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+The Project Gutenberg EBook of Mitteilungen aus den Memoiren des Satan V2
+by Wilhelm Hauff
+(#7 in our series by Wilhelm Hauff)
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+
+Title: Mitteilungen aus den Memoiren des Satan V2
+
+Author: Wilhelm Hauff
+
+Release Date: November, 2004 [EBook #6891]
+[This file was first posted on February 7, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO Latin-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, MITTEILUNGEN AUS DEN MEMOIREN DES SATAN V2 ***
+
+
+
+
+Delphine Lettau and teh Online Distributed Proofreading Team.
+
+
+
+WILHELM HAUFF
+
+MITTEILUNGEN AUS DEN MEMOIREN DES SATAN
+
+
+
+
+ZWEITER TEIL.
+
+
+VORSPIEL.
+
+
+Worin von Prozessen, Justizräten die Rede; nebst einer
+stillschweigenden Abhandlung: „Was von Träumen zu halten sei?"
+
+Dieser zweite Teil der Mitteilungen aus den Memoiren des Satan
+erscheint um ein völliges Halbjahr zu spät. Angenehm ist es dem
+Herausgeber, wenn die Leser des ersten sich darüber gewundert, am
+angenehmsten, wenn sie sich darüber geärgert haben; es zeigt dies eine
+gewisse Vorliebe für die schriftstellerischen Versuche des Satan, die
+nicht nur ihm, sondern auch seinem Herausgeber und Übersetzer
+erwünscht sein muß.
+
+Die Schuld dieser Verspätung liegt aber weder in der zu heißen
+Temperatur des letzten Spätsommers, noch in der strengen Kälte des
+Winters, weder im Mangel an Zeit oder Stoff, noch in politischen
+Hindernissen; die einzige Ursache ist ein sonderbarer Prozeß, in
+welchen der Herausgeber verwickelt wurde und vor dessen Beendigung er
+diesen zweiten Teil nicht folgen lassen wollte.
+
+Kaum war nämlich der erste Teil dieser Memoiren in die Welt versandt
+und mit einigen Posaunenstößen in den verschiedenen Zeitungen
+begleitet worden, als plötzlich in allen diesen Blättern zu lesen war
+eine
+
+W a r n u n g v o r B e t r u g
+
+„Die bei Fr. Franckh in Stuttgart herausgekommenen Memoiren des Satan
+sind nicht von dem im Alten und Neuen Testament bekannten und durch
+seine Schriften: Elixiere des Teufels, Bekenntnisse des Teufels, als
+Schriftsteller berühmten Teufel, sondern gänzlich, falsch und unecht,
+was hiemit dem Publikum zur Kenntnis gebracht wird."
+
+Ich gestehe, ich ärgerte mich nicht wenig über diese Zeilen, die von
+niemand unterschrieben waren. Ich war meiner Sache so gewiß, hatte das
+Manuskript von niemand anders als dem Satan selbst erhalten, und nun,
+nach vielen Mühen und Sorgen, nachdem ich mich an den infernalischen
+Chiffern beinahe blind gelesen, soll ein solcher anonymer Totschläger
+über mich herfallen, meine literarische Ehre aus der Ferne totschlagen
+und besagte Memoiren für unecht erklären?
+
+Während ich noch mit mir zu Rate ging, was wohl auf eine solche
+Beschuldigung des B e t r u g e s zu antworten sei, werde ich vor die
+Gerichte zitiert und in Kenntnis gesetzt, daß ich einer
+Namensfälschung, eines literarischen Diebstahls angeklagt sei, und
+zwar--vom Teufel selbst, der gegenwärtig als Geheimer Hofrat in
+persischen Diensten lebe. Er behauptete nämlich, ich habe seinen Namen
+Satan mißbraucht, um ihm eine miserable Scharteke, die er nie
+geschrieben, unterzuschieben; ich habe seinen literarischen Ruhm
+benützt, um diesem schlechten Büchlein einen schnellen und
+einträglichen Abgang zu verschaffen; kurz, er verlange nicht nur, daß
+ich zur Strafe gezogen, sondern auch, daß ich angehalten werde, ihm
+Schadenersatz zu geben, „dieweil ihm ein Vorteil durch diesen Kniff
+entzogen worden".
+
+Ich verstehe so wenig von juridischen Streitigkeiten, daß mir früher
+schon den Name Klage oder Prozeß Herzklopfen verursachte; man kann
+sich also wohl denken, wie mir bei diesen schrecklichen Worten zu Mute
+ward. Ich ging niedergedonnert heim und schloß mich in mein
+Kämmerlein, um über diesen Vorfall nachzudenken. Es war mir kein
+Zweifel, daß es hier drei Fälle geben könne. Entweder hatte mir der
+Teufel selbst das Manuskript gegeben, um mich nachher als Kläger recht
+zu ängstigen und auf meine Kosten zu lachen; oder irgendein böser
+Mensch hatte mir die Komödie in Mainz vorgespielt, um das Manuskript
+in meine Hände zu bringen, und der Teufel selbst trat jetzt als
+erbitterter Kläger auf; oder drittens, das Manuskript kam wirklich vom
+Teufel, und ein müßiger Kopf wollte jetzt den Satan spielen und mich
+in seinem Namen verklagen.
+
+Ich ging zu einem berühmten Rechtsgelehrten und trug ihm den Fall vor.
+Er meinte, es sei allerdings ein fataler Handel, besonders weil ich
+keine Beweise beibringen könne, daß das Manuskript von dem echten
+Teufel abstamme, doch er wolle das Seinige tun und aus der bedeutenden
+Anzahl von Büchern, die seit Justinians _Corpus juris_ bis auf
+das neue birmanische Strafgesetzbuch über solche Fälle geschrieben
+worden seien, einiges nachlesen.
+
+Das juridische Stiergefecht nahm jetzt förmlich seinen Anfang. Es
+wurde, wie es bei solchen Fällen herkömmlich ist, so viel darüber
+geschrieben, daß auf jeden Bogen der Memoiren des Satan ein Ries Akten
+kam, und nachdem die Sache ein Vierteljahr anhängig war, wurde sogar
+auf Unrechtskosten eine neue Aktenkammer für diesen Prozeß eingeräumt;
+über der Türe stand mit großen Buchstaben: „Acta in Sachen des
+persischen G. H. R. T e u f e l s gegen _Dr._ H----f, betreffend
+die Memoiren des Satan."
+
+Ein sehr günstiger Umstand für mich war der, daß ich auf dem Titel
+nicht „Memoiren des Teufels", sondern „des Satan" gesagt hatte. Die
+Juristen waren mit sich ganz einig, daß der Name T e u f e l in
+Deutschland sein F a m i l i e n n a m e sei, ich habe also wenigstens
+diesen nicht zur Fälschung gebraucht; Satan hingegen sei nur ein
+angenommener, willkürlicher; denn niemand im Staate sei berechtigt,
+zwei Namen zu führen. Ich fing an, aus diesem Umstand günstigere
+Hoffnungen zu schöpfen; aber nur zu bald sollte ich die bittere
+Erfahrung machen, was es heiße, den Gerichten anheimzufallen. Das
+Referat in Sachen des _et cetera_ war nämlich dem berühmten
+Justizrat Wackerbart in die Hände gefallen, einem Manne, der schon bei
+Dämpfung einiger großen Revolutionen ungemeine Talente bewiesen hatte
+und neuerdings sogar dazu verwendet wurde, bedeutende Unruhen in einem
+Gymnasium zu schlichten. Stand nicht zu erwarten, daß ein solcher
+berühmter Jurist meine Sache nur als eine _cause célèbre_ ansehen
+und sie also handhaben werde, daß sie, gleichviel wem von beiden
+Recht, ihm am meisten Ruhm einbrächte? Hierzu kam noch der Titel und
+Rang meines Gegners; Wackerbart hatte seit einiger Zeit angefangen,
+sich an höhere Zirkel anzuschließen; mußte ihm da ein so wichtiger
+Mann, wie ein persischer Geheimer Hofrat, nicht mehr gelten als ich
+Armer?
+
+Es ging, wie ich vorausgesehen hatte. Ich verlor meine Sache gegen den
+Teufel. Strafe, Schadenersatz, aller mögliche Unsinn wurde auf mich
+gewälzt; ich wunderte mich, daß man mich nicht einige Wochen ins
+Gefängnis sperrte oder gar hängte. Man hatte hauptsächlich folgendes
+gegen mich in Anwendung gebracht:
+
+E n t s c h e i d u n g s = G r ü n d e
+
+zu dem vor dem Kriminalgericht Klein=Justheim, unter dem 4. Dezember
+1825 gefällten Erkenntnis in der Untersuchungssache gegen den
+_Dr_. .....f w e g e n B e t r u g e s.
+
+1. Es ist durch das Zugeständnis des Angeklagten erhoben, daß er keine
+Beweise beizubringen weiß, daß die von ihm herausgegebenen Memoiren
+des Satan wirklich von dem bekannten echten Teufel, so gegenwärtig als
+Geheimer Hofrat in persischen Diensten lebt, herrühren. Ferner hat der
+Angeschuldigte .....f zugegeben, daß die in öffentlichen Blättern
+darüber enthaltene Ankündigung mit seinem Wissen gegeben sei.
+
+2. Die letztgedachte Ankündigung ist also abgefaßt, daß hieraus die
+Absicht des Verfassers, die Lesewelt glauben zu machen, daß „die
+Memoiren des Satan" von dem wahren, im Alten und Neuen Testament
+bekannten und neuerdings als Schriftsteller beliebten Teufel
+geschrieben seien, nur allzu deutlich hervorleuchten tut.
+
+3. Durch diese Verfahrungsart hat sich der Angeklagte .....f eines
+Betruges, alldieweilen solcher im allgemeinen in jedweder aus
+impermissen Kommodum für sich oder Schaden anderer gerichteten
+unrechtlichen Täuschung anderer, entweder, indem man falsche Tatsachen
+mitteilt oder wahre dito nicht angibt--besteht; oder, um uns näher
+auszudrücken, da hier die Sprache v o n e i n e r W a r e u n d
+g e d r u c k t e m B u c h ist--einer F ä l s c h u n g schuldig
+gemacht; denn durch den Titel „Memoiren des Satan" und die Anpreisung
+des Buches wurde der Lesewelt falsch vorgespiegelt, daß das Buch
+ausdrücklich von dem unter dem Namen Satan bekannten, k. persischen
+Geheimen Hofrat Teufel verfaßt sei, was beim Verkauf des Werkes
+verursachte, daß es schneller und in größerer Quantität abging, als
+wenn das Büchlein unter dem Namen des Herrn .....f, so dem Publiko noch
+gar nicht bekannt ist, erschienen wäre, und wodurch die, so es
+kauften, in ihrer schönen Erwartung, ein echtes Werk des Teufels in
+Händen zu haben, schnöde betrogen wurden.
+
+4. Wenn der Herr _Dr_. .....f, um sich zu entschuldigen, dagegen
+einwendet, daß der Name Satan in Deutschland nur ein angenommener sei,
+worauf der Teufel, wie man ihn gewöhnlich nennt, keinen Anspruch zu
+machen habe, so bemerken wir Kriminalleute von Klein=Justheim sehr
+richtig, daß sich .....f auf den Gebrauch jenes angenommenen, übrigens
+bekanntermaßen den Teufel sehr wohl bezeichnenden Namens nicht
+beschränkt, sondern in dem Werke selbst überall durchblicken läßt,
+namentlich in der Einleitung, daß der Verfasser derjenige Teufel oder
+Satan sei, welcher dem Publiko, besonders dem Frauenzimmer, wie auch
+denen Gelehrten durch frühere Opera, z. B. die Elixiere des Teufels
+_et cetera_ rühmlichst bekannt ist, wodurch wohl ebenfalls
+niemand anderes gemeint ist als der Geheime Hofrat Teufel.
+
+5. Man muß lachen über die Behauptung des Inkulpaten, daß das in Frage
+stehende Opuskulum, wie auch nicht destoweniger seine Anzeige,
+eigentlich eine Satire auf den Teufel und jegliche Teufelei jetziger
+Zeit sei! Denn diese Entschuldigung wird durch den Inhalt der Schrift
+selbst widerlegt; ja, jeder Leser von Vernunft muß das auch wohl eher
+für eine etwas geringe Nachäffung der Teufeleien als für--eine Satire
+auf dieselben erkennen. Wäre aber auch, was wir Juristen nicht
+einzusehen vermögen, das Werk dennoch eine Satire, so ist durchaus
+kein günstiger Umstand für .....f zu ziehen, weil derjenige Käufer, der
+etwas E c h t e s, vom Teufel Verfaßtes kaufen wollte, erst nach dem
+Kauf entdecken konnte, daß er betrogen sei.
+
+6. Außer der völlig rechtswidrigen Täuschung der Lesewelt,
+Leihbibliotheken _et cetera_, ist in der vorliegenden Defraudation
+auch ein Verbrechen gegen den begangen, dessen Name oder
+Firma mißbraucht worden, nämlich und spezialiter gegen den Geheimen
+Hofrat Teufel, welcher sowohl als Gelehrter und Schriftsteller, als
+von wegen des Honorars seiner übrigen Schriften sehr dabei
+interessiert ist, daß nicht das Geschreibsel anderer als von ihm
+niedergeschrieben, wie auch erdacht, angezeigt und verkauft werde.
+
+7. Wenn endlich der Angeklagte behauptet, daß er das Buch arglos
+herausgegeben, ohne das Klein=Justheimer Recht hierüber zu kennen, daß
+ihn auch bei der Fälschung durchaus keine gewinnsüchtigen Absichten
+geleitet hätten, so ist uns dies gleichgültig und haben nicht darauf
+Rücksicht zu nehmen; denn Fälschung ist Fälschung, sei es, ob man
+englische Teppiche nachahmt und als echt verkauft, aber Bücher
+schreibt unter falschem Namen; ist alles nur verkäufliche Ware und
+kann den Begriff des Vergehens nicht ändern, weil immer noch die
+Täuschung und Anschmierung der Käufer restiert und zwar ebenfalls
+nichts destominder auch alsdann, wenn die Memoiren des Satan gleichen
+Wert mit den übrigen Büchern des Teufels hätten (was wir
+Klein=Justheimer übrigens bezweifeln, da jener Geheimer Hofrat ist),
+weil dem Ebengedachten schon das Unterschieben eines fremden
+Machwerkes unter seinem Namen ein Schaden in juridischem Sinne sein
+tut.
+
+Es ist daher, wie man getan hat, erkannt worden usw. usw.
+
+(Gez.) Präsident und Räte des Kriminalgerichts zu Klein=Justheim.
+
+Hast du, geneigter Leser, nie die berühmten Nürnberger Gliedermänner
+gesehen, so, kunstreich aus Holz geschnitzelt, ihre Gliedlein nach
+jedem Druck bewegen? Hast du wohl selbst in deiner Jugend mit solchem
+Männlein gespielt und allerlei Kurzweil mit ihm getrieben und
+probiert, ob es nicht schöner wäre, wenn er z. B. das Gesicht im
+Nacken trüge und den Rücken hinunterschaue, oder ob es nicht
+vernünftiger wäre, wenn ihm die Beine ein wenig umgedreht würden, daß
+er vor= und rückwärts spaziere, wie man es haben wolle? Das hast du
+wohl versucht in den Tagen deiner Kindheit, und es war ein
+unschuldiges Spiel; denn dem Gliedermann war es gleichgültig, ob ihm
+die Beine über die Schulter herüberkamen oder nicht, ob er den Rücken
+herabschaute oder vorwärts; er lächelte so dumm wie zuvor; denn er
+hatte ja kein Gefühl, und es tat ihm nicht weh im Herzen; denn auch
+dieses war ja aus Holz geschnitzelt und wahrscheinlich aus Lindenholz.
+
+Aber selbst ein solcher Gliedermann sein zu müssen in den täppischen
+Händen der Klein=Justheimer Kriminalen! Sie renkten und drehten mir
+die Glieder, setzten mir den Kopf so oder so, wie es ihnen gefällig,
+oder auch nach Vorschrift des Justinian, drehten und wendeten mein
+Recht, bis der Kadaver vor ihnen lag auf dem grünen Sessionstisch, wie
+sie ihn haben wollten, mit verrenkten Gliedern, und sie nun anatomisch
+aufnotieren konnten, was für Fehler und Kuriosa an ihm zu bewerfen,
+nämlich, daß er das Gesicht im Nacken, die Füße einwärts, die Arme
+verschränkt _et cetera_ trage, ganz gegen alle Ordnung und Recht.
+
+Ware, Ware! nannten sie deine Memoiren, o Satan, Ware! Als würde
+dergleichen nach der Elle aus dem Gehirn hervorgehaspelt, wie es jener
+Schwarzkünstler und Eskamoteur getan, der Bänder verschluckte und sie
+herauszog, Elle um Elle aus dem Rachen. Warenfälschung, Einschwärzen,
+Defraudation, o welch herrliche Begriffe, um zu definieren, was man
+will! Und rechtswidrige Täuschung des Publikums? Wer hat denn darüber
+geklagt? Wer ist aufgestanden unter den Tausenden und hat Zeter
+geschrien, weil er gefunden, daß das Büchlein nicht von dem Schwarzen
+selbst herrühre, daß er den Missetäter bestraft wissen wolle für diese
+rechtswidrige Täuschung? O Klein=Justheim, wie weit bist du noch
+zurück hinter England und Frankreich, daß du nicht einmal einsehen
+kannst, Werke des Geistes seien kein nachgemachter Rum oder Arrak und
+gehören durchaus nicht vor deine Schranken.
+
+Traurig musterte ich das Manuskript des zweiten Teiles, der nun für
+mich und das Publikum verloren war; ich dachte nach über das
+Hohngelächter der Welt, wenn der erste nur ein Torso, ein schlechtes
+abgerissenes Stück, verachtet auf den Schranken der Leihbibliotheken
+sitze, trübselig auf die hohe Versammlung der Romane und Novellen
+allerart herabschaue und ihnen ihre abgenützten Gewänder beneide, die
+den großen Furor, welchen sie in der Welt machen, beurkunden, wie er
+seine andere Hälfte, seinen Nebenmann, den zweiten, herbeiwünsche, um
+verbunden mit ihm schöne Damen und Herren zu besuchen, was ihm jetzt,
+als einem Invaliden, beinahe unmöglich war. Da wurde mir eines Morgens
+ein Brief überbracht, dessen Aufschrift mir bekannte Züge verriet. Ich
+riß ihn auf und las:
+
+„Wohlgeborener, sehr verehrter Herr!
+
+Durch den Oberjustizrat Hammel, der vor einigen Tagen das Zeitliche
+gesegnet und an mein Hoflager kam, erfuhr ich zu meinem großen Ärger
+die miserablen Machinationen, die gegen Euch gemacht wurden. Bildet
+Euch nicht ein, daß sie von mir herrühren. Mit großem Vergnügen denke
+ich noch immer an unser Zusammentreffen in den drei Reichskronen zu
+Mainz, und in meiner jetzigen Zurückgezogenheit und bei meinen vielen
+Geschäften im Norden komme ich selten dazu, eine deutsche
+Literaturzeitung zu lesen; aber einige Rezensenten, welche ich sprach,
+versichern mich, mit welchem Eifer Ihr meine Memoiren herausgegeben
+habt und daß das Publikum meine Bemühungen zu schätzen wisse. Der
+Prozeß, den man Euch an den Hals warf, kam mir daher um so
+unerwarteter. Glaubet mir, es ist nichts als ein schlechter
+Kunstgriff, um mich nicht als Schriftsteller aufkommen zu lassen, weil
+ich ein wenig über ihre Universitäten schimpfte und die ästhetischen
+Tees, und Euch wollen sie nebenbei auch drücken. Lasset Euch dies
+nicht kümmern, Wertester; gebet immer den zweiten Teil heraus, im
+Notfall könnet Ihr gegenwärtige Schreiben jedermann lesen lassen,
+namentlich den Wackerbart; saget ihm, wenn er meine Handschrift nicht
+kenne, so kenne ich um so besser die seinige.
+
+Ich kenne diese Leutchen, sie sind Raubritter und Korsaren, die jeden
+berühmten Prozeß, der ihnen in die Hände fällt, für g u t e P r i s e
+erklären, und wenn sie ihn festhaben in den Krallen, so lange deuteln
+und drehen, bis sie ihn dahin entscheiden können, wo er ihnen am
+meisten Ruhm nebst etzlichem Golde einträgt. Was war bei Euch von
+beidem zu erheben? Ihr, ein armseliger Doktor der Philosophie und
+Magister der brotlosen Künste, was seid Ihr gegen einen persischen
+Geheimen Hofrat? Denket also, die Sache sei ganz natürlich zugegangen,
+und grämet Euch nicht darüber. Was den persischen Geheimen Hofrat
+betrifft, der meine Rolle übernommen hat, so will ich bei Gelegenheit
+ein Wort mit ihm sprechen.
+
+Hier lege ich Euch noch ein kleines Manuskriptchen bei, ich habe es in
+den letzten Pfingstfeiertagen in Frankfurt aufgeschrieben, es ist im
+ganzen ein Scherz und hat nicht viel zu bedeuten; doch schaltet Ihr es
+im zweiten Teile ein; es gibt vielleicht doch Leute, die sich dabei
+freundschaftlich meiner erinnern.
+
+Gehabt Euch wohl; in der Hoffnung, Eure persönliche Bekanntschaft bald
+zu erneuern, bin ich
+
+Euer wohlaffektionierter Freund, d e r S a t a n."
+
+Man kann sich leicht denken, wie sehr mich dieser Brief freute. Ich
+lief sogleich damit zu dem wackern Mann, der meine Sache geführt
+hatte; ich zeigte ihm den Brief, ich erklärte ihm, appellieren zu
+wollen an ein höheres Gericht und den Originalbrief beizulegen.
+
+Er zuckte die Achseln und sprach: „Lieber, sie wohnen zusammen in e i
+n e r Hausmiete, die Kriminalen; ob Ihr um eine Treppe höher steigen
+wollet, aus dem Entresol in die Beletage zu den Vornehmeren, das ist
+einerlei; Ihr fallet nur um so tiefer, wenn sie Euch durchfallen
+lassen. Doch an mir soll es nicht fehlen."
+
+So sprach er und focht für mich mit erneuerten Kräften; doch--was half
+es? Sie stimmten ab, erklärten den persischen für den echten,
+alleinigen Teufel, der allein das Recht habe, Teufeleien zu schreiben,
+und der Prozeß ging auch in der Beletage verloren.
+
+Da faßte mich ein glühender Grimm; ich beschloß, und wenn es mich den
+Kopf kosten sollte, doch den zweiten Teil herauszugeben, ich nahm das
+Manuskript unter den Arm, raffte mich auf und----erwachte.
+
+Freundlich strahlte die Frühlingssonne in mein enges Stübchen, die
+Lerchen sangen vor dem Fenster, und die Blütenzweige winkten herein,
+mich aufzumachen und den Morgen zu begrüßen.
+
+Verschwunden war der böse Traum von Prozessen, Justizräten,
+Klein=Justheim und alles, was mir Gram und Ärger bereitete,
+verschwunden, spurlos verschwunden.
+
+Ich sprang auf von meinem Lager, ich erinnerte mich, den Abend zuvor
+bei einigen Gläsern guten Weins über einen ähnlichen Prozeß mit
+Freunden gesprochen zu haben; da war mir nun im Traume alles so
+erschienen, als hätte ich selbst den Prozeß gehabt, als wäre ich
+selbst verurteilt worden von Kriminalrichtern und Klein=Justheimer
+Schöppen.
+
+Ich lächelte über mich selbst. Wie pries ich mich glücklich, in einem
+Lande zu wohnen, wo dergleichen juridische Exzesse gar nicht
+vorkommen, wo die Justiz sich nicht in Dinge mischt, die ihr fremd
+sind, wo es keine Wackerbarte gibt, die einen solchen Fund für gute
+Prise erklären, das Recht zum Gliedermann machen und drauflos
+hantieren und drehen, ob es biege oder breche, wo man Erzeugnisse des
+Geistes nicht als Ware handhabt und Satire versteht und zu würdigen
+weiß, wo man weder auf den Titel eines persischen Geheimen Hofrats,
+noch auf irgend dergleichen Rücksicht nimmt.
+
+So dachte ich, pries mich glücklich und verlachte meinen komischen
+Prozeßtraum.
+
+Doch wie staunte ich, als ich hintrat zu meinem Arbeitstisch! Nein, es
+war keine Täuschung, da lag er ja, der Brief des Satans, wie ich ihn
+im Traume gelesen, da lag das Manuskript, das er mir im Brief
+verheißen. Ich traute meinen Sinnen kaum, ich las, ich las wieder, und
+immer wurde mir der Zusammenhang unbegreiflicher.
+
+Doch ich konnte ja nicht anders, ich mußte seinen Wink befolgen und
+seinen „Besuch in Frankfurt" dem zweiten Teile einverleiben.
+
+Ich gestehe, ich tat es ungern. Ich hatte schon zu diesem Teile alles
+geordnet; es fand sich darin eine Skizze, die nicht ohne Interesse zu
+lesen war, ich meine die Szene, wie er mit Napoleon eine Nacht in
+einer Hütte von Malojaroßlawez zubrachte und wie von jenen
+Augenblicken an so vieles auf geheimnisvolle Weise sich gestaltet im
+Leben jenes Mannes, dem selbst der Teufel Achtung zollen mußte.
+vielleicht--weil er ihm nicht beikommen konnte, doch--vielleicht ist
+es möglich, dieses merkwürdige Aktenstück dem Publikum an einem andern
+Orte mitzuteilen.
+
+Noch war ich mit Durchsicht und Ordnen der Papiere beschäftigt, da
+wurde die Türe aufgerissen, und mein Freund Moritz stürzte ins Zimmer.
+
+„Weißt du schon?" rief er. „Er hat ihn verloren."
+
+„Wer? Was hat man verloren?"
+
+„Nun, von was wir gestern sprachen, den Prozeß gegen Clauren meine
+ich, wegen des M a n n e s i m M o n d e!"
+
+„Wie? Ist es möglich!" entgegnete ich, an meinen Traum denkend. „Unser
+Freund, der Kandidatus Bemperlein? Den Prozeß?"
+
+„Du kannst dich drauf verlassen; soeben komme ich vom Museum, der
+Verleger sagte es mir, soeben wurde ihm das Urteil publiziert."
+
+„Aber wie konnte dies doch geschehen, Moritz? War er etwa auch in
+Klein=Justheim anhängig?"
+
+„Klein=Justheim? Du fabelst, Freund!" erwiderte der Freund, indem er
+besorgt meine Hand ergriff. „Was willst du nur mit Klein=Justheim, wo
+gibt es denn einen solchen Ort?"
+
+„Ach," sagte ich beschämt, „du hast recht; ich dachte an--meinen
+Traum."
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+MEIN BESUCH IN FRANKFURT.
+
+1. WEN DER SATAN AN DER _TABLE D'HÔTE_ IM WEISSEN SCHWAN SAH.
+
+
+Kommt man um die Zeit des Pfingstfestes nach Frankfurt, so sollte man
+meinen, es gebe keine heiligere Stadt in der Christenheit; denn sie
+feiern daselbst nicht, wie z. B. in Bayern eineinhalb oder, wie im
+Kalender vorgeschrieben, zwei Festtage, sondern sie rechnen vier
+Feiertage; die Juden haben deren sogar fünf; denn sie fangen in
+Bornheim ihre heiligen Übungen schon am Samstag an, und der Bundestag
+hat sogar acht bis zehn.
+
+Diese Festtage gelten aber in dieser Stadt weniger den wunderbaren
+Sprachkünsten der Apostel als mir. Was die berühmtesten Mystiker am
+Pfingstfeste morgens den guten Leutchen ans Herz gelegt, was die
+immensesten Rationalisten mit moralischer Salbung verkündet hatten,
+das war so gut als in den Wind gesprochen. Die Fragen: „Ob man am
+Montag oder am Dienstag, am zweiten oder dritten Feiertag ins W ä l d
+c h e n gehen, ob es nicht anständiger wäre, ins Wilhelmsbad zu
+fahren, ob man am vierten Feiertag nach Bornheim oder ins Vauxhall
+gehen sollte, oder beides," diese Fragen scheinen bei weitem wichtiger
+als jene, die doch für andächtige Feiertagsleute viel näher lag: „Ob
+die Apostel damals auch Englisch und Plattdeutsch verstanden haben?"
+
+Muß ein so aufgeweckter Sinn den Teufel nicht erfreun, der an solchen
+Tagen mehr Seelen für sich gewinnt als das ganze Judenquartier in
+einer guten Börsenstunde Gulden? Auch diesmal wieder kam ich zu
+Pfingsten nach Frankfurt. Leuten, die, von einem berühmten
+Belletristen verwöhnt, alles bis auf kleinste Detail wissen wollen,
+diene zur Nachricht, daß ich im Weißen Schwanen auf Nr. 45 recht gut
+wohnte, an der großen _Table d'hôte_ in angenehmer Gesellschaft
+trefflich speiste; den Küchenzettel mögen sie sich übrigens von dem
+Oberkellner ausbitten.
+
+Schon in der ersten Stunde bemerkte ich ein Seufzen und Stöhnen, das
+aus dem Zimmer nebenan zu dringen schien. Ich trat näher, ich hörte
+deutlich, wie man auf gut deutsch fluchte und tobte, dann Rechnungen
+und Bilanzen, die sich in viele Tausende beliefen, nachzählte, und
+dann wieder wimmerte und weinte wie ein Kind, das seiner Aufgabe für
+die Schule nicht mächtig ist.
+
+Teilnehmend, wie ich bin, schellte ich nach dem Kellner und fragte
+ihn, wer der Herr sei, der nebenan so überaus kläglich sich gebärde?
+
+„Nun," antwortete er, „das ist der stille Herr." „Der stille Herr?
+Lieber Freund, das gibt mir noch wenig Aufschluß. Wer ist er denn?"
+
+„Wir nennen ihn hier im Schwan den stillen Herrn oder auch den
+Seufzer; er ist ein Kaufmann aus Dessau, nennt sich sonst Zwerner und
+wohnt schon seit vierzehn Tagen hier."
+
+„Was tut er denn hier? Ist ihm ein Unglück zugestoßen, daß er gar so
+kläglich winselt?"
+
+„Ja, das weiß ich nicht," erwiderte er, „aber seit dem zweiten Tag,
+daß er hier ist, ist sein einziges Geschäft, daß er zwischen zwölf und
+ein Uhr in der neuen Judenstraße auf= und abgeht, und dann kommt er zu
+Tisch, spricht nichts, ißt nichts, und den ganzen Tag über jammert er
+ganz stille und trinkt Kapwein."
+
+„Nun, das ist keine schlimme Eigenschaft," sagte ich, „setzen Sie mich
+doch heute mittag in seine Nähe." Der Kellner versprach es, und ich
+lauschte wieder auf meinen Nachbar. „Den zwölften Mai," hörte ich ihn
+stöhnen, „Metalliques 83 3/4, österreichische Staatsobligationen 87
+3/8, Rothschildische Lotterielose, der Teufel hat sie erfunden und
+gemacht! 132, preußische Staatsschuldscheine 81! O Rebekka! Rebekka!
+Wo will das hinaus! 81! Die Preußen! Ist denn gar keine Barmherzigkeit
+im Himmel?"
+
+So ging es eine Zeitlang fort; bald hörte ich ihn ein Glas Kapwein zu
+sich nehmen und ganz behaglich mit der Zunge dazu schnalzen; bald
+jammerte er wieder in den kläglichsten Tönen und mischte die Konsols,
+die Rothschildschen Unverzinslichen und seine Rebekka auf
+herzbrechende Weise untereinander. Endlich wurde er ruhiger. Ich hörte
+ihn sein Zimmer verlassen und den Gang hinabgehen; es war wohl die
+Stunde, in welcher er durch die neue Judenstraße promenierte.
+
+Der Kellner hatte Wort gehalten. Er wies, als ich in den Speisesaal
+trat, auf einen Stuhl: „Setzen sich der Herr Doktor nur dorthin,"
+flüsterte er, „zu Ihrer Rechten sitzt der Seufzer." Ich setzte mich,
+ich betrachtete ihn von der Seite. Wie man sich täuschen kann! Ich
+hatte einen jungen Mann von melancholischem, gespenstischem Aussehen
+erwartet, wie man sie heutzutage in großen Städten und Romanen trifft,
+etwas bleichschmachtend und fein wie Eduard, von der Verfasserin der
+Ourika, oder von schwächlichem, beinahe liederlichem Anblick wie
+einige Schopenhauersche oder Pichlersche Helden. Aber gerade das
+Gegenteil; ich fand einen untersetzten, runden jungen Mann mit
+frischen, wohlgenährten Wangen und roten Lippen, der aber die trüben
+Augen beinahe immer niederschlug und um den hübschen Mund einen
+weinerlichen Zug hatte, welcher zu diesem frischen Gesicht nicht recht
+paßte.
+
+Ich versuchte, während ich ihm allerlei treffliche Speisen anbot,
+einigemal mit ihm ins Gespräch zu kommen, aber immer vergeblich; er
+antwortete nur durch eine Verbeugung, begleitet von einem
+halbunterdrückten Seufzer. In solchen Augenblicken schlug er dann wohl
+die Augen auf, doch nicht, um auf mich zu blicken; er warf nur einen
+scheuen, finstern Blick geradeaus und sah dann wieder seufzend auf
+seinen Teller.
+
+Ich folgte einem dieser Blicke und glaubte zu bemerken, daß sie einem
+Herrn gelten mußten, der uns gegenüber saß und schon zuvor meine
+Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.
+
+Er war gerade das Gegenteil von meinem Nachbar rechts. Seine schon
+etwas kahle, gefurchte Stirne, sein bräunliches, eingeschnurrtes
+Gesicht, seine schmalen Wangen, seine spitze, weit hervortretende Nase
+deuteten darauf hin, daß er die fünfundvierzig Jährchen, der er haben
+mochte, etwas s c h n e l l verlebt habe. Den auffallendsten Kontrast
+mit diesen verwitterten, von Leidenschaften durchwühlten Zügen bildete
+ein ruhiges, süßliches Lächeln, das immer um seinen Mund schwebte, die
+zierliche Bewegung seiner Arme und seines Körperchens, wie auch seine
+sehr jugendliche und modische Kleidung.
+
+Es saßen etwa fünf oder sechs junge Damen an der Tafel, und nach den
+zärtlichen Blicken, die er jeder zusandte, dem süßen Lächeln, womit er
+seine Blicke begleitete, zu urteilen, mußte er mit allen in genauen
+Verhältnissen stehen. Dieser Herr hatte, wenn er mit der
+abgestorbenen, knöchernen Hand einen Spargel zum Munde führte und
+süßlich dazu lächelte, die größte Ähnlichkeit mit einem rasierten
+Kaninchen, während mein Nachbar rechts wie ein melancholischer Frosch
+anzusehen war.
+
+Warum übrigens der Seufzer das Kaninchen mit so finstern Augen maß,
+konnte ich nicht erraten. Endlich, als die Blicke meines Nachbars
+düsterer und länger als gewöhnlich auf jenem ruhten, fing das
+Kaninchen an, die Schultern und Arme graziös hin und her zu drehen,
+den Rücken auf künstliche Art auszudehnen und das spitzige Köpfchen
+nach uns herüber zu drehen; mit süßem Lächeln fragte er: „Noch immer
+so düster, mein lieber Monsieur Zwerner? Etwa gar eifersüchtig auf
+meine Wenigkeit?"
+
+An dem zarten Lispeln, an der künstlichen Art, das r wie gr
+auszusprechen, glaubte ich in ihm einen jener adeligen Salonmenschen
+zu erkennen, die von einer feinen, leisen Sprache Profession machen.
+Und so war es; denn mein Nachbar antwortete: „Eifersüchtig, Herr
+Graf?--Auf S i e in keinem Fall."
+
+Graf Rebs--so hörte ich ihn später nennen--faltete sein Mäulchen zu
+einem feinen Lächeln, drückte die Augen halb zu, bog die Spitznase auf
+komische Weise seitwärts, strich mit der Hand über sein langes,
+knöchernes Kinn und kicherte:
+
+„Das ist schön von Ihnen, lieber Monsieur Zwerner; also gar nicht
+eifersüchtig? Und doch habe ich die schöne Rebekka erst gestern abend
+noch in ihrer Loge gesprochen. Ha, ha! Sie standen im Parterre und
+schauten mit melancholischen Blicken herauf. Darf ich Sie um jenes
+Ragout bitten, mein Herr?"
+
+„Ich war allerdings im Theater, habe aber nur vorwärts aufs Theater
+und nicht rückwärts gesehen, am wenigsten mit melancholischen
+Blicken."
+
+„Herr Oberkellner," lispelte der Graf, „Sie haben die Trüffeln
+gespart. Aber nein! Monsieur Zwerner, wie man sich täuschen kann! Ich
+hätte auf Ehre geglaubt, Sie schauten herauf in die Loge mit
+melancholischen Blicken. Auch Rebekka mochte es bemerken und Fräulein
+von Rothschild; denn als ich auf Sie hinabwies--Kellner, ich trinke
+heute lieber roten Ingelheimer, ein Fläschchen--ja, wollte ich sagen--
+das ist mir nun während des Ingelheimers gänzlich entfallen; so geht
+es, wenn man so viel zu denken hat."
+
+Meinem Nachbar mochte das unverzeihlich schlechte Gedächtnis des
+Grafen nicht behagen; obgleich er vorhin das Kaninchen ziemlich barsch
+abgewiesen hatte, so schien ihm doch dieser Punkt zu interessant, als
+daß er nicht weiter geforscht hätte. „Nun, auch Fräulein von
+Rothschild hat bemerkt, daß ich melancholisch hinaussah?" fragte er,
+indem er seine bitteren Züge durch eine Zutat von Lächeln zu versüßen
+suchte; „freilich, diese hat ein scharfes Gesicht durch die Lorgnette--".
+
+„Richtig, das war es," erwiderte Rebs, „das war es; ja, als ich auf
+Sie hinabwies und Rebeckchen Ihre Leiden anschaulich machte, schlug
+sie mich mit ihrem Jocofächer auf die Hand und nannte mich einen
+Schalk."
+
+Mein Nachbar wurde wieder finster, seine roten Wangen röteten sich
+noch mehr, und die ansehnliche Breite seines Gesichtes erweiterte sich
+noch durch wilden Trotz, der in ihm wütete. Er zog den Kopf tief in
+die Schultern und blitzte das Kaninchen hin und wieder mit einem
+grimmigen Blicke an. Er hatte nie so große Ähnlichkeit mit einem
+angenehmen Froschjüngling, der an einem warmen Juniabend trauernd auf
+dem Teichel sitzt, als in diesem Augenblicke.
+
+Graf Rebs bemerkte dies. Mit angenehmer Herablassung, wobei er das r
+noch mehr schnurren ließ als zuvor, sprach er: „Werter Monsieur
+Zwerner, Sie dürfen aus dem Schlag mit dem Jocofächer keine argen
+Folgerungen ziehen. Es ist nur eine _façon de parler_ unter
+Leuten von gutem Ton. Wegen meiner dürfen Sie ruhig sein. Zwar solange
+man jung ist," fuhr er fort, indem er den Halskragen höher heraufzog
+und schalkhaft daraus hervorsah, wie das Kaninchen aus dem Busch,
+„zwar so lange man jung ist, macht man sich hie und da ein Späßchen.
+Aber ein ganz anderer Gegenstand fesselt mich jetzt, Liebster! Haben
+Sie schon die Nichte des englischen Botschafters gesehen, die seit
+drei Tagen hier in Frankfurt ist?"
+
+„Nein," antwortete mein Nachbar, leichter atmend.
+
+„O, ein deliziöses Kind! Augenbrauen wie, wie--wie mein Rock hier,
+einen Mund zum Küssen und in dem schönen Gesicht so etwas Pikantes,
+ich möchte sagen so viel englische Rasse. Nun, wir sind hier unter
+uns; ich kann Sie versichern, es ist auffallend, aber wahr, ich sollte
+es nicht sagen, es beschämt mich, aber auf Ehre, Sie können sich
+darauf verlassen, obgleich es ein ganz komischer Fall ist, übrigens
+hoffe ich, mich auf Ihre Diskretion verlassen zu können, nein, es ist
+wirklich auffallend, in drei Tagen ..."
+
+„Nun, so bitte ich Sie doch um Gottes willen, Herr Graf, was wollen
+Sie denn sagen?"
+
+Es war ein eigener Genuß, das Kaninchen in diesem Augenblicke
+anzusehen. Ein Gedanke schien ihn zu kitzeln; denn er kniff die
+Äuglein zu, sein Kinn verlängerte sich, seine Nase bog sich abwärts
+nach den Lippen, und sein Mund war nur noch eine dünne, zarte Linie;
+dazu arbeitete er mit dem zierlich gekrümmten Rücken und den
+Schulterblättern, als wolle er anfangen zu fliegen, und mit den
+abgelebten Knöcheln seiner Finger fuhr er auf dem Tisch umher. Noch
+einmal mußte der Seufzer ihn ermuntern, sein Geheimnis preiszugeben,
+bis er endlich hervorbrachte: „Sie ist in mich verliebt! Sie staunen;
+ich kann es Ihnen nicht übelnehmen; auch mir wollte es anfangs
+sonderbar bedünken, in so kurzer Zeit; aber ich habe meine sicheren
+Kennzeichen, und auch andere haben es bemerkt."
+
+„Sie Glücklicher!" rief der Seufzer nicht ohne Ironie. „Wo Sie nur
+hintippen, schlagen Ihnen Herzen entgegen; übrigens rate ich, diese
+Engländerin ernstlicher zu verfolgen; bedenken Sie, eine so solide
+Partie--"
+
+„Merke schon, merke schon," entgegnete Rebs mit schlauem Lächeln, „es
+ist Ihnen um Rebekka, Sie wollen, ich solle dort gänzlich aus dem
+Felde ziehen. Solide Partie! Sie werden doch nicht meinen, daß ich
+schon heiraten will? Gott bewahre mich! Aber wegen Rebeckchen dürfen
+Sie ruhig sein; ich ziehe mich gänzlich zurück. Und sollte vielleicht
+eine vorübergehende Neigung in dem Mädchen--Sie verstehen mich schon--
+das wird sich bald geben; ich glaube nicht, daß sie mich ernstlich
+geliebt hat."
+
+„Ich glaube auch nicht," entgegnete der Seufzer mit einem Ton, in
+welchem sich bittere Ironie mit Grimm mischte. Die Gesellschaft stand
+auf, wir folgten. Graf Rebs tänzelte lächelnd zu den Damen, welchen er
+während der Tafel so zärtliche Blicke zugeworfen; ich aber folgte dem
+unglücklichen Seufzer.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+2. TROST FÜR LIEBENDE.
+
+
+„Was war doch dies für ein sonderbarer Herr?" fragte ich meinen
+Nachbar, indem ich mich dicht an ihn anschloß. „Findet er wirklich bei
+den Damen so sehr Beifall, oder ist er ein wenig verrückt?"
+
+„Ein Geck ist er, ein Narr!" rief der Seufzende, indem er mit dem Kopf
+aus den Schultern herausfuhr und die Arme umherwarf. „Ein alter
+Junggeselle von fünfundvierzig, und spielt noch den ersten Liebhaber.
+Eitel, töricht, glaubt, jede Dame, die er aus seinen kleinen Äuglein
+anblinzelt, sei in ihn verliebt, drängt sich überall an und ein--"
+
+„Nun, da spielt dieser Graf Rebs eine lächerliche Rolle in der
+Gesellschaft, da wird er wohl überall verhöhnt und abgewiesen?" „Ja,
+wenn die Damen dächten, wie Sie, wertgeschätzter Herr! Aber so
+lächerlich dieser Gnome ist, so töricht er sich überall gebärdet, so--
+oh--Rebekka! der Teufel hat die Weiberherzen gemacht."
+
+„Ei, ei," sagte ich, indem ich schnell Nr. 45 aufschloß und den
+Verzweifelnden hineinschob, „ei! lieber Herr Zwerner, wer wird so arge
+Beschuldigungen ausstoßen? Und auf Fräulein Rebekka--setzen Sie sich
+doch gefälligst aufs Sofa--auf das Fräulein sollte er auch Eindruck
+gemacht haben, dieser Gliedermann?"
+
+„Ach, nicht er, nicht er. Sie sieht, daß er lächerlich ist und
+geckenhaft, und doch kokettiert sie mit ihm. Nicht mit ihm, sondern
+mit seinem Titel. Es schmeichelt ihr, einen Grafen in ihrer Loge zu
+sehen oder auf der Promenade von ihm begrüßt zu werden; vielleicht,
+wenn sie eine Christin wäre, hätte sie einen solidern Geschmack."
+
+„Wie, das Fräulein ist eine Jüdin?"
