergißt die andern Türhüter und dieser erste scheint -ihm das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz. Er verflucht -den unglücklichen Zufall in den ersten Jahren laut, später, als er alt -wird, brummt er nur noch vor sich hin. Er wird kindisch, und da er in -dem jahrelangen Studium des Türhüters auch die Flöhe in seinem -Pelzkragen erkannt hat, bittet er auch die Flöhe ihm zu helfen und den -Türhüter umzustimmen. Schließlich wird sein Augenlicht schwach und er -weiß nicht, ob es um ihn wirklich dunkler wird oder ob ihn nur die -Augen täuschen. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der -unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht. Nun lebt er nicht mehr -lange. Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen -der ganzen Zeit zu einer Frage, die er bisher an den Türhüter noch -nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstarrenden Körper -nicht mehr aufrichten kann. Der Türhüter muß sich tief zu ihm -hinunterneigen, denn die Größenunterschiede haben sich sehr zuungunsten -des Mannes verändert. „Was willst du denn jetzt noch wissen,“ fragt der -Türhüter, „du bist unersättlich.“ „Alle streben doch nach dem Gesetz,“ -sagt der Mann, „wieso kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer -mir Einlaß verlangt hat.“ Der Türhüter erkennt, daß der Mann schon am -Ende ist und um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn -an: „Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war -nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“ - -„Der Türhüter hat also den Mann getäuscht,“ sagte K. sofort, von der -Geschichte sehr stark angezogen. „Sei nicht übereilt,“ sagte der -Geistliche, „übernimm nicht die fremde Meinung ungeprüft. Ich habe dir -die Geschichte im Wortlaut der Schrift erzählt. Von Täuschung steht -darin nichts.“ „Es ist aber klar,“ sagte K., „und deine erste Deutung -war ganz richtig. Der Türhüter hat die erlösende Mitteilung erst dann -gemacht, als sie dem Manne nicht mehr helfen konnte.“ „Er wurde nicht -früher gefragt,“ sagte der Geistliche, „bedenke auch, daß er nur -Türhüter war und als solcher hat er seine Pflicht erfüllt.“ „Warum -glaubst du, daß er seine Pflicht erfüllt hat?“ fragte K., „er hat sie -nicht erfüllt. Seine Pflicht war es vielleicht, alle Fremden -abzuwehren, diesen Mann aber, für den der Eingang bestimmt war, hätte -er einlassen müssen.“ „Du hast nicht genug Achtung vor der Schrift und -veränderst die Geschichte,“ sagte der Geistliche. „Die Geschichte -enthält über den Einlaß im Gesetz zwei wichtige Erklärungen des -Türhüters, eine am Anfang, eine am Ende. Die eine Stelle lautet: daß er -ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne und die andere: dieser -Eingang war nur für dich bestimmt. Bestände zwischen diesen beiden -Erklärungen ein Widerspruch, dann hättest du recht und der Türhüter -hätte den Mann getäuscht. Nun besteht aber kein Widerspruch. Im -Gegenteil, die erste Erklärung deutet sogar auf die zweite hin. Man -könnte fast sagen, der Türhüter ging über seine Pflicht hinaus, indem -er dem Mann eine zukünftige Möglichkeit des Einlasses in Aussicht -stellte. Zu jener Zeit scheint es nur seine Pflicht gewesen zu sein, -den Mann abzuweisen und tatsächlich wundern sich viele Erklärer der -Schrift darüber, daß der Türhüter jene Andeutung überhaupt gemacht hat, -denn er scheint die Genauigkeit zu lieben und wacht streng über sein -Amt. Durch viele Jahre verläßt er seinen Posten nicht und schließt das -Tor erst ganz zuletzt, er ist sich der Wichtigkeit seines Dienstes sehr -bewußt, denn er sagt: „Ich bin mächtig,“ er hat Ehrfurcht vor den -Vorgesetzten, denn er sagt: „Ich bin nur der unterste Türhüter,“ er ist -nicht geschwätzig, denn während der vielen Jahre stellt er nur wie es -heißt „teilnahmslose Fragen“, er ist nicht bestechlich, denn er sagt -über ein Geschenk: „Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas -versäumt zu haben,“ er ist, wo es um Pflichterfüllung geht, weder zu -rühren noch zu erbittern, denn es heißt von dem Mann, „er ermüdet den -Türhüter durch seine Bitten,“ schließlich deutet auch sein Äußeres auf -einen pedantischen Charakter hin, die große Spitznase und der lange, -dünne, schwarze, tartarische Bart. Kann es einen pflichttreueren -Türhüter geben. Nun mischen sich aber in den Türhüter noch andere -Wesenszüge ein, die für den, der Einlaß verlangt, sehr günstig sind und -welche es immerhin begreiflich machen, daß er in jener Andeutung einer -zukünftigen Möglichkeit über seine Pflicht etwas hinausgehn konnte. Es -ist nämlich nicht zu leugnen, daß er ein wenig einfältig und im -Zusammenhang damit ein wenig eingebildet ist. Wenn auch seine -Äußerungen über seine Macht und über die Macht der andern Türhüter und -über deren sogar für ihn unerträglichen Anblick — ich sage, wenn auch -alle diese Äußerungen an sich richtig sein mögen, so zeigt doch die -Art, wie er diese Äußerungen vorbringt, daß seine Auffassung durch -Einfalt und Überhebung getrübt ist. Die Erklärer sagen hierzu: -„Richtiges Auffassen einer Sache und Mißverstehn der gleichen Sache -schließen einander nicht vollständig aus.“ Jedenfalls aber muß man -annehmen, daß jene Einfalt und Überhebung, so geringfügig sie sich -vielleicht auch äußern, doch die Bewachung des Eingangs schwächen, es -sind Lücken im Charakter des Türhüters. Hierzu kommt noch, daß der -Türhüter seiner Naturanlage nach freundlich zu sein scheint, er ist -durchaus nicht immer Amtsperson. Gleich in den ersten Augenblicken -macht er den Spaß, daß er den Mann trotz des ausdrücklich aufrecht -erhaltenen Verbotes zum Eintritt einladet, dann schickt er ihn nicht -etwa fort, sondern gibt ihm, wie es heißt, einen Schemel und läßt ihn -seitwärts von der Tür sich niedersetzen. Die Geduld, mit der er durch -alle die Jahre die Bitten des Mannes erträgt, die kleinen Verhöre, die -Annahme der Geschenke, die Vornehmheit, mit der er es zuläßt, daß der -Mann neben ihm laut den unglücklichen Zufall verflucht, der den -Türhüter hier aufgestellt hat — alles dieses läßt auf Regungen des -Mitleids schließen. Nicht jeder Türhüter hätte so gehandelt. Und -schließlich beugt er sich noch auf einen Wink hin tief zu dem Mann -hinab, um ihm Gelegenheit zur letzten Frage zu geben. Nur eine schwache -Ungeduld — der Türhüter weiß ja, daß alles zu Ende ist — spricht sich -in den Worten aus: „Du bist unersättlich.“ Manche gehn sogar in dieser -Art der Erklärung noch weiter und meinen, die Worte, „Du bist -unersättlich,“ drücken eine Art freundschaftlicher Bewunderung aus, die -allerdings von Herablassung nicht frei ist. Jedenfalls schließt sich so -die Gestalt des Türhüters anders ab, als du es glaubst.“ „Du kennst die -Geschichte genauer als ich und längere Zeit,“ sagte K. Sie schwiegen -ein Weilchen. Dann sagte K.: „Du glaubst also, der Mann wurde nicht -getäuscht?“ „Mißverstehe mich nicht,“ sagte der Geistliche, „ich zeige -dir nur die Meinungen, die darüber bestehn. Du mußt nicht zuviel auf -Meinungen achten. Die Schrift ist unveränderlich und die Meinungen sind -oft nur ein Ausdruck der Verzweiflung darüber. In diesem Falle gibt es -sogar eine Meinung, nach welcher gerade der Türhüter der Getäuschte -ist.“ „Das ist eine weitgehende Meinung,“ sagte K. „Wie wird sie -begründet?“ „Die Begründung,“ antwortete der Geistliche, „geht von der -Einfalt des Türhüters aus. Man sagt, daß er das Innere des Gesetzes -nicht kennt, sondern nur den Weg, den er vor dem Eingang immer wieder -abgehn muß. Die Vorstellungen, die er von dem Innern hat, werden für -kindlich gehalten und man nimmt an, daß er das, wovor er dem Manne -Furcht machen will, selbst fürchtet. Ja, er fürchtet es mehr als der -Mann, denn dieser will ja nichts anderes als eintreten, selbst als er -von den schrecklichen Türhütern des Innern gehört hat, der Türhüter -dagegen will nicht eintreten, wenigstens erfährt man nichts darüber. -Andere sagen zwar, daß er bereits im Innern gewesen sein muß, denn er -ist doch einmal in den Dienst des Gesetzes aufgenommen worden und das -könne nur im Innern geschehen sein. Darauf ist zu antworten, daß er -wohl auch durch einen Ruf aus dem Innern zum Türhüter bestellt worden -sein könne und daß er zumindest tief im Innern nicht gewesen sein -dürfte, da er doch schon den Anblick des dritten Türhüters nicht mehr -ertragen kann. Außerdem aber wird auch nicht berichtet, daß er während -der vielen Jahre außer der Bemerkung über die Türhüter irgend etwas von -dem Innern erzählt hätte. Es könnte ihm verboten sein, aber auch vom -Verbot hat er nichts erzählt. Aus alledem schließt man, daß er über das -Aussehn und die Bedeutung des Innern nichts weiß und sich darüber in -Täuschung befindet. Aber auch über den Mann vom Lande soll er sich in -Täuschung befinden, denn er ist diesem Mann untergeordnet und weiß es -nicht. Daß er den Mann als einen Untergeordneten behandelt, erkennt man -aus vielem, das dir noch erinnerlich sein dürfte. Daß er ihm aber -tatsächlich untergeordnet ist, soll nach dieser Meinung ebenso deutlich -hervorgehn. Vor allem ist der Freie dem Gebundenen übergeordnet. Nun -ist der Mann tatsächlich frei, er kann hingehn, wohin er will, nur der -Eingang in das Gesetz ist ihm verboten und überdies nur von einem -Einzelnen, vom Türhüter. Wenn er sich auf den Schemel seitwärts vom Tor -niedersetzt und dort sein Leben lang bleibt, so geschieht dies -freiwillig, die Geschichte erzählt von keinem Zwang. Der Türhüter -dagegen ist durch sein Amt an seinen Posten gebunden, er darf sich -nicht auswärts entfernen, allem Anschein nach aber auch nicht in das -Innere gehn, selbst wenn er es wollte. Außerdem ist er zwar im Dienst -des Gesetzes, dient aber nur für diesen Eingang, also auch nur für -diesen Mann, für den dieser Eingang allein bestimmt ist. Auch aus -diesem Grunde ist er ihm untergeordnet. Es ist anzunehmen, daß er durch -viele Jahre, durch ein ganzes Mannesalter gewissermaßen nur leeren -Dienst geleistet hat, denn es wird gesagt, daß ein Mann kommt, also -jemand im Mannesalter, daß also der Türhüter lange warten mußte, ehe -sich sein Zweck erfüllte, und zwar so lange warten mußte, als es dem -Mann beliebte, der doch freiwillig kam. Aber auch das Ende des Dienstes -wird durch das Lebensende des Mannes bestimmt, bis zum Ende also bleibt -er ihm untergeordnet. Und immer wieder wird betont, daß von alledem der -Türhüter nichts zu wissen scheint. Daran wird aber nichts Auffälliges -gesehn, denn nach dieser Meinung befindet sich der Türhüter noch in -einer viel schwereren Täuschung, sie betrifft seinen Dienst. Zuletzt -spricht er nämlich vom Eingang und sagt: „Ich gehe jetzt und schließe -ihn,“ aber am Anfang heißt es, daß das Tor zum Gesetz offensteht wie -immer, steht es aber immer offen, immer d. h. unabhängig von der -Lebensdauer des Mannes, für den es bestimmt ist, dann wird es auch der -Türhüter nicht schließen können. Darüber gehn die Meinungen -auseinander, ob der Türhüter mit der Ankündigung, daß er das Tor -schließen wird, nur eine Antwort geben oder seine Dienstpflicht betonen -oder den Mann noch im letzten Augenblick in Reue und Trauer setzen -will. Darin aber sind viele einig, daß er das Tor nicht wird schließen -können. Sie glauben sogar, daß er wenigstens am Ende auch in seinem -Wissen dem Manne untergeordnet ist, denn dieser sieht den Glanz, der -aus dem Eingang des Gesetzes bricht, während der Türhüter als solcher -wohl mit dem Rücken zum Eingang steht und auch durch keine Äußerung -zeigt, daß er eine Veränderung bemerkt hätte.“ „Das ist gut begründet,“ -sagte K., der einzelne Stellen aus der Erklärung des Geistlichen -halblaut für sich wiederholt hatte. „Es ist gut begründet und ich -glaube nun auch, daß der Türhüter getäuscht ist. Dadurch bin ich aber -von meiner frühern Meinung nicht abgekommen, denn beide decken sich -teilweise. Es ist unentscheidend, ob der Türhüter klar sieht oder -getäuscht wird. Ich sagte, der Mann wird getäuscht. Wenn der Türhüter -klar sieht, könnte man daran zweifeln, wenn der Türhüter aber getäuscht -ist, dann muß sich seine Täuschung notwendig auf den Mann übertragen. -Der Türhüter ist dann zwar kein Betrüger, aber so einfältig, daß er -sofort aus dem Dienst gejagt werden müßte. Du mußt doch bedenken, daß -die Täuschung, in der sich der Türhüter befindet, ihm nichts schadet, -dem Mann aber tausendfach.“ „Hier stößt du auf eine Gegenmeinung,“ -sagte der Geistliche. „Manche sagen nämlich, daß die Geschichte -niemandem ein Recht gibt, über den Türhüter zu urteilen. Wie er uns -auch erscheinen mag, so ist er doch ein Diener des Gesetzes, also zum -Gesetz gehörig, also dem menschlichen Urteil entrückt. Man darf dann -auch nicht glauben, daß der Türhüter dem Manne untergeordnet ist. Durch -seinen Dienst auch nur an den Eingang des Gesetzes gebunden zu sein, -ist unvergleichlich mehr als frei in der Welt zu leben. Der Mann kommt -erst zum Gesetz, der Türhüter ist schon dort. Er ist vom Gesetz zum -Dienst bestellt, an seiner Würdigkeit zu zweifeln, hieße am Gesetze -zweifeln.“ „Mit dieser Meinung stimme ich nicht überein,“ sagte K. -kopfschüttelnd, „denn wenn man sich ihr anschließt, muß man alles, was -der Türhüter sagt, für wahr halten. Daß das aber nicht möglich ist, -hast du ja selbst ausführlich begründet.“ „Nein,“ sagte der Geistliche, -„man muß nicht alles für wahr halten, man muß es nur für notwendig -halten.“ „Trübselige Meinung,“ sagte K. „Die Lüge wird zur Weltordnung -gemacht.“ - -K. sagte das abschließend, aber sein Endurteil war es nicht. Er war zu -müde, um alle Folgerungen der Geschichte übersehn zu können, es waren -auch ungewohnte Gedankengänge, in die sie ihn führte, unwirkliche -Dinge, besser geeignet zur Besprechung für die Gesellschaft der -Gerichtsbeamten als für ihn. Die einfache Geschichte war unförmlich -geworden, er wollte sie von sich abschütteln und der Geistliche, der -jetzt ein großes Zartgefühl bewies, duldete es und nahm K.s Bemerkung -schweigend auf, trotzdem sie mit seiner eigenen Meinung gewiß nicht -übereinstimmte. - -Sie gingen eine Zeitlang schweigend weiter, K. hielt sich eng neben dem -Geistlichen, ohne in der Finsternis zu wissen, wo er sich befand. Die -Lampe in seiner Hand war längst erloschen. Einmal blinkte gerade vor -ihm das silberne Standbild eines Heiligen nur mit dem Schein des -Silbers und spielte gleich wieder ins Dunkel über. Um nicht vollständig -auf den Geistlichen angewiesen zu bleiben, fragte ihn K.: „Sind wir -jetzt nicht in der Nähe des Haupteinganges?“ „Nein,“ sagte der -Geistliche, „wir sind weit von ihm entfernt. Willst du schon fortgehn?“ -Trotzdem K. gerade jetzt nicht daran gedacht hatte, sagte er sofort: -„Gewiß, ich muß fortgehn. Ich bin Prokurist einer Bank, man wartet auf -mich, ich bin nur hergekommen, um einem ausländischen Geschäftsfreund -den Dom zu zeigen.“ „Nun,“ sagte der Geistliche, und reichte K. die -Hand, „dann geh’.“ „Ich kann mich aber im Dunkel allein nicht -zurechtfinden,“ sagte K. „Geh’ links zur Wand,“ sagte der Geistliche, -„dann weiter die Wand entlang, ohne sie zu verlassen und du wirst einen -Ausgang finden.“ Der Geistliche hatte sich erst paar Schritte entfernt, -aber K. rief schon sehr laut: „Bitte, warte noch.“ „Ich warte,“ sagte -der Geistliche. „Willst du nicht noch etwas von mir?“ fragte K. „Nein,“ -sagte der Geistliche. „Du warst früher so freundlich zu mir,“ sagte K., -„und hast mir alles erklärt, jetzt aber entläßt du mich, als läge dir -nichts an mir.“ „Du mußt doch fortgehn,“ sagte der Geistliche. „Nun -ja,“ sagte K., „sieh das doch ein.“ „Sieh du zuerst ein, wer ich bin,“ -sagte der Geistliche. „Du bist der Gefängniskaplan,“ sagte K. und ging -näher zum Geistlichen hin, seine sofortige Rückkehr in die Bank war -nicht so notwendig, wie er sie dargestellt hatte, er konnte recht gut -noch hier bleiben. „Ich gehöre also zum Gericht,“ sagte der Geistliche. -„Warum sollte ich also etwas von dir wollen. Das Gericht will nichts -von dir. Es nimmt dich auf, wenn du kommst, und es entläßt dich, wenn -du gehst.“ - - - - - - - - -ZEHNTES KAPITEL - -ENDE - - -Am Vorabend seines 31. Geburtstages — es war gegen 9 Uhr abends, die -Zeit der Stille auf den Straßen — kamen zwei Herren in K.s Wohnung. In -Gehröcken, bleich und fett, mit scheinbar unverrückbaren Zylinderhüten. -Nach einer kleinen Förmlichkeit bei der Wohnungstür wegen des ersten -Eintretens wiederholte sich die gleiche Förmlichkeit in größerem -Umfange vor K.s Tür. Ohne daß ihm der Besuch angekündigt gewesen wäre, -saß K. gleichfalls schwarz angezogen in einem Sessel in der Nähe der -Türe und zog langsam neue, scharf sich über die Finger spannende -Handschuhe an, in der Haltung, wie man Gäste erwartet. Er stand gleich -auf und sah die Herren neugierig an. „Sie sind also für mich bestimmt,“ -fragte er. Die Herren nickten, einer zeigte mit dem Zylinderhut in der -Hand auf den andern. K. gestand sich ein, daß er einen andern Besuch -erwartet hatte. Er ging zum Fenster und sah noch einmal auf die dunkle -Straße. Auch fast alle Fenster auf der andern Straßenseite waren noch -dunkel, in vielen die Vorhänge herabgelassen. In einem beleuchteten -Fenster des Stockwerkes spielten kleine Kinder hinter einem Gitter -miteinander und tasteten, noch unfähig sich von ihren Plätzen -fortzubewegen, mit den Händchen nach einander. „Alte untergeordnete -Schauspieler schickt man um mich,“ sagte sich K. und sah sich um, um -sich nochmals davon zu überzeugen. „Man sucht auf billige Weise mit mir -fertig zu werden.“ K. wendete sich plötzlich ihnen zu und fragte: „An -welchem Theater spielen Sie.“ „Theater?“ fragte der eine Herr mit -zuckenden Mundwinkeln den andern um Rat. Der andere gebärdete sich wie -ein Stummer, der mit dem widerspenstigen Organismus kämpft. „Sie sind -nicht darauf vorbereitet, gefragt zu werden,“ sagte sich K. und ging -seinen Hut holen. - -Schon auf der Treppe wollten sich die Herren in K. einhängen, aber K. -sagte: „Erst auf der Gasse, ich bin nicht krank.“ Gleich aber vor dem -Tor hängten sie sich in ihn in einer Weise ein, wie K. noch niemals mit -einem Menschen gegangen war. Sie hielten die Schultern eng hinter den -seinen, knickten die Arme nicht ein, sondern benutzten sie, um K.s Arme -in ihrer ganzen Länge zu umschlingen, unten erfaßten sie K.s Hände mit -einem schulmäßigen, eingeübten, unwiderstehlichen Griff. K. ging straff -gestreckt zwischen ihnen, sie bildeten jetzt alle drei eine solche -Einheit, daß, wenn man einen von ihnen zerschlagen hätte, alle -zerschlagen gewesen wären. Es war eine Einheit, wie sie fast nur -Lebloses bilden kann. - -Unter den Laternen versuchte K. öfters, so schwer es bei diesem engen -Aneinander ausgeführt werden konnte, seine Begleiter deutlicher zu -sehn, als es in der Dämmerung seines Zimmers möglich gewesen war. -Vielleicht sind es Tenöre, dachte er im Anblick ihres schweren -Doppelkinns. Er ekelte sich vor der Reinlichkeit ihrer Gesichter. Man -sah förmlich noch die säubernde Hand, die in ihre Augenwinkel gefahren, -die ihre Oberlippe gerieben, die die Falten am Kinn ausgekratzt hatte. - -Als K. das bemerkte, blieb er stehn, infolgedessen blieben auch die -andern stehn; sie waren auf dem Rand eines freien, menschenleeren, mit -Anlagen geschmückten Platzes. „Warum hat man gerade Sie geschickt!“ -rief er mehr als er fragte. Die Herren wußten scheinbar keine Antwort, -sie warteten mit dem hängenden freien Arm, wie Krankenwärter, wenn der -Kranke sich ausruhn will. „Ich gehe nicht weiter,“ sagte K. -versuchsweise. Darauf brauchten die Herren nicht zu antworten, es -genügte, daß sie den Griff nicht lockerten und K. von der Stelle -wegzuheben versuchten, aber K. widerstand. „Ich werde nicht mehr viel -Kraft brauchen, ich werde jetzt alle anwenden,“ dachte er. Ihm fielen -die Fliegen ein, die mit zerreißenden Beinchen von der Leimrute -wegstreben. „Die Herren werden schwere Arbeit haben.“ - -Da stieg vor ihnen aus einer tiefer gelegenen Gasse auf einer kleinen -Treppe Fräulein Bürstner zum Platz empor. Es war nicht ganz sicher, ob -sie es war, die Ähnlichkeit war freilich groß. Aber K. lag auch nichts -daran, ob es bestimmt Fräulein Bürstner war, bloß die Wertlosigkeit -seines Widerstandes kam ihm gleich zum Bewußtsein. Es war nichts -Heldenhaftes, wenn er widerstand, wenn er jetzt den Herren -Schwierigkeiten bereitete, wenn er jetzt in der Abwehr noch den letzten -Schein des Lebens zu genießen versuchte. Er setzte sich in Gang, und -von der Freude, die er dadurch den Herren machte, ging noch etwas auf -ihn selbst über. Sie duldeten es jetzt, daß er die Wegrichtung -bestimmte und er bestimmte sie nach dem Weg, den das Fräulein vor ihnen -nahm, nicht etwa, weil er sie einholen, nicht etwa, weil er sie -möglichst lange sehen wollte, sondern nur deshalb, um die Mahnung, die -sie für ihn bedeutete, nicht zu vergessen. „Das Einzige, was ich jetzt -tun kann,“ sagte er sich und das Gleichmaß seiner Schritte und der -Schritte der zwei andern bestätigte seine Gedanken, „das Einzige, was -ich jetzt tue, ist, bis zum Ende den ruhig einteilenden Verstand -behalten. Ich wollte immer mit zwanzig Händen in die Welt hineinfahren -und überdies zu einem nicht zu billigenden Zweck. Das war unrichtig, -soll ich nun zeigen, daß nicht einmal der einjährige Prozeß mich -belehren konnte? Soll ich als ein begriffstutziger Mensch abgehn? Soll -man mir nachsagen dürfen, daß ich am Anfang des Prozesses ihn beenden -und jetzt an seinem Ende ihn wieder beginnen will. Ich will nicht, daß -man das sagt. Ich bin dankbar dafür, daß man mir auf diesem Weg diese -halbstummen verständnislosen Herren mitgegeben hat und daß man es mir -überlassen hat, mir selbst das Notwendige zu sagen.“ - -Das Fräulein war inzwischen in eine Seitengasse eingebogen, aber K. -konnte sie schon entbehren und überließ sich seinen Begleitern. Alle -drei zogen nun in vollem Einverständnis über eine Brücke im Mondschein, -jeder kleinen Bewegung, die K. machte, gaben die Herren jetzt -bereitwillig nach, als er ein wenig zum Geländer sich wendete, drehten -auch sie sich in ganzer Front dorthin. Das im Mondlicht glänzende und -zitternde Wasser teilte sich um eine kleine Insel, auf der wie -zusammengedrängt Laubmassen von Bäumen und Sträuchern sich aufhäuften. -Unter ihnen, jetzt unsichtbar, führten Kieswege mit bequemen Bänken, -auf denen K. in manchem Sommer sich gestreckt und gedehnt hatte. „Ich -wollte ja gar nicht stehn bleiben,“ sagte er zu seinen Begleitern, -beschämt durch ihre Bereitwilligkeit. Der Eine schien dem Andern hinter -K.s Rücken einen sanften Vorwurf wegen des mißverständlichen -Stehenbleibens zu machen, dann gingen sie weiter. - -Sie kamen durch einige ansteigende Gassen, in denen hie und da -Polizisten standen oder gingen; bald in der Ferne, bald in nächster -Nähe. Einer mit buschigem Schnurrbart, die Hand am Griff des Säbels, -trat wie mit Absicht nahe an die nicht ganz unverdächtige Gruppe. Die -Herren stockten, der Polizeimann schien schon den Mund zu öffnen, da -zog K. mit Macht die Herren vorwärts. Öfters drehte er sich vorsichtig -um, ob der Polizeimann nicht folge; als sie aber eine Ecke zwischen -sich und dem Polizeimann hatten, fing K. zu laufen an, die Herren -mußten trotz großer Atemnot auch mit laufen. - -So kamen sie rasch aus der Stadt hinaus, die sich in dieser Richtung -fast ohne Übergang an die Felder anschloß. Ein kleiner Steinbruch, -verlassen und öde, lag in der Nähe eines noch ganz städtischen Hauses. -Hier machten die Herren halt, sei es, daß dieser Ort von allem Anfang -an ihr Ziel gewesen war, sei es, daß sie zu erschöpft waren, um noch -weiter zu laufen. Jetzt ließen sie K. los, der stumm wartete, nahmen -die Zylinderhüte ab und wischten sich, während sie sich im Steinbruch -umsahen, mit den Taschentüchern den Schweiß von der Stirn. Überall lag -der Mondschein mit seiner Natürlichkeit und Ruhe, die keinem andern -Licht gegeben ist. - -Nach Austausch einiger Höflichkeiten hinsichtlich dessen, wer die -nächsten Aufgaben auszuführen habe — die Herren schienen die Aufträge -ungeteilt bekommen zu haben — ging der Eine zu K. und zog ihm den Rock, -die Weste und schließlich das Hemd aus. K. fröstelte unwillkürlich, -worauf ihm der Herr einen leichten beruhigenden Schlag auf den Rücken -gab. Dann legte er die Sachen sorgfältig zusammen, wie Dinge, die man -noch gebrauchen wird, wenn auch nicht in allernächster Zeit. Um K. -nicht ohne Bewegung der immerhin kühlen Nachtluft auszusetzen, nahm er -ihn unter den Arm und ging mit ihm ein wenig auf und ab, während der -andere Herr den Steinbruch nach irgendeiner passenden Stelle absuchte. -Als er sie gefunden hatte, winkte er und der andere Herr geleitete K. -hin. Es war nahe der Bruchwand, es lag dort ein losgebrochener Stein. -Die Herren setzten K. auf die Erde nieder, lehnten ihn an den Stein und -betteten seinen Kopf obenauf. Trotz aller Anstrengung, die sie sich -gaben, und trotz alles Entgegenkommens, das ihnen K. bewies, blieb -seine Haltung eine sehr gezwungene und unglaubwürdige. Der eine Herr -bat daher den andern, ihm für ein Weilchen das Hinlegen K.s allein zu -überlassen, aber auch dadurch wurde es nicht besser. Schließlich ließen -sie K. in einer Lage, die nicht einmal die beste von den bereits -erreichten Lagen war. Dann öffnete der eine Herr seinen Gehrock und -nahm aus einer Scheide, die an einem um die Weste gespannten Gürtel -hing, ein langes, dünnes, beiderseitig geschärftes Fleischermesser, -hielt es hoch und prüfte die Schärfen im Licht. Wieder begannen die -widerlichen Höflichkeiten, einer reichte über K. hinweg das Messer dem -andern, dieser reichte es wieder über K. zurück. K. wußte jetzt genau, -daß es seine Pflicht gewesen wäre, das Messer, als es von Hand zu Hand -über ihm schwebte, selbst zu fassen und sich einzubohren. Aber er tat -es nicht, sondern drehte den noch freien Hals und sah umher. -Vollständig konnte er sich nicht bewähren, alle Arbeit den Behörden -nicht abnehmen, die Verantwortung für diesen letzten Fehler trug der, -der ihm den Rest der dazu nötigen Kraft versagt hatte. Seine Blicke -fielen auf das letzte Stockwerk des an dem Steinbruch angrenzenden -Hauses. Wie ein Licht aufzuckt, so fuhren die Fensterflügel eines -Fensters dort auseinander, ein Mensch, schwach und dünn in der Ferne -und Höhe, beugte sich mit einem Ruck weit vor und streckte die Arme -noch weiter aus. Wer war es? Ein Freund? Ein guter Mensch? Einer, der -teilnahm? Einer der helfen wollte? War es ein Einzelner? Waren es alle? -War noch Hilfe? Gab es Einwände, die man vergessen hatte? Gewiß gab es -solche. Die Logik ist zwar unerschütterlich, aber einem Menschen, der -leben will, widersteht sie nicht. Wo war der Richter, den er nie -gesehen hatte? Wo war das hohe Gericht, bis zu dem er nie gekommen war? -Er hob die Hände und spreizte alle Finger. - -Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der -andere das Messer ihm ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit -brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, -Wange an Wange aneinander gelehnt, die Entscheidung beobachteten. „Wie -ein Hund!“ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben. - - - - - - - - -NACHWORT - - -Eigenartig und tief wie alle Lebensäußerungen Franz Kafkas war auch -seine Stellungnahme seinem eigenen Werk und jeder Publikation -gegenüber. Die Probleme, die er bei Behandlung dieser Angelegenheit -austrug und die daher auch Richtschnur jeder Veröffentlichung aus -seinem Nachlaß bleiben müssen, können in ihrem Ernst gar nicht -überschätzt werden. Zu ihrer wenigstens annäherungsweisen Beurteilung -diene das Folgende: - -Fast alles, was Kafka veröffentlicht hat, ist ihm von mir mit List und -Überredungskunst abgenommen worden. Damit steht nicht im Widerspruch, -daß er oftmals, in langen Lebensperioden, seines Schreibens wegen (er -sprach freilich stets nur von einem „Kritzeln“) viel Glück empfunden -hat. Wer ihn nur je in kleinem Kreise seine eigne Prosa mit -hinreißendem Feuer, mit einem Rhythmus, dessen Lebendigkeit kein -Schauspieler je erreichen wird, vorlesen hören durfte, der fühlte auch -unmittelbar die echte unbändige Schaffenslust und Leidenschaft, die -hinter diesem Werke stand. Daß er es trotzdem verwarf, hatte seinen -Grund zunächst in gewissen traurigen Erlebnissen, die ihn zur -Selbstsabotage, daher auch zum Nihilismus dem eignen Werk gegenüber -führten; unabhängig davon aber auch in der Tatsache, daß er an dieses -Werk (freilich ohne dies je auszusprechen) den höchsten religiösen -Maßstab anlegte, dem es allerdings, aus vielerlei Wirrnissen entrungen, -nicht entsprechen konnte. Daß sein Werk trotzdem vielen, die zum -Glauben, zur Natur, zur vollkommenen Seelengesundheit hinstreben, ein -starker Helfer hätte werden können, durfte ihm nichts bedeuten, der mit -dem unerbittlichsten Ernst für sich selbst auf der Suche nach dem -rechten Wege war und zunächst sich selbst, nicht andern Rat zu geben -hatte. - -So deute ich für meine Person die negative Stellungnahme Kafkas zu -seinem eignen Werk. Er sprach oft von den „falschen Händen, die sich -einem während des Schreibens entgegenstrecken“ — auch davon, daß ihn -das Geschriebene und gar das Veröffentlichte in der weitern Arbeit -beirre. Es gab viele Widerstände zu überwinden, ehe ein Band von ihm -erschien. Nichtsdestoweniger hat er an den fertigen schönen Büchern und -gelegentlich auch an ihren Wirkungen eine rechte Freude gehabt, und es -gab Zeiten, wo er wie sich selbst so auch sein Werk mit gleichsam -wohlwollendern Blicken, nie ganz ohne Ironie, jedoch mit freundlicher -Ironie musterte; mit einer Ironie, hinter der sich das ungeheure Pathos -des kompromißlos nach dem Höchsten Strebenden verbarg. - -In Franz Kafkas Nachlaß hat sich kein Testament vorgefunden. In seinem -Schreibtisch lag unter vielem andern Papier ein zusammengefalteter, mit -Tinte geschriebener Zettel mit meiner Adresse. Der Zettel hat folgenden -Wortlaut: - - - Liebster Max, meine letzte Bitte: Alles, was sich in meinem Nachlaß - (also im Buchkasten, Wäscheschrank, Schreibtisch, zu Hause und im - Bureau, oder wohin sonst irgend etwas vertragen worden sein sollte - und Dir auffällt) an Tagebüchern, Manuskripten, Briefen, fremden - und eignen, Gezeichnetem und so weiter findet, restlos und - ungelesen zu verbrennen, ebenso alles Geschriebene oder - Gezeichnete, das Du oder andre, die Du in meinem Namen darum bitten - sollst, haben. Briefe, die man Dir nicht übergeben will, soll man - wenigstens selbst zu verbrennen sich verpflichten. - - Dein Franz Kafka. - - -Bei genauerm Suchen fand sich auch noch ein mit Bleistift -geschriebenes, vergilbtes, offenbar älteres Blatt. Es sagt: - - - Lieber Max, vielleicht stehe ich diesmal doch nicht mehr auf, das - Kommen der Lungenentzündung ist nach dem Monat Lungenfieber genug - wahrscheinlich, und nicht einmal, daß ich es niederschreibe, wird - sie abwehren, trotzdem es eine gewisse Macht hat. - - Für diesen Fall also mein letzter Wille hinsichtlich alles von mir - Geschriebenen: - - Von allem, was ich geschrieben habe, gelten nur die Bücher: Urteil, - Heizer, Verwandlung, Strafkolonie, Landarzt und die Erzählung: - Hungerkünstler. (Die paar Exemplare der ‚Betrachtung‘ mögen - bleiben, ich will niemandem die Mühe des Einstampfens machen, aber - neu gedruckt darf nichts daraus werden.) Wenn ich sage, daß jene - fünf Bücher und die Erzählung gelten, so meine ich damit nicht, daß - ich den Wunsch habe, sie mögen neu gedruckt und künftigen Zeiten - überliefert werden, im Gegenteil, sollten sie ganz verlorengehn, - entspricht dieses meinem eigentlichen Wunsch. Nur hindere ich, da - sie schon einmal da sind, niemanden daran, sie zu erhalten, wenn er - dazu Lust hat. - - Dagegen ist alles, was sonst an Geschriebenem von mir vorliegt (in - Zeitschriften Gedrucktes, im Manuskript oder in Briefen) - ausnahmslos, soweit es erreichbar oder durch Bitten von den - Adressaten zu erhalten ist (die meisten Adressaten kennst Du ja, in - der Hauptsache handelt es sich um .........., vergiß besonders - nicht paar Hefte, die ..... hat) — alles dieses ist ausnahmslos, am - liebsten ungelesen (doch wehre ich Dir nicht hineinzuschaun, am - liebsten wäre es mir allerdings, wenn Du es nicht tust, jedenfalls - aber darf niemand andrer hineinschauen) — alles dieses ist - ausnahmslos zu verbrennen, und dies möglichst bald zu tun bitte ich - Dich - - Franz - - -Wenn ich diesen so kategorisch ausgesprochenen Verfügungen gegenüber -dennoch ablehne, die herostratische Tat auszuführen, die mein Freund -von mir verlangt, so habe ich hierzu die allertriftigsten Gründe. - -Einige davon entziehen sich öffentlicher Diskussion. Doch auch die, -welche ich mitteilen kann, sind meiner Ansicht nach durchaus -hinreichend zum Verständnis meines Entschlusses. - -Der Hauptgrund: als ich 1921 meinen Beruf wechselte, sagte ich meinem -Freunde, daß ich mein Testament gemacht hätte, in dem ich ihn bäte, -dieses und jenes zu vernichten, andres durchzusehn und so fort. Darauf -sagte Kafka und zeigte mir den mit Tinte geschriebenen Zettel, den man -dann in seinem Schreibtisch vorgefunden hat, von außen: „Mein Testament -wird ganz einfach sein — die Bitte an dich, alles zu verbrennen.“ Ich -entsinne mich auch noch ganz genau der Antwort, die ich damals gab: -„Falls du mir im Ernste so etwas zumuten solltest, so sage ich dir -schon jetzt, daß ich deine Bitte nicht erfüllen werde.“ Das ganze -Gespräch wurde in jenem scherzhaften Ton geführt, der unter uns üblich -war, jedoch mit dem heimlichen Ernst, den wir dabei stets einer bei dem -andern voraussetzten. Von dem Ernst meiner Ablehnung überzeugt, hätte -Franz einen andern Testamentsexekutor bestimmen müssen, wenn ihm seine -eigne Verfügung unbedingter und letzter Ernst gewesen wäre. - -Ich bin ihm nicht dankbar, mich in diesen schweren Gewissenskonflikt -gestürzt zu haben, den er voraussehen mußte, denn er kannte die -fanatische Verehrung, die ich jedem seiner Worte entgegenbrachte, und -die mich in den 22 Jahren unsrer niemals getrübten Freundschaft (unter -anderm) veranlaßte, auch nicht das kleinste Zettelchen, keine -Ansichtskarte, die von ihm kam, wegzuwerfen. — Das „ich bin nicht -dankbar“ möge übrigens nicht mißverstanden werden! Was wiegt ein noch -so schwerer Gewissenskonflikt gegenüber dem unendlichen Segen, den ich -dem Freunde verdanke, der das eigentliche Rückgrat meiner ganzen -geistigen Existenz war! - -Weitere Gründe: die Ordre des Bleistiftblatts ist von Franz selbst -nicht befolgt worden, denn er hat später ausdrücklich die Erlaubnis -gegeben, daß Teile der ‚Betrachtung‘ in einer Zeitung nachgedruckt, und -daß drei weitere Novellen veröffentlicht würden, die er selbst mit dem -„Hungerkünstler“ vereinigt und dem Verlag Die Schmiede übergeben hat. -Beide Verfügungen stammen ferner aus einer Zeit, wo die -selbstkritischen Tendenzen meines Freundes den Höhepunkt erreicht -hatten. In seinem letzten Lebensjahre aber hat sein ganzes Dasein eine -unvorhergesehene, neue, glückliche, positive Wendung genommen, die -diesen Selbsthaß und Nihilismus derogiert. — Mein Entschluß, den -Nachlaß zu veröffentlichen, wird übrigens durch die Erinnerung an all -die erbitterten Kämpfe erleichtert, mit dem ich jede einzelne -Veröffentlichung von Kafka erzwungen und oft genug erbettelt habe. Und -dennoch war er nachträglich mit diesen Veröffentlichungen ausgesöhnt -und relativ zufrieden. — Schließlich entfällt bei einer postumen -Veröffentlichung eine Reihe von Motiven, zum Beispiel, daß -Veröffentlichung weitere Arbeit beirren könnte, daß sie die Schatten -persönlich peinlicher Lebensperioden aufrief. Wie sehr für Kafka die -Nichtveröffentlichung mit dem Problem seiner Lebensführung zusammenhing -(ein Problem, das zu unserem unermeßlichen Schmerz jetzt nicht mehr -stört), geht wie aus vielen Gesprächen aus folgendem Brief an mich -hervor: „... Die Romane lege ich nicht bei. Warum die alten -Anstrengungen aufrühren? Nur deshalb, weil ich sie bisher nicht -verbrannt habe? ... Wenn ich nächstens komme, geschieht es hoffentlich. -Worin liegt der Sinn des Aufhebens solcher „sogar“ künstlerisch -mißlungener Arbeiten? Darin, daß man hofft, daß sich aus diesen -Stückchen ein Ganzes zusammensetzen wird, irgendeine Berufungsinstanz, -an deren Brust ich werde schlagen können, wenn ich in Not bin. Ich -weiß, daß das nicht möglich ist, daß von dort keine Hilfe kommt. Was -soll ich also mit den Sachen? Sollen die, die mir nicht helfen können, -mir auch noch schaden, wie es, dieses Wissen vorausgesetzt, sein muß?“ - -Ich fühle sehr wohl, daß ein Rest bleibt, der besonders zartsinnigen -Menschen die Publikation verbieten würde. Ich halte es aber für meine -Pflicht, dieser sehr einschmeichelnden Verlockung des Zartsinns zu -widerstehn. Entscheidend ist dabei natürlich nichts von dem bisher -Vorgebrachten, sondern einzig und allein die Tatsache, daß der Nachlaß -Kafkas die wundervollsten Schätze, auch an seinem eignen Werk gemessen -das Beste, was er geschrieben hat, enthält. Ehrlicherweise muß ich -eingestehn, daß diese eine Tatsache des literarischen und ethischen -Werts genügt hätte (selbst wenn ich gegen die Kraft der letztwilligen -Verfügungen Kafkas gar keinen Einwand hätte) — meine Entscheidung mit -einer Präzision, der ich nichts entgegenzusetzen hätte, eindeutig zu -bestimmen. - -Leider ist Franz Kafka an einem Teil seines Vermächtnisses sein eigner -Exekutor geworden. Ich fand in seiner Wohnung zehn große Quarthefte — -nur ihre Deckel, den Inhalt vollständig vernichtet. Ferner hat er -(zuverlässigem Bericht zufolge) mehrere Schreibblocks verbrannt. In der -Wohnung fand sich nur ein Konvolut (etwa hundert Aphorismen über -religiöse Fragen), ein autobiographischer Versuch, der vorläufig -unveröffentlicht bleibt, und ein Haufen ungeordneter Papiere, die ich -jetzt sichte. Ich hoffe, daß sich in diesen Papieren manche vollendete -oder nahezu vollendete Erzählung finden wird. Ferner wurde mir eine -(unvollendete) Tier-Novelle und ein Skizzenbuch übergeben. - -Der kostbarste Teil des Vermächtnisses besteht mithin in den Werken, -die dem Grimm des Autors rechtzeitig entzogen und in Sicherheit -gebracht worden sind. Es sind dies drei Romane. ‚Der Heizer‘, die schon -veröffentlichte Erzählung, bildet das erste Kapitel des einen Romans, -der in Amerika spielt, und von dem auch das Schlußkapitel existiert, so -daß er keine wesentliche Lücke aufweisen dürfte. Dieser Roman befindet -sich bei einer Freundin des Toten; die beiden andern — „Das Schloß“ und -den „Prozeß“ habe ich 1920 und 1923 zu mir gebracht, was mir heute ein -wahrer Trost ist. Erst diese Werke werden zeigen, daß die eigentliche -Bedeutung Franz Kafkas, den man bisher mit einigem Recht für einen -Spezialisten, einen Meister der Kleinkunst halten konnte, in der großen -epischen Form liegt. - -Mit diesen Werken, die etwa vier Bände einer Nachlaßausgabe füllen -dürften, sind aber die Ausstrahlungen von Kafkas zauberhafter -Persönlichkeit bei weitem nicht erschöpft. Kann auch vorläufig an eine -Herausgabe der Briefe nicht gedacht werden, von denen jeder einzelne -dieselbe Natürlichkeit und Intensität besitzt wie Kafkas literarisches -Werk, so wird man doch in einem kleinen Kreise rechtzeitig daran gehen, -alles zu sammeln, was als Äußerung dieses einzigartigen Menschen in -Erinnerung geblieben ist. Um nur ein Beispiel anzuführen: wie viele der -Werke, die jetzt zu meiner bittern Enttäuschung in Kafkas Wohnung nicht -mehr vorgefunden wurden, hat mir mein Freund vorgelesen oder wenigstens -teilweise vorgelesen, teilweise ihren Plan erzählt! Wie unvergeßliche, -ganz originelle, ganz tiefe Gedanken hat er mir mitgeteilt! Soweit mein -Gedächtnis, soweit meine Kräfte reichen, soll nichts verlorengehen. - -Das Manuskript des Romans „Der Prozeß“ habe ich im Juni 1920 an mich -genommen und gleich damals geordnet. Das Manuskript trägt keinen Titel. -Doch hat Kafka dem Roman im Gespräch stets den Titel „Der Prozeß“ -gegeben. Die Einteilung in Kapitel sowie die Kapitelüberschriften -rühren von Kafka her. Bezüglich der Anordnung der Kapitel war ich auf -mein Gefühl angewiesen. Doch da mir mein Freund einen großen Teil des -Romans vorgelesen hatte, konnte sich mein Gefühl bei der Ordnung der -Papiere auf Erinnerungen stützen. — Franz Kafka hat den Roman als -unvollendet betrachtet. Vor dem Schlußkapitel, das vorliegt, sollten -noch einige Stadien des geheimnisvollen Prozesses geschildert werden. -Da aber der Prozeß nach der vom Dichter mündlich geäußerten Ansicht -niemals bis zur höchsten Instanz vordringen sollte, war in einem -gewissen Sinne der Roman überhaupt unvollendbar, d. h. in infinitum -fortsetzbar. Die vollendeten Kapitel, mit dem abrundenden Schlußkapitel -zusammengenommen, lassen jedenfalls sowohl den Sinn wie die Gestalt des -Werkes mit einleuchtendster Klarheit hervortreten, und wer nicht darauf -aufmerksam gemacht wird, daß der Dichter selbst an dem Werke noch -weiterzuarbeiten gedachte (er unterließ es, weil er sich einer andern -Lebensatmosphäre zuwandte) —, wird kaum seine Lücke fühlen. — Meine -Arbeit an dem großen Papierbündel, das seinerzeit dieser Roman -darstellte, beschränkte sich darauf, die vollendeten von den -unvollendeten Kapiteln zu sondern. Die unvollendeten lasse ich für den -Schlußband der Nachlaßausgabe zurück, sie enthalten nichts für den Gang -der Handlung Wesentliches. Eines dieser Fragmente wurde vom Dichter -selbst unter dem Titel „Ein Traum“ in den Band „Ein Landarzt“ -aufgenommen. Die vollendeten Kapitel sind hier vereinigt und geordnet. -Von den unvollendeten habe ich nur eines, das offenbar nahezu vollendet -ist, mit einer leichten Umstellung von vier Zeilen als Kapitel 8 hier -eingereiht. — Im Text habe ich selbstverständlich nichts geändert. Ich -habe nur die zahlreichen Abkürzungen transkribiert (z. B. statt F. B. -„Fräulein Bürstner“ — statt T. „Titorelli“ voll ausgeschrieben) und -einige kleine Versehen berichtigt, die offensichtlich nur deshalb in -dem Manuskript stehen geblieben sind, weil es der Dichter einer -definitiven Durchsicht nicht unterworfen hat. - - - Max Brod. - - - - - - - - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER PROZESS *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you -are not located in the United States, you will have to check the laws of the -country where you are located before using this eBook. -</div> -</div> - -<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: <span lang='de' xml:lang='de'>Der Prozess</span></p> -<p style='display:block; margin-left:2em; text-indent:0; margin-top:0; margin-bottom:1em;'><span lang='de' xml:lang='de'>Roman</span></p> -<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Franz Kafka</p> -<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Release Date: November 11, 2022 [eBook #69327]</p> -<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Language: German</p> - <p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em; text-align:left'>Produced by: Jeroen Hellingman and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net/ for Project Gutenberg (This file was produced from images generously made available by The Internet Archive/Canadian Libraries)</p> -<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>DER PROZESS</span> ***</div> -<div class="front"> -<div class="div1 cover"><span class="pageNum">[<a href="#toc">Inhalt</a>]</span><div class="divBody"> -<p class="first"></p> -<div class="figure cover-imagewidth"><img src="images/frontcover.jpg" alt="Originalvorderdeckel." width="516" height="720"></div><p> -</p> -</div> -</div> -<div class="div1 titlepage"><span class="pageNum">[<a href="#toc">Inhalt</a>]</span><div class="divBody"> -<p class="first center">DIE ROMANE DES XX. JAHRHUNDERTS -</p> -<p></p> -<div class="figure series-logowidth"><img src="images/series-logo.png" alt="Logo" width="145" height="156"></div><p> -</p> -</div> -</div> -<div class="div1 frenchtitle"><span class="pageNum">[<a href="#toc">Inhalt</a>]</span><div class="divBody"> -<p class="first center large">FRANZ KAFKA -</p> -<p class="center large">DER PROZESS -</p> -</div> -</div> -<div class="div1 titlepage"><span class="pageNum">[<a href="#toc">Inhalt</a>]</span><div class="divBody"> -<p class="first"></p> -<div class="figure titlepage-imagewidth"><img src="images/titlepage.png" alt="Originaltitelblatt." width="442" height="720"></div><p> -</p> -</div> -</div> -<div class="titlePage"> -<div class="byline"><span class="docAuthor">FRANZ KAFKA</span></div> -<div class="docTitle"> -<div class="mainTitle">Der Prozess</div> -<div class="subTitle">ROMAN</div> -</div> -<div class="docImprint">VERLAG DIE SCHMIEDE<br> -BERLIN<br> -<span class="docDate">1925</span></div> -</div> -<p></p> -<div class="div1 last-child copyright"><span class="pageNum">[<a href="#toc">Inhalt</a>]</span><div class="divBody"> -<p class="first center">EINBANDENTWURF GEORG SALTER · BERLIN -</p> -<p class="center small"><span lang="en">COPYRIGHT 1925 BY</span> VERLAG DIE SCHMIEDE · BERLIN -<span class="pageNum" id="pb1">[<a href="#pb1">1</a>]</span></p> -</div> -</div> -</div> -<div class="body"> -<div id="ch1" class="div1 chapter"><span class="pageNum">[<a href="#ch1.toc">Inhalt</a>]</span><div class="divHead"> -<h2 class="label">ERSTES KAPITEL</h2> -<h2 class="main">VERHAFTUNG · GESPRÄCH MIT FRAU GRUBACH · DANN FRÄULEIN BÜRSTNER</h2> -</div> -<div class="divBody"> -<p class="first">Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, -wurde er eines Morgens verhaftet. Die Köchin der Frau Grubach, seiner Zimmervermieterin, -die ihm jeden Tag gegen acht Uhr früh das Frühstück brachte, kam diesmal nicht. Das -war noch niemals geschehen. K. wartete noch ein Weilchen, sah von seinem Kopfkissen -aus die alte Frau, die ihm gegenüber wohnte und die ihn mit einer an ihr ganz ungewöhnlichen -Neugierde beobachtete, dann aber, gleichzeitig befremdet und hungrig, läutete er. -Sofort klopfte es und ein Mann, den er in dieser Wohnung noch niemals gesehen hatte, -trat ein. Er war schlank und doch fest gebaut, er trug ein anliegendes schwarzes Kleid, -das ähnlich den Reiseanzügen <span class="pageNum" id="pb2">[<a href="#pb2">2</a>]</span>mit verschiedenen Falten, Taschen, Schnallen, Knöpfen und einem Gürtel versehen war -und infolgedessen, ohne daß man sich darüber klar wurde, wozu es dienen sollte, besonders -praktisch erschien. „Wer sind Sie?“ fragte K. und saß gleich halb aufrecht im Bett. -Der Mann aber ging über die Frage hinweg, als müsse man seine Erscheinung hinnehmen, -und sagte bloß seinerseits: „Sie haben geläutet?“ „Anna soll mir das Frühstück bringen,“ -sagte K. und versuchte zunächst stillschweigend durch Aufmerksamkeit und Überlegung -festzustellen, wer der Mann eigentlich war. Aber dieser setzte sich nicht allzu lange -seinen Blicken aus, sondern wandte sich zur Tür, die er ein wenig öffnete, um jemandem, -der offenbar knapp hinter der Tür stand, zu sagen: „Er will, daß Anna ihm das Frühstück -bringt.“ Ein kleines Gelächter im Nebenzimmer folgte, es war nach dem Klang nicht -sicher, ob nicht mehrere Personen daran beteiligt waren. Trotzdem der fremde Mann -dadurch nichts erfahren haben konnte, was er nicht schon früher gewußt hätte, sagte -er nun doch zu K. im Tone einer Meldung: „Es ist unmöglich.“ „Das wäre neu,“ sagte -K., sprang aus <span class="pageNum" id="pb3">[<a href="#pb3">3</a>]</span>dem Bett und zog rasch seine Hosen an. „Ich will doch sehn, was für Leute im Nebenzimmer -sind und wie Frau Grubach diese Störung mir gegenüber verantworten wird.“ Es fiel -ihm zwar gleich ein, daß er das nicht hätte laut sagen müssen und daß er dadurch gewissermaßen -ein Beaufsichtigungsrecht des Fremden anerkannte, aber es schien ihm jetzt nicht wichtig. -Immerhin faßte es der Fremde so auf, denn er sagte: „Wollen Sie nicht lieber hierbleiben?“ -„Ich will weder hierbleiben noch von Ihnen angesprochen werden, solange Sie sich mir -nicht vorstellen.“ „Es war gut gemeint,“ sagte der Fremde und öffnete nun freiwillig -die Tür. Im Nebenzimmer, in das K. langsamer eintrat als er wollte, sah es auf den -ersten Blick fast genau so aus, wie am Abend vorher. Es war das Wohnzimmer der Frau -Grubach, vielleicht war in diesem mit Möbeln, Decken, Porzellan und Photographien -überfüllten Zimmer heute ein wenig mehr Raum als sonst, man erkannte das nicht gleich, -um so weniger, als die Hauptveränderung in der Anwesenheit eines Mannes bestand, der -beim offenen Fenster mit einem Buch saß, von dem er jetzt aufblickte. „Sie hätten -in <span class="pageNum" id="pb4">[<a href="#pb4">4</a>]</span>Ihrem Zimmer bleiben sollen! Hat es Ihnen denn Franz nicht gesagt?“ „Ja, was wollen -Sie denn?“ sagte K. und sah von der neuen Bekanntschaft zu dem mit Franz Benannten, -der in der Tür stehengeblieben war, und dann wieder zurück. Durch das offene Fenster -erblickte man wieder die alte Frau, die mit wahrhaft greisenhafter Neugierde zu dem -jetzt gegenüberliegenden Fenster getreten war, um auch weiterhin alles zu sehn. „Ich -will doch Frau Grubach —“ sagte K., machte eine Bewegung, als reiße er sich von den -zwei Männern los, die aber weit von ihm entfernt standen, und wollte weitergehn. „Nein,“ -sagte der Mann beim Fenster, warf das Buch auf ein Tischchen und stand auf. „Sie dürfen -nicht weggehn, Sie sind ja gefangen.“ „Es sieht so aus,“ sagte K. „Und warum denn?“ -fragte er dann. „Wir sind nicht dazu bestellt, Ihnen das zu sagen. Gehn Sie in Ihr -Zimmer und warten Sie. Das Verfahren ist nun einmal eingeleitet und Sie werden alles -zur richtigen Zeit erfahren. Ich gehe über meinen Auftrag hinaus, wenn ich Ihnen so -freundschaftlich zurede. Aber ich hoffe, es hört es niemand sonst als Franz und der -ist selbst gegen alle Vorschrift freundlich zu Ihnen. Wenn Sie auch <span class="pageNum" id="pb5">[<a href="#pb5">5</a>]</span>weiterhin so viel Glück haben wie bei der Bestimmung Ihrer Wächter, dann können Sie -zuversichtlich sein.“ K. wollte sich setzen, aber nun sah er, daß im ganzen Zimmer -keine Sitzgelegenheit war, außer dem Sessel beim Fenster. „Sie werden noch einsehn, -wie wahr das alles ist,“ sagte Franz und ging gleichzeitig mit dem andern Mann auf -ihn zu. Besonders der letztere überragte K. bedeutend und klopfte ihm öfters auf die -Schulter. Beide prüften K.s Nachthemd und sagten, daß er jetzt ein viel schlechteres -Hemd werde anziehn müssen, daß sie aber dieses Hemd wie auch seine übrige Wäsche aufbewahren -und, wenn seine Sache günstig ausfallen sollte, ihm wieder zurückgeben würden. „Es -ist besser, Sie geben die Sachen uns als ins Depot,“ sagten sie, „denn im Depot kommen -öfters Unterschleife vor und außerdem verkauft man dort alle Sachen nach einer gewissen -Zeit ohne Rücksicht, ob das betreffende Verfahren zu Ende ist oder nicht. Und wie -lange dauern doch derartige Prozesse besonders in letzter Zeit. Sie bekämen dann schließlich -allerdings vom Depot den Erlös, aber dieser Erlös ist erstens an sich schon gering, -denn beim Verkauf entscheidet nicht die <span class="pageNum" id="pb6">[<a href="#pb6">6</a>]</span>Höhe des Angebotes, sondern die Höhe der Bestechung und weiter verringern sich solche -Erlöse erfahrungsgemäß, wenn sie von Hand zu Hand und von Jahr zu Jahr weitergegeben -werden.“ K. achtete auf diese Reden kaum, das Verfügungsrecht über seine Sachen, das -er vielleicht noch besaß, schätzte er nicht hoch ein, viel wichtiger war es ihm, Klarheit -über seine Lage zu bekommen; in Gegenwart dieser Leute konnte er aber nicht einmal -nachdenken, immer wieder stieß der Bauch des zweiten Wächters — es konnten ja nur -Wächter sein — förmlich freundschaftlich an ihn, sah er aber auf, dann erblickte er -ein zu diesem dicken Körper gar nicht passendes trockenes, knochiges Gesicht, mit -starker, seitlich gedrehter Nase, das sich über ihn hinweg mit dem andern Wächter -verständigte. Was waren denn das für Menschen? Wovon sprachen sie? Welcher Behörde -gehörten sie an? K. lebte doch in einem Rechtsstaat, überall herrschte Friede, alle -Gesetze bestanden aufrecht, wer wagte ihn in seiner Wohnung zu überfallen? Er neigte -stets dazu, alles möglichst leicht zu nehmen, das Schlimmste erst beim Eintritt des -Schlimmsten zu glauben, keine <span class="pageNum" id="pb7">[<a href="#pb7">7</a>]</span>Vorsorge für die Zukunft zu treffen, selbst wenn alles drohte. Hier schien ihm das -aber nicht richtig, man konnte zwar das Ganze als Spaß ansehn, als einen groben Spaß, -den ihm aus unbekannten Gründen, vielleicht weil heute sein dreißigster Geburtstag -war, die Kollegen in der Bank veranstaltet hatten, es war natürlich möglich, vielleicht -brauchte er nur auf irgendeine Weise den Wächtern ins Gesicht zu lachen und sie würden -mitlachen, vielleicht waren es Dienstmänner von der Straßenecke, sie sahen ihnen nicht -unähnlich — trotzdem war er diesmal förmlich schon seit dem ersten Anblick des Wächters -Franz entschlossen, nicht den geringsten Vorteil, den er vielleicht gegenüber diesen -Leuten besaß, aus der Hand zu geben. Darin, daß man später sagen würde, er habe keinen -Spaß verstanden, sah K. eine ganz geringe Gefahr, wohl aber erinnerte er sich — ohne -daß es sonst seine Gewohnheit gewesen wäre, aus Erfahrungen zu lernen — an einige -an sich unbedeutende Fälle, in denen er zum Unterschied von seinen Freunden mit Bewußtsein, -ohne das geringste Gefühl für die möglichen Folgen sich unvorsichtig benommen hatte -und dafür durch das <span class="pageNum" id="pb8">[<a href="#pb8">8</a>]</span>Ergebnis gestraft worden war. Es sollte nicht wieder geschehen, zumindest nicht diesmal; -war es eine Komödie, so wollte er mitspielen. -</p> -<p>Noch war er frei. „Erlauben Sie,“ sagte er und ging eilig zwischen den Wächtern durch -in sein Zimmer. „Er scheint vernünftig zu sein,“ hörte er hinter sich sagen. In seinem -Zimmer riß er gleich die Schubladen des Schreibtischs auf, es lag dort alles in großer -Ordnung, aber gerade die Legitimationspapiere, die er suchte, konnte er in der Aufregung -nicht gleich finden. Schließlich fand er seine Radfahrlegitimation und wollte schon -mit ihr zu den Wächtern gehn, dann aber schien ihm das Papier zu geringfügig und er -suchte weiter, bis er den Geburtsschein fand. Als er wieder in das Nebenzimmer zurückkam, -öffnete sich gerade die gegenüberliegende Tür und Frau Grubach wollte dort eintreten. -Man sah sie nur einen Augenblick, denn kaum hatte sie K. erkannt, als sie offenbar -verlegen wurde, um Verzeihung bat, verschwand und äußerst vorsichtig die Tür schloß. -„Kommen Sie doch herein,“ hatte K. gerade noch sagen können. Nun aber stand er mit -seinen Papieren in der Mitte des Zimmers, sah noch auf die Tür hin, die <span class="pageNum" id="pb9">[<a href="#pb9">9</a>]</span>sich nicht wieder öffnete, und wurde erst durch einen Anruf der Wächter aufgeschreckt, -die bei dem Tischchen am offenen Fenster saßen und, wie K. jetzt erkannte, sein Frühstück -verzehrten. „Warum ist sie nicht eingetreten?“ fragte er. „Sie darf nicht,“ sagte -der große Wächter. „Sie sind doch verhaftet.“ „Wie kann ich denn verhaftet sein? Und -gar auf diese Weise?“ „Nun fangen Sie also wieder an,“ sagte der Wächter und tauchte -ein Butterbrot ins Honigfäßchen. „Solche Fragen beantworten wir nicht.“ „Sie werden -sie beantworten müssen,“ sagte K. „Hier sind meine Legitimationspapiere, zeigen Sie -mir jetzt die Ihrigen und vor allem den Verhaftbefehl.“ „Du lieber Himmel!“ sagte -der Wächter, „daß Sie sich in Ihre Lage nicht fügen können und daß Sie es darauf angelegt -zu haben scheinen, uns, die wir Ihnen jetzt wahrscheinlich von allen Ihren Mitmenschen -am nächsten stehn, nutzlos zu reizen.“ „Es ist so, glauben Sie es doch,“ sagte Franz, -führte die Kaffeetasse, die er in der Hand hielt, nicht zum Mund, sondern sah K. mit -einem langen, wahrscheinlich bedeutungsvollen, aber unverständlichen Blick an. K. -ließ sich, ohne es zu wollen, in ein Zwiegespräch <span class="pageNum" id="pb10">[<a href="#pb10">10</a>]</span>der Blicke mit Franz ein, schlug dann aber doch auf seine Papiere und sagte: „Hier -sind meine Legitimationspapiere.“ „Was kümmern uns denn die?“ rief nun schon der große -Wächter. „Sie führen sich ärger auf als ein Kind. Was wollen Sie denn? Wollen Sie -Ihren großen verfluchten Prozeß dadurch zu einem raschen Ende bringen, daß Sie mit -uns, den Wächtern, über Legitimation und Verhaftbefehl diskutieren. Wir sind niedrige -Angestellte, die sich in einem Legitimationspapier kaum auskennen und die mit Ihrer -Sache nichts anderes zu tun haben, als daß sie zehn Stunden täglich bei Ihnen Wache -halten und dafür bezahlt werden. Das ist alles, was wir sind, trotzdem aber sind wir -fähig, einzusehn, daß die hohen Behörden, in deren Dienst wir stehn, ehe sie eine -solche Verhaftung verfügen, sich sehr genau über die Gründe der Verhaftung und die -Person des Verhafteten unterrichten. Es gibt darin keinen Irrtum. Unsere Behörde, -soweit ich sie kenne, und ich kenne nur die niedrigsten Grade, sucht doch nicht etwa -die Schuld in der Bevölkerung, sondern wird, wie es im Gesetz heißt, von der Schuld -angezogen und muß uns Wächter ausschicken. Das ist Gesetz. Wo <span class="pageNum" id="pb11">[<a href="#pb11">11</a>]</span>gäbe es da einen Irrtum?“ „Dieses Gesetz kenne ich nicht,“ sagte K. „Desto schlimmer -für Sie,“ sagte der Wächter. „Es besteht wohl auch nur in Ihren Köpfen,“ sagte K., -er wollte sich irgendwie in die Gedanken der Wächter einschleichen, sie zu seinen -Gunsten wenden oder sich dort einbürgern. Aber der Wächter sagte nur abweisend: „Sie -werden es zu fühlen bekommen.“ Franz mischte sich ein und sagte: „Sieh, Willem, er -gibt zu, er kenne das Gesetz nicht und behauptet gleichzeitig, schuldlos zu sein.“ -„Du hast ganz recht, aber ihm kann man nichts begreiflich machen,“ sagte der andere. -K. antwortete nicht mehr; muß ich, dachte er, durch das Geschwätz dieser niedrigsten -Organe — sie geben selbst zu, es zu sein — mich noch mehr verwirren lassen? Sie reden -doch jedenfalls von Dingen, die sie gar nicht verstehn. Ihre Sicherheit ist nur durch -ihre Dummheit möglich. Ein paar Worte, die ich mit einem mir ebenbürtigen Menschen -sprechen werde, werden alles unvergleichlich klarer machen als die längsten Reden -mit diesen. Er ging einige Male in dem freien Raum des Zimmers auf und ab, drüben -sah er die alte Frau, die einen noch viel ältern Greis zum Fenster gezerrt hatte, -den sie <span class="pageNum" id="pb12">[<a href="#pb12">12</a>]</span>umschlungen hielt. K. mußte dieser Schaustellung ein Ende machen: „Führen Sie mich -zu Ihrem Vorgesetzten,“ sagte er. „Bis er es wünscht; nicht früher,“ sagte der Wächter, -der Willem genannt worden war. „Und nun rate ich Ihnen,“ fügte er hinzu, „in Ihr Zimmer -zu gehn, sich ruhig zu verhalten und darauf zu warten, was über Sie verfügt werden -wird. Wir raten Ihnen, zerstreuen Sie sich nicht durch nutzlose Gedanken, sondern -sammeln Sie sich, es werden große Anforderungen an Sie gestellt werden. Sie haben -uns nicht so behandelt, wie es unser Entgegenkommen verdient hätte, Sie haben vergessen, -daß wir, mögen wir auch sein was immer, zumindest jetzt Ihnen gegenüber freie Männer -sind, das ist kein kleines Übergewicht. Trotzdem sind wir bereit, falls Sie Geld haben, -Ihnen ein kleines Frühstück aus dem Kaffeehaus drüben zu bringen.“ -</p> -<p>Ohne auf dieses Angebot zu antworten, stand K. ein Weilchen lang still. Vielleicht -würden ihn die beiden, wenn er die Tür des folgenden Zimmers oder gar die Tür des -Vorzimmers öffnen würde, gar nicht zu hindern wagen, vielleicht wäre es die einfachste -Lösung des Ganzen, daß er es auf die <span class="pageNum" id="pb13">[<a href="#pb13">13</a>]</span>Spitze trieb. Aber vielleicht würden sie ihn doch packen, und war er einmal niedergeworfen, -so war auch alle Überlegenheit verloren, die er jetzt ihnen gegenüber in gewisser -Hinsicht doch wahrte. Deshalb zog er die Sicherheit der Lösung vor, wie sie der natürliche -Verlauf bringen mußte, und ging in sein Zimmer zurück, ohne daß von seiner Seite oder -von Seite der Wächter ein weiteres Wort gefallen wäre. -</p> -<p>Er warf sich auf sein Bett und nahm vom Waschtisch einen schönen Apfel, den er sich -gestern abend für das Frühstück vorbereitet hatte. Jetzt war er sein einziges Frühstück -und jedenfalls, wie er sich beim ersten großen Bissen versicherte, viel besser, als -das Frühstück aus dem schmutzigen Nachtcafé gewesen wäre, das er durch die Gnade der -Wächter hätte bekommen können. Er fühlte sich wohl und zuversichtlich, in der Bank -versäumte er zwar heute vormittag seinen Dienst, aber das war bei der verhältnismäßig -hohen Stellung, die er dort einnahm, leicht entschuldigt. Sollte er die wirkliche -Entschuldigung anführen? Er gedachte es zu tun. Würde man ihm nicht glauben, was in -diesem Fall begreiflich war, so <span class="pageNum" id="pb14">[<a href="#pb14">14</a>]</span>konnte er Frau Grubach als Zeugin führen oder auch die beiden Alten von drüben, die -wohl jetzt auf dem Marsch zum gegenüberliegenden Fenster waren. Es wunderte K., wenigstens -aus dem Gedankengang der Wächter wunderte es ihn, daß sie ihn in das Zimmer getrieben -und ihn hier allein gelassen hatten, wo er doch mehrfache Möglichkeit hatte, sich -umzubringen. Gleichzeitig allerdings fragte er sich, aus seinem Gedankengang, was -für einen Grund er haben könnte, es zu tun. Etwa, weil die zwei nebenan saßen und -sein Frühstück abgefangen hatten. Es wäre so sinnlos gewesen sich umzubringen, daß -er, selbst wenn er es hätte tun wollen, infolge der Sinnlosigkeit dazu nicht imstande -gewesen wäre. Wäre die geistige Beschränktheit der Wächter nicht so auffallend gewesen, -so hätte man annehmen können, daß auch sie infolge der gleichen Überzeugung keine -Gefahr darin gesehen hätten, ihn allein zu lassen. Sie mochten jetzt, wenn sie wollten, -zusehn, wie er zu einem Wandschränkchen ging, in dem er einen guten Schnaps aufbewahrte, -wie er ein Gläschen zuerst zum Ersatz des Frühstücks leerte und wie er ein zweites -Gläschen dazu bestimmte, <span class="pageNum" id="pb15">[<a href="#pb15">15</a>]</span>ihm Mut zu machen, das letztere nur aus Vorsicht für den unwahrscheinlichen Fall, -daß es nötig sein sollte. -</p> -<p>Da erschreckte ihn ein Zuruf aus dem Nebenzimmer derartig, daß er mit den Zähnen ans -Glas schlug. „Der Aufseher ruft Sie,“ hieß es. Es war nur das Schreien, das ihn erschreckte, -dieses kurze abgehackte militärische Schreien, das er dem Wächter Franz gar nicht -zugetraut hätte. Der Befehl selbst war ihm sehr willkommen, „endlich“, rief er zurück, -versperrte den Wandschrank und eilte sofort ins Nebenzimmer. Dort standen die zwei -Wächter und jagten ihn, als wäre das selbstverständlich, wieder in sein Zimmer zurück. -„Was fällt Euch ein?“ riefen sie, „im Hemd wollt Ihr vor den Aufseher? Er läßt Euch -durchprügeln und uns mit.“ „Laßt mich, zum Teufel,“ rief K., der schon bis zu seinem -Kleiderkasten zurückgedrängt war, „wenn man mich im Bett überfällt, kann man nicht -erwarten, mich im Festanzug zu finden.“ „Es hilft nichts,“ sagten die Wächter, die -immer, wenn K. schrie, ganz ruhig, ja fast traurig wurden und ihn dadurch verwirrten -oder gewissermaßen zur Besinnung brachten. „Lächerliche Zeremonien!“ <span class="pageNum" id="pb16">[<a href="#pb16">16</a>]</span>brummte er noch, hob aber schon einen Rock vom Stuhl und hielt ihn ein Weilchen mit -beiden Händen, als unterbreite er ihn dem Urteil der Wächter. Sie schüttelten die -Köpfe. „Es muß ein schwarzer Rock sein,“ sagten sie. K. warf daraufhin den Rock zu -Boden und sagte — er wußte selbst nicht, in welchem Sinn er es sagte —: „Es ist doch -noch nicht die Hauptverhandlung.“ Die Wächter lächelten, blieben aber bei ihrem: „Es -muß ein schwarzer Rock sein.“ „Wenn ich dadurch die Sache beschleunige, soll es mir -recht sein,“ sagte K., öffnete selbst den Kleiderkasten, suchte lange unter den vielen -Kleidern, wählte sein bestes schwarzes Kleid, ein Jackettkleid, das durch seine Taille -unter den Bekannten fast Aufsehen gemacht hatte, zog nun auch ein anderes Hemd hervor -und begann sich sorgfältig anzuziehn. Im Geheimen glaubte er eine Beschleunigung des -Ganzen damit erreicht zu haben, daß die Wächter vergessen hatten, ihn zum Bad zu zwingen. -Er beobachtete sie, ob sie sich vielleicht daran doch erinnern würden, aber das fiel -ihnen natürlich gar nicht ein, dagegen vergaß Willem nicht, Franz mit der Meldung, -daß sich K. anziehe, zum Aufseher zu schicken. -<span class="pageNum" id="pb17">[<a href="#pb17">17</a>]</span></p> -<p>Als er vollständig angezogen war, mußte er knapp vor Willem durch das leere Nebenzimmer -in das folgende Zimmer gehn, dessen Tür mit beiden Flügeln bereits geöffnet war. Dieses -Zimmer wurde, wie K. genau wußte, seit kurzer Zeit von einem Fräulein Bürstner, einer -Schreibmaschinistin, bewohnt, die sehr früh in die Arbeit zu gehen pflegte, spät nach -Hause kam und mit der K. nicht viel mehr als die Grußworte gewechselt hatte. Jetzt -war das Nachttischchen von ihrem Bett als Verhandlungstisch in die Mitte des Zimmers -gerückt und der Aufseher saß hinter ihm. Er hatte die Beine übereinandergeschlagen -und einen Arm auf die Rückenlehne des Stuhles gelegt. -</p> -<p>In einer Ecke des Zimmers standen drei junge Leute und sahen die Photographien des -Fräulein Bürstner an, die in einer an der Wand aufgehängten Matte steckten. An der -Klinke des offenen Fensters hing eine weiße Bluse. Im gegenüberliegenden Fenster lagen -wieder die zwei Alten, doch hatte sich ihre Gesellschaft vergrößert, denn hinter ihnen, -sie weit überragend, stand ein Mann mit einem auf der Brust offenen Hemd, der seinen -rötlichen Spitzbart mit den Fingern drückte und drehte. <span class="pageNum" id="pb18">[<a href="#pb18">18</a>]</span>„Josef K?“ fragte der Aufseher, vielleicht nur um K.s zerstreute Blicke auf sich zu -lenken. K. nickte. „Sie sind durch die Vorgänge des heutigen Morgens wohl sehr überrascht,“ -fragte der Aufseher und verschob dabei mit beiden Händen die paar Gegenstände, die -auf dem Nachttischchen lagen, die Kerze mit Zündhölzchen, ein Buch und ein Nadelkissen, -als seien es Gegenstände, die er zur Verhandlung benötige. „Gewiß,“ sagte K. und das -Wohlgefühl, endlich einem vernünftigen Menschen gegenüberzustehen und über seine Angelegenheit -mit ihm sprechen zu können, ergriff ihn, „gewiß, ich bin überrascht, aber ich bin -keineswegs sehr überrascht.“ „Nicht sehr überrascht?“ fragte der Aufseher und stellte -nun die Kerze in die Mitte des Tischchens, während er die andern Sachen um sie gruppierte. -„Sie mißverstehen mich vielleicht,“ beeilte sich K. zu bemerken. „Ich meine“ — Hier -unterbrach sich K. und sah sich nach einem Sessel um. „Ich kann mich doch setzen?“ -fragte er. „Es ist nicht üblich,“ antwortete der Aufseher. „Ich meine,“ sagte nun -K. ohne weitere Pause, „ich bin allerdings sehr überrascht, aber man ist, wenn man -30 Jahre auf der Welt ist und sich allein hat durchschlagen <span class="pageNum" id="pb19">[<a href="#pb19">19</a>]</span>müssen, wie es mir beschieden war, gegen Überraschungen abgehärtet und nimmt sie nicht -zu schwer. Besonders die heutige nicht.“ „Warum besonders die heutige nicht?“ „Ich -will nicht sagen, daß ich das Ganze für einen Spaß ansehe, dafür scheinen mir die -Veranstaltungen, die gemacht wurden, doch zu umfangreich. Es müßten alle Mitglieder -der Pension daran beteiligt sein und auch Sie alle, das ginge über die Grenzen eines -Spaßes. Ich will also nicht sagen, daß es ein Spaß ist.“ „Ganz richtig,“ sagte der -Aufseher und sah nach, wieviel Zündhölzchen in der Zündhölzchenschachtel waren. „Andererseits -aber,“ fuhr K. fort und wandte sich hierbei an alle und hätte gern sogar die drei -bei den Photographien sich zugewendet, „andererseits aber kann die Sache auch nicht -viel Wichtigkeit haben. Ich folgere das daraus, daß ich angeklagt bin, aber nicht -die geringste Schuld auffinden kann, wegen deren man mich anklagen könnte. Aber auch -das ist nebensächlich, die Hauptfrage ist, von wem bin ich angeklagt? Welche Behörde -führt das Verfahren? Sind Sie Beamte? Keiner hat eine Uniform, wenn man nicht Ihr -Kleid — hier wandte er sich an Franz — <span class="pageNum" id="pb20">[<a href="#pb20">20</a>]</span>eine Uniform nennen will, aber es ist doch eher ein Reiseanzug. In diesen Fragen verlange -ich Klarheit und ich bin überzeugt, daß wir nach dieser Klarstellung voneinander den -herzlichsten Abschied werden nehmen können.“ Der Aufseher schlug die Zündhölzchenschachtel -auf den Tisch nieder. „Sie befinden sich in einem großen Irrtum,“ sagte er. „Diese -Herren hier und ich sind für Ihre Angelegenheit vollständig nebensächlich, ja wir -wissen sogar von ihr fast nichts. Wir könnten die regelrechtesten Uniformen tragen -und Ihre Sache würde um nichts schlechter stehn. Ich kann Ihnen auch durchaus nicht -sagen, daß Sie angeklagt sind, oder vielmehr ich weiß nicht, ob Sie es sind. Sie sind -verhaftet, das ist richtig, mehr weiß ich nicht. Vielleicht haben die Wächter etwas -anderes geschwätzt, dann ist es eben nur Geschwätz gewesen. Wenn ich nun aber auch -Ihre Fragen nicht beantworte, so kann ich Ihnen doch raten, denken Sie weniger an -uns und an das, was mit Ihnen geschehen wird, denken Sie lieber mehr an sich. Und -machen Sie keinen solchen Lärm mit dem Gefühl Ihrer Unschuld, es stört den nicht gerade -schlechten Eindruck, den Sie im übrigen machen. <span class="pageNum" id="pb21">[<a href="#pb21">21</a>]</span>Auch sollten Sie überhaupt im Reden zurückhaltender sein, fast alles, was Sie vorhin -gesagt haben, hätte man auch, wenn Sie nur ein paar Worte gesagt hätten, Ihrem Verhalten -entnehmen können, außerdem war es nichts für Sie übermäßig Günstiges.