diff options
Diffstat (limited to 'old/7laok10.txt')
| -rw-r--r-- | old/7laok10.txt | 7628 |
1 files changed, 7628 insertions, 0 deletions
diff --git a/old/7laok10.txt b/old/7laok10.txt new file mode 100644 index 0000000..3c58ca5 --- /dev/null +++ b/old/7laok10.txt @@ -0,0 +1,7628 @@ +The Project Gutenberg EBook of Laokoon, by Gotthold Ephraim Lessing + +Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the +copyright laws for your country before downloading or redistributing +this or any other Project Gutenberg eBook. + +This header should be the first thing seen when viewing this Project +Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the +header without written permission. + +Please read the "legal small print," and other information about the +eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is +important information about your specific rights and restrictions in +how the file may be used. You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Laokoon + +Author: Gotthold Ephraim Lessing + +Release Date: November, 2004 [EBook #6889] +[This file was first posted on February 7, 2003] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: ASCII + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, LAOKOON *** + + + + +Thanks are given to Delphine Lettau for finding a huge collection of ancient + +German books in London. + + + +This Etext is in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 7-bit version. + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg2000.de. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg2000.de erreichbar. + + + + +Laokoon +oder +Ueber die Grenzen der Malerei und Poesie + +Gotthold Ephraim Lessing + +Mit beilaeufigen Erlaeuterungen verschiedener Punkte der alten +Kunstgeschichte + + + +Vorrede + +Der erste, welcher die Malerei und Poesie miteinander verglich, war +ein Mann von feinem GefUehle, der von beiden Kuensten eine Aehnliche +Wirkung auf sich verspuerte. Beide, empfand er, stellen uns abwesende +Dinge als gegenwaertig, den Schein als Wirklichkeit vor; beide +taeuschen, und beider Taeuschung gefaellt. + +Ein zweiter suchte in das Innere dieses Gefallens einzudringen, und +entdeckte, dass es bei beiden aus einerlei Quelle fliesse. Die +SchOenheit, deren Begriff wir zuerst von koerperlichen Gegenstaenden +abziehen, hat allgemeine Regeln, die sich auf mehrere Dinge anwenden +lassen; auf Handlungen, auf Gedanken, sowohl als auf Formen. + +Ein dritter, welcher ueber den Wert und ueber die Verteilung dieser +allgemeinen Regeln nachdachte, bemerkte, dass einige mehr in der +Malerei, andere mehr in der Poesie herrschten; dass also bei diesen +die Poesie der Malerei, bei jenen die Malerei der Poesie mit +Erlaeuterungen und Beispielen aushelfen koenne. + +Das erste war der Liebhaber; das zweite der Philosoph; das dritte der +Kunstrichter. + +Jene beiden konnten nicht leicht, weder von ihrem Gefuehl, noch von +ihren Schluessen, einen unrechten Gebrauch machen. Hingegen bei den +Bemerkungen des Kunstrichters beruhet das meiste in der Richtigkeit +der Anwendung auf den einzeln Fall; und es waere ein Wunder, da es +gegen einen scharfsinnigen Kunstrichter funfzig witzige gegeben hat, +wenn diese Anwendung jederzeit mit aller der Vorsicht waere gemacht +worden, welche die Wage zwischen beiden Kuensten gleich erhalten muss. + +Falls Apelles und Protogenes, in ihren verlornen Schriften von der +Malerei, die Regeln derselben durch die bereits festgesetzten Regeln +der Poesie bestaetiget und erlaeutert haben, so darf man sicherlich +glauben, dass es mit der Maessigung und Genauigkeit wird geschehen sein, +mit welcher wir noch itzt den Aristoteles, Cicero, Horaz, Quintilian, +in ihren Werken die Grundsaetze und Erfahrungen der Malerei auf die +Beredsamkeit und Dichtkunst anwenden sehen. Es ist das Vorrecht der +Alten, keiner Sache weder zu viel noch zu wenig zu tun. + +Aber wir Neuern haben in mehrern Stuecken geglaubt, uns weit ueber sie +wegzusetzen, wenn wir ihre kleinen Lustwege in Landstrassen +verwandelten; sollten auch die kuerzern und sichrern Landstrassen +darueber zu Pfaden eingehen, wie sie durch Wildnisse fuehren. + +Die blendende Antithese des griechischen Voltaire, dass die Malerei +eine stumme Poesie, und die Poesie eine redende Malerei sei, stand +wohl in keinem Lehrbuche. Es war ein Einfall, wie Simonides mehrere +hatte; dessen wahrer Teil so einleuchtend ist, dass man das +Unbestimmte und Falsche, welches er mit sich fuehret, uebersehen zu +muessen glaubet. + +Gleichwohl uebersahen es die Alten nicht. Sondern indem sie den +Ausspruch des Simonides auf die Wirkung der beiden Kuenste +einschraenkten, vergassen sie nicht einzuschaerfen, dass, ohngeachtet der +vollkommenen Aehnlichkeit dieser Wirkung, sie dennoch, sowohl in den +Gegenstaenden als in der Art ihrer Nachahmung (ulh kai tropoiV +mimhsewV) verschieden waeren. + +Voellig aber, als ob sich gar keine solche Verschiedenheit faende, +haben viele der neuesten Kunstrichter aus jener Uebereinstimmung der +Malerei und Poesie die krudesten Dinge von der Welt geschlossen. +Bald zwingen sie die Poesie in die engern Schranken der Malerei; bald +lassen sie die Malerei die ganze weite Sphaere der Poesie fuellen. +Alles was der einen recht ist, soll auch der andern vergoennt sein; +alles was in der einen gefaellt oder missfaellt, soll notwendig auch in +der andern gefallen oder missfallen; und voll von dieser Idee, +sprechen sie in dem zuversichtlichsten Tone die seichtesten Urteile, +wenn sie, in den Werken des Dichters und Malers ueber einerlei Vorwurf, +die darin bemerkten Abweichungen voneinander zu Fehlern machen, die +sie dem einen oder dem andern, nach dem sie entweder mehr Geschmack +an der Dichtkunst oder an der Malerei haben, zur Last legen. + +Ja diese Afterkritik hat zum Teil die Virtuosen selbst verfuehret. +Sie hat in der Poesie die Schilderungssucht, und in der Malerei die +Allegoristerei erzeuget; indem man jene zu einem redenden Gemaelde +machen wollen, ohne eigentlich zu wissen, was sie malen koenne und +solle, und diese zu einem stummen Gedichte, ohne ueberlegt zu haben, +in welchem Masse sie allgemeine Begriffe ausdruecken koenne, ohne sich +von ihrer Bestimmung zu entfernen, und zu einer willkuerlichen +Schriftart zu werden. + +Diesem falschen Geschmacke, und jenen ungegruendeten Urteilen +entgegenzuarbeiten, ist die vornehmste Absicht folgender Aufsaetze. + +Sie sind zufaelliger Weise entstanden, und mehr nach der Folge meiner +Lektuere, als durch die methodische Entwickelung allgemeiner +Grundsaetze angewachsen. Es sind also mehr unordentliche Kollektanea +zu einem Buche, als ein Buch. + +Doch schmeichle ich mir, dass sie auch als solche nicht ganz zu +verachten sein werden. An systematischen Buechern haben wir Deutschen +ueberhaupt keinen Mangel. Aus ein paar angenommenen Worterklaerungen +in der schoensten Ordnung alles, was wir nur wollen, herzuleiten, +darauf verstehen wir uns, trotz einer Nation in der Welt. + +Baumgarten bekannte, einen grossen Teil der Beispiele in seiner +Aesthetik Gesners Woerterbuche schuldig zu sein. Wenn mein +Raisonnement nicht so buendig ist als das Baumgartensche, so werden +doch meine Beispiele mehr nach der Quelle schmecken. + +Da ich von dem Laokoon gleichsam aussetzte, und mehrmals auf ihn +zurueckkomme, so habe ich ihm auch einen Anteil an der Aufschrift +lassen wollen. Andere kleine Ausschweifungen ueber verschiedene +Punkte der alten Kunstgeschichte tragen weniger zu meiner Absicht bei, +und sie stehen nur da, weil ich ihnen niemals einen bessern Platz zu +geben hoffen kann. + +Noch erinnere ich, dass ich unter dem Namen der Malerei die bildenden +Kuenste ueberhaupt begreife; so wie ich nicht dafuer stehe, dass ich +nicht unter dem Namen der Poesie auch auf die uebrigen Kuenste, deren +Nachahmung fortschreitend ist, einige Ruecksicht nehmen duerfte. + + + +I. + + +Das allgemeine vorzuegliche Kennzeichen der griechischen Meisterstuecke +in der Malerei und Bildhauerkunst setzet Herr Winckelmann in eine +edele Einfalt und stille Groesse, sowohl in der Stellung als im +Ausdrucke. "So wie die Tiefe des Meeres", sagt er 1), "allezeit +ruhig bleibt, die Oberflaeche mag auch noch so wueten, ebenso zeiget +der Ausdruck in den Figuren der Griechen bei allen Leidenschaften +eine grosse und gesetzte Seele. + +{1. Von der Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und +Bildhauerkunst, S. 21. 22.} + +Diese Seele schildert sich in dem Gesichte des Laokoons, und nicht in +dem Gesichte allein, bei dem heftigsten Leiden. Der Schmerz, welcher +sich in allen Muskeln und Sehnen des Koerpers entdecket, und den man +ganz allein, ohne das Gesicht und andere Teile zu betrachten, an dem +schmerzlich eingezogenen Unterleibe beinahe selbst zu empfinden +glaubt; dieser Schmerz, sage ich, aeussert sich dennoch mit keiner Wut +in dem Gesichte und in der ganzen Stellung. Er erhebt kein +schreckliches Geschrei, wie Virgil von seinem Laokoon singet; die +Oeffnung des Mundes gestattet es nicht: es ist vielmehr ein +aengstliches und beklemmtes Seufzen, wie es Sadolet beschreibet. Der +Schmerz des Koerpers und die Groesse der Seele sind durch den ganzen Bau +der Figur mit gleicher Staerke ausgeteilet, und gleichsam abgewogen. +Laokoon leidet, aber er leidet wie des Sophokles Philoktet: sein +Elend gehet uns bis an die Seele; aber wir wuenschten, wie dieser +grosse Mann das Elend ertragen zu koennen. + +Der Ausdruck einer so grossen Seele geht weit ueber die Bildung der +schoenen Natur. Der Kuenstler musste die Staerke des Geistes in sich +selbst fuehlen, welche er seinem Marmor einpraegte. Griechenland hatte +Kuenstler und Weltweise in einer Person, und mehr als einen Metrodor. +Die Weisheit reichte der Kunst die Hand, und blies den Figuren +derselben mehr als gemeine Seelen ein, usw." + +Die Bemerkung, welche hier zum Grunde liegt, dass der Schmerz sich in +dem Gesichte des Laokoon mit derjenigen Wut nicht zeige, welche man +bei der Heftigkeit desselben vermuten sollte, ist vollkommen richtig. +Auch das ist unstreitig, dass eben hierin, wo ein Halbkenner den +Kuenstler unter der Natur geblieben zu sein, das wahre Pathetische des +Schmerzes nicht erreicht zu haben, urteilen duerfte; dass, sage ich, +eben hierin die Weisheit desselben ganz besonders hervorleuchtet. + +Nur in dem Grunde, welchen Herr Winckelmann dieser Weisheit gibt, in +der Allgemeinheit der Regel, die er aus diesem Grunde herleitet, wage +ich es, anderer Meinung zu sein. + +Ich bekenne, dass der missbilligende Seitenblick, welchen er auf den +Virgil wirft, mich zuerst stutzig gemacht hat; und naechstdem die +Vergleichung mit dem Philoktet. Von hier will ich ausgehen, und +meine Gedanken in eben der Ordnung niederschreiben, in welcher sie +sich bei mir entwickelt. + +"Laokoon leidet, wie des Sophokles Philoktet." Wie leidet dieser? Es +ist sonderbar, dass sein Leiden so verschiedene Eindruecke bei uns +zurueckgelassen.--Die Klagen, das Geschrei, die wilden Verwuenschungen, +mit welchen sein Schmerz das Lager erfuellte, und alle Opfer, alle +heilige Handlungen stoerte, erschollen nicht minder schrecklich durch +das oede Eiland, und sie waren es, die ihn dahin verbannten. Welche +Toene des Unmuts, des Jammers, der Verzweiflung, von welchen auch der +Dichter in der Nachahmung das Theater durchhallen liess.--Man hat den +dritten Aufzug dieses Stuecks ungleich kuerzer, als die uebrigen +gefunden. Hieraus sieht man, sagen die Kunstrichter 2), dass es den +Alten um die gleiche Laenge der Aufzuege wenig zu tun gewesen. Das +glaube ich auch; aber ich wollte mich desfalls lieber auf ein ander +Exempel gruenden, als auf dieses. Die jammervollen Ausrufungen, das +Winseln, die abgebrochenen a, a, jeu, attatai, w moi, moi! die ganzen +Zeilen voller papai, papai, aus welchen dieser Aufzug bestehet, und +die mit ganz andern Dehnungen und Absetzungen deklamieret werden +mussten, als bei einer zusammenhangenden Rede noetig sind, haben in der +Vorstellung diesen Aufzug ohne Zweifel ziemlich ebensolange dauren +lassen, als die andern. Er scheinet dem Leser weit kuerzer auf dem +Papiere, als er den Zuhoerern wird vorgekommen sein. + +{2. Brumoy, Theat. des Grecs T. II. p. 89.} + +Schreien ist der natuerliche Ausdruck des koerperlichen Schmerzes. +Homers verwundete Krieger fallen nicht selten mit Geschrei zu Boden. +Die geritzte Venus schreiet laut 3); nicht um sie durch dieses +Geschrei als die weichliche Goettin der Wollust zu schildern, vielmehr +um der leidenden Natur ihr Recht zu geben. Denn selbst der eherne +Mars, als er die Lanze des Diomedes fuehlet, schreiet so graesslich, als +schrien zehntausend wuetende Krieger zugleich, dass beide Heere sich +entsetzen 4). + +{3. Iliad. E. v. 343. h de mega iacousa--} + +{4. Iliad. E. v. 859.} + +Soweit auch Homer sonst seine Helden ueber die menschliche Natur +erhebt, so treu bleiben sie ihr doch stets, wenn es auf das Gefuehl +der Schmerzen und Beleidigungen, wenn es auf die Aeusserung dieses +Gefuehls durch Schreien, oder durch Traenen, oder durch Scheltworte +ankoemmt. Nach ihren Taten sind es Geschoepfe hoeherer Art; nach ihren +Empfindungen wahre Menschen. + +Ich weiss es, wir feinern Europaeer einer kluegern Nachwelt wissen ueber +unsern Mund und ueber unsere Augen besser zu herrschen. Hoeflichkeit +und Anstand verbieten Geschrei und Traenen. Die taetige Tapferkeit des +ersten rauhen Weltalters hat sich bei uns in eine leidende verwandelt. +Doch selbst unsere Ureltern waren in dieser groesser, als in jener. +Aber unsere Ureltern waren Barbaren. Alle Schmerzen verbeissen, dem +Streiche des Todes mit unverwandtem Auge entgegensehen, unter den +Bissen der Nattern lachend sterben, weder seine Suende noch den +Verlust seines liebsten Freundes beweinen, sind Zuege des alten +nordischen Heldenmuts 5). Palnatoko gab seinen Jomsburgern das +Gesetz, nichts zu fuerchten, und das Wort Furcht auch nicht einmal zu +nennen. + +{5. Th. Bartholinus de causis contemptae a Danis adhuc gentilibus +mortis, cap. I.} + +Nicht so der Grieche! Er fuehlte und furchte sich; er aeusserte seine +Schmerzen und seinen Kummer; er schaemte sich keiner der menschlichen +Schwachheiten; keine musste ihn aber auf dem Wege nach Ehre, und von +Erfuellung seiner Pflicht zurueckhalten. Was bei dem Barbaren aus +Wildheit und Verhaertung entsprang, das wirkten bei ihm Grundsaetze. +Bei ihm war der Heroismus wie die verborgenen Funken im Kiesel, die +ruhig schlafen, solange keine aeussere Gewalt sie wecket, und dem +Steine weder seine Klarheit noch seine Kaelte nehmen. Bei dem +Barbaren war der Heroismus eine helle fressende Flamme, die immer +tobte, und jede andere gute Eigenschaft in ihm verzehrte, wenigstens +schwaerzte.--Wenn Homer die Trojaner mit wildem Geschrei, die Griechen +hingegen in entschlossner Stille zur Schlacht fuehret, so merken die +Ausleger sehr wohl an, dass der Dichter hierdurch jene als Barbaren, +diese als gesittete Voelker schildern wollen. Mich wundert, dass sie +an einer andern Stelle eine aehnliche charakteristische +Entgegensetzung nicht bemerket haben 6). Die feindlichen Heere haben +einen Waffenstillestand getroffen; sie sind mit Verbrennung ihrer +Toten beschaeftigst, welches auf beiden Teilen nicht ohne heisse Traenen +abgehet; dakrua Jerma ceonteV. Aber Priamus verbietet seinen +Trojanern zu weinen; oud' eia klaiein PriamoV megaV. Er verbietet +ihnen zu weinen, sagt die Dacier, weil er besorgt, sie moechten sich +zu sehr erweichen, und morgen mit weniger Mut an den Streit gehen. +Wohl; doch frage ich: warum muss nur Priamus dieses besorgen? Warum +erteilet nicht auch Agamemnon seinen Griechen das naemliche Verbot? +Der Sinn des Dichters geht tiefer. Er will uns lehren, dass nur der +gesittete Grieche zugleich weinen und tapfer sein koenne; indem der +ungesittete Trojaner, um es zu sein, alle Menschlichkeit vorher +ersticken muesse. Nemessvmai ge men ouden klaiein, laesst er an einem +andern Orte 7) den verstaendigen Sohn des weisen Nestors sagen. + +{6. Iliad. H. v. 421.} + +{7. Odyss. D. 195.} + +Es ist merkwuerdig, dass unter den wenigen Trauerspielen, die aus dem +Altertume auf uns gekommen sind, sich zwei Stuecke finden, in welchen +der koerperliche Schmerz nicht der kleinste Teil des Ungluecks ist, das +den leidenden Helden trifft. Ausser dem Philoktet, der sterbende +Herkules. Und auch diesen laesst Sophokles klagen, winseln, weinen und +schreien. Dank sei unsern artigen Nachbarn, diesen Meistern des +Anstaendigen, dass nunmehr ein winselnder Philoktet, ein schreiender +Herkules, die laecherlichsten unertraeglichsten Personen auf der Buehne +sein wuerden. Zwar hat sich einer ihrer neuesten Dichter 8) an den +Philoktet gewagt. Aber durfte er es wagen, ihnen den wahren +Philoktet zu zeigen? + +{8. Chateaubrun.} + +Selbst ein Laokoon findet sich unter den verlornen Stuecken des +Sophokles. Wenn uns das Schicksal doch auch diesen Laokoon gegoennet +haette! Aus den leichten Erwaehnungen, die seiner einige alte +Grammatiker tun, laesst sich nicht schliessen, wie der Dichter diesen +Stoff behandelt habe. So viel bin ich versichert, dass er den Laokoon +nicht stoischer als den Philoktet und Herkules, wird geschildert +haben. Alles Stoische ist untheatralisch; und unser Mitleiden ist +allezeit dem Leiden gleichmaessig, welches der interessierende +Gegenstand aeussert. Sieht man ihn sein Elend mit grosser Seele +ertragen, so wird diese grosse Seele zwar unsere Bewunderung erwecken, +aber die Bewunderung ist ein kalter Affekt, dessen untaetiges Staunen +jede andere waermere Leidenschaft, sowie jede andere deutliche +Vorstellung ausschliesset. + +Und nunmehr komme ich zu meiner Folgerung. Wenn es wahr ist, dass das +Schreien bei Empfindung koerperlichen Schmerzes, besonders nach der +alten griechischen Denkungsart, gar wohl mit einer grossen Seele +bestehen kann: so kann der Ausdruck einer solchen Seele die Ursache +nicht sein, warum demohngeachtet der Kuenstler in seinem Marmor dieses +Schreien nicht nachahmen wollen; sondern es muss einen andern Grund +haben, warum er hier von seinem Nebenbuhler, dem Dichter, abgehet, +der dieses Geschrei mit bestem Vorsatze ausdruecket. + + + +II. + + +Es sei Fabel oder Geschichte, dass die Liebe den ersten Versuch in den +bildenden Kuensten gemacht habe: so viel ist gewiss, dass sie den grossen +alten Meistern die Hand zu fuehren nicht muede geworden. Denn wird +itzt die Malerei ueberhaupt als die Kunst, welche Koerper auf Flaechen +nachahmet, in ihrem ganzen Umfange betrieben: so hatte der weise +Grieche ihr weit engere Grenzen gesetzet, und sie bloss auf die +Nachahmung schoener Koerper eingeschraenket. Sein Kuenstler schilderte +nichts als das Schoene; selbst das gemeine Schoene, das Schoene niedrer +Gattungen, war nur sein zufaelliger Vorwurf, seine Uebung, seine +Erholung. Die Vollkommenheit des Gegenstandes selbst musste in seinem +Werke entzuecken; er war zu gross, von seinen Betrachtern zu verlangen, +dass sie sich mit dem blossen kalten Vergnuegen, welches aus der +getroffenen Aehnlichkeit, aus der Erwaegung seiner Geschicklichkeit +entspringet, begnuegen sollten; an seiner Kunst war ihm nichts lieber, +duenkte ihm nichts edler, als der Endzweck der Kunst. + +"Wer wird dich malen wollen, da dich niemand sehen will", sagt ein +alter Epigrammatist 1) ueber einen hoechst ungestaltenen Menschen. +Mancher neuere Kuenstler wuerde sagen: "Sei so ungestalten, wie moeglich; +ich will dich doch malen. Mag dich schon niemand gern sehen: so +soll man doch mein Gemaelde gern sehen; nicht insofern es dich +vorstellt, sondern insofern es ein Beweis meiner Kunst ist, die ein +solches Scheusal so aehnlich nachzubilden weiss." {1. Antiochus. +(Antholog. lib. II. cap. 43). Harduin ueber den Plinius (lib. 35. +sect. 36 p. m. 698) legt dieses Epigramm einem Piso bei. Es findet +sich aber unter allen griechischen Epigrammatisten keiner dieses +Namens.} + +Freilich ist der Hang zu dieser ueppigen Prahlerei mit leidigen +Geschicklichkeiten, die durch den Wert ihrer Gegenstaende nicht +geadelt werden, zu natuerlich, als dass nicht auch die Griechen ihren +Pauson, ihren Piraeikus sollten gehabt haben. Sie hatten sie; aber +sie liessen ihnen strenge Gerechtigkeit widerfahren. Pauson, der sich +noch unter dem Schoenen der gemeinen Natur hielt, dessen niedriger +Geschmack das Fehlerhafte und Haessliche an der menschlichen Bildung am +liebsten ausdrueckte 2), lebte in der veraechtlichsten Armut 3). Und +Piraeikus, der Barbierstuben, schmutzige Werkstaette, Esel und +Kuechenkraeuter, mit allem dem Fleisse eines niederlaendischen Kuenstlers +malte, als ob dergleichen Dinge in der Natur so viel Reiz haetten, und +so selten zu erblicken waeren, bekam den Zunamen des Rhyparographen 4), +des Kotmalers; obgleich der wolluestige Reiche seine Werke mit Gold +aufwog, um ihrer Nichtigkeit auch durch diesen eingebildeten Wert zu +Hilfe zu kommen. + +{2. Jungen Leuten, befiehlt daher Aristoteles, muss man seine Gemaelde +nicht zeigen, um ihre Einbildungskraft, so viel moeglich, von allen +Bildern des Haesslichen rein zu halten. (Polit. lib. VIII. cap. 5. p. +526. Edit. Conring.) Herr Boden will zwar in dieser Stelle anstatt +Pauson, Pausanias gelesen wissen, weil von diesem bekannt sei, dass er +unzuechtige Figuren gemalt habe (de umbra poetica, comment. I. p. +XIII.). Als ob man es erst von einem philosophischen Gesetzgeber +lernen muesste, die Jugend von dergleichen Reizungen der Wollust zu +entfernen. Er haette die bekannte Stelle in der Dichtkunst (cap. II. +) nur in Vergleichung ziehen duerfen, um seine Vermutung +zurueckzubehalten. Es gibt Ausleger (z. E. Kuehn, ueber den Aelian Var. +Hist. lib. IV. cap. 3), welche den Unterschied, den Aristoteles +daselbst zwischen dem Polygnotus, Dionysius und Pauson angibt, darin +setzen, dass Polygnotus Goetter und Helden, Dionysius Menschen, und +Pauson Tiere gemalt habe. Sie malten allesamt menschliche Figuren; +und dass Pauson einmal ein Pferd malte, beweiset noch nicht, dass er +ein Tiermaler gewesen, wofuer ihn Herr Boden haelt. Ihren Rang +bestimmten die Grade des Schoenen, die sie ihren menschlichen Figuren +gaben, und Dionysius konnte nur deswegen nichts als Menschen malen, +und hiess nur darum vor allen andern der Anthropograph, weil er der +Natur zu sklavisch folgte, und sich nicht bis zum Ideal erheben +konnte, unter welchem Goetter und Helden zu malen, ein +Religionsverbrechen gewesen waere.} + +{3. Aristophanes Plut. v. 602. et Acharnens. v. 854.} + +{4. Plinius lib. XXXV. sect. 37. Edit. Hard.} + +Die Obrigkeit selbst hielt es ihrer Aufmerksamkeit nicht fuer unwuerdig, +den Kuenstler mit Gewalt in seiner wahren Sphaere zu erhalten. Das +Gesetz der Thebaner, welches ihm die Nachahmung ins Schoenere befahl +und die Nachahmung ins Haesslichere bei Strafe verbot, ist bekannt. Es +war kein Gesetz wider den Stuemper, wofuer es gemeiniglich, und selbst +vom Junius 5), gehalten wird. Es verdammte die griechischen Ghezzi; +den unwuerdigen Kunstgriff, die Aehnlichkeit durch Uebertreibung der +haesslichem Teile des Urbildes zu erreichen; mit einem Worte, die +Karikatur. + +{5. De pictura vet. lib. II. cap. IV. 1.} + +Aus eben dem Geist des Schoenen war auch das Gesetz der Hellanodiken +geflossen. Jeder olympische Sieger erhielt eine Statue; aber nur dem +dreimaligen Sieger, ward eine ikonische gesetzet 6). Der +mittelmaessigen Portraets sollten unter den Kunstwerken nicht zu viel +werden. Denn obschon auch das Portraet ein Ideal zulaesst, so muss doch +die Aehnlichkeit darueber herrschen; es ist das Ideal eines gewissen +Menschen, nicht das Ideal eines Menschen ueberhaupt. + +{6. Plinius lib. XXXIV. sect. 9.} + +Wir lachen, wenn wir hoeren, dass bei den Alten auch die Kuenste +buergerlichen Gesetzen unterworfen gewesen. Aber wir haben nicht +immer recht, wenn wir lachen. Unstreitig muessen sich die Gesetze +ueber die Wissenschaften keine Gewalt anmassen; denn der Endzweck der +Wissenschaften ist Wahrheit. Wahrheit ist der Seele notwendig; und +es wird Tyrannei, ihr in Befriedigung dieses wesentlichen +Beduerfnisses den geringsten Zwang anzutun. Der Endzweck der Kuenste +hingegen ist Vergnuegen; und das Vergnuegen ist entbehrlich. Also darf +es allerdings von dem Gesetzgeber abhangen, welche Art von Vergnuegen, +und in welchem Masse er jede Art desselben verstatten will. + +Die bildenden Kuenste insbesondere, ausser dem unfehlbaren Einflusse, +den sie auf den Charakter der Nation haben, sind einer Wirkung faehig, +welche die naehere Aufsicht des Gesetzes heischet. Erzeugten schoene +Menschen schoene Bildsaeulen, so wirkten diese hinwiederum auf jene +zurueck, und der Staat hatte schoenen Bildsaeulen schoene Menschen mit zu +verdanken. Bei uns scheinet sich die zarte Einbildungskraft der +Muetter nur in Ungeheuern zu aeussern. + +Aus diesem Gesichtspunkte glaube ich in gewissen alten Erzaehlungen, +die man geradezu als Luegen verwirft, etwas Wahres zu erblicken. Den +Muettern des Aristomenes, des Aristodamas, Alexanders des Grossen, des +Scipio, des Augustus, des Galerius, traeumte in ihrer Schwangerschaft +allen, als ob sie mit einer Schlange zu tun haetten. Die Schlange war +ein Zeichen der Gottheit 7); und die schoenen Bildsaeulen und Gemaelde +eines Bacchus, eines Apollo, eines Merkurius, eines Herkules, waren +selten ohne eine Schlange. Die ehrlichen Weiber hatten des Tages +ihre Augen an dem Gotte geweidet, und der verwirrende Traum erweckte +das Bild des Tieres. So rette ich den Traum, und gebe die Auslegung +preis, welche der Stolz ihrer Soehne und die Unverschaemtheit des +Schmeichlers davon machten. Denn eine Ursache musste es wohl haben, +warum die ehebrecherische Phantasie nur immer eine Schlange war. + +{7. Man irret sich, wenn man die Schlange nur fuer das Kennzeichen +einer medizinischen Gottheit haelt, wie Spence, Polymetis p. 132. +Justinus Martyr (Apolog. II. pag. 55. Edit. Sylburg.) sagt +ausdruecklich: para panti tvn nomizomenwn par' umin Jevn, ojiV +sumbolon mega kai musthrion anagrajetai; und es waere leicht eine +Reihe von Monumenten anzufuehren, wo die Schlange Gottheiten begleitet, +welche nicht die geringste Beziehung auf die Gesundheit haben.} + +Doch ich gerate aus meinem Wege. Ich wollte bloss festsetzen, dass bei +den Alten die Schoenheit das hoechste Gesetz der bildenden Kuenste +gewesen sei. + +Und dieses festgesetzt, folget notwendig, dass alles andere, worauf +sich die bildenden Kuenste zugleich mit erstrecken koennen, wenn es +sich mit der Schoenheit nicht vertraegt, ihr gaenzlich weichen, und wenn +es sich mit ihr vertraegt, ihr wenigstens untergeordnet sein muessen. + +Ich will bei dem Ausdrucke stehen bleiben. Es gibt Leidenschaften +und Grade von Leidenschaften, die sich in dem Gesichte durch die +haesslichsten Verzerrungen aeussern, und den ganzen Koerper in so +gewaltsame Stellungen setzen, dass alle die schoenen Linien, die ihn in +einem ruhigern Stande umschreiben, verloren gehen. Dieser enthielten +sich also die alten Kuenstler entweder ganz und gar, oder setzten sie +auf geringere Grade herunter, in welchen sie eines Masses von +Schoenheit faehig sind. + +Wut und Verzweiflung schaendete keines von ihren Werken. Ich darf +behaupten, dass sie nie eine Furie gebildet haben 8). + +{8. Man gehe alle die Kunstwerke durch, deren Plinius und Pausanias +und andere gedenken; man uebersehe die noch itzt vorhandenen alten +Statuen, Basreliefs, Gemaelde: und man wird nirgends eine Furie finden. +Ich nehme diejenigen Figuren aus; die mehr zur Bildersprache, als +zur Kunst gehoeren, dergleichen die auf den Muenzen vornehmlich sind. +Indes haette Spence, da er Furien haben musste, sie doch lieber von den +Muenzen erborgen sollen, (Seguini Numis. p. 178. Spanhem. de Praest. +Numism. Dissert. XIII. p. 639. Les Cesars de Julien, par Spanheim p. +48.), als dass er sie durch einen witzigen Einfall in ein Werk +bringen will, in welchem sie ganz gewiss nicht sind. Er sagt in +seinem "Polymetis" (Dial. XVI. p. 272.): "Obschon die Furien in den +Werken der alten Kuenstler etwas sehr Seltenes sind, so findet sich +doch eine Geschichte, in der sie durchgaengig von ihnen angebracht +werden. Ich meine den Tod des Meleager, als in dessen Vorstellung +auf Basreliefs sie oefters die Althaea aufmuntern und antreiben, den +ungluecklichen Brand, von welchem das Leben ihres einzigen Sohnes +abhing, dem Feuer zu uebergeben. Denn auch ein Weib wuerde in ihrer +Rache so weit nicht gegangen sein, haette der Teufel nicht ein wenig +zugeschueret. In einem von diesen Basreliefs, bei dem Bellori (in den +Admirandis), sieht man zwei Weiber, die mit der Althaea am Altare +stehen, und allem Ansehen nach Furien sein sollen. Denn wer sonst +als Furien, haette einer solchen Handlung beiwohnen wollen? Dass sie +fuer diesen Charakter nicht schrecklich genug sind, liegt ohne Zweifel +an der Abzeichnung. Das Merkwuerdigste aber auf diesem Werke ist die +runde Scheibe, unten gegen die Mitte, auf welcher sich offenbar der +Kopf einer Furie zeiget. Vielleicht war es die Furie, an die Althaea, +so oft sie eine ueble Tat vornahm, ihr Gebet richtete, und vornehmlich +itzt zu richten alle Ursache hatte usw."--Durch solche Wendungen kann +man aus allem alles machen. "Wer sonst", fragt Spence, "als Furien, +haette einer solchen Handlung beiwohnen wollen?" Ich antworte: Die +Maegde der Althaea, welche das Feuer anzuenden und unterhalten mussten. +Ovid sagt: (Metamorph. VIII. v. 460. 461.) + + Protulit hunc (stipitem) genitrix, taedasque in fragmina poni + Imperat, et positis inimicos admovet ignes. + + +Dergleichen taedas, lange StUecke von Kien, welche die Alten zu +Fackeln brauchten, haben auch wirklich beide Personen in den HAenden, +und die eine hat eben ein solches Stueck zerbrochen, wie ihre Stellung +anzeigt. Auf der Scheibe, gegen die Mitte des Werkes, erkenne ich +die Furie ebensowenig. Es ist ein Gesicht, welches einen heftigen +Schmerz ausdrueckt. Ohne Zweifel soll es der Kopf des Meleagers +selbst sein. (Metamorph. I. c. v. 515.) + + Inscius atque absens flamma Meleagros in illa + Uritur: et caecis torreri viscera sentit + Ignibus: et magnos superat virtute dolores. + + +Der KUenstler brauchte ihn gleichsam zum Uebergange in den folgenden +Zeitpunkt der nAemlichen Geschichte, welcher den sterbenden Meleager +gleich daneben zeigt. Was Spence zu Furien macht, haelt Montfaucon +fuer Parzen, (Antiqu. expl. T. I. p. 162) den Kopf auf der Scheibe +ausgenommen, den er gleichfalls fuer eine Furie ausgibt. Bellori +selbst (Admirand. Tab. 77) laesst es unentschieden, ob es Parzen oder +Furien sind. Ein Oder, welches genugsam zeiget, dass sie weder das +eine noch das andere sind. Auch Montfaucons uebrige Auslegung sollte +genauer sein. Die Weibsperson, welche neben dem Bette sich auf den +Ellebogen stuetzet, haette er Kassandra und nicht Atalanta nennen +sollen. Atalanta ist die, welche, mit dem Ruecken gegen das Bette +gekehret, in einer traurigen Stellung sitzet. Der Kuenstler hat sie +mit vielem Verstande von der Familie abgewendet, weil sie nur die +Geliebte, nicht die Gemahlin des Meleagers war, und ihre Betruebnis +ueber ein Unglueck, das sie selbst unschuldigerweise veranlasset hatte, +die Anverwandten erbittern musste.} + +Zorn setzten sie auf Ernst herab. Bei dem Dichter war es der zornige +Jupiter, welcher den Blitz schleuderte; bei dem Kuenstler nur der +ernste. + +Jammer ward in Betruebnis gemildert. Und wo diese Milderung nicht +stattfinden konnte, wo der Jammer ebenso verkleinernd als entstellend +gewesen waere,--was tat da Timanthes? Sein Gemaelde von der Opferung +der Iphigenia, in welchem er allen Umstehenden den ihnen eigentuemlich +zukommenden Grad der Traurigkeit erteilte, das Gesicht des Vaters +aber, welches den allerhOechsten haette zeigen sollen, verhuellete, ist +bekannt, und es sind viel artige Dinge darueber gesagt worden. Er +hatte sich, sagt dieser 9), in den traurigen Physiognomien so +erschoepft, dass er dem Vater eine noch traurigere geben zu koennen +verzweifelte. Er bekannte dadurch, sagt jener 10), dass der Schmerz +eines Vaters bei dergleichen Vorfaellen ueber allen Ausdruck sei. Ich +fuer mein Teil sehe hier weder die Unvermoegenheit des Kuenstlers, noch +die Unvermoegenheit der Kunst. Mit dem Grade des Affekts verstaerken +sich auch die ihm entsprechenden Zuege des Gesichts; der hoechste Grad +hat die allerentschiedensten Zuege, und nichts ist der Kunst leichter, +als diese auszudruecken. Aber Timanthes kannte die Grenzen, welche +die Grazien seiner Kunst setzen. Er wusste, dass sich der Jammer, +welcher dem Agamemnon als Vater zukam, durch Verzerrungen aeussert, die +allezeit haesslich sind. Soweit sich Schoenheit und Wuerde mit dem +Ausdrucke verbinden liess, so weit trieb er ihn. Das Haessliche waere er +gern uebergangen, haette er gern gelindert; aber da ihm seine +Komposition beides nicht erlaubte, was blieb ihm anders uebrig, als es +zu verhuellen?--Was er nicht malen durfte, liess er erraten. Kurz, +diese Verhuellung ist ein Opfer, das der Kuenstler der Schoenheit +brachte. Sie ist ein Beispiel, nicht wie man den Ausdruck ueber die +Schranken der Kunst treiben, sondern wie man ihn dem ersten Gesetze +der Kunst, dem Gesetze der Schoenheit, unterwerfen soll. + +{9. Plinius lib. XXXV. sect. 36. Cum moestos pinxisset omnes, +praecipue patruum, et tristitiae omnem imaginem consumpsisset, patris +ipsius vultum velavit, quem digne non poterat ostendere.} + +{10. Summi moeroris acerbitatem arte exprimi non posse confessus est. +Valerius Maximus lib. VIII. cap. 11.} + +Und dieses nun auf den Laokoon angewendet, so ist die Ursache klar, +die ich suche. Der Meister arbeitete auf die hoechste Schoenheit, +unter den angenommenen Umstaenden des koerperlichen Schmerzes. Dieser, +in aller seiner entstellenden Heftigkeit, war mit jener nicht zu +verbinden. Er musste ihn also herabsetzen; er musste Schreien in +Seufzen mildern; nicht weil das Schreien eine unedle Seele verraet, +sondern weil es das Gesicht auf eine ekelhafte Weise verstellet. +Denn man reisse dem Laokoon in Gedanken nur den Mund auf, und urteile. +Man lasse ihn schreien, und sehe. Es war eine Bildung, die Mitleid +einfloesste, weil sie Schoenheit und Schmerz zugleich zeigte; nun ist es +eine haessliche, eine abscheuliche Bildung geworden, von der man gern +sein Gesicht verwendet, weil der Anblick des Schmerzes Unlust erregt, +ohne dass die Schoenheit des leidenden Gegenstandes diese Unlust in das +suesse Gefuehl des Mitleids verwandeln kann. + +Die blosse weite Oeffnung des Mundes,--beiseitegesetzt, wie gewaltsam +und ekel auch die uebrigen Teile des Gesichts dadurch verzerret und +verschoben werden,--ist in der Malerei ein Fleck und in der +Bildhauerei eine Vertiefung, welche die widrigste Wirkung von der +Welt tut. Montfaucon bewies wenig Geschmack, als er einen alten +baertigen Kopf, mit aufgerissenem Munde, fuer einen Orakel erteilenden +Jupiter ausgab 11). Muss ein Gott schreien, wenn er die Zukunft +eroeffnet? Wuerde ein gefaelliger Umriss des Mundes seine Rede +verdaechtig machen? Auch glaube ich es dem Valerius nicht, dass Ajax +in dem nur gedachten Gemaelde des Timanthes sollte geschrien haben 12). +Weit schlechtere Meister aus den Zeiten der schon verfallenen Kunst +lassen auch nicht einmal die wildesten Barbaren, wenn sie unter dem +Schwerte des Siegers Schrecken und Todesangst ergreift, den Mund bis +zum Schreien oeffnen 13). + +{11. Antiquit. expl. T. I. p. 50.} + +{12. Er gibt naemlich die von dem Timanthes wirklich ausgedrueckten +Grade der Traurigkeit so an: Calchantem tristem, moestum Ulyssem, +clamantem Ajacem, lamentantem Menelaum.--Der Schreier Ajax muesste eine +haessliche Figur gewesen sein; und da weder Cicero noch Quintilian in +ihren Beschreibungen dieses Gemaeldes seiner gedenken, so werde ich +ihn um so viel eher fuer einen Zusatz halten duerfen, mit dem es +Valerius aus seinem Kopfe bereichern wollen.} + +{13. Bellorii Admiranda. Tab. 11. 12.} + +Es ist gewiss, dass diese Herabsetzung des aeussersten koerperlichen +Schmerzes auf einen niedrigern Grad von Gefuehl, an mehrern alten +Kunstwerken sichtbar gewesen. Der leidende Herkules in dem +vergifteten Gewande, von der Hand eines alten unbekannten Meisters, +war nicht der Sophokleische, der so graesslich schrie, dass die +lokrischen Felsen, und die euboeischen Vorgebirge davon ertoenten. Er +war mehr finster, als wild 14). Der Philoktet des Pythagoras +Leontinus schien dem Betrachter seinen Schmerz mitzuteilen, welche +Wirkung der geringste graessliche Zug verhindert haette. Man duerfte +fragen, woher ich wisse, dass dieser Meister eine Bildsaeule des +Philoktet gemacht habe. Aus einer Stelle des Plinius, die meine +Verbesserung nicht erwartet haben sollte, so offenbar verfaelscht oder +verstuemmelt ist sie 15). + +{14. Plinius libr. XXXIV, sect. 19.} + +{15. Eundem, naemlich den Myro, lieset man bei dem Plinius (libr. +XXXIV. sect. 19) vicit et Pythagoras Leontinus, qui fecit +stadiodromon Astylon, qui Olympiae ostenditur: et Libyn puerum +tenentem tabulam, eodem loco, et mala ferentem nudum. Syracusis +autem claudicantem: cujus hulceris dolorem sentire etiam spectantes +videntur. Man erwaege die letzten Worte etwas genauer. Wird nicht +darin offenbar von einer Person gesprochen, die wegen eines +schmerzhaften Geschwueres ueberall bekannt ist? Cujus hulceris usw. +Und dieses cujus sollte auf das blosse claudicantem, und das +claudicantem vielleicht auf das noch entferntere puerum gehen? +Niemand hatte mehr recht, wegen eines solchen Geschwueres bekannter zu +sein, als Philoktet. Ich lese also anstatt claudicantem, Philoctetem, +oder halte wenigstens dafuer, dass das letztere durch das erstere +gleichlautende Wort verdrungen worden, und man beides zusammen +Philoctetem claudicantem lesen muesse. Sophokles laesst ihn stibon kai +anagkan erpein, und es musste ein Hinken verursachen, dass er auf den +kranken Fuss weniger herzhaft auftreten konnte.} + + + +III. + + +Aber, wie schon gedacht, die Kunst hat in den neuern Zeiten ungleich +weitere Grenzen erhalten. Ihre Nachahmung, sagt man, erstrecke sich +auf die ganze sichtbare Natur, von welcher das Schoene nur ein kleiner +Teil ist. Wahrheit und Ausdruck sei ihr erstes Gesetz; und wie die +Natur selbst die Schoenheit hoehern Absichten jederzeit aufopfere, so +muesse sie auch der Kuenstler seiner allgemeinen Bestimmung unterordnen, +und ihr nicht weiter nachgehen, als es Wahrheit und Ausdruck +erlauben. Genug, dass durch Wahrheit und Ausdruck das Haesslichste der +Natur in ein Schoenes der Kunst verwandelt werde. + +Gesetzt, man wollte diese Begriffe vors erste unbestritten in ihrem +Werte oder Unwerte lassen: sollten nicht andere von ihnen unabhaengige +Betrachtungen zu machen sein, warum demohngeachtet der Kuenstler in +dem Ausdrucke Mass halten, und ihn nie aus dem hoechsten Punkte der +Handlung nehmen muesse. + +Ich glaube, der einzige Augenblick, an den die materiellen Schranken +der Kunst alle ihre Nachahmungen binden, wird auf dergleichen +Betrachtungen leiten. + +Kann der Kuenstler von der immer veraenderlichen Natur nie mehr als +einen einzigen Augenblick, und der Maler insbesondere diesen einzigen +Augenblick auch nur aus einem einzigen Gesichtspunkte, brauchen; sind +aber ihre Werke gemacht, nicht bloss erblickt, sondern betrachtet zu +werden, lange und wiederholtermassen betrachtet zu werden: so ist es +gewiss, dass jener einzige Augenblick und einzige Gesichtspunkt dieses +einzigen Augenblickes, nicht fruchtbar genug gewaehlet werden kann. +Dasjenige aber nur allein ist fruchtbar, was der Einbildungskraft +freies Spiel laesst. Je mehr wir sehen, desto mehr muessen wir hinzu +denken koennen. Je mehr wir darzu denken, desto mehr muessen wir zu +sehen glauben. In dem ganzen Verfolge eines Affekts ist aber kein +Augenblick, der diesen Vorteil weniger hat, als die hoechste Staffel +desselben. Ueber ihr ist weiter nichts, und dem Auge das Aeusserste +zeigen, heisst der Phantasie die Fluegel binden, und sie noetigen, da +sie ueber den sinnlichen Eindruck nicht hinaus kann, sich unter ihm +mit schwaechern Bildern zu beschaeftigen, ueber die sie die sichtbare +Fuelle des Ausdrucks als ihre Grenze scheuet. Wenn Laokoon also +seufzet, so kann ihn die Einbildungskraft schreien hoeren; wenn er +aber schreiet, so kann sie von dieser Vorstellung weder eine Stufe +hoeher, noch eine Stufe tiefer steigen, ohne ihn in einem leidlichern, +folglich uninteressantern Zustande zu erblicken. Sie hoert ihn erst +aechzen, oder sie sieht ihn schon tot. + +Ferner. Erhaelt dieser einzige Augenblick durch die Kunst eine +unveraenderliche Dauer: so muss er nichts ausdruecken, was sich nicht +anders als transitorisch denken laesst. Alle Erscheinungen, zu deren +Wesen wir es nach unsern Begriffen rechnen, dass sie ploetzlich +ausbrechen und ploetzlich verschwinden, dass sie das, was sie sind, nur +einen Augenblick sein koennen; alle solche Erscheinungen, sie moegen +angenehm oder schrecklich sein, erhalten durch die Verlaengerung der +Kunst ein so widernatuerliches Ansehen, dass mit jeder wiederholten +Erblickung der Eindruck schwaecher wird, und uns endlich vor dem +ganzen Gegenstande ekelt oder grauet. La Mettrie, der sich als einen +zweiten Demokrit malen und stechen lassen, lacht nur die ersten Male, +die man ihn sieht. Betrachtet ihn oeftrer, und er wird aus einem +Philosophen ein Geck; aus seinem Lachen wird ein Grinsen. So auch +mit dem Schreien. Der heftige Schmerz, welcher das Schreien +auspresset, laesst entweder bald nach, oder zerstoerst das leidende +Subjekt. Wann also auch der geduldigste standhafteste Mann schreiet, +so schreiet er doch nicht unablaesslich. Und nur dieses scheinbare +Unablaessliche in der materiellen Nachahmung der Kunst ist es, was sein +Schreien zu weibischem Unvermoegen, zu kindischer Unleidlichkeit +machen wuerde. Dieses wenigstens musste der Kuenstler des Laokoons +vermeiden, haette schon das Schreien der Schoenheit nicht geschadet, +waere es auch seiner Kunst schon erlaubt gewesen, Leiden ohne +Schoenheit auszudruecken. + +Unter den alten Malern scheinet Timomachus Vorwuerfe des aeussersten +Affekts am liebsten gewaehlet zu haben. Sein rasender Ajax, seine +Kindermoerderin Medea waren beruehmte Gemaelde. Aber aus den +Beschreibungen, die wir von ihnen haben, erhellet, dass er jenen Punkt, +in welchem der Betrachter das Aeusserste nicht sowohl erblickt, als +hinzudenkt, jene Erscheinung, mit der wir den Begriff des +Transitorischen nicht so notwendig verbinden, dass uns die +Verlaengerung derselben in der Kunst missfallen sollte, vortrefflich +verstanden und miteinander zu verbinden gewusst hat. Die Medea hatte +er nicht in dem Augenblicke genommen, in welchem sie ihre Kinder +wirklich ermordet; sondern einige Augenblicke zuvor, da die +muetterliche Liebe noch mit der Eifersucht kaempfet. Wir sehen das +Ende dieses Kampfes voraus. Wir zittern voraus, nun bald bloss die +grausame Medea zu erblicken, und unsere Einbildungskraft gehet weit +ueber alles hinweg, was uns der Maler in diesem schrecklichen +Augenblicke zeigen koennte. Aber eben darum beleidiget uns die in der +Kunst fortdauernde Unentschlossenheit der Medea so wenig, dass wir +vielmehr wuenschen, es waere in der Natur selbst dabei geblieben, der +Streit der Leidenschaften haette sich nie entschieden, oder haette +wenigstens so lange angehalten, bis Zeit und Ueberlegung die Wut +entkraeften und den muetterlichen Empfindungen den Sieg versichern +koennen. Auch hat dem Timomachus diese seine Weisheit grosse und +haeufige Lobsprueche zugezogen, und ihn weit ueber einen andern +unbekannten Maler erhoben, der unverstaendig genug gewesen war, die +Medea in ihrer hoechsten Raserei zu zeigen, und so diesem fluechtig +ueberhingehenden Grade der aeussersten Raserei eine Dauer zu geben, die +alle Natur empoeret. Der Dichter 1), der ihn desfalls tadelt, sagt +daher sehr sinnreich, indem er das Bild selbst anredet: "Durstest du +denn bestaendig nach dem Blute deiner Kinder? Ist denn immer ein +neuer Jason, immer eine neue Kreusa da, die dich unaufhoerlich +erbittern?--Zum Henker mit dir auch im Gemaelde!" setzt er voller +Verdruss hinzu. + +{1. Philippus (Anthol. lib. IV. cap. 9. ep. 10). + + Aiei gar diyaV brejewn jonon; h tiV Ihswn + DeuteroV, h Glaukh tiV pali soi projasiV; + Erre kai en khrv paidoktone--} + +Von dem rasenden Ajax des Timomachus lAesst sich aus der Nachricht des +Philostrats urteilen 2). Ajax erschien nicht, wie er unter den +Herden wUetet, und Rinder und BOecke fuer Menschen fesselt und mordet. +Sondern der Meister zeigte ihn, wie er nach diesen wahnwitzigen +Heldentaten ermattet dasitzt, und den Anschlag fasset, sich selbst +umzubringen. Und das ist wirklich der rasende Ajax; nicht weil er +eben itzt raset, sondern weil man siehet, dass er geraset hat; weil +man die Groesse seiner Raserei am lebhaftesten aus der +verzweiflungsvollen Scham abnimmt, die er nun selbst darueber +empfindet. Man siehet den Sturm in den Truemmern und Leichen, die er +an das Land geworfen. + +{2. Vita Apoll. lib. II. cap. 22.} + + + +IV. + + +Ich uebersehe die angefuehrten Ursachen, warum der Meister des Laokoon +in dem Ausdrucke des koerperlichen Schmerzes Mass halten muessen, und +finde, dass sie allesamt von der eigenen Beschaffenheit der Kunst, und +von derselben notwendigen Schranken und Beduerfnissen hergenommen sind. +Schwerlich duerfte sich also wohl irgendeine derselben auf die +Poesie anwenden lassen. + +Ohne hier zu untersuchen, wie weit es dem Dichter gelingen kann, +koerperliche Schoenheit zu schildern: so ist so viel unstreitig, dass, +da das ganze unermessliche Reich der Vollkommenheit seiner Nachahmung +offen stehet, diese sichtbare Huelle, unter welcher Vollkommenheit zu +Schoenheit wird, nur eines von den geringsten Mitteln sein kann, durch +die er uns fuer seine Personen zu interessieren weiss. Oft +vernachlaessiget er dieses Mittel gaenzlich; versichert, dass wenn sein +Held einmal unsere Gewogenheit gewonnen, uns dessen edlere +Eigenschaften entweder so beschaeftigen, dass wir an die koerperliche +Gestalt gar nicht denken, oder, wenn wir daran denken, uns so +bestechen, dass wir ihm von selbst wo nicht eine schoene, doch eine +gleichgueltige erteilen. Am wenigsten wird er bei jedem einzeln Zuge, +der nicht ausdruecklich fuer das Gesicht bestimmt ist, seine Ruecksicht +dennoch auf diesen Sinn nehmen duerfen. Wenn Virgils Laokoon schreiet, +wem faellt es dabei ein, dass ein grosses Maul zum Schreien noetig ist, +und dass dieses grosse Maul haesslich laesst? Genug, dass clamores +horrendos ad sidera tollit ein erhabner Zug fuer das Gehoer ist, mag er +doch fuer das Gesicht sein, was er will. Wer hier ein schoenes Bild +verlangt, auf den hat der Dichter seinen ganzen Eindruck verfehlt. + +Nichts noetiget hiernaechst den Dichter sein Gemaelde in einen einzigen +Augenblick zu konzentrieren. Er nimmt jede seiner Handlungen, wenn +er will, bei ihrem Ursprunge auf, und fuehret sie durch alle moegliche +Abaenderungen bis zu ihrer Endschaft. Jede dieser Abaenderungen, die +dem Kuenstler ein ganzes besonderes Stueck kosten wuerde, kostet ihm +einen einzigen Zug; und wuerde dieser Zug, fuer sich betrachtet, die +Einbildung des Zuhoerers beleidigen, so war er entweder durch das +Vorhergehende so vorbereitet, oder wird durch das Folgende so +gemildert und verguetet, dass er seinen einzeln Eindruck verlieret, und +in der Verbindung die trefflichste Wirkung von der Welt tut. Waere es +also auch wirklich einem Manne unanstaendig, in der Heftigkeit des +Schmerzes zu schreien; was kann diese kleine ueberhingehende +Unanstaendigkeit demjenigen bei uns fuer Nachteil bringen, dessen +andere Tugenden uns schon fuer ihn eingenommen haben? Virgils Laokoon +schreiet, aber dieser schreiende Laokoon ist eben derjenige, den wir +bereits als den vorsichtigsten Patrioten, als den waermsten Vater +kennen und lieben. Wir beziehen sein Schreien nicht auf seinen +Charakter, sondern lediglich auf sein unertraegliches Leiden. Dieses +allein hoeren wir in seinem Schreien; und der Dichter konnte es uns +durch dieses Schreien allein sinnlich machen. + +Wer tadelt ihn also noch? Wer muss nicht vielmehr bekennen: wenn der +Kuenstler wohl tat, dass er den Laokoon nicht schreien liess, so tat der +Dichter ebenso wohl, dass er ihn schreien liess? + +Aber Virgil ist hier bloss ein erzaehlender Dichter. Wird in seiner +Rechtfertigung auch der dramatische Dichter mitbegriffen sein? Einen +andern Eindruck macht die Erzaehlung von jemands Geschrei; einen +andern dieses Geschrei selbst. Das Drama, welches fuer die lebendige +Malerei des Schauspielers bestimmt ist, duerfte vielleicht eben +deswegen sich an die Gesetze der materiellen Malerei strenger halten +muessen. In ihm glauben wir nicht bloss einen schreienden Philoktet zu +sehen und zu hoeren; wir hoeren und sehen wirklich schreien. Je naeher +der Schauspieler der Natur koemmt, desto empfindlicher muessen unsere +Augen und Ohren beleidiget werden; denn es ist unwidersprechlich, dass +sie es in der Natur werden, wenn wir so laute und heftige Aeusserungen +des Schmerzes vernehmen. Zudem ist der koerperliche Schmerz ueberhaupt +des Mitleidens nicht faehig, welches andere Uebel erwecken. Unsere +Einbildung kann zu wenig in ihm unterscheiden, als dass die blosse +Erblickung desselben etwas von einem gleichmaessigen Gefuehl in uns +hervorzubringen vermochte. Sophokles koennte daher leicht nicht einen +bloss willkuerlichen, sondern in dem Wesen unserer Empfindungen selbst +gegruendeten Anstand uebertreten haben, wenn er den Philoktet und +Herkules so winseln und weinen, so schreien und bruellen laesst. Die +Umstehenden koennen unmoeglich so viel Anteil an ihrem Leiden nehmen, +als diese ungemaessigten Ausbrueche zu erfordern scheinen. Sie werden +uns Zuschauern vergleichungsweise kalt vorkommen, und dennoch koennen +wir ihr Mitleiden nicht wohl anders, als wie das Mass des unsrigen +betrachten. Hierzu fuege man, dass der Schauspieler die Vorstellung +des koerperlichen Schmerzes schwerlich oder gar nicht bis zur Illusion +treiben kann: und wer weiss, ob die neuern dramatischen Dichter nicht +eher zu loben, als zu tadeln sind, dass sie diese Klippe entweder ganz +und gar vermieden, oder doch nur mit einem leichten Kahne umfahren +haben. + +Wie manches wuerde in der Theorie unwidersprechlich scheinen, wenn es +dem Genie nicht gelungen waere, das Widerspiel durch die Tat zu +erweisen. Alle diese Betrachtungen sind nicht ungegruendet, und doch +bleibet Philoktet eines von den Meisterstuecken der Buehne. Denn ein +Teil derselben trifft den Sophokles nicht eigentlich, und nur indem +er sich ueber den andern Teil hinwegsetzet, hat er Schoenheiten +erreicht, von welchen dem furchtsamen Kunstrichter, ohne dieses +Beispiel, nie traeumen wuerde. Folgende Anmerkungen werden es naeher +zeigen. + +1. Wie wunderbar hat der Dichter die Idee des koerperlichen Schmerzes +zu verstaerken und zu erweitern gewusst! Er waehlte eine Wunde--(denn +auch die Umstaende der Geschichte kann man betrachten, als ob sie von +seiner Wahl abgehangen haetten, insofern er naemlich die ganze +Geschichte, eben dieser ihm vorteilhaften Umstaende wegen, waehlte)--er +waehlte, sage ich, eine Wunde und nicht eine innerliche Krankheit; +weil sich von jener eine lebhaftere Vorstellung machen laesst, als von +dieser, wenn sie auch noch so schmerzlich ist. Die innere +sympathetische Glut, welche den Meleager verzehrte, als ihn seine +Mutter in dem fatalen Brande ihrer schwesterlichen Wut aufopferte, +wuerde daher weniger theatralisch sein, als eine Wunde. Und diese +Wunde war ein goettliches Strafgericht. Ein mehr als natuerliches Gift +tobte unaufhoerlich darin, und nur ein staerkerer Anfall von Schmerzen +hatte seine gesetzte Zeit, nach welchem jedesmal der Unglueckliche in +einen betaeubenden Schlaf verfiel, in welchem sich seine erschoepfte +Natur erholen musste, den naemlichen Weg des Leidens wieder antreten zu +koennen. Chateaubrun laesst ihn bloss von dem vergifteten Pfeile eines +Trojaners verwundet sein. Was kann man sich von einem so +gewoehnlichen Zufalle Ausserordentliches versprechen? Ihm war in den +alten Kriegen ein jeder ausgesetzt; wie kam es, dass er nur bei dem +Philoktet so schreckliche Folgen hatte? Ein natuerliches Gift, das +neun ganzer Jahre wirket, ohne zu toeten, ist noch dazu weit +unwahrscheinlicher, als alle das fabelhafte Wunderbare, womit es der +Grieche ausgeruestet hat. + +2. So gross und schrecklich er aber auch die koerperlichen Schmerzen +seines Helden machte, so fuehlte er es doch sehr wohl, dass sie allein +nicht hinreichend waeren, einen merklichen Grad des Mitleids zu +erregen. Er verband sie daher mit andern Uebeln, die gleichfalls fuer +sich betrachtet nicht besonders ruehren konnten, die aber durch diese +Verbindung einen ebenso melancholischen Anstrich erhielten, als sie +den koerperlichen Schmerzen hinwiederum mitteilten. Diese Uebel waren, +voellige Beraubung der menschlichen Gesellschaft, Hunger und alle +Unbequemlichkeiten des Lebens, welchem man unter einem rauhen Himmel +in jener Beraubung ausgesetzet ist 1). Man denke sich einen Menschen +in diesen Umstaenden, man gebe ihm aber Gesundheit, und Kraefte, und +Industrie, und es ist ein Robinson Crusoe, der auf unser Mitleid +wenig Anspruch macht, ob uns gleich sein Schicksal sonst gar nicht +gleichgueltig ist. Denn wir sind selten mit der menschlichen +Gesellschaft so zufrieden, dass uns die Ruhe, die wir ausser derselben +geniessen, nicht sehr reizend duenken sollte, besonders unter der +Vorstellung, welche jedes Individuum schmeichelt, dass es fremden +Beistandes nach und nach kann entbehren lernen. Auf der andern Seite +gebe man einem Menschen die schmerzlichste unheilbarste Krankheit, +aber man denke ihn zugleich von gefaelligen Freunden umgeben, die ihn +an nichts Mangel leiden lassen, die sein Uebel, soviel in ihren +Kraeften stehet, erleichtern, gegen die er unverhohlen klagen und +jammern darf: unstreitig werden wir Mitleid mit ihm haben, aber +dieses Mitleid dauert nicht in die Laenge, endlich zucken wir die +Achsel und verweisen ihn zur Geduld. Nur wenn beide Faelle +zusammenkommen, wenn der Einsame auch seines Koerpers nicht maechtig +ist, wenn dem Kranken ebensowenig jemand anders hilft, als er sich +selbst helfen kann, und seine Klagen in der oeden Luft verfliegen: +alsdann sehen wir alles Elend, was die menschliche Natur treffen kann, +ueber den Ungluecklichen zusammenschlagen, und jeder fluechtige Gedanke, +mit dem wir uns an seiner Stelle denken, erreget Schaudern und +Entsetzen. Wir erblicken nichts als die Verzweiflung in ihrer +schrecklichsten Gestalt vor uns, und kein Mitleid ist staerker, keines +zerschmelzet mehr die ganze Seele, als das, welches sich mit +Vorstellungen der Verzweiflung mischet. Von dieser Art ist das +Mitleid, welches wir fuer den Philoktet empfinden, und in dem +Augenblicke am staerksten empfinden, wenn wir ihn auch seines Bogens +beraubt sehen, des einzigen, was ihm sein kuemmerliches Leben erhalten +musste.