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+The Project Gutenberg EBook of Laokoon, by Gotthold Ephraim Lessing
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
+other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
+the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
+to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
+
+Title: Laokoon
+
+Author: Gotthold Ephraim Lessing
+
+Posting Date: September 25, 2014 [EBook #6889]
+Release Date: November, 2004
+First Posted: February 7, 2003
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LAOKOON ***
+
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+Produced by Delphine Lettau and Gutenberg Projekt-DE
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+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg2000.de.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg2000.de erreichbar.
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+
+Laokoon
+oder
+Über die Grenzen der Malerei und Poesie
+
+Gotthold Ephraim Lessing
+
+Mit beiläufigen Erläuterungen verschiedener Punkte der alten
+Kunstgeschichte
+
+
+
+Vorrede
+
+Der erste, welcher die Malerei und Poesie miteinander verglich, war
+ein Mann von feinem GefÜhle, der von beiden Künsten eine Ähnliche
+Wirkung auf sich verspürte. Beide, empfand er, stellen uns abwesende
+Dinge als gegenwärtig, den Schein als Wirklichkeit vor; beide
+täuschen, und beider Täuschung gefällt.
+
+Ein zweiter suchte in das Innere dieses Gefallens einzudringen, und
+entdeckte, daß es bei beiden aus einerlei Quelle fließe. Die
+SchÖnheit, deren Begriff wir zuerst von körperlichen Gegenständen
+abziehen, hat allgemeine Regeln, die sich auf mehrere Dinge anwenden
+lassen; auf Handlungen, auf Gedanken, sowohl als auf Formen.
+
+Ein dritter, welcher über den Wert und über die Verteilung dieser
+allgemeinen Regeln nachdachte, bemerkte, daß einige mehr in der
+Malerei, andere mehr in der Poesie herrschten; daß also bei diesen
+die Poesie der Malerei, bei jenen die Malerei der Poesie mit
+Erläuterungen und Beispielen aushelfen könne.
+
+Das erste war der Liebhaber; das zweite der Philosoph; das dritte der
+Kunstrichter.
+
+Jene beiden konnten nicht leicht, weder von ihrem Gefühl, noch von
+ihren Schlüssen, einen unrechten Gebrauch machen. Hingegen bei den
+Bemerkungen des Kunstrichters beruhet das meiste in der Richtigkeit
+der Anwendung auf den einzeln Fall; und es wäre ein Wunder, da es
+gegen einen scharfsinnigen Kunstrichter funfzig witzige gegeben hat,
+wenn diese Anwendung jederzeit mit aller der Vorsicht wäre gemacht
+worden, welche die Wage zwischen beiden Künsten gleich erhalten muß.
+
+Falls Apelles und Protogenes, in ihren verlornen Schriften von der
+Malerei, die Regeln derselben durch die bereits festgesetzten Regeln
+der Poesie bestätiget und erläutert haben, so darf man sicherlich
+glauben, daß es mit der Mäßigung und Genauigkeit wird geschehen sein,
+mit welcher wir noch itzt den Aristoteles, Cicero, Horaz, Quintilian,
+in ihren Werken die Grundsätze und Erfahrungen der Malerei auf die
+Beredsamkeit und Dichtkunst anwenden sehen. Es ist das Vorrecht der
+Alten, keiner Sache weder zu viel noch zu wenig zu tun.
+
+Aber wir Neuern haben in mehrern Stücken geglaubt, uns weit über sie
+wegzusetzen, wenn wir ihre kleinen Lustwege in Landstraßen
+verwandelten; sollten auch die kürzern und sichrern Landstraßen
+darüber zu Pfaden eingehen, wie sie durch Wildnisse führen.
+
+Die blendende Antithese des griechischen Voltaire, daß die Malerei
+eine stumme Poesie, und die Poesie eine redende Malerei sei, stand
+wohl in keinem Lehrbuche. Es war ein Einfall, wie Simonides mehrere
+hatte; dessen wahrer Teil so einleuchtend ist, daß man das
+Unbestimmte und Falsche, welches er mit sich führet, übersehen zu
+müssen glaubet.
+
+Gleichwohl übersahen es die Alten nicht. Sondern indem sie den
+Ausspruch des Simonides auf die Wirkung der beiden Künste
+einschränkten, vergaßen sie nicht einzuschärfen, daß, ohngeachtet der
+vollkommenen Ähnlichkeit dieser Wirkung, sie dennoch, sowohl in den
+Gegenständen als in der Art ihrer Nachahmung (ulh kai tropoiV
+mimhsewV) verschieden wären.
+
+Völlig aber, als ob sich gar keine solche Verschiedenheit fände,
+haben viele der neuesten Kunstrichter aus jener Übereinstimmung der
+Malerei und Poesie die krudesten Dinge von der Welt geschlossen.
+Bald zwingen sie die Poesie in die engern Schranken der Malerei; bald
+lassen sie die Malerei die ganze weite Sphäre der Poesie füllen.
+Alles was der einen recht ist, soll auch der andern vergönnt sein;
+alles was in der einen gefällt oder mißfällt, soll notwendig auch in
+der andern gefallen oder mißfallen; und voll von dieser Idee,
+sprechen sie in dem zuversichtlichsten Tone die seichtesten Urteile,
+wenn sie, in den Werken des Dichters und Malers über einerlei Vorwurf,
+die darin bemerkten Abweichungen voneinander zu Fehlern machen, die
+sie dem einen oder dem andern, nach dem sie entweder mehr Geschmack
+an der Dichtkunst oder an der Malerei haben, zur Last legen.
+
+Ja diese Afterkritik hat zum Teil die Virtuosen selbst verführet.
+Sie hat in der Poesie die Schilderungssucht, und in der Malerei die
+Allegoristerei erzeuget; indem man jene zu einem redenden Gemälde
+machen wollen, ohne eigentlich zu wissen, was sie malen könne und
+solle, und diese zu einem stummen Gedichte, ohne überlegt zu haben,
+in welchem Maße sie allgemeine Begriffe ausdrücken könne, ohne sich
+von ihrer Bestimmung zu entfernen, und zu einer willkürlichen
+Schriftart zu werden.
+
+Diesem falschen Geschmacke, und jenen ungegründeten Urteilen
+entgegenzuarbeiten, ist die vornehmste Absicht folgender Aufsätze.
+
+Sie sind zufälliger Weise entstanden, und mehr nach der Folge meiner
+Lektüre, als durch die methodische Entwickelung allgemeiner
+Grundsätze angewachsen. Es sind also mehr unordentliche Kollektanea
+zu einem Buche, als ein Buch.
+
+Doch schmeichle ich mir, daß sie auch als solche nicht ganz zu
+verachten sein werden. An systematischen Büchern haben wir Deutschen
+überhaupt keinen Mangel. Aus ein paar angenommenen Worterklärungen
+in der schönsten Ordnung alles, was wir nur wollen, herzuleiten,
+darauf verstehen wir uns, trotz einer Nation in der Welt.
+
+Baumgarten bekannte, einen großen Teil der Beispiele in seiner
+Ästhetik Gesners Wörterbuche schuldig zu sein. Wenn mein
+Raisonnement nicht so bündig ist als das Baumgartensche, so werden
+doch meine Beispiele mehr nach der Quelle schmecken.
+
+Da ich von dem Laokoon gleichsam aussetzte, und mehrmals auf ihn
+zurückkomme, so habe ich ihm auch einen Anteil an der Aufschrift
+lassen wollen. Andere kleine Ausschweifungen über verschiedene
+Punkte der alten Kunstgeschichte tragen weniger zu meiner Absicht bei,
+und sie stehen nur da, weil ich ihnen niemals einen bessern Platz zu
+geben hoffen kann.
+
+Noch erinnere ich, daß ich unter dem Namen der Malerei die bildenden
+Künste überhaupt begreife; so wie ich nicht dafür stehe, daß ich
+nicht unter dem Namen der Poesie auch auf die übrigen Künste, deren
+Nachahmung fortschreitend ist, einige Rücksicht nehmen dürfte.
+
+
+
+I.
+
+
+Das allgemeine vorzügliche Kennzeichen der griechischen Meisterstücke
+in der Malerei und Bildhauerkunst setzet Herr Winckelmann in eine
+edele Einfalt und stille Größe, sowohl in der Stellung als im
+Ausdrucke. "So wie die Tiefe des Meeres", sagt er 1), "allezeit
+ruhig bleibt, die Oberfläche mag auch noch so wüten, ebenso zeiget
+der Ausdruck in den Figuren der Griechen bei allen Leidenschaften
+eine große und gesetzte Seele.
+
+{1. Von der Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und
+Bildhauerkunst, S. 21. 22.}
+
+Diese Seele schildert sich in dem Gesichte des Laokoons, und nicht in
+dem Gesichte allein, bei dem heftigsten Leiden. Der Schmerz, welcher
+sich in allen Muskeln und Sehnen des Körpers entdecket, und den man
+ganz allein, ohne das Gesicht und andere Teile zu betrachten, an dem
+schmerzlich eingezogenen Unterleibe beinahe selbst zu empfinden
+glaubt; dieser Schmerz, sage ich, äußert sich dennoch mit keiner Wut
+in dem Gesichte und in der ganzen Stellung. Er erhebt kein
+schreckliches Geschrei, wie Virgil von seinem Laokoon singet; die
+Öffnung des Mundes gestattet es nicht: es ist vielmehr ein
+ängstliches und beklemmtes Seufzen, wie es Sadolet beschreibet. Der
+Schmerz des Körpers und die Größe der Seele sind durch den ganzen Bau
+der Figur mit gleicher Stärke ausgeteilet, und gleichsam abgewogen.
+Laokoon leidet, aber er leidet wie des Sophokles Philoktet: sein
+Elend gehet uns bis an die Seele; aber wir wünschten, wie dieser
+große Mann das Elend ertragen zu können.
+
+Der Ausdruck einer so großen Seele geht weit über die Bildung der
+schönen Natur. Der Künstler mußte die Stärke des Geistes in sich
+selbst fühlen, welche er seinem Marmor einprägte. Griechenland hatte
+Künstler und Weltweise in einer Person, und mehr als einen Metrodor.
+Die Weisheit reichte der Kunst die Hand, und blies den Figuren
+derselben mehr als gemeine Seelen ein, usw."
+
+Die Bemerkung, welche hier zum Grunde liegt, daß der Schmerz sich in
+dem Gesichte des Laokoon mit derjenigen Wut nicht zeige, welche man
+bei der Heftigkeit desselben vermuten sollte, ist vollkommen richtig.
+Auch das ist unstreitig, daß eben hierin, wo ein Halbkenner den
+Künstler unter der Natur geblieben zu sein, das wahre Pathetische des
+Schmerzes nicht erreicht zu haben, urteilen dürfte; daß, sage ich,
+eben hierin die Weisheit desselben ganz besonders hervorleuchtet.
+
+Nur in dem Grunde, welchen Herr Winckelmann dieser Weisheit gibt, in
+der Allgemeinheit der Regel, die er aus diesem Grunde herleitet, wage
+ich es, anderer Meinung zu sein.
+
+Ich bekenne, daß der mißbilligende Seitenblick, welchen er auf den
+Virgil wirft, mich zuerst stutzig gemacht hat; und nächstdem die
+Vergleichung mit dem Philoktet. Von hier will ich ausgehen, und
+meine Gedanken in eben der Ordnung niederschreiben, in welcher sie
+sich bei mir entwickelt.
+
+"Laokoon leidet, wie des Sophokles Philoktet." Wie leidet dieser? Es
+ist sonderbar, daß sein Leiden so verschiedene Eindrücke bei uns
+zurückgelassen.--Die Klagen, das Geschrei, die wilden Verwünschungen,
+mit welchen sein Schmerz das Lager erfüllte, und alle Opfer, alle
+heilige Handlungen störte, erschollen nicht minder schrecklich durch
+das öde Eiland, und sie waren es, die ihn dahin verbannten. Welche
+Töne des Unmuts, des Jammers, der Verzweiflung, von welchen auch der
+Dichter in der Nachahmung das Theater durchhallen ließ.--Man hat den
+dritten Aufzug dieses Stücks ungleich kürzer, als die übrigen
+gefunden. Hieraus sieht man, sagen die Kunstrichter 2), daß es den
+Alten um die gleiche Länge der Aufzüge wenig zu tun gewesen. Das
+glaube ich auch; aber ich wollte mich desfalls lieber auf ein ander
+Exempel gründen, als auf dieses. Die jammervollen Ausrufungen, das
+Winseln, die abgebrochenen a, a, jeu, attatai, w moi, moi! die ganzen
+Zeilen voller papai, papai, aus welchen dieser Aufzug bestehet, und
+die mit ganz andern Dehnungen und Absetzungen deklamieret werden
+mußten, als bei einer zusammenhangenden Rede nötig sind, haben in der
+Vorstellung diesen Aufzug ohne Zweifel ziemlich ebensolange dauren
+lassen, als die andern. Er scheinet dem Leser weit kürzer auf dem
+Papiere, als er den Zuhörern wird vorgekommen sein.
+
+{2. Brumoy, Théât. des Grecs T. II. p. 89.}
+
+Schreien ist der natürliche Ausdruck des körperlichen Schmerzes.
+Homers verwundete Krieger fallen nicht selten mit Geschrei zu Boden.
+Die geritzte Venus schreiet laut 3); nicht um sie durch dieses
+Geschrei als die weichliche Göttin der Wollust zu schildern, vielmehr
+um der leidenden Natur ihr Recht zu geben. Denn selbst der eherne
+Mars, als er die Lanze des Diomedes fühlet, schreiet so gräßlich, als
+schrien zehntausend wütende Krieger zugleich, daß beide Heere sich
+entsetzen 4).
+
+{3. Iliad. E. v. 343. h de mega iacousa--}
+
+{4. Iliad. E. v. 859.}
+
+Soweit auch Homer sonst seine Helden über die menschliche Natur
+erhebt, so treu bleiben sie ihr doch stets, wenn es auf das Gefühl
+der Schmerzen und Beleidigungen, wenn es auf die Äußerung dieses
+Gefühls durch Schreien, oder durch Tränen, oder durch Scheltworte
+ankömmt. Nach ihren Taten sind es Geschöpfe höherer Art; nach ihren
+Empfindungen wahre Menschen.
+
+Ich weiß es, wir feinern Europäer einer klügern Nachwelt wissen über
+unsern Mund und über unsere Augen besser zu herrschen. Höflichkeit
+und Anstand verbieten Geschrei und Tränen. Die tätige Tapferkeit des
+ersten rauhen Weltalters hat sich bei uns in eine leidende verwandelt.
+Doch selbst unsere Ureltern waren in dieser größer, als in jener.
+Aber unsere Ureltern waren Barbaren. Alle Schmerzen verbeißen, dem
+Streiche des Todes mit unverwandtem Auge entgegensehen, unter den
+Bissen der Nattern lachend sterben, weder seine Sünde noch den
+Verlust seines liebsten Freundes beweinen, sind Züge des alten
+nordischen Heldenmuts 5). Palnatoko gab seinen Jomsburgern das
+Gesetz, nichts zu fürchten, und das Wort Furcht auch nicht einmal zu
+nennen.
+
+{5. Th. Bartholinus de causis contemptae a Danis adhuc gentilibus
+mortis, cap. I.}
+
+Nicht so der Grieche! Er fühlte und furchte sich; er äußerte seine
+Schmerzen und seinen Kummer; er schämte sich keiner der menschlichen
+Schwachheiten; keine mußte ihn aber auf dem Wege nach Ehre, und von
+Erfüllung seiner Pflicht zurückhalten. Was bei dem Barbaren aus
+Wildheit und Verhärtung entsprang, das wirkten bei ihm Grundsätze.
+Bei ihm war der Heroismus wie die verborgenen Funken im Kiesel, die
+ruhig schlafen, solange keine äußere Gewalt sie wecket, und dem
+Steine weder seine Klarheit noch seine Kälte nehmen. Bei dem
+Barbaren war der Heroismus eine helle fressende Flamme, die immer
+tobte, und jede andere gute Eigenschaft in ihm verzehrte, wenigstens
+schwärzte.--Wenn Homer die Trojaner mit wildem Geschrei, die Griechen
+hingegen in entschloßner Stille zur Schlacht führet, so merken die
+Ausleger sehr wohl an, daß der Dichter hierdurch jene als Barbaren,
+diese als gesittete Völker schildern wollen. Mich wundert, daß sie
+an einer andern Stelle eine ähnliche charakteristische
+Entgegensetzung nicht bemerket haben 6). Die feindlichen Heere haben
+einen Waffenstillestand getroffen; sie sind mit Verbrennung ihrer
+Toten beschäftigst, welches auf beiden Teilen nicht ohne heiße Tränen
+abgehet; dakrua Jerma ceonteV. Aber Priamus verbietet seinen
+Trojanern zu weinen; oud' eia klaiein PriamoV megaV. Er verbietet
+ihnen zu weinen, sagt die Dacier, weil er besorgt, sie möchten sich
+zu sehr erweichen, und morgen mit weniger Mut an den Streit gehen.
+Wohl; doch frage ich: warum muß nur Priamus dieses besorgen? Warum
+erteilet nicht auch Agamemnon seinen Griechen das nämliche Verbot?
+Der Sinn des Dichters geht tiefer. Er will uns lehren, daß nur der
+gesittete Grieche zugleich weinen und tapfer sein könne; indem der
+ungesittete Trojaner, um es zu sein, alle Menschlichkeit vorher
+ersticken müsse. Nemessvmai ge men ouden klaiein, läßt er an einem
+andern Orte 7) den verständigen Sohn des weisen Nestors sagen.
+
+{6. Iliad. H. v. 421.}
+
+{7. Odyss. D. 195.}
+
+Es ist merkwürdig, daß unter den wenigen Trauerspielen, die aus dem
+Altertume auf uns gekommen sind, sich zwei Stücke finden, in welchen
+der körperliche Schmerz nicht der kleinste Teil des Unglücks ist, das
+den leidenden Helden trifft. Außer dem Philoktet, der sterbende
+Herkules. Und auch diesen läßt Sophokles klagen, winseln, weinen und
+schreien. Dank sei unsern artigen Nachbarn, diesen Meistern des
+Anständigen, daß nunmehr ein winselnder Philoktet, ein schreiender
+Herkules, die lächerlichsten unerträglichsten Personen auf der Bühne
+sein würden. Zwar hat sich einer ihrer neuesten Dichter 8) an den
+Philoktet gewagt. Aber durfte er es wagen, ihnen den wahren
+Philoktet zu zeigen?
+
+{8. Chateaubrun.}
+
+Selbst ein Laokoon findet sich unter den verlornen Stücken des
+Sophokles. Wenn uns das Schicksal doch auch diesen Laokoon gegönnet
+hätte! Aus den leichten Erwähnungen, die seiner einige alte
+Grammatiker tun, läßt sich nicht schließen, wie der Dichter diesen
+Stoff behandelt habe. So viel bin ich versichert, daß er den Laokoon
+nicht stoischer als den Philoktet und Herkules, wird geschildert
+haben. Alles Stoische ist untheatralisch; und unser Mitleiden ist
+allezeit dem Leiden gleichmäßig, welches der interessierende
+Gegenstand äußert. Sieht man ihn sein Elend mit großer Seele
+ertragen, so wird diese große Seele zwar unsere Bewunderung erwecken,
+aber die Bewunderung ist ein kalter Affekt, dessen untätiges Staunen
+jede andere wärmere Leidenschaft, sowie jede andere deutliche
+Vorstellung ausschließet.
+
+Und nunmehr komme ich zu meiner Folgerung. Wenn es wahr ist, daß das
+Schreien bei Empfindung körperlichen Schmerzes, besonders nach der
+alten griechischen Denkungsart, gar wohl mit einer großen Seele
+bestehen kann: so kann der Ausdruck einer solchen Seele die Ursache
+nicht sein, warum demohngeachtet der Künstler in seinem Marmor dieses
+Schreien nicht nachahmen wollen; sondern es muß einen andern Grund
+haben, warum er hier von seinem Nebenbuhler, dem Dichter, abgehet,
+der dieses Geschrei mit bestem Vorsatze ausdrücket.
+
+
+
+II.
+
+
+Es sei Fabel oder Geschichte, daß die Liebe den ersten Versuch in den
+bildenden Künsten gemacht habe: so viel ist gewiß, daß sie den großen
+alten Meistern die Hand zu führen nicht müde geworden. Denn wird
+itzt die Malerei überhaupt als die Kunst, welche Körper auf Flächen
+nachahmet, in ihrem ganzen Umfange betrieben: so hatte der weise
+Grieche ihr weit engere Grenzen gesetzet, und sie bloß auf die
+Nachahmung schöner Körper eingeschränket. Sein Künstler schilderte
+nichts als das Schöne; selbst das gemeine Schöne, das Schöne niedrer
+Gattungen, war nur sein zufälliger Vorwurf, seine Übung, seine
+Erholung. Die Vollkommenheit des Gegenstandes selbst mußte in seinem
+Werke entzücken; er war zu groß, von seinen Betrachtern zu verlangen,
+daß sie sich mit dem bloßen kalten Vergnügen, welches aus der
+getroffenen Ähnlichkeit, aus der Erwägung seiner Geschicklichkeit
+entspringet, begnügen sollten; an seiner Kunst war ihm nichts lieber,
+dünkte ihm nichts edler, als der Endzweck der Kunst.
+
+"Wer wird dich malen wollen, da dich niemand sehen will", sagt ein
+alter Epigrammatist 1) über einen höchst ungestaltenen Menschen.
+Mancher neuere Künstler würde sagen: "Sei so ungestalten, wie möglich;
+ich will dich doch malen. Mag dich schon niemand gern sehen: so
+soll man doch mein Gemälde gern sehen; nicht insofern es dich
+vorstellt, sondern insofern es ein Beweis meiner Kunst ist, die ein
+solches Scheusal so ähnlich nachzubilden weiß." {1. Antiochus.
+(Antholog. lib. II. cap. 43). Harduin über den Plinius (lib. 35.
+sect. 36 p. m. 698) legt dieses Epigramm einem Piso bei. Es findet
+sich aber unter allen griechischen Epigrammatisten keiner dieses
+Namens.}
+
+Freilich ist der Hang zu dieser üppigen Prahlerei mit leidigen
+Geschicklichkeiten, die durch den Wert ihrer Gegenstände nicht
+geadelt werden, zu natürlich, als daß nicht auch die Griechen ihren
+Pauson, ihren Piräikus sollten gehabt haben. Sie hatten sie; aber
+sie ließen ihnen strenge Gerechtigkeit widerfahren. Pauson, der sich
+noch unter dem Schönen der gemeinen Natur hielt, dessen niedriger
+Geschmack das Fehlerhafte und Häßliche an der menschlichen Bildung am
+liebsten ausdrückte 2), lebte in der verächtlichsten Armut 3). Und
+Piräikus, der Barbierstuben, schmutzige Werkstätte, Esel und
+Küchenkräuter, mit allem dem Fleiße eines niederländischen Künstlers
+malte, als ob dergleichen Dinge in der Natur so viel Reiz hätten, und
+so selten zu erblicken wären, bekam den Zunamen des Rhyparographen 4),
+des Kotmalers; obgleich der wollüstige Reiche seine Werke mit Gold
+aufwog, um ihrer Nichtigkeit auch durch diesen eingebildeten Wert zu
+Hilfe zu kommen.
+
+{2. Jungen Leuten, befiehlt daher Aristoteles, muß man seine Gemälde
+nicht zeigen, um ihre Einbildungskraft, so viel möglich, von allen
+Bildern des Häßlichen rein zu halten. (Polit. lib. VIII. cap. 5. p.
+526. Edit. Conring.) Herr Boden will zwar in dieser Stelle anstatt
+Pauson, Pausanias gelesen wissen, weil von diesem bekannt sei, daß er
+unzüchtige Figuren gemalt habe (de umbra poetica, comment. I. p.
+XIII.). Als ob man es erst von einem philosophischen Gesetzgeber
+lernen müßte, die Jugend von dergleichen Reizungen der Wollust zu
+entfernen. Er hätte die bekannte Stelle in der Dichtkunst (cap. II.
+) nur in Vergleichung ziehen dürfen, um seine Vermutung
+zurückzubehalten. Es gibt Ausleger (z. E. Kühn, über den Älian Var.
+Hist. lib. IV. cap. 3), welche den Unterschied, den Aristoteles
+daselbst zwischen dem Polygnotus, Dionysius und Pauson angibt, darin
+setzen, daß Polygnotus Götter und Helden, Dionysius Menschen, und
+Pauson Tiere gemalt habe. Sie malten allesamt menschliche Figuren;
+und daß Pauson einmal ein Pferd malte, beweiset noch nicht, daß er
+ein Tiermaler gewesen, wofür ihn Herr Boden hält. Ihren Rang
+bestimmten die Grade des Schönen, die sie ihren menschlichen Figuren
+gaben, und Dionysius konnte nur deswegen nichts als Menschen malen,
+und hieß nur darum vor allen andern der Anthropograph, weil er der
+Natur zu sklavisch folgte, und sich nicht bis zum Ideal erheben
+konnte, unter welchem Götter und Helden zu malen, ein
+Religionsverbrechen gewesen wäre.}
+
+{3. Aristophanes Plut. v. 602. et Acharnens. v. 854.}
+
+{4. Plinius lib. XXXV. sect. 37. Edit. Hard.}
+
+Die Obrigkeit selbst hielt es ihrer Aufmerksamkeit nicht für unwürdig,
+den Künstler mit Gewalt in seiner wahren Sphäre zu erhalten. Das
+Gesetz der Thebaner, welches ihm die Nachahmung ins Schönere befahl
+und die Nachahmung ins Häßlichere bei Strafe verbot, ist bekannt. Es
+war kein Gesetz wider den Stümper, wofür es gemeiniglich, und selbst
+vom Junius 5), gehalten wird. Es verdammte die griechischen Ghezzi;
+den unwürdigen Kunstgriff, die Ähnlichkeit durch Übertreibung der
+häßlichem Teile des Urbildes zu erreichen; mit einem Worte, die
+Karikatur.
+
+{5. De pictura vet. lib. II. cap. IV. § 1.}
+
+Aus eben dem Geist des Schönen war auch das Gesetz der Hellanodiken
+geflossen. Jeder olympische Sieger erhielt eine Statue; aber nur dem
+dreimaligen Sieger, ward eine ikonische gesetzet 6). Der
+mittelmäßigen Porträts sollten unter den Kunstwerken nicht zu viel
+werden. Denn obschon auch das Porträt ein Ideal zuläßt, so muß doch
+die Ähnlichkeit darüber herrschen; es ist das Ideal eines gewissen
+Menschen, nicht das Ideal eines Menschen überhaupt.
+
+{6. Plinius lib. XXXIV. sect. 9.}
+
+Wir lachen, wenn wir hören, daß bei den Alten auch die Künste
+bürgerlichen Gesetzen unterworfen gewesen. Aber wir haben nicht
+immer recht, wenn wir lachen. Unstreitig müssen sich die Gesetze
+über die Wissenschaften keine Gewalt anmaßen; denn der Endzweck der
+Wissenschaften ist Wahrheit. Wahrheit ist der Seele notwendig; und
+es wird Tyrannei, ihr in Befriedigung dieses wesentlichen
+Bedürfnisses den geringsten Zwang anzutun. Der Endzweck der Künste
+hingegen ist Vergnügen; und das Vergnügen ist entbehrlich. Also darf
+es allerdings von dem Gesetzgeber abhangen, welche Art von Vergnügen,
+und in welchem Maße er jede Art desselben verstatten will.
+
+Die bildenden Künste insbesondere, außer dem unfehlbaren Einflusse,
+den sie auf den Charakter der Nation haben, sind einer Wirkung fähig,
+welche die nähere Aufsicht des Gesetzes heischet. Erzeugten schöne
+Menschen schöne Bildsäulen, so wirkten diese hinwiederum auf jene
+zurück, und der Staat hatte schönen Bildsäulen schöne Menschen mit zu
+verdanken. Bei uns scheinet sich die zarte Einbildungskraft der
+Mütter nur in Ungeheuern zu äußern.
+
+Aus diesem Gesichtspunkte glaube ich in gewissen alten Erzählungen,
+die man geradezu als Lügen verwirft, etwas Wahres zu erblicken. Den
+Müttern des Aristomenes, des Aristodamas, Alexanders des Großen, des
+Scipio, des Augustus, des Galerius, träumte in ihrer Schwangerschaft
+allen, als ob sie mit einer Schlange zu tun hätten. Die Schlange war
+ein Zeichen der Gottheit 7); und die schönen Bildsäulen und Gemälde
+eines Bacchus, eines Apollo, eines Merkurius, eines Herkules, waren
+selten ohne eine Schlange. Die ehrlichen Weiber hatten des Tages
+ihre Augen an dem Gotte geweidet, und der verwirrende Traum erweckte
+das Bild des Tieres. So rette ich den Traum, und gebe die Auslegung
+preis, welche der Stolz ihrer Söhne und die Unverschämtheit des
+Schmeichlers davon machten. Denn eine Ursache mußte es wohl haben,
+warum die ehebrecherische Phantasie nur immer eine Schlange war.
+
+{7. Man irret sich, wenn man die Schlange nur für das Kennzeichen
+einer medizinischen Gottheit hält, wie Spence, Polymetis p. 132.
+Justinus Martyr (Apolog. II. pag. 55. Edit. Sylburg.) sagt
+ausdrücklich: para panti tvn nomizomenwn par' umin Jevn, ojiV
+sumbolon mega kai musthrion anagrajetai; und es wäre leicht eine
+Reihe von Monumenten anzuführen, wo die Schlange Gottheiten begleitet,
+welche nicht die geringste Beziehung auf die Gesundheit haben.}
+
+Doch ich gerate aus meinem Wege. Ich wollte bloß festsetzen, daß bei
+den Alten die Schönheit das höchste Gesetz der bildenden Künste
+gewesen sei.
+
+Und dieses festgesetzt, folget notwendig, daß alles andere, worauf
+sich die bildenden Künste zugleich mit erstrecken können, wenn es
+sich mit der Schönheit nicht verträgt, ihr gänzlich weichen, und wenn
+es sich mit ihr verträgt, ihr wenigstens untergeordnet sein müssen.
+
+Ich will bei dem Ausdrucke stehen bleiben. Es gibt Leidenschaften
+und Grade von Leidenschaften, die sich in dem Gesichte durch die
+häßlichsten Verzerrungen äußern, und den ganzen Körper in so
+gewaltsame Stellungen setzen, daß alle die schönen Linien, die ihn in
+einem ruhigern Stande umschreiben, verloren gehen. Dieser enthielten
+sich also die alten Künstler entweder ganz und gar, oder setzten sie
+auf geringere Grade herunter, in welchen sie eines Maßes von
+Schönheit fähig sind.
+
+Wut und Verzweiflung schändete keines von ihren Werken. Ich darf
+behaupten, daß sie nie eine Furie gebildet haben 8).
+
+{8. Man gehe alle die Kunstwerke durch, deren Plinius und Pausanias
+und andere gedenken; man übersehe die noch itzt vorhandenen alten
+Statuen, Basreliefs, Gemälde: und man wird nirgends eine Furie finden.
+Ich nehme diejenigen Figuren aus; die mehr zur Bildersprache, als
+zur Kunst gehören, dergleichen die auf den Münzen vornehmlich sind.
+Indes hätte Spence, da er Furien haben mußte, sie doch lieber von den
+Münzen erborgen sollen, (Seguini Numis. p. 178. Spanhem. de Praest.
+Numism. Dissert. XIII. p. 639. Les Cesars de Julien, par Spanheim p.
+48.), als daß er sie durch einen witzigen Einfall in ein Werk
+bringen will, in welchem sie ganz gewiß nicht sind. Er sagt in
+seinem "Polymetis" (Dial. XVI. p. 272.): "Obschon die Furien in den
+Werken der alten Künstler etwas sehr Seltenes sind, so findet sich
+doch eine Geschichte, in der sie durchgängig von ihnen angebracht
+werden. Ich meine den Tod des Meleager, als in dessen Vorstellung
+auf Basreliefs sie öfters die Althäa aufmuntern und antreiben, den
+unglücklichen Brand, von welchem das Leben ihres einzigen Sohnes
+abhing, dem Feuer zu übergeben. Denn auch ein Weib würde in ihrer
+Rache so weit nicht gegangen sein, hätte der Teufel nicht ein wenig
+zugeschüret. In einem von diesen Basreliefs, bei dem Bellori (in den
+Admirandis), sieht man zwei Weiber, die mit der Althäa am Altare
+stehen, und allem Ansehen nach Furien sein sollen. Denn wer sonst
+als Furien, hätte einer solchen Handlung beiwohnen wollen? Daß sie
+für diesen Charakter nicht schrecklich genug sind, liegt ohne Zweifel
+an der Abzeichnung. Das Merkwürdigste aber auf diesem Werke ist die
+runde Scheibe, unten gegen die Mitte, auf welcher sich offenbar der
+Kopf einer Furie zeiget. Vielleicht war es die Furie, an die Althäa,
+so oft sie eine üble Tat vornahm, ihr Gebet richtete, und vornehmlich
+itzt zu richten alle Ursache hatte usw."--Durch solche Wendungen kann
+man aus allem alles machen. "Wer sonst", fragt Spence, "als Furien,
+hätte einer solchen Handlung beiwohnen wollen?" Ich antworte: Die
+Mägde der Althäa, welche das Feuer anzünden und unterhalten mußten.
+Ovid sagt: (Metamorph. VIII. v. 460. 461.)
+
+ Protulit hunc (stipitem) genitrix, taedasque in fragmina poni
+ Imperat, et positis inimicos admovet ignes.
+
+
+Dergleichen taedas, lange StÜcke von Kien, welche die Alten zu
+Fackeln brauchten, haben auch wirklich beide Personen in den HÄnden,
+und die eine hat eben ein solches Stück zerbrochen, wie ihre Stellung
+anzeigt. Auf der Scheibe, gegen die Mitte des Werkes, erkenne ich
+die Furie ebensowenig. Es ist ein Gesicht, welches einen heftigen
+Schmerz ausdrückt. Ohne Zweifel soll es der Kopf des Meleagers
+selbst sein. (Metamorph. I. c. v. 515.)
+
+ Inscius atque absens flamma Meleagros in illa
+ Uritur: et caecis torreri viscera sentit
+ Ignibus: et magnos superat virtute dolores.
+
+
+Der KÜnstler brauchte ihn gleichsam zum Übergange in den folgenden
+Zeitpunkt der nÄmlichen Geschichte, welcher den sterbenden Meleager
+gleich daneben zeigt. Was Spence zu Furien macht, hält Montfaucon
+für Parzen, (Antiqu. expl. T. I. p. 162) den Kopf auf der Scheibe
+ausgenommen, den er gleichfalls für eine Furie ausgibt. Bellori
+selbst (Admirand. Tab. 77) läßt es unentschieden, ob es Parzen oder
+Furien sind. Ein Oder, welches genugsam zeiget, daß sie weder das
+eine noch das andere sind. Auch Montfaucons übrige Auslegung sollte
+genauer sein. Die Weibsperson, welche neben dem Bette sich auf den
+Ellebogen stützet, hätte er Kassandra und nicht Atalanta nennen
+sollen. Atalanta ist die, welche, mit dem Rücken gegen das Bette
+gekehret, in einer traurigen Stellung sitzet. Der Künstler hat sie
+mit vielem Verstande von der Familie abgewendet, weil sie nur die
+Geliebte, nicht die Gemahlin des Meleagers war, und ihre Betrübnis
+über ein Unglück, das sie selbst unschuldigerweise veranlasset hatte,
+die Anverwandten erbittern mußte.}
+
+Zorn setzten sie auf Ernst herab. Bei dem Dichter war es der zornige
+Jupiter, welcher den Blitz schleuderte; bei dem Künstler nur der
+ernste.
+
+Jammer ward in Betrübnis gemildert. Und wo diese Milderung nicht
+stattfinden konnte, wo der Jammer ebenso verkleinernd als entstellend
+gewesen wäre,--was tat da Timanthes? Sein Gemälde von der Opferung
+der Iphigenia, in welchem er allen Umstehenden den ihnen eigentümlich
+zukommenden Grad der Traurigkeit erteilte, das Gesicht des Vaters
+aber, welches den allerhÖchsten hätte zeigen sollen, verhüllete, ist
+bekannt, und es sind viel artige Dinge darüber gesagt worden. Er
+hatte sich, sagt dieser 9), in den traurigen Physiognomien so
+erschöpft, daß er dem Vater eine noch traurigere geben zu können
+verzweifelte. Er bekannte dadurch, sagt jener 10), daß der Schmerz
+eines Vaters bei dergleichen Vorfällen über allen Ausdruck sei. Ich
+für mein Teil sehe hier weder die Unvermögenheit des Künstlers, noch
+die Unvermögenheit der Kunst. Mit dem Grade des Affekts verstärken
+sich auch die ihm entsprechenden Züge des Gesichts; der höchste Grad
+hat die allerentschiedensten Züge, und nichts ist der Kunst leichter,
+als diese auszudrücken. Aber Timanthes kannte die Grenzen, welche
+die Grazien seiner Kunst setzen. Er wußte, daß sich der Jammer,
+welcher dem Agamemnon als Vater zukam, durch Verzerrungen äußert, die
+allezeit häßlich sind. Soweit sich Schönheit und Würde mit dem
+Ausdrucke verbinden ließ, so weit trieb er ihn. Das Häßliche wäre er
+gern übergangen, hätte er gern gelindert; aber da ihm seine
+Komposition beides nicht erlaubte, was blieb ihm anders übrig, als es
+zu verhüllen?--Was er nicht malen durfte, ließ er erraten. Kurz,
+diese Verhüllung ist ein Opfer, das der Künstler der Schönheit
+brachte. Sie ist ein Beispiel, nicht wie man den Ausdruck über die
+Schranken der Kunst treiben, sondern wie man ihn dem ersten Gesetze
+der Kunst, dem Gesetze der Schönheit, unterwerfen soll.
+
+{9. Plinius lib. XXXV. sect. 36. Cum moestos pinxisset omnes,
+praecipue patruum, et tristitiae omnem imaginem consumpsisset, patris
+ipsius vultum velavit, quem digne non poterat ostendere.}
+
+{10. Summi moeroris acerbitatem arte exprimi non posse confessus est.
+Valerius Maximus lib. VIII. cap. 11.}
+
+Und dieses nun auf den Laokoon angewendet, so ist die Ursache klar,
+die ich suche. Der Meister arbeitete auf die höchste Schönheit,
+unter den angenommenen Umständen des körperlichen Schmerzes. Dieser,
+in aller seiner entstellenden Heftigkeit, war mit jener nicht zu
+verbinden. Er mußte ihn also herabsetzen; er mußte Schreien in
+Seufzen mildern; nicht weil das Schreien eine unedle Seele verrät,
+sondern weil es das Gesicht auf eine ekelhafte Weise verstellet.
+Denn man reiße dem Laokoon in Gedanken nur den Mund auf, und urteile.
+Man lasse ihn schreien, und sehe. Es war eine Bildung, die Mitleid
+einflößte, weil sie Schönheit und Schmerz zugleich zeigte; nun ist es
+eine häßliche, eine abscheuliche Bildung geworden, von der man gern
+sein Gesicht verwendet, weil der Anblick des Schmerzes Unlust erregt,
+ohne daß die Schönheit des leidenden Gegenstandes diese Unlust in das
+süße Gefühl des Mitleids verwandeln kann.
+
+Die bloße weite Öffnung des Mundes,--beiseitegesetzt, wie gewaltsam
+und ekel auch die übrigen Teile des Gesichts dadurch verzerret und
+verschoben werden,--ist in der Malerei ein Fleck und in der
+Bildhauerei eine Vertiefung, welche die widrigste Wirkung von der
+Welt tut. Montfaucon bewies wenig Geschmack, als er einen alten
+bärtigen Kopf, mit aufgerissenem Munde, für einen Orakel erteilenden
+Jupiter ausgab 11). Muß ein Gott schreien, wenn er die Zukunft
+eröffnet? Würde ein gefälliger Umriß des Mundes seine Rede
+verdächtig machen? Auch glaube ich es dem Valerius nicht, daß Ajax
+in dem nur gedachten Gemälde des Timanthes sollte geschrien haben 12).
+Weit schlechtere Meister aus den Zeiten der schon verfallenen Kunst
+lassen auch nicht einmal die wildesten Barbaren, wenn sie unter dem
+Schwerte des Siegers Schrecken und Todesangst ergreift, den Mund bis
+zum Schreien öffnen 13).
+
+{11. Antiquit. expl. T. I. p. 50.}
+
+{12. Er gibt nämlich die von dem Timanthes wirklich ausgedrückten
+Grade der Traurigkeit so an: Calchantem tristem, moestum Ulyssem,
+clamantem Ajacem, lamentantem Menelaum.--Der Schreier Ajax müßte eine
+häßliche Figur gewesen sein; und da weder Cicero noch Quintilian in
+ihren Beschreibungen dieses Gemäldes seiner gedenken, so werde ich
+ihn um so viel eher für einen Zusatz halten dürfen, mit dem es
+Valerius aus seinem Kopfe bereichern wollen.}
+
+{13. Bellorii Admiranda. Tab. 11. 12.}
+
+Es ist gewiß, daß diese Herabsetzung des äußersten körperlichen
+Schmerzes auf einen niedrigern Grad von Gefühl, an mehrern alten
+Kunstwerken sichtbar gewesen. Der leidende Herkules in dem
+vergifteten Gewande, von der Hand eines alten unbekannten Meisters,
+war nicht der Sophokleische, der so gräßlich schrie, daß die
+lokrischen Felsen, und die euböischen Vorgebirge davon ertönten. Er
+war mehr finster, als wild 14). Der Philoktet des Pythagoras
+Leontinus schien dem Betrachter seinen Schmerz mitzuteilen, welche
+Wirkung der geringste gräßliche Zug verhindert hätte. Man dürfte
+fragen, woher ich wisse, daß dieser Meister eine Bildsäule des
+Philoktet gemacht habe. Aus einer Stelle des Plinius, die meine
+Verbesserung nicht erwartet haben sollte, so offenbar verfälscht oder
+verstümmelt ist sie 15).
+
+{14. Plinius libr. XXXIV, sect. 19.}
+
+{15. Eundem, nämlich den Myro, lieset man bei dem Plinius (libr.
+XXXIV. sect. 19) vicit et Pythagoras Leontinus, qui fecit
+stadiodromon Astylon, qui Olympiae ostenditur: et Libyn puerum
+tenentem tabulam, eodem loco, et mala ferentem nudum. Syracusis
+autem claudicantem: cujus hulceris dolorem sentire etiam spectantes
+videntur. Man erwäge die letzten Worte etwas genauer. Wird nicht
+darin offenbar von einer Person gesprochen, die wegen eines
+schmerzhaften Geschwüres überall bekannt ist? Cujus hulceris usw.
+Und dieses cujus sollte auf das bloße claudicantem, und das
+claudicantem vielleicht auf das noch entferntere puerum gehen?
+Niemand hatte mehr recht, wegen eines solchen Geschwüres bekannter zu
+sein, als Philoktet. Ich lese also anstatt claudicantem, Philoctetem,
+oder halte wenigstens dafür, daß das letztere durch das erstere
+gleichlautende Wort verdrungen worden, und man beides zusammen
+Philoctetem claudicantem lesen müsse. Sophokles läßt ihn stibon kai
+anagkan erpein, und es mußte ein Hinken verursachen, daß er auf den
+kranken Fuß weniger herzhaft auftreten konnte.}
+
+
+
+III.
+
+
+Aber, wie schon gedacht, die Kunst hat in den neuern Zeiten ungleich
+weitere Grenzen erhalten. Ihre Nachahmung, sagt man, erstrecke sich
+auf die ganze sichtbare Natur, von welcher das Schöne nur ein kleiner
+Teil ist. Wahrheit und Ausdruck sei ihr erstes Gesetz; und wie die
+Natur selbst die Schönheit höhern Absichten jederzeit aufopfere, so
+müsse sie auch der Künstler seiner allgemeinen Bestimmung unterordnen,
+und ihr nicht weiter nachgehen, als es Wahrheit und Ausdruck
+erlauben. Genug, daß durch Wahrheit und Ausdruck das Häßlichste der
+Natur in ein Schönes der Kunst verwandelt werde.
+
+Gesetzt, man wollte diese Begriffe vors erste unbestritten in ihrem
+Werte oder Unwerte lassen: sollten nicht andere von ihnen unabhängige
+Betrachtungen zu machen sein, warum demohngeachtet der Künstler in
+dem Ausdrucke Maß halten, und ihn nie aus dem höchsten Punkte der
+Handlung nehmen müsse.
+
+Ich glaube, der einzige Augenblick, an den die materiellen Schranken
+der Kunst alle ihre Nachahmungen binden, wird auf dergleichen
+Betrachtungen leiten.
+
+Kann der Künstler von der immer veränderlichen Natur nie mehr als
+einen einzigen Augenblick, und der Maler insbesondere diesen einzigen
+Augenblick auch nur aus einem einzigen Gesichtspunkte, brauchen; sind
+aber ihre Werke gemacht, nicht bloß erblickt, sondern betrachtet zu
+werden, lange und wiederholtermaßen betrachtet zu werden: so ist es
+gewiß, daß jener einzige Augenblick und einzige Gesichtspunkt dieses
+einzigen Augenblickes, nicht fruchtbar genug gewählet werden kann.