“ -</p> -<p>K. starrte den Aufseher an. Schulmäßige Lehren bekam er hier von einem vielleicht -jüngeren Menschen? Für seine Offenheit wurde er mit einer Rüge bestraft? Und über -den Grund seiner Verhaftung und über deren Auftraggeber erfuhr er nichts? -</p> -<p>Er geriet in eine gewisse Aufregung, ging auf und ab, woran ihn niemand hinderte, -schob seine Manschetten zurück, befühlte die Brust, strich sein Haar zurecht, kam -an den drei Herren vorüber, sagte, „es ist ja sinnlos“, worauf sich diese zu ihm umdrehten -und ihn entgegenkommend, aber ernst ansahen, und machte endlich wieder vor dem Tisch -des Aufsehers halt. „Der Staatsanwalt Hasterer ist mein guter Freund,“ sagte er „kann -ich ihm telephonieren?“ „Gewiß,“ sagte der Aufseher, „aber ich weiß nicht, welchen -Sinn das haben sollte, es müßte denn sein, daß Sie irgendeine private Angelegenheit -<span class="pageNum" id="pb22">[<a href="#pb22">22</a>]</span>mit ihm zu besprechen haben.“ „Welchen Sinn?“ rief K. mehr bestürzt als geärgert. -„Wer sind Sie denn? Sie wollen einen Sinn und führen das Sinnloseste auf, was es gibt. -Ist es nicht zum Steinerweichen? Die Herren haben mich zuerst überfallen und jetzt -sitzen oder stehn sie hier herum und lassen mich vor Ihnen die hohe Schule reiten. -Welchen Sinn es hätte, an einen Staatsanwalt zu telephonieren, wenn ich angeblich -verhaftet bin? Gut, ich werde nicht telephonieren.“ „Aber doch,“ sagte der Aufseher -und streckte die Hand zum Vorzimmer aus, wo das Telephon war, „bitte telephonieren -Sie doch.“ „Nein, ich will nicht mehr,“ sagte K. und ging zum Fenster. Drüben war -noch die Gesellschaft beim Fenster und schien nur jetzt dadurch, daß K. ans Fenster -herangetreten war, in der Ruhe des Zuschauens ein wenig gestört. Die Alten wollten -sich erheben, aber der Mann hinter ihnen beruhigte sie. „Dort sind auch solche Zuschauer,“ -rief K. ganz laut dem Aufseher zu und zeigte mit dem Zeigefinger hinaus. „Weg von -dort,“ rief er dann hinüber. Die drei wichen auch sofort ein paar Schritte zurück, -die beiden Alten sogar noch hinter den Mann, der <span class="pageNum" id="pb23">[<a href="#pb23">23</a>]</span>sie mit seinem breiten Körper deckte und, nach seinen Mundbewegungen zu schließen, -irgend etwas auf die Entfernung hin Unverständliches sagte. Ganz aber verschwanden -sie nicht, sondern schienen auf den Augenblick zu warten, bis sie sich unbemerkt wieder -dem Fenster nähern könnten. „Zudringliche, rücksichtslose Leute!“ sagte K., als er -sich im Zimmer zurückwendete. Der Aufseher stimmte ihm möglicherweise zu, wie K. mit -einem Seitenblick zu erkennen glaubte. Aber es war ebensogut möglich, daß er gar nicht -zugehört hatte, denn er hatte eine Hand fest auf den Tisch gedrückt und schien die -Finger ihrer Länge nach zu vergleichen. Die zwei Wächter saßen auf einen mit einer -Schmuckdecke verhüllten Koffer und rieben ihre Knie. Die drei jungen Leute hatten -die Hände in die Hüften gelegt und sahen ziellos herum. Es war still wie in irgendeinem -vergessenen Bureau. „Nun, meine Herren,“ rief K., es schien ihm einen Augenblick lang, -als trage er alle auf seinen Schultern, „Ihrem Aussehn nach zu schließen, dürfte meine -Angelegenheit beendet sein. Ich bin der Ansicht, daß es am besten ist, über die Berechtigung -oder Nichtberechtigung <span class="pageNum" id="pb24">[<a href="#pb24">24</a>]</span>Ihres Vorgehns nicht mehr nachzudenken und der Sache durch einen gegenseitigen Händedruck -einen versöhnlichen Abschluß zu geben. Wenn auch Sie meiner Ansicht sind, dann bitte“ -— und er trat an den Tisch des Aufsehers hin und reichte ihm die Hand. Der Aufseher -hob die Augen, nagte an den Lippen und sah auf K.s ausgestreckte Hand, noch immer -glaubte K., der Aufseher werde einschlagen. Dieser aber stand auf, nahm einen harten -runden Hut, der auf Fräulein Bürstners Bett lag und setzte sich ihn vorsichtig mit -beiden Händen auf, wie man es bei der Anprobe neuer Hüte tut. „Wie einfach Ihnen alles -scheint!“ sagte er dabei zu K., „wir sollten der Sache einen versöhnlichen Abschluß -geben, meinten Sie? Nein, nein, das geht wirklich nicht. Womit ich andererseits durchaus -nicht sagen will, daß Sie verzweifeln sollen. Nein, warum denn? Sie sind nur verhaftet, -nichts weiter. Das hatte ich Ihnen mitzuteilen, habe es getan und habe auch gesehn, -wie Sie es aufgenommen haben. Damit ist es für heute genug und wir können uns verabschieden, -allerdings nur vorläufig. Sie werden wohl jetzt in die Bank gehn wollen?“ „In die -Bank?“ fragte K., „ich dachte, <span class="pageNum" id="pb25">[<a href="#pb25">25</a>]</span>ich wäre verhaftet.“ K. fragte mit einem gewissen Trotz, denn obwohl sein Handschlag -nicht angenommen worden war, fühlte er sich, insbesondere seitdem der Aufseher aufgestanden -war, immer unabhängiger von allen diesen Leuten. Er spielte mit ihnen. Er hatte die -Absicht, falls sie weggehn sollten, bis zum Haustor nachzulaufen und ihnen seine Verhaftung -anzubieten. Darum wiederholte er auch: „Wie kann ich denn in die Bank gehn, da ich -verhaftet bin?“ „Ach so,“ sagte der Aufseher, der schon bei der Tür war, „Sie haben -mich mißverstanden. Sie sind verhaftet, gewiß, aber das soll Sie nicht hindern, Ihren -Beruf zu erfüllen. Sie sollen auch in Ihrer gewöhnlichen Lebensweise nicht gehindert -sein.“ „Dann ist das Verhaftetsein nicht sehr schlimm,“ sagte K. und ging nahe an -den Aufseher heran. „Ich meinte es niemals anders,“ sagte dieser. „Es scheint aber -dann nicht einmal die Mitteilung der Verhaftung sehr notwendig gewesen zu sein,“ sagte -K. und ging noch näher. Auch die andern hatten sich genähert. Alle waren jetzt auf -einem engen Raum bei der Tür versammelt. „Es war meine Pflicht,“ sagte der Aufseher. -„Eine dumme Pflicht,“ sagte K. unnachgiebig. <span class="pageNum" id="pb26">[<a href="#pb26">26</a>]</span>„Mag sein,“ antwortete der Aufseher, „aber wir wollen mit solchen Reden nicht unsere -Zeit verlieren. Ich hatte angenommen, daß Sie in die Bank gehn wollen. Da Sie auf -alle Worte aufpassen, füge ich hinzu: ich zwinge Sie nicht in die Bank zu gehn, ich -hatte nur angenommen, daß Sie es wollen. Und um Ihnen das zu erleichtern, und Ihre -Ankunft in der Bank möglichst unauffällig zu machen, habe ich diese drei Herren, Ihre -Kollegen, hier zu Ihrer Verfügung gehalten.“ „Wie?“ rief K. und staunte die drei an. -Diese so uncharakteristischen blutarmen jungen Leute, die er immer noch nur als Gruppe -bei den Photographien in der Erinnerung hatte, waren tatsächlich Beamte aus seiner -Bank, nicht Kollegen, das war zu viel gesagt und bereits eine Lücke in der Allwissenheit -des Aufsehers, aber untergeordnete Beamte aus der Bank waren es allerdings. Wie hatte -K. das übersehen können? Wie hatte er doch hingenommen sein müssen, von dem Aufseher -und den Wächtern, um diese drei nicht zu erkennen. Den steifen, die Hände schwingenden -Rabensteiner, den blonden Kullich mit den tiefliegenden Augen und Kaminer mit dem -unausstehlichen, durch eine <span class="pageNum" id="pb27">[<a href="#pb27">27</a>]</span>chronische Muskelzerrung bewirkten Lächeln, „Guten Morgen!“ sagte K. nach einem Weilchen -und reichte den sich korrekt verbeugenden Herren die Hand. „Ich habe Sie gar nicht -erkannt. Nun werden wir also an die Arbeit gehn, nicht?“ Die Herren nickten lachend -und eifrig, als hätten sie die ganze Zeit über darauf gewartet, nur als K. seinen -Hut vermißte, der in seinem Zimmer liegen geblieben war, liefen sie sämtlich hintereinander -ihn holen, was immerhin auf eine gewisse Verlegenheit schließen ließ. K. stand still -und sah ihnen durch die zwei offenen Türen nach, der letzte war natürlich der gleichgültige -Rabensteiner, der bloß einen eleganten Trab angeschlagen hatte. Kaminer überreichte -den Hut und K. mußte sich, wie dies übrigens auch öfters in der Bank nötig war, ausdrücklich -sagen, daß Kaminers Lächeln nicht Absicht war, ja daß er überhaupt absichtlich nicht -lächeln konnte. Im Vorzimmer öffnete dann Frau Grubach, die gar nicht sehr schuldbewußt -aussah, der ganzen Gesellschaft die Wohnungstür und K. sah, wie so oft, auf ihr Schürzenband -nieder, das so unnötig tief in ihren mächtigen Leib einschnitt. Unten entschloß sich -K., die Uhr <span class="pageNum" id="pb28">[<a href="#pb28">28</a>]</span>in der Hand, ein Automobil zu nehmen, um die schon halbstündige Verspätung nicht unnötig -zu vergrößern. Kaminer lief zur Ecke, um den Wagen zu holen, die zwei andern versuchten -offensichtlich K. zu zerstreuen, als plötzlich Kullich auf das gegenüberliegende Haustor -zeigte, in dem eben der große Mann mit dem blonden Spitzbart erschien und im ersten -Augenblick, ein wenig verlegen darüber, daß er sich jetzt in seiner ganzen Größe zeigte, -zur Wand zurücktrat und sich anlehnte. Die Alten waren wohl noch auf der Treppe. K. -ärgerte sich über Kullich, daß dieser auf den Mann aufmerksam machte, den er selbst -schon früher gesehen, ja den er sogar erwartet hatte. „Schauen Sie nicht hin,“ stieß -er hervor, ohne zu bemerken, wie auffallend eine solche Redeweise gegenüber selbständigen -Männern war. Es war aber auch keine Erklärung nötig, denn gerade kam das Automobil, -man setzte sich und fuhr los. Da erinnerte sich K., daß er das Weggehn des Aufsehers -und der Wächter gar nicht bemerkt hatte, der Aufseher hatte ihm die drei Beamten verdeckt -und nun wieder die Beamten den Aufseher. Viel Geistesgegenwart bewies das nicht, und -K. nahm <span class="pageNum" id="pb29">[<a href="#pb29">29</a>]</span>sich vor, sich in dieser Hinsicht genauer zu beobachten. Doch drehte er sich noch -unwillkürlich um und beugte sich über das Hinterdeck des Automobils vor, um möglicherweise -den Aufseher und die Wächter noch zu sehn. Aber gleich wendete er sich wieder zurück, -und lehnte sich bequem in die Wagenecke ohne auch nur den Versuch gemacht zu haben, -jemanden zu suchen. Trotzdem es nicht den Anschein hatte, hätte er gerade jetzt Zuspruch -nötig gehabt, aber nun schienen die Herren ermüdet, Rabensteiner sah rechts aus dem -Wagen, Kullich links und nur Kaminer stand mit seinem Grinsen zur Verfügung, über -das einen Spaß zu machen leider die Menschlichkeit verbot. -</p> -<p class="tb">*</p><p> -</p> -<p>In diesem Frühjahr pflegte K. die Abende in der Weise zu verbringen, daß er nach der -Arbeit, wenn dies noch möglich war — er saß meistens bis 9 Uhr im Bureau — einen kleinen -Spaziergang allein oder mit Beamten machte und dann in eine Bierstube ging, wo er -an einem Stammtisch mit meist ältern Herren gewöhnlich bis 11 Uhr beisammen saß. Es -gab aber auch Ausnahmen von dieser Einteilung, <span class="pageNum" id="pb30">[<a href="#pb30">30</a>]</span>wenn K. z. B. vom Bankdirektor, der seine Arbeitskraft und Vertrauenswürdigkeit sehr -schätzte, zu einer Autofahrt oder zu einem Abendessen in seiner Villa eingeladen wurde. -Außerdem ging K. einmal in der Woche zu einem Mädchen namens Elsa, die während der -Nacht bis in den späten Morgen als Kellnerin in einer Weinstube bediente und während -des Tages nur vom Bett aus Besuche empfing. -</p> -<p>An diesem Abend aber — der Tag war unter angestrengter Arbeit und vielen ehrenden -und freundschaftlichen Geburtstagswünschen schnell verlaufen — wollte K. sofort nach -Hause gehn. In allen kleinen Pausen der Tagesarbeit hatte er daran gedacht; ohne genau -zu wissen, was er meinte, schien es ihm, als ob durch die Vorfälle des Morgens eine -große Unordnung in der ganzen Wohnung der Frau Grubach verursacht worden sei und daß -gerade er nötig sei, um die Ordnung wiederherzustellen. War aber einmal diese Ordnung -hergestellt, dann war jede Spur jener Vorfälle ausgelöscht und alles nahm seinen alten -Gang wieder auf. Insbesondere von den drei Beamten war nichts zu befürchten, sie waren -wieder in die große Beamtenschaft <span class="pageNum" id="pb31">[<a href="#pb31">31</a>]</span>der Bank versenkt, es war keine Veränderung an ihnen zu bemerken. K. hatte sie öfters -einzeln und gemeinsam in sein Bureau berufen, zu keinem andern Zweck, als um sie zu -beobachten; immer hatte er sie befriedigt entlassen können. -</p> -<p>Als er um ½10 Uhr abends vor dem Hause, in dem er wohnte, ankam, traf er im Haustor -einen jungen Burschen, der dort breitbeinig stand und eine Pfeife rauchte. „Wer sind -Sie,“ fragte K. sofort und brachte sein Gesicht nahe an den Burschen, man sah nicht -viel im Halbdunkel des Flurs. „Ich bin der Sohn des Hausmeisters, gnädiger Herr,“ -antwortete der Bursche, nahm die Pfeife aus dem Mund und trat zur Seite. „Der Sohn -des Hausmeisters?“ fragte K. und klopfte mit seinem Stock ungeduldig den Boden. „Wünscht -der gnädige Herr etwas? Soll ich den Vater holen?“ „Nein, nein,“ sagte K., in seiner -Stimme lag etwas Verzeihendes, als habe der Bursche etwas Böses ausgeführt, er aber -verzeihe ihm. „Es ist gut,“ sagte er dann und ging weiter, aber ehe er die Treppe -hinaufstieg, drehte er sich noch einmal um. -</p> -<p>Er hätte geradewegs in sein Zimmer gehen können, aber da er mit Frau Grubach sprechen -<span class="pageNum" id="pb32">[<a href="#pb32">32</a>]</span>wollte, klopfte er gleich an ihre Türe an. Sie saß mit einem Strickstrumpf am Tisch, -auf dem noch ein Haufen alter Strümpfe lag. K. entschuldigte sich zerstreut, daß er -so spät komme, aber Frau Grubach war sehr freundlich und wollte keine Entschuldigung -hören, für ihn sei sie immer zu sprechen, er wisse sehr gut, daß er ihr bester und -liebster Mieter sei. K. sah sich im Zimmer um, es war wieder vollkommen in seinem -alten Zustand, das Frühstücksgeschirr, das früh auf dem Tischchen beim Fenster gestanden -hatte, war auch schon weggeräumt. Frauenhände bringen doch im Stillen viel fertig, -dachte er, er hätte das Geschirr vielleicht auf der Stelle zerschlagen, aber gewiß -nicht hinaustragen können. Er sah Frau Grubach mit einer gewissen Dankbarkeit an. -„Warum arbeiten Sie noch so spät,“ fragte er. Sie saßen nun beide am Tisch und K. -vergrub von Zeit zu Zeit seine Hand in die Strümpfe. „Es gibt viel Arbeit,“ sagte -sie, „während des Tages gehöre ich den Mietern; wenn ich meine Sachen in Ordnung bringen -will, bleiben mir nur die Abende.“ „Ich habe Ihnen heute wohl noch eine außergewöhnliche -Arbeit gemacht.“ „Wieso denn,“ fragte sie, etwas eifriger <span class="pageNum" id="pb33">[<a href="#pb33">33</a>]</span>werdend, die Arbeit ruhte in ihrem Schoße. „Ich meine die Männer, die heute früh hier -waren.“ „Ach so,“ sagte sie und kehrte wieder in ihre Ruhe zurück, „das hat mir keine -besondere Arbeit gemacht.“ K. sah schweigend zu, wie sie den Strickstrumpf wieder -vornahm. Sie scheint sich zu wundern, daß ich davon spreche, dachte er, sie scheint -es nicht für richtig zu halten, daß ich davon spreche. Desto wichtiger ist es, daß -ich es tue. Nur mit einer alten Frau kann ich davon sprechen. „Doch, Arbeit hat es -gewiß gemacht,“ sagte er dann, „aber es wird nicht wieder vorkommen.“ „Nein, das kann -nicht wieder vorkommen,“ sagte sie bekräftigend und lächelte K. fast wehmütig an. -„Meinen Sie das ernstlich?“ fragte K. „Ja,“ sagte sie leiser, „aber vor allem dürfen -Sie es nicht zu schwer nehmen. Was geschieht nicht alles in der Welt! Da Sie so vertraulich -mit mir reden, Herr K., kann ich Ihnen ja eingestehen, daß ich ein wenig hinter der -Tür gehorcht habe und daß mir auch die beiden Wächter einiges erzählt haben. Es handelt -sich ja um Ihr Glück, und das liegt mir wirklich am Herzen, mehr als mir vielleicht -zusteht, denn ich bin ja <span class="pageNum" id="pb34">[<a href="#pb34">34</a>]</span>bloß die Vermieterin. Nun, ich habe also einiges gehört, aber ich kann nicht sagen, -daß es etwas besonders Schlimmes war. Nein. Sie sind zwar verhaftet, aber nicht so -wie ein Dieb verhaftet wird. Wenn man wie ein Dieb verhaftet wird, so ist es schlimm, -aber diese Verhaftung—. Es kommt mir wie etwas Gelehrtes vor, entschuldigen Sie, wenn -ich etwas Dummes sage, es kommt mir wie etwas Gelehrtes vor, das ich zwar nicht verstehe, -das man aber auch nicht verstehen muß.“ -</p> -<p>„Es ist gar nichts Dummes, was Sie gesagt haben, Frau Grubach, wenigstens bin auch -ich zum Teil Ihrer Meinung, nur urteile ich über das Ganze noch schärfer als Sie, -und halte es einfach nicht einmal für etwas Gelehrtes, sondern überhaupt für nichts. -Ich wurde überrumpelt, das war es. Wäre ich gleich nach dem Erwachen, ohne mich durch -das Ausbleiben der Anna beirren zu lassen, aufgestanden und ohne Rücksicht auf irgend -jemand, der mir in den Weg getreten wäre, zu Ihnen gegangen, hätte ich diesmal ausnahmsweise -etwa in der Küche gefrühstückt, hätte mir von Ihnen die Kleidungsstücke aus meinem -Zimmer bringen lassen, kurz, hätte ich vernünftig gehandelt, <span class="pageNum" id="pb35">[<a href="#pb35">35</a>]</span>so wäre nichts weiter geschehen, es wäre alles, was werden wollte, erstickt worden. -Man ist aber so wenig vorbereitet. In der Bank z. B. bin ich vorbereitet, dort könnte -mir etwas Derartiges unmöglich geschehn, ich habe dort einen eigenen Diener, das allgemeine -Telephon und das Bureautelephon stehn vor mir auf dem Tisch, immerfort kommen Leute, -Parteien und Beamte, außerdem aber und vor allem bin ich dort immerfort im Zusammenhang -der Arbeit, daher geistesgegenwärtig, es würde mir geradezu ein Vergnügen machen, -dort einer solchen Sache gegenübergestellt zu werden. Nun, es ist vorüber und ich -wollte eigentlich auch gar nicht mehr darüber sprechen, nur Ihr Urteil, das Urteil -einer vernünftigen Frau wollte ich hören und bin sehr froh, daß wir darin übereinstimmen. -Nun müssen Sie mir aber die Hand reichen, eine solche Übereinstimmung muß durch Handschlag -bekräftigt werden.“ -</p> -<p>Ob sie mir die Hand reichen wird? Der Aufseher hat mir die Hand nicht gereicht, dachte -er und sah die Frau anders als früher, prüfend an. Sie stand auf, weil auch er aufgestanden -war, sie war ein wenig befangen, weil ihr nicht alles, was K. gesagt <span class="pageNum" id="pb36">[<a href="#pb36">36</a>]</span>hatte, verständlich gewesen war. Infolge dieser Befangenheit sagte sie aber etwas, -was sie gar nicht wollte und was auch gar nicht am Platze war: „Nehmen Sie es doch -nicht so schwer, Herr K.,“ sagte sie, hatte Tränen in der Stimme und vergaß natürlich -auch den Handschlag. „Ich wüßte nicht, daß ich es schwer nehme,“ sagte K. plötzlich -ermüdet und das Wertlose aller Zustimmungen dieser Frau einsehend. -</p> -<p>Bei der Tür fragte er noch: „Ist Fräulein Bürstner zu Hause?“ „Nein,“ sagte Frau Grubach -und lächelte bei dieser trockenen Auskunft mit einer verspäteten vernünftigen Teilnahme. -„Sie ist im Theater. Wollten Sie etwas von ihr? Soll ich ihr etwas ausrichten?“ „Ach, -ich wollte nur paar Worte mit ihr reden.“ „Ich weiß leider nicht, wann sie kommt; -wenn sie im Theater ist, kommt sie gewöhnlich spät.“ „Das ist ja ganz gleichgültig,“ -sagte K. und drehte schon den gesenkten Kopf der Tür zu, um wegzugehn, „ich wollte -mich nur bei ihr entschuldigen, daß ich heute ihr Zimmer in Anspruch genommen habe.“ -„Das ist nicht nötig, Herr K., Sie sind zu rücksichtsvoll, das Fräulein weiß ja von -gar nichts, sie war seit dem frühen <span class="pageNum" id="pb37">[<a href="#pb37">37</a>]</span>Morgen noch nicht zu Hause, es ist auch schon alles in Ordnung gebracht, sehen Sie -selbst.“ Und sie öffnete die Tür zu Fräulein Bürstners Zimmer. „Danke, ich glaube -es,“ sagte K., ging dann aber doch zu der offenen Tür. Der Mond schien still in das -dunkle Zimmer. Soviel man sehen konnte, war wirklich alles an seinem Platz, auch die -Bluse hing nicht mehr an der Fensterklinke. Auffallend hoch schienen die Polster im -Bett, sie lagen zum Teil im Mondlicht. „Das Fräulein kommt oft spät nach Hause,“ sagte -K. und sah Frau Grubach an, als trage sie die Verantwortung dafür. „Wie eben junge -Leute sind!“ sagte Frau Grubach entschuldigend. „Gewiß, gewiß,“ sagte K., „es kann -aber zu weit gehen.“ „Das kann es,“ sagte Frau Grubach, „wie sehr haben Sie recht, -Herr K. Vielleicht sogar in diesem Fall. Ich will Fräulein Bürstner gewiß nicht verleumden, -sie ist ein gutes liebes Mädchen, freundlich, ordentlich, pünktlich, arbeitsam, ich -schätze das alles sehr, aber eines ist wahr, sie sollte stolzer, zurückhaltender sein. -Ich habe sie in diesem Monat schon zweimal in entlegenen Straßen und immer mit einem -andern Herrn gesehn. Es ist mir sehr peinlich, ich erzähle es <span class="pageNum" id="pb38">[<a href="#pb38">38</a>]</span>beim wahrhaftigen Gott nur Ihnen, Herr K., aber es wird sich nicht vermeiden lassen, -daß ich auch mit dem Fräulein selbst darüber spreche. Es ist übrigens nicht das einzige, -das sie mir verdächtig macht.“ „Sie sind auf ganz falschem Weg,“ sagte K. wütend und -fast unfähig es zu verbergen, „übrigens haben Sie offenbar auch meine Bemerkung über -das Fräulein mißverstanden, so war es nicht gemeint. Ich warne Sie sogar aufrichtig, -dem Fräulein irgend etwas zu sagen, Sie sind durchaus im Irrtum, ich kenne das Fräulein -sehr gut, es ist nichts davon wahr, was Sie sagten. Übrigens vielleicht gehe ich zu -weit, ich will Sie nicht hindern, sagen Sie ihr, was Sie wollen. Gute Nacht.“ „Herr -K.,“ sagte Frau Grubach bittend und eilte K. bis zu seiner Tür nach, die er schon -geöffnet hatte, „ich will ja noch gar nicht mit dem Fräulein reden, natürlich will -ich sie vorher noch weiter beobachten, nur Ihnen habe ich anvertraut, was ich wußte. -Schließlich muß es doch im Sinne jedes Mieters sein, wenn man die Pension rein zu -erhalten sucht, und nichts anderes ist mein Bestreben dabei.“ „Die Reinheit!“ rief -K. noch durch die Spalte der Tür, „wenn sie die Pension rein erhalten wollen, <span class="pageNum" id="pb39">[<a href="#pb39">39</a>]</span>müssen Sie zuerst mir kündigen.“ Dann schlug er die Tür zu, ein leises Klopfen beachtete -er nicht mehr. -</p> -<p>Dagegen beschloß er, da er gar keine Lust zum Schlafen hatte, noch wachzubleiben und -bei dieser Gelegenheit auch festzustellen, wann Fräulein Bürstner kommen würde. Vielleicht -wäre es dann auch möglich, so unpassend es sein mochte, noch ein paar Worte mit ihr -zu reden. Als er im Fenster lag und die müden Augen drückte, dachte er einen Augenblick -sogar daran, Frau Grubach zu bestrafen und Fräulein Bürstner zu überreden, gemeinsam -mit ihm zu kündigen. Sofort aber erschien ihm das entsetzlich übertrieben und er hatte -sogar den Verdacht gegen sich, daß er darauf ausging, die Wohnung wegen der Vorfälle -am Morgen zu wechseln. Nichts wäre unsinniger und vor allem zweckloser und verächtlicher -gewesen. -</p> -<p>Als er des Hinausschauens auf die leere Straße überdrüssig geworden war, legte er -sich auf das Kanapee, nachdem er die Tür zum Vorzimmer ein wenig geöffnet hatte, um -jeden, der die Wohnung betrat, gleich vom Kanapee aus sehen zu können. Etwa bis 11 -Uhr lag er ruhig, eine Zigarre rauchend, <span class="pageNum" id="pb40">[<a href="#pb40">40</a>]</span>auf dem Kanapee. Von da ab hielt er es aber nicht mehr dort aus, sondern ging ein -wenig ins Vorzimmer, als könne er dadurch die Ankunft des Fräulein Bürstner beschleunigen. -Er hatte kein besonderes Verlangen nach ihr, er konnte sich nicht einmal genau erinnern, -wie sie aussah, aber nun wollte er mit ihr reden und es reizte ihn, daß sie durch -ihr spätes Kommen auch noch in den Abschluß dieses Tages Unruhe und Unordnung brachte. -Sie war auch schuld daran, daß er heute nicht zu Abend gegessen und daß er den für -heute beabsichtigten Besuch bei Elsa unterlassen hatte. Beides konnte er allerdings -noch dadurch nachholen, daß er jetzt in das Weinlokal ging, in dem Elsa bedienstet -war. Er wollte es auch noch später nach der Unterredung mit Fräulein Bürstner tun. -</p> -<p>Es war ½12 vorüber, als jemand im Treppenhaus zu hören war. K., der seinen Gedanken -hingegeben im Vorzimmer so als wäre es sein eigenes Zimmer laut auf und ab ging, flüchtete -hinter seine Tür. Es war Fräulein Bürstner, die gekommen war. Fröstelnd zog sie, während -sie die Tür versperrte, einen seidenen Schal um ihre schmalen Schultern zusammen. -Im nächsten Augenblick mußte sie in <span class="pageNum" id="pb41">[<a href="#pb41">41</a>]</span>ihr Zimmer gehen, in das K. gewiß um Mitternacht nicht eindringen durfte; er mußte -sie also jetzt ansprechen, hatte aber unglücklicherweise versäumt, das elektrische -Licht in seinem Zimmer anzudrehen, so daß sein Vortreten aus dem dunklen Zimmer den -Anschein eines Überfalls hatte und wenigstens sehr erschrecken mußte. In seiner Hilflosigkeit -und da keine Zeit zu verlieren war, flüsterte er durch den Türspalt: „Fräulein Bürstner.“ -Es klang wie eine Bitte, nicht wie ein Anruf. „Ist jemand hier,“ fragte Fräulein Bürstner -und sah sich mit großen Augen um. „Ich bin es,“ sagte K. und trat vor. „Ach Herr K.!“ -sagte Fräulein Bürstner lächelnd. „Guten Abend“ und sie reichte ihm die Hand. „Ich -wollte ein paar Worte mit Ihnen sprechen, wollen Sie mir das jetzt erlauben?“ „Jetzt?“ -fragte Fräulein Bürstner, „muß es jetzt sein? es ist ein wenig sonderbar, nicht?“ -„Ich warte seit 9 Uhr auf Sie.“ „Nun ja, ich war im Theater, ich wußte doch nichts -von Ihnen.“ „Der Anlaß für das, was ich Ihnen sagen will, hat sich erst heute ergeben.“ -„So, nun ich habe ja nichts Grundsätzliches dagegen, außer daß ich zum Hinfallen müde -bin. Also kommen Sie auf ein paar <span class="pageNum" id="pb42">[<a href="#pb42">42</a>]</span>Minuten in mein Zimmer. Hier können wir uns auf keinen Fall unterhalten, wir wecken -ja alle und das wäre mir unseretwegen noch unangenehmer als der Leute wegen. Warten -Sie hier, bis ich in meinem Zimmer angezündet habe, und drehen Sie dann hier das Licht -ab.“ K. tat so, wartete dann aber noch, bis Fräulein Bürstner ihn aus ihrem Zimmer -nochmals leise aufforderte zu kommen. „Setzen Sie sich,“ sagte sie und zeigte auf -die Ottomane, sie selbst blieb aufrecht am Bettpfosten trotz der Müdigkeit, von der -sie gesprochen hatte; nicht einmal ihren kleinen, aber mit einer Überfülle von Blumen -geschmückten Hut legte sie ab. „Was wollten Sie also? Ich bin wirklich neugierig?“ -Sie kreuzte leicht die Beine. „Sie werden vielleicht sagen,“ begann K., „daß die Sache -nicht so dringend war, um jetzt besprochen zu werden, aber —“ „Einleitungen überhöre -ich immer,“ sagte Fräulein Bürstner. „Das erleichtert meine Aufgabe,“ sagte K. „Ihr -Zimmer ist heute früh, gewissermaßen durch meine Schuld, ein wenig in Unordnung gebracht -worden, es geschah durch fremde Leute gegen meinen Willen und doch wie gesagt durch -meine Schuld; dafür wollte ich um Entschuldigung <span class="pageNum" id="pb43">[<a href="#pb43">43</a>]</span>bitten.“ „Mein Zimmer?“ fragte Fräulein Bürstner, und sah statt des Zimmers K. prüfend -an. „Es ist so,“ sagte K. und nun sahen einander beide zum erstenmal in die Augen, -„die Art und Weise, in der es geschah, ist an sich keines Wortes wert.“ „Aber doch -das eigentlich Interessante,“ sagte Fräulein Bürstner. „Nein,“ sagte K. „Nun,“ sagte -Fräulein Bürstner, „ich will mich nicht in Geheimnisse eindrängen, bestehen Sie darauf, -daß es uninteressant ist, so will ich auch nichts dagegen einwenden. Die Entschuldigung, -um die Sie bitten, gebe ich Ihnen hiermit gern, besonders da ich keine Spur einer -Unordnung finden kann.“ Sie machte, die flachen Hände tief an die Hüften gelegt, einen -Rundgang durch das Zimmer. Bei der Matte mit den Photographien blieb sie stehn. „Sehn -Sie doch,“ rief sie, „meine Photographien sind wirklich durcheinandergeworfen. Das -ist aber häßlich. Es ist also jemand unberechtigterweise in meinem Zimmer gewesen.“ -K. nickte und verfluchte im stillen den Beamten Kaminer, der seine öde sinnlose Lebhaftigkeit -niemals zähmen konnte. „Es ist sonderbar,“ sagte Fräulein Bürstner, „daß ich gezwungen -bin, Ihnen etwas <span class="pageNum" id="pb44">[<a href="#pb44">44</a>]</span>zu verbieten, was Sie sich selbst verbieten müßten, nämlich in meiner Abwesenheit -mein Zimmer zu betreten.“ „Ich erklärte Ihnen doch, Fräulein,“ sagte K. und ging auch -zu den Photographien, „daß nicht ich es war, der sich an Ihren Photographien vergangen -hat; aber da Sie mir nicht glauben, so muß ich also eingestehn, daß die Untersuchungskommission -drei Bankbeamte mitgebracht hat, von denen der eine, den ich bei nächster Gelegenheit -aus der Bank hinausbefördern werde, die Photographien wahrscheinlich in die Hand genommen -hat.“ „Ja es war eine Untersuchungskommission hier,“ fügte K. hinzu, da ihn das Fräulein -mit einem fragenden Blick ansah. „Ihretwegen?“ fragte das Fräulein. „Ja,“ antwortete -K. „Nein,“ rief das Fräulein und lachte. „Doch,“ sagte K., „glauben Sie denn, daß -ich schuldlos bin?“ „Nun, schuldlos,“ sagte das Fräulein, „ich will nicht gleich ein -vielleicht folgenschweres Urteil aussprechen, auch kenne ich Sie doch nicht, immerhin, -es muß doch schon ein schwerer Verbrecher sein, dem man gleich eine Untersuchungskommission -auf den Leib schickt. Da Sie aber doch frei sind — ich schließe wenigstens aus Ihrer -Ruhe, daß Sie nicht aus dem Gefängnis <span class="pageNum" id="pb45">[<a href="#pb45">45</a>]</span>entlaufen sind — so können Sie doch kein solches Verbrechen begangen haben.“ „Ja,“ -sagte K., „aber die Untersuchungskommission kann doch eingesehen haben, daß ich unschuldig -bin oder doch nicht so schuldig, wie angenommen wurde.“ „Gewiß, das kann sein,“ sagte -Fräulein Bürstner sehr aufmerksam. „Sehen Sie,“ sagte K., „Sie haben nicht viel Erfahrung -in Gerichtssachen.“ „Nein, das habe ich nicht,“ sagte Fräulein Bürstner „und habe -es auch schon oft bedauert, denn ich möchte alles wissen, und gerade Gerichtssachen -interessieren mich ungemein. Das Gericht hat eine eigentümliche Anziehungskraft, nicht? -Aber ich werde in dieser Richtung meine Kenntnisse sicher vervollständigen, denn ich -trete nächsten Monat als Kanzleikraft in ein Advokatenbureau ein.“ „Das ist sehr gut,“ -sagte K., „Sie werden mir dann in meinem Prozeß ein wenig helfen können.“ „Das könnte -sein,“ sagte Fräulein Bürstner, „warum denn nicht? Ich verwende gern meine Kenntnisse.“ -„Ich meine es auch im Ernst,“ sagte K., „oder zumindest indem halben Ernst, in dem -Sie es meinen. Um einen Advokaten heranzuziehen, dazu ist die Sache doch zu kleinlich, -aber einen Ratgeber könnte ich gut <span class="pageNum" id="pb46">[<a href="#pb46">46</a>]</span>brauchen.“ „Ja, aber wenn ich Ratgeber sein soll, müßte ich wissen, worum es sich -handelt,“ sagte Fräulein Bürstner. „Das ist eben der Haken,“ sagte K., „das weiß ich -selbst nicht.“ „Dann haben Sie sich also einen Spaß aus mir gemacht,“ sagte Fräulein -Bürstner übermäßig enttäuscht, „es war höchst unnötig, sich diese späte Nachtzeit -dazu auszusuchen.“ Und sie ging von den Photographien weg, wo sie so lange vereinigt -gestanden hatten. „Aber mein Fräulein,“ sagte K., „ich mache keinen Spaß. Daß Sie -mir nicht glauben wollen! Was ich weiß, habe ich Ihnen schon gesagt. Sogar mehr als -ich weiß, denn es war gar keine Untersuchungskommission, ich nenne es so, weil ich -keinen andern Namen dafür weiß. Es wurde gar nichts untersucht, ich wurde nur verhaftet, -aber von einer Kommission.“ Fräulein Bürstner saß auf der Ottomane und lachte wieder. -„Wie war es denn?“ fragte sie. „Schrecklich“ sagte K., aber er dachte jetzt gar nicht -daran, sondern war ganz vom Anblick des Fräulein Bürstner ergriffen, die das Gesicht -auf eine Hand stützte — der Ellbogen ruhte auf dem Kissen der Ottomane — während die -andere Hand langsam die Hüfte strich. „Das ist zu <span class="pageNum" id="pb47">[<a href="#pb47">47</a>]</span>allgemein,“ sagte Fräulein Bürstner. „Was ist zu allgemein?“ fragte K. Dann erinnerte -er sich und fragte: „Soll ich Ihnen zeigen, wie es gewesen ist?“ Er wollte Bewegung -machen und doch nicht weggehn. „Ich bin schon müde,“ sagte Fräulein Bürstner. „Sie -kamen so spät,“ sagte K. „Nun endet es damit, daß ich Vorwürfe bekomme, es ist auch -berechtigt, denn ich hätte Sie nicht mehr hereinlassen sollen. Notwendig war es ja -auch nicht, wie sich gezeigt hat.“ „Es war notwendig, daß werden Sie erst jetzt sehn,“ -sagte K. „Darf ich das Nachttischchen von ihrem Bett herrücken?“ „Was fällt Ihnen -ein?“ sagte Fräulein Bürstner, „das dürfen Sie natürlich nicht!“ „Dann kann ich es -Ihnen nicht zeigen,“ sagte K. aufgeregt, als füge man ihm dadurch einen unermeßlichen -Schaden zu. „Ja, wenn Sie es zur Darstellung brauchen, dann rücken Sie das Tischchen -nur ruhig fort,“ sagte Fräulein Bürstner und fügte nach einem Weilchen mit schwächerer -Stimme hinzu: „Ich bin so müde, daß ich mehr erlaube, als gut ist.“ K. stellte das -Tischchen in die Mitte des Zimmers und setzte sich dahinter. „Sie müssen sich die -Verteilung der Personen richtig vorstellen, es ist sehr <span class="pageNum" id="pb48">[<a href="#pb48">48</a>]</span>interessant. Ich bin der Aufseher, dort auf dem Koffer sitzen zwei Wächter, bei den -Photographien stehen drei junge Leute. An der Fensterklinke hängt, was ich nur nebenbei -erwähne, eine weiße Bluse. Und jetzt fängt es an. Ja, ich vergesse mich, die wichtigste -Person, also ich, stehe hier vor dem Tischchen. Der Aufseher sitzt äußerst bequem, -die Beine übereinander gelegt, den Arm hier über die Lehne hinunterhängend, ein Lümmel -sondergleichen. Und jetzt fängt es also wirklich an. Der Aufseher ruft, als ob er -mich wecken müßte, er schreit geradezu, ich muß leider, wenn ich es Ihnen begreiflich -machen will, auch schreien, es ist übrigens nur mein Name, den er so schreit.“ Fräulein -Bürstner, die lachend zuhörte, legte den Zeigefinger an den Mund, um K. am Schreien -zu hindern, aber es war zu spät, K. war zu sehr in der Rolle, er rief langsam „Josef -K.,“ übrigens nicht so laut wie er gedroht hatte, aber doch so, daß sich der Ruf, -nachdem er plötzlich ausgestoßen war, erst allmählich im Zimmer zu verbreiten schien. -</p> -<p>Da klopfte es an die Tür des Nebenzimmers einigemal, stark, kurz und regelmäßig. Fräulein -<span class="pageNum" id="pb49">[<a href="#pb49">49</a>]</span>Bürstner erbleichte und legte die Hand aufs Herz. K. erschrak deshalb besonders stark, -weil er noch ein Weilchen ganz unfähig war, an etwas anderes zu denken als an die -Vorfälle des Morgens und an das Mädchen, dem er sie vorführte. Kaum hatte er sich -gefaßt, sprang er zu Fräulein Bürstner und nahm ihre Hand. „Fürchten Sie nichts,“ -flüsterte er, „ich werde alles in Ordnung bringen. Wer kann es aber sein? Hier nebenan -ist doch nur das Wohnzimmer, in dem niemand schläft.“ „Doch,“ flüsterte Fräulein Bürstner -an <span class="corr" id="xd31e294" title="Quelle: K.’s">K.s</span> Ohr, „seit gestern schläft hier ein Neffe von Frau Grubach, ein Hauptmann. Es ist -gerade kein anderes Zimmer frei. Auch ich habe daran vergessen. Daß Sie so schreien -mußten! Ich bin unglücklich darüber.“ „Dafür ist gar kein Grund,“ sagte K. und küßte, -als sie jetzt auf das Kissen zurücksank, ihre Stirn. „Weg, weg,“ sagte sie und richtete -sich eilig wieder auf, „gehn Sie doch, gehn Sie doch, was wollen Sie, er horcht doch -an der Tür, er hört doch alles. Wie Sie mich quälen!“ „Ich gehe nicht früher,“ sagte -K., „bis Sie ein wenig beruhigt sind. Kommen Sie in die andere Ecke des Zimmers, dort -kann er uns nicht hören.“ Sie ließ sich dorthin <span class="pageNum" id="pb50">[<a href="#pb50">50</a>]</span>führen. „Sie überlegen nicht,“ sagte er, „daß es sich zwar um eine Unannehmlichkeit -für Sie handelt, aber durchaus nicht um eine Gefahr. Sie wissen, wie mich Frau Grubach, -die in dieser Sache doch entscheidet, besonders da der Hauptmann ihr Neffe ist, geradezu -verehrt und alles, was ich sage, unbedingt glaubt. Sie ist auch im übrigen von mir -abhängig, denn sie hat eine größere Summe von mir geliehen. Jeden Ihrer Vorschläge -über eine Erklärung für unser Beisammen nehme ich an, wenn er nur ein wenig zweckentsprechend -ist, und verbürge mich, Frau Grubach dazu zu bringen, die Erklärung nicht nur vor -der Öffentlichkeit, sondern wirklich und aufrichtig zu glauben. Mich müssen Sie dabei -in keiner Weise schonen. Wollen Sie verbreitet haben, daß ich Sie überfallen habe, -so wird Frau Grubach in diesem Sinne unterrichtet werden und wird es glauben, ohne -das Vertrauen zu mir zu verlieren, so sehr hängt sie an mir.“ Fräulein Bürstner sah, -still und ein wenig zusammengesunken, vor sich auf den Boden. „Warum sollte Frau Grubach -nicht glauben, daß ich Sie überfallen habe,“ fügte K. hinzu. Vor sich sah er ihr Haar, -geteiltes, niedrig gebauschtes, <span class="pageNum" id="pb51">[<a href="#pb51">51</a>]</span>fest zusammengehaltenes, rötliches Haar. Er glaubte, sie werde ihm den Blick zuwenden, -aber sie sagte in unveränderter Haltung: „Verzeihen Sie, ich bin durch das plötzliche -Klopfen erschreckt worden, nicht so sehr durch die Folgen, die die Anwesenheit des -Hauptmanns haben könnte. Es war so still nach Ihrem Schrei und da klopfte es, deshalb -bin ich so erschrocken, ich saß auch in der Nähe der Tür, es klopfte fast neben mir. -Für Ihre Vorschläge danke ich, aber ich nehme sie nicht an. Ich kann für alles, was -in meinem Zimmer geschieht, die Verantwortung tragen, und zwar gegenüber jedem. Ich -wundere mich, daß Sie nicht merken, was für eine Beleidigung für mich in Ihren Vorschlägen -liegt, neben den guten Absichten natürlich, die ich gewiß anerkenne. Aber nun gehen -Sie, lassen Sie mich allein, ich habe es jetzt noch nötiger als früher. Aus den paar -Minuten, um die Sie gebeten haben, ist nun eine halbe Stunde und mehr geworden.“ K. -faßte sie bei der Hand und dann beim Handgelenk: „Sie sind mir aber nicht böse?“ sagte -er. Sie streifte seine Hand ab und antwortete: „Nein, nein, ich bin niemals und niemandem -böse.“ Er faßte wieder <span class="pageNum" id="pb52">[<a href="#pb52">52</a>]</span>nach ihrem Handgelenk, sie duldete es jetzt und führte ihn so zur Tür. Er war fest -entschlossen, wegzugehen. Aber vor der Tür, als hätte er nicht erwartet, hier eine -Tür zu finden, stockte er, diesen Augenblick benutzte Fräulein Bürstner, sich loszumachen, -die Tür zu öffnen, ins Vorzimmer zu schlüpfen und von dort aus K. leise zu sagen: -„Nun kommen Sie doch, bitte. Sehen Sie“ — sie zeigte auf die Tür des Hauptmanns, unter -der ein Lichtschein hervorkam — „er hat angezündet und unterhält sich über uns.“ „Ich -komme schon,“ sagte K., lief vor, faßte sie, küßte sie auf den Mund und dann über -das ganze Gesicht, wie ein durstiges Tier mit der Zunge über das endlich gefundene -Quellwasser hinjagt. Schließlich küßte er sie auf den Hals, wo die Gurgel ist, und -dort ließ er die Lippen lange liegen. Ein Geräusch aus dem Zimmer des Hauptmanns ließ -ihn aufschauen. „Jetzt werde ich gehn,“ sagte er, er wollte Fräulein Bürstner beim -Taufnamen nennen, wußte ihn aber nicht. Sie nickte müde, überließ ihm schon halb abgewendet -die Hand zum Küssen, als wisse sie nichts davon und ging gebückt in ihr Zimmer. Kurz -darauf lag K. in seinem Bett. Er schlief <span class="pageNum" id="pb53">[<a href="#pb53">53</a>]</span>sehr bald ein, vor dem Einschlafen dachte er noch ein Weilchen über sein Verhalten -nach, er war damit zufrieden, wunderte sich aber, daß er nicht noch zufriedener war; -wegen des Hauptmanns machte er sich für Fräulein Bürstner ernstliche Sorgen. -<span class="pageNum" id="pb54">[<a href="#pb54">54</a>]</span></p> -</div> -</div> -<div id="ch2" class="div1 chapter"><span class="pageNum">[<a href="#ch2.toc">Inhalt</a>]</span><div class="divHead"> -<h2 class="label">ZWEITES KAPITEL</h2> -<h2 class="main">ERSTE UNTERSUCHUNG</h2> -</div> -<div class="divBody"> -<p class="first">K. war telephonisch verständigt worden, daß am nächsten Sonntag eine kleine Untersuchung -in seiner Angelegenheit stattfinden würde. Man machte ihn darauf aufmerksam, daß diese -Untersuchungen nun regelmäßig, wenn auch vielleicht nicht jede Woche, so doch häufiger -einander folgen würden. Es liege einerseits im allgemeinen Interesse, den Prozeß rasch -zu Ende zu führen, anderseits aber müßten die Untersuchungen in jeder Hinsicht gründlich -sein und doch wegen der damit verbundenen Anstrengung niemals allzulange dauern. Deshalb -habe man den Ausweg dieser rasch aufeinanderfolgenden, aber kurzen Untersuchungen -gewählt. Die Bestimmung des Sonntags als Untersuchungstag habe man deshalb vorgenommen, -um K. in seiner beruflichen Arbeit nicht zu stören. Man setze voraus, daß er damit -<span class="pageNum" id="pb55">[<a href="#pb55">55</a>]</span>einverstanden sei, wollte er einen andern Termin wünschen, so würde man ihm, so gut -es ginge, entgegenkommen. Die Untersuchungen wären beispielsweise auch in der Nacht -möglich, aber da sei wohl K. nicht frisch genug. Jedenfalls werde man es, solange -K. nichts einwende, beim Sonntag belassen. Es sei selbstverständlich, daß er bestimmt -erscheinen müsse, darauf müsse man ihn wohl nicht erst aufmerksam machen. Es wurde -ihm die Nummer des Hauses genannt, in dem er sich einfinden solle, es war ein Haus -in einer entlegenen Vorstadtstraße, in der K. noch niemals gewesen war. -</p> -<p>K. hängte, als er diese Meldung erhalten hatte, ohne zu antworten, den Hörer an; er -war gleich entschlossen, Sonntag hinzugehn, es war gewiß notwendig, der Prozeß kam -in Gang und er mußte sich dem entgegenstellen, diese erste Untersuchung sollte auch -die letzte sein. Er stand noch nachdenklich beim Apparat, da hörte er hinter sich -die Stimme des Direktor-Stellvertreters, der telephonieren wollte, dem aber K. den -Weg verstellte. „Schlechte Nachrichten?“ fragte der Direktor-Stellvertreter leichthin, -nicht um etwas zu <span class="pageNum" id="pb56">[<a href="#pb56">56</a>]</span>erfahren, sondern um K. vom Apparat wegzubringen. „Nein, nein,“ sagte K., trat beiseite, -ging aber nicht weg. Der Direktor-Stellvertreter nahm den Hörer und sagte, während -er auf die telephonische Verbindung wartete, über das Hörrohr hinweg: „Eine Frage, -Herr K.? Möchten Sie mir Sonntag früh das Vergnügen machen, eine Partie auf meinem -Segelboot mitzumachen. Es wird eine größere Gesellschaft sein, gewiß auch Ihre Bekannten -darunter. Unter anderem Staatsanwalt Hesterer. Wollen Sie kommen? Kommen Sie doch!“ -K. versuchte, darauf achtzugeben, was der Direktor-Stellvertreter sagte. Es war nicht -unwichtig für ihn, denn diese Einladung des Direktor-Stellvertreters, mit dem er sich -niemals sehr gut vertragen hatte, bedeutete einen Versöhnungsversuch von dessen Seite -und zeigte, wie wichtig K. in der Bank geworden war und wie wertvoll seine Freundschaft -oder wenigstens seine Unparteilichkeit dem zweithöchsten Beamten der Bank erschien. -Diese Einladung war eine Demütigung des Direktor-Stellvertreters, mochte sie auch -nur in Erwartung der telephonischen Verbindung über das Hörrohr hinweg gesagt sein. -<span class="pageNum" id="pb57">[<a href="#pb57">57</a>]</span>Aber K. mußte eine zweite Demütigung folgen lassen, er sagte: „Vielen Dank! Aber ich -habe leider Sonntag keine Zeit, ich habe schon eine Verpflichtung.“ „Schade,“ sagte -der Direktor-Stellvertreter und wandte sich dem telephonischen Gespräch zu, <span class="corr" id="xd31e321" title="Quelle: daß">das</span> gerade hergestellt worden war. Es war kein kurzes Gespräch, aber K. blieb in seiner -Zerstreutheit die ganze Zeit über neben dem Apparat stehn. Erst als der Direktor-Stellvertreter -abläutete, erschrak er und sagte, um sein unnützes Dastehn nur ein wenig zu entschuldigen: -„Ich bin jetzt antelephoniert worden, ich möchte irgendwo hinkommen, aber man hat -vergessen, mir zu sagen, zu welcher Stunde.“ „Fragen Sie doch noch einmal nach,“ sagte -der Direktor-Stellvertreter. „Es ist nicht so wichtig,“ sagte K., trotzdem dadurch -seine frühere schon an sich mangelhafte Entschuldigung noch weiter verfiel. Der Direktor-Stellvertreter -sprach noch im Weggehn über andere Dinge. K. zwang sich auch zu antworten, dachte -aber hauptsächlich daran, daß es am besten sein werde, Sonntag um 9 Uhr vormittag -hinzukommen, da zu dieser Stunde an Werktagen alle Gerichte zu arbeiten anfangen. -<span class="pageNum" id="pb58">[<a href="#pb58">58</a>]</span></p> -<p>Sonntag war trübes Wetter. K. war sehr ermüdet, da er wegen einer Stammtischfeierlichkeit -bis spät in die Nacht im Gasthaus geblieben war, er hätte fast verschlafen. Eilig, -ohne Zeit zu haben, zu überlegen und die verschiedenen Pläne, die er während der Woche -ausgedacht hatte, zusammenzustellen, kleidete er sich an und lief, ohne zu frühstücken, -in die ihm bezeichnete Vorstadt. Eigentümlicherweise traf er, trotzdem er wenig Zeit -hatte umherzublicken, die drei in seiner Angelegenheit beteiligten Beamten, Rabensteiner, -Kullich und Kaminer. Die ersten zwei fuhren in einer Elektrischen quer über <span class="corr" id="xd31e327" title="Quelle: K.’s">K.s</span> Weg, Kaminer aber saß auf der Terrasse eines Kaffeehauses und beugte sich gerade, -als K. vorüberkam, neugierig über die Brüstung. Alle sahen ihm wohl nach und wunderten -sich, wie ihr Vorgesetzter lief; es war irgendein Trotz, der K. davon abgehalten hatte, -zu fahren, er hatte Abscheu vor jeder, selbst der geringsten fremden Hilfe in dieser -seiner Sache, auch wollte er niemanden in Anspruch nehmen und dadurch selbst nur im -allerentferntesten einweihen, schließlich hatte er aber auch nicht die geringste Lust, -sich durch allzu große <span class="pageNum" id="pb59">[<a href="#pb59">59</a>]</span>Pünktlichkeit vor der Untersuchungskommission zu erniedrigen. Allerdings lief er jetzt, -um nur möglichst um 9 Uhr einzutreffen, trotzdem er nicht einmal für eine bestimmte -Stunde bestellt war. -</p> -<p>Er hatte gedacht, das Haus schon von der Ferne an irgendeinem Zeichen, das er sich -selbst nicht genau vorgestellt hatte, oder an einer besondern Bewegung vor dem Eingang -schon von weitem zu erkennen. Aber die Juliusstraße, in der es sein sollte und an -deren Beginn K. einen Augenblick lang stehen blieb, enthielt auf beiden Seiten fast -ganz einförmige Häuser, hohe graue, von armen Leuten bewohnte Miethäuser. Jetzt am -Sonntagmorgen waren die meisten Fenster besetzt, Männer in Hemdärmeln lehnten dort -und rauchten oder hielten kleine Kinder vorsichtig und zärtlich an den Fensterrand. -Andere Fenster waren hoch mit Bettzeug angefüllt, über dem flüchtig der zerzauste -Kopf einer Frau erschien. Man rief einander über die Gasse zu, ein solcher Zuruf bewirkte -gerade über K. ein großes Gelächter. Regelmäßig verteilt befanden sich in der langen -Straße kleine, unter dem Straßenniveau liegende, durch ein paar <span class="pageNum" id="pb60">[<a href="#pb60">60</a>]</span>Treppen erreichbare Läden mit verschiedenen Lebensmitteln. Dort gingen Frauen aus -und ein oder standen auf den Stufen und plauderten. Ein Obsthändler, der seine Waren -zu den Fenstern hinauf empfahl, hätte, ebenso unaufmerksam wie K., mit seinem Karren -diesen fast niedergeworfen. Eben begann ein in bessern Stadtvierteln ausgedientes -Grammophon mörderisch zu spielen. -</p> -<p>K. ging tiefer in die Gasse hinein, langsam, als hätte er nun schon Zeit oder als -sähe ihn der Untersuchungsrichter aus irgendeinem Fenster und wisse also, daß sich -K. eingefunden habe. Es war kurz nach 9 Uhr. Das Haus lag ziemlich weit, es war fast -ungewöhnlich ausgedehnt, besonders die Toreinfahrt war hoch und weit. Sie war offenbar -für Lastfuhren bestimmt, die zu den verschiedenen Warenmagazinen gehörten, die jetzt -versperrt den großen Hof umgaben und Aufschriften von Firmen trugen, von denen K. -einige aus dem Bankgeschäft kannte. Gegen seine sonstige Gewohnheit sich mit allen -diesen Äußerlichkeiten genauer befassend, blieb er auch ein wenig am Eingang des Hofes -stehen. In seiner Nähe auf einer Kiste saß ein bloßfüßiger Mann und las eine Zeitung. -Auf <span class="pageNum" id="pb61">[<a href="#pb61">61</a>]</span>einem Handkarren schaukelten zwei Jungen. Vor einer Pumpe stand ein schwaches junges -Mädchen in einer Nachtjoppe und blickte, während das Wasser in ihre Kanne strömte, -auf K. hin. In einer Ecke des Hofes wurde zwischen zwei Fenstern ein Strick gespannt, -auf dem die zum Trocknen bestimmte Wäsche schon hing. Ein Mann stand unten und leitete -die Arbeit durch ein paar Zurufe. -</p> -<p>K. wandte sich der Treppe zu, um zum Untersuchungszimmer zu kommen, stand dann aber -wieder still, denn außer dieser Treppe sah er im Hof noch drei verschiedene Treppenaufgänge -und überdies schien ein kleiner Durchgang am Ende des Hofes noch in einen zweiten -Hof zu führen. Er ärgerte sich, daß man ihm die Lage des Zimmers nicht näher bezeichnet -hatte, es war doch eine sonderbare Nachlässigkeit oder Gleichgültigkeit, mit der man -ihn behandelte, er beabsichtigte, das sehr laut und deutlich festzustellen. Schließlich -stieg er doch die erste Treppe hinauf und spielte in Gedanken mit einer Erinnerung -an den Ausspruch des Wächters Willem, daß das Gericht von der Schuld angezogen werde, -woraus eigentlich <span class="pageNum" id="pb62">[<a href="#pb62">62</a>]</span>folgte, daß das Untersuchungszimmer an der Treppe liegen mußte, die K. zufällig wählte. -</p> -<p>Er störte im Hinaufgehen viele Kinder, die auf der Treppe spielten und ihn, wenn er -durch ihre Reihe schritt, böse ansahen. „Wenn ich nächstens wieder hergehen sollte,“ -sagte er sich, „muß ich entweder Zuckerwerk mitnehmen, um sie zu gewinnen, oder den -Stock, um sie zu prügeln.“ Knapp vor dem ersten Stockwerk mußte er sogar ein Weilchen -warten, bis eine Spielkugel ihren Weg vollendet hatte, zwei kleine Jungen mit den -verzwickten Gesichtern erwachsener Strolche hielten ihn indessen an den Beinkleidern; -hätte er sie abschütteln wollen, hätte er ihnen wehtun müssen und er fürchtete ihr -Geschrei. -</p> -<p>Im ersten Stockwerk begann die eigentliche Suche. Da er doch nicht nach der Untersuchungskommission -fragen konnte, erfand er einen Tischler Lanz — der Name fiel ihm ein, weil der Hauptmann, -der Neffe der Frau Grubach, so hieß — und wollte nun in allen Wohnungen nachfragen, -ob hier ein Tischler Lanz wohne, um so die Möglichkeit zu bekommen, in die Zimmer -hineinzusehen. Es zeigte sich aber, daß das meistens ohne weiteres möglich war, denn -fast alle Türen standen offen <span class="pageNum" id="pb63">[<a href="#pb63">63</a>]</span>und die Kinder liefen ein und aus. Es waren in der Regel kleine einfenstrige Zimmer, -in denen auch gekocht wurde. Manche Frauen hielten Säuglinge im Arm und arbeiteten -mit der freien Hand auf dem Herd. Halbwüchsige, scheinbar nur mit Schürzen bekleidete -Mädchen liefen am fleißigsten hin und her. In allen Zimmern standen die Betten noch -in Benutzung, es lagen dort Kranke oder noch Schlafende oder Leute, die sich dort -in Kleidern streckten. An den Wohnungen, deren Türen geschlossen waren, klopfte K. -an und fragte, ob hier ein Tischler Lanz wohne. Meistens öffnete eine Frau, hörte -die Frage an und wandte sich ins Zimmer zu jemandem, der sich aus dem Bett erhob. -„Der Herr fragt, ob ein Tischler Lanz hier wohnt.“ „Tischler Lanz?“ fragte der aus -dem Bett. „Ja,“ sagte K., trotzdem sich hier die Untersuchungskommission zweifellos -nicht befand und daher seine Aufgabe beendet war. Viele glaubten, es liege K. sehr -viel daran, den Tischler Lanz zu finden, dachten lange nach, nannten einen Tischler, -der aber nicht Lanz hieß, oder einen Namen, der mit Lanz eine ganz entfernte Ähnlichkeit -hatte, oder sie fragten bei Nachbarn oder begleiteten K. <span class="pageNum" id="pb64">[<a href="#pb64">64</a>]</span>zu einer weit entfernten Tür, wo ihrer Meinung nach ein derartiger Mann möglicherweise -in Aftermiete wohne oder wo jemand sei, der bessere Auskunft als sie selbst geben -könne. Schließlich mußte K. kaum mehr selbst fragen, sondern wurde auf diese Weise -durch die Stockwerke gezogen. Er bedauerte seinen Plan, der ihm zuerst so praktisch -erschienen war. Vor dem fünften Stockwerk entschloß er sich die Suche aufzugeben, -verabschiedete sich von einem freundlichen jungen Arbeiter, der ihn weiter hinaufführen -wollte, und ging hinunter. Dann aber ärgerte ihn wieder das Nutzlose dieser ganzen -Unternehmung, er ging nochmals zurück und klopfte an die erste Tür des fünften Stockwerkes. -Das erste, was er in dem kleinen Zimmer sah, war eine große Wanduhr, die schon 10 -Uhr zeigte. „Wohnt ein Tischler Lanz hier?“ fragte er. „Bitte,“ sagte eine junge Frau -mit schwarzen leuchtenden Augen, die gerade in einem Kübel Kinderwäsche wusch, und -zeigte mit der nassen Hand auf die offene Tür des Nebenzimmers. -</p> -<p>K. glaubte in eine Versammlung einzutreten. Ein Gedränge der verschiedensten Leute -— niemand kümmerte sich um den Eintretenden — füllte <span class="pageNum" id="pb65">[<a href="#pb65">65</a>]</span>ein mittelgroßes zweifenstriges Zimmer, das knapp an der Decke von einer Galerie umgeben -war, die gleichfalls vollständig besetzt war und wo die Leute nur gebückt stehen konnten -und mit Kopf und Rücken an die Decke stießen. K., dem die Luft zu dumpf war, trat -wieder hinaus und sagte zu der jungen Frau, die ihn wahrscheinlich falsch verstanden -hatte: „Ich habe nach einem Tischler, einem gewissen Lanz gefragt?“ „Ja,“ sagte die -Frau, „gehen Sie bitte hinein.“ K. hätte ihr vielleicht nicht gefolgt, wenn die Frau -nicht auf ihn zugegangen wäre, die Türklinke ergriffen und gesagt hätte: „Nach Ihnen -muß ich schließen, es darf niemand mehr hinein.“ „Sehr vernünftig,“ sagte K., „es -ist aber schon jetzt zu voll.“ Dann ging er aber doch wieder hinein. -</p> -<p>Zwischen zwei Männern hindurch, die sich unmittelbar bei der Tür unterhielten — der -eine machte mit beiden weit vorgestreckten Händen die Bewegung des Geldaufzählens, -der andere sah ihm scharf in die Augen — faßte eine Hand nach K. Es war ein kleiner -rotbäckiger Junge. „Kommen Sie, kommen Sie,“ sagte er. K. ließ sich von ihm führen, -es zeigte sich, daß in dem durcheinanderwimmelnden <span class="pageNum" id="pb66">[<a href="#pb66">66</a>]</span>Gedränge doch ein schmaler Weg frei war, der möglicherweise zwei Parteien schied; -dafür sprach auch, daß K. in den ersten Reihen rechts und links kaum ein ihm zugewendetes -Gesicht sah, sondern nur die Rücken von Leuten, welche ihre Reden und Bewegungen nur -an Leute ihrer Partei richteten. Die meisten waren schwarz angezogenen, in alten lange -und lose hinunterhängenden Feiertagsröcken. Nur diese Kleidung beirrte K., sonst hätte -er das ganze für eine politische Bezirksversammlung angesehen. -</p> -<p>Am andern Ende des Saales, zu dem K. geführt wurde, stand auf einem sehr niedrigen, -gleichfalls überfüllten Podium ein kleiner Tisch, der Quere nach aufgestellt, und -hinter ihm nahe am Rand des Podiums saß ein kleiner dicker schnaufender Mann, der -sich gerade mit einem hinter ihm Stehenden — dieser hatte den Ellbogen auf die Sessellehne -gestützt und die Beine gekreuzt — unter großem Gelächter unterhielt. Manchmal warf -er den Arm in die Luft, als karrikiere er jemanden. Der Junge, der K. führte, hatte -Mühe seine Meldung vorzubringen. Zweimal hatte er schon auf den Fußspitzen stehend -etwas auszurichten versucht, ohne <span class="pageNum" id="pb67">[<a href="#pb67">67</a>]</span>von dem Mann oben beachtet worden zu sein. Erst als einer der Leute oben auf dem Podium -auf den Jungen aufmerksam machte, wandte sich der Mann ihm zu und hörte heruntergebeugt -seinen leisen Bericht an. Dann zog er seine Uhr und sah schnell nach K. hin. „Sie -hätten vor 1 Stunde und 5 Minuten erscheinen sollen,“ sagte er. K. wollte etwas antworten, -aber er hatte keine Zeit, denn kaum hatte der Mann ausgesprochen, erhob sich in der -rechten Saalhälfte ein allgemeines Murren. „Sie hätten vor 1 Stunde und 5 Minuten -erscheinen sollen,“ wiederholte nun der Mann mit erhobener Stimme und sah nun auch -schnell in den Saal hinunter. Sofort wurde auch das Murren stärker und verlor sich, -da der Mann nichts mehr sagte, nur allmählich. Es war jetzt im Saal viel stiller als -bei K.s Eintritt. Nur die Leute auf der Galerie hörten nicht auf, ihre Bemerkungen -zu machen. Sie schienen, soweit man oben in dem Halbdunkel, Dunst und Staub etwas -unterscheiden konnte, schlechter angezogen zu sein als die unten. Manche hatten Polster -mitgebracht, die sie zwischen den Kopf und die Zimmerdecke gelegt hatten, um sich -nicht wundzudrücken. -<span class="pageNum" id="pb68">[<a href="#pb68">68</a>]</span></p> -<p>K. hatte sich entschlossen, mehr zu beobachten als zu reden, infolgedessen verzichtete -er auf die Verteidigung wegen seines angeblichen Zuspätkommens und sagte bloß: „Mag -ich zu spät gekommen sein, jetzt bin ich hier.“ Ein Beifallklatschen, wieder aus der -rechten Saalhälfte, folgte. „Leicht zu gewinnende Leute,“ dachte K. und war nur gestört -durch die Stille in der linken Saalhälfte, die gerade hinter ihm lag und aus der sich -nur ganz vereinzeltes Händeklatschen erhoben hatte. Er dachte nach, was er sagen könnte, -um alle auf einmal oder, wenn das nicht möglich sein sollte, wenigstens zeitweilig -auch die andern zu gewinnen. -</p> -<p>„Ja,“ sagte der Mann, „aber ich bin nicht mehr verpflichtet, Sie jetzt zu verhören“ -— wieder das Murren, diesmal aber mißverständlich, denn der Mann fuhr, indem er den -Leuten mit der Hand abwinkte, fort — „ich will es jedoch ausnahmsweise heute noch -tun. Eine solche Verspätung darf sich aber nicht mehr wiederholen. Und nun treten -Sie vor!“ Irgend jemand sprang vom Podium herunter, so daß für K. ein Platz frei wurde, -auf den er hinaufstieg. Er stand eng an den Tisch gedrückt, das Gedränge hinter ihm -war so groß, daß er ihm <span class="pageNum" id="pb69">[<a href="#pb69">69</a>]</span>Widerstand leisten mußte, wollte er nicht den Tisch des Untersuchungsrichters und -vielleicht auch diesen selbst vom Podium hinunterstoßen. -</p> -<p>Der Untersuchungsrichter kümmerte sich aber nicht darum, sondern saß bequem genug -auf seinem Sessel und griff, nachdem er dem Mann hinter ihm ein abschließendes Wort -gesagt hatte nach einem kleinen Anmerkungsbuch, dem einzigen Gegenstand auf seinem -Tisch. Es war schulheftartig, alt, durch vieles Blättern ganz aus der Form gebracht. -„Also,“ sagte der Untersuchungsrichter, blätterte in dem Heft und wendete sich im -Tone einer Feststellung an K., „Sie sind Zimmermaler?“ „Nein,“ sagte K. „sondern erster -Prokurist einer großen Bank.“ Dieser Antwort folgte bei der rechten Partei ein Gelächter, -das so herzlich war, daß K. mitlachen mußte. Die Leute stützten sich mit den Händen -auf ihre Knie und schüttelten sich wie unter schweren Hustenanfällen. Es lachten sogar -einzelne auf der Galerie. Der ganz böse gewordene Untersuchungsrichter, der wahrscheinlich -gegen die Leute unten machtlos war, suchte sich an der Galerie zu entschädigen, sprang -auf, drohte der Galerie, und seine sonst wenig auffallenden <span class="pageNum" id="pb70">[<a href="#pb70">70</a>]</span>Augenbrauen drängten sich buschig, schwarz und groß über seinen Augen. -</p> -<p>Die linke Saalhälfte war aber noch immer still, die Leute standen dort in Reihen, -hatten ihre Gesichter dem Podium zugewendet und hörten die Worte, die oben gewechselt -wurden, ebenso ruhig an wie den Lärm der andern Partei, sie duldeten sogar, daß einzelne -aus ihren Reihen mit der andern Partei hie und da gemeinsam vorgingen. Die Leute der -linken Partei, die übrigens weniger zahlreich war, mochten im Grunde ebenso unbedeutend -sein wie die der rechten Partei, aber die Ruhe ihres Verhaltens ließ sie bedeutungsvoller -erscheinen. Als K. jetzt zu reden begann, war er überzeugt, in ihrem Sinne zu sprechen. -</p> -<p>„Ihre Frage, Herr Untersuchungsrichter, ob ich Zimmermaler bin — vielmehr Sie haben -gar nicht gefragt, sondern es mir auf den Kopf zugesagt — ist bezeichnend für die -ganze Art des Verfahrens, das gegen mich geführt wird. Sie können einwenden, daß es -ja überhaupt kein Verfahren ist, Sie haben sehr Recht, denn es ist ja nur ein Verfahren, -wenn ich es als solches anerkenne. Aber ich erkenne es also für den Augenblick jetzt -an, <span class="pageNum" id="pb71">[<a href="#pb71">71</a>]</span>aus Mitleid gewissermaßen. Man kann sich nicht anders als mitleidig dazu stellen, -wenn man es überhaupt beachten will. Ich sage nicht, daß es ein liederliches Verfahren -ist, aber ich möchte Ihnen diese Bezeichnung zur Selbsterkenntnis angeboten haben.“ -</p> -<p>K. unterbrach sich und sah in den Saal hinunter. Was er gesagt hatte, war scharf, -schärfer als er es beabsichtigt hatte, aber doch richtig. Es hätte Beifall hier oder -dort verdient, es war jedoch alles still, man wartete offenbar gespannt auf das Folgende, -es bereitete sich vielleicht in der Stille ein Ausbruch vor, der allem ein Ende machen -würde. Störend war es, daß sich jetzt die Tür am Saalende öffnete, die junge Wäscherin, -die ihre Arbeit wahrscheinlich beendet hatte, eintrat und trotz aller Vorsicht, die -sie aufwendete, einige Blicke auf sich zog. Nur der Untersuchungsrichter machte K. -unmittelbare Freude, denn er schien von den Worten sofort getroffen zu werden. Er -hatte bisher stehend zugehört, denn er war von K.s Ansprache überrascht worden, während -er sich für die Galerie aufgerichtet hatte. Jetzt in der Pause setzte er sich allmählich, -als sollte es nicht bemerkt werden. <span class="pageNum" id="pb72">[<a href="#pb72">72</a>]</span>Wahrscheinlich, um seine Miene zu beruhigen, nahm er wieder das Heftchen vor. -</p> -<p>„Es hilft nichts,“ fuhr K. fort, „auch Ihr Heftchen, Herr Untersuchungsrichter, bestätigt, -was ich sage.“ Zufrieden damit, nur seine ruhigen Worte in der fremden Versammlung -zu hören, wagte es K. sogar, kurzerhand das Heft dem Untersuchungsrichter wegzunehmen -und es mit den Fingerspitzen, als scheue er sich davor, an einem mittleren Blatte -hochzuheben, so daß beiderseits die engbeschriebenen, fleckigen, gelbrandigen Blätter -hinunterhingen. „Das sind die Akten des Untersuchungsrichters,“ sagte er und ließ -das Heft auf den Tisch hinunterfallen. „Lesen Sie darin ruhig weiter, Herr Untersuchungsrichter, -vor diesem Schuldbuch fürchte ich mich wahrhaftig nicht, trotzdem es mir unzugänglich -ist, denn ich kann es nur mit zwei Fingerspitzen anfassen und nicht in die Hand nehmen.“ -Es konnte nur ein Zeichen tiefer Demütigung sein oder es mußte zumindest so aufgefaßt -werden, daß der Untersuchungsrichter nach dem Heftchen, wie es auf den Tisch gefallen -war, griff, es ein wenig in Ordnung zu bringen suchte und es wieder vornahm, um darin -zu lesen. -<span class="pageNum" id="pb73">[<a href="#pb73">73</a>]</span></p> -<p>Die Gesichter der Leute in der ersten Reihe waren so gespannt auf K. gerichtet, daß -er ein Weilchen lang zu ihnen hinuntersah. Es waren durchwegs ältere Männer, einige -waren weißbärtig. Waren vielleicht sie die Entscheidenden, die die ganze Versammlung -beeinflussen konnten, welche auch durch die Demütigung des Untersuchungsrichters sich -nicht aus der Regungslosigkeit bringen ließ, in welche sie seit K.s Rede versunken -war. -</p> -<p>„Was mir geschehen ist,“ fuhr K. fort, etwas leiser als früher, und suchte immer wieder -die Gesichter der ersten Reihe ab, was seiner Rede einen etwas fahrigen Ausdruck gab, -„was mir geschehen ist, ist ja nur ein einzelner Fall und als solcher nicht sehr wichtig, -da ich es nicht sehr schwer nehme, aber es ist das Zeichen eines Verfahrens, wie es -gegen viele geübt wird. Für diese stehe ich hier ein, nicht für mich.“ -</p> -<p>Er hatte unwillkürlich seine Stimme erhoben. Irgendwo klatschte jemand mit erhobenen -Händen und rief: „Bravo! Warum denn nicht? Bravo! Und wieder Bravo!“ Die in der ersten -Reihe griffen hie und da in ihre Barte, keiner kehrte sich wegen des Ausrufs um. Auch -K. maß ihm keine Bedeutung <span class="pageNum" id="pb74">[<a href="#pb74">74</a>]</span>bei, war aber doch aufgemuntert; er hielt es jetzt gar nicht mehr für nötig, daß alle -Beifall klatschten, es genügte, wenn die Allgemeinheit über die Sache nachzudenken -begann und nur manchmal einer durch Überredung gewonnen wurde. -</p> -<p>„Ich will nicht Rednererfolg,“ sagte K. aus dieser Überlegung heraus, „er dürfte mir -auch nicht erreichbar sein. Der Herr Untersuchungsrichter spricht wahrscheinlich viel -besser, es gehört ja zu seinem Beruf. Was ich will, ist nur die öffentliche Besprechung -eines öffentlichen Mißstandes. Hören Sie: Ich bin vor etwa 10 Tagen verhaftet worden, -über die Tatsache der Verhaftung selbst lache ich, aber das gehört jetzt nicht hierher. -Ich wurde früh im Bett überfallen, vielleicht hatte man — es ist nach dem, was der -Untersuchungsrichter sagte, nicht ausgeschlossen — den Befehl, irgendeinen Zimmermaler, -der ebenso unschuldig ist wie ich, zu verhaften, aber man wählte mich. Das Nebenzimmer -war von zwei groben Wächtern besetzt. Wenn ich ein gefährlicher Räuber wäre, hätte -man nicht bessere Vorsorge treffen können. Diese Wächter waren überdies demoralisiertes -Gesindel, <span class="pageNum" id="pb75">[<a href="#pb75">75</a>]</span>sie schwätzten mir die Ohren voll, sie wollten sich bestechen lassen, sie wollten -mir unter Vorspiegelungen Wäsche und Kleider herauslocken, sie wollten Geld, um mir -angeblich ein Frühstück zu bringen, nachdem sie mein eigenes Frühstück vor meinen -Augen schamlos aufgegessen hatten. Nicht genug daran. Ich wurde in ein drittes Zimmer -vor den Aufseher geführt. Es war das Zimmer einer Dame, die ich sehr schätze, und -ich mußte zusehen, wie dieses Zimmer meinetwegen, aber ohne meine Schuld durch die -Anwesenheit der Wächter und des Aufsehers gewissermaßen verunreinigt wurde. Es war -nicht leicht, ruhig zu bleiben. Es gelang mir aber, und ich fragte den Aufseher vollständig -ruhig — wenn er hier wäre, müßte er es bestätigen — warum ich verhaftet sei. Was antwortete -nun dieser Aufseher, den ich jetzt noch vor mir sehe, wie er auf dem Sessel der erwähnten -Dame als eine Darstellung des stumpfsinnigsten Hochmuts sitzt? Meine Herren, er antwortete -im Grunde nichts, vielleicht wußte er wirklich nichts, er hatte mich verhaftet und -war damit zufrieden. Er hat sogar noch ein übriges getan und in das Zimmer jener Dame -drei niedrige Angestellte meiner Bank gebracht, <span class="pageNum" id="pb76">[<a href="#pb76">76</a>]</span>die sich damit beschäftigten, Photographien, Eigentum der Dame, zu betasten und in -Unordnung zu bringen. Die Anwesenheit dieser Angestellten hatte natürlich noch einen -andern Zweck, sie sollten, ebenso wie meine Vermieterin und ihr Dienstmädchen, die -Nachricht von meiner Verhaftung verbreiten, mein öffentliches Ansehen schädigen und -insbesondere in der Bank meine Stellung erschüttern. Nun ist nichts davon, auch nicht -im geringsten, gelungen, selbst meine Vermieterin, eine ganz einfache Person — ich -will ihren Namen hier in ehrendem Sinne nennen, sie heißt Frau Grubach — selbst Frau -Grubach war verständig genug einzusehen, daß eine solche Verhaftung nicht mehr bedeutet -als ein Anschlag, den nicht genügend beaufsichtigte Jungen auf der Gasse ausführen. -Ich wiederhole, mir hat das Ganze nur Unannehmlichkeiten und vorübergehenden Ärger -bereitet, hätte es aber nicht auch schlimmere Folgen haben können?“ -</p> -<p>Als K. sich hier unterbrach und nach dem stillen Untersuchungsrichter hinsah, glaubte -er zu bemerken, daß dieser gerade mit einem Blick jemandem in der Menge ein Zeichen -gab. K. lächelte und <span class="pageNum" id="pb77">[<a href="#pb77">77</a>]</span>sagte: „Eben gibt hier neben mir der Herr Untersuchungsrichter jemandem von Ihnen -ein geheimes Zeichen. Es sind also Leute unter Ihnen, die von hier oben dirigiert -werden. Ich weiß nicht, ob das Zeichen jetzt Zischen oder Beifall bewirken sollte, -und verzichte dadurch, daß ich die Sache vorzeitig verrate, ganz bewußt darauf, die -Bedeutung des Zeichens zu erfahren. Es ist mir vollständig gleichgültig, und ich ermächtige -den Herrn Untersuchungsrichter öffentlich, seine bezahlten Angestellten dort unten -statt mit geheimen Zeichen, laut mit Worten zu befehligen, indem er etwa einmal sagt: -Jetzt zischt, und das nächste Mal: Jetzt klatscht.“ -</p> -<p>In Verlegenheit oder Ungeduld rückte der Untersuchungsrichter auf seinem Sessel hin -und her. Der Mann hinter ihm, mit dem er sich schon früher unterhalten hatte, beugte -sich wieder zu ihm, sei es, um ihm im allgemeinen Mut zuzusprechen oder um ihm einen -besondern Rat zu geben. Unten unterhielten sich die Leute leise, aber lebhaft. Die -zwei Parteien, die früher so entgegengesetzte Meinungen gehabt zu haben schienen, -vermischten sich, einzelne Leute zeigten mit dem Finger auf K., andere auf den Untersuchungsrichter. -<span class="pageNum" id="pb78">[<a href="#pb78">78</a>]</span>Der neblige Dunst im Zimmer war äußerst lästig, er verhinderte sogar eine genauere -Beobachtung der Fernerstehenden. Besonders für die Galeriebesucher mußte er störend -sein, sie waren gezwungen, allerdings unter scheuen Seitenblicken nach dem Untersuchungsrichter, -leise Fragen an die Versammlungsteilnehmer zu stellen, um sich näher zu unterrichten. -Die Antworten wurden im Schutz der vorgehaltenen Hände ebenso leise gegeben. -</p> -<p>„Ich bin gleich zu Ende,“ sagte K. und schlug, da keine Glocke vorhanden war, mit -der Faust auf den Tisch. Im Schrecken darüber fuhren die Köpfe des Untersuchungsrichters -und seines Ratgebers augenblicklich auseinander: „Mir steht die ganze Sache fern, -ich beurteile sie daher ruhig, und Sie können, vorausgesetzt, daß Ihnen an diesem -angeblichen Gericht etwas gelegen ist, großen Vorteil davon haben, wenn Sie mir zuhören. -Ihre gegenseitigen Besprechungen dessen, was ich vorbringe, bitte ich Sie für späterhin -zu verschieben, denn ich habe keine Zeit und werde bald weggehn.