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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:28:27 -0700 |
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Angenehm ist es dem +Herausgeber, wenn die Leser des ersten sich darueber gewundert, am +angenehmsten, wenn sie sich darueber geaergert haben; es zeigt dies eine +gewisse Vorliebe fuer die schriftstellerischen Versuche des Satan, die +nicht nur ihm, sondern auch seinem Herausgeber und Uebersetzer +erwuenscht sein muss. + +Die Schuld dieser Verspaetung liegt aber weder in der zu heissen +Temperatur des letzten Spaetsommers, noch in der strengen Kaelte des +Winters, weder im Mangel an Zeit oder Stoff, noch in politischen +Hindernissen; die einzige Ursache ist ein sonderbarer Prozess, in +welchen der Herausgeber verwickelt wurde und vor dessen Beendigung er +diesen zweiten Teil nicht folgen lassen wollte. + +Kaum war naemlich der erste Teil dieser Memoiren in die Welt versandt +und mit einigen Posaunenstoessen in den verschiedenen Zeitungen +begleitet worden, als ploetzlich in allen diesen Blaettern zu lesen war +eine + +W a r n u n g v o r B e t r u g + +"Die bei Fr. Franckh in Stuttgart herausgekommenen Memoiren des Satan +sind nicht von dem im Alten und Neuen Testament bekannten und durch +seine Schriften: Elixiere des Teufels, Bekenntnisse des Teufels, als +Schriftsteller beruehmten Teufel, sondern gaenzlich, falsch und unecht, +was hiemit dem Publikum zur Kenntnis gebracht wird." + +Ich gestehe, ich aergerte mich nicht wenig ueber diese Zeilen, die von +niemand unterschrieben waren. Ich war meiner Sache so gewiss, hatte das +Manuskript von niemand anders als dem Satan selbst erhalten, und nun, +nach vielen Muehen und Sorgen, nachdem ich mich an den infernalischen +Chiffern beinahe blind gelesen, soll ein solcher anonymer Totschlaeger +ueber mich herfallen, meine literarische Ehre aus der Ferne totschlagen +und besagte Memoiren fuer unecht erklaeren? + +Waehrend ich noch mit mir zu Rate ging, was wohl auf eine solche +Beschuldigung des B e t r u g e s zu antworten sei, werde ich vor die +Gerichte zitiert und in Kenntnis gesetzt, dass ich einer +Namensfaelschung, eines literarischen Diebstahls angeklagt sei, und +zwar--vom Teufel selbst, der gegenwaertig als Geheimer Hofrat in +persischen Diensten lebe. Er behauptete naemlich, ich habe seinen Namen +Satan missbraucht, um ihm eine miserable Scharteke, die er nie +geschrieben, unterzuschieben; ich habe seinen literarischen Ruhm +benuetzt, um diesem schlechten Buechlein einen schnellen und +eintraeglichen Abgang zu verschaffen; kurz, er verlange nicht nur, dass +ich zur Strafe gezogen, sondern auch, dass ich angehalten werde, ihm +Schadenersatz zu geben, "dieweil ihm ein Vorteil durch diesen Kniff +entzogen worden". + +Ich verstehe so wenig von juridischen Streitigkeiten, dass mir frueher +schon den Name Klage oder Prozess Herzklopfen verursachte; man kann +sich also wohl denken, wie mir bei diesen schrecklichen Worten zu Mute +ward. Ich ging niedergedonnert heim und schloss mich in mein +Kaemmerlein, um ueber diesen Vorfall nachzudenken. Es war mir kein +Zweifel, dass es hier drei Faelle geben koenne. Entweder hatte mir der +Teufel selbst das Manuskript gegeben, um mich nachher als Klaeger recht +zu aengstigen und auf meine Kosten zu lachen; oder irgendein boeser +Mensch hatte mir die Komoedie in Mainz vorgespielt, um das Manuskript +in meine Haende zu bringen, und der Teufel selbst trat jetzt als +erbitterter Klaeger auf; oder drittens, das Manuskript kam wirklich vom +Teufel, und ein muessiger Kopf wollte jetzt den Satan spielen und mich +in seinem Namen verklagen. + +Ich ging zu einem beruehmten Rechtsgelehrten und trug ihm den Fall vor. +Er meinte, es sei allerdings ein fataler Handel, besonders weil ich +keine Beweise beibringen koenne, dass das Manuskript von dem echten +Teufel abstamme, doch er wolle das Seinige tun und aus der bedeutenden +Anzahl von Buechern, die seit Justinians _Corpus juris_ bis auf +das neue birmanische Strafgesetzbuch ueber solche Faelle geschrieben +worden seien, einiges nachlesen. + +Das juridische Stiergefecht nahm jetzt foermlich seinen Anfang. Es +wurde, wie es bei solchen Faellen herkoemmlich ist, so viel darueber +geschrieben, dass auf jeden Bogen der Memoiren des Satan ein Ries Akten +kam, und nachdem die Sache ein Vierteljahr anhaengig war, wurde sogar +auf Unrechtskosten eine neue Aktenkammer fuer diesen Prozess eingeraeumt; +ueber der Tuere stand mit grossen Buchstaben: "Acta in Sachen des +persischen G. H. R. T e u f e l s gegen _Dr._ H----f, betreffend +die Memoiren des Satan." + +Ein sehr guenstiger Umstand fuer mich war der, dass ich auf dem Titel +nicht "Memoiren des Teufels", sondern "des Satan" gesagt hatte. Die +Juristen waren mit sich ganz einig, dass der Name T e u f e l in +Deutschland sein F a m i l i e n n a m e sei, ich habe also wenigstens +diesen nicht zur Faelschung gebraucht; Satan hingegen sei nur ein +angenommener, willkuerlicher; denn niemand im Staate sei berechtigt, +zwei Namen zu fuehren. Ich fing an, aus diesem Umstand guenstigere +Hoffnungen zu schoepfen; aber nur zu bald sollte ich die bittere +Erfahrung machen, was es heisse, den Gerichten anheimzufallen. Das +Referat in Sachen des _et cetera_ war naemlich dem beruehmten +Justizrat Wackerbart in die Haende gefallen, einem Manne, der schon bei +Daempfung einiger grossen Revolutionen ungemeine Talente bewiesen hatte +und neuerdings sogar dazu verwendet wurde, bedeutende Unruhen in einem +Gymnasium zu schlichten. Stand nicht zu erwarten, dass ein solcher +beruehmter Jurist meine Sache nur als eine _cause celebre_ ansehen +und sie also handhaben werde, dass sie, gleichviel wem von beiden +Recht, ihm am meisten Ruhm einbraechte? Hierzu kam noch der Titel und +Rang meines Gegners; Wackerbart hatte seit einiger Zeit angefangen, +sich an hoehere Zirkel anzuschliessen; musste ihm da ein so wichtiger +Mann, wie ein persischer Geheimer Hofrat, nicht mehr gelten als ich +Armer? + +Es ging, wie ich vorausgesehen hatte. Ich verlor meine Sache gegen den +Teufel. Strafe, Schadenersatz, aller moegliche Unsinn wurde auf mich +gewaelzt; ich wunderte mich, dass man mich nicht einige Wochen ins +Gefaengnis sperrte oder gar haengte. Man hatte hauptsaechlich folgendes +gegen mich in Anwendung gebracht: + +E n t s c h e i d u n g s = G r u e n d e + +zu dem vor dem Kriminalgericht Klein=Justheim, unter dem 4. Dezember +1825 gefaellten Erkenntnis in der Untersuchungssache gegen den +_Dr_. .....f w e g e n B e t r u g e s. + +1. Es ist durch das Zugestaendnis des Angeklagten erhoben, dass er keine +Beweise beizubringen weiss, dass die von ihm herausgegebenen Memoiren +des Satan wirklich von dem bekannten echten Teufel, so gegenwaertig als +Geheimer Hofrat in persischen Diensten lebt, herruehren. Ferner hat der +Angeschuldigte .....f zugegeben, dass die in oeffentlichen Blaettern +darueber enthaltene Ankuendigung mit seinem Wissen gegeben sei. + +2. Die letztgedachte Ankuendigung ist also abgefasst, dass hieraus die +Absicht des Verfassers, die Lesewelt glauben zu machen, dass "die +Memoiren des Satan" von dem wahren, im Alten und Neuen Testament +bekannten und neuerdings als Schriftsteller beliebten Teufel +geschrieben seien, nur allzu deutlich hervorleuchten tut. + +3. Durch diese Verfahrungsart hat sich der Angeklagte .....f eines +Betruges, alldieweilen solcher im allgemeinen in jedweder aus +impermissen Kommodum fuer sich oder Schaden anderer gerichteten +unrechtlichen Taeuschung anderer, entweder, indem man falsche Tatsachen +mitteilt oder wahre dito nicht angibt--besteht; oder, um uns naeher +auszudruecken, da hier die Sprache v o n e i n e r W a r e u n d +g e d r u c k t e m B u c h ist--einer F a e l s c h u n g schuldig +gemacht; denn durch den Titel "Memoiren des Satan" und die Anpreisung +des Buches wurde der Lesewelt falsch vorgespiegelt, dass das Buch +ausdruecklich von dem unter dem Namen Satan bekannten, k. persischen +Geheimen Hofrat Teufel verfasst sei, was beim Verkauf des Werkes +verursachte, dass es schneller und in groesserer Quantitaet abging, als +wenn das Buechlein unter dem Namen des Herrn ....f, so dem Publiko noch +gar nicht bekannt ist, erschienen waere, und wodurch die, so es +kauften, in ihrer schoenen Erwartung, ein echtes Werk des Teufels in +Haenden zu haben, schnoede betrogen wurden. + +4. Wenn der Herr _Dr_. .....f, um sich zu entschuldigen, dagegen +einwendet, dass der Name Satan in Deutschland nur ein angenommener sei, +worauf der Teufel, wie man ihn gewoehnlich nennt, keinen Anspruch zu +machen habe, so bemerken wir Kriminalleute von Klein=Justheim sehr +richtig, dass sich .....f auf den Gebrauch jenes angenommenen, uebrigens +bekanntermassen den Teufel sehr wohl bezeichnenden Namens nicht +beschraenkt, sondern in dem Werke selbst ueberall durchblicken laesst, +namentlich in der Einleitung, dass der Verfasser derjenige Teufel oder +Satan sei, welcher dem Publiko, besonders dem Frauenzimmer, wie auch +denen Gelehrten durch fruehere Opera, z. B. die Elixiere des Teufels +_et cetera_ ruehmlichst bekannt ist, wodurch wohl ebenfalls +niemand anderes gemeint ist als der Geheime Hofrat Teufel. + +5. Man muss lachen ueber die Behauptung des Inkulpaten, dass das in Frage +stehende Opuskulum, wie auch nicht destoweniger seine Anzeige, +eigentlich eine Satire auf den Teufel und jegliche Teufelei jetziger +Zeit sei! Denn diese Entschuldigung wird durch den Inhalt der Schrift +selbst widerlegt; ja, jeder Leser von Vernunft muss das auch wohl eher +fuer eine etwas geringe Nachaeffung der Teufeleien als fuer--eine Satire +auf dieselben erkennen. Waere aber auch, was wir Juristen nicht +einzusehen vermoegen, das Werk dennoch eine Satire, so ist durchaus +kein guenstiger Umstand fuer .....f zu ziehen, weil derjenige Kaeufer, der +etwas E c h t e s, vom Teufel Verfasstes kaufen wollte, erst nach dem +Kauf entdecken konnte, dass er betrogen sei. + +6. Ausser der voellig rechtswidrigen Taeuschung der Lesewelt, +Leihbibliotheken _et cetera_, ist in der vorliegenden Defraudation +auch ein Verbrechen gegen den begangen, dessen Name oder +Firma missbraucht worden, naemlich und spezialiter gegen den Geheimen +Hofrat Teufel, welcher sowohl als Gelehrter und Schriftsteller, als +von wegen des Honorars seiner uebrigen Schriften sehr dabei +interessiert ist, dass nicht das Geschreibsel anderer als von ihm +niedergeschrieben, wie auch erdacht, angezeigt und verkauft werde. + +7. Wenn endlich der Angeklagte behauptet, dass er das Buch arglos +herausgegeben, ohne das Klein=Justheimer Recht hierueber zu kennen, dass +ihn auch bei der Faelschung durchaus keine gewinnsuechtigen Absichten +geleitet haetten, so ist uns dies gleichgueltig und haben nicht darauf +Ruecksicht zu nehmen; denn Faelschung ist Faelschung, sei es, ob man +englische Teppiche nachahmt und als echt verkauft, aber Buecher +schreibt unter falschem Namen; ist alles nur verkaeufliche Ware und +kann den Begriff des Vergehens nicht aendern, weil immer noch die +Taeuschung und Anschmierung der Kaeufer restiert und zwar ebenfalls +nichts destominder auch alsdann, wenn die Memoiren des Satan gleichen +Wert mit den uebrigen Buechern des Teufels haetten (was wir +Klein=Justheimer uebrigens bezweifeln, da jener Geheimer Hofrat ist), +weil dem Ebengedachten schon das Unterschieben eines fremden +Machwerkes unter seinem Namen ein Schaden in juridischem Sinne sein +tut. + +Es ist daher, wie man getan hat, erkannt worden usw. usw. + +(Gez.) Praesident und Raete des Kriminalgerichts zu Klein=Justheim. + +Hast du, geneigter Leser, nie die beruehmten Nuernberger Gliedermaenner +gesehen, so, kunstreich aus Holz geschnitzelt, ihre Gliedlein nach +jedem Druck bewegen? Hast du wohl selbst in deiner Jugend mit solchem +Maennlein gespielt und allerlei Kurzweil mit ihm getrieben und +probiert, ob es nicht schoener waere, wenn er z. B. das Gesicht im +Nacken truege und den Ruecken hinunterschaue, oder ob es nicht +vernuenftiger waere, wenn ihm die Beine ein wenig umgedreht wuerden, dass +er vor= und rueckwaerts spaziere, wie man es haben wolle? Das hast du +wohl versucht in den Tagen deiner Kindheit, und es war ein +unschuldiges Spiel; denn dem Gliedermann war es gleichgueltig, ob ihm +die Beine ueber die Schulter herueberkamen oder nicht, ob er den Ruecken +herabschaute oder vorwaerts; er laechelte so dumm wie zuvor; denn er +hatte ja kein Gefuehl, und es tat ihm nicht weh im Herzen; denn auch +dieses war ja aus Holz geschnitzelt und wahrscheinlich aus Lindenholz. + +Aber selbst ein solcher Gliedermann sein zu muessen in den taeppischen +Haenden der Klein=Justheimer Kriminalen! Sie renkten und drehten mir +die Glieder, setzten mir den Kopf so oder so, wie es ihnen gefaellig, +oder auch nach Vorschrift des Justinian, drehten und wendeten mein +Recht, bis der Kadaver vor ihnen lag auf dem gruenen Sessionstisch, wie +sie ihn haben wollten, mit verrenkten Gliedern, und sie nun anatomisch +aufnotieren konnten, was fuer Fehler und Kuriosa an ihm zu bewerfen, +naemlich, dass er das Gesicht im Nacken, die Fuesse einwaerts, die Arme +verschraenkt _et cetera_ trage, ganz gegen alle Ordnung und Recht. + +Ware, Ware! nannten sie deine Memoiren, o Satan, Ware! Als wuerde +dergleichen nach der Elle aus dem Gehirn hervorgehaspelt, wie es jener +Schwarzkuenstler und Eskamoteur getan, der Baender verschluckte und sie +herauszog, Elle um Elle aus dem Rachen. Warenfaelschung, Einschwaerzen, +Defraudation, o welch herrliche Begriffe, um zu definieren, was man +will! Und rechtswidrige Taeuschung des Publikums? Wer hat denn darueber +geklagt? Wer ist aufgestanden unter den Tausenden und hat Zeter +geschrien, weil er gefunden, dass das Buechlein nicht von dem Schwarzen +selbst herruehre, dass er den Missetaeter bestraft wissen wolle fuer diese +rechtswidrige Taeuschung? O Klein=Justheim, wie weit bist du noch +zurueck hinter England und Frankreich, dass du nicht einmal einsehen +kannst, Werke des Geistes seien kein nachgemachter Rum oder Arrak und +gehoeren durchaus nicht vor deine Schranken. + +Traurig musterte ich das Manuskript des zweiten Teiles, der nun fuer +mich und das Publikum verloren war; ich dachte nach ueber das +Hohngelaechter der Welt, wenn der erste nur ein Torso, ein schlechtes +abgerissenes Stueck, verachtet auf den Schranken der Leihbibliotheken +sitze, truebselig auf die hohe Versammlung der Romane und Novellen +allerart herabschaue und ihnen ihre abgenuetzten Gewaender beneide, die +den grossen Furor, welchen sie in der Welt machen, beurkunden, wie er +seine andere Haelfte, seinen Nebenmann, den zweiten, herbeiwuensche, um +verbunden mit ihm schoene Damen und Herren zu besuchen, was ihm jetzt, +als einem Invaliden, beinahe unmoeglich war. Da wurde mir eines Morgens +ein Brief ueberbracht, dessen Aufschrift mir bekannte Zuege verriet. Ich +riss ihn auf und las: + +"Wohlgeborener, sehr verehrter Herr! + +Durch den Oberjustizrat Hammel, der vor einigen Tagen das Zeitliche +gesegnet und an mein Hoflager kam, erfuhr ich zu meinem grossen Aerger +die miserablen Machinationen, die gegen Euch gemacht wurden. Bildet +Euch nicht ein, dass sie von mir herruehren. Mit grossem Vergnuegen denke +ich noch immer an unser Zusammentreffen in den drei Reichskronen zu +Mainz, und in meiner jetzigen Zurueckgezogenheit und bei meinen vielen +Geschaeften im Norden komme ich selten dazu, eine deutsche +Literaturzeitung zu lesen; aber einige Rezensenten, welche ich sprach, +versichern mich, mit welchem Eifer Ihr meine Memoiren herausgegeben +habt und dass das Publikum meine Bemuehungen zu schaetzen wisse. Der +Prozess, den man Euch an den Hals warf, kam mir daher um so +unerwarteter. Glaubet mir, es ist nichts als ein schlechter +Kunstgriff, um mich nicht als Schriftsteller aufkommen zu lassen, weil +ich ein wenig ueber ihre Universitaeten schimpfte und die aesthetischen +Tees, und Euch wollen sie nebenbei auch druecken. Lasset Euch dies +nicht kuemmern, Wertester; gebet immer den zweiten Teil heraus, im +Notfall koennet Ihr gegenwaertige Schreiben jedermann lesen lassen, +namentlich den Wackerbart; saget ihm, wenn er meine Handschrift nicht +kenne, so kenne ich um so besser die seinige. + +Ich kenne diese Leutchen, sie sind Raubritter und Korsaren, die jeden +beruehmten Prozess, der ihnen in die Haende faellt, fuer g u t e P r i s e +erklaeren, und wenn sie ihn festhaben in den Krallen, so lange deuteln +und drehen, bis sie ihn dahin entscheiden koennen, wo er ihnen am +meisten Ruhm nebst etzlichem Golde eintraegt. Was war bei Euch von +beidem zu erheben? Ihr, ein armseliger Doktor der Philosophie und +Magister der brotlosen Kuenste, was seid Ihr gegen einen persischen +Geheimen Hofrat? Denket also, die Sache sei ganz natuerlich zugegangen, +und graemet Euch nicht darueber. Was den persischen Geheimen Hofrat +betrifft, der meine Rolle uebernommen hat, so will ich bei Gelegenheit +ein Wort mit ihm sprechen. + +Hier lege ich Euch noch ein kleines Manuskriptchen bei, ich habe es in +den letzten Pfingstfeiertagen in Frankfurt aufgeschrieben, es ist im +ganzen ein Scherz und hat nicht viel zu bedeuten; doch schaltet Ihr es +im zweiten Teile ein; es gibt vielleicht doch Leute, die sich dabei +freundschaftlich meiner erinnern. + +Gehabt Euch wohl; in der Hoffnung, Eure persoenliche Bekanntschaft bald +zu erneuern, bin ich + +Euer wohlaffektionierter Freund, d e r S a t a n." + +Man kann sich leicht denken, wie sehr mich dieser Brief freute. Ich +lief sogleich damit zu dem wackern Mann, der meine Sache gefuehrt +hatte; ich zeigte ihm den Brief, ich erklaerte ihm, appellieren zu +wollen an ein hoeheres Gericht und den Originalbrief beizulegen. + +Er zuckte die Achseln und sprach: "Lieber, sie wohnen zusammen in e i +n e r Hausmiete, die Kriminalen; ob Ihr um eine Treppe hoeher steigen +wollet, aus dem Entresol in die Beletage zu den Vornehmeren, das ist +einerlei; Ihr fallet nur um so tiefer, wenn sie Euch durchfallen +lassen. Doch an mir soll es nicht fehlen." + +So sprach er und focht fuer mich mit erneuerten Kraeften; doch--was half +es? Sie stimmten ab, erklaerten den persischen fuer den echten, +alleinigen Teufel, der allein das Recht habe, Teufeleien zu schreiben, +und der Prozess ging auch in der Beletage verloren. + +Da fasste mich ein gluehender Grimm; ich beschloss, und wenn es mich den +Kopf kosten sollte, doch den zweiten Teil herauszugeben, ich nahm das +Manuskript unter den Arm, raffte mich auf und----erwachte. + +Freundlich strahlte die Fruehlingssonne in mein enges Stuebchen, die +Lerchen sangen vor dem Fenster, und die Bluetenzweige winkten herein, +mich aufzumachen und den Morgen zu begruessen. + +Verschwunden war der boese Traum von Prozessen, Justizraeten, +Klein=Justheim und alles, was mir Gram und Aerger bereitete, +verschwunden, spurlos verschwunden. + +Ich sprang auf von meinem Lager, ich erinnerte mich, den Abend zuvor +bei einigen Glaesern guten Weins ueber einen aehnlichen Prozess mit +Freunden gesprochen zu haben; da war mir nun im Traume alles so +erschienen, als haette ich selbst den Prozess gehabt, als waere ich +selbst verurteilt worden von Kriminalrichtern und Klein=Justheimer +Schoeppen. + +Ich laechelte ueber mich selbst. Wie pries ich mich gluecklich, in einem +Lande zu wohnen, wo dergleichen juridische Exzesse gar nicht +vorkommen, wo die Justiz sich nicht in Dinge mischt, die ihr fremd +sind, wo es keine Wackerbarte gibt, die einen solchen Fund fuer gute +Prise erklaeren, das Recht zum Gliedermann machen und drauflos +hantieren und drehen, ob es biege oder breche, wo man Erzeugnisse des +Geistes nicht als Ware handhabt und Satire versteht und zu wuerdigen +weiss, wo man weder auf den Titel eines persischen Geheimen Hofrats, +noch auf irgend dergleichen Ruecksicht nimmt. + +So dachte ich, pries mich gluecklich und verlachte meinen komischen +Prozesstraum. + +Doch wie staunte ich, als ich hintrat zu meinem Arbeitstisch! Nein, es +war keine Taeuschung, da lag er ja, der Brief des Satans, wie ich ihn +im Traume gelesen, da lag das Manuskript, das er mir im Brief +verheissen. Ich traute meinen Sinnen kaum, ich las, ich las wieder, und +immer wurde mir der Zusammenhang unbegreiflicher. + +Doch ich konnte ja nicht anders, ich musste seinen Wink befolgen und +seinen "Besuch in Frankfurt" dem zweiten Teile einverleiben. + +Ich gestehe, ich tat es ungern. Ich hatte schon zu diesem Teile alles +geordnet; es fand sich darin eine Skizze, die nicht ohne Interesse zu +lesen war, ich meine die Szene, wie er mit Napoleon eine Nacht in +einer Huette von Malojarosslawez zubrachte und wie von jenen +Augenblicken an so vieles auf geheimnisvolle Weise sich gestaltet im +Leben jenes Mannes, dem selbst der Teufel Achtung zollen musste. +vielleicht--weil er ihm nicht beikommen konnte, doch--vielleicht ist +es moeglich, dieses merkwuerdige Aktenstueck dem Publikum an einem andern +Orte mitzuteilen. + +Noch war ich mit Durchsicht und Ordnen der Papiere beschaeftigt, da +wurde die Tuere aufgerissen, und mein Freund Moritz stuerzte ins Zimmer. + +"Weisst du schon?" rief er. "Er hat ihn verloren." + +"Wer? Was hat man verloren?" + +"Nun, von was wir gestern sprachen, den Prozess gegen Clauren meine +ich, wegen des M a n n e s i m M o n d e!" + +"Wie? Ist es moeglich!" entgegnete ich, an meinen Traum denkend. "Unser +Freund, der Kandidatus Bemperlein? Den Prozess?" + +"Du kannst dich drauf verlassen; soeben komme ich vom Museum, der +Verleger sagte es mir, soeben wurde ihm das Urteil publiziert." + +"Aber wie konnte dies doch geschehen, Moritz? War er etwa auch in +Klein=Justheim anhaengig?" + +"Klein=Justheim? Du fabelst, Freund!" erwiderte der Freund, indem er +besorgt meine Hand ergriff. "Was willst du nur mit Klein=Justheim, wo +gibt es denn einen solchen Ort?" + +"Ach," sagte ich beschaemt, "du hast recht; ich dachte an--meinen +Traum." + + * * * * * + + + + +MEIN BESUCH IN FRANKFURT. + +1. WEN DER SATAN AN DER _TABLE D'HOTE_ IM WEISSEN SCHWAN SAH. + + +Kommt man um die Zeit des Pfingstfestes nach Frankfurt, so sollte man +meinen, es gebe keine heiligere Stadt in der Christenheit; denn sie +feiern daselbst nicht, wie z. B. in Bayern eineinhalb oder, wie im +Kalender vorgeschrieben, zwei Festtage, sondern sie rechnen vier +Feiertage; die Juden haben deren sogar fuenf; denn sie fangen in +Bornheim ihre heiligen Uebungen schon am Samstag an, und der Bundestag +hat sogar acht bis zehn. + +Diese Festtage gelten aber in dieser Stadt weniger den wunderbaren +Sprachkuensten der Apostel als mir. Was die beruehmtesten Mystiker am +Pfingstfeste morgens den guten Leutchen ans Herz gelegt, was die +immensesten Rationalisten mit moralischer Salbung verkuendet hatten, +das war so gut als in den Wind gesprochen. Die Fragen: "Ob man am +Montag oder am Dienstag, am zweiten oder dritten Feiertag ins W a e l d +c h e n gehen, ob es nicht anstaendiger waere, ins Wilhelmsbad zu +fahren, ob man am vierten Feiertag nach Bornheim oder ins Vauxhall +gehen sollte, oder beides," diese Fragen scheinen bei weitem wichtiger +als jene, die doch fuer andaechtige Feiertagsleute viel naeher lag: "Ob +die Apostel damals auch Englisch und Plattdeutsch verstanden haben?" + +Muss ein so aufgeweckter Sinn den Teufel nicht erfreun, der an solchen +Tagen mehr Seelen fuer sich gewinnt als das ganze Judenquartier in +einer guten Boersenstunde Gulden? Auch diesmal wieder kam ich zu +Pfingsten nach Frankfurt. Leuten, die, von einem beruehmten +Belletristen verwoehnt, alles bis auf kleinste Detail wissen wollen, +diene zur Nachricht, dass ich im Weissen Schwanen auf Nr. 45 recht gut +wohnte, an der grossen _Table d'hote_ in angenehmer Gesellschaft +trefflich speiste; den Kuechenzettel moegen sie sich uebrigens von dem +Oberkellner ausbitten. + +Schon in der ersten Stunde bemerkte ich ein Seufzen und Stoehnen, das +aus dem Zimmer nebenan zu dringen schien. Ich trat naeher, ich hoerte +deutlich, wie man auf gut deutsch fluchte und tobte, dann Rechnungen +und Bilanzen, die sich in viele Tausende beliefen, nachzaehlte, und +dann wieder wimmerte und weinte wie ein Kind, das seiner Aufgabe fuer +die Schule nicht maechtig ist. + +Teilnehmend, wie ich bin, schellte ich nach dem Kellner und fragte +ihn, wer der Herr sei, der nebenan so ueberaus klaeglich sich gebaerde? + +"Nun," antwortete er, "das ist der stille Herr." "Der stille Herr? +Lieber Freund, das gibt mir noch wenig Aufschluss. Wer ist er denn?" + +"Wir nennen ihn hier im Schwan den stillen Herrn oder auch den +Seufzer; er ist ein Kaufmann aus Dessau, nennt sich sonst Zwerner und +wohnt schon seit vierzehn Tagen hier." + +"Was tut er denn hier? Ist ihm ein Unglueck zugestossen, dass er gar so +klaeglich winselt?" + +"Ja, das weiss ich nicht," erwiderte er, "aber seit dem zweiten Tag, +dass er hier ist, ist sein einziges Geschaeft, dass er zwischen zwoelf und +ein Uhr in der neuen Judenstrasse auf= und abgeht, und dann kommt er zu +Tisch, spricht nichts, isst nichts, und den ganzen Tag ueber jammert er +ganz stille und trinkt Kapwein." + +"Nun, das ist keine schlimme Eigenschaft," sagte ich, "setzen Sie mich +doch heute mittag in seine Naehe." Der Kellner versprach es, und ich +lauschte wieder auf meinen Nachbar. "Den zwoelften Mai," hoerte ich ihn +stoehnen, "Metalliques 83 3/4, oesterreichische Staatsobligationen 87 +3/8, Rothschildische Lotterielose, der Teufel hat sie erfunden und +gemacht! 132, preussische Staatsschuldscheine 81! O Rebekka! Rebekka! +Wo will das hinaus! 81! Die Preussen! Ist denn gar keine Barmherzigkeit +im Himmel?" + +So ging es eine Zeitlang fort; bald hoerte ich ihn ein Glas Kapwein zu +sich nehmen und ganz behaglich mit der Zunge dazu schnalzen; bald +jammerte er wieder in den klaeglichsten Toenen und mischte die Konsols, +die Rothschildschen Unverzinslichen und seine Rebekka auf +herzbrechende Weise untereinander. Endlich wurde er ruhiger. Ich hoerte +ihn sein Zimmer verlassen und den Gang hinabgehen; es war wohl die +Stunde, in welcher er durch die neue Judenstrasse promenierte. + +Der Kellner hatte Wort gehalten. Er wies, als ich in den Speisesaal +trat, auf einen Stuhl: "Setzen sich der Herr Doktor nur dorthin," +fluesterte er, "zu Ihrer Rechten sitzt der Seufzer." Ich setzte mich, +ich betrachtete ihn von der Seite. Wie man sich taeuschen kann! Ich +hatte einen jungen Mann von melancholischem, gespenstischem Aussehen +erwartet, wie man sie heutzutage in grossen Staedten und Romanen trifft, +etwas bleichschmachtend und fein wie Eduard, von der Verfasserin der +Ourika, oder von schwaechlichem, beinahe liederlichem Anblick wie +einige Schopenhauersche oder Pichlersche Helden. Aber gerade das +Gegenteil; ich fand einen untersetzten, runden jungen Mann mit +frischen, wohlgenaehrten Wangen und roten Lippen, der aber die trueben +Augen beinahe immer niederschlug und um den huebschen Mund einen +weinerlichen Zug hatte, welcher zu diesem frischen Gesicht nicht recht +passte. + +Ich versuchte, waehrend ich ihm allerlei treffliche Speisen anbot, +einigemal mit ihm ins Gespraech zu kommen, aber immer vergeblich; er +antwortete nur durch eine Verbeugung, begleitet von einem +halbunterdrueckten Seufzer. In solchen Augenblicken schlug er dann wohl +die Augen auf, doch nicht, um auf mich zu blicken; er warf nur einen +scheuen, finstern Blick geradeaus und sah dann wieder seufzend auf +seinen Teller. + +Ich folgte einem dieser Blicke und glaubte zu bemerken, dass sie einem +Herrn gelten mussten, der uns gegenueber sass und schon zuvor meine +Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. + +Er war gerade das Gegenteil von meinem Nachbar rechts. Seine schon +etwas kahle, gefurchte Stirne, sein braeunliches, eingeschnurrtes +Gesicht, seine schmalen Wangen, seine spitze, weit hervortretende Nase +deuteten darauf hin, dass er die fuenfundvierzig Jaehrchen, der er haben +mochte, etwas s c h n e l l verlebt habe. Den auffallendsten Kontrast +mit diesen verwitterten, von Leidenschaften durchwuehlten Zuegen bildete +ein ruhiges, suessliches Laecheln, das immer um seinen Mund schwebte, die +zierliche Bewegung seiner Arme und seines Koerperchens, wie auch seine +sehr jugendliche und modische Kleidung. + +Es sassen etwa fuenf oder sechs junge Damen an der Tafel, und nach den +zaertlichen Blicken, die er jeder zusandte, dem suessen Laecheln, womit er +seine Blicke begleitete, zu urteilen, musste er mit allen in genauen +Verhaeltnissen stehen. Dieser Herr hatte, wenn er mit der +abgestorbenen, knoechernen Hand einen Spargel zum Munde fuehrte und +suesslich dazu laechelte, die groesste Aehnlichkeit mit einem rasierten +Kaninchen, waehrend mein Nachbar rechts wie ein melancholischer Frosch +anzusehen war. + +Warum uebrigens der Seufzer das Kaninchen mit so finstern Augen mass, +konnte ich nicht erraten. Endlich, als die Blicke meines Nachbars +duesterer und laenger als gewoehnlich auf jenem ruhten, fing das +Kaninchen an, die Schultern und Arme grazioes hin und her zu drehen, +den Ruecken auf kuenstliche Art auszudehnen und das spitzige Koepfchen +nach uns herueber zu drehen; mit suessem Laecheln fragte er: "Noch immer +so duester, mein lieber Monsieur Zwerner? Etwa gar eifersuechtig auf +meine Wenigkeit?" + +An dem zarten Lispeln, an der kuenstlichen Art, das r wie gr +auszusprechen, glaubte ich in ihm einen jener adeligen Salonmenschen +zu erkennen, die von einer feinen, leisen Sprache Profession machen. +Und so war es; denn mein Nachbar antwortete: "Eifersuechtig, Herr +Graf?--Auf S i e in keinem Fall." + +Graf Rebs--so hoerte ich ihn spaeter nennen--faltete sein Maeulchen zu +einem feinen Laecheln, drueckte die Augen halb zu, bog die Spitznase auf +komische Weise seitwaerts, strich mit der Hand ueber sein langes, +knoechernes Kinn und kicherte: + +"Das ist schoen von Ihnen, lieber Monsieur Zwerner; also gar nicht +eifersuechtig? Und doch habe ich die schoene Rebekka erst gestern abend +noch in ihrer Loge gesprochen. Ha, ha! Sie standen im Parterre und +schauten mit melancholischen Blicken herauf. Darf ich Sie um jenes +Ragout bitten, mein Herr?" + +"Ich war allerdings im Theater, habe aber nur vorwaerts aufs Theater +und nicht rueckwaerts gesehen, am wenigsten mit melancholischen +Blicken." + +"Herr Oberkellner," lispelte der Graf, "Sie haben die Trueffeln +gespart. Aber nein! Monsieur Zwerner, wie man sich taeuschen kann! Ich +haette auf Ehre geglaubt, Sie schauten herauf in die Loge mit +melancholischen Blicken. Auch Rebekka mochte es bemerken und Fraeulein +von Rothschild; denn als ich auf Sie hinabwies--Kellner, ich trinke +heute lieber roten Ingelheimer, ein Flaeschchen--ja, wollte ich sagen-- +das ist mir nun waehrend des Ingelheimers gaenzlich entfallen; so geht +es, wenn man so viel zu denken hat." + +Meinem Nachbar mochte das unverzeihlich schlechte Gedaechtnis des +Grafen nicht behagen; obgleich er vorhin das Kaninchen ziemlich barsch +abgewiesen hatte, so schien ihm doch dieser Punkt zu interessant, als +dass er nicht weiter geforscht haette. "Nun, auch Fraeulein von +Rothschild hat bemerkt, dass ich melancholisch hinaussah?" fragte er, +indem er seine bitteren Zuege durch eine Zutat von Laecheln zu versuessen +suchte; "freilich, diese hat ein scharfes Gesicht durch die Lorgnette--". + +"Richtig, das war es," erwiderte Rebs, "das war es; ja, als ich auf +Sie hinabwies und Rebeckchen Ihre Leiden anschaulich machte, schlug +sie mich mit ihrem Jocofaecher auf die Hand und nannte mich einen +Schalk." + +Mein Nachbar wurde wieder finster, seine roten Wangen roeteten sich +noch mehr, und die ansehnliche Breite seines Gesichtes erweiterte sich +noch durch wilden Trotz, der in ihm wuetete. Er zog den Kopf tief in +die Schultern und blitzte das Kaninchen hin und wieder mit einem +grimmigen Blicke an. Er hatte nie so grosse Aehnlichkeit mit einem +angenehmen Froschjuengling, der an einem warmen Juniabend trauernd auf +dem Teichel sitzt, als in diesem Augenblicke. + +Graf Rebs bemerkte dies. Mit angenehmer Herablassung, wobei er das r +noch mehr schnurren liess als zuvor, sprach er: "Werter Monsieur +Zwerner, Sie duerfen aus dem Schlag mit dem Jocofaecher keine argen +Folgerungen ziehen. Es ist nur eine _facon de parler_ unter +Leuten von gutem Ton. Wegen meiner duerfen Sie ruhig sein. Zwar solange +man jung ist," fuhr er fort, indem er den Halskragen hoeher heraufzog +und schalkhaft daraus hervorsah, wie das Kaninchen aus dem Busch, +"zwar so lange man jung ist, macht man sich hie und da ein Spaesschen. +Aber ein ganz anderer Gegenstand fesselt mich jetzt, Liebster! Haben +Sie schon die Nichte des englischen Botschafters gesehen, die seit +drei Tagen hier in Frankfurt ist?" + +"Nein," antwortete mein Nachbar, leichter atmend. + +"O, ein delizioeses Kind! Augenbrauen wie, wie--wie mein Rock hier, +einen Mund zum Kuessen und in dem schoenen Gesicht so etwas Pikantes, +ich moechte sagen so viel englische Rasse. Nun, wir sind hier unter +uns; ich kann Sie versichern, es ist auffallend, aber wahr, ich sollte +es nicht sagen, es beschaemt mich, aber auf Ehre, Sie koennen sich +darauf verlassen, obgleich es ein ganz komischer Fall ist, uebrigens +hoffe ich, mich auf Ihre Diskretion verlassen zu koennen, nein, es ist +wirklich auffallend, in drei Tagen ..." + +"Nun, so bitte ich Sie doch um Gottes willen, Herr Graf, was wollen +Sie denn sagen?" + +Es war ein eigener Genuss, das Kaninchen in diesem Augenblicke +anzusehen. Ein Gedanke schien ihn zu kitzeln; denn er kniff die +Aeuglein zu, sein Kinn verlaengerte sich, seine Nase bog sich abwaerts +nach den Lippen, und sein Mund war nur noch eine duenne, zarte Linie; +dazu arbeitete er mit dem zierlich gekruemmten Ruecken und den +Schulterblaettern, als wolle er anfangen zu fliegen, und mit den +abgelebten Knoecheln seiner Finger fuhr er auf dem Tisch umher. Noch +einmal musste der Seufzer ihn ermuntern, sein Geheimnis preiszugeben, +bis er endlich hervorbrachte: "Sie ist in mich verliebt! Sie staunen; +ich kann es Ihnen nicht uebelnehmen; auch mir wollte es anfangs +sonderbar beduenken, in so kurzer Zeit; aber ich habe meine sicheren +Kennzeichen, und auch andere haben es bemerkt." + +"Sie Gluecklicher!" rief der Seufzer nicht ohne Ironie. "Wo Sie nur +hintippen, schlagen Ihnen Herzen entgegen; uebrigens rate ich, diese +Englaenderin ernstlicher zu verfolgen; bedenken Sie, eine so solide +Partie--" + +"Merke schon, merke schon," entgegnete Rebs mit schlauem Laecheln, "es +ist Ihnen um Rebekka, Sie wollen, ich solle dort gaenzlich aus dem +Felde ziehen. Solide Partie! Sie werden doch nicht meinen, dass ich +schon heiraten will? Gott bewahre mich! Aber wegen Rebeckchen duerfen +Sie ruhig sein; ich ziehe mich gaenzlich zurueck. Und sollte vielleicht +eine voruebergehende Neigung in dem Maedchen--Sie verstehen mich schon-- +das wird sich bald geben; ich glaube nicht, dass sie mich ernstlich +geliebt hat." + +"Ich glaube auch nicht," entgegnete der Seufzer mit einem Ton, in +welchem sich bittere Ironie mit Grimm mischte. Die Gesellschaft stand +auf, wir folgten. Graf Rebs taenzelte laechelnd zu den Damen, welchen er +waehrend der Tafel so zaertliche Blicke zugeworfen; ich aber folgte dem +ungluecklichen Seufzer. + + * * * * * + + + + +2. TROST FUER LIEBENDE. + + +"Was war doch dies fuer ein sonderbarer Herr?" fragte ich meinen +Nachbar, indem ich mich dicht an ihn anschloss. "Findet er wirklich bei +den Damen so sehr Beifall, oder ist er ein wenig verrueckt?" + +"Ein Geck ist er, ein Narr!" rief der Seufzende, indem er mit dem Kopf +aus den Schultern herausfuhr und die Arme umherwarf. "Ein alter +Junggeselle von fuenfundvierzig, und spielt noch den ersten Liebhaber. +Eitel, toericht, glaubt, jede Dame, die er aus seinen kleinen Aeuglein +anblinzelt, sei in ihn verliebt, draengt sich ueberall an und ein--" + +"Nun, da spielt dieser Graf Rebs eine laecherliche Rolle in der +Gesellschaft, da wird er wohl ueberall verhoehnt und abgewiesen?" "Ja, +wenn die Damen daechten, wie Sie, wertgeschaetzter Herr! Aber so +laecherlich dieser Gnome ist, so toericht er sich ueberall gebaerdet, so-- +oh--Rebekka! der Teufel hat die Weiberherzen gemacht." + +"Ei, ei," sagte ich, indem ich schnell Nr. 45 aufschloss und den +Verzweifelnden hineinschob, "ei! lieber Herr Zwerner, wer wird so arge +Beschuldigungen ausstossen? Und auf Fraeulein Rebekka--setzen Sie sich +doch gefaelligst aufs Sofa--auf das Fraeulein sollte er auch Eindruck +gemacht haben, dieser Gliedermann?" + +"Ach, nicht er, nicht er. Sie sieht, dass er laecherlich ist und +geckenhaft, und doch kokettiert sie mit ihm. Nicht mit ihm, sondern +mit seinem Titel. Es schmeichelt ihr, einen Grafen in ihrer Loge zu +sehen oder auf der Promenade von ihm begruesst zu werden; vielleicht, +wenn sie eine Christin waere, haette sie einen solidern Geschmack." + +"Wie, das Fraeulein ist eine Juedin?" + +"Ja, es ist ein Judenfraeulein. Ihr Vater ist der reiche Simon in der +neuen Judenstrasse. Das grosse gelbe Haus neben dem Herrn von +Rothschild, und eine Million hat er, das ist ausgemacht." + +"Sie haben einen soliden Geschmack. Und wie ich aus dem Gespraech des +Grafen bemerkt habe, koennen Sie sich einige Hoffnung machen?" + +"Ja," erwiderte er aergerlich, "wenn nicht der Satan das Papierwesen +erfunden haette. So stehe ich immer zwischen Tuere und Angel. Glaube ich +heute einen festen Preis, ein sicheres Vermoegen zu haben, um vor Herrn +Simon zu treten und sagen zu koennen: 'Herr, wir wollen ein kleines +Geschaeft machen miteinander; ich bin das Haus Zwerner u. Komp. aus +Dessau, stehe so und so, wollen Sie mir Ihre Tochter geben?' Glaube +ich nun so sprechen zu koennen, so laesst auf einmal der Teufel die +Metalliques um zwei, drei Prozent steigen, ich verliere, und meinem +Schwiegerpapa, der daran gewinnt, steigt der Kamm um so viele Prozente +hoeher, und an eine Verbindung ist dann nicht mehr zu denken." + +"Aber kann denn nicht der Fall eintreten, dass S i e gewinnen?" + +"Ja, und dann bin ich so schlecht beraten wie zuvor. Herr Simon ist +von der Gegenpartei. Gewinne ich nun durch das Sinken dieser oder +jener Papiere, so verliert er ebensoviel, und dann ist nichts mit ihm +anzufangen; denn er ist ein ausgemachter Narr und reif fuer das +Tollhaus, wenn er verliert. Ach, und aus Rebeckchen, so gut sie sonst +ist, guckt auf allen Seiten der juedische Geldteufel heraus." + +"Wie, sollte es moeglich sein, eine junge Dame sollte so sehr nach Geld +sehen?" + +"Da kennen Sie die Maedchen, wie sie heutzutage sind, schlecht," +erwiderte er seufzend. "Titel oder Geld, Geld oder Titel, das ist es, +was sie wollen. Koennen sie sich durch einen Leutnant zur gnaedigen Frau +machen lassen, so ist er ihnen eben recht, hat ein Mann wie ich Geld, +so wiegt dies den Adel zur Not auf, weil derselbe gewoehnlich keines +hat." + +"Nun, ich denke aber, das Haus Zwerner u. Komp. in Dessau hat Geld; +woher also Ihr Zweifel an der Liebe des Fraeuleins?" + +"Ja, ja!" sagte er etwas freundlicher, "wir haben Geld, und so viel, +um immer mit Anstand um eine Tochter des Herrn Simon zu freien; aber +Sie kennen die Frankfurter Maedchen nicht; werter Herr! Ist von einem +angenehmen, liebenswuerdigen jungen Manne die Rede, so fragen sie: Wie +steht er? Steht er nun nicht nach allen Boersenregeln solid, so ist er +in ihren Augen ein Subjekt, an das man nicht denken muss." + +"Und Rebekka denkt auch so?" + +"Wie soll sie andere Empfindungen kennen lernen in der neuen +Judenstrasse? Ach, ihre Neigung zu mir wechselt nach dem Cours der +Boersenhalle! Man weiss hier, dass ich mich verfuehren liess, viele +Metalliques und preussische Staatsschuldscheine zu kaufen. Mein +Interesse geht mit dem der hohen Maechte und mit dem Wohl Griechenlands +Hand in Hand. Verliert die Pforte, so gewinne ich und werde ein +reicher Mann. Gewinnt der Grosstuerke und sein Reis=Effendi, so bin ich +um zwanzigtausend Kaisergulden aermer und nicht wehr wuerdig, um sie zu +freien. Das weiss nun das liebenswuerdige Geschoepf gar wohl, und ihr +Herz ist geteilt zwischen mir und dem Vater. Bald moechte sie gerne, +dass die Pforte das Ultimatum annehme, um mein Glueck zu foerdern; bald +denkt sie wieder, wieviel ihr Vater durch diese Spekulation des Herrn +von Metternich verlieren koennte, und wuenscht dem Effendi soviel +Verstand als moeglich. Ich Ungluecklicher!" + +"Aber, lieben Sie denn wirklich dieses edle Geschoepf?" fragte ich. + +Traenen traten ihm in die Augen, ein tiefer Seufzer stahl sich aus +seiner Brust. "Wie sollte ich sie nicht lieben?" antwortete er. +"Bedenken Sie, fuenfzigtausend Taler Mitgift, und nach des Vaters Tod +eine halbe Million, und wenn Gott den Israelchen zu sich nimmt, eine +ganze. Und dabei ist sie vernuenftig und liebenswuerdig, hat so was +Feines, Zartes, Orientalisches; ein schwarzes Auge voll Glut, eine +kuehn geschwungene Nase, frische Lippen; der Teint, wie ich ihn liebe, +etwas dunkel und dennoch roetlich. Ha! und eine Figur! Herr! Wie sollte +man solches Geschoepf nicht lieben?" + +"Und haben Sie keinen Rival als den Gnomen, den Grafen Rebs?" + +"O, einige Judenjuenglinge, bedeutende Haeuser, buhlen um sie, aber ihr +Sinn steht nach einem soliden Christen. Sie weiss, dass bei uns alles +nobler und freier geht als bei ihrem Volk, und schaemt sich, in guter +Gesellschaft fuer eine Juedin zu gelten. Daher hat sie sich auch den +Frankfurter Dialekt ganz abgewoehnt und spricht Preussisch. Sie sollten +hoeren, wie schoen es klingt, wenn sie sagt: 'Isssst es moeglich?' oder: +'Es jinge wohl, aber es jeht nich.'" + +Der Seufzer gefiel mir. Es ist ein eigenes, sonderbares Volk, diese +jungen Herren vom Handelsstand. Sie bilden sich hinter ihrem +Ladentisch eine eigene Welt von Ideen, die sie aus den trefflichsten +Romanen der Leihbibliotheken sammeln. Sie sehen die Menschen, die +Gesellschaft nie, es sei denn, wenn sie abends durch die Promenade +gehen, oder Sonntags, gekleidet wie Herren _comme il faut_, auf +Kirchweihen oder sonstigen Plaetzen sich amuesieren. Reisen sie hernach, +so dreht sich ihr Ideengang um ihre Musterkarte und die schoene Wirtin +der naechsten Station, welche ihnen von einem Kameraden und Vorgaenger +empfohlen ist, oder um die Kellnerin des letzten Nachtlagers, die, wie +sie glauben, noch lange um den schoenen, wohlgewachsenen jungen Mann +weinen wird. Sie haben irgendwo gelesen oder gehoert, dass der +Handelsstand gegenwaertig viel zu bedeuten habe; drum sprechen sie mit +Ehrfurcht von sich und ihrem Wesen, und nie habe ich gefunden, dass +einer von sich sagte: "Kaufmann oder Baenderkraemer", sondern: "Ich +reise in Geschaeften des Hauses Baeuerlein oder Zwierlein", und fragt +man, in welchen Artikeln, so kann man unter zehn auf neun rechnen, sie +ganz bescheiden antworten zu hoeren: "Knoepfe, Haften und Haken, Tabak, +Schnupf= und Rauch=, und dergleichen bedeutende Artikel." Haben sie +nun gar im Staedtchen ihrer Heimat ein Schaetzchen zurueckgelassen, so +darf man darauf rechnen, sie werden, wenn von Liebe die Rede ist, ihre +sehr interessante Geschichte erzaehlen, wie sie Fraeulein Jettchen beim +Mondschein kennen gelernt haben, sie werden die Brieftasche oeffnen und +unter hundert Empfehlungsbriefen, Annoncen von Gasthoefen usw. ein +Seidenpapier hervorziehen, das ein Proebchen Haar von der Stirne der +Geliebten enthaelt. + +Glueckliche Nomaden! Ihr allein seid noch heutzutage die fahrenden +Ritter der Christenheit. Und wenn es euch auch nicht zukoemmt, mit +eingelegter Lanze _a la_ Don Quichotte eurer Jungfrauen Schoenheit +zu verteidigen, so richtet ihr doch in jeder Kneipe nicht weniger +Verwuestung an, wie jener mannhafte Ritter, und seid ueberdies meist +euer eigener Sancho Pansa an der Tafel. + +Eine solche liebenswuerdige Erziehung, aus Kontorspekulationen, +Romanen, Mondscheinliebe und Handelsreisen zusammengesetzt, schien nun +auch mein Nachbar Seufzer genossen zu haben. Nur etwas fehlte ihm, er +war zu ehrlich. Wie leicht waere es fuer einen Mann von +Zweimalhunderttausend gewesen, Kuriere nicht von H o e c h s t oder von +L a n g e n, sondern von W i e n, sogar mit a u t h e n t i s c h e n +Nachrichten kommen zu lassen, um seinem Gluecke aufzuhelfen. Ist +denn auf der Erde nicht alles um Geld feil? Und wenn Rothschild mit Geld +etwas machen kann, warum sollte es ein anderer nicht auch koennen, +wenn sein Geld ebensogut ist als das des grossen Makkabaeers? + +Zwar e i n solcher Sperling wagt keinen Sommer. E i n e solche +Handelsseele mehr oder weniger mein, kann mir nicht nuetzen. Doch die +Nuancen ergoetzen mich, jenes bunte Farbenspiel, bis ein solcher Hecht +ins Netz geht, und darum beschloss ich, ihm zu nuetzen, ihn zu fangen. + +"Ich bin," sagte ich zu ihm, "ich bin selbst einigermassen +Papierspekulant; daher werden Sie mir vergeben, wenn ich Ihre +bisherigen Verfahrungsarten etwas sonderbar finde." + +"Wie meinen Sie das?" fragte er verwundert. "Als ich in Dessau war, +liess ich mir nicht jeden Posttag den Kurszettel schicken? Und hier, +gehe ich nicht jeden Tag in die Boersenhalle? Gehe ich nicht jeden Tag +in die neue Judenstrasse, um das Neueste zu erfragen?" + +"Das ist es nicht, was ich meine. Ein Genie wie Sie, Herr Zwerner (er +verbeugte sich laechelnd), das heisst, ein Mann mit diesen Mitteln, der +etwas wagen will, muss s e l b s t eingreifen in den Lauf der Zeiten." + +"Aber mein Gott," rief er verwunderungsvoll, "das kann ja jetzt +niemand als der Rothschild, der Reis=Effendi und der Herr von +Metternich. Wie meinen Sie denn?" + +"UEber Ihr Glueck, Sie geben es selbst zu, kann ein einziger Tag, eine +einzige Stunde entscheiden. Zum Beispiel, wenn die Pforte das +Ultimatum verwirft, die Nachricht schnell hierher kommt, kann eine +Krisis sich bilden, die Sie stuerzt. Ebenso im Gegenteil koennen Sie +durch eine solche Nachricht sehr gewinnen, weil dann Ihre Papiere +steigen?" + +"Gewiss, gewiss," seufzte er. "Aber ich sehe nur noch nicht recht ein--" + +"Nur Geduld. Wer gibt nun diese Nachricht, wer bekommt sie? Das +Ministerium in Wien oder ein guter Freund, der sehr nahe hingehorcht +und dem g r o s s e n P o r t i e r ein Stueck Geld in die Hand gedrueckt +hat, laesst noch in der Nacht einen Kurier aufsitzen. Der reitet und +faehrt und fliegt nach Frankfort und bringt die Depesche--wem?" + +"Ach, dem Gluecklichsten, dem Vornehmsten!" + +"Nein, dem, der am besten zahlt. Einen solchen Kurier kann ich Ihnen +um Geld auch verschaffen, ich habe Konnexionen in Wien. Man kann dort +mancherlei erfahren, ohne gerade der oesterreichische Beobachter zu +sein. Kurz, wir lassen einen Brief mit der Nachricht einer wichtigen +Krisis, eines bedeutenden Vorfalles kommen--" + +"Etwa, der Sultan habe einen Schlag bekommen, oder der Kaiser von +Russland sei ploetzlich--" + +"Nichts davon, das ist zu wahrscheinlich, als dass es die Leute +glauben! Unwahrscheinliches, Ueberraschendes muss auf der Boerse +wirken!"-- + +"Also etwa, der Fuerst von M. sei ein Tuerke geworden, habe dem Islam +geschworen?" + +"Ich sage Ihnen ja, nichts Wahrscheinliches. Nein, geradezu, die +Pforte habe das Ultimatum angenommen. Bekommen Sie nun diese Nachricht +mit allem moeglichen geheimnisvollen Wesen, lassen Sie den Kurier +sogleich ein paar Stationen weiter reisen, lassen Sie den Brief einige +Geheimniskraemer lesen, gehen kurze Zeit darauf in die Boersenhalle, so +kann es nicht fehlen, Sie sind ein wichtiger Mann und setzen Ihre +Papiere mit Gewinn ab." + +"Aber, lieber Herr," erwiderte der Kaufmann von Dessau klaeglich, "das +waere ja denn doch erlogen, wie man zu sagen pflegt, eine Suende fuer +einen rechtlichen Mann; bedenken Sie, ein Kaufmann muss im Geruch von +Ehrlichkeit stehen, will er Kredit haben." + +"Ehrlichkeit, Possen! Geld, Geld, das ist es, wonach er riechen muss, +und nicht nach Ehrlichkeit. Und was nennen Sie am Ende Ehrlichkeit? Ob +Sie Ihre Kunden bei einem Pfund Kaffee betruegen, ob Sie einem alten +Weibe ihr Lot Schnupftabak zu leicht wiegen, oder ob Sie dasselbe +Experiment im grossen vornehmen, das ist am Ende dasselbe." + +"Ei, verzeihen Sie, da muss ich denn doch bitten; an der Prise, die das +Weib zu wenig bekommt, stirbt sie nicht, wie man zu sagen pflegt; aber +wenn ich einen solchen Kurier kommen lasse, so kann er durch seine +falsche Nachricht ein Nachrichter der ganzen Boerse werden; viele +Haeuser koennen fallieren, andere wanken und den Kredit verlieren, und +das waere dann meine Schuld!" + +"So, mein Herr?" sagte ich mit mitleidigem Laecheln zu der schwachen +Seele. "So, Sie schaemen sich nicht, die Moral, das Herrlichste, was +man auf Erden hat, so zu verhunzen? Also wegen der Folgen wollen Sie +nicht? Nicht vor dem Beginnen an sich, als einem unmoralischen, beben +Sie zurueck? Wer den Anfang einer Tat nicht scheut, darf auch ihr Ende +nicht scheuen, ohne fuer eine kleine Seele zu gelten. Oder glauben Sie, +eine Rebekka koenne man dadurch verdienen, dass man im Weissen Schwanen +wohnt und seufzt, dass man zur Tafel geht und mit dem Kaninchen, dem +Grafen Rebs, grollt?" + +"Aber, mein Herr," rief der Seufzer etwas pikiert, "ich weiss gar +nicht, was Sie mir, als einem ganz Fremden, fuer eine Teilnahme +erzeigen; ich weiss gar nicht, wie ich das nehmen soll?" + +"Mein Herr, das haben Sie sich selbst zuzuschreiben; Sie haben mir +Ihre Lage entdeckt und mich gleichsam um Rat gefragt; daher meine +Antwort. Uebrigens bin ich ein Mann, der reist, um ueberall das +Treffliche und Erhabene kennen zu lernen. In Ihnen glaubte ich gleich +auf den ersten Anblick solches gefunden zu haben;--" + +"Bitte recht sehr, eine so ganz gewoehnliche Physiognomie wie die +meine--" + +"Das koennen Sie nicht so beurteilen wie ein anderer; auf Ihrer Stirne +thront etwas Freies, Mutiges, um Ihren Mund weht ein anziehender +Geist--" + +"Finden Sie das wirklich?" rief er, indem er laechelnd meine Hand fasste +und verstohlen nach dem Spiegel blickte. "Es ist wahr, man hat mir +schon dergleichen gesagt, und in Stuttgart hat man mich sogar +versichert, ich sei dem beruehmten Dannecker auf der Strasse +aufgefallen, und er sei eigens deswegen einigemal in den Koenig von +England gekommen, um von mir etwas fuer seinen Johannes abzusehen." + +"Nun sehen Sie, wie muss es nun einen Mann, wie ich bin, ueberraschen, +so wenig Mut, so wenig Entschluss hinter dieser freien Stirne, diesem +mutigen Auge zu finden!" + +"Ach, Sie nehmen es auch zu strenge; ich habe ja Ihren Vorschlag +durchaus nicht verworfen, nur einiges Bedenken, einige kleine Zweifel +stiegen in mir auf, und--nun Sie haben wahrlich nicht unrecht, ich +fuehle einen gewissen Mut, eine gewisse Freiheit in mir, es ist ein +gewisses Etwas, ja--so gut es ein anderer tun kann, will ich es auch +versuchen. Es sei, wie Sie sagten, ich will es daranruecken und einen +Kurier kommen lassen; wir wollen die Metalliques steigern!" + + * * * * * + + + + +3. EIN SCHABBES IN BORNHEIM. + + +Der einzige Zweifel, der den seufzenden Dessauer noch quaelte, war die +Furcht, den Vater seiner Geliebten in bedeutenden Verlust zu stuerzen, +wenn er seine Operation nach meinem Plane einrichte. Doch auch dafuer +wusste ich ein gutes, sehr einfaches Mittel. Er musste den Herrn Simon +in der neuen Judenstrasse auf seine Seite bringen, musste ihm bedeutende +Winke von der nahenden Krisis geben; entweder nahm dann der Jude an +dem ganzen Unternehmen unbewusst teil und gewann zugleich mit dem +Dessauer, oder er war wenigstens gewarnt und musste einige Achtung vor +dem Manne bekommen, der so genau die politischen Wendungen zu +berechnen wusste, der seine Kombinationen so geschickt zu machen +verstand. + +Dem Kaufmann leuchtete dies ein. Er kam von selbst auf den Gedanken, +noch an diesem Tage mit dem alten Simon zu sprechen und lud mich ein, +mit ihm nach B o r n h e i m zu fahren, wo der Schabbes heute die +noble Welt des alten Judenquartiers, der neuen Judenstrasse, ueberhaupt +alle Staemme Israels versammelt habe. + +Wir fuhren hinaus, der Seufzer schien ein ganz anderer Mensch geworden +zu sein. Sein truebseliges Gesicht leuchtete freundlich vom Glanze der +Hoffnung, sein Auge hob sich freier, um seine Stirn, seinen Mund war +jede Melancholie verschwunden, sein grosser, runder Kopf steckte nicht +mehr zwischen den Schultern, er trug ihn freier, erhabener, als wollte +er sagen: "Seht, ihr Frankfurter und Bornheimer, ich bin es, das Haus +Zwerner und Komp. aus Dessau, naechstens eine bedeutende Person an der +Boerse, und, wenn es gut geht, Braeutigam der schoenen Rebekka Simon in +der neuen Judenstrasse!" + +Aus dem Garten des Goldenen Loewen in Bornheim toenten uns die +zitternden Klaenge von Harfen und Gitarren und das Geigen verstimmter +Violinen entgegen; das Volk Gottes liess sich vormusizieren im Freien, +wie einst ihr Koenig Saul, wenn er uebler Laune war. Wir traten ein; da +sassen sie, die Soehne und Toechter Abrahams, Isaaks und Jakobs, mit +funkelnden Augen, kuehn gebogenen Nasen, fein geschnittenen Gesichtern, +wie aus einer Form gepraegt, da sassen sie vergnuegt und froehlich +plaudernd und tranken Champagner, aus saurem Wein, Zucker und +Mineralwasser zubereitet, da sassen sie in malerischen Gruppen unter +den Baeumen, und der Garten war anzuschauen, als waere er das gelobte +Land Kanaan, das der Prophet vom Berge gesehen und seinem Volke +verheissen hatte. Wie sich doch die Zeiten aendern durch die Aufklaerung +und das Geld! + +Es waren dies dieselben Menschen, die noch vor dreissig Jahren keinen +Fuss auf den breiten Weg der Promenade setzen durften, sondern +bescheiden den Nebenweg gingen; dieselben, die den Hut abziehen +mussten, wenn man ihnen zurief: "Jude, sei artig, mach' dein +Kompliment!" Dieselben, die von dem Buergermeister und dem hohen Rat +der freien Stadt Frankfurt jede Nacht eingepfercht wurden in ihr +schmutziges Quartier. Und wie so ganz anders waren sie jetzt +anzuschauen! Ueberladen mit Putz und koestlichen Steinen sassen die +Frauen und Judenfraeulein; die Maenner, konnten sie auch nicht die +spitzigen Ellbogen und die vorgebogenen Knie ihres Volkes verleugnen, +suchten sie auch umsonst den ruhigen, soliden Anstand eines Kaufherrn +von der Zeile oder der Million zu kopieren, die Maenner hatten sich +sonntaeglich und schoen angetan, liessen schwere, goldene Ketten ueber die +Brust und den Magen herabhaengen, streckten alle zehn Finger, mit +blitzenden Solitaers besteckt, von sich, als wollten sie zu verstehen +geben: Ist das nicht was ganz Solides? Sind wir nicht das auserwaehlte +Volk? Wer hat denn alles Geld, gemuenzt und in Barren, als wir? Wem ist +Gott und Welt, Kaiser und Koenig schuldig, wem anders als uns? + +"Dort sitzt sie, die Taube von Juda, dort sitzt sie, die Gazelle des +Morgens," rief der Seufzer in poetischer Ekstase und zerrte mich am +Arm; "schauen Sie dort, unter dem Zelt von hoelzernem Gitterwerk. Der +mit dem runden Leib, der langen Nase und den grauen Loeckchen am Ohr +ist der Vater, Herr Simon aus der neuen Judenstrasse, die dicke Frau +rechts mit den schwarzseidenen Locken und dem rotbraunen Gesicht ist +die Tante; eine fatale Verwandtschaft, aber man weiss sich in Zukunft +zu separieren nach und nach." + +"Aber wo ist denn die Gazelle, die Taube? Ich sehe sie noch nicht--" + +"Geduld! Noch bedeckt die neidische Wolke, die Tante, das Gestirn des +Aufgangs; fassen wir ein Herz, treten wir naeher. Doch eben faellt mir +bei, ich muss Sie vorstellen; wie nenne ich Sie, mein lieber Freund und +Ratgeber?" + +"Ich bin der k. k. Legationsrat Schmaelzchen aus Wien," gab ich ihm zur +Antwort, "reise in Geschaeften meines Hofes nach Mainz." + +"Ah," rief er, nachdem er schon bei dem kaiserlich koeniglich an den +Hut gegriffen hatte, "Le--Legationsrat, wirklicher, und nicht bloss +Titular ums liebe Geld? Das freut mich, dero werte Bekanntschaft zu +machen. Haette es mir gleich vorstellen koennen, Sie haben einen gar +tiefen Blick in die Staatsaffaeren. Wahrhaftig, haette es Ihnen gleich +ansehen koennen; haben so etwas Diplomatisches, Kabinettsmaessiges in +dero Visage." + +"Bitte, bitte, keine Komplimente. Gehn wir zum Juden, ich hoffe Ihnen +nuetzlich sein zu koennen." + +Wir traten zu dem Zelt aus hoelzernem Gitterwerk. Mein Begleiter +erroetete tiefer, je naeher er trat; seine Wangen liefen vom Hellroten +ins Dunkelrote, von da ins blaeulich Schattierte an, und als wir vor +dem Herrn Simon standen, war er anzusehen wie eine schoene dunkelrote +Herzkirsche. Die Tante, "das neidische Gewoelk", erhob sich, und nun +ward auch das Gestirn des Morgens sichtbar. Das Schickselchen, die +Kalle, ich meine Rebekka, des Juden Tochter, war nicht uebel.--Sie +hatte, um mich wie Graf Rebs auszudruecken, viel Rasse, und ihre Augen +konnten den Seufzer wohl bis auf Herz durchbrennen, obgleich er zur +Vorsicht und aus Eleganz drei Westen angetan hatte. + +Nachdem mich mein Freund, der als solides Haus aus Dessau bei der +Familie wohl gelitten schien, vorgestellt hatte, machte er sich an die +Taube von Juda und ueberliess es mir, den alten Simon zu unterhalten. +Mein Titel schien ihm einigen Respekt eingefloesst zu haben. "Haben da +ein schoenes Fach erwaehlt, Herr von Schmaelzlein," bemerkte er +wohlgefaellig laechelnd; "habe immer eine Inklination fuer die Diplomatik +gehabt, aber die Verhaeltnisse wollten es nicht, dass ich ein Gesandter +oder dergleichen wurde. Man weiss da gleich alles aus der ersten Hand! +Man kann viel komplizieren und dergleichen; was liessen sich da fuer +Geschaefte machen!" + +"Sie haben recht, mein Herr! Man lernt da die verwickeltsten +Verhaeltnisse kennen. Allein aber schauen's, das Ding hat auch seinen +Haken. Man weiss oft eigentlich zu viel, es geht einem wie ein Rad im +Kopf umher." + +Der Jude rueckte naeher. Mit einem Wiener Diplomaten, mochte er denken, +nehme ich es auch noch auf. "Zeviel?" sagte er. "Ich fuer meinen Teil +kann nie zeviel wissen. Was die Papiere betrifft, da kann ein +Fingerzeig, ein halber, ein Viertelsgedanke oft mehr tun, als eine +lange Rede im Frankfurter Museum. Nu, S i e stehen solide in Wien, Ihr +Staat ist ein gemachtes Haus trotz einem; was Herr von M. auf dem +Flageolett vorpfeift, das singen die Staren nach." + +"Die Staren vielleicht, aber nicht die Zaren!" + +"Gut, _tres bien, bon_! Gut gegeben, hi! hi! hi! _a propos_, +wissen Sie Neues aus daher?" Er rueckte mir noch naeher und wurde +verfaenglicher. + +"Herr Simon," sagte ich mit Artigkeit ausweichend, "Sie wissen, es +gibt Faelle--" + +"Wie?" rief er erschrocken. "Gotts Wunder! Neue Fallissements, waas! +Ist nicht die Krisis vom letzten Winter schon ein Strafgericht des +Herrn gewesen? Waas?" + +"Um Jottes willen, Papa!" schrie Rebekka, indem sie den Arm des +zaertlichen Seufzers zurueckstiess und aufsprang. "Doch kein Unglueck? +Mein Jott! Doch nich hier in Frankfort?" + +"Beruhigen Sie sich doch, gnaediges Fraeulein, ich sprach mit Ihrem +Herrn Papa ueber Politik und rechnete einige Faelle auf, und er hat mich +holter nicht recht verstanden." + +Sie presste mit einem zaertlichen, hinsterbenden Blick auf den +erschrockenen Dessauer ihre Hand auf das Herz und atmete tief. + +"Nee! was ich erschrocken bin jeworden, da machen Sie sich keenen +Bejriff von!" lispelte sie. "Mein Herz pocht schrecklich! Na, erzaehlen +Sie man weiter; was sachte der Graf? Sie haetten ins Parterre jestanden +und waeren melancholisch jewesen?" + +Das Gefluester der Liebenden wurde leiser und leiser; die Blicke des +Seufzers wurden feuriger, er zog, als "das Gewoelke" ein wenig im +Garten auf und ab ging, die niedliche Hand der Juedin an die Lippen und +gestand ihr, wenn ich anders recht gehoert habe, dass naechstens die +Metalliques und die .... um drei Prozente steigen wuerden. + +"Herr von Schmaelzlein," sagte der Alte, nachdem er einigen koscheren +Wein zu sich genommen hatte, "Sie haben mir da einen Schreck in den +Leib gejagt, den ich nie vergesse. Fallen, Faelle, wie kann man auch +nur dies Wort in Gesellschaft aussprechen? Nun, Sie wollten sagen--?" + +"Es gibt Affaeren," fuhr ich fort, "wo der Diplomat schweigen muss. Ueber +das Naehere meiner Sendung z. B. werden Sie selbst mich nicht befragen +wollen; nur so viel kann ich Ihnen, aber, mein Herr Simon, im engsten +Vertrauen--" + +"Der Gott meiner Vaeter tue mir dies und das," rief er feierlich, "so +ich nur meinem Nachbar oder seinem Weib oder seinem Sohn oder seiner +Tochter das Geringste--" + +"Schon gut! Ich traue auf Ihre Diskretion; kurz, so viel kann ich +Ihnen sagen, dass naechstens eine bedeutende Krisis eintreten wird; g a +n z zu allernaechst. F u e r oder g e g e n wen darf ich nicht sagen, +doch Herr von Zwerner--" + +"V o n Zwerner?" + +"Nun, ich nenne ihn so, man weiss ja nicht, was geschieht; an ihn war +ich besonders empfohlen vom Fuersten, und ich glaube, wenn ich anders +richtig schliesse, er muss in den naechsten Tagen Kuriere aus Wien +bekommen." + +"Der Zwerner? Ei, ei! Wer haette das gedacht! Zwar ich sagte immer, +hinter dem steckt etwas; geht so tiefsinnig, kalkulierend umher, hat +wahrscheinlich nicht umsonst so unsinnig viele Metalliques gekauft. +Ei, sehe doch einer! Haelt sich Kuriere mit Wien! Und wenn man fragen +darf, es handelt sich wohl um das Ultimatum mit der Pforte?" + +"Ja." + +"Ei darf man fragen? Wie ist es ausgefallen? Hat er eingewilligt, der +Effendi? Hat er?" + +"Mein Herr Simon, ich bitte--" + +"O, ich verstehe, ich verstehe, Sie wollen es nicht sagen, aus +Politik, aus Politik, aber er hat, er hat?" + +"Trauen Sie auf nichts, ich w a r n e Sie, auf keine Nachricht trauen +Sie, als auf authentische. Der Herr dort weiss vielleicht mancherlei +und hat nicht das drueckende Stillschweigen eines Diplomaten zu +beobachten." + +"Ei, haette ich das in meinem Leben gedacht, Kuriere von Wien, und der +Zwerner aus Dessau; zwar er ist ein solides Haus, das ist keine Frage, +aber denn doch nicht so ausserordentlich. Ob sich wohl was mit ihm +machen liesse?" setzte er tiefer nachsinnend hinzu, indem er seine Nase +herunter gegen den Mund bog und das lange Kinn aufwaerts drueckte, dass +sich diese beiden reichen Glieder begegneten und kuessten. Das war der +Moment, wo er anbeissen musste, denn er nagte schon am Koeder. Ich gab +dem Seufzer aus Dessau einen Wink, sich dem Papa zu naehern, und nahm +seinen Platz bei der Gazelle des Morgenlandes ein. + + * * * * * + + + + +4. DAS GEBILDETE JUDENFRAEULEIN. + + +Wie war sie grazioes, das heisst geziert, wie war sie artig, naemlich +honett, wie war sie naiv, andere haetten es luestern genannt. + +"Ich liebe die Tiplomattiker," sagte sie unter anderem mit feinem +Laecheln und vielsagendem Blick. "Es is so etwas Feines, Jewandtes in +ihren Manieren. Man sieht ihnen den Mann von jutem Jeschmack schon von +die Ferne an, und wie angenehm riechen sie nach _Eau de Portugal_!" + +"O gewiss, auch nach _Fleur d'Orange_ und dergleichen. Wie nehmen +sich denn die hiesigen Diplomaten? Kommen sie viel unter die Leute?" + +"Nun, sehen Sie, wie das nun jeht, die aelteren Herren haben sechs bis +sieben Monate Ferien und reisen umher. Die juengeren aber, die indessen +hier bleiben und die Geschaefte treiben, sie muessen Paesse visieren, sie +muessen Zeitungen lesen, ob nichts Verfaengliches drein is, sie muessen +das Papier ordentlich zusammenlegen fuer die Sitzungen. Nun, was nun +solche junge Herren Tiblomen sind, das sein janz scharmante Leute, +wohnen in die _Chambres garnies_, essen an die _Tables d'hote_, +jehen auf die Promenade schoen ausstaffiert _comme il faut_, haben +zwar gewoehnlich kein Jeld nich, aber desto mehr Ansehen." + +"Da haben Sie einen herrlichen Schal umgelegt, mein Fraeulein, ist er +wohl echt?" + +"Ah, jehen Sie doch! Meinen Sie, ich werde etwas anderes anziehen, als +was nicht janz echt ist? Der Schal hat mir jekostet achthundert +Gulden, die ich in die Rothschildischen Los gewunnen. Und sehen Sie, +dieses Kollier hier kostet sechzehnhundert Gulden und dieser Ring +zweitausend. Ja, man jeht sehr echt in Frankfort, das heisst, Leute von +den jutem Ton, wie unsereine." + +"Ach, was haben Sie doch fuer eine schoene, gebildete Sprache, mein +Fraeulein! Wurden Sie etwa in Berlin erzogen?" + +"Finden Sie das och?" erwiderte sie anmutig laechelnd. "Ja, man hat mir +schon oft das Kompliment vorjemacht. Nee, in Berlin drein war ich nie, +ich bin hier erzogen worden; aber es macht, ich lese viel und bilde +auf diese Art meinen Jeist und mein Orkan aus." + +"Was lesen Sie, wenn man fragen darf?" + +"Nu, Bellettres, Buecher von die schoene Jeister. Ich bin abonniert bei +Herrn Doering in der Sandjasse, naechst der Weissen Schlange, und der +verproviantiert mich mit Almanachs und Romancher." + +"Lesen Sie Goethe, Schiller, Tieck und dergleichen?" + +"Nee, das tu ich nich. Diese Herren machen schlechte Jeschaefte in +Frankfort. Es will sie keen Mensch, sie sind zu studiert, nich +natuerlich jenug. Nee, den Joethe lese ich nie wieder! Das is was +Langweiliges. Und seine Wahlverwandtschaften! Ich werde rot, wenn ich +nur daran denke. Wissen Sie, die Szene in der Nacht, wo der Baron zu +die Baronin,--ach, man kann's jar nicht sagen, und jedes stellt sich +vor--" + +"Ich erinnere mich, ich erinnere mich. Aber es liegt gerade in diesem +Gedanken eine erstaunliche Tiefe--ein Chaos von Moeglichkeiten--" + +"Nu, kurz, den mag ich nicht; aber wer mein Liebling ist, das is der +Clauren. Nee, dieses Leben, diese Farben, dieses Studium des Herzens +und namentlich des weiblichen Jemuets, ach, es is etwas Herrliches. Und +dabei so natuerlich! Wenn mir die andern alle vorkommen wie schwere +vierhaendige Sonaten mit tiefen Basspartien, mit zierlichen Solos, mit +Trillern, die kein Mensch nich verstehen und spielen kann, so wie der +Mozart, der Haydn, so kommt mir der Clauren akkerat so vor wie ein +anjenehmer Walzer, wie ein Hopswalzer oder Galopp. Ach, das Tanzen +kommt einem in die Beene, wenn man ihn liest. Es ist etwas +Herrliches!" + +"Fahren Sie fort, wie gerne hoere ich Ihnen zu. Auch ich liebe diesen +Schriftsteller ueber alles. Diese andern, besonders ein Schiller, wie +wenig hat er fuer das Vergnuegen der Menschheit getan. Man sollte +meinen, er wolle moralische Vorlesungen halten. Er ist, um mich eines +andern Gleichnisses zu bedienen, schwerer, dicker Burgunder, der mehr +melancholisch als heiter macht. Aber dieser Clauren! Er kommt mir vor +wie Champagner und zwar wie unechter, den man aus Birnen zubereitet. +Der echte verdunstet gleich; aber dieser unechte, setzt er auch im +Grunde viele Hefen an, so 'bruesselt' er doch mit allerliebsten +tanzenden Blaeschen auf und ab eine Stunde lang, er berauscht, er macht +die Sinne rege, er ist der wahre Lebenswein." + +"O sehen Sie, da kann ich Ihnen ja gleich unsern Clauren vormachen mit +Bornheimer Champagner. Man nimmt fremden Wein, so etwa die Haelfte, +jiesst Mineralwasser dazu, und nun jeben Sie acht. Ich werfe Zucker in +das Janse, und unser Clauren ist fertig. Sehen Sie, wie es siedet, wie +es sprudelt und bruesselt, wie anjenehm schmeckt es nich und ist ein +wohlfeiles Jetraenke. Nee, ich muss sagen, er ist mein Liebling. Und das +Anjenehmste is das, man kann ihn so lesen, ohne viel dabei zu denken, +man erlebt es eigentlich, es is, meine ich, mehr der Koerper, der ins +Buch schaut, als der Jeist. Und wie angenehm laesst es sich dabei +einschlafen!" + +"Ich glaube gar, ihr seid in einem gelehrten Gespraech begriffen," rief +lachend der alte Jude, indem er, den Dessauer an der Hand, zu uns +trat. "Nicht wahr, Herr Legationsrat, ich habe da ein gelehrtes Ding +zur Tochter? Sie spricht auch wie ein Buch und liest den ganzen Tag." + +"Nun, und Sie, Papa, und Herr Zwerner haben wohl tiefe +Handelsjeheimnisse abjemacht? Darf man auch davon hoeren. Wie werden +sie in der naechsten Woche stehen, die Metalliques? Recht hoch? Hab' +ich es erraten?" + +"Stille, Kind, stille! Kein Wort davon! Muss alles geheim gehalten +werden! Muss einen grossen Schlag geben. Ist ein Goldmaennchen, der Herr +von Zwerner. Setzen Sie sich zu ihr hin und klaeren ihr alles auf. Sie +ist auf diesem Punkt ein verstaendiges Kind und weiss zu rechnen, die +Rebeckchen." + +Was schlich denn jetzt durch das Gras? Was huepfte auf zierlichen +Beinchen heran? Was laechelte schon von weitem so freundlich nach der +Kalle des Herrn Simon? War es nicht das Graefchen Rebs, das alte, +freundliche Kaninchen, das in alle Damen verliebt ist und alle +bezaubert? Er war es, er kam hereingeschwaenzelt. + +Er schnaufte und aechzte, als er heran war, und doch konnte er auch in +dem Zustand hoechster Erschoepfung, in welchem er zu sein schien, sein +liebliches suesses Laecheln nicht unterdruecken. Er warf sich ermattet +neben Rebekka in einen Sessel, streckte die duennen Beinchen, so mit +zierlichen Spoernchen zum Spazierengehen beschlagen, heftete den +matten, sterbenden Blick auf die schoene Juedin und sprach: "Habe die +Ehre, vergnuegten Abend zu wuenschen. Ich sterbe, mit mir geht's aus!" + +"Mein Jott! Herr Israels! Graf Rebs, was haben Sie doch? Ihre Wangen +sind ja janz einjeschnurrt, Ihre Augen bleiben stehen. Er antwortet +nich! Herr Tiplomat, _Eau de Cologne_! Haben Sie keines bei sich +in die Tasche?" + +So rief das schoene Judenkind und beschaeftigte sich um den Ohnmaechtigen +mit zarter Sorgfalt. Da ich keine _Eau de Cologne_ bei mir trug, +so begann sie etwas weniges verzweifeln zu wollen und verlangte von +dem Dessauer, er solle ihm Tabaksrauch in die Nase blasen. Doch der +Vater wusste bessern Rat: "Da geht einer," rief er freudig, "da geht +ein charmanter junger Herr, ist in Kondition nicht weit von uns, der +traegt bestaendig etzliches Koelner Wasser in seiner Rocktasche!" + +Wie ein Pfeil schoss er auf den jungen Mann zu und war, als er ihm mit +schrecklichen Gebaerden das _Eau de Cologne_= Flaeschchen +abforderte, anzusehen wie Sir John Falstaff, als er die Kraemer +beraubt. Maria Farinas Lebenstropfen brachten das arme Kaninchen +wieder zu sich. Er schlug die Augen auf, seufzte tief und laechelte. +"Mich gehorsamst zu bedanken," lispelte er mit zitternder Stimme, "fuer +die guetigst geleistete Hilfe. War mir aber recht elend zu Mut; fast +als haette ich mehr Bier getrunken als dienlich." + +"Sind Sie oft solchen Zufaellen unterworfen?" fragte Rebekka, ihn etwas +missfaellig betrachtend. + +"Mitnichten und im Gegenteil," erwiderte er, indem er den Ruecken +zierlich wendete und drehte, mit den Schultern ueber die Brust +herausfuhr und mannhaft mit den Spoernchen klirrte. "Mitnichten, habe +sonst eine ueberaus starke Konstitution. Aber der dicke Pfarrer, der +dicke Pfarrer...." + +Die Juden schwiegen, und Rebekka schlug die Augen nieder, wie immer, +wenn von christlichen Pfarrern oder Zeremonien oder auch von +Schweinefleisch in ihrer Naehe gesprochen wurde. Der Seufzer aber, dem +die Erscheinung des Grafen etwas laestig schien, fragte ihn ziemlich +boshaft, ob er etwa im Goldenen Brunnen gewesen, sich allda etwas +betrunken und nachher mit dem ehrsamen Pastor Muenster Streit und +kirchlichen Skandal angefangen nach seiner Gewohnheit. + +"Nach meiner Gewohnheit?" rief das Kaninchen erschrocken. "Ich ein +Unruhstifter oder Saeufer, ich in dem Goldenen Brunnen, ich, der ich +nur die allernobelsten Hotels, den Pariser und den Englischen Hof, den +Weidenbusch, in welchem ich logiere, und den Weissen Schwan mit meinem +Besuch beehre? Nein, er ist mir begegnet, der Pfarrer, und als er an +mir vorbeiging, sah er mich mit schrecklichen Augen an und sagte: 'Das +ist auch so ein S t e i n d e s A n s t o s s e s, auch so ein +Mystiker.' 'Herr Pfarrer," sagte ich, 'guten Abend, aber ein Mystiker +bin ich nicht und will auch fuer keinen gelten, am wenigsten +oeffentlich, auf der Chaussee nach Bornheim.' 'Sie wollen keiner sein?' +antwortete er, indem er naeher auf mich zutrat, so dass sein Bauch und +das Cachet seiner Uhr mir gerade auf die Brust zu sitzen kamen und +mich heftig drueckte. "Wollen keiner sein? Warum kommen Sie denn nicht +mehr ins Museum? Warum haben Sie an oeffentlichen Wirtstafeln, im +Pariser, Weiden= und anderen Hoefen geschimpft ueber mich, dass ich ein +gewisses Gedicht von Langbein in besagter Gesellschaft vorgelesen?' Es +ist wahr, ich hatte mich ziemlich stark darueber ausgesprochen, aber +nicht aus Mystizismus, sondern weil ich glaubte, es koenne zarte +Damenohren und weiche Gemueter unangenehm beruehren, jenes Gedicht. Aber +er nahm keine Entschuldigung an. Ich schluepfte ihm unter dem Bauch weg +und wollte schnell weiter gehen; aber er setzte mir mit weiten +Schritten nach, ging neben mir her und beschuldigte mich, seinem +Gegenpart, dem mystischen Pfarrer, zu einer reichen Frau verholfen zu +haben; er behauptete auch, dass ich mich jeden Morgen statt des +Fruehstuecks magnetisieren lasse, und dergleichen. Und erst hier an der +Gartentuere liess er mit einer muerrischen Reverenz von mir ab." + +"Aber was hat denn dies alles zu bedeuten?" fragte ich. "Halten denn +die Pfarrer hier auf der Landstrasse Kirche, wie es Sitte war zur Zeit +der Apostel?" + +"In Frankfurt," belehrte mich der Kaufmann aus Dessau, "in Frankfurt +ist gegenwaertig ein grosser Krieg zwischen den Pfarrern, und ihre +Parteien befehden sich ebenfalls. Mystiker und Rationalisten schelten +sie sich hin und her, der eine wirft dem andern vor, er predige nur +Moral, der andere entgegnet, sein Gegner rede tiefen Unsinn. Nicht nur +in den Kirchen, auf den Kanzeln, sondern auch in den Weinhaeusern und +Trinkstuben, auf Chausseen und in Kasinos wird gekaempft; und so konnte +es leicht geschehen, dass der Herr Graf einem Eiferer der Vernunft in +die Haende fiel.