--O des Franzosen, der keinen Verstand, dieses zu ueberlegen, +kein Herz, dieses zu fuehlen, gehabt hat! Oder wann er es gehabt hat, +der klein genug war, dem armseligen Geschmacke seiner Nation alles +dieses aufzuopfern. Chateaubrun gibt dem Philoktet Gesellschaft. Er +laesst eine Prinzessin Tochter zu ihm in die wueste Insel kommen. Und +auch diese ist nicht allein, sondern hat ihre Hofmeisterin bei sich; +ein Ding, von dem ich nicht weiss, ob es die Prinzessin oder der +Dichter noetiger gebraucht hat. Das ganze vortreffliche Spiel mit dem +Bogen hat er weggelassen. Dafuer laesst er schoene Augen spielen. +Freilich wuerden Pfeil und Bogen der franzoesischen Heldenjugend sehr +lustig vorgekommen sein. Nichts hingegen ist ernsthafter als der +Zorn schoener Augen. Der Grieche martert uns mit der greulichen +Besorgung, der arme Philoktet werde ohne seinen Bogen auf der wuesten +Insel bleiben und elendiglich umkommen muessen. Der Franzose weiss +einen gewissern Weg zu unserm Herzen: er laesst uns fuerchten, der Sohn +des Achilles werde ohne seine Prinzessin abziehen muessen. Dieses +hiessen denn auch die Pariser Kunstrichter, ueber die Alten +triumphieren, und einer schlug vor, das Chateaubrunsche Stueck la +difficulte vaincue zu benennen 2). + +{1. Wenn der Chor das Elend des Philoktet in dieser Verbindung +betrachtet, so scheinet ihn die hilflose Einsamkeit desselben ganz +besonders zu ruehren. In jedem Worte hoeren wir den geselligen +Griechen. Ueber eine von den hierher gehoerigen Stellen habe ich +indes meinen Zweifel. Sie ist die (v. 201-205): + + In' autoV hn prosouroV, ouk ecwn basin, + Oude tin' egcwrwn, + Kakogeitona par' v stonon antitupon + Barubrvt' apoklau- + seien aimathron. + + +Die gemeine Winshemsche Uebersetzung gibt dieses so: + + Ventis expositus et pedibus captus + Nullum cohabitatorem + Nec vicinum ullum saltem malum habens, apud quem gemitum mutuum + Gravemque ac cruentum + Ederet. + + +Hiervon weicht die interpolierte Uebersetzung des Th. Johnson nur in +den Worten ab: + + Ubi ipse ventis erat expositus, firmum gradum non habens, + Nec quenquam indigenarum, + Nec malum vicinum, apud quem ploraret + Vehementer edacem + Sanguineum morbum, mutuo gemitu. + + +Man sollte glauben, er habe diese verAenderten Worte aus der +gebundenen Uebersetzung des Thomas Naogeorgus entlehnet. Denn dieser +(sein Werk ist sehr selten, und Fabricius selbst hat es nur aus dem +Oporinschen Buecherverzeichnisse gekannt) drueckt sich so aus: + + --ubi expositus fuit + Ventis ipse, gradum firmum haud habens, + Nec quenquam indigenam, nec vel malum + Vicinum, ploraret apud quem + Vehementer edacem atque cruentum + Morbum mutuo. + + +Wenn diese Uebersetzungen ihre Richtigkeit haben, so sagt der Chor das +StAerkste, was man nur immer zum Lobe der menschlichen Gesellschaft +sagen kann: Der Elende hat keinen Menschen um sich; er weiss von +keinem freundlichen Nachbar; zu gluecklich, wenn er auch nur einen +bOesen Nachbar haette! Thomson wuerde sodann diese Stelle vielleicht +vor Augen gehabt haben, wenn er den gleichfalls in eine wueste Insel +von Boesewichtern ausgesetzten Melisander sagen laesst: + + Cast on the wildest of the Cyclad isles, + Where never human foot had marked the shore, + These ruffians left me--yet beliefe me, Arcas, + Such is the rooted love we bear mankind, + All ruffians as they were, I never heard + A sound so dismal as their parting oars. + + +Auch ihm wAere die Gesellschaft von BOesewichtern lieber gewesen, als +gar keine. Ein grosser vortrefflicher Sinn! Wenn es nur gewiss waere, +dass Sophokles auch wirklich so etwas gesagt haette. Aber ich muss +ungern bekennen, dass ich nichts dergleichen bei ihm finde; es waere +denn, dass ich lieber mit den Augen des alten Scholiasten, als mit +meinen eigenen sehen wollte, welcher die Worte des Dichters so +umschreibt: Ou monon opou kalon ouk eice tina tvn egcwriwn geitona, +alla oude kakon, par' ou amoibaion logon stenazwn akouseie. Wie +dieser Auslegung die angefUehrten Uebersetzer gefolgt sind, so hat sich +auch ebensowohl Brumoy, als unser neuer deutscher Uebersetzer daran +gehalten. Jener sagt, sans societe, meme importune: und dieser +"jeder Gesellschaft, auch der beschwerlichsten beraubet". Meine +Gruende, warum ich von ihnen allen abgehen muss, sind diese. Erstlich +ist es offenbar, dass wenn kakogeitona von tin' egcwrwn getrennt +werden, und ein besonders Glied ausmachen sollte, die Partikel oude +vor kakogeitona notwendig wiederholt sein muesste. Da sie es aber +nicht ist, so ist es ebenso offenbar, dass kakogeitona zu tina gehoeret, +und das Komma nach egcwrwn wegfallen muss. Dieses Komma hat sich aus +der Uebersetzung eingeschlichen, wie ich denn wirklich finde, dass es +einige ganz griechische Ausgaben (z. E. die wittenbergische von 1585 +in Oktav, welche dem Fabricius voellig unbekannt geblieben) auch gar +nicht haben, und es erst, wie gehoerig, nach kakogeitona setzen. +Zweitens ist das wohl ein boeser Nachbar, von dem wir uns stonon +antitupon, amoibaion, wie es der Scholiast erklaert, versprechen +koennen? Wechselsweise mit uns seufzen, ist die Eigenschaft eines +Freundes, nicht aber eines Feindes. Kurz also: man hat das Wort +kakogeitona unrecht verstanden; man hat angenommen, dass es aus dem +Adjectivo kakoV zusammengesetzt sei, und es ist aus dem Substantivo +to kakon zusammengesetzt; man hat es durch einen boesen Nachbar +erklaert, und haette es durch einen Nachbar des Boesen erklaeren sollen. +So wie kakomantiV nicht einen boesen, das ist falschen, unwahren +Propheten, sondern einen Propheten des Boesen, kakotecnoV nicht einen +boesen, ungeschickten Kuenstler, sondern einen Kuenstler im Boesen +bedeuten. Unter einem Nachbar des Boesen versteht der Dichter aber +denjenigen, welcher entweder mit gleichen Unfaellen, als wir, behaftet +ist, oder aus Freundschaft an unsern Unfaellen Anteil nimmt; so dass +die ganzen Worte oud' ecwn tin' egcwrwn kakogeitona bloss durch neque +quenquam indigenarum mali socium habens zu uebersetzen sind. Der neue +englische Uebersetzer des Sophokles, Thomas Franklin, kann nicht +anders als meiner Meinung gewesen sein, indem er den boesen Nachbar in +kakogeitwn auch nicht findet, sondern es bloss durch fellow-mourner +uebersetzt: + + Expos'd to the inclement skies, + Deserted and forlorn he lyes, + No friend nor fellow-mourner there, + To sooth his sorrow, and divide his care.} + +{2. Mercure de France, Avril 1755. p. 177.} + + + +3. Nach der Wirkung des Ganzen betrachte man die einzelnen Szenen, in +welchen Philoktet nicht mehr der verlassene Kranke ist; wo er +Hoffnung hat, nun bald die trostlose EinOede zu verlassen und wieder +in sein Reich zu gelangen; wo sich also sein ganzes UnglUeck auf die +schmerzliche Wunde einschrAenkt. Er wimmert, er schreiet, er bekommt +die graesslichsten Zuckungen. Hierwider gehet eigentlich der Einwurf +des beleidigten Anstandes. Es ist ein Englaender, welcher diesen +Einwurf macht; ein Mann also, bei welchem man nicht leicht eine +falsche Delikatesse argwoehnen darf. Wie schon beruehrt, so gibt er +ihm auch einen sehr guten Grund. Alle Empfindungen und +Leidenschaften, sagt er, mit welchen andere nur sehr wenig +sympathisieren koennen, werden anstoessig, wenn man sie zu heftig +ausdrueckt 1). "Aus diesem Grunde ist nichts unanstaendiger, und einem +Manne unwuerdiger, als wenn er den Schmerz, auch den allerheftigsten, +nicht mit Geduld ertragen kann, sondern weinet und schreiet. Zwar +gibt es eine Sympathie mit dem koerperlichen Schmerze. Wenn wir sehen, +dass jemand einen Schlag auf den Arm oder das Schienbein bekommen +soll, so fahren wir natuerlicherweise zusammen, und ziehen unsern +eigenen Arm, oder Schienbein, zurueck; und wenn der Schlag wirklich +geschieht, so empfinden wir ihn gewissermassen ebensowohl, als der, +den er getroffen. Gleichwohl aber ist es gewiss, dass das Uebel, +welches wir fuehlen, gar nicht betraechtlich ist; wenn der Geschlagene +daher ein heftiges Geschrei erregt, so ermangeln wir nicht ihn zu +verachten, weil wir in der Verfassung nicht sind, ebenso heftig +schreien zu koennen, als er."--Nichts ist betrueglicher, als allgemeine +Gesetze fuer unsere Empfindungen. Ihr Gewebe ist so fein und +verwickelt, dass es auch der behutsamsten Spekulation kaum moeglich ist, +einen einzeln Faden rein aufzufassen und durch alle Kreuzfaeden zu +verfolgen. Gelingt es ihr aber auch schon, was fuer Nutzen hat es? +Es gibt in der Natur keine einzelne reine Empfindung; mit einer jeden +entstehen tausend andere zugleich, deren geringste die +Grundempfindung gaenzlich veraendert, so dass Ausnahmen ueber Ausnahmen +erwachsen, die das vermeintlich allgemeine Gesetz endlich selbst auf +eine blosse Erfahrung in wenig einzeln Faellen einschraenken.--Wir +verachten denjenigen, sagt der Englaender, den wir unter koerperlichen +Schmerzen heftig schreien hoeren. Aber nicht immer: nicht zum ersten +Male; nicht, wenn wir sehen, dass der Leidende alles moegliche anwendet, +seinen Schmerz zu verbeissen; nicht, wenn wir ihn sonst als einen +Mann von Standhaftigkeit kennen; noch weniger, wenn wir ihn selbst +unter dem Leiden Proben von seiner Standhaftigkeit ablegen sehen, +wenn wir sehen, dass ihn der Schmerz zwar zum Schreien, aber auch zu +weiter nichts zwingen kann, dass er sich lieber der laengern Fortdauer +dieses Schmerzes unterwirft, als das geringste in seiner Denkungsart, +in seinen Entschluessen aendert, ob er schon in dieser Veraenderung die +gaenzliche Endschaft seines Schmerzes hoffen darf. Das alles findet +sich bei dem Philoktet. Die moralische Groesse bestand bei den alten +Griechen in einer ebenso unveraenderlichen Liebe gegen seine Freunde, +als unwandelbarem Hasse gegen seine Feinde. Diese Groesse behaelt +Philoktet bei allen seinen Martern. Sein Schmerz hat seine Augen +nicht so vertrocknet, dass sie ihm keine Traenen ueber das Schicksal +seiner alten Freunde gewaehren koennten. Sein Schmerz hat ihn so muerbe +nicht gemacht, dass er, um ihn los zu werden, seinen Feinden vergeben, +und sich gern zu allen ihren eigennuetzigen Absichten brauchen lassen +moechte. Und diesen Felsen von einem Manne haetten die Athenienser +verachten sollen, weil die Wellen, die ihn nicht erschuettern koennen, +ihn wenigstens ertoenen machen?--Ich bekenne, dass ich an der +Philosophie des Cicero ueberhaupt wenig Geschmack finde; am +allerwenigsten aber an der, die er in dem zweiten Buche seiner +tuskulanischen Fragen ueber die Erduldung des koerperlichen Schmerzes +auskramet. Man sollte glauben, er wolle einen Gladiator abrichten, +so sehr eifert er wider den aeusserlichen Ausdruck des Schmerzes. In +diesem scheinet er allein die Ungeduld zu finden, ohne zu ueberlegen, +dass er oft nichts weniger als freiwillig ist, die wahre Tapferkeit +aber sich nur in freiwilligen Handlungen zeigen kann. Er hoert bei +dem Sophokles den Philoktet nur klagen und schreien, und uebersieht +sein uebriges standhaftes Betragen gaenzlich. Wo haette er auch sonst +die Gelegenheit zu seinem rhetorischen Ausfalle wider die Dichter +hergenommen? "Sie sollen uns weichlich machen, weil sie die +tapfersten Maenner klagend einfuehren." Sie muessen sie klagen lassen; +denn ein Theater ist keine Arena. Dem verdammten oder feilen Fechter +kam es zu, alles mit Anstand zu tun und zu leiden. Von ihm musste +kein klaeglicher Laut gehoeret, keine schmerzliche Zuckung erblickt +werden. Denn da seine Wunden, sein Tod die Zuschauer ergoetzen +sollten: so musste die Kunst alles Gefuehl verbergen lehren. Die +geringste Aeusserung desselben haette Mitleiden erweckt, und oefters +erregtes Mitleiden wuerde diesen frostig grausamen Schauspielen bald +ein Ende gemacht haben. Was aber hier nicht erregt werden sollte, +ist die einzige Absicht der tragischen Buehne, und fodert daher ein +gerade entgegengesetztes Betragen. Ihre Helden muessen Gefuehl zeigen, +muessen ihre Schmerzen aeussern, und die blosse Natur in sich wirken +lassen. Verraten sie Abrichtung und Zwang, so lassen sie unser Herz +kalt, und Klopffechter im Kothurne koennen hoechstens nur bewundert +werden. Diese Benennung verdienen alle Personen der sogenannten +Senecaschen Tragoedien, und ich bin der festen Meinung, dass die +gladiatorischen Spiele die vornehmste Ursache gewesen, warum die +Roemer in dem Tragischen noch so weit unter dem Mittelmaessigen +geblieben sind. Die Zuschauer lernten in dem blutigen Amphitheater +alle Natur verkennen, wo allenfalls ein Ktesias seine Kunst studieren +konnte, aber nimmermehr ein Sophokles. Das tragischste Genie, an +diese kuenstliche Todesszenen gewoehnet, musste auf Bombast und +Rodomontaden verfallen. Aber so wenig als solche Rodomontaden wahren +Heldenmut einfloessen koennen, ebensowenig koennen Philoktetische Klagen +weichlich machen. Die Klagen sind eines Menschen, aber die +Handlungen eines Helden. Beide machen den menschlichen Helden, der +weder weichlich noch verhaertet ist, sondern bald dieses bald jenes +scheinet, so wie ihn itzt Natur, itzt Grundsaetze und Pflicht +verlangen. Er ist das Hoechste, was die Weisheit hervorbringen, und +die Kunst nachahmen kann. + +{1. The theory of moral sentiments, by Adam Smith. Part. I. sect. 2. +chap. 1. p. 41. (London 1761.)} + +4. Nicht genug, dass Sophokles seinen empfindlichen Philoktet vor der +Verachtung gesichert hat; er hat auch allem andern weislich +vorgebauet, was man sonst aus der Anmerkung des Englaenders wider ihn +erinnern koennte. Denn verachten wir schon denjenigen nicht immer, +der bei koerperlichen Schmerzen schreiet, so ist doch dieses +unwidersprechlich, dass wir nicht so viel Mitleiden fuer ihn empfinden, +als dieses Geschrei zu erfordern scheinet. Wie sollen sich also +diejenigen verhalten, die mit dem schreienden Philoktet zu tun haben? +Sollen sie sich in einem hohen Grade geruehrt stellen? Es ist wider +die Natur. Sollen sie sich so kalt und verlegen bezeigen, als man +wirklich bei dergleichen Faelle zu sein pflegt? Das wuerde die +widrigste Dissonanz fuer den Zuschauer hervorbringen. Aber, wie +gesagt, auch diesem hat Sophokles vorgebauet. Dadurch naemlich, dass +die Nebenpersonen ihr eigenes Interesse haben; dass der Eindruck, +welchen das Schreien des Philoktet auf sie macht, nicht das einzige +ist, was sie beschaeftiget, und der Zuschauer daher nicht sowohl auf +die Disproportion ihres Mitleids mit diesem Geschrei, als vielmehr +auf die Veraenderung achtgibt, die in ihren eigenen Gesinnungen und +Anschlaegen durch das Mitleid, sei es so schwach oder so stark es will, +entstehet, oder entstehen sollte. Neoptolem und der Chor haben den +ungluecklichen Philoktet hintergangen; sie erkennen, in welche +Verzweiflung ihn ihr Betrug stuerzen werde; nun bekommt er seinen +schrecklichen Zufall vor ihren Augen; kann dieser Zufall keine +merkliche sympathetische Empfindung in ihnen erregen, so kann er sie +doch antreiben, in sich zu gehen, gegen so viel Elend Achtung zu +haben, und es durch Verraeterei nicht haeufen zu wollen. Dieses +erwartet der Zuschauer, und seine Erwartung findet sich von dem +edelmuetigen Neoptolem nicht getaeuscht. Philoktet, seiner Schmerzen +Meister, wuerde den Neoptolem bei seiner Verstellung erhalten haben. +Philoktet, den sein Schmerz aller Verstellung unfaehig macht, so +hoechst noetig sie ihm auch scheinet, damit seinen kuenftigen +Reisegefaehrten das Versprechen, ihn mit sich zu nehmen, nicht zu bald +gereue; Philoktet, der ganz Natur ist, bringt auch den Neoptolem zu +seiner Natur wieder zurueck. Diese Umkehr ist vortrefflich, und um so +viel ruehrender, da sie von der blossen Menschlichkeit bewirket wird. +Bei dem Franzosen haben wiederum die schoenen Augen ihren Teil daran +2). Doch ich will an diese Parodie nicht mehr denken.--Des naemlichen +Kunstgriffs, mit dem Mitleiden, welches das Geschrei ueber koerperliche +Schmerzen hervorbringen sollte, in den Umstehenden einen andern +Affekt zu verbinden, hat sich Sophokles auch in den "Trachinerinnen" +bedient. Der Schmerz des Herkules ist kein ermattender Schmerz; er +treibt ihn bis zur Raserei, in der er nach nichts als nach Rache +schnaubet. Schon hatte er in dieser Wut den Lichas ergriffen, und an +dem Felsen zerschmettert. Der Chor ist weiblich; um so viel +natuerlicher muss sich Furcht und Entsetzen seiner bemeistern. Dieses, +und die Erwartung, ob noch ein Gott dem Herkules zu Hilfe eilen, oder +Herkules unter diesem Uebel erliegen werde, macht hier das eigentliche +allgemeine Interesse, welches von dem Mitleiden nur eine geringe +Schattierung erhaelt. Sobald der Ausgang durch die Zusammenhaltung +der Orakel entschieden ist, wird Herkules ruhig, und die Bewunderung +ueber seinen letzten Entschluss tritt an die Stelle aller andern +Empfindungen. Ueberhaupt aber muss man bei der Vergleichung des +leidenden Herkules mit dem leidenden Philoktet nicht vergessen, dass +jener ein Halbgott, und dieser nur ein Mensch ist. Der Mensch schaemt +sich seiner Klagen nie; aber der Halbgott schaemt sich, dass sein +sterblicher Teil ueber den unsterblichen so viel vermocht habe, dass er +wie ein Maedchen weinen und winseln muessen 3). Wir Neuern glauben +keine Halbgoetter, aber der geringste Held soll bei uns wie ein +Halbgott empfinden, und handeln. + +{2. Act. Il. Sc. III. De mes deguisements que penserait Sophie? +sagt der Sohn des Achilles.} + +{3. Trach. v. 1088. 1089. + + --ostiV wste parJenoV + Bebruca kleiwn--} + + +Ob der Schauspieler das Geschrei und die Verzuckungen des Schmerzes +bis zur Illusion bringen kOenne, will ich weder zu verneinen noch zu +bejahen wagen. Wenn ich fAende, dass es unsere Schauspieler nicht +koennten, so mUesste ich erst wissen, ob es auch ein Garrick nicht +vermoegend waere: und wenn es auch diesem nicht gelaenge, so wuerde ich +mir noch immer die Skaevopoeie und Deklamation der Alten in einer +Vollkommenheit denken duerfen, von der wir heutzutage gar keinen +Begriff haben. + + + +V. + + +Es gibt Kenner des Altertums, welche die Gruppe Laokoon zwar fuer ein +Werk griechischer Meister, aber aus der Zeit der Kaiser halten, weil +sie glauben, dass der Virgilische Laokoon dabei zum Vorbilde gedienet +habe. Ich will von den aeltern Gelehrten, die dieser Meinung gewesen +sind, nur den Bartholomaeus Marliani 1), und von den neuern den +Montfaucon 2) nennen. Sie fanden ohne Zweifel zwischen dem +Kunstwerke und der Beschreibung des Dichters eine so besondere +Uebereinstimmung, dass es ihnen unmoeglich duenkte, dass beide von +ohngefaehr auf einerlei Umstaende sollten gefallen sein, die sich +nichts weniger, als von selbst darbieten. Dabei setzten sie voraus, +dass wenn es auf die Ehre der Erfindung und des ersten Gedankens +ankomme, die Wahrscheinlichkeit fuer den Dichter ungleich groesser sei, +als fuer den Kuenstler. + +{1. Topographiae Urbis Romae libr. IV. cap. 14. Et quanquam hi +(Agesander et Polydorus et Athenodorus Rhodii) ex Virgilii +descriptione statuam hanc formavisse videntur etc.} + +{2. Suppl. aux Ant. Expliq. T. I. p. 242. Il semble qu'Agesandre, +Polydore et Athenodore, qui en furent les ouvriers, aient travaille +comme a l'envie, pour laisser un monument, qui repondait a +l'incomparable description qu'a fait Virgile de Laocoon etc.} + +Nur scheinen sie vergessen zu haben, dass ein dritter Fall moeglich sei. +Denn vielleicht hat der Dichter ebensowenig den Kuenstler, als der +Kuenstler den Dichter nachgeahmt, sondern beide haben aus einerlei +aelteren Quelle geschoepft. Nach dem Macrobius wuerde Pisander diese +aeltere Quelle sein koennen 3). Denn als die Werke dieses griechischen +Dichters noch vorhanden waren, war es schulkundig, pueris decantatum, +dass der Roemer die ganze Eroberung und Zerstoerung Iliums, sein ganzes +zweites Buch, aus ihm nicht sowohl nachgeahmt, als treulich uebersetzt +habe. Waere nun also Pisander auch in der Geschichte des Laokoon +Virgils Vorgaenger gewesen, so brauchten die griechischen Kuenstler +ihre Anleitung nicht aus einem lateinischen Dichter zu holen, und die +Mutmassung von ihrem Zeitalter gruendet sich auf nichts. + +{3. Saturnal. lib. V. cap. 2. Quae Virgilius traxit a Graecis, +dicturumne me putetis quae vulgo nota sunt? quod Theocritum sibi +fecerit pastoralis operis autorem, ruralis Hesiodum? et quod in ipsis +Georgicis tempestatis serenitatisque signa de Arati Phaenomenis +traxerit? vel quod eversionem Trojae, cum Sinone suo, et equo ligneo, +ceterisque omnibus, quae librum secundum faciunt, a Pisandro paene ad +verbum transcripserit? qui inter Graecos poetas eminet opere, quod a +nuptiis Jovis et Junonis incipiens universas historias, quae mediis +omnibus sacculis usque ad aetatem ipsius Pisandri contigerunt, in +unam seriem coactas redegerit, et unum ex diversis hiatibus temporum +corpus effecerit? in quo opere inter historias ceteras interitus +quoque Trojae in hunc modum relatus est. Quae fideliter Maro +interpretando, fabricatus est sibi Iliacae urbis ruinam. Sed et haec +et talia ut pueris decantata praetereo.} + +Indes wenn ich notwendig die Meinung des Marliani und Montfaucon +behaupten muesste, so wuerde ich ihnen folgende Ausflucht leihen. +Pisanders Gedichte sind verloren; wie die Geschichte des Laokoon von +ihm erzaehlet worden, laesst sich mit Gewissheit nicht sagen; es ist aber +wahrscheinlich, dass es mit eben den Umstaenden geschehen sei, von +welchen wir noch itzt bei griechischen Schriftstellern Spuren finden. +Nun kommen aber diese mit der Erzaehlung des Virgils im geringsten +nicht ueberein, sondern der roemische Dichter muss die griechische +Tradition voellig nach seinem Gutduenken umgeschmolzen haben. Wie er +das Unglueck des Laokoon erzaehlet, so ist es seine eigene Erfindung; +folglich, wenn die Kuenstler in ihrer Vorstellung mit ihm harmonieren, +so koennen sie nicht wohl anders als nach seiner Zeit gelebt, und nach +seinem Vorbilde gearbeitet haben. + +Quintus Calaber laesst zwar den Laokoon einen gleichen Verdacht, wie +Virgil, wider das hoelzerne Pferd bezeigen; allein der Zorn der +Minerva, welchen sich dieser dadurch zuziehet, aeussert sich bei ihm +ganz anders. Die Erde erbebt unter dem warnenden Trojaner; Schrecken +und Angst ueberfallen ihn; ein brennender Schmerz tobet in seinen +Augen; sein Gehirn leidet; er raset; er verblindet. Erst, da er +blind noch nicht aufhoert, die Verbrennung des hoelzernen Pferdes +anzuraten, sendet Minerva zwei schreckliche Drachen, die aber bloss +die Kinder des Laokoon ergreifen. Umsonst strecken diese die Haende +nach ihrem Vater aus; der arme blinde Mann kann ihnen nicht helfen; +sie werden zerfleischt, und die Schlangen schlupfen in die Erde. Dem +Laokoon selbst geschieht von ihnen nichts; und dass dieser Umstand dem +Quintus 4) nicht eigen, sondern vielmehr allgemein angenommen muesse +gewesen sein, bezeiget eine Stelle des Lykophron, wo diese Schlangen +5) das Beiwort der Kinderfresser fuehren. + +{4. Paralip. lib. XII. v. 398-408 et v. 439-474.} + +{5. Oder vielmehr Schlange: denn Lykophron scheinet nur eine +angenommen zu haben: + +Kai paidobrvtoV porkewV nhsouV diplaV.} + +War er aber, dieser Umstand, bei den Griechen allgemein angenommen, +so wuerden sich griechische Kuenstler schwerlich erkuehnt haben, von ihm +abzuweichen, und schwerlich wuerde es sich getroffen haben, dass sie +auf eben die Art wie ein roemischer Dichter abgewichen waeren, wenn sie +diesen Dichter nicht gekannt haetten, wenn sie vielleicht nicht den +ausdruecklichen Auftrag gehabt haetten, nach ihm zu arbeiten. Auf +diesem Punkte, meine ich, muesste man bestehen, wenn man den Marliani +und Montfaucon verteidigen wollte. Virgil ist der erste und einzige +6), welcher sowohl Vater als Kinder von den Schlangen umbringen laesst; +die Bildhauer tun dieses gleichfalls, da sie es doch als Griechen +nicht haetten tun sollen: also ist es wahrscheinlich, dass sie es auf +Veranlassung des Virgils getan haben. + +{6. Ich erinnere mich, dass man das Gemaelde hierwider anfuehren koennte, +welches Eumolp bei dem Petron auslegt. Es stellte die Zerstoerung von +Troja, und besonders die Geschichte des Laokoon, vollkommen so vor, +als sie Virgil erzaehlet; und da in der naemlichen Galerie zu Neapel, +in der es stand, andere alte Gemaelde vom Zeuxis, Protogenes, Apelles +waren, so liesse sich vermuten, dass es gleichfalls ein altes +griechisches Gemaelde gewesen sei. Allein man erlaube mir, einen +Romandichter fuer keinen Historikus halten zu duerfen. Diese Galerie, +und dieses Gemaelde, und dieser Eumolp haben, allem Ansehen nach, +nirgends als in der Phantasie des Petrons existieret. Nichts verraet +ihre gaenzliche Erdichtung deutlicher, als die offenbaren Spuren einer +beinahe schuelermaessigen Nachahmung der Virgilischen Beschreibung. Es +wird sich der Muehe verlohnen, die Vergleichung anzustellen. So +Virgil: (Aeneid. lib. II. 199-224.) + + Hic aliud majus miseris multoque tremendum + Objicitur magis, atque improvida pectora turbat. + Laocoon, ductus Neptuno sorte sacerdos, + Solemnis taurum ingentem mactabat ad aras. + Ecce autem gemini a Tenedo tranquilla per alta + (Horresco referens) immensis orbibus angues + Incumbunt pelago, pariterque ad litora tendunt: + Pectora quorum inter fluctus arrecta, jubaeque + Sanguineae exsuperant undas: pars cetera pontum + Pone legit, sinuatque immensa volumine terga. + Fit sonitus spumante salo: jamque arva tenebant, + Ardentesque oculos suffecti sanguine et igni + Sibila lambebant linguis vibrantibus ora. + Diffugimus visu exsangues. Illi agmine certo + Laocoonta petunt, et primum parva duorum + Corpora natorum serpens amplexus uterque + Implicat, et miseros morsu depascitur artus. + Post ipsum, auxilio subeuntem ac tela ferentem, + Corripiunt, spirisque ligant ingentibus: et jam + Bis medium amplexi, bis collo squamea circum + Terga dati, superant capite et cervicibus altis. + Ille simul manibus tendit divellere nodos, + Perfusus sanie vittas atroque veneno: + Clamores simul horrendos ad sidera tollit. + Quales mugitus, fugit cum saucius aram + Taurus et incertam excussit cervice securim. + + +Und so Eumolp, (von dem man sagen kOennte, dass es ihm wie allen Poeten +aus dem Stegreife ergangen sei: ihr GedAechtnis hat immer an ihren +Versen ebensoviel Anteil, als ihre Einbildung): + + Ecce alia monstra. Celsa qua Tenedos mare + Dorso repellit, tumida consurgunt freta, + Undaque resultat scissa tranquillo minor. + Qualis silenti nocte remorum sonus. + Longe refertur, cum premunt classes mare, + Pulsumque marmor abiete imposita gemit. + Respicimus, angues orbibus geminis ferunt + Ad saxa fluctus: tumida quorum pectora + Rates ut altae, lateribus spumas agunt: + Dant caudae sonitum; liberae ponto jubae + Coruscant luminibus, fulmineum jubar + Incendit aequor, sibilisque undae tremunt. + Stupuere mentes. Infulis stabant sacri + Phrygioque cultu gemina nati pignora + Laocoonte, quos repente tergoribus ligant + Angues corusci: parvulas illi manus + Ad ora referunt: neuter auxilio sibi + Uterque fratri transtulit pias vices, + Morsque ipsa miseros mutuo perdit metu. + Accumulat ecce liberum funus parens, + Infirmus auxiliator; invadunt virum + Jam morte pasti, membraque ad terram trahunt. + Jacet sacerdos inter aras victima. + + +Die HauptzUege sind in beiden Stellen eben dieselben, und +verschiedenes ist mit den nAemlichen Worten ausgedrueckt. Doch das +sind Kleinigkeiten, die von selbst in die Augen fallen. Es gibt +andere Kennzeichen der Nachahmung, die feiner, aber nicht weniger +sicher sind. Ist der Nachahmer ein Mann, der sich etwas zutrauet, so +ahmet er selten nach, ohne verschOenern zu wollen; und wenn ihm dieses +Verschoenern, nach seiner Meinung, geglueckt ist, so ist er Fuchs genug, +seine Fusstapfen, die den Weg, welchen er hergekommen, verraten +wuerden, mit dem Schwanze zuzukehren. Aber eben diese eitle Begierde +zu verschoenern, und diese Behutsamkeit Original zu scheinen, entdeckt +ihn. Denn sein Verschoenern ist nichts als Uebertreibung und +unnatuerliches Raffinieren. Virgil sagt, sanguineae jubae: Petron, +liberae jubae luminibus coruscant. Virgil, ardentes oculos suffecti +sanguine er igni: Petron, fulmineum jubar incendit aequor. Virgil, +fit sonitus spumante salo: Petron, sibilis undae tremunt. So geht +der Nachahmer immer aus dem Grossen ins Ungeheuere; aus dem +Wunderbaren ins Unmoegliche. Die von den Schlangen umwundenen Knaben +sind dem Virgil ein Parergon, das er mit wenigen bedeutenden Strichen +hinsetzt, in welchen man nichts als ihr Unvermoegen und ihren Jammer +erkennet. Petron malt dieses Nebenwerk aus, und macht aus den Knaben +ein Paar heldenmuetige Seelen, + + --neuter auxilio sibi, + Uterque fratri transtulit pias vices, + Morsque ipsa miseros mutuo perdit metu. + + +Wer erwartet von Menschen, von Kindern, diese Selbstverleugnung? Wie +viel besser kannte der Grieche die Natur, (Quintus Calaber lib. XII. +v. 459-461.) welcher, bei Erscheinung der schrecklichen Schlangen, +sogar die MUetter ihrer Kinder vergessen lAesst, so sehr war jedes nur +auf seine eigene Erhaltung bedacht. + + --enJa gunaikeV + Oimwzon, kai pou tiV ewn epelhsato teknwn, + Auth aleuomenh stugeron moron-- + + +Zu verbergen sucht sich der Nachahmer gemeiniglich dadurch, dass er +den GegenstAenden eine andere Beleuchtung gibt, die Schatten des +Originals heraus-, und die Lichter zurUecktreibt. Virgil gibt sich +Muehe, die GrOesse der Schlangen recht sichtbar zu machen, weil von +dieser Groesse die Wahrscheinlichkeit der folgenden Erscheinung abhaengt; +das Geraeusche, welches sie verursachen, ist nur eine Nebenidee, und +bestimmt, den Begriff der Groesse auch dadurch lebhafter zu machen. +Petron hingegen macht diese Nebenidee zur Hauptsache, beschreibt das +Geraeusch mit aller moeglichen Ueppigkeit, und vergisst die Schilderung +der Groesse so sehr, dass wir sie nur fast aus dem Geraeusche schliessen +muessen. Es ist schwerlich zu glauben, dass er in diese +Ungeschicklichkeit verfallen waere, wenn er bloss aus seiner Einbildung +geschildert, und kein Muster vor sich gehabt haette, dem er +nachzeichnen, dem er aber nachgezeichnet zu haben, nicht verraten +wollen. So kann man zuverlaessig jedes poetische Gemaelde, das in +kleinen Zoegen ueberladen, und in den grossen fehlerhaft ist, fuer eine +verunglueckte Nachahmung halten, es mag sonst so viele kleine +Schoenheiten haben als es will, und das Original mag sich lassen +angeben koennen oder nicht.} + +Ich empfinde sehr wohl, wieviel dieser Wahrscheinlichkeit zur +historischen Gewissheit mangelt. Aber da ich auch nichts Historisches +weiter daraus schliessen will, so glaube ich wenigstens, dass man sie +als eine Hypothesis kann gelten lassen, nach welcher der Kritikus +seine Betrachtungen anstellen darf. Bewiesen oder nicht bewiesen, +dass die Bildhauer dem Virgil nachgearbeitet haben, ich will es bloss +annehmen, um zu sehen, wie sie ihm sodann nachgearbeitet haetten. +Ueber das Geschrei habe ich mich schon erklaert. Vielleicht, dass +mich die weitere Vergleichung auf nicht weniger unterrichtende +Bemerkungen leitet. + +Der Einfall, den Vater mit seinen beiden Soehnen durch die moerdrischen +Schlangen in einen Knoten zu schuerzen, ist ohnstreitig ein sehr +gluecklicher Einfall, der von einer ungemein malerischen Phantasie +zeuget. Wem gehoert er? Dem Dichter, oder den Kuenstlern? Montfaucon +will ihn bei dem Dichter nicht finden 1). Aber ich meine, Montfaucon +hat den Dichter nicht aufmerksam genug gelesen. + +{1. Suppl. aux Antiq. Expl. T. I. p. 243. Il y a quelque petite +difference entre ce que dit Virgile, et ce que le marbre represente. +Il semble, selon ce que dit le poete, que les serpents quitterent les +deux enfants pour venir entortiller le pere, au lieu que dans ce +marbre ils lient en meme temps les enfants et leur pere.} + + --illi agmine certo + Laocoonta petunt, et primum parva duorum + Corpora natorum serpens amplexus uterque + Implicat et miseros morsu depascitur artus. + Post ipsum, auxilio subeuntem et tela ferentem + Corripiunt, spirisque ligant ingentibus-- + + +Der Dichter hat die Schlangen von einer wunderbaren LAenge geschildert. +Sie haben die Knaben umstrickt, und da der Vater ihnen zu Hilfe +kOemmt, ergreifen sie auch ihn (corripiunt). Nach ihrer Groesse konnten +sie sich nicht auf einmal von den Knaben loswinden; es musste also +einen Augenblick geben, da sie den Vater mit ihren Koepfen und +Vorderteilen schon angefallen hatten, und mit ihren Hinterteilen die +Knaben noch verschlungen hielten. Dieser Augenblick ist in der +Fortschreitung des poetischen Gemaeldes notwendig; der Dichter laesst +ihn sattsam empfinden; nur ihn auszumalen, dazu war itzt die Zeit +nicht. Dass ihn die alten Ausleger auch wirklich empfunden haben, +scheinet eine Stelle des Donatus 2) zu bezeigen. Wieviel weniger +wird er den KUenstlern entwischt sein, in deren verstaendiges Auge +alles, was ihnen vorteilhaft werden kann, so schnell und deutlich +einleuchtet? + +{2. Donatus ad v. 227. lib. II. Aeneid. Mirandum non est, clipeo et +simulacri vestigiis tegi potuisse, quos supra et longos et validos +dixit, et multiplici ambitu circumdedisse Laocoontis corpus ac +liberorum, et fuisse superfluam partem. Mich duenkt uebrigens, dass in +dieser Stelle aus den Worten mirandum non est entweder das non +wegfallen muss oder am Ende der ganze Nachsatz mangelt. Denn da die +Schlangen so ausserordentlich gross waren, so ist es allerdings zu +verwundern, dass sie sich unter dem Schilde der Goettin verbergen +koennen, wenn dieses Schild nicht selbst sehr gross war und zu einer +kolossalischen Figur gehoerte. Und die Versicherung hievon musste der +mangelnde Nachsatz sein; oder das non hat keinen Sinn.} + +In den Windungen selbst, mit welchen der Dichter die Schlangen um den +Laokoon fuehret, vermeidet er sehr sorgfaeltig die Arme, um den Haenden +alle ihre Wirksamkeit zu lassen. + +Ille simul manibus tendit divellere nodos. + +Hierin mussten ihm die Kuenstler notwendig folgen. Nichts gibt mehr +Ausdruck und Leben, als die Bewegung der Haende; im Affekte besonders, +ist das sprechendste Gesicht ohne sie unbedeutend. Arme, durch die +Ringe der Schlangen fest an den Koerper geschlossen, wuerden Frost und +Tod ueber die ganze Gruppe verbreitet haben. Also sehen wir sie, an +der Hauptfigur sowohl als an den Nebenfiguren, in voelliger Taetigkeit, +und da am meisten beschaeftiget, wo gegenwaertig der heftigste Schmerz +ist. + +Weiter aber auch nichts, als diese Freiheit der Arme, fanden die +Kuenstler zutraeglich, in Ansehung der Verstrickung der Schlangen, von +dem Dichter zu entlehnen. Virgil laesst die Schlangen doppelt um den +Leib, und doppelt um den Hals des Laokoon sich winden, und hoch mit +ihren Koepfen ueber ihn herausragen. + +Bis medium amplexi, bis collo squamea circum Terga dati, superant +capite er cervicibus altis. + + +Dieses Bild fuellet unsere Einbildungskraft vortrefflich; die edelsten +Teile sind bis zum Ersticken gepresst, und das Gift gehet gerade nach +dem Gesichte. Demohngeachtet war es kein Bild fuer Kuenstler, welche +die Wirkungen des Giftes und des Schmerzes in dem Koerper zeigen +wollten. Denn um diese bemerken zu koennen, mussten die Hauptteile so +frei sein als moeglich, und durchaus musste kein aeussrer Druck auf sie +wirken, welcher das Spiel der leidenden Nerven und arbeitenden +Muskeln veraendern und schwaechen koennte. Die doppelten Windungen der +Schlangen wuerden den ganzen Leib verdeckt haben, und jene +schmerzliche Einziehung des Unterleibes, welche so sehr ausdrueckend +ist, wuerde unsichtbar geblieben sein. Was man ueber, oder unter, oder +zwischen den Windungen, von dem Leibe noch erblickt haette, wuerde +unter Pressungen und Aufschwellungen erschienen sein, die nicht von +dem innern Schmerze, sondern von der aeussern Last gewirket worden. +Der ebenso oft umschlungene Hals wuerde die pyramidalische Zuspitzung +der Gruppe, welche dem Auge so angenehm ist, gaenzlich verdorben haben; +und die aus dieser Wulst ins Freie hinausragende spitze +Schlangenkoepfe haetten einen so ploetzlichen Abfall von Mensur gehabt, +dass die Form des Ganzen aeusserst anstoessig geworden waere. Es gibt +Zeichner, welche unverstaendig genug gewesen sind, sich demohngeachtet +an den Dichter zu binden. Was denn aber auch daraus geworden, laesst +sich unter andern aus einem Blatte des Franz Cleyn 3) mit Abscheu +erkennen. Die alten Bildhauer uebersahen es mit einem Blicke, dass +ihre Kunst hier eine gaenzliche Abaenderung erfordere. Sie verlegten +alle Windungen von dem Leibe und Halse, um die Schenkel und Fuesse. +Hier konnten diese Windungen, dem Ausdrucke unbeschadet, so viel +decken und pressen, als noetig war. Hier erregten sie zugleich die +Idee der gehemmten Flucht und einer Art von Unbeweglichkeit, die der +kuenstlichen Fortdauer des naemlichen Zustandes sehr vorteilhaft ist. + +{3. In der praechtigen Ausgabe von Drydens englischem Virgil. (London +1697 in gross Folio.) Und doch hat auch dieser die Windungen der +Schlangen um den Leib nur einfach, und um den Hals fast gar nicht +gefuehrt. Wenn ein so mittelmaessiger Kuenstler anders eine +Entschuldigung verdient, so koennte ihm nur die zustatten kommen, dass +Kupfer zu einem Buche als blosse Erlaeuterungen, nicht aber als fuer +sich bestehende Kunstwerke zu betrachten sind.} + +Ich weiss nicht, wie es gekommen, dass die Kunstrichter diese +Verschiedenheit, welche sich in den Windungen der Schlangen zwischen +dem Kunstwerke und der Beschreibung des Dichters so deutlich zeiget, +gaenzlich mit Stillschweigen uebergangen haben. Sie erhebet die +Weisheit der Kuenstler ebensosehr als die andre, auf die sie alle +fallen, die sie aber nicht sowohl anzupreisen wagen, als vielmehr nur +zu entschuldigen suchen. Ich meine die Verschiedenheit in der +Bekleidung. Virgils Laokoon ist in seinem priesterlichen Ornate, und +in der Gruppe erscheinet er, mit beiden seinen Soehnen, voellig nackend. +Man sagt, es gebe Leute, welche eine grosse Ungereimtheit darin +faenden, dass ein Koenigssohn, ein Priester, bei einem Opfer, nackend +vorgestellet werde. Und diesen Leuten antworten Kenner der Kunst in +allem Ernste, dass es allerdings ein Fehler wider das uebliche sei, dass +aber die Kuenstler dazu gezwungen worden, weil sie ihren Figuren keine +anstaendige Kleidung geben koennen. Die Bildhauerei, sagen sie, koenne +keine Stoffe nachahmen; dicke Falten machten ein ueble Wirkung; aus +zwei Unbequemlichkeiten habe man also die geringste waehlen, und +lieber gegen die Wahrheit selbst verstossen, als in den Gewaendern +tadelhaft werden muessen 4). Wenn die alten Artisten bei dem Einwurfe +lachen wuerden, so weiss ich nicht, was sie zu der Beantwortung sagen +duerften. Man kann die Kunst nicht tiefer herabsetzen, als es dadurch +geschiehet. Denn gesetzt, die Skulptur koennte die verschiednen +Stoffe ebensogut nachahmen, als die Malerei: wuerde sodann Laokoon +notwendig bekleidet sein muessen? Wuerden wir unter dieser Bekleidung +nichts verlieren? Hat ein Gewand, das Werk sklavischer Haende, +ebensoviel Schoenheit als das Werk der ewigen Weisheit, ein +organisierter Koerper? Erfordert es einerlei Faehigkeiten, ist es +einerlei Verdienst, bringt es einerlei Ehre, jenes oder diesen +nachzuahmen? Wollen unsere Augen nur getaeuscht sein, und ist es +ihnen gleich viel, womit sie getaeuscht werden? + +{4. So urteilet selbst De Piles in seinen Anmerkungen ueber den Du +Fresnoy v. 210. Remarquez, s'il vous plait, que les draperies tendres +et legeres n'etant donnees qu'au sexe feminin, les anciens sculpteurs +ont evite autant qu'ils ont pu, d'habiller les figures d'hommes; +parce qu'ils ont pense, comme nous l'avons deja dit, qu'en sculpture +on ne pouvait imiter les etoffes et que les gros plis faisaient un +mauvais effet. Il y a presque autant d'exemples de cette verite, +qu'il y a parmi les antiques de figures d'hommes nus. Je rapporterai +seulement celui du Laocoon, lequel selon la vraisemblance devrait +etre vetu. En effet, quelle apparence y-a-t-il qu'un fils de roi, +qu'un pretre d'Apollon se trouvat tout nu dans la ceremonie actuelle +d'un sacrifice; car les serpents passerent de l'ile de Tenedos au +rivage de Troie, et surprirent Laocoon et ses fils dans le temps meme +qu'il sacrifiait a Neptune sur le bord de la mer, comme le marque +Virgile dans le second livre de son Eneide. Cependant les artistes, +qui sont les auteurs de ce bel ouvrage, ont bien vu, qu'ils ne +pouvaient pas leur donner de vetements convenables a leur qualite, +sans faire comme un amas de pierres, dont la masse ressemblerait a un +rocher, au lieu des trois admirables figures, qui ont ete et qui sont +toujours l'admiration des siecles. C'est pour cela que de deux +inconvenients, ils ont juge celui des draperies beaucoup plus facheux, +que celui d'aller contre la verite meme.} + +Bei dem Dichter ist ein Gewand kein Gewand; es verdeckt nichts; +unsere Einbildungskraft sieht ueberall hindurch. Laokoon habe es bei +dem Virgil, oder habe es nicht, sein Leiden ist ihr an jedem Teile +seines Koerpers einmal so sichtbar, wie das andere. Die Stirne ist +mit der priesterlichen Binde fuer sie umbunden, aber nicht umhuellet. +Ja sie hindert nicht allein nicht, diese Binde; sie verstaerkt auch +noch den Begriff, den wir uns von dem Ungluecke des Leidenden machen. + +Perfusus sanie vittas atroque veneno. + +Nichts hilft ihm seine priesterliche Wuerde; selbst das Zeichen +derselben, das ihm ueberall Ansehen und Verehrung verschafft, wird von +dem giftigen Geifer durchnetzt und entheiliget. + +Aber diesen Nebenbegriff musste der Artist aufgeben, wenn das +Hauptwerk nicht leiden sollte. Haette er dem Laokoon auch nur diese +Binde gelassen, so wuerde er den Ausdruck um ein Grosses geschwaecht +haben. Die Stirne waere zum Teil verdeckt worden, und die Stirne ist +der Sitz des Ausdruckes. Wie er also dort, bei dem Schreien, den +Ausdruck der Schoenheit aufopferte, so opferte er hier das Uebliche dem +Ausdrucke auf. Ueberhaupt war das Uebliche bei den Alten eine sehr +geringschaetzige Sache. Sie fuehlten, dass die hoechste Bestimmung ihrer +Kunst sie auf die voellige Entbehrung desselben fuehrte. Schoenheit ist +diese hoechste Bestimmung; Not erfand die Kleider, und was hat die +Kunst mit der Not zu tun? Ich gebe es zu, dass es auch eine Schoenheit +der Bekleidung gibt; aber was ist sie, gegen die Schoenheit der +menschlichen Form? Und wird der, der das Groessere erreichen kann, +sich mit dem Kleinern begnuegen? Ich fuerchte sehr, der vollkommenste +Meister in Gewaendern zeigt durch diese Geschicklichkeit selbst, woran +es ihm fehlt. + + + +VI. + + +Meine Voraussetzung, dass die Kuenstler dem Dichter nachgeahmt haben, +gereicht ihnen nicht zur Verkleinerung. Ihre Weisheit erscheinet +vielmehr durch diese Nachahmung in dem schoensten Lichte. Sie folgten +dem Dichter, ohne sich in der geringsten Kleinigkeit von ihm +verfuehren zu lassen. Sie hatten ein Vorbild, aber da sie dieses +Vorbild aus einer Kunst in die andere hinuebertragen mussten, so fanden +sie genug Gelegenheit selbst zu denken. Und diese ihre eigene +Gedanken, welche sich in den Abweichungen von ihrem Vorbilde zeigen, +beweisen, dass sie in ihrer Kunst ebenso gross gewesen sind, als er in +der seinigen. + +Nun will ich die Voraussetzung umkehren: der Dichter soll den +Kuenstlern nachgeahmt haben. Es gibt Gelehrte, die diese +Voraussetzung als eine Wahrheit behaupten 1). Dass sie historische +Gruende dazu haben koennten, wuesste ich nicht. Aber, da sie das +Kunstwerk so ueberschwenglich schoen fanden, so konnten sie sich nicht +bereden, dass es aus so spaeter Zeit sein sollte. Es musste aus der +Zeit sein, da die Kunst in ihrer vollkommensten Bluete war, weil es +daraus zu sein verdiente. + +{1. Maffei, Richardson und noch neuerlich der Herr von Hagedorn. +("Betrachtungen ueber die Malerei" S. 37. Richardson, Traite de la +peinture. Tome III. p. 513.) De Fontaines verdient es wohl nicht, +dass ich ihn diesen Maennern beifuege. Er haelt zwar, in den Anmerkungen +zu seiner Uebersetzung des Virgils, gleichfalls dafuer, dass der Dichter +die Gruppe in Augen gehabt habe; er ist aber so unwissend, dass er sie +fuer ein Werk des Phidias ausgibt.