“ -</p> -<p>Sofort war es still, so sehr beherrschte schon K. die Versammlung. Man schrie nicht -mehr durcheinander wie am Anfang, man klatschte nicht einmal <span class="pageNum" id="pb79">[<a href="#pb79">79</a>]</span>mehr Beifall, aber man schien schon überzeugt oder auf dem nächsten Wege dazu. -</p> -<p>„Es ist kein Zweifel,“ sagte K. sehr leise, denn ihn freute das angespannte Aufhorchen -der ganzen Versammlung, in dieser Stille entstand ein Sausen, das aufreizender war -als der verzückteste Beifall, „es ist kein Zweifel, daß hinter allen Äußerungen dieses -Gerichtes, in meinem Fall also hinter der Verhaftung und der heutigen Untersuchung -eine große Organisation sich befindet. Eine Organisation, die nicht nur bestechliche -Wächter, läppische Aufseher und Untersuchungsrichter, die günstigsten Falles bescheiden -sind, beschäftigt, sondern die weiterhin jedenfalls eine Richterschaft hohen und höchsten -Grades unterhält, mit dem zahllosen unumgänglichen Gefolge von Dienern, Schreibern, -Gendarmen und andern Hilfskräften, vielleicht sogar Henkern, ich scheue vor dem Wort -nicht zurück. Und der Sinn dieser großen Organisation, meine Herren? Er besteht darin, -daß unschuldige Personen verhaftet werden und gegen sie ein sinnloses und meistens -wie in meinem Fall ergebnisloses Verfahren eingeleitet wird. Wie ließe sich bei dieser -Sinnlosigkeit des Ganzen die schlimmste <span class="pageNum" id="pb80">[<a href="#pb80">80</a>]</span>Korruption der Beamtenschaft vertuschen? Das ist unmöglich, das brächte auch der höchste -Richter nicht einmal für sich selbst zustande. Darum suchen die Wächter den Verhafteten -die Kleider vom Leib zu stehlen, darum brechen Aufseher in fremde Wohnungen ein, darum -sollen Unschuldige statt verhört lieber vor ganzen Versammlungen entwürdigt werden. -Die Wächter haben nur von Depots erzählt, in die man das Eigentum der Verhafteten -bringt, ich wollte einmal diese Depotplätze sehen, in denen das mühsam erarbeitete -Vermögen der Verhafteten fault, soweit es nicht von diebischen Depotbeamten gestohlen -ist.“ -</p> -<p>K. wurde durch ein Kreischen vom Saalende unterbrochen, er beschattete die Augen, -um hinsehen zu können, denn das trübe Tageslicht machte den Dunst weißlich und blendete. -Es handelte sich um die Waschfrau, die K. gleich bei ihrem Eintritt als eine wesentliche -Störung erkannt hatte. Ob sie jetzt schuldig war oder nicht, konnte man nicht erkennen. -K. sah nur, daß ein Mann sie in einen Winkel bei der Tür gezogen hatte und dort an -sich drückte. Aber nicht sie kreischte, sondern der Mann, er hatte den Mund breit -gezogen <span class="pageNum" id="pb81">[<a href="#pb81">81</a>]</span>und blickte zur Decke. Ein kleiner Kreis hatte sich um beide gebildet, die Galeriebesucher -in der Nähe schienen darüber begeistert, daß der Ernst, den K. in die Versammlung -eingeführt hatte, auf diese Weise unterbrochen wurde. K. wollte unter dem ersten Eindruck -gleich hinlaufen, auch dachte er, allen würde daran gelegen sein, dort Ordnung zu -schaffen und zumindest das Paar aus dem Saal zu weisen, aber die ersten Reihen vor -ihm blieben ganz fest, keiner rührte sich und keiner ließ K. durch. Im Gegenteil, -man hinderte ihn, und irgendeine Hand — er hatte nicht Zeit sich umzudrehn — faßte -ihn hinten am Kragen, alte Männer hielten den Arm vor, K. dachte nicht eigentlich -mehr an das Paar, ihm war, als werde seine Freiheit eingeschränkt, als mache man mit -der Verhaftung ernst und er sprang rücksichtslos vom Podium hinunter. Nun stand er -Aug’ an Aug’ dem Gedränge gegenüber. Hatte er die Leute nicht richtig beurteilt? Hatte -er seiner Rede zuviel Wirkung zugetraut? Hatte man sich verstellt, solange er gesprochen -hatte, und hatte man jetzt, da er zu den Schlußfolgerungen kam, die Verstellung satt? -Was für Gesichter rings um ihn! Kleine <span class="pageNum" id="pb82">[<a href="#pb82">82</a>]</span>schwarze Äuglein huschten hin und her, die Wangen hingen herab wie bei Versoffenen, -die langen Bärte waren steif und schütter, und griff man in sie, so war es, als bilde -man bloß Krallen, nicht als griffe man an Bärte. Unter den Bärten aber — und das war -die eigentliche Entdeckung, die K. machte — schimmerten am Rockkragen Abzeichen in -verschiedener Größe und Farbe. Alle hatten diese Abzeichen, soweit man sehen konnte. -Alle gehörten zueinander, die scheinbaren Parteien rechts und links, und als er sich -plötzlich umdrehte, sah er die gleichen Abzeichen am Kragen des Untersuchungsrichters, -der, die Hände im Schoß, ruhig hinuntersah. „So,“ rief K. und warf die Arme in die -Höhe, die plötzliche Erkenntnis wollte Raum, „ihr seid ja alle Beamte, wie ich sehe, -ihr seid ja die korrupte Bande, gegen die ich sprach, ihr habt euch hier gedrängt, -als Zuhörer und Schnüffler, habt scheinbar Parteien gebildet, und eine hat applaudiert, -um mich zu prüfen, ihr wolltet lernen, wie man Unschuldige verführen soll. Nun, ihr -seid richtig nutzlos hier gewesen, hoffe ich, entweder habt ihr euch darüber unterhalten, -daß jemand die Verteidigung der Unschuld <span class="pageNum" id="pb83">[<a href="#pb83">83</a>]</span>von euch erwartet hat, oder aber — laß mich oder ich schlage,“ rief K. einem zitternden -Greis zu, der sich besonders nahe an ihn geschoben hatte — „oder aber ihr habt wirklich -etwas gelernt. Und damit wünsche ich euch Glück zu eurem Gewerbe.“ Er nahm schnell -seinen Hut, der am Rand des Tisches lag, und drängte sich unter allgemeiner Stille, -jedenfalls der Stille vollkommenster Überraschung, zum Ausgang. Der Untersuchungsrichter -schien aber noch schneller als K. gewesen zu sein, denn er erwartete ihn bei der Tür. -„Einen Augenblick,“ sagte er. K. blieb stehen, sah aber nicht auf den Untersuchungsrichter, -sondern auf die Tür, deren Klinke er schon ergriffen hatte. „Ich wollte Sie nur darauf -aufmerksam machen,“ sagte der Untersuchungsrichter, „daß Sie sich heute — es dürfte -Ihnen noch nicht zu Bewußtsein gekommen sein — des Vorteils beraubt haben, den ein -Verhör für den Verhafteten in jedem Falle bedeutet.“ K. lachte die Tür an. „Ihr Lumpen, -ich schenke euch alle Verhöre,“ rief er, öffnete die Tür und eilte die Treppe hinunter. -Hinter ihm erhob sich der Lärm der wieder lebendig gewordenen Versammlung, welche -die Vorfälle nach Art von Studierenden zu besprechen begann. -<span class="pageNum" id="pb84">[<a href="#pb84">84</a>]</span></p> -</div> -</div> -<div id="ch3" class="div1 chapter"><span class="pageNum">[<a href="#ch3.toc">Inhalt</a>]</span><div class="divHead"> -<h2 class="label">DRITTES KAPITEL</h2> -<h2 class="main">IM LEEREN SITZUNGSSAAL · DER STUDENT · DIE KANZLEIEN</h2> -</div> -<div class="divBody"> -<p class="first">K. wartete während der nächsten Woche von Tag zu Tag auf eine neuerliche Verständigung, -er konnte nicht glauben, daß man seinen Verzicht auf Verhör wörtlich genommen hatte, -und als die erwartete Verständigung bis Sonntagabend wirklich nicht kam, nahm er an, -er sei stillschweigend in das gleiche Haus für die gleiche Zeit wieder vorgeladen. -Er begab sich daher Sonntags wieder hin, ging diesmal geradewegs über Treppen und -Gänge; einige Leute, die sich seiner erinnerten, grüßten ihn an ihren Türen, aber -er mußte niemanden mehr fragen und kam bald zu der richtigen Tür. Auf sein Klopfen -wurde ihm gleich aufgemacht, und ohne sich weiter nach der bekannten Frau umzusehn, -die bei der Tür stehen blieb, wollte er gleich ins Nebenzimmer. „Heute ist keine Sitzung,“ -sagte <span class="pageNum" id="pb85">[<a href="#pb85">85</a>]</span>die Frau. „Warum sollte keine Sitzung sein?“ fragte er und wollte es nicht glauben. -Aber die Frau überzeugte ihn, indem sie die Tür des Nebenzimmers öffnete. Es war wirklich -leer und sah in seiner Leere noch kläglicher aus, als am letzten Sonntag. Auf dem -Tisch, der unverändert auf dem Podium stand, lagen einige Bücher. „Kann ich mir die -Bücher anschauen,“ fragte K., nicht aus besonderer Neugierde, sondern nur um nicht -vollständig nutzlos hier gewesen zu sein. „Nein,“ sagte die Frau und schloß wieder -die Tür, „das ist nicht erlaubt. Die Bücher gehören dem Untersuchungsrichter.“ „Ach -so,“ sagte K. und nickte, „die Bücher sind wohl Gesetzbücher und es gehört zu der -Art dieses Gerichtswesens, daß man nicht nur unschuldig, sondern auch unwissend verurteilt -wird.“ „Es wird so sein,“ sagte die Frau, die ihn nicht genau verstanden hatte. „Nun, -dann gehe ich wieder,“ sagte K. „Soll ich dem Untersuchungsrichter etwas melden?“ -fragte die Frau. „Sie kennen ihn?“ fragte K. „Natürlich,“ sagte<span id="xd31e433"></span> die Frau, „mein Mann ist ja Gerichtsdiener.“ Erst jetzt merkte K., daß das Zimmer, -in dem letzthin nur ein Waschbottich gestanden war, jetzt ein <span class="pageNum" id="pb86">[<a href="#pb86">86</a>]</span>völlig eingerichtetes Wohnzimmer bildete. Die Frau bemerkte sein Staunen und sagte: -„Ja, wir haben hier freie Wohnung, müssen aber an Sitzungstagen das Zimmer ausräumen. -Die Stellung meines Mannes hat manche Nachteile.“ „Ich staune nicht so sehr über das -Zimmer,“ sagte K. und blickte sie böse an, „als vielmehr darüber, daß Sie verheiratet -sind.“ „Spielen Sie vielleicht auf den Vorfall in der letzten Sitzung an, durch den -ich Ihre Rede störte,“ fragte die Frau. „Natürlich,“ sagte K., „heute ist es ja schon -vorüber und fast vergessen, aber damals hat es mich geradezu wütend gemacht. Und nun -sagen Sie selbst, daß Sie eine verheiratete Frau sind.“ „Es war nicht zu Ihrem Nachteil, -daß Ihre Rede abgebrochen wurde. Man hat nachher noch sehr ungünstig über sie geurteilt.“ -„Mag sein,“ sagte K. ablenkend, „aber Sie entschuldigt das nicht.“ „Ich bin vor allen -entschuldigt, die mich kennen,“ sagte die Frau, „der, welcher mich damals umarmt hat, -verfolgt mich schon seit langem. Ich mag im allgemeinen nicht verlockend sein, für -ihn bin ich es aber. Es gibt hiefür keinen Schutz, auch mein Mann hat sich schon damit -abgefunden; will er seine Stellung behalten, <span class="pageNum" id="pb87">[<a href="#pb87">87</a>]</span>muß er es dulden, denn jener Mann ist Student und wird voraussichtlich zu größerer -Macht kommen. Er ist immerfort hinter mir her, gerade ehe Sie kamen, ist er fortgegangen.“ -„Es paßt zu allem andern,“ sagte K., „es überrascht mich nicht.“ „Sie wollen hier -wohl einiges verbessern,“ fragte die Frau langsam und prüfend, als sage sie etwas, -was sowohl für sie als für K. gefährlich war. „Ich habe das schon aus Ihrer Rede geschlossen, -die mir persönlich sehr gut gefallen hat. Ich habe allerdings nur einen Teil gehört, -den Anfang habe ich versäumt und während des Schlusses lag ich mit dem Studenten auf -dem Boden. — Es ist ja so widerlich hier,“ sagte sie nach einer Pause und faßte K.s -Hand. „Glauben Sie, daß es Ihnen gelingen wird, eine Besserung zu erreichen?“ K. lächelte -und drehte seine Hand ein wenig in ihren weichen Händen. „Eigentlich,“ sagte er, „bin -ich nicht dazu angestellt, Besserungen hier zu erreichen, wie Sie sich ausdrücken, -und wenn Sie es z. B. dem Untersuchungsrichter sagen würden, würden Sie ausgelacht -oder bestraft werden. Tatsächlich hätte ich mich auch aus freiem Willen in diese Dinge -gewiß nicht eingemischt <span class="pageNum" id="pb88">[<a href="#pb88">88</a>]</span>und meinen Schlaf hätte die Verbesserungsbedürftigkeit dieses Gerichtswesens niemals -gestört. Aber ich bin dadurch, daß ich angeblich verhaftet wurde — ich bin nämlich -verhaftet — gezwungen worden, hier einzugreifen, und zwar um meinetwillen. Wenn ich -aber dabei auch Ihnen irgendwie nützlich sein kann, werde ich es natürlich sehr gerne -tun. Nicht etwa nur aus Nächstenliebe, sondern außerdem deshalb, weil auch Sie mir -helfen können.“ „Wie könnte ich denn das,“ fragte die Frau. „Indem Sie mir z. B. jetzt -die Bücher dort auf dem Tisch zeigen.“ „Aber gewiß,“ rief die Frau und zog ihn eiligst -hinter sich her. Es waren alte abgegriffene Bücher, ein Einbanddeckel war in der Mitte -fast zerbrochen, die Stücke hingen nur durch Fasern zusammen. „Wie schmutzig hier -alles ist,“ sagte K. kopfschüttelnd und die Frau wischte mit ihrer Schürze, ehe K. -nach den Büchern greifen konnte, wenigstens oberflächlich den Staub weg. K. schlug -das erste Buch auf, es erschien ein unanständiges Bild. Ein Mann und eine Frau saßen -nackt auf dem Kanapee, die gemeine Absicht des Zeichners war deutlich zu erkennen, -aber seine Ungeschicklichkeit war so groß <span class="pageNum" id="pb89">[<a href="#pb89">89</a>]</span>gewesen, daß schließlich doch nur ein Mann und eine Frau zu sehen waren, die allzu -körperlich aus dem Bilde hervorragten, übermäßig aufrecht dasaßen und sich infolge -falscher Perspektive nur mühsam einander zuwendeten. K. blätterte nicht weiter, sondern -schlug nur noch das Titelblatt des zweiten Buches auf, es war ein Roman mit dem Titel: -„Die Plagen, welche Grete von ihrem Manne Hans zu erleiden hatte.“ „Das sind die Gesetzbücher, -die hier studiert werden,“ sagte K., „von solchen Menschen soll ich gerichtet werden.“ -„Ich werde Ihnen helfen,“ sagte die Frau. „Wollen Sie?“ „Könnten Sie denn das wirklich, -ohne sich selbst in Gefahr zu bringen? Sie sagten doch vorhin, Ihr Mann sei sehr abhängig -von Vorgesetzten.“ „Trotzdem will ich Ihnen helfen,“ sagte die Frau, „kommen Sie, -wir müssen es besprechen. Über meine Gefahr reden Sie nicht mehr, ich fürchte die -Gefahr nur dort, wo ich sie fürchten will. Kommen Sie.“ Sie zeigte auf das Podium -und bat ihn, sich mit ihr auf die Stufe zu setzen. „Sie haben schöne dunkle Augen,“ -sagte sie, nachdem sie sich gesetzt hatten und sah K. von unten ins Gesicht, „man -sagt mir, ich hätte auch schöne Augen, aber <span class="pageNum" id="pb90">[<a href="#pb90">90</a>]</span>Ihre sind viel schöner. Sie fielen mir übrigens gleich damals auf, als <span class="corr" id="xd31e446" title="Quelle: sie">Sie</span> zum erstenmal hier eintraten. Sie waren auch der Grund, warum ich dann später hierher -ins Versammlungszimmer ging, was ich sonst niemals tue und was mir sogar gewissermaßen -verboten ist.“ ‚Das ist also alles,‘ dachte K., ‚sie bietet sich mir an, sie ist verdorben -wie alle hier rings herum, sie hat die Gerichtsbeamten satt, was ja begreiflich ist, -und begrüßt deshalb jeden beliebigen Fremden mit einem Kompliment wegen seiner Augen.‘ -Und K. stand stillschweigend auf, als hätte er seine Gedanken laut ausgesprochen und -dadurch der Frau sein Verhalten erklärt. „Ich glaube nicht, daß Sie mir helfen könnten,“ -sagte er, „um mir wirklich zu helfen, müßte man Beziehungen zu hohen Beamten haben. -Sie aber kennen gewiß nur die niedrigen Angestellten, die sich hier in Mengen herumtreiben. -Diese kennen Sie gewiß sehr gut und könnten bei ihnen auch manches durchsetzen, das -bezweifle ich nicht, aber das Größte, was man bei ihnen durchsetzen könnte, wäre für -den endgültigen Ausgang des Prozesses gänzlich belanglos. Sie aber hätten sich dadurch -doch einige Freunde verscherzt. Das will <span class="pageNum" id="pb91">[<a href="#pb91">91</a>]</span>ich nicht. Führen Sie Ihr bisheriges Verhältnis zu diesen Leuten weiter, es scheint -mir nämlich, daß es Ihnen unentbehrlich ist. Ich sage das nicht ohne Bedauern, denn, -um Ihr Kompliment doch auch irgendwie zu erwidern, auch Sie gefallen mir gut, besonders -wenn Sie mich wie jetzt so traurig ansehn, wozu übrigens für Sie gar kein Grund ist. -Sie gehören zu der Gesellschaft, die ich bekämpfen muß, befinden sich aber in ihr -sehr wohl, Sie lieben sogar den Studenten, und wenn Sie ihn nicht lieben, so ziehen -Sie ihn doch wenigstens Ihrem Manne vor. Das konnte man aus Ihren Worten leicht erkennen.“ -„Nein,“ rief sie, blieb sitzen und griff nur nach K.s Hand, die er ihr nicht rasch -genug entzog. „Sie dürfen jetzt nicht weggehn, Sie dürfen nicht mit einem falschen -Urteil über mich weggehn. Brächten Sie es wirklich zustande, jetzt wegzugehn? Bin -ich wirklich so wertlos, daß Sie mir nicht einmal den Gefallen tun wollen, noch ein -kleines Weilchen hierzubleiben?“ „Sie mißverstehen mich,“ sagte K. und setzte sich, -„wenn Ihnen wirklich daran liegt, daß ich hierbleibe, bleibe ich gern, ich habe ja -Zeit, ich kam doch in der Erwartung her, daß heute eine Verhandlung <span class="pageNum" id="pb92">[<a href="#pb92">92</a>]</span>sein werde. Mit dem, was ich früher sagte, wollte ich Sie nur bitten, in meinem Prozeß -nichts für mich zu unternehmen. Aber auch das muß Sie nicht kränken, wenn Sie bedenken, -daß mir am Ausgang des Prozesses gar nichts liegt und daß ich über eine Verurteilung -nur lachen werde. Vorausgesetzt, daß es überhaupt zu einem wirklichen Abschluß des -Prozesses kommt, was ich sehr bezweifle. Ich glaube vielmehr, daß das Verfahren infolge -Faulheit oder Vergeßlichkeit oder vielleicht sogar infolge Angst der Beamtenschaft -schon abgebrochen ist oder in der nächsten Zeit abgebrochen werden wird. Möglich ist -allerdings auch, daß man in Hoffnung auf irgendeine größere Bestechung den Prozeß -scheinbar weiterführen wird, ganz vergeblich, wie ich heute schon sagen kann, denn -ich besteche niemanden. Es wäre immerhin eine Gefälligkeit, die Sie mir leisten könnten, -wenn Sie dem Untersuchungsrichter oder irgend jemandem sonst, der wichtige Nachrichten -gern verbreitet, mitteilen würden, daß ich niemals und durch keine Kunststücke, an -denen die Herren wohl reich sind, zu einer Bestechung zu bewegen sein werde. Es wäre -ganz aussichtslos, das können <span class="pageNum" id="pb93">[<a href="#pb93">93</a>]</span>Sie ihnen offen sagen. Übrigens wird man es vielleicht selbst schon bemerkt haben -und selbst wenn dies nicht sein sollte, liegt mir gar nicht soviel daran, daß man -es jetzt schon erfährt. Es würde ja dadurch den Herren nur Arbeit erspart werden, -allerdings auch mir einige Unannehmlichkeiten, die ich aber gern auf mich nehme, wenn -ich weiß, daß jede gleichzeitig ein Hieb für die andern ist. Und daß es so wird, dafür -will ich sorgen. Kennen Sie eigentlich den Untersuchungsrichter?“ „Natürlich,“ sagte -die Frau, „an den dachte ich sogar zuerst, als ich Ihnen Hilfe anbot. Ich wußte nicht, -daß er nur ein niedriger Beamter ist, aber da Sie es sagen, wird es wahrscheinlich -richtig sein. Trotzdem glaube ich, daß der Bericht, den er nach oben liefert, immerhin -einigen Einfluß hat. Und er schreibt soviel Berichte. Sie sagen, daß die Beamten faul -sind, alle gewiß nicht, besonders dieser Untersuchungsrichter nicht, er schreibt sehr -viel. Letzten Sonntag z. B. dauerte die Sitzung bis gegen Abend. Alle Leute gingen -weg, der Untersuchungsrichter aber blieb im Saal, ich mußte ihm eine Lampe bringen, -ich hatte nur eine kleine Küchenlampe, aber er war mit ihr zufrieden <span class="pageNum" id="pb94">[<a href="#pb94">94</a>]</span>und fing gleich zu schreiben an. Inzwischen war auch mein Mann gekommen, der an jenem -Sonntag gerade Urlaub hatte, wir holten die Möbel, richteten wieder unser Zimmer ein, -es kamen dann noch Nachbarn, wir unterhielten uns noch bei einer Kerze, kurz, wir -vergaßen den Untersuchungsrichter und gingen schlafen. Plötzlich in der Nacht, es -muß schon tief in der Nacht gewesen sein, wache ich auf, neben dem Bett steht der -Untersuchungsrichter und blendet die Lampe mit der Hand ab, so daß auf meinen Mann -kein Licht fällt, es war unnötige Vorsicht, mein Mann hat einen solchen Schlaf, daß -ihn auch das Licht nicht geweckt hätte. Ich war so erschrocken, daß ich fast geschrien -hätte, aber der Untersuchungsrichter war sehr freundlich, ermahnte mich zur Vorsicht, -flüsterte mir zu, daß er bis jetzt geschrieben habe, daß er mir jetzt die Lampe zurückbringe -und daß er niemals den Anblick vergessen werde, wie er mich schlafend gefunden habe. -Mit dem allen wollte ich Ihnen nur sagen, daß der Untersuchungsrichter tatsächlich -viele Berichte schreibt, insbesondere über Sie, denn Ihre Einvernahme war gewiß einer -der Hauptgegenstände der zweitägigen <span class="pageNum" id="pb95">[<a href="#pb95">95</a>]</span>Sitzung. Solche lange Berichte können aber doch nicht ganz bedeutungslos sein. Außerdem -aber können Sie doch auch aus dem Vorfall sehn, daß sich der Untersuchungsrichter -um mich bewirbt und daß ich gerade jetzt in der ersten Zeit, er muß mich überhaupt -erst jetzt bemerkt haben, großen Einfluß auf ihn haben kann. Daß ihm viel an mir liegt, -dafür habe ich jetzt auch noch andere Beweise. Er hat mir gestern durch den Studenten, -zu dem er viel Vertrauen hat und der sein Mitarbeiter ist, seidene Strümpfe zum Geschenk -geschickt, angeblich dafür, daß ich das Sitzungszimmer aufräume, aber das ist nur -ein Vorwand, denn diese Arbeit ist doch nur meine Pflicht und für sie wird mein Mann -bezahlt. Es sind schöne Strümpfe, sehen Sie — sie streckte die Beine, zog die Röcke -bis zum Knie hinauf und sah auch selbst die Strümpfe an — es sind schöne Strümpfe, -aber doch eigentlich zu fein und für mich nicht geeignet.“ -</p> -<p>Plötzlich unterbrach sie sich, legte ihre Hand auf K.s Hand, als wolle sie ihn beruhigen -und flüsterte: „Still, Bertold sieht uns zu.“ K. hob langsam den Blick. In der Tür -des Sitzungszimmers <span class="pageNum" id="pb96">[<a href="#pb96">96</a>]</span>stand ein junger Mann, er war klein, hatte nicht ganz gerade Beine und suchte sich -durch einen kurzen schüttern rötlichen Vollbart, in dem er die Finger fortwährend -herumführte, Würde zu geben. K. sah ihn neugierig an, es war ja der erste Student -der unbekannten Rechtswissenschaft, dem er gewissermaßen menschlich begegnete, ein -Mann, der wahrscheinlich auch einmal zu höhern Beamtenstellen gelangen würde. Der -Student dagegen kümmerte sich um K. scheinbar gar nicht, er winkte nur mit einem Finger, -den er für einen Augenblick aus seinem Barte zog, der Frau und ging zum Fenster, die -Frau beugte sich zu K. und flüsterte: „Seien Sie mir nicht böse, ich bitte Sie vielmals, -denken Sie auch nicht schlecht von mir, ich muß jetzt zu ihm gehn, zu diesem scheußlichen -Menschen, sehn Sie nur seine krummen Beine an. Aber ich komme gleich zurück und dann -geh ich mit Ihnen, wenn Sie mich mitnehmen, ich gehe, wohin Sie wollen, Sie können -mit mir tun, was Sie wollen, ich werde glücklich sein, wenn ich von hier für möglichst -lange Zeit fort bin, am liebsten allerdings für immer.“ Sie streichelte noch K.s Hand, -sprang auf und lief zum Fenster. Unwillkürlich <span class="pageNum" id="pb97">[<a href="#pb97">97</a>]</span>haschte noch K. nach ihrer Hand ins Leere. Die Frau verlockte ihn wirklich, er fand -trotz allem Nachdenken keinen haltbaren Grund dafür, warum er der Verlockung nicht -nachgeben sollte. Den flüchtigen Einwand, daß ihn die Frau für das Gericht einfange, -wehrte er ohne Mühe ab. Auf welche Weise konnte sie ihn einfangen? Blieb er nicht -immer so frei, daß er das ganze Gericht, wenigstens soweit es ihn betraf, sofort zerschlagen -konnte? Konnte er nicht dieses geringe Vertrauen zu sich haben? Und ihr Anerbieten -einer Hilfe klang aufrichtig und war vielleicht nicht wertlos. Und es gab vielleicht -keine bessere Rache an dem Untersuchungsrichter und seinem Anhang, als daß er ihnen -diese Frau entzog und an sich nahm. Es könnte sich dann einmal der Fall ereignen, -daß der Untersuchungsrichter nach mühevoller Arbeit an Lügenberichten über K. in später -Nacht das Bett der Frau leer fand. Und leer deshalb, weil sie K. gehörte, weil diese -Frau am Fenster, dieser üppige gelenkige warme Körper im dunklen Kleid aus grobem -schweren Stoff durchaus nur K. gehörte. -</p> -<p>Nachdem er auf diese Weise die Bedenken gegen die Frau beseitigt hatte, wurde ihm -das leise Zwiegespräch <span class="pageNum" id="pb98">[<a href="#pb98">98</a>]</span>am Fenster zu lang, er klopfte mit den Knöcheln auf das Podium und dann auch mit der -Faust. Der Student sah kurz über die Schulter der Frau hinweg nach K. hin, ließ sich -aber nicht stören, ja drückte sich sogar enger an die Frau und umfaßte sie. Sie senkte -tief den Kopf, als höre sie ihm aufmerksam zu, er küßte sie, als sie sich bückte, -laut auf den Hals, ohne sich im Reden wesentlich zu unterbrechen. K. sah darin die -Tyrannei bestätigt, die der Student nach den Klagen der Frau über sie ausübte, stand -auf und ging im Zimmer auf und ab. Er überlegte unter Seitenblicken nach dem Studenten, -wie er ihn möglichst schnell wegschaffen könnte, und es war ihm daher nicht unwillkommen, -als der Student, offenbar gestört durch K.s Herumgehn, das schon zeitweilig zu einem -Trampeln ausgeartet war, bemerkte: „Wenn Sie ungeduldig sind, können Sie weggehn. -Sie hätten auch schon früher weggehn können, es hätte Sie niemand vermißt. Ja, Sie -hätten sogar weggehn sollen, und zwar schon bei meinem Eintritt, und zwar schleunigst.“ -Es mochte in dieser Bemerkung alle mögliche Wut zum Ausbruch kommen, jedenfalls lag -darin aber auch der Hochmut <span class="pageNum" id="pb99">[<a href="#pb99">99</a>]</span>des künftigen Gerichtsbeamten, der zu einem mißliebigen Angeklagten sprach. K. blieb -ganz nahe bei ihm stehn und sagte lächelnd: „Ich bin ungeduldig, das ist richtig, -aber diese Ungeduld wird am leichtesten dadurch zu beseitigen sein, daß Sie uns verlassen. -Wenn Sie aber vielleicht hergekommen sind, um zu studieren — ich hörte, daß Sie Student -sind — so will ich Ihnen gerne Platz machen und mit der Frau weggehn. Sie werden übrigens -noch viel studieren müssen, ehe Sie Richter werden. Ich kenne zwar Ihr Gerichtswesen -noch nicht sehr genau, nehme aber an, daß es mit groben Reden allein, die Sie allerdings -schon unverschämt gut zu führen wissen, noch lange nicht getan ist.“ „Man hätte ihn -nicht so frei herumlaufen lassen sollen,“ sagte der Student, als wolle er der Frau -eine Erklärung für K.s beleidigende Rede geben, „es war ein Mißgriff. Ich habe es -dem Untersuchungsrichter gesagt. Man hätte ihn zwischen den Verhören zumindest in -seinem Zimmer halten sollen. Der Untersuchungsrichter ist manchmal unbegreiflich.“ -„Unnütze Reden,“ sagte K. und streckte die Hand nach der Frau aus, „kommen Sie.“ „Ach -so,“ sagte der <span class="pageNum" id="pb100">[<a href="#pb100">100</a>]</span>Student, „nein, nein, die bekommen Sie nicht,“ und mit einer Kraft, die man ihm nicht -zugetraut hätte, hob er sie auf einen Arm, und lief mit gebeugtem Rücken, zärtlich -zu ihr aufsehend, zur Tür. Eine gewisse Angst vor K. war hiebei nicht zu verkennen, -trotzdem wagte er es, K. noch zu reizen, indem er mit der freien Hand den Arm der -Frau streichelte und drückte. K. lief paar Schritte neben ihm her, bereit, ihn zu -fassen und, wenn es sein müßte, zu würgen, da sagte die Frau: „Es hilft nichts, der -Untersuchungsrichter läßt mich holen, ich darf nicht mit Ihnen gehn, dieses kleine -Scheusal,“ sie fuhr hiebei dem Studenten mit der Hand übers Gesicht, „dieses kleine -Scheusal läßt mich nicht.“ „Und Sie wollen nicht befreit werden,“ schrie K. und legte -die Hand auf die Schulter des Studenten, der mit den Zähnen nach ihr schnappte. „Nein,“ -rief die Frau und wehrte K. mit beiden Händen ab, „nein, nein, nur das nicht, woran -denken Sie denn! Das wäre mein Verderben. Lassen Sie ihn doch, o bitte, lassen Sie -ihn doch. Er führt ja nur den Befehl des Untersuchungsrichters aus und trägt mich -zu ihm.“ „Dann mag er laufen und Sie will ich nie mehr sehn,“ sagte K. wütend <span class="pageNum" id="pb101">[<a href="#pb101">101</a>]</span>vor Enttäuschung und gab dem Studenten einen Stoß in den Rücken, daß er kurz stolperte, -um gleich darauf, vor Vergnügen darüber, daß er nicht gefallen war, mit seiner Last -desto höher zu springen. K. ging ihnen langsam nach, er sah ein, daß das die erste -zweifellose Niederlage war, die er von diesen Leuten erfahren hatte. Es war natürlich -gar kein Grund, sich deshalb zu ängstigen, er erhielt die Niederlage nur deshalb, -weil er den Kampf aufsuchte. Wenn er zu Hause bliebe und sein gewohntes Leben führen -würde, war er jedem dieser Leute tausendfach überlegen und konnte jeden mit einem -Fußtritt von seinem Wege räumen. Und er stellte sich die allerlächerlichste Szene -vor, die es z. B. geben würde, wenn dieser klägliche Student, dieses aufgeblasene -Kind, dieser krumme Bartträger vor Elsas Bett knien und mit gefalteten Händen um Gnade -bitten würde. K. gefiel diese Vorstellung so, daß er beschloß, wenn sich nur irgendeine -Gelegenheit dafür ergeben sollte, den Studenten einmal zu Elsa mitzunehmen. -</p> -<p>Aus Neugierde eilte K. noch zur Tür, er wollte sehn, wohin die Frau getragen wurde, -der Student würde sie doch nicht etwa über die Straßen auf <span class="pageNum" id="pb102">[<a href="#pb102">102</a>]</span>dem Arm tragen. Es zeigte sich, daß der Weg viel kürzer war. Gleich gegenüber der -Wohnungstür führte eine schmale hölzerne Treppe wahrscheinlich zum Dachboden, sie -machte eine Wendung, so daß man ihr Ende nicht sah. Über diese Treppe trug der Student -die Frau hinauf, schon sehr langsam und stöhnend, denn er war durch das bisherige -Laufen geschwächt. Die Frau grüßte mit der Hand zu K. hinunter, und suchte durch Auf- -und Abziehn der Schultern zu zeigen, daß sie an der Entführung unschuldig sei, viel -Bedauern lag aber in dieser Bewegung nicht. K. sah sie ausdruckslos, wie eine Fremde -an, er wollte weder verraten, daß er enttäuscht war, noch auch, daß er die Enttäuschung -leicht überwinden könne. -</p> -<p>Die zwei waren schon verschwunden, K. aber stand noch immer in der Tür. Er mußte annehmen, -daß ihn die Frau nicht nur betrogen, sondern mit der Angabe, daß sie zum Untersuchungsrichter -getragen werde, auch belogen habe. Der Untersuchungsrichter würde doch nicht auf dem -Dachboden sitzen und warten. Die Holztreppe erklärte nichts, so lange man sie auch -ansah. Da bemerkte K. einen kleinen Zettel neben dem Aufgang, ging <span class="pageNum" id="pb103">[<a href="#pb103">103</a>]</span>hinüber und las in einer kindlichen ungeübten Schrift: „Aufgang zu den Gerichtskanzleien.“ -Hier auf dem Dachboden dieses Miethauses waren also die Gerichtskanzleien? Das war -keine Einrichtung, die viel Achtung einzuflößen imstande war und es war für einen -Angeklagten beruhigend, sich vorzustellen, wie wenig Geldmittel diesem Gericht zur -Verfügung standen, wenn es seine Kanzleien dort unterbrachte, wo die Mietparteien, -die schon selbst zu den Ärmsten gehörten, ihren unnützen Kram hinwarfen. Allerdings -war es nicht ausgeschlossen, daß man Geld genug hatte, daß aber die Beamtenschaft -sich darüber warf, ehe es für Gerichtszwecke verwendet wurde. Das war nach den bisherigen -Erfahrungen K.s sogar sehr wahrscheinlich, nur war dann eine solche Verlotterung des -Gerichtes für einen Angeklagten zwar entwürdigend, aber im Grunde noch beruhigender, -als es die Armut des Gerichtes gewesen wäre. Nun war es K. auch begreiflich, daß man -sich beim ersten Verhör schämte, den Angeklagten auf den Dachboden vorzuladen und -es vorzog, ihn in seiner Wohnung zu belästigen. In welcher Stellung befand sich doch -K. gegenüber <span class="pageNum" id="pb104">[<a href="#pb104">104</a>]</span>dem Richter, der auf dem Dachboden saß, während er selbst in der Bank ein großes Zimmer -mit einem Vorzimmer hatte und durch eine riesige Fensterscheibe auf den belebten Stadtplatz -hinuntersehen konnte. Allerdings hatte er keine Nebeneinkünfte aus Bestechungen oder -Unterschlagungen und konnte sich auch vom Diener keine Frau auf dem Arm ins Bureau -tragen lassen. Darauf wollte K. aber, wenigstens in diesem Leben, gerne verzichten. -</p> -<p>K. stand noch vor dem Anschlagzettel, als ein Mann die Treppe heraufkam, durch die -offene Tür ins Wohnzimmer sah, aus dem man auch in das Sitzungszimmer sehen konnte, -und schließlich K. fragte, ob er hier nicht vor kurzem eine Frau gesehen habe. „Sie -sind der Gerichtsdiener, nicht?“ fragte K. „Ja,“ sagte der Mann, „ach so, Sie sind -der Angeklagte K., jetzt erkenne ich Sie auch, seien Sie willkommen.“ Und er reichte -K., der es gar nicht erwartet hatte, die Hand. „Heute ist aber keine Sitzung angezeigt,“ -sagte dann der Gerichtsdiener, als K. schwieg. „Ich weiß,“ sagte K. und betrachtete -den Zivilrock des Gerichtsdieners, der als einziges amtliches Abzeichen neben <span class="pageNum" id="pb105">[<a href="#pb105">105</a>]</span>einigen gewöhnlichen Knöpfen auch zwei vergoldete Knöpfe aufwies, die von einem alten -Offiziersmantel abgetrennt zu sein schienen. „Ich habe vor einem Weilchen mit Ihrer -Frau gesprochen. Sie ist nicht mehr hier. Der Student hat sie zum Untersuchungsrichter -getragen.“ „Sehen Sie,“ sagte der Gerichtsdiener, „immer trägt man sie mir weg. Heute -ist doch Sonntag und ich bin zu keiner Arbeit verpflichtet, aber nur, um mich von -hier zu entfernen, schickt man mich mit einer unnützen Meldung weg. Und zwar schickt -man mich nicht weit weg, so daß ich die Hoffnung habe, wenn ich mich sehr beeile, -vielleicht noch rechtzeitig zurückzukommen. Ich laufe also, so sehr ich kann, schreie -dem Amt, zu dem ich geschickt wurde, meine Meldung durch den Türspalt so atemlos zu, -daß man sie kaum verstanden haben wird, laufe wieder zurück, aber der Student hat -sich noch mehr beeilt als ich, er hatte allerdings auch einen kürzeren Weg, er mußte -nur die Bodentreppe hinunterlaufen. Wäre ich nicht so abhängig, ich hätte den Studenten -schon längst hier an der Wand zerdrückt. Hier neben dem Anschlagzettel. Davon träume -ich immer. Hier ein wenig über dem Fußboden <span class="pageNum" id="pb106">[<a href="#pb106">106</a>]</span>ist er festgedrückt, die Arme gestreckt, die Finger gespreizt, die krummen Beine zum -Kreis gedreht und ringsherum Blutspritzer. Bisher war es aber nur Traum.“ „Eine andere -Hilfe gibt es nicht?“ fragte K. lächelnd. „Ich wüßte keine,“ sagte der Gerichtsdiener. -„Und jetzt wird es ja noch ärger, bisher hat er sie nur zu sich getragen, jetzt trägt -er sie, was ich allerdings längst erwartet habe, auch zum Untersuchungsrichter.“ „Hat -denn Ihre Frau gar keine Schuld dabei,“ fragte K., er mußte sich bei dieser Frage -bezwingen, so sehr fühlte auch er jetzt die Eifersucht. „Aber gewiß,“ sagte der Gerichtsdiener, -„sie hat sogar die größte Schuld. Sie hat sich ja an ihn gehängt. Was ihn betrifft, -er läuft allen Weibern nach. In diesem Hause allein ist er schon aus fünf Wohnungen, -in die er sich eingeschlichen hat, hinausgeworfen worden. Meine Frau ist allerdings -die schönste im ganzen Haus, und gerade ich darf mich nicht wehren.“ „Wenn es sich -so verhält, dann gibt es allerdings keine Hilfe,“ sagte K. „Warum denn nicht,“ fragte -der Gerichtsdiener. „Man müßte den Studenten, der ein Feigling ist, einmal, wenn er -meine Frau anrühren will, so durchprügeln, daß er es niemals <span class="pageNum" id="pb107">[<a href="#pb107">107</a>]</span>mehr wagt. Aber ich darf es nicht und andere machen mir den Gefallen nicht, denn alle -fürchten seine Macht. Nur ein Mann wie Sie könnte es tun.“ „Wieso denn ich?“ fragte -K. erstaunt. „Sie sind doch angeklagt,“ sagte der Gerichtsdiener. „Ja,“ sagte K., -„aber desto mehr müßte ich doch fürchten, daß er, wenn auch vielleicht nicht Einfluß -auf den Ausgang des Prozesses, so doch wahrscheinlich auf die Voruntersuchung hat.“ -„Ja, gewiß,“ sagte der Gerichtsdiener, als sei die Ansicht K.s genau so richtig wie -seine eigene. „Es werden aber bei uns in der Regel keine aussichtslosen Prozesse geführt.“ -„Ich bin nicht Ihrer Meinung,“ sagte K., „das soll mich aber nicht hindern, gelegentlich -den Studenten in Behandlung zu nehmen.“ „Ich wäre Ihnen sehr dankbar,“ sagte der Gerichtsdiener -etwas förmlich, er schien eigentlich doch nicht an die Erfüllbarkeit seines höchsten -Wunsches zu glauben. „Es würden vielleicht,“ fuhr K. fort, „auch noch andere Ihrer -Beamten und vielleicht sogar alle das gleiche verdienen.“ „Ja, ja,“ sagte der Gerichtsdiener, -als handle es sich um etwas Selbstverständliches. Dann sah er K. mit einem zutraulichen -Blick an, <span class="pageNum" id="pb108">[<a href="#pb108">108</a>]</span>wie er es bisher trotz aller Freundlichkeit nicht getan hatte, und fügte hinzu: „Man -rebelliert eben immer.“ Aber das Gespräch schien ihm doch ein wenig unbehaglich geworden -zu sein, denn er brach es ab, indem er sagte: „Jetzt muß ich mich in der Kanzlei melden. -Wollen Sie mitkommen?“ „Ich habe dort nichts zu tun,“ sagte K. „Sie könnten die Kanzleien -ansehn. Es wird sich niemand um Sie kümmern.“ „Sind sie denn sehenswert?“ fragte K. -zögernd, hatte aber große Lust mitzugehn. „Nun,“ sagte der Gerichtsdiener, „ich dachte, -es würde Sie interessieren.“ „Gut,“ sagte K. schließlich, „ich gehe mit“. Und er lief -schneller als der Gerichtsdiener die Treppe hinauf. -</p> -<p>Beim Eintritt wäre er fast hingefallen, denn hinter der Tür war noch eine Stufe. „Auf -das Publikum nimmt man nicht viel Rücksicht,“ sagte er. „Man nimmt überhaupt keine -Rücksicht,“ sagte der Gerichtsdiener, „sehn Sie nur hier das Wartezimmer.“ Es war -ein langer Gang, von dem aus rohe gezimmerte Türen zu den einzelnen Abteilungen des -Dachbodens führten. Trotzdem kein unmittelbarer Lichtzutritt bestand, war es doch -nicht vollständig dunkel, denn manche Abteilungen <span class="pageNum" id="pb109">[<a href="#pb109">109</a>]</span>hatten gegen den Gang zu statt einheitlicher Bretterwände, bloße, allerdings bis zur -Decke reichende Holzgitter, durch die einiges Licht drang und durch die man auch einzelne -Beamte sehen konnte, wie sie an Tischen schrieben oder geradezu am Gitter standen -und durch die Lücken die Leute auf dem Gang beobachteten. Es waren, wahrscheinlich -weil Sonntag war, nur wenig Leute auf dem Gang. Sie machten einen sehr bescheidenen -Eindruck. In fast regelmäßigen Entfernungen voneinander saßen sie auf den zwei Reihen -langer Holzbänke, die zu beiden Seiten des Ganges angebracht waren. Alle waren vernachlässigt -angezogen, trotzdem die meisten nach dem Gesichtsausdruck, der Haltung, der Barttracht -und vielen kaum sicherzustellenden kleinen Einzelheiten den höheren Klassen angehörten. -Da keine Kleiderhaken vorhanden waren, hatten sie die Hüte, wahrscheinlich einer dem -Beispiel des andern folgend, unter die Bank gestellt. Als die, welche zunächst der -Tür saßen, K. und den Gerichtsdiener erblickten, erhoben sie sich zum Gruß, da das -die Folgenden sahen, glaubten sie auch grüßen zu müssen, so daß alle beim Vorbeigehn -der zwei <span class="pageNum" id="pb110">[<a href="#pb110">110</a>]</span>sich erhoben. Sie standen niemals vollständig aufrecht, der Rücken war geneigt, die -Knie geknickt, sie standen wie Straßenbettler. K. wartete auf den ein wenig hinter -ihm gehenden Gerichtsdiener und sagte: „Wie gedemütigt die sein müssen.“ „Ja,“ sagte -der Gerichtsdiener, „es sind Angeklagte, alle die Sie hier sehn, sind Angeklagte.“ -„Wirklich!“ sagte K. „Dann sind es ja meine Kollegen.“ Und er wandte sich an den nächsten, -einen großen schlanken, schon fast grauhaarigen Mann. „Worauf warten Sie hier?“ fragte -K. höflich. Die unerwartete Ansprache aber machte den Mann verwirrt, was um so peinlicher -aussah, da es sich offenbar um einen welterfahrenen Menschen handelte, der anderswo -gewiß sich zu beherrschen verstand und die Überlegenheit, die er sich über viele erworben -hatte, nicht leicht aufgab. Hier aber wußte er auf eine so einfache Frage nicht zu -antworten und sah auf die andern hin, als seien sie verpflichtet, ihm zu helfen, und -als könne niemand von ihm eine Antwort verlangen, wenn diese Hilfe ausbliebe. Da trat -der Gerichtsdiener hinzu und sagte, um den Mann zu beruhigen und aufzumuntern: „Der -Herr hier fragt ja nur, auf was <span class="pageNum" id="pb111">[<a href="#pb111">111</a>]</span>Sie warten. Antworten Sie doch.“ Die ihm wahrscheinlich bekannte Stimme des Gerichtsdieners -wirkte besser: „Ich warte —“ begann er und stockte. Offenbar hatte er diesen Anfang -gewählt, um ganz genau auf die Fragestellung zu antworten, fand aber jetzt die Fortsetzung -nicht. Einige der Wartenden hatten sich genähert und umstanden die Gruppe, der Gerichtsdiener -sagte zu ihnen: „Weg, weg, macht den Gang frei.“ Sie wichen ein wenig zurück, aber -nicht bis zu ihren früheren Sitzen. Inzwischen hatte sich der Gefragte gesammelt und -antwortete sogar mit einem kleinen Lächeln: „Ich habe vor einem Monat einige Beweisanträge -in meiner Sache gemacht und warte auf die Erledigung.“ „Sie scheinen sich ja viele -Mühe zu geben,“ sagte K. „Ja,“ sagte der Mann, „es ist ja meine Sache.“ „Jeder denkt -nicht so wie Sie,“ sagte K., „ich z. B. bin auch angeklagt, habe aber, so wahr ich -selig werden will, weder einen Beweisantrag gestellt, noch auch sonst irgend etwas -derartiges unternommen. Halten Sie denn das für nötig?“ „Ich weiß nicht genau,“ sagte -der Mann wieder in vollständiger Unsicherheit; er glaubte offenbar, K. mache mit ihm -einen Scherz, <span class="pageNum" id="pb112">[<a href="#pb112">112</a>]</span>deshalb hätte er wahrscheinlich am liebsten, aus Furcht, irgendeinen neuen Fehler -zu machen, seine frühere Antwort ganz wiederholt, vor K.s ungeduldigem Blick aber -sagte er nur, „was mich betrifft, ich habe Beweisanträge gestellt.“ „Sie glauben wohl -nicht, daß ich angeklagt bin,“ fragte K. „O bitte gewiß,“ sagte der Mann, und trat -<span class="corr" id="xd31e506" title="Quelle: ein ein">ein</span> wenig zur Seite, aber in der Antwort war nicht Glaube, sondern nur Angst. „Sie glauben -mir also nicht?“ fragte K. und faßte ihn, unbewußt durch das demütige Wesen des Mannes -dazu aufgefordert, beim Arm, als wolle er ihn zum Glauben zwingen. Er wollte ihm nicht -Schmerz bereiten, hatte ihn auch nur ganz leicht angegriffen, trotzdem aber schrie -der Mann auf, als habe K. ihn nicht mit zwei Fingern, sondern mit einer glühenden -Zange erfaßt. Dieses lächerliche Schreien machte K. endgültig überdrüssig; glaubte -man ihm nicht, daß er angeklagt war, so war es desto besser; vielleicht hielt er ihn -sogar für einen Richter. Und er faßte ihn nun zum Abschied wirklich fester, stieß -ihn auf die Bank zurück und ging weiter. „Die meisten Angeklagten sind so empfindlich,“ -sagte der Gerichtsdiener. Hinter ihnen sammelten <span class="pageNum" id="pb113">[<a href="#pb113">113</a>]</span>sich jetzt fast alle Wartenden um den Mann, der schon zu schreien aufgehört hatte, -und schienen ihn über den Zwischenfall genau auszufragen. K. entgegen kam jetzt ein -Wächter, der hauptsächlich an einem Säbel kenntlich war, dessen Scheide, wenigstens -der Farbe nach, aus Aluminium bestand. K. staunte darüber und griff sogar mit der -Hand hin. Der Wächter, der wegen des Schreins gekommen war, fragte nach dem Vorgefallenen. -Der Gerichtsdiener suchte ihn mit einigen Worten zu beruhigen, aber der Wächter erklärte, -doch noch selbst nachsehn zu müssen, salutierte und ging weiter mit sehr eiligen, -aber sehr kurzen, wahrscheinlich durch Gicht abgemessenen Schritten. -</p> -<p>K. kümmerte sich nicht lange um ihn und die Gesellschaft auf dem Gang, besonders da -er etwa in der Hälfte des Ganges die Möglichkeit sah, rechts durch eine türlose Öffnung -einzubiegen. Er verständigte sich mit dem Gerichtsdiener darüber, ob das der richtige -Weg sei, der Gerichtsdiener nickte und K. bog nun wirklich dort ein. Es war ihm lästig, -daß er immer einen oder zwei Schritte vor dem Gerichtsdiener gehen mußte, es konnte -<span class="pageNum" id="pb114">[<a href="#pb114">114</a>]</span>wenigstens an diesem Ort den Anschein haben, als ob er verhaftet vorgeführt werde. -Er wartete also öfters auf den Gerichtsdiener, aber dieser blieb gleich wieder zurück. -Schließlich sagte K., um seinem Unbehagen ein Ende zu machen: „Nun habe ich gesehn, -wie es hier aussieht, ich will jetzt weggehn.“ „Sie haben noch nicht alles gesehn,“ -sagte der Gerichtsdiener vollständig unverfänglich. „Ich will nicht alles sehn,“ sagte -K., der sich übrigens wirklich müde fühlte, „ich will gehn, wie kommt man zum Ausgang?“ -„Sie haben sich doch nicht schon verirrt,“ fragte der Gerichtsdiener erstaunt, „Sie -gehn hier bis zur Ecke und dann rechts den Gang hinunter geradeaus zur Tür.“ „Kommen -Sie mit,“ sagte K., „zeigen Sie mir den Weg, ich werde ihn verfehlen, es sind hier -so viele Wege.“ „Es ist der einzige Weg,“ sagte der Gerichtsdiener nun schon vorwurfsvoll, -„ich kann nicht wieder mit Ihnen zurückgehn, ich muß doch meine Meldung vorbringen -und habe schon viel Zeit durch Sie versäumt.“ „Kommen Sie mit,“ wiederholte K. jetzt -schärfer, als habe er endlich den Gerichtsdiener auf einer Unwahrheit ertappt. „Schreien -Sie doch nicht so,“ flüsterte der <span class="pageNum" id="pb115">[<a href="#pb115">115</a>]</span>Gerichtsdiener, „es sind ja hier überall Bureaus. Wenn Sie nicht allein zurückgehn -wollen, so gehn Sie noch ein Stückchen mit mir oder warten Sie hier, bis ich meine -Meldung erledigt habe, dann will ich ja gern mit Ihnen wieder zurückgehn.“ „Nein, -nein,“ sagte K., „ich werde nicht warten und Sie müssen jetzt mit mir gehn.“ K. hatte -sich noch gar nicht in dem Raum umgesehn, in dem er sich befand, erst als jetzt eine -der vielen Holztüren, die ringsherum standen, sich öffnete, blickte er hin. Ein Mädchen, -das wohl durch K.s lautes Sprechen herbeigerufen war, trat ein und fragte: „Was wünscht -der Herr?“ Hinter ihr in der Ferne sah man im Halbdunkel noch einen Mann sich nähern. -K. blickte den Gerichtsdiener an. Dieser hatte doch gesagt, daß sich niemand um K. -kümmern werde, und nun kamen schon zwei, es brauchte nur wenig und die Beamtenschaft -wurde auf ihn aufmerksam, würde eine Erklärung seiner Anwesenheit haben wollen. Die -einzig verständliche und annehmbare war die, daß er Angeklagter war und das Datum -des nächsten Verhörs erfahren wollte, gerade diese Erklärung aber wollte er nicht -geben, besonders da sie auch nicht wahrheitsgemäß war, <span class="pageNum" id="pb116">[<a href="#pb116">116</a>]</span>denn er war nur aus Neugierde gekommen oder, was als Erklärung noch unmöglicher war, -aus dem Verlangen, festzustellen, daß das Innere dieses Gerichtswesens ebenso widerlich -war wie sein Äußeres. Und es schien ja, daß er mit dieser Annahme recht hatte, er -wollte nicht weiter eindringen, er war beengt genug von dem, was er bisher gesehen -hatte, er war gerade jetzt nicht in der Verfassung, einem höheren Beamten gegenüberzutreten, -wie er hinter jeder Tür auftauchen konnte, er wollte weggehn, und zwar mit dem Gerichtsdiener -oder allein, wenn es sein mußte. -</p> -<p>Aber sein stummes Dastehn mußte auffallend sein und wirklich sahen ihn das Mädchen -und der Gerichtsdiener derartig an, als ob in der nächsten Minute irgendeine große -Verwandlung mit ihm geschehen müsse, die sie zu beobachten nicht versäumen wollten. -Und in der Türöffnung stand der Mann, den K. früher in der Ferne bemerkt hatte, er -hielt sich am Deckbalken der niedrigen Tür fest und schaukelte ein wenig auf den Fußspitzen, -wie ein ungeduldiger Zuschauer. Das Mädchen aber erkannte doch zuerst, daß das Benehmen -K.s in einem leichten Unwohlsein seinen Grund hatte, <span class="pageNum" id="pb117">[<a href="#pb117">117</a>]</span>sie brachte einen Sessel und fragte: „Wollen Sie sich nicht setzen?“ K. setzte sich -sofort und stützte, um noch besser Halt zu bekommen, die Ellbogen auf die Lehnen. -„Sie haben ein wenig Schwindel, nicht?“ fragte sie ihn. Er hatte nun ihr Gesicht nahe -vor sich, es hatte den strengen Ausdruck, wie ihn manche Frauen gerade in ihrer schönsten -Jugend haben. „Machen Sie sich darüber keine Gedanken,“ sagte sie, „das ist hier nichts -Außergewöhnliches, fast jeder bekommt einen solchen Anfall, wenn er zum erstenmal -herkommt. Sie sind zum erstenmal hier? Nun ja, das ist aber nichts Außergewöhnliches. -Die Sonne brennt hier auf das Dachgerüst und das heiße Holz macht die Luft so dumpf -und schwer. Der Ort ist deshalb für Bureauräumlichkeiten nicht sehr geeignet, so große -Vorteile er allerdings sonst bietet. Aber was die Luft betrifft, so ist sie an Tagen -großen Parteienverkehrs, und das ist fast jeder Tag, kaum mehr atembar. Wenn Sie dann -noch bedenken, daß hier auch vielfach Wäsche zum Trocknen ausgehängt wird, — man kann -es den Mietern nicht gänzlich untersagen, — so werden Sie sich nicht mehr wundern, -daß Ihnen ein <span class="pageNum" id="pb118">[<a href="#pb118">118</a>]</span>wenig übel wurde. Aber man gewöhnt sich schließlich an die Luft sehr gut. Wenn Sie -zum zweiten- oder drittenmal herkommen, werden Sie das Drückende hier kaum mehr spüren. -Fühlen Sie sich schon besser?“ K. antwortete nicht, es war ihm zu peinlich, durch -diese plötzliche Schwäche den Leuten hier ausgeliefert zu sein, überdies war ihm, -da er jetzt die Ursachen seiner Übelkeit erfahren hatte, nicht besser, sondern noch -ein wenig schlechter. Das Mädchen merkte es gleich, nahm, um K. eine Erfrischung zu -bereiten, eine Hakenstange, die an der Wand lehnte und stieß damit eine kleine Luke -auf, die gerade über K. angebracht war und ins Freie führte. Aber es fiel soviel Ruß -herein, daß das Mädchen die Luke gleich wieder zuziehn und mit ihrem Taschentuch die -Hände K.s vom Ruß reinigen mußte, denn K. war zu müde, um das selbst zu besorgen. -Er wäre gern hier ruhig sitzengeblieben, bis er sich zum Weggehn genügend gekräftigt -hatte, das mußte aber um so früher geschehen, je weniger man sich um ihn kümmern würde. -Nun sagte aber überdies das Mädchen: „Hier können Sie nicht bleiben, hier stören wir -den Verkehr.“ — K. fragte mit den Blicken, welchen <span class="pageNum" id="pb119">[<a href="#pb119">119</a>]</span>Verkehr er denn hier störe — „ich werde Sie, wenn Sie wollen, ins Krankenzimmer führen.“ -„Helfen Sie mir bitte,“ sagte sie zu dem Mann in der Tür, der auch gleich näher kam. -Aber K. wollte nicht ins Krankenzimmer, gerade das wollte er ja vermeiden, weiter -geführt zu werden, je weiter er kam, desto ärger mußte es werden. „Ich kann schon -gehn,“ sagte er deshalb und stand, durch das bequeme Sitzen verwöhnt, zitternd auf. -Dann aber konnte er sich nicht aufrecht halten. „Es geht doch nicht,“ sagte er kopfschüttelnd -und setzte sich seufzend wieder nieder. Er erinnerte sich an den Gerichtsdiener, der -ihn trotz allem leicht hinausführen konnte, aber der schien schon längst weg zu sein, -K. sah zwischen dem Mädchen und dem Mann, die vor ihm standen, hindurch, konnte aber -den Gerichtsdiener nicht finden. -</p> -<p>„Ich glaube,“ sagte der Mann, der übrigens elegant gekleidet war und besonders durch -eine graue Weste auffiel, die in zwei langen, scharf geschnittenen Spitzen endigte, -„das Unwohlsein des Herrn geht auf die Atmosphäre hier zurück, es wird daher am besten -und auch ihm am liebsten sein, wenn wir ihn nicht erst ins Krankenzimmer, sondern -<span class="pageNum" id="pb120">[<a href="#pb120">120</a>]</span>überhaupt aus den Kanzleien hinausführen.“ „Das ist es,“ rief K. und fuhr vor lauter -Freude fast noch in die Rede des Mannes hinein, „mir wird gewiß sofort besser werden, -ich bin auch gar nicht so schwach, nur ein wenig Unterstützung unter den Achseln brauche -ich, ich werde Ihnen nicht viel Mühe machen, es ist ja auch kein langer Weg, führen -Sie mich nur zur Tür, ich setze mich dann noch ein wenig auf die Stufen und werde -gleich erholt sein, ich leide nämlich gar nicht unter solchen Anfällen, es kommt mir -selbst überraschend. Ich bin doch auch Beamter und an Bureauluft gewöhnt, aber hier -scheint es doch zu arg, Sie sagen es selbst. Wollen Sie also die Freundlichkeit haben, -mich ein wenig zu führen, ich habe nämlich Schwindel und es wird mir schlecht, wenn -ich allein aufstehe.“ Und er hob die Schultern, um es den beiden zu erleichtern, ihm -unter die Arme zu greifen. -</p> -<p>Aber der Mann folgte der Aufforderung nicht, sondern hielt die Hände ruhig in den -Hosentaschen und lachte laut. „Sehen Sie,“ sagte er zu dem Mädchen, „ich habe also -doch das Richtige getroffen. Dem Herrn ist nur hier nicht wohl, nicht im Allgemeinen.“ -Das Mädchen lächelte auch, <span class="pageNum" id="pb121">[<a href="#pb121">121</a>]</span>schlug aber dem Mann leicht mit den Fingerspitzen auf den Arm, als hätte er sich mit -K. einen zu starken Spaß erlaubt. „Aber was denken Sie denn,“ sagte der Mann noch -immer lachend, „ich will ja den Herrn wirklich hinausführen.“ „Dann ist es gut,“ sagte -das Mädchen, indem sie ihren zierlichen Kopf für einen Augenblick neigte. „Messen -Sie dem Lachen nicht zu viel Bedeutung zu,“ sagte das Mädchen zu K., der wieder traurig -geworden vor sich hinstarrte und keine Erklärung zu brauchen schien, „dieser Herr -— ich darf Sie doch vorstellen?“ (der Herr gab mit einer Handbewegung die Erlaubnis) -— „dieser Herr also ist der Auskunftgeber. Er gibt den wartenden Parteien alle Auskunft, -die sie brauchen, und da unser Gerichtswesen in der Bevölkerung nicht sehr bekannt -ist, werden viele Auskünfte verlangt. Er weiß auf alle Fragen eine Antwort, Sie können -ihn, wenn Sie einmal Lust dazu haben, daraufhin erproben. Das ist aber nicht sein -einziger Vorzug, sein zweiter Vorzug ist die elegante Kleidung. Wir, d. h. die Beamtenschaft, -meinte einmal, man müsse den Auskunftgeber, der immerfort, und zwar als erster mit -Parteien verhandelt, des würdigen ersten <span class="pageNum" id="pb122">[<a href="#pb122">122</a>]</span>Eindrucks halber, auch elegant anziehn. Wir andern sind, wie Sie gleich an mir sehn -können, leider sehr schlecht und altmodisch angezogen; es hat auch nicht viel Sinn, -für die Kleidung etwas zu verwenden, da wir fast unaufhörlich in den Kanzleien sind, -wir schlafen ja auch hier. Aber wie gesagt, für den Auskunftgeber hielten wir einmal -schöne Kleidung für nötig. Da sie aber von unserer Verwaltung, die in dieser Hinsicht -etwas sonderbar ist, nicht erhältlich war, machten wir eine Sammlung — auch Parteien -steuerten bei — und wir kauften ihm dieses schöne Kleid und noch andere. Alles wäre -jetzt vorbereitet, einen guten Eindruck zu machen, aber durch sein Lachen verdirbt -er es wieder und erschreckt die Leute.“ „So ist es,“ sagte der Herr spöttisch, „aber -ich verstehe nicht, Fräulein, warum Sie dem Herrn alle unsere Intimitäten erzählen, -oder besser aufdrängen, denn er will sie ja gar nicht erfahren. Sehen Sie nur, wie -er, offenbar mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, dasitzt.“ K. hatte nicht -einmal Lust zu widersprechen, die Absicht des Mädchens mochte eine gute sein, sie -war vielleicht darauf gerichtet, ihn zu zerstreuen oder ihm die Möglichkeit zu geben, -<span class="pageNum" id="pb123">[<a href="#pb123">123</a>]</span>sich zu sammeln, aber das Mittel war verfehlt. „Ich mußte ihm Ihr Lachen erklären,“ -sagte das Mädchen. „Es war ja beleidigend.“ „Ich glaube, er würde noch ärgere Beleidigungen -verzeihen, wenn ich ihn schließlich hinausführe.“ K. sagte nichts, sah nicht einmal -auf, er duldete es, daß die zwei über ihn wie über eine Sache verhandelten, es war -ihm sogar am liebsten. Aber plötzlich fühlte er die Hand des Auskunftgebers an einem -Arm und die Hand des Mädchens am andern. „Also auf, Sie schwacher Mann,“ sagte der -Auskunftgeber. „Ich danke Ihnen beiden vielmals,“ sagte K. freudig überrascht, erhob -sich langsam und führte selbst die fremden Hände an die Stellen, an denen er die Stütze -am meisten brauchte. „Es sieht so aus,“ sagte das Mädchen leise in K.s Ohr, während -sie sich dem Gang näherten, „als ob mir besonders viel daran gelegen wäre, den Auskunftgeber -in ein gutes Licht zu stellen, aber man mag es glauben, ich will doch die Wahrheit -sagen. Er hat kein hartes Herz. Er ist nicht verpflichtet, kranke Parteien hinauszuführen, -und tut es doch, wie Sie sehn. Vielleicht ist niemand von uns hartherzig, wir wollten -vielleicht alle gern helfen, aber <span class="pageNum" id="pb124">[<a href="#pb124">124</a>]</span>als Gerichtsbeamte bekommen wir leicht den Anschein, als ob wir hartherzig wären und -niemandem helfen wollten. Ich leide geradezu darunter.“ „Wollen Sie sich nicht hier -ein wenig setzen,“ fragte der Auskunftgeber, sie waren schon im Gang und gerade vor -dem Angeklagten, den K. früher angesprochen hatte. K. schämte sich fast vor ihm, früher -war er so aufrecht vor ihm gestanden, jetzt mußten ihn zwei stützen, seinen Hut balancierte -der Auskunftgeber auf den gespreizten Fingern, die Frisur war zerstört, die Haare -hingen ihm in die schweißbedeckte Stirn. Aber der Angeklagte schien nichts davon zu -bemerken, demütig stand er vor dem Auskunftgeber, der über ihn hinwegsah, und suchte -nur seine Anwesenheit zu entschuldigen. „Ich weiß,“ sagte er, „daß die Erledigung -meiner Anträge heute noch nicht gegeben werden kann. Ich bin aber doch gekommen, ich -dachte, ich könnte doch hier warten, es ist Sonntag, ich habe ja Zeit und hier störe -ich nicht.“ „Sie müssen das nicht so sehr entschuldigen,“ sagte der Auskunftgeber, -„Ihre Sorgsamkeit ist ja ganz lobenswert, Sie nehmen hier zwar unnötigerweise den -Platz weg, aber ich will <span class="pageNum" id="pb125">[<a href="#pb125">125</a>]</span>Sie, trotzdem, so lange es mir nicht lästig wird, durchaus nicht hindern, den Gang -Ihrer Angelegenheit genau zu verfolgen. Wenn man Leute gesehen hat, die Ihre Pflicht -schändlich vernachlässigten, lernt man es, mit Leuten wie Sie sind, Geduld zu haben. -Setzen Sie sich.“ „Wie er mit den Parteien zu reden versteht,“ flüsterte das Mädchen. -K. nickte, fuhr aber gleich auf, als ihn der Auskunftgeber wieder fragte: „Wollen -Sie sich nicht hier niedersetzen?“ „Nein,“ sagte K., „ich will nicht ausruhn.“ Er -hatte das mit möglichster Bestimmtheit gesagt, in Wirklichkeit hätte es ihm aber sehr -wohlgetan, sich niederzusetzen. Er war wie seekrank. Er glaubte auf einem Schiff zu -sein, das sich in schwerem Seegang befand. Es war ihm, als stürze das Wasser gegen -die Holzwände, als komme aus der Tiefe des Ganges ein Brausen her wie von überschlagendem -Wasser, als schaukle der Gang in der Quere und als würden die wartenden Parteien zu -beiden Seiten gesenkt und gehoben. Desto unbegreiflicher war die Ruhe des Mädchens -und des Mannes, die ihn führten. Er war ihnen ausgeliefert, ließen sie ihn los, so -mußte er hinfallen wie ein <span class="pageNum" id="pb126">[<a href="#pb126">126</a>]</span>Brett. Aus ihren kleinen Augen gingen scharfe Blicke hin und her, ihre gleichmäßigen -Schritte fühlte K., ohne sie mitzumachen, denn er wurde fast von Schritt zu Schritt -getragen. Endlich merkte er, daß sie zu ihm sprachen, aber er verstand sie nicht, -er hörte nur den Lärm, der alles erfüllte und durch den hindurch ein unveränderlicher -hoher Ton wie von einer Sirene zu klingen schien. „Lauter,“ flüsterte er mit gesenktem -Kopf und schämte sich, denn er wußte, daß sie laut genug, wenn auch für ihn unverständlich -gesprochen hatten. Da kam endlich, als wäre die Wand vor ihnen durchrissen, ein frischer -Luftzug ihm entgegen und er hörte neben sich sagen: „Zuerst will er weg, dann aber -kann man ihm hundertmal sagen, daß hier der Ausgang ist, und er rührt sich nicht.“ -K. merkte, daß er vor der Ausgangstür stand, die das Mädchen geöffnet hatte. Ihm war, -als wären alle seine Kräfte mit einemmal zurückgekehrt, um einen Vorgeschmack der -Freiheit zu gewinnen, trat er gleich auf eine Treppenstufe und verabschiedete sich -von dort aus von seinen Begleitern, die sich zu ihm herabbeugten. „Vielen Dank,“ wiederholte -er, drückte beiden wiederholt <span class="pageNum" id="pb127">[<a href="#pb127">127</a>]</span>die Hände und ließ erst ab, als er zu sehen glaubte, daß sie, an die Kanzleiluft gewöhnt, -die verhältnismäßig frische Luft, die von der Treppe kam, schlecht ertrugen. Sie konnten -kaum antworten und das Mädchen wäre vielleicht abgestürzt, wenn K. nicht äußerst schnell -die Tür geschlossen hätte. K. stand dann noch einen Augenblick still, strich sich -mit Hilfe eines Taschenspiegels das Haar zurecht, hob seinen Hut auf, der auf dem -nächsten Treppenabsatz lag — der Auskunftgeber hatte ihn wohl hingeworfen — und lief -dann die Treppe hinunter so frisch und in so langen Sprüngen, daß er vor diesem Umschwung -fast Angst bekam. Solche Überraschungen hatte ihm sein sonst ganz gefestigter Gesundheitszustand -noch nie bereitet. Wollte etwa sein Körper revolutionieren und ihm einen neuen Prozeß -bereiten, da er den alten so mühelos ertrug. Er lehnte den Gedanken nicht ganz ab, -bei nächster Gelegenheit zu einem Arzt zu gehn, jedenfalls aber wollte er — darin -konnte er sich selbst beraten — alle zukünftigen Sonntagvormittage besser als diesen -verwenden. -<span class="pageNum" id="pb128">[<a href="#pb128">128</a>]</span></p> -</div> -</div> -<div id="ch4" class="div1 chapter"><span class="pageNum">[<a href="#ch4.toc">Inhalt</a>]</span><div class="divHead"> -<h2 class="label">VIERTES KAPITEL</h2> -<h2 class="main">DIE FREUNDIN DES FRÄULEIN BÜRSTNER</h2> -</div> -<div class="divBody"> -<p class="first">In der nächsten Zeit war es K. unmöglich, mit Fräulein Bürstner auch nur einige wenige -Worte zu sprechen. Er versuchte auf die verschiedenste Weise an sie heranzukommen, -sie aber wußte es immer zu verhindern. Er kam gleich nach dem Bureau nach Hause, blieb -in seinem Zimmer, ohne das Licht anzudrehn, auf dem Kanapee sitzen und beschäftigte -sich mit nichts anderem, als das Vorzimmer zu beobachten. Ging etwa das Dienstmädchen -vorbei und schloß die Tür des scheinbar leeren Zimmers, so stand er nach einem Weilchen -auf und öffnete sie wieder. Des Morgens stand er um eine Stunde früher auf als sonst, -um vielleicht Fräulein Bürstner allein treffen zu können, wenn sie ins Bureau ging. -Aber keiner dieser Versuche gelang. Dann schrieb er ihr einen Brief <span class="pageNum" id="pb129">[<a href="#pb129">129</a>]</span>sowohl ins Bureau als auch in die Wohnung, suchte darin nochmals sein Verhalten zu -rechtfertigen, bot sich zu jeder Genugtuung an, versprach, niemals die Grenzen zu -überschreiten, die sie ihm setzen würde und bat nur, ihm die Möglichkeit zu geben, -einmal mit ihr zu sprechen, besonders da er auch bei Frau Grubach nichts veranlassen -könne, solange er sich nicht vorher mit ihr beraten habe, schließlich teilte er ihr -mit, daß er den nächsten Sonntag während des ganzen Tages in seinem Zimmer auf ein -Zeichen von ihr warten werde, das ihm die Erfüllung seiner Bitte in Aussicht stelle -oder das ihm wenigstens erklären solle, warum sie die Bitte nicht erfüllen könne, -trotzdem er doch versprochen habe, sich in allem ihr zu fügen. Die Briefe kamen nicht -zurück, aber es erfolgte auch keine Antwort. Dagegen gab es Sonntag ein Zeichen, dessen -Deutlichkeit genügend war. Gleich früh bemerkte K. durch das Schlüsselloch eine besondere -Bewegung im Vorzimmer, die sich bald aufklärte. Eine Lehrerin des Französischen, sie -war übrigens eine Deutsche und hieß Montag, ein schwaches blasses, ein wenig hinkendes -Mädchen, das bisher ein eigenes Zimmer <span class="pageNum" id="pb130">[<a href="#pb130">130</a>]</span>bewohnt hatte, übersiedelte in das Zimmer des Fräulein Bürstner. Stundenlang sah man -sie durch das Vorzimmer schlürfen. Immer war noch ein Wäschestück oder ein Deckchen -oder ein Buch vergessen, das besonders geholt und in die neue Wohnung hinübergetragen -werden mußte. -</p> -<p>Als Frau Grubach K. das Frühstück brachte — sie überließ, seitdem sie K. so erzürnt -hatte, auch nicht die geringste Bedienung dem Dienstmädchen — konnte sich K. nicht -zurückhalten, sie zum erstenmal anzusprechen. „Warum ist denn heute ein solcher Lärm -im Vorzimmer?“ fragte er, während er den Kaffee eingoß, „könnte das nicht eingestellt -werden? Muß gerade am Sonntag aufgeräumt werden?“ Trotzdem K. nicht zu Frau Grubach -aufsah, bemerkte er doch, daß sie wie erleichtert aufatmete. Selbst diese strengen -Fragen K.s faßte sie als Verzeihung oder als Beginn der Verzeihung auf. „Es wird nicht -aufgeräumt, Herr K.,“ sagte sie, „Fräulein Montag übersiedelt nur zu Fräulein Bürstner -und schafft ihre Sachen hinüber.“ Sie sagte nichts weiter, sondern wartete, wie K. -es aufnehmen und ob er ihr gestatten würde, weiter zu reden. K. stellte sie aber auf -die Probe, <span class="pageNum" id="pb131">[<a href="#pb131">131</a>]</span>rührte nachdenklich den Kaffee mit dem Löffel und schwieg. Dann sah er zu ihr auf -und sagte: „Haben Sie schon Ihren frühern Verdacht wegen Fräulein Bürstner aufgegeben.“ -„Herr K.,“ rief Frau Grubach, die nur auf diese Frage gewartet hatte und hielt K. -ihre gefalteten Hände hin. „Sie haben eine gelegentliche Bemerkung letzthin so schwer -genommen. Ich habe ja nicht im entferntesten daran gedacht, Sie oder irgend jemand -zu kränken. Sie kennen mich doch schon lange genug, Herr K., um davon überzeugt sein -zu können. Sie wissen gar nicht, wie ich die letzten Tage gelitten habe! Ich sollte -meine Mieter verleumden! Und Sie, Herr K., glaubten es! Und sagten, ich solle Ihnen -kündigen! Ihnen kündigen!“ Der letzte Ausruf erstickte schon unter Tränen, sie hob -die Schürze zum Gesicht und schluchzte laut. -</p> -<p>„Weinen Sie doch nicht, Frau Grubach,“ sagte K. und sah zum Fenster hinaus, er dachte -nur an Fräulein Bürstner und daran, daß sie ein fremdes Mädchen in ihr Zimmer aufgenommen -hatte. „Weinen Sie doch nicht,“ sagte er nochmals, als er sich ins Zimmer zurückwandte -und Frau Grubach noch immer weinte. „Es war ja damals <span class="pageNum" id="pb132">[<a href="#pb132">132</a>]</span>auch von mir nicht so schlimm gemeint. Wir haben eben einander gegenseitig mißverstanden. -Das kann auch alten Freunden einmal geschehn.“ Frau Grubach rückte die Schürze unter -die Augen, um zu sehn, ob K. wirklich versöhnt sei. „Nun ja, es ist so,“ sagte K. -und wagte nun, da nach dem Verhalten der Frau Grubach zu schließen, der Hauptmann -nichts verraten hatte, noch hinzuzufügen: „Glauben Sie denn wirklich, daß ich mich -wegen eines fremden Mädchens mit Ihnen verfeinden könnte.“ „Das ist es ja eben, Herr -K.,“ sagte Frau Grubach, es war ihr Unglück, daß sie, sobald sie sich nur irgendwie -freier fühlte, gleich etwas Ungeschicktes sagte. „Ich fragte mich immerfort: Warum -nimmt sich Herr K. so sehr des Fräulein Bürstner an? Warum zankt er ihretwegen mit -mir, trotzdem er weiß, daß mir jedes böse Wort von ihm den Schlaf nimmt? Ich habe -ja über das Fräulein nichts anderes gesagt, als was ich mit eigenen Augen gesehen -habe.“ K. sagte dazu nichts, er hätte sie mit dem ersten Wort aus dem Zimmer jagen -müssen und das wollte er nicht. Er begnügte sich damit, den Kaffee zu trinken und -Frau Grubach ihre Überflüssigkeit fühlen zu lassen. <span class="pageNum" id="pb133">[<a href="#pb133">133</a>]</span>Draußen hörte man wieder den schleppenden Schritt des Fräulein Montag, welche das -ganze Vorzimmer durchquerte. „Hören Sie es?“ fragte K. und zeigte mit der Hand nach -der Tür. „Ja,“ sagte Frau Grubach und seufzte, „ich wollte ihr helfen und auch vom -Dienstmädchen helfen lassen, aber sie ist eigensinnig, sie will alles selbst übersiedeln. -Ich wundere mich über Fräulein Bürstner. Mir ist es oft lästig, daß ich Fräulein Montag -in Miete habe, Fräulein Bürstner aber nimmt sie sogar zu sich ins Zimmer.“ „Das muß -Sie gar nicht kümmern,“ sagte K. und zerdrückte die Zuckerreste in der Tasse. „Haben -Sie denn dadurch einen Schaden?“ „Nein,“ sagte Frau Grubach, „an und für sich ist -es mir ganz willkommen, ich bekomme dadurch ein Zimmer frei und kann dort meinen Neffen, -den Hauptmann, unterbringen. Ich fürchtete schon längst, daß er Sie in den letzten -Tagen, während derer ich ihn nebenan im Wohnzimmer wohnen lassen mußte, gestört haben -könnte. Er nimmt nicht viel Rücksicht.“ „Was für Einfälle!“ sagte K. und stand auf, -„davon ist ja keine Rede. Sie scheinen mich wohl für überempfindlich zu halten, weil -ich diese Wanderungen des Fräulein <span class="pageNum" id="pb134">[<a href="#pb134">134</a>]</span>Montag — jetzt geht sie wieder zurück — nicht vertragen kann.“ Frau Grubach kam sich -recht machtlos vor. „Soll ich, Herr K., sagen, daß sie den restlichen Teil der Übersiedelung -aufschieben soll? Wenn Sie wollen, tue ich es sofort.“ „Aber sie soll doch zu Fräulein -Bürstner übersiedeln!“ sagte K. „Ja,“ sagte Frau Grubach, sie verstand nicht ganz, -was K. meinte. „Nun also,“ sagte K., „dann muß sie doch ihre Sachen hinübertragen.“ -Frau Grubach nickte nur. Diese stumme Hilflosigkeit, die äußerlich nicht anders aussah -als Trotz, reizte K. noch mehr. Er fing an, im Zimmer vom Fenster zur Tür auf und -ab zu gehn und nahm dadurch Frau Grubach die Möglichkeit, sich zu entfernen, was sie -sonst wahrscheinlich getan hätte. -</p> -<p>Gerade war K. einmal wieder bis zur Tür gekommen, als es klopfte. Es war das Dienstmädchen, -welches meldete, daß Fräulein Montag gern mit Herrn K. ein paar Worte sprechen möchte -und daß sie ihn deshalb bitte, ins Eßzimmer zu kommen, wo sie ihn erwarte. K. hörte -das Dienstmädchen nachdenklich an, dann wandte er sich mit einem fast höhnischen Blick -nach der erschrockenen Frau Grubach um. Dieser Blick schien zu sagen, daß K. diese -<span class="pageNum" id="pb135">[<a href="#pb135">135</a>]</span>Einladung des Fräulein Montag schon längst vorausgesehen habe und daß sie auch sehr -gut mit der Quälerei zusammenpasse, die er diesen Sonntagvormittag von den Mietern -der Frau Grubach erfahren mußte. Er schickte das Dienstmädchen zurück mit der Antwort, -daß er sofort komme, ging dann zum Kleiderkasten, um den Rock zu wechseln und hatte -als Antwort für Frau Grubach, welche leise über die lästige Person jammerte, nur die -Bitte, sie möge das Frühstücksgeschirr schon forttragen. „Sie haben ja fast nichts -angerührt,“ sagte Frau Grubach. „Ach, tragen Sie es doch weg,“ rief K., es war ihm, -als sei irgendwie allem Fräulein Montag beigemischt und mache es widerwärtig. -</p> -<p>Als er durch das Vorzimmer ging, sah er nach der geschlossenen Tür von Fräulein Bürstners -Zimmer. Aber er war nicht dorthin eingeladen, sondern in das Eßzimmer, dessen Tür -er aufriß, ohne zu klopfen. -</p> -<p>Es war ein sehr langes aber schmales einfenstriges Zimmer. Es war dort nur soviel -Platz vorhanden, daß man in den Ecken an der Türseite zwei Schränke schief hatte aufstellen -können, während der übrige Raum vollständig von dem <span class="pageNum" id="pb136">[<a href="#pb136">136</a>]</span>langen Speisetisch eingenommen war, der in der Nähe der Tür begann und bis knapp zum -großen Fenster reichte, welches dadurch fast unzugänglich geworden war. Der Tisch -war bereits gedeckt, und zwar für viele Personen, da am Sonntag fast alle Mieter hier -zu Mittag aßen. -</p> -<p>Als K. eintrat, kam Fräulein Montag vom Fenster her an der einen Seite des Tisches -entlang K. entgegen. Sie grüßten einander stumm. Dann sagte Fräulein Montag, wie immer -den Kopf ungewöhnlich aufgerichtet: „Ich weiß nicht, ob Sie mich kennen.