--Doch wie? Herr Graf, wenn ich nicht irre, so faehrt +dort der Lord und seine Nichte. Nicht so? Und sie halten vor dem +Garten, sie steigen aus?" "Ah, sie hat mich bemerkt," rief das +Kaninchen sehr freundlich, "sie schaut schon herueber und wedelt, wenn +ich nicht irre, mit dem Taschentuch mir zu. Verzeihen allerseits, dass +ich mich entferne. Miss Mary hat ein Auge auf mich geworfen, und Sie +wissen selbst, bei solchen Affaeren--" + +Er schluepfte unter diesen Worten aus dem Zelt und eilte mit zierlichen +Spruenglein zu der Gartenpforte, wo er in dem Drang seines Herzens die +junge Dame auf den glacierten Handschuh kuesste. Es mochte ihr uebrigens +dieses Zeichen seiner Verehrung ueberaus komisch vorkommen; denn ihr +Lachen drang bis zu uns herueber, und mit tiefem Bass begleitete sie der +Lord, indem er dem Kaninchen das Pfoetchen schuettelte. + +Das Gewoelk, die Tante Simon, kam jetzt zurueck und beklagte sich, dass +es schon etwas kuehl werde. Der Jude liess daher seinen schoenen Wagen +vorfahren und verliess mit den Seinigen den Garten. Der Seufzer hatte +das Glueck, Rebeckchen in den Wagen heben zu duerfen, und kam mit ganz +verklaertem Gesicht zurueck. Sie hatte ihm unter der Tuere noch die Hand +gedrueckt und gestanden, dass sie sich diesen Nachmittag janz +fuertrefflich amuesiert habe, und der Alte hatte ihn eingeladen, morgen +und alle Tage den Abend in seinem Hause zuzubringen. + + * * * * * + + + + +5. DER KURIER AUS WIEN KOMMT AN. + + +Ich koennte dir, geneigter Leser meiner Memoiren, vieles Ergoetzliche +und Interessante erzaehlen, was ich in der freien Stadt Frankfurt +erlebte. Nicht von frueheren Zeiten her, wo ich oft hinter den Stuehlen +der Kurfuersten stand und den Kaiser waehlen half, wo ich so oft unter +guten Freunden im Roemer und beim Roemer sass, wenn das neue Haupt des +vielgliedrigen Leibes, Deutsches Reich genannt, mit der Krone +geschmueckt worden war. Nein, von den heutigen Tagen koennte ich dir +viel erzaehlen, von dem tiefen, geheimnisvollen Wesen der Diplomatie, +von dem herrlichen Junitag, in welchem es niemals Abend oder Nacht +wird, ich meine den deutschen Bundestag; von dem herrlichen Treiben +und Bluehen des Mystizismus und wie ich das Feuer anschuerte zwischen +seinen Anhaengern und den Rationalisten, und wie es im Wirtshaus zum +Goldenen Brunnen einigemal zu bedeutenden Raufereien kam zwischen +beiden Parteien, das heisst--nur mit schneidenden Zungen und stechenden +Blicken. Ich koennte dir erzaehlen, wie ich in einem Institut, woselbst +man junge Fraeulein fuer die Welt zustutzt, nuetzlichen Unterricht gab im +Gitarrespielen und andern Kleinigkeiten, so eine junge Dame kennen +muss, wenn sie in die Welt tritt. Ich koennte dir erzaehlen von jener +Strasse, Million genannt, wo meine speziellsten Freunde wohnen, deren +der geringste ueber Millionen gebietet. + +Doch ich schweige von diesem allem, weil ich mir vorgenommen, dir +einen kleinen Abriss zu geben von der Art, wie ich den ehrlichen, +seufzenden Sohn Merkurs aus Dessau zu einem Teufelskind machte. Der +erste Schritt vom ehrlichen Mann zum schlechten oder Betrueger ist an +sich klein und dennoch bedeutend, weil man leicht, sozusagen, in Schuss +kommt und unaufhaltsam bergab, bergab geht, anfangs im Trott, nachher +im Galopp. Mein guter Seufzer hatte sein bedeutendes Vermoegen mit +einem ehrlichen Gemuet geerbt. Er ging in seinen Geschaeften den +geraden, ehrlichen Weg, nicht, weil er ihm angenehmer war, sondern +weil er es unbequem finden mochte, Winkelzuege und Umwege zu machen. + +Es ist dies die Ehrbarkeit, die Tugend, die nie auf der Probe war und +daher ein negativer Begriff, ein Nichts, auf jeden Fall keine Tugend +ist. + +Nicht der Geldgewinn, er ist ziemlich zufrieden mit seinem Los, +sondern die Liebe zu der schoenen Kalle des alten Simon macht ihn +straucheln, oder vielmehr, wie Gelegenheit Diebe macht, die suesse Art, +wie ich es ihm eingab. Jetzt ist er, um das Kind beim rechten Namen zu +nennen, aus dem ehrlichen Mann ein Betrueger geworden. Er wird, weil es +ihm diesmal leicht wird, zu betruegen, das naechste Mal aehnliches +versuchen. Das Gewissen, die Ehrlichkeit, die Ruhe, die +Selbstzufriedenheit ist ja doch schon zum Teufel; warum soll er sich +also genieren? Der grosse Gewinn fuer mich liegt aber darin, dass die +ersten Versuche des ehrlichen Mannes, ein Betrueger zu werden, +gewoehnlich gut ausfallen und zur Wiederholung locken. Denn wer mit mir +Geschaefte macht, kann, solange es tunlich ist, darauf rechnen, sie mit +Glueck zu machen, und unglueckliche Spekulanten, von denen die Sage +geht, dass sie sich erhaengt oder ersaeuft haben, hatten durch Reue und +Selbstanklage den Kopf verloren, hatten mir zu wenig vertraut, und +nicht ich war es, der sie verliess; sie hatten sich selbst verlassen. + +Doch, wo gerate ich hin? Habe ich mich von dem dicken Pfarrer +anstecken lassen, zu moralisieren? Ist es denn mein Zweck, mit +psychologischen Abhandlungen meine Leser zu ermueden oder sogar +abzuschrecken? Oder wie, liess ich mich etwa von den Winken einiger +gelehrten Leute verfuehren, die behaupten, es liege zu wenig +psychologische Teufelei oder teuflische Psychologie in meinen +Memoiren, ich sei fuer einen deutschen Schriftsteller, als welchen ich +mich im Leipziger Messkatalogus einregistrieren lassen, nicht gruendlich +genug? + +Der Teufel soll es holen! moechte ich mir selbst zurufen. Sobald man +vom Wege abgeht, geraet man immer mehr auf Abwege, so auch im +Niederschreiben von Memoiren. Ich werde kurz sein. + +Ich hatte durch meine dienenden Kleinen erfahren, welche Gedanken der +Reis=Effendi in einer Privatunterredung mit Herrn von Minciaky ueber +das russische Ultimatum geaeussert. Ja, um redlich zu sein, ich hatte +selbst grossen Anteil an jener Wendung der Dinge, weil mir dadurch das +sogenannte Gleichgewicht etwas aus die Spitze gerueckt zu werden schien +und mehr Leben in das schlummernde Europa kommen konnte, das von +Revolutionen und andern lustigen Artikeln nur t r a e u m t und im S c h +l a f e s p r i c h t. Ich hatte diese Nachricht frueher vernommen, +als sie selbst nur nach Petersburg kommen konnte, und in meiner Hand +lag es, die Papiere steigen oder fallen zu machen. Der Vater der +schoenen Rebekka hatte in den letzten Tagen auf meinen Rat und seine +eigene Einsicht hin seine Papiere so umgesetzt, dass er beim geringsten +Steigen der----auf grossen Gewinn zaehlen konnte. Grosse Spannung +herrschte in dem Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstrasse. Der +Alte versicherte, seine Gebeine erzittern, so oft er ansetze, einen +wichtigen Brief zu schreiben. Die Tante, "das neidische Gewoelk", +mochte ahnen, was vorging, und schlich truebe und aechzend im Hause +umher. Die Kalle war die mutigste von allen. Zwar war auch sie in +einiger Bewegung; denn sie las nicht mehr, weder in Clauren, noch in +verschiedenen Almanachs, sogar das Modejournal wollte sie nicht +ansehen; sie spielte auch nicht mehr auf der Harfe, aber doch trug sie +das Koepfchen noch so hoch wie zuvor und ermutigte durch manche Rede +die zagenden Bundestruppen. + +Der Seufzer war gaenzlich von Verstand gekommen. Bald war er tiefsinnig +und zweifelte an seinem Glueck, besonders in der Naehe der schoenen +Juedin, wenn er sich die Hoehe seiner Seligkeit, den Besitz der +lieblichen Kalle dachte. Dann war er wieder ausgelassen froehlich und +sprach allerlei verwirrtes Zeug, wie er ein Millionaer zu werden +gedenke, wie und wo er sich ein Haus bauen wolle, und was dergleichen +ueberschwengliche Gedanken mehr waren; der Kalle aber fluesterte er ins +Ohr, dass er sich wolle adeln lassen und sie zur gnaedigen Frau +Baronesse von Zwerner zu Zwernersheim machen, welcher Ort noch auf der +Landkarte auszumitteln waere. + +Endlich, es war am dritten Frankfurter Pfingstfeiertag, und die +Maedchen und Frauen spazierten schon scharenweise hinaus an den Main, +um sich uebersetzen zu lassen nach dem Waeldchen, und die Maenner riefen +ihnen nach, nur einstweilen alles zuzuruesten daselbst, weil sie nur +noch auf die Boerse gingen und bald nachkaemen, indem heute nichts +Bedeutendes vorkomme, und auch die alte Baubo, die schnoede Hexe, zog +hinaus, doch diesmal nicht auf dem Mutterschwein, sondern in einem +eleganten Wagen. Sie hatte ihre schoenen Stieftoechter bei sich und +nickte mir freundlich zu, als wollte sie sagen: "Dich kenne ich wohl, +Satan, obgleich du jetzt in schwarzem Frack und seidenen Struempfen +einherzuwandeln beliebst und meiner Elise, dem allerliebsten Kind, +praktische Gitarrestunden gibst, dich kenne ich wohl; komm aber nur +hinaus ins Waeldchen, da sprechen wir wohl wieder ein Wort zusammen." +Da fuhr sie hin, die gute Alte, eine der ersten Palastdamen meiner +Grossmutter und sehr angesehen in Frankfurt und auf dem Brocken in der +Walpurgisnacht, da fuhr sie hin und viele tausend und wieder tausend +fromme Frankfurter Seelen ihr nach, die alle das Gebot in feinem +Herzen trugen: "Du sollst den Feiertag heiligen und an Pfingsten auch +den dritten und vierten." + +Jetzt war es Zeit, zu operieren. Den Tag zuvor hatte man sich +allgemein mit dem Geruecht getragen, dass die Pforte das Ultimatum nicht +annehmen werde, und man erwartete von heute nichts Besonderes. Da +jagte um elf Uhr ein Kurier durch das Tor, ganz mit Schweiss und Staub +bedeckt; er sprengte, greulich auf dem Posthorn blasend, durch die +Strasse, Million genannt, und in einem Umweg durchs neue Judenquartier; +die Leute rissen die Fenster auf und fuhren mit den Koepfen heraus, um +zu schauen nach dem schrecklichen Trompeten= und Strassenlaerm. "Wo +kuemmt Er haer? Wo will Er hin?" riefen sie. "In Weissen Schwan," schrie +er, "ich habe den Weg verfehlt, wo geht's in Weissen Schwan?" "Der Herr +is wohl ae Korrier?" "Freilich, nur schnell," rief er und zog einen +Brief mit grossem Siegel aus der Tasche, "das koemmt von Wien und ist an +den Herrn Zwerner aus Dessau im Weissen Schwan." "Da an der Ecke gehts +rechts, dann die Strasse links, dann koemmt Er auf die Zeile, da reitet +Er bis an die Hauptwache, und von dort ists nimmer weit." So riefen +sie, schauten ihm nach, wie er mit der Peitsche knallend davonjagte +und besprachen sich dann ueber die Strasse hinueber, was wohl die +Depesche aus Wien enthalten moechte. Der Kurier war aber niemand anders +als einer meiner dienstbaren Geister, in die Uniform eines hessischen +Postillons gekleidet. + + * * * * * + + + + +6. DER REIS=EFFENDI UND DER TEUFEL IN DER BOERSENHALLE. + + +Im Briefe stand mit duerren Worten, dass der Reis=Effendi dem Herrn v. +Minciaky die vertrauliche, jedoch halb offizielle Mitteilung gemacht +habe, dass die Pforte das Ultimatum, soweit es Russland betreffe, +annehmen werde. + +Der Seufzer bekam nun die noetige Instruktion, was er zu tun hatte. Er +fuhr mit dem Briefe sogleich zu Papa Simon und mit diesem zu Herrn v. +R-------, dem Papst der Boerse, dem sichtbaren Oberhaupt der +unsichtbaren papierenen Kirche. Dieser pruefte die Depesche genau. Er +selbst hatte schon zu oft aehnliche Mittel angewendet, Pariser Kuriere +aus Mainz, und Wiener aus Aschaffenburg kommen lassen, als dass er so +leicht konnte hintergangen werden. Er liess daher ein Licht bringen und +pruefte zuerst Geruch und Fluessigkeit des Siegellacks. "Gott's Wunder!" +sprach er, bedaechtlich riechend, "Gott's Wunder! das ist echtes +Kaisersiegellack, wie es nur in Wien selbst zubereitet wird und was +Eingeweihte zu solchen Depeschen zu verwenden pflegen." Dann +betrachtete er genau das Kuvert des Briefes und fand darauf die +gedruckten Zeichen jeder Poststation von Wien bis Frankfurt, und keins +fehlte. Er verglich sodann diese Zeichen mit der Liste der +Postzeichen, die er zur Hand hatte, und--sie waren richtig. + +Hatte er zuvor den Herrn Zwerner, Handelsmann aus Dessau, als ein +kleines Paarmalhunderttausendguldenmaennchen so obenhin behandelt, wie +der Loewe das Huendchen, so wuchs Letzt seine Achtung mit unglaublicher +Schnelle. Er haette zwar am liebsten selbst den Kurier bekommen, samt +der inhaltsschweren Depesche, doch, da dies nicht mehr zu aendern war, +machte er gute Miene zum boesen Spiel, dankte, dass man ihn sogleich von +der wichtigen Nachricht avertiert habe und berechnete dabei, welche +Summe dem Dessauer diese Nachricht gekostet haben koennte, indem er +annahm, dieser Kaufmann muesse die Preise, die er in Wien fuer solche +Winke bezahle, ueberboten haben. Es war Boersenzeit, er selbst fuhr mit +auf die Boersenhalle. + +B o e r s e n h a l l e! Unter diesem Namen stellt sich wohl der Fremde, +der diese Einrichtung noch nie gesehen, ein weitlaeufiges Gebaeude vor, +wie es der Stadt Frankfurt wuerdig waere, mit weiten Saelen, +Seitengaengen, schoenen Portalen und dergleichen. Wie wundert er sich +aber und laechelt, wenn er in diese Boersenhalle tritt! Man stelle sich +einen ziemlich kleinen, gepflasterten Hof, von unansehnlichen Gebaeuden +eingeschlossen, vor, wo man mit Bequemlichkeit Pferde striegeln, Wagen +reinigen, waschen, Huehner und Gaense fuettern und dergleichen solide +haeusliche Hantierungen verrichten koennte. Statt des ehrwuerdigen +Truthahns, statt der geschwaetzigen Huehner und Gaense, statt des +Stallknechts mit dem Besen in der Faust, statt der Kuechendame, die +hier ihren Salat waescht--sieht man hier zwischen zwoelf und ein Uhr +mittags ein buntes Gedraenge. Maenner mit dunkelgefaerbten, markierten +Gesichtern, mit schwarzen Baerten und lauernden Augen, mit +kuehngebogenen Nasen und breiten Maeulern, mit schmutzigen Hemden und +unsauberer Kleidung schleichen mit gebogenen, schlotternden Knien und +spitzigen Ellbogen, den Hut tief in, den Nacken zurueckgedrueckt, umher +und fragen einander: "Nu, wie stehen se heute?" Du wandelst staunend +durch dieses Gewuehl und fuehlst einen kleinen unbehaglichen Schauer, +wenn dich eine der unsauberen Gestalten im Voruebergehen anstreift. Du +begreifst zwar, dass du dich unter den Kindern Israels befindest; aber +zu welchem Zweck treiben sie sich hier unter freiem Himmel in einem +Huehnerhof umher? Endlich wirst du eine Tafel, etwa wie ein +Wirtshausschild anzusehen, gewahr. Dort steht mit goldenen Buchstaben +deutlich zu lesen: "Boersenhalle." Also in der Boersenhalle der freien +Stadt Frankfurt befindest du dich. Du hoerst heute ein sonderbares +Gemunkel und Gefluester. Die Leute gehen staunend umher, mehr mit +Blicken als mit Worten fragend: "Ae Korrier aus Wien?" "Gott's +Wunder!" "Wer hat'n gekriecht?" "Ae Fremder, der Zwerner von Dessau." +"Wie? Kaner von unsere Lait? Nicht der Rothschild, der grausse Baron, +nicht der Bethmann? Auch nicht der Metzler? Waas?" + +"Was hat'r gebracht, der Korrier! Abraham, wie stehen se?" + +"Wie werden se stehen! Wer kann's wissen, solange der Zwerner aus +Dessau nicht ist auf der Boersenhalle!" + +"Levi! hat er's Oltemat'm angenommen, der Reis=Effendi? Hat er, oder +hat er nicht? Wie werden se stehen?" + +"Ich hab's genug, 's is a viertel auf Eins, und noch will keiner +verkaufen, aus Schrecke vor die Korrier. Waer' nur der Zwerner aus +Dessau da! Auch der Rothschild bleibt so lang aus und der Simon von +die neue Strasse. Wirst sehen, 's wird geben ae grausse Operation! Der +Herr wird verstockt haben das Herz des Effendi, dass er hat nicht +angenomme das Oltematum von dem Moskeviter?" + +"Bethmannische Obligationen will man nicht kaufen, sind gefallen um +Vertelpurzent!" + +"Wie steht's mit die Metalliques? Wie verkauft sie der Metzler? Wie +stehen se, Abraham? Tu mer de Gefallen und sag', die Metalliques, wie +stehen se?" + +"Ass ich der sag, ich weiss nicht, wo mer steht der Kopf, weiss heut +keiner, wer is Koch oder Keller? Ass ich nicht kann riechen, wie se +stehen, die Mettaliques!" + +Ploetzlich entsteht ein Geraeusch, ein Gedraenge nach der Tuere zu. Ein +Wagen ist vorgefahren, die Leute stehen auf den Zehen, machen lange +Haelse, um die Mienen der Kommenden zu sehen. Drei Maenner arbeiten sich +durch die Menge und stellen sich ernst und gravitaetisch an ihren Platz +zur Seite, wie es wohlloeblicherweise auf anderen Boersen der Brauch +ist, wo nur die Maekler umherlaufen und sich draengen. Es war der grosse +Baron, der an der Seite stand, zu seiner Rechten das Gestirn des +Tages, der Kaufmann Zwerner aus Dessau, jetzt nicht mehr Seufzer zu +nennen; denn sein Herz schien zu jubilieren und allerlei verliebte +Streiche ausfuehren zu wollen, waehrend er doch die Sinne bedaechtlich +und gesetzt beisammen behalten musste, um sich nicht zu verrechnen. Zur +Linken stand der Jude Simon, angetan mit seinem Sabbather Rock und +einer schneeweissen Halsbinde, mit feierlicher, hochzeitlicher Miene, +so dass sein Volk gleich sah, es muesse was ganz Ausserordentliches sich +zugetragen haben. + +Jetzt nahten die Kaeufer und Verkaeufer und fragten nach den Preisen. +Sie wurden bleich, sie sanken in die Knie und schlichen zitternd +umher. Sie lamentierten schrecklich mit den Armen, sie steckten die +Finger in den Mund, sie fluchten ebraeisch und syrisch auf den +Christen, der sich einen Kurier kommen lassen, auf den Vater, welcher +den Kurier gezeugt, auf das Pferd, welches das Pferd des Kuriers zur +Welt gebracht, auf seinen Kopf, auf seine vier Fuesse, kurz auf alles, +selbst auf Sonne, Mond und Sterne und auf Frankfurt und die +Boersenhalle. Jetzt merkte man, warum der schlaue Simon seine Papiere +in den letzten Tagen umgesetzt habe; jetzt konnte man sich den +Tiefsinn des Kaufmanns aus Dessau erklaeren! "Das Ultimatum ist +angenommen," scholl es durch den Hof, "der Reis=Effendi hat zugesagt," +hallte es durch die Ecken; und obgleich die drei wichtigen Maenner nur +entfernt auf ihren Brief anspielten, nur einige naehere Umstaende +angaben, nichts Bestimmtes aussprachen, so stiegen doch die +oesterreichischen, die rothschildischen und wenige andere Papiere, von +welchen durch Zwerners und des alten Simons Sorge gerade nicht sehr +viele auf dem Platz waren, in Zeit von einer halben Stunde um vier und +ein halbes Prozent. Mehrere Haeuser, die sich nicht vorgesehen hatten, +fingen an zu wanken, eines lag schon halb und halb und hatte es nur +seiner nahen Seitenverwandtschaft mit dem regierenden (Boersen=) Hause +zu verdanken, dass ihm noch einige Stuetzen untergeschoben wurden. + +Als man um ein Uhr auseinanderging, lautete der Kurszettel der +Frankfurter Boersenhalle: + + Metalliques 87 5/8. + Bethmaennische 75 1/2. + Rothschildische Lose 132. + Preussische Staatsschuldscheine 84. + +An den uebrigen war nichts geaendert worden. + + * * * * * + + + + +7. DIE VERLOBUNG. + + +Dieses kleine Boersengemetzel entschied ueber das Schicksal des Seufzers +aus Dessau. In den zwei naechsten Tagen wirkte er durch die grosse Menge +Metalliques, die er in Haenden hatte, maechtig auf den Gang bei +Geschaefte, und als einige Tage nachher Herr von Rothschild +Privatmitteilungen aus Wien erhielt, wodurch seine Nachrichten +vollkommen bestaetigt werden, da draengte sich alles um den +hoffnungsvollen, spekulativen Juengling, um den genialen Kopf, der auf +unglaubliche Weise die Umstaende habe berechnen koennen. + +Seine Zurueckgezogenheit zuvor galt nun fuer tiefes Studium der Politik, +seine Schuechternheit, sein geckenhaftes Stoehnen und Seufzen fuer +Tiefsinn, und jedes Haus haette ihm freudig eine Tochter gegeben, um +mit diesem sublimen Kopf sich naeher zu verbinden. Da aber die +Polygamie in Frankfurt derzeit noch nicht foermlich sanktioniert ist +und das Herz des Dessauers an Rebekka hing, so schlug er mit grosser +Tapferkeit alle Stuerme ab, die aus den Verschanzungen in der Zeile, +aus den Trancheen der Million, selbst aus den Salons bei neuen Mainzer +Strasse mit gluehenden Liebesblicken und Stueckseufzern auf ihn gemacht +wurden. + +Der alte Herr Simon, konnte sich auch der Dessauer in Hinsicht auf +Geld und Gluecksgueter ihm nicht gleichstellen, rechnete es sich dennoch +zur besonderen Ehre, einen so erleuchteten Schwiegersohn zu bekommen. +Ja, er sah es als eine glueckliche Spekulation an, ihn durch Rebekka +gefangen zu haben. Er sah ihn als eine prophetische Spekulationsmaschine +an, die ihn in kurzer Zeit zum reichsten Manne Europas machen musste; +denn, wenn er immer mit seinem Schwiegersohn zugleich kaufte oder +verkaufte, glaubte er nie fehlen zu koennen. + +Fraeulein Rebekka ging ohne vieles Straeuben in die Bedingungen ein, die +ihr der Zaertliche auferlegte; da er eine gewisse Abneigung verspuerte, +ein Jude zu werden, so hielt er es fuer notwendig, dass sie sich taufen +lasse. Sie nahm schon folgenden Tages insgeheim Unterricht bei dem +Herrn Pastor Stein und gab dafuer auf einige Zeit ihre Klavierstunden +auf, wobei, wie sie behauptete, noch etwas Erkleckliches profitiert +wuerde, da sie dem Klaviermeister einen Taler fuer die Stunde hatte +bezahlen muessen. Sie selbst legte dafuer dem Dessauer die Bedingung +auf, dass er sich fuer einige hundert Gulden in den Adelsstand erheben +lassen und in dem "joettlichen Frankfort" leben muesse. + +Er ging darauf freudig ein und ueberliess mir dieses diplomatische +Geschaeft. Um nun auch von mir zu reden, so traf puenktlich ein, was ich +vorausgesehen hatte. Der Seufzer beschwichtigte fuers erste sein +Gewissen, das ihm allerlei vorwerfen mochte, z. B. dass das ganze +Geschaeft unehrlich und nicht ohne Hilfe des Teufels habe zustande +kommen koennen. Sobald er mit dieser Beschwichtigung fertig war, war +auch seine Dankbarkeit verschwunden. Weil ihn alles als den sublimsten +Kopf, den scharfsinnigsten Denker pries, glaubte er ohne Zaudern +selbst daran, wurde aufgeblasen, sah mich ueber die Achsel an und +erinnerte sich meiner sehr guetig als eines Menschen, mit welchem er im +Weissen Schwan einigemal zu Mittag gespeist habe. + +Was mich uebrigens am meisten freute, war, dass er die Strafe seines +Undankes in sich und seinen Verhaeltnissen trug. Es war vorauszusehen, +dass seine prophetische Kraft, sein spekulativer Geist sich nicht lange +halten konnten. Missglueckten nur erst einige Spekulationen, die er, auf +sein blindes Glueck und seinen noch blinderen Verstand trauend, +unternahm, verlor er erst einmal fuenfzig= oder hunderttausend und zog +seinen Schwiegerpapa in gleiche Verluste, so fing die Hoelle fuer ihn +schon auf Erden an. + +Rebeckchen, das liebe Kind, sah auch nicht aus, als wollte sie mit dem +neuen Glauben auch einen neuen Menschen anziehen. War sie erst +"Gnaedige Frau von Zwerner", so war zu erwarten, dass die Liebesintrigen +sich haeufen wuerden; junge wohlriechende Diplomaten, alte Suender, wie +Graf Rebs, fremde Majors mit glaenzenden Uniformen waren dann +willkommen in ihrer Loge und zu Hause, und der Dessauer hatte das +Vergnuegen, zuzuschauen. Und wie wird dieser sanfte Engel Rebekka sich +gestalten zur Furie, wenn die spekulative Kraft ihres Eheherrn +nachlaesst und damit zugleich sein Vermoegen, wenn man das glaenzende +Hotel in der Zeile, die Loge im ersten Rang, die Equipage und die +hungernden Liebhaber samt der koestlichen Tafel aufgeben, wenn man nach +Dessau ziehen muss in den alten Laden des Hauses Zwerner und Komp., +wenn die gnaedige Frau herabsinkt aus ihrem geadelten Himmel und zur +ehrlichen Kaufmannsfrau wird, wenn man den Gemahl statt mit Papieren, +wie es nobel ist und gross, mit Ellenwaren und Baendern, ganz klein und +unnobel handeln sieht! Welche Perspektive!! + +Doch am vierten Pfingstfeiertag 1826 dachte man noch nicht an +dergleichen im Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstrasse. Da war +ein Hin= und Herrennen, ein Laufen, ein Kochen und Backen; es wurde +ungemein viel Gaenseschmalz verbraucht, um koscheres Backwerk zu +verfertigen; ein Hammel wurde "geschaecht", um koestliche Ragouts zu +bereiten. + +Der geneigte Leser erraet wohl, was vorging in dem gesegneten Hause? +Naemlich nichts Geringeres als die Verlobung des trefflichen Paares. +Die halbe Stadt war geladen und kam. Hatte denn der alte Simon nicht +treffliche alte Weine? Speiste man bei ihm, das Gaensefett abgerechnet, +nicht trefflich? Hatte er nicht die schoensten juedischen und +christlichen Fraeulein zusammengebeten, um die Gesellschaft zu +unterhalten durch geistreiche Spiele und herrlichen Gesang? + +Auch Graf Rebs, das treffliche Kaninchen, war geladen, und nur das +brachte ihn einigermassen in Verlegenheit, dass nicht weniger als +zwanzig Frauen und Fraeulein zugegen waren, mit denen er schon in +zaertlichen Verhaeltnissen gestanden hatte. Er half sich durch +ausdrucksvolle Liebesblicke, die er allenthalben umherwarf, wie auch +durch die eigene Behendigkeit seiner Beinchen, auf welchen er ueberall +umherhuepfte und jeder Dame zufluesterte, sie allein sei es eigentlich, +die sein zartes Herz gefesselt. Die uebergrosse Anstrengung, zwanzig auf +einmal zu lieben, da er es sonst nur auf fuenf gebracht hatte, richtete +ihn aber dergestalt zugrunde, dass er endlich elendiglich zusammensank +und in seinem Wagen nach Hause gebracht werden musste. + +Die Gesellschaft unterhielt sich ganz angenehm und bewies sich nach +Herrn Simons Begriffen sehr gesittet und anstaendig; denn als er am +Abend, nachdem alle sich entfernt hatten, mit seiner Tochter Rebekka +das Silber ordnete und zaehlte, riefen sie einmuetig und vergnuegt: +"Gott's Wunder! Gott's Wunder! Was war das fuer noble Gesellschaft, fuer +gesittete Leute! Es fehlt auch nicht e i n Kaffeeloeffelchen; kein +Dessertmesserchen oder Zuckerklaemmerchen ist uns abhanden gekommen! +Gott's Wunder!" + + * * * * * + + + + +DER FESTTAG IM FEGEFEUER. (Fortsetzung.) + + Am Horizont in diesem Jahr + Ist es geblieben, wie es war. + M. Claudius. + + +1. DER JUNGE GARNMACHER FAEHRT FORT, SEINE GESCHICHTE ZU ERZAEHLEN. + + +Das Manuskript, aus welchem wir die infernalischen Memoiren +dechiffrieren und ausziehen, faehrt bei jener Stelle, die wir im ersten +Teile notgedrungen abbrachen, fort, die Geschichte des jungen +deutschen Schneider=Barons zu geben. Er ist aus seiner Vaterstadt +Dresden entflohen, er will in die weite Welt, fuers erste aber nach +Berlin gehen und erzaehlt, was ihm unterwegs begegnete. + +"Meine Herren," fuhr der edle junge Mann fort, "als ich mich umsah, +stand ein Mann hinter mir, gekleidet wie ein ehrlicher, rechtlicher +Buerger; er fragte mich, wohin meine Reise gehe, und behauptete, sein +Weg sei beinahe ganz der meinige, ich solle mit ihm reisen. Ich +verstand so viel von der Welt, dass ich einsah, es sei weniger +auffallend, wenn man einen halberwachsenen Jungen mit einem aelteren +Manne gehen sieht, als allein. Der Mann entlockte mir bald die Ursache +meiner Reise, meine Schicksale, meine Hoffnungen. Er schien sich sehr +zu verwundern, als ich ihm von meinem Onkel, dem Herrn von Garnmacher +in der Dorotheenstrasse in Berlin, erzaehlte. 'Euer Onkel ist ja schon +seit zwei Monaten tot!' erwiderte er. 'O du armer Junge, seit zwei +Monaten tot; es war ein braver Mann, und ich wohnte nicht weit von ihm +und kannte ihn gut. Jetzt nagen ihn die Wuermer!' + +Sie koennen sich leicht meinen Schrecken ueber diese Trauerpost denken, +ich weinte lange und hielt mich fuer ungluecklicher als alle Helden; +nach und nach aber wusste mich mein Begleiter zu troesten: 'Erinnerst du +dich gar nicht, mich gesehen zu haben?' fragte er. Ich sah ihn an, +besann mich, verneinte. 'Ei, man hat mich doch in Dresden so viel, +gesehen,' fuhr er fort; 'alle Alten und besonders die Jugend stroemte +zu mir und meinem jungen Griechen.' + +Jetzt fiel mir mit einemmal bei, dass ich ihn schon gesehen hatte. Vor +wenigen Wochen war nach Dresden ein Mann mit einem jungen +ungluecklichen Griechen gekommen; er wohnte in einem Gasthof und liess +den jungen Athener fuer Geld sehen, das Geld war zur Erhaltung des +Griechen und der Ueberschuss fuer einen Griechenverein bestimmt. Alles +stroemte hin, auch mir gab der Vater ein paar Groschen, um den +ungluecklichen Knaben sehen zu koennen. Ich bezeugte dem Manne meine +Verwunderung, dass er nicht mehr mit dem Griechen reise. + +'Er ist mir entlaufen, der Schlingel, und hat mir die Haelfte meiner +Kasse und meinen besten Rock gestohlen; er wusste wohl, dass ich ihm +nicht nachsetzen konnte; aber wie waere es, mein Soehnchen, wenn du mein +Grieche wuerdest?' Ich staunte, ich hielt es nicht fuer moeglich; aber er +gestand mir, dass der andere ein ehrlicher Muenchner gewesen sei, den er +abgerichtet und kostuemiert habe, weil nun einmal die Leute die +griechische Sucht haetten." + +"Wie?" unterbrach ihn der Englaender. "Selbst in Deutschland nimmt man +Anteil an den Schicksalen dieses Volkes? Und doch ist es eigentlich +ein deutscher Minister, der es mit der Pforte haelt und die Griechen +untergehen laesst." + +"Wie es nun so geht in meinem lieben Vaterland," antwortete Baron von +Garnmacher, des Schneiders Sohn; "was einmal in einem anderen Lande +Mode geworden, muss auch zu uns kommen. Das weiss man gar nicht anders. +Wie nun vor kurzem die Pargioten ausgetrieben wurden und bald nachher +die griechische Nation ihr Joch abschuettelte, da fanden wir dies +erstaunlich huebsch, schrieben auf der Stelle viele dicke Buecher +darueber und stifteten Hilfsvereine mit sparsamen Kassen. Sogar +Philhellenen gab es bei uns, und man sah diese Leute mit grossen +Baerten, einen Saebel an der Seite, Pistolen im Guertel, rauchend durch +Deutschland ziehen. Wenn man sie fragte: 'Wohin?' so antworteten sie: +'In den heiligen Krieg nach Hellas gegen die Osmanen!' Bat sich nun +etwa eine Frau oder ein Mann, der in der alten Geographie nicht sehr +erfahren, eine naehere Erklaerung aus, so erfuhr man, dass es nach +Griechenland gegen die Tuerken gehe. Da kreuzigten sich die Leute, +wuenschten dem Philhellenen einen guten Morgen und fluesterten, wenn er +mit droehnenden Schritten einen Fusspfad nach Hellas einschlug: 'Der muss +wenig taugen, dass er im Reich keine Anstellung bekommt und bis nach +Griechenland laufen muss.'" + +"Ist's moeglich?" rief der Marquis. "So teilnahmlos sprachen die +Deutschen von diesen Maennern?" + +"Gewiss; es ging mancher hin mit dem schoenen Gefuehl, einer +unterdrueckten Sache beizustehen, mancher, um sich Kriegsruhm zu +erkaempfen, der nun einmal auf den Billards und in den Garnisonen nicht +zu erlangen ist; aber alle barbierte man ueber einen Loeffel, wie mein +Vater zu sagen pflegte, und schalt sie Landlaeufer." + +"Mylord," sagte der Franzose, "es sind doch dumme Leute, diese +Deutschen!" + +"O ja," entgegnete jener mit grosser Ruhe, indem er sein Rumglas gegen +das Licht hielt, "zuweilen; aber dennoch sind die Franzosen +unertraeglicher, weil sie allen Witz allein haben wollen." + +Der Marquis lachte und schwieg. Der Baron aber fuhr fort: "Auf diese +Sitte der Deutschen hatte jener Mann seinen Plan gebaut, und noch oft +muss ich mich wundern, wie richtig sein Kalkuel war. Die Deutschen, +dachte er, kommen nicht dazu, etwas fuer einen weit aussehenden Plan, +fuer ein fernes Land und dergleichen zu tun; entweder sagen sie: 'Es war +ja vorher auch so, lasset der Sache ihren Lauf, wer wird da etwas +Neues machen wollen?' oder sie sagen: 'Gut, wir wollen erst einmal +sehen, wie die Sache geht, vielleicht laesst sich hernach etwas tun.' +Faellt aber etwas in ihrer Naehe vor, koennen sie selbst etwas Seltenes +mit eigenen Augen sehen, so lassen sie es sich etwas kosten. + +Man war dem Griechen frueher oft in mancher kleinen Stadt sehr dankbar, +dass er doch wieder eine Materie zum Sprechen herbeigefuehrt habe, eine +Seltenheit, welche die Weiber beim Kaffee, die Maenner beim Bier +traktieren konnten. + +Was fuer Aussichten blieben mir uebrig? Mein Onkel war tot, ich hatte +nichts gelernt; so schlug ich ein, Grieche zu werden. Jetzt fing ein +Unterricht an, bei welchem wir bald so vertraut miteinander werden, +dass mir mein Fuehrer sogar Schlaege beibrachte. Er lehrte mich alle +Gegenstaende auf neugriechisch nennen, blaeute mir einige Floskeln in +dieser Sprache ein, und nachdem ich hinlaenglich instruiert war, +schwaerzte er mir Haar und Augenbrauen mit einer Salbe, faerbte mein +Gesicht gelblich, und--ich war ein Grieche. Mein Kostuem, besonders das +fuer vornehme Praesentationen, war sehr glaenzend, manches sogar von +Seide. So zogen wir im Land umher und gewannen viel Geld." + +"Aber, mein Gott," unterbrach ihn der Franzose, "sagen Sie doch, in +Deutschland soll es viele gelehrten Maenner geben, die sogar Griechisch +schreiben. Diese muessen es doch auch sprechen koennen; wie haben Sie +sich vor diesen durchbringen koennen?" + +"Nichts leichter als dies, und gerade bei diesen hatte ich meinen +groessten Spass; diese Leute schreiben und lesen das Griechische so gut, +dass sie vor zweitausend Jahren mit Thucydides haetten korrespondieren +koennen, aber mit dem Sprechen will es nicht recht gehen; sie mussten zu +Haus immer die Phrasen im Lexikon aufschlagen, wenn sie sprechen +wollten; da hatte ich nun, um aus aller Verlegenheit zu kommen, eine +herrliche Floskel bereit:----'Mein Herr, das ist nicht griechisch.' +Mein Fuehrer unterliess nicht, sogleich, was ich gesagt, dem Publikum +ins Deutsche zu uebersetzen, und jene Kathedermaenner kamen gewoehnlich +ueber das Laecheln der Menschen dergestalt ausser Fassung, dass sie es nie +wieder wagten, Griechisch zu sprechen. + +So zogen wir laengere Zeit umher, bis endlich in Karlsbad die ganze +Komoedie auf einmal aufhoerte. Wir kamen dorthin zur Zeit der Saison und +hatten viele Besuche. Unter andern fiel mir besonders ein Herr mit +einem Band im Knopfloch auf, der mir grosse Aehnlichkeit mit meinem +Vater zu haben schien. Er besuchte uns einigemal, und endlich, denken +Sie sich mein Erstaunen, hoere ich, wie man ihn Herr von Garnmacher +tituliert. Ich stuerzte zu ihm hin, fragte ihn mit zaertlichen Worten, +ob er mein verehrter Herr Onkel sei, und entdeckte ihm auf der Stelle, +wie ich eigentlich nicht auf klassischem Boden in Athen, sondern als +koeniglich saechsisches Landeskind in Dresden geboren sei. Es war eine +ruehrende Erkennungsszene. Das Staunen des Publikums, als der Grieche +auf einmal gutes Deutsch sprach, die Verlegenheit meines Oheims, der +mit vornehmer Gesellschaft zugegen war und nicht gerne an meinen +Vater, den _Marchand tailleur_, erinnert sein wollte, die Wut +meines Fuehrers, alles dies kam mir trotz meiner tiefen Ruehrung hoechst +komisch vor. + +Der Fuehrer wurde verhaftet, mein Onkel nahm sich meiner an, liess mir +Kleider machen und fuehrte mich nach Berlin. Und dort begann fuer mich +eine neue Katastrophe." + + * * * * * + + + + +2. DER BARON WIRD EIN REZENSENT. + + +"Mein Onkel war ein nicht sehr beruehmter Schriftsteller, aber ein +beruechtigter, anonymer Kritiker. Er arbeitete an zehn Journalen, und +ich wurde anfaenglich dazu verwendet, seine Hahnenfuesse ins Reine zu +schreiben. Schon hier lernte ich nach und nach in meines Onkels Geist +denken, fasste die gewoehnlichen Wendungen und Ausdruecke auf und bildete +mich so zum Rezensenten. Bald kam ich weiter; der herrliche Mann +brachte mir die verschiedenen Klassen und Formen der Kritik bei, ueber +welche ich uebrigens hinweggehen kann, da sie einen Fremden nicht +interessieren." + +"Nein, nein!" rief der Lord. "Ich habe schon oefters von dieser +kritischen Wut Ihrer Landsleute gehoert. Zwar haben auch wir, z. B. in +Edinburgh und London, einige Anstalten dieser Art; aber sie werden, +hoere ich, in einem ganz anderen Geiste besorgt als die Ihrigen." + +"Allerdings sind diese Blaetter in meinem Vaterlande eine sonderbare, +aber eigentuemliche Erscheinung. Wie in unserer ganzen Literatur immer +noch etwas Engbruestiges, Eingezwaengtes zu verspueren ist, wie nicht +das, was leicht und gefaellig, sondern was mit einem recht +schwerfaelligen, gelehrten Anstrich geschrieben ist, fuer einzig gut und +schoen gilt, so haben wir auch eigene Ansichten ueber Beurteilung der +Literatur. Es traut sich naemlich nicht leicht ein Mann oder eine Dame +in der Gesellschaft ein Urteil ueber ein neues Buch zu, das sich nicht +an ein oeffentlich ausgesprochenes anlehnen koennte--man glaubte darin +zu viel zu wagen. Daher gibt es viele oeffentliche Stimmen, die um Geld +und gute Worte ein kritisches Solo vortragen, in welches dann das +Tutti oder der Chorus des Publikums einfaellt." + +"Aber wie moegen Sie ueber diese Institute spotten, mein Herr Baron?" +unterbrach ihn der Lord. "Ich finde das recht huebsch. Man braucht +selbst kein Buch als diese oeffentlichen Blaetter zu lesen und kann dann +dennoch in der Gesellschaft mitstimmen." + +"Sie haetten recht, wenn der Geist dieser Institute anders waere. So +aber ergreift der, welcher sich nach diesen Blaettern richtet, unbewusst +irgend eine Partei und kann, ohne dass er sich dessen versieht, in der +Gesellschaft fuer einen Goethianer, Muellnerianer, Vossiden oder +Creuzerianer, Schellingianer oder Hegelianer, kurz fuer einen Yaner +gelten. Denn das eine Blatt gehoert dieser Partei an und haut und +sticht mehr oder minder auf jede andere, ein anderes gehoert diesem +oder jenem grossen Buchhaendler. Da muessen nun fuers erste alle seine +Verlagsartikel gehoerig gelobt, dann die seiner Feinde grimmig +angefallen werden; oft muss man auch ganz diplomatisch zu Werke gehen, +es mit keinem ganz verderben, auf beiden Achseln (Dichter=) Wasser +tragen und, indem man einem freundlich ein Kompliment macht, +hinterruecks heimlich ihm ein Bein unterschlagen." + +"Aber schaemen sich denn Ihre Gelehrten nicht, auf diese Art die Kritik +und Literatur zu handhaben?" fragte der Marquis. "Ich muss gestehen, in +Frankreich wuerde man ein solches Wesen verachten." + +"Ihre politischen Blaetter, mein Herr, machen es nicht besser. Uebrigens +sind es nicht gerade die Gelehrten, die dieses Handwerk treiben. Die +eigentlichen Gelehrten werden nur zu Kernschuessen und langsamen, +gruendlichen Operationen verwandt und mit vier Groschen bezahlt. +Leichter, behender sind die Halbgelehrten, die eigentlichen Voltigeurs +der Literatur. Sie plaenkeln mit dem Feind, ohne ihn gruendlich und mit +Nachdruck anzugreifen; sie richten Schaden in seiner Linie an, sie +umschwaermen ihn, sie suchen ihn aus seiner Position zu locken. Auch +duerfen sie sich gerade nicht schaemen; denn sie rezensieren anonym, und +nur e i n e r unterschreibt seine kritischen Bluturteile mit so kaltem +Blute, als wollte er seinen Bruder freundlich zu Gevatter bitten." + +"Das muss ja ein eigentlicher Matador sein!" rief der Lord laechelnd. + +"Ein Matador in jedem Sinne des Worts. Auf Spanisch--ein Totschlaeger, +denn er hat schon manchen niedergedonnert; und wahrhaftig, er ist der +hoechste Trumpf, dieser Matador, und zaehlt fuer zehn, wenn er _Pacat +ultimo_ macht. Und bei den literarischen Stiergefechten ist er +Matador! Denn er, der Hauptkaempfer ist es, der dem armen gehetzten und +gejagten Stier den Todesstoss gibt." + +"Gestehen Sie, Sie uebertreiben;--Sie haben gewiss einmal den +ungluecklichen Gedanken gehabt, etwas zu schreiben, das recht tuechtig +vorgenommen wurde, und jetzt zuernen Sie der Kritik?" + +Der junge Deutsche erroetete. "Es ist wahr, ich habe etwas geschrieben, +doch war es nur eine Novelle und leider nicht so bedeutend, dass es +waere rezensiert worden; aber nein, ich selbst habe einige Zeit unter +meines Onkels Protektion den kritischen kleinen Krieg mitgemacht und +kenne diese Affaeren genau. Nun, mein Onkel brachte mir also die +verschiedenen Formen und Klassen bei. Die e r s t e war die s a n f t +l o b e n d e Rezension. Sie gab nur einige Auszuege aus dem Werk, +lobte es als brav und gelungen und ermahnte, auf der betretenen Bahn +fortzuschreiten. In diese Klasse fielen junge Schriftsteller, die dem +Interesse des Blattes entfernter standen, die man aber fuer sich +gewinnen wollte. Hauptsaechlich aber war diese Klasse fuer junge, +schriftstellerische Damen." + +"Wie?" erwiderte der Lord. "Haben Sie deren so viele, dass man eine +eigene Klasse fuer sie macht?" + +"Man zaehlte, als ich noch auf der Oberwelt war, sechsundvierzig +juengere und aeltere! Sie sehen, dass man fuer sie schon eine eigene +Klasse machen kann, und zwar eine gelinde, weil diese Damen mehr +Anbeter und Freunde haben als ein junger Schriftsteller. Die zweite +Klasse ist die l o b p o s a u n e n d e. Hier werden entweder die +Verlagsartikel des Buchhaendlers, der das Blatt bezahlt, oder die +Parteimaenner gelobt. Man preist ihre Namen, man ist geruehrt, man ist +gluecklich, dass die Nation einen solchen Mann aufweisen kann. Die +d r i t t e Klasse ist dann die n e u t r a l e. Hier werden die +Feinde, mit denen man nicht in Streit geraten mag, etwas kuehl und +diplomatisch behandelt. Man spricht mehr ueber das Genus ihrer Schrift +und ueber ihre Tendenz als ueber sie selbst, und gibt sich Muehe, in +recht vielen Worten n i c h t s zu sagen, ungefaehr wie in den Salons, +wenn man ueber politische Verhaeltnisse spricht und sich doch mit keinem +Wort verraten will. + +Die v i e r t e Klasse ist die l o b h u d e l n d e. Man sucht +entweder einen, indem man ihn scheinbar und mit einem Anstrich von +Gerechtigkeit ein wenig tadelt, zu loben, oder umgekehrt, man lobt ihn +mit vielem Anstand und bringt ihm einige Stiche bei, die ihn entweder +tief verwunden, oder doch laecherlich machen. Die f u e n f t e Klasse +ist die g r o b e, e r n s t e; man nimmt eine vornehme Miene an, +setzt sich hoch zu Ross und schaut hernieder auf die kleinen Bemuehungen +und geringen Fortschritte des Gegners. Man warnt sogar vor ihm und +sucht etwas Verstecktes in seinen Schriften zu finden, was zu +gefaehrlich ist, als dass man oeffentlich davon sprechen moechte. Diese +Klasse macht stillen, aber tiefen Eindruck aufs Publikum. Es ist etwas +Mystisches in dieser Art der Kritik, was die Menschen mit Scheu und +Beben erfuellt. Die s e c h s t e Klasse ist die T o t s c h l a e g e r +k l a s s e. Sie ist eine Art von Schlachtbank; denn hier werden die +Opfer des Zornes, der Rache niedergemetzelt ohne Gnade und +Barmherzigkeit, sie ist eine Saege= und Stampfmuehle; denn der Mueller +schuettet die Ungluecklichen, die ihm ueberantwortet werden, hinein und +zerfetzt, zersaegt, zermalmt sie." + +"Aber wer traegt denn die Schuld von diesem unsinnigen +Vertilgungssystem?" fragte Lasulot. + +"Nun, das Publikum selbst! Wie man frueher an Turnieren und Tierhetzen +die Freude hatte, so amuesiert man sich jetzt am kritischen Kriege; es +freut die Leute, wenn man die Schriftsteller mit eingelegten Lanzen +aufeinander anrennen sieht, und--wenn die Rippen krachen, wenn einer +sinkt, klatscht man dem Sieger Beifall zu. Laendlich, sittlich! 'Ein +Stier, ein Stier, ruft's, dort und hier!' In Spanien treibt man das in +der Wirklichkeit, in Deutschland metaphorisch, und wenn ein paar +tuechtige Fleischerhunde einen alten Stier anfallen und sich zu Helden +an ihm beissen, wenn der M a t a d o r von der Galerie hinab in den +Zirkus springt, + + Und zieht den Degen, + Und faellt verwegen + Zur Seite den wuetenden Ochsen an-- + +da freut sich das liebe Publikum, und von 'Bravo!' schallt die Gegend +wider!" + +"Das ist koestlich!" rief der Englaender; doch war man ungewiss, ob sein +Beifall der deutschen Kritik oder dem Rum gelte, den er zu sich nahm. +"Und ein solcher Klassenkritikus wurden Sie, Master Garnmacher?" + +"Mein Onkel war, wie ich Ihnen sagte, fuer mehrere Journale verpachtet; +wunderbar war es uebrigens, welches heterogene Interesse er dabei +befolgen musste. Er hatte es so weit gebracht, dass er an einem +Vormittag ein Buch las und sechs Rezensionen darueber schrieb, und oft +traf es sich, dass er alle sechs Klassen ueber einen Gegenstand +erschoepfte. Er zuendete dann zuerst dem Schlachtopfer ein kleines, +gelindes Lobfeuer aus Zimmetholz an; dann warf er kritischen Weihrauch +dazu, dass es grosse Wolken gab, die dem Publikum die Sinne umnebelten +und die Augen beizten. Dann daempfte er diese niedlichen Opferflammen +zu einer duesteren Glut, blies sie dann mit dem kalten Hauch der +vierten Klasse frischer an, warf in der fuenften einen so grossen +Holzstoss zu, als die _sancta simplicitas_ in Konstanz dem Huss, +und fing dann zum sechsten an, den Ungluecklichen an dieser maechtigen +Lohe des Zornes zu braten und zu roesten, bis er ganz schwarz war." + +"Wie konnte er aber mit gutem Gewissen sechserlei so verschiedene +Meinungen ueber e i n e n Gegenstand haben? Das ist ja schaendlich!" + +"Wie man will. Ich erinnere Sie uebrigens an die liberalen und an die +ministeriellen Blaetter Ihres Landes; wenn heute einer Ihrer +Publizisten eine Ode an die Freiheit auf der Posaune geblasen hat und +ihm morgen der Herr von .... einige Sous mehr bietet, so haelt er eine +Schimpfrede gegen die linke Seite, als haette er von je in einem +ministeriellen Vorzimmer gelebt." + +"Aber dann geht er foermlich ueber," bemerkte der Marquis; "aber Ihr +Onkel, der Schuft, hatte zu gleicher Zeit sechs Zungen und zwoelf +Augen, die Haelfte mehr als der Hoellenhund." + +"Die Deutschen haben es von jeher in allen mechanischen Kuensten und +Handarbeiten weit gebracht," erwiderte mit grosser Ruhe der junge Mann, +"so auch in der Kritik. Als mich nun mein Onkel so weit gebracht +hatte, dass ich nicht nur ein Buch von dreissig Bogen in zwei Stunden +durchlesen, sondern auch den Inhalt einer u n a u f g e s c h n i t t +e n e n Schrift auf ein Haar erraten konnte, wenn ich wusste, von +welcher Partei sie war, so gebrauchte er mich zur Kritik. 'Ich will +dir,' sagte er, 'die erste, zweite, fuenfte und sechste Klasse geben. +Die Jugend, wie sie nun einmal heutzutag ist, kann nichts mit Mass tun. +Sie lobt entweder ueber alle Grenzen, oder sie schimpft und tadelt +unverschaemt. Solche Leute, besonders wenn sie ein recht scharfes Gebiss +haben, sind uebrigens oft nicht mit Gold zu bezahlen. Man legt sie an +die Kette, bis man sie braucht, und hetzt sie dann mit unglaublichem +Erfolg; denn sie sind auf den Mann dressiert trotz der besten Dogge. +Zu den Mittelklassen, zu dem Neutralitaetssystem, zu dem verdeckten +Tadel, zu dem ruhigen, aber sicheren Hinterhalt gehoert schon mehr als +kaltes Blut.' + +So sprach mein Onkel und uebergab mir die Kraenze der Gnade und das +Schwert der Rache. Alle Tage musste ich von frueh acht bis ein Uhr +rezensieren. Der Onkel schickte mir ein neues Buch, ich musste es +schnell durchlesen und die Hauptstellen bezeichnen. Dann wurden +Kritiken von Nr. 1 und 2 entworfen und dem Alten zugeschickt. Nun +schrieb er selbst 3 und 4, und war dann noch ein Hauptgericht zu +exequieren, so liess er mir sagen: 'Mein lieber Neffe, nur immer Nr. 5 +und 6 draufgesetzt; es kann nicht schaden, nimm ihn in Teufels Namen +tuechtig durch;' und den ich noch vor einer Stunde mit wahrer Ruehrung +bis zum Himmel erhoben, denselben verdammte ich jetzt bis in die +Hoelle. Vor Tisch wurden dann die kritischen Arbeiten verglichen, der +Onkel tat, wie er zu sagen pflegte, Salz hinzu, um das Gebraeu pikanter +zu machen; dann packte ich alles ein und verschickte die heil= und +unheilschweren Blaetter an die verschiedenen Journale." + +"_Goddam_! Habe ich in meinem Leben dergleichen gehoert?" rief der +Lord mit wahrem Grauen. "Aber wenn Sie alle Tage nur e i n Buch +rezensierten, das macht ja im Jahre 365! Gibt es denn in Ihrem +Vaterlande jaehrlich selbst nur ein Dritteil dieser Summe?" + +"Ha! da kennen Sie unsere gesegnete Literatur schlecht, wenn Sie dies +fragen. So viele gibt es in e i n e r Messe, und wir haben jaehrlich +zwei. Alle Jahre kann man achtzig Romane, zwanzig gute und vierzig +schlechte Lust= und Trauerspiele, hundert schoene und miserable +Erzaehlungen, Novellen, Historien, Phantasien usw., dreissig Almanache, +fuenfzig Baende lyrischer Gedichte, einige erhabene Heldengedichte in +Stanzen oder Hexametern, vierhundert Uebersetzungen, achtzig +Kriegsbuecher rechnen, und die Schul=, Lehr=, Katheder=, Professions=, +Konfessionsbuecher, die Anweisungen zum frommen Leben, zur Bereitung +guten Champagners aus Obst, zur Verlaengerung der Gesundheit, die +Betrachtungen ueber die Ewigkeit, und wie man auch ohne Arzt sterben +koenne usw. sind nicht zu zaehlen; kurz, man kann in meinem Vaterlande +annehmen, dass unter fuenfzig Menschen immer einer Buecher schreibt; hat +einer einmal im Messkatalog gestanden, so gibt er das Handwerk vor dem +sechzigsten Jahre nicht auf. Sie koennen also leicht berechnen, meine +Herren, wie viel bei uns gedruckt wird. Welcher Reichtum der +Literatur, welches weite Feld fuer die Kritik!" + +Der junge Deutsche hatte diese letzten Worte mit einer Ehrfurcht, mit +einer Andacht gesprochen, die sogar mir hoechst komisch vorkam; der +Lord und der Marquis aber brachen in lautes Lachen aus, und je +verwunderter der junge Herr sie ansah, desto mehr schien ihr Lachreiz +gesteigert zu werden. + +"Monsieur de Garnmacker! Nehmen Sie es nicht uebel, dass ich mich von +Ihrer Erzaehlung bis zum Lachen hinreissen liess," sagte der Marquis; +"aber Ihre Nation, Ihre Literatur, Ihre kritische Manufaktur kam mir +unwillkuerlich so komisch vor, dass ich mich nicht enthalten konnte zu +lachen. Ihr seid sublime Leute, das muss man euch lassen." + +"Und der Herr hier hat recht," bemerkte Mylord mit feinem Laecheln. +"Alles schreibt in diesem goettlichen Lande, und was das schoenste ist, +nicht jeder ueber sein Fach, sondern lieber ueber ein anderes. So fuhr +ich einmal auf meiner Grandtour in einem deutschen Laendchen. Der Weg +war schlecht, die Pferde womoeglich noch schlechter. Ich liess endlich +durch meinen Reisebegleiter, der Deutsch reden konnte, den Postillon +fragen, was denn sein Herr, der Postmeister, denke, dass er uns so +miserable Pferde vorspanne. Der Postillon antwortete: 'Was das Post= +und das Stallwesen anbelangt, so denkt mein Herr nichts." Wir waren +verwundert ueber diese Antwort, und mein Begleiter, dem das Gespraech +Spass machte, fragte, was sein Herr denn anderes zu denken habe. 'Er +schreibt!' war die kurze Antwort des Kerls. 'Wie? Briefverzeichnisse, +Postkarten?' 'Ei, behuete!' sagte er, 'Buecher, gelehrte Buecher.' 'Ueber +das Postwesen?' fragten wir weiter. 'Nein,' meinte er; 'Verse macht +mein Herr, Verse, oft so breit als meine fuenf Finger und so lang als +mein Arm!' und klatsch! klatsch! hieb er auf die magern Brueder des +Pegasus und trabte mit uns auf dem stossenden Steinweg, dass es uns in +der Seele weh tat. '_Goddam_!' sagte mein Begleiter. + +'Wenn der Herr Postmeister so schlecht auf dem Hippogryphen sitzt wie +sein Schwager auf diesen Kleppern, so wird er holperige Verse zutage +foerdern!' Und auf Ehre, meine Herren, ich habe mich auf der naechsten +Station erkundigt, dieser Postmeister ist ein Dichter und wie Sie, Mr. +Garnmacher, ein grosser Kritiker." + +"Ich weiss, wen Sie meinen," erwiderte der Deutsche mit etwas unmutiger +Miene, "und Ihre Erzaehlung soll wohl ein Stich auf mich sein, weil ich +eigentlich auch nicht fuer dieses Gebiet der Literatur erzogen worden. +UEbrigens muss ich Ihnen sagen, Mylord, in Ihrem kalten, systematischen, +nach Gesetzen aengstlich zugeschnittenen Lande moechte etwas dergleichen +auffallen, aber bei uns zu Lande ist das was anderes. Da kann jeder in +die Literatur hineinpfuschen, wann und wie er will, und es gibt kein +Gesetz, das einem verboete, etwas Miserables drucken zu lassen, wenn er +nur einen Verleger findet. Bei den Kritikern und Poeten meines +Vaterlandes ist nicht nur in Hinsicht auf die Phantasie die schoene +romantische Zeit des Mittelalters; nein, wir sind, und ich rechne mich +ohne Scheu dazu, samt und sonders edle Raubritter, die einander die +Blumen der Poesie abjagen und in unsere Verliesse schleppen; wir ueben +das Faustrecht auf heldenmuetige Weise und halten literarische +Wegelagerungen gegen den reich beladenen Kraemer und Juden. Die Poesie +ist bei uns eine Gemeindewiese, auf welcher jedes Vieh umherspazieren +und Blumen und Gras fressen kann nach Belieben." + +"Herr von Garnmacker," unterbrach ihn der Marquis de Lasulot, "ich +wuerde Ihre Geschichte erstaunlich huebsch und anziehend finden, wenn +sie nur nicht so langweilig waere. Wenn Sie so fortmachen, so erzaehlen +Sie uns achtundvierzig Stunden in einem fort. Ich schlage daher vor, +wir verschieben den Rest und unsere eigenen Lebenslaeufe auf ein +andermal und gehen jetzt auf die Hoellenpromenade, um die schoene Welt +zu sehen!" + +"Sie haben recht," sagte der Lord, indem er aufstand und mir ein +Sixpencestueck zuwarf, "der Herr von Garnmacher weiss auf unterhaltende +Weise einzuschlaefern. Brechen wir auf; ich bin neugierig, ob wohl +viele Bekannten aus der Stadt hier sind." + +"Wie?" rief der junge Deutsche nicht ohne Ueberraschung. "Sie wollen +also nicht hoeren, wie ich mich in Berlin bei den Herren vom Muehlendamm +zu einem Elegant perfektionierte? Sie wollen nicht hoeren, wie ich +einen Liebeshandel mit einer Prinzessin hatte, und auf welche +elendigliche Weise ich endlich verstorben bin? O, meine Herren, meine +Geschichte faengt jetzt erst an, interessant zu werden." + +"Sie koennen recht haben," erwiderte ihm der Lord mit vornehmem +Laecheln; "aber wir finden, dass uns die Abwechslung mehr Freude macht. +Begleiten Sie uns; vielleicht sehen wir einige Figuren aus Ihrem +Vaterlande, die Sie uns zeigen koennen." + +"Nein, wirklich! Ich bin gespannt auf Ihre Geschichte," sagte der +Marquis lachend; "aber nur jetzt nicht. Es ist jetzt die Zeit, wo die +Welt promeniert, und um keinen Preis, selbst nicht um Ihre +interessante Erzaehlung, moechte ich diese Stunde versaeumen. Gehen wir." + +"Gut," erwiderte der deutsche Stutzer resigniert und ohne beleidigt zu +scheinen. "Ich begleite Sie; auch so ist mir Ihre werte Gesellschaft +sehr angenehm; denn es ist fuer einen Deutschen immer eine grosse Ehre, +sich an einen Franzosen oder gar an einen Englaender anschliessen zu +koennen." + +Lachend gingen die beiden voran, der Baron folgte, und ich veraenderte +schnell mein Kostuem, um diese merkwuerdigen Subjekte auf ihren +Wanderungen zu verfolgen; denn ich hatte gerade nichts Besseres zu +tun. + +Die Menschen bleiben sich unter jeder Zone gleich--es ist moeglich, dass +Klima und Sitten eines anderen Landes eine kleine Veraenderung in +manchem hervorbringen; aber lasst nur eine Stunde lang Landsleute +zusammen sprechen, der Nationalcharakter wird sich nicht verleugnen, +wird mehr und mehr sich wieder hervorheben und deutlicher werden. So +kommt es, dass dieser Geburtstag meiner lieben Grossmutter mir Stoff zu +tausend Reflexionen gibt; denn selbst im Fegefeuer, wenn diesen +Leutchen nur e i n Tag vergoennt ist, findet sich Gleiches zu Gleichem, +und es spricht und lacht und geht und liebt wie im Prater, wie auf der +Chaussee d'Antin oder im Palais Royal, wie Unter den Linden, oder wie +in.... + +Welchen Anblick gewaehrte diese hoellische Promenade! Die Stutzer aller +Jahrhunderte, die Kurtisanen und Merveilleuses aller Zeiten, Theologen +aller Konfessionen, Juristen aller Staaten, Finanziers von Paris bis +Konstantinopel, von Wien bis London, und sie alle in Streit ueber ihre +Angelegenheiten, und sie alle mit dem ewigen Refrain: "Zu unserer +Zeit, ja! Zu unserer Zeit war es doch anders!" Aber ach, meine Stutzer +kamen zu spaet auf die Promenade, kaum dass noch Baron von Garnmacher +einen jungen Dresdener Dichter umarmen und einer Berliner Saengerin +sein Vergnuegen ausdruecken konnte, ihre Bekanntschaft hier zu erneuern! +Der edle junge Herr hatte durch seine Erzaehlung die Promenadezeit +verkuemmert, und die grosse Welt stroemte schon zum Theater. + + * * * * * + + + + +3. DAS THEATER IM FEGEFEUER. + + +Man wundert sich vielleicht ueber ein Theater im Fegefeuer? Freilich +ist es weder _Opera buffa_ noch _seria_, weder Trauer= noch +Lustspiel; ich habe zwar Schauspieldichter, Saenger, Akteurs und +Aktricen, Taenzer und Taenzerinnen genug; aber wie koennte man ein so +gemischtes Publikum mit einem dieser Stuecke unterhalten? Liesse ich von +Zacharias Werner eine schauerlich=tragikomisch=historisch=romantisch= +heroische Komoedie auffuehren,--wie wuerden sich Franzosen und Italiener +langweilen, um von den Russen, die mehr das Trauerspiel und Mordszenen +lieben, gar nicht zu reden. Wollte ich mir von Kotzebue ein Lustspiel +schreiben lassen, etwa die "Kleinstaedter in der Hoelle", wie wuerde man +ueber verdorbenen Geschmack schimpfen! Daher habe ich eine andere +Einrichtung getroffen. + +Mein Theater spielte grosse pantomimische Stuecke, welche +wunderbarerweise nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft zum +Gegenstand haben; aber mit Recht. Die Vergangenheit, ihr ganzes Leben +liegt abgeschlossen hinter diesen armen Seelen. Selten bekommt eine +einen Erlaubnisschein, als Revenant die Erde um Mitternacht besuchen +zu duerfen. Denn was nuetzt es mir? Was frommt es dem irren Geist einer +eifersuechtigen Frau, zum Lager ihres Mannes zurueckzukehren? Was nuetzt +es dem Mann, der sich um eine zweite umgetan, wenn durch die Gardine +dringt-- + + "Eine kalte weisse Hand. + Wen erblickt er? Seine Wilhelmine, + Die im Sterbekleide vor ihm stand." + +Was kann es dem Teufel, was einer ausgeleerten herzoglichen Kasse +helfen, wenn der Finanzminister, der sich aus Verzweiflung mit dem +Federmesser die Kehle abschnitt, allnaechtlich ins Departement +schleicht, angetan mit demselben Schlafrock, in welchem er zu arbeiten +pflegte, schluerfend auf alten Pantoffeln und die Feder hinter dem Ohr? +Zu was dient es, wenn er seufzend vor den Akten sitzt und mit +gluehendem Auge seinen Rest immer noch einmal berechnet? Was kann es +dem fuerstlichen Keller helfen, wenn der Schlosskuefer, den ich in einer +boesen Stunde abgeholt, durch einen Kellerhals herniederfaehrt und mit +krampfhaft gekruemmtem Finger an den Faessern anpocht, die er bestohlen? +Zu welchem Zweck soll ich den General entlassen, wenn oben der +Zapfenstreich ertoent und die Hoerner zur Ruhe blasen? Wozu den Stutzer, +um zu sehen, ob sein bezahltes Liebchen auf frische Rechnung liebt? +Zwar sie alle, ich gestehe es, sie alle wuerden sich ungluecklicher +fuehlen, koennten sie sehen, wie schnell man sie vergessen hat; es waere +eine Schaerfung der Strafe, wie etwa ein Koenig, als ihm ein Urteil zu +l e b e n s l a e n g l i c h e r Zuchthausstrafe vorgelegt wurde, +"n o c h s e c h s J a h r e l a e n g e r" unterschrieb, weil er den +Mann hasste. Aber sie wuerden mir auf der andern Seite so viel +verwirrtes Zeug mit herabbringen, wuerden mir manchen fromm zu machen +suchen, wie der reiche Mann im Evangelium, der zu Lebzeiten soviel +getrunken, dass er in der Hoelle Wasser trinken wollte,--ich habe darin +so viele Erfahrungen gemacht und kann es in neuern Zeiten, wo ohnedies +die Missionarien und andere Mystiker genug tun, nicht mehr erlauben. +Daher kommt es, dass es in diesen Tagen wenig mehr in den H a e u s e r +n, desto mehr aber in den K o e p f e n, spukt. + +Um nun den Seelen im Fegefeuer dennoch Nachrichten ueber die Zukunft zu +geben, lasse ich an Festtagen einige erhebliche Stuecke von meiner +hoellischen Bande auffuehren. Auf dem heutigen Zettel war angezeigt: + + M i t A l l e r h o e c h s t e r B e w i l l i g u n g. + + Heute, als am Geburtstage der Grossmutter, diabolischen Hoheit: + + E i n i g e S z e n e n a u s d e m J a h r e 1 8 2 6. + + Pantomimische Vorstellung mit Begleitung des Orchesters. + + Die Musik ist aus Mozarts, Haydns, Glucks und anderen Meisterwerken + zusammengesucht von Rossini. + + (Bemerkungen an das Publikum.) Da gegenwaertig sehr + viele allerhoechste Personen und hoher Adel hier sind, so wird + gebeten, die ersten Ranglogen den Hoheiten, Durchlauchten und + Ministern bis zum Grafen abwaerts inklusive, die zweite Galerie + der Ritterschaft samt Frauen bis zum Leutnant abwaerts zu + ueberlassen. + + Die Direktion des infernal. Hof= und Nationaltheaters. + +Das Publikum draengte sich mit Ungestuem nach dem Hause. Ich bot mich +den drei jungen Herren als Cicerone an und fuehrte sie gluecklich durchs +Gedraenge ins Parkett. Obgleich der Lord ohne Anstand auf die erste, +der Marquis und der deutsche Baron auf die zweite Loge haetten +eintreten duerfen, fanden es diese drei Subjekte aber amuesanter, von +ihrem niederen Standpunkt aus Logen und Parterre zu lorgnettieren. Wie +mancher Ausruf des freudigen Staunens entschluepfte ihnen, wenn sie +wieder auf ein bekanntes Gesicht trafen! Besonders Garnmacher schien +vor Erstaunen nicht zu sich selbst kommen zu koennen. "Nein, ist es +moeglich?" rief er wiederholt aus. "Ist es moeglich? Sehen Sie, Marquis, +jener Herr dort oben in der zweiten Galerie rechts, mit den roten +Augen, er spricht mit einer bleichen jungen Dame; dieser starb in +Berlin im Geruch der Heiligkeit und soll auch hier sein an diesem +unheiligen Ort? Und jene Dame, mit welcher er spricht, wie oft habe +ich sie gesehen und gesprochen! Sie war eine liebenswuerdige, fromme +Schwaermerin, ging lieber in die Dreifaltigkeitskirche als auf den +Ball--sie starb, und wir alle glaubten, sie werde sogleich in den +dritten Himmel schweben, und jetzt sitzt sie hier im Fegefeuer! Zwar +wollte man behaupten, sie sei in Toeplitz an einem heimlichen +Wochenbette verschieden; aber wer ihren frommen Lebenslauf gesehen, +wer konnte das glauben?" + +"Ha! die Nase von Frankreich!" rief auf einmal der Marquis mit +Ekstase. "Heiliger Ludwig, auch Ihr, auch Ihr unter Euern verlorenen +Kindern? Ha? und ihr, ihr verdammten Kutten, die ihr mein schoenes +Vaterland in die Kapuze stecken wollet. Sehen Sie, Mylord, jene +haesslichen, kriechenden Menschen? Sehen Sie, dort--das sind beruehmte +Missionaere, die uns glauben machen wollten, sie seien froemmer als wir. +Dem Teufel sei es gedankt, dass er diese Schweine auch zu sich +versammelt hat." + +"O mein Herr," sagte ich, "da haetten Sie nicht noetig gehabt, bis ins +Theater sich zu bemuehen, um diese Leutchen zu sehen. Sie zeigen sich +zwar nicht gerne auf den Promenaden, weil selbst in der Hoelle nichts +Erbaermlicheres zu sein pflegt als ein entlarvter Heuchler. Aber im +_Cafe de la Congregation_ wimmelt es von diesen Herren, vom +Kardinal bis zum schlichten Pater. Sie koennen manche heilige +Bekanntschaft dort machen." + +"Mein Herr, Sie scheinen bekannt hier," erwiderte Mylord, "sagen Sie +doch, wer sind diese ernsten Maenner in Uniform nebenan? Sie +unterhalten sich lebhaft, und doch sehe ich sie nicht laecheln. Sind es +Englaender?" + +"Verzeihen Sie," antwortete ich, "es sind Soldaten und Offiziere von +der alten Garde, die sich mit einigen Preussen ueber den letzten Feldzug +besprechen." + +Alle drei schienen erstaunt ueber dieses Zusammentreffen und wollten +mehr fragen; aber der Kapellmeister hob den Stab, und die Trompeten +und Pauken der Rossinischen Ouvertuere schmetterten in das volle Haus. +Es war die herrliche Ouvertuere aus _il maestro ladro_, die +Rossini auf sich selbst gedichtet hat, und das Publikum war entzueckt +ueber die schoenen Anklaenge aus der Musik aller Laender und Zeiten, und +jeder fand seinen Lieblingsmeister, seine Lieblingsarie in dem +herrlich komponierten Stueck. Ich halte auch ausser der _Gazza +ladra_ den _Maestro ladro_ fuer sein Bestes, weil er darin +seine Tendenz und seine kuenstlerische Gewandtheit im Komponieren ganz +ausgesprochen hat. Die Ouvertuere endete mit dem ergreifenden Schluss +von Mozarts Don Juan, dem man zur Vermehrung der Ruehrung einen +Nachsatz von Pauken, Trommeln und Trompeten angehaengt hatte, und--der +Vorhang flog auf. + +Man sah einen Saal der Boersenhalle von London. Aengstlich draengten sich +Juden und Christen durcheinander. In malerischen Gruppen standen +Geldmaekler, grosse und kleine Kaufleute und steigerten die Papiere. +Nachdem diese Introduktion einige Zeitlang gedauert hatte, kamen in +sonderbaren Spruengen und Kapriolen zwei Kuriere hereingetanzt. +Allgemeine Spannung. Die Depeschen werden in einem _pas de deux_ +entsiegelt, die Nachrichten mitgeteilt. In diesem Augenblicke +erscheint mein erster Solotaenzer, das Haus Goldsmith vorstellend, in +der Szene. Seine Mienen, seine Haltung bruellen Verzweiflung aus. Man +sieht, seine Fonds sind erschoepft, seine Beutel leer, er muss seine +Zahlungen einstellen. Ein Chor von Juden und Christen dringen auf ihn +ein, um sich bezahlt zu machen. Er fleht, er bittet, seine +Gebaerdensprache ist bezaubernd--es hilft nichts. Da rafft er sich +verzweiflungsvoll auf. Er tanzt ein Solo voll Ernst und Majestaet. Wie +ein gefallener Koenig ist er noch im Unglueck gross, seine Spruenge +reichen zu einer immensen Hoehe, und mit einem prachtvollen Fusstriller +faellt das Haus Goldsmith in London. Komisch war es nun anzusehen, wie +das Chor der englischen, deutschen und franzoesischen Haeuser, +vorgestellt von den Herren vom _corps de ballet_, diesen Fall +weiter fortsetzten. Sie wankten kuenstlich und fielen noch kuenstlicher, +besonders exzellierten hierbei einige Berliner Boersenkuenstler, die +durch ihre ungemeine Kunst einen wahrhaft tragischen Effekt +hervorbrachten und allgemeine Sensation im Parterre erregten. + +Ploetzlich ging die lamentable Boersenmusik in einen Triumphmarsch ueber. +Die herrliche Passage aus der "Italienerin in Algier": H e i l d e m +g r o s s e n K a i m a k a n! ertoente. Ein glaenzender Zug von +Christensklaven, Goldbarren und Schuesseln mit gemuenztem Gold tragend, +tanzten aufs Theater. Es war, wie wenn in der Hungersnot ein Wagen mit +Brot in eine ausgehungerte Stadt koemmt. Man denkt nicht daran, dass der +spekulative Kopf, der das Brot herbeischaffte, nichts als ein gemeiner +Wucherer ist, der den Hunger benuetzt und sein Brot zu ungeheuren +Preisen losschlaegt; man denkt nicht daran, man verehrt ihn als den +Retter, als den schuetzenden Schild in der Not. So auch hier. Die +gefallenen Haeuser richteten sich mit Grazie empor, sie schienen +Hoffnung zu schoepfen, sie schienen den Messias der Boerse zu erwarten. +Er kam. Acht Finanzminister beruehmter Koenige und Kaiser trugen auf +ihren Schultern eine Art von Triumphwagen, der die transparente +Inschrift: "S e i d u m s c h l u n g e n, M i l l i o n e n!" trug. +Ein Herr mit einer bekannten morgenlaendischen Physiognomie, +wohlbeleibt und von etwas schwammigem Ansehen, sass in dem Wagen und +stellte den Triumphator vor. + +Mit ungemeinem Applaus wurde er begruesst, als er von den Schultern der +Minister herab auf den Boden stieg. "Das ist Nothschild! Es lebe +Nothschild!" schrie man in den ersten Ranglogen und klatschte und rief +bravo, dass das Haus zitterte. Es war mein erster Grotesktaenzer, der +diese schwierige Rolle meisterhaft durchfuehrte, besonders, als er mit +dem englischen, oesterreichischen, preussischen und franzoesischen +Ministerium einen Cosaque tanzte, uebertraf er sich selbst. Nothschild +gab in einer komischen Solopartie seinem Reich, der Boerse, den +Frieden, und der erste Akt der grossen Pantomime endigte mit einem +brillanten Schlusschor, in welchem er foermlich gekroent und zu einem +allerhoechsten _cher cousin_ gemacht wurde. + +Als der Vorhang gefallen war, liess sich Mylord ziemlich ungnaedig ueber +diese Szene aus. "Es war zu erwarten," sagte er, "dass diese Menschen +bedeutenden Einfluss auf die Kurse bekommen werden; aber dass auf der +Boerse von London ein solcher Skandal vorfallen werde, im Jahre 1826, +das ist unglaublich." + +"Mein Herr," erwiderte der Marquis lachend, "unglaublich finde ich es +nicht. Bei den Menschen ist alles moeglich, und warum sollte nicht +einer, wenn er auch im Judenquartier zu Frankfurt das Licht der Welt +erblickte, durch Kombination so weit kommen, dass er Kaiser und Koenige +in seinen Sack stecken kann?" + +"Aber England, Alt=England! Ich bitte Sie," rief der Lord schmerzlich. +"Ihr Frankreich, Ihr Deutschland haben beide von jeher nach jeder +Pfeife tanzen muessen! Aber, _Goddam_! das englische Ministerium +mit diesem Hep=Hep einen Cosaque tanzen zu sehen! O! es ist +schmerzlich!" + +"Ja, ja!" sprach Baron von Garnmacher, des Schneiders Sohn, sehr +ruhig. "Es wird und muss so kommen. Freilich, ein bedeutender +Unterschied zwischen 1826 und der Zeit des Koenigs David." + +"Das finde ich nicht," antwortete der Marquis; "im Gegenteil, Sie +sehen ja, welch grossen Einfluss die Juden auf die Zeit gewinnen!" + +"Und dennoch finde ich einen bedeutenden Unterschied," erwiderte der +Deutsche. "Damals, mein Herr, hatten alle Juden nur e i n e n Koenig, +jetzt aber haben alle Koenige nur e i n e n Juden." + +"Wenn Sie so wollen, ja. Aber neugierig bin ich doch, was fuer eine +Szene der Teufel uns jetzt geben wird. Ich wollte wetten, Frankreich +oder Italien kommt ans Brett." + +"Ich denke, Deutschland," erwiderte Garnmacher. "Ich wenigstens moechte +wohl wissen, wie es im Jahre 1826 oder 1830 in Deutschland sein wird. +Als ich die Erde verliess, war die Konstellation sonderbar: Es roch in +meinem Vaterlande wie in einer Pulverkammer, bevor sie in die Luft +fliegt. Die Lunte gluehte, und man roch sie allerorten. Die feinsten +diplomatischen Nasen machten sich weit und lang, um diesen +geheimnisvollen Duft einzuziehen und zu erraten, woher der Wind komme. +Meinen Sie nicht auch, es muesse bedeutende Aenderungen geben?" + +"Es wird heissen: 'Auch in diesem Jahr ist es geblieben wie es war'," +antwortete ich dem guten Deutschen. "Um eine Lunte auszuloeschen, +bedarf es keiner grossen Kuenste. Man wird bleiben, wie man war, man +wird hoechstens um einige Prozente weiser vom Rathaus kommen. Sie +wollen Ihr Vaterland in die Szene gesetzt sehen, um zu erfahren, wie +es anno 1826 dort aussieht? Armer Herr! Da muesste ich ja zuvor noch +fragen, was fuer ein Landsmann Sie sind." + +"Wie verstehen Sie das?" fragte der Baron unmutig. + +"Nun? Was koennte man Ihnen denn Allgemeines und Nationales vorspielen, +da Sie keine Nation sind? Sind Sie ein Bayer, so muesste man Ihnen +zeigen, wie man dort noch immer das alte ehrliche Bier, nur nach neuen +Rezepten, braut. Sind Sie Wuerttemberger, so koennten Sie erfahren, wie +man die Landstaende waehlte. Sind Sie ein Rheinpreusse und drueckt Sie der +Schuh, so lassen Sie den eigenen Fuss operieren; denn an dem +Normalschuh darf nichts geaendert werden. Sind Sie ein Hesse, so +trinken Sie ganz ruhig Ihren Doppelkuemmel zum Butterbrot; aber denken +Sie nichts, nicht einmal, ob es in der letzten Woche schoen war und in +der naechsten regnen wird. Sind Sie ein Brandenburger, so machen Sie, +dass Ihnen die Haare zu Berge stehen und hungern Sie, bis Sie eine +schoene Taille bekommen---" + +"Herr, Sie sind des Teufels!" fuhr der Baron auf. "Wollen Sie uns +alles Nationalgefuehl absprechen? Wollen Sie--" + +"Stille! Sie sehen, der Vorhang geht wieder in die Hoehe!" rief der +Marquis. "Wie, was sehe ich? Das ist ja das Portal von Notre=Dame! Das +finde ich sonderbar. Wenn man von Frankreich etwas in Szene setzen +will, warum gibt man uns kein Vaudeville, warum nicht den Kampf der +Kammer?" + +Die Glocken von Notre=Dame ertoenten in feierlichen Klaengen. Chorgesang +und das Murmeln kirchlicher Gebete naeherte sich, und eine lange +Prozession, angefuehrt von den Missionaeren, betrat die Buehne. Da sah +man koenigliche Hoheiten und Fuersten mit den Mienen zerknirschter +Suender, den Rosenkranz in der Hand, einherschleichen. Da sah man Damen +des ersten Ranges, die schoenen Augen gen Himmel gerichtet, die _a +la_ Madonna gekaemmten Haare mit wohlriechender Asche bestreut, die +niedlichen Fuesschen bloss und bar in dem Staube wandelnd. Das Publikum +staunte. Man schien seinen Augen nicht zu trauen, wenn man die +Herzogin D--s, die Comtesse de M--u, die Fuerstin T--d im Kostuem einer +Buessenden zur Kirche wandeln sah. Doch, als Offiziere der alten Armee, +nicht mit Adlern, sondern mit heiligen Fahnen in der Hand +hereinwankten, als sogar ein Mann in der reichen Uniform der +Marschaelle, den Degen an der Seite, die Kerze in der Hand und +Gebetbuecher unter dem Arm, ueber die Szene ging, da wandte sich der +Marquis ab; die Soldaten der alten Garde an unserer Seite ballten die +Faeuste und riefen Verwuenschungen aus, und wer weiss, was meinen Akteurs +geschehen waere, haette man faule Aepfel oder Steine in der Naehe gehabt! +Das hohe Portal von Notre=Dame hatte endlich die Prozession +aufgenommen, und nur der Schluss ging noch ueber die Szene. Es war ein +Affe, der eine Kerze in der Hand und unter dem Arm eine Vulgata trug. +Man hatte ihm einen ungeheuern Rosenkranz als Zaum um den Hals gelegt, +an welchem ihn zwei Missionaere wie ein Kalb fuehrten. So oft er aus dem +ruhigen Prozessionsschritt in wunderliche Seitenspruenge fallen wollte, +wurde er mit einer Kapuzinergeissel gezuechtigt und schrie dann, um +seine Zuchtmeister zu versoehnen: "_Vive le bon Dieu! vive la +croix!