+
+„Ja, es ist ein Judenfräulein. Ihr Vater ist der reiche Simon in der
+neuen Judenstraße. Das große gelbe Haus neben dem Herrn von
+Rothschild, und eine Million hat er, das ist ausgemacht."
+
+„Sie haben einen soliden Geschmack. Und wie ich aus dem Gespräch des
+Grafen bemerkt habe, können Sie sich einige Hoffnung machen?"
+
+„Ja," erwiderte er ärgerlich, „wenn nicht der Satan das Papierwesen
+erfunden hätte. So stehe ich immer zwischen Türe und Angel. Glaube ich
+heute einen festen Preis, ein sicheres Vermögen zu haben, um vor Herrn
+Simon zu treten und sagen zu können: ‚Herr, wir wollen ein kleines
+Geschäft machen miteinander; ich bin das Haus Zwerner u. Komp. aus
+Dessau, stehe so und so, wollen Sie mir Ihre Tochter geben?' Glaube
+ich nun so sprechen zu können, so läßt auf einmal der Teufel die
+Metalliques um zwei, drei Prozent steigen, ich verliere, und meinem
+Schwiegerpapa, der daran gewinnt, steigt der Kamm um so viele Prozente
+höher, und an eine Verbindung ist dann nicht mehr zu denken."
+
+„Aber kann denn nicht der Fall eintreten, daß S i e gewinnen?"
+
+„Ja, und dann bin ich so schlecht beraten wie zuvor. Herr Simon ist
+von der Gegenpartei. Gewinne ich nun durch das Sinken dieser oder
+jener Papiere, so verliert er ebensoviel, und dann ist nichts mit ihm
+anzufangen; denn er ist ein ausgemachter Narr und reif für das
+Tollhaus, wenn er verliert. Ach, und aus Rebeckchen, so gut sie sonst
+ist, guckt auf allen Seiten der jüdische Geldteufel heraus."
+
+„Wie, sollte es möglich sein, eine junge Dame sollte so sehr nach Geld
+sehen?"
+
+„Da kennen Sie die Mädchen, wie sie heutzutage sind, schlecht,"
+erwiderte er seufzend. „Titel oder Geld, Geld oder Titel, das ist es,
+was sie wollen. Können sie sich durch einen Leutnant zur gnädigen Frau
+machen lassen, so ist er ihnen eben recht, hat ein Mann wie ich Geld,
+so wiegt dies den Adel zur Not auf, weil derselbe gewöhnlich keines
+hat."
+
+„Nun, ich denke aber, das Haus Zwerner u. Komp. in Dessau hat Geld;
+woher also Ihr Zweifel an der Liebe des Fräuleins?"
+
+„Ja, ja!" sagte er etwas freundlicher, „wir haben Geld, und so viel,
+um immer mit Anstand um eine Tochter des Herrn Simon zu freien; aber
+Sie kennen die Frankfurter Mädchen nicht; werter Herr! Ist von einem
+angenehmen, liebenswürdigen jungen Manne die Rede, so fragen sie: Wie
+steht er? Steht er nun nicht nach allen Börsenregeln solid, so ist er
+in ihren Augen ein Subjekt, an das man nicht denken muß."
+
+„Und Rebekka denkt auch so?"
+
+„Wie soll sie andere Empfindungen kennen lernen in der neuen
+Judenstraße? Ach, ihre Neigung zu mir wechselt nach dem Cours der
+Börsenhalle! Man weiß hier, daß ich mich verführen ließ, viele
+Metalliques und preußische Staatsschuldscheine zu kaufen. Mein
+Interesse geht mit dem der hohen Mächte und mit dem Wohl Griechenlands
+Hand in Hand. Verliert die Pforte, so gewinne ich und werde ein
+reicher Mann. Gewinnt der Großtürke und sein Reis=Effendi, so bin ich
+um zwanzigtausend Kaisergulden ärmer und nicht wehr würdig, um sie zu
+freien. Das weiß nun das liebenswürdige Geschöpf gar wohl, und ihr
+Herz ist geteilt zwischen mir und dem Vater. Bald möchte sie gerne,
+daß die Pforte das Ultimatum annehme, um mein Glück zu fördern; bald
+denkt sie wieder, wieviel ihr Vater durch diese Spekulation des Herrn
+von Metternich verlieren könnte, und wünscht dem Effendi soviel
+Verstand als möglich. Ich Unglücklicher!"
+
+„Aber, lieben Sie denn wirklich dieses edle Geschöpf?" fragte ich.
+
+Tränen traten ihm in die Augen, ein tiefer Seufzer stahl sich aus
+seiner Brust. „Wie sollte ich sie nicht lieben?" antwortete er.
+„Bedenken Sie, fünfzigtausend Taler Mitgift, und nach des Vaters Tod
+eine halbe Million, und wenn Gott den Israelchen zu sich nimmt, eine
+ganze. Und dabei ist sie vernünftig und liebenswürdig, hat so was
+Feines, Zartes, Orientalisches; ein schwarzes Auge voll Glut, eine
+kühn geschwungene Nase, frische Lippen; der Teint, wie ich ihn liebe,
+etwas dunkel und dennoch rötlich. Ha! und eine Figur! Herr! Wie sollte
+man solches Geschöpf nicht lieben?"
+
+„Und haben Sie keinen Rival als den Gnomen, den Grafen Rebs?"
+
+„O, einige Judenjünglinge, bedeutende Häuser, buhlen um sie, aber ihr
+Sinn steht nach einem soliden Christen. Sie weiß, daß bei uns alles
+nobler und freier geht als bei ihrem Volk, und schämt sich, in guter
+Gesellschaft für eine Jüdin zu gelten. Daher hat sie sich auch den
+Frankfurter Dialekt ganz abgewöhnt und spricht Preußisch. Sie sollten
+hören, wie schön es klingt, wenn sie sagt: ‚Ißßt es möglich?' oder:
+‚Es jinge wohl, aber es jeht nich.'"
+
+Der Seufzer gefiel mir. Es ist ein eigenes, sonderbares Volk, diese
+jungen Herren vom Handelsstand. Sie bilden sich hinter ihrem
+Ladentisch eine eigene Welt von Ideen, die sie aus den trefflichsten
+Romanen der Leihbibliotheken sammeln. Sie sehen die Menschen, die
+Gesellschaft nie, es sei denn, wenn sie abends durch die Promenade
+gehen, oder Sonntags, gekleidet wie Herren _comme il faut_, auf
+Kirchweihen oder sonstigen Plätzen sich amüsieren. Reisen sie hernach,
+so dreht sich ihr Ideengang um ihre Musterkarte und die schöne Wirtin
+der nächsten Station, welche ihnen von einem Kameraden und Vorgänger
+empfohlen ist, oder um die Kellnerin des letzten Nachtlagers, die, wie
+sie glauben, noch lange um den schönen, wohlgewachsenen jungen Mann
+weinen wird. Sie haben irgendwo gelesen oder gehört, daß der
+Handelsstand gegenwärtig viel zu bedeuten habe; drum sprechen sie mit
+Ehrfurcht von sich und ihrem Wesen, und nie habe ich gefunden, daß
+einer von sich sagte: „Kaufmann oder Bänderkrämer", sondern: „Ich
+reise in Geschäften des Hauses Bäuerlein oder Zwierlein", und fragt
+man, in welchen Artikeln, so kann man unter zehn auf neun rechnen, sie
+ganz bescheiden antworten zu hören: „Knöpfe, Haften und Haken, Tabak,
+Schnupf= und Rauch=, und dergleichen bedeutende Artikel." Haben sie
+nun gar im Städtchen ihrer Heimat ein Schätzchen zurückgelassen, so
+darf man darauf rechnen, sie werden, wenn von Liebe die Rede ist, ihre
+sehr interessante Geschichte erzählen, wie sie Fräulein Jettchen beim
+Mondschein kennen gelernt haben, sie werden die Brieftasche öffnen und
+unter hundert Empfehlungsbriefen, Annoncen von Gasthöfen usw. ein
+Seidenpapier hervorziehen, das ein Pröbchen Haar von der Stirne der
+Geliebten enthält.
+
+Glückliche Nomaden! Ihr allein seid noch heutzutage die fahrenden
+Ritter der Christenheit. Und wenn es euch auch nicht zukömmt, mit
+eingelegter Lanze _à la_ Don Quichotte eurer Jungfrauen Schönheit
+zu verteidigen, so richtet ihr doch in jeder Kneipe nicht weniger
+Verwüstung an, wie jener mannhafte Ritter, und seid überdies meist
+euer eigener Sancho Pansa an der Tafel.
+
+Eine solche liebenswürdige Erziehung, aus Kontorspekulationen,
+Romanen, Mondscheinliebe und Handelsreisen zusammengesetzt, schien
+nun auch mein Nachbar Seufzer genossen zu haben. Nur etwas fehlte
+ihm, er war zu ehrlich. Wie leicht wäre es für einen Mann von
+Zweimalhunderttausend gewesen, Kuriere nicht von H ö c h s t oder von
+L a n g e n, sondern von W i e n, sogar mit a u t h e n t i s c h e n
+Nachrichten kommen zu
+
+lassen, um seinem Glücke aufzuhelfen. Ist denn auf der Erde nicht
+alles um Geld feil? Und wenn Rothschild mit Geld etwas machen kann,
+warum sollte es ein anderer nicht auch können, wenn sein Geld
+ebensogut ist als das des großen Makkabäers?
+
+Zwar e i n solcher Sperling wagt keinen Sommer. E i n e solche
+Handelsseele mehr oder weniger mein, kann mir nicht nützen. Doch die
+Nuancen ergötzen mich, jenes bunte Farbenspiel, bis ein solcher Hecht
+ins Netz geht, und darum beschloß ich, ihm zu nützen, ihn zu fangen.
+
+„Ich bin," sagte ich zu ihm, „ich bin selbst einigermaßen
+Papierspekulant; daher werden Sie mir vergeben, wenn ich Ihre
+bisherigen Verfahrungsarten etwas sonderbar finde."
+
+„Wie meinen Sie das?" fragte er verwundert. „Als ich in Dessau war,
+ließ ich mir nicht jeden Posttag den Kurszettel schicken? Und hier,
+gehe ich nicht jeden Tag in die Börsenhalle? Gehe ich nicht jeden Tag
+in die neue Judenstraße, um das Neueste zu erfragen?"
+
+„Das ist es nicht, was ich meine. Ein Genie wie Sie, Herr Zwerner (er
+verbeugte sich lächelnd), das heißt, ein Mann mit diesen Mitteln, der
+etwas wagen will, muß s e l b s t eingreifen in den Lauf der Zeiten."
+
+„Aber mein Gott," rief er verwunderungsvoll, „das kann ja jetzt
+niemand als der Rothschild, der Reis=Effendi und der Herr von
+Metternich. Wie meinen Sie denn?"
+
+„Über Ihr Glück, Sie geben es selbst zu, kann ein einziger Tag, eine
+einzige Stunde entscheiden. Zum Beispiel, wenn die Pforte das
+Ultimatum verwirft, die Nachricht schnell hierher kommt, kann eine
+Krisis sich bilden, die Sie stürzt. Ebenso im Gegenteil können Sie
+durch eine solche Nachricht sehr gewinnen, weil dann Ihre Papiere
+steigen?"
+
+„Gewiß, gewiß," seufzte er. „Aber ich sehe nur noch nicht recht ein--"
+
+„Nur Geduld. Wer gibt nun diese Nachricht, wer bekommt sie? Das
+Ministerium in Wien oder ein guter Freund, der sehr nahe hingehorcht
+und dem g r o ß e n P o r t i e r ein Stück Geld in die Hand gedrückt
+hat, läßt noch in der Nacht einen Kurier aufsitzen. Der reitet und
+fährt und fliegt nach Frankfort und bringt die Depesche--wem?"
+
+„Ach, dem Glücklichsten, dem Vornehmsten!"
+
+„Nein, dem, der am besten zahlt. Einen solchen Kurier kann ich Ihnen
+um Geld auch verschaffen, ich habe Konnexionen in Wien. Man kann dort
+mancherlei erfahren, ohne gerade der österreichische Beobachter zu
+sein. Kurz, wir lassen einen Brief mit der Nachricht einer wichtigen
+Krisis, eines bedeutenden Vorfalles kommen--"
+
+„Etwa, der Sultan habe einen Schlag bekommen, oder der Kaiser von
+Rußland sei plötzlich--"
+
+„Nichts davon, das ist zu wahrscheinlich, als daß es die Leute
+glauben! Unwahrscheinliches, Überraschendes muß auf der Börse
+wirken!"--
+
+„Also etwa, der Fürst von M. sei ein Türke geworden, habe dem Islam
+geschworen?"
+
+„Ich sage Ihnen ja, nichts Wahrscheinliches. Nein, geradezu, die
+Pforte habe das Ultimatum angenommen. Bekommen Sie nun diese Nachricht
+mit allem möglichen geheimnisvollen Wesen, lassen Sie den Kurier
+sogleich ein paar Stationen weiter reisen, lassen Sie den Brief einige
+Geheimniskrämer lesen, gehen kurze Zeit darauf in die Börsenhalle, so
+kann es nicht fehlen, Sie sind ein wichtiger Mann und setzen Ihre
+Papiere mit Gewinn ab."
+
+„Aber, lieber Herr," erwiderte der Kaufmann von Dessau kläglich, „das
+wäre ja denn doch erlogen, wie man zu sagen pflegt, eine Sünde für
+einen rechtlichen Mann; bedenken Sie, ein Kaufmann muß im Geruch von
+Ehrlichkeit stehen, will er Kredit haben."
+
+„Ehrlichkeit, Possen! Geld, Geld, das ist es, wonach er riechen muß,
+und nicht nach Ehrlichkeit. Und was nennen Sie am Ende Ehrlichkeit? Ob
+Sie Ihre Kunden bei einem Pfund Kaffee betrügen, ob Sie einem alten
+Weibe ihr Lot Schnupftabak zu leicht wiegen, oder ob Sie dasselbe
+Experiment im großen vornehmen, das ist am Ende dasselbe."
+
+„Ei, verzeihen Sie, da muß ich denn doch bitten; an der Prise, die das
+Weib zu wenig bekommt, stirbt sie nicht, wie man zu sagen pflegt; aber
+wenn ich einen solchen Kurier kommen lasse, so kann er durch seine
+falsche Nachricht ein Nachrichter der ganzen Börse werden; viele
+Häuser können fallieren, andere wanken und den Kredit verlieren, und
+das wäre dann meine Schuld!"
+
+„So, mein Herr?" sagte ich mit mitleidigem Lächeln zu der schwachen
+Seele. „So, Sie schämen sich nicht, die Moral, das Herrlichste, was
+man auf Erden hat, so zu verhunzen? Also wegen der Folgen wollen Sie
+nicht? Nicht vor dem Beginnen an sich, als einem unmoralischen, beben
+Sie zurück? Wer den Anfang einer Tat nicht scheut, darf auch ihr Ende
+nicht scheuen, ohne für eine kleine Seele zu gelten. Oder glauben Sie,
+eine Rebekka könne man dadurch verdienen, daß man im Weißen Schwanen
+wohnt und seufzt, daß man zur Tafel geht und mit dem Kaninchen, dem
+Grafen Rebs, grollt?"
+
+„Aber, mein Herr," rief der Seufzer etwas pikiert, „ich weiß gar
+nicht, was Sie mir, als einem ganz Fremden, für eine Teilnahme
+erzeigen; ich weiß gar nicht, wie ich das nehmen soll?"
+
+„Mein Herr, das haben Sie sich selbst zuzuschreiben; Sie haben mir
+Ihre Lage entdeckt und mich gleichsam um Rat gefragt; daher meine
+Antwort. Übrigens bin ich ein Mann, der reist, um überall das
+Treffliche und Erhabene kennen zu lernen. In Ihnen glaubte ich gleich
+auf den ersten Anblick solches gefunden zu haben;--"
+
+„Bitte recht sehr, eine so ganz gewöhnliche Physiognomie wie die
+meine--"
+
+„Das können Sie nicht so beurteilen wie ein anderer; auf Ihrer Stirne
+thront etwas Freies, Mutiges, um Ihren Mund weht ein anziehender
+Geist--"
+
+„Finden Sie das wirklich?" rief er, indem er lächelnd meine Hand faßte
+und verstohlen nach dem Spiegel blickte. „Es ist wahr, man hat mir
+schon dergleichen gesagt, und in Stuttgart hat man mich sogar
+versichert, ich sei dem berühmten Dannecker auf der Straße
+aufgefallen, und er sei eigens deswegen einigemal in den König von
+England gekommen, um von mir etwas für seinen Johannes abzusehen."
+
+„Nun sehen Sie, wie muß es nun einen Mann, wie ich bin, überraschen,
+so wenig Mut, so wenig Entschluß hinter dieser freien Stirne, diesem
+mutigen Auge zu finden!"
+
+„Ach, Sie nehmen es auch zu strenge; ich habe ja Ihren Vorschlag
+durchaus nicht verworfen, nur einiges Bedenken, einige kleine Zweifel
+stiegen in mir auf, und--nun Sie haben wahrlich nicht unrecht, ich
+fühle einen gewissen Mut, eine gewisse Freiheit in mir, es ist ein
+gewisses Etwas, ja--so gut es ein anderer tun kann, will ich es auch
+versuchen. Es sei, wie Sie sagten, ich will es daranrücken und einen
+Kurier kommen lassen; wir wollen die Metalliques steigern!"
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+3. EIN SCHABBES IN BORNHEIM.
+
+
+Der einzige Zweifel, der den seufzenden Dessauer noch quälte, war die
+Furcht, den Vater seiner Geliebten in bedeutenden Verlust zu stürzen,
+wenn er seine Operation nach meinem Plane einrichte. Doch auch dafür
+wußte ich ein gutes, sehr einfaches Mittel. Er mußte den Herrn Simon
+in der neuen Judenstraße auf seine Seite bringen, mußte ihm bedeutende
+Winke von der nahenden Krisis geben; entweder nahm dann der Jude an
+dem ganzen Unternehmen unbewußt teil und gewann zugleich mit dem
+Dessauer, oder er war wenigstens gewarnt und mußte einige Achtung vor
+dem Manne bekommen, der so genau die politischen Wendungen zu
+berechnen wußte, der seine Kombinationen so geschickt zu machen
+verstand.
+
+Dem Kaufmann leuchtete dies ein. Er kam von selbst auf den Gedanken,
+noch an diesem Tage mit dem alten Simon zu sprechen und lud mich ein,
+mit ihm nach B o r n h e i m zu fahren, wo der Schabbes heute die
+noble Welt des alten Judenquartiers, der neuen Judenstraße, überhaupt
+alle Stämme Israels versammelt habe.
+
+Wir fuhren hinaus, der Seufzer schien ein ganz anderer Mensch geworden
+zu sein. Sein trübseliges Gesicht leuchtete freundlich vom Glanze der
+Hoffnung, sein Auge hob sich freier, um seine Stirn, seinen Mund war
+jede Melancholie verschwunden, sein großer, runder Kopf steckte nicht
+mehr zwischen den Schultern, er trug ihn freier, erhabener, als wollte
+er sagen: „Seht, ihr Frankfurter und Bornheimer, ich bin es, das Haus
+Zwerner und Komp. aus Dessau, nächstens eine bedeutende Person an der
+Börse, und, wenn es gut geht, Bräutigam der schönen Rebekka Simon in
+der neuen Judenstraße!"
+
+Aus dem Garten des Goldenen Löwen in Bornheim tönten uns die
+zitternden Klänge von Harfen und Gitarren und das Geigen verstimmter
+Violinen entgegen; das Volk Gottes ließ sich vormusizieren im Freien,
+wie einst ihr König Saul, wenn er übler Laune war. Wir traten ein; da
+saßen sie, die Söhne und Töchter Abrahams, Isaaks und Jakobs, mit
+funkelnden Augen, kühn gebogenen Nasen, fein geschnittenen Gesichtern,
+wie aus einer Form geprägt, da saßen sie vergnügt und fröhlich
+plaudernd und tranken Champagner, aus saurem Wein, Zucker und
+Mineralwasser zubereitet, da saßen sie in malerischen Gruppen unter
+den Bäumen, und der Garten war anzuschauen, als wäre er das gelobte
+Land Kanaan, das der Prophet vom Berge gesehen und seinem Volke
+verheißen hatte. Wie sich doch die Zeiten ändern durch die Aufklärung
+und das Geld!
+
+Es waren dies dieselben Menschen, die noch vor dreißig Jahren keinen
+Fuß auf den breiten Weg der Promenade setzen durften, sondern
+bescheiden den Nebenweg gingen; dieselben, die den Hut abziehen
+mußten, wenn man ihnen zurief: „Jude, sei artig, mach' dein
+Kompliment!" Dieselben, die von dem Bürgermeister und dem hohen Rat
+der freien Stadt Frankfurt jede Nacht eingepfercht wurden in ihr
+schmutziges Quartier. Und wie so ganz anders waren sie jetzt
+anzuschauen! Überladen mit Putz und köstlichen Steinen saßen die
+Frauen und Judenfräulein; die Männer, konnten sie auch nicht die
+spitzigen Ellbogen und die vorgebogenen Knie ihres Volkes verleugnen,
+suchten sie auch umsonst den ruhigen, soliden Anstand eines Kaufherrn
+von der Zeile oder der Million zu kopieren, die Männer hatten sich
+sonntäglich und schön angetan, ließen schwere, goldene Ketten über die
+Brust und den Magen herabhängen, streckten alle zehn Finger, mit
+blitzenden Solitärs besteckt, von sich, als wollten sie zu verstehen
+geben: Ist das nicht was ganz Solides? Sind wir nicht das auserwählte
+Volk? Wer hat denn alles Geld, gemünzt und in Barren, als wir? Wem ist
+Gott und Welt, Kaiser und König schuldig, wem anders als uns?
+
+„Dort sitzt sie, die Taube von Juda, dort sitzt sie, die Gazelle des
+Morgens," rief der Seufzer in poetischer Ekstase und zerrte mich am
+Arm; „schauen Sie dort, unter dem Zelt von hölzernem Gitterwerk. Der
+mit dem runden Leib, der langen Nase und den grauen Löckchen am Ohr
+ist der Vater, Herr Simon aus der neuen Judenstraße, die dicke Frau
+rechts mit den schwarzseidenen Locken und dem rotbraunen Gesicht ist
+die Tante; eine fatale Verwandtschaft, aber man weiß sich in Zukunft
+zu separieren nach und nach."
+
+„Aber wo ist denn die Gazelle, die Taube? Ich sehe sie noch nicht--"
+
+„Geduld! Noch bedeckt die neidische Wolke, die Tante, das Gestirn des
+Aufgangs; fassen wir ein Herz, treten wir näher. Doch eben fällt mir
+bei, ich muß Sie vorstellen; wie nenne ich Sie, mein lieber Freund und
+Ratgeber?"
+
+„Ich bin der k. k. Legationsrat Schmälzchen aus Wien," gab ich ihm zur
+Antwort, „reise in Geschäften meines Hofes nach Mainz."
+
+„Ah," rief er, nachdem er schon bei dem kaiserlich königlich an den
+Hut gegriffen hatte, „Le--Legationsrat, wirklicher, und nicht bloß
+Titular ums liebe Geld? Das freut mich, dero werte Bekanntschaft zu
+machen. Hätte es mir gleich vorstellen können, Sie haben einen gar
+tiefen Blick in die Staatsaffären. Wahrhaftig, hätte es Ihnen gleich
+ansehen können; haben so etwas Diplomatisches, Kabinettsmäßiges in
+dero Visage."
+
+„Bitte, bitte, keine Komplimente. Gehn wir zum Juden, ich hoffe Ihnen
+nützlich sein zu können."
+
+Wir traten zu dem Zelt aus hölzernem Gitterwerk. Mein Begleiter
+errötete tiefer, je näher er trat; seine Wangen liefen vom Hellroten
+ins Dunkelrote, von da ins bläulich Schattierte an, und als wir vor
+dem Herrn Simon standen, war er anzusehen wie eine schöne dunkelrote
+Herzkirsche. Die Tante, „das neidische Gewölk", erhob sich, und nun
+ward auch das Gestirn des Morgens sichtbar. Das Schickselchen, die
+Kalle, ich meine Rebekka, des Juden Tochter, war nicht übel.--Sie
+hatte, um mich wie Graf Rebs auszudrücken, viel Rasse, und ihre Augen
+konnten den Seufzer wohl bis auf Herz durchbrennen, obgleich er zur
+Vorsicht und aus Eleganz drei Westen angetan hatte.
+
+Nachdem mich mein Freund, der als solides Haus aus Dessau bei der
+Familie wohl gelitten schien, vorgestellt hatte, machte er sich an die
+Taube von Juda und überließ es mir, den alten Simon zu unterhalten.
+Mein Titel schien ihm einigen Respekt eingeflößt zu haben. „Haben da
+ein schönes Fach erwählt, Herr von Schmälzlein," bemerkte er
+wohlgefällig lächelnd; „habe immer eine Inklination für die Diplomatik
+gehabt, aber die Verhältnisse wollten es nicht, daß ich ein Gesandter
+oder dergleichen wurde. Man weiß da gleich alles aus der ersten Hand!
+Man kann viel komplizieren und dergleichen; was ließen sich da für
+Geschäfte machen!"
+
+„Sie haben recht, mein Herr! Man lernt da die verwickeltsten
+Verhältnisse kennen. Allein aber schauen's, das Ding hat auch seinen
+Haken. Man weiß oft eigentlich zu viel, es geht einem wie ein Rad im
+Kopf umher."
+
+Der Jude rückte näher. Mit einem Wiener Diplomaten, mochte er denken,
+nehme ich es auch noch auf. „Zeviel?" sagte er. „Ich für meinen Teil
+kann nie zeviel wissen. Was die Papiere betrifft, da kann ein
+Fingerzeig, ein halber, ein Viertelsgedanke oft mehr tun, als eine
+lange Rede im Frankfurter Museum. Nu, S i e stehen solide in Wien, Ihr
+Staat ist ein gemachtes Haus trotz einem; was Herr von M. auf dem
+Flageolett vorpfeift, das singen die Staren nach."
+
+„Die Staren vielleicht, aber nicht die Zaren!"
+
+„Gut, _très bien, bon_! Gut gegeben, hi! hi! hi! _à propos_,
+wissen Sie Neues aus daher?" Er rückte mir noch näher und wurde
+verfänglicher.
+
+„Herr Simon," sagte ich mit Artigkeit ausweichend, „Sie wissen, es
+gibt Fälle--"
+
+„Wie?" rief er erschrocken. „Gotts Wunder! Neue Fallissements, waas!
+Ist nicht die Krisis vom letzten Winter schon ein Strafgericht des
+Herrn gewesen? Waas?"
+
+„Um Jottes willen, Papa!" schrie Rebekka, indem sie den Arm des
+zärtlichen Seufzers zurückstieß und aufsprang. „Doch kein Unglück?
+Mein Jott! Doch nich hier in Frankfort?"
+
+„Beruhigen Sie sich doch, gnädiges Fräulein, ich sprach mit Ihrem
+Herrn Papa über Politik und rechnete einige Fälle auf, und er hat mich
+holter nicht recht verstanden."
+
+Sie preßte mit einem zärtlichen, hinsterbenden Blick auf den
+erschrockenen Dessauer ihre Hand auf das Herz und atmete tief.
+
+„Nee! was ich erschrocken bin jeworden, da machen Sie sich keenen
+Bejriff von!" lispelte sie. „Mein Herz pocht schrecklich! Na, erzählen
+Sie man weiter; was sachte der Graf? Sie hätten ins Parterre jestanden
+und wären melancholisch jewesen?"
+
+Das Geflüster der Liebenden wurde leiser und leiser; die Blicke des
+Seufzers wurden feuriger, er zog, als „das Gewölke" ein wenig im
+Garten auf und ab ging, die niedliche Hand der Jüdin an die Lippen und
+gestand ihr, wenn ich anders recht gehört habe, daß nächstens die
+Metalliques und die .... um drei Prozente steigen würden.
+
+„Herr von Schmälzlein," sagte der Alte, nachdem er einigen koscheren
+Wein zu sich genommen hatte, „Sie haben mir da einen Schreck in den
+Leib gejagt, den ich nie vergesse. Fallen, Fälle, wie kann man auch
+nur dies Wort in Gesellschaft aussprechen? Nun, Sie wollten sagen--?"
+
+„Es gibt Affären," fuhr ich fort, „wo der Diplomat schweigen muß. Über
+das Nähere meiner Sendung z. B. werden Sie selbst mich nicht befragen
+wollen; nur so viel kann ich Ihnen, aber, mein Herr Simon, im engsten
+Vertrauen--"
+
+„Der Gott meiner Väter tue mir dies und das," rief er feierlich, „so
+ich nur meinem Nachbar oder seinem Weib oder seinem Sohn oder seiner
+Tochter das Geringste--"
+
+„Schon gut! Ich traue auf Ihre Diskretion; kurz, so viel kann ich
+Ihnen sagen, daß nächstens eine bedeutende Krisis eintreten wird; g a
+n z zu allernächst. F ü r oder g e g e n wen darf ich nicht sagen,
+doch Herr von Zwerner--"
+
+„V o n Zwerner?"
+
+„Nun, ich nenne ihn so, man weiß ja nicht, was geschieht; an ihn war
+ich besonders empfohlen vom Fürsten, und ich glaube, wenn ich anders
+richtig schließe, er muß in den nächsten Tagen Kuriere aus Wien
+bekommen."
+
+„Der Zwerner? Ei, ei! Wer hätte das gedacht! Zwar ich sagte immer,
+hinter dem steckt etwas; geht so tiefsinnig, kalkulierend umher, hat
+wahrscheinlich nicht umsonst so unsinnig viele Metalliques gekauft.
+Ei, sehe doch einer! Hält sich Kuriere mit Wien! Und wenn man fragen
+darf, es handelt sich wohl um das Ultimatum mit der Pforte?"
+
+„Ja."
+
+„Ei darf man fragen? Wie ist es ausgefallen? Hat er eingewilligt, der
+Effendi? Hat er?"
+
+„Mein Herr Simon, ich bitte--"
+
+„O, ich verstehe, ich verstehe, Sie wollen es nicht sagen, aus
+Politik, aus Politik, aber er hat, er hat?"
+
+„Trauen Sie auf nichts, ich w a r n e Sie, auf keine Nachricht trauen
+Sie, als auf authentische. Der Herr dort weiß vielleicht mancherlei
+und hat nicht das drückende Stillschweigen eines Diplomaten zu
+beobachten."
+
+„Ei, hätte ich das in meinem Leben gedacht, Kuriere von Wien, und der
+Zwerner aus Dessau; zwar er ist ein solides Haus, das ist keine Frage,
+aber denn doch nicht so außerordentlich. Ob sich wohl was mit ihm
+machen ließe?" setzte er tiefer nachsinnend hinzu, indem er seine Nase
+herunter gegen den Mund bog und das lange Kinn aufwärts drückte, daß
+sich diese beiden reichen Glieder begegneten und küßten. Das war der
+Moment, wo er anbeißen mußte, denn er nagte schon am Köder. Ich gab
+dem Seufzer aus Dessau einen Wink, sich dem Papa zu nähern, und nahm
+seinen Platz bei der Gazelle des Morgenlandes ein.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+4. DAS GEBILDETE JUDENFRÄULEIN.
+
+
+Wie war sie graziös, das heißt geziert, wie war sie artig, nämlich
+honett, wie war sie naiv, andere hätten es lüstern genannt.
+
+„Ich liebe die Tiplomattiker," sagte sie unter anderem mit feinem
+Lächeln und vielsagendem Blick. „Es is so etwas Feines, Jewandtes in
+ihren Manieren. Man sieht ihnen den Mann von jutem Jeschmack schon von
+die Ferne an, und wie angenehm riechen sie nach _Eau de
+Portugal_!"
+
+„O gewiß, auch nach _Fleur d'Orange_ und dergleichen. Wie nehmen
+sich denn die hiesigen Diplomaten? Kommen sie viel unter die Leute?"
+
+„Nun, sehen Sie, wie das nun jeht, die älteren Herren haben sechs bis
+sieben Monate Ferien und reisen umher. Die jüngeren aber, die indessen
+hier bleiben und die Geschäfte treiben, sie müssen Pässe visieren, sie
+müssen Zeitungen lesen, ob nichts Verfängliches drein is, sie müssen
+das Papier ordentlich zusammenlegen für die Sitzungen. Nun, was nun
+solche junge Herren Tiblomen sind, das sein janz scharmante Leute,
+wohnen in die _Chambres garnies_, essen an die _Tables d'hôte_, jehen
+auf die Promenade schön ausstaffiert _comme il faut_, haben zwar
+gewöhnlich kein Jeld nicht, aber desto mehr Ansehen."
+
+„Da haben Sie einen herrlichen Schal umgelegt, mein Fräulein, ist er
+wohl echt?"
+
+„Ah, jehen Sie doch! Meinen Sie, ich werde etwas anderes anziehen, als
+was nicht janz echt ist? Der Schal hat mir jekostet achthundert
+Gulden, die ich in die Rothschildischen Los gewunnen. Und sehen Sie,
+dieses Kollier hier kostet sechzehnhundert Gulden und dieser Ring
+zweitausend. Ja, man jeht sehr echt in Frankfort, das heißt, Leute von
+den jutem Ton, wie unsereine."
+
+„Ach, was haben Sie doch für eine schöne, gebildete Sprache, mein
+Fräulein! Wurden Sie etwa in Berlin erzogen?"
+
+„Finden Sie das och?" erwiderte sie anmutig lächelnd. „Ja, man hat mir
+schon oft das Kompliment vorjemacht. Nee, in Berlin drein war ich nie,
+ich bin hier erzogen worden; aber es macht, ich lese viel und bilde
+auf diese Art meinen Jeist und mein Orkan aus."
+
+„Was lesen Sie, wenn man fragen darf?"
+
+„Nu, Bellettres, Bücher von die schöne Jeister. Ich bin abonniert bei
+Herrn Döring in der Sandjasse, nächst der Weißen Schlange, und der
+verproviantiert mich mit Almanachs und Romancher."
+
+„Lesen Sie Goethe, Schiller, Tieck und dergleichen?"
+
+„Nee, das tu ich nich. Diese Herren machen schlechte Jeschäfte in
+Frankfort. Es will sie keen Mensch, sie sind zu studiert, nich
+natürlich jenug. Nee, den Jöthe lese ich nie wieder! Das is was
+Langweiliges. Und seine Wahlverwandtschaften! Ich werde rot, wenn ich
+nur daran denke. Wissen Sie, die Szene in der Nacht, wo der Baron zu
+die Baronin,--ach, man kann's jar nicht sagen, und jedes stellt sich
+vor--"
+
+„Ich erinnere mich, ich erinnere mich. Aber es liegt gerade in diesem
+Gedanken eine erstaunliche Tiefe--ein Chaos von Möglichkeiten--"
+
+„Nu, kurz, den mag ich nicht; aber wer mein Liebling ist, das is der
+Clauren. Nee, dieses Leben, diese Farben, dieses Studium des Herzens
+und namentlich des weiblichen Jemüts, ach, es is etwas Herrliches. Und
+dabei so natürlich! Wenn mir die andern alle vorkommen wie schwere
+vierhändige Sonaten mit tiefen Baßpartien, mit zierlichen Solos, mit
+Trillern, die kein Mensch nich verstehen und spielen kann, so wie der
+Mozart, der Haydn, so kommt mir der Clauren akkerat so vor wie ein
+anjenehmer Walzer, wie ein Hopswalzer oder Galopp. Ach, das Tanzen
+kommt einem in die Beene, wenn man ihn liest. Es ist etwas
+Herrliches!"
+
+„Fahren Sie fort, wie gerne höre ich Ihnen zu. Auch ich liebe diesen
+Schriftsteller über alles. Diese andern, besonders ein Schiller, wie
+wenig hat er für das Vergnügen der Menschheit getan. Man sollte
+meinen, er wolle moralische Vorlesungen halten. Er ist, um mich eines
+andern Gleichnisses zu bedienen, schwerer, dicker Burgunder, der mehr
+melancholisch als heiter macht. Aber dieser Clauren! Er kommt mir vor
+wie Champagner und zwar wie unechter, den man aus Birnen zubereitet.
+Der echte verdunstet gleich; aber dieser unechte, setzt er auch im
+Grunde viele Hefen an, so 'brüsselt' er doch mit allerliebsten
+tanzenden Bläschen auf und ab eine Stunde lang, er berauscht, er macht
+die Sinne rege, er ist der wahre Lebenswein."
+
+„O sehen Sie, da kann ich Ihnen ja gleich unsern Clauren vormachen mit
+Bornheimer Champagner. Man nimmt fremden Wein, so etwa die Hälfte,
+jießt Mineralwasser dazu, und nun jeben Sie acht. Ich werfe Zucker in
+das Janse, und unser Clauren ist fertig. Sehen Sie, wie es siedet, wie
+es sprudelt und brüsselt, wie anjenehm schmeckt es nich und ist ein
+wohlfeiles Jetränke. Nee, ich muß sagen, er ist mein Liebling. Und das
+Anjenehmste is das, man kann ihn so lesen, ohne viel dabei zu denken,
+man erlebt es eigentlich, es is, meine ich, mehr der Körper, der ins
+Buch schaut, als der Jeist. Und wie angenehm läßt es sich dabei
+einschlafen!"
+
+„Ich glaube gar, ihr seid in einem gelehrten Gespräch begriffen," rief
+lachend der alte Jude, indem er, den Dessauer an der Hand, zu uns
+trat. „Nicht wahr, Herr Legationsrat, ich habe da ein gelehrtes Ding
+zur Tochter? Sie spricht auch wie ein Buch und liest den ganzen Tag."
+
+„Nun, und Sie, Papa, und Herr Zwerner haben wohl tiefe
+Handelsjeheimnisse abjemacht? Darf man auch davon hören. Wie werden
+sie in der nächsten Woche stehen, die Metalliques? Recht hoch? Hab'
+ich es erraten?"
+
+„Stille, Kind, stille! Kein Wort davon! Muß alles geheim gehalten
+werden! Muß einen großen Schlag geben. Ist ein Goldmännchen, der Herr
+von Zwerner. Setzen Sie sich zu ihr hin und klären ihr alles auf. Sie
+ist auf diesem Punkt ein verständiges Kind und weiß zu rechnen, die
+Rebeckchen."
+
+Was schlich denn jetzt durch das Gras? Was hüpfte auf zierlichen
+Beinchen heran? Was lächelte schon von weitem so freundlich nach der
+Kalle des Herrn Simon? War es nicht das Gräfchen Rebs, das alte,
+freundliche Kaninchen, das in alle Damen verliebt ist und alle
+bezaubert? Er war es, er kam hereingeschwänzelt.
+
+Er schnaufte und ächzte, als er heran war, und doch konnte er auch in
+dem Zustand höchster Erschöpfung, in welchem er zu sein schien, sein
+liebliches süßes Lächeln nicht unterdrücken. Er warf sich ermattet
+neben Rebekka in einen Sessel, streckte die dünnen Beinchen, so mit
+zierlichen Spörnchen zum Spazierengehen beschlagen, heftete den
+matten, sterbenden Blick auf die schöne Jüdin und sprach: „Habe die
+Ehre, vergnügten Abend zu wünschen. Ich sterbe, mit mir geht's aus!"
+
+„Mein Jott! Herr Israels! Graf Rebs, was haben Sie doch? Ihre Wangen
+sind ja janz einjeschnurrt, Ihre Augen bleiben stehen. Er antwortet
+nich! Herr Tiplomat, _Eau de Cologne_! Haben Sie keines bei sich
+in die Tasche?"
+
+So rief das schöne Judenkind und beschäftigte sich um den Ohnmächtigen
+mit zarter Sorgfalt. Da ich keine _Eau de Cologne_ bei mir trug,
+so begann sie etwas weniges verzweifeln zu wollen und verlangte von
+dem Dessauer, er solle ihm Tabaksrauch in die Nase blasen. Doch der
+Vater wußte bessern Rat: „Da geht einer," rief er freudig, „da geht
+ein charmanter junger Herr, ist in Kondition nicht weit von uns, der
+trägt beständig etzliches Kölner Wasser in seiner Rocktasche!"
+
+Wie ein Pfeil schoß er auf den jungen Mann zu und war, als er ihm mit
+schrecklichen Gebärden das _Eau de Cologne_= Fläschchen
+abforderte, anzusehen wie Sir John Falstaff, als er die Krämer
+beraubt. Maria Farinas Lebenstropfen brachten das arme Kaninchen
+wieder zu sich. Er schlug die Augen auf, seufzte tief und lächelte.
+„Mich gehorsamst zu bedanken," lispelte er mit zitternder Stimme, „für
+die gütigst geleistete Hilfe. War mir aber recht elend zu Mut; fast
+als hätte ich mehr Bier getrunken als dienlich."
+
+„Sind Sie oft solchen Zufällen unterworfen?" fragte Rebekka, ihn etwas
+mißfällig betrachtend.
+
+„Mitnichten und im Gegenteil," erwiderte er, indem er den Rücken
+zierlich wendete und drehte, mit den Schultern über die Brust
+herausfuhr und mannhaft mit den Spörnchen klirrte. „Mitnichten, habe
+sonst eine überaus starke Konstitution. Aber der dicke Pfarrer, der
+dicke Pfarrer...."
+
+Die Juden schwiegen, und Rebekka schlug die Augen nieder, wie immer,
+wenn von christlichen Pfarrern oder Zeremonien oder auch von
+Schweinefleisch in ihrer Nähe gesprochen wurde. Der Seufzer aber, dem
+die Erscheinung des Grafen etwas lästig schien, fragte ihn ziemlich
+boshaft, ob er etwa im Goldenen Brunnen gewesen, sich allda etwas
+betrunken und nachher mit dem ehrsamen Pastor Münster Streit und
+kirchlichen Skandal angefangen nach seiner Gewohnheit.
+
+„Nach meiner Gewohnheit?" rief das Kaninchen erschrocken. „Ich ein
+Unruhstifter oder Säufer, ich in dem Goldenen Brunnen, ich, der ich
+nur die allernobelsten Hotels, den Pariser und den Englischen Hof, den
+Weidenbusch, in welchem ich logiere, und den Weißen Schwan mit meinem
+Besuch beehre? Nein, er ist mir begegnet, der Pfarrer, und als er an
+mir vorbeiging, sah er mich mit schrecklichen Augen an und sagte: „Das
+ist auch so ein S t e i n d e s A n s t o ß e s, auch so ein
+Mystiker." „Herr Pfarrer," sagte ich, „guten Abend, aber ein Mystiker
+bin ich nicht und will auch für keinen gelten, am wenigsten
+öffentlich, auf der Chaussee nach Bornheim." „Sie wollen keiner sein?"
+antwortete er, indem er näher auf mich zutrat, so daß sein Bauch und
+das Cachet seiner Uhr mir gerade auf die Brust zu sitzen kamen und
+mich heftig drückte. „Wollen keiner sein? Warum kommen Sie denn nicht
+mehr ins Museum? Warum haben Sie an öffentlichen Wirtstafeln, im
+Pariser, Weiden= und anderen Höfen geschimpft über mich, daß ich ein
+gewisses Gedicht von Langbein in besagter Gesellschaft vorgelesen?" Es
+ist wahr, ich hatte mich ziemlich stark darüber ausgesprochen, aber
+nicht aus Mystizismus, sondern weil ich glaubte, es könne zarte
+Damenohren und weiche Gemüter unangenehm berühren, jenes Gedicht. Aber
+er nahm keine Entschuldigung an. Ich schlüpfte ihm unter dem Bauch weg
+und wollte schnell weiter gehen; aber er setzte mir mit weiten
+Schritten nach, ging neben mir her und beschuldigte mich, seinem
+Gegenpart, dem mystischen Pfarrer, zu einer reichen Frau verholfen zu
+haben; er behauptete auch, daß ich mich jeden Morgen statt des
+Frühstücks magnetisieren lasse, und dergleichen. Und erst hier an der
+Gartentüre ließ er mit einer mürrischen Reverenz von mir ab."
+
+„Aber was hat denn dies alles zu bedeuten?" fragte ich. „Halten denn
+die Pfarrer hier auf der Landstraße Kirche, wie es Sitte war zur Zeit
+der Apostel?"