“ K. sah sie -mit zusammengezogenen Augen an. „Gewiß,“ sagte er, „Sie wohnen doch schon längere -Zeit bei Frau Grubach.“ „Sie kümmern sich aber, wie ich glaube, nicht viel um die -Pension,“ sagte Fräulein Montag. „Nein,“ sagte K. „Wollen Sie sich nicht setzen,“ -sagte Fräulein Montag. Sie zogen beide schweigend zwei Sessel am äußersten Ende des -Tisches hervor und setzten sich einander gegenüber. Aber Fräulein Montag stand gleich -wieder auf, denn sie hatte ihr Handtäschchen auf dem Fensterbrett liegengelassen und -ging es holen; sie schleifte durch das ganze Zimmer. Als sie, das Handtäschchen leicht -schwenkend, <span class="pageNum" id="pb137">[<a href="#pb137">137</a>]</span>wieder zurückkam, sagte sie: „Ich möchte nur im Auftrag meiner Freundin ein paar Worte -mit Ihnen sprechen. Sie wollte selbst kommen, aber sie fühlt sich heute ein wenig -unwohl. Sie möchten sie entschuldigen und mich statt ihrer anhören. Sie hätte Ihnen -auch nichts anderes sagen können, als ich Ihnen sagen werde. Im Gegenteil, ich glaube, -ich kann Ihnen sogar mehr sagen, da ich doch verhältnismäßig unbeteiligt bin. Glauben -Sie nicht auch?“ -</p> -<p>„Was wäre denn zu sagen?“ antwortete K., der dessen müde war, die Augen des Fräulein -Montag fortwährend auf seine Lippe gerichtet zu sehn. Sie maßte sich dadurch eine -Herrschaft schon darüber an, was er erst sagen wollte. „Fräulein Bürstner will mir -offenbar die persönliche Aussprache, um die ich sie gebeten habe, nicht bewilligen.“ -„Das ist es,“ sagte Fräulein Montag, „oder vielmehr, so ist es gar nicht, Sie drücken -es sonderbar scharf aus. Im allgemeinen werden doch Aussprachen weder bewilligt, noch -geschieht das Gegenteil. Aber es kann geschehn, daß man Aussprachen für unnötig hält -und so ist es eben hier. Jetzt, nach Ihrer Bemerkung kann ich ja offen reden. Sie -haben <span class="pageNum" id="pb138">[<a href="#pb138">138</a>]</span>meine Freundin schriftlich oder mündlich um eine Unterredung gebeten. Nun weiß aber -meine Freundin, so muß ich wenigstens annehmen, was diese Unterredung betreffen soll, -und ist deshalb aus Gründen, die ich nicht kenne, überzeugt, daß es niemandem Nutzen -bringen würde, wenn die Unterredung wirklich zustande käme. Im übrigen erzählte sie -mir erst gestern und nur ganz flüchtig davon, sie sagte hierbei, daß auch Ihnen jedenfalls -nicht viel an der Unterredung liegen könne, denn Sie wären nur durch einen Zufall -auf einen derartigen Gedanken gekommen und würden selbst auch ohne besondere Erklärung, -wenn nicht schon jetzt, so doch sehr bald die Sinnlosigkeit des Ganzen erkennen. Ich -antwortete darauf, daß das richtig sein mag, daß ich es aber zur vollständigen Klarstellung -doch für vorteilhaft halten würde, Ihnen eine ausdrückliche Antwort zukommen zu lassen. -Ich bot mich an, diese Aufgabe zu übernehmen, nach einigem Zögern gab meine Freundin -mir nach. Ich hoffe nun aber auch in Ihrem Sinne gehandelt zu haben, denn selbst die -kleinste Unsicherheit in der geringfügigsten Sache ist doch immer quälend und wenn -man sie, wie in diesem <span class="pageNum" id="pb139">[<a href="#pb139">139</a>]</span>Falle, leicht beseitigen kann, so soll es doch besser sofort geschehn.“ „Ich danke -Ihnen,“ sagte K. sofort, stand langsam auf, sah Fräulein Montag an, dann über den -Tisch hin, dann aus dem Fenster — das gegenüberliegende Haus stand in der Sonne — -und ging zur Tür. Fräulein Montag folgte ihm ein paar Schritte, als vertraue sie ihm -nicht ganz. Vor der Tür mußten aber beide zurückweichen, denn sie öffnete sich und -der Hauptmann Lanz trat ein. K. sah ihn zum erstenmal aus der Nähe. Es war ein großer, -etwa 40 jähriger Mann mit braungebranntem fleischigen Gesicht. Er machte eine leichte -Verbeugung, die auch K. galt, ging dann zu Fräulein Montag und küßte ihr ehrerbietig -die Hand. Er war sehr gewandt in seinen Bewegungen. Seine Höflichkeit gegen Fräulein -Montag stach auffallend von der Behandlung ab, die sie von K. erfahren hatte. Trotzdem -schien Fräulein Montag K. nicht böse zu sein, denn sie wollte ihn sogar, wie K. zu -bemerken glaubte, dem Hauptmann vorstellen. Aber K. wollte nicht vorgestellt werden, -er wäre nicht imstande gewesen, weder dem Hauptmann noch Fräulein Montag gegenüber -irgendwie freundlich zu sein, der Handkuß hatte sie für ihn <span class="pageNum" id="pb140">[<a href="#pb140">140</a>]</span>zu einer Gruppe verbunden, die ihn unter dem Anschein äußerster Harmlosigkeit und -Uneigennützigkeit von Fräulein Bürstner abhalten wollte. K. glaubte jedoch nicht nur -das zu erkennen, er erkannte auch, daß Fräulein Montag ein gutes, allerdings zweischneidiges -Mittel gewählt hatte. Sie übertrieb die Bedeutung der Beziehung zwischen Fräulein -Bürstner und K., sie übertrieb vor allem die Bedeutung der erbetenen Aussprache und -versuchte es gleichzeitig so zu wenden, als ob es K. sei, der alles übertreibe. Sie -sollte sich täuschen, K. wollte nichts übertreiben, er wußte, daß Fräulein Bürstner -ein kleines Schreibmaschinenfräulein war, die ihm nicht lange Widerstand leisten sollte. -Hiebei zog er absichtlich gar nicht in Berechnung, was er von Frau Grubach über Fräulein -Bürstner erfahren hatte. Das alles überlegte er, während er kaum grüßend das Zimmer -verließ. Er wollte gleich in sein Zimmer gehn, aber ein kleines Lachen des Fräulein -Montag, das er hinter sich aus dem Eßzimmer hörte, brachte ihn auf den Gedanken, daß -er vielleicht beiden, dem Hauptmann wie Fräulein Montag eine Überraschung bereiten -könnte. Er sah sich um und horchte, ob <span class="pageNum" id="pb141">[<a href="#pb141">141</a>]</span>aus irgendeinem der umliegenden Zimmer eine Störung zu erwarten wäre, es war überall -still, nur die Unterhaltung aus dem Eßzimmer war zu hören und aus dem Gang, der zur -Küche führte, die Stimme der Frau Grubach. Die Gelegenheit schien günstig, K. ging -zur Tür von Fräulein Bürstners Zimmer und klopfte leise. Da sich nichts rührte, klopfte -er nochmals, aber es erfolgte noch immer keine Antwort. Schlief sie? Oder war sie -wirklich unwohl? Oder verleugnete sie sich nur deshalb, weil sie ahnte, daß es nur -K, sein konnte, der so leise klopfte? K. nahm an, daß sie sich verleugne und klopfte -stärker, öffnete schließlich, da das Klopfen keinen Erfolg hatte, vorsichtig und nicht -ohne das Gefühl, etwas Unrechtes und überdies Nutzloses zu tun, die Tür. Im Zimmer -war niemand. Es erinnerte übrigens kaum mehr an das Zimmer, wie es K. gekannt hatte. -An der Wand waren nun zwei Betten hintereinander aufgestellt, drei Sessel in der Nähe -der Tür waren mit Kleidern und Wäsche überhäuft, ein Schrank stand offen. Fräulein -Bürstner war wahrscheinlich fortgegangen, während Fräulein Montag im Eßzimmer auf -K. eingeredet hatte. K. war dadurch nicht sehr <span class="pageNum" id="pb142">[<a href="#pb142">142</a>]</span>bestürzt, er hatte kaum mehr erwartet, Fräulein Bürstner so leicht zu treffen, er -hatte diesen Versuch fast nur aus Trotz gegen Fräulein Montag gemacht. Um so peinlicher -war es ihm aber, als er, während er die Tür wieder schloß, in der offenen Tür des -Eßzimmers Fräulein Montag und den Hauptmann sich unterhalten sah. Sie standen dort -vielleicht schon, seitdem K. die Tür geöffnet hatte, sie vermieden jeden Anschein, -als ob sie K. etwa beobachteten, sie unterhielten sich leise und verfolgten K.s Bewegungen -mit den Blicken nur so, wie man während eines Gespräches zerstreut umherblickt. Aber -auf K. lagen diese Blicke doch schwer, er beeilte sich, an der Wand entlang in sein -Zimmer zu kommen. -<span class="pageNum" id="pb143">[<a href="#pb143">143</a>]</span></p> -</div> -</div> -<div id="ch5" class="div1 chapter"><span class="pageNum">[<a href="#ch5.toc">Inhalt</a>]</span><div class="divHead"> -<h2 class="label">FÜNFTES KAPITEL</h2> -<h2 class="main">DER PRÜGLER</h2> -</div> -<div class="divBody"> -<p class="first">Als K. an einem der nächsten Abende den Korridor passierte, der sein Bureau von der -Haupttreppe trennte — er ging diesmal fast als der letzte nach Hause, nur in der Expedition -arbeiteten noch zwei Diener im kleinen Lichtfeld einer Glühlampe — hörte er hinter -einer Tür, hinter der er immer nur eine Rumpelkammer vermutet hatte, ohne sie jemals -selbst gesehen zu haben, Seufzer ausstoßen. Er blieb erstaunt stehn und horchte noch -einmal auf, um festzustellen, ob er sich nicht irrte — es wurde ein Weilchen still, -dann waren es aber doch wieder Seufzer. — Zuerst wollte er einen der Diener holen, -man konnte vielleicht einen Zeugen brauchen, dann aber faßte ihn eine derart unbezähmbare -Neugierde, daß er die Tür förmlich aufriß. Es war, wie er richtig vermutet hatte, -eine Rumpelkammer. Unbrauchbare alte Drucksorten, <span class="pageNum" id="pb144">[<a href="#pb144">144</a>]</span>umgeworfene leere irdene Tintenflaschen lagen hinter der Schwelle. In der Kammer selbst -aber standen drei Männer, gebückt in dem niedrigen Raum. Eine auf einem Regal festgemachte -Kerze gab ihnen Licht. „Was treibt Ihr hier?“ fragte K., sich vor Aufregung überstürzend, -aber nicht laut. Der eine Mann, der die andern offenbar beherrschte und zuerst den -Blick auf sich lenkte, stak in einer Art dunklen Lederkleidung, die den Hals bis tief -zur Brust und die ganzen Arme nackt ließ. Er antwortete nicht. Aber die zwei andern -riefen: „Herr! Wir sollen geprügelt werden, weil du dich beim Untersuchungsrichter -über uns beklagt hast.“ Und nun erst erkannte K., daß es wirklich die Wächter Franz -und Willem waren, und daß der Dritte eine Rute in der Hand hielt, um sie zu prügeln. -„Nun,“ sagte K. und starrte sie an, „ich habe mich nicht beklagt, ich habe nur gesagt, -wie es sich in meiner Wohnung zugetragen hat. Und einwandfrei habt Ihr Euch ja nicht -benommen.“ „Herr,“ sagte Willem, während Franz sich hinter ihm vor dem Dritten offenbar -zu sichern suchte, „wenn Ihr wüßtet, wie schlecht wir bezahlt sind, Ihr würdet besser -über <span class="pageNum" id="pb145">[<a href="#pb145">145</a>]</span>uns urteilen. Ich habe eine Familie zu ernähren und Franz hier wollte heiraten, man -sucht sich zu bereichern, wie es geht, durch bloße Arbeit gelingt es nicht, selbst -durch die angestrengteste. Eure feine Wäsche hat mich verlockt, es ist natürlich den -Wächtern verboten, so zu handeln, es war unrecht, aber Tradition ist es, daß die Wäsche -den Wächtern gehört, es ist immer so gewesen, glaubt es mir; es ist ja auch verständlich, -was bedeuten denn noch solche Dinge für den, welcher so unglücklich ist, verhaftet -zu werden. Bringt er es dann allerdings öffentlich zur Sprache, dann muß die Strafe -erfolgen.“ „Was Ihr jetzt sagt, wußte ich nicht, ich habe auch keineswegs Eure Bestrafung -verlangt, mir ging es um ein Prinzip.“ „Franz,“ wandte sich Willem zum andern Wächter, -„sagte ich dir nicht, daß der Herr unsere Bestrafung nicht verlangt hat. Jetzt hörst -du, daß er nicht einmal gewußt hat, daß wir bestraft werden müssen.“ „Laß dich nicht -durch solche Reden rühren,“ sagte der Dritte zu K., „die Strafe ist ebenso gerecht -als unvermeidlich.“ „Höre nicht auf ihn,“ sagte Willem und unterbrach sich nur, um -die Hand, über die er einen Rutenhieb bekommen <span class="pageNum" id="pb146">[<a href="#pb146">146</a>]</span>hatte, schnell an den Mund zu führen, „wir werden nur gestraft, weil du uns angezeigt -hast. Sonst wäre uns nichts geschehn, selbst wenn man erfahren hätte, was wir getan -haben. Kann man das Gerechtigkeit nennen? Wir zwei, insbesondere aber ich, hatten -uns als Wächter durch lange Zeit sehr bewährt — du selbst mußt eingestehn, daß wir, -vom Gesichtspunkt der Behörde gesehn, gut gewacht haben — wir hatten Aussicht, vorwärts -zu kommen und wären gewiß bald auch Prügler geworden, wie dieser, der eben das Glück -hatte, von niemandem angezeigt worden zu sein, denn eine solche Anzeige kommt wirklich -nur sehr selten vor. Und jetzt, Herr, ist alles verloren, unsere Laufbahn beendet, -wir werden noch viel untergeordnetere Arbeiten leisten müssen, als der Wachdienst -ist, und überdies bekommen wir jetzt diese schrecklich schmerzhaften Prügel.“ „Kann -denn die Rute solche Schmerzen machen,“ fragte K. und prüfte die Rute, die der Prügler -vor ihm schwang. „Wir werden uns ja ganz nackt ausziehn müssen,“ sagte Willem. „Ach -so,“ sagte K. und sah den Prügler genau an, er war braun gebrannt wie ein Matrose -und <span class="pageNum" id="pb147">[<a href="#pb147">147</a>]</span>hatte ein wildes frisches Gesicht. „Gibt es keine Möglichkeit, den zweien die Prügel -zu ersparen,“ fragte er ihn. „Nein,“ sagte der Prügler und schüttelte lächelnd den -Kopf. „Zieht Euch aus,“ befahl er den Wächtern. Und zu K. sagte er: „Du mußt ihnen -nicht alles glauben, sie sind durch die Angst vor den Prügeln schon ein wenig schwachsinnig -geworden. Was dieser hier z. B.“ — zeigte auf Willem — „über seine mögliche Laufbahn -erzählt hat, ist geradezu lächerlich. Sieh an, wie fett er ist — die ersten Rutenstreiche -werden überhaupt im Fett verloren gehn. — Weißt du, wodurch er so fett geworden ist? -Er hat die Gewohnheit, allen Verhafteten das Frühstück aufzuessen. Hat er nicht auch -dein Frühstück aufgegessen? Nun, ich sagte es ja. Aber ein Mann mit einem solchen -Bauch kann nie und nimmermehr Prügler werden, das ist ganz ausgeschlossen.“ „Es gibt -auch solche Prügler,“ behauptete Willem, der gerade seinen Hosengürtel löste. „Nein,“ -sagte der Prügler und strich ihm mit der Rute derartig über den Hals, daß er zusammenzuckte, -„du sollst nicht zuhören, sondern dich ausziehn.“ „Ich würde dich gut belohnen, wenn -du sie laufen <span class="pageNum" id="pb148">[<a href="#pb148">148</a>]</span>läßt,“ sagte K. und zog, ohne den Prügler nochmals anzusehn — solche Geschäfte werden -beiderseits mit niedergeschlagenen Augen am besten abgewickelt — seine Brieftasche -hervor. „Du willst wohl dann auch mich anzeigen,“ sagte der Prügler, „und auch noch -mir Prügel verschaffen. Nein, nein!“ „Sei doch vernünftig,“ sagte K., „wenn ich gewollt -hätte, daß diese zwei bestraft werden, würde ich sie doch jetzt nicht loskaufen wollen. -Ich könnte einfach die Tür hier zuschlagen, nichts weiter sehn und hören wollen und -nach Hause gehn; nun tue ich das aber nicht, vielmehr liegt mir ernstlich daran, sie -zu befreien; hätte ich geahnt, daß sie bestraft werden sollen oder auch nur bestraft -werden können, hätte ich ihre Namen nie genannt. Ich halte sie nämlich gar nicht für -schuldig, schuldig ist die Organisation, schuldig sind die hohen Beamten.“ „So ist -es,“ riefen die Wächter und bekamen sofort einen Hieb über ihren schon entkleideten -Rücken. „Hättest du hier unter deiner Rute einen hohen Richter,“ sagte K. und drückte, -während er sprach, die Rute, die sich schon wieder erheben wollte, nieder, „ich würde -dich wahrhaftig nicht hindern, loszuschlagen, <span class="pageNum" id="pb149">[<a href="#pb149">149</a>]</span>im Gegenteil, ich würde dir noch Geld geben, damit du dich für die gute Sache kräftigst.“ -„Was du sagst, klingt ja glaubwürdig,“ sagte der Prügler, „aber ich lasse mich nicht -bestechen. Ich bin zum Prügeln angestellt, also prügle ich.“ Der Wächter Franz, der -vielleicht in Erwartung eines guten Ausgangs des Eingreifens von K. bisher ziemlich -zurückhaltend gewesen war, trat jetzt nur noch mit den Hosen bekleidet zur Tür, hing -sich niederkniend an K.s Arm und flüsterte: „Wenn du für uns beide Schonung nicht -durchsetzen kannst, so versuche wenigstens mich zu befreien. Willem ist älter als -ich, in jeder Hinsicht weniger empfindlich, auch hat er schon einmal vor paar Jahren -eine leichte Prügelstrafe bekommen, ich aber bin noch nicht entehrt und bin doch zu -meiner Handlungsweise nur durch Willem gebracht worden, der im Guten und Schlechten -mein Lehrer ist. Unten vor der Bank wartet meine arme Braut auf den Ausgang, ich schäme -mich ja so erbärmlich.“ Er trocknete mit K.s Rock sein von Tränen ganz überlaufenes -Gesicht. „Ich warte nicht mehr,“ sagte der Prügler, faßte die Rute mit beiden Händen -und hieb auf Franz ein, während <span class="pageNum" id="pb150">[<a href="#pb150">150</a>]</span>Willem in einem Winkel kauerte und heimlich zusah, ohne eine Kopfwendung zu wagen. -Da erhob sich der Schrei, den Franz ausstieß, ungeteilt und unveränderlich, er schien -nicht von einem Menschen, sondern von einem gemarterten Instrument zu stammen, der -ganze Korridor stöhnte von ihm, das ganze Haus mußte es hören. „Schrei nicht,“ rief -K., er konnte sich nicht zurückhalten, und während er gespannt in die Richtung sah, -aus der die Diener kommen mußten, stieß er den Franz, nicht stark aber doch stark -genug, daß der Besinnungslose niederfiel und im Krampf mit den Händen den Boden absuchte; -den Schlägen entging er aber nicht, die Rute fand ihn auch auf der Erde; während er -sich unter ihr wälzte, schwang sich ihre Spitze regelmäßig auf und ab. Und schon erschien -in der Ferne ein Diener und ein paar Schritte hinter ihm ein zweiter. K. hatte schnell -die Tür zugeworfen, war zu einem nahen Hoffenster getreten und öffnete es. Das Schreien -hatte vollständig aufgehört. Um die Diener nicht herankommen zu lassen, rief er: „Ich -bin es.“ „Guten Abend, Herr Prokurist,“ rief es zurück. „Ist etwas geschehn?“ „Nein, -nein,“ antwortete K. „es <span class="pageNum" id="pb151">[<a href="#pb151">151</a>]</span>schreit nur ein Hund auf dem Hof.“ Als die Diener sich doch nicht rührten, fügte er -hinzu: „Sie können bei Ihrer Arbeit bleiben.“ Um sich in kein Gespräch mit den Dienern -einlassen zu müssen, beugte er sich aus dem Fenster. Als er nach einem Weilchen wieder -in den Korridor sah, waren sie schon weg. K. aber blieb nun beim Fenster, in die Rumpelkammer -wagte er nicht zu gehn und nach Hause gehn wollte er auch nicht. Es war ein kleiner -viereckiger Hof, in den er hinuntersah, ringsherum waren Bureauräume untergebracht, -alle Fenster waren jetzt schon dunkel, nur die obersten fingen einen Widerschein des -Mondes auf. K. suchte angestrengt mit den Blicken in das Dunkel eines Hofwinkels einzudringen, -in dem einige Handkarren ineinandergefahren waren. Es quälte ihn, daß es ihm nicht -gelungen war, das Prügeln zu verhindern, aber es war nicht seine Schuld, daß es nicht -gelungen war, hätte Franz nicht geschrien — gewiß, es mußte sehr weh getan haben, -aber in einem entscheidenden Augenblick muß man sich beherrschen — hätte er nicht -geschrien, so hätte K., wenigstens sehr wahrscheinlich, noch ein Mittel gefunden, -den Prügler zu überreden. Wenn die <span class="pageNum" id="pb152">[<a href="#pb152">152</a>]</span>ganze unterste Beamtenschaft Gesindel war, warum hätte gerade der Prügler, der das -unmenschlichste Amt hatte, eine Ausnahme machen sollen. K. hatte auch gut beobachtet, -wie ihm beim Anblick der Banknote die Augen geleuchtet hatten, er hatte mit dem Prügeln -offenbar nur deshalb Ernst gemacht, um die Bestechungssumme noch ein wenig zu erhöhen. -Und K. hätte nicht gespart, es lag ihm wirklich daran, die Wächter zu befreien; wenn -er nun schon angefangen hatte, die Verderbnis dieses Gerichtswesens zu bekämpfen, -so war es selbstverständlich, daß er auch von dieser Seite eingriff. Aber in dem Augenblick, -wo Franz zu schreien angefangen hatte, war natürlich alles zu Ende. K. konnte nicht -zulassen, daß die Diener und vielleicht noch alle möglichen Leute kämen und ihn in -Unterhandlungen mit der Gesellschaft in der Rumpelkammer überraschten. Diese Aufopferung -konnte wirklich niemand von K. verlangen. Wenn er das zu tun beabsichtigt hätte, so -wäre es ja fast einfacher gewesen, K. hätte sich selbst ausgezogen und dem Prügler -als Ersatz für die Wächter angeboten. Übrigens hätte der Prügler diese Vertretung -gewiß nicht angenommen, da <span class="pageNum" id="pb153">[<a href="#pb153">153</a>]</span>er dadurch, ohne einen Vorteil zu gewinnen, dennoch seine Pflicht schwer verletzt -hätte, und wahrscheinlich doppelt verletzt hätte, denn K. mußte wohl, solange er im -Verfahren stand, für alle Angestellten des Gerichts unverletzlich sein. Allerdings -konnten hier auch besondere Bestimmungen gelten. Jedenfalls hatte K. nichts anderes -tun können, als die Tür zuschlagen, trotzdem dadurch auch jetzt noch für K. durchaus -nicht jede Gefahr beseitigt blieb. Daß er zuletzt noch Franz einen Stoß gegeben hatte, -war bedauerlich und nur durch seine Aufregung zu entschuldigen. -</p> -<p>In der Ferne hörte er die Schritte der Diener; um ihnen nicht auffällig zu werden, -schloß er das Fenster und ging in der Richtung zur Haupttreppe. Bei der Tür zur Rumpelkammer -blieb er ein wenig stehn und horchte. Es war ganz still. Der Mann konnte die Wächter -totgeprügelt haben, sie waren ja ganz in seine Macht gegeben. K. hatte schon die Hand -nach der Klinke ausgestreckt, zog sie dann aber wieder zurück. Helfen konnte er niemandem -mehr und die Diener mußten gleich kommen; er gelobte sich aber, die Sache noch zur -Sprache zu bringen und die wirklich Schuldigen, <span class="pageNum" id="pb154">[<a href="#pb154">154</a>]</span>die hohen Beamten, von denen sich ihm noch keiner zu zeigen gewagt hatte, soweit es -in seinen Kräften war, gebührend zu bestrafen. Als er die Freitreppe der Bank hinunterging, -beobachtete er sorgfältig alle Passanten, aber selbst in der weitern Umgebung war -kein Mädchen zu sehn, das auf jemanden gewartet hätte. Die Bemerkung Franzens, daß -seine Braut auf ihn warte, erwies sich als eine allerdings verzeihliche Lüge, die -nur den Zweck gehabt hatte, größeres Mitleid zu erwecken. -</p> -<p>Auch noch am nächsten Tage kamen K. die Wächter nicht aus dem Sinn; er war bei der -Arbeit zerstreut und mußte, um sie zu bewältigen, noch ein wenig länger im Bureau -bleiben als am Tag vorher. Als er auf dem Nachhauseweg wieder an der Rumpelkammer -vorbeikam, öffnete er sie aus Gewohnheit. Vor dem, was er statt des erwarteten Dunkels -erblickte, wußte er sich nicht zu fassen. Alles war unverändert, so wie er es am Abend -vorher beim Öffnen der Tür gefunden hatte. Die Drucksorten und Tintenflaschen gleich -hinter der Schwelle, der Prügler mit der Rute, die noch vollständig angezogenen Wächter, -die Kerze auf dem Regal und die Wächter begannen zu klagen und <span class="pageNum" id="pb155">[<a href="#pb155">155</a>]</span>riefen: Herr! Sofort warf K. die Tür zu und schlug noch mit den Fäusten gegen sie, -als sei sie dann fester verschlossen. Fast weinend lief er zu den Dienern, die ruhig -an den Kopiermaschinen arbeiteten und erstaunt in ihrer Arbeit innehielten. „Räumt -doch endlich die Rumpelkammer aus,“ rief er. „Wir versinken ja im Schmutz.“ Die Diener -waren bereit, es am nächsten Tag zu tun, K. nickte, jetzt spät am Abend konnte er -sie nicht mehr zu der Arbeit zwingen, wie er es eigentlich beabsichtigt hatte. Er -setzte sich ein wenig, um die Diener ein Weilchen lang in der Nähe zu behalten, warf -einige Kopien durcheinander, wodurch er den Anschein zu erwecken glaubte, daß er sie -überprüfe, und ging dann, da er einsah, daß die Diener nicht wagen würden, gleichzeitig -mit ihm wegzugehn, müde und gedankenlos nach Hause. -<span class="pageNum" id="pb156">[<a href="#pb156">156</a>]</span></p> -</div> -</div> -<div id="ch6" class="div1 chapter"><span class="pageNum">[<a href="#ch6.toc">Inhalt</a>]</span><div class="divHead"> -<h2 class="label">SECHSTES KAPITEL</h2> -<h2 class="main">DER ONKEL · LENI</h2> -</div> -<div class="divBody"> -<p class="first">Eines Nachmittags — K. war gerade vor dem Postabschluß sehr beschäftigt — drängte -sich zwischen zwei Dienern, die Schriftstücke hereintrugen, K.s Onkel Karl, ein kleiner -Grundbesitzer vom Lande, ins Zimmer. K. erschrak bei dem Anblick weniger, als er schon -vor längerer Zeit bei der Vorstellung vom Kommen des Onkels erschrocken war. Der Onkel -mußte kommen, das stand bei K. schon etwa einen Monat lang fest. Schon damals hatte -er ihn zu sehen geglaubt, wie er, ein wenig gebückt, den eingedrückten Panamahut in -der Linken, die Rechte schon von weitem ihm entgegenstreckte und sie mit rücksichtsloser -Eile über den Schreibtisch hinreichte, alles umstoßend, was ihm im Wege war. Der Onkel -befand sich immer in Eile, denn er war von dem unglücklichen Gedanken verfolgt, bei -seinem immer <span class="pageNum" id="pb157">[<a href="#pb157">157</a>]</span>nur eintägigen Aufenthalt in der Hauptstadt müsse er alles erledigen können, was er -sich vorgenommen hatte, und dürfe überdies auch kein gelegentlich sich darbietendes -Gespräch oder Geschäft oder Vergnügen sich entgehen lassen. Dabei mußte ihm K., der -ihm als seinem gewesenen Vormund besonders verpflichtet war, in allem möglichen behilflich -sein und ihn außerdem bei sich übernachten lassen. „Das Gespenst vom Lande“ pflegte -er ihn zu nennen. -</p> -<p>Gleich nach der Begrüßung — sich in das Fauteuil zu setzen, wozu <span class="corr" id="xd31e646" title="Quelle: ihm">ihn</span> K. einlud, hatte er keine Zeit — bat er K. um ein kurzes Gespräch unter vier Augen. -„Es ist notwendig,“ sagte er, mühselig schluckend, „zu meiner Beruhigung ist es notwendig.“ -K. schickte sofort die Diener aus dem Zimmer mit der Weisung, niemand einzulassen. -„Was habe ich gehört, Josef?“ rief der Onkel, als sie allein waren, setzte sich auf -den Tisch und stopfte ohne hinzusehn verschiedene Papiere unter sich, um besser zu -sitzen. K. schwieg, er wußte, was kommen würde, aber, plötzlich von der anstrengenden -Arbeit entspannt, wie er war, gab er sich zunächst einer angenehmen Mattigkeit hin -<span class="pageNum" id="pb158">[<a href="#pb158">158</a>]</span>und sah durch das Fenster auf die gegenüberliegende Straßenseite, von der von seinem -Sitz aus nur ein kleiner dreieckiger Ausschnitt zu sehen war, ein Stück leerer Häusermauer, -zwischen zwei Geschäftsauslagen. „Du schaust aus dem Fenster,“ rief der Onkel mit -erhobenen Armen, „um Himmels willen, Josef, antworte mir doch. Ist es wahr, kann es -denn wahr sein?“ „Lieber Onkel,“ sagte K. und riß sich von seiner Zerstreutheit los, -„ich weiß ja gar nicht, was du von mir willst.“ „Josef,“ sagte der Onkel warnend, -„die Wahrheit hast du immer gesagt, soviel ich weiß. Soll ich deine letzten Worte -als schlimmes Zeichen auffassen.“ „Ich ahne ja, was du willst,“ sagte K. folgsam, -„du hast wahrscheinlich von meinem Prozeß gehört.“ „So ist es,“ antwortete der Onkel, -langsam nickend, „ich habe von deinem Prozeß gehört.“ „Von wem denn?“ fragte K. „Erna -hat es mir geschrieben,“ sagte der Onkel, „sie hat ja keinen Verkehr mit dir, du kümmerst -dich leider nicht viel um sie, trotzdem hat sie es erfahren. Heute habe ich den Brief -bekommen und bin natürlich sofort hergefahren. Aus keinem andern Grund, aber es scheint -ein genügender Grund zu sein. <span class="pageNum" id="pb159">[<a href="#pb159">159</a>]</span>Ich kann dir die Briefstelle, die dich betrifft, vorlesen.“ Er zog den Brief aus der -Brieftasche. „Hier ist es. Sie schreibt: Josef habe ich schon lange nicht gesehn, -vorige Woche war ich einmal in der Bank, aber Josef war so beschäftigt, daß ich nicht -vorgelassen wurde; ich habe fast eine Stunde gewartet, mußte dann aber nach Hause, -weil ich Klavierstunde hatte. Ich hätte gern mit ihm gesprochen, vielleicht wird sich -nächstens eine Gelegenheit finden. Zu meinem Namenstag hat er mir eine große Schachtel -Schokolade geschickt, es war sehr lieb und aufmerksam. Ich hatte vergessen, es Euch -damals zu schreiben, erst jetzt, da Ihr mich fragt, erinnere ich mich daran. Schokolade, -müßt Ihr wissen, verschwindet nämlich in der Pension sofort, kaum ist man zum Bewußtsein -dessen gekommen, daß man mit Schokolade beschenkt worden ist, ist sie auch schon weg. -Aber was Josef betrifft, wollte ich Euch noch etwas sagen. Wie erwähnt, wurde ich -in der Bank nicht zu ihm vorgelassen, weil er gerade mit einem Herrn verhandelte. -Nachdem ich eine Zeitlang ruhig gewartet hatte, fragte ich einen Diener, ob die Verhandlung -noch lange dauern werde. Er sagte, das dürfte <span class="pageNum" id="pb160">[<a href="#pb160">160</a>]</span>wohl sein, denn es handle sich wahrscheinlich um den Prozeß, der gegen den Herrn Prokuristen -geführt werde. Ich fragte, was denn das für ein Prozeß sei, ob er sich nicht irre, -er aber sagte, er irre sich nicht, es sei ein Prozeß, und zwar ein schwerer Prozeß, -mehr aber wisse er nicht. Er selbst möchte dem Herrn Prokuristen gerne helfen, denn -dieser sei ein guter und gerechter Herr, aber er wisse nicht, wie er es anfangen sollte, -und er möchte nur wünschen, daß sich einflußreiche Herren seiner annehmen würden. -Dies werde auch sicher geschehn und es werde schließlich ein gutes Ende nehmen, vorläufig -aber stehe es, wie er aus der Laune des Herrn Prokuristen entnehmen könne, gar nicht -gut. Ich legte diesen Reden natürlich nicht viel Bedeutung bei, suchte auch den einfältigen -Diener zu beruhigen, verbot ihm, andern gegenüber davon zu sprechen und halte das -Ganze für ein Geschwätz. Trotzdem wäre es vielleicht gut, wenn Du, liebster Vater, -bei Deinem nächsten Besuch der Sache nachgehn wolltest, es wird Dir leicht sein, Genaueres -zu erfahren und wenn es wirklich nötig sein sollte, durch Deine großen einflußreichen -Bekanntschaften einzugreifen. Sollte es aber <span class="pageNum" id="pb161">[<a href="#pb161">161</a>]</span>nicht nötig sein, was ja das Wahrscheinlichste ist, so wird es wenigstens Deiner Tochter -bald Gelegenheit geben, Dich zu umarmen, was sie freuen würde.“ „Ein gutes Kind,“ -sagte der Onkel, als er die Vorlesung beendet hatte, und wischte einige Tränen aus -den Augen fort. K. nickte, er hatte infolge der verschiedenen Störungen der letzten -Zeit Erna vollständig vergessen, sogar ihren Geburtstag hatte er vergessen, und die -Geschichte von der Schokolade war offenbar zu dem Zweck erfunden, um ihn vor Onkel -und Tante in Schutz zu nehmen. Es war sehr rührend, und mit den Theaterkarten, die -er ihr von jetzt ab regelmäßig schicken wollte, gewiß nicht genügend belohnt, aber -zu Besuchen in der Pension und zu Unterhaltungen mit einer kleinen 18 jährigen Gymnasiastin -fühlte er sich jetzt nicht geeignet. „Und was sagst du jetzt?“ fragte der Onkel, der -durch den Brief alle Eile und Aufregung vergessen hatte und ihn noch einmal zu lesen -schien. „Ja, Onkel,“ sagte K., „es ist wahr.“ „Wahr?“ rief der Onkel, „Was ist wahr? -Wie kann es denn wahr sein? Was für ein Prozeß? Doch nicht ein Strafprozeß?“ „Ein -Strafprozeß,“ antwortete K. „Und <span class="pageNum" id="pb162">[<a href="#pb162">162</a>]</span>du sitzt ruhig hier und hast einen Strafprozeß auf dem Halse?“ rief der Onkel, der -immer lauter wurde. „Je ruhiger ich bin, desto besser ist es für den Ausgang,“ sagte -K. müde. „Fürchte nichts.“ „Das kann mich nicht beruhigen,“ rief der Onkel, „Josef, -lieber Josef, denke an dich, an deine Verwandten, an unsern guten Namen. Du warst -bisher unsere Ehre, du darfst nicht unsere Schande werden. Deine Haltung,“ er sah -K. mit schief geneigtem Kopfe an, „gefällt mir nicht, so verhält sich kein unschuldig -Angeklagter, der noch bei Kräften ist. Sag mir nur schnell, um was es sich handelt, -damit ich dir helfen kann. Es handelt sich natürlich um die Bank?“ „Nein,“ sagte K. -und stand auf, „du sprichst aber zu laut, lieber Onkel, der Diener steht wahrscheinlich -an der Tür und horcht. Das ist mir unangenehm. Wir wollen lieber weggehn. Ich werde -dir dann alle Fragen so gut es geht beantworten. Ich weiß sehr gut, daß ich der Familie -Rechenschaft schuldig bin.“ „Richtig,“ schrie der Onkel, „sehr richtig, beeile dich -nur, Josef, beeile dich.“ „Ich muß nur noch einige Aufträge geben,“ sagte K. und berief -telephonisch seinen Vertreter zu sich, der in wenigen Augenblicken eintrat. Der <span class="pageNum" id="pb163">[<a href="#pb163">163</a>]</span>Onkel in seiner Aufregung zeigte ihm mit der Hand, daß K. ihn habe rufen lassen, woran -auch sonst kein Zweifel gewesen wäre. K., der vor dem Schreibtisch stand, erklärte -dem jungen Mann, der kühl aber aufmerksam zuhörte, mit leiser Stimme unter Zuhilfenahme -verschiedener Schriftstücke, was in seiner Abwesenheit heute noch erledigt werden -müsse. Der Onkel störte, indem er zuerst mit großen Augen und nervösem Lippenbeißen -dabeistand, ohne allerdings zuzuhören, aber der Anschein dessen war schon störend -genug. Dann aber ging er im Zimmer auf und ab und blieb hie und da vor dem Fenster -oder vor einem Bild stehen, wobei er immer in verschiedene Ausrufe ausbrach, wie: -„Mir ist es vollständig unbegreiflich“ oder „Jetzt sagt mir nur, was soll denn daraus -werden.“ Der junge Mann tat, als bemerke er nichts davon, hörte ruhig K.s Aufträge -bis zu Ende an, notierte sich auch einiges und ging, nachdem er sich vor K. wie auch -vor dem Onkel verneigt hatte, der ihm aber gerade den Rücken zukehrte, aus dem Fenster -sah und mit ausgestreckten Händen die Vorhänge zusammenknüllte. Die Tür hatte sich -noch kaum geschlossen, als der Onkel ausrief: <span class="pageNum" id="pb164">[<a href="#pb164">164</a>]</span>„Endlich ist der Hampelmann weggegangen, jetzt können doch auch wir gehn. Endlich!“ -Es gab leider kein Mittel, den Onkel zu bewegen, in der Vorhalle, wo einige Beamte -und Diener herumstanden und die gerade auch der Direktor-Stellvertreter kreuzte, die -Fragen wegen des Prozesses zu unterlassen. „Also, Josef,“ begann der Onkel, während -er die Verbeugungen der Umstehenden durch leichtes Salutieren beantwortete, „jetzt -sag’ mir offen, was es für ein Prozeß ist.“ K. machte einige nichtssagende Bemerkungen, -lachte auch ein wenig und erst auf der Treppe erklärte er dem Onkel, daß er vor den -Leuten nicht habe offen reden wollen. „Richtig,“ sagte der Onkel, „aber jetzt rede.“ -Mit geneigtem Kopf, eine Zigarre in kurzen, eiligen Zügen rauchend, hörte er zu. „Vor -allem, Onkel,“ sagte K., „handelt es sich gar nicht um einen Prozeß vor dem gewöhnlichen -Gericht.“ „Das ist schlimm,“ sagte der Onkel. „Wie?“ sagte K. und sah den Onkel an. -„Daß das schlimm ist, meine ich,“ wiederholte der Onkel. Sie standen auf der Freitreppe, -die zur Straße führte; da der Portier zu horchen schien, zog K. den Onkel hinunter; -der lebhafte Straßenverkehr nahm sie auf. <span class="pageNum" id="pb165">[<a href="#pb165">165</a>]</span>Der Onkel, der sich in K. eingehängt hatte, fragte nicht mehr so dringend nach dem -Prozeß, sie gingen sogar eine Zeitlang schweigend weiter. „Wie ist es aber geschehn?“ -fragte endlich der Onkel, so plötzlich stehen bleibend, daß die hinter ihm gehenden -Leute erschreckt auswichen. „Solche Dinge kommen doch nicht plötzlich, sie bereiten -sich seit langem vor, es müssen Anzeichen gewesen sein, warum hast du mir nicht geschrieben. -Du weißt, daß ich für dich alles tue, ich bin ja gewissermaßen noch dein Vormund und -war bis heute stolz darauf. Ich werde dir natürlich auch jetzt noch helfen, nur ist -es jetzt, wenn der Prozeß schon im Gange ist, sehr schwer. Am besten wäre es jedenfalls, -wenn du dir jetzt einen kleinen Urlaub nimmst und zu uns aufs Land kommst. Du bist -auch ein wenig abgemagert, jetzt merke ich es. Auf dem Land wirst du dich kräftigen, -das wird gut sein, es stehen dir ja gewiß Anstrengungen bevor. Außerdem aber wirst -du dadurch dem Gericht gewissermaßen entzogen sein. Hier haben sie alle möglichen -Machtmittel, die sie notwendigerweise automatisch auch dir gegenüber anwenden; auf -das Land müßten sie <span class="pageNum" id="pb166">[<a href="#pb166">166</a>]</span>aber erst Organe delegieren oder nur brieflich, telegraphisch, telephonisch auf dich -einzuwirken suchen. Das schwächt natürlich die Wirkung ab, befreit dich zwar nicht, -aber läßt dich aufatmen.“ „Sie könnten mir ja verbieten, wegzufahren,“ sagte K., den -die Rede des Onkels ein wenig in ihren Gedankengang gezogen hatte. „Ich glaube nicht, -daß sie das tun werden,“ sagte der Onkel nachdenklich, „so groß ist der Verlust an -Macht nicht, den sie durch deine Abreise erleiden.“ „Ich dachte,“ sagte K. und faßte -den Onkel unterm Arm, um ihn am Stehenbleiben hindern zu können, „daß du dem Ganzen -noch weniger Bedeutung beimessen würdest als ich, und jetzt nimmst du es selbst so -schwer.“ „Josef,“ rief der Onkel und wollte sich ihm entwinden, um stehn bleiben zu -können, aber K. ließ ihn nicht, „du bist verwandelt, du hattest doch immer ein so -richtiges Auffassungsvermögen und gerade jetzt verläßt es dich? Willst du denn den -Prozeß verlieren? Weißt du, was das bedeutet? Das bedeutet, daß du einfach gestrichen -wirst. Und daß die ganze Verwandtschaft mitgerissen oder wenigstens bis auf den Boden -gedemütigt wird. Josef, nimm dich <span class="pageNum" id="pb167">[<a href="#pb167">167</a>]</span>doch zusammen. Deine Gleichgültigkeit bringt mich um den Verstand. Wenn man dich ansieht, -möchte man fast dem Sprichwort glauben: „Einen solchen Prozeß haben, heißt ihn schon -verloren haben.“ „Lieber Onkel,“ sagte K., „die Aufregung ist so unnütz, sie ist es -auf deiner Seite und wäre es auch auf meiner. Mit Aufregung gewinnt man die Prozesse -nicht, laß auch meine praktischen Erfahrungen ein wenig gelten, so wie ich deine, -selbst wenn sie mich überraschen, immer und auch jetzt sehr achte. Da du sagst, daß -auch die Familie durch den Prozeß in Mitleidenschaft gezogen würde, — was ich für -meinen Teil durchaus nicht begreifen kann, das ist aber Nebensache — so will ich dir -gerne in allem folgen. Nur den Landaufenthalt halte ich selbst in deinem Sinn nicht -für vorteilhaft, denn das würde Flucht und Schuldbewußtsein bedeuten. Überdies bin -ich hier zwar mehr verfolgt, kann aber auch selbst die Sache mehr betreiben.“ „Richtig,“ -sagte der Onkel in einem Ton, als kämen sie jetzt endlich einander näher, „ich machte -den Vorschlag nur, weil ich, wenn du hier bliebst, die Sache von deiner Gleichgültigkeit -gefährdet sah und es für besser <span class="pageNum" id="pb168">[<a href="#pb168">168</a>]</span>hielt, wenn ich statt deiner für dich arbeitete. Willst du sie aber mit aller Kraft -selbst betreiben, so ist es natürlich weit besser.“ „Darin wären wir also einig,“ -sagte K. „Und hast du jetzt einen Vorschlag dafür, was ich zunächst machen soll?“ -„Ich muß mir natürlich die Sache noch überlegen,“ sagte der Onkel, „du mußt bedenken, -daß ich jetzt schon 20 Jahre fast ununterbrochen auf dem Lande bin, dabei läßt der -Spürsinn in diesen Richtungen nach. Verschiedene wichtige Verbindungen mit Persönlichkeiten, -die sich hier vielleicht besser auskennen, haben sich von selbst gelockert. Ich bin -auf dem Land ein wenig verlassen, das weißt du ja. Selbst merkt man es eigentlich -erst bei solchen Gelegenheiten. Zum Teil kam mir deine Sache auch unerwartet, wenn -ich auch merkwürdigerweise nach Ernas Brief schon etwas derartiges ahnte und es heute -bei deinem Anblick fast mit Bestimmtheit wußte. Aber das ist gleichgültig, das Wichtigste -ist jetzt, keine Zeit zu verlieren.“ Schon während seiner Rede hatte er auf den Fußspitzen -stehend einem Automobil gewinkt und zog jetzt, während er gleichzeitig dem Wagenlenker -eine Adresse zurief, K. hinter sich <span class="pageNum" id="pb169">[<a href="#pb169">169</a>]</span>in den Wagen. „Wir fahren jetzt zum Advokaten Huld,“ sagte er, „er war mein Schulkollege. -Du kennst den Namen gewiß auch? Nicht? Das ist aber merkwürdig. Er hat doch als Verteidiger -und Armenadvokat einen bedeutenden Ruf. Ich aber habe besonders zu ihm als Menschen -großes Vertrauen.“ „Mir ist alles recht, was du unternimmst,“ sagte K., trotzdem ihn -die eilige und dringliche Art, mit der der Onkel die Angelegenheit behandelte, Unbehagen -verursachte. Es war nicht sehr erfreulich, als Angeklagter zu einem Armenadvokaten -zu fahren. „Ich wußte nicht,“ sagte er, „daß man in einer solchen Sache auch einen -Advokaten zuziehen könne.“ „Aber natürlich,“ sagte der Onkel, „das ist ja selbstverständlich. -Warum denn nicht? Und nun erzähle mir, damit ich über die Sache genau unterrichtet -bin, alles, was bisher geschehen ist.“ K. begann sofort zu erzählen, ohne irgend etwas -zu verschweigen, seine vollständige Offenheit war der einzige Protest, den er sich -gegen des Onkels Ansicht, der Prozeß sei eine große Schande, erlauben konnte. Fräulein -Bürstners Namen erwähnte er nur einmal und flüchtig, aber das beeinträchtigte nicht -die Offenheit, denn <span class="pageNum" id="pb170">[<a href="#pb170">170</a>]</span>Fräulein Bürstner stand mit dem Prozeß in keiner Verbindung. Während er erzählte, -sah er aus dem Fenster und beobachtete, wie sie sich gerade jener Vorstadt näherten, -in der die Gerichtskanzleien waren, er machte den Onkel darauf aufmerksam, der aber -das Zusammentreffen nicht besonders auffallend fand. Der Wagen hielt vor einem dunklen -Haus. Der Onkel läutete gleich im Parterre bei der ersten Tür; während sie warteten, -fletschte er lächelnd seine großen Zähne und flüsterte: „8 Uhr, eine ungewöhnliche -Zeit für Parteienbesuche. Huld nimmt es mir aber nicht übel.“ Im Guckfenster der Tür -erschienen zwei große schwarze Augen, sahen ein Weilchen die zwei Gäste an und verschwanden; -die Tür öffnete sich aber nicht. Der Onkel und K. bestätigten einander gegenseitig -die Tatsache, die zwei Augen gesehen zu haben. „Ein neues Stubenmädchen, das sich -vor Fremden fürchtet,“ sagte der Onkel und klopfte nochmals. Wieder erschienen die -Augen, man konnte sie jetzt fast für traurig halten, vielleicht war das aber auch -nur eine Täuschung, hervorgerufen durch die offene Gasflamme, die nahe über den Köpfen -stark zischend brannte, aber wenig Licht gab. „Öffnen <span class="pageNum" id="pb171">[<a href="#pb171">171</a>]</span>Sie,“ rief der Onkel und hieb mit der Faust gegen die Tür, „es sind Freunde des Herrn -Advokaten.“ „Der Herr Advokat ist krank,“ flüsterte es hinter ihnen. In einer Tür -am andern Ende des kleinen Ganges stand ein Herr im Schlafrock und machte mit äußerst -leiser Stimme diese Mitteilung. Der Onkel, der schon wegen des langen Wartens wütend -war, wandte sich mit einem Ruck um, rief: „Krank? Sie sagen, er ist krank?“ und ging -fast drohend, als sei der Herr die Krankheit, auf ihn zu. „Man hat schon geöffnet,“ -sagte der Herr, zeigte auf die Tür des Advokaten, raffte seinen Schlafrock zusammen -und verschwand. Die Tür war wirklich geöffnet worden, ein junges Mädchen — K. erkannte -die dunklen, ein wenig hervorgewälzten Augen wieder — stand in langer weißer Schürze -im Vorzimmer und hielt eine Kerze in der Hand. „Nächstens öffnen Sie früher,“ sagte -der Onkel statt einer Begrüßung, während das Mädchen einen kleinen Knix machte. „Komm, -Josef,“ sagte er dann zu K., der sich langsam an dem Mädchen vorüberschob. „Der Herr -Advokat ist krank,“ sagte das Mädchen, da der Onkel, ohne sich aufzuhalten, auf eine -Tür zueilte. K. staunte <span class="pageNum" id="pb172">[<a href="#pb172">172</a>]</span>das Mädchen noch an, während es sich schon umgedreht hatte, um die Wohnungstüre wieder -zu versperren, es hatte ein puppenförmig gerundetes Gesicht, nicht nur die bleichen -Wangen und das Kinn verliefen rund, auch die Schläfen und die Stirnränder. „Josef,“ -rief der Onkel wieder und das Mädchen fragte er: „Es ist das Herzleiden?“ „Ich glaube -wohl,“ sagte das Mädchen, es hatte Zeit gefunden mit der Kerze voranzugehn und die -Zimmertür zu öffnen. In einem Winkel des Zimmers, wohin das Kerzenlicht noch nicht -drang, erhob sich im Bett ein Gesicht mit langem Bart. „Leni, wer kommt denn,“ fragte -der Advokat, der, durch die Kerze geblendet, die Gäste nicht erkannte. „Albert, dein -alter Freund ist es,“ sagte der Onkel. „Ach Albert,“ sagte der Advokat und ließ sich -auf die Kissen zurückfallen, als bedürfe es diesem Besuch gegenüber keiner Verstellung. -„Steht es wirklich so schlecht?“ fragte der Onkel und setzte sich auf den Bettrand. -„Ich glaube es nicht. Es ist ein Anfall deines Herzleidens und wird vorübergehn wie -die frühern.“ „Möglich,“ sagte der Advokat leise, „es ist aber ärger, als es jemals -gewesen ist. Ich atme schwer, schlafe gar <span class="pageNum" id="pb173">[<a href="#pb173">173</a>]</span>nicht und verliere täglich an Kraft.“ „So,“ sagte der Onkel und drückte den Panamahut -mit seiner großen Hand fest aufs Knie. „Das sind schlechte Nachrichten. Hast du übrigens -die richtige Pflege? Es ist auch so traurig hier, so dunkel. Es ist schon lange her, -seitdem ich zum letztenmal hier war, damals schien es mir freundlicher. Auch dein -kleines Fräulein hier scheint nicht sehr lustig oder sie verstellt sich.“ Das Mädchen -stand noch immer mit der Kerze nahe bei der Tür; soweit ihr unbestimmter Blick erkennen -ließ, sah sie eher K. an als den Onkel, selbst als dieser jetzt von ihr sprach. K. -lehnte an einem Sessel, den er in die Nähe des Mädchens geschoben hatte. „Wenn man -so krank ist wie ich,“ sagte der Advokat, „muß man Ruhe haben. Mir ist es nicht traurig.“ -Nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: „Und Leni pflegt mich gut, sie ist brav.“ -Den Onkel konnte das aber nicht überzeugen, er war sichtlich gegen die Pflegerin voreingenommen -und wenn er auch dem Kranken nichts entgegnete, so verfolgte er doch die Pflegerin -mit strengen Blicken, als sie jetzt zum Bett hinging, die Kerze auf das Nachttischchen -stellte, sich über den Kranken hinbeugte <span class="pageNum" id="pb174">[<a href="#pb174">174</a>]</span>und beim Ordnen der Kissen mit ihm flüsterte. Er vergaß fast die Rücksicht auf den -Kranken, stand auf, ging hinter der Pflegerin hin und her, und K. hätte es nicht gewundert, -wenn er sie hinten an den Röcken erfaßt und vom Bett fortgezogen hätte. K. selbst -sah allem ruhig zu, die Krankheit des Advokaten war ihm sogar nicht ganz unwillkommen, -dem Eifer, den der Onkel für seine Sache entwickelt hatte, hatte er sich nicht entgegenstellen -können, die Ablenkung, die dieser Eifer jetzt ohne sein Zutun erfuhr, nahm er gerne -hin. Da sagte der Onkel, vielleicht nur in der Absicht, die Pflegerin zu beleidigen: -„Fräulein, bitte, lassen Sie uns ein Weilchen allein, ich habe mit meinem Freund eine -persönliche Angelegenheit zu besprechen.“ Die Pflegerin, die noch weit über den Kranken -hingebeugt war und gerade das Leintuch an der Wand glättete, wendete nur den Kopf -und sagte sehr ruhig, was einen auffallenden Unterschied zu den vor Wut stockenden -und dann wieder überfließenden Reden des Onkels bildete: „Sie sehen, der Herr ist -so krank, er kann keine Angelegenheiten besprechen.“ Sie hatte die Worte des Onkels -wahrscheinlich nur aus Bequemlichkeit <span class="pageNum" id="pb175">[<a href="#pb175">175</a>]</span>wiederholt, immerhin konnte es selbst von einem Unbeteiligten als spöttisch aufgefaßt -werden, der Onkel aber fuhr natürlich wie ein Gestochener auf. „Du Verdammte,“ sagte -er im ersten Gurgeln der Aufregung noch ziemlich unverständlich, K. erschrak, <span class="corr" id="xd31e688" title="Quelle: totzdem">trotzdem</span> er etwas Ähnliches erwartet hatte, und lief auf den Onkel zu, mit der bestimmten -Absicht, ihm mit beiden Händen den Mund zu schließen. Glücklicherweise erhob sich -aber hinter dem Mädchen der Kranke, der Onkel machte ein finsteres Gesicht, als schlucke -er etwas Abscheuliches hinunter, und sagte dann ruhiger: „Wir haben natürlich auch -noch den Verstand nicht verloren; wäre das, was ich verlange, nicht möglich, würde -ich es nicht verlangen. Bitte gehn Sie jetzt.“ Die Pflegerin stand aufgerichtet am -Bett dem Onkel voll zugewendet, mit der einen Hand streichelte sie, wie K. zu bemerken -glaubte, die Hand des Advokaten. „Du kannst vor Leni alles sagen,“ sagte der Kranke -zweifellos im Ton einer dringenden Bitte. „Es betrifft nicht mich,“ sagte der Onkel, -„es ist nicht mein Geheimnis.“ Und er drehte sich um, als gedenke er in keine Verhandlungen -mehr einzugehn, gebe aber noch <span class="pageNum" id="pb176">[<a href="#pb176">176</a>]</span>eine kleine Bedenkzeit. „Wen betrifft es denn?“ fragte der Advokat mit erlöschender -Stimme und legte sich wieder zurück. „Meinen Neffen,“ sagte der Onkel, „ich habe ihn -auch mitgebracht.“ Und er stellte vor: Prokurist Josef K. „Oh,“ sagte der Kranke viel -lebhafter und streckte K. die Hand entgegen, „verzeihen Sie, ich habe Sie gar nicht -bemerkt. Geh, Leni,“ sagte er dann zu der Pflegerin, die sich auch gar nicht mehr -wehrte, und reichte ihr die Hand, als gelte es einen Abschied für lange Zeit. „Du -bist also,“ sagte er endlich zum Onkel, der versöhnt nähergetreten war, „nicht gekommen, -mir einen Krankenbesuch zu machen, sondern du kommst in Geschäften.“ Es war, als hätte -die Vorstellung eines Krankenbesuches den Advokaten bisher gelähmt, so gekräftigt -sah er jetzt aus, blieb ständig auf einen Ellbogen aufgestützt, was ziemlich anstrengend -sein mußte, und zog immer wieder an einem Bartstrahn in der Mitte seines Bartes. „Du -siehst schon viel gesünder aus,“ sagte der Onkel, „seitdem diese Hexe draußen ist.“ -Er unterbrach sich, flüsterte: „Ich wette, daß sie horcht“ und sprang zur Tür. Aber -hinter der Tür war niemand, der Onkel kam <span class="pageNum" id="pb177">[<a href="#pb177">177</a>]</span>zurück, nicht enttäuscht, denn ihr Nichthorchen erschien ihm als eine noch größere -Bosheit, wohl aber verbittert. „Du verkennst sie,“ sagte der Advokat, ohne die Pflegerin -weiter in Schutz zu nehmen; vielleicht wollte er damit ausdrücken, daß sie nicht schutzbedürftig -sei. Aber in viel teilnehmenderem Tone fuhr er fort: „Was die Angelegenheit deines -Herrn Neffen betrifft, so würde ich mich allerdings glücklich schätzen, wenn meine -Kraft für diese äußerst schwierige Aufgabe ausreichen könnte; ich fürchte sehr, daß -sie nicht ausreichen wird, jedenfalls will ich nichts unversucht lassen; wenn ich -nicht ausreiche, könnte man ja noch jemanden andern beiziehen. Um aufrichtig zu sein, -interessiert mich die Sache zu sehr, als daß ich es über mich bringen könnte, auf -jede Beteiligung zu verzichten. Hält es mein Herz nicht aus, so wird es doch wenigstens -hier eine würdige Gelegenheit finden, gänzlich zu versagen.“ K. glaubte kein Wort -dieser ganzen Rede zu verstehn, er sah den Onkel an, um doch eine Erklärung zu finden, -aber dieser saß mit der Kerze in der Hand auf dem Nachttischchen, von dem bereits -eine Arzneiflasche auf den Teppich gerollt war, <span class="pageNum" id="pb178">[<a href="#pb178">178</a>]</span>nickte zu allem, was der Advokat sagte, war mit allem einverstanden und sah hie und -da auf K. mit der Aufforderung zu gleichem Einverständnis hin. Hatte vielleicht der -Onkel schon früher dem Advokaten von dem Prozeß erzählt? Aber das war unmöglich, alles -was vorhergegangen war, sprach dagegen. „Ich verstehe nicht“ — sagte er deshalb. „Ja, -habe vielleicht ich Sie mißverstanden?“ fragte der Advokat ebenso erstaunt und verlegen -wie K. „Ich war vielleicht voreilig. Worüber wollten Sie denn mit mir sprechen? Ich -dachte, es handle sich um Ihren Prozeß?“ „Natürlich,“ sagte der Onkel und fragte dann -K.: „Was willst du denn?“ „Ja, aber woher wissen Sie denn etwas über mich und meinen -Prozeß?“ fragte K. „Ach so,“ sagte der Advokat lächelnd, „ich bin doch Advokat, ich -verkehre in Gerichtskreisen, man spricht über verschiedene Prozesse und auffallendere, -besonders wenn es den Neffen eines Freundes betrifft, behält man im Gedächtnis. Das -ist doch nichts Merkwürdiges.“ „Was willst du denn?“ fragte der Onkel K. nochmals. -„Du bist so unruhig.“ „Sie verkehren in diesen Gerichtskreisen,“ fragte K. „Ja,“ sagte -der Advokat. „Du fragst wie ein Kind,“ <span class="pageNum" id="pb179">[<a href="#pb179">179</a>]</span>sagte der Onkel. „Mit wem sollte ich denn verkehren, wenn nicht mit Leuten meines -Faches?“ fügte der Advokat hinzu. Es klang so unwiderleglich, daß K. gar nicht antwortete. -„Sie arbeiten doch bei dem Gericht im Justizpalast, und nicht bei dem auf dem Dachboden,“ -hatte er sagen wollen, konnte sich aber nicht überwinden, es wirklich zu sagen. „Sie -müssen doch bedenken,“ fuhr der Advokat fort, in einem Tone, als erkläre er etwas -Selbstverständliches, überflüssigerweise und nebenbei, „Sie müssen doch bedenken, -daß ich aus einem solchen Verkehr auch große Vorteile für meine Klientel ziehe, und -zwar in vielfacher Hinsicht, man darf nicht einmal immer davon reden. Natürlich bin -ich jetzt infolge meiner Krankheit ein wenig behindert, aber ich bekomme trotzdem -Besuch von guten Freunden vom Gericht und erfahre doch einiges. Erfahre vielleicht -mehr als manche, die in bester Gesundheit den ganzen Tag bei Gericht verbringen. So -habe ich z. B. gerade jetzt einen lieben Besuch.“ Und er zeigte in eine dunkle Zimmerecke. -„Wo denn?“ fragte K. in der ersten Überraschung fast grob. Er sah unsicher umher; -das Licht der kleinen <span class="pageNum" id="pb180">[<a href="#pb180">180</a>]</span>Kerze drang bei weitem nicht bis zur gegenüberliegenden Wand. Und wirklich begann -sich dort in der Ecke etwas zu rühren. Im Licht der Kerze, die der Onkel jetzt hochhielt, -sah man dort bei einem kleinen Tischchen einen älteren Herrn sitzen. Er hatte wohl -gar nicht geatmet, daß er solange unbemerkt geblieben war. Jetzt stand er umständlich -auf, offenbar unzufrieden damit, daß man auf ihn aufmerksam gemacht hatte. Es war, -als wolle er mit den Händen, die er wie kurze Flügel bewegte, alle Vorstellungen und -Begrüßungen abwehren, als wolle er auf keinen Fall die andern durch seine Anwesenheit -stören und als bitte er dringend wieder um die Versetzung ins Dunkel und um das Vergessen -seiner Anwesenheit. Das konnte man ihm nun aber nicht mehr zugestehn. „Ihr habt uns -nämlich überrascht,“ sagte der Advokat zur Erklärung und winkte dabei dem Herrn aufmunternd -zu, näherzukommen, was dieser langsam, zögernd, herumblickend und doch mit einer gewissen -Würde tat, „der Herr Kanzleidirektor — ach so, Verzeihung, ich habe nicht vorgestellt -— hier mein Freund Albert K., hier sein Neffe Prokurist Josef K. und hier der Herr -Kanzleidirektor <span class="pageNum" id="pb181">[<a href="#pb181">181</a>]</span>— der Herr Kanzleidirektor also war so freundlich, mich zu besuchen. Den Wert eines -solchen Besuches kann eigentlich nur der Eingeweihte würdigen, welcher weiß, wie der -liebe Kanzleidirektor mit Arbeit überhäuft ist. Nun, er kam aber trotzdem, wir unterhielten -uns friedlich, soweit meine Schwäche es erlaubte, wir hatten zwar Leni nicht verboten, -Besuche einzulassen, denn es waren keine zu erwarten, aber unsere Meinung war doch, -daß wir allein bleiben sollten, dann aber kamen deine Fausthiebe, Albert, der Herr -Kanzleidirektor rückte mit Sessel und Tisch in den Winkel, nun aber zeigt sich, daß -wir möglicherweise, d. h. wenn der Wunsch danach besteht, gemeinsame Angelegenheit -zu besprechen haben und sehr gut wieder zusammenrücken können. — Herr Kanzleidirektor,“ -sagte er mit Kopfneigen und unterwürfigem Lächeln und zeigte auf einen Lehnstuhl in -der Nähe des Bettes. „Ich kann leider nur noch ein paar Minuten bleiben,“ sagte der -Kanzleidirektor freundlich, setzte sich breit in den Lehnstuhl und sah auf die Uhr, -„die Geschäfte rufen mich. Jedenfalls will ich nicht die Gelegenheit vorübergehen -lassen, einen Freund meines Freundes <span class="pageNum" id="pb182">[<a href="#pb182">182</a>]</span>kennenzulernen.“ Er neigte den Kopf leicht gegen den Onkel, der von der neuen Bekanntschaft -sehr befriedigt schien, aber infolge seiner Natur Gefühle der Ergebenheit nicht ausdrücken -konnte und die Worte des Kanzleidirektors mit verlegenem, aber lautem Lachen begleitete. -Ein häßlicher Anblick! K. konnte ruhig alles beobachten, denn um ihn kümmerte sich -niemand, der Kanzleidirektor nahm, wie es seine Gewohnheit schien, da er nun schon -einmal hervorgezogen war, die Herrschaft über das Gespräch an sich, der Advokat, dessen -erste Schwäche vielleicht nur dazu hatte dienen sollen, den neuen Besuch zu vertreiben, -hörte aufmerksam, die Hand am Ohre, zu, der Onkel als Kerzenträger — er balancierte -die Kerze auf seinem Schenkel, der Advokat sah öfters besorgt hin — war bald frei -von Verlegenheit und nur noch entzückt, sowohl von der Art der Rede des Kanzleidirektors, -als auch von den sanften wellenförmigen Handbewegungen, mit denen er sie begleitete. -K., der am Bettpfosten lehnte, wurde vom Kanzleidirektor vielleicht sogar mit Absicht -vollständig vernachlässigt und diente den alten Herren nur als Zuhörer. Übrigens wußte -er kaum, <span class="pageNum" id="pb183">[<a href="#pb183">183</a>]</span>wovon die Rede war und dachte bald an die Pflegerin und an die schlechte Behandlung, -die sie vom Onkel erfahren hatte, bald daran, ob er den Kanzleidirektor nicht schon -einmal gesehn hatte, vielleicht sogar in der Versammlung bei seiner ersten Untersuchung. -Wenn er sich vielleicht auch täuschte, so hätte sich doch der Kanzleidirektor den -Versammlungsteilnehmern in der ersten Reihe, den alten Herren mit den schüttern Bärten, -vorzüglich eingefügt. -</p> -<p>Da ließ ein Lärm aus dem Vorzimmer wie von zerbrechendem Porzellan alle aufhorchen. -„Ich will nachsehn, was geschehen ist,“ sagte K. und ging langsam hinaus, als gebe -er den andern noch Gelegenheit, ihn zurückzuhalten. Kaum war er ins Vorzimmer getreten -und wollte sich im Dunkel zurechtfinden, als sich auf die Hand, mit der er die Tür -noch festhielt, eine kleine Hand legte, viel kleiner als K.s Hand und die Tür leise -schloß. Es war die Pflegerin, die hier gewartet hatte. „Es ist nichts geschehn,“ flüsterte -sie, „ich habe nur einen Teller gegen die Mauer geworfen, um Sie herauszuholen.“ In -seiner Befangenheit sagte K.: „Ich habe auch an Sie gedacht.“ „Desto besser,“ sagte -<span class="pageNum" id="pb184">[<a href="#pb184">184</a>]</span>die Pflegerin, „kommen Sie.“ Nach ein paar Schritten kamen sie zu einer Tür aus mattem -Glas, welche die Pflegerin vor K. öffnete. „Treten Sie doch ein,“ sagte sie. Es war -jedenfalls das Arbeitszimmer des Advokaten; soweit man im Mondlicht sehen konnte, -das jetzt nur einen kleinen viereckigen Teil des Fußbodens an jedem der zwei großen -Fenster stark erhellte, war es mit schweren alten Möbelstücken ausgestattet. „Hierher,“ -sagte die Pflegerin und zeigte auf eine dunkle Truhe mit holzgeschnitzter Lehne. Noch -als er sich gesetzt hatte, sah sich K. im Zimmer um, es war ein hohes großes Zimmer, -die Kundschaft des Armenadvokaten mußte sich hier verloren vorkommen. K. glaubte die -kleinen Schritte zu sehn, mit denen die Besucher zu dem gewaltigen Schreibtisch vorrückten. -Dann aber vergaß er daran und hatte nur noch Augen für die Pflegerin, die ganz nahe -neben ihm saß und ihn fast an die Seitenlehne drückte. „Ich dachte,“ sagte sie, „Sie -würden allein zu mir herauskommen, ohne daß ich Sie erst rufen müßte. Es war doch -merkwürdig. Zuerst sahen Sie mich gleich beim Eintritt ununterbrochen an und dann -ließen Sie mich warten. <span class="pageNum" id="pb185">[<a href="#pb185">185</a>]</span>Nennen Sie mich übrigens Leni,“ fügte sie noch rasch und unvermittelt zu, als solle -kein Augenblick dieser Aussprache versäumt werden. „Gern,“ sagte K. „Was aber die -Merkwürdigkeit betrifft, Leni, so ist sie leicht zu erklären. Erstens mußte ich doch -das Geschwätz der alten Herren anhören und konnte nicht grundlos weglaufen, zweitens -aber bin ich nicht frech, sondern eher schüchtern und auch Sie, Leni, sahen wahrhaftig -nicht so aus, als ob Sie in einem Sprung zu gewinnen wären.“ „Das ist es nicht,“ sagte -Leni, legte den Arm über die Lehne und sah K. an, „aber ich gefiel Ihnen nicht und -gefalle Ihnen wahrscheinlich auch jetzt nicht.“ „Gefallen wäre ja nicht viel,“ sagte -K. ausweichend. „Oh!“ sagte sie lächelnd und gewann durch K.s Bemerkung und diesen -kleinen Ausruf eine gewisse Überlegenheit. Deshalb schwieg K. ein Weilchen. Da er -sich an das Dunkel im Zimmer schon gewöhnt hatte, konnte er verschiedene Einzelheiten -der Einrichtung unterscheiden. Besonders fiel ihm ein großes Bild auf, das rechts -von der Tür hing, er beugte sich vor, um es besser zu sehn. Es stellte einen Mann -im Richtertalar dar; er saß auf einem hohen Thronsessel, <span class="pageNum" id="pb186">[<a href="#pb186">186</a>]</span>dessen Vergoldung vielfach aus dem Bilde hervorstach. Das Ungewöhnliche war, daß dieser -Richter nicht in Ruhe und Würde dort saß, sondern den linken Arm fest an Rücken- und -Seitenlehne drückte, den rechten Arm aber völlig frei hatte und nur mit der Hand die -Seitenlehne umfaßte, als wolle er im nächsten Augenblick mit einer heftigen und vielleicht -empörten Wendung aufspringen, um etwas Entscheidendes zu sagen oder gar das Urteil -zu verkünden. Der Angeklagte war wohl zu Füßen der Treppe zu denken, deren oberste, -mit einem gelben Teppich bedeckte Stufen noch auf dem Bilde zu sehen waren. „Vielleicht -ist das mein Richter,“ sagte K. und zeigte mit einem Finger auf das Bild. „Ich kenne -ihn,“ sagte Leni und sah auch zum Bilde auf, „er kommt öfters hierher. Das Bild stammt -aus seiner Jugend, er kann aber niemals dem Bilde auch nur ähnlich gewesen sein, denn -er ist fast winzig klein. Trotzdem hat er sich auf dem Bild so in die Länge ziehen -lassen, denn er ist unsinnig eitel, wie alle hier. Aber auch ich bin eitel und sehr -unzufrieden damit, daß ich Ihnen gar nicht gefalle.“ Auf die letzte Bemerkung antwortete -K. nur damit, daß er <span class="pageNum" id="pb187">[<a href="#pb187">187</a>]</span>Leni umfaßte und an sich zog, sie lehnte still den Kopf an seine Schulter. Zu dem -übrigen aber sagte er: „Was für einen Rang hat er?“ „Er ist Untersuchungsrichter,“ -sagte sie, ergriff K.s Hand, mit der er sie umfaßt hielt, und spielte mit seinen Fingern. -„Wieder nur Untersuchungsricher,“ sagte K. enttäuscht, „die hohen Beamten verstecken -sich. Aber er sitzt doch auf einem Thronsessel.“ „Das ist alles Erfindung,“ sagte -Leni, das Gesicht über K.s Hand gebeugt, „in Wirklichkeit sitzt er auf einem Küchensessel, -auf dem eine alte Pferdedecke zusammengelegt ist. Aber müssen Sie denn immerfort an -Ihren Prozeß denken?“ fügte sie langsam hinzu. „Nein, durchaus nicht,“ sagte K., „ich -denke wahrscheinlich sogar zu wenig an ihn.“ „Das ist nicht der Fehler, den Sie machen,“ -sagte Leni, „Sie sind zu unnachgiebig, so habe ich es gehört.“ „Wer hat das gesagt?“ -fragte K., er fühlte ihren Körper an seiner Brust und sah auf ihr reiches dunkles -fest gedrehtes Haar hinab. „Ich würde zuviel verraten, wenn ich das sagte,“ antwortete -Leni. „Fragen Sie, bitte, nicht nach Namen, stellen Sie aber Ihren Fehler ab, seien -Sie nicht mehr so unnachgiebig, gegen dieses Gericht kann <span class="pageNum" id="pb188">[<a href="#pb188">188</a>]</span>man sich ja nicht wehren, man muß das Geständnis machen. Machen Sie doch bei nächster -Gelegenheit das Geständnis. Erst dann ist die Möglichkeit, zu entschlüpfen, gegeben, -erst dann. Jedoch selbst das ist ohne fremde Hilfe nicht möglich, wegen dieser Hilfe -aber müssen Sie sich nicht ängstigen, die will ich Ihnen selbst leisten.“ „Sie verstehen -viel von diesem Gericht und von den Betrügereien, die hier nötig sind,“ sagte K. und -hob sie, da sie sich allzu stark an ihn drängte, auf seinen Schoß. „So ist es gut,“ -sagte sie und richtete sich auf seinem Schoß ein, indem sie den Rock glättete und -die Bluse zurechtzog. Dann hing sie sich mit beiden Händen an seinen Hals, lehnte -sich zurück und sah ihn lange an. „Und wenn ich das Geständnis nicht mache, dann können -Sie mir nicht helfen?“ fragte K. versuchsweise. Ich werbe Helferinnen, dachte er fast -verwundert, zuerst Fräulein Bürstner, dann die Frau des Gerichtsdieners und endlich -diese kleine Pflegerin, die ein unbegreifliches Bedürfnis nach mir zu haben scheint. -Wie sie auf meinem Schoß sitzt, als sei es ihr einzig richtiger Platz! „Nein,“ antwortete -Leni und schüttelte langsam den Kopf, „dann kann ich Ihnen nicht <span class="pageNum" id="pb189">[<a href="#pb189">189</a>]</span>helfen. Aber Sie wollen ja meine Hilfe gar nicht, es liegt Ihnen nichts daran, Sie -sind eigensinnig und lassen sich nicht überzeugen.“ „Haben Sie eine Geliebte?“ fragte -sie nach einem Weilchen. „Nein,“ sagte K. „O doch,“ sagte sie. „Ja, wirklich,“ sagte -K., „denken Sie nur, ich habe sie verleugnet und trage doch sogar ihre Photographie -bei mir.“ Auf ihre Bitten zeigte er ihr eine Photographie Elsas, zusammengekrümmt -auf seinem Schoß studierte sie das Bild. Es war eine Momentphotographie, Elsa war -nach einem Wirbeltanz aufgenommen, wie sie ihn in dem Weinlokal gern tanzte, ihr Rock -flog noch im Faltenwurf der Drehung um sie her, die Hände hatte sie auf die festen -Hüften gelegt und sah mit straffem Hals lachend zur Seite; wem ihr Lachen galt, konnte -man aus dem Bild nicht erkennen. „Sie ist stark geschnürt,“ sagte Leni und zeigte -auf die Stelle, wo dies ihrer Meinung nach zu sehen war. „Sie gefällt mir nicht, sie -ist unbeholfen und roh. Vielleicht ist sie aber Ihnen gegenüber sanft und freundlich, -darauf könnte man nach dem Bilde schließen. So große starke Mädchen wissen oft nichts -anderes, als sanft und freundlich zu sein. Würde sie <span class="pageNum" id="pb190">[<a href="#pb190">190</a>]</span>sich aber für Sie opfern können?“ „Nein,“ sagte K., „sie ist weder sanft und freundlich, -noch würde sie sich für mich opfern können. Auch habe ich bisher weder das eine noch -das andere von ihr verlangt. Ja, ich habe noch nicht einmal das Bild so genau angesehn -wie Sie.“ „Es liegt Ihnen also gar nicht viel an ihr,“ sagte Leni, „sie ist also gar -nicht Ihre Geliebte.“ „Doch,“ sagte K. „Ich nehme mein Wort nicht zurück.“ „Mag sie -also jetzt Ihre Geliebte sein,“ sagte Leni, „Sie würden sie aber nicht sehr vermissen, -wenn Sie sie verlieren oder für jemand andern, z. B. für mich, eintauschen würden.“ -„Gewiß,“ sagte K. lächelnd, „das wäre denkbar, aber sie hat einen großen Vorteil Ihnen -gegenüber, sie weiß nichts von meinem Prozeß, und selbst wenn sie etwas davon wüßte, -würde sie nicht daran denken. Sie würde mich nicht zur Nachgiebigkeit zu überreden -suchen.“ „Das ist kein Vorteil,“ sagte Leni. „Wenn sie keine sonstigen Vorteile hat, -verliere ich nicht den Mut. Hat sie irgendeinen körperlichen Fehler?“ „Einen körperlichen -Fehler?“ fragte K. „Ja,“ sagte Leni, „ich habe nämlich einen solchen kleinen Fehler, -sehen Sie.“ Sie spannte den Mittel- und Ringfinger <span class="pageNum" id="pb191">[<a href="#pb191">191</a>]</span>ihrer rechten Hand auseinander, zwischen denen das Verbindungshäutchen fast bis zum -obersten Gelenk der kurzen Finger reichte. K. merkte im Dunkel nicht gleich, was sie -ihm zeigen wollte, sie führte deshalb seine Hand hin, damit er es abtaste. „Was für -ein Naturspiel,“ sagte K. und fügte, als er die ganze Hand überblickt hatte, hinzu. -„Was für eine hübsche Kralle!“ Mit einer Art Stolz sah Leni zu, wie K. staunend immer -wieder ihre zwei Finger auseinanderzog und zusammenlegte, bis er sie schließlich flüchtig -küßte und losließ. „Oh!“ rief sie aber sofort, „Sie haben mich geküßt!“ Eilig, mit -offenem Mund erkletterte sie mit den Knien seinen Schoß, K. sah fast bestürzt zu ihr -auf, jetzt, da sie ihm so nahe war, ging ein bitterer <span class="corr" id="xd31e727" title="Quelle: anfeurender">anfeuernder</span> Geruch wie von Pfeffer von ihr aus, sie nahm seinen Kopf an sich, beugte sich über -ihn hinweg und biß und küßte seinen Hals, biß selbst in seine Haare. „Sie haben mich -eingetauscht,“ rief sie von Zeit zu Zeit, „sehen Sie, nun haben Sie mich doch eingetauscht!