_" So brachten sie ihn endlich mit grosser Muehe zur Kirche. +Orgel und Chorgesang erscholl, und der Vorhang fiel. + +"Haben Sie nun Genugtuung?" sagte der Marquis zu dem Lord. "Was ist +Ihr Skandal auf der Boerse gegen diesen kirchlichen Unfug? O mein +Frankreich, mein armes Frankreich!" + +"Es ist wahr," antwortete Mylord sehr ernst, indem er dem Franzosen +die Hand drueckte, "Sie sind zu beklagen; aber ich glaube nicht an +diese tollen Possen. Frankreich kann nicht so tief sinken, um sich so +unter den Pantoffel zu begeben. Frankreich, das Land des guten +Geschmacks, der froehlichen Sitten, der feinen Lebensart, Frankreich +sollte schon im Jahre 1826 vergessen haben, dass es einst der gesunden +Vernunft Tempel erbaute und den Jesuiten die Kutte ausklopfte? Nicht +moeglich, es ist ein Blendwerk der Hoelle!" + +"Das moechte doch nicht so sicher sein," sagte ich. "Das Vaterland des +Herrn Marquis gefiel sich von jeher in Kontrasten. Wenn einmal der +Jesuitismus dort zur Mode wird, moechte ich fuer nichts stehen." + +"Aber was wollten sie nur mit dem Affen in Notre=Dame?" fragte der +Baron. "Was hat denn dieses Tier zu bedeuten?" + +"Das ist, wie ich von der Theaterdirektion vernahm, der Affe Joco, der +sonst diese Leute im Theater belustigte. Jetzt ist er wohl auch von +den Missionaeren bekehrt worden, und wenn er, wie man aus seinen +Seitenspruengen schliessen koennte, ein Protestant ist, so werden sie ihn +wohl in der Kirche taufen." + +"_Goddam_! Was Sie sagen! Doch Sie scheinen mit der +Theaterdirektion bekannt. Sagen Sie uns, was noch aufgefuehrt wird. +Wenn es nichts Interessantes ist, so denke ich, gehen wir weiter; denn +ich finde diese Pantomimen etwas langweilig." + +"Es kommt nur noch ein Akt, der mehr allgemeines Interesse hat," +antwortete ich. "Es wird naemlich ein diplomatisches Diner aufgefuehrt, +das der Reis=Effendi den Gesandten hoher Maechte gibt, das Siegesfest +der Festung Missolunghi vorstellend. Es werden dabei Ragouts aus +Griechenohren, Pastetchen von Philhellenennasen aufgetischt. Das +Hauptstueck der Tafel macht ein Roastbeef von dem griechischen +Patriarchen, den sie lebendig geroestet haben, und zum Beschluss wird +ein kleiner Ball gegeben, den ein besternter Staatsmann, so alt er +sein mag, mit der schoensten Griechensklavin aus dem Harem seiner +mohammedanischen Majestaet eroeffnet." + +"Ei!" rief der Marquis. "Was, wollen wir diese Schande der Menschheit +sehen? Ihre Londoner Boerse war laecherlich, die Prozession gemein und +dumm; aber diese ekelhafte Erbaermlichkeit, ich kann sie nicht ansehen! +Kommt, meine Freunde! Wir wollen lieber noch die Geschichte des Herrn +von Garnmacker hoeren, so langweilig sie ist, als dieses diplomatische +Diner betrachten." + +Der Lord und der deutsche Baron willigten ein. Sie standen auf und +verliessen mein Theater, und der Lord sah, als er heraustrat, mit einem +derben Fluche zurueck und rief: "Wahrlich, es steht schlimm mit der +Zukunft von 1826!" + + * * * * * + + + + +DER FLUCH. + +(E i n e N o v e l l e.) + +(Fortsetzung.) + + +Man kann sich denken, dass ich in Rom immer viele Geschaefte habe. Die +h e i l i g e S t a d t hatte immer einen Ueberfluss von Leuten, die in +der ersten, zweiten oder dritten Abstufung mein waren. + +Man wird sich wundern, dass ich eine Klassifikation der g u t e n L e +u t e (von andern Suender genannt) mache; aber, wer je mit der Erde zu +tun hatte, hat den Menschen bald abgelernt, dass nur das Systematische +mit Nutzen bei ihnen betrieben werden koenne. Es ist dies besonders in +Staedten wie Rom unumgaenglich notwendig; wo so vielerlei Nuancen g u t +e r L e u t e vom roten Hut bis auf die Kapuze, vom Fuersten, der die +Macht hat, Orden zu verleihen, bis auf den Armen, dem solche um +dreissig Taler angeboten werden, sich vorfinden, da muss man Klassen +haben. Ich werde in der Bibel und von den heutigen Philosophen als das +negierende Prinzip vorgestellt, daher teilte ich meine guten Leute ein +in: Erste Klasse, mit dem Praedikat r e c h t g u t, solche, die +geradehin verneinen, als da sind: Freigeister, Gottesleugner &c. +Zweite Klasse, g u t; sie sagen mit einigem Umschweif nein, gelten +unter sich fuer Heiden, bei Vernuenftigen fuer liberale Maenner, bei der +Menge fuer fromme Menschen. In dieser Klasse befinden sich viele Tuerken +und Pfaffen. Die dritte Klasse mit dem Praedikat m i t t e l m a e s s i g +sind jene, die ihr Nein nur durch ein Kopfschuetteln andeuten. Es sind +jene, die sich selbst fuer eine Art von Gott halten, moegen sie nun +Ablass verkaufen oder als evangelisch=mystisch=pietistische Seelen +einen Separatfrieden mit dem Himmel abschliessen; der letzteren gibt es +uebrigens in Rom wenige. + +Es laesst sich annehmen, dass das Innere dieses Systems, die +verschiedenen Uebergaenge der Klassen beinahe mit jedem Jahr sich +aendern. Geld, Sitten, der Zeitgeist ueben hier einen grossen Einfluss aus +und machen beinahe alle zwei Jahre eine Reise an Ort und Stelle +notwendig. + +Als ich vor einiger Zeit auf einer solchen Visitationsreise in Rom +verweilte, war ich Zeuge folgender Szenen, die ich aufzuzeichnen nicht +unterlassen will, weil sie vielleicht fuer manchen Leser meiner +Memoiren von Interesse sein moechten. + +Ich ging eines Morgens unter den Saeulengaengen der Peterskirche +spazieren, dachte nach ueber mein System und die Veraenderungen, die ihm +durch die Missionaere in Frankreich und das Ueberhandnehmen der Jesuiten +drohte; da stiess mir ein Gesicht auf, das schon in irgend einer +interessanten Beziehung zu mir gestanden haben musste. Ich stand +stille, ich betrachtete ihn von der Seite. Es war ein schlanker, +schoener junger Mann; seine Zuege trugen die Spuren von stillem Gram; +dem Auge, der Form des Gesichtes nach war er kein Italiener,--ein +Deutscher, und jetzt fiel mir mit einem Male, dass ich ihn vor wenigen +Monaten in Berlin im Salon jener Dame gesehen hatte, die mir und dem +ewigen Juden einen aesthetischen Tee zu trinken gegeben hatte. Es war +jener junge Mann, dessen anziehende Unterhaltung, dessen angenehme +Persoenlichkeit mir damals ein so grosse Interesse eingefloesst hatten. Er +war es, der uns damals ein Abenteuer aus seinem Leben erzaehlt hatte, +das ich fuer wuerdig fand, bei der Beschreibung jenes Abends mit +aufzuzeichnen. + +Ob ihn wohl die Liebe zu jener jungen Dame noch einmal in die heilige +Stadt gezogen hatte? Ob ihm, wie mir, der duestere Himmel seines Landes +und die suesse Langeweile der aesthetischen Tees im Hause seiner Tante so +drueckend wurde, dass er sich unter eine suedlichere Zone fluechtete? Ich +beschloss, seine Bekanntschaft zu erneuern, um ueber jene interessante +Begegnis, dessen Erzaehlung der Jude unterbrochen, um ueber ihn selbst, +ueber seine Schicksale etwas Naeheres zu vernehmen. Er stand an einer +Saeule des Portals, den Blick fest auf die Tuere gerichtet; fromme +Seelen, schoene Frauen, junge Maedchen stroemten aus und ein. Ich sah, er +blieb gleichgueltig; wenigstens schien ihn keine dieser Gestalten zu +interessieren. Endlich erscheint ein kleiner Florentiner Strohhut in +der Tuere; war es die Form dieses Hutes, waren es die weissen, wallenden +Federn, war es die einfache Rose, aus welcher dieser Busch herwallte, +was dem jungen Manne so reizend, so bekannt duenkte? Noch konnte man +weder Gestalt noch Gesicht der Dame sehen; aber seine Augen glaenzten, +ein Laecheln der erfuellten Hoffnung flog um seinen Mund, seine Wangen +roeteten sich, er richtete sich hoeher auf und schaute unverwandt den +Saeulengang hin. Noch verdeckten zwei Pfaffen mit ihren Kapuzen die +Nahende; jetzt bogen sie rechts ein, und ich sah ein holdes, suesses +Wesen heranschweben. + +Wer, wie ich, erhaben ueber jede Leidenschaft, die den Sterblichen auf +der Erde quaelt, die Dinge betrachtet, wie sie sind, nicht wie sie euch +Liebe oder Hass oder eure tausend Vorurteile schildern, dem ist eine +solche seltene Erscheinung ein Fest; denn es ist etwas Neues, +Originelles. Ich gedachte unwillkuerlich jener Worte des jungen Mannes, +wie er uns den Eindruck beschrieb, den der Anblick jener Dame zum +ersten Male auf ihn machte, mit welchem Entzuecken er uns ihr Auge +beschrieb;--ich war keinen Augenblick im Zweifel, dass diese liebliche +Erscheinung, die auf uns zukam, und jene raetselhafte Dame eine und +dieselbe sei. + +Ein gluehendes Rot hatte die Zuege des Juenglings uebergossen. Er hatte +den Hut gezogen; es war, als schwebte ihm ein Morgengruss oder eine +freundliche Rede auf den Lippen, und ueberrascht von der stillen Groesse +des Maedchens sei er verstummt. Auch sie erroetete, sie schlug die Augen +auf, als er sich verbeugte, sie warf einen fragenden Blick auf ihn, +hielt einen kurzen Moment ihre Schritte an, als erwarte sie, von ihm +angeredet zu werden; er schwieg, sie eilte bewegt weiter. + +Der junge Mann sah ihr mit trueben Blicken nach, dann folgte er +langsamen Schrittes; oft blieb er, wie in Gedanken verloren, stehen. +Ich ging ihm einige Strassen nach; er trat endlich in ein Kaffeehaus, +wo sich die deutschen Kuenstler zu versammeln pflegen. Hatte schon +frueher dieser Mensch und seine Erzaehlung meine Teilnahme erregt, so +war ich jetzt, da ich Zeuge eines fluechtigen, aber bedeutungsvollen +Zusammentreffens gewesen war, um so neugieriger, zu erfahren, in +welchem Verhaeltnis der Berliner zu dieser Dame stehe; dass es kein +glueckliches Verhaeltnis, kein gewoehnliches Liebesverstaendnis war, +glaubte ich in ihren Mienen, in ihrem sonderbaren Benehmen gelesen zu +haben. + +Man wird sich erinnern, dass ich als hoffnungsvoller Zoegling des ewigen +Juden, als Herr von Stobelberg, die Bekanntschaft dieses Mannes +machte. Daher trat ich in dieser Rolle in das Kaffeehaus. Der junge +Herr sass in einem Fenster und las in einem Brief. Ich wartete eine +Weile, ob er wohl bald ausgelesen haben werde, um ihn dann anzureden; +aber er las immer. Ich trat von der Seite hinter ihn, um nach dem +Schluss dieses riesengrossen Briefes zu blicken,--es waren wenige Zeilen +von einer Frauenhand, die er, wie es schien, gedankenlos anstarrte. + +"Habe ich die Ehre, Herrn von S. vor mir zu sehen?" fragte ich in +deutscher Sprache, indem ich vor ihn trat. + +"Der bin ich," antwortete er, indem er den duesteren Blick von dem +Brief auf mich schlug und mein Kompliment durch ein leichtes Neigen +des Hauptes erwiderte. + +"Sie scheinen mich nicht mehr zu kennen, und doch war ich so +gluecklich, einmal einen Abend im Hause Ihrer Tante in Berlin zu +geniessen, den vorzueglich Ihre Unterhaltung, Ihre interessanten +Mitteilungen mir unvergesslich machen." + +"Im Hause meiner Tante?" fragte er, aufmerksamer werdend. + +"Wie, war es nicht ein hoechst ennuyanter Tee? Waren nicht einige +maennliche Weiber und einige zartweibliche Herren zugegen? Ich erinnere +mich, ich musste etwas erzaehlen. Doch Ihr Name, mein Lieber, ist mir +leider entfallen." + +"Baron von Stobelberg; ich reiste damals mit--" + +"Ah--mit einem ganz sonderbaren Kauz von Hofmeister; jetzt erinnere +ich mich ganz; er war so ungluecklich, allen Damen, ohne es zu wollen, +Sottisen zu sagen und ueberschnappte endlich, naemlich mit dem Stuhl?" + +"So ist's; wollten Sie erlauben, meinen Kaffee hier zu trinken? Ich +bin noch so fremd hier, ich kenne keine Seele. Sie sind wohl schon +lange hier bekannt?" + +Ein melancholisches Laecheln zog um seinen Mund. "O ja, bin schon lange +hier bekannt," antwortete er duester. "Ich war frueher in Geschaeften +hier, jetzt zu--meiner Erholung." + +"Sie erinnern mich da auf einmal wieder an den Abend bei Ihrer Tante; +mein Hofmeister brachte mich damals um einen koestlichen Genuss. Sie +erzaehlten uns ein kleines Abenteuer, das Sie mit einer Deutschen in +Rom gehabt. Ihre Erzaehlung war auf dem Punkte, eine Wendung zu nehmen, +die uns ueber vieles, namentlich ueber Ihre sonderbare Verwechslung mit +einem Ebenbilde aufgeklaert haette, da zerstoerte mein Mentor durch +seinen Fall meine schoene Hoffnung; ich war genoetigt, mit ihm den Salon +zu verlassen und plage mich seitdem mit allerlei Moeglichkeiten, +Wahrscheinlichkeiten, wie es Ihnen moechte ergangen sein; ob Sie sich +mit Ihrem Ebenbilde geschlagen haben; ob Sie auch ferner der schoenen +Luise sich nahen konnten; ob nicht endlich ein Liebesverhaeltnis +zwischen Ihnen entstanden. Kurz, ich kann Sie versichern, es peinigte +mich tagelang, die tollsten Konjekturen erfand ich, aber nie wollten +sie passen." + +Der junge Mann war waehrend meiner Reden nachdenklich geworden; es +schien etwas darin zu liegen, das ihm nicht ganz recht war; vielleicht +ahnte er meine unbezwingliche Neugierde nach seiner Aventuere; er +blickte mich scharf an, aber er wich in seiner Antwort aus. + +"Ich erinnere mich," sagte er, "dass wir damals alle bedauerten, Ihre +Gesellschaft entbehren zu muessen. Sie waren uns allen wert geworden, +und die Tanten behaupteten, Sie haetten etwas Eigenes, Anziehendes, das +man nicht recht bezeichnen koenne, Sie haetten einen hoechst pikanten +Charakter. Nun, Sie werden in der Zeit diese Damen entschaedigt haben; +wann waren Sie das letzte Mal bei meiner Tante?" + +Ich sah ihn staunend an. "Ich hatte nie die Ehre, bei Ihrer Tante +gesehen zu werden als an jenem Abend." + +Er entgegnete hierauf nichts, sprach vom Papst und dergleichen, kam +aber immer wieder darauf zurueck, mich durch eine Zwischenfrage nach +Berlin ins Haus seiner Tante zu verlocken. "Was wollen Sie nur immer +wieder mit Berlin?" fragte ich endlich. "Ich war seit jenem Abend +nicht mehr dort und reiste in dieser Zeit in Frankreich und England. +Sehen Sie einmal in meinen Pass, welch ungeheure Tour ich in dieser +Zeit gemacht habe!" + +Er warf einen fluechtigen Blick hinein und erroetete. "Verzeihen Sie, +Baron!" rief er, indem er meine Hand ungestuem drueckte. "Vergeben Sie, +ich hielt Sie fuer einen Spion meiner Tante."-- + +"Ihrer Tante? Fuer einen Spion, den man Ihnen bis Rom nachschickt?" + +"Ach, die Menschen sind zu keiner Torheit zu gut. Ich halte mich etwa +seit zwei Monaten wieder hier auf. Meine Verwandten toben, weil ich +meinen Posten im Bureau des Ministers ploetzlich und ohne Urlaub +verlassen habe; sie bestuermten mich mit Briefen, ich kam nicht; sie +wandten sich an die preussische Gesandtschaft hier; sie fand aber +nichts Verdaechtiges an mir und liess mich ungestoert meinen Weg gehen. +Vor einigen Tagen schrieb mir ein Freund, ich solle auf meiner Hut +sein, man werde einen Spion in meine Naehe senden, um alle meine +Schritte--" + +"Ist's moeglich? Und warum denn dies alles?" + +"Ach, es ist eine dumme Geschichte; eine Anordnung meines verstorbenen +Vaters legt mir Pflichten auf, die--ein andermal davon--, die ich +nicht erfuellen kann. Und Sie, lieber Stobelberg, hielt ich fuer den +Spion. Vergeben Sie mir doch?" + +"Unter zwei Bedingungen," erwiderte ich ihm, "einmal, dass Sie mir +erlauben, Sie recht oft zu begleiten und der Spion Ihres Spions zu +sein. Halten Sie mich nicht fuer indiskret, es ist wahre Teilnahme fuer +Sie und der Wunsch, Ihnen nuetzlich zu werden. Sodann--teilen Sie mir, +wenn es Ihnen anders moeglich ist, den Schluss Ihres Abenteuers mit." + +"Den Schluss?" rief er und lachte bitter. "Den Schluss? Ich wuenschte, es +schloesse sich, koennte es auch nur mit meinem Leben schliessen. Doch +kommen Sie, wir wollen unter jene Arkaden gehen. Die Kuenstler kommen +um diese Zeit hierher, wir koennten nicht ungestoert reden; wer weiss, ob +man, nicht einen von ihnen zu meinem Waechter ersehen hat." + + + * * * * * + + +Ich folgte Otto v. S.--so hiess der junge Mann--unter die Arkaden. Er +legte seinen Arm in den meinigen; wir gingen eine Weile schweigend auf +und ab; er, schien mehr nachdenklich als zerstreut. + +"Es ist etwas, was mir Vertrauen zu Ihnen einfloesst," hub er laechelnd +an. "Ich habe ueber den Ausspruch jener Damen in Berlin nach gedacht +und finde ihn, so komisch er mir damals vorkam, dennoch bestaetigt. Es +ist mir in den paar Viertelstunden, die wir beisammen sind, als seien +Sie ein Wesen, das ich laengst kannte, als seien Sie schon jahrelang +mein Freund. Und doch haben Sie nicht jenes Gutmuetige, Ehrliche, was +an den Deutschen sogleich auffaellt, was bewirkt, dass man ihnen gerne +vertraut; Sie haben fuer Ihre Jahre viel Beobachtungsgeist in Ihrem +Auge und um Ihren Mund in gewissen Augenblicken einen Zug, der nicht +immer das bestaetigt, was Sie sagen wollten. Und dennoch fuehle ich, dass +mir der Zufall viel geschenkt hat, der Sie in jenes Haus fuehrte, ich +fuehle auch, dass man Ihnen trauen kann, mein Lieber." + +"Ich halte nichts auf Gesichter und habe durch Erfahrung gelernt, dass +sie nicht immer der Spiegel der Seele sind. Es freut mich uebrigens, +wenn etwas an mir ist, was Ihnen Vertrauen einfloesst. Es ist vielleicht +der rege Wunsch, Ihnen dienen zu koennen, was Ihnen einiges Vertrauen +gibt?" + +"Moeglich; doch ich bin Ihnen einige Aufschluesse ueber mich und mein +Abenteuer hier in Rom schuldig. Ich erzaehlte Ihnen, wie ich mit Luise +von Palden bekannt wurde--" + +"Erlauben Sie, nein! Diesen Namen hoere ich zum ersten Male. Sie +erzaehlten uns, dass Sie eine junge Dame in den Lamentationen der +Sixtinischen Kapelle kennen lernten, die Ihre ganze Aufmerksamkeit +erregte. Sie wurden von ihr mit einem andern verwechselt, Sie gefielen +sich in diesem Quiproquo und versetzten sich unwillkuerlich so in die +Stelle des Liebhabers, dass Sie das Maedchen sogar liebten--" + +"Und wie liebe ich sie!" rief er bewegt. + +"Sie suchten die Dame lange vergeblich in Rom, der Zufall fuehrte +endlich das schoene Kind im Karneval als Maske an Ihre Seite. Es ist +schon dunkel, sie glaubt in Ihnen den Freund zu finden; Sie, lieber +Freund, benuetzen die Gelegenheit noch einmal, diesen Scherz, der Ihnen +so angenehm ist, fortzufuehren. Sie bringen die Dame auf eine Loge, um +das Pferderennen anzusehen. Da erscheint auf einmal der rechte +Liebhaber und Sie--erblicken sich. Bis hierher hoerte ich damals. Sie +koennen sich denken, wie begierig ich bin, zu hoeren, wie es Ihnen +erging." + +"Ich gestehe," fuhr Herr v. S. fort, "mir selbst fiel die Aehnlichkeit +dieses Mannes mit meinen Zuegen, meiner Gestalt, selbst meiner Kleidung +ueberraschend auf. Das letztere hatte wohl die Mode verschuldet, die +damals alle junge Welt zwang, sich schwarz zu kleiden. Doch auch fuer +die grosse Aehnlichkeit unserer Zuege, so auffallend sie ist, hat man +Beispiele. Sie erinnern sich vielleicht des Falles, der in Frankreich +vorkam. Zwei Franzosen trafen in Amerika zusammen. Ihre Aehnlichkeit +war so gross, dass man sie gewoehnlich miteinander verwechselte; der eine +starb, der andere, ein armer Teufel, wusste sich seine Papiere zu +verschaffen, reiste nach Frankreich zurueck und lebte mit der Frau des +Verstorbenen noch lange Jahre, bis der Betrug an den Tag kam. +[Fussnote: Die Moeglichkeit einer solchen Verwechslung beweist ein Fall, +der sich vor einigen Monaten in Ravensburg im Wuerttembergischen +zutrug. Zwei Zwillingsbrueder sahen sich taeuschend aehnlich. Der eine +toetete einen Mann und floh. Er wusste, dass sein Bruder, der in Bregenz +in einem oesterreichischen Regiment diente, desertiert war. Der Moerder +wandte sich dorthin, zeigte sich in der Gegend, liess sich als +Deserteur gefangen nehmen und viermal Spiessruten jagen. Er diente +einige Zeit in der Stelle seines Bruders, bis der Betrug durch einen +Zufall entdeckt wurde.] + +Der Herr und die Dame schienen nicht weniger ueberrascht als ich; die +letztere erroetete, sie gedachte vielleicht jenes Kusses, und es wurde +ihr wohl mit einem Male klar, dass es schon an jenem Abend nicht ihr +Otto gewesen sei, gegen den sie sich so zaertlich bewiesen. Der Herr +mit meinen Gesichtszuegen fragte mich in etwas barschem Ton in +schlechtem Franzoesisch, wie ich dazu komme, diese Komoedie zu spielen. +Ich nahm, nicht aus Furcht vor seinem rollenden Auge, sondern im +Gefuehl, ein Unrecht, vielleicht eine Unschicklichkeit wieder gutmachen +zu muessen, alle Artigkeit, die ich in der Welt gelernt hatte, zusammen +und bat die Dame, mir einen Scherz zu vergeben, zu dem sie mich selbst +verleitet habe. 'Sie selbst?' rief bei diesen Worten jener Mann, und +seine Zuege verzogen sich immer mehr zum Zorn. 'Sie selbst? Es ist ein +abgekartetes Spiel, ich sehe schon, ich bin der betrogene Teil. Doch +ich will nicht stoeren.'--Er sagte dies, vor Wut zitternd, indem er +sich von seinem Platz entfernen wollte. Luise--o, ich habe sie nie so +suess, so wundervoll gesehen wie in jenem Augenblicke, sie schien mit +aller Hingebung der Zaertlichkeit an diesem Manne zu haengen; sie +ergriff bebend feine Hand, sie rief ihn mit den liebevollsten Toenen; +sie beteuerte, sich unschuldig zu wissen, sie rief mich zuernend zum +Zeugen auf. Ich war hingerissen von diesem Zauber der Liebe, der sich +mir hier zum ersten Male in seiner ganzen Schoenheit darstellte. Es ist +etwas Schoenes um ein Maedchen, das in sanfter, stiller Liebe ist, es +ist etwas Heiliges, moechte ich sagen. Aber der Schmerz inniger Liebe, +das Zittern zaertlicher Angst und diese Traenen in den blauen Augen, +dieses Fluestern der suessesten Namen von den feinen Lippen und diese +Roete der Angst und der Beschaemung auf den zarten Wangen, es ist ein +Bild, irdischer zwar als jenes, aber von einer hinreissenden Gewalt." + +"Ich kenne das," unterbrach ich diese rednerischen Schilderungen des +verliebten Berliners, dem die Dame seines Herzens in jeder neuen Form +wieder lieblicher schien, "ich kenne das; so was Heiliges, so was +Weinendes, Madonnenartiges, Grazienhaftes, Suesses, Bitterschmerzliches, +kurz, so was Klagendes, Anziehendes, ich kenne das; aber wie war es +denn mit dem zornigen Patron, der Euer Wohlgeboren so aehnlich?" + +"Er glaubte ihren Versicherungen nicht; war es Eifersucht, war es sein +leidenschaftlicher Zorn, den er nicht bemeistern konnte, er stiess sie +zurueck, er drohte, sie nie mehr zu sehen. Das Maedchen setzte sich +weinend auf ihren Stuhl. Die tobende Freude der Roemer an dem +Pferderennen, ihr Jauchzen, ihr Rufen standen in schneidendem Kontrast +mit dem stillen Schmerz dieses Engels. Ich fuehlte inniges Mitleid mit +ihr, ich fuehlte mich tief verletzt, dass ein Mann eine Dame, ein +Liebender die Geliebte so schnoede beleidigen koenne. 'Mein Herr,' sagte +ich, 'das Wort eines Mannes von Ehre kann Sie vielleicht ueberzeugen, +dass die Schuld dieser Szene allein auf mir ruht.' 'Eines Mannes von +Ehre?' rief er, hoehnisch lachend; 'so kann sich jeder Tropf nennen.' +Jetzt glaubte ich die Formen der gesellschaftlichen Hoeflichkeit nicht +weiter beobachten zu muessen. Ich gab ihm ein wohlbekanntes Zeichen, +fluesterte ihm meinen Namen, die Nummer meines Hauses und die Strasse +zu, in welcher ich wohnte, und verliess ihn. + +Es waren widerstreitende Gefuehle, die in meiner Brust erwachten, als +ich zu Haus ueber diesen Vorfall nachdachte. Ich musste mir gestehen, +dass ich unbesonnen, toericht gehandelt hatte, die Rolle eines andern +bei diesem Maedchen zu uebernehmen. Es ist wahr, der Zufall war so +ueberraschend, die Gelegenheit so lockend, ihre Erscheinung so reizend, +so anziehend, dass wohl keiner der Versuchung widerstanden haette. Aber +musste mich nicht schon der Gedanke zurueckschrecken, dass es ihr bei dem +Geliebten schaden koennte, traf er uns beide zusammen. In welch +unguenstigem Lichte musste ich, musste auch sie ihm erscheinen! + +Und doch--wo ist der Mensch, der nicht in einem solchen Falle sich vor +sich selbst zu entschuldigen wuesste? Ich fuehlte, dass ich dieses +unbekannte, reizende Wesen liebe, und wie leicht entschuldigt Liebe! +Und weil ich sie liebte, hasste ich den beguenstigten Mann. Er war ein +Barbar in meinen Augen. Wie konnte er die Geliebte so grausam +behandeln? Wie durfte er, wenn er sie wahrhaft liebte, an ihrer Tugend +zweifeln, und wer, der jemals in dieses treue, seelenvolle Auge +gesehen, wer konnte an der Reinheit dieses Engels zweifeln? + +Am Morgen nach dieser Begebenheit bekam ich einen italienischen, +schlecht geschriebenen Brief; er enthielt die Bitte einer Signora +Maria Campoco, dem Ueberbringer des Briefes in ihr Haus zu folgen, wo +sie mir etwas Wichtiges zu sagen habe. Ich kannte keine Dame dieses +Namens, ich fragte den Diener nach der Strasse, er nannte mir eine, von +welcher ich nie gehoert hatte. Eine Ahnung sagte mir uebrigens, dieser +Brief koennte mit meinem Abenteuer von gestern zusammenhaengen; ich +entschloss mich, zu folgen. Der Diener fuehrte mich durch viele Strassen +in eine Gegend der Stadt, die mir voellig unbekannt war. Er bog endlich +in eine kleine Seitenstrasse; ein Brunnen, eine Madonna von Stein fiel +mir ins Auge, es war kein Zweifel, ich befand mich an dem Haus, wohin +ich Luise aus den Lamentationen begleitet hatte. + +Es war ein kleines, unscheinbares Haus, dessen Tuere der Diener +aufschloss; ueber einen finstern Gang, eine noch dunklere Treppe brachte +er mich in ein Zimmer, dessen Eleganz nicht mit dem uebrigen Ansehen +des Hauses uebereinstimmte. Nachdem ich eine Weile gewartet hatte, +erscholl das Klaeffen vieler Hunde, die Tuere oeffnete sich--aber nicht +meine Schoene, sondern eine kleine, wohlbeleibte, aeltliche Frau trat, +umgeben von einer Schar kleiner Hunde, ins Zimmer. + +Es dauerte ziemlich lange; bis Tasso, Ariosto, Dante, Alfieri; und wie +die Klaeffer alle hiessen, ueber den Anblick eines fremden Mannes +beruhigt waren und die kleine Dame endlich zum Wort kommen konnte. Sie +sagte mir sehr hoeflich, sie habe mich rufen lassen, um wegen einer +Angelegenheit ihrer Nichte, Luise von Palden, mit mir zu sprechen. Das +Verlangen, das schoene Kind wiederzusehen, mich bei ihr selbst zu +entschuldigen, gab mir eine Notluege ein; ich fragte sie in so +miserablem Italienisch als mir nur moeglich war, ob sie Franzoesisch +oder Deutsch verstehe. Sie verneinte es, ich zuckte die Achseln und +gab ihr mehr durch Zeichen als Worte zu verstehen, dass ich der +italienischen Sprache durchaus nicht maechtig sei. Sie besann sich eine +Weile, sagte dann, ich koennte in i h r e r G e g e n w a r t mit +ihrer Nichte sprechen, und entfernte sich. + +Wie schlug mein Herz, von Erwartung, von Liebe bewegt! Wie beschaemt +fuehlte ich mich, in ihren Augen als ein Nichtswuerdiger zu scheinen, +der ihren Irrtum auf so indiskrete Art benuetzte! Die huendische +Leibwache der Signora verkuendete, dass sie nahe. Ich fuehlte seit langer +Zeit zum ersten Male eine Verlegenheit, ein Beben; ich fuehlte, wie ich +erroetete, jene Sicherheit des Benehmens, die mich jahrelang begleitet +hatte, wollte mich in diesem Augenblicke verlassen. + +Sie kam; sie duenkte mir in dem einfachen, reizenden Neglige lieblicher +als je, und ihre Verwirrung, als sie mich sah, der Unmut, den ich in +ihren Augen zu lesen glaubte, vermochte ihre Anmut nicht zu schwaechen. +'Mein Herr! Es ist eine sonderbare Begebenheit, die Sie in dieses Haus +fuehrt,' sprach sie mit jenen klangvollen Toenen, die ich so gerne +hoerte; 'Sie muessen selbst gestehen,' setzte sie hinzu, aber sei es, +dass die Erinnerung an jenen Abend sie zu unangenehm beruehrte, sei es, +dass sie einem meiner Blicke begegnete, die vielleicht mehr als +Ehrfurcht ausdrueckten, sie schlug die Augen nieder, erroetete aufs neue +und schwieg. + +Ich fasste mich, ich suchte mich zu entschuldigen, so gut es ging; ich +erzaehlte ihr, wie ich sie hilflos und in Ohnmacht in der Kirche +gefunden, wie ich ihren Irrtum nicht habe berichtigen koennen, aus +Furcht, sie moechte meine Begleitung ablehnen, die ihr in ihrem +damaligen Zustande so notwendig war. Meine zweite Unbesonnenheit schob +ich auf die Maskenfreiheit des Karnevals; ich suchte einen Scherz +daraus zu machen, ich behauptete, es sei an diesem Abend erlaubt, jede +Maske vorzunehmen, und so habe ich die ihres Freundes vorgenommen. Ich +glaubte, sagte ich, in diesen Scherz um so eher eingehen zu duerfen, da +wir Landsleute sind und die Deutschen in Rom als Kinder e i n e r +Heimat nur e i n e grosse Familie sein sollten." + +"Eine gefaehrliche Verwandtschaft," unterbrach ich den jungen Berliner, +indem ich mich im stillen ueber seine jesuitische Logik freute. "Wie? +brachte die Dame nicht das _Corpus juris_ und den------gegen Sie +in Anwendung? In Schwaben moechte zur Not ein solches +Verwandtschaftssystem gelten oder bei den Juden, welche Herren und +Knechte, Norden und Sueden, 'unsere Leute' nennen; aber Deutschland? +Bedenken Sie, dass es in zweiunddreissig Staaten geteilt ist; wo ist da +ein Verwandtschaftsband moeglich? Wenn sie sich im Himmel oder in der +Hoelle treffen, so heissen sie nur Oesterreicher, Preussen, Hechinger und +fuerstlich reussische Landeskinder!" + +"Luise mochte auch so denken," fuhr er fort. "Doch noetigte ihr meine +Deduktion ein Laecheln ab; es schien ihr angenehm, ueber diese Punkte so +leicht weggehen zu koennen. Sie klagte sich selbst an, diesen Irrtum +veranlasst zu haben, sie vergab, sie erlaubte mir, ihre schoene Hand zu +kuessen. Doch ihre Blicke werden wieder duester. Sie sagte, wie sie nur +zu deutlich bemerkt habe, dass ich tief beleidigt weggegangen sei, dass +dieser Streit noch eine gefaehrlichere Folge haben koenne. Ihr Auge +fuellte sich mit Traenen, als sie dies sagte. Sie beschwor mich, ihrem +Freund zu vergeben, sie suchte ihn zu entschuldigen, ihn, der sie +selbst so tief beleidigt hatte; sie sprach mit so zaertlicher Waerme fuer +den Mann, der so ganz vergessen hatte, dass die wahre Liebe glauben und +vertrauen muesse, der so niedrig war, dieser reinen Seele gegenueber +gemeine Eifersucht zu zeigen. Ich waere gluecklich, selig gewesen, haette +dieses Maedchen s o von mir gesprochen! + +Ich fragte sie, ob sie in seinem Auftrag mir dieses sage. Sie war +betreten, sie antwortete, dass sie gewiss wisse, dass es ihm leid sei, +mir jene Worte gesagt zu haben; ich versprach, wenn er mir dieses +selbst sagen werde, nicht mehr an die Sache zu denken. Wie heiter war +sie jetzt! Sie scherzte ueber ihren Irrtum, sie verglich meine Zuege mit +denen ihres Freundes, sie glaubte, grosse Aehnlichkeit zu finden, und +doch schien es ihr unbegreiflich, wie sie nicht an meinen Augen, +meiner Stimme, an meinem ganzen Wesen ihren Missgriff erkannt habe. Sie +rief ihrer Tante zu, dass sie ihren Zweck vollkommen erreicht habe. + +Signora Campoco, die waehrend der ganzen Szene am Fenster gesessen und +bald die Leute auf der Strasse, bald ihre Huendchen, bald uns betrachtet +hatte, kam freundlich zu mir, dankte fuer meine Gefaelligkeit, ihr Haus +besucht zu haben, und bemerkte, sie haette nie geglaubt, dass unsere +barbarische Sprache so wohltoenend gesprochen werden koenne. Sie sehen, +ich hatte jetzt nichts mehr in diesem Hause zu tun; so gerne ich noch +ein Stuendchen mit Fraeulein von Palden geplaudert haette, so neugierig +ich war, ihre Verhaeltnisse in Deutschland und ihre Lage in Rom zu +erfahren,--der Anstand forderte, dass ich Abschied nahm, mit dem +ungluecklichen Gefuehle Abschied nahm, diese Schwelle nie mehr betreten +zu koennen. Signora, sie haette sich vielleicht gekreuzt, haette sie +gewusst, dass ein Ketzer vor ihr stehe, Signora empfahl mich der Gnade +der heiligen Jungfrau, und Luise reichte mir traulich die Hand zum +Scheiden. Ich fragte sie noch, wie der Herr heisse, mit welchem ich das +Glueck gehabt habe, verwechselt zu werden. Sie erroetete und sagte: 'Er +will zwar hier nicht gekannt sein und so zurueckgezogen als moeglich +leben; doch warum sollte ich Ihnen seinen Namen verhehlen? Ich moechte +so gerne, dass Sie Freunde wuerden. Er heisst------und wohnt------'." + +So "etwas breit nach Art der lieben Jugend" hatte mir der junge Mann +den weiteren Verlauf seines Abenteuers erzaehlt; ich hoerte ihm gerne +zu, obgleich nichts peinlicher fuer mich ist, als eine lamentable +Liebesgeschichte recht lang und gehoerig breit erzaehlen zu hoeren; aber +interessant war mir dabei die Art, wie er mir erzaehlte. Sein +ausdrucksvolles Auge schien die Glut seiner Gefuehle widerzustrahlen, +seine Zuege nahmen den Charakter duesterer Wehmut an, wenn er sich +ungluecklich fuehlte, und ein angenehmes Laecheln erheiterte sie, wenn er +mir die Reize der jungen Dame zu beschreiben suchte. Ploetzlich, als er +mir eben erzaehlte, wie er das Haus der Signora verlassen habe, drueckte +er meinen Arm fester und brach, in einen kleinen Fluch aus. "So muss +der Teufel diesen Pfaffen doch ueberall haben!" rief er und wandte sich +unmutig um. Ich war erstaunt, welchen Pfaffen sollte ich denn ueberall +haben? Ich fragte ihn, was ihn so aufbringen koenne. + +"Sehen Sie nicht hin, sonst muessen wir gruessen," gab er mir zur +Antwort, "ich kann ihn nicht ansehen, den Jesuiten." + +Ich stellte mich, als befolge ich treulich seinen Befehl, doch konnte +ich nicht umhin, einen Seitenblick in die Strasse zu werfen, und sah +wirklich ein hoechst ergoetzliches Schauspiel. Die Strasse herauf kam ein +hoher Praelat der Kirche, der Kardinal Rocco, ein Mann, der schon +laengst als einer der zweiten Klasse mit dem Praedikat "g u t" auf +meinen Tafeln verzeichnet ist. Eine grosse, majestaetische Gestalt mit +stolzer Wuerde; sein weisses Haar, von einem einfachen, roten Kaeppchen +bedeckt, stach sonderbar ab gegen ein Gesicht, das man eigentlich +reich nennen konnte. Gewoelbte Brauen, grosse Augen, eine Adlernase, die +Unterlippe etwas uebermuetig gezogen, das Kinn und die Wangen voll und +kraeftig. Ueber das rollende Untergewand trug er einen Talar, dessen +eines Ende er in malerischen Falten ueber den Arm gelegt hatte; das +andere Ende hielt, in einiger Entfernung hinter ihm herschleichend, +sein Diener, ebenfalls ein Moench, ein duerres, bleiches Geschoepf, +dessen tueckische Augen nach allen Seiten spaehten, ob Seine Eminenz von +den Glaeubigen ehrfurchtsvoll, wie es sich gebuehrt, begruesst wuerden. + +Der Gang des Kardinals war der Gang eines Siegers, und eine solche +Erscheinung in diesen Strassen erinnerte nur zu leicht an die Senatoren +der "ewigen Stadt". + +"Sehen Sie, wie er hingeht, dieser Pharisaeer," fluesterte der junge +Mann, mit den Zaehnen knirschend. "Sehen Sie, wie der Poebel sich zum +Handkuss draengt, mit welcher Wuerde, mit welcher Grazie er seinen Segen +erteilt. Theaterpossen! wenn diese Leute wuessten, was ich von ihm weiss, +sie wuerden diesem Pharisaeer, diesem Verfaelscher des Gesetzes die +Insignien seiner Wuerde vom Leibe reissen, oder sie waeren wert, von +einem Tuerken beherrscht zu werden." + +"Was bringt Sie so auf, verehrter Freund? Wer ist dieser Ehrenmann? +Was hat er Ihnen zuleid getan? Haengt er mit Ihren Abenteuern +zusammen?" Ich musste lange fragen, bis er mich hoerte; denn er schaute +mit durchbohrenden Blicken der Eminenz nach und murmelte +Verwuenschungen wie ein Zauberer. + +"Ob ich ihn kenne? Ob er mir etwas zuleid getan? O! dieser Mensch hat +ein Leben vergiftet, ein Herz zu Boden getreten, das--doch Sie werden +mehr von ihm hoeren; es ist der Kardinal Rocco, der Satan ist nicht +schwaerzer als er; mit seinem roten Hut deckt er alle Suenden zu; aber +trotzdem, dass er geweiht ist, wird ihn dennoch der Teufel holen!" + +Da hat es gute Wege, dachte ich; Nro. 2, gute Sorte! Doch was konnte +dieser Berliner gegen Rocco haben? Unmoeglich konnte ich glauben, dass +sein Protestantismus so tief gehe, dass er jeden, der violette Struempfe +trug, in die Hoelle wuenschen musste. Er hatte sich wieder gesammelt. + +"Vergeben Sie diese Hitze; Sie werden mir einst recht geben, so zu +urteilen, wenn ich Sie erst mit dem Treiben dieses Menschen bekannt +mache. Doch jetzt noch einiges zum Verstaendnis meines Abenteuers. Die +Geschichte mit--war bald abgetan. Er schickte einen Franzosen zu mir, +der mir erklaerte, dass jener sich in mir geirrt habe und um Verzeihung +bitte. Durch ihn erfuhr ich auch, dass Luisens Geliebter frueher +Offizier, und zwar in ...schen Diensten gewesen sei. + +Um diese Zeit kam die Schwester des saechsischen Gesandten nach Rom, +sich einige Zeit mit ihrer Familie bei ihrem Bruder aufzuhalten. Ich +war am ersten Abend ihres Aufenthaltes zufaellig zugegen, und--stellen +Sie sich einmal mein Erstaunen vor, als ich hoerte, wie sie eine andere +Dame fragte, ob nicht ein Fraeulein von Palden hier lebe. Ich wandte +mich unwillkuerlich ab, um nicht dem ganzen Kreise mein Erroeten, mein +Entzuecken zu zeigen; es war mir etwas so Neues, so Schoenes, Luisens +Namen aus einem fremden Munde zu hoeren. Jedoch keine der anwesenden +Damen wollte von ihr wissen, und ich fuehlte mich nicht berufen, +unaufgefordert mein Geheimnis mitzuteilen. + +Deutsche, besonders Frauen, pflegen immer grossen Anteil an Landsleuten +zu nehmen; es konnte daher nicht anders sein, als dass man seine +Verwunderung laut darueber aussprach, dass ein deutsches Fraeulein in Rom +lebe, die auch nicht einem von allen bekannt sein sollte. Wer ist sie? +Ist sie schoen? Wie kommt sie nach Rom? fragte, man einstimmig, und wie +lauschte ich, wie pochte mein Herz, endlich ueber das interessante +Wesen etwas zu hoeren. + +Sie erzaehlte, wie sie in .....th Luise kennen gelernt, die damals durch +ihr schoenes Aeussere, durch ihre Liebenswuerdigkeit, ihren Verstand die +ganze Stadt beschaeftigt, ihre naeheren Bekannten bezaubert habe. Umso +auffallender sei auf einmal ein Liebeshandel gewesen, der sich +zwischen einem Offizier, einem buergerlichen Subjekt, und der Tochter +des Geheimen Rats von Palden entspann. Dieser Mensch habe ausser seiner +schoenen Figur und einem bluehenden Gesicht keine Vorzuege, nicht einmal +gute Sitten gehabt. Dem Vater sei diese Geschichte zu ernstlich +geworden, er habe den Offizier zu einem Regimente zu versetzen gewusst, +das mit einem Teil der franzoesischen Armee nach Spanien bestimmt war. +Man habe sich in ....th allgemein gefreut ueber die Art, wie sich +Fraeulein von Palden in diese Wendung fuegte; doch bald erfuhr man, dass +die Verbindung mit dem Offizier nichts weniger als abgebrochen sei, +sondern durch Armeekuriere und dergleichen Briefe gewechselt wuerden. +Es vergingen so beinahe zwei Jahre. Die Armee kehrte zurueck, doch +nicht mit ihr jener Offizier. Man sagte in Gesellschaften und in +Luisens Naehe, er sei wegen einer Ehrensache aus dem Dienst getreten. +Seine Kameraden schwiegen hartnaeckig hierueber, und doch gab es einige +Stimmen im Publikum, die von einer vorteilhaften Heirat, andere, die +von einer Entfuehrung oder von beidem sprachen, kurz, man bemerkte, dass +Herr ..., so hiess der Offizier, seiner Dame ungetreu geworden sei. Um +diese Zeit starb der alte Herr von Palden. Seine erste Frau war eine +Roemerin; das Fraeulein entschloss sich auf einmal zu grosser Verwunderung +der Stadt ....th, zu ihren Verwandten nach Rom zu ziehen. + +So viel wusste die Schwester des Gesandten von Luise. Es war mir genug, +um ihr Verhaeltnis zu .... ganz in der Ordnung zu finden; nur war es +mir unbegreiflich, was ihn bewogen haben koennte, nach Rom zu gehen; +oder kam er erst nach ihr hierher? Und warum heiraten sie sich nicht, +da doch ihre Hand jetzt frei und von niemand abhaengig ist? + +Ich quaelte mich mit diesen Gedanken. Ich haette so gerne mehr und immer +mehr von dem holden Kind erfahren; ich fuehlte lebhaft den Wunsch, sie +wiederzusehen, zu sprechen; ich wollte ja nicht geliebt werden, nur +sehen, nur lieben wollte ich sie. Da fiel mir bei, wie ich dies so +leicht moeglich machen koennte. Ich durfte ja nur der Schwester des +Gesandten sagen, wo sich Luise aufhalte, und dann konnte ich gewiss +sein, sie schon in den naechsten Tagen im Hotel des Gesandten zu sehen. +Ich tat dies, und mein Wunsch wurde erfuellt." + +Ein Bekannter des Herrn v. S. gesellte sich hier zu uns und unterbrach +zu meinem grossen Aerger die Erzaehlung. Ich machte noch einige Gaenge mit +ihnen unter den Arkaden; als ich aber sah, dass der Bekannte sich nicht +entfernen wolle, fragte ich den Berliner nach seiner Wohnung und ging +mit dem Vorsatz, ihn am naechsten Morgen zu besuchen. Ich muss gestehen, +ich fing an, die Geschichte des jungen Mannes weniger anziehend zu +finden, weil sie mir in eine gewoehnliche Liebesgeschichte auszuarten +schien. Doch zwei Umstaende waren es, die mir von neuem wieder +Interesse einfloessten und mich bestimmten, seine Abenteuer zu hoeren. +Ich erinnerte mich naemlich, wie ueberraschend sein Anblick, sein ganzes +Wesen in Berlin auf mich gewirkt hatten. Es war nicht der gewoehnliche +Kummer der Liebe, wie er sich bei jedem Amoroso vom Muehlendamm +ausspricht; es war ein Gram, ein tieferes Leiden, das mir um so +anziehender duenkte, als es nur ganz unmerklich und leise durch jene +Huelle schimmerte, womit die gesellschaftlichen Formen die weinende +Seele umgeben. Er schien ein Unglueck zu kennen, zu teilen, das ihn +unausgesetzt beschaeftigte, zu welchem ihn die Erinnerung sogar mitten +in einem aesthetischen Tee zurueckfuehrte. + +Das zweite, das mich zu dem jungen Mann und seinem Abenteuer zog, war +die Szene, die ich morgens vor der Peterskirche beobachtet hatte. Ich +hatte dort bemerkt, dass er sie mit Sehnsucht erwarte; sie war +gekommen, aber es schien kein froehliches Zusammentreffen. Sie schien +ihn etwas mit ihren Blicken zu fragen, das er nie beantworten, sie +schien etwas zu verlangen, das er nicht erfuellen konnte; wie schwer +musste es ihm werden, in der Ferne zu stehen und dem holden Maedchen +durch keine Silbe zu antworten! Er liess sie gehen, wie sie gekommen, +aber dann sandte er ihr Blicke voll zaertlicher Liebe nach. Warum sagte +er ihr nicht auf der Stelle, wie er sie liebe? Welche Gewalt musste sie +ueber ihn ausueben, um ihn in diese engen Schranken einer beinahe bloeden +Bescheidenheit zurueckzuweisen? Wieviel es s i e koste, sah ich an +ihrem Auge, in welchem eine Traene perlte, als sie weiter ging. + +Diese Fragen draengten sich mir auf, als ich ueber den jungen Mann und +die raetselhafte Dame nachdachte. Wo nicht ein blindes Fatum waltet und +ein Uhrwerk die Gedanken der Sterblichen treibt, da lernt keiner aus, +sei er Gott oder Teufel. Wohl sagt der Mensch, der kleinlich nur auf +die Resultate seiner Geschichte sieht: "Es wiederholt sich alles im +Leben;" aber wie es sich wiederholt, wie der endliche Geist in seiner +kurzen Spanne Zeit waechst und ringt und strebt und gegen die alte +Notwendigkeit ankaempft, das ist ein Schauspiel, das sich taeglich mit +ewig neuem Reize wiederholt; und das Auge, das von Weltintrigen +gesaettigt, vom Anschauen der Kaempfe grosser Massen ermuedet ist, senkt +sich gerne abwaerts zum kleineren Treiben des einzelnen. Drum moege es +keinem jener verehrlichen Leute, fuer die ich meine Memoiren +niederschreibe, kleinlich duenken, dass ich in Rom, wo so unendlich viel +Stoff zur Intrige, ein so grosser Raum zu einem diabolischen +Festtagsspiel ist, mit einer Liebeshistorie mich befasse.-- + +Am Abend dieses Tages fuhr ich mit einigen griechischen Kaufleuten auf +der Tiber. Wir hatten eine der groesseren Barken bestiegen und die +freien Sitze des Vorderteils eingenommen, weil das Zelt in der Mitte, +wie uns die Schiffer sagten, schon besetzt war. Der Abend war schwuel +und wirkte selbst mitten im Fluss so drueckend und ermattend auf die +Menschen, dass unser Gespraech nach und nach verstummte. Ich vernahm +jetzt ein halblautes Reden und Streiten im Innern des Zeltes; ich +setzte mich ganz nahe hin und lauschte. Es waren zwei Maenner und eine +Frau, soviel ich aus ihren Stimmen schliessen konnte. Sie sprachen aber +etwas verwirrt und gebrochen; der eine hatte gutes, wohltoenendes +Italienisch, er sprach langsam und mit vieler Salbung; die Dame +mischte unter sechs italienische Worte immer zwei spanische und ein +franzoesisches, der andere Mann, der wenig, aber schnell und mit +Leidenschaft sprach, hatte jene murmelnde, undeutliche Aussprache, an +welcher man in Italien sogleich den Deutschen oder Englaender erkennt. + +Ein kleiner Riss in der Gardine des Zeltes liess mich die kleine +Gesellschaft ueberschauen; und, o Wunder! Jene salbungsvolle Rede +entstroemte dem Kardinal Rocco! Ihm gegenueber sass eine Dame, schon ueber +die erste Bluete hinaus, aber noch immer schoen zu nennen. Ihre +beweglichen schwarzen Augen, ihre vollen Lippen, ihr etwas +nachlaessiges Kostuem, dessen Schuld der schwuele Abend tragen musste, +zeigten, dass sie mit den ersten Dreissig die Lust zum Leben noch nicht +verloren habe. An ihrer Seite glaubte ich auf den ersten, fluechtigen +Anblick Otto v. S. zu erkennen. Doch die Zuege des Mannes im Zelte +waren duesterer, sein Auge blickte nicht so offen und frei wie das des +Berliners,--ich war keinen Augenblick im Zweifel, es musste sein +Doppelgaenger, ...., sein. Aber wie! Die Dame war nicht Luise von +Palden; durfte dieser Mann so traulich neben einer andern sitzen, ohne +dieselbe Schuld wirklich zu tragen, die er der Geliebten aufbuerden +wollte! + +"Gilt dir denn meine Liebe, meine Zaertlichkeit gar nichts?" hoerte ich +die Dame sagen. "Nichts meine Aufopferung, nichts meine Leiden, nichts +meine Schande, der ich mich um deinetwillen aussetzte? Ein Wort, ein +einziges Wort kann uns gluecklich machen. Du sagst immer morgen, +morgen! Es ist jetzt Abend, warum willst du morgen doch wieder nicht?" + +"Mein Sohn," sprach der Kardinal, "ich will nichts davon sagen, dass +Euer langes Zoegern, Eure fortwaehrende Weigerung fuer unsere heilige +Kirche Beleidigung ist. Ich weiss zwar wohl, nicht Ihr seid es, der +diese Zoegerungen verschuldet; der Teufel, der leibhaftige Satan +spricht aus Euch; es ist das letzte Zucken Eurer ketzerischen +Irrtuemer, was Euch die Wahrheit nicht sehen laesst; aber beim heiligen +Kreuz, den Naegeln und der heiligen Erde beschwoere ich Euch, folget +mir, lasset Euch aufnehmen in den heiligen Schoss der Kirche zur, +Verherrlichung Gottes." + +Ha! dachte ich, den haben sie gerade recht in den Krallen. Ein schoenes +Weib, ein Kardinal Rocco und ein paar Gewissensbisse, wie der Herr im +Zelte zu haben schien,--da kann es nicht fehlen!--Er seufzte, er +blickte bald die Dame, bald den Priester mit unmutigen Blicken an. +"Ich will ja alles tun, ins Teufels Namen, alles tun," sagt er, "mein +Leben ist ohnedies schon verschuldet und vergiftet; aber wozu diese +sonderbare Prozedur? Warum soll ich vor der Welt zum Narren werden, um +die Ehre von Donna Ines wieder herzustellen?" + +"Mein Sohn, mein Sohn! Wie frevelt Ihr! Zum Narren werden, sagt Ihr? +O, Ihr verstockter Ketzer! Ihr alle seid von eurer Taufe an, wo der +Satan zu Gevatter steht, Renegaten, Abtruennige! Es ist also nur eine +Rueckkehr, kein Uebertritt, keine Ableugnung eines frueheren Glaubens. +Ihr hattet ja vorher keinen Glauben. Ihr werdet doch nicht die +Ketzerei so nennen wollen, die der Erzketzer in Wittenberg aus den +Fetzen, die er dem Heiligtum gestohlen, zusammenstueckelte?" + +"Lasset mich, Eminenz! Es ist einmal gegen meine Ueberzeugung. Ich +muesste mich ja vor ganz Deutschland schaemen." + +"O verstockter Ketzer! Schaemen, sagt Ihr? Hat sich der liebe Mann, der +Herr von Haller, auch geschaemt? Schaemen! Wie ein Heiliger wuerdet Ihr +dastehen. Braucht sich ein Heiliger zu schaemen? Hat sich der +treffliche Hohenlohe geschaemt, umgeben von Ketzern, seine Wunder zu +verrichten? Es sei gegen Eure Ueberzeugung, saget Ihr? Da sieht man +wieder den Deutschen, nicht wahr, Donna Ines, den ehrlichen Deutschen! +Zu was denn immer Ueberzeugung? Das ist ja gerade das Wunderbare am +Glauben, dass er von selbst wirkt ohne Ueberzeugung. Gesetzt, Ihr waeret +krank, mein lieber Freund; man schickt Euch den ersten Arzt der +Christenheit. Ihr seid nicht ueberzeugt, dass er der alleinige wahre +Arzt ist; aber Ihr lasst Euch gefallen, seine Arzneien einzunehmen, und +siehe, sie wirken auf Euren Koerper ohne Ueberzeugung, gerade wie uns er +Glaube auf die Seele." + +"Otto," sprach Dame Ines mit schmelzenden Toenen, "teurer Otto! Siehe, +wenn mich der heilige Mann hier nicht absolviert und beruhigt haette, +ich muesste ja schon laengst verzweifelt sein, einen Ketzer so innig zu +lieben! Wie leicht wird es dir gemacht, einer der Unsrigen zu sein und +dann ein Weib auf ewig gluecklich zu machen, das dir alles opferte! Und +bedenke die schoene Villa an der Tiber und das koestliche Haus neben dem +Palast Seiner Eminenz. Dies alles will uns der heilige Vater zur +Ausstattung schenken. Bist du nicht geruehrt von so vieler Liebe?" + +"Nicht verhehlen kann ich es Euch, mein Sohn," fuhr der beredte Mann +mit dem roten Hute fort, "nicht verhehlen kann ich es Euch, dass man im +Lateran noch heute von Euch sprach, dass es sogar Seiner Heiligkeit +selbst auffaellt, dass Ihr so lange zoegert. Bis ueber acht Tage naht ein +grosses Fest heran; welch herrliche Gelegenheit, etwas zu Gottes Ehre +zu tun, bietet sich Euch dar!" + +"Wozu doch diese Oeffentlichkeit?" fragte Otto. "Ich hasse dieses +Ruehmen und Ausschreien in alle Welt. Lasset mich still in einer +Kapelle die Zeremonie verrichten. Was nuetzt es Euch, ob ich laut und +offen das Opfer bringe! O Luise; Luise! es toetet sie, wenn sie es +hoert!" + +"Elender!" rief die Dame, indem sie in Traenen ausbrach. "Sind das +deine Schwuere? Du falsches Herz! Ich habe dir alles, alles geopfert, +und so kannst du vergelten? O Barbar! Gehe hin zu ihr, lege dich +nieder in ihre Fesseln; aber wisse, dass ich mich in die Tiber stuerze! +UEber meine armen Wuermer, meine ungluecklichen Kinder, mag sich Gott +erbarmen!" + +"Kinder, Kinder! Meine fromme Tochter, mein lieber, aber verblendeter +Sohn! Wozu dieser Skandal, diese Szene auf dem Schiffe? Stillet Eure +Traenen, schoene Frau, es wird noch alles gut werden; kommet, ich will +einen vaeterlichen Kuss auf Eure Augen druecken, so. Und Ihr, wisset Ihr +nicht, dass Ihr Euch versuendiget gegen Donna Ines! Was wollet Ihr nur +immer wieder mit der Ketzerin, die einst Eure Sinne zu bestricken +wusste? Haben wir Euch nicht Beweise genug gegeben, dass sie in einem +strafwuerdigen Verhaeltnis zu dem Teufel ist, der Eure Gestalt und +Sprache angenommen hat?" + +"Welch einfaeltiges Maerchen!" rief der junge Mann. "Was wollet Ihr auch +den Teufel ins Spiel ziehen? Ein ehrlicher Berliner ist er, ein Tropf, +dem ich das Maedchen nicht goennen mag, wenn sie mich auch zehnmal +betrog!" + +"Mein Sohn, die heilige Jungfrau schuetze uns, aber der Satan selbst +ist es. Hat es nicht letzthin meinem dienenden Frater Piccolo +getraeumt, der Teufel gehe hier in der heiligen Stadt spazieren? Alle +seine Traeume sind noch eingetroffen. Der deutsche Baron ist der +hoellische Geist selbst. Wer es aber auch sei, sie hat Euch betrogen. +Hat nicht die fromme Frau Maria Campoco Euch, selbst dieses Gestaendnis +ueber ihre Nichte gemacht? Was wollet Ihr nur auf die treulose Ketzerin +Ruecksicht nehmen!--Und schaut, was ich Euch hier mitgebracht habe," +fuhr Seine Eminenz fort, indem sie ein grosses Papier entfaltete. +"Sehet, wie ich Wort halte: Ich habe Euch versprochen, die Liste aller +derer mitzubringen, welche in Eurem Deutschland oeffentliche Ketzer, +insgeheim aber gute Christen der wahren Kirche sind. Da, leset!" + +Der junge Mann las und staunte. Er sah den Kardinal fragend an, ob er +denn wirklich dieser Schrift trauen duerfe. Donna Ines, welche +bemerkte, welch guenstigen Eindruck diese Liste mache, zog die Hand des +heiligen Mannes an den Mund und bedeckte sie mit feurigen Kuessen der +Andacht. + +"Nicht wahr," fuhr Rocco fort, "da stehen wohlklingende Namen? +Professoren, Grafen, Fuersten sogar. Freilich, diese Leute koennen nicht +so oeffentlich sich erklaeren, Freundchen. Die Politik, die Ruecksicht +auf ihre ketzerischen Untertanen erlaubt das nicht. Aber im Herzen, im +H e r z e n sind sie unser. Da, dieser Nr. 8, ich kann eure +barbarischen Namen nicht aussprechen, der wird sich sogar oeffentlich +erklaeren und seine Irrtuemer abschwoeren. Der da oben wird auch einen +tuechtigen Schritt vorwaerts tun. O! und bedenket, was erst in +Frankreich, selbst in England fuer uns getan wird, bald, vielleicht +erlebe ich es noch, bald werdet ihr alle samt und sonders zu uns +zurueckgekehrt sein. Wie herrlich muss dann ein Name, wie der Eurige, +leuchten, der nicht mit der Menge, sondern lange zuvor auf unsere +heiligen Tafeln verzeichnet wurde!" + +"Aber, o Himmel, Kardinal! Ich bin ja schlechter als die ganze Liste +dieser Heimlichen. Ihr selbst wisset, dass, wenn ich zu Eurer Kirche +abfalle, es nur geschieht, um den ewigen Klagen der Donna Ines zu +entgehen. Diese Heimlichen haben keinen Vorteil bei ihrer +Heimlichkeit. Sie gelten von aussen fuer echte Lutheraner, und was haben +sie davon, dass sie von innen roemisch sind?" + +"O Einfalt! Es ist gut, dass Ihr nicht die ketzerische Theologie studiert +habt. Ihr waeret durch das Examen gefallen! Was ist denn das Schoene +an unserer Kirche? He? Nicht nur, dass sie die alleinseligmachende; +dass sie gleichsam eine Brandversicherungsanstalt gegen die Hoelle, eine +Seelenassekuranz gegen den Tod ist; denn schon aus physischen +Gruenden kann man annehmen, dass keine Seele von den Unserigen +lange im Fegefeuer oder gar in der Hoelle verweilt, wenn sie auch ohne +Beichte abfaehrt. Antonio Montani hat berechnet, dass im Durchschnitt +hundertundzwanzig Millionen Menschen in der Hoelle und ebensoviele +im Fegefeuer sind. Nun kann man annehmen, dass seit eurer +verfluchten Reformation neunzig Millionen Ketzer, zwanzig Millionen +Tuerken und zehn Millionen Juden hinabgefahren sind. Das macht +zusammen hundertundzwanzig." + +"O, wie gut haben wir es, hochwuerdiger Herr!" sagte Ines mit +zauberischem Laecheln. "Ach, Otto! Dich soll ich an jenem Ort wissen, +in der Gesellschaft des Teufels und seiner Grossmutter? O Gott! es ist +nicht moeglich!" + +"Sodann weiter," fuhr der Salbungsvolle fort, "euer Erzketzer in +Berlin, der Schleiermacher, nimmt selbst an, dass alle Menschen +praedestiniert sind, und zwar so beilaeufig die Haelfte zum Boesen. Diese +muessen nun eine Art von Seelenwanderung in verschiedenen Stationen des +Elends machen, bis sie selig werden, und fangen mit der Hoelle an. Der +Mann hat vernuenftige Gedanken und waere wert, einst nur ins Fegefeuer +zu kommen. Aber das weiss er doch nicht recht. Wenn einer auch zehnmal +praedestiniert, zur Hoelle plombiert, zum Teufel rekommandiert ist, wir +koennen ihn doch absolvieren und _recta_ in den Himmel schicken. +Nun, und wenn man annimmt, dass das Fegefeuer hundertundzwanzig +Millionen fasst und darunter hundert Millionen Tuerken und zwanzig +Millionen Ketzer, so ist, weiss Gott, auch dort wenig Raum fuer eine +etwas liederliche Seele." + +"Ihr wisset, Eminenz, was ich von solchen Berechnungen halte; machet +mir doch Eure Sache nicht noch laecherlicher. Eure Seelenassekuranz +kann mich nicht locken. Doch ist sie gut fuers Volk, und ich begreife +nicht, warum Ihr nicht schon lange ganze Regimenter, Divisionen, ja +Armeen, Kavallerie, Infanterie, Artillerie samt dem Generalstab +oeffentlich verassekuriert habt. Das waere eine Anstalt _a la_ +Mahomed; die Kerls wuerden sich schlagen wie der Teufel; denn sie +wuessten, wenn sie heute erschossen werden, wachen sie morgen im +Paradiese auf. Lasset mich lieber noch einen Blick in die Liste +werfen, sie ist mir troestlicher; denn es stehen ganz vernuenftige +Maenner dort." + +"O dass Ihr nur ein Jahr auf einer deutschen Universitaet zugebracht +haettet! Unsere Agenten geben uns herrliche Berichte; die ketzerische +Jugend soll gegenwaertig ganz absonderlich fromm, heilig und mystisch +sein. Das Mittelalter, das gute, liebe Mittelalter versetzt sie in +diesen liebenswuerdigen Schwindel. Sie neigen sich schon ganz zu uns, +und lasset nur erst die Jesuiten recht in Deutschland ueberhandnehmen, +dann sollt Ihr erst Wunder sehen! Auch einige brave Maenner, +Professoren, nehmen sich unserer Sache an. Seht, dieser da, Nr. 172, +Signor Crusado, der umhuellt sie mit einem so tiefen symbolischen +Dunkel, dass sie bald uns er sind. Wahrlich, der Hofmechanikus Seiner +Heiligkeit, der beruehmte Signor Carlo Fiorini, hat vollkommen recht. +Er hat berechnet, wenn Deutschland einige Grade suedlicher laege, wenn +ihr eine schoenere Natur, ein wenig mehr Sinnlichkeit und Phantasie +haettet--die Ketzerei haette nie aufkommen koennen, oder ihr waeret +wenigstens schon lange wieder zurueckgekehrt." + +Die Barke stiess bei diesen Worten ans Land. Wie gerne haette ich diesem +trefflichen Pfaffen noch laenger zugehoert, wie er diese deutsche Seele +bearbeitete; es war ein schweres Stueck Arbeit, ich gestehe es. Ein +Mensch ohne Phantasie, der in den Zeremonien nur Zeremonien sieht, der +die Tendenz dieser Roemer durchschaut, der durch keinen weltlichen +Vorteil zu blenden ist; wahrlich, ein solcher ist schwer zu gewinnen. +Doch fuer diesen war mir nicht bange. Ein Kardinal Rocco und ein +schoenes Weib haben schon andere geangelt als diesen. + +Der heilige Mann stieg aus; mit Ehrfurcht empfingen die Schiffer +seinen Segen, den er mit einer Wuerde, einem Anstand, wuerdig eines +Fuersten der Kirche, erteilte. Donna Ines folgte. Ich bewunderte, +waehrend sie ueber das Brett ging, ihren feinen, zierlichen Wuchs, die +Harmonie in ihren Bewegungen und die Glut, die aus ihren Augen +strahlte und den Abend schwuel zu machen schien. Sie reichte dem +geliebten Ketzer ihre schoene Hand mit so besorgter Zaertlichkeit, mit +einem so bedeutungsvollen Laecheln, dass ich im Zweifel war, ob ich mehr +seine transmontanische Kaelte belaecheln oder den Mut bewundern sollte, +mit welchem er den geistlichen Lockungen dieser in Liebe aufgeloesten +Circe widerstand.--Am Ufer hielt ein schoener Wagen. Der dienende +Bruder Piccolo, welchem ich im Traum, in Rom spazieren gehend, +erschienen war, stand am Schlag und erwartete Seine Eminenz. Es +kostete einige Zeit, bis dieser sein Gewand zu gehoeriger Wirkung +drapiert hatte, dann erst folgte der Frater Piccolo. Der Ketzer und +seine Dame schlugen einen Fusspfad ein und gingen der Stadt zu. + +"Wer sind diese?" fragte ich den Schiffer. + +"Kennt Ihr den heiligen Mann, den Kardinal Rocco, nicht? O, es ist +einer der besten Fuesse des Heiligen Stuhls! Alle Abende faehrt er in +meiner Barke auf dem Fluss." + +"Und die Dame?" + +"Ha, das ist eine gute Christin," antwortete er mit Feuer. "Sie faehrt +beinahe immer mit dem Kardinal, zuweilen allein mit ihm, zuweilen mit +dem Manne, den Ihr gesehen. Dem traue ich nicht ganz; es ist entweder +ein Deutscher oder ein Englaender, und die sind doch Kinder des +Teufels." + +"So? Da sagt Ihr mir etwas Neues; und dieser Mann, ist er ihr Gemahl?" + +"Bewahre uns die heilige Jungfrau? Ihr Gemahl? Wo denkt Ihr hin? Da +wuerde er nicht so zaertlich mit ihr spazieren fahren. Ich denke, es ist +ihr Geliebter." + +"So ist es," sagte einer der griechischen Kaufleute, "die Dame wohnt +nicht weit von mir. Sie lebt allein mit ihren Kindern. Sie sieht +niemand bei sich als einige fromme Geistliche und diesen jungen Mann! +Er ist ihr Geliebter. Aber sie fuehren ein Hundeleben zusammen. Man +hoert sie oft beide weinen und zanken und schreien. Der junge Mann +flucht und donnert und jammert mit schrecklicher Stimme, und die Donna +weint und klagt, und die Kinder erheben ein Zetergeschrei, dass die +Nachbarn zusammenlaufen. Dann stuerzt oft der junge Mann verzweifelnd +aus dem Haus und will fliehen, aber die Donna setzt ihm mit fliegenden +Haaren nach, und die Kinder laufen heulend hinterdrein. Sie fasst ihn +unter der Tuere am Gewand, sie achtet nicht auf die Menschen, die +umherstehen. Sie zieht ihn zurueck ins Haus und besaenftigt ihn; und +dann ist es oft auf viele Tage stille, bis das Wetter von neuem +losbricht." + +"Heilige Jungfrau," rief der Schiffer, "und hat er sie noch nie +totgestochen im Zorn?" + +"Wie Ihr seht, nein!" erwiderte der Grieche. "Aber krank ist sie schon +oft geworden, wenn er so greulich raste. Dann lief er schnell zu drei, +vier Doktoren, um sie wieder ins Leben zurueckzurufen. Es sind doch +gute Seelen, diese Deutschen!" + +So sprachen diese Maenner, und ich ging von ihnen in tiefen Gedanken +ueber das, was ich gehoert und gesehen hatte. Jenes Wort des jungen +Berliners fiel mir wieder bei, der den Kardinal Rocco beschuldigte, +ein schoenes, gutes Herz gebrochen zu haben. Welches andere Herz konnte +dies sein als Luisens? Ich glaubte deutlich zu sehen, dass der Priester +den Kapitaen der Geliebten entzogen, indem er sie verleumdet, dass er +ihn in die Fesseln dieser Donna Ines geschmiedet habe, um ihn fuer die +Kirche zu gewinnen. Aber wie war alles dies geschehen? Wie hatte er +diesen Mann aus den Armen seines Maedchens ziehen, von einem Herzen +hinwegreissen koennen, das ihn mit so heisser Glut umfing? Sollten jene +Beschuldigungen von Untreue wahr sein, die der Kardinal dem Kapitaen +einfluesterte? Hatte sie wirklich den jungen Mann, der ihm so aehnlich +sah, vorgezogen? Doch ich wusste ja, wo ich mir Gewissheit verschaffen +konnte. Ich beschloss, bei guter Zeit am naechsten Morgen den Berliner +wieder aufzusuchen. + +Herr v. S..... schien mich liebgewonnen zu haben; denn er empfing mich +mit Herzlichkeit und einem Wohlwollen, das selbst den Teufel erfreut, +wenn er auch schon an dergleichen gewoehnt ist. Ich hatte mir +vorgenommen, von meiner gestrigen Fahrt und den Wunderdingen, die ich +gehoert hatte, noch nichts zu erwaehnen, um den Verlauf seiner +Geschichte zuvor desto ungestoerter zu vernehmen. + +"Von allem Unglueck, das die Erde traegt," fuhr er zu erzaehlen fort, +"scheint mir keines groesser, schmerzlicher und ruehrender als jener +stille, tiefe Gram eines Maedchens, das ungluecklich liebt oder dessen +zartes, gluehendes Herz von einem Elenden zur Liebe hingerissen und +dann betrogen wird. Der Mann hat Kraft, seinen Gram zu unterdruecken, +den Verrat seiner Liebe zu raechen, die gepresste Brust dem Freunde zu +oeffnen; das Leben bietet ihm tausend Wege, in Muehe und Arbeit, in +weiter Ferne Vergessenheit zu erringen. Aber das Weib?--Der haeusliche +Kreis ist so enge, so leer. Jene taeglich wiederkehrende Ordnung, jene +stille Beschaeftigung mit tausend kleinen Dingen, der sie sich in der +Zeit gluecklicher Liebe froehlich, beinahe unbewusst hingab, wie drueckend +wird sie, wenn sich an jeden Gegenstand die Erinnerung an ein +verlorenes Glueck heftet! Wie traege schleicht der Kreislauf der +Stunden, wenn nicht mehr die suessen Traeume der Zukunft, nicht der +Zauber der Hoffnung, nicht die Seligkeit der Erwartung den Minuten +Fluegel gibt, wenn nicht mehr das von gluecklicher Liebe pochende Herz +den Schlag der Glocke uebertoent! + +Doch, wozu Sie auf ein Unglueck vorbereiten, das Sie nur zu bald +erfahren werden? Hoeren Sie weiter: Mein Wunsch, Luise von Palden im +Hause des Gesandten zu sehen, gelang. Schon nach einigen Tagen wurde +sie durch seine Schwester dort eingefuehrt. Sie erroetete, als sie mich +zum ersten Male dort sah, doch sie schien mich wie einen alten +Bekannten dort zu nehmen; es schien sie zu freuen, unter so vielen +fremden Maennern einen zu wissen, der ihr naeher stand. Denn so war es; +sei es, dass die Erinnerung an unser sonderbares Abenteuer mich aus +einem Fremden zum Bekannten machte, sei es, dass sie gerne zu mir +sprach, weil ich die Zuege ihres Freundes trug, sie unterschied mich +auffallend von allen uebrigen Maennern, die dieser seltenen Erscheinung +huldigten. Sie laecheln, Freund? Ich errate Ihre Gedanken--" + +"Ich finde, Sie sind zu bescheiden; koennte es nicht auch Ihre eigene +Persoenlichkeit gewesen sein, was das Fraeulein anzog?" + +"Nein, denken Sie nicht so von diesem himmlischen Geschoepf; ich +gestehe, ich war ein Tor, ich machte mir Hoffnung, sie fuer mich +gewinnen zu koennen; ja, Freund, ich sagte ihr sogar, was ich fuerchte--" + +"Und Sie wurden nicht erhoert? Das treue, ehrliche Kind! Und ihr +Kapitaen lag vielleicht gerade in den Armen einer andern!" + +Der Berliner stutzte. "Wie? Was wissen Sie?" fragte er betroffen. "Wer +hat Ihnen gesagt, dass West noch eine andere liebe?" + +"Nun, Sie selbst haben mich genug darauf vorbereitet," erwiderte ich; +"sagten Sie nicht, dass jener das Maedchen betrog?" + +"Sie haben recht;--nun, ich wurde laechelnd abgewiesen, abgewiesen auf +eine Art, die mich dennoch gluecklich, unaussprechlich gluecklich +machte. Sie war keinen Augenblick ungehalten, sie gestand mir, dass ich +ihr als Freund willkommen sei, dass ihr Herz keinem andern mehr gehoeren +koenne. Sie sagte mir auch manches von ihren Verhaeltnissen, was ganz +mit dem uebereinstimmte, was uns die Schwester des Gesandten erzaehlte; +sie gestand, dass sie nur darum nach Rom gezogen sei, weil den Kapitaen +seine Verhaeltnisse hierherriefen; sie gestand, dass er einen +Rechtsstreit wegen einer Erbschaft hier habe, dass er, sobald die Sache +entschieden sei, vielleicht schon in wenigen Wochen, sie zum Altar +fuehren werde. + +Etwa eine Woche nach diesem aufrichtigen Gestaendnis rief mich eines +Abends der Gesandte aus dem Salon, in welchem die Gesellschaft +versammelt war, zu sich. Es war nichts Seltenes, dass er sich mir in +Geschaeftssachen mitteilte, weil ich sein Vertrauen auf eine ehrenvolle +Art besass; doch die Zeit war mir auffallend, und es musste etwas von +Wichtigkeit sein, weswegen er mich aus dem Kreis der Damen aufstoerte. + +'Kennen Sie einen gewissen Kapitaen West?' fragte er, indem er mich mit +forschenden Blicken ansah. + +'Ich habe einen Kapitaen West fluechtig kennen gelernt,' gab ich ihm zur +Antwort. + +'Nun, so fluechtig muss es doch nicht sein,' entgegnete er mir, 'da Sie +ein Duell mit ihm gehabt.' + +Ich sagte ihm, dass ich Streit mit ihm gehabt wegen einer ziemlich +gleichgueltigen Sache; es sei aber alles guetlich beigelegt worden. +Dennoch war es mir auffaellig, woher der Gesandte diesen Streit +erfahren hatte, den ich so geheim als moeglich hielt, und von welchem +Luise in seinem Hause gewiss nichts erwaehnt hatte. + +'Wegen einer Dame haben Sie Streit gehabt,' sagte er; 'doch moechte ich +Ihnen raten, solche Haendel wegen einer so zweideutigen Person zu +vermeiden. Sie wissen selbst, wenn man einmal einen oeffentlichen, +besonders einen diplomatischen Charakter hat, ist dergleichen in einem +fremden Lande wegen der Folgen fuer beide Teile fatal.' + +Der Ton, worin dies gesagt wurde, fiel mir auf. Er war sehr ernst, +sehr warnend; noch schmerzlicher beruehrte mich, was er ueber jene Dame +sagte, 'zweideutige Person'! Und doch sass gerade diese Person als +Krone der Gesellschaft in seinem Salon, er selbst, ich hatte es +deutlich gesehen, er selbst hatte noch vor einer halben Stunde mit ihr +auf eine Art gesprochen, die mich, in dem alten Herrn einen +aufrichtigen Bewunderer ihrer Reize und ihres glaenzenden Verstandes +sehen liess. Ich konnte eine Bemerkung hierueber nicht unterdruecken; ich +bat ihn hoeflich, aber so fest als moeglich, in meiner Gegenwart nicht +mehr s o von einer Dame zu sprechen, die ich achte und die einen so +entschiedenen Rang in der Gesellschaft einnehme. Ich wolle davon gar +nicht reden, dass er selbst sein Haus beschimpfe, wenn er in solchen +Ausdruecken von seinen Gaesten spreche. + +Er sah mich verwundert an; er sagte mir, er koenne meine Reden nicht +begreifen; denn weder behaupte die Dame einen Rang, in der +Gesellschaft, die e r sehe, noch habe sie je einen Fuss ueber seine +Schwelle gesetzt. Die Reihe zu erstaunen war jetzt an mir; ich sah, +dass hier ein Irrtum vorwalte, und belehrte ihn, dass Fraeulein von +Palden die Dame sei, um die wir uns schlagen wollten. 'Verzeihen Sie,' +rief er, 'man sagt mir, Sie haben sich wegen der Geliebten dieses +Kapitaens West geschlagen; daher glaubte ich, Ihnen dies sagen zu +muessen.' + +'Und wenn dies nun dennoch waere?' fragte ich. 'Kennen Sie denn die +Geliebte des Kapitaens?' + +'Gott soll mich bewahren;' entgegnete er. 'Nein, ich glaube, er hat +schon selbst genug an seiner Spanierin.' + +Ich staunte von neuem. 'Von einer Spanierin sprechen Sie? Wie kommen +Sie nur darauf? Ich weiss bestimmt, dass der Kapitaen eine deutsche Dame +liebt!' + +'Um so schlimmer fuer das arme Kind in Deutschland,' war seine Antwort; +'wie die Sachen stehen, scheint man im Lateran ernstlich daran zu +denken, den goldenen Quadrupeln der schoenen Donna Gehoer zu geben und +ihre fruehere Ehe, weil sie nicht ganz gueltig vollzogen war, fuer +nichtig zu erklaeren. Der Kapitaen macht eine gute Partie, aber--jeder +Mann von Ehre wird diesen Schritt missbilligen.' + +Ich stand wie vom Donner geruehrt vor dem alten Mann; entweder lag hier +eine Verwechslung der Namen und Personen zugrunde, oder es war ein +schreckliches Geheimnis und der Kapitaen ein Betrueger, der Luisens +Glueck vielleicht auf ewig zerstoert hatte. + +Ich sagte dem Gesandten geradezu, dass er mit mir ueber Dinge spreche, +die mir voellig unbekannt seien. Er staunte, doch glaubte er, da er +schon so viel gesagt hatte, mir die weitere Erklaerung dieser Raetsel +schuldig zu sein. 'Dieser Kapitaen West ist ein Sachse,' erzaehlte er; +'er diente frueher im Generalstab und wurde dann zu einer +diplomatischen Sendung nach Spanien verwandt; er soll ein Mann von +vielen Talenten, aber etwas zweideutigem Charakter sein. Warum die +Wahl gerade auf ihn fiel, da noch aeltere Leute und aus guten Haeusern +im Departement waren, ist mir unbekannt; nur so viel erfuhr ich +zufaellig, dass man ihn damals von Dresden habe entfernen wollen. Man +erzaehlt sich, er habe in Madrid in einem Verhaeltnis zu einer schoenen +jungen Frau gelebt; sie war eine Spanierin, aber an einen alten +Englaender verheiratet, der sie vielleicht nicht so strenge unter +Schloss und Riegel hielt, wie man sonst in Spanien zu tun pflegt. + +Als aber endlich dieses Verhaeltnis zu den Ohren des Englaenders kam, +bewirkte dieser, dass der Kapitaen von seinem Posten abgerufen und sogar +aus dem Dienst entlassen werde. Doch sagen andere, er selbst habe aus +Aerger ueber seine schnelle Abberufung quittiert. Doch das Beste kommt +noch; einige Wochen nach seiner Abreise war die Frau des Englaenders +mit ihren beiden Kindern ploetzlich verschwunden, man kann sagen, +spurlos verschwunden; denn so viele Muehe sich ihr Gatte gab, ihrer +habhaft zu werden, alles war vergeblich. Vielleicht scheiterten auch +seine Bemuehungen an den Unruhen, die gerade in jener Zeit ausbrachen +und die Kommunikation mit Frankreich sehr erschwerten. + +Der Verdacht dieses Englaenders fiel, wie natuerlich, vor allem auf den +Kapitaen West. Er wusste es zu machen, dass dieser in Paris angehalten +und verhoert werde. Man sagt, er solle sehr betreten gewesen sein, als +er die Nachricht von der Flucht dieser Dame hoerte; er wies sich aber +aus, dass er die Reise bis nach Paris allein gemacht habe, und +bekraeftigte mit einem Eide, dass er von diesem Schritt der Donna nichts +wisse. + +Etwa ein Vierteljahr nachher kam er nach Rom und lebt seitdem hier +sehr still und eingezogen, besucht keine Gesellschaft, hat keinen +Freund, keinen Bekannten; vorzueglich vermeidet er es, mit Deutschen +zusammenzutreffen. + +Um diese Zeit, fuhr der Gesandte fort, sei von seinem Hofe die Anfrage +an ihn ergangen, ob dieser West sich in Rom befinde, wie er lebe, und +ob er nicht in Verhaeltnis mit einer Spanierin sei, die sich ebenfalls +hier aufhalten muesse. Man habe ihm dabei die Geschichte dieses +Kapitaens West mitgeteilt und bemerkt, dass der Englaender von neuem +Spuren von seiner Frau entdeckt habe, die beinahe mit Gewissheit +annehmen lassen, dass sie in Rom sich aufhalte. Man habe deswegen von +Spanien aus sich an die paepstliche Kurie gewandt; es scheine aber, man +wolle sich hier der Dame annehmen; denn die Antwort sei sehr +zweifelhaft und unbefriedigend ausgefallen. Der Gesandte tat die +noetigen Schritte und erfuhr wenigstens so viel, dass jener Verdacht +bestaetigt saehen. Er wandte sich nun auch an Consalvi, um zu erfahren, +ob der roemische Hof in der Tat die Dame in seinen Schutz nehme, und +erhielt die in eine sehr bestimmte Bitte gefasste Antwort, man moechte +diese Sachen beruhen lassen, da die Ehe der Donna Ines mit dem +Englaender wahrscheinlich fuer ungueltig erklaert werde.' + +Dies erzaehlte mir der Gesandte; er fuegte noch hinzu, dass er aus +besonderem Interesse an diesem Fall dem Kapitaen immer nachgespuert +habe, und so sei ihm auch der Streit zu Ohren gekommen, den ich im +Karneval mit jenem 'wegen einer Dame' gehabt habe. + +Sie koennen sich denken, Freund, welche Qualen ich schon waehrend seiner +Erzaehlung empfand, und als ich das ganze Unglueck erfahren hatte, stand +ich wie vernichtet. Der Gesandte verliess mich, um zu der Gesellschaft +zurueckzukehren; ich hatte kaum noch so viel Fassung, ihn zu bitten, er +moechte niemand etwas von diesen Verhaeltnissen wissen lassen; das Warum +versprach ich ihm ein andermal. + +Ich konnte von dem Zimmer, wohin der Gesandte mich gerufen, den Salon +uebersehen, ich konnte Luise sehen, und wie schmerzlich war mir ihr +Anblick! Sie schien so ruhig, so gluecklich. Der Friede ihrer schoenen +Seele lag wie der junge Tag freundlich auf ihrer Stirne; ihr sanftes +blaues Auge glaenzte, vielleicht von der Erwartung einer schoenen +Abendstunde, und das Laecheln, das ihren Mund umschwebte, schien der +Nachklang einer freudigen Erinnerung hervorgelockt zu haben. Nein, es +war mir nicht moeglich, diesen Anblick laenger zu ertragen, ich eilte +ins Freie, um dieses Bild durch neue Bilder zu verdraengen; aber wie +war es moeglich? Der Gedanke an sie kehrte schmerzlicher als je zurueck; +denn der Friede der Natur, der zauberische Schmelz der Landschaft, die +suesse Ruhe, die diese Fluren atmeten, erinnerten sie mich nicht immer +wieder an jenes holde Wesen? Und die Wolken, die sich am fernen +Horizont schwaerzlich auftuermten und ein naechtliches Gewitter +verkuendeten, hingen sie nicht ueber der friedlichen Landschaft wie das +Unglueck, das Luisen drohte? + +Ich ging nach Hause; ich dachte nach, ob nicht Rettung moeglich sei, ob +ich sie nicht losmachen koenne von dieser schrecklichen Verbindung. +Doch, war nicht zu befuerchten, dass sie mir misstrauen werde? Sie wusste, +ich liebe sie; kannte sie mich hinlaenglich, um nicht an der Reinheit +meiner Absichten zu zweifeln? Ich konnte es nicht ueber mich gewinnen, +ihr selbst ihr Unglueck zu verkuenden. Nur einen Ausweg glaubte ich +offen zu sehen; ich wollte ihn selbst zur Rede stellen, den Elenden, +ich wollte ihn bewegen, einen entscheidenden Schritt auf die eine oder +die andere Seite zu tun. Ja, darin glaubte ich einen gluecklichen Weg +gefunden zu haben; er selbst musste ihr sagen, dass er nicht mehr +verdiene, von ihr geliebt zu werden; und dann, dachte ich, dann wird +sie zwar ungluecklich sein, aber ich will versuchen, sie gluecklich zu +machen; durch ein langes Leben voll Treue und Liebe will ich ihr +Unglueck zu mildern suchen." + +"Aber wie konnten Sie glauben," rief ich, ueber diese romantischen +Ideen unwillkuerlich laechelnd, "wie konnten Sie glauben, Freund, dass +ein Kapitaen West zu diesem sonderbaren Gestaendnisse sich hergeben +werde? In Romanen mag dies der Fall sein, aber, Herr! in der +Wirklichkeit? Haben Sie je einen Narren der Art gekannt?' + +"Ach, ich dachte zu gut von den Menschen," antwortete er. "Ich dachte, +wie ich, muss jeder fuehlen.--Ich ging in die Wohnung des Kapitaens West. +Er wohnte schlecht, beinahe aermlich. Ich traf ihn, wie er einen +schoenen Knaben von acht Jahren auf den Knien hatte, welchen er lesen +lehrte. Erroetend setzte er den Knaben nieder und stand auf, mich zu +begruessen. 'Ei, Papa,' rief der Kleine, 'wie sieht dir dieser Herr so +aehnlich!' + +Der Kapitaen geriet in Verlegenheit und fuehrte den Knaben aus dem +Zimmer. 