} + +Es hat sich gezeigt, dass, so vortrefflich das Gemaelde des Virgils ist, +die Kuenstler dennoch verschiedene Zuege desselben nicht brauchen +koennen. Der Satz leidet also seine Einschraenkung, dass eine gute +poetische Schilderung auch ein gutes wirkliches Gemaelde geben muesse, +und dass der Dichter nur insoweit gut geschildert habe, als ihm der +Artist in allen Zuegen folgen koenne. Man ist geneigt, diese +Einschraenkung zu vermuten, noch ehe man sie durch Beispiele erhaertet +sieht; bloss aus Erwaegung der weitern Sphaere der Poesie, aus dem +unendlichen Felde unserer Einbildungskraft, aus der Geistigkeit ihrer +Bilder, die in groesster Menge und Mannigfaltigkeit nebeneinander +stehen koennen, ohne dass eines das andere deckt oder schaendet, wie es +wohl die Dinge selbst, oder die natuerlichen Zeichen derselben in den +engen Schranken des Raumes oder der Zeit tun wuerden. + +Wenn aber das Kleinere das Groessere nicht fassen kann, so kann das +Kleinere in dem Groessern enthalten sein. Ich will sagen; wenn nicht +jeder Zug, den der malende Dichter braucht, eben die gute Wirkung auf +der Flaeche oder in dem Marmor haben kann: so moechte vielleicht jeder +Zug, dessen sich der Artist bedienet, in dem Werke des Dichters von +ebenso guter Wirkung sein koennen? Ohnstreitig; denn was wir in einem +Kunstwerke schoen finden, das findet nicht unser Auge, sondern unsere +Einbildungskraft, durch das Auge, schoen. Das naemliche Bild mag also +in unserer Einbildungskraft durch willkuerliche oder natuerliche +Zeichen wieder erregt werden, so muss auch jederzeit das naemliche +Wohlgefallen, obschon nicht in dem naemlichen Grade, wieder entstehen. + +Dieses aber eingestanden, muss ich bekennen, dass mir die Voraussetzung, +Virgil habe die Kuenstler nachgeahmet, weit unbegreiflicher wird, als +mir das Widerspiel derselben geworden ist. Wenn die Kuenstler dem +Dichter gefolgt sind, so kann ich mir von allen ihren Abweichungen +Rede und Antwort geben. Sie mussten abweichen, weil die naemlichen +Zuege des Dichters in ihrem Werke Unbequemlichkeiten verursacht haben +wuerden, die sich bei ihm nicht aeussern. Aber warum musste der Dichter +abweichen? Wann er der Gruppe in allen und jeden Stuecken treulich +nachgegangen waere, wuerde er uns nicht immer noch ein vortreffliches +Gemaelde geliefert haben 2)? Ich begreife wohl, wie seine vor sich +selbst arbeitende Phantasie ihn auf diesen und jenen Zug bringen +koennen; aber die Ursachen, warum seine Beurteilungskraft schoene Zuege, +die er vor Augen gehabt, in diese andere Zuege verwandeln zu muessen +glaubte, diese wollen mir nirgends einleuchten. + +{2. Ich kann mich desfalls auf nichts Entscheidenderes berufen, als +auf das Gedichte des Sadolet. Es ist eines alten Dichters wuerdig, +und da es sehr wohl die Stelle eines Kupfers vertreten kann, so +glaube ich es hier ganz einruecken zu duerfen. + + DE LAOCOONTIS STATUA + JACOBI SADOLETI CARMEN. + + Ecce alto terrae e cumulo, ingentisque ruinae + Visceribus, iterum reducem longinqua reduxit + Laocoonta dies; aulis regalibus olim + Qui stetit, atque tuos ornabat, Tite, penates. + Divinae simulacrum artis, nec docta vetustas + Nobilius spectabat opus, nunc celsa revisit + Exemptum tenebris redivivae moenia Romae. + Quid primum summumve loquar? miserumne parentem + Et prolem geminam? an sinuatos flexibus angues + Terribili aspectu? caudasque irasque draconum + Vulneraque et veros, saxo moriente, dolores? + Horret ad haec animus, mutaque ab imagine pulsat + Pectora non parvo pietas commixta tremori. + Prolixum bini spiris glomerantur in orbem + Ardentes colubri, et sinuosis orbibus errant + Ternaque multiplici constringunt corpora nexu. + Vix oculi sufferre valent, crudele tuendo + Exitium, casusque feros: micat alter, et ipsum + Laocoonta petit, totumque infraque supraque + Implicat er rabido tandem ferit ilia morsu. + Connexum refugit corpus, torquentia sese + Membra, latusque retro sinuatum a vulnere cernas + Ille dolore acri, et laniatu impulsus acerbo, + Dat gemitum ingentem, crudosque evellere dentes + Connixus, laevam impatiens ad terga Chelydri + Objicit: intendunt nervi, collectaque ab omni + Corpore vis frustra summis conatibus instat. + Ferre nequit rabiem, et de vulnere murmur anhelum est. + At serpens lapsu crebro redeunte subintrat + Lubricus, intortoque ligat genua infima nodo. + Absistunt surae, spirisque prementibus arctum + Crus tumet, obsepto turgent vitalia pulsu, + Liventesque atro distendunt sanguine venas. + Nec minus in natos eadem vis effera saevit + Implexuque angit rapido, miserandaque membra + Dilacerat: jamque alterius depasta cruentum + Pectus, suprema genitorem voce cientis, + Circumjectu orbis, validoque volumine fulcit. + Alter adhuc nullo violatus corpora morsu, + Dum parat adducta caudam divellere planta, + Horret ad adspectum miseri patris, haeret in illo, + Er jam jam ingentes fletus, lacrimasque cadentes + Anceps in dubio retinet timor. Ergo perenni + Qui tantum statuistis opus jam laude nitentes, + Artifices magni (quanquam et melioribus actis + Quaeritur aeternum nomen, multoque licebat + Clarius ingenium venturae tradere famae) + Attamen ad laudem quaecunque oblata facultas + Egregium hanc rapere, et summa ad fastigia niti. + Vos rigidum lapidem vivis animare figuris + Eximii, et vivos spiranti in marmore sensus + Inserere, aspicimus motumque iramque doloremque, + Et paene audimus gemitus: vos extulit olim + Clara Rhodos, vestrac jacuerunt artis honores + Tempore ab immenso, quos rursum in luce secunda + Roma videt, celebratque frequens: operisque vetusti + Gratia parta recens. Quanto praestantius ergo est + Ingenio, aut quovis extendere fata labore, + Quam fastus et opes et inanem extendere luxum. + + +(v. Leodegarii a Quercu Farrago poematum T. II. p. 63.) Auch Gruter +hat dieses Gedicht, nebst andern des Sadolets, seiner bekannten +Sammlung (Delic. Poet. Italorum Parte alt. p. 582) mit einverleibet; +allein sehr fehlerhaft. FUer bini (v. 14) lieset er vivi; fuer errant +(v. 15) oram usw.} + +Mich duenket sogar, wenn Virgil die Gruppe zu seinem Vorbilde gehabt +hAette, dass er sich schwerlich wuerde haben maessigen kOennen, die +Verstrickung aller drei Koerper in einen Knoten gleichsam nur erraten +zu lassen. Sie wuerde sein Auge zu lebhaft geruehrt haben, er wuerde +eine zu treffliche Wirkung von ihr empfunden haben, als dass sie nicht +auch in seiner Beschreibung mehr vorstechen sollte. Ich habe gesagt: +es war itzt die Zeit nicht, diese Verstrickung auszumalen. Nein; +aber ein einziges Wort mehr wuerde ihr in dem Schatten, worin sie der +Dichter lassen musste, einen sehr entscheidenden Druck vielleicht +gegeben haben. Was der Artist, ohne dieses Wort, entdecken konnte, +wuerde der Dichter, wenn er es bei dem Artisten gesehen haette, nicht +ohne dasselbe gelassen haben. + +Der Artist hatte die dringendsten Ursachen, das Leiden des Laokoon +nicht in Geschrei ausbrechen zu lassen. Wenn aber der Dichter die so +ruehrende Verbindung von Schmerz und Schoenheit in dem Kunstwerke vor +sich gehabt haette, was haette ihn ebenso unvermeidlich noetigen koennen, +die Idee von maennlichem Anstande und grossmuetiger Geduld, welche aus +dieser Verbindung des Schmerzes und der Schoenheit entspringt, so +voellig unangedeutet zu lassen, und uns auf einmal mit dem graesslichen +Geschrei seines Laokoons zu schrecken? Richardson sagt: Virgils +Laokoon muss schreien, weil der Dichter nicht sowohl Mitleid fuer ihn, +als Schrecken und Entsetzen bei den Trojanern, erregen will. Ich +will es zugeben, obgleich Richardson nicht erwogen zu haben scheinet, +dass der Dichter die Beschreibung nicht in seiner eignen Person macht, +sondern sie den Aeneas machen laesst, und gegen die Dido machen laesst, +deren Mitleid Aeneas nicht genug bestuermen konnte. Allein mich +befremdet nicht das Geschrei, sondern der Mangel aller Gradation bis +zu diesem Geschrei, auf welche das Kunstwerk den Dichter +natuerlicherweise haette bringen muessen, wann er es, wie wir +voraussetzen, zu seinem Vorbilde gehabt haette. Richardson fueget +hinzu 3): die Geschichte des Laokoon solle bloss zu der pathetischen +Beschreibung der endlichen Zerstoerung leiten; der Dichter habe sie +also nicht interessanter machen duerfen, um unsere Aufmerksamkeit, +welche diese letzte schreckliche Nacht ganz fordere, durch das +Unglueck eines einzeln Buergers nicht zu zerstreuen. Allein das heisst +die Sache aus einem malerischen Augenpunkte betrachten wollen, aus +welchem sie gar nicht betrachtet werden kann. Das Unglueck des +Laokoon und die Zerstoerung sind bei dem Dichter keine Gemaelde +nebeneinander; sie machen beide kein Ganzes aus, das unser Auge auf +einmal uebersehen koennte oder sollte; und nur in diesem Falle waere es +zu besorgen, dass unsere Blicke mehr auf den Laokoon, als auf die +brennende Stadt fallen duerften. Beider Beschreibungen folgen +aufeinander, und ich sehe nicht, welchen Nachteil es der folgenden +bringen koennte, wenn uns die vorhergehende auch noch so sehr geruehrt +haette. Es sei denn, dass die folgende an sich selbst nicht ruehrend +genug waere. + +{3. De la peinture, Tome III. p. 516. C'est l'horreur que les Troiens +ont concue contre Laocoon, qui etait necessaire a Virgile pour la +conduite de son poeme; et cela le mene a cette description pathetique +de la destruction de la patrie de son heros. Aussi Virgile n'avait +garde de diviser l'attention sur la derniere nuit, pour une grande +ville entiere, par la peinture d'un petit malheur d'un particulier.} + +Noch weniger Ursache wuerde der Dichter gehabt haben, die Windungen +der Schlangen zu veraendern. Sie beschaeftigen in dem Kunstwerke die +Haende, und verstricken die Fuesse. So sehr dem Auge diese Verteilung +gefaellt, so lebhaft ist das Bild, welches in der Einbildung davon +zurueckbleibt. Es ist so deutlich und rein, dass es sich durch Worte +nicht viel schwaecher darstellen laesst, als durch natuerliche Zeichen. + + --micat alter, et ipsum + Laocoonta petit, totumque infraque supraque + Implicat et rabido tandem ferit ilia morsu + ------ + At serpens lapsu crebro redeunte subintrat + Lubricus, intortoque ligat genua infima nodo. + + +Das sind Zeilen des Sadolet, die von dem Virgil ohne Zweifel noch +malerischer gekommen wAeren, wenn ein sichtbares Vorbild seine +Phantasie befeuert haette, und die alsdann gewiss besser gewesen waeren, +als was er uns itzt dafUer gibt: + + Bis medium amplexi, bis collo squamea circum + Terga dati, superant capite et cervicibus altis. + + +Diese ZUege fuellen unsere Einbildungskraft allerdings; aber sie muss +nicht dabei verweilen, sie muss sie nicht aufs reine zu bringen suchen, +sie muss itzt nur die Schlangen, itzt nur den Laokoon sehen, sie muss +sich nicht vorstellen wollen, welche Figur beide zusammen machen. +Sobald sie hierauf verfAellt, faengt ihr das Virgilische Bild an zu +missfallen, und sie findet es hOechst unmalerisch. + +Waeren aber auch schon die Veraenderungen, welche Virgil mit dem ihm +geliehenen Vorbilde gemacht haette, nicht ungluecklich, so waeren sie +doch bloss willkuerlich. Man ahmet nach, um aehnlich zu werden; kann +man aber aehnlich werden, wenn man ueber die Not veraendert? Vielmehr +wenn man dieses tut, ist der Vorsatz klar, dass man nicht aehnlich +werden wollen, dass man also nicht nachgeahmt habe. + +Nicht das Ganze, koennte man einwenden, aber wohl diesen und jenen +Teil. Gut; doch welches sind denn diese einzeln Teile, die in der +Beschreibung und in dem Kunstwerke so genau uebereinstimmen, dass sie +der Dichter aus diesem entlehnet zu haben scheinen koennte? Den Vater, +die Kinder, die Schlangen, das alles gab dem Dichter sowohl als dem +Artisten, die Geschichte. Ausser dem Historischen kommen sie in +nichts ueberein, als darin, dass sie Kinder und Vater in einen einzigen +Schlangenknoten verstricken. Allein der Einfall hierzu entsprang aus +dem veraenderten Umstande, dass den Vater eben dasselbe Unglueck +betroffen habe, als die Kinder. Diese Veraenderung aber, wie oben +erwaehnt worden, scheinet Virgil gemacht zu haben; denn die +griechische Tradition sagt ganz etwas anders. Folglich, wenn in +Ansehung jener gemeinschaftlichen Verstrickung, auf einer oder der +andern Seite Nachahmung sein soll, so ist sie wahrscheinlicher auf +der Seite der Kuenstler, als des Dichters zu vermuten. In allem +uebrigen weicht einer von dem andern ab; nur mit dem Unterschiede, dass +wenn es der Kuenstler ist, der die Abweichungen gemacht hat, der +Vorsatz den Dichter nachzuahmen noch dabei bestehen kann, indem ihn +die Bestimmung und die Schranken seiner Kunst dazu noetigten; ist es +hingegen der Dichter, welcher dem Kuenstler nachgeahmt haben soll, so +sind alle die beruehrten Abweichungen ein Beweis wider diese +vermeintliche Nachahmung, und diejenigen, welche sie demohngeachtet +behaupten, koennen weiter nichts damit wollen, als dass das Kunstwerk +aelter sei, als die poetische Beschreibung. + + + +VII. + + +Wenn man sagt, der Kuenstler ahme dem Dichter, oder der Dichter ahme +dem Kuenstler nach, so kann dieses zweierlei bedeuten. Entweder der +eine macht das Werk des andern zu dem wirklichen Gegenstande seiner +Nachahmung, oder sie haben beide einerlei Gegenstaende der Nachahmung, +und der eine entlehnet von dem andern die Art und Weise es +nachzuahmen. + +Wenn Virgil das Schild des Aeneas beschreibst, so ahmet er dem +Kuenstler, welcher dieses Schild gemacht hat, in der ersten Bedeutung +nach. Das Kunstwerk, nicht das was auf dem Kunstwerke vorgestellet +worden, ist der Gegenstand seiner Nachahmung, und wenn er auch schon +das mitbeschreibt, was man darauf vorgestellet sieht, so beschreibt +er es doch nur als ein Teil des Schildes, und nicht als die Sache +selbst. Wenn Virgil hingegen die Gruppe Laokoon nachgeahmet haette, +so wuerde dieses eine Nachahmung von der zweiten Gattung sein. Denn +er wuerde nicht diese Gruppe, sondern das, was diese Gruppe vorstellet, +nachgeahmt, und nur die Zuege seiner Nachahmung von ihr entlehnt +haben. + +Bei der ersten Nachahmung ist der Dichter Original, bei der andern +ist er Kopist. Jene ist ein Teil der allgemeinen Nachahmung, welche +das Wesen seiner Kunst ausmacht, und er arbeitet als Genie, sein +Vorwurf mag ein Werk anderer Kuenste, oder der Natur sein. Diese +hingegen setzt ihn gaenzlich von seiner Wuerde herab; anstatt der Dinge +selbst ahmet er ihre Nachahmungen nach, und gibt uns kalte +Erinnerungen von Zuegen eines fremden Genies, fuer urspruengliche Zuege +seines eigenen. + +Wenn indes Dichter und Kuenstler diejenigen Gegenstaende, die sie +miteinander gemein haben, nicht selten aus dem naemlichen +Gesichtspunkte betrachten muessen: so kann es nicht fehlen, dass ihre +Nachahmungen nicht in vielen Stuecken uebereinstimmen sollten, ohne dass +zwischen ihnen selbst die geringste Nachahmung oder Beeiferung +gewesen. Diese Uebereinstimmungen koennen bei zeitverwandten Kuenstlern +und Dichtern, ueber Dinge, welche nicht mehr vorhanden sind, zu +wechselsweisen Erlaeuterungen fuehren; allein dergleichen Erlaeuterungen +dadurch aufzustutzen suchen, dass man aus dem Zufalle Vorsatz macht, +und besonders dem Poeten bei jeder Kleinigkeit ein Augenmerk auf +diese Statue, oder auf jenes Gemaelde andichtet, heisst ihm einen sehr +zweideutigen Dienst erweisen. Und nicht allein ihm, sondern auch dem +Leser, dem man die schoenste Stelle dadurch, wenn Gott will, sehr +deutlich, aber auch trefflich frostig macht. + +Dieses ist die Absicht und der Fehler eines beruehmten englischen +Werks. Spence schrieb seinen "Polymetis" 1) mit vieler klassischen +Gelehrsamkeit, und in einer sehr vertrauten Bekanntschaft mit den +uebergebliebenen Werken der alten Kunst. Seinen Vorsatz, aus diesen +die roemischen Dichter zu erklaeren, und aus den Dichtern hinwiederum +Aufschluesse fuer noch unerklaerte alte Kunstwerke herzuholen, hat er +oefters gluecklich erreicht. Aber demohngeachtet behaupte ich, dass +sein Buch fuer jeden Leser von Geschmack ein ganz unertraegliches Buch +sein muss. + +{1. Die erste Ausgabe ist von 1747; die zweite von 1755 und fuehret +den Titel: Polymetis, or an enquiry concerning the agreement between +the works of the Roman poets, and the remains of the ancient artists, +being an attempt to illustrate them mutually from one another. In +ten books, by the Revd. Mr. Spence. London, printed for Dodsley. +fol. Auch ein Auszug, welchen N. Tindal aus diesem Werke gemacht hat, +ist bereits mehr als einmal gedruckt worden.} + +Es ist natuerlich, dass wenn Valerius Flaccus den gefluegelten Blitz auf +den roemischen Schilden beschreibt, + +(Nec primus radios, miles Romane, corusci Fulminis et rutilas scutis +diffuderis alas) + + +mir diese Beschreibung weit deutlicher wird, wenn ich die Abbildung +eines solchen Schildes auf einem alten Denkmale erblicke 2). Es kann +sein, dass Mars in eben der schwebenden Stellung, in welcher ihn +Addison ueber der Rhea auf einer Muenze zu sehen glaubte 3), auch von +den alten Waffenschmieden auf den Helmen und Schilden vorgestellet +wurde, und dass Juvenal einen solchen Helm oder Schild in Gedanken +hatte, als er mit einem Worte darauf anspielte, welches bis auf den +Addison ein Raetsel fuer alle Ausleger gewesen. Mich duenkt selbst, dass +ich die Stelle des Ovids, wo der ermattete Cephalus den kuehlenden +Lueften ruft: + +{2. Val. Flaccus lib. VI. v. 55. 56. Polymetis Dial. VI. p. 50.} + +{3. Ich sage, es kann sein. Doch wollte ich zehne gegen eins wetten, +dass es nicht ist.--Juvenal redet von den ersten Zeiten der Republik, +als man noch von keiner Pracht und Ueppigkeit wusste und der Soldat das +erbeutete Gold und Silber nur auf das Geschirr seines Pferdes und auf +seine Waffen verwandte. (Sat. XI. v. 100 bis 107.) + + Tunc rudis et Grajas mirari nescius artes + Urbibus eversis praedarum in parte reperta + Magnorum artificum frangebat pocula miles, + Ut phaleris gauderet equus, caelataque cassis + Romuleae simulacra ferae mansuescere jussae + Imperii fato, geminos sub rupe Quirinos, + Ac nudam effigiem clipeo fulgentis et hasta + Pendentisque dei perituro ostenderet hosti. + + +Der Soldat zerbrach die kostbarsten Becher, die MeisterstUecke grosser +Kuenstler, um eine WOelfin, einen kleinen Romulus und Remus daraus +arbeiten zu lassen, womit er seinen Helm ausschmueckte. Alles ist +verstAendlich, bis auf die letzten zwei Zeilen, in welchen der Dichter +fortfaehrt, noch ein solches getriebenes Bild auf den Helmen der alten +Soldaten zu beschreiben. So viel sieht man wohl, dass dieses Bild der +Gott Mars sein soll; aber was soll das Beiwort pendentis, welches er +ihm gibt, bedeuten? Rigaltius fand eine alte Glosse, die es durch +quasi ad ictum se inclinantis erklaert. Lubinus meinet, das Bild sei +auf dem Schilde gewesen, und da das Schild an dem Arme haenge, so habe +der Dichter auch das Bild haengend nennen koennen. Allein dieses ist +wider die Konstruktion; denn das zu ostenderet gehoerige Subjektum ist +nicht miles, sondern cassis. Britannicus will, alles was hoch in der +Luft stehe, koenne hangend heissen, und also auch dieses Bild ueber oder +auf dem Helme. Einige wollen gar perdentis dafuer lesen, um einen +Gegensatz mit dem folgenden perituro zu machen, den aber nur sie +allein schoen finden duerften. Was sagt nun Addison bei dieser +Ungewissheit? Die Ausleger, sagt er, irren sich alle, und die wahre +Meinung ist ganz gewiss diese. (S. dessen Reisen deut. Uebers. S. +249.) "Da die roemischen Soldaten sich nicht wenig auf den Stifter und +kriegerischen Geist ihrer Republik einbildeten, so waren sie gewohnt +auf ihren Helmen die erste Geschichte des Romulus zu tragen, wie er +von einem Gotte erzeugt, und von einer Woelfin gesaeuget worden. Die +Figur des Gottes war vorgestellt, wie er sich auf die Priesterin Ilia, +oder wie sie andere nennen, Rhea Sylvia, herablaesst, und in diesem +Herablassen schien sie ueber der Jungfrau in der Luft zu schweben, +welches denn durch das Wort pendentis sehr eigentlich und poetisch +ausgedruckt wird. Ausser dem alten Basrelief beim Bellori, welches +mich zuerst auf diese Auslegung brachte, habe ich seitdem die +naemliche Figur auf einer Muenze gefunden, die unter der Zeit des +Antoninus Pius geschlagen worden."--Da Spence diese Entdeckung des +Addison so ausserordentlich gluecklich findet, dass er sie als ein +Muster in ihrer Art, und als das staerkste Beispiel anfuehret, wie +nuetzlich die Werke der alten Artisten zur Erklaerung der klassischen +roemischen Dichter gebraucht werden koennen: so kann ich mich nicht +enthalten, sie ein wenig genauer zu betrachten. (Polymetis Dial. +VII. p. 77.)--Vors erste muss ich anmerken, dass bloss das Basrelief und +die Muenze dem Addison wohl schwerlich die Stelle des Juvenals in die +Gedanken gebracht haben wuerde, wenn er sich nicht zugleich erinnert +haette, bei dem alten Scholiasten, der in der letzten ohn' einen Zeile +anstatt fulgentis, venientis gefunden, die Glosse gelesen zu haben: +Martis ad Iliam venientis ut concumberet. Nun nehme man aber diese +Lesart des Scholiasten nicht an, sondern man nehme die an, welche +Addison selbst annimmt, und sage, ob man sodann die geringste Spur +findet, dass der Dichter die Rhea in Gedanken gehabt habe? Man sage, +ob es nicht ein wahres Hysteronproteron von ihm sein wuerde, dass er +von der Woelfin und den jungen Knaben rede, und sodann erst von dem +Abenteuer, dem sie ihr Dasein zu danken haben? Die Rhea ist noch +nicht Mutter, und die Kinder liegen schon unter dem Felsen. Man sage, +ob eine Schaeferstunde wohl ein schickliches Emblema auf dem Helme +eines roemischen Soldaten gewesen waere? Der Soldat war auf den +goettlichen Ursprung seines Stifters stolz; das zeigten die Woelfin und +die Kinder genugsam; musste er auch noch den Mars im Begriffe einer +Handlung zeigen, in der er nichts weniger als der fuerchterliche Mars +war? Seine Ueberraschung der Rhea mag auf noch so viel alten Marmorn +und Muenzen zu finden sein, passt sie darum auf das Stueck einer +Ruestung? Und welches sind denn die Marmor und Muenzen auf welchen sie +Addison fand, und wo er den Mars in dieser schwebenden Stellung sahe? +Das alte Basrelief, worauf er sich beruft, soll Bellori haben. Aber +die Admiranda, welches seine Sammlung der schoensten alten Basreliefs +ist, wird man vergebens darnach durchblaettern. Ich habe es nicht +gefunden, und auch Spence muss es weder da, noch sonst wo gefunden +haben, weil er es gaenzlich mit Stillschweigen uebergeht. Alles koemmt +also auf die Muenze an. Nun betrachte man diese bei dem Addison +selbst. Ich erblicke eine liegende Rhea; und da dem Stempelschneider +der Raum nicht erlaubte, die Figur des Mars mit ihr auf gleichem +Boden zu stellen, so stehet er ein wenig hoeher. Das ist es alles; +Schwebendes hat sie ausser diesem nicht das geringste. Es ist wahr, +in der Abbildung, die Spence davon gibt, ist das Schweben sehr stark +ausgedruckt; die Figur faellt mit dem Oberteile weit vor; und man +sieht deutlich, dass es kein stehender Koerper ist, sondern dass, wenn +es kein fallender Koerper sein soll, es notwendig ein schwebender sein +muss. Spence sagt, er besitze diese Muenze selbst. Es waere hart, +obschon in einer Kleinigkeit, die Aufrichtigkeit eines Mannes in +Zweifel zu ziehen. Allein ein gefasstes Vorurteil kann auch auf +unsere Augen Einfluss haben; zudem konnte er es zum Besten seiner +Leser fuer erlaubt halten, den Ausdruck, welchen er zu sehen glaubte, +durch seinen Kuenstler so verstaerken zu lassen, dass uns ebensowenig +Zweifel desfalls uebrigbliebe, als ihm selbst. So viel ist gewiss, dass +Spence und Addison eben dieselbe Muenze meinen, und dass sie sonach +entweder bei diesem sehr verstellt, oder bei jenem sehr verschoenert +sein muss. Doch ich habe noch eine andere Anmerkung wider dieses +vermeintliche Schweben des Mars. Diese naemlich: dass ein schwebender +Koerper, ohne eine scheinbare Ursache, durch welche die Wirkung seiner +Schwere verhindert wird, eine Ungereimtheit ist, von der man in den +alten Kunstwerken kein Exempel findet. Auch die neue Malerei +erlaubet sich dieselbe nie, sondern wenn ein Koerper in der Luft +hangen soll, so muessen ihn entweder Fluegel halten, oder er muss auf +etwas zu ruhen scheinen, und sollte es auch nur eine blosse Wolke sein. +Wenn Homer die Thetis von dem Gestade sich zu Fusse in den Olymp +erheben laesst, Thn men ar Oulumponde podes jeron (Iliad. S. v. 148), +so verstehet der Graf Caylus die Beduerfnisse der Kunst zu wohl, als +dass er dem Maler raten sollte, die Goettin so frei die Luft +durchschreiten zu lassen. Sie muss ihren Weg auf einer Wolke nehmen +(Tableaux tires de l'Iliade p. 91), so wie er sie ein andermal auf +einen Wagen setzt (p. 131), obgleich der Dichter das Gegenteil von +ihr sagt. Wie kann es auch wohl anders sein? Ob uns schon der +Dichter die Goettin ebenfalls unter einer menschlichen Figur denken +laesst, so hat er doch alle Begriffe eines groben und schweren Stoffes +davon entfernet, und ihren menschenaehnlichen Koerper mit einer Kraft +belebt, die ihn von den Gesetzen unserer Bewegung ausnimmt. Wodurch +aber koennte die Malerei die koerperliche Figur einer Gottheit von der +koerperlichen Figur eines Menschen so vorzueglich unterscheiden, dass +unser Auge nicht beleidiget wuerde, wenn es bei der einen ganz andere +Regeln der Bewegung, der Schwere, des Gleichgewichts beobachtet faende, +als bei der andern? Wodurch anders als durch verabredete Zeichen? +In der Tat sind ein Paar Fluegel, eine Wolke auch nichts andres, als +dergleichen Zeichen. Doch von diesem ein mehreres an einem andren +Orte. Hier ist es genug, von den Verteidigern der Addisonschen +Meinung zu verlangen, mir eine andere aehnliche Figur auf alten +Denkmaelern zu zeigen, die so frei und bloss in der Luft hange. Sollte +dieser Mars die einzige in ihrer Art sein? Und warum? Hatte +vielleicht die Tradition einen Umstand ueberliefert, der ein +dergleichen Schweben in diesem Falle notwendig macht? Beim Ovid +(Fast. lib. 3.) laesst sich nicht die geringste Spur davon entdecken. +Vielmehr kann man zeigen, dass es keinen solchen Umstand koenne gegeben +haben. Denn es finden sich andere alte Kunstwerke, welche die +naemliche Geschichte vorstellen, und wo Mars offenbar nicht schwebet, +sondern gehet. Man betrachte das Basrelief beim Montfaucon (Suppl. +T. I. p. 183), das sich, wenn ich nicht irre, zu Rom in dem Palast +der Mellini befindet. Die schlafende Rhea liegt unter einem Baume, +und Mars naehert sich ihr mit leisen Schritten, und mit der +bedeutenden Zurueckstreckung der rechten Hand, mit der wir denen +hinter uns, entweder zurueckzubleiben, oder sachte zu folgen, befehlen. +Es ist vollkommen die naemliche Stellung in der er auf der Muenze +erscheinet, nur dass er hier die Lanze in der rechten und dort in der +linken Hand fuehret. Man findet oeftrer beruehmte Statuen und +Basreliefe auf alten Muenzen kopieret, als dass es auch nicht hier +koennte geschehen sein, wo der Stempelschneider den Ausdruck der +zurueckgewandten rechten Hand vielleicht nicht fuehlte und sie daher +besser mit der Lanze fuellen zu koennen glaubte.--Alles dieses nun +zusammengenommen, wie viel Wahrscheinlichkeit bleibet dem Addison +noch uebrig? Schwerlich mehr, als soviel deren die blosse Moeglichkeit +hat. Doch woher eine bessere Erklaerung, wenn diese nichts taugt? Es +kann sein, dass sich schon eine bessere unter den vom Addison +verworfenen Erklaerungen findet. Findet sich aber auch keine, was +mehr? Die Stelle des Dichters ist verdorben; sie mag es bleiben. +Und sie wird es bleiben, wenn man auch noch zwanzig neue Vermutungen +darueber auskramen wollte. Dergleichen koennte z. E. diese sein, dass +pendentis in seiner figuerlichen Bedeutung genommen werden muesse, nach +welcher es soviel als ungewiss, unentschlossen, unentschieden, heisset. +Mars pendens waere alsdenn soviel als Mars incertus oder Mars +communis. Dii communes sunt, sagt Servius, (ad v. 118. lib. XII. +Aeneid.), Mars, Bellona, Victoria, quia hi in bello utrique parti +favere possunt. Und die ganze Zeile, + +Pendentisque dei (effigiem) perituro ostenderet hosti, + +wuerde diesen Sinn haben, dass der alte roemische Soldat das Bildnis des +gemeinschaftlichen Gottes seinem demohngeachtet bald unterliegenden +Feinde unter die Augen zu tragen gewohnt gewesen sei. Ein sehr +feiner Zug, der die Siege der alten Roemer mehr zur Wirkung ihrer +eignen Tapferkeit, als zur Frucht des parteiischen Beistandes ihres +Stammvaters macht. Demohngeachtet: non liquet.} + +Aura--venias--Meque juves, intresque sinus, gratissima, nostros + + +und seine Prokris diese Aura fuer den Namen einer Nebenbuhlerin haelt, +dass ich, sage ich, diese Stelle natuerlicher finde, wenn ich aus den +Kunstwerken der Alten ersehe, dass sie wirklich die sanften Luefte +personifieret, und eine Art weiblicher Sylphen, unter dem Namen Aurae, +verehret haben 4). Ich gebe es zu, dass wenn Juvenal einen vornehmen +Taugenichts mit einer Hermessaeule vergleicht, man das Aehnliche in +dieser Vergleichung schwerlich finden duerfte, ohne eine solche Saeule +zu sehen, ohne zu wissen, dass es ein schlechter Pfeiler ist, der bloss +das Haupt, hoechstens mit dem Rumpfe, des Gottes traegt, und weil wir +weder Haende noch Fuesse daran erblicken, den Begriff der Untaetigkeit +erwecket 5).--Erlaeuterungen von dieser Art sind nicht zu verachten, +wenn sie auch schon weder allezeit notwendig noch allezeit +hinlaenglich sein sollten. Der Dichter hatte das Kunstwerk als ein +fuer sich bestehendes Ding, und nicht als Nachahmung, vor Augen; oder +Kuenstler und Dichter hatten einerlei angenommene Begriffe, demzufolge +sich auch Uebereinstimmung in ihren Vorstellungen zeigen musste, aus +welcher sich auf die Allgemeinheit jener Begriffe zurueckschliessen +laesst. + +{4. "Ehe ich", sagt Spence (Polymetis Dialogue XIII. p. 208) "mit +diesen Aurae, Luftnymphen, bekannt ward, wusste ich mich in die +Geschichte vom Cephalus und Prokris, beim Ovid, gar nicht zu finden. +Ich konnte auf keine Weise begreifen, wie Cephalus durch seine +Ausrufung, Aura venias, sie mochte auch in einem noch so zaertlichen +schmachtenden Tone erschollen sein, jemanden auf den Argwohn bringen +koennen, dass er seiner Prokris untreu sei. Da ich gewohnt war, unter +dem Worte Aura, nichts als die Luft ueberhaupt, oder einen sanften +Wind insbesondere, zu verstehen, so kam mir die Eifersucht der +Prokris noch weit ungegruendeter vor, als auch die +allerausschweifendste gemeiniglich zu sein pflegt. Als ich aber +einmal gefunden hatte, dass Aura ebensowohl ein schoenes junges Maedchen, +als die Luft bedeuten koennte, so bekam die Sache ein ganz anderes +Ansehen, und die Geschichte duenkte mich eine ziemlich vernuenftige +Wendung zu bekommen." Ich will den Beifall, den ich dieser Entdeckung, +mit der sich Spence so sehr schmeichelt, in dem Texte erteile, in +der Note nicht wieder zuruecknehmen. Ich kann aber doch nicht +unangemerkt lassen, dass auch ohne sie die Stelle des Dichters ganz +natuerlich und begreiflich ist. Man darf naemlich nur wissen, dass Aura +bei den Alten ein ganz gewoehnlicher Name fuer Frauenzimmer war. So +heisst z. E. beim Nonnus (Dionys. lib. XLVIII.) die Nymphe aus dem +Gefolge der Diana, die, weil sie sich einer maennlichem Schoenheit +ruehmte, als selbst der Goettin ihre war, zur Strafe fuer ihre +Vermessenheit, schlafend den Umarmungen des Bacchus preisgegeben ward.} + +{5. Juvenalis Satir. VIII. v. 52-55. + + --At tu + Nil nisi Cecropides; truncoque simillimus Hermae: + Nullo quippe alio vincis discrimine, quam quod + Illi marmoreum caput est, tua vivit imago. + + +Wenn Spence die griechischen Schriftsteller mit in seinen Plan +gezogen gehabt hAette, so wUerde ihm vielleicht, vielleicht aber auch +nicht, eine alte Aesopische Fabel beigefallen sein, die aus der +Bildung einer solchen Hermessaeule ein noch weit schOeneres, und zu +ihrem Verstaendnisse weit unentbehrlicheres Licht erhaelt, als diese +Stelle des Juvenals. "Merkur", erzaehlet Aesopus, "wollte gern +erfahren, in welchem Ansehen er bei den Menschen stuende. Er verbarg +seine Gottheit, und kam zu einem Bildhauer. Hier erblickte er die +Statue des Jupiters, und fragte den Kuenstler, wie teuer er sie halte?, +Eine Drachme', war die Antwort. Merkur laechelte;,Und diese Juno?' +fragte er weiter.,Ohngefaehr--ebensoviel.' Indem ward er sein eigenes +Bild gewahr, und dachte bei sich selbst: ich bin der Bote der Goetter; +von mir koemmt aller Gewinn; mich muessen die Menschen notwendig weit +hoeher schaetzen.,Aber hier dieser Gott?' (Er wies auf sein Bild.),Wie +teuer moechte wohl der sein?',Dieser?' antwortete der Kuenstler.,O, +wenn Ihr mir jene beide abkauft, so sollt Ihr diesen obendrein haben. +'" Merkur war abgefuehrt. Allein der Bildhauer kannte ihn nicht, und +konnte also auch nicht die Absicht haben, seine Eigenliebe zu kraenken, +sondern es musste in der Beschaffenheit der Statuen selbst gegruendet +sein, warum er die letztere so geringschaetzig hielt, dass er sie zur +Zugabe bestimmte. Die geringere Wuerde des Gottes, welchen sie +vorstellte, konnte dabei nichts tun, denn der Kuenstler schaetzet seine +Werke nach der Geschicklichkeit, dem Fleisse und der Arbeit, welche +sie erfordern, und nicht nach dem Range und dem Werte der Wesen, +welche sie ausdruecken. Die Statue des Merkurs musste weniger +Geschicklichkeit, weniger Fleiss und Arbeit verlangen, wenn sie +weniger kosten sollte, als eine Statue des Jupiters oder der Juno. +Und so war es hier wirklich. Die Statuen des Jupiters und der Juno +zeigten die voellige Person dieser Goetter; die Statue des Merkurs +hingegen war ein schlechter viereckichter Pfeiler, mit dem blossen +Brustbilde desselben. Was Wunder also, dass sie obendrein gehen +konnte? Merkur uebersahe diesen Umstand, weil er sein vermeintliches +ueberwiegendes Verdienst nur allein vor Augen hatte, und so war seine +Demuetigung ebenso natuerlich, als verdient. Man wird sich vergebens +bei den Auslegern und Uebersetzern und Nachahmern der Fabeln des +Aesopus nach der geringsten Spur von dieser Erklaerung umsehen; wohl +aber koennte ich ihrer eine ganze Reihe anfuehren, wenn es sich der +Muehe lohnte, die das Maerchen geradezu verstanden, das ist, ganz und +gar nicht verstanden haben. Sie haben die Ungereimtheit, welche +darin liegt, wenn man die Statuen alle fuer Werke von einerlei +Ausfuehrung annimmt, entweder nicht gefuehlt, oder wohl noch gar +uebertrieben. Was sonst in dieser Fabel anstoessig sein koennte, waere +vielleicht der Preis, welchen der Kuenstler seinem Jupiter setzet. +Fuer eine Drachma kann ja wohl auch kein Toepfer eine Puppe machen. +Eine Drachma muss also hier ueberhaupt fuer etwas sehr Geringes stehen. +(Fab. Aesop. 90. Edit. Haupt. p. 70.)} + +Allein wenn Tibull die Gestalt des Apollo malet, wie er ihm im Traume +erschienen:--der schoenste Juengling, die Schlaefe mit dem keuschen +Lorbeer umwunden; syrische Gerueche duften aus dem gueldenen Haare, das +um den langen Nacken schwimmet; glaenzendes Weiss und Purpurroete +mischen sich auf dem ganzen Koerper, wie auf der zarten Wange der +Braut, die itzt ihrem Geliebten zugefuehret wird:--warum muessen diese +Zuege von alten beruehmten Gemaelden erborgt sein? Echions nova nupta +verecundia notabilis mag in Rom gewesen sein, mag tausend- und +tausendmal sein kopieret worden, war darum die braeutliche Scham +selbst aus der Welt verschwunden? Seit sie der Maler gesehen hatte, +war sie fuer keinen Dichter mehr zu sehen, als in der Nachahmung des +Malers 6)? Oder wenn ein anderer Dichter den Vulkan ermuedet, und +sein vor der Esse erhitztes Gesicht rot, brennend nennet: musste er es +erst aus dem Werke eines Malers lernen, dass Arbeit ermattet und Hitze +roetet 7)? Oder wenn Lucrez den Wechsel der Jahreszeiten beschreibet, +und sie, mit dem ganzen Gefolge ihrer Wirkungen in der Luft und auf +der Erde, in ihrer natuerlichen Ordnung vorueberfuehret: war Lucrez ein +Ephemeron, hatte er kein ganzes Jahr durchlebet, um alle die +Veraenderungen selbst erfahren zu haben, dass er sie nach einer +Prozession schildern musste, in welcher ihre Statuen herumgetragen +wurden? Musste er erst von diesen Statuen den alten poetischen +Kunstgriff lernen, dergleichen Abstrakta zu wirklichen Wesen zu +machen 8)? Oder Virgils pontem indignatus Araxes, dieses +vortreffliche poetische Bild eines ueber seine Ufer sich ergiessenden +Flusses, wie er die ueber ihn geschlagene Bruecke zerreisst, verliert es +nicht seine ganze Schoenheit, wenn der Dichter auf ein Kunstwerk damit +angespielet hat, in welchem dieser Flussgott als wirklich eine Bruecke +zerbrechend vorgestellet wird 9)?--Was sollen wir mit dergleichen +Erlaeuterungen, die aus der klarsten Stelle den Dichter verdraengen, um +den Einfall eines Kuenstlers durchschimmern zu lassen? + +{6. Tibullus Eleg. 4. lib. III. Polymetis Dial. VIII. p. 84.} + +{7. Statius lib. I. Silv. 5. v. 8. Polymetis Dial. VIII. p. 81.} + +{8. Lucretius de R. N. lib. V. v. 736-747 + + It Ver, et Venus, et Veneris praenuntius ante + Pinnatus graditur Zephyrus; vestigia propter + Flora quibus mater praespargens ante viai + Cuncta coloribus egregiis et odoribus opplet. + Inde loci sequitur Calor aridus, et comes una + Pulverulenta Ceres; et Etesia flabra Aquilonum. + Inde Autumnus adit; graditur simul Evius Evan: + Inde aliae tempestates ventique sequuntur, + Altitonans Volturnus et Auster fulmine pollens. + Tandem Bruma nives adfert, pigrumque rigorem + Reddit, Hiems sequitur, crepitans ac dentibus Algus. + +{9. Aeneid. lib. VIII. v. 728. Polymetis Dial. XIV. p. 230.} + +Spence erkennet diese Stelle fUer eine von den schOensten in dem ganzen +Gedichte des Lucrez. Wenigstens ist sie eine von denen, auf welche +sich die Ehre des Lucrez als Dichter gruendet. Aber wahrlich, es +heisst ihm diese Ehre schmAelern, ihn voellig darum bringen wollen, wenn +man sagt: Diese ganze Beschreibung scheinet nach einer alten +Prozession der vergoetterten Jahreszeiten, nebst ihrem Gefolge, +gemacht zu sein. Und warum das? "Darum," sagt der Engelaender, "weil +bei den Roemern ehedem dergleichen Prozessionen mit ihren Goettern +ueberhaupt, ebenso gewoehnlich waren, als noch itzt in gewissen Laendern +die Prozessionen sind, die man den Heiligen zu Ehren anstellet; und +weil hiernaechst alle Ausdruecke, welche der Dichter hier braucht, auf +eine Prozession recht sehr wohl passen" (come in very aptly, if +applied to a procession). Treffliche Gruende! Und wie vieles waere +gegen den letzteren noch einzuwenden. Schon die Beiwoerter, welche +der Dichter den personifierten Abstrakten gibt, Calor aridus, Ceres +pulverulenta, Volturnus altitonans, fulmine pollens Auster, Algus +dentibus crepitans, zeigen, dass sie das Wesen von ihm, und nicht von +dem Kuenstler haben, der sie ganz anders haette charakterisieren muessen. +Spence scheinet uebrigens auf diesen Einfall von einer Prozession +durch Abraham Preigern gekommen zu sein, welcher in seinen +Anmerkungen ueber die Stelle des Dichters sagt: Ordo est quasi pompae +cujusdam, Ver et Venus, Zephyrus et Flora etc. Allein dabei haette es +auch Spence nur sollen bewenden lassen. Der Dichter fuehret die +Jahreszeiten gleichsam in einer Prozession auf; das ist gut. Aber er +hat es von einer Prozession gelernt, sie so aufzufuehren; das ist sehr +abgeschmackt.} + +Ich bedaure, dass ein so nuetzliches Buch, als "Polymetis" sonst sein +koennte, durch diese geschmacklose Grille, den alten Dichter statt +eigentuemlicher Phantasie, Bekanntschaft mit fremder unterzuschieben, +so ekel, und den klassischen Schriftstellern weit nachteiliger +geworden ist, als ihnen die waessrigen Auslegungen der schalsten +Wortforscher nimmermehr sein koennen. Noch mehr bedauere ich, dass +Spencen selbst Addison hierin vorgegangen, der aus loeblicher Begierde, +die Kenntnis der alten Kunstwerke zu einem Auslegungsmittel zu +erheben, die Faelle ebensowenig unterschieden hat, in welchen die +Nachahmung des Kuenstlers dem Dichter anstaendig, in welchen sie ihm +verkleinerlich ist 10). + +{10. In verschiedenen Stellen seiner Reisen und seines Gespraeches +ueber die alten Muenzen.} + + + +VIII. + + +Von der Aehnlichkeit, welche die Poesie und Malerei miteinander haben, +macht sich Spence die allerseltsamsten Begriffe. Er glaubet, dass +beide Kuenste bei den Alten so genau verbunden gewesen, dass sie +bestaendig Hand in Hand gegangen, und der Dichter nie den Maler, der +Maler nie den Dichter aus den Augen verloren habe. Dass die Poesie +die weitere Kunst ist, dass ihr Schoenheiten zu Gebote stehen, welche +die Malerei nicht zu erreichen vermag; dass sie oefters Ursachen haben +kann, die unmalerischen Schoenheiten den malerischen vorzuziehen: +daran scheinet er gar nicht gedacht zu haben, und ist daher bei dem +geringsten Unterschiede, den er unter den alten Dichtern und Artisten +bemerkt, in einer Verlegenheit, die ihn auf die wunderlichsten +Ausfluechte von der Welt bringt. + +Die alten Dichter geben dem Bacchus meistenteils Hoerner. Es ist also +doch wunderbar, sagt Spence, dass man diese Hoerner an seinen Statuen +so selten erblickt 1). Er faellt auf diese, er faellt auf eine andere +Ursache; auf die Unwissenheit der Antiquare, auf die Kleinheit der +Hoerner selbst, die sich unter den Trauben und Efeublaettern, dem +bestaendigen Kopfputze des Gottes, moechten verkrochen haben. Er +windet sich um die wahre Ursache herum, ohne sie zu argwoehnen. Die +Hoerner des Bacchus waren keine natuerliche Hoerner, wie sie es an den +Faunen und Satyren waren. Sie waren ein Stirnschmuck, den er +aufsetzen und ablegen konnte. + +{1. Polymetis Dial. IX. p. 129.} + + --Tibi, cum sine cornibus adstas + Virgineum caput est:-- + + +heisst es in der feierlichen Anrufung des Bacchus beim Ovid 2). Er +konnte sich also auch ohne HOerner zeigen; und zeigte sich ohne Hoerner, +wenn er in seiner jungfrAeulichen Schoenheit erscheinen wollte. In +dieser wollten ihn nun auch die KUenstler darstellen, und mussten daher +alle Zusaetze von uebler Wirkung an ihm vermeiden. Ein solcher Zusatz +waeren die Hoerner gewesen, die an dem Diadem befestiget waren, wie man +an einem Kopfe in dem koeniglichen Kabinett zu Berlin sehen kann 3). +Ein solcher Zusatz war das Diadem selbst, welches die schoene Stirne +verdeckte, und daher an den Statuen des Bacchus ebenso selten +vorkoemmt, als die Hoerner, ob es ihm schon, als seinem Erfinder, von +den Dichtern ebenso oft beigeleget wird. Dem Dichter gaben die +Hoerner und das Diadem feine Anspielungen auf die Taten und den +Charakter des Gottes: dem Kuenstler hingegen wurden sie Hinderungen +groessere Schoenheiten zu zeigen, und wenn Bacchus, wie ich glaube eben +darum den Beinamen Biformis, DimorjoV, hatte, weil er sich sowohl +schoen als schrecklich zeigen konnte, so war es wohl natuerlich, dass +der Kuenstler diejenige von seiner Gestalt am liebsten waehlte, die der +Bestimmung seiner Kunst am meisten entsprach. + +{2. Metamorph. lib. IV. v. 19. 20.} + +{3. Begeri Thes. Brandenb. Vol. III. p. 240.} + +Minerva und Juno schleudern bei den roemischen Dichtern oefters den +Blitz. Aber warum nicht auch in ihren Abbildungen? fragt Spence 4). +Er antwortet: es war ein besonderes Vorrecht dieser zwei Goettinnen, +wovon man den Grund vielleicht erst in den samothracischen +Geheimnissen erfuhr; weil aber die Artisten bei den alten Roemern als +gemeine Leute betrachtet, und daher zu diesen Geheimnissen selten +zugelassen wurden, so wussten sie ohne Zweifel nichts davon, und was +sie nicht wussten, konnten sie nicht vorstellen. Ich moechte Spencen +dagegen fragen: arbeiteten diese gemeinen Leute vor ihren Kopf, oder +auf Befehl Vornehmerer, die von den Geheimnissen unterrichtet sein +konnten? Stunden die Artisten auch bei den Griechen in dieser +Verachtung? Waren die roemischen Artisten nicht mehrenteils geborne +Griechen? Und so weiter. + +{4. Polymetis Dial. VI. p. 63.} + +Statius und Valerius Flaccus schildern eine erzuernte Venus, und mit +so schrecklichen Zuegen, dass man sie in diesem Augenblicke eher fuer +eine Furie, als fuer die Goettin der Liebe halten sollte. Spence +siehet sich in den alten Kunstwerken vergebens nach einer solchen +Venus um. Was schliesst er daraus? Dass dem Dichter mehr erlaubt ist +als dem Bildhauer und Maler? Das haette er daraus schliessen sollen; +aber er hat es einmal fuer allemal als einen Grundsatz angenommen, dass +in einer poetischen Beschreibung nichts gut sei, was unschicklich +sein wuerde, wenn man es in einem Gemaelde, oder an einer Statue +vorstellt 5). Folglich muessen die Dichter gefehlt haben. "Statius +und Valerius sind aus einer Zeit, da die roemische Poesie schon in +ihrem Verfalle war. Sie zeigen auch hierin ihren verderbten +Geschmack, und ihre schlechte Beurteilungskraft. Bei den Dichtern +aus einer bessern Zeit wird man dergleichen Verstossungen wider den +malerischen Ausdruck nicht finden 6)." + +{5. Polymetis Dialogue XX. p. 31 1. Scarce any thing can be good in a +poetical description, which would appear absurd, if represented in a +statue or picture.} + +{6. Polymetis Dial. VII. p. 74.} + +So etwas zu sagen, braucht es wahrlich wenig Unterscheidungskraft. +Ich will indes mich weder des Statius noch des Valerius in diesem +Fall annehmen, sondern nur eine allgemeine Anmerkung machen. Die +Goetter und geistigen Wesen, wie sie der Kuenstler vorstellet, sind +nicht voellig ebendieselben, welche der Dichter braucht. Bei dem +Kuenstler sind sie personifierte Abstrakta, die bestaendig die naemliche +Charakterisierung behalten muessen, wenn sie erkenntlich sein sollen. +Bei dem Dichter hingegen sind sie wirkliche handelnde Wesen, die ueber +ihren allgemeinen Charakter noch andere Eigenschaften und Affekten +haben, welche nach Gelegenheit der Umstaende vor jenen vorstechen +koennen. Venus ist dem Bildhauer nichts als die Liebe; er muss ihr +also alle die sittsame verschaemte Schoenheit, alle die holden Reize +geben, die uns an geliebten Gegenstaenden entzuecken, und die wir daher +mit in den abgesonderten Begriff der Liebe bringen. Die geringste +Abweichung von diesem Ideal laesst uns sein Bild verkennen. Schoenheit, +aber mit mehr Majestaet als Scham, ist schon keine Venus, sondern eine +Juno. Reize, aber mehr gebieterische, maennliche, als holde Reize, +geben eine Minerva statt einer Venus. Vollends eine zuernende Venus, +eine Venus von Rache und Wut getrieben, ist dem Bildhauer ein wahrer +Widerspruch; denn die Liebe, als Liebe, zuernet nie, raechet sich nie. +Bei dem Dichter hingegen ist Venus zwar auch die Liebe, aber die +Goettin der Liebe, die ausser diesem Charakter, ihre eigne +Individualitaet hat, und folglich der Triebe des Abscheues ebenso +faehig sein muss, als der Zuneigung. Was Wunder also, dass sie bei ihm +in Zorn und Wut entbrennet, besonders wenn es die beleidigte Liebe +selbst ist, die sie darein versetzet? + +Es ist zwar wahr, dass auch der Kuenstler in zusammengesetzten Werken, +die Venus, oder jede andere Gottheit, ausser ihrem Charakter, als ein +wirklich handelndes Wesen, so gut wie der Dichter, einfuehren kann. +Aber alsdenn muessen wenigstens ihre Handlungen ihrem Charakter nicht +widersprechen, wenn sie schon keine unmittelbare Folgen desselben +sind. Venus uebergibt ihrem Sohne die goettlichen Waffen: diese +Handlung kann der Kuenstler, sowohl als der Dichter, vorstellen. Hier +hindert ihn nichts, der Venus alle die Anmut und Schoenheit zu geben, +die ihr als Goettin der Liebe zukommen; vielmehr wird sie eben dadurch +in seinem Werke um so viel kenntlicher. Allein wenn sieh Venus an +ihren Veraechtern, den Maennern zu Lemnos, raechen will, in vergroesserter +wilder Gestalt, mit fleckigten Wangen, in verwirrtem Haare, die +Pechfackel ergreift, ein schwarzes Gewand um sich wirft, und auf +einer finstern Wolke stuermisch herabfaehrt: so ist das kein Augenblick +fuer den Kuenstler, weil er sie durch nichts in diesem Augenblicke +kenntlich machen kann. Es ist nur ein Augenblick fuer den Dichter, +weil dieser das Vorrecht hat, einen andern, in welchem die Goettin +ganz Venus ist, so nahe, so genau damit zu verbinden, dass wir die +Venus auch in der Furie nicht aus den Augen verlieren. Dieses tut +Flaccus: + + --Neque enim alma videri + Jam tumet; aut tereti crinem subnectitur auro, + Sidereos diffusa sinus. Eadem effera et ingens + Et maculis suffecta genas; pinumque sonantem + Virginibus Stygiis, nigramque simillima pallam 7). + +{7. Argonaut. lib. II. v. 102-106.} + + +Eben dieses tut Statius: + + Illa Paphon veterem centumque altaria linquens, + Nec vultu nec crine prior, solvisse jugalem + Ceston, et Idalias procul ablegasse volucres + Fertur. Erant certe, media qui noctis in umbra + Divam, alios ignes majoraque tela gerentem, + Tartarias inter thalamis volitasse sorores + Vulgarent: utque implicitis arcana domorum + Anguibus et saeva formidine cuncta replerit + Limina 8).-- + +{8. Thebaid. lib. V. v. 61-69.} + + +Oder man kann sagen: der Dichter allein besitzet das KunststUeck, mit +negativen Zuegen zu schildern, und durch Vermischung dieser negativen +mit positiven Zuegen, zwei Erscheinungen in eine zu bringen. Nicht +mehr die holde Venus; nicht mehr das Haar mit goldenen Spangen +geheftet; von keinem azurnen Gewande umflattert; ohne ihren Guertel; +mit andern Flammen, mit grOessern Pfeilen bewaffnet; in Gesellschaft +ihr Aehnlicher Furien. Aber weil der Artist dieses Kunststueckes +entbehren muss, soll sich seiner darum auch der Dichter enthalten? +Wenn die Malerei die Schwester der Dichtkunst sein will: so sei sie +wenigstens keine eifersuechtige Schwester; und die juengere untersage +der aelteren nicht alle den Putz, der sie selbst nicht kleidet. + + + +IX. + + +Wenn man in einzeln Faellen den Maler und Dichter miteinander +vergleichen will, so muss man vor allen Dingen wohl zusehen, ob sie +beide ihre voellige Freiheit gehabt haben, ob sie ohne allen +aeusserlichen Zwang auf die hoechste Wirkung ihrer Kunst haben arbeiten +koennen. + +Ein solcher aeusserlicher Zwang war dem alten Kuenstler oefters die +Religion. Sein Werk, zur Verehrung und Anbetung bestimmt, konnte +nicht allezeit so vollkommen sein, als wenn er einzig das Vergnuegen +des Betrachters dabei zur Absicht gehabt haette. Der Aberglaube +ueberladete die Goetter mit Sinnbildern, und die schoensten von ihnen +wurden nicht ueberall als die schoensten verehret. + +Bacchus stand in seinem Tempel zu Lemnos, aus welchem die fromme +Hypsipyle ihren Vater unter der Gestalt des Gottes rettete 1), mit +Hoernern, und so erschien er ohne Zweifel in allen seinen Tempeln, +denn die Hoerner waren ein Sinnbild, welches sein Wesen mit +bezeichnete. Nur der freie Kuenstler, der seinen Bacchus fuer keinen +Tempel arbeitete, liess dieses Sinnbild weg; und wenn wir, unter den +noch uebrigen Statuen von ihm, keine mit Hoernern finden 2), so ist +dieses vielleicht ein Beweis, dass es keine von den geheiligten sind, +in welchen er wirklich verehret worden. Es ist ohnedem hoechst +wahrscheinlich, dass auf diese letzteren die Wut der frommen Zerstoerer +in den ersten Jahrhunderten des Christentums vornehmlich gefallen ist, +die nur hier und da ein Kunstwerk schonte, welches durch keine +Anbetung verunreiniget war. + +{1. Valerius Flaccus lib. II. Argonaut. v. 265-273. + + Serta patri, juvenisque comam vestesque Lyaei + Induit, et medium curru locat; aeraque circum + Tympanaque et plenas tacita formidine cistas. + Ipsa sinus hederisque ligat famularibus artus: + Pampineamque quatit ventosis ictibus hastam, + Respiciens; teneat virides velatus habenas + Ut pater, et nivea tumeant ut cornua mitra, + Et sacer ut Bacchum referat scyphus. + +{2. Der sogenannte Bacchus in dem Mediceischen Garten zu Rom (beim +Montfaucon Suppl. aux Ant. Expl. T. I. p. 154) hat kleine aus der +Stirne hervorsprossende HOerner; aber es gibt Kenner, die ihn eben +darum lieber zu einem Faune machen wollen. In der Tat sind solche +natUerliche Hoerner eine SchAendung der menschlichen Gestalt, und koennen +nur Wesen geziemen, denen man eine Art von Mittelgestalt zwischen +Menschen und Tier erteilte. Auch ist die Stellung, der luesterne +Blick nach der ueber sich gehaltenen Traube, einem Begleiter des +Weingottes anstaendiger als dem Gotte selbst. Ich erinnere mich hier, +was Clemens Alexandrinus von Alexander dem Grossen sagt (Protrept. p. +48. Edit. Pott.) Ebouleto de kai AlexandroV AmmwnoV uioV einai +dokein, kai kerasjoroV anaplattesJai proV tvn agalmatopoivn, to kalon +anJrwpou ubrisai speudwn kerati. Es war Alexanders ausdruecklicher +Wille, dass ihn der Bildhauer mit Hoernern vorstellen sollte: er war es +gern zufrieden, dass die menschliche Schoenheit in ihm mit Hoernern +beschimpft ward, wenn man ihn nur eines goettlichen Ursprunges zu sein +glaubte.} + + +Das Wort tumeant, in der letzten ohn' einen Zeile, scheinet uebrigens +anzuzeigen, dass man die Hoerner des Bacchus nicht so klein gemacht, +als sich Spence einbildet.