“ -Da glitt ihr Knie aus, mit einem kleinen Schrei fiel sie fast auf den Teppich, K. -umfaßte sie, um sie noch zu halten, und wurde <span class="pageNum" id="pb192">[<a href="#pb192">192</a>]</span>zu ihr hinabgezogen. „Jetzt gehörst du mir,“ sagte sie. -</p> -<p>„Hier hast du den Hausschlüssel, komm, wann du willst,“ waren ihre letzten Worte und -ein zielloser Kuß traf ihn noch im Weggehn auf den Rücken. Als er aus dem Haustor -trat, fiel ein leichter Regen, er wollte in die Mitte der Straße gehn, um vielleicht -Leni noch beim Fenster erblicken zu können, da stürzte aus einem Automobil, das vor -dem Hause wartete und das K. in seiner Zerstreutheit gar nicht bemerkt hatte, der -Onkel, faßte ihn bei den Armen und stieß ihn gegen das Haustor, als wolle er ihn dort -festnageln. „Junge,“ rief er, „wie konntest du nur das tun! Du hast deiner Sache, -die auf gutem Wege war, schrecklich geschadet. Verkriechst dich mit einem kleinen -schmutzigen Ding, das überdies offensichtlich die Geliebte des Advokaten ist, und -bleibst stundenlang weg. Suchst nicht einmal einen Vorwand, verheimlichst nichts, -nein, bist ganz offen, läufst zu ihr und bleibst bei ihr. Und unterdessen sitzen wir -beisammen, der Onkel, der sich für dich abmüht, der Advokat, der für dich gewonnen -werden soll, der Kanzleidirektor vor allem, dieser <span class="pageNum" id="pb193">[<a href="#pb193">193</a>]</span>große Herr, der deine Sache in ihrem jetzigen Stadium geradezu beherrscht. Wir wollen -beraten, wie dir zu helfen wäre, ich muß den Advokaten vorsichtig behandeln, dieser -wieder den Kanzleidirektor und du hättest doch allen Grund, mich wenigstens zu unterstützen. -Statt dessen bleibst du fort. Schließlich läßt es sich nicht verheimlichen, nun, es -sind höfliche gewandte Männer, sie sprechen nicht davon, sie schonen mich, schließlich -können aber auch sie sich nicht mehr überwinden und da sie von der Sache nicht reden -können, verstummen sie. Wir sind minutenlang schweigend dagesessen und haben gehorcht, -ob du nicht doch endlich kämest. Alles vergebens. Endlich steht der Kanzleidirektor, -der viel länger geblieben ist, als er ursprünglich wollte, auf, verabschiedet sich, -bedauert mich sichtlich, ohne mir helfen zu können, wartet in unbegreiflicher Liebenswürdigkeit -noch eine Zeitlang in der Tür, dann geht er. Ich war natürlich glücklich, daß er weg -war, mir war schon die Luft zum Atmen ausgegangen. Auf den kranken Advokaten hat alles -noch stärker eingewirkt, er konnte, der gute Mann, gar nicht sprechen, als ich mich -von ihm verabschiedete. <span class="pageNum" id="pb194">[<a href="#pb194">194</a>]</span>Du hast wahrscheinlich im seinem vollständigen Zusammenbrechen beigetragen und beschleunigst -so den Tod eines Mannes, auf den du angewiesen bist. Und mich, deinen Onkel, läßt -du hier im Regen, fühle nur, ich bin ganz durchnäßt, stundenlang warten.“ -<span class="pageNum" id="pb195">[<a href="#pb195">195</a>]</span></p> -</div> -</div> -<div id="ch7" class="div1 chapter"><span class="pageNum">[<a href="#ch7.toc">Inhalt</a>]</span><div class="divHead"> -<h2 class="label">SIEBENTES KAPITEL</h2> -<h2 class="main">ADVOKAT · FABRIKANT · MALER</h2> -</div> -<div class="divBody"> -<p class="first">An einem Wintervormittag - draußen fiel Schnee im trüben Licht - saß K. trotz der -frühen Stunde schon äußerst müde in seinem Bureau. Um sich wenigstens vor den untersten -Beamten zu schützen, hatte er dem Diener den Auftrag gegeben, niemanden von ihnen -einzulassen, da er mit einer größern Arbeit beschäftigt sei. Aber statt zu arbeiten, -drehte er sich in seinem Sessel, verschob langsam einige Gegenstände auf dem Tisch, -ließ dann aber, ohne es zu wissen, den ganzen Arm ausgestreckt auf der Tischplatte -liegen und blieb mit gesenktem Kopf unbeweglich sitzen. -</p> -<p>Der Gedanke an den Prozeß verließ ihn nicht mehr. Öfters schon hatte er überlegt, -ob es nicht gut wäre, eine Verteidigungsschrift auszuarbeiten und bei Gericht einzureichen. -Er wollte darin eine kurze Lebensbeschreibung vorlegen und bei jedem <span class="pageNum" id="pb196">[<a href="#pb196">196</a>]</span>irgendwie wichtigen Ereignis erklären, aus welchen Gründen er so gehandelt hatte, -ob diese Handlungsweise nach seinem gegenwärtigen Urteil zu verwerfen oder zu billigen -war und welche Gründe er für dieses oder jenes anführen konnte. Die Vorteile einer -solchen Verteidigungsschrift gegenüber der bloßen Verteidigung durch den übrigens -auch sonst nicht einwandfreien Advokaten waren zweifellos. K. wußte ja gar nicht, -was der Advokat unternahm; viel war es jedenfalls nicht, schon einen Monat lang hatte -er ihn nicht mehr zu sich berufen und auch bei keiner der frühern Besprechungen hatte -K. den Eindruck gehabt, daß dieser Mann viel für ihn erreichen könne. Vor allem hatte -er ihn fast gar nicht ausgefragt. Und hier war doch so viel zu fragen. Fragen war -die Hauptsache. K. hatte das Gefühl, als ob er selbst alle hier nötigen Fragen stellen -könnte. Der Advokat dagegen, statt zu fragen, erzählte selbst oder saß ihm stumm gegenüber, -beugte sich, wahrscheinlich wegen seines schwachen Gehörs, ein wenig über den Schreibtisch -vor, zog an einem Bartstrahn innerhalb seines Bartes und blickte auf den Teppich nieder, -vielleicht gerade auf die Stelle, wo <span class="pageNum" id="pb197">[<a href="#pb197">197</a>]</span>K. mit Leni gelegen war. Hie und da gab er K. einige leere Ermahnungen, wie man sie -Kindern gibt. Ebenso nutzlose wie langweilige Reden, die K. in der Schlußabrechnung -mit keinem Heller zu bezahlen gedachte. Nachdem der Advokat ihn genügend gedemütigt -zu haben glaubte, fing er gewöhnlich an, ihn wieder ein wenig aufzumuntern. Er habe -schon, erzählte er dann, viele ähnliche Prozesse ganz oder teilweise gewonnen. Prozesse, -die, wenn auch in Wirklichkeit vielleicht nicht so schwierig wie dieser, äußerlich -noch hoffnungsloser waren. Ein Verzeichnis dieser Prozesse habe er hier in der Schublade -— hiebei klopfte er an irgendeine Lade des Tisches —, die Schriften könne er leider -nicht zeigen, da es sich um Amtsgeheimnisse handle. Trotzdem komme jetzt die große -Erfahrung, die er durch alle diese Prozesse erworben habe, K. zugute. Er habe natürlich -sofort zu arbeiten begonnen und die erste Eingabe sei schon fast fertiggestellt. Sie -sei sehr wichtig, weil der erste Eindruck, den die Verteidigung mache, oft die ganze -Richtung des Verfahrens bestimme. Leider, darauf müsse er K. allerdings aufmerksam -machen, geschehe es manchmal, daß die <span class="pageNum" id="pb198">[<a href="#pb198">198</a>]</span>ersten Eingaben bei Gericht gar nicht gelesen würden. Man lege sie einfach zu den -Akten und weise darauf hin, daß vorläufig die Einvernahme und Beobachtung des Angeklagten -wichtiger sei, als alles Geschriebene. Man fügt, wenn der Petent dringlich wird, hinzu, -daß man vor der Entscheidung, bis alles Material gesammelt ist, im Zusammenhang natürlich -alle Akten, also auch diese erste Eingabe, überprüfen wird. Leider sei aber auch dies -meistens nicht richtig, die erste Eingabe werde gewöhnlich verlegt oder gehe gänzlich -verloren und, selbst wenn sie bis zum Ende erhalten bleibt, werde sie, wie der Advokat -allerdings nur gerüchtweise erfahren hat, kaum gelesen. Das alles sei bedauerlich, -aber nicht ganz ohne Berechtigung. K. möge doch nicht außer acht lassen, daß das Verfahren -nicht öffentlich sei, es kann, wenn das Gericht es für nötig hält, öffentlich werden, -das Gesetz aber schreibt Öffentlichkeit nicht vor. Infolgedessen sind auch die Schriften -des Gerichts, vor allem die Anklageschrift dem Angeklagten und seiner Verteidigung -unzugänglich, man weiß daher im allgemeinen nicht oder wenigstens nicht genau, wogegen -sich die erste Eingabe <span class="pageNum" id="pb199">[<a href="#pb199">199</a>]</span>zu richten hat, sie kann daher eigentlich nur zufälligerweise etwas enthalten, was -für die Sache von Bedeutung ist. Wirklich zutreffende und beweisführende Eingaben -kann man erst später ausarbeiten, wenn im Laufe der Einvernahmen des Angeklagten die -einzelnen Anklagepunkte und ihre Begründung deutlicher hervortreten oder erraten werden -können. Unter diesen Verhältnissen ist natürlich die Verteidigung in einer sehr ungünstigen -und schwierigen Lage. Aber auch das ist beabsichtigt. Die Verteidigung ist nämlich -durch das Gesetz nicht eigentlich gestattet, sondern nur geduldet und selbst darüber, -ob aus der betreffenden Gesetzesstelle wenigstens Duldung herausgelesen werden soll, -besteht Streit. Es gibt daher strenggenommen gar keine vom Gericht anerkannten Advokaten, -alle, die vor diesem Gericht als Advokaten auftreten, sind im Grunde nur Winkeladvokaten. -Das wirkt natürlich auf den ganzen Stand sehr entwürdigend ein und wenn K. nächstens -einmal in die Gerichtskanzleien gehen werde, könne er sich ja, um auch das einmal -gesehen zu haben, das Advokatenzimmer ansehn. Er werde vor der Gesellschaft, die dort -beisammen sei, vermutlich <span class="pageNum" id="pb200">[<a href="#pb200">200</a>]</span>erschrecken. Schon die ihnen zugewiesene enge niedrige Kammer zeige die Verachtung, -die das Gericht für diese Leute hat. Licht bekommt die Kammer nur durch eine kleine -Luke, die so hochgelegen ist, daß man, wenn man hinausschauen will, wo einem übrigens -der Rauch eines knapp davor gelegenen Kamins in die Nase fährt und das Gesicht schwärzt, -erst einen Kollegen suchen muß, der einen auf den Rücken nimmt. Im Fußboden dieser -Kammer — um nur noch ein Beispiel für diese Zustände anzuführen — ist nun schon seit -mehr als einem Jahr ein Loch, nicht so groß, daß ein Mensch durchfallen könnte, aber -groß genug, daß man mit einem Bein ganz einsinkt. Das Advokatenzimmer liegt auf dem -zweiten Dachboden; sinkt also einer ein, so hängt sein Bein in den ersten Dachboden -hinunter und zwar gerade in den Gang, wo die Parteien warten. Es ist nicht zu viel -gesagt, wenn man in Advokatenkreisen solche Verhältnisse schändlich nennt. Beschwerden -an die Verwaltung haben nicht den geringsten Erfolg, wohl aber ist es den Advokaten -auf das strengste verboten, irgend etwas in dem Zimmer auf eigene Kosten ändern zu -lassen. Aber auch diese Behandlung <span class="pageNum" id="pb201">[<a href="#pb201">201</a>]</span>der Advokaten hat ihre Begründung. Man will die Verteidigung möglichst ausschalten, -alles soll auf den <span class="corr" id="xd31e759" title="Quelle: Angeklagen">Angeklagten</span> selbst gestellt sein. Kein schlechter Standpunkt im Grunde, nichts wäre aber verfehlter, -als daraus zu folgern, daß bei diesem Gericht die Advokaten für den Angeklagten unnötig -sind. Im Gegenteil, bei keinem andern Gericht sind sie so notwendig wie bei diesem. -Das Verfahren ist nämlich im allgemeinen nicht nur vor der Öffentlichkeit geheim, -sondern auch vor dem Angeklagten. Natürlich nur soweit dies möglich ist, es ist aber -in sehr weitem Ausmaß möglich. Auch der Angeklagte hat nämlich keinen Einblick in -die Gerichtsschriften und aus den Verhören auf die ihnen zugrundeliegenden Schriften -zu schließen, ist sehr schwierig, insbesondere aber für den Angeklagten, der doch -befangen ist und alle möglichen Sorgen hat, die ihn zerstreuen. Hier greift nun die -Verteidigung ein. Bei den Verhören dürfen im allgemeinen Verteidiger nicht anwesend -sein, sie müssen daher nach den Verhören und zwar möglichst noch an der Tür des Untersuchungszimmers -den Angeklagten über das Verhör <span class="corr" id="xd31e762" title="Quelle: auszuforschen">ausforschen</span> und diesen oft <span class="pageNum" id="pb202">[<a href="#pb202">202</a>]</span>schon sehr verwischten Berichten das für die Verteidigung Taugliche entnehmen. Aber -das Wichtigste ist dies nicht, denn viel kann man auf diese Weise nicht erfahren, -wenn natürlich auch hier wie überall ein tüchtiger Mann mehr erfährt als andere. Das -Wichtigste bleiben trotzdem die persönlichen Beziehungen des Advokaten, in ihnen liegt -der Hauptwert der Verteidigung. Nun habe ja wohl K. schon aus seinen eigenen Erlebnissen -entnommen, daß die allerunterste Organisation des Gerichtes nicht ganz vollkommen -ist, pflichtvergessene und bestechliche Angestellte aufweist, wodurch gewissermaßen -die strenge Abschließung des Gerichtes Lücken bekommt. Hier nun drängt sich die Mehrzahl -der Advokaten ein, hier wird bestochen und ausgehorcht, ja es kamen wenigstens in -früherer Zeit sogar Fälle von Aktendiebstählen vor. Es ist nicht zu leugnen, daß auf -diese Weise für den Augenblick einige sogar überraschend günstige Resultate für den -Angeklagten sich erzielen lassen, damit stolzieren auch diese kleinen Advokaten herum -und locken neue Kundschaft an, aber für den weitern Fortgang des Prozesses bedeutet -es entweder nichts oder nichts <span class="pageNum" id="pb203">[<a href="#pb203">203</a>]</span>Gutes. Wirklichen Wert aber haben nur ehrliche persönliche Beziehungen und zwar mit -höhern Beamten, womit natürlich nur höhere Beamten der untern Grade gemeint sind. -Nur dadurch kann der Fortgang des Prozesses, wenn auch zunächst nur unmerklich, später -aber immer deutlicher beeinflußt werden. Das können natürlich nur wenige Advokaten -und hier sei die Wahl K.s sehr günstig gewesen. Nur noch vielleicht ein oder zwei -Advokaten könnten sich mit ähnlichen Beziehungen ausweisen wie Dr. Huld. Diese kümmern -sich allerdings um die Gesellschaft im Advokatenzimmer nicht und haben auch nichts -mit ihr zu tun. Um so enger sei aber die Verbindung mit den Gerichtsbeamten. Es sei -nicht einmal immer nötig, daß Dr. Huld zu Gericht gehe, in den Vorzimmern der Untersuchungsrichter -auf ihr zufälliges Erscheinen warte, und je nach ihrer Laune einen meist nur scheinbaren -Erfolg erziele oder auch nicht einmal diesen. Nein, K. habe es ja selbst gesehen, -die Beamten und darunter recht hohe kommen selbst, geben bereitwillig Auskunft, offene -oder wenigstens leicht deutbare, besprechen den nächsten Fortgang der Prozesse, ja -sie lassen sich <span class="pageNum" id="pb204">[<a href="#pb204">204</a>]</span>sogar in einzelnen Fällen überzeugen und nehmen die fremde Ansicht gern an. Allerdings -dürfe man ihnen gerade in dieser letzten Hinsicht nicht allzusehr vertrauen, so bestimmt -sie ihre neue, für die Verteidigung günstige Absicht, auch aussprechen, gehen sie -doch vielleicht geradewegs in ihre Kanzlei und geben für den nächsten Tag einen Gerichtsbeschluß -heraus, der gerade das Entgegengesetzte enthält und vielleicht für den Angeklagten -noch viel strenger ist, als ihre erste Absicht, von der sie gänzlich abgekommen zu -sein behaupteten. Dagegen könne man sich natürlich nicht wehren, denn das, was sie -zwischen vier Augen gesagt haben, ist eben auch nur zwischen vier Augen gesagt und -lasse keine öffentliche Folgerung zu, selbst wenn die Verteidigung nicht auch sonst -bestrebt sein müßte, sich die Gunst der Herren zu erhalten. Andererseits sei es allerdings -auch richtig, daß die Herren nicht etwa nur aus Menschenliebe oder aus freundschaftlichen -Gefühlen sich mit der Verteidigung, natürlich nur mit einer sachverständigen Verteidigung, -in Verbindung setzen, sie sind vielmehr in gewisser Hinsicht auch auf sie angewiesen. -Hier mache sich eben der Nachteil einer Gerichtsorganisation <span class="pageNum" id="pb205">[<a href="#pb205">205</a>]</span>geltend, die selbst in ihren Anfängen den geheimen Bericht festsetzt. Den Beamten -fehlt der Zusammenhang mit der Bevölkerung, für die gewöhnlichen mittleren Prozesse -sind sie gut ausgerüstet, ein solcher Prozeß rollt fast von selbst auf seiner Bahn -ab und braucht nur hier und da einen Anstoß, gegenüber den ganz einfachen Fällen aber, -wie auch gegenüber den besonders schwierigen, sind sie oft ratlos, sie haben, weil -sie fortwährend Tag und Nacht in ihr Gesetz eingezwängt sind, nicht den richtigen -Sinn für menschliche Beziehungen und das entbehren sie in solchen Fällen schwer. Dann -kommen sie zum Advokaten um Rat und hinter ihnen trägt ein Diener die Akten, die sonst -so geheim sind. An diesem Fenster hätte man manche Herren, von denen man es am wenigsten -erwarten würde, antreffen können wie sie geradezu trostlos auf die Gasse hinaussahen, -während der Advokat an seinem Tisch die Akten studierte, um ihnen einen guten Rat -geben zu können. Übrigens könne man gerade bei solchen Gelegenheiten sehn, wie ungemein -ernst die Herren ihren Beruf nehmen und wie sie über Hindernisse, die sie ihrer Natur -nach nicht bewältigen <span class="pageNum" id="pb206">[<a href="#pb206">206</a>]</span>können, in große Verzweiflung geraten. Ihre Stellung sei auch sonst nicht leicht und -man dürfe ihnen nicht Unrecht tun und ihre Stellung nicht für leicht ansehn. Die Rangordnung -und die Steigerung des Gerichtes sei unendlich und selbst für den Eingeweihten nicht -absehbar. Das Verfahren vor den Gerichtshöfen sei aber im allgemeinen auch für die -untern Beamten geheim, sie können daher die Angelegenheiten, die sie bearbeiten, in -ihrem fernern Weitergang kaum jemals vollständig verfolgen, die Gerichtssache erscheint -also in ihrem Gerichtskreis, ohne daß sie oft wissen, woher sie kommt, und sie geht -weiter, ohne daß sie erfahren, wohin. Die Belehrung also, die man aus dem Studium -der einzelnen Prozeßstadien, der schließlichen Entscheidung und ihrer Gründe schöpfen -kann, entgeht diesen Beamten. Sie dürfen sich nur mit jenem Teil des Prozesses befassen, -der vom Gesetz für sie abgegrenzt ist und wissen von dem Weitern, also von den Ergebnissen -ihrer eigenen Arbeit meist weniger als die Verteidigung, die doch in der Regel fast -bis zum Schluß des Prozesses mit dem Angeklagten in Verbindung bleibt. Auch in dieser -Richtung also können sie von der <span class="pageNum" id="pb207">[<a href="#pb207">207</a>]</span>Verteidigung manches Wertvolle erfahren. Wundere sich K. noch, wenn er alles dieses -im Auge behalte über die Gereiztheit der Beamten, die sich manchmal den Parteien gegenüber -in — jeder mache diese Erfahrung — beleidigenderweise äußert. Alle Beamten seien gereizt, -selbst wenn sie ruhig scheinen. Natürlich haben kleine Advokaten besonders viel darunter -zu leiden. Man erzählt z. B. folgende Geschichte, die sehr den Anschein der Wahrheit -hat. Ein alter Beamter, ein guter stiller Herr, hatte eine schwierige Gerichtssache, -welche besonders durch die Eingaben des Advokaten verwickelt worden war, einen Tag -und eine Nacht ununterbrochen studiert — diese Beamten sind tatsächlich fleißig, wie -niemand sonst. Gegen Morgen nun, nach 24stündiger, wahrscheinlich nicht sehr ergiebiger -Arbeit ging er zur Eingangstür, stellte sich dort in Hinterhalt und warf jeden Advokaten -der eintreten wollte, die Treppe hinunter. Die Advokaten sammelten sich unten auf -dem Treppenabsatz und berieten, was sie tun sollten; einerseits haben sie keinen eigentlichen -Anspruch darauf, eingelassen zu werden, können daher rechtlich gegen den Beamten kaum -etwas unternehmen und müssen <span class="pageNum" id="pb208">[<a href="#pb208">208</a>]</span>sich, wie schon erwähnt, auch hüten, die Beamtenschaft gegen sich aufzubringen. Andererseits -aber ist jeder nicht bei Gericht verbrachte Tag für sie verloren und es lag ihnen -also viel daran einzudringen. Schließlich einigten sie sich darauf, daß sie den alten -Herren ermüden wollten. Immer wieder wurde ein Advokat ausgeschickt, der die Treppe -hinauflief und sich dann unter möglichstem, allerdings passivem Widerstand hinunterwerfen -ließ, wo er dann von den Kollegen aufgefangen wurde. Das dauerte etwa eine Stunde, -dann wurde der alte Herr, er war ja auch von der Nachtarbeit schon erschöpft, wirklich -müde und ging in seine Kanzlei zurück. Die unten wollten es erst gar nicht glauben -und schickten zuerst einen aus, der hinter der Tür nachsehen sollte, ob dort wirklich -leer war. Dann erst zogen sie ein und wagten wahrscheinlich nicht einmal zu murren. -Denn den Advokaten — und selbst der kleinste kann doch die Verhältnisse wenigstens -zum Teil übersehn — liegt es vollständig ferne, bei Gericht irgendwelche Verbesserungen -einführen oder durchsetzen zu wollen, während — und dies ist sehr bezeichnend — fast -jeder Angeklagte, selbst ganz <span class="pageNum" id="pb209">[<a href="#pb209">209</a>]</span>einfältige Leute, gleich beim allerersten Eintritt in den Prozeß an Verbesserungsvorschläge -zu denken anfängt und damit oft Zeit und Kraft verschwendet, die anders viel besser -verwendet werden könnten. Das einzig Richtige sei es, sich mit den vorhandenen Verhältnissen -abzufinden. Selbst wenn es möglich wäre, Einzelheiten zu verbessern — es ist aber -ein unsinniger Aberglaube — hätte man bestenfalls für künftige Fälle etwas erreicht, -sich selbst aber unermeßlich dadurch geschadet, daß man die besondere Aufmerksamkeit -der immer rachsüchtigen Beamtenschaft erregt hat. Nur keine Aufmerksamkeit erregen! -Sich ruhig verhalten, selbst wenn es einem noch so sehr gegen den Sinn geht! Einzusehen -versuchen, daß dieser große Gerichtsorganismus gewissermaßen ewig in Schwebe bleibt -und daß man zwar, wenn man auf seinem Platz selbständig etwas ändert, den Boden unter -den Füßen sich wegnimmt und selbst abstürzen kann, während der große Organismus sich -selbst für die kleine Störung leicht an einer andern Stelle — alles ist doch in Verbindung -— Ersatz schafft und unverändert bleibt, wenn er nicht etwa, was sogar wahrscheinlich -ist, noch geschlossener, <span class="pageNum" id="pb210">[<a href="#pb210">210</a>]</span>noch aufmerksamer, noch strenger, noch böser wird. Man überlasse doch die Arbeit dem -Advokaten, statt sie zu stören. Vorwürfe nützen ja nicht viel, besonders wenn man -ihre Ursache in ihrer ganzen Bedeutung nicht begreiflich machen kann, aber gesagt -müsse es doch werden, wie viel K. seiner Sache durch das Verhalten gegenüber dem Kanzleidirektor -geschadet habe. Dieser einflußreiche Mann sei aus der Liste jener, bei denen man für -K. etwas unternehmen könne, schon fast zu streichen. Selbst flüchtige Erwähnungen -des Prozesses überhöre er mit deutlicher Absicht. In manchem seien ja die Beamten -wie Kinder. Oft können sie durch Harmlosigkeiten, unter die allerdings K.s Verhalten -leider nicht gehörte, derartig verletzt werden, daß sie selbst mit guten Freunden -zu reden aufhören, sich von ihnen abwenden, wenn sie ihnen begegnen, und ihnen in -allem möglichen entgegenarbeiten. Dann aber einmal, überraschenderweise, ohne besondern -Grund lassen sie sich durch einen kleinen Scherz, den man nur deshalb wagt, weil alles -aussichtslos scheint, zum Lachen bringen und sind versöhnt. Es sei eben gleichzeitig -schwer und leicht, sich mit ihnen zu verhalten, <span class="pageNum" id="pb211">[<a href="#pb211">211</a>]</span>Grundsätze dafür gibt es kaum. Manchmal sei es zum Verwundern, daß ein einziges Durchschnittsleben -dafür hinreiche, um soviel zu erfassen, daß man hier mit einigem Erfolg arbeiten könne. -Es kommen allerdings trübe Stunden, wie sie ja jeder hat, wo man glaubt, nicht das -geringste erzielt zu haben, wo es einem scheint, als hätten nur die von Anfang an -für einen guten Ausgang bestimmten Prozesse ein gutes Ende genommen, wie es auch ohne -Mithilfe geschehen wäre, während alle andern verlorengegangen sind, trotz alles Nebenherlaufens, -aller Mühe, aller kleinen scheinbaren Erfolge, über die man solche Freude hatte. Dann -scheint einem allerdings nichts mehr sicher und man würde auf bestimmte Fragen hin -nicht einmal zu leugnen wagen, daß man ihrem Wesen nach gut verlaufende Prozesse gerade -durch die Mithilfe auf Abwege gebracht hat. Auch das ist ja eine Art Selbstvertrauen, -aber es ist das einzige, das dann übrigbleibt. Solchen Anfällen — es sind natürlich -nur Anfälle, nichts weiter — sind Advokaten besonders dann ausgesetzt, wenn ihnen -ein Prozeß, den sie weit genug und zufriedenstellend geführt haben, plötzlich aus -der Hand genommen wird. Das ist <span class="pageNum" id="pb212">[<a href="#pb212">212</a>]</span>wohl das Ärgste, was einem Advokaten geschehen kann. Nicht etwa durch den Angeklagten -wird ihnen der Prozeß entzogen, das geschieht wohl niemals, ein Angeklagter, der einmal -einen bestimmten Advokaten genommen hat, muß bei ihm bleiben, geschehe was immer. -Wie könnte er sich überhaupt, wenn er einmal Hilfe in Anspruch genommen hat, allein -noch erhalten. Das geschieht also nicht, wohl aber geschieht es manchmal, daß der -Prozeß eine Richtung nimmt, wo der Advokat nicht mehr mitkommen darf. Der Prozeß und -der Angeklagte und alles wird dem Advokaten einfach entzogen; dann können auch die -besten Beziehungen zu den Beamten nicht mehr helfen, denn sie selbst wissen nichts. -Der Prozeß ist eben in ein Stadium getreten, wo keine Hilfe mehr geleistet werden -darf, wo ihn unzugängliche Gerichtshöfe bearbeiten, wo auch der Angeklagte für den -Advokaten nicht mehr erreichbar ist. Man kommt dann eines Tages nach Hause und findet -auf seinem Tisch alle die vielen Eingaben, die man mit allem Fleiß und mit den schönsten -Hoffnungen in dieser Sache gemacht hat, sie sind zurückgestellt worden, da sie in -das neue Prozeßstadium nicht übertragen werden dürfen, <span class="pageNum" id="pb213">[<a href="#pb213">213</a>]</span>es sind wertlose Fetzen. Dabei muß der Prozeß noch nicht verloren sein, durchaus nicht, -wenigstens liegt kein entscheidender Grund für diese Annahme vor, man weiß bloß nichts -mehr von dem Prozeß und wird auch nichts mehr von ihm erfahren. Nun sind ja solche -Fälle glücklicherweise Ausnahmen, und selbst wenn K.s Prozeß ein solcher Fall sein -sollte, sei er doch vorläufig noch weit von einem solchen Stadium entfernt. Hier sei -aber noch reichliche Gelegenheit für Advokatenarbeit gegeben, und daß sie ausgenutzt -werde, dessen dürfe K. sicher sein. Die Eingabe sei, wie erwähnt, noch nicht überreicht, -das eile aber auch nicht, viel wichtiger seien die einleitenden Besprechungen mit -maßgebenden Beamten und die hätten schon stattgefunden. Mit verschiedenem Erfolg, -wie offen zugestanden werden soll. Es sei viel besser, vorläufig Einzelheiten nicht -zu verraten, durch die K. nur ungünstig beeinflußt und allzu hoffnungsfreudig oder -allzu ängstlich gemacht werden könnte, nur soviel sei gesagt, daß sich einzelne sehr -günstig ausgesprochen und sich auch sehr <span class="corr" id="xd31e791" title="Quelle: bereitwillg">bereitwillig</span> gezeigt haben, während andere sich weniger günstig geäußert, aber doch ihre <span class="pageNum" id="pb214">[<a href="#pb214">214</a>]</span>Mithilfe keineswegs verweigert haben. Das Ergebnis sei also im ganzen sehr erfreulich, -nur dürfe man daraus keine besondern Schlüsse ziehen, da alle Vorverhandlungen ähnlich -beginnen und durchaus erst die weitere Entwicklung den Wert dieser Vorverhandlungen -zeigt. Jedenfalls sei noch nichts verloren und wenn es noch gelingen sollte, den Kanzleidirektor -trotz allem zu gewinnen — es sei schon verschiedenes zu diesem Zwecke eingeleitet -— dann sei das Ganze —, wie die Chirurgen sagen, eine reine Wunde und man könne getrost -das Folgende erwarten. -</p> -<p>In solchen und ähnlichen Reden war der Advokat unerschöpflich. Sie wiederholten sich -bei jedem Besuch. Immer gab es Fortschritte, niemals aber konnte die Art dieser Fortschritte -mitgeteilt werden. Immerfort wurde an der ersten Eingabe gearbeitet, aber sie wurde -nicht fertig, was sich meistens beim nächsten Besuch als gewisser Vorteil herausstellte, -da die letzte Zeit, was man nicht hatte voraussehen können, für die Übergabe sehr -ungünstig gewesen wäre. Bemerkte K. manchmal, ganz ermattet von den Reden, daß es -doch selbst unter Berücksichtigung aller Schwierigkeiten, sehr <span class="pageNum" id="pb215">[<a href="#pb215">215</a>]</span>langsam vorwärtsgehe, wurde ihm entgegnet, es gehe gar nicht langsam vorwärts, wohl -aber wäre man schon viel weiter, wenn K. sich rechtzeitig an den Advokaten gewendet -hätte. Das hatte er aber leider versäumt und diese Versäumnis werde auch noch weitere -Nachteile bringen, nicht nur zeitliche. -</p> -<p>Die einzige wohltätige Unterbrechung dieser Besuche war Leni, die es immer so einzurichten -wußte, daß sie dem Advokaten in Anwesenheit K.s den Tee brachte. Dann stand sie hinter -K., sah scheinbar zu, wie der Advokat mit einer Art Gier tief zur Tasse herabgebeugt -den Tee eingoß und trank, und ließ im Geheimen ihre Hand von K. erfassen. Es herrschte -völliges Schweigen. Der Advokat trank, K. drückte Lenis Hand und Leni wagte es manchmal -K.s Haare sanft zu streicheln. „Du bist noch hier?“ fragte der Advokat, nachdem er -fertig war. „Ich wollte das Geschirr wegnehmen“, sagte Leni, es gab noch einen letzten -Händedruck, der Advokat wischte sich den Mund und begann mit neuer Kraft auf K. einzureden. -</p> -<p>War es Trost oder Verzweiflung, was der Advokat erreichen wollte? K. wußte es nicht, -wohl <span class="pageNum" id="pb216">[<a href="#pb216">216</a>]</span>aber hielt er es bald für feststehend, daß seine Verteidigung nicht in guten Händen -war. Es mochte ja alles richtig sein, was der Advokat erzählte, wenn es auch durchsichtig -war, daß er sich möglichst in den Vordergrund stellen wollte und wahrscheinlich noch -niemals einen so großen Prozeß geführt hatte, wie es K.s Prozeß seiner Meinung nach -war. Verdächtig aber blieben die unaufhörlich hervorgehobenen persönlichen Beziehungen -zu den Beamten. Mußten sie denn ausschließlich zu K.s Nutzen ausgebeutet werden? Der -Advokat vergaß nie zu bemerken, daß es sich nur um niedrige Beamte handelte, also -um Beamte in sehr abhängiger Stellung, für deren Fortkommen gewisse Wendungen der -Prozesse wahrscheinlich von Bedeutung sein konnten. Benutzten sie vielleicht den Advokaten -dazu, um solche für den Angeklagten natürlich immer ungünstige Wendungen zu erzielen? -Vielleicht taten sie das nicht in jedem Prozeß, gewiß, das war nicht wahrscheinlich, -es gab dann wohl wieder Prozesse, in deren Verlauf sie dem Advokaten für seine Dienste -Vorteile einräumten, denn es mußte ihnen ja auch daran gelegen sein, seinen Ruf ungeschädigt -zu <span class="pageNum" id="pb217">[<a href="#pb217">217</a>]</span>erhalten. Verhielt es sich aber wirklich so, in welcher Weise würden sie bei K.s Prozeß -eingreifen, der, wie der Advokat erklärte, ein sehr schwieriger, also wichtiger Prozeß -war und gleich anfangs bei Gericht große Aufmerksamkeit erregt hatte? Es konnte nicht -sehr zweifelhaft sein, was sie tun würden. Anzeichen dessen konnte man ja schon darin -sehn, daß die erste Eingabe noch immer nicht überreicht war, trotzdem der Prozeß schon -Monate dauerte und daß sich alles den Angaben des Advokaten nach in den Anfängen befand, -was natürlich sehr geeignet war, den Angeklagten einzuschläfern und hilflos zu erhalten, -um ihn dann plötzlich mit der Entscheidung zu überfallen oder wenigstens mit der Bekanntmachung, -daß die zu seinen Ungunsten abgeschlossene Untersuchung an die höhern Behörden weitergegeben -werde. -</p> -<p>Es war unbedingt nötig, daß K. selbst eingriff. Gerade in Zuständen großer Müdigkeit, -wie an diesem Wintervormittag, wo ihm alles willenlos durch den Kopf zog, war diese -Überzeugung unabweisbar. Die Verachtung, die er früher für den Prozeß gehabt hatte, -galt nicht mehr. Wäre er allein in der Welt gewesen, hätte er den Prozeß <span class="pageNum" id="pb218">[<a href="#pb218">218</a>]</span>leicht mißachten können, wenn es allerdings auch sicher war, daß dann der Prozeß überhaupt -nicht entstanden wäre. Jetzt aber hatte ihn der Onkel schon zum Advokaten gezogen, -Familienrücksichten sprachen mit; seine Stellung war nicht mehr vollständig unabhängig -von dem Verlauf des Prozesses, er selbst hatte unvorsichtigerweise mit einer gewissen -unerklärlichen Genugtuung vor Bekannten den Prozeß erwähnt, andere hatten auf unbekannte -Weise davon erfahren, das Verhältnis zu Fräulein Bürstner schien entsprechend dem -Prozeß zu schwanken — kurz, er hatte kaum mehr die Wahl, den Prozeß anzunehmen oder -abzulehnen, er stand mitten darin und mußte sich wehren. War er müde, dann war es -schlimm. -</p> -<p>Zu übertriebener Sorge war allerdings vorläufig kein Grund. Er hatte es verstanden, -sich in der Bank in verhältnismäßig kurzer Zeit zu seiner hohen Stellung emporzuarbeiten -und sich von allen anerkannt in dieser Stellung zu erhalten, er mußte jetzt nur diese -Fähigkeiten, die ihm das ermöglicht hatten, ein wenig dem Prozeß zuwenden und es war -kein Zweifel, daß es gut ausgehn müßte. Vor allem war es, wenn etwas erreicht werden -<span class="pageNum" id="pb219">[<a href="#pb219">219</a>]</span>sollte, notwendig, jeden Gedanken an eine mögliche Schuld von vornherein abzulehnen. -Es gab keine Schuld. Der Prozeß war nichts anderes als ein großes Geschäft, wie er -es schon oft mit Vorteil für die Bank abgeschlossen hatte, ein Geschäft, innerhalb -dessen, wie das die Regel war, verschiedene Gefahren lauerten, die eben abgewehrt -werden mußten. Zu diesem Zwecke durfte man allerdings nicht mit Gedanken an irgendeine -Schuld spielen, sondern den Gedanken an den eigenen Vorteil möglichst festhalten. -Von diesem Gesichtspunkt aus war es auch unvermeidlich, dem Advokaten die Vertretung -sehr bald, am besten noch an diesem Abend, zu entziehen. Es war zwar nach seinen Erzählungen -etwas Unerhörtes und wahrscheinlich sehr Beleidigendes, aber K. konnte nicht dulden, -daß seinen Anstrengungen in dem Prozeß Hindernisse begegneten, die vielleicht von -seinem eigenen Advokaten veranlaßt waren. War aber einmal der Advokat abgeschüttelt, -dann mußte die Eingabe sofort überreicht und womöglich jeden Tag darauf gedrängt werden, -daß man sie berücksichtige. Zu diesem Zwecke würde es natürlich nicht genügen, daß -K. wie die andern im Gang saß und den Hut <span class="pageNum" id="pb220">[<a href="#pb220">220</a>]</span>unter die Bank stellte. Er selbst oder die Frauen oder andere Boten mußten Tag für -Tag die Beamten überlaufen und sie zwingen, statt durch das Gitter auf den Gang zu -schauen, sich zu ihrem Tisch zu setzen und K.s Eingabe zu studieren. Von diesen Anstrengungen -dürfte man nicht ablassen, alles müßte organisiert und überwacht werden, das Gericht -sollte einmal auf einen Angeklagten stoßen, der sein Recht zu wahren verstand. -</p> -<p>Wenn sich aber auch K. dies alles durchzuführen getraute, die Schwierigkeit der Abfassung -der Eingabe war überwältigend. Früher, etwa noch vor einer Woche, hatte er nur mit -einem Gefühl der Scham daran denken können, daß er einmal genötigt sein könnte, eine -solche Eingabe selbst zu machen; daß dies auch schwierig sein konnte, daran hatte -er gar nicht gedacht. Er erinnerte sich, wie er einmal an einem Vormittag, als er -gerade mit Arbeit überhäuft war, plötzlich alles zur Seite geschoben und den Schreibblock -vorgenommen hatte, um versuchsweise den Gedankengang einer derartigen Eingabe zu entwerfen -und ihn vielleicht dem schwerfälligen Advokaten zur Verfügung zu stellen und wie gerade -in diesem Augenblick die <span class="pageNum" id="pb221">[<a href="#pb221">221</a>]</span>Tür des Direktionszimmers sich öffnete und der Direktor-Stellvertreter mit großem -Gelächter eintrat. Es war für K. damals sehr peinlich gewesen, trotzdem der Direktor-Stellvertreter -natürlich nicht über die Eingabe gelacht hatte, von der er nichts wußte, sondern über -einen Börsenwitz, den er eben gehört hatte, einen Witz, der zum Verständnis eine Zeichnung -erforderte, die nun der Direktor-Stellvertreter über K.s Tisch gebeugt mit K.s Bleistift, -den er ihm aus der Hand nahm, auf dem Schreibblock ausführte, der für die Eingabe -bestimmt gewesen war. -</p> -<p>Heute wußte K. nichts mehr von Scham, die Eingabe mußte gemacht werden. Wenn er im -Bureau keine Zeit für sie fand, was sehr wahrscheinlich war, dann mußte er sie zu -Hause in den Nächten machen. Würden auch die Nächte nicht genügen, dann mußte er einen -Urlaub nehmen. Nur nicht auf halbem Wege stehnbleiben, das war nicht nur in Geschäften, -sondern immer und überall das Unsinnigste. Die Eingabe bedeutete freilich eine fast -endlose Arbeit. Man mußte keinen sehr ängstlichen Charakter haben und konnte doch -leicht zu dem Glauben kommen, daß es unmöglich <span class="pageNum" id="pb222">[<a href="#pb222">222</a>]</span>war, die Eingabe jemals fertigzustellen. Nicht aus Faulheit oder Hinterlist, die den -Advokaten allein an der Fertigstellung hindern konnten, sondern weil in Unkenntnis -der vorhandenen Anklage und gar ihrer möglichen Erweiterungen das ganze Leben in den -kleinsten Handlungen und Ereignissen in die Erinnerung zurückgebracht, dargestellt -und von allen Seiten überprüft werden mußte. Und wie traurig war eine solche Arbeit -überdies. Sie war vielleicht geeignet, einmal nach der Pensionierung den kindisch -gewordenen Geist zu beschäftigen und ihm zu helfen, die langen Tage hinzubringen. -Aber jetzt, wo K. alle Gedanken zu seiner Arbeit brauchte, wo jede Stunde, da er noch -im Aufstieg war und schon für den Direktor-Stellvertreter eine Drohung bedeutete, -mit größter Schnelligkeit verging und wo er die kurzen Abende und Nächte als junger -Mensch genießen wollte, jetzt sollte er mit der Verfassung dieser Eingabe beginnen. -Wieder ging sein Denken in Klagen aus. Fast unwillkürlich, nur um dem ein Ende zu -machen, tastete er mit dem Finger nach dem Knopf der elektrischen Glocke, die ins -Vorzimmer führte. Während er ihn niederdrückte, blickte er zur Uhr <span class="pageNum" id="pb223">[<a href="#pb223">223</a>]</span>auf. Es war 11 Uhr, zwei Stunden, eine lange kostbare Zeit hatte er verträumt und -war natürlich noch matter als vorher. Immerhin war die Zeit nicht verloren, er hatte -Entschlüsse gefaßt, die wertvoll sein konnten. Die Diener brachten außer verschiedener -Post zwei Visitenkarten von Herren, die schon längere Zeit auf K. warteten. Es waren -gerade sehr wichtige Kundschaften der Bank, die man eigentlich auf keinen Fall hätte -warten lassen sollen. Warum kamen sie zu so ungelegener Zeit? — und warum, so schienen -wieder die Herren hinter der geschlossenen Tür zu fragen, verwendete der fleißige -K. für Privatangelegenheiten die beste Geschäftszeit? Müde von dem Vorhergegangenen -und müde das Folgende erwartend, stand K. auf, um den ersten zu empfangen. -</p> -<p>Es war ein kleiner munterer Herr, ein Fabrikant, den K. gut kannte. Er bedauerte, -K. in wichtiger Arbeit gestört zu haben und K. bedauerte seinerseits, daß er den Fabrikanten -so lange hatte warten lassen. Schon dieses Bedauern aber sprach er in derartig mechanischer -Weise und mit fast falscher Betonung aus, daß der Fabrikant, wenn er nicht ganz von -der Geschäftssache eingenommen gewesen <span class="pageNum" id="pb224">[<a href="#pb224">224</a>]</span>wäre, es hätte bemerken müssen. Statt dessen zog er eilig Rechnungen und Tabellen -aus allen Taschen, breitete sie vor K. aus, erklärte verschiedene Posten, verbesserte -einen kleinen Rechenfehler, der ihm sogar bei diesem flüchtigen Überblick aufgefallen -war, erinnerte K. an ein ähnliches Geschäft, das er mit ihm vor etwa einem Jahr abgeschlossen -hatte, erwähnte nebenbei, daß sich diesmal eine andere Bank unter größten Opfern um -das Geschäft bewerbe und verstummte schließlich, um nun K.s Meinung zu erfahren. K. -hatte auch tatsächlich im Anfang die Rede des Fabrikanten gut verfolgt, der Gedanke -an das wichtige Geschäft hatte dann auch ihn ergriffen, nur leider nicht für die Dauer, -er war bald vom Zuhören abgekommen, hatte dann noch ein Weilchen zu den lauteren Ausrufen -des Fabrikanten mit dem Kopf genickt, hatte aber schließlich auch das unterlassen -und sich darauf eingeschränkt, den kahlen, auf die Papiere hinabgebeugten Kopf anzusehn -und sich zu fragen, wann der Fabrikant endlich erkennen werde, daß seine ganze Rede -nutzlos sei. Als er nun verstummte, glaubte K. zuerst wirklich, es geschehe dies deshalb, -um ihm Gelegenheit zu dem <span class="pageNum" id="pb225">[<a href="#pb225">225</a>]</span>Eingeständnis zu geben, daß er nicht fähig sei, zuzuhören. Nur mit Bedauern merkte -er aber an dem gespannten Blick des offenbar auf alle Entgegnungen gefaßten Fabrikanten, -daß die geschäftliche Besprechung fortgesetzt werden müsse. Er neigte also den Kopf -wie vor einem Befehl und begann mit dem Bleistift langsam über den Papieren hin- und -herzufahren, hie und da hielt er inne und starrte eine Ziffer an. Der Fabrikant vermutete -Einwände, vielleicht waren die Ziffern wirklich nicht feststehend, vielleicht waren -sie nicht das Entscheidende, jedenfalls bedeckte der Fabrikant die Papiere mit der -Hand und begann von neuem, ganz nahe an K. heranrückend, eine allgemeine Darstellung -des Geschäftes. „Es ist schwierig,“ sagte K., rümpfte die Lippen und sank, da die -Papiere, das einzig Faßbare, verdeckt waren, haltlos gegen die Seitenlehne. Er blickte -sogar nur schwach auf, als sich die Tür des Direktionszimmers öffnete und dort nicht -ganz deutlich, etwa wie hinter einem Gazeschleier, der Direktor-Stellvertreter erschien. -K. dachte nicht weiter darüber nach, sondern verfolgte nur die unmittelbare Wirkung, -die für ihn sehr erfreulich war. <span class="pageNum" id="pb226">[<a href="#pb226">226</a>]</span>Denn sofort hüpfte der Fabrikant vom Sessel auf und eilte dem Direktor-Stellvertreter -entgegen, K. aber hätte ihn noch zehnmal flinker machen sollen, denn er fürchtete, -der Direktor-Stellvertreter könnte wieder verschwinden. Es war unnütze Furcht, die -Herren trafen sich, reichten einander die Hände und gingen gemeinsam auf K.s Schreibtisch -zu. Der Fabrikant beklagte sich, daß er beim Prokuristen so wenig Neigung für das -Geschäft gefunden habe und zeigte auf K., der sich unter dem Blick des Direktor-Stellvertreters -wieder über die Papiere beugte. Als dann die zwei sich an den Schreibtisch lehnten -und der Fabrikant sich daran machte, den Direktor-Stellvertreter für sich zu erobern, -war es K., als werde über seinem Kopf von zwei Männern, deren Größe er sich übertrieben -vorstellte, über ihn selbst verhandelt. Langsam suchte er mit vorsichtig aufwärts -gedrehten Augen zu erfahren, was sich oben ereignete, nahm vom Schreibtisch ohne hinzusehn -eines der Papiere, legte es auf die flache Hand und hob es allmählich, während er -selbst aufstand, zu den Herren hinauf. Er dachte hiebei an nichts Bestimmtes, sondern -handelte nur in dem Gefühl, <span class="pageNum" id="pb227">[<a href="#pb227">227</a>]</span>daß er sich so verhalten müßte, wenn er einmal die große Eingabe fertiggestellt hätte, -die ihn gänzlich entlasten sollte. Der Direktor-Stellvertreter, der sich an dem Gespräch -mit aller Aufmerksamkeit beteiligte, sah nur flüchtig auf das Papier, überlas gar -nicht, was dort stand, denn was dem Prokuristen wichtig war, war ihm unwichtig, nahm -es aus K.s Hand, sagte „danke, ich weiß schon alles“ und legte es ruhig wieder auf -den Tisch zurück. K. sah ihn verbittert von der Seite an. Der Direktor-Stellvertreter -aber merkte es gar nicht oder wurde, wenn er es merkte, dadurch nur aufgemuntert, -lachte öfters laut auf, brachte einmal durch eine schlagfertige Entgegnung den Fabrikanten -in deutliche Verlegenheit, aus der er ihn aber sofort riß, indem er sich selbst einen -Einwand machte, und lud ihn schließlich ein, in sein Bureau hinüberzukommen, wo sie -die Angelegenheit zu Ende führen könnten. „Es ist eine sehr wichtige Sache,“ sagte -er zum Fabrikanten, „ich sehe das vollständig ein. Und dem Herrn Prokuristen“ — selbst -bei dieser Bemerkung redete er eigentlich nur zum Fabrikanten — „wird es gewiß lieb -sein, wenn wir es ihm abnehmen. Die Sache <span class="pageNum" id="pb228">[<a href="#pb228">228</a>]</span>verlangt ruhige Überlegung. Er aber scheint heute sehr überlastet zu sein, auch warten -ja einige Leute im Vorzimmer schon stundenlang auf ihn.“ K. hatte gerade noch genügend -Fassung, sich vom Direktor-Stellvertreter wegzudrehn und sein freundliches, aber starres -Lächeln nur dem Fabrikanten zuzuwenden, sonst griff er gar nicht ein, stützte sich -ein wenig vorgebeugt mit beiden Händen auf den Schreibtisch wie ein Kommis hinter -dem Pult und sah zu, wie die zwei Herren unter weiteren Reden die Papiere vom Tisch -nahmen und im Direktionszimmer verschwanden. In der Tür drehte sich der Fabrikant -noch um, sagte, er verabschiede sich noch nicht, sondern werde natürlich dem Herrn -Prokuristen über den Erfolg der Besprechung berichten, auch habe er ihm noch eine -andere kleine Mitteilung zu machen. -</p> -<p>Endlich war K. allein. Er dachte gar nicht daran, irgendeine andere Partei vorzulassen, -und nur undeutlich kam ihm zu Bewußtsein, wie angenehm es sei, daß die Leute draußen -in dem Glauben waren, er verhandle noch mit dem Fabrikanten und es könne aus diesem -Grunde niemand, nicht einmal der Diener, bei ihm eintreten. Er ging zum <span class="pageNum" id="pb229">[<a href="#pb229">229</a>]</span>Fenster, setzte sich auf die Brüstung, hielt sich mit einer Hand an der Klinke fest -und sah auf den Platz hinaus. Der Schnee fiel noch immer, es hatte sich noch gar nicht -aufgehellt. -</p> -<p>Lange saß er so, ohne zu wissen, was ihm eigentlich Sorgen machte, nur von Zeit zu -Zeit blickte er ein wenig erschreckt über die Schulter hinweg zur Vorzimmertür, wo -er irrtümlicherweise ein Geräusch zu hören geglaubt hatte. Da aber niemand kam, wurde -er ruhiger, ging zum Waschtisch, wusch sich mit kaltem Wasser und kehrte mit freierem -Kopf zu seinem Fensterplatz zurück. Der Entschluß, seine Verteidigung selbst in die -Hand zu nehmen, stellte sich ihm nun schwerwiegender dar, als er ursprünglich angenommen -hatte. Solange er die Verteidigung auf den Advokaten überwälzt hatte, war er doch -noch vom Prozeß im Grunde wenig betroffen gewesen, er hatte ihn von der Ferne beobachtet -und hatte unmittelbar von ihm kaum erreicht werden können, er hatte nachsehn können, -wann er wollte, wie seine Sache stand, aber er hatte auch den Kopf wieder zurückziehn -können, wann er wollte. Jetzt hingegen, wenn er seine Verteidigung selbst führen würde, -<span class="pageNum" id="pb230">[<a href="#pb230">230</a>]</span>mußte er sich wenigstens für den Augenblick ganz und gar dem Gericht aussetzen, der -Erfolg dessen sollte ja für später seine vollständige und endgültige Befreiung sein, -aber um diese zu erreichen, mußte er sich vorläufig jedenfalls in viel größere Gefahr -begeben als bisher. Hätte er daran zweifeln wollen, so hätte ihn das heutige Beisammensein -mit dem Direktor-Stellvertreter und dem Fabrikanten hinreichend vom Gegenteil überzeugen -können. Wie war er doch dagesessen, schon vom bloßen Entschluß, sich selbst zu verteidigen, -gänzlich benommen? Wie sollte es aber später werden? Was für Tage standen ihm bevor! -Würde er den Weg finden, der durch alles hindurch zum guten Ende führte? Bedeutete -nicht eine sorgfältige Verteidigung — und alles andere war sinnlos — bedeutete nicht -eine sorgfältige Verteidigung gleichzeitig die Notwendigkeit, sich von allem andern -möglichst abzuschließen? Würde er das glücklich überstehn? Und wie sollte ihm die -Durchführung in der Bank gelingen? Es handelte sich ja nicht nur um die Eingabe, für -die ein Urlaub vielleicht genügt hätte, trotzdem die Bitte um einen Urlaub gerade -jetzt ein großes Wagnis gewesen wäre, es handelte sich <span class="pageNum" id="pb231">[<a href="#pb231">231</a>]</span>doch um einen ganzen Prozeß, dessen Dauer unabsehbar war. Was für ein Hindernis war -plötzlich in K.s Laufbahn geworfen worden! -</p> -<p>Und jetzt sollte er für die Bank arbeiten? — Er sah auf den Schreibtisch hin. — Jetzt -sollte er Parteien vorlassen und mit ihnen verhandeln? Während sein Prozeß weiterrollte, -während oben auf dem Dachboden die Gerichtsbeamten über den Schriften dieses Prozesses -saßen, sollte er die Geschäfte der Bank besorgen? Sah es nicht aus wie eine Folter, -die, vom Gericht anerkannt, mit dem Prozeß zusammenhing und ihn begleitete? Und würde -man etwa in der Bank bei der Beurteilung seiner Arbeit seine besondere Lage berücksichtigen? -Niemand und niemals. Ganz unbekannt war ja sein Prozeß nicht, wenn es auch noch nicht -ganz klar war, wer davon wußte und wie viel. Bis zum Direktor-Stellvertreter aber -war das Gerücht hoffentlich noch nicht gedrungen, sonst hätte man schon deutlich sehen -müssen, wie er es ohne jede Kollegialität und Menschlichkeit gegen K. ausnützen würde. -Und der Direktor? Gewiß, er war K. gut gesinnt und er hätte wahrscheinlich, sobald -er vom Prozeß erfahren hätte, soweit es an <span class="pageNum" id="pb232">[<a href="#pb232">232</a>]</span>ihm lag, manche Erleichterungen für K. schaffen wollen, aber er wäre damit gewiß nicht -durchgedrungen, denn er unterlag jetzt, da das Gegengewicht, das K. bisher gebildet -hatte, schwächer zu werden anfing, immer mehr dem Einfluß des Direktor-Stellvertreter, -der außerdem auch den leidenden Zustand des Direktors zur Stärkung der eigenen Macht -ausnutzte. Was hatte also K. zu erhoffen? Vielleicht schwächte er durch solche Überlegungen -seine Widerstandskraft, aber es war doch auch notwendig, sich selbst nicht zu täuschen -und alles so klar zu sehn, als es augenblicklich möglich war. -</p> -<p>Ohne besondern Grund, nur um vorläufig noch nicht zum Schreibtisch zurückkehren zu -müssen, öffnete er das Fenster. Es ließ sich nur schwer öffnen, er mußte mit beiden -Händen die Klinke drehn. Dann zog durch das Fenster in dessen ganzer Breite und Höhe -der mit Rauch vermischte Nebel in das Zimmer und füllte es mit einem leichten Brandgeruch. -Auch einige Schneeflocken wurden hereingeweht. „Ein häßlicher Herbst,“ sagte hinter -K. der Fabrikant, der, vom Direktor-Stellvertreter kommend, unbemerkt ins Zimmer <span class="pageNum" id="pb233">[<a href="#pb233">233</a>]</span>getreten war. K. nickte und sah unruhig auf die Aktentasche des Fabrikanten, aus der -dieser nun wohl die Papiere herausziehn würde, um K. das Ergebnis der Verhandlungen -mit dem Direktor-Stellvertreter mitzuteilen. Der Fabrikant aber folgte K.s Blick, -klopfte auf seine Tasche und sagte, ohne sie zu öffnen: „Sie wollen hören, wie es -ausgefallen ist. Ich trage schon fast den Geschäftsabschluß in der Tasche. Ein reizender -Mensch, Ihr Direktor-Stellvertreter, aber durchaus nicht ungefährlich.“ Er lachte, -schüttelte K.s Hand und wollte auch ihn zum Lachen bringen. Aber K. schien es nun -wieder verdächtig, daß ihm der Fabrikant die Papiere nicht zeigen wollte und er fand -an der Bemerkung des Fabrikanten nichts zum Lachen. „Herr Prokurist,“ sagte der Fabrikant, -„Sie leiden wohl unter dem Wetter. Sie sehn heute so bedrückt aus.“ „Ja,“ sagte K. -und griff mit der Hand an die Schläfe, „Kopfschmerzen, Familiensorgen.“ „Sehr richtig,“ -sagte der Fabrikant, der ein eiliger Mensch war und niemanden ruhig anhören konnte, -„jeder hat sein Kreuz zu tragen.“ Unwillkürlich hatte K. einen Schritt gegen die Tür -gemacht, als wolle er den Fabrikanten hinausbegleiten, <span class="pageNum" id="pb234">[<a href="#pb234">234</a>]</span>dieser aber sagte: „Ich hätte, Herr Prokurist, noch eine kleine Mitteilung für Sie. -Ich fürchte sehr, daß ich Sie gerade heute damit vielleicht belästige, aber ich war -schon zweimal in der letzten Zeit bei Ihnen und habe es jedesmal vergessen. Schiebe -ich es aber noch weiterhin auf, verliert es wahrscheinlich vollständig seinen Zweck. -Das wäre aber schade, denn im Grunde ist meine Mitteilung vielleicht doch nicht wertlos.“ -Ehe K. Zeit hatte zu antworten, trat der Fabrikant nahe an ihn heran, klopfte mit -dem Fingerknöchel leicht an seine Brust und sagte leise: „Sie haben einen Prozeß, -nicht wahr?“ K. trat zurück und rief sofort: „Das hat Ihnen der Direktor-Stellvertreter -gesagt.“ „Ach nein,“ sagte der Fabrikant, „woher sollte denn der Direktor-Stellvertreter -es wissen?“ „Durch Sie?“ fragte K. schon viel gefaßter. „Ich erfahre hie und da etwas -von dem Gericht,“ sagte der Fabrikant, „das betrifft eben die Mitteilung, die ich -Ihnen machen wollte.“ „So viel Leute sind mit dem Gericht in Verbindung!“ sagte K. -mit gesenktem Kopf und führte den Fabrikanten zum Schreibtisch. Sie setzten sich wieder -wie früher und der Fabrikant sagte: „Es ist leider nicht sehr <span class="pageNum" id="pb235">[<a href="#pb235">235</a>]</span>viel, was ich Ihnen mitteilen kann. Aber in solchen Dingen soll man nicht das Geringste -vernachlässigen. Außerdem drängte es mich aber, Ihnen irgendwie zu helfen, und sei -meine Hilfe noch so bescheiden. Wir waren doch bisher gute Geschäftsfreunde, nicht? -Nun also.“ K. wollte sich wegen seines Verhaltens bei der heutigen Besprechung entschuldigen, -aber der Fabrikant duldete keine Unterbrechung, schob die Aktentasche hoch unter die -Achsel, um zu zeigen, daß er Eile habe, und fuhr fort: „Von Ihrem Prozeß weiß ich -durch einen gewissen Titorelli. Es ist ein Maler, Titorelli ist nur sein Künstlername, -seinen wirklichen Namen kenne ich gar nicht. Er kommt schon seit Jahren von Zeit zu -Zeit in mein Bureau und bringt kleine Bilder mit, für die ich ihm — er ist fast ein -Bettler — immer eine Art Almosen gebe. Es sind übrigens hübsche Bilder, Heidelandschaften -und dergleichen. Diese Verkäufe — wir hatten uns schon beide daran gewöhnt — gingen -ganz glatt vor sich. Einmal aber wiederholten sich diese Besuche doch zu oft, ich -machte ihm Vorwürfe, wir kamen ins Gespräch, es interessierte mich, wie er sich allein -durch Malen erhalten könne, und ich erfuhr nun zu meinem <span class="pageNum" id="pb236">[<a href="#pb236">236</a>]</span>Staunen, daß seine Haupteinnahmsquelle das Porträtmalen sei. Er arbeite für das Gericht, -sagte er. Für welches Gericht, fragte ich. Und nun erzählte er mir von dem Gericht. -Sie werden sich wohl am besten vorstellen können, wie erstaunt ich über diese Erzählungen -war. Seitdem höre ich bei jedem seiner Besuche irgendwelche Neuigkeiten vom Gericht -und bekomme so allmählich einen großen Einblick in die Sache. Allerdings ist Titorelli -geschwätzig und ich muß ihn oft abwehren, nicht nur weil er gewiß auch lügt, sondern -vor allem, weil ein Geschäftsmann wie ich, der unter den eigenen Geschäftssorgen fast -zusammenbricht, sich nicht noch viel um fremde Dinge kümmern kann. Aber das nur nebenbei. -Vielleicht — so dachte ich jetzt — kann Ihnen Titorelli ein wenig behilflich sein, -er kennt viele Richter und wenn er selbst auch keinen großen Einfluß haben sollte, -so kann er Ihnen doch Ratschläge geben, wie man verschiedenen einflußreichen Leuten -beikommen kann. Und wenn auch diese Ratschläge an und für sich nicht entscheidend -sein sollten, so werden sie doch meiner Meinung nach in Ihrem Besitz von großer Bedeutung -sein. Sie <span class="pageNum" id="pb237">[<a href="#pb237">237</a>]</span>sind ja fast ein Advokat. Ich pflege immer zu sagen: Prokurist K. ist fast ein Advokat. -Oh, ich habe keine Sorgen wegen Ihres Prozesses. Wollen Sie nun aber zu Titorelli -gehen? Auf meine Empfehlung hin wird er gewiß alles tun, was ihm möglich ist. Ich -denke wirklich, Sie sollten hingehn. Es muß natürlich nicht heute sein, einmal, gelegentlich. -Allerdings sind Sie — das will ich noch sagen — dadurch, daß gerade ich Ihnen diesen -Rat gebe, nicht im geringsten verpflichtet, auch wirklich zu Titorelli hinzugehn. -Nein, wenn Sie Titorelli entbehren zu können glauben, ist es gewiß besser, ihn ganz -beiseite zu lassen. Vielleicht haben Sie schon einen ganz genauen Plan und Titorelli -könnte ihn stören. Nein, dann gehn Sie natürlich auf keinen Fall hin. Es kostet gewiß -auch Überwindung, sich von einem solchen Burschen Ratschläge geben zu lassen. Nun, -wie Sie wollen. Hier ist das Empfehlungsschreiben und hier die Adresse.“ -</p> -<p>Enttäuscht nahm K. den Brief und steckte ihn in die Tasche. Selbst im günstigsten -Falle war der Vorteil, den ihm die Empfehlung bringen konnte, verhältnismäßig kleiner -als der Schaden, der darin <span class="pageNum" id="pb238">[<a href="#pb238">238</a>]</span>lag, daß der Fabrikant von seinem Prozeß wußte und daß der Maler die Nachricht weiter -verbreitete. Er konnte sich kaum dazu zwingen, dem Fabrikanten, der schon auf dem -Weg zur Tür war, mit ein paar Worten zu danken. „Ich werde hingehn,“ sagte er, als -er sich bei der Tür vom Fabrikanten verabschiedete, „oder ihm, da ich jetzt sehr beschäftigt -bin, schreiben, er möge einmal zu mir ins Bureau kommen.“ „Ich wußte ja,“ sagte der -Fabrikant, „daß Sie den besten Ausweg finden würden. Allerdings dachte ich, daß Sie -es lieber vermeiden wollen, Leute wie diesen Titorelli in die Bank einzuladen, um -mit ihm hier über den Prozeß zu sprechen. Es ist auch nicht immer vorteilhaft, Briefe -an solche Leute aus der Hand zu geben. Aber Sie haben gewiß alles durchgedacht und -wissen, was Sie tun dürfen.“ K. nickte und begleitete den Fabrikanten noch durch das -Vorzimmer. Aber trotz äußerlicher Ruhe war er über sich sehr erschrocken. Daß er Titorelli -schreiben würde, hatte er eigentlich nur gesagt, um dem Fabrikanten irgendwie zu zeigen, -daß er die Empfehlung zu schätzen wisse und die Möglichkeiten mit Titorelli zusammenzukommen -sofort überlege, <span class="pageNum" id="pb239">[<a href="#pb239">239</a>]</span>aber wenn er Titorellis Beistand für wertvoll angesehen hätte, hätte er auch nicht -gezögert, ihm wirklich zu schreiben. Die Gefahren aber, die das zur Folge haben könnte, -hatte er erst durch die Bemerkung des Fabrikanten erkannt. Konnte er sich auf seinen -eigenen Verstand tatsächlich schon so wenig verlassen? Wenn es möglich war, daß er -einen fragwürdigen Menschen durch einen deutlichen Brief in die Bank einlud, um von -ihm, nur durch eine Tür vom Direktor-Stellvertreter getrennt, Ratschläge wegen seines -Prozesses zu erbitten, war es dann nicht möglich und sogar sehr wahrscheinlich, daß -er auch andere Gefahren übersah oder in sie hineinrannte? Nicht immer stand jemand -neben ihm, um ihn zu warnen. Und gerade jetzt, wo er mit gesammelten Kräften auftreten -wollte, mußten derartige, ihm bisher fremde Zweifel an seiner eigenen Wachsamkeit -auftreten! Sollten die Schwierigkeiten, die er bei Ausführung seiner Bureauarbeit -fühlte, nun auch im Prozeß beginnen? Jetzt allerdings begriff er es gar nicht mehr, -wie es möglich gewesen war, daß er an Titorelli hatte schreiben und ihn in die Bank -einladen wollen. -<span class="pageNum" id="pb240">[<a href="#pb240">240</a>]</span></p> -<p>Er schüttelte noch den Kopf darüber, als der Diener an seine Seite trat und ihn auf -drei Herren aufmerksam machte, die hier im Vorzimmer auf einer Bank saßen. Sie warteten -schon lange darauf, zu K. vorgelassen zu werden. Jetzt, da der Diener mit K. sprach, -waren sie aufgestanden und jeder wollte eine günstige Gelegenheit ausnützen, um sich -vor den andern an K. heranzumachen. Da man von seiten der Bank so rücksichtslos war, -sie hier im Wartezimmer ihre Zeit verlieren zu lassen, wollten auch sie keine Rücksicht -mehr üben. „Herr Prokurist,“ sagte schon der eine. Aber K. hatte sich vom Diener den -Winterrock bringen lassen und sagte, während er ihn mit Hilfe des Dieners anzog, zu -allen dreien: „Verzeihen Sie meine Herren, ich habe augenblicklich leider keine Zeit, -Sie zu empfangen. Ich bitte Sie sehr um Verzeihung, aber ich habe einen dringenden -Geschäftsgang zu erledigen und muß sofort weggehn. Sie haben ja selbst gesehn, wie -lange ich jetzt aufgehalten wurde. Wären Sie so freundlich, morgen oder wann immer -wiederzukommen? Oder wollen wir die Sachen vielleicht telephonisch besprechen? Oder -wollen Sie mir vielleicht jetzt kurz sagen, um was <span class="pageNum" id="pb241">[<a href="#pb241">241</a>]</span>es sich handelt, und ich gebe Ihnen dann eine ausführliche schriftliche Antwort. Am -besten wäre es allerdings, Sie kämen nächstens.“ Diese Vorschläge K.s brachten die -Herren, die nun vollständig nutzlos gewartet haben sollten, in solches Staunen, daß -sie einander stumm ansahen. „Wir sind also einig?“ fragte K., der sich nach dem Diener -umgewendet hatte, der ihm nun auch den Hut brachte. Durch die offene Tür zu K.s Zimmer -sah man, wie sich draußen der Schneefall sehr verstärkt hatte. K. schlug daher den -Mantelkragen in die Höhe und knöpfte ihn hoch unter dem Halse zu. -</p> -<p>Da trat gerade aus dem Nebenzimmer der Direktor-Stellvertreter, sah lächelnd K. im -Winterrock mit den Herren verhandeln und fragte: „Sie gehn jetzt weg, Herr Prokurist.“ -„Ja,“ sagte K. und richtete sich auf, „ich habe einen Geschäftsgang zu machen.“ Aber -der Direktor-Stellvertreter hatte sich schon den Herren zugewendet. „Und die Herren?“ -fragte er. „Ich glaube, sie warten schon lange.“ „Wir haben uns schon geeinigt,“ sagte -K. Aber nun ließen sich die Herren nicht mehr halten, umringten K. und erklärten, -daß sie nicht stundenlang <span class="pageNum" id="pb242">[<a href="#pb242">242</a>]</span>gewartet hätten, wenn ihre Angelegenheiten nicht wichtig wären und nicht jetzt, und -zwar ausführlich und unter vier Augen besprochen werden müßten. Der Direktor-Stellvertreter -hörte ihnen ein Weilchen zu, betrachtete auch K., der den Hut in der Hand hielt und -ihn stellenweise von Staub reinigte, und sagte dann: „Meine Herren, es gibt ja einen -sehr einfachen Ausweg. Wenn Sie mit mir vorlieb nehmen wollen, übernehme ich sehr -gerne die Verhandlungen statt des Herrn Prokuristen. Ihre Angelegenheiten müssen natürlich -sofort besprochen werden. Wir sind Geschäftsleute wie Sie und wissen die Zeit von -Geschäftsleuten richtig zu bewerten. Wollen Sie hier eintreten?“ Und er öffnete die -Tür, die zu dem Vorzimmer seines Bureaus führte. -</p> -<p>Wie sich doch der Direktor-Stellvertreter alles anzueignen verstand, was K. jetzt -notgedrungen aufgeben mußte! Gab aber K. nicht mehr auf, als unbedingt nötig war? -Während er mit unbestimmten und, wie er sich eingestehen mußte, sehr geringen Hoffnungen -zu einem unbekannten Maler lief, erlitt hier sein Ansehen eine unheilbare Schädigung. -Es wäre wahrscheinlich viel besser gewesen, <span class="pageNum" id="pb243">[<a href="#pb243">243</a>]</span>den Winterrock wieder auszuziehn und wenigstens die zwei Herren, die ja nebenan doch -noch warten mußten, für sich zurückzugewinnen. K. hätte es vielleicht auch versucht, -wenn er nicht jetzt in seinem Zimmer den Direktor-Stellvertreter erblickt hätte, wie -er im Bücherständer, als wäre es sein eigener, etwas suchte. Als K. sich erregt der -Tür näherte, rief er: „Ach, Sie sind noch nicht weggegangen.“ Er wandte ihm sein Gesicht -zu, dessen viele straffe Falten nicht Alter, sondern Kraft zu beweisen schienen, und -fing sofort wieder zu suchen an. „Ich suche eine Vertragsabschrift,“ sagte er, „die -sich, wie der Vertreter der Firma behauptet, bei Ihnen befinden soll. Wollen Sie mir -nicht suchen helfen.“ K. machte einen Schritt, aber der Direktor-Stellvertreter sagte: -„Danke, ich habe sie schon gefunden,“ und kehrte mit einem großen Paket Schriften, -das nicht nur die Vertragsabschrift, sondern gewiß noch vieles andere enthielt, wieder -in sein Zimmer zurück. -</p> -<p>Jetzt bin ich ihm nicht gewachsen, sagte sich K., wenn aber meine persönlichen Schwierigkeiten -einmal beseitigt sein werden, dann soll er wahrhaftig der erste sein, der es zu fühlen -bekommt, <span class="pageNum" id="pb244">[<a href="#pb244">244</a>]</span>und zwar möglichst bitter. Durch diesen Gedanken ein wenig beruhigt, gab K. dem Diener, -der schon lange die Tür zum Korridor für ihn offenhielt, den Auftrag, dem Direktor -gelegentlich die Meldung zu machen, daß er sich auf einem Geschäftsgang befinde, und -verließ fast glücklich darüber, sich eine Zeitlang vollständiger seiner Sache widmen -zu können, die Bank. -</p> -<p>Er fuhr sofort zum Maler, der in einer Vorstadt wohnte, die jener, in welcher sich -die Gerichtskanzleien befanden, vollständig entgegengesetzt war. Es war eine noch -ärmere Gegend, die Häuser noch dunkler, die Gassen voll Schmutz, der auf dem zerflossenen -Schnee langsam umhertrieb. Im Hause, in dem der Maler wohnte, war nur ein Flügel des -großen Tores geöffnet, in dem andern aber war unten in der Mauer eine Lücke gebrochen, -aus der gerade, als sich K. näherte, eine widerliche gelbe, rauchende Flüssigkeit -herausschoß, vor der sich eine Ratte in den nahen Kanal flüchtete. Unten an der Treppe -lag ein kleines Kind bäuchlings auf der Erde und weinte, aber man hörte es kaum infolge -des alles übertönenden Lärms, der aus einer Klempnerwerkstätte auf der andern Seite -<span class="pageNum" id="pb245">[<a href="#pb245">245</a>]</span>des Torganges kam. Die Tür der Werkstätte war offen, drei Gehilfen standen im Halbkreis -um irgendein Werkstück, auf das sie mit den Hämmern schlugen. Eine große Platte Weißblech, -die an der Wand hing, warf ein bleiches Licht, das zwischen zwei Gehilfen eindrang -und die Gesichter und Arbeitsschürzen erhellte. K. hatte für alles nur einen flüchtigen -Blick, er wollte möglichst rasch hier fertig werden, nur den Maler mit ein paar Worten -ausforschen und sofort wieder in die Bank zurückgehn. Wenn er hier nur den kleinsten -Erfolg hatte, sollte das auf seine heutige Arbeit in der Bank noch eine gute Wirkung -ausüben. Im dritten Stockwerk mußte er seinen Schritt mäßigen, er war ganz außer Atem, -die Treppen ebenso wie die Stockwerke waren übermäßig hoch, und der Maler sollte ganz -oben in einer Dachkammer wohnen. Auch war die Luft sehr drückend, es gab keinen Treppenhof, -die enge Treppe war auf beiden Seiten von Mauern eingeschlossen, in denen nur hier -und da fast ganz oben kleine Fenster angebracht waren. Gerade als K. ein wenig stehenblieb, -liefen ein paar kleine Mädchen aus einer Wohnung heraus und eilten lachend die Treppe -weiter hinauf. K. folgte ihnen langsam, <span class="pageNum" id="pb246">[<a href="#pb246">246</a>]</span>holte eines der Mädchen ein, das gestolpert und hinter den andern zurückgeblieben -war, und fragte es, während sie neben einander weiterstiegen: „Wohnt hier ein Maler -Titorelli?“ Das Mädchen, ein kaum dreizehnjähriges, etwas buckliges Mädchen, stieß -ihn darauf mit dem Ellbogen an und sah von der Seite zu ihm auf. Weder ihre Jugend, -noch ihr Körperfehler hatte verhindern können, daß sie schon ganz verdorben war. Sie -lächelte nicht einmal, sondern sah K. ernst mit scharfem, aufforderndem Blicke an. -K. tat, als hätte er ihr Benehmen nicht bemerkt, und fragte: „Kennst du den Maler -Titorelli?“ Sie nickte und fragte ihrerseits: „Was wollen Sie von ihm?“ K. schien -es vorteilhaft, sich noch schnell ein wenig über Titorelli zu unterrichten: „Ich will -mich von ihm malen lassen,“ sagte er. „Malen lassen?“ fragte sie, öffnete übermäßig -den Mund, schlug leicht mit der Hand gegen K., als hätte er etwas außerordentlich -Überraschendes oder Ungeschicktes gesagt, hob mit beiden Händen ihr ohnedies sehr -kurzes Röckchen und lief, so schnell sie konnte, hinter den andern Mädchen her, deren -Geschrei schon undeutlich in der Höhe sich verlor. Bei der nächsten Wendung der <span class="pageNum" id="pb247">[<a href="#pb247">247</a>]</span>Treppe aber traf K. schon wieder alle Mädchen. Sie waren offenbar von der Buckligen -von K.s Absicht verständigt worden und erwarteten ihn. Sie standen zu beiden Seiten -der Treppe, drückten sich an die Mauer, damit K. bequem zwischen ihnen durchkomme -und glätteten mit der Hand ihre Schürzen. Alle Gesichter, wie auch diese Spalierbildung -stellten eine Mischung von Kindlichkeit und Verworfenheit dar. Oben an der Spitze -der Mädchen, die sich jetzt hinter K. lachend zusammenschlossen, war die Bucklige, -welche die Führung übernahm. K. hatte es ihr zu verdanken, daß er gleich den richtigen -Weg fand. Er wollte nämlich geradeaus weitersteigen, sie aber zeigte ihm, daß er eine -Abzweigung der Treppe wählen müsse, um zu Titorelli zu kommen. Die Treppe, die zu -ihm führte, war besonders schmal, sehr lang, ohne Biegung, in ihrer ganzen Länge zu -übersehn und oben unmittelbar von Titorellis Tür abgeschlossen. Diese Tür, die durch -ein kleines, schief über ihr eingesetztes Oberlichtfenster im Gegensatz zur übrigen -Treppe verhältnismäßig hell beleuchtet wurde, war aus nicht übertünchten Balken zusammengesetzt, -auf die der Name Titorelli <span class="pageNum" id="pb248">[<a href="#pb248">248</a>]</span>mit roter Farbe in breiten Pinselstrichen gemalt war. K. war mit seinem Gefolge noch -kaum in der Mitte der Treppe, als oben, offenbar veranlaßt durch das Geräusch der -vielen Schritte, die Tür ein wenig geöffnet wurde und ein wahrscheinlich nur mit einem -Nachthemd bekleideter Mann in der Türspalte erschien. „Oh!“ rief er, als er die Menge -kommen sah, und verschwand. Die Bucklige klatschte vor Freude in die Hände und die -übrigen Mädchen drängten hinter K., um ihn schneller vorwärtszutreiben. -</p> -<p>Sie waren aber noch nicht einmal hinaufgekommen, als oben der Maler die Tür gänzlich -aufriß und mit einer tiefen Verbeugung K. einlud einzutreten. Die Mädchen dagegen -wehrte er ab, er wollte keine von ihnen einlassen, so sehr sie baten und so sehr sie -versuchten, wenn schon nicht mit seiner Erlaubnis, so gegen seinen Willen einzudringen. -Nur der Buckligen gelang es, unter seinem ausgestreckten Arm durchzuschlüpfen, aber -der Maler jagte hinter ihr her, packte sie bei den Röcken, wirbelte sie einmal um -sich herum und setzte sie dann vor der Tür bei den andern Mädchen ab, die es, während -der Maler seinen Posten verlassen <span class="pageNum" id="pb249">[<a href="#pb249">249</a>]</span>hatte, doch nicht gewagt hatten, die Schwelle zu überschreiten. K. wußte nicht, wie -er das Ganze beurteilen sollte, es hatte nämlich den Anschein, als ob alles in freundschaftlichem -Einvernehmen geschehe. Die Mädchen bei der Tür streckten eines hinter dem andern die -Hälse in die Höhe, riefen dem Maler verschiedene scherzhaft gemeinte Worte zu, die -K. nicht verstand und auch der Maler lachte, während die Bucklige in seiner Hand fast -flog. Dann schloß er die Tür, verbeugte sich nochmals vor K., reichte ihm die Hand -und sagte, sich vorstellend: „Kunstmaler Titorelli.“ K. zeigte auf die Tür, hinter -der die Mädchen flüsterten und sagte: „Sie scheinen im Hause sehr beliebt zu sein.“ -„Ach, die Fratzen!