+Dasjenige aber nur allein ist fruchtbar, was der Einbildungskraft
+freies Spiel läßt. Je mehr wir sehen, desto mehr müssen wir hinzu
+denken können. Je mehr wir darzu denken, desto mehr müssen wir zu
+sehen glauben. In dem ganzen Verfolge eines Affekts ist aber kein
+Augenblick, der diesen Vorteil weniger hat, als die höchste Staffel
+desselben. Über ihr ist weiter nichts, und dem Auge das Äußerste
+zeigen, heißt der Phantasie die Flügel binden, und sie nötigen, da
+sie über den sinnlichen Eindruck nicht hinaus kann, sich unter ihm
+mit schwächern Bildern zu beschäftigen, über die sie die sichtbare
+Fülle des Ausdrucks als ihre Grenze scheuet. Wenn Laokoon also
+seufzet, so kann ihn die Einbildungskraft schreien hören; wenn er
+aber schreiet, so kann sie von dieser Vorstellung weder eine Stufe
+höher, noch eine Stufe tiefer steigen, ohne ihn in einem leidlichern,
+folglich uninteressantern Zustande zu erblicken. Sie hört ihn erst
+ächzen, oder sie sieht ihn schon tot.
+
+Ferner. Erhält dieser einzige Augenblick durch die Kunst eine
+unveränderliche Dauer: so muß er nichts ausdrücken, was sich nicht
+anders als transitorisch denken läßt. Alle Erscheinungen, zu deren
+Wesen wir es nach unsern Begriffen rechnen, daß sie plötzlich
+ausbrechen und plötzlich verschwinden, daß sie das, was sie sind, nur
+einen Augenblick sein können; alle solche Erscheinungen, sie mögen
+angenehm oder schrecklich sein, erhalten durch die Verlängerung der
+Kunst ein so widernatürliches Ansehen, daß mit jeder wiederholten
+Erblickung der Eindruck schwächer wird, und uns endlich vor dem
+ganzen Gegenstande ekelt oder grauet. La Mettrie, der sich als einen
+zweiten Demokrit malen und stechen lassen, lacht nur die ersten Male,
+die man ihn sieht. Betrachtet ihn öftrer, und er wird aus einem
+Philosophen ein Geck; aus seinem Lachen wird ein Grinsen. So auch
+mit dem Schreien. Der heftige Schmerz, welcher das Schreien
+auspresset, läßt entweder bald nach, oder zerstörst das leidende
+Subjekt. Wann also auch der geduldigste standhafteste Mann schreiet,
+so schreiet er doch nicht unabläßlich. Und nur dieses scheinbare
+Unabläßliche in der materiellen Nachahmung der Kunst ist es, was sein
+Schreien zu weibischem Unvermögen, zu kindischer Unleidlichkeit
+machen würde. Dieses wenigstens mußte der Künstler des Laokoons
+vermeiden, hätte schon das Schreien der Schönheit nicht geschadet,
+wäre es auch seiner Kunst schon erlaubt gewesen, Leiden ohne
+Schönheit auszudrücken.
+
+Unter den alten Malern scheinet Timomachus Vorwürfe des äußersten
+Affekts am liebsten gewählet zu haben. Sein rasender Ajax, seine
+Kindermörderin Medea waren berühmte Gemälde. Aber aus den
+Beschreibungen, die wir von ihnen haben, erhellet, daß er jenen Punkt,
+in welchem der Betrachter das Äußerste nicht sowohl erblickt, als
+hinzudenkt, jene Erscheinung, mit der wir den Begriff des
+Transitorischen nicht so notwendig verbinden, daß uns die
+Verlängerung derselben in der Kunst mißfallen sollte, vortrefflich
+verstanden und miteinander zu verbinden gewußt hat. Die Medea hatte
+er nicht in dem Augenblicke genommen, in welchem sie ihre Kinder
+wirklich ermordet; sondern einige Augenblicke zuvor, da die
+mütterliche Liebe noch mit der Eifersucht kämpfet. Wir sehen das
+Ende dieses Kampfes voraus. Wir zittern voraus, nun bald bloß die
+grausame Medea zu erblicken, und unsere Einbildungskraft gehet weit
+über alles hinweg, was uns der Maler in diesem schrecklichen
+Augenblicke zeigen könnte. Aber eben darum beleidiget uns die in der
+Kunst fortdauernde Unentschlossenheit der Medea so wenig, daß wir
+vielmehr wünschen, es wäre in der Natur selbst dabei geblieben, der
+Streit der Leidenschaften hätte sich nie entschieden, oder hätte
+wenigstens so lange angehalten, bis Zeit und Überlegung die Wut
+entkräften und den mütterlichen Empfindungen den Sieg versichern
+können. Auch hat dem Timomachus diese seine Weisheit große und
+häufige Lobsprüche zugezogen, und ihn weit über einen andern
+unbekannten Maler erhoben, der unverständig genug gewesen war, die
+Medea in ihrer höchsten Raserei zu zeigen, und so diesem flüchtig
+überhingehenden Grade der äußersten Raserei eine Dauer zu geben, die
+alle Natur empöret. Der Dichter 1), der ihn desfalls tadelt, sagt
+daher sehr sinnreich, indem er das Bild selbst anredet: "Durstest du
+denn beständig nach dem Blute deiner Kinder? Ist denn immer ein
+neuer Jason, immer eine neue Kreusa da, die dich unaufhörlich
+erbittern?--Zum Henker mit dir auch im Gemälde!" setzt er voller
+Verdruß hinzu.
+
+{1. Philippus (Anthol. lib. IV. cap. 9. ep. 10).
+
+ Aiei gar diyaV brejewn jonon; h tiV Ihswn
+ DeuteroV, h Glaukh tiV pali soi projasiV;
+ Erre kai en khrv paidoktone--}
+
+Von dem rasenden Ajax des Timomachus lÄßt sich aus der Nachricht des
+Philostrats urteilen 2). Ajax erschien nicht, wie er unter den
+Herden wÜtet, und Rinder und BÖcke für Menschen fesselt und mordet.
+Sondern der Meister zeigte ihn, wie er nach diesen wahnwitzigen
+Heldentaten ermattet dasitzt, und den Anschlag fasset, sich selbst
+umzubringen. Und das ist wirklich der rasende Ajax; nicht weil er
+eben itzt raset, sondern weil man siehet, daß er geraset hat; weil
+man die Größe seiner Raserei am lebhaftesten aus der
+verzweiflungsvollen Scham abnimmt, die er nun selbst darüber
+empfindet. Man siehet den Sturm in den Trümmern und Leichen, die er
+an das Land geworfen.
+
+{2. Vita Apoll. lib. II. cap. 22.}
+
+
+
+IV.
+
+
+Ich übersehe die angeführten Ursachen, warum der Meister des Laokoon
+in dem Ausdrucke des körperlichen Schmerzes Maß halten müssen, und
+finde, daß sie allesamt von der eigenen Beschaffenheit der Kunst, und
+von derselben notwendigen Schranken und Bedürfnissen hergenommen sind.
+Schwerlich dürfte sich also wohl irgendeine derselben auf die
+Poesie anwenden lassen.
+
+Ohne hier zu untersuchen, wie weit es dem Dichter gelingen kann,
+körperliche Schönheit zu schildern: so ist so viel unstreitig, daß,
+da das ganze unermeßliche Reich der Vollkommenheit seiner Nachahmung
+offen stehet, diese sichtbare Hülle, unter welcher Vollkommenheit zu
+Schönheit wird, nur eines von den geringsten Mitteln sein kann, durch
+die er uns für seine Personen zu interessieren weiß. Oft
+vernachlässiget er dieses Mittel gänzlich; versichert, daß wenn sein
+Held einmal unsere Gewogenheit gewonnen, uns dessen edlere
+Eigenschaften entweder so beschäftigen, daß wir an die körperliche
+Gestalt gar nicht denken, oder, wenn wir daran denken, uns so
+bestechen, daß wir ihm von selbst wo nicht eine schöne, doch eine
+gleichgültige erteilen. Am wenigsten wird er bei jedem einzeln Zuge,
+der nicht ausdrücklich für das Gesicht bestimmt ist, seine Rücksicht
+dennoch auf diesen Sinn nehmen dürfen. Wenn Virgils Laokoon schreiet,
+wem fällt es dabei ein, daß ein großes Maul zum Schreien nötig ist,
+und daß dieses große Maul häßlich läßt? Genug, daß clamores
+horrendos ad sidera tollit ein erhabner Zug für das Gehör ist, mag er
+doch für das Gesicht sein, was er will. Wer hier ein schönes Bild
+verlangt, auf den hat der Dichter seinen ganzen Eindruck verfehlt.
+
+Nichts nötiget hiernächst den Dichter sein Gemälde in einen einzigen
+Augenblick zu konzentrieren. Er nimmt jede seiner Handlungen, wenn
+er will, bei ihrem Ursprunge auf, und führet sie durch alle mögliche
+Abänderungen bis zu ihrer Endschaft. Jede dieser Abänderungen, die
+dem Künstler ein ganzes besonderes Stück kosten würde, kostet ihm
+einen einzigen Zug; und würde dieser Zug, für sich betrachtet, die
+Einbildung des Zuhörers beleidigen, so war er entweder durch das
+Vorhergehende so vorbereitet, oder wird durch das Folgende so
+gemildert und vergütet, daß er seinen einzeln Eindruck verlieret, und
+in der Verbindung die trefflichste Wirkung von der Welt tut. Wäre es
+also auch wirklich einem Manne unanständig, in der Heftigkeit des
+Schmerzes zu schreien; was kann diese kleine überhingehende
+Unanständigkeit demjenigen bei uns für Nachteil bringen, dessen
+andere Tugenden uns schon für ihn eingenommen haben? Virgils Laokoon
+schreiet, aber dieser schreiende Laokoon ist eben derjenige, den wir
+bereits als den vorsichtigsten Patrioten, als den wärmsten Vater
+kennen und lieben. Wir beziehen sein Schreien nicht auf seinen
+Charakter, sondern lediglich auf sein unerträgliches Leiden. Dieses
+allein hören wir in seinem Schreien; und der Dichter konnte es uns
+durch dieses Schreien allein sinnlich machen.
+
+Wer tadelt ihn also noch? Wer muß nicht vielmehr bekennen: wenn der
+Künstler wohl tat, daß er den Laokoon nicht schreien ließ, so tat der
+Dichter ebenso wohl, daß er ihn schreien ließ?
+
+Aber Virgil ist hier bloß ein erzählender Dichter. Wird in seiner
+Rechtfertigung auch der dramatische Dichter mitbegriffen sein? Einen
+andern Eindruck macht die Erzählung von jemands Geschrei; einen
+andern dieses Geschrei selbst. Das Drama, welches für die lebendige
+Malerei des Schauspielers bestimmt ist, dürfte vielleicht eben
+deswegen sich an die Gesetze der materiellen Malerei strenger halten
+müssen. In ihm glauben wir nicht bloß einen schreienden Philoktet zu
+sehen und zu hören; wir hören und sehen wirklich schreien. Je näher
+der Schauspieler der Natur kömmt, desto empfindlicher müssen unsere
+Augen und Ohren beleidiget werden; denn es ist unwidersprechlich, daß
+sie es in der Natur werden, wenn wir so laute und heftige Äußerungen
+des Schmerzes vernehmen. Zudem ist der körperliche Schmerz überhaupt
+des Mitleidens nicht fähig, welches andere Übel erwecken. Unsere
+Einbildung kann zu wenig in ihm unterscheiden, als daß die bloße
+Erblickung desselben etwas von einem gleichmäßigen Gefühl in uns
+hervorzubringen vermochte. Sophokles könnte daher leicht nicht einen
+bloß willkürlichen, sondern in dem Wesen unserer Empfindungen selbst
+gegründeten Anstand übertreten haben, wenn er den Philoktet und
+Herkules so winseln und weinen, so schreien und brüllen läßt. Die
+Umstehenden können unmöglich so viel Anteil an ihrem Leiden nehmen,
+als diese ungemäßigten Ausbrüche zu erfordern scheinen. Sie werden
+uns Zuschauern vergleichungsweise kalt vorkommen, und dennoch können
+wir ihr Mitleiden nicht wohl anders, als wie das Maß des unsrigen
+betrachten. Hierzu füge man, daß der Schauspieler die Vorstellung
+des körperlichen Schmerzes schwerlich oder gar nicht bis zur Illusion
+treiben kann: und wer weiß, ob die neuern dramatischen Dichter nicht
+eher zu loben, als zu tadeln sind, daß sie diese Klippe entweder ganz
+und gar vermieden, oder doch nur mit einem leichten Kahne umfahren
+haben.
+
+Wie manches würde in der Theorie unwidersprechlich scheinen, wenn es
+dem Genie nicht gelungen wäre, das Widerspiel durch die Tat zu
+erweisen. Alle diese Betrachtungen sind nicht ungegründet, und doch
+bleibet Philoktet eines von den Meisterstücken der Bühne. Denn ein
+Teil derselben trifft den Sophokles nicht eigentlich, und nur indem
+er sich über den andern Teil hinwegsetzet, hat er Schönheiten
+erreicht, von welchen dem furchtsamen Kunstrichter, ohne dieses
+Beispiel, nie träumen würde. Folgende Anmerkungen werden es näher
+zeigen.
+
+1. Wie wunderbar hat der Dichter die Idee des körperlichen Schmerzes
+zu verstärken und zu erweitern gewußt! Er wählte eine Wunde--(denn
+auch die Umstände der Geschichte kann man betrachten, als ob sie von
+seiner Wahl abgehangen hätten, insofern er nämlich die ganze
+Geschichte, eben dieser ihm vorteilhaften Umstände wegen, wählte)--er
+wählte, sage ich, eine Wunde und nicht eine innerliche Krankheit;
+weil sich von jener eine lebhaftere Vorstellung machen läßt, als von
+dieser, wenn sie auch noch so schmerzlich ist. Die innere
+sympathetische Glut, welche den Meleager verzehrte, als ihn seine
+Mutter in dem fatalen Brande ihrer schwesterlichen Wut aufopferte,
+würde daher weniger theatralisch sein, als eine Wunde. Und diese
+Wunde war ein göttliches Strafgericht. Ein mehr als natürliches Gift
+tobte unaufhörlich darin, und nur ein stärkerer Anfall von Schmerzen
+hatte seine gesetzte Zeit, nach welchem jedesmal der Unglückliche in
+einen betäubenden Schlaf verfiel, in welchem sich seine erschöpfte
+Natur erholen mußte, den nämlichen Weg des Leidens wieder antreten zu
+können. Chateaubrun läßt ihn bloß von dem vergifteten Pfeile eines
+Trojaners verwundet sein. Was kann man sich von einem so
+gewöhnlichen Zufalle Außerordentliches versprechen? Ihm war in den
+alten Kriegen ein jeder ausgesetzt; wie kam es, daß er nur bei dem
+Philoktet so schreckliche Folgen hatte? Ein natürliches Gift, das
+neun ganzer Jahre wirket, ohne zu töten, ist noch dazu weit
+unwahrscheinlicher, als alle das fabelhafte Wunderbare, womit es der
+Grieche ausgerüstet hat.
+
+2. So groß und schrecklich er aber auch die körperlichen Schmerzen
+seines Helden machte, so fühlte er es doch sehr wohl, daß sie allein
+nicht hinreichend wären, einen merklichen Grad des Mitleids zu
+erregen. Er verband sie daher mit andern Übeln, die gleichfalls für
+sich betrachtet nicht besonders rühren konnten, die aber durch diese
+Verbindung einen ebenso melancholischen Anstrich erhielten, als sie
+den körperlichen Schmerzen hinwiederum mitteilten. Diese Übel waren,
+völlige Beraubung der menschlichen Gesellschaft, Hunger und alle
+Unbequemlichkeiten des Lebens, welchem man unter einem rauhen Himmel
+in jener Beraubung ausgesetzet ist 1). Man denke sich einen Menschen
+in diesen Umständen, man gebe ihm aber Gesundheit, und Kräfte, und
+Industrie, und es ist ein Robinson Crusoe, der auf unser Mitleid
+wenig Anspruch macht, ob uns gleich sein Schicksal sonst gar nicht
+gleichgültig ist. Denn wir sind selten mit der menschlichen
+Gesellschaft so zufrieden, daß uns die Ruhe, die wir außer derselben
+genießen, nicht sehr reizend dünken sollte, besonders unter der
+Vorstellung, welche jedes Individuum schmeichelt, daß es fremden
+Beistandes nach und nach kann entbehren lernen. Auf der andern Seite
+gebe man einem Menschen die schmerzlichste unheilbarste Krankheit,
+aber man denke ihn zugleich von gefälligen Freunden umgeben, die ihn
+an nichts Mangel leiden lassen, die sein Übel, soviel in ihren
+Kräften stehet, erleichtern, gegen die er unverhohlen klagen und
+jammern darf: unstreitig werden wir Mitleid mit ihm haben, aber
+dieses Mitleid dauert nicht in die Länge, endlich zucken wir die
+Achsel und verweisen ihn zur Geduld. Nur wenn beide Fälle
+zusammenkommen, wenn der Einsame auch seines Körpers nicht mächtig
+ist, wenn dem Kranken ebensowenig jemand anders hilft, als er sich
+selbst helfen kann, und seine Klagen in der öden Luft verfliegen:
+alsdann sehen wir alles Elend, was die menschliche Natur treffen kann,
+über den Unglücklichen zusammenschlagen, und jeder flüchtige Gedanke,
+mit dem wir uns an seiner Stelle denken, erreget Schaudern und
+Entsetzen. Wir erblicken nichts als die Verzweiflung in ihrer
+schrecklichsten Gestalt vor uns, und kein Mitleid ist stärker, keines
+zerschmelzet mehr die ganze Seele, als das, welches sich mit
+Vorstellungen der Verzweiflung mischet. Von dieser Art ist das
+Mitleid, welches wir für den Philoktet empfinden, und in dem
+Augenblicke am stärksten empfinden, wenn wir ihn auch seines Bogens
+beraubt sehen, des einzigen, was ihm sein kümmerliches Leben erhalten
+mußte.--O des Franzosen, der keinen Verstand, dieses zu überlegen,
+kein Herz, dieses zu fühlen, gehabt hat! Oder wann er es gehabt hat,
+der klein genug war, dem armseligen Geschmacke seiner Nation alles
+dieses aufzuopfern. Chateaubrun gibt dem Philoktet Gesellschaft. Er
+läßt eine Prinzessin Tochter zu ihm in die wüste Insel kommen. Und
+auch diese ist nicht allein, sondern hat ihre Hofmeisterin bei sich;
+ein Ding, von dem ich nicht weiß, ob es die Prinzessin oder der
+Dichter nötiger gebraucht hat. Das ganze vortreffliche Spiel mit dem
+Bogen hat er weggelassen. Dafür läßt er schöne Augen spielen.
+Freilich würden Pfeil und Bogen der französischen Heldenjugend sehr
+lustig vorgekommen sein. Nichts hingegen ist ernsthafter als der
+Zorn schöner Augen. Der Grieche martert uns mit der greulichen
+Besorgung, der arme Philoktet werde ohne seinen Bogen auf der wüsten
+Insel bleiben und elendiglich umkommen müssen. Der Franzose weiß
+einen gewissern Weg zu unserm Herzen: er läßt uns fürchten, der Sohn
+des Achilles werde ohne seine Prinzessin abziehen müssen. Dieses
+hießen denn auch die Pariser Kunstrichter, über die Alten
+triumphieren, und einer schlug vor, das Chateaubrunsche Stück la
+difficulté vaincue zu benennen 2).
+
+{1. Wenn der Chor das Elend des Philoktet in dieser Verbindung
+betrachtet, so scheinet ihn die hilflose Einsamkeit desselben ganz
+besonders zu rühren. In jedem Worte hören wir den geselligen
+Griechen. Über eine von den hierher gehörigen Stellen habe ich
+indes meinen Zweifel. Sie ist die (v. 201-205):
+
+ In' autoV hn prosouroV, ouk ecwn basin,
+ Oude tin' egcwrwn,
+ Kakogeitona par' v stonon antitupon
+ Barubrvt' apoklau-
+ seien aimathron.
+
+
+Die gemeine Winshemsche Übersetzung gibt dieses so:
+
+ Ventis expositus et pedibus captus
+ Nullum cohabitatorem
+ Nec vicinum ullum saltem malum habens, apud quem gemitum mutuum
+ Gravemque ac cruentum
+ Ederet.
+
+
+Hiervon weicht die interpolierte Übersetzung des Th. Johnson nur in
+den Worten ab:
+
+ Ubi ipse ventis erat expositus, firmum gradum non habens,
+ Nec quenquam indigenarum,
+ Nec malum vicinum, apud quem ploraret
+ Vehementer edacem
+ Sanguineum morbum, mutuo gemitu.
+
+
+Man sollte glauben, er habe diese verÄnderten Worte aus der
+gebundenen Übersetzung des Thomas Naogeorgus entlehnet. Denn dieser
+(sein Werk ist sehr selten, und Fabricius selbst hat es nur aus dem
+Oporinschen Bücherverzeichnisse gekannt) drückt sich so aus:
+
+ --ubi expositus fuit
+ Ventis ipse, gradum firmum haud habens,
+ Nec quenquam indigenam, nec vel malum
+ Vicinum, ploraret apud quem
+ Vehementer edacem atque cruentum
+ Morbum mutuo.
+
+
+Wenn diese Übersetzungen ihre Richtigkeit haben, so sagt der Chor das
+StÄrkste, was man nur immer zum Lobe der menschlichen Gesellschaft
+sagen kann: Der Elende hat keinen Menschen um sich; er weiß von
+keinem freundlichen Nachbar; zu glücklich, wenn er auch nur einen
+bÖsen Nachbar hätte! Thomson würde sodann diese Stelle vielleicht
+vor Augen gehabt haben, wenn er den gleichfalls in eine wüste Insel
+von Bösewichtern ausgesetzten Melisander sagen läßt:
+
+ Cast on the wildest of the Cyclad isles,
+ Where never human foot had marked the shore,
+ These ruffians left me--yet beliefe me, Arcas,
+ Such is the rooted love we bear mankind,
+ All ruffians as they were, I never heard
+ A sound so dismal as their parting oars.
+
+
+Auch ihm wÄre die Gesellschaft von BÖsewichtern lieber gewesen, als
+gar keine. Ein großer vortrefflicher Sinn! Wenn es nur gewiß wäre,
+daß Sophokles auch wirklich so etwas gesagt hätte. Aber ich muß
+ungern bekennen, daß ich nichts dergleichen bei ihm finde; es wäre
+denn, daß ich lieber mit den Augen des alten Scholiasten, als mit
+meinen eigenen sehen wollte, welcher die Worte des Dichters so
+umschreibt: Ou monon opou kalon ouk eice tina tvn egcwriwn geitona,
+alla oude kakon, par' ou amoibaion logon stenazwn akouseie. Wie
+dieser Auslegung die angefÜhrten Übersetzer gefolgt sind, so hat sich
+auch ebensowohl Brumoy, als unser neuer deutscher Übersetzer daran
+gehalten. Jener sagt, sans société, même importune: und dieser
+"jeder Gesellschaft, auch der beschwerlichsten beraubet". Meine
+Gründe, warum ich von ihnen allen abgehen muß, sind diese. Erstlich
+ist es offenbar, daß wenn kakogeitona von tin' egcwrwn getrennt
+werden, und ein besonders Glied ausmachen sollte, die Partikel oude
+vor kakogeitona notwendig wiederholt sein müßte. Da sie es aber
+nicht ist, so ist es ebenso offenbar, daß kakogeitona zu tina gehöret,
+und das Komma nach egcwrwn wegfallen muß. Dieses Komma hat sich aus
+der Übersetzung eingeschlichen, wie ich denn wirklich finde, daß es
+einige ganz griechische Ausgaben (z. E. die wittenbergische von 1585
+in Oktav, welche dem Fabricius völlig unbekannt geblieben) auch gar
+nicht haben, und es erst, wie gehörig, nach kakogeitona setzen.
+Zweitens ist das wohl ein böser Nachbar, von dem wir uns stonon
+antitupon, amoibaion, wie es der Scholiast erklärt, versprechen
+können? Wechselsweise mit uns seufzen, ist die Eigenschaft eines
+Freundes, nicht aber eines Feindes. Kurz also: man hat das Wort
+kakogeitona unrecht verstanden; man hat angenommen, daß es aus dem
+Adjectivo kakoV zusammengesetzt sei, und es ist aus dem Substantivo
+to kakon zusammengesetzt; man hat es durch einen bösen Nachbar
+erklärt, und hätte es durch einen Nachbar des Bösen erklären sollen.
+So wie kakomantiV nicht einen bösen, das ist falschen, unwahren
+Propheten, sondern einen Propheten des Bösen, kakotecnoV nicht einen
+bösen, ungeschickten Künstler, sondern einen Künstler im Bösen
+bedeuten. Unter einem Nachbar des Bösen versteht der Dichter aber
+denjenigen, welcher entweder mit gleichen Unfällen, als wir, behaftet
+ist, oder aus Freundschaft an unsern Unfällen Anteil nimmt; so daß
+die ganzen Worte oud' ecwn tin' egcwrwn kakogeitona bloß durch neque
+quenquam indigenarum mali socium habens zu übersetzen sind. Der neue
+englische Übersetzer des Sophokles, Thomas Franklin, kann nicht
+anders als meiner Meinung gewesen sein, indem er den bösen Nachbar in
+kakogeitwn auch nicht findet, sondern es bloß durch fellow-mourner
+übersetzt:
+
+ Expos'd to the inclement skies,
+ Deserted and forlorn he lyes,
+ No friend nor fellow-mourner there,
+ To sooth his sorrow, and divide his care.}
+
+{2. Mercure de France, Avril 1755. p. 177.}
+
+
+
+3. Nach der Wirkung des Ganzen betrachte man die einzelnen Szenen, in
+welchen Philoktet nicht mehr der verlassene Kranke ist; wo er
+Hoffnung hat, nun bald die trostlose EinÖde zu verlassen und wieder
+in sein Reich zu gelangen; wo sich also sein ganzes UnglÜck auf die
+schmerzliche Wunde einschrÄnkt. Er wimmert, er schreiet, er bekommt
+die gräßlichsten Zuckungen. Hierwider gehet eigentlich der Einwurf
+des beleidigten Anstandes. Es ist ein Engländer, welcher diesen
+Einwurf macht; ein Mann also, bei welchem man nicht leicht eine
+falsche Delikatesse argwöhnen darf. Wie schon berührt, so gibt er
+ihm auch einen sehr guten Grund. Alle Empfindungen und
+Leidenschaften, sagt er, mit welchen andere nur sehr wenig
+sympathisieren können, werden anstößig, wenn man sie zu heftig
+ausdrückt 1). "Aus diesem Grunde ist nichts unanständiger, und einem
+Manne unwürdiger, als wenn er den Schmerz, auch den allerheftigsten,
+nicht mit Geduld ertragen kann, sondern weinet und schreiet. Zwar
+gibt es eine Sympathie mit dem körperlichen Schmerze. Wenn wir sehen,
+daß jemand einen Schlag auf den Arm oder das Schienbein bekommen
+soll, so fahren wir natürlicherweise zusammen, und ziehen unsern
+eigenen Arm, oder Schienbein, zurück; und wenn der Schlag wirklich
+geschieht, so empfinden wir ihn gewissermaßen ebensowohl, als der,
+den er getroffen. Gleichwohl aber ist es gewiß, daß das Übel,
+welches wir fühlen, gar nicht beträchtlich ist; wenn der Geschlagene
+daher ein heftiges Geschrei erregt, so ermangeln wir nicht ihn zu
+verachten, weil wir in der Verfassung nicht sind, ebenso heftig
+schreien zu können, als er."--Nichts ist betrüglicher, als allgemeine
+Gesetze für unsere Empfindungen. Ihr Gewebe ist so fein und
+verwickelt, daß es auch der behutsamsten Spekulation kaum möglich ist,
+einen einzeln Faden rein aufzufassen und durch alle Kreuzfäden zu
+verfolgen. Gelingt es ihr aber auch schon, was für Nutzen hat es?
+Es gibt in der Natur keine einzelne reine Empfindung; mit einer jeden
+entstehen tausend andere zugleich, deren geringste die
+Grundempfindung gänzlich verändert, so daß Ausnahmen über Ausnahmen
+erwachsen, die das vermeintlich allgemeine Gesetz endlich selbst auf
+eine bloße Erfahrung in wenig einzeln Fällen einschränken.--Wir
+verachten denjenigen, sagt der Engländer, den wir unter körperlichen
+Schmerzen heftig schreien hören. Aber nicht immer: nicht zum ersten
+Male; nicht, wenn wir sehen, daß der Leidende alles mögliche anwendet,
+seinen Schmerz zu verbeißen; nicht, wenn wir ihn sonst als einen
+Mann von Standhaftigkeit kennen; noch weniger, wenn wir ihn selbst
+unter dem Leiden Proben von seiner Standhaftigkeit ablegen sehen,
+wenn wir sehen, daß ihn der Schmerz zwar zum Schreien, aber auch zu
+weiter nichts zwingen kann, daß er sich lieber der längern Fortdauer
+dieses Schmerzes unterwirft, als das geringste in seiner Denkungsart,
+in seinen Entschlüssen ändert, ob er schon in dieser Veränderung die
+gänzliche Endschaft seines Schmerzes hoffen darf. Das alles findet
+sich bei dem Philoktet. Die moralische Größe bestand bei den alten
+Griechen in einer ebenso unveränderlichen Liebe gegen seine Freunde,
+als unwandelbarem Hasse gegen seine Feinde. Diese Größe behält
+Philoktet bei allen seinen Martern. Sein Schmerz hat seine Augen
+nicht so vertrocknet, daß sie ihm keine Tränen über das Schicksal
+seiner alten Freunde gewähren könnten. Sein Schmerz hat ihn so mürbe
+nicht gemacht, daß er, um ihn los zu werden, seinen Feinden vergeben,
+und sich gern zu allen ihren eigennützigen Absichten brauchen lassen
+möchte. Und diesen Felsen von einem Manne hätten die Athenienser
+verachten sollen, weil die Wellen, die ihn nicht erschüttern können,
+ihn wenigstens ertönen machen?--Ich bekenne, daß ich an der
+Philosophie des Cicero überhaupt wenig Geschmack finde; am
+allerwenigsten aber an der, die er in dem zweiten Buche seiner
+tuskulanischen Fragen über die Erduldung des körperlichen Schmerzes
+auskramet. Man sollte glauben, er wolle einen Gladiator abrichten,
+so sehr eifert er wider den äußerlichen Ausdruck des Schmerzes. In
+diesem scheinet er allein die Ungeduld zu finden, ohne zu überlegen,
+daß er oft nichts weniger als freiwillig ist, die wahre Tapferkeit
+aber sich nur in freiwilligen Handlungen zeigen kann. Er hört bei
+dem Sophokles den Philoktet nur klagen und schreien, und übersieht
+sein übriges standhaftes Betragen gänzlich. Wo hätte er auch sonst
+die Gelegenheit zu seinem rhetorischen Ausfalle wider die Dichter
+hergenommen? "Sie sollen uns weichlich machen, weil sie die
+tapfersten Männer klagend einführen." Sie müssen sie klagen lassen;
+denn ein Theater ist keine Arena. Dem verdammten oder feilen Fechter
+kam es zu, alles mit Anstand zu tun und zu leiden. Von ihm mußte
+kein kläglicher Laut gehöret, keine schmerzliche Zuckung erblickt
+werden. Denn da seine Wunden, sein Tod die Zuschauer ergötzen
+sollten: so mußte die Kunst alles Gefühl verbergen lehren. Die
+geringste Äußerung desselben hätte Mitleiden erweckt, und öfters
+erregtes Mitleiden würde diesen frostig grausamen Schauspielen bald
+ein Ende gemacht haben. Was aber hier nicht erregt werden sollte,
+ist die einzige Absicht der tragischen Bühne, und fodert daher ein
+gerade entgegengesetztes Betragen. Ihre Helden müssen Gefühl zeigen,
+müssen ihre Schmerzen äußern, und die bloße Natur in sich wirken
+lassen. Verraten sie Abrichtung und Zwang, so lassen sie unser Herz
+kalt, und Klopffechter im Kothurne können höchstens nur bewundert
+werden. Diese Benennung verdienen alle Personen der sogenannten
+Senecaschen Tragödien, und ich bin der festen Meinung, daß die
+gladiatorischen Spiele die vornehmste Ursache gewesen, warum die
+Römer in dem Tragischen noch so weit unter dem Mittelmäßigen
+geblieben sind. Die Zuschauer lernten in dem blutigen Amphitheater
+alle Natur verkennen, wo allenfalls ein Ktesias seine Kunst studieren
+konnte, aber nimmermehr ein Sophokles. Das tragischste Genie, an
+diese künstliche Todesszenen gewöhnet, mußte auf Bombast und
+Rodomontaden verfallen. Aber so wenig als solche Rodomontaden wahren
+Heldenmut einflößen können, ebensowenig können Philoktetische Klagen
+weichlich machen. Die Klagen sind eines Menschen, aber die
+Handlungen eines Helden. Beide machen den menschlichen Helden, der
+weder weichlich noch verhärtet ist, sondern bald dieses bald jenes
+scheinet, so wie ihn itzt Natur, itzt Grundsätze und Pflicht
+verlangen. Er ist das Höchste, was die Weisheit hervorbringen, und
+die Kunst nachahmen kann.
+
+{1. The theory of moral sentiments, by Adam Smith. Part. I. sect. 2.
+chap. 1. p. 41. (London 1761.)}
+
+4. Nicht genug, daß Sophokles seinen empfindlichen Philoktet vor der
+Verachtung gesichert hat; er hat auch allem andern weislich
+vorgebauet, was man sonst aus der Anmerkung des Engländers wider ihn
+erinnern könnte. Denn verachten wir schon denjenigen nicht immer,
+der bei körperlichen Schmerzen schreiet, so ist doch dieses
+unwidersprechlich, daß wir nicht so viel Mitleiden für ihn empfinden,
+als dieses Geschrei zu erfordern scheinet. Wie sollen sich also
+diejenigen verhalten, die mit dem schreienden Philoktet zu tun haben?
+Sollen sie sich in einem hohen Grade gerührt stellen? Es ist wider
+die Natur. Sollen sie sich so kalt und verlegen bezeigen, als man
+wirklich bei dergleichen Fälle zu sein pflegt? Das würde die
+widrigste Dissonanz für den Zuschauer hervorbringen. Aber, wie
+gesagt, auch diesem hat Sophokles vorgebauet. Dadurch nämlich, daß
+die Nebenpersonen ihr eigenes Interesse haben; daß der Eindruck,
+welchen das Schreien des Philoktet auf sie macht, nicht das einzige
+ist, was sie beschäftiget, und der Zuschauer daher nicht sowohl auf
+die Disproportion ihres Mitleids mit diesem Geschrei, als vielmehr
+auf die Veränderung achtgibt, die in ihren eigenen Gesinnungen und
+Anschlägen durch das Mitleid, sei es so schwach oder so stark es will,
+entstehet, oder entstehen sollte. Neoptolem und der Chor haben den
+unglücklichen Philoktet hintergangen; sie erkennen, in welche
+Verzweiflung ihn ihr Betrug stürzen werde; nun bekommt er seinen
+schrecklichen Zufall vor ihren Augen; kann dieser Zufall keine
+merkliche sympathetische Empfindung in ihnen erregen, so kann er sie
+doch antreiben, in sich zu gehen, gegen so viel Elend Achtung zu
+haben, und es durch Verräterei nicht häufen zu wollen. Dieses
+erwartet der Zuschauer, und seine Erwartung findet sich von dem
+edelmütigen Neoptolem nicht getäuscht. Philoktet, seiner Schmerzen
+Meister, würde den Neoptolem bei seiner Verstellung erhalten haben.
+Philoktet, den sein Schmerz aller Verstellung unfähig macht, so
+höchst nötig sie ihm auch scheinet, damit seinen künftigen
+Reisegefährten das Versprechen, ihn mit sich zu nehmen, nicht zu bald
+gereue; Philoktet, der ganz Natur ist, bringt auch den Neoptolem zu
+seiner Natur wieder zurück. Diese Umkehr ist vortrefflich, und um so
+viel rührender, da sie von der bloßen Menschlichkeit bewirket wird.
+Bei dem Franzosen haben wiederum die schönen Augen ihren Teil daran
+2). Doch ich will an diese Parodie nicht mehr denken.--Des nämlichen
+Kunstgriffs, mit dem Mitleiden, welches das Geschrei über körperliche
+Schmerzen hervorbringen sollte, in den Umstehenden einen andern
+Affekt zu verbinden, hat sich Sophokles auch in den "Trachinerinnen"
+bedient. Der Schmerz des Herkules ist kein ermattender Schmerz; er
+treibt ihn bis zur Raserei, in der er nach nichts als nach Rache
+schnaubet. Schon hatte er in dieser Wut den Lichas ergriffen, und an
+dem Felsen zerschmettert. Der Chor ist weiblich; um so viel
+natürlicher muß sich Furcht und Entsetzen seiner bemeistern. Dieses,
+und die Erwartung, ob noch ein Gott dem Herkules zu Hilfe eilen, oder
+Herkules unter diesem Übel erliegen werde, macht hier das eigentliche
+allgemeine Interesse, welches von dem Mitleiden nur eine geringe
+Schattierung erhält. Sobald der Ausgang durch die Zusammenhaltung
+der Orakel entschieden ist, wird Herkules ruhig, und die Bewunderung
+über seinen letzten Entschluß tritt an die Stelle aller andern
+Empfindungen. Überhaupt aber muß man bei der Vergleichung des
+leidenden Herkules mit dem leidenden Philoktet nicht vergessen, daß
+jener ein Halbgott, und dieser nur ein Mensch ist. Der Mensch schämt
+sich seiner Klagen nie; aber der Halbgott schämt sich, daß sein
+sterblicher Teil über den unsterblichen so viel vermocht habe, daß er
+wie ein Mädchen weinen und winseln müssen 3). Wir Neuern glauben
+keine Halbgötter, aber der geringste Held soll bei uns wie ein
+Halbgott empfinden, und handeln.
+
+{2. Act. Il. Sc. III. De mes déguisements que penserait Sophie?
+sagt der Sohn des Achilles.}
+
+{3. Trach. v. 1088. 1089.
+
+ --ostiV wste parJenoV
+ Bebruca kleiwn--}
+
+
+Ob der Schauspieler das Geschrei und die Verzuckungen des Schmerzes
+bis zur Illusion bringen kÖnne, will ich weder zu verneinen noch zu
+bejahen wagen. Wenn ich fÄnde, daß es unsere Schauspieler nicht
+könnten, so mÜßte ich erst wissen, ob es auch ein Garrick nicht
+vermögend wäre: und wenn es auch diesem nicht gelänge, so würde ich
+mir noch immer die Skävopöie und Deklamation der Alten in einer
+Vollkommenheit denken dürfen, von der wir heutzutage gar keinen
+Begriff haben.
+
+
+
+V.
+
+
+Es gibt Kenner des Altertums, welche die Gruppe Laokoon zwar für ein
+Werk griechischer Meister, aber aus der Zeit der Kaiser halten, weil
+sie glauben, daß der Virgilische Laokoon dabei zum Vorbilde gedienet
+habe. Ich will von den ältern Gelehrten, die dieser Meinung gewesen
+sind, nur den Bartholomäus Marliani 1), und von den neuern den
+Montfaucon 2) nennen. Sie fanden ohne Zweifel zwischen dem
+Kunstwerke und der Beschreibung des Dichters eine so besondere
+Übereinstimmung, daß es ihnen unmöglich dünkte, daß beide von
+ohngefähr auf einerlei Umstände sollten gefallen sein, die sich
+nichts weniger, als von selbst darbieten. Dabei setzten sie voraus,
+daß wenn es auf die Ehre der Erfindung und des ersten Gedankens
+ankomme, die Wahrscheinlichkeit für den Dichter ungleich größer sei,
+als für den Künstler.
+
+{1. Topographiae Urbis Romae libr. IV. cap. 14. Et quanquam hi
+(Agesander et Polydorus et Athenodorus Rhodii) ex Virgilii
+descriptione statuam hanc formavisse videntur etc.}
+
+{2. Suppl. aux Ant. Expliq. T. I. p. 242. Il semble qu'Agésandre,
+Polydore et Athénodore, qui en furent les ouvriers, aient travaillé
+comme à l'envie, pour laisser un monument, qui répondait à
+l'incomparable description qu'a fait Virgile de Laocoon etc.}
+
+Nur scheinen sie vergessen zu haben, daß ein dritter Fall möglich sei.
+Denn vielleicht hat der Dichter ebensowenig den Künstler, als der
+Künstler den Dichter nachgeahmt, sondern beide haben aus einerlei
+älteren Quelle geschöpft. Nach dem Macrobius würde Pisander diese
+ältere Quelle sein können 3). Denn als die Werke dieses griechischen
+Dichters noch vorhanden waren, war es schulkundig, pueris decantatum,
+daß der Römer die ganze Eroberung und Zerstörung Iliums, sein ganzes
+zweites Buch, aus ihm nicht sowohl nachgeahmt, als treulich übersetzt
+habe. Wäre nun also Pisander auch in der Geschichte des Laokoon
+Virgils Vorgänger gewesen, so brauchten die griechischen Künstler
+ihre Anleitung nicht aus einem lateinischen Dichter zu holen, und die
+Mutmaßung von ihrem Zeitalter gründet sich auf nichts.
+
+{3. Saturnal. lib. V. cap. 2. Quae Virgilius traxit a Graecis,
+dicturumne me putetis quae vulgo nota sunt? quod Theocritum sibi
+fecerit pastoralis operis autorem, ruralis Hesiodum? et quod in ipsis
+Georgicis tempestatis serenitatisque signa de Arati Phaenomenis
+traxerit? vel quod eversionem Trojae, cum Sinone suo, et equo ligneo,
+ceterisque omnibus, quae librum secundum faciunt, a Pisandro paene ad
+verbum transcripserit? qui inter Graecos poetas eminet opere, quod a
+nuptiis Jovis et Junonis incipiens universas historias, quae mediis
+omnibus sacculis usque ad aetatem ipsius Pisandri contigerunt, in
+unam seriem coactas redegerit, et unum ex diversis hiatibus temporum
+corpus effecerit? in quo opere inter historias ceteras interitus
+quoque Trojae in hunc modum relatus est. Quae fideliter Maro
+interpretando, fabricatus est sibi Iliacae urbis ruinam. Sed et haec
+et talia ut pueris decantata praetereo.}
+
+Indes wenn ich notwendig die Meinung des Marliani und Montfaucon
+behaupten müßte, so würde ich ihnen folgende Ausflucht leihen.
+Pisanders Gedichte sind verloren; wie die Geschichte des Laokoon von
+ihm erzählet worden, läßt sich mit Gewißheit nicht sagen; es ist aber
+wahrscheinlich, daß es mit eben den Umständen geschehen sei, von
+welchen wir noch itzt bei griechischen Schriftstellern Spuren finden.
+Nun kommen aber diese mit der Erzählung des Virgils im geringsten
+nicht überein, sondern der römische Dichter muß die griechische
+Tradition völlig nach seinem Gutdünken umgeschmolzen haben. Wie er
+das Unglück des Laokoon erzählet, so ist es seine eigene Erfindung;
+folglich, wenn die Künstler in ihrer Vorstellung mit ihm harmonieren,
+so können sie nicht wohl anders als nach seiner Zeit gelebt, und nach
+seinem Vorbilde gearbeitet haben.
+
+Quintus Calaber läßt zwar den Laokoon einen gleichen Verdacht, wie
+Virgil, wider das hölzerne Pferd bezeigen; allein der Zorn der
+Minerva, welchen sich dieser dadurch zuziehet, äußert sich bei ihm
+ganz anders. Die Erde erbebt unter dem warnenden Trojaner; Schrecken
+und Angst überfallen ihn; ein brennender Schmerz tobet in seinen
+Augen; sein Gehirn leidet; er raset; er verblindet. Erst, da er
+blind noch nicht aufhört, die Verbrennung des hölzernen Pferdes
+anzuraten, sendet Minerva zwei schreckliche Drachen, die aber bloß
+die Kinder des Laokoon ergreifen. Umsonst strecken diese die Hände
+nach ihrem Vater aus; der arme blinde Mann kann ihnen nicht helfen;
+sie werden zerfleischt, und die Schlangen schlupfen in die Erde. Dem
+Laokoon selbst geschieht von ihnen nichts; und daß dieser Umstand dem
+Quintus 4) nicht eigen, sondern vielmehr allgemein angenommen müsse
+gewesen sein, bezeiget eine Stelle des Lykophron, wo diese Schlangen
+5) das Beiwort der Kinderfresser führen.