+
+„In Frankfurt," belehrte mich der Kaufmann aus Dessau, „in Frankfurt
+ist gegenwärtig ein großer Krieg zwischen den Pfarrern, und ihre
+Parteien befehden sich ebenfalls. Mystiker und Rationalisten schelten
+sie sich hin und her, der eine wirft dem andern vor, er predige nur
+Moral, der andere entgegnet, sein Gegner rede tiefen Unsinn. Nicht nur
+in den Kirchen, auf den Kanzeln, sondern auch in den Weinhäusern und
+Trinkstuben, auf Chausseen und in Kasinos wird gekämpft; und so konnte
+es leicht geschehen, daß der Herr Graf einem Eiferer der Vernunft in
+die Hände fiel.--Doch wie? Herr Graf, wenn ich nicht irre, so fährt
+dort der Lord und seine Nichte. Nicht so? Und sie halten vor dem
+Garten, sie steigen aus?" „Ah, sie hat mich bemerkt," rief das
+Kaninchen sehr freundlich, „sie schaut schon herüber und wedelt, wenn
+ich nicht irre, mit dem Taschentuch mir zu. Verzeihen allerseits, daß
+ich mich entferne. Miß Mary hat ein Auge auf mich geworfen, und Sie
+wissen selbst, bei solchen Affären--"
+
+Er schlüpfte unter diesen Worten aus dem Zelt und eilte mit zierlichen
+Sprünglein zu der Gartenpforte, wo er in dem Drang seines Herzens die
+junge Dame auf den glacierten Handschuh küßte. Es mochte ihr übrigens
+dieses Zeichen seiner Verehrung überaus komisch vorkommen; denn ihr
+Lachen drang bis zu uns herüber, und mit tiefem Baß begleitete sie der
+Lord, indem er dem Kaninchen das Pfötchen schüttelte.
+
+Das Gewölk, die Tante Simon, kam jetzt zurück und beklagte sich, daß
+es schon etwas kühl werde. Der Jude ließ daher seinen schönen Wagen
+vorfahren und verließ mit den Seinigen den Garten. Der Seufzer hatte
+das Glück, Rebeckchen in den Wagen heben zu dürfen, und kam mit ganz
+verklärtem Gesicht zurück. Sie hatte ihm unter der Türe noch die Hand
+gedrückt und gestanden, daß sie sich diesen Nachmittag janz
+fürtrefflich amüsiert habe, und der Alte hatte ihn eingeladen, morgen
+und alle Tage den Abend in seinem Hause zuzubringen.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+5. DER KURIER AUS WIEN KOMMT AN.
+
+
+Ich könnte dir, geneigter Leser meiner Memoiren, vieles Ergötzliche
+und Interessante erzählen, was ich in der freien Stadt Frankfurt
+erlebte. Nicht von früheren Zeiten her, wo ich oft hinter den Stühlen
+der Kurfürsten stand und den Kaiser wählen half, wo ich so oft unter
+guten Freunden im Römer und beim Römer saß, wenn das neue Haupt des
+vielgliedrigen Leibes, Deutsches Reich genannt, mit der Krone
+geschmückt worden war. Nein, von den heutigen Tagen könnte ich dir
+viel erzählen, von dem tiefen, geheimnisvollen Wesen der Diplomatie,
+von dem herrlichen Junitag, in welchem es niemals Abend oder Nacht
+wird, ich meine den deutschen Bundestag; von dem herrlichen Treiben
+und Blühen des Mystizismus und wie ich das Feuer anschürte zwischen
+seinen Anhängern und den Rationalisten, und wie es im Wirtshaus zum
+Goldenen Brunnen einigemal zu bedeutenden Raufereien kam zwischen
+beiden Parteien, das heißt--nur mit schneidenden Zungen und stechenden
+Blicken. Ich könnte dir erzählen, wie ich in einem Institut, woselbst
+man junge Fräulein für die Welt zustutzt, nützlichen Unterricht gab im
+Gitarrespielen und andern Kleinigkeiten, so eine junge Dame kennen
+muß, wenn sie in die Welt tritt. Ich könnte dir erzählen von jener
+Straße, Million genannt, wo meine speziellsten Freunde wohnen, deren
+der geringste über Millionen gebietet.
+
+Doch ich schweige von diesem allem, weil ich mir vorgenommen, dir
+einen kleinen Abriß zu geben von der Art, wie ich den ehrlichen,
+seufzenden Sohn Merkurs aus Dessau zu einem Teufelskind machte. Der
+erste Schritt vom ehrlichen Mann zum schlechten oder Betrüger ist an
+sich klein und dennoch bedeutend, weil man leicht, sozusagen, in Schuß
+kommt und unaufhaltsam bergab, bergab geht, anfangs im Trott, nachher
+im Galopp. Mein guter Seufzer hatte sein bedeutendes Vermögen mit
+einem ehrlichen Gemüt geerbt. Er ging in seinen Geschäften den
+geraden, ehrlichen Weg, nicht, weil er ihm angenehmer war, sondern
+weil er es unbequem finden mochte, Winkelzüge und Umwege zu machen.
+
+Es ist dies die Ehrbarkeit, die Tugend, die nie auf der Probe war und
+daher ein negativer Begriff, ein Nichts, auf jeden Fall keine Tugend
+ist.
+
+Nicht der Geldgewinn, er ist ziemlich zufrieden mit seinem Los,
+sondern die Liebe zu der schönen Kalle des alten Simon macht ihn
+straucheln, oder vielmehr, wie Gelegenheit Diebe macht, die süße Art,
+wie ich es ihm eingab. Jetzt ist er, um das Kind beim rechten Namen zu
+nennen, aus dem ehrlichen Mann ein Betrüger geworden. Er wird, weil es
+ihm diesmal leicht wird, zu betrügen, das nächste Mal ähnliches
+versuchen. Das Gewissen, die Ehrlichkeit, die Ruhe, die
+Selbstzufriedenheit ist ja doch schon zum Teufel; warum soll er sich
+also genieren? Der große Gewinn für mich liegt aber darin, daß die
+ersten Versuche des ehrlichen Mannes, ein Betrüger zu werden,
+gewöhnlich gut ausfallen und zur Wiederholung locken. Denn wer mit mir
+Geschäfte macht, kann, solange es tunlich ist, darauf rechnen, sie mit
+Glück zu machen, und unglückliche Spekulanten, von denen die Sage
+geht, daß sie sich erhängt oder ersäuft haben, hatten durch Reue und
+Selbstanklage den Kopf verloren, hatten mir zu wenig vertraut, und
+nicht ich war es, der sie verließ; sie hatten sich selbst verlassen.
+
+Doch, wo gerate ich hin? Habe ich mich von dem dicken Pfarrer
+anstecken lassen, zu moralisieren? Ist es denn mein Zweck, mit
+psychologischen Abhandlungen meine Leser zu ermüden oder sogar
+abzuschrecken? Oder wie, ließ ich mich etwa von den Winken einiger
+gelehrten Leute verführen, die behaupten, es liege zu wenig
+psychologische Teufelei oder teuflische Psychologie in meinen
+Memoiren, ich sei für einen deutschen Schriftsteller, als welchen ich
+mich im Leipziger Meßkatalogus einregistrieren lassen, nicht gründlich
+genug?
+
+Der Teufel soll es holen! möchte ich mir selbst zurufen. Sobald man
+vom Wege abgeht, gerät man immer mehr auf Abwege, so auch im
+Niederschreiben von Memoiren. Ich werde kurz sein.
+
+Ich hatte durch meine dienenden Kleinen erfahren, welche Gedanken der
+Reis=Effendi in einer Privatunterredung mit Herrn von Minciaky über
+das russische Ultimatum geäußert. Ja, um redlich zu sein, ich hatte
+selbst großen Anteil an jener Wendung der Dinge, weil mir dadurch das
+sogenannte Gleichgewicht etwas aus die Spitze gerückt zu werden schien
+und mehr Leben in das schlummernde Europa kommen konnte, das von
+Revolutionen und andern lustigen Artikeln nur t r ä u m t und im S c h
+l a f e s p r i c h t. Ich hatte diese Nachricht früher vernommen,
+als sie selbst nur nach Petersburg kommen konnte, und in meiner Hand
+lag es, die Papiere steigen oder fallen zu machen. Der Vater der
+schönen Rebekka hatte in den letzten Tagen auf meinen Rat und seine
+eigene Einsicht hin seine Papiere so umgesetzt, daß er beim geringsten
+Steigen der----auf großen Gewinn zählen konnte. Große Spannung
+herrschte in dem Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstraße. Der
+Alte versicherte, seine Gebeine erzittern, so oft er ansetze, einen
+wichtigen Brief zu schreiben. Die Tante, „das neidische Gewölk",
+mochte ahnen, was vorging, und schlich trübe und ächzend im Hause
+umher. Die Kalle war die mutigste von allen. Zwar war auch sie in
+einiger Bewegung; denn sie las nicht mehr, weder in Clauren, noch in
+verschiedenen Almanachs, sogar das Modejournal wollte sie nicht
+ansehen; sie spielte auch nicht mehr auf der Harfe, aber doch trug sie
+das Köpfchen noch so hoch wie zuvor und ermutigte durch manche Rede
+die zagenden Bundestruppen.
+
+Der Seufzer war gänzlich von Verstand gekommen. Bald war er tiefsinnig
+und zweifelte an seinem Glück, besonders in der Nähe der schönen
+Jüdin, wenn er sich die Höhe seiner Seligkeit, den Besitz der
+lieblichen Kalle dachte. Dann war er wieder ausgelassen fröhlich und
+sprach allerlei verwirrtes Zeug, wie er ein Millionär zu werden
+gedenke, wie und wo er sich ein Haus bauen wolle, und was dergleichen
+überschwengliche Gedanken mehr waren; der Kalle aber flüsterte er ins
+Ohr, daß er sich wolle adeln lassen und sie zur gnädigen Frau
+Baronesse von Zwerner zu Zwernersheim machen, welcher Ort noch auf der
+Landkarte auszumitteln wäre.
+
+Endlich, es war am dritten Frankfurter Pfingstfeiertag, und die
+Mädchen und Frauen spazierten schon scharenweise hinaus an den Main,
+um sich übersetzen zu lassen nach dem Wäldchen, und die Männer riefen
+ihnen nach, nur einstweilen alles zuzurüsten daselbst, weil sie nur
+noch auf die Börse gingen und bald nachkämen, indem heute nichts
+Bedeutendes vorkomme, und auch die alte Baubo, die schnöde Hexe, zog
+hinaus, doch diesmal nicht auf dem Mutterschwein, sondern in einem
+eleganten Wagen. Sie hatte ihre schönen Stieftöchter bei sich und
+nickte mir freundlich zu, als wollte sie sagen: „Dich kenne ich wohl,
+Satan, obgleich du jetzt in schwarzem Frack und seidenen Strümpfen
+einherzuwandeln beliebst und meiner Elise, dem allerliebsten Kind,
+praktische Gitarrestunden gibst, dich kenne ich wohl; komm aber nur
+hinaus ins Wäldchen, da sprechen wir wohl wieder ein Wort zusammen."
+Da fuhr sie hin, die gute Alte, eine der ersten Palastdamen meiner
+Großmutter und sehr angesehen in Frankfurt und auf dem Brocken in der
+Walpurgisnacht, da fuhr sie hin und viele tausend und wieder tausend
+fromme Frankfurter Seelen ihr nach, die alle das Gebot in feinem
+Herzen trugen: „Du sollst den Feiertag heiligen und an Pfingsten auch
+den dritten und vierten."
+
+Jetzt war es Zeit, zu operieren. Den Tag zuvor hatte man sich
+allgemein mit dem Gerücht getragen, daß die Pforte das Ultimatum nicht
+annehmen werde, und man erwartete von heute nichts Besonderes. Da
+jagte um elf Uhr ein Kurier durch das Tor, ganz mit Schweiß und Staub
+bedeckt; er sprengte, greulich auf dem Posthorn blasend, durch die
+Straße, Million genannt, und in einem Umweg durchs neue Judenquartier;
+die Leute rissen die Fenster auf und fuhren mit den Köpfen heraus, um
+zu schauen nach dem schrecklichen Trompeten= und Straßenlärm. „Wo
+kümmt Er här? Wo will Er hin?" riefen sie. „In Weißen Schwan," schrie
+er, „ich habe den Weg verfehlt, wo geht's in Weißen Schwan?" „Der Herr
+is wohl ä Korrier?" „Freilich, nur schnell," rief er und zog einen
+Brief mit großem Siegel aus der Tasche, „das kömmt von Wien und ist an
+den Herrn Zwerner aus Dessau im Weißen Schwan." „Da an der Ecke gehts
+rechts, dann die Straße links, dann kömmt Er auf die Zeile, da reitet
+Er bis an die Hauptwache, und von dort ists nimmer weit." So riefen
+sie, schauten ihm nach, wie er mit der Peitsche knallend davonjagte
+und besprachen sich dann über die Straße hinüber, was wohl die
+Depesche aus Wien enthalten möchte. Der Kurier war aber niemand anders
+als einer meiner dienstbaren Geister, in die Uniform eines hessischen
+Postillons gekleidet.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+6. DER REIS=EFFENDI UND DER TEUFEL IN DER BÖRSENHALLE.
+
+
+Im Briefe stand mit dürren Worten, daß der Reis=Effendi dem Herrn v.
+Minciaky die vertrauliche, jedoch halb offizielle Mitteilung gemacht
+habe, daß die Pforte das Ultimatum, soweit es Rußland betreffe,
+annehmen werde.
+
+Der Seufzer bekam nun die nötige Instruktion, was er zu tun hatte. Er
+fuhr mit dem Briefe sogleich zu Papa Simon und mit diesem zu Herrn v.
+R-------, dem Papst der Börse, dem sichtbaren Oberhaupt der
+unsichtbaren papierenen Kirche. Dieser prüfte die Depesche genau. Er
+selbst hatte schon zu oft ähnliche Mittel angewendet, Pariser Kuriere
+aus Mainz, und Wiener aus Aschaffenburg kommen lassen, als daß er so
+leicht konnte hintergangen werden. Er ließ daher ein Licht bringen und
+prüfte zuerst Geruch und Flüssigkeit des Siegellacks. „Gott's Wunder!"
+sprach er, bedächtlich riechend, „Gott's Wunder! das ist echtes
+Kaisersiegellack, wie es nur in Wien selbst zubereitet wird und was
+Eingeweihte zu solchen Depeschen zu verwenden pflegen." Dann
+betrachtete er genau das Kuvert des Briefes und fand darauf die
+gedruckten Zeichen jeder Poststation von Wien bis Frankfurt, und keins
+fehlte. Er verglich sodann diese Zeichen mit der Liste der
+Postzeichen, die er zur Hand hatte, und--sie waren richtig.
+
+Hatte er zuvor den Herrn Zwerner, Handelsmann aus Dessau, als ein
+kleines Paarmalhunderttausendguldenmännchen so obenhin behandelt, wie
+der Löwe das Hündchen, so wuchs Letzt seine Achtung mit unglaublicher
+Schnelle. Er hätte zwar am liebsten selbst den Kurier bekommen, samt
+der inhaltsschweren Depesche, doch, da dies nicht mehr zu ändern war,
+machte er gute Miene zum bösen Spiel, dankte, daß man ihn sogleich von
+der wichtigen Nachricht avertiert habe und berechnete dabei, welche
+Summe dem Dessauer diese Nachricht gekostet haben könnte, indem er
+annahm, dieser Kaufmann müsse die Preise, die er in Wien für solche
+Winke bezahle, überboten haben. Es war Börsenzeit, er selbst fuhr mit
+auf die Börsenhalle.
+
+B ö r s e n h a l l e! Unter diesem Namen stellt sich wohl der Fremde,
+der diese Einrichtung noch nie gesehen, ein weitläufiges Gebäude vor,
+wie es der Stadt Frankfurt würdig wäre, mit weiten Sälen,
+Seitengängen, schönen Portalen und dergleichen. Wie wundert er sich
+aber und lächelt, wenn er in diese Börsenhalle tritt! Man stelle sich
+einen ziemlich kleinen, gepflasterten Hof, von unansehnlichen Gebäuden
+eingeschlossen, vor, wo man mit Bequemlichkeit Pferde striegeln, Wagen
+reinigen, waschen, Hühner und Gänse füttern und dergleichen solide
+häusliche Hantierungen verrichten könnte. Statt des ehrwürdigen
+Truthahns, statt der geschwätzigen Hühner und Gänse, statt des
+Stallknechts mit dem Besen in der Faust, statt der Küchendame, die
+hier ihren Salat wäscht--sieht man hier zwischen zwölf und ein Uhr
+mittags ein buntes Gedränge. Männer mit dunkelgefärbten, markierten
+Gesichtern, mit schwarzen Bärten und lauernden Augen, mit
+kühngebogenen Nasen und breiten Mäulern, mit schmutzigen Hemden und
+unsauberer Kleidung schleichen mit gebogenen, schlotternden Knien und
+spitzigen Ellbogen, den Hut tief in, den Nacken zurückgedrückt, umher
+und fragen einander: „Nu, wie stehen se heute?" Du wandelst staunend
+durch dieses Gewühl und fühlst einen kleinen unbehaglichen Schauer,
+wenn dich eine der unsauberen Gestalten im Vorübergehen anstreift. Du
+begreifst zwar, daß du dich unter den Kindern Israels befindest; aber
+zu welchem Zweck treiben sie sich hier unter freiem Himmel in einem
+Hühnerhof umher? Endlich wirst du eine Tafel, etwa wie ein
+Wirtshausschild anzusehen, gewahr. Dort steht mit goldenen Buchstaben
+deutlich zu lesen: „Börsenhalle." Also in der Börsenhalle der freien
+Stadt Frankfurt befindest du dich. Du hörst heute ein sonderbares
+Gemunkel und Geflüster. Die Leute gehen staunend umher, mehr mit
+Blicken als mit Worten fragend: „Ae Korrier aus Wien?" „Gott's
+Wunder!" „Wer hat'n gekriecht?" „Ae Fremder, der Zwerner von Dessau."
+„Wie? Kaner von unsere Lait? Nicht der Rothschild, der grauße Baron,
+nicht der Bethmann? Auch nicht der Metzler? Waas?"
+
+„Was hat'r gebracht, der Korrier! Abraham, wie stehen se?"
+
+„Wie werden se stehen! Wer kann's wissen, solange der Zwerner aus
+Dessau nicht ist auf der Börsenhalle!"
+
+„Levi! hat er's Oltemat'm angenommen, der Reis=Effendi? Hat er, oder
+hat er nicht? Wie werden se stehen?"
+
+„Ich hab's genug, 's is a viertel auf Eins, und noch will keiner
+verkaufen, aus Schrecke vor die Korrier. Wär' nur der Zwerner aus
+Dessau da! Auch der Rothschild bleibt so lang aus und der Simon von
+die neue Straße. Wirst sehen, 's wird geben ä grauße Operation! Der
+Herr wird verstockt haben das Herz des Effendi, daß er hat nicht
+angenomme das Oltematum von dem Moskeviter?"
+
+„Bethmannische Obligationen will man nicht kaufen, sind gefallen um
+Vertelpurzent!"
+
+„Wie steht's mit die Metalliques? Wie verkauft sie der Metzler? Wie
+stehen se, Abraham? Tu mer de Gefallen und sag', die Metalliques, wie
+stehen se?"
+
+„Aß ich der sag, ich weiß nicht, wo mer steht der Kopf, weiß heut
+keiner, wer is Koch oder Keller? Aß ich nicht kann riechen, wie se
+stehen, die Mettaliques!"
+
+Plötzlich entsteht ein Geräusch, ein Gedränge nach der Türe zu. Ein
+Wagen ist vorgefahren, die Leute stehen auf den Zehen, machen lange
+Hälse, um die Mienen der Kommenden zu sehen. Drei Männer arbeiten sich
+durch die Menge und stellen sich ernst und gravitätisch an ihren Platz
+zur Seite, wie es wohllöblicherweise auf anderen Börsen der Brauch
+ist, wo nur die Mäkler umherlaufen und sich drängen. Es war der große
+Baron, der an der Seite stand, zu seiner Rechten das Gestirn des
+Tages, der Kaufmann Zwerner aus Dessau, jetzt nicht mehr Seufzer zu
+nennen; denn sein Herz schien zu jubilieren und allerlei verliebte
+Streiche ausführen zu wollen, während er doch die Sinne bedächtlich
+und gesetzt beisammen behalten mußte, um sich nicht zu verrechnen. Zur
+Linken stand der Jude Simon, angetan mit seinem Sabbather Rock und
+einer schneeweißen Halsbinde, mit feierlicher, hochzeitlicher Miene,
+so daß sein Volk gleich sah, es müsse was ganz Außerordentliches sich
+zugetragen haben.
+
+Jetzt nahten die Käufer und Verkäufer und fragten nach den Preisen.
+Sie wurden bleich, sie sanken in die Knie und schlichen zitternd
+umher. Sie lamentierten schrecklich mit den Armen, sie steckten die
+Finger in den Mund, sie fluchten ebräisch und syrisch auf den
+Christen, der sich einen Kurier kommen lassen, auf den Vater, welcher
+den Kurier gezeugt, auf das Pferd, welches das Pferd des Kuriers zur
+Welt gebracht, auf seinen Kopf, auf seine vier Füße, kurz auf alles,
+selbst auf Sonne, Mond und Sterne und auf Frankfurt und die
+Börsenhalle. Jetzt merkte man, warum der schlaue Simon seine Papiere
+in den letzten Tagen umgesetzt habe; jetzt konnte man sich den
+Tiefsinn des Kaufmanns aus Dessau erklären! „Das Ultimatum ist
+angenommen," scholl es durch den Hof, „der Reis=Effendi hat zugesagt,"
+hallte es durch die Ecken; und obgleich die drei wichtigen Männer nur
+entfernt auf ihren Brief anspielten, nur einige nähere Umstände
+angaben, nichts Bestimmtes aussprachen, so stiegen doch die
+österreichischen, die rothschildischen und wenige andere Papiere, von
+welchen durch Zwerners und des alten Simons Sorge gerade nicht sehr
+viele auf dem Platz waren, in Zeit von einer halben Stunde um vier und
+ein halbes Prozent. Mehrere Häuser, die sich nicht vorgesehen hatten,
+fingen an zu wanken, eines lag schon halb und halb und hatte es nur
+seiner nahen Seitenverwandtschaft mit dem regierenden (Börsen=) Hause
+zu verdanken, daß ihm noch einige Stützen untergeschoben wurden.
+
+Als man um ein Uhr auseinanderging, lautete der Kurszettel der
+Frankfurter Börsenhalle:
+
+ Metalliques 87 5/8.
+ Bethmännische 75 1/2.
+ Rothschildische Lose 132.
+ Preußische Staatsschuldscheine 84.
+
+An den übrigen war nichts geändert worden.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+7. DIE VERLOBUNG.
+
+
+Dieses kleine Börsengemetzel entschied über das Schicksal des Seufzers
+aus Dessau. In den zwei nächsten Tagen wirkte er durch die große Menge
+Metalliques, die er in Händen hatte, mächtig auf den Gang bei
+Geschäfte, und als einige Tage nachher Herr von Rothschild
+Privatmitteilungen aus Wien erhielt, wodurch seine Nachrichten
+vollkommen bestätigt werden, da drängte sich alles um den
+hoffnungsvollen, spekulativen Jüngling, um den genialen Kopf, der auf
+unglaubliche Weise die Umstände habe berechnen können.
+
+Seine Zurückgezogenheit zuvor galt nun für tiefes Studium der Politik,
+seine Schüchternheit, sein geckenhaftes Stöhnen und Seufzen für
+Tiefsinn, und jedes Haus hätte ihm freudig eine Tochter gegeben, um
+mit diesem sublimen Kopf sich näher zu verbinden. Da aber die
+Polygamie in Frankfurt derzeit noch nicht förmlich sanktioniert ist
+und das Herz des Dessauers an Rebekka hing, so schlug er mit großer
+Tapferkeit alle Stürme ab, die aus den Verschanzungen in der Zeile,
+aus den Trancheen der Million, selbst aus den Salons bei neuen Mainzer
+Straße mit glühenden Liebesblicken und Stückseufzern auf ihn gemacht
+wurden.
+
+Der alte Herr Simon, konnte sich auch der Dessauer in Hinsicht auf Geld
+und Glücksgüter ihm nicht gleichstellen, rechnete es sich dennoch zur
+besonderen Ehre, einen so erleuchteten Schwiegersohn zu bekommen. Ja,
+er sah es als eine glückliche Spekulation an, ihn durch Rebekka gefangen
+zu haben. Er sah ihn als eine prophetische Spekulationsmaschine an,
+die ihn in kurzer Zeit zum reichsten Manne Europas machen mußte;
+denn, wenn er immer mit seinem Schwiegersohn zugleich kaufte oder
+verkaufte, glaubte er nie fehlen zu können.
+
+Fräulein Rebekka ging ohne vieles Sträuben in die Bedingungen ein, die
+ihr der Zärtliche auferlegte; da er eine gewisse Abneigung verspürte,
+ein Jude zu werden, so hielt er es für notwendig, daß sie sich taufen
+lasse. Sie nahm schon folgenden Tages insgeheim Unterricht bei dem
+Herrn Pastor Stein und gab dafür auf einige Zeit ihre Klavierstunden
+auf, wobei, wie sie behauptete, noch etwas Erkleckliches profitiert
+würde, da sie dem Klaviermeister einen Taler für die Stunde hatte
+bezahlen müssen. Sie selbst legte dafür dem Dessauer die Bedingung
+auf, daß er sich für einige hundert Gulden in den Adelsstand erheben
+lassen und in dem „jöttlichen Frankfort" leben müsse.
+
+Er ging darauf freudig ein und überließ mir dieses diplomatische
+Geschäft. Um nun auch von mir zu reden, so traf pünktlich ein, was ich
+vorausgesehen hatte. Der Seufzer beschwichtigte fürs erste sein
+Gewissen, das ihm allerlei vorwerfen mochte, z. B. daß das ganze
+Geschäft unehrlich und nicht ohne Hilfe des Teufels habe zustande
+kommen können. Sobald er mit dieser Beschwichtigung fertig war, war
+auch seine Dankbarkeit verschwunden. Weil ihn alles als den sublimsten
+Kopf, den scharfsinnigsten Denker pries, glaubte er ohne Zaudern
+selbst daran, wurde aufgeblasen, sah mich über die Achsel an und
+erinnerte sich meiner sehr gütig als eines Menschen, mit welchem er im
+Weißen Schwan einigemal zu Mittag gespeist habe.
+
+Was mich übrigens am meisten freute, war, daß er die Strafe seines
+Undankes in sich und seinen Verhältnissen trug. Es war vorauszusehen,
+daß seine prophetische Kraft, sein spekulativer Geist sich nicht lange
+halten konnten. Mißglückten nur erst einige Spekulationen, die er, auf
+sein blindes Glück und seinen noch blinderen Verstand trauend,
+unternahm, verlor er erst einmal fünfzig= oder hunderttausend und zog
+seinen Schwiegerpapa in gleiche Verluste, so fing die Hölle für ihn
+schon auf Erden an.
+
+Rebeckchen, das liebe Kind, sah auch nicht aus, als wollte sie mit dem
+neuen Glauben auch einen neuen Menschen anziehen. War sie erst
+„Gnädige Frau von Zwerner", so war zu erwarten, daß die Liebesintrigen
+sich häufen würden; junge wohlriechende Diplomaten, alte Sünder, wie
+Graf Rebs, fremde Majors mit glänzenden Uniformen waren dann
+willkommen in ihrer Loge und zu Hause, und der Dessauer hatte das
+Vergnügen, zuzuschauen. Und wie wird dieser sanfte Engel Rebekka sich
+gestalten zur Furie, wenn die spekulative Kraft ihres Eheherrn
+nachläßt und damit zugleich sein Vermögen, wenn man das glänzende
+Hotel in der Zeile, die Loge im ersten Rang, die Equipage und die
+hungernden Liebhaber samt der köstlichen Tafel aufgeben, wenn man nach
+Dessau ziehen muß in den alten Laden des Hauses Zwerner und Komp.,
+wenn die gnädige Frau herabsinkt aus ihrem geadelten Himmel und zur
+ehrlichen Kaufmannsfrau wird, wenn man den Gemahl statt mit Papieren,
+wie es nobel ist und groß, mit Ellenwaren und Bändern, ganz klein und
+unnobel handeln sieht! Welche Perspektive!!
+
+Doch am vierten Pfingstfeiertag 1826 dachte man noch nicht an
+dergleichen im Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstraße. Da war
+ein Hin= und Herrennen, ein Laufen, ein Kochen und Backen; es wurde
+ungemein viel Gänseschmalz verbraucht, um koscheres Backwerk zu
+verfertigen; ein Hammel wurde „geschächt", um köstliche Ragouts zu
+bereiten.
+
+Der geneigte Leser errät wohl, was vorging in dem gesegneten Hause?
+Nämlich nichts Geringeres als die Verlobung des trefflichen Paares.
+Die halbe Stadt war geladen und kam. Hatte denn der alte Simon nicht
+treffliche alte Weine? Speiste man bei ihm, das Gänsefett abgerechnet,
+nicht trefflich? Hatte er nicht die schönsten jüdischen und
+christlichen Fräulein zusammengebeten, um die Gesellschaft zu
+unterhalten durch geistreiche Spiele und herrlichen Gesang?
+
+Auch Graf Rebs, das treffliche Kaninchen, war geladen, und nur das
+brachte ihn einigermaßen in Verlegenheit, daß nicht weniger als
+zwanzig Frauen und Fräulein zugegen waren, mit denen er schon in
+zärtlichen Verhältnissen gestanden hatte. Er half sich durch
+ausdrucksvolle Liebesblicke, die er allenthalben umherwarf, wie auch
+durch die eigene Behendigkeit seiner Beinchen, auf welchen er überall
+umherhüpfte und jeder Dame zuflüsterte, sie allein sei es eigentlich,
+die sein zartes Herz gefesselt. Die übergroße Anstrengung, zwanzig auf
+einmal zu lieben, da er es sonst nur auf fünf gebracht hatte, richtete
+ihn aber dergestalt zugrunde, daß er endlich elendiglich zusammensank
+und in seinem Wagen nach Hause gebracht werden mußte.
+
+Die Gesellschaft unterhielt sich ganz angenehm und bewies sich nach
+Herrn Simons Begriffen sehr gesittet und anständig; denn als er am
+Abend, nachdem alle sich entfernt hatten, mit seiner Tochter Rebekka
+das Silber ordnete und zählte, riefen sie einmütig und vergnügt:
+„Gott's Wunder! Gott's Wunder! Was war das für noble Gesellschaft, für
+gesittete Leute! Es fehlt auch nicht e i n Kaffeelöffelchen; kein
+Dessertmesserchen oder Zuckerklämmerchen ist uns abhanden gekommen!
+Gott's Wunder!"
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER FESTTAG IM FEGEFEUER. (Fortsetzung.)
+
+ Am Horizont in diesem Jahr
+ Ist es geblieben, wie es war.
+ M. Claudius.
+
+
+1. DER JUNGE GARNMACHER FÄHRT FORT, SEINE GESCHICHTE ZU ERZÄHLEN.
+
+
+Das Manuskript, aus welchem wir die infernalischen Memoiren
+dechiffrieren und ausziehen, fährt bei jener Stelle, die wir im ersten
+Teile notgedrungen abbrachen, fort, die Geschichte des jungen
+deutschen Schneider=Barons zu geben. Er ist aus seiner Vaterstadt
+Dresden entflohen, er will in die weite Welt, fürs erste aber nach
+Berlin gehen und erzählt, was ihm unterwegs begegnete.
+
+„Meine Herren," fuhr der edle junge Mann fort, „als ich mich umsah,
+stand ein Mann hinter mir, gekleidet wie ein ehrlicher, rechtlicher
+Bürger; er fragte mich, wohin meine Reise gehe, und behauptete, sein
+Weg sei beinahe ganz der meinige, ich solle mit ihm reisen. Ich
+verstand so viel von der Welt, daß ich einsah, es sei weniger
+auffallend, wenn man einen halberwachsenen Jungen mit einem älteren
+Manne gehen sieht, als allein. Der Mann entlockte mir bald die Ursache
+meiner Reise, meine Schicksale, meine Hoffnungen. Er schien sich sehr
+zu verwundern, als ich ihm von meinem Onkel, dem Herrn von Garnmacher
+in der Dorotheenstraße in Berlin, erzählte. ‚Euer Onkel ist ja schon
+seit zwei Monaten tot!' erwiderte er. ‚O du armer Junge, seit zwei
+Monaten tot; es war ein braver Mann, und ich wohnte nicht weit von ihm
+und kannte ihn gut. Jetzt nagen ihn die Würmer!'
+
+Sie können sich leicht meinen Schrecken über diese Trauerpost denken,
+ich weinte lange und hielt mich für unglücklicher als alle Helden;
+nach und nach aber wußte mich mein Begleiter zu trösten: ‚Erinnerst du
+dich gar nicht, mich gesehen zu haben?' fragte er. Ich sah ihn an,
+besann mich, verneinte. ‚Ei, man hat mich doch in Dresden so viel,
+gesehen,' fuhr er fort; ‚alle Alten und besonders die Jugend strömte
+zu mir und meinem jungen Griechen.'
+
+Jetzt fiel mir mit einemmal bei, daß ich ihn schon gesehen hatte. Vor
+wenigen Wochen war nach Dresden ein Mann mit einem jungen
+unglücklichen Griechen gekommen; er wohnte in einem Gasthof und ließ
+den jungen Athener für Geld sehen, das Geld war zur Erhaltung des
+Griechen und der Überschuß für einen Griechenverein bestimmt. Alles
+strömte hin, auch mir gab der Vater ein paar Groschen, um den
+unglücklichen Knaben sehen zu können. Ich bezeugte dem Manne meine
+Verwunderung, daß er nicht mehr mit dem Griechen reise.
+
+‚Er ist mir entlaufen, der Schlingel, und hat mir die Hälfte meiner
+Kasse und meinen besten Rock gestohlen; er wußte wohl, daß ich ihm
+nicht nachsetzen konnte; aber wie wäre es, mein Söhnchen, wenn du mein
+Grieche würdest?' Ich staunte, ich hielt es nicht für möglich; aber er
+gestand mir, daß der andere ein ehrlicher Münchner gewesen sei, den er
+abgerichtet und kostümiert habe, weil nun einmal die Leute die
+griechische Sucht hätten."
+
+„Wie?" unterbrach ihn der Engländer. „Selbst in Deutschland nimmt man
+Anteil an den Schicksalen dieses Volkes? Und doch ist es eigentlich
+ein deutscher Minister, der es mit der Pforte hält und die Griechen
+untergehen läßt."
+
+„Wie es nun so geht in meinem lieben Vaterland," antwortete Baron von
+Garnmacher, des Schneiders Sohn; „was einmal in einem anderen Lande
+Mode geworden, muß auch zu uns kommen. Das weiß man gar nicht anders.
+Wie nun vor kurzem die Pargioten ausgetrieben wurden und bald nachher
+die griechische Nation ihr Joch abschüttelte, da fanden wir dies
+erstaunlich hübsch, schrieben auf der Stelle viele dicke Bücher
+darüber und stifteten Hilfsvereine mit sparsamen Kassen. Sogar
+Philhellenen gab es bei uns, und man sah diese Leute mit großen
+Bärten, einen Säbel an der Seite, Pistolen im Gürtel, rauchend durch
+Deutschland ziehen. Wenn man sie fragte: ‚Wohin?' so antworteten sie:
+‚In den heiligen Krieg nach Hellas gegen die Osmanen!' Bat sich nun
+etwa eine Frau oder ein Mann, der in der alten Geographie nicht sehr
+erfahren, eine nähere Erklärung aus, so erfuhr man, daß es nach
+Griechenland gegen die Türken gehe. Da kreuzigten sich die Leute,
+wünschten dem Philhellenen einen guten Morgen und flüsterten, wenn er
+mit dröhnenden Schritten einen Fußpfad nach Hellas einschlug: ‚Der muß
+wenig taugen, daß er im Reich keine Anstellung bekommt und bis nach
+Griechenland laufen muß.'"
+
+„Ist's möglich?" rief der Marquis. „So teilnahmlos sprachen die
+Deutschen von diesen Männern?"
+
+„Gewiß; es ging mancher hin mit dem schönen Gefühl, einer
+unterdrückten Sache beizustehen, mancher, um sich Kriegsruhm zu
+erkämpfen, der nun einmal auf den Billards und in den Garnisonen nicht
+zu erlangen ist; aber alle barbierte man über einen Löffel, wie mein
+Vater zu sagen pflegte, und schalt sie Landläufer."
+
+„Mylord," sagte der Franzose, „es sind doch dumme Leute, diese
+Deutschen!"
+
+„O ja," entgegnete jener mit großer Ruhe, indem er sein Rumglas gegen
+das Licht hielt, „zuweilen; aber dennoch sind die Franzosen
+unerträglicher, weil sie allen Witz allein haben wollen."
+
+Der Marquis lachte und schwieg. Der Baron aber fuhr fort: „Auf diese
+Sitte der Deutschen hatte jener Mann seinen Plan gebaut, und noch oft
+muß ich mich wundern, wie richtig sein Kalkül war. Die Deutschen,
+dachte er, kommen nicht dazu, etwas für einen weit aussehenden Plan,
+für ein fernes Land und dergleichen zu tun; entweder sagen sie: Es war
+ja vorher auch so, lasset der Sache ihren Lauf, wer wird da etwas
+Neues machen wollen?' oder sie sagen: ‚Gut, wir wollen erst einmal
+sehen, wie die Sache geht, vielleicht läßt sich hernach etwas tun.'
+Fällt aber etwas in ihrer Nähe vor, können sie selbst etwas Seltenes
+mit eigenen Augen sehen, so lassen sie es sich etwas kosten.'
+
+Man war dem Griechen früher oft in mancher kleinen Stadt sehr dankbar,
+daß er doch wieder eine Materie zum Sprechen herbeigeführt habe, eine
+Seltenheit, welche die Weiber beim Kaffee, die Männer beim Bier
+traktieren konnten.
+
+Was für Aussichten blieben mir übrig? Mein Onkel war tot, ich hatte
+nichts gelernt; so schlug ich ein, Grieche zu werden. Jetzt fing ein
+Unterricht an, bei welchem wir bald so vertraut miteinander werden,
+daß mir mein Führer sogar Schläge beibrachte. Er lehrte mich alle
+Gegenstände auf neugriechisch nennen, bläute mir einige Floskeln in
+dieser Sprache ein, und nachdem ich hinlänglich instruiert war,
+schwärzte er mir Haar und Augenbrauen mit einer Salbe, färbte mein
+Gesicht gelblich, und--ich war ein Grieche. Mein Kostüm, besonders das
+für vornehme Präsentationen, war sehr glänzend, manches sogar von
+Seide. So zogen wir im Land umher und gewannen viel Geld."
+
+„Aber, mein Gott," unterbrach ihn der Franzose, „sagen Sie doch, in
+Deutschland soll es viele gelehrten Männer geben, die sogar Griechisch
+schreiben. Diese müssen es doch auch sprechen können; wie haben Sie
+sich vor diesen durchbringen können?"
+
+„Nichts leichter als dies, und gerade bei diesen hatte ich meinen
+größten Spaß; diese Leute schreiben und lesen das Griechische so gut,
+daß sie vor zweitausend Jahren mit Thucydides hätten korrespondieren
+können, aber mit dem Sprechen will es nicht recht gehen; sie mußten zu
+Haus immer die Phrasen im Lexikon aufschlagen, wenn sie sprechen
+wollten; da hatte ich nun, um aus aller Verlegenheit zu kommen, eine
+herrliche Floskel bereit:------‚Mein Herr, das ist nicht griechisch.'
+Mein Führer unterließ nicht, sogleich, was ich gesagt, dem Publikum
+ins Deutsche zu übersetzen, und jene Kathedermänner kamen gewöhnlich
+über das Lächeln der Menschen dergestalt außer Fassung, daß sie es nie
+wieder wagten, Griechisch zu sprechen.
+
+So zogen wir längere Zeit umher, bis endlich in Karlsbad die ganze
+Komödie auf einmal aufhörte. Wir kamen dorthin zur Zeit der Saison und
+hatten viele Besuche. Unter andern fiel mir besonders ein Herr mit
+einem Band im Knopfloch auf, der mir große Ähnlichkeit mit meinem
+Vater zu haben schien. Er besuchte uns einigemal, und endlich, denken
+Sie sich mein Erstaunen, höre ich, wie man ihn Herr von Garnmacher
+tituliert. Ich stürzte zu ihm hin, fragte ihn mit zärtlichen Worten,
+ob er mein verehrter Herr Onkel sei, und entdeckte ihm auf der Stelle,
+wie ich eigentlich nicht auf klassischem Boden in Athen, sondern als
+königlich sächsisches Landeskind in Dresden geboren sei. Es war eine
+rührende Erkennungsszene. Das Staunen des Publikums, als der Grieche
+auf einmal gutes Deutsch sprach, die Verlegenheit meines Oheims, der
+mit vornehmer Gesellschaft zugegen war und nicht gerne an meinen
+Vater, den _Marchand tailleur_, erinnert sein wollte, die Wut
+meines Führers, alles dies kam mir trotz meiner tiefen Rührung höchst
+komisch vor.
+
+Der Führer wurde verhaftet, mein Onkel nahm sich meiner an, ließ mir
+Kleider machen und führte mich nach Berlin. Und dort begann für mich
+eine neue Katastrophe."
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+2. DER BARON WIRD EIN REZENSENT.
+
+
+„Mein Onkel war ein nicht sehr berühmter Schriftsteller, aber ein
+berüchtigter, anonymer Kritiker. Er arbeitete an zehn Journalen, und
+ich wurde anfänglich dazu verwendet, seine Hahnenfüße ins Reine zu
+schreiben. Schon hier lernte ich nach und nach in meines Onkels Geist
+denken, faßte die gewöhnlichen Wendungen und Ausdrücke auf und bildete
+mich so zum Rezensenten. Bald kam ich weiter; der herrliche Mann
+brachte mir die verschiedenen Klassen und Formen der Kritik bei, über
+welche ich übrigens hinweggehen kann, da sie einen Fremden nicht
+interessieren."
+
+„Nein, nein!" rief der Lord. „Ich habe schon öfters von dieser
+kritischen Wut Ihrer Landsleute gehört. Zwar haben auch wir, z. B. in
+Edinburgh und London, einige Anstalten dieser Art; aber sie werden,
+höre ich, in einem ganz anderen Geiste besorgt als die Ihrigen."
+
+„Allerdings sind diese Blätter in meinem Vaterlande eine sonderbare,
+aber eigentümliche Erscheinung. Wie in unserer ganzen Literatur immer
+noch etwas Engbrüstiges, Eingezwängtes zu verspüren ist, wie nicht
+das, was leicht und gefällig, sondern was mit einem recht
+schwerfälligen, gelehrten Anstrich geschrieben ist, für einzig gut und
+schön gilt, so haben wir auch eigene Ansichten über Beurteilung der
+Literatur. Es traut sich nämlich nicht leicht ein Mann oder eine Dame
+in der Gesellschaft ein Urteil über ein neues Buch zu, das sich nicht
+an ein öffentlich ausgesprochenes anlehnen könnte--man glaubte darin
+zu viel zu wagen. Daher gibt es viele öffentliche Stimmen, die um Geld
+und gute Worte ein kritisches Solo vortragen, in welches dann das
+Tutti oder der Chorus des Publikums einfällt."
+
+„Aber wie mögen Sie über diese Institute spotten, mein Herr Baron?"
+unterbrach ihn der Lord. „Ich finde das recht hübsch. Man braucht
+selbst kein Buch als diese öffentlichen Blätter zu lesen und kann dann
+dennoch in der Gesellschaft mitstimmen."
+
+„Sie hätten recht, wenn der Geist dieser Institute anders wäre. So
+aber ergreift der, welcher sich nach diesen Blättern richtet, unbewußt
+irgend eine Partei und kann, ohne daß er sich dessen versieht, in der
+Gesellschaft für einen Goethianer, Müllnerianer, Vossiden oder
+Creuzerianer, Schellingianer oder Hegelianer, kurz für einen Yaner
+gelten. Denn das eine Blatt gehört dieser Partei an und haut und
+sticht mehr oder minder auf jede andere, ein anderes gehört diesem
+oder jenem großen Buchhändler. Da müssen nun fürs erste alle seine
+Verlagsartikel gehörig gelobt, dann die seiner Feinde grimmig
+angefallen werden; oft muß man auch ganz diplomatisch zu Werke gehen,
+es mit keinem ganz verderben, auf beiden Achseln (Dichter=) Wasser
+tragen und, indem man einem freundlich ein Kompliment macht,
+hinterrücks heimlich ihm ein Bein unterschlagen."
+
+„Aber schämen sich denn Ihre Gelehrten nicht, auf diese Art die Kritik
+und Literatur zu handhaben?" fragte der Marquis. „Ich muß gestehen, in
+Frankreich würde man ein solches Wesen verachten."
+
+„Ihre politischen Blätter, mein Herr, machen es nicht besser. Übrigens
+sind es nicht gerade die Gelehrten, die dieses Handwerk treiben. Die
+eigentlichen Gelehrten werden nur zu Kernschüssen und langsamen,
+gründlichen Operationen verwandt und mit vier Groschen bezahlt.