“ sagte der Maler und suchte vergebens sein Nachthemd am Halse zuzuknöpfen. -Er war im übrigen bloßfüßig und nur noch mit einer breiten gelblichen Leinenhose bekleidet, -die mit einem Riemen festgemacht war, dessen langes Ende frei hin und her schlug. -„Diese Fratzen sind mir eine wahre Last,“ fuhr er fort, während er vom Nachthemd, -dessen letzter Knopf gerade abgerissen war, abließ, einen Sessel holte und K. zum -Niedersetzen nötigte. „Ich habe eine <span class="pageNum" id="pb250">[<a href="#pb250">250</a>]</span>von ihnen — sie ist heute nicht einmal dabei — einmal gemalt und seitdem verfolgen -mich alle. Wenn ich selbst hier bin, kommen sie nur herein, wenn ich es erlaube, bin -ich aber einmal weg, dann ist immer zumindest eine da. Sie haben sich einen Schlüssel -zu meiner Tür machen lassen, den sie untereinander verleihen. Man kann sich kaum vorstellen, -wie lästig das ist. Ich komme z. B. mit einer Dame, die ich malen soll, nach Hause, -öffne die Tür mit meinem Schlüssel und finde etwa die Bucklige dort beim Tischchen, -wie sie sich mit dem Pinsel die Lippen rot färbt, während ihre kleinen Geschwister, -die sie zu beaufsichtigen hat, sich herumtreiben und das Zimmer in allen Ecken verunreinigen. -Oder ich komme, wie es mir erst gestern geschehen ist, spät abends nach Hause — entschuldigen -Sie bitte mit Rücksicht darauf meinen Zustand und die Unordnung im Zimmer — also ich -komme spät abends nach Hause und will ins Bett steigen, da zwickt mich etwas ins Bein, -ich schaue unter das Bett und ziehe wieder so ein Ding heraus. Warum sie sich so zu -mir drängen, weiß ich nicht, daß ich sie nicht zu mir zu locken suche, dürften Sie -eben bemerkt haben. Natürlich bin ich dadurch <span class="pageNum" id="pb251">[<a href="#pb251">251</a>]</span>auch in meiner Arbeit gestört. Wäre mir dieses Atelier nicht umsonst zur Verfügung -gestellt, ich wäre schon längst ausgezogen.“ Gerade rief hinter der Tür ein Stimmchen, -zart und ängstlich: „Titorelli, dürfen wir schon kommen?“ „Nein,“ antwortete der Maler. -„Ich allein auch nicht?“ fragte es wieder. „Auch nicht,“ sagte der Maler, ging zur -Tür und sperrte sie ab. -</p> -<p>K. hatte sich inzwischen im Zimmer umgesehen, er wäre niemals selbst auf den Gedanken -gekommen, daß man dieses elende kleine Zimmer ein Atelier nennen könnte. Mehr als -zwei lange Schritte konnte man der Länge und Quere nach kaum hier machen. Alles, Fußboden, -Wände und Zimmerdecke war aus Holz, zwischen den Balken sah man schmale Ritzen. K. -gegenüber stand an der Wand das Bett, das mit verschiedenfarbigem Bettzeug überladen -war. In der Mitte des Zimmers war auf einer Staffelei ein Bild, das mit einem Hemd -verhüllt war, dessen Ärmel bis zum Boden baumelten. Hinter K. war das Fenster, durch -das man im Nebel nicht weiter sehen konnte als über das mit Schnee bedeckte Dach des -Nachbarhauses. -</p> -<p>Das Umdrehn des Schlüssels im Schloß erinnerte <span class="pageNum" id="pb252">[<a href="#pb252">252</a>]</span>K. daran, daß er bald hatte weggehn wollen. Er zog daher den Brief des Fabrikanten -aus der Tasche, reichte ihn dem Maler und sagte: „Ich habe durch diesen Herrn, Ihren -Bekannten, von Ihnen erfahren und bin auf seinen Rat hin gekommen.“ Der Maler las -den Brief flüchtig durch und warf ihn aufs Bett. Hätte der Fabrikant nicht auf das -bestimmteste von Titorelli als von seinem Bekannten gesprochen, als von einem armen -Menschen, der auf seine Almosen angewiesen war, so hätte man jetzt wirklich glauben -können, Titorelli kenne den Fabrikanten nicht oder wisse sich an ihn wenigstens nicht -zu erinnern. Überdies fragte nun der Maler: „Wollen Sie Bilder kaufen oder sich selbst -malen lassen?“ K. sah den Maler erstaunt an. Was stand denn eigentlich in dem Brief? -K. hatte es als selbstverständlich angenommen, daß der Fabrikant in dem Brief den -Maler davon unterrichtet hatte, daß K. nichts anderes wollte, als sich hier wegen -seines Prozesses zu erkundigen. Er war doch gar zu eilig und unüberlegt hierhergelaufen! -Aber er mußte jetzt dem Maler irgendwie antworten und sagte mit einem Blick auf die -Staffelei: „Sie arbeiten gerade an einem Bild?“ „Ja,“ sagte <span class="pageNum" id="pb253">[<a href="#pb253">253</a>]</span>der Maler und warf das Hemd, das über der Staffelei hing, dem Brief nach auf das Bett. -„Es ist ein Porträt. Eine gute Arbeit, aber noch nicht ganz fertig.“ Der Zufall war -K. günstig, die Möglichkeit vom Gericht zu reden, wurde ihm förmlich angeboten, denn -es war offenbar das Porträt eines Richters. Es war übrigens dem Bild im Arbeitszimmer -des Advokaten auffallend ähnlich. Es handelte sich hier zwar um einen ganz andern -Richter, einen dicken Mann mit schwarzem buschigen Vollbart, der seitlich weit die -Wangen hinaufreichte, auch war jenes Bild ein Ölbild, dieses aber mit Pastellfarben -schwach und undeutlich angesetzt. Aber alles übrige war ähnlich, denn auch hier wollte -sich gerade der Richter von seinem Thronsessel, dessen Seitenlehnen er festhielt, -drohend erheben. „Das ist ja ein Richter,“ hatte K. gleich sagen wollen, hielt sich -dann aber vorläufig noch zurück und näherte sich dem Bild, als wolle er es in den -Einzelheiten studieren. Eine große Figur, die in der Mitte über der Rückenlehne des -Thronsessels stand, konnte er sich nicht erklären und fragte den Maler nach ihr. Sie -müsse noch ein wenig ausgearbeitet werden, antwortete <span class="pageNum" id="pb254">[<a href="#pb254">254</a>]</span>der Maler, holte von einem Tischchen einen Pastellstift und strichelte mit ihm ein -wenig an den Rändern der Figur, ohne sie aber dadurch für K. deutlicher zu machen. -„Es ist die Gerechtigkeit,“ sagte der Maler schließlich. „Jetzt erkenne ich sie schon,“ -sagte K., „hier ist die Binde um die Augen und hier die Wage. Aber sind nicht an den -Fersen Flügel und befindet sie sich nicht im Lauf?“ „Ja,“ sagte der Maler, „ich mußte -es über Auftrag so malen, es ist eigentlich die Gerechtigkeit und die Siegesgöttin -in einem.“ „Das ist keine gute Verbindung,“ sagte K. lächelnd, „die Gerechtigkeit -muß ruhen, sonst schwankt die Wage und es ist kein gerechtes Urteil möglich.“ „Ich -füge mich darin meinem Auftraggeber,“ sagte der Maler. „Ja gewiß,“ sagte K., der mit -seiner Bemerkung niemanden hatte kränken wollen. „Sie haben die Figur so gemalt, wie -sie auf dem Thronsessel wirklich steht.“ „Nein,“ sagte der Maler, „ich habe weder -die Figur noch den Thronsessel gesehn, das alles ist Erfindung, aber es wurde mir -angegeben, was ich zu malen habe.“ „Wie?“ fragte K., er tat absichtlich, als verstehe -er den Maler nicht völlig, „es ist doch ein Richter, der auf dem <span class="pageNum" id="pb255">[<a href="#pb255">255</a>]</span>Richterstuhl sitzt.“ „Ja,“ sagte der Maler, „aber es ist kein hoher Richter und ist -niemals auf einem solchen Thronsessel gesessen.“ „Und läßt sich doch in so feierlicher -Haltung malen? Er sitzt ja da wie ein Gerichtspräsident.“ „Ja, eitel sind die Herren,“ -sagte der Maler. „Aber sie haben die höhere Erlaubnis, sich so malen zu lassen. Jedem -ist genau vorgeschrieben, wie er sich malen lassen darf. Nur kann man leider gerade -nach diesem Bilde die Einzelheiten der Tracht und des Sitzes nicht beurteilen, die -Pastellfarben sind für solche Darstellungen nicht geeignet.“ „Ja,“ sagte K., „es ist -sonderbar, daß es in Pastellfarben gemalt ist.“ „Der Richter wünschte es so,“ sagte -der Maler, „es ist für eine Dame bestimmt.“ Der Anblick des Bildes schien ihm Lust -zur Arbeit gemacht zu haben, er krempelte die Hemdärmel aufwärts, nahm einige Stifte -in die Hand und K. sah zu, wie unter den zitternden Spitzen der Stifte anschließend -an den Kopf des Richters ein rötlicher Schatten sich bildete, der strahlenförmig gegen -den Rand des Bildes verging. Allmählich umgab dieses Spiel des Schattens den Kopf -wie ein Schmuck oder eine hohe Auszeichnung. Um die Figur der Gerechtigkeit <span class="pageNum" id="pb256">[<a href="#pb256">256</a>]</span>aber blieb es bis auf eine unmerkliche Tönung hell, in dieser Helligkeit schien die -Figur besonders vorzudringen, sie erinnerte kaum mehr an die Göttin der Gerechtigkeit, -aber auch nicht an die des Sieges, sie sah jetzt vielmehr vollkommen wie die Göttin -der Jagd aus. Die Arbeit des Malers zog K. mehr an, als er wollte; schließlich aber -machte er sich doch Vorwürfe, daß er so lange schon hier war und im Grunde noch nichts -für seine eigene Sache unternommen hatte. „Wie heißt dieser Richter?“ fragte er plötzlich. -„Das darf ich nicht sagen,“ antwortete der Maler, er war tief zum Bild hinabgebeugt -und vernachlässigte deutlich seinen Gast, den er doch zuerst so rücksichtsvoll empfangen -hatte. K. hielt das für eine Laune und ärgerte sich darüber, weil er dadurch Zeit -verlor. „Sie sind wohl ein Vertrauensmann des Gerichtes?“ fragte er. Sofort legte -der Maler die Stifte beiseite, richtete sich auf, rieb die Hände aneinander und sah -K. lächelnd an. „Nur immer gleich mit der Wahrheit heraus,“ sagte er, „Sie wollen -etwas über das Gericht erfahren, wie es ja auch in Ihrem Empfehlungsschreiben steht, -und haben zunächst über meine Bilder gesprochen, <span class="pageNum" id="pb257">[<a href="#pb257">257</a>]</span>um mich zu gewinnen. Aber ich nehme das nicht übel, Sie konnten ja nicht wissen, daß -das bei mir unangebracht ist. O bitte!“ sagte er scharf abwehrend, als K. etwas einwenden -wollte. Und fuhr dann fort: „Im übrigen haben Sie mit Ihrer Bemerkung vollständig -recht, ich bin ein Vertrauensmann des Gerichtes.“ Er machte eine Pause, als wolle -er K. Zeit lassen, sich mit dieser Tatsache abzufinden. Man hörte jetzt wieder hinter -der Tür die Mädchen. Sie drängten sich wahrscheinlich um das Schlüsselloch, vielleicht -konnte man auch durch die Ritzen ins Zimmer hereinsehn. K. unterließ es, sich irgendwie -zu entschuldigen, denn er wollte den Maler nicht ablenken, wohl aber wollte er nicht, -daß der Maler sich allzusehr überhebe und sich auf diese Weise gewissermaßen unerreichbar -mache, er fragte deshalb: „Ist das eine öffentlich anerkannte Stellung?“ „Nein,“ sagte -der Maler kurz, als sei ihm dadurch die weitere Rede verschlagen. K. wollte ihn aber -nicht verstummen lassen und sagte: „Nun, oft sind derartige nicht anerkannte Stellungen -einflußreicher als die anerkannten.“ „Das ist eben bei mir der Fall,“ sagte der Maler -und nickte mit zusammengezogener Stirn. „Ich <span class="pageNum" id="pb258">[<a href="#pb258">258</a>]</span>sprach gestern mit dem Fabrikanten über Ihren Fall, er fragte mich, ob ich Ihnen nicht -helfen wollte, ich antwortete: „Der Mann kann ja einmal zu mir kommen,“ und nun freue -ich mich, Sie so bald hier zu sehn. Die Sache scheint Ihnen ja sehr nahe zu gehn, -worüber ich mich natürlich gar nicht wundere. Wollen Sie vielleicht zunächst Ihren -Rock ablegen?“ Trotzdem K. beabsichtigte, nur ganz kurze Zeit hierzubleiben, war ihm -diese Aufforderung des Malers doch sehr willkommen. Die Luft im Zimmer war ihm allmählich -drückend geworden, öfters hatte er schon verwundert auf einen kleinen, zweifellos -nicht geheizten Eisenofen in der Ecke hingesehn, die Schwüle im Zimmer war unerklärlich. -Während er den Winterrock ablegte und auch noch den Rock aufknöpfte, sagte der Maler -sich entschuldigend: „Ich muß Wärme haben. Es ist hier doch sehr behaglich, nicht? -Das Zimmer ist in dieser Hinsicht sehr gut gelegen.“ K. sagte dazu nichts, aber es -war eigentlich nicht die Wärme, die ihm Unbehagen machte, es war vielmehr die dumpfe, -das Atmen fast behindernde Luft, das Zimmer war wohl schon lange nicht gelüftet. Diese -Unannehmlichkeit <span class="pageNum" id="pb259">[<a href="#pb259">259</a>]</span>wurde für K. dadurch noch verstärkt, daß ihn der Maler bat, sich auf das Bett zu setzen, -während er sich selbst auf den einzigen Stuhl des Zimmers vor der Staffelei niedersetzte. -Außerdem schien es der Maler mißzuverstehn, warum K. nur am Bettrand blieb, er bat -vielmehr, K. möchte es sich bequem machen und ging, da K. zögerte, selbst hin und -drängte ihn tief in die Betten und Polster hinein. Dann kehrte er wieder zu seinem -Sessel zurück und stellte endlich die erste sachliche Frage, die K. alles andere vergessen -ließ. „Sind Sie unschuldig?“ fragte er. „Ja,“ sagte K. Die Beantwortung dieser Frage -machte ihm geradezu Freude, besonders da sie gegenüber einem Privatmann, also ohne -jede Verantwortung erfolgte. Noch niemand hatte ihn so offen gefragt. Um diese Freude -auszukosten, fügte er noch hinzu: „Ich bin vollständig unschuldig.“ „So,“ sagte der -Maler, senkte den Kopf und schien nachzudenken. Plötzlich hob er wieder den Kopf und -sagte: „Wenn Sie unschuldig sind, dann ist ja die Sache sehr einfach.“ K.s Blick trübte -sich, dieser angebliche Vertrauensmann des Gerichtes redete wie ein unwissendes Kind. -„Meine Unschuld vereinfacht die <span class="pageNum" id="pb260">[<a href="#pb260">260</a>]</span>Sache nicht,“ sagte K. Er mußte trotz allem lächeln und schüttelte langsam den Kopf. -„Es kommt auf viele Feinheiten an, in die sich das Gericht verliert. Zum Schluß aber -zieht es von irgendwoher, wo ursprünglich gar nichts gewesen ist, eine große Schuld -hervor.“ „Ja, ja, gewiß,“ sagte der Maler, als störe K. unnötigerweise seinen Gedankengang. -„Sie sind aber doch unschuldig?“ „Nun ja,“ sagte K. „Das ist die Hauptsache,“ sagte -der Maler. Er war durch Gegengründe nicht zu beeinflussen, nur war es trotz seiner -Entschiedenheit nicht klar, ob er aus Überzeugung oder nur aus Gleichgültigkeit so -redete. K. wollte das zunächst feststellen und sagte deshalb: „Sie kennen ja gewiß -das Gericht viel besser als ich, ich weiß nicht viel mehr, als was ich darüber, allerdings -von ganz verschiedenen Leuten, gehört habe. Darin stimmten aber alle überein, daß -leichtsinnige Anklagen nicht erhoben werden, und daß das Gericht, wenn es einmal anklagt, -fest von der Schuld des Angeklagten überzeugt ist und von dieser Überzeugung nur schwer -abgebracht werden kann.“ „Schwer?“ fragte der Maler und warf eine Hand in die Höhe. -„Niemals ist das Gericht davon abzubringen. <span class="pageNum" id="pb261">[<a href="#pb261">261</a>]</span>Wenn ich hier alle Richter nebeneinander auf eine Leinwand male und Sie werden sich -vor dieser Leinwand verteidigen, so werden Sie mehr Erfolg haben, als vor dem wirklichen -Gericht.“ „Ja,“ sagte K. für sich und vergaß, daß er den Maler nur hatte ausforschen -wollen. -</p> -<p>Wieder begann ein Mädchen hinter der Tür zu fragen: „Titorelli, wird er denn nicht -schon bald weggehn.“ „Schweigt,“ rief der Maler zur Tür hin, „seht Ihr denn nicht, -daß ich mit dem Herrn eine Besprechung habe.“ Aber das Mädchen gab sich damit nicht -zufrieden, sondern fragte: „Du wirst ihn malen?“ Und als der Maler nicht antwortete, -sagte sie noch: „Bitte mal’ ihn nicht, einen so häßlichen Menschen.“ Ein Durcheinander -unverständlicher zustimmender Zurufe folgte. Der Maler machte einen Sprung zur Tür, -öffnete sie bis zu einem Spalt — man sah die bittend vorgestreckten gefalteten Hände -der Mädchen — und sagte: „Wenn Ihr nicht still seid, werfe ich euch alle die Treppe -hinunter. Setzt Euch hier auf die Stufen und verhaltet Euch ruhig.“ Wahrscheinlich -folgten sie nicht gleich, so daß er kommandieren mußte: „Nieder auf die Stufen!“ Erst -dann wurde es still. -<span class="pageNum" id="pb262">[<a href="#pb262">262</a>]</span></p> -<p>„Verzeihen Sie,“ sagte der Maler, als er zu K. wieder zurückkehrte. K. hatte sich -kaum zur Tür hingewendet, er hatte es vollständig dem Maler überlassen, ob und wie -er ihn in Schutz nehmen wollte. Er machte auch jetzt kaum eine Bewegung, als sich -der Maler zu ihm niederbeugte und ihm, um draußen nicht gehört zu werden, ins Ohr -flüsterte: „Auch diese Mädchen gehören zum Gericht.“ „Wie?“ fragte K., wich mit dem -Kopf zur Seite und sah den Maler an. Dieser aber setzte sich wieder auf seinen Sessel -und sagte halb im Scherz, halb zur Erklärung: „Es gehört ja alles zum Gericht.“ „Das -habe ich noch nicht bemerkt,“ sagte K. kurz, die allgemeine Bemerkung des Malers nahm -dem Hinweis auf die Mädchen alles Beunruhigende. Trotzdem sah K. ein Weilchen lang -zur Tür hin, hinter der die Mädchen jetzt still auf den Stufen saßen. Nur eines hatte -einen Strohhalm durch eine Ritze zwischen den Balken gestreckt und führte ihn langsam -auf und ab. -</p> -<p>„Sie scheinen noch keinen Überblick über das Gericht zu haben,“ sagte der Maler, er -hatte die Beine weit auseinandergestreckt und klatschte mit den Fußspitzen auf den -Boden. „Da Sie aber unschuldig <span class="pageNum" id="pb263">[<a href="#pb263">263</a>]</span>sind, werden Sie ihn auch nicht benötigen. Ich allein hole Sie heraus,“ „Wie wollen -Sie das tun?“ fragte K. „Da Sie doch vor kurzem selbst gesagt haben, daß das Gericht -für Beweisgründe vollständig unzugänglich ist.“ „Unzugänglich nur für Beweisgründe, -die man vor dem Gericht vorbringt,“ sagte der Maler und hob den Zeigefinger, als habe -K. eine feine Unterscheidung nicht bemerkt. „Anders verhält es sich aber damit, was -man in dieser Hinsicht hinter dem öffentlichen Gericht versucht, also in den Beratungszimmern, -in den Korridoren oder z. B. auch hier im Atelier.“ Was der Maler jetzt sagte, schien -K. nicht mehr so unglaubwürdig, es zeigte vielmehr eine große Übereinstimmung mit -dem, was K. auch von andern Leuten gehört hatte. Ja, es war sogar sehr hoffnungsvoll. -War der Richter durch persönliche Beziehungen wirklich so leicht zu lenken, wie es -der Advokat dargestellt hatte, dann waren die Beziehungen des Malers zu den eitlen -Richtern besonders wichtig und jedenfalls keineswegs zu unterschätzen. Dann fügte -sich der Maler sehr gut in den Kreis von Helfern, die K. allmählich um sich versammelte. -Man hatte einmal <span class="pageNum" id="pb264">[<a href="#pb264">264</a>]</span>in der Bank sein Organisationstalent gerühmt, hier, wo er ganz allein auf sich gestellt -war, zeigte sich eine gute Gelegenheit, es auf das Äußerste zu erproben. Der Maler -beobachtete die Wirkung, die seine Erklärung auf K. gemacht hatte und sagte dann mit -einer gewissen Ängstlichkeit: „Fällt es Ihnen nicht auf, daß ich fast wie ein Jurist -spreche? Es ist der ununterbrochene Verkehr mit den Herren vom Gericht, der mich so -beeinflußt. Ich habe natürlich viel Gewinn davon, aber der künstlerische Schwung geht -zum großen Teil verloren.“ „Wie sind Sie denn zum erstenmal mit den Richtern in Verbindung -gekommen?“ fragte K., er wollte zuerst das Vertrauen des Malers gewinnen, bevor er -ihn geradezu in seine Dienste nahm. „Das war sehr einfach,“ sagte der Maler, „ich -habe diese Verbindung geerbt. Schon mein Vater war Gerichtsmaler. Es ist das eine -Stellung, die sich immer vererbt. Man kann dafür neue Leute nicht brauchen. Es sind -nämlich für das Malen der verschiedenen Beamtengrade so verschiedene, vielfache und -vor allem geheime Regeln aufgestellt, daß sie überhaupt nicht außerhalb bestimmter -Familien bekannt werden. Dort in der <span class="pageNum" id="pb265">[<a href="#pb265">265</a>]</span>Schublade z. B. habe ich die Aufzeichnungen meines Vaters, die ich niemandem zeige. -Aber nur wer sie kennt, ist zum Malen von Richtern befähigt. Jedoch selbst wenn ich -sie verlieren würde, blieben mir noch so viele Regeln, die ich allein in meinem Kopfe -trage, daß mir niemand meine Stellung streitig machen könnte. Es will doch jeder Richter -so gemalt werden, wie die alten großen Richter gemalt worden sind, und das kann nur -ich.“ „Das ist beneidenswert,“ sagte K., der an seine Stellung in der Bank dachte. -„Ihre Stellung ist also unerschütterlich?“ „Ja, unerschütterlich,“ sagte der Maler -und hob stolz die Achseln. „Deshalb kann ich es auch wagen, hie und da einem armen -Manne, der einen Prozeß hat, zu helfen.“ „Und wie tun Sie das?“ fragte K., als sei -es nicht er, den der Mann soeben einen armen Mann genannt hatte. Der Maler aber ließ -sich nicht ablenken, sondern sagte: „In Ihrem Fall z. B. werde ich, da Sie vollständig -unschuldig sind, Folgendes unternehmen.“ Die wiederholte Erwähnung seiner Unschuld -wurde K. schon lästig. Ihm schien es manchmal, als mache der Maler durch solche Bemerkungen -einen günstigen Ausgang des Prozesses <span class="pageNum" id="pb266">[<a href="#pb266">266</a>]</span>zur Voraussetzung seiner Hilfe, die dadurch natürlich in sich selbst zusammenfiel. -Trotz dieser Zweifel bezwang sich aber K. und unterbrach den Maler nicht. Verzichten -wollte er auf die Hilfe des Malers nicht, dazu war er entschlossen, auch schien ihm -diese Hilfe durchaus nicht fragwürdiger als die des Advokaten zu sein. K. zog sie -jener sogar bei weitem vor, weil sie harmloser und offener dargeboten wurde. -</p> -<p>Der Maler hatte seinen Sessel näher zum Bett gezogen und fuhr mit gedämpfter Stimme -fort: „Ich habe vergessen, Sie zunächst zu fragen, welche Art der Befreiung Sie wünschen. -Es gibt drei Möglichkeiten, nämlich die wirkliche Freisprechung, die scheinbare Freisprechung -und die Verschleppung. Die wirkliche Freisprechung ist natürlich das Beste, nur habe -ich nicht den geringsten Einfluß auf diese Art der Lösung. Es gibt meiner Meinung -nach überhaupt keine einzelne Person, die auf die wirkliche Freisprechung Einfluß -hätte. Hier entscheidet wahrscheinlich nur die Unschuld des Angeklagten. Da Sie unschuldig -sind, wäre es wirklich möglich, daß Sie sich allein auf Ihre Unschuld verlassen. Dann -brauchen <span class="pageNum" id="pb267">[<a href="#pb267">267</a>]</span>Sie aber weder mich noch irgendeine andere Hilfe.“ -</p> -<p>Diese geordnete Darstellung verblüffte K. anfangs, dann aber sagte er ebenso leise -wie der Maler: „Ich glaube, Sie widersprechen sich.“ „Wie denn?“ fragte der Maler -geduldig und lehnte sich lächelnd zurück. Dieses Lächeln erweckte in K. das Gefühl, -als ob er jetzt daran gehe, nicht in den Worten des Malers, sondern in dem Gerichtsverfahren -selbst Widersprüche zu entdecken. Trotzdem wich er aber nicht zurück und sagte: „Sie -haben früher die Bemerkung gemacht, daß das Gericht für Beweisgründe unzugänglich -ist, später haben Sie dies auf das öffentliche Gericht eingeschränkt und jetzt sagen -Sie sogar, daß der Unschuldige vor dem Gericht keine Hilfe braucht. Darin liegt schon -ein Widerspruch. Außerdem aber haben Sie früher gesagt, daß man die Richter persönlich -beeinflussen kann, stellen aber jetzt in Abrede, daß die wirkliche Freisprechung, -wie Sie sie nennen, jemals durch persönliche Beeinflussung zu erreichen ist. Darin -liegt der zweite Widerspruch.“ „Diese Widersprüche sind leicht aufzuklären,“ sagte -der Maler. „Es ist hier von zwei <span class="pageNum" id="pb268">[<a href="#pb268">268</a>]</span>verschiedenen Dingen die Rede, von dem, was im Gesetz steht, und von dem, was ich -persönlich erfahren habe, das dürfen Sie nicht verwechseln. Im Gesetz, ich habe es -allerdings nicht gelesen, steht natürlich einerseits, daß der Unschuldige freigesprochen -wird, andererseits steht dort aber nicht, daß die Richter beeinflußt werden können. -Nun habe aber ich gerade das Gegenteil dessen erfahren. Ich weiß von keiner wirklichen -Freisprechung, wohl aber von vielen Beeinflussungen. Es ist natürlich möglich, daß -in allen mir bekannten Fällen keine Unschuld vorhanden war. Aber ist das nicht unwahrscheinlich? -In so vielen Fällen keine einzige Unschuld? Schon als Kind hörte ich dem Vater genau -zu, wenn er zu Hause von Prozessen erzählte, auch die Richter, die in sein Atelier -kamen, erzählten vom Gericht, man spricht in unsern Kreisen überhaupt von nichts anderem; -kaum bekam ich die Möglichkeit, selbst zu Gericht zu gehn, nützte ich sie immer aus, -unzählbare Prozesse habe ich in wichtigen Stadien angehört und soweit sie sichtbar -sind, verfolgt, und — ich muß es zugeben — nicht einen einzigen wirklichen Freispruch -erlebt.“ „Keinen einzigen Freispruch also,“ sagte K., als <span class="pageNum" id="pb269">[<a href="#pb269">269</a>]</span>rede er zu sich selbst und zu seinen Hoffnungen. „Das bestätigt aber die Meinung, -die ich von dem Gericht schon habe. Es ist also auch von dieser Seite zwecklos. Ein -einziger Henker könnte das ganze Gericht ersetzen.“ „Sie dürfen nicht verallgemeinern,“ -sagte der Maler unzufrieden, „ich habe ja nur von meinen Erfahrungen gesprochen.“ -„Das genügt doch,“ sagte K., „oder haben Sie von Freisprüchen aus früherer Zeit gehört?“ -„Solche Freisprüche,“ antwortete der Maler, „soll es allerdings gegeben haben. Nur -ist es sehr schwer, das festzustellen. Die abschließenden Entscheidungen des Gerichtes -werden nicht veröffentlicht, sie sind nicht einmal den Richtern zugänglich, infolgedessen -haben sich über alte Gerichtsfälle nur Legenden erhalten. Diese enthalten allerdings -sogar in der Mehrzahl wirkliche Freisprechungen, man kann sie glauben, nachweisbar -sind sie aber nicht. Trotzdem muß man sie nicht ganz vernachlässigen, eine gewisse -Wahrheit enthalten sie wohl gewiß, auch sind sie sehr schön, ich selbst habe einige -Bilder gemalt, die solche Legenden zum Inhalt haben.“ „Bloße Legenden ändern meine -Meinung nicht,“ sagte K., „man kann sich wohl auch vor <span class="pageNum" id="pb270">[<a href="#pb270">270</a>]</span>Gericht auf diese Legenden nicht berufen?“ Der Maler lachte. „Nein, das kann man nicht,“ -sagte er. „Dann ist es nutzlos, darüber zu reden,“ sagte K., er wollte vorläufig alle -Meinungen des Malers hinnehmen, selbst wenn er sie für unwahrscheinlich hielt und -sie andern Berichten widersprachen. Er hatte jetzt nicht die Zeit, alles, was der -Maler sagte, auf die Wahrheit hin zu überprüfen oder gar zu widerlegen, es war schon -das Äußerste erreicht, wenn er den Maler dazu bewog, ihm in irgendeiner, sei es auch -in einer nicht entscheidenden Weise zu helfen. Darum sagte er: „Sehn wir also von -der wirklichen Freisprechung ab, Sie erwähnten aber noch zwei andere Möglichkeiten.“ -„Die scheinbare Freisprechung und die Verschleppung. Um die allein kann es sich handeln,“ -sagte der Maler. „Wollen Sie aber nicht, ehe wir davon reden, den Rock ausziehn. Es -ist Ihnen wohl heiß.“ „Ja,“ sagte K., der bisher auf nichts als auf die Erklärungen -des Malers geachtet hatte, dem aber jetzt, da er an die Hitze erinnert worden war, -starker Schweiß auf der Stirn ausbrach. „Es ist fast unerträglich.“ Der Maler nickte, -als verstehe er K.s Unbehagen sehr gut. „Könnte man <span class="pageNum" id="pb271">[<a href="#pb271">271</a>]</span>nicht das Fenster öffnen?“ fragte K. „Nein,“ sagte der Maler. „Es ist bloß eine fest -eingesetzte Glasscheibe, man kann es nicht öffnen.“ Jetzt erkannte K., daß er die -ganze Zeit über darauf gehofft hatte, plötzlich werde der Maler oder er zum Fenster -gehn und es aufreißen. Er war darauf vorbereitet, selbst den Nebel mit offenem Mund -einzuatmen. Das Gefühl, hier von der Luft vollständig abgesperrt zu sein, verursachte -ihm Schwindel. Er schlug leicht mit der Hand auf das Federbett neben sich und sagte -mit schwacher Stimme: „Das ist ja unbequem und ungesund.“ „O nein,“ sagte der Maler -zur Verteidigung seines Fensters. „Dadurch, daß es nicht aufgemacht werden kann, wird, -trotzdem es nur eine einfache Scheibe ist, die Wärme hier besser festgehalten als -durch ein Doppelfenster. Will ich aber lüften, was nicht sehr notwendig ist, da durch -die Balkenritzen überall Luft eindringt, kann ich eine meiner Türen oder sogar beide -öffnen.“ K., durch diese Erklärung ein wenig getröstet, blickte herum, um die zweite -Tür zu finden. Der Maler bemerkte das und sagte: „Sie ist hinter Ihnen, ich mußte -sie durch das Bett verstellen.“ Jetzt erst sah K. die kleine Türe in der <span class="pageNum" id="pb272">[<a href="#pb272">272</a>]</span>Wand. „Es ist eben hier alles viel zu klein für ein Atelier,“ sagte der Maler, als -wolle er einem Tadel K.s zuvorkommen. „Ich mußte mich einrichten so gut es ging. Das -Bett vor der Tür steht natürlich an einem sehr schlechten Platz. Der Richter z. B., -den ich jetzt male, kommt immer durch die Tür beim Bett und ich habe ihm auch einen -Schlüssel von dieser Tür gegeben, damit er, auch wenn ich nicht zu Hause bin, hier -im Atelier auf mich warten kann. Nun kommt er aber gewöhnlich früh am Morgen, während -ich noch schlafe. Es reißt mich natürlich immer aus dem tiefsten Schlaf, wenn sich -neben dem Bett die Türe öffnet. Sie würden jede Ehrfurcht vor den Richtern verlieren, -wenn Sie die Flüche hören würden, mit denen ich ihn empfange, wenn er früh über mein -Bett steigt. Ich könnte ihm allerdings den Schlüssel wegnehmen, aber es würde dadurch -nur ärger werden. Man kann hier alle Türen mit der geringsten Anstrengung aus den -Angeln brechen.“ Während dieser ganzen Rede überlegte K., ob er den Rock ausziehn -sollte, er sah aber schließlich ein, daß er, wenn er es nicht tat, unfähig war, hier -noch länger zu bleiben, er zog daher den Rock <span class="pageNum" id="pb273">[<a href="#pb273">273</a>]</span>aus, legte ihn aber über die Knie, um ihn, falls die Besprechung zu Ende wäre, wieder -anziehn zu können. Kaum hatte er den Rock ausgezogen, rief eines der Mädchen: „Er -hat schon den Rock ausgezogen“ und man hörte, wie sich alle zu den Ritzen drängten, -um das Schauspiel selbst zu sehn. „Die Mädchen glauben nämlich,“ sagte der Maler, -„daß ich Sie malen werde und daß Sie sich deshalb ausziehn.“ „So,“ sagte K. nur wenig -belustigt, denn er fühlte sich nicht viel besser als früher, trotzdem er jetzt in -Hemdärmeln dasaß. Fast mürrisch fragte er: „Wie nannten Sie die zwei andern Möglichkeiten.“ -Er hatte die Ausdrücke schon wieder vergessen. „Die scheinbare Freisprechung und die -Verschleppung,“ sagte der Maler. „Es liegt an Ihnen, was Sie davon wählen. Beides -ist durch meine Hilfe erreichbar, natürlich nicht ohne Mühe, der Unterschied in dieser -Hinsicht ist der, daß die scheinbare Freisprechung eine gesammelte zeitweilige, die -Verschleppung eine viel geringere aber dauernde Anstrengung verlangt. Zunächst also -die scheinbare Freisprechung. Wenn Sie diese wünschen sollten, schreibe ich auf einem -Bogen Papier eine Bestätigung Ihrer Unschuld <span class="pageNum" id="pb274">[<a href="#pb274">274</a>]</span>auf. Der Text für eine solche Bestätigung ist mir von meinem Vater überliefert und -ganz unangreifbar. Mit dieser Bestätigung mache ich nun einen Rundgang bei den mir -bekannten Richtern. Ich fange also etwa damit an, daß ich dem Richter, den ich jetzt -male, heute abend, wenn er zur Sitzung kommt, die Bestätigung vorlege. Ich lege ihm -die Bestätigung vor, erkläre ihm, daß Sie unschuldig sind und verbürge mich für Ihre -Unschuld. Das ist aber keine bloß äußerliche, sondern eine wirkliche bindende Bürgschaft.“ -In den Blicken des Malers lag es wie ein Vorwurf, daß K. ihm die Last einer solchen -Bürgschaft auferlegen wolle. „Das wäre ja sehr freundlich,“ sagte K. „Und der Richter -würde Ihnen glauben und mich trotzdem nicht wirklich freisprechen?“ „Wie ich schon -sagte,“ antwortete der Maler. „Übrigens ist es durchaus nicht sicher, daß jeder mir -glauben würde, mancher Richter wird z. B. verlangen, daß ich Sie selbst zu ihm hinführe. -Dann müßten Sie also einmal mitkommen. Allerdings ist in einem solchen Falle die Sache -schon halb gewonnen, besonders, da ich Sie natürlich vorher genau darüber unterrichten -würde, wie Sie sich bei dem betreffenden <span class="pageNum" id="pb275">[<a href="#pb275">275</a>]</span>Richter zu verhalten haben. Schlimmer ist es bei den Richtern, die mich — auch das -wird vorkommen — von vornherein abweisen. Auf diese müssen wir, wenn ich es auch an -mehrfachen Versuchen gewiß nicht fehlen lassen werde, verzichten, wir dürfen das aber -auch, denn einzelne Richter können hier nicht den Ausschlag geben. Wenn ich nun auf -dieser Bestätigung eine genügende Anzahl von Unterschriften der Richter habe, gehe -ich mit dieser Bestätigung zu dem Richter, der Ihren Prozeß gerade führt. Möglicherweise -habe ich auch seine Unterschrift, dann entwickelt sich alles noch ein wenig rascher -als sonst. Im allgemeinen gibt es aber dann überhaupt nicht mehr viel Hindernisse, -es ist dann für den Angeklagten die Zeit der höchsten Zuversicht. Es ist merkwürdig, -aber wahr, die Leute sind in dieser Zeit zuversichtlicher als nach dem Freispruch. -Es bedarf jetzt keiner besondern Mühe mehr. Der Richter besitzt in der Bestätigung -die Bürgschaft einer Anzahl von Richtern, kann Sie unbesorgt freisprechen und wird -es allerdings nach Durchführung verschiedener Formalitäten mir und andern Bekannten -zu Gefallen zweifellos tun. Sie aber treten aus dem Gericht <span class="pageNum" id="pb276">[<a href="#pb276">276</a>]</span>und sind frei.“ „Dann bin ich also frei,“ sagte K. zögernd. „Ja,“ sagte der Maler, -„aber nur scheinbar frei oder besser ausgedrückt zeitweilig frei. Die untersten Richter -nämlich, zu denen meine Bekannten gehören, haben nicht das Recht, endgültig freizusprechen, -dieses Recht hat nur das oberste, für Sie, für mich und für uns alle ganz unerreichbare -Gericht. Wie es dort aussieht, wissen wir nicht und wollen wir, nebenbei gesagt, auch -nicht wissen. Das große Recht, von der Anklage zu befreien, haben also unsere Richter -nicht, wohl aber haben sie das Recht, von der Anklage loszulösen. Das heißt, wenn -Sie auf diese Weise freigesprochen werden, sind Sie für den Augenblick der Anklage -entzogen, aber sie schwebt auch weiterhin über Ihnen und kann, sobald nur der höhere -Befehl kommt, sofort in Wirkung treten. Da ich mit dem Gericht in so guter Verbindung -stehe, kann ich Ihnen auch sagen, wie sich in den Vorschriften für die Gerichtskanzleien -der Unterschied zwischen der wirklichen und der scheinbaren Freisprechung rein äußerlich -zeigt. Bei einer wirklichen Freisprechung sollen die Prozeßakten vollständig abgelegt -werden, sie verschwinden gänzlich <span class="pageNum" id="pb277">[<a href="#pb277">277</a>]</span>aus dem Verfahren, nicht nur die Anklage, auch der Prozeß und sogar der Freispruch -sind vernichtet, alles ist vernichtet. Anders beim scheinbaren Freispruch. Mit dem -Akt ist keine weitere Veränderung vor sich gegangen, als daß er um die Bestätigung -der Unschuld, um den Freispruch und um die Begründung des Freispruchs bereichert worden -ist. Im übrigen aber bleibt er im Verfahren, er wird, wie es der ununterbrochene Verkehr -der Gerichtskanzleien erfordert, zu den höhern Gerichten weitergeleitet, kommt zu -den niedrigen zurück und pendelt so mit größeren und kleineren Schwingungen, mit größeren -und kleineren Stockungen auf und ab. Diese Wege sind unberechenbar. Von außen gesehn, -kann es manchmal den Anschein bekommen, daß alles längst vergessen, der Akt verloren -und der Freispruch ein vollkommener ist. Ein Eingeweihter wird das nicht glauben. -Es geht kein Akt verloren, es gibt bei Gericht kein Vergessen. Eines Tages — niemand -erwartet es — nimmt irgendein Richter den Akt aufmerksam in die Hand, erkennt, daß -in diesem Falle die Anklage noch lebendig ist und ordnet die sofortige Verhaftung -an. Ich habe hier angenommen, <span class="pageNum" id="pb278">[<a href="#pb278">278</a>]</span>daß zwischen dem scheinbaren Freispruch und der neuen Verhaftung eine lange Zeit vergeht, -das ist möglich und ich weiß von solchen Fällen, es ist aber ebensogut möglich, daß -der Freigesprochene vom Gericht nach Hause kommt und dort schon Beauftragte warten, -um ihn wieder zu verhaften. Dann ist natürlich das freie Leben zu Ende.“ „Und der -Prozeß beginnt von neuem?“ fragte K. fast ungläubig. „Allerdings,“ sagte der Maler, -„der Prozeß beginnt von neuem, es besteht aber wieder die Möglichkeit, ebenso wie -früher, einen scheinbaren Freispruch zu erwirken. Man muß wieder alle Kräfte zusammennehmen -und darf sich nicht ergeben.“ Das Letztere sagte der Maler vielleicht unter dem Eindruck, -den K., der ein wenig zusammengesunken war, auf ihn machte. „Ist aber,“ fragte K., -als wolle er jetzt irgendwelchen Enthüllungen des Malers zuvorkommen, „die Erwirkung -eines zweiten Freispruchs nicht schwieriger als die des ersten?“ „Man kann,“ antwortete -der Maler, „in dieser Hinsicht nichts Bestimmtes sagen. Sie meinen wohl, daß die Richter -durch die zweite Verhaftung in ihrem Urteil zuungunsten des Angeklagten beeinflußt -<span class="pageNum" id="pb279">[<a href="#pb279">279</a>]</span>werden? Das ist nicht der Fall. Die Richter haben ja schon beim Freispruch diese Verhaftung -vorhergesehn. Dieser Umstand wirkt also kaum ein. Wohl aber kann aus zahllosen sonstigen -Gründen die Stimmung der Richter sowie ihre rechtliche Beurteilung des Falles eine -andere geworden sein, und die Bemühungen um den zweiten Freispruch müssen daher den -veränderten Umständen angepaßt werden und im allgemeinen ebenso kräftig sein wie die -vor dem ersten Freispruch.“ „Aber dieser zweite Freispruch ist doch wieder nicht endgültig,“ -sagte K. und drehte abweisend den Kopf. „Natürlich nicht,“ sagte der Maler, „dem zweiten -Freispruch folgt die dritte Verhaftung, dem dritten Freispruch die vierte Verhaftung -und so fort. Das liegt schon in dem Begriff des scheinbaren Freispruchs.“ K. schwieg. -„Der scheinbare Freispruch scheint Ihnen offenbar nicht vorteilhaft zu sein,“ sagte -der Maler, „vielleicht entspricht Ihnen die Verschleppung besser. Soll ich Ihnen das -Wesen der Verschleppung erklären?“ K. nickte. Der Maler hatte sich breit in seinen -Sessel zurückgelehnt, das Nachthemd war weit offen, er hatte eine Hand darunter <span class="pageNum" id="pb280">[<a href="#pb280">280</a>]</span>geschoben, mit der er über die Brust und die Seiten strich. „Die Verschleppung,“ sagte -der Maler und sah einen Augenblick vor sich hin, als suche er eine vollständig zutreffende -Erklärung, „die Verschleppung besteht darin, daß der Prozeß dauernd im niedrigsten -Prozeßstadium erhalten wird. Um dies zu erreichen, ist es nötig, daß der Angeklagte -und der Helfer, insbesondere aber der Helfer in ununterbrochener persönlicher Fühlung -mit dem Gerichte bleibt. Ich wiederhole, es ist hiefür kein solcher Kraftaufwand nötig, -wie bei der Erreichung eines scheinbaren Freispruchs, wohl aber ist eine viel größere -Aufmerksamkeit nötig. Man darf den Prozeß nicht aus dem Auge verlieren, man muß zu -dem betreffenden Richter in regelmäßigen Zwischenräumen und außerdem bei besondern -Gelegenheiten gehn und ihn auf jede Weise sich freundlich zu erhalten suchen; ist -man mit dem Richter nicht persönlich bekannt, so muß man durch bekannte Richter ihn -beeinflussen lassen, ohne daß man etwa deshalb die unmittelbaren Besprechungen aufgeben -dürfte. Versäumt man in dieser Hinsicht nichts, so kann man mit genügender Bestimmtheit -annehmen, daß der Prozeß <span class="pageNum" id="pb281">[<a href="#pb281">281</a>]</span>über sein erstes Stadium nicht hinauskommt. Der Prozeß hört zwar nicht auf, aber der -Angeklagte ist vor einer Verurteilung fast ebenso gesichert, wie wenn er frei wäre. -Gegenüber dem scheinbaren Freispruch hat die Verschleppung den Vorteil, daß die Zukunft -des Angeklagten weniger unbestimmt ist, er bleibt vor dem Schrecken der plötzlichen -Verhaftungen bewahrt und muß nicht fürchten, etwa gerade zu Zeiten, wo seine sonstigen -Umstände dafür am wenigsten günstig sind, die Anstrengungen und Aufregungen auf sich -nehmen zu müssen, welche mit der Erreichung des scheinbaren Freispruchs verbunden -sind. Allerdings hat auch die Verschleppung für den Angeklagten gewisse Nachteile, -die man nicht unterschätzen darf. Ich denke hiebei nicht daran, daß hier der Angeklagte -niemals frei ist, das ist er ja auch bei der scheinbaren Freisprechung im eigentlichen -Sinne nicht. Es ist ein anderer Nachteil. Der Prozeß kann nicht stillstehn, ohne daß -wenigstens scheinbare Gründe dafür vorliegen. Es muß deshalb im Prozeß nach außen -hin etwas geschehn. Es müssen also von Zeit zu Zeit verschiedene Anordnungen getroffen -werden, der Angeklagte muß <span class="pageNum" id="pb282">[<a href="#pb282">282</a>]</span>verhört werden, Untersuchungen müssen stattfinden usw. Der Prozeß muß eben immerfort -in dem kleinen Kreis, auf den er künstlich eingeschränkt worden ist, gedreht werden. -Das bringt natürlich gewisse Unannehmlichkeiten für den Angeklagten mit sich, die -Sie sich aber wiederum nicht zu schlimm vorstellen dürfen. Es ist ja alles nur äußerlich, -die Verhöre beispielsweise sind also nur ganz kurz; wenn man einmal keine Zeit oder -keine Lust hat hinzugehn, darf man sich entschuldigen, man kann sogar bei gewissen -Richtern die Anordnungen für eine lange Zeit im voraus gemeinsam festsetzen, es handelt -sich im Wesen nur darum, daß man, da man Angeklagter ist, von Zeit zu Zeit bei seinem -Richter sich meldet.“ Schon während der letzten Worte hatte K. den Rock über den Arm -gelegt und war aufgestanden. „Er steht schon auf,“ rief es sofort draußen vor der -Tür. „Sie wollen schon fortgehn?“ fragte der Maler, der auch aufgestanden war. „Es -ist gewiß die Luft, die Sie von hier vertreibt. Es ist mir sehr peinlich. Ich hätte -Ihnen auch noch manches zu sagen. Ich mußte mich ganz kurz fassen. Ich hoffe aber -verständlich gewesen zu sein.“ „O ja,“ sagte <span class="pageNum" id="pb283">[<a href="#pb283">283</a>]</span>K., dem von der Anstrengung, mit der er sich zum Zuhören gezwungen hatte, der Kopf -schmerzte. Trotz dieser Bestätigung sagte der Maler alles noch einmal zusammenfassend, -als wolle er K. auf den Heimweg einen Trost mitgeben: „Beide Methoden haben das Gemeinsame, -daß sie eine Verurteilung des Angeklagten verhindern.“ „Sie verhindern aber auch die -wirkliche Freisprechung,“ sagte K. leise, als schäme er sich, das erkannt zu haben. -„Sie haben den Kern der Sache erfaßt,“ sagte der Maler schnell. K. legte die Hand -auf seinen Winterrock, konnte sich aber nicht einmal entschließen, den Rock anzuziehn. -Am liebsten hätte er alles zusammengepackt und wäre damit an die frische Luft gelaufen. -Auch die Mädchen konnten ihn nicht dazu bewegen, sich anzuziehn, trotzdem sie, verfrüht, -einander schon zuriefen, daß er sich anziehe. Dem Maler lag daran, K.s Stimmung irgendwie -zu deuten, er sagte deshalb: „Sie haben sich wohl hinsichtlich meiner Vorschläge noch -nicht entschieden. Ich billige das. Ich hätte Ihnen sogar davon abgeraten, sich sofort -zu entscheiden. Die Vorteile und Nachteile sind haarfein. Man muß alles genau abschätzen. -Allerdings darf man <span class="pageNum" id="pb284">[<a href="#pb284">284</a>]</span>auch nicht zuviel Zeit verlieren.“ „Ich werde bald wiederkommen,“ sagte K., der in -einem plötzlichen Entschluß den Rock anzog, den Mantel über die Schulter warf und -zur Tür eilte, hinter der jetzt die Mädchen zu schreien anfingen. K. glaubte, die -schreienden Mädchen durch die Tür zu sehn. „Sie müssen aber Wort halten,“ sagte der -Maler, der ihm nicht gefolgt war, „sonst komme ich in die Bank, um selbst nachzufragen.“ -„Sperren Sie doch die Tür auf,“ sagte K. und riß an der Klinke, die die Mädchen, wie -er an dem Gegendruck merkte, draußen festhielten. „Wollen Sie von den Mädchen belästigt -werden?“ fragte der Maler. „Benutzen Sie doch lieber diesen Ausgang“, und er zeigte -auf die Tür hinter dem Bett. K. war damit einverstanden und sprang zum Bett zurück. -Aber statt die Tür dort zu öffnen, kroch der Maler unter das Bett und fragte von unten: -„Nur noch einen Augenblick. Wollen Sie nicht noch ein Bild sehn, das ich Ihnen verkaufen -könnte?“ K. wollte nicht unhöflich sein, der Maler hatte sich wirklich seiner angenommen -und versprochen, ihm weiterhin zu helfen, auch war infolge der Vergeßlichkeit K.s -über die Entlohnung für die Hilfe noch <span class="pageNum" id="pb285">[<a href="#pb285">285</a>]</span>gar nicht gesprochen worden, deshalb konnte ihn K. jetzt nicht abweisen und ließ sich -das Bild zeigen, wenn er auch vor Ungeduld zitterte, aus dem Atelier wegzukommen. -Der Maler zog unter dem Bett einen Haufen ungerahmter Bilder hervor, die so mit Staub -bedeckt waren, daß dieser, als ihn der Maler vom obersten Bild wegzublasen suchte, -längere Zeit atemraubend K. vor den Augen wirbelte. „Eine Heidelandschaft,“ sagte -der Maler und reichte K. das Bild. Es stellte zwei schwache Bäume dar, die weit voneinander -entfernt im dunklen Gras standen. Im Hintergrund war ein vielfarbiger Sonnenuntergang. -„Schön,“ sagte K., „ich kaufe es.“ K. hatte unbedacht sich so kurz geäußert, er war -daher froh, als der Maler, statt dies übelzunehmen, ein zweites Bild vom Boden aufhob. -„Hier ist ein Gegenstück zu diesem Bild,“ sagte der Maler. Es mochte als Gegenstück -beabsichtigt sein, es war aber nicht der geringste Unterschied gegenüber dem ersten -Bild zu merken, hier waren die Bäume, hier das Gras und dort der Sonnenuntergang. -Aber K. lag wenig daran. „Es sind schöne Landschaften,“ sagte er, „ich kaufe beide -und werde sie in meinem Bureau aufhängen.“ <span class="pageNum" id="pb286">[<a href="#pb286">286</a>]</span>„Das Motiv scheint Ihnen zu gefallen,“ sagte der Maler und holte ein drittes Bild -herauf, „es trifft sich gut, daß ich noch ein ähnliches Bild hier habe.“ Es war aber -nicht ähnlich, es war vielmehr die völlig gleiche alte Heidelandschaft. Der Maler -nutzte diese Gelegenheit, alte Bilder zu verkaufen, gut aus. „Ich nehme auch dieses -noch,“ sagte K. „Wieviel kosten die drei Bilder?“ „Darüber werden wir nächstens sprechen,“ -sagte der Maler. „Sie haben jetzt Eile und wir bleiben doch in Verbindung. Im übrigen -freut es mich, daß Ihnen die Bilder gefallen, ich werde Ihnen alle Bilder mitgeben, -die ich hier unten habe. Es sind lauter Heidelandschaften, ich habe schon viele Heidelandschaften -gemalt. Manche Leute weisen solche Bilder ab, weil sie zu düster sind, andere aber, -und Sie gehören zu ihnen, lieben gerade das Düstere.“ Aber K. hatte jetzt keinen Sinn -für die beruflichen Erfahrungen des Bettelmalers. „Packen Sie alle Bilder ein,“ rief -er, dem Maler in die Rede fallend, „morgen kommt mein Diener und wird sie holen.“ -„Es ist nicht nötig,“ sagte der Maler. „Ich hoffe, ich werde Ihnen einen Träger verschaffen -können, der gleich mit Ihnen gehen wird.“ Und <span class="pageNum" id="pb287">[<a href="#pb287">287</a>]</span>er beugte sich endlich über das Bett und sperrte die Tür auf, „Steigen Sie ohne Scheu -auf das Bett,“ sagte der Maler, „das tut jeder, der hier hereinkommt.“ K. hätte auch -ohne diese Aufforderung keine Rücksicht genommen, er hatte sogar schon einen Fuß mitten -auf das Federbett gesetzt, da sah er durch die offene Tür hinaus und zog den Fuß wieder -zurück. „Was ist das?“ fragte er den Maler. „Worüber staunen Sie?“ fragte dieser, -seinerseits staunend. „Es sind die Gerichtskanzleien. Wußten Sie nicht, daß hier Gerichtskanzleien -sind? Gerichtskanzleien sind doch fast auf jedem Dachboden, warum sollten sie gerade -hier fehlen? Auch mein Atelier gehört eigentlich zu den Gerichtskanzleien, das Gericht -hat es mir aber zur Verfügung gestellt.“ K. erschrak nicht so sehr darüber, daß er -auch hier Gerichtskanzleien gefunden hatte, er erschrak hauptsächlich über sich, über -seine Unwissenheit in Gerichtssachen. Als eine Grundregel für das Verhalten eines -Angeklagten erschien es ihm, immer vorbereitet zu sein, sich niemals überraschen lassen, -nicht ahnungslos nach rechts zu schauen, wenn links der Richter neben ihm stand — -und gerade gegen diese Grundregel verstieß <span class="pageNum" id="pb288">[<a href="#pb288">288</a>]</span>er immer wieder. Vor ihm dehnte sich ein langer Gang, aus dem eine Luft wehte, mit -der verglichen die Luft im Atelier erfrischend war. Bänke waren zu beiden Seiten des -Ganges aufgestellt, genau so wie im Wartezimmer der Kanzlei, die für K. zuständig -war. Es schienen genaue Vorschriften für die Einrichtung von Kanzleien zu bestehn. -Augenblicklich war der Parteienverkehr hier nicht sehr groß. Ein Mann saß dort halb -liegend, das Gesicht hatte er auf der Bank in seine Arme vergraben und schien zu schlafen; -ein anderer stand im Halbdunkel am Ende des Ganges. K. stieg nun über das Bett, der -Maler folgte ihm mit den Bildern. Sie trafen bald einen Gerichtsdiener — K. erkannte -jetzt schon alle Gerichtsdiener an dem Goldknopf, den diese an ihrem Zivilanzug unter -den gewöhnlichen Knöpfen hatten — und der Maler gab ihm den Auftrag, K. mit den Bildern -zu begleiten. K. wankte mehr als er ging, das Taschentuch hielt er an den Mund gedrückt. -Sie waren schon nahe am Ausgang, da stürmten ihnen die Mädchen entgegen, die also -K. auch nicht erspart geblieben waren. Sie hatten offenbar gesehn, daß die zweite -Tür des Ateliers <span class="pageNum" id="pb289">[<a href="#pb289">289</a>]</span>geöffnet worden war und hatten den Umweg gemacht, um von dieser Seite einzudringen. -„Ich kann Sie nicht mehr begleiten,“ rief der Maler lachend unter dem Andrang der -Mädchen. „Auf Wiedersehn. Und überlegen Sie nicht zu lange!“ K. sah sich nicht einmal -nach ihm um. Auf der Gasse nahm er den ersten Wagen, der ihm in den Weg kam. Es lag -ihm daran, den Diener loszuwerden, dessen Goldknopf ihm unaufhörlich in die Augen -stach, wenn er auch sonst wahrscheinlich niemandem auffiel. In seiner Dienstfertigkeit -wollte sich der Diener noch auf den Kutschbock setzen, K. jagte ihn aber herunter. -Mittag war schon längst vorüber, als K. vor der Bank ankam. Er hätte gern die Bilder -im Wagen gelassen, fürchtete aber, bei irgendeiner Gelegenheit genötigt zu werden, -sich dem Maler gegenüber mit ihnen auszuweisen. Er ließ sie daher in das Bureau schaffen -und versperrte sie in die unterste Lade seines Tisches, um sie wenigstens für die -allernächsten Tage vor den Blicken des Direktor-Stellvertreters in Sicherheit zu bringen. -<span class="pageNum" id="pb290">[<a href="#pb290">290</a>]</span></p> -</div> -</div> -<div id="ch8" class="div1 chapter"><span class="pageNum">[<a href="#ch8.toc">Inhalt</a>]</span><div class="divHead"> -<h2 class="label">ACHTES KAPITEL</h2> -<h2 class="main">KAUFMANN BLOCK · KÜNDIGUNG DES ADVOKATEN</h2> -</div> -<div class="divBody"> -<p class="first">Endlich hatte sich K. doch entschlossen, dem Advokaten seine Vertretung zu entziehn. -Zweifel daran, ob es richtig war, so zu handeln, waren zwar nicht auszurotten, aber -die Überzeugung von der Notwendigkeit dessen überwog. Die Entschließung hatte K. an -dem Tage, an dem er zum Advokaten gehen wollte, viel Arbeitskraft entzogen, er arbeitete -besonders langsam, er mußte sehr lange im Bureau bleiben, und es war schon 10 Uhr -vorüber, als er endlich vor der Tür des Advokaten stand. Noch ehe er läutete, überlegte -er, ob es nicht besser wäre, dem Advokaten telephonisch oder brieflich zu kündigen, -die persönliche Unterredung würde gewiß sehr peinlich werden. Trotzdem wollte K. schließlich -nicht auf sie verzichten, bei jeder andern Art der Kündigung <span class="pageNum" id="pb291">[<a href="#pb291">291</a>]</span>würde diese stillschweigend oder mit ein paar förmlichen Worten angenommen werden -und K. würde, wenn nicht etwa Leni einiges erforschen könnte, niemals erfahren, wie -der Advokat die Kündigung aufgenommen hatte und was für Folgen für K. diese Kündigung -nach der nicht unwichtigen Meinung des Advokaten haben könnte. Saß aber der Advokat -K. gegenüber und wurde er von der Kündigung überrascht, so würde K., selbst wenn der -Advokat sich nicht viel entlocken ließ, aus seinem Gesicht und seinem Benehmen alles, -was er wollte, leicht entnehmen können. Es war sogar nicht ausgeschlossen, daß er -überzeugt wurde, daß es doch gut wäre, dem Advokaten die Verteidigung zu überlassen -und daß er dann seine Kündigung zurückzog. -</p> -<p>Das erste Läuten an der Tür des Advokaten war, wie gewöhnlich, zwecklos. „Leni könnte -flinker sein,“ dachte K. Aber es war schon ein Vorteil, wenn sich nicht die andere -Partei einmischte, wie sie es gewöhnlich tat, sei es, daß der Mann im Schlafrock oder -sonst jemand zu belästigen anfing. Während K. zum zweitenmal den Knopf drückte, sah -er nach der andern Tür zurück, <span class="pageNum" id="pb292">[<a href="#pb292">292</a>]</span>diesmal aber blieb auch sie geschlossen. Endlich erschienen an dem Guckfenster der -Tür des Advokaten zwei Augen, es waren aber nicht Lenis Augen. Jemand schloß die Tür -auf, stemmte sich aber vorläufig noch gegen sie, rief in die Wohnung zurück: „Er ist -es,“ und öffnete erst dann vollständig. K. hatte gegen die Tür gedrängt, denn schon -hörte er, wie hinter ihm in der Tür der andern Wohnung der Schlüssel hastig im Schloß -gedreht wurde. Als sich daher die Tür vor ihm endlich öffnete, stürmte er geradezu -ins Vorzimmer und sah noch, wie durch den Gang, der zwischen den Zimmern hindurchführte, -Leni, welcher der Warnungsruf des Türöffners gegolten hatte, im Hemd davonlief. Er -blickte ihr ein Weilchen nach und sah sich dann nach dem Türöffner um. Es war ein -kleiner dürrer Mann mit Vollbart, er hielt eine Kerze in der Hand. „Sie sind hier -angestellt?“ fragte K. „Nein,“ antwortete der Mann, „ich bin hier fremd, der Advokat -ist nur mein Vertreter, ich bin hier wegen einer Rechtsangelegenheit.“ „Ohne Rock?“ -fragte K. und zeigte mit einer Handbewegung auf die mangelhafte Bekleidung des Mannes. -„Ach verzeihen Sie,“ sagte der Mann <span class="pageNum" id="pb293">[<a href="#pb293">293</a>]</span>und beleuchtete sich selbst mit der Kerze, als sähe er selbst zum erstenmal seinen -Zustand. „Leni ist Ihre Geliebte?“ fragte K. kurz. Er hatte die Beine ein wenig gespreizt, -die Hände, in denen er den Hut hielt, hinten verschlungen. Schon durch den Besitz -eines starken Überrocks fühlte er sich dem magern Kleinen sehr überlegen. „O Gott,“ -sagte der und hob die eine Hand in erschrockener Abwehr vor das Gesicht, „nein, nein, -was denken Sie denn?“ „Sie sehn glaubwürdig aus,“ sagte K. lächelnd, „trotzdem — kommen -Sie.“ Er winkte ihm mit dem Hut und ließ ihn vor sich gehn. „Wie heißen Sie denn?“ -fragte K. auf dem Weg. „Block, Kaufmann Block,“ sagte der Kleine und drehte sich bei -dieser Vorstellung nach K. um, stehenbleiben ließ ihn aber K. nicht. „Ist das Ihr -wirklicher Name?“ fragte K. „Gewiß,“ war die Antwort, „warum haben Sie denn Zweifel?“ -„Ich dachte, Sie könnten Grund haben, Ihren Namen zu verschweigen,“ sagte K. Er fühlte -sich so frei, wie man es sonst nur ist, wenn man in der Fremde mit niedrigen Leuten -spricht, alles was einen selbst betrifft, bei sich behält, nur gleichmütig von den -Interessen der andern redet, sie dadurch vor sich <span class="pageNum" id="pb294">[<a href="#pb294">294</a>]</span>selbst erhöht, aber auch nach Belieben fallen lassen kann. Bei der Tür des Arbeitszimmers -des Advokaten blieb K. stehn, öffnete sie und rief dem Kaufmann, der folgsam weitergegangen -war, zu: „Nicht so eilig, leuchten Sie hier.“ K. dachte, Leni könnte sich hier versteckt -haben, er ließ den Kaufmann alle Winkel absuchen, aber das Zimmer war leer. Vor dem -Bild des Richters hielt K. den Kaufmann hinten an den Hosenträgern zurück. „Kennen -Sie den,“ fragte er und zeigte mit dem Zeigefinger in die Höhe. Der Kaufmann hob die -Kerze, sah blinzelnd hinauf und sagte: „Es ist ein Richter.“ „Ein hoher Richter?“ -fragte K. und stellte sich seitlich vor den Kaufmann, um den Eindruck, den das Bild -auf ihn machte, zu beobachten. Der Kaufmann sah bewundernd aufwärts. „Es ist ein hoher -Richter,“ sagte er. „Sie haben keinen großen Einblick,“ sagte K. „Unter den niedrigen -Untersuchungsrichtern ist er der niedrigste.“ „Nun erinnere ich mich,“ sagte der Kaufmann -und senkte die Kerze, „ich habe es auch schon gehört.“ „Aber natürlich,“ rief K., -„ich vergaß ja, natürlich müssen Sie es schon gehört haben.“ „Aber warum denn, warum -denn?“ fragte der Kaufmann, während er <span class="pageNum" id="pb295">[<a href="#pb295">295</a>]</span>sich, von K. mit den Händen angetrieben, zur Tür fortbewegte. Draußen auf dem Gang -sagte K.: „Sie wissen doch, wo sich Leni versteckt hat?“ „Versteckt?“ sagte der Kaufmann, -„nein, sie dürfte aber in der Küche sein und dem Advokaten eine Suppe kochen.“ „Warum -haben Sie das nicht gleich gesagt?“ fragte K. „Ich wollte Sie ja hinführen, Sie haben -mich aber wieder zurückgerufen,“ antwortete der Kaufmann, wie verwirrt durch die widersprechenden -Befehle. „Sie glauben wohl sehr schlau zu sein,“ sagte K., „führen Sie mich also!“ -In der Küche war K. noch nie gewesen, sie war überraschend groß und reich ausgestattet. -Allein der Herd war dreimal so groß wie gewöhnliche Herde, von dem übrigen sah man -keine Einzelheiten, denn die Küche wurde jetzt nur von einer kleinen Lampe beleuchtet, -die beim Eingang hing. Am Herd stand Leni in weißer Schürze wie immer und leerte Eier -in einen Topf aus, der auf einem Spiritusfeuer stand. „Guten Abend, Josef,“ sagte -sie mit einem Seitenblick. „Guten Abend,“ sagte K. und zeigte mit einer Hand auf einen -abseits stehenden Sessel, auf den sich der Kaufmann setzen sollte, was dieser auch -tat. K. aber ging ganz nahe <span class="pageNum" id="pb296">[<a href="#pb296">296</a>]</span>hinter Leni, beugte sich über ihre Schulter und fragte: „Wer ist der Mann?“ Leni umfaßte -K. mit einer Hand, die andere quirlte die Suppe, zog ihn nach vorn zu sich und sagte: -„Es ist ein bedauernswerter Mensch, ein armer Kaufmann, ein gewisser Block. Sieh ihn -nur an.“ Sie blickten beide zurück. Der Kaufmann saß auf dem Sessel, auf den ihn K. -gewiesen hatte, er hatte die Kerze, deren Licht jetzt unnötig war, ausgepustet und -drückte mit den Fingern den Docht, um den Rauch zu verhindern. „Du warst im Hemd,“ -sagte K. und wendete ihren Kopf mit der Hand wieder dem Herd zu. Sie schwieg. „Er -ist dein Geliebter?“ fragte K. Sie wollte nach dem Suppentopf greifen, aber K. nahm -ihre beiden Hände und sagte: „Nun, antworte!“ Sie sagte: „Komm ins Arbeitszimmer, -ich werde dir alles erklären.“ „Nein,“ sagte K., „ich will, daß du es hier erklärst.“ -Sie hing sich an ihn und wollte ihn küssen. K. wehrte sie aber ab und sagte: „Ich -will nicht, daß du mich jetzt küßt.“ „Josef,“ sagte Leni und sah K. bittend und doch -offen in die Augen, „du wirst doch nicht auf Herrn Block eifersüchtig sein.“ „Rudi,“ -sagte sie dann, sich an den Kaufmann wendend, „so hilf mir doch, <span class="pageNum" id="pb297">[<a href="#pb297">297</a>]</span>du siehst, ich werde verdächtigt, laß die Kerze.“ Man hätte denken können, er hätte -nicht achtgegeben, aber er war vollständig eingeweiht. „Ich wüßte auch nicht, warum -Sie eifersüchtig sein sollten,“ sagte er wenig schlagfertig. „Ich weiß es eigentlich -auch nicht,“ sagte K. und sah den Kaufmann lächelnd an. Leni lachte laut, benutzte -die Unaufmerksamkeit K.s, um sich in seinen Arm einzuhängen und flüsterte: „Laß ihn -jetzt, du siehst ja, was für ein Mensch er ist. Ich habe mich seiner ein wenig angenommen, -weil er eine große Kundschaft des Advokaten ist, aus keinem andern Grunde. Und du? -Willst du noch heute mit dem Advokaten sprechen? Er ist heute sehr krank, aber wenn -du willst, melde ich dich doch an. Über Nacht bleibst du aber bei mir ganz gewiß. -Du warst auch schon so lange nicht bei uns, selbst der Advokat hat nach dir gefragt. -Vernachlässige den Prozeß nicht! Auch ich habe dir verschiedenes mitzuteilen, was -ich erfahren habe. Nun aber zieh fürs erste deinen Mantel aus!“ Sie half ihm ihn ausziehn, -nahm ihm den Hut ab, lief mit den Sachen ins Vorzimmer, sie anzuhängen, lief dann -wieder zurück und sah nach der Suppe. „Soll ich <span class="pageNum" id="pb298">[<a href="#pb298">298</a>]</span>zuerst dich anmelden oder ihm zuerst die Suppe bringen.“ „Melde mich zuerst an,“ sagte -K. Er war ärgerlich, er hatte ursprünglich beabsichtigt, mit Leni seine Angelegenheit, -insbesondere die fragliche Kündigung, genau zu besprechen, die Anwesenheit des Kaufmanns -hatte ihm aber die Lust dazu genommen. Jetzt aber hielt er seine Sache doch für zu -wichtig, als daß dieser kleine Kaufmann vielleicht entscheidend eingreifen sollte -und so rief er Leni, die schon auf dem Gang war, wieder zurück. „Bring ihm doch zuerst -die Suppe,“ sagte er, „er soll sich für die Unterredung mit mir stärken, er wird es -nötig haben.“ „Sie sind auch ein Klient des Advokaten,“ sagte wie zur Feststellung -der Kaufmann leise aus seiner Ecke. Es wurde aber nicht gut aufgenommen. „Was kümmert -Sie denn das?“ sagte K. und Leni sagte: „Wirst du still sein.“ „Dann bringe ich ihm -also zuerst die Suppe,“ sagte Leni zu K. und goß die Suppe auf einen Teller. „Es ist -dann nur zu befürchten, daß er bald einschläft, nach dem Essen schläft er bald ein.“ -„Das, was ich ihm sagen werde, wird ihn wacherhalten,“ sagte K., er wollte immerfort -durchblicken lassen, daß er etwas Wichtiges <span class="pageNum" id="pb299">[<a href="#pb299">299</a>]</span>mit dem Advokaten zu verhandeln beabsichtige, er wollte von Leni gefragt werden, was -es sei, und dann erst sie um Rat fragen. Aber sie erfüllte pünktlich bloß die ausgesprochenen -Befehle. Als sie mit der Tasse an ihm vorüberging, stieß sie absichtlich sanft an -ihn und flüsterte: „Bis er die Suppe gegessen hat, melde ich dich gleich an, damit -ich dich möglichst bald wieder bekomme.“ „Geh nur,“ sagte K., „geh nur.“ „Sei doch -freundlicher,“ sagte sie und drehte sich in der Tür mit der Tasse nochmals ganz um. -</p> -<p>K. sah ihr nach; nun war es endgültig beschlossen, daß der Advokat entlassen würde, -es war wohl auch besser, daß er vorher mit Leni nicht mehr darüber sprechen konnte; -sie hatte kaum den genügenden Überblick über das Ganze, hätte gewiß abgeraten, hätte -möglicherweise K. auch wirklich von der Kündigung diesmal abgehalten, er wäre weiterhin -in Zweifel und Unruhe geblieben und schließlich hätte er nach einiger Zeit seinen -Entschluß doch ausgeführt, denn dieser Entschluß war allzu zwingend. Je früher er -aber ausgeführt wurde, desto mehr Schaden wurde abgehalten. Vielleicht wußte übrigens -der Kaufmann etwas darüber zu sagen. -<span class="pageNum" id="pb300">[<a href="#pb300">300</a>]</span></p> -<p>K. wandte sich um; kaum bemerkte das der Kaufmann, als er sofort aufstehen wollte. -„Bleiben Sie sitzen,“ sagte K. und zog einen Sessel neben ihn. „Sind Sie schon ein -alter Klient des Advokaten?“ fragte K. „Ja,“ sagte der Kaufmann, „ein sehr alter Klient.“ -„Wieviel Jahre vertritt er Sie denn schon?“ fragte K. „Ich weiß nicht, wie Sie es -meinen,“ sagte der Kaufmann, „in geschäftlichen Rechtsangelegenheiten — ich habe ein -Getreidegeschäft — vertritt mich der Advokat schon seitdem ich das Geschäft übernommen -habe, also etwa seit 20 Jahren, in meinem eigenen Prozeß, auf den Sie wahrscheinlich -anspielen, vertritt er mich auch seit Beginn, es ist schon länger als 5 Jahre. Ja, -weit über 5 Jahre,“ fügte er dann hinzu und zog eine alte Brieftasche hervor, „hier -habe ich alles aufgeschrieben; wenn Sie wollen, sage ich Ihnen die genauen Daten. -Es ist schwer, alles zu behalten. Mein Prozeß dauert wahrscheinlich schon viel länger, -er begann kurz nach dem Tod meiner Frau und das ist schon länger als 5½ Jahre.“ K. -rückte näher zu ihm. „Der Advokat übernimmt also auch gewöhnliche Rechtssachen?“ fragte -er. Diese Verbindung der Geschäfte und <span class="pageNum" id="pb301">[<a href="#pb301">301</a>]</span>Rechtswissenschaften schien K. ungemein beruhigend. „Gewiß,“ sagte der Kaufmann und -flüsterte dann K. zu: „Man sagt sogar, daß er in diesen Rechtssachen tüchtiger ist, -als in den andern.“ Aber dann schien er das Gesagte zu bereuen, er legte K. eine Hand -auf die Schulter und sagte: „Ich bitte Sie sehr, verraten Sie mich nicht.“ K. klopfte -ihm zur Beruhigung auf den Schenkel und sagte: „Nein, ich bin kein Verräter.“ „Er -ist nämlich rachsüchtig,“ sagte der Kaufmann. „Gegen einen so treuen Klienten wird -er gewiß nichts tun,“ sagte K. „O doch,“ sagte der Kaufmann, „wenn er aufgeregt ist, -kennt er keine Unterschiede, übrigens bin ich ihm nicht eigentlich treu.“ „Wieso denn -nicht?“ fragte K. „Soll ich es Ihnen anvertrauen,“ fragte der Kaufmann zweifelnd. -„Ich denke, Sie dürfen es,“ sagte K. „Nun,“ sagte der Kaufmann, „ich werde es Ihnen -zum Teil anvertrauen, Sie müssen mir aber auch ein Geheimnis sagen, damit wir uns -gegenüber dem Advokaten gegenseitig festhalten.“ „Sie sind sehr vorsichtig,“ sagte -K., „aber ich werde Ihnen ein Geheimnis sagen, das Sie vollständig beruhigen wird. -Worin besteht also Ihre Untreue <span class="pageNum" id="pb302">[<a href="#pb302">302</a>]</span>gegenüber dem Advokaten?“ „Ich habe,“ sagte der Kaufmann zögernd und in einem Ton, -als gestehe er etwas Unehrenhaftes ein, „ich habe außer ihm noch andere Advokaten.“ -„Das ist doch nichts so Schlimmes,“ sagte K. ein wenig enttäuscht. „Hier ja,“ sagte -der Kaufmann, der noch seit seinem Geständnis schwer atmete, infolge K.s Bemerkung -aber mehr Vertrauen faßte. „Es ist nicht erlaubt. Und am allerwenigsten ist es erlaubt, -neben einem sogenannten Advokaten auch noch Winkeladvokaten zu nehmen. Und gerade -das habe ich getan, ich habe außer ihm noch fünf Winkeladvokaten.“ „Fünf!“ rief K., -erst die Zahl setzte ihn in Erstaunen, „fünf Advokaten außer diesem?“ Der Kaufmann -nickte: „Ich verhandle gerade noch mit einem sechsten.“ „Aber wozu brauchen Sie denn -so viel Advokaten,“ fragte K. „Ich brauche alle,“ sagte der Kaufmann. „Wollen Sie -mir das nicht erklären?“ fragte K. „Gern,“ sagte der Kaufmann. „Vor allem will ich -doch meinen Prozeß nicht verlieren, das ist doch selbstverständlich. Infolgedessen -darf ich nichts, was mir nützen könnte, außer acht lassen; selbst wenn die Hoffnung -auf Nutzen in einem bestimmten Falle <span class="pageNum" id="pb303">[<a href="#pb303">303</a>]</span>nur ganz gering ist, darf ich sie nicht verwerfen. Ich habe deshalb alles, was ich -besitze, auf den Prozeß verwendet. So habe ich z. B. alles Geld meinem Geschäft entzogen, -früher füllten die Bureauräume meines Geschäfts fast ein Stockwerk, heute genügt eine -kleine Kammer im Hinterhaus, wo ich mit einem Lehrjungen arbeite. Diesen Rückgang -hatte natürlich nicht nur die Entziehung des Geldes verschuldet, sondern mehr noch -die Entziehung meiner Arbeitskraft. Wenn man für seinen Prozeß etwas tun will, kann -man sich mit anderem nur wenig befassen.“ „Sie arbeiten also noch selbst bei Gericht,“ -fragte K. „Gerade darüber möchte ich gern etwas erfahren.“ „Darüber kann ich nur wenig -berichten,“ sagte der Kaufmann, „anfangs habe ich es wohl auch versucht, aber ich -habe bald wieder davon abgelassen. Es ist zu erschöpfend und bringt nicht viel Erfolg. -Selbst dort zu arbeiten und zu unterhandeln hat sich wenigstens für mich als ganz -unmöglich erwiesen. Es ist ja dort schon das bloße Sitzen und Warten eine große Anstrengung. -Sie kennen ja selbst die schwere Luft in den Kanzleien.“ „Wieso wissen Sie denn, daß -ich dort war?“ fragte K. <span class="pageNum" id="pb304">[<a href="#pb304">304</a>]</span>„Ich war gerade im Wartezimmer, als Sie durchgingen.“ „Was für ein Zufall das ist!“ -rief K. ganz hingenommen und die frühere Lächerlichkeit des Kaufmanns ganz vergessend, -„Sie haben mich also gesehn! Sie waren im Wartezimmer, als ich durchging. Ja, ich -bin dort einmal durchgegangen.“ „Es ist kein so großer Zufall,“ sagte der Kaufmann, -„ich bin dort fast jeden Tag.“ „Ich werde nun wahrscheinlich auch öfters hingehn müssen,“ -sagte K., „nur werde ich wohl kaum mehr so ehrenvoll aufgenommen werden wie damals. -Alle standen auf. Man dachte wohl, ich sei ein Richter.“ „Nein,“ sagte der Kaufmann, -„wir grüßten damals den Gerichtsdiener. Daß Sie ein Angeklagter sind, das wußten wir. -Solche Nachrichten verbreiten sich sehr rasch.“ „Das wußten Sie also schon,“ sagte -K., „dann erschien Ihnen aber mein Benehmen vielleicht hochmütig. Sprach man sich -nicht darüber aus?“ „Nein,“ sagte der Kaufmann, „im Gegenteil. Aber das sind Dummheiten.“ -„Was für Dummheiten denn?“ fragte K. „Warum fragen Sie danach?“ sagte der Kaufmann -ärgerlich. „Sie scheinen die Leute dort noch nicht zu kennen und werden es vielleicht -unrichtig auffassen. Sie müssen <span class="pageNum" id="pb305">[<a href="#pb305">305</a>]</span>bedenken, daß in diesem Verfahren immer wieder viele Dinge zur Sprache kommen, für -die der Verstand nicht mehr ausreicht, man ist einfach zu müde und abgelenkt für vieles -und zum Ersatz verlegt man sich auf den Aberglauben. Ich rede von den andern, bin -aber selbst gar nicht besser. Ein solcher Aberglaube ist es z. B., daß viele aus dem -Gesicht des Angeklagten, insbesondere aus der Zeichnung der Lippen den Ausgang des -Prozesses erkennen wollen. Diese Leute also haben behauptet, Sie würden, nach Ihren -Lippen zu schließen, gewiß und bald verurteilt werden. Ich wiederhole, es ist ein -lächerlicher Aberglaube und in den meisten Fällen durch die Tatsachen auch vollständig -widerlegt, aber wenn man in jener Gesellschaft lebt, ist es schwer, sich solchen Meinungen -zu entziehen. Denken Sie nur, wie stark dieser Aberglaube wirken kann. Sie haben doch -einen dort angesprochen, nicht? Er konnte Ihnen aber kaum antworten. Es gibt natürlich -viele Gründe, um dort verwirrt zu sein, aber einer davon war auch der Anblick Ihrer -Lippen. Er hat später erzählt, er hätte auf Ihren Lippen auch das Zeichen seiner eigenen -Verurteilung <span class="pageNum" id="pb306">[<a href="#pb306">306</a>]</span>zu sehen geglaubt.“ „Meine Lippen?“ fragte K., zog einen Taschenspiegel hervor und -sah sich an. „Ich kann an meinen Lippen nichts Besonderes erkennen. Und Sie?“ „Ich -auch nicht,“ sagte der Kaufmann, „ganz und gar nicht.“ „Wie abergläubisch diese Leute -sind,“ rief K. aus. „Sagte ich es nicht?“ fragte der Kaufmann. „Verkehren sie denn -so viel untereinander und tauschen sie ihre Meinungen aus?“ sagte K. „Ich habe mich -bisher ganz abseits gehalten.“ „Im allgemeinen verkehren sie nicht miteinander,“ sagte -der Kaufmann, „das wäre nicht möglich, es sind ja so viele. Es gibt auch wenig gemeinsame -Interessen. Wenn manchmal in einer Gruppe der Glaube an ein gemeinsames Interesse -auftaucht, so erweist er sich bald als ein Irrtum. Gemeinsam läßt sich gegen das Gericht -nichts durchsetzen. Jeder Fall wird für sich untersucht, es ist ja das sorgfältigste -Gericht. Gemeinsam kann man also nichts durchsetzen, nur ein einzelner erreicht manchmal -etwas im Geheimen; erst wenn es erreicht ist, erfahren es die andern; keiner weiß, -wie es geschehen ist. Es gibt also keine Gemeinsamkeit, man kommt zwar hie und da -in den Wartezimmern zusammen, aber <span class="pageNum" id="pb307">[<a href="#pb307">307</a>]</span>dort wird wenig besprochen. Die abergläubischen Meinungen bestehen schon seit altersher -und vermehren sich förmlich von selbst.