+
+{4. Paralip. lib. XII. v. 398-408 et v. 439-474.}
+
+{5. Oder vielmehr Schlange: denn Lykophron scheinet nur eine
+angenommen zu haben:
+
+Kai paidobrvtoV porkewV nhsouV diplaV.}
+
+War er aber, dieser Umstand, bei den Griechen allgemein angenommen,
+so würden sich griechische Künstler schwerlich erkühnt haben, von ihm
+abzuweichen, und schwerlich würde es sich getroffen haben, daß sie
+auf eben die Art wie ein römischer Dichter abgewichen wären, wenn sie
+diesen Dichter nicht gekannt hätten, wenn sie vielleicht nicht den
+ausdrücklichen Auftrag gehabt hätten, nach ihm zu arbeiten. Auf
+diesem Punkte, meine ich, müßte man bestehen, wenn man den Marliani
+und Montfaucon verteidigen wollte. Virgil ist der erste und einzige
+6), welcher sowohl Vater als Kinder von den Schlangen umbringen läßt;
+die Bildhauer tun dieses gleichfalls, da sie es doch als Griechen
+nicht hätten tun sollen: also ist es wahrscheinlich, daß sie es auf
+Veranlassung des Virgils getan haben.
+
+{6. Ich erinnere mich, daß man das Gemälde hierwider anführen könnte,
+welches Eumolp bei dem Petron auslegt. Es stellte die Zerstörung von
+Troja, und besonders die Geschichte des Laokoon, vollkommen so vor,
+als sie Virgil erzählet; und da in der nämlichen Galerie zu Neapel,
+in der es stand, andere alte Gemälde vom Zeuxis, Protogenes, Apelles
+waren, so ließe sich vermuten, daß es gleichfalls ein altes
+griechisches Gemälde gewesen sei. Allein man erlaube mir, einen
+Romandichter für keinen Historikus halten zu dürfen. Diese Galerie,
+und dieses Gemälde, und dieser Eumolp haben, allem Ansehen nach,
+nirgends als in der Phantasie des Petrons existieret. Nichts verrät
+ihre gänzliche Erdichtung deutlicher, als die offenbaren Spuren einer
+beinahe schülermäßigen Nachahmung der Virgilischen Beschreibung. Es
+wird sich der Mühe verlohnen, die Vergleichung anzustellen. So
+Virgil: (Aeneid. lib. II. 199-224.)
+
+ Hic aliud majus miseris multoque tremendum
+ Objicitur magis, atque improvida pectora turbat.
+ Laocoon, ductus Neptuno sorte sacerdos,
+ Solemnis taurum ingentem mactabat ad aras.
+ Ecce autem gemini a Tenedo tranquilla per alta
+ (Horresco referens) immensis orbibus angues
+ Incumbunt pelago, pariterque ad litora tendunt:
+ Pectora quorum inter fluctus arrecta, jubaeque
+ Sanguineae exsuperant undas: pars cetera pontum
+ Pone legit, sinuatque immensa volumine terga.
+ Fit sonitus spumante salo: jamque arva tenebant,
+ Ardentesque oculos suffecti sanguine et igni
+ Sibila lambebant linguis vibrantibus ora.
+ Diffugimus visu exsangues. Illi agmine certo
+ Laocoonta petunt, et primum parva duorum
+ Corpora natorum serpens amplexus uterque
+ Implicat, et miseros morsu depascitur artus.
+ Post ipsum, auxilio subeuntem ac tela ferentem,
+ Corripiunt, spirisque ligant ingentibus: et jam
+ Bis medium amplexi, bis collo squamea circum
+ Terga dati, superant capite et cervicibus altis.
+ Ille simul manibus tendit divellere nodos,
+ Perfusus sanie vittas atroque veneno:
+ Clamores simul horrendos ad sidera tollit.
+ Quales mugitus, fugit cum saucius aram
+ Taurus et incertam excussit cervice securim.
+
+
+Und so Eumolp, (von dem man sagen kÖnnte, daß es ihm wie allen Poeten
+aus dem Stegreife ergangen sei: ihr GedÄchtnis hat immer an ihren
+Versen ebensoviel Anteil, als ihre Einbildung):
+
+ Ecce alia monstra. Celsa qua Tenedos mare
+ Dorso repellit, tumida consurgunt freta,
+ Undaque resultat scissa tranquillo minor.
+ Qualis silenti nocte remorum sonus.
+ Longe refertur, cum premunt classes mare,
+ Pulsumque marmor abiete imposita gemit.
+ Respicimus, angues orbibus geminis ferunt
+ Ad saxa fluctus: tumida quorum pectora
+ Rates ut altae, lateribus spumas agunt:
+ Dant caudae sonitum; liberae ponto jubae
+ Coruscant luminibus, fulmineum jubar
+ Incendit aequor, sibilisque undae tremunt.
+ Stupuere mentes. Infulis stabant sacri
+ Phrygioque cultu gemina nati pignora
+ Laocoonte, quos repente tergoribus ligant
+ Angues corusci: parvulas illi manus
+ Ad ora referunt: neuter auxilio sibi
+ Uterque fratri transtulit pias vices,
+ Morsque ipsa miseros mutuo perdit metu.
+ Accumulat ecce liberûm funus parens,
+ Infirmus auxiliator; invadunt virum
+ Jam morte pasti, membraque ad terram trahunt.
+ Jacet sacerdos inter aras victima.
+
+
+Die HauptzÜge sind in beiden Stellen eben dieselben, und
+verschiedenes ist mit den nÄmlichen Worten ausgedrückt. Doch das
+sind Kleinigkeiten, die von selbst in die Augen fallen. Es gibt
+andere Kennzeichen der Nachahmung, die feiner, aber nicht weniger
+sicher sind. Ist der Nachahmer ein Mann, der sich etwas zutrauet, so
+ahmet er selten nach, ohne verschÖnern zu wollen; und wenn ihm dieses
+Verschönern, nach seiner Meinung, geglückt ist, so ist er Fuchs genug,
+seine Fußtapfen, die den Weg, welchen er hergekommen, verraten
+würden, mit dem Schwanze zuzukehren. Aber eben diese eitle Begierde
+zu verschönern, und diese Behutsamkeit Original zu scheinen, entdeckt
+ihn. Denn sein Verschönern ist nichts als Übertreibung und
+unnatürliches Raffinieren. Virgil sagt, sanguineae jubae: Petron,
+liberae jubae luminibus coruscant. Virgil, ardentes oculos suffecti
+sanguine er igni: Petron, fulmineum jubar incendit aequor. Virgil,
+fit sonitus spumante salo: Petron, sibilis undae tremunt. So geht
+der Nachahmer immer aus dem Großen ins Ungeheuere; aus dem
+Wunderbaren ins Unmögliche. Die von den Schlangen umwundenen Knaben
+sind dem Virgil ein Parergon, das er mit wenigen bedeutenden Strichen
+hinsetzt, in welchen man nichts als ihr Unvermögen und ihren Jammer
+erkennet. Petron malt dieses Nebenwerk aus, und macht aus den Knaben
+ein Paar heldenmütige Seelen,
+
+ --neuter auxilio sibi,
+ Uterque fratri transtulit pias vices,
+ Morsque ipsa miseros mutuo perdit metu.
+
+
+Wer erwartet von Menschen, von Kindern, diese Selbstverleugnung? Wie
+viel besser kannte der Grieche die Natur, (Quintus Calaber lib. XII.
+v. 459-461.) welcher, bei Erscheinung der schrecklichen Schlangen,
+sogar die MÜtter ihrer Kinder vergessen lÄßt, so sehr war jedes nur
+auf seine eigene Erhaltung bedacht.
+
+ --enJa gunaikeV
+ Oimwzon, kai pou tiV ewn epelhsato teknwn,
+ Auth aleuomenh stugeron moron--
+
+
+Zu verbergen sucht sich der Nachahmer gemeiniglich dadurch, daß er
+den GegenstÄnden eine andere Beleuchtung gibt, die Schatten des
+Originals heraus-, und die Lichter zurÜcktreibt. Virgil gibt sich
+Mühe, die GrÖße der Schlangen recht sichtbar zu machen, weil von
+dieser Größe die Wahrscheinlichkeit der folgenden Erscheinung abhängt;
+das Geräusche, welches sie verursachen, ist nur eine Nebenidee, und
+bestimmt, den Begriff der Größe auch dadurch lebhafter zu machen.
+Petron hingegen macht diese Nebenidee zur Hauptsache, beschreibt das
+Geräusch mit aller möglichen Üppigkeit, und vergißt die Schilderung
+der Größe so sehr, daß wir sie nur fast aus dem Geräusche schließen
+müssen. Es ist schwerlich zu glauben, daß er in diese
+Ungeschicklichkeit verfallen wäre, wenn er bloß aus seiner Einbildung
+geschildert, und kein Muster vor sich gehabt hätte, dem er
+nachzeichnen, dem er aber nachgezeichnet zu haben, nicht verraten
+wollen. So kann man zuverlässig jedes poetische Gemälde, das in
+kleinen Zögen überladen, und in den großen fehlerhaft ist, für eine
+verunglückte Nachahmung halten, es mag sonst so viele kleine
+Schönheiten haben als es will, und das Original mag sich lassen
+angeben können oder nicht.}
+
+Ich empfinde sehr wohl, wieviel dieser Wahrscheinlichkeit zur
+historischen Gewißheit mangelt. Aber da ich auch nichts Historisches
+weiter daraus schließen will, so glaube ich wenigstens, daß man sie
+als eine Hypothesis kann gelten lassen, nach welcher der Kritikus
+seine Betrachtungen anstellen darf. Bewiesen oder nicht bewiesen,
+daß die Bildhauer dem Virgil nachgearbeitet haben, ich will es bloß
+annehmen, um zu sehen, wie sie ihm sodann nachgearbeitet hätten.
+Über das Geschrei habe ich mich schon erklärt. Vielleicht, daß
+mich die weitere Vergleichung auf nicht weniger unterrichtende
+Bemerkungen leitet.
+
+Der Einfall, den Vater mit seinen beiden Söhnen durch die mördrischen
+Schlangen in einen Knoten zu schürzen, ist ohnstreitig ein sehr
+glücklicher Einfall, der von einer ungemein malerischen Phantasie
+zeuget. Wem gehört er? Dem Dichter, oder den Künstlern? Montfaucon
+will ihn bei dem Dichter nicht finden 1). Aber ich meine, Montfaucon
+hat den Dichter nicht aufmerksam genug gelesen.
+
+{1. Suppl. aux Antiq. Expl. T. I. p. 243. Il y a quelque petite
+différence entre ce que dit Virgile, et ce que le marbre représente.
+Il semble, selon ce que dit le poète, que les serpents quittèrent les
+deux enfants pour venir entortiller le père, au lieu que dans ce
+marbre ils lient en même temps les enfants et leur père.}
+
+ --illi agmine certo
+ Laocoonta petunt, et primum parva duorum
+ Corpora natorum serpens amplexus uterque
+ Implicat et miseros morsu depascitur artus.
+ Post ipsum, auxilio subeuntem et tela ferentem
+ Corripiunt, spirisque ligant ingentibus--
+
+
+Der Dichter hat die Schlangen von einer wunderbaren LÄnge geschildert.
+Sie haben die Knaben umstrickt, und da der Vater ihnen zu Hilfe
+kÖmmt, ergreifen sie auch ihn (corripiunt). Nach ihrer Größe konnten
+sie sich nicht auf einmal von den Knaben loswinden; es mußte also
+einen Augenblick geben, da sie den Vater mit ihren Köpfen und
+Vorderteilen schon angefallen hatten, und mit ihren Hinterteilen die
+Knaben noch verschlungen hielten. Dieser Augenblick ist in der
+Fortschreitung des poetischen Gemäldes notwendig; der Dichter läßt
+ihn sattsam empfinden; nur ihn auszumalen, dazu war itzt die Zeit
+nicht. Daß ihn die alten Ausleger auch wirklich empfunden haben,
+scheinet eine Stelle des Donatus 2) zu bezeigen. Wieviel weniger
+wird er den KÜnstlern entwischt sein, in deren verständiges Auge
+alles, was ihnen vorteilhaft werden kann, so schnell und deutlich
+einleuchtet?
+
+{2. Donatus ad v. 227. lib. II. Aeneid. Mirandum non est, clipeo et
+simulacri vestigiis tegi potuisse, quos supra et longos et validos
+dixit, et multiplici ambitu circumdedisse Laocoontis corpus ac
+liberorum, et fuisse superfluam partem. Mich dünkt übrigens, daß in
+dieser Stelle aus den Worten mirandum non est entweder das non
+wegfallen muß oder am Ende der ganze Nachsatz mangelt. Denn da die
+Schlangen so außerordentlich groß waren, so ist es allerdings zu
+verwundern, daß sie sich unter dem Schilde der Göttin verbergen
+können, wenn dieses Schild nicht selbst sehr groß war und zu einer
+kolossalischen Figur gehörte. Und die Versicherung hievon mußte der
+mangelnde Nachsatz sein; oder das non hat keinen Sinn.}
+
+In den Windungen selbst, mit welchen der Dichter die Schlangen um den
+Laokoon führet, vermeidet er sehr sorgfältig die Arme, um den Händen
+alle ihre Wirksamkeit zu lassen.
+
+Ille simul manibus tendit divellere nodos.
+
+Hierin mußten ihm die Künstler notwendig folgen. Nichts gibt mehr
+Ausdruck und Leben, als die Bewegung der Hände; im Affekte besonders,
+ist das sprechendste Gesicht ohne sie unbedeutend. Arme, durch die
+Ringe der Schlangen fest an den Körper geschlossen, würden Frost und
+Tod über die ganze Gruppe verbreitet haben. Also sehen wir sie, an
+der Hauptfigur sowohl als an den Nebenfiguren, in völliger Tätigkeit,
+und da am meisten beschäftiget, wo gegenwärtig der heftigste Schmerz
+ist.
+
+Weiter aber auch nichts, als diese Freiheit der Arme, fanden die
+Künstler zuträglich, in Ansehung der Verstrickung der Schlangen, von
+dem Dichter zu entlehnen. Virgil läßt die Schlangen doppelt um den
+Leib, und doppelt um den Hals des Laokoon sich winden, und hoch mit
+ihren Köpfen über ihn herausragen.
+
+Bis medium amplexi, bis collo squamea circum Terga dati, superant
+capite er cervicibus altis.
+
+
+Dieses Bild füllet unsere Einbildungskraft vortrefflich; die edelsten
+Teile sind bis zum Ersticken gepreßt, und das Gift gehet gerade nach
+dem Gesichte. Demohngeachtet war es kein Bild für Künstler, welche
+die Wirkungen des Giftes und des Schmerzes in dem Körper zeigen
+wollten. Denn um diese bemerken zu können, mußten die Hauptteile so
+frei sein als möglich, und durchaus mußte kein äußrer Druck auf sie
+wirken, welcher das Spiel der leidenden Nerven und arbeitenden
+Muskeln verändern und schwächen könnte. Die doppelten Windungen der
+Schlangen würden den ganzen Leib verdeckt haben, und jene
+schmerzliche Einziehung des Unterleibes, welche so sehr ausdrückend
+ist, würde unsichtbar geblieben sein. Was man über, oder unter, oder
+zwischen den Windungen, von dem Leibe noch erblickt hätte, würde
+unter Pressungen und Aufschwellungen erschienen sein, die nicht von
+dem innern Schmerze, sondern von der äußern Last gewirket worden.
+Der ebenso oft umschlungene Hals würde die pyramidalische Zuspitzung
+der Gruppe, welche dem Auge so angenehm ist, gänzlich verdorben haben;
+und die aus dieser Wulst ins Freie hinausragende spitze
+Schlangenköpfe hätten einen so plötzlichen Abfall von Mensur gehabt,
+daß die Form des Ganzen äußerst anstößig geworden wäre. Es gibt
+Zeichner, welche unverständig genug gewesen sind, sich demohngeachtet
+an den Dichter zu binden. Was denn aber auch daraus geworden, läßt
+sich unter andern aus einem Blatte des Franz Cleyn 3) mit Abscheu
+erkennen. Die alten Bildhauer übersahen es mit einem Blicke, daß
+ihre Kunst hier eine gänzliche Abänderung erfordere. Sie verlegten
+alle Windungen von dem Leibe und Halse, um die Schenkel und Füße.
+Hier konnten diese Windungen, dem Ausdrucke unbeschadet, so viel
+decken und pressen, als nötig war. Hier erregten sie zugleich die
+Idee der gehemmten Flucht und einer Art von Unbeweglichkeit, die der
+künstlichen Fortdauer des nämlichen Zustandes sehr vorteilhaft ist.
+
+{3. In der prächtigen Ausgabe von Drydens englischem Virgil. (London
+1697 in groß Folio.) Und doch hat auch dieser die Windungen der
+Schlangen um den Leib nur einfach, und um den Hals fast gar nicht
+geführt. Wenn ein so mittelmäßiger Künstler anders eine
+Entschuldigung verdient, so könnte ihm nur die zustatten kommen, daß
+Kupfer zu einem Buche als bloße Erläuterungen, nicht aber als für
+sich bestehende Kunstwerke zu betrachten sind.}
+
+Ich weiß nicht, wie es gekommen, daß die Kunstrichter diese
+Verschiedenheit, welche sich in den Windungen der Schlangen zwischen
+dem Kunstwerke und der Beschreibung des Dichters so deutlich zeiget,
+gänzlich mit Stillschweigen übergangen haben. Sie erhebet die
+Weisheit der Künstler ebensosehr als die andre, auf die sie alle
+fallen, die sie aber nicht sowohl anzupreisen wagen, als vielmehr nur
+zu entschuldigen suchen. Ich meine die Verschiedenheit in der
+Bekleidung. Virgils Laokoon ist in seinem priesterlichen Ornate, und
+in der Gruppe erscheinet er, mit beiden seinen Söhnen, völlig nackend.
+Man sagt, es gebe Leute, welche eine große Ungereimtheit darin
+fänden, daß ein Königssohn, ein Priester, bei einem Opfer, nackend
+vorgestellet werde. Und diesen Leuten antworten Kenner der Kunst in
+allem Ernste, daß es allerdings ein Fehler wider das übliche sei, daß
+aber die Künstler dazu gezwungen worden, weil sie ihren Figuren keine
+anständige Kleidung geben können. Die Bildhauerei, sagen sie, könne
+keine Stoffe nachahmen; dicke Falten machten ein üble Wirkung; aus
+zwei Unbequemlichkeiten habe man also die geringste wählen, und
+lieber gegen die Wahrheit selbst verstoßen, als in den Gewändern
+tadelhaft werden müssen 4). Wenn die alten Artisten bei dem Einwurfe
+lachen würden, so weiß ich nicht, was sie zu der Beantwortung sagen
+dürften. Man kann die Kunst nicht tiefer herabsetzen, als es dadurch
+geschiehet. Denn gesetzt, die Skulptur könnte die verschiednen
+Stoffe ebensogut nachahmen, als die Malerei: würde sodann Laokoon
+notwendig bekleidet sein müssen? Würden wir unter dieser Bekleidung
+nichts verlieren? Hat ein Gewand, das Werk sklavischer Hände,
+ebensoviel Schönheit als das Werk der ewigen Weisheit, ein
+organisierter Körper? Erfordert es einerlei Fähigkeiten, ist es
+einerlei Verdienst, bringt es einerlei Ehre, jenes oder diesen
+nachzuahmen? Wollen unsere Augen nur getäuscht sein, und ist es
+ihnen gleich viel, womit sie getäuscht werden?
+
+{4. So urteilet selbst De Piles in seinen Anmerkungen über den Du
+Fresnoy v. 210. Remarquez, s'il vous plaît, que les draperies tendres
+et légères n'étant données qu'au sexe féminin, les anciens sculpteurs
+ont évité autant qu'ils ont pu, d'habiller les figures d'hommes;
+parce qu'ils ont pensé, comme nous l'avons déjà dit, qu'en sculpture
+on ne pouvait imiter les étoffes et que les gros plis faisaient un
+mauvais effet. Il y a presque autant d'exemples de cette vérité,
+qu'il y a parmi les antiques de figures d'hommes nus. Je rapporterai
+seulement celui du Laocoon, lequel selon la vraisemblance devrait
+être vêtu. En effet, quelle apparence y-a-t-il qu'un fils de roi,
+qu'un prêtre d'Apollon se trouvât tout nu dans la cérémonie actuelle
+d'un sacrifice; car les serpents passèrent de l'île de Ténédos au
+rivage de Troie, et surprirent Laocoon et ses fils dans le temps même
+qu'il sacrifiait à Neptune sur le bord de la mer, comme le marque
+Virgile dans le second livre de son Enéide. Cependant les artistes,
+qui sont les auteurs de ce bel ouvrage, ont bien vu, qu'ils ne
+pouvaient pas leur donner de vêtements convenables à leur qualité,
+sans faire comme un amas de pierres, dont la masse ressemblerait à un
+rocher, au lieu des trois admirables figures, qui ont été et qui sont
+toujours l'admiration des siècles. C'est pour cela que de deux
+inconvénients, ils ont jugé celui des draperies beaucoup plus fâcheux,
+que celui d'aller contre la vérité même.}
+
+Bei dem Dichter ist ein Gewand kein Gewand; es verdeckt nichts;
+unsere Einbildungskraft sieht überall hindurch. Laokoon habe es bei
+dem Virgil, oder habe es nicht, sein Leiden ist ihr an jedem Teile
+seines Körpers einmal so sichtbar, wie das andere. Die Stirne ist
+mit der priesterlichen Binde für sie umbunden, aber nicht umhüllet.
+Ja sie hindert nicht allein nicht, diese Binde; sie verstärkt auch
+noch den Begriff, den wir uns von dem Unglücke des Leidenden machen.
+
+Perfusus sanie vittas atroque veneno.
+
+Nichts hilft ihm seine priesterliche Würde; selbst das Zeichen
+derselben, das ihm überall Ansehen und Verehrung verschafft, wird von
+dem giftigen Geifer durchnetzt und entheiliget.
+
+Aber diesen Nebenbegriff mußte der Artist aufgeben, wenn das
+Hauptwerk nicht leiden sollte. Hätte er dem Laokoon auch nur diese
+Binde gelassen, so würde er den Ausdruck um ein Großes geschwächt
+haben. Die Stirne wäre zum Teil verdeckt worden, und die Stirne ist
+der Sitz des Ausdruckes. Wie er also dort, bei dem Schreien, den
+Ausdruck der Schönheit aufopferte, so opferte er hier das Übliche dem
+Ausdrucke auf. Überhaupt war das Übliche bei den Alten eine sehr
+geringschätzige Sache. Sie fühlten, daß die höchste Bestimmung ihrer
+Kunst sie auf die völlige Entbehrung desselben führte. Schönheit ist
+diese höchste Bestimmung; Not erfand die Kleider, und was hat die
+Kunst mit der Not zu tun? Ich gebe es zu, daß es auch eine Schönheit
+der Bekleidung gibt; aber was ist sie, gegen die Schönheit der
+menschlichen Form? Und wird der, der das Größere erreichen kann,
+sich mit dem Kleinern begnügen? Ich fürchte sehr, der vollkommenste
+Meister in Gewändern zeigt durch diese Geschicklichkeit selbst, woran
+es ihm fehlt.
+
+
+
+VI.
+
+
+Meine Voraussetzung, daß die Künstler dem Dichter nachgeahmt haben,
+gereicht ihnen nicht zur Verkleinerung. Ihre Weisheit erscheinet
+vielmehr durch diese Nachahmung in dem schönsten Lichte. Sie folgten
+dem Dichter, ohne sich in der geringsten Kleinigkeit von ihm
+verführen zu lassen. Sie hatten ein Vorbild, aber da sie dieses
+Vorbild aus einer Kunst in die andere hinübertragen mußten, so fanden
+sie genug Gelegenheit selbst zu denken. Und diese ihre eigene
+Gedanken, welche sich in den Abweichungen von ihrem Vorbilde zeigen,
+beweisen, daß sie in ihrer Kunst ebenso groß gewesen sind, als er in
+der seinigen.
+
+Nun will ich die Voraussetzung umkehren: der Dichter soll den
+Künstlern nachgeahmt haben. Es gibt Gelehrte, die diese
+Voraussetzung als eine Wahrheit behaupten 1). Daß sie historische
+Gründe dazu haben könnten, wüßte ich nicht. Aber, da sie das
+Kunstwerk so überschwenglich schön fanden, so konnten sie sich nicht
+bereden, daß es aus so später Zeit sein sollte. Es mußte aus der
+Zeit sein, da die Kunst in ihrer vollkommensten Blüte war, weil es
+daraus zu sein verdiente.
+
+{1. Maffei, Richardson und noch neuerlich der Herr von Hagedorn.
+("Betrachtungen über die Malerei" S. 37. Richardson, Traité de la
+peinture. Tome III. p. 513.) De Fontaines verdient es wohl nicht,
+daß ich ihn diesen Männern beifüge. Er hält zwar, in den Anmerkungen
+zu seiner Übersetzung des Virgils, gleichfalls dafür, daß der Dichter
+die Gruppe in Augen gehabt habe; er ist aber so unwissend, daß er sie
+für ein Werk des Phidias ausgibt.}
+
+Es hat sich gezeigt, daß, so vortrefflich das Gemälde des Virgils ist,
+die Künstler dennoch verschiedene Züge desselben nicht brauchen
+können. Der Satz leidet also seine Einschränkung, daß eine gute
+poetische Schilderung auch ein gutes wirkliches Gemälde geben müsse,
+und daß der Dichter nur insoweit gut geschildert habe, als ihm der
+Artist in allen Zügen folgen könne. Man ist geneigt, diese
+Einschränkung zu vermuten, noch ehe man sie durch Beispiele erhärtet
+sieht; bloß aus Erwägung der weitern Sphäre der Poesie, aus dem
+unendlichen Felde unserer Einbildungskraft, aus der Geistigkeit ihrer
+Bilder, die in größter Menge und Mannigfaltigkeit nebeneinander
+stehen können, ohne daß eines das andere deckt oder schändet, wie es
+wohl die Dinge selbst, oder die natürlichen Zeichen derselben in den
+engen Schranken des Raumes oder der Zeit tun würden.
+
+Wenn aber das Kleinere das Größere nicht fassen kann, so kann das
+Kleinere in dem Größern enthalten sein. Ich will sagen; wenn nicht
+jeder Zug, den der malende Dichter braucht, eben die gute Wirkung auf
+der Fläche oder in dem Marmor haben kann: so möchte vielleicht jeder
+Zug, dessen sich der Artist bedienet, in dem Werke des Dichters von
+ebenso guter Wirkung sein können? Ohnstreitig; denn was wir in einem
+Kunstwerke schön finden, das findet nicht unser Auge, sondern unsere
+Einbildungskraft, durch das Auge, schön. Das nämliche Bild mag also
+in unserer Einbildungskraft durch willkürliche oder natürliche
+Zeichen wieder erregt werden, so muß auch jederzeit das nämliche
+Wohlgefallen, obschon nicht in dem nämlichen Grade, wieder entstehen.
+
+Dieses aber eingestanden, muß ich bekennen, daß mir die Voraussetzung,
+Virgil habe die Künstler nachgeahmet, weit unbegreiflicher wird, als
+mir das Widerspiel derselben geworden ist. Wenn die Künstler dem
+Dichter gefolgt sind, so kann ich mir von allen ihren Abweichungen
+Rede und Antwort geben. Sie mußten abweichen, weil die nämlichen
+Züge des Dichters in ihrem Werke Unbequemlichkeiten verursacht haben
+würden, die sich bei ihm nicht äußern. Aber warum mußte der Dichter
+abweichen? Wann er der Gruppe in allen und jeden Stücken treulich
+nachgegangen wäre, würde er uns nicht immer noch ein vortreffliches
+Gemälde geliefert haben 2)? Ich begreife wohl, wie seine vor sich
+selbst arbeitende Phantasie ihn auf diesen und jenen Zug bringen
+können; aber die Ursachen, warum seine Beurteilungskraft schöne Züge,
+die er vor Augen gehabt, in diese andere Züge verwandeln zu müssen
+glaubte, diese wollen mir nirgends einleuchten.
+
+{2. Ich kann mich desfalls auf nichts Entscheidenderes berufen, als
+auf das Gedichte des Sadolet. Es ist eines alten Dichters würdig,
+und da es sehr wohl die Stelle eines Kupfers vertreten kann, so
+glaube ich es hier ganz einrücken zu dürfen.
+
+ DE LAOCOONTIS STATUA
+ JACOBI SADOLETI CARMEN.
+
+ Ecce alto terrae e cumulo, ingentisque ruinae
+ Visceribus, iterum reducem longinqua reduxit
+ Laocoonta dies; aulis regalibus olim
+ Qui stetit, atque tuos ornabat, Tite, penates.
+ Divinae simulacrum artis, nec docta vetustas
+ Nobilius spectabat opus, nunc celsa revisit
+ Exemptum tenebris redivivae moenia Romae.
+ Quid primum summumve loquar? miserumne parentem
+ Et prolem geminam? an sinuatos flexibus angues
+ Terribili aspectu? caudasque irasque draconum
+ Vulneraque et veros, saxo moriente, dolores?
+ Horret ad haec animus, mutaque ab imagine pulsat
+ Pectora non parvo pietas commixta tremori.
+ Prolixum bini spiris glomerantur in orbem
+ Ardentes colubri, et sinuosis orbibus errant
+ Ternaque multiplici constringunt corpora nexu.
+ Vix oculi sufferre valent, crudele tuendo
+ Exitium, casusque feros: micat alter, et ipsum
+ Laocoonta petit, totumque infraque supraque
+ Implicat er rabido tandem ferit ilia morsu.
+ Connexum refugit corpus, torquentia sese
+ Membra, latusque retro sinuatum a vulnere cernas
+ Ille dolore acri, et laniatu impulsus acerbo,
+ Dat gemitum ingentem, crudosque evellere dentes
+ Connixus, laevam impatiens ad terga Chelydri
+ Objicit: intendunt nervi, collectaque ab omni
+ Corpore vis frustra summis conatibus instat.
+ Ferre nequit rabiem, et de vulnere murmur anhelum est.
+ At serpens lapsu crebro redeunte subintrat
+ Lubricus, intortoque ligat genua infima nodo.
+ Absistunt surae, spirisque prementibus arctum
+ Crus tumet, obsepto turgent vitalia pulsu,
+ Liventesque atro distendunt sanguine venas.
+ Nec minus in natos eadem vis effera saevit
+ Implexuque angit rapido, miserandaque membra
+ Dilacerat: jamque alterius depasta cruentum
+ Pectus, suprema genitorem voce cientis,
+ Circumjectu orbis, validoque volumine fulcit.
+ Alter adhuc nullo violatus corpora morsu,
+ Dum parat adducta caudam divellere planta,
+ Horret ad adspectum miseri patris, haeret in illo,
+ Er jam jam ingentes fletus, lacrimasque cadentes
+ Anceps in dubio retinet timor. Ergo perenni
+ Qui tantum statuistis opus jam laude nitentes,
+ Artifices magni (quanquam et melioribus actis
+ Quaeritur aeternum nomen, multoque licebat
+ Clarius ingenium venturae tradere famae)
+ Attamen ad laudem quaecunque oblata facultas
+ Egregium hanc rapere, et summa ad fastigia niti.
+ Vos rigidum lapidem vivis animare figuris
+ Eximii, et vivos spiranti in marmore sensus
+ Inserere, aspicimus motumque iramque doloremque,
+ Et paene audimus gemitus: vos extulit olim
+ Clara Rhodos, vestrac jacuerunt artis honores
+ Tempore ab immenso, quos rursum in luce secunda
+ Roma videt, celebratque frequens: operisque vetusti
+ Gratia parta recens. Quanto praestantius ergo est
+ Ingenio, aut quovis extendere fata labore,
+ Quam fastus et opes et inanem extendere luxum.
+
+
+(v. Leodegarii a Quercu Farrago poematum T. II. p. 63.) Auch Gruter
+hat dieses Gedicht, nebst andern des Sadolets, seiner bekannten
+Sammlung (Delic. Poet. Italorum Parte alt. p. 582) mit einverleibet;
+allein sehr fehlerhaft. FÜr bini (v. 14) lieset er vivi; für errant
+(v. 15) oram usw.}
+
+Mich dünket sogar, wenn Virgil die Gruppe zu seinem Vorbilde gehabt
+hÄtte, daß er sich schwerlich würde haben mäßigen kÖnnen, die
+Verstrickung aller drei Körper in einen Knoten gleichsam nur erraten
+zu lassen. Sie würde sein Auge zu lebhaft gerührt haben, er würde
+eine zu treffliche Wirkung von ihr empfunden haben, als daß sie nicht
+auch in seiner Beschreibung mehr vorstechen sollte. Ich habe gesagt:
+es war itzt die Zeit nicht, diese Verstrickung auszumalen. Nein;
+aber ein einziges Wort mehr würde ihr in dem Schatten, worin sie der
+Dichter lassen mußte, einen sehr entscheidenden Druck vielleicht
+gegeben haben. Was der Artist, ohne dieses Wort, entdecken konnte,
+würde der Dichter, wenn er es bei dem Artisten gesehen hätte, nicht
+ohne dasselbe gelassen haben.
+
+Der Artist hatte die dringendsten Ursachen, das Leiden des Laokoon
+nicht in Geschrei ausbrechen zu lassen. Wenn aber der Dichter die so
+rührende Verbindung von Schmerz und Schönheit in dem Kunstwerke vor
+sich gehabt hätte, was hätte ihn ebenso unvermeidlich nötigen können,
+die Idee von männlichem Anstande und großmütiger Geduld, welche aus
+dieser Verbindung des Schmerzes und der Schönheit entspringt, so
+völlig unangedeutet zu lassen, und uns auf einmal mit dem gräßlichen
+Geschrei seines Laokoons zu schrecken? Richardson sagt: Virgils
+Laokoon muß schreien, weil der Dichter nicht sowohl Mitleid für ihn,
+als Schrecken und Entsetzen bei den Trojanern, erregen will. Ich
+will es zugeben, obgleich Richardson nicht erwogen zu haben scheinet,
+daß der Dichter die Beschreibung nicht in seiner eignen Person macht,
+sondern sie den Aeneas machen läßt, und gegen die Dido machen läßt,
+deren Mitleid Aeneas nicht genug bestürmen konnte. Allein mich
+befremdet nicht das Geschrei, sondern der Mangel aller Gradation bis
+zu diesem Geschrei, auf welche das Kunstwerk den Dichter
+natürlicherweise hätte bringen müssen, wann er es, wie wir
+voraussetzen, zu seinem Vorbilde gehabt hätte. Richardson füget
+hinzu 3): die Geschichte des Laokoon solle bloß zu der pathetischen
+Beschreibung der endlichen Zerstörung leiten; der Dichter habe sie
+also nicht interessanter machen dürfen, um unsere Aufmerksamkeit,
+welche diese letzte schreckliche Nacht ganz fordere, durch das
+Unglück eines einzeln Bürgers nicht zu zerstreuen. Allein das heißt
+die Sache aus einem malerischen Augenpunkte betrachten wollen, aus
+welchem sie gar nicht betrachtet werden kann. Das Unglück des
+Laokoon und die Zerstörung sind bei dem Dichter keine Gemälde
+nebeneinander; sie machen beide kein Ganzes aus, das unser Auge auf
+einmal übersehen könnte oder sollte; und nur in diesem Falle wäre es
+zu besorgen, daß unsere Blicke mehr auf den Laokoon, als auf die
+brennende Stadt fallen dürften. Beider Beschreibungen folgen
+aufeinander, und ich sehe nicht, welchen Nachteil es der folgenden
+bringen könnte, wenn uns die vorhergehende auch noch so sehr gerührt
+hätte. Es sei denn, daß die folgende an sich selbst nicht rührend
+genug wäre.
+
+{3. De la peinture, Tome III. p. 516. C'est l'horreur que les Troiens
+ont conçue contre Laocoon, qui était nécessaire à Virgile pour la
+conduite de son poème; et cela le mène à cette description pathétique
+de la destruction de la patrie de son héros. Aussi Virgile n'avait
+garde de diviser l'attention sur la dernière nuit, pour une grande
+ville entière, par la peinture d'un petit malheur d'un particulier.}
+
+Noch weniger Ursache würde der Dichter gehabt haben, die Windungen
+der Schlangen zu verändern. Sie beschäftigen in dem Kunstwerke die
+Hände, und verstricken die Füße. So sehr dem Auge diese Verteilung
+gefällt, so lebhaft ist das Bild, welches in der Einbildung davon
+zurückbleibt. Es ist so deutlich und rein, daß es sich durch Worte
+nicht viel schwächer darstellen läßt, als durch natürliche Zeichen.
+
+ --micat alter, et ipsum
+ Laocoonta petit, totumque infraque supraque
+ Implicat et rabido tandem ferit ilia morsu
+ ------
+ At serpens lapsu crebro redeunte subintrat
+ Lubricus, intortoque ligat genua infima nodo.
+
+
+Das sind Zeilen des Sadolet, die von dem Virgil ohne Zweifel noch
+malerischer gekommen wÄren, wenn ein sichtbares Vorbild seine
+Phantasie befeuert hätte, und die alsdann gewiß besser gewesen wären,
+als was er uns itzt dafÜr gibt:
+
+ Bis medium amplexi, bis collo squamea circum
+ Terga dati, superant capite et cervicibus altis.
+
+
+Diese ZÜge füllen unsere Einbildungskraft allerdings; aber sie muß
+nicht dabei verweilen, sie muß sie nicht aufs reine zu bringen suchen,
+sie muß itzt nur die Schlangen, itzt nur den Laokoon sehen, sie muß
+sich nicht vorstellen wollen, welche Figur beide zusammen machen.
+Sobald sie hierauf verfÄllt, fängt ihr das Virgilische Bild an zu
+mißfallen, und sie findet es hÖchst unmalerisch.
+
+Wären aber auch schon die Veränderungen, welche Virgil mit dem ihm
+geliehenen Vorbilde gemacht hätte, nicht unglücklich, so wären sie
+doch bloß willkürlich. Man ahmet nach, um ähnlich zu werden; kann
+man aber ähnlich werden, wenn man über die Not verändert? Vielmehr
+wenn man dieses tut, ist der Vorsatz klar, daß man nicht ähnlich
+werden wollen, daß man also nicht nachgeahmt habe.
+
+Nicht das Ganze, könnte man einwenden, aber wohl diesen und jenen
+Teil. Gut; doch welches sind denn diese einzeln Teile, die in der
+Beschreibung und in dem Kunstwerke so genau übereinstimmen, daß sie
+der Dichter aus diesem entlehnet zu haben scheinen könnte? Den Vater,
+die Kinder, die Schlangen, das alles gab dem Dichter sowohl als dem
+Artisten, die Geschichte. Außer dem Historischen kommen sie in
+nichts überein, als darin, daß sie Kinder und Vater in einen einzigen
+Schlangenknoten verstricken. Allein der Einfall hierzu entsprang aus
+dem veränderten Umstande, daß den Vater eben dasselbe Unglück
+betroffen habe, als die Kinder. Diese Veränderung aber, wie oben
+erwähnt worden, scheinet Virgil gemacht zu haben; denn die
+griechische Tradition sagt ganz etwas anders. Folglich, wenn in
+Ansehung jener gemeinschaftlichen Verstrickung, auf einer oder der
+andern Seite Nachahmung sein soll, so ist sie wahrscheinlicher auf
+der Seite der Künstler, als des Dichters zu vermuten. In allem
+übrigen weicht einer von dem andern ab; nur mit dem Unterschiede, daß
+wenn es der Künstler ist, der die Abweichungen gemacht hat, der
+Vorsatz den Dichter nachzuahmen noch dabei bestehen kann, indem ihn
+die Bestimmung und die Schranken seiner Kunst dazu nötigten; ist es
+hingegen der Dichter, welcher dem Künstler nachgeahmt haben soll, so
+sind alle die berührten Abweichungen ein Beweis wider diese
+vermeintliche Nachahmung, und diejenigen, welche sie demohngeachtet
+behaupten, können weiter nichts damit wollen, als daß das Kunstwerk
+älter sei, als die poetische Beschreibung.
+
+
+
+VII.
+
+
+Wenn man sagt, der Künstler ahme dem Dichter, oder der Dichter ahme
+dem Künstler nach, so kann dieses zweierlei bedeuten. Entweder der
+eine macht das Werk des andern zu dem wirklichen Gegenstande seiner
+Nachahmung, oder sie haben beide einerlei Gegenstände der Nachahmung,
+und der eine entlehnet von dem andern die Art und Weise es
+nachzuahmen.
+
+Wenn Virgil das Schild des Aeneas beschreibst, so ahmet er dem
+Künstler, welcher dieses Schild gemacht hat, in der ersten Bedeutung
+nach. Das Kunstwerk, nicht das was auf dem Kunstwerke vorgestellet
+worden, ist der Gegenstand seiner Nachahmung, und wenn er auch schon
+das mitbeschreibt, was man darauf vorgestellet sieht, so beschreibt
+er es doch nur als ein Teil des Schildes, und nicht als die Sache
+selbst. Wenn Virgil hingegen die Gruppe Laokoon nachgeahmet hätte,
+so würde dieses eine Nachahmung von der zweiten Gattung sein. Denn
+er würde nicht diese Gruppe, sondern das, was diese Gruppe vorstellet,
+nachgeahmt, und nur die Züge seiner Nachahmung von ihr entlehnt
+haben.
+
+Bei der ersten Nachahmung ist der Dichter Original, bei der andern
+ist er Kopist. Jene ist ein Teil der allgemeinen Nachahmung, welche
+das Wesen seiner Kunst ausmacht, und er arbeitet als Genie, sein
+Vorwurf mag ein Werk anderer Künste, oder der Natur sein. Diese
+hingegen setzt ihn gänzlich von seiner Würde herab; anstatt der Dinge
+selbst ahmet er ihre Nachahmungen nach, und gibt uns kalte
+Erinnerungen von Zügen eines fremden Genies, für ursprüngliche Züge
+seines eigenen.
+
+Wenn indes Dichter und Künstler diejenigen Gegenstände, die sie
+miteinander gemein haben, nicht selten aus dem nämlichen
+Gesichtspunkte betrachten müssen: so kann es nicht fehlen, daß ihre
+Nachahmungen nicht in vielen Stücken übereinstimmen sollten, ohne daß
+zwischen ihnen selbst die geringste Nachahmung oder Beeiferung
+gewesen. Diese Übereinstimmungen können bei zeitverwandten Künstlern
+und Dichtern, über Dinge, welche nicht mehr vorhanden sind, zu
+wechselsweisen Erläuterungen führen; allein dergleichen Erläuterungen
+dadurch aufzustutzen suchen, daß man aus dem Zufalle Vorsatz macht,
+und besonders dem Poeten bei jeder Kleinigkeit ein Augenmerk auf
+diese Statue, oder auf jenes Gemälde andichtet, heißt ihm einen sehr
+zweideutigen Dienst erweisen. Und nicht allein ihm, sondern auch dem
+Leser, dem man die schönste Stelle dadurch, wenn Gott will, sehr
+deutlich, aber auch trefflich frostig macht.
+
+Dieses ist die Absicht und der Fehler eines berühmten englischen
+Werks. Spence schrieb seinen "Polymetis" 1) mit vieler klassischen
+Gelehrsamkeit, und in einer sehr vertrauten Bekanntschaft mit den
+übergebliebenen Werken der alten Kunst. Seinen Vorsatz, aus diesen
+die römischen Dichter zu erklären, und aus den Dichtern hinwiederum
+Aufschlüsse für noch unerklärte alte Kunstwerke herzuholen, hat er
+öfters glücklich erreicht. Aber demohngeachtet behaupte ich, daß
+sein Buch für jeden Leser von Geschmack ein ganz unerträgliches Buch
+sein muß.
+
+{1. Die erste Ausgabe ist von 1747; die zweite von 1755 und führet
+den Titel: Polymetis, or an enquiry concerning the agreement between
+the works of the Roman poets, and the remains of the ancient artists,
+being an attempt to illustrate them mutually from one another. In
+ten books, by the Revd. Mr. Spence. London, printed for Dodsley.
+fol. Auch ein Auszug, welchen N. Tindal aus diesem Werke gemacht hat,
+ist bereits mehr als einmal gedruckt worden.}
+
+Es ist natürlich, daß wenn Valerius Flaccus den geflügelten Blitz auf
+den römischen Schilden beschreibt,
+
+(Nec primus radios, miles Romane, corusci Fulminis et rutilas scutis
+diffuderis alas)
+
+
+mir diese Beschreibung weit deutlicher wird, wenn ich die Abbildung
+eines solchen Schildes auf einem alten Denkmale erblicke 2). Es kann
+sein, daß Mars in eben der schwebenden Stellung, in welcher ihn
+Addison über der Rhea auf einer Münze zu sehen glaubte 3), auch von
+den alten Waffenschmieden auf den Helmen und Schilden vorgestellet
+wurde, und daß Juvenal einen solchen Helm oder Schild in Gedanken
+hatte, als er mit einem Worte darauf anspielte, welches bis auf den
+Addison ein Rätsel für alle Ausleger gewesen. Mich dünkt selbst, daß
+ich die Stelle des Ovids, wo der ermattete Cephalus den kühlenden
+Lüften ruft:
+
+{2. Val. Flaccus lib. VI. v. 55. 56. Polymetis Dial. VI. p. 50.}
+
+{3. Ich sage, es kann sein. Doch wollte ich zehne gegen eins wetten,
+daß es nicht ist.--Juvenal redet von den ersten Zeiten der Republik,
+als man noch von keiner Pracht und Üppigkeit wußte und der Soldat das
+erbeutete Gold und Silber nur auf das Geschirr seines Pferdes und auf
+seine Waffen verwandte. (Sat. XI. v. 100 bis 107.)