'Wie,' sagte ich zu ihm, 'Sie haben schon einen Knaben von +diesem Alter? Waren Sie frueher verheiratet?' + +Er suchte zu lachen und die Sache in einen Scherz zu drehen; er +behauptete, der Knabe gehoere in die Nachbarschaft, besuche ihn +zuweilen und nenne ihn Papa, weil er sich seiner annehme. + +'Er gehoert wohl der Donna Ines?' fragte ich, indem ich ihn scharf +ansah. Noch nie zuvor hatte ich gesehen, wie schrecklich das boese +Gewissen sich kundtut; er erblasste, seine Augen glaenzten wie die einer +Schlange, ich glaubte, er wolle mich durchbohren. Noch ehe er sich +hinlaenglich gesammelt hatte, um mir zu antworten, sagte ich ihm gerade +ins Gesicht, was ich von ihm wisse und was ich von ihm verlange, um +das Fraeulein nicht voellig ungluecklich, zu machen. + +Er lief in Wut im Zimmer umher, er schimpfte auf Zwischentraeger und +Zudringliche; er behauptete, ich habe die ganze Geschichte aufgedeckt, +um Luise von ihm zu entfernen. Ich liess ihn ausreden; dann sagte ich +ihm mit kurzen Worten, wie ich sein Verhaeltnis zu der Spanierin +erfahren habe, und bat ihn noch einmal mit den herzlichsten Toenen +unserer Sprache, das Fraeulein so schonend als moeglich von sich zu +entfernen. + +Es gelang mir, ihn zu ruehren; aber nun hatte ich eine andere +unangenehme Szene durchzukaempfen; er klagte sich an, er weinte, er +verfluchte sich, das holde Geschoepf so schaendlich betrogen zu haben. +Er schwor, sich von der Spanierin zu trennen; er flehte mich an, ihn +zu retten; er gestand mir, dass er sich von einem Netz umstrickt sehe, +das er nicht gewaltsam durchbrechen koenne, weil einige hohe Geistliche +der Kirche kompromittiert wuerden. Er ging so weit, mich zu zwingen, +seine Geschichte anzuhoeren, um vielleicht milder ueber ihn urteilen zu +koennen. Es war die Geschichte eines--Leichtsinnigen. Dieses Wort moege +entschuldigen, was vielleicht s c h l e c h t genannt werden koennte. +Es lag in dem Wesen dieses Mannes ein Etwas, das ihn bei den Frauen +sehr gluecklich machen musste. Es war der aeussere Anschein von Kraft und +Entschlossenheit, die ihm uebrigens sein ganzes Leben hindurch +gemangelt zu haben schienen. Er musste eine fuer seinen Stand +ausgezeichnete Bildung gehabt haben; denn er sprach sehr gut, seine +Ausdruecke waren gewaehlt, seine Bilder oft wahrhaft poetisch, er konnte +hinreissen, so dass ich oft glaubte, er spreche mit Eifer von einem +Dritten, waehrend er mir seinen eigenen beklagenswerten Zustand +schilderte. Ich habe dies oft an Menschen bemerkt, die sonst ihrem +Triebe folgen, in den Tag hineinleben, ohne sich selbst zu pruefen, und +erst in dem Moment der Erzaehlung ueber sich selbst fluechtig nachdenken. +Sie werden dann durch die Sprache selbst zu einem eigentuemlichen Feuer +gesteigert, sie sprechen mit Umsicht von sich selbst; doch eben weil +diese ihnen sonst abging, ist man versucht, zu glauben, sie spraechen +von einem Dritten. + +Es war Luise, die ihn zuerst liebte; er erkannte ihre Neigung; +Eitelkeit, die herrlich aufbluehende Schoenheit, die Tochter eines der +ersten Haeuser der Stadt, fuer sich gewonnen zu haben, riss ihn zu einem +Gefuehl hin, das er fuer Liebe hielt. Der Vater sah dies Verhaeltnis +ungerne. Ich konnte mir denken, dass es vielleicht weniger Stolz auf +seine Ahnen, als die Furcht vor dem schwankenden Charakter des +Kapitaens war, was ihn zu einer Haerte stimmte, welche die Liebe eines +Maedchens wie Luise immer mehr anfachen musste. Er soll ihr, was ich +jetzt erst erfuhr, auf seinem Sterbebette den Fluch gegeben haben, +wenn sie je mit dem Kapitaen sich verbinde. + +West suchte die Geschichte mit der Frau des Englaenders auf Verfuehrung +zu schieben. Ich habe eine solche bei einem Manne, der das Bild der +Geliebten fest im Herzen traegt, nie fuer moeglich gehalten. Doch die +Strafe ereilte ihn bald. Er gestand mir, dass er froh gewesen sei, als +er, vielleicht durch Vermittlung des Englaenders, von seinem Posten +zurueckberufen wurde. Donna Ines habe ihm allerlei sonderbare +Vorschlaege zur Flucht gemacht, in die er nicht habe eingehen koennen; +er sei, ohne Abschied von ihr zu nehmen, abgereist. Was ihn eigentlich +bestimmte, nach Rom zu gehen, sah ich nicht recht ein, und er suchte +auch ueber diesen Punkt so schnell als moeglich hinwegzukommen. Er +erzaehlte ferner, wie er durch Luisens Ankunft erfreut worden sei, wie +er sich vorgenommen, nur ihr, ihr allein zu leben. Doch da sei +ploetzlich Donna Ines in Rom erschienen, sie habe sich mit zwei Kindern +gefluechtet, sei ihm nachgereist und habe jetzt verlangt, er solle sie +heiraten. + +Es entging mir nicht, dass der Kapitaen mich hier belog. Ich hatte von +dem Gesandten bestimmt erfahren, dass jener schon in Paris angehalten +und ueber die Flucht der Donna zur Rede gestellt worden sei; er konnte +sich also denken, dass sie ihm nachreisen werde, und dennoch knuepfte er +die Liebe zu Luisen von neuem an. Ferner, wie haette es Ines wagen +koennen, ihm zu folgen, wenn er ihr nicht versprochen haette, sie zu +heiraten, wenn er sie nicht durch tausend Vorspiegelungen aus ihrem +ruhigen Leben herausgelockt und zur Abenteurerin gemacht haette? + +Er schilderte mir nur ein Gewebe von ungluecklichen Verhaeltnissen, in +welche ihn diese Frau, die mit allen Kardinaelen, namentlich mit Pater +Rocco, schnell bekannt geworden, gefuehrt habe. Es werde ernstlich an +der Aufloesung ihrer frueheren Ehe gearbeitet, und es war als bekannt +angenommen worden, dass er die Geschiedene heiraten werde. + +'Sie sagten mir hier nichts Neues,' antwortete ich ihm; 'dies alles +beinahe wusste ich vorher. Aber ich hoffe, dass Sie als Mann von Ehre +einsehen werden, dass das Verhaeltnis zu Fraeulein von Palden nicht +fortdauern kann, oder Sie muessen sich von der Spanierin lossagen.' + +Das letztere koenne er nicht, sagte er, er habe von ihr und dem +Kardinal Rocco Vorschuesse empfangen, die sein Vermoegen ueberstiegen; er +koenne also wenigstens im Augenblicke keinen entscheidenden Schritt +tun. + +'Im Augenblicke heisst hier nie,' erwiderte ich ihm. 'Sie werden sich +aus diesen Banden, wenn sie s o beschaffen sind, nie mit Anstand +losmachen koennen. Ich halte es also fuer Ihre heiligste Pflicht, Luise +nicht noch ungluecklicher zu machen; denn was kann endlich das Ziel +Ihrer Bestrebungen sein?' + +Er erroetete und meinte, ich halte ihn fuer schlechter, als er sei. Doch +er fuehle selbst, dass man einen Schritt tun muesse. Er glaube aber, es +sei dies meine Sache. Er trete mir Luise ab, ich solle mir auf jede +Art ihre Gunst zu erwerben suchen und sie gluecklich machen. Er hatte +Traenen in den Augen, als er dies sagte, und ich sah mit beinahe zu +mitleidigen Augen, wie weit ein Mensch durch Leichtsinn kommen koenne. + +Ich ging, um nichts weiser geworden, ohne dass ein wirklicher Entschluss +gefasst worden war, von dem Kapitaen; mein Gefuehl war eine Mischung von +Verachtung und Bedauern. Auf der Treppe begegnete mir wieder der +schoene Knabe und fragte, ob er wohl jetzt zu Papa kommen duerfte." + +"Ha! Und jetzt setzten Sie wohl alle Segel auf, Freundchen," fragte +ich; "jetzt machten Sie wohl Jagd auf die schoene Galeere Luise?" + +"Ja und nein," antwortete er truebe; "sie schien meine Liebe zu +uebersehen, nicht zu achten; aber bald bemerkte ich, dass sie +aengstlicher werde in meiner Naehe; es schmerzte sie, dass mir ihre +Freundschaft nicht genuegen wolle. Und jener Elende, sei es aus Bosheit +oder Leichtsinn, zog sich nicht von ihr zurueck, ich vermute es sogar, +er hat sie vor mir gewarnt. So standen die Sachen, als die Zeit, die +ich in Rom zubringen sollte, bald zu Ende ging. Im Kabinett des +Gesandten arbeitete man schon an Memoiren, die man mir nach Berlin +mitgeben wollte, man wunderte sich, dass ich noch keine +Abschiedsbesuche mache,--und ich, ich lebte in dumpfem Hinbrueten; ich +sah nicht ein, wie ich dieser Reise entfliehen konnte, und dennoch +hielt ich es nicht fuer moeglich, Luise zu verlassen, jetzt, da ihr +vielleicht bald der schrecklichste Schlag bevorstand. Oft war ich auf +dem Punkt, ihr alles, alles zu entdecken; aber wie war es mir moeglich, +ihre himmlische Ruhe zu zerstoeren, das Herz zu brechen, das ich so +gerne gluecklich gewusst haette? + +Da stuerzte eines Morgens der Kapitaen West in mein Zimmer; er war +bleich, verstoert; es dauerte eine lange Zeit, bis er sich fassen und +sprechen konnte. 'Jetzt ist alles aus,' rief er; 'sie stirbt, sie muss +sterben, dieser Kummer wird sie zerschmettern!' Er gestand, dass Donna +Ines oder der Kardinal Rocco seine Liebe zu Luisen entdeckt haetten; +ihr schrieben sie sein Zoegern, sein Schwanken zu, und der Kardinal +hatte geschworen, er wolle an diesem Tage zu dem deutschen Fraeulein +gehen und sie zur Rede stellen, wie sie es wagen koenne, einen Mann, +der schon so gut als verehelicht sei, von seinen Pflichten +zurueckzuhalten. + +Ich kannte diesen Priester und seine tueckische Arglist, ich erkannte, +dass die Geliebte verloren sei. Ich weiss Ihnen von dieser Stunde, von +diesem Tage wenig mehr zu erzaehlen. Ich weiss nur, dass ich den Kapitaen +in kalter Wut zur Tuere hinaus schob, mich schnell in die Kleider warf +und wie ein gejagtes Wild durch die Strassen dem Hause der Signora +Campoco zulief. Als ich unten an dieser Strasse anlangte, sah ich einen +Kardinal sich demselben Hause naehern. Er schritt stolz einher, Frater +Piccolo trug ihm den Mantel; es war kein Zweifel, es war Rocco. Ich +setzte meine letzten Kraefte daran, ich rannte wie ein Wahnsinniger auf +ihn zu; doch--ich kam eben an, als mir Piccolo mit teuflischem Laecheln +die Tuere vor der Nase zuwarf. + +Eine Art von Instinkt trieb mich, all diesem Jammer zu entfliehen. Ich +ging, wie ich war, zu dem Gesandten und sagte ihm, dass ich noch in +dieser Stunde abreisen werde. Er war es zufrieden, gab mir seine +Auftraege, und bald hatte ich die heilige--unglueckselige Stadt im +Ruecken. Erst als ich nach langer Fahrt zu mir selbst kam, als meine +Vorstellungen sich wieder ordneten und deutlicher wurden, erst dann +tadelte ich meine Feigheit, die mich zu dieser uebereilten Flucht +verfuehrte. Ich tadelte meine ganze Handlungsweise, ich klagte mich an, +die Unglueckliche auf diesen Schlag nicht vorbereitet zu haben;--doch +es war zu spaet, und wenn ich mir meine Gefuehle, meine ganze Lage +zurueckrief, ach, da schien es so verzeihlich, die Geliebte verschont +zu haben! So kam ich nach Berlin, in dieser Stimmung trafen Sie mich +dort, und ein Teil dieser Geschichte war es, den ich damals im Hause +meiner Tante erzaehlt habe." + +Der junge Mann hatte geendet; seine Zuege hatten nach und nach jene +Trauer, jene Wehmut angenommen, die ich in seinem Wesen, als ich ihn +in Berlin sah, zu bemerken glaubte; er war ganz derselbe, der er an +jenem Abend war, und die Worte seiner Tante, er sehe seit seiner +Zurueckkunft so geheimnisvoll aus, kamen mir wieder in den Sinn und +liessen mich den richtigen Blick dieser Dame bewundern. An seiner +ganzen Historie schienen mir uebrigens nur zwei Dinge auffallend. +Unglueckliche Maedchen wie das Fraeulein, abenteuernde Damen wie Ines, +intrigante Priester wie Kardinal Rocco hatte ich auf der Welt schon +viele gesehen. Aber die beiden Maenner waren mir als Menschenkenner +etwas raetselhaft. Der Kapitaen hatte allerdings schon einen bedeutenden +Grad in meinem Reglement erlangt; aber unbegreiflich war es mir, wie +sich dieser Mann so lange auf einer Stufe halten konnte, da doch nach +moralischen wie nach physischen Gesetzen ein Koerper, welcher abwaerts +gleitet, immer schneller faellt. Er war falsch, denn er spielte zwei +Rollen; er war leichtsinnig, denn er vergass sich alle Augenblicke; er +war eifersuechtig, obgleich er es selbst mit zwei Frauen hielt; er war +schnell zum Zorn reizbar; als deutscher Kapitaen liebte er +wahrscheinlich auch das _Est, Est, Est_, Eigenschaften, die nicht +lange auf einer Stufe lassen. Ein anderer an seiner Stelle waere +vielleicht aus Eifersucht und Zorn schon laengst ein Totschlaeger +geworden; ein zweiter waere, leichtsinnig wie er, all diesem Jammer +entflohen, haette die Donna Ines hier und Fraeulein Luise dort sitzen +lassen und vielleicht an einem andern Orte eine andere gefreit; ein +dritter haette vielleicht der Donna Gift beigebracht, um die schoene +Saechsin zu besitzen oder aus Verzweiflung die letztere erdolcht. + +Aber wie langweilig duenkte es mir, dass das Fraeulein noch in demselben +Zustande war, dass die beiden Anbeter noch nicht in Streit geraten +waren, dass das Ende von diesen Geschichten ein Uebertritt zur roemischen +Kirche, eine Hochzeit der Donna Ines und vielleicht eine zweite, +Luisens mit dem Berliner, werden sollte? + +Denn eben dieser ehrliche Berliner! Er stand zwar in etwas entfernten +Verhaeltnissen zu mir, doch wusste ich, wenn ich ihm das Ziel seines +heimlichen Strebens, das Fraeulein, recht lockend, recht reizend +vorstellte, wenn ich ihren Besitz ihm von ferne moeglich zeigte, so +machte er Riesenschritte abwaerts, denn seine Anlagen waren gut. Ich +beschloss daher, mir ein kleines Vergnuegen zu machen und die Leutchen +zu hetzen. + +Waehrend diese Gedanken fluechtig in mir aufstiegen, wurde dem Herrn von +S. ein Brief gebracht. Er sah die Aufschrift an und erroetete, er riss +das Siegel auf, er las, und sein Auge wurde immer glaenzender, seine +Stimme heiterer. "Der Engel!" rief er aus. "Sie will mich dennoch +sehen! Wie gluecklich macht sie mich! Lesen Sie, Freund," sagte er, +indem er mir den Brief reichte; "muessen solche Zeilen nicht +begluecken?" + +Ich las: "Mein treuer Freund! Mein Herz verlangt darnach, Sie zu +sprechen. Ich wollte Sie nicht mehr sehen, nicht mehr sprechen, bis +Sie mir gute Nachrichten zu bringen haetten; Sie selbst sind es +eigentlich, der diesen Bann aussprach. Doch heben Sie ihn auf, Sie +wissen, wie troestlich es mir ist, mit Ihnen sprechen zu koennen. Der +Fromme ist wieder hier; er verspricht sich das Beste von West. Ach! +dass er ihn zurueckbraechte von seinem Abwege, nicht zu mir, meine Augen +duerfen ihn nicht mehr sehen, nur zurueck von dieser Schmach, die ich +nicht ertragen kann. L. v. P. + +N. S. Wissen Sie in Rom keinen Deutschen, der in Mecklenburg bekannt +waere? West hat dort Verwandte, die vielleicht in der Sache etwas tun +koennten." + +"Ich kann mir denken, dass dieses schoene Vertrauen Sie erfreuen muss," +sagte ich; "doch einiges ist mir nicht recht klar in diesem Brief, das +Sie mir uebrigens aufklaeren werden. Wegen der Verwandten in Mecklenburg +kann sich uebrigens das Fraeulein an niemand besser wenden als an mich; +denn ich war mehrere Jahre dort und bin beinahe in allen Familien +genau bekannt." + +Der junge Mann war entzueckt, dem Fraeulein so schnell dienen zu koennen. +"Das ist trefflich!" rief er. "Und Sie begleiten mich wohl jetzt eben +zu ihr? Ich erzaehle Ihnen unterwegs noch einiges, was Ihnen die +Verhaeltnisse klarer machen wird." + +Ich sagte mit Freuden zu, wir gingen. + +"In Berlin," erzaehlte er, "hielt ich es nur zwei Monate aus; ich hatte +niemand hier in Rom, der mir ueber das unglueckliche Geschoepf haette +Nachricht geben koennen, und so lebte ich in einem Zustande, der +beinahe an Verzweiflung grenzte; nur einmal schrieb mir der saechsische +Gesandte: Der Papst habe sich jetzt oeffentlich fuer den Kapitaen West +erklaert, man spreche davon, dass der Preis dieser Gnade der Uebertritt +des Kapitaens zur roemischen Kirche sein solle. In demselben Briefe +erwaehnte er mit Bedauern, dass die junge Dame, die uns alle so sehr +angezogen habe, die mich immer besonders auszuzeichnen geschienen, +sehr gefaehrlich krank sei, die Aerzte zweifeln an ihrer Rettung. + +Wer konnte dies anders sein als die arme Luise. Diese letzte Nachricht +entschied ueber mich. Zwar haette ich mir denken koennen, dass alles, was +ihr der Kardinal mitteilte, Krankheit, vielleicht den Tod zur Folge +haben werde; aber jetzt erst, als ich diese Nachricht gewiss wusste, +jetzt erst kam sie mir schrecklich vor; ich reiste nach Rom zurueck, +und meine Bekannten hier haben sich nicht weniger darueber gewundert, +mich so unverhofft zu sehen, als meine Verwandten in Berlin, mich so +ploetzlich wieder entlassen zu muessen. Besonders die Tante konnte es +mir nicht verzeihen; denn sie hatte schon den Plan gemacht, mich mit +einem der Fraeulein, die Sie beim Tee versammelt fanden, zu +verheiraten. + +Erlassen Sie es mir, zu beschreiben, wie ich das Fraeulein wieder fand! +Nur eins schien diese schoene Seele zu betrueben, der Gedanke, dass West +zu seiner grossen Schuld noch einen Abfall von der Kirche fuegen wolle. +Ich lebe seitdem ein Leben voll Kummer. Ich sehe ihre Kraefte, ihre +Jugend dahin schwinden; ich sehe, wie sie ein Herz voll Jammer unter +einer laechelnden Miene verbirgt. Um mich noch zu taetigerem Eifer, ihr +zu dienen, zu zwingen, gelobte ich, sie nicht mehr zu sprechen, bis +ich von dem Kapitaen erlangt haette, dass er nicht zum Apostaten werde,-- +oder bis sie mich selbst rufen lasse. Das letztere ist heute +geschehen. Es scheint, sie hat Hoffnung; ich habe keine; denn er ist +zu allem faehig, und Rocco hat ihn so im Netze, dass an kein Entrinnen +zu denken ist." + +"Aber der Fromme," fragte ich; "soll wohl der seine Bekehrung +uebernehmen?" + +"Auf diesen Menschen scheint sie ihre Hoffnung zu gruenden. Es ist ein +deutscher Kaufmann, ein sogenannter Pietist; er zieht umher, um zu +bekehren; doch leider muss er jedem Vernuenftigen zu laecherlich +erscheinen, als dass ich glauben koennte, er sei zur Bekehrung des +Kapitaens berufen. Eher setzte ich einige Hoffnungen auf Sie, mein +Freund, wenn Sie durch die Verwandten etwas bewirken koennten; doch, +auch dies koemmt zu spaet! Wie sie sich nur um diesen Elenden noch +kuemmern mag!" + +Viel versprach ich mir von diesem Besuch bei dem Fraeulein von Palden. +Was ich von ihr gesehen, von ihr gehoert, hatte mir ein Interesse +eingefloesst, das diese Stunde befriedigen musste. Ich hatte mir schon +lange zuvor, ehe ich sie sah, ein Bild von ihr entworfen; ich fand es, +als sie mir damals im Portikus erschien, beinahe verwirklicht; nur +eines schien noch zu fehlen, und auch das hatte sich jetzt bestaetigt; +ich dachte mir sie naemlich etwas fromm, etwas schwaermerisch, und sie +musste dies sein; wie konnte sie sonst einem deutschen Pietisten die +Heilung des Kapitaens West zutrauen? + +Wir wurden von der Signora Campoco und ihren Hunden freundlich +empfangen; den Berliner fuehrte sie zu ihrer Nichte, mich bat sie, in +ein Zimmer zu treten, wo ich einen Landsmann finden werde. Ich trat +ein. Am Fenster stand ein langer, hagerer Mann von kaltem, finsteren +Aussehen. Er heftete seine Augen immer zu Boden, und wenn er sie +einmal aufschlug, so gluehten sie von einem trueben, unsicheren Feuer. +Ich machte ihm mein Kompliment, er erwiderte es mit einem leichten +Neigen des Hauptes und antwortete: "Gegruesset seist du mit dem Grusse +des Friedens!" + +Ha, dachte ich, das ist niemand anders als der Pietist! Solche Leute +sind eine wahre Augenweide fuer den Teufel, er weiss, wie es in ihrem +Innern aussieht, und diese herrliche Charaktermaske, laecherlicher als +Policinello, komischer als Passaglio, pathetischer als Truffaldin, und +wahrer als sie alle, trifft man besonders in Deutschland und seit +neuerer Zeit in Amerika, wohin sie die Deutschen verpflanzt haben. +Diese Protestanten glauben im echten Sinne des Wortes zu handeln, wenn +sie gegen alles protestieren. Der Glaube der katholischen Kirche ist +ihnen ein Greuel; der Papst ist der Antichrist, gegen ihn und die +Tuerken beten sie alle Tage ein absonderliches Gebet. Nicht zufrieden +mit diesem, protestieren sie gegen ihren eigenen Staat, gegen ihre +eigene Kirche. Alles ist ihnen nicht orthodox, nicht fromm genug. Man +glaubt vielleicht, sie selbst sind um so frommer? O ja, wie man will. +Sie gehen gesenkten Hauptes, wagen den Blick nicht zu erheben, wagen +kein Weltkind anzuschauen. Ihre Rede ist, "Ja, ja, nein, nein". Auf +weitere Schwuere und dergleichen lassen sie sich nicht ein. Sie sind +die Stillen im Lande; denn sie leben einfach, und ohne Laerm fuer sich; +doch diese selige Ruhe in dem Herrn verhindert sie nicht, ihre +Mitmenschen zu verleumden, zu bestehlen, zu betruegen. Daher koemmt es, +dass sie einander selbst nicht trauen. Sie vermeiden es, sich +oeffentlich zu vergnuegen, und wer am Sonntag tanzt, ist in ihren Augen +ein Ruchloser. Unter sich selbst aber feiern sie Orgien, von denen +jeder andere sein Auge beschaemt wegwenden wuerde. + +Drum lacht mir das Herz, wenn ich einen Mystiker dieser Art sehe. Sie +gehen still durchs Leben und wollen die Welt glauben machen, sie seien +von Anbeginn der Welt als extrafeine Sorte erschaffen und plombiert +worden, und der heilige Petrus, mein lieber Cousin, werde ihnen einen +naeheren Weg, ein Seitenpfoertchen in den Himmel aufschliessen. Aber alle +kommen zu mir; Separatisten, Pietisten, Mystiker, wie sie sich heissen +moegen, seien sie Kathedermaenner oder Schuhmacher, alle sind in Nr. 1 +und 2, sie v e r n e i n e n, wenn auch nicht im Aeussern; denn sie sind +Heuchler in ihrem Herzen von Anbeginn. + +Ein solcher war nun der fromme Mann am Fenster. "Ihr seid ein +Landsmann von mir," fragte ich nach seinem Gruss, "Ihr seid ein +Deutscher?" + +"Alle Menschen sind Brueder und gleich vor Gott," antwortete er; "aber +die Frommen sind ihm ein angenehmer Geruch." + +"Da habt Ihr recht," erwiderte ich, "besonders wenn sie in einer engen +Stube Betstunde halten. Seid Ihr schon lange hier in dieser +gotteslaesterlichen Stadt?" + +Er warf einen scheuen Blick auf mich und seufzte: "O welche Freude hat +mir der Herr gegeben, dass er einen Erweckten zu mir sandte! Du bist +der erste, der mir hier sagt, dass dies die Stadt der babylonischen H---, +der Sitz des Antichrists ist. Da sprechen sie in ihrem weltlichen +Sinne von dem Altertume der Heiden, laufen umher in diesen grossen +Goetzentempeln und nennen alles 'heiliges Land', selbst wenn sie +Protestanten sind; aber diese sind oft die Aergsten." + +"Wie freut es mich, Bruder, dich gefunden zu haben! Sind noch mehrere +Brueder und Schwestern hier? Doch hier kann es nicht fehlen; in einer +Gemeinde, die der Apostel Paulus selbst gestiftet hat, muessen fromme +Seelen sein." + +"Bruder, geh mir weg mit dem Apostel Paulus, dem traue ich nur halb; +man weiss allerlei von seinem frueheren Leben, und nachher, da hat er so +etwas Gelehrtes wie unsere Professoren und Pfarrer; ich glaube, durch +ihn ist dieses Uebel in die Welt gekommen. Zu was denn diese +Gelehrtheit, diese Untersuchungen? Sie fuehren zum Unglauben. Die +Erleuchtung macht's, und wenn einer nicht zum D u r c h b r u c h +gekommen ist, bleibt er ein Suender. Ein altes Weib, wenn sie +erleuchtet ist, kann so gut predigen und lehren in Israel als der +gelehrteste Doktor." + +"Du hast recht, Bruder," erwiderte ich ihm; "und ich war in meinem +Leben in der Seele nicht vergnuegter, nie so heiter gestimmt, als wenn +ich einen Bruder Schuster oder eine Schwester Spitaelerin das Wort +verkuendigen hoerte. War es auch lauterer Unsinn, was sie sprach, so +hatte ihr es doch der Geist eingegeben, und wir alle waren +zerknirscht. Doch sage mir, wie koemmst du ins Haus dieser Gottlosen?" + +"Bruder, in der Stadt Dresden im Sachsenland, wo es mehr Erleuchtete +gibt als irgendwo, da wohnte ich neben ihrem Haus. Damals war sie ein +Weltkind und lachte, wenn die Frommen am Sonntagsabend in mein Haus +wandelten, um eine Stunde bei mir zu halten. Als ich nun hierher kam +in dieses Sodom und Gomorra, da gab mir der Geist ein, meine Nachbarin +aufzusuchen. Ich fand sie von einem Unglueck niedergedrueckt. Es ist ihr +ganz recht geschehen; denn so straft der Herr den Wandel der Suender. +Aber mich erbarmte doch ihre junge Seele, dass sie so sicherlich +abfahren soll dorthin, wo Heulen und Zaehneklappern. Ich sprach ihr zu, +sie ging ein in meine Lehren, und ich hoffe, es wird bei ihr bald zum +Durchbruch kommen. Und da erzaehlte sie mir von einem Manne, den der +Satan und der Antichrist in ihren Schlingen gefangen haben, und bat +mich, ob ich nicht loesen koenne diese Bande kraft des Geistes, der in +mir wohnet. Und darum bin ich hier." + +Waehrend der fromme Mann die letzten Worte sprach, kam der Berliner mit +dem Fraeulein. Jener stellte mich vor, und sie fragte erroetend, ob ich +mit der Familie des Kapitaens West in Mecklenburg bekannt sei. Ich +bejahte es; ich hatte mit mehreren dieser Leute zu tun gehabt und gab +ihr einige Details an, die sie zu befriedigen schienen. + +"Der Kapitaen ist auf dem Sprung, einen sehr toerichten Schritt zu tun, +der ihn gewiss nicht gluecklich machen kann; S. hat Ihnen wohl schon +davon gesagt, und es koemmt jetzt darauf an, ihm das Missliche eines +solchen Schrittes auch von seiten seiner Familie darzutun." + +"Mit Vergnuegen; dieser fromme Mann wird uns begleiten; er ist in +geistlichen Kaempfen erfahrener als ich; ich hoffe, er wird sehr +nuetzlich sein koennen." + +"Es ist mein Beruf," antwortete der Pietist, die Augen greulich +verdrehend, "es ist mein Beruf, zu kaempfen, solange es Tag ist. Ich +will setzen meinen Fuss auf den Kopf der Schlange und will ihr den Kopf +zertreten wie einer Kroete; soeben ist der Geist in mich gefahren. Ich +fuehle mich wacker wie ein gewappneter Streiter. Liebe Brueder, lasset +uns nicht lange zaudern, denn die Stunde ist gekommen; Sela!" + +"Gehen wir!" sagte der Berliner. "Seien Sie versichert, Luise, dass +Freund Stobelberg und ich alles tun werden, was zu Ihrer Beruhigung +dienen kann. Fassen Sie sich, sehen Sie mutig, heiter in die Zukunft; +die Zeit bringt Rosen." + +Das schoene bleiche Maedchen antwortete durch ein Laecheln, das sie einem +wunden Herzen muehsam abgezwungen hatte. Wir gingen, und als ich mich +in der Tuere umwandte, sah ich sie heftig weinen. + +Wir drei gingen ziemlich einsilbig ueber die Strasse; der Pietist, vom +Geiste befallen, murmelte unverstaendliche Worte vor sich hin und +verzog sein Gesicht, rollte seine Augen wie ein Hierophant. Der +Berliner schien an dem guten Erfolg unseres Beginnens zu zweifeln und +ging sinnend neben mir her; ich selbst war von dem Anblick der stillen +Trauer jenes Maedchens, ich moechte sagen, beinahe geruehrt; ich dachte +nach, wie man es moeglich machen koennte, sie der Schwaermerei zu +entreissen, sie dem Leben, der Freude wiederzugeben; denn so gerne ich +ihr den Himmel und alles Gute wuenschte, so schien sie mir doch zu jung +und schoen, als dass sie jetzt schon auf eine etwas langweilige +Seligkeit spekulieren sollte. Durch den Berliner schien ich dies am +besten erreichen zu koennen, besser vielleicht noch durch den Kapitaen +West, der mir ohnedies verfallen war; doch zweifelte ich, ob man ihn +noch von der Spanierin werde losmachen koennen. + +Auf dem Hausflur des Kapitaens liess uns der Pietist vorangehen, weil er +hier beten und unsern Ein= und Ausgang segnen wolle. Doch, o Wunder! +Als wir uns umsahen, nahm er nach jedem Stossseufzer einen Schluck aus +einem Flaeschchen, das seiner Farbe nach einen guten italienischen +Likoer enthalten musste. Ha! jetzt muss der Geist erst recht ueber ihn +kommen, dachte ich, jetzt kann es nicht fehlen, er muss mit grosser +Begeisterung sprechen. + +Der Kapitaen empfing uns mit einer etwas finsteren Stirne. Der Berliner +stellte uns ihm vor, und sogleich begann der Pietist, vom Geiste +getrieben, seinen Sermon. + +Er stellte sich vor den Kapitaen hin, schlug die Augen zum Himmel und +sprach: "Bruder! Was haben meine Ohren von dir vernommen? So ganz hat +dich der Teufel in seinen Klauen, dass du dich dem Antichrist ergeben +willst, dass du absagen willst der heiligen christlichen Kirche, der +Gemeinschaft der Heiligen? Sela. Aber da sieht man es deutlich. Wie +heisst es Sirach am 9. im dritten Vers? He? 'Fliehe die Buhlerin, dass +du nicht in ihre Stricke fallest.'" + +"Zu was soll diese Komoedie dienen, Herr von S.?" sprach der Kapitaen +gereizt. "Ich hoffe, Sie sind nicht gekommen, mir in meinem Zimmer +Sottisen zu sagen." + +"Ich wollte Sie mit Herrn von Stobelberg, der Ihre Familie kennt, +besuchen. Da liess sich dieser fromme Mann, der gehoert hat, dass Sie +uebertreten wollen, nicht abhalten, uns zu begleiten." + +"Grosse Ehre fuer mich, geben Sie sich aber weiter keine Muehe; denn--" + +"Hoeret, hoeret, wie er den Herrn laestert, in dessen Namen ich komme," +schrie der Pietist. "Der Antichrist kruemmet sich in ihm wie ein Wurm, +und der Teufel sitzt ihm auf der Zunge. O, warum habt Ihr Euch blenden +lassen von Weltehre? Was sagt derselbe Sirach? Lass dich nicht bewegen +von dem Gottlosen in seinen grossen Ehren; denn du weisst nicht, wie es +ein Ende nehmen wird.--Wisse, dass du unter den Stricken wandelst und +gehest auf eitel hohen Spitzen!"' + +"Sie kennen meine Familie, Herr von Stobelberg? Sind Sie vielleicht +selbst ein Landsmann aus Mecklenburg?" + +"Nein! Aber ich kam viel in Beruehrung mit Ihrer Familie und bin mit +einigen Gliedern derselben sehr nahe liiert. So zum Beispiel mit Ihrem +Onkel F., mit Ihrer Tante W., mit Ihrem Schwager Z." + +"Wie? Der Satan hat ihm die Ohren zugeleimt?" rief der fromme +Protestant, als sein abtruenniger Bruder ihn voellig ignorierte. "Auf, +ihr Brueder, ihr Streiter des Herrn, lasset uns ein geistliches Lied +singen, vielleicht hilft es." Er drueckte die Augen zu und fing an, mit +naeselnder, zitternder Stimme zu singen: + + "Herr, schuetz' uns vor dem Antichrist, + Und lass uns doch nicht fallen; + Es streckt der Papst mit Hinterlist + Nach uns die langen Krallen; + Und lass dich erbitten, + Vor den Jesuiten + Und den argen Missionaren + Wollest gnaedig uns bewahren. + + Sie sind des Teufels Knechte all, + Nur wir sind fromme Seelen; + Wir kommen in des Himmels Stall, + Uns kann es gar nicht fehlen; + Denn nach kurzem Schlafe + Ziehn wir frommen Schafe + In den Pferch fuer uns bereitet, + Wo der Hirt die Schaeflein weidet; + Dort scheidet er die Boecke aus--" + +Man kann eben nicht sagen, dass der Fromme wie eine Nachtigall sang; +aber komisch genug war es anzusehen, wie er, vom Geiste getrieben, +dazu agierte. Auf den Wangen des Kapitaens wechselte Scham und Zorn, +und man war ungewiss, ob er mehr ueber die Unverschaemtheit dieses +Proselytenmachers staunte oder mehr ueber den Inhalt der frommen Hymne +erbost sei. Als der Pietist nach einem tiefen Seufzer den dritten Vers +anhub, ging die Tuere auf, und die hohe, majestaetische, Gestalt des +Kardinals Rocco trat ein. Er war angetan mit einem weissen, +faltenreichen Gewand, und der Purpur, der ueber seine Schultern +herabfloss, gab ihm etwas Erhabenes, Fuerstliches. Er uebersah uns mit +gebietendem Blick, und die Rechte, die er ausstreckte, mochte +vielleicht den ehrerbietigen Kuss eines Glaeubigen erwarten. + +Der Kapitaen war in sichtbarer Verlegenheit. Er fuehlte, dass der +Kardinal uns den Protestantismus sogleich anriechen, dass es ihn +erzuernen werde, seinen Katechumenen in so schlechter Gesellschaft zu +sehen. Er nannte der Eminenz unsere Namen, doch als er Herrn v. S. +erblickte, trat er erschrocken einen Schritt zurueck und fluesterte dem +Frater Piccolo in der violetten Kutte zu: "Das ist wohl der Teufel, +den du im Traume gesehen?" + +Piccolo antwortete mit drei Kreuzen, die er aengstlich auf seinen Leib +zeichnete, und der Kardinal fing an, leise einige Stellen aus dem +Exorzismus zu beten. Waehrend dieser Szene hatte sich der fromme +Kaufmann, dem das Wort auf der Lippe stehen geblieben war, wieder +erholt. Er betrachtete die imponierende Gestalt dieses Kirchenfuersten; +doch schien sie ihm nicht mehr zu imponieren, nachdem er bei sich zu +dem Resultate gelangt war, dass nur ein frommer protestantisch= +mystischer Christ zur Seligkeit gelangen koenne. Er hub im heulenden +Predigerton auf italienisch an: "Siehe da, ein Sohn der babylonischen +H---, ein Nepote des Antichrists. Er hat sich angetan mit Leide und +Purpur, um eure armen Seelen zu verlocken. Hebe dich weg, Satanas!" + +"Ist der Mensch ein Narr?" fragte der Kardinal, indem er naeher trat +und den Prediger ruhig und gross anschaute. "Piccolo, merke dir diesen +Menschen, wir wollen ihn im Spital versorgen." + +Der Pietist geriet in Wut. "Baalspfaffe, Goetzendiener, Antichrist!" +schrie er. "Du willst mich ins Spital tun? Ha, jetzt koemmt der Geist +erst recht ueber mich. Ich will barmherzig sein mit dir, Sodomiter! Ich +will dich lehren die Hauptstuecke der Religion, dass du deine +ketzerischen Irrtuemer einsehest. Aber zuvor ziehe sogleich den Purpur +ab! Zu was soll dieser Flitter dienen? Meinst du, du gefallest dem +Herrn besser, wenn du violette Struempfe anhast? O du Tor! Das sind die +eitlen Lehren des Antichrists, des Drachen, der auf dem Stuhle sitzt; +in Sack und Asche musst du Busse tun." + +Jetzt gluehte Roccos Auge vor Wut, seine Stirne zog sich zusammen, +seine Wangen gluehten. "Jetzt sehe ich, Kapitaen," rief er, "was Euch +solange zoegern macht. Ihr haltet Zusammenkuenfte mit diesen +wahnsinnigen Ketzern, die Euch in Eurem Aberglauben bestaerken. Ha! bei +der heiligen Erde, Ihr habt uns tief gekraenkt." + +"Herr Kardinal!" fiel ihm Herr v. S. in die Rede. "Ich bitte, uns +nicht alle in eine Klasse zu werfen. Wenn jener Mann dort den Trieb in +sich fuehlt, alle Welt zu bekehren, so koennen wir ihn nicht daran +verhindern. Doch meine ich, man habe sich nicht darueber zu beklagen; +denn Ew. Eminenz wissen, dass es gleichsam nur Repressalien fuer die +Missionen und die Jesuiterei sind, mit welcher man gegenwaertig alle +Welt ueber schwemmt." + +Jetzt war der rechte Zeitpunkt, die Leutchen zu hetzen. Jetzt galt es, +sie zu verwickeln, um sie nachher desto laenger trauern zu lassen. +"Herr v. S.," sagte ich, "der Herr Kapitaen will, denke ich, durch sein +Schweigen beweisen, dass er Seiner Eminenz recht gibt. Zwar schliesst +mich mein Bewusstsein von den 'wahnsinnigen Ketzern' aus: ich mache +keine Proselyten, ich unterrichte niemand in der Religion; aber Ihrer +werten Familie in Mecklenburg werde ich bei meiner Rueckkehr sagen +koennen--" + +"Stille!" rief der Pietist mit feierlicher Stimme. "Bruder, Mann +Gottes, willst du dich so versuendigen, mit dem Baalspfaffen zu +rechten? Er geht einher wie ein Pharisaeer; aber es waere ihm besser, +ein Muehlstein haenge an seinem Hals, und er wuerde ertraenket, wo es am +tiefsten ist." + +"Huete dich, einen Pfaffen zu beleidigen," ist ein altes Sprichwort, +und der Kapitaen mochte auch so denken. Ich sah, dass die Beschaemung, +vor uns von Rocco wie ein Schulknabe behandelt zu werden, und die +Furcht, ihn zu beleidigen, in seinem Gesichte kaempften. + +"Ich muss Ihren Irrtum berichtigen, Eminenz," entgegnete er. "Diesen +Mann hier kenne ich nicht, und er kann sich auch entfernen, wann er +will, denn seine schwaermerischen Reden sind mir zum Ekel; aber ueber +diese Herren hier haben Sie eine ganz falsche Ansicht. Herr von +Stobelberg bringt mir Nachrichten von meiner Familie, Herr v. S. +besucht mich. Ich weiss nicht, welche boesliche Absicht Sie darein legen +wollen." + +Weit entfernt, den Kardinal durch diese Worte zu besaenftigen, brachte +er ihn nur noch mehr auf; doch bezaehmte er laute Ausbrueche desselben, +und seine stille Wut werde nur in kaltem Spott sichtbar. "Ja, ich habe +mich freilich hoechlich geirrt," sagte er laechelnd, "und bitte um +Verzeihung, meine Herren. Ich dachte, Ihr Besuch betreffe religioese +Gegenstaende; doch nun merke ich, dass es friedlichere Absichten sind, +was Sie herfuehrt. Herr v. S. wird wahrscheinlich den Herrn Kapitaen +wieder in die suessen Fesseln des deutschen Fraeuleins legen wollen? +Trefflich! Ob auch eine andere Dame darueber sterben wird, ist ihm +gleichgueltig. Ich bewundere nebenbei auch Ihre Gutmuetigkeit, Capitano, +dass Sie sich von demselben Manne zurueckfuehren lassen, der Sie so +geschickt aus dem Sattel hob!" + +Zu welch sonderbaren Spruengen steigert doch den Sterblichen die +Beschaemung. Gefuehl des Unrechts, wirkliche Beleidigung, Zorn, alle +Leidenschaften seiner Seele haetten den Kapitaen wohl nicht so ausser +sich gebracht als das Gefuehl der Scham, vor deutschen Maennern von +einem roemischen Priester so verhoehnt zu werden. "Die Achtung, Signore +Rocco," sagte er, "die Achtung, die ich vor Ihrem Gewand habe, schuetzt +mich, Ihnen zu erwidern, was Sie mir in meinem Zimmer ueber mich gesagt +haben. Ich kenne jetzt Ihre Ansichten ueber mich hinlaenglich und +wundere mich, wie Sie sich um meine arme Seele so viele Muehe geben +wollten. Diesem Herrn, der, wie Sie sagten, mich aus dem Sattel hob, +werde ich folgen. Doch wissen Sie, dass, was er getan hat, mit meiner +Zustimmung geschah. Ich werde ihm folgen, obgleich es zuvor gar nicht +in meiner Absicht lag; nur um Ihnen zu zeigen, dass weder Ihr Spott +noch Ihre Drohungen auf mich Eindruck machen; und wenn Sie ein +andermal wieder einen Mann meiner Art unter der Arbeit haben, so rate +ich Ihnen, Ihren Spott oder Ihren Zorn zurueckzuhalten, bis er im +Schosse der Kirche ist." + +Das reiche, rosige Antlitz Roccos war so weiss geworden als sein +seidenes Gewand. "Geben Sie sich keine Muehe," entgegnete er, "mir zu +beweisen, wie wenig man an einem seichten Kopf Ihrer Art verliert. +Glauben Sie mir, die Kirche hat hoehere Zwecke, als einen Kapitaen West +zu bekehren--" + +"Wir kennen diese schoenen Zwecke," rief der Berliner mit sehr +ueberfluessigem Protestantismus; "Ihre Plaene sind freilich nicht auf +einen einzelnen gerichtet, sie gehen auf uns arme Seelen alle. Sie +moechten gar zu gerne unser ganzes Vaterland und England und alles, was +noch zum Evangelium haelt, unter den heiligen Pantoffel bringen. Aber +Sie kommen hundert Jahre zu spaet oder zu frueh; noch gibt es, Gott sei +Dank, Maenner genug in meinem Vaterlande, die lieber des Teufels sein +wollen, als den heiligen Stuhl anbeten." + +"Bringe mir meinen Hut, Piccolo," sagte der Priester sehr gelassen. +"Ihnen, mein Herr v. S., danke ich fuer diese Belehrung; doch lag uns +an den dummen Deutschen wenig. Es liegt ein sicheres Mittel in der +Erbaermlichkeit Ihrer Nation und in ihrer Nachahmungssucht. Ich kann +Sie versichern, wenn man in Frankreich recht fromm wird, wenn England +ueber kurz ueber lang zur alleinseligmachenden Kirche zurueckkehrt, dann +werden auch die ehrlichen Deutschen nicht mehr lange protestieren. +Drum leben Sie wohl, mein Herr, auf Wiedersehen!" Die Zuege des +Kardinals hatten etwas Hohes, Gebietendes, das mir beinahe nie so +sichtbar wurde als in diesem Moment. Ich musste gestehen, er hatte sich +gut aus der Sache gezogen und verliess als Sieger die Walstatt. Frater +Piccolo setzte ihm den roten Hut auf, ergriff die Schleppe seines +Talars und, mit Anstand und Wuerde gruessend, schritt der Kardinal aus +dem Zimmer. + +Der Berliner fuehlte sich beschaemt und sprach kein Wort; der Pietist +murmelte Stossgebetlein und war augenscheinlich duepiert; denn der +Streit ging ueber seinen Horizont, an welchem nur die Ideen von dem +Antichrist, dem Drachen auf dem Stuhl des Lammes, dem Baalspfaffen, +der babylonischen Dame, dem ewigen Hoellenpfuhl und dem +Paradiesgaertlein, in lieblichem Unsinn verschlungen, schwebten. + +Dem Kapitaen schien uebrigens nicht gar zu wohl bei der Sache zu sein. +Ich erinnerte mich, gehoert zu haben, dass er von Donna Ines und diesem +Priester bedeutende Vorschuesse empfangen habe, die er nicht zahlen +sonnte; es war zu erwarten, dass sie ihn von dieser Seite bald quaelen +wuerden, und ich freute mich schon vorher, zu sehen, was er dann in der +Verzweiflung beginnen werde. Auch zu diesem Auftritt hatte ihn sein +Leichtsinn verleitet; denn haette er bedacht, was fuer Folgen fuer ihn +daraus entstehen koennten,--er haette sich von falscher Scham nicht so +blindlings hinreissen lassen. Der Berliner fuhr uebrigens bei dieser +Partie ebenso schlimm. Ich wusste wohl, dass er die Hoffnung auf Luisens +Besitz nicht ausgegeben hatte, dass er sie maechtiger als je naehrte, da +sie ihn heute hatte rufen lassen; ich wusste auch, dass sie den Kapitaen +nicht gerade zu sich zurueckwuenschte, sondern ihn nur nicht katholisch +wissen wollte; ich wusste, dass sie dem Berliner vielleicht bald geneigt +worden waere, weil sie sah, mit welchem Eifer er sich um sie bemuehte; +und jetzt hatte der Kapitaen vor uns allen ausgesprochen, dass er das +Fraeulein wiedersehen wolle; und so war es. + +"Es ist mein voller Ernst, Herr v. S.," sagte er, "ich sehe ein, dass +ich mich diesen unwuerdigen Verbindungen entreissen muss. Koennen Sie mir +Gelegenheit geben, das Fraeulein wiederzusehen und ihre Verzeihung zu +erbitten?" + +"Ich weiss nicht, wie Fraeulein von Palden darueber denkt," antwortete +der junge Mann etwas verstimmt und finster; "ich glaube nicht, dass +nach diesen Vorgaengen--" + +"O! Ich habe die beste Hoffnung," rief jener, "ich kenne Luisens gutes +Herz und kann nicht glauben, dass sie aufgehoert habe, mich zu lieben. +Hoeren Sie einen Vorschlag. Signora Campoco hat einen Garten an der +Tiber; bitten Sie das Fraeulein, mit ihrer Tante heute abend dorthin zu +kommen. Ich will sie ja nicht allein sehen, Sie alle koennen zugegen +sein; ich will ja nichts, als Vergebung lesen in ihren Augen; ein Wort +von ihr soll mir genug sein, um mich mit mir selbst und mit dem Himmel +zu versoehnen. Ach, wie schmerzlich fuehle ich meine Verirrungen!" + +"Gut, ich will es sagen," erwiderte der Berliner, indem er mit Muehe +nach Fassung rang. "Soll ich Ihnen Antwort bringen?" + +"Ist nicht noetig; wenn Sie keine Antwort bringen, bin ich um sechs Uhr +als reuiger Suender in dem Garten an der Tiber." + + + * * * * * + + +Ich gestehe, der Berliner hatte ein sonderbares Geschick. Das +Verhaengnis zog ihn in diese Verhaeltnisse; seine Gestalt, sein Gesicht, +zufaellig dem Kapitaen West sehr aehnlich, bringt ihm Glueck und Unglueck; +es zieht ihn in die Naehe des Maedchens; er lernt ihr Schicksal kennen, +er sieht sie leiden, er leidet mit ihr; die Zeit, die alle Wunden +heilt, bewirkt endlich, dass sie den Kapitaen vielleicht nicht mehr so +sehnlich zurueckwuenscht; sie will nur, dass er jenen Schritt nicht tue, +den sie fuer einen toerichten haelt; sich selbst unbewusst, gibt sie dem +armen S. Hoffnungen; er glaubt, sie errungen zu haben durch die vielen +Bemuehungen um ihre Wahl, und jetzt muss er den gefaehrlichen +Nebenbuhler, einen Mann, den er verachtet, zu ihr zurueckfuehren! + +Ich war begierig auf diesen Abend; der Berliner hatte mir gesagt, dass +sie einwillige, ihn, von Signora Campoco begleitet, zu sehen. Sie +hatte ihn eingeladen, zugegen zu sein, und er bat mich, ihn zu +begleiten, weil er diese Szene allein nicht mit ansehen koenne. + +Als ich seiner Wohnung zuging, trat mir auf einmal Frater Piccolo in +den Weg mit der Frage, wo er wohl den Kapitaen finden koennte? Ich +forschte ihn aus, zu welchem Zwecke er wohl den Kapitaen suche, und er +sagte mir ohne Umschweife, dass er ihm von dem Kardinal einen +Schuldschein auf fuenftausend Scudi zu ueberreichen habe, die jener +zwoelf Stunden nach Sicht bezahlen muesse. "Wertester Frater Piccolo," +erwiderte ich ihm, "das sicherste ist, Ihr bemuehet Euch nach sechs Uhr +in den Garten der Signora Campoco, welcher an der Tiber gelegen; dort +werdet Ihr ihn finden, dafuer stehe ich Euch." Er dankte und ging +weiter; dass er diese Nachricht dem Kardinal und vielleicht auch Donna +Ines mitteilen werde, glaubte ich voraussehen zu duerfen. "Fuenftausend +Scudi, zwoelf Stunden nach Sicht!" sagte ich zu mir. "Ich will doch +sehen, wie er sich heraushilft!" + +Den armen Berliner traf ich sehr niedergeschlagen. Er schien zu +fuehlen, dass seine Hoffnungen auf ewig zerstoert seien; doch nicht nur +dies Gefuehl war es, was ihn ungluecklich machte, er fuerchtete, Luise +werde nicht auf die Dauer gluecklich werden. "Dieser West!" rief er. +"Ist es nicht immer wieder Leichtsinn, was ihn zu uns, zu ihr +zurueckfuehrt! Wie leicht ist es moeglich, wenn einmal die Reue ueber ihn +kommt, die Spanierin so ungluecklich gemacht zu haben--wie leicht ist +es moeglich, dass er auch Luise wieder verlaesst!" + +Ja, dachte ich, und wenn erst das Wechselchen anlangt und er nicht +zahlen kann, und wenn ihn Donna Ines mit den funkelnden Augen sucht +und bei der Fremden findet, und wenn erst der Kardinal seine Kuenste +anwendet! Die Schule der Verzweiflung hat er noch nicht ganz durch +gemacht. Aber auch das Fraeulein, hoffe ich, wird jetzt auftauen und +ihre Hilfe zu kleinen Teufeleien und Hoellenkuensten nehmen, und der +gute Berliner soll wohl auch bekannter mit mir werden muessen! + +Wir gingen hinaus an die Tiber zum verhaengnisvollen Garten der Signora +Campoco. Unterwegs sagte mir der junge Mann, das Fraeulein sei ihm +unbegreiflich. Als er ihr die Nachricht gebracht, wie sich im Hause +des Kapitaens auf einmal alles so sonderbar, wie durch eine hoehere +Leitung, gefuegt habe, wie West nicht nur zur protestantischen Kirche +zuruecktreten, sondern auch als reuiger Suender zu ihr zurueckkehren +wolle, da sei, so sehr sie ihn zuvor angeklagt, ein seliges Laecheln +auf ihren schoenen Zuegen aufgegangen. Sie habe geweint vor Freude, sie +habe mit tausend Traenen ihre Tante dazu vermocht, uns in ihrem Garten +zu empfangen. Und dennoch sei sie jetzt nicht mehr recht heiter; eine +sonderbare Befangenheit, ein Zittern banger Erwartung habe sie +befallen, sie habe ihm gestanden, dass sie der Gedanke an den Fluch +ihres Vaters, wenn sie je die Gattin des Kapitaens werde, immer +verfolge. Es sei, als liege eine schwarze Ahnung vor ihrer sonst so +kindlich frohen Seele, als fuerchte sie, trotz der Rueckkehr des +Geliebten dennoch nicht gluecklich zu werden. + +Unter den Klagen des Berliners, unter seinen Beschuldigungen gegen das +weibliche Geschlecht hatten wir uns endlich dem Garten genaehert. Er +lag, von Baeumen umgeben, wie ein Versteck der Liebe. Signora Campoco +empfing uns mit ihren Huendlein aufs freundlichste; sie erzaehlte, dass +sie das deutsche Geplauder der Versoehnten nicht mehr laenger hoeren +koenne und zeigte uns eine Laube, wo wir sie finden wuerden. Erroetend, +mit glaenzenden Augen, Verwirrung und Freude auf dem schoenen Gesicht, +trat uns das Fraeulein entgegen. Der Kapitaen aber schien mir ernster, +ja, es war mir, als muesste ich in seinen scheuen Blicken eine neue +Schuld lesen, die er zu der alten gefuegt. + +Dem Berliner war wohl das schmerzlichste der feurige Dank, den ihm das +schoene Maedchen fuer seine eifrigen Bemuehungen ausdrueckte. Sie umfing +ihn, sie nannte ihn ihren treuesten Freund, sie bot ihm ihre Lippen, +und er hat wohl nie so tief als in jenem Augenblicke gefuehlt, wie die +hoechste Lust mit Schmerz sich paaren koenne. Mir, ich gestehe es, war +diese Szene etwas langweilig; ich werde daher die naehere Beschreibung +davon nicht in diese Memoiren eintragen, sondern als Surrogat eine +Stelle aus Jean Pauls Flegeljahren einschieben, die den Leser weniger +langweilen duerfte: "Selige Stunden, welche auf die Versoehnung der +Menschen folgen! Die Liebe ist wieder bloede und jungfraeulich, der +Geliebte neu und verklaert, das Herz feiert seinen Mai, und die +Auferstandenen vom Schlachtfelde begreifen den vorigen, vergessenen +Krieg nicht." So sagt dieser grosse Mensch, und er kann recht haben, +aus Erfahrung; ich habe, seit sich der Himmel hinter mir geschlossen, +nicht mehr geliebt, und mit der Versoehnung will es nicht recht gehen. + +Bei jener ganzen Szene ergoetzte ich, mich mehr an der Erwartung als an +der Gegenwart. Wenn jetzt mit einem Male, dachte ich mir, Frater +Piccolo durch die Baeume herbei kaeme, um seinen Wechsel honorieren zu +lassen,--welche Angst, welcher Kummer bei dem Kapitaen, welch es +Staunen, welcher Missmut bei dem Fraeulein! Ich dachte mir allerlei +dergleichen Moeglichkeiten, waehrend die andern in suessem Geplauder mit +vielen Worten nichts sagten--da hoerte ich auf einmal das Plaetschern +von Rudern in der Tiber. Es war nach sechs Uhr es war die Stunde, um +welche ich Frater Piccolo hierher bestellt hatte; wenn er es waere!-- +Die Ruderschlaege wurden vernehmlicher, kamen naeher. Weder die +Liebenden, noch der Berliner schienen es zu hoeren. Jetzt hoerte man nur +noch das Rauschen des Flusses, die Barke musste sich in der Naehe ans +Land gelegt haben. Die Hunde der Signora schlugen an, man hoerte +Stimmen in der Ferne, es rauschte in den Baeumen, Schritte knisterten +auf dem Sandweg des Gartens, ich sah mich um--Donna Ines und der +Kardinal Rocco standen vor uns. + +Luise starrte einen Augenblick diese Menschen an, als sehe sie ein +Gebild der Phantasie. Aber sie mochte sich des Kardinals aus einem +schrecklichen Augenblick erinnern, sie schien den Zusammenhang zu +begreifen, schien zu ahnen, wer Ines sei und sank lautlos zurueck, +indem sie die schoenen Augen und das erbleichende Gesicht in den Haenden +verbarg. Der Kapitaen hatte den Kommenden den Ruecken zugekehrt und sah +also nicht sogleich die Ursache von Luisens Schrecken. Er drehte sich +um, er begegnete zornspruehenden Blicken der Donna, die diese Gruppe +musterte, er suchte vergeblich nach Worten; das Gefuehl seiner Schande, +die Angst, die Verwirrung schnuerten ihm die Kehle zu. + +"Schaendlich!" hob Ines an. "So muss ich dich treffen? Bei deiner +deutschen Buhlerin verweilst du und vergisst, was du deinem Weibe +schuldig bist? Ehrvergessener! Statt meine Ehre, die du mir gestohlen, +durch Treue zu ersetzen, statt mich zu entschaedigen fuer so grossen +Jammer, dem ich mich um deinetwillen ausgesetzt habe, schwelgst du in +den Armen einer andern?" + +"Folget uns, Kapitaen West!" sagte der Kardinal sehr strenge. "Es ist +Euch nicht erlaubt, noch einen Augenblick hier zu verweilen. Die Barke +wartet. Gebt der Donna Euren Arm und verlasset diese ketzerische +Gesellschaft." + +"Du bleibst!" rief Luise, indem sie ihre schoenen Finger um seinen Arm +schlang und sich gefasst und stolz aufrichtete. "Schicke diese Leute +fort. Du hast ja noch soeben diese Abenteurerin verschworen. Du +zauderst? Monsignore, ich weiss nicht, wer Ihnen das Recht gibt, in +diesen Garten zu dringen; haben Sie die Guete, sich, mit dieser Dame zu +entfernen." + +"Wer mir das Recht gibt, junge Ketzerin?" entgegnete Rocco. "Diese +ehrwuerdige Frau Campoco; ich denke, ihr gehoert der Garten, und es wird +sie nicht belaestigen, wenn wir hier verweilen." + +"Ich bitte um Euren Segen, Eminenz," sagte, sich tief verneigend, +Signora Campoco; "wie moeget Ihr doch sprechen? Meinem geringen Garten +ist heute Heil widerfahren! Denn heilige Gebeine wandeln darin umher!" + +"Nicht gezaudert, Kapitaen!" rief der Kardinal. "Werfet den Satan +zurueck, der Euch wieder in den Klauen hat; folget uns, wohin die +Pflicht Euch ruft!--Ha! Ihr zaudert noch immer, Verraeter? Soll ich," +fuhr er mit hoehnischem Laecheln fort, "soll ich Euch etwa dies Papier +vorzeigen? Kennet Ihr diese Unterschrift? Wie steht es mit den +fuenftausend Scudi, verehrter Herr? Soll ich Euch durch die Wache +abholen lassen?" + +"Fuenftausend Scudi?" unterbrach ihn der Berliner. "Ich leiste +Buergschaft, Herr Kardinal, sichere Buergschaft"-- + +"Mitnichten!" antwortete er mit grosser Ruhe. "Ihr seid ein Ketzer; +_haeretico non servanda fides_. Ihr koenntet leicht ebenso denken +und mit der Buergschaft in die Weite gehen. Nein,--Piccolo! Sende einen +der Schiffer in die Stadt; man solle die Wache holen." + +"Um Gottes willen, Otto! Was ist das?" rief Luise, indem ihr Traenen +entstuerzten. "Du wirst dich doch nicht diesen Menschen so ganz +uebergeben haben? O Herr? Nur eine Stunde gestattet Aufschub, mein +ganzes Vermoegen soll Euer sein; mehr, viel mehr will ich Euch geben, +als Ihr fordert"-- + +"Meinst du, schlechtes Geschoepf," fiel ihr die Spanierin in die Rede, +"meinst du, es handle sich um Geld? Mir, mir hat er seine Seele +verpfaendet; er hat mich gelockt aus den Taelern meiner Heimat, er hat +mir ein langes seliges Leben in seinen Armen vorgespiegelt, er hat +mich betrogen um diese Seligkeit; du--du hast mich betrogen, deutsche +Dirne; aber siehe zu, wie du es einst vor den Heiligen verantworten +kannst, dass du dem Weib den Gatten raubst, den Kindern, den armen +Wuermern, den Vater!" + +"Ja, das ist dein Fluch, alter Vater!" sagte Luise, von tiefer Wehmut +bewegt. "Das ist dein Fluch, wenn ich je die Seine wuerde; er nahte +schnell! Ich haette dir ihn entrissen, unglueckliches Weib? Nein, so +tief moechte ich nicht einmal dich verachten. Er kannte mich laengst, +ehe er dich nur sah, und die Treue, die er dir schwur, hat er mir +gebrochen!" + +"Von dieser Suende werden wir ihn absolvieren," sprach der Kardinal; +"sie ist um so weniger drueckend fuer ihn, als Ihr selbst, Signora, mit +einem andern, der hier neben sitzt, in Verhaeltnissen waret. Zaudere +nicht mehr, folge uns! Bei den Gebeinen aller Heiligen, wenn du jetzt +nicht folgst, wirst du sehen, was es heisst, den heiligen Vater zu +verhoehnen!" + +Der Kapitaen war ein miserabler Suender. So wenig Kraft, so wenig +Entschluss! Ich haette ihn in den Fluss werfen moegen; doch musste es zu +einem Resultate kommen, drum schob ich schnell ein paar Worte ein: +"Wie? Was ist das fuer ein Geschrei von Kindern?" rief ich erstaunt. +"Es wird doch kein Unglueck geben?" + +"Ha, meine Kinder!" weinte die Spanierin. "O, weinet nur, ihr armen +Kleinen! Der, der euch Vater sein sollte, hat Erz in seiner Brust. Ich +gehe, ich werfe sie in die Tiber und mich mit ihnen; so ende ich ein +Leben, das du, Verfluchter, vergiftetest!" + +Sie rief es und wollte nach der Tiber eilen; doch das Fraeulein fasste +ihr Gewand; bleich zum Tod, mit halbgeschlossenen Augen fuehrte sie +Donna Ines zu dem Kapitaen und stuerzte dann aus der Laube. Ich selbst +war einige Augenblicke im Zweifel, ob sie nicht denselben Entschluss +ausfuehren wolle, den die Donna fuer sich gefasst; doch der Weg, den sie +einschlug, fuehrte tiefer in den Garten, und sie wollte nur diesem +Jammer entgehen. Der Berliner aber lief ihr aengstlich nach, und als +sich auch der Kapitaen losriss, ihr zu folgen, stuerzte die ganze +Gesellschaft, der Kardinal, ich und Signora Campoco, in den Garten. + +Wir kamen zu ihnen, als eben Luise erschoepft und ohnmaechtig +zusammensank. S. fing sie in seinen Armen auf und trug die teure Last +nach einer Bank. Dort wollte ihn der Kapitaen verdraengen; er wollte +vielleicht seinen Entschluss zeigen, nur ihr anzugehoeren; er glaubte +heiligere Rechte an sie zu haben und entfernte den Arm des jungen +Mannes, um den seinigen unterzuschieben. + +Doch dieser, ergriffen von Liebe und Schmerz, aufgeregt von der Szene, +die wir gesehen, stiess den Kapitaen zurueck. "Fort mit dir!" rief er. +"Gehe zu Pfaffen und Ehebrechern, zu Schurken deines Gelichters! Du +hast deine Rolle kuenstlich gespielt; um diese Blume zu pfluecken, +musstest du dich den Armen jenes hergelaufenen Weibe noch einmal +entreissen, Hinweg mit dir, du Ehrloser!" + +"Was sprechen Sie da?" schrie der Kapitaen schaeumend, es mochte in der +Rede des jungen Mannes etwas liegen, was als Wahrheit um so beissender +war. "Welche Absichten legen Sie mir unter? Was haette ich getan? +Erklaeren Sie sich deutlicher!" + +"Jetzt hast du Worte, Schurke; aber als dieser Engel zu dir flehte, da +hatte deinen Mund die Schande verschlossen. Ruehre sie nicht an, oder +ich schlage dich nieder!" + +"Das kann dir geschehen," entgegnete jener, und einem Blitze gleich +fuhr er mit etwas Glaenzendem aus der Tasche nach der Brust des jungen +Mannes.--In Spanien lernt man gut stossen. Der Berliner hatte einen +Messerstich in der Brust und sank, ohne das Haupt der Geliebten zu +lassen, in die Knie. + +"Jetzt wird der tapfere Hauptmann gewiss katholisch," war mein Gedanke, +als das Herzblut des jungen Mannes hervorstroemte; "jetzt wird er sich +bergen im Schosse der Kirche!" Und es schien so zu kommen. Denn +willenlos liess, sich der Kapitaen von Ines und dem Kardinal wegfuehren, +und die Barke stiess vom Lande. + + + * * * * * + + +Wenige Tage nach diesem Vorfall erschien jener glorreiche Tag, an +welchem der Papst vor dem versammelten Volke mir, dem Teufel, alle +Seelen der Ketzer uebermacht; ich habe zwar durch diese Anweisung noch +nie eine erhalten und weiss nicht, ob Seine Heiligkeit falliert haben +und nun auf der Himmelsboerse keine Geschaefte mehr machen, also wenig +Einfluss auf das Steigen und Fallen der Seelen haben, oder ob +vielleicht diese Verwuenschung nur zur Vermehrung der Ruehrung dient, um +den Wirten und Gewerbsleuten in Rom auf versteckte Weise zu verstehen +zu geben, dass sie sich kein Gewissen daraus machen sollen, die Beutel +der Englaender, Schweden und Deutschen zu schroepf en, da ihre Seelen +doch einmal verloren seien. + +An einem solchen Tage pflegt ganz Rom zusammenzustroemen, besonders die +Weiber kommen gerne, um die Ketzer im Geiste abfahren zu sehen. Man +draengt und schlaegt sich auf dem grossen Platz, man hascht nach dem +Anblick des heiligen Vaters, und wenn er den heiligen Bannstrahl +herabschleudert, durchzueckt ein maechtiges Gefuehl jedes Herz, und alle +schlagen an die Brust und sprechen. "Wohl mir, dass ich nicht bin wie +dieser einer." An diesem Tage aber hatte das Fest noch eine ganz +besondere Bedeutung; man sprach naemlich in allen Zirkeln, in allen +Kaffeehaeusern, auf allen Strassen davon, dass ein beruehmter, tapferer +ketzerischer Offizier an diesem Tage sich taufen lassen wolle. Dieser +Offizier machte seine Grade erstaunlich schnell durch. Am Montag hiess +es, er sei Kapitaen, am Dienstag, er sei Major, am Mittwoch war er +Obrist, und wenn man am Donnerstag fruehe ein schoenes Kind auf der +Strasse anhielt, um zu fragen, wohin es so schnell laufe, konnte man +auf die Antwort rechnen: "Ei, wisset Ihr nicht, dass zur Ehre Gottes +ein General der Ketzer sich taufen laesst und ein guter Christ wird wie +ich und Ihr?" + +Wer der beruehmte Taeufling war, werden die Leser meiner Memoiren leicht +erraten. Endlich, endlich war er abgefallen! Sie hatten ihn wohl nach +der Szene in Signoras Garten so lange und heftig mit Vorwuerfen, +Bitten, Drohungen, Versprechungen und Traenen bestuermt, dass er +einwilligte, besonders da er durch den Uebertritt nicht nur Absolution +fuer seine Seele, was ihm uebrigens wenig helfen wird, sondern auch +Schutz vor der Justiz bekam, die ihm schon nachzuspueren anfing, da der +Berliner einige Tage zwischen Leben und Tod schwebte, und sein +Gesandter auf strenge Ahndung des Mordes angetragen hatte. + +Ich stellte mich auf dem Platze so, dass der Zug mit dem Taeufling an +mir vorueber kommen musste. Und sie nahten. Ein langer Zug von Moenchen, +Priestern, Nonnen, andaechtigen Maennern und Frauen kam heran. Ihre +halblaut gesprochenen Gebete rollten wie Orgelton durch die Luefte. Sie +zogen im Kreis um den ungeheuern Platz, und jetzt wurden die Roemer um +mich her aufmerksamer. "_Ecco, ecco lo_!" fluesterte es von allen +Seiten; ich sah hin--in einem grauen Gewand, das Haupt mit Asche +bestreut, ein Kruzifix in den gefalteten Haenden, nahte mit unsicheren +Schritten der Kapitaen. Zwei Bischoefe in ihren violetten Talaren gingen +vor ihm, und Chorknaben aller Art und Groesse folgten seinen Sch ritten. + +"Ein schoener Ketzer, bei St. Peter! Ein schmucker Mann!" hoerte ich die +Weiber um mich her sagen. "Welch ein frommer Soldat!" + +"Wie freut man sich, wenn man sieht, wie dem Teufel eine Seele +entrissen wird!"-- + +"Werden sie ihn vorher taufen oder nachher?" + +"Vorher," antwortete ein schoene schwarzlockiges Maedchen, "vorher; denn +nachher verflucht der heilige Vater alle Ketzer, und da wuerde er ihn +ja ewig verdammen und nachher segnen und taufen."-- + +"Ach, das verstehst du nicht," sagte ihr Vater, "der Papst kann alles, +was er will, so oder so." + +"Nein, er kann nicht alles," erwiderte sie schelmisch laechelnd; "nicht +alles!" + +"Was kann er denn nicht?" fragten die Umstehenden. "Er kann alles; was +sollte er denn nicht koennen?" + +"Er kann nicht heiraten!" lachte sie; doch nicht so schnell folgt der +Donner dem Blitz, als die schwere Hand des Vaters auf ihre Wange fiel. + +"Was? Du versuendigst dich, Maedchen?" schrie er. "Welche unheiligen +Gedanken gibt dir der Teufel ein? Was geht es dich an, ob der Papst +heiratet oder nicht? Dich nimmt er auf keinen Fall." + +Das Volk begann indes in die Peterskirche zu stroemen, und auch ich +folgte dorthin. Es ist eine laecherlich materielle Idee, wenn die +Menschen sich vorstellen, ich koenne in keine christliche Kirche +kommen. So schreiben viele Leute C. M. B. (Caspar, Melchior, +Balthasar) ueber ihre Tueren und glauben, die drei Koenige aus Morgenland +werden sich bemuehen, ihre schlechte Huette gegen die Hexen zu schuetzen. + +Ich draengte mich so weit als moeglich vor, um die Zeremonien dieser +Taufe recht zu sehen. Der tapfere Kapitaen hatte jetzt sein graues +Gewand mit einem glaenzend weissen vertauscht und kniete unweit des +Hochaltars. Kardinaele, Erzbischoefe, Bischoefe standen umher, der +ungewisse Schein des Tages, vermischt mit dem Flackern der Lichter, +der Kerzen, welche die Chorknaben hielten, umgab sie mit einem +ehrwuerdigen Heiligenschein, der jedoch bei manchem wie +Scheinheiligkeit aussah. Auf der andern Seite kniete unter vielen +schoenen Frauen Donna Ines mit ihren Kindern. Sie war lockender und +reizender als je, und wer Luise und ihr sanftes blaues Auge nicht +gesehen hatte, konnte dem Taeufling verzeihen, dass er sich durch dieses +schoene Weib und einen listigen Priester unter den Pantoffel St. Petri +bringen liess. + +Neben mir stand eine schwarzverschleierte Dame. Sie stuetzte sich mit +einer Hand an eine Saeule, und ich glaubte, sie waere ohne diese Hilfe +auf den Marmorboden gesunken, denn sie zitterte beinahe krampfhaft. +Der Schleier war zu dicht, als dass ich ihre Zuege erkennen konnte. Doch +sagte mir eine Ahnung, wer es sein koennte. Jetzt erhoben die Priester +den Gesang, er zog mit den blauen Woelkchen des arabischen Weihrauchs +hinauf durch die Gewoelbe und berauschte die Sinne der Sterblichen, +uebertaeubte ihre Seelen und riss sie hin zu einer Andacht, die sie zwar +ueber das Irdische, aber auch ueber die ewigen Gesetze ihrer Vernunft +hinwegfuehrt. + +Die Priester sangen. Jetzt fing der Taeufling an, sein +Glaubensbekenntnis zu sprechen. + +"Er hat mich nie geliebt," seufzte die Dame an meiner Seite; "er hat +auch dich nie geliebt, o Gott, verzeihe ihm diese Suende!" + +Er sprach weiter, er verfluchte den Glauben, in welchem er bisher +gelebt. + +"Gib Frieden seiner Seele," fluesterte sie; "wir alle irren, so lange +wir sterblich sind, vielleicht hat er den wahren Trost gefunden! Lass +ihn Frieden finden, o Herr!" + +Da fingen die Priester wieder an zu singen. Ihre tiefen Toene drangen +schneidend in das Herz der Dame. Jetzt wurde das Sakrament an ihm +vollzogen; der Kardinal Rocco, im vollen Ornat seiner Wuerde, segnete +ihn ein, und Donna Ines warf dem Getauften frohlockende Gruesse zu. + +"Vater, lass ihm mein Bild nie erscheinen," betete die Dame an meiner +Seite, "dass nie der Stachel der Reue ihn quaele! Lass ihn gluecklich +werden!" + +Und mit dem Pomp des heiligen Triumphs schloss die Taufe, und der +Kapitaen stand auf, zwar als ein so grosser Suender wie zuvor, doch als +ein rechtglaeubiger katholischer Christ. Das Volk draengte sich herzu +und drueckte seine Haende, und Donna Ines fuehrte ihm mit holdem Laecheln +ihre Kinder zu. Aber noch war die Szene nicht zu Ende. Kardinal Luighi +fuehrte den Getauften an die Stuf en des Altars, stieg die heiligen +Stufen hinan und las die Messe. + +Die Dame im schwarzen Schleier zitterte heftiger, als sie dies alles +sah; ihre Knie fingen an zu wanken. "Wer Ihr auch seid, mein Herr," +fluesterte sie mir ploetzlich zu, "seid so barmherzig und fuehrt mich aus +der Kirche; ich fuehle mich sehr unwohl." Ich gab ihr meinen Arm, und +die frommste Seele in St. Peters weiten Hallen ging hinweg, begleitet +vom Teufel. + +Auf dem Platze vor der Peterskirche deutete sie schweigend auf eine +Equipage, die unfern hielt. Ich fuehrte sie dorthin, ich oeffnete ihr +den Schlag und bot ihr die Hand zum Einsteigen. Sie schlug den dunklen +Schleier zurueck; es war, wie ich mir gesagt hatte, es waren die +bleichen, schoenen Zuege Luisens. "Ich danke, Herr!" sagte sie. "Ihr +habt mir einen grossen Dienst erwiesen." Noch zitterte ihre Hand in der +meinigen, ihre schoenen Augen wandten sich noch einmal nach St. Peter +und fuellten sich dann mit einer Traene. Aber schnell schlug sie den +Schleier nieder und schluepfte in den Wagen; die Pferde zogen an, ich +habe sie--nie wieder gesehen. + + + * * * * * + + +Eine wichtige Angelegenheit, die wankende Sache der hohen Pforte, +welcher ich immer besondere Aufmerksamkeit geschenkt habe, rief mich +an diesem Tage nach ...., wo ich mit einem beruehmten Staatsmann eine +Konferenz halten musste. Man kennt die Zuneigung dieses erlauchten +Wesirs eines christlichen Potentaten zum Halbmond; und ich hatte nicht +erst noetig, ihn zu ueberzeugen, dass die Tuerken seine natuerlichen +Alliierten seien. Von .... eilte ich zurueck nach Rom. Ich gestehe, ich +war begierig, wie sich die Verhaeltnisse loesen wuerden, in welche ich +verflochten war und die mir durch einige Situationen so interessant +geworden waren. + +Der erste, den ich unter der Porta del Popolo traf, war der deutsche +Kaufmann. Er sass in einem schoenen Wagen und hatte, wie es schien, +Streit mit einigen paepstlichen Polizeisoldaten. Ich trat als +Stobelberg zu ihm. "Lieber Bruder," sagte ich, "es scheint, du willst +Sodom verlassen gleich dem frommen Lot?" + +"Ja, fliehen will ich aus dieser Staette des Satan," war seine Antwort; +"und hier laesst mich der Drache auf dem Stuhl des Lammes noch einmal +anhalten, aus Zorn, weil ich einen seiner Baalspfaffen im Christentume +unterweisen wollte." + +Ich sah hin und merkte jetzt erst die Ursache des Streites. Die +Polizei hatte, ich weiss nicht aus welchem Grunde, den Wagen noch +einmal untersucht. Da war man auf ein Kistchen gestossen und hatte den +Pietisten gefragt, was es enthalte. "Geistliche Buecher," antwortete +er. Man glaubte aber nicht, schloss auf, und siehe da, es war ein gutes +Flaschenfutter, und die Polizeimaenner wollten wegen seines Betruges +einige Scudi von ihm nehmen. + +"Aber, Bruder!" sagte ich zu ihm. "Eine fromme Seele sollte nach +nichts duersten als nach dem Tau des Himmels, nach nichts hungern als +nach dem Manna des Wortes, und doch fuehrst du ein Dutzend Flaschen mit +dir, und hier liegt ein ganzer Pack Salamiwuerste? Pfui, Bruder, heisst +es nicht: 'Was werden wir essen, was werden wir trinken, nach dem +allem fragen die Heiden?'" + +"Bruder," erwiderte jener und drehte die Augen gen Himmel, "Bruder, +bei dir muss es noch nicht voellig zum Durchbruch gekommen sein, dass du +einem Mann von so felsenfestem Glauben, dass du mir solche Fragen +vorlegst. Gerade, dass ich nicht zu seufzen brauche: 'Was werden wir +essen, was werden wir trinken, womit uns kleiden?' Gerade deswegen +habe ich mir den neuen Rock hier gekauft, habe meinen Flaschenkeller +gefuellt und diese aus Eselsfleisch bereiteten Wuerste gekauft; es +geschah also aus reinem Glaubensdrang, und der Geist hat es mir +eingegeben. Da, ihr lumpigen Soehne von Astaroth, ihr Brut des +Basilisken, so auf dem Stuhl des Lammes sitzt und an seinen Klauen +Pantoffeln fuehrt, da nehmet diesen hollaendischen Dukaten und lasset +mir meine geistlichen Buecher in Ruhe!--So, nun lebe wohl, Bruder, der +Geist komme ueber dich und staerke deinen Glauben!" + +Da fuhr er hin, und wieder werde ich in dem Glauben bestaerkt, dass +diese christlichen Pharisaeer schlimmer sind als die Kinder der Welt. +Ich ging weiter, den Korso hinab. Am unteren Ende der Strasse begegnete +mir der Kardinal Rocco und Piccolo, sein Diener. Der Kardinal schien +sehr krank zu sein; denn ganz gegen die Etikette trug ihm Piccolo +nicht die Schleppe nach, sondern fuehrte ihn unter dem Arm, und dennoch +wankte Rocco zuweilen hin und her. Sein Gesicht war rot und gluehend, +seine Augen halb geschlossen, und der rote Hut sass ihm etwas schief +auf dem Ohr. + +"Siehe da, ein bekanntes Gesicht!" rief er, als er mich sah, und blieb +stehen. "Komm hierher, mein Sohn, und empfange den Segen. Haben wir +uns nicht schon irgendwo gesehen?" + +"O ja, und ich, hoffe noch oefters das Vergnuegen zu haben; ich hatte +die Ehre, Ew. Eminenz im Garten der Frau Campoco zu sehen." + +"Ja, ja! Ich erinnere mich, Ihr seid ein junger Ketzer; wisset Ihr, +woher ich komme? Geradenwegs von dem Hochzeitsschmause des lieben +Paares." + +Jetzt konnte ich mir die Krankheit des alten Herrn erklaeren; die +spanischen Weine der Donna Ines waren ihm wohl zu stark gewesen, und +Piccolo musste ihn jetzt fuehren. "Ihr waret wohl recht vergnuegt?" +fragte ich ihn. "Es ist doch Euer Werk, dass die Donna den Kapitaen +endlich doch noch ueberwunden hat?" + +"Das ist es, lieber Ketzer," sagte er, stolz laechelnd. "Mein Werk ist +es; kommt, gehen wir noch ein paar hundert Schritte zusammen!--Was +wollte ich sagen? Ja--mein Werk ist es; denn ohne mich haette die Donna +gar keine Kunde von ihm bekommen. Ich schrieb ihr, dass er sich in Rom +befinde. Ohne mich waere ihre fruehere Ehe nicht fuer ungueltig erklaert +worden; ohne mich waere der Kapitaen nicht rechtglaeubig geworden, was +zur Glorie unserer Kirche notwendig war; ohne mich waere er nicht von +seiner Ketzerin losgekommen,--kurz, ohne mich--ja, ohne mich staende +alles noch wie zuvor." + +"Es ist erstaunlich!" + +"Hoeret, Ihr gefallt mir, lieber Ketzer. Hoert einmal, werdet auch +rechtglaeubig. Brauchet Ihr Geld? Koennet haben soviel Ihr wollt, gegen +ein Reverschen, zahlbar gleich nach Sicht. O, damit kann man einen +koestlich in Verlegenheit bringen. Brauchet Ihr eine schoene, frische, +reiche Frau? Ich habe eine Nichte, Ihr sollt sie haben. Brauchet Ihr +Ehren und Wuerden? Ich will Euch _pro primo_ den goldenen +Sporenorden verschaffen. Es kann ihn zwar jeder Narr um einige Scudi +kaufen--aber Ihr sollet ihn umsonst haben. Wollet Ihr in Eurer +barbarischen Heimat grosse Ehrenstellen? Duerfet nur befehlen. Wir haben +dort grossen Einfluss, geheim und oeffentlich. Na! was sagt Ihr dazu?" + +"Der Vorschlag ist nicht uebel," erwiderte ich. "Ihr seid nobel in +Euern Versprechungen. Ich glaube, Ihr koenntet den Teufel selbst +katholisch machen?" + +"_Anathema sit! anathema sit!_ Es waere uns uebrigens nicht +schwer," antwortete der Kardinal. "Wir koennen ihn von seinen +zweitausendjaehrigen Suenden absolvieren und dann taufen. Ueberdies ist +er ein dummer Kerl, der Teufel, und hat sich von der Kirche noch immer +ueberlisten lassen!" + +"Wisset Ihr das so gewiss?" + +"Das will ich meinen. Zum Beispiel, kennet Ihr die Geschichte, die er +mit einem Franziskaner gehabt?" + +"Nein, ich bitte Euch, erzaehlet!" + +"Ein Franziskaner zankte sich einmal mit ihm wegen einer armen Seele. +Der Teufel wollte sie durchaus haben und hatte allerdings nach dem Mass +ihrer Suenden das Recht dazu. Der Moench aber wollte sie _in majorem +dei gloriam_ fuer den Himmel zustutzen. Da schlug endlich der Satan +vor, sie wollten wuerfeln; wer die meisten Augen mit drei Wuerfeln +werfe, solle die Seele haben. Der Teufel warf zuerst, und, wie er ein +falscher Spieler ist, warf er achtzehn; er lachte den Franziskaner +aus. Doch dieser liess sich, nicht irre machen. Er nahm die Wuerfel und +warf--neunzehn. Und die Seele war sein." + +"Herr, das ist erlogen," rief ich, "wie kann er mit drei Wuerfeln +neunzehn werfen?" + +"Ei, wer fragt nach der Moeglichkeit? Genug, er hat's getan, es war ein +Wunder. Nun, kommet morgen in mein Haus, lieber Sohn, wir wollen dann +den Unterricht beginnen." + +Er gab mir den Segen und wankte weiter. "Nein, Freund Rocco!" dachte +ich. "Eher bekomme ich dich als du mich. Von dir laesst sich der Satan +nicht ueberlisten." Es trieb mich jetzt, nach dem Hause des Berliners +zu gehen, den ich schwer verwundet verlassen hatte. Zu meiner grossen +Verwunderung sagte man mir, er sei ausgegangen, und werde wohl vor +Nacht nicht zurueckkehren. So musste ich den Gedanken aufgeben, heute +noch zu erfahren, wie es ihm ergangen sei, wie das Fraeulein sich +befinde, ob er wohl Hoffnung habe, jetzt, da der Kapitaen auf immer fuer +sie verloren sei, sie fuer sich zu gewinnen. Es blieb mir keine Zeit, +ihn heute noch zu sehen; denn den Abend ueber wusste ich ihn nicht zu +finden, und auf die kommende Nacht hatte ich eine Zusammenkunft mit +jenen kleineren Geistern verabredet, die als meine Diener die Welt +durchstreifen. + +Ich trat zu diesem Zwecke, als die Nacht einbrach, ins Kolosseum; denn +dies war der Ort, wohin ich sie beschieden hatte. Noch war die Stunde +nicht da; aber ich liebe es, in der Stille der Nacht auf den Truemmern +einer grossen Vorzeit meinen Gedanken ueber das Geschlecht der +Sterblichen nachzuhaengen. Wie erhaben sind diese majestaetischen +Truemmer in einer schoenen Mondnacht! Ich stieg hinab in den mittleren +Raum. Aus dem blauen, unbewoelkten Himmel blickte der Mond durch die +gebrochenen Woelbungen der Bogen herein, und die hohen ueberwachsenen +Mauern der Ruine warfen lange Schatten ueber die Arena. Dunkle +Gestalten schienen durch die verfallenen Gaenge zu schweben, wenn ein +leiser Wind die Gestraeuche bewegte und ihren Schatten hin und wieder +zog. Wo sie schwebten, diese Schatten, da sah man einst ein froehliches +Volk, schoene Frauen, tapfere Maenner und die ernste, feierliche Pracht +der kriegerischen Kaiser. Geschlecht um Geschlecht ist hinunter, diese +Mauern allein ueberdauerten ihre Zeit, um durch ihre erhabenen Formen +diese Sterblichen zu erinnern, wie unendlich groesser der Sinn jenes +Volkes war, das einst ein Jahrtausend vor ihnen um diese Staette lebte. +Die ernste Wuerde der Konsuln und des Senates, der kriegerische Prunk +der Caesaren und--d i e s e r roemische Hof und d i e s e Roemer! + +Der Mond war, waehrend ich zu mir sprach, heraufgekommen und stand +jetzt gerade ueber dem Zirkus. Ich sah mich um; da gewahrte ich, dass +ich nicht allein in den Ruinen sei. Eine dunkle Gestalt sass seitwaerts +auf dem gebrochenen Schaft einer Saeule. Ich trat naeher hin,--es war +Otto von S..... Ich war freudig erstaunt, ihn zu sehen. Ich warf mich +schnell in den Herrn von Stobelberg, um mit ihm zu sprechen. Ich +redete ihn an und wuenschte ihm Glueck, ihn so gesund zu sehen. Er +richtete sich auf; der Mond beschien ein sehr bleiches Gesicht, +weinende Augen blickten mich wehmuetig an, schweigend sank er an meine +Brust. + +"Sie scheinen noch nicht ganz geheilt, Lieber!" sagte ich. "Sie sind +noch sehr bleich; die Nachtluft wird Ihnen schaden!" + +Er verneinte es mit dem Haupt, ohne zu sprechen. Was war doch dem +armen Jungen geschehen, hatte er wohl von neuem einen Korb bekommen? +"Nun, ein Mittel gibt es wohl, Sie gaenzlich zu heilen," fuhr ich fort. +"Jetzt steht Ihnen ja nichts mehr im Wege, jetzt wird sie hoffentlich +so sproede nicht mehr sein. Ich will den Brautwerber machen. Sie muessen +Mut fassen, Luise wird Sie erhoeren, und dann ziehen Sie mit ihr aus +dieser ungluecklichen Stadt, fuehren sie nach Berlin zu der Tante. Wie +werden sich die aesthetischen Damen wundern, wenn Sie Ihre Novelle auf +diese Art schliessen und die holde Erscheinung aus den Lamentationen +persoenlich einfuehren!" + +Er schwieg, er weinte stille. + +"Oder wie! Haben Sie etwa den Versuch schon gemacht? Sollten Sie +abgewiesen worden sein? Will sie die Rolle der Sproeden fortspielen?" + +"Sie ist tot!" antwortete der junge Mann. + +"Ist's moeglich! Hoere ich recht? So ploetzlich ist sie gestorben?" + +"Der Gram hat ihr Herz gebrochen. Heute hat man sie begraben." + +Er sagte es, drueckte mir die Hand, und einsam weinend ging er durch +die Ruinen des Kolosseums. + + + * * * * * + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, MITTEILUNGEN AUS DEN MEMOIREN DES SATAN V2 *** + +This file should be named 7msv210.txt or 7msv210.