“ „Ich sah die Herren dort im Wartezimmer,“ -sagte K., „ihr Warten kam mir so nutzlos vor.“ „Das Warten ist nicht nutzlos,“ sagte -der Kaufmann, „nutzlos ist nur das selbständige Eingreifen. Ich sagte schon, daß ich -jetzt außer diesem noch fünf Advokaten habe. Man sollte doch glauben — ich selbst -glaubte es zuerst — jetzt könnte ich ihnen die Sache vollständig überlassen. Das wäre -aber ganz falsch. Ich kann sie ihnen weniger überlassen, als wenn ich nur einen hätte. -Sie verstehn das wohl nicht?“ „Nein,“ sagte K. und legte, um den Kaufmann an seinen -allzu schnellen Reden zu hindern, die Hand beruhigend auf seine Hand, „ich möchte -Sie nur bitten, ein wenig langsamer zu reden, es sind doch lauter für mich sehr wichtige -Dinge und ich kann ihnen nicht recht folgen.“ „Gut, daß Sie mich daran erinnern,“ -sagte der Kaufmann, „Sie sind ja ein Neuer, ein Junger. Ihr Prozeß ist ein halbes -Jahr alt, nicht wahr? Ja, ich habe davon gehört. Ein so junger Prozeß! Ich aber habe -diese Dinge schon unzähligemal durchgedacht, sie sind mir das Selbstverständlichste -<span class="pageNum" id="pb308">[<a href="#pb308">308</a>]</span>auf der Welt.“ „Sie sind wohl froh, daß Ihr Prozeß schon so weit fortgeschritten ist?“ -fragte K., er wollte nicht geradezu fragen wie die Angelegenheiten des Kaufmanns stünden. -Er bekam aber auch keine deutliche Antwort. „Ja, ich habe meinen Prozeß fünf Jahre -lang fortgewälzt,“ sagte der Kaufmann und senkte den Kopf, „es ist keine kleine Leistung.“ -Dann schwieg er ein Weilchen. K. horchte, ob Leni nicht schon komme. Einerseits wollte -er nicht, daß sie komme, denn er hatte noch vieles zu fragen und wollte auch nicht -von Leni in diesem vertraulichen Gespräch mit dem Kaufmann angetroffen werden, andererseits -aber ärgerte er sich darüber, daß sie trotz seiner Anwesenheit solange beim Advokaten -blieb, viel länger, als zum Reichen der Suppe nötig war. „Ich erinnere mich noch genau -an diese Zeit,“ begann der Kaufmann wieder und K. war gleich voll Aufmerksamkeit, -„als mein Prozeß etwa so alt war wie jetzt Ihr Prozeß. Ich hatte damals nur diesen -Advokaten, war aber nicht sehr mit ihm zufrieden.“ Hier erfahre ich ja alles, dachte -K. und nickte lebhaft mit dem Kopf, als könne er dadurch den Kaufmann aufmuntern, -alles Wissenswerte zu <span class="pageNum" id="pb309">[<a href="#pb309">309</a>]</span>sagen. „Mein Prozeß,“ fuhr der Kaufmann fort, „kam nicht vorwärts, es fanden zwar -Untersuchungen statt, ich kam auch zu jeder, sammelte Material, erlegte alle meine -Geschäftsbücher bei Gericht, was, wie ich später erfuhr, nicht einmal nötig war, ich -lief immer wieder zum Advokaten, er brachte auch verschiedene Eingaben ein —.“ „Verschiedene -Eingaben?“ fragte K. „Ja, gewiß,“ sagte der Kaufmann. „Das ist mir sehr wichtig,“ -sagte K., „in meinem Fall arbeitet er noch immer an der ersten Eingabe. Er hat noch -nichts getan. Ich sehe jetzt, er vernachlässigt mich schändlich.“ „Daß die Eingabe -noch nicht fertig ist, kann verschiedene berechtigte Gründe haben,“ sagte der Kaufmann. -„Übrigens hatte es sich bei meinen Eingaben später gezeigt, daß sie ganz wertlos waren. -Ich habe sogar eine durch das Entgegenkommen eines Gerichtsbeamten selbst gelesen. -Sie war zwar gelehrt, aber eigentlich inhaltslos. Vor allem sehr viel Latein, das -ich nicht verstehe, dann seitenlange allgemeine Anrufungen des Gerichtes, dann Schmeicheleien -für einzelne bestimmte Beamte, die zwar nicht genannt waren, die aber ein Eingeweihter -jedenfalls erraten mußte, dann Selbstlob <span class="pageNum" id="pb310">[<a href="#pb310">310</a>]</span>des Advokaten, wobei er sich auf geradezu hündische Weise vor dem Gericht demütigte, -und endlich Untersuchungen von Rechtsfällen aus alter Zeit, die dem meinigen ähnlich -sein sollten. Diese Untersuchungen waren allerdings, soweit ich ihnen folgen konnte, -sehr sorgfältig gemacht. Ich will auch mit diesem allen kein Urteil über die Arbeit -des Advokaten abgeben, auch war die Eingabe, die ich gelesen habe, nur eine unter -mehreren, jedenfalls aber, und davon will ich jetzt sprechen, konnte ich damals in -meinem Prozeß keinen Fortschritt sehn.“ „Was für einen Fortschritt wollten Sie denn -sehn?“ fragte K. „Sie fragen ganz vernünftig,“ sagte der Kaufmann lächelnd, „man kann -in diesem Verfahren nur selten Fortschritte sehn. Aber damals wußte ich das nicht. -Ich bin Kaufmann und war es damals noch viel mehr als heute, ich wollte greifbare -Fortschritte haben, das Ganze sollte sich zum Ende neigen oder wenigstens den regelrechten -Aufstieg nehmen. Statt dessen gab es nur Einvernehmungen, die meist den gleichen Inhalt -hatten; die Antworten hatte ich schon bereit wie eine Litanei; mehrmals in der Woche -kamen Gerichtsboten in mein Geschäft, <span class="pageNum" id="pb311">[<a href="#pb311">311</a>]</span>in meine Wohnung oder wo sie mich sonst antreffen konnten, das war natürlich störend -(heute ist es wenigstens in dieser Hinsicht viel besser, der telephonische Anruf stört -mich weniger), auch unter meinen Geschäftsfreunden, insbesondere aber unter meinen -Verwandten, fingen Gerüchte von meinem Prozeß sich zu verbreiten an, Schädigungen -gab es also von allen Seiten, aber nicht das geringste Anzeichen sprach dafür, daß -auch nur die erste Gerichtsverhandlung in der nächsten Zeit stattfinden würde. Ich -ging also zum Advokaten und beklagte mich. Er gab mir zwar lange Erklärungen, lehnte -es aber entschieden ab, etwas in meinem Sinne zu tun, niemand habe Einfluß auf die -Festsetzung der Verhandlung, in einer Eingabe darauf zu dringen — wie ich es verlangte -— sei einfach unerhört und würde mich und ihn verderben. Ich dachte: was dieser Advokat -nicht will oder kann, wird ein anderer wollen und können. Ich sah mich also nach andern -Advokaten um. Ich will es gleich vorwegnehmen: keiner hat die Festsetzung der Hauptverhandlung -verlangt oder durchgesetzt, es ist, allerdings mit einem Vorbehalt, von dem ich noch -sprechen werde, wirklich <span class="pageNum" id="pb312">[<a href="#pb312">312</a>]</span>unmöglich, hinsichtlich dieses Punktes hat mich also dieser Advokat nicht getäuscht; -im übrigen aber hatte ich es nicht zu bedauern, mich noch an andere Advokaten gewendet -zu haben. Sie dürften wohl von Dr. Huld auch schon manches über die Winkeladvokaten -gehört haben, er hat sie Ihnen wahrscheinlich als sehr verächtlich dargestellt und -das sind sie wirklich. Allerdings unterläuft ihm immer, wenn er von ihnen spricht -und sich und seine Kollegen zu ihnen in Vergleich setzt, ein kleiner Fehler, auf den -ich Sie ganz nebenbei auch aufmerksam machen will. Er nennt dann immer die Advokaten -seines Kreises zur Unterscheidung die „großen Advokaten“. Das ist falsch, es kann -sich natürlich jeder „groß“ nennen, wenn es ihm beliebt, in diesem Fall aber entscheidet -doch nur der Gerichtsgebrauch. Nach diesem gibt es nämlich außer den Winkeladvokaten -noch kleine und große Advokaten. Dieser Advokat und seine Kollegen sind jedoch nur -die kleinen Advokaten, die großen Advokaten aber, von denen ich nur gehört und die -ich nie gesehn habe, stehen im Rang unvergleichlich höher über den kleinen Advokaten, -als diese über den verachteten Winkeladvokaten.“ <span class="pageNum" id="pb313">[<a href="#pb313">313</a>]</span>„Die großen Advokaten?“ fragte K. „Wer sind denn die? Wie kommt man zu ihnen?“ „Sie -haben also noch nie von ihnen gehört,“ sagte der Kaufmann. „Es gibt kaum einen Angeklagten, -der nicht, nachdem er von ihnen erfahren hat, eine Zeit lang von ihnen träumen würde. -Lassen Sie sich lieber nicht dazu verführen. Wer die großen Advokaten sind, weiß ich -nicht, und zu ihnen kommen kann man wohl gar nicht. Ich kenne keinen Fall, von dem -sich mit Bestimmtheit sagen ließe, daß sie eingegriffen hätten. Manchen verteidigen -sie, aber durch eigenen Willen kann man das nicht erreichen, sie verteidigen nur den, -den sie verteidigen wollen. Die Sache, deren sie sich annehmen, muß aber wohl über -das niedrige Gericht schon hinausgekommen sein. Im übrigen ist es besser, nicht an -sie zu denken, denn sonst kommen einem die Besprechungen mit den andern Advokaten, -deren Ratschläge und deren Hilfeleistungen so widerlich und nutzlos vor, ich habe -es selbst erfahren, daß man am liebsten alles wegwerfen, sich zu Hause ins Bett legen -und von nichts mehr hören wollte. Das wäre aber natürlich wieder das Dümmste, auch -hätte man im Bett nicht lange <span class="pageNum" id="pb314">[<a href="#pb314">314</a>]</span>Ruhe.“ „Sie dachten damals also nicht an die großen Advokaten?“ fragte K. „Nicht lange,“ -sagte der Kaufmann und lächelte wieder, „vollständig vergessen kann man sie leider -nicht, besonders die Nacht ist solchen Gedanken günstig. Aber damals wollte ich ja -sofortige Erfolge, ich ging daher zu den Winkeladvokaten.“ -</p> -<p>„Wie Ihr hier beieinander sitzt,“ rief Leni, die mit der Tasse zurückgekommen war -und in der Tür stehenblieb. Sie saßen wirklich eng beisammen, bei der kleinsten Wendung -mußten sie mit den Köpfen aneinanderstoßen, der Kaufmann, der abgesehen von seiner -Kleinheit auch noch den Rücken gekrümmt hielt, hatte K. gezwungen, sich auch tief -zu bücken, wenn er alles hören wollte. „Noch ein Weilchen,“ rief K. Leni abwehrend -zu und zuckte ungeduldig mit der Hand, die er noch immer auf des Kaufmanns Hand liegen -hatte. „Er wollte, daß ich ihm von meinem Prozeß erzähle,“ sagte der Kaufmann zu Leni. -„Erzähle nur, erzähle,“ sagte diese. Sie sprach mit dem Kaufmann liebevoll, aber doch -auch herablassend. K. gefiel das nicht; wie er jetzt erkannt hatte, hatte der Mann -doch einen gewissen Wert, zunächst <span class="pageNum" id="pb315">[<a href="#pb315">315</a>]</span>hatte er Erfahrungen, die er gut mitzuteilen verstand. Leni beurteilte ihn wahrscheinlich -unrichtig. Er sah ärgerlich zu, als Leni jetzt dem Kaufmann die Kerze, die er die -ganze Zeit über festgehalten hatte, abnahm, ihm die Hand mit ihrer Schürze abwischte -und dann neben ihm niederkniete, um etwas Wachs wegzukratzen, das von der Kerze auf -seine Hose getropft war. „Sie wollten mir von den Winkeladvokaten erzählen,“ sagte -K. und schob ohne eine weitere Bemerkung Lenis Hand weg. „Was willst du denn?“ fragte -Leni, schlug leicht nach K. und setzte ihre Arbeit fort. „Ja, von den Winkeladvokaten,“ -sagte der Kaufmann und fuhr sich über die Stirn, als denke er nach. K. wollte ihm -nachhelfen und sagte: „Sie wollten sofortige Erfolge haben und gingen deshalb zu den -Winkeladvokaten.“ „Ganz richtig,“ sagte der Kaufmann, setzte aber nicht fort. „Er -will vielleicht vor Leni nicht davon sprechen,“ dachte K., bezwang seine Ungeduld, -das Weitere gleich jetzt zu hören und drang nun nicht mehr weiter in ihn. -</p> -<p>„Hast du mich angemeldet?“ fragte er Leni. „Natürlich,“ sagte diese, „er wartet auf -dich. Laß’ <span class="pageNum" id="pb316">[<a href="#pb316">316</a>]</span>jetzt Block, mit Block kannst du auch später reden, er bleibt doch hier.“ K. zögerte -noch. „Sie bleiben hier?“ fragte er den Kaufmann, er wollte seine eigene Antwort, -er wollte nicht, daß Leni vom Kaufmann wie von einem Abwesenden sprach, er war heute -gegen Leni voll geheimen Ärgers. Und wieder antwortete nur Leni: „Er schläft hier -öfters.“ „Schläft hier?“ rief K., er hatte gedacht, der Kaufmann werde hier nur auf -ihn warten, während er die Unterredung mit dem Advokaten rasch erledigen würde, dann -aber würden sie gemeinsam fortgehn und alles gründlich und ungestört besprechen. „Ja,“ -sagte Leni, „nicht jeder wird wie du, Josef, zu beliebiger Stunde beim Advokaten vorgelassen. -Du scheinst dich ja gar nicht darüber zu wundern, daß dich der Advokat trotz seiner -Krankheit noch um 11 Uhr nachts empfängt. Du nimmst das, was deine Freunde für dich -tun, doch als gar zu selbstverständlich an. Nun, deine Freunde oder zunächst ich, -tun es gerne. Ich will keinen andern Dank und brauche auch keinen andern, als daß -du mich lieb hast.“ „Dich liebhaben?“ dachte K. im ersten Augenblick, erst dann ging -es ihm durch den Kopf: „Nun ja, ich habe sie lieb.“ Trotzdem sagte <span class="pageNum" id="pb317">[<a href="#pb317">317</a>]</span>er, alles andere vernachlässigend: „Er empfängt mich, weil ich sein Klient bin. Wenn -auch dafür noch fremde Hilfe nötig wäre, müßte man bei jedem Schritt immer gleichzeitig -betteln und danken.“ „Wie schlimm er heute ist, nicht?“ fragte Leni den Kaufmann. -„Jetzt bin ich der Abwesende,“ dachte K. und wurde fast sogar auf den Kaufmann böse, -als dieser die Unhöflichkeit Lenis übernehmend sagte: „Der Advokat empfängt ihn auch -noch aus andern Gründen. Sein Fall ist nämlich interessanter als der meine. Außerdem -aber ist sein Prozeß in den Anfängen, also wahrscheinlich noch nicht sehr verfahren, -da beschäftigt sich der Advokat noch gern mit ihm. Später wird das anders werden.“ -„Ja, ja,“ sagte Leni und sah den Kaufmann lachend an, „wie er schwatzt! Ihm darfst -du nämlich,“ hierbei wandte sie sich an K., „gar nichts glauben. So lieb er ist, so -geschwätzig ist er. Vielleicht mag ihn der Advokat auch deshalb nicht leiden. Jedenfalls -empfängt er ihn nur, wenn er in Laune ist. Ich habe mir schon viel Mühe gegeben, das -zu ändern, aber es ist unmöglich. Denke nur, manchmal melde ich Block an, er empfängt -ihn aber erst am dritten Tag nachher. Ist Block <span class="pageNum" id="pb318">[<a href="#pb318">318</a>]</span>aber zu der Zeit, wenn er vorgerufen wird, nicht zur Stelle, so ist alles verloren -und er muß von neuem angemeldet werden. Deshalb habe ich Block erlaubt, hier zu schlafen, -es ist ja schon vorgekommen, daß er in der Nacht um ihn geläutet hat. Jetzt ist also -Block auch in der Nacht bereit. Allerdings geschieht es jetzt wieder, daß der Advokat, -wenn sich zeigt, daß Block da ist, seinen Auftrag, ihn vorzulassen, manchmal widerruft.“ -K. sah fragend zum Kaufmann hin. Dieser nickte und sagte, so offen wie er früher mit -K. gesprochen hatte, vielleicht war er zerstreut vor Beschämung: „Ja, man wird später -sehr abhängig von seinem Advokaten.“ „Er klagt ja nur zum Schein,“ sagte Leni. „Er -schläft hier sehr gern, wie er mir schon oft gestanden hat.“ Sie ging zu einer kleinen -Tür und stieß sie auf. „Willst du sein Schlafzimmer sehn?“ fragte sie K., ging hin -und sah von der Schwelle aus in den niedrigen fensterlosen Raum, der von einem schmalen -Bett vollständig ausgefüllt war. In dieses Bett mußte man über den Bettpfosten steigen. -Am Kopfende des Bettes war eine Vertiefung in der Mauer, dort standen peinlich geordnet -eine Kerze, Tintenfaß und Feder, sowie <span class="pageNum" id="pb319">[<a href="#pb319">319</a>]</span>ein Bündel Papiere, wahrscheinlich Prozeßschriften. „Sie schlafen im Dienstmädchenzimmer?“ -fragte K. und wendete sich zum Kaufmann zurück. „Leni hat es mir eingeräumt,“ antwortete -der Kaufmann, „es ist sehr vorteilhaft.“ K. sah ihn lange an; der erste Eindruck, -den er von dem Kaufmann erhalten hatte, war vielleicht doch der richtige gewesen; -Erfahrungen hatte er, denn sein Prozeß dauerte schon lange, aber er hatte diese Erfahrungen -teuer bezahlt. Plötzlich ertrug K. den Anblick des Kaufmanns nicht mehr. „Bring ihn -doch ins Bett,“ rief er Leni zu, die ihn gar nicht zu verstehen schien. Er selbst -aber wollte zum Advokaten gehn und durch die Kündigung sich nicht nur vom Advokaten, -sondern auch von Leni und dem Kaufmann befreien. Aber noch ehe er zur Tür gekommen -war, sprach ihn der Kaufmann mit leiser Stimme an: „Herr Prokurist,“ K. wandte sich -mit bösem Gesichte um. „Sie haben Ihr Versprechen vergessen,“ sagte der Kaufmann und -streckte sich von seinem Sitz aus bittend K. entgegen. „Sie wollten mir auch ein Geheimnis -sagen.<span class="corr" id="xd31e1076" title="Nicht in der Quelle">“</span> „Wahrhaftig,“ sagte K. und streifte auch Leni, die ihn aufmerksam ansah mit einem -Blick, „also hören <span class="pageNum" id="pb320">[<a href="#pb320">320</a>]</span>Sie: es ist allerdings fast kein Geheimnis mehr. Ich gehe jetzt zum Advokaten, um -ihn zu entlassen.“ „Er entläßt ihn,“ rief der Kaufmann, sprang vom Sessel und lief -mit erhobenen Armen in der Küche umher. Immer wieder rief er: „Er entläßt den Advokaten.“ -Leni wollte gleich auf K. losfahren, aber der Kaufmann kam ihr in den Weg, wofür sie -ihm mit den Fäusten einen Hieb gab. Noch mit den zu Fäusten geballten Händen lief -sie dann hinter K., der aber einen großen Vorsprung hatte. Er war schon in das Zimmer -des Advokaten eingetreten, als ihn Leni einholte. Die Tür hatte er hinter sich fest -geschlossen, aber Leni, die mit dem Fuß den Türflügel offenhielt, faßte ihn beim Arm -und wollte ihn zurückziehen. Aber er drückte ihr Handgelenk so stark, daß sie ihn -unter einem Seufzer loslassen mußte. Ins Zimmer einzutreten wagte sie nicht gleich, -K. aber versperrte die Tür mit dem Schlüssel. -</p> -<p>„Ich warte schon sehr lange auf Sie,“ sagte der Advokat vom Bett aus, legte ein Schriftstück, -das er beim Licht einer Kerze gelesen hatte, auf das Nachttischchen und setzte sich -eine Brille auf, mit der er K. scharf ansah. Statt sich zu entschuldigen, <span class="pageNum" id="pb321">[<a href="#pb321">321</a>]</span>sagte K.: „Ich gehe bald wieder weg.“ Der Advokat hatte K.s Bemerkung, weil sie keine -Entschuldigung war, unbeachtet gelassen und sagte: „Ich werde Sie nächstens zu dieser -späten Stunde nicht mehr vorlassen.“ „Das kommt meinem Anliegen entgegen,“ sagte K. -Der Advokat sah ihn fragend an. „Setzen Sie sich,“ sagte er. „Weil Sie es wünschen“, -sagte K., zog einen Sessel zum Nachttischchen und setzte sich. „Es schien mir, daß -Sie die Tür abgesperrt haben,“ sagte der Advokat. „Ja,“ sagte K., „es war Lenis wegen.“ -Er hatte nicht die Absicht, irgend jemanden zu schonen. Aber der Advokat fragte: „War -sie wieder zudringlich?“ „Zudringlich?“ fragte K. „Ja,“ sagte der Advokat, er lachte -dabei, bekam einen Hustenanfall und begann, nachdem dieser vergangen war, wieder zu -lachen. „Sie haben doch wohl ihre Zudringlichkeit schon bemerkt,“ fragte er und klopfte -K. auf die Hand, die dieser zerstreut auf das Nachttischchen gestützt hatte und die -er jetzt rasch zurückzog. „Sie legen dem nicht viel Bedeutung bei,“ sagte der Advokat, -als K. schwieg, „desto besser. Sonst hätte ich mich vielleicht bei Ihnen entschuldigen -müssen. Es ist eine <span class="pageNum" id="pb322">[<a href="#pb322">322</a>]</span>Sonderbarkeit Lenis, die ich ihr übrigens längst verziehen habe und von der ich auch -nicht reden würde, wenn Sie nicht eben jetzt die Tür abgesperrt hätten. Diese Sonderbarkeit, -Ihnen allerdings müßte ich sie wohl am wenigstens erklären, aber Sie sehen mich so -bestürzt an und deshalb tue ich es, diese Sonderbarkeit besteht darin, daß Leni die -meisten Angeklagten schön findet. Sie hängt sich an alle, liebt alle, scheint allerdings -auch von allen geliebt zu werden; um mich zu unterhalten, erzählt sie mir dann, wenn -ich es erlaube, manchmal davon. Ich bin über das Ganze nicht so erstaunt wie Sie es -zu sein scheinen. Wenn man den richtigen Blick dafür hat, findet man die Angeklagten -wirklich oft schön. Das allerdings ist eine merkwürdige, gewissermaßen naturwissenschaftliche -Erscheinung. Es tritt natürlich als Folge der Anklage nicht etwa eine deutliche, genau -zu bestimmende Veränderung des Aussehens ein. Es ist doch nicht wie in andern Gerichtssachen, -die meisten bleiben in ihrer gewöhnlichen Lebensweise und werden, wenn sie einen guten -Advokaten haben, der für sie sorgt, durch den Prozeß nicht sehr behindert. Trotzdem -sind diejenigen, <span class="pageNum" id="pb323">[<a href="#pb323">323</a>]</span>welche darin Erfahrung haben, imstande, aus der größten Menge die Angeklagten Mann -für Mann zu erkennen. Woran? werden Sie fragen. Meine Antwort wird Sie nicht befriedigen. -Die Angeklagten sind eben die Schönsten. Es kann nicht die Schuld sein, die sie schön -macht, denn — so muß wenigstens ich als Advokat sprechen — es sind doch nicht alle -schuldig, es kann auch nicht die richtige Strafe sein, die sie jetzt schon schön macht, -denn es werden doch nicht alle bestraft, es kann also nur an dem gegen sie erhobenen -Verfahren liegen, das ihnen irgendwie anhaftet. Allerdings gibt es unter den Schönen -auch besonders Schöne. Schön sind aber alle, selbst Block, dieser elende Wurm.“ -</p> -<p>K. war, als der Advokat geendet hatte, vollständig gefaßt, er hatte sogar zu den letzten -Worten auffallend genickt und sich so selbst die Bestätigung seiner alten Ansicht -gegeben, nach welcher der Advokat ihn immer und so auch diesmal durch allgemeine Mitteilungen, -die nicht zur Sache gehörten, zu zerstreuen und von der Hauptfrage, was er an tatsächlicher -Arbeit für K.s Sache getan hatte, abzulenken suchte. Der Advokat merkte <span class="pageNum" id="pb324">[<a href="#pb324">324</a>]</span>wohl, daß ihm K. diesmal mehr Widerstand leistete als sonst, denn er verstummte jetzt, -um K. die Möglichkeit zu geben, selbst zu sprechen, und fragte dann, da K. stumm blieb: -„Sind Sie heute mit einer bestimmten Absicht zu mir gekommen?“ „Ja,“ sagte K. und -blendete mit der Hand ein wenig die Kerze ab, um den Advokaten besser zu sehn, „ich -wollte Ihnen sagen, daß ich Ihnen mit dem heutigen Tage meine Vertretung entziehe.“ -„Verstehe ich Sie recht,“ fragte der Advokat, erhob sich halb im Bett und stützte -sich mit einer Hand auf die Kissen. „Ich nehme es an,“ sagte K., der straff aufgerichtet -wie auf der Lauer dasaß. „Nun, wir können ja auch diesen Plan besprechen,“ sagte der -Advokat nach einem Weilchen. „Es ist kein Plan mehr,“ sagte K. „Mag sein,“ sagte der -Advokat, „wir wollen aber trotzdem nichts übereilen.“ Er gebrauchte das Wort „wir“, -als habe er nicht die Absicht, K. freizulassen und als wolle er, wenn er schon nicht -sein Vertreter sein dürfe, wenigstens sein Berater bleiben. „Es ist nicht übereilt,“ -sagte K., stand langsam auf und trat hinter seinen Sessel, „es ist gut überlegt und -vielleicht sogar zu lange. Der Entschluß ist endgültig.“ <span class="pageNum" id="pb325">[<a href="#pb325">325</a>]</span>„Dann erlauben Sie mir nur noch einige Worte,“ sagte der Advokat, hob das Federbett -weg und setzte sich auf den Bettrand. Seine nackten weißhaarigen Beine zitterten vor -Kälte. Er bat K., ihm vom Kanapee eine Decke zu reichen. K. holte die Decke und sagte: -„Sie setzen sich ganz unnötig einer Verkühlung aus.“ „Der Anlaß ist wichtig genug,“ -sagte der Advokat, während er den Oberkörper mit dem Federbett umhüllte und dann die -Beine in die Decke einwickelte. „Ihr Onkel ist mein Freund und auch Sie sind mir im -Laufe der Zeit lieb geworden. Ich gestehe das offen ein. Ich brauche mich dessen nicht -zu schämen.“ Diese rührseligen Reden des alten Mannes waren K. sehr unwillkommen, -denn sie zwangen ihn zu einer ausführlicheren Erklärung, die er gern vermieden hätte, -und sie beirrten ihn außerdem, wie er sich offen eingestand, wenn sie allerdings auch -seinen Entschluß niemals rückgängig machen konnten. „Ich danke Ihnen für Ihre freundliche -Gesinnung,“ sagte er, „ich erkenne auch an, daß Sie sich meiner Sache so sehr angenommen -haben, wie es Ihnen möglich ist und wie es Ihnen für mich vorteilhaft scheint. Ich -jedoch habe in der letzten Zeit die <span class="pageNum" id="pb326">[<a href="#pb326">326</a>]</span>Überzeugung gewonnen, daß das nicht genügend ist. Ich werde natürlich niemals versuchen, -Sie, einen so viel älteren und erfahreneren Mann von meiner Ansicht überzeugen zu -wollen; wenn ich es manchmal unwillkürlich versucht habe, so verzeihen Sie mir, die -Sache aber ist, wie Sie sich selbst ausdrückten, wichtig genug, und es ist meiner -Überzeugung nach notwendig, viel kräftiger in den Prozeß einzugreifen, als es bisher -geschehen ist.“ „Ich verstehe Sie,“ sagte der Advokat, „Sie sind ungeduldig.“ „Ich -bin nicht ungeduldig,“ sagte K. ein wenig gereizt und achtete nicht mehr so viel auf -seine Worte. „Sie dürften bei meinem ersten Besuch, als ich mit meinem Onkel zu Ihnen -kam, bemerkt haben, daß mir an dem Prozeß nicht viel lag; wenn man mich nicht gewissermaßen -gewaltsam an ihn erinnerte, vergaß ich ihn vollständig. Aber mein Onkel bestand darauf, -daß ich Ihnen meine Vertretung übergebe, ich tat es, um ihm gefällig zu sein. Und -nun hätte man doch erwarten sollen, daß mir der Prozeß noch leichter fallen würde -als bis dahin, denn man übergibt doch dem Advokaten die Vertretung, um die Last des -Prozesses ein wenig von sich abzuwälzen. Es <span class="pageNum" id="pb327">[<a href="#pb327">327</a>]</span>geschah aber das Gegenteil. Niemals früher hatte ich so große Sorgen wegen des Prozesses -wie seit der Zeit, seitdem Sie mich vertreten. Als ich allein war, unternahm ich nichts -in meiner Sache, aber ich fühlte es kaum, jetzt dagegen hatte ich einen Vertreter, -alles war dafür eingerichtet, daß etwas geschehe, unaufhörlich und immer gespannter -erwartete ich Ihr Eingreifen, aber es blieb aus. Ich bekam von Ihnen allerdings verschiedene -Mitteilungen über das Gericht, die ich vielleicht von niemandem sonst hätte bekommen -können. Aber das kann mir nicht genügen, wenn mir jetzt der Prozeß förmlich im Geheimen -immer näher an den Leib rückt.“ K. hatte den Sessel von sich gestoßen und stand, die -Hände in den Rocktaschen, aufrecht da. „Von einem gewissen Zeitpunkt der Praxis an,“ -sagte der Advokat leise und ruhig, „ereignet sich nichts wesentlich Neues mehr. Wie -viele Parteien sind in ähnlichen Stadien der Prozesse ähnlich wie Sie vor mir gestanden -und haben ähnlich gesprochen.“ „Dann haben,“ sagte K., „alle diese ähnlichen Parteien -ebenso recht gehabt wie ich. Das widerlegt mich gar nicht.“ „Ich wollte Sie damit -nicht widerlegen,“ sagte der Advokat, <span class="pageNum" id="pb328">[<a href="#pb328">328</a>]</span>„ich wollte aber noch hinzufügen, daß ich bei Ihnen mehr Urteilskraft erwartet hätte -als bei andern, besonders da ich Ihnen mehr Einblick in das Gerichtswesen und in meine -Tätigkeit gegeben habe, als ich es sonst Parteien gegenüber tue. Und nun muß ich sehn, -daß Sie trotz allem nicht genügend Vertrauen zu mir haben. Sie machen es mir nicht -leicht.“ Wie sich der Advokat vor K. demütigte! Ohne jede Rücksicht auf die Standesehre, -die gewiß gerade in diesem Punkte am empfindlichsten ist. Und warum tat er das? Er -war doch dem Anschein nach ein vielbeschäftigter Advokat und überdies ein reicher -Mann, es konnte ihm an und für sich weder an dem Verdienstentgang noch an dem Verlust -eines Klienten viel liegen. Außerdem war er kränklich und hätte selbst darauf bedacht -sein sollen, daß ihm Arbeit abgenommen werde. Und trotzdem hielt er K. so fest! Warum? -War es persönliche Anteilnahme für den Onkel oder sah er K.s Prozeß wirklich für so -außerordentlich an und hoffte sich darin auszuzeichnen entweder für K. oder — diese -Möglichkeit war eben niemals auszuschließen — für die Freunde beim Gericht? An ihm -selbst war nichts <span class="pageNum" id="pb329">[<a href="#pb329">329</a>]</span>zu erkennen, so rücksichtslos prüfend ihn auch K. ansah. Man hätte fast annehmen können, -er warte mit absichtlich verschlossener Miene die Wirkung seiner Worte ab. Aber er -deutete offenbar das Schweigen K.s für sich allzu günstig, wenn er jetzt fortfuhr: -„Sie werden bemerkt haben, daß ich zwar eine große Kanzlei habe, aber keine Hilfskräfte -beschäftige. Das war früher anders, es gab eine Zeit, wo einige junge Juristen für -mich arbeiteten, heute arbeite ich allein. Es hängt dies zum Teil mit der Änderung -meiner Praxis zusammen, indem ich mich immer mehr auf Rechtssachen von der Art der -Ihrigen beschränkte, zum Teil mit der immer tiefern Erkenntnis, die ich von diesen -Rechtssachen erhielt. Ich fand, daß ich diese Arbeit niemandem überlassen dürfe, wenn -ich mich nicht an meinen Klienten und an der Aufgabe, die ich übernommen hatte, versündigen -wollte. Der Entschluß aber, alle Arbeit selbst zu leisten, hatte die natürlichen Folgen: -ich mußte fast alle Ansuchen um Vertretungen abweisen und konnte nur denen nachgeben, -die mir besonders nahe gingen — nun, es gibt ja genug Kreaturen, und sogar ganz in -der Nähe, die sich auf jeden Brocken <span class="pageNum" id="pb330">[<a href="#pb330">330</a>]</span>stürzen, den ich wegwerfe. Und außerdem wurde ich vor Überanstrengung krank. Aber -trotzdem bereue ich meinen Entschluß nicht, es ist möglich, daß ich mehr Vertretungen -hätte abweisen sollen, als ich getan habe, daß ich aber den übernommenen Prozessen -mich ganz hingegeben habe, hat sich als unbedingt notwendig herausgestellt und durch -die Erfolge belohnt. Ich habe einmal in einer Schrift den Unterschied sehr schön ausgedrückt -gefunden, der zwischen der Vertretung in gewöhnlichen Rechtssachen und der Vertretung -in diesen Rechtssachen besteht. Es hieß dort: der eine Advokat führt seinen Klienten -an einem Zwirnsfaden bis zum Urteil, der andere aber hebt seinen Klienten gleich auf -die Schultern und trägt ihn, ohne ihn abzusetzen, zum Urteil und noch darüber hinaus. -So ist es. Aber es war nicht ganz richtig, wenn ich sagte, daß ich diese große Arbeit -niemals bereue. Wenn sie, wie in Ihrem Fall, so vollständig verkannt wird, dann, nun -dann bereue ich fast.“ K. wurde durch diese Reden mehr ungeduldig als überzeugt. Er -glaubte irgendwie aus dem Tonfall des Advokaten herauszuhören, was ihn erwartete, -wenn er nachgeben würde, wieder <span class="pageNum" id="pb331">[<a href="#pb331">331</a>]</span>würden die Vertröstungen beginnen, die Hinweise auf die fortschreitende Eingabe, auf -die gebesserte Stimmung der Gerichtsbeamten, aber auch auf die großen Schwierigkeiten, -die sich der Arbeit entgegenstellten, — kurz, alles bis zum Überdruß Bekannte würde -hervorgeholt werden, um K. wieder mit unbestimmten Hoffnungen zu täuschen und mit -unbestimmten Drohungen zu quälen. Das mußte endgültig verhindert werden, er sagte -deshalb: „Was wollen Sie in meiner Sache unternehmen, wenn Sie die Vertretung behalten?“ -Der Advokat fügte sich sogar dieser beleidigenden Frage und antwortete: „In dem, was -ich für Sie bereits unternommen habe, weiter fortfahren.“ „Ich wußte es ja,“ sagte -K., „nun ist aber jedes weitere Wort überflüssig.“ „Ich werde noch einen Versuch machen,“ -sagte der Advokat, als geschehe das, was K. erregte, nicht K. sondern ihm. „Ich habe -nämlich die Vermutung, daß Sie nicht nur zu der falschen Beurteilung meines Rechtsbeistandes, -sondern auch zu Ihrem sonstigen Verhalten, dadurch verleitet werden, daß man Sie, -trotzdem Sie Angeklagter sind, zu gut behandelt oder richtiger ausgedrückt nachlässig, -scheinbar <span class="pageNum" id="pb332">[<a href="#pb332">332</a>]</span>nachlässig behandelt. Auch dieses Letztere hat seinen Grund; es ist oft besser in -Ketten als frei zu sein. Aber ich möchte Ihnen doch zeigen, wie andere Angeklagte -behandelt werden, vielleicht gelingt es Ihnen, daraus eine Lehre zu nehmen. Ich werde -jetzt nämlich Block vorrufen, sperren Sie die Tür auf und setzen Sie sich hier neben -den Nachttisch.“ „Gerne,“ sagte K. und tat, was der Advokat verlangt hatte; zu lernen -war er immer bereit. Um sich aber für jeden Fall zu sichern, fragte er noch: „Sie -haben aber zur Kenntnis genommen, daß ich Ihnen meine Vertretung entziehe?“ „Ja,“ -sagte der Advokat, „Sie können es aber heute noch rückgängig machen.“ Er legte sich -wieder ins Bett zurück, zog das Federbett bis zum Knie und drehte sich der Wand zu. -Dann läutete er. -</p> -<p>Fast gleichzeitig mit dem Glockenzeichen erschien Leni, sie suchte durch rasche Blicke -zu erfahren, was geschehen war; daß K. still beim Bett des Advokaten saß, schien ihr -beruhigend. Sie nickte K., der sie starr ansah, lächelnd zu. „Hole Block,“ sagte der -Advokat. Statt ihn aber zu holen, trat sie nur vor die Tür, rief: „Block! Zum Advokaten!“ -und schlüpfte dann, wahrscheinlich <span class="pageNum" id="pb333">[<a href="#pb333">333</a>]</span>weil der Advokat zur Wand abgekehrt blieb und sich um nichts kümmerte, hinter K.s -Sessel. Sie störte ihn von nun ab, indem sie sich über die Sessellehne vorbeugte oder -mit den Händen, allerdings sehr zart und vorsichtig, durch sein Haar fuhr und über -seine Wangen strich. Schließlich suchte K. sie daran zu hindern, indem er sie bei -einer Hand erfaßte, die sie ihm nach einigem Widerstreben überließ. -</p> -<p>Block war auf den Anruf hin gleich gekommen, blieb aber vor der Tür stehn und schien -zu überlegen, ob er eintreten sollte. Er zog die Augenbrauen hoch und neigte den Kopf, -als horche er, ob sich der Befehl zum Advokaten zu kommen, wiederholen würde. K. hätte -ihn zum Eintreten aufmuntern können, aber er hatte sich vorgenommen, nicht nur mit -dem Advokaten, sondern mit allem, was hier in der Wohnung war, endgültig zu brechen -und verhielt sich deshalb regungslos. Auch Leni schwieg. Block merkte, daß ihn wenigstens -niemand verjage und trat auf den Fußspitzen ein, das Gesicht gespannt, die Hände auf -dem Rücken verkrampft. Die Tür hatte er für einen möglichen Rückzug offengelassen. -K. blickte <span class="pageNum" id="pb334">[<a href="#pb334">334</a>]</span>er gar nicht an, sondern immer nur das hohe Federbett, unter dem der Advokat, da er -sich ganz nahe an die Wand geschoben hatte, nicht einmal zu sehen war. Da hörte man -aber seine Stimme: „Block hier?“ fragte er. Diese Frage gab Block, der schon eine -große Strecke weitergerückt war, förmlich einen Stoß in die Brust und dann einen in -den Rücken, er taumelte, blieb tief gebückt stehn und sagte: „Zu dienen.“ „Was willst -du?“ fragte der Advokat, „du kommst ungelegen.“ „Wurde ich nicht gerufen?“ fragte -Block mehr sich selbst als den Advokaten, hielt die Hände zum Schutze vor und war -bereit wegzulaufen. „Du wurdest gerufen,“ sagte der Advokat, „trotzdem kommst du ungelegen.“ -Und nach einer Pause fügte er hinzu: „Du kommst immer ungelegen.“ Seitdem der Advokat -sprach, sah Block nicht mehr auf das Bett hin, er starrte vielmehr irgendwo in eine -Ecke und lauschte nur, als sei der Seitenblick des Sprechers zu blendend, als daß -er ihn ertragen könnte. Es war aber auch das Zuhören schwer, denn der Advokat sprach -gegen die Wand, und zwar leise und schnell. „Wollt Ihr, daß ich weggehe?“ fragte Block. -„Nun bist du einmal da,“ <span class="pageNum" id="pb335">[<a href="#pb335">335</a>]</span>sagte der Advokat. „Bleib!“ Man hätte glauben können, der Advokat habe nicht Blocks -Wunsch erfüllt, sondern ihm etwa mit Prügeln gedroht, denn jetzt fing Block wirklich -zu zittern an. „Ich war gestern,“ sagte der Advokat, „beim dritten Richter, meinem -Freund, und habe allmählich das Gespräch auf dich gelenkt. Willst du wissen, was er -sagte?“ „O bitte,“ sagte Block. Da der Advokat nicht gleich antwortete, wiederholte -Block nochmals die Bitte und neigte sich, als wolle er niederknien. Da fuhr ihn aber -K. an: „Was tust du?“ rief er. Da ihn Leni an dem Ausruf hatte hindern wollen, faßte -er auch ihre zweite Hand. Es war nicht der Druck der Liebe, mit dem er sie festhielt, -sie seufzte auch öfters und suchte ihm die Hände zu entwinden. Für K.s Ausruf aber -wurde Block gestraft, denn der Advokat fragte ihn: „Wer ist denn dein Advokat?“ „Ihr -seid es,“ sagte Block. „Und außer mir?“ fragte der Advokat. „Niemand außer Euch,“ -sagte Block. „Dann folge auch niemandem sonst,“ sagte der Advokat. Block erkannte -das vollständig an, er maß K. mit bösen Blicken und schüttelte heftig gegen ihn den -Kopf. Hätte man dieses Benehmen in Worte übersetzt, <span class="pageNum" id="pb336">[<a href="#pb336">336</a>]</span>so wären es grobe Beschimpfungen gewesen. Mit diesem Menschen hatte K. freundschaftlich -über seine eigene Sache reden wollen! „Ich werde dich nicht mehr stören,“ sagte K. -in den Sessel zurückgelehnt. „Knie nieder oder krieche auf allen Vieren, tu’ was du -willst, ich werde mich nicht darum kümmern.“ Aber Block hatte doch Ehrgefühl, wenigstens -gegenüber K., denn er ging mit den Fäusten fuchtelnd auf ihn zu, und rief so laut -als er es nur in der Nähe des Advokaten wagte: „Sie dürfen nicht so mit mir reden, -das ist nicht erlaubt. Warum beleidigen Sie mich? Und überdies noch hier vor dem Herrn -Advokaten, wo wir beide, Sie und ich, nur aus Barmherzigkeit geduldet sind? Sie sind -kein besserer Mensch als ich, denn Sie sind auch angeklagt und haben auch einen Prozeß. -Wenn Sie aber trotzdem noch ein Herr sind, dann bin ich ein ebensolcher Herr, wenn -nicht gar ein noch größerer. Und ich will auch als ein solcher angesprochen werden, -gerade von Ihnen. Wenn Sie sich aber dadurch für bevorzugt halten, daß Sie hier sitzen -und ruhig zuhören dürfen, während ich, wie Sie sich ausdrücken, auf allen Vieren krieche, -dann erinnere ich Sie an den alten <span class="pageNum" id="pb337">[<a href="#pb337">337</a>]</span>Rechtsspruch: für den Verdächtigen ist Bewegung besser als Ruhe, denn der, welcher -ruht, kann immer, ohne es zu wissen, auf einer Wagschale sein und mit seinen Sünden -gewogen werden.“ K. sagte nichts, er staunte nur mit unbeweglichen Augen diesen verwirrten -Menschen an. Was für Veränderungen waren mit ihm nur schon in der letzten Stunde vor -sich gegangen! War es der Prozeß, der ihn so hin und her warf und ihn nicht erkennen -ließ, wo Freund und wo Feind war. Sah er denn nicht, daß der Advokat ihn absichtlich -demütigte und diesmal nichts anderes bezweckte, als sich vor K. mit seiner Macht zu -brüsten und sich dadurch vielleicht auch K. zu unterwerfen? Wenn Block aber nicht -fähig war, das zu erkennen oder wenn er den Advokaten so sehr fürchtete, daß ihm jene -Erkenntnis nichts helfen konnte, wie kam es, daß er doch wieder so schlau oder so -kühn war, den Advokaten zu betrügen und ihm zu verschweigen, daß er außer ihm noch -andere Advokaten für sich arbeiten ließ. Und wieso wagte er es, K. anzugreifen, da -dieser doch gleich sein Geheimnis verraten konnte. Aber er wagte noch mehr, er ging -zum Bett des Advokaten und begann sich nun auch <span class="pageNum" id="pb338">[<a href="#pb338">338</a>]</span>dort über K. zu beschweren: „Herr Advokat,“ sagte er, „habt Ihr gehört, wie dieser -Mann mit mir gesprochen hat<span class="corr" id="xd31e1128" title="Quelle: .">?</span> Man kann noch die Stunden seines Prozesses zählen und schon will er mir, einem Mann, -der fünf Jahre im Prozesse steht, gute Lehren geben. Er beschimpft mich sogar. Weiß -nichts und beschimpft mich, der ich, soweit meine schwachen Kräfte reichen, genau -studiert habe, was Anstand, Pflicht und Gerichtsgebrauch verlangt.“ „Kümmere dich -um niemanden,“ sagte der Advokat, „und tue, was dir richtig scheint.“ „Gewiß,“ sagte -Block, als spreche er sich selbst Mut zu, und kniete unter einem kurzen Seitenblick -nun knapp beim Bett nieder. „Ich knie schon, mein Advokat,“ sagte er. Der Advokat -schwieg aber. Block streichelte mit einer Hand vorsichtig das Federbett. In der Stille, -die jetzt herrschte, sagte Leni, indem sie sich von K.s Händen befreite: „Du machst -mir Schmerzen. Laß mich. Ich gehe zu Block.“ Sie ging hin und setzte sich auf den -Bettrand. Block war über ihr Kommen sehr erfreut, er bat sie gleich durch lebhafte, -aber stumme Zeichen, sich beim Advokaten für ihn einzusetzen. Er benötigte offenbar -die Mitteilungen des Advokaten sehr dringend, aber vielleicht <span class="pageNum" id="pb339">[<a href="#pb339">339</a>]</span>nur zu dem Zweck, um sie durch seine übrigen Advokaten ausnützen zu lassen. Leni wußte -wahrscheinlich genau, wie man dem Advokaten beikommen könne, sie zeigte auf die Hand -des Advokaten und spitzte die Lippen wie zum Kuß. Gleich führte Block den Handkuß -aus und wiederholte ihn auf eine Aufforderung Lenis hin noch zweimal. Aber der Advokat -schwieg noch immer. Da beugte sich Leni über den Advokaten hin, der schöne Wuchs ihres -Körpers wurde sichtbar, als sie sich so streckte, und strich tief zu seinem Gesicht -geneigt über sein langes weißes Haar. Das zwang ihm nun doch eine Antwort ab. „Ich -zögere, es ihm mitzuteilen,“ sagte der Advokat und man sah, wie er den Kopf ein wenig -schüttelte, vielleicht um des Drucks von Lenis Hand mehr teilhaftig zu werden. Block -horchte mit gesenktem Kopf, als übertrete er durch dieses Horchen ein Gebot. „Warum -zögerst du denn?“ fragte Leni. K. hatte das Gefühl, als höre er ein einstudiertes -Gespräch, das sich schon oft wiederholt hatte, das sich noch oft wiederholen würde -und das nur für Block seine Neuheit nicht verlieren konnte. „Wie hat er sich heute -verhalten?“ fragte der Advokat, statt zu antworten. <span class="pageNum" id="pb340">[<a href="#pb340">340</a>]</span>Ehe sich Leni darüber äußerte, sah sie zu Block hinunter und beobachtete ein Weilchen, -wie er die Hände ihr entgegenhob und bittend aneinander rieb. Schließlich nickte sie -ernst, wandte sich zum Advokaten und sagte: „Er war ruhig und fleißig.“ Ein alter -Kaufmann, ein Mann mit langem Bart flehte ein junges Mädchen um ein günstiges Zeugnis -an. Mochte er dabei auch Hintergedanken haben, nichts konnte ihn in den Augen eines -Mitmenschen rechtfertigen. Er entwürdigte fast den Zuseher. So wirkte also die Methode -des Advokaten, welcher K. glücklicherweise nicht lange genug ausgesetzt gewesen war, -daß der Klient schließlich die ganze Welt vergaß und nur auf diesem Irrweg zum Ende -des Prozesses sich fortzuschleppen hoffte. Das war kein Klient mehr, das war der Hund -des Advokaten. Hätte ihm dieser befohlen, unter das Bett wie in eine Hundehütte zu -kriechen und von dort aus zu bellen, er hätte es mit Lust getan. Als sei K. beauftragt, -alles was hier gesprochen wurde, genau in sich aufzunehmen, an einem höhern Ort die -Anzeige davon zu erstatten und einen Bericht abzulegen, hörte er prüfend und überlegen -zu. „Was hat er während des ganzen Tags getan?“ <span class="pageNum" id="pb341">[<a href="#pb341">341</a>]</span>fragte der Advokat. „Ich habe ihn,“ sagte Leni, „damit er mich bei der Arbeit nicht -störe, in dem Dienstmädchenzimmer eingesperrt, wo er sich ja gewöhnlich aufhält. Durch -die Lücke konnte ich von Zeit zu Zeit nachsehn, was er machte. Er kniete immer auf -dem Bett, hatte die Schriften, die du ihm geliehen hast, auf dem Fensterbrett aufgeschlagen -und las in ihnen. Das hat einen guten Eindruck auf mich gemacht; das Fenster führt -nämlich nur in einen Luftschacht und gibt fast kein Licht. Daß Block trotzdem las, -zeigte mir, wie folgsam er ist.“ „Es freut mich, das zu hören,“ sagte der Advokat. -„Hat er aber auch mit Verständnis gelesen?“ Block bewegte während dieses Gesprächs -unaufhörlich die Lippen, offenbar formulierte er die Antworten, die er von Leni erhoffte. -„Darauf kann ich natürlich,“ sagte Leni, „nicht mit Bestimmtheit antworten. Jedenfalls -habe ich gesehn, daß er gründlich las. Er hat den ganzen Tag über die gleiche Seite -gelesen und beim Lesen den Finger die Zeilen entlanggeführt. Immer wenn ich zu ihm -hineinsah, hat er geseufzt, als mache ihm das Lesen viel Mühe. Die Schriften, die -du ihm geliehen hast, sind wahrscheinlich schwer verständlich.“ <span class="pageNum" id="pb342">[<a href="#pb342">342</a>]</span>„Ja,“ sagte der Advokat, „das sind sie allerdings. Ich glaube auch nicht, daß er etwas -von ihnen versteht. Sie sollen ihm nur eine Ahnung davon geben, wie schwer der Kampf -ist, den ich zu seiner Verteidigung führe. Und für wen führe ich diesen schweren Kampf? -Für — es ist fast lächerlich es auszusprechen — für Block. Auch was das bedeutet, -soll er begreifen lernen. Hat er ununterbrochen studiert?“ „Fast ununterbrochen,“ -antwortete Leni, „nur einmal hat er mich um Wasser zum Trinken gebeten. Da habe ich -ihm ein Glas durch die Luke gereicht. Um 8 Uhr habe ich ihn dann herausgelassen und -ihm etwas zu essen gegeben.“ Block streifte K. mit einem Seitenblick, als werde hier -Rühmendes von ihm erzählt und müsse auch auf K. Eindruck machen. Er schien jetzt gute -Hoffnungen zu haben, bewegte sich freier und rückte auf den Knien hin und her. Desto -deutlicher war es, wie er unter den folgenden Worten des Advokaten erstarrte. „Du -lobst ihn,“ sagte der Advokat. „Aber gerade das macht es mir schwer, zu reden. Der -Richter hat sich nämlich nicht günstig ausgesprochen, weder über Block selbst noch -über seinen Prozeß.“ „Nicht günstig?“ <span class="pageNum" id="pb343">[<a href="#pb343">343</a>]</span>fragte Leni. „Wie ist das möglich?“ Block sah sie mit einem so gespannten Blick an, -als traue er ihr die Fähigkeit zu, jetzt noch die längst ausgesprochenen Worte des -Richters zu seinen Gunsten zu wenden. „Nicht günstig,“ sagte der Advokat. „Er war -sogar unangenehm berührt, als ich von Block zu sprechen anfing. Reden Sie nicht von -Block, sagte er. Er ist mein Klient, sagte ich. Sie lassen sich mißbrauchen, sagte -er. Ich halte seine Sache nicht für verloren, sagte ich. Sie lassen sich mißbrauchen, -wiederholte er. Ich glaube es nicht, sagte ich. Block ist im Prozeß fleißig und immer -hinter seiner Sache her. Er wohnt fast bei mir, um immer auf dem Laufenden zu sein. -Solchen Eifer findet man nicht immer. Gewiß, er ist persönlich nicht angenehm, hat -häßliche Umgangsformen und ist schmutzig, aber in prozessualer Hinsicht ist er untadelhaft. -Ich sagte untadelhaft, ich übertrieb absichtlich. Darauf sagte er: Block ist bloß -schlau. Er hat viel Erfahrung angesammelt und versteht es, den Prozeß zu verschleppen. -Aber seine Unwissenheit ist noch viel größer als seine Schlauheit. Was würde er wohl -dazu sagen, wenn er erfahren würde, daß sein Prozeß noch gar nicht begonnen <span class="pageNum" id="pb344">[<a href="#pb344">344</a>]</span>hat, wenn man ihm sagen würde, daß noch nicht einmal das Glockenzeichen zum Beginn -des Prozesses gegeben ist. Ruhig, Block,“ sagte der Advokat, denn Block begann sich -gerade auf unsicheren Knien zu erheben und wollte offenbar um Aufklärung bitten. Es -war jetzt das erstemal, daß sich der Advokat mit ausführlicheren Worten geradezu an -Block wendete. Mit müden Augen sah er halb ziellos, halb zu Block hinunter, der unter -diesem Blick wieder langsam in die Knie zurücksank. „Diese Äußerung des Richters hat -für dich gar keine Bedeutung,“ sagte der Advokat. „Erschrick doch nicht bei jedem -Wort. Wenn sich das wiederholt, werde ich dir gar nichts mehr verraten. Man kann keinen -Satz beginnen, ohne daß du einen anschaust, als ob jetzt dein Endurteil käme. Schäme -dich hier vor meinem Klienten! Auch erschütterst du das Vertrauen, <span class="corr" id="xd31e1144" title="Quelle: daß">das</span> er in mich setzt. Was willst du denn? Noch lebst du, noch stehst du unter meinem -Schutz. Sinnlose Angst! Du hast irgendwo gelesen, daß das Endurteil in manchen Fällen -unversehens komme aus beliebigem Munde zu beliebiger Zeit. Mit vielen Vorbehalten -ist das allerdings wahr, ebenso <span class="pageNum" id="pb345">[<a href="#pb345">345</a>]</span>wahr aber ist es, daß mich deine Angst anwidert und daß ich darin einen Mangel des -notwendigen Vertrauens sehe. Was habe ich denn gesagt? Ich habe die Äußerung eines -Richters wiedergegeben. Du weißt, die verschiedenen Ansichten häufen sich um das Verfahren -bis zur Undurchdringlichkeit. Dieser Richter z. B. nimmt den Anfang des Verfahrens -zu einem andern Zeitpunkt an als ich. Ein Meinungsunterschied, nichts weiter. In einem -gewissen Stadium des Prozesses wird nach altem Brauch ein Glockenzeichen gegeben. -Nach der Ansicht dieses Richters beginnt damit der Prozeß. Ich kann dir jetzt nicht -alles sagen, was dagegen spricht, du würdest es auch nicht verstehn, es genüge dir, -daß viel dagegen spricht.“ Verlegen fuhr Block unten mit den Fingern durch das Fell -des Bettvorlegers, die Angst wegen des Ausspruchs des Richters ließ ihn zeitweise -die eigene Untertänigkeit gegenüber dem Advokaten vergessen, er dachte dann nur an -sich und drehte die Worte des Richters nach allen Seiten. „Block,“ sagte Leni in warnendem -Ton und zog ihn am Rockkragen ein wenig in die Höhe. „Laß jetzt das Fell und höre -dem Advokaten zu.“ K. begriff <span class="pageNum" id="pb346">[<a href="#pb346">346</a>]</span>nicht, wie der Advokat daran hatte denken können, durch diese Vorführung ihn zu gewinnen. -Hätte er ihn nicht schon früher verjagt, er hätte es durch diese Szene erreicht. -<span class="pageNum" id="pb347">[<a href="#pb347">347</a>]</span></p> -</div> -</div> -<div id="ch9" class="div1 chapter"><span class="pageNum">[<a href="#ch9.toc">Inhalt</a>]</span><div class="divHead"> -<h2 class="label">NEUNTES KAPITEL</h2> -<h2 class="main">IM DOM</h2> -</div> -<div class="divBody"> -<p class="first">K. bekam den Auftrag, einem italienischen Geschäftsfreund der Bank, der für sie sehr -wichtig war und sich zum erstenmal in dieser Stadt aufhielt, einige Kunstdenkmäler -zu zeigen. Es war ein Auftrag, den er zu anderer Zeit gewiß für ehrend gehalten hätte, -den er aber jetzt, da er nur mit großer Anstrengung sein Ansehn in der Bank noch wahren -konnte, widerwillig übernahm. Jede Stunde, die er dem Bureau entzogen wurde, machte -ihm Kummer; er konnte zwar die Bureauzeit bei weitem nicht mehr so ausnutzen wie früher, -er brachte manche Stunden nur unter dem notdürftigsten Anschein wirklicher Arbeit -hin, aber desto größer waren seine Sorgen, wenn er nicht im Bureau war. Er glaubte -dann zu sehn, wie der Direktor-Stellvertreter, der ja immer auf der Lauer gewesen -war, von Zeit zu Zeit in sein Bureau kam, <span class="pageNum" id="pb348">[<a href="#pb348">348</a>]</span>sich an seinen Schreibtisch setzte, seine Schriftstücke durchsuchte, Parteien, mit -denen K. seit Jahren fast befreundet gewesen war, empfing und ihm abspenstig machte, -ja vielleicht sogar Fehler aufdeckte, von denen sich K. während der Arbeit jetzt immer -aus tausend Richtungen bedroht sah und die er nicht mehr vermeiden konnte. Wurde er -daher einmal, sei es in noch so auszeichnender Weise, zu einem Geschäftsweg oder gar -zu einer kleinen Reise beauftragt — solche Aufträge hatten sich in der letzten Zeit -ganz zufällig gehäuft — dann lag immerhin die Vermutung nahe, daß man ihn für ein -Weilchen aus dem Bureau entfernen und seine Arbeit überprüfen wolle oder wenigstens, -daß man ihn im Bureau für leicht entbehrlich halte. Die meisten dieser Aufträge hätte -er ohne Schwierigkeit ablehnen können, aber er wagte es nicht, denn, wenn seine Befürchtung -auch nur im geringsten begründet war, bedeutete die Ablehnung des Auftrags Geständnis -seiner Angst. Aus diesem Grunde nahm er solche Aufträge scheinbar gleichmütig hin -und verschwieg sogar, als er eine anstrengende zweitägige Geschäftsreise machen sollte, -eine ernstliche Verkühlung, um sich nur nicht der <span class="pageNum" id="pb349">[<a href="#pb349">349</a>]</span>Gefahr auszusetzen, mit Berufung auf das gerade herrschende regnerische Herbstwetter -von der Reise abgehalten zu werden. Als er von dieser Reise mit wütenden Kopfschmerzen -zurückkehrte, erfuhr er, daß er dazu bestimmt sei, am nächsten Tag den italienischen -Geschäftsfreund zu begleiten. Die Verlockung, sich wenigstens dieses eine Mal zu weigern, -war sehr groß, vor allem war das, was man ihm hier zugedacht hatte, keine unmittelbar -mit dem Geschäft zusammenhängende Arbeit, aber die Erfüllung dieser gesellschaftlichen -Pflicht gegenüber dem Geschäftsfreund war an sich zweifellos wichtig genug, nur nicht -für K., der wohl wußte, daß er sich nur durch Arbeitserfolge erhalten könne, und daß -es, wenn ihm das nicht gelingen würde, vollständig wertlos war, wenn er diesen Italiener -unerwarteterweise sogar bezaubern sollte; er wollte nicht einmal für einen Tag aus -dem Bereich der Arbeit geschoben werden, denn die Furcht, nicht mehr zurückgelassen -zu werden, war zu groß, eine Furcht, die er sehr genau als übertrieben erkannte, die -ihn aber doch beengte. In diesem Fall allerdings war es fast unmöglich, einen annehmbaren -Einwand zu erfinden, <span class="pageNum" id="pb350">[<a href="#pb350">350</a>]</span>K.s Kenntnis des Italienischen war zwar nicht sehr groß, aber immerhin genügend; das -Entscheidende aber war, daß K. aus früherer Zeit einige künstlerische Kenntnisse besaß, -was in äußerst übertriebener Weise dadurch in der Bank bekannt geworden war, daß K. -eine Zeit lang übrigens auch nur aus geschäftlichen Gründen Mitglied des Vereins zur -Erhaltung der städtischen Kunstdenkmäler gewesen war. Nun war aber der Italiener, -wie man gerüchtweise erfahren hatte, ein Kunstliebhaber und die Wahl K.s zu seinem -Begleiter war daher selbstverständlich. -</p> -<p>Es war ein sehr regnerischer stürmischer Morgen, als K. voll Ärger über den Tag, der -ihm bevorstand, schon um 7 Uhr ins Bureau kam, um wenigstens einige Arbeit noch fertigzubringen, -ehe der Besuch ihn allem entziehen würde. Er war sehr müde, denn er hatte die halbe -Nacht mit dem Studium einer italienischen Grammatik verbracht, um sich ein wenig vorzubereiten, -das Fenster, an dem er in der letzten Zeit viel zu oft zu sitzen pflegte, lockte ihn -mehr als der Schreibtisch, aber er widerstand und setzte sich zur Arbeit. Leider trat -gerade der Diener ein und meldete, der Herr <span class="pageNum" id="pb351">[<a href="#pb351">351</a>]</span>Direktor habe ihn geschickt, um nachzusehn, ob der Herr Prokurist schon hier sei; -sei er hier, dann möge er so freundlich sein und ins Empfangszimmer hinüberkommen, -der Herr aus Italien sei schon da. „Ich komme schon,“ sagte K., steckte ein kleines -Wörterbuch in die Tasche, nahm ein Album der städtischen Sehenswürdigkeiten, das er -für den Fremden vorbereitet hatte, unter den Arm, und ging durch das Bureau des Direktor-Stellvertreters -in das Direktionszimmer. Er war glücklich darüber, so früh ins Bureau gekommen zu -sein und sofort zur Verfügung stehn zu können, was wohl niemand ernstlich erwartet -hatte. Das Bureau des Direktor-Stellvertreters war natürlich noch leer wie in tiefer -Nacht, wahrscheinlich hatte der Diener auch ihn ins Empfangszimmer berufen sollen, -es war aber erfolglos gewesen. Als K. ins Empfangszimmer eintrat, erhoben sich die -zwei Herren aus den tiefen Fauteuils. Der Direktor lächelte freundlich, offenbar war -er sehr erfreut über K.s Kommen, er besorgte sofort die Vorstellung, der Italiener -schüttelte K. kräftig die Hand und nannte lachend irgend jemanden einen Frühaufsteher, -K. verstand <span class="pageNum" id="pb352">[<a href="#pb352">352</a>]</span>nicht genau wen er meinte, es war überdies ein sonderbares Wort, dessen Sinn K. erst -nach einem Weilchen erriet. Er antwortete mit einigen glatten Sätzen, die der Italiener -wieder lachend hinnahm, wobei er mehrmals mit nervöser Hand über seinen graublauen -buschigen Schnurrbart fuhr. Dieser Bart war offenbar parfümiert, man war fast versucht, -sich zu nähern und zu riechen. Als sich alle gesetzt hatten und ein kleines einleitendes -Gespräch begann, bemerkte K. mit großem Unbehagen, daß er den Italiener nur bruchstückweise -verstand. Wenn er ganz ruhig sprach, verstand er ihn fast vollständig, das waren aber -nur seltene Ausnahmen, meistens quoll ihm die Rede aus dem Mund, er schüttelte den -Kopf wie vor Lust darüber. Bei solchen Reden aber verwickelte er sich regelmäßig in -irgendeinen Dialekt, der für K. nichts Italienisches mehr hatte, den aber der Direktor -nicht nur verstand, sondern auch sprach, was K. allerdings hätte voraussehn können, -denn der Italiener stammte aus Süditalien, wo auch der Direktor einige Jahre gewesen -war. Jedenfalls erkannte K., daß ihm die Möglichkeit, sich mit dem Italiener zu verständigen, -zum größten Teil genommen <span class="pageNum" id="pb353">[<a href="#pb353">353</a>]</span>war, denn auch dessen Französisch war nur schwer verständlich, auch verdeckte der -Bart die Lippenbewegungen, deren Anblick vielleicht zum Verständnis geholfen hätte. -K. begann viel Unannehmlichkeiten vorauszusehn, vorläufig gab er es auf, den Italiener -verstehn zu wollen — in der Gegenwart des Direktors, der ihn so leicht verstand, wäre -es unnötige Anstrengung gewesen — und er beschränkte sich darauf, ihn verdrießlich -zu beobachten, wie er tief und doch leicht in dem Fauteuil ruhte, wie er öfters an -seinem kurzen, scharf geschnittenen Röckchen zupfte und wie er einmal mit erhobenen -Armen und lose in den Gelenken bewegten Händen irgend etwas darzustellen versuchte, -das K. nicht begreifen konnte, trotzdem er vorgebeugt die Hände nicht aus den Augen -ließ. Schließlich machte sich bei K., der sonst unbeschäftigt, nur mechanisch mit -den Blicken dem Hin und Her der Reden folgte, die frühere Müdigkeit geltend und er -ertappte sich einmal zu seinem Schrecken glücklicherweise noch rechtzeitig darauf, -daß er in der Zerstreutheit gerade hatte aufstehn, sich umdrehn und weggehn wollen. -Endlich sah der Italiener auf die Uhr und sprang <span class="pageNum" id="pb354">[<a href="#pb354">354</a>]</span>auf. Nachdem er sich vom Direktor verabschiedet hatte, drängte er sich an K. und zwar -so dicht, daß K. sein Fauteuil zurückschieben mußte, um sich bewegen zu können. Der -Direktor, der gewiß an K.s Augen die Not erkannte, in der er sich gegenüber diesem -Italienisch befand, mischte sich in das Gespräch und zwar so klug und so zart, daß -es den Anschein hatte, als füge er nur kleine Ratschläge bei, während er in Wirklichkeit -alles, was der Italiener, unermüdlich ihm in die Rede fallend, vorbrachte, in aller -Kürze K. verständlich machte. K. erfuhr von ihm, daß der Italiener vorläufig noch -einige Geschäfte zu besorgen habe, daß er leider auch im Ganzen nur wenig Zeit haben -werde, daß er auch keinesfalls beabsichtige, in Eile alle Sehenswürdigkeiten abzulaufen, -daß er sich vielmehr — allerdings nur wenn K. zustimme, bei ihm allein liege die Entscheidung -— entschlossen habe, nur den Dom, diesen aber gründlich, zu besichtigen. Er freue -sich ungemein, diese Besichtigung in Begleitung eines so gelehrten und liebenswürdigen -Mannes — damit war K. gemeint, der mit nichts anderem beschäftigt war, als den Italiener -zu überhören und die Worte des Direktors schnell <span class="pageNum" id="pb355">[<a href="#pb355">355</a>]</span>aufzufassen — vornehmen zu können und er bitte ihn, wenn ihm die Stunde gelegen sei, -in zwei Stunden, etwa um 10 Uhr, sich im Dom einzufinden. Er selbst hoffe, um diese -Zeit schon bestimmt dort sein zu können. K. antwortete einiges Entsprechende, der -Italiener drückte zuerst dem Direktor, dann K., dann nochmals dem Direktor die Hand -und ging, von beiden gefolgt, nur noch halb ihnen zugewendet, im Reden aber noch immer -nicht aussetzend, zur Tür. K. blieb dann noch ein Weilchen mit dem Direktor beisammen, -der heute besonders leidend aussah. Er glaubte sich bei K. irgendwie entschuldigen -zu müssen und sagte — sie standen vertraulich nahe beisammen — zuerst hätte er beabsichtigt, -selbst mit dem Italiener zu gehn, dann aber — er gab keinen nähern Grund an — habe -er sich entschlossen, lieber K. zu schicken. Wenn er den Italiener nicht gleich im -Anfang verstehe, so müsse er sich dadurch nicht verblüffen lassen, das Verständnis -komme sehr rasch, und wenn er auch viel überhaupt nicht verstehen sollte, so sei es -auch nicht so schlimm, denn für den Italiener sei es nicht gar so wichtig, verstanden -zu werden. Übrigens sei K.s Italienisch überraschend gut und <span class="pageNum" id="pb356">[<a href="#pb356">356</a>]</span>er werde sich gewiß ausgezeichnet mit der Sache abfinden. Damit war K. verabschiedet. -Die Zeit, die ihm noch freiblieb, verbrachte er damit, seltene Vokabeln, die er zur -Führung im Dom benötigte, aus dem Wörterbuch herauszuschreiben. Es war eine äußerst -lästige Arbeit, Diener brachten die Post, Beamte kamen mit verschiedenen Anfragen -und blieben, da sie K. beschäftigt sahen, bei der Tür stehn, rührten sich aber nicht -weg, bis sie K. angehört hatte, der Direktor-Stellvertreter ließ es sich nicht entgehn, -K. zu stören, kam öfters herein, nahm ihm das Wörterbuch aus der Hand und blätterte -offenbar ganz sinnlos darin, selbst Parteien tauchten, wenn sich die Tür öffnete, -im Halbdunkel des Vorzimmers auf und verbeugten sich zögernd, sie wollten auf sich -aufmerksam machen, waren aber dessen nicht sicher, ob sie gesehen wurden — das alles -bewegte sich um K. als um seinen Mittelpunkt, während er selbst die Wörter, die er -brauchte, zusammenstellte, dann im Wörterbuch suchte, dann herausschrieb, dann sich -in ihrer Aussprache übte und schließlich auswendig zu lernen versuchte. Sein früheres -gutes Gedächtnis schien ihn aber ganz verlassen zu haben, manchmal <span class="pageNum" id="pb357">[<a href="#pb357">357</a>]</span>wurde er auf den Italiener, der ihm diese Anstrengung verursachte, so wütend, daß -er das Wörterbuch unter Papieren vergrub mit der festen Absicht, sich nicht mehr vorzubereiten, -dann aber sah er ein, daß er doch nicht stumm mit dem Italiener vor den Kunstwerken -im Dom auf und ab gehen könne und er zog mit noch größerer Wut das Wörterbuch wieder -hervor. -</p> -<p>Gerade um ½10 Uhr, als er weggehn wollte, erfolgte ein telephonischer Anruf, Leni -wünschte ihm guten Morgen und fragte nach seinem Befinden, K. dankte eilig und bemerkte, -er könne sich jetzt unmöglich in ein Gespräch einlassen, denn er müsse in den Dom. -„In den Dom?“ fragte Leni. „Nun ja, in den Dom.“ „Warum denn in den Dom?“ sagte Leni. -K. suchte es ihr in Kürze zu erklären, aber kaum hatte er damit angefangen, sagte -Leni plötzlich: „Sie hetzen dich.“ Bedauern, das er nicht herausgefordert und nicht -erwartet hatte, vertrug K. nicht, er verabschiedete sich mit zwei Worten, sagte aber -doch, während er den Hörer an seinen Platz hängte, halb zu sich, halb zu dem fernen -Mädchen, das es nicht mehr hörte: „Ja, sie hetzen mich.“ -<span class="pageNum" id="pb358">[<a href="#pb358">358</a>]</span></p> -<p>Nun war es aber schon spät, es bestand schon fast die Gefahr, daß er nicht rechtzeitig -ankam. Im Automobil fuhr er hin, im letzten Augenblick hatte er sich noch an das Album -erinnert, das er früh zu übergeben keine Gelegenheit gefunden hatte und das er deshalb -jetzt mitnahm. Er hielt es auf seinen Knien und trommelte während der ganzen Fahrt -unruhig darauf. Der Regen war schwächer geworden, aber es war feucht, kühl und dunkel, -man würde im Dom wenig sehn, wohl aber würde sich dort, infolge des langen Stehns -auf den kalten Fließen, K.s Verkühlung sehr verschlimmern. -</p> -<p>Der Domplatz war ganz leer, K. erinnerte sich, daß es ihm schon als kleinem Kind aufgefallen -war, daß in den Häusern dieses engen Platzes immer fast alle Fenstervorhänge herabgelassen -waren. Bei dem heutigen Wetter war es allerdings verständlicher als sonst. Auch im -Dom schien es leer zu sein, es fiel natürlich niemandem ein, jetzt hierherzukommen. -K. durchlief beide Seitenschiffe, er traf nur ein altes Weib, das eingehüllt in ein -warmes Tuch vor einem Marienbild kniete und es anblickte. Von weitem sah er dann noch -einen hinkenden <span class="pageNum" id="pb359">[<a href="#pb359">359</a>]</span>Diener in einer Mauertür verschwinden. K. war pünktlich gekommen, gerade bei seinem -Eintritt hatte es 10 geschlagen, der Italiener war aber noch nicht hier. K. ging zum -Haupteingang zurück, stand dort eine Zeit lang unentschlossen und machte dann im Regen -einen Rundgang um den Dom, um nachzusehn, ob der Italiener nicht vielleicht bei irgendeinem -Seiteneingang warte. Er war nirgends zu finden. Sollte der Direktor etwa die Zeitangabe -mißverstanden haben? Wie konnte man auch diesen Menschen richtig verstehn. Wie es -aber auch sein mochte, jedenfalls mußte K. zunächst eine halbe Stunde auf ihn warten. -Da er müde war, wollte er sich setzen, er ging wieder in den Dom, fand auf einer Stufe -einen kleinen teppichartigen Fetzen, zog ihn mit der Fußspitze vor eine nahe Bank, -wickelte sich fester in seinen Mantel, schlug den Kragen in die Höhe und setzte sich. -Um sich zu zerstreuen, schlug er das Album auf, blätterte darin ein wenig, mußte aber -bald aufhören, denn es wurde so dunkel, daß er, als er aufblickte, in dem nahen Seitenschiff -kaum eine Einzelheit unterscheiden konnte. -</p> -<p>In der Ferne funkelte auf dem Hauptaltar ein <span class="pageNum" id="pb360">[<a href="#pb360">360</a>]</span>großes Dreieck von Kerzenlichtern, K. hätte nicht mit Bestimmtheit sagen können, ob -er sie schon früher gesehen hatte. Vielleicht waren sie erst jetzt angezündet worden. -Die Kirchendiener sind berufsmäßige Schleicher, man bemerkt sie nicht. Als sich K. -zufällig umdrehte, sah er nicht weit hinter sich eine hohe starke an einer Säule befestigte -Kerze gleichfalls brennen. So schön das war, zur Beleuchtung der Altarbilder, die -meistens in der Finsternis der Seitenaltäre hingen, war es gänzlich unzureichend, -es vermehrte vielmehr die Finsternis. Es war vom Italiener ebenso vernünftig als unhöflich -gehandelt, daß er nicht gekommen war, es wäre nichts zu sehen gewesen, man hätte sich -damit begnügen müssen, mit K.s elektrischer Taschenlampe einige Bilder zollweise abzusuchen. -Um zu versuchen, was man davon erwarten könnte, ging K. zu einer nahen kleinen Seitenkapelle, -stieg ein paar Stufen bis zu einer niedrigen Marmorbrüstung, und über sie vorgebeugt -beleuchtete er mit der Lampe das Altarbild. Störend schwebte das ewige Licht davor. -Das Erste, was K. sah und zum Teil erriet, war ein großer gepanzerter Ritter, der -am äußersten Rande des Bildes <span class="pageNum" id="pb361">[<a href="#pb361">361</a>]</span>dargestellt war. Er stützte sich auf sein Schwert, das er in den kahlen Boden vor -sich — nur einige Grashalme kamen hier und da hervor — gestoßen hatte. Er schien aufmerksam -einen Vorgang zu beobachten, der sich vor ihm abspielte. Es war erstaunlich, daß er -so stehenblieb und sich nicht näherte. Vielleicht war er dazu bestimmt, Wache zu stehen. -K., der schon lange keine Bilder gesehen hatte, betrachtete den Ritter längere Zeit, -trotzdem er immerfort mit den Augen zwinkern mußte, da er das grüne Licht der Lampe -nicht vertrug. Als er dann das Licht über den übrigen Teil des Bildes streichen ließ, -fand er eine Grablegung Christi in gewöhnlicher Auffassung, es war übrigens ein neueres -Bild. Er steckte die Lampe ein und kehrte wieder zu seinem Platz zurück. -</p> -<p>Es war nun schon wahrscheinlich unnötig, auf den Italiener zu warten, draußen war -aber gewiß strömender Regen, und da es hier nicht so kalt war, wie K. erwartet hatte, -beschloß er vorläufig hierzubleiben. In seiner Nachbarschaft war die große Kanzel, -auf ihrem kleinen runden Dach waren halb liegend zwei leere goldene Kreuze angebracht, -die sich mit ihrer äußersten Spitze überquerten. <span class="pageNum" id="pb362">[<a href="#pb362">362</a>]</span>Die Außenwand der Brüstung und der Übergang zur tragenden Säule war von grünem Laubwerk -gebildet, in das kleine Engel griffen, bald lebhaft, bald ruhend. K. trat vor die -Kanzel und untersuchte sie von allen Seiten, die Bearbeitung des Steines war überaus -sorgfältig, das tiefe Dunkel zwischen dem Laubwerk und hinter ihm schien wie eingefangen -und festgehalten, K. legte seine Hand in eine solche Lücke und tastete dann den Stein -vorsichtig ab, von dem Dasein dieser Kanzel hatte er bisher gar nicht gewußt. Da bemerkte -er zufällig hinter der nächsten Bankreihe einen Kirchendiener, der dort in einem hängenden -faltigen schwarzen Rock stand, in der linken Hand eine Schnupftabakdose hielt und -ihn betrachtete. „Was will denn der Mann?“ dachte K. „Bin ich ihm verdächtig? Will -er ein Trinkgeld?“ Als sich aber nun der Kirchendiener von K. bemerkt sah, zeigte -er mit der Rechten, zwischen zwei Fingern hielt er noch eine Prise Tabak, in irgendeine -unbestimmte Richtung. Sein Benehmen war fast unverständlich, K. wartete noch ein Weilchen, -aber der Kirchendiener hörte nicht auf mit der Hand etwas zu zeigen und bekräftigte -<span class="pageNum" id="pb363">[<a href="#pb363">363</a>]</span>es noch durch Kopfnicken. „Was will er denn?“ fragte K. leise, er wagte es nicht, -hier zu rufen; dann aber zog er die Geldtasche und drängte sich durch die nächste -Bank, um zu dem Mann zu kommen. Doch dieser machte sofort eine abwehrende Bewegung -mit der Hand, zuckte die Schultern und hinkte davon. Mit einer ähnlichen Gangart, -wie es dieses eilige Hinken war, hatte K. als Kind das Reiten auf Pferden nachzuahmen -versucht. „Ein kindischer Alter,“ dachte K., „sein Verstand reicht nur noch zum Kirchendienst -aus. Wie er stehnbleibt, wenn ich stehe, und wie er lauert, ob ich weitergehen will.