} + +Da indes unter den aufgegrabenen Antiken sich Stuecke sowohl von der +einen als von der andern Art finden, so wuenschte ich, dass man den +Namen der Kunstwerke nur denjenigen beilegen moechte, in welchen sich +der Kuenstler wirklich als Kuenstler zeigen koennen, bei welchen die +Schoenheit seine erste und letzte Absicht gewesen. Alles andere, +woran sich zu merkliche Spuren gottesdienstlicher Verabredungen +zeigen, verdienet diesen Namen nicht, weil die Kunst hier nicht um +ihrer selbst willen gearbeitet, sondern ein blosses Hilfsmittel der +Religion war, die bei den sinnlichen Vorstellungen, die sie ihr +aufgab, mehr auf das Bedeutende als auf das Schoene sahe; ob ich schon +dadurch nicht sagen will, dass sie nicht auch oefters alles Bedeutende +in das Schoene gesetzt, oder aus Nachsicht fuer die Kunst und den +feinern Geschmack des Jahrhunderts, von jenem so viel nachgelassen +habe, dass dieses allein zu herrschen scheinen koennen. + +Macht man keinen solchen Unterschied, so werden der Kenner und der +Antiquar bestaendig miteinander im Streite liegen, weil sie einander +nicht verstehen. Wenn jener, nach seiner Einsicht in die Bestimmung +der Kunst, behauptet, dass dieses oder jenes der alte Kuenstler nie +gemacht habe, naemlich als Kuenstler nicht, freiwillig nicht: so wird +dieser es dahin ausdehnen, dass es auch weder die Religion, noch sonst +eine ausser dem Gebiete der Kunst liegende Ursache, von dem Kuenstler +habe machen lassen, von dem Kuenstler naemlich als Handarbeiter. Er +wird also mit der ersten mit der besten Figur den Kenner widerlegen +zu koennen glauben, die dieser ohne Bedenken, aber zu grossem +Aergernisse der gelehrten Welt, wieder zu dem Schutte verdammt, woraus +sie gezogen worden 3). + +{3. Als ich oben behauptete, dass die alten Kuenstler keine Furien +gebildet haetten, war es mir nicht entfallen, dass die Furien mehr als +einen Tempel gehabt, die ohne ihre Statuen gewiss nicht gewesen sind. +In dem zu Cerynea fand Pausanias dergleichen von Holz; sie waren +weder gross, noch sonst besonders merkwuerdig; es schien, dass die Kunst, +die sich nicht an ihnen zeigen koennen, es an den Bildsaeulen ihrer +Priesterinnen, die in der Halle des Tempels standen, einbringen +wollen, als welche von Stein, und von sehr schoener Arbeit waren. +(Pausanias Achaic. cap. XXV. p. 589. Edit. Kuhn.) Ich hatte +ebensowenig vergessen, dass man Koepfe von ihnen auf einem Abraxas, den +Chiffletius bekannt gemacht, und auf einer Lampe beim Licetus zu +sehen glaube. (Dissertat. sur les Furies par Banier, Memoires de +l'Academie des Inscript. T. V. p. 48.) Auch sogar die Urne von +hetrurischer Arbeit beim Gorius (Tabl. 151 Musei Etrusci), auf +welcher Orestes und Pylades erscheinen, wie ihnen zwei Furien mit +Fackeln zusetzen, war mir nicht unbekannt. Allein ich redete von +Kunstwerken, von welchen ich alle diese Stuecke ausschliessen zu koennen +glaubte. Und waere auch das letztere nicht sowohl als die uebrigen +davon auszuschliessen, so dienet es von einer andern Seite, mehr meine +Meinung zu bestaerken, als zu widerlegen. Denn so wenig auch die +hetrurischen Kuenstler ueberhaupt auf das Schoene gearbeitet, so +scheinen sie doch auch die Furien nicht sowohl durch schreckliche +Gesichtszuege, als vielmehr durch ihre Tracht und Attributa +ausgedrueckt zu haben. Diese stossen mit so ruhigem Gesichte dem +Orestes und Pylades ihre Fackeln unter die Augen, dass sie fast +scheinen, sie nur im Scherze erschrecken zu wollen. Wie fuerchterlich +sie dem Orestes und Pylades vorgekommen, laesst sich nur aus ihrer +Furcht, keineswegs aber aus der Bildung der Furien selbst abnehmen. +Es sind also Furien, und sind auch keine; sie verrichten das Amt der +Furien, aber nicht in der Verstellung von Grimm und Wut, welche wir +mit ihrem Namen zu verbinden gewohnt sind; nicht mit der Stirne, die, +wie Catull sagt, expirantis praeportat pectoris iras.--Noch kuerzlich +glaubte Herr Winckelmann, auf einem Karniole in dem Stoschischen +Kabinette, eine Furie im Laufe mit fliegendem Rocke und Haaren, und +einem Dolche in der Hand, gefunden zu haben. (Bibliothek der sch. +Wiss. V Band S. 30.) Der Herr von Hagedorn riet hierauf auch den +Kuenstlern schon an, sich diese Anzeige zunutze zu machen und die +Furien in ihren Gemaelden so vorzustellen. (Betrachtungen ueber die +Malerei S. 222.) Allein Herr Winckelmann hat hernach diese seine +Entdeckung selbst wiederum ungewiss gemacht, weil er nicht gefunden, +dass die Furien, anstatt mit Fackeln, auch mit Dolchen von den Alten +bewaffnet worden. (Descript. des pierres gravees p. 84.) Ohne +Zweifel erkennt er also die Figuren, auf Muenzen der Staedte Lyrba und +Mastaura, die Spanheim fuer Furien ausgibt (Les Cesars de Julien p. +44) nicht dafuer, sondern fuer eine Hekate triformis; denn sonst faende +sich allerdings hier eine Furie, die in jeder Hand einen Dolch fuehret, +und es ist sonderbar, dass eben diese auch in blossen ungebundenen +Haaren erscheint, die an den andern mit einem Schleier bedeckt sind. +Doch gesetzt auch, es waere wirklich so, wie es dem Herrn Winckelmann +zuerst vorgekommen: so wuerde es auch mit diesem geschnittenen Steine +eben die Bewandtnis haben, die es mit der hetrurischen Urne hat, es +waere denn, dass sich wegen Kleinheit der Arbeit gar keine Gesichtszuege +erkennen liessen. Ueberdem gehoeren auch die geschnittenen Steine +ueberhaupt, wegen ihres Gebrauchs als Siegel, schon mit zur +Bildersprache, und ihre Figuren moegen oefterer eigensinnige Symbola +der Besitzer, als freiwillige Werke der Kuenstler sein.} + +Gegenteils kann man sich aber auch den Einfluss der Religion auf die +Kunst zu gross vorstellen. Spence gibt hiervon ein sonderbares +Beispiel. Er fand beim Ovid, dass Vesta in ihrem Tempel unter keinem +persoenlichen Bilde verehret worden; und dieses duenkte ihm genug, +daraus zu schliessen, dass es ueberhaupt keine Bildsaeulen von dieser +Goettin gegeben habe, und dass alles, was man bisher dafuer gehalten, +nicht die Vesta, sondern eine Vestalin vorstelle 4). Eine seltsame +Folge! Verlor der Kuenstler darum sein Recht, ein Wesen, dem die +Dichter eine bestimmte Persoenlichkeit geben, das sie zur Tochter des +Saturnus und der Ops machen, das sie in Gefahr kommen lassen, unter +die Misshandlungen des Priapus zu fallen, und was sie sonst von ihr +erzaehlen, verlor er, sage ich, darum sein Recht, dieses Wesen auch +nach seiner Art zu personifieren, weil es in einem Tempel nur unter +dem Sinnbilde des Feuers verehret ward? Denn Spence begehet dabei +noch diesen Fehler, dass er das, was Ovid nur von einem gewissen +Tempel der Vesta, naemlich von dem zu Rom sagt5), auf alle Tempel +dieser Goettin ohne Unterschied, und auf ihre Verehrung ueberhaupt, +ausdehnet. Wie sie in diesem Tempel zu Rom verehret ward, so ward +sie nicht ueberall verehret, so war sie selbst nicht in Italien +verehret worden, ehe ihn Numa erbaute. Numa wollte keine Gottheit in +menschlicher oder tierischer Gestalt vorgestellet wissen; und darin +bestand ohne Zweifel die Verbesserung, die er in dem Dienste der +Vesta machte, dass er alle persoenliche Vorstellung von ihr daraus +verbannte. Ovid selbst lehret uns, dass es vor den Zeiten des Numa +Bildsaeulen der Vesta in ihrem Tempel gegeben habe, die, als ihre +Priesterin Sylvia Mutter ward, vor Scham die jungfraeulichen Haende vor +die Augen hoben6). Dass sogar in den Tempeln, welche die Goettin ausser +der Stadt in den roemischen Provinzen hatte, ihre Verehrung nicht +voellig von der Art gewesen, als die Numa verordnet, scheinen +verschiedene alte Inschriften zu beweisen, in welchen eines +Pontificis Vestae gedacht wird7). Auch zu Korinth war ein Tempel der +Vesta ohne alle Bildsaeule, mit einem blossen Altare, worauf der Goettin +geopfert ward8). Aber hatten die Griechen darum gar keine Statuen +der Vesta? Zu Athen war eine im Prytaneo, neben der Statue des +Friedens9). Die Jasseer ruehmten von einer, die bei ihnen unter +freiem Himmel stand, dass weder Schnee noch Regen jemals auf sie +falle10). Plinius gedenkt einer sitzenden, von der Hand des Skopas, +die sich zu seiner Zeit in den Servilianischen Gaerten zu Rom +befand11). Zugegeben, dass es uns itzt schwer wird, eine blosse +Vestalin von einer Vesta selbst zu unterscheiden, beweiset dieses, +dass sie auch die Alten nicht unterscheiden koennen, oder wohl gar +nicht unterscheiden wollen? Gewisse Kennzeichen sprechen offenbar +mehr fuer die eine, als fuer die andere. Das Zepter, die Fackel, das +Palladium, lassen sich nur in der Hand der Goettin vermuten. Das +Tympanum, welches ihr Codinus beileget, koemmt ihr vielleicht nur als +der Erde zu; oder Codinus wusste selbst nicht recht, was er sahe12). + +{4. Polymetis Dial. VII. p. 81.} + +{5. Fast. lib. VI. v. 295-98. + + Esse diu stultus Vestae simulacra putavi: + Mox didici curvo nulla subesse tholo. + Ignis inexstinctus templo celatur in illo. + Effigiem nullam Vesta, nec ignis habet. + + +Ovid redet nur von dem Gottesdienste der Vesta in Rom, nur von dem +Tempel, den ihr Numa daselbst erbauet hatte, von dem er kurz zuvor (v. +259. 260) sagt: + + Regis opus placidi, quo non metuentius ullum + Numinis ingenium terra Sabina tulit.} + +{6. Fast. lib. III. v. 45. 46. + + Sylvia fit mater: Vestae simulacra feruntur + Virgineas oculis opposuisse manus. + + +Auf diese Weise hAette Spence den Ovid mit sich selbst vergleichen +sollen. Der Dichter redet von verschiedenen Zeiten. Hier von den +Zeiten vor dem Numa, dort von den Zeiten nach ihm. In jenen ward sie +in Italien unter persOenlichen Vorstellungen verehret, so wie sie in +Troja war verehret worden, von wannen Aeneas ihren Gottesdienst mit +herUebergebracht hatte. + + --Manibus vittas, Vestamque potentem, + Aeternumque adytis effert penetralibus ignem: + + +sagt Virgil von dem Geiste des Hektors, nachdem er dem Aeneas zur +Flucht geraten. Hier wird das ewige Feuer von der Vesta selbst, oder +ihrer BildsAeule, ausdrUecklich unterschieden. Spence muss die +rOemischen Dichter zu seinem Behufe doch noch nicht aufmerksam genug +durchgelesen haben, weil ihm diese Stelle entwischt ist.} + +{7. Lipsius de Vesta et Vestalibus cap. 13.} + + +{8. Pausanias Corinth. cap. XXXV. p. 198. Edit. Kuh.} + +{9. Idem Attic. cap. XVIII. p. 41.} + +{10. Polyb. Hist. lib. XVI. . 11. Op. T. II. p. 443. Edit. +Ernest.} + +{11. Plinius lib. XXXVI sec. 4. p. 727. Edit. Hard. Scopas +fecit--Vestam sedentem laudatam in Servilianis hortis. Diese Stelle +muss Lipsius in Gedanken gehabt haben als er (de Vesta cap. 3.) +schrieb: Plinius Vestam sedentem effingi solitam ostendit, a +stabilitate. Allein was Plinius von einem einzeln Stuecke des Skopas +sagt, haette er nicht fuer einen allgemein angenommenen Charakter +ausgeben sollen. Er merkt selbst an, dass auf den Muenzen die Vesta +ebensooft stehend als sitzend erscheine. Allein er verbessert +dadurch nicht den Plinius, sondern seine eigne falsche Einbildung.} + +{12. Georg. Codinus de Originib. Constant. Edit. Venet. p. 12. +Thn ghn legousin Estian, kai plattousi authn gunaika, tumpanon +bastazousan, epeidh touV anemouV h gh uj' eathn sugkleiei. Suidas, +aus ihm, oder beide aus einem aeltern, sagt unter dem Worte Estia eben +dieses. "Die Erde wird unter dem Namen Vesta als eine Frau gebildet, +welche ein Tympanon traegt, weil sie die Winde in sich verschlossen +haelt." Die Ursache ist ein wenig abgeschmackt. Es wuerde sich eher +haben hoeren lassen, wenn er gesagt haette, dass ihr deswegen ein +Tympanon beigegeben werde, weil die Alten zum Teil geglaubt, dass ihre +Figur damit uebereinkomme; schma authV tumpanoeideV einai. +(Plutarchus de placitis philos. cap. 10. id. de facie in orbe Lunae.) +Wo sich aber Codinus nur nicht entweder in der Figur, oder in dem +Namen, oder gar in beiden geirret hat. Er wusste vielleicht, was er +die Vesta tragen sahe, nicht besser zu nennen, als ein Tympanum; oder +hoerte es ein Tympanum nennen, und konnte sich nichts anders dabei +gedenken, als das Instrument, welches wir eine Heerpauke nennen. +Tympana waren aber auch eine Art von Raedern: + + Hinc radios trivere rotis, hinc tympana plaustris + Agricolae-- + + +(Virgilius Georgic. lib. II. v. 444.) Und einem solchen Rade +scheinet mir das, was sich an der Vesta des Fabretti zeiget (Ad +tabulam Iliadis p. 339.) und dieser Gelehrte fUer eine Handmuehle hAelt, +sehr aehnlich zu sein.} + + + +X. + + +Ich merke noch eine Befremdung des Spence an, welche deutlich zeiget, +wie wenig er ueber die Grenzen der Poesie und Malerei muss nachgedacht +haben. + +"Was die Musen ueberhaupt betrifft", sagt er, "so ist es doch +sonderbar, dass die Dichter in Beschreibung derselben so sparsam sind, +weit sparsamer, als man es bei GOettinnen, denen sie so grosse +Verbindlichkeit haben, erwarten sollte 1). + +{1. Polymetis Dial. VIII. p. 91.} + +Was heisst das anders, als sich wundern, dass wenn die Dichter von +ihnen reden, sie es nicht in der stummen Sprache der Maler tun? +Urania ist den Dichtern die Muse der Sternkunst; aus ihrem Namen, aus +ihren Verrichtungen erkennen wir ihr Amt. Der Kuenstler, um es +kenntlich zu machen, muss sie mit einem Stabe auf eine Himmelskugel +weisen lassen; dieser Stab, diese Himmelskugel, diese ihre Stellung +sind seine Buchstaben, aus welchen er uns den Namen Urania +zusammensetzen laesst. Aber wenn der Dichter sagen will: Urania hatte +seinen Tod laengst aus den Sternen vorhergesehn; + +Ipsa diu positis lethum praedixerat astris. Uranie--2) + +{2. Statius Theb. VIII. v. 551.} + +warum soll er, in Ruecksicht auf den Maler, darzusetzen: Urania, den +Radius in der Hand, die Himmelskugel vor sich? Waere es nicht, als ob +ein Mensch, der laut reden kann und darf, sich noch zugleich der +Zeichen bedienen sollte, welche die Stummen im Serraglio des Tuerken, +aus Mangel der Stimme, unter sich erfunden haben? + +Eben dieselbe Befremdung aeussert Spence nochmals bei den moralischen +Wesen, oder denjenigen Gottheiten, welche die Alten den Tugenden und +der Fuehrung des menschlichen Lebens vorsetzten 3). "Es verdient +angemerkt zu werden", sagt er, "dass die roemischen Dichter von den +besten dieser moralischen Wesen weit weniger sagen, als man erwarten +sollte. Die Artisten sind in diesem Stuecke viel reicher, und wer +wissen will, was jedes derselben fuer einen Aufzug gemacht, darf nur +die Muenzen der roemischen Kaiser zu Rate ziehen 4).--Die Dichter +sprechen von diesen Wesen zwar oefters, als von Personen; ueberhaupt +aber sagen sie von ihren Attributen, ihrer Kleidung und uebrigem +Ansehen sehr wenig."-{3. Polym. Dial. X. p. 137.} + +{4. Ibid. p. 139.} + +Wenn der Dichter Abstrakta personifieret, so sind sie durch den Namen, +und durch das, was er sie tun laesst, genugsam charakterisierst. + +Dem Kuenstler fehlen diese Mittel. Er muss also seinen personifierten +Abstraktis Sinnbilder zugeben, durch welche sie kenntlich werden. +Diese Sinnbilder weil sie etwas anders sind, und etwas anders +bedeuten, machen sie zu allegorischen Figuren. + +Eine Frauensperson mit einem Zaum in der Hand; eine andere an eine +Saeule gelehnet, sind in der Kunst allegorische Wesen. Allein die +Maessigung, die Standhaftigkeit bei dem Dichter, sind keine +allegorische Wesen, sondern bloss personifierte Abstrakta. + +Die Sinnbilder dieser Wesen bei dem Kuenstler hat die Not erfunden. +Denn er kann sich durch nichts anders verstaendlich machen, was diese +oder jene Figur bedeuten soll. Wozu aber den Kuenstler die Not +treibet, warum soll sich das der Dichter aufdringen lassen, der von +dieser Not nichts weiss? + +Was Spencen so sehr befremdet, verdienet den Dichtern als eine Regel +vorgeschrieben zu werden. Sie muessen die Beduerfnisse der Malerei +nicht zu ihrem Reichtume machen. Sie muessen die Mittel, welche die +Kunst erfunden hat, um der Poesie nachzukommen, nicht als +Vollkommenheiten betrachten, auf die sie neidisch zu sein Ursache +haetten. Wenn der Kuenstler eine Figur mit Sinnbildern auszieret, so +erhebt er eine blosse Figur zu einem hoehern Wesen. Bedienet sich aber +der Dichter dieser malerischen Ausstaffierungen, so macht er aus +einem hoehern Wesen eine Puppe. + +So wie diese Regel durch die Befolgung der Alten bewaehret ist, so ist +die geflissentliche Uebertretung derselben ein Lieblingsfehler der +neuern Dichter. Alle ihre Wesen der Einbildung gehen in Maske, und +die sich auf diese Maskeraden am besten verstehen, verstehen sich +meistenteils auf das Hauptwerk am wenigsten: naemlich, ihre Wesen +handeln zu lassen, und sie durch die Handlungen derselben zu +charakterisieren. + +Doch gibt es unter den Attributen, mit welchen die Kuenstler ihre +Abstrakta bezeichnen, eine Art, die des poetischen Gebrauchs faehiger +und wuerdiger ist. Ich meine diejenigen, welche eigentlich nichts +Allegorisches haben, sondern als Werkzeuge zu betrachten sind, deren +sich die Wesen, welchen sie beigeleget werden, falls sie als +wirkliche Personen handeln sollten, bedienen wuerden oder koennten. +Der Zaum in der Hand der Maessigung, die Saeule, an welche sich die +Standhaftigkeit lehnet, sind lediglich allegorisch, fuer den Dichter +also von keinem Nutzen. Die Wage in der Hand der Gerechtigkeit, ist +es schon weniger, weil der rechte Gebrauch der Wage wirklich ein +Stueck der Gerechtigkeit ist. Die Leier oder Floete aber in der Hand +einer Muse, die Lanze in der Hand des Mars, Hammer und Zange in den +Haenden des Vulkans, sind ganz und gar keine Sinnbilder, sind blosse +Instrumente, ohne welche diese Wesen die Wirkungen, die wir ihnen +zuschreiben, nicht hervorbringen koennen. Von dieser Art sind die +Attribute, welche die alten Dichter in ihre Beschreibungen etwa noch +einflechten, und die ich deswegen, zum Unterschiede jener +allegorischen, die poetischen nennen moechte. Diese bedeuten die +Sache selbst, jene nur etwas Aehnliches 5). + +{5. Man mag in dem Gemaelde, welches Horaz von der Notwendigkeit macht, +und welches vielleicht das an Attributen reichste Gemaelde bei allen +alten Dichtern ist: (lib. I. Od. 35.) + + Te semper anteit saeva Necessitas: + Clavos trabales et cuneos manu + Gestans ahenea; nec severus + Uncus abest liquidumque plumbum-- + + +man mag, sage ich, in diesem GemAelde die Naegel, die Klammern, das +fliessende Blei, fUer Mittel der Befestigung oder fuer Werkzeuge der +Bestrafung annehmen, so gehOeren sie doch immer mehr zu den poetischen, +als allegorischen Attributen. Aber auch als solche sind sie zu sehr +gehaeuft, und die Stelle ist eine von den frostigsten des Horaz. +Sanadon sagt: J'ose dire que ce tableau pris dans le detail serait +plus beau sur la toile que dans une ode heroique. Je ne puis +souffrir cet attirail patibulaire de clous, de coins, de crocs, et de +plomp fondu. J'ai cru en devoir decharger la traduction, en +substituant les idees generales aux idees singulieres. C'est dommage +que le poete ait eu besoin de ce correctif. Sanadon hatte ein feines +und richtiges Gefuehl, nur der Grund, womit er es bewaehren will, ist +nicht der rechte. Nicht weil die gebrauchten Attributa ein attirail +patibulaire sind; denn es stand nur bei ihm, die andere Auslegung +anzunehmen, und das Galgengeraete in die festesten Bindemittel der +Baukunst zu verwandeln: sondern, weil alle Attributa eigentlich fuer +das Auge, und nicht fuer das Gehoer gemacht sind, und alle Begriffe, +die wir durch das Auge erhalten sollten, wenn man sie uns durch das +Gehoer beibringen will, eine groessere Anstrengung erfordern, und einer +geringern Klarheit faehig sind.--Der Verfolg von der angefuehrten +Strophe des Horaz erinnert mich uebrigens an ein paar Versehen des +Spence, die von der Genauigkeit, mit welcher er die angezogenen +Stellen der alten Dichter will erwogen haben, nicht den +vorteilhaftesten Begriff erwecken. Er redet von dem Bilde, unter +welchem die Roemer die Treue oder Ehrlichkeit vorstellten. (Dial. X. +p. 145.) "Die Roemer", sagt er, "nannten sie Fides; und wenn sie sie +Sola Fides nannten, so scheinen sie den hohen Grad dieser Eigenschaft, +den wir durch grundehrlich (im Englischen downright honesty) +ausdruecken, darunter verstanden zu haben. Sie wird mit einer freien +offenen Gesichtsbildung und in nichts als einem duennen Kleide +vorgestellet, welches so fein ist, dass es fuer durchsichtig gelten +kann. Horaz nennet sie daher, in einer von seinen Oden, +duennbekleidet; und in einer anderen, durchsichtig." In dieser kleinen +Stelle sind nicht mehr als drei ziemlich grobe Fehler. Erstlich ist +es falsch, dass sola ein besonderes Beiwort sei, welches die Roemer der +Goettin Fides gegeben. In den beiden Stellen des Livius, die er +desfalls zum Beweise anfuehrt (lib. I. c. 21. lib. II. c. 3.), +bedeutet es weiter nichts, als was es ueberall bedeutet, die +Ausschliessung alles uebrigen. In der einen Stelle scheinet den +Criticis das soli sogar verdaechtig und durch einen Schreibefehler, +der durch das gleich danebenstehende solenne veranlasset worden, in +den Text gekommen zu sein. In der andern aber ist nicht von der +Treue, sondern von der Unschuld, der Unstraeflichkeit, Innocentia, die +Rede. Zweitens: Horaz soll, in einer seiner Oden, der Treue das +Beiwort duennbekleidet geben, naemlich in der oben angezogenen +fuenfunddreissigsten des ersten Buchs: + +Te spes, et albo rara fides colit Velata panno. + + +Es ist wahr, rarus heisst auch duenne; aber hier heisst es bloss selten, +was wenig vorkoemmt, und ist das Beiwort der Treue selbst, und nicht +ihrer Bekleidung. Spence wuerde recht haben, wenn der Dichter gesagt +haette: Fides raro velata panno. Drittens, an einem andern Orte soll +Horaz die Treue oder Redlichkeit durchsichtig nennen; um eben das +damit anzudeuten, was wir in unsern gewoehnlichen +Freundschaftsversicherungen zu sagen pflegen: ich wuenschte, Sie +koennten mein Herz sehen. Und dieser Ort soll die Zeile der +achtzehnten Ode des ersten Buchs sein: + + Arcanique Fides prodiga, pellucidior vitro. + +Wie kann man sich aber von einem blossen Worte so verfUehren lassen? +Heisst denn Fides arcani prodiga die Treue? Oder heisst es nicht +vielmehr, die Treulosigkeit? Von dieser sagt Horaz, und nicht von +der Treue, dass sie durchsichtig wie Glas sei, weil sie die ihr +anvertrauten Geheimnisse eines jeden Blicke blossstellet.} + + + +XI. + + +Auch der Graf Caylus scheinet zu verlangen, dass der Dichter seine +Wesen der Einbildung mit allegorischen Attributen ausschmuecken solle +1). Der Graf verstand sich besser auf die Malerei, als auf die +Poesie. + +{1. Apollo uebergibt den gereinigten und balsamierten Leichnam des +Sarpedon dem Tode und dem Schlafe, ihn nach seinem Vaterlande zu +bringen. (Il. p. v. 681. 82.) + + Pempe de min pompoisin ama kraipnoisi jeresJai + Upnw kai QanaJw didumaosin. + + +Caylus empfiehlt diese Erdichtung dem Maler, fUegt aber hinzu: Il est +facheux, qu'Homere ne nous ait rien laisse sur les attributs qu'on +donnait de son temps au Sommeil; nous ne connaissons, pour +caracteriser ce dieu, que son action meme, et nous le couronnons de +pavots. Ces idees sont modernes; la premiere est d'un mediocre +service, mais elle ne peut etre employee dans le cas present, ou meme +les fleurs me paraissent deplacees, surtout pour une figure qui +groupe avec la mort. (S. Tableaux tires de l'Iliade, de l'Odyssee +d'Homere et de l'Eneide de Virgile, avec des observations generales +sur le costume, a Paris 1757. 8.) Das heisst von dem Homer eine von +den kleinen Zieraten verlangen, die am meisten mit seiner grossen +Manier streiten. Die sinnreichsten Attributa, die er dem Schlafe +hAette geben kOennen, wuerden ihn bei weitem nicht so vollkommen +charakterisierst, bei weitem kein so lebhaftes Bild bei uns erregt +haben, als der einzige Zug, durch den er ihn zum Zwillingsbruder des +Todes macht. Diesen Zug suche der Kuenstler auszudruecken, und er wird +alle Attributa entbehren koennen. Die alten Kuenstler haben auch +wirklich den Tod und den Schlaf mit der Aehnlichkeit unter sich +vorgestellet, die wir an Zwillingen so natuerlich erwarten. Auf einer +Kiste von Zedernholz, in dem Tempel der Juno zu Elis, ruhten sie +beide als Knaben in den Armen der Nacht. Nur war der eine weiss, der +andere schwarz; jener schlief, dieser schien zu schlafen; beide mit +uebereinander geschlagenen Fuessen. Denn so wollte ich die Worte des +Pausanias (Eliac. cap. XVIII. p. 422. Edit. Kuh.) amjoterouV +diestrammenouV touV podaV lieber uebersetzen, als mit krummen Fuessen, +oder wie es Gedoyn in seiner Sprache gegeben hat: les pieds +contrefaits. Was sollten die krummen Fuesse hier ausdruecken? +Uebereinander geschlagene Fuesse hingegen sind die gewoehnliche Lage +der Schlafenden, und der Schlaf beim Maffei (Raccol. Pl. 151) liegt +nicht anders. Die neuen Artisten sind von dieser Aehnlichkeit, welche +Schlaf und Tod bei den Alten miteinander haben, gaenzlich abgegangen, +und der Gebrauch ist allgemein geworden, den Tod als ein Skelett, +hoechstens als ein mit Haut bekleidetes Skelett vorzustellen. Vor +allen Dingen haette Caylus dem Kuenstler also hier raten muessen, ob er +in Vorstellung des Todes dem alten oder dem neuen Gebrauche folgen +solle. Doch er scheinet sich fuer den neuern zu erklaeren, da er den +Tod als eine Figur betrachtet, gegen die eine andere mit Blumen +gekroenet, nicht wohl gruppieren moechte. Hat er aber hierbei auch +bedacht, wie unschicklich diese moderne Idee in einem Homerischen +Gemaelde sein duerfte? Und wie hat ihm das Ekelhafte derselben nicht +anstoessig sein koennen? Ich kann mich nicht bereden, dass das kleine +metallene Bild in der herzoglichen Galerie zu Florenz, welches ein +liegendes Skelett vorstellet, das mit dem einen Arme auf einem +Aschenkruge ruhet (Spence's Polymetis Tab. XLI.), eine wirkliche +Antike sei. Den Tod ueberhaupt kann es wenigstens nicht vorstellen +sollen, weil ihn die Alten anders vorstellten. Selbst ihre Dichter +haben ihn unter diesem widerlichen Bilde nie gedacht.} + +Doch ich habe in seinem Werke, in welchem er dieses Verlangen aeussert, +Anlass zu erheblichern Betrachtungen gefunden, wovon ich das +Wesentlichste, zu besserer Erwaegung, hier anmerke. + +Der Kuenstler, ist des Grafen Absicht, soll sich mit dem groessten +malerischen Dichter, mit dem Homer, mit dieser zweiten Natur, naeher +bekannt machen. Er zeigt ihm, welchen reichen noch nie genutzten +Stoff zu den trefflichsten Schildereien die von dem Griechen +behandelte Geschichte darbiete, und wie so viel vollkommner ihm die +Ausfuehrung gelingen muesse, je genauer er sich an die kleinsten von +dem Dichter bemerkten Umstaende halten koenne. + +In diesem Vorschlage vermischt sich also die oben genannte doppelte +Nachahmung. Der Maler soll nicht allein das nachahmen, was der +Dichter nachgeahmt hat, sondern er soll es auch mit den naemlichen +Zuegen nachahmen; er soll den Dichter nicht bloss als Erzaehler, er soll +ihn als Dichter nutzen. + +Diese zweite Art der Nachahmung aber, die fuer den Dichter so +verkleinerlich ist, warum ist sie es nicht auch fuer den Kuenstler? +Wenn vor dem Homer eine solche Folge von Gemaelden, als der Graf +Caylus aus ihm angibt, vorhanden gewesen waere, und wir wuessten, dass +der Dichter aus diesen Gemaelden sein Werk genommen haette: wuerde er +nicht von unserer Bewunderung unendlich verlieren? Wie koemmt es, dass +wir dem Kuenstler nichts von unserer Hochachtung entziehen, wenn er +schon weiter nichts tut, als dass er die Worte des Dichters mit +Figuren und Farben ausdruecket? + +Die Ursach' scheinet diese zu sein. Bei dem Artisten duenket uns die +Ausfuehrung schwerer, als die Erfindung; bei dem Dichter hingegen ist +es umgekehrt, und seine Ausfuehrung duenket uns gegen die Erfindung das +Leichtere. Haette Virgil die Verstrickung des Laokoon und seiner +Kinder von der Gruppe genommen, so wuerde ihm das Verdienst, welches +wir bei diesem seinem Bilde fuer das schwerere und groessere halten, +fehlen, und nur das geringere uebrigbleiben. Denn diese Verstrickung +in der Einbildungskraft erst schaffen, ist weit wichtiger, als sie in +Worten ausdruecken. Haette hingegen der Kuenstler diese Verstrickung +von dem Dichter entlehnet, so wuerde er in unsern Gedanken doch noch +immer Verdienst genug behalten, ob ihm schon das Verdienst der +Erfindung abgehet. Denn der Ausdruck in Marmor ist unendlich +schwerer als der Ausdruck in Worten; und wenn wir Erfindung und +Darstellung gegeneinander abwaegen, so sind wir jederzeit geneigt, dem +Meister an der einen so viel wiederum zu erlassen, als wir an der +andern zu viel erhalten zu haben meinen. + +Es gibt sogar Faelle, wo es fuer den Kuenstler ein groesseres Verdienst +ist, die Natur durch das Medium der Nachahmung des Dichters +nachgeahmt zu haben, als ohne dasselbe. Der Maler, der nach der +Beschreibung eines Thomsons eine schoene Landschaft darstellet, hat +mehr getan, als der sie gerade von der Natur kopieret. Dieser siehet +sein Urbild vor sich; jener muss erst seine Einbildungskraft so +anstrengen, bis er es vor sich zu sehen glaubst. Dieser macht aus +lebhaften sinnlichen Eindruecken etwas Schoenes; jener aus schwanken +und schwachen Vorstellungen willkuerlicher Zeichen. + +So natuerlich aber die Bereitwilligkeit ist, dem Kuenstler das +Verdienst der Erfindung zu erlassen, ebenso natuerlich hat daraus die +Lauigkeit gegen dasselbe bei ihm entspringen muessen. Denn da er sahe, +dass die Erfindung seine glaenzende Seite nie werden koenne, dass sein +groesstes Lob von der Ausfuehrung abhange, so ward es ihm gleich viel, +ob jene alt oder neu, einmal oder unzaehligmal gebraucht sei, ob sie +ihm oder einem anderen zugehoere. Er blieb in dem engen Bezirke +weniger, ihm und dem Publico gelaeufig gewordener Vorwuerfe, und liess +seine ganze Erfindsamkeit auf die blosse Veraenderung in dem Bekannten +gehen, auf neue Zusammensetzungen alter Gegenstaende. Das ist auch +wirklich die Idee, welche die Lehrbuecher der Malerei mit dem Worte +Erfindung verbinden. Denn ob sie dieselbe schon sogar in malerische +und dichterische einteilen, so gehet doch auch die dichterische nicht +auf die Hervorbringung des Vorwurfs selbst, sondern lediglich auf die +Anordnung oder den Ausdruck 2). Es ist Erfindung, aber nicht +Erfindung des Ganzen, sondern einzelner Teile, und ihrer Lage +untereinander. Es ist Erfindung, aber von jener geringern Gattung, +die Horaz seinem tragischen Dichter anriet: + +{2. v. Hagedorn, "Betrachtungen ueber die Malerei" S. 159 u. f.} + + --Tuque + Rectius Iliacum carmen deducis in actus, + Quam si proferres ignota indictaque primus 3). + +{3. Ad. Pisones v. 128-130.} + +Anriet, sage ich, aber nicht befahl. Anriet, als fUer ihn leichter, +bequemer, zutrAeglicher; aber nicht befahl, als besser und edler an +sich selbst. + +In der Tat hat der Dichter einen grossen Schritt voraus, welcher eine +bekannte Geschichte, bekannte Charaktere behandelt. Hundert frostige +Kleinigkeiten, die sonst zum Verstaendnisse des Ganzen unentbehrlich +sein wuerden, kann er uebergehen; und je geschwinder er seinen ZuhOerern +verstaendlich wird, desto geschwinder kann er sie intressieren. +Diesen Vorteil hat auch der Maler, wenn uns sein Vorwurf nicht fremd +ist, wenn wir mit dem ersten Blicke die Absicht und Meinung seiner +ganzen Komposition erkennen, wenn wir auf eins seine Personen nicht +bloss sprechen sehen, sondern auch hoeren, was sie sprechen. Von dem +ersten Blicke hangt die groesste Wirkung ab, und wenn uns dieser zu +muehsamen Nachsinnen und Raten noetiget, so erkaltet unsere Begierde +geruehret zu werden; um uns an dem unverstaendlichen Kuenstler zu raechen, +verhaerten wir uns gegen den Ausdruck, und weh ihm, wann er die +Schoenheit dem Ausdrucke aufgeopfert hat! Wir finden sodann gar +nichts, was uns reizen koennte, vor seinem Werke zu verweilen; was wir +sehen, gefaellt uns nicht, und was wir dabei denken sollen, wissen wir +nicht. + +Nun nehme man beides zusammen; einmal, dass die Erfindung und Neuheit +des Vorwurfs das Vornehmste bei weitem nicht ist, was wir von dem +Maler verlangen; zweitens, dass ein bekannter Vorwurf die Wirkung +seiner Kunst befoerdert und erleichtert: und ich meine, man wird die +Ursache, warum er sich so selten zu neuen Vorwuerfen entschliesst, +nicht mit dem Grafen Caylus, in seiner Bequemlichkeit, in seiner +Unwissenheit, in der Schwierigkeit des mechanischen Teiles der Kunst, +welche allen seinen Fleiss, alle seine Zeit erfordert, suchen duerfen; +sondern man wird sie tiefer gegruendet finden, und vielleicht gar, was +anfangs Einschraenkung der Kunst, Verkuemmerung unsers Vergnuegens, zu +sein scheinet, als eine weise und uns selbst nuetzliche Enthaltsamkeit +an dem Artisten zu loben geneigt sein. Ich fuerchte auch nicht, dass +mich die Erfahrung widerlegen werde. Die Maler werden dem Grafen fuer +seinen guten Willen danken, aber ihn schwerlich so allgemein nutzen, +als er es erwartet. Geschaehe es jedoch: so wuerde ueber hundert Jahr' +ein neuer Caylus noetig sein, der die alten Vorwuerfe wieder ins +Gedaechtnis braechte, und den Kuenstler in das Feld zurueckfuehrte, wo +andere vor ihm so unsterbliche Lorbeeren gebrochen haben. Oder +verlangt man, dass das Publikum so gelehrt sein soll, als der Kenner +aus seinen Buechern ist? Dass ihm alle Szenen der Geschichte und der +Fabel, die ein schoenes Gemaelde geben koennen, bekannt und gelaeufig +sein sollen? Ich gebe es zu, dass die Kuenstler besser getan haetten, +wenn sie seit Raffaels Zeiten, anstatt des Ovids, den Homer zu ihrem +Handbuche gemacht haetten. Aber da es nun einmal nicht geschehen ist, +so lasse man das Publikum in seinem Gleise, und mache ihm sein +Vergnuegen nicht saurer, als ein Vergnuegen zu stehen kommen muss, um +das zu sein, was es sein soll. + +Protogenes hatte die Mutter des Aristoteles gemalt. Ich weiss nicht +wie viel ihm der Philosoph dafuer bezahlte. Aber entweder anstatt der +Bezahlung, oder noch ueber die Bezahlung, erteilte er ihm einen Rat, +der mehr als die Bezahlung wert war. Denn ich kann mir nicht +einbilden, dass sein Rat eine blosse Schmeichelei gewesen sei. Sondern +vornehmlich weil er das Beduerfnis der Kunst erwog, allen verstaendlich +zu sein, riet er ihm, die Taten des Alexanders zu malen; Taten, von +welchen damals alle Welt sprach, und von welchen er voraussehen +konnte, dass sie auch der Nachwelt unvergesslich sein wuerden. Doch +Protogenes war nicht gesetzt genug, diesem Rate zu folgen; impetus +animi, sagt Plinius, et quaedam artis libido 4), ein gewisser Uebermut +der Kunst, eine gewisse Luesternheit nach dem Sonderbaren und +Unbekannten, trieben ihn zu ganz andern Vorwuerfen. Er malte lieber +die Geschichte eines Jalysus 5), einer Cydippe und dergleichen, von +welchen man itzt auch nicht einmal mehr erraten kann, was sie +vorgestellet haben. + +{4. lib. XXXV. sect. 36. p. 700. Edit. Hard.} + +{5. Richardson nennet dieses Werk, wenn er die Regel erlaeutern will, +dass in einem Gemaelde die Aufmerksamkeit des Betrachters durch nichts, +es moege auch noch so vortrefflich sein, von der Hauptfigur abgezogen +werden muesse. "Protogenes", sagt er, "hatte in seinem beruehmten +Gemaelde Jalysus ein Rebhuhn mit angebracht, und es mit so vieler +Kunst ausgemalet, dass es zu leben schien, und von ganz Griechenland +bewundert ward; weil es aber aller Augen, zum Nachteil des Hauptwerks, +zu sehr an sich zog, so loeschte er es gaenzlich wieder aus." (Traite +de la peinture T. I. p. 46.) Richardson hat sich geirret. Dieses +Rebhuhn war nicht in dem Jalysus, sondern in einem andern Gemaelde des +Protogenes gewesen, welches der ruhende oder muessige Satyr, SaturoV +anapauomenoV, hiess. Ich wuerde diesen Fehler, welcher aus einer +missverstandenen Stelle des Plinius entsprungen ist, kaum anmerken, +wenn ich ihn nicht auch beim Meursius faende: (Rhodi lib. I. cap. 14. +p. 38.) In eadem, tabula sc. in qua Ialysus, Satyrus erat, quem +dicebant Anapauomenon, tibias tenens. Desgleichen bei dem Herrn +Winckelmann selbst. (Von der Nachahm. der Gr. W. in der Mal. und +Bildh. S. 56.) Strabo ist der eigentliche Waehrmann dieses +Histoerchens mit dem Rebhuhne, und dieser unterscheidet den Jalysus, +und den an eine Saeule sich lehnenden Satyr, auf welcher das Rebhuhn +sass, ausdruecklich. (lib. XIV. p. 750. Edit. Xyl.) Die Stelle des +Plinius (lib. XXXV. sect. 36. p. 699) haben Meursius und Richardson +und Winckelmann deswegen falsch verstanden, weil sie nicht +achtgegeben, dass von zwei verschiedenen Gemaelden daselbst die Rede +ist: dem einen, dessenwegen Demetrius die Stadt nicht ueberkam, weil +er den Ort nicht angreifen wollte, wo es stand; und dem andern, +welches Protogenes waehrend dieser Belagerung malte. Jenes war der +Jalysus, und dieses der Satyr.} + + + +XII. + + +Homer bearbeitet eine doppelte Gattung von Wesen und Handlungen; +sichtbare und unsichtbare. Diesen Unterschied kann die Malerei nicht +angeben: bei ihr ist alles sichtbar; und auf einerlei Art sichtbar. + +Wenn also der Graf Caylus die Gemaelde der unsichtbaren Handlungen in +unzertrennter Folge mit den sichtbaren fortlaufen laesst; wenn er in +den Gemaelden der vermischten Handlungen, an welchen sichtbare und +unsichtbare Wesen teilnehmen, nicht angibt, und vielleicht nicht +angeben kann, wie die letztern, welche nur wir, die wir das Gemaelde +betrachten, darin entdecken sollten, so anzubringen sind, dass die +Personen des Gemaeldes sie nicht sehen, wenigstens sie nicht notwendig +sehen zu muessen scheinen koennen: so muss notwendig sowohl die ganze +Folge, als auch manches einzelne Stueck dadurch aeusserst verwirrt, +unbegreiflich und widersprechend werden. + +Doch diesem Fehler waere, mit dem Buche in der Hand, noch endlich +abzuhelfen. Das Schlimmste dabei ist nur dieses, dass durch die +malerische Aufhebung des Unterschiedes der sichtbaren und +unsichtbaren Wesen, zugleich alle die charakteristischen Zuege +verloren gehen, durch welche sich diese hoehere Gattung ueber jene +geringere erhebet. + +Z. E. Wenn endlich die ueber das Schicksal der Trojaner geteilten +Goetter unter sich selbst handgemein werden: so gehet bei dem Dichter +1) dieser ganze Kampf unsichtbar vor, und diese Unsichtbarkeit +erlaubet der Einbildungskraft die Szene zu erweitern, und laesst ihr +freies Spiel, sich die Personen der Goetter und ihre Handlungen so +gross, und ueber das gemeine Menschliche so weit erhaben zu denken, als +sie nur immer will. Die Malerei aber muss eine sichtbare Szene +annehmen, deren verschiedene notwendige Teile der Massstab fuer die +darauf handelnden Personen werden; ein Massstab, den das Auge gleich +darneben hat, und dessen Unproportion gegen die hoehern Wesen, diese +hoehern Wesen, die bei dem Dichter gross waren, auf der Flaeche des +Kuenstlers ungeheuer macht. + +{1. Iliad. F. v. 385 et s.} + +Minerva, auf welche Mars in diesem Kampfe den ersten Angriff waget, +tritt zurueck, und fasset mit maechtiger Hand von dem Boden einen +schwarzen, rauhen, grossen Stein auf, den vor alten Zeiten vereinigte +Maennerhaende zum Grenzsteine hingewaelzet hatten: + + H d' anacassamenh liJon eileto ceiri paceih, + Keimenon en pediw, melana, trhcun te, megan te, + Ton r' andres proteroi Jesan emmenai ouron arourhV. + + +Um die GrOesse dieses Steins gehoerig zu schAetzen, erinnere man sich, +dass Homer seine Helden noch einmal so stark macht, als die staerksten +Maenner seiner Zeit, jene aber von den Maennern, wie sie Nestor in +seiner Jugend gekannt hatte, noch weit an Staerke Uebertreffen laesst. +Nun frage ich, wenn Minerva einen Stein, den nicht ein Mann, den +Maenner aus Nestors Jugendjahren zum Grenzsteine aufgerichtet hatten, +wenn Minerva einen solchen Stein gegen den Mars schleudert, von +welcher Statur soll die Goettin sein? Soll ihre Statur der Groesse des +Steins proportioniert sein, so faellt das Wunderbare weg. Ein Mensch, +der dreimal groesser ist als ich, muss natuerlicherweise auch einen +dreimal groessern Stein schleudern koennen. Soll aber die Statur der +Goettin der Groesse des Steins nicht angemessen sein, so entstehet eine +anschauliche Unwahrscheinlichkeit in dem Gemaelde, deren Anstoessigkeit +durch die kalte Ueberlegung, dass eine Goettin uebermenschliche Staerke +haben muesse, nicht gehoben wird. Wo ich eine groessere Wirkung sehe, +will ich auch groessere Werkzeuge wahrnehmen. + +Und Mars, von diesem gewaltigen Steine niedergeworfen, + +Epta d' epesce peleJra-bedeckte sieben Hufen. Unmoeglich kann der +Maler dem Gotte diese ausserordentliche Groesse geben. Gibt er sie ihm +aber nicht, so liegt nicht Mars zu Boden, nicht der Homerische Mars, +sondern ein gemeiner Krieger 2). + +{2. Diesen unsichtbaren Kampf der Goetter hat Quintus Calaber in +seinem zwoelften Buche (v. 158-185) nachgeahmt, mit der nicht +undeutlichen Absicht, sein Vorbild zu verbessern. Es scheinet +naemlich, der Grammatiker habe es unanstaendig gefunden, dass ein Gott +mit einem Steine zu Boden geworfen werde. Er laesst also zwar auch die +Goetter grosse Felsenstuecke, die sie von dem Ida abreissen, +gegeneinander schleudern; aber diese Felsen zerschellen an den +unsterblichen Gliedern der Goetter und stieben wie Sand um sie her: + + --Oi de kolwnaV + Cersin aporrhxanteV ap' oudeoV Idaioio + Ballon ep' allhlouV- ai de yamaJoisi omoiai + Reia dieskidnanto- Jevn peri d' asceta guia + Rhgnumenai dia tutJa-- + + +Eine KUenstelei, welche die Hauptsache verdirbt. Sie erhOehet unsern +Begriff von den Koerpern der Goetter und macht die Waffen, welche sie +gegeneinander brauchen, lAecherlich. Wenn Goetter einander mit Steinen +werfen, so muessen diese Steine auch die Goetter beschaedigen koennen, +oder wir glauben mutwillige Buben zu sehen, die sich mit Erdkloessen +werfen. So bleibt der alte Homer immer der Weisere, und aller Tadel, +mit dem ihn der alte Kunstrichter belegt, aller Wettstreit, in +welchen sich geringere Genies mit ihm einlassen, dienen zu weiter +nichts, als seine Weisheit in ihr bestes Licht zu setzen. Indes will +ich nicht leugnen, dass in der Nachahmung des Quintus nicht auch sehr +treffliche Zuege vorkommen, und die ihm eigen sind. Doch sind es Zuege, +die nicht sowohl der bescheidenen Groesse des Homers geziemen, als dem +stuermischen Feuer eines neuern Dichters Ehre machen wuerden. Dass das +Geschrei der Goetter, welches hoch bis in den Himmel und tief bis in +den Abgrund ertoenet, welches den Berg und die Stadt und die Flotte +erschuettert, von den Menschen nicht gehoeret wird, duenket mich eine +sehr vielbedeutende Wendung zu sein. Das Geschrei war groesser, als +dass es die kleinen Werkzeuge des menschlichen Gehoers fassen konnten.} + +Longin sagt, es komme ihm oefters vor, als habe Homer seine Menschen +zu Goettern erheben, und seine Goetter zu Menschen herabsetzen wollen. +Die Malerei vollfuehret diese Herabsetzung. In ihr verschwindet +vollends alles, was bei dem Dichter die Goetter noch ueber die +goettlichen Menschen setzet. Groesse, Staerke, Schnelligkeit, wovon +Homer noch immer einen hoehern, wunderbarern Grad fuer seine Goetter in +Vorrat hat, als er seinen vorzueglichsten Helden beileget 3), muessen +in dem Gemaelde auf das gemeine Mass der Menschheit herabsinken, und +Jupiter und Agamemnon, Apollo und Achilles, Ajax und Mars, werden +vollkommen einerlei Wesen, die weiter an nichts als an aeusserlichen +verabredeten Merkmalen zu kennen sind. + +{3. In Ansehung der Staerke und Schnelligkeit wird niemand, der den +Homer auch nur ein einziges Mal fluechtig durchlaufen hat, diese +Assertion in Abrede sein. Nur duerfte er sich vielleicht der Exempel +nicht gleich erinnern, aus welchen es erhellet, dass der Dichter +seinen Goettern auch eine koerperliche Groesse gegeben, die alle +natuerliche Masse weit uebersteiget. Ich verweise ihn also, ausser der +angezogenen Stelle von dem zu Boden geworfnen Mars, der sieben Hufen +bedecket, auf den Helm der Minerva (Kunehn ekaton polewn pruleess' +araruian. Iliad. E. v. 744), unter welchem sich so viel Streiter, +als hundert Staedte in das Feld zu stellen vermoegen, verbergen koennen; +auf die Schritte des Neptunus (Iliad. N. v. 20), vornehmlich aber +auf die Zeilen aus der Beschreibung des Schildes, wo Mars und Minerva +die Truppen der belagerten Stadt anfuehren: (Iliad. S. v. 516-519.) + + --Hrce d' ara sjin ArhV kai PallaV AJhnh + Amjw cruseiw, cruseia de eimata esJhn, + Kalw kai megalw sun teucesin, wV te Jew per, + AmjiV arizhlw- laoi d' upolizoneV hsan. + + +Selbst Ausleger des Homers, alte sowohl als neue, scheinen sich nicht +allezeit dieser wunderbaren Statur seiner GOetter genugsam erinnert zu +haben; welches aus den lindernden ErklAerungen abzunehmen, die sie +Ueber den grossen Helm der Minerva geben zu muessen glauben. (S. die +Clarkisch-Ernestische Ausgabe des Homers an der angezogenen Stelle.) +Man verliert aber von der Seite des Erhabenen unendlich viel, wenn +man sich die Homerischen Goetter nur immer in der gewoehnlichen Groesse +denkt, in welcher man sie, in Gesellschaft der Sterblichen, auf der +Leinewand zu sehen verwoehnet wird. Ist es indes schon nicht der +Malerei vergoennet, sie in diesen uebersteigenden Dimensionen +darzustellen, so darf es doch die Bildhauerei gewissermassen tun; und +ich bin ueberzeugt, dass die alten Meister, so wie die Bildung der +Goetter ueberhaupt, also auch das Kolossalische, das sie oefters ihren +Statuen erteilten, aus dem Homer entlehnet haben. (Herodot. lib. II. +p. 130. Edit. Wessel.) Verschiedene Anmerkungen ueber dieses +Kolossalische insbesondere, und warum es in der Bildhauerei von so +grosser, in der Malerei aber von gar keiner Wirkung ist, verspare ich +auf einen andern Ort.} + +Das Mittel, dessen sich die Malerei bedienet, uns zu verstehen zu +geben, dass in ihren Kompositionen dieses oder jenes als unsichtbar +betrachtet werden muesse, ist eine duenne Wolke, in welche sie es von +der Seite der mithandelnden Personen einhuellet. Diese Wolke scheinet +aus dem Homer selbst entlehnet zu sein. Denn wenn im Getuemmel der +Schlacht einer von den wichtigern Helden in Gefahr koemmt, aus der ihn +keine andere, als goettliche Macht retten kann: so laesst der Dichter +ihn von der schuetzenden Gottheit in einen dicken Nebel, oder in Nacht +verhuellen, und so davon fuehren; als den Paris von der Venus 4), den +Idaeus vom Neptuns 5), den Hektor vom Apollo 6). Und diesen Nebel, +diese Wolke, wird Caylus nie vergessen, dem Kuenstler bestens zu +empfehlen, wenn er ihm die Gemaelde von dergleichen Begebenheiten +vorzeichnet. Wer sieht aber nicht, dass bei dem Dichter das Einhuellen +in Nebel und Nacht weiter nichts, als eine poetische Redensart fuer +unsichtbar machen, sein soll? Es hat mich daher jederzeit befremdet, +diesen poetischen Ausdruck realisieret, und eine wirkliche Wolke in +dem Gemaelde angebracht zu finden, hinter welcher der Held, wie hinter +einer spanischen Wand, vor seinem Feinde verborgen stehet. Das war +nicht die Meinung des Dichters. Das heisst aus den Grenzen der +Malerei herausgehen; denn diese Wolke ist hier eine wahre Hieroglyphe, +ein blosses symbolisches Zeichen, das den befreiten Held nicht +unsichtbar macht, sondern den Betrachtern zuruft: ihr muesst ihn euch +als unsichtbar vorstellen. Sie ist hier nichts besser, als die +beschriebenen Zettelchen, die auf alten gotischen Gemaelden den +Personen aus dem Munde gehen. + +{4. Iliad. G. v. 381.} + +{5. Iliad. E. v. 23.} + +{6. Iliad. Y. v. 444.} + +Es ist wahr, Homer laesst den Achilles, indem ihm Apollo den Hektor +entruecket, noch dreimal nach dem dicken Nebel mit der Lanze stossen: +triV d' hera tuye baJeian 7). Allein auch das heisst in der Sprache +des Dichters weiter nichts, als dass Achilles so wuetend gewesen, dass +er noch dreimal gestossen, ehe er es gemerkt, dass er seinen Feind +nicht mehr vor sich habe. Keinen wirklichen Nebel sahe Achilles +nicht, und das ganze Kunststueck, womit die Goetter unsichtbar machten, +bestand auch nicht in dem Nebel, sondern in der schnellen Entrueckung. +Nur um zugleich mit anzuzeigen, dass die Entrueckung so schnell +geschehen, dass kein menschliches Auge dem entrueckten Koerper +nachfolgen koennen, huellet ihn der Dichter vorher in Nebel ein; nicht +weil man anstatt des entrueckten Koerpers einen Nebel gesehen, sondern +weil wir das, was in einem Nebel ist, als nicht sichtbar denken. +Daher kehrt er es auch bisweilen um, und laesst, anstatt das Objekt +unsichtbar zu machen, das Subjekt mit Blindheit geschlagen werden. +So verfinstert Neptun die Augen des Achilles, wenn er den Aeneas aus +seinen moerderischen Haenden errettet, den er mit einem Rucke mitten +aus dem Gewuehle auf einmal in das Hintertreffen versetzt 8). In der +Tat aber sind des Achilles Augen hier ebensowenig verfinstert, als +dort die entrueckten Helden in Nebel gehuellet; sondern der Dichter +setzt das eine und das andere nur bloss hinzu, um die aeusserste +Schnelligkeit der Entrueckung, welche wir das Verschwinden nennen, +dadurch sinnlicher zu machen. + +{7. Ibid. v. 446.} + +{8. Iliad. Y. v. 321.} + +Den homerischen Nebel aber haben sich die Maler nicht bloss in den +Faellen zu eigen gemacht, wo ihn Homer selbst gebraucht hat, oder +gebraucht haben wuerde: bei Unsichtbarwerdungen, bei Verschwindungen, +sondern ueberall, wo der Betrachter etwas in dem Gemaelde erkennen soll, +was die Personen des Gemaeldes entweder alle, oder zum Teil, nicht +erkennen. Minerva war dem Achilles nur allein sichtbar, als sie ihn +zurueckhielt, sich mit Taetigkeiten gegen den Agamemnon zu vergehen. +Dieses auszudruecken, sagt Caylus, weiss ich keinen andern Rat, als dass +man sie von der Seite der uebrigen Ratsversammlung in eine Wolke +verhuelle. Ganz wider den Geist des Dichters. Unsichtbar sein, ist +der natuerliche Zustand seiner Goetter; es bedarf keiner Blendung, +keiner Abschneidung der Lichtstrahlen, dass sie nicht gesehen werden +9); sondern es bedarf einer Erleuchtung, einer Erhoehung des +sterblichen Gesichts, wenn sie gesehen werden sollen. Nicht genug +also, dass die Wolke ein willkuerliches, und kein natuerliches Zeichen +bei den Malern ist; dieses willkuerliche Zeichen hat auch nicht einmal +die bestimmte Deutlichkeit, die es als ein solches haben koennte; denn +sie brauchen es ebensowohl, um das Sichtbare unsichtbar, als um das +Unsichtbare sichtbar zu machen. + +{9. Zwar laesst Homer auch Gottheiten sich dann und wann in eine Wolke +huellen, aber nur alsdenn, wenn sie von andern Gottheiten nicht wollen +gesehen werden. Z. E. Iliad. X. v. 282, wo Juno und der Schlaf hera +essamenw sich nach dem Ida verfuegen, war es der schlauen Goettin +hoechste Sorge, von der Venus nicht entdeckt zu werden, die ihr, nur +unter dem Vorwande einer ganz andern Reise, ihren Guertel geliehen +hatte. In eben dem Buche (v. 344.) muss eine gueldene Wolke den +wollusttrunkenen Jupiter mit seiner Gemahlin umgeben, um ihren +zuechtigen Weigerungen abzuhelfen: + + PvV k' eoi, ei tiV nvi Jevn aieigenetawn + Eudont' aJrhseie;-- + + +Sie fUerchte sich nicht von den Menschen gesehen zu werden; sondern +von den GOettern. Und wenn schon Homer den Jupiter einige Zeilen +darauf sagen lAesst: + + Hrh, mhte Jevn toge deidiJi, mhte tin' andrvn + OyesJai- toion toi egw nejoV amjikaluyw + Cruseon- + + +so folgt doch daraus nicht, dass sie erst diese Wolke vor den Augen +der Menschen wUerde verborgen haben; sondern es will nur so viel, dass +sie in dieser Wolke ebenso unsichtbar den GOettern werden solle, als +sie es nur immer den Menschen sei. So auch, wenn Minerva sich den +Helm des Pluto aufsetzet (Iliad. E. v. 845.), welches mit dem +Verhuellen in eine Wolke einerlei Wirkung hatte, geschieht es nicht, +um von den Trojanern nicht gesehen zu werden, die sie entweder gar +nicht, oder unter der Gestalt des Sthenelus erblicken, sondern +lediglich, damit sie Mars nicht erkennen moege.