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7msv211.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7msv210a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. 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Angenehm ist es dem +Herausgeber, wenn die Leser des ersten sich darüber gewundert, am +angenehmsten, wenn sie sich darüber geärgert haben; es zeigt dies eine +gewisse Vorliebe für die schriftstellerischen Versuche des Satan, die +nicht nur ihm, sondern auch seinem Herausgeber und Übersetzer +erwünscht sein muß. + +Die Schuld dieser Verspätung liegt aber weder in der zu heißen +Temperatur des letzten Spätsommers, noch in der strengen Kälte des +Winters, weder im Mangel an Zeit oder Stoff, noch in politischen +Hindernissen; die einzige Ursache ist ein sonderbarer Prozeß, in +welchen der Herausgeber verwickelt wurde und vor dessen Beendigung er +diesen zweiten Teil nicht folgen lassen wollte. + +Kaum war nämlich der erste Teil dieser Memoiren in die Welt versandt +und mit einigen Posaunenstößen in den verschiedenen Zeitungen +begleitet worden, als plötzlich in allen diesen Blättern zu lesen war +eine + +W a r n u n g v o r B e t r u g + +„Die bei Fr. Franckh in Stuttgart herausgekommenen Memoiren des Satan +sind nicht von dem im Alten und Neuen Testament bekannten und durch +seine Schriften: Elixiere des Teufels, Bekenntnisse des Teufels, als +Schriftsteller berühmten Teufel, sondern gänzlich, falsch und unecht, +was hiemit dem Publikum zur Kenntnis gebracht wird." + +Ich gestehe, ich ärgerte mich nicht wenig über diese Zeilen, die von +niemand unterschrieben waren. Ich war meiner Sache so gewiß, hatte das +Manuskript von niemand anders als dem Satan selbst erhalten, und nun, +nach vielen Mühen und Sorgen, nachdem ich mich an den infernalischen +Chiffern beinahe blind gelesen, soll ein solcher anonymer Totschläger +über mich herfallen, meine literarische Ehre aus der Ferne totschlagen +und besagte Memoiren für unecht erklären? + +Während ich noch mit mir zu Rate ging, was wohl auf eine solche +Beschuldigung des B e t r u g e s zu antworten sei, werde ich vor die +Gerichte zitiert und in Kenntnis gesetzt, daß ich einer +Namensfälschung, eines literarischen Diebstahls angeklagt sei, und +zwar--vom Teufel selbst, der gegenwärtig als Geheimer Hofrat in +persischen Diensten lebe. Er behauptete nämlich, ich habe seinen Namen +Satan mißbraucht, um ihm eine miserable Scharteke, die er nie +geschrieben, unterzuschieben; ich habe seinen literarischen Ruhm +benützt, um diesem schlechten Büchlein einen schnellen und +einträglichen Abgang zu verschaffen; kurz, er verlange nicht nur, daß +ich zur Strafe gezogen, sondern auch, daß ich angehalten werde, ihm +Schadenersatz zu geben, „dieweil ihm ein Vorteil durch diesen Kniff +entzogen worden". + +Ich verstehe so wenig von juridischen Streitigkeiten, daß mir früher +schon den Name Klage oder Prozeß Herzklopfen verursachte; man kann +sich also wohl denken, wie mir bei diesen schrecklichen Worten zu Mute +ward. Ich ging niedergedonnert heim und schloß mich in mein +Kämmerlein, um über diesen Vorfall nachzudenken. Es war mir kein +Zweifel, daß es hier drei Fälle geben könne. Entweder hatte mir der +Teufel selbst das Manuskript gegeben, um mich nachher als Kläger recht +zu ängstigen und auf meine Kosten zu lachen; oder irgendein böser +Mensch hatte mir die Komödie in Mainz vorgespielt, um das Manuskript +in meine Hände zu bringen, und der Teufel selbst trat jetzt als +erbitterter Kläger auf; oder drittens, das Manuskript kam wirklich vom +Teufel, und ein müßiger Kopf wollte jetzt den Satan spielen und mich +in seinem Namen verklagen. + +Ich ging zu einem berühmten Rechtsgelehrten und trug ihm den Fall vor. +Er meinte, es sei allerdings ein fataler Handel, besonders weil ich +keine Beweise beibringen könne, daß das Manuskript von dem echten +Teufel abstamme, doch er wolle das Seinige tun und aus der bedeutenden +Anzahl von Büchern, die seit Justinians _Corpus juris_ bis auf +das neue birmanische Strafgesetzbuch über solche Fälle geschrieben +worden seien, einiges nachlesen. + +Das juridische Stiergefecht nahm jetzt förmlich seinen Anfang. Es +wurde, wie es bei solchen Fällen herkömmlich ist, so viel darüber +geschrieben, daß auf jeden Bogen der Memoiren des Satan ein Ries Akten +kam, und nachdem die Sache ein Vierteljahr anhängig war, wurde sogar +auf Unrechtskosten eine neue Aktenkammer für diesen Prozeß eingeräumt; +über der Türe stand mit großen Buchstaben: „Acta in Sachen des +persischen G. H. R. T e u f e l s gegen _Dr._ H----f, betreffend +die Memoiren des Satan." + +Ein sehr günstiger Umstand für mich war der, daß ich auf dem Titel +nicht „Memoiren des Teufels", sondern „des Satan" gesagt hatte. Die +Juristen waren mit sich ganz einig, daß der Name T e u f e l in +Deutschland sein F a m i l i e n n a m e sei, ich habe also wenigstens +diesen nicht zur Fälschung gebraucht; Satan hingegen sei nur ein +angenommener, willkürlicher; denn niemand im Staate sei berechtigt, +zwei Namen zu führen. Ich fing an, aus diesem Umstand günstigere +Hoffnungen zu schöpfen; aber nur zu bald sollte ich die bittere +Erfahrung machen, was es heiße, den Gerichten anheimzufallen. Das +Referat in Sachen des _et cetera_ war nämlich dem berühmten +Justizrat Wackerbart in die Hände gefallen, einem Manne, der schon bei +Dämpfung einiger großen Revolutionen ungemeine Talente bewiesen hatte +und neuerdings sogar dazu verwendet wurde, bedeutende Unruhen in einem +Gymnasium zu schlichten. Stand nicht zu erwarten, daß ein solcher +berühmter Jurist meine Sache nur als eine _cause célèbre_ ansehen +und sie also handhaben werde, daß sie, gleichviel wem von beiden +Recht, ihm am meisten Ruhm einbrächte? Hierzu kam noch der Titel und +Rang meines Gegners; Wackerbart hatte seit einiger Zeit angefangen, +sich an höhere Zirkel anzuschließen; mußte ihm da ein so wichtiger +Mann, wie ein persischer Geheimer Hofrat, nicht mehr gelten als ich +Armer? + +Es ging, wie ich vorausgesehen hatte. Ich verlor meine Sache gegen den +Teufel. Strafe, Schadenersatz, aller mögliche Unsinn wurde auf mich +gewälzt; ich wunderte mich, daß man mich nicht einige Wochen ins +Gefängnis sperrte oder gar hängte. Man hatte hauptsächlich folgendes +gegen mich in Anwendung gebracht: + +E n t s c h e i d u n g s = G r ü n d e + +zu dem vor dem Kriminalgericht Klein=Justheim, unter dem 4. Dezember +1825 gefällten Erkenntnis in der Untersuchungssache gegen den +_Dr_. .....f w e g e n B e t r u g e s. + +1. Es ist durch das Zugeständnis des Angeklagten erhoben, daß er keine +Beweise beizubringen weiß, daß die von ihm herausgegebenen Memoiren +des Satan wirklich von dem bekannten echten Teufel, so gegenwärtig als +Geheimer Hofrat in persischen Diensten lebt, herrühren. Ferner hat der +Angeschuldigte .....f zugegeben, daß die in öffentlichen Blättern +darüber enthaltene Ankündigung mit seinem Wissen gegeben sei. + +2. Die letztgedachte Ankündigung ist also abgefaßt, daß hieraus die +Absicht des Verfassers, die Lesewelt glauben zu machen, daß „die +Memoiren des Satan" von dem wahren, im Alten und Neuen Testament +bekannten und neuerdings als Schriftsteller beliebten Teufel +geschrieben seien, nur allzu deutlich hervorleuchten tut. + +3. Durch diese Verfahrungsart hat sich der Angeklagte .....f eines +Betruges, alldieweilen solcher im allgemeinen in jedweder aus +impermissen Kommodum für sich oder Schaden anderer gerichteten +unrechtlichen Täuschung anderer, entweder, indem man falsche Tatsachen +mitteilt oder wahre dito nicht angibt--besteht; oder, um uns näher +auszudrücken, da hier die Sprache v o n e i n e r W a r e u n d +g e d r u c k t e m B u c h ist--einer F ä l s c h u n g schuldig +gemacht; denn durch den Titel „Memoiren des Satan" und die Anpreisung +des Buches wurde der Lesewelt falsch vorgespiegelt, daß das Buch +ausdrücklich von dem unter dem Namen Satan bekannten, k. persischen +Geheimen Hofrat Teufel verfaßt sei, was beim Verkauf des Werkes +verursachte, daß es schneller und in größerer Quantität abging, als +wenn das Büchlein unter dem Namen des Herrn .....f, so dem Publiko noch +gar nicht bekannt ist, erschienen wäre, und wodurch die, so es +kauften, in ihrer schönen Erwartung, ein echtes Werk des Teufels in +Händen zu haben, schnöde betrogen wurden. + +4. Wenn der Herr _Dr_. .....f, um sich zu entschuldigen, dagegen +einwendet, daß der Name Satan in Deutschland nur ein angenommener sei, +worauf der Teufel, wie man ihn gewöhnlich nennt, keinen Anspruch zu +machen habe, so bemerken wir Kriminalleute von Klein=Justheim sehr +richtig, daß sich .....f auf den Gebrauch jenes angenommenen, übrigens +bekanntermaßen den Teufel sehr wohl bezeichnenden Namens nicht +beschränkt, sondern in dem Werke selbst überall durchblicken läßt, +namentlich in der Einleitung, daß der Verfasser derjenige Teufel oder +Satan sei, welcher dem Publiko, besonders dem Frauenzimmer, wie auch +denen Gelehrten durch frühere Opera, z. B. die Elixiere des Teufels +_et cetera_ rühmlichst bekannt ist, wodurch wohl ebenfalls +niemand anderes gemeint ist als der Geheime Hofrat Teufel. + +5. Man muß lachen über die Behauptung des Inkulpaten, daß das in Frage +stehende Opuskulum, wie auch nicht destoweniger seine Anzeige, +eigentlich eine Satire auf den Teufel und jegliche Teufelei jetziger +Zeit sei! Denn diese Entschuldigung wird durch den Inhalt der Schrift +selbst widerlegt; ja, jeder Leser von Vernunft muß das auch wohl eher +für eine etwas geringe Nachäffung der Teufeleien als für--eine Satire +auf dieselben erkennen. Wäre aber auch, was wir Juristen nicht +einzusehen vermögen, das Werk dennoch eine Satire, so ist durchaus +kein günstiger Umstand für .....f zu ziehen, weil derjenige Käufer, der +etwas E c h t e s, vom Teufel Verfaßtes kaufen wollte, erst nach dem +Kauf entdecken konnte, daß er betrogen sei. + +6. Außer der völlig rechtswidrigen Täuschung der Lesewelt, +Leihbibliotheken _et cetera_, ist in der vorliegenden Defraudation +auch ein Verbrechen gegen den begangen, dessen Name oder +Firma mißbraucht worden, nämlich und spezialiter gegen den Geheimen +Hofrat Teufel, welcher sowohl als Gelehrter und Schriftsteller, als +von wegen des Honorars seiner übrigen Schriften sehr dabei +interessiert ist, daß nicht das Geschreibsel anderer als von ihm +niedergeschrieben, wie auch erdacht, angezeigt und verkauft werde. + +7. Wenn endlich der Angeklagte behauptet, daß er das Buch arglos +herausgegeben, ohne das Klein=Justheimer Recht hierüber zu kennen, daß +ihn auch bei der Fälschung durchaus keine gewinnsüchtigen Absichten +geleitet hätten, so ist uns dies gleichgültig und haben nicht darauf +Rücksicht zu nehmen; denn Fälschung ist Fälschung, sei es, ob man +englische Teppiche nachahmt und als echt verkauft, aber Bücher +schreibt unter falschem Namen; ist alles nur verkäufliche Ware und +kann den Begriff des Vergehens nicht ändern, weil immer noch die +Täuschung und Anschmierung der Käufer restiert und zwar ebenfalls +nichts destominder auch alsdann, wenn die Memoiren des Satan gleichen +Wert mit den übrigen Büchern des Teufels hätten (was wir +Klein=Justheimer übrigens bezweifeln, da jener Geheimer Hofrat ist), +weil dem Ebengedachten schon das Unterschieben eines fremden +Machwerkes unter seinem Namen ein Schaden in juridischem Sinne sein +tut. + +Es ist daher, wie man getan hat, erkannt worden usw. usw. + +(Gez.) Präsident und Räte des Kriminalgerichts zu Klein=Justheim. + +Hast du, geneigter Leser, nie die berühmten Nürnberger Gliedermänner +gesehen, so, kunstreich aus Holz geschnitzelt, ihre Gliedlein nach +jedem Druck bewegen? Hast du wohl selbst in deiner Jugend mit solchem +Männlein gespielt und allerlei Kurzweil mit ihm getrieben und +probiert, ob es nicht schöner wäre, wenn er z. B. das Gesicht im +Nacken trüge und den Rücken hinunterschaue, oder ob es nicht +vernünftiger wäre, wenn ihm die Beine ein wenig umgedreht würden, daß +er vor= und rückwärts spaziere, wie man es haben wolle? Das hast du +wohl versucht in den Tagen deiner Kindheit, und es war ein +unschuldiges Spiel; denn dem Gliedermann war es gleichgültig, ob ihm +die Beine über die Schulter herüberkamen oder nicht, ob er den Rücken +herabschaute oder vorwärts; er lächelte so dumm wie zuvor; denn er +hatte ja kein Gefühl, und es tat ihm nicht weh im Herzen; denn auch +dieses war ja aus Holz geschnitzelt und wahrscheinlich aus Lindenholz. + +Aber selbst ein solcher Gliedermann sein zu müssen in den täppischen +Händen der Klein=Justheimer Kriminalen! Sie renkten und drehten mir +die Glieder, setzten mir den Kopf so oder so, wie es ihnen gefällig, +oder auch nach Vorschrift des Justinian, drehten und wendeten mein +Recht, bis der Kadaver vor ihnen lag auf dem grünen Sessionstisch, wie +sie ihn haben wollten, mit verrenkten Gliedern, und sie nun anatomisch +aufnotieren konnten, was für Fehler und Kuriosa an ihm zu bewerfen, +nämlich, daß er das Gesicht im Nacken, die Füße einwärts, die Arme +verschränkt _et cetera_ trage, ganz gegen alle Ordnung und Recht. + +Ware, Ware! nannten sie deine Memoiren, o Satan, Ware! Als würde +dergleichen nach der Elle aus dem Gehirn hervorgehaspelt, wie es jener +Schwarzkünstler und Eskamoteur getan, der Bänder verschluckte und sie +herauszog, Elle um Elle aus dem Rachen. Warenfälschung, Einschwärzen, +Defraudation, o welch herrliche Begriffe, um zu definieren, was man +will! Und rechtswidrige Täuschung des Publikums? Wer hat denn darüber +geklagt? Wer ist aufgestanden unter den Tausenden und hat Zeter +geschrien, weil er gefunden, daß das Büchlein nicht von dem Schwarzen +selbst herrühre, daß er den Missetäter bestraft wissen wolle für diese +rechtswidrige Täuschung? O Klein=Justheim, wie weit bist du noch +zurück hinter England und Frankreich, daß du nicht einmal einsehen +kannst, Werke des Geistes seien kein nachgemachter Rum oder Arrak und +gehören durchaus nicht vor deine Schranken. + +Traurig musterte ich das Manuskript des zweiten Teiles, der nun für +mich und das Publikum verloren war; ich dachte nach über das +Hohngelächter der Welt, wenn der erste nur ein Torso, ein schlechtes +abgerissenes Stück, verachtet auf den Schranken der Leihbibliotheken +sitze, trübselig auf die hohe Versammlung der Romane und Novellen +allerart herabschaue und ihnen ihre abgenützten Gewänder beneide, die +den großen Furor, welchen sie in der Welt machen, beurkunden, wie er +seine andere Hälfte, seinen Nebenmann, den zweiten, herbeiwünsche, um +verbunden mit ihm schöne Damen und Herren zu besuchen, was ihm jetzt, +als einem Invaliden, beinahe unmöglich war. Da wurde mir eines Morgens +ein Brief überbracht, dessen Aufschrift mir bekannte Züge verriet. Ich +riß ihn auf und las: + +„Wohlgeborener, sehr verehrter Herr! + +Durch den Oberjustizrat Hammel, der vor einigen Tagen das Zeitliche +gesegnet und an mein Hoflager kam, erfuhr ich zu meinem großen Ärger +die miserablen Machinationen, die gegen Euch gemacht wurden. Bildet +Euch nicht ein, daß sie von mir herrühren. Mit großem Vergnügen denke +ich noch immer an unser Zusammentreffen in den drei Reichskronen zu +Mainz, und in meiner jetzigen Zurückgezogenheit und bei meinen vielen +Geschäften im Norden komme ich selten dazu, eine deutsche +Literaturzeitung zu lesen; aber einige Rezensenten, welche ich sprach, +versichern mich, mit welchem Eifer Ihr meine Memoiren herausgegeben +habt und daß das Publikum meine Bemühungen zu schätzen wisse. Der +Prozeß, den man Euch an den Hals warf, kam mir daher um so +unerwarteter. Glaubet mir, es ist nichts als ein schlechter +Kunstgriff, um mich nicht als Schriftsteller aufkommen zu lassen, weil +ich ein wenig über ihre Universitäten schimpfte und die ästhetischen +Tees, und Euch wollen sie nebenbei auch drücken. Lasset Euch dies +nicht kümmern, Wertester; gebet immer den zweiten Teil heraus, im +Notfall könnet Ihr gegenwärtige Schreiben jedermann lesen lassen, +namentlich den Wackerbart; saget ihm, wenn er meine Handschrift nicht +kenne, so kenne ich um so besser die seinige. + +Ich kenne diese Leutchen, sie sind Raubritter und Korsaren, die jeden +berühmten Prozeß, der ihnen in die Hände fällt, für g u t e P r i s e +erklären, und wenn sie ihn festhaben in den Krallen, so lange deuteln +und drehen, bis sie ihn dahin entscheiden können, wo er ihnen am +meisten Ruhm nebst etzlichem Golde einträgt. Was war bei Euch von +beidem zu erheben? Ihr, ein armseliger Doktor der Philosophie und +Magister der brotlosen Künste, was seid Ihr gegen einen persischen +Geheimen Hofrat? Denket also, die Sache sei ganz natürlich zugegangen, +und grämet Euch nicht darüber. Was den persischen Geheimen Hofrat +betrifft, der meine Rolle übernommen hat, so will ich bei Gelegenheit +ein Wort mit ihm sprechen. + +Hier lege ich Euch noch ein kleines Manuskriptchen bei, ich habe es in +den letzten Pfingstfeiertagen in Frankfurt aufgeschrieben, es ist im +ganzen ein Scherz und hat nicht viel zu bedeuten; doch schaltet Ihr es +im zweiten Teile ein; es gibt vielleicht doch Leute, die sich dabei +freundschaftlich meiner erinnern. + +Gehabt Euch wohl; in der Hoffnung, Eure persönliche Bekanntschaft bald +zu erneuern, bin ich + +Euer wohlaffektionierter Freund, d e r S a t a n." + +Man kann sich leicht denken, wie sehr mich dieser Brief freute. Ich +lief sogleich damit zu dem wackern Mann, der meine Sache geführt +hatte; ich zeigte ihm den Brief, ich erklärte ihm, appellieren zu +wollen an ein höheres Gericht und den Originalbrief beizulegen. + +Er zuckte die Achseln und sprach: „Lieber, sie wohnen zusammen in e i +n e r Hausmiete, die Kriminalen; ob Ihr um eine Treppe höher steigen +wollet, aus dem Entresol in die Beletage zu den Vornehmeren, das ist +einerlei; Ihr fallet nur um so tiefer, wenn sie Euch durchfallen +lassen. Doch an mir soll es nicht fehlen." + +So sprach er und focht für mich mit erneuerten Kräften; doch--was half +es? Sie stimmten ab, erklärten den persischen für den echten, +alleinigen Teufel, der allein das Recht habe, Teufeleien zu schreiben, +und der Prozeß ging auch in der Beletage verloren. + +Da faßte mich ein glühender Grimm; ich beschloß, und wenn es mich den +Kopf kosten sollte, doch den zweiten Teil herauszugeben, ich nahm das +Manuskript unter den Arm, raffte mich auf und----erwachte. + +Freundlich strahlte die Frühlingssonne in mein enges Stübchen, die +Lerchen sangen vor dem Fenster, und die Blütenzweige winkten herein, +mich aufzumachen und den Morgen zu begrüßen. + +Verschwunden war der böse Traum von Prozessen, Justizräten, +Klein=Justheim und alles, was mir Gram und Ärger bereitete, +verschwunden, spurlos verschwunden. + +Ich sprang auf von meinem Lager, ich erinnerte mich, den Abend zuvor +bei einigen Gläsern guten Weins über einen ähnlichen Prozeß mit +Freunden gesprochen zu haben; da war mir nun im Traume alles so +erschienen, als hätte ich selbst den Prozeß gehabt, als wäre ich +selbst verurteilt worden von Kriminalrichtern und Klein=Justheimer +Schöppen. + +Ich lächelte über mich selbst. Wie pries ich mich glücklich, in einem +Lande zu wohnen, wo dergleichen juridische Exzesse gar nicht +vorkommen, wo die Justiz sich nicht in Dinge mischt, die ihr fremd +sind, wo es keine Wackerbarte gibt, die einen solchen Fund für gute +Prise erklären, das Recht zum Gliedermann machen und drauflos +hantieren und drehen, ob es biege oder breche, wo man Erzeugnisse des +Geistes nicht als Ware handhabt und Satire versteht und zu würdigen +weiß, wo man weder auf den Titel eines persischen Geheimen Hofrats, +noch auf irgend dergleichen Rücksicht nimmt. + +So dachte ich, pries mich glücklich und verlachte meinen komischen +Prozeßtraum. + +Doch wie staunte ich, als ich hintrat zu meinem Arbeitstisch! Nein, es +war keine Täuschung, da lag er ja, der Brief des Satans, wie ich ihn +im Traume gelesen, da lag das Manuskript, das er mir im Brief +verheißen. Ich traute meinen Sinnen kaum, ich las, ich las wieder, und +immer wurde mir der Zusammenhang unbegreiflicher. + +Doch ich konnte ja nicht anders, ich mußte seinen Wink befolgen und +seinen „Besuch in Frankfurt" dem zweiten Teile einverleiben. + +Ich gestehe, ich tat es ungern. Ich hatte schon zu diesem Teile alles +geordnet; es fand sich darin eine Skizze, die nicht ohne Interesse zu +lesen war, ich meine die Szene, wie er mit Napoleon eine Nacht in +einer Hütte von Malojaroßlawez zubrachte und wie von jenen +Augenblicken an so vieles auf geheimnisvolle Weise sich gestaltet im +Leben jenes Mannes, dem selbst der Teufel Achtung zollen mußte. +vielleicht--weil er ihm nicht beikommen konnte, doch--vielleicht ist +es möglich, dieses merkwürdige Aktenstück dem Publikum an einem andern +Orte mitzuteilen. + +Noch war ich mit Durchsicht und Ordnen der Papiere beschäftigt, da +wurde die Türe aufgerissen, und mein Freund Moritz stürzte ins Zimmer. + +„Weißt du schon?" rief er. „Er hat ihn verloren." + +„Wer? Was hat man verloren?" + +„Nun, von was wir gestern sprachen, den Prozeß gegen Clauren meine +ich, wegen des M a n n e s i m M o n d e!" + +„Wie? Ist es möglich!" entgegnete ich, an meinen Traum denkend. „Unser +Freund, der Kandidatus Bemperlein? Den Prozeß?" + +„Du kannst dich drauf verlassen; soeben komme ich vom Museum, der +Verleger sagte es mir, soeben wurde ihm das Urteil publiziert." + +„Aber wie konnte dies doch geschehen, Moritz? War er etwa auch in +Klein=Justheim anhängig?" + +„Klein=Justheim? Du fabelst, Freund!" erwiderte der Freund, indem er +besorgt meine Hand ergriff. „Was willst du nur mit Klein=Justheim, wo +gibt es denn einen solchen Ort?" + +„Ach," sagte ich beschämt, „du hast recht; ich dachte an--meinen +Traum." + + * * * * * + + + + +MEIN BESUCH IN FRANKFURT. + +1. WEN DER SATAN AN DER _TABLE D'HÔTE_ IM WEISSEN SCHWAN SAH. + + +Kommt man um die Zeit des Pfingstfestes nach Frankfurt, so sollte man +meinen, es gebe keine heiligere Stadt in der Christenheit; denn sie +feiern daselbst nicht, wie z. B. in Bayern eineinhalb oder, wie im +Kalender vorgeschrieben, zwei Festtage, sondern sie rechnen vier +Feiertage; die Juden haben deren sogar fünf; denn sie fangen in +Bornheim ihre heiligen Übungen schon am Samstag an, und der Bundestag +hat sogar acht bis zehn. + +Diese Festtage gelten aber in dieser Stadt weniger den wunderbaren +Sprachkünsten der Apostel als mir. Was die berühmtesten Mystiker am +Pfingstfeste morgens den guten Leutchen ans Herz gelegt, was die +immensesten Rationalisten mit moralischer Salbung verkündet hatten, +das war so gut als in den Wind gesprochen. Die Fragen: „Ob man am +Montag oder am Dienstag, am zweiten oder dritten Feiertag ins W ä l d +c h e n gehen, ob es nicht anständiger wäre, ins Wilhelmsbad zu +fahren, ob man am vierten Feiertag nach Bornheim oder ins Vauxhall +gehen sollte, oder beides," diese Fragen scheinen bei weitem wichtiger +als jene, die doch für andächtige Feiertagsleute viel näher lag: „Ob +die Apostel damals auch Englisch und Plattdeutsch verstanden haben?" + +Muß ein so aufgeweckter Sinn den Teufel nicht erfreun, der an solchen +Tagen mehr Seelen für sich gewinnt als das ganze Judenquartier in +einer guten Börsenstunde Gulden? Auch diesmal wieder kam ich zu +Pfingsten nach Frankfurt. Leuten, die, von einem berühmten +Belletristen verwöhnt, alles bis auf kleinste Detail wissen wollen, +diene zur Nachricht, daß ich im Weißen Schwanen auf Nr. 45 recht gut +wohnte, an der großen _Table d'hôte_ in angenehmer Gesellschaft +trefflich speiste; den Küchenzettel mögen sie sich übrigens von dem +Oberkellner ausbitten. + +Schon in der ersten Stunde bemerkte ich ein Seufzen und Stöhnen, das +aus dem Zimmer nebenan zu dringen schien. Ich trat näher, ich hörte +deutlich, wie man auf gut deutsch fluchte und tobte, dann Rechnungen +und Bilanzen, die sich in viele Tausende beliefen, nachzählte, und +dann wieder wimmerte und weinte wie ein Kind, das seiner Aufgabe für +die Schule nicht mächtig ist. + +Teilnehmend, wie ich bin, schellte ich nach dem Kellner und fragte +ihn, wer der Herr sei, der nebenan so überaus kläglich sich gebärde? + +„Nun," antwortete er, „das ist der stille Herr." „Der stille Herr? +Lieber Freund, das gibt mir noch wenig Aufschluß. Wer ist er denn?" + +„Wir nennen ihn hier im Schwan den stillen Herrn oder auch den +Seufzer; er ist ein Kaufmann aus Dessau, nennt sich sonst Zwerner und +wohnt schon seit vierzehn Tagen hier." + +„Was tut er denn hier? Ist ihm ein Unglück zugestoßen, daß er gar so +kläglich winselt?" + +„Ja, das weiß ich nicht," erwiderte er, „aber seit dem zweiten Tag, +daß er hier ist, ist sein einziges Geschäft, daß er zwischen zwölf und +ein Uhr in der neuen Judenstraße auf= und abgeht, und dann kommt er zu +Tisch, spricht nichts, ißt nichts, und den ganzen Tag über jammert er +ganz stille und trinkt Kapwein." + +„Nun, das ist keine schlimme Eigenschaft," sagte ich, „setzen Sie mich +doch heute mittag in seine Nähe." Der Kellner versprach es, und ich +lauschte wieder auf meinen Nachbar. „Den zwölften Mai," hörte ich ihn +stöhnen, „Metalliques 83 3/4, österreichische Staatsobligationen 87 +3/8, Rothschildische Lotterielose, der Teufel hat sie erfunden und +gemacht! 132, preußische Staatsschuldscheine 81! O Rebekka! Rebekka! +Wo will das hinaus! 81! Die Preußen! Ist denn gar keine Barmherzigkeit +im Himmel?" + +So ging es eine Zeitlang fort; bald hörte ich ihn ein Glas Kapwein zu +sich nehmen und ganz behaglich mit der Zunge dazu schnalzen; bald +jammerte er wieder in den kläglichsten Tönen und mischte die Konsols, +die Rothschildschen Unverzinslichen und seine Rebekka auf +herzbrechende Weise untereinander. Endlich wurde er ruhiger. Ich hörte +ihn sein Zimmer verlassen und den Gang hinabgehen; es war wohl die +Stunde, in welcher er durch die neue Judenstraße promenierte. + +Der Kellner hatte Wort gehalten. Er wies, als ich in den Speisesaal +trat, auf einen Stuhl: „Setzen sich der Herr Doktor nur dorthin," +flüsterte er, „zu Ihrer Rechten sitzt der Seufzer." Ich setzte mich, +ich betrachtete ihn von der Seite. Wie man sich täuschen kann! Ich +hatte einen jungen Mann von melancholischem, gespenstischem Aussehen +erwartet, wie man sie heutzutage in großen Städten und Romanen trifft, +etwas bleichschmachtend und fein wie Eduard, von der Verfasserin der +Ourika, oder von schwächlichem, beinahe liederlichem Anblick wie +einige Schopenhauersche oder Pichlersche Helden. Aber gerade das +Gegenteil; ich fand einen untersetzten, runden jungen Mann mit +frischen, wohlgenährten Wangen und roten Lippen, der aber die trüben +Augen beinahe immer niederschlug und um den hübschen Mund einen +weinerlichen Zug hatte, welcher zu diesem frischen Gesicht nicht recht +paßte. + +Ich versuchte, während ich ihm allerlei treffliche Speisen anbot, +einigemal mit ihm ins Gespräch zu kommen, aber immer vergeblich; er +antwortete nur durch eine Verbeugung, begleitet von einem +halbunterdrückten Seufzer. In solchen Augenblicken schlug er dann wohl +die Augen auf, doch nicht, um auf mich zu blicken; er warf nur einen +scheuen, finstern Blick geradeaus und sah dann wieder seufzend auf +seinen Teller. + +Ich folgte einem dieser Blicke und glaubte zu bemerken, daß sie einem +Herrn gelten mußten, der uns gegenüber saß und schon zuvor meine +Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. + +Er war gerade das Gegenteil von meinem Nachbar rechts. Seine schon +etwas kahle, gefurchte Stirne, sein bräunliches, eingeschnurrtes +Gesicht, seine schmalen Wangen, seine spitze, weit hervortretende Nase +deuteten darauf hin, daß er die fünfundvierzig Jährchen, der er haben +mochte, etwas s c h n e l l verlebt habe. Den auffallendsten Kontrast +mit diesen verwitterten, von Leidenschaften durchwühlten Zügen bildete +ein ruhiges, süßliches Lächeln, das immer um seinen Mund schwebte, die +zierliche Bewegung seiner Arme und seines Körperchens, wie auch seine +sehr jugendliche und modische Kleidung. + +Es saßen etwa fünf oder sechs junge Damen an der Tafel, und nach den +zärtlichen Blicken, die er jeder zusandte, dem süßen Lächeln, womit er +seine Blicke begleitete, zu urteilen, mußte er mit allen in genauen +Verhältnissen stehen. Dieser Herr hatte, wenn er mit der +abgestorbenen, knöchernen Hand einen Spargel zum Munde führte und +süßlich dazu lächelte, die größte Ähnlichkeit mit einem rasierten +Kaninchen, während mein Nachbar rechts wie ein melancholischer Frosch +anzusehen war. + +Warum übrigens der Seufzer das Kaninchen mit so finstern Augen maß, +konnte ich nicht erraten. Endlich, als die Blicke meines Nachbars +düsterer und länger als gewöhnlich auf jenem ruhten, fing das +Kaninchen an, die Schultern und Arme graziös hin und her zu drehen, +den Rücken auf künstliche Art auszudehnen und das spitzige Köpfchen +nach uns herüber zu drehen; mit süßem Lächeln fragte er: „Noch immer +so düster, mein lieber Monsieur Zwerner? Etwa gar eifersüchtig auf +meine Wenigkeit?" + +An dem zarten Lispeln, an der künstlichen Art, das r wie gr +auszusprechen, glaubte ich in ihm einen jener adeligen Salonmenschen +zu erkennen, die von einer feinen, leisen Sprache Profession machen. +Und so war es; denn mein Nachbar antwortete: „Eifersüchtig, Herr +Graf?--Auf S i e in keinem Fall." + +Graf Rebs--so hörte ich ihn später nennen--faltete sein Mäulchen zu +einem feinen Lächeln, drückte die Augen halb zu, bog die Spitznase auf +komische Weise seitwärts, strich mit der Hand über sein langes, +knöchernes Kinn und kicherte: + +„Das ist schön von Ihnen, lieber Monsieur Zwerner; also gar nicht +eifersüchtig? Und doch habe ich die schöne Rebekka erst gestern abend +noch in ihrer Loge gesprochen. Ha, ha! Sie standen im Parterre und +schauten mit melancholischen Blicken herauf. Darf ich Sie um jenes +Ragout bitten, mein Herr?" + +„Ich war allerdings im Theater, habe aber nur vorwärts aufs Theater +und nicht rückwärts gesehen, am wenigsten mit melancholischen +Blicken." + +„Herr Oberkellner," lispelte der Graf, „Sie haben die Trüffeln +gespart. Aber nein! Monsieur Zwerner, wie man sich täuschen kann! Ich +hätte auf Ehre geglaubt, Sie schauten herauf in die Loge mit +melancholischen Blicken. Auch Rebekka mochte es bemerken und Fräulein +von Rothschild; denn als ich auf Sie hinabwies--Kellner, ich trinke +heute lieber roten Ingelheimer, ein Fläschchen--ja, wollte ich sagen-- +das ist mir nun während des Ingelheimers gänzlich entfallen; so geht +es, wenn man so viel zu denken hat." + +Meinem Nachbar mochte das unverzeihlich schlechte Gedächtnis des +Grafen nicht behagen; obgleich er vorhin das Kaninchen ziemlich barsch +abgewiesen hatte, so schien ihm doch dieser Punkt zu interessant, als +daß er nicht weiter geforscht hätte. „Nun, auch Fräulein von +Rothschild hat bemerkt, daß ich melancholisch hinaussah?" fragte er, +indem er seine bitteren Züge durch eine Zutat von Lächeln zu versüßen +suchte; „freilich, diese hat ein scharfes Gesicht durch die Lorgnette--". + +„Richtig, das war es," erwiderte Rebs, „das war es; ja, als ich auf +Sie hinabwies und Rebeckchen Ihre Leiden anschaulich machte, schlug +sie mich mit ihrem Jocofächer auf die Hand und nannte mich einen +Schalk." + +Mein Nachbar wurde wieder finster, seine roten Wangen röteten sich +noch mehr, und die ansehnliche Breite seines Gesichtes erweiterte sich +noch durch wilden Trotz, der in ihm wütete. Er zog den Kopf tief in +die Schultern und blitzte das Kaninchen hin und wieder mit einem +grimmigen Blicke an. Er hatte nie so große Ähnlichkeit mit einem +angenehmen Froschjüngling, der an einem warmen Juniabend trauernd auf +dem Teichel sitzt, als in diesem Augenblicke. + +Graf Rebs bemerkte dies. Mit angenehmer Herablassung, wobei er das r +noch mehr schnurren ließ als zuvor, sprach er: „Werter Monsieur +Zwerner, Sie dürfen aus dem Schlag mit dem Jocofächer keine argen +Folgerungen ziehen. Es ist nur eine _façon de parler_ unter +Leuten von gutem Ton. Wegen meiner dürfen Sie ruhig sein. Zwar solange +man jung ist," fuhr er fort, indem er den Halskragen höher heraufzog +und schalkhaft daraus hervorsah, wie das Kaninchen aus dem Busch, +„zwar so lange man jung ist, macht man sich hie und da ein Späßchen. +Aber ein ganz anderer Gegenstand fesselt mich jetzt, Liebster! Haben +Sie schon die Nichte des englischen Botschafters gesehen, die seit +drei Tagen hier in Frankfurt ist?" + +„Nein," antwortete mein Nachbar, leichter atmend. + +„O, ein deliziöses Kind! Augenbrauen wie, wie--wie mein Rock hier, +einen Mund zum Küssen und in dem schönen Gesicht so etwas Pikantes, +ich möchte sagen so viel englische Rasse. Nun, wir sind hier unter +uns; ich kann Sie versichern, es ist auffallend, aber wahr, ich sollte +es nicht sagen, es beschämt mich, aber auf Ehre, Sie können sich +darauf verlassen, obgleich es ein ganz komischer Fall ist, übrigens +hoffe ich, mich auf Ihre Diskretion verlassen zu können, nein, es ist +wirklich auffallend, in drei Tagen ..." + +„Nun, so bitte ich Sie doch um Gottes willen, Herr Graf, was wollen +Sie denn sagen?" + +Es war ein eigener Genuß, das Kaninchen in diesem Augenblicke +anzusehen. Ein Gedanke schien ihn zu kitzeln; denn er kniff die +Äuglein zu, sein Kinn verlängerte sich, seine Nase bog sich abwärts +nach den Lippen, und sein Mund war nur noch eine dünne, zarte Linie; +dazu arbeitete er mit dem zierlich gekrümmten Rücken und den +Schulterblättern, als wolle er anfangen zu fliegen, und mit den +abgelebten Knöcheln seiner Finger fuhr er auf dem Tisch umher. Noch +einmal mußte der Seufzer ihn ermuntern, sein Geheimnis preiszugeben, +bis er endlich hervorbrachte: „Sie ist in mich verliebt! Sie staunen; +ich kann es Ihnen nicht übelnehmen; auch mir wollte es anfangs +sonderbar bedünken, in so kurzer Zeit; aber ich habe meine sicheren +Kennzeichen, und auch andere haben es bemerkt." + +„Sie Glücklicher!" rief der Seufzer nicht ohne Ironie. „Wo Sie nur +hintippen, schlagen Ihnen Herzen entgegen; übrigens rate ich, diese +Engländerin ernstlicher zu verfolgen; bedenken Sie, eine so solide +Partie--" + +„Merke schon, merke schon," entgegnete Rebs mit schlauem Lächeln, „es +ist Ihnen um Rebekka, Sie wollen, ich solle dort gänzlich aus dem +Felde ziehen. Solide Partie! Sie werden doch nicht meinen, daß ich +schon heiraten will? Gott bewahre mich! Aber wegen Rebeckchen dürfen +Sie ruhig sein; ich ziehe mich gänzlich zurück. Und sollte vielleicht +eine vorübergehende Neigung in dem Mädchen--Sie verstehen mich schon-- +das wird sich bald geben; ich glaube nicht, daß sie mich ernstlich +geliebt hat." + +„Ich glaube auch nicht," entgegnete der Seufzer mit einem Ton, in +welchem sich bittere Ironie mit Grimm mischte. Die Gesellschaft stand +auf, wir folgten. Graf Rebs tänzelte lächelnd zu den Damen, welchen er +während der Tafel so zärtliche Blicke zugeworfen; ich aber folgte dem +unglücklichen Seufzer. + + * * * * * + + + + +2. TROST FÜR LIEBENDE. + + +„Was war doch dies für ein sonderbarer Herr?" fragte ich meinen +Nachbar, indem ich mich dicht an ihn anschloß. „Findet er wirklich bei +den Damen so sehr Beifall, oder ist er ein wenig verrückt?" + +„Ein Geck ist er, ein Narr!" rief der Seufzende, indem er mit dem Kopf +aus den Schultern herausfuhr und die Arme umherwarf. „Ein alter +Junggeselle von fünfundvierzig, und spielt noch den ersten Liebhaber. +Eitel, töricht, glaubt, jede Dame, die er aus seinen kleinen Äuglein +anblinzelt, sei in ihn verliebt, drängt sich überall an und ein--" + +„Nun, da spielt dieser Graf Rebs eine lächerliche Rolle in der +Gesellschaft, da wird er wohl überall verhöhnt und abgewiesen?" „Ja, +wenn die Damen dächten, wie Sie, wertgeschätzter Herr! Aber so +lächerlich dieser Gnome ist, so töricht er sich überall gebärdet, so-- +oh--Rebekka! der Teufel hat die Weiberherzen gemacht." + +„Ei, ei," sagte ich, indem ich schnell Nr. 45 aufschloß und den +Verzweifelnden hineinschob, „ei! lieber Herr Zwerner, wer wird so arge +Beschuldigungen ausstoßen? Und auf Fräulein Rebekka--setzen Sie sich +doch gefälligst aufs Sofa--auf das Fräulein sollte er auch Eindruck +gemacht haben, dieser Gliedermann?" + +„Ach, nicht er, nicht er. Sie sieht, daß er lächerlich ist und +geckenhaft, und doch kokettiert sie mit ihm. Nicht mit ihm, sondern +mit seinem Titel. Es schmeichelt ihr, einen Grafen in ihrer Loge zu +sehen oder auf der Promenade von ihm begrüßt zu werden; vielleicht, +wenn sie eine Christin wäre, hätte sie einen solidern Geschmack." + +„Wie, das Fräulein ist eine Jüdin?" + +„Ja, es ist ein Judenfräulein. Ihr Vater ist der reiche Simon in der +neuen Judenstraße. Das große gelbe Haus neben dem Herrn von +Rothschild, und eine Million hat er, das ist ausgemacht." + +„Sie haben einen soliden Geschmack. Und wie ich aus dem Gespräch des +Grafen bemerkt habe, können Sie sich einige Hoffnung machen?" + +„Ja," erwiderte er ärgerlich, „wenn nicht der Satan das Papierwesen +erfunden hätte. So stehe ich immer zwischen Türe und Angel. Glaube ich +heute einen festen Preis, ein sicheres Vermögen zu haben, um vor Herrn +Simon zu treten und sagen zu können: ‚Herr, wir wollen ein kleines +Geschäft machen miteinander; ich bin das Haus Zwerner u. Komp. aus +Dessau, stehe so und so, wollen Sie mir Ihre Tochter geben?' Glaube +ich nun so sprechen zu können, so läßt auf einmal der Teufel die +Metalliques um zwei, drei Prozent steigen, ich verliere, und meinem +Schwiegerpapa, der daran gewinnt, steigt der Kamm um so viele Prozente +höher, und an eine Verbindung ist dann nicht mehr zu denken." + +„Aber kann denn nicht der Fall eintreten, daß S i e gewinnen?" + +„Ja, und dann bin ich so schlecht beraten wie zuvor. Herr Simon ist +von der Gegenpartei. Gewinne ich nun durch das Sinken dieser oder +jener Papiere, so verliert er ebensoviel, und dann ist nichts mit ihm +anzufangen; denn er ist ein ausgemachter Narr und reif für das +Tollhaus, wenn er verliert. Ach, und aus Rebeckchen, so gut sie sonst +ist, guckt auf allen Seiten der jüdische Geldteufel heraus." + +„Wie, sollte es möglich sein, eine junge Dame sollte so sehr nach Geld +sehen?" + +„Da kennen Sie die Mädchen, wie sie heutzutage sind, schlecht," +erwiderte er seufzend. „Titel oder Geld, Geld oder Titel, das ist es, +was sie wollen. Können sie sich durch einen Leutnant zur gnädigen Frau +machen lassen, so ist er ihnen eben recht, hat ein Mann wie ich Geld, +so wiegt dies den Adel zur Not auf, weil derselbe gewöhnlich keines +hat." + +„Nun, ich denke aber, das Haus Zwerner u. Komp. in Dessau hat Geld; +woher also Ihr Zweifel an der Liebe des Fräuleins?" + +„Ja, ja!" sagte er etwas freundlicher, „wir haben Geld, und so viel, +um immer mit Anstand um eine Tochter des Herrn Simon zu freien; aber +Sie kennen die Frankfurter Mädchen nicht; werter Herr! Ist von einem +angenehmen, liebenswürdigen jungen Manne die Rede, so fragen sie: Wie +steht er? Steht er nun nicht nach allen Börsenregeln solid, so ist er +in ihren Augen ein Subjekt, an das man nicht denken muß." + +„Und Rebekka denkt auch so?" + +„Wie soll sie andere Empfindungen kennen lernen in der neuen +Judenstraße? Ach, ihre Neigung zu mir wechselt nach dem Cours der +Börsenhalle! Man weiß hier, daß ich mich verführen ließ, viele +Metalliques und preußische Staatsschuldscheine zu kaufen. Mein +Interesse geht mit dem der hohen Mächte und mit dem Wohl Griechenlands +Hand in Hand. Verliert die Pforte, so gewinne ich und werde ein +reicher Mann. Gewinnt der Großtürke und sein Reis=Effendi, so bin ich +um zwanzigtausend Kaisergulden ärmer und nicht wehr würdig, um sie zu +freien. Das weiß nun das liebenswürdige Geschöpf gar wohl, und ihr +Herz ist geteilt zwischen mir und dem Vater. Bald möchte sie gerne, +daß die Pforte das Ultimatum annehme, um mein Glück zu fördern; bald +denkt sie wieder, wieviel ihr Vater durch diese Spekulation des Herrn +von Metternich verlieren könnte, und wünscht dem Effendi soviel +Verstand als möglich. Ich Unglücklicher!" + +„Aber, lieben Sie denn wirklich dieses edle Geschöpf?" fragte ich. + +Tränen traten ihm in die Augen, ein tiefer Seufzer stahl sich aus +seiner Brust. „Wie sollte ich sie nicht lieben?" antwortete er. +„Bedenken Sie, fünfzigtausend Taler Mitgift, und nach des Vaters Tod +eine halbe Million, und wenn Gott den Israelchen zu sich nimmt, eine +ganze. Und dabei ist sie vernünftig und liebenswürdig, hat so was +Feines, Zartes, Orientalisches; ein schwarzes Auge voll Glut, eine +kühn geschwungene Nase, frische Lippen; der Teint, wie ich ihn liebe, +etwas dunkel und dennoch rötlich. Ha! und eine Figur! Herr! Wie sollte +man solches Geschöpf nicht lieben?" + +„Und haben Sie keinen Rival als den Gnomen, den Grafen Rebs?" + +„O, einige Judenjünglinge, bedeutende Häuser, buhlen um sie, aber ihr +Sinn steht nach einem soliden Christen. Sie weiß, daß bei uns alles +nobler und freier geht als bei ihrem Volk, und schämt sich, in guter +Gesellschaft für eine Jüdin zu gelten. Daher hat sie sich auch den +Frankfurter Dialekt ganz abgewöhnt und spricht Preußisch. Sie sollten +hören, wie schön es klingt, wenn sie sagt: ‚Ißßt es möglich?' oder: +‚Es jinge wohl, aber es jeht nich.'" + +Der Seufzer gefiel mir. Es ist ein eigenes, sonderbares Volk, diese +jungen Herren vom Handelsstand. Sie bilden sich hinter ihrem +Ladentisch eine eigene Welt von Ideen, die sie aus den trefflichsten +Romanen der Leihbibliotheken sammeln. Sie sehen die Menschen, die +Gesellschaft nie, es sei denn, wenn sie abends durch die Promenade +gehen, oder Sonntags, gekleidet wie Herren _comme il faut_, auf +Kirchweihen oder sonstigen Plätzen sich amüsieren. Reisen sie hernach, +so dreht sich ihr Ideengang um ihre Musterkarte und die schöne Wirtin +der nächsten Station, welche ihnen von einem Kameraden und Vorgänger +empfohlen ist, oder um die Kellnerin des letzten Nachtlagers, die, wie +sie glauben, noch lange um den schönen, wohlgewachsenen jungen Mann +weinen wird. Sie haben irgendwo gelesen oder gehört, daß der +Handelsstand gegenwärtig viel zu bedeuten habe; drum sprechen sie mit +Ehrfurcht von sich und ihrem Wesen, und nie habe ich gefunden, daß +einer von sich sagte: „Kaufmann oder Bänderkrämer", sondern: „Ich +reise in Geschäften des Hauses Bäuerlein oder Zwierlein", und fragt +man, in welchen Artikeln, so kann man unter zehn auf neun rechnen, sie +ganz bescheiden antworten zu hören: „Knöpfe, Haften und Haken, Tabak, +Schnupf= und Rauch=, und dergleichen bedeutende Artikel." Haben sie +nun gar im Städtchen ihrer Heimat ein Schätzchen zurückgelassen, so +darf man darauf rechnen, sie werden, wenn von Liebe die Rede ist, ihre +sehr interessante Geschichte erzählen, wie sie Fräulein Jettchen beim +Mondschein kennen gelernt haben, sie werden die Brieftasche öffnen und +unter hundert Empfehlungsbriefen, Annoncen von Gasthöfen usw. ein +Seidenpapier hervorziehen, das ein Pröbchen Haar von der Stirne der +Geliebten enthält. + +Glückliche Nomaden! Ihr allein seid noch heutzutage die fahrenden +Ritter der Christenheit. Und wenn es euch auch nicht zukömmt, mit +eingelegter Lanze _à la_ Don Quichotte eurer Jungfrauen Schönheit +zu verteidigen, so richtet ihr doch in jeder Kneipe nicht weniger +Verwüstung an, wie jener mannhafte Ritter, und seid überdies meist +euer eigener Sancho Pansa an der Tafel. + +Eine solche liebenswürdige Erziehung, aus Kontorspekulationen, +Romanen, Mondscheinliebe und Handelsreisen zusammengesetzt, schien +nun auch mein Nachbar Seufzer genossen zu haben. Nur etwas fehlte +ihm, er war zu ehrlich. Wie leicht wäre es für einen Mann von +Zweimalhunderttausend gewesen, Kuriere nicht von H ö c h s t oder von +L a n g e n, sondern von W i e n, sogar mit a u t h e n t i s c h e n +Nachrichten kommen zu + +lassen, um seinem Glücke aufzuhelfen. Ist denn auf der Erde nicht +alles um Geld feil? Und wenn Rothschild mit Geld etwas machen kann, +warum sollte es ein anderer nicht auch können, wenn sein Geld +ebensogut ist als das des großen Makkabäers? + +Zwar e i n solcher Sperling wagt keinen Sommer. E i n e solche +Handelsseele mehr oder weniger mein, kann mir nicht nützen. Doch die +Nuancen ergötzen mich, jenes bunte Farbenspiel, bis ein solcher Hecht +ins Netz geht, und darum beschloß ich, ihm zu nützen, ihn zu fangen. + +„Ich bin," sagte ich zu ihm, „ich bin selbst einigermaßen +Papierspekulant; daher werden Sie mir vergeben, wenn ich Ihre +bisherigen Verfahrungsarten etwas sonderbar finde." + +„Wie meinen Sie das?" fragte er verwundert. „Als ich in Dessau war, +ließ ich mir nicht jeden Posttag den Kurszettel schicken? Und hier, +gehe ich nicht jeden Tag in die Börsenhalle? Gehe ich nicht jeden Tag +in die neue Judenstraße, um das Neueste zu erfragen?" + +„Das ist es nicht, was ich meine. Ein Genie wie Sie, Herr Zwerner (er +verbeugte sich lächelnd), das heißt, ein Mann mit diesen Mitteln, der +etwas wagen will, muß s e l b s t eingreifen in den Lauf der Zeiten." + +„Aber mein Gott," rief er verwunderungsvoll, „das kann ja jetzt +niemand als der Rothschild, der Reis=Effendi und der Herr von +Metternich. Wie meinen Sie denn?" + +„Über Ihr Glück, Sie geben es selbst zu, kann ein einziger Tag, eine +einzige Stunde entscheiden. Zum Beispiel, wenn die Pforte das +Ultimatum verwirft, die Nachricht schnell hierher kommt, kann eine +Krisis sich bilden, die Sie stürzt. Ebenso im Gegenteil können Sie +durch eine solche Nachricht sehr gewinnen, weil dann Ihre Papiere +steigen?" + +„Gewiß, gewiß," seufzte er. „Aber ich sehe nur noch nicht recht ein--" + +„Nur Geduld. Wer gibt nun diese Nachricht, wer bekommt sie? Das +Ministerium in Wien oder ein guter Freund, der sehr nahe hingehorcht +und dem g r o ß e n P o r t i e r ein Stück Geld in die Hand gedrückt +hat, läßt noch in der Nacht einen Kurier aufsitzen. Der reitet und +fährt und fliegt nach Frankfort und bringt die Depesche--wem?" + +„Ach, dem Glücklichsten, dem Vornehmsten!" + +„Nein, dem, der am besten zahlt. Einen solchen Kurier kann ich Ihnen +um Geld auch verschaffen, ich habe Konnexionen in Wien. Man kann dort +mancherlei erfahren, ohne gerade der österreichische Beobachter zu +sein. Kurz, wir lassen einen Brief mit der Nachricht einer wichtigen +Krisis, eines bedeutenden Vorfalles kommen--" + +„Etwa, der Sultan habe einen Schlag bekommen, oder der Kaiser von +Rußland sei plötzlich--" + +„Nichts davon, das ist zu wahrscheinlich, als daß es die Leute +glauben! Unwahrscheinliches, Überraschendes muß auf der Börse +wirken!"-- + +„Also etwa, der Fürst von M. sei ein Türke geworden, habe dem Islam +geschworen?" + +„Ich sage Ihnen ja, nichts Wahrscheinliches. Nein, geradezu, die +Pforte habe das Ultimatum angenommen. Bekommen Sie nun diese Nachricht +mit allem möglichen geheimnisvollen Wesen, lassen Sie den Kurier +sogleich ein paar Stationen weiter reisen, lassen Sie den Brief einige +Geheimniskrämer lesen, gehen kurze Zeit darauf in die Börsenhalle, so +kann es nicht fehlen, Sie sind ein wichtiger Mann und setzen Ihre +Papiere mit Gewinn ab." + +„Aber, lieber Herr," erwiderte der Kaufmann von Dessau kläglich, „das +wäre ja denn doch erlogen, wie man zu sagen pflegt, eine Sünde für +einen rechtlichen Mann; bedenken Sie, ein Kaufmann muß im Geruch von +Ehrlichkeit stehen, will er Kredit haben." + +„Ehrlichkeit, Possen! Geld, Geld, das ist es, wonach er riechen muß, +und nicht nach Ehrlichkeit. Und was nennen Sie am Ende Ehrlichkeit? Ob +Sie Ihre Kunden bei einem Pfund Kaffee betrügen, ob Sie einem alten +Weibe ihr Lot Schnupftabak zu leicht wiegen, oder ob Sie dasselbe +Experiment im großen vornehmen, das ist am Ende dasselbe." + +„Ei, verzeihen Sie, da muß ich denn doch bitten; an der Prise, die das +Weib zu wenig bekommt, stirbt sie nicht, wie man zu sagen pflegt; aber +wenn ich einen solchen Kurier kommen lasse, so kann er durch seine +falsche Nachricht ein Nachrichter der ganzen Börse werden; viele +Häuser können fallieren, andere wanken und den Kredit verlieren, und +das wäre dann meine Schuld!" + +„So, mein Herr?" sagte ich mit mitleidigem Lächeln zu der schwachen +Seele. „So, Sie schämen sich nicht, die Moral, das Herrlichste, was +man auf Erden hat, so zu verhunzen? Also wegen der Folgen wollen Sie +nicht? Nicht vor dem Beginnen an sich, als einem unmoralischen, beben +Sie zurück? Wer den Anfang einer Tat nicht scheut, darf auch ihr Ende +nicht scheuen, ohne für eine kleine Seele zu gelten. Oder glauben Sie, +eine Rebekka könne man dadurch verdienen, daß man im Weißen Schwanen +wohnt und seufzt, daß man zur Tafel geht und mit dem Kaninchen, dem +Grafen Rebs, grollt?" + +„Aber, mein Herr," rief der Seufzer etwas pikiert, „ich weiß gar +nicht, was Sie mir, als einem ganz Fremden, für eine Teilnahme +erzeigen; ich weiß gar nicht, wie ich das nehmen soll?" + +„Mein Herr, das haben Sie sich selbst zuzuschreiben; Sie haben mir +Ihre Lage entdeckt und mich gleichsam um Rat gefragt; daher meine +Antwort. Übrigens bin ich ein Mann, der reist, um überall das +Treffliche und Erhabene kennen zu lernen. In Ihnen glaubte ich gleich +auf den ersten Anblick solches gefunden zu haben;--" + +„Bitte recht sehr, eine so ganz gewöhnliche Physiognomie wie die +meine--" + +„Das können Sie nicht so beurteilen wie ein anderer; auf Ihrer Stirne +thront etwas Freies, Mutiges, um Ihren Mund weht ein anziehender +Geist--" + +„Finden Sie das wirklich?" rief er, indem er lächelnd meine Hand faßte +und verstohlen nach dem Spiegel blickte. „Es ist wahr, man hat mir +schon dergleichen gesagt, und in Stuttgart hat man mich sogar +versichert, ich sei dem berühmten Dannecker auf der Straße +aufgefallen, und er sei eigens deswegen einigemal in den König von +England gekommen, um von mir etwas für seinen Johannes abzusehen." + +„Nun sehen Sie, wie muß es nun einen Mann, wie ich bin, überraschen, +so wenig Mut, so wenig Entschluß hinter dieser freien Stirne, diesem +mutigen Auge zu finden!" + +„Ach, Sie nehmen es auch zu strenge; ich habe ja Ihren Vorschlag +durchaus nicht verworfen, nur einiges Bedenken, einige kleine Zweifel +stiegen in mir auf, und--nun Sie haben wahrlich nicht unrecht, ich +fühle einen gewissen Mut, eine gewisse Freiheit in mir, es ist ein +gewisses Etwas, ja--so gut es ein anderer tun kann, will ich es auch +versuchen. Es sei, wie Sie sagten, ich will es daranrücken und einen +Kurier kommen lassen; wir wollen die Metalliques steigern!" + + * * * * * + + + + +3. EIN SCHABBES IN BORNHEIM. + + +Der einzige Zweifel, der den seufzenden Dessauer noch quälte, war die +Furcht, den Vater seiner Geliebten in bedeutenden Verlust zu stürzen, +wenn er seine Operation nach meinem Plane einrichte. Doch auch dafür +wußte ich ein gutes, sehr einfaches Mittel. Er mußte den Herrn Simon +in der neuen Judenstraße auf seine Seite bringen, mußte ihm bedeutende +Winke von der nahenden Krisis geben; entweder nahm dann der Jude an +dem ganzen Unternehmen unbewußt teil und gewann zugleich mit dem +Dessauer, oder er war wenigstens gewarnt und mußte einige Achtung vor +dem Manne bekommen, der so genau die politischen Wendungen zu +berechnen wußte, der seine Kombinationen so geschickt zu machen +verstand. + +Dem Kaufmann leuchtete dies ein. Er kam von selbst auf den Gedanken, +noch an diesem Tage mit dem alten Simon zu sprechen und lud mich ein, +mit ihm nach B o r n h e i m zu fahren, wo der Schabbes heute die +noble Welt des alten Judenquartiers, der neuen Judenstraße, überhaupt +alle Stämme Israels versammelt habe. + +Wir fuhren hinaus, der Seufzer schien ein ganz anderer Mensch geworden +zu sein. Sein trübseliges Gesicht leuchtete freundlich vom Glanze der +Hoffnung, sein Auge hob sich freier, um seine Stirn, seinen Mund war +jede Melancholie verschwunden, sein großer, runder Kopf steckte nicht +mehr zwischen den Schultern, er trug ihn freier, erhabener, als wollte +er sagen: „Seht, ihr Frankfurter und Bornheimer, ich bin es, das Haus +Zwerner und Komp. aus Dessau, nächstens eine bedeutende Person an der +Börse, und, wenn es gut geht, Bräutigam der schönen Rebekka Simon in +der neuen Judenstraße!" + +Aus dem Garten des Goldenen Löwen in Bornheim tönten uns die +zitternden Klänge von Harfen und Gitarren und das Geigen verstimmter +Violinen entgegen; das Volk Gottes ließ sich vormusizieren im Freien, +wie einst ihr König Saul, wenn er übler Laune war. Wir traten ein; da +saßen sie, die Söhne und Töchter Abrahams, Isaaks und Jakobs, mit +funkelnden Augen, kühn gebogenen Nasen, fein geschnittenen Gesichtern, +wie aus einer Form geprägt, da saßen sie vergnügt und fröhlich +plaudernd und tranken Champagner, aus saurem Wein, Zucker und +Mineralwasser zubereitet, da saßen sie in malerischen Gruppen unter +den Bäumen, und der Garten war anzuschauen, als wäre er das gelobte +Land Kanaan, das der Prophet vom Berge gesehen und seinem Volke +verheißen hatte. Wie sich doch die Zeiten ändern durch die Aufklärung +und das Geld! + +Es waren dies dieselben Menschen, die noch vor dreißig Jahren keinen +Fuß auf den breiten Weg der Promenade setzen durften, sondern +bescheiden den Nebenweg gingen; dieselben, die den Hut abziehen +mußten, wenn man ihnen zurief: „Jude, sei artig, mach' dein +Kompliment!" Dieselben, die von dem Bürgermeister und dem hohen Rat +der freien Stadt Frankfurt jede Nacht eingepfercht wurden in ihr +schmutziges Quartier. Und wie so ganz anders waren sie jetzt +anzuschauen! Überladen mit Putz und köstlichen Steinen saßen die +Frauen und Judenfräulein; die Männer, konnten sie auch nicht die +spitzigen Ellbogen und die vorgebogenen Knie ihres Volkes verleugnen, +suchten sie auch umsonst den ruhigen, soliden Anstand eines Kaufherrn +von der Zeile oder der Million zu kopieren, die Männer hatten sich +sonntäglich und schön angetan, ließen schwere, goldene Ketten über die +Brust und den Magen herabhängen, streckten alle zehn Finger, mit +blitzenden Solitärs besteckt, von sich, als wollten sie zu verstehen +geben: Ist das nicht was ganz Solides? Sind wir nicht das auserwählte +Volk? Wer hat denn alles Geld, gemünzt und in Barren, als wir? Wem ist +Gott und Welt, Kaiser und König schuldig, wem anders als uns? + +„Dort sitzt sie, die Taube von Juda, dort sitzt sie, die Gazelle des +Morgens," rief der Seufzer in poetischer Ekstase und zerrte mich am +Arm; „schauen Sie dort, unter dem Zelt von hölzernem Gitterwerk. Der +mit dem runden Leib, der langen Nase und den grauen Löckchen am Ohr +ist der Vater, Herr Simon aus der neuen Judenstraße, die dicke Frau +rechts mit den schwarzseidenen Locken und dem rotbraunen Gesicht ist +die Tante; eine fatale Verwandtschaft, aber man weiß sich in Zukunft +zu separieren nach und nach." + +„Aber wo ist denn die Gazelle, die Taube? Ich sehe sie noch nicht--" + +„Geduld! Noch bedeckt die neidische Wolke, die Tante, das Gestirn des +Aufgangs; fassen wir ein Herz, treten wir näher. Doch eben fällt mir +bei, ich muß Sie vorstellen; wie nenne ich Sie, mein lieber Freund und +Ratgeber?" + +„Ich bin der k. k. Legationsrat Schmälzchen aus Wien," gab ich ihm zur +Antwort, „reise in Geschäften meines Hofes nach Mainz." + +„Ah," rief er, nachdem er schon bei dem kaiserlich königlich an den +Hut gegriffen hatte, „Le--Legationsrat, wirklicher, und nicht bloß +Titular ums liebe Geld? Das freut mich, dero werte Bekanntschaft zu +machen. Hätte es mir gleich vorstellen können, Sie haben einen gar +tiefen Blick in die Staatsaffären. Wahrhaftig, hätte es Ihnen gleich +ansehen können; haben so etwas Diplomatisches, Kabinettsmäßiges in +dero Visage." + +„Bitte, bitte, keine Komplimente. Gehn wir zum Juden, ich hoffe Ihnen +nützlich sein zu können." + +Wir traten zu dem Zelt aus hölzernem Gitterwerk. Mein Begleiter +errötete tiefer, je näher er trat; seine Wangen liefen vom Hellroten +ins Dunkelrote, von da ins bläulich Schattierte an, und als wir vor +dem Herrn Simon standen, war er anzusehen wie eine schöne dunkelrote +Herzkirsche. Die Tante, „das neidische Gewölk", erhob sich, und nun +ward auch das Gestirn des Morgens sichtbar. Das Schickselchen, die +Kalle, ich meine Rebekka, des Juden Tochter, war nicht übel.--Sie +hatte, um mich wie Graf Rebs auszudrücken, viel Rasse, und ihre Augen +konnten den Seufzer wohl bis auf Herz durchbrennen, obgleich er zur +Vorsicht und aus Eleganz drei Westen angetan hatte. + +Nachdem mich mein Freund, der als solides Haus aus Dessau bei der +Familie wohl gelitten schien, vorgestellt hatte, machte er sich an die +Taube von Juda und überließ es mir, den alten Simon zu unterhalten. +Mein Titel schien ihm einigen Respekt eingeflößt zu haben. „Haben da +ein schönes Fach erwählt, Herr von Schmälzlein," bemerkte er +wohlgefällig lächelnd; „habe immer eine Inklination für die Diplomatik +gehabt, aber die Verhältnisse wollten es nicht, daß ich ein Gesandter +oder dergleichen wurde. Man weiß da gleich alles aus der ersten Hand! +Man kann viel komplizieren und dergleichen; was ließen sich da für +Geschäfte machen!" + +„Sie haben recht, mein Herr! Man lernt da die verwickeltsten +Verhältnisse kennen. Allein aber schauen's, das Ding hat auch seinen +Haken. Man weiß oft eigentlich zu viel, es geht einem wie ein Rad im +Kopf umher." + +Der Jude rückte näher. Mit einem Wiener Diplomaten, mochte er denken, +nehme ich es auch noch auf. „Zeviel?" sagte er. „Ich für meinen Teil +kann nie zeviel wissen. Was die Papiere betrifft, da kann ein +Fingerzeig, ein halber, ein Viertelsgedanke oft mehr tun, als eine +lange Rede im Frankfurter Museum. Nu, S i e stehen solide in Wien, Ihr +Staat ist ein gemachtes Haus trotz einem; was Herr von M. auf dem +Flageolett vorpfeift, das singen die Staren nach." + +„Die Staren vielleicht, aber nicht die Zaren!" + +„Gut, _très bien, bon_! Gut gegeben, hi! hi! hi! _à propos_, +wissen Sie Neues aus daher?" Er rückte mir noch näher und wurde +verfänglicher. + +„Herr Simon," sagte ich mit Artigkeit ausweichend, „Sie wissen, es +gibt Fälle--" + +„Wie?" rief er erschrocken. „Gotts Wunder! Neue Fallissements, waas! +Ist nicht die Krisis vom letzten Winter schon ein Strafgericht des +Herrn gewesen? Waas?" + +„Um Jottes willen, Papa!" schrie Rebekka, indem sie den Arm des +zärtlichen Seufzers zurückstieß und aufsprang. „Doch kein Unglück? +Mein Jott! Doch nich hier in Frankfort?" + +„Beruhigen Sie sich doch, gnädiges Fräulein, ich sprach mit Ihrem +Herrn Papa über Politik und rechnete einige Fälle auf, und er hat mich +holter nicht recht verstanden." + +Sie preßte mit einem zärtlichen, hinsterbenden Blick auf den +erschrockenen Dessauer ihre Hand auf das Herz und atmete tief. + +„Nee! was ich erschrocken bin jeworden, da machen Sie sich keenen +Bejriff von!" lispelte sie. „Mein Herz pocht schrecklich! Na, erzählen +Sie man weiter; was sachte der Graf? Sie hätten ins Parterre jestanden +und wären melancholisch jewesen?" + +Das Geflüster der Liebenden wurde leiser und leiser; die Blicke des +Seufzers wurden feuriger, er zog, als „das Gewölke" ein wenig im +Garten auf und ab ging, die niedliche Hand der Jüdin an die Lippen und +gestand ihr, wenn ich anders recht gehört habe, daß nächstens die +Metalliques und die .... um drei Prozente steigen würden. + +„Herr von Schmälzlein," sagte der Alte, nachdem er einigen koscheren +Wein zu sich genommen hatte, „Sie haben mir da einen Schreck in den +Leib gejagt, den ich nie vergesse. Fallen, Fälle, wie kann man auch +nur dies Wort in Gesellschaft aussprechen? Nun, Sie wollten sagen--?" + +„Es gibt Affären," fuhr ich fort, „wo der Diplomat schweigen muß. Über +das Nähere meiner Sendung z. B. werden Sie selbst mich nicht befragen +wollen; nur so viel kann ich Ihnen, aber, mein Herr Simon, im engsten +Vertrauen--" + +„Der Gott meiner Väter tue mir dies und das," rief er feierlich, „so +ich nur meinem Nachbar oder seinem Weib oder seinem Sohn oder seiner +Tochter das Geringste--" + +„Schon gut! Ich traue auf Ihre Diskretion; kurz, so viel kann ich +Ihnen sagen, daß nächstens eine bedeutende Krisis eintreten wird; g a +n z zu allernächst. F ü r oder g e g e n wen darf ich nicht sagen, +doch Herr von Zwerner--" + +„V o n Zwerner?" + +„Nun, ich nenne ihn so, man weiß ja nicht, was geschieht; an ihn war +ich besonders empfohlen vom Fürsten, und ich glaube, wenn ich anders +richtig schließe, er muß in den nächsten Tagen Kuriere aus Wien +bekommen." + +„Der Zwerner? Ei, ei! Wer hätte das gedacht! Zwar ich sagte immer, +hinter dem steckt etwas; geht so tiefsinnig, kalkulierend umher, hat +wahrscheinlich nicht umsonst so unsinnig viele Metalliques gekauft. +Ei, sehe doch einer! Hält sich Kuriere mit Wien! Und wenn man fragen +darf, es handelt sich wohl um das Ultimatum mit der Pforte?" + +„Ja." + +„Ei darf man fragen? Wie ist es ausgefallen? Hat er eingewilligt, der +Effendi? Hat er?" + +„Mein Herr Simon, ich bitte--" + +„O, ich verstehe, ich verstehe, Sie wollen es nicht sagen, aus +Politik, aus Politik, aber er hat, er hat?" + +„Trauen Sie auf nichts, ich w a r n e Sie, auf keine Nachricht trauen +Sie, als auf authentische. Der Herr dort weiß vielleicht mancherlei +und hat nicht das drückende Stillschweigen eines Diplomaten zu +beobachten." + +„Ei, hätte ich das in meinem Leben gedacht, Kuriere von Wien, und der +Zwerner aus Dessau; zwar er ist ein solides Haus, das ist keine Frage, +aber denn doch nicht so außerordentlich. Ob sich wohl was mit ihm +machen ließe?" setzte er tiefer nachsinnend hinzu, indem er seine Nase +herunter gegen den Mund bog und das lange Kinn aufwärts drückte, daß +sich diese beiden reichen Glieder begegneten und küßten. Das war der +Moment, wo er anbeißen mußte, denn er nagte schon am Köder. Ich gab +dem Seufzer aus Dessau einen Wink, sich dem Papa zu nähern, und nahm +seinen Platz bei der Gazelle des Morgenlandes ein. + + * * * * * + + + + +4. DAS GEBILDETE JUDENFRÄULEIN. + + +Wie war sie graziös, das heißt geziert, wie war sie artig, nämlich +honett, wie war sie naiv, andere hätten es lüstern genannt. + +„Ich liebe die Tiplomattiker," sagte sie unter anderem mit feinem +Lächeln und vielsagendem Blick. „Es is so etwas Feines, Jewandtes in +ihren Manieren. Man sieht ihnen den Mann von jutem Jeschmack schon von +die Ferne an, und wie angenehm riechen sie nach _Eau de +Portugal_!" + +„O gewiß, auch nach _Fleur d'Orange_ und dergleichen. Wie nehmen +sich denn die hiesigen Diplomaten? Kommen sie viel unter die Leute?" + +„Nun, sehen Sie, wie das nun jeht, die älteren Herren haben sechs bis +sieben Monate Ferien und reisen umher. Die jüngeren aber, die indessen +hier bleiben und die Geschäfte treiben, sie müssen Pässe visieren, sie +müssen Zeitungen lesen, ob nichts Verfängliches drein is, sie müssen +das Papier ordentlich zusammenlegen für die Sitzungen. Nun, was nun +solche junge Herren Tiblomen sind, das sein janz scharmante Leute, +wohnen in die _Chambres garnies_, essen an die _Tables d'hôte_, jehen +auf die Promenade schön ausstaffiert _comme il faut_, haben zwar +gewöhnlich kein Jeld nicht, aber desto mehr Ansehen." + +„Da haben Sie einen herrlichen Schal umgelegt, mein Fräulein, ist er +wohl echt?" + +„Ah, jehen Sie doch! Meinen Sie, ich werde etwas anderes anziehen, als +was nicht janz echt ist? Der Schal hat mir jekostet achthundert +Gulden, die ich in die Rothschildischen Los gewunnen. Und sehen Sie, +dieses Kollier hier kostet sechzehnhundert Gulden und dieser Ring +zweitausend. Ja, man jeht sehr echt in Frankfort, das heißt, Leute von +den jutem Ton, wie unsereine." + +„Ach, was haben Sie doch für eine schöne, gebildete Sprache, mein +Fräulein! Wurden Sie etwa in Berlin erzogen?" + +„Finden Sie das och?" erwiderte sie anmutig lächelnd. „Ja, man hat mir +schon oft das Kompliment vorjemacht. Nee, in Berlin drein war ich nie, +ich bin hier erzogen worden; aber es macht, ich lese viel und bilde +auf diese Art meinen Jeist und mein Orkan aus." + +„Was lesen Sie, wenn man fragen darf?" + +„Nu, Bellettres, Bücher von die schöne Jeister. Ich bin abonniert bei +Herrn Döring in der Sandjasse, nächst der Weißen Schlange, und der +verproviantiert mich mit Almanachs und Romancher." + +„Lesen Sie Goethe, Schiller, Tieck und dergleichen?" + +„Nee, das tu ich nich. Diese Herren machen schlechte Jeschäfte in +Frankfort. Es will sie keen Mensch, sie sind zu studiert, nich +natürlich jenug. Nee, den Jöthe lese ich nie wieder! Das is was +Langweiliges. Und seine Wahlverwandtschaften! Ich werde rot, wenn ich +nur daran denke. Wissen Sie, die Szene in der Nacht, wo der Baron zu +die Baronin,--ach, man kann's jar nicht sagen, und jedes stellt sich +vor--" + +„Ich erinnere mich, ich erinnere mich. Aber es liegt gerade in diesem +Gedanken eine erstaunliche Tiefe--ein Chaos von Möglichkeiten--" + +„Nu, kurz, den mag ich nicht; aber wer mein Liebling ist, das is der +Clauren. Nee, dieses Leben, diese Farben, dieses Studium des Herzens +und namentlich des weiblichen Jemüts, ach, es is etwas Herrliches. Und +dabei so natürlich! Wenn mir die andern alle vorkommen wie schwere +vierhändige Sonaten mit tiefen Baßpartien, mit zierlichen Solos, mit +Trillern, die kein Mensch nich verstehen und spielen kann, so wie der +Mozart, der Haydn, so kommt mir der Clauren akkerat so vor wie ein +anjenehmer Walzer, wie ein Hopswalzer oder Galopp. Ach, das Tanzen +kommt einem in die Beene, wenn man ihn liest. Es ist etwas +Herrliches!" + +„Fahren Sie fort, wie gerne höre ich Ihnen zu. Auch ich liebe diesen +Schriftsteller über alles. Diese andern, besonders ein Schiller, wie +wenig hat er für das Vergnügen der Menschheit getan. Man sollte +meinen, er wolle moralische Vorlesungen halten. Er ist, um mich eines +andern Gleichnisses zu bedienen, schwerer, dicker Burgunder, der mehr +melancholisch als heiter macht. Aber dieser Clauren! Er kommt mir vor +wie Champagner und zwar wie unechter, den man aus Birnen zubereitet. +Der echte verdunstet gleich; aber dieser unechte, setzt er auch im +Grunde viele Hefen an, so 'brüsselt' er doch mit allerliebsten +tanzenden Bläschen auf und ab eine Stunde lang, er berauscht, er macht +die Sinne rege, er ist der wahre Lebenswein." + +„O sehen Sie, da kann ich Ihnen ja gleich unsern Clauren vormachen mit +Bornheimer Champagner. Man nimmt fremden Wein, so etwa die Hälfte, +jießt Mineralwasser dazu, und nun jeben Sie acht. Ich werfe Zucker in +das Janse, und unser Clauren ist fertig. Sehen Sie, wie es siedet, wie +es sprudelt und brüsselt, wie anjenehm schmeckt es nich und ist ein +wohlfeiles Jetränke. Nee, ich muß sagen, er ist mein Liebling. Und das +Anjenehmste is das, man kann ihn so lesen, ohne viel dabei zu denken, +man erlebt es eigentlich, es is, meine ich, mehr der Körper, der ins +Buch schaut, als der Jeist. Und wie angenehm läßt es sich dabei +einschlafen!" + +„Ich glaube gar, ihr seid in einem gelehrten Gespräch begriffen," rief +lachend der alte Jude, indem er, den Dessauer an der Hand, zu uns +trat. „Nicht wahr, Herr Legationsrat, ich habe da ein gelehrtes Ding +zur Tochter? Sie spricht auch wie ein Buch und liest den ganzen Tag." + +„Nun, und Sie, Papa, und Herr Zwerner haben wohl tiefe +Handelsjeheimnisse abjemacht? Darf man auch davon hören. Wie werden +sie in der nächsten Woche stehen, die Metalliques? Recht hoch? Hab' +ich es erraten?" + +„Stille, Kind, stille! Kein Wort davon! Muß alles geheim gehalten +werden! Muß einen großen Schlag geben. Ist ein Goldmännchen, der Herr +von Zwerner. Setzen Sie sich zu ihr hin und klären ihr alles auf. Sie +ist auf diesem Punkt ein verständiges Kind und weiß zu rechnen, die +Rebeckchen." + +Was schlich denn jetzt durch das Gras? Was hüpfte auf zierlichen +Beinchen heran? Was lächelte schon von weitem so freundlich nach der +Kalle des Herrn Simon? War es nicht das Gräfchen Rebs, das alte, +freundliche Kaninchen, das in alle Damen verliebt ist und alle +bezaubert? Er war es, er kam hereingeschwänzelt. + +Er schnaufte und ächzte, als er heran war, und doch konnte er auch in +dem Zustand höchster Erschöpfung, in welchem er zu sein schien, sein +liebliches süßes Lächeln nicht unterdrücken. Er warf sich ermattet +neben Rebekka in einen Sessel, streckte die dünnen Beinchen, so mit +zierlichen Spörnchen zum Spazierengehen beschlagen, heftete den +matten, sterbenden Blick auf die schöne Jüdin und sprach: „Habe die +Ehre, vergnügten Abend zu wünschen. Ich sterbe, mit mir geht's aus!" + +„Mein Jott! Herr Israels! Graf Rebs, was haben Sie doch? Ihre Wangen +sind ja janz einjeschnurrt, Ihre Augen bleiben stehen. Er antwortet +nich! Herr Tiplomat, _Eau de Cologne_! Haben Sie keines bei sich +in die Tasche?" + +So rief das schöne Judenkind und beschäftigte sich um den Ohnmächtigen +mit zarter Sorgfalt. Da ich keine _Eau de Cologne_ bei mir trug, +so begann sie etwas weniges verzweifeln zu wollen und verlangte von +dem Dessauer, er solle ihm Tabaksrauch in die Nase blasen. Doch der +Vater wußte bessern Rat: „Da geht einer," rief er freudig, „da geht +ein charmanter junger Herr, ist in Kondition nicht weit von uns, der +trägt beständig etzliches Kölner Wasser in seiner Rocktasche!" + +Wie ein Pfeil schoß er auf den jungen Mann zu und war, als er ihm mit +schrecklichen Gebärden das _Eau de Cologne_= Fläschchen +abforderte, anzusehen wie Sir John Falstaff, als er die Krämer +beraubt. Maria Farinas Lebenstropfen brachten das arme Kaninchen +wieder zu sich. Er schlug die Augen auf, seufzte tief und lächelte. +„Mich gehorsamst zu bedanken," lispelte er mit zitternder Stimme, „für +die gütigst geleistete Hilfe. War mir aber recht elend zu Mut; fast +als hätte ich mehr Bier getrunken als dienlich." + +„Sind Sie oft solchen Zufällen unterworfen?" fragte Rebekka, ihn etwas +mißfällig betrachtend. + +„Mitnichten und im Gegenteil," erwiderte er, indem er den Rücken +zierlich wendete und drehte, mit den Schultern über die Brust +herausfuhr und mannhaft mit den Spörnchen klirrte. „Mitnichten, habe +sonst eine überaus starke Konstitution. Aber der dicke Pfarrer, der +dicke Pfarrer...." + +Die Juden schwiegen, und Rebekka schlug die Augen nieder, wie immer, +wenn von christlichen Pfarrern oder Zeremonien oder auch von +Schweinefleisch in ihrer Nähe gesprochen wurde. Der Seufzer aber, dem +die Erscheinung des Grafen etwas lästig schien, fragte ihn ziemlich +boshaft, ob er etwa im Goldenen Brunnen gewesen, sich allda etwas +betrunken und nachher mit dem ehrsamen Pastor Münster Streit und +kirchlichen Skandal angefangen nach seiner Gewohnheit. + +„Nach meiner Gewohnheit?" rief das Kaninchen erschrocken. „Ich ein +Unruhstifter oder Säufer, ich in dem Goldenen Brunnen, ich, der ich +nur die allernobelsten Hotels, den Pariser und den Englischen Hof, den +Weidenbusch, in welchem ich logiere, und den Weißen Schwan mit meinem +Besuch beehre? Nein, er ist mir begegnet, der Pfarrer, und als er an +mir vorbeiging, sah er mich mit schrecklichen Augen an und sagte: „Das +ist auch so ein S t e i n d e s A n s t o ß e s, auch so ein +Mystiker." „Herr Pfarrer," sagte ich, „guten Abend, aber ein Mystiker +bin ich nicht und will auch für keinen gelten, am wenigsten +öffentlich, auf der Chaussee nach Bornheim." „Sie wollen keiner sein?" +antwortete er, indem er näher auf mich zutrat, so daß sein Bauch und +das Cachet seiner Uhr mir gerade auf die Brust zu sitzen kamen und +mich heftig drückte. „Wollen keiner sein? Warum kommen Sie denn nicht +mehr ins Museum? Warum haben Sie an öffentlichen Wirtstafeln, im +Pariser, Weiden= und anderen Höfen geschimpft über mich, daß ich ein +gewisses Gedicht von Langbein in besagter Gesellschaft vorgelesen?" Es +ist wahr, ich hatte mich ziemlich stark darüber ausgesprochen, aber +nicht aus Mystizismus, sondern weil ich glaubte, es könne zarte +Damenohren und weiche Gemüter unangenehm berühren, jenes Gedicht. Aber +er nahm keine Entschuldigung an. Ich schlüpfte ihm unter dem Bauch weg +und wollte schnell weiter gehen; aber er setzte mir mit weiten +Schritten nach, ging neben mir her und beschuldigte mich, seinem +Gegenpart, dem mystischen Pfarrer, zu einer reichen Frau verholfen zu +haben; er behauptete auch, daß ich mich jeden Morgen statt des +Frühstücks magnetisieren lasse, und dergleichen. Und erst hier an der +Gartentüre ließ er mit einer mürrischen Reverenz von mir ab." + +„Aber was hat denn dies alles zu bedeuten?" fragte ich. „Halten denn +die Pfarrer hier auf der Landstraße Kirche, wie es Sitte war zur Zeit +der Apostel?" + +„In Frankfurt," belehrte mich der Kaufmann aus Dessau, „in Frankfurt +ist gegenwärtig ein großer Krieg zwischen den Pfarrern, und ihre +Parteien befehden sich ebenfalls. Mystiker und Rationalisten schelten +sie sich hin und her, der eine wirft dem andern vor, er predige nur +Moral, der andere entgegnet, sein Gegner rede tiefen Unsinn. Nicht nur +in den Kirchen, auf den Kanzeln, sondern auch in den Weinhäusern und +Trinkstuben, auf Chausseen und in Kasinos wird gekämpft; und so konnte +es leicht geschehen, daß der Herr Graf einem Eiferer der Vernunft in +die Hände fiel.