“ -Lächelnd folgte K. dem Alten durch das ganze Seitenschiff fast bis zur Höhe des Hauptaltars, -der Alte hörte nicht auf, etwas zu zeigen, aber K. drehte sich absichtlich nicht um, -das Zeigen hatte keinen andern Zweck, als ihn von der Spur des Alten abzubringen. -Schließlich ließ er wirklich von ihm, er wollte ihn nicht zu sehr ängstigen, auch -wollte er die Erscheinung, für den Fall, daß der Italiener doch noch kommen sollte, -nicht ganz verscheuchen. -</p> -<p>Als er in das Hauptschiff trat, um seinen Platz <span class="pageNum" id="pb364">[<a href="#pb364">364</a>]</span>zu suchen, auf dem er das Album liegengelassen hatte, bemerkte er an einer Säule fast -angrenzend an die Bänke des Altarchors eine kleine Nebenkanzel, ganz einfach, aus -kahlem, bleichem Stein. Sie war so klein, daß sie aus der Ferne wie eine noch leere -Nische erschien, die für die Aufnahme einer Statue bestimmt war. Der Prediger konnte -gewiß keinen vollen Schritt von der Brüstung zurücktreten. Außerdem begann die steinerne -Einwölbung der Kanzel ungewöhnlich tief und stieg zwar ohne jeden Schmuck, aber derartig -geschweift in die Höhe, daß ein mittelgroßer Mann dort nicht aufrecht stehn konnte, -sondern sich dauernd über die Brüstung vorbeugen mußte. Das Ganze war wie zur Qual -des Predigers bestimmt, es war unverständlich, wozu man diese Kanzel benötigte, da -man doch die andere große und so kunstvoll geschmückte zur Verfügung hatte. -</p> -<p>K. wäre auch diese kleine Kanzel gewiß nicht aufgefallen, wenn nicht oben eine Lampe -befestigt gewesen wäre, wie man sie kurz vor einer Predigt bereitzustellen pflegt. -Sollte jetzt etwa eine Predigt stattfinden? In der leeren Kirche? K. sah an der Treppe -hinab, die an die Säule sich <span class="pageNum" id="pb365">[<a href="#pb365">365</a>]</span>anschmiegend zur Kanzel führte und so schmal war, als solle sie nicht für Menschen, -sondern nur zum Schmuck der Säule dienen. Aber unten an der Kanzel, K. lächelte vor -Staunen, stand wirklich der Geistliche, hielt die Hand am Geländer, bereit aufzusteigen -und sah auf K. hin. Dann nickte er ganz leicht mit dem Kopf, worauf K. sich bekreuzigte -und verbeugte, was er schon früher hätte tun sollen. Der Geistliche gab sich einen -kleinen Aufschwung und stieg mit kurzen, schnellen Schritten die Kanzel hinauf. Sollte -wirklich eine Predigt beginnen? War vielleicht der Kirchendiener doch nicht so ganz -vom Verstand verlassen und hatte K. dem Prediger zutreiben wollen, was allerdings -in der leeren Kirche äußerst notwendig gewesen war. Übrigens gab es ja noch irgendwo -vor einem Marienbild ein altes Weib, das auch hätte kommen sollen. Und wenn es schon -eine Predigt sein sollte, warum wurde sie nicht von der Orgel eingeleitet. Aber die -blieb still und blinkte nur schwach aus der Finsternis ihrer großen Höhe. -</p> -<p>K. dachte daran, ob er sich jetzt nicht eiligst entfernen sollte; wenn er es jetzt -nicht tat, war <span class="pageNum" id="pb366">[<a href="#pb366">366</a>]</span>keine Aussicht, daß er es während der Predigt tun könnte, er mußte dann bleiben, so -lange sie dauerte, im Bureau verlor er so viel Zeit, auf den Italiener zu warten war -er längst nicht mehr verpflichtet, er sah auf seine Uhr, es war 11. Aber konnte denn -wirklich gepredigt werden? Konnte K. allein die Gemeinde darstellen? Wie, wenn er -ein Fremder gewesen wäre, der nur die Kirche besichtigen wollte? Im Grunde war er -auch nichts anderes. Es war unsinnig, daran zu denken, daß gepredigt werden sollte, -jetzt um 11 Uhr, an einem Werktag bei greulichstem Wetter. Der Geistliche — ein Geistlicher -war es zweifellos, ein junger Mann mit glattem, dunklem Gesicht — ging offenbar nur -hinauf, um die Lampe zu löschen, die irrtümlich angezündet worden war. -</p> -<p>Es war aber nicht so, der Geistliche prüfte vielmehr das Licht und schraubte es noch -ein wenig auf, dann drehte er sich langsam der Brüstung zu, die er vorn an der kantigen -Einfassung mit beiden Händen erfaßte. So stand er eine Zeitlang und blickte, ohne -den Kopf zu rühren, umher. K. war ein großes Stück zurückgewichen und lehnte mit den -Ellbogen an der vordersten Kirchenbank. <span class="pageNum" id="pb367">[<a href="#pb367">367</a>]</span>Mit unsichern Augen sah er irgendwo, ohne den Ort genau zu bestimmen, den Kirchendiener -mit krummem Rücken friedlich wie nach beendeter Aufgabe sich zusammenkauern. Was für -eine Stille herrschte jetzt im Dom! Aber K. mußte sie stören, er hatte nicht die Absicht -hierzubleiben; wenn es die Pflicht des Geistlichen war, zu einer bestimmten Stunde -ohne Rücksicht auf die Umstände zu predigen, so mochte er es tun, es würde auch ohne -K.s Beistand gelingen, ebenso wie die Anwesenheit K.s die Wirkung gewiß nicht steigern -würde. Langsam setzte sich also K. in Gang, tastete sich auf den Fußspitzen an der -Bank hin, kam dann in den breiten Hauptweg und ging auch dort ganz ungestört, nur -daß der steinerne Boden unter dem leisesten Schritt erklang und die Wölbungen schwach, -aber ununterbrochen, in vielfachem, gesetzmäßigem Fortschreiten davon widerhallten. -K. fühlte sich ein wenig verlassen, als er dort, vom Geistlichen vielleicht beobachtet, -zwischen den leeren Bänken allein hindurchging, auch schien ihm die Größe des Doms -gerade an der Grenze des für Menschen noch Erträglichen zu liegen. Als er zu seinem -früheren Platz kam, haschte er <span class="pageNum" id="pb368">[<a href="#pb368">368</a>]</span>förmlich ohne weiteren Aufenthalt nach dem dort liegengelassenen Album und nahm es -an sich. Fast hatte er schon das Gebiet der Bänke verlassen und näherte sich dem freien -Raum, der zwischen ihnen und dem Ausgang lag, als er zum erstenmal die Stimme des -Geistlichen hörte. Eine mächtige geübte Stimme. Wie durchdrang sie den zu ihrer Aufnahme -bereiten Dom! Es war aber nicht die Gemeinde, die der Geistliche anrief, es war ganz -eindeutig und es gab keine Ausflüchte, er rief: Josef K.! -</p> -<p>K. stockte und sah vor sich auf den Boden. Vorläufig war er noch frei, er konnte noch -weitergehn und durch eine der drei kleinen dunklen Holztüren, die nicht weit vor ihm -waren, sich davon machen. Es würde eben bedeuten, daß er nicht verstanden hatte, oder -daß er zwar verstanden hatte, sich aber darum nicht kümmern wollte. Falls er sich -aber umdrehte, war er festgehalten, denn dann hatte er das Geständnis gemacht, daß -er gut verstanden hatte, daß er wirklich der Angerufene war und daß er auch folgen -wollte. Hätte der Geistliche nochmals gerufen, wäre K. gewiß fortgegangen, aber da -alles still blieb, so lange K. <span class="pageNum" id="pb369">[<a href="#pb369">369</a>]</span>auch wartete, drehte er doch ein wenig den Kopf, denn er wollte sehn, was der Geistliche -jetzt mache. Er stand ruhig auf der Kanzel wie früher, es war aber deutlich zu sehn, -daß er K.s Kopfwendung bemerkt hatte. Es wäre ein kindliches Versteckenspiel gewesen, -wenn sich jetzt K. nicht vollständig umgedreht hätte. Er tat es und wurde vom Geistlichen -durch ein Winken des Fingers näher gerufen. Da jetzt alles offen geschehen konnte, -lief er — er tat es auch aus Neugierde und um die Angelegenheit abzukürzen — mit langen -fliegenden Schritten der Kanzel entgegen. Bei den ersten Bänken machte er halt, aber -dem Geistlichen schien die Entfernung noch zu groß, er streckte die Hand aus und zeigte -mit dem scharf gesenkten Zeigefinger auf eine Stelle knapp vor der Kanzel. K. folgte -auch darin, er mußte auf diesem Platz den Kopf schon weit zurückbeugen, um den Geistlichen -noch zu sehn. „Du bist Josef K.,“ sagte der Geistliche und erhob eine Hand auf der -Brüstung in einer unbestimmten Bewegung. „Ja,“ sagte K., er dachte daran, wie offen -er früher immer seinen Namen genannt hatte, seit einiger Zeit war er ihm eine Last, -auch kannten jetzt seinen Namen <span class="pageNum" id="pb370">[<a href="#pb370">370</a>]</span>Leute, mit denen er zum erstenmal zusammenkam; wie schön war es, sich zuerst vorzustellen -und dann erst gekannt zu werden. „Du bist angeklagt,“ sagte der Geistliche besonders -leise. „Ja,“ sagte K., „man hat mich davon verständigt.“ „Dann bist du der, den ich -suche,“ sagte der Geistliche. „Ich bin der Gefängniskaplan.“ „Ach so,“ sagte K. „Ich -habe dich hierher rufen lassen,“ sagte der Geistliche, „um mit dir zu sprechen.“ „Ich -wußte es nicht,“ sagte K. „Ich bin hierhergekommen, um einem Italiener den Dom zu -zeigen.“ „Laß das Nebensächliche,“ sagte der Geistliche. „Was hältst du in der Hand? -Ist es ein Gebetbuch?“ „Nein,“ antwortete K., „es ist ein Album der städtischen Sehenswürdigkeiten.“ -„Leg es aus der Hand,“ sagte der Geistliche. K. warf es so heftig weg, daß es aufklappte -und mit zerdrückten Blättern ein Stück über den Boden schleifte. „Weißt du, daß dein -Prozeß schlecht steht?“ fragte der Geistliche. „Es scheint mir auch so,“ sagte K. -„Ich habe mir alle Mühe gegeben, bisher aber ohne Erfolg. Allerdings habe ich die -Eingabe noch nicht fertig.“ „Wie stellst du dir das Ende vor,“ fragte der Geistliche. -„Früher dachte ich, <span class="pageNum" id="pb371">[<a href="#pb371">371</a>]</span>es müsse gut enden,“ sagte K., „jetzt zweifle ich daran manchmal selbst. Ich weiß -nicht, wie es enden wird. Weißt du es?“ „Nein,“ sagte der Geistliche, „aber ich fürchte, -es wird schlecht enden. Man hält dich für schuldig. Dein Prozeß wird vielleicht über -ein niedriges Gericht gar nicht hinauskommen. Man hält wenigstens vorläufig deine -Schuld für erwiesen.“ „Ich bin aber nicht schuldig,“ sagte K. „Es ist ein Irrtum. -Wie kann denn ein Mensch überhaupt schuldig sein. Wir sind hier doch alle Menschen, -einer wie der andere.“ „Das ist richtig,“ sagte der Geistliche, „aber so pflegen die -Schuldigen zu reden.“ „Hast auch du ein Vorurteil gegen mich?“ fragte K. „Ich habe -kein Vorurteil gegen dich,“ sagte der Geistliche. „Ich danke dir,“ sagte K. „Alle -andern aber, die an dem Verfahren beteiligt sind, haben ein Vorurteil gegen mich. -Sie flößen es auch den Unbeteiligten ein. Meine Stellung wird immer schwieriger.“ -„Du mißverstehst die Tatsachen,“ sagte der Geistliche. „Das Urteil kommt nicht mit -einemmal, das Verfahren geht allmählich ins Urteil über.“ „So ist es also,“ sagte -K. und senkte den Kopf. „Was willst du nächstens in deiner <span class="pageNum" id="pb372">[<a href="#pb372">372</a>]</span>Sache tun?“ fragte der Geistliche. „Ich will noch Hilfe suchen,“ sagte K. und hob -den Kopf, um zu sehn, wie der Geistliche es beurteile. „Es gibt noch gewisse Möglichkeiten, -die ich nicht ausgenützt habe.“ „Du suchst zuviel fremde Hilfe,“ sagte der Geistliche -mißbilligend, „und besonders bei Frauen. Merkst du denn nicht, daß es nicht die wahre -Hilfe ist.“ „Manchmal und sogar oft könnte ich dir recht geben,“ sagte K., „aber nicht -immer. Die Frauen haben eine große Macht. Wenn ich einige Frauen, die ich kenne, dazu -bewegen könnte, gemeinschaftlich für mich zu arbeiten, müßte ich durchdringen. Besonders -bei diesem Gericht, das fast nur aus Frauenjägern besteht. Zeig dem Untersuchungsrichter -eine Frau aus der Ferne und er überrennt, um nur rechtzeitig hinzukommen, den Gerichtstisch -und den Angeklagten.“ Der Geistliche neigte den Kopf zur Brüstung, jetzt erst schien -die Überdachung der Kanzel ihn niederzudrücken. Was für ein Unwetter mochte draußen -sein? Das war kein trüber Tag mehr, das war schon tiefe Nacht. Keine Glasmalerei der -großen Fenster war imstande, die dunkle Wand auch nur mit einem Schimmer zu <span class="pageNum" id="pb373">[<a href="#pb373">373</a>]</span>unterbrechen. Und gerade jetzt begann der Kirchendiener die Kerzen auf dem Hauptaltar -eine nach der andern auszulöschen. „Bist du mir böse,“ fragte K. den Geistlichen. -„Du weißt vielleicht nicht, was für einem Gericht du dienst.“ Er bekam keine Antwort. -„Es sind doch nur meine Erfahrungen,“ sagte K. Oben blieb es noch immer still. „Ich -wollte dich nicht beleidigen,“ sagte K. Da schrie der Geistliche zu K. hinunter: „Siehst -du denn nicht zwei Schritte weit?“ Es war im Zorn geschrien, aber gleichzeitig wie -von einem, der jemanden fallen sieht und weil er selbst erschrocken ist, unvorsichtig -ohne Willen schreit. -</p> -<p>Nun schwiegen beide lange. Gewiß konnte der Geistliche in dem Dunkel, das unten herrschte, -K. nicht genau erkennen, während K. den Geistlichen im Licht der kleinen Lampe deutlich -sah. Warum kam der Geistliche nicht herunter? Eine Predigt hatte er ja nicht gehalten, -sondern K. nur einige Mitteilungen gemacht, die ihm, wenn er sie genau beachten würde, -wahrscheinlich mehr schaden als nützen würden. Wohl aber schien K. die gute Absicht -des Geistlichen zweifellos zu sein, es war nicht unmöglich, daß er sich mit ihm, <span class="pageNum" id="pb374">[<a href="#pb374">374</a>]</span>wenn er herunterkäme, einigen würde, es war nicht unmöglich, daß er von ihm einen -entscheidenden und annehmbaren Rat bekäme, der ihm z. B. zeigen würde, nicht etwa -wie der Prozeß zu beeinflussen war, sondern wie man aus dem Prozeß ausbrechen, wie -man ihn umgehen, wie man außerhalb des Prozesses leben könnte. Diese Möglichkeit mußte -bestehn, K. hatte in der letzten Zeit öfters an sie gedacht. Wußte aber der Geistliche -eine solche Möglichkeit, würde er sie vielleicht, wenn man ihn darum bat, verraten, -trotzdem er selbst zum Gerichte gehörte und trotzdem er, als K. das Gericht angegriffen -hatte, sein sanftes Wesen unterdrückt und K. sogar angeschrien hatte. -</p> -<p>„Willst du nicht herunterkommen?“ sagte K. „Es ist doch keine Predigt zu halten. Komm -zu mir herunter.“ „Jetzt kann ich schon kommen,“ sagte der Geistliche, er bereute -vielleicht sein Schreien. Während er die Lampe von ihrem Haken löste, sagte er: „Ich -mußte zuerst aus der Entfernung mit dir sprechen. Ich lasse mich sonst zu leicht beeinflussen -und vergesse meinen Dienst.“ -</p> -<p>K. erwartete ihn unten an der Treppe. Der <span class="pageNum" id="pb375">[<a href="#pb375">375</a>]</span>Geistliche streckte ihm schon von einer obern Stufe im Hinuntergehn die Hand entgegen. -„Hast du ein wenig Zeit für mich?“ fragte K. „Soviel Zeit als du brauchst,“ sagte -der Geistliche und reichte K. die kleine Lampe, damit er sie trage. Auch in der Nähe -verlor sich eine gewisse Feierlichkeit aus seinem Wesen nicht. „Du bist sehr freundlich -zu mir,“ sagte K. Sie gingen nebeneinander im dunklen Seitenschiff auf und ab. „Du -bist eine Ausnahme unter allen, die zum Gericht gehören. Ich habe mehr Vertrauen zu -dir als zu irgendjemandem von ihnen, so viele ich schon kenne. Mit dir kann ich offen -reden.“ „Täusche dich nicht,“ sagte der Geistliche. „Worin sollte ich mich denn täuschen?“ -fragte K. „In dem Gericht täuschst du dich,“ sagte der Geistliche, „in den einleitenden -Schriften zum Gesetz heißt es von dieser Täuschung: vor dem Gesetz steht ein Türhüter. -Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. -Aber der Türhüter sagt, daß er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann -überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. „Es ist möglich,“ -sagt der Türhüter, „jetzt <span class="pageNum" id="pb376">[<a href="#pb376">376</a>]</span>aber nicht.“ Da das Tor zum Gesetz offensteht wie immer und der Türhüter beiseitetritt, -bückt sich der Mann, um durch das Tor in das Innere zu sehn. Als der Türhüter das -merkt, lacht er und sagt: „Wenn es dich so lockt, versuche es doch trotz meines Verbotes -hineinzugehn. Merke aber: ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. -Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick -des dritten kann nicht einmal ich mehr vertragen.“ Solche Schwierigkeiten hat der -Mann vom Lande nicht erwartet, das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, -denkt er, aber als er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer ansieht, seine -große Spitznase, den langen, dünnen, schwarzen, tartarischen Bart, entschließt er -sich doch, lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt bekommt. Der Türhüter -gibt ihm einen Schemel und läßt ihn seitwärts von der Tür sich niedersetzen. Dort -sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele Versuche eingelassen zu werden und ermüdet -den Türhüter durch seine Bitten. Der Türhüter stellt öfters kleine Verhöre mit ihm -an, fragt ihn nach seiner Heimat aus und nach vielem andern, <span class="pageNum" id="pb377">[<a href="#pb377">377</a>]</span>es sind aber teilnahmslose Fragen, wie sie große Herren stellen, und zum Schlusse -sagt er ihm immer wieder, daß er ihn noch nicht einlassen könne. Der Mann, der sich -für seine Reise mit vielem ausgerüstet hat, verwendet alles und sei es noch so wertvoll, -um den Türhüter zu bestechen. Dieser nimmt zwar alles an, aber sagt dabei: „Ich nehme -es nur an, damit du nicht glaubst, etwas versäumt zu haben.“ Während der vielen Jahre -beobachtet der Mann den Türhüter fast ununterbrochen. Er vergißt die andern Türhüter -und dieser erste scheint ihm das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz. -Er verflucht den unglücklichen Zufall in den ersten Jahren laut, später, als er alt -wird, brummt er nur noch vor sich hin. Er wird kindisch, und da er in dem jahrelangen -Studium des Türhüters auch die Flöhe in seinem Pelzkragen erkannt hat, bittet er auch -die Flöhe ihm zu helfen und den Türhüter umzustimmen. Schließlich wird sein Augenlicht -schwach und er weiß nicht, ob es um ihn wirklich dunkler wird oder ob ihn nur die -Augen täuschen. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich -aus der Türe des Gesetzes <span class="pageNum" id="pb378">[<a href="#pb378">378</a>]</span>bricht. Nun lebt er nicht mehr lange. Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe -alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die er bisher an den Türhüter noch -nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten -kann. Der Türhüter muß sich tief zu ihm hinunterneigen, denn die Größenunterschiede -haben sich sehr zuungunsten des Mannes verändert. „Was willst du denn jetzt noch wissen,“ -fragt der Türhüter, „du bist unersättlich.“ „Alle streben doch nach dem Gesetz,“ sagt -der Mann, „wieso kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt -hat.“ Der Türhüter erkennt, daß der Mann schon am Ende ist und um sein vergehendes -Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: „Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, -denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“ -</p> -<p>„Der Türhüter hat also den Mann getäuscht,“ sagte K. sofort, von der Geschichte sehr -stark angezogen. „Sei nicht übereilt,“ sagte der Geistliche, „übernimm nicht die fremde -Meinung ungeprüft. Ich habe dir die Geschichte im Wortlaut der Schrift erzählt. Von -Täuschung steht darin nichts.“ <span class="pageNum" id="pb379">[<a href="#pb379">379</a>]</span>„Es ist aber klar,“ sagte K., „und deine erste Deutung war ganz richtig. Der Türhüter -hat die erlösende Mitteilung erst dann gemacht, als sie dem Manne nicht mehr helfen -konnte.“ „Er wurde nicht früher gefragt,“ sagte der Geistliche, „bedenke auch, daß -er nur Türhüter war und als solcher hat er seine Pflicht erfüllt.“ „Warum glaubst -du, daß er seine Pflicht erfüllt hat?“ fragte K., „<span class="corr" id="xd31e1251" title="Quelle: Er">er</span> hat sie nicht erfüllt. Seine Pflicht war es vielleicht, alle Fremden abzuwehren, -diesen Mann aber, für den der Eingang bestimmt war, hätte er einlassen müssen.“ „Du -hast nicht genug Achtung vor der Schrift und veränderst die Geschichte,“ sagte der -Geistliche. „Die Geschichte enthält über den Einlaß im Gesetz zwei wichtige Erklärungen -des Türhüters, eine am Anfang, eine am Ende. Die eine Stelle lautet: daß er ihm jetzt -den Eintritt nicht gewähren könne und die andere: dieser Eingang war nur für dich -bestimmt. Bestände zwischen diesen beiden Erklärungen ein Widerspruch, dann hättest -du recht und der Türhüter hätte den Mann getäuscht. Nun besteht aber kein Widerspruch. -Im Gegenteil, die erste Erklärung deutet sogar auf die zweite hin. Man könnte fast -sagen, <span class="pageNum" id="pb380">[<a href="#pb380">380</a>]</span>der Türhüter ging über seine Pflicht hinaus, indem er dem Mann eine zukünftige Möglichkeit -des Einlasses in Aussicht stellte. Zu jener Zeit scheint es nur seine Pflicht gewesen -zu sein, den Mann abzuweisen und tatsächlich wundern sich viele Erklärer der Schrift -darüber, daß der Türhüter jene Andeutung überhaupt gemacht hat, denn er scheint die -Genauigkeit zu lieben und wacht streng über sein Amt. Durch viele Jahre verläßt er -seinen Posten nicht und schließt das Tor erst ganz zuletzt, er ist sich der Wichtigkeit -seines Dienstes sehr bewußt, denn er sagt: „Ich bin mächtig,“ er hat Ehrfurcht vor -den Vorgesetzten, denn er sagt: „Ich bin nur der unterste Türhüter,“ er ist nicht -geschwätzig, denn während der vielen Jahre stellt er nur wie es heißt „teilnahmslose -Fragen“, er ist nicht bestechlich, denn er sagt über ein Geschenk: „Ich nehme es nur -an, damit du nicht glaubst, etwas versäumt zu haben,“ er ist, wo es um Pflichterfüllung -geht, weder zu rühren noch zu erbittern, denn es heißt von dem Mann, „er ermüdet den -Türhüter durch seine Bitten,“ schließlich deutet auch sein Äußeres auf einen pedantischen -Charakter hin, die große Spitznase und der lange, <span class="pageNum" id="pb381">[<a href="#pb381">381</a>]</span>dünne, schwarze, tartarische Bart. Kann es einen pflichttreueren Türhüter geben. Nun -mischen sich aber in den Türhüter noch andere Wesenszüge ein, die für den, der Einlaß -verlangt, sehr günstig sind und welche es immerhin begreiflich machen, daß er in jener -Andeutung einer zukünftigen Möglichkeit über seine Pflicht etwas hinausgehn konnte. -Es ist nämlich nicht zu leugnen, daß er ein wenig einfältig und im Zusammenhang damit -ein wenig eingebildet ist. Wenn auch seine Äußerungen über seine Macht und über die -Macht der andern Türhüter und über deren sogar für ihn unerträglichen Anblick — ich -sage, wenn auch alle diese Äußerungen an sich richtig sein mögen, so zeigt doch die -Art, wie er diese Äußerungen vorbringt, daß seine Auffassung durch Einfalt und Überhebung -getrübt ist. Die Erklärer sagen hierzu: „Richtiges Auffassen einer Sache und Mißverstehn -der gleichen Sache schließen einander nicht vollständig aus.“ Jedenfalls aber muß -man annehmen, daß jene Einfalt und Überhebung, so geringfügig sie sich vielleicht -auch äußern, doch die Bewachung des Eingangs schwächen, es sind Lücken im Charakter -des Türhüters. Hierzu kommt noch, daß <span class="pageNum" id="pb382">[<a href="#pb382">382</a>]</span>der Türhüter seiner Naturanlage nach freundlich zu sein scheint, er ist durchaus nicht -immer Amtsperson. Gleich in den ersten Augenblicken macht er den Spaß, daß er den -Mann trotz des ausdrücklich aufrecht erhaltenen Verbotes zum Eintritt einladet, dann -schickt er ihn nicht etwa fort, sondern gibt ihm, wie es heißt, einen Schemel und -läßt ihn seitwärts von der Tür sich niedersetzen. Die Geduld, mit der er durch alle -die Jahre die Bitten des Mannes erträgt, die kleinen Verhöre, die Annahme der Geschenke, -die Vornehmheit, mit der er es zuläßt, daß der Mann neben ihm laut den unglücklichen -Zufall verflucht, der den Türhüter hier aufgestellt hat — alles dieses läßt auf Regungen -des Mitleids schließen. Nicht jeder Türhüter hätte so gehandelt. Und schließlich beugt -er sich noch auf einen Wink hin tief zu dem Mann hinab, um ihm Gelegenheit zur letzten -Frage zu geben. Nur eine schwache Ungeduld — der Türhüter weiß ja, daß alles zu Ende -ist — spricht sich in den Worten aus: „Du bist unersättlich.“ Manche gehn sogar in -dieser Art der Erklärung noch weiter und meinen, die Worte, „Du bist unersättlich,“ -drücken eine Art freundschaftlicher Bewunderung <span class="pageNum" id="pb383">[<a href="#pb383">383</a>]</span>aus, die allerdings von Herablassung nicht frei ist. Jedenfalls schließt sich so die -Gestalt des Türhüters anders ab, als du es glaubst.“ „Du kennst die Geschichte genauer -als ich und längere Zeit,“ sagte K. Sie schwiegen ein Weilchen. Dann sagte K.: „Du -glaubst also, der Mann wurde nicht getäuscht?“ „Mißverstehe mich nicht,“ sagte der -Geistliche, „ich zeige dir nur die Meinungen, die darüber bestehn. Du mußt nicht zuviel -auf Meinungen achten. Die Schrift ist unveränderlich und die Meinungen sind oft nur -ein Ausdruck der Verzweiflung darüber. In diesem Falle gibt es sogar eine Meinung, -nach welcher gerade der Türhüter der Getäuschte ist.“ „Das ist eine weitgehende Meinung,“ -sagte K. „Wie wird sie begründet?“ „Die Begründung,“ antwortete der Geistliche, „geht -von der Einfalt des Türhüters aus. Man sagt, daß er das Innere des Gesetzes nicht -kennt, sondern nur den Weg, den er vor dem Eingang immer wieder abgehn muß. Die Vorstellungen, -die er von dem Innern hat, werden für kindlich gehalten und man nimmt an, daß er das, -wovor er dem Manne Furcht machen will, selbst fürchtet. Ja, er fürchtet es mehr als -der Mann, <span class="pageNum" id="pb384">[<a href="#pb384">384</a>]</span>denn dieser will ja nichts anderes als eintreten, selbst als er von den schrecklichen -Türhütern des Innern gehört hat, der Türhüter dagegen will nicht eintreten, wenigstens -erfährt man nichts darüber. Andere sagen zwar, daß er bereits im Innern gewesen sein -muß, denn er ist doch einmal in den Dienst des Gesetzes aufgenommen worden und das -könne nur im Innern geschehen sein. Darauf ist zu antworten, daß er wohl auch durch -einen Ruf aus dem Innern zum Türhüter bestellt worden sein könne und daß er zumindest -tief im Innern nicht gewesen sein dürfte, da er doch schon den Anblick des dritten -Türhüters nicht mehr ertragen kann. Außerdem aber wird auch nicht berichtet, daß er -während der vielen Jahre außer der Bemerkung über die Türhüter irgend etwas von dem -Innern erzählt hätte. Es könnte ihm verboten sein, aber auch vom Verbot hat er nichts -erzählt. Aus alledem schließt man, daß er über das Aussehn und die Bedeutung des Innern -nichts weiß und sich darüber in Täuschung befindet. Aber auch über den Mann vom Lande -soll er sich in Täuschung befinden, denn er ist diesem Mann untergeordnet und weiß -es nicht. Daß er den <span class="pageNum" id="pb385">[<a href="#pb385">385</a>]</span>Mann als einen Untergeordneten behandelt, erkennt man aus vielem, das dir noch erinnerlich -sein dürfte. Daß er ihm aber tatsächlich untergeordnet ist, soll nach dieser Meinung -ebenso deutlich hervorgehn. Vor allem ist der Freie dem Gebundenen übergeordnet. Nun -ist der Mann tatsächlich frei, er kann hingehn, wohin er will, nur der Eingang in -das Gesetz ist ihm verboten und überdies nur von einem Einzelnen, vom Türhüter. Wenn -er sich auf den Schemel seitwärts vom Tor niedersetzt und dort sein Leben lang bleibt, -so geschieht dies freiwillig, die Geschichte erzählt von keinem Zwang. Der Türhüter -dagegen ist durch sein Amt an seinen Posten gebunden, er darf sich nicht auswärts -entfernen, allem Anschein nach aber auch nicht in das Innere gehn, selbst wenn er -es wollte. Außerdem ist er zwar im Dienst des Gesetzes, dient aber nur für diesen -Eingang, also auch nur für diesen Mann, für den dieser Eingang allein bestimmt ist. -Auch aus diesem Grunde ist er ihm untergeordnet. Es ist anzunehmen, daß er durch viele -Jahre, durch ein ganzes Mannesalter gewissermaßen nur leeren Dienst geleistet hat, -denn es wird gesagt, daß ein <span class="pageNum" id="pb386">[<a href="#pb386">386</a>]</span>Mann kommt, also jemand im Mannesalter, daß also der Türhüter lange warten mußte, -ehe sich sein Zweck erfüllte, und zwar so lange warten mußte, als es dem Mann beliebte, -der doch freiwillig kam. Aber auch das Ende des Dienstes wird durch das Lebensende -des Mannes bestimmt, bis zum Ende also bleibt er ihm untergeordnet. Und immer wieder -wird betont, daß von alledem der Türhüter nichts zu wissen scheint. Daran wird aber -nichts Auffälliges gesehn, denn nach dieser Meinung befindet sich der Türhüter noch -in einer viel schwereren Täuschung, sie betrifft seinen Dienst. Zuletzt spricht er -nämlich vom Eingang und sagt: „Ich gehe jetzt und schließe ihn,“ aber am Anfang heißt -es, daß das Tor zum Gesetz offensteht wie immer, steht es aber immer offen, immer -d. h. unabhängig von der Lebensdauer des Mannes, für den es bestimmt ist, dann wird -es auch der Türhüter nicht schließen können. Darüber gehn die Meinungen auseinander, -ob der Türhüter mit der Ankündigung, daß er das Tor schließen wird, nur eine Antwort -geben oder seine Dienstpflicht betonen oder den Mann noch im letzten Augenblick in -Reue und Trauer setzen will. Darin aber sind <span class="pageNum" id="pb387">[<a href="#pb387">387</a>]</span>viele einig, daß er das Tor nicht wird schließen können. Sie glauben sogar, daß er -wenigstens am Ende auch in seinem Wissen dem Manne untergeordnet ist, denn dieser -sieht den Glanz, der aus dem Eingang des Gesetzes bricht, während der Türhüter als -solcher wohl mit dem Rücken zum Eingang steht und auch durch keine Äußerung zeigt, -daß er eine Veränderung bemerkt hätte.“ „Das ist gut begründet,“ sagte K., der einzelne -Stellen aus der Erklärung des Geistlichen halblaut für sich wiederholt hatte. „Es -ist gut begründet und ich glaube nun auch, daß der Türhüter getäuscht ist. Dadurch -bin ich aber von meiner frühern Meinung nicht abgekommen, denn beide decken sich teilweise. -Es ist unentscheidend, ob der Türhüter klar sieht oder getäuscht wird. Ich sagte, -der Mann wird getäuscht. Wenn der Türhüter klar sieht, könnte man daran zweifeln, -wenn der Türhüter aber getäuscht ist, dann muß sich seine Täuschung notwendig auf -den Mann übertragen. Der Türhüter ist dann zwar kein Betrüger, aber so einfältig, -daß er sofort aus dem Dienst gejagt werden müßte. Du mußt doch bedenken, daß die Täuschung, -in der sich der Türhüter <span class="pageNum" id="pb388">[<a href="#pb388">388</a>]</span>befindet, ihm nichts schadet, dem Mann aber tausendfach.“ „Hier stößt du auf eine -Gegenmeinung,“ sagte der Geistliche. „Manche sagen nämlich, daß die Geschichte niemandem -ein Recht gibt, über den Türhüter zu urteilen. Wie er uns auch erscheinen mag, so -ist er doch ein Diener des Gesetzes, also zum Gesetz gehörig, also dem menschlichen -Urteil entrückt. Man darf dann auch nicht glauben, daß der Türhüter dem Manne untergeordnet -ist. Durch seinen Dienst auch nur an den Eingang des Gesetzes gebunden zu sein, ist -unvergleichlich mehr als frei in der Welt zu leben. Der Mann kommt erst zum Gesetz, -der Türhüter ist schon dort. Er ist vom Gesetz zum Dienst bestellt, an seiner Würdigkeit -zu zweifeln, hieße am Gesetze zweifeln.“ „Mit dieser Meinung stimme ich nicht überein,“ -sagte K. kopfschüttelnd, „denn wenn man sich ihr anschließt, muß man alles, was der -Türhüter sagt, für wahr halten. Daß das aber nicht möglich ist, hast du ja selbst -ausführlich begründet.“ „Nein,“ sagte der Geistliche, „man muß nicht alles für wahr -halten, man muß es nur für notwendig halten.“ „Trübselige Meinung,“ sagte K. „Die -Lüge wird zur Weltordnung gemacht.“ -<span class="pageNum" id="pb389">[<a href="#pb389">389</a>]</span></p> -<p>K. sagte das abschließend, aber sein Endurteil war es nicht. Er war zu müde, um alle -Folgerungen der Geschichte übersehn zu können, es waren auch ungewohnte Gedankengänge, -in die sie ihn führte, unwirkliche Dinge, besser geeignet zur Besprechung für die -Gesellschaft der Gerichtsbeamten als für ihn. Die einfache Geschichte war unförmlich -geworden, er wollte sie von sich abschütteln und der Geistliche, der jetzt ein großes -Zartgefühl bewies, duldete es und nahm K.s Bemerkung schweigend auf, trotzdem sie -mit seiner eigenen Meinung gewiß nicht übereinstimmte. -</p> -<p>Sie gingen eine Zeitlang schweigend weiter, K. hielt sich eng neben dem Geistlichen, -ohne in der Finsternis zu wissen, wo er sich befand. Die Lampe in seiner Hand war -längst erloschen. Einmal blinkte gerade vor ihm das silberne Standbild eines Heiligen -nur mit dem Schein des Silbers und spielte gleich wieder ins Dunkel über. Um nicht -vollständig auf den Geistlichen angewiesen zu bleiben, fragte ihn K.: „Sind wir jetzt -nicht in der Nähe des Haupteinganges?“ „Nein,“ sagte der Geistliche, „wir sind weit -von ihm entfernt. Willst du schon fortgehn?“ Trotzdem K. gerade jetzt <span class="pageNum" id="pb390">[<a href="#pb390">390</a>]</span>nicht daran gedacht hatte, sagte er sofort: „Gewiß, ich muß fortgehn. Ich bin Prokurist -einer Bank, man wartet auf mich, ich bin nur hergekommen, um einem ausländischen Geschäftsfreund -den Dom zu zeigen.“ „Nun,“ sagte der Geistliche, und reichte K. die Hand, „dann geh’.“ -„Ich kann mich aber im Dunkel allein nicht zurechtfinden,“ sagte K. „Geh’ links zur -Wand,“ sagte der Geistliche, „dann weiter die Wand entlang, ohne sie zu verlassen -und du wirst einen Ausgang finden.“ Der Geistliche hatte sich erst paar Schritte entfernt, -aber K. rief schon sehr laut: „Bitte, warte noch.“ „Ich warte,“ sagte der Geistliche. -„Willst du nicht noch etwas von mir?“ fragte K. „Nein,“ sagte der Geistliche. „Du -warst früher so freundlich zu mir,“ sagte K., „und hast mir alles erklärt, jetzt aber -entläßt du mich, als läge dir nichts an mir.“ „Du mußt doch fortgehn,“ sagte der Geistliche. -„Nun ja,“ sagte K., „sieh das doch ein.“ „Sieh du zuerst ein, wer ich bin,“ sagte -der Geistliche. „Du bist der Gefängniskaplan,“ sagte K. und ging näher zum Geistlichen -hin, seine sofortige Rückkehr in die Bank war nicht so notwendig, wie er sie dargestellt -hatte, er konnte recht gut <span class="pageNum" id="pb391">[<a href="#pb391">391</a>]</span>noch hier bleiben. „Ich gehöre also zum Gericht,“ sagte der Geistliche. „Warum sollte -ich also etwas von dir wollen. Das Gericht will nichts von dir. Es nimmt dich auf, -wenn du kommst, und es entläßt dich, wenn du gehst.“ -<span class="pageNum" id="pb392">[<a href="#pb392">392</a>]</span></p> -</div> -</div> -<div id="ch10" class="div1 last-child chapter"><span class="pageNum">[<a href="#ch10.toc">Inhalt</a>]</span><div class="divHead"> -<h2 class="label">ZEHNTES KAPITEL</h2> -<h2 class="main">ENDE</h2> -</div> -<div class="divBody"> -<p class="first">Am Vorabend seines 31. Geburtstages — es war gegen 9 Uhr abends, die Zeit der Stille -auf den Straßen — kamen zwei Herren in K.s Wohnung. In Gehröcken, bleich und fett, -mit scheinbar unverrückbaren Zylinderhüten. Nach einer kleinen Förmlichkeit bei der -Wohnungstür wegen des ersten Eintretens wiederholte sich die gleiche Förmlichkeit -in größerem Umfange vor K.s Tür. Ohne daß ihm der Besuch angekündigt gewesen wäre, -saß K. gleichfalls schwarz angezogen in einem Sessel in der Nähe der Türe und zog -langsam neue, scharf sich über die Finger spannende Handschuhe an, in der Haltung, -wie man Gäste erwartet. Er stand gleich auf und sah die Herren neugierig an. „Sie -sind also für mich bestimmt,“ fragte er. Die Herren nickten, einer zeigte mit dem -Zylinderhut in der Hand auf den andern. K. <span class="pageNum" id="pb393">[<a href="#pb393">393</a>]</span>gestand sich ein, daß er einen andern Besuch erwartet hatte. Er ging zum Fenster und -sah noch einmal auf die dunkle Straße. Auch fast alle Fenster auf der andern Straßenseite -waren noch dunkel, in vielen die Vorhänge herabgelassen. In einem beleuchteten Fenster -des Stockwerkes spielten kleine Kinder hinter einem Gitter miteinander und tasteten, -noch unfähig sich von ihren Plätzen fortzubewegen, mit den Händchen nach einander. -„Alte untergeordnete Schauspieler schickt man um mich,“ sagte sich K. und sah sich -um, um sich nochmals davon zu überzeugen. „Man sucht auf billige Weise mit mir fertig -zu werden.“ K. wendete sich plötzlich ihnen zu und fragte: „An welchem Theater spielen -Sie.“ „Theater?“ fragte der eine Herr mit zuckenden Mundwinkeln den andern um Rat. -Der andere gebärdete sich wie ein Stummer, der mit dem widerspenstigen Organismus -kämpft. „Sie sind nicht darauf vorbereitet, gefragt zu werden,“ sagte sich K. und -ging seinen Hut holen. -</p> -<p>Schon auf der Treppe wollten sich die Herren in K. einhängen, aber K. sagte: „Erst -auf der Gasse, ich bin nicht krank.“ Gleich aber vor dem Tor hängten sie sich in ihn -in einer Weise ein, <span class="pageNum" id="pb394">[<a href="#pb394">394</a>]</span>wie K. noch niemals mit einem Menschen gegangen war. Sie hielten die Schultern eng -hinter den seinen, knickten die Arme nicht ein, sondern benutzten sie, um K.s Arme -in ihrer ganzen Länge zu umschlingen, unten erfaßten sie K.s Hände mit einem schulmäßigen, -eingeübten, unwiderstehlichen Griff. K. ging straff gestreckt zwischen ihnen, sie -bildeten jetzt alle drei eine solche Einheit, daß, wenn man einen von ihnen zerschlagen -hätte, alle zerschlagen gewesen wären. Es war eine Einheit, wie sie fast nur Lebloses -bilden kann. -</p> -<p>Unter den Laternen versuchte K. öfters, so schwer es bei diesem engen Aneinander ausgeführt -werden konnte, seine Begleiter deutlicher zu sehn, als es in der Dämmerung seines -Zimmers möglich gewesen war. Vielleicht sind es Tenöre, dachte er im Anblick ihres -schweren Doppelkinns. Er ekelte sich vor der Reinlichkeit ihrer Gesichter. Man sah -förmlich noch die säubernde Hand, die in ihre Augenwinkel gefahren, die ihre Oberlippe -gerieben, die die Falten am Kinn ausgekratzt hatte. -</p> -<p>Als K. das bemerkte, blieb er stehn, infolgedessen blieben auch die andern stehn; -sie waren <span class="pageNum" id="pb395">[<a href="#pb395">395</a>]</span>auf dem Rand eines freien, menschenleeren, mit Anlagen geschmückten Platzes. „Warum -hat man gerade Sie geschickt!“ rief er mehr als er fragte. Die Herren wußten scheinbar -keine Antwort, sie warteten mit dem hängenden freien Arm, wie Krankenwärter, wenn -der Kranke sich ausruhn will. „Ich gehe nicht weiter,“ sagte K. versuchsweise. Darauf -brauchten die Herren nicht zu antworten, es genügte, daß sie den Griff nicht lockerten -und K. von der Stelle wegzuheben versuchten, aber K. widerstand. „Ich werde nicht -mehr viel Kraft brauchen, ich werde jetzt alle anwenden,“ dachte er. Ihm fielen die -Fliegen ein, die mit zerreißenden Beinchen von der Leimrute wegstreben. „Die Herren -werden schwere Arbeit haben.“ -</p> -<p>Da stieg vor ihnen aus einer tiefer gelegenen Gasse auf einer kleinen Treppe Fräulein -Bürstner zum Platz empor. Es war nicht ganz sicher, ob sie es war, die Ähnlichkeit -war freilich groß. Aber K. lag auch nichts daran, ob es bestimmt Fräulein Bürstner -war, bloß die Wertlosigkeit seines Widerstandes kam ihm gleich zum Bewußtsein. Es -war nichts Heldenhaftes, wenn er widerstand, wenn er jetzt den Herren Schwierigkeiten -bereitete, wenn <span class="pageNum" id="pb396">[<a href="#pb396">396</a>]</span>er jetzt in der Abwehr noch den letzten Schein des Lebens zu genießen versuchte. Er -setzte sich in Gang, und von der Freude, die er dadurch den Herren machte, ging noch -etwas auf ihn selbst über. Sie duldeten es jetzt, daß er die Wegrichtung bestimmte -und er bestimmte sie nach dem Weg, den das Fräulein vor ihnen nahm, nicht etwa, weil -er sie einholen, nicht etwa, weil er sie möglichst lange sehen wollte, sondern nur -deshalb, um die Mahnung, die sie für ihn bedeutete, nicht zu vergessen. „Das Einzige, -was ich jetzt tun kann,“ sagte er sich und das Gleichmaß seiner Schritte und der Schritte -der zwei andern bestätigte seine Gedanken, „das Einzige, was ich jetzt tue, ist, bis -zum Ende den ruhig einteilenden Verstand behalten. Ich wollte immer mit zwanzig Händen -in die Welt hineinfahren und überdies zu einem nicht zu billigenden Zweck. Das war -unrichtig, soll ich nun zeigen, daß nicht einmal der einjährige Prozeß mich belehren -konnte? Soll ich als ein begriffstutziger Mensch abgehn? Soll man mir nachsagen dürfen, -daß ich am Anfang des Prozesses ihn beenden und jetzt an seinem Ende ihn wieder beginnen -will. Ich will nicht, daß man das sagt. <span class="pageNum" id="pb397">[<a href="#pb397">397</a>]</span>Ich bin dankbar dafür, daß man mir auf diesem Weg diese halbstummen verständnislosen -Herren mitgegeben hat und daß man es mir überlassen hat, mir selbst das Notwendige -zu sagen.“ -</p> -<p>Das Fräulein war inzwischen in eine Seitengasse eingebogen, aber K. konnte sie schon -entbehren und überließ sich seinen Begleitern. Alle drei zogen nun in vollem Einverständnis -über eine Brücke im Mondschein, jeder kleinen Bewegung, die K. machte, gaben die Herren -jetzt bereitwillig nach, als er ein wenig zum Geländer sich wendete, drehten auch -sie sich in ganzer Front dorthin. Das im Mondlicht glänzende und zitternde Wasser -teilte sich um eine kleine Insel, auf der wie zusammengedrängt Laubmassen von Bäumen -und Sträuchern sich aufhäuften. Unter ihnen, jetzt unsichtbar, führten Kieswege mit -bequemen Bänken, auf denen K. in manchem Sommer sich gestreckt und gedehnt hatte. -„Ich wollte ja gar nicht stehn bleiben,“ sagte er zu seinen Begleitern, beschämt durch -ihre Bereitwilligkeit. Der Eine schien dem Andern hinter K.s Rücken einen sanften -Vorwurf wegen des mißverständlichen Stehenbleibens zu machen, dann gingen sie weiter. -<span class="pageNum" id="pb398">[<a href="#pb398">398</a>]</span></p> -<p>Sie kamen durch einige ansteigende Gassen, in denen hie und da Polizisten standen -oder gingen; bald in der Ferne, bald in nächster Nähe. Einer mit buschigem Schnurrbart, -die Hand am Griff des Säbels, trat wie mit Absicht nahe an die nicht ganz unverdächtige -Gruppe. Die Herren stockten, der Polizeimann schien schon den Mund zu öffnen, da zog -K. mit Macht die Herren vorwärts. Öfters drehte er sich vorsichtig um, ob der Polizeimann -nicht folge; als sie aber eine Ecke zwischen sich und dem Polizeimann hatten, fing -K. zu laufen an, die Herren mußten trotz großer Atemnot auch mit laufen. -</p> -<p>So kamen sie rasch aus der Stadt hinaus, die sich in dieser Richtung fast ohne Übergang -an die Felder anschloß. Ein kleiner Steinbruch, verlassen und öde, lag in der Nähe -eines noch ganz städtischen Hauses. Hier machten die Herren halt, sei es, daß dieser -Ort von allem Anfang an ihr Ziel gewesen war, sei es, daß sie zu erschöpft waren, -um noch weiter zu laufen. Jetzt ließen sie K. los, der stumm wartete, nahmen die Zylinderhüte -ab und wischten sich, während sie sich im Steinbruch umsahen, mit den Taschentüchern -den Schweiß <span class="pageNum" id="pb399">[<a href="#pb399">399</a>]</span>von der Stirn. Überall lag der Mondschein mit seiner Natürlichkeit und Ruhe, die keinem -andern Licht gegeben ist. -</p> -<p>Nach Austausch einiger Höflichkeiten hinsichtlich dessen, wer die nächsten Aufgaben -auszuführen habe — die Herren schienen die Aufträge ungeteilt bekommen zu haben — -ging der Eine zu K. und zog ihm den Rock, die Weste und schließlich das Hemd aus. -K. fröstelte unwillkürlich, worauf ihm der Herr einen leichten beruhigenden Schlag -auf den Rücken gab. Dann legte er die Sachen sorgfältig zusammen, wie Dinge, die man -noch gebrauchen wird, wenn auch nicht in allernächster Zeit. Um K. nicht ohne Bewegung -der immerhin kühlen Nachtluft auszusetzen, nahm er ihn unter den Arm und ging mit -ihm ein wenig auf und ab, während der andere Herr den Steinbruch nach irgendeiner -passenden Stelle absuchte. Als er sie gefunden hatte, winkte er und der andere Herr -geleitete K. hin. Es war nahe der Bruchwand, es lag dort ein losgebrochener Stein. -Die Herren setzten K. auf die Erde nieder, lehnten ihn an den Stein und betteten seinen -Kopf obenauf. Trotz aller Anstrengung, die sie sich gaben, und <span class="pageNum" id="pb400">[<a href="#pb400">400</a>]</span>trotz alles Entgegenkommens, das ihnen K. bewies, blieb seine Haltung eine sehr gezwungene -und unglaubwürdige. Der eine Herr bat daher den andern, ihm für ein Weilchen das Hinlegen -K.s allein zu überlassen, aber auch dadurch wurde es nicht besser. Schließlich ließen -sie K. in einer Lage, die nicht einmal die beste von den bereits erreichten Lagen -war. Dann öffnete der eine Herr seinen Gehrock und nahm aus einer Scheide, die an -einem um die Weste gespannten Gürtel hing, ein langes, dünnes, beiderseitig geschärftes -Fleischermesser, hielt es hoch und prüfte die Schärfen im Licht. Wieder begannen die -widerlichen Höflichkeiten, einer reichte über K. hinweg das Messer dem andern, dieser -reichte es wieder über K. zurück. K. wußte jetzt genau, daß es seine Pflicht gewesen -wäre, das Messer, als es von Hand zu Hand über ihm schwebte, selbst zu fassen und -sich einzubohren. Aber er tat es nicht, sondern drehte den noch freien Hals und sah -umher. Vollständig konnte er sich nicht bewähren, alle Arbeit den Behörden nicht abnehmen, -die Verantwortung für diesen letzten Fehler trug der, der ihm den Rest der dazu nötigen -Kraft versagt hatte. Seine Blicke <span class="pageNum" id="pb401">[<a href="#pb401">401</a>]</span>fielen auf das letzte Stockwerk des an dem Steinbruch angrenzenden Hauses. Wie ein -Licht aufzuckt, so fuhren die Fensterflügel eines Fensters dort auseinander, ein Mensch, -schwach und dünn in der Ferne und Höhe, beugte sich mit einem Ruck weit vor und streckte -die Arme noch weiter aus. Wer war es? Ein Freund? Ein guter Mensch? Einer, der teilnahm? -Einer der helfen wollte? War es ein Einzelner? Waren es alle? War noch Hilfe? Gab -es Einwände, die man vergessen hatte? Gewiß gab es solche. Die Logik ist zwar unerschütterlich, -aber einem Menschen, der leben will, widersteht sie nicht. Wo war der Richter, den -er nie gesehen hatte? Wo war das hohe Gericht, bis zu dem er nie gekommen war? Er -hob die Hände und spreizte alle Finger. -</p> -<p>Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer -ihm ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah noch K., wie -die Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinander gelehnt, die Entscheidung -beobachteten. „Wie ein Hund!“ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben. -<span class="pageNum" id="pb402">[<a href="#pb402">402</a>]</span></p> -</div> -</div> -</div> -<div class="back"> -<div id="nachwort" class="div1 chapter"><span class="pageNum">[<a href="#nachwort.toc">Inhalt</a>]</span><div class="divHead"> -<h2 class="main">NACHWORT</h2> -</div> -<div class="divBody"> -<p class="first">Eigenartig und tief wie alle Lebensäußerungen Franz Kafkas war auch seine Stellungnahme -seinem eigenen Werk und jeder Publikation gegenüber. Die Probleme, die er bei Behandlung -dieser Angelegenheit austrug und die daher auch Richtschnur jeder Veröffentlichung -aus seinem Nachlaß bleiben müssen, können in ihrem Ernst gar nicht überschätzt werden. -Zu ihrer wenigstens annäherungsweisen Beurteilung diene das Folgende: -</p> -<p>Fast alles, was Kafka veröffentlicht hat, ist ihm von mir mit List und Überredungskunst -abgenommen worden. Damit steht nicht im Widerspruch, daß er oftmals, in langen Lebensperioden, -seines Schreibens wegen (er sprach freilich stets nur von einem „Kritzeln“) viel Glück -empfunden hat. Wer ihn nur je in kleinem Kreise seine eigne Prosa mit hinreißendem -Feuer, mit einem Rhythmus, dessen Lebendigkeit kein Schauspieler je erreichen wird, -vorlesen hören durfte, der fühlte auch unmittelbar die echte unbändige Schaffenslust -und Leidenschaft, die hinter diesem Werke stand. Daß er es trotzdem verwarf, hatte -seinen Grund zunächst in gewissen traurigen Erlebnissen, die ihn zur Selbstsabotage, -daher auch zum Nihilismus dem eignen Werk gegenüber führten; unabhängig davon aber -auch in der Tatsache, daß er an dieses Werk (freilich ohne dies je auszusprechen) -<span class="pageNum" id="pb403">[<a href="#pb403">403</a>]</span>den höchsten religiösen Maßstab anlegte, dem es allerdings, aus vielerlei Wirrnissen -entrungen, nicht entsprechen konnte. Daß sein Werk trotzdem vielen, die zum Glauben, -zur Natur, zur vollkommenen Seelengesundheit hinstreben, ein starker Helfer hätte -werden können, durfte ihm nichts bedeuten, der mit dem unerbittlichsten Ernst für -sich selbst auf der Suche nach dem rechten Wege war und zunächst sich selbst, nicht -andern Rat zu geben hatte. -</p> -<p>So deute ich für meine Person die negative Stellungnahme Kafkas zu seinem eignen Werk. -Er sprach oft von den „falschen Händen, die sich einem während des Schreibens entgegenstrecken“ -— auch davon, daß ihn das Geschriebene und gar das Veröffentlichte in der weitern -Arbeit beirre. Es gab viele Widerstände zu überwinden, ehe ein Band von ihm erschien. -Nichtsdestoweniger hat er an den fertigen schönen Büchern und gelegentlich auch an -ihren Wirkungen eine rechte Freude gehabt, und es gab Zeiten, wo er wie sich selbst -so auch sein Werk mit gleichsam wohlwollendern Blicken, nie ganz ohne Ironie, jedoch -mit freundlicher Ironie musterte; mit einer Ironie, hinter der sich das ungeheure -Pathos des kompromißlos nach dem Höchsten Strebenden verbarg. -</p> -<p>In Franz Kafkas Nachlaß hat sich kein Testament vorgefunden. In seinem Schreibtisch -lag unter vielem andern Papier ein zusammengefalteter, mit Tinte geschriebener Zettel -mit meiner Adresse. Der Zettel hat folgenden Wortlaut: -</p> -<blockquote> -<p class="first">Liebster Max, meine letzte Bitte: Alles, was sich in meinem Nachlaß (also im Buchkasten, -Wäscheschrank, <span class="pageNum" id="pb404">[<a href="#pb404">404</a>]</span>Schreibtisch, zu Hause und im Bureau, oder wohin sonst irgend etwas vertragen worden -sein sollte und Dir auffällt) an Tagebüchern, Manuskripten, Briefen, fremden und eignen, -Gezeichnetem und so weiter findet, restlos und ungelesen zu verbrennen, ebenso alles -Geschriebene oder Gezeichnete, das Du oder andre, die Du in meinem Namen darum bitten -sollst, haben. Briefe, die man Dir nicht übergeben will, soll man wenigstens selbst -zu verbrennen sich verpflichten. -</p> -<p class="signed">Dein Franz Kafka.</p> -</blockquote><p> -</p> -<p>Bei genauerm Suchen fand sich auch noch ein mit Bleistift geschriebenes, vergilbtes, -offenbar älteres Blatt. Es sagt: -</p> -<blockquote> -<p class="first">Lieber Max, vielleicht stehe ich diesmal doch nicht mehr auf, das Kommen der Lungenentzündung -ist nach dem Monat Lungenfieber genug wahrscheinlich, und nicht einmal, daß ich es -niederschreibe, wird sie abwehren, trotzdem es eine gewisse Macht hat. -</p> -<p>Für diesen Fall also mein letzter Wille hinsichtlich alles von mir Geschriebenen: -</p> -<p>Von allem, was ich geschrieben habe, gelten nur die Bücher: Urteil, Heizer, Verwandlung, -Strafkolonie, Landarzt und die Erzählung: Hungerkünstler. (Die paar Exemplare der -‚Betrachtung‘ mögen bleiben, ich will niemandem die Mühe des Einstampfens machen, -aber neu gedruckt darf nichts daraus werden.) Wenn ich sage, daß jene fünf Bücher -und die Erzählung gelten, so meine ich damit nicht, daß ich den Wunsch habe, sie mögen -neu gedruckt und künftigen Zeiten überliefert werden, im Gegenteil, sollten sie ganz -verlorengehn, entspricht dieses <span class="pageNum" id="pb405">[<a href="#pb405">405</a>]</span>meinem eigentlichen Wunsch. Nur hindere ich, da sie schon einmal da sind, niemanden -daran, sie zu erhalten, wenn er dazu Lust hat. -</p> -<p>Dagegen ist alles, was sonst an Geschriebenem von mir vorliegt (in Zeitschriften Gedrucktes, -im Manuskript oder in Briefen) ausnahmslos, soweit es erreichbar oder durch Bitten -von den Adressaten zu erhalten ist (die meisten Adressaten kennst Du ja, in der Hauptsache -handelt es sich um .….….., vergiß besonders nicht paar Hefte, die .…. hat) — alles -dieses ist ausnahmslos, am liebsten ungelesen (doch wehre ich Dir nicht hineinzuschaun, -am liebsten wäre es mir allerdings, wenn Du es nicht tust, jedenfalls aber darf niemand -andrer hineinschauen) — alles dieses ist ausnahmslos zu verbrennen, und dies möglichst -bald zu tun bitte ich Dich -</p> -<p class="signed">Franz</p> -</blockquote><p> -</p> -<p>Wenn ich diesen so kategorisch ausgesprochenen Verfügungen gegenüber dennoch ablehne, -die herostratische Tat auszuführen, die mein Freund von mir verlangt, so habe ich -hierzu die allertriftigsten Gründe. -</p> -<p>Einige davon entziehen sich öffentlicher Diskussion. Doch auch die, welche ich mitteilen -kann, sind meiner Ansicht nach durchaus hinreichend zum Verständnis meines Entschlusses. -</p> -<p>Der Hauptgrund: als ich 1921 meinen Beruf wechselte, sagte ich meinem Freunde, daß -ich mein Testament gemacht hätte, in dem ich ihn bäte, dieses und jenes zu vernichten, -andres durchzusehn und so fort. Darauf sagte Kafka und zeigte mir den mit Tinte geschriebenen -Zettel, den man dann in seinem Schreibtisch vorgefunden hat, von <span class="pageNum" id="pb406">[<a href="#pb406">406</a>]</span>außen: „Mein Testament wird ganz einfach sein — die Bitte an dich, alles zu verbrennen.“ -Ich entsinne mich auch noch ganz genau der Antwort, die ich damals gab: „Falls du -mir im Ernste so etwas zumuten solltest, so sage ich dir schon jetzt, daß ich deine -Bitte nicht erfüllen werde.“ Das ganze Gespräch wurde in jenem scherzhaften Ton geführt, -der unter uns üblich war, jedoch mit dem heimlichen Ernst, den wir dabei stets einer -bei dem andern voraussetzten. Von dem Ernst meiner Ablehnung überzeugt, hätte Franz -einen andern Testamentsexekutor bestimmen müssen, wenn ihm seine eigne Verfügung unbedingter -und letzter Ernst gewesen wäre. -</p> -<p>Ich bin ihm nicht dankbar, mich in diesen schweren Gewissenskonflikt gestürzt zu haben, -den er voraussehen mußte, denn er kannte die fanatische Verehrung, die ich jedem seiner -Worte entgegenbrachte, und die mich in den 22 Jahren unsrer niemals getrübten Freundschaft -(unter anderm) veranlaßte, auch nicht das kleinste Zettelchen, keine Ansichtskarte, -die von ihm kam, wegzuwerfen. — Das „ich bin nicht dankbar“ möge übrigens nicht mißverstanden -werden! Was wiegt ein noch so schwerer Gewissenskonflikt gegenüber dem unendlichen -Segen, den ich dem Freunde verdanke, der das eigentliche Rückgrat meiner ganzen geistigen -Existenz war! -</p> -<p>Weitere Gründe: die Ordre des Bleistiftblatts ist von Franz selbst nicht befolgt worden, -denn er hat später ausdrücklich die Erlaubnis gegeben, daß Teile der ‚Betrachtung‘ -in einer Zeitung nachgedruckt, und daß drei weitere Novellen veröffentlicht würden, -die er selbst mit dem „Hungerkünstler“ vereinigt und dem Verlag Die Schmiede <span class="pageNum" id="pb407">[<a href="#pb407">407</a>]</span>übergeben hat. Beide Verfügungen stammen ferner aus einer Zeit, wo die selbstkritischen -Tendenzen meines Freundes den Höhepunkt erreicht hatten. In seinem letzten Lebensjahre -aber hat sein ganzes Dasein eine unvorhergesehene, neue, glückliche, positive Wendung -genommen, die diesen Selbsthaß und Nihilismus derogiert. — Mein Entschluß, den Nachlaß -zu veröffentlichen, wird übrigens durch die Erinnerung an all die erbitterten Kämpfe -erleichtert, mit dem ich jede einzelne Veröffentlichung von Kafka erzwungen und oft -genug erbettelt habe. Und dennoch war er nachträglich mit diesen Veröffentlichungen -ausgesöhnt und relativ zufrieden. — Schließlich entfällt bei einer postumen Veröffentlichung -eine Reihe von Motiven, zum Beispiel, daß Veröffentlichung weitere Arbeit beirren -könnte, daß sie die Schatten persönlich peinlicher Lebensperioden aufrief. Wie sehr -für Kafka die Nichtveröffentlichung mit dem Problem seiner Lebensführung zusammenhing -(ein Problem, das zu unserem unermeßlichen Schmerz jetzt nicht mehr stört), geht wie -aus vielen Gesprächen aus folgendem Brief an mich hervor: „… Die Romane lege ich nicht -bei. Warum die alten Anstrengungen aufrühren? Nur deshalb, weil ich sie bisher nicht -verbrannt habe? … Wenn ich nächstens komme, geschieht es hoffentlich. Worin liegt -der Sinn des Aufhebens solcher „sogar“ künstlerisch mißlungener Arbeiten? Darin, daß -man hofft, daß sich aus diesen Stückchen ein Ganzes zusammensetzen wird, irgendeine -Berufungsinstanz, an deren Brust ich werde schlagen können, wenn ich in Not bin. Ich -weiß, daß das nicht möglich ist, daß von dort keine Hilfe kommt. Was soll ich also -mit den Sachen? Sollen die, die mir nicht helfen können, <span class="pageNum" id="pb408">[<a href="#pb408">408</a>]</span>mir auch noch schaden, wie es, dieses Wissen vorausgesetzt, sein muß?“ -</p> -<p>Ich fühle sehr wohl, daß ein Rest bleibt, der besonders zartsinnigen Menschen die -Publikation verbieten würde. Ich halte es aber für meine Pflicht, dieser sehr einschmeichelnden -Verlockung des Zartsinns zu widerstehn. Entscheidend ist dabei natürlich nichts von -dem bisher Vorgebrachten, sondern einzig und allein die Tatsache, daß der Nachlaß -Kafkas die wundervollsten Schätze, auch an seinem eignen Werk gemessen das Beste, -was er geschrieben hat, enthält. Ehrlicherweise muß ich eingestehn, daß diese eine -Tatsache des literarischen und ethischen Werts genügt hätte (selbst wenn ich gegen -die Kraft der letztwilligen Verfügungen Kafkas gar keinen Einwand hätte) — meine Entscheidung -mit einer Präzision, der ich nichts entgegenzusetzen hätte, eindeutig zu bestimmen. -</p> -<p>Leider ist Franz Kafka an einem Teil seines Vermächtnisses sein eigner Exekutor geworden. -Ich fand in seiner Wohnung zehn große Quarthefte — nur ihre Deckel, den Inhalt vollständig -vernichtet. Ferner hat er (zuverlässigem Bericht zufolge) mehrere Schreibblocks verbrannt. -In der Wohnung fand sich nur ein Konvolut (etwa hundert Aphorismen über religiöse -Fragen), ein autobiographischer Versuch, der vorläufig unveröffentlicht bleibt, und -ein Haufen ungeordneter Papiere, die ich jetzt sichte. Ich hoffe, daß sich in diesen -Papieren manche vollendete oder nahezu vollendete Erzählung finden wird. Ferner wurde -mir eine (unvollendete) Tier-Novelle und ein Skizzenbuch übergeben. -</p> -<p>Der kostbarste Teil des Vermächtnisses besteht mithin in den Werken, die dem Grimm -des Autors rechtzeitig entzogen <span class="pageNum" id="pb409">[<a href="#pb409">409</a>]</span>und in Sicherheit gebracht worden sind. Es sind dies drei Romane. ‚Der Heizer‘, die -schon veröffentlichte Erzählung, bildet das erste Kapitel des einen Romans, der in -Amerika spielt, und von dem auch das Schlußkapitel existiert, so daß er keine wesentliche -Lücke aufweisen dürfte. Dieser Roman befindet sich bei einer Freundin des Toten; die -beiden andern — „Das Schloß“ und den „Prozeß“ habe ich 1920 und 1923 zu mir gebracht, -was mir heute ein wahrer Trost ist. Erst diese Werke werden zeigen, daß die eigentliche -Bedeutung Franz Kafkas, den man bisher mit einigem Recht für einen Spezialisten, einen -Meister der Kleinkunst halten konnte, in der großen epischen Form liegt. -</p> -<p>Mit diesen Werken, die etwa vier Bände einer Nachlaßausgabe füllen dürften, sind aber -die Ausstrahlungen von Kafkas zauberhafter Persönlichkeit bei weitem nicht erschöpft. -Kann auch vorläufig an eine Herausgabe der Briefe nicht gedacht werden, von denen -jeder einzelne dieselbe Natürlichkeit und Intensität besitzt wie Kafkas literarisches -Werk, so wird man doch in einem kleinen Kreise rechtzeitig daran gehen, alles zu sammeln, -was als Äußerung dieses einzigartigen Menschen in Erinnerung geblieben ist. Um nur -ein Beispiel anzuführen: wie viele der Werke, die jetzt zu meiner bittern Enttäuschung -in Kafkas Wohnung nicht mehr vorgefunden wurden, hat mir mein Freund vorgelesen oder -wenigstens teilweise vorgelesen, teilweise ihren Plan erzählt! Wie unvergeßliche, -ganz originelle, ganz tiefe Gedanken hat er mir mitgeteilt! Soweit mein Gedächtnis, -soweit meine Kräfte reichen, soll nichts verlorengehen. -</p> -<p>Das Manuskript des Romans „Der Prozeß“ habe ich im <span class="pageNum" id="pb410">[<a href="#pb410">410</a>]</span>Juni 1920 an mich genommen und gleich damals geordnet. Das Manuskript trägt keinen -Titel. Doch hat Kafka dem Roman im Gespräch stets den Titel „Der Prozeß“ gegeben. -Die Einteilung in Kapitel sowie die Kapitelüberschriften rühren von Kafka her. Bezüglich -der Anordnung der Kapitel war ich auf mein Gefühl angewiesen. Doch da mir mein Freund -einen großen Teil des Romans vorgelesen hatte, konnte sich mein Gefühl bei der Ordnung -der Papiere auf Erinnerungen stützen. — Franz Kafka hat den Roman als unvollendet -betrachtet. Vor dem Schlußkapitel, das vorliegt, sollten noch einige Stadien des geheimnisvollen -Prozesses geschildert werden. Da aber der Prozeß nach der vom Dichter mündlich geäußerten -Ansicht niemals bis zur höchsten Instanz vordringen sollte, war in einem gewissen -Sinne der Roman überhaupt unvollendbar, d. h. in infinitum fortsetzbar. Die vollendeten -Kapitel, mit dem abrundenden Schlußkapitel zusammengenommen, lassen jedenfalls sowohl -den Sinn wie die Gestalt des Werkes mit einleuchtendster Klarheit hervortreten, und -wer nicht darauf aufmerksam gemacht wird, daß der Dichter selbst an dem Werke noch -weiterzuarbeiten gedachte (er unterließ es, weil er sich einer andern Lebensatmosphäre -zuwandte) —, wird kaum seine Lücke fühlen. — Meine Arbeit an dem großen Papierbündel, -das seinerzeit dieser Roman darstellte, beschränkte sich darauf, die vollendeten von -den unvollendeten Kapiteln zu sondern. Die unvollendeten lasse ich für den Schlußband -der Nachlaßausgabe zurück, sie enthalten nichts für den Gang der Handlung Wesentliches. -Eines dieser Fragmente wurde vom Dichter selbst unter dem Titel „Ein Traum“ in den -Band „Ein Landarzt“ aufgenommen. <span class="pageNum" id="pb411">[<a href="#pb411">411</a>]</span>Die vollendeten Kapitel sind hier vereinigt und geordnet. Von den unvollendeten habe -ich nur eines, das offenbar nahezu vollendet ist, mit einer leichten Umstellung von -vier Zeilen als Kapitel 8 hier eingereiht. — Im Text habe ich selbstverständlich nichts -geändert. Ich habe nur die zahlreichen Abkürzungen transkribiert (z. B. statt F. B. -„Fräulein Bürstner“ — statt T. „Titorelli“ voll ausgeschrieben) und einige kleine -Versehen berichtigt, die offensichtlich nur deshalb in dem Manuskript stehen geblieben -sind, weil es der Dichter einer definitiven Durchsicht nicht unterworfen hat. -</p> -<p class="signed">Max Brod. -<span class="pageNum" id="pb412">[<a href="#pb412">412</a>]</span></p> -</div> -</div> -<div class="div1 imprint"><span class="pageNum">[<a href="#toc">Inhalt</a>]</span><div class="divBody"> -<p class="first"></p> -<div class="figure printer-logowidth"><img src="images/printer-logo.png" alt="Logo" width="55" height="90"></div><p> -</p> -<p class="center small">GEDRUCKT BEI<br> -POESCHEL & TREPTE<br> -IN LEIPZIG -</p> -</div> -</div> -<div class="div1" id="toc"> -<h2 class="main">Inhaltsverzeichnis</h2> -<table summary="Inhaltsverzeichnis"> -<tr id="ch1.toc"> -<td class="tocDivNum"></td> -<td class="tocDivTitle"><a href="#ch1">VERHAFTUNG · GESPRÄCH MIT FRAU GRUBACH · DANN FRÄULEIN BÜRSTNER</a></td> -<td class="tocPageNum"><a class="pageref" href="#ch1">1</a></td> -</tr> -<tr id="ch2.toc"> -<td class="tocDivNum"></td> -<td class="tocDivTitle"><a href="#ch2">ERSTE UNTERSUCHUNG</a></td> -<td class="tocPageNum"><a class="pageref" href="#ch2">54</a></td> -</tr> -<tr id="ch3.toc"> -<td class="tocDivNum"></td> -<td class="tocDivTitle"><a href="#ch3">IM LEEREN SITZUNGSSAAL · DER STUDENT · DIE KANZLEIEN</a></td> -<td class="tocPageNum"><a class="pageref" href="#ch3">84</a></td> -</tr> -<tr id="ch4.toc"> -<td class="tocDivNum"></td> -<td class="tocDivTitle"><a href="#ch4">DIE FREUNDIN DES FRÄULEIN BÜRSTNER</a></td> -<td class="tocPageNum"><a class="pageref" href="#ch4">128</a></td> -</tr> -<tr id="ch5.toc"> -<td class="tocDivNum"></td> -<td class="tocDivTitle"><a href="#ch5">DER PRÜGLER</a></td> -<td class="tocPageNum"><a class="pageref" href="#ch5">143</a></td> -</tr> -<tr id="ch6.toc"> -<td class="tocDivNum"></td> -<td class="tocDivTitle"><a href="#ch6">DER ONKEL · LENI</a></td> -<td class="tocPageNum"><a class="pageref" href="#ch6">156</a></td> -</tr> -<tr id="ch7.toc"> -<td class="tocDivNum"></td> -<td class="tocDivTitle"><a href="#ch7">ADVOKAT · FABRIKANT · MALER</a></td> -<td class="tocPageNum"><a class="pageref" href="#ch7">195</a></td> -</tr> -<tr id="ch8.toc"> -<td class="tocDivNum"></td> -<td class="tocDivTitle"><a href="#ch8">KAUFMANN BLOCK · KÜNDIGUNG DES ADVOKATEN</a></td> -<td class="tocPageNum"><a class="pageref" href="#ch8">290</a></td> -</tr> -<tr id="ch9.toc"> -<td class="tocDivNum"></td> -<td class="tocDivTitle"><a href="#ch9">IM DOM</a></td> -<td class="tocPageNum"><a class="pageref" href="#ch9">347</a></td> -</tr> -<tr id="ch10.toc"> -<td class="tocDivNum"></td> -<td class="tocDivTitle"><a href="#ch10">ENDE</a></td> -<td class="tocPageNum"><a class="pageref" href="#ch10">392</a></td> -</tr> -<tr id="nachwort.toc"> -<td class="tocDivNum"></td> -<td class="tocDivTitle"><a href="#nachwort">NACHWORT</a></td> -<td class="tocPageNum"><a class="pageref" href="#nachwort">402</a></td> -</tr> -</table> -</div> -<div class="transcriberNote"> -<h2 class="main">Kolophon</h2> -<h3 class="main">Verfügbarkeit</h3> -<p class="first">This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project -Gutenberg License included with this eBook or online at <a class="seclink xd31e49" title="Externe Link" href="https://www.gutenberg.org/">www.gutenberg.org</a>. -</p> -<p>This eBook is produced by the Online Distributed Proofreading Team at <a class="seclink xd31e49" title="Externe Link" href="https://www.pgdp.net/">www.pgdp.net</a>. -</p> -<h3 class="main">Metadaten</h3> -<table class="colophonMetadata" summary="Metadaten"> -<tr> -<td><b>Titel:</b></td> -<td>Der Prozess</td> -<td></td> -</tr> -<tr> -<td><b>Autor:</b></td> -<td>Franz Kafka (1883–1924)</td> -<td>Information <span class="externalUrl">https://viaf.org/viaf/56611857/</span></td> -</tr> -<tr> -<td><b>Beiträger:</b></td> -<td>Max Brod (1880–1959)</td> -<td>Information <span class="externalUrl">https://viaf.org/viaf/11005481/</span></td> -</tr> -<tr> -<td><b>Designer:</b></td> -<td>George Salter (1897–1967)</td> -<td>Information <span class="externalUrl">https://viaf.org/viaf/59988302/</span></td> -</tr> -<tr> -<td><b>Erstellungsdatum der Datei:</b></td> -<td>2022-11-11 19:09:56 UTC</td> -<td></td> -</tr> -<tr> -<td><b>Sprache:</b></td> -<td>Deutsch</td> -<td></td> -</tr> -<tr> -<td><b>Veröffentlichungsdatum des Originals:</b></td> -<td>1925</td> -<td></td> -</tr> -</table> -<h3 class="main">Überblick der Revisionen</h3> -<ul> -<li>2022-11-10 Angefangen. -</li> -</ul> -<h3 class="main">Korrekturen</h3> -<p>Die folgenden Korrekturen sind am Text angewendet worden:</p> -<table class="correctionTable" summary="Übersicht der Korrekturen im Text"> -<tr> -<th>Seite</th> -<th>Quelle</th> -<th>Korrektur</th> -<th>Edit-Distanz</th> -</tr> -<tr> -<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e294">49</a>, <a class="pageref" href="#xd31e327">58</a></td> -<td class="width40 bottom" lang="de">K.’s</td> -<td class="width40 bottom" lang="de">K.s</td> -<td class="bottom">1</td> -</tr> -<tr> -<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e321">57</a>, <a class="pageref" href="#xd31e1144">344</a></td> -<td class="width40 bottom" lang="de">daß</td> -<td class="width40 bottom" lang="de">das</td> -<td class="bottom">1</td> -</tr> -<tr> -<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e433">85</a></td> -<td class="width40 bottom" lang="de">,</td> -<td class="width40 bottom" lang="de"> -[<i>Weggelassen</i>] -</td> -<td class="bottom">1</td> -</tr> -<tr> -<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e446">90</a></td> -<td class="width40 bottom" lang="de">sie</td> -<td class="width40 bottom" lang="de">Sie</td> -<td class="bottom">1</td> -</tr> -<tr> -<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e506">112</a></td> -<td class="width40 bottom" lang="de">ein ein</td> -<td class="width40 bottom" lang="de">ein</td> -<td class="bottom">4</td> -</tr> -<tr> -<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e646">157</a></td> -<td class="width40 bottom" lang="de">ihm</td> -<td class="width40 bottom" lang="de">ihn</td> -<td class="bottom">1</td> -</tr> -<tr> -<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e688">175</a></td> -<td class="width40 bottom" lang="de">totzdem</td> -<td class="width40 bottom" lang="de">trotzdem</td> -<td class="bottom">1</td> -</tr> -<tr> -<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e727">191</a></td> -<td class="width40 bottom" lang="de">anfeurender</td> -<td class="width40 bottom" lang="de">anfeuernder</td> -<td class="bottom">2</td> -</tr> -<tr> -<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e759">201</a></td> -<td class="width40 bottom" lang="de">Angeklagen</td> -<td class="width40 bottom" lang="de">Angeklagten</td> -<td class="bottom">1</td> -</tr> -<tr> -<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e762">201</a></td> -<td class="width40 bottom" lang="de">auszuforschen</td> -<td class="width40 bottom" lang="de">ausforschen</td> -<td class="bottom">2</td> -</tr> -<tr> -<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e791">213</a></td> -<td class="width40 bottom" lang="de">bereitwillg</td> -<td class="width40 bottom" lang="de">bereitwillig</td> -<td class="bottom">1</td> -</tr> -<tr> -<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e1076">319</a></td> -<td class="width40 bottom" lang="de"> -[<i>Nicht in der Quelle</i>] -</td> -<td class="width40 bottom" lang="de">“</td> -<td class="bottom">1</td> -</tr> -<tr> -<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e1128">338</a></td> -<td class="width40 bottom" lang="de">.</td> -<td class="width40 bottom" lang="de">?</td> -<td class="bottom">1</td> -</tr> -<tr> -<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e1251">379</a></td> -<td class="width40 bottom" lang="de">Er</td> -<td class="width40 bottom" lang="de">er</td> -<td class="bottom">1</td> -</tr> -</table> -</div> -</div> -<div lang='en' xml:lang='en'> -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>DER PROZESS</span> ***</div> -<div style='text-align:left'> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin-top:1em; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE</div> -<div style='text-align:center;font-size:0.9em'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE</div> -<div style='text-align:center;font-size:0.9em'>PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg™ -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg™ electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person -or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. 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