} + + + +XIII. + + +Wenn Homers Werke gAenzlich verloren waeren, wenn wir von seiner Ilias +und Odyssee nichts uebrig haetten, als eine aehnliche Folge von Gemaelden, +dergleichen Caylus daraus vorgeschlagen: wuerden wir wohl aus diesen +Gemaelden,--sie sollen von der Hand des vollkommensten Meisters +sein--ich will nicht sagen, von dem ganzen Dichter, sondern bloss von +seinem malerischen Talente, uns den Begriff bilden koennen, den wir +itzt von ihm haben? + +Man mache einen Versuch mit dem ersten dem besten Stuecke. Es sei das +Gemaelde der Pest 1). Was erblicken wir auf der Flaeche des Kuenstlers? +Tote Leichname, brennende Scheiterhaufen, Sterbende mit Gestorbenen +beschaeftiget, den erzuernten Gott auf einer Wolke, seine Pfeile +abdrueckend. Der groesste Reichtum dieses Gemaeldes ist Armut des +Dichters. Denn sollte man den Homer aus diesem Gemaelde +wiederherstellen: was koennte man ihn sagen lassen? "Hierauf +ergrimmte Apollo, und schoss seine Pfeile unter das Heere der Griechen. +Viele Griechen sturben und ihre Leichname wurden verbrannt." Nun +lese man den Homer selbst: + +{1. Iliad. A. v. 44-53. Tableaux tires de l'Iliade p. 7.} + + Bh de kat' Oulumpoio karhnwn cwomenoV khr, + Tox' wmoisin ecwn, amjhrejea te jaretrhn. + Eklagxan d' ar' oistoi ep' wmwn cwomenoio, + Autou kinhJentoV- o d' hie nukti eoikwV- + Ezet' epeit' apaneuJe nevn, meta d' ion ehken- + Deinh de klaggh genet' argureoio bioio. + OurhaV men prvton epwceto, kai kunaV argouV- + Autar epeit' autoisi beloV ecepeukeV ejieiV + Ball'- aiei de purai nekuwn kaionto Jameiai. + + +So weit das Leben Ueber das GemAelde ist, so weit ist der Dichter hier +ueber den Maler. Ergrimmt, mit Bogen und KOecher, steiget Apollo von +den Zinnen des Olympus. Ich sehe ihn nicht allein herabsteigen, ich +hoere ihn. Mit jedem Tritte erklingen die Pfeile um die Schultern des +Zornigen. Er gehet einher, gleich der Nacht. Nun sitzt er gegen den +Schiffen ueber, und schnellet--fuerchterlich erklingt der silberne +Bogen--den ersten Pfeil auf die Maultiere und Hunde. Sodann fasst er +mit dem giftigern Pfeile die Menschen selbst; und ueberall lodern +unaufhoerlich Holzstoesse mit Leichnamen.--Es ist unmoeglich, die +musikalische Malerei, welche die Worte des Dichters mit hoeren lassen, +in eine andere Sprache ueberzutragen. Es ist ebenso unmoeglich, sie +aus dem materiellen Gemaelde zu vermuten, ob sie schon nur der +allerkleineste Vorzug ist, den das poetische Gemaelde vor selbigem hat. +Der Hauptvorzug ist dieser, dass uns der Dichter zu dem, was das +materielle Gemaelde aus ihm zeiget, durch eine ganze Galerie von +Gemaelden fuehret. + +Aber vielleicht ist die Pest kein vorteilhafter Vorwurf fuer die +Malerei. Hier ist ein anderer, der mehr Reize fuer das Auge hat. Die +ratpflegenden trinkenden Goetter 2). Ein goldner offener Palast, +willkuerliche Gruppen der schoensten und verehrungswuerdigsten Gestalten, +den Pokal in der Hand, von Heben, der ewigen Jugend, bedienet. +Welche Architektur, welche Massen von Licht und Schatten, welche +Kontraste, welche Mannigfaltigkeit des Ausdruckes! Wo fange ich an, +wo hoere ich auf, mein Auge zu weiden? Wann mich der Maler so +bezaubert, wieviel mehr wird es der Dichter tun! Ich schlage ihn auf, +und ich finde--mich betrogen. Ich finde vier gute plane Zeilen, die +zur Unterschrift eines Gemaeldes dienen koennen, in welchen der Stoff +zu einem Gemaelde liegt, aber die selbst kein Gemaelde sind. + +{2. Iliad. D. v. 1-4. Tableaux tires de l'Iliade p. 30.} + + Oi de Jeoi par Zhni kaJhmenoi hgorownto + Crusew en dapedw, meta de sjisi potnia Hbh + Nektar ewnocoei- toi de cruseoiV depaessi + Deidecat' allhlouV, Trwwn polin eisorownteV. + + +Das wUerde ein Apollonius, oder ein noch mittelmAessigerer Dichter, +nicht schlechter gesagt haben; und Homer bleibt hier ebensoweit unter +dem Maler, als der Maler dort unter ihm blieb. + +Noch dazu findet Caylus in dem ganzen vierten Buche der Ilias sonst +kein einziges Gemaelde, als nur eben in diesen vier Zeilen. So sehr +sich, sagt er, das vierte Buch durch die mannigfaltigen Ermunterungen +zum Angriffe, durch die Fruchtbarkeit glaenzender und abstechender +Charaktere, und durch die Kunst ausnimmt, mit welcher uns der Dichter +die Menge, die er in Bewegung setzen will, zeiget: so ist es doch fuer +die Malerei gaenzlich unbrauchbar. Er haette dazu setzen kOennen: so +reich es auch sonst an dem ist, was man poetische Gemaelde nennet. +Denn wahrlich, es kommen derer in dem vierten Buche so haeufige und so +vollkommene vor, als nur in irgend einem andern. Wo ist ein +ausgefuehrteres, taeuschenderes Gemaelde als das vom Pandarus, wie er +auf Anreizen der Minerva den Waffenstillestand bricht, und seinen +Pfeil auf den Menelaus losdrueckt? Als das, von dem Anruecken des +griechischen Heeres? Als das, von dem beiderseitigen Angriffe? Als +das, von der Tat des Ulysses, durch die er den Tod seines Leukus +raechet? + +Was folgt aber hieraus, dass nicht wenige der schoensten Gemaelde des +Homers kein Gemaelde fuer den Artisten geben? dass der Artist Gemaelde +aus ihm ziehen kann, wo er selbst keine hat? dass die, welche er hat, +und der Artist gebrauchen kann, nur sehr armselige Gemaelde sein +wuerden, wenn sie nicht mehr zeigten, als der Artist zeiget? Was +sonst, als die Verneinung meiner obigen Frage? Dass aus den +materiellen Gemaelden, zu welchen die Gedichte des Homers Stoff geben, +wann ihrer auch noch so viele, wann sie auch noch so vortrefflich +waeren, sich dennoch auf das malerische Talent des Dichters nichts +schliessen laesst. + + + +XIV. + + +Ist dem aber so, und kann ein Gedicht sehr ergiebig fuer den Maler, +dennoch aber selbst nicht malerisch, hinwiederum ein anderes sehr +malerisch, und dennoch nicht ergiebig fuer den Maler sein: so ist es +auch um den Einfall des Grafen Caylus getan, welcher die +Brauchbarkeit fuer den Maler zum Probiersteine der Dichter machen, und +ihre Rangordnung nach der Anzahl der Gemaelde, die sie dem Artisten +darbieten, bestimmen wollen 1). + +{1. Tableaux tires de l'Iliade, Avert. p. V. On est toujours convenu, +que plus un poeme fournissait d'images et d'actions, plus il avait +de superiorite en poesie. Cette reflexion m'avait conduit a penser +que le calcul des differents tableaux, qu'offrent les poemes, pouvait +servir a comparer le merite respectif des poames et des poetes. Le +nombre et le genre des tableaux que presentent ces grands ouvrages, +auraient ete une espece de pierre de touche, en plutot une balance +certaine du merite de ces poemes et du genie de leurs auteurs.} + +Fern sei es, diesem Einfalle, auch nur durch unser Stillschweigen, +das Ansehen einer Regel gewinnen zu lassen. Milton wuerde als das +erste unschuldige Opfer derselben fallen. Denn es scheinet wirklich, +dass das veraechtliche Urteil, welches Caylus ueber ihn spricht, nicht +sowohl Nationalgeschmack, als eine Folge seiner vermeinten Regel +gewesen. Der Verlust des Gesichts, sagt er, mag wohl die groesste +Aehnlichkeit sein, die Milton mit dem Homer gehabt hat. Freilich kann +Milton keine Galerien fuellen. Aber muesste, solange ich das leibliche +Auge haette, die Sphaere desselben auch die Sphaere meines innern Auges +sein, so wuerde ich, um von dieser Einschraenkung frei zu werden, einen +grossen Wert auf den Verlust des erstern legen. + +Das Verlorne Paradies ist darum nicht weniger die erste Epopoee nach +dem Homer, weil es wenig Gemaelde liefert, als die Leidensgeschichte +Christi deswegen ein Poem ist, weil man kaum den Kopf einer Nadel in +sie setzen kann, ohne auf eine Stelle zu treffen, die nicht eine +Menge der groessten Artisten beschaeftiget haette. Die Evangelisten +erzaehlen das Faktum mit aller moeglichen trockenen Einfalt, und der +Artist nutzet die mannigfaltigen Teile desselben, ohne dass sie +ihrerseits den geringsten Funken von malerischem Genie dabei gezeigt +haben. Es gibt malbare und unmalbare Fakta, und der +Geschichtschreiber kann die malbarsten ebenso unmalerisch erzaehlen, +als der Dichter die unmalbarsten malerisch darzustellen vermoegend ist. + +Man laesst sich bloss von der Zweideutigkeit des Wortes verfuehren, wenn +man die Sache anders nimmt. Ein poetisches Gemaelde ist nicht +notwendig das, was in ein materielles Gemaelde zu verwandeln ist; +sondern jeder Zug, jede Verbindung mehrerer Zuege, durch die uns der +Dichter seinen Gegenstand so sinnlich macht, dass wir uns dieses +Gegenstandes deutlicher bewusst werden, als seiner Worte, heisst +malerisch, heisst ein Gemaelde, weil es uns dem Grade der Illusion +naeher bringt, dessen das materielle Gemaelde besonders faehig ist, der +sich von dem materiellen Gemaelde am ersten und leichtesten +abstrahieren lassen 2). + +{2. Was wir poetische Gemaelde nennen, nannten die Alten Phantasien, +wie man sich aus dem Longin erinnern wird. Und was wir die Illusion, +das Taeuschende dieser Gemaelde heissen, hiess bei ihnen die Enargie. +Daher hatte einer, wie Plutarchus meldet, (Erot. T. II. Edit. Henr. +Steph. p. 1351.) gesagt: die poetischen Phantasien waeren, wegen +ihrer Enargie, Traeume der Wachenden; Ai poihtikai jantasiai dia thn +enargeian egrhgorotwn enupnia eisin. Ich wuenschte sehr, die neuern +Lehrbuecher der Dichtkunst haetten sich dieser Benennung bedienen, und +des Worts Gemaelde gaenzlich enthalten wollen. Sie wuerden uns eine +Menge halbwahrer Regeln erspart haben, deren vornehmster Grund die +Uebereinstimmung eines willkuerlichen Namens ist. Poetische Phantasien +wuerde kein Mensch so leicht den Schranken eines materiellen Gemaeldes +unterworfen haben; aber sobald man die Phantasien poetische Gemaelde +nannte, so war der Grund zur Verfuehrung gelegt.} + + + +XV. + + +Nun kann der Dichter zu diesem Grade der Illusion, wie die Erfahrung +zeiget, auch die Vorstellungen anderer, als sichtbarer Gegenstaende +erheben. Folglich muessen notwendig dem Artisten ganze Klassen von +Gemaelden abgehen, die der Dichter vor ihm voraus hat. Drydens Ode +auf den Caecilienstag ist voller musikalischen Gemaelde, die den Pinsel +muessig lassen. Doch ich will mich in dergleichen Exempel nicht +verlieren, aus welchen man am Ende doch wohl nicht viel mehr lernet, +als dass die Farben keine Toene, und die Ohren keine Augen sind. + +Ich will bei den Gemaelden bloss sichtbarer Gegenstaende stehen bleiben, +die dem Dichter und Maler gemein sind. Woran liegt es, dass manche +poetische Gemaelde von dieser Art, fuer den Maler unbrauchbar sind, und +hinwiederum manche eigentliche Gemaelde unter der Behandlung des +Dichters den groessten Teil ihrer Wirkung verlieren? + +Exempel moegen mich leiten. Ich wiederhole es: das Gemaelde des +Pandarus im vierten Buche der Ilias ist eines von den ausgefuehrtesten, +taeuschendsten im ganzen Homer. Von dem Ergreifen des Bogens bis zu +dem Fluge des Pfeiles, ist jeder Augenblick gemalt, und alle diese +Augenblicke sind so nahe und doch so unterschieden angenommen, dass, +wenn man nicht wuesste, wie mit dem Bogen umzugehen waere, man es aus +diesem Gemaelde allein lernen koennte 1). Pandarus zieht seinen Bogen +hervor, legt die Sehne an, oeffnet den Koecher, waehlet einen noch +ungebrauchten wohlbefiederten Pfeil, setzt den Pfeil an die Sehne, +zieht die Sehne mitsamt dem Pfeile unten an dem Einschnitte zurueck, +die Sehne nahet sich der Brust, die eiserne Spitze des Pfeiles dem +Bogen, der grosse gerundete Bogen schlaegt toenend auseinander, die +Sehne schwirret, ab sprang der Pfeil, und gierig fliegt er nach +seinem Ziele. + +{1. Iliad. D. v. 105. + + Autik' esula toxon euxoon-- + Kai to men eu kateJhke tanussamenoV, poti gaih + AgklinaV-- + Autar o sula pvma jaretrhV- ek d' elet' ion + Ablhta, pteroenta, melainvn erm' odunawn, + Aiya d' epi neurh katekosmei pikron oiston,-- + Elke d' omou glujidaV te labwn kai neura boeia. + Neurhn men mazv pelasen, toxw de sidhron.-- + Autar epei dh kuklotereV mega toxon eteine, + Ligxe bioV, neurh de meg' iacen, alto d' oistoV + OxubelhV, kaJ' omilon epiptesJai meneainwn.} + + +Uebersehen kann Caylus dieses vortreffliche GemAelde nicht haben. Was +fand er also darin, warum er es fuer unfaehig achtete, seinen Artisten +zu beschaeftigen? Und was war es, warum ihm die Versammlung der +ratpflegenden zechenden GOetter zu dieser Absicht tauglicher duenkte? +Hier sowohl als dort sind sichtbare Vorwuerfe, und was braucht der +Maler mehr, als sichtbare Vorwuerfe, um seine Flaeche zu fuellen? + +Der Knoten muss dieser sein. Obschon beide Vorwuerfe, als sichtbar, +der eigentlichen Malerei gleich faehig sind: so findet sich doch +dieser wesentliche Unterschied unter ihnen, dass jener eine sichtbare +fortschreitende Handlung ist, deren verschiedene Teile sich nach und +nach, in der Folge der Zeit, ereignen, dieser hingegen eine sichtbare +stehende Handlung, deren verschiedene Teile sich nebeneinander im +Raume entwickeln. Wenn nun aber die Malerei, vermoege ihrer Zeichen +oder der Mittel ihrer Nachahmung, die sie nur im Raume verbinden kann, +der Zeit gaenzlich entsagen muss: so koennen fortschreitende Handlungen, +als fortschreitend, unter ihre Gegenstaende nicht gehoeren, sondern +sie muss sich mit Handlungen nebeneinander, oder mit blossen Koerpern, +die durch ihre Stellungen eine Handlung vermuten lassen, begnuegen. +Die Poesie hingegen- + + + +XVI. + + +Doch ich will versuchen, die Sache aus ihren ersten Gruenden +herzuleiten. + +Ich schliesse so. Wenn es wahr ist, dass die Malerei zu ihren +Nachahmungen ganz andere Mittel, oder Zeichen gebrauchet, als die +Poesie; jene naemlich Figuren und Farben in dem Raume, diese aber +artikulierte Toene in der Zeit; wenn unstreitig die Zeichen ein +bequemes Verhaeltnis zu dem Bezeichneten haben muessen: so koennen +nebeneinander geordnete Zeichen auch nur Gegenstaende, die +nebeneinander, oder deren Teile nebeneinander existieren, +aufeinanderfolgende Zeichen aber auch nur Gegenstaende ausdruecken, die +aufeinander, oder deren Teile aufeinander folgen. + +Gegenstaende, die nebeneinander oder deren Teile nebeneinander +existieren, heissen Koerper. Folglich sind Koerper mit ihren sichtbaren +Eigenschaften die eigentlichen Gegenstaende der Malerei. + +Gegenstaende, die aufeinander, oder deren Teile aufeinander folgen, +heissen ueberhaupt Handlungen. Folglich sind Handlungen der +eigentliche Gegenstand der Poesie. + +Doch alle Koerper existieren nicht allein in dem Raume, sondern auch +in der Zeit. Sie dauern fort, und koennen in jedem Augenblicke ihrer +Dauer anders erscheinen, und in anderer Verbindung stehen. Jede +dieser augenblicklichen Erscheinungen und Verbindungen ist die +Wirkung einer vorhergehenden, und kann die Ursache einer folgenden, +und sonach gleichsam das Zentrum einer Handlung sein. Folglich kann +die Malerei auch Handlungen nachahmen, aber nur andeutungsweise durch +Koerper. + +Auf der andern Seite koennen Handlungen nicht fuer sich selbst bestehen, +sondern muessen gewissen Wesen anhaengen. Insofern nun diese Wesen +Koerper sind, oder als Koerper betrachtet werden, schildert die Poesie +auch Koerper, aber nur andeutungsweise durch Handlungen. + +Die Malerei kann in ihren koexistierenden Kompositionen nur einen +einzigen Augenblick der Handlung nutzen, und muss daher den +praegnantesten waehlen, aus welchem das Vorhergehende und Folgende am +begreiflichsten wird. + +Ebenso kann auch die Poesie in ihren fortschreitenden Nachahmungen +nur eine einzige Eigenschaft der Koerper nutzen, und muss daher +diejenige waehlen, welche das sinnlichste Bild des Koerpers von der +Seite erwecket, von welcher sie ihn braucht. + +Hieraus fliesst die Regel von der Einheit der malerischen Beiwoerter, +und der Sparsamkeit in den Schilderungen koerperlicher Gegenstaende. + +Ich wuerde in diese trockene Schlusskette weniger Vertrauen setzen, +wenn ich sie nicht durch die Praxis des Homers vollkommen bestaetiget +faende, oder wenn es nicht vielmehr die Praxis des Homers selbst waere, +die mich darauf gebracht haette. Nur aus diesen Grundsaetzen laesst sich +die grosse Manier des Griechen bestimmen und erklaeren, sowie der +entgegengesetzten Manier so vieler neuern Dichter ihr Recht erteilen, +die in einem Stuecke mit dem Maler wetteifern wollen, in welchem sie +notwendig von ihm ueberwunden werden muessen. + +Ich finde, Homer malet nichts als fortschreitende Handlungen, und +alle Koerper, alle einzelne Dinge malet er nur durch ihren Anteil an +diesen Handlungen, gemeiniglich nur mit einem Zuge. Was Wunder also, +dass der Maler, da wo Homer malet, wenig oder nichts fuer sich zu tun +siehet, und dass seine Ernte nur da ist, wo die Geschichte eine Menge +schoener Koerper, in schoenen Stellungen, in einem der Kunst +vorteilhaften Raume zusammenbringt, der Dichter selbst mag diese +Koerper, diese Stellungen, diesen Raum so wenig malen, als er will? +Man gehe die ganze Folge der Gemaelde, wie sie Caylus aus ihm +vorschlaegt, Stueck vor Stueck durch, und man wird in jedem den Beweis +von dieser Anmerkung finden. + +Ich lasse also hier den Grafen, der den Farbenstein des Malers zum +Probiersteine des Dichters machen will, um die Manier des Homers +naeher zu erklaeren. + +Fuer ein Ding, sage ich, hat Homer gemeiniglich nur einen Zug. Ein +Schiff ist ihm bald das schwarze Schiff, bald das hohle Schiff, bald +das schnelle Schiff, hoechstens das wohlberuderte schwarze Schiff. +Weiter laesst er sich in die Malerei des Schiffes nicht ein. Aber wohl +das Schiffen, das Abfahren, das Anlanden des Schiffes, macht er zu +einem ausfuehrlichen Gemaelde, zu einem Gemaelde, aus welchem der Maler +fuenf, sechs besondere Gemaelde machen muesste, wenn er es ganz auf seine +Leinwand bringen wollte. + +Zwingen den Homer ja besondere Umstaende, unsern Blick auf einen +einzeln koerperlichen Gegenstand laenger zu heften: so wird +demohngeachtet kein Gemaelde daraus, dem der Maler mit dem Pinsel +folgen koennte; sondern er weiss durch unzaehlige Kunstgriffe diesen +einzeln Gegenstand in eine Folge von Augenblicken zu setzen, in deren +jedem er anders erscheinet, und in deren letztem ihn der Maler +erwarten muss, um uns entstanden zu zeigen, was wir bei dem Dichter +entstehen sehn. Z. E. Will Homer uns den Wagen der Juno sehen lassen, +so muss ihn Hebe vor unsern Augen Stueck vor Stueck zusammensetzen. +Wir sehen die Raeder, die Achsen, den Sitz, die Deichsel und Riemen +und Straenge, nicht sowohl wie es beisammen ist, als wie es unter den +Haenden der Hebe zusammenkommt. Auf die Raeder allein verwendet der +Dichter mehr als einen Zug, und weiset uns die ehernen acht Speichen, +die goldenen Felgen, die Schienen von Erzt, die silberne Nabe, alles +insbesondere. Man sollte sagen: da der Raeder mehr als eines war, so +musste in der Beschreibung ebensoviel Zeit mehr auf sie gehen, als +ihre besondere Anlegung deren in der Natur selbst mehr erforderte 1). + +{1. Iliad. E. v. 722-731.} + + Hbh d' amj' oceessi JovV bale kampula kukla + Calkea, oktaknhma, sidhrew axoni amjiV- + Tvn h toi cruseh ituV ajJitoV, autar uperJen + Calke episswtra, prosarhrota, Jauma idesJai- + Plhmnai d' argurou eisi peridromoi amjoterwJen- + DijroV de cruseoisi kai argureoisin imasin + Entetatai- doiai de peridromoi antugeV eisin- + Tou d' ex argureoV rumoV pelen- autar ep' akrw + Dhse cruseion kalon zugon, en de lepadna + Kal' ebale, cruseia--- + + +Will uns Homer zeigen, wie Agamemnon bekleidet gewesen, so muss sich +der KOenig vor unsern Augen seine voellige Kleidung StUeck vor Stueck +umtun; das weiche Unterkleid, den grossen Mantel, die schoenen +Halbstiefeln, den Degen; und so ist er fertig, und ergreift das +Zepter. Wir sehen die Kleider, indem der Dichter die Handlung des +Bekleidens malet; ein anderer wuerde die Kleider bis auf die geringste +Franze gemalet haben, und von der Handlung hAetten wir nichts zu sehen +bekommen 2). + +{2. Iliad. B. v. 43-47.} + + --malakon d' endune citvna, + Kalon, nhgateon, peri d' au mega balleto jaroV- + Possi d' upai liparoisin edhsato kala pedila- + Amji d' ar' wmoisin baleto xijoV argurohlon, + Eileto de skhptron patrwion, ajJiton aiei. + + +Und wenn wir von diesem Zepter, welches hier bloss das vAeterliche, +unvergaengliche Zepter heisst, so wie ein aehnliches ihm an einem andern +Orte bloss crouseioiV hloisi peparmenon, das mit goldenen Stiften +beschlagene Zepter ist, wenn wir, sage ich, von diesem wichtigen +Zepter ein vollstaendigeres, genaueres Bild haben sollen: was tut +sodann Homer? Malt er uns, ausser den goldenen Naegeln, nun auch das +Holz, den geschnitzten Knopf? Ja, wenn die Beschreibung in eine +Heraldik sollte, damit einmal in den folgenden Zeiten ein anderes +genau darnach gemacht werden kOenne. Und doch bin ich gewiss, dass +mancher neuere Dichter eine solche Wappenkoenigsbeschreibung daraus +wUerde gemacht haben, in der treuherzigen Meinung, dass er wirklich +selber gemalt habe, weil der Maler ihm nachmalen kann. Was bekuemmert +sich aber Homer, wie weit er den Maler hinter sich laesst? Statt einer +Abbildung gibt er uns die Geschichte des Zepters: erst ist es unter +der Arbeit des Vulkans; nun glaenzt es in den Haenden des Jupiters; nun +bemerkt es die Wuerde Merkurs; nun ist es der Kommandostab des +kriegerischen Pelops; nun der Hirtenstab des friedlichen Atreus usw. + + --Skhptron ecwn- to men HjaistoV kame teucwn- + HjaistoV men dvke Dii Kroniwni anakti- + Autar ara ZeuV dvke diaktorw Argeijonth- + ErmeiaV de anax dvken Pelopi plhxippw- + Autar o aute Peloy dvk' Atrei, poimeni lavn- + AtreuV de Jnhskwn elipe poluarni Questh- + Autar o aute Quest' Agamemnoni leipe jorhnai, + Pollhsi nhsoisi kai Argei panti anassein 3) + +{3. Iliad. B. v. 101-108.} + + +So kenne ich endlich dieses Zepter besser, als mir es der Maler vor +Augen legen, oder ein zweiter Vulkan in die HAende liefern kOennte.--Es +wUerde mich nicht befremden, wenn ich faende, dass einer von den alten +Auslegern des Homers diese Stelle als die vollkommenste Allegorie von +dem Ursprunge, dem Fortgange, der Befestigung und endlichen +Beerbfolgung der koeniglichen Gewalt unter den Menschen bewundert +haette. Ich wuerde zwar laecheln, wenn ich laese, dass Vulkan, welcher +das Zepter gearbeitet, als das Feuer, als das, was dem Menschen zu +seiner Erhaltung das Unentbehrlichste ist, die Abstellung der +Beduerfnisse ueberhaupt anzeige, welche die ersten Menschen, sich einem +einzigen zu unterwerfen, bewogen; dass der erste Koenig ein Sohn der +Zeit, (ZeuV Kroniwn) ein ehrwuerdiger Alte gewesen sei, welcher seine +Macht mit einem beredten klugen Manne, mit einem Merkur, (Diaktorw +Argeijonth) teilen, oder gaenzlich auf ihn uebertragen wollen; dass der +kluge Redner zur Zeit, als der junge Staat von auswaertigen Feinden +bedrohet worden, seine oberste Gewalt dem tapfersten Krieger (Pelopi +plhxippw) ueberlassen habe; dass der tapfere Krieger, nachdem er die +Feinde gedaempfet und das Reich gesichert, es seinem Sohne in die +Haende spielen koennen, welcher als ein friedliebender Regent, als ein +wohltaetiger Hirte seiner Voelker (poimhn lavn), sie mit Wohlleben und +Ueberfluss bekannt gemacht habe, wodurch nach seinem Tode dem reichsten +seiner Anverwandten (poluarni Questh) der Weg gebahnet worden, das +was bisher das Vertrauen erteilet, und das Verdienst mehr fuer eine +Buerde als Wuerde gehalten hatte, durch Geschenke und Bestechungen an +sich zu bringen, und es hernach als ein gleichsam erkauftes Gut +seiner Familie auf immer zu versichern. Ich wuerde laecheln, ich wuerde +aber demohngeachtet in meiner Achtung fuer den Dichter bestaerket +werden, dem man so vieles leihen kann. Doch dieses liegt ausser +meinem Wege, und ich betrachte itzt die Geschichte des Zepters bloss +als einen Kunstgriff, uns bei einem einzeln Dinge verweilen zu machen, +ohne sich in die frostige Beschreibung seiner Teile einzulassen. +Auch wenn Achilles bei seinem Zepter schwoeret, die Geringschaetzung, +mit welcher ihm Agamemnon begegnet, zu raechen, gibt uns Homer die +Geschichte dieses Zepters. Wir sehen ihn auf den Bergen gruenen, das +Eisen trennet ihn von dem Stamme, entblaettert und entrindet ihn, und +macht ihn bequem, den Richtern des Volkes zum Zeichen ihrer +goettlichen Wuerde zu dienen 4). + +{4. Iliad. A. v. 234-239.} + + Nai ma tode skhptron, to men oupote julla kai ozouV + Fusei, epei dh prvta tomhn en oressi leloipen, + Oud' anaJhlhsei- peri gar ra e calkoV eleye, + Fulla te kai jloion- nun aute min uieV Acaivn + En palamhV joreousi dikaspoloi, oi te JemistaV + ProV DioV eiruatai--- + + +Dem Homer war nicht sowohl daran gelegen, zwei StAebe von +verschiedener Materie und Figur zu schildern, als uns von der +Verschiedenheit der Macht, deren Zeichen diese Staebe waren, ein +sinnliches Bild zu machen. Jener, ein Werk des Vulkans; dieser, von +einer unbekannten Hand auf den Bergen geschnitten: jener der alte +Besitz eines edeln Hauses; dieser bestimmt, die erste die beste Faust +zu fUellen: jener, von einem Monarchen ueber viele Inseln und ueber ganz +Argos erstrecket; dieser, von einem aus dem Mittel der Griechen +gefuehret, dem man nebst andern die Bewahrung der Gesetze anvertrauet +hatte. Dieses war wirklich der Abstand, in welchem sich Agamemnon +und Achill voneinander befanden; ein Abstand, den Achill selbst, bei +allem seinem blinden Zorne, einzugestehen, nicht umhin konnte. + +Doch nicht bloss da, wo Homer mit seinen Beschreibungen dergleichen +weitere Absichten verbindet, sondern auch da, wo es ihm um das blosse +Bild zu tun ist, wird er dieses Bild in eine Art von Geschichte des +Gegenstandes verstreuen, um die Teile desselben, die wir in der Natur +nebeneinander sehen, in seinem Gemaelde ebenso natuerlich aufeinander +folgen, und mit dem Flusse der Rede gleichsam Schritt halten zu +lassen. Z. E. Er will uns den Bogen des Pandarus malen; einen Bogen +von Horn, von der und der Laenge, wohl polieret, und an beiden Spitzen +mit Goldblech beschlagen. Was tut er? Zaehlt er uns alle diese +Eigenschaften so trocken eine nach der andern vor? Mit nichten; das +wuerde einen solchen Bogen angeben, vorschreiben, aber nicht malen +heissen. Er faengt mit der Jagd des Steinbockes an, aus dessen HOernern +der Bogen gemacht worden; Pandarus hatte ihm in den Felsen aufgepasst, +und ihn erlegt; die Hoerner waren von ausserordentlicher Groesse, +deswegen bestimmte er sie zu einem Bogen; sie kommen in die Arbeit, +der Kuenstler verbindet sie, polieret sie, beschlaegt sie. Und so, wie +gesagt, sehen wir bei dem Dichter entstehen, was wir bei dem Maler +nicht anders als entstanden sehen koennen 5). + +{5. Iliad. D. v. 105-111.} + + --toxon, euxoon, ixalou aigoV + Agriou, on ra pot' autoV, upo sternoio tuchsaV, + PetrhV ekbainonta dedegmenoV en prodokhsin, + Beblhkei proV sthJoV- o d' uptioV empese petrh- + Tou kera ek kejalhV ekkaidekadwra pejukai. + Kai ta men askhsaV keraoxooV hrare tektwn, + Pan d' eu leihnaV, krusehn epeJhke korwnhn. + + +Ich wUerde nicht fertig werden, wenn ich alle Exempel dieser Art +ausschreiben wollte. Sie werden jedem, der seinen Homer innehat, in +Menge beifallen. + + + +XVII. + + +Aber, wird man einwenden, diese Zeichen der Poesie sind nicht bloss +aufeinanderfolgend, sie sind auch willkuerlich; und als willkuerliche +Zeichen sind sie allerdings fAehig, KOerper, so wie sie im Raume +existieren, auszudruecken. In dem Homer selbst faenden sich hiervon +Exempel, an dessen Schild des Achilles man sich nur erinnern duerfe, +um das entscheidendste Beispiel zu haben, wie weitlaeuftig und doch +poetisch man ein einzelnes Ding nach seinen Teilen nebeneinander +schildern koenne. + +Ich will auf diesen doppelten Einwurf antworten. Ich nenne ihn +doppelt, weil ein richtiger Schluss auch ohne Exempel gelten muss, und +Gegenteils das Exempel des Homers bei mir von Wichtigkeit ist, auch +wenn ich es noch durch keinen Schluss zu rechtfertigen weiss. + +Es ist wahr; da die Zeichen der Rede willkuerlich sind, so ist es gar +wohl moeglich, dass man durch sie die Teile eines Koerpers ebensowohl +aufeinanderfolgen lassen kann, als sie in der Natur nebeneinander +befindlich sind. Allein dieses ist eine Eigenschaft der Rede und +ihrer Zeichen ueberhaupt, nicht aber insoferne sie der Absicht der +Poesie am bequemsten sind. Der Poet will nicht bloss verstaendlich +werden, seine Vorstellungen sollen nicht bloss klar und deutlich sein; +hiermit begnuegt sich der Prosaist. Sondern er will die Ideen, die er +in uns erwecket, so lebhaft machen, dass wir in der Geschwindigkeit +die wahren sinnlichen Eindruecke ihrer Gegenstaende zu empfinden +glauben, und in diesem Augenblicke der Taeuschung uns der Mittel, die +er dazu anwendet, seiner Worte, bewusst zu sein aufhoeren. Hierauf +lief oben die Erklaerung des poetischen Gemaeldes hinaus. Aber der +Dichter soll immer malen; und nun wollen wir sehen, inwieferne Koerper +nach ihren Teilen nebeneinander sich zu dieser Malerei schicken. + +Wie gelangen wir zu der deutlichen Vorstellung eines Dinges im Raume? +Erst betrachten wir die Teile desselben einzeln, hierauf die +Verbindung dieser Teile, und endlich das Ganze. Unsere Sinne +verrichten diese verschiedene Operationen mit einer so erstaunlichen +Schnelligkeit, dass sie uns nur eine einzige zu sein beduenken, und +diese Schnelligkeit ist unumgaenglich notwendig, wann wir einen +Begriff von dem Ganzen, welcher nichts mehr als das Resultat von den +Begriffen der Teile und ihrer Verbindung ist, bekommen sollen. +Gesetzt nun also auch, der Dichter fuehre uns in der schoensten Ordnung +von einem Teile des Gegenstandes zu dem andern; gesetzt, er wisse uns +die Verbindung dieser Teile auch noch so klar zu machen: wie viel +Zeit gebraucht er dazu? Was das Auge mit einmal uebersiehet, zaehlt er +uns merklich langsam nach und nach zu, und oft geschieht es, dass wir +bei dem letzten Zuge den ersten schon wiederum vergessen haben. +Jedennoch sollen wir uns aus diesen Zuegen ein Ganzes bilden; dem Auge +bleiben die betrachteten Teile bestaendig gegenwaertig; es kann sie +abermals und abermals ueberlaufen: fuer das Ohr hingegen sind die +vernommenen Teile verloren, wann sie nicht in dem Gedaechtnisse +zurueckbleiben. Und bleiben sie schon da zurueck: welche Muehe, welche +Anstrengung kostet es, ihre Eindruecke alle in eben der Ordnung so +lebhaft zu erneuern, sie nur mit einer maessigen Geschwindigkeit auf +einmal zu ueberdecken, um zu einem etwanigen Begriffe des Ganzen zu +gelangen! + +Man versuche es an einem Beispiele, welches ein Meisterstueck in +seiner Art heissen kann 1). + +{1. S. des Herrn v. Hallers Alpen.} + + Dort ragt das hohe Haupt vom edeln Enziane + Weit uebern niedern Chor der Poebelkraeuter hin, + Ein ganzes Blumenvolk dient unter seiner Fahne, + Sein blauer Bruder selbst bueckt sich und ehret ihn. + Der Blumen helles Gold, in Strahlen umgebogen, + Tuermt sich am Stengel auf und kroent sein grau Gewand, + Der Blaetter glattes Weiss, mit tiefem Gruen durchzogen, + Strahlt von dem bunten Blitz von feuchtem Diamant. + Gerechtestes Gesetz! dass Kraft sich Zier vermaehle, + In einem schoenen Leib wohnt eine schoenre Seele. + + Hier kriecht ein niedrig Kraut, gleich einem grauen Nebel, + Dem die Natur sein Blatt im Kreuze hingelegt; + Die holde Blume zeigt die zwei vergoeldten Schnaebel, + Die ein von Amethyst gebildter Vogel traegt. + Dort wirft ein glaenzend Blatt, in Finger ausgekerbet, + Auf einen hellen Bach den gruenen Widerschein; + Der Blumen zarten Schnee, den matter Purpur faerbet, + Schliesst ein gestreifter Stern in weisse Strahlen ein. + Smaragd und Rosen bluehn auch auf zertretner Heide, + Und Felsen decken sich mit einem Purpurkleide. + + + +Es sind KrAeuter und Blumen, welche der gelehrte Dichter mit grosser +Kunst und nach der Natur malet. Malt, aber ohne alle Taeuschung malet. +Ich will nicht sagen, dass wer diese Kraeuter und Blumen nie gesehen, +sich auch aus seinem Gemaelde so gut als gar keine Vorstellung davon +machen kOenne. Es mag sein, dass alle poetische Gemaelde eine +vorlaeufige Bekanntschaft mit ihren Gegenstaenden erfordern. Ich will +auch nicht leugnen, dass demjenigen, dem eine solche Bekanntschaft +hier zustatten koemmt, der Dichter nicht von einigen Teilen eine +lebhaftere Idee erwecken koennte. Ich frage ihn nur, wie steht es um +den Begriff des Ganzen? Wenn auch dieser lebhafter sein soll, so +mUessen keine einzelne Teile darin vorstechen, sondern das hoehere +Licht muss auf alle gleich verteilet scheinen; unsere Einbildungskraft +muss alle gleich schnell ueberlaufen koennen, um sich das aus ihnen mit +eins zusammenzusetzen, was in der Natur mit eins gesehen wird. Ist +dieses hier der Fall? Und ist er es nicht, wie hat man sagen koennen, +"dass die aehnlichste Zeichnung eines Malers gegen diese poetische +Schilderung ganz matt und duester sein wuerde" 2)? Sie bleibet +unendlich unter dem, was Linien und Farben auf der Flaeche ausdruecken +koennen, und der Kunstrichter, der ihr dieses uebertriebene Lob +erteilet, muss sie aus einem ganz falschen Gesichtspunkte betrachtet +haben; er muss mehr auf die fremden Zieraten, die der Dichter darein +verwebet hat, auf die Erhoehung ueber das vegetative Leben, auf die +Entwickelung der innern Vollkommenheiten, welchen die aeussere +Schoenheit nur zur Schale dienet, als auf diese Schoenheit selbst, und +auf den Grad der Lebhaftigkeit und Aehnlichkeit des Bildes, welches +uns der Maler, und welches uns der Dichter davon gewaehren kann, +gesehen haben. Gleichwohl koemmt es hier lediglich nur auf das +letztere an, und wer da sagt, dass die blossen Zeilen: + +{2. Breitingers Kritische Dichtkunst T. II. S. 807.} + + Der Blumen helles Gold, in Strahlen umgebogen, + Tuermt sich am Stengel auf und kroent sein grau Gewand, + Der Blaetter glattes Weiss, mit tiefem Gruen durchzogen, + Strahlt von dem bunten Blitz von feuchtem Diamant-- + + +dass diese Zeilen, in Ansehung ihres Eindrucks, mit der Nachahmung +eines Huysum wetteifern kOennen, muss seine Empfindung nie befragt +haben, oder sie vorsetzlich verleugnen wollen. Sie moegen sich, wenn +man die Blume selbst in der Hand hat, sehr schoen dagegen rezitieren +lassen; nur vor sich allein sagen sie wenig oder nichts. Ich hoere in +jedem Worte den arbeitenden Dichter, aber das Ding selbst bin ich +weit entfernet zu sehen. + +Nochmals also: ich spreche nicht der Rede Ueberhaupt das Vermoegen ab, +ein koerperliches Ganze nach seinen Teilen zu schildern; sie kann es, +weil ihre Zeichen, ob sie schon aufeinander folgen, dennoch +willkuerliche Zeichen sind: sondern ich spreche es der Rede als dem +Mittel der Poesie ab, weil dergleichen woertlichen Schilderungen der +Koerper das TAeuschende gebracht, worauf die Poesie vornehmlich gehet; +und dieses Taeuschende, sage ich, muss ihnen darum gebrechen, weil das +Koexistierende des Koerpers mit dem Konsekutiven der Rede dabei in +Kollision koemmt, und indem jenes in dieses aufgeloeset wird, uns die +Zergliederung des Ganzen in seine Teile zwar erleichtert, aber die +endliche Wiederzusammensetzung dieser Teile in das Ganze ungemein +schwer, und nicht selten unmoeglich gemacht wird. + +Ueberall, wo es daher auf das Taeuschende nicht ankoemmt, wo man nur mit +dem Verstande seiner Leser zu tun hat, und nur auf deutliche und +soviel moeglich vollstaendige Begriffe gehet: koennen diese aus der +Poesie ausgeschlossene Schilderungen der Koerper gar wohl Platz haben, +und nicht allein der Prosaist, sondern auch der dogmatische Dichter +(denn da wo er dogmatisieret, ist er kein Dichter), koennen sich ihrer +mit vielem Nutzen bedienen. So schildert z. E. Virgil in seinem +Gedichte vom Landbaue eine zur Zucht tuechtige Kuh: + + --Optima torvae + Forma bovis, cui turpe caput, cui plurima cervix, + Et crurum tenus a mento palearia pendent. + Tum longo nullus lateri modus: omnia magna: + Pes etiam, et camuris hirtae sub cornibus aures. + Nec mihi displiceat maculis insignis et albo, + Aut juga detractans interdumque aspera cornu, + Et faciem tauro propior; quaeque ardua tota, + Et gradiens ima verrit vestigia cauda. + + +Oder ein schoenes Fuellen: + + --Illi ardua cervix + Argutumque caput, brevis alvus, obesaque terga + Luxuriatque toris animosum pectus etc. 3) + +{3. Georg. lib. III. v. 51 et 79.} + + +Denn wer sieht nicht, dass dem Dichter hier mehr an der +Auseinandersetzung der Teile, als an dem Ganzen gelegen gewesen? Er +will uns die Kennzeichen eines schOenen FUellens, einer tuechtigen Kuh +zuzAehlen, um uns in den Stand zu setzen, nachdem wir deren mehrere +oder wenigere antreffen, von der Guete der einen oder des andern +urteilen zu koennen; ob sich aber alle diese Kennzeichen in ein +lebhaftes Bild leicht zusammenfassen lassen, oder nicht, das konnte +ihm sehr gleichgueltig sein. + +Ausser diesem Gebrauche sind die ausfuehrlichen Gemaelde koerperlicher +Gegenstaende, ohne den oben erwaehnten Homerischen Kunstgriff, das +Koexistierende derselben in ein wirkliches Sukzessives zu verwandeln, +jederzeit von den feinsten Richtern fuer ein frostiges Spielwerk +erkannt worden, zu welchem wenig oder gar kein Genie gehoeret. Wenn +der poetische Stuemper, sagt Horaz, nicht weiter kann, so faengt er an, +einen Hain, einen Altar, einen durch anmutige Fluren sich +schlaengelnden Bach, einen rauschenden Strom, einen Regenbogen zu +malen: + + --Lucus et ara Dianae, + Et properantis aquae per amoenos ambitus agros, + Aut flumen Rhenum, aut pluvius describitur arcus 4) + +{4. De A. P. v. 16.} + + +Der mAennliche Pope sahe auf die malerischen Versuche seiner +poetischen Kindheit mit grosser Geringschaetzung zurUeck. Er verlangte +ausdruecklich, dass wer den Namen eines Dichters nicht unwuerdig fuehren +wolle, der Schilderungssucht so frueh wie mOeglich entsagen muesse, und +erklaerte ein bloss malendes Gedichte fuer ein Gastgebot auf lauter +Bruehen 5). Von dem Herrn von Kleist kann ich versichern, dass er sich +auf seinen Fruehling das wenigste einbildete. Haette er laenger gelebt, +so wuerde er ihm eine ganz andere Gestalt gegeben haben. Er dachte +darauf, einen Plan hinein zu legen, und sann auf Mittel, wie er die +Menge von Bildern, die er aus dem unendlichen Raume der verjuengten +Schoepfung, auf Geratewohl, bald hier bald da, gerissen zu haben +schien, in einer natuerlichen Ordnung vor seinen Augen entstehen und +aufeinanderfolgen lassen wolle. Er wuerde zugleich das getan haben, +was Marmontel, ohne Zweifel mit auf Veranlassung seiner Eklogen, +mehrern deutschen Dichtern geraten hat; er wuerde aus einer mit +Empfindungen nur sparsam durchwebten Reihe von Bildern, eine mit +Bildern nur sparsam durchflochtene Folge von Empfindungen gemacht +haben 6). + +{5. Prologue to the satires. v. 340. + + That not in Fancy's maze he wander'd long, + But stoop'd to truth, and moraliz'd his song. + + +Ibid. v. 148. + + --who could take offence, + While pure description held the place of sense? + + +Die Anmerkung, welche Warburton Ueber die letzte Stelle macht, kann +fuer eine authentische ErklAerung des Dichters selbst gelten. He uses +PURE equivocally, to signify either chaste or empty; and has given in +this line what he esteemed the true character of descriptive poetry, +as it is called. A composition, in his opinion, as absurd as a feast +made up of sauces. The use of a pictoresque imagination is to +brighten and adorn good sense; so that to employ it only in +description, is like children's delighting in a prism for the sake of +its gaudy colours; which when frugally managed, and artifully +disposed, rnight be made to represent and illustrate the noblest +objects in nature. Sowohl der Dichter als Kommentator scheinen zwar +die Sache mehr auf der moralischen als kunstmaessigen Seite betrachtet +zu haben. Doch desto besser, dass sie von der einen ebenso nichtig +als von der andern erscheinet.} + +{6. Poetique francaise. T. II. p. 501. J'ecrivais ces reflexions +avant que les essais des Allemands dans ce genre (l'eglogue) fussent +connus parmi nous. Ils ont execute ce que j'avais concu; et s'ils +parviennent a donner plus au moral et moins au detail des peintures +physiques, ils excelleront dans ce genre, plus riche, plus vaste, +plus fecond, et infiniment plus naturel et plus moral que celui de la +galanterie champetre.} + + + +XVIII. + + +Und dennoch sollte selbst Homer in diese frostigen Ausmalungen +kOerperlicher Gegenstaende verfallen sein?-Ich will hoffen, dass es nur +sehr wenige Stellen sind, auf die man sich desfalls berufen kann; und +ich bin versichert, dass auch diese wenige Stellen von der Art sind, +dass sie die Regel, von der sie eine Ausnahme zu sein scheinen, +vielmehr bestaetigen. + +Es bleibt dabei: die Zeitfolge ist das Gebiete des Dichters, so wie +der Raum das Gebiete des Malers. + +Zwei notwendig entfernte Zeitpunkte in ein und ebendasselbe Gemaelde +bringen, so wie Fr. Mazzuoli den Raub der sabinischen Jungfrauen, +und derselben Aussoehnung ihrer Ehemaenner mit ihren Anverwandten; oder +wie Tizian die ganze Geschichte des verlornen Sohnes, sein +liederliches Leben und sein Elend und seine Reue: heisst ein Eingriff +des Malers in das Gebiete des Dichters, den der gute Geschmack nie +billigen wird. + +Mehrere Teile oder Dinge, die ich notwendig in der Natur auf einmal +uebersehen muss, wenn sie ein Ganzes hervorbringen sollen, dem Leser +nach und nach zuzaehlen, um ihm dadurch ein Bild von dem Ganzen machen +zu wollen: heisst ein Eingriff des Dichters in das Gebiete des Malers, +wobei der Dichter viel Imagination ohne allen Nutzen verschwendet. + +Doch, so wie zwei billige freundschaftliche Nachbarn zwar nicht +verstatten, dass sich einer in des andern innerstem Reiche +ungeziemende Freiheiten herausnehme, wohl aber auf den aeussersten +Grenzen eine wechselseitige Nachsicht herrschen lassen, welche die +kleinen Eingriffe, die der eine in des andern Gerechtsame in der +Geschwindigkeit sich durch seine Umstaende zu tun genoetiget siehet, +friedlich von beiden Teilen kompensieret: so auch die Malerei und +Poesie. + +Ich will in dieser Absicht nicht anfuehren, dass in grossen historischen +Gemaelden der einzige Augenblick fast immer um etwas erweitert ist, +und dass sich vielleicht kein einziges an Figuren sehr reiches Stueck +findet, in welchem jede Figur vollkommen die Bewegung und Stellung +hat, die sie in dem Augenblicke der Haupthandlung haben sollte; die +eine hat eine etwas fruehere, die andere eine etwas spaetere. Es ist +dieses eine Freiheit, die der Meister durch gewisse Feinheiten in der +Anordnung rechtfertigen muss, durch die Verwendung oder Entfernung +seiner Personen, die ihnen an dem, was vorgehet, einen mehr oder +weniger augenblicklichen Anteil zu nehmen erlaubet. Ich will mich +bloss einer Anmerkung bedienen, welche Herr Mengs ueber die Draperie +des Raffaels macht 1). "Alle Falten", sagt er, "haben bei ihm ihre +Ursachen, es sei durch ihr eigen Gewichte, oder durch die Ziehung der +Glieder. Manchmal siehet man in ihnen, wie sie vorher gewesen; +Raffael hat auch sogar in diesem Bedeutung gesucht. Man siehet an +den Falten, ob ein Bein oder Arm vor dieser Regung vor oder hinten +gestanden, ob das Glied von Kruemme zur Ausstreckung gegangen, oder +gehet, oder ob es ausgestreckt gewesen, und sich kruemmet." Es ist +unstreitig, dass der Kuenstler in diesem Falle zwei verschiedene +Augenblicke in einen einzigen zusammenbringt. Denn da dem Fusse, +welcher hinten gestanden und sich vorbewegt, der Teil des Gewands, +welcher auf ihm liegt, unmittelbar folget, das Gewand waere denn von +sehr steifem Zeuge, der aber eben darum zur Malerei ganz unbequem ist: +so gibt es keinen Augenblick, in welchem das Gewand im geringsten +eine andere Falte machte, als es der itzige Stand des Gliedes +erfodert; sondern laesst man es eine andere Falte machen, so ist es der +vorige Augenblick des Gewandes und der itzige des Gliedes. +Demohngeachtet, wer wird es mit dem Artisten so genau nehmen, der +seinen Vorteil dabei findet, uns diese beiden Augenblicke zugleich zu +zeigen? Wer wird ihn nicht vielmehr ruehmen, dass er den Verstand und +das Herz gehabt hat, einen solchen geringen Fehler zu begehen, um +eine groessere Vollkommenheit des Ausdruckes zu erreichen? + +{1. Gedanken ueber die Schoenheit und ueber den Geschmack in der Malerei. +S. 69.} + +Gleiche Nachsicht verdienet der Dichter. Seine fortschreitende +Nachahmung erlaubet ihm eigentlich, auf einmal nur eine einzige Seite, +eine einzige Eigenschaft seiner koerperlichen Gegenstaende zu beruehren. +Aber wenn die glueckliche Einrichtung seiner Sprache ihm dieses mit +einem einzigen Worte zu tun verstattet; warum sollte er nicht auch +dann und wann ein zweites solches Wort hinzufuegen duerfen? Warum +nicht auch, wann es die Muehe verlohnet, ein drittes? Oder wohl gar +ein viertes? Ich habe gesagt, dem Homer sei zum Exempel ein Schiff, +entweder nur das schwarze Schiff, oder das hohle Schiff, oder das +schnelle Schiff, hoechstens das wohlberuderte schwarze Schiff. Zu +verstehen von seiner Manier ueberhaupt. Hier und da findet sich eine +Stelle, wo er das dritte malende Epitheton hinzusetzet: Kampula kukla, +calkea, oktaknhma 2), "runde, eherne, achtspeichigte Raeder". Auch +das vierte: aspida pantose ishn, kalhn, calkeihn, exhlaton 3) "ein +ueberall glattes, schoenes, ehernes, getriebenes Schild". Wer wird ihn +darum tadeln? Wer wird ihm diese kleine Ueppigkeit nicht vielmehr +Dank wissen, wenn er empfindet, welche gute Wirkung sie an wenigen +schicklichen Stellen haben kann? + +{2. Iliad. E. v. 722.} + +{3. Iliad. M. v. 294.} + +Des Dichters sowohl als des Malers eigentliche Rechtfertigung +hierueber will ich aber nicht aus dem vorangeschickten Gleichnisse von +zwei freundschaftlichen Nachbarn hergeleitet wissen. Ein blosses +Gleichnis beweiset und rechtfertiget nichts. Sondern dieses muss sie +rechtfertigen: so wie dort bei dem Maler die zwei verschiednen +Augenblicke so nahe und unmittelbar aneinander grenzen, dass sie ohne +Anstoss fuer einen einzigen gelten koennen; so folgen auch hier bei dem +Dichter die mehrern Zuege fuer die verschiednen Teile und Eigenschaften +im Raume in einer solchen gedraengten Kuerze so schnell aufeinander, +dass wir sie alle auf einmal zu hoeren glauben. + +Und hierin, sage ich, koemmt dem Homer seine vortreffliche Sprache +ungemein zustatten. Sie laesst ihm nicht allein alle moegliche Freiheit +in Haeufung und Zusammensetzung der Beiwoerter, sondern sie hat auch +fuer diese gehaeufte Beiwoerter eine so glueckliche Ordnung, dass der +nachteiligen Suspension ihrer Beziehung dadurch abgeholfen wird. An +einer oder mehreren dieser Bequemlichkeiten fehlt es den neuern +Sprachen durchgaengig. Diejenigen, als die franzoesische, welche z. E. +jenes Kampula kukla, calkea, oktaknhma umschreiben muessen: "die +runden Raeder, welche von Erzt waren und acht Speichen hatten", +druecken den Sinn aus, aber vernichten das Gemaelde. Gleichwohl ist +der Sinn hier nichts, und das Gemaelde alles; und jener ohne dieses +macht den lebhaftesten Dichter zum langweiligsten Schwaetzer. Ein +Schicksal, das den guten Homer unter der Feder der gewissenhaften +Frau Dacier oft betroffen hat. Unsere deutsche Sprache hingegen kann +zwar die Homerischen Beiwoerter meistens in ebenso kurze +gleichgeltende Beiwoerter verwandeln, aber die vorteilhafte Ordnung +derselben kann sie der griechischen nicht nachmachen. Wir sagen zwar +"die runden, ehernen, achtspeichigten"--aber Raeder' schleppt hinten +nach. Wer empfindet nicht, dass drei verschiedne Praedikate, ehe wir +das Subjekt erfahren, nur ein sehr schwankes verwirrtes Bild machen +koennen? Der Grieche verbindet das Subjekt gleich mit dem ersten +Praedikate, und laesst die andern nachfolgen; er sagt: "runde Raeder, +eherne, achtspeichigte". So wissen wir mit eins wovon er redet, und +werden, der natuerlichen Ordnung des Denkens gemaess, erst mit dem Dinge, +und dann mit seinen Zufaelligkeiten bekannt. Diesen Vorteil hat +unsere Sprache nicht. Oder soll ich sagen, sie hat ihn, und kann ihn +nur selten ohne Zweideutigkeit nutzen? Beides ist eins. Denn wenn +wir Beiwoerter hintennach setzen wollen, so muessen sie im statu +absoluto stehen; wir muessen sagen: runde Raeder, ehern und +achtspeichigt. Allein in diesem statu kommen unsere Adjektiva voellig +mit den Adverbiis ueberein, und muessen, wenn man sie als solche zu dem +naechsten Zeitworte, das von dem Dinge praedizieret wird, ziehet, nicht +selten einen ganz falschen, allezeit aber einen sehr schielenden Sinn +verursachen. + +Doch ich halte mich bei Kleinigkeiten auf, und scheine das Schild +vergessen zu wollen, das Schild des Achilles; dieses beruehmte Gemaelde, +in dessen Ruecksicht vornehmlich Homer vor alters als ein Lehrer der +Malerei 4) betrachtet wurde. Ein Schild, wird man sagen, ist doch +wohl ein einzelner koerperlicher Gegenstand, dessen Beschreibung nach +seinen Teilen nebeneinander dem Dichter nicht vergoennet sein soll? +Und dieses Schild hat Homer, in mehr als hundert praechtigen Versen, +nach seiner Materie, nach seiner Form, nach allen Figuren, welche die +ungeheure Flaeche desselben fuellten, so umstaendlich, so genau +beschrieben, dass es neuern Kuenstlern nicht schwer gefallen, eine in +allen Stuecken uebereinstimmende Zeichnung darnach zu machen. + +{4. Dionysius Halicarnass. in vita Homeri apud Th. Gale in Opusc. +Mythol. p. 401.