+
+ Tunc rudis et Grajas mirari nescius artes
+ Urbibus eversis praedarum in parte reperta
+ Magnorum artificum frangebat pocula miles,
+ Ut phaleris gauderet equus, caelataque cassis
+ Romuleae simulacra ferae mansuescere jussae
+ Imperii fato, geminos sub rupe Quirinos,
+ Ac nudam effigiem clipeo fulgentis et hasta
+ Pendentisque dei perituro ostenderet hosti.
+
+
+Der Soldat zerbrach die kostbarsten Becher, die MeisterstÜcke großer
+Künstler, um eine WÖlfin, einen kleinen Romulus und Remus daraus
+arbeiten zu lassen, womit er seinen Helm ausschmückte. Alles ist
+verstÄndlich, bis auf die letzten zwei Zeilen, in welchen der Dichter
+fortfährt, noch ein solches getriebenes Bild auf den Helmen der alten
+Soldaten zu beschreiben. So viel sieht man wohl, daß dieses Bild der
+Gott Mars sein soll; aber was soll das Beiwort pendentis, welches er
+ihm gibt, bedeuten? Rigaltius fand eine alte Glosse, die es durch
+quasi ad ictum se inclinantis erklärt. Lubinus meinet, das Bild sei
+auf dem Schilde gewesen, und da das Schild an dem Arme hänge, so habe
+der Dichter auch das Bild hängend nennen können. Allein dieses ist
+wider die Konstruktion; denn das zu ostenderet gehörige Subjektum ist
+nicht miles, sondern cassis. Britannicus will, alles was hoch in der
+Luft stehe, könne hangend heißen, und also auch dieses Bild über oder
+auf dem Helme. Einige wollen gar perdentis dafür lesen, um einen
+Gegensatz mit dem folgenden perituro zu machen, den aber nur sie
+allein schön finden dürften. Was sagt nun Addison bei dieser
+Ungewißheit? Die Ausleger, sagt er, irren sich alle, und die wahre
+Meinung ist ganz gewiß diese. (S. dessen Reisen deut. Übers. S.
+249.) "Da die römischen Soldaten sich nicht wenig auf den Stifter und
+kriegerischen Geist ihrer Republik einbildeten, so waren sie gewohnt
+auf ihren Helmen die erste Geschichte des Romulus zu tragen, wie er
+von einem Gotte erzeugt, und von einer Wölfin gesäuget worden. Die
+Figur des Gottes war vorgestellt, wie er sich auf die Priesterin Ilia,
+oder wie sie andere nennen, Rhea Sylvia, herabläßt, und in diesem
+Herablassen schien sie über der Jungfrau in der Luft zu schweben,
+welches denn durch das Wort pendentis sehr eigentlich und poetisch
+ausgedruckt wird. Außer dem alten Basrelief beim Bellori, welches
+mich zuerst auf diese Auslegung brachte, habe ich seitdem die
+nämliche Figur auf einer Münze gefunden, die unter der Zeit des
+Antoninus Pius geschlagen worden."--Da Spence diese Entdeckung des
+Addison so außerordentlich glücklich findet, daß er sie als ein
+Muster in ihrer Art, und als das stärkste Beispiel anführet, wie
+nützlich die Werke der alten Artisten zur Erklärung der klassischen
+römischen Dichter gebraucht werden können: so kann ich mich nicht
+enthalten, sie ein wenig genauer zu betrachten. (Polymetis Dial.
+VII. p. 77.)--Vors erste muß ich anmerken, daß bloß das Basrelief und
+die Münze dem Addison wohl schwerlich die Stelle des Juvenals in die
+Gedanken gebracht haben würde, wenn er sich nicht zugleich erinnert
+hätte, bei dem alten Scholiasten, der in der letzten ohn' einen Zeile
+anstatt fulgentis, venientis gefunden, die Glosse gelesen zu haben:
+Martis ad Iliam venientis ut concumberet. Nun nehme man aber diese
+Lesart des Scholiasten nicht an, sondern man nehme die an, welche
+Addison selbst annimmt, und sage, ob man sodann die geringste Spur
+findet, daß der Dichter die Rhea in Gedanken gehabt habe? Man sage,
+ob es nicht ein wahres Hysteronproteron von ihm sein würde, daß er
+von der Wölfin und den jungen Knaben rede, und sodann erst von dem
+Abenteuer, dem sie ihr Dasein zu danken haben? Die Rhea ist noch
+nicht Mutter, und die Kinder liegen schon unter dem Felsen. Man sage,
+ob eine Schäferstunde wohl ein schickliches Emblema auf dem Helme
+eines römischen Soldaten gewesen wäre? Der Soldat war auf den
+göttlichen Ursprung seines Stifters stolz; das zeigten die Wölfin und
+die Kinder genugsam; mußte er auch noch den Mars im Begriffe einer
+Handlung zeigen, in der er nichts weniger als der fürchterliche Mars
+war? Seine Überraschung der Rhea mag auf noch so viel alten Marmorn
+und Münzen zu finden sein, paßt sie darum auf das Stück einer
+Rüstung? Und welches sind denn die Marmor und Münzen auf welchen sie
+Addison fand, und wo er den Mars in dieser schwebenden Stellung sahe?
+Das alte Basrelief, worauf er sich beruft, soll Bellori haben. Aber
+die Admiranda, welches seine Sammlung der schönsten alten Basreliefs
+ist, wird man vergebens darnach durchblättern. Ich habe es nicht
+gefunden, und auch Spence muß es weder da, noch sonst wo gefunden
+haben, weil er es gänzlich mit Stillschweigen übergeht. Alles kömmt
+also auf die Münze an. Nun betrachte man diese bei dem Addison
+selbst. Ich erblicke eine liegende Rhea; und da dem Stempelschneider
+der Raum nicht erlaubte, die Figur des Mars mit ihr auf gleichem
+Boden zu stellen, so stehet er ein wenig höher. Das ist es alles;
+Schwebendes hat sie außer diesem nicht das geringste. Es ist wahr,
+in der Abbildung, die Spence davon gibt, ist das Schweben sehr stark
+ausgedruckt; die Figur fällt mit dem Oberteile weit vor; und man
+sieht deutlich, daß es kein stehender Körper ist, sondern daß, wenn
+es kein fallender Körper sein soll, es notwendig ein schwebender sein
+muß. Spence sagt, er besitze diese Münze selbst. Es wäre hart,
+obschon in einer Kleinigkeit, die Aufrichtigkeit eines Mannes in
+Zweifel zu ziehen. Allein ein gefaßtes Vorurteil kann auch auf
+unsere Augen Einfluß haben; zudem konnte er es zum Besten seiner
+Leser für erlaubt halten, den Ausdruck, welchen er zu sehen glaubte,
+durch seinen Künstler so verstärken zu lassen, daß uns ebensowenig
+Zweifel desfalls übrigbliebe, als ihm selbst. So viel ist gewiß, daß
+Spence und Addison eben dieselbe Münze meinen, und daß sie sonach
+entweder bei diesem sehr verstellt, oder bei jenem sehr verschönert
+sein muß. Doch ich habe noch eine andere Anmerkung wider dieses
+vermeintliche Schweben des Mars. Diese nämlich: daß ein schwebender
+Körper, ohne eine scheinbare Ursache, durch welche die Wirkung seiner
+Schwere verhindert wird, eine Ungereimtheit ist, von der man in den
+alten Kunstwerken kein Exempel findet. Auch die neue Malerei
+erlaubet sich dieselbe nie, sondern wenn ein Körper in der Luft
+hangen soll, so müssen ihn entweder Flügel halten, oder er muß auf
+etwas zu ruhen scheinen, und sollte es auch nur eine bloße Wolke sein.
+Wenn Homer die Thetis von dem Gestade sich zu Fuße in den Olymp
+erheben läßt, Thn men ar Oulumponde podes jeron (Iliad. S. v. 148),
+so verstehet der Graf Caylus die Bedürfnisse der Kunst zu wohl, als
+daß er dem Maler raten sollte, die Göttin so frei die Luft
+durchschreiten zu lassen. Sie muß ihren Weg auf einer Wolke nehmen
+(Tableaux tirés de l'Iliade p. 91), so wie er sie ein andermal auf
+einen Wagen setzt (p. 131), obgleich der Dichter das Gegenteil von
+ihr sagt. Wie kann es auch wohl anders sein? Ob uns schon der
+Dichter die Göttin ebenfalls unter einer menschlichen Figur denken
+läßt, so hat er doch alle Begriffe eines groben und schweren Stoffes
+davon entfernet, und ihren menschenähnlichen Körper mit einer Kraft
+belebt, die ihn von den Gesetzen unserer Bewegung ausnimmt. Wodurch
+aber könnte die Malerei die körperliche Figur einer Gottheit von der
+körperlichen Figur eines Menschen so vorzüglich unterscheiden, daß
+unser Auge nicht beleidiget würde, wenn es bei der einen ganz andere
+Regeln der Bewegung, der Schwere, des Gleichgewichts beobachtet fände,
+als bei der andern? Wodurch anders als durch verabredete Zeichen?
+In der Tat sind ein Paar Flügel, eine Wolke auch nichts andres, als
+dergleichen Zeichen. Doch von diesem ein mehreres an einem andren
+Orte. Hier ist es genug, von den Verteidigern der Addisonschen
+Meinung zu verlangen, mir eine andere ähnliche Figur auf alten
+Denkmälern zu zeigen, die so frei und bloß in der Luft hange. Sollte
+dieser Mars die einzige in ihrer Art sein? Und warum? Hatte
+vielleicht die Tradition einen Umstand überliefert, der ein
+dergleichen Schweben in diesem Falle notwendig macht? Beim Ovid
+(Fast. lib. 3.) läßt sich nicht die geringste Spur davon entdecken.
+Vielmehr kann man zeigen, daß es keinen solchen Umstand könne gegeben
+haben. Denn es finden sich andere alte Kunstwerke, welche die
+nämliche Geschichte vorstellen, und wo Mars offenbar nicht schwebet,
+sondern gehet. Man betrachte das Basrelief beim Montfaucon (Suppl.
+T. I. p. 183), das sich, wenn ich nicht irre, zu Rom in dem Palast
+der Mellini befindet. Die schlafende Rhea liegt unter einem Baume,
+und Mars nähert sich ihr mit leisen Schritten, und mit der
+bedeutenden Zurückstreckung der rechten Hand, mit der wir denen
+hinter uns, entweder zurückzubleiben, oder sachte zu folgen, befehlen.
+Es ist vollkommen die nämliche Stellung in der er auf der Münze
+erscheinet, nur daß er hier die Lanze in der rechten und dort in der
+linken Hand führet. Man findet öftrer berühmte Statuen und
+Basreliefe auf alten Münzen kopieret, als daß es auch nicht hier
+könnte geschehen sein, wo der Stempelschneider den Ausdruck der
+zurückgewandten rechten Hand vielleicht nicht fühlte und sie daher
+besser mit der Lanze füllen zu können glaubte.--Alles dieses nun
+zusammengenommen, wie viel Wahrscheinlichkeit bleibet dem Addison
+noch übrig? Schwerlich mehr, als soviel deren die bloße Möglichkeit
+hat. Doch woher eine bessere Erklärung, wenn diese nichts taugt? Es
+kann sein, daß sich schon eine bessere unter den vom Addison
+verworfenen Erklärungen findet. Findet sich aber auch keine, was
+mehr? Die Stelle des Dichters ist verdorben; sie mag es bleiben.
+Und sie wird es bleiben, wenn man auch noch zwanzig neue Vermutungen
+darüber auskramen wollte. Dergleichen könnte z. E. diese sein, daß
+pendentis in seiner figürlichen Bedeutung genommen werden müsse, nach
+welcher es soviel als ungewiß, unentschlossen, unentschieden, heißet.
+Mars pendens wäre alsdenn soviel als Mars incertus oder Mars
+communis. Dii communes sunt, sagt Servius, (ad v. 118. lib. XII.
+Aeneid.), Mars, Bellona, Victoria, quia hi in bello utrique parti
+favere possunt. Und die ganze Zeile,
+
+Pendentisque dei (effigiem) perituro ostenderet hosti,
+
+würde diesen Sinn haben, daß der alte römische Soldat das Bildnis des
+gemeinschaftlichen Gottes seinem demohngeachtet bald unterliegenden
+Feinde unter die Augen zu tragen gewohnt gewesen sei. Ein sehr
+feiner Zug, der die Siege der alten Römer mehr zur Wirkung ihrer
+eignen Tapferkeit, als zur Frucht des parteiischen Beistandes ihres
+Stammvaters macht. Demohngeachtet: non liquet.}
+
+Aura--venias--Meque juves, intresque sinus, gratissima, nostros
+
+
+und seine Prokris diese Aura für den Namen einer Nebenbuhlerin hält,
+daß ich, sage ich, diese Stelle natürlicher finde, wenn ich aus den
+Kunstwerken der Alten ersehe, daß sie wirklich die sanften Lüfte
+personifieret, und eine Art weiblicher Sylphen, unter dem Namen Aurae,
+verehret haben 4). Ich gebe es zu, daß wenn Juvenal einen vornehmen
+Taugenichts mit einer Hermessäule vergleicht, man das Ähnliche in
+dieser Vergleichung schwerlich finden dürfte, ohne eine solche Säule
+zu sehen, ohne zu wissen, daß es ein schlechter Pfeiler ist, der bloß
+das Haupt, höchstens mit dem Rumpfe, des Gottes trägt, und weil wir
+weder Hände noch Füße daran erblicken, den Begriff der Untätigkeit
+erwecket 5).--Erläuterungen von dieser Art sind nicht zu verachten,
+wenn sie auch schon weder allezeit notwendig noch allezeit
+hinlänglich sein sollten. Der Dichter hatte das Kunstwerk als ein
+für sich bestehendes Ding, und nicht als Nachahmung, vor Augen; oder
+Künstler und Dichter hatten einerlei angenommene Begriffe, demzufolge
+sich auch Übereinstimmung in ihren Vorstellungen zeigen mußte, aus
+welcher sich auf die Allgemeinheit jener Begriffe zurückschließen
+läßt.
+
+{4. "Ehe ich", sagt Spence (Polymetis Dialogue XIII. p. 208) "mit
+diesen Aurae, Luftnymphen, bekannt ward, wußte ich mich in die
+Geschichte vom Cephalus und Prokris, beim Ovid, gar nicht zu finden.
+Ich konnte auf keine Weise begreifen, wie Cephalus durch seine
+Ausrufung, Aura venias, sie mochte auch in einem noch so zärtlichen
+schmachtenden Tone erschollen sein, jemanden auf den Argwohn bringen
+können, daß er seiner Prokris untreu sei. Da ich gewohnt war, unter
+dem Worte Aura, nichts als die Luft überhaupt, oder einen sanften
+Wind insbesondere, zu verstehen, so kam mir die Eifersucht der
+Prokris noch weit ungegründeter vor, als auch die
+allerausschweifendste gemeiniglich zu sein pflegt. Als ich aber
+einmal gefunden hatte, daß Aura ebensowohl ein schönes junges Mädchen,
+als die Luft bedeuten könnte, so bekam die Sache ein ganz anderes
+Ansehen, und die Geschichte dünkte mich eine ziemlich vernünftige
+Wendung zu bekommen." Ich will den Beifall, den ich dieser Entdeckung,
+mit der sich Spence so sehr schmeichelt, in dem Texte erteile, in
+der Note nicht wieder zurücknehmen. Ich kann aber doch nicht
+unangemerkt lassen, daß auch ohne sie die Stelle des Dichters ganz
+natürlich und begreiflich ist. Man darf nämlich nur wissen, daß Aura
+bei den Alten ein ganz gewöhnlicher Name für Frauenzimmer war. So
+heißt z. E. beim Nonnus (Dionys. lib. XLVIII.) die Nymphe aus dem
+Gefolge der Diana, die, weil sie sich einer männlichem Schönheit
+rühmte, als selbst der Göttin ihre war, zur Strafe für ihre
+Vermessenheit, schlafend den Umarmungen des Bacchus preisgegeben ward.}
+
+{5. Juvenalis Satir. VIII. v. 52-55.
+
+ --At tu
+ Nil nisi Cecropides; truncoque simillimus Hermae:
+ Nullo quippe alio vincis discrimine, quam quod
+ Illi marmoreum caput est, tua vivit imago.
+
+
+Wenn Spence die griechischen Schriftsteller mit in seinen Plan
+gezogen gehabt hÄtte, so wÜrde ihm vielleicht, vielleicht aber auch
+nicht, eine alte Aesopische Fabel beigefallen sein, die aus der
+Bildung einer solchen Hermessäule ein noch weit schÖneres, und zu
+ihrem Verständnisse weit unentbehrlicheres Licht erhält, als diese
+Stelle des Juvenals. "Merkur", erzählet Aesopus, "wollte gern
+erfahren, in welchem Ansehen er bei den Menschen stünde. Er verbarg
+seine Gottheit, und kam zu einem Bildhauer. Hier erblickte er die
+Statue des Jupiters, und fragte den Künstler, wie teuer er sie halte?,
+Eine Drachme‘, war die Antwort. Merkur lächelte;,Und diese Juno?‘
+fragte er weiter.,Ohngefähr--ebensoviel.‘ Indem ward er sein eigenes
+Bild gewahr, und dachte bei sich selbst: ich bin der Bote der Götter;
+von mir kömmt aller Gewinn; mich müssen die Menschen notwendig weit
+höher schätzen.,Aber hier dieser Gott?‘ (Er wies auf sein Bild.),Wie
+teuer möchte wohl der sein?‘,Dieser?‘ antwortete der Künstler.,O,
+wenn Ihr mir jene beide abkauft, so sollt Ihr diesen obendrein haben.
+‘" Merkur war abgeführt. Allein der Bildhauer kannte ihn nicht, und
+konnte also auch nicht die Absicht haben, seine Eigenliebe zu kränken,
+sondern es mußte in der Beschaffenheit der Statuen selbst gegründet
+sein, warum er die letztere so geringschätzig hielt, daß er sie zur
+Zugabe bestimmte. Die geringere Würde des Gottes, welchen sie
+vorstellte, konnte dabei nichts tun, denn der Künstler schätzet seine
+Werke nach der Geschicklichkeit, dem Fleiße und der Arbeit, welche
+sie erfordern, und nicht nach dem Range und dem Werte der Wesen,
+welche sie ausdrücken. Die Statue des Merkurs mußte weniger
+Geschicklichkeit, weniger Fleiß und Arbeit verlangen, wenn sie
+weniger kosten sollte, als eine Statue des Jupiters oder der Juno.
+Und so war es hier wirklich. Die Statuen des Jupiters und der Juno
+zeigten die völlige Person dieser Götter; die Statue des Merkurs
+hingegen war ein schlechter viereckichter Pfeiler, mit dem bloßen
+Brustbilde desselben. Was Wunder also, daß sie obendrein gehen
+konnte? Merkur übersahe diesen Umstand, weil er sein vermeintliches
+überwiegendes Verdienst nur allein vor Augen hatte, und so war seine
+Demütigung ebenso natürlich, als verdient. Man wird sich vergebens
+bei den Auslegern und Übersetzern und Nachahmern der Fabeln des
+Aesopus nach der geringsten Spur von dieser Erklärung umsehen; wohl
+aber könnte ich ihrer eine ganze Reihe anführen, wenn es sich der
+Mühe lohnte, die das Märchen geradezu verstanden, das ist, ganz und
+gar nicht verstanden haben. Sie haben die Ungereimtheit, welche
+darin liegt, wenn man die Statuen alle für Werke von einerlei
+Ausführung annimmt, entweder nicht gefühlt, oder wohl noch gar
+übertrieben. Was sonst in dieser Fabel anstößig sein könnte, wäre
+vielleicht der Preis, welchen der Künstler seinem Jupiter setzet.
+Für eine Drachma kann ja wohl auch kein Töpfer eine Puppe machen.
+Eine Drachma muß also hier überhaupt für etwas sehr Geringes stehen.
+(Fab. Aesop. 90. Edit. Haupt. p. 70.)}
+
+Allein wenn Tibull die Gestalt des Apollo malet, wie er ihm im Traume
+erschienen:--der schönste Jüngling, die Schläfe mit dem keuschen
+Lorbeer umwunden; syrische Gerüche duften aus dem güldenen Haare, das
+um den langen Nacken schwimmet; glänzendes Weiß und Purpurröte
+mischen sich auf dem ganzen Körper, wie auf der zarten Wange der
+Braut, die itzt ihrem Geliebten zugeführet wird:--warum müssen diese
+Züge von alten berühmten Gemälden erborgt sein? Echions nova nupta
+verecundia notabilis mag in Rom gewesen sein, mag tausend- und
+tausendmal sein kopieret worden, war darum die bräutliche Scham
+selbst aus der Welt verschwunden? Seit sie der Maler gesehen hatte,
+war sie für keinen Dichter mehr zu sehen, als in der Nachahmung des
+Malers 6)? Oder wenn ein anderer Dichter den Vulkan ermüdet, und
+sein vor der Esse erhitztes Gesicht rot, brennend nennet: mußte er es
+erst aus dem Werke eines Malers lernen, daß Arbeit ermattet und Hitze
+rötet 7)? Oder wenn Lucrez den Wechsel der Jahreszeiten beschreibet,
+und sie, mit dem ganzen Gefolge ihrer Wirkungen in der Luft und auf
+der Erde, in ihrer natürlichen Ordnung vorüberführet: war Lucrez ein
+Ephemeron, hatte er kein ganzes Jahr durchlebet, um alle die
+Veränderungen selbst erfahren zu haben, daß er sie nach einer
+Prozession schildern mußte, in welcher ihre Statuen herumgetragen
+wurden? Mußte er erst von diesen Statuen den alten poetischen
+Kunstgriff lernen, dergleichen Abstrakta zu wirklichen Wesen zu
+machen 8)? Oder Virgils pontem indignatus Araxes, dieses
+vortreffliche poetische Bild eines über seine Ufer sich ergießenden
+Flusses, wie er die über ihn geschlagene Brücke zerreißt, verliert es
+nicht seine ganze Schönheit, wenn der Dichter auf ein Kunstwerk damit
+angespielet hat, in welchem dieser Flußgott als wirklich eine Brücke
+zerbrechend vorgestellet wird 9)?--Was sollen wir mit dergleichen
+Erläuterungen, die aus der klarsten Stelle den Dichter verdrängen, um
+den Einfall eines Künstlers durchschimmern zu lassen?
+
+{6. Tibullus Eleg. 4. lib. III. Polymetis Dial. VIII. p. 84.}
+
+{7. Statius lib. I. Silv. 5. v. 8. Polymetis Dial. VIII. p. 81.}
+
+{8. Lucretius de R. N. lib. V. v. 736-747
+
+ It Ver, et Venus, et Veneris praenuntius ante
+ Pinnatus graditur Zephyrus; vestigia propter
+ Flora quibus mater praespargens ante viai
+ Cuncta coloribus egregiis et odoribus opplet.
+ Inde loci sequitur Calor aridus, et comes una
+ Pulverulenta Ceres; et Etesia flabra Aquilonum.
+ Inde Autumnus adit; graditur simul Evius Evan:
+ Inde aliae tempestates ventique sequuntur,
+ Altitonans Volturnus et Auster fulmine pollens.
+ Tandem Bruma nives adfert, pigrumque rigorem
+ Reddit, Hiems sequitur, crepitans ac dentibus Algus.
+
+{9. Aeneid. lib. VIII. v. 728. Polymetis Dial. XIV. p. 230.}
+
+Spence erkennet diese Stelle fÜr eine von den schÖnsten in dem ganzen
+Gedichte des Lucrez. Wenigstens ist sie eine von denen, auf welche
+sich die Ehre des Lucrez als Dichter gründet. Aber wahrlich, es
+heißt ihm diese Ehre schmÄlern, ihn völlig darum bringen wollen, wenn
+man sagt: Diese ganze Beschreibung scheinet nach einer alten
+Prozession der vergötterten Jahreszeiten, nebst ihrem Gefolge,
+gemacht zu sein. Und warum das? "Darum," sagt der Engeländer, "weil
+bei den Römern ehedem dergleichen Prozessionen mit ihren Göttern
+überhaupt, ebenso gewöhnlich waren, als noch itzt in gewissen Ländern
+die Prozessionen sind, die man den Heiligen zu Ehren anstellet; und
+weil hiernächst alle Ausdrücke, welche der Dichter hier braucht, auf
+eine Prozession recht sehr wohl passen" (come in very aptly, if
+applied to a procession). Treffliche Gründe! Und wie vieles wäre
+gegen den letzteren noch einzuwenden. Schon die Beiwörter, welche
+der Dichter den personifierten Abstrakten gibt, Calor aridus, Ceres
+pulverulenta, Volturnus altitonans, fulmine pollens Auster, Algus
+dentibus crepitans, zeigen, daß sie das Wesen von ihm, und nicht von
+dem Künstler haben, der sie ganz anders hätte charakterisieren müssen.
+Spence scheinet übrigens auf diesen Einfall von einer Prozession
+durch Abraham Preigern gekommen zu sein, welcher in seinen
+Anmerkungen über die Stelle des Dichters sagt: Ordo est quasi pompae
+cujusdam, Ver et Venus, Zephyrus et Flora etc. Allein dabei hätte es
+auch Spence nur sollen bewenden lassen. Der Dichter führet die
+Jahreszeiten gleichsam in einer Prozession auf; das ist gut. Aber er
+hat es von einer Prozession gelernt, sie so aufzuführen; das ist sehr
+abgeschmackt.}
+
+Ich bedaure, daß ein so nützliches Buch, als "Polymetis" sonst sein
+könnte, durch diese geschmacklose Grille, den alten Dichter statt
+eigentümlicher Phantasie, Bekanntschaft mit fremder unterzuschieben,
+so ekel, und den klassischen Schriftstellern weit nachteiliger
+geworden ist, als ihnen die wäßrigen Auslegungen der schalsten
+Wortforscher nimmermehr sein können. Noch mehr bedauere ich, daß
+Spencen selbst Addison hierin vorgegangen, der aus löblicher Begierde,
+die Kenntnis der alten Kunstwerke zu einem Auslegungsmittel zu
+erheben, die Fälle ebensowenig unterschieden hat, in welchen die
+Nachahmung des Künstlers dem Dichter anständig, in welchen sie ihm
+verkleinerlich ist 10).
+
+{10. In verschiedenen Stellen seiner Reisen und seines Gespräches
+über die alten Münzen.}
+
+
+
+VIII.
+
+
+Von der Ähnlichkeit, welche die Poesie und Malerei miteinander haben,
+macht sich Spence die allerseltsamsten Begriffe. Er glaubet, daß
+beide Künste bei den Alten so genau verbunden gewesen, daß sie
+beständig Hand in Hand gegangen, und der Dichter nie den Maler, der
+Maler nie den Dichter aus den Augen verloren habe. Daß die Poesie
+die weitere Kunst ist, daß ihr Schönheiten zu Gebote stehen, welche
+die Malerei nicht zu erreichen vermag; daß sie öfters Ursachen haben
+kann, die unmalerischen Schönheiten den malerischen vorzuziehen:
+daran scheinet er gar nicht gedacht zu haben, und ist daher bei dem
+geringsten Unterschiede, den er unter den alten Dichtern und Artisten
+bemerkt, in einer Verlegenheit, die ihn auf die wunderlichsten
+Ausflüchte von der Welt bringt.
+
+Die alten Dichter geben dem Bacchus meistenteils Hörner. Es ist also
+doch wunderbar, sagt Spence, daß man diese Hörner an seinen Statuen
+so selten erblickt 1). Er fällt auf diese, er fällt auf eine andere
+Ursache; auf die Unwissenheit der Antiquare, auf die Kleinheit der
+Hörner selbst, die sich unter den Trauben und Efeublättern, dem
+beständigen Kopfputze des Gottes, möchten verkrochen haben. Er
+windet sich um die wahre Ursache herum, ohne sie zu argwöhnen. Die
+Hörner des Bacchus waren keine natürliche Hörner, wie sie es an den
+Faunen und Satyren waren. Sie waren ein Stirnschmuck, den er
+aufsetzen und ablegen konnte.
+
+{1. Polymetis Dial. IX. p. 129.}
+
+ --Tibi, cum sine cornibus adstas
+ Virgineum caput est:--
+
+
+heißt es in der feierlichen Anrufung des Bacchus beim Ovid 2). Er
+konnte sich also auch ohne HÖrner zeigen; und zeigte sich ohne Hörner,
+wenn er in seiner jungfrÄulichen Schönheit erscheinen wollte. In
+dieser wollten ihn nun auch die KÜnstler darstellen, und mußten daher
+alle Zusätze von übler Wirkung an ihm vermeiden. Ein solcher Zusatz
+wären die Hörner gewesen, die an dem Diadem befestiget waren, wie man
+an einem Kopfe in dem königlichen Kabinett zu Berlin sehen kann 3).
+Ein solcher Zusatz war das Diadem selbst, welches die schöne Stirne
+verdeckte, und daher an den Statuen des Bacchus ebenso selten
+vorkömmt, als die Hörner, ob es ihm schon, als seinem Erfinder, von
+den Dichtern ebenso oft beigeleget wird. Dem Dichter gaben die
+Hörner und das Diadem feine Anspielungen auf die Taten und den
+Charakter des Gottes: dem Künstler hingegen wurden sie Hinderungen
+größere Schönheiten zu zeigen, und wenn Bacchus, wie ich glaube eben
+darum den Beinamen Biformis, DimorjoV, hatte, weil er sich sowohl
+schön als schrecklich zeigen konnte, so war es wohl natürlich, daß
+der Künstler diejenige von seiner Gestalt am liebsten wählte, die der
+Bestimmung seiner Kunst am meisten entsprach.
+
+{2. Metamorph. lib. IV. v. 19. 20.}
+
+{3. Begeri Thes. Brandenb. Vol. III. p. 240.}
+
+Minerva und Juno schleudern bei den römischen Dichtern öfters den
+Blitz. Aber warum nicht auch in ihren Abbildungen? fragt Spence 4).
+Er antwortet: es war ein besonderes Vorrecht dieser zwei Göttinnen,
+wovon man den Grund vielleicht erst in den samothracischen
+Geheimnissen erfuhr; weil aber die Artisten bei den alten Römern als
+gemeine Leute betrachtet, und daher zu diesen Geheimnissen selten
+zugelassen wurden, so wußten sie ohne Zweifel nichts davon, und was
+sie nicht wußten, konnten sie nicht vorstellen. Ich möchte Spencen
+dagegen fragen: arbeiteten diese gemeinen Leute vor ihren Kopf, oder
+auf Befehl Vornehmerer, die von den Geheimnissen unterrichtet sein
+konnten? Stunden die Artisten auch bei den Griechen in dieser
+Verachtung? Waren die römischen Artisten nicht mehrenteils geborne
+Griechen? Und so weiter.
+
+{4. Polymetis Dial. VI. p. 63.}
+
+Statius und Valerius Flaccus schildern eine erzürnte Venus, und mit
+so schrecklichen Zügen, daß man sie in diesem Augenblicke eher für
+eine Furie, als für die Göttin der Liebe halten sollte. Spence
+siehet sich in den alten Kunstwerken vergebens nach einer solchen
+Venus um. Was schließt er daraus? Daß dem Dichter mehr erlaubt ist
+als dem Bildhauer und Maler? Das hätte er daraus schließen sollen;
+aber er hat es einmal für allemal als einen Grundsatz angenommen, daß
+in einer poetischen Beschreibung nichts gut sei, was unschicklich
+sein würde, wenn man es in einem Gemälde, oder an einer Statue
+vorstellt 5). Folglich müssen die Dichter gefehlt haben. "Statius
+und Valerius sind aus einer Zeit, da die römische Poesie schon in
+ihrem Verfalle war. Sie zeigen auch hierin ihren verderbten
+Geschmack, und ihre schlechte Beurteilungskraft. Bei den Dichtern
+aus einer bessern Zeit wird man dergleichen Verstoßungen wider den
+malerischen Ausdruck nicht finden 6)."
+
+{5. Polymetis Dialogue XX. p. 31 1. Scarce any thing can be good in a
+poetical description, which would appear absurd, if represented in a
+statue or picture.}
+
+{6. Polymetis Dial. VII. p. 74.}
+
+So etwas zu sagen, braucht es wahrlich wenig Unterscheidungskraft.
+Ich will indes mich weder des Statius noch des Valerius in diesem
+Fall annehmen, sondern nur eine allgemeine Anmerkung machen. Die
+Götter und geistigen Wesen, wie sie der Künstler vorstellet, sind
+nicht völlig ebendieselben, welche der Dichter braucht. Bei dem
+Künstler sind sie personifierte Abstrakta, die beständig die nämliche
+Charakterisierung behalten müssen, wenn sie erkenntlich sein sollen.
+Bei dem Dichter hingegen sind sie wirkliche handelnde Wesen, die über
+ihren allgemeinen Charakter noch andere Eigenschaften und Affekten
+haben, welche nach Gelegenheit der Umstände vor jenen vorstechen
+können. Venus ist dem Bildhauer nichts als die Liebe; er muß ihr
+also alle die sittsame verschämte Schönheit, alle die holden Reize
+geben, die uns an geliebten Gegenständen entzücken, und die wir daher
+mit in den abgesonderten Begriff der Liebe bringen. Die geringste
+Abweichung von diesem Ideal läßt uns sein Bild verkennen. Schönheit,
+aber mit mehr Majestät als Scham, ist schon keine Venus, sondern eine
+Juno. Reize, aber mehr gebieterische, männliche, als holde Reize,
+geben eine Minerva statt einer Venus. Vollends eine zürnende Venus,
+eine Venus von Rache und Wut getrieben, ist dem Bildhauer ein wahrer
+Widerspruch; denn die Liebe, als Liebe, zürnet nie, rächet sich nie.
+Bei dem Dichter hingegen ist Venus zwar auch die Liebe, aber die
+Göttin der Liebe, die außer diesem Charakter, ihre eigne
+Individualität hat, und folglich der Triebe des Abscheues ebenso
+fähig sein muß, als der Zuneigung. Was Wunder also, daß sie bei ihm
+in Zorn und Wut entbrennet, besonders wenn es die beleidigte Liebe
+selbst ist, die sie darein versetzet?
+
+Es ist zwar wahr, daß auch der Künstler in zusammengesetzten Werken,
+die Venus, oder jede andere Gottheit, außer ihrem Charakter, als ein
+wirklich handelndes Wesen, so gut wie der Dichter, einführen kann.
+Aber alsdenn müssen wenigstens ihre Handlungen ihrem Charakter nicht
+widersprechen, wenn sie schon keine unmittelbare Folgen desselben
+sind. Venus übergibt ihrem Sohne die göttlichen Waffen: diese
+Handlung kann der Künstler, sowohl als der Dichter, vorstellen. Hier
+hindert ihn nichts, der Venus alle die Anmut und Schönheit zu geben,
+die ihr als Göttin der Liebe zukommen; vielmehr wird sie eben dadurch
+in seinem Werke um so viel kenntlicher. Allein wenn sieh Venus an
+ihren Verächtern, den Männern zu Lemnos, rächen will, in vergrößerter
+wilder Gestalt, mit fleckigten Wangen, in verwirrtem Haare, die
+Pechfackel ergreift, ein schwarzes Gewand um sich wirft, und auf
+einer finstern Wolke stürmisch herabfährt: so ist das kein Augenblick
+für den Künstler, weil er sie durch nichts in diesem Augenblicke
+kenntlich machen kann. Es ist nur ein Augenblick für den Dichter,
+weil dieser das Vorrecht hat, einen andern, in welchem die Göttin
+ganz Venus ist, so nahe, so genau damit zu verbinden, daß wir die
+Venus auch in der Furie nicht aus den Augen verlieren. Dieses tut
+Flaccus:
+
+ --Neque enim alma videri
+ Jam tumet; aut tereti crinem subnectitur auro,
+ Sidereos diffusa sinus. Eadem effera et ingens
+ Et maculis suffecta genas; pinumque sonantem
+ Virginibus Stygiis, nigramque simillima pallam 7).
+
+{7. Argonaut. lib. II. v. 102-106.}
+
+
+Eben dieses tut Statius:
+
+ Illa Paphon veterem centumque altaria linquens,
+ Nec vultu nec crine prior, solvisse jugalem
+ Ceston, et Idalias procul ablegasse volucres
+ Fertur. Erant certe, media qui noctis in umbra
+ Divam, alios ignes majoraque tela gerentem,
+ Tartarias inter thalamis volitasse sorores
+ Vulgarent: utque implicitis arcana domorum
+ Anguibus et saeva formidine cuncta replerit
+ Limina 8).--
+
+{8. Thebaid. lib. V. v. 61-69.}
+
+
+Oder man kann sagen: der Dichter allein besitzet das KunststÜck, mit
+negativen Zügen zu schildern, und durch Vermischung dieser negativen
+mit positiven Zügen, zwei Erscheinungen in eine zu bringen. Nicht
+mehr die holde Venus; nicht mehr das Haar mit goldenen Spangen
+geheftet; von keinem azurnen Gewande umflattert; ohne ihren Gürtel;
+mit andern Flammen, mit grÖßern Pfeilen bewaffnet; in Gesellschaft
+ihr Ähnlicher Furien. Aber weil der Artist dieses Kunststückes
+entbehren muß, soll sich seiner darum auch der Dichter enthalten?
+Wenn die Malerei die Schwester der Dichtkunst sein will: so sei sie
+wenigstens keine eifersüchtige Schwester; und die jüngere untersage
+der älteren nicht alle den Putz, der sie selbst nicht kleidet.
+
+
+
+IX.
+
+
+Wenn man in einzeln Fällen den Maler und Dichter miteinander
+vergleichen will, so muß man vor allen Dingen wohl zusehen, ob sie
+beide ihre völlige Freiheit gehabt haben, ob sie ohne allen
+äußerlichen Zwang auf die höchste Wirkung ihrer Kunst haben arbeiten
+können.
+
+Ein solcher äußerlicher Zwang war dem alten Künstler öfters die
+Religion. Sein Werk, zur Verehrung und Anbetung bestimmt, konnte
+nicht allezeit so vollkommen sein, als wenn er einzig das Vergnügen
+des Betrachters dabei zur Absicht gehabt hätte. Der Aberglaube
+überladete die Götter mit Sinnbildern, und die schönsten von ihnen
+wurden nicht überall als die schönsten verehret.
+
+Bacchus stand in seinem Tempel zu Lemnos, aus welchem die fromme
+Hypsipyle ihren Vater unter der Gestalt des Gottes rettete 1), mit
+Hörnern, und so erschien er ohne Zweifel in allen seinen Tempeln,
+denn die Hörner waren ein Sinnbild, welches sein Wesen mit
+bezeichnete. Nur der freie Künstler, der seinen Bacchus für keinen
+Tempel arbeitete, ließ dieses Sinnbild weg; und wenn wir, unter den
+noch übrigen Statuen von ihm, keine mit Hörnern finden 2), so ist
+dieses vielleicht ein Beweis, daß es keine von den geheiligten sind,
+in welchen er wirklich verehret worden. Es ist ohnedem höchst
+wahrscheinlich, daß auf diese letzteren die Wut der frommen Zerstörer
+in den ersten Jahrhunderten des Christentums vornehmlich gefallen ist,
+die nur hier und da ein Kunstwerk schonte, welches durch keine
+Anbetung verunreiniget war.
+
+{1. Valerius Flaccus lib. II. Argonaut. v. 265-273.
+
+ Serta patri, juvenisque comam vestesque Lyaei
+ Induit, et medium curru locat; aeraque circum
+ Tympanaque et plenas tacita formidine cistas.
+ Ipsa sinus hederisque ligat famularibus artus:
+ Pampineamque quatit ventosis ictibus hastam,
+ Respiciens; teneat virides velatus habenas
+ Ut pater, et nivea tumeant ut cornua mitra,
+ Et sacer ut Bacchum referat scyphus.
+
+{2. Der sogenannte Bacchus in dem Mediceischen Garten zu Rom (beim
+Montfaucon Suppl. aux Ant. Expl. T. I. p. 154) hat kleine aus der
+Stirne hervorsprossende HÖrner; aber es gibt Kenner, die ihn eben
+darum lieber zu einem Faune machen wollen. In der Tat sind solche
+natÜrliche Hörner eine SchÄndung der menschlichen Gestalt, und können
+nur Wesen geziemen, denen man eine Art von Mittelgestalt zwischen
+Menschen und Tier erteilte. Auch ist die Stellung, der lüsterne
+Blick nach der über sich gehaltenen Traube, einem Begleiter des
+Weingottes anständiger als dem Gotte selbst. Ich erinnere mich hier,
+was Clemens Alexandrinus von Alexander dem Großen sagt (Protrept. p.
+48. Edit. Pott.) Ebouleto de kai AlexandroV AmmwnoV uioV einai
+dokein, kai kerasjoroV anaplattesJai proV tvn agalmatopoivn, to kalon
+anJrwpou ubrisai speudwn kerati. Es war Alexanders ausdrücklicher
+Wille, daß ihn der Bildhauer mit Hörnern vorstellen sollte: er war es
+gern zufrieden, daß die menschliche Schönheit in ihm mit Hörnern
+beschimpft ward, wenn man ihn nur eines göttlichen Ursprunges zu sein
+glaubte.}
+
+
+Das Wort tumeant, in der letzten ohn' einen Zeile, scheinet übrigens
+anzuzeigen, daß man die Hörner des Bacchus nicht so klein gemacht,
+als sich Spence einbildet.}
+
+Da indes unter den aufgegrabenen Antiken sich Stücke sowohl von der
+einen als von der andern Art finden, so wünschte ich, daß man den
+Namen der Kunstwerke nur denjenigen beilegen möchte, in welchen sich
+der Künstler wirklich als Künstler zeigen können, bei welchen die
+Schönheit seine erste und letzte Absicht gewesen. Alles andere,
+woran sich zu merkliche Spuren gottesdienstlicher Verabredungen
+zeigen, verdienet diesen Namen nicht, weil die Kunst hier nicht um
+ihrer selbst willen gearbeitet, sondern ein bloßes Hilfsmittel der
+Religion war, die bei den sinnlichen Vorstellungen, die sie ihr
+aufgab, mehr auf das Bedeutende als auf das Schöne sahe; ob ich schon
+dadurch nicht sagen will, daß sie nicht auch öfters alles Bedeutende
+in das Schöne gesetzt, oder aus Nachsicht für die Kunst und den
+feinern Geschmack des Jahrhunderts, von jenem so viel nachgelassen
+habe, daß dieses allein zu herrschen scheinen können.
+
+Macht man keinen solchen Unterschied, so werden der Kenner und der
+Antiquar beständig miteinander im Streite liegen, weil sie einander
+nicht verstehen. Wenn jener, nach seiner Einsicht in die Bestimmung
+der Kunst, behauptet, daß dieses oder jenes der alte Künstler nie
+gemacht habe, nämlich als Künstler nicht, freiwillig nicht: so wird
+dieser es dahin ausdehnen, daß es auch weder die Religion, noch sonst
+eine außer dem Gebiete der Kunst liegende Ursache, von dem Künstler
+habe machen lassen, von dem Künstler nämlich als Handarbeiter. Er
+wird also mit der ersten mit der besten Figur den Kenner widerlegen
+zu können glauben, die dieser ohne Bedenken, aber zu großem
+Ärgernisse der gelehrten Welt, wieder zu dem Schutte verdammt, woraus
+sie gezogen worden 3).
+
+{3. Als ich oben behauptete, daß die alten Künstler keine Furien
+gebildet hätten, war es mir nicht entfallen, daß die Furien mehr als
+einen Tempel gehabt, die ohne ihre Statuen gewiß nicht gewesen sind.
+In dem zu Cerynea fand Pausanias dergleichen von Holz; sie waren
+weder groß, noch sonst besonders merkwürdig; es schien, daß die Kunst,
+die sich nicht an ihnen zeigen können, es an den Bildsäulen ihrer
+Priesterinnen, die in der Halle des Tempels standen, einbringen
+wollen, als welche von Stein, und von sehr schöner Arbeit waren.
+(Pausanias Achaic. cap. XXV. p. 589. Edit. Kuhn.) Ich hatte
+ebensowenig vergessen, daß man Köpfe von ihnen auf einem Abraxas, den
+Chiffletius bekannt gemacht, und auf einer Lampe beim Licetus zu
+sehen glaube. (Dissertat. sur les Furies par Banier, Mémoires de
+l'Académie des Inscript. T. V. p. 48.) Auch sogar die Urne von
+hetrurischer Arbeit beim Gorius (Tabl. 151 Musei Etrusci), auf
+welcher Orestes und Pylades erscheinen, wie ihnen zwei Furien mit
+Fackeln zusetzen, war mir nicht unbekannt. Allein ich redete von
+Kunstwerken, von welchen ich alle diese Stücke ausschließen zu können
+glaubte. Und wäre auch das letztere nicht sowohl als die übrigen
+davon auszuschließen, so dienet es von einer andern Seite, mehr meine
+Meinung zu bestärken, als zu widerlegen. Denn so wenig auch die
+hetrurischen Künstler überhaupt auf das Schöne gearbeitet, so
+scheinen sie doch auch die Furien nicht sowohl durch schreckliche
+Gesichtszüge, als vielmehr durch ihre Tracht und Attributa
+ausgedrückt zu haben. Diese stoßen mit so ruhigem Gesichte dem
+Orestes und Pylades ihre Fackeln unter die Augen, daß sie fast
+scheinen, sie nur im Scherze erschrecken zu wollen. Wie fürchterlich
+sie dem Orestes und Pylades vorgekommen, läßt sich nur aus ihrer
+Furcht, keineswegs aber aus der Bildung der Furien selbst abnehmen.