+Leichter, behender sind die Halbgelehrten, die eigentlichen Voltigeurs
+der Literatur. Sie plänkeln mit dem Feind, ohne ihn gründlich und mit
+Nachdruck anzugreifen; sie richten Schaden in seiner Linie an, sie
+umschwärmen ihn, sie suchen ihn aus seiner Position zu locken. Auch
+dürfen sie sich gerade nicht schämen; denn sie rezensieren anonym, und
+nur e i n e r unterschreibt seine kritischen Bluturteile mit so kaltem
+Blute, als wollte er seinen Bruder freundlich zu Gevatter bitten."
+
+„Das muß ja ein eigentlicher Matador sein!" rief der Lord lächelnd.
+
+„Ein Matador in jedem Sinne des Worts. Auf Spanisch--ein Totschläger,
+denn er hat schon manchen niedergedonnert; und wahrhaftig, er ist der
+höchste Trumpf, dieser Matador, und zählt für zehn, wenn er _Pacat
+ultimo_ macht. Und bei den literarischen Stiergefechten ist er
+Matador! Denn er, der Hauptkämpfer ist es, der dem armen gehetzten und
+gejagten Stier den Todesstoß gibt."
+
+„Gestehen Sie, Sie übertreiben;--Sie haben gewiß einmal den
+unglücklichen Gedanken gehabt, etwas zu schreiben, das recht tüchtig
+vorgenommen wurde, und jetzt zürnen Sie der Kritik?"
+
+Der junge Deutsche errötete. „Es ist wahr, ich habe etwas geschrieben,
+doch war es nur eine Novelle und leider nicht so bedeutend, daß es
+wäre rezensiert worden; aber nein, ich selbst habe einige Zeit unter
+meines Onkels Protektion den kritischen kleinen Krieg mitgemacht und
+kenne diese Affären genau. Nun, mein Onkel brachte mir also die
+verschiedenen Formen und Klassen bei. Die e r s t e war die s a n f t
+l o b e n d e Rezension. Sie gab nur einige Auszüge aus dem Werk,
+lobte es als brav und gelungen und ermahnte, auf der betretenen Bahn
+fortzuschreiten. In diese Klasse fielen junge Schriftsteller, die dem
+Interesse des Blattes entfernter standen, die man aber für sich
+gewinnen wollte. Hauptsächlich aber war diese Klasse für junge,
+schriftstellerische Damen."
+
+„Wie?" erwiderte der Lord. „Haben Sie deren so viele, daß man eine
+eigene Klasse für sie macht?"
+
+„Man zählte, als ich noch auf der Oberwelt war, sechsundvierzig
+jüngere und ältere! Sie sehen, daß man für sie schon eine eigene
+Klasse machen kann, und zwar eine gelinde, weil diese Damen mehr
+Anbeter und Freunde haben als ein junger Schriftsteller. Die zweite
+Klasse ist die l o b p o s a u n e n d e. Hier werden entweder die
+Verlagsartikel des Buchhändlers, der das Blatt bezahlt, oder die
+Parteimänner gelobt. Man preist ihre Namen, man ist gerührt, man ist
+glücklich, daß die Nation einen solchen Mann aufweisen kann. Die
+d r i t t e Klasse ist dann die n e u t r a l e. Hier werden die
+Feinde, mit denen man nicht in Streit geraten mag, etwas kühl und
+diplomatisch behandelt. Man spricht mehr über das Genus ihrer Schrift
+und über ihre Tendenz als über sie selbst, und gibt sich Mühe, in
+recht vielen Worten n i c h t s zu sagen, ungefähr wie in den Salons,
+wenn man über politische Verhältnisse spricht und sich doch mit keinem
+Wort verraten will.
+
+Die v i e r t e Klasse ist die l o b h u d e l n d e. Man sucht
+entweder einen, indem man ihn scheinbar und mit einem Anstrich von
+Gerechtigkeit ein wenig tadelt, zu loben, oder umgekehrt, man lobt ihn
+mit vielem Anstand und bringt ihm einige Stiche bei, die ihn entweder
+tief verwunden, oder doch lächerlich machen. Die f ü n f t e Klasse
+ist die g r o b e, e r n s t e; man nimmt eine vornehme Miene an,
+setzt sich hoch zu Roß und schaut hernieder auf die kleinen Bemühungen
+und geringen Fortschritte des Gegners. Man warnt sogar vor ihm und
+sucht etwas Verstecktes in seinen Schriften zu finden, was zu
+gefährlich ist, als daß man öffentlich davon sprechen möchte. Diese
+Klasse macht stillen, aber tiefen Eindruck aufs Publikum. Es ist etwas
+Mystisches in dieser Art der Kritik, was die Menschen mit Scheu und
+Beben erfüllt. Die s e c h s t e Klasse ist die T o t s c h l ä g e r
+k l a s s e. Sie ist eine Art von Schlachtbank; denn hier werden die
+Opfer des Zornes, der Rache niedergemetzelt ohne Gnade und
+Barmherzigkeit, sie ist eine Säge= und Stampfmühle; denn der Müller
+schüttet die Unglücklichen, die ihm überantwortet werden, hinein und
+zerfetzt, zersägt, zermalmt sie."
+
+„Aber wer trägt denn die Schuld von diesem unsinnigen
+Vertilgungssystem?" fragte Lasulot.
+
+„Nun, das Publikum selbst! Wie man früher an Turnieren und Tierhetzen
+die Freude hatte, so amüsiert man sich jetzt am kritischen Kriege; es
+freut die Leute, wenn man die Schriftsteller mit eingelegten Lanzen
+aufeinander anrennen sieht, und--wenn die Rippen krachen, wenn einer
+sinkt, klatscht man dem Sieger Beifall zu. Ländlich, sittlich! ‚Ein
+Stier, ein Stier, ruft's, dort und hier!' In Spanien treibt man das in
+der Wirklichkeit, in Deutschland metaphorisch, und wenn ein paar
+tüchtige Fleischerhunde einen alten Stier anfallen und sich zu Helden
+an ihm beißen, wenn der M a t a d o r von der Galerie hinab in den
+Zirkus springt,
+
+ Und zieht den Degen,
+ Und fällt verwegen
+ Zur Seite den wütenden Ochsen an--
+
+da freut sich das liebe Publikum, und von ‚Bravo!' schallt die Gegend
+wider!"
+
+„Das ist köstlich!" rief der Engländer; doch war man ungewiß, ob sein
+Beifall der deutschen Kritik oder dem Rum gelte, den er zu sich nahm.
+„Und ein solcher Klassenkritikus wurden Sie, Master Garnmacher?"
+
+„Mein Onkel war, wie ich Ihnen sagte, für mehrere Journale verpachtet;
+wunderbar war es übrigens, welches heterogene Interesse er dabei
+befolgen mußte. Er hatte es so weit gebracht, daß er an einem
+Vormittag ein Buch las und sechs Rezensionen darüber schrieb, und oft
+traf es sich, daß er alle sechs Klassen über einen Gegenstand
+erschöpfte. Er zündete dann zuerst dem Schlachtopfer ein kleines,
+gelindes Lobfeuer aus Zimmetholz an; dann warf er kritischen Weihrauch
+dazu, daß es große Wolken gab, die dem Publikum die Sinne umnebelten
+und die Augen beizten. Dann dämpfte er diese niedlichen Opferflammen
+zu einer düsteren Glut, blies sie dann mit dem kalten Hauch der
+vierten Klasse frischer an, warf in der fünften einen so großen
+Holzstoß zu, als die _sancta simplicitas_ in Konstanz dem Huß,
+und fing dann zum sechsten an, den Unglücklichen an dieser mächtigen
+Lohe des Zornes zu braten und zu rösten, bis er ganz schwarz war."
+
+„Wie konnte er aber mit gutem Gewissen sechserlei so verschiedene
+Meinungen über e i n e n Gegenstand haben? Das ist ja schändlich!"
+
+„Wie man will. Ich erinnere Sie übrigens an die liberalen und an die
+ministeriellen Blätter Ihres Landes; wenn heute einer Ihrer
+Publizisten eine Ode an die Freiheit auf der Posaune geblasen hat und
+ihm morgen der Herr von .... einige Sous mehr bietet, so hält er eine
+Schimpfrede gegen die linke Seite, als hätte er von je in einem
+ministeriellen Vorzimmer gelebt."
+
+„Aber dann geht er förmlich über," bemerkte der Marquis; „aber Ihr
+Onkel, der Schuft, hatte zu gleicher Zeit sechs Zungen und zwölf
+Augen, die Hälfte mehr als der Höllenhund."
+
+„Die Deutschen haben es von jeher in allen mechanischen Künsten und
+Handarbeiten weit gebracht," erwiderte mit großer Ruhe der junge Mann,
+„so auch in der Kritik. Als mich nun mein Onkel so weit gebracht
+hatte, daß ich nicht nur ein Buch von dreißig Bogen in zwei Stunden
+durchlesen, sondern auch den Inhalt einer u n a u f g e s c h n i t t
+e n e n Schrift auf ein Haar erraten konnte, wenn ich wußte, von
+welcher Partei sie war, so gebrauchte er mich zur Kritik. ‚Ich will
+dir,' sagte er, ‚die erste, zweite, fünfte und sechste Klasse geben.
+Die Jugend, wie sie nun einmal heutzutag ist, kann nichts mit Maß tun.
+Sie lobt entweder über alle Grenzen, oder sie schimpft und tadelt
+unverschämt. Solche Leute, besonders wenn sie ein recht scharfes Gebiß
+haben, sind übrigens oft nicht mit Gold zu bezahlen. Man legt sie an
+die Kette, bis man sie braucht, und hetzt sie dann mit unglaublichem
+Erfolg; denn sie sind auf den Mann dressiert trotz der besten Dogge.
+Zu den Mittelklassen, zu dem Neutralitätssystem, zu dem verdeckten
+Tadel, zu dem ruhigen, aber sicheren Hinterhalt gehört schon mehr als
+kaltes Blut.'
+
+So sprach mein Onkel und übergab mir die Kränze der Gnade und das
+Schwert der Rache. Alle Tage mußte ich von früh acht bis ein Uhr
+rezensieren. Der Onkel schickte mir ein neues Buch, ich mußte es
+schnell durchlesen und die Hauptstellen bezeichnen. Dann wurden
+Kritiken von Nr. 1 und 2 entworfen und dem Alten zugeschickt. Nun
+schrieb er selbst 3 und 4, und war dann noch ein Hauptgericht zu
+exequieren, so ließ er mir sagen: ‚Mein lieber Neffe, nur immer Nr. 5
+und 6 draufgesetzt; es kann nicht schaden, nimm ihn in Teufels Namen
+tüchtig durch;' und den ich noch vor einer Stunde mit wahrer Rührung
+bis zum Himmel erhoben, denselben verdammte ich jetzt bis in die
+Hölle. Vor Tisch wurden dann die kritischen Arbeiten verglichen, der
+Onkel tat, wie er zu sagen pflegte, Salz hinzu, um das Gebräu pikanter
+zu machen; dann packte ich alles ein und verschickte die heil= und
+unheilschweren Blätter an die verschiedenen Journale."
+
+„_Goddam_! Habe ich in meinem Leben dergleichen gehört?" rief der
+Lord mit wahrem Grauen. „Aber wenn Sie alle Tage nur e i n Buch
+rezensierten, das macht ja im Jahre 365! Gibt es denn in Ihrem
+Vaterlande jährlich selbst nur ein Dritteil dieser Summe?"
+
+„Ha! da kennen Sie unsere gesegnete Literatur schlecht, wenn Sie dies
+fragen. So viele gibt es in e i n e r Messe, und wir haben jährlich
+zwei. Alle Jahre kann man achtzig Romane, zwanzig gute und vierzig
+schlechte Lust= und Trauerspiele, hundert schöne und miserable
+Erzählungen, Novellen, Historien, Phantasien usw., dreißig Almanache,
+fünfzig Bände lyrischer Gedichte, einige erhabene Heldengedichte in
+Stanzen oder Hexametern, vierhundert Übersetzungen, achtzig
+Kriegsbücher rechnen, und die Schul=, Lehr=, Katheder=, Professions=,
+Konfessionsbücher, die Anweisungen zum frommen Leben, zur Bereitung
+guten Champagners aus Obst, zur Verlängerung der Gesundheit, die
+Betrachtungen über die Ewigkeit, und wie man auch ohne Arzt sterben
+könne usw. sind nicht zu zählen; kurz, man kann in meinem Vaterlande
+annehmen, daß unter fünfzig Menschen immer einer Bücher schreibt; hat
+einer einmal im Meßkatalog gestanden, so gibt er das Handwerk vor dem
+sechzigsten Jahre nicht auf. Sie können also leicht berechnen, meine
+Herren, wie viel bei uns gedruckt wird. Welcher Reichtum der
+Literatur, welches weite Feld für die Kritik!"
+
+Der junge Deutsche hatte diese letzten Worte mit einer Ehrfurcht, mit
+einer Andacht gesprochen, die sogar mir höchst komisch vorkam; der
+Lord und der Marquis aber brachen in lautes Lachen aus, und je
+verwunderter der junge Herr sie ansah, desto mehr schien ihr Lachreiz
+gesteigert zu werden.
+
+„Monsieur de Garnmacker! Nehmen Sie es nicht übel, daß ich mich von
+Ihrer Erzählung bis zum Lachen hinreißen ließ," sagte der Marquis;
+„aber Ihre Nation, Ihre Literatur, Ihre kritische Manufaktur kam mir
+unwillkürlich so komisch vor, daß ich mich nicht enthalten konnte zu
+lachen. Ihr seid sublime Leute, das muß man euch lassen."
+
+„Und der Herr hier hat recht," bemerkte Mylord mit feinem Lächeln.
+„Alles schreibt in diesem göttlichen Lande, und was das schönste ist,
+nicht jeder über sein Fach, sondern lieber über ein anderes. So fuhr
+ich einmal auf meiner Grandtour in einem deutschen Ländchen. Der Weg
+war schlecht, die Pferde womöglich noch schlechter. Ich ließ endlich
+durch meinen Reisebegleiter, der Deutsch reden konnte, den Postillon
+fragen, was denn sein Herr, der Postmeister, denke, daß er uns so
+miserable Pferde vorspanne. Der Postillon antwortete: ‚Was das Post=
+und das Stallwesen anbelangt, so denkt mein Herr nichts." Wir waren
+verwundert über diese Antwort, und mein Begleiter, dem das Gespräch
+Spaß machte, fragte, was sein Herr denn anderes zu denken habe. ‚Er
+schreibt!' war die kurze Antwort des Kerls. ‚Wie? Briefverzeichnisse,
+Postkarten?' ‚Ei, behüte!' sagte er, ‚Bücher, gelehrte Bücher.' ‚Über
+das Postwesen?' fragten wir weiter. ‚Nein,' meinte er; ‚Verse macht
+mein Herr, Verse, oft so breit als meine fünf Finger und so lang als
+mein Arm!' und klatsch! klatsch! hieb er auf die magern Brüder des
+Pegasus und trabte mit uns auf dem stoßenden Steinweg, daß es uns in
+der Seele weh tat. ‚_Goddam_!' sagte mein Begleiter.
+
+‚Wenn der Herr Postmeister so schlecht auf dem Hippogryphen sitzt wie
+sein Schwager auf diesen Kleppern, so wird er holperige Verse zutage
+fördern!' Und auf Ehre, meine Herren, ich habe mich auf der nächsten
+Station erkundigt, dieser Postmeister ist ein Dichter und wie Sie, Mr.
+Garnmacher, ein großer Kritiker."
+
+„Ich weiß, wen Sie meinen," erwiderte der Deutsche mit etwas unmutiger
+Miene, „und Ihre Erzählung soll wohl ein Stich auf mich sein, weil ich
+eigentlich auch nicht für dieses Gebiet der Literatur erzogen worden.
+Übrigens muß ich Ihnen sagen, Mylord, in Ihrem kalten, systematischen,
+nach Gesetzen ängstlich zugeschnittenen Lande möchte etwas dergleichen
+auffallen, aber bei uns zu Lande ist das was anderes. Da kann jeder in
+die Literatur hineinpfuschen, wann und wie er will, und es gibt kein
+Gesetz, das einem verböte, etwas Miserables drucken zu lassen, wenn er
+nur einen Verleger findet. Bei den Kritikern und Poeten meines
+Vaterlandes ist nicht nur in Hinsicht auf die Phantasie die schöne
+romantische Zeit des Mittelalters; nein, wir sind, und ich rechne mich
+ohne Scheu dazu, samt und sonders edle Raubritter, die einander die
+Blumen der Poesie abjagen und in unsere Verließe schleppen; wir üben
+das Faustrecht auf heldenmütige Weise und halten literarische
+Wegelagerungen gegen den reich beladenen Krämer und Juden. Die Poesie
+ist bei uns eine Gemeindewiese, auf welcher jedes Vieh umherspazieren
+und Blumen und Gras fressen kann nach Belieben."
+
+„Herr von Garnmacker," unterbrach ihn der Marquis de Lasulot, „ich
+würde Ihre Geschichte erstaunlich hübsch und anziehend finden, wenn
+sie nur nicht so langweilig wäre. Wenn Sie so fortmachen, so erzählen
+Sie uns achtundvierzig Stunden in einem fort. Ich schlage daher vor,
+wir verschieben den Rest und unsere eigenen Lebensläufe auf ein
+andermal und gehen jetzt auf die Höllenpromenade, um die schöne Welt
+zu sehen!"
+
+„Sie haben recht," sagte der Lord, indem er aufstand und mir ein
+Sixpencestück zuwarf, „der Herr von Garnmacher weiß auf unterhaltende
+Weise einzuschläfern. Brechen wir auf; ich bin neugierig, ob wohl
+viele Bekannten aus der Stadt hier sind."
+
+„ Wie?" rief der junge Deutsche nicht ohne Überraschung. „Sie wollen
+also nicht hören, wie ich mich in Berlin bei den Herren vom Mühlendamm
+zu einem Elegant perfektionierte? Sie wollen nicht hören, wie ich
+einen Liebeshandel mit einer Prinzessin hatte, und auf welche
+elendigliche Weise ich endlich verstorben bin? O, meine Herren, meine
+Geschichte fängt jetzt erst an, interessant zu werden."
+
+„Sie können recht haben," erwiderte ihm der Lord mit vornehmem
+Lächeln; „aber wir finden, daß uns die Abwechslung mehr Freude macht.
+Begleiten Sie uns; vielleicht sehen wir einige Figuren aus Ihrem
+Vaterlande, die Sie uns zeigen können."
+
+„Nein, wirklich! Ich bin gespannt auf Ihre Geschichte," sagte der
+Marquis lachend; „aber nur jetzt nicht. Es ist jetzt die Zeit, wo die
+Welt promeniert, und um keinen Preis, selbst nicht um Ihre
+interessante Erzählung, möchte ich diese Stunde versäumen. Gehen wir."
+
+„Gut," erwiderte der deutsche Stutzer resigniert und ohne beleidigt zu
+scheinen. „Ich begleite Sie; auch so ist mir Ihre werte Gesellschaft
+sehr angenehm; denn es ist für einen Deutschen immer eine große Ehre,
+sich an einen Franzosen oder gar an einen Engländer anschließen zu
+können."
+
+Lachend gingen die beiden voran, der Baron folgte, und ich veränderte
+schnell mein Kostüm, um diese merkwürdigen Subjekte auf ihren
+Wanderungen zu verfolgen; denn ich hatte gerade nichts Besseres zu
+tun.
+
+Die Menschen bleiben sich unter jeder Zone gleich--es ist möglich, daß
+Klima und Sitten eines anderen Landes eine kleine Veränderung in
+manchem hervorbringen; aber laßt nur eine Stunde lang Landsleute
+zusammen sprechen, der Nationalcharakter wird sich nicht verleugnen,
+wird mehr und mehr sich wieder hervorheben und deutlicher werden. So
+kommt es, daß dieser Geburtstag meiner lieben Großmutter mir Stoff zu
+tausend Reflexionen gibt; denn selbst im Fegefeuer, wenn diesen
+Leutchen nur e i n Tag vergönnt ist, findet sich Gleiches zu Gleichem,
+und es spricht und lacht und geht und liebt wie im Prater, wie auf der
+Chaussee d'Antin oder im Palais Royal, wie Unter den Linden, oder wie
+in....
+
+Welchen Anblick gewährte diese höllische Promenade! Die Stutzer aller
+Jahrhunderte, die Kurtisanen und Merveilleuses aller Zeiten, Theologen
+aller Konfessionen, Juristen aller Staaten, Finanziers von Paris bis
+Konstantinopel, von Wien bis London, und sie alle in Streit über ihre
+Angelegenheiten, und sie alle mit dem ewigen Refrain: „Zu unserer
+Zeit, ja! Zu unserer Zeit war es doch anders!" Aber ach, meine Stutzer
+kamen zu spät auf die Promenade, kaum daß noch Baron von Garnmacher
+einen jungen Dresdener Dichter umarmen und einer Berliner Sängerin
+sein Vergnügen ausdrücken konnte, ihre Bekanntschaft hier zu erneuern!
+Der edle junge Herr hatte durch seine Erzählung die Promenadezeit
+verkümmert, und die große Welt strömte schon zum Theater.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+3. DAS THEATER IM FEGEFEUER.
+
+
+Man wundert sich vielleicht über ein Theater im Fegefeuer? Freilich
+ist es weder _Opera buffa_ noch _seria_, weder Trauer= noch
+Lustspiel; ich habe zwar Schauspieldichter, Sänger, Akteurs und
+Aktricen, Tänzer und Tänzerinnen genug; aber wie könnte man ein so
+gemischtes Publikum mit einem dieser Stücke unterhalten? Ließe ich von
+Zacharias Werner eine schauerlich=tragikomisch=historisch=romantisch=
+heroische Komödie aufführen,--wie würden sich Franzosen und Italiener
+langweilen, um von den Russen, die mehr das Trauerspiel und
+Mordszenen lieben, gar nicht zu reden. Wollte ich mir von Kotzebue ein
+Lustspiel schreiben lassen, etwa die „Kleinstädter in der Hölle", wie
+würde man über verdorbenen Geschmack schimpfen! Daher habe ich
+eine andere Einrichtung getroffen.
+
+Mein Theater spielte große pantomimische Stücke, welche
+wunderbarerweise nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft zum
+Gegenstand haben; aber mit Recht. Die Vergangenheit, ihr ganzes Leben
+liegt abgeschlossen hinter diesen armen Seelen. Selten bekommt eine
+einen Erlaubnisschein, als Revenant die Erde um Mitternacht besuchen
+zu dürfen. Denn was nützt es mir? Was frommt es dem irren Geist einer
+eifersüchtigen Frau, zum Lager ihres Mannes zurückzukehren? Was nützt
+es dem Mann, der sich um eine zweite umgetan, wenn durch die Gardine
+dringt--
+
+ „Eine kalte weiße Hand.
+ Wen erblickt er? Seine Wilhelmine,
+ Die im Sterbekleide vor ihm stand."
+
+Was kann es dem Teufel, was einer ausgeleerten herzoglichen Kasse
+helfen, wenn der Finanzminister, der sich aus Verzweiflung mit dem
+Federmesser die Kehle abschnitt, allnächtlich ins Departement
+schleicht, angetan mit demselben Schlafrock, in welchem er zu arbeiten
+pflegte, schlürfend auf alten Pantoffeln und die Feder hinter dem Ohr?
+Zu was dient es, wenn er seufzend vor den Akten sitzt und mit
+glühendem Auge seinen Rest immer noch einmal berechnet? Was kann es
+dem fürstlichen Keller helfen, wenn der Schloßküfer, den ich in einer
+bösen Stunde abgeholt, durch einen Kellerhals herniederfährt und mit
+krampfhaft gekrümmtem Finger an den Fässern anpocht, die er bestohlen?
+Zu welchem Zweck soll ich den General entlassen, wenn oben der
+Zapfenstreich ertönt und die Hörner zur Ruhe blasen? Wozu den Stutzer,
+um zu sehen, ob sein bezahltes Liebchen auf frische Rechnung liebt?
+Zwar sie alle, ich gestehe es, sie alle würden sich unglücklicher
+fühlen, könnten sie sehen, wie schnell man sie vergessen hat; es wäre
+eine Schärfung der Strafe, wie etwa ein König, als ihm ein Urteil zu
+l e b e n s l ä n g l i c h e r Zuchthausstrafe vorgelegt wurde,
+„n o c h s e c h s J a h r e l ä n g e r" unterschrieb, weil er den
+Mann haßte. Aber sie würden mir auf der andern Seite so viel
+verwirrtes Zeug mit herabbringen, würden mir manchen fromm zu machen
+suchen, wie der reiche Mann im Evangelium, der zu Lebzeiten soviel
+getrunken, daß er in der Hölle Wasser trinken wollte,--ich habe darin
+so viele Erfahrungen gemacht und kann es in neuern Zeiten, wo ohnedies
+die Missionarien und andere Mystiker genug tun, nicht mehr erlauben.
+Daher kommt es, daß es in diesen Tagen wenig mehr in den H ä u s e r
+n, desto mehr aber in den K ö p f e n, spukt.
+
+Um nun den Seelen im Fegefeuer dennoch Nachrichten über die Zukunft zu
+geben, lasse ich an Festtagen einige erhebliche Stücke von meiner
+höllischen Bande aufführen. Auf dem heutigen Zettel war angezeigt:
+
+ M i t A l l e r h ö c h s t e r B e w i l l i g u n g.
+
+ Heute, als am Geburtstage der Großmutter, diabolischen Hoheit:
+
+ E i n i g e S z e n e n a u s d e m J a h r e 1 8 2 6.
+
+ Pantomimische Vorstellung mit Begleitung des Orchesters.
+
+ Die Musik ist aus Mozarts, Haydns, Glucks und anderen Meisterwerken
+ zusammengesucht von Rossini.
+
+ (Bemerkungen an das Publikum.) Da gegenwärtig sehr
+ viele allerhöchste Personen und hoher Adel hier sind, so wird
+ gebeten, die ersten Ranglogen den Hoheiten, Durchlauchten und
+ Ministern bis zum Grafen abwärts inklusive, die zweite Galerie
+ der Ritterschaft samt Frauen bis zum Leutnant abwärts zu
+ überlassen.
+
+ Die Direktion des infernal. Hof= und Nationaltheaters.
+
+Das Publikum drängte sich mit Ungestüm nach dem Hause. Ich bot mich
+den drei jungen Herren als Cicerone an und führte sie glücklich durchs
+Gedränge ins Parkett. Obgleich der Lord ohne Anstand auf die erste,
+der Marquis und der deutsche Baron auf die zweite Loge hätten
+eintreten dürfen, fanden es diese drei Subjekte aber amüsanter, von
+ihrem niederen Standpunkt aus Logen und Parterre zu lorgnettieren. Wie
+mancher Ausruf des freudigen Staunens entschlüpfte ihnen, wenn sie
+wieder auf ein bekanntes Gesicht trafen! Besonders Garnmacher schien
+vor Erstaunen nicht zu sich selbst kommen zu können. „Nein, ist es
+möglich?" rief er wiederholt aus. „Ist es möglich? Sehen Sie, Marquis,
+jener Herr dort oben in der zweiten Galerie rechts, mit den roten
+Augen, er spricht mit einer bleichen jungen Dame; dieser starb in
+Berlin im Geruch der Heiligkeit und soll auch hier sein an diesem
+unheiligen Ort? Und jene Dame, mit welcher er spricht, wie oft habe
+ich sie gesehen und gesprochen! Sie war eine liebenswürdige, fromme
+Schwärmerin, ging lieber in die Dreifaltigkeitskirche als auf den
+Ball--sie starb, und wir alle glaubten, sie werde sogleich in den
+dritten Himmel schweben, und jetzt sitzt sie hier im Fegefeuer! Zwar
+wollte man behaupten, sie sei in Töplitz an einem heimlichen
+Wochenbette verschieden; aber wer ihren frommen Lebenslauf gesehen,
+wer konnte das glauben?"
+
+„Ha! die Nase von Frankreich!" rief auf einmal der Marquis mit
+Ekstase. „Heiliger Ludwig, auch Ihr, auch Ihr unter Euern verlorenen
+Kindern? Ha? und ihr, ihr verdammten Kutten, die ihr mein schönes
+Vaterland in die Kapuze stecken wollet. Sehen Sie, Mylord, jene
+häßlichen, kriechenden Menschen? Sehen Sie, dort--das sind berühmte
+Missionäre, die uns glauben machen wollten, sie seien frömmer als wir.
+Dem Teufel sei es gedankt, daß er diese Schweine auch zu sich
+versammelt hat."
+
+„O mein Herr," sagte ich, „da hätten Sie nicht nötig gehabt, bis ins
+Theater sich zu bemühen, um diese Leutchen zu sehen. Sie zeigen sich
+zwar nicht gerne auf den Promenaden, weil selbst in der Hölle nichts
+Erbärmlicheres zu sein pflegt als ein entlarvter Heuchler. Aber im
+_Café de la Congrégation_ wimmelt es von diesen Herren, vom
+Kardinal bis zum schlichten Pater. Sie können manche heilige
+Bekanntschaft dort machen."
+
+„Mein Herr, Sie scheinen bekannt hier," erwiderte Mylord, „sagen Sie
+doch, wer sind diese ernsten Männer in Uniform nebenan? Sie
+unterhalten sich lebhaft, und doch sehe ich sie nicht lächeln. Sind es
+Engländer?"
+
+„Verzeihen Sie," antwortete ich, „es sind Soldaten und Offiziere von
+der alten Garde, die sich mit einigen Preußen über den letzten Feldzug
+besprechen."
+
+Alle drei schienen erstaunt über dieses Zusammentreffen und wollten
+mehr fragen; aber der Kapellmeister hob den Stab, und die Trompeten
+und Pauken der Rossinischen Ouvertüre schmetterten in das volle Haus.
+Es war die herrliche Ouvertüre aus _il maestro ladro_, die
+Rossini auf sich selbst gedichtet hat, und das Publikum war entzückt
+über die schönen Anklänge aus der Musik aller Länder und Zeiten, und
+jeder fand seinen Lieblingsmeister, seine Lieblingsarie in dem
+herrlich komponierten Stück. Ich halte auch außer der _Gazza
+ladra_ den _Maestro ladro_ für sein Bestes, weil er darin
+seine Tendenz und seine künstlerische Gewandtheit im Komponieren ganz
+ausgesprochen hat. Die Ouvertüre endete mit dem ergreifenden Schluß
+von Mozarts Don Juan, dem man zur Vermehrung der Rührung einen
+Nachsatz von Pauken, Trommeln und Trompeten angehängt hatte, und--der
+Vorhang flog auf.
+
+Man sah einen Saal der Börsenhalle von London. Ängstlich drängten sich
+Juden und Christen durcheinander. In malerischen Gruppen standen
+Geldmäkler, große und kleine Kaufleute und steigerten die Papiere.
+Nachdem diese Introduktion einige Zeitlang gedauert hatte, kamen in
+sonderbaren Sprüngen und Kapriolen zwei Kuriere hereingetanzt.
+Allgemeine Spannung. Die Depeschen werden in einem _pas de deux_
+entsiegelt, die Nachrichten mitgeteilt. In diesem Augenblicke
+erscheint mein erster Solotänzer, das Haus Goldsmith vorstellend, in
+der Szene. Seine Mienen, seine Haltung brüllen Verzweiflung aus. Man
+sieht, seine Fonds sind erschöpft, seine Beutel leer, er muß seine
+Zahlungen einstellen. Ein Chor von Juden und Christen dringen auf ihn
+ein, um sich bezahlt zu machen. Er fleht, er bittet, seine
+Gebärdensprache ist bezaubernd--es hilft nichts. Da rafft er sich
+verzweiflungsvoll auf. Er tanzt ein Solo voll Ernst und Majestät. Wie
+ein gefallener König ist er noch im Unglück groß, seine Sprünge
+reichen zu einer immensen Höhe, und mit einem prachtvollen Fußtriller
+fällt das Haus Goldsmith in London. Komisch war es nun anzusehen, wie
+das Chor der englischen, deutschen und französischen Häuser,
+vorgestellt von den Herren vom _corps de ballet_, diesen Fall
+weiter fortsetzten. Sie wankten künstlich und fielen noch künstlicher,
+besonders exzellierten hierbei einige Berliner Börsenkünstler, die
+durch ihre ungemeine Kunst einen wahrhaft tragischen Effekt
+hervorbrachten und allgemeine Sensation im Parterre erregten.
+
+Plötzlich ging die lamentable Börsenmusik in einen Triumphmarsch über.
+Die herrliche Passage aus der „Italienerin in Algier": H e i l d e m
+g r o ß e n K a i m a k a n! ertönte. Ein glänzender Zug von
+Christensklaven, Goldbarren und Schüsseln mit gemünztem Gold tragend,
+tanzten aufs Theater. Es war, wie wenn in der Hungersnot ein Wagen mit
+Brot in eine ausgehungerte Stadt kömmt. Man denkt nicht daran, daß der
+spekulative Kopf, der das Brot herbeischaffte, nichts als ein gemeiner
+Wucherer ist, der den Hunger benützt und sein Brot zu ungeheuren
+Preisen losschlägt; man denkt nicht daran, man verehrt ihn als den
+Retter, als den schützenden Schild in der Not. So auch hier. Die
+gefallenen Häuser richteten sich mit Grazie empor, sie schienen
+Hoffnung zu schöpfen, sie schienen den Messias der Börse zu erwarten.
+Er kam. Acht Finanzminister berühmter Könige und Kaiser trugen auf
+ihren Schultern eine Art von Triumphwagen, der die transparente
+Inschrift: „S e i d u m s c h l u n g e n, M i l l i o n e n!" trug.
+Ein Herr mit einer bekannten morgenländischen Physiognomie,
+wohlbeleibt und von etwas schwammigem Ansehen, saß in dem Wagen und
+stellte den Triumphator vor.
+
+Mit ungemeinem Applaus wurde er begrüßt, als er von den Schultern der
+Minister herab auf den Boden stieg. „Das ist Nothschild! Es lebe
+Nothschild!" schrie man in den ersten Ranglogen und klatschte und rief
+bravo, daß das Haus zitterte. Es war mein erster Grotesktänzer, der
+diese schwierige Rolle meisterhaft durchführte, besonders, als er mit
+dem englischen, österreichischen, preußischen und französischen
+Ministerium einen Cosaque tanzte, übertraf er sich selbst. Nothschild
+gab in einer komischen Solopartie seinem Reich, der Börse, den
+Frieden, und der erste Akt der großen Pantomime endigte mit einem
+brillanten Schlußchor, in welchem er förmlich gekrönt und zu einem
+allerhöchsten _cher cousin_ gemacht wurde.
+
+Als der Vorhang gefallen war, ließ sich Mylord ziemlich ungnädig über
+diese Szene aus. „Es war zu erwarten," sagte er, „daß diese Menschen
+bedeutenden Einfluß auf die Kurse bekommen werden; aber daß auf der
+Börse von London ein solcher Skandal vorfallen werde, im Jahre 1826,
+das ist unglaublich."
+
+„Mein Herr," erwiderte der Marquis lachend, „unglaublich finde ich es
+nicht. Bei den Menschen ist alles möglich, und warum sollte nicht
+einer, wenn er auch im Judenquartier zu Frankfurt das Licht der Welt
+erblickte, durch Kombination so weit kommen, daß er Kaiser und Könige
+in seinen Sack stecken kann?"
+
+„Aber England, Alt=England! Ich bitte Sie," rief der Lord schmerzlich.
+„Ihr Frankreich, Ihr Deutschland haben beide von jeher nach jeder
+Pfeife tanzen müssen! Aber, _Goddam_! das englische Ministerium
+mit diesem Hep=Hep einen Cosaque tanzen zu sehen! O! es ist
+schmerzlich!"
+
+„Ja, ja!" sprach Baron von Garnmacher, des Schneiders Sohn, sehr
+ruhig. „Es wird und muß so kommen. Freilich, ein bedeutender
+Unterschied zwischen 1826 und der Zeit des Königs David."
+
+„Das finde ich nicht," antwortete der Marquis; „im Gegenteil, Sie
+sehen ja, welch großen Einfluß die Juden auf die Zeit gewinnen!"
+
+„Und dennoch finde ich einen bedeutenden Unterschied," erwiderte der
+Deutsche. „Damals, mein Herr, hatten alle Juden nur e i n e n König,
+jetzt aber haben alle Könige nur e i n e n Juden."
+
+„Wenn Sie so wollen, ja. Aber neugierig bin ich doch, was für eine
+Szene der Teufel uns jetzt geben wird. Ich wollte wetten, Frankreich
+oder Italien kommt ans Brett."
+
+„Ich denke, Deutschland," erwiderte Garnmacher. „Ich wenigstens möchte
+wohl wissen, wie es im Jahre 1826 oder 1830 in Deutschland sein wird.
+Als ich die Erde verließ, war die Konstellation sonderbar: Es roch in
+meinem Vaterlande wie in einer Pulverkammer, bevor sie in die Luft
+fliegt. Die Lunte glühte, und man roch sie allerorten. Die feinsten
+diplomatischen Nasen machten sich weit und lang, um diesen
+geheimnisvollen Duft einzuziehen und zu erraten, woher der Wind komme.
+Meinen Sie nicht auch, es müsse bedeutende Änderungen geben?"
+
+„Es wird heißen: ‚Auch in diesem Jahr ist es geblieben wie es war',"
+antwortete ich dem guten Deutschen. „Um eine Lunte auszulöschen,
+bedarf es keiner großen Künste. Man wird bleiben, wie man war, man
+wird höchstens um einige Prozente weiser vom Rathaus kommen. Sie
+wollen Ihr Vaterland in die Szene gesetzt sehen, um zu erfahren, wie
+es anno 1826 dort aussieht? Armer Herr! Da müßte ich ja zuvor noch
+fragen, was für ein Landsmann Sie sind."
+
+„Wie verstehen Sie das?" fragte der Baron unmutig.
+
+„Nun? Was könnte man Ihnen denn Allgemeines und Nationales vorspielen,
+da Sie keine Nation sind? Sind Sie ein Bayer, so müßte man Ihnen
+zeigen, wie man dort noch immer das alte ehrliche Bier, nur nach neuen
+Rezepten, braut. Sind Sie Württemberger, so könnten Sie erfahren, wie
+man die Landstände wählte. Sind Sie ein Rheinpreuße und drückt Sie der
+Schuh, so lassen Sie den eigenen Fuß operieren; denn an dem
+Normalschuh darf nichts geändert werden. Sind Sie ein Hesse, so
+trinken Sie ganz ruhig Ihren Doppelkümmel zum Butterbrot; aber denken
+Sie nichts, nicht einmal, ob es in der letzten Woche schön war und in
+der nächsten regnen wird. Sind Sie ein Brandenburger, so machen Sie,
+daß Ihnen die Haare zu Berge stehen und hungern Sie, bis Sie eine
+schöne Taille bekommen---"
+
+„Herr, Sie sind des Teufels!" fuhr der Baron auf. „Wollen Sie uns
+alles Nationalgefühl absprechen? Wollen Sie--"
+
+„Stille! Sie sehen, der Vorhang geht wieder in die Höhe!" rief der
+Marquis. „Wie, was sehe ich? Das ist ja das Portal von Notre=Dame! Das
+finde ich sonderbar. Wenn man von Frankreich etwas in Szene setzen
+will, warum gibt man uns kein Vaudeville, warum nicht den Kampf der
+Kammer?"
+
+Die Glocken von Notre=Dame ertönten in feierlichen Klängen. Chorgesang
+und das Murmeln kirchlicher Gebete näherte sich, und eine lange
+Prozession, angeführt von den Missionären, betrat die Bühne. Da sah
+man königliche Hoheiten und Fürsten mit den Mienen zerknirschter
+Sünder, den Rosenkranz in der Hand, einherschleichen. Da sah man Damen
+des ersten Ranges, die schönen Augen gen Himmel gerichtet, die _à
+la_ Madonna gekämmten Haare mit wohlriechender Asche bestreut, die
+niedlichen Füßchen bloß und bar in dem Staube wandelnd. Das Publikum
+staunte. Man schien seinen Augen nicht zu trauen, wenn man die
+Herzogin D--s, die Comtesse de M--u, die Fürstin T--d im Kostüm einer
+Büßenden zur Kirche wandeln sah. Doch, als Offiziere der alten Armee,
+nicht mit Adlern, sondern mit heiligen Fahnen in der Hand
+hereinwankten, als sogar ein Mann in der reichen Uniform der
+Marschälle, den Degen an der Seite, die Kerze in der Hand und
+Gebetbücher unter dem Arm, über die Szene ging, da wandte sich der
+Marquis ab; die Soldaten der alten Garde an unserer Seite ballten die
+Fäuste und riefen Verwünschungen aus, und wer weiß, was meinen Akteurs
+geschehen wäre, hätte man faule Äpfel oder Steine in der Nähe gehabt!
+Das hohe Portal von Notre=Dame hatte endlich die Prozession
+aufgenommen, und nur der Schluß ging noch über die Szene. Es war ein
+Affe, der eine Kerze in der Hand und unter dem Arm eine Vulgata trug.
+Man hatte ihm einen ungeheuern Rosenkranz als Zaum um den Hals gelegt,
+an welchem ihn zwei Missionäre wie ein Kalb führten. So oft er aus dem
+ruhigen Prozessionsschritt in wunderliche Seitensprünge fallen wollte,
+wurde er mit einer Kapuzinergeißel gezüchtigt und schrie dann, um
+seine Zuchtmeister zu versöhnen: „_Vive le bon Dieu! vive la
+croix!_" So brachten sie ihn endlich mit großer Mühe zur Kirche.
+Orgel und Chorgesang erscholl, und der Vorhang fiel.
+
+„Haben Sie nun Genugtuung?" sagte der Marquis zu dem Lord. „Was ist
+Ihr Skandal auf der Börse gegen diesen kirchlichen Unfug? O mein
+Frankreich, mein armes Frankreich!"
+
+„Es ist wahr," antwortete Mylord sehr ernst, indem er dem Franzosen
+die Hand drückte, „Sie sind zu beklagen; aber ich glaube nicht an
+diese tollen Possen. Frankreich kann nicht so tief sinken, um sich so
+unter den Pantoffel zu begeben. Frankreich, das Land des guten
+Geschmacks, der fröhlichen Sitten, der feinen Lebensart, Frankreich
+sollte schon im Jahre 1826 vergessen haben, daß es einst der gesunden
+Vernunft Tempel erbaute und den Jesuiten die Kutte ausklopfte? Nicht
+möglich, es ist ein Blendwerk der Hölle!"
+
+„Das möchte doch nicht so sicher sein," sagte ich. „Das Vaterland des
+Herrn Marquis gefiel sich von jeher in Kontrasten. Wenn einmal der
+Jesuitismus dort zur Mode wird, möchte ich für nichts stehen."
+
+„Aber was wollten sie nur mit dem Affen in Notre=Dame?" fragte der
+Baron. „Was hat denn dieses Tier zu bedeuten?"
+
+„Das ist, wie ich von der Theaterdirektion vernahm, der Affe Joco, der
+sonst diese Leute im Theater belustigte. Jetzt ist er wohl auch von
+den Missionären bekehrt worden, und wenn er, wie man aus seinen
+Seitensprüngen schließen könnte, ein Protestant ist, so werden sie ihn
+wohl in der Kirche taufen."
+
+„_Goddam_! Was Sie sagen! Doch Sie scheinen mit der
+Theaterdirektion bekannt. Sagen Sie uns, was noch aufgeführt wird.
+Wenn es nichts Interessantes ist, so denke ich, gehen wir weiter; denn
+ich finde diese Pantomimen etwas langweilig."
+
+„Es kommt nur noch ein Akt, der mehr allgemeines Interesse hat,"
+antwortete ich. „Es wird nämlich ein diplomatisches Diner aufgeführt,
+das der Reis=Effendi den Gesandten hoher Mächte gibt, das Siegesfest
+der Festung Missolunghi vorstellend. Es werden dabei Ragouts aus
+Griechenohren, Pastetchen von Philhellenennasen aufgetischt. Das
+Hauptstück der Tafel macht ein Roastbeef von dem griechischen
+Patriarchen, den sie lebendig geröstet haben, und zum Beschluß wird
+ein kleiner Ball gegeben, den ein besternter Staatsmann, so alt er
+sein mag, mit der schönsten Griechensklavin aus dem Harem seiner
+mohammedanischen Majestät eröffnet."
+
+„Ei!" rief der Marquis. „Was, wollen wir diese Schande der Menschheit
+sehen? Ihre Londoner Börse war lächerlich, die Prozession gemein und
+dumm; aber diese ekelhafte Erbärmlichkeit, ich kann sie nicht ansehen!
+Kommt, meine Freunde! Wir wollen lieber noch die Geschichte des Herrn
+von Garnmacker hören, so langweilig sie ist, als dieses diplomatische
+Diner betrachten."