} + +Ich antworte auf diesen besondern Einwurf,--dass ich bereits darauf +geantwortet habe. Homer malet naemlich das Schild nicht als ein +fertiges vollendetes, sondern als ein werdendes Schild. Er hat also +auch hier sich des gepriesenen Kunstgriffes bedienet, das +Koexistierende seines Vorwurfs in ein Konsekutives zu verwandeln, und +dadurch aus der langweiligen Malerei eines Koerpers das lebendige +Gemaelde einer Handlung zu machen. Wir sehen nicht das Schild, +sondern den goettlichen Meister, wie er das Schild verfertiget. Er +tritt mit Hammer und Zange vor seinen Amboss, und nachdem er die +Platten aus dem Groebsten geschmiedet, schwellen die Bilder, die er zu +dessen Auszierung bestimmt, vor unsern Augen, eines nach dem andern, +unter seinen feinern Schlaegen aus dem Erzte hervor. Eher verlieren +wir ihn nicht wieder aus dem Gesichte, bis alles fertig ist. Nun ist +es fertig, und wir erstaunen ueber das Werk, aber mit dem glaeubigen +Erstaunen eines Augenzeugens, der es machen sehen. + +Dieses laesst sich von dem Schilde des Aeneas beim Virgil nicht sagen. +Der roemische Dichter empfand entweder die Feinheit seines Musters +hier nicht, oder die Dinge, die er auf sein Schild bringen wollte, +schienen ihm von der Art zu sein, dass sie die Ausfuehrung vor unsern +Augen nicht wohl verstatteten. Es waren Prophezeiungen, von welchen +es freilich unschicklich gewesen waere, wenn sie der Gott in unserer +Gegenwart ebenso deutlich geaeussert haette, als sie der Dichter hernach +ausleget. Prophezeiungen, als Prophezeiungen, verlangen eine +dunkelere Sprache, in welche die eigentlichen Namen der Personen aus +der Zukunft, die sie betreffen, nicht passen. Gleichwohl lag an +diesen wahrhaften Namen, allem Ansehen nach, dem Dichter und Hofmanne +hier das meiste 5). Wenn ihn aber dieses entschuldiget, so hebt es +darum nicht auch die ueble Wirkung auf, welche seine Abweichung von +dem Homerischen Wege hat. Leser von einem feinern Geschmacke werden +mir recht geben. Die Anstalten, welche Vulkan zu seiner Arbeit macht, +sind bei dem Virgil ungefaehr eben die, welche ihn Homer machen laesst. +Aber anstatt dass wir bei dem Homer nicht bloss die Anstalten zur +Arbeit, sondern auch die Arbeit selbst zu sehen bekommen, laesst Virgil, +nachdem er uns nur den geschaeftigen Gott mit seinem Cyklopen +ueberhaupt gezeiget, + +{5. Ich finde, dass Servius dem Virgil eine andere Entschuldigung +leihet. Denn auch Servius hat den Unterschied, der zwischen beiden +Schilden ist, bemerkt: Sane interest inter hunc er Homeri clipeum: +illic enim singula dum fiunt narrantur; hic vero perfecto opere +noscuntur: nam et hic arma prius accipit Aeneas, quam spectaret; ibi +postquam omnia narrata sunt, sic a Thetide deferuntur ad Achillem (ad +v. 625 lib. VIII. Aeneid.). Und warum dieses? Darum, meinet +Servius, weil auf dem Schilde des Aeneas nicht bloss die wenigen +Begebenheiten, die der Dichter anfuehret, sondern + + --genus omne futurae + Stirpis ab Ascanio, pugnataque in ordine bella + + +abgebildet waren. Wie wAere es also mOeglich gewesen, dass mit eben der +Geschwindigkeit, in welcher Vulkan das Schild arbeiten musste, der +Dichter die ganze lange Reihe von Nachkommen haette namhaft machen, +und alle von ihnen nach der Ordnung gefUehrte Kriege haette erwaehnen +koennen? Dieses ist der Verstand der etwas dunkeln Worte des Servius: +Opportune ergo Virgilius, quia non videtur simul et narrationis +celeritas potuisse connecti, et opus tam velociter expediri, ut ad +verbum posset occurrere. Da Virgil nur etwas weniges von dem non +enarrabili texto Clipei beibringen konnte, so konnte er es nicht +waehrend der Arbeit des Vulkanus selbst tun; sondern er musste es +versparen, bis alles fertig war. Ich wuenschte fuer den Virgil sehr, +dieses Raisonnement des Servius waere ganz ohne Grund; meine +Entschuldigung wuerde ihm weit ruehmlicher sein. Denn wer hiess ihm, +die ganze roemische Geschichte auf ein Schild bringen? Mit wenig +Gemaelden machte Homer sein Schild zu einem Inbegriffe von allem, was +in der Welt vorgehet. Scheinet es nicht, als ob Virgil, da er den +Griechen nicht in den Vorwuerfen und in der Ausfuehrung der Gemaelde +uebertreffen koennen, ihn wenigstens in der Anzahl derselben +uebertreffen wollen? Und was waere kindischer gewesen?} + + Ingentem clipeum informant-- + --Alii ventosis follibus auras + Accipiunt, redduntque: alii stridentia tingunt + Aera lacu. Gemit impositis incudibus antrum. + Illi inter sese multa vi brachia tollunt + In numerum, versantque tenaci forcipe massam 6). + + +den Vorhang auf einmal niederfallen, und versetzt uns in eine ganz +andere Szene, von da er uns allmAehlich in das Tal bringt, in welchem +die Venus mit den indes fertig gewordenen Waffen bei dem Aeneas +anlangt. Sie lehnet sie an den Stamm einer Eiche, und nachdem sie +der Held genug begaffet, und bestaunet, und betastet, und versuchet, +hebt sich die Beschreibung, oder das Gemaelde des Schildes an, welches +durch das ewige: Hier ist, und Da ist, Nahe dabei stehet, und Nicht +weit davon siehet man--so kalt und langweilig wird, dass alle der +poetische Schmuck, den ihm ein Virgil geben konnte, nOetig war, um es +uns nicht unertraeglich finden zu lassen. Da dieses Gemaelde +hiernaechst nicht Aeneas macht, als welcher sich an den blossen Figuren +ergoetzet, und von der Bedeutung derselben nichts weiss, + + --rerumque ignarus imagine gaudet; + +auch nicht Venus, ob sie schon von den kUenftigen Schicksalen ihrer +lieben Enkel vermutlich ebensoviel wissen musste, als der gutwillige +Ehemann; sondern da es aus dem eigenen Munde des Dichters kOemmt: so +bleibet die Handlung offenbar wAehrend demselben stehen. Keine +einzige von seinen Personen nimmt daran teil; es hat auch auf das +Folgende nicht den geringsten Einfluss, ob auf dem Schilde dieses, +oder etwas anders, vorgestellet ist; der witzige Hofmann leuchtet +ueberall durch, der mit allerlei schmeichelhaften Anspielungen seine +Materie aufstutzet, aber nicht das grosse Genie, das sich auf die +eigene innere Staerke seines Werks verlaesst, und alle aeussere Mittel, +interessant zu werden, verachtet. Das Schild des Aeneas ist folglich +ein wahres Einschiebsel, einzig und allein bestimmt, dem +Nationalstolze der Roemer zu schmeicheln; ein fremdes Baechlein, das +der Dichter in seinen Strom leitet, um ihn etwas reger zu machen. +Das Schild des Achilles hingegen ist Zuwachs des eigenen fruchtbaren +Bodens; denn ein Schild musste gemacht werden, und da das Notwendige +aus der Hand der Gottheit nie ohne Anmut koemmt, so musste das Schild +auch Verzierungen haben. Aber die Kunst war, diese Verzierungen als +blosse Verzierungen zu behandeln, sie in den Stoff einzuweben, um sie +uns nur bei Gelegenheit des Stoffes zu zeigen; und dieses liess sich +allein in der Manier des Homers tun. Homer laesst den Vulkan Zieraten +kuensteln, weil und indem er ein Schild machen soll, das seiner wuerdig +ist. Virgil hingegen scheinet ihn das Schild wegen der Zieraten +machen zu lassen, da er die Zieraten fuer wichtig genug haelt, um sie +besonders zu beschreiben, nachdem das Schild lange fertig ist. + +{6. Aeneid. lib. VIII. 447-454.} + + + +XIX. + + +Die Einwuerfe, welche der aeltere Scaliger, Perrault, Terrasson und +andere gegen das Schild des Homers machen, sind bekannt. Ebenso +bekannt ist das, was Dacier, Boivin und Pope darauf antworten. Mich +duenkt aber, dass diese letztern sich manchmal zu weit einlassen, und +in Zuversicht auf ihre gute Sache, Dinge behaupten, die ebenso +unrichtig sind, als wenig sie zur Rechtfertigung des Dichters +beitragen. + +Um dem Haupteinwurfe zu begegnen, dass Homer das Schild mit einer +Menge Figuren anfuelle, die auf dem Umfange desselben unmoeglich Raum +haben koennten, unternahm Boivin, es mit Bemerkung der erforderlichen +Masse, zeichnen zu lassen. Sein Einfall mit den verschiedenen +konzentrischen Zirkeln ist sehr sinnreich, obschon die Worte des +Dichters nicht den geringsten Anlass dazu geben, auch sich sonst keine +Spur findet, dass die Alten auf diese Art abgeteilte Schilder gehabt +haben. Da es Homer selbst sakoV pantose dedaidalmenon, ein auf allen +Seiten kuenstlich ausgearbeitetes Schild nennet, so wuerde ich lieber, +um mehr Raum auszusparen, die konkave Flaeche mit zu Hilfe genommen +haben; denn es ist bekannt, dass die alten Kuenstler diese nicht leer +liessen, wie das Schild der Minerva vom Phidias beweiset 1). Doch +nicht genug, dass sich Boivin dieses Vorteils nicht bedienen wollte; +er vermehrte auch ohne Not die Vorstellungen selbst, denen er auf dem +sonach um die Haelfte verringerten Raume Platz verschaffen musste, +indem er das, was bei dem Dichter offenbar nur ein einziges Bild ist, +in zwei bis drei besondere Bilder zerteilte. Ich weiss wohl, was ihn +dazu bewog; aber es haette ihn nicht bewegen sollen: sondern, anstatt +dass er sich bemuehte, den Forderungen seiner Gegner ein Gnuege zu +leisten, haette er ihnen zeigen sollen, dass ihre Forderungen +unrechtmaessig waeren. + +{1.--scuto ejus, in quo Amazonum proelium caelavit intumescente +ambitu parmae; ejusdem concava parte Deorum et Gigantum dimicationem. +Plinius lib. XXXVI. sect. 4. p. 726. Edit. Hard.} + +Ich werde mich an einem Beispiele fasslicher erklaeren koennen. Wenn +Homer von der einen Stadt sagt 2): + +{2. Iliad. S. v. 497-508.} + + Laoi d' ein agorh esan aJrooi- enJa de neikoV + Wrwrei- duo d' andreV eneikeon eineka poinhV + AndroV apojJimenou- o men euceto, pant' apodounai, + Dhmw pijauskwn- o d' anaineto, mhden elesJai- + Amjw d' iesJhn, epi istori peirar elesJai. + Laoi d' amjoteroisin ephpuon, amjiV arwgoi- + KhrukeV d' ara laon erhtuon- oi de geronteV + Eiat' epi xestoisi liJoiV, ierw eni kuklw- + Skhptra de khrukwn en cers' econ herojwnwn. + Toisin epeit' hisson, amoibhdiV d' edikazon. + Keito d' ar' en messoisi duo crusoio talanta-- + + +so, glaube ich, hat er nicht mehr als ein einziges GemAelde angeben +wollen: das Gemaelde eines Oeffentlichen Rechtshandels Ueber die +streitige Erlegung einer ansehnlichen Geldbusse fuer einen veruebten +Todschlag. Der Kuenstler, der diesen Vorwurf ausfuehren soll, kann +sich auf einmal nicht mehr als einen einzigen Augenblick desselben +zunutze machen; entweder den Augenblick der Anklage, oder der +Abhoerung der Zeugen, oder des Urtelspruches, oder welchen er sonst, +vor oder nach, oder zwischen diesen Augenblicken fuer den bequemsten +haelt. Diesen einzigen Augenblick macht er so praegnant wie moeglich, +und fuehrt ihn mit allen den Taeuschungen aus, welche die Kunst in +Darstellung sichtbarer Gegenstaende vor der Poesie voraus hat. Von +dieser Seite aber unendlich zurueckgelassen, was kann der Dichter, der +eben diesen Vorwurf mit Worten malen soll, und nicht gaenzlich +verungluecken will, anders tun, als dass er sich gleichfalls seiner +eigentuemlichen Vorteile bedienet? Und welches sind diese? Die +Freiheit sich sowohl ueber das Vergangene als ueber das Folgende des +einzigen Augenblickes in dem Kunstwerke auszubreiten, und das +Vermoegen, sonach uns nicht allein das zu zeigen, was uns der Kuenstler +zeiget, sondern auch das, was uns dieser nur kann erraten lassen. +Durch diese Freiheit, durch dieses Vermoegen allein, koemmt der Dichter +dem Kuenstler wieder bei, und ihre Werke werden einander alsdenn am +aehnlichsten, wenn die Wirkung derselben gleich lebhaft ist; nicht +aber, wenn das eine der Seele durch das Ohr nicht mehr oder weniger +beibringet, als das andere dem Auge darstellen kann. Nach diesem +Grundsatze haette Boivin die Stelle des Homers beurteilen sollen, und +er wuerde nicht so viel besondere Gemaelde daraus gemacht haben, als +verschiedene Zeitpunkte er darin zu bemerken glaubte. Es ist wahr, +es konnte nicht wohl alles, was Homer sagt, in einem einzigen Gemaelde +verbunden sein; die Beschuldigung und Ableugnung, die Darstellung der +Zeugen und der Zuruf des geteilten Volkes, das Bestreben der Herolde +den Tumult zu stillen, und die Aeusserungen der Schiedesrichter, sind +Dinge, die auf einanderfolgen, und nicht nebeneinander bestehen +koennen. Doch was, um mich mit der Schule auszudruecken, nicht actu in +dem Gemaelde enthalten war, das lag virtute darin, und die einzige +wahre Art, ein materielles Gemaelde mit Worten nachzuschildern, ist +die, dass man das letztere mit dem wirklich Sichtbaren verbindet, und +sich nicht in den Schranken der Kunst haelt, innerhalb welchen der +Dichter zwar die Data zu einem Gemaelde herzaehlen, aber nimmermehr ein +Gemaelde selbst hervorbringen kann. + +Gleicherweise zerteilt Boivin das Gemaelde der belagerten Stadt 3) in +drei verschiedene Gemaelde. Er haette es ebensowohl in zwoelfe teilen +koennen, als in drei. Denn da er den Geist des Dichters einmal nicht +fasste und von ihm verlangte, dass er den Einheiten des materiellen +Gemaeldes sich unterwerfen muesse: so haette er weit mehr Uebertretungen +dieser Einheiten finden koennen, dass es fast noetig gewesen waere, jedem +besondern Zuge des Dichters ein besonderes Feld auf dem Schilde zu +bestimmen. Meines Erachtens aber hat Homer ueberhaupt nicht mehr als +zehn verschiedene Gemaelde auf dem ganzen Schilde; deren jedes er mit +einem en men eteuxe, oder en de poihse, oder en d' etiJei, oder en de +poikille AmjigueiV anfaengt 4). Wo diese Eingangsworte nicht stehen, +hat man kein Recht, ein besonderes Gemaelde anzunehmen; im Gegenteil +muss alles, was sie verbinden, als ein einziges betrachtet werden, dem +nur bloss die willkuerliche Konzentration in einen einzigen Zeitpunkt +mangelt, als welchen der Dichter mit anzugeben, keinesweges gehalten +war. Vielmehr, haette er ihn angegeben, haette er sich genau daran +gehalten, haette er nicht den geringsten Zug einfliessen lassen, der in +der wirklichen Ausfuehrung nicht damit zu verbinden waere; mit einem +Worte, haette er so verfahren, wie seine Tadler es verlangen: es ist +wahr, so wuerden diese Herren hier an ihm nichts auszusetzen, aber in +der Tat auch kein Mensch von Geschmack etwas zu bewundern gefunden +haben. + +{3. v. 509-540.} + +{4. Das erste faengt an mit der 483. Zeile, und gehet bis zur 489.; +das zweite von 490-509; das dritte von 510-540; das vierte von +541-549; das fuenfte von 550-560; das sechste von 561-572; das +siebente von 573-586; das achte von 587-589; das neunte von 590 bis +605; und das zehnte von 606-608. Bloss das dritte Gemaelde hat die +angegebenen Eingangsworte nicht: es ist aber aus den bei dem zweiten, +en de duw poihse poleiV, und aus der Beschaffenheit der Sache selbst, +deutlich genug, dass es ein besonders Gemaelde sein muss.} + +Pope liess sich die Einteilung und Zeichnung des Boivin nicht allein +gefallen, sondern glaubte noch etwas ganz Besonders zu tun, wenn er +nunmehr auch zeigte, dass ein jedes dieser so zerstueckten Gemaelde nach +den strengsten Regeln der heutiges Tages ueblichen Malerei angegeben +sei. Kontrast, Perspektiv, die drei Einheiten; alles fand er darin +auf das beste beobachtet. Und ob er schon gar wohl wusste, dass +zufolge guter glaubwuerdiger Zeugnisse, die Malerei zu den Zeiten des +Trojanischen Krieges noch in der Wiege gewesen, so musste doch +entweder Homer, vermoege seines goettlichen Genies, sich nicht sowohl +an das, was die Malerei damals oder zu seiner Zeit leisten konnte, +gehalten, als vielmehr das erraten haben, was sie ueberhaupt zu +leisten imstande sei; oder auch jene Zeugnisse selbst mussten so +glaubwuerdig nicht sein, dass ihnen die augenscheinliche Aussage des +kuenstlichen Schildes nicht vorgezogen zu werden verdiene. Jenes mag +annehmen, wer da will; dieses wenigstens wird sich niemand ueberreden +lassen, der aus der Geschichte der Kunst etwas mehr, als die blossen +Data der Historienschreiber weiss. Denn dass die Malerei zu Homers +Zeiten noch in ihrer Kindheit gewesen, glaubt er nicht bloss deswegen, +weil es ein Plinius oder so einer sagt, sondern vornehmlich weil er +aus den Kunstwerken, deren die Alten gedenken, urteilet, dass sie +viele Jahrhunderte nachher noch nicht viel weiter gekommen, und z. E. +die Gemaelde eines Polygnotus noch lange die Probe nicht aushalten, +welche Pope die Gemaelde des Homerischen Schildes bestehen zu koennen +glaubt. Die zwei grossen Stuecke dieses Meisters zu Delphi, von +welchen uns Pausanias eine so umstaendliche Beschreibung hinterlassen +5), waren offenbar ohne alle Perspektiv. Dieser Teil der Kunst ist +den Alten gaenzlich abzusprechen, und was Pope beibringt, um zu +beweisen, dass Homer schon einen Begriff davon gehabt habe, beweiset +weiter nichts, als dass ihm selbst nur ein sehr unvollstaendiger +Begriff davon beigewohnet 6). "Homer", sagt er, "kann kein Fremdling +in der Perspektiv gewesen sein, weil er die Entfernung eines +Gegenstandes von dem andern ausdruecklich angibt. Er bemerkt, z. E. +dass die Kundschafter ein wenig weiter als die andern Figuren gelegen, +und dass die Eiche, unter welcher den Schnittern das Mahl zubereitet +worden, beiseite gestanden. Was er von dem mit Herden und Huetten und +Staellen uebersaeeten Tale sagt, ist augenscheinlich die Beschreibung +einer grossen perspektivischen Gegend. Ein allgemeiner Beweisgrund +dafuer kann auch schon aus der Menge der Figuren auf dem Schilde +gezogen werden, die nicht alle in ihrer vollen Groesse ausgedruckt +werden konnten; woraus es denn gewissermassen unstreitig, dass die +Kunst, sie nach der Perspektiv zu verkleinern, damaliger Zeit schon +bekannt gewesen." Die blosse Beobachtung der optischen Erfahrung, dass +ein Ding in der Ferne kleiner erscheinet, als in der Naehe, macht ein +Gemaelde noch lange nicht perspektivisch. Die Perspektiv erfordert +einen einzigen Augenpunkt, einen bestimmten natuerlichen Gesichtskreis, +und dieses war es, was den alten Gemaelden fehlte. Die Grundflaeche +in den Gemaelden des Polygnotus war nicht horizontal, sondern nach +hinten zu so gewaltig in die Hoehe gezogen, dass die Figuren, welche +hintereinander zu stehen scheinen sollten, uebereinander zu stehen +schienen. Und wenn diese Stellung der verschiednen Figuren und ihrer +Gruppen allgemein gewesen, wie aus den alten Basreliefs, wo die +hintersten allezeit hoeher stehen als die vodersten, und ueber sie +wegsehen, sich schliessen laesst: so ist es natuerlich, dass man sie auch +in der Beschreibung des Homers annimmt, und diejenigen von seinen +Bildern, die sich nach selbiger in ein Gemaelde verbinden lassen, +nicht unnoetigerweise trennet. Die doppelte Szene der friedfertigen +Stadt, durch deren Strassen der froehliche Aufzug einer Hochzeitfeier +ging, indem auf dem Markte ein wichtiger Prozess entschieden ward, +erfordert diesem zufolge kein doppeltes Gemaelde, und Homer hat es gar +wohl als ein einziges denken koennen, indem er sich die ganze Stadt +aus einem so hohen Augenpunkte vorstellte, dass er die freie Aussicht +zugleich in die Strassen und auf den Markt dadurch erhielt. + +{5. Phocic. cap. XXV-XXXI.} + +{6. Um zu zeigen, dass dieses nicht zu viel von Popen gesagt ist, will +ich den Anfang der folgenden aus ihm angefuehrten Stelle (Iliad. Vol. +V. Obs. p. 61) in der Grundsprache anfuehren: That he was no stranger +to aerial perspective, appears in his expressly marking the distance +of object from object: he tells us etc. Ich sage, hier hat Pope den +Ausdruck aerial perspective, die Luftperspektiv (perspective +aerienne), ganz unrichtig gebraucht, als welche mit den nach +Massgebung der Entfernung verminderten Groessen gar nichts zu tun hat, +sondern unter der man lediglich die Schwaechung und Abaenderung der +Farben nach Beschaffenheit der Luft oder des Medii, durch welches wir +sie sehen, verstehet. Wer diesen Fehler machen konnte, dem war es +erlaubt, von der ganzen Sache nichts zu wissen.} + +Ich bin der Meinung, dass man auf das eigentliche Perspektivische in +den Gemaelden nur gelegentlich durch die Szenenmalerei gekommen ist; +und auch als diese schon in ihrer Vollkommenheit war, muss es noch +nicht so leicht gewesen sein, die Regeln derselben auf eine einzige +Flaeche anzuwenden, indem sich noch in den spaetern Gemaelden unter den +Altertuemern des Herkulanums so haeufige und mannigfaltige Fehler gegen +die Perspektiv finden, als man itzo kaum einem Lehrlinge vergeben +wuerde 7). + +{7. Betracht. ueber die Malerei S. 185.} + +Doch ich entlasse mich der Muehe, meine zerstreuten Anmerkungen ueber +einen Punkt zu sammeln, ueber welchen ich in des Herrn Winckelmanns +versprochener Geschichte der Kunst die voelligste Befriedigung zu +erhalten hoffen darf 8). + +{8. Geschrieben im Jahr 1763.} + + + +XX. + + +Ich lenke mich vielmehr wieder in meinen Weg, wenn ein Spaziergaenger +anders einen Weg hat. + +Was ich von koerperlichen Gegenstaenden ueberhaupt gesagt habe, das gilt +von koerperlichen schoenen Gegenstaenden um so viel mehr. + +Koerperliche Schoenheit entspringt aus der uebereinstimmenden Wirkung +mannigfaltiger Teile, die sich auf einmal uebersehen lassen. Sie +erfodert also, dass diese Teile nebeneinander liegen muessen; und da +Dinge, deren Teile nebeneinander liegen, der eigentliche Gegenstand +der Malerei sind; so kann sie, und nur sie allein, koerperliche +Schoenheit nachahmen. + +Der Dichter, der die Elemente der Schoenheit nur nacheinander zeigen +koennte, enthaelt sich daher der Schilderung koerperlicher Schoenheit, +als Schoenheit, gaenzlich. Er fuehlt es, dass diese Elemente, +nacheinander geordnet, unmoeglich die Wirkung haben koennen, die sie, +nebeneinander geordnet, haben; dass der konzentrierende Blick, den wir +nach ihrer Enumeration auf sie zugleich zuruecksenden wollen, uns doch +kein uebereinstimmendes Bild gewaehret; dass es ueber die menschliche +Einbildung gehet, sich vorzustellen, was dieser Mund, und diese Nase, +und diese Augen zusammen fuer einen Effekt haben, wenn man sich nicht +aus der Natur oder Kunst einer aehnlichen Komposition solcher Teile +erinnern kann. + +Und auch hier ist Homer das Muster aller Muster. Er sagt: Nireus war +schoen; Achilles war noch schoener; Helena besass eine goettliche +Schoenheit. Aber nirgends laesst er sich in die umstaendlichere +Schilderung dieser Schoenheiten ein. Gleichwohl ist das ganze Gedicht +auf die Schoenheit der Helena gebauet. Wie sehr wuerde ein neuerer +Dichter darueber luxuriert haben! + +Schon ein Constantinus Manasses wollte seine kahle Chronik mit einem +Gemaelde der Helena auszieren. Ich muss ihn fuer seinen Versuch danken. +Denn ich wuesste wirklich nicht, wo ich sonst ein Exempel auftreiben +sollte, aus welchem augenscheinlicher erhelle, wie toericht es sei, +etwas zu wagen, das Homer so weislich unterlassen hat. Wenn ich bei +ihm lese 1): + +{1. Constantinus Manasses Compend. Chron. p. 20. Edit. Venet. Die +Frau Dacier war mit diesem Portraet des Manasses, bis auf die +Tautologien, sehr wohl zufrieden: De Helenae pulchritudine omnium +optime Constantinus Manasses, nisi in eo tautologiam reprehendas. +(Ad Dictyn Cretensem lib. I. cap. 3. p. 5.) Sie fuehret nach dem +Mezeriac (Comment sur les epitres d'Ovide T. II. p. 361) auch die +Beschreibungen an, welche Dares Phrygius und Cedrenus von der +Schoenheit der Helena geben. In der erstern koemmt ein Zug vor, der +ein wenig seltsam klingt. Dares sagt naemlich von der Helena, sie +habe ein Mal zwischen den Augenbraunen gehabt: notam inter duo +supercilia habentem. Das war doch wohl nichts Schoenes? Ich wollte, +dass die Franzoesin ihre Meinung darueber gesagt haette. Meinesteiles +halte ich das Wort nota hier fuer verfaelscht, und glaube, dass Dares +von dem reden wollen, was bei den Griechen mesojruon und bei den +Lateinern glabella hiess. Die Augenbraunen der Helena, will er sagen, +liefen nicht zusammen, sondern waren durch einen kleinen Zwischenraum +abgesondert. Der Geschmack der Alten war in diesem Punkte +verschieden. Einigen gefiel ein solcher Zwischenraum, andern nicht. +(Junius de pictura vet. lib. III. cap. 9. p. 245.) Anakreon hielt +die Mittelstrasse; die Augenbraunen seines geliebten Maedchens waren +weder merklich getrennt, noch voellig ineinander verwachsen, sie +verliefen sich sanft in einem einzigen Punkte. Er sagt zu dem +Kuenstler, welcher sie malen sollte: (Od. 28.) + + To mesojruon de mh moi + Diakopte, mhte misge, + Ecetw d' opwV ekeinh + To lelhJotwV sunojrun + Blejarwn itun kelainhn. + + +Nach der Lesart des Pauw, obschon auch ohne sie der Verstand der +naemliche ist, und von Henr. Stephano nicht verfehlet worden: + + Supercilii nigrantes + Discrimina nec arcus, + Confundito nec illos: + Sed junge sic ut anceps + Divortium relinquas, + Quale esse cernis ipsi. + + +Wenn ich aber den Sinn des Dares getroffen hAette, was mUesste man wohl +sodann, anstatt des Wortes notam, lesen? Vielleicht moram? Denn so +viel ist gewiss, dass mora nicht allein den Verlauf der Zeit, ehe etwas +geschieht, sondern auch die Hinderung, den Zwischenraum von einem zum +andern, bedeutet. + + Ego inquieta montium jaceam mora, + +wUenschet sich der rasende Herkules beim Seneca, (v. 1215) welche +Stelle Gronovius sehr wohl erklAert: Optat se medium jacere inter duas +Symplegades, illarum velut moram, impedimentum, obicem; qui eas +moretur, vetet aut satis arcte conjungi, aut rursus distrahi. So +heissen auch bei eben demselben Dichter lacertorum morae soviel als +juncturae. (Schroederus ad v. 762 Thyest.)} + + Hn h gunh perikallhV, euojruV, eucroustath, + EupareioV, euproswpoV, bovpiV, cionocrouV, + ElikoblejaroV, abra, caritwn gemon alsoV, + Leukobraciwn, trujera, kalloV antikruV, empnoun, + To proswpon kataleukon, h pareia rodocrouV, + To proswpon epicari, to blejaron wraion, + KalloV anepithdeuton, abaptiston, autocroun, + Ebapte thn leukothta rodocria purinh + WV ei tiV ton elejanta bayei lampra porjura. + Deirh makra, kataleukoV, oJen emuJourghJh + Kuknogenh thn euopton Elenhn crhmatizein-- + + +so dUenkt mich, ich sehe Steine auf einen Berg wAelzen, aus welchen auf +der Spitze desselben ein praechtiges Gebaeude aufgefuehret werden soll, +die aber alle auf der andern Seite von selbst wieder herabrollen. +Was fuer ein Bild hinterlaesst er, dieser Schwall von Worten? Wie sahe +Helena nun aus? Werden nicht, wenn tausend Menschen dieses lesen, +sich alle tausend eine eigene Vorstellung von ihr machen? + +Doch es ist wahr, politische Verse eines MOenches sind keine Poesie. +Man hoere also den Ariost, wenn er seine bezaubernde Alcina schildert +2): + +{2. Orlando Furioso, Canto VII. St. 11-15. "Die Bildung ihrer Gestalt +war so reizend, als nur kuenstliche Maler sie dichten koennen. Gegen +ihr blondes, langes, aufgeknuepftes Haar ist kein Gold, das nicht +seinen Glanz verliere. Ueber ihre zarten Wangen verbreitete sich +die vermischte Farbe der Rosen und der Lilien. Ihre froehliche Stirn, +in die gehoerigen Schranken geschlossen, war von glattem Helfenbein. +Unter zween schwarzen, aeusserst feinen Boegen glaenzen zwei schwarze +Augen, oder vielmehr zwo leuchtende Sonnen, die mit Holdseligkeit um +sich blickten und sich langsam drehten. Rings um sie her schien Amor +zu spielen und zu fliegen; von da schien er seinen ganzen Koecher +abzuschiessen, und die Herzen sichtbar zu rauben. Weiter hinab steigt +die Nase mitten durch das Gesicht, an welcher selbst der Neid nichts +zu bessern findet. Unter ihr zeigt sich der Mund, wie zwischen zwei +kleinen Taelern, mit seinem eigentuemlichen Zinnober bedeckt; hier +stehen zwo Reihen auserlesener Perlen, die eine schoene sanfte Lippe +verschliesst und oeffnet. Hieraus kommen die holdseligen Worte, die +jedes rauhe, schaendliche Herz erweichen; hier wird jenes liebliche +Laecheln gebildet, welches fuer sich schon ein Paradies auf Erden +eroeffnet. Weisser Schnee ist der schoene Hals, und Milch die Brust, +der Hals rund, die Brust voll und breit. Zwo zarte, von Helfenbein +gerundete Kugeln wallen sanft auf und nieder, wie die Wellen am +aeussersten Rande des Ufers, wenn ein spielender Zephir die See +bestreitet. (Die uebrigen Teile wuerde Argus selbst nicht haben sehen +koennen. Doch war leicht zu urteilen, dass das, was versteckt lag, mit +dem, was dem Auge bloss stand, uebereinstimme.) Die Arme zeigen sich in +ihrer gehoerigen Laenge, die weisse Hand etwas laenglich, und schmal in +ihrer Breite, durchaus eben, keine Ader tritt ueber ihre glatte Flaeche. +Am Ende dieser herrlichen Gestalt sieht man den kleinen, trocknen, +gerundeten Fuss. Die englischen Mienen, die aus dem Himmel stammen, +kann kein Schleier verbergen."--(Nach der Uebersetzung des Herrn +Meinhard in dem Versuche ueber den Charakter und die Werke der besten +ital. Dicht. B. II. S. 228.)} + + Di persona era tanto ben formata, + Quanto mai finger san pittori industri: + Con bionda chioma, lunga e annodata, + Oro non e, che piu risplenda, e lustri, + Spargeasi per la guancia delicata + Misto color di rose e di ligustri. + Di terso avorio era la fronte lieta, + Che lo spazio finia con giusta meta. + + Sotto due negri, e sottilissimi archi + Son due negri occhi, anzi due chiari soli, + Pietosi a riguardar, a mover parchi, + Intorno a cui par ch' Amor scherzi, e voli, + E ch' indi tutta la faretra scarchi, + E che visibilmente i cori involi. + Quindi il naso per mezzo il viso scende + Che non trova l'invidia ove l'emende. + + Sotto quel sta, quasi fra due vallette, + La bocca sparsa di natio cinabro, + Quivi due filze son di perle elette, + Che chiude, ed apre un bello e dolce labro; + Quindi escon le cortesi parolette, + Da render molle ogni cor rozzo e scabro; + Quivi si forma quel soave riso, + Ch' apre a sua posta in terra il paradiso. + + Bianca neve e il bel collo, e'l petto latte, + Il collo e tondo, il petto colmo e largo; + Due pome acerbe, e pur d'avorio fatte, + Vengono e van, come onda al primo margo, + Quando piacevole aura il mar combatte. + Non potria l'altre parti veder Argo, + Ben si puo giudicar, che corrisponde, + A quel ch' appar di fuor, quel che s'ascondo. + + Mostran le braccia sua misura giusta, + Et la candida man spesso si vede, + Lunghetta alquanto, e di larghezza angusta, + Dove ne nodo appar, ne vena eccede. + Si vede al fin de la persona augusta + Il breve, asciutto, e ritondetto piede. + Gli angelici sembianti nati in cielo + Non si ponno celar sotto alcun velo. + + + +Milton sagt bei Gelegenheit des PandAemoniums: einige lobten das Werk, +andere den Meister des Werks. Das Lob des einen ist also nicht +allezeit auch das Lob des andern. Ein Kunstwerk kann allen Beifall +verdienen, ohne dass sich zum Ruhme des KUenstlers viel Besonders sagen +laesst. Wiederum kann ein Kuenstler mit Recht unsere Bewunderung +verlangen, auch wenn sein Werk uns die vOellige Gnuege nicht tut. +Dieses vergesse man nie, und es werden sich oefters ganz +widersprechende Urteile vergleichen lassen. Eben wie hier. Dolce, +in seinem Gespraeche von der Malerei, laesst den Aretino von den +angefuehrten Stanzen des Ariost ein ausserordentliches Aufheben machen +3); ich hingegen, waehle sie als ein Exempel eines Gemaeldes ohne +Gemaelde. Wir haben beide recht. Dolce bewundert darin die +Kenntnisse, welche der Dichter von der koerperlichen Schoenheit zu +haben zeiget; ich aber sehe bloss auf die Wirkung, welche diese +Kenntnisse, in Worte ausgedrueckt, auf meine Einbildungskraft haben +koennen. Dolce schliesst aus jenen Kenntnissen, dass gute Dichter nicht +minder gute Maler sind; und ich aus dieser Wirkung, dass sich das, was +die Maler durch Linien und Farben am besten ausdruecken koennen, durch +Worte gerade am schlechtesten ausdruecken laesst. Dolce empfiehlet die +Schilderung des Ariost allen Malern als das vollkommenste Vorbild +einer schoenen Frau; und ich empfehle es allen Dichtern als die +lehrreichste Warnung, was einem Ariost misslingen muessen, nicht noch +ungluecklicher zu versuchen. Es mag sein, dass wenn Ariost sagt: + +{3. (Dialogo della pittura, intitolato l'Aretino, Firenze 1735. p. +178.) Se vogliono i pittori senza fatica trovare un perfetto esempio +di bella donna, leggano quelle stanze dell' Ariosto, nelle quali egli +discrive mirabilmente le bellezze della fata Alcina: e vedranno +parimente, quanto i buoni poeti siano ancora essi pittori.--} + + Di persona era tanto ben formata + Quanto mai finger san pittori industri, + + +er die Lehre von den Proportionen, so wie sie nur immer der +fleissigste KUenstler in der Natur und aus den Antiken studieret, +vollkommen verstanden zu haben, dadurch beweiset 4). Er mag sich +immerhin, in den blossen Worten: + +{4. (Ibid.) Ecco, che, quanto alla proportione, l'ingeniosissimo +Ariosto assegna la migliore, che sappiano formar le mani de' piu +eccellenti pittori, usando questa voce industri, per dinotar la +diligenza, die conviene al buono artefice.} + + Spargeasi per la guancia delicata + Misto color di rose e di ligustri, + + +als den vollkommensten Koloristen, als einen Tizian, zeigen 5). Man +mag daraus, dass er das Haar der Alcina nur mit dem Golde vergleicht, +nicht aber gUeldenes Haar nennet, noch so deutlich schliessen, dass er +den Gebrauch des wirklichen Goldes in der Farbengebung gemissbilliget +6). Man mag sogar in seiner herabsteigenden Nase, + +{5. (Ibid. p. 182.) Qui l'Ariosto colorisce, e in questo suo colorire +dimostra essere un Tiziano.} + +{6. (Ibid. p. 180.) Poteva l'Ariosto nella guisa, che ha detto chioma +bionda, dir chioma d'oro: ma gli parve forse, che avrebbe avuto +troppo del poetico. Da che si puo ritrar, che'l pittore dee imitar +l'oro, e non metterlo (come fanno i miniatori) nelle sue pitture, in +modo, che si possa dire, que' capelli non sono d'oro, ma par che +risplendano, come l'oro. Was Dolce, in dem Nachfolgenden, aus dem +AthenAeus anfuehret, ist merkwuerdig, nur dass es sich nicht vOellig so +daselbst findet. Ich rede an einem andern Orte davon.} + + Quindi il naso per mezzo il viso scende, + +das Profil jener alten griechischen, und von griechischen KUenstlern +auch ROemern geliehenen Nasen finden 7). Was nutzt alle diese +Gelehrsamkeit und Einsicht uns Lesern, die wir eine schoene Frau zu +sehen glauben wollen, die wir etwas von der sanften Wallung des +Gebluets dabei empfinden wollen, die den wirklichen Anblick der +Schoenheit begleitet? Wenn der Dichter weiss, aus welchen +VerhAeltnissen eine schoene Gestalt entspringet, wissen wir es darum +auch? Und wenn wir es auch wuessten, laesst er uns hier diese +Verhaeltnisse sehen? Oder erleichtert er uns auch nur im geringsten +die Muehe, uns ihrer auf eine lebhafte anschauende Art zu erinnern? +Eine Stirn, in die gehoerigen Schranken geschlossen, la fronte, + +{7. (Ibid. p. 182.) Il naso, che discende giu, avendo peraventura la +considerazione a quelle forme de' nasi, che si veggono ne' ritratti +delle belle Romane antiche.} + + Che lo spazio finia con giusta meta; + +eine Nase, an welcher selbst der Neid nichts zu bessern findet, + + Che non trova l'invidia, ove l'emende; + +eine Hand, etwas laenglich und schmal in ihrer Breite, + + Lunghetta alquanto, e di larghezza angusta: + +was fUer ein Bild geben diese allgemeine Formeln? In dem Munde eines +Zeichenmeisters, der seine Schueler auf die SchOenheiten des +akademischen Modells aufmerksam machen will, moechten sie noch etwas +sagen; denn ein Blick auf dieses Modell, und sie sehen die gehoerigen +Schranken der froehlichen Stirne, sie sehen den schoensten Schnitt der +Nase, die schmale Breite der niedlichen Hand. Aber bei dem Dichter +sehe ich nichts, und empfinde mit Verdruss die Vergeblichkeit meiner +besten Anstrengung, etwas sehen zu wollen. + +In diesem Punkte, in welchem Virgil dem Homer durch Nichtstun +nachahmen koennen, ist auch Virgil ziemlich gluecklich gewesen. Auch +seine Dido ist ihm weiter nichts als pulcherrima Dido. Wenn er ja +umstAendlicher etwas an ihr beschreibet, so ist es ihr reicher Putz, +ihr praechtiger Aufzug: + + Tandem progreditur-- + Sidoniam picto chlamydem circumdata limbo: + Cui pharetra ex auro, crines nodantur in aurum, + Aurea purpuream subnectit fibula vestem 8). + +{8. Aeneid. IV. v. 136.} + + +Wollte man darum auf ihn anwenden, was jener alte KUenstler zu einem +Lehrlinge sagte, der eine sehr geschmueckte Helena gemalt hatte, "da +du sie nicht schOen malen koennen, hast du sie reich gemalt": so wuerde +Virgil antworten, "es liegt nicht an mir, dass ich sie nicht schoen +malen koennen; der Tadel trifft die Schranken meiner Kunst; mein Lob +sei, mich innerhalb diesen Schranken gehalten zu haben." + +Ich darf hier die beiden Lieder des Anakreons nicht vergessen, in +welchen er uns die Schoenheit seines MAedchens und seines Bathylls +zergliedert 9). Die Wendung, die er dabei nimmt, macht alles gut. +Er glaubt einen Maler vor sich zu haben, und laesst ihn unter seinen +Augen arbeiten. So, sagt er, mache mir das Haar, so die Stirne, so +die Augen, so den Mund, so Hals und Busen, so Hueft' und Haende! Was +der Kuenstler nur teilweise zusammensetzen kann, konnte ihm der +Dichter auch nur teilweise vorschreiben. Seine Absicht ist nicht, +dass wir in dieser muendlichen Direktion des Malers die ganze Schoenheit +der geliebten Gegenstaende erkennen und fuehlen sollen; er selbst +empfindet die Unfaehigkeit des woertlichen Ausdrucks, und nimmt eben +daher den Ausdruck der Kunst zu Hilfe, deren Taeuschung er so sehr +erhebet, dass das ganze Lied mehr ein Lobgedicht auf die Kunst, als +auf sein Maedchen zu sein scheinet. Er sieht nicht das Bild, er sieht +sie selbst, und glaubt, dass es nun eben den Mund zum Reden eroeffnen +werde: + +{9. Od. XXVIII. XXIX.} + + Apecei- blepw gar authn. + Taca, khre, kai lalhseiV. + + +Auch in der Angabe des Bathylls, ist die Anpreisung des schOenen +Knabens mit der Anpreisung der Kunst und des KUenstlers so ineinander +geflochten, dass es zweifelhaft wird, wem zu Ehren Anakreon das Lied +eigentlich bestimmt habe. Er sammelt die schoensten Teile aus +verschiednen GemAelden, an welchen eben die vorzuegliche Schoenheit +dieser Teile das Charakteristische war; den Hals nimmt er von einem +Adonis, Brust und Haende von einem Merkur, die Huefte von einem Pollux, +den Bauch von einem Bacchus; bis er den ganzen Bathyll in einem +vollendeten Apollo des Kuenstlers erblickt. + + Meta de proswpon estw, + Ton AdwnidoV parelJwn, + ElejantinoV trachloV- + Metamazion de poiei + DidumaV te ceiraV Ermou, + PoludeukeoV de mhrouV, + Dionusihn de nhdun-- + Ton Apollwna de touton + KaJelwn, poiei BaJullon. + + +So weiss auch Lucian von der SchOenheit der Panthea anders keinen +Begriff zu machen, als durch Verweisung auf die schoensten weiblichen +BildsAeulen alter KUenstler 10). Was heisst aber dieses sonst, als +bekennen, dass die Sprache vor sich selbst hier ohne Kraft ist; dass +die Poesie stammelt und die Beredsamkeit verstummet, wenn ihnen nicht +die Kunst noch einigermassen zur Dolmetscherin dienet? + +{10. EikoneV 3. T. II. p. 461. Edit. Reitz.} + + + +XXI. + + +Aber verliert die Poesie nicht zu viel, wenn man ihr alle Bilder +koerperlicher Schoenheit nehmen will?--Wer will ihr die nehmen? Wenn +man ihr einen einzigen Weg zu verleiden sucht, auf welchem sie zu +solchen Bildern zu gelangen gedenket, indem sie die Fusstapfen einer +verschwisterten Kunst aufsucht, in denen sie aengstlich herumirret, +ohne jemals mit ihr das gleiche Ziel zu erreichen: verschliesst man +ihr darum auch jeden andern Weg, wo die Kunst hinwiederum ihr +nachsehen muss? + +Eben der Homer, welcher sich aller stueckweisen Schilderung +koerperlicher Schoenheiten so geflissentlich enthaelt, von dem wir kaum +einmal im Vorbeigehen erfahren, dass Helena weisse Arme 1) und schoenes +Haar 2) gehabt; eben der Dichter weiss demohngeachtet uns von ihrer +Schoenheit einen Begriff zu machen, der alles weit uebersteiget, was +die Kunst in dieser Absicht zu leisten imstande ist. Man erinnere +sich der Stelle, wo Helena in die Versammlung der Aeltesten des +trojanischen Volkes tritt. Die ehrwuerdigen Greise sehen sie, und +einer sprach zu den andern 3): + +{1. Iliad. G. v. 121.} + +{2. Ibid. v. 329.} + +{3. Ibid. v. 156-158.} + + Ou nemesiV, TrvaV kai euknhmidaV AcaiouV, + Toihd' amji gunaiki polun cronon algea pascein- + AinvV aJanathsi JehV eiV vpa eoiken. + + +Was kann eine lebhaftere Idee von SchOenheit gewAehren, als das kalte +Alter sie des Krieges wohl wert erkennen lassen, der so viel Blut und +so viele Traenen kostet? + +Was Homer nicht nach seinen Bestandteilen beschreiben konnte, laesst er +uns in seiner Wirkung erkennen. Malet uns, Dichter, das Wohlgefallen, +die Zuneigung, die Liebe, das EntzUecken, welches die Schoenheit +verursachet, und ihr habt die Schoenheit selbst gemalet. Wer kann +sich den geliebten Gegenstand der Sappho, bei dessen Erblickung sie +Sinne und Gedanken zu verlieren bekennet, als haesslich denken? Wer +glaubt nicht die schoenste vollkommenste Gestalt zu sehen, sobald er +mit dem Gefuehle sympathisieret, welches nur eine solche Gestalt +erregen kann? Nicht weil uns Ovid den schoenen Koerper seiner Lesbia +Teil vor Teil zeiget: + + Quos humeros, quales vidi tetigique lacertos! + Forma papillarum quam fuit apta premi! + Quam castigato planus sub pectore venter! + Quantum et quale latus! quam juvenile femur! + + +sondern weil er es mit der wollUestigen Trunkenheit tut, nach der +unsere Sehnsucht so leicht zu erwecken ist, glauben wir eben des +Anblickes zu geniessen, den er genoss. + +Ein andrer Weg, auf welchem die Poesie die Kunst in Schilderung +kOerperlicher Schoenheit wiederum einholet, ist dieser, dass sie +Schoenheit in Reiz verwandelt. Reiz ist Schoenheit in Bewegung, und +eben darum dem Maler weniger bequem als dem Dichter. Der Maler kann +die Bewegung nur erraten lassen, in der Tat aber sind seine Figuren +ohne Bewegung. Folglich wird der Reiz bei ihm zur Grimasse. Aber in +der Poesie bleibt er was er ist; ein transitorisches Schoenes, das wir +wiederholt zu sehen wuenschen. Es koemmt und geht; und da wir uns +ueberhaupt einer Bewegung leichter und lebhafter erinnern koennen, als +blosser Formen oder Farben: so muss der Reiz in dem nAemlichen +Verhaeltnisse staerker auf uns wirken, als die Schoenheit. Alles, was +noch in dem Gemaelde der Alcina gefaellt und ruehret, ist Reiz. Der +Eindruck, den ihre Augen machen, koemmt nicht daher, dass sie schwarz +und feurig sind, sondern daher, dass sie, + +Pietosi a riguardar, a mover parchi, + +mit Holdseligkeit um sich blicken, und sich langsam drehen; dass Amor +sie umflattert und seinen ganzen Koecher aus ihnen abschiesst. Ihr +Mund entzuecket, nicht weil von eigentuemlichem Zinnober bedeckte +Lippen zwei Reihen auserlesener Perlen verschliessen; sondern weil +hier das liebliche Laecheln gebildet wird, welches, fuer sich schon, +ein Paradies auf Erden eroeffnet; weil er es ist, aus dem die +freundlichen Worte toenen, die jedes rauhe Herz erweichen. Ihr Busen +bezaubert, weniger weil Milch und Helfenbein und Apfel uns seine +Weisse und niedliche Figur vorbilden, als vielmehr weil wir ihn sanft +auf und nieder wallen sehen, wie die Wellen am aeussersten Rande des +Ufers, wenn ein spielender Zephir die See bestreitet: + + Due pome acerbe, e pur d'avorio fatte, + Vengono e van, come onda al primo margo, + Quando piacevole aura il mar combatte. + + +Ich bin versichert, dass lauter solche ZUege des Reizes, in eine oder +zwei Stanzen zusammengedrAenget, weit mehr tun wuerden, als die fuenfe +alle, in welche sie Ariost zerstreuet und mit kalten Zuegen der +schOenen Form, viel zu gelehrt fuer unsere Empfindungen, durchflochten +hat. + +Selbst Anakreon wollte lieber in die anscheinende Unschicklichkeit +verfallen, eine Untunlichkeit von dem Maler zu verlangen, als das +Bild seines Maedchens nicht mit Reiz beleben. + + Trujerou d' esw geneiou, + Peri lugdinw trachlw + CariteV petointo pasai. + + +Ihr sanftes Kinn, befiehlt er dem KUenstler, ihren marmornen Nacken +lass alle Grazien umflattern! Wie das? Nach dem genauesten +Wortverstande? Der ist keiner malerischen Ausfuehrung fAehig. Der +Maler konnte dem Kinne die schOenste Ruendung, das schoenste Gruebchen, +Amoris digitulo impressum, (denn das esw scheinet mir ein Gruebchen +andeuten zu wollen)--er konnte dem Halse die schoenste Karnation geben; +aber weiter konnte er nichts. Die Wendungen dieses schoenen Halses, +das Spiel der Muskeln, durch das jenes Gruebchen bald mehr bald +weniger sichtbar wird, der eigentliche Reiz, war ueber seine Kraefte. +Der Dichter sagte das Hoechste, wodurch uns seine Kunst die Schoenheit +sinnlich zu machen vermag, damit auch der Maler den hoechsten Ausdruck +in seiner Kunst suchen moege. Ein neues Beispiel zu der obigen +Anmerkung, dass der Dichter, auch wenn er von Kunstwerken redet, +dennoch nicht verbunden ist, sich mit seiner Beschreibung in den +Schranken der Kunst zu halten. + + + +XXII. + + +Zeuxis malte eine Helena, und hatte das Herz, jene beruehmte Zeilen +des Homers, in welchen die entzueckten Greise ihre Empfindung bekennen, +darunter zu setzen. Nie sind Malerei und Poesie in einen gleichern +Wettstreit gezogen worden. Der Sieg blieb unentschieden, und beide +verdienten gekroent zu werden. + +Denn so wie der weise Dichter uns die Schoenheit, die er nach ihren +Bestandteilen nicht schildern zu koennen fuehlte, bloss in ihrer Wirkung +zeigte: so zeigte der nicht minder weise Maler uns die Schoenheit nach +nichts als ihren Bestandteilen, und hielt es seiner Kunst fuer +unanstaendig, zu irgendeinem andern Hilfsmittel Zuflucht zu nehmen. +Sein Gemaelde bestand aus der einzigen Figur der Helena, die nackend +dastand. Denn es ist wahrscheinlich, dass es eben die Helena war, +welche er fuer die zu Krotona malte 1). + +{1. Val. Maximus lib. III. cap. 7. Dionysius Halicarnass. Art. +Rhet. cap. 12 peri logwn exetasewV.} + +Man vergleiche hiermit, wundershalber, das Gemaelde, welches Caylus +dem neuern Kuenstler aus jenen Zeilen des Homers vorzeichnet: "Helena, +mit einem weissen Schleier bedeckt, erscheinet mitten unter +verschiedenen alten Maennern, in deren Zahl sich auch Priamus befindet, +der an den Zeichen seiner koeniglichen Wuerde zu erkennen ist. Der +Artist muss sich besonders angelegen sein lassen, uns den Triumph der +Schoenheit in den gierigen Blicken und in allen den Aeusserungen einer +staunenden Bewunderung auf den Gesichtern dieser kalten Greise +empfinden zu lassen. Die Szene ist ueber einem von den Toren der +Stadt. Die Vertiefung des Gemaeldes kann sich in den freien Himmel, +oder gegen hoehere Gebaeude der Stadt verlieren; jenes wuerde kuehner +lassen, eines aber ist so schicklich wie das andere." + +Man denke sich dieses Gemaelde von dem groessten Meister unserer Zeit +ausgefuehret, und stelle es gegen das Werk des Zeuxis. Welches wird +den wahren Triumph der Schoenheit zeigen? Dieses, wo ich ihn selbst +fuehle, oder jenes, wo ich ihn aus den Grimassen geruehrter Graubaerte +schliessen soll? Turpe senilis amor; ein gieriger Blick macht das +ehrwuerdigste Gesicht laecherlich, und ein Greis, der jugendliche +Begierden verraet, ist sogar ein ekler Gegenstand. Den Homerischen +Greisen ist dieser Vorwurf nicht zu machen; denn der Affekt, den sie +empfinden, ist ein augenblicklicher Funke, den ihre Weisheit sogleich +erstickt; nur bestimmt, der Helena Ehre zu machen, aber nicht, sie +selbst zu schaenden. Sie bekennen ihr Gefuehl, und fuegen sogleich +hinzu: + + Alla kai vV, toih per eous', en nhusi neesJw, + Mhd' hmin tekeessi t' opissw phma lipoito + + +Ohne diesen Entschluss wAeren es alte Gecke; waeren sie das, was sie in +dem Gemaelde des Caylus erscheinen. Und worauf richten sie denn da +ihre gierigen Blicke? Auf eine vermummte, verschleierte Figur. Das +ist Helena? Es ist mir unbegreiflich, wie ihr Caylus hier den +Schleier lassen kOennen. Zwar Homer gibt ihr denselben ausdrUecklich: + + Autika d' argennhsi kaluyamenh oJonhsin + Wrmat' ek Jalamoio-- + + +aber, um Ueber die Strassen damit zu gehen; und wenn auch schon bei ihm +die Alten ihre Bewunderung zeigen, noch ehe sie den Schleier wieder +abgenommen oder zurueckgeworfen zu haben scheinet, so war es nicht das +erstemal, dass sie die Alten sahen; ihr Bekenntnis durfte also nicht +aus dem itzigen augenblicklichen Anschauen entstehen, sondern sie +konnten schon oft empfunden haben, was sie zu empfinden, bei dieser +Gelegenheit nur zum erstenmal bekannten. In dem GemAelde findet so +etwas nicht statt. Wenn ich hier entzueckte Alte sehe, so will ich +auch zugleich sehen, was sie in Entzueckung setzt; und ich werde +aeusserst betroffen, wenn ich weiter nichts, als, wie gesagt, eine +vermummte, verschleierte Figur wahrnehme, die sie bruenstig angaffen. +Was hat dieses Ding von der Helena? Ihren weissen Schleier, und etwas +von ihrem proportionierten Umrisse, soweit Umriss unter Gewaendern +sichtbar werden kann. Doch vielleicht war es auch des Grafen Meinung +nicht, dass ihr Gesicht verdeckt sein sollte, und er nennet den +Schleier bloss als ein Stueck ihres Anzuges. Ist dieses (seine Worte +sind einer solchen Auslegung zwar nicht wohl faehig: Helene couverte +d'un voile blanc), so entstehet eine andere Verwunderung bei mir: er +empfiehlt dem Artisten so sorgfaeltig den Ausdruck auf den Gesichtern +der Alten; nur ueber die SchOenheit in dem Gesichte der Helena verliert +er kein Wort. Diese sittsame Schoenheit, im Auge den feuchten +Schimmer einer reuenden Traene, furchtsam sich naehernd--Wie? Ist die +hoechste Schoenheit unsern Kuenstlern so etwas Gelaeufiges, dass sie auch +nicht daran erinnert zu werden brauchen? Oder ist Ausdruck mehr als +Schoenheit? Und sind wir auch in Gemaelden schon gewohnt, so wie auf +der Buehne, die haesslichste Schauspielerin fuer eine entzueckende +Prinzessin gelten zu lassen, wenn ihr Prinz nur recht warme Liebe +gegen sie zu empfinden aeussert? + +In Wahrheit: das Gemaelde des Caylus wuerde sich gegen das Gemaelde des +Zeuxis wie Pantomime zur erhabensten Poesie verhalten. + +Homer ward vor alters ohnstreitig fleissiger gelesen, als itzt. +Dennoch findet man so gar vieler Gemaelde nicht erwaehnet, welche die +alten Kuenstler aus ihm gezogen haetten 2). Nur den Fingerzeig des +Dichters auf besondere koerperliche Schoenheiten scheinen sie fleissig +genutzt zu haben; diese malten sie; und in diesen Gegenstaenden, +fuehlten sie wohl, war es ihnen allein vergoennet, mit dem Dichter +wetteifern zu wollen. Ausser der Helena, hatte Zeuxis auch die +Penelope gemalt; und des Apelles Diana war die Homerische in +Begleitung ihrer Nymphen. Bei dieser Gelegenheit will ich erinnern, +dass die Stelle des Plinius, in welcher von der letztern die Rede ist, +einer Verbesserung bedarf 3). Handlungen aber aus dem Homer zu malen, +bloss weil sie eine reiche Komposition, vorzuegliche Kontraste, +kuenstliche Beleuchtungen darbieten, schien der alten Artisten ihr +Geschmack nicht zu sein; und konnte es nicht sein, solange sich noch +die Kunst in den engern Grenzen ihrer hoechsten Bestimmung hielt. Sie +naehrten sich dafuer mit dem Geiste des Dichters; sie fuellten ihre +Einbildungskraft mit seinen erhabensten Zuegen; das Feuer seines +Enthusiasmus entflammte den ihrigen; sie sahen und empfanden wie er: +und so wurden ihre Werke Abdruecke der Homerischen, nicht in dem +Verhaeltnisse eines Portraets zu seinem Originale, sondern in dem +Verhaeltnisse eines Sohnes zu seinem Vater; aehnlich, aber verschieden. +Die Aehnlichkeit liegt oefters nur in einem einzigen Zuge; die uebrigen +alle haben unter sich nichts Gleiches, als dass sie mit dem aehnlichen +Zuge, in dem einen sowohl als in dem andern harmonieren. + +{2. Fabricii Biblioth. Graec. lib. II. cap. 6. p. 345.} + +{3. Plinius sagt von dem Apelles (Libr. XXXV. sect. 36. p. 698. Edit. +Hard.): Fecit et Dianam sacrificantium virginum choro mixtam: +quibus vicisse Homeri versus videtur id ipsum describentis. Nichts +kann wahrer, als dieser Lobspruch gewesen sein. Schoene Nymphen um +eine schoene Goettin her, die mit der ganzen majestaetischen Stirne ueber +sie hervorragt, sind freilich ein Vorwurf, der der Malerei +angemessener ist, als der Poesie. Das sacrificantium nur ist mir +hoechst verdaechtig. Was macht die Goettin unter opfernden Jungfrauen? +Und ist dieses die Beschaeftigung, die Homer den Gespielinnen der +Diana gibt? Mit nichten; sie durchstreifen mit ihr Berge und Waelder, +sie jagen, sie spielen, sie tanzen (Odyss. Z. v. 102-106): + + Oih d' ArtemiV eisi kat' oureoV ioceaira + H kata Thugeton perimhketon, h ErumanJon + Terpomenh kaproisi kai wkeihV elajoisi- + Th de J' ama Numjai, kourai DioV Aigiocoio, + Agronomoi paizousi--- + + +Plinius wird also nicht sacrificantium, er wird venantium, oder etwas +Aehnliches geschrieben haben; vielleicht silvis vagantium, welche +Verbesserung die Anzahl der veraenderten Buchstaben ohngefaehr haette. +Dem paizousi beim Homer wUerde saltantium am naechsten kommen, und auch +Virgil laesst, in seiner Nachahmung dieser Stelle, die Diana mit ihren +Nymphen tanzen (Aeneid. I. v. 497. 