+Es sind also Furien, und sind auch keine; sie verrichten das Amt der
+Furien, aber nicht in der Verstellung von Grimm und Wut, welche wir
+mit ihrem Namen zu verbinden gewohnt sind; nicht mit der Stirne, die,
+wie Catull sagt, expirantis praeportat pectoris iras.--Noch kürzlich
+glaubte Herr Winckelmann, auf einem Karniole in dem Stoschischen
+Kabinette, eine Furie im Laufe mit fliegendem Rocke und Haaren, und
+einem Dolche in der Hand, gefunden zu haben. (Bibliothek der sch.
+Wiss. V Band S. 30.) Der Herr von Hagedorn riet hierauf auch den
+Künstlern schon an, sich diese Anzeige zunutze zu machen und die
+Furien in ihren Gemälden so vorzustellen. (Betrachtungen über die
+Malerei S. 222.) Allein Herr Winckelmann hat hernach diese seine
+Entdeckung selbst wiederum ungewiß gemacht, weil er nicht gefunden,
+daß die Furien, anstatt mit Fackeln, auch mit Dolchen von den Alten
+bewaffnet worden. (Descript. des pierres gravées p. 84.) Ohne
+Zweifel erkennt er also die Figuren, auf Münzen der Städte Lyrba und
+Mastaura, die Spanheim für Furien ausgibt (Les Césars de Julien p.
+44) nicht dafür, sondern für eine Hekate triformis; denn sonst fände
+sich allerdings hier eine Furie, die in jeder Hand einen Dolch führet,
+und es ist sonderbar, daß eben diese auch in bloßen ungebundenen
+Haaren erscheint, die an den andern mit einem Schleier bedeckt sind.
+Doch gesetzt auch, es wäre wirklich so, wie es dem Herrn Winckelmann
+zuerst vorgekommen: so würde es auch mit diesem geschnittenen Steine
+eben die Bewandtnis haben, die es mit der hetrurischen Urne hat, es
+wäre denn, daß sich wegen Kleinheit der Arbeit gar keine Gesichtszüge
+erkennen ließen. Überdem gehören auch die geschnittenen Steine
+überhaupt, wegen ihres Gebrauchs als Siegel, schon mit zur
+Bildersprache, und ihre Figuren mögen öfterer eigensinnige Symbola
+der Besitzer, als freiwillige Werke der Künstler sein.}
+
+Gegenteils kann man sich aber auch den Einfluß der Religion auf die
+Kunst zu groß vorstellen. Spence gibt hiervon ein sonderbares
+Beispiel. Er fand beim Ovid, daß Vesta in ihrem Tempel unter keinem
+persönlichen Bilde verehret worden; und dieses dünkte ihm genug,
+daraus zu schließen, daß es überhaupt keine Bildsäulen von dieser
+Göttin gegeben habe, und daß alles, was man bisher dafür gehalten,
+nicht die Vesta, sondern eine Vestalin vorstelle 4). Eine seltsame
+Folge! Verlor der Künstler darum sein Recht, ein Wesen, dem die
+Dichter eine bestimmte Persönlichkeit geben, das sie zur Tochter des
+Saturnus und der Ops machen, das sie in Gefahr kommen lassen, unter
+die Mißhandlungen des Priapus zu fallen, und was sie sonst von ihr
+erzählen, verlor er, sage ich, darum sein Recht, dieses Wesen auch
+nach seiner Art zu personifieren, weil es in einem Tempel nur unter
+dem Sinnbilde des Feuers verehret ward? Denn Spence begehet dabei
+noch diesen Fehler, daß er das, was Ovid nur von einem gewissen
+Tempel der Vesta, nämlich von dem zu Rom sagt5), auf alle Tempel
+dieser Göttin ohne Unterschied, und auf ihre Verehrung überhaupt,
+ausdehnet. Wie sie in diesem Tempel zu Rom verehret ward, so ward
+sie nicht überall verehret, so war sie selbst nicht in Italien
+verehret worden, ehe ihn Numa erbaute. Numa wollte keine Gottheit in
+menschlicher oder tierischer Gestalt vorgestellet wissen; und darin
+bestand ohne Zweifel die Verbesserung, die er in dem Dienste der
+Vesta machte, daß er alle persönliche Vorstellung von ihr daraus
+verbannte. Ovid selbst lehret uns, daß es vor den Zeiten des Numa
+Bildsäulen der Vesta in ihrem Tempel gegeben habe, die, als ihre
+Priesterin Sylvia Mutter ward, vor Scham die jungfräulichen Hände vor
+die Augen hoben6). Daß sogar in den Tempeln, welche die Göttin außer
+der Stadt in den römischen Provinzen hatte, ihre Verehrung nicht
+völlig von der Art gewesen, als die Numa verordnet, scheinen
+verschiedene alte Inschriften zu beweisen, in welchen eines
+Pontificis Vestae gedacht wird7). Auch zu Korinth war ein Tempel der
+Vesta ohne alle Bildsäule, mit einem bloßen Altare, worauf der Göttin
+geopfert ward8). Aber hatten die Griechen darum gar keine Statuen
+der Vesta? Zu Athen war eine im Prytaneo, neben der Statue des
+Friedens9). Die Jasseer rühmten von einer, die bei ihnen unter
+freiem Himmel stand, daß weder Schnee noch Regen jemals auf sie
+falle10). Plinius gedenkt einer sitzenden, von der Hand des Skopas,
+die sich zu seiner Zeit in den Servilianischen Gärten zu Rom
+befand11). Zugegeben, daß es uns itzt schwer wird, eine bloße
+Vestalin von einer Vesta selbst zu unterscheiden, beweiset dieses,
+daß sie auch die Alten nicht unterscheiden können, oder wohl gar
+nicht unterscheiden wollen? Gewisse Kennzeichen sprechen offenbar
+mehr für die eine, als für die andere. Das Zepter, die Fackel, das
+Palladium, lassen sich nur in der Hand der Göttin vermuten. Das
+Tympanum, welches ihr Codinus beileget, kömmt ihr vielleicht nur als
+der Erde zu; oder Codinus wußte selbst nicht recht, was er sahe12).
+
+{4. Polymetis Dial. VII. p. 81.}
+
+{5. Fast. lib. VI. v. 295-98.
+
+ Esse diu stultus Vestae simulacra putavi:
+ Mox didici curvo nulla subesse tholo.
+ Ignis inexstinctus templo celatur in illo.
+ Effigiem nullam Vesta, nec ignis habet.
+
+
+Ovid redet nur von dem Gottesdienste der Vesta in Rom, nur von dem
+Tempel, den ihr Numa daselbst erbauet hatte, von dem er kurz zuvor (v.
+259. 260) sagt:
+
+ Regis opus placidi, quo non metuentius ullum
+ Numinis ingenium terra Sabina tulit.}
+
+{6. Fast. lib. III. v. 45. 46.
+
+ Sylvia fit mater: Vestae simulacra feruntur
+ Virgineas oculis opposuisse manus.
+
+
+Auf diese Weise hÄtte Spence den Ovid mit sich selbst vergleichen
+sollen. Der Dichter redet von verschiedenen Zeiten. Hier von den
+Zeiten vor dem Numa, dort von den Zeiten nach ihm. In jenen ward sie
+in Italien unter persÖnlichen Vorstellungen verehret, so wie sie in
+Troja war verehret worden, von wannen Aeneas ihren Gottesdienst mit
+herÜbergebracht hatte.
+
+ --Manibus vittas, Vestamque potentem,
+ Aeternumque adytis effert penetralibus ignem:
+
+
+sagt Virgil von dem Geiste des Hektors, nachdem er dem Aeneas zur
+Flucht geraten. Hier wird das ewige Feuer von der Vesta selbst, oder
+ihrer BildsÄule, ausdrÜcklich unterschieden. Spence muß die
+rÖmischen Dichter zu seinem Behufe doch noch nicht aufmerksam genug
+durchgelesen haben, weil ihm diese Stelle entwischt ist.}
+
+{7. Lipsius de Vesta et Vestalibus cap. 13.}
+
+
+{8. Pausanias Corinth. cap. XXXV. p. 198. Edit. Kuh.}
+
+{9. Idem Attic. cap. XVIII. p. 41.}
+
+{10. Polyb. Hist. lib. XVI. §. 11. Op. T. II. p. 443. Edit.
+Ernest.}
+
+{11. Plinius lib. XXXVI sec. 4. p. 727. Edit. Hard. Scopas
+fecit--Vestam sedentem laudatam in Servilianis hortis. Diese Stelle
+muß Lipsius in Gedanken gehabt haben als er (de Vesta cap. 3.)
+schrieb: Plinius Vestam sedentem effingi solitam ostendit, a
+stabilitate. Allein was Plinius von einem einzeln Stücke des Skopas
+sagt, hätte er nicht für einen allgemein angenommenen Charakter
+ausgeben sollen. Er merkt selbst an, daß auf den Münzen die Vesta
+ebensooft stehend als sitzend erscheine. Allein er verbessert
+dadurch nicht den Plinius, sondern seine eigne falsche Einbildung.}
+
+{12. Georg. Codinus de Originib. Constant. Edit. Venet. p. 12.
+Thn ghn legousin Estian, kai plattousi authn gunaika, tumpanon
+bastazousan, epeidh touV anemouV h gh uj' eathn sugkleiei. Suidas,
+aus ihm, oder beide aus einem ältern, sagt unter dem Worte Estia eben
+dieses. "Die Erde wird unter dem Namen Vesta als eine Frau gebildet,
+welche ein Tympanon trägt, weil sie die Winde in sich verschlossen
+hält." Die Ursache ist ein wenig abgeschmackt. Es würde sich eher
+haben hören lassen, wenn er gesagt hätte, daß ihr deswegen ein
+Tympanon beigegeben werde, weil die Alten zum Teil geglaubt, daß ihre
+Figur damit übereinkomme; schma authV tumpanoeideV einai.
+(Plutarchus de placitis philos. cap. 10. id. de facie in orbe Lunae.)
+Wo sich aber Codinus nur nicht entweder in der Figur, oder in dem
+Namen, oder gar in beiden geirret hat. Er wußte vielleicht, was er
+die Vesta tragen sahe, nicht besser zu nennen, als ein Tympanum; oder
+hörte es ein Tympanum nennen, und konnte sich nichts anders dabei
+gedenken, als das Instrument, welches wir eine Heerpauke nennen.
+Tympana waren aber auch eine Art von Rädern:
+
+ Hinc radios trivere rotis, hinc tympana plaustris
+ Agricolae--
+
+
+(Virgilius Georgic. lib. II. v. 444.) Und einem solchen Rade
+scheinet mir das, was sich an der Vesta des Fabretti zeiget (Ad
+tabulam Iliadis p. 339.) und dieser Gelehrte fÜr eine Handmühle hÄlt,
+sehr ähnlich zu sein.}
+
+
+
+X.
+
+
+Ich merke noch eine Befremdung des Spence an, welche deutlich zeiget,
+wie wenig er über die Grenzen der Poesie und Malerei muß nachgedacht
+haben.
+
+"Was die Musen überhaupt betrifft", sagt er, "so ist es doch
+sonderbar, daß die Dichter in Beschreibung derselben so sparsam sind,
+weit sparsamer, als man es bei GÖttinnen, denen sie so große
+Verbindlichkeit haben, erwarten sollte 1).
+
+{1. Polymetis Dial. VIII. p. 91.}
+
+Was heißt das anders, als sich wundern, daß wenn die Dichter von
+ihnen reden, sie es nicht in der stummen Sprache der Maler tun?
+Urania ist den Dichtern die Muse der Sternkunst; aus ihrem Namen, aus
+ihren Verrichtungen erkennen wir ihr Amt. Der Künstler, um es
+kenntlich zu machen, muß sie mit einem Stabe auf eine Himmelskugel
+weisen lassen; dieser Stab, diese Himmelskugel, diese ihre Stellung
+sind seine Buchstaben, aus welchen er uns den Namen Urania
+zusammensetzen läßt. Aber wenn der Dichter sagen will: Urania hatte
+seinen Tod längst aus den Sternen vorhergesehn;
+
+Ipsa diu positis lethum praedixerat astris. Uranie--2)
+
+{2. Statius Theb. VIII. v. 551.}
+
+warum soll er, in Rücksicht auf den Maler, darzusetzen: Urania, den
+Radius in der Hand, die Himmelskugel vor sich? Wäre es nicht, als ob
+ein Mensch, der laut reden kann und darf, sich noch zugleich der
+Zeichen bedienen sollte, welche die Stummen im Serraglio des Türken,
+aus Mangel der Stimme, unter sich erfunden haben?
+
+Eben dieselbe Befremdung äußert Spence nochmals bei den moralischen
+Wesen, oder denjenigen Gottheiten, welche die Alten den Tugenden und
+der Führung des menschlichen Lebens vorsetzten 3). "Es verdient
+angemerkt zu werden", sagt er, "daß die römischen Dichter von den
+besten dieser moralischen Wesen weit weniger sagen, als man erwarten
+sollte. Die Artisten sind in diesem Stücke viel reicher, und wer
+wissen will, was jedes derselben für einen Aufzug gemacht, darf nur
+die Münzen der römischen Kaiser zu Rate ziehen 4).--Die Dichter
+sprechen von diesen Wesen zwar öfters, als von Personen; überhaupt
+aber sagen sie von ihren Attributen, ihrer Kleidung und übrigem
+Ansehen sehr wenig."-{3. Polym. Dial. X. p. 137.}
+
+{4. Ibid. p. 139.}
+
+Wenn der Dichter Abstrakta personifieret, so sind sie durch den Namen,
+und durch das, was er sie tun läßt, genugsam charakterisierst.
+
+Dem Künstler fehlen diese Mittel. Er muß also seinen personifierten
+Abstraktis Sinnbilder zugeben, durch welche sie kenntlich werden.
+Diese Sinnbilder weil sie etwas anders sind, und etwas anders
+bedeuten, machen sie zu allegorischen Figuren.
+
+Eine Frauensperson mit einem Zaum in der Hand; eine andere an eine
+Säule gelehnet, sind in der Kunst allegorische Wesen. Allein die
+Mäßigung, die Standhaftigkeit bei dem Dichter, sind keine
+allegorische Wesen, sondern bloß personifierte Abstrakta.
+
+Die Sinnbilder dieser Wesen bei dem Künstler hat die Not erfunden.
+Denn er kann sich durch nichts anders verständlich machen, was diese
+oder jene Figur bedeuten soll. Wozu aber den Künstler die Not
+treibet, warum soll sich das der Dichter aufdringen lassen, der von
+dieser Not nichts weiß?
+
+Was Spencen so sehr befremdet, verdienet den Dichtern als eine Regel
+vorgeschrieben zu werden. Sie müssen die Bedürfnisse der Malerei
+nicht zu ihrem Reichtume machen. Sie müssen die Mittel, welche die
+Kunst erfunden hat, um der Poesie nachzukommen, nicht als
+Vollkommenheiten betrachten, auf die sie neidisch zu sein Ursache
+hätten. Wenn der Künstler eine Figur mit Sinnbildern auszieret, so
+erhebt er eine bloße Figur zu einem höhern Wesen. Bedienet sich aber
+der Dichter dieser malerischen Ausstaffierungen, so macht er aus
+einem höhern Wesen eine Puppe.
+
+So wie diese Regel durch die Befolgung der Alten bewähret ist, so ist
+die geflissentliche Übertretung derselben ein Lieblingsfehler der
+neuern Dichter. Alle ihre Wesen der Einbildung gehen in Maske, und
+die sich auf diese Maskeraden am besten verstehen, verstehen sich
+meistenteils auf das Hauptwerk am wenigsten: nämlich, ihre Wesen
+handeln zu lassen, und sie durch die Handlungen derselben zu
+charakterisieren.
+
+Doch gibt es unter den Attributen, mit welchen die Künstler ihre
+Abstrakta bezeichnen, eine Art, die des poetischen Gebrauchs fähiger
+und würdiger ist. Ich meine diejenigen, welche eigentlich nichts
+Allegorisches haben, sondern als Werkzeuge zu betrachten sind, deren
+sich die Wesen, welchen sie beigeleget werden, falls sie als
+wirkliche Personen handeln sollten, bedienen würden oder könnten.
+Der Zaum in der Hand der Mäßigung, die Säule, an welche sich die
+Standhaftigkeit lehnet, sind lediglich allegorisch, für den Dichter
+also von keinem Nutzen. Die Wage in der Hand der Gerechtigkeit, ist
+es schon weniger, weil der rechte Gebrauch der Wage wirklich ein
+Stück der Gerechtigkeit ist. Die Leier oder Flöte aber in der Hand
+einer Muse, die Lanze in der Hand des Mars, Hammer und Zange in den
+Händen des Vulkans, sind ganz und gar keine Sinnbilder, sind bloße
+Instrumente, ohne welche diese Wesen die Wirkungen, die wir ihnen
+zuschreiben, nicht hervorbringen können. Von dieser Art sind die
+Attribute, welche die alten Dichter in ihre Beschreibungen etwa noch
+einflechten, und die ich deswegen, zum Unterschiede jener
+allegorischen, die poetischen nennen möchte. Diese bedeuten die
+Sache selbst, jene nur etwas Ähnliches 5).
+
+{5. Man mag in dem Gemälde, welches Horaz von der Notwendigkeit macht,
+und welches vielleicht das an Attributen reichste Gemälde bei allen
+alten Dichtern ist: (lib. I. Od. 35.)
+
+ Te semper anteit saeva Necessitas:
+ Clavos trabales et cuneos manu
+ Gestans ahenea; nec severus
+ Uncus abest liquidumque plumbum--
+
+
+man mag, sage ich, in diesem GemÄlde die Nägel, die Klammern, das
+fließende Blei, fÜr Mittel der Befestigung oder für Werkzeuge der
+Bestrafung annehmen, so gehÖren sie doch immer mehr zu den poetischen,
+als allegorischen Attributen. Aber auch als solche sind sie zu sehr
+gehäuft, und die Stelle ist eine von den frostigsten des Horaz.
+Sanadon sagt: J'ose dire que ce tableau pris dans le détail serait
+plus beau sur la toile que dans une ode héroïque. Je ne puis
+souffrir cet attirail patibulaire de clous, de coins, de crocs, et de
+plomp fondu. J'ai cru en devoir décharger la traduction, en
+substituant les idées générales aux idées singulières. C'est dommage
+que le poète ait eu besoin de ce correctif. Sanadon hatte ein feines
+und richtiges Gefühl, nur der Grund, womit er es bewähren will, ist
+nicht der rechte. Nicht weil die gebrauchten Attributa ein attirail
+patibulaire sind; denn es stand nur bei ihm, die andere Auslegung
+anzunehmen, und das Galgengeräte in die festesten Bindemittel der
+Baukunst zu verwandeln: sondern, weil alle Attributa eigentlich für
+das Auge, und nicht für das Gehör gemacht sind, und alle Begriffe,
+die wir durch das Auge erhalten sollten, wenn man sie uns durch das
+Gehör beibringen will, eine größere Anstrengung erfordern, und einer
+geringern Klarheit fähig sind.--Der Verfolg von der angeführten
+Strophe des Horaz erinnert mich übrigens an ein paar Versehen des
+Spence, die von der Genauigkeit, mit welcher er die angezogenen
+Stellen der alten Dichter will erwogen haben, nicht den
+vorteilhaftesten Begriff erwecken. Er redet von dem Bilde, unter
+welchem die Römer die Treue oder Ehrlichkeit vorstellten. (Dial. X.
+p. 145.) "Die Römer", sagt er, "nannten sie Fides; und wenn sie sie
+Sola Fides nannten, so scheinen sie den hohen Grad dieser Eigenschaft,
+den wir durch grundehrlich (im Englischen downright honesty)
+ausdrücken, darunter verstanden zu haben. Sie wird mit einer freien
+offenen Gesichtsbildung und in nichts als einem dünnen Kleide
+vorgestellet, welches so fein ist, daß es für durchsichtig gelten
+kann. Horaz nennet sie daher, in einer von seinen Oden,
+dünnbekleidet; und in einer anderen, durchsichtig." In dieser kleinen
+Stelle sind nicht mehr als drei ziemlich grobe Fehler. Erstlich ist
+es falsch, daß sola ein besonderes Beiwort sei, welches die Römer der
+Göttin Fides gegeben. In den beiden Stellen des Livius, die er
+desfalls zum Beweise anführt (lib. I. c. 21. lib. II. c. 3.),
+bedeutet es weiter nichts, als was es überall bedeutet, die
+Ausschließung alles übrigen. In der einen Stelle scheinet den
+Criticis das soli sogar verdächtig und durch einen Schreibefehler,
+der durch das gleich danebenstehende solenne veranlasset worden, in
+den Text gekommen zu sein. In der andern aber ist nicht von der
+Treue, sondern von der Unschuld, der Unsträflichkeit, Innocentia, die
+Rede. Zweitens: Horaz soll, in einer seiner Oden, der Treue das
+Beiwort dünnbekleidet geben, nämlich in der oben angezogenen
+fünfunddreißigsten des ersten Buchs:
+
+Te spes, et albo rara fides colit Velata panno.
+
+
+Es ist wahr, rarus heißt auch dünne; aber hier heißt es bloß selten,
+was wenig vorkömmt, und ist das Beiwort der Treue selbst, und nicht
+ihrer Bekleidung. Spence würde recht haben, wenn der Dichter gesagt
+hätte: Fides raro velata panno. Drittens, an einem andern Orte soll
+Horaz die Treue oder Redlichkeit durchsichtig nennen; um eben das
+damit anzudeuten, was wir in unsern gewöhnlichen
+Freundschaftsversicherungen zu sagen pflegen: ich wünschte, Sie
+könnten mein Herz sehen. Und dieser Ort soll die Zeile der
+achtzehnten Ode des ersten Buchs sein:
+
+ Arcanique Fides prodiga, pellucidior vitro.
+
+Wie kann man sich aber von einem bloßen Worte so verfÜhren lassen?
+Heißt denn Fides arcani prodiga die Treue? Oder heißt es nicht
+vielmehr, die Treulosigkeit? Von dieser sagt Horaz, und nicht von
+der Treue, daß sie durchsichtig wie Glas sei, weil sie die ihr
+anvertrauten Geheimnisse eines jeden Blicke bloßstellet.}
+
+
+
+XI.
+
+
+Auch der Graf Caylus scheinet zu verlangen, daß der Dichter seine
+Wesen der Einbildung mit allegorischen Attributen ausschmücken solle
+1). Der Graf verstand sich besser auf die Malerei, als auf die
+Poesie.
+
+{1. Apollo übergibt den gereinigten und balsamierten Leichnam des
+Sarpedon dem Tode und dem Schlafe, ihn nach seinem Vaterlande zu
+bringen. (Il. p. v. 681. 82.)
+
+ Pempe de min pompoisin ama kraipnoisi jeresJai
+ Upnw kai QanaJw didumaosin.
+
+
+Caylus empfiehlt diese Erdichtung dem Maler, fÜgt aber hinzu: Il est
+fâcheux, qu'Homère ne nous ait rien laissé sur les attributs qu'on
+donnait de son temps au Sommeil; nous ne connaissons, pour
+caractériser ce dieu, que son action même, et nous le couronnons de
+pavots. Ces idées sont modernes; la première est d'un médiocre
+service, mais elle ne peut être employée dans le cas présent, où même
+les fleurs me paraissent déplacées, surtout pour une figure qui
+groupe avec la mort. (S. Tableaux tirés de l'Iliade, de l'Odyssée
+d'Homère et de l'Enéide de Virgile, avec des observations générales
+sur le costume, à Paris 1757. 8.) Das heißt von dem Homer eine von
+den kleinen Zieraten verlangen, die am meisten mit seiner großen
+Manier streiten. Die sinnreichsten Attributa, die er dem Schlafe
+hÄtte geben kÖnnen, würden ihn bei weitem nicht so vollkommen
+charakterisierst, bei weitem kein so lebhaftes Bild bei uns erregt
+haben, als der einzige Zug, durch den er ihn zum Zwillingsbruder des
+Todes macht. Diesen Zug suche der Künstler auszudrücken, und er wird
+alle Attributa entbehren können. Die alten Künstler haben auch
+wirklich den Tod und den Schlaf mit der Ähnlichkeit unter sich
+vorgestellet, die wir an Zwillingen so natürlich erwarten. Auf einer
+Kiste von Zedernholz, in dem Tempel der Juno zu Elis, ruhten sie
+beide als Knaben in den Armen der Nacht. Nur war der eine weiß, der
+andere schwarz; jener schlief, dieser schien zu schlafen; beide mit
+übereinander geschlagenen Füßen. Denn so wollte ich die Worte des
+Pausanias (Eliac. cap. XVIII. p. 422. Edit. Kuh.) amjoterouV
+diestrammenouV touV podaV lieber übersetzen, als mit krummen Füßen,
+oder wie es Gedoyn in seiner Sprache gegeben hat: les pieds
+contrefaits. Was sollten die krummen Füße hier ausdrücken?
+Übereinander geschlagene Füße hingegen sind die gewöhnliche Lage
+der Schlafenden, und der Schlaf beim Maffei (Raccol. Pl. 151) liegt
+nicht anders. Die neuen Artisten sind von dieser Ähnlichkeit, welche
+Schlaf und Tod bei den Alten miteinander haben, gänzlich abgegangen,
+und der Gebrauch ist allgemein geworden, den Tod als ein Skelett,
+höchstens als ein mit Haut bekleidetes Skelett vorzustellen. Vor
+allen Dingen hätte Caylus dem Künstler also hier raten müssen, ob er
+in Vorstellung des Todes dem alten oder dem neuen Gebrauche folgen
+solle. Doch er scheinet sich für den neuern zu erklären, da er den
+Tod als eine Figur betrachtet, gegen die eine andere mit Blumen
+gekrönet, nicht wohl gruppieren möchte. Hat er aber hierbei auch
+bedacht, wie unschicklich diese moderne Idee in einem Homerischen
+Gemälde sein dürfte? Und wie hat ihm das Ekelhafte derselben nicht
+anstößig sein können? Ich kann mich nicht bereden, daß das kleine
+metallene Bild in der herzoglichen Galerie zu Florenz, welches ein
+liegendes Skelett vorstellet, das mit dem einen Arme auf einem
+Aschenkruge ruhet (Spence's Polymetis Tab. XLI.), eine wirkliche
+Antike sei. Den Tod überhaupt kann es wenigstens nicht vorstellen
+sollen, weil ihn die Alten anders vorstellten. Selbst ihre Dichter
+haben ihn unter diesem widerlichen Bilde nie gedacht.}
+
+Doch ich habe in seinem Werke, in welchem er dieses Verlangen äußert,
+Anlaß zu erheblichern Betrachtungen gefunden, wovon ich das
+Wesentlichste, zu besserer Erwägung, hier anmerke.
+
+Der Künstler, ist des Grafen Absicht, soll sich mit dem größten
+malerischen Dichter, mit dem Homer, mit dieser zweiten Natur, näher
+bekannt machen. Er zeigt ihm, welchen reichen noch nie genutzten
+Stoff zu den trefflichsten Schildereien die von dem Griechen
+behandelte Geschichte darbiete, und wie so viel vollkommner ihm die
+Ausführung gelingen müsse, je genauer er sich an die kleinsten von
+dem Dichter bemerkten Umstände halten könne.
+
+In diesem Vorschlage vermischt sich also die oben genannte doppelte
+Nachahmung. Der Maler soll nicht allein das nachahmen, was der
+Dichter nachgeahmt hat, sondern er soll es auch mit den nämlichen
+Zügen nachahmen; er soll den Dichter nicht bloß als Erzähler, er soll
+ihn als Dichter nutzen.
+
+Diese zweite Art der Nachahmung aber, die für den Dichter so
+verkleinerlich ist, warum ist sie es nicht auch für den Künstler?
+Wenn vor dem Homer eine solche Folge von Gemälden, als der Graf
+Caylus aus ihm angibt, vorhanden gewesen wäre, und wir wüßten, daß
+der Dichter aus diesen Gemälden sein Werk genommen hätte: würde er
+nicht von unserer Bewunderung unendlich verlieren? Wie kömmt es, daß
+wir dem Künstler nichts von unserer Hochachtung entziehen, wenn er
+schon weiter nichts tut, als daß er die Worte des Dichters mit
+Figuren und Farben ausdrücket?
+
+Die Ursach' scheinet diese zu sein. Bei dem Artisten dünket uns die
+Ausführung schwerer, als die Erfindung; bei dem Dichter hingegen ist
+es umgekehrt, und seine Ausführung dünket uns gegen die Erfindung das
+Leichtere. Hätte Virgil die Verstrickung des Laokoon und seiner
+Kinder von der Gruppe genommen, so würde ihm das Verdienst, welches
+wir bei diesem seinem Bilde für das schwerere und größere halten,
+fehlen, und nur das geringere übrigbleiben. Denn diese Verstrickung
+in der Einbildungskraft erst schaffen, ist weit wichtiger, als sie in
+Worten ausdrücken. Hätte hingegen der Künstler diese Verstrickung
+von dem Dichter entlehnet, so würde er in unsern Gedanken doch noch
+immer Verdienst genug behalten, ob ihm schon das Verdienst der
+Erfindung abgehet. Denn der Ausdruck in Marmor ist unendlich
+schwerer als der Ausdruck in Worten; und wenn wir Erfindung und
+Darstellung gegeneinander abwägen, so sind wir jederzeit geneigt, dem
+Meister an der einen so viel wiederum zu erlassen, als wir an der
+andern zu viel erhalten zu haben meinen.
+
+Es gibt sogar Fälle, wo es für den Künstler ein größeres Verdienst
+ist, die Natur durch das Medium der Nachahmung des Dichters
+nachgeahmt zu haben, als ohne dasselbe. Der Maler, der nach der
+Beschreibung eines Thomsons eine schöne Landschaft darstellet, hat
+mehr getan, als der sie gerade von der Natur kopieret. Dieser siehet
+sein Urbild vor sich; jener muß erst seine Einbildungskraft so
+anstrengen, bis er es vor sich zu sehen glaubst. Dieser macht aus
+lebhaften sinnlichen Eindrücken etwas Schönes; jener aus schwanken
+und schwachen Vorstellungen willkürlicher Zeichen.
+
+So natürlich aber die Bereitwilligkeit ist, dem Künstler das
+Verdienst der Erfindung zu erlassen, ebenso natürlich hat daraus die
+Lauigkeit gegen dasselbe bei ihm entspringen müssen. Denn da er sahe,
+daß die Erfindung seine glänzende Seite nie werden könne, daß sein
+größtes Lob von der Ausführung abhange, so ward es ihm gleich viel,
+ob jene alt oder neu, einmal oder unzähligmal gebraucht sei, ob sie
+ihm oder einem anderen zugehöre. Er blieb in dem engen Bezirke
+weniger, ihm und dem Publico geläufig gewordener Vorwürfe, und ließ
+seine ganze Erfindsamkeit auf die bloße Veränderung in dem Bekannten
+gehen, auf neue Zusammensetzungen alter Gegenstände. Das ist auch
+wirklich die Idee, welche die Lehrbücher der Malerei mit dem Worte
+Erfindung verbinden. Denn ob sie dieselbe schon sogar in malerische
+und dichterische einteilen, so gehet doch auch die dichterische nicht
+auf die Hervorbringung des Vorwurfs selbst, sondern lediglich auf die
+Anordnung oder den Ausdruck 2). Es ist Erfindung, aber nicht
+Erfindung des Ganzen, sondern einzelner Teile, und ihrer Lage
+untereinander. Es ist Erfindung, aber von jener geringern Gattung,
+die Horaz seinem tragischen Dichter anriet:
+
+{2. v. Hagedorn, "Betrachtungen über die Malerei" S. 159 u. f.}
+
+ --Tuque
+ Rectius Iliacum carmen deducis in actus,
+ Quam si proferres ignota indictaque primus 3).
+
+{3. Ad. Pisones v. 128-130.}
+
+Anriet, sage ich, aber nicht befahl. Anriet, als fÜr ihn leichter,
+bequemer, zutrÄglicher; aber nicht befahl, als besser und edler an
+sich selbst.
+
+In der Tat hat der Dichter einen großen Schritt voraus, welcher eine
+bekannte Geschichte, bekannte Charaktere behandelt. Hundert frostige
+Kleinigkeiten, die sonst zum Verständnisse des Ganzen unentbehrlich
+sein würden, kann er übergehen; und je geschwinder er seinen ZuhÖrern
+verständlich wird, desto geschwinder kann er sie intressieren.
+Diesen Vorteil hat auch der Maler, wenn uns sein Vorwurf nicht fremd
+ist, wenn wir mit dem ersten Blicke die Absicht und Meinung seiner
+ganzen Komposition erkennen, wenn wir auf eins seine Personen nicht
+bloß sprechen sehen, sondern auch hören, was sie sprechen. Von dem
+ersten Blicke hangt die größte Wirkung ab, und wenn uns dieser zu
+mühsamen Nachsinnen und Raten nötiget, so erkaltet unsere Begierde
+gerühret zu werden; um uns an dem unverständlichen Künstler zu rächen,
+verhärten wir uns gegen den Ausdruck, und weh ihm, wann er die
+Schönheit dem Ausdrucke aufgeopfert hat! Wir finden sodann gar
+nichts, was uns reizen könnte, vor seinem Werke zu verweilen; was wir
+sehen, gefällt uns nicht, und was wir dabei denken sollen, wissen wir
+nicht.
+
+Nun nehme man beides zusammen; einmal, daß die Erfindung und Neuheit
+des Vorwurfs das Vornehmste bei weitem nicht ist, was wir von dem
+Maler verlangen; zweitens, daß ein bekannter Vorwurf die Wirkung
+seiner Kunst befördert und erleichtert: und ich meine, man wird die
+Ursache, warum er sich so selten zu neuen Vorwürfen entschließt,
+nicht mit dem Grafen Caylus, in seiner Bequemlichkeit, in seiner
+Unwissenheit, in der Schwierigkeit des mechanischen Teiles der Kunst,
+welche allen seinen Fleiß, alle seine Zeit erfordert, suchen dürfen;
+sondern man wird sie tiefer gegründet finden, und vielleicht gar, was
+anfangs Einschränkung der Kunst, Verkümmerung unsers Vergnügens, zu
+sein scheinet, als eine weise und uns selbst nützliche Enthaltsamkeit
+an dem Artisten zu loben geneigt sein. Ich fürchte auch nicht, daß
+mich die Erfahrung widerlegen werde. Die Maler werden dem Grafen für
+seinen guten Willen danken, aber ihn schwerlich so allgemein nutzen,
+als er es erwartet. Geschähe es jedoch: so würde über hundert Jahr'
+ein neuer Caylus nötig sein, der die alten Vorwürfe wieder ins
+Gedächtnis brächte, und den Künstler in das Feld zurückführte, wo
+andere vor ihm so unsterbliche Lorbeeren gebrochen haben. Oder
+verlangt man, daß das Publikum so gelehrt sein soll, als der Kenner
+aus seinen Büchern ist? Daß ihm alle Szenen der Geschichte und der
+Fabel, die ein schönes Gemälde geben können, bekannt und geläufig
+sein sollen? Ich gebe es zu, daß die Künstler besser getan hätten,
+wenn sie seit Raffaels Zeiten, anstatt des Ovids, den Homer zu ihrem
+Handbuche gemacht hätten. Aber da es nun einmal nicht geschehen ist,
+so lasse man das Publikum in seinem Gleise, und mache ihm sein
+Vergnügen nicht saurer, als ein Vergnügen zu stehen kommen muß, um
+das zu sein, was es sein soll.
+
+Protogenes hatte die Mutter des Aristoteles gemalt. Ich weiß nicht
+wie viel ihm der Philosoph dafür bezahlte. Aber entweder anstatt der
+Bezahlung, oder noch über die Bezahlung, erteilte er ihm einen Rat,
+der mehr als die Bezahlung wert war. Denn ich kann mir nicht
+einbilden, daß sein Rat eine bloße Schmeichelei gewesen sei. Sondern
+vornehmlich weil er das Bedürfnis der Kunst erwog, allen verständlich
+zu sein, riet er ihm, die Taten des Alexanders zu malen; Taten, von
+welchen damals alle Welt sprach, und von welchen er voraussehen
+konnte, daß sie auch der Nachwelt unvergeßlich sein würden. Doch
+Protogenes war nicht gesetzt genug, diesem Rate zu folgen; impetus
+animi, sagt Plinius, et quaedam artis libido 4), ein gewisser Übermut
+der Kunst, eine gewisse Lüsternheit nach dem Sonderbaren und
+Unbekannten, trieben ihn zu ganz andern Vorwürfen. Er malte lieber
+die Geschichte eines Jalysus 5), einer Cydippe und dergleichen, von
+welchen man itzt auch nicht einmal mehr erraten kann, was sie
+vorgestellet haben.
+
+{4. lib. XXXV. sect. 36. p. 700. Edit. Hard.}
+
+{5. Richardson nennet dieses Werk, wenn er die Regel erläutern will,
+daß in einem Gemälde die Aufmerksamkeit des Betrachters durch nichts,
+es möge auch noch so vortrefflich sein, von der Hauptfigur abgezogen
+werden müsse. "Protogenes", sagt er, "hatte in seinem berühmten
+Gemälde Jalysus ein Rebhuhn mit angebracht, und es mit so vieler
+Kunst ausgemalet, daß es zu leben schien, und von ganz Griechenland
+bewundert ward; weil es aber aller Augen, zum Nachteil des Hauptwerks,
+zu sehr an sich zog, so löschte er es gänzlich wieder aus." (Traité
+de la peinture T. I. p. 46.) Richardson hat sich geirret. Dieses
+Rebhuhn war nicht in dem Jalysus, sondern in einem andern Gemälde des
+Protogenes gewesen, welches der ruhende oder müßige Satyr, SaturoV
+anapauomenoV, hieß. Ich würde diesen Fehler, welcher aus einer
+mißverstandenen Stelle des Plinius entsprungen ist, kaum anmerken,
+wenn ich ihn nicht auch beim Meursius fände: (Rhodi lib. I. cap. 14.
+p. 38.) In eadem, tabula sc. in qua Ialysus, Satyrus erat, quem
+dicebant Anapauomenon, tibias tenens. Desgleichen bei dem Herrn
+Winckelmann selbst. (Von der Nachahm. der Gr. W. in der Mal. und
+Bildh. S. 56.) Strabo ist der eigentliche Währmann dieses
+Histörchens mit dem Rebhuhne, und dieser unterscheidet den Jalysus,
+und den an eine Säule sich lehnenden Satyr, auf welcher das Rebhuhn
+saß, ausdrücklich. (lib. XIV. p. 750. Edit. Xyl.) Die Stelle des
+Plinius (lib. XXXV. sect. 36. p. 699) haben Meursius und Richardson
+und Winckelmann deswegen falsch verstanden, weil sie nicht
+achtgegeben, daß von zwei verschiedenen Gemälden daselbst die Rede
+ist: dem einen, dessenwegen Demetrius die Stadt nicht überkam, weil
+er den Ort nicht angreifen wollte, wo es stand; und dem andern,
+welches Protogenes während dieser Belagerung malte. Jenes war der
+Jalysus, und dieses der Satyr.}
+
+
+
+XII.
+
+
+Homer bearbeitet eine doppelte Gattung von Wesen und Handlungen;
+sichtbare und unsichtbare. Diesen Unterschied kann die Malerei nicht
+angeben: bei ihr ist alles sichtbar; und auf einerlei Art sichtbar.
+
+Wenn also der Graf Caylus die Gemälde der unsichtbaren Handlungen in
+unzertrennter Folge mit den sichtbaren fortlaufen läßt; wenn er in
+den Gemälden der vermischten Handlungen, an welchen sichtbare und
+unsichtbare Wesen teilnehmen, nicht angibt, und vielleicht nicht
+angeben kann, wie die letztern, welche nur wir, die wir das Gemälde
+betrachten, darin entdecken sollten, so anzubringen sind, daß die
+Personen des Gemäldes sie nicht sehen, wenigstens sie nicht notwendig
+sehen zu müssen scheinen können: so muß notwendig sowohl die ganze
+Folge, als auch manches einzelne Stück dadurch äußerst verwirrt,
+unbegreiflich und widersprechend werden.
+
+Doch diesem Fehler wäre, mit dem Buche in der Hand, noch endlich
+abzuhelfen. Das Schlimmste dabei ist nur dieses, daß durch die
+malerische Aufhebung des Unterschiedes der sichtbaren und
+unsichtbaren Wesen, zugleich alle die charakteristischen Züge
+verloren gehen, durch welche sich diese höhere Gattung über jene
+geringere erhebet.
+
+Z. E. Wenn endlich die über das Schicksal der Trojaner geteilten
+Götter unter sich selbst handgemein werden: so gehet bei dem Dichter
+1) dieser ganze Kampf unsichtbar vor, und diese Unsichtbarkeit
+erlaubet der Einbildungskraft die Szene zu erweitern, und läßt ihr
+freies Spiel, sich die Personen der Götter und ihre Handlungen so
+groß, und über das gemeine Menschliche so weit erhaben zu denken, als
+sie nur immer will. Die Malerei aber muß eine sichtbare Szene
+annehmen, deren verschiedene notwendige Teile der Maßstab für die
+darauf handelnden Personen werden; ein Maßstab, den das Auge gleich
+darneben hat, und dessen Unproportion gegen die höhern Wesen, diese
+höhern Wesen, die bei dem Dichter groß waren, auf der Fläche des
+Künstlers ungeheuer macht.
+
+{1. Iliad. F. v. 385 et s.}
+
+Minerva, auf welche Mars in diesem Kampfe den ersten Angriff waget,
+tritt zurück, und fasset mit mächtiger Hand von dem Boden einen
+schwarzen, rauhen, großen Stein auf, den vor alten Zeiten vereinigte
+Männerhände zum Grenzsteine hingewälzet hatten:
+
+ H d' anacassamenh liJon eileto ceiri paceih,
+ Keimenon en pediw, melana, trhcun te, megan te,
+ Ton r' andres proteroi Jesan emmenai ouron arourhV.
+
+
+Um die GrÖße dieses Steins gehörig zu schÄtzen, erinnere man sich,
+daß Homer seine Helden noch einmal so stark macht, als die stärksten
+Männer seiner Zeit, jene aber von den Männern, wie sie Nestor in
+seiner Jugend gekannt hatte, noch weit an Stärke Übertreffen läßt.
+Nun frage ich, wenn Minerva einen Stein, den nicht ein Mann, den
+Männer aus Nestors Jugendjahren zum Grenzsteine aufgerichtet hatten,
+wenn Minerva einen solchen Stein gegen den Mars schleudert, von
+welcher Statur soll die Göttin sein? Soll ihre Statur der Größe des
+Steins proportioniert sein, so fällt das Wunderbare weg. Ein Mensch,
+der dreimal größer ist als ich, muß natürlicherweise auch einen
+dreimal größern Stein schleudern können. Soll aber die Statur der
+Göttin der Größe des Steins nicht angemessen sein, so entstehet eine
+anschauliche Unwahrscheinlichkeit in dem Gemälde, deren Anstößigkeit
+durch die kalte Überlegung, daß eine Göttin übermenschliche Stärke
+haben müsse, nicht gehoben wird. Wo ich eine größere Wirkung sehe,
+will ich auch größere Werkzeuge wahrnehmen.
+
+Und Mars, von diesem gewaltigen Steine niedergeworfen,
+
+Epta d' epesce peleJra-bedeckte sieben Hufen. Unmöglich kann der
+Maler dem Gotte diese außerordentliche Größe geben. Gibt er sie ihm
+aber nicht, so liegt nicht Mars zu Boden, nicht der Homerische Mars,
+sondern ein gemeiner Krieger 2).