+
+Der Lord und der deutsche Baron willigten ein. Sie standen auf und
+verließen mein Theater, und der Lord sah, als er heraustrat, mit einem
+derben Fluche zurück und rief: „Wahrlich, es steht schlimm mit der
+Zukunft von 1826!"
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER FLUCH.
+
+(E i n e N o v e l l e.)
+
+(Fortsetzung.)
+
+
+Man kann sich denken, daß ich in Rom immer viele Geschäfte habe. Die h
+e i l i g e S t a d t hatte immer einen Überfluß von Leuten, die in
+der ersten, zweiten oder dritten Abstufung mein waren.
+
+Man wird sich wundern, daß ich eine Klassifikation der g u t e n L e
+u t e (von andern Sünder genannt) mache; aber, wer je mit der Erde zu
+tun hatte, hat den Menschen bald abgelernt, daß nur das Systematische
+mit Nutzen bei ihnen betrieben werden könne. Es ist dies besonders in
+Städten wie Rom unumgänglich notwendig; wo so vielerlei Nuancen g u t
+e r L e u t e vom roten Hut bis auf die Kapuze, vom Fürsten, der die
+Macht hat, Orden zu verleihen, bis auf den Armen, dem solche um
+dreißig Taler angeboten werden, sich vorfinden, da muß man Klassen
+haben. Ich werde in der Bibel und von den heutigen Philosophen als das
+negierende Prinzip vorgestellt, daher teilte ich meine guten Leute ein
+in: Erste Klasse, mit dem Prädikat r e c h t g u t, solche, die
+geradehin verneinen, als da sind: Freigeister, Gottesleugner &c.
+Zweite Klasse, g u t; sie sagen mit einigem Umschweif nein, gelten
+unter sich für Heiden, bei Vernünftigen für liberale Männer, bei der
+Menge für fromme Menschen. In dieser Klasse befinden sich viele Türken
+und Pfaffen. Die dritte Klasse mit dem Prädikat m i t t e l m ä ß i g
+sind jene, die ihr Nein nur durch ein Kopfschütteln andeuten. Es sind
+jene, die sich selbst für eine Art von Gott halten, mögen sie nun
+Ablaß verkaufen oder als evangelisch=mystisch=pietistische Seelen
+einen Separatfrieden mit dem Himmel abschließen; der letzteren gibt es
+übrigens in Rom wenige.
+
+Es läßt sich annehmen, daß das Innere dieses Systems, die
+verschiedenen Übergänge der Klassen beinahe mit jedem Jahr sich
+ändern. Geld, Sitten, der Zeitgeist üben hier einen großen Einfluß aus
+und machen beinahe alle zwei Jahre eine Reise an Ort und Stelle
+notwendig.
+
+Als ich vor einiger Zeit auf einer solchen Visitationsreise in Rom
+verweilte, war ich Zeuge folgender Szenen, die ich aufzuzeichnen nicht
+unterlassen will, weil sie vielleicht für manchen Leser meiner
+Memoiren von Interesse sein möchten.
+
+Ich ging eines Morgens unter den Säulengängen der Peterskirche
+spazieren, dachte nach über mein System und die Veränderungen, die ihm
+durch die Missionäre in Frankreich und das Überhandnehmen der Jesuiten
+drohte; da stieß mir ein Gesicht auf, das schon in irgend einer
+interessanten Beziehung zu mir gestanden haben mußte. Ich stand
+stille, ich betrachtete ihn von der Seite. Es war ein schlanker,
+schöner junger Mann; seine Züge trugen die Spuren von stillem Gram;
+dem Auge, der Form des Gesichtes nach war er kein Italiener,--ein
+Deutscher, und jetzt fiel mir mit einem Male, daß ich ihn vor wenigen
+Monaten in Berlin im Salon jener Dame gesehen hatte, die mir und dem
+ewigen Juden einen ästhetischen Tee zu trinken gegeben hatte. Es war
+jener junge Mann, dessen anziehende Unterhaltung, dessen angenehme
+Persönlichkeit mir damals ein so große Interesse eingeflößt hatten. Er
+war es, der uns damals ein Abenteuer aus seinem Leben erzählt hatte,
+das ich für würdig fand, bei der Beschreibung jenes Abends mit
+aufzuzeichnen.
+
+Ob ihn wohl die Liebe zu jener jungen Dame noch einmal in die heilige
+Stadt gezogen hatte? Ob ihm, wie mir, der düstere Himmel seines Landes
+und die süße Langeweile der ästhetischen Tees im Hause seiner Tante so
+drückend wurde, daß er sich unter eine südlichere Zone flüchtete? Ich
+beschloß, seine Bekanntschaft zu erneuern, um über jene interessante
+Begegnis, dessen Erzählung der Jude unterbrochen, um über ihn selbst,
+über seine Schicksale etwas Näheres zu vernehmen. Er stand an einer
+Säule des Portals, den Blick fest auf die Türe gerichtet; fromme
+Seelen, schöne Frauen, junge Mädchen strömten aus und ein. Ich sah, er
+blieb gleichgültig; wenigstens schien ihn keine dieser Gestalten zu
+interessieren. Endlich erscheint ein kleiner Florentiner Strohhut in
+der Türe; war es die Form dieses Hutes, waren es die weißen, wallenden
+Federn, war es die einfache Rose, aus welcher dieser Busch herwallte,
+was dem jungen Manne so reizend, so bekannt dünkte? Noch konnte man
+weder Gestalt noch Gesicht der Dame sehen; aber seine Augen glänzten,
+ein Lächeln der erfüllten Hoffnung flog um seinen Mund, seine Wangen
+röteten sich, er richtete sich höher auf und schaute unverwandt den
+Säulengang hin. Noch verdeckten zwei Pfaffen mit ihren Kapuzen die
+Nahende; jetzt bogen sie rechts ein, und ich sah ein holdes, süßes
+Wesen heranschweben.
+
+Wer, wie ich, erhaben über jede Leidenschaft, die den Sterblichen auf
+der Erde quält, die Dinge betrachtet, wie sie sind, nicht wie sie euch
+Liebe oder Haß oder eure tausend Vorurteile schildern, dem ist eine
+solche seltene Erscheinung ein Fest; denn es ist etwas Neues,
+Originelles. Ich gedachte unwillkürlich jener Worte des jungen Mannes,
+wie er uns den Eindruck beschrieb, den der Anblick jener Dame zum
+ersten Male auf ihn machte, mit welchem Entzücken er uns ihr Auge
+beschrieb;--ich war keinen Augenblick im Zweifel, daß diese liebliche
+Erscheinung, die auf uns zukam, und jene rätselhafte Dame eine und
+dieselbe sei.
+
+Ein glühendes Rot hatte die Züge des Jünglings übergossen. Er hatte
+den Hut gezogen; es war, als schwebte ihm ein Morgengruß oder eine
+freundliche Rede auf den Lippen, und überrascht von der stillen Größe
+des Mädchens sei er verstummt. Auch sie errötete, sie schlug die Augen
+auf, als er sich verbeugte, sie warf einen fragenden Blick auf ihn,
+hielt einen kurzen Moment ihre Schritte an, als erwarte sie, von ihm
+angeredet zu werden; er schwieg, sie eilte bewegt weiter.
+
+Der junge Mann sah ihr mit trüben Blicken nach, dann folgte er
+langsamen Schrittes; oft blieb er, wie in Gedanken verloren, stehen.
+Ich ging ihm einige Straßen nach; er trat endlich in ein Kaffeehaus,
+wo sich die deutschen Künstler zu versammeln pflegen. Hatte schon
+früher dieser Mensch und seine Erzählung meine Teilnahme erregt, so
+war ich jetzt, da ich Zeuge eines flüchtigen, aber bedeutungsvollen
+Zusammentreffens gewesen war, um so neugieriger, zu erfahren, in
+welchem Verhältnis der Berliner zu dieser Dame stehe; daß es kein
+glückliches Verhältnis, kein gewöhnliches Liebesverständnis war,
+glaubte ich in ihren Mienen, in ihrem sonderbaren Benehmen gelesen zu
+haben.
+
+Man wird sich erinnern, daß ich als hoffnungsvoller Zögling des ewigen
+Juden, als Herr von Stobelberg, die Bekanntschaft dieses Mannes
+machte. Daher trat ich in dieser Rolle in das Kaffeehaus. Der junge
+Herr saß in einem Fenster und las in einem Brief. Ich wartete eine
+Weile, ob er wohl bald ausgelesen haben werde, um ihn dann anzureden;
+aber er las immer. Ich trat von der Seite hinter ihn, um nach dem
+Schluß dieses riesengroßen Briefes zu blicken,--es waren wenige Zeilen
+von einer Frauenhand, die er, wie es schien, gedankenlos anstarrte.
+
+„Habe ich die Ehre, Herrn von S. vor mir zu sehen?" fragte ich in
+deutscher Sprache, indem ich vor ihn trat.
+
+„Der bin ich," antwortete er, indem er den düsteren Blick von dem
+Brief auf mich schlug und mein Kompliment durch ein leichtes Neigen
+des Hauptes erwiderte.
+
+„Sie scheinen mich nicht mehr zu kennen, und doch war ich so
+glücklich, einmal einen Abend im Hause Ihrer Tante in Berlin zu
+genießen, den vorzüglich Ihre Unterhaltung, Ihre interessanten
+Mitteilungen mir unvergeßlich machen."
+
+„Im Hause meiner Tante?" fragte er, aufmerksamer werdend.
+
+„Wie, war es nicht ein höchst ennuyanter Tee? Waren nicht einige
+männliche Weiber und einige zartweibliche Herren zugegen? Ich erinnere
+mich, ich mußte etwas erzählen. Doch Ihr Name, mein Lieber, ist mir
+leider entfallen."
+
+„Baron von Stobelberg; ich reiste damals mit--"
+
+„Ah--mit einem ganz sonderbaren Kauz von Hofmeister; jetzt erinnere
+ich mich ganz; er war so unglücklich, allen Damen, ohne es zu wollen,
+Sottisen zu sagen und überschnappte endlich, nämlich mit dem Stuhl?"
+
+„So ist's; wollten Sie erlauben, meinen Kaffee hier zu trinken? Ich
+bin noch so fremd hier, ich kenne keine Seele. Sie sind wohl schon
+lange hier bekannt?"
+
+Ein melancholisches Lächeln zog um seinen Mund. „O ja, bin schon lange
+hier bekannt," antwortete er düster. „Ich war früher in Geschäften
+hier, jetzt zu--meiner Erholung."
+
+„Sie erinnern mich da auf einmal wieder an den Abend bei Ihrer Tante;
+mein Hofmeister brachte mich damals um einen köstlichen Genuß. Sie
+erzählten uns ein kleines Abenteuer, das Sie mit einer Deutschen in
+Rom gehabt. Ihre Erzählung war auf dem Punkte, eine Wendung zu nehmen,
+die uns über vieles, namentlich über Ihre sonderbare Verwechslung mit
+einem Ebenbilde aufgeklärt hätte, da zerstörte mein Mentor durch
+seinen Fall meine schöne Hoffnung; ich war genötigt, mit ihm den Salon
+zu verlassen und plage mich seitdem mit allerlei Möglichkeiten,
+Wahrscheinlichkeiten, wie es Ihnen möchte ergangen sein; ob Sie sich
+mit Ihrem Ebenbilde geschlagen haben; ob Sie auch ferner der schönen
+Luise sich nahen konnten; ob nicht endlich ein Liebesverhältnis
+zwischen Ihnen entstanden. Kurz, ich kann Sie versichern, es peinigte
+mich tagelang, die tollsten Konjekturen erfand ich, aber nie wollten
+sie passen."
+
+Der junge Mann war während meiner Reden nachdenklich geworden; es
+schien etwas darin zu liegen, das ihm nicht ganz recht war; vielleicht
+ahnte er meine unbezwingliche Neugierde nach seiner Aventüre; er
+blickte mich scharf an, aber er wich in seiner Antwort aus.
+
+„Ich erinnere mich," sagte er, „daß wir damals alle bedauerten, Ihre
+Gesellschaft entbehren zu müssen. Sie waren uns allen wert geworden,
+und die Tanten behaupteten, Sie hätten etwas Eigenes, Anziehendes, das
+man nicht recht bezeichnen könne, Sie hätten einen höchst pikanten
+Charakter. Nun, Sie werden in der Zeit diese Damen entschädigt haben;
+wann waren Sie das letzte Mal bei meiner Tante?"
+
+Ich sah ihn staunend an. „Ich hatte nie die Ehre, bei Ihrer Tante
+gesehen zu werden als an jenem Abend."
+
+Er entgegnete hierauf nichts, sprach vom Papst und dergleichen, kam
+aber immer wieder darauf zurück, mich durch eine Zwischenfrage nach
+Berlin ins Haus seiner Tante zu verlocken. „Was wollen Sie nur immer
+wieder mit Berlin?" fragte ich endlich. „Ich war seit jenem Abend
+nicht mehr dort und reiste in dieser Zeit in Frankreich und England.
+Sehen Sie einmal in meinen Paß, welch ungeheure Tour ich in dieser
+Zeit gemacht habe!"
+
+Er warf einen flüchtigen Blick hinein und errötete. „Verzeihen Sie,
+Baron!" rief er, indem er meine Hand ungestüm drückte. „Vergeben Sie,
+ich hielt Sie für einen Spion meiner Tante."--
+
+„Ihrer Tante? Für einen Spion, den man Ihnen bis Rom nachschickt?"
+
+„Ach, die Menschen sind zu keiner Torheit zu gut. Ich halte mich etwa
+seit zwei Monaten wieder hier auf. Meine Verwandten toben, weil ich
+meinen Posten im Bureau des Ministers plötzlich und ohne Urlaub
+verlassen habe; sie bestürmten mich mit Briefen, ich kam nicht; sie
+wandten sich an die preußische Gesandtschaft hier; sie fand aber
+nichts Verdächtiges an mir und ließ mich ungestört meinen Weg gehen.
+Vor einigen Tagen schrieb mir ein Freund, ich solle auf meiner Hut
+sein, man werde einen Spion in meine Nähe senden, um alle meine
+Schritte--"
+
+„Ist's möglich? Und warum denn dies alles?"
+
+„Ach, es ist eine dumme Geschichte; eine Anordnung meines verstorbenen
+Vaters legt mir Pflichten auf, die--ein andermal davon--, die ich
+nicht erfüllen kann. Und Sie, lieber Stobelberg, hielt ich für den
+Spion. Vergeben Sie mir doch?"
+
+„Unter zwei Bedingungen," erwiderte ich ihm, „einmal, daß Sie mir
+erlauben, Sie recht oft zu begleiten und der Spion Ihres Spions zu
+sein. Halten Sie mich nicht für indiskret, es ist wahre Teilnahme für
+Sie und der Wunsch, Ihnen nützlich zu werden. Sodann--teilen Sie mir,
+wenn es Ihnen anders möglich ist, den Schluß Ihres Abenteuers mit."
+
+„Den Schluß?" rief er und lachte bitter. „Den Schluß? Ich wünschte, es
+schlösse sich, könnte es auch nur mit meinem Leben schließen. Doch
+kommen Sie, wir wollen unter jene Arkaden gehen. Die Künstler kommen
+um diese Zeit hierher, wir könnten nicht ungestört reden; wer weiß, ob
+man, nicht einen von ihnen zu meinem Wächter ersehen hat."
+
+
+ * * * * *
+
+
+Ich folgte Otto v. S.--so hieß der junge Mann--unter die Arkaden. Er
+legte seinen Arm in den meinigen; wir gingen eine Weile schweigend auf
+und ab; er, schien mehr nachdenklich als zerstreut.
+
+„Es ist etwas, was mir Vertrauen zu Ihnen einflößt," hub er lächelnd
+an. „Ich habe über den Ausspruch jener Damen in Berlin nach gedacht
+und finde ihn, so komisch er mir damals vorkam, dennoch bestätigt. Es
+ist mir in den paar Viertelstunden, die wir beisammen sind, als seien
+Sie ein Wesen, das ich längst kannte, als seien Sie schon jahrelang
+mein Freund. Und doch haben Sie nicht jenes Gutmütige, Ehrliche, was
+an den Deutschen sogleich auffällt, was bewirkt, daß man ihnen gerne
+vertraut; Sie haben für Ihre Jahre viel Beobachtungsgeist in Ihrem
+Auge und um Ihren Mund in gewissen Augenblicken einen Zug, der nicht
+immer das bestätigt, was Sie sagen wollten. Und dennoch fühle ich, daß
+mir der Zufall viel geschenkt hat, der Sie in jenes Haus führte, ich
+fühle auch, daß man Ihnen trauen kann, mein Lieber."
+
+„Ich halte nichts auf Gesichter und habe durch Erfahrung gelernt, daß
+sie nicht immer der Spiegel der Seele sind. Es freut mich übrigens,
+wenn etwas an mir ist, was Ihnen Vertrauen einflößt. Es ist vielleicht
+der rege Wunsch, Ihnen dienen zu können, was Ihnen einiges Vertrauen
+gibt?"
+
+„Möglich; doch ich bin Ihnen einige Aufschlüsse über mich und mein
+Abenteuer hier in Rom schuldig. Ich erzählte Ihnen, wie ich mit Luise
+von Palden bekannt wurde--"
+
+„Erlauben Sie, nein! Diesen Namen höre ich zum ersten Male. Sie
+erzählten uns, daß Sie eine junge Dame in den Lamentationen der
+Sixtinischen Kapelle kennen lernten, die Ihre ganze Aufmerksamkeit
+erregte. Sie wurden von ihr mit einem andern verwechselt, Sie gefielen
+sich in diesem Quiproquo und versetzten sich unwillkürlich so in die
+Stelle des Liebhabers, daß Sie das Mädchen sogar liebten--"
+
+„Und wie liebe ich sie!" rief er bewegt.
+
+„Sie suchten die Dame lange vergeblich in Rom, der Zufall führte
+endlich das schöne Kind im Karneval als Maske an Ihre Seite. Es ist
+schon dunkel, sie glaubt in Ihnen den Freund zu finden; Sie, lieber
+Freund, benützen die Gelegenheit noch einmal, diesen Scherz, der Ihnen
+so angenehm ist, fortzuführen. Sie bringen die Dame auf eine Loge, um
+das Pferderennen anzusehen. Da erscheint auf einmal der rechte
+Liebhaber und Sie--erblicken sich. Bis hierher hörte ich damals. Sie
+können sich denken, wie begierig ich bin, zu hören, wie es Ihnen
+erging."
+
+„Ich gestehe," fuhr Herr v. S. fort, „mir selbst fiel die Ähnlichkeit
+dieses Mannes mit meinen Zügen, meiner Gestalt, selbst meiner Kleidung
+überraschend auf. Das letztere hatte wohl die Mode verschuldet, die
+damals alle junge Welt zwang, sich schwarz zu kleiden. Doch auch für
+die große Ähnlichkeit unserer Züge, so auffallend sie ist, hat man
+Beispiele. Sie erinnern sich vielleicht des Falles, der in Frankreich
+vorkam. Zwei Franzosen trafen in Amerika zusammen. Ihre Ähnlichkeit
+war so groß, daß man sie gewöhnlich miteinander verwechselte; der eine
+starb, der andere, ein armer Teufel, wußte sich seine Papiere zu
+verschaffen, reiste nach Frankreich zurück und lebte mit der Frau des
+Verstorbenen noch lange Jahre, bis der Betrug an den Tag kam.
+[Fußnote: Die Möglichkeit einer solchen Verwechslung beweist ein Fall,
+der sich vor einigen Monaten in Ravensburg im Württembergischen
+zutrug. Zwei Zwillingsbrüder sahen sich täuschend ähnlich. Der eine
+tötete einen Mann und floh. Er wußte, daß sein Bruder, der in Bregenz
+in einem österreichischen Regiment diente, desertiert war. Der Mörder
+wandte sich dorthin, zeigte sich in der Gegend, ließ sich als
+Deserteur gefangen nehmen und viermal Spießruten jagen. Er diente
+einige Zeit in der Stelle seines Bruders, bis der Betrug durch einen
+Zufall entdeckt wurde.]
+
+Der Herr und die Dame schienen nicht weniger überrascht als ich; die
+letztere errötete, sie gedachte vielleicht jenes Kusses, und es wurde
+ihr wohl mit einem Male klar, daß es schon an jenem Abend nicht ihr
+Otto gewesen sei, gegen den sie sich so zärtlich bewiesen. Der Herr
+mit meinen Gesichtszügen fragte mich in etwas barschem Ton in
+schlechtem Französisch, wie ich dazu komme, diese Komödie zu spielen.
+Ich nahm, nicht aus Furcht vor seinem rollenden Auge, sondern im
+Gefühl, ein Unrecht, vielleicht eine Unschicklichkeit wieder gutmachen
+zu müssen, alle Artigkeit, die ich in der Welt gelernt hatte, zusammen
+und bat die Dame, mir einen Scherz zu vergeben, zu dem sie mich selbst
+verleitet habe. ‚Sie selbst?' rief bei diesen Worten jener Mann, und
+seine Züge verzogen sich immer mehr zum Zorn. ‚Sie selbst? Es ist ein
+abgekartetes Spiel, ich sehe schon, ich bin der betrogene Teil. Doch
+ich will nicht stören.'--Er sagte dies, vor Wut zitternd, indem er
+sich von seinem Platz entfernen wollte. Luise--o, ich habe sie nie so
+süß, so wundervoll gesehen wie in jenem Augenblicke, sie schien mit
+aller Hingebung der Zärtlichkeit an diesem Manne zu hängen; sie
+ergriff bebend feine Hand, sie rief ihn mit den liebevollsten Tönen;
+sie beteuerte, sich unschuldig zu wissen, sie rief mich zürnend zum
+Zeugen auf. Ich war hingerissen von diesem Zauber der Liebe, der sich
+mir hier zum ersten Male in seiner ganzen Schönheit darstellte. Es ist
+etwas Schönes um ein Mädchen, das in sanfter, stiller Liebe ist, es
+ist etwas Heiliges, möchte ich sagen. Aber der Schmerz inniger Liebe,
+das Zittern zärtlicher Angst und diese Tränen in den blauen Augen,
+dieses Flüstern der süßesten Namen von den feinen Lippen und diese
+Röte der Angst und der Beschämung auf den zarten Wangen, es ist ein
+Bild, irdischer zwar als jenes, aber von einer hinreißenden Gewalt."
+
+„Ich kenne das," unterbrach ich diese rednerischen Schilderungen des
+verliebten Berliners, dem die Dame seines Herzens in jeder neuen Form
+wieder lieblicher schien, „ich kenne das; so was Heiliges, so was
+Weinendes, Madonnenartiges, Grazienhaftes, Süßes, Bitterschmerzliches,
+kurz, so was Klagendes, Anziehendes, ich kenne das; aber wie war es
+denn mit dem zornigen Patron, der Euer Wohlgeboren so ähnlich?"
+
+„Er glaubte ihren Versicherungen nicht; war es Eifersucht, war es sein
+leidenschaftlicher Zorn, den er nicht bemeistern konnte, er stieß sie
+zurück, er drohte, sie nie mehr zu sehen. Das Mädchen setzte sich
+weinend auf ihren Stuhl. Die tobende Freude der Römer an dem
+Pferderennen, ihr Jauchzen, ihr Rufen standen in schneidendem Kontrast
+mit dem stillen Schmerz dieses Engels. Ich fühlte inniges Mitleid mit
+ihr, ich fühlte mich tief verletzt, daß ein Mann eine Dame, ein
+Liebender die Geliebte so schnöde beleidigen könne. ‚Mein Herr,' sagte
+ich, ‚das Wort eines Mannes von Ehre kann Sie vielleicht überzeugen,
+daß die Schuld dieser Szene allein auf mir ruht.' ‚Eines Mannes von
+Ehre?' rief er, höhnisch lachend; ‚so kann sich jeder Tropf nennen.'
+Jetzt glaubte ich die Formen der gesellschaftlichen Höflichkeit nicht
+weiter beobachten zu müssen. Ich gab ihm ein wohlbekanntes Zeichen,
+flüsterte ihm meinen Namen, die Nummer meines Hauses und die Straße
+zu, in welcher ich wohnte, und verließ ihn.
+
+Es waren widerstreitende Gefühle, die in meiner Brust erwachten, als
+ich zu Haus über diesen Vorfall nachdachte. Ich mußte mir gestehen,
+daß ich unbesonnen, töricht gehandelt hatte, die Rolle eines andern
+bei diesem Mädchen zu übernehmen. Es ist wahr, der Zufall war so
+überraschend, die Gelegenheit so lockend, ihre Erscheinung so reizend,
+so anziehend, daß wohl keiner der Versuchung widerstanden hätte. Aber
+mußte mich nicht schon der Gedanke zurückschrecken, daß es ihr bei dem
+Geliebten schaden könnte, traf er uns beide zusammen. In welch
+ungünstigem Lichte mußte ich, mußte auch sie ihm erscheinen!
+
+Und doch--wo ist der Mensch, der nicht in einem solchen Falle sich vor
+sich selbst zu entschuldigen wüßte? Ich fühlte, daß ich dieses
+unbekannte, reizende Wesen liebe, und wie leicht entschuldigt Liebe!
+Und weil ich sie liebte, haßte ich den begünstigten Mann. Er war ein
+Barbar in meinen Augen. Wie konnte er die Geliebte so grausam
+behandeln? Wie durfte er, wenn er sie wahrhaft liebte, an ihrer Tugend
+zweifeln, und wer, der jemals in dieses treue, seelenvolle Auge
+gesehen, wer konnte an der Reinheit dieses Engels zweifeln?
+
+Am Morgen nach dieser Begebenheit bekam ich einen italienischen,
+schlecht geschriebenen Brief; er enthielt die Bitte einer Signora
+Maria Campoco, dem Überbringer des Briefes in ihr Haus zu folgen, wo
+sie mir etwas Wichtiges zu sagen habe. Ich kannte keine Dame dieses
+Namens, ich fragte den Diener nach der Straße, er nannte mir eine, von
+welcher ich nie gehört hatte. Eine Ahnung sagte mir übrigens, dieser
+Brief könnte mit meinem Abenteuer von gestern zusammenhängen; ich
+entschloß mich, zu folgen. Der Diener führte mich durch viele Straßen
+in eine Gegend der Stadt, die mir völlig unbekannt war. Er bog endlich
+in eine kleine Seitenstraße; ein Brunnen, eine Madonna von Stein fiel
+mir ins Auge, es war kein Zweifel, ich befand mich an dem Haus, wohin
+ich Luise aus den Lamentationen begleitet hatte.
+
+Es war ein kleines, unscheinbares Haus, dessen Türe der Diener
+aufschloß; über einen finstern Gang, eine noch dunklere Treppe brachte
+er mich in ein Zimmer, dessen Eleganz nicht mit dem übrigen Ansehen
+des Hauses übereinstimmte. Nachdem ich eine Weile gewartet hatte,
+erscholl das Kläffen vieler Hunde, die Türe öffnete sich--aber nicht
+meine Schöne, sondern eine kleine, wohlbeleibte, ältliche Frau trat,
+umgeben von einer Schar kleiner Hunde, ins Zimmer.
+
+Es dauerte ziemlich lange; bis Tasso, Ariosto, Dante, Alfieri; und wie
+die Kläffer alle hießen, über den Anblick eines fremden Mannes
+beruhigt waren und die kleine Dame endlich zum Wort kommen konnte. Sie
+sagte mir sehr höflich, sie habe mich rufen lassen, um wegen einer
+Angelegenheit ihrer Nichte, Luise von Palden, mit mir zu sprechen. Das
+Verlangen, das schöne Kind wiederzusehen, mich bei ihr selbst zu
+entschuldigen, gab mir eine Notlüge ein; ich fragte sie in so
+miserablem Italienisch als mir nur möglich war, ob sie Französisch
+oder Deutsch verstehe. Sie verneinte es, ich zuckte die Achseln und
+gab ihr mehr durch Zeichen als Worte zu verstehen, daß ich der
+italienischen Sprache durchaus nicht mächtig sei. Sie besann sich eine
+Weile, sagte dann, ich könnte in i h r e r G e g e n w a r t mit
+ihrer Nichte sprechen, und entfernte sich.
+
+Wie schlug mein Herz, von Erwartung, von Liebe bewegt! Wie beschämt
+fühlte ich mich, in ihren Augen als ein Nichtswürdiger zu scheinen,
+der ihren Irrtum auf so indiskrete Art benützte! Die hündische
+Leibwache der Signora verkündete, daß sie nahe. Ich fühlte seit langer
+Zeit zum ersten Male eine Verlegenheit, ein Beben; ich fühlte, wie ich
+errötete, jene Sicherheit des Benehmens, die mich jahrelang begleitet
+hatte, wollte mich in diesem Augenblicke verlassen.
+
+Sie kam; sie dünkte mir in dem einfachen, reizenden Negligé lieblicher
+als je, und ihre Verwirrung, als sie mich sah, der Unmut, den ich in
+ihren Augen zu lesen glaubte, vermochte ihre Anmut nicht zu schwächen.
+‚Mein Herr! Es ist eine sonderbare Begebenheit, die Sie in dieses Haus
+führt,' sprach sie mit jenen klangvollen Tönen, die ich so gerne
+hörte; ‚Sie müssen selbst gestehen,' setzte sie hinzu, aber sei es,
+daß die Erinnerung an jenen Abend sie zu unangenehm berührte, sei es,
+daß sie einem meiner Blicke begegnete, die vielleicht mehr als
+Ehrfurcht ausdrückten, sie schlug die Augen nieder, errötete aufs neue
+und schwieg.
+
+Ich faßte mich, ich suchte mich zu entschuldigen, so gut es ging; ich
+erzählte ihr, wie ich sie hilflos und in Ohnmacht in der Kirche
+gefunden, wie ich ihren Irrtum nicht habe berichtigen können, aus
+Furcht, sie möchte meine Begleitung ablehnen, die ihr in ihrem
+damaligen Zustande so notwendig war. Meine zweite Unbesonnenheit schob
+ich auf die Maskenfreiheit des Karnevals; ich suchte einen Scherz
+daraus zu machen, ich behauptete, es sei an diesem Abend erlaubt, jede
+Maske vorzunehmen, und so habe ich die ihres Freundes vorgenommen. Ich
+glaubte, sagte ich, in diesen Scherz um so eher eingehen zu dürfen, da
+wir Landsleute sind und die Deutschen in Rom als Kinder e i n e r
+Heimat nur e i n e große Familie sein sollten."
+
+„Eine gefährliche Verwandtschaft," unterbrach ich den jungen Berliner,
+indem ich mich im stillen über seine jesuitische Logik freute. „Wie?
+brachte die Dame nicht das _Corpus juris_ und den------gegen Sie in
+Anwendung? In Schwaben möchte zur Not ein solches
+Verwandtschaftssystem gelten oder bei den Juden, welche Herren
+und Knechte, Norden und Süden, ‚unsere Leute' nennen; aber
+Deutschland? Bedenken Sie, daß es in zweiunddreißig Staaten geteilt
+ist; wo ist da ein Verwandtschaftsband möglich? Wenn sie sich im
+Himmel oder in der Hölle treffen, so heißen sie nur Österreicher,
+Preußen, Hechinger und fürstlich reußische Landeskinder!"
+
+„Luise mochte auch so denken," fuhr er fort. „Doch nötigte ihr meine
+Deduktion ein Lächeln ab; es schien ihr angenehm, über diese Punkte so
+leicht weggehen zu können. Sie klagte sich selbst an, diesen Irrtum
+veranlaßt zu haben, sie vergab, sie erlaubte mir, ihre schöne Hand zu
+küssen. Doch ihre Blicke werden wieder düster. Sie sagte, wie sie nur
+zu deutlich bemerkt habe, daß ich tief beleidigt weggegangen sei, daß
+dieser Streit noch eine gefährlichere Folge haben könne. Ihr Auge
+füllte sich mit Tränen, als sie dies sagte. Sie beschwor mich, ihrem
+Freund zu vergeben, sie suchte ihn zu entschuldigen, ihn, der sie
+selbst so tief beleidigt hatte; sie sprach mit so zärtlicher Wärme für
+den Mann, der so ganz vergessen hatte, daß die wahre Liebe glauben und
+vertrauen müsse, der so niedrig war, dieser reinen Seele gegenüber
+gemeine Eifersucht zu zeigen. Ich wäre glücklich, selig gewesen, hätte
+dieses Mädchen s o von mir gesprochen!
+
+Ich fragte sie, ob sie in seinem Auftrag mir dieses sage. Sie war
+betreten, sie antwortete, daß sie gewiß wisse, daß es ihm leid sei,
+mir jene Worte gesagt zu haben; ich versprach, wenn er mir dieses
+selbst sagen werde, nicht mehr an die Sache zu denken. Wie heiter war
+sie jetzt! Sie scherzte über ihren Irrtum, sie verglich meine Züge mit
+denen ihres Freundes, sie glaubte, große Ähnlichkeit zu finden, und
+doch schien es ihr unbegreiflich, wie sie nicht an meinen Augen,
+meiner Stimme, an meinem ganzen Wesen ihren Mißgriff erkannt habe. Sie
+rief ihrer Tante zu, daß sie ihren Zweck vollkommen erreicht habe.
+
+Signora Campoco, die während der ganzen Szene am Fenster gesessen und
+bald die Leute auf der Straße, bald ihre Hündchen, bald uns betrachtet
+hatte, kam freundlich zu mir, dankte für meine Gefälligkeit, ihr Haus
+besucht zu haben, und bemerkte, sie hätte nie geglaubt, daß unsere
+barbarische Sprache so wohltönend gesprochen werden könne. Sie sehen,
+ich hatte jetzt nichts mehr in diesem Hause zu tun; so gerne ich noch
+ein Stündchen mit Fräulein von Palden geplaudert hätte, so neugierig
+ich war, ihre Verhältnisse in Deutschland und ihre Lage in Rom zu
+erfahren,--der Anstand forderte, daß ich Abschied nahm, mit dem
+unglücklichen Gefühle Abschied nahm, diese Schwelle nie mehr betreten
+zu können. Signora, sie hätte sich vielleicht gekreuzt, hätte sie
+gewußt, daß ein Ketzer vor ihr stehe, Signora empfahl mich der Gnade
+der heiligen Jungfrau, und Luise reichte mir traulich die Hand zum
+Scheiden. Ich fragte sie noch, wie der Herr heiße, mit welchem ich das
+Glück gehabt habe, verwechselt zu werden. Sie errötete und sagte: ‚Er
+will zwar hier nicht gekannt sein und so zurückgezogen als möglich
+leben; doch warum sollte ich Ihnen seinen Namen verhehlen? Ich möchte
+so gerne, daß Sie Freunde würden. Er heißt------und wohnt------'."
+
+So „etwas breit nach Art der lieben Jugend" hatte mir der junge Mann
+den weiteren Verlauf seines Abenteuers erzählt; ich hörte ihm gerne
+zu, obgleich nichts peinlicher für mich ist, als eine lamentable
+Liebesgeschichte recht lang und gehörig breit erzählen zu hören; aber
+interessant war mir dabei die Art, wie er mir erzählte. Sein
+ausdrucksvolles Auge schien die Glut seiner Gefühle widerzustrahlen,
+seine Züge nahmen den Charakter düsterer Wehmut an, wenn er sich
+unglücklich fühlte, und ein angenehmes Lächeln erheiterte sie, wenn er
+mir die Reize der jungen Dame zu beschreiben suchte. Plötzlich, als er
+mir eben erzählte, wie er das Haus der Signora verlassen habe, drückte
+er meinen Arm fester und brach, in einen kleinen Fluch aus. „So muß
+der Teufel diesen Pfaffen doch überall haben!" rief er und wandte sich
+unmutig um. Ich war erstaunt, welchen Pfaffen sollte ich denn überall
+haben? Ich fragte ihn, was ihn so aufbringen könne.
+
+„Sehen Sie nicht hin, sonst müssen wir grüßen," gab er mir zur
+Antwort, „ich kann ihn nicht ansehen, den Jesuiten."
+
+Ich stellte mich, als befolge ich treulich seinen Befehl, doch konnte
+ich nicht umhin, einen Seitenblick in die Straße zu werfen, und sah
+wirklich ein höchst ergötzliches Schauspiel. Die Straße herauf kam ein
+hoher Prälat der Kirche, der Kardinal Rocco, ein Mann, der schon
+längst als einer der zweiten Klasse mit dem Prädikat „g u t" auf
+meinen Tafeln verzeichnet ist. Eine große, majestätische Gestalt mit
+stolzer Würde; sein weißes Haar, von einem einfachen, roten Käppchen
+bedeckt, stach sonderbar ab gegen ein Gesicht, das man eigentlich
+reich nennen konnte. Gewölbte Brauen, große Augen, eine Adlernase, die
+Unterlippe etwas übermütig gezogen, das Kinn und die Wangen voll und
+kräftig. Über das rollende Untergewand trug er einen Talar, dessen
+eines Ende er in malerischen Falten über den Arm gelegt hatte; das
+andere Ende hielt, in einiger Entfernung hinter ihm herschleichend,
+sein Diener, ebenfalls ein Mönch, ein dürres, bleiches Geschöpf,
+dessen tückische Augen nach allen Seiten spähten, ob Seine Eminenz von
+den Gläubigen ehrfurchtsvoll, wie es sich gebührt, begrüßt würden.
+
+Der Gang des Kardinals war der Gang eines Siegers, und eine solche
+Erscheinung in diesen Straßen erinnerte nur zu leicht an die Senatoren
+der „ewigen Stadt".
+
+„Sehen Sie, wie er hingeht, dieser Pharisäer," flüsterte der junge
+Mann, mit den Zähnen knirschend. „Sehen Sie, wie der Pöbel sich zum
+Handkuß drängt, mit welcher Würde, mit welcher Grazie er seinen Segen
+erteilt. Theaterpossen! wenn diese Leute wüßten, was ich von ihm weiß,
+sie würden diesem Pharisäer, diesem Verfälscher des Gesetzes die
+Insignien seiner Würde vom Leibe reißen, oder sie wären wert, von
+einem Türken beherrscht zu werden."
+
+„Was bringt Sie so auf, verehrter Freund? Wer ist dieser Ehrenmann?
+Was hat er Ihnen zuleid getan? Hängt er mit Ihren Abenteuern
+zusammen?" Ich mußte lange fragen, bis er mich hörte; denn er schaute
+mit durchbohrenden Blicken der Eminenz nach und murmelte
+Verwünschungen wie ein Zauberer.
+
+„Ob ich ihn kenne? Ob er mir etwas zuleid getan? O! dieser Mensch hat
+ein Leben vergiftet, ein Herz zu Boden getreten, das--doch Sie werden
+mehr von ihm hören; es ist der Kardinal Rocco, der Satan ist nicht
+schwärzer als er; mit seinem roten Hut deckt er alle Sünden zu; aber
+trotzdem, daß er geweiht ist, wird ihn dennoch der Teufel holen!"
+
+Da hat es gute Wege, dachte ich; Nro. 2, gute Sorte! Doch was konnte
+dieser Berliner gegen Rocco haben? Unmöglich konnte ich glauben, daß
+sein Protestantismus so tief gehe, daß er jeden, der violette Strümpfe
+trug, in die Hölle wünschen mußte. Er hatte sich wieder gesammelt.
+„Vergeben Sie diese Hitze; Sie werden mir einst recht geben, so zu
+urteilen, wenn ich Sie erst mit dem Treiben dieses Menschen bekannt
+mache. Doch jetzt noch einiges zum Verständnis meines Abenteuers. Die
+Geschichte mit--war bald abgetan. Er schickte einen Franzosen zu mir,
+der mir erklärte, daß jener sich in mir geirrt habe und um Verzeihung
+bitte. Durch ihn erfuhr ich auch, daß Luisens Geliebter früher
+Offizier, und zwar in ...schen Diensten gewesen sei.
+
+Um diese Zeit kam die Schwester des sächsischen Gesandten nach Rom,
+sich einige Zeit mit ihrer Familie bei ihrem Bruder aufzuhalten. Ich
+war am ersten Abend ihres Aufenthaltes zufällig zugegen, und--stellen
+Sie sich einmal mein Erstaunen vor, als ich hörte, wie sie eine andere
+Dame fragte, ob nicht ein Fräulein von Palden hier lebe. Ich wandte
+mich unwillkürlich ab, um nicht dem ganzen Kreise mein Erröten, mein
+Entzücken zu zeigen; es war mir etwas so Neues, so Schönes, Luisens
+Namen aus einem fremden Munde zu hören. Jedoch keine der anwesenden
+Damen wollte von ihr wissen, und ich fühlte mich nicht berufen,
+unaufgefordert mein Geheimnis mitzuteilen.
+
+Deutsche, besonders Frauen, pflegen immer großen Anteil an Landsleuten
+zu nehmen; es konnte daher nicht anders sein, als daß man seine
+Verwunderung laut darüber aussprach, daß ein deutsches Fräulein in Rom
+lebe, die auch nicht einem von allen bekannt sein sollte. Wer ist sie?
+Ist sie schön? Wie kommt sie nach Rom? fragte, man einstimmig, und wie
+lauschte ich, wie pochte mein Herz, endlich über das interessante
+Wesen etwas zu hören.
+
+Sie erzählte, wie sie in .....th Luise kennen gelernt, die damals durch
+ihr schönes Äußere, durch ihre Liebenswürdigkeit, ihren Verstand die
+ganze Stadt beschäftigt, ihre näheren Bekannten bezaubert habe. Umso
+auffallender sei auf einmal ein Liebeshandel gewesen, der sich
+zwischen einem Offizier, einem bürgerlichen Subjekt, und der Tochter
+des Geheimen Rats von Palden entspann. Dieser Mensch habe außer seiner
+schönen Figur und einem blühenden Gesicht keine Vorzüge, nicht einmal
+gute Sitten gehabt. Dem Vater sei diese Geschichte zu ernstlich
+geworden, er habe den Offizier zu einem Regimente zu versetzen gewußt,
+das mit einem Teil der französischen Armee nach Spanien bestimmt war.
+Man habe sich in ....th allgemein gefreut über die Art, wie sich
+Fräulein von Palden in diese Wendung fügte; doch bald erfuhr man, daß
+die Verbindung mit dem Offizier nichts weniger als abgebrochen sei,
+sondern durch Armeekuriere und dergleichen Briefe gewechselt würden.
+Es vergingen so beinahe zwei Jahre. Die Armee kehrte zurück, doch
+nicht mit ihr jener Offizier. Man sagte in Gesellschaften und in
+Luisens Nähe, er sei wegen einer Ehrensache aus dem Dienst getreten.
+Seine Kameraden schwiegen hartnäckig hierüber, und doch gab es einige
+Stimmen im Publikum, die von einer vorteilhaften Heirat, andere, die
+von einer Entführung oder von beidem sprachen, kurz, man bemerkte, daß
+Herr ..., so hieß der Offizier, seiner Dame ungetreu geworden sei. Um
+diese Zeit starb der alte Herr von Palden. Seine erste Frau war eine
+Römerin; das Fräulein entschloß sich auf einmal zu großer Verwunderung
+der Stadt ....th, zu ihren Verwandten nach Rom zu ziehen.
+
+So viel wußte die Schwester des Gesandten von Luise. Es war mir genug,
+um ihr Verhältnis zu .... ganz in der Ordnung zu finden; nur war es
+mir unbegreiflich, was ihn bewogen haben könnte, nach Rom zu gehen;
+oder kam er erst nach ihr hierher? Und warum heiraten sie sich nicht,
+da doch ihre Hand jetzt frei und von niemand abhängig ist?
+
+Ich quälte mich mit diesen Gedanken. Ich hätte so gerne mehr und immer
+mehr von dem holden Kind erfahren; ich fühlte lebhaft den Wunsch, sie
+wiederzusehen, zu sprechen; ich wollte ja nicht geliebt werden, nur
+sehen, nur lieben wollte ich sie. Da fiel mir bei, wie ich dies so
+leicht möglich machen könnte. Ich durfte ja nur der Schwester des
+Gesandten sagen, wo sich Luise aufhalte, und dann konnte ich gewiß
+sein, sie schon in den nächsten Tagen im Hotel des Gesandten zu sehen.
+Ich tat dies, und mein Wunsch wurde erfüllt."
+
+Ein Bekannter des Herrn v. S. gesellte sich hier zu uns und unterbrach
+zu meinem großen Ärger die Erzählung. Ich machte noch einige Gänge mit
+ihnen unter den Arkaden; als ich aber sah, daß der Bekannte sich nicht
+entfernen wolle, fragte ich den Berliner nach seiner Wohnung und ging
+mit dem Vorsatz, ihn am nächsten Morgen zu besuchen. Ich muß gestehen,
+ich fing an, die Geschichte des jungen Mannes weniger anziehend zu
+finden, weil sie mir in eine gewöhnliche Liebesgeschichte auszuarten
+schien. Doch zwei Umstände waren es, die mir von neuem wieder
+Interesse einflößten und mich bestimmten, seine Abenteuer zu hören.