--Doch wie? Herr Graf, wenn ich nicht irre, so fährt +dort der Lord und seine Nichte. Nicht so? Und sie halten vor dem +Garten, sie steigen aus?" „Ah, sie hat mich bemerkt," rief das +Kaninchen sehr freundlich, „sie schaut schon herüber und wedelt, wenn +ich nicht irre, mit dem Taschentuch mir zu. Verzeihen allerseits, daß +ich mich entferne. Miß Mary hat ein Auge auf mich geworfen, und Sie +wissen selbst, bei solchen Affären--" + +Er schlüpfte unter diesen Worten aus dem Zelt und eilte mit zierlichen +Sprünglein zu der Gartenpforte, wo er in dem Drang seines Herzens die +junge Dame auf den glacierten Handschuh küßte. Es mochte ihr übrigens +dieses Zeichen seiner Verehrung überaus komisch vorkommen; denn ihr +Lachen drang bis zu uns herüber, und mit tiefem Baß begleitete sie der +Lord, indem er dem Kaninchen das Pfötchen schüttelte. + +Das Gewölk, die Tante Simon, kam jetzt zurück und beklagte sich, daß +es schon etwas kühl werde. Der Jude ließ daher seinen schönen Wagen +vorfahren und verließ mit den Seinigen den Garten. Der Seufzer hatte +das Glück, Rebeckchen in den Wagen heben zu dürfen, und kam mit ganz +verklärtem Gesicht zurück. Sie hatte ihm unter der Türe noch die Hand +gedrückt und gestanden, daß sie sich diesen Nachmittag janz +fürtrefflich amüsiert habe, und der Alte hatte ihn eingeladen, morgen +und alle Tage den Abend in seinem Hause zuzubringen. + + * * * * * + + + + +5. DER KURIER AUS WIEN KOMMT AN. + + +Ich könnte dir, geneigter Leser meiner Memoiren, vieles Ergötzliche +und Interessante erzählen, was ich in der freien Stadt Frankfurt +erlebte. Nicht von früheren Zeiten her, wo ich oft hinter den Stühlen +der Kurfürsten stand und den Kaiser wählen half, wo ich so oft unter +guten Freunden im Römer und beim Römer saß, wenn das neue Haupt des +vielgliedrigen Leibes, Deutsches Reich genannt, mit der Krone +geschmückt worden war. Nein, von den heutigen Tagen könnte ich dir +viel erzählen, von dem tiefen, geheimnisvollen Wesen der Diplomatie, +von dem herrlichen Junitag, in welchem es niemals Abend oder Nacht +wird, ich meine den deutschen Bundestag; von dem herrlichen Treiben +und Blühen des Mystizismus und wie ich das Feuer anschürte zwischen +seinen Anhängern und den Rationalisten, und wie es im Wirtshaus zum +Goldenen Brunnen einigemal zu bedeutenden Raufereien kam zwischen +beiden Parteien, das heißt--nur mit schneidenden Zungen und stechenden +Blicken. Ich könnte dir erzählen, wie ich in einem Institut, woselbst +man junge Fräulein für die Welt zustutzt, nützlichen Unterricht gab im +Gitarrespielen und andern Kleinigkeiten, so eine junge Dame kennen +muß, wenn sie in die Welt tritt. Ich könnte dir erzählen von jener +Straße, Million genannt, wo meine speziellsten Freunde wohnen, deren +der geringste über Millionen gebietet. + +Doch ich schweige von diesem allem, weil ich mir vorgenommen, dir +einen kleinen Abriß zu geben von der Art, wie ich den ehrlichen, +seufzenden Sohn Merkurs aus Dessau zu einem Teufelskind machte. Der +erste Schritt vom ehrlichen Mann zum schlechten oder Betrüger ist an +sich klein und dennoch bedeutend, weil man leicht, sozusagen, in Schuß +kommt und unaufhaltsam bergab, bergab geht, anfangs im Trott, nachher +im Galopp. Mein guter Seufzer hatte sein bedeutendes Vermögen mit +einem ehrlichen Gemüt geerbt. Er ging in seinen Geschäften den +geraden, ehrlichen Weg, nicht, weil er ihm angenehmer war, sondern +weil er es unbequem finden mochte, Winkelzüge und Umwege zu machen. + +Es ist dies die Ehrbarkeit, die Tugend, die nie auf der Probe war und +daher ein negativer Begriff, ein Nichts, auf jeden Fall keine Tugend +ist. + +Nicht der Geldgewinn, er ist ziemlich zufrieden mit seinem Los, +sondern die Liebe zu der schönen Kalle des alten Simon macht ihn +straucheln, oder vielmehr, wie Gelegenheit Diebe macht, die süße Art, +wie ich es ihm eingab. Jetzt ist er, um das Kind beim rechten Namen zu +nennen, aus dem ehrlichen Mann ein Betrüger geworden. Er wird, weil es +ihm diesmal leicht wird, zu betrügen, das nächste Mal ähnliches +versuchen. Das Gewissen, die Ehrlichkeit, die Ruhe, die +Selbstzufriedenheit ist ja doch schon zum Teufel; warum soll er sich +also genieren? Der große Gewinn für mich liegt aber darin, daß die +ersten Versuche des ehrlichen Mannes, ein Betrüger zu werden, +gewöhnlich gut ausfallen und zur Wiederholung locken. Denn wer mit mir +Geschäfte macht, kann, solange es tunlich ist, darauf rechnen, sie mit +Glück zu machen, und unglückliche Spekulanten, von denen die Sage +geht, daß sie sich erhängt oder ersäuft haben, hatten durch Reue und +Selbstanklage den Kopf verloren, hatten mir zu wenig vertraut, und +nicht ich war es, der sie verließ; sie hatten sich selbst verlassen. + +Doch, wo gerate ich hin? Habe ich mich von dem dicken Pfarrer +anstecken lassen, zu moralisieren? Ist es denn mein Zweck, mit +psychologischen Abhandlungen meine Leser zu ermüden oder sogar +abzuschrecken? Oder wie, ließ ich mich etwa von den Winken einiger +gelehrten Leute verführen, die behaupten, es liege zu wenig +psychologische Teufelei oder teuflische Psychologie in meinen +Memoiren, ich sei für einen deutschen Schriftsteller, als welchen ich +mich im Leipziger Meßkatalogus einregistrieren lassen, nicht gründlich +genug? + +Der Teufel soll es holen! möchte ich mir selbst zurufen. Sobald man +vom Wege abgeht, gerät man immer mehr auf Abwege, so auch im +Niederschreiben von Memoiren. Ich werde kurz sein. + +Ich hatte durch meine dienenden Kleinen erfahren, welche Gedanken der +Reis=Effendi in einer Privatunterredung mit Herrn von Minciaky über +das russische Ultimatum geäußert. Ja, um redlich zu sein, ich hatte +selbst großen Anteil an jener Wendung der Dinge, weil mir dadurch das +sogenannte Gleichgewicht etwas aus die Spitze gerückt zu werden schien +und mehr Leben in das schlummernde Europa kommen konnte, das von +Revolutionen und andern lustigen Artikeln nur t r ä u m t und im S c h +l a f e s p r i c h t. Ich hatte diese Nachricht früher vernommen, +als sie selbst nur nach Petersburg kommen konnte, und in meiner Hand +lag es, die Papiere steigen oder fallen zu machen. Der Vater der +schönen Rebekka hatte in den letzten Tagen auf meinen Rat und seine +eigene Einsicht hin seine Papiere so umgesetzt, daß er beim geringsten +Steigen der----auf großen Gewinn zählen konnte. Große Spannung +herrschte in dem Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstraße. Der +Alte versicherte, seine Gebeine erzittern, so oft er ansetze, einen +wichtigen Brief zu schreiben. Die Tante, „das neidische Gewölk", +mochte ahnen, was vorging, und schlich trübe und ächzend im Hause +umher. Die Kalle war die mutigste von allen. Zwar war auch sie in +einiger Bewegung; denn sie las nicht mehr, weder in Clauren, noch in +verschiedenen Almanachs, sogar das Modejournal wollte sie nicht +ansehen; sie spielte auch nicht mehr auf der Harfe, aber doch trug sie +das Köpfchen noch so hoch wie zuvor und ermutigte durch manche Rede +die zagenden Bundestruppen. + +Der Seufzer war gänzlich von Verstand gekommen. Bald war er tiefsinnig +und zweifelte an seinem Glück, besonders in der Nähe der schönen +Jüdin, wenn er sich die Höhe seiner Seligkeit, den Besitz der +lieblichen Kalle dachte. Dann war er wieder ausgelassen fröhlich und +sprach allerlei verwirrtes Zeug, wie er ein Millionär zu werden +gedenke, wie und wo er sich ein Haus bauen wolle, und was dergleichen +überschwengliche Gedanken mehr waren; der Kalle aber flüsterte er ins +Ohr, daß er sich wolle adeln lassen und sie zur gnädigen Frau +Baronesse von Zwerner zu Zwernersheim machen, welcher Ort noch auf der +Landkarte auszumitteln wäre. + +Endlich, es war am dritten Frankfurter Pfingstfeiertag, und die +Mädchen und Frauen spazierten schon scharenweise hinaus an den Main, +um sich übersetzen zu lassen nach dem Wäldchen, und die Männer riefen +ihnen nach, nur einstweilen alles zuzurüsten daselbst, weil sie nur +noch auf die Börse gingen und bald nachkämen, indem heute nichts +Bedeutendes vorkomme, und auch die alte Baubo, die schnöde Hexe, zog +hinaus, doch diesmal nicht auf dem Mutterschwein, sondern in einem +eleganten Wagen. Sie hatte ihre schönen Stieftöchter bei sich und +nickte mir freundlich zu, als wollte sie sagen: „Dich kenne ich wohl, +Satan, obgleich du jetzt in schwarzem Frack und seidenen Strümpfen +einherzuwandeln beliebst und meiner Elise, dem allerliebsten Kind, +praktische Gitarrestunden gibst, dich kenne ich wohl; komm aber nur +hinaus ins Wäldchen, da sprechen wir wohl wieder ein Wort zusammen." +Da fuhr sie hin, die gute Alte, eine der ersten Palastdamen meiner +Großmutter und sehr angesehen in Frankfurt und auf dem Brocken in der +Walpurgisnacht, da fuhr sie hin und viele tausend und wieder tausend +fromme Frankfurter Seelen ihr nach, die alle das Gebot in feinem +Herzen trugen: „Du sollst den Feiertag heiligen und an Pfingsten auch +den dritten und vierten." + +Jetzt war es Zeit, zu operieren. Den Tag zuvor hatte man sich +allgemein mit dem Gerücht getragen, daß die Pforte das Ultimatum nicht +annehmen werde, und man erwartete von heute nichts Besonderes. Da +jagte um elf Uhr ein Kurier durch das Tor, ganz mit Schweiß und Staub +bedeckt; er sprengte, greulich auf dem Posthorn blasend, durch die +Straße, Million genannt, und in einem Umweg durchs neue Judenquartier; +die Leute rissen die Fenster auf und fuhren mit den Köpfen heraus, um +zu schauen nach dem schrecklichen Trompeten= und Straßenlärm. „Wo +kümmt Er här? Wo will Er hin?" riefen sie. „In Weißen Schwan," schrie +er, „ich habe den Weg verfehlt, wo geht's in Weißen Schwan?" „Der Herr +is wohl ä Korrier?" „Freilich, nur schnell," rief er und zog einen +Brief mit großem Siegel aus der Tasche, „das kömmt von Wien und ist an +den Herrn Zwerner aus Dessau im Weißen Schwan." „Da an der Ecke gehts +rechts, dann die Straße links, dann kömmt Er auf die Zeile, da reitet +Er bis an die Hauptwache, und von dort ists nimmer weit." So riefen +sie, schauten ihm nach, wie er mit der Peitsche knallend davonjagte +und besprachen sich dann über die Straße hinüber, was wohl die +Depesche aus Wien enthalten möchte. Der Kurier war aber niemand anders +als einer meiner dienstbaren Geister, in die Uniform eines hessischen +Postillons gekleidet. + + * * * * * + + + + +6. DER REIS=EFFENDI UND DER TEUFEL IN DER BÖRSENHALLE. + + +Im Briefe stand mit dürren Worten, daß der Reis=Effendi dem Herrn v. +Minciaky die vertrauliche, jedoch halb offizielle Mitteilung gemacht +habe, daß die Pforte das Ultimatum, soweit es Rußland betreffe, +annehmen werde. + +Der Seufzer bekam nun die nötige Instruktion, was er zu tun hatte. Er +fuhr mit dem Briefe sogleich zu Papa Simon und mit diesem zu Herrn v. +R-------, dem Papst der Börse, dem sichtbaren Oberhaupt der +unsichtbaren papierenen Kirche. Dieser prüfte die Depesche genau. Er +selbst hatte schon zu oft ähnliche Mittel angewendet, Pariser Kuriere +aus Mainz, und Wiener aus Aschaffenburg kommen lassen, als daß er so +leicht konnte hintergangen werden. Er ließ daher ein Licht bringen und +prüfte zuerst Geruch und Flüssigkeit des Siegellacks. „Gott's Wunder!" +sprach er, bedächtlich riechend, „Gott's Wunder! das ist echtes +Kaisersiegellack, wie es nur in Wien selbst zubereitet wird und was +Eingeweihte zu solchen Depeschen zu verwenden pflegen." Dann +betrachtete er genau das Kuvert des Briefes und fand darauf die +gedruckten Zeichen jeder Poststation von Wien bis Frankfurt, und keins +fehlte. Er verglich sodann diese Zeichen mit der Liste der +Postzeichen, die er zur Hand hatte, und--sie waren richtig. + +Hatte er zuvor den Herrn Zwerner, Handelsmann aus Dessau, als ein +kleines Paarmalhunderttausendguldenmännchen so obenhin behandelt, wie +der Löwe das Hündchen, so wuchs Letzt seine Achtung mit unglaublicher +Schnelle. Er hätte zwar am liebsten selbst den Kurier bekommen, samt +der inhaltsschweren Depesche, doch, da dies nicht mehr zu ändern war, +machte er gute Miene zum bösen Spiel, dankte, daß man ihn sogleich von +der wichtigen Nachricht avertiert habe und berechnete dabei, welche +Summe dem Dessauer diese Nachricht gekostet haben könnte, indem er +annahm, dieser Kaufmann müsse die Preise, die er in Wien für solche +Winke bezahle, überboten haben. Es war Börsenzeit, er selbst fuhr mit +auf die Börsenhalle. + +B ö r s e n h a l l e! Unter diesem Namen stellt sich wohl der Fremde, +der diese Einrichtung noch nie gesehen, ein weitläufiges Gebäude vor, +wie es der Stadt Frankfurt würdig wäre, mit weiten Sälen, +Seitengängen, schönen Portalen und dergleichen. Wie wundert er sich +aber und lächelt, wenn er in diese Börsenhalle tritt! Man stelle sich +einen ziemlich kleinen, gepflasterten Hof, von unansehnlichen Gebäuden +eingeschlossen, vor, wo man mit Bequemlichkeit Pferde striegeln, Wagen +reinigen, waschen, Hühner und Gänse füttern und dergleichen solide +häusliche Hantierungen verrichten könnte. Statt des ehrwürdigen +Truthahns, statt der geschwätzigen Hühner und Gänse, statt des +Stallknechts mit dem Besen in der Faust, statt der Küchendame, die +hier ihren Salat wäscht--sieht man hier zwischen zwölf und ein Uhr +mittags ein buntes Gedränge. Männer mit dunkelgefärbten, markierten +Gesichtern, mit schwarzen Bärten und lauernden Augen, mit +kühngebogenen Nasen und breiten Mäulern, mit schmutzigen Hemden und +unsauberer Kleidung schleichen mit gebogenen, schlotternden Knien und +spitzigen Ellbogen, den Hut tief in, den Nacken zurückgedrückt, umher +und fragen einander: „Nu, wie stehen se heute?" Du wandelst staunend +durch dieses Gewühl und fühlst einen kleinen unbehaglichen Schauer, +wenn dich eine der unsauberen Gestalten im Vorübergehen anstreift. Du +begreifst zwar, daß du dich unter den Kindern Israels befindest; aber +zu welchem Zweck treiben sie sich hier unter freiem Himmel in einem +Hühnerhof umher? Endlich wirst du eine Tafel, etwa wie ein +Wirtshausschild anzusehen, gewahr. Dort steht mit goldenen Buchstaben +deutlich zu lesen: „Börsenhalle." Also in der Börsenhalle der freien +Stadt Frankfurt befindest du dich. Du hörst heute ein sonderbares +Gemunkel und Geflüster. Die Leute gehen staunend umher, mehr mit +Blicken als mit Worten fragend: „Ae Korrier aus Wien?" „Gott's +Wunder!" „Wer hat'n gekriecht?" „Ae Fremder, der Zwerner von Dessau." +„Wie? Kaner von unsere Lait? Nicht der Rothschild, der grauße Baron, +nicht der Bethmann? Auch nicht der Metzler? Waas?" + +„Was hat'r gebracht, der Korrier! Abraham, wie stehen se?" + +„Wie werden se stehen! Wer kann's wissen, solange der Zwerner aus +Dessau nicht ist auf der Börsenhalle!" + +„Levi! hat er's Oltemat'm angenommen, der Reis=Effendi? Hat er, oder +hat er nicht? Wie werden se stehen?" + +„Ich hab's genug, 's is a viertel auf Eins, und noch will keiner +verkaufen, aus Schrecke vor die Korrier. Wär' nur der Zwerner aus +Dessau da! Auch der Rothschild bleibt so lang aus und der Simon von +die neue Straße. Wirst sehen, 's wird geben ä grauße Operation! Der +Herr wird verstockt haben das Herz des Effendi, daß er hat nicht +angenomme das Oltematum von dem Moskeviter?" + +„Bethmannische Obligationen will man nicht kaufen, sind gefallen um +Vertelpurzent!" + +„Wie steht's mit die Metalliques? Wie verkauft sie der Metzler? Wie +stehen se, Abraham? Tu mer de Gefallen und sag', die Metalliques, wie +stehen se?" + +„Aß ich der sag, ich weiß nicht, wo mer steht der Kopf, weiß heut +keiner, wer is Koch oder Keller? Aß ich nicht kann riechen, wie se +stehen, die Mettaliques!" + +Plötzlich entsteht ein Geräusch, ein Gedränge nach der Türe zu. Ein +Wagen ist vorgefahren, die Leute stehen auf den Zehen, machen lange +Hälse, um die Mienen der Kommenden zu sehen. Drei Männer arbeiten sich +durch die Menge und stellen sich ernst und gravitätisch an ihren Platz +zur Seite, wie es wohllöblicherweise auf anderen Börsen der Brauch +ist, wo nur die Mäkler umherlaufen und sich drängen. Es war der große +Baron, der an der Seite stand, zu seiner Rechten das Gestirn des +Tages, der Kaufmann Zwerner aus Dessau, jetzt nicht mehr Seufzer zu +nennen; denn sein Herz schien zu jubilieren und allerlei verliebte +Streiche ausführen zu wollen, während er doch die Sinne bedächtlich +und gesetzt beisammen behalten mußte, um sich nicht zu verrechnen. Zur +Linken stand der Jude Simon, angetan mit seinem Sabbather Rock und +einer schneeweißen Halsbinde, mit feierlicher, hochzeitlicher Miene, +so daß sein Volk gleich sah, es müsse was ganz Außerordentliches sich +zugetragen haben. + +Jetzt nahten die Käufer und Verkäufer und fragten nach den Preisen. +Sie wurden bleich, sie sanken in die Knie und schlichen zitternd +umher. Sie lamentierten schrecklich mit den Armen, sie steckten die +Finger in den Mund, sie fluchten ebräisch und syrisch auf den +Christen, der sich einen Kurier kommen lassen, auf den Vater, welcher +den Kurier gezeugt, auf das Pferd, welches das Pferd des Kuriers zur +Welt gebracht, auf seinen Kopf, auf seine vier Füße, kurz auf alles, +selbst auf Sonne, Mond und Sterne und auf Frankfurt und die +Börsenhalle. Jetzt merkte man, warum der schlaue Simon seine Papiere +in den letzten Tagen umgesetzt habe; jetzt konnte man sich den +Tiefsinn des Kaufmanns aus Dessau erklären! „Das Ultimatum ist +angenommen," scholl es durch den Hof, „der Reis=Effendi hat zugesagt," +hallte es durch die Ecken; und obgleich die drei wichtigen Männer nur +entfernt auf ihren Brief anspielten, nur einige nähere Umstände +angaben, nichts Bestimmtes aussprachen, so stiegen doch die +österreichischen, die rothschildischen und wenige andere Papiere, von +welchen durch Zwerners und des alten Simons Sorge gerade nicht sehr +viele auf dem Platz waren, in Zeit von einer halben Stunde um vier und +ein halbes Prozent. Mehrere Häuser, die sich nicht vorgesehen hatten, +fingen an zu wanken, eines lag schon halb und halb und hatte es nur +seiner nahen Seitenverwandtschaft mit dem regierenden (Börsen=) Hause +zu verdanken, daß ihm noch einige Stützen untergeschoben wurden. + +Als man um ein Uhr auseinanderging, lautete der Kurszettel der +Frankfurter Börsenhalle: + + Metalliques 87 5/8. + Bethmännische 75 1/2. + Rothschildische Lose 132. + Preußische Staatsschuldscheine 84. + +An den übrigen war nichts geändert worden. + + * * * * * + + + + +7. DIE VERLOBUNG. + + +Dieses kleine Börsengemetzel entschied über das Schicksal des Seufzers +aus Dessau. In den zwei nächsten Tagen wirkte er durch die große Menge +Metalliques, die er in Händen hatte, mächtig auf den Gang bei +Geschäfte, und als einige Tage nachher Herr von Rothschild +Privatmitteilungen aus Wien erhielt, wodurch seine Nachrichten +vollkommen bestätigt werden, da drängte sich alles um den +hoffnungsvollen, spekulativen Jüngling, um den genialen Kopf, der auf +unglaubliche Weise die Umstände habe berechnen können. + +Seine Zurückgezogenheit zuvor galt nun für tiefes Studium der Politik, +seine Schüchternheit, sein geckenhaftes Stöhnen und Seufzen für +Tiefsinn, und jedes Haus hätte ihm freudig eine Tochter gegeben, um +mit diesem sublimen Kopf sich näher zu verbinden. Da aber die +Polygamie in Frankfurt derzeit noch nicht förmlich sanktioniert ist +und das Herz des Dessauers an Rebekka hing, so schlug er mit großer +Tapferkeit alle Stürme ab, die aus den Verschanzungen in der Zeile, +aus den Trancheen der Million, selbst aus den Salons bei neuen Mainzer +Straße mit glühenden Liebesblicken und Stückseufzern auf ihn gemacht +wurden. + +Der alte Herr Simon, konnte sich auch der Dessauer in Hinsicht auf Geld +und Glücksgüter ihm nicht gleichstellen, rechnete es sich dennoch zur +besonderen Ehre, einen so erleuchteten Schwiegersohn zu bekommen. Ja, +er sah es als eine glückliche Spekulation an, ihn durch Rebekka gefangen +zu haben. Er sah ihn als eine prophetische Spekulationsmaschine an, +die ihn in kurzer Zeit zum reichsten Manne Europas machen mußte; +denn, wenn er immer mit seinem Schwiegersohn zugleich kaufte oder +verkaufte, glaubte er nie fehlen zu können. + +Fräulein Rebekka ging ohne vieles Sträuben in die Bedingungen ein, die +ihr der Zärtliche auferlegte; da er eine gewisse Abneigung verspürte, +ein Jude zu werden, so hielt er es für notwendig, daß sie sich taufen +lasse. Sie nahm schon folgenden Tages insgeheim Unterricht bei dem +Herrn Pastor Stein und gab dafür auf einige Zeit ihre Klavierstunden +auf, wobei, wie sie behauptete, noch etwas Erkleckliches profitiert +würde, da sie dem Klaviermeister einen Taler für die Stunde hatte +bezahlen müssen. Sie selbst legte dafür dem Dessauer die Bedingung +auf, daß er sich für einige hundert Gulden in den Adelsstand erheben +lassen und in dem „jöttlichen Frankfort" leben müsse. + +Er ging darauf freudig ein und überließ mir dieses diplomatische +Geschäft. Um nun auch von mir zu reden, so traf pünktlich ein, was ich +vorausgesehen hatte. Der Seufzer beschwichtigte fürs erste sein +Gewissen, das ihm allerlei vorwerfen mochte, z. B. daß das ganze +Geschäft unehrlich und nicht ohne Hilfe des Teufels habe zustande +kommen können. Sobald er mit dieser Beschwichtigung fertig war, war +auch seine Dankbarkeit verschwunden. Weil ihn alles als den sublimsten +Kopf, den scharfsinnigsten Denker pries, glaubte er ohne Zaudern +selbst daran, wurde aufgeblasen, sah mich über die Achsel an und +erinnerte sich meiner sehr gütig als eines Menschen, mit welchem er im +Weißen Schwan einigemal zu Mittag gespeist habe. + +Was mich übrigens am meisten freute, war, daß er die Strafe seines +Undankes in sich und seinen Verhältnissen trug. Es war vorauszusehen, +daß seine prophetische Kraft, sein spekulativer Geist sich nicht lange +halten konnten. Mißglückten nur erst einige Spekulationen, die er, auf +sein blindes Glück und seinen noch blinderen Verstand trauend, +unternahm, verlor er erst einmal fünfzig= oder hunderttausend und zog +seinen Schwiegerpapa in gleiche Verluste, so fing die Hölle für ihn +schon auf Erden an. + +Rebeckchen, das liebe Kind, sah auch nicht aus, als wollte sie mit dem +neuen Glauben auch einen neuen Menschen anziehen. War sie erst +„Gnädige Frau von Zwerner", so war zu erwarten, daß die Liebesintrigen +sich häufen würden; junge wohlriechende Diplomaten, alte Sünder, wie +Graf Rebs, fremde Majors mit glänzenden Uniformen waren dann +willkommen in ihrer Loge und zu Hause, und der Dessauer hatte das +Vergnügen, zuzuschauen. Und wie wird dieser sanfte Engel Rebekka sich +gestalten zur Furie, wenn die spekulative Kraft ihres Eheherrn +nachläßt und damit zugleich sein Vermögen, wenn man das glänzende +Hotel in der Zeile, die Loge im ersten Rang, die Equipage und die +hungernden Liebhaber samt der köstlichen Tafel aufgeben, wenn man nach +Dessau ziehen muß in den alten Laden des Hauses Zwerner und Komp., +wenn die gnädige Frau herabsinkt aus ihrem geadelten Himmel und zur +ehrlichen Kaufmannsfrau wird, wenn man den Gemahl statt mit Papieren, +wie es nobel ist und groß, mit Ellenwaren und Bändern, ganz klein und +unnobel handeln sieht! Welche Perspektive!! + +Doch am vierten Pfingstfeiertag 1826 dachte man noch nicht an +dergleichen im Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstraße. Da war +ein Hin= und Herrennen, ein Laufen, ein Kochen und Backen; es wurde +ungemein viel Gänseschmalz verbraucht, um koscheres Backwerk zu +verfertigen; ein Hammel wurde „geschächt", um köstliche Ragouts zu +bereiten. + +Der geneigte Leser errät wohl, was vorging in dem gesegneten Hause? +Nämlich nichts Geringeres als die Verlobung des trefflichen Paares. +Die halbe Stadt war geladen und kam. Hatte denn der alte Simon nicht +treffliche alte Weine? Speiste man bei ihm, das Gänsefett abgerechnet, +nicht trefflich? Hatte er nicht die schönsten jüdischen und +christlichen Fräulein zusammengebeten, um die Gesellschaft zu +unterhalten durch geistreiche Spiele und herrlichen Gesang? + +Auch Graf Rebs, das treffliche Kaninchen, war geladen, und nur das +brachte ihn einigermaßen in Verlegenheit, daß nicht weniger als +zwanzig Frauen und Fräulein zugegen waren, mit denen er schon in +zärtlichen Verhältnissen gestanden hatte. Er half sich durch +ausdrucksvolle Liebesblicke, die er allenthalben umherwarf, wie auch +durch die eigene Behendigkeit seiner Beinchen, auf welchen er überall +umherhüpfte und jeder Dame zuflüsterte, sie allein sei es eigentlich, +die sein zartes Herz gefesselt. Die übergroße Anstrengung, zwanzig auf +einmal zu lieben, da er es sonst nur auf fünf gebracht hatte, richtete +ihn aber dergestalt zugrunde, daß er endlich elendiglich zusammensank +und in seinem Wagen nach Hause gebracht werden mußte. + +Die Gesellschaft unterhielt sich ganz angenehm und bewies sich nach +Herrn Simons Begriffen sehr gesittet und anständig; denn als er am +Abend, nachdem alle sich entfernt hatten, mit seiner Tochter Rebekka +das Silber ordnete und zählte, riefen sie einmütig und vergnügt: +„Gott's Wunder! Gott's Wunder! Was war das für noble Gesellschaft, für +gesittete Leute! Es fehlt auch nicht e i n Kaffeelöffelchen; kein +Dessertmesserchen oder Zuckerklämmerchen ist uns abhanden gekommen! +Gott's Wunder!" + + * * * * * + + + + +DER FESTTAG IM FEGEFEUER. (Fortsetzung.) + + Am Horizont in diesem Jahr + Ist es geblieben, wie es war. + M. Claudius. + + +1. DER JUNGE GARNMACHER FÄHRT FORT, SEINE GESCHICHTE ZU ERZÄHLEN. + + +Das Manuskript, aus welchem wir die infernalischen Memoiren +dechiffrieren und ausziehen, fährt bei jener Stelle, die wir im ersten +Teile notgedrungen abbrachen, fort, die Geschichte des jungen +deutschen Schneider=Barons zu geben. Er ist aus seiner Vaterstadt +Dresden entflohen, er will in die weite Welt, fürs erste aber nach +Berlin gehen und erzählt, was ihm unterwegs begegnete. + +„Meine Herren," fuhr der edle junge Mann fort, „als ich mich umsah, +stand ein Mann hinter mir, gekleidet wie ein ehrlicher, rechtlicher +Bürger; er fragte mich, wohin meine Reise gehe, und behauptete, sein +Weg sei beinahe ganz der meinige, ich solle mit ihm reisen. Ich +verstand so viel von der Welt, daß ich einsah, es sei weniger +auffallend, wenn man einen halberwachsenen Jungen mit einem älteren +Manne gehen sieht, als allein. Der Mann entlockte mir bald die Ursache +meiner Reise, meine Schicksale, meine Hoffnungen. Er schien sich sehr +zu verwundern, als ich ihm von meinem Onkel, dem Herrn von Garnmacher +in der Dorotheenstraße in Berlin, erzählte. ‚Euer Onkel ist ja schon +seit zwei Monaten tot!' erwiderte er. ‚O du armer Junge, seit zwei +Monaten tot; es war ein braver Mann, und ich wohnte nicht weit von ihm +und kannte ihn gut. Jetzt nagen ihn die Würmer!' + +Sie können sich leicht meinen Schrecken über diese Trauerpost denken, +ich weinte lange und hielt mich für unglücklicher als alle Helden; +nach und nach aber wußte mich mein Begleiter zu trösten: ‚Erinnerst du +dich gar nicht, mich gesehen zu haben?' fragte er. Ich sah ihn an, +besann mich, verneinte. ‚Ei, man hat mich doch in Dresden so viel, +gesehen,' fuhr er fort; ‚alle Alten und besonders die Jugend strömte +zu mir und meinem jungen Griechen.' + +Jetzt fiel mir mit einemmal bei, daß ich ihn schon gesehen hatte. Vor +wenigen Wochen war nach Dresden ein Mann mit einem jungen +unglücklichen Griechen gekommen; er wohnte in einem Gasthof und ließ +den jungen Athener für Geld sehen, das Geld war zur Erhaltung des +Griechen und der Überschuß für einen Griechenverein bestimmt. Alles +strömte hin, auch mir gab der Vater ein paar Groschen, um den +unglücklichen Knaben sehen zu können. Ich bezeugte dem Manne meine +Verwunderung, daß er nicht mehr mit dem Griechen reise. + +‚Er ist mir entlaufen, der Schlingel, und hat mir die Hälfte meiner +Kasse und meinen besten Rock gestohlen; er wußte wohl, daß ich ihm +nicht nachsetzen konnte; aber wie wäre es, mein Söhnchen, wenn du mein +Grieche würdest?' Ich staunte, ich hielt es nicht für möglich; aber er +gestand mir, daß der andere ein ehrlicher Münchner gewesen sei, den er +abgerichtet und kostümiert habe, weil nun einmal die Leute die +griechische Sucht hätten." + +„Wie?" unterbrach ihn der Engländer. „Selbst in Deutschland nimmt man +Anteil an den Schicksalen dieses Volkes? Und doch ist es eigentlich +ein deutscher Minister, der es mit der Pforte hält und die Griechen +untergehen läßt." + +„Wie es nun so geht in meinem lieben Vaterland," antwortete Baron von +Garnmacher, des Schneiders Sohn; „was einmal in einem anderen Lande +Mode geworden, muß auch zu uns kommen. Das weiß man gar nicht anders. +Wie nun vor kurzem die Pargioten ausgetrieben wurden und bald nachher +die griechische Nation ihr Joch abschüttelte, da fanden wir dies +erstaunlich hübsch, schrieben auf der Stelle viele dicke Bücher +darüber und stifteten Hilfsvereine mit sparsamen Kassen. Sogar +Philhellenen gab es bei uns, und man sah diese Leute mit großen +Bärten, einen Säbel an der Seite, Pistolen im Gürtel, rauchend durch +Deutschland ziehen. Wenn man sie fragte: ‚Wohin?' so antworteten sie: +‚In den heiligen Krieg nach Hellas gegen die Osmanen!' Bat sich nun +etwa eine Frau oder ein Mann, der in der alten Geographie nicht sehr +erfahren, eine nähere Erklärung aus, so erfuhr man, daß es nach +Griechenland gegen die Türken gehe. Da kreuzigten sich die Leute, +wünschten dem Philhellenen einen guten Morgen und flüsterten, wenn er +mit dröhnenden Schritten einen Fußpfad nach Hellas einschlug: ‚Der muß +wenig taugen, daß er im Reich keine Anstellung bekommt und bis nach +Griechenland laufen muß.'" + +„Ist's möglich?" rief der Marquis. „So teilnahmlos sprachen die +Deutschen von diesen Männern?" + +„Gewiß; es ging mancher hin mit dem schönen Gefühl, einer +unterdrückten Sache beizustehen, mancher, um sich Kriegsruhm zu +erkämpfen, der nun einmal auf den Billards und in den Garnisonen nicht +zu erlangen ist; aber alle barbierte man über einen Löffel, wie mein +Vater zu sagen pflegte, und schalt sie Landläufer." + +„Mylord," sagte der Franzose, „es sind doch dumme Leute, diese +Deutschen!" + +„O ja," entgegnete jener mit großer Ruhe, indem er sein Rumglas gegen +das Licht hielt, „zuweilen; aber dennoch sind die Franzosen +unerträglicher, weil sie allen Witz allein haben wollen." + +Der Marquis lachte und schwieg. Der Baron aber fuhr fort: „Auf diese +Sitte der Deutschen hatte jener Mann seinen Plan gebaut, und noch oft +muß ich mich wundern, wie richtig sein Kalkül war. Die Deutschen, +dachte er, kommen nicht dazu, etwas für einen weit aussehenden Plan, +für ein fernes Land und dergleichen zu tun; entweder sagen sie: Es war +ja vorher auch so, lasset der Sache ihren Lauf, wer wird da etwas +Neues machen wollen?' oder sie sagen: ‚Gut, wir wollen erst einmal +sehen, wie die Sache geht, vielleicht läßt sich hernach etwas tun.' +Fällt aber etwas in ihrer Nähe vor, können sie selbst etwas Seltenes +mit eigenen Augen sehen, so lassen sie es sich etwas kosten.' + +Man war dem Griechen früher oft in mancher kleinen Stadt sehr dankbar, +daß er doch wieder eine Materie zum Sprechen herbeigeführt habe, eine +Seltenheit, welche die Weiber beim Kaffee, die Männer beim Bier +traktieren konnten. + +Was für Aussichten blieben mir übrig? Mein Onkel war tot, ich hatte +nichts gelernt; so schlug ich ein, Grieche zu werden. Jetzt fing ein +Unterricht an, bei welchem wir bald so vertraut miteinander werden, +daß mir mein Führer sogar Schläge beibrachte. Er lehrte mich alle +Gegenstände auf neugriechisch nennen, bläute mir einige Floskeln in +dieser Sprache ein, und nachdem ich hinlänglich instruiert war, +schwärzte er mir Haar und Augenbrauen mit einer Salbe, färbte mein +Gesicht gelblich, und--ich war ein Grieche. Mein Kostüm, besonders das +für vornehme Präsentationen, war sehr glänzend, manches sogar von +Seide. So zogen wir im Land umher und gewannen viel Geld." + +„Aber, mein Gott," unterbrach ihn der Franzose, „sagen Sie doch, in +Deutschland soll es viele gelehrten Männer geben, die sogar Griechisch +schreiben. Diese müssen es doch auch sprechen können; wie haben Sie +sich vor diesen durchbringen können?" + +„Nichts leichter als dies, und gerade bei diesen hatte ich meinen +größten Spaß; diese Leute schreiben und lesen das Griechische so gut, +daß sie vor zweitausend Jahren mit Thucydides hätten korrespondieren +können, aber mit dem Sprechen will es nicht recht gehen; sie mußten zu +Haus immer die Phrasen im Lexikon aufschlagen, wenn sie sprechen +wollten; da hatte ich nun, um aus aller Verlegenheit zu kommen, eine +herrliche Floskel bereit:------‚Mein Herr, das ist nicht griechisch.' +Mein Führer unterließ nicht, sogleich, was ich gesagt, dem Publikum +ins Deutsche zu übersetzen, und jene Kathedermänner kamen gewöhnlich +über das Lächeln der Menschen dergestalt außer Fassung, daß sie es nie +wieder wagten, Griechisch zu sprechen. + +So zogen wir längere Zeit umher, bis endlich in Karlsbad die ganze +Komödie auf einmal aufhörte. Wir kamen dorthin zur Zeit der Saison und +hatten viele Besuche. Unter andern fiel mir besonders ein Herr mit +einem Band im Knopfloch auf, der mir große Ähnlichkeit mit meinem +Vater zu haben schien. Er besuchte uns einigemal, und endlich, denken +Sie sich mein Erstaunen, höre ich, wie man ihn Herr von Garnmacher +tituliert. Ich stürzte zu ihm hin, fragte ihn mit zärtlichen Worten, +ob er mein verehrter Herr Onkel sei, und entdeckte ihm auf der Stelle, +wie ich eigentlich nicht auf klassischem Boden in Athen, sondern als +königlich sächsisches Landeskind in Dresden geboren sei. Es war eine +rührende Erkennungsszene. Das Staunen des Publikums, als der Grieche +auf einmal gutes Deutsch sprach, die Verlegenheit meines Oheims, der +mit vornehmer Gesellschaft zugegen war und nicht gerne an meinen +Vater, den _Marchand tailleur_, erinnert sein wollte, die Wut +meines Führers, alles dies kam mir trotz meiner tiefen Rührung höchst +komisch vor. + +Der Führer wurde verhaftet, mein Onkel nahm sich meiner an, ließ mir +Kleider machen und führte mich nach Berlin. Und dort begann für mich +eine neue Katastrophe." + + * * * * * + + + + +2. DER BARON WIRD EIN REZENSENT. + + +„Mein Onkel war ein nicht sehr berühmter Schriftsteller, aber ein +berüchtigter, anonymer Kritiker. Er arbeitete an zehn Journalen, und +ich wurde anfänglich dazu verwendet, seine Hahnenfüße ins Reine zu +schreiben. Schon hier lernte ich nach und nach in meines Onkels Geist +denken, faßte die gewöhnlichen Wendungen und Ausdrücke auf und bildete +mich so zum Rezensenten. Bald kam ich weiter; der herrliche Mann +brachte mir die verschiedenen Klassen und Formen der Kritik bei, über +welche ich übrigens hinweggehen kann, da sie einen Fremden nicht +interessieren." + +„Nein, nein!" rief der Lord. „Ich habe schon öfters von dieser +kritischen Wut Ihrer Landsleute gehört. Zwar haben auch wir, z. B. in +Edinburgh und London, einige Anstalten dieser Art; aber sie werden, +höre ich, in einem ganz anderen Geiste besorgt als die Ihrigen." + +„Allerdings sind diese Blätter in meinem Vaterlande eine sonderbare, +aber eigentümliche Erscheinung. Wie in unserer ganzen Literatur immer +noch etwas Engbrüstiges, Eingezwängtes zu verspüren ist, wie nicht +das, was leicht und gefällig, sondern was mit einem recht +schwerfälligen, gelehrten Anstrich geschrieben ist, für einzig gut und +schön gilt, so haben wir auch eigene Ansichten über Beurteilung der +Literatur. Es traut sich nämlich nicht leicht ein Mann oder eine Dame +in der Gesellschaft ein Urteil über ein neues Buch zu, das sich nicht +an ein öffentlich ausgesprochenes anlehnen könnte--man glaubte darin +zu viel zu wagen. Daher gibt es viele öffentliche Stimmen, die um Geld +und gute Worte ein kritisches Solo vortragen, in welches dann das +Tutti oder der Chorus des Publikums einfällt." + +„Aber wie mögen Sie über diese Institute spotten, mein Herr Baron?" +unterbrach ihn der Lord. „Ich finde das recht hübsch. Man braucht +selbst kein Buch als diese öffentlichen Blätter zu lesen und kann dann +dennoch in der Gesellschaft mitstimmen." + +„Sie hätten recht, wenn der Geist dieser Institute anders wäre. So +aber ergreift der, welcher sich nach diesen Blättern richtet, unbewußt +irgend eine Partei und kann, ohne daß er sich dessen versieht, in der +Gesellschaft für einen Goethianer, Müllnerianer, Vossiden oder +Creuzerianer, Schellingianer oder Hegelianer, kurz für einen Yaner +gelten. Denn das eine Blatt gehört dieser Partei an und haut und +sticht mehr oder minder auf jede andere, ein anderes gehört diesem +oder jenem großen Buchhändler. Da müssen nun fürs erste alle seine +Verlagsartikel gehörig gelobt, dann die seiner Feinde grimmig +angefallen werden; oft muß man auch ganz diplomatisch zu Werke gehen, +es mit keinem ganz verderben, auf beiden Achseln (Dichter=) Wasser +tragen und, indem man einem freundlich ein Kompliment macht, +hinterrücks heimlich ihm ein Bein unterschlagen." + +„Aber schämen sich denn Ihre Gelehrten nicht, auf diese Art die Kritik +und Literatur zu handhaben?" fragte der Marquis. „Ich muß gestehen, in +Frankreich würde man ein solches Wesen verachten." + +„Ihre politischen Blätter, mein Herr, machen es nicht besser. Übrigens +sind es nicht gerade die Gelehrten, die dieses Handwerk treiben. Die +eigentlichen Gelehrten werden nur zu Kernschüssen und langsamen, +gründlichen Operationen verwandt und mit vier Groschen bezahlt. +Leichter, behender sind die Halbgelehrten, die eigentlichen Voltigeurs +der Literatur. Sie plänkeln mit dem Feind, ohne ihn gründlich und mit +Nachdruck anzugreifen; sie richten Schaden in seiner Linie an, sie +umschwärmen ihn, sie suchen ihn aus seiner Position zu locken. Auch +dürfen sie sich gerade nicht schämen; denn sie rezensieren anonym, und +nur e i n e r unterschreibt seine kritischen Bluturteile mit so kaltem +Blute, als wollte er seinen Bruder freundlich zu Gevatter bitten." + +„Das muß ja ein eigentlicher Matador sein!" rief der Lord lächelnd. + +„Ein Matador in jedem Sinne des Worts. Auf Spanisch--ein Totschläger, +denn er hat schon manchen niedergedonnert; und wahrhaftig, er ist der +höchste Trumpf, dieser Matador, und zählt für zehn, wenn er _Pacat +ultimo_ macht. Und bei den literarischen Stiergefechten ist er +Matador! Denn er, der Hauptkämpfer ist es, der dem armen gehetzten und +gejagten Stier den Todesstoß gibt." + +„Gestehen Sie, Sie übertreiben;--Sie haben gewiß einmal den +unglücklichen Gedanken gehabt, etwas zu schreiben, das recht tüchtig +vorgenommen wurde, und jetzt zürnen Sie der Kritik?" + +Der junge Deutsche errötete. „Es ist wahr, ich habe etwas geschrieben, +doch war es nur eine Novelle und leider nicht so bedeutend, daß es +wäre rezensiert worden; aber nein, ich selbst habe einige Zeit unter +meines Onkels Protektion den kritischen kleinen Krieg mitgemacht und +kenne diese Affären genau. Nun, mein Onkel brachte mir also die +verschiedenen Formen und Klassen bei. Die e r s t e war die s a n f t +l o b e n d e Rezension. Sie gab nur einige Auszüge aus dem Werk, +lobte es als brav und gelungen und ermahnte, auf der betretenen Bahn +fortzuschreiten. In diese Klasse fielen junge Schriftsteller, die dem +Interesse des Blattes entfernter standen, die man aber für sich +gewinnen wollte. Hauptsächlich aber war diese Klasse für junge, +schriftstellerische Damen." + +„Wie?" erwiderte der Lord. „Haben Sie deren so viele, daß man eine +eigene Klasse für sie macht?" + +„Man zählte, als ich noch auf der Oberwelt war, sechsundvierzig +jüngere und ältere! Sie sehen, daß man für sie schon eine eigene +Klasse machen kann, und zwar eine gelinde, weil diese Damen mehr +Anbeter und Freunde haben als ein junger Schriftsteller. Die zweite +Klasse ist die l o b p o s a u n e n d e. Hier werden entweder die +Verlagsartikel des Buchhändlers, der das Blatt bezahlt, oder die +Parteimänner gelobt. Man preist ihre Namen, man ist gerührt, man ist +glücklich, daß die Nation einen solchen Mann aufweisen kann. Die +d r i t t e Klasse ist dann die n e u t r a l e. Hier werden die +Feinde, mit denen man nicht in Streit geraten mag, etwas kühl und +diplomatisch behandelt. Man spricht mehr über das Genus ihrer Schrift +und über ihre Tendenz als über sie selbst, und gibt sich Mühe, in +recht vielen Worten n i c h t s zu sagen, ungefähr wie in den Salons, +wenn man über politische Verhältnisse spricht und sich doch mit keinem +Wort verraten will. + +Die v i e r t e Klasse ist die l o b h u d e l n d e. Man sucht +entweder einen, indem man ihn scheinbar und mit einem Anstrich von +Gerechtigkeit ein wenig tadelt, zu loben, oder umgekehrt, man lobt ihn +mit vielem Anstand und bringt ihm einige Stiche bei, die ihn entweder +tief verwunden, oder doch lächerlich machen. Die f ü n f t e Klasse +ist die g r o b e, e r n s t e; man nimmt eine vornehme Miene an, +setzt sich hoch zu Roß und schaut hernieder auf die kleinen Bemühungen +und geringen Fortschritte des Gegners. Man warnt sogar vor ihm und +sucht etwas Verstecktes in seinen Schriften zu finden, was zu +gefährlich ist, als daß man öffentlich davon sprechen möchte. Diese +Klasse macht stillen, aber tiefen Eindruck aufs Publikum. Es ist etwas +Mystisches in dieser Art der Kritik, was die Menschen mit Scheu und +Beben erfüllt. Die s e c h s t e Klasse ist die T o t s c h l ä g e r +k l a s s e. Sie ist eine Art von Schlachtbank; denn hier werden die +Opfer des Zornes, der Rache niedergemetzelt ohne Gnade und +Barmherzigkeit, sie ist eine Säge= und Stampfmühle; denn der Müller +schüttet die Unglücklichen, die ihm überantwortet werden, hinein und +zerfetzt, zersägt, zermalmt sie." + +„Aber wer trägt denn die Schuld von diesem unsinnigen +Vertilgungssystem?" fragte Lasulot. + +„Nun, das Publikum selbst! Wie man früher an Turnieren und Tierhetzen +die Freude hatte, so amüsiert man sich jetzt am kritischen Kriege; es +freut die Leute, wenn man die Schriftsteller mit eingelegten Lanzen +aufeinander anrennen sieht, und--wenn die Rippen krachen, wenn einer +sinkt, klatscht man dem Sieger Beifall zu. Ländlich, sittlich! ‚Ein +Stier, ein Stier, ruft's, dort und hier!' In Spanien treibt man das in +der Wirklichkeit, in Deutschland metaphorisch, und wenn ein paar +tüchtige Fleischerhunde einen alten Stier anfallen und sich zu Helden +an ihm beißen, wenn der M a t a d o r von der Galerie hinab in den +Zirkus springt, + + Und zieht den Degen, + Und fällt verwegen + Zur Seite den wütenden Ochsen an-- + +da freut sich das liebe Publikum, und von ‚Bravo!' schallt die Gegend +wider!" + +„Das ist köstlich!" rief der Engländer; doch war man ungewiß, ob sein +Beifall der deutschen Kritik oder dem Rum gelte, den er zu sich nahm. +„Und ein solcher Klassenkritikus wurden Sie, Master Garnmacher?" + +„Mein Onkel war, wie ich Ihnen sagte, für mehrere Journale verpachtet; +wunderbar war es übrigens, welches heterogene Interesse er dabei +befolgen mußte. Er hatte es so weit gebracht, daß er an einem +Vormittag ein Buch las und sechs Rezensionen darüber schrieb, und oft +traf es sich, daß er alle sechs Klassen über einen Gegenstand +erschöpfte. Er zündete dann zuerst dem Schlachtopfer ein kleines, +gelindes Lobfeuer aus Zimmetholz an; dann warf er kritischen Weihrauch +dazu, daß es große Wolken gab, die dem Publikum die Sinne umnebelten +und die Augen beizten. Dann dämpfte er diese niedlichen Opferflammen +zu einer düsteren Glut, blies sie dann mit dem kalten Hauch der +vierten Klasse frischer an, warf in der fünften einen so großen +Holzstoß zu, als die _sancta simplicitas_ in Konstanz dem Huß, +und fing dann zum sechsten an, den Unglücklichen an dieser mächtigen +Lohe des Zornes zu braten und zu rösten, bis er ganz schwarz war." + +„Wie konnte er aber mit gutem Gewissen sechserlei so verschiedene +Meinungen über e i n e n Gegenstand haben? Das ist ja schändlich!" + +„Wie man will. Ich erinnere Sie übrigens an die liberalen und an die +ministeriellen Blätter Ihres Landes; wenn heute einer Ihrer +Publizisten eine Ode an die Freiheit auf der Posaune geblasen hat und +ihm morgen der Herr von .... einige Sous mehr bietet, so hält er eine +Schimpfrede gegen die linke Seite, als hätte er von je in einem +ministeriellen Vorzimmer gelebt." + +„Aber dann geht er förmlich über," bemerkte der Marquis; „aber Ihr +Onkel, der Schuft, hatte zu gleicher Zeit sechs Zungen und zwölf +Augen, die Hälfte mehr als der Höllenhund." + +„Die Deutschen haben es von jeher in allen mechanischen Künsten und +Handarbeiten weit gebracht," erwiderte mit großer Ruhe der junge Mann, +„so auch in der Kritik. Als mich nun mein Onkel so weit gebracht +hatte, daß ich nicht nur ein Buch von dreißig Bogen in zwei Stunden +durchlesen, sondern auch den Inhalt einer u n a u f g e s c h n i t t +e n e n Schrift auf ein Haar erraten konnte, wenn ich wußte, von +welcher Partei sie war, so gebrauchte er mich zur Kritik. ‚Ich will +dir,' sagte er, ‚die erste, zweite, fünfte und sechste Klasse geben. +Die Jugend, wie sie nun einmal heutzutag ist, kann nichts mit Maß tun. +Sie lobt entweder über alle Grenzen, oder sie schimpft und tadelt +unverschämt. Solche Leute, besonders wenn sie ein recht scharfes Gebiß +haben, sind übrigens oft nicht mit Gold zu bezahlen. Man legt sie an +die Kette, bis man sie braucht, und hetzt sie dann mit unglaublichem +Erfolg; denn sie sind auf den Mann dressiert trotz der besten Dogge. +Zu den Mittelklassen, zu dem Neutralitätssystem, zu dem verdeckten +Tadel, zu dem ruhigen, aber sicheren Hinterhalt gehört schon mehr als +kaltes Blut.' + +So sprach mein Onkel und übergab mir die Kränze der Gnade und das +Schwert der Rache. Alle Tage mußte ich von früh acht bis ein Uhr +rezensieren. Der Onkel schickte mir ein neues Buch, ich mußte es +schnell durchlesen und die Hauptstellen bezeichnen. Dann wurden +Kritiken von Nr. 1 und 2 entworfen und dem Alten zugeschickt. Nun +schrieb er selbst 3 und 4, und war dann noch ein Hauptgericht zu +exequieren, so ließ er mir sagen: ‚Mein lieber Neffe, nur immer Nr. 5 +und 6 draufgesetzt; es kann nicht schaden, nimm ihn in Teufels Namen +tüchtig durch;' und den ich noch vor einer Stunde mit wahrer Rührung +bis zum Himmel erhoben, denselben verdammte ich jetzt bis in die +Hölle. Vor Tisch wurden dann die kritischen Arbeiten verglichen, der +Onkel tat, wie er zu sagen pflegte, Salz hinzu, um das Gebräu pikanter +zu machen; dann packte ich alles ein und verschickte die heil= und +unheilschweren Blätter an die verschiedenen Journale." + +„_Goddam_! Habe ich in meinem Leben dergleichen gehört?" rief der +Lord mit wahrem Grauen. „Aber wenn Sie alle Tage nur e i n Buch +rezensierten, das macht ja im Jahre 365! Gibt es denn in Ihrem +Vaterlande jährlich selbst nur ein Dritteil dieser Summe?" + +„Ha! da kennen Sie unsere gesegnete Literatur schlecht, wenn Sie dies +fragen. So viele gibt es in e i n e r Messe, und wir haben jährlich +zwei. Alle Jahre kann man achtzig Romane, zwanzig gute und vierzig +schlechte Lust= und Trauerspiele, hundert schöne und miserable +Erzählungen, Novellen, Historien, Phantasien usw., dreißig Almanache, +fünfzig Bände lyrischer Gedichte, einige erhabene Heldengedichte in +Stanzen oder Hexametern, vierhundert Übersetzungen, achtzig +Kriegsbücher rechnen, und die Schul=, Lehr=, Katheder=, Professions=, +Konfessionsbücher, die Anweisungen zum frommen Leben, zur Bereitung +guten Champagners aus Obst, zur Verlängerung der Gesundheit, die +Betrachtungen über die Ewigkeit, und wie man auch ohne Arzt sterben +könne usw. sind nicht zu zählen; kurz, man kann in meinem Vaterlande +annehmen, daß unter fünfzig Menschen immer einer Bücher schreibt; hat +einer einmal im Meßkatalog gestanden, so gibt er das Handwerk vor dem +sechzigsten Jahre nicht auf. Sie können also leicht berechnen, meine +Herren, wie viel bei uns gedruckt wird. Welcher Reichtum der +Literatur, welches weite Feld für die Kritik!" + +Der junge Deutsche hatte diese letzten Worte mit einer Ehrfurcht, mit +einer Andacht gesprochen, die sogar mir höchst komisch vorkam; der +Lord und der Marquis aber brachen in lautes Lachen aus, und je +verwunderter der junge Herr sie ansah, desto mehr schien ihr Lachreiz +gesteigert zu werden. + +„Monsieur de Garnmacker! Nehmen Sie es nicht übel, daß ich mich von +Ihrer Erzählung bis zum Lachen hinreißen ließ," sagte der Marquis; +„aber Ihre Nation, Ihre Literatur, Ihre kritische Manufaktur kam mir +unwillkürlich so komisch vor, daß ich mich nicht enthalten konnte zu +lachen. Ihr seid sublime Leute, das muß man euch lassen." + +„Und der Herr hier hat recht," bemerkte Mylord mit feinem Lächeln. +„Alles schreibt in diesem göttlichen Lande, und was das schönste ist, +nicht jeder über sein Fach, sondern lieber über ein anderes. So fuhr +ich einmal auf meiner Grandtour in einem deutschen Ländchen. Der Weg +war schlecht, die Pferde womöglich noch schlechter. Ich ließ endlich +durch meinen Reisebegleiter, der Deutsch reden konnte, den Postillon +fragen, was denn sein Herr, der Postmeister, denke, daß er uns so +miserable Pferde vorspanne. Der Postillon antwortete: ‚Was das Post= +und das Stallwesen anbelangt, so denkt mein Herr nichts." Wir waren +verwundert über diese Antwort, und mein Begleiter, dem das Gespräch +Spaß machte, fragte, was sein Herr denn anderes zu denken habe. ‚Er +schreibt!' war die kurze Antwort des Kerls. ‚Wie? Briefverzeichnisse, +Postkarten?' ‚Ei, behüte!' sagte er, ‚Bücher, gelehrte Bücher.' ‚Über +das Postwesen?' fragten wir weiter. ‚Nein,' meinte er; ‚Verse macht +mein Herr, Verse, oft so breit als meine fünf Finger und so lang als +mein Arm!' und klatsch! klatsch! hieb er auf die magern Brüder des +Pegasus und trabte mit uns auf dem stoßenden Steinweg, daß es uns in +der Seele weh tat. ‚_Goddam_!' sagte mein Begleiter. + +‚Wenn der Herr Postmeister so schlecht auf dem Hippogryphen sitzt wie +sein Schwager auf diesen Kleppern, so wird er holperige Verse zutage +fördern!' Und auf Ehre, meine Herren, ich habe mich auf der nächsten +Station erkundigt, dieser Postmeister ist ein Dichter und wie Sie, Mr. +Garnmacher, ein großer Kritiker." + +„Ich weiß, wen Sie meinen," erwiderte der Deutsche mit etwas unmutiger +Miene, „und Ihre Erzählung soll wohl ein Stich auf mich sein, weil ich +eigentlich auch nicht für dieses Gebiet der Literatur erzogen worden. +Übrigens muß ich Ihnen sagen, Mylord, in Ihrem kalten, systematischen, +nach Gesetzen ängstlich zugeschnittenen Lande möchte etwas dergleichen +auffallen, aber bei uns zu Lande ist das was anderes. Da kann jeder in +die Literatur hineinpfuschen, wann und wie er will, und es gibt kein +Gesetz, das einem verböte, etwas Miserables drucken zu lassen, wenn er +nur einen Verleger findet. Bei den Kritikern und Poeten meines +Vaterlandes ist nicht nur in Hinsicht auf die Phantasie die schöne +romantische Zeit des Mittelalters; nein, wir sind, und ich rechne mich +ohne Scheu dazu, samt und sonders edle Raubritter, die einander die +Blumen der Poesie abjagen und in unsere Verließe schleppen; wir üben +das Faustrecht auf heldenmütige Weise und halten literarische +Wegelagerungen gegen den reich beladenen Krämer und Juden. Die Poesie +ist bei uns eine Gemeindewiese, auf welcher jedes Vieh umherspazieren +und Blumen und Gras fressen kann nach Belieben." + +„Herr von Garnmacker," unterbrach ihn der Marquis de Lasulot, „ich +würde Ihre Geschichte erstaunlich hübsch und anziehend finden, wenn +sie nur nicht so langweilig wäre. Wenn Sie so fortmachen, so erzählen +Sie uns achtundvierzig Stunden in einem fort. Ich schlage daher vor, +wir verschieben den Rest und unsere eigenen Lebensläufe auf ein +andermal und gehen jetzt auf die Höllenpromenade, um die schöne Welt +zu sehen!" + +„Sie haben recht," sagte der Lord, indem er aufstand und mir ein +Sixpencestück zuwarf, „der Herr von Garnmacher weiß auf unterhaltende +Weise einzuschläfern. Brechen wir auf; ich bin neugierig, ob wohl +viele Bekannten aus der Stadt hier sind." + +„ Wie?" rief der junge Deutsche nicht ohne Überraschung. „Sie wollen +also nicht hören, wie ich mich in Berlin bei den Herren vom Mühlendamm +zu einem Elegant perfektionierte? Sie wollen nicht hören, wie ich +einen Liebeshandel mit einer Prinzessin hatte, und auf welche +elendigliche Weise ich endlich verstorben bin? O, meine Herren, meine +Geschichte fängt jetzt erst an, interessant zu werden." + +„Sie können recht haben," erwiderte ihm der Lord mit vornehmem +Lächeln; „aber wir finden, daß uns die Abwechslung mehr Freude macht. +Begleiten Sie uns; vielleicht sehen wir einige Figuren aus Ihrem +Vaterlande, die Sie uns zeigen können." + +„Nein, wirklich! Ich bin gespannt auf Ihre Geschichte," sagte der +Marquis lachend; „aber nur jetzt nicht. Es ist jetzt die Zeit, wo die +Welt promeniert, und um keinen Preis, selbst nicht um Ihre +interessante Erzählung, möchte ich diese Stunde versäumen. Gehen wir." + +„Gut," erwiderte der deutsche Stutzer resigniert und ohne beleidigt zu +scheinen. „Ich begleite Sie; auch so ist mir Ihre werte Gesellschaft +sehr angenehm; denn es ist für einen Deutschen immer eine große Ehre, +sich an einen Franzosen oder gar an einen Engländer anschließen zu +können." + +Lachend gingen die beiden voran, der Baron folgte, und ich veränderte +schnell mein Kostüm, um diese merkwürdigen Subjekte auf ihren +Wanderungen zu verfolgen; denn ich hatte gerade nichts Besseres zu +tun. + +Die Menschen bleiben sich unter jeder Zone gleich--es ist möglich, daß +Klima und Sitten eines anderen Landes eine kleine Veränderung in +manchem hervorbringen; aber laßt nur eine Stunde lang Landsleute +zusammen sprechen, der Nationalcharakter wird sich nicht verleugnen, +wird mehr und mehr sich wieder hervorheben und deutlicher werden. So +kommt es, daß dieser Geburtstag meiner lieben Großmutter mir Stoff zu +tausend Reflexionen gibt; denn selbst im Fegefeuer, wenn diesen +Leutchen nur e i n Tag vergönnt ist, findet sich Gleiches zu Gleichem, +und es spricht und lacht und geht und liebt wie im Prater, wie auf der +Chaussee d'Antin oder im Palais Royal, wie Unter den Linden, oder wie +in.... + +Welchen Anblick gewährte diese höllische Promenade! Die Stutzer aller +Jahrhunderte, die Kurtisanen und Merveilleuses aller Zeiten, Theologen +aller Konfessionen, Juristen aller Staaten, Finanziers von Paris bis +Konstantinopel, von Wien bis London, und sie alle in Streit über ihre +Angelegenheiten, und sie alle mit dem ewigen Refrain: „Zu unserer +Zeit, ja! Zu unserer Zeit war es doch anders!" Aber ach, meine Stutzer +kamen zu spät auf die Promenade, kaum daß noch Baron von Garnmacher +einen jungen Dresdener Dichter umarmen und einer Berliner Sängerin +sein Vergnügen ausdrücken konnte, ihre Bekanntschaft hier zu erneuern! +Der edle junge Herr hatte durch seine Erzählung die Promenadezeit +verkümmert, und die große Welt strömte schon zum Theater. + + * * * * * + + + + +3. DAS THEATER IM FEGEFEUER. + + +Man wundert sich vielleicht über ein Theater im Fegefeuer? Freilich +ist es weder _Opera buffa_ noch _seria_, weder Trauer= noch +Lustspiel; ich habe zwar Schauspieldichter, Sänger, Akteurs und +Aktricen, Tänzer und Tänzerinnen genug; aber wie könnte man ein so +gemischtes Publikum mit einem dieser Stücke unterhalten? Ließe ich von +Zacharias Werner eine schauerlich=tragikomisch=historisch=romantisch= +heroische Komödie aufführen,--wie würden sich Franzosen und Italiener +langweilen, um von den Russen, die mehr das Trauerspiel und +Mordszenen lieben, gar nicht zu reden. Wollte ich mir von Kotzebue ein +Lustspiel schreiben lassen, etwa die „Kleinstädter in der Hölle", wie +würde man über verdorbenen Geschmack schimpfen! Daher habe ich +eine andere Einrichtung getroffen. + +Mein Theater spielte große pantomimische Stücke, welche +wunderbarerweise nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft zum +Gegenstand haben; aber mit Recht. Die Vergangenheit, ihr ganzes Leben +liegt abgeschlossen hinter diesen armen Seelen. Selten bekommt eine +einen Erlaubnisschein, als Revenant die Erde um Mitternacht besuchen +zu dürfen. Denn was nützt es mir? Was frommt es dem irren Geist einer +eifersüchtigen Frau, zum Lager ihres Mannes zurückzukehren? Was nützt +es dem Mann, der sich um eine zweite umgetan, wenn durch die Gardine +dringt-- + + „Eine kalte weiße Hand. + Wen erblickt er? Seine Wilhelmine, + Die im Sterbekleide vor ihm stand." + +Was kann es dem Teufel, was einer ausgeleerten herzoglichen Kasse +helfen, wenn der Finanzminister, der sich aus Verzweiflung mit dem +Federmesser die Kehle abschnitt, allnächtlich ins Departement +schleicht, angetan mit demselben Schlafrock, in welchem er zu arbeiten +pflegte, schlürfend auf alten Pantoffeln und die Feder hinter dem Ohr? +Zu was dient es, wenn er seufzend vor den Akten sitzt und mit +glühendem Auge seinen Rest immer noch einmal berechnet? Was kann es +dem fürstlichen Keller helfen, wenn der Schloßküfer, den ich in einer +bösen Stunde abgeholt, durch einen Kellerhals herniederfährt und mit +krampfhaft gekrümmtem Finger an den Fässern anpocht, die er bestohlen? +Zu welchem Zweck soll ich den General entlassen, wenn oben der +Zapfenstreich ertönt und die Hörner zur Ruhe blasen? Wozu den Stutzer, +um zu sehen, ob sein bezahltes Liebchen auf frische Rechnung liebt? +Zwar sie alle, ich gestehe es, sie alle würden sich unglücklicher +fühlen, könnten sie sehen, wie schnell man sie vergessen hat; es wäre +eine Schärfung der Strafe, wie etwa ein König, als ihm ein Urteil zu +l e b e n s l ä n g l i c h e r Zuchthausstrafe vorgelegt wurde, +„n o c h s e c h s J a h r e l ä n g e r" unterschrieb, weil er den +Mann haßte. Aber sie würden mir auf der andern Seite so viel +verwirrtes Zeug mit herabbringen, würden mir manchen fromm zu machen +suchen, wie der reiche Mann im Evangelium, der zu Lebzeiten soviel +getrunken, daß er in der Hölle Wasser trinken wollte,--ich habe darin +so viele Erfahrungen gemacht und kann es in neuern Zeiten, wo ohnedies +die Missionarien und andere Mystiker genug tun, nicht mehr erlauben. +Daher kommt es, daß es in diesen Tagen wenig mehr in den H ä u s e r +n, desto mehr aber in den K ö p f e n, spukt. + +Um nun den Seelen im Fegefeuer dennoch Nachrichten über die Zukunft zu +geben, lasse ich an Festtagen einige erhebliche Stücke von meiner +höllischen Bande aufführen. Auf dem heutigen Zettel war angezeigt: + + M i t A l l e r h ö c h s t e r B e w i l l i g u n g. + + Heute, als am Geburtstage der Großmutter, diabolischen Hoheit: + + E i n i g e S z e n e n a u s d e m J a h r e 1 8 2 6. + + Pantomimische Vorstellung mit Begleitung des Orchesters. + + Die Musik ist aus Mozarts, Haydns, Glucks und anderen Meisterwerken + zusammengesucht von Rossini. + + (Bemerkungen an das Publikum.) Da gegenwärtig sehr + viele allerhöchste Personen und hoher Adel hier sind, so wird + gebeten, die ersten Ranglogen den Hoheiten, Durchlauchten und + Ministern bis zum Grafen abwärts inklusive, die zweite Galerie + der Ritterschaft samt Frauen bis zum Leutnant abwärts zu + überlassen. + + Die Direktion des infernal. Hof= und Nationaltheaters. + +Das Publikum drängte sich mit Ungestüm nach dem Hause. Ich bot mich +den drei jungen Herren als Cicerone an und führte sie glücklich durchs +Gedränge ins Parkett. Obgleich der Lord ohne Anstand auf die erste, +der Marquis und der deutsche Baron auf die zweite Loge hätten +eintreten dürfen, fanden es diese drei Subjekte aber amüsanter, von +ihrem niederen Standpunkt aus Logen und Parterre zu lorgnettieren. Wie +mancher Ausruf des freudigen Staunens entschlüpfte ihnen, wenn sie +wieder auf ein bekanntes Gesicht trafen! Besonders Garnmacher schien +vor Erstaunen nicht zu sich selbst kommen zu können. „Nein, ist es +möglich?" rief er wiederholt aus. „Ist es möglich? Sehen Sie, Marquis, +jener Herr dort oben in der zweiten Galerie rechts, mit den roten +Augen, er spricht mit einer bleichen jungen Dame; dieser starb in +Berlin im Geruch der Heiligkeit und soll auch hier sein an diesem +unheiligen Ort? Und jene Dame, mit welcher er spricht, wie oft habe +ich sie gesehen und gesprochen! Sie war eine liebenswürdige, fromme +Schwärmerin, ging lieber in die Dreifaltigkeitskirche als auf den +Ball--sie starb, und wir alle glaubten, sie werde sogleich in den +dritten Himmel schweben, und jetzt sitzt sie hier im Fegefeuer! Zwar +wollte man behaupten, sie sei in Töplitz an einem heimlichen +Wochenbette verschieden; aber wer ihren frommen Lebenslauf gesehen, +wer konnte das glauben?" + +„Ha! die Nase von Frankreich!" rief auf einmal der Marquis mit +Ekstase. „Heiliger Ludwig, auch Ihr, auch Ihr unter Euern verlorenen +Kindern? Ha? und ihr, ihr verdammten Kutten, die ihr mein schönes +Vaterland in die Kapuze stecken wollet. Sehen Sie, Mylord, jene +häßlichen, kriechenden Menschen? Sehen Sie, dort--das sind berühmte +Missionäre, die uns glauben machen wollten, sie seien frömmer als wir. +Dem Teufel sei es gedankt, daß er diese Schweine auch zu sich +versammelt hat." + +„O mein Herr," sagte ich, „da hätten Sie nicht nötig gehabt, bis ins +Theater sich zu bemühen, um diese Leutchen zu sehen. Sie zeigen sich +zwar nicht gerne auf den Promenaden, weil selbst in der Hölle nichts +Erbärmlicheres zu sein pflegt als ein entlarvter Heuchler. Aber im +_Café de la Congrégation_ wimmelt es von diesen Herren, vom +Kardinal bis zum schlichten Pater. Sie können manche heilige +Bekanntschaft dort machen." + +„Mein Herr, Sie scheinen bekannt hier," erwiderte Mylord, „sagen Sie +doch, wer sind diese ernsten Männer in Uniform nebenan? Sie +unterhalten sich lebhaft, und doch sehe ich sie nicht lächeln. Sind es +Engländer?" + +„Verzeihen Sie," antwortete ich, „es sind Soldaten und Offiziere von +der alten Garde, die sich mit einigen Preußen über den letzten Feldzug +besprechen." + +Alle drei schienen erstaunt über dieses Zusammentreffen und wollten +mehr fragen; aber der Kapellmeister hob den Stab, und die Trompeten +und Pauken der Rossinischen Ouvertüre schmetterten in das volle Haus. +Es war die herrliche Ouvertüre aus _il maestro ladro_, die +Rossini auf sich selbst gedichtet hat, und das Publikum war entzückt +über die schönen Anklänge aus der Musik aller Länder und Zeiten, und +jeder fand seinen Lieblingsmeister, seine Lieblingsarie in dem +herrlich komponierten Stück. Ich halte auch außer der _Gazza +ladra_ den _Maestro ladro_ für sein Bestes, weil er darin +seine Tendenz und seine künstlerische Gewandtheit im Komponieren ganz +ausgesprochen hat. Die Ouvertüre endete mit dem ergreifenden Schluß +von Mozarts Don Juan, dem man zur Vermehrung der Rührung einen +Nachsatz von Pauken, Trommeln und Trompeten angehängt hatte, und--der +Vorhang flog auf. + +Man sah einen Saal der Börsenhalle von London. Ängstlich drängten sich +Juden und Christen durcheinander. In malerischen Gruppen standen +Geldmäkler, große und kleine Kaufleute und steigerten die Papiere. +Nachdem diese Introduktion einige Zeitlang gedauert hatte, kamen in +sonderbaren Sprüngen und Kapriolen zwei Kuriere hereingetanzt. +Allgemeine Spannung. Die Depeschen werden in einem _pas de deux_ +entsiegelt, die Nachrichten mitgeteilt. In diesem Augenblicke +erscheint mein erster Solotänzer, das Haus Goldsmith vorstellend, in +der Szene. Seine Mienen, seine Haltung brüllen Verzweiflung aus. Man +sieht, seine Fonds sind erschöpft, seine Beutel leer, er muß seine +Zahlungen einstellen. Ein Chor von Juden und Christen dringen auf ihn +ein, um sich bezahlt zu machen. Er fleht, er bittet, seine +Gebärdensprache ist bezaubernd--es hilft nichts. Da rafft er sich +verzweiflungsvoll auf. Er tanzt ein Solo voll Ernst und Majestät. Wie +ein gefallener König ist er noch im Unglück groß, seine Sprünge +reichen zu einer immensen Höhe, und mit einem prachtvollen Fußtriller +fällt das Haus Goldsmith in London. Komisch war es nun anzusehen, wie +das Chor der englischen, deutschen und französischen Häuser, +vorgestellt von den Herren vom _corps de ballet_, diesen Fall +weiter fortsetzten. Sie wankten künstlich und fielen noch künstlicher, +besonders exzellierten hierbei einige Berliner Börsenkünstler, die +durch ihre ungemeine Kunst einen wahrhaft tragischen Effekt +hervorbrachten und allgemeine Sensation im Parterre erregten. + +Plötzlich ging die lamentable Börsenmusik in einen Triumphmarsch über. +Die herrliche Passage aus der „Italienerin in Algier": H e i l d e m +g r o ß e n K a i m a k a n! ertönte. Ein glänzender Zug von +Christensklaven, Goldbarren und Schüsseln mit gemünztem Gold tragend, +tanzten aufs Theater. Es war, wie wenn in der Hungersnot ein Wagen mit +Brot in eine ausgehungerte Stadt kömmt. Man denkt nicht daran, daß der +spekulative Kopf, der das Brot herbeischaffte, nichts als ein gemeiner +Wucherer ist, der den Hunger benützt und sein Brot zu ungeheuren +Preisen losschlägt; man denkt nicht daran, man verehrt ihn als den +Retter, als den schützenden Schild in der Not. So auch hier. Die +gefallenen Häuser richteten sich mit Grazie empor, sie schienen +Hoffnung zu schöpfen, sie schienen den Messias der Börse zu erwarten. +Er kam. Acht Finanzminister berühmter Könige und Kaiser trugen auf +ihren Schultern eine Art von Triumphwagen, der die transparente +Inschrift: „S e i d u m s c h l u n g e n, M i l l i o n e n!" trug. +Ein Herr mit einer bekannten morgenländischen Physiognomie, +wohlbeleibt und von etwas schwammigem Ansehen, saß in dem Wagen und +stellte den Triumphator vor. + +Mit ungemeinem Applaus wurde er begrüßt, als er von den Schultern der +Minister herab auf den Boden stieg. „Das ist Nothschild! Es lebe +Nothschild!" schrie man in den ersten Ranglogen und klatschte und rief +bravo, daß das Haus zitterte. Es war mein erster Grotesktänzer, der +diese schwierige Rolle meisterhaft durchführte, besonders, als er mit +dem englischen, österreichischen, preußischen und französischen +Ministerium einen Cosaque tanzte, übertraf er sich selbst. Nothschild +gab in einer komischen Solopartie seinem Reich, der Börse, den +Frieden, und der erste Akt der großen Pantomime endigte mit einem +brillanten Schlußchor, in welchem er förmlich gekrönt und zu einem +allerhöchsten _cher cousin_ gemacht wurde. + +Als der Vorhang gefallen war, ließ sich Mylord ziemlich ungnädig über +diese Szene aus. „Es war zu erwarten," sagte er, „daß diese Menschen +bedeutenden Einfluß auf die Kurse bekommen werden; aber daß auf der +Börse von London ein solcher Skandal vorfallen werde, im Jahre 1826, +das ist unglaublich." + +„Mein Herr," erwiderte der Marquis lachend, „unglaublich finde ich es +nicht. Bei den Menschen ist alles möglich, und warum sollte nicht +einer, wenn er auch im Judenquartier zu Frankfurt das Licht der Welt +erblickte, durch Kombination so weit kommen, daß er Kaiser und Könige +in seinen Sack stecken kann?" + +„Aber England, Alt=England! Ich bitte Sie," rief der Lord schmerzlich. +„Ihr Frankreich, Ihr Deutschland haben beide von jeher nach jeder +Pfeife tanzen müssen! Aber, _Goddam_! das englische Ministerium +mit diesem Hep=Hep einen Cosaque tanzen zu sehen! O! es ist +schmerzlich!" + +„Ja, ja!" sprach Baron von Garnmacher, des Schneiders Sohn, sehr +ruhig. „Es wird und muß so kommen. Freilich, ein bedeutender +Unterschied zwischen 1826 und der Zeit des Königs David." + +„Das finde ich nicht," antwortete der Marquis; „im Gegenteil, Sie +sehen ja, welch großen Einfluß die Juden auf die Zeit gewinnen!" + +„Und dennoch finde ich einen bedeutenden Unterschied," erwiderte der +Deutsche. „Damals, mein Herr, hatten alle Juden nur e i n e n König, +jetzt aber haben alle Könige nur e i n e n Juden." + +„Wenn Sie so wollen, ja. Aber neugierig bin ich doch, was für eine +Szene der Teufel uns jetzt geben wird. Ich wollte wetten, Frankreich +oder Italien kommt ans Brett." + +„Ich denke, Deutschland," erwiderte Garnmacher. „Ich wenigstens möchte +wohl wissen, wie es im Jahre 1826 oder 1830 in Deutschland sein wird. +Als ich die Erde verließ, war die Konstellation sonderbar: Es roch in +meinem Vaterlande wie in einer Pulverkammer, bevor sie in die Luft +fliegt. Die Lunte glühte, und man roch sie allerorten. Die feinsten +diplomatischen Nasen machten sich weit und lang, um diesen +geheimnisvollen Duft einzuziehen und zu erraten, woher der Wind komme. +Meinen Sie nicht auch, es müsse bedeutende Änderungen geben?" + +„Es wird heißen: ‚Auch in diesem Jahr ist es geblieben wie es war'," +antwortete ich dem guten Deutschen. „Um eine Lunte auszulöschen, +bedarf es keiner großen Künste. Man wird bleiben, wie man war, man +wird höchstens um einige Prozente weiser vom Rathaus kommen. Sie +wollen Ihr Vaterland in die Szene gesetzt sehen, um zu erfahren, wie +es anno 1826 dort aussieht? Armer Herr! Da müßte ich ja zuvor noch +fragen, was für ein Landsmann Sie sind." + +„Wie verstehen Sie das?" fragte der Baron unmutig. + +„Nun? Was könnte man Ihnen denn Allgemeines und Nationales vorspielen, +da Sie keine Nation sind? Sind Sie ein Bayer, so müßte man Ihnen +zeigen, wie man dort noch immer das alte ehrliche Bier, nur nach neuen +Rezepten, braut. Sind Sie Württemberger, so könnten Sie erfahren, wie +man die Landstände wählte. Sind Sie ein Rheinpreuße und drückt Sie der +Schuh, so lassen Sie den eigenen Fuß operieren; denn an dem +Normalschuh darf nichts geändert werden. Sind Sie ein Hesse, so +trinken Sie ganz ruhig Ihren Doppelkümmel zum Butterbrot; aber denken +Sie nichts, nicht einmal, ob es in der letzten Woche schön war und in +der nächsten regnen wird. Sind Sie ein Brandenburger, so machen Sie, +daß Ihnen die Haare zu Berge stehen und hungern Sie, bis Sie eine +schöne Taille bekommen---" + +„Herr, Sie sind des Teufels!" fuhr der Baron auf. „Wollen Sie uns +alles Nationalgefühl absprechen? Wollen Sie--" + +„Stille! Sie sehen, der Vorhang geht wieder in die Höhe!" rief der +Marquis. „Wie, was sehe ich? Das ist ja das Portal von Notre=Dame! Das +finde ich sonderbar. Wenn man von Frankreich etwas in Szene setzen +will, warum gibt man uns kein Vaudeville, warum nicht den Kampf der +Kammer?" + +Die Glocken von Notre=Dame ertönten in feierlichen Klängen. Chorgesang +und das Murmeln kirchlicher Gebete näherte sich, und eine lange +Prozession, angeführt von den Missionären, betrat die Bühne. Da sah +man königliche Hoheiten und Fürsten mit den Mienen zerknirschter +Sünder, den Rosenkranz in der Hand, einherschleichen. Da sah man Damen +des ersten Ranges, die schönen Augen gen Himmel gerichtet, die _à +la_ Madonna gekämmten Haare mit wohlriechender Asche bestreut, die +niedlichen Füßchen bloß und bar in dem Staube wandelnd. Das Publikum +staunte. Man schien seinen Augen nicht zu trauen, wenn man die +Herzogin D--s, die Comtesse de M--u, die Fürstin T--d im Kostüm einer +Büßenden zur Kirche wandeln sah. Doch, als Offiziere der alten Armee, +nicht mit Adlern, sondern mit heiligen Fahnen in der Hand +hereinwankten, als sogar ein Mann in der reichen Uniform der +Marschälle, den Degen an der Seite, die Kerze in der Hand und +Gebetbücher unter dem Arm, über die Szene ging, da wandte sich der +Marquis ab; die Soldaten der alten Garde an unserer Seite ballten die +Fäuste und riefen Verwünschungen aus, und wer weiß, was meinen Akteurs +geschehen wäre, hätte man faule Äpfel oder Steine in der Nähe gehabt! +Das hohe Portal von Notre=Dame hatte endlich die Prozession +aufgenommen, und nur der Schluß ging noch über die Szene. Es war ein +Affe, der eine Kerze in der Hand und unter dem Arm eine Vulgata trug. +Man hatte ihm einen ungeheuern Rosenkranz als Zaum um den Hals gelegt, +an welchem ihn zwei Missionäre wie ein Kalb führten. So oft er aus dem +ruhigen Prozessionsschritt in wunderliche Seitensprünge fallen wollte, +wurde er mit einer Kapuzinergeißel gezüchtigt und schrie dann, um +seine Zuchtmeister zu versöhnen: „_Vive le bon Dieu! vive la +croix!