+
+{2. Diesen unsichtbaren Kampf der Götter hat Quintus Calaber in
+seinem zwölften Buche (v. 158-185) nachgeahmt, mit der nicht
+undeutlichen Absicht, sein Vorbild zu verbessern. Es scheinet
+nämlich, der Grammatiker habe es unanständig gefunden, daß ein Gott
+mit einem Steine zu Boden geworfen werde. Er läßt also zwar auch die
+Götter große Felsenstücke, die sie von dem Ida abreißen,
+gegeneinander schleudern; aber diese Felsen zerschellen an den
+unsterblichen Gliedern der Götter und stieben wie Sand um sie her:
+
+ --Oi de kolwnaV
+ Cersin aporrhxanteV ap' oudeoV Idaioio
+ Ballon ep' allhlouV· ai de yamaJoisi omoiai
+ Reia dieskidnanto· Jevn peri d' asceta guia
+ Rhgnumenai dia tutJa--
+
+
+Eine KÜnstelei, welche die Hauptsache verdirbt. Sie erhÖhet unsern
+Begriff von den Körpern der Götter und macht die Waffen, welche sie
+gegeneinander brauchen, lÄcherlich. Wenn Götter einander mit Steinen
+werfen, so müssen diese Steine auch die Götter beschädigen können,
+oder wir glauben mutwillige Buben zu sehen, die sich mit Erdklößen
+werfen. So bleibt der alte Homer immer der Weisere, und aller Tadel,
+mit dem ihn der alte Kunstrichter belegt, aller Wettstreit, in
+welchen sich geringere Genies mit ihm einlassen, dienen zu weiter
+nichts, als seine Weisheit in ihr bestes Licht zu setzen. Indes will
+ich nicht leugnen, daß in der Nachahmung des Quintus nicht auch sehr
+treffliche Züge vorkommen, und die ihm eigen sind. Doch sind es Züge,
+die nicht sowohl der bescheidenen Größe des Homers geziemen, als dem
+stürmischen Feuer eines neuern Dichters Ehre machen würden. Daß das
+Geschrei der Götter, welches hoch bis in den Himmel und tief bis in
+den Abgrund ertönet, welches den Berg und die Stadt und die Flotte
+erschüttert, von den Menschen nicht gehöret wird, dünket mich eine
+sehr vielbedeutende Wendung zu sein. Das Geschrei war größer, als
+daß es die kleinen Werkzeuge des menschlichen Gehörs fassen konnten.}
+
+Longin sagt, es komme ihm öfters vor, als habe Homer seine Menschen
+zu Göttern erheben, und seine Götter zu Menschen herabsetzen wollen.
+Die Malerei vollführet diese Herabsetzung. In ihr verschwindet
+vollends alles, was bei dem Dichter die Götter noch über die
+göttlichen Menschen setzet. Größe, Stärke, Schnelligkeit, wovon
+Homer noch immer einen höhern, wunderbarern Grad für seine Götter in
+Vorrat hat, als er seinen vorzüglichsten Helden beileget 3), müssen
+in dem Gemälde auf das gemeine Maß der Menschheit herabsinken, und
+Jupiter und Agamemnon, Apollo und Achilles, Ajax und Mars, werden
+vollkommen einerlei Wesen, die weiter an nichts als an äußerlichen
+verabredeten Merkmalen zu kennen sind.
+
+{3. In Ansehung der Stärke und Schnelligkeit wird niemand, der den
+Homer auch nur ein einziges Mal flüchtig durchlaufen hat, diese
+Assertion in Abrede sein. Nur dürfte er sich vielleicht der Exempel
+nicht gleich erinnern, aus welchen es erhellet, daß der Dichter
+seinen Göttern auch eine körperliche Größe gegeben, die alle
+natürliche Maße weit übersteiget. Ich verweise ihn also, außer der
+angezogenen Stelle von dem zu Boden geworfnen Mars, der sieben Hufen
+bedecket, auf den Helm der Minerva (Kunehn ekaton polewn pruleess'
+araruian. Iliad. E. v. 744), unter welchem sich so viel Streiter,
+als hundert Städte in das Feld zu stellen vermögen, verbergen können;
+auf die Schritte des Neptunus (Iliad. N. v. 20), vornehmlich aber
+auf die Zeilen aus der Beschreibung des Schildes, wo Mars und Minerva
+die Truppen der belagerten Stadt anführen: (Iliad. S. v. 516-519.)
+
+ --Hrce d' ara sjin ArhV kai PallaV AJhnh
+ Amjw cruseiw, cruseia de eimata esJhn,
+ Kalw kai megalw sun teucesin, wV te Jew per,
+ AmjiV arizhlw· laoi d' upolizoneV hsan.
+
+
+Selbst Ausleger des Homers, alte sowohl als neue, scheinen sich nicht
+allezeit dieser wunderbaren Statur seiner GÖtter genugsam erinnert zu
+haben; welches aus den lindernden ErklÄrungen abzunehmen, die sie
+Über den großen Helm der Minerva geben zu müssen glauben. (S. die
+Clarkisch-Ernestische Ausgabe des Homers an der angezogenen Stelle.)
+Man verliert aber von der Seite des Erhabenen unendlich viel, wenn
+man sich die Homerischen Götter nur immer in der gewöhnlichen Größe
+denkt, in welcher man sie, in Gesellschaft der Sterblichen, auf der
+Leinewand zu sehen verwöhnet wird. Ist es indes schon nicht der
+Malerei vergönnet, sie in diesen übersteigenden Dimensionen
+darzustellen, so darf es doch die Bildhauerei gewissermaßen tun; und
+ich bin überzeugt, daß die alten Meister, so wie die Bildung der
+Götter überhaupt, also auch das Kolossalische, das sie öfters ihren
+Statuen erteilten, aus dem Homer entlehnet haben. (Herodot. lib. II.
+p. 130. Edit. Wessel.) Verschiedene Anmerkungen über dieses
+Kolossalische insbesondere, und warum es in der Bildhauerei von so
+großer, in der Malerei aber von gar keiner Wirkung ist, verspare ich
+auf einen andern Ort.}
+
+Das Mittel, dessen sich die Malerei bedienet, uns zu verstehen zu
+geben, daß in ihren Kompositionen dieses oder jenes als unsichtbar
+betrachtet werden müsse, ist eine dünne Wolke, in welche sie es von
+der Seite der mithandelnden Personen einhüllet. Diese Wolke scheinet
+aus dem Homer selbst entlehnet zu sein. Denn wenn im Getümmel der
+Schlacht einer von den wichtigern Helden in Gefahr kömmt, aus der ihn
+keine andere, als göttliche Macht retten kann: so läßt der Dichter
+ihn von der schützenden Gottheit in einen dicken Nebel, oder in Nacht
+verhüllen, und so davon führen; als den Paris von der Venus 4), den
+Idäus vom Neptuns 5), den Hektor vom Apollo 6). Und diesen Nebel,
+diese Wolke, wird Caylus nie vergessen, dem Künstler bestens zu
+empfehlen, wenn er ihm die Gemälde von dergleichen Begebenheiten
+vorzeichnet. Wer sieht aber nicht, daß bei dem Dichter das Einhüllen
+in Nebel und Nacht weiter nichts, als eine poetische Redensart für
+unsichtbar machen, sein soll? Es hat mich daher jederzeit befremdet,
+diesen poetischen Ausdruck realisieret, und eine wirkliche Wolke in
+dem Gemälde angebracht zu finden, hinter welcher der Held, wie hinter
+einer spanischen Wand, vor seinem Feinde verborgen stehet. Das war
+nicht die Meinung des Dichters. Das heißt aus den Grenzen der
+Malerei herausgehen; denn diese Wolke ist hier eine wahre Hieroglyphe,
+ein bloßes symbolisches Zeichen, das den befreiten Held nicht
+unsichtbar macht, sondern den Betrachtern zuruft: ihr müßt ihn euch
+als unsichtbar vorstellen. Sie ist hier nichts besser, als die
+beschriebenen Zettelchen, die auf alten gotischen Gemälden den
+Personen aus dem Munde gehen.
+
+{4. Iliad. G. v. 381.}
+
+{5. Iliad. E. v. 23.}
+
+{6. Iliad. Y. v. 444.}
+
+Es ist wahr, Homer läßt den Achilles, indem ihm Apollo den Hektor
+entrücket, noch dreimal nach dem dicken Nebel mit der Lanze stoßen:
+triV d' hera tuye baJeian 7). Allein auch das heißt in der Sprache
+des Dichters weiter nichts, als daß Achilles so wütend gewesen, daß
+er noch dreimal gestoßen, ehe er es gemerkt, daß er seinen Feind
+nicht mehr vor sich habe. Keinen wirklichen Nebel sahe Achilles
+nicht, und das ganze Kunststück, womit die Götter unsichtbar machten,
+bestand auch nicht in dem Nebel, sondern in der schnellen Entrückung.
+Nur um zugleich mit anzuzeigen, daß die Entrückung so schnell
+geschehen, daß kein menschliches Auge dem entrückten Körper
+nachfolgen können, hüllet ihn der Dichter vorher in Nebel ein; nicht
+weil man anstatt des entrückten Körpers einen Nebel gesehen, sondern
+weil wir das, was in einem Nebel ist, als nicht sichtbar denken.
+Daher kehrt er es auch bisweilen um, und läßt, anstatt das Objekt
+unsichtbar zu machen, das Subjekt mit Blindheit geschlagen werden.
+So verfinstert Neptun die Augen des Achilles, wenn er den Aeneas aus
+seinen mörderischen Händen errettet, den er mit einem Rucke mitten
+aus dem Gewühle auf einmal in das Hintertreffen versetzt 8). In der
+Tat aber sind des Achilles Augen hier ebensowenig verfinstert, als
+dort die entrückten Helden in Nebel gehüllet; sondern der Dichter
+setzt das eine und das andere nur bloß hinzu, um die äußerste
+Schnelligkeit der Entrückung, welche wir das Verschwinden nennen,
+dadurch sinnlicher zu machen.
+
+{7. Ibid. v. 446.}
+
+{8. Iliad. Y. v. 321.}
+
+Den homerischen Nebel aber haben sich die Maler nicht bloß in den
+Fällen zu eigen gemacht, wo ihn Homer selbst gebraucht hat, oder
+gebraucht haben würde: bei Unsichtbarwerdungen, bei Verschwindungen,
+sondern überall, wo der Betrachter etwas in dem Gemälde erkennen soll,
+was die Personen des Gemäldes entweder alle, oder zum Teil, nicht
+erkennen. Minerva war dem Achilles nur allein sichtbar, als sie ihn
+zurückhielt, sich mit Tätigkeiten gegen den Agamemnon zu vergehen.
+Dieses auszudrücken, sagt Caylus, weiß ich keinen andern Rat, als daß
+man sie von der Seite der übrigen Ratsversammlung in eine Wolke
+verhülle. Ganz wider den Geist des Dichters. Unsichtbar sein, ist
+der natürliche Zustand seiner Götter; es bedarf keiner Blendung,
+keiner Abschneidung der Lichtstrahlen, daß sie nicht gesehen werden
+9); sondern es bedarf einer Erleuchtung, einer Erhöhung des
+sterblichen Gesichts, wenn sie gesehen werden sollen. Nicht genug
+also, daß die Wolke ein willkürliches, und kein natürliches Zeichen
+bei den Malern ist; dieses willkürliche Zeichen hat auch nicht einmal
+die bestimmte Deutlichkeit, die es als ein solches haben könnte; denn
+sie brauchen es ebensowohl, um das Sichtbare unsichtbar, als um das
+Unsichtbare sichtbar zu machen.
+
+{9. Zwar läßt Homer auch Gottheiten sich dann und wann in eine Wolke
+hüllen, aber nur alsdenn, wenn sie von andern Gottheiten nicht wollen
+gesehen werden. Z. E. Iliad. X. v. 282, wo Juno und der Schlaf hera
+essamenw sich nach dem Ida verfügen, war es der schlauen Göttin
+höchste Sorge, von der Venus nicht entdeckt zu werden, die ihr, nur
+unter dem Vorwande einer ganz andern Reise, ihren Gürtel geliehen
+hatte. In eben dem Buche (v. 344.) muß eine güldene Wolke den
+wollusttrunkenen Jupiter mit seiner Gemahlin umgeben, um ihren
+züchtigen Weigerungen abzuhelfen:
+
+ PvV k' eoi, ei tiV nvi Jevn aieigenetawn
+ Eudont' aJrhseie;--
+
+
+Sie fÜrchte sich nicht von den Menschen gesehen zu werden; sondern
+von den GÖttern. Und wenn schon Homer den Jupiter einige Zeilen
+darauf sagen lÄßt:
+
+ Hrh, mhte Jevn toge deidiJi, mhte tin' andrvn
+ OyesJai· toion toi egw nejoV amjikaluyw
+ Cruseon·
+
+
+so folgt doch daraus nicht, daß sie erst diese Wolke vor den Augen
+der Menschen wÜrde verborgen haben; sondern es will nur so viel, daß
+sie in dieser Wolke ebenso unsichtbar den GÖttern werden solle, als
+sie es nur immer den Menschen sei. So auch, wenn Minerva sich den
+Helm des Pluto aufsetzet (Iliad. E. v. 845.), welches mit dem
+Verhüllen in eine Wolke einerlei Wirkung hatte, geschieht es nicht,
+um von den Trojanern nicht gesehen zu werden, die sie entweder gar
+nicht, oder unter der Gestalt des Sthenelus erblicken, sondern
+lediglich, damit sie Mars nicht erkennen möge.}
+
+
+
+XIII.
+
+
+Wenn Homers Werke gÄnzlich verloren wären, wenn wir von seiner Ilias
+und Odyssee nichts übrig hätten, als eine ähnliche Folge von Gemälden,
+dergleichen Caylus daraus vorgeschlagen: würden wir wohl aus diesen
+Gemälden,--sie sollen von der Hand des vollkommensten Meisters
+sein--ich will nicht sagen, von dem ganzen Dichter, sondern bloß von
+seinem malerischen Talente, uns den Begriff bilden können, den wir
+itzt von ihm haben?
+
+Man mache einen Versuch mit dem ersten dem besten Stücke. Es sei das
+Gemälde der Pest 1). Was erblicken wir auf der Fläche des Künstlers?
+Tote Leichname, brennende Scheiterhaufen, Sterbende mit Gestorbenen
+beschäftiget, den erzürnten Gott auf einer Wolke, seine Pfeile
+abdrückend. Der größte Reichtum dieses Gemäldes ist Armut des
+Dichters. Denn sollte man den Homer aus diesem Gemälde
+wiederherstellen: was könnte man ihn sagen lassen? "Hierauf
+ergrimmte Apollo, und schoß seine Pfeile unter das Heere der Griechen.
+Viele Griechen sturben und ihre Leichname wurden verbrannt." Nun
+lese man den Homer selbst:
+
+{1. Iliad. A. v. 44-53. Tableaux tirés de l'Iliade p. 7.}
+
+ Bh de kat' Oulumpoio karhnwn cwomenoV khr,
+ Tox' wmoisin ecwn, amjhrejea te jaretrhn.
+ Eklagxan d' ar' oistoi ep' wmwn cwomenoio,
+ Autou kinhJentoV· o d' hie nukti eoikwV·
+ Ezet' epeit' apaneuJe nevn, meta d' ion ehken·
+ Deinh de klaggh genet' argureoio bioio.
+ OurhaV men prvton epwceto, kai kunaV argouV·
+ Autar epeit' autoisi beloV ecepeukeV ejieiV
+ Ball'· aiei de purai nekuwn kaionto Jameiai.
+
+
+So weit das Leben Über das GemÄlde ist, so weit ist der Dichter hier
+über den Maler. Ergrimmt, mit Bogen und KÖcher, steiget Apollo von
+den Zinnen des Olympus. Ich sehe ihn nicht allein herabsteigen, ich
+höre ihn. Mit jedem Tritte erklingen die Pfeile um die Schultern des
+Zornigen. Er gehet einher, gleich der Nacht. Nun sitzt er gegen den
+Schiffen über, und schnellet--fürchterlich erklingt der silberne
+Bogen--den ersten Pfeil auf die Maultiere und Hunde. Sodann faßt er
+mit dem giftigern Pfeile die Menschen selbst; und überall lodern
+unaufhörlich Holzstöße mit Leichnamen.--Es ist unmöglich, die
+musikalische Malerei, welche die Worte des Dichters mit hören lassen,
+in eine andere Sprache überzutragen. Es ist ebenso unmöglich, sie
+aus dem materiellen Gemälde zu vermuten, ob sie schon nur der
+allerkleineste Vorzug ist, den das poetische Gemälde vor selbigem hat.
+Der Hauptvorzug ist dieser, daß uns der Dichter zu dem, was das
+materielle Gemälde aus ihm zeiget, durch eine ganze Galerie von
+Gemälden führet.
+
+Aber vielleicht ist die Pest kein vorteilhafter Vorwurf für die
+Malerei. Hier ist ein anderer, der mehr Reize für das Auge hat. Die
+ratpflegenden trinkenden Götter 2). Ein goldner offener Palast,
+willkürliche Gruppen der schönsten und verehrungswürdigsten Gestalten,
+den Pokal in der Hand, von Heben, der ewigen Jugend, bedienet.
+Welche Architektur, welche Massen von Licht und Schatten, welche
+Kontraste, welche Mannigfaltigkeit des Ausdruckes! Wo fange ich an,
+wo höre ich auf, mein Auge zu weiden? Wann mich der Maler so
+bezaubert, wieviel mehr wird es der Dichter tun! Ich schlage ihn auf,
+und ich finde--mich betrogen. Ich finde vier gute plane Zeilen, die
+zur Unterschrift eines Gemäldes dienen können, in welchen der Stoff
+zu einem Gemälde liegt, aber die selbst kein Gemälde sind.
+
+{2. Iliad. D. v. 1-4. Tableaux tirés de l'Iliade p. 30.}
+
+ Oi de Jeoi par Zhni kaJhmenoi hgorownto
+ Crusew en dapedw, meta de sjisi potnia Hbh
+ Nektar ewnocoei· toi de cruseoiV depaessi
+ Deidecat' allhlouV, Trwwn polin eisorownteV.
+
+
+Das wÜrde ein Apollonius, oder ein noch mittelmÄßigerer Dichter,
+nicht schlechter gesagt haben; und Homer bleibt hier ebensoweit unter
+dem Maler, als der Maler dort unter ihm blieb.
+
+Noch dazu findet Caylus in dem ganzen vierten Buche der Ilias sonst
+kein einziges Gemälde, als nur eben in diesen vier Zeilen. So sehr
+sich, sagt er, das vierte Buch durch die mannigfaltigen Ermunterungen
+zum Angriffe, durch die Fruchtbarkeit glänzender und abstechender
+Charaktere, und durch die Kunst ausnimmt, mit welcher uns der Dichter
+die Menge, die er in Bewegung setzen will, zeiget: so ist es doch für
+die Malerei gänzlich unbrauchbar. Er hätte dazu setzen kÖnnen: so
+reich es auch sonst an dem ist, was man poetische Gemälde nennet.
+Denn wahrlich, es kommen derer in dem vierten Buche so häufige und so
+vollkommene vor, als nur in irgend einem andern. Wo ist ein
+ausgeführteres, täuschenderes Gemälde als das vom Pandarus, wie er
+auf Anreizen der Minerva den Waffenstillestand bricht, und seinen
+Pfeil auf den Menelaus losdrückt? Als das, von dem Anrücken des
+griechischen Heeres? Als das, von dem beiderseitigen Angriffe? Als
+das, von der Tat des Ulysses, durch die er den Tod seines Leukus
+rächet?
+
+Was folgt aber hieraus, daß nicht wenige der schönsten Gemälde des
+Homers kein Gemälde für den Artisten geben? daß der Artist Gemälde
+aus ihm ziehen kann, wo er selbst keine hat? daß die, welche er hat,
+und der Artist gebrauchen kann, nur sehr armselige Gemälde sein
+würden, wenn sie nicht mehr zeigten, als der Artist zeiget? Was
+sonst, als die Verneinung meiner obigen Frage? Daß aus den
+materiellen Gemälden, zu welchen die Gedichte des Homers Stoff geben,
+wann ihrer auch noch so viele, wann sie auch noch so vortrefflich
+wären, sich dennoch auf das malerische Talent des Dichters nichts
+schließen läßt.
+
+
+
+XIV.
+
+
+Ist dem aber so, und kann ein Gedicht sehr ergiebig für den Maler,
+dennoch aber selbst nicht malerisch, hinwiederum ein anderes sehr
+malerisch, und dennoch nicht ergiebig für den Maler sein: so ist es
+auch um den Einfall des Grafen Caylus getan, welcher die
+Brauchbarkeit für den Maler zum Probiersteine der Dichter machen, und
+ihre Rangordnung nach der Anzahl der Gemälde, die sie dem Artisten
+darbieten, bestimmen wollen 1).
+
+{1. Tableaux tirés de l'Iliade, Avert. p. V. On est toujours convenu,
+que plus un poème fournissait d'images et d'actions, plus il avait
+de supériorité en poésie. Cette réflexion m'avait conduit à penser
+que le calcul des différents tableaux, qu'offrent les poèmes, pouvait
+servir à comparer le mérite respectif des poàmes et des poètes. Le
+nombre et le genre des tableaux que présentent ces grands ouvrages,
+auraient été une espèce de pierre de touche, en plutôt une balance
+certaine du mérite de ces poèmes et du génie de leurs auteurs.}
+
+Fern sei es, diesem Einfalle, auch nur durch unser Stillschweigen,
+das Ansehen einer Regel gewinnen zu lassen. Milton würde als das
+erste unschuldige Opfer derselben fallen. Denn es scheinet wirklich,
+daß das verächtliche Urteil, welches Caylus über ihn spricht, nicht
+sowohl Nationalgeschmack, als eine Folge seiner vermeinten Regel
+gewesen. Der Verlust des Gesichts, sagt er, mag wohl die größte
+Ähnlichkeit sein, die Milton mit dem Homer gehabt hat. Freilich kann
+Milton keine Galerien füllen. Aber müßte, solange ich das leibliche
+Auge hätte, die Sphäre desselben auch die Sphäre meines innern Auges
+sein, so würde ich, um von dieser Einschränkung frei zu werden, einen
+großen Wert auf den Verlust des erstern legen.
+
+Das Verlorne Paradies ist darum nicht weniger die erste Epopöe nach
+dem Homer, weil es wenig Gemälde liefert, als die Leidensgeschichte
+Christi deswegen ein Poem ist, weil man kaum den Kopf einer Nadel in
+sie setzen kann, ohne auf eine Stelle zu treffen, die nicht eine
+Menge der größten Artisten beschäftiget hätte. Die Evangelisten
+erzählen das Faktum mit aller möglichen trockenen Einfalt, und der
+Artist nutzet die mannigfaltigen Teile desselben, ohne daß sie
+ihrerseits den geringsten Funken von malerischem Genie dabei gezeigt
+haben. Es gibt malbare und unmalbare Fakta, und der
+Geschichtschreiber kann die malbarsten ebenso unmalerisch erzählen,
+als der Dichter die unmalbarsten malerisch darzustellen vermögend ist.
+
+Man läßt sich bloß von der Zweideutigkeit des Wortes verführen, wenn
+man die Sache anders nimmt. Ein poetisches Gemälde ist nicht
+notwendig das, was in ein materielles Gemälde zu verwandeln ist;
+sondern jeder Zug, jede Verbindung mehrerer Züge, durch die uns der
+Dichter seinen Gegenstand so sinnlich macht, daß wir uns dieses
+Gegenstandes deutlicher bewußt werden, als seiner Worte, heißt
+malerisch, heißt ein Gemälde, weil es uns dem Grade der Illusion
+näher bringt, dessen das materielle Gemälde besonders fähig ist, der
+sich von dem materiellen Gemälde am ersten und leichtesten
+abstrahieren lassen 2).
+
+{2. Was wir poetische Gemälde nennen, nannten die Alten Phantasien,
+wie man sich aus dem Longin erinnern wird. Und was wir die Illusion,
+das Täuschende dieser Gemälde heißen, hieß bei ihnen die Enargie.
+Daher hatte einer, wie Plutarchus meldet, (Erot. T. II. Edit. Henr.
+Steph. p. 1351.) gesagt: die poetischen Phantasien wären, wegen
+ihrer Enargie, Träume der Wachenden; Ai poihtikai jantasiai dia thn
+enargeian egrhgorotwn enupnia eisin. Ich wünschte sehr, die neuern
+Lehrbücher der Dichtkunst hätten sich dieser Benennung bedienen, und
+des Worts Gemälde gänzlich enthalten wollen. Sie würden uns eine
+Menge halbwahrer Regeln erspart haben, deren vornehmster Grund die
+Übereinstimmung eines willkürlichen Namens ist. Poetische Phantasien
+würde kein Mensch so leicht den Schranken eines materiellen Gemäldes
+unterworfen haben; aber sobald man die Phantasien poetische Gemälde
+nannte, so war der Grund zur Verführung gelegt.}
+
+
+
+XV.
+
+
+Nun kann der Dichter zu diesem Grade der Illusion, wie die Erfahrung
+zeiget, auch die Vorstellungen anderer, als sichtbarer Gegenstände
+erheben. Folglich müssen notwendig dem Artisten ganze Klassen von
+Gemälden abgehen, die der Dichter vor ihm voraus hat. Drydens Ode
+auf den Cäcilienstag ist voller musikalischen Gemälde, die den Pinsel
+müßig lassen. Doch ich will mich in dergleichen Exempel nicht
+verlieren, aus welchen man am Ende doch wohl nicht viel mehr lernet,
+als daß die Farben keine Töne, und die Ohren keine Augen sind.
+
+Ich will bei den Gemälden bloß sichtbarer Gegenstände stehen bleiben,
+die dem Dichter und Maler gemein sind. Woran liegt es, daß manche
+poetische Gemälde von dieser Art, für den Maler unbrauchbar sind, und
+hinwiederum manche eigentliche Gemälde unter der Behandlung des
+Dichters den größten Teil ihrer Wirkung verlieren?
+
+Exempel mögen mich leiten. Ich wiederhole es: das Gemälde des
+Pandarus im vierten Buche der Ilias ist eines von den ausgeführtesten,
+täuschendsten im ganzen Homer. Von dem Ergreifen des Bogens bis zu
+dem Fluge des Pfeiles, ist jeder Augenblick gemalt, und alle diese
+Augenblicke sind so nahe und doch so unterschieden angenommen, daß,
+wenn man nicht wüßte, wie mit dem Bogen umzugehen wäre, man es aus
+diesem Gemälde allein lernen könnte 1). Pandarus zieht seinen Bogen
+hervor, legt die Sehne an, öffnet den Köcher, wählet einen noch
+ungebrauchten wohlbefiederten Pfeil, setzt den Pfeil an die Sehne,
+zieht die Sehne mitsamt dem Pfeile unten an dem Einschnitte zurück,
+die Sehne nahet sich der Brust, die eiserne Spitze des Pfeiles dem
+Bogen, der große gerundete Bogen schlägt tönend auseinander, die
+Sehne schwirret, ab sprang der Pfeil, und gierig fliegt er nach
+seinem Ziele.
+
+{1. Iliad. D. v. 105.
+
+ Autik' esula toxon euxoon--
+ Kai to men eu kateJhke tanussamenoV, poti gaih
+ AgklinaV--
+ Autar o sula pvma jaretrhV· ek d' elet' ion
+ Ablhta, pteroenta, melainvn erm' odunawn,
+ Aiya d' epi neurh katekosmei pikron oiston,--
+ Elke d' omou glujidaV te labwn kai neura boeia.
+ Neurhn men mazv pelasen, toxw de sidhron.--
+ Autar epei dh kuklotereV mega toxon eteine,
+ Ligxe bioV, neurh de meg' iacen, alto d' oistoV
+ OxubelhV, kaJ' omilon epiptesJai meneainwn.}
+
+
+Übersehen kann Caylus dieses vortreffliche GemÄlde nicht haben. Was
+fand er also darin, warum er es für unfähig achtete, seinen Artisten
+zu beschäftigen? Und was war es, warum ihm die Versammlung der
+ratpflegenden zechenden GÖtter zu dieser Absicht tauglicher dünkte?
+Hier sowohl als dort sind sichtbare Vorwürfe, und was braucht der
+Maler mehr, als sichtbare Vorwürfe, um seine Fläche zu füllen?
+
+Der Knoten muß dieser sein. Obschon beide Vorwürfe, als sichtbar,
+der eigentlichen Malerei gleich fähig sind: so findet sich doch
+dieser wesentliche Unterschied unter ihnen, daß jener eine sichtbare
+fortschreitende Handlung ist, deren verschiedene Teile sich nach und
+nach, in der Folge der Zeit, ereignen, dieser hingegen eine sichtbare
+stehende Handlung, deren verschiedene Teile sich nebeneinander im
+Raume entwickeln. Wenn nun aber die Malerei, vermöge ihrer Zeichen
+oder der Mittel ihrer Nachahmung, die sie nur im Raume verbinden kann,
+der Zeit gänzlich entsagen muß: so können fortschreitende Handlungen,
+als fortschreitend, unter ihre Gegenstände nicht gehören, sondern
+sie muß sich mit Handlungen nebeneinander, oder mit bloßen Körpern,
+die durch ihre Stellungen eine Handlung vermuten lassen, begnügen.
+Die Poesie hingegen-
+
+
+
+XVI.
+
+
+Doch ich will versuchen, die Sache aus ihren ersten Gründen
+herzuleiten.
+
+Ich schließe so. Wenn es wahr ist, daß die Malerei zu ihren
+Nachahmungen ganz andere Mittel, oder Zeichen gebrauchet, als die
+Poesie; jene nämlich Figuren und Farben in dem Raume, diese aber
+artikulierte Töne in der Zeit; wenn unstreitig die Zeichen ein
+bequemes Verhältnis zu dem Bezeichneten haben müssen: so können
+nebeneinander geordnete Zeichen auch nur Gegenstände, die
+nebeneinander, oder deren Teile nebeneinander existieren,
+aufeinanderfolgende Zeichen aber auch nur Gegenstände ausdrücken, die
+aufeinander, oder deren Teile aufeinander folgen.
+
+Gegenstände, die nebeneinander oder deren Teile nebeneinander
+existieren, heißen Körper. Folglich sind Körper mit ihren sichtbaren
+Eigenschaften die eigentlichen Gegenstände der Malerei.
+
+Gegenstände, die aufeinander, oder deren Teile aufeinander folgen,
+heißen überhaupt Handlungen. Folglich sind Handlungen der
+eigentliche Gegenstand der Poesie.
+
+Doch alle Körper existieren nicht allein in dem Raume, sondern auch
+in der Zeit. Sie dauern fort, und können in jedem Augenblicke ihrer
+Dauer anders erscheinen, und in anderer Verbindung stehen. Jede
+dieser augenblicklichen Erscheinungen und Verbindungen ist die
+Wirkung einer vorhergehenden, und kann die Ursache einer folgenden,
+und sonach gleichsam das Zentrum einer Handlung sein. Folglich kann
+die Malerei auch Handlungen nachahmen, aber nur andeutungsweise durch
+Körper.
+
+Auf der andern Seite können Handlungen nicht für sich selbst bestehen,
+sondern müssen gewissen Wesen anhängen. Insofern nun diese Wesen
+Körper sind, oder als Körper betrachtet werden, schildert die Poesie
+auch Körper, aber nur andeutungsweise durch Handlungen.
+
+Die Malerei kann in ihren koexistierenden Kompositionen nur einen
+einzigen Augenblick der Handlung nutzen, und muß daher den
+prägnantesten wählen, aus welchem das Vorhergehende und Folgende am
+begreiflichsten wird.
+
+Ebenso kann auch die Poesie in ihren fortschreitenden Nachahmungen
+nur eine einzige Eigenschaft der Körper nutzen, und muß daher
+diejenige wählen, welche das sinnlichste Bild des Körpers von der
+Seite erwecket, von welcher sie ihn braucht.
+
+Hieraus fließt die Regel von der Einheit der malerischen Beiwörter,
+und der Sparsamkeit in den Schilderungen körperlicher Gegenstände.
+
+Ich würde in diese trockene Schlußkette weniger Vertrauen setzen,
+wenn ich sie nicht durch die Praxis des Homers vollkommen bestätiget
+fände, oder wenn es nicht vielmehr die Praxis des Homers selbst wäre,
+die mich darauf gebracht hätte. Nur aus diesen Grundsätzen läßt sich
+die große Manier des Griechen bestimmen und erklären, sowie der
+entgegengesetzten Manier so vieler neuern Dichter ihr Recht erteilen,
+die in einem Stücke mit dem Maler wetteifern wollen, in welchem sie
+notwendig von ihm überwunden werden müssen.
+
+Ich finde, Homer malet nichts als fortschreitende Handlungen, und
+alle Körper, alle einzelne Dinge malet er nur durch ihren Anteil an
+diesen Handlungen, gemeiniglich nur mit einem Zuge. Was Wunder also,
+daß der Maler, da wo Homer malet, wenig oder nichts für sich zu tun
+siehet, und daß seine Ernte nur da ist, wo die Geschichte eine Menge
+schöner Körper, in schönen Stellungen, in einem der Kunst
+vorteilhaften Raume zusammenbringt, der Dichter selbst mag diese
+Körper, diese Stellungen, diesen Raum so wenig malen, als er will?
+Man gehe die ganze Folge der Gemälde, wie sie Caylus aus ihm
+vorschlägt, Stück vor Stück durch, und man wird in jedem den Beweis
+von dieser Anmerkung finden.
+
+Ich lasse also hier den Grafen, der den Farbenstein des Malers zum
+Probiersteine des Dichters machen will, um die Manier des Homers
+näher zu erklären.
+
+Für ein Ding, sage ich, hat Homer gemeiniglich nur einen Zug. Ein
+Schiff ist ihm bald das schwarze Schiff, bald das hohle Schiff, bald
+das schnelle Schiff, höchstens das wohlberuderte schwarze Schiff.
+Weiter läßt er sich in die Malerei des Schiffes nicht ein. Aber wohl
+das Schiffen, das Abfahren, das Anlanden des Schiffes, macht er zu
+einem ausführlichen Gemälde, zu einem Gemälde, aus welchem der Maler
+fünf, sechs besondere Gemälde machen müßte, wenn er es ganz auf seine
+Leinwand bringen wollte.
+
+Zwingen den Homer ja besondere Umstände, unsern Blick auf einen
+einzeln körperlichen Gegenstand länger zu heften: so wird
+demohngeachtet kein Gemälde daraus, dem der Maler mit dem Pinsel
+folgen könnte; sondern er weiß durch unzählige Kunstgriffe diesen
+einzeln Gegenstand in eine Folge von Augenblicken zu setzen, in deren
+jedem er anders erscheinet, und in deren letztem ihn der Maler
+erwarten muß, um uns entstanden zu zeigen, was wir bei dem Dichter
+entstehen sehn. Z. E. Will Homer uns den Wagen der Juno sehen lassen,
+so muß ihn Hebe vor unsern Augen Stück vor Stück zusammensetzen.
+Wir sehen die Räder, die Achsen, den Sitz, die Deichsel und Riemen
+und Stränge, nicht sowohl wie es beisammen ist, als wie es unter den
+Händen der Hebe zusammenkommt. Auf die Räder allein verwendet der
+Dichter mehr als einen Zug, und weiset uns die ehernen acht Speichen,
+die goldenen Felgen, die Schienen von Erzt, die silberne Nabe, alles
+insbesondere. Man sollte sagen: da der Räder mehr als eines war, so
+mußte in der Beschreibung ebensoviel Zeit mehr auf sie gehen, als
+ihre besondere Anlegung deren in der Natur selbst mehr erforderte 1).
+
+{1. Iliad. E. v. 722-731.}
+
+ Hbh d' amj' oceessi JovV bale kampula kukla
+ Calkea, oktaknhma, sidhrew axoni amjiV·
+ Tvn h toi cruseh ituV ajJitoV, autar uperJen
+ Calke episswtra, prosarhrota, Jauma idesJai·
+ Plhmnai d' argurou eisi peridromoi amjoterwJen·
+ DijroV de cruseoisi kai argureoisin imasin
+ Entetatai· doiai de peridromoi antugeV eisin·
+ Tou d' ex argureoV rumoV pelen· autar ep' akrw
+ Dhse cruseion kalon zugon, en de lepadna
+ Kal' ebale, cruseia·--
+
+
+Will uns Homer zeigen, wie Agamemnon bekleidet gewesen, so muß sich
+der KÖnig vor unsern Augen seine völlige Kleidung StÜck vor Stück
+umtun; das weiche Unterkleid, den großen Mantel, die schönen
+Halbstiefeln, den Degen; und so ist er fertig, und ergreift das
+Zepter. Wir sehen die Kleider, indem der Dichter die Handlung des
+Bekleidens malet; ein anderer würde die Kleider bis auf die geringste
+Franze gemalet haben, und von der Handlung hÄtten wir nichts zu sehen
+bekommen 2).
+
+{2. Iliad. B. v. 43-47.}
+
+ --malakon d' endune citvna,
+ Kalon, nhgateon, peri d' au mega balleto jaroV·
+ Possi d' upai liparoisin edhsato kala pedila·
+ Amji d' ar' wmoisin baleto xijoV argurohlon,
+ Eileto de skhptron patrwion, ajJiton aiei.
+
+
+Und wenn wir von diesem Zepter, welches hier bloß das vÄterliche,
+unvergängliche Zepter heißt, so wie ein ähnliches ihm an einem andern
+Orte bloß crouseioiV hloisi peparmenon, das mit goldenen Stiften
+beschlagene Zepter ist, wenn wir, sage ich, von diesem wichtigen
+Zepter ein vollständigeres, genaueres Bild haben sollen: was tut
+sodann Homer? Malt er uns, außer den goldenen Nägeln, nun auch das
+Holz, den geschnitzten Knopf? Ja, wenn die Beschreibung in eine
+Heraldik sollte, damit einmal in den folgenden Zeiten ein anderes
+genau darnach gemacht werden kÖnne. Und doch bin ich gewiß, daß
+mancher neuere Dichter eine solche Wappenkönigsbeschreibung daraus
+wÜrde gemacht haben, in der treuherzigen Meinung, daß er wirklich
+selber gemalt habe, weil der Maler ihm nachmalen kann. Was bekümmert
+sich aber Homer, wie weit er den Maler hinter sich läßt? Statt einer
+Abbildung gibt er uns die Geschichte des Zepters: erst ist es unter
+der Arbeit des Vulkans; nun glänzt es in den Händen des Jupiters; nun
+bemerkt es die Würde Merkurs; nun ist es der Kommandostab des
+kriegerischen Pelops; nun der Hirtenstab des friedlichen Atreus usw.
+
+ --Skhptron ecwn· to men HjaistoV kame teucwn·
+ HjaistoV men dvke Dii Kroniwni anakti·
+ Autar ara ZeuV dvke diaktorw Argeijonth·
+ ErmeiaV de anax dvken Pelopi plhxippw·
+ Autar o aute Peloy dvk' Atrei, poimeni lavn·
+ AtreuV de Jnhskwn elipe poluarni Questh·
+ Autar o aute Quest' Agamemnoni leipe jorhnai,
+ Pollhsi nhsoisi kai Argei panti anassein 3)
+
+{3. Iliad. B. v. 101-108.}
+
+
+So kenne ich endlich dieses Zepter besser, als mir es der Maler vor
+Augen legen, oder ein zweiter Vulkan in die HÄnde liefern kÖnnte.--Es
+wÜrde mich nicht befremden, wenn ich fände, daß einer von den alten
+Auslegern des Homers diese Stelle als die vollkommenste Allegorie von
+dem Ursprunge, dem Fortgange, der Befestigung und endlichen
+Beerbfolgung der königlichen Gewalt unter den Menschen bewundert
+hätte. Ich würde zwar lächeln, wenn ich läse, daß Vulkan, welcher
+das Zepter gearbeitet, als das Feuer, als das, was dem Menschen zu
+seiner Erhaltung das Unentbehrlichste ist, die Abstellung der
+Bedürfnisse überhaupt anzeige, welche die ersten Menschen, sich einem
+einzigen zu unterwerfen, bewogen; daß der erste König ein Sohn der
+Zeit, (ZeuV Kroniwn) ein ehrwürdiger Alte gewesen sei, welcher seine
+Macht mit einem beredten klugen Manne, mit einem Merkur, (Diaktorw
+Argeijonth) teilen, oder gänzlich auf ihn übertragen wollen; daß der
+kluge Redner zur Zeit, als der junge Staat von auswärtigen Feinden
+bedrohet worden, seine oberste Gewalt dem tapfersten Krieger (Pelopi
+plhxippw) überlassen habe; daß der tapfere Krieger, nachdem er die
+Feinde gedämpfet und das Reich gesichert, es seinem Sohne in die
+Hände spielen können, welcher als ein friedliebender Regent, als ein
+wohltätiger Hirte seiner Völker (poimhn lavn), sie mit Wohlleben und
+Überfluß bekannt gemacht habe, wodurch nach seinem Tode dem reichsten
+seiner Anverwandten (poluarni Questh) der Weg gebahnet worden, das
+was bisher das Vertrauen erteilet, und das Verdienst mehr für eine
+Bürde als Würde gehalten hatte, durch Geschenke und Bestechungen an
+sich zu bringen, und es hernach als ein gleichsam erkauftes Gut
+seiner Familie auf immer zu versichern. Ich würde lächeln, ich würde
+aber demohngeachtet in meiner Achtung für den Dichter bestärket
+werden, dem man so vieles leihen kann. Doch dieses liegt außer
+meinem Wege, und ich betrachte itzt die Geschichte des Zepters bloß
+als einen Kunstgriff, uns bei einem einzeln Dinge verweilen zu machen,
+ohne sich in die frostige Beschreibung seiner Teile einzulassen.
+Auch wenn Achilles bei seinem Zepter schwöret, die Geringschätzung,
+mit welcher ihm Agamemnon begegnet, zu rächen, gibt uns Homer die
+Geschichte dieses Zepters. Wir sehen ihn auf den Bergen grünen, das
+Eisen trennet ihn von dem Stamme, entblättert und entrindet ihn, und
+macht ihn bequem, den Richtern des Volkes zum Zeichen ihrer
+göttlichen Würde zu dienen 4).
+
+{4. Iliad. A. v. 234-239.}
+
+ Nai ma tode skhptron, to men oupote julla kai ozouV
+ Fusei, epei dh prvta tomhn en oressi leloipen,
+ Oud' anaJhlhsei· peri gar ra e calkoV eleye,
+ Fulla te kai jloion· nun aute min uieV Acaivn
+ En palamhV joreousi dikaspoloi, oi te JemistaV
+ ProV DioV eiruatai·--
+
+
+Dem Homer war nicht sowohl daran gelegen, zwei StÄbe von
+verschiedener Materie und Figur zu schildern, als uns von der
+Verschiedenheit der Macht, deren Zeichen diese Stäbe waren, ein
+sinnliches Bild zu machen. Jener, ein Werk des Vulkans; dieser, von
+einer unbekannten Hand auf den Bergen geschnitten: jener der alte
+Besitz eines edeln Hauses; dieser bestimmt, die erste die beste Faust
+zu fÜllen: jener, von einem Monarchen über viele Inseln und über ganz
+Argos erstrecket; dieser, von einem aus dem Mittel der Griechen
+geführet, dem man nebst andern die Bewahrung der Gesetze anvertrauet
+hatte. Dieses war wirklich der Abstand, in welchem sich Agamemnon
+und Achill voneinander befanden; ein Abstand, den Achill selbst, bei
+allem seinem blinden Zorne, einzugestehen, nicht umhin konnte.
+
+Doch nicht bloß da, wo Homer mit seinen Beschreibungen dergleichen
+weitere Absichten verbindet, sondern auch da, wo es ihm um das bloße
+Bild zu tun ist, wird er dieses Bild in eine Art von Geschichte des
+Gegenstandes verstreuen, um die Teile desselben, die wir in der Natur
+nebeneinander sehen, in seinem Gemälde ebenso natürlich aufeinander
+folgen, und mit dem Flusse der Rede gleichsam Schritt halten zu
+lassen. Z. E. Er will uns den Bogen des Pandarus malen; einen Bogen
+von Horn, von der und der Länge, wohl polieret, und an beiden Spitzen
+mit Goldblech beschlagen. Was tut er? Zählt er uns alle diese
+Eigenschaften so trocken eine nach der andern vor? Mit nichten; das
+würde einen solchen Bogen angeben, vorschreiben, aber nicht malen
+heißen. Er fängt mit der Jagd des Steinbockes an, aus dessen HÖrnern
+der Bogen gemacht worden; Pandarus hatte ihm in den Felsen aufgepaßt,
+und ihn erlegt; die Hörner waren von außerordentlicher Größe,
+deswegen bestimmte er sie zu einem Bogen; sie kommen in die Arbeit,
+der Künstler verbindet sie, polieret sie, beschlägt sie. Und so, wie
+gesagt, sehen wir bei dem Dichter entstehen, was wir bei dem Maler
+nicht anders als entstanden sehen können 5).
+
+{5. Iliad. D. v. 105-111.}
+
+ --toxon, euxoon, ixalou aigoV
+ Agriou, on ra pot' autoV, upo sternoio tuchsaV,
+ PetrhV ekbainonta dedegmenoV en prodokhsin,
+ Beblhkei proV sthJoV· o d' uptioV empese petrh·
+ Tou kera ek kejalhV ekkaidekadwra pejukai.
+ Kai ta men askhsaV keraoxooV hrare tektwn,
+ Pan d' eu leihnaV, krusehn epeJhke korwnhn.
+
+
+Ich wÜrde nicht fertig werden, wenn ich alle Exempel dieser Art
+ausschreiben wollte. Sie werden jedem, der seinen Homer innehat, in
+Menge beifallen.
+
+
+
+XVII.
+
+
+Aber, wird man einwenden, diese Zeichen der Poesie sind nicht bloß
+aufeinanderfolgend, sie sind auch willkürlich; und als willkürliche
+Zeichen sind sie allerdings fÄhig, KÖrper, so wie sie im Raume
+existieren, auszudrücken. In dem Homer selbst fänden sich hiervon
+Exempel, an dessen Schild des Achilles man sich nur erinnern dürfe,
+um das entscheidendste Beispiel zu haben, wie weitläuftig und doch
+poetisch man ein einzelnes Ding nach seinen Teilen nebeneinander
+schildern könne.