+Ich erinnerte mich nämlich, wie überraschend sein Anblick, sein ganzes
+Wesen in Berlin auf mich gewirkt hatten. Es war nicht der gewöhnliche
+Kummer der Liebe, wie er sich bei jedem Amoroso vom Mühlendamm
+ausspricht; es war ein Gram, ein tieferes Leiden, das mir um so
+anziehender dünkte, als es nur ganz unmerklich und leise durch jene
+Hülle schimmerte, womit die gesellschaftlichen Formen die weinende
+Seele umgeben. Er schien ein Unglück zu kennen, zu teilen, das ihn
+unausgesetzt beschäftigte, zu welchem ihn die Erinnerung sogar mitten
+in einem ästhetischen Tee zurückführte.
+
+Das zweite, das mich zu dem jungen Mann und seinem Abenteuer zog, war
+die Szene, die ich morgens vor der Peterskirche beobachtet hatte. Ich
+hatte dort bemerkt, daß er sie mit Sehnsucht erwarte; sie war
+gekommen, aber es schien kein fröhliches Zusammentreffen. Sie schien
+ihn etwas mit ihren Blicken zu fragen, das er nie beantworten, sie
+schien etwas zu verlangen, das er nicht erfüllen konnte; wie schwer
+mußte es ihm werden, in der Ferne zu stehen und dem holden Mädchen
+durch keine Silbe zu antworten! Er ließ sie gehen, wie sie gekommen,
+aber dann sandte er ihr Blicke voll zärtlicher Liebe nach. Warum sagte
+er ihr nicht auf der Stelle, wie er sie liebe? Welche Gewalt mußte sie
+über ihn ausüben, um ihn in diese engen Schranken einer beinahe blöden
+Bescheidenheit zurückzuweisen? Wieviel es s i e koste, sah ich an
+ihrem Auge, in welchem eine Träne perlte, als sie weiter ging.
+
+Diese Fragen drängten sich mir auf, als ich über den jungen Mann und
+die rätselhafte Dame nachdachte. Wo nicht ein blindes Fatum waltet und
+ein Uhrwerk die Gedanken der Sterblichen treibt, da lernt keiner aus,
+sei er Gott oder Teufel. Wohl sagt der Mensch, der kleinlich nur auf
+die Resultate seiner Geschichte sieht: „Es wiederholt sich alles im
+Leben;" aber wie es sich wiederholt, wie der endliche Geist in seiner
+kurzen Spanne Zeit wächst und ringt und strebt und gegen die alte
+Notwendigkeit ankämpft, das ist ein Schauspiel, das sich täglich mit
+ewig neuem Reize wiederholt; und das Auge, das von Weltintrigen
+gesättigt, vom Anschauen der Kämpfe großer Massen ermüdet ist, senkt
+sich gerne abwärts zum kleineren Treiben des einzelnen. Drum möge es
+keinem jener verehrlichen Leute, für die ich meine Memoiren
+niederschreibe, kleinlich dünken, daß ich in Rom, wo so unendlich viel
+Stoff zur Intrige, ein so großer Raum zu einem diabolischen
+Festtagsspiel ist, mit einer Liebeshistorie mich befasse.--
+
+Am Abend dieses Tages fuhr ich mit einigen griechischen Kaufleuten auf
+der Tiber. Wir hatten eine der größeren Barken bestiegen und die
+freien Sitze des Vorderteils eingenommen, weil das Zelt in der Mitte,
+wie uns die Schiffer sagten, schon besetzt war. Der Abend war schwül
+und wirkte selbst mitten im Fluß so drückend und ermattend auf die
+Menschen, daß unser Gespräch nach und nach verstummte. Ich vernahm
+jetzt ein halblautes Reden und Streiten im Innern des Zeltes; ich
+setzte mich ganz nahe hin und lauschte. Es waren zwei Männer und eine
+Frau, soviel ich aus ihren Stimmen schließen konnte. Sie sprachen aber
+etwas verwirrt und gebrochen; der eine hatte gutes, wohltönendes
+Italienisch, er sprach langsam und mit vieler Salbung; die Dame
+mischte unter sechs italienische Worte immer zwei spanische und ein
+französisches, der andere Mann, der wenig, aber schnell und mit
+Leidenschaft sprach, hatte jene murmelnde, undeutliche Aussprache, an
+welcher man in Italien sogleich den Deutschen oder Engländer erkennt.
+
+Ein kleiner Riß in der Gardine des Zeltes ließ mich die kleine
+Gesellschaft überschauen; und, o Wunder! Jene salbungsvolle Rede
+entströmte dem Kardinal Rocco! Ihm gegenüber saß eine Dame, schon über
+die erste Blüte hinaus, aber noch immer schön zu nennen. Ihre
+beweglichen schwarzen Augen, ihre vollen Lippen, ihr etwas
+nachlässiges Kostüm, dessen Schuld der schwüle Abend tragen mußte,
+zeigten, daß sie mit den ersten Dreißig die Lust zum Leben noch nicht
+verloren habe. An ihrer Seite glaubte ich auf den ersten, flüchtigen
+Anblick Otto v. S. zu erkennen. Doch die Züge des Mannes im Zelte
+waren düsterer, sein Auge blickte nicht so offen und frei wie das des
+Berliners,--ich war keinen Augenblick im Zweifel, es mußte sein
+Doppelgänger, ...., sein. Aber wie! Die Dame war nicht Luise von
+Palden; durfte dieser Mann so traulich neben einer andern sitzen, ohne
+dieselbe Schuld wirklich zu tragen, die er der Geliebten aufbürden
+wollte!
+
+„Gilt dir denn meine Liebe, meine Zärtlichkeit gar nichts?" hörte ich
+die Dame sagen. „Nichts meine Aufopferung, nichts meine Leiden, nichts
+meine Schande, der ich mich um deinetwillen aussetzte? Ein Wort, ein
+einziges Wort kann uns glücklich machen. Du sagst immer morgen,
+morgen! Es ist jetzt Abend, warum willst du morgen doch wieder nicht?"
+
+„Mein Sohn," sprach der Kardinal, „ich will nichts davon sagen, daß
+Euer langes Zögern, Eure fortwährende Weigerung für unsere heilige
+Kirche Beleidigung ist. Ich weiß zwar wohl, nicht Ihr seid es, der
+diese Zögerungen verschuldet; der Teufel, der leibhaftige Satan
+spricht aus Euch; es ist das letzte Zucken Eurer ketzerischen
+Irrtümer, was Euch die Wahrheit nicht sehen läßt; aber beim heiligen
+Kreuz, den Nägeln und der heiligen Erde beschwöre ich Euch, folget
+mir, lasset Euch aufnehmen in den heiligen Schoß der Kirche zur,
+Verherrlichung Gottes."
+
+Ha! dachte ich, den haben sie gerade recht in den Krallen. Ein schönes
+Weib, ein Kardinal Rocco und ein paar Gewissensbisse, wie der Herr im
+Zelte zu haben schien,--da kann es nicht fehlen!--Er seufzte, er
+blickte bald die Dame, bald den Priester mit unmutigen Blicken an.
+„Ich will ja alles tun, ins Teufels Namen, alles tun," sagt er, „mein
+Leben ist ohnedies schon verschuldet und vergiftet; aber wozu diese
+sonderbare Prozedur? Warum soll ich vor der Welt zum Narren werden, um
+die Ehre von Donna Ines wieder herzustellen?"
+
+„Mein Sohn, mein Sohn! Wie frevelt Ihr! Zum Narren werden, sagt Ihr?
+O, Ihr verstockter Ketzer! Ihr alle seid von eurer Taufe an, wo der
+Satan zu Gevatter steht, Renegaten, Abtrünnige! Es ist also nur eine
+Rückkehr, kein Übertritt, keine Ableugnung eines früheren Glaubens.
+Ihr hattet ja vorher keinen Glauben. Ihr werdet doch nicht die
+Ketzerei so nennen wollen, die der Erzketzer in Wittenberg aus den
+Fetzen, die er dem Heiligtum gestohlen, zusammenstückelte?"
+
+„Lasset mich, Eminenz! Es ist einmal gegen meine Überzeugung. Ich
+müßte mich ja vor ganz Deutschland schämen."
+
+„O verstockter Ketzer! Schämen, sagt Ihr? Hat sich der liebe Mann, der
+Herr von Haller, auch geschämt? Schämen! Wie ein Heiliger würdet Ihr
+dastehen. Braucht sich ein Heiliger zu schämen? Hat sich der
+treffliche Hohenlohe geschämt, umgeben von Ketzern, seine Wunder zu
+verrichten? Es sei gegen Eure Überzeugung, saget Ihr? Da sieht man
+wieder den Deutschen, nicht wahr, Donna Ines, den ehrlichen Deutschen!
+Zu was denn immer Überzeugung? Das ist ja gerade das Wunderbare am
+Glauben, daß er von selbst wirkt ohne Überzeugung. Gesetzt, Ihr wäret
+krank, mein lieber Freund; man schickt Euch den ersten Arzt der
+Christenheit. Ihr seid nicht überzeugt, daß er der alleinige wahre
+Arzt ist; aber Ihr laßt Euch gefallen, seine Arzneien einzunehmen, und
+siehe, sie wirken auf Euren Körper ohne Überzeugung, gerade wie uns er
+Glaube auf die Seele."
+
+„Otto," sprach Dame Ines mit schmelzenden Tönen, „teurer Otto! Siehe,
+wenn mich der heilige Mann hier nicht absolviert und beruhigt hätte,
+ich müßte ja schon längst verzweifelt sein, einen Ketzer so innig zu
+lieben! Wie leicht wird es dir gemacht, einer der Unsrigen zu sein und
+dann ein Weib auf ewig glücklich zu machen, das dir alles opferte! Und
+bedenke die schöne Villa an der Tiber und das köstliche Haus neben dem
+Palast Seiner Eminenz. Dies alles will uns der heilige Vater zur
+Ausstattung schenken. Bist du nicht gerührt von so vieler Liebe?"
+
+„Nicht verhehlen kann ich es Euch, mein Sohn," fuhr der beredte Mann
+mit dem roten Hute fort, „nicht verhehlen kann ich es Euch, daß man im
+Lateran noch heute von Euch sprach, daß es sogar Seiner Heiligkeit
+selbst auffällt, daß Ihr so lange zögert. Bis über acht Tage naht ein
+großes Fest heran; welch herrliche Gelegenheit, etwas zu Gottes Ehre
+zu tun, bietet sich Euch dar!"
+
+„Wozu doch diese Öffentlichkeit?" fragte Otto. „Ich hasse dieses
+Rühmen und Ausschreien in alle Welt. Lasset mich still in einer
+Kapelle die Zeremonie verrichten. Was nützt es Euch, ob ich laut und
+offen das Opfer bringe! O Luise; Luise! es tötet sie, wenn sie es
+hört!"
+
+„Elender!" rief die Dame, indem sie in Tränen ausbrach. „Sind das
+deine Schwüre? Du falsches Herz! Ich habe dir alles, alles geopfert,
+und so kannst du vergelten? O Barbar! Gehe hin zu ihr, lege dich
+nieder in ihre Fesseln; aber wisse, daß ich mich in die Tiber stürze!
+Über meine armen Würmer, meine unglücklichen Kinder, mag sich Gott
+erbarmen!"
+
+„Kinder, Kinder! Meine fromme Tochter, mein lieber, aber verblendeter
+Sohn! Wozu dieser Skandal, diese Szene auf dem Schiffe? Stillet Eure
+Tränen, schöne Frau, es wird noch alles gut werden; kommet, ich will
+einen väterlichen Kuß auf Eure Augen drücken, so. Und Ihr, wisset Ihr
+nicht, daß Ihr Euch versündiget gegen Donna Ines! Was wollet Ihr nur
+immer wieder mit der Ketzerin, die einst Eure Sinne zu bestricken
+wußte? Haben wir Euch nicht Beweise genug gegeben, daß sie in einem
+strafwürdigen Verhältnis zu dem Teufel ist, der Eure Gestalt und
+Sprache angenommen hat?"
+
+„Welch einfältiges Märchen!" rief der junge Mann. „Was wollet Ihr auch
+den Teufel ins Spiel ziehen? Ein ehrlicher Berliner ist er, ein Tropf,
+dem ich das Mädchen nicht gönnen mag, wenn sie mich auch zehnmal
+betrog!"
+
+„Mein Sohn, die heilige Jungfrau schütze uns, aber der Satan selbst
+ist es. Hat es nicht letzthin meinem dienenden Frater Piccolo
+geträumt, der Teufel gehe hier in der heiligen Stadt spazieren? Alle
+seine Träume sind noch eingetroffen. Der deutsche Baron ist der
+höllische Geist selbst. Wer es aber auch sei, sie hat Euch betrogen.
+Hat nicht die fromme Frau Maria Campoco Euch, selbst dieses Geständnis
+über ihre Nichte gemacht? Was wollet Ihr nur auf die treulose Ketzerin
+Rücksicht nehmen!--Und schaut, was ich Euch hier mitgebracht habe,"
+fuhr Seine Eminenz fort, indem sie ein großes Papier entfaltete.
+„Sehet, wie ich Wort halte: Ich habe Euch versprochen, die Liste aller
+derer mitzubringen, welche in Eurem Deutschland öffentliche Ketzer,
+insgeheim aber gute Christen der wahren Kirche sind. Da, leset!"
+
+Der junge Mann las und staunte. Er sah den Kardinal fragend an, ob er
+denn wirklich dieser Schrift trauen dürfe. Donna Ines, welche
+bemerkte, welch günstigen Eindruck diese Liste mache, zog die Hand des
+heiligen Mannes an den Mund und bedeckte sie mit feurigen Küssen der
+Andacht.
+
+„Nicht wahr," fuhr Rocco fort, „da stehen wohlklingende Namen?
+Professoren, Grafen, Fürsten sogar. Freilich, diese Leute können nicht
+so öffentlich sich erklären, Freundchen. Die Politik, die Rücksicht
+auf ihre ketzerischen Untertanen erlaubt das nicht. Aber im Herzen, im
+H e r z e n sind sie unser. Da, dieser Nr. 8, ich kann eure
+barbarischen Namen nicht aussprechen, der wird sich sogar öffentlich
+erklären und seine Irrtümer abschwören. Der da oben wird auch einen
+tüchtigen Schritt vorwärts tun. O! und bedenket, was erst in
+Frankreich, selbst in England für uns getan wird, bald, vielleicht
+erlebe ich es noch, bald werdet ihr alle samt und sonders zu uns
+zurückgekehrt sein. Wie herrlich muß dann ein Name, wie der Eurige,
+leuchten, der nicht mit der Menge, sondern lange zuvor auf unsere
+heiligen Tafeln verzeichnet wurde!"
+
+„Aber, o Himmel, Kardinal! Ich bin ja schlechter als die ganze Liste
+dieser Heimlichen. Ihr selbst wisset, daß, wenn ich zu Eurer Kirche
+abfalle, es nur geschieht, um den ewigen Klagen der Donna Ines zu
+entgehen. Diese Heimlichen haben keinen Vorteil bei ihrer
+Heimlichkeit. Sie gelten von außen für echte Lutheraner, und was haben
+sie davon, daß sie von innen römisch sind?"
+
+„O Einfalt! Es ist gut, daß Ihr nicht die ketzerische Theologie studiert
+habt. Ihr wäret durch das Examen gefallen! Was ist denn das Schöne
+an unserer Kirche? He? Nicht nur, daß sie die alleinseligmachende; daß
+sie gleichsam eine Brandversicherungsanstalt gegen die Hölle, eine
+Seelenassekuranz gegen den Tod ist; denn schon aus physischen
+Gründen kann man annehmen, daß keine Seele von den Unserigen
+lange im Fegefeuer oder gar in der Hölle verweilt, wenn sie auch ohne
+Beichte abfährt. Antonio Montani hat berechnet, daß im Durchschnitt
+hundertundzwanzig Millionen Menschen in der Hölle und ebensoviele
+im Fegefeuer sind. Nun kann man annehmen, daß seit eurer verfluchten
+Reformation neunzig Millionen Ketzer, zwanzig Millionen Türken und zehn
+Millionen Juden hinabgefahren sind. Das macht zusammen hundertzwanzig.
+
+„O, wie gut haben wir es, hochwürdiger Herr!" sagte Ines mit
+zauberischem Lächeln. „Ach, Otto! Dich soll ich an jenem Ort wissen,
+in der Gesellschaft des Teufels und seiner Großmutter? O Gott! es ist
+nicht möglich!"
+
+„Sodann weiter," fuhr der Salbungsvolle fort, „euer Erzketzer in
+Berlin, der Schleiermacher, nimmt selbst an, daß alle Menschen
+prädestiniert sind, und zwar so beiläufig die Hälfte zum Bösen. Diese
+müssen nun eine Art von Seelenwanderung in verschiedenen Stationen des
+Elends machen, bis sie selig werden, und fangen mit der Hölle an. Der
+Mann hat vernünftige Gedanken und wäre wert, einst nur ins Fegefeuer
+zu kommen. Aber das weiß er doch nicht recht. Wenn einer auch zehnmal
+prädestiniert, zur Hölle plombiert, zum Teufel rekommandiert ist, wir
+können ihn doch absolvieren und _recta_ in den Himmel schicken.
+Nun, und wenn man annimmt, daß das Fegefeuer hundertundzwanzig
+Millionen faßt und darunter hundert Millionen Türken und zwanzig
+Millionen Ketzer, so ist, weiß Gott, auch dort wenig Raum für eine
+etwas liederliche Seele."
+
+„Ihr wisset, Eminenz, was ich von solchen Berechnungen halte; machet
+mir doch Eure Sache nicht noch lächerlicher. Eure Seelenassekuranz
+kann mich nicht locken. Doch ist sie gut fürs Volk, und ich begreife
+nicht, warum Ihr nicht schon lange ganze Regimenter, Divisionen, ja
+Armeen, Kavallerie, Infanterie, Artillerie samt dem Generalstab
+öffentlich verassekuriert habt. Das wäre eine Anstalt _à la_
+Mahomed; die Kerls würden sich schlagen wie der Teufel; denn sie
+wüßten, wenn sie heute erschossen werden, wachen sie morgen im
+Paradiese auf. Lasset mich lieber noch einen Blick in die Liste
+werfen, sie ist mir tröstlicher; denn es stehen ganz vernünftige
+Männer dort."
+
+„O daß Ihr nur ein Jahr auf einer deutschen Universität zugebracht
+hättet! Unsere Agenten geben uns herrliche Berichte; die ketzerische
+Jugend soll gegenwärtig ganz absonderlich fromm, heilig und mystisch
+sein. Das Mittelalter, das gute, liebe Mittelalter versetzt sie in
+diesen liebenswürdigen Schwindel. Sie neigen sich schon ganz zu uns,
+und lasset nur erst die Jesuiten recht in Deutschland überhandnehmen,
+dann sollt Ihr erst Wunder sehen! Auch einige brave Männer,
+Professoren, nehmen sich unserer Sache an. Seht, dieser da, Nr. 172,
+Signor Crusado, der umhüllt sie mit einem so tiefen symbolischen
+Dunkel, daß sie bald uns er sind. Wahrlich, der Hofmechanikus Seiner
+Heiligkeit, der berühmte Signor Carlo Fiorini, hat vollkommen recht.
+Er hat berechnet, wenn Deutschland einige Grade südlicher läge, wenn
+ihr eine schönere Natur, ein wenig mehr Sinnlichkeit und Phantasie
+hättet--die Ketzerei hätte nie aufkommen können, oder ihr wäret
+wenigstens schon lange wieder zurückgekehrt."
+
+Die Barke stieß bei diesen Worten ans Land. Wie gerne hätte ich diesem
+trefflichen Pfaffen noch länger zugehört, wie er diese deutsche Seele
+bearbeitete; es war ein schweres Stück Arbeit, ich gestehe es. Ein
+Mensch ohne Phantasie, der in den Zeremonien nur Zeremonien sieht, der
+die Tendenz dieser Römer durchschaut, der durch keinen weltlichen
+Vorteil zu blenden ist; wahrlich, ein solcher ist schwer zu gewinnen.
+Doch für diesen war mir nicht bange. Ein Kardinal Rocco und ein
+schönes Weib haben schon andere geangelt als diesen.
+
+Der heilige Mann stieg aus; mit Ehrfurcht empfingen die Schiffer
+seinen Segen, den er mit einer Würde, einem Anstand, würdig eines
+Fürsten der Kirche, erteilte. Donna Ines folgte. Ich bewunderte,
+während sie über das Brett ging, ihren feinen, zierlichen Wuchs, die
+Harmonie in ihren Bewegungen und die Glut, die aus ihren Augen
+strahlte und den Abend schwül zu machen schien. Sie reichte dem
+geliebten Ketzer ihre schöne Hand mit so besorgter Zärtlichkeit, mit
+einem so bedeutungsvollen Lächeln, daß ich im Zweifel war, ob ich mehr
+seine transmontanische Kälte belächeln oder den Mut bewundern sollte,
+mit welchem er den geistlichen Lockungen dieser in Liebe aufgelösten
+Circe widerstand.--Am Ufer hielt ein schöner Wagen. Der dienende
+Bruder Piccolo, welchem ich im Traum, in Rom spazieren gehend,
+erschienen war, stand am Schlag und erwartete Seine Eminenz. Es
+kostete einige Zeit, bis dieser sein Gewand zu gehöriger Wirkung
+drapiert hatte, dann erst folgte der Frater Piccolo. Der Ketzer und
+seine Dame schlugen einen Fußpfad ein und gingen der Stadt zu.
+
+„Wer sind diese?" fragte ich den Schiffer.
+
+„Kennt Ihr den heiligen Mann, den Kardinal Rocco, nicht? O, es ist
+einer der besten Füße des Heiligen Stuhls! Alle Abende fährt er in
+meiner Barke auf dem Fluß."
+
+„Und die Dame?"
+
+„Ha, das ist eine gute Christin," antwortete er mit Feuer. „Sie fährt
+beinahe immer mit dem Kardinal, zuweilen allein mit ihm, zuweilen mit
+dem Manne, den Ihr gesehen. Dem traue ich nicht ganz; es ist entweder
+ein Deutscher oder ein Engländer, und die sind doch Kinder des
+Teufels."
+
+„So? Da sagt Ihr mir etwas Neues; und dieser Mann, ist er ihr Gemahl?"
+
+„Bewahre uns die heilige Jungfrau? Ihr Gemahl? Wo denkt Ihr hin? Da
+würde er nicht so zärtlich mit ihr spazieren fahren. Ich denke, es ist
+ihr Geliebter."
+
+„So ist es," sagte einer der griechischen Kaufleute, „die Dame wohnt
+nicht weit von mir. Sie lebt allein mit ihren Kindern. Sie sieht
+niemand bei sich als einige fromme Geistliche und diesen jungen Mann!
+Er ist ihr Geliebter. Aber sie führen ein Hundeleben zusammen. Man
+hört sie oft beide weinen und zanken und schreien. Der junge Mann
+flucht und donnert und jammert mit schrecklicher Stimme, und die Donna
+weint und klagt, und die Kinder erheben ein Zetergeschrei, daß die
+Nachbarn zusammenlaufen. Dann stürzt oft der junge Mann verzweifelnd
+aus dem Haus und will fliehen, aber die Donna setzt ihm mit fliegenden
+Haaren nach, und die Kinder laufen heulend hinterdrein. Sie faßt ihn
+unter der Türe am Gewand, sie achtet nicht auf die Menschen, die
+umherstehen. Sie zieht ihn zurück ins Haus und besänftigt ihn; und
+dann ist es oft auf viele Tage stille, bis das Wetter von neuem
+losbricht."
+
+„Heilige Jungfrau," rief der Schiffer, „und hat er sie noch nie
+totgestochen im Zorn?"
+
+„Wie Ihr seht, nein!" erwiderte der Grieche. „Aber krank ist sie schon
+oft geworden, wenn er so greulich raste. Dann lief er schnell zu drei,
+vier Doktoren, um sie wieder ins Leben zurückzurufen. Es sind doch
+gute Seelen, diese Deutschen!"
+
+So sprachen diese Männer, und ich ging von ihnen in tiefen Gedanken
+über das, was ich gehört und gesehen hatte. Jenes Wort des jungen
+Berliners fiel mir wieder bei, der den Kardinal Rocco beschuldigte,
+ein schönes, gutes Herz gebrochen zu haben. Welches andere Herz konnte
+dies sein als Luisens? Ich glaubte deutlich zu sehen, daß der Priester
+den Kapitän der Geliebten entzogen, indem er sie verleumdet, daß er
+ihn in die Fesseln dieser Donna Ines geschmiedet habe, um ihn für die
+Kirche zu gewinnen. Aber wie war alles dies geschehen? Wie hatte er
+diesen Mann aus den Armen seines Mädchens ziehen, von einem Herzen
+hinwegreißen können, das ihn mit so heißer Glut umfing? Sollten jene
+Beschuldigungen von Untreue wahr sein, die der Kardinal dem Kapitän
+einflüsterte? Hatte sie wirklich den jungen Mann, der ihm so ähnlich
+sah, vorgezogen? Doch ich wußte ja, wo ich mir Gewißheit verschaffen
+konnte. Ich beschloß, bei guter Zeit am nächsten Morgen den Berliner
+wieder aufzusuchen.
+
+Herr v. S..... schien mich liebgewonnen zu haben; denn er empfing mich
+mit Herzlichkeit und einem Wohlwollen, das selbst den Teufel erfreut,
+wenn er auch schon an dergleichen gewöhnt ist. Ich hatte mir
+vorgenommen, von meiner gestrigen Fahrt und den Wunderdingen, die ich
+gehört hatte, noch nichts zu erwähnen, um den Verlauf seiner
+Geschichte zuvor desto ungestörter zu vernehmen.
+
+„Von allem Unglück, das die Erde trägt," fuhr er zu erzählen fort,
+„scheint mir keines größer, schmerzlicher und rührender als jener
+stille, tiefe Gram eines Mädchens, das unglücklich liebt oder dessen
+zartes, glühendes Herz von einem Elenden zur Liebe hingerissen und
+dann betrogen wird. Der Mann hat Kraft, seinen Gram zu unterdrücken,
+den Verrat seiner Liebe zu rächen, die gepreßte Brust dem Freunde zu
+öffnen; das Leben bietet ihm tausend Wege, in Mühe und Arbeit, in
+weiter Ferne Vergessenheit zu erringen. Aber das Weib?--Der häusliche
+Kreis ist so enge, so leer. Jene täglich wiederkehrende Ordnung, jene
+stille Beschäftigung mit tausend kleinen Dingen, der sie sich in der
+Zeit glücklicher Liebe fröhlich, beinahe unbewußt hingab, wie drückend
+wird sie, wenn sich an jeden Gegenstand die Erinnerung an ein
+verlorenes Glück heftet! Wie träge schleicht der Kreislauf der
+Stunden, wenn nicht mehr die süßen Träume der Zukunft, nicht der
+Zauber der Hoffnung, nicht die Seligkeit der Erwartung den Minuten
+Flügel gibt, wenn nicht mehr das von glücklicher Liebe pochende Herz
+den Schlag der Glocke übertönt!
+
+Doch, wozu Sie auf ein Unglück vorbereiten, das Sie nur zu bald
+erfahren werden? Hören Sie weiter: Mein Wunsch, Luise von Palden im
+Hause des Gesandten zu sehen, gelang. Schon nach einigen Tagen wurde
+sie durch seine Schwester dort eingeführt. Sie errötete, als sie mich
+zum ersten Male dort sah, doch sie schien mich wie einen alten
+Bekannten dort zu nehmen; es schien sie zu freuen, unter so vielen
+fremden Männern einen zu wissen, der ihr näher stand. Denn so war es;
+sei es, daß die Erinnerung an unser sonderbares Abenteuer mich aus
+einem Fremden zum Bekannten machte, sei es, daß sie gerne zu mir
+sprach, weil ich die Züge ihres Freundes trug, sie unterschied mich
+auffallend von allen übrigen Männern, die dieser seltenen Erscheinung
+huldigten. Sie lächeln, Freund? Ich errate Ihre Gedanken--"
+
+„Ich finde, Sie sind zu bescheiden; könnte es nicht auch Ihre eigene
+Persönlichkeit gewesen sein, was das Fräulein anzog?"
+
+„Nein, denken Sie nicht so von diesem himmlischen Geschöpf; ich
+gestehe, ich war ein Tor, ich machte mir Hoffnung, sie für mich
+gewinnen zu können; ja, Freund, ich sagte ihr sogar, was ich fürchte--"
+
+„Und Sie wurden nicht erhört? Das treue, ehrliche Kind! Und ihr
+Kapitän lag vielleicht gerade in den Armen einer andern!"
+
+Der Berliner stutzte. „Wie? Was wissen Sie?" fragte er betroffen. „Wer
+hat Ihnen gesagt, daß West noch eine andere liebe?"
+
+„Nun, Sie selbst haben mich genug darauf vorbereitet," erwiderte ich;
+„sagten Sie nicht, daß jener das Mädchen betrog?"
+
+„Sie haben recht;--nun, ich wurde lächelnd abgewiesen, abgewiesen auf
+eine Art, die mich dennoch glücklich, unaussprechlich glücklich
+machte. Sie war keinen Augenblick ungehalten, sie gestand mir, daß ich
+ihr als Freund willkommen sei, daß ihr Herz keinem andern mehr gehören
+könne. Sie sagte mir auch manches von ihren Verhältnissen, was ganz
+mit dem übereinstimmte, was uns die Schwester des Gesandten erzählte;
+sie gestand, daß sie nur darum nach Rom gezogen sei, weil den Kapitän
+seine Verhältnisse hierherriefen; sie gestand, daß er einen
+Rechtsstreit wegen einer Erbschaft hier habe, daß er, sobald die Sache
+entschieden sei, vielleicht schon in wenigen Wochen, sie zum Altar
+führen werde.
+
+Etwa eine Woche nach diesem aufrichtigen Geständnis rief mich eines
+Abends der Gesandte aus dem Salon, in welchem die Gesellschaft
+versammelt war, zu sich. Es war nichts Seltenes, daß er sich mir in
+Geschäftssachen mitteilte, weil ich sein Vertrauen auf eine ehrenvolle
+Art besaß; doch die Zeit war mir auffallend, und es mußte etwas von
+Wichtigkeit sein, weswegen er mich aus dem Kreis der Damen aufstörte.
+
+‚Kennen Sie einen gewissen Kapitän West?' fragte er, indem er mich mit
+forschenden Blicken ansah.
+
+‚Ich habe einen Kapitän West flüchtig kennen gelernt,' gab ich ihm zur
+Antwort.
+
+‚Nun, so flüchtig muß es doch nicht sein,' entgegnete er mir, ‚da Sie
+ein Duell mit ihm gehabt.'
+
+Ich sagte ihm, daß ich Streit mit ihm gehabt wegen einer ziemlich
+gleichgültigen Sache; es sei aber alles gütlich beigelegt worden.
+Dennoch war es mir auffällig, woher der Gesandte diesen Streit
+erfahren hatte, den ich so geheim als möglich hielt, und von welchem
+Luise in seinem Hause gewiß nichts erwähnt hatte.
+
+‚Wegen einer Dame haben Sie Streit gehabt,' sagte er; ‚doch möchte ich
+Ihnen raten, solche Händel wegen einer so zweideutigen Person zu
+vermeiden. Sie wissen selbst, wenn man einmal einen öffentlichen,
+besonders einen diplomatischen Charakter hat, ist dergleichen in einem
+fremden Lande wegen der Folgen für beide Teile fatal.'
+
+Der Ton, worin dies gesagt wurde, fiel mir auf. Er war sehr ernst,
+sehr warnend; noch schmerzlicher berührte mich, was er über jene Dame
+sagte, ‚zweideutige Person'! Und doch saß gerade diese Person als
+Krone der Gesellschaft in seinem Salon, er selbst, ich hatte es
+deutlich gesehen, er selbst hatte noch vor einer halben Stunde mit ihr
+auf eine Art gesprochen, die mich, in dem alten Herrn einen
+aufrichtigen Bewunderer ihrer Reize und ihres glänzenden Verstandes
+sehen ließ. Ich konnte eine Bemerkung hierüber nicht unterdrücken; ich
+bat ihn höflich, aber so fest als möglich, in meiner Gegenwart nicht
+mehr s o von einer Dame zu sprechen, die ich achte und die einen so
+entschiedenen Rang in der Gesellschaft einnehme. Ich wolle davon gar
+nicht reden, daß er selbst sein Haus beschimpfe, wenn er in solchen
+Ausdrücken von seinen Gästen spreche.
+
+Er sah mich verwundert an; er sagte mir, er könne meine Reden nicht
+begreifen; denn weder behaupte die Dame einen Rang, in der
+Gesellschaft, die e r sehe, noch habe sie je einen Fuß über seine
+Schwelle gesetzt. Die Reihe zu erstaunen war jetzt an mir; ich sah,
+daß hier ein Irrtum vorwalte, und belehrte ihn, daß Fräulein von
+Palden die Dame sei, um die wir uns schlagen wollten. ‚Verzeihen Sie,'
+rief er, ‚man sagt mir, Sie haben sich wegen der Geliebten dieses
+Kapitäns West geschlagen; daher glaubte ich, Ihnen dies sagen zu
+müssen.'
+
+‚Und wenn dies nun dennoch wäre?' fragte ich. ‚Kennen Sie denn die
+Geliebte des Kapitäns?'
+
+‚Gott soll mich bewahren;' entgegnete er. ‚Nein, ich glaube, er hat
+schon selbst genug an seiner Spanierin.'
+
+Ich staunte von neuem. ‚Von einer Spanierin sprechen Sie? Wie kommen
+Sie nur darauf? Ich weiß bestimmt, daß der Kapitän eine deutsche Dame
+liebt!'
+
+‚Um so schlimmer für das arme Kind in Deutschland,' war seine Antwort;
+‚wie die Sachen stehen, scheint man im Lateran ernstlich daran zu
+denken, den goldenen Quadrupeln der schönen Donna Gehör zu geben und
+ihre frühere Ehe, weil sie nicht ganz gültig vollzogen war, für
+nichtig zu erklären. Der Kapitän macht eine gute Partie, aber--jeder
+Mann von Ehre wird diesen Schritt mißbilligen.'
+
+Ich stand wie vom Donner gerührt vor dem alten Mann; entweder lag hier
+eine Verwechslung der Namen und Personen zugrunde, oder es war ein
+schreckliches Geheimnis und der Kapitän ein Betrüger, der Luisens
+Glück vielleicht auf ewig zerstört hatte.
+
+Ich sagte dem Gesandten geradezu, daß er mit mir über Dinge spreche,
+die mir völlig unbekannt seien. Er staunte, doch glaubte er, da er
+schon so viel gesagt hatte, mir die weitere Erklärung dieser Rätsel
+schuldig zu sein. ‚Dieser Kapitän West ist ein Sachse,' erzählte er;
+‚er diente früher im Generalstab und wurde dann zu einer
+diplomatischen Sendung nach Spanien verwandt; er soll ein Mann von
+vielen Talenten, aber etwas zweideutigem Charakter sein. Warum die
+Wahl gerade auf ihn fiel, da noch ältere Leute und aus guten Häusern
+im Departement waren, ist mir unbekannt; nur so viel erfuhr ich
+zufällig, daß man ihn damals von Dresden habe entfernen wollen. Man
+erzählt sich, er habe in Madrid in einem Verhältnis zu einer schönen
+jungen Frau gelebt; sie war eine Spanierin, aber an einen alten
+Engländer verheiratet, der sie vielleicht nicht so strenge unter
+Schloß und Riegel hielt, wie man sonst in Spanien zu tun pflegt.
+
+Als aber endlich dieses Verhältnis zu den Ohren des Engländers kam,
+bewirkte dieser, daß der Kapitän von seinem Posten abgerufen und sogar
+aus dem Dienst entlassen werde. Doch sagen andere, er selbst habe aus
+Ärger über seine schnelle Abberufung quittiert. Doch das Beste kommt
+noch; einige Wochen nach seiner Abreise war die Frau des Engländers
+mit ihren beiden Kindern plötzlich verschwunden, man kann sagen,
+spurlos verschwunden; denn so viele Mühe sich ihr Gatte gab, ihrer
+habhaft zu werden, alles war vergeblich. Vielleicht scheiterten auch
+seine Bemühungen an den Unruhen, die gerade in jener Zeit ausbrachen
+und die Kommunikation mit Frankreich sehr erschwerten.
+
+Der Verdacht dieses Engländers fiel, wie natürlich, vor allem auf den
+Kapitän West. Er wußte es zu machen, daß dieser in Paris angehalten
+und verhört werde. Man sagt, er solle sehr betreten gewesen sein, als
+er die Nachricht von der Flucht dieser Dame hörte; er wies sich aber
+aus, daß er die Reise bis nach Paris allein gemacht habe, und
+bekräftigte mit einem Eide, daß er von diesem Schritt der Donna nichts
+wisse.
+
+Etwa ein Vierteljahr nachher kam er nach Rom und lebt seitdem hier
+sehr still und eingezogen, besucht keine Gesellschaft, hat keinen
+Freund, keinen Bekannten; vorzüglich vermeidet er es, mit Deutschen
+zusammenzutreffen.
+
+Um diese Zeit, fuhr der Gesandte fort, sei von seinem Hofe die Anfrage
+an ihn ergangen, ob dieser West sich in Rom befinde, wie er lebe, und
+ob er nicht in Verhältnis mit einer Spanierin sei, die sich ebenfalls
+hier aufhalten müsse. Man habe ihm dabei die Geschichte dieses
+Kapitäns West mitgeteilt und bemerkt, daß der Engländer von neuem
+Spuren von seiner Frau entdeckt habe, die beinahe mit Gewißheit
+annehmen lassen, daß sie in Rom sich aufhalte. Man habe deswegen von
+Spanien aus sich an die päpstliche Kurie gewandt; es scheine aber, man
+wolle sich hier der Dame annehmen; denn die Antwort sei sehr
+zweifelhaft und unbefriedigend ausgefallen. Der Gesandte tat die
+nötigen Schritte und erfuhr wenigstens so viel, daß jener Verdacht
+bestätigt sähen. Er wandte sich nun auch an Consalvi, um zu erfahren,
+ob der römische Hof in der Tat die Dame in seinen Schutz nehme, und
+erhielt die in eine sehr bestimmte Bitte gefaßte Antwort, man möchte
+diese Sachen beruhen lassen, da die Ehe der Donna Ines mit dem
+Engländer wahrscheinlich für ungültig erklärt werde.'
+
+Dies erzählte mir der Gesandte; er fügte noch hinzu, daß er aus
+besonderem Interesse an diesem Fall dem Kapitän immer nachgespürt
+habe, und so sei ihm auch der Streit zu Ohren gekommen, den ich im
+Karneval mit jenem ‚wegen einer Dame' gehabt habe.
+
+Sie können sich denken, Freund, welche Qualen ich schon während seiner
+Erzählung empfand, und als ich das ganze Unglück erfahren hatte, stand
+ich wie vernichtet. Der Gesandte verließ mich, um zu der Gesellschaft
+zurückzukehren; ich hatte kaum noch so viel Fassung, ihn zu bitten, er
+möchte niemand etwas von diesen Verhältnissen wissen lassen; das Warum
+versprach ich ihm ein andermal.
+
+Ich konnte von dem Zimmer, wohin der Gesandte mich gerufen, den Salon
+übersehen, ich konnte Luise sehen, und wie schmerzlich war mir ihr
+Anblick! Sie schien so ruhig, so glücklich. Der Friede ihrer schönen
+Seele lag wie der junge Tag freundlich auf ihrer Stirne; ihr sanftes
+blaues Auge glänzte, vielleicht von der Erwartung einer schönen
+Abendstunde, und das Lächeln, das ihren Mund umschwebte, schien der
+Nachklang einer freudigen Erinnerung hervorgelockt zu haben. Nein, es
+war mir nicht möglich, diesen Anblick länger zu ertragen, ich eilte
+ins Freie, um dieses Bild durch neue Bilder zu verdrängen; aber wie
+war es möglich? Der Gedanke an sie kehrte schmerzlicher als je zurück;
+denn der Friede der Natur, der zauberische Schmelz der Landschaft, die
+süße Ruhe, die diese Fluren atmeten, erinnerten sie mich nicht immer
+wieder an jenes holde Wesen? Und die Wolken, die sich am fernen
+Horizont schwärzlich auftürmten und ein nächtliches Gewitter
+verkündeten, hingen sie nicht über der friedlichen Landschaft wie das
+Unglück, das Luisen drohte?
+
+Ich ging nach Hause; ich dachte nach, ob nicht Rettung möglich sei, ob
+ich sie nicht losmachen könne von dieser schrecklichen Verbindung.
+Doch, war nicht zu befürchten, daß sie mir mißtrauen werde? Sie wußte,
+ich liebe sie; kannte sie mich hinlänglich, um nicht an der Reinheit
+meiner Absichten zu zweifeln? Ich konnte es nicht über mich gewinnen,
+ihr selbst ihr Unglück zu verkünden. Nur einen Ausweg glaubte ich
+offen zu sehen; ich wollte ihn selbst zur Rede stellen, den Elenden,
+ich wollte ihn bewegen, einen entscheidenden Schritt auf die eine oder
+die andere Seite zu tun. Ja, darin glaubte ich einen glücklichen Weg
+gefunden zu haben; er selbst mußte ihr sagen, daß er nicht mehr
+verdiene, von ihr geliebt zu werden; und dann, dachte ich, dann wird
+sie zwar unglücklich sein, aber ich will versuchen, sie glücklich zu
+machen; durch ein langes Leben voll Treue und Liebe will ich ihr
+Unglück zu mildern suchen."
+
+„Aber wie konnten Sie glauben," rief ich, über diese romantischen
+Ideen unwillkürlich lächelnd, „wie konnten Sie glauben, Freund, daß
+ein Kapitän West zu diesem sonderbaren Geständnisse sich hergeben
+werde? In Romanen mag dies der Fall sein, aber, Herr! in der
+Wirklichkeit? Haben Sie je einen Narren der Art gekannt?'
+
+„Ach, ich dachte zu gut von den Menschen," antwortete er. „Ich dachte,
+wie ich, muß jeder fühlen.--Ich ging in die Wohnung des Kapitäns West.
+Er wohnte schlecht, beinahe ärmlich. Ich traf ihn, wie er einen
+schönen Knaben von acht Jahren auf den Knien hatte, welchen er lesen
+lehrte. Errötend setzte er den Knaben nieder und stand auf, mich zu
+begrüßen. ‚Ei, Papa,' rief der Kleine, ‚wie sieht dir dieser Herr so
+ähnlich!'
+
+Der Kapitän geriet in Verlegenheit und führte den Knaben aus dem
+Zimmer. ‚Wie,' sagte ich zu ihm, Sie haben schon einen Knaben von
+diesem Alter? Waren Sie früher verheiratet?'
+
+Er suchte zu lachen und die Sache in einen Scherz zu drehen; er
+behauptete, der Knabe gehöre in die Nachbarschaft, besuche ihn
+zuweilen und nenne ihn Papa, weil er sich seiner annehme.
+
+‚Er gehört wohl der Donna Ines?' fragte ich, indem ich ihn scharf
+ansah. Noch nie zuvor hatte ich gesehen, wie schrecklich das böse
+Gewissen sich kundtut; er erblaßte, seine Augen glänzten wie die einer
+Schlange, ich glaubte, er wolle mich durchbohren. Noch ehe er sich
+hinlänglich gesammelt hatte, um mir zu antworten, sagte ich ihm gerade
+ins Gesicht, was ich von ihm wisse und was ich von ihm verlange, um
+das Fräulein nicht völlig unglücklich, zu machen.
+
+Er lief in Wut im Zimmer umher, er schimpfte auf Zwischenträger und
+Zudringliche; er behauptete, ich habe die ganze Geschichte aufgedeckt,
+um Luise von ihm zu entfernen. Ich ließ ihn ausreden; dann sagte ich
+ihm mit kurzen Worten, wie ich sein Verhältnis zu der Spanierin
+erfahren habe, und bat ihn noch einmal mit den herzlichsten Tönen
+unserer Sprache, das Fräulein so schonend als möglich von sich zu
+entfernen.
+
+Es gelang mir, ihn zu rühren; aber nun hatte ich eine andere
+unangenehme Szene durchzukämpfen; er klagte sich an, er weinte, er
+verfluchte sich, das holde Geschöpf so schändlich betrogen zu haben.
+Er schwor, sich von der Spanierin zu trennen; er flehte mich an, ihn
+zu retten; er gestand mir, daß er sich von einem Netz umstrickt sehe,
+das er nicht gewaltsam durchbrechen könne, weil einige hohe Geistliche
+der Kirche kompromittiert würden. Er ging so weit, mich zu zwingen,
+seine Geschichte anzuhören, um vielleicht milder über ihn urteilen zu
+können. Es war die Geschichte eines--Leichtsinnigen. Dieses Wort möge
+entschuldigen, was vielleicht s c h l e c h t genannt werden könnte.