498): + + Qualis in Eurotae ripis, aut per juga Cynthi + Exercet Diana choros-- + + +Spence hat hierbei einen seltsamen Einfall (Polymetis Dial. VIII. p. +102.): This Diana, sagt er, both in the picture and in the +descriptions, was the Diana Venatrix, tho' she was not represented +either by Virgil, or Apelles, or Homer, as hunting with her nymphs; +bot as employed with them in that sort of dances, which of old were +regarded as very solemn acts of devotion. In seiner Anmerkung fUegt +er hinzu: The expression of paizein, used by Homer on this occasion, +is scarce proper for hunting; as that of, choros exercere in Virgil, +should be understood of the religious dances of old, because dancing, +in the old Roman idea of it, was indecent even for men, in public; +unless it were the sort of dances used in honour of Mars, or Bacchus, +or some other of their gods. Spence will nAemlich jene feierliche +Taenze verstanden wissen, welche bei den Alten mit unter die +gottesdienstlichen Handlungen gerechnet wurden. Und daher, meinet er, +brauche denn auch Plinius das Wort sacrificare: It is in consequence +of this that Pliny, in speaking of Diana's nymphs on this very +occasion, uses the word, sacrificare, of them; which quite determines +these dances of theirs to have been of the religious kind. Er +vergisst, dass bei dem Virgil die Diana selbst mittanzet: exercet Diana +choros. Sollte nun dieser Tanz ein gottesdienstlicher Tanz sein: zu +wessen Verehrung tanzte ihn die Diana? Zu ihrer eignen? Oder zur +Verehrung einer andern Gottheit? Beides ist widersinnig. Und wenn +die alten ROemer das Tanzen ueberhaupt einer ernsthaften Person nicht +fuer sehr anstaendig hielten, mussten darum ihre Dichter die Gravitaet +ihres Volkes auch in die Sitten der Goetter uebertragen, die von den +aeltern griechischen Dichtern ganz anders festgesetzet waren? Wenn +Horaz von der Venus sagt (Od. IV. lib. 1): + + Jam Cytherea choros ducit Venus, imminente luna: + Junctaeque Nymphis Gratiae decentes. + Alterno terram quatiunt pede-- + + +waren dieses auch heilige gottesdienstliche TAenze? Ich verliere zu +viele Worte Ueber eine solche Grille.} + +Da uebrigens die Homerischen Meisterstuecke der Poesie aelter waren als +irgendein Meisterstueck der Kunst; da Homer die Natur eher mit einem +malerischen Auge betrachtet hatte, als ein Phidias und Apelles: so +ist es nicht zu verwundern, dass die Artisten verschiedene ihnen +besonders nuetzliche Bemerkungen, ehe sie Zeit hatten, sie in der +Natur selbst zu machen, schon bei dem Homer gemacht fanden, wo sie +dieselben begierig ergriffen, um durch den Homer die Natur +nachzuahmen. Phidias bekannte, dass die Zeilen 4): + +{4. Iliad. A. v. 528. Valerius Maximus lib. III. cap. 7.} + + H, kai kuanehsin ep' ojrusi neuse Kroniwn- + Ambrosiai d' ara caitai eperrwsanto anaktoV, + KratoV ap' aJanatoio- megan d' elelixen Olumpon- + + +ihm bei seinem olympischen Jupiter zum Vorbilde gedienet, und dass ihm +nur durch ihre Hilfe ein gOettliches Antlitz, propemodum ex ipso coelo +petitum, gelungen sei. Wem dieses nichts mehr gesagt heisst, als dass +die Phantasie des KUenstlers durch das erhabene Bild des Dichters +befeuert, und ebenso erhabener Vorstellungen fAehig gemacht worden, +der, duenkt mich, uebersieht das Wesentlichste, und begnuegt sich mit +etwas ganz Allgemeinem, wo sich, zu einer weit gruendlichern +Befriedigung, etwas sehr Spezielles angeben laesst. Soviel ich urteile, +bekannte Phidias zugleich, dass er in dieser Stelle zuerst bemerkt +habe, wie viel Ausdruck in den Augenbraunen liege, quanta pars animi +5) sich in ihnen zeige. Vielleicht, dass sie ihn auch auf das Haar +mehr Fleiss zu wenden bewegte, um das einigermassen auszudruecken, was +Homer ambrosisches Haar nennet. Denn es ist gewiss, dass die alten +Kuenstler vor dem Phidias das Sprechende und Bedeutende der Mienen +wenig verstanden, und besonders das Haar sehr vernachlaessiget hatten. +Noch Myron war in beiden Stuecken tadelhaft, wie Plinius anmerkt 6), +und nach ebendemselben war Pythagoras Leontinus der erste, der sich +durch ein zierliches Haar hervortat 7). Was Phidias aus dem Homer +lernte, lernten die andern Kuenstler aus den Werken des Phidias. + +{5. Plinius lib. XI. sect. 51. p. 616. Edit. Hard.} + +{6. Idem lib. XXXIV. sect. 19. p. 651. Ipse tamen corporum tenus +curiosus, animi sensus non expressisse videtur, capillum quoque et +pubem non emendatius fecisse, quam rudis antiquitas instituisset.} + +{7. Ibid. Hic primus nervos et venas expressit, capillumque +diligentius.} + +Ich will noch ein Beispiel dieser Art anfuehren, welches mich allezeit +sehr vergnuegt hat. Man erinnere sich, was Hogarth ueber den Apollo zu +Belvedere anmerkt 8). "Dieser Apollo", sagt er, "und der Antinous +sind beide in ebendemselben Palaste zu Rom zu sehen. Wenn aber +Antinous den Zuschauer mit Verwunderung erfuellet, so setzet ihn der +Apollo in Erstaunen; und zwar, wie sich die Reisenden ausdruecken, +durch einen Anblick, welcher etwas mehr als Menschliches zeiget, +welches sie gemeiniglich gar nicht zu beschreiben imstande sind. Und +diese Wirkung ist, sagen sie, um desto bewundernswuerdiger, da, wenn +man es untersucht, das Unproportionierliche daran auch einem gemeinen +Auge klar ist. Einer der besten Bildhauer, welche wir in England +haben, der neulich dahin reisete, diese Bildsaeule zu sehen, +bekraeftigte mir das, was itzo gesagt worden, besonders, dass die Fuesse +und Schenkel, in Ansehung der obern Teile, zu lang und zu breit sind. +Und Andreas Sacchi, einer der groessten italienischen Maler, scheinet +eben dieser Meinung gewesen zu sein, sonst wuerde er schwerlich (in +einem beruehmten Gemaelde, welches itzo in England ist) seinem Apollo, +wie er den Tonkuenstler Pasquilini kroenet, das voellige Verhaeltnis des +Antinous gegeben haben, da er uebrigens wirklich eine Kopie von dem +Apollo zu sein scheinet. Ob wir gleich an sehr grossen Werken oft +sehen, dass ein geringerer Teil aus der Acht gelassen worden, so kann +dieses doch hier der Fall nicht sein; denn an einer schoenen Bildsaeule +ist ein richtiges Verhaeltnis eine von ihren wesentlichen Schoenheiten. +Daher ist zu schliessen, dass diese Glieder mit Fleiss muessen sein +verlaengert worden, sonst wuerde es leicht haben koennen vermieden +werden. Wenn wir also die Schoenheiten dieser Figur durch und durch +untersuchen, so werden wir mit Grunde urteilen, dass das, was man +bisher fuer unbeschreiblich vortrefflich an ihrem allgemeinen Anblicke +gehalten, von dem hergeruehret hat, was ein Fehler in einem Teile +derselben zu sein geschienen."--Alles dieses ist sehr einleuchtend; +und schon Homer, fuege ich hinzu, hat es empfunden und angedeutet, dass +es ein erhabenes Ansehen gibt, welches bloss aus diesem Zusatze von +Groesse in den Abmessungen der Fuesse und Schenkel entspringet. Denn +wenn Antenor die Gestalt des Ulysses mit der Gestalt des Menelaus +vergleichen will, so laesst er ihn sagen 9): + +{8. "Zergliederung der Schoenheit". S. 47. Berl. Ausg.} + +{9. Iliad. G. 210. 211.} + + Stantwn men MenelaoV upeirecen eureaV wmouV, + Amjw d' ezomenw, gerarwteroV hen OdusseuV. + + +"Wann beide standen, ragte Menelaus mit den breiten Schultern hoch +hervor; wann aber beide sassen, war Ulysses der Ansehnlichere." Da +Ulysses also das Ansehen im Sitzen gewann, welches Menelaus im Sitzen +verlor, so ist das VerhAeltnis leicht zu bestimmen, welches beider +Oberleib zu den FUessen und Schenkeln gehabt. Ulysses hatte einen +Zusatz von GrOesse in den Proportionen des erstern, Menelaus in den +Proportionen der letztern. + + + +XXIII. + + +Ein einziger unschicklicher Teil kann die uebereinstimmende Wirkung +vieler zur Schoenheit stoeren. Doch wird der Gegenstand darum noch +nicht haesslich. Auch die Haesslichkeit erfodert mehrere unschickliche +Teile, die wir ebenfalls auf einmal muessen uebersehen koennen, wenn wir +dabei das Gegenteil von dem empfinden sollen, was uns die Schoenheit +empfinden laesst. + +Sonach wuerde auch die Haesslichkeit, ihrem Wesen nach, kein Vorwurf der +Poesie sein koennen; und dennoch hat Homer die aeusserste Haesslichkeit in +dem Thersites geschildert, und sie nach ihren Teilen nebeneinander +geschildert. Warum war ihm bei der Haesslichkeit vergoennet, was er bei +der Schoenheit so einsichtsvoll sich selbst untersagte? Wird die +Wirkung der Haesslichkeit, durch die aufeinanderfolgende Enumeration +ihrer Elemente, nicht ebensowohl gehindert, als die Wirkung der +Schoenheit durch die aehnliche Enumeration ihrer Elemente vereitelt +wird? + +Allerdings wird sie das; aber hierin liegt auch die Rechtfertigung +des Homers. Eben weil die Haesslichkeit in der Schilderung des +Dichters zu einer minder widerwaertigen Erscheinung koerperlicher +Unvollkommenheiten wird, und gleichsam, von der Seite ihrer Wirkung, +Haesslichkeit zu sein aufhoeret, wird sie dem Dichter brauchbar; und was +er vor sich selbst nicht nutzen kann, nutzt er als ein Ingrediens, um +gewisse vermischte Empfindungen hervorzubringen und zu verstaerken, +mit welchen er uns, in Ermangelung rein angenehmer Empfindungen, +unterhalten muss. + +Diese vermischte Empfindungen sind das Laecherliche, und das +Schreckliche. + +Homer macht den Thersites haesslich, um ihn laecherlich zu machen. Er +wird aber nicht durch seine blosse Haesslichkeit laecherlich; denn +Haesslichkeit ist Unvollkommenheit, und zu dem Laecherlichen wird ein +Kontrast von Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten erfodert 1). +Dieses ist die Erklaerung meines Freundes, zu der ich hinzusetzen +moechte, dass dieser Kontrast nicht zu krall und zu schneidend sein muss, +dass die Opposita, um in der Sprache der Maler fortzufahren, von der +Art sein muessen, dass sie sich ineinander verschmelzen lassen. Der +weise und rechtschaffene Aesop wird dadurch, dass man ihm die +Haesslichkeit des Thersites gegeben, nicht laecherlich. Es war eine +alberne Moenchsfratze, das Geloion seiner lehrreichen Maerchen, +vermittelst der Ungestaltheit auch in seine Person verlegen zu wollen. +Denn ein missgebildeter Koerper und eine schoene Seele sind wie Oel und +Essig, die, wenn man sie schon ineinander schlaegt, fuer den Geschmack +doch immer getrennet bleiben. Sie gewaehren kein Drittes; der Koerper +erweckt Verdruss, die Seele Wohlgefallen; jedes das seine fuer sich. +Nur wenn der missgebildete Koerper zugleich gebrechlich und kraenklich +ist, wenn er die Seele in ihren Wirkungen hindert, wenn er die Quelle +nachteiliger Vorurteile gegen sie wird: alsdenn fliessen Verdruss und +Wohlgefallen ineinander; aber die neue daraus entspringende +Erscheinung ist nicht Lachen, sondern Mitleid, und der Gegenstand, +den wir ohne dieses nur hochgeachtet haetten, wird interessant. Der +missgebildete gebrechliche Pope musste seinen Freunden weit +interessanter sein, als der schoene und gesunde Wycherley den seinigen. +--So wenig aber Thersites durch die blosse Haesslichkeit laecherlich wird, +ebensowenig wuerde er es ohne dieselbe sein. Die Haesslichkeit; die +Uebereinstimmung dieser Haesslichkeit mit seinem Charakter; der +Widerspruch, den beide mit der Idee machen, die er von seiner eigenen +Wichtigkeit heget; die unschaedliche, ihn allein demuetigende Wirkung +seines boshaften Geschwaetzes: alles muss zusammen zu diesem Zwecke +wirken. Der letztere Umstand ist das Ou jJartikon, welches +Aristoteles 2) unumgaenglich zu dem Laecherlichen verlanget; so wie es +auch mein Freund zu einer notwendigen Bedingung macht, dass jener +Kontrast von keiner Wichtigkeit sein, und uns nicht sehr +interessieren muesse. Denn man nehme auch nur an, dass dem Thersites +selbst seine haemische Verkleinerung des Agamemnons teurer zu stehen +gekommen waere, dass er sie, anstatt mit ein paar blutigen Schwielen, +mit dem Leben bezahlen muessen: und wir wuerden aufhoeren, ueber ihn zu +lachen. Denn dieses Scheusal von einem Menschen ist doch ein Mensch, +dessen Vernichtung uns stets ein groesseres Uebel scheinet, als alle +seine Gebrechen und Laster. Um die Erfahrung hiervon zu machen, lese +man sein Ende bei dem Quintus Calaber 3). Achilles bedauert, die +Penthesilea getoetet zu haben: die Schoenheit in ihrem Blute, so tapfer +vergossen, fodert die Hochachtung und das Mitleid des Helden; und +Hochachtung und Mitleid werden Liebe. Aber der schmaehsuechtige +Thersites macht ihm diese Liebe zu einem Verbrechen. Er eifert wider +die Wollust, die auch den wackersten Mann zu Unsinnigkeiten verleite; + +{1. Philos. Schriften des Hrn. Moses Mendelssohn T. II. S. 23.} + +{2. De poetica cap. V.} + +{3. Paralipom. lib. I. v. 720-775.} + + --ht' ajrona jvta tiJhsi + Kai pinuton per eonta.-- + + +Achilles ergrimmt, und ohne ein Wort zu versetzen, schlAegt er ihn so +unsanft zwischen Back' und Ohr, dass ihm Zaehne, und Blut und Seele mit +eins aus dem Halse stUerzen. Zu grausam! Der jachzornige mOerderische +Achilles wird mir verhasster, als der tueckische knurrende Thersites; +das Freudengeschrei, welches die Griechen ueber diese Tat erheben, +beleidiget mich; ich trete auf die Seite des Diomedes, der schon das +Schwert zucket, seinen Anverwandten an dem Moerder zu raechen: denn ich +empfinde es, dass Thersites auch mein Anverwandter ist, ein Mensch. + +Gesetzt aber gar, die Verhetzungen des Thersites waeren in Meuterei +ausgebrochen, das aufruehrerische Volk waere wirklich zu Schiffe +gegangen und haette seine Heerfuehrer verraeterisch zurueckgelassen, die +Heerfuehrer waeren hier einem rachsuechtigen Feinde in die Haende +gefallen, und dort haette ein goettliches Strafgerichte ueber Flotte und +Volk ein gaenzliches Verderben verhangen: wie wuerde uns alsdenn die +Haesslichkeit des Thersites erscheinen? Wenn unschaedliche Haesslichkeit +laecherlich werden kann, so ist schaedliche Haesslichkeit allezeit +schrecklich. Ich weiss dieses nicht besser zu erlaeutern, als mit ein +paar vortrefflichen Stellen des Shakespeare: Edmund, der Bastard des +Grafen von Gloster, im "Koenig Lear", ist kein geringerer Boesewicht, +als Richard, Herzog von Gloucester, der sich durch die +abscheulichsten Verbrechen den Weg zum Throne bahnte, den er unter +dem Namen Richard der Dritte bestieg. Aber wie kommt es, dass jener +bei weitem nicht so viel Schaudern und Entsetzen erwecket als dieser? +Wenn ich den Bastard sagen hoere 4): + +{4. King Lear. Act. I. Sc. II.} + + Thou, nature, art my goddess, to thy law + My services are bound; wherefore should I + Stand in the plague of custom, and permit + The courtesy of nations to deprive me, + For that I am some twelve, or fourteen moonshines + Lag of a brother? Why bastard? wherefore base? + When my dimensions are as well compact, + My mind as gen'rous, and my shape as true + As honest madam's issue? Why brand they thus + With base? with baseness? bastardy, base? base? + Who, in the lusty stealth of nature, take + More composition and fierce quality, + Than doth, within a dull, stale, tired bed, + Go to creating, a whole tribe of fops, + Got' 'tween a-sleep and wake? + + +so hOere ich einen Teufel, aber ich sehe ihn in der Gestalt eines +Engels des Lichts. Hoere ich hingegen den Grafen von Gloucester sagen +5): + +{5. The life and death of Richard III. Act. I. Sc. 1.} + + But I, that am not shap'd for sportive tricks + Nor made to court an am'rous looking-glass, + I, that am rudely stampt, and want love's majesty + To strut before a wanton, ambling nymph; + I, that am curtail'd of this fair proportion, + Cheated of feature by dissembling nature, + Deform'd, unfinish'd, sent before my time + Into this breathing world, scarce half made up, + And that so lamely and unfashionably, + That dogs bark at me, as I halt by them: + Why I (in this weak piping time of peace) + Have no delight to pass away the time; + Unless to spy my shadow in the sun, + And descant on mine own deformity. + And therefore, since I cannot prove a lover, + To entertain these fair well-spoken days, + I am determined, to prove a villain! + + +so hOere ich einen Teufel, und sehe einen Teufel; in einer Gestalt, +die der Teufel allein haben sollte. + + + +XXIV. + + +So nutzt der Dichter die HAesslichkeit der Formen: welchen Gebrauch ist +dem Maler davon zu machen vergoennet? + +Die Malerei, als nachahmende Fertigkeit, kann die Haesslichkeit +ausdrUecken; die Malerei, als schoene Kunst, will sie nicht ausdruecken. +Als jener, gehoeren ihr alle sichtbare Gegenstaende zu; als diese, +schliesst sie sich nur auf diejenigen sichtbaren Gegenstaende ein, +welche angenehme Empfindungen erwecken. + +Aber gefallen nicht auch die unangenehmen Empfindungen in der +Nachahmung? Nicht alle. Ein scharfsinniger Kunstrichter 1) hat +dieses bereits von dem Ekel bemerkt. "Die Vorstellungen der Furcht," +sagt er, "der Traurigkeit, des Schreckens, des Mitleids usw. koennen +nur Unlust erregen, insoweit wir das Uebel fuer wirklich halten. Diese +koennen also durch die Erinnerung, dass es ein kuenstlicher Betrug sei, +in angenehme Empfindungen aufgeloeset werden. Die widrige Empfindung +des Ekels aber erfolgt, vermoege des Gesetzes der Einbildungskraft auf +die blosse Vorstellung in der Seele, der Gegenstand mag fuer wirklich +gehalten werden, oder nicht. Was hilft's dem beleidigten Gemuete also, +wenn sich die Kunst der Nachahmung noch so sehr verraet? Ihre Unlust +entsprang nicht aus der Voraussetzung, dass das Uebel wirklich sei, +sondern aus der blossen Vorstellung desselben, und diese ist wirklich +da. Die Empfindungen des Ekels sind also allezeit Natur, niemals +Nachahmung." + +{1. Briefe die neueste Literatur betreffend, T. V. S. 102.} + +Eben dieses gilt von der Haesslichkeit der Formen. Diese Haesslichkeit +beleidiget unser Gesicht, widerstehet unserm Geschmacke an Ordnung +und Uebereinstimmung, und erwecket Abscheu, ohne Ruecksicht auf die +wirkliche Existenz des Gegenstandes, an welchem wir sie wahrnehmen. +Wir moegen den Thersites weder in der Natur noch im Bilde sehen; und +wenn schon sein Bild weniger missfaellt, so geschieht dieses doch nicht +deswegen, weil die Haesslichkeit seiner Form in der Nachahmung +Haesslichkeit zu sein aufhoeret, sondern weil wir das Vermoegen besitzen, +von dieser Haesslichkeit zu abstrahieren, und uns bloss an der Kunst des +Malers zu vergnuegen. Aber auch dieses Vergnuegen wird alle +Augenblicke durch die Ueberlegung unterbrochen, wie uebel die Kunst +angewendet worden, und diese Ueberlegung wird selten fehlen, die +Geringschaetzung des Kuenstlers nach sich zu ziehen. + +Aristoteles gibt eine andere Ursache an 2), warum Dinge, die wir in +der Natur mit Widerwillen erblicken, auch in der getreuesten +Abbildung Vergnuegen gewaehren; die allgemeine Wissbegierde des Menschen. +Wir freuen uns, wenn wir entweder aus der Abbildung lernen koennen, +ti ekaston, was ein jedes Ding ist, oder wenn wir daraus schliessen +koennen, oti outoV ekeinoV, dass es dieses oder jenes ist. Allein auch +hieraus folget, zum Besten der Haesslichkeit in der Nachahmung, nichts. +Das Vergnuegen, welches aus der Befriedigung unserer Wissbegierde +entspringt, ist momentan, und dem Gegenstande, ueber welchen sie +befriediget wird, nur zufaellig; das Missvergnuegen hingegen, welches +den Anblick der Haesslichkeit begleitet, permanent, und dem Gegenstande, +der es erweckt, wesentlich. Wie kann also jenes diesem das +Gleichgewicht halten? Noch weniger kann die kleine angenehme +Beschaeftigung, welche uns die Bemerkung der Aehnlichkeit macht, die +unangenehme Wirkung der Haesslichkeit besiegen. Je genauer ich das +haessliche Nachbild mit dem haesslichen Urbilde vergleiche, desto mehr +stelle ich mich dieser Wirkung bloss, so dass das Vergnuegen der +Vergleichung gar bald verschwindet, und mir nichts als der widrige +Eindruck der verdoppelten Haesslichkeit uebrig bleibet. Nach den +Beispielen, welche Aristoteles gibt, zu urteilen, scheinet es, als +habe er auch selbst die Haesslichkeit der Formen nicht mit zu den +missfaelligen Gegenstaenden rechnen wollen, die in der Nachahmung +gefallen koennen. Diese Beispiele sind: reissende Tiere und Leichname. +Reissende Tiere erregen Schrecken, wenn sie auch nicht haesslich sind; +und dieses Schrecken, nicht ihre Haesslichkeit, ist es, was durch die +Nachahmung in angenehme Empfindung aufgeloeset wird. So auch mit den +Leichnamen; das schaerfere Gefuehl des Mitleids, die schreckliche +Erinnerung an unsere eigene Vernichtung ist es, welche uns einen +Leichnam in der Natur zu einem widrigen Gegenstande macht; in der +Nachahmung aber verlieret jenes Mitleid, durch die Ueberzeugung des +Betrugs, das Schneidende, und von dieser fatalen Erinnerung kann uns +ein Zusatz von schmeichelhaften Umstaenden entweder gaenzlich abziehen, +oder sich so unzertrennlich mit ihr vereinen, dass wir mehr +Wuenschenswuerdiges als Schreckliches darin zu bemerken glauben. + +{2. De poetica cap. IV.} + +Da also die Haesslichkeit der Formen, weil die Empfindung, welche sie +erregt, unangenehm, und doch nicht von derjenigen Art unangenehmer +Empfindungen ist, welche sich durch die Nachahmung in angenehme +verwandeln, an und vor sich selbst kein Vorwurf der Malerei, als +schoener Kunst, sein kann: so kaeme es noch darauf an, ob sie ihr, +nicht ebensowohl wie der Poesie, als Ingrediens, um andere +Empfindungen zu verstaerken, nuetzlich sein koenne. + +Darf die Malerei, zu Erreichung des Laecherlichen und Schrecklichen, +sich haesslicher Formen bedienen? + +Ich will es nicht wagen, so gradezu mit Nein hierauf zu antworten. +Es ist unleugbar, dass unschaedliche Haesslichkeit auch in der Malerei +laecherlich werden kann; besonders wenn eine Affektation nach Reiz und +Ansehen damit verbunden wird. Es ist ebenso unstreitig, dass +schaedliche Haesslichkeit, so wie in der Natur, also auch im Gemaelde +Schrecken erwecket; und dass jenes Laecherliche und dieses Schreckliche, +welches schon vor sich vermischte Empfindungen sind, durch die +Nachahmung einen neuen Grad von Anzueglichkeit und Vergnuegung erlangen. + +Ich muss aber zu bedenken geben, dass demohngeachtet sich die Malerei +hier nicht voellig mit der Poesie in gleichem Falle befindet. In der +Poesie, wie ich angemerket, verlieret die Haesslichkeit der Form, durch +die Veraenderung ihrer koexistierenden Teile in sukzessive, ihre +widrige Wirkung fast gaenzlich; sie hoeret von dieser Seite gleichsam +auf, Haesslichkeit zu sein, und kann sich daher mit andern +Erscheinungen desto inniger verbinden, um eine neue besondere Wirkung +hervorzubringen. In der Malerei hingegen hat die Haesslichkeit alle +ihre Kraefte beisammen, und wirket nicht viel schwaecher, als in der +Natur selbst. Unschaedliche Haesslichkeit kann folglich nicht wohl +lange laecherlich bleiben; die unangenehme Empfindung gewinnet die +Oberhand, und was in den ersten Augenblicken possierlich war, wird in +der Folge bloss abscheulich. Nicht anders gehet es mit der +schaedlichen Haesslichkeit; das Schreckliche verliert sich nach und nach, +und das Unfoermliche bleibt allein und unveraenderlich zurueck. + +Dieses ueberlegt, hatte der Graf Caylus vollkommen recht, die Episode +des Thersites aus der Reihe seiner Homerischen Gemaelde wegzulassen. +Aber hat man darum auch recht, sie aus dem Homer selbst +wegzuwuenschen? Ich finde ungern, dass ein Gelehrter, von sonst sehr +richtigem und feinem Geschmacke, dieser Meinung ist 3). Ich verspare +es auf einen andern Ort, mich weitlaeufiger darueber zu erklaeren. + +{3. Klotzii epistolae Homericae, p. 32. et seq.} + + + +XXV. + + +Auch der zweite Unterschied, welchen der angefuehrte Kunstrichter +zwischen dem Ekel und andern unangenehmen Leidenschaften der Seele +findet, aeussert sich bei der Unlust, welche die Haesslichkeit der Formen +in uns erwecket. + +"Andere unangenehme Leidenschaften", sagte er 1), "koennen auch ausser +der Nachahmung, in der Natur selbst, dem Gemuete oefters schmeicheln, +indem sie niemals reine Unlust erregen, sondern ihre Bitterkeit +allezeit mit Wollust vermischen. Unsere Furcht ist selten von aller +Hoffnung entbloesst; der Schrecken belebt alle unsere Kraefte, der +Gefahr auszuweichen; der Zorn ist mit der Begierde sich zu raechen, +die Traurigkeit mit der angenehmen Vorstellung der vorigen +Glueckseligkeit verknuepft, und das Mitleiden ist von den zaertlichen +Empfindungen der Liebe und Zuneigung unzertrennlich. Die Seele hat +die Freiheit, sich bald bei dem vergnueglichen, bald bei dem widrigen +Teile einer Leidenschaft zu verweilen, und sich eine Vermischung von +Lust und Unlust selbst zu schaffen, die reizender ist, als das +lauterste Vergnuegen. Es braucht nur sehr wenig Achtsamkeit auf sich +selber, um dieses vielfaeltig beobachtet zu haben; und woher kaeme es +denn sonst, dass dem Zornigen sein Zorn, dem Traurigen seine Unmut +lieber ist, als alle freudige Vorstellungen, dadurch man ihn zu +beruhigen gedenket? Ganz anders aber verhaelt es sich mit dem Ekel +und den ihm verwandten Empfindungen. Die Seele erkennet in demselben +keine merkliche Vermischung von Lust. Das Missvergnuegen gewinnet die +Oberhand, und daher ist kein Zustand, weder in der Natur noch in der +Nachahmung, zu erdenken, in welchem das Gemuet nicht von diesen +Vorstellungen mit Widerwillen zurueckweichen sollte." + +{1. Klotzii epistolae Homericae, p. 103.} + +Vollkommen richtig; aber da der Kunstrichter selbst, noch andere mit +dem Ekel verwandten Empfindungen erkennet, die gleichfalls nichts als +Unlust gewaehren, welche kann ihm naeher verwandt sein, als die +Empfindung des Haesslichen in den Formen? Auch diese ist in der Natur +ohne die geringste Mischung von Lust; und da sie deren ebensowenig +durch die Nachahmung faehig wird, so ist auch von ihr kein Zustand zu +erdenken, in welchem das Gemuet von ihrer Vorstellung nicht mit +Widerwillen zurueckweichen sollte. + +Ja dieser Widerwille, wenn ich anders mein Gefuehl sorgfaeltig genug +untersucht habe, ist gaenzlich von der Natur des Ekels. Die +Empfindung, welche die Haesslichkeit der Form begleitet, ist Ekel, nur +in einem geringern Grade. Dieses streitet zwar mit einer andern +Anmerkung des Kunstrichters, nach welcher er nur die allerdunkelsten +Sinne, den Geschmack, den Geruch und das Gefuehl, dem Ekel ausgesetzet +zu sein glaubet. "Jene beide" sagt er, "durch eine uebermaessige +Suessigkeit, und dieses durch eine allzugrosse Weichheit der Koerper, die +den beruehrenden Fibern nicht genugsam widerstehen. Diese Gegenstaende +werden sodann auch dem Gesichte unertraeglich, aber bloss durch die +Assoziation der Begriffe, indem wir uns des Widerwillens erinnern, +den sie dem Geschmacke, dem Geruche oder dem Gefuehle verursachen. +Denn eigentlich zu reden, gibt es keine Gegenstaende des Ekels fuer das +Gesicht." Doch mich duenkt, es lassen sich dergleichen allerdings +nennen. Ein Feuermal in dem Gesichte, eine Hasenscharte, eine +gepletschte Nase mit vorragenden Loechern, ein gaenzlicher Mangel der +Augenbraunen, sind Haesslichkeiten, die weder dem Geruche, noch dem +Geschmacke, noch dem Gefuehle zuwider sein koennen. Gleichwohl ist es +gewiss, dass wir etwas dabei empfinden, welches dem Ekel schon viel +naeher koemmt, als das, was uns andere Unfoermlichkeiten des Koerpers, +ein krummer Fuss, ein hoher Ruecken, empfinden lassen; je zaertlicher +das Temperament ist, desto mehr werden wir von den Bewegungen in dem +Koerper dabei fuehlen, welche vor dem Erbrechen vorhergehen. Nur dass +diese Bewegungen sich sehr bald wieder verlieren, und schwerlich ein +wirkliches Erbrechen erfolgen kann; wovon man allerdings die Ursache +darin zu suchen hat, dass es Gegenstaende des Gesichts sind, welches in +ihnen, und mit ihnen zugleich, eine Menge Realitaeten wahrnimmt, durch +deren angenehme Vorstellungen jene unangenehme so geschwaecht und +verdunkelt wird, dass sie keinen merklichen Einfluss auf den Koerper +haben kann. Die dunkeln Sinne hingegen, der Geschmack, der Geruch, +das Gefuehl, koennen dergleichen Realitaeten, indem sie von etwas +Widerwaertigem geruehret werden, nicht mitbemerken; das Widerwaertige +wirkt folglich allein und in seiner ganzen Staerke, und kann nicht +anders als auch in dem Koerper von einer weit heftigern Erschuetterung +begleitet sein. + +Uebrigens verhaelt sich auch zur Nachahmung das Ekelhafte vollkommen so, +wie das Haessliche. Ja, da seine unangenehme Wirkung die heftigere +ist, so kann es noch weniger als das Haessliche an und vor sich selbst +ein Gegenstand weder der Poesie, noch der Malerei werden. Nur weil +es ebenfalls durch den woertlichen Ausdruck sehr gemildert wird, +getrauete ich mich doch wohl zu behaupten, dass der Dichter, +wenigstens einige ekelhafte Zuege als ein Ingrediens zu den naemlichen +vermischten Empfindungen brauchen koenne, die er durch das Haessliche +mit so gutem Erfolge verstaerket. + +Das Ekelhafte kann das Laecherliche vermehren; oder Vorstellungen der +Wuerde, des Anstandes, mit dem Ekelhaften in Kontrast gesetzet, werden +laecherlich. Exempel hiervon lassen sich bei dem Aristophanes in +Menge finden. Das Wiesel faellt mir ein, welches den guten Sokrates +in seinen astronomischen Beschauungen unterbrach 2). + +{2. Nubes v. 169-174.} + + MAQ. Prwhn de ge gnwmhn megalhn ajhreJh + Up' askalabwtou. STR. Tina tropon; kateipe moi. + MAQ. ZhtountoV autou thV selhnhV tas odouV + Kai taV perijoraV, eit' anw kechnotoV + Apo thV orojhV nuktwr galewthV katecesen. + STR. HsJhn galewth katacesanti SwkratouV. + + +Man lasse es nicht ekelhaft sein, was ihm in den offenen Mund fAellt, +und das Laecherliche ist verschwunden. Die drolligsten ZUege von +dieser Art hat die hottentottische Erzaehlung: Tquassouw und +Knonmquaiha, in dem "Kenner", einer englischen Wochenschrift voller +Laune, die man dem Lord Chesterfield zuschreibet. Man weiss, wie +schmutzig die Hottentotten sind; und wie vieles sie fuer schOen und +zierlich und heilig halten, was uns Ekel und Abscheu erwecket. Ein +gequetschter Knorpel von Nase, schlappe bis auf den Nabel +herabhaengende Brueste, den ganzen Koerper mit einer Schminke aus +Ziegenfett und Russ an der Sonne durchbeizet, die Haarlocken von +Schmer triefend, Fuesse und Arme mit frischem Gedaerme umwunden: dies +denke man sich an dem Gegenstande einer feurigen, ehrfurchtsvollen, +zaertlichen Liebe; dies hoere man in der edeln Sprache des Ernstes und +der Bewunderung ausgedrueckt, und enthalte sich des Lachens 3)! + +{3. The Connoisseur, Vol. I. No. 21. Von der Schoenheit der +Knonmquaiha heisst es: He was struck with the glossy hue of her +complexion, which shone like the jetty down on the black hogs of +Hessaqua; he was ravished with the prest gristle of her nose; and his +eys dwelt with admiration on the flaccid beauties of her breasts, +which descended to her navel. Und was trug die Kunst bei, so viel +Reize in ihr vorteilhaftes Licht zu setzen? She made a varnish of +the fat of goats mixed with soot, with which she anointed her whole +body, as she stood beneath the rays of the sun; her locks were +clotted with melted grease, and powdered with the yellow dust of +Buchu; her face, which shone like the polished ebony, was beautifully +varied with spots of red earth, and appeared like the sable curtain +of the night bespangled with stars: she sprinkled her limbs with +woodashes, and perfumed them with the dung of Stinkbingsem. Her arms +and legs were entwined with the shining entrails of an heifer: from +her neck there hung a pouch composed of the stomach of a kid: the +wings of an ostrich overshadowed the fleshy promontories behind; and +before she wore an apron formed of the shaggy ears of a lion. Ich +fuege noch die Zeremonie der Zusammengebung des verliebten Paares +hinzu: The Surri or chief priest approached them, and in a deep voice +chanted the nuptial rites to the melodious grumbling of the Gom-Gom; +and at the same time (according to the manner of Caffraria) bedewed +them plentifully with the urinary benediction. The bride and +bridegroom rubbed in the precious stream with extasy, while the briny +drops trikled from their bodies; like the oozy surge from the rocks +of Chirigriqua.} + +Mit dem Schrecklichen scheinet sich das Ekelhafte noch inniger +vermischen zu koennen. Was wir das Graessliche nennen, ist nichts als +ein ekelhaftes Schreckliche. Dem Longin 4) missfaellt zwar in dem +Bilde der Traurigkeit beim Hesiodus 5) das ThV ek men rinvn muxai +reon; doch mich duenkt, nicht sowohl weil es ein ekler Zug ist, als +weil es ein bloss ekler Zug ist, der zum Schrecklichen nichts beitraegt. +Denn die langen ueber die Finger hervorragenden Naegel (makroi d' +onuceV ceiressin uphsan) scheinet er nicht tadeln zu wollen. +Gleichwohl sind lange Naegel nicht viel weniger ekel, als eine +fliessende Nase. Aber die langen Naegel sind zugleich schrecklich; +denn sie sind es, welche die Wangen zerfleischen, dass das Blut davon +auf die Erde rinnet: + +{4. Peri uyouV, tmhma h, p. 18. edit. T. Fabri.} + +{5. Scut. Hercul. v. 266.} + + --ek de pareivn + Aim' apeleibet' eraze-- + + +Hingegen eine fliessende Nase, ist weiter nichts als eine fliessende +Nase; und ich rate der Traurigkeit nur, das Maul zuzumachen. Man +lese bei dem Sophokles die Beschreibung der Oeden Hoehle des +unglUecklichen Philoktet. Da ist nichts von Lebensmitteln, nichts von +Bequemlichkeiten zu sehen; ausser eine zertretene Streu von duerren +BlAettern, ein unfoermlicher hoelzerner Becher, ein Feuergeraet. Der +ganze Reichtum des kranken verlassenen Mannes! Womit vollendet der +Dichter dieses traurige fuerchterliche Gemaelde. Mit einem Zusatze von +Ekel. "Ha!" faehrt Neoptolem auf einmal zusammen, "hier trockenen +zerrissene Lappen voll Blut und Eiter 6)!" + +{6. Philoct. v. 31-39.} + + NE. Orv kenhn oikhsin anJrwpwn dica. + OD. Oud' endon oikopoioV esti tiV trojh; + NE. Steipth ge jullaV wV enaulizonti tw. + OD. Ta d' all' erhma, kouden esJ' upostegon; + NE. Autoxulon g' ekpwma, jaulourgou tinoV + Tecnhmat' androV, kai purei' omou tade. + OD. Keinou to Jhsaurisma shmaineiV tode. + NE. Iou, iou- kai tauta g' alla Jalpetai + Rakh, bareiaV tou noshleiaV plea. + + +So wird auch beim Homer der geschleifte Hektor, durch das von Blut +und Staub entstellte Gesicht, und zusammenverklebte Haar, + + Squallentem barbam et concretos sanguine crines, + +(wie es Virgil ausdrUeckt 7)) ein ekler Gegenstand, aber eben dadurch +um so viel schrecklicher, um so viel ruehrender. Wer kann die Strafe +des Marsyas, beim Ovid, sich ohne Empfindung des Ekels denken 8)? + +{7. Aeneid. lib. II. v. 277.} + +{8. Metamorph. VI. v. 387.} + + Clamanti cutis est summos derepta per artus: + Nec quidquam, nisi vulnus erat: cruor undique manat: + Detectique patent nervi: trepidaeque sine ulla + Pelle micant venae: salientia viscera possis, + Et perlucentes numerare in pectore fibras. + + +Aber wer empfindet auch nicht, dass das Ekelhafte hier an seiner +Stelle ist? Es macht das Schreckliche grAesslich; und das Graessliche +ist selbst in der Natur, wenn unser Mitleid dabei interessieret wird, +nicht ganz unangenehm; wie viel weniger in der Nachahmung? Ich will +die Exempel nicht haeufen. Doch dieses muss ich noch anmerken, dass es +eine Art von Schrecklichem gibt, zu dem der Weg dem Dichter fast +einzig und allein durch das Ekelhafte offen stehet. Es ist das +Schreckliche des Hungers. Selbst im gemeinen Leben drUecken wir die +aeusserste Hungersnot nicht anders als durch die Erzaehlungen aller der +unnahrhaften, ungesunden und besonders ekeln Dinge aus, mit welchen +der Magen befriediget werden muessen. Da die Nachahmung nichts von +dem Gefuehle des Hungers selbst in uns erregen kann, so nimmt sie zu +einem andern unangenehmen Gefuehle ihre Zuflucht, welches wir im Falle +des empfindlichsten Hungers fuer das kleinere Uebel erkennen. Dieses +sucht sie zu erregen, um uns aus der Unlust desselben schliessen zu +lassen, wie stark jene Unlust sein muesse, bei der wir die +gegenwaertige gern aus der Acht schlagen wuerden. Ovid sagt von der +Oreade, welche Ceres an den Hunger abschickte 9): + +{9. Ibid. lib. VIII. v. 809.} + + Hanc (famem) procul ut vidit-- + --refert mandata deae; paulumque morata, + Quanquam aberat longe, quanquam modo venerat illuc, + Visa tamen sensisse famem-- + + +Eine unnatUerliche Uebertreibung! Der Anblick eines Hungrigen, und +wenn es auch der Hunger selbst wAere, hat diese ansteckende Kraft +nicht; Erbarmen, und Greul, und Ekel, kann er empfinden lassen, aber +keinen Hunger. Diesen Greul hat Ovid in dem Gemaelde der Fames nicht +gesparet, und in dem Hunger des Eresichthons sind, sowohl bei ihm, +als bei dem Kallimachus 10), die ekelhaften Zuege die staerksten. +Nachdem Eresichthon alles aufgezehret, und auch der Opferkuh nicht +verschonet hatte, die seine Mutter der Vesta auffuetterte, laesst ihn +Kallimachus ueber Pferde und Katzen herfallen, und auf den Strassen die +Brocken und schmutzigen Ueberbleibsel von fremden Tischen betteln: + +{10. Hym. in Cererem. v. 109-116.} + + Kai tan bvn ejagen, tan Estia etreje mathr, + Kai ton aeJlojoron kai ton polemhion ippon, + Kai tan ailouron, tan etreme Jeria mikka-- + Kai toJ' o tv basilhoV eni triodoisi kaJhsto + Aitizwn akolwV te kai ekbola lumata daitoV-- + + +Und Ovid lAesst ihn zuletzt die Zaehne in seine eigene Glieder setzen, +um seinen Leib mit seinem Leibe zu naehren. + + Vis tamen illa mali postquam consumserat omnem + Materiam-- + Ipse suos artus lacero divellere morsu + Coepit; et infelix minuendo corpus alebat. + + +Nur darum waren die hAesslichen Harpyen so stinkend, so unflaetig, dass +der Hunger, welchen ihre EntfUehrung der Speisen bewirken sollte, +desto schrecklicher wuerde. Man hOere die Klage des Phineus, beim +Apollonius 11): + +{11. Argonaut. lib. II. v. 228-233.} + + TutJon d' hn ara dh pot' edhtuoV ammi lipwsi, + Pnei tode mudaleon te kai ou tlhton menoV odmhV. + Ou ke tiV oude minunJa brotvn anscoito pelassaV, + Oud' ei oi adamantoV elhlamenon kear eih. + Alla me pikrh dhta ke daitoV episcei anagkh + Mimnein, kai mimnonta kakh en gasteri JesJai. + + +Ich mOechte gern aus diesem Gesichtspunkte die ekele EinfUehrung der +Harpyen beim Virgil entschuldigen; aber es ist kein wirklicher +gegenwAertiger Hunger, den sie verursachen, sondern nur ein +instehender, den sie prophezeien; und noch dazu loeset sich die ganze +Prophezeiung endlich in ein Wortspiel auf. Auch Dante bereitet uns +nicht nur auf die Geschichte von der Verhungerung des Ugolino, durch +die ekelhafteste, graesslichste Stellung, in die er ihn mit seinem +ehemaligen Verfolger in der Hoelle setzet; sondern auch die +Verhungerung selbst ist nicht ohne Zuege des Ekels, der uns besonders +da sehr merklich ueberfaellt, wo sich die Soehne dem Vater zur Speise +anbieten. In der Note will ich noch eine Stelle aus einem +Schauspiele von Beaumont und Fletcher anfuehren, die statt aller +andern Beispiele haette sein koennen, wenn ich sie nicht fuer ein wenig +zu uebertrieben erkennen muesste 12). + +{12. The Sea-Voyage Act. III. Sc. 1. Ein franzoesischer Seeraeuber +wird mit seinem Schiffe an eine wueste Insel verschlagen. Habsucht +und Neid entzweien seine Leute und schaffen ein paar Elenden, welche +auf dieser Insel geraume Zeit der aeussersten Not ausgesetzt gewesen, +Gelegenheit, mit dem Schiffe in die See zu stechen. Alles Vorrates +an Lebensmitteln sonach auf einmal beraubet, sehen jene Nichtswuerdige +gar bald den schmaehlichsten Tod vor Augen, und einer drueckt gegen den +andern seinen Hunger und seine Verzweiflung folgendergestalt aus: + + Lamure. + Oh, what a tempest have I in my stomach! + How my empty guts cry out! My wounds ake, + Would they would bleed again, that I might get + Something to quench my thirst. + + Franville. + O Lamure, the happiness my dogs had + When I kept house at home! They had a storehouse, + A storehouse of most blessed bones and crusts, + Happy crusts. Oh, how sharp hunger pinches me!-- + + Franville. + How now, what news? + + Morillat. + Hast any meat yet? + + Franville. + Not a bit that I can see; + Here be goodly quarries, but they be cruel hard + To gnaw: I ha' got some mud, we'll eat it with spoons, + Very good thick mud; bot it stinks damnably, + There's old rotten trunks of trees too, + Bot not a leaf nor blossom in all the island. + + Lamure. + How it looks! + + Morillat. + It stinks too. + + Lamure. + It may be poison. + + Franville. + Let it be any thing; + So I can get it down. Why man, + Poison's a princely dish. + + Morillat. + Hast thou no bisket? + No crumbs left in thy pocket? Here is my doublet, + Give me but three small crumbs. + + Franville. + Not for three kingdoms, + If I were master of 'em. Oh, Lamure, + But one poor joint of mutton, we ha' scorn'd, man. + + Lamure. + Thou speak'st of paradise; + Or but the snuffs of those healths, + We have lewdly at midnight flang away. + + Morillat. + Ah! but to lick the glasses. + +Doch alles dieses ist noch nichts gegen den folgenden Auftritt, wo +der Schiffschirurgus dazu kommt. + + Franville. + Here comes the surgeon. What + Hast thou discover'd? Smile, smile and comfort us. + + Surgeon. + I am expiring, + Smile they that can. I can find nothing, gentlemen, + Here 's nothing can be meat, without a miracle + Oh that I had my boxes and my lints now, + My stupes, my tents, and those sweet helps of nature, + What dainty dishes could I make of 'em. + + Morillat. + Hast ne'er an old suppository? + + Surgeon. + Oh would I had, sir. + + Lamure. + Or but the paper where such a cordial + Potion, or pills hath been entomb'd? + + Franville. + Or the best bladder where a cooling-glister. + + Morillat. + Hast thou no searcloths left? + Nor any old pultesses? + + Franville. + We care not to what it hath been ministred. + + Surgeon. + Sure I have none of these dainties, gentlemen. + + Franville. + Where's the great wen + Thou cut'st from Hugh the sailor's shoulder? + That would serve now for a most princely banquet. + + Surgeon. + Ay if we had it, gentlemen. + I flung it over-bord, slave that I was. + + Lamure. + A most improvident villain.} + +Ich komme auf die ekelhaften GegenstAende in der Malerei. Wenn es +auch schon ganz unstreitig waere, dass es eigentlich gar keine +ekelhafte Gegenstaende fUer das Gesicht gaebe, von welchen es sich von +sich selbst verstuende, dass die Malerei, als schOene Kunst, ihrer +entsagen wuerde: so muesste sie dennoch die ekelhaften Gegenstaende +ueberhaupt vermeiden, weil die Verbindung der Begriffe sie auch dem +Gesichte ekel macht. Pordenone laesst, in einem Gemaelde von dem +Begraebnisse Christi, einen von den Anwesenden die Nase sich zuhalten. +Richardson missbilliget dieses deswegen 13), weil Christus noch nicht +so lange tot gewesen, dass sein Leichnam in Faeulung uebergehen koennen. +Bei der Auferweckung des Lazarus hingegen, glaubt er, sei es dem +Maler erlaubt, von den Umstehenden einige so zu zeigen, weil es die +Geschichte ausdruecklich sage, dass sein Koerper schon gerochen habe. +Mich duenkt diese Vorstellung auch hier unertraeglich; denn nicht bloss +der wirkliche Gestank, auch schon die Idee des Gestankes erwecket +Ekel. Wir fliehen stinkende Orte, wenn wir schon den Schnupfen haben. +Doch die Malerei will das Ekelhafte, nicht des Ekelhaften wegen; +sie will es, so wie die Poesie, um das Laecherliche und Schreckliche +dadurch zu verstaerken. Auf ihre Gefahr! Was ich aber von dem +Haesslichen in diesem Falle angemerkt habe, gilt von dem Ekelhaften um +so viel mehr. Es verlieret in einer sichtbaren Nachahmung von seiner +Wirkung ungleich weniger, als in einer hoerbaren; es kann sich also +auch dort mit den Bestandteilen des Laecherlichen und Schrecklichen +weniger innig vermischen, als hier; sobald die Ueberraschung vorbei, +sobald der erste gierige Blick gesaettiget, trennet es sich wiederum +gaenzlich, und liegt in seiner eigenen kruden Gestalt da. + +{13. Richardson de la peinture T. I. p. 74.} + + + +XXVI. + + +Des Herrn Winckelmanns "Geschichte der Kunst des Altertums" ist +erschienen. Ich wage keinen Schritt weiter, ohne dieses Werk gelesen +zu haben. Bloss aus allgemeinen Begriffen ueber die Kunst vernuenfteln, +kann zu Grillen verfuehren, die man ueber lang oder kurz, zu seiner +Beschaemung, in den Werken der Kunst widerlegt findet. Auch die Alten +kannten die Bande, welche die Malerei und Poesie miteinander +verknuepfen, und sie werden sie nicht enger zugezogen haben, als es +beiden zutraeglich ist. Was ihre Kuenstler getan, wird mich lehren, +was die Kuenstler ueberhaupt tun sollen; und wo so ein Mann die Fackel +der Geschichte vortraegt, kann die Spekulation kuehnlich nachtreten. + +Man pfleget in einem wichtigen Werke zu blaettern, ehe man es +ernstlich zu lesen anfaengt. Meine Neugierde war, vor allen Dingen +des Verfassers Meinung von dem Laokoon zu wissen; nicht zwar von der +Kunst des Werkes, ueber welche er sich schon anderwaerts erklaeret hat, +als nur von dem Alter desselben. Wem tritt er darueber bei? Denen, +welchen Virgil die Gruppe vor Augen gehabt zu haben scheinet? Oder +denen, welche die Kuenstler dem Dichter nacharbeiten lassen? + +Es ist sehr nach meinem Geschmacke, dass er von einer gegenseitigem +Nachahmung gaenzlich schweiget. Wo ist die absolute Notwendigkeit +derselben? Es ist gar nicht unmoeglich, dass die Aehnlichkeiten, die +ich oben zwischen dem poetischen Gemaelde und dem Kunstwerke in +Erwaegung gezogen habe, zufaellige und nicht vorsaetzliche Aehnlichkeiten +sind; und dass das eine so wenig das Vorbild des andern gewesen, dass +sie auch nicht einmal beide einerlei Vorbild gehabt zu haben brauchen. +Haette indes auch ihn ein Schein dieser Nachahmung geblendet, so +wuerde er sich fuer die erstern haben erklaeren muessen. Denn er nimmt +an, dass der Laokoon aus den Zeiten sei, da sich die Kunst unter den +Griechen auf dem hoechsten Gipfel ihrer Vollkommenheit befunden habe, +aus den Zeiten Alexanders des Grossen. + +"Das guetige Schicksal", sagt er 1), "welches auch ueber die Kuenste bei +ihrer Vertilgung noch gewachet, hat aller Welt zum Wunder ein Werk +aus dieser Zeit der Kunst erhalten, zum Beweise von der Wahrheit der +Geschichte von der Herrlichkeit so vieler vernichteten Meisterstuecke. +Laokoon, nebst seinen beiden Soehnen, vom Agesander, Apollodorus 2) +und Athenodorus aus Rhodus gearbeitet, ist nach aller +Wahrscheinlichkeit aus dieser Zeit, ob man gleich dieselbe nicht +bestimmen, und wie einige getan haben, die Olympias, in welcher diese +Kuenstler gebluehet haben, angeben kann." + +{1. Geschichte der Kunst, S. 347.} + +{2. Nicht Apollodorus, sondern Polydorus. Plinius ist der einzige, +der diese Kuenstler nennet, und ich wuesste nicht, dass die Handschriften +in diesem Namen voneinander abgingen. Harduin wuerde es gewiss sonst +angemerkt haben. Auch die aeltern Ausgaben lesen alle Polydorus. +Herr Winckelmann muss sich in dieser Kleinigkeit bloss verschrieben +haben.} + +In einer Anmerkung setzet er hinzu: "Plinius meldet kein Wort von der +Zeit, in welcher Agesander und die Gehilfen an seinem Werke gelebet +haben; Maffei aber, in der Erklaerung alter Statuen, hat wissen wollen, +dass diese Kuenstler in der achtundachtzigsten Olympias gebluehet haben, +und auf dessen Wort haben andere, als Richardson, nachgeschrieben. +Jener hat, wie ich glaube, einen Athenodorus unter des Polykletus +Schuelern fuer einen von unsern Kuenstlern genommen, und da Polykletus +in der siebenundachtzigsten Olympias gebluehet, so hat man seinen +vermeinten Schueler eine Olympias spaeter gesetzet: andere Gruende kann +Maffei nicht haben." + +Er konnte ganz gewiss keine andere haben. Aber warum laesst es Herr +Winckelmann dabei bewenden, diesen vermeinten Grund des Maffei bloss +anzufuehren? Widerlegt er sich von sich selbst? Nicht so ganz. Denn +wenn er auch schon von keinen andern Gruenden unterstuetzt ist, so +macht er doch schon fuer sich selbst eine kleine Wahrscheinlichkeit, +wo man nicht sonst zeigen kann, dass Athenodorus, des Polyklets +Schueler, und Athenodorus, der Gehilfe des Agesander und Polydorus, +unmoeglich eine und ebendieselbe Person koennen gewesen sein. Zum +Gluecke laesst sich dieses zeigen, und zwar aus ihrem verschiedenen +Vaterlande. Der erste Athenodorus war, nach dem ausdruecklichen +Zeugnisse des Pausanias 3), aus Klitor in Arkadien; der andere +hingegen, nach dem Zeugnisse des Plinius, aus Rhodus gebuertig. + +{3. AJhnoJvroV de kai DamiaV--outoi de ArkadeV eisin ek KleitoroV. +Phoc. cap. 9. p. 819. Edit. Kuh.} + +Herr Winckelmann kann keine Absicht dabei gehabt haben, dass er das +Vorgeben des Maffei, durch Beifuegung dieses Umstandes, nicht +unwidersprechlich widerlegen wollen. Vielmehr muessen ihm die Gruende, +die er aus der Kunst des Werks, nach seiner unstreitigen Kenntnis, +ziehet, von solcher Wichtigkeit geschienen haben, dass er sich +unbekuemmert gelassen, ob die Meinung des Maffei noch einige +Wahrscheinlichkeit behalte oder nicht. Er erkennet, ohne Zweifel, in +dem Laokoon zu viele von den argutiis 4), die dem Lysippus so eigen +waren, mit welchen dieser Meister die Kunst zuerst bereicherte, als +dass er ihn fuer ein Werk vor desselben Zeit halten sollte. + +{4. Plinius lib. XXXIV. sect. 19. p. 653. Edit. Hard.} + +Allein, wenn es erwiesen ist, dass der Laokoon nicht aelter sein kann, +als Lysippus, ist dadurch auch zugleich erwiesen, dass er ungefaehr aus +seiner Zeit sein muesse? dass er unmoeglich ein weit spaeteres Werk sein +koenne? Damit ich die Zeiten, in welchen die Kunst in Griechenland, +bis zum Anfange der roemischen Monarchie, ihr Haupt bald wiederum +emporhob, bald wiederum sinken liess, uebergehe: warum haette nicht +Laokoon die glueckliche Frucht des Wetteifers sein koennen, welchen die +verschwenderische Pracht der ersten Kaiser unter den Kuenstlern +entzuenden musste? Warum koennten nicht Agesander und seine Gehilfen +die Zeitverwandten eines Strongylion, eines Arcesilaus, eines +Pasiteles, eines Posidonius, eines Diogenes sein? Wurden nicht die +Werke auch dieser Meister zum Teil dem Besten, was die Kunst jemals +hervorgebracht hatte, gleich geschaetzet? Und wann noch ungezweifelte +Stuecke von selbigen vorhanden waeren, das Alter ihrer Urheber aber +waere unbekannt, und liesse sich aus nichts schliessen, als aus ihrer +Kunst, welche goettliche Eingebung muesste den Kenner verwahren, dass er +sie nicht ebensowohl in jene Zeiten setzen zu muessen glaubte, die +Herr Winckelmann allein des Laokoons wuerdig zu sein achtet? + +Es ist wahr, Plinius bemerkt die Zeit, in welcher die Kuenstler des +Laokoons gelebt haben, ausdruecklich nicht. Doch wenn ich aus dem +Zusammenhange der ganzen Stelle schliessen sollte, ob er sie mehr +unter die alten oder unter die neuern Artisten gerechnet wissen +wollen: so bekenne ich, dass ich fuer das letztere eine groessere +Wahrscheinlichkeit darin zu bemerken glaube. Man urteile. + +Nachdem Plinius von den aeltesten und groessten Meistern in der +Bildhauerkunst, dem Phidias, dem Praxiteles, dem Skopas, etwas +ausfuehrlicher gesprochen, und hierauf die uebrigen, besonders solche, +von deren Werken in Rom etwas vorhanden war, ohne alle chronologische +Ordnung namhaft gemacht: so faehrt er folgendergestalt fort 5): Nec +multo plurium fama est, quorundam claritati in operibus eximiis +obstante numero artificum, quoniam nec unus occupat gloriam, nec +plures pariter nuncupari possunt, sicut in Laocoonte, qui est in Titi +Imperatoris domo, opus omnibus et picturae et statuariae artis +praeponendum. Ex uno lapide eum et liberos draconumque mirabiles +nexus de consilii sententia fecere summi artifices, Agesander et +Polydorus et Athenodorus Rhodii. Similiter Palatinas domus Caesarum +replevere probatissimis signis Craterus cum Pythodoro, Polydectes cum +Hermolao, Pythodorus alius cum Artemone, et singularis Aphrodisius +Trallianus. Agrippae Pantheum decoravit Diogenes Atheniensis, et +Caryatides in columnis templi ejus probantur inter pauca operum: +sicut in fastigio posita signa, sed propter altitudinem loci minus +celebrata. + +{5. Libr. XXXVI. sect. 4. p. 730.