+
+Ich will auf diesen doppelten Einwurf antworten. Ich nenne ihn
+doppelt, weil ein richtiger Schluß auch ohne Exempel gelten muß, und
+Gegenteils das Exempel des Homers bei mir von Wichtigkeit ist, auch
+wenn ich es noch durch keinen Schluß zu rechtfertigen weiß.
+
+Es ist wahr; da die Zeichen der Rede willkürlich sind, so ist es gar
+wohl möglich, daß man durch sie die Teile eines Körpers ebensowohl
+aufeinanderfolgen lassen kann, als sie in der Natur nebeneinander
+befindlich sind. Allein dieses ist eine Eigenschaft der Rede und
+ihrer Zeichen überhaupt, nicht aber insoferne sie der Absicht der
+Poesie am bequemsten sind. Der Poet will nicht bloß verständlich
+werden, seine Vorstellungen sollen nicht bloß klar und deutlich sein;
+hiermit begnügt sich der Prosaist. Sondern er will die Ideen, die er
+in uns erwecket, so lebhaft machen, daß wir in der Geschwindigkeit
+die wahren sinnlichen Eindrücke ihrer Gegenstände zu empfinden
+glauben, und in diesem Augenblicke der Täuschung uns der Mittel, die
+er dazu anwendet, seiner Worte, bewußt zu sein aufhören. Hierauf
+lief oben die Erklärung des poetischen Gemäldes hinaus. Aber der
+Dichter soll immer malen; und nun wollen wir sehen, inwieferne Körper
+nach ihren Teilen nebeneinander sich zu dieser Malerei schicken.
+
+Wie gelangen wir zu der deutlichen Vorstellung eines Dinges im Raume?
+Erst betrachten wir die Teile desselben einzeln, hierauf die
+Verbindung dieser Teile, und endlich das Ganze. Unsere Sinne
+verrichten diese verschiedene Operationen mit einer so erstaunlichen
+Schnelligkeit, daß sie uns nur eine einzige zu sein bedünken, und
+diese Schnelligkeit ist unumgänglich notwendig, wann wir einen
+Begriff von dem Ganzen, welcher nichts mehr als das Resultat von den
+Begriffen der Teile und ihrer Verbindung ist, bekommen sollen.
+Gesetzt nun also auch, der Dichter führe uns in der schönsten Ordnung
+von einem Teile des Gegenstandes zu dem andern; gesetzt, er wisse uns
+die Verbindung dieser Teile auch noch so klar zu machen: wie viel
+Zeit gebraucht er dazu? Was das Auge mit einmal übersiehet, zählt er
+uns merklich langsam nach und nach zu, und oft geschieht es, daß wir
+bei dem letzten Zuge den ersten schon wiederum vergessen haben.
+Jedennoch sollen wir uns aus diesen Zügen ein Ganzes bilden; dem Auge
+bleiben die betrachteten Teile beständig gegenwärtig; es kann sie
+abermals und abermals überlaufen: für das Ohr hingegen sind die
+vernommenen Teile verloren, wann sie nicht in dem Gedächtnisse
+zurückbleiben. Und bleiben sie schon da zurück: welche Mühe, welche
+Anstrengung kostet es, ihre Eindrücke alle in eben der Ordnung so
+lebhaft zu erneuern, sie nur mit einer mäßigen Geschwindigkeit auf
+einmal zu überdecken, um zu einem etwanigen Begriffe des Ganzen zu
+gelangen!
+
+Man versuche es an einem Beispiele, welches ein Meisterstück in
+seiner Art heißen kann 1).
+
+{1. S. des Herrn v. Hallers Alpen.}
+
+ Dort ragt das hohe Haupt vom edeln Enziane
+ Weit übern niedern Chor der Pöbelkräuter hin,
+ Ein ganzes Blumenvolk dient unter seiner Fahne,
+ Sein blauer Bruder selbst bückt sich und ehret ihn.
+ Der Blumen helles Gold, in Strahlen umgebogen,
+ Türmt sich am Stengel auf und krönt sein grau Gewand,
+ Der Blätter glattes Weiß, mit tiefem Grün durchzogen,
+ Strahlt von dem bunten Blitz von feuchtem Diamant.
+ Gerechtestes Gesetz! daß Kraft sich Zier vermähle,
+ In einem schönen Leib wohnt eine schönre Seele.
+
+ Hier kriecht ein niedrig Kraut, gleich einem grauen Nebel,
+ Dem die Natur sein Blatt im Kreuze hingelegt;
+ Die holde Blume zeigt die zwei vergöldten Schnäbel,
+ Die ein von Amethyst gebildter Vogel trägt.
+ Dort wirft ein glänzend Blatt, in Finger ausgekerbet,
+ Auf einen hellen Bach den grünen Widerschein;
+ Der Blumen zarten Schnee, den matter Purpur färbet,
+ Schließt ein gestreifter Stern in weiße Strahlen ein.
+ Smaragd und Rosen blühn auch auf zertretner Heide,
+ Und Felsen decken sich mit einem Purpurkleide.
+
+
+
+Es sind KrÄuter und Blumen, welche der gelehrte Dichter mit großer
+Kunst und nach der Natur malet. Malt, aber ohne alle Täuschung malet.
+Ich will nicht sagen, daß wer diese Kräuter und Blumen nie gesehen,
+sich auch aus seinem Gemälde so gut als gar keine Vorstellung davon
+machen kÖnne. Es mag sein, daß alle poetische Gemälde eine
+vorläufige Bekanntschaft mit ihren Gegenständen erfordern. Ich will
+auch nicht leugnen, daß demjenigen, dem eine solche Bekanntschaft
+hier zustatten kömmt, der Dichter nicht von einigen Teilen eine
+lebhaftere Idee erwecken könnte. Ich frage ihn nur, wie steht es um
+den Begriff des Ganzen? Wenn auch dieser lebhafter sein soll, so
+mÜssen keine einzelne Teile darin vorstechen, sondern das höhere
+Licht muß auf alle gleich verteilet scheinen; unsere Einbildungskraft
+muß alle gleich schnell überlaufen können, um sich das aus ihnen mit
+eins zusammenzusetzen, was in der Natur mit eins gesehen wird. Ist
+dieses hier der Fall? Und ist er es nicht, wie hat man sagen können,
+"daß die ähnlichste Zeichnung eines Malers gegen diese poetische
+Schilderung ganz matt und düster sein würde" 2)? Sie bleibet
+unendlich unter dem, was Linien und Farben auf der Fläche ausdrücken
+können, und der Kunstrichter, der ihr dieses übertriebene Lob
+erteilet, muß sie aus einem ganz falschen Gesichtspunkte betrachtet
+haben; er muß mehr auf die fremden Zieraten, die der Dichter darein
+verwebet hat, auf die Erhöhung über das vegetative Leben, auf die
+Entwickelung der innern Vollkommenheiten, welchen die äußere
+Schönheit nur zur Schale dienet, als auf diese Schönheit selbst, und
+auf den Grad der Lebhaftigkeit und Ähnlichkeit des Bildes, welches
+uns der Maler, und welches uns der Dichter davon gewähren kann,
+gesehen haben. Gleichwohl kömmt es hier lediglich nur auf das
+letztere an, und wer da sagt, daß die bloßen Zeilen:
+
+{2. Breitingers Kritische Dichtkunst T. II. S. 807.}
+
+ Der Blumen helles Gold, in Strahlen umgebogen,
+ Türmt sich am Stengel auf und krönt sein grau Gewand,
+ Der Blätter glattes Weiß, mit tiefem Grün durchzogen,
+ Strahlt von dem bunten Blitz von feuchtem Diamant--
+
+
+daß diese Zeilen, in Ansehung ihres Eindrucks, mit der Nachahmung
+eines Huysum wetteifern kÖnnen, muß seine Empfindung nie befragt
+haben, oder sie vorsetzlich verleugnen wollen. Sie mögen sich, wenn
+man die Blume selbst in der Hand hat, sehr schön dagegen rezitieren
+lassen; nur vor sich allein sagen sie wenig oder nichts. Ich höre in
+jedem Worte den arbeitenden Dichter, aber das Ding selbst bin ich
+weit entfernet zu sehen.
+
+Nochmals also: ich spreche nicht der Rede Überhaupt das Vermögen ab,
+ein körperliches Ganze nach seinen Teilen zu schildern; sie kann es,
+weil ihre Zeichen, ob sie schon aufeinander folgen, dennoch
+willkürliche Zeichen sind: sondern ich spreche es der Rede als dem
+Mittel der Poesie ab, weil dergleichen wörtlichen Schilderungen der
+Körper das TÄuschende gebracht, worauf die Poesie vornehmlich gehet;
+und dieses Täuschende, sage ich, muß ihnen darum gebrechen, weil das
+Koexistierende des Körpers mit dem Konsekutiven der Rede dabei in
+Kollision kömmt, und indem jenes in dieses aufgelöset wird, uns die
+Zergliederung des Ganzen in seine Teile zwar erleichtert, aber die
+endliche Wiederzusammensetzung dieser Teile in das Ganze ungemein
+schwer, und nicht selten unmöglich gemacht wird.
+
+Überall, wo es daher auf das Täuschende nicht ankömmt, wo man nur mit
+dem Verstande seiner Leser zu tun hat, und nur auf deutliche und
+soviel möglich vollständige Begriffe gehet: können diese aus der
+Poesie ausgeschlossene Schilderungen der Körper gar wohl Platz haben,
+und nicht allein der Prosaist, sondern auch der dogmatische Dichter
+(denn da wo er dogmatisieret, ist er kein Dichter), können sich ihrer
+mit vielem Nutzen bedienen. So schildert z. E. Virgil in seinem
+Gedichte vom Landbaue eine zur Zucht tüchtige Kuh:
+
+ --Optima torvae
+ Forma bovis, cui turpe caput, cui plurima cervix,
+ Et crurum tenus a mento palearia pendent.
+ Tum longo nullus lateri modus: omnia magna:
+ Pes etiam, et camuris hirtae sub cornibus aures.
+ Nec mihi displiceat maculis insignis et albo,
+ Aut juga detractans interdumque aspera cornu,
+ Et faciem tauro propior; quaeque ardua tota,
+ Et gradiens ima verrit vestigia cauda.
+
+
+Oder ein schönes Füllen:
+
+ --Illi ardua cervix
+ Argutumque caput, brevis alvus, obesaque terga
+ Luxuriatque toris animosum pectus etc. 3)
+
+{3. Georg. lib. III. v. 51 et 79.}
+
+
+Denn wer sieht nicht, daß dem Dichter hier mehr an der
+Auseinandersetzung der Teile, als an dem Ganzen gelegen gewesen? Er
+will uns die Kennzeichen eines schÖnen FÜllens, einer tüchtigen Kuh
+zuzÄhlen, um uns in den Stand zu setzen, nachdem wir deren mehrere
+oder wenigere antreffen, von der Güte der einen oder des andern
+urteilen zu können; ob sich aber alle diese Kennzeichen in ein
+lebhaftes Bild leicht zusammenfassen lassen, oder nicht, das konnte
+ihm sehr gleichgültig sein.
+
+Außer diesem Gebrauche sind die ausführlichen Gemälde körperlicher
+Gegenstände, ohne den oben erwähnten Homerischen Kunstgriff, das
+Koexistierende derselben in ein wirkliches Sukzessives zu verwandeln,
+jederzeit von den feinsten Richtern für ein frostiges Spielwerk
+erkannt worden, zu welchem wenig oder gar kein Genie gehöret. Wenn
+der poetische Stümper, sagt Horaz, nicht weiter kann, so fängt er an,
+einen Hain, einen Altar, einen durch anmutige Fluren sich
+schlängelnden Bach, einen rauschenden Strom, einen Regenbogen zu
+malen:
+
+ --Lucus et ara Dianae,
+ Et properantis aquae per amoenos ambitus agros,
+ Aut flumen Rhenum, aut pluvius describitur arcus 4)
+
+{4. De A. P. v. 16.}
+
+
+Der mÄnnliche Pope sahe auf die malerischen Versuche seiner
+poetischen Kindheit mit großer Geringschätzung zurÜck. Er verlangte
+ausdrücklich, daß wer den Namen eines Dichters nicht unwürdig führen
+wolle, der Schilderungssucht so früh wie mÖglich entsagen müsse, und
+erklärte ein bloß malendes Gedichte für ein Gastgebot auf lauter
+Brühen 5). Von dem Herrn von Kleist kann ich versichern, daß er sich
+auf seinen Frühling das wenigste einbildete. Hätte er länger gelebt,
+so würde er ihm eine ganz andere Gestalt gegeben haben. Er dachte
+darauf, einen Plan hinein zu legen, und sann auf Mittel, wie er die
+Menge von Bildern, die er aus dem unendlichen Raume der verjüngten
+Schöpfung, auf Geratewohl, bald hier bald da, gerissen zu haben
+schien, in einer natürlichen Ordnung vor seinen Augen entstehen und
+aufeinanderfolgen lassen wolle. Er würde zugleich das getan haben,
+was Marmontel, ohne Zweifel mit auf Veranlassung seiner Eklogen,
+mehrern deutschen Dichtern geraten hat; er würde aus einer mit
+Empfindungen nur sparsam durchwebten Reihe von Bildern, eine mit
+Bildern nur sparsam durchflochtene Folge von Empfindungen gemacht
+haben 6).
+
+{5. Prologue to the satires. v. 340.
+
+ That not in Fancy's maze he wander'd long,
+ But stoop'd to truth, and moraliz'd his song.
+
+
+Ibid. v. 148.
+
+ --who could take offence,
+ While pure description held the place of sense?
+
+
+Die Anmerkung, welche Warburton Über die letzte Stelle macht, kann
+für eine authentische ErklÄrung des Dichters selbst gelten. He uses
+PURE equivocally, to signify either chaste or empty; and has given in
+this line what he esteemed the true character of descriptive poetry,
+as it is called. A composition, in his opinion, as absurd as a feast
+made up of sauces. The use of a pictoresque imagination is to
+brighten and adorn good sense; so that to employ it only in
+description, is like children's delighting in a prism for the sake of
+its gaudy colours; which when frugally managed, and artifully
+disposed, rnight be made to represent and illustrate the noblest
+objects in nature. Sowohl der Dichter als Kommentator scheinen zwar
+die Sache mehr auf der moralischen als kunstmäßigen Seite betrachtet
+zu haben. Doch desto besser, daß sie von der einen ebenso nichtig
+als von der andern erscheinet.}
+
+{6. Poétique française. T. II. p. 501. J'écrivais ces réflexions
+avant que les essais des Allemands dans ce genre (l'eglogue) fussent
+connus parmi nous. Ils ont exécuté ce que j'avais conçu; et s'ils
+parviennent à donner plus au moral et moins au détail des peintures
+physiques, ils excelleront dans ce genre, plus riche, plus vaste,
+plus fécond, et infiniment plus naturel et plus moral que celui de la
+galanterie champêtre.}
+
+
+
+XVIII.
+
+
+Und dennoch sollte selbst Homer in diese frostigen Ausmalungen
+kÖrperlicher Gegenstände verfallen sein?-Ich will hoffen, daß es nur
+sehr wenige Stellen sind, auf die man sich desfalls berufen kann; und
+ich bin versichert, daß auch diese wenige Stellen von der Art sind,
+daß sie die Regel, von der sie eine Ausnahme zu sein scheinen,
+vielmehr bestätigen.
+
+Es bleibt dabei: die Zeitfolge ist das Gebiete des Dichters, so wie
+der Raum das Gebiete des Malers.
+
+Zwei notwendig entfernte Zeitpunkte in ein und ebendasselbe Gemälde
+bringen, so wie Fr. Mazzuoli den Raub der sabinischen Jungfrauen,
+und derselben Aussöhnung ihrer Ehemänner mit ihren Anverwandten; oder
+wie Tizian die ganze Geschichte des verlornen Sohnes, sein
+liederliches Leben und sein Elend und seine Reue: heißt ein Eingriff
+des Malers in das Gebiete des Dichters, den der gute Geschmack nie
+billigen wird.
+
+Mehrere Teile oder Dinge, die ich notwendig in der Natur auf einmal
+übersehen muß, wenn sie ein Ganzes hervorbringen sollen, dem Leser
+nach und nach zuzählen, um ihm dadurch ein Bild von dem Ganzen machen
+zu wollen: heißt ein Eingriff des Dichters in das Gebiete des Malers,
+wobei der Dichter viel Imagination ohne allen Nutzen verschwendet.
+
+Doch, so wie zwei billige freundschaftliche Nachbarn zwar nicht
+verstatten, daß sich einer in des andern innerstem Reiche
+ungeziemende Freiheiten herausnehme, wohl aber auf den äußersten
+Grenzen eine wechselseitige Nachsicht herrschen lassen, welche die
+kleinen Eingriffe, die der eine in des andern Gerechtsame in der
+Geschwindigkeit sich durch seine Umstände zu tun genötiget siehet,
+friedlich von beiden Teilen kompensieret: so auch die Malerei und
+Poesie.
+
+Ich will in dieser Absicht nicht anführen, daß in großen historischen
+Gemälden der einzige Augenblick fast immer um etwas erweitert ist,
+und daß sich vielleicht kein einziges an Figuren sehr reiches Stück
+findet, in welchem jede Figur vollkommen die Bewegung und Stellung
+hat, die sie in dem Augenblicke der Haupthandlung haben sollte; die
+eine hat eine etwas frühere, die andere eine etwas spätere. Es ist
+dieses eine Freiheit, die der Meister durch gewisse Feinheiten in der
+Anordnung rechtfertigen muß, durch die Verwendung oder Entfernung
+seiner Personen, die ihnen an dem, was vorgehet, einen mehr oder
+weniger augenblicklichen Anteil zu nehmen erlaubet. Ich will mich
+bloß einer Anmerkung bedienen, welche Herr Mengs über die Draperie
+des Raffaels macht 1). "Alle Falten", sagt er, "haben bei ihm ihre
+Ursachen, es sei durch ihr eigen Gewichte, oder durch die Ziehung der
+Glieder. Manchmal siehet man in ihnen, wie sie vorher gewesen;
+Raffael hat auch sogar in diesem Bedeutung gesucht. Man siehet an
+den Falten, ob ein Bein oder Arm vor dieser Regung vor oder hinten
+gestanden, ob das Glied von Krümme zur Ausstreckung gegangen, oder
+gehet, oder ob es ausgestreckt gewesen, und sich krümmet." Es ist
+unstreitig, daß der Künstler in diesem Falle zwei verschiedene
+Augenblicke in einen einzigen zusammenbringt. Denn da dem Fuße,
+welcher hinten gestanden und sich vorbewegt, der Teil des Gewands,
+welcher auf ihm liegt, unmittelbar folget, das Gewand wäre denn von
+sehr steifem Zeuge, der aber eben darum zur Malerei ganz unbequem ist:
+so gibt es keinen Augenblick, in welchem das Gewand im geringsten
+eine andere Falte machte, als es der itzige Stand des Gliedes
+erfodert; sondern läßt man es eine andere Falte machen, so ist es der
+vorige Augenblick des Gewandes und der itzige des Gliedes.
+Demohngeachtet, wer wird es mit dem Artisten so genau nehmen, der
+seinen Vorteil dabei findet, uns diese beiden Augenblicke zugleich zu
+zeigen? Wer wird ihn nicht vielmehr rühmen, daß er den Verstand und
+das Herz gehabt hat, einen solchen geringen Fehler zu begehen, um
+eine größere Vollkommenheit des Ausdruckes zu erreichen?
+
+{1. Gedanken über die Schönheit und über den Geschmack in der Malerei.
+S. 69.}
+
+Gleiche Nachsicht verdienet der Dichter. Seine fortschreitende
+Nachahmung erlaubet ihm eigentlich, auf einmal nur eine einzige Seite,
+eine einzige Eigenschaft seiner körperlichen Gegenstände zu berühren.
+Aber wenn die glückliche Einrichtung seiner Sprache ihm dieses mit
+einem einzigen Worte zu tun verstattet; warum sollte er nicht auch
+dann und wann ein zweites solches Wort hinzufügen dürfen? Warum
+nicht auch, wann es die Mühe verlohnet, ein drittes? Oder wohl gar
+ein viertes? Ich habe gesagt, dem Homer sei zum Exempel ein Schiff,
+entweder nur das schwarze Schiff, oder das hohle Schiff, oder das
+schnelle Schiff, höchstens das wohlberuderte schwarze Schiff. Zu
+verstehen von seiner Manier überhaupt. Hier und da findet sich eine
+Stelle, wo er das dritte malende Epitheton hinzusetzet: Kampula kukla,
+calkea, oktaknhma 2), "runde, eherne, achtspeichigte Räder". Auch
+das vierte: aspida pantose ishn, kalhn, calkeihn, exhlaton 3) "ein
+überall glattes, schönes, ehernes, getriebenes Schild". Wer wird ihn
+darum tadeln? Wer wird ihm diese kleine Üppigkeit nicht vielmehr
+Dank wissen, wenn er empfindet, welche gute Wirkung sie an wenigen
+schicklichen Stellen haben kann?
+
+{2. Iliad. E. v. 722.}
+
+{3. Iliad. M. v. 294.}
+
+Des Dichters sowohl als des Malers eigentliche Rechtfertigung
+hierüber will ich aber nicht aus dem vorangeschickten Gleichnisse von
+zwei freundschaftlichen Nachbarn hergeleitet wissen. Ein bloßes
+Gleichnis beweiset und rechtfertiget nichts. Sondern dieses muß sie
+rechtfertigen: so wie dort bei dem Maler die zwei verschiednen
+Augenblicke so nahe und unmittelbar aneinander grenzen, daß sie ohne
+Anstoß für einen einzigen gelten können; so folgen auch hier bei dem
+Dichter die mehrern Züge für die verschiednen Teile und Eigenschaften
+im Raume in einer solchen gedrängten Kürze so schnell aufeinander,
+daß wir sie alle auf einmal zu hören glauben.
+
+Und hierin, sage ich, kömmt dem Homer seine vortreffliche Sprache
+ungemein zustatten. Sie läßt ihm nicht allein alle mögliche Freiheit
+in Häufung und Zusammensetzung der Beiwörter, sondern sie hat auch
+für diese gehäufte Beiwörter eine so glückliche Ordnung, daß der
+nachteiligen Suspension ihrer Beziehung dadurch abgeholfen wird. An
+einer oder mehreren dieser Bequemlichkeiten fehlt es den neuern
+Sprachen durchgängig. Diejenigen, als die französische, welche z. E.
+jenes Kampula kukla, calkea, oktaknhma umschreiben müssen: "die
+runden Räder, welche von Erzt waren und acht Speichen hatten",
+drücken den Sinn aus, aber vernichten das Gemälde. Gleichwohl ist
+der Sinn hier nichts, und das Gemälde alles; und jener ohne dieses
+macht den lebhaftesten Dichter zum langweiligsten Schwätzer. Ein
+Schicksal, das den guten Homer unter der Feder der gewissenhaften
+Frau Dacier oft betroffen hat. Unsere deutsche Sprache hingegen kann
+zwar die Homerischen Beiwörter meistens in ebenso kurze
+gleichgeltende Beiwörter verwandeln, aber die vorteilhafte Ordnung
+derselben kann sie der griechischen nicht nachmachen. Wir sagen zwar
+"die runden, ehernen, achtspeichigten"--aber Räder' schleppt hinten
+nach. Wer empfindet nicht, daß drei verschiedne Prädikate, ehe wir
+das Subjekt erfahren, nur ein sehr schwankes verwirrtes Bild machen
+können? Der Grieche verbindet das Subjekt gleich mit dem ersten
+Prädikate, und läßt die andern nachfolgen; er sagt: "runde Räder,
+eherne, achtspeichigte". So wissen wir mit eins wovon er redet, und
+werden, der natürlichen Ordnung des Denkens gemäß, erst mit dem Dinge,
+und dann mit seinen Zufälligkeiten bekannt. Diesen Vorteil hat
+unsere Sprache nicht. Oder soll ich sagen, sie hat ihn, und kann ihn
+nur selten ohne Zweideutigkeit nutzen? Beides ist eins. Denn wenn
+wir Beiwörter hintennach setzen wollen, so müssen sie im statu
+absoluto stehen; wir müssen sagen: runde Räder, ehern und
+achtspeichigt. Allein in diesem statu kommen unsere Adjektiva völlig
+mit den Adverbiis überein, und müssen, wenn man sie als solche zu dem
+nächsten Zeitworte, das von dem Dinge prädizieret wird, ziehet, nicht
+selten einen ganz falschen, allezeit aber einen sehr schielenden Sinn
+verursachen.
+
+Doch ich halte mich bei Kleinigkeiten auf, und scheine das Schild
+vergessen zu wollen, das Schild des Achilles; dieses berühmte Gemälde,
+in dessen Rücksicht vornehmlich Homer vor alters als ein Lehrer der
+Malerei 4) betrachtet wurde. Ein Schild, wird man sagen, ist doch
+wohl ein einzelner körperlicher Gegenstand, dessen Beschreibung nach
+seinen Teilen nebeneinander dem Dichter nicht vergönnet sein soll?
+Und dieses Schild hat Homer, in mehr als hundert prächtigen Versen,
+nach seiner Materie, nach seiner Form, nach allen Figuren, welche die
+ungeheure Fläche desselben füllten, so umständlich, so genau
+beschrieben, daß es neuern Künstlern nicht schwer gefallen, eine in
+allen Stücken übereinstimmende Zeichnung darnach zu machen.
+
+{4. Dionysius Halicarnass. in vita Homeri apud Th. Gale in Opusc.
+Mythol. p. 401.}
+
+Ich antworte auf diesen besondern Einwurf,--daß ich bereits darauf
+geantwortet habe. Homer malet nämlich das Schild nicht als ein
+fertiges vollendetes, sondern als ein werdendes Schild. Er hat also
+auch hier sich des gepriesenen Kunstgriffes bedienet, das
+Koexistierende seines Vorwurfs in ein Konsekutives zu verwandeln, und
+dadurch aus der langweiligen Malerei eines Körpers das lebendige
+Gemälde einer Handlung zu machen. Wir sehen nicht das Schild,
+sondern den göttlichen Meister, wie er das Schild verfertiget. Er
+tritt mit Hammer und Zange vor seinen Amboß, und nachdem er die
+Platten aus dem Gröbsten geschmiedet, schwellen die Bilder, die er zu
+dessen Auszierung bestimmt, vor unsern Augen, eines nach dem andern,
+unter seinen feinern Schlägen aus dem Erzte hervor. Eher verlieren
+wir ihn nicht wieder aus dem Gesichte, bis alles fertig ist. Nun ist
+es fertig, und wir erstaunen über das Werk, aber mit dem gläubigen
+Erstaunen eines Augenzeugens, der es machen sehen.
+
+Dieses läßt sich von dem Schilde des Aeneas beim Virgil nicht sagen.
+Der römische Dichter empfand entweder die Feinheit seines Musters
+hier nicht, oder die Dinge, die er auf sein Schild bringen wollte,
+schienen ihm von der Art zu sein, daß sie die Ausführung vor unsern
+Augen nicht wohl verstatteten. Es waren Prophezeiungen, von welchen
+es freilich unschicklich gewesen wäre, wenn sie der Gott in unserer
+Gegenwart ebenso deutlich geäußert hätte, als sie der Dichter hernach
+ausleget. Prophezeiungen, als Prophezeiungen, verlangen eine
+dunkelere Sprache, in welche die eigentlichen Namen der Personen aus
+der Zukunft, die sie betreffen, nicht passen. Gleichwohl lag an
+diesen wahrhaften Namen, allem Ansehen nach, dem Dichter und Hofmanne
+hier das meiste 5). Wenn ihn aber dieses entschuldiget, so hebt es
+darum nicht auch die üble Wirkung auf, welche seine Abweichung von
+dem Homerischen Wege hat. Leser von einem feinern Geschmacke werden
+mir recht geben. Die Anstalten, welche Vulkan zu seiner Arbeit macht,
+sind bei dem Virgil ungefähr eben die, welche ihn Homer machen läßt.
+Aber anstatt daß wir bei dem Homer nicht bloß die Anstalten zur
+Arbeit, sondern auch die Arbeit selbst zu sehen bekommen, läßt Virgil,
+nachdem er uns nur den geschäftigen Gott mit seinem Cyklopen
+überhaupt gezeiget,
+
+{5. Ich finde, daß Servius dem Virgil eine andere Entschuldigung
+leihet. Denn auch Servius hat den Unterschied, der zwischen beiden
+Schilden ist, bemerkt: Sane interest inter hunc er Homeri clipeum:
+illic enim singula dum fiunt narrantur; hic vero perfecto opere
+noscuntur: nam et hic arma prius accipit Aeneas, quam spectaret; ibi
+postquam omnia narrata sunt, sic a Thetide deferuntur ad Achillem (ad
+v. 625 lib. VIII. Aeneid.). Und warum dieses? Darum, meinet
+Servius, weil auf dem Schilde des Aeneas nicht bloß die wenigen
+Begebenheiten, die der Dichter anführet, sondern
+
+ --genus omne futurae
+ Stirpis ab Ascanio, pugnataque in ordine bella
+
+
+abgebildet waren. Wie wÄre es also mÖglich gewesen, daß mit eben der
+Geschwindigkeit, in welcher Vulkan das Schild arbeiten mußte, der
+Dichter die ganze lange Reihe von Nachkommen hätte namhaft machen,
+und alle von ihnen nach der Ordnung gefÜhrte Kriege hätte erwähnen
+können? Dieses ist der Verstand der etwas dunkeln Worte des Servius:
+Opportune ergo Virgilius, quia non videtur simul et narrationis
+celeritas potuisse connecti, et opus tam velociter expediri, ut ad
+verbum posset occurrere. Da Virgil nur etwas weniges von dem non
+enarrabili texto Clipei beibringen konnte, so konnte er es nicht
+während der Arbeit des Vulkanus selbst tun; sondern er mußte es
+versparen, bis alles fertig war. Ich wünschte für den Virgil sehr,
+dieses Raisonnement des Servius wäre ganz ohne Grund; meine
+Entschuldigung würde ihm weit rühmlicher sein. Denn wer hieß ihm,
+die ganze römische Geschichte auf ein Schild bringen? Mit wenig
+Gemälden machte Homer sein Schild zu einem Inbegriffe von allem, was
+in der Welt vorgehet. Scheinet es nicht, als ob Virgil, da er den
+Griechen nicht in den Vorwürfen und in der Ausführung der Gemälde
+übertreffen können, ihn wenigstens in der Anzahl derselben
+übertreffen wollen? Und was wäre kindischer gewesen?}
+
+ Ingentem clipeum informant--
+ --Alii ventosis follibus auras
+ Accipiunt, redduntque: alii stridentia tingunt
+ Aera lacu. Gemit impositis incudibus antrum.
+ Illi inter sese multa vi brachia tollunt
+ In numerum, versantque tenaci forcipe massam 6).
+
+
+den Vorhang auf einmal niederfallen, und versetzt uns in eine ganz
+andere Szene, von da er uns allmÄhlich in das Tal bringt, in welchem
+die Venus mit den indes fertig gewordenen Waffen bei dem Aeneas
+anlangt. Sie lehnet sie an den Stamm einer Eiche, und nachdem sie
+der Held genug begaffet, und bestaunet, und betastet, und versuchet,
+hebt sich die Beschreibung, oder das Gemälde des Schildes an, welches
+durch das ewige: Hier ist, und Da ist, Nahe dabei stehet, und Nicht
+weit davon siehet man--so kalt und langweilig wird, daß alle der
+poetische Schmuck, den ihm ein Virgil geben konnte, nÖtig war, um es
+uns nicht unerträglich finden zu lassen. Da dieses Gemälde
+hiernächst nicht Aeneas macht, als welcher sich an den bloßen Figuren
+ergötzet, und von der Bedeutung derselben nichts weiß,
+
+ --rerumque ignarus imagine gaudet;
+
+auch nicht Venus, ob sie schon von den kÜnftigen Schicksalen ihrer
+lieben Enkel vermutlich ebensoviel wissen mußte, als der gutwillige
+Ehemann; sondern da es aus dem eigenen Munde des Dichters kÖmmt: so
+bleibet die Handlung offenbar wÄhrend demselben stehen. Keine
+einzige von seinen Personen nimmt daran teil; es hat auch auf das
+Folgende nicht den geringsten Einfluß, ob auf dem Schilde dieses,
+oder etwas anders, vorgestellet ist; der witzige Hofmann leuchtet
+überall durch, der mit allerlei schmeichelhaften Anspielungen seine
+Materie aufstutzet, aber nicht das große Genie, das sich auf die
+eigene innere Stärke seines Werks verläßt, und alle äußere Mittel,
+interessant zu werden, verachtet. Das Schild des Aeneas ist folglich
+ein wahres Einschiebsel, einzig und allein bestimmt, dem
+Nationalstolze der Römer zu schmeicheln; ein fremdes Bächlein, das
+der Dichter in seinen Strom leitet, um ihn etwas reger zu machen.
+Das Schild des Achilles hingegen ist Zuwachs des eigenen fruchtbaren
+Bodens; denn ein Schild mußte gemacht werden, und da das Notwendige
+aus der Hand der Gottheit nie ohne Anmut kömmt, so mußte das Schild
+auch Verzierungen haben. Aber die Kunst war, diese Verzierungen als
+bloße Verzierungen zu behandeln, sie in den Stoff einzuweben, um sie
+uns nur bei Gelegenheit des Stoffes zu zeigen; und dieses ließ sich
+allein in der Manier des Homers tun. Homer läßt den Vulkan Zieraten
+künsteln, weil und indem er ein Schild machen soll, das seiner würdig
+ist. Virgil hingegen scheinet ihn das Schild wegen der Zieraten
+machen zu lassen, da er die Zieraten für wichtig genug hält, um sie
+besonders zu beschreiben, nachdem das Schild lange fertig ist.
+
+{6. Aeneid. lib. VIII. 447-454.}
+
+
+
+XIX.
+
+
+Die Einwürfe, welche der ältere Scaliger, Perrault, Terrasson und
+andere gegen das Schild des Homers machen, sind bekannt. Ebenso
+bekannt ist das, was Dacier, Boivin und Pope darauf antworten. Mich
+dünkt aber, daß diese letztern sich manchmal zu weit einlassen, und
+in Zuversicht auf ihre gute Sache, Dinge behaupten, die ebenso
+unrichtig sind, als wenig sie zur Rechtfertigung des Dichters
+beitragen.
+
+Um dem Haupteinwurfe zu begegnen, daß Homer das Schild mit einer
+Menge Figuren anfülle, die auf dem Umfange desselben unmöglich Raum
+haben könnten, unternahm Boivin, es mit Bemerkung der erforderlichen
+Maße, zeichnen zu lassen. Sein Einfall mit den verschiedenen
+konzentrischen Zirkeln ist sehr sinnreich, obschon die Worte des
+Dichters nicht den geringsten Anlaß dazu geben, auch sich sonst keine
+Spur findet, daß die Alten auf diese Art abgeteilte Schilder gehabt
+haben. Da es Homer selbst sakoV pantose dedaidalmenon, ein auf allen
+Seiten künstlich ausgearbeitetes Schild nennet, so würde ich lieber,
+um mehr Raum auszusparen, die konkave Fläche mit zu Hilfe genommen
+haben; denn es ist bekannt, daß die alten Künstler diese nicht leer
+ließen, wie das Schild der Minerva vom Phidias beweiset 1). Doch
+nicht genug, daß sich Boivin dieses Vorteils nicht bedienen wollte;
+er vermehrte auch ohne Not die Vorstellungen selbst, denen er auf dem
+sonach um die Hälfte verringerten Raume Platz verschaffen mußte,
+indem er das, was bei dem Dichter offenbar nur ein einziges Bild ist,
+in zwei bis drei besondere Bilder zerteilte. Ich weiß wohl, was ihn
+dazu bewog; aber es hätte ihn nicht bewegen sollen: sondern, anstatt
+daß er sich bemühte, den Forderungen seiner Gegner ein Gnüge zu
+leisten, hätte er ihnen zeigen sollen, daß ihre Forderungen
+unrechtmäßig wären.
+
+{1.--scuto ejus, in quo Amazonum proelium caelavit intumescente
+ambitu parmae; ejusdem concava parte Deorum et Gigantum dimicationem.
+Plinius lib. XXXVI. sect. 4. p. 726. Edit. Hard.}
+
+Ich werde mich an einem Beispiele faßlicher erklären können. Wenn
+Homer von der einen Stadt sagt 2):
+
+{2. Iliad. S. v. 497-508.}
+
+ Laoi d' ein agorh esan aJrooi· enJa de neikoV
+ Wrwrei· duo d' andreV eneikeon eineka poinhV
+ AndroV apojJimenou· o men euceto, pant' apodounai,
+ Dhmw pijauskwn· o d' anaineto, mhden elesJai·
+ Amjw d' iesJhn, epi istori peirar elesJai.
+ Laoi d' amjoteroisin ephpuon, amjiV arwgoi·
+ KhrukeV d' ara laon erhtuon· oi de geronteV
+ Eiat' epi xestoisi liJoiV, ierw eni kuklw·
+ Skhptra de khrukwn en cers' econ herojwnwn.
+ Toisin epeit' hisson, amoibhdiV d' edikazon.
+ Keito d' ar' en messoisi duo crusoio talanta--
+
+
+so, glaube ich, hat er nicht mehr als ein einziges GemÄlde angeben
+wollen: das Gemälde eines Öffentlichen Rechtshandels Über die
+streitige Erlegung einer ansehnlichen Geldbuße für einen verübten
+Todschlag. Der Künstler, der diesen Vorwurf ausführen soll, kann
+sich auf einmal nicht mehr als einen einzigen Augenblick desselben
+zunutze machen; entweder den Augenblick der Anklage, oder der
+Abhörung der Zeugen, oder des Urtelspruches, oder welchen er sonst,
+vor oder nach, oder zwischen diesen Augenblicken für den bequemsten
+hält. Diesen einzigen Augenblick macht er so prägnant wie möglich,
+und führt ihn mit allen den Täuschungen aus, welche die Kunst in
+Darstellung sichtbarer Gegenstände vor der Poesie voraus hat. Von
+dieser Seite aber unendlich zurückgelassen, was kann der Dichter, der
+eben diesen Vorwurf mit Worten malen soll, und nicht gänzlich
+verunglücken will, anders tun, als daß er sich gleichfalls seiner
+eigentümlichen Vorteile bedienet? Und welches sind diese? Die
+Freiheit sich sowohl über das Vergangene als über das Folgende des
+einzigen Augenblickes in dem Kunstwerke auszubreiten, und das
+Vermögen, sonach uns nicht allein das zu zeigen, was uns der Künstler
+zeiget, sondern auch das, was uns dieser nur kann erraten lassen.
+Durch diese Freiheit, durch dieses Vermögen allein, kömmt der Dichter
+dem Künstler wieder bei, und ihre Werke werden einander alsdenn am
+ähnlichsten, wenn die Wirkung derselben gleich lebhaft ist; nicht
+aber, wenn das eine der Seele durch das Ohr nicht mehr oder weniger
+beibringet, als das andere dem Auge darstellen kann. Nach diesem
+Grundsatze hätte Boivin die Stelle des Homers beurteilen sollen, und
+er würde nicht so viel besondere Gemälde daraus gemacht haben, als
+verschiedene Zeitpunkte er darin zu bemerken glaubte. Es ist wahr,
+es konnte nicht wohl alles, was Homer sagt, in einem einzigen Gemälde
+verbunden sein; die Beschuldigung und Ableugnung, die Darstellung der
+Zeugen und der Zuruf des geteilten Volkes, das Bestreben der Herolde
+den Tumult zu stillen, und die Äußerungen der Schiedesrichter, sind
+Dinge, die auf einanderfolgen, und nicht nebeneinander bestehen
+können. Doch was, um mich mit der Schule auszudrücken, nicht actu in
+dem Gemälde enthalten war, das lag virtute darin, und die einzige
+wahre Art, ein materielles Gemälde mit Worten nachzuschildern, ist
+die, daß man das letztere mit dem wirklich Sichtbaren verbindet, und
+sich nicht in den Schranken der Kunst hält, innerhalb welchen der
+Dichter zwar die Data zu einem Gemälde herzählen, aber nimmermehr ein
+Gemälde selbst hervorbringen kann.
+
+Gleicherweise zerteilt Boivin das Gemälde der belagerten Stadt 3) in
+drei verschiedene Gemälde. Er hätte es ebensowohl in zwölfe teilen
+können, als in drei. Denn da er den Geist des Dichters einmal nicht
+faßte und von ihm verlangte, daß er den Einheiten des materiellen
+Gemäldes sich unterwerfen müsse: so hätte er weit mehr Übertretungen
+dieser Einheiten finden können, daß es fast nötig gewesen wäre, jedem
+besondern Zuge des Dichters ein besonderes Feld auf dem Schilde zu
+bestimmen. Meines Erachtens aber hat Homer überhaupt nicht mehr als
+zehn verschiedene Gemälde auf dem ganzen Schilde; deren jedes er mit
+einem en men eteuxe, oder en de poihse, oder en d' etiJei, oder en de
+poikille AmjigueiV anfängt 4). Wo diese Eingangsworte nicht stehen,
+hat man kein Recht, ein besonderes Gemälde anzunehmen; im Gegenteil
+muß alles, was sie verbinden, als ein einziges betrachtet werden, dem
+nur bloß die willkürliche Konzentration in einen einzigen Zeitpunkt
+mangelt, als welchen der Dichter mit anzugeben, keinesweges gehalten
+war. Vielmehr, hätte er ihn angegeben, hätte er sich genau daran
+gehalten, hätte er nicht den geringsten Zug einfließen lassen, der in
+der wirklichen Ausführung nicht damit zu verbinden wäre; mit einem
+Worte, hätte er so verfahren, wie seine Tadler es verlangen: es ist
+wahr, so würden diese Herren hier an ihm nichts auszusetzen, aber in
+der Tat auch kein Mensch von Geschmack etwas zu bewundern gefunden
+haben.
+
+{3. v. 509-540.}
+
+{4. Das erste fängt an mit der 483. Zeile, und gehet bis zur 489.;
+das zweite von 490-509; das dritte von 510-540; das vierte von
+541-549; das fünfte von 550-560; das sechste von 561-572; das
+siebente von 573-586; das achte von 587-589; das neunte von 590 bis
+605; und das zehnte von 606-608. Bloß das dritte Gemälde hat die
+angegebenen Eingangsworte nicht: es ist aber aus den bei dem zweiten,
+en de duw poihse poleiV, und aus der Beschaffenheit der Sache selbst,
+deutlich genug, daß es ein besonders Gemälde sein muß.}
+
+Pope ließ sich die Einteilung und Zeichnung des Boivin nicht allein
+gefallen, sondern glaubte noch etwas ganz Besonders zu tun, wenn er
+nunmehr auch zeigte, daß ein jedes dieser so zerstückten Gemälde nach
+den strengsten Regeln der heutiges Tages üblichen Malerei angegeben
+sei. Kontrast, Perspektiv, die drei Einheiten; alles fand er darin
+auf das beste beobachtet. Und ob er schon gar wohl wußte, daß
+zufolge guter glaubwürdiger Zeugnisse, die Malerei zu den Zeiten des
+Trojanischen Krieges noch in der Wiege gewesen, so mußte doch
+entweder Homer, vermöge seines göttlichen Genies, sich nicht sowohl
+an das, was die Malerei damals oder zu seiner Zeit leisten konnte,
+gehalten, als vielmehr das erraten haben, was sie überhaupt zu
+leisten imstande sei; oder auch jene Zeugnisse selbst mußten so
+glaubwürdig nicht sein, daß ihnen die augenscheinliche Aussage des
+künstlichen Schildes nicht vorgezogen zu werden verdiene. Jenes mag
+annehmen, wer da will; dieses wenigstens wird sich niemand überreden
+lassen, der aus der Geschichte der Kunst etwas mehr, als die bloßen
+Data der Historienschreiber weiß. Denn daß die Malerei zu Homers
+Zeiten noch in ihrer Kindheit gewesen, glaubt er nicht bloß deswegen,
+weil es ein Plinius oder so einer sagt, sondern vornehmlich weil er
+aus den Kunstwerken, deren die Alten gedenken, urteilet, daß sie
+viele Jahrhunderte nachher noch nicht viel weiter gekommen, und z. E.
+die Gemälde eines Polygnotus noch lange die Probe nicht aushalten,
+welche Pope die Gemälde des Homerischen Schildes bestehen zu können
+glaubt. Die zwei großen Stücke dieses Meisters zu Delphi, von
+welchen uns Pausanias eine so umständliche Beschreibung hinterlassen
+5), waren offenbar ohne alle Perspektiv. Dieser Teil der Kunst ist
+den Alten gänzlich abzusprechen, und was Pope beibringt, um zu
+beweisen, daß Homer schon einen Begriff davon gehabt habe, beweiset
+weiter nichts, als daß ihm selbst nur ein sehr unvollständiger
+Begriff davon beigewohnet 6). "Homer", sagt er, "kann kein Fremdling
+in der Perspektiv gewesen sein, weil er die Entfernung eines
+Gegenstandes von dem andern ausdrücklich angibt. Er bemerkt, z. E.