_" So brachten sie ihn endlich mit großer Mühe zur Kirche. +Orgel und Chorgesang erscholl, und der Vorhang fiel. + +„Haben Sie nun Genugtuung?" sagte der Marquis zu dem Lord. „Was ist +Ihr Skandal auf der Börse gegen diesen kirchlichen Unfug? O mein +Frankreich, mein armes Frankreich!" + +„Es ist wahr," antwortete Mylord sehr ernst, indem er dem Franzosen +die Hand drückte, „Sie sind zu beklagen; aber ich glaube nicht an +diese tollen Possen. Frankreich kann nicht so tief sinken, um sich so +unter den Pantoffel zu begeben. Frankreich, das Land des guten +Geschmacks, der fröhlichen Sitten, der feinen Lebensart, Frankreich +sollte schon im Jahre 1826 vergessen haben, daß es einst der gesunden +Vernunft Tempel erbaute und den Jesuiten die Kutte ausklopfte? Nicht +möglich, es ist ein Blendwerk der Hölle!" + +„Das möchte doch nicht so sicher sein," sagte ich. „Das Vaterland des +Herrn Marquis gefiel sich von jeher in Kontrasten. Wenn einmal der +Jesuitismus dort zur Mode wird, möchte ich für nichts stehen." + +„Aber was wollten sie nur mit dem Affen in Notre=Dame?" fragte der +Baron. „Was hat denn dieses Tier zu bedeuten?" + +„Das ist, wie ich von der Theaterdirektion vernahm, der Affe Joco, der +sonst diese Leute im Theater belustigte. Jetzt ist er wohl auch von +den Missionären bekehrt worden, und wenn er, wie man aus seinen +Seitensprüngen schließen könnte, ein Protestant ist, so werden sie ihn +wohl in der Kirche taufen." + +„_Goddam_! Was Sie sagen! Doch Sie scheinen mit der +Theaterdirektion bekannt. Sagen Sie uns, was noch aufgeführt wird. +Wenn es nichts Interessantes ist, so denke ich, gehen wir weiter; denn +ich finde diese Pantomimen etwas langweilig." + +„Es kommt nur noch ein Akt, der mehr allgemeines Interesse hat," +antwortete ich. „Es wird nämlich ein diplomatisches Diner aufgeführt, +das der Reis=Effendi den Gesandten hoher Mächte gibt, das Siegesfest +der Festung Missolunghi vorstellend. Es werden dabei Ragouts aus +Griechenohren, Pastetchen von Philhellenennasen aufgetischt. Das +Hauptstück der Tafel macht ein Roastbeef von dem griechischen +Patriarchen, den sie lebendig geröstet haben, und zum Beschluß wird +ein kleiner Ball gegeben, den ein besternter Staatsmann, so alt er +sein mag, mit der schönsten Griechensklavin aus dem Harem seiner +mohammedanischen Majestät eröffnet." + +„Ei!" rief der Marquis. „Was, wollen wir diese Schande der Menschheit +sehen? Ihre Londoner Börse war lächerlich, die Prozession gemein und +dumm; aber diese ekelhafte Erbärmlichkeit, ich kann sie nicht ansehen! +Kommt, meine Freunde! Wir wollen lieber noch die Geschichte des Herrn +von Garnmacker hören, so langweilig sie ist, als dieses diplomatische +Diner betrachten." + +Der Lord und der deutsche Baron willigten ein. Sie standen auf und +verließen mein Theater, und der Lord sah, als er heraustrat, mit einem +derben Fluche zurück und rief: „Wahrlich, es steht schlimm mit der +Zukunft von 1826!" + + * * * * * + + + + +DER FLUCH. + +(E i n e N o v e l l e.) + +(Fortsetzung.) + + +Man kann sich denken, daß ich in Rom immer viele Geschäfte habe. Die h +e i l i g e S t a d t hatte immer einen Überfluß von Leuten, die in +der ersten, zweiten oder dritten Abstufung mein waren. + +Man wird sich wundern, daß ich eine Klassifikation der g u t e n L e +u t e (von andern Sünder genannt) mache; aber, wer je mit der Erde zu +tun hatte, hat den Menschen bald abgelernt, daß nur das Systematische +mit Nutzen bei ihnen betrieben werden könne. Es ist dies besonders in +Städten wie Rom unumgänglich notwendig; wo so vielerlei Nuancen g u t +e r L e u t e vom roten Hut bis auf die Kapuze, vom Fürsten, der die +Macht hat, Orden zu verleihen, bis auf den Armen, dem solche um +dreißig Taler angeboten werden, sich vorfinden, da muß man Klassen +haben. Ich werde in der Bibel und von den heutigen Philosophen als das +negierende Prinzip vorgestellt, daher teilte ich meine guten Leute ein +in: Erste Klasse, mit dem Prädikat r e c h t g u t, solche, die +geradehin verneinen, als da sind: Freigeister, Gottesleugner &c. +Zweite Klasse, g u t; sie sagen mit einigem Umschweif nein, gelten +unter sich für Heiden, bei Vernünftigen für liberale Männer, bei der +Menge für fromme Menschen. In dieser Klasse befinden sich viele Türken +und Pfaffen. Die dritte Klasse mit dem Prädikat m i t t e l m ä ß i g +sind jene, die ihr Nein nur durch ein Kopfschütteln andeuten. Es sind +jene, die sich selbst für eine Art von Gott halten, mögen sie nun +Ablaß verkaufen oder als evangelisch=mystisch=pietistische Seelen +einen Separatfrieden mit dem Himmel abschließen; der letzteren gibt es +übrigens in Rom wenige. + +Es läßt sich annehmen, daß das Innere dieses Systems, die +verschiedenen Übergänge der Klassen beinahe mit jedem Jahr sich +ändern. Geld, Sitten, der Zeitgeist üben hier einen großen Einfluß aus +und machen beinahe alle zwei Jahre eine Reise an Ort und Stelle +notwendig. + +Als ich vor einiger Zeit auf einer solchen Visitationsreise in Rom +verweilte, war ich Zeuge folgender Szenen, die ich aufzuzeichnen nicht +unterlassen will, weil sie vielleicht für manchen Leser meiner +Memoiren von Interesse sein möchten. + +Ich ging eines Morgens unter den Säulengängen der Peterskirche +spazieren, dachte nach über mein System und die Veränderungen, die ihm +durch die Missionäre in Frankreich und das Überhandnehmen der Jesuiten +drohte; da stieß mir ein Gesicht auf, das schon in irgend einer +interessanten Beziehung zu mir gestanden haben mußte. Ich stand +stille, ich betrachtete ihn von der Seite. Es war ein schlanker, +schöner junger Mann; seine Züge trugen die Spuren von stillem Gram; +dem Auge, der Form des Gesichtes nach war er kein Italiener,--ein +Deutscher, und jetzt fiel mir mit einem Male, daß ich ihn vor wenigen +Monaten in Berlin im Salon jener Dame gesehen hatte, die mir und dem +ewigen Juden einen ästhetischen Tee zu trinken gegeben hatte. Es war +jener junge Mann, dessen anziehende Unterhaltung, dessen angenehme +Persönlichkeit mir damals ein so große Interesse eingeflößt hatten. Er +war es, der uns damals ein Abenteuer aus seinem Leben erzählt hatte, +das ich für würdig fand, bei der Beschreibung jenes Abends mit +aufzuzeichnen. + +Ob ihn wohl die Liebe zu jener jungen Dame noch einmal in die heilige +Stadt gezogen hatte? Ob ihm, wie mir, der düstere Himmel seines Landes +und die süße Langeweile der ästhetischen Tees im Hause seiner Tante so +drückend wurde, daß er sich unter eine südlichere Zone flüchtete? Ich +beschloß, seine Bekanntschaft zu erneuern, um über jene interessante +Begegnis, dessen Erzählung der Jude unterbrochen, um über ihn selbst, +über seine Schicksale etwas Näheres zu vernehmen. Er stand an einer +Säule des Portals, den Blick fest auf die Türe gerichtet; fromme +Seelen, schöne Frauen, junge Mädchen strömten aus und ein. Ich sah, er +blieb gleichgültig; wenigstens schien ihn keine dieser Gestalten zu +interessieren. Endlich erscheint ein kleiner Florentiner Strohhut in +der Türe; war es die Form dieses Hutes, waren es die weißen, wallenden +Federn, war es die einfache Rose, aus welcher dieser Busch herwallte, +was dem jungen Manne so reizend, so bekannt dünkte? Noch konnte man +weder Gestalt noch Gesicht der Dame sehen; aber seine Augen glänzten, +ein Lächeln der erfüllten Hoffnung flog um seinen Mund, seine Wangen +röteten sich, er richtete sich höher auf und schaute unverwandt den +Säulengang hin. Noch verdeckten zwei Pfaffen mit ihren Kapuzen die +Nahende; jetzt bogen sie rechts ein, und ich sah ein holdes, süßes +Wesen heranschweben. + +Wer, wie ich, erhaben über jede Leidenschaft, die den Sterblichen auf +der Erde quält, die Dinge betrachtet, wie sie sind, nicht wie sie euch +Liebe oder Haß oder eure tausend Vorurteile schildern, dem ist eine +solche seltene Erscheinung ein Fest; denn es ist etwas Neues, +Originelles. Ich gedachte unwillkürlich jener Worte des jungen Mannes, +wie er uns den Eindruck beschrieb, den der Anblick jener Dame zum +ersten Male auf ihn machte, mit welchem Entzücken er uns ihr Auge +beschrieb;--ich war keinen Augenblick im Zweifel, daß diese liebliche +Erscheinung, die auf uns zukam, und jene rätselhafte Dame eine und +dieselbe sei. + +Ein glühendes Rot hatte die Züge des Jünglings übergossen. Er hatte +den Hut gezogen; es war, als schwebte ihm ein Morgengruß oder eine +freundliche Rede auf den Lippen, und überrascht von der stillen Größe +des Mädchens sei er verstummt. Auch sie errötete, sie schlug die Augen +auf, als er sich verbeugte, sie warf einen fragenden Blick auf ihn, +hielt einen kurzen Moment ihre Schritte an, als erwarte sie, von ihm +angeredet zu werden; er schwieg, sie eilte bewegt weiter. + +Der junge Mann sah ihr mit trüben Blicken nach, dann folgte er +langsamen Schrittes; oft blieb er, wie in Gedanken verloren, stehen. +Ich ging ihm einige Straßen nach; er trat endlich in ein Kaffeehaus, +wo sich die deutschen Künstler zu versammeln pflegen. Hatte schon +früher dieser Mensch und seine Erzählung meine Teilnahme erregt, so +war ich jetzt, da ich Zeuge eines flüchtigen, aber bedeutungsvollen +Zusammentreffens gewesen war, um so neugieriger, zu erfahren, in +welchem Verhältnis der Berliner zu dieser Dame stehe; daß es kein +glückliches Verhältnis, kein gewöhnliches Liebesverständnis war, +glaubte ich in ihren Mienen, in ihrem sonderbaren Benehmen gelesen zu +haben. + +Man wird sich erinnern, daß ich als hoffnungsvoller Zögling des ewigen +Juden, als Herr von Stobelberg, die Bekanntschaft dieses Mannes +machte. Daher trat ich in dieser Rolle in das Kaffeehaus. Der junge +Herr saß in einem Fenster und las in einem Brief. Ich wartete eine +Weile, ob er wohl bald ausgelesen haben werde, um ihn dann anzureden; +aber er las immer. Ich trat von der Seite hinter ihn, um nach dem +Schluß dieses riesengroßen Briefes zu blicken,--es waren wenige Zeilen +von einer Frauenhand, die er, wie es schien, gedankenlos anstarrte. + +„Habe ich die Ehre, Herrn von S. vor mir zu sehen?" fragte ich in +deutscher Sprache, indem ich vor ihn trat. + +„Der bin ich," antwortete er, indem er den düsteren Blick von dem +Brief auf mich schlug und mein Kompliment durch ein leichtes Neigen +des Hauptes erwiderte. + +„Sie scheinen mich nicht mehr zu kennen, und doch war ich so +glücklich, einmal einen Abend im Hause Ihrer Tante in Berlin zu +genießen, den vorzüglich Ihre Unterhaltung, Ihre interessanten +Mitteilungen mir unvergeßlich machen." + +„Im Hause meiner Tante?" fragte er, aufmerksamer werdend. + +„Wie, war es nicht ein höchst ennuyanter Tee? Waren nicht einige +männliche Weiber und einige zartweibliche Herren zugegen? Ich erinnere +mich, ich mußte etwas erzählen. Doch Ihr Name, mein Lieber, ist mir +leider entfallen." + +„Baron von Stobelberg; ich reiste damals mit--" + +„Ah--mit einem ganz sonderbaren Kauz von Hofmeister; jetzt erinnere +ich mich ganz; er war so unglücklich, allen Damen, ohne es zu wollen, +Sottisen zu sagen und überschnappte endlich, nämlich mit dem Stuhl?" + +„So ist's; wollten Sie erlauben, meinen Kaffee hier zu trinken? Ich +bin noch so fremd hier, ich kenne keine Seele. Sie sind wohl schon +lange hier bekannt?" + +Ein melancholisches Lächeln zog um seinen Mund. „O ja, bin schon lange +hier bekannt," antwortete er düster. „Ich war früher in Geschäften +hier, jetzt zu--meiner Erholung." + +„Sie erinnern mich da auf einmal wieder an den Abend bei Ihrer Tante; +mein Hofmeister brachte mich damals um einen köstlichen Genuß. Sie +erzählten uns ein kleines Abenteuer, das Sie mit einer Deutschen in +Rom gehabt. Ihre Erzählung war auf dem Punkte, eine Wendung zu nehmen, +die uns über vieles, namentlich über Ihre sonderbare Verwechslung mit +einem Ebenbilde aufgeklärt hätte, da zerstörte mein Mentor durch +seinen Fall meine schöne Hoffnung; ich war genötigt, mit ihm den Salon +zu verlassen und plage mich seitdem mit allerlei Möglichkeiten, +Wahrscheinlichkeiten, wie es Ihnen möchte ergangen sein; ob Sie sich +mit Ihrem Ebenbilde geschlagen haben; ob Sie auch ferner der schönen +Luise sich nahen konnten; ob nicht endlich ein Liebesverhältnis +zwischen Ihnen entstanden. Kurz, ich kann Sie versichern, es peinigte +mich tagelang, die tollsten Konjekturen erfand ich, aber nie wollten +sie passen." + +Der junge Mann war während meiner Reden nachdenklich geworden; es +schien etwas darin zu liegen, das ihm nicht ganz recht war; vielleicht +ahnte er meine unbezwingliche Neugierde nach seiner Aventüre; er +blickte mich scharf an, aber er wich in seiner Antwort aus. + +„Ich erinnere mich," sagte er, „daß wir damals alle bedauerten, Ihre +Gesellschaft entbehren zu müssen. Sie waren uns allen wert geworden, +und die Tanten behaupteten, Sie hätten etwas Eigenes, Anziehendes, das +man nicht recht bezeichnen könne, Sie hätten einen höchst pikanten +Charakter. Nun, Sie werden in der Zeit diese Damen entschädigt haben; +wann waren Sie das letzte Mal bei meiner Tante?" + +Ich sah ihn staunend an. „Ich hatte nie die Ehre, bei Ihrer Tante +gesehen zu werden als an jenem Abend." + +Er entgegnete hierauf nichts, sprach vom Papst und dergleichen, kam +aber immer wieder darauf zurück, mich durch eine Zwischenfrage nach +Berlin ins Haus seiner Tante zu verlocken. „Was wollen Sie nur immer +wieder mit Berlin?" fragte ich endlich. „Ich war seit jenem Abend +nicht mehr dort und reiste in dieser Zeit in Frankreich und England. +Sehen Sie einmal in meinen Paß, welch ungeheure Tour ich in dieser +Zeit gemacht habe!" + +Er warf einen flüchtigen Blick hinein und errötete. „Verzeihen Sie, +Baron!" rief er, indem er meine Hand ungestüm drückte. „Vergeben Sie, +ich hielt Sie für einen Spion meiner Tante."-- + +„Ihrer Tante? Für einen Spion, den man Ihnen bis Rom nachschickt?" + +„Ach, die Menschen sind zu keiner Torheit zu gut. Ich halte mich etwa +seit zwei Monaten wieder hier auf. Meine Verwandten toben, weil ich +meinen Posten im Bureau des Ministers plötzlich und ohne Urlaub +verlassen habe; sie bestürmten mich mit Briefen, ich kam nicht; sie +wandten sich an die preußische Gesandtschaft hier; sie fand aber +nichts Verdächtiges an mir und ließ mich ungestört meinen Weg gehen. +Vor einigen Tagen schrieb mir ein Freund, ich solle auf meiner Hut +sein, man werde einen Spion in meine Nähe senden, um alle meine +Schritte--" + +„Ist's möglich? Und warum denn dies alles?" + +„Ach, es ist eine dumme Geschichte; eine Anordnung meines verstorbenen +Vaters legt mir Pflichten auf, die--ein andermal davon--, die ich +nicht erfüllen kann. Und Sie, lieber Stobelberg, hielt ich für den +Spion. Vergeben Sie mir doch?" + +„Unter zwei Bedingungen," erwiderte ich ihm, „einmal, daß Sie mir +erlauben, Sie recht oft zu begleiten und der Spion Ihres Spions zu +sein. Halten Sie mich nicht für indiskret, es ist wahre Teilnahme für +Sie und der Wunsch, Ihnen nützlich zu werden. Sodann--teilen Sie mir, +wenn es Ihnen anders möglich ist, den Schluß Ihres Abenteuers mit." + +„Den Schluß?" rief er und lachte bitter. „Den Schluß? Ich wünschte, es +schlösse sich, könnte es auch nur mit meinem Leben schließen. Doch +kommen Sie, wir wollen unter jene Arkaden gehen. Die Künstler kommen +um diese Zeit hierher, wir könnten nicht ungestört reden; wer weiß, ob +man, nicht einen von ihnen zu meinem Wächter ersehen hat." + + + * * * * * + + +Ich folgte Otto v. S.--so hieß der junge Mann--unter die Arkaden. Er +legte seinen Arm in den meinigen; wir gingen eine Weile schweigend auf +und ab; er, schien mehr nachdenklich als zerstreut. + +„Es ist etwas, was mir Vertrauen zu Ihnen einflößt," hub er lächelnd +an. „Ich habe über den Ausspruch jener Damen in Berlin nach gedacht +und finde ihn, so komisch er mir damals vorkam, dennoch bestätigt. Es +ist mir in den paar Viertelstunden, die wir beisammen sind, als seien +Sie ein Wesen, das ich längst kannte, als seien Sie schon jahrelang +mein Freund. Und doch haben Sie nicht jenes Gutmütige, Ehrliche, was +an den Deutschen sogleich auffällt, was bewirkt, daß man ihnen gerne +vertraut; Sie haben für Ihre Jahre viel Beobachtungsgeist in Ihrem +Auge und um Ihren Mund in gewissen Augenblicken einen Zug, der nicht +immer das bestätigt, was Sie sagen wollten. Und dennoch fühle ich, daß +mir der Zufall viel geschenkt hat, der Sie in jenes Haus führte, ich +fühle auch, daß man Ihnen trauen kann, mein Lieber." + +„Ich halte nichts auf Gesichter und habe durch Erfahrung gelernt, daß +sie nicht immer der Spiegel der Seele sind. Es freut mich übrigens, +wenn etwas an mir ist, was Ihnen Vertrauen einflößt. Es ist vielleicht +der rege Wunsch, Ihnen dienen zu können, was Ihnen einiges Vertrauen +gibt?" + +„Möglich; doch ich bin Ihnen einige Aufschlüsse über mich und mein +Abenteuer hier in Rom schuldig. Ich erzählte Ihnen, wie ich mit Luise +von Palden bekannt wurde--" + +„Erlauben Sie, nein! Diesen Namen höre ich zum ersten Male. Sie +erzählten uns, daß Sie eine junge Dame in den Lamentationen der +Sixtinischen Kapelle kennen lernten, die Ihre ganze Aufmerksamkeit +erregte. Sie wurden von ihr mit einem andern verwechselt, Sie gefielen +sich in diesem Quiproquo und versetzten sich unwillkürlich so in die +Stelle des Liebhabers, daß Sie das Mädchen sogar liebten--" + +„Und wie liebe ich sie!" rief er bewegt. + +„Sie suchten die Dame lange vergeblich in Rom, der Zufall führte +endlich das schöne Kind im Karneval als Maske an Ihre Seite. Es ist +schon dunkel, sie glaubt in Ihnen den Freund zu finden; Sie, lieber +Freund, benützen die Gelegenheit noch einmal, diesen Scherz, der Ihnen +so angenehm ist, fortzuführen. Sie bringen die Dame auf eine Loge, um +das Pferderennen anzusehen. Da erscheint auf einmal der rechte +Liebhaber und Sie--erblicken sich. Bis hierher hörte ich damals. Sie +können sich denken, wie begierig ich bin, zu hören, wie es Ihnen +erging." + +„Ich gestehe," fuhr Herr v. S. fort, „mir selbst fiel die Ähnlichkeit +dieses Mannes mit meinen Zügen, meiner Gestalt, selbst meiner Kleidung +überraschend auf. Das letztere hatte wohl die Mode verschuldet, die +damals alle junge Welt zwang, sich schwarz zu kleiden. Doch auch für +die große Ähnlichkeit unserer Züge, so auffallend sie ist, hat man +Beispiele. Sie erinnern sich vielleicht des Falles, der in Frankreich +vorkam. Zwei Franzosen trafen in Amerika zusammen. Ihre Ähnlichkeit +war so groß, daß man sie gewöhnlich miteinander verwechselte; der eine +starb, der andere, ein armer Teufel, wußte sich seine Papiere zu +verschaffen, reiste nach Frankreich zurück und lebte mit der Frau des +Verstorbenen noch lange Jahre, bis der Betrug an den Tag kam. +[Fußnote: Die Möglichkeit einer solchen Verwechslung beweist ein Fall, +der sich vor einigen Monaten in Ravensburg im Württembergischen +zutrug. Zwei Zwillingsbrüder sahen sich täuschend ähnlich. Der eine +tötete einen Mann und floh. Er wußte, daß sein Bruder, der in Bregenz +in einem österreichischen Regiment diente, desertiert war. Der Mörder +wandte sich dorthin, zeigte sich in der Gegend, ließ sich als +Deserteur gefangen nehmen und viermal Spießruten jagen. Er diente +einige Zeit in der Stelle seines Bruders, bis der Betrug durch einen +Zufall entdeckt wurde.] + +Der Herr und die Dame schienen nicht weniger überrascht als ich; die +letztere errötete, sie gedachte vielleicht jenes Kusses, und es wurde +ihr wohl mit einem Male klar, daß es schon an jenem Abend nicht ihr +Otto gewesen sei, gegen den sie sich so zärtlich bewiesen. Der Herr +mit meinen Gesichtszügen fragte mich in etwas barschem Ton in +schlechtem Französisch, wie ich dazu komme, diese Komödie zu spielen. +Ich nahm, nicht aus Furcht vor seinem rollenden Auge, sondern im +Gefühl, ein Unrecht, vielleicht eine Unschicklichkeit wieder gutmachen +zu müssen, alle Artigkeit, die ich in der Welt gelernt hatte, zusammen +und bat die Dame, mir einen Scherz zu vergeben, zu dem sie mich selbst +verleitet habe. ‚Sie selbst?' rief bei diesen Worten jener Mann, und +seine Züge verzogen sich immer mehr zum Zorn. ‚Sie selbst? Es ist ein +abgekartetes Spiel, ich sehe schon, ich bin der betrogene Teil. Doch +ich will nicht stören.'--Er sagte dies, vor Wut zitternd, indem er +sich von seinem Platz entfernen wollte. Luise--o, ich habe sie nie so +süß, so wundervoll gesehen wie in jenem Augenblicke, sie schien mit +aller Hingebung der Zärtlichkeit an diesem Manne zu hängen; sie +ergriff bebend feine Hand, sie rief ihn mit den liebevollsten Tönen; +sie beteuerte, sich unschuldig zu wissen, sie rief mich zürnend zum +Zeugen auf. Ich war hingerissen von diesem Zauber der Liebe, der sich +mir hier zum ersten Male in seiner ganzen Schönheit darstellte. Es ist +etwas Schönes um ein Mädchen, das in sanfter, stiller Liebe ist, es +ist etwas Heiliges, möchte ich sagen. Aber der Schmerz inniger Liebe, +das Zittern zärtlicher Angst und diese Tränen in den blauen Augen, +dieses Flüstern der süßesten Namen von den feinen Lippen und diese +Röte der Angst und der Beschämung auf den zarten Wangen, es ist ein +Bild, irdischer zwar als jenes, aber von einer hinreißenden Gewalt." + +„Ich kenne das," unterbrach ich diese rednerischen Schilderungen des +verliebten Berliners, dem die Dame seines Herzens in jeder neuen Form +wieder lieblicher schien, „ich kenne das; so was Heiliges, so was +Weinendes, Madonnenartiges, Grazienhaftes, Süßes, Bitterschmerzliches, +kurz, so was Klagendes, Anziehendes, ich kenne das; aber wie war es +denn mit dem zornigen Patron, der Euer Wohlgeboren so ähnlich?" + +„Er glaubte ihren Versicherungen nicht; war es Eifersucht, war es sein +leidenschaftlicher Zorn, den er nicht bemeistern konnte, er stieß sie +zurück, er drohte, sie nie mehr zu sehen. Das Mädchen setzte sich +weinend auf ihren Stuhl. Die tobende Freude der Römer an dem +Pferderennen, ihr Jauchzen, ihr Rufen standen in schneidendem Kontrast +mit dem stillen Schmerz dieses Engels. Ich fühlte inniges Mitleid mit +ihr, ich fühlte mich tief verletzt, daß ein Mann eine Dame, ein +Liebender die Geliebte so schnöde beleidigen könne. ‚Mein Herr,' sagte +ich, ‚das Wort eines Mannes von Ehre kann Sie vielleicht überzeugen, +daß die Schuld dieser Szene allein auf mir ruht.' ‚Eines Mannes von +Ehre?' rief er, höhnisch lachend; ‚so kann sich jeder Tropf nennen.' +Jetzt glaubte ich die Formen der gesellschaftlichen Höflichkeit nicht +weiter beobachten zu müssen. Ich gab ihm ein wohlbekanntes Zeichen, +flüsterte ihm meinen Namen, die Nummer meines Hauses und die Straße +zu, in welcher ich wohnte, und verließ ihn. + +Es waren widerstreitende Gefühle, die in meiner Brust erwachten, als +ich zu Haus über diesen Vorfall nachdachte. Ich mußte mir gestehen, +daß ich unbesonnen, töricht gehandelt hatte, die Rolle eines andern +bei diesem Mädchen zu übernehmen. Es ist wahr, der Zufall war so +überraschend, die Gelegenheit so lockend, ihre Erscheinung so reizend, +so anziehend, daß wohl keiner der Versuchung widerstanden hätte. Aber +mußte mich nicht schon der Gedanke zurückschrecken, daß es ihr bei dem +Geliebten schaden könnte, traf er uns beide zusammen. In welch +ungünstigem Lichte mußte ich, mußte auch sie ihm erscheinen! + +Und doch--wo ist der Mensch, der nicht in einem solchen Falle sich vor +sich selbst zu entschuldigen wüßte? Ich fühlte, daß ich dieses +unbekannte, reizende Wesen liebe, und wie leicht entschuldigt Liebe! +Und weil ich sie liebte, haßte ich den begünstigten Mann. Er war ein +Barbar in meinen Augen. Wie konnte er die Geliebte so grausam +behandeln? Wie durfte er, wenn er sie wahrhaft liebte, an ihrer Tugend +zweifeln, und wer, der jemals in dieses treue, seelenvolle Auge +gesehen, wer konnte an der Reinheit dieses Engels zweifeln? + +Am Morgen nach dieser Begebenheit bekam ich einen italienischen, +schlecht geschriebenen Brief; er enthielt die Bitte einer Signora +Maria Campoco, dem Überbringer des Briefes in ihr Haus zu folgen, wo +sie mir etwas Wichtiges zu sagen habe. Ich kannte keine Dame dieses +Namens, ich fragte den Diener nach der Straße, er nannte mir eine, von +welcher ich nie gehört hatte. Eine Ahnung sagte mir übrigens, dieser +Brief könnte mit meinem Abenteuer von gestern zusammenhängen; ich +entschloß mich, zu folgen. Der Diener führte mich durch viele Straßen +in eine Gegend der Stadt, die mir völlig unbekannt war. Er bog endlich +in eine kleine Seitenstraße; ein Brunnen, eine Madonna von Stein fiel +mir ins Auge, es war kein Zweifel, ich befand mich an dem Haus, wohin +ich Luise aus den Lamentationen begleitet hatte. + +Es war ein kleines, unscheinbares Haus, dessen Türe der Diener +aufschloß; über einen finstern Gang, eine noch dunklere Treppe brachte +er mich in ein Zimmer, dessen Eleganz nicht mit dem übrigen Ansehen +des Hauses übereinstimmte. Nachdem ich eine Weile gewartet hatte, +erscholl das Kläffen vieler Hunde, die Türe öffnete sich--aber nicht +meine Schöne, sondern eine kleine, wohlbeleibte, ältliche Frau trat, +umgeben von einer Schar kleiner Hunde, ins Zimmer. + +Es dauerte ziemlich lange; bis Tasso, Ariosto, Dante, Alfieri; und wie +die Kläffer alle hießen, über den Anblick eines fremden Mannes +beruhigt waren und die kleine Dame endlich zum Wort kommen konnte. Sie +sagte mir sehr höflich, sie habe mich rufen lassen, um wegen einer +Angelegenheit ihrer Nichte, Luise von Palden, mit mir zu sprechen. Das +Verlangen, das schöne Kind wiederzusehen, mich bei ihr selbst zu +entschuldigen, gab mir eine Notlüge ein; ich fragte sie in so +miserablem Italienisch als mir nur möglich war, ob sie Französisch +oder Deutsch verstehe. Sie verneinte es, ich zuckte die Achseln und +gab ihr mehr durch Zeichen als Worte zu verstehen, daß ich der +italienischen Sprache durchaus nicht mächtig sei. Sie besann sich eine +Weile, sagte dann, ich könnte in i h r e r G e g e n w a r t mit +ihrer Nichte sprechen, und entfernte sich. + +Wie schlug mein Herz, von Erwartung, von Liebe bewegt! Wie beschämt +fühlte ich mich, in ihren Augen als ein Nichtswürdiger zu scheinen, +der ihren Irrtum auf so indiskrete Art benützte! Die hündische +Leibwache der Signora verkündete, daß sie nahe. Ich fühlte seit langer +Zeit zum ersten Male eine Verlegenheit, ein Beben; ich fühlte, wie ich +errötete, jene Sicherheit des Benehmens, die mich jahrelang begleitet +hatte, wollte mich in diesem Augenblicke verlassen. + +Sie kam; sie dünkte mir in dem einfachen, reizenden Negligé lieblicher +als je, und ihre Verwirrung, als sie mich sah, der Unmut, den ich in +ihren Augen zu lesen glaubte, vermochte ihre Anmut nicht zu schwächen. +‚Mein Herr! Es ist eine sonderbare Begebenheit, die Sie in dieses Haus +führt,' sprach sie mit jenen klangvollen Tönen, die ich so gerne +hörte; ‚Sie müssen selbst gestehen,' setzte sie hinzu, aber sei es, +daß die Erinnerung an jenen Abend sie zu unangenehm berührte, sei es, +daß sie einem meiner Blicke begegnete, die vielleicht mehr als +Ehrfurcht ausdrückten, sie schlug die Augen nieder, errötete aufs neue +und schwieg. + +Ich faßte mich, ich suchte mich zu entschuldigen, so gut es ging; ich +erzählte ihr, wie ich sie hilflos und in Ohnmacht in der Kirche +gefunden, wie ich ihren Irrtum nicht habe berichtigen können, aus +Furcht, sie möchte meine Begleitung ablehnen, die ihr in ihrem +damaligen Zustande so notwendig war. Meine zweite Unbesonnenheit schob +ich auf die Maskenfreiheit des Karnevals; ich suchte einen Scherz +daraus zu machen, ich behauptete, es sei an diesem Abend erlaubt, jede +Maske vorzunehmen, und so habe ich die ihres Freundes vorgenommen. Ich +glaubte, sagte ich, in diesen Scherz um so eher eingehen zu dürfen, da +wir Landsleute sind und die Deutschen in Rom als Kinder e i n e r +Heimat nur e i n e große Familie sein sollten." + +„Eine gefährliche Verwandtschaft," unterbrach ich den jungen Berliner, +indem ich mich im stillen über seine jesuitische Logik freute. „Wie? +brachte die Dame nicht das _Corpus juris_ und den------gegen Sie in +Anwendung? In Schwaben möchte zur Not ein solches +Verwandtschaftssystem gelten oder bei den Juden, welche Herren +und Knechte, Norden und Süden, ‚unsere Leute' nennen; aber +Deutschland? Bedenken Sie, daß es in zweiunddreißig Staaten geteilt +ist; wo ist da ein Verwandtschaftsband möglich? Wenn sie sich im +Himmel oder in der Hölle treffen, so heißen sie nur Österreicher, +Preußen, Hechinger und fürstlich reußische Landeskinder!" + +„Luise mochte auch so denken," fuhr er fort. „Doch nötigte ihr meine +Deduktion ein Lächeln ab; es schien ihr angenehm, über diese Punkte so +leicht weggehen zu können. Sie klagte sich selbst an, diesen Irrtum +veranlaßt zu haben, sie vergab, sie erlaubte mir, ihre schöne Hand zu +küssen. Doch ihre Blicke werden wieder düster. Sie sagte, wie sie nur +zu deutlich bemerkt habe, daß ich tief beleidigt weggegangen sei, daß +dieser Streit noch eine gefährlichere Folge haben könne. Ihr Auge +füllte sich mit Tränen, als sie dies sagte. Sie beschwor mich, ihrem +Freund zu vergeben, sie suchte ihn zu entschuldigen, ihn, der sie +selbst so tief beleidigt hatte; sie sprach mit so zärtlicher Wärme für +den Mann, der so ganz vergessen hatte, daß die wahre Liebe glauben und +vertrauen müsse, der so niedrig war, dieser reinen Seele gegenüber +gemeine Eifersucht zu zeigen. Ich wäre glücklich, selig gewesen, hätte +dieses Mädchen s o von mir gesprochen! + +Ich fragte sie, ob sie in seinem Auftrag mir dieses sage. Sie war +betreten, sie antwortete, daß sie gewiß wisse, daß es ihm leid sei, +mir jene Worte gesagt zu haben; ich versprach, wenn er mir dieses +selbst sagen werde, nicht mehr an die Sache zu denken. Wie heiter war +sie jetzt! Sie scherzte über ihren Irrtum, sie verglich meine Züge mit +denen ihres Freundes, sie glaubte, große Ähnlichkeit zu finden, und +doch schien es ihr unbegreiflich, wie sie nicht an meinen Augen, +meiner Stimme, an meinem ganzen Wesen ihren Mißgriff erkannt habe. Sie +rief ihrer Tante zu, daß sie ihren Zweck vollkommen erreicht habe. + +Signora Campoco, die während der ganzen Szene am Fenster gesessen und +bald die Leute auf der Straße, bald ihre Hündchen, bald uns betrachtet +hatte, kam freundlich zu mir, dankte für meine Gefälligkeit, ihr Haus +besucht zu haben, und bemerkte, sie hätte nie geglaubt, daß unsere +barbarische Sprache so wohltönend gesprochen werden könne. Sie sehen, +ich hatte jetzt nichts mehr in diesem Hause zu tun; so gerne ich noch +ein Stündchen mit Fräulein von Palden geplaudert hätte, so neugierig +ich war, ihre Verhältnisse in Deutschland und ihre Lage in Rom zu +erfahren,--der Anstand forderte, daß ich Abschied nahm, mit dem +unglücklichen Gefühle Abschied nahm, diese Schwelle nie mehr betreten +zu können. Signora, sie hätte sich vielleicht gekreuzt, hätte sie +gewußt, daß ein Ketzer vor ihr stehe, Signora empfahl mich der Gnade +der heiligen Jungfrau, und Luise reichte mir traulich die Hand zum +Scheiden. Ich fragte sie noch, wie der Herr heiße, mit welchem ich das +Glück gehabt habe, verwechselt zu werden. Sie errötete und sagte: ‚Er +will zwar hier nicht gekannt sein und so zurückgezogen als möglich +leben; doch warum sollte ich Ihnen seinen Namen verhehlen? Ich möchte +so gerne, daß Sie Freunde würden. Er heißt------und wohnt------'." + +So „etwas breit nach Art der lieben Jugend" hatte mir der junge Mann +den weiteren Verlauf seines Abenteuers erzählt; ich hörte ihm gerne +zu, obgleich nichts peinlicher für mich ist, als eine lamentable +Liebesgeschichte recht lang und gehörig breit erzählen zu hören; aber +interessant war mir dabei die Art, wie er mir erzählte. Sein +ausdrucksvolles Auge schien die Glut seiner Gefühle widerzustrahlen, +seine Züge nahmen den Charakter düsterer Wehmut an, wenn er sich +unglücklich fühlte, und ein angenehmes Lächeln erheiterte sie, wenn er +mir die Reize der jungen Dame zu beschreiben suchte. Plötzlich, als er +mir eben erzählte, wie er das Haus der Signora verlassen habe, drückte +er meinen Arm fester und brach, in einen kleinen Fluch aus. „So muß +der Teufel diesen Pfaffen doch überall haben!" rief er und wandte sich +unmutig um. Ich war erstaunt, welchen Pfaffen sollte ich denn überall +haben? Ich fragte ihn, was ihn so aufbringen könne. + +„Sehen Sie nicht hin, sonst müssen wir grüßen," gab er mir zur +Antwort, „ich kann ihn nicht ansehen, den Jesuiten." + +Ich stellte mich, als befolge ich treulich seinen Befehl, doch konnte +ich nicht umhin, einen Seitenblick in die Straße zu werfen, und sah +wirklich ein höchst ergötzliches Schauspiel. Die Straße herauf kam ein +hoher Prälat der Kirche, der Kardinal Rocco, ein Mann, der schon +längst als einer der zweiten Klasse mit dem Prädikat „g u t" auf +meinen Tafeln verzeichnet ist. Eine große, majestätische Gestalt mit +stolzer Würde; sein weißes Haar, von einem einfachen, roten Käppchen +bedeckt, stach sonderbar ab gegen ein Gesicht, das man eigentlich +reich nennen konnte. Gewölbte Brauen, große Augen, eine Adlernase, die +Unterlippe etwas übermütig gezogen, das Kinn und die Wangen voll und +kräftig. Über das rollende Untergewand trug er einen Talar, dessen +eines Ende er in malerischen Falten über den Arm gelegt hatte; das +andere Ende hielt, in einiger Entfernung hinter ihm herschleichend, +sein Diener, ebenfalls ein Mönch, ein dürres, bleiches Geschöpf, +dessen tückische Augen nach allen Seiten spähten, ob Seine Eminenz von +den Gläubigen ehrfurchtsvoll, wie es sich gebührt, begrüßt würden. + +Der Gang des Kardinals war der Gang eines Siegers, und eine solche +Erscheinung in diesen Straßen erinnerte nur zu leicht an die Senatoren +der „ewigen Stadt". + +„Sehen Sie, wie er hingeht, dieser Pharisäer," flüsterte der junge +Mann, mit den Zähnen knirschend. „Sehen Sie, wie der Pöbel sich zum +Handkuß drängt, mit welcher Würde, mit welcher Grazie er seinen Segen +erteilt. Theaterpossen! wenn diese Leute wüßten, was ich von ihm weiß, +sie würden diesem Pharisäer, diesem Verfälscher des Gesetzes die +Insignien seiner Würde vom Leibe reißen, oder sie wären wert, von +einem Türken beherrscht zu werden." + +„Was bringt Sie so auf, verehrter Freund? Wer ist dieser Ehrenmann? +Was hat er Ihnen zuleid getan? Hängt er mit Ihren Abenteuern +zusammen?" Ich mußte lange fragen, bis er mich hörte; denn er schaute +mit durchbohrenden Blicken der Eminenz nach und murmelte +Verwünschungen wie ein Zauberer. + +„Ob ich ihn kenne? Ob er mir etwas zuleid getan? O! dieser Mensch hat +ein Leben vergiftet, ein Herz zu Boden getreten, das--doch Sie werden +mehr von ihm hören; es ist der Kardinal Rocco, der Satan ist nicht +schwärzer als er; mit seinem roten Hut deckt er alle Sünden zu; aber +trotzdem, daß er geweiht ist, wird ihn dennoch der Teufel holen!" + +Da hat es gute Wege, dachte ich; Nro. 2, gute Sorte! Doch was konnte +dieser Berliner gegen Rocco haben? Unmöglich konnte ich glauben, daß +sein Protestantismus so tief gehe, daß er jeden, der violette Strümpfe +trug, in die Hölle wünschen mußte. Er hatte sich wieder gesammelt. +„Vergeben Sie diese Hitze; Sie werden mir einst recht geben, so zu +urteilen, wenn ich Sie erst mit dem Treiben dieses Menschen bekannt +mache. Doch jetzt noch einiges zum Verständnis meines Abenteuers. Die +Geschichte mit--war bald abgetan. Er schickte einen Franzosen zu mir, +der mir erklärte, daß jener sich in mir geirrt habe und um Verzeihung +bitte. Durch ihn erfuhr ich auch, daß Luisens Geliebter früher +Offizier, und zwar in ...schen Diensten gewesen sei. + +Um diese Zeit kam die Schwester des sächsischen Gesandten nach Rom, +sich einige Zeit mit ihrer Familie bei ihrem Bruder aufzuhalten. Ich +war am ersten Abend ihres Aufenthaltes zufällig zugegen, und--stellen +Sie sich einmal mein Erstaunen vor, als ich hörte, wie sie eine andere +Dame fragte, ob nicht ein Fräulein von Palden hier lebe. Ich wandte +mich unwillkürlich ab, um nicht dem ganzen Kreise mein Erröten, mein +Entzücken zu zeigen; es war mir etwas so Neues, so Schönes, Luisens +Namen aus einem fremden Munde zu hören. Jedoch keine der anwesenden +Damen wollte von ihr wissen, und ich fühlte mich nicht berufen, +unaufgefordert mein Geheimnis mitzuteilen. + +Deutsche, besonders Frauen, pflegen immer großen Anteil an Landsleuten +zu nehmen; es konnte daher nicht anders sein, als daß man seine +Verwunderung laut darüber aussprach, daß ein deutsches Fräulein in Rom +lebe, die auch nicht einem von allen bekannt sein sollte. Wer ist sie? +Ist sie schön? Wie kommt sie nach Rom? fragte, man einstimmig, und wie +lauschte ich, wie pochte mein Herz, endlich über das interessante +Wesen etwas zu hören. + +Sie erzählte, wie sie in .....th Luise kennen gelernt, die damals durch +ihr schönes Äußere, durch ihre Liebenswürdigkeit, ihren Verstand die +ganze Stadt beschäftigt, ihre näheren Bekannten bezaubert habe. Umso +auffallender sei auf einmal ein Liebeshandel gewesen, der sich +zwischen einem Offizier, einem bürgerlichen Subjekt, und der Tochter +des Geheimen Rats von Palden entspann. Dieser Mensch habe außer seiner +schönen Figur und einem blühenden Gesicht keine Vorzüge, nicht einmal +gute Sitten gehabt. Dem Vater sei diese Geschichte zu ernstlich +geworden, er habe den Offizier zu einem Regimente zu versetzen gewußt, +das mit einem Teil der französischen Armee nach Spanien bestimmt war. +Man habe sich in ....th allgemein gefreut über die Art, wie sich +Fräulein von Palden in diese Wendung fügte; doch bald erfuhr man, daß +die Verbindung mit dem Offizier nichts weniger als abgebrochen sei, +sondern durch Armeekuriere und dergleichen Briefe gewechselt würden. +Es vergingen so beinahe zwei Jahre. Die Armee kehrte zurück, doch +nicht mit ihr jener Offizier. Man sagte in Gesellschaften und in +Luisens Nähe, er sei wegen einer Ehrensache aus dem Dienst getreten. +Seine Kameraden schwiegen hartnäckig hierüber, und doch gab es einige +Stimmen im Publikum, die von einer vorteilhaften Heirat, andere, die +von einer Entführung oder von beidem sprachen, kurz, man bemerkte, daß +Herr ..., so hieß der Offizier, seiner Dame ungetreu geworden sei. Um +diese Zeit starb der alte Herr von Palden. Seine erste Frau war eine +Römerin; das Fräulein entschloß sich auf einmal zu großer Verwunderung +der Stadt ....th, zu ihren Verwandten nach Rom zu ziehen. + +So viel wußte die Schwester des Gesandten von Luise. Es war mir genug, +um ihr Verhältnis zu .... ganz in der Ordnung zu finden; nur war es +mir unbegreiflich, was ihn bewogen haben könnte, nach Rom zu gehen; +oder kam er erst nach ihr hierher? Und warum heiraten sie sich nicht, +da doch ihre Hand jetzt frei und von niemand abhängig ist? + +Ich quälte mich mit diesen Gedanken. Ich hätte so gerne mehr und immer +mehr von dem holden Kind erfahren; ich fühlte lebhaft den Wunsch, sie +wiederzusehen, zu sprechen; ich wollte ja nicht geliebt werden, nur +sehen, nur lieben wollte ich sie. Da fiel mir bei, wie ich dies so +leicht möglich machen könnte. Ich durfte ja nur der Schwester des +Gesandten sagen, wo sich Luise aufhalte, und dann konnte ich gewiß +sein, sie schon in den nächsten Tagen im Hotel des Gesandten zu sehen. +Ich tat dies, und mein Wunsch wurde erfüllt." + +Ein Bekannter des Herrn v. S. gesellte sich hier zu uns und unterbrach +zu meinem großen Ärger die Erzählung. Ich machte noch einige Gänge mit +ihnen unter den Arkaden; als ich aber sah, daß der Bekannte sich nicht +entfernen wolle, fragte ich den Berliner nach seiner Wohnung und ging +mit dem Vorsatz, ihn am nächsten Morgen zu besuchen. Ich muß gestehen, +ich fing an, die Geschichte des jungen Mannes weniger anziehend zu +finden, weil sie mir in eine gewöhnliche Liebesgeschichte auszuarten +schien. Doch zwei Umstände waren es, die mir von neuem wieder +Interesse einflößten und mich bestimmten, seine Abenteuer zu hören. +Ich erinnerte mich nämlich, wie überraschend sein Anblick, sein ganzes +Wesen in Berlin auf mich gewirkt hatten. Es war nicht der gewöhnliche +Kummer der Liebe, wie er sich bei jedem Amoroso vom Mühlendamm +ausspricht; es war ein Gram, ein tieferes Leiden, das mir um so +anziehender dünkte, als es nur ganz unmerklich und leise durch jene +Hülle schimmerte, womit die gesellschaftlichen Formen die weinende +Seele umgeben. Er schien ein Unglück zu kennen, zu teilen, das ihn +unausgesetzt beschäftigte, zu welchem ihn die Erinnerung sogar mitten +in einem ästhetischen Tee zurückführte. + +Das zweite, das mich zu dem jungen Mann und seinem Abenteuer zog, war +die Szene, die ich morgens vor der Peterskirche beobachtet hatte. Ich +hatte dort bemerkt, daß er sie mit Sehnsucht erwarte; sie war +gekommen, aber es schien kein fröhliches Zusammentreffen. Sie schien +ihn etwas mit ihren Blicken zu fragen, das er nie beantworten, sie +schien etwas zu verlangen, das er nicht erfüllen konnte; wie schwer +mußte es ihm werden, in der Ferne zu stehen und dem holden Mädchen +durch keine Silbe zu antworten! Er ließ sie gehen, wie sie gekommen, +aber dann sandte er ihr Blicke voll zärtlicher Liebe nach. Warum sagte +er ihr nicht auf der Stelle, wie er sie liebe? Welche Gewalt mußte sie +über ihn ausüben, um ihn in diese engen Schranken einer beinahe blöden +Bescheidenheit zurückzuweisen? Wieviel es s i e koste, sah ich an +ihrem Auge, in welchem eine Träne perlte, als sie weiter ging. + +Diese Fragen drängten sich mir auf, als ich über den jungen Mann und +die rätselhafte Dame nachdachte. Wo nicht ein blindes Fatum waltet und +ein Uhrwerk die Gedanken der Sterblichen treibt, da lernt keiner aus, +sei er Gott oder Teufel. Wohl sagt der Mensch, der kleinlich nur auf +die Resultate seiner Geschichte sieht: „Es wiederholt sich alles im +Leben;" aber wie es sich wiederholt, wie der endliche Geist in seiner +kurzen Spanne Zeit wächst und ringt und strebt und gegen die alte +Notwendigkeit ankämpft, das ist ein Schauspiel, das sich täglich mit +ewig neuem Reize wiederholt; und das Auge, das von Weltintrigen +gesättigt, vom Anschauen der Kämpfe großer Massen ermüdet ist, senkt +sich gerne abwärts zum kleineren Treiben des einzelnen. Drum möge es +keinem jener verehrlichen Leute, für die ich meine Memoiren +niederschreibe, kleinlich dünken, daß ich in Rom, wo so unendlich viel +Stoff zur Intrige, ein so großer Raum zu einem diabolischen +Festtagsspiel ist, mit einer Liebeshistorie mich befasse.-- + +Am Abend dieses Tages fuhr ich mit einigen griechischen Kaufleuten auf +der Tiber. Wir hatten eine der größeren Barken bestiegen und die +freien Sitze des Vorderteils eingenommen, weil das Zelt in der Mitte, +wie uns die Schiffer sagten, schon besetzt war. Der Abend war schwül +und wirkte selbst mitten im Fluß so drückend und ermattend auf die +Menschen, daß unser Gespräch nach und nach verstummte. Ich vernahm +jetzt ein halblautes Reden und Streiten im Innern des Zeltes; ich +setzte mich ganz nahe hin und lauschte. Es waren zwei Männer und eine +Frau, soviel ich aus ihren Stimmen schließen konnte. Sie sprachen aber +etwas verwirrt und gebrochen; der eine hatte gutes, wohltönendes +Italienisch, er sprach langsam und mit vieler Salbung; die Dame +mischte unter sechs italienische Worte immer zwei spanische und ein +französisches, der andere Mann, der wenig, aber schnell und mit +Leidenschaft sprach, hatte jene murmelnde, undeutliche Aussprache, an +welcher man in Italien sogleich den Deutschen oder Engländer erkennt. + +Ein kleiner Riß in der Gardine des Zeltes ließ mich die kleine +Gesellschaft überschauen; und, o Wunder! Jene salbungsvolle Rede +entströmte dem Kardinal Rocco! Ihm gegenüber saß eine Dame, schon über +die erste Blüte hinaus, aber noch immer schön zu nennen. Ihre +beweglichen schwarzen Augen, ihre vollen Lippen, ihr etwas +nachlässiges Kostüm, dessen Schuld der schwüle Abend tragen mußte, +zeigten, daß sie mit den ersten Dreißig die Lust zum Leben noch nicht +verloren habe. An ihrer Seite glaubte ich auf den ersten, flüchtigen +Anblick Otto v. S. zu erkennen. Doch die Züge des Mannes im Zelte +waren düsterer, sein Auge blickte nicht so offen und frei wie das des +Berliners,--ich war keinen Augenblick im Zweifel, es mußte sein +Doppelgänger, ...., sein. Aber wie! Die Dame war nicht Luise von +Palden; durfte dieser Mann so traulich neben einer andern sitzen, ohne +dieselbe Schuld wirklich zu tragen, die er der Geliebten aufbürden +wollte! + +„Gilt dir denn meine Liebe, meine Zärtlichkeit gar nichts?" hörte ich +die Dame sagen. „Nichts meine Aufopferung, nichts meine Leiden, nichts +meine Schande, der ich mich um deinetwillen aussetzte? Ein Wort, ein +einziges Wort kann uns glücklich machen. Du sagst immer morgen, +morgen! Es ist jetzt Abend, warum willst du morgen doch wieder nicht?" + +„Mein Sohn," sprach der Kardinal, „ich will nichts davon sagen, daß +Euer langes Zögern, Eure fortwährende Weigerung für unsere heilige +Kirche Beleidigung ist. Ich weiß zwar wohl, nicht Ihr seid es, der +diese Zögerungen verschuldet; der Teufel, der leibhaftige Satan +spricht aus Euch; es ist das letzte Zucken Eurer ketzerischen +Irrtümer, was Euch die Wahrheit nicht sehen läßt; aber beim heiligen +Kreuz, den Nägeln und der heiligen Erde beschwöre ich Euch, folget +mir, lasset Euch aufnehmen in den heiligen Schoß der Kirche zur, +Verherrlichung Gottes." + +Ha! dachte ich, den haben sie gerade recht in den Krallen. Ein schönes +Weib, ein Kardinal Rocco und ein paar Gewissensbisse, wie der Herr im +Zelte zu haben schien,--da kann es nicht fehlen!--Er seufzte, er +blickte bald die Dame, bald den Priester mit unmutigen Blicken an. +„Ich will ja alles tun, ins Teufels Namen, alles tun," sagt er, „mein +Leben ist ohnedies schon verschuldet und vergiftet; aber wozu diese +sonderbare Prozedur? Warum soll ich vor der Welt zum Narren werden, um +die Ehre von Donna Ines wieder herzustellen?" + +„Mein Sohn, mein Sohn! Wie frevelt Ihr! Zum Narren werden, sagt Ihr? +O, Ihr verstockter Ketzer! Ihr alle seid von eurer Taufe an, wo der +Satan zu Gevatter steht, Renegaten, Abtrünnige! Es ist also nur eine +Rückkehr, kein Übertritt, keine Ableugnung eines früheren Glaubens. +Ihr hattet ja vorher keinen Glauben. Ihr werdet doch nicht die +Ketzerei so nennen wollen, die der Erzketzer in Wittenberg aus den +Fetzen, die er dem Heiligtum gestohlen, zusammenstückelte?" + +„Lasset mich, Eminenz! Es ist einmal gegen meine Überzeugung. Ich +müßte mich ja vor ganz Deutschland schämen." + +„O verstockter Ketzer! Schämen, sagt Ihr? Hat sich der liebe Mann, der +Herr von Haller, auch geschämt? Schämen! Wie ein Heiliger würdet Ihr +dastehen. Braucht sich ein Heiliger zu schämen? Hat sich der +treffliche Hohenlohe geschämt, umgeben von Ketzern, seine Wunder zu +verrichten? Es sei gegen Eure Überzeugung, saget Ihr? Da sieht man +wieder den Deutschen, nicht wahr, Donna Ines, den ehrlichen Deutschen! +Zu was denn immer Überzeugung? Das ist ja gerade das Wunderbare am +Glauben, daß er von selbst wirkt ohne Überzeugung. Gesetzt, Ihr wäret +krank, mein lieber Freund; man schickt Euch den ersten Arzt der +Christenheit. Ihr seid nicht überzeugt, daß er der alleinige wahre +Arzt ist; aber Ihr laßt Euch gefallen, seine Arzneien einzunehmen, und +siehe, sie wirken auf Euren Körper ohne Überzeugung, gerade wie uns er +Glaube auf die Seele." + +„Otto," sprach Dame Ines mit schmelzenden Tönen, „teurer Otto! Siehe, +wenn mich der heilige Mann hier nicht absolviert und beruhigt hätte, +ich müßte ja schon längst verzweifelt sein, einen Ketzer so innig zu +lieben! Wie leicht wird es dir gemacht, einer der Unsrigen zu sein und +dann ein Weib auf ewig glücklich zu machen, das dir alles opferte! Und +bedenke die schöne Villa an der Tiber und das köstliche Haus neben dem +Palast Seiner Eminenz. Dies alles will uns der heilige Vater zur +Ausstattung schenken. Bist du nicht gerührt von so vieler Liebe?" + +„Nicht verhehlen kann ich es Euch, mein Sohn," fuhr der beredte Mann +mit dem roten Hute fort, „nicht verhehlen kann ich es Euch, daß man im +Lateran noch heute von Euch sprach, daß es sogar Seiner Heiligkeit +selbst auffällt, daß Ihr so lange zögert. Bis über acht Tage naht ein +großes Fest heran; welch herrliche Gelegenheit, etwas zu Gottes Ehre +zu tun, bietet sich Euch dar!" + +„Wozu doch diese Öffentlichkeit?" fragte Otto. „Ich hasse dieses +Rühmen und Ausschreien in alle Welt. Lasset mich still in einer +Kapelle die Zeremonie verrichten. Was nützt es Euch, ob ich laut und +offen das Opfer bringe! O Luise; Luise! es tötet sie, wenn sie es +hört!" + +„Elender!" rief die Dame, indem sie in Tränen ausbrach. „Sind das +deine Schwüre? Du falsches Herz! Ich habe dir alles, alles geopfert, +und so kannst du vergelten? O Barbar! Gehe hin zu ihr, lege dich +nieder in ihre Fesseln; aber wisse, daß ich mich in die Tiber stürze! +Über meine armen Würmer, meine unglücklichen Kinder, mag sich Gott +erbarmen!" + +„Kinder, Kinder! Meine fromme Tochter, mein lieber, aber verblendeter +Sohn! Wozu dieser Skandal, diese Szene auf dem Schiffe? Stillet Eure +Tränen, schöne Frau, es wird noch alles gut werden; kommet, ich will +einen väterlichen Kuß auf Eure Augen drücken, so. Und Ihr, wisset Ihr +nicht, daß Ihr Euch versündiget gegen Donna Ines! Was wollet Ihr nur +immer wieder mit der Ketzerin, die einst Eure Sinne zu bestricken +wußte? Haben wir Euch nicht Beweise genug gegeben, daß sie in einem +strafwürdigen Verhältnis zu dem Teufel ist, der Eure Gestalt und +Sprache angenommen hat?" + +„Welch einfältiges Märchen!" rief der junge Mann. „Was wollet Ihr auch +den Teufel ins Spiel ziehen? Ein ehrlicher Berliner ist er, ein Tropf, +dem ich das Mädchen nicht gönnen mag, wenn sie mich auch zehnmal +betrog!" + +„Mein Sohn, die heilige Jungfrau schütze uns, aber der Satan selbst +ist es. Hat es nicht letzthin meinem dienenden Frater Piccolo +geträumt, der Teufel gehe hier in der heiligen Stadt spazieren? Alle +seine Träume sind noch eingetroffen. Der deutsche Baron ist der +höllische Geist selbst. Wer es aber auch sei, sie hat Euch betrogen. +Hat nicht die fromme Frau Maria Campoco Euch, selbst dieses Geständnis +über ihre Nichte gemacht? Was wollet Ihr nur auf die treulose Ketzerin +Rücksicht nehmen!--Und schaut, was ich Euch hier mitgebracht habe," +fuhr Seine Eminenz fort, indem sie ein großes Papier entfaltete. +„Sehet, wie ich Wort halte: Ich habe Euch versprochen, die Liste aller +derer mitzubringen, welche in Eurem Deutschland öffentliche Ketzer, +insgeheim aber gute Christen der wahren Kirche sind. Da, leset!" + +Der junge Mann las und staunte. Er sah den Kardinal fragend an, ob er +denn wirklich dieser Schrift trauen dürfe. Donna Ines, welche +bemerkte, welch günstigen Eindruck diese Liste mache, zog die Hand des +heiligen Mannes an den Mund und bedeckte sie mit feurigen Küssen der +Andacht. + +„Nicht wahr," fuhr Rocco fort, „da stehen wohlklingende Namen? +Professoren, Grafen, Fürsten sogar. Freilich, diese Leute können nicht +so öffentlich sich erklären, Freundchen. Die Politik, die Rücksicht +auf ihre ketzerischen Untertanen erlaubt das nicht. Aber im Herzen, im +H e r z e n sind sie unser. Da, dieser Nr. 8, ich kann eure +barbarischen Namen nicht aussprechen, der wird sich sogar öffentlich +erklären und seine Irrtümer abschwören. Der da oben wird auch einen +tüchtigen Schritt vorwärts tun. O! und bedenket, was erst in +Frankreich, selbst in England für uns getan wird, bald, vielleicht +erlebe ich es noch, bald werdet ihr alle samt und sonders zu uns +zurückgekehrt sein. Wie herrlich muß dann ein Name, wie der Eurige, +leuchten, der nicht mit der Menge, sondern lange zuvor auf unsere +heiligen Tafeln verzeichnet wurde!" + +„Aber, o Himmel, Kardinal! Ich bin ja schlechter als die ganze Liste +dieser Heimlichen. Ihr selbst wisset, daß, wenn ich zu Eurer Kirche +abfalle, es nur geschieht, um den ewigen Klagen der Donna Ines zu +entgehen. Diese Heimlichen haben keinen Vorteil bei ihrer +Heimlichkeit. Sie gelten von außen für echte Lutheraner, und was haben +sie davon, daß sie von innen römisch sind?" + +„O Einfalt! Es ist gut, daß Ihr nicht die ketzerische Theologie studiert +habt. Ihr wäret durch das Examen gefallen! Was ist denn das Schöne +an unserer Kirche? He? Nicht nur, daß sie die alleinseligmachende; daß +sie gleichsam eine Brandversicherungsanstalt gegen die Hölle, eine +Seelenassekuranz gegen den Tod ist; denn schon aus physischen +Gründen kann man annehmen, daß keine Seele von den Unserigen +lange im Fegefeuer oder gar in der Hölle verweilt, wenn sie auch ohne +Beichte abfährt. Antonio Montani hat berechnet, daß im Durchschnitt +hundertundzwanzig Millionen Menschen in der Hölle und ebensoviele +im Fegefeuer sind. Nun kann man annehmen, daß seit eurer verfluchten +Reformation neunzig Millionen Ketzer, zwanzig Millionen Türken und zehn +Millionen Juden hinabgefahren sind. Das macht zusammen hundertzwanzig. + +„O, wie gut haben wir es, hochwürdiger Herr!" sagte Ines mit +zauberischem Lächeln. „Ach, Otto! Dich soll ich an jenem Ort wissen, +in der Gesellschaft des Teufels und seiner Großmutter? O Gott! es ist +nicht möglich!" + +„Sodann weiter," fuhr der Salbungsvolle fort, „euer Erzketzer in +Berlin, der Schleiermacher, nimmt selbst an, daß alle Menschen +prädestiniert sind, und zwar so beiläufig die Hälfte zum Bösen. Diese +müssen nun eine Art von Seelenwanderung in verschiedenen Stationen des +Elends machen, bis sie selig werden, und fangen mit der Hölle an. Der +Mann hat vernünftige Gedanken und wäre wert, einst nur ins Fegefeuer +zu kommen. Aber das weiß er doch nicht recht. Wenn einer auch zehnmal +prädestiniert, zur Hölle plombiert, zum Teufel rekommandiert ist, wir +können ihn doch absolvieren und _recta_ in den Himmel schicken. +Nun, und wenn man annimmt, daß das Fegefeuer hundertundzwanzig +Millionen faßt und darunter hundert Millionen Türken und zwanzig +Millionen Ketzer, so ist, weiß Gott, auch dort wenig Raum für eine +etwas liederliche Seele." + +„Ihr wisset, Eminenz, was ich von solchen Berechnungen halte; machet +mir doch Eure Sache nicht noch lächerlicher. Eure Seelenassekuranz +kann mich nicht locken. Doch ist sie gut fürs Volk, und ich begreife +nicht, warum Ihr nicht schon lange ganze Regimenter, Divisionen, ja +Armeen, Kavallerie, Infanterie, Artillerie samt dem Generalstab +öffentlich verassekuriert habt. Das wäre eine Anstalt _à la_ +Mahomed; die Kerls würden sich schlagen wie der Teufel; denn sie +wüßten, wenn sie heute erschossen werden, wachen sie morgen im +Paradiese auf. Lasset mich lieber noch einen Blick in die Liste +werfen, sie ist mir tröstlicher; denn es stehen ganz vernünftige +Männer dort." + +„O daß Ihr nur ein Jahr auf einer deutschen Universität zugebracht +hättet! Unsere Agenten geben uns herrliche Berichte; die ketzerische +Jugend soll gegenwärtig ganz absonderlich fromm, heilig und mystisch +sein. Das Mittelalter, das gute, liebe Mittelalter versetzt sie in +diesen liebenswürdigen Schwindel. Sie neigen sich schon ganz zu uns, +und lasset nur erst die Jesuiten recht in Deutschland überhandnehmen, +dann sollt Ihr erst Wunder sehen! Auch einige brave Männer, +Professoren, nehmen sich unserer Sache an. Seht, dieser da, Nr. 172, +Signor Crusado, der umhüllt sie mit einem so tiefen symbolischen +Dunkel, daß sie bald uns er sind. Wahrlich, der Hofmechanikus Seiner +Heiligkeit, der berühmte Signor Carlo Fiorini, hat vollkommen recht. +Er hat berechnet, wenn Deutschland einige Grade südlicher läge, wenn +ihr eine schönere Natur, ein wenig mehr Sinnlichkeit und Phantasie +hättet--die Ketzerei hätte nie aufkommen können, oder ihr wäret +wenigstens schon lange wieder zurückgekehrt." + +Die Barke stieß bei diesen Worten ans Land. Wie gerne hätte ich diesem +trefflichen Pfaffen noch länger zugehört, wie er diese deutsche Seele +bearbeitete; es war ein schweres Stück Arbeit, ich gestehe es. Ein +Mensch ohne Phantasie, der in den Zeremonien nur Zeremonien sieht, der +die Tendenz dieser Römer durchschaut, der durch keinen weltlichen +Vorteil zu blenden ist; wahrlich, ein solcher ist schwer zu gewinnen. +Doch für diesen war mir nicht bange. Ein Kardinal Rocco und ein +schönes Weib haben schon andere geangelt als diesen. + +Der heilige Mann stieg aus; mit Ehrfurcht empfingen die Schiffer +seinen Segen, den er mit einer Würde, einem Anstand, würdig eines +Fürsten der Kirche, erteilte. Donna Ines folgte. Ich bewunderte, +während sie über das Brett ging, ihren feinen, zierlichen Wuchs, die +Harmonie in ihren Bewegungen und die Glut, die aus ihren Augen +strahlte und den Abend schwül zu machen schien. Sie reichte dem +geliebten Ketzer ihre schöne Hand mit so besorgter Zärtlichkeit, mit +einem so bedeutungsvollen Lächeln, daß ich im Zweifel war, ob ich mehr +seine transmontanische Kälte belächeln oder den Mut bewundern sollte, +mit welchem er den geistlichen Lockungen dieser in Liebe aufgelösten +Circe widerstand.--Am Ufer hielt ein schöner Wagen. Der dienende +Bruder Piccolo, welchem ich im Traum, in Rom spazieren gehend, +erschienen war, stand am Schlag und erwartete Seine Eminenz. Es +kostete einige Zeit, bis dieser sein Gewand zu gehöriger Wirkung +drapiert hatte, dann erst folgte der Frater Piccolo. Der Ketzer und +seine Dame schlugen einen Fußpfad ein und gingen der Stadt zu. + +„Wer sind diese?" fragte ich den Schiffer. + +„Kennt Ihr den heiligen Mann, den Kardinal Rocco, nicht? O, es ist +einer der besten Füße des Heiligen Stuhls! Alle Abende fährt er in +meiner Barke auf dem Fluß." + +„Und die Dame?" + +„Ha, das ist eine gute Christin," antwortete er mit Feuer. „Sie fährt +beinahe immer mit dem Kardinal, zuweilen allein mit ihm, zuweilen mit +dem Manne, den Ihr gesehen. Dem traue ich nicht ganz; es ist entweder +ein Deutscher oder ein Engländer, und die sind doch Kinder des +Teufels." + +„So? Da sagt Ihr mir etwas Neues; und dieser Mann, ist er ihr Gemahl?" + +„Bewahre uns die heilige Jungfrau? Ihr Gemahl? Wo denkt Ihr hin? Da +würde er nicht so zärtlich mit ihr spazieren fahren. Ich denke, es ist +ihr Geliebter." + +„So ist es," sagte einer der griechischen Kaufleute, „die Dame wohnt +nicht weit von mir. Sie lebt allein mit ihren Kindern. Sie sieht +niemand bei sich als einige fromme Geistliche und diesen jungen Mann! +Er ist ihr Geliebter. Aber sie führen ein Hundeleben zusammen. Man +hört sie oft beide weinen und zanken und schreien. Der junge Mann +flucht und donnert und jammert mit schrecklicher Stimme, und die Donna +weint und klagt, und die Kinder erheben ein Zetergeschrei, daß die +Nachbarn zusammenlaufen. Dann stürzt oft der junge Mann verzweifelnd +aus dem Haus und will fliehen, aber die Donna setzt ihm mit fliegenden +Haaren nach, und die Kinder laufen heulend hinterdrein. Sie faßt ihn +unter der Türe am Gewand, sie achtet nicht auf die Menschen, die +umherstehen. Sie zieht ihn zurück ins Haus und besänftigt ihn; und +dann ist es oft auf viele Tage stille, bis das Wetter von neuem +losbricht." + +„Heilige Jungfrau," rief der Schiffer, „und hat er sie noch nie +totgestochen im Zorn?" + +„Wie Ihr seht, nein!" erwiderte der Grieche. „Aber krank ist sie schon +oft geworden, wenn er so greulich raste. Dann lief er schnell zu drei, +vier Doktoren, um sie wieder ins Leben zurückzurufen. Es sind doch +gute Seelen, diese Deutschen!" + +So sprachen diese Männer, und ich ging von ihnen in tiefen Gedanken +über das, was ich gehört und gesehen hatte. Jenes Wort des jungen +Berliners fiel mir wieder bei, der den Kardinal Rocco beschuldigte, +ein schönes, gutes Herz gebrochen zu haben. Welches andere Herz konnte +dies sein als Luisens? Ich glaubte deutlich zu sehen, daß der Priester +den Kapitän der Geliebten entzogen, indem er sie verleumdet, daß er +ihn in die Fesseln dieser Donna Ines geschmiedet habe, um ihn für die +Kirche zu gewinnen. Aber wie war alles dies geschehen? Wie hatte er +diesen Mann aus den Armen seines Mädchens ziehen, von einem Herzen +hinwegreißen können, das ihn mit so heißer Glut umfing? Sollten jene +Beschuldigungen von Untreue wahr sein, die der Kardinal dem Kapitän +einflüsterte? Hatte sie wirklich den jungen Mann, der ihm so ähnlich +sah, vorgezogen? Doch ich wußte ja, wo ich mir Gewißheit verschaffen +konnte. Ich beschloß, bei guter Zeit am nächsten Morgen den Berliner +wieder aufzusuchen. + +Herr v. S..... schien mich liebgewonnen zu haben; denn er empfing mich +mit Herzlichkeit und einem Wohlwollen, das selbst den Teufel erfreut, +wenn er auch schon an dergleichen gewöhnt ist. Ich hatte mir +vorgenommen, von meiner gestrigen Fahrt und den Wunderdingen, die ich +gehört hatte, noch nichts zu erwähnen, um den Verlauf seiner +Geschichte zuvor desto ungestörter zu vernehmen. + +„Von allem Unglück, das die Erde trägt," fuhr er zu erzählen fort, +„scheint mir keines größer, schmerzlicher und rührender als jener +stille, tiefe Gram eines Mädchens, das unglücklich liebt oder dessen +zartes, glühendes Herz von einem Elenden zur Liebe hingerissen und +dann betrogen wird. Der Mann hat Kraft, seinen Gram zu unterdrücken, +den Verrat seiner Liebe zu rächen, die gepreßte Brust dem Freunde zu +öffnen; das Leben bietet ihm tausend Wege, in Mühe und Arbeit, in +weiter Ferne Vergessenheit zu erringen. Aber das Weib?--Der häusliche +Kreis ist so enge, so leer. Jene täglich wiederkehrende Ordnung, jene +stille Beschäftigung mit tausend kleinen Dingen, der sie sich in der +Zeit glücklicher Liebe fröhlich, beinahe unbewußt hingab, wie drückend +wird sie, wenn sich an jeden Gegenstand die Erinnerung an ein +verlorenes Glück heftet! Wie träge schleicht der Kreislauf der +Stunden, wenn nicht mehr die süßen Träume der Zukunft, nicht der +Zauber der Hoffnung, nicht die Seligkeit der Erwartung den Minuten +Flügel gibt, wenn nicht mehr das von glücklicher Liebe pochende Herz +den Schlag der Glocke übertönt! + +Doch, wozu Sie auf ein Unglück vorbereiten, das Sie nur zu bald +erfahren werden? Hören Sie weiter: Mein Wunsch, Luise von Palden im +Hause des Gesandten zu sehen, gelang. Schon nach einigen Tagen wurde +sie durch seine Schwester dort eingeführt. Sie errötete, als sie mich +zum ersten Male dort sah, doch sie schien mich wie einen alten +Bekannten dort zu nehmen; es schien sie zu freuen, unter so vielen +fremden Männern einen zu wissen, der ihr näher stand. Denn so war es; +sei es, daß die Erinnerung an unser sonderbares Abenteuer mich aus +einem Fremden zum Bekannten machte, sei es, daß sie gerne zu mir +sprach, weil ich die Züge ihres Freundes trug, sie unterschied mich +auffallend von allen übrigen Männern, die dieser seltenen Erscheinung +huldigten. Sie lächeln, Freund? Ich errate Ihre Gedanken--" + +„Ich finde, Sie sind zu bescheiden; könnte es nicht auch Ihre eigene +Persönlichkeit gewesen sein, was das Fräulein anzog?" + +„Nein, denken Sie nicht so von diesem himmlischen Geschöpf; ich +gestehe, ich war ein Tor, ich machte mir Hoffnung, sie für mich +gewinnen zu können; ja, Freund, ich sagte ihr sogar, was ich fürchte--" + +„Und Sie wurden nicht erhört? Das treue, ehrliche Kind! Und ihr +Kapitän lag vielleicht gerade in den Armen einer andern!" + +Der Berliner stutzte. „Wie? Was wissen Sie?" fragte er betroffen. „Wer +hat Ihnen gesagt, daß West noch eine andere liebe?" + +„Nun, Sie selbst haben mich genug darauf vorbereitet," erwiderte ich; +„sagten Sie nicht, daß jener das Mädchen betrog?" + +„Sie haben recht;--nun, ich wurde lächelnd abgewiesen, abgewiesen auf +eine Art, die mich dennoch glücklich, unaussprechlich glücklich +machte. Sie war keinen Augenblick ungehalten, sie gestand mir, daß ich +ihr als Freund willkommen sei, daß ihr Herz keinem andern mehr gehören +könne. Sie sagte mir auch manches von ihren Verhältnissen, was ganz +mit dem übereinstimmte, was uns die Schwester des Gesandten erzählte; +sie gestand, daß sie nur darum nach Rom gezogen sei, weil den Kapitän +seine Verhältnisse hierherriefen; sie gestand, daß er einen +Rechtsstreit wegen einer Erbschaft hier habe, daß er, sobald die Sache +entschieden sei, vielleicht schon in wenigen Wochen, sie zum Altar +führen werde. + +Etwa eine Woche nach diesem aufrichtigen Geständnis rief mich eines +Abends der Gesandte aus dem Salon, in welchem die Gesellschaft +versammelt war, zu sich. Es war nichts Seltenes, daß er sich mir in +Geschäftssachen mitteilte, weil ich sein Vertrauen auf eine ehrenvolle +Art besaß; doch die Zeit war mir auffallend, und es mußte etwas von +Wichtigkeit sein, weswegen er mich aus dem Kreis der Damen aufstörte. + +‚Kennen Sie einen gewissen Kapitän West?' fragte er, indem er mich mit +forschenden Blicken ansah. + +‚Ich habe einen Kapitän West flüchtig kennen gelernt,' gab ich ihm zur +Antwort. + +‚Nun, so flüchtig muß es doch nicht sein,' entgegnete er mir, ‚da Sie +ein Duell mit ihm gehabt.' + +Ich sagte ihm, daß ich Streit mit ihm gehabt wegen einer ziemlich +gleichgültigen Sache; es sei aber alles gütlich beigelegt worden. +Dennoch war es mir auffällig, woher der Gesandte diesen Streit +erfahren hatte, den ich so geheim als möglich hielt, und von welchem +Luise in seinem Hause gewiß nichts erwähnt hatte. + +‚Wegen einer Dame haben Sie Streit gehabt,' sagte er; ‚doch möchte ich +Ihnen raten, solche Händel wegen einer so zweideutigen Person zu +vermeiden. Sie wissen selbst, wenn man einmal einen öffentlichen, +besonders einen diplomatischen Charakter hat, ist dergleichen in einem +fremden Lande wegen der Folgen für beide Teile fatal.' + +Der Ton, worin dies gesagt wurde, fiel mir auf. Er war sehr ernst, +sehr warnend; noch schmerzlicher berührte mich, was er über jene Dame +sagte, ‚zweideutige Person'! Und doch saß gerade diese Person als +Krone der Gesellschaft in seinem Salon, er selbst, ich hatte es +deutlich gesehen, er selbst hatte noch vor einer halben Stunde mit ihr +auf eine Art gesprochen, die mich, in dem alten Herrn einen +aufrichtigen Bewunderer ihrer Reize und ihres glänzenden Verstandes +sehen ließ. Ich konnte eine Bemerkung hierüber nicht unterdrücken; ich +bat ihn höflich, aber so fest als möglich, in meiner Gegenwart nicht +mehr s o von einer Dame zu sprechen, die ich achte und die einen so +entschiedenen Rang in der Gesellschaft einnehme. Ich wolle davon gar +nicht reden, daß er selbst sein Haus beschimpfe, wenn er in solchen +Ausdrücken von seinen Gästen spreche. + +Er sah mich verwundert an; er sagte mir, er könne meine Reden nicht +begreifen; denn weder behaupte die Dame einen Rang, in der +Gesellschaft, die e r sehe, noch habe sie je einen Fuß über seine +Schwelle gesetzt. Die Reihe zu erstaunen war jetzt an mir; ich sah, +daß hier ein Irrtum vorwalte, und belehrte ihn, daß Fräulein von +Palden die Dame sei, um die wir uns schlagen wollten. ‚Verzeihen Sie,' +rief er, ‚man sagt mir, Sie haben sich wegen der Geliebten dieses +Kapitäns West geschlagen; daher glaubte ich, Ihnen dies sagen zu +müssen.' + +‚Und wenn dies nun dennoch wäre?' fragte ich. ‚Kennen Sie denn die +Geliebte des Kapitäns?' + +‚Gott soll mich bewahren;' entgegnete er. ‚Nein, ich glaube, er hat +schon selbst genug an seiner Spanierin.' + +Ich staunte von neuem. ‚Von einer Spanierin sprechen Sie? Wie kommen +Sie nur darauf? Ich weiß bestimmt, daß der Kapitän eine deutsche Dame +liebt!' + +‚Um so schlimmer für das arme Kind in Deutschland,' war seine Antwort; +‚wie die Sachen stehen, scheint man im Lateran ernstlich daran zu +denken, den goldenen Quadrupeln der schönen Donna Gehör zu geben und +ihre frühere Ehe, weil sie nicht ganz gültig vollzogen war, für +nichtig zu erklären. Der Kapitän macht eine gute Partie, aber--jeder +Mann von Ehre wird diesen Schritt mißbilligen.' + +Ich stand wie vom Donner gerührt vor dem alten Mann; entweder lag hier +eine Verwechslung der Namen und Personen zugrunde, oder es war ein +schreckliches Geheimnis und der Kapitän ein Betrüger, der Luisens +Glück vielleicht auf ewig zerstört hatte. + +Ich sagte dem Gesandten geradezu, daß er mit mir über Dinge spreche, +die mir völlig unbekannt seien. Er staunte, doch glaubte er, da er +schon so viel gesagt hatte, mir die weitere Erklärung dieser Rätsel +schuldig zu sein. ‚Dieser Kapitän West ist ein Sachse,' erzählte er; +‚er diente früher im Generalstab und wurde dann zu einer +diplomatischen Sendung nach Spanien verwandt; er soll ein Mann von +vielen Talenten, aber etwas zweideutigem Charakter sein. Warum die +Wahl gerade auf ihn fiel, da noch ältere Leute und aus guten Häusern +im Departement waren, ist mir unbekannt; nur so viel erfuhr ich +zufällig, daß man ihn damals von Dresden habe entfernen wollen. Man +erzählt sich, er habe in Madrid in einem Verhältnis zu einer schönen +jungen Frau gelebt; sie war eine Spanierin, aber an einen alten +Engländer verheiratet, der sie vielleicht nicht so strenge unter +Schloß und Riegel hielt, wie man sonst in Spanien zu tun pflegt. + +Als aber endlich dieses Verhältnis zu den Ohren des Engländers kam, +bewirkte dieser, daß der Kapitän von seinem Posten abgerufen und sogar +aus dem Dienst entlassen werde. Doch sagen andere, er selbst habe aus +Ärger über seine schnelle Abberufung quittiert. Doch das Beste kommt +noch; einige Wochen nach seiner Abreise war die Frau des Engländers +mit ihren beiden Kindern plötzlich verschwunden, man kann sagen, +spurlos verschwunden; denn so viele Mühe sich ihr Gatte gab, ihrer +habhaft zu werden, alles war vergeblich. Vielleicht scheiterten auch +seine Bemühungen an den Unruhen, die gerade in jener Zeit ausbrachen +und die Kommunikation mit Frankreich sehr erschwerten. + +Der Verdacht dieses Engländers fiel, wie natürlich, vor allem auf den +Kapitän West. Er wußte es zu machen, daß dieser in Paris angehalten +und verhört werde. Man sagt, er solle sehr betreten gewesen sein, als +er die Nachricht von der Flucht dieser Dame hörte; er wies sich aber +aus, daß er die Reise bis nach Paris allein gemacht habe, und +bekräftigte mit einem Eide, daß er von diesem Schritt der Donna nichts +wisse. + +Etwa ein Vierteljahr nachher kam er nach Rom und lebt seitdem hier +sehr still und eingezogen, besucht keine Gesellschaft, hat keinen +Freund, keinen Bekannten; vorzüglich vermeidet er es, mit Deutschen +zusammenzutreffen. + +Um diese Zeit, fuhr der Gesandte fort, sei von seinem Hofe die Anfrage +an ihn ergangen, ob dieser West sich in Rom befinde, wie er lebe, und +ob er nicht in Verhältnis mit einer Spanierin sei, die sich ebenfalls +hier aufhalten müsse. Man habe ihm dabei die Geschichte dieses +Kapitäns West mitgeteilt und bemerkt, daß der Engländer von neuem +Spuren von seiner Frau entdeckt habe, die beinahe mit Gewißheit +annehmen lassen, daß sie in Rom sich aufhalte. Man habe deswegen von +Spanien aus sich an die päpstliche Kurie gewandt; es scheine aber, man +wolle sich hier der Dame annehmen; denn die Antwort sei sehr +zweifelhaft und unbefriedigend ausgefallen. Der Gesandte tat die +nötigen Schritte und erfuhr wenigstens so viel, daß jener Verdacht +bestätigt sähen. Er wandte sich nun auch an Consalvi, um zu erfahren, +ob der römische Hof in der Tat die Dame in seinen Schutz nehme, und +erhielt die in eine sehr bestimmte Bitte gefaßte Antwort, man möchte +diese Sachen beruhen lassen, da die Ehe der Donna Ines mit dem +Engländer wahrscheinlich für ungültig erklärt werde.' + +Dies erzählte mir der Gesandte; er fügte noch hinzu, daß er aus +besonderem Interesse an diesem Fall dem Kapitän immer nachgespürt +habe, und so sei ihm auch der Streit zu Ohren gekommen, den ich im +Karneval mit jenem ‚wegen einer Dame' gehabt habe. + +Sie können sich denken, Freund, welche Qualen ich schon während seiner +Erzählung empfand, und als ich das ganze Unglück erfahren hatte, stand +ich wie vernichtet. Der Gesandte verließ mich, um zu der Gesellschaft +zurückzukehren; ich hatte kaum noch so viel Fassung, ihn zu bitten, er +möchte niemand etwas von diesen Verhältnissen wissen lassen; das Warum +versprach ich ihm ein andermal. + +Ich konnte von dem Zimmer, wohin der Gesandte mich gerufen, den Salon +übersehen, ich konnte Luise sehen, und wie schmerzlich war mir ihr +Anblick! Sie schien so ruhig, so glücklich. Der Friede ihrer schönen +Seele lag wie der junge Tag freundlich auf ihrer Stirne; ihr sanftes +blaues Auge glänzte, vielleicht von der Erwartung einer schönen +Abendstunde, und das Lächeln, das ihren Mund umschwebte, schien der +Nachklang einer freudigen Erinnerung hervorgelockt zu haben. Nein, es +war mir nicht möglich, diesen Anblick länger zu ertragen, ich eilte +ins Freie, um dieses Bild durch neue Bilder zu verdrängen; aber wie +war es möglich? Der Gedanke an sie kehrte schmerzlicher als je zurück; +denn der Friede der Natur, der zauberische Schmelz der Landschaft, die +süße Ruhe, die diese Fluren atmeten, erinnerten sie mich nicht immer +wieder an jenes holde Wesen? Und die Wolken, die sich am fernen +Horizont schwärzlich auftürmten und ein nächtliches Gewitter +verkündeten, hingen sie nicht über der friedlichen Landschaft wie das +Unglück, das Luisen drohte? + +Ich ging nach Hause; ich dachte nach, ob nicht Rettung möglich sei, ob +ich sie nicht losmachen könne von dieser schrecklichen Verbindung. +Doch, war nicht zu befürchten, daß sie mir mißtrauen werde? Sie wußte, +ich liebe sie; kannte sie mich hinlänglich, um nicht an der Reinheit +meiner Absichten zu zweifeln? Ich konnte es nicht über mich gewinnen, +ihr selbst ihr Unglück zu verkünden. Nur einen Ausweg glaubte ich +offen zu sehen; ich wollte ihn selbst zur Rede stellen, den Elenden, +ich wollte ihn bewegen, einen entscheidenden Schritt auf die eine oder +die andere Seite zu tun. Ja, darin glaubte ich einen glücklichen Weg +gefunden zu haben; er selbst mußte ihr sagen, daß er nicht mehr +verdiene, von ihr geliebt zu werden; und dann, dachte ich, dann wird +sie zwar unglücklich sein, aber ich will versuchen, sie glücklich zu +machen; durch ein langes Leben voll Treue und Liebe will ich ihr +Unglück zu mildern suchen." + +„Aber wie konnten Sie glauben," rief ich, über diese romantischen +Ideen unwillkürlich lächelnd, „wie konnten Sie glauben, Freund, daß +ein Kapitän West zu diesem sonderbaren Geständnisse sich hergeben +werde? In Romanen mag dies der Fall sein, aber, Herr! in der +Wirklichkeit? Haben Sie je einen Narren der Art gekannt?' + +„Ach, ich dachte zu gut von den Menschen," antwortete er. „Ich dachte, +wie ich, muß jeder fühlen.