+Es lag in dem Wesen dieses Mannes ein Etwas, das ihn bei den Frauen
+sehr glücklich machen mußte. Es war der äußere Anschein von Kraft und
+Entschlossenheit, die ihm übrigens sein ganzes Leben hindurch
+gemangelt zu haben schienen. Er mußte eine für seinen Stand
+ausgezeichnete Bildung gehabt haben; denn er sprach sehr gut, seine
+Ausdrücke waren gewählt, seine Bilder oft wahrhaft poetisch, er konnte
+hinreißen, so daß ich oft glaubte, er spreche mit Eifer von einem
+Dritten, während er mir seinen eigenen beklagenswerten Zustand
+schilderte. Ich habe dies oft an Menschen bemerkt, die sonst ihrem
+Triebe folgen, in den Tag hineinleben, ohne sich selbst zu prüfen, und
+erst in dem Moment der Erzählung über sich selbst flüchtig nachdenken.
+Sie werden dann durch die Sprache selbst zu einem eigentümlichen Feuer
+gesteigert, sie sprechen mit Umsicht von sich selbst; doch eben weil
+diese ihnen sonst abging, ist man versucht, zu glauben, sie sprächen
+von einem Dritten.
+
+Es war Luise, die ihn zuerst liebte; er erkannte ihre Neigung;
+Eitelkeit, die herrlich aufblühende Schönheit, die Tochter eines der
+ersten Häuser der Stadt, für sich gewonnen zu haben, riß ihn zu einem
+Gefühl hin, das er für Liebe hielt. Der Vater sah dies Verhältnis
+ungerne. Ich konnte mir denken, daß es vielleicht weniger Stolz auf
+seine Ahnen, als die Furcht vor dem schwankenden Charakter des
+Kapitäns war, was ihn zu einer Härte stimmte, welche die Liebe eines
+Mädchens wie Luise immer mehr anfachen mußte. Er soll ihr, was ich
+jetzt erst erfuhr, auf seinem Sterbebette den Fluch gegeben haben,
+wenn sie je mit dem Kapitän sich verbinde.
+
+West suchte die Geschichte mit der Frau des Engländers auf Verführung
+zu schieben. Ich habe eine solche bei einem Manne, der das Bild der
+Geliebten fest im Herzen trägt, nie für möglich gehalten. Doch die
+Strafe ereilte ihn bald. Er gestand mir, daß er froh gewesen sei, als
+er, vielleicht durch Vermittlung des Engländers, von seinem Posten
+zurückberufen wurde. Donna Ines habe ihm allerlei sonderbare
+Vorschläge zur Flucht gemacht, in die er nicht habe eingehen können;
+er sei, ohne Abschied von ihr zu nehmen, abgereist. Was ihn eigentlich
+bestimmte, nach Rom zu gehen, sah ich nicht recht ein, und er suchte
+auch über diesen Punkt so schnell als möglich hinwegzukommen. Er
+erzählte ferner, wie er durch Luisens Ankunft erfreut worden sei, wie
+er sich vorgenommen, nur ihr, ihr allein zu leben. Doch da sei
+plötzlich Donna Ines in Rom erschienen, sie habe sich mit zwei Kindern
+geflüchtet, sei ihm nachgereist und habe jetzt verlangt, er solle sie
+heiraten.
+
+Es entging mir nicht, daß der Kapitän mich hier belog. Ich hatte von
+dem Gesandten bestimmt erfahren, daß jener schon in Paris angehalten
+und über die Flucht der Donna zur Rede gestellt worden sei; er konnte
+sich also denken, daß sie ihm nachreisen werde, und dennoch knüpfte er
+die Liebe zu Luisen von neuem an. Ferner, wie hätte es Ines wagen
+können, ihm zu folgen, wenn er ihr nicht versprochen hätte, sie zu
+heiraten, wenn er sie nicht durch tausend Vorspiegelungen aus ihrem
+ruhigen Leben herausgelockt und zur Abenteurerin gemacht hätte?
+
+Er schilderte mir nur ein Gewebe von unglücklichen Verhältnissen, in
+welche ihn diese Frau, die mit allen Kardinälen, namentlich mit Pater
+Rocco, schnell bekannt geworden, geführt habe. Es werde ernstlich an
+der Auflösung ihrer früheren Ehe gearbeitet, und es war als bekannt
+angenommen worden, daß er die Geschiedene heiraten werde.
+
+‚Sie sagten mir hier nichts Neues,' antwortete ich ihm; ‚dies alles
+beinahe wußte ich vorher. Aber ich hoffe, daß Sie als Mann von Ehre
+einsehen werden, daß das Verhältnis zu Fräulein von Palden nicht
+fortdauern kann, oder Sie müssen sich von der Spanierin lossagen.'
+
+Das letztere könne er nicht, sagte er, er habe von ihr und dem
+Kardinal Rocco Vorschüsse empfangen, die sein Vermögen überstiegen; er
+könne also wenigstens im Augenblicke keinen entscheidenden Schritt
+tun.
+
+‚Im Augenblicke heißt hier nie,' erwiderte ich ihm. ‚Sie werden sich
+aus diesen Banden, wenn sie s o beschaffen sind, nie mit Anstand
+losmachen können. Ich halte es also für Ihre heiligste Pflicht, Luise
+nicht noch unglücklicher zu machen; denn was kann endlich das Ziel
+Ihrer Bestrebungen sein?'
+
+Er errötete und meinte, ich halte ihn für schlechter, als er sei. Doch
+er fühle selbst, daß man einen Schritt tun müsse. Er glaube aber, es
+sei dies meine Sache. Er trete mir Luise ab, ich solle mir auf jede
+Art ihre Gunst zu erwerben suchen und sie glücklich machen. Er hatte
+Tränen in den Augen, als er dies sagte, und ich sah mit beinahe zu
+mitleidigen Augen, wie weit ein Mensch durch Leichtsinn kommen könne.
+
+Ich ging, um nichts weiser geworden, ohne daß ein wirklicher Entschluß
+gefaßt worden war, von dem Kapitän; mein Gefühl war eine Mischung von
+Verachtung und Bedauern. Auf der Treppe begegnete mir wieder der
+schöne Knabe und fragte, ob er wohl jetzt zu Papa kommen dürfte."
+
+„Ha! Und jetzt setzten Sie wohl alle Segel auf, Freundchen," fragte
+ich; „jetzt machten Sie wohl Jagd auf die schöne Galeere Luise?"
+
+„Ja und nein," antwortete er trübe; „sie schien meine Liebe zu
+übersehen, nicht zu achten; aber bald bemerkte ich, daß sie
+ängstlicher werde in meiner Nähe; es schmerzte sie, daß mir ihre
+Freundschaft nicht genügen wolle. Und jener Elende, sei es aus Bosheit
+oder Leichtsinn, zog sich nicht von ihr zurück, ich vermute es sogar, er
+hat sie vor mir gewarnt. So standen die Sachen, als die Zeit, die ich in
+Rom zubringen sollte, bald zu Ende ging. Im Kabinett des Gesandten
+arbeitete man schon an Memoiren, die man mir nach Berlin mitgeben
+wollte, man wunderte sich, daß ich noch keine Abschiedsbesuche
+mache,--und ich, ich lebte in dumpfem Hinbrüten; ich sah nicht ein,
+wie ich dieser Reise entfliehen konnte, und dennoch hielt ich es nicht
+für möglich, Luise zu verlassen, jetzt, da ihr vielleicht bald der
+schrecklichste Schlag bevorstand. Oft war ich auf dem Punkt, ihr
+alles, alles zu entdecken; aber wie war es mir möglich, ihre himmlische
+Ruhe zu zerstören, das Herz zu brechen, das ich so gerne glücklich
+gewußt hätte?
+
+Da stürzte eines Morgens der Kapitän West in mein Zimmer; er war
+bleich, verstört; es dauerte eine lange Zeit, bis er sich fassen und
+sprechen konnte. ‚Jetzt ist alles aus,' rief er; ‚sie stirbt, sie muß
+sterben, dieser Kummer wird sie zerschmettern!' Er gestand, daß Donna
+Ines oder der Kardinal Rocco seine Liebe zu Luisen entdeckt hätten;
+ihr schrieben sie sein Zögern, sein Schwanken zu, und der Kardinal
+hatte geschworen, er wolle an diesem Tage zu dem deutschen Fräulein
+gehen und sie zur Rede stellen, wie sie es wagen könne, einen Mann,
+der schon so gut als verehelicht sei, von seinen Pflichten
+zurückzuhalten.
+
+Ich kannte diesen Priester und seine tückische Arglist, ich erkannte,
+daß die Geliebte verloren sei. Ich weiß Ihnen von dieser Stunde, von
+diesem Tage wenig mehr zu erzählen. Ich weiß nur, daß ich den Kapitän
+in kalter Wut zur Türe hinaus schob, mich schnell in die Kleider warf
+und wie ein gejagtes Wild durch die Straßen dem Hause der Signora
+Campoco zulief. Als ich unten an dieser Straße anlangte, sah ich einen
+Kardinal sich demselben Hause nähern. Er schritt stolz einher, Frater
+Piccolo trug ihm den Mantel; es war kein Zweifel, es war Rocco. Ich
+setzte meine letzten Kräfte daran, ich rannte wie ein Wahnsinniger auf
+ihn zu; doch--ich kam eben an, als mir Piccolo mit teuflischem Lächeln
+die Türe vor der Nase zuwarf.
+
+Eine Art von Instinkt trieb mich, all diesem Jammer zu entfliehen. Ich
+ging, wie ich war, zu dem Gesandten und sagte ihm, daß ich noch in
+dieser Stunde abreisen werde. Er war es zufrieden, gab mir seine
+Aufträge, und bald hatte ich die heilige--unglückselige Stadt im
+Rücken. Erst als ich nach langer Fahrt zu mir selbst kam, als meine
+Vorstellungen sich wieder ordneten und deutlicher wurden, erst dann
+tadelte ich meine Feigheit, die mich zu dieser übereilten Flucht
+verführte. Ich tadelte meine ganze Handlungsweise, ich klagte mich an,
+die Unglückliche auf diesen Schlag nicht vorbereitet zu haben;--doch
+es war zu spät, und wenn ich mir meine Gefühle, meine ganze Lage
+zurückrief, ach, da schien es so verzeihlich, die Geliebte verschont
+zu haben! So kam ich nach Berlin, in dieser Stimmung trafen Sie mich
+dort, und ein Teil dieser Geschichte war es, den ich damals im Hause
+meiner Tante erzählt habe."
+
+Der junge Mann hatte geendet; seine Züge hatten nach und nach jene
+Trauer, jene Wehmut angenommen, die ich in seinem Wesen, als ich ihn
+in Berlin sah, zu bemerken glaubte; er war ganz derselbe, der er an
+jenem Abend war, und die Worte seiner Tante, er sehe seit seiner
+Zurückkunft so geheimnisvoll aus, kamen mir wieder in den Sinn und
+ließen mich den richtigen Blick dieser Dame bewundern. An seiner
+ganzen Historie schienen mir übrigens nur zwei Dinge auffallend.
+Unglückliche Mädchen wie das Fräulein, abenteuernde Damen wie Ines,
+intrigante Priester wie Kardinal Rocco hatte ich auf der Welt schon
+viele gesehen. Aber die beiden Männer waren mir als Menschenkenner
+etwas rätselhaft. Der Kapitän hatte allerdings schon einen bedeutenden
+Grad in meinem Reglement erlangt; aber unbegreiflich war es mir, wie
+sich dieser Mann so lange auf einer Stufe halten konnte, da doch nach
+moralischen wie nach physischen Gesetzen ein Körper, welcher abwärts
+gleitet, immer schneller fällt. Er war falsch, denn er spielte zwei
+Rollen; er war leichtsinnig, denn er vergaß sich alle Augenblicke; er
+war eifersüchtig, obgleich er es selbst mit zwei Frauen hielt; er war
+schnell zum Zorn reizbar; als deutscher Kapitän liebte er
+wahrscheinlich auch das _Est, Est, Est_, Eigenschaften, die nicht
+lange auf einer Stufe lassen. Ein anderer an seiner Stelle wäre
+vielleicht aus Eifersucht und Zorn schon längst ein Totschläger
+geworden; ein zweiter wäre, leichtsinnig wie er, all diesem Jammer
+entflohen, hätte die Donna Ines hier und Fräulein Luise dort sitzen
+lassen und vielleicht an einem andern Orte eine andere gefreit; ein
+dritter hätte vielleicht der Donna Gift beigebracht, um die schöne
+Sächsin zu besitzen oder aus Verzweiflung die letztere erdolcht.
+
+Aber wie langweilig dünkte es mir, daß das Fräulein noch in demselben
+Zustande war, daß die beiden Anbeter noch nicht in Streit geraten
+waren, daß das Ende von diesen Geschichten ein Übertritt zur römischen
+Kirche, eine Hochzeit der Donna Ines und vielleicht eine zweite,
+Luisens mit dem Berliner, werden sollte?
+
+Denn eben dieser ehrliche Berliner! Er stand zwar in etwas entfernten
+Verhältnissen zu mir, doch wußte ich, wenn ich ihm das Ziel seines
+heimlichen Strebens, das Fräulein, recht lockend, recht reizend
+vorstellte, wenn ich ihren Besitz ihm von ferne möglich zeigte, so
+machte er Riesenschritte abwärts, denn seine Anlagen waren gut. Ich
+beschloß daher, mir ein kleines Vergnügen zu machen und die Leutchen
+zu hetzen.
+
+Während diese Gedanken flüchtig in mir aufstiegen, wurde dem Herrn von
+S. ein Brief gebracht. Er sah die Aufschrift an und errötete, er riß
+das Siegel auf, er las, und sein Auge wurde immer glänzender, seine
+Stimme heiterer. „Der Engel!" rief er aus. „Sie will mich dennoch
+sehen! Wie glücklich macht sie mich! Lesen Sie, Freund," sagte er,
+indem er mir den Brief reichte; „müssen solche Zeilen nicht
+beglücken?"
+
+Ich las: „Mein treuer Freund! Mein Herz verlangt darnach, Sie zu
+sprechen. Ich wollte Sie nicht mehr sehen, nicht mehr sprechen, bis
+Sie mir gute Nachrichten zu bringen hätten; Sie selbst sind es
+eigentlich, der diesen Bann aussprach. Doch heben Sie ihn auf, Sie
+wissen, wie tröstlich es mir ist, mit Ihnen sprechen zu können. Der
+Fromme ist wieder hier; er verspricht sich das Beste von West. Ach!
+daß er ihn zurückbrächte von seinem Abwege, nicht zu mir, meine Augen
+dürfen ihn nicht mehr sehen, nur zurück von dieser Schmach, die ich
+nicht ertragen kann. L. v. P.
+
+N. S. Wissen Sie in Rom keinen Deutschen, der in Mecklenburg bekannt
+wäre? West hat dort Verwandte, die vielleicht in der Sache etwas tun
+könnten."
+
+„Ich kann mir denken, daß dieses schöne Vertrauen Sie erfreuen muß,"
+sagte ich; „doch einiges ist mir nicht recht klar in diesem Brief, das
+Sie mir übrigens aufklären werden. Wegen der Verwandten in Mecklenburg
+kann sich übrigens das Fräulein an niemand besser wenden als an mich;
+denn ich war mehrere Jahre dort und bin beinahe in allen Familien
+genau bekannt."
+
+Der junge Mann war entzückt, dem Fräulein so schnell dienen zu können.
+„Das ist trefflich!" rief er. „Und Sie begleiten mich wohl jetzt eben
+zu ihr? Ich erzähle Ihnen unterwegs noch einiges, was Ihnen die
+Verhältnisse klarer machen wird."
+
+Ich sagte mit Freuden zu, wir gingen.
+
+„In Berlin," erzählte er, „hielt ich es nur zwei Monate aus; ich hatte
+niemand hier in Rom, der mir über das unglückliche Geschöpf hätte
+Nachricht geben können, und so lebte ich in einem Zustande, der
+beinahe an Verzweiflung grenzte; nur einmal schrieb mir der sächsische
+Gesandte: Der Papst habe sich jetzt öffentlich für den Kapitän West
+erklärt, man spreche davon, daß der Preis dieser Gnade der Übertritt
+des Kapitäns zur römischen Kirche sein solle. In demselben Briefe
+erwähnte er mit Bedauern, daß die junge Dame, die uns alle so sehr
+angezogen habe, die mich immer besonders auszuzeichnen geschienen,
+sehr gefährlich krank sei, die Ärzte zweifeln an ihrer Rettung.
+
+Wer konnte dies anders sein als die arme Luise. Diese letzte Nachricht
+entschied über mich. Zwar hätte ich mir denken können, daß alles, was
+ihr der Kardinal mitteilte, Krankheit, vielleicht den Tod zur Folge
+haben werde; aber jetzt erst, als ich diese Nachricht gewiß wußte,
+jetzt erst kam sie mir schrecklich vor; ich reiste nach Rom zurück,
+und meine Bekannten hier haben sich nicht weniger darüber gewundert,
+mich so unverhofft zu sehen, als meine Verwandten in Berlin, mich so
+plötzlich wieder entlassen zu müssen. Besonders die Tante konnte es
+mir nicht verzeihen; denn sie hatte schon den Plan gemacht, mich mit
+einem der Fräulein, die Sie beim Tee versammelt fanden, zu
+verheiraten.
+
+Erlassen Sie es mir, zu beschreiben, wie ich das Fräulein wieder fand!
+Nur eins schien diese schöne Seele zu betrüben, der Gedanke, daß West
+zu seiner großen Schuld noch einen Abfall von der Kirche fügen wolle.
+Ich lebe seitdem ein Leben voll Kummer. Ich sehe ihre Kräfte, ihre
+Jugend dahin schwinden; ich sehe, wie sie ein Herz voll Jammer unter
+einer lächelnden Miene verbirgt. Um mich noch zu tätigerem Eifer, ihr
+zu dienen, zu zwingen, gelobte ich, sie nicht mehr zu sprechen, bis
+ich von dem Kapitän erlangt hätte, daß er nicht zum Apostaten werde,--
+oder bis sie mich selbst rufen lasse. Das letztere ist heute
+geschehen. Es scheint, sie hat Hoffnung; ich habe keine; denn er ist
+zu allem fähig, und Rocco hat ihn so im Netze, daß an kein Entrinnen
+zu denken ist."
+
+„Aber der Fromme," fragte ich; „soll wohl der seine Bekehrung
+übernehmen?"
+
+„Auf diesen Menschen scheint sie ihre Hoffnung zu gründen. Es ist ein
+deutscher Kaufmann, ein sogenannter Pietist; er zieht umher, um zu
+bekehren; doch leider muß er jedem Vernünftigen zu lächerlich
+erscheinen, als daß ich glauben könnte, er sei zur Bekehrung des
+Kapitäns berufen. Eher setzte ich einige Hoffnungen auf Sie, mein
+Freund, wenn Sie durch die Verwandten etwas bewirken könnten; doch,
+auch dies kömmt zu spät! Wie sie sich nur um diesen Elenden noch
+kümmern mag!"
+
+Viel versprach ich mir von diesem Besuch bei dem Fräulein von Palden.
+Was ich von ihr gesehen, von ihr gehört, hatte mir ein Interesse
+eingeflößt, das diese Stunde befriedigen mußte. Ich hatte mir schon
+lange zuvor, ehe ich sie sah, ein Bild von ihr entworfen; ich fand es,
+als sie mir damals im Portikus erschien, beinahe verwirklicht; nur
+eines schien noch zu fehlen, und auch das hatte sich jetzt bestätigt;
+ich dachte mir sie nämlich etwas fromm, etwas schwärmerisch, und sie
+mußte dies sein; wie konnte sie sonst einem deutschen Pietisten die
+Heilung des Kapitäns West zutrauen?
+
+Wir wurden von der Signora Campoco und ihren Hunden freundlich
+empfangen; den Berliner führte sie zu ihrer Nichte, mich bat sie, in
+ein Zimmer zu treten, wo ich einen Landsmann finden werde. Ich trat
+ein. Am Fenster stand ein langer, hagerer Mann von kaltem, finsteren
+Aussehen. Er heftete seine Augen immer zu Boden, und wenn er sie
+einmal aufschlug, so glühten sie von einem trüben, unsicheren Feuer.
+Ich machte ihm mein Kompliment, er erwiderte es mit einem leichten
+Neigen des Hauptes und antwortete: „Gegrüßet seist du mit dem Gruße
+des Friedens!"
+
+Ha, dachte ich, das ist niemand anders als der Pietist! Solche Leute
+sind eine wahre Augenweide für den Teufel, er weiß, wie es in ihrem
+Innern aussieht, und diese herrliche Charaktermaske, lächerlicher als
+Policinello, komischer als Passaglio, pathetischer als Truffaldin, und
+wahrer als sie alle, trifft man besonders in Deutschland und seit
+neuerer Zeit in Amerika, wohin sie die Deutschen verpflanzt haben.
+Diese Protestanten glauben im echten Sinne des Wortes zu handeln, wenn
+sie gegen alles protestieren. Der Glaube der katholischen Kirche ist
+ihnen ein Greuel; der Papst ist der Antichrist, gegen ihn und die
+Türken beten sie alle Tage ein absonderliches Gebet. Nicht zufrieden
+mit diesem, protestieren sie gegen ihren eigenen Staat, gegen ihre
+eigene Kirche. Alles ist ihnen nicht orthodox, nicht fromm genug. Man
+glaubt vielleicht, sie selbst sind um so frommer? O ja, wie man will.
+Sie gehen gesenkten Hauptes, wagen den Blick nicht zu erheben, wagen
+kein Weltkind anzuschauen. Ihre Rede ist, „Ja, ja, nein, nein". Auf
+weitere Schwüre und dergleichen lassen sie sich nicht ein. Sie sind
+die Stillen im Lande; denn sie leben einfach, und ohne Lärm für sich;
+doch diese selige Ruhe in dem Herrn verhindert sie nicht, ihre
+Mitmenschen zu verleumden, zu bestehlen, zu betrügen. Daher kömmt es,
+daß sie einander selbst nicht trauen. Sie vermeiden es, sich
+öffentlich zu vergnügen, und wer am Sonntag tanzt, ist in ihren Augen
+ein Ruchloser. Unter sich selbst aber feiern sie Orgien, von denen
+jeder andere sein Auge beschämt wegwenden würde.
+
+Drum lacht mir das Herz, wenn ich einen Mystiker dieser Art sehe. Sie
+gehen still durchs Leben und wollen die Welt glauben machen, sie seien
+von Anbeginn der Welt als extrafeine Sorte erschaffen und plombiert
+worden, und der heilige Petrus, mein lieber Cousin, werde ihnen einen
+näheren Weg, ein Seitenpförtchen in den Himmel aufschließen. Aber alle
+kommen zu mir; Separatisten, Pietisten, Mystiker, wie sie sich heißen
+mögen, seien sie Kathedermänner oder Schuhmacher, alle sind in Nr. 1
+und 2, sie v e r n e i n e n, wenn auch nicht im Äußern; denn sie sind
+Heuchler in ihrem Herzen von Anbeginn.
+
+Ein solcher war nun der fromme Mann am Fenster. „Ihr seid ein
+Landsmann von mir," fragte ich nach seinem Gruß, „Ihr seid ein
+Deutscher?"
+
+„Alle Menschen sind Brüder und gleich vor Gott," antwortete er; „aber
+die Frommen sind ihm ein angenehmer Geruch."
+
+„Da habt Ihr recht," erwiderte ich, „besonders wenn sie in einer engen
+Stube Betstunde halten. Seid Ihr schon lange hier in dieser
+gotteslästerlichen Stadt?"
+
+Er warf einen scheuen Blick auf mich und seufzte: „O welche Freude hat
+mir der Herr gegeben, daß er einen Erweckten zu mir sandte! Du bist
+der erste, der mir hier sagt, daß dies die Stadt der babylonischen H---,
+der Sitz des Antichrists ist. Da sprechen sie in ihrem weltlichen Sinne
+von dem Altertume der Heiden, laufen umher in diesen großen
+Götzentempeln und nennen alles ‚heiliges Land', selbst wenn sie
+Protestanten sind; aber diese sind oft die Ärgsten."
+
+„Wie freut es mich, Bruder, dich gefunden zu haben! Sind noch mehrere
+Brüder und Schwestern hier? Doch hier kann es nicht fehlen; in einer
+Gemeinde, die der Apostel Paulus selbst gestiftet hat, müssen fromme
+Seelen sein."
+
+„Bruder, geh mir weg mit dem Apostel Paulus, dem traue ich nur halb;
+man weiß allerlei von seinem früheren Leben, und nachher, da hat er so
+etwas Gelehrtes wie unsere Professoren und Pfarrer; ich glaube, durch
+ihn ist dieses Übel in die Welt gekommen. Zu was denn diese
+Gelehrtheit, diese Untersuchungen? Sie führen zum Unglauben. Die
+Erleuchtung macht's, und wenn einer nicht zum D u r c h b r u c h
+gekommen ist, bleibt er ein Sünder. Ein altes Weib, wenn sie
+erleuchtet ist, kann so gut predigen und lehren in Israel als der
+gelehrteste Doktor."
+
+„Du hast recht, Bruder," erwiderte ich ihm; „und ich war in meinem
+Leben in der Seele nicht vergnügter, nie so heiter gestimmt, als wenn
+ich einen Bruder Schuster oder eine Schwester Spitälerin das Wort
+verkündigen hörte. War es auch lauterer Unsinn, was sie sprach, so
+hatte ihr es doch der Geist eingegeben, und wir alle waren
+zerknirscht. Doch sage mir, wie kömmst du ins Haus dieser Gottlosen?"
+
+„Bruder, in der Stadt Dresden im Sachsenland, wo es mehr Erleuchtete
+gibt als irgendwo, da wohnte ich neben ihrem Haus. Damals war sie ein
+Weltkind und lachte, wenn die Frommen am Sonntagsabend in mein Haus
+wandelten, um eine Stunde bei mir zu halten. Als ich nun hierher kam
+in dieses Sodom und Gomorra, da gab mir der Geist ein, meine Nachbarin
+aufzusuchen. Ich fand sie von einem Unglück niedergedrückt. Es ist ihr
+ganz recht geschehen; denn so straft der Herr den Wandel der Sünder.
+Aber mich erbarmte doch ihre junge Seele, daß sie so sicherlich
+abfahren soll dorthin, wo Heulen und Zähneklappern. Ich sprach ihr zu,
+sie ging ein in meine Lehren, und ich hoffe, es wird bei ihr bald zum
+Durchbruch kommen. Und da erzählte sie mir von einem Manne, den der
+Satan und der Antichrist in ihren Schlingen gefangen haben, und bat
+mich, ob ich nicht lösen könne diese Bande kraft des Geistes, der in
+mir wohnet. Und darum bin ich hier."
+
+Während der fromme Mann die letzten Worte sprach, kam der Berliner mit
+dem Fräulein. Jener stellte mich vor, und sie fragte errötend, ob ich
+mit der Familie des Kapitäns West in Mecklenburg bekannt sei. Ich
+bejahte es; ich hatte mit mehreren dieser Leute zu tun gehabt und gab
+ihr einige Details an, die sie zu befriedigen schienen.
+
+„Der Kapitän ist auf dem Sprung, einen sehr törichten Schritt zu tun,
+der ihn gewiß nicht glücklich machen kann; S. hat Ihnen wohl schon
+davon gesagt, und es kömmt jetzt darauf an, ihm das Mißliche eines
+solchen Schrittes auch von seiten seiner Familie darzutun."
+
+„Mit Vergnügen; dieser fromme Mann wird uns begleiten; er ist in
+geistlichen Kämpfen erfahrener als ich; ich hoffe, er wird sehr
+nützlich sein können."
+
+„Es ist mein Beruf," antwortete der Pietist, die Augen greulich
+verdrehend, „es ist mein Beruf, zu kämpfen, solange es Tag ist. Ich
+will setzen meinen Fuß auf den Kopf der Schlange und will ihr den Kopf
+zertreten wie einer Kröte; soeben ist der Geist in mich gefahren. Ich
+fühle mich wacker wie ein gewappneter Streiter. Liebe Brüder, lasset
+uns nicht lange zaudern, denn die Stunde ist gekommen; Sela!"
+
+„Gehen wir!" sagte der Berliner. „Seien Sie versichert, Luise, daß
+Freund Stobelberg und ich alles tun werden, was zu Ihrer Beruhigung
+dienen kann. Fassen Sie sich, sehen Sie mutig, heiter in die Zukunft;
+die Zeit bringt Rosen."
+
+Das schöne bleiche Mädchen antwortete durch ein Lächeln, das sie einem
+wunden Herzen mühsam abgezwungen hatte. Wir gingen, und als ich mich
+in der Türe umwandte, sah ich sie heftig weinen.
+
+Wir drei gingen ziemlich einsilbig über die Straße; der Pietist, vom
+Geiste befallen, murmelte unverständliche Worte vor sich hin und
+verzog sein Gesicht, rollte seine Augen wie ein Hierophant. Der
+Berliner schien an dem guten Erfolg unseres Beginnens zu zweifeln und
+ging sinnend neben mir her; ich selbst war von dem Anblick der stillen
+Trauer jenes Mädchens, ich möchte sagen, beinahe gerührt; ich dachte
+nach, wie man es möglich machen könnte, sie der Schwärmerei zu
+entreißen, sie dem Leben, der Freude wiederzugeben; denn so gerne ich
+ihr den Himmel und alles Gute wünschte, so schien sie mir doch zu jung
+und schön, als daß sie jetzt schon auf eine etwas langweilige
+Seligkeit spekulieren sollte. Durch den Berliner schien ich dies am
+besten erreichen zu können, besser vielleicht noch durch den Kapitän
+West, der mir ohnedies verfallen war; doch zweifelte ich, ob man ihn
+noch von der Spanierin werde losmachen können.
+
+Auf dem Hausflur des Kapitäns ließ uns der Pietist vorangehen, weil er
+hier beten und unsern Ein= und Ausgang segnen wolle. Doch, o Wunder!
+Als wir uns umsahen, nahm er nach jedem Stoßseufzer einen Schluck aus
+einem Fläschchen, das seiner Farbe nach einen guten italienischen
+Likör enthalten mußte. Ha! jetzt muß der Geist erst recht über ihn
+kommen, dachte ich, jetzt kann es nicht fehlen, er muß mit großer
+Begeisterung sprechen.
+
+Der Kapitän empfing uns mit einer etwas finsteren Stirne. Der Berliner
+stellte uns ihm vor, und sogleich begann der Pietist, vom Geiste
+getrieben, seinen Sermon.
+
+Er stellte sich vor den Kapitän hin, schlug die Augen zum Himmel und
+sprach: „Bruder! Was haben meine Ohren von dir vernommen? So ganz hat
+dich der Teufel in seinen Klauen, daß du dich dem Antichrist ergeben
+willst, daß du absagen willst der heiligen christlichen Kirche, der
+Gemeinschaft der Heiligen? Sela. Aber da sieht man es deutlich. Wie
+heißt es Sirach am 9. im dritten Vers? He? ‚Fliehe die Buhlerin, daß
+du nicht in ihre Stricke fallest.'"
+
+„Zu was soll diese Komödie dienen, Herr von S.?" sprach der Kapitän
+gereizt. „Ich hoffe, Sie sind nicht gekommen, mir in meinem Zimmer
+Sottisen zu sagen."
+
+„Ich wollte Sie mit Herrn von Stobelberg, der Ihre Familie kennt,
+besuchen. Da ließ sich dieser fromme Mann, der gehört hat, daß Sie
+übertreten wollen, nicht abhalten, uns zu begleiten."
+
+„Große Ehre für mich, geben Sie sich aber weiter keine Mühe; denn--"
+
+„Höret, höret, wie er den Herrn lästert, in dessen Namen ich komme,"
+schrie der Pietist. „Der Antichrist krümmet sich in ihm wie ein Wurm,
+und der Teufel sitzt ihm auf der Zunge. O, warum habt Ihr Euch blenden
+lassen von Weltehre? Was sagt derselbe Sirach? Laß dich nicht bewegen
+von dem Gottlosen in seinen großen Ehren; denn du weißt nicht, wie es
+ein Ende nehmen wird.--Wisse, daß du unter den Stricken wandelst und
+gehest auf eitel hohen Spitzen!"'
+
+„Sie kennen meine Familie, Herr von Stobelberg? Sind Sie vielleicht
+selbst ein Landsmann aus Mecklenburg?"
+
+„Nein! Aber ich kam viel in Berührung mit Ihrer Familie und bin mit
+einigen Gliedern derselben sehr nahe liiert. So zum Beispiel mit Ihrem
+Onkel F., mit Ihrer Tante W., mit Ihrem Schwager Z."
+
+„Wie? Der Satan hat ihm die Ohren zugeleimt?" rief der fromme
+Protestant, als sein abtrünniger Bruder ihn völlig ignorierte. „Auf,
+ihr Brüder, ihr Streiter des Herrn, lasset uns ein geistliches Lied
+singen, vielleicht hilft es." Er drückte die Augen zu und fing an, mit
+näselnder, zitternder Stimme zu singen:
+
+ „Herr, schütz' uns vor dem Antichrist,
+ Und laß uns doch nicht fallen;
+ Es streckt der Papst mit Hinterlist
+ Nach uns die langen Krallen;
+ Und laß dich erbitten,
+ Vor den Jesuiten
+ Und den argen Missionaren
+ Wollest gnädig uns bewahren.
+
+ Sie sind des Teufels Knechte all,
+ Nur wir sind fromme Seelen;
+ Wir kommen in des Himmels Stall,
+ Uns kann es gar nicht fehlen;
+ Denn nach kurzem Schlafe
+ Ziehn wir frommen Schafe
+ In den Pferch für uns bereitet,
+ Wo der Hirt die Schäflein weidet;
+ Dort scheidet er die Böcke aus--"
+
+Man kann eben nicht sagen, daß der Fromme wie eine Nachtigall sang;
+aber komisch genug war es anzusehen, wie er, vom Geiste getrieben,
+dazu agierte. Auf den Wangen des Kapitäns wechselte Scham und Zorn,
+und man war ungewiß, ob er mehr über die Unverschämtheit dieses
+Proselytenmachers staunte oder mehr über den Inhalt der frommen Hymne
+erbost sei. Als der Pietist nach einem tiefen Seufzer den dritten Vers
+anhub, ging die Türe auf, und die hohe, majestätische, Gestalt des
+Kardinals Rocco trat ein. Er war angetan mit einem weißen,
+faltenreichen Gewand, und der Purpur, der über seine Schultern
+herabfloß, gab ihm etwas Erhabenes, Fürstliches. Er übersah uns mit
+gebietendem Blick, und die Rechte, die er ausstreckte, mochte
+vielleicht den ehrerbietigen Kuß eines Gläubigen erwarten.
+
+Der Kapitän war in sichtbarer Verlegenheit. Er fühlte, daß der
+Kardinal uns den Protestantismus sogleich anriechen, daß es ihn
+erzürnen werde, seinen Katechumenen in so schlechter Gesellschaft zu
+sehen. Er nannte der Eminenz unsere Namen, doch als er Herrn v. S.
+erblickte, trat er erschrocken einen Schritt zurück und flüsterte dem
+Frater Piccolo in der violetten Kutte zu: „Das ist wohl der Teufel,
+den du im Traume gesehen?"
+
+Piccolo antwortete mit drei Kreuzen, die er ängstlich auf seinen Leib
+zeichnete, und der Kardinal fing an, leise einige Stellen aus dem
+Exorzismus zu beten. Während dieser Szene hatte sich der fromme
+Kaufmann, dem das Wort auf der Lippe stehen geblieben war, wieder
+erholt. Er betrachtete die imponierende Gestalt dieses Kirchenfürsten;
+doch schien sie ihm nicht mehr zu imponieren, nachdem er bei sich zu
+dem Resultate gelangt war, daß nur ein frommer protestantisch=
+mystischer Christ zur Seligkeit gelangen könne. Er hub im heulenden
+Predigerton auf italienisch an: „Siehe da, ein Sohn der babylonischen
+H---, ein Nepote des Antichrists. Er hat sich angetan mit Leide und
+Purpur, um eure armen Seelen zu verlocken. Hebe dich weg, Satanas!"
+
+„Ist der Mensch ein Narr?" fragte der Kardinal, indem er näher trat
+und den Prediger ruhig und groß anschaute. „Piccolo, merke dir diesen
+Menschen, wir wollen ihn im Spital versorgen."
+
+Der Pietist geriet in Wut. „Baalspfaffe, Götzendiener, Antichrist!"
+schrie er. „Du willst mich ins Spital tun? Ha, jetzt kömmt der Geist
+erst recht über mich. Ich will barmherzig sein mit dir, Sodomiter! Ich
+will dich lehren die Hauptstücke der Religion, daß du deine
+ketzerischen Irrtümer einsehest. Aber zuvor ziehe sogleich den Purpur
+ab! Zu was soll dieser Flitter dienen? Meinst du, du gefallest dem
+Herrn besser, wenn du violette Strümpfe anhast? O du Tor! Das sind die
+eitlen Lehren des Antichrists, des Drachen, der auf dem Stuhle sitzt;
+in Sack und Asche mußt du Buße tun."
+
+Jetzt glühte Roccos Auge vor Wut, seine Stirne zog sich zusammen,
+seine Wangen glühten. „Jetzt sehe ich, Kapitän," rief er, „was Euch
+solange zögern macht. Ihr haltet Zusammenkünfte mit diesen
+wahnsinnigen Ketzern, die Euch in Eurem Aberglauben bestärken. Ha! bei
+der heiligen Erde, Ihr habt uns tief gekränkt."
+
+„Herr Kardinal!" fiel ihm Herr v. S. in die Rede. „Ich bitte, uns
+nicht alle in eine Klasse zu werfen. Wenn jener Mann dort den Trieb in
+sich fühlt, alle Welt zu bekehren, so können wir ihn nicht daran
+verhindern. Doch meine ich, man habe sich nicht darüber zu beklagen;
+denn Ew. Eminenz wissen, daß es gleichsam nur Repressalien für die
+Missionen und die Jesuiterei sind, mit welcher man gegenwärtig alle
+Welt über schwemmt."
+
+Jetzt war der rechte Zeitpunkt, die Leutchen zu hetzen. Jetzt galt es,
+sie zu verwickeln, um sie nachher desto länger trauern zu lassen.
+„Herr v. S.," sagte ich, „der Herr Kapitän will, denke ich, durch sein
+Schweigen beweisen, daß er Seiner Eminenz recht gibt. Zwar schließt
+mich mein Bewußtsein von den ‚wahnsinnigen Ketzern' aus: ich mache
+keine Proselyten, ich unterrichte niemand in der Religion; aber Ihrer
+werten Familie in Mecklenburg werde ich bei meiner Rückkehr sagen
+können--"
+
+„Stille!" rief der Pietist mit feierlicher Stimme. „Bruder, Mann
+Gottes, willst du dich so versündigen, mit dem Baalspfaffen zu
+rechten? Er geht einher wie ein Pharisäer; aber es wäre ihm besser,
+ein Mühlstein hänge an seinem Hals, und er würde ertränket, wo es am
+tiefsten ist."
+
+„Hüte dich, einen Pfaffen zu beleidigen," ist ein altes Sprichwort,
+und der Kapitän mochte auch so denken. Ich sah, daß die Beschämung,
+vor uns von Rocco wie ein Schulknabe behandelt zu werden, und die
+Furcht, ihn zu beleidigen, in seinem Gesichte kämpften.
+
+„Ich muß Ihren Irrtum berichtigen, Eminenz," entgegnete er. „Diesen
+Mann hier kenne ich nicht, und er kann sich auch entfernen, wann er
+will, denn seine schwärmerischen Reden sind mir zum Ekel; aber über
+diese Herren hier haben Sie eine ganz falsche Ansicht. Herr von
+Stobelberg bringt mir Nachrichten von meiner Familie, Herr v. S.
+besucht mich. Ich weiß nicht, welche bösliche Absicht Sie darein legen
+wollen."
+
+Weit entfernt, den Kardinal durch diese Worte zu besänftigen, brachte
+er ihn nur noch mehr auf; doch bezähmte er laute Ausbrüche desselben,
+und seine stille Wut werde nur in kaltem Spott sichtbar. „Ja, ich habe
+mich freilich höchlich geirrt," sagte er lächelnd, „und bitte um
+Verzeihung, meine Herren. Ich dachte, Ihr Besuch betreffe religiöse
+Gegenstände; doch nun merke ich, daß es friedlichere Absichten sind,
+was Sie herführt. Herr v. S. wird wahrscheinlich den Herrn Kapitän
+wieder in die süßen Fesseln des deutschen Fräuleins legen wollen?
+Trefflich! Ob auch eine andere Dame darüber sterben wird, ist ihm
+gleichgültig. Ich bewundere nebenbei auch Ihre Gutmütigkeit, Capitano,
+daß Sie sich von demselben Manne zurückführen lassen, der Sie so
+geschickt aus dem Sattel hob!"
+
+Zu welch sonderbaren Sprüngen steigert doch den Sterblichen die
+Beschämung. Gefühl des Unrechts, wirkliche Beleidigung, Zorn, alle
+Leidenschaften seiner Seele hätten den Kapitän wohl nicht so außer
+sich gebracht als das Gefühl der Scham, vor deutschen Männern von
+einem römischen Priester so verhöhnt zu werden. „Die Achtung, Signore
+Rocco," sagte er, „die Achtung, die ich vor Ihrem Gewand habe, schützt
+mich, Ihnen zu erwidern, was Sie mir in meinem Zimmer über mich gesagt
+haben. Ich kenne jetzt Ihre Ansichten über mich hinlänglich und
+wundere mich, wie Sie sich um meine arme Seele so viele Mühe geben
+wollten. Diesem Herrn, der, wie Sie sagten, mich aus dem Sattel hob,
+werde ich folgen. Doch wissen Sie, daß, was er getan hat, mit meiner
+Zustimmung geschah. Ich werde ihm folgen, obgleich es zuvor gar nicht
+in meiner Absicht lag; nur um Ihnen zu zeigen, daß weder Ihr Spott
+noch Ihre Drohungen auf mich Eindruck machen; und wenn Sie ein
+andermal wieder einen Mann meiner Art unter der Arbeit haben, so rate
+ich Ihnen, Ihren Spott oder Ihren Zorn zurückzuhalten, bis er im
+Schoße der Kirche ist."
+
+Das reiche, rosige Antlitz Roccos war so weiß geworden als sein
+seidenes Gewand. „Geben Sie sich keine Mühe," entgegnete er, „mir zu
+beweisen, wie wenig man an einem seichten Kopf Ihrer Art verliert.
+Glauben Sie mir, die Kirche hat höhere Zwecke, als einen Kapitän West
+zu bekehren--"
+
+„Wir kennen diese schönen Zwecke," rief der Berliner mit sehr
+überflüssigem Protestantismus; „Ihre Pläne sind freilich nicht auf
+einen einzelnen gerichtet, sie gehen auf uns arme Seelen alle. Sie
+möchten gar zu gerne unser ganzes Vaterland und England und alles, was
+noch zum Evangelium hält, unter den heiligen Pantoffel bringen. Aber
+Sie kommen hundert Jahre zu spät oder zu früh; noch gibt es, Gott sei
+Dank, Männer genug in meinem Vaterlande, die lieber des Teufels sein
+wollen, als den heiligen Stuhl anbeten."
+
+„Bringe mir meinen Hut, Piccolo," sagte der Priester sehr gelassen.
+„Ihnen, mein Herr v. S., danke ich für diese Belehrung; doch lag uns
+an den dummen Deutschen wenig. Es liegt ein sicheres Mittel in der
+Erbärmlichkeit Ihrer Nation und in ihrer Nachahmungssucht. Ich kann
+Sie versichern, wenn man in Frankreich recht fromm wird, wenn England
+über kurz über lang zur alleinseligmachenden Kirche zurückkehrt, dann
+werden auch die ehrlichen Deutschen nicht mehr lange protestieren.
+Drum leben Sie wohl, mein Herr, auf Wiedersehen!" Die Züge des
+Kardinals hatten etwas Hohes, Gebietendes, das mir beinahe nie so
+sichtbar wurde als in diesem Moment. Ich mußte gestehen, er hatte sich
+gut aus der Sache gezogen und verließ als Sieger die Walstatt. Frater
+Piccolo setzte ihm den roten Hut auf, ergriff die Schleppe seines
+Talars und, mit Anstand und Würde grüßend, schritt der Kardinal aus
+dem Zimmer.
+
+Der Berliner fühlte sich beschämt und sprach kein Wort; der Pietist
+murmelte Stoßgebetlein und war augenscheinlich düpiert; denn der
+Streit ging über seinen Horizont, an welchem nur die Ideen von dem
+Antichrist, dem Drachen auf dem Stuhl des Lammes, dem Baalspfaffen,
+der babylonischen Dame, dem ewigen Höllenpfuhl und dem
+Paradiesgärtlein, in lieblichem Unsinn verschlungen, schwebten.
+
+Dem Kapitän schien übrigens nicht gar zu wohl bei der Sache zu sein.
+Ich erinnerte mich, gehört zu haben, daß er von Donna Ines und diesem
+Priester bedeutende Vorschüsse empfangen habe, die er nicht zahlen
+sonnte; es war zu erwarten, daß sie ihn von dieser Seite bald quälen
+würden, und ich freute mich schon vorher, zu sehen, was er dann in der
+Verzweiflung beginnen werde. Auch zu diesem Auftritt hatte ihn sein
+Leichtsinn verleitet; denn hätte er bedacht, was für Folgen für ihn
+daraus entstehen könnten,--er hätte sich von falscher Scham nicht so
+blindlings hinreißen lassen. Der Berliner fuhr übrigens bei dieser
+Partie ebenso schlimm. Ich wußte wohl, daß er die Hoffnung auf Luisens
+Besitz nicht ausgegeben hatte, daß er sie mächtiger als je nährte, da
+sie ihn heute hatte rufen lassen; ich wußte auch, daß sie den Kapitän
+nicht gerade zu sich zurückwünschte, sondern ihn nur nicht katholisch
+wissen wollte; ich wußte, daß sie dem Berliner vielleicht bald geneigt
+worden wäre, weil sie sah, mit welchem Eifer er sich um sie bemühte;
+und jetzt hatte der Kapitän vor uns allen ausgesprochen, daß er das
+Fräulein wiedersehen wolle; und so war es.
+
+„Es ist mein voller Ernst, Herr v. S.," sagte er, „ich sehe ein, daß
+ich mich diesen unwürdigen Verbindungen entreißen muß. Können Sie mir
+Gelegenheit geben, das Fräulein wiederzusehen und ihre Verzeihung zu
+erbitten?"
+
+„Ich weiß nicht, wie Fräulein von Palden darüber denkt," antwortete
+der junge Mann etwas verstimmt und finster; „ich glaube nicht, daß
+nach diesen Vorgängen--"
+
+„O! Ich habe die beste Hoffnung," rief jener, „ich kenne Luisens gutes
+Herz und kann nicht glauben, daß sie aufgehört habe, mich zu lieben.
+Hören Sie einen Vorschlag. Signora Campoco hat einen Garten an der
+Tiber; bitten Sie das Fräulein, mit ihrer Tante heute abend dorthin zu
+kommen. Ich will sie ja nicht allein sehen, Sie alle können zugegen
+sein; ich will ja nichts, als Vergebung lesen in ihren Augen; ein Wort
+von ihr soll mir genug sein, um mich mit mir selbst und mit dem Himmel
+zu versöhnen. Ach, wie schmerzlich fühle ich meine Verirrungen!"
+
+„Gut, ich will es sagen," erwiderte der Berliner, indem er mit Mühe
+nach Fassung rang. „Soll ich Ihnen Antwort bringen?"
+
+„Ist nicht nötig; wenn Sie keine Antwort bringen, bin ich um sechs Uhr
+als reuiger Sünder in dem Garten an der Tiber."
+
+
+ * * * * *
+
+
+Ich gestehe, der Berliner hatte ein sonderbares Geschick. Das
+Verhängnis zog ihn in diese Verhältnisse; seine Gestalt, sein Gesicht,
+zufällig dem Kapitän West sehr ähnlich, bringt ihm Glück und Unglück;
+es zieht ihn in die Nähe des Mädchens; er lernt ihr Schicksal kennen,
+er sieht sie leiden, er leidet mit ihr; die Zeit, die alle Wunden
+heilt, bewirkt endlich, daß sie den Kapitän vielleicht nicht mehr so
+sehnlich zurückwünscht; sie will nur, daß er jenen Schritt nicht tue,
+den sie für einen törichten hält; sich selbst unbewußt, gibt sie dem
+armen S. Hoffnungen; er glaubt, sie errungen zu haben durch die vielen
+Bemühungen um ihre Wahl, und jetzt muß er den gefährlichen
+Nebenbuhler, einen Mann, den er verachtet, zu ihr zurückführen!
+
+Ich war begierig auf diesen Abend; der Berliner hatte mir gesagt, daß
+sie einwillige, ihn, von Signora Campoco begleitet, zu sehen. Sie
+hatte ihn eingeladen, zugegen zu sein, und er bat mich, ihn zu
+begleiten, weil er diese Szene allein nicht mit ansehen könne.
+
+Als ich seiner Wohnung zuging, trat mir auf einmal Frater Piccolo in
+den Weg mit der Frage, wo er wohl den Kapitän finden könnte? Ich
+forschte ihn aus, zu welchem Zwecke er wohl den Kapitän suche, und er
+sagte mir ohne Umschweife, daß er ihm von dem Kardinal einen
+Schuldschein auf fünftausend Scudi zu überreichen habe, die jener
+zwölf Stunden nach Sicht bezahlen müsse. „Wertester Frater Piccolo,"
+erwiderte ich ihm, „das sicherste ist, Ihr bemühet Euch nach sechs Uhr
+in den Garten der Signora Campoco, welcher an der Tiber gelegen; dort
+werdet Ihr ihn finden, dafür stehe ich Euch." Er dankte und ging
+weiter; daß er diese Nachricht dem Kardinal und vielleicht auch Donna
+Ines mitteilen werde, glaubte ich voraussehen zu dürfen. „Fünftausend
+Scudi, zwölf Stunden nach Sicht!" sagte ich zu mir. „Ich will doch
+sehen, wie er sich heraushilft!"
+
+Den armen Berliner traf ich sehr niedergeschlagen. Er schien zu
+fühlen, daß seine Hoffnungen auf ewig zerstört seien; doch nicht nur
+dies Gefühl war es, was ihn unglücklich machte, er fürchtete, Luise
+werde nicht auf die Dauer glücklich werden. „Dieser West!" rief er.
+„Ist es nicht immer wieder Leichtsinn, was ihn zu uns, zu ihr
+zurückführt! Wie leicht ist es möglich, wenn einmal die Reue über ihn
+kommt, die Spanierin so unglücklich gemacht zu haben--wie leicht ist
+es möglich, daß er auch Luise wieder verläßt!"
+
+Ja, dachte ich, und wenn erst das Wechselchen anlangt und er nicht
+zahlen kann, und wenn ihn Donna Ines mit den funkelnden Augen sucht
+und bei der Fremden findet, und wenn erst der Kardinal seine Künste
+anwendet! Die Schule der Verzweiflung hat er noch nicht ganz durch
+gemacht. Aber auch das Fräulein, hoffe ich, wird jetzt auftauen und
+ihre Hilfe zu kleinen Teufeleien und Höllenkünsten nehmen, und der
+gute Berliner soll wohl auch bekannter mit mir werden müssen!
+
+Wir gingen hinaus an die Tiber zum verhängnisvollen Garten der Signora
+Campoco. Unterwegs sagte mir der junge Mann, das Fräulein sei ihm
+unbegreiflich. Als er ihr die Nachricht gebracht, wie sich im Hause
+des Kapitäns auf einmal alles so sonderbar, wie durch eine höhere
+Leitung, gefügt habe, wie West nicht nur zur protestantischen Kirche
+zurücktreten, sondern auch als reuiger Sünder zu ihr zurückkehren
+wolle, da sei, so sehr sie ihn zuvor angeklagt, ein seliges Lächeln
+auf ihren schönen Zügen aufgegangen. Sie habe geweint vor Freude, sie
+habe mit tausend Tränen ihre Tante dazu vermocht, uns in ihrem Garten
+zu empfangen. Und dennoch sei sie jetzt nicht mehr recht heiter; eine
+sonderbare Befangenheit, ein Zittern banger Erwartung habe sie
+befallen, sie habe ihm gestanden, daß sie der Gedanke an den Fluch
+ihres Vaters, wenn sie je die Gattin des Kapitäns werde, immer
+verfolge. Es sei, als liege eine schwarze Ahnung vor ihrer sonst so
+kindlich frohen Seele, als fürchte sie, trotz der Rückkehr des
+Geliebten dennoch nicht glücklich zu werden.
+
+Unter den Klagen des Berliners, unter seinen Beschuldigungen gegen das
+weibliche Geschlecht hatten wir uns endlich dem Garten genähert. Er
+lag, von Bäumen umgeben, wie ein Versteck der Liebe. Signora Campoco
+empfing uns mit ihren Hündlein aufs freundlichste; sie erzählte, daß
+sie das deutsche Geplauder der Versöhnten nicht mehr länger hören
+könne und zeigte uns eine Laube, wo wir sie finden würden. Errötend,
+mit glänzenden Augen, Verwirrung und Freude auf dem schönen Gesicht,
+trat uns das Fräulein entgegen. Der Kapitän aber schien mir ernster,
+ja, es war mir, als müßte ich in seinen scheuen Blicken eine neue
+Schuld lesen, die er zu der alten gefügt.
+
+Dem Berliner war wohl das schmerzlichste der feurige Dank, den ihm das
+schöne Mädchen für seine eifrigen Bemühungen ausdrückte. Sie umfing
+ihn, sie nannte ihn ihren treuesten Freund, sie bot ihm ihre Lippen,
+und er hat wohl nie so tief als in jenem Augenblicke gefühlt, wie die
+höchste Lust mit Schmerz sich paaren könne. Mir, ich gestehe es, war
+diese Szene etwas langweilig; ich werde daher die nähere Beschreibung
+davon nicht in diese Memoiren eintragen, sondern als Surrogat eine
+Stelle aus Jean Pauls Flegeljahren einschieben, die den Leser weniger
+langweilen dürfte: „Selige Stunden, welche auf die Versöhnung der
+Menschen folgen! Die Liebe ist wieder blöde und jungfräulich, der
+Geliebte neu und verklärt, das Herz feiert seinen Mai, und die
+Auferstandenen vom Schlachtfelde begreifen den vorigen, vergessenen
+Krieg nicht." So sagt dieser große Mensch, und er kann recht haben,
+aus Erfahrung; ich habe, seit sich der Himmel hinter mir geschlossen,
+nicht mehr geliebt, und mit der Versöhnung will es nicht recht gehen.
+
+Bei jener ganzen Szene ergötzte ich, mich mehr an der Erwartung als an
+der Gegenwart. Wenn jetzt mit einem Male, dachte ich mir, Frater
+Piccolo durch die Bäume herbei käme, um seinen Wechsel honorieren zu
+lassen,--welche Angst, welcher Kummer bei dem Kapitän, welch es
+Staunen, welcher Mißmut bei dem Fräulein! Ich dachte mir allerlei
+dergleichen Möglichkeiten, während die andern in süßem Geplauder mit
+vielen Worten nichts sagten--da hörte ich auf einmal das Plätschern
+von Rudern in der Tiber. Es war nach sechs Uhr es war die Stunde, um
+welche ich Frater Piccolo hierher bestellt hatte; wenn er es wäre!--
+Die Ruderschläge wurden vernehmlicher, kamen näher. Weder die
+Liebenden, noch der Berliner schienen es zu hören. Jetzt hörte man nur
+noch das Rauschen des Flusses, die Barke mußte sich in der Nähe ans
+Land gelegt haben. Die Hunde der Signora schlugen an, man hörte
+Stimmen in der Ferne, es rauschte in den Bäumen, Schritte knisterten
+auf dem Sandweg des Gartens, ich sah mich um--Donna Ines und der
+Kardinal Rocco standen vor uns.
+
+Luise starrte einen Augenblick diese Menschen an, als sehe sie ein
+Gebild der Phantasie. Aber sie mochte sich des Kardinals aus einem
+schrecklichen Augenblick erinnern, sie schien den Zusammenhang zu
+begreifen, schien zu ahnen, wer Ines sei und sank lautlos zurück,
+indem sie die schönen Augen und das erbleichende Gesicht in den Händen
+verbarg. Der Kapitän hatte den Kommenden den Rücken zugekehrt und sah
+also nicht sogleich die Ursache von Luisens Schrecken. Er drehte sich
+um, er begegnete zornsprühenden Blicken der Donna, die diese Gruppe
+musterte, er suchte vergeblich nach Worten; das Gefühl seiner Schande,
+die Angst, die Verwirrung schnürten ihm die Kehle zu.
+
+„Schändlich!" hob Ines an. „So muß ich dich treffen? Bei deiner
+deutschen Buhlerin verweilst du und vergißt, was du deinem Weibe
+schuldig bist? Ehrvergessener! Statt meine Ehre, die du mir gestohlen,
+durch Treue zu ersetzen, statt mich zu entschädigen für so großen
+Jammer, dem ich mich um deinetwillen ausgesetzt habe, schwelgst du in
+den Armen einer andern?"
+
+„Folget uns, Kapitän West!" sagte der Kardinal sehr strenge. „Es ist
+Euch nicht erlaubt, noch einen Augenblick hier zu verweilen. Die Barke
+wartet. Gebt der Donna Euren Arm und verlasset diese ketzerische
+Gesellschaft."
+
+„Du bleibst!" rief Luise, indem sie ihre schönen Finger um seinen Arm
+schlang und sich gefaßt und stolz aufrichtete. „Schicke diese Leute
+fort. Du hast ja noch soeben diese Abenteurerin verschworen. Du
+zauderst? Monsignore, ich weiß nicht, wer Ihnen das Recht gibt, in
+diesen Garten zu dringen; haben Sie die Güte, sich, mit dieser Dame zu
+entfernen."
+
+„Wer mir das Recht gibt, junge Ketzerin?" entgegnete Rocco. „Diese
+ehrwürdige Frau Campoco; ich denke, ihr gehört der Garten, und es wird
+sie nicht belästigen, wenn wir hier verweilen."
+
+„Ich bitte um Euren Segen, Eminenz," sagte, sich tief verneigend,
+Signora Campoco; „wie möget Ihr doch sprechen? Meinem geringen Garten
+ist heute Heil widerfahren! Denn heilige Gebeine wandeln darin umher!"
+
+„Nicht gezaudert, Kapitän!" rief der Kardinal. „Werfet den Satan
+zurück, der Euch wieder in den Klauen hat; folget uns, wohin die
+Pflicht Euch ruft!--Ha! Ihr zaudert noch immer, Verräter? Soll ich,"
+fuhr er mit höhnischem Lächeln fort, „soll ich Euch etwa dies Papier
+vorzeigen? Kennet Ihr diese Unterschrift? Wie steht es mit den
+fünftausend Scudi, verehrter Herr? Soll ich Euch durch die Wache
+abholen lassen?"
+
+„Fünftausend Scudi?" unterbrach ihn der Berliner. „Ich leiste
+Bürgschaft, Herr Kardinal, sichere Bürgschaft"--
+
+„Mitnichten!" antwortete er mit großer Ruhe. „Ihr seid ein Ketzer;
+_haeretico non servanda fides_. Ihr könntet leicht ebenso denken
+und mit der Bürgschaft in die Weite gehen. Nein,--Piccolo! Sende einen
+der Schiffer in die Stadt; man solle die Wache holen."
+
+„Um Gottes willen, Otto! Was ist das?" rief Luise, indem ihr Tränen
+entstürzten. „Du wirst dich doch nicht diesen Menschen so ganz
+übergeben haben? O Herr? Nur eine Stunde gestattet Aufschub, mein
+ganzes Vermögen soll Euer sein; mehr, viel mehr will ich Euch geben,
+als Ihr fordert"--
+
+„Meinst du, schlechtes Geschöpf," fiel ihr die Spanierin in die Rede,
+„meinst du, es handle sich um Geld? Mir, mir hat er seine Seele
+verpfändet; er hat mich gelockt aus den Tälern meiner Heimat, er hat
+mir ein langes seliges Leben in seinen Armen vorgespiegelt, er hat
+mich betrogen um diese Seligkeit; du--du hast mich betrogen, deutsche
+Dirne; aber siehe zu, wie du es einst vor den Heiligen verantworten
+kannst, daß du dem Weib den Gatten raubst, den Kindern, den armen
+Würmern, den Vater!"
+
+„Ja, das ist dein Fluch, alter Vater!" sagte Luise, von tiefer Wehmut
+bewegt. „Das ist dein Fluch, wenn ich je die Seine würde; er nahte
+schnell! Ich hätte dir ihn entrissen, unglückliches Weib? Nein, so
+tief möchte ich nicht einmal dich verachten. Er kannte mich längst,
+ehe er dich nur sah, und die Treue, die er dir schwur, hat er mir
+gebrochen!"
+
+„Von dieser Sünde werden wir ihn absolvieren," sprach der Kardinal;
+„sie ist um so weniger drückend für ihn, als Ihr selbst, Signora, mit
+einem andern, der hier neben sitzt, in Verhältnissen waret. Zaudere
+nicht mehr, folge uns! Bei den Gebeinen aller Heiligen, wenn du jetzt
+nicht folgst, wirst du sehen, was es heißt, den heiligen Vater zu
+verhöhnen!"
+
+Der Kapitän war ein miserabler Sünder. So wenig Kraft, so wenig
+Entschluß! Ich hätte ihn in den Fluß werfen mögen; doch mußte es zu
+einem Resultate kommen, drum schob ich schnell ein paar Worte ein:
+„Wie? Was ist das für ein Geschrei von Kindern?" rief ich erstaunt.
+„Es wird doch kein Unglück geben?"
+
+„Ha, meine Kinder!" weinte die Spanierin. „O, weinet nur, ihr armen
+Kleinen! Der, der euch Vater sein sollte, hat Erz in seiner Brust. Ich
+gehe, ich werfe sie in die Tiber und mich mit ihnen; so ende ich ein
+Leben, das du, Verfluchter, vergiftetest!"
+
+Sie rief es und wollte nach der Tiber eilen; doch das Fräulein faßte
+ihr Gewand; bleich zum Tod, mit halbgeschlossenen Augen führte sie
+Donna Ines zu dem Kapitän und stürzte dann aus der Laube. Ich selbst
+war einige Augenblicke im Zweifel, ob sie nicht denselben Entschluß
+ausführen wolle, den die Donna für sich gefaßt; doch der Weg, den sie
+einschlug, führte tiefer in den Garten, und sie wollte nur diesem
+Jammer entgehen. Der Berliner aber lief ihr ängstlich nach, und als
+sich auch der Kapitän losriß, ihr zu folgen, stürzte die ganze
+Gesellschaft, der Kardinal, ich und Signora Campoco, in den Garten.
+
+Wir kamen zu ihnen, als eben Luise erschöpft und ohnmächtig
+zusammensank. S. fing sie in seinen Armen auf und trug die teure Last
+nach einer Bank. Dort wollte ihn der Kapitän verdrängen; er wollte
+vielleicht seinen Entschluß zeigen, nur ihr anzugehören; er glaubte
+heiligere Rechte an sie zu haben und entfernte den Arm des jungen
+Mannes, um den seinigen unterzuschieben.
+
+Doch dieser, ergriffen von Liebe und Schmerz, aufgeregt von der Szene,
+die wir gesehen, stieß den Kapitän zurück. „Fort mit dir!" rief er.
+„Gehe zu Pfaffen und Ehebrechern, zu Schurken deines Gelichters! Du
+hast deine Rolle künstlich gespielt; um diese Blume zu pflücken,
+mußtest du dich den Armen jenes hergelaufenen Weibe noch einmal
+entreißen, Hinweg mit dir, du Ehrloser!"
+
+„Was sprechen Sie da?" schrie der Kapitän schäumend, es mochte in der
+Rede des jungen Mannes etwas liegen, was als Wahrheit um so beißender
+war. „Welche Absichten legen Sie mir unter? Was hätte ich getan?
+Erklären Sie sich deutlicher!"
+
+„Jetzt hast du Worte, Schurke; aber als dieser Engel zu dir flehte, da
+hatte deinen Mund die Schande verschlossen. Rühre sie nicht an, oder
+ich schlage dich nieder!"
+
+„Das kann dir geschehen," entgegnete jener, und einem Blitze gleich
+fuhr er mit etwas Glänzendem aus der Tasche nach der Brust des jungen
+Mannes.--In Spanien lernt man gut stoßen. Der Berliner hatte einen
+Messerstich in der Brust und sank, ohne das Haupt der Geliebten zu
+lassen, in die Knie.
+
+„Jetzt wird der tapfere Hauptmann gewiß katholisch," war mein Gedanke,
+als das Herzblut des jungen Mannes hervorströmte; „jetzt wird er sich
+bergen im Schoße der Kirche!" Und es schien so zu kommen. Denn
+willenlos ließ, sich der Kapitän von Ines und dem Kardinal wegführen,
+und die Barke stieß vom Lande.
+
+
+ * * * * *
+
+
+Wenige Tage nach diesem Vorfall erschien jener glorreiche Tag, an
+welchem der Papst vor dem versammelten Volke mir, dem Teufel, alle
+Seelen der Ketzer übermacht; ich habe zwar durch diese Anweisung noch
+nie eine erhalten und weiß nicht, ob Seine Heiligkeit falliert haben
+und nun auf der Himmelsbörse keine Geschäfte mehr machen, also wenig
+Einfluß auf das Steigen und Fallen der Seelen haben, oder ob
+vielleicht diese Verwünschung nur zur Vermehrung der Rührung dient, um
+den Wirten und Gewerbsleuten in Rom auf versteckte Weise zu verstehen
+zu geben, daß sie sich kein Gewissen daraus machen sollen, die Beutel
+der Engländer, Schweden und Deutschen zu schröpf en, da ihre Seelen
+doch einmal verloren seien.
+
+An einem solchen Tage pflegt ganz Rom zusammenzuströmen, besonders die
+Weiber kommen gerne, um die Ketzer im Geiste abfahren zu sehen. Man
+drängt und schlägt sich auf dem großen Platz, man hascht nach dem
+Anblick des heiligen Vaters, und wenn er den heiligen Bannstrahl
+herabschleudert, durchzückt ein mächtiges Gefühl jedes Herz, und alle
+schlagen an die Brust und sprechen. „Wohl mir, daß ich nicht bin wie
+dieser einer." An diesem Tage aber hatte das Fest noch eine ganz
+besondere Bedeutung; man sprach nämlich in allen Zirkeln, in allen
+Kaffeehäusern, auf allen Straßen davon, daß ein berühmter, tapferer
+ketzerischer Offizier an diesem Tage sich taufen lassen wolle. Dieser
+Offizier machte seine Grade erstaunlich schnell durch. Am Montag hieß
+es, er sei Kapitän, am Dienstag, er sei Major, am Mittwoch war er
+Obrist, und wenn man am Donnerstag frühe ein schönes Kind auf der
+Straße anhielt, um zu fragen, wohin es so schnell laufe, konnte man
+auf die Antwort rechnen: „Ei, wisset Ihr nicht, daß zur Ehre Gottes
+ein General der Ketzer sich taufen läßt und ein guter Christ wird wie
+ich und Ihr?"
+
+Wer der berühmte Täufling war, werden die Leser meiner Memoiren leicht
+erraten. Endlich, endlich war er abgefallen! Sie hatten ihn wohl nach
+der Szene in Signoras Garten so lange und heftig mit Vorwürfen,
+Bitten, Drohungen, Versprechungen und Tränen bestürmt, daß er
+einwilligte, besonders da er durch den Übertritt nicht nur Absolution
+für seine Seele, was ihm übrigens wenig helfen wird, sondern auch
+Schutz vor der Justiz bekam, die ihm schon nachzuspüren anfing, da der
+Berliner einige Tage zwischen Leben und Tod schwebte, und sein
+Gesandter auf strenge Ahndung des Mordes angetragen hatte.
+
+Ich stellte mich auf dem Platze so, daß der Zug mit dem Täufling an
+mir vorüber kommen mußte. Und sie nahten. Ein langer Zug von Mönchen,
+Priestern, Nonnen, andächtigen Männern und Frauen kam heran. Ihre
+halblaut gesprochenen Gebete rollten wie Orgelton durch die Lüfte. Sie
+zogen im Kreis um den ungeheuern Platz, und jetzt wurden die Römer um
+mich her aufmerksamer. „_Ecco, ecco lo_!" flüsterte es von allen
+Seiten; ich sah hin--in einem grauen Gewand, das Haupt mit Asche
+bestreut, ein Kruzifix in den gefalteten Händen, nahte mit unsicheren
+Schritten der Kapitän. Zwei Bischöfe in ihren violetten Talaren gingen
+vor ihm, und Chorknaben aller Art und Größe folgten seinen Sch ritten.
+
+„Ein schöner Ketzer, bei St. Peter! Ein schmucker Mann!" hörte ich die
+Weiber um mich her sagen. „Welch ein frommer Soldat!"
+
+„Wie freut man sich, wenn man sieht, wie dem Teufel eine Seele
+entrissen wird!"--
+
+„Werden sie ihn vorher taufen oder nachher?"
+
+„Vorher," antwortete ein schöne schwarzlockiges Mädchen, „vorher; denn
+nachher verflucht der heilige Vater alle Ketzer, und da würde er ihn
+ja ewig verdammen und nachher segnen und taufen."--
+
+„Ach, das verstehst du nicht," sagte ihr Vater, „der Papst kann alles,
+was er will, so oder so."
+
+„Nein, er kann nicht alles," erwiderte sie schelmisch lächelnd; „nicht
+alles!"
+
+„Was kann er denn nicht?" fragten die Umstehenden. „Er kann alles; was
+sollte er denn nicht können?"
+
+„Er kann nicht heiraten!" lachte sie; doch nicht so schnell folgt der
+Donner dem Blitz, als die schwere Hand des Vaters auf ihre Wange fiel.
+
+„Was? Du versündigst dich, Mädchen?" schrie er. „Welche unheiligen
+Gedanken gibt dir der Teufel ein? Was geht es dich an, ob der Papst
+heiratet oder nicht? Dich nimmt er auf keinen Fall."
+
+Das Volk begann indes in die Peterskirche zu strömen, und auch ich
+folgte dorthin. Es ist eine lächerlich materielle Idee, wenn die
+Menschen sich vorstellen, ich könne in keine christliche Kirche
+kommen. So schreiben viele Leute C. M. B. (Caspar, Melchior,
+Balthasar) über ihre Türen und glauben, die drei Könige aus Morgenland
+werden sich bemühen, ihre schlechte Hütte gegen die Hexen zu schützen.
+
+Ich drängte mich so weit als möglich vor, um die Zeremonien dieser
+Taufe recht zu sehen. Der tapfere Kapitän hatte jetzt sein graues
+Gewand mit einem glänzend weißen vertauscht und kniete unweit des
+Hochaltars. Kardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe standen umher, der
+ungewisse Schein des Tages, vermischt mit dem Flackern der Lichter,
+der Kerzen, welche die Chorknaben hielten, umgab sie mit einem
+ehrwürdigen Heiligenschein, der jedoch bei manchem wie Scheinheiligkeit
+aussah. Auf der andern Seite kniete unter vielen schönen Frauen
+Donna Ines mit ihren Kindern. Sie war lockender und reizender als je,
+und wer Luise und ihr sanftes blaues Auge nicht gesehen hatte, konnte
+dem Täufling verzeihen, daß er sich durch dieses schöne Weib und
+einen listigen Priester unter den Pantoffel St. Petri bringen ließ.
+
+Neben mir stand eine schwarzverschleierte Dame. Sie stützte sich mit
+einer Hand an eine Säule, und ich glaubte, sie wäre ohne diese Hilfe
+auf den Marmorboden gesunken, denn sie zitterte beinahe krampfhaft.
+Der Schleier war zu dicht, als daß ich ihre Züge erkennen konnte. Doch
+sagte mir eine Ahnung, wer es sein könnte. Jetzt erhoben die Priester
+den Gesang, er zog mit den blauen Wölkchen des arabischen Weihrauchs
+hinauf durch die Gewölbe und berauschte die Sinne der Sterblichen,
+übertäubte ihre Seelen und riß sie hin zu einer Andacht, die sie zwar
+über das Irdische, aber auch über die ewigen Gesetze ihrer Vernunft
+hinwegführt.
+
+Die Priester sangen. Jetzt fing der Täufling an, sein
+Glaubensbekenntnis zu sprechen.
+
+„Er hat mich nie geliebt," seufzte die Dame an meiner Seite; „er hat
+auch dich nie geliebt, o Gott, verzeihe ihm diese Sünde!"
+
+Er sprach weiter, er verfluchte den Glauben, in welchem er bisher
+gelebt.
+
+„Gib Frieden seiner Seele," flüsterte sie; „wir alle irren, so lange
+wir sterblich sind, vielleicht hat er den wahren Trost gefunden! Laß
+ihn Frieden finden, o Herr!"
+
+Da fingen die Priester wieder an zu singen. Ihre tiefen Töne drangen
+schneidend in das Herz der Dame. Jetzt wurde das Sakrament an ihm
+vollzogen; der Kardinal Rocco, im vollen Ornat seiner Würde, segnete
+ihn ein, und Donna Ines warf dem Getauften frohlockende Grüße zu.
+
+„Vater, laß ihm mein Bild nie erscheinen," betete die Dame an meiner
+Seite, „daß nie der Stachel der Reue ihn quäle! Laß ihn glücklich
+werden!"
+
+Und mit dem Pomp des heiligen Triumphs schloß die Taufe, und der
+Kapitän stand auf, zwar als ein so großer Sünder wie zuvor, doch als
+ein rechtgläubiger katholischer Christ. Das Volk drängte sich herzu
+und drückte seine Hände, und Donna Ines führte ihm mit holdem Lächeln
+ihre Kinder zu. Aber noch war die Szene nicht zu Ende. Kardinal Luighi
+führte den Getauften an die Stuf en des Altars, stieg die heiligen
+Stufen hinan und las die Messe.
+
+Die Dame im schwarzen Schleier zitterte heftiger, als sie dies alles
+sah; ihre Knie fingen an zu wanken. „Wer Ihr auch seid, mein Herr,"
+flüsterte sie mir plötzlich zu, „seid so barmherzig und führt mich aus
+der Kirche; ich fühle mich sehr unwohl." Ich gab ihr meinen Arm, und
+die frommste Seele in St. Peters weiten Hallen ging hinweg, begleitet
+vom Teufel.
+
+Auf dem Platze vor der Peterskirche deutete sie schweigend auf eine
+Equipage, die unfern hielt. Ich führte sie dorthin, ich öffnete ihr
+den Schlag und bot ihr die Hand zum Einsteigen. Sie schlug den dunklen
+Schleier zurück; es war, wie ich mir gesagt hatte, es waren die
+bleichen, schönen Züge Luisens. „Ich danke, Herr!" sagte sie. „Ihr
+habt mir einen großen Dienst erwiesen." Noch zitterte ihre Hand in der
+meinigen, ihre schönen Augen wandten sich noch einmal nach St. Peter
+und füllten sich dann mit einer Träne. Aber schnell schlug sie den
+Schleier nieder und schlüpfte in den Wagen; die Pferde zogen an, ich
+habe sie--nie wieder gesehen.
+
+
+ * * * * *
+
+
+Eine wichtige Angelegenheit, die wankende Sache der hohen Pforte,
+welcher ich immer besondere Aufmerksamkeit geschenkt habe, rief mich
+an diesem Tage nach ...., wo ich mit einem berühmten Staatsmann eine
+Konferenz halten mußte. Man kennt die Zuneigung dieses erlauchten
+Wesirs eines christlichen Potentaten zum Halbmond; und ich hatte nicht
+erst nötig, ihn zu überzeugen, daß die Türken seine natürlichen
+Alliierten seien. Von .... eilte ich zurück nach Rom. Ich gestehe, ich
+war begierig, wie sich die Verhältnisse lösen würden, in welche ich
+verflochten war und die mir durch einige Situationen so interessant
+geworden waren.
+
+Der erste, den ich unter der Porta del Popolo traf, war der deutsche
+Kaufmann. Er saß in einem schönen Wagen und hatte, wie es schien,
+Streit mit einigen päpstlichen Polizeisoldaten. Ich trat als
+Stobelberg zu ihm. „Lieber Bruder," sagte ich, „es scheint, du willst
+Sodom verlassen gleich dem frommen Lot?"
+
+„Ja, fliehen will ich aus dieser Stätte des Satan," war seine Antwort;
+„und hier läßt mich der Drache auf dem Stuhl des Lammes noch einmal
+anhalten, aus Zorn, weil ich einen seiner Baalspfaffen im Christentume
+unterweisen wollte."
+
+Ich sah hin und merkte jetzt erst die Ursache des Streites. Die
+Polizei hatte, ich weiß nicht aus welchem Grunde, den Wagen noch
+einmal untersucht. Da war man auf ein Kistchen gestoßen und hatte den
+Pietisten gefragt, was es enthalte. „Geistliche Bücher," antwortete
+er. Man glaubte aber nicht, schloß auf, und siehe da, es war ein gutes
+Flaschenfutter, und die Polizeimänner wollten wegen seines Betruges
+einige Scudi von ihm nehmen.
+
+„Aber, Bruder!" sagte ich zu ihm. „Eine fromme Seele sollte nach
+nichts dürsten als nach dem Tau des Himmels, nach nichts hungern als
+nach dem Manna des Wortes, und doch führst du ein Dutzend Flaschen mit
+dir, und hier liegt ein ganzer Pack Salamiwürste? Pfui, Bruder, heißt
+es nicht: ‚Was werden wir essen, was werden wir trinken, nach dem
+allem fragen die Heiden?'"
+
+„Bruder," erwiderte jener und drehte die Augen gen Himmel, „Bruder,
+bei dir muß es noch nicht völlig zum Durchbruch gekommen sein, daß du
+einem Mann von so felsenfestem Glauben, daß du mir solche Fragen
+vorlegst. Gerade, daß ich nicht zu seufzen brauche: ‚Was werden wir
+essen, was werden wir trinken, womit uns kleiden?' Gerade deswegen
+habe ich mir den neuen Rock hier gekauft, habe meinen Flaschenkeller
+gefüllt und diese aus Eselsfleisch bereiteten Würste gekauft; es
+geschah also aus reinem Glaubensdrang, und der Geist hat es mir
+eingegeben. Da, ihr lumpigen Söhne von Astaroth, ihr Brut des
+Basilisken, so auf dem Stuhl des Lammes sitzt und an seinen Klauen
+Pantoffeln führt, da nehmet diesen holländischen Dukaten und lasset
+mir meine geistlichen Bücher in Ruhe!--So, nun lebe wohl, Bruder, der
+Geist komme über dich und stärke deinen Glauben!"
+
+Da fuhr er hin, und wieder werde ich in dem Glauben bestärkt, daß
+diese christlichen Pharisäer schlimmer sind als die Kinder der Welt.
+Ich ging weiter, den Korso hinab. Am unteren Ende der Straße begegnete
+mir der Kardinal Rocco und Piccolo, sein Diener. Der Kardinal schien
+sehr krank zu sein; denn ganz gegen die Etikette trug ihm Piccolo
+nicht die Schleppe nach, sondern führte ihn unter dem Arm, und dennoch
+wankte Rocco zuweilen hin und her. Sein Gesicht war rot und glühend,
+seine Augen halb geschlossen, und der rote Hut saß ihm etwas schief
+auf dem Ohr.
+
+„Siehe da, ein bekanntes Gesicht!" rief er, als er mich sah, und blieb
+stehen. „Komm hierher, mein Sohn, und empfange den Segen. Haben wir
+uns nicht schon irgendwo gesehen?"
+
+„O ja, und ich, hoffe noch öfters das Vergnügen zu haben; ich hatte
+die Ehre, Ew. Eminenz im Garten der Frau Campoco zu sehen."
+
+„Ja, ja! Ich erinnere mich, Ihr seid ein junger Ketzer; wisset Ihr,
+woher ich komme? Geradenwegs von dem Hochzeitsschmause des lieben
+Paares."
+
+Jetzt konnte ich mir die Krankheit des alten Herrn erklären; die
+spanischen Weine der Donna Ines waren ihm wohl zu stark gewesen, und
+Piccolo mußte ihn jetzt führen. „Ihr waret wohl recht vergnügt?"
+fragte ich ihn. „Es ist doch Euer Werk, daß die Donna den Kapitän
+endlich doch noch überwunden hat?"
+
+„Das ist es, lieber Ketzer," sagte er, stolz lächelnd. „Mein Werk ist
+es; kommt, gehen wir noch ein paar hundert Schritte zusammen!--Was
+wollte ich sagen? Ja--mein Werk ist es; denn ohne mich hätte die Donna
+gar keine Kunde von ihm bekommen. Ich schrieb ihr, daß er sich in Rom
+befinde. Ohne mich wäre ihre frühere Ehe nicht für ungültig erklärt
+worden; ohne mich wäre der Kapitän nicht rechtgläubig geworden, was
+zur Glorie unserer Kirche notwendig war; ohne mich wäre er nicht von
+seiner Ketzerin losgekommen,--kurz, ohne mich--ja, ohne mich stände
+alles noch wie zuvor."
+
+„Es ist erstaunlich!"
+
+„Höret, Ihr gefallt mir, lieber Ketzer. Hört einmal, werdet auch
+rechtgläubig. Brauchet Ihr Geld? Könnet haben soviel Ihr wollt, gegen
+ein Reverschen, zahlbar gleich nach Sicht. O, damit kann man einen
+köstlich in Verlegenheit bringen. Brauchet Ihr eine schöne, frische,
+reiche Frau? Ich habe eine Nichte, Ihr sollt sie haben. Brauchet Ihr
+Ehren und Würden? Ich will Euch _pro primo_ den goldenen
+Sporenorden verschaffen. Es kann ihn zwar jeder Narr um einige Scudi
+kaufen--aber Ihr sollet ihn umsonst haben. Wollet Ihr in Eurer
+barbarischen Heimat große Ehrenstellen? Dürfet nur befehlen. Wir haben
+dort großen Einfluß, geheim und öffentlich. Na! was sagt Ihr dazu?"
+
+„Der Vorschlag ist nicht übel," erwiderte ich. „Ihr seid nobel in
+Euern Versprechungen. Ich glaube, Ihr könntet den Teufel selbst
+katholisch machen?"
+
+„_Anathema sit! anathema sit!_ Es wäre uns übrigens nicht
+schwer," antwortete der Kardinal. „Wir können ihn von seinen
+zweitausendjährigen Sünden absolvieren und dann taufen. Überdies ist
+er ein dummer Kerl, der Teufel, und hat sich von der Kirche noch immer
+überlisten lassen!"
+
+„Wisset Ihr das so gewiß?"
+
+„Das will ich meinen. Zum Beispiel, kennet Ihr die Geschichte, die er
+mit einem Franziskaner gehabt?"
+
+„Nein, ich bitte Euch, erzählet!"
+
+„Ein Franziskaner zankte sich einmal mit ihm wegen einer armen Seele.
+Der Teufel wollte sie durchaus haben und hatte allerdings nach dem Maß
+ihrer Sünden das Recht dazu. Der Mönch aber wollte sie _in majorem
+dei gloriam_ für den Himmel zustutzen. Da schlug endlich der Satan
+vor, sie wollten würfeln; wer die meisten Augen mit drei Würfeln
+werfe, solle die Seele haben. Der Teufel warf zuerst, und, wie er ein
+falscher Spieler ist, warf er achtzehn; er lachte den Franziskaner
+aus. Doch dieser ließ sich, nicht irre machen. Er nahm die Würfel und
+warf--neunzehn. Und die Seele war sein."
+
+„Herr, das ist erlogen," rief ich, „wie kann er mit drei Würfeln
+neunzehn werfen?"
+
+„Ei, wer fragt nach der Möglichkeit? Genug, er hat's getan, es war ein
+Wunder. Nun, kommet morgen in mein Haus, lieber Sohn, wir wollen dann
+den Unterricht beginnen."
+
+Er gab mir den Segen und wankte weiter. „Nein, Freund Rocco!" dachte
+ich. „Eher bekomme ich dich als du mich. Von dir läßt sich der Satan
+nicht überlisten." Es trieb mich jetzt, nach dem Hause des Berliners
+zu gehen, den ich schwer verwundet verlassen hatte. Zu meiner großen
+Verwunderung sagte man mir, er sei ausgegangen, und werde wohl vor
+Nacht nicht zurückkehren. So mußte ich den Gedanken aufgeben, heute
+noch zu erfahren, wie es ihm ergangen sei, wie das Fräulein sich
+befinde, ob er wohl Hoffnung habe, jetzt, da der Kapitän auf immer für
+sie verloren sei, sie für sich zu gewinnen. Es blieb mir keine Zeit,
+ihn heute noch zu sehen; denn den Abend über wußte ich ihn nicht zu
+finden, und auf die kommende Nacht hatte ich eine Zusammenkunft mit
+jenen kleineren Geistern verabredet, die als meine Diener die Welt
+durchstreifen.
+
+Ich trat zu diesem Zwecke, als die Nacht einbrach, ins Kolosseum; denn
+dies war der Ort, wohin ich sie beschieden hatte. Noch war die Stunde
+nicht da; aber ich liebe es, in der Stille der Nacht auf den Trümmern
+einer großen Vorzeit meinen Gedanken über das Geschlecht der
+Sterblichen nachzuhängen. Wie erhaben sind diese majestätischen
+Trümmer in einer schönen Mondnacht! Ich stieg hinab in den mittleren
+Raum. Aus dem blauen, unbewölkten Himmel blickte der Mond durch die
+gebrochenen Wölbungen der Bogen herein, und die hohen überwachsenen
+Mauern der Ruine warfen lange Schatten über die Arena. Dunkle
+Gestalten schienen durch die verfallenen Gänge zu schweben, wenn ein
+leiser Wind die Gesträuche bewegte und ihren Schatten hin und wieder
+zog. Wo sie schwebten, diese Schatten, da sah man einst ein fröhliches
+Volk, schöne Frauen, tapfere Männer und die ernste, feierliche Pracht
+der kriegerischen Kaiser. Geschlecht um Geschlecht ist hinunter, diese
+Mauern allein überdauerten ihre Zeit, um durch ihre erhabenen Formen
+diese Sterblichen zu erinnern, wie unendlich größer der Sinn jenes
+Volkes war, das einst ein Jahrtausend vor ihnen um diese Stätte lebte.
+Die ernste Würde der Konsuln und des Senates, der kriegerische Prunk
+der Cäsaren und--d i e s e r römische Hof und d i e s e Römer!
+
+Der Mond war, während ich zu mir sprach, heraufgekommen und stand
+jetzt gerade über dem Zirkus. Ich sah mich um; da gewahrte ich, daß
+ich nicht allein in den Ruinen sei. Eine dunkle Gestalt saß seitwärts
+auf dem gebrochenen Schaft einer Säule. Ich trat näher hin,--es war
+Otto von S..... Ich war freudig erstaunt, ihn zu sehen. Ich warf mich
+schnell in den Herrn von Stobelberg, um mit ihm zu sprechen. Ich
+redete ihn an und wünschte ihm Glück, ihn so gesund zu sehen. Er
+richtete sich auf; der Mond beschien ein sehr bleiches Gesicht,
+weinende Augen blickten mich wehmütig an, schweigend sank er an meine
+Brust.
+
+„Sie scheinen noch nicht ganz geheilt, Lieber!" sagte ich. „Sie sind
+noch sehr bleich; die Nachtluft wird Ihnen schaden!"
+
+Er verneinte es mit dem Haupt, ohne zu sprechen. Was war doch dem
+armen Jungen geschehen, hatte er wohl von neuem einen Korb bekommen?
+„Nun, ein Mittel gibt es wohl, Sie gänzlich zu heilen," fuhr ich fort.
+„Jetzt steht Ihnen ja nichts mehr im Wege, jetzt wird sie hoffentlich
+so spröde nicht mehr sein. Ich will den Brautwerber machen. Sie müssen
+Mut fassen, Luise wird Sie erhören, und dann ziehen Sie mit ihr aus
+dieser unglücklichen Stadt, führen sie nach Berlin zu der Tante. Wie
+werden sich die ästhetischen Damen wundern, wenn Sie Ihre Novelle auf
+diese Art schließen und die holde Erscheinung aus den Lamentationen
+persönlich einführen!"
+
+Er schwieg, er weinte stille.
+
+„Oder wie! Haben Sie etwa den Versuch schon gemacht? Sollten Sie
+abgewiesen worden sein? Will sie die Rolle der Spröden fortspielen?"
+
+„Sie ist tot!" antwortete der junge Mann.
+
+„Ist's möglich! Höre ich recht? So plötzlich ist sie gestorben?"
+
+„Der Gram hat ihr Herz gebrochen. Heute hat man sie begraben."
+
+Er sagte es, drückte mir die Hand, und einsam weinend ging er durch
+die Ruinen des Kolosseums.
+
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, MITTEILUNGEN AUS DEN MEMOIREN DES SATAN V2 ***
+
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+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
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+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
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+Most people start at our Web sites at:
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+http://promo.net/pg
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+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
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+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
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+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext04 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext04
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+Or /etext03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
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+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
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