+daß die Kundschafter ein wenig weiter als die andern Figuren gelegen,
+und daß die Eiche, unter welcher den Schnittern das Mahl zubereitet
+worden, beiseite gestanden. Was er von dem mit Herden und Hütten und
+Ställen übersäeten Tale sagt, ist augenscheinlich die Beschreibung
+einer großen perspektivischen Gegend. Ein allgemeiner Beweisgrund
+dafür kann auch schon aus der Menge der Figuren auf dem Schilde
+gezogen werden, die nicht alle in ihrer vollen Größe ausgedruckt
+werden konnten; woraus es denn gewissermaßen unstreitig, daß die
+Kunst, sie nach der Perspektiv zu verkleinern, damaliger Zeit schon
+bekannt gewesen." Die bloße Beobachtung der optischen Erfahrung, daß
+ein Ding in der Ferne kleiner erscheinet, als in der Nähe, macht ein
+Gemälde noch lange nicht perspektivisch. Die Perspektiv erfordert
+einen einzigen Augenpunkt, einen bestimmten natürlichen Gesichtskreis,
+und dieses war es, was den alten Gemälden fehlte. Die Grundfläche
+in den Gemälden des Polygnotus war nicht horizontal, sondern nach
+hinten zu so gewaltig in die Höhe gezogen, daß die Figuren, welche
+hintereinander zu stehen scheinen sollten, übereinander zu stehen
+schienen. Und wenn diese Stellung der verschiednen Figuren und ihrer
+Gruppen allgemein gewesen, wie aus den alten Basreliefs, wo die
+hintersten allezeit höher stehen als die vodersten, und über sie
+wegsehen, sich schließen läßt: so ist es natürlich, daß man sie auch
+in der Beschreibung des Homers annimmt, und diejenigen von seinen
+Bildern, die sich nach selbiger in ein Gemälde verbinden lassen,
+nicht unnötigerweise trennet. Die doppelte Szene der friedfertigen
+Stadt, durch deren Straßen der fröhliche Aufzug einer Hochzeitfeier
+ging, indem auf dem Markte ein wichtiger Prozeß entschieden ward,
+erfordert diesem zufolge kein doppeltes Gemälde, und Homer hat es gar
+wohl als ein einziges denken können, indem er sich die ganze Stadt
+aus einem so hohen Augenpunkte vorstellte, daß er die freie Aussicht
+zugleich in die Straßen und auf den Markt dadurch erhielt.
+
+{5. Phocic. cap. XXV-XXXI.}
+
+{6. Um zu zeigen, daß dieses nicht zu viel von Popen gesagt ist, will
+ich den Anfang der folgenden aus ihm angeführten Stelle (Iliad. Vol.
+V. Obs. p. 61) in der Grundsprache anführen: That he was no stranger
+to aerial perspective, appears in his expressly marking the distance
+of object from object: he tells us etc. Ich sage, hier hat Pope den
+Ausdruck aerial perspective, die Luftperspektiv (perspective
+aërienne), ganz unrichtig gebraucht, als welche mit den nach
+Maßgebung der Entfernung verminderten Größen gar nichts zu tun hat,
+sondern unter der man lediglich die Schwächung und Abänderung der
+Farben nach Beschaffenheit der Luft oder des Medii, durch welches wir
+sie sehen, verstehet. Wer diesen Fehler machen konnte, dem war es
+erlaubt, von der ganzen Sache nichts zu wissen.}
+
+Ich bin der Meinung, daß man auf das eigentliche Perspektivische in
+den Gemälden nur gelegentlich durch die Szenenmalerei gekommen ist;
+und auch als diese schon in ihrer Vollkommenheit war, muß es noch
+nicht so leicht gewesen sein, die Regeln derselben auf eine einzige
+Fläche anzuwenden, indem sich noch in den spätern Gemälden unter den
+Altertümern des Herkulanums so häufige und mannigfaltige Fehler gegen
+die Perspektiv finden, als man itzo kaum einem Lehrlinge vergeben
+würde 7).
+
+{7. Betracht. über die Malerei S. 185.}
+
+Doch ich entlasse mich der Mühe, meine zerstreuten Anmerkungen über
+einen Punkt zu sammeln, über welchen ich in des Herrn Winckelmanns
+versprochener Geschichte der Kunst die völligste Befriedigung zu
+erhalten hoffen darf 8).
+
+{8. Geschrieben im Jahr 1763.}
+
+
+
+XX.
+
+
+Ich lenke mich vielmehr wieder in meinen Weg, wenn ein Spaziergänger
+anders einen Weg hat.
+
+Was ich von körperlichen Gegenständen überhaupt gesagt habe, das gilt
+von körperlichen schönen Gegenständen um so viel mehr.
+
+Körperliche Schönheit entspringt aus der übereinstimmenden Wirkung
+mannigfaltiger Teile, die sich auf einmal übersehen lassen. Sie
+erfodert also, daß diese Teile nebeneinander liegen müssen; und da
+Dinge, deren Teile nebeneinander liegen, der eigentliche Gegenstand
+der Malerei sind; so kann sie, und nur sie allein, körperliche
+Schönheit nachahmen.
+
+Der Dichter, der die Elemente der Schönheit nur nacheinander zeigen
+könnte, enthält sich daher der Schilderung körperlicher Schönheit,
+als Schönheit, gänzlich. Er fühlt es, daß diese Elemente,
+nacheinander geordnet, unmöglich die Wirkung haben können, die sie,
+nebeneinander geordnet, haben; daß der konzentrierende Blick, den wir
+nach ihrer Enumeration auf sie zugleich zurücksenden wollen, uns doch
+kein übereinstimmendes Bild gewähret; daß es über die menschliche
+Einbildung gehet, sich vorzustellen, was dieser Mund, und diese Nase,
+und diese Augen zusammen für einen Effekt haben, wenn man sich nicht
+aus der Natur oder Kunst einer ähnlichen Komposition solcher Teile
+erinnern kann.
+
+Und auch hier ist Homer das Muster aller Muster. Er sagt: Nireus war
+schön; Achilles war noch schöner; Helena besaß eine göttliche
+Schönheit. Aber nirgends läßt er sich in die umständlichere
+Schilderung dieser Schönheiten ein. Gleichwohl ist das ganze Gedicht
+auf die Schönheit der Helena gebauet. Wie sehr würde ein neuerer
+Dichter darüber luxuriert haben!
+
+Schon ein Constantinus Manasses wollte seine kahle Chronik mit einem
+Gemälde der Helena auszieren. Ich muß ihn für seinen Versuch danken.
+Denn ich wüßte wirklich nicht, wo ich sonst ein Exempel auftreiben
+sollte, aus welchem augenscheinlicher erhelle, wie töricht es sei,
+etwas zu wagen, das Homer so weislich unterlassen hat. Wenn ich bei
+ihm lese 1):
+
+{1. Constantinus Manasses Compend. Chron. p. 20. Edit. Venet. Die
+Frau Dacier war mit diesem Porträt des Manasses, bis auf die
+Tautologien, sehr wohl zufrieden: De Helenae pulchritudine omnium
+optime Constantinus Manasses, nisi in eo tautologiam reprehendas.
+(Ad Dictyn Cretensem lib. I. cap. 3. p. 5.) Sie führet nach dem
+Mezeriac (Comment sur les épîtres d'Ovide T. II. p. 361) auch die
+Beschreibungen an, welche Dares Phrygius und Cedrenus von der
+Schönheit der Helena geben. In der erstern kömmt ein Zug vor, der
+ein wenig seltsam klingt. Dares sagt nämlich von der Helena, sie
+habe ein Mal zwischen den Augenbraunen gehabt: notam inter duo
+supercilia habentem. Das war doch wohl nichts Schönes? Ich wollte,
+daß die Französin ihre Meinung darüber gesagt hätte. Meinesteiles
+halte ich das Wort nota hier für verfälscht, und glaube, daß Dares
+von dem reden wollen, was bei den Griechen mesojruon und bei den
+Lateinern glabella hieß. Die Augenbraunen der Helena, will er sagen,
+liefen nicht zusammen, sondern waren durch einen kleinen Zwischenraum
+abgesondert. Der Geschmack der Alten war in diesem Punkte
+verschieden. Einigen gefiel ein solcher Zwischenraum, andern nicht.
+(Junius de pictura vet. lib. III. cap. 9. p. 245.) Anakreon hielt
+die Mittelstraße; die Augenbraunen seines geliebten Mädchens waren
+weder merklich getrennt, noch völlig ineinander verwachsen, sie
+verliefen sich sanft in einem einzigen Punkte. Er sagt zu dem
+Künstler, welcher sie malen sollte: (Od. 28.)
+
+ To mesojruon de mh moi
+ Diakopte, mhte misge,
+ Ecetw d' opwV ekeinh
+ To lelhJotwV sunojrun
+ Blejarwn itun kelainhn.
+
+
+Nach der Lesart des Pauw, obschon auch ohne sie der Verstand der
+nämliche ist, und von Henr. Stephano nicht verfehlet worden:
+
+ Supercilii nigrantes
+ Discrimina nec arcus,
+ Confundito nec illos:
+ Sed junge sic ut anceps
+ Divortium relinquas,
+ Quale esse cernis ipsi.
+
+
+Wenn ich aber den Sinn des Dares getroffen hÄtte, was mÜßte man wohl
+sodann, anstatt des Wortes notam, lesen? Vielleicht moram? Denn so
+viel ist gewiß, daß mora nicht allein den Verlauf der Zeit, ehe etwas
+geschieht, sondern auch die Hinderung, den Zwischenraum von einem zum
+andern, bedeutet.
+
+ Ego inquieta montium jaceam mora,
+
+wÜnschet sich der rasende Herkules beim Seneca, (v. 1215) welche
+Stelle Gronovius sehr wohl erklÄrt: Optat se medium jacere inter duas
+Symplegades, illarum velut moram, impedimentum, obicem; qui eas
+moretur, vetet aut satis arcte conjungi, aut rursus distrahi. So
+heißen auch bei eben demselben Dichter lacertorum morae soviel als
+juncturae. (Schroederus ad v. 762 Thyest.)}
+
+ Hn h gunh perikallhV, euojruV, eucroustath,
+ EupareioV, euproswpoV, bovpiV, cionocrouV,
+ ElikoblejaroV, abra, caritwn gemon alsoV,
+ Leukobraciwn, trujera, kalloV antikruV, empnoun,
+ To proswpon kataleukon, h pareia rodocrouV,
+ To proswpon epicari, to blejaron wraion,
+ KalloV anepithdeuton, abaptiston, autocroun,
+ Ebapte thn leukothta rodocria purinh
+ WV ei tiV ton elejanta bayei lampra porjura.
+ Deirh makra, kataleukoV, oJen emuJourghJh
+ Kuknogenh thn euopton Elenhn crhmatizein--
+
+
+so dÜnkt mich, ich sehe Steine auf einen Berg wÄlzen, aus welchen auf
+der Spitze desselben ein prächtiges Gebäude aufgeführet werden soll,
+die aber alle auf der andern Seite von selbst wieder herabrollen.
+Was für ein Bild hinterläßt er, dieser Schwall von Worten? Wie sahe
+Helena nun aus? Werden nicht, wenn tausend Menschen dieses lesen,
+sich alle tausend eine eigene Vorstellung von ihr machen?
+
+Doch es ist wahr, politische Verse eines MÖnches sind keine Poesie.
+Man höre also den Ariost, wenn er seine bezaubernde Alcina schildert
+2):
+
+{2. Orlando Furioso, Canto VII. St. 11-15. "Die Bildung ihrer Gestalt
+war so reizend, als nur künstliche Maler sie dichten können. Gegen
+ihr blondes, langes, aufgeknüpftes Haar ist kein Gold, das nicht
+seinen Glanz verliere. Über ihre zarten Wangen verbreitete sich
+die vermischte Farbe der Rosen und der Lilien. Ihre fröhliche Stirn,
+in die gehörigen Schranken geschlossen, war von glattem Helfenbein.
+Unter zween schwarzen, äußerst feinen Bögen glänzen zwei schwarze
+Augen, oder vielmehr zwo leuchtende Sonnen, die mit Holdseligkeit um
+sich blickten und sich langsam drehten. Rings um sie her schien Amor
+zu spielen und zu fliegen; von da schien er seinen ganzen Köcher
+abzuschießen, und die Herzen sichtbar zu rauben. Weiter hinab steigt
+die Nase mitten durch das Gesicht, an welcher selbst der Neid nichts
+zu bessern findet. Unter ihr zeigt sich der Mund, wie zwischen zwei
+kleinen Tälern, mit seinem eigentümlichen Zinnober bedeckt; hier
+stehen zwo Reihen auserlesener Perlen, die eine schöne sanfte Lippe
+verschließt und öffnet. Hieraus kommen die holdseligen Worte, die
+jedes rauhe, schändliche Herz erweichen; hier wird jenes liebliche
+Lächeln gebildet, welches für sich schon ein Paradies auf Erden
+eröffnet. Weißer Schnee ist der schöne Hals, und Milch die Brust,
+der Hals rund, die Brust voll und breit. Zwo zarte, von Helfenbein
+gerundete Kugeln wallen sanft auf und nieder, wie die Wellen am
+äußersten Rande des Ufers, wenn ein spielender Zephir die See
+bestreitet. (Die übrigen Teile würde Argus selbst nicht haben sehen
+können. Doch war leicht zu urteilen, daß das, was versteckt lag, mit
+dem, was dem Auge bloß stand, übereinstimme.) Die Arme zeigen sich in
+ihrer gehörigen Länge, die weiße Hand etwas länglich, und schmal in
+ihrer Breite, durchaus eben, keine Ader tritt über ihre glatte Fläche.
+Am Ende dieser herrlichen Gestalt sieht man den kleinen, trocknen,
+gerundeten Fuß. Die englischen Mienen, die aus dem Himmel stammen,
+kann kein Schleier verbergen."--(Nach der Übersetzung des Herrn
+Meinhard in dem Versuche über den Charakter und die Werke der besten
+ital. Dicht. B. II. S. 228.)}
+
+ Di persona era tanto ben formata,
+ Quanto mai finger san pittori industri:
+ Con bionda chioma, lunga e annodata,
+ Oro non è, che più risplenda, e lustri,
+ Spargeasi per la guancia delicata
+ Misto color di rose e di ligustri.
+ Di terso avorio era la fronte lieta,
+ Che lo spazio finia con giusta meta.
+
+ Sotto due negri, e sottilissimi archi
+ Son due negri occhi, anzi due chiari soli,
+ Pietosi a riguardar, a mover parchi,
+ Intorno a cui par ch' Amor scherzi, e voli,
+ E ch' indi tutta la faretra scarchi,
+ E che visibilmente i cori involi.
+ Quindi il naso per mezzo il viso scende
+ Che non trova l'invidia ove l'emende.
+
+ Sotto quel sta, quasi fra due vallette,
+ La bocca sparsa di natio cinabro,
+ Quivi due filze son di perle elette,
+ Che chiude, ed apre un bello e dolce labro;
+ Quindi escon le cortesi parolette,
+ Da render molle ogni cor rozzo e scabro;
+ Quivi si forma quel soave riso,
+ Ch' apre a sua posta in terra il paradiso.
+
+ Bianca neve è il bel collo, e'l petto latte,
+ Il collo è tondo, il petto colmo e largo;
+ Due pome acerbe, e pur d'avorio fatte,
+ Vengono e van, come onda al primo margo,
+ Quando piacevole aura il mar combatte.
+ Non potria l'altre parti veder Argo,
+ Ben si può giudicar, che corrisponde,
+ A quel ch' appar di fuor, quel che s'ascondo.
+
+ Mostran le braccia sua misura giusta,
+ Et la candida man spesso si vede,
+ Lunghetta alquanto, e di larghezza angusta,
+ Dove nè nodo appar, nè vena eccede.
+ Si vede al fin de la persona augusta
+ Il breve, asciutto, e ritondetto piede.
+ Gli angelici sembianti nati in cielo
+ Non si ponno celar sotto alcun velo.
+
+
+
+Milton sagt bei Gelegenheit des PandÄmoniums: einige lobten das Werk,
+andere den Meister des Werks. Das Lob des einen ist also nicht
+allezeit auch das Lob des andern. Ein Kunstwerk kann allen Beifall
+verdienen, ohne daß sich zum Ruhme des KÜnstlers viel Besonders sagen
+läßt. Wiederum kann ein Künstler mit Recht unsere Bewunderung
+verlangen, auch wenn sein Werk uns die vÖllige Gnüge nicht tut.
+Dieses vergesse man nie, und es werden sich öfters ganz
+widersprechende Urteile vergleichen lassen. Eben wie hier. Dolce,
+in seinem Gespräche von der Malerei, läßt den Aretino von den
+angeführten Stanzen des Ariost ein außerordentliches Aufheben machen
+3); ich hingegen, wähle sie als ein Exempel eines Gemäldes ohne
+Gemälde. Wir haben beide recht. Dolce bewundert darin die
+Kenntnisse, welche der Dichter von der körperlichen Schönheit zu
+haben zeiget; ich aber sehe bloß auf die Wirkung, welche diese
+Kenntnisse, in Worte ausgedrückt, auf meine Einbildungskraft haben
+können. Dolce schließt aus jenen Kenntnissen, daß gute Dichter nicht
+minder gute Maler sind; und ich aus dieser Wirkung, daß sich das, was
+die Maler durch Linien und Farben am besten ausdrücken können, durch
+Worte gerade am schlechtesten ausdrücken läßt. Dolce empfiehlet die
+Schilderung des Ariost allen Malern als das vollkommenste Vorbild
+einer schönen Frau; und ich empfehle es allen Dichtern als die
+lehrreichste Warnung, was einem Ariost mißlingen müssen, nicht noch
+unglücklicher zu versuchen. Es mag sein, daß wenn Ariost sagt:
+
+{3. (Dialogo della pittura, intitolato l'Aretino, Firenze 1735. p.
+178.) Se vogliono i pittori senza fatica trovare un perfetto esempio
+di bella donna, leggano quelle stanze dell' Ariosto, nelle quali egli
+discrive mirabilmente le bellezze della fata Alcina: e vedranno
+parimente, quanto i buoni poeti siano ancora essi pittori.--}
+
+ Di persona era tanto ben formata
+ Quanto mai finger san pittori industri,
+
+
+er die Lehre von den Proportionen, so wie sie nur immer der
+fleißigste KÜnstler in der Natur und aus den Antiken studieret,
+vollkommen verstanden zu haben, dadurch beweiset 4). Er mag sich
+immerhin, in den bloßen Worten:
+
+{4. (Ibid.) Ecco, che, quanto alla proportione, l'ingeniosissimo
+Ariosto assegna la migliore, che sappiano formar le mani de' più
+eccellenti pittori, usando questa voce industri, per dinotar la
+diligenza, die conviene al buono artefice.}
+
+ Spargeasi per la guancia delicata
+ Misto color di rose e di ligustri,
+
+
+als den vollkommensten Koloristen, als einen Tizian, zeigen 5). Man
+mag daraus, daß er das Haar der Alcina nur mit dem Golde vergleicht,
+nicht aber gÜldenes Haar nennet, noch so deutlich schließen, daß er
+den Gebrauch des wirklichen Goldes in der Farbengebung gemißbilliget
+6). Man mag sogar in seiner herabsteigenden Nase,
+
+{5. (Ibid. p. 182.) Qui l'Ariosto colorisce, e in questo suo colorire
+dimostra essere un Tiziano.}
+
+{6. (Ibid. p. 180.) Poteva l'Ariosto nella guisa, che ha detto chioma
+bionda, dir chioma d'oro: ma gli parve forse, che avrebbe avuto
+troppo del poetico. Da che si puo ritrar, che'l pittore dee imitar
+l'oro, e non metterlo (come fanno i miniatori) nelle sue pitture, in
+modo, che si possa dire, que' capelli non sono d'oro, ma par che
+risplendano, come l'oro. Was Dolce, in dem Nachfolgenden, aus dem
+AthenÄus anführet, ist merkwürdig, nur daß es sich nicht vÖllig so
+daselbst findet. Ich rede an einem andern Orte davon.}
+
+ Quindi il naso per mezzo il viso scende,
+
+das Profil jener alten griechischen, und von griechischen KÜnstlern
+auch RÖmern geliehenen Nasen finden 7). Was nutzt alle diese
+Gelehrsamkeit und Einsicht uns Lesern, die wir eine schöne Frau zu
+sehen glauben wollen, die wir etwas von der sanften Wallung des
+Geblüts dabei empfinden wollen, die den wirklichen Anblick der
+Schönheit begleitet? Wenn der Dichter weiß, aus welchen
+VerhÄltnissen eine schöne Gestalt entspringet, wissen wir es darum
+auch? Und wenn wir es auch wüßten, läßt er uns hier diese
+Verhältnisse sehen? Oder erleichtert er uns auch nur im geringsten
+die Mühe, uns ihrer auf eine lebhafte anschauende Art zu erinnern?
+Eine Stirn, in die gehörigen Schranken geschlossen, la fronte,
+
+{7. (Ibid. p. 182.) Il naso, che discende giù, avendo peraventura la
+considerazione a quelle forme de' nasi, che si veggono ne' ritratti
+delle belle Romane antiche.}
+
+ Che lo spazio finia con giusta meta;
+
+eine Nase, an welcher selbst der Neid nichts zu bessern findet,
+
+ Che non trova l'invidia, ove l'emende;
+
+eine Hand, etwas länglich und schmal in ihrer Breite,
+
+ Lunghetta alquanto, e di larghezza angusta:
+
+was fÜr ein Bild geben diese allgemeine Formeln? In dem Munde eines
+Zeichenmeisters, der seine Schüler auf die SchÖnheiten des
+akademischen Modells aufmerksam machen will, möchten sie noch etwas
+sagen; denn ein Blick auf dieses Modell, und sie sehen die gehörigen
+Schranken der fröhlichen Stirne, sie sehen den schönsten Schnitt der
+Nase, die schmale Breite der niedlichen Hand. Aber bei dem Dichter
+sehe ich nichts, und empfinde mit Verdruß die Vergeblichkeit meiner
+besten Anstrengung, etwas sehen zu wollen.
+
+In diesem Punkte, in welchem Virgil dem Homer durch Nichtstun
+nachahmen können, ist auch Virgil ziemlich glücklich gewesen. Auch
+seine Dido ist ihm weiter nichts als pulcherrima Dido. Wenn er ja
+umstÄndlicher etwas an ihr beschreibet, so ist es ihr reicher Putz,
+ihr prächtiger Aufzug:
+
+ Tandem progreditur--
+ Sidoniam picto chlamydem circumdata limbo:
+ Cui pharetra ex auro, crines nodantur in aurum,
+ Aurea purpuream subnectit fibula vestem 8).
+
+{8. Aeneid. IV. v. 136.}
+
+
+Wollte man darum auf ihn anwenden, was jener alte KÜnstler zu einem
+Lehrlinge sagte, der eine sehr geschmückte Helena gemalt hatte, "da
+du sie nicht schÖn malen können, hast du sie reich gemalt": so würde
+Virgil antworten, "es liegt nicht an mir, daß ich sie nicht schön
+malen können; der Tadel trifft die Schranken meiner Kunst; mein Lob
+sei, mich innerhalb diesen Schranken gehalten zu haben."
+
+Ich darf hier die beiden Lieder des Anakreons nicht vergessen, in
+welchen er uns die Schönheit seines MÄdchens und seines Bathylls
+zergliedert 9). Die Wendung, die er dabei nimmt, macht alles gut.
+Er glaubt einen Maler vor sich zu haben, und läßt ihn unter seinen
+Augen arbeiten. So, sagt er, mache mir das Haar, so die Stirne, so
+die Augen, so den Mund, so Hals und Busen, so Hüft' und Hände! Was
+der Künstler nur teilweise zusammensetzen kann, konnte ihm der
+Dichter auch nur teilweise vorschreiben. Seine Absicht ist nicht,
+daß wir in dieser mündlichen Direktion des Malers die ganze Schönheit
+der geliebten Gegenstände erkennen und fühlen sollen; er selbst
+empfindet die Unfähigkeit des wörtlichen Ausdrucks, und nimmt eben
+daher den Ausdruck der Kunst zu Hilfe, deren Täuschung er so sehr
+erhebet, daß das ganze Lied mehr ein Lobgedicht auf die Kunst, als
+auf sein Mädchen zu sein scheinet. Er sieht nicht das Bild, er sieht
+sie selbst, und glaubt, daß es nun eben den Mund zum Reden eröffnen
+werde:
+
+{9. Od. XXVIII. XXIX.}
+
+ Apecei· blepw gar authn.
+ Taca, khre, kai lalhseiV.
+
+
+Auch in der Angabe des Bathylls, ist die Anpreisung des schÖnen
+Knabens mit der Anpreisung der Kunst und des KÜnstlers so ineinander
+geflochten, daß es zweifelhaft wird, wem zu Ehren Anakreon das Lied
+eigentlich bestimmt habe. Er sammelt die schönsten Teile aus
+verschiednen GemÄlden, an welchen eben die vorzügliche Schönheit
+dieser Teile das Charakteristische war; den Hals nimmt er von einem
+Adonis, Brust und Hände von einem Merkur, die Hüfte von einem Pollux,
+den Bauch von einem Bacchus; bis er den ganzen Bathyll in einem
+vollendeten Apollo des Künstlers erblickt.
+
+ Meta de proswpon estw,
+ Ton AdwnidoV parelJwn,
+ ElejantinoV trachloV·
+ Metamazion de poiei
+ DidumaV te ceiraV Ermou,
+ PoludeukeoV de mhrouV,
+ Dionusihn de nhdun--
+ Ton Apollwna de touton
+ KaJelwn, poiei BaJullon.
+
+
+So weiß auch Lucian von der SchÖnheit der Panthea anders keinen
+Begriff zu machen, als durch Verweisung auf die schönsten weiblichen
+BildsÄulen alter KÜnstler 10). Was heißt aber dieses sonst, als
+bekennen, daß die Sprache vor sich selbst hier ohne Kraft ist; daß
+die Poesie stammelt und die Beredsamkeit verstummet, wenn ihnen nicht
+die Kunst noch einigermaßen zur Dolmetscherin dienet?
+
+{10. EikoneV § 3. T. II. p. 461. Edit. Reitz.}
+
+
+
+XXI.
+
+
+Aber verliert die Poesie nicht zu viel, wenn man ihr alle Bilder
+körperlicher Schönheit nehmen will?--Wer will ihr die nehmen? Wenn
+man ihr einen einzigen Weg zu verleiden sucht, auf welchem sie zu
+solchen Bildern zu gelangen gedenket, indem sie die Fußtapfen einer
+verschwisterten Kunst aufsucht, in denen sie ängstlich herumirret,
+ohne jemals mit ihr das gleiche Ziel zu erreichen: verschließt man
+ihr darum auch jeden andern Weg, wo die Kunst hinwiederum ihr
+nachsehen muß?
+
+Eben der Homer, welcher sich aller stückweisen Schilderung
+körperlicher Schönheiten so geflissentlich enthält, von dem wir kaum
+einmal im Vorbeigehen erfahren, daß Helena weiße Arme 1) und schönes
+Haar 2) gehabt; eben der Dichter weiß demohngeachtet uns von ihrer
+Schönheit einen Begriff zu machen, der alles weit übersteiget, was
+die Kunst in dieser Absicht zu leisten imstande ist. Man erinnere
+sich der Stelle, wo Helena in die Versammlung der Ältesten des
+trojanischen Volkes tritt. Die ehrwürdigen Greise sehen sie, und
+einer sprach zu den andern 3):
+
+{1. Iliad. G. v. 121.}
+
+{2. Ibid. v. 329.}
+
+{3. Ibid. v. 156-158.}
+
+ Ou nemesiV, TrvaV kai euknhmidaV AcaiouV,
+ Toihd' amji gunaiki polun cronon algea pascein·
+ AinvV aJanathsi JehV eiV vpa eoiken.
+
+
+Was kann eine lebhaftere Idee von SchÖnheit gewÄhren, als das kalte
+Alter sie des Krieges wohl wert erkennen lassen, der so viel Blut und
+so viele Tränen kostet?
+
+Was Homer nicht nach seinen Bestandteilen beschreiben konnte, läßt er
+uns in seiner Wirkung erkennen. Malet uns, Dichter, das Wohlgefallen,
+die Zuneigung, die Liebe, das EntzÜcken, welches die Schönheit
+verursachet, und ihr habt die Schönheit selbst gemalet. Wer kann
+sich den geliebten Gegenstand der Sappho, bei dessen Erblickung sie
+Sinne und Gedanken zu verlieren bekennet, als häßlich denken? Wer
+glaubt nicht die schönste vollkommenste Gestalt zu sehen, sobald er
+mit dem Gefühle sympathisieret, welches nur eine solche Gestalt
+erregen kann? Nicht weil uns Ovid den schönen Körper seiner Lesbia
+Teil vor Teil zeiget:
+
+ Quos humeros, quales vidi tetigique lacertos!
+ Forma papillarum quam fuit apta premi!
+ Quam castigato planus sub pectore venter!
+ Quantum et quale latus! quam juvenile femur!
+
+
+sondern weil er es mit der wollÜstigen Trunkenheit tut, nach der
+unsere Sehnsucht so leicht zu erwecken ist, glauben wir eben des
+Anblickes zu genießen, den er genoß.
+
+Ein andrer Weg, auf welchem die Poesie die Kunst in Schilderung
+kÖrperlicher Schönheit wiederum einholet, ist dieser, daß sie
+Schönheit in Reiz verwandelt. Reiz ist Schönheit in Bewegung, und
+eben darum dem Maler weniger bequem als dem Dichter. Der Maler kann
+die Bewegung nur erraten lassen, in der Tat aber sind seine Figuren
+ohne Bewegung. Folglich wird der Reiz bei ihm zur Grimasse. Aber in
+der Poesie bleibt er was er ist; ein transitorisches Schönes, das wir
+wiederholt zu sehen wünschen. Es kömmt und geht; und da wir uns
+überhaupt einer Bewegung leichter und lebhafter erinnern können, als
+bloßer Formen oder Farben: so muß der Reiz in dem nÄmlichen
+Verhältnisse stärker auf uns wirken, als die Schönheit. Alles, was
+noch in dem Gemälde der Alcina gefällt und rühret, ist Reiz. Der
+Eindruck, den ihre Augen machen, kömmt nicht daher, daß sie schwarz
+und feurig sind, sondern daher, daß sie,
+
+Pietosi a riguardar, a mover parchi,
+
+mit Holdseligkeit um sich blicken, und sich langsam drehen; daß Amor
+sie umflattert und seinen ganzen Köcher aus ihnen abschießt. Ihr
+Mund entzücket, nicht weil von eigentümlichem Zinnober bedeckte
+Lippen zwei Reihen auserlesener Perlen verschließen; sondern weil
+hier das liebliche Lächeln gebildet wird, welches, für sich schon,
+ein Paradies auf Erden eröffnet; weil er es ist, aus dem die
+freundlichen Worte tönen, die jedes rauhe Herz erweichen. Ihr Busen
+bezaubert, weniger weil Milch und Helfenbein und Apfel uns seine
+Weiße und niedliche Figur vorbilden, als vielmehr weil wir ihn sanft
+auf und nieder wallen sehen, wie die Wellen am äußersten Rande des
+Ufers, wenn ein spielender Zephir die See bestreitet:
+
+ Due pome acerbe, e pur d'avorio fatte,
+ Vengono e van, come onda al primo margo,
+ Quando piacevole aura il mar combatte.
+
+
+Ich bin versichert, daß lauter solche ZÜge des Reizes, in eine oder
+zwei Stanzen zusammengedrÄnget, weit mehr tun würden, als die fünfe
+alle, in welche sie Ariost zerstreuet und mit kalten Zügen der
+schÖnen Form, viel zu gelehrt für unsere Empfindungen, durchflochten
+hat.
+
+Selbst Anakreon wollte lieber in die anscheinende Unschicklichkeit
+verfallen, eine Untunlichkeit von dem Maler zu verlangen, als das
+Bild seines Mädchens nicht mit Reiz beleben.
+
+ Trujerou d' esw geneiou,
+ Peri lugdinw trachlw
+ CariteV petointo pasai.
+
+
+Ihr sanftes Kinn, befiehlt er dem KÜnstler, ihren marmornen Nacken
+laß alle Grazien umflattern! Wie das? Nach dem genauesten
+Wortverstande? Der ist keiner malerischen Ausführung fÄhig. Der
+Maler konnte dem Kinne die schÖnste Ründung, das schönste Grübchen,
+Amoris digitulo impressum, (denn das esw scheinet mir ein Grübchen
+andeuten zu wollen)--er konnte dem Halse die schönste Karnation geben;
+aber weiter konnte er nichts. Die Wendungen dieses schönen Halses,
+das Spiel der Muskeln, durch das jenes Grübchen bald mehr bald
+weniger sichtbar wird, der eigentliche Reiz, war über seine Kräfte.
+Der Dichter sagte das Höchste, wodurch uns seine Kunst die Schönheit
+sinnlich zu machen vermag, damit auch der Maler den höchsten Ausdruck
+in seiner Kunst suchen möge. Ein neues Beispiel zu der obigen
+Anmerkung, daß der Dichter, auch wenn er von Kunstwerken redet,
+dennoch nicht verbunden ist, sich mit seiner Beschreibung in den
+Schranken der Kunst zu halten.
+
+
+
+XXII.
+
+
+Zeuxis malte eine Helena, und hatte das Herz, jene berühmte Zeilen
+des Homers, in welchen die entzückten Greise ihre Empfindung bekennen,
+darunter zu setzen. Nie sind Malerei und Poesie in einen gleichern
+Wettstreit gezogen worden. Der Sieg blieb unentschieden, und beide
+verdienten gekrönt zu werden.
+
+Denn so wie der weise Dichter uns die Schönheit, die er nach ihren
+Bestandteilen nicht schildern zu können fühlte, bloß in ihrer Wirkung
+zeigte: so zeigte der nicht minder weise Maler uns die Schönheit nach
+nichts als ihren Bestandteilen, und hielt es seiner Kunst für
+unanständig, zu irgendeinem andern Hilfsmittel Zuflucht zu nehmen.
+Sein Gemälde bestand aus der einzigen Figur der Helena, die nackend
+dastand. Denn es ist wahrscheinlich, daß es eben die Helena war,
+welche er für die zu Krotona malte 1).
+
+{1. Val. Maximus lib. III. cap. 7. Dionysius Halicarnass. Art.
+Rhet. cap. 12 peri logwn exetasewV.}
+
+Man vergleiche hiermit, wundershalber, das Gemälde, welches Caylus
+dem neuern Künstler aus jenen Zeilen des Homers vorzeichnet: "Helena,
+mit einem weißen Schleier bedeckt, erscheinet mitten unter
+verschiedenen alten Männern, in deren Zahl sich auch Priamus befindet,
+der an den Zeichen seiner königlichen Würde zu erkennen ist. Der
+Artist muß sich besonders angelegen sein lassen, uns den Triumph der
+Schönheit in den gierigen Blicken und in allen den Äußerungen einer
+staunenden Bewunderung auf den Gesichtern dieser kalten Greise
+empfinden zu lassen. Die Szene ist über einem von den Toren der
+Stadt. Die Vertiefung des Gemäldes kann sich in den freien Himmel,
+oder gegen höhere Gebäude der Stadt verlieren; jenes würde kühner
+lassen, eines aber ist so schicklich wie das andere."
+
+Man denke sich dieses Gemälde von dem größten Meister unserer Zeit
+ausgeführet, und stelle es gegen das Werk des Zeuxis. Welches wird
+den wahren Triumph der Schönheit zeigen? Dieses, wo ich ihn selbst
+fühle, oder jenes, wo ich ihn aus den Grimassen gerührter Graubärte
+schließen soll? Turpe senilis amor; ein gieriger Blick macht das
+ehrwürdigste Gesicht lächerlich, und ein Greis, der jugendliche
+Begierden verrät, ist sogar ein ekler Gegenstand. Den Homerischen
+Greisen ist dieser Vorwurf nicht zu machen; denn der Affekt, den sie
+empfinden, ist ein augenblicklicher Funke, den ihre Weisheit sogleich
+erstickt; nur bestimmt, der Helena Ehre zu machen, aber nicht, sie
+selbst zu schänden. Sie bekennen ihr Gefühl, und fügen sogleich
+hinzu:
+
+ Alla kai vV, toih per eous', en nhusi neesJw,
+ Mhd' hmin tekeessi t' opissw phma lipoito
+
+
+Ohne diesen Entschluß wÄren es alte Gecke; wären sie das, was sie in
+dem Gemälde des Caylus erscheinen. Und worauf richten sie denn da
+ihre gierigen Blicke? Auf eine vermummte, verschleierte Figur. Das
+ist Helena? Es ist mir unbegreiflich, wie ihr Caylus hier den
+Schleier lassen kÖnnen. Zwar Homer gibt ihr denselben ausdrÜcklich:
+
+ Autika d' argennhsi kaluyamenh oJonhsin
+ Wrmat' ek Jalamoio--
+
+
+aber, um Über die Straßen damit zu gehen; und wenn auch schon bei ihm
+die Alten ihre Bewunderung zeigen, noch ehe sie den Schleier wieder
+abgenommen oder zurückgeworfen zu haben scheinet, so war es nicht das
+erstemal, daß sie die Alten sahen; ihr Bekenntnis durfte also nicht
+aus dem itzigen augenblicklichen Anschauen entstehen, sondern sie
+konnten schon oft empfunden haben, was sie zu empfinden, bei dieser
+Gelegenheit nur zum erstenmal bekannten. In dem GemÄlde findet so
+etwas nicht statt. Wenn ich hier entzückte Alte sehe, so will ich
+auch zugleich sehen, was sie in Entzückung setzt; und ich werde
+äußerst betroffen, wenn ich weiter nichts, als, wie gesagt, eine
+vermummte, verschleierte Figur wahrnehme, die sie brünstig angaffen.
+Was hat dieses Ding von der Helena? Ihren weißen Schleier, und etwas
+von ihrem proportionierten Umrisse, soweit Umriß unter Gewändern
+sichtbar werden kann. Doch vielleicht war es auch des Grafen Meinung
+nicht, daß ihr Gesicht verdeckt sein sollte, und er nennet den
+Schleier bloß als ein Stück ihres Anzuges. Ist dieses (seine Worte
+sind einer solchen Auslegung zwar nicht wohl fähig: Hélène couverte
+d'un voile blanc), so entstehet eine andere Verwunderung bei mir: er
+empfiehlt dem Artisten so sorgfältig den Ausdruck auf den Gesichtern
+der Alten; nur über die SchÖnheit in dem Gesichte der Helena verliert
+er kein Wort. Diese sittsame Schönheit, im Auge den feuchten
+Schimmer einer reuenden Träne, furchtsam sich nähernd--Wie? Ist die
+höchste Schönheit unsern Künstlern so etwas Geläufiges, daß sie auch
+nicht daran erinnert zu werden brauchen? Oder ist Ausdruck mehr als
+Schönheit? Und sind wir auch in Gemälden schon gewohnt, so wie auf
+der Bühne, die häßlichste Schauspielerin für eine entzückende
+Prinzessin gelten zu lassen, wenn ihr Prinz nur recht warme Liebe
+gegen sie zu empfinden äußert?
+
+In Wahrheit: das Gemälde des Caylus würde sich gegen das Gemälde des
+Zeuxis wie Pantomime zur erhabensten Poesie verhalten.
+
+Homer ward vor alters ohnstreitig fleißiger gelesen, als itzt.
+Dennoch findet man so gar vieler Gemälde nicht erwähnet, welche die
+alten Künstler aus ihm gezogen hätten 2). Nur den Fingerzeig des
+Dichters auf besondere körperliche Schönheiten scheinen sie fleißig
+genutzt zu haben; diese malten sie; und in diesen Gegenständen,
+fühlten sie wohl, war es ihnen allein vergönnet, mit dem Dichter
+wetteifern zu wollen. Außer der Helena, hatte Zeuxis auch die
+Penelope gemalt; und des Apelles Diana war die Homerische in
+Begleitung ihrer Nymphen. Bei dieser Gelegenheit will ich erinnern,
+daß die Stelle des Plinius, in welcher von der letztern die Rede ist,
+einer Verbesserung bedarf 3). Handlungen aber aus dem Homer zu malen,
+bloß weil sie eine reiche Komposition, vorzügliche Kontraste,
+künstliche Beleuchtungen darbieten, schien der alten Artisten ihr
+Geschmack nicht zu sein; und konnte es nicht sein, solange sich noch
+die Kunst in den engern Grenzen ihrer höchsten Bestimmung hielt. Sie
+nährten sich dafür mit dem Geiste des Dichters; sie füllten ihre
+Einbildungskraft mit seinen erhabensten Zügen; das Feuer seines
+Enthusiasmus entflammte den ihrigen; sie sahen und empfanden wie er:
+und so wurden ihre Werke Abdrücke der Homerischen, nicht in dem
+Verhältnisse eines Porträts zu seinem Originale, sondern in dem
+Verhältnisse eines Sohnes zu seinem Vater; ähnlich, aber verschieden.
+Die Ähnlichkeit liegt öfters nur in einem einzigen Zuge; die übrigen
+alle haben unter sich nichts Gleiches, als daß sie mit dem ähnlichen
+Zuge, in dem einen sowohl als in dem andern harmonieren.
+
+{2. Fabricii Biblioth. Graec. lib. II. cap. 6. p. 345.}
+
+{3. Plinius sagt von dem Apelles (Libr. XXXV. sect. 36. p. 698. Edit.
+Hard.): Fecit et Dianam sacrificantium virginum choro mixtam:
+quibus vicisse Homeri versus videtur id ipsum describentis. Nichts
+kann wahrer, als dieser Lobspruch gewesen sein. Schöne Nymphen um
+eine schöne Göttin her, die mit der ganzen majestätischen Stirne über
+sie hervorragt, sind freilich ein Vorwurf, der der Malerei
+angemessener ist, als der Poesie. Das sacrificantium nur ist mir
+höchst verdächtig. Was macht die Göttin unter opfernden Jungfrauen?
+Und ist dieses die Beschäftigung, die Homer den Gespielinnen der
+Diana gibt? Mit nichten; sie durchstreifen mit ihr Berge und Wälder,
+sie jagen, sie spielen, sie tanzen (Odyss. Z. v. 102-106):
+
+ Oih d' ArtemiV eisi kat' oureoV ioceaira
+ H kata Thugeton perimhketon, h ErumanJon
+ Terpomenh kaproisi kai wkeihV elajoisi·
+ Th de J' ama Numjai, kourai DioV Aigiocoio,
+ Agronomoi paizousi·--
+
+
+Plinius wird also nicht sacrificantium, er wird venantium, oder etwas
+Ähnliches geschrieben haben; vielleicht silvis vagantium, welche
+Verbesserung die Anzahl der veränderten Buchstaben ohngefähr hätte.
+Dem paizousi beim Homer wÜrde saltantium am nächsten kommen, und auch
+Virgil läßt, in seiner Nachahmung dieser Stelle, die Diana mit ihren
+Nymphen tanzen (Aeneid. I. v. 497. 498):
+
+ Qualis in Eurotae ripis, aut per juga Cynthi
+ Exercet Diana choros--
+
+
+Spence hat hierbei einen seltsamen Einfall (Polymetis Dial. VIII. p.
+102.): This Diana, sagt er, both in the picture and in the
+descriptions, was the Diana Venatrix, tho' she was not represented
+either by Virgil, or Apelles, or Homer, as hunting with her nymphs;
+bot as employed with them in that sort of dances, which of old were
+regarded as very solemn acts of devotion. In seiner Anmerkung fÜgt
+er hinzu: The expression of paizein, used by Homer on this occasion,
+is scarce proper for hunting; as that of, choros exercere in Virgil,
+should be understood of the religious dances of old, because dancing,
+in the old Roman idea of it, was indecent even for men, in public;
+unless it were the sort of dances used in honour of Mars, or Bacchus,
+or some other of their gods. Spence will nÄmlich jene feierliche
+Tänze verstanden wissen, welche bei den Alten mit unter die
+gottesdienstlichen Handlungen gerechnet wurden. Und daher, meinet er,
+brauche denn auch Plinius das Wort sacrificare: It is in consequence
+of this that Pliny, in speaking of Diana's nymphs on this very
+occasion, uses the word, sacrificare, of them; which quite determines
+these dances of theirs to have been of the religious kind. Er
+vergißt, daß bei dem Virgil die Diana selbst mittanzet: exercet Diana
+choros. Sollte nun dieser Tanz ein gottesdienstlicher Tanz sein: zu
+wessen Verehrung tanzte ihn die Diana? Zu ihrer eignen? Oder zur
+Verehrung einer andern Gottheit? Beides ist widersinnig. Und wenn
+die alten RÖmer das Tanzen überhaupt einer ernsthaften Person nicht
+für sehr anständig hielten, mußten darum ihre Dichter die Gravität
+ihres Volkes auch in die Sitten der Götter übertragen, die von den
+ältern griechischen Dichtern ganz anders festgesetzet waren? Wenn
+Horaz von der Venus sagt (Od. IV. lib. 1):
+
+ Jam Cytherea choros ducit Venus, imminente luna:
+ Junctaeque Nymphis Gratiae decentes.
+ Alterno terram quatiunt pede--
+
+
+waren dieses auch heilige gottesdienstliche TÄnze? Ich verliere zu
+viele