} + +Von allen den Kuenstlern, welche in dieser Stelle genennet werden, ist +Diogenes von Athen derjenige, dessen Zeitalter am +unwidersprechlichsten bestimmt ist. Er hat das Pantheum des Agrippa +ausgezieret; er hat also unter dem Augustus gelebt. Doch man erwaege +die Worte des Plinius etwas genauer, und ich denke, man wird auch das +Zeitalter des Kraterus und Pythodorus, des Polydektes und Hermolaus, +des zweiten Pythodorus und Artemons, sowie des Aphrodisius Trallianus, +ebenso unwidersprechlich bestimmt finden. Er sagt von ihnen: +Palatinas domus Caesarum replevere probatissimis signis. Ich frage: +kann dieses wohl nur so viel heissen, dass von ihren vortrefflichen +Werken die Palaeste der Kaiser angefuellet gewesen? In dem Verstande +naemlich, dass die Kaiser sie ueberall zusammensuchen und nach Rom in +ihre Wohnungen versetzen lassen? Gewiss nicht. Sondern sie muessen +ihre Werke ausdruecklich fuer diese Palaeste der Kaiser gearbeitet, sie +muessen zu den Zeiten dieser Kaiser gelebt haben. Dass es spaete +Kuenstler gewesen, die nur in Italien gearbeitet, laesst sich auch schon +daher schliessen, weil man ihrer sonst nirgends gedacht findet. +Haetten sie in Griechenland in fruehern Zeiten gearbeitet, so wuerde +Pausanias ein oder das andere Werk von ihnen gesehen, und ihr +Andenken uns aufbehalten haben. Ein Pythodorus koemmt zwar bei ihm +vor 6), allein Harduin hat sehr unrecht, ihn fuer den Pythodorus in +der Stelle des Plinius zu halten. Denn Pausanias nennet die +Bildsaeule der Juno, die er von der Arbeit des erstern zu Koronea in +Boeotien sahe, agalma arcaion, welche Benennung er nur den Werken +derjenigen Meister gibet, die in den allerersten und raschesten +Zeiten der Kunst, lange vor einem Phidias und Praxiteles, gelebt +hatten. Und mit Werken solcher Art werden die Kaiser gewiss nicht +ihre Palaeste ausgezieret haben. Noch weniger ist auf die andere +Vermutung des Harduins zu achten, dass Artemon vielleicht der Maler +gleiches Namens sei, dessen Plinius an einer andern Stelle gedenket. +Name und Name geben nur eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit, +derenwegen man noch lange nicht befugt ist, der natuerlichen Auslegung +einer unverfaelschten Stelle Gewalt anzutun. + +{6. Boeotic. cap. XXXIV. p. 778. Edit. Kuhn.} + +Ist es aber sonach ausser allem Zweifel, dass Kraterus und Pythodorus, +dass Polydektes und Hermolaus, mit den uebrigen, unter den Kaisern +gelebet, deren Palaeste sie mit ihren trefflichen Werken angefuellet: +so duenkt mich, kann man auch denjenigen Kuenstlern kein ander +Zeitalter geben, von welchen Plinius auf jene durch ein Similiter +uebergehet. Und dieses sind die Meister des Laokoon. Man ueberlege es +nur: waeren Agesander, Polydorus und Athenodorus so alte Meister, als +wofuer sie Herr Winckelmann haelt; wie unschicklich wuerde ein +Schriftsteller, dem die Praezision des Ausdruckes keine Kleinigkeit +ist, wenn er von ihnen auf einmal auf die allerneuesten Meister +springen muesste, diesen Sprung mit einem Gleichergestalt tun? + +Doch man wird einwenden, dass sich dieses Similiter nicht auf die +Verwandtschaft in Ansehung des Zeitalters, sondern auf einen andern +Umstand beziehe, welchen diese, in Betrachtung der Zeit so unaehnliche +Meister, miteinander gemein gehabt haetten. Plinius rede naemlich von +solchen Kuenstlern, die in Gemeinschaft gearbeitet, und wegen dieser +Gemeinschaft unbekannter geblieben waeren, als sie verdienten. Denn +da keiner sich die Ehre des gemeinschaftlichen Werks allein anmassen +koennen, alle aber, die daran teilgehabt, jederzeit zu nennen, zu +weitlaeuftig gewesen waere (quoniam nec unus occupat gloriam, nec +plures pariter nuncupari possunt): so waeren ihre saemtliche Namen +darueber vernachlaessiget worden. Dieses sei den Meistern des Laokoons, +dieses sei so manchen andern Meistern widerfahren, welche die Kaiser +fuer ihre Palaeste beschaeftiget haetten. + +Ich gebe dieses zu. Aber auch so noch ist es hoechst wahrscheinlich, +dass Plinius nur von neuern Kuenstlern sprechen wollen, die in +Gemeinschaft gearbeitet. Denn haette er auch von aelteren reden wollen, +warum haette er nur allein der Meister des Laokoons erwaehnet? Warum +nicht auch anderer? Eines Onatas und Kalliteles; eines Timokles und +Timarchides, oder der Soehne dieses Timarchides, von welchen ein +gemeinschaftlich gearbeiteter Jupiter in Rom war 7). Herr +Winckelmann sagt selbst, dass man von dergleichen aelteren Werken, die +mehr als einen Vater gehabt, ein langes Verzeichnis machen koenne 8). +Und Plinius sollte sich nur auf die einzigen Agesander, Polydorus und +Athenodorus besonnen haben, wenn er sich nicht ausdruecklich nur auf +die neuesten Zeiten haette einschraenken wollen? + +{7. Plinius lib. XXXVI. sect. 4. p. 730.} + +{8. Geschichte der Kunst, T. II. S. 332.} + +Wird uebrigens eine Vermutung um so viel wahrscheinlicher, je mehrere +und groessere Unbegreiflichkeiten sich daraus erklaeren lassen, so ist +es die, dass die Meister des Laokoons unter den ersten Kaisern +gebluehet haben, gewiss in einem sehr hohen Grade. Denn haetten sie in +Griechenland zu den Zeiten, in welche sie Herr Winckelmann setzet, +gearbeitet; haette der Laokoon selbst in Griechenland ehedem gestanden: +so muesste das tiefe Stillschweigen, welches die Griechen von einem +solchen Werke (opere omnibus et picturae et statuariae artis +praeponendo) beobachtet haetten, aeusserst befremden. Es muesste aeusserst +befremden, wenn so grosse Meister weiter gar nichts gearbeitet haetten, +oder wenn Pausanias von ihren uebrigen Werken in ganz Griechenland +ebensowenig wie von dem Laokoon zu sehen bekommen haette. In Rom +hingegen konnte das groesste Meisterstueck lange im Verborgenen bleiben, +und wenn Laokoon auch bereits unter dem Augustus waere verfertiget +worden, so duerfte es doch gar nicht sonderbar scheinen, dass erst +Plinius seiner gedacht, seiner zuerst und zuletzt gedacht. Denn man +erinnere sich nur, was er von einer Venus des Skopas sagt 9), die zu +Rom in einem Tempel des Mars stand, quemcunque alium locum +nobilitatura. Romae quidem magnitudo operum eam obliterat, ac magni +officiorum negotiorumque acervi omnes a contemplatione talium +abducunt: quoniam otiosorum et in magno loci silentio apta admiratio +talis est. + +{9. Plinius 1. c. p. 727.} + +Diejenigen, welche in der Gruppe Laokoon so gern eine Nachahmung des +Virgilischen Laokoons sehen wollen, werden, was ich bisher gesagt, +mit Vergnuegen ergreifen. Noch fiele mir eine Mutmassung bei, die sie +gleichfalls nicht sehr missbilligen duerften. Vielleicht, koennten sie +denken, war es Asinius Pollio, der den Laokoon des Virgils durch +griechische Kuenstler ausfuehren liess. Pollio war ein besonderer +Freund des Dichters, ueberlebte den Dichter, und scheinet sogar ein +eigenes Werk ueber die Aeneis geschrieben zu haben. Denn wo sonst, +als in einem eigenen Werke ueber dieses Gedicht, koennen so leicht die +einzeln Anmerkungen gestanden haben, die Servius aus ihm anfuehrt 10)? +Zugleich war Pollio ein Liebhaber und Kenner der Kunst, besass eine +reiche Sammlung der trefflichsten alten Kunstwerke, liess von +Kuenstlern seiner Zeit neue fertigen, und dem Geschmacke, den er in +seiner Wahl zeigte, war ein so kuehnes Stueck, als Laokoon, vollkommen +angemessen 11): ut fuit acris vehementiae, sic quoque spectari +monumenta sua voluit. Doch da das Kabinett des Pollio, zu den Zeiten +des Plinius, als Laokoon in dem Palaste des Titus stand, noch ganz +unzertrennet an einem besondern Orte beisammen gewesen zu sein +scheinet: so moechte diese Mutmassung von ihrer Wahrscheinlichkeit +wiederum etwas verlieren. Und warum koennte es nicht Titus selbst +getan haben, was wir dem Pollio zuschreiben wollen? + +{10. Ad ver. 7. lib. II. Aeneid. und besonders ad ver. 183 lib. XI. +Man duerfte also wohl nicht unrecht tun, wenn man das Verzeichnis der +verlornen Schriften dieses Mannes mit einem solchen Werke vermehrte.} + +{11. Plinius lib. XXXVI. sect. 4. p. 729.} + + + +XXVII. + + +Ich werde in meiner Meinung, dass die Meister des Laokoons unter den +ersten Kaisern gearbeitet haben, wenigstens so alt gewiss nicht sein +koennen, als sie Herr Winckelmann ausgibt, durch eine kleine Nachricht +bestaerket, die er selbst zuerst bekannt macht. Sie ist diese 1): + +{1. Geschichte der Kunst, T. II. S. 347.} + +"Zu Nettuno, ehemals Antium, hat der Herr Kardinal Alexander Albani, +im Jahre 1717, in einem grossen Gewoelbe, welches im Meere versunken +lag, eine Vase entdecket, welche von schwarz greulichem Marmor ist, +den man itzo Bigio nennet, in welche die Figur eingefueget war; auf +derselben befindet sich folgende Inschrift: + + AQANODWROS AGHSANDROU + RODIOS EPOIHSE + +"Athanodorus, des Agesanders Sohn, aus Rhodus, hat es gemacht." Wir +lernen aus dieser Inschrift, dass Vater und Sohn am Laokoon gearbeitet +haben, und vermutlich war auch Apollodorus (Polydorus) des Agesanders +Sohn; denn dieser Athanodorus kann kein anderer gewesen sein, als der, +welchen Plinius nennet. Es beweiset ferner diese Inschrift, dass +sich mehr Werke der Kunst, als nur allein drei, wie Plinius will, +gefunden haben, auf welche die KUenstler das Wort,gemacht' in +vollendeter und bestimmter Zeit gesetzet, nAemlich epoihse, fecit: er +berichtet, dass die uebrigen Kuenstler aus Bescheidenheit sich in +unbestimmter Zeit ausgedruecket, epoiei, faciebat." + +Darin wird Herr Winckelmann wenig Widerspruch finden, dass der +Athanodorus in dieser Inschrift kein anderer, als der Athenodorus +sein kOenne, dessen Plinius unter den Meistern des Laokoons gedenket. +Athenodorus und Athanodorus ist auch voellig ein Name; denn die +Rhodier bedienten sich des dorischen Dialekts. Allein ueber das, was +er sonst daraus folgern will, muss ich einige Anmerkungen machen. + +Das erste, dass Athenodorus ein Sohn des Agesanders gewesen sei, mag +hingehen. Es ist sehr wahrscheinlich, nur nicht unwidersprechlich. +Denn es ist bekannt, dass es alte Kuenstler gegeben, die, anstatt sich +nach ihrem Vater zu nennen, sich lieber nach ihrem Lehrmeister nennen +wollen. Was Plinius von den Gebruedern Apollonius und Tauriskus saget, +leidet nicht wohl eine andere Auslegung 2). + +{2. Libr. XXXVI. sect. 4. p. 730.} + +Aber wie? Diese Inschrift soll zugleich das Vorgeben des Plinius +widerlegen, dass sich nicht mehr als drei Kunstwerke gefunden, zu +welchen sich ihre Meister in der vollendeten Zeit (anstatt des epoiei, +durch epoihse) bekannt haetten? Diese Inschrift? Warum sollen wir +erst aus dieser Inschrift lernen, was wir laengst aus vielen andern +haetten lernen koennen? Hat man nicht schon auf der Statue des +Germanicus KleomenhV--epoihse gefunden? Auf der sogenannten +Vergoetterung des Homers ArcelaoV epoihse? Auf der bekannten Vase zu +Gaeta Salpiwn epoihse 3)? usw. + +{3. Man sehe das Verzeichnis der Aufschriften alter Kunstwerke beim +Mar. Gudius (ad Phaedri fab. V. lib. I.) und ziehe zugleich die +Berichtigung desselben vom Gronov (Praef. ad tom. IX. Thesauri +antiqu. Graec.) zu Rate.} + +Herr Winckelmann kann sagen: "Wer weiss dieses besser als ich? Aber", +wird er hinzusetzen, "desto schlimmer fuer den Plinius. Seinem +Vorgeben ist also um so oefterer widersprochen; es ist um so gewisser +widerlegt." + +Noch nicht. Denn wie, wenn Herr Winckelmann den Plinius mehr sagen +liesse, als er wirklich sagen wollen? Wenn also die angefuehrten +Beispiele nicht das Vorgeben des Plinius, sondern bloss das Mehrere, +welches Herr Winckelmann in dieses Vorgeben hineingetragen, +widerlegten? Und so ist es wirklich. Ich muss die ganze Stelle +anfuehren. Plinius will in seiner Zueignungsschrift an den Titus, von +seinem Werke mit der Bescheidenheit eines Mannes sprechen, der es +selbst am besten weiss, wie viel demselben zur Vollkommenheit noch +fehle. Er findet ein merkwuerdiges Exempel einer solchen +Bescheidenheit bei den Griechen, ueber deren prahlende, +vielversprechende Buechertitel (inscriptiones, propter quas vadimonium +deseri possit) er sich vorher ein wenig aufgehalten, und sagt 4): Et +ne in totum videar Graecos insectari, ex illis mox velim intelligi +pingendi fingendique conditoribus, quos in libellis his invenies, +absoluta opera, et illa quoque quae mirando non satiamur, pendenti +titulo inscripsisse: ut APELLES FACIEBAT, aut POLYCLETUS: tanquam +inchoata semper arte et imperfecta: ut contra judiciorum varietates +superesset artifici regressus ad veniam, velut emendaturo quidquid +desideraretur, si non esset interceptus. Quare plenum verecundiae +illud est, quod omnia opera tamquam novissima inscripsere, et tamquam +singulis fato adempti. Tria non amplius, ut opinor, absolute +traduntur inscripta ILLE FECIT, quae suis locis reddam: quo apparuit, +summam artis securitatem auctori placuisse, et ob id magna invidia +fuere omnia ea. Ich bitte auf die Worte des Plinius, pingendi +fingendique conditoribus, aufmerksam zu sein. Plinius sagt nicht, +dass die Gewohnheit, in der unvollendeten Zeit sich zu seinem Werke zu +bekennen, allgemein gewesen; dass sie von allen Kuenstlern, zu allen +Zeiten beobachtet worden: er sagt ausdruecklich, dass nur die ersten +alten Meister, jene Schoepfer der bildenden Kuenste, pingendi +fingendique conditores, ein Apelles, ein Polyklet, und ihre +Zeitverwandte, diese kluge Bescheidenheit gehabt haetten; und da er +diese nur allein nennet, so gibt er stillschweigend, aber deutlich +genug, zu verstehen, dass ihre Nachfolger, besonders in den spaetern +Zeiten, mehr Zuversicht auf sich selber geaeussert. + +{4. Libr. I. p. 5. Edit. Hard.} + +Dieses aber angenommen, wie man es annehmen muss, so kann die +entdeckte Aufschrift von dem einen der drei Kuenstler des Laokoons +ihre voellige Richtigkeit haben, und es kann demohngeachtet wahr sein, +dass, wie Plinius sagt, nur etwa drei Werke vorhanden gewesen, in +deren Aufschriften sich ihre Urheber der vollendeten Zeit bedienet; +naemlich unter den aeltern Werken, aus den Zeiten des Apelles, des +Polyklets, des Nicias, des Lysippus. Aber das kann sodann seine +Richtigkeit nicht haben, dass Athenodorus und seine Gehilfen, +Zeitverwandte des Apelles und Lysippus gewesen sind, zu welchen sie +Herr Winckelmann machen will. Man muss vielmehr so schliessen: Wenn es +wahr ist, dass unter den Werken der aeltern Kuenstler, eines Apelles, +eines Polyklets und der uebrigen aus dieser Klasse, nur etwa drei +gewesen sind, in deren Aufschriften die vollendete Zeit von ihnen +gebraucht worden; wenn es wahr ist, dass Plinius diese drei Werke +selbst namhaft gemacht hat 5): so kann Athenodorus, von dem keines +dieser drei Werke ist, und der sich demohngeachtet auf seinen Werken +der vollendeten Zeit bedienet, zu jenen alten Kuenstlern nicht gehoeren; +er kann kein Zeitverwandter des Apelles, des Lysippus sein, sondern +er muss in spaetere Zeiten gesetzt werden. + +{5. Er verspricht wenigstens ausdruecklich, es zu tun: quae suis locis +reddam. Wenn er es aber nicht gaenzlich vergessen, so hat er es doch +sehr im Vorbeigehen und gar nicht auf eine Art getan, als man nach +einem solchen Versprechen erwartet. Wenn er z. E. schreibet (Lib. +XXXV. sect. 39.): Lysippus quoque Aeginae picturae suae inscripsit, +enekausen: quod profecto non fecisset, nisi encaustica inventa: so +ist es offenbar, dass er dieses enekausen zum Beweise einer ganz +andern Sache braucht. Hat er aber, wie Harduin glaubt, auch zugleich +das eine von den Werken dadurch angeben wollen, deren Aufschrift in +dem Aoristo abgefasst gewesen: so haette es sich wohl der Muehe +verlohnet, ein Wort davon mit einfliessen zu lassen. Die andern zwei +Werke dieser Art, findet Harduin in folgender Stelle: Idem (Divus +Augustus) in curia quoque, quam in comitio consecrabat, duas tabulas +impressit parieti: Nemeam sedentem supra leonem, palmigeram ipsam, +adstante cum baculo sene, cujus supra caput tabula bigae dependet. +Nicias scripsit se inussisse: tali enim usus est verbo. Alterius +tabulae admiratio est, puberem filium seni patri similem esse, salva +aetatis differentia, supervolante aquila draconem complexa. +Philochares hoc suum opus esse testatus est. (lib. XXXV. sect. 10.) +Hier werden zwei verschiedene Gemaelde beschrieben, welche Augustus in +dem neuerbauten Rathause aufstellen lassen. Das zweite ist vom +Philochares, das erste vom Nicias. Was von jenem gesagt wird, ist +klar und deutlich. Aber bei diesem finden sich Schwierigkeiten. Es +stellte die Nemea vor, auf einem Loewen sitzend, einen Palmenzweig in +der Hand, neben ihr ein alter Mann mit einem Stabe; cujus supra caput +tabula bigae dependet. Was heisst das? Ueber dessen Haupte eine +Tafel hing, worauf ein zweispaenniger Wagen gemalt war? Das ist noch +der einzige Sinn, den man diesen Worten geben kann. Also war auf das +Hauptgemaelde noch ein anderes kleineres Gemaelde gehangen? Und beide +waren von dem Nicias? So muss es Harduin genommen haben. Denn wo +waeren hier sonst zwei Gemaelde des Nicias, da das andere ausdruecklich +dem Philochares zugeschrieben wird? Inscripsit Nicias igitur geminae +huic tabulae suum nomen in hunc modum: O NIKIAS ENEKAUSEN; atque adeo +e tribus operibus, quae absolute fuisse inscripta, ILLE FECIT, +indicavit praefatio ad Titum, duo haec sunt Niciae. Ich moechte den +Harduin fragen: wenn Nicias nicht den Aoristum, sondern wirklich das +Imperfektum gebraucht haette, Plinius haette aber bloss bemerken wollen, +dass der Meister, anstatt des grajein, egkaiein gebraucht haette; wuerde +er in seiner Sprache auch nicht noch alsdenn haben sagen muessen, +Nicias scripsit se inussisse? Doch ich will hierauf nicht bestehen; +es mag wirklich des Plinius Wille gewesen sein, eines von den Werken, +wovon die Rede ist, dadurch anzudeuten. Wer aber wird sich das +doppelte Gemaelde einreden lassen, deren eines ueber dem andern +gehangen? Ich mir nimmermehr. Die Worte cujus supra caput tabula +bigae dependet, koennen also nicht anders als verfaelscht sein. Tabula +bigae, ein Gemaelde, worauf ein zweispaenniger Wagen gemalet, klingt +nicht sehr Plinianisch, wenn auch Plinius schon sonst den Singularem +von bigae braucht. Und was fuer ein zweispaenniger Wagen? Etwan, +dergleichen zu den Wettrennen in den Nemeaeischen Spielen gebraucht +wurden; so dass dieses kleinere Gemaelde in Ansehung dessen, was es +vorstellte, zu dem Hauptgemaelde gehoert haette? Das kann nicht sein; +denn in den Nemeaeischen Spielen waren nicht zweispaennige, sondern +vierspaennige Wagen gewoehnlich. (Schmidius in prol. ad Nemeonicas, p. +2.) Einsmals kam ich auf die Gedanken, dass Plinius anstatt des bigae +vielleicht ein griechisches Wort geschrieben, welches die Abschreiber +nicht verstanden, ich meine ptucion. Wir wissen naemlich aus einer +Stelle des Antigonus Karystius, beim Zenobius (conf. Gronovius T. IX. +Antiquit. Graec. Praef. p. 8), dass die alten Kuenstler nicht immer +ihre Namen auf ihre Werke selbst, sondern auch wohl auf besondere +Taefelchen gesetzet, welche dem Gemaelde, oder der Statue angehangen +wurden. Und ein solches Taefelchen hiess ptucion. Dieses griechische +Wort fand sich vielleicht in einer Handschrift durch die Glosse, +tabula, tabella erklaeret; und das tabula kam endlich mit in den Text. +Aus ptucion ward bigae; und so entstand das tabula bigae. Nichts +kann zu dem Folgenden besser passen, als dieses ptucion; denn das +Folgende eben ist es, was darauf stand. Die ganze Stelle waere also +so zu lesen: cujus supra caput ptucion dependet, quo Nicias scripsit +se inussisse. Doch diese Korrektur, ich bekenne es, ist ein wenig +kuehn. Muss man denn auch alles verbessern koennen, was man verfaelscht +zu sein beweisen kann? Ich begnuege mich, das letztere hier geleistet +zu haben, und ueberlasse das erstere einer geschicktern Hand. Doch +nunmehr wiederum zur Sache zurueckzukommen; wenn Plinius also nur von +einem Gemaelde des Nicias redet, dessen Aufschrift im Aoristo abgefasst +gewesen, und das zweite Gemaelde dieser Art das obige des Lysippus ist: +welches ist denn nun das dritte? Das weiss ich nicht. Wenn ich es +bei einem andern alten Schriftsteller finden duerfte, als bei dem +Plinius, so wuerde ich nicht sehr verlegen sein. Aber es soll bei dem +Plinius gefunden werden; und noch einmal: bei diesem weiss ich es +nicht zu finden.} + +Kurz; ich glaube, es liesse sich als ein sehr zuverlaessiges Kriterium +angeben, dass alle Kuenstler, die das epoihse gebraucht, lange nach den +Zeiten Alexanders des Grossen, kurz vor oder unter den Kaisern, +gebluehet haben. Von dem Kleomenes ist es unstreitig; von dem +Archelaus ist es hoechst wahrscheinlich; und von dem Salpion kann +wenigstens das Gegenteil auf keine Weise erwiesen werden. Und so von +den uebrigen; den Athenodorus nicht ausgeschlossen. + +Herr Winckelmann selbst mag hierueber Richter sein! Doch protestiere +ich gleich im voraus wider den umgekehrten Satz. Wenn alle Kuenstler, +welche epoihse gebraucht, unter die spaeten gehoeren: so gehoeren darum +nicht alle, die sich des epoiei bedienet, unter die aeltern. Auch +unter den spaetern Kuenstlern koennen einige diese einem grossen Manne so +wohl anstehende Bescheidenheit wirklich besessen, und andere sie zu +besitzen sich gestellet haben. + + + +XXVIII. + + +Nach dem Laokoon war ich auf nichts neugieriger, als auf das, was +Herr Winckelmann von dem sogenannten Borghesischen Fechter sagen +moechte. Ich glaube eine Entdeckung ueber diese Statue gemacht zu +haben, auf die ich mir alles einbilde, was man sich auf dergleichen +Entdeckungen einbilden kann. + +Ich besorgte schon, Herr Winckelmann wuerde mir damit zuvorgekommen +sein. Aber ich finde nichts dergleichen bei ihm; und wenn nunmehr +mich etwas misstrauisch in ihre Richtigkeit machen koennte, so wuerde es +eben das sein, dass meine Besorgnis nicht eingetroffen. + +"Einige", sagt Herr Winckelmann 1), "machen aus dieser Statue einen +Discobolus, das ist, der mit dem Disco, oder mit einer Scheibe von +Metall, wirft, und dieses war die Meinung des beruehmten Herrn von +Stosch in einem Schreiben an mich, aber ohne genugsame Betrachtung +des Standes, worin dergleichen Figur will gesetzt sein. Denn +derjenige, welcher etwas werfen will, muss sich mit dem Leibe +hinterwaerts zurueckziehen, und indem der Wurf geschehen soll, liegt +die Kraft auf dem naechsten Schenkel, und das linke Bein ist muessig: +hier aber ist das Gegenteil. Die ganze Figur ist vorwaerts geworfen, +und ruhet auf dem linken Schenkel, und das rechte Bein ist +hinterwaerts auf das aeusserste ausgestrecket. Der rechte Arm ist neu, +und man hat ihm in die Hand ein Stueck von einer Lanze gegeben, auf +dem linken Arme sieht man den Riem von dem Schilde, welchen er +gehalten hat. Betrachtet man, dass der Kopf und die Augen aufwaerts +gerichtet sind, und dass die Figur sich mit dem Schilde vor etwas, das +von oben her kommt, zu verwahren scheint, so koennte man diese Statue +mit mehrerem Rechte fuer eine Vorstellung eines Soldaten halten, +welcher sich in einem gefaehrlichen Stande besonders verdient gemacht +hat: denn Fechtern in Schauspielen ist die Ehre einer Statue unter +den Griechen vermutlich niemals widerfahren: und dieses Werk scheinet +aelter als die Einfuehrung der Fechter unter den Griechen zu sein." + +{1. Geschichte der Kunst, T. II. S. 394.} + +Man kann nicht richtiger urteilen. Diese Statue ist ebensowenig ein +Fechter, als ein Discobolus; es ist wirklich die Vorstellung eines +Kriegers, der sich in einer solchen Stellung bei einer gefaehrlichen +Gelegenheit hervortat. Da Herr Winckelmann aber dieses so gluecklich +erriet: wie konnte er hier stehen bleiben? Wie konnte ihm der +Krieger nicht beifallen, der vollkommen in dieser naemlichen Stellung +die voellige Niederlage eines Heeres abwandte, und dem sein +erkenntliches Vaterland eine Statue vollkommen in der naemlichen +Stellung setzen liess? + +Mit einem Worte: die Statue ist Chabrias. + +Der Beweis ist folgende Stelle des Nepos in dem Leben dieses +Feldherrn 2). Hic quoque in summis habitus est ducibus: resque +multas memoria dignas gessit. Sed ex his elucet maxime inventum ejus +in proelio, quod apud Thebas fecit, quum Boeotiis subsidio venisset. +Namque in eo victoriae fidente summo duce Agesilao, fugatis jam ab eo +conductitiis catervis, reliquam phalangem loco vetuit cedere, +obnixoque genu scuto, projectaque hasta impetum excipere hostium +docuit. Id novum Agesilaus contuens, progredi non est ausus, suosque +jam incurrentes tuba revocavit. Hoc usque eo tota Graecia fama +celebratum est, ut illo statu Chabrias sibi statuam fieri voluerit, +quae publice ei ab Atheniensibus in foro constituta est. Ex quo +factum est, ut postea athletae, ceterique artifices his statibus in +statuis ponendis uterentur, in quibus victoriam essent adepti. + +{2. cap. I.} + +Ich weiss es, man wird noch einen Augenblick anstehen, mir Beifall zu +geben; aber ich hoffe, auch wirklich nur einen Augenblick. Die +Stellung des Chabrias scheinet nicht vollkommen die naemliche zu sein, +in welcher wir die Borghesische Statue erblicken. Die vorgeworfene +Lanze, projecta hasta, ist beiden gemein, aber das obnixo genu scuto +erklaeren die Ausleger durch obnixo in scutum, obfirmato genu ad +scutum: Chabrias wies seinen Soldaten, wie sie sich mit dem Knie +gegen das Schild stemmen, und hinter demselben den Feind abwarten +sollten; die Statue hingegen haelt das Schild hoch. Aber wie, wenn +die Ausleger sich irrten? Wie, wenn die Worte obnixo genu scuto +nicht zusammen gehoerten, und man obnixo genu besonders, und scuto +besonders, oder mit dem darauf folgenden projectaque hasta zusammen +lesen muesste? Man mache ein einziges Komma, und die Gleichheit ist +nunmehr so vollkommen als moeglich. Die Statue ist ein Soldat, qui +obnixo genu 3), scuto projectaque hasta impetum hostis excipit; sie +zeigt, was Chabrias tat, und ist die Statue des Chabrias. Dass das +Komma wirklich fehle, beweiset das dem projecta angehaengte que, +welches, wenn obnixo genu scuto zusammengehoerten, ueberfluessig sein +wuerde, wie es denn auch wirklich einige Ausgaben daher weglassen. + +{3. So sagt Statius obnixa pectora (Thebaid. lib. VI. v. 863). + + --rumpunt obnixa furentes + Pectora. + + +welches der alte Glossator des Barths durch summa vi contra nitentia +erklAert. So sagt Ovid (Halieut. v. 11) obnixa fronte, wenn er von +der Meerbramse (Scaro) spricht, die sich nicht mit dem Kopfe, sondern +mit dem Schwanze durch die Reusen zu arbeiten sucht: + + Non audet radiis obnixa occurrere fronte.} + + +Mit dem hohen Alter, welches dieser Statue sonach zukAeme, stimmt die +Form der Buchstaben in der darauf befindlichen Aufschrift des +Meisters vollkommen Ueberein; und Herr Winckelmann selbst hat aus +derselben geschlossen, dass es die aelteste von den gegenwaertigen +Statuen in Rom sei, auf welchen sich der Meister angegeben hat. +Seinem scharfsichtigen Blicke ueberlasse ich es, ob er sonst in +Ansehung der Kunst etwas daran bemerket, welches mit meiner Meinung +streiten kOennte. Sollte er sie seines Beifalles wuerdigen, so duerfte +ich mich schmeicheln, ein besseres Exempel gegeben zu haben, wie +gluecklich sich die klassischen Schriftsteller durch die alten +Kunstwerke, und diese hinwiederum aus jenen aufklaeren lassen, als in +dem ganzen Folianten des Spence zu finden ist. + + + +XXIX. + + +Bei der unermesslichen Belesenheit, bei den ausgebreitetsten feinsten +Kenntnissen der Kunst, mit welchen sich Herr Winckelmann an sein Werk +machte, hat er mit der edeln Zuversicht der alten Artisten gearbeitet, +die allen ihren Fleiss auf die Hauptsache verwandten, und was +Nebendinge waren, entweder mit einer gleichsam vorsaetzlichen +Nachlaessigkeit behandelten, oder gaenzlich der ersten der besten +fremden Hand ueberliessen. + +Es ist kein geringes Lob, nur solche Fehler begangen zu haben, die +ein jeder haette vermeiden koennen. Sie stossen bei der ersten +fluechtigen Lektuere auf, und wenn man sie anmerken darf, so muss es nur +in der Absicht geschehen, um gewisse Leute, welche allein Augen zu +haben glauben, zu erinnern, dass sie nicht angemerkt zu werden +verdienen. + +Schon in seinen Schriften ueber die Nachahmung der griechischen +Kunstwerke ist Herr Winckelmann einige Male durch den Junius verfuehrt +worden. Junius ist ein sehr verfaenglicher Autor; sein ganzes Werk +ist ein Cento, und da er immer mit den Worten der Alten reden will, +so wendet er nicht selten Stellen aus ihnen auf die Malerei an, die +an ihrem Orte von nichts weniger als von der Malerei handeln. Wenn +zum Exempel Herr Winckelmann lehren will, dass sich durch die blosse +Nachahmung der Natur das Hoechste in der Kunst, ebensowenig wie in der +Poesie erreichen lasse, dass sowohl Dichter als Maler lieber das +Unmoegliche, welches wahrscheinlich ist, als das bloss Moegliche waehlen +muesse: so setzt er hinzu: "Die Moeglichkeit und Wahrheit, welche +Longin von einem Maler im Gegensatze des Unglaublichen bei dem +Dichter fodert, kann hiermit sehr wohl bestehen." Allein dieser +Zusatz waere besser weggeblieben; denn er zeiget die zwei groessten +Kunstrichter in einem Widerspruche, der ganz ohne Grund ist. Es ist +falsch, dass Longin so etwas jemals gesagt hat. Er sagt etwas +Aehnliches von der Beredsamkeit und Dichtkunst, aber keinesweges von +der Dichtkunst und Malerei. WV d' eteron ti h rhtorikh jantasia +bouletai, kai eteron h para poihtaiV, ouk an laJoi se, schreibt er an +seinen Terentian 1); oud' oti thV men en poihsei teloV estin ekplhxiV, +thV d' en logoiV enargeia. Und wiederum: Ou mhn alla ta men para +toiV poihtaiV muJikwteran ecei thn uperekptwsin, kai panth to piston +uperairousan- thV de rhtorikhV jantasiaV, kalliston aei to emprakton +kai enalhJeV. Nur Junius schiebt, anstatt der Beredsamkeit, die +Malerei hier unter; und bei ihm war es, nicht bei dem Longin, wo Herr +Winckelmann gelesen hatte 2): Praesertim cum poeticae phantasiae +finis sit ekplhxiV, pictoriae vero, enargeia. Kai ta men para toiV +poihtaiV, ut loquitur idem Longinus, usw. Sehr wohl; Longins Worte, +aber nicht Longins Sinn! + +{1. Peri uyouV. tmhma id'. Edit. T. Fabri. p. 36. 39.} + +{2. De pictura vet. lib. I. cap. 4. p. 33.} + +Mit folgender Anmerkung muss es ihm ebenso gegangen sein: "Alle +Handlungen", sagt er 3), "und Stellungen der griechischen Figuren, +die mit dem Charakter der Weisheit nicht bezeichnet, sondern gar zu +feurig und zu wild waren, verfielen in einen Fehler, den die alten +Kuenstler Parenthyrsus nannten." Die alten Kuenstler? Das duerfte nur +aus dem Junius zu erweisen sein. Denn Parenthyrsus war ein +rhetorisches Kunstwort, und vielleicht, wie die Stelle des Longins zu +verstehen zu geben scheinet, auch nur dem einzigen Theodor eigen 4). +Toutw parakeitai triton ti kakiaV eidoV en toiV paJhtikoiV, oper o +QeodwroV parenJurson ekalei- esti de paJoV akairon kai kenon, enJa mh +dei paJouV- h ametron, enJa metriou dei. Ja ich zweifle sogar, ob +sich ueberhaupt dieses Wort in die Malerei uebertragen laesst. Denn in +der Beredsamkeit und Poesie gibt es ein Pathos, das so hoch getrieben +werden kann als moeglich, ohne Parenthyrsus zu werden; und nur das +hoechste Pathos an der unrechten Stelle, ist Parenthyrsus. In der +Malerei aber wuerde das hoechste Pathos allezeit Parenthyrsus sein, +wenn es auch durch die Umstaende der Person, die es aeussert, noch so +wohl entschuldigt werden koennte. + +{3. Von der Nachahmung der griech. Werke usw. S. 23.} + +{4. Tmhma b'.} + +Dem Ansehen nach werden also auch verschiedene Unrichtigkeiten in der +"Geschichte der Kunst" bloss daher entstanden sein, weil Herr +Winckelmann in der Geschwindigkeit nur den Junius und nicht die +Quellen selbst zu Rate ziehen wollen. Z. E.: Wenn er durch Beispiele +zeigen will, dass bei den Griechen alles Vorzuegliche in allerlei Kunst +und Arbeit besonders geschaetzet worden, und der beste Arbeiter in der +geringsten Sache zur Verewigung seines Namens gelangen koennen: so +fuehret er unter andern auch dieses an 5): "Wir wissen den Namen eines +Arbeiters von sehr richtigen Wagen, oder Wageschalen; er hiess +Parthenius." Herr Winckelmann muss die Worte des Juvenals, auf die er +sich desfalls beruft, lances Parthenio factas, nur in dem Katalogo +des Junius gelesen haben. Denn haette er den Juvenal selbst +nachgesehen, so wuerde er sich nicht von der Zweideutigkeit des Wortes +lanx haben verfuehren lassen, sondern sogleich aus dem Zusammenhange +erkannt haben, dass der Dichter nicht Wagen oder Wageschalen, sondern +Teller und Schuesseln meine. Juvenal ruehmt naemlich den Catullus, dass +er es bei einem gefaehrlichen Sturme zur See wie der Biber gemacht, +welcher sich die Geilen abbeisst, um das Leben davon zu bringen; dass +er seine kostbarsten Sachen ins Meer werfen lassen, um nicht mitsamt +dem Schiffe unterzugehen. Diese kostbaren Sachen beschreibt er, und +sagt unter anderm: + +{5. Geschichte der Kunst, T. I. S. 136.} + + Ille nec argentum dubitabat mittere, lances + Parthenio factas, urnae cratera capacem + Et dignum sitiente Pholo, vel conjuge Fusci. + Adde et bascaudas et mille escaria, multum + Caelati, biberat quo callidus emtor Olynthi. + + +Lances, die hier mitten unter Bechern und Schwenkkesseln stehen, was +kOennen es anders sein, als Teller und SchUesseln? Und was will +Juvenal anders sagen, als dass Catull sein ganzes silbernes Essgeschirr, +unter welchem sich auch Teller von getriebener Arbeit des Parthenius +befanden, ins Meer werfen lassen. Parthenius, sagt der alte +Scholiast, caelatoris nomen. Wenn aber GrangAeus, in seinen +Anmerkungen, zu diesem Namen hinzusetzt: sculptor, de quo Plinius, so +muss er dieses wohl nur auf gutes Glueck hingeschrieben haben: denn +Plinius gedenkt keines Kuenstlers dieses Namens. + +"Ja," faehrt Herr Winckelmann fort, "es hat sich der Name des Sattlers, +wie wir ihn nennen wuerden, erhalten, der den Schild des Ajax von +Leder machte." Aber auch dieses kann er nicht daher genommen haben, +wohin er seine Leser verweiset; aus dem Leben des Homers, vom +Herodotus. Denn hier werden zwar die Zeilen aus der Iliade +angefuehret, in welchen der Dichter diesem Lederarbeiter den Namen +Tychius beilegt; es wird aber auch zugleich ausdruecklich gesagt, dass +eigentlich ein Lederarbeiter von des Homers Bekanntschaft so geheissen, +dem er durch Einschaltung seines Namens seine Freundschaft und +Erkenntlichkeit bezeigen wollen 6): Apedwke de carin kai Tuciw tv +skutei, oV edexato auton en tv New teicei, proselJonta proV to +skuteion, en toiV epesi katazeuxaV en th Iliadi toisde. + +{6. Herodotus de vita Homeri, p. 756. Edit. Wessel.} + + AiaV d' egguJen hlJe, jerwn sakoV hute purgon, + Calkeon, eptaboeion- o oi TucioV kame teucwn + Skutotomwn oc' aristoV, Ulh eni oikia naiwn. + + +Es ist also grade das Gegenteil von dem, was uns Herr Winckelmann +versichern will; der Name des Sattlers, welcher das Schild des Ajax +gemacht hatte, war schon zu des Homers Zeiten so vergessen, dass der +Dichter die Freiheit hatte, einen ganz fremden Namen dafUer +unterzuschieben. + +Verschiedene andere kleine Fehler sind blosse Fehler des GedAechtnisses, +oder betreffen Dinge, die er nur als beilaeufige Erlaeuterungen +anbringst. Z. E. + +Es war Herkules, und nicht Bacchus, von welchem sich Parrhasius +ruehmte, dass er ihm in der Gestalt erschienen sei, in welcher er ihn +gemalt 7). + +{7. Gesch. der Kunst, T. I. S. 167. Plinius lib. XXXV. sect. 36. +Athenaeus lib. XII. p. 543.} + +Tauriskus war nicht aus Rhodus, sondern aus Tralles in Lydien 8). + +{8. Gesch. der Kunst, T. II. S. 353. Plinius lib. XXXVI. sect. 4. p. +729.1. 17.} + +Die Antigone ist nicht die erste TragOedie des Sophokles 9). + +{9. Gesch. der Kunst, T. II. S. 328. "Er fuehrte die Antigone, sein +erstes Trauerspiel, im dritten Jahre der siebenundsiebenzigsten +Olympias auf." Die Zeit ist ungefaehr richtig, aber dass dieses erste +Trauerspiel die "Antigone" gewesen sei, das ist ganz unrichtig. +Samuel Petit, den Herr Winckelmann in der Note anfuehrt, hat dieses +auch gar nicht gesagt; sondern die "Antigone" ausdruecklich in das +dritte Jahr der vierundachtzigsten Olympias gesetzt. Sophokles ging +das Jahr darauf mit dem Perikles nach Samos, und das Jahr dieser +Expedition kann zuverlaessig bestimmt werden. Ich zeige in meinem +"Leben des Sophokles", aus der Vergleichung mit einer Stelle des +aelteren Plinius, dass das erste Trauerspiel dieses Dichters, +wahrscheinlicherweise, "Triptolemus" gewesen. Plinius redet naemlich +(libr. XVIII. sect. 12. p. 107. Edit. Hard.) von der verschiedenen +Guete des Getreides in verschiednen Laendern und schliesst: Hae fuere +sententiae, Alexandro magno regnante, cum clarissima fuit Graecia, +atque in toto terrarum orbe potentissima; ita tamen ut ante mortem +ejus annis fere CXLV Sophocles poeta in fabula "Triptolemo" frumentum +Italicum ante cuncta laudaverit, ad verbum translata sententia: + + Et fortunatam Italiam frumento canere candido. + +Nun ist zwar hier nicht ausdruecklich von dem ersten Trauerspiele des +Sophokles die Rede; allein es stimmt die Epoche desselben, welche +Plutarch und der Scholiast und die Arundelschen Denkmaeler einstimmig +in die siebenundsiebzigste Olympias setzen, mit der Zeit, in welche +Plinius den "Triptolemus" setzet, so genau ueberein, dass man nicht +wohl anders als diesen "Triptolemus" selbst fuer das erste Trauerspiel +des Sophokles erkennen kann. Die Berechnung ist gleich geschehen. +Alexander starb in der hundertundvierzehnten Olympias; +hundertundfuenfundvierzig Jahr betragen sechsunddreissig Olympiaden und +ein Jahr, und diese Summe von jener abgerechnet, gibt +siebenundsiebzig. In die siebenundsiebzigste Olympias faellt also der +Triptolemus des Sophokles, und da in eben diese Olympias, und zwar, +wie ich beweise, in das letzte Jahr derselben, auch das erste +Trauerspiel desselben faellt: so ist der Schluss ganz natuerlich, dass +beide Trauerspiele eines sind. Ich zeige zugleich ebendaselbst, dass +Petit die ganze Haelfte des Kapitels seiner Miscellaneorum (XVIII. lib. +III. eben dasselbe, welches Herr Winckelmann anfuehrt) sich haette +ersparen koennen. Es ist unnoetig, in der Stelle des Plutarchs, die er +daselbst verbessern will, den Archon Aphepsion, in Demotion, oder +aneyioV zu verwandeln. Er haette aus dem dritten Jahr der 77ten +Olympias nur in das vierte derselben gehen duerfen, und er wuerde +gefunden haben, dass der Archon dieses Jahres von den Schriftstellern +ebenso oft, wo nicht noch oeftrer, Aphepsion, als Phaedon genennet wird. +Phaedon nennet ihn Diodorus Siculus, Dionysius Halicarnasseus und +der Ungenannte in seinem Verzeichnisse der Olympiaden. Aphepsion +hingegen nennen ihn die Arundelschen Marmor, Apollodorus, und der +diesen anfuehrt, Diogenes Laertius. Plutarchus aber nennet ihn auf +beide Weise; im Leben des Theseus Phaedon, und in dem Leben des Cimons, +Aphepsion. Es ist also wahrscheinlich, wie Palmerius vermutet, +Aphepsionem et Phaedonem archontas fuisse eponymos: scilicet uno in +magistratu mortuo, suffectus fuit alter. (Exercit. p. 452.)--Vom +Sophokles, erinnere ich noch gelegentlich, hatte Herr Winckelmann +auch schon in seiner ersten Schrift von der Nachahmung der +griechischen Kunstwerke (S. 8) eine Unrichtigkeit einfliessen lassen. +"Die schoensten jungen Leute tanzten unbekleidet auf dem Theater und +Sophokles, der grosse Sophokles, war der erste, der in seiner Jugend +dieses Schauspiel seinen Buergern gab." Auf dem Theater hat Sophokles +nie nackend getanzt; sondern um die Tropaeen nach dem salaminischen +Siege, und auch nur nach einigen nackend, nach andern aber bekleidet +(Athen. lib. I. p. m. 20.). Sophokles war naemlich unter den Knaben, +die man nach Salamis in Sicherheit gebracht hatte; und hier auf +dieser Insul war es, wo es damals der tragischen Muse alle ihre drei +Lieblinge, in einer vorbildenden Gradation, zu versammeln beliebte. +Der kuehne Aeschylus half siegen; der bluehende Sophokles tanzte um die +Tropaeen, und Euripides ward an eben dem Tage des Sieges, auf eben der +gluecklichen Insel geboren.} + +Doch ich enthalte mich, dergleichen Kleinigkeiten auf einen Haufen zu +tragen. Tadelsucht koennte es zwar nicht scheinen; aber wer meine +Hochachtung fuer den Herrn Winckelmann kennet, duerfte es fuer +Krokylegmus halten. + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Laokoon, von Gotthold Ephraim +Lessing. + + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, LAOKOON *** + +This file should be named 7laok10.txt or 7laok10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7laok11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7laok10a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. + +Most people start at our Web sites at: +http://gutenberg.net or +http://promo.net/pg + +These Web sites include award-winning information about Project +Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new +eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!). + + +Those of you who want to download any eBook before announcement +can get to them as follows, and just download by date. This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext04 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext04 + +Or /etext03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. If your state is not listed and +you would like to know if we have added it since the list you have, +just ask. + +While we cannot solicit donations from people in states where we are +not yet registered, we know of no prohibition against accepting +donations from donors in these states who approach us with an offer to +donate. + +International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about +how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made +deductible, and don't have the staff to handle it even if there are +ways. + +Donations by check or money order may be sent to: + +Project Gutenberg Literary Archive Foundation +PMB 113 +1739 University Ave. +Oxford, MS 38655-4109 + +Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment +method other than by check or money order. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by +the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN +[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are +tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising +requirements for other states are met, additions to this list will be +made and fund-raising will begin in the additional states. + +We need your donations more than ever! + +You can get up to date donation information online at: + +http://www.gutenberg.net/donation.html + + +*** + +If you can't reach Project Gutenberg, +you can always email directly to: + +Michael S. Hart <hart@pobox.com> + +Prof. Hart will answer or forward your message. + +We would prefer to send you information by email. + + +**The Legal Small Print** + + +(Three Pages) + +***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START*** +Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers. +They tell us you might sue us if there is something wrong with +your copy of this eBook, even if you got it for free from +someone other than us, and even if what's wrong is not our +fault. So, among other things, this "Small Print!" statement +disclaims most of our liability to you. It also tells you how +you may distribute copies of this eBook if you want to. + +*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK +By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm +eBook, you indicate that you understand, agree to and accept +this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive +a refund of the money (if any) you paid for this eBook by +sending a request within 30 days of receiving it to the person +you got it from. If you received this eBook on a physical +medium (such as a disk), you must return it with your request. + +ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS +This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks, +is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart +through the Project Gutenberg Association (the "Project"). +Among other things, this means that no one owns a United States copyright +on or for this work, so the Project (and you!) can copy and +distribute it in the United States without permission and +without paying copyright royalties. Special rules, set forth +below, apply if you wish to copy and distribute this eBook +under the "PROJECT GUTENBERG" trademark. + +Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market +any commercial products without permission. + +To create these eBooks, the Project expends considerable +efforts to identify, transcribe and proofread public domain +works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any +medium they may be on may contain "Defects". Among other +things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other +intellectual property infringement, a defective or damaged +disk or other eBook medium, a computer virus, or computer +codes that damage or cannot be read by your equipment. + +LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES +But for the "Right of Replacement or Refund" described below, +[1] Michael Hart and the Foundation (and any other party you may +receive this eBook from as a PROJECT GUTENBERG-tm eBook) disclaims +all liability to you for damages, costs and expenses, including +legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR +UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT, +INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE +OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE +POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES. + +If you discover a Defect in this eBook within 90 days of +receiving it, you can receive a refund of the money (if any) +you paid for it by sending an explanatory note within that +time to the person you received it from. If you received it +on a physical medium, you must return it with your note, and +such person may choose to alternatively give you a replacement +copy. If you received it electronically, such person may +choose to alternatively give you a second opportunity to +receive it electronically. + +THIS EBOOK IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS +TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT +LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A +PARTICULAR PURPOSE. + +Some states do not allow disclaimers of implied warranties or +the exclusion or limitation of consequential damages, so the +above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you +may have other legal rights. + +INDEMNITY +You will indemnify and hold Michael Hart, the Foundation, +and its trustees and agents, and any volunteers associated +with the production and distribution of Project Gutenberg-tm +texts harmless, from all liability, cost and expense, including +legal fees, that arise directly or indirectly from any of the +following that you do or cause: [1] distribution of this eBook, +[2] alteration, modification, or addition to the eBook, +or [3] any Defect. + +DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm" +You may distribute copies of this eBook electronically, or by +disk, book or any other medium if you either delete this +"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg, +or: + +[1] Only give exact copies of it. Among other things, this + requires that you do not remove, alter or modify the + eBook or this "small print!" statement. You may however, + if you wish, distribute this eBook in machine readable + binary, compressed, mark-up, or proprietary form, + including any form resulting from conversion by word + processing or hypertext software, but only so long as + *EITHER*: + + [*] The eBook, when displayed, is clearly readable, and + does *not* contain characters other than those + intended by the author of the work, although tilde + (~), asterisk (*) and underline (_) characters may + be used to convey punctuation intended by the + author, and additional characters may be used to + indicate hypertext links; OR + + [*] The eBook may be readily converted by the reader at + no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent + form by the program that displays the eBook (as is + the case, for instance, with most word processors); + OR + + [*] You provide, or agree to also provide on request at + no additional cost, fee or expense, a copy of the + eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC + or other equivalent proprietary form). + +[2] Honor the eBook refund and replacement provisions of this + "Small Print!" statement. + +[3] Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the + gross profits you derive calculated using the method you + already use to calculate your applicable taxes. If you + don't derive profits, no royalty is due. Royalties are + payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation" + the 60 days following each date you prepare (or were + legally required to prepare) your annual (or equivalent + periodic) tax return. Please contact us beforehand to + let us know your plans and to work out the details. + +WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO? +Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of +public domain and licensed works that can be freely distributed +in machine readable form. + +The Project gratefully accepts contributions of money, time, +public domain materials, or royalty free copyright licenses. +Money should be paid to the: +"Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +If you are interested in contributing scanning equipment or +software or other items, please contact Michael Hart at: +hart@pobox.com + +[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only +when distributed free of all fees. Copyright (C) 2001, 2002 by +Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be +used in any sales of Project Gutenberg eBooks or other materials be +they hardware or software or any other related product without +express permission.] + +*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END* + |