--Ich ging in die Wohnung des Kapitäns West. +Er wohnte schlecht, beinahe ärmlich. Ich traf ihn, wie er einen +schönen Knaben von acht Jahren auf den Knien hatte, welchen er lesen +lehrte. Errötend setzte er den Knaben nieder und stand auf, mich zu +begrüßen. ‚Ei, Papa,' rief der Kleine, ‚wie sieht dir dieser Herr so +ähnlich!' + +Der Kapitän geriet in Verlegenheit und führte den Knaben aus dem +Zimmer. ‚Wie,' sagte ich zu ihm, Sie haben schon einen Knaben von +diesem Alter? Waren Sie früher verheiratet?' + +Er suchte zu lachen und die Sache in einen Scherz zu drehen; er +behauptete, der Knabe gehöre in die Nachbarschaft, besuche ihn +zuweilen und nenne ihn Papa, weil er sich seiner annehme. + +‚Er gehört wohl der Donna Ines?' fragte ich, indem ich ihn scharf +ansah. Noch nie zuvor hatte ich gesehen, wie schrecklich das böse +Gewissen sich kundtut; er erblaßte, seine Augen glänzten wie die einer +Schlange, ich glaubte, er wolle mich durchbohren. Noch ehe er sich +hinlänglich gesammelt hatte, um mir zu antworten, sagte ich ihm gerade +ins Gesicht, was ich von ihm wisse und was ich von ihm verlange, um +das Fräulein nicht völlig unglücklich, zu machen. + +Er lief in Wut im Zimmer umher, er schimpfte auf Zwischenträger und +Zudringliche; er behauptete, ich habe die ganze Geschichte aufgedeckt, +um Luise von ihm zu entfernen. Ich ließ ihn ausreden; dann sagte ich +ihm mit kurzen Worten, wie ich sein Verhältnis zu der Spanierin +erfahren habe, und bat ihn noch einmal mit den herzlichsten Tönen +unserer Sprache, das Fräulein so schonend als möglich von sich zu +entfernen. + +Es gelang mir, ihn zu rühren; aber nun hatte ich eine andere +unangenehme Szene durchzukämpfen; er klagte sich an, er weinte, er +verfluchte sich, das holde Geschöpf so schändlich betrogen zu haben. +Er schwor, sich von der Spanierin zu trennen; er flehte mich an, ihn +zu retten; er gestand mir, daß er sich von einem Netz umstrickt sehe, +das er nicht gewaltsam durchbrechen könne, weil einige hohe Geistliche +der Kirche kompromittiert würden. Er ging so weit, mich zu zwingen, +seine Geschichte anzuhören, um vielleicht milder über ihn urteilen zu +können. Es war die Geschichte eines--Leichtsinnigen. Dieses Wort möge +entschuldigen, was vielleicht s c h l e c h t genannt werden könnte. +Es lag in dem Wesen dieses Mannes ein Etwas, das ihn bei den Frauen +sehr glücklich machen mußte. Es war der äußere Anschein von Kraft und +Entschlossenheit, die ihm übrigens sein ganzes Leben hindurch +gemangelt zu haben schienen. Er mußte eine für seinen Stand +ausgezeichnete Bildung gehabt haben; denn er sprach sehr gut, seine +Ausdrücke waren gewählt, seine Bilder oft wahrhaft poetisch, er konnte +hinreißen, so daß ich oft glaubte, er spreche mit Eifer von einem +Dritten, während er mir seinen eigenen beklagenswerten Zustand +schilderte. Ich habe dies oft an Menschen bemerkt, die sonst ihrem +Triebe folgen, in den Tag hineinleben, ohne sich selbst zu prüfen, und +erst in dem Moment der Erzählung über sich selbst flüchtig nachdenken. +Sie werden dann durch die Sprache selbst zu einem eigentümlichen Feuer +gesteigert, sie sprechen mit Umsicht von sich selbst; doch eben weil +diese ihnen sonst abging, ist man versucht, zu glauben, sie sprächen +von einem Dritten. + +Es war Luise, die ihn zuerst liebte; er erkannte ihre Neigung; +Eitelkeit, die herrlich aufblühende Schönheit, die Tochter eines der +ersten Häuser der Stadt, für sich gewonnen zu haben, riß ihn zu einem +Gefühl hin, das er für Liebe hielt. Der Vater sah dies Verhältnis +ungerne. Ich konnte mir denken, daß es vielleicht weniger Stolz auf +seine Ahnen, als die Furcht vor dem schwankenden Charakter des +Kapitäns war, was ihn zu einer Härte stimmte, welche die Liebe eines +Mädchens wie Luise immer mehr anfachen mußte. Er soll ihr, was ich +jetzt erst erfuhr, auf seinem Sterbebette den Fluch gegeben haben, +wenn sie je mit dem Kapitän sich verbinde. + +West suchte die Geschichte mit der Frau des Engländers auf Verführung +zu schieben. Ich habe eine solche bei einem Manne, der das Bild der +Geliebten fest im Herzen trägt, nie für möglich gehalten. Doch die +Strafe ereilte ihn bald. Er gestand mir, daß er froh gewesen sei, als +er, vielleicht durch Vermittlung des Engländers, von seinem Posten +zurückberufen wurde. Donna Ines habe ihm allerlei sonderbare +Vorschläge zur Flucht gemacht, in die er nicht habe eingehen können; +er sei, ohne Abschied von ihr zu nehmen, abgereist. Was ihn eigentlich +bestimmte, nach Rom zu gehen, sah ich nicht recht ein, und er suchte +auch über diesen Punkt so schnell als möglich hinwegzukommen. Er +erzählte ferner, wie er durch Luisens Ankunft erfreut worden sei, wie +er sich vorgenommen, nur ihr, ihr allein zu leben. Doch da sei +plötzlich Donna Ines in Rom erschienen, sie habe sich mit zwei Kindern +geflüchtet, sei ihm nachgereist und habe jetzt verlangt, er solle sie +heiraten. + +Es entging mir nicht, daß der Kapitän mich hier belog. Ich hatte von +dem Gesandten bestimmt erfahren, daß jener schon in Paris angehalten +und über die Flucht der Donna zur Rede gestellt worden sei; er konnte +sich also denken, daß sie ihm nachreisen werde, und dennoch knüpfte er +die Liebe zu Luisen von neuem an. Ferner, wie hätte es Ines wagen +können, ihm zu folgen, wenn er ihr nicht versprochen hätte, sie zu +heiraten, wenn er sie nicht durch tausend Vorspiegelungen aus ihrem +ruhigen Leben herausgelockt und zur Abenteurerin gemacht hätte? + +Er schilderte mir nur ein Gewebe von unglücklichen Verhältnissen, in +welche ihn diese Frau, die mit allen Kardinälen, namentlich mit Pater +Rocco, schnell bekannt geworden, geführt habe. Es werde ernstlich an +der Auflösung ihrer früheren Ehe gearbeitet, und es war als bekannt +angenommen worden, daß er die Geschiedene heiraten werde. + +‚Sie sagten mir hier nichts Neues,' antwortete ich ihm; ‚dies alles +beinahe wußte ich vorher. Aber ich hoffe, daß Sie als Mann von Ehre +einsehen werden, daß das Verhältnis zu Fräulein von Palden nicht +fortdauern kann, oder Sie müssen sich von der Spanierin lossagen.' + +Das letztere könne er nicht, sagte er, er habe von ihr und dem +Kardinal Rocco Vorschüsse empfangen, die sein Vermögen überstiegen; er +könne also wenigstens im Augenblicke keinen entscheidenden Schritt +tun. + +‚Im Augenblicke heißt hier nie,' erwiderte ich ihm. ‚Sie werden sich +aus diesen Banden, wenn sie s o beschaffen sind, nie mit Anstand +losmachen können. Ich halte es also für Ihre heiligste Pflicht, Luise +nicht noch unglücklicher zu machen; denn was kann endlich das Ziel +Ihrer Bestrebungen sein?' + +Er errötete und meinte, ich halte ihn für schlechter, als er sei. Doch +er fühle selbst, daß man einen Schritt tun müsse. Er glaube aber, es +sei dies meine Sache. Er trete mir Luise ab, ich solle mir auf jede +Art ihre Gunst zu erwerben suchen und sie glücklich machen. Er hatte +Tränen in den Augen, als er dies sagte, und ich sah mit beinahe zu +mitleidigen Augen, wie weit ein Mensch durch Leichtsinn kommen könne. + +Ich ging, um nichts weiser geworden, ohne daß ein wirklicher Entschluß +gefaßt worden war, von dem Kapitän; mein Gefühl war eine Mischung von +Verachtung und Bedauern. Auf der Treppe begegnete mir wieder der +schöne Knabe und fragte, ob er wohl jetzt zu Papa kommen dürfte." + +„Ha! Und jetzt setzten Sie wohl alle Segel auf, Freundchen," fragte +ich; „jetzt machten Sie wohl Jagd auf die schöne Galeere Luise?" + +„Ja und nein," antwortete er trübe; „sie schien meine Liebe zu +übersehen, nicht zu achten; aber bald bemerkte ich, daß sie +ängstlicher werde in meiner Nähe; es schmerzte sie, daß mir ihre +Freundschaft nicht genügen wolle. Und jener Elende, sei es aus Bosheit +oder Leichtsinn, zog sich nicht von ihr zurück, ich vermute es sogar, er +hat sie vor mir gewarnt. So standen die Sachen, als die Zeit, die ich in +Rom zubringen sollte, bald zu Ende ging. Im Kabinett des Gesandten +arbeitete man schon an Memoiren, die man mir nach Berlin mitgeben +wollte, man wunderte sich, daß ich noch keine Abschiedsbesuche +mache,--und ich, ich lebte in dumpfem Hinbrüten; ich sah nicht ein, +wie ich dieser Reise entfliehen konnte, und dennoch hielt ich es nicht +für möglich, Luise zu verlassen, jetzt, da ihr vielleicht bald der +schrecklichste Schlag bevorstand. Oft war ich auf dem Punkt, ihr +alles, alles zu entdecken; aber wie war es mir möglich, ihre himmlische +Ruhe zu zerstören, das Herz zu brechen, das ich so gerne glücklich +gewußt hätte? + +Da stürzte eines Morgens der Kapitän West in mein Zimmer; er war +bleich, verstört; es dauerte eine lange Zeit, bis er sich fassen und +sprechen konnte. ‚Jetzt ist alles aus,' rief er; ‚sie stirbt, sie muß +sterben, dieser Kummer wird sie zerschmettern!' Er gestand, daß Donna +Ines oder der Kardinal Rocco seine Liebe zu Luisen entdeckt hätten; +ihr schrieben sie sein Zögern, sein Schwanken zu, und der Kardinal +hatte geschworen, er wolle an diesem Tage zu dem deutschen Fräulein +gehen und sie zur Rede stellen, wie sie es wagen könne, einen Mann, +der schon so gut als verehelicht sei, von seinen Pflichten +zurückzuhalten. + +Ich kannte diesen Priester und seine tückische Arglist, ich erkannte, +daß die Geliebte verloren sei. Ich weiß Ihnen von dieser Stunde, von +diesem Tage wenig mehr zu erzählen. Ich weiß nur, daß ich den Kapitän +in kalter Wut zur Türe hinaus schob, mich schnell in die Kleider warf +und wie ein gejagtes Wild durch die Straßen dem Hause der Signora +Campoco zulief. Als ich unten an dieser Straße anlangte, sah ich einen +Kardinal sich demselben Hause nähern. Er schritt stolz einher, Frater +Piccolo trug ihm den Mantel; es war kein Zweifel, es war Rocco. Ich +setzte meine letzten Kräfte daran, ich rannte wie ein Wahnsinniger auf +ihn zu; doch--ich kam eben an, als mir Piccolo mit teuflischem Lächeln +die Türe vor der Nase zuwarf. + +Eine Art von Instinkt trieb mich, all diesem Jammer zu entfliehen. Ich +ging, wie ich war, zu dem Gesandten und sagte ihm, daß ich noch in +dieser Stunde abreisen werde. Er war es zufrieden, gab mir seine +Aufträge, und bald hatte ich die heilige--unglückselige Stadt im +Rücken. Erst als ich nach langer Fahrt zu mir selbst kam, als meine +Vorstellungen sich wieder ordneten und deutlicher wurden, erst dann +tadelte ich meine Feigheit, die mich zu dieser übereilten Flucht +verführte. Ich tadelte meine ganze Handlungsweise, ich klagte mich an, +die Unglückliche auf diesen Schlag nicht vorbereitet zu haben;--doch +es war zu spät, und wenn ich mir meine Gefühle, meine ganze Lage +zurückrief, ach, da schien es so verzeihlich, die Geliebte verschont +zu haben! So kam ich nach Berlin, in dieser Stimmung trafen Sie mich +dort, und ein Teil dieser Geschichte war es, den ich damals im Hause +meiner Tante erzählt habe." + +Der junge Mann hatte geendet; seine Züge hatten nach und nach jene +Trauer, jene Wehmut angenommen, die ich in seinem Wesen, als ich ihn +in Berlin sah, zu bemerken glaubte; er war ganz derselbe, der er an +jenem Abend war, und die Worte seiner Tante, er sehe seit seiner +Zurückkunft so geheimnisvoll aus, kamen mir wieder in den Sinn und +ließen mich den richtigen Blick dieser Dame bewundern. An seiner +ganzen Historie schienen mir übrigens nur zwei Dinge auffallend. +Unglückliche Mädchen wie das Fräulein, abenteuernde Damen wie Ines, +intrigante Priester wie Kardinal Rocco hatte ich auf der Welt schon +viele gesehen. Aber die beiden Männer waren mir als Menschenkenner +etwas rätselhaft. Der Kapitän hatte allerdings schon einen bedeutenden +Grad in meinem Reglement erlangt; aber unbegreiflich war es mir, wie +sich dieser Mann so lange auf einer Stufe halten konnte, da doch nach +moralischen wie nach physischen Gesetzen ein Körper, welcher abwärts +gleitet, immer schneller fällt. Er war falsch, denn er spielte zwei +Rollen; er war leichtsinnig, denn er vergaß sich alle Augenblicke; er +war eifersüchtig, obgleich er es selbst mit zwei Frauen hielt; er war +schnell zum Zorn reizbar; als deutscher Kapitän liebte er +wahrscheinlich auch das _Est, Est, Est_, Eigenschaften, die nicht +lange auf einer Stufe lassen. Ein anderer an seiner Stelle wäre +vielleicht aus Eifersucht und Zorn schon längst ein Totschläger +geworden; ein zweiter wäre, leichtsinnig wie er, all diesem Jammer +entflohen, hätte die Donna Ines hier und Fräulein Luise dort sitzen +lassen und vielleicht an einem andern Orte eine andere gefreit; ein +dritter hätte vielleicht der Donna Gift beigebracht, um die schöne +Sächsin zu besitzen oder aus Verzweiflung die letztere erdolcht. + +Aber wie langweilig dünkte es mir, daß das Fräulein noch in demselben +Zustande war, daß die beiden Anbeter noch nicht in Streit geraten +waren, daß das Ende von diesen Geschichten ein Übertritt zur römischen +Kirche, eine Hochzeit der Donna Ines und vielleicht eine zweite, +Luisens mit dem Berliner, werden sollte? + +Denn eben dieser ehrliche Berliner! Er stand zwar in etwas entfernten +Verhältnissen zu mir, doch wußte ich, wenn ich ihm das Ziel seines +heimlichen Strebens, das Fräulein, recht lockend, recht reizend +vorstellte, wenn ich ihren Besitz ihm von ferne möglich zeigte, so +machte er Riesenschritte abwärts, denn seine Anlagen waren gut. Ich +beschloß daher, mir ein kleines Vergnügen zu machen und die Leutchen +zu hetzen. + +Während diese Gedanken flüchtig in mir aufstiegen, wurde dem Herrn von +S. ein Brief gebracht. Er sah die Aufschrift an und errötete, er riß +das Siegel auf, er las, und sein Auge wurde immer glänzender, seine +Stimme heiterer. „Der Engel!" rief er aus. „Sie will mich dennoch +sehen! Wie glücklich macht sie mich! Lesen Sie, Freund," sagte er, +indem er mir den Brief reichte; „müssen solche Zeilen nicht +beglücken?" + +Ich las: „Mein treuer Freund! Mein Herz verlangt darnach, Sie zu +sprechen. Ich wollte Sie nicht mehr sehen, nicht mehr sprechen, bis +Sie mir gute Nachrichten zu bringen hätten; Sie selbst sind es +eigentlich, der diesen Bann aussprach. Doch heben Sie ihn auf, Sie +wissen, wie tröstlich es mir ist, mit Ihnen sprechen zu können. Der +Fromme ist wieder hier; er verspricht sich das Beste von West. Ach! +daß er ihn zurückbrächte von seinem Abwege, nicht zu mir, meine Augen +dürfen ihn nicht mehr sehen, nur zurück von dieser Schmach, die ich +nicht ertragen kann. L. v. P. + +N. S. Wissen Sie in Rom keinen Deutschen, der in Mecklenburg bekannt +wäre? West hat dort Verwandte, die vielleicht in der Sache etwas tun +könnten." + +„Ich kann mir denken, daß dieses schöne Vertrauen Sie erfreuen muß," +sagte ich; „doch einiges ist mir nicht recht klar in diesem Brief, das +Sie mir übrigens aufklären werden. Wegen der Verwandten in Mecklenburg +kann sich übrigens das Fräulein an niemand besser wenden als an mich; +denn ich war mehrere Jahre dort und bin beinahe in allen Familien +genau bekannt." + +Der junge Mann war entzückt, dem Fräulein so schnell dienen zu können. +„Das ist trefflich!" rief er. „Und Sie begleiten mich wohl jetzt eben +zu ihr? Ich erzähle Ihnen unterwegs noch einiges, was Ihnen die +Verhältnisse klarer machen wird." + +Ich sagte mit Freuden zu, wir gingen. + +„In Berlin," erzählte er, „hielt ich es nur zwei Monate aus; ich hatte +niemand hier in Rom, der mir über das unglückliche Geschöpf hätte +Nachricht geben können, und so lebte ich in einem Zustande, der +beinahe an Verzweiflung grenzte; nur einmal schrieb mir der sächsische +Gesandte: Der Papst habe sich jetzt öffentlich für den Kapitän West +erklärt, man spreche davon, daß der Preis dieser Gnade der Übertritt +des Kapitäns zur römischen Kirche sein solle. In demselben Briefe +erwähnte er mit Bedauern, daß die junge Dame, die uns alle so sehr +angezogen habe, die mich immer besonders auszuzeichnen geschienen, +sehr gefährlich krank sei, die Ärzte zweifeln an ihrer Rettung. + +Wer konnte dies anders sein als die arme Luise. Diese letzte Nachricht +entschied über mich. Zwar hätte ich mir denken können, daß alles, was +ihr der Kardinal mitteilte, Krankheit, vielleicht den Tod zur Folge +haben werde; aber jetzt erst, als ich diese Nachricht gewiß wußte, +jetzt erst kam sie mir schrecklich vor; ich reiste nach Rom zurück, +und meine Bekannten hier haben sich nicht weniger darüber gewundert, +mich so unverhofft zu sehen, als meine Verwandten in Berlin, mich so +plötzlich wieder entlassen zu müssen. Besonders die Tante konnte es +mir nicht verzeihen; denn sie hatte schon den Plan gemacht, mich mit +einem der Fräulein, die Sie beim Tee versammelt fanden, zu +verheiraten. + +Erlassen Sie es mir, zu beschreiben, wie ich das Fräulein wieder fand! +Nur eins schien diese schöne Seele zu betrüben, der Gedanke, daß West +zu seiner großen Schuld noch einen Abfall von der Kirche fügen wolle. +Ich lebe seitdem ein Leben voll Kummer. Ich sehe ihre Kräfte, ihre +Jugend dahin schwinden; ich sehe, wie sie ein Herz voll Jammer unter +einer lächelnden Miene verbirgt. Um mich noch zu tätigerem Eifer, ihr +zu dienen, zu zwingen, gelobte ich, sie nicht mehr zu sprechen, bis +ich von dem Kapitän erlangt hätte, daß er nicht zum Apostaten werde,-- +oder bis sie mich selbst rufen lasse. Das letztere ist heute +geschehen. Es scheint, sie hat Hoffnung; ich habe keine; denn er ist +zu allem fähig, und Rocco hat ihn so im Netze, daß an kein Entrinnen +zu denken ist." + +„Aber der Fromme," fragte ich; „soll wohl der seine Bekehrung +übernehmen?" + +„Auf diesen Menschen scheint sie ihre Hoffnung zu gründen. Es ist ein +deutscher Kaufmann, ein sogenannter Pietist; er zieht umher, um zu +bekehren; doch leider muß er jedem Vernünftigen zu lächerlich +erscheinen, als daß ich glauben könnte, er sei zur Bekehrung des +Kapitäns berufen. Eher setzte ich einige Hoffnungen auf Sie, mein +Freund, wenn Sie durch die Verwandten etwas bewirken könnten; doch, +auch dies kömmt zu spät! Wie sie sich nur um diesen Elenden noch +kümmern mag!" + +Viel versprach ich mir von diesem Besuch bei dem Fräulein von Palden. +Was ich von ihr gesehen, von ihr gehört, hatte mir ein Interesse +eingeflößt, das diese Stunde befriedigen mußte. Ich hatte mir schon +lange zuvor, ehe ich sie sah, ein Bild von ihr entworfen; ich fand es, +als sie mir damals im Portikus erschien, beinahe verwirklicht; nur +eines schien noch zu fehlen, und auch das hatte sich jetzt bestätigt; +ich dachte mir sie nämlich etwas fromm, etwas schwärmerisch, und sie +mußte dies sein; wie konnte sie sonst einem deutschen Pietisten die +Heilung des Kapitäns West zutrauen? + +Wir wurden von der Signora Campoco und ihren Hunden freundlich +empfangen; den Berliner führte sie zu ihrer Nichte, mich bat sie, in +ein Zimmer zu treten, wo ich einen Landsmann finden werde. Ich trat +ein. Am Fenster stand ein langer, hagerer Mann von kaltem, finsteren +Aussehen. Er heftete seine Augen immer zu Boden, und wenn er sie +einmal aufschlug, so glühten sie von einem trüben, unsicheren Feuer. +Ich machte ihm mein Kompliment, er erwiderte es mit einem leichten +Neigen des Hauptes und antwortete: „Gegrüßet seist du mit dem Gruße +des Friedens!" + +Ha, dachte ich, das ist niemand anders als der Pietist! Solche Leute +sind eine wahre Augenweide für den Teufel, er weiß, wie es in ihrem +Innern aussieht, und diese herrliche Charaktermaske, lächerlicher als +Policinello, komischer als Passaglio, pathetischer als Truffaldin, und +wahrer als sie alle, trifft man besonders in Deutschland und seit +neuerer Zeit in Amerika, wohin sie die Deutschen verpflanzt haben. +Diese Protestanten glauben im echten Sinne des Wortes zu handeln, wenn +sie gegen alles protestieren. Der Glaube der katholischen Kirche ist +ihnen ein Greuel; der Papst ist der Antichrist, gegen ihn und die +Türken beten sie alle Tage ein absonderliches Gebet. Nicht zufrieden +mit diesem, protestieren sie gegen ihren eigenen Staat, gegen ihre +eigene Kirche. Alles ist ihnen nicht orthodox, nicht fromm genug. Man +glaubt vielleicht, sie selbst sind um so frommer? O ja, wie man will. +Sie gehen gesenkten Hauptes, wagen den Blick nicht zu erheben, wagen +kein Weltkind anzuschauen. Ihre Rede ist, „Ja, ja, nein, nein". Auf +weitere Schwüre und dergleichen lassen sie sich nicht ein. Sie sind +die Stillen im Lande; denn sie leben einfach, und ohne Lärm für sich; +doch diese selige Ruhe in dem Herrn verhindert sie nicht, ihre +Mitmenschen zu verleumden, zu bestehlen, zu betrügen. Daher kömmt es, +daß sie einander selbst nicht trauen. Sie vermeiden es, sich +öffentlich zu vergnügen, und wer am Sonntag tanzt, ist in ihren Augen +ein Ruchloser. Unter sich selbst aber feiern sie Orgien, von denen +jeder andere sein Auge beschämt wegwenden würde. + +Drum lacht mir das Herz, wenn ich einen Mystiker dieser Art sehe. Sie +gehen still durchs Leben und wollen die Welt glauben machen, sie seien +von Anbeginn der Welt als extrafeine Sorte erschaffen und plombiert +worden, und der heilige Petrus, mein lieber Cousin, werde ihnen einen +näheren Weg, ein Seitenpförtchen in den Himmel aufschließen. Aber alle +kommen zu mir; Separatisten, Pietisten, Mystiker, wie sie sich heißen +mögen, seien sie Kathedermänner oder Schuhmacher, alle sind in Nr. 1 +und 2, sie v e r n e i n e n, wenn auch nicht im Äußern; denn sie sind +Heuchler in ihrem Herzen von Anbeginn. + +Ein solcher war nun der fromme Mann am Fenster. „Ihr seid ein +Landsmann von mir," fragte ich nach seinem Gruß, „Ihr seid ein +Deutscher?" + +„Alle Menschen sind Brüder und gleich vor Gott," antwortete er; „aber +die Frommen sind ihm ein angenehmer Geruch." + +„Da habt Ihr recht," erwiderte ich, „besonders wenn sie in einer engen +Stube Betstunde halten. Seid Ihr schon lange hier in dieser +gotteslästerlichen Stadt?" + +Er warf einen scheuen Blick auf mich und seufzte: „O welche Freude hat +mir der Herr gegeben, daß er einen Erweckten zu mir sandte! Du bist +der erste, der mir hier sagt, daß dies die Stadt der babylonischen H---, +der Sitz des Antichrists ist. Da sprechen sie in ihrem weltlichen Sinne +von dem Altertume der Heiden, laufen umher in diesen großen +Götzentempeln und nennen alles ‚heiliges Land', selbst wenn sie +Protestanten sind; aber diese sind oft die Ärgsten." + +„Wie freut es mich, Bruder, dich gefunden zu haben! Sind noch mehrere +Brüder und Schwestern hier? Doch hier kann es nicht fehlen; in einer +Gemeinde, die der Apostel Paulus selbst gestiftet hat, müssen fromme +Seelen sein." + +„Bruder, geh mir weg mit dem Apostel Paulus, dem traue ich nur halb; +man weiß allerlei von seinem früheren Leben, und nachher, da hat er so +etwas Gelehrtes wie unsere Professoren und Pfarrer; ich glaube, durch +ihn ist dieses Übel in die Welt gekommen. Zu was denn diese +Gelehrtheit, diese Untersuchungen? Sie führen zum Unglauben. Die +Erleuchtung macht's, und wenn einer nicht zum D u r c h b r u c h +gekommen ist, bleibt er ein Sünder. Ein altes Weib, wenn sie +erleuchtet ist, kann so gut predigen und lehren in Israel als der +gelehrteste Doktor." + +„Du hast recht, Bruder," erwiderte ich ihm; „und ich war in meinem +Leben in der Seele nicht vergnügter, nie so heiter gestimmt, als wenn +ich einen Bruder Schuster oder eine Schwester Spitälerin das Wort +verkündigen hörte. War es auch lauterer Unsinn, was sie sprach, so +hatte ihr es doch der Geist eingegeben, und wir alle waren +zerknirscht. Doch sage mir, wie kömmst du ins Haus dieser Gottlosen?" + +„Bruder, in der Stadt Dresden im Sachsenland, wo es mehr Erleuchtete +gibt als irgendwo, da wohnte ich neben ihrem Haus. Damals war sie ein +Weltkind und lachte, wenn die Frommen am Sonntagsabend in mein Haus +wandelten, um eine Stunde bei mir zu halten. Als ich nun hierher kam +in dieses Sodom und Gomorra, da gab mir der Geist ein, meine Nachbarin +aufzusuchen. Ich fand sie von einem Unglück niedergedrückt. Es ist ihr +ganz recht geschehen; denn so straft der Herr den Wandel der Sünder. +Aber mich erbarmte doch ihre junge Seele, daß sie so sicherlich +abfahren soll dorthin, wo Heulen und Zähneklappern. Ich sprach ihr zu, +sie ging ein in meine Lehren, und ich hoffe, es wird bei ihr bald zum +Durchbruch kommen. Und da erzählte sie mir von einem Manne, den der +Satan und der Antichrist in ihren Schlingen gefangen haben, und bat +mich, ob ich nicht lösen könne diese Bande kraft des Geistes, der in +mir wohnet. Und darum bin ich hier." + +Während der fromme Mann die letzten Worte sprach, kam der Berliner mit +dem Fräulein. Jener stellte mich vor, und sie fragte errötend, ob ich +mit der Familie des Kapitäns West in Mecklenburg bekannt sei. Ich +bejahte es; ich hatte mit mehreren dieser Leute zu tun gehabt und gab +ihr einige Details an, die sie zu befriedigen schienen. + +„Der Kapitän ist auf dem Sprung, einen sehr törichten Schritt zu tun, +der ihn gewiß nicht glücklich machen kann; S. hat Ihnen wohl schon +davon gesagt, und es kömmt jetzt darauf an, ihm das Mißliche eines +solchen Schrittes auch von seiten seiner Familie darzutun." + +„Mit Vergnügen; dieser fromme Mann wird uns begleiten; er ist in +geistlichen Kämpfen erfahrener als ich; ich hoffe, er wird sehr +nützlich sein können." + +„Es ist mein Beruf," antwortete der Pietist, die Augen greulich +verdrehend, „es ist mein Beruf, zu kämpfen, solange es Tag ist. Ich +will setzen meinen Fuß auf den Kopf der Schlange und will ihr den Kopf +zertreten wie einer Kröte; soeben ist der Geist in mich gefahren. Ich +fühle mich wacker wie ein gewappneter Streiter. Liebe Brüder, lasset +uns nicht lange zaudern, denn die Stunde ist gekommen; Sela!" + +„Gehen wir!" sagte der Berliner. „Seien Sie versichert, Luise, daß +Freund Stobelberg und ich alles tun werden, was zu Ihrer Beruhigung +dienen kann. Fassen Sie sich, sehen Sie mutig, heiter in die Zukunft; +die Zeit bringt Rosen." + +Das schöne bleiche Mädchen antwortete durch ein Lächeln, das sie einem +wunden Herzen mühsam abgezwungen hatte. Wir gingen, und als ich mich +in der Türe umwandte, sah ich sie heftig weinen. + +Wir drei gingen ziemlich einsilbig über die Straße; der Pietist, vom +Geiste befallen, murmelte unverständliche Worte vor sich hin und +verzog sein Gesicht, rollte seine Augen wie ein Hierophant. Der +Berliner schien an dem guten Erfolg unseres Beginnens zu zweifeln und +ging sinnend neben mir her; ich selbst war von dem Anblick der stillen +Trauer jenes Mädchens, ich möchte sagen, beinahe gerührt; ich dachte +nach, wie man es möglich machen könnte, sie der Schwärmerei zu +entreißen, sie dem Leben, der Freude wiederzugeben; denn so gerne ich +ihr den Himmel und alles Gute wünschte, so schien sie mir doch zu jung +und schön, als daß sie jetzt schon auf eine etwas langweilige +Seligkeit spekulieren sollte. Durch den Berliner schien ich dies am +besten erreichen zu können, besser vielleicht noch durch den Kapitän +West, der mir ohnedies verfallen war; doch zweifelte ich, ob man ihn +noch von der Spanierin werde losmachen können. + +Auf dem Hausflur des Kapitäns ließ uns der Pietist vorangehen, weil er +hier beten und unsern Ein= und Ausgang segnen wolle. Doch, o Wunder! +Als wir uns umsahen, nahm er nach jedem Stoßseufzer einen Schluck aus +einem Fläschchen, das seiner Farbe nach einen guten italienischen +Likör enthalten mußte. Ha! jetzt muß der Geist erst recht über ihn +kommen, dachte ich, jetzt kann es nicht fehlen, er muß mit großer +Begeisterung sprechen. + +Der Kapitän empfing uns mit einer etwas finsteren Stirne. Der Berliner +stellte uns ihm vor, und sogleich begann der Pietist, vom Geiste +getrieben, seinen Sermon. + +Er stellte sich vor den Kapitän hin, schlug die Augen zum Himmel und +sprach: „Bruder! Was haben meine Ohren von dir vernommen? So ganz hat +dich der Teufel in seinen Klauen, daß du dich dem Antichrist ergeben +willst, daß du absagen willst der heiligen christlichen Kirche, der +Gemeinschaft der Heiligen? Sela. Aber da sieht man es deutlich. Wie +heißt es Sirach am 9. im dritten Vers? He? ‚Fliehe die Buhlerin, daß +du nicht in ihre Stricke fallest.'" + +„Zu was soll diese Komödie dienen, Herr von S.?" sprach der Kapitän +gereizt. „Ich hoffe, Sie sind nicht gekommen, mir in meinem Zimmer +Sottisen zu sagen." + +„Ich wollte Sie mit Herrn von Stobelberg, der Ihre Familie kennt, +besuchen. Da ließ sich dieser fromme Mann, der gehört hat, daß Sie +übertreten wollen, nicht abhalten, uns zu begleiten." + +„Große Ehre für mich, geben Sie sich aber weiter keine Mühe; denn--" + +„Höret, höret, wie er den Herrn lästert, in dessen Namen ich komme," +schrie der Pietist. „Der Antichrist krümmet sich in ihm wie ein Wurm, +und der Teufel sitzt ihm auf der Zunge. O, warum habt Ihr Euch blenden +lassen von Weltehre? Was sagt derselbe Sirach? Laß dich nicht bewegen +von dem Gottlosen in seinen großen Ehren; denn du weißt nicht, wie es +ein Ende nehmen wird.--Wisse, daß du unter den Stricken wandelst und +gehest auf eitel hohen Spitzen!"' + +„Sie kennen meine Familie, Herr von Stobelberg? Sind Sie vielleicht +selbst ein Landsmann aus Mecklenburg?" + +„Nein! Aber ich kam viel in Berührung mit Ihrer Familie und bin mit +einigen Gliedern derselben sehr nahe liiert. So zum Beispiel mit Ihrem +Onkel F., mit Ihrer Tante W., mit Ihrem Schwager Z." + +„Wie? Der Satan hat ihm die Ohren zugeleimt?" rief der fromme +Protestant, als sein abtrünniger Bruder ihn völlig ignorierte. „Auf, +ihr Brüder, ihr Streiter des Herrn, lasset uns ein geistliches Lied +singen, vielleicht hilft es." Er drückte die Augen zu und fing an, mit +näselnder, zitternder Stimme zu singen: + + „Herr, schütz' uns vor dem Antichrist, + Und laß uns doch nicht fallen; + Es streckt der Papst mit Hinterlist + Nach uns die langen Krallen; + Und laß dich erbitten, + Vor den Jesuiten + Und den argen Missionaren + Wollest gnädig uns bewahren. + + Sie sind des Teufels Knechte all, + Nur wir sind fromme Seelen; + Wir kommen in des Himmels Stall, + Uns kann es gar nicht fehlen; + Denn nach kurzem Schlafe + Ziehn wir frommen Schafe + In den Pferch für uns bereitet, + Wo der Hirt die Schäflein weidet; + Dort scheidet er die Böcke aus--" + +Man kann eben nicht sagen, daß der Fromme wie eine Nachtigall sang; +aber komisch genug war es anzusehen, wie er, vom Geiste getrieben, +dazu agierte. Auf den Wangen des Kapitäns wechselte Scham und Zorn, +und man war ungewiß, ob er mehr über die Unverschämtheit dieses +Proselytenmachers staunte oder mehr über den Inhalt der frommen Hymne +erbost sei. Als der Pietist nach einem tiefen Seufzer den dritten Vers +anhub, ging die Türe auf, und die hohe, majestätische, Gestalt des +Kardinals Rocco trat ein. Er war angetan mit einem weißen, +faltenreichen Gewand, und der Purpur, der über seine Schultern +herabfloß, gab ihm etwas Erhabenes, Fürstliches. Er übersah uns mit +gebietendem Blick, und die Rechte, die er ausstreckte, mochte +vielleicht den ehrerbietigen Kuß eines Gläubigen erwarten. + +Der Kapitän war in sichtbarer Verlegenheit. Er fühlte, daß der +Kardinal uns den Protestantismus sogleich anriechen, daß es ihn +erzürnen werde, seinen Katechumenen in so schlechter Gesellschaft zu +sehen. Er nannte der Eminenz unsere Namen, doch als er Herrn v. S. +erblickte, trat er erschrocken einen Schritt zurück und flüsterte dem +Frater Piccolo in der violetten Kutte zu: „Das ist wohl der Teufel, +den du im Traume gesehen?" + +Piccolo antwortete mit drei Kreuzen, die er ängstlich auf seinen Leib +zeichnete, und der Kardinal fing an, leise einige Stellen aus dem +Exorzismus zu beten. Während dieser Szene hatte sich der fromme +Kaufmann, dem das Wort auf der Lippe stehen geblieben war, wieder +erholt. Er betrachtete die imponierende Gestalt dieses Kirchenfürsten; +doch schien sie ihm nicht mehr zu imponieren, nachdem er bei sich zu +dem Resultate gelangt war, daß nur ein frommer protestantisch= +mystischer Christ zur Seligkeit gelangen könne. Er hub im heulenden +Predigerton auf italienisch an: „Siehe da, ein Sohn der babylonischen +H---, ein Nepote des Antichrists. Er hat sich angetan mit Leide und +Purpur, um eure armen Seelen zu verlocken. Hebe dich weg, Satanas!" + +„Ist der Mensch ein Narr?" fragte der Kardinal, indem er näher trat +und den Prediger ruhig und groß anschaute. „Piccolo, merke dir diesen +Menschen, wir wollen ihn im Spital versorgen." + +Der Pietist geriet in Wut. „Baalspfaffe, Götzendiener, Antichrist!" +schrie er. „Du willst mich ins Spital tun? Ha, jetzt kömmt der Geist +erst recht über mich. Ich will barmherzig sein mit dir, Sodomiter! Ich +will dich lehren die Hauptstücke der Religion, daß du deine +ketzerischen Irrtümer einsehest. Aber zuvor ziehe sogleich den Purpur +ab! Zu was soll dieser Flitter dienen? Meinst du, du gefallest dem +Herrn besser, wenn du violette Strümpfe anhast? O du Tor! Das sind die +eitlen Lehren des Antichrists, des Drachen, der auf dem Stuhle sitzt; +in Sack und Asche mußt du Buße tun." + +Jetzt glühte Roccos Auge vor Wut, seine Stirne zog sich zusammen, +seine Wangen glühten. „Jetzt sehe ich, Kapitän," rief er, „was Euch +solange zögern macht. Ihr haltet Zusammenkünfte mit diesen +wahnsinnigen Ketzern, die Euch in Eurem Aberglauben bestärken. Ha! bei +der heiligen Erde, Ihr habt uns tief gekränkt." + +„Herr Kardinal!" fiel ihm Herr v. S. in die Rede. „Ich bitte, uns +nicht alle in eine Klasse zu werfen. Wenn jener Mann dort den Trieb in +sich fühlt, alle Welt zu bekehren, so können wir ihn nicht daran +verhindern. Doch meine ich, man habe sich nicht darüber zu beklagen; +denn Ew. Eminenz wissen, daß es gleichsam nur Repressalien für die +Missionen und die Jesuiterei sind, mit welcher man gegenwärtig alle +Welt über schwemmt." + +Jetzt war der rechte Zeitpunkt, die Leutchen zu hetzen. Jetzt galt es, +sie zu verwickeln, um sie nachher desto länger trauern zu lassen. +„Herr v. S.," sagte ich, „der Herr Kapitän will, denke ich, durch sein +Schweigen beweisen, daß er Seiner Eminenz recht gibt. Zwar schließt +mich mein Bewußtsein von den ‚wahnsinnigen Ketzern' aus: ich mache +keine Proselyten, ich unterrichte niemand in der Religion; aber Ihrer +werten Familie in Mecklenburg werde ich bei meiner Rückkehr sagen +können--" + +„Stille!" rief der Pietist mit feierlicher Stimme. „Bruder, Mann +Gottes, willst du dich so versündigen, mit dem Baalspfaffen zu +rechten? Er geht einher wie ein Pharisäer; aber es wäre ihm besser, +ein Mühlstein hänge an seinem Hals, und er würde ertränket, wo es am +tiefsten ist." + +„Hüte dich, einen Pfaffen zu beleidigen," ist ein altes Sprichwort, +und der Kapitän mochte auch so denken. Ich sah, daß die Beschämung, +vor uns von Rocco wie ein Schulknabe behandelt zu werden, und die +Furcht, ihn zu beleidigen, in seinem Gesichte kämpften. + +„Ich muß Ihren Irrtum berichtigen, Eminenz," entgegnete er. „Diesen +Mann hier kenne ich nicht, und er kann sich auch entfernen, wann er +will, denn seine schwärmerischen Reden sind mir zum Ekel; aber über +diese Herren hier haben Sie eine ganz falsche Ansicht. Herr von +Stobelberg bringt mir Nachrichten von meiner Familie, Herr v. S. +besucht mich. Ich weiß nicht, welche bösliche Absicht Sie darein legen +wollen." + +Weit entfernt, den Kardinal durch diese Worte zu besänftigen, brachte +er ihn nur noch mehr auf; doch bezähmte er laute Ausbrüche desselben, +und seine stille Wut werde nur in kaltem Spott sichtbar. „Ja, ich habe +mich freilich höchlich geirrt," sagte er lächelnd, „und bitte um +Verzeihung, meine Herren. Ich dachte, Ihr Besuch betreffe religiöse +Gegenstände; doch nun merke ich, daß es friedlichere Absichten sind, +was Sie herführt. Herr v. S. wird wahrscheinlich den Herrn Kapitän +wieder in die süßen Fesseln des deutschen Fräuleins legen wollen? +Trefflich! Ob auch eine andere Dame darüber sterben wird, ist ihm +gleichgültig. Ich bewundere nebenbei auch Ihre Gutmütigkeit, Capitano, +daß Sie sich von demselben Manne zurückführen lassen, der Sie so +geschickt aus dem Sattel hob!" + +Zu welch sonderbaren Sprüngen steigert doch den Sterblichen die +Beschämung. Gefühl des Unrechts, wirkliche Beleidigung, Zorn, alle +Leidenschaften seiner Seele hätten den Kapitän wohl nicht so außer +sich gebracht als das Gefühl der Scham, vor deutschen Männern von +einem römischen Priester so verhöhnt zu werden. „Die Achtung, Signore +Rocco," sagte er, „die Achtung, die ich vor Ihrem Gewand habe, schützt +mich, Ihnen zu erwidern, was Sie mir in meinem Zimmer über mich gesagt +haben. Ich kenne jetzt Ihre Ansichten über mich hinlänglich und +wundere mich, wie Sie sich um meine arme Seele so viele Mühe geben +wollten. Diesem Herrn, der, wie Sie sagten, mich aus dem Sattel hob, +werde ich folgen. Doch wissen Sie, daß, was er getan hat, mit meiner +Zustimmung geschah. Ich werde ihm folgen, obgleich es zuvor gar nicht +in meiner Absicht lag; nur um Ihnen zu zeigen, daß weder Ihr Spott +noch Ihre Drohungen auf mich Eindruck machen; und wenn Sie ein +andermal wieder einen Mann meiner Art unter der Arbeit haben, so rate +ich Ihnen, Ihren Spott oder Ihren Zorn zurückzuhalten, bis er im +Schoße der Kirche ist." + +Das reiche, rosige Antlitz Roccos war so weiß geworden als sein +seidenes Gewand. „Geben Sie sich keine Mühe," entgegnete er, „mir zu +beweisen, wie wenig man an einem seichten Kopf Ihrer Art verliert. +Glauben Sie mir, die Kirche hat höhere Zwecke, als einen Kapitän West +zu bekehren--" + +„Wir kennen diese schönen Zwecke," rief der Berliner mit sehr +überflüssigem Protestantismus; „Ihre Pläne sind freilich nicht auf +einen einzelnen gerichtet, sie gehen auf uns arme Seelen alle. Sie +möchten gar zu gerne unser ganzes Vaterland und England und alles, was +noch zum Evangelium hält, unter den heiligen Pantoffel bringen. Aber +Sie kommen hundert Jahre zu spät oder zu früh; noch gibt es, Gott sei +Dank, Männer genug in meinem Vaterlande, die lieber des Teufels sein +wollen, als den heiligen Stuhl anbeten." + +„Bringe mir meinen Hut, Piccolo," sagte der Priester sehr gelassen. +„Ihnen, mein Herr v. S., danke ich für diese Belehrung; doch lag uns +an den dummen Deutschen wenig. Es liegt ein sicheres Mittel in der +Erbärmlichkeit Ihrer Nation und in ihrer Nachahmungssucht. Ich kann +Sie versichern, wenn man in Frankreich recht fromm wird, wenn England +über kurz über lang zur alleinseligmachenden Kirche zurückkehrt, dann +werden auch die ehrlichen Deutschen nicht mehr lange protestieren. +Drum leben Sie wohl, mein Herr, auf Wiedersehen!" Die Züge des +Kardinals hatten etwas Hohes, Gebietendes, das mir beinahe nie so +sichtbar wurde als in diesem Moment. Ich mußte gestehen, er hatte sich +gut aus der Sache gezogen und verließ als Sieger die Walstatt. Frater +Piccolo setzte ihm den roten Hut auf, ergriff die Schleppe seines +Talars und, mit Anstand und Würde grüßend, schritt der Kardinal aus +dem Zimmer. + +Der Berliner fühlte sich beschämt und sprach kein Wort; der Pietist +murmelte Stoßgebetlein und war augenscheinlich düpiert; denn der +Streit ging über seinen Horizont, an welchem nur die Ideen von dem +Antichrist, dem Drachen auf dem Stuhl des Lammes, dem Baalspfaffen, +der babylonischen Dame, dem ewigen Höllenpfuhl und dem +Paradiesgärtlein, in lieblichem Unsinn verschlungen, schwebten. + +Dem Kapitän schien übrigens nicht gar zu wohl bei der Sache zu sein. +Ich erinnerte mich, gehört zu haben, daß er von Donna Ines und diesem +Priester bedeutende Vorschüsse empfangen habe, die er nicht zahlen +sonnte; es war zu erwarten, daß sie ihn von dieser Seite bald quälen +würden, und ich freute mich schon vorher, zu sehen, was er dann in der +Verzweiflung beginnen werde. Auch zu diesem Auftritt hatte ihn sein +Leichtsinn verleitet; denn hätte er bedacht, was für Folgen für ihn +daraus entstehen könnten,--er hätte sich von falscher Scham nicht so +blindlings hinreißen lassen. Der Berliner fuhr übrigens bei dieser +Partie ebenso schlimm. Ich wußte wohl, daß er die Hoffnung auf Luisens +Besitz nicht ausgegeben hatte, daß er sie mächtiger als je nährte, da +sie ihn heute hatte rufen lassen; ich wußte auch, daß sie den Kapitän +nicht gerade zu sich zurückwünschte, sondern ihn nur nicht katholisch +wissen wollte; ich wußte, daß sie dem Berliner vielleicht bald geneigt +worden wäre, weil sie sah, mit welchem Eifer er sich um sie bemühte; +und jetzt hatte der Kapitän vor uns allen ausgesprochen, daß er das +Fräulein wiedersehen wolle; und so war es. + +„Es ist mein voller Ernst, Herr v. S.," sagte er, „ich sehe ein, daß +ich mich diesen unwürdigen Verbindungen entreißen muß. Können Sie mir +Gelegenheit geben, das Fräulein wiederzusehen und ihre Verzeihung zu +erbitten?" + +„Ich weiß nicht, wie Fräulein von Palden darüber denkt," antwortete +der junge Mann etwas verstimmt und finster; „ich glaube nicht, daß +nach diesen Vorgängen--" + +„O! Ich habe die beste Hoffnung," rief jener, „ich kenne Luisens gutes +Herz und kann nicht glauben, daß sie aufgehört habe, mich zu lieben. +Hören Sie einen Vorschlag. Signora Campoco hat einen Garten an der +Tiber; bitten Sie das Fräulein, mit ihrer Tante heute abend dorthin zu +kommen. Ich will sie ja nicht allein sehen, Sie alle können zugegen +sein; ich will ja nichts, als Vergebung lesen in ihren Augen; ein Wort +von ihr soll mir genug sein, um mich mit mir selbst und mit dem Himmel +zu versöhnen. Ach, wie schmerzlich fühle ich meine Verirrungen!" + +„Gut, ich will es sagen," erwiderte der Berliner, indem er mit Mühe +nach Fassung rang. „Soll ich Ihnen Antwort bringen?" + +„Ist nicht nötig; wenn Sie keine Antwort bringen, bin ich um sechs Uhr +als reuiger Sünder in dem Garten an der Tiber." + + + * * * * * + + +Ich gestehe, der Berliner hatte ein sonderbares Geschick. Das +Verhängnis zog ihn in diese Verhältnisse; seine Gestalt, sein Gesicht, +zufällig dem Kapitän West sehr ähnlich, bringt ihm Glück und Unglück; +es zieht ihn in die Nähe des Mädchens; er lernt ihr Schicksal kennen, +er sieht sie leiden, er leidet mit ihr; die Zeit, die alle Wunden +heilt, bewirkt endlich, daß sie den Kapitän vielleicht nicht mehr so +sehnlich zurückwünscht; sie will nur, daß er jenen Schritt nicht tue, +den sie für einen törichten hält; sich selbst unbewußt, gibt sie dem +armen S. Hoffnungen; er glaubt, sie errungen zu haben durch die vielen +Bemühungen um ihre Wahl, und jetzt muß er den gefährlichen +Nebenbuhler, einen Mann, den er verachtet, zu ihr zurückführen! + +Ich war begierig auf diesen Abend; der Berliner hatte mir gesagt, daß +sie einwillige, ihn, von Signora Campoco begleitet, zu sehen. Sie +hatte ihn eingeladen, zugegen zu sein, und er bat mich, ihn zu +begleiten, weil er diese Szene allein nicht mit ansehen könne. + +Als ich seiner Wohnung zuging, trat mir auf einmal Frater Piccolo in +den Weg mit der Frage, wo er wohl den Kapitän finden könnte? Ich +forschte ihn aus, zu welchem Zwecke er wohl den Kapitän suche, und er +sagte mir ohne Umschweife, daß er ihm von dem Kardinal einen +Schuldschein auf fünftausend Scudi zu überreichen habe, die jener +zwölf Stunden nach Sicht bezahlen müsse. „Wertester Frater Piccolo," +erwiderte ich ihm, „das sicherste ist, Ihr bemühet Euch nach sechs Uhr +in den Garten der Signora Campoco, welcher an der Tiber gelegen; dort +werdet Ihr ihn finden, dafür stehe ich Euch." Er dankte und ging +weiter; daß er diese Nachricht dem Kardinal und vielleicht auch Donna +Ines mitteilen werde, glaubte ich voraussehen zu dürfen. „Fünftausend +Scudi, zwölf Stunden nach Sicht!" sagte ich zu mir. „Ich will doch +sehen, wie er sich heraushilft!" + +Den armen Berliner traf ich sehr niedergeschlagen. Er schien zu +fühlen, daß seine Hoffnungen auf ewig zerstört seien; doch nicht nur +dies Gefühl war es, was ihn unglücklich machte, er fürchtete, Luise +werde nicht auf die Dauer glücklich werden. „Dieser West!" rief er. +„Ist es nicht immer wieder Leichtsinn, was ihn zu uns, zu ihr +zurückführt! Wie leicht ist es möglich, wenn einmal die Reue über ihn +kommt, die Spanierin so unglücklich gemacht zu haben--wie leicht ist +es möglich, daß er auch Luise wieder verläßt!" + +Ja, dachte ich, und wenn erst das Wechselchen anlangt und er nicht +zahlen kann, und wenn ihn Donna Ines mit den funkelnden Augen sucht +und bei der Fremden findet, und wenn erst der Kardinal seine Künste +anwendet! Die Schule der Verzweiflung hat er noch nicht ganz durch +gemacht. Aber auch das Fräulein, hoffe ich, wird jetzt auftauen und +ihre Hilfe zu kleinen Teufeleien und Höllenkünsten nehmen, und der +gute Berliner soll wohl auch bekannter mit mir werden müssen! + +Wir gingen hinaus an die Tiber zum verhängnisvollen Garten der Signora +Campoco. Unterwegs sagte mir der junge Mann, das Fräulein sei ihm +unbegreiflich. Als er ihr die Nachricht gebracht, wie sich im Hause +des Kapitäns auf einmal alles so sonderbar, wie durch eine höhere +Leitung, gefügt habe, wie West nicht nur zur protestantischen Kirche +zurücktreten, sondern auch als reuiger Sünder zu ihr zurückkehren +wolle, da sei, so sehr sie ihn zuvor angeklagt, ein seliges Lächeln +auf ihren schönen Zügen aufgegangen. Sie habe geweint vor Freude, sie +habe mit tausend Tränen ihre Tante dazu vermocht, uns in ihrem Garten +zu empfangen. Und dennoch sei sie jetzt nicht mehr recht heiter; eine +sonderbare Befangenheit, ein Zittern banger Erwartung habe sie +befallen, sie habe ihm gestanden, daß sie der Gedanke an den Fluch +ihres Vaters, wenn sie je die Gattin des Kapitäns werde, immer +verfolge. Es sei, als liege eine schwarze Ahnung vor ihrer sonst so +kindlich frohen Seele, als fürchte sie, trotz der Rückkehr des +Geliebten dennoch nicht glücklich zu werden. + +Unter den Klagen des Berliners, unter seinen Beschuldigungen gegen das +weibliche Geschlecht hatten wir uns endlich dem Garten genähert. Er +lag, von Bäumen umgeben, wie ein Versteck der Liebe. Signora Campoco +empfing uns mit ihren Hündlein aufs freundlichste; sie erzählte, daß +sie das deutsche Geplauder der Versöhnten nicht mehr länger hören +könne und zeigte uns eine Laube, wo wir sie finden würden. Errötend, +mit glänzenden Augen, Verwirrung und Freude auf dem schönen Gesicht, +trat uns das Fräulein entgegen. Der Kapitän aber schien mir ernster, +ja, es war mir, als müßte ich in seinen scheuen Blicken eine neue +Schuld lesen, die er zu der alten gefügt. + +Dem Berliner war wohl das schmerzlichste der feurige Dank, den ihm das +schöne Mädchen für seine eifrigen Bemühungen ausdrückte. Sie umfing +ihn, sie nannte ihn ihren treuesten Freund, sie bot ihm ihre Lippen, +und er hat wohl nie so tief als in jenem Augenblicke gefühlt, wie die +höchste Lust mit Schmerz sich paaren könne. Mir, ich gestehe es, war +diese Szene etwas langweilig; ich werde daher die nähere Beschreibung +davon nicht in diese Memoiren eintragen, sondern als Surrogat eine +Stelle aus Jean Pauls Flegeljahren einschieben, die den Leser weniger +langweilen dürfte: „Selige Stunden, welche auf die Versöhnung der +Menschen folgen! Die Liebe ist wieder blöde und jungfräulich, der +Geliebte neu und verklärt, das Herz feiert seinen Mai, und die +Auferstandenen vom Schlachtfelde begreifen den vorigen, vergessenen +Krieg nicht." So sagt dieser große Mensch, und er kann recht haben, +aus Erfahrung; ich habe, seit sich der Himmel hinter mir geschlossen, +nicht mehr geliebt, und mit der Versöhnung will es nicht recht gehen. + +Bei jener ganzen Szene ergötzte ich, mich mehr an der Erwartung als an +der Gegenwart. Wenn jetzt mit einem Male, dachte ich mir, Frater +Piccolo durch die Bäume herbei käme, um seinen Wechsel honorieren zu +lassen,--welche Angst, welcher Kummer bei dem Kapitän, welch es +Staunen, welcher Mißmut bei dem Fräulein! Ich dachte mir allerlei +dergleichen Möglichkeiten, während die andern in süßem Geplauder mit +vielen Worten nichts sagten--da hörte ich auf einmal das Plätschern +von Rudern in der Tiber. Es war nach sechs Uhr es war die Stunde, um +welche ich Frater Piccolo hierher bestellt hatte; wenn er es wäre!-- +Die Ruderschläge wurden vernehmlicher, kamen näher. Weder die +Liebenden, noch der Berliner schienen es zu hören. Jetzt hörte man nur +noch das Rauschen des Flusses, die Barke mußte sich in der Nähe ans +Land gelegt haben. Die Hunde der Signora schlugen an, man hörte +Stimmen in der Ferne, es rauschte in den Bäumen, Schritte knisterten +auf dem Sandweg des Gartens, ich sah mich um--Donna Ines und der +Kardinal Rocco standen vor uns. + +Luise starrte einen Augenblick diese Menschen an, als sehe sie ein +Gebild der Phantasie. Aber sie mochte sich des Kardinals aus einem +schrecklichen Augenblick erinnern, sie schien den Zusammenhang zu +begreifen, schien zu ahnen, wer Ines sei und sank lautlos zurück, +indem sie die schönen Augen und das erbleichende Gesicht in den Händen +verbarg. Der Kapitän hatte den Kommenden den Rücken zugekehrt und sah +also nicht sogleich die Ursache von Luisens Schrecken. Er drehte sich +um, er begegnete zornsprühenden Blicken der Donna, die diese Gruppe +musterte, er suchte vergeblich nach Worten; das Gefühl seiner Schande, +die Angst, die Verwirrung schnürten ihm die Kehle zu. + +„Schändlich!" hob Ines an. „So muß ich dich treffen? Bei deiner +deutschen Buhlerin verweilst du und vergißt, was du deinem Weibe +schuldig bist? Ehrvergessener! Statt meine Ehre, die du mir gestohlen, +durch Treue zu ersetzen, statt mich zu entschädigen für so großen +Jammer, dem ich mich um deinetwillen ausgesetzt habe, schwelgst du in +den Armen einer andern?" + +„Folget uns, Kapitän West!" sagte der Kardinal sehr strenge. „Es ist +Euch nicht erlaubt, noch einen Augenblick hier zu verweilen. Die Barke +wartet. Gebt der Donna Euren Arm und verlasset diese ketzerische +Gesellschaft." + +„Du bleibst!" rief Luise, indem sie ihre schönen Finger um seinen Arm +schlang und sich gefaßt und stolz aufrichtete. „Schicke diese Leute +fort. Du hast ja noch soeben diese Abenteurerin verschworen. Du +zauderst? Monsignore, ich weiß nicht, wer Ihnen das Recht gibt, in +diesen Garten zu dringen; haben Sie die Güte, sich, mit dieser Dame zu +entfernen." + +„Wer mir das Recht gibt, junge Ketzerin?" entgegnete Rocco. „Diese +ehrwürdige Frau Campoco; ich denke, ihr gehört der Garten, und es wird +sie nicht belästigen, wenn wir hier verweilen." + +„Ich bitte um Euren Segen, Eminenz," sagte, sich tief verneigend, +Signora Campoco; „wie möget Ihr doch sprechen? Meinem geringen Garten +ist heute Heil widerfahren! Denn heilige Gebeine wandeln darin umher!" + +„Nicht gezaudert, Kapitän!" rief der Kardinal. „Werfet den Satan +zurück, der Euch wieder in den Klauen hat; folget uns, wohin die +Pflicht Euch ruft!--Ha! Ihr zaudert noch immer, Verräter? Soll ich," +fuhr er mit höhnischem Lächeln fort, „soll ich Euch etwa dies Papier +vorzeigen? Kennet Ihr diese Unterschrift? Wie steht es mit den +fünftausend Scudi, verehrter Herr? Soll ich Euch durch die Wache +abholen lassen?" + +„Fünftausend Scudi?" unterbrach ihn der Berliner. „Ich leiste +Bürgschaft, Herr Kardinal, sichere Bürgschaft"-- + +„Mitnichten!" antwortete er mit großer Ruhe. „Ihr seid ein Ketzer; +_haeretico non servanda fides_. Ihr könntet leicht ebenso denken +und mit der Bürgschaft in die Weite gehen. Nein,--Piccolo! Sende einen +der Schiffer in die Stadt; man solle die Wache holen." + +„Um Gottes willen, Otto! Was ist das?" rief Luise, indem ihr Tränen +entstürzten. „Du wirst dich doch nicht diesen Menschen so ganz +übergeben haben? O Herr? Nur eine Stunde gestattet Aufschub, mein +ganzes Vermögen soll Euer sein; mehr, viel mehr will ich Euch geben, +als Ihr fordert"-- + +„Meinst du, schlechtes Geschöpf," fiel ihr die Spanierin in die Rede, +„meinst du, es handle sich um Geld? Mir, mir hat er seine Seele +verpfändet; er hat mich gelockt aus den Tälern meiner Heimat, er hat +mir ein langes seliges Leben in seinen Armen vorgespiegelt, er hat +mich betrogen um diese Seligkeit; du--du hast mich betrogen, deutsche +Dirne; aber siehe zu, wie du es einst vor den Heiligen verantworten +kannst, daß du dem Weib den Gatten raubst, den Kindern, den armen +Würmern, den Vater!" + +„Ja, das ist dein Fluch, alter Vater!" sagte Luise, von tiefer Wehmut +bewegt. „Das ist dein Fluch, wenn ich je die Seine würde; er nahte +schnell! Ich hätte dir ihn entrissen, unglückliches Weib? Nein, so +tief möchte ich nicht einmal dich verachten. Er kannte mich längst, +ehe er dich nur sah, und die Treue, die er dir schwur, hat er mir +gebrochen!" + +„Von dieser Sünde werden wir ihn absolvieren," sprach der Kardinal; +„sie ist um so weniger drückend für ihn, als Ihr selbst, Signora, mit +einem andern, der hier neben sitzt, in Verhältnissen waret. Zaudere +nicht mehr, folge uns! Bei den Gebeinen aller Heiligen, wenn du jetzt +nicht folgst, wirst du sehen, was es heißt, den heiligen Vater zu +verhöhnen!" + +Der Kapitän war ein miserabler Sünder. So wenig Kraft, so wenig +Entschluß! Ich hätte ihn in den Fluß werfen mögen; doch mußte es zu +einem Resultate kommen, drum schob ich schnell ein paar Worte ein: +„Wie? Was ist das für ein Geschrei von Kindern?" rief ich erstaunt. +„Es wird doch kein Unglück geben?" + +„Ha, meine Kinder!" weinte die Spanierin. „O, weinet nur, ihr armen +Kleinen! Der, der euch Vater sein sollte, hat Erz in seiner Brust. Ich +gehe, ich werfe sie in die Tiber und mich mit ihnen; so ende ich ein +Leben, das du, Verfluchter, vergiftetest!" + +Sie rief es und wollte nach der Tiber eilen; doch das Fräulein faßte +ihr Gewand; bleich zum Tod, mit halbgeschlossenen Augen führte sie +Donna Ines zu dem Kapitän und stürzte dann aus der Laube. Ich selbst +war einige Augenblicke im Zweifel, ob sie nicht denselben Entschluß +ausführen wolle, den die Donna für sich gefaßt; doch der Weg, den sie +einschlug, führte tiefer in den Garten, und sie wollte nur diesem +Jammer entgehen. Der Berliner aber lief ihr ängstlich nach, und als +sich auch der Kapitän losriß, ihr zu folgen, stürzte die ganze +Gesellschaft, der Kardinal, ich und Signora Campoco, in den Garten. + +Wir kamen zu ihnen, als eben Luise erschöpft und ohnmächtig +zusammensank. S. fing sie in seinen Armen auf und trug die teure Last +nach einer Bank. Dort wollte ihn der Kapitän verdrängen; er wollte +vielleicht seinen Entschluß zeigen, nur ihr anzugehören; er glaubte +heiligere Rechte an sie zu haben und entfernte den Arm des jungen +Mannes, um den seinigen unterzuschieben. + +Doch dieser, ergriffen von Liebe und Schmerz, aufgeregt von der Szene, +die wir gesehen, stieß den Kapitän zurück. „Fort mit dir!" rief er. +„Gehe zu Pfaffen und Ehebrechern, zu Schurken deines Gelichters! Du +hast deine Rolle künstlich gespielt; um diese Blume zu pflücken, +mußtest du dich den Armen jenes hergelaufenen Weibe noch einmal +entreißen, Hinweg mit dir, du Ehrloser!" + +„Was sprechen Sie da?" schrie der Kapitän schäumend, es mochte in der +Rede des jungen Mannes etwas liegen, was als Wahrheit um so beißender +war. „Welche Absichten legen Sie mir unter? Was hätte ich getan? +Erklären Sie sich deutlicher!" + +„Jetzt hast du Worte, Schurke; aber als dieser Engel zu dir flehte, da +hatte deinen Mund die Schande verschlossen. Rühre sie nicht an, oder +ich schlage dich nieder!" + +„Das kann dir geschehen," entgegnete jener, und einem Blitze gleich +fuhr er mit etwas Glänzendem aus der Tasche nach der Brust des jungen +Mannes.--In Spanien lernt man gut stoßen. Der Berliner hatte einen +Messerstich in der Brust und sank, ohne das Haupt der Geliebten zu +lassen, in die Knie. + +„Jetzt wird der tapfere Hauptmann gewiß katholisch," war mein Gedanke, +als das Herzblut des jungen Mannes hervorströmte; „jetzt wird er sich +bergen im Schoße der Kirche!" Und es schien so zu kommen. Denn +willenlos ließ, sich der Kapitän von Ines und dem Kardinal wegführen, +und die Barke stieß vom Lande. + + + * * * * * + + +Wenige Tage nach diesem Vorfall erschien jener glorreiche Tag, an +welchem der Papst vor dem versammelten Volke mir, dem Teufel, alle +Seelen der Ketzer übermacht; ich habe zwar durch diese Anweisung noch +nie eine erhalten und weiß nicht, ob Seine Heiligkeit falliert haben +und nun auf der Himmelsbörse keine Geschäfte mehr machen, also wenig +Einfluß auf das Steigen und Fallen der Seelen haben, oder ob +vielleicht diese Verwünschung nur zur Vermehrung der Rührung dient, um +den Wirten und Gewerbsleuten in Rom auf versteckte Weise zu verstehen +zu geben, daß sie sich kein Gewissen daraus machen sollen, die Beutel +der Engländer, Schweden und Deutschen zu schröpf en, da ihre Seelen +doch einmal verloren seien. + +An einem solchen Tage pflegt ganz Rom zusammenzuströmen, besonders die +Weiber kommen gerne, um die Ketzer im Geiste abfahren zu sehen. Man +drängt und schlägt sich auf dem großen Platz, man hascht nach dem +Anblick des heiligen Vaters, und wenn er den heiligen Bannstrahl +herabschleudert, durchzückt ein mächtiges Gefühl jedes Herz, und alle +schlagen an die Brust und sprechen. „Wohl mir, daß ich nicht bin wie +dieser einer." An diesem Tage aber hatte das Fest noch eine ganz +besondere Bedeutung; man sprach nämlich in allen Zirkeln, in allen +Kaffeehäusern, auf allen Straßen davon, daß ein berühmter, tapferer +ketzerischer Offizier an diesem Tage sich taufen lassen wolle. Dieser +Offizier machte seine Grade erstaunlich schnell durch. Am Montag hieß +es, er sei Kapitän, am Dienstag, er sei Major, am Mittwoch war er +Obrist, und wenn man am Donnerstag frühe ein schönes Kind auf der +Straße anhielt, um zu fragen, wohin es so schnell laufe, konnte man +auf die Antwort rechnen: „Ei, wisset Ihr nicht, daß zur Ehre Gottes +ein General der Ketzer sich taufen läßt und ein guter Christ wird wie +ich und Ihr?" + +Wer der berühmte Täufling war, werden die Leser meiner Memoiren leicht +erraten. Endlich, endlich war er abgefallen! Sie hatten ihn wohl nach +der Szene in Signoras Garten so lange und heftig mit Vorwürfen, +Bitten, Drohungen, Versprechungen und Tränen bestürmt, daß er +einwilligte, besonders da er durch den Übertritt nicht nur Absolution +für seine Seele, was ihm übrigens wenig helfen wird, sondern auch +Schutz vor der Justiz bekam, die ihm schon nachzuspüren anfing, da der +Berliner einige Tage zwischen Leben und Tod schwebte, und sein +Gesandter auf strenge Ahndung des Mordes angetragen hatte. + +Ich stellte mich auf dem Platze so, daß der Zug mit dem Täufling an +mir vorüber kommen mußte. Und sie nahten. Ein langer Zug von Mönchen, +Priestern, Nonnen, andächtigen Männern und Frauen kam heran. Ihre +halblaut gesprochenen Gebete rollten wie Orgelton durch die Lüfte. Sie +zogen im Kreis um den ungeheuern Platz, und jetzt wurden die Römer um +mich her aufmerksamer. „_Ecco, ecco lo_!" flüsterte es von allen +Seiten; ich sah hin--in einem grauen Gewand, das Haupt mit Asche +bestreut, ein Kruzifix in den gefalteten Händen, nahte mit unsicheren +Schritten der Kapitän. Zwei Bischöfe in ihren violetten Talaren gingen +vor ihm, und Chorknaben aller Art und Größe folgten seinen Sch ritten. + +„Ein schöner Ketzer, bei St. Peter! Ein schmucker Mann!" hörte ich die +Weiber um mich her sagen. „Welch ein frommer Soldat!" + +„Wie freut man sich, wenn man sieht, wie dem Teufel eine Seele +entrissen wird!"-- + +„Werden sie ihn vorher taufen oder nachher?" + +„Vorher," antwortete ein schöne schwarzlockiges Mädchen, „vorher; denn +nachher verflucht der heilige Vater alle Ketzer, und da würde er ihn +ja ewig verdammen und nachher segnen und taufen."-- + +„Ach, das verstehst du nicht," sagte ihr Vater, „der Papst kann alles, +was er will, so oder so." + +„Nein, er kann nicht alles," erwiderte sie schelmisch lächelnd; „nicht +alles!" + +„Was kann er denn nicht?" fragten die Umstehenden. „Er kann alles; was +sollte er denn nicht können?" + +„Er kann nicht heiraten!" lachte sie; doch nicht so schnell folgt der +Donner dem Blitz, als die schwere Hand des Vaters auf ihre Wange fiel. + +„Was? Du versündigst dich, Mädchen?" schrie er. „Welche unheiligen +Gedanken gibt dir der Teufel ein? Was geht es dich an, ob der Papst +heiratet oder nicht? Dich nimmt er auf keinen Fall." + +Das Volk begann indes in die Peterskirche zu strömen, und auch ich +folgte dorthin. Es ist eine lächerlich materielle Idee, wenn die +Menschen sich vorstellen, ich könne in keine christliche Kirche +kommen. So schreiben viele Leute C. M. B. (Caspar, Melchior, +Balthasar) über ihre Türen und glauben, die drei Könige aus Morgenland +werden sich bemühen, ihre schlechte Hütte gegen die Hexen zu schützen. + +Ich drängte mich so weit als möglich vor, um die Zeremonien dieser +Taufe recht zu sehen. Der tapfere Kapitän hatte jetzt sein graues +Gewand mit einem glänzend weißen vertauscht und kniete unweit des +Hochaltars. Kardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe standen umher, der +ungewisse Schein des Tages, vermischt mit dem Flackern der Lichter, +der Kerzen, welche die Chorknaben hielten, umgab sie mit einem +ehrwürdigen Heiligenschein, der jedoch bei manchem wie Scheinheiligkeit +aussah. Auf der andern Seite kniete unter vielen schönen Frauen +Donna Ines mit ihren Kindern. Sie war lockender und reizender als je, +und wer Luise und ihr sanftes blaues Auge nicht gesehen hatte, konnte +dem Täufling verzeihen, daß er sich durch dieses schöne Weib und +einen listigen Priester unter den Pantoffel St. Petri bringen ließ. + +Neben mir stand eine schwarzverschleierte Dame. Sie stützte sich mit +einer Hand an eine Säule, und ich glaubte, sie wäre ohne diese Hilfe +auf den Marmorboden gesunken, denn sie zitterte beinahe krampfhaft. +Der Schleier war zu dicht, als daß ich ihre Züge erkennen konnte. Doch +sagte mir eine Ahnung, wer es sein könnte. Jetzt erhoben die Priester +den Gesang, er zog mit den blauen Wölkchen des arabischen Weihrauchs +hinauf durch die Gewölbe und berauschte die Sinne der Sterblichen, +übertäubte ihre Seelen und riß sie hin zu einer Andacht, die sie zwar +über das Irdische, aber auch über die ewigen Gesetze ihrer Vernunft +hinwegführt. + +Die Priester sangen. Jetzt fing der Täufling an, sein +Glaubensbekenntnis zu sprechen. + +„Er hat mich nie geliebt," seufzte die Dame an meiner Seite; „er hat +auch dich nie geliebt, o Gott, verzeihe ihm diese Sünde!" + +Er sprach weiter, er verfluchte den Glauben, in welchem er bisher +gelebt. + +„Gib Frieden seiner Seele," flüsterte sie; „wir alle irren, so lange +wir sterblich sind, vielleicht hat er den wahren Trost gefunden! Laß +ihn Frieden finden, o Herr!" + +Da fingen die Priester wieder an zu singen. Ihre tiefen Töne drangen +schneidend in das Herz der Dame. Jetzt wurde das Sakrament an ihm +vollzogen; der Kardinal Rocco, im vollen Ornat seiner Würde, segnete +ihn ein, und Donna Ines warf dem Getauften frohlockende Grüße zu. + +„Vater, laß ihm mein Bild nie erscheinen," betete die Dame an meiner +Seite, „daß nie der Stachel der Reue ihn quäle! Laß ihn glücklich +werden!" + +Und mit dem Pomp des heiligen Triumphs schloß die Taufe, und der +Kapitän stand auf, zwar als ein so großer Sünder wie zuvor, doch als +ein rechtgläubiger katholischer Christ. Das Volk drängte sich herzu +und drückte seine Hände, und Donna Ines führte ihm mit holdem Lächeln +ihre Kinder zu. Aber noch war die Szene nicht zu Ende. Kardinal Luighi +führte den Getauften an die Stuf en des Altars, stieg die heiligen +Stufen hinan und las die Messe. + +Die Dame im schwarzen Schleier zitterte heftiger, als sie dies alles +sah; ihre Knie fingen an zu wanken. „Wer Ihr auch seid, mein Herr," +flüsterte sie mir plötzlich zu, „seid so barmherzig und führt mich aus +der Kirche; ich fühle mich sehr unwohl." Ich gab ihr meinen Arm, und +die frommste Seele in St. Peters weiten Hallen ging hinweg, begleitet +vom Teufel. + +Auf dem Platze vor der Peterskirche deutete sie schweigend auf eine +Equipage, die unfern hielt. Ich führte sie dorthin, ich öffnete ihr +den Schlag und bot ihr die Hand zum Einsteigen. Sie schlug den dunklen +Schleier zurück; es war, wie ich mir gesagt hatte, es waren die +bleichen, schönen Züge Luisens. „Ich danke, Herr!" sagte sie. „Ihr +habt mir einen großen Dienst erwiesen." Noch zitterte ihre Hand in der +meinigen, ihre schönen Augen wandten sich noch einmal nach St. Peter +und füllten sich dann mit einer Träne. Aber schnell schlug sie den +Schleier nieder und schlüpfte in den Wagen; die Pferde zogen an, ich +habe sie--nie wieder gesehen. + + + * * * * * + + +Eine wichtige Angelegenheit, die wankende Sache der hohen Pforte, +welcher ich immer besondere Aufmerksamkeit geschenkt habe, rief mich +an diesem Tage nach ...., wo ich mit einem berühmten Staatsmann eine +Konferenz halten mußte. Man kennt die Zuneigung dieses erlauchten +Wesirs eines christlichen Potentaten zum Halbmond; und ich hatte nicht +erst nötig, ihn zu überzeugen, daß die Türken seine natürlichen +Alliierten seien. Von .... eilte ich zurück nach Rom. Ich gestehe, ich +war begierig, wie sich die Verhältnisse lösen würden, in welche ich +verflochten war und die mir durch einige Situationen so interessant +geworden waren. + +Der erste, den ich unter der Porta del Popolo traf, war der deutsche +Kaufmann. Er saß in einem schönen Wagen und hatte, wie es schien, +Streit mit einigen päpstlichen Polizeisoldaten. Ich trat als +Stobelberg zu ihm. „Lieber Bruder," sagte ich, „es scheint, du willst +Sodom verlassen gleich dem frommen Lot?" + +„Ja, fliehen will ich aus dieser Stätte des Satan," war seine Antwort; +„und hier läßt mich der Drache auf dem Stuhl des Lammes noch einmal +anhalten, aus Zorn, weil ich einen seiner Baalspfaffen im Christentume +unterweisen wollte." + +Ich sah hin und merkte jetzt erst die Ursache des Streites. Die +Polizei hatte, ich weiß nicht aus welchem Grunde, den Wagen noch +einmal untersucht. Da war man auf ein Kistchen gestoßen und hatte den +Pietisten gefragt, was es enthalte. „Geistliche Bücher," antwortete +er. Man glaubte aber nicht, schloß auf, und siehe da, es war ein gutes +Flaschenfutter, und die Polizeimänner wollten wegen seines Betruges +einige Scudi von ihm nehmen. + +„Aber, Bruder!" sagte ich zu ihm. „Eine fromme Seele sollte nach +nichts dürsten als nach dem Tau des Himmels, nach nichts hungern als +nach dem Manna des Wortes, und doch führst du ein Dutzend Flaschen mit +dir, und hier liegt ein ganzer Pack Salamiwürste? Pfui, Bruder, heißt +es nicht: ‚Was werden wir essen, was werden wir trinken, nach dem +allem fragen die Heiden?'" + +„Bruder," erwiderte jener und drehte die Augen gen Himmel, „Bruder, +bei dir muß es noch nicht völlig zum Durchbruch gekommen sein, daß du +einem Mann von so felsenfestem Glauben, daß du mir solche Fragen +vorlegst. Gerade, daß ich nicht zu seufzen brauche: ‚Was werden wir +essen, was werden wir trinken, womit uns kleiden?' Gerade deswegen +habe ich mir den neuen Rock hier gekauft, habe meinen Flaschenkeller +gefüllt und diese aus Eselsfleisch bereiteten Würste gekauft; es +geschah also aus reinem Glaubensdrang, und der Geist hat es mir +eingegeben. Da, ihr lumpigen Söhne von Astaroth, ihr Brut des +Basilisken, so auf dem Stuhl des Lammes sitzt und an seinen Klauen +Pantoffeln führt, da nehmet diesen holländischen Dukaten und lasset +mir meine geistlichen Bücher in Ruhe!--So, nun lebe wohl, Bruder, der +Geist komme über dich und stärke deinen Glauben!" + +Da fuhr er hin, und wieder werde ich in dem Glauben bestärkt, daß +diese christlichen Pharisäer schlimmer sind als die Kinder der Welt. +Ich ging weiter, den Korso hinab. Am unteren Ende der Straße begegnete +mir der Kardinal Rocco und Piccolo, sein Diener. Der Kardinal schien +sehr krank zu sein; denn ganz gegen die Etikette trug ihm Piccolo +nicht die Schleppe nach, sondern führte ihn unter dem Arm, und dennoch +wankte Rocco zuweilen hin und her. Sein Gesicht war rot und glühend, +seine Augen halb geschlossen, und der rote Hut saß ihm etwas schief +auf dem Ohr. + +„Siehe da, ein bekanntes Gesicht!" rief er, als er mich sah, und blieb +stehen. „Komm hierher, mein Sohn, und empfange den Segen. Haben wir +uns nicht schon irgendwo gesehen?" + +„O ja, und ich, hoffe noch öfters das Vergnügen zu haben; ich hatte +die Ehre, Ew. Eminenz im Garten der Frau Campoco zu sehen." + +„Ja, ja! Ich erinnere mich, Ihr seid ein junger Ketzer; wisset Ihr, +woher ich komme? Geradenwegs von dem Hochzeitsschmause des lieben +Paares." + +Jetzt konnte ich mir die Krankheit des alten Herrn erklären; die +spanischen Weine der Donna Ines waren ihm wohl zu stark gewesen, und +Piccolo mußte ihn jetzt führen. „Ihr waret wohl recht vergnügt?" +fragte ich ihn. „Es ist doch Euer Werk, daß die Donna den Kapitän +endlich doch noch überwunden hat?" + +„Das ist es, lieber Ketzer," sagte er, stolz lächelnd. „Mein Werk ist +es; kommt, gehen wir noch ein paar hundert Schritte zusammen!--Was +wollte ich sagen? Ja--mein Werk ist es; denn ohne mich hätte die Donna +gar keine Kunde von ihm bekommen. Ich schrieb ihr, daß er sich in Rom +befinde. Ohne mich wäre ihre frühere Ehe nicht für ungültig erklärt +worden; ohne mich wäre der Kapitän nicht rechtgläubig geworden, was +zur Glorie unserer Kirche notwendig war; ohne mich wäre er nicht von +seiner Ketzerin losgekommen,--kurz, ohne mich--ja, ohne mich stände +alles noch wie zuvor." + +„Es ist erstaunlich!" + +„Höret, Ihr gefallt mir, lieber Ketzer. Hört einmal, werdet auch +rechtgläubig. Brauchet Ihr Geld? Könnet haben soviel Ihr wollt, gegen +ein Reverschen, zahlbar gleich nach Sicht. O, damit kann man einen +köstlich in Verlegenheit bringen. Brauchet Ihr eine schöne, frische, +reiche Frau? Ich habe eine Nichte, Ihr sollt sie haben. Brauchet Ihr +Ehren und Würden? Ich will Euch _pro primo_ den goldenen +Sporenorden verschaffen. Es kann ihn zwar jeder Narr um einige Scudi +kaufen--aber Ihr sollet ihn umsonst haben. Wollet Ihr in Eurer +barbarischen Heimat große Ehrenstellen? Dürfet nur befehlen. Wir haben +dort großen Einfluß, geheim und öffentlich. Na! was sagt Ihr dazu?" + +„Der Vorschlag ist nicht übel," erwiderte ich. „Ihr seid nobel in +Euern Versprechungen. Ich glaube, Ihr könntet den Teufel selbst +katholisch machen?" + +„_Anathema sit! anathema sit!_ Es wäre uns übrigens nicht +schwer," antwortete der Kardinal. „Wir können ihn von seinen +zweitausendjährigen Sünden absolvieren und dann taufen. Überdies ist +er ein dummer Kerl, der Teufel, und hat sich von der Kirche noch immer +überlisten lassen!" + +„Wisset Ihr das so gewiß?" + +„Das will ich meinen. Zum Beispiel, kennet Ihr die Geschichte, die er +mit einem Franziskaner gehabt?" + +„Nein, ich bitte Euch, erzählet!" + +„Ein Franziskaner zankte sich einmal mit ihm wegen einer armen Seele. +Der Teufel wollte sie durchaus haben und hatte allerdings nach dem Maß +ihrer Sünden das Recht dazu. Der Mönch aber wollte sie _in majorem +dei gloriam_ für den Himmel zustutzen. Da schlug endlich der Satan +vor, sie wollten würfeln; wer die meisten Augen mit drei Würfeln +werfe, solle die Seele haben. Der Teufel warf zuerst, und, wie er ein +falscher Spieler ist, warf er achtzehn; er lachte den Franziskaner +aus. Doch dieser ließ sich, nicht irre machen. Er nahm die Würfel und +warf--neunzehn. Und die Seele war sein." + +„Herr, das ist erlogen," rief ich, „wie kann er mit drei Würfeln +neunzehn werfen?" + +„Ei, wer fragt nach der Möglichkeit? Genug, er hat's getan, es war ein +Wunder. Nun, kommet morgen in mein Haus, lieber Sohn, wir wollen dann +den Unterricht beginnen." + +Er gab mir den Segen und wankte weiter. „Nein, Freund Rocco!" dachte +ich. „Eher bekomme ich dich als du mich. Von dir läßt sich der Satan +nicht überlisten." Es trieb mich jetzt, nach dem Hause des Berliners +zu gehen, den ich schwer verwundet verlassen hatte. Zu meiner großen +Verwunderung sagte man mir, er sei ausgegangen, und werde wohl vor +Nacht nicht zurückkehren. So mußte ich den Gedanken aufgeben, heute +noch zu erfahren, wie es ihm ergangen sei, wie das Fräulein sich +befinde, ob er wohl Hoffnung habe, jetzt, da der Kapitän auf immer für +sie verloren sei, sie für sich zu gewinnen. Es blieb mir keine Zeit, +ihn heute noch zu sehen; denn den Abend über wußte ich ihn nicht zu +finden, und auf die kommende Nacht hatte ich eine Zusammenkunft mit +jenen kleineren Geistern verabredet, die als meine Diener die Welt +durchstreifen. + +Ich trat zu diesem Zwecke, als die Nacht einbrach, ins Kolosseum; denn +dies war der Ort, wohin ich sie beschieden hatte. Noch war die Stunde +nicht da; aber ich liebe es, in der Stille der Nacht auf den Trümmern +einer großen Vorzeit meinen Gedanken über das Geschlecht der +Sterblichen nachzuhängen. Wie erhaben sind diese majestätischen +Trümmer in einer schönen Mondnacht! Ich stieg hinab in den mittleren +Raum. Aus dem blauen, unbewölkten Himmel blickte der Mond durch die +gebrochenen Wölbungen der Bogen herein, und die hohen überwachsenen +Mauern der Ruine warfen lange Schatten über die Arena. Dunkle +Gestalten schienen durch die verfallenen Gänge zu schweben, wenn ein +leiser Wind die Gesträuche bewegte und ihren Schatten hin und wieder +zog. Wo sie schwebten, diese Schatten, da sah man einst ein fröhliches +Volk, schöne Frauen, tapfere Männer und die ernste, feierliche Pracht +der kriegerischen Kaiser. Geschlecht um Geschlecht ist hinunter, diese +Mauern allein überdauerten ihre Zeit, um durch ihre erhabenen Formen +diese Sterblichen zu erinnern, wie unendlich größer der Sinn jenes +Volkes war, das einst ein Jahrtausend vor ihnen um diese Stätte lebte. +Die ernste Würde der Konsuln und des Senates, der kriegerische Prunk +der Cäsaren und--d i e s e r römische Hof und d i e s e Römer! + +Der Mond war, während ich zu mir sprach, heraufgekommen und stand +jetzt gerade über dem Zirkus. Ich sah mich um; da gewahrte ich, daß +ich nicht allein in den Ruinen sei. Eine dunkle Gestalt saß seitwärts +auf dem gebrochenen Schaft einer Säule. Ich trat näher hin,--es war +Otto von S..... Ich war freudig erstaunt, ihn zu sehen. Ich warf mich +schnell in den Herrn von Stobelberg, um mit ihm zu sprechen. Ich +redete ihn an und wünschte ihm Glück, ihn so gesund zu sehen. Er +richtete sich auf; der Mond beschien ein sehr bleiches Gesicht, +weinende Augen blickten mich wehmütig an, schweigend sank er an meine +Brust. + +„Sie scheinen noch nicht ganz geheilt, Lieber!" sagte ich. „Sie sind +noch sehr bleich; die Nachtluft wird Ihnen schaden!" + +Er verneinte es mit dem Haupt, ohne zu sprechen. Was war doch dem +armen Jungen geschehen, hatte er wohl von neuem einen Korb bekommen? +„Nun, ein Mittel gibt es wohl, Sie gänzlich zu heilen," fuhr ich fort. +„Jetzt steht Ihnen ja nichts mehr im Wege, jetzt wird sie hoffentlich +so spröde nicht mehr sein. Ich will den Brautwerber machen. Sie müssen +Mut fassen, Luise wird Sie erhören, und dann ziehen Sie mit ihr aus +dieser unglücklichen Stadt, führen sie nach Berlin zu der Tante. Wie +werden sich die ästhetischen Damen wundern, wenn Sie Ihre Novelle auf +diese Art schließen und die holde Erscheinung aus den Lamentationen +persönlich einführen!" + +Er schwieg, er weinte stille. + +„Oder wie! Haben Sie etwa den Versuch schon gemacht? Sollten Sie +abgewiesen worden sein? Will sie die Rolle der Spröden fortspielen?" + +„Sie ist tot!" antwortete der junge Mann. + +„Ist's möglich! Höre ich recht? So plötzlich ist sie gestorben?" + +„Der Gram hat ihr Herz gebrochen. Heute hat man sie begraben." + +Er sagte es, drückte mir die Hand, und einsam weinend ging er durch +die Ruinen des Kolosseums. + + + * * * * * + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, MITTEILUNGEN AUS DEN MEMOIREN DES SATAN V2 *** + +This file should be named 8msv210.txt or 8msv210.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8msv211.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8msv210a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. + +Most people start at our Web sites at: +http://gutenberg.net or +http://promo.net/pg + +These Web sites include award-winning information about Project +Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new +eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!). + + +Those of you who want to download any eBook before announcement +can get to them as follows, and just download by date. 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If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. If your state is not listed and +you would like to know if we have added it since the list you have, +just ask. + +While we cannot solicit donations from people in states where we are +not yet registered, we know of no prohibition against accepting +donations from donors in these states who approach us with an offer to +donate. + +International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about +how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made +deductible, and don't have the staff to handle it even if there are +ways. + +Donations by check or money order may be sent to: + +Project Gutenberg Literary Archive Foundation +PMB 113 +1739 University Ave. +Oxford, MS 38655-4109 + +Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment +method other than by check or money order. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by +the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN +[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are +tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising +requirements for other states are met, additions to this list will be +made and fund-raising will begin in the additional states. + +We need your donations more than ever! + +You can get up to date donation information online at: + +http://www.gutenberg.net/donation.html + + +*** + +If you can't reach Project Gutenberg, +you can always email directly to: + +Michael S. Hart <hart@pobox.com> + +Prof. Hart will answer or forward your message. + +We would prefer to send you information by email. + + +**The Legal Small Print** + + +(Three Pages) + +***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START*** +Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers. +They tell us you might sue us if there is something wrong with +your copy of this eBook, even if you got it for free from +someone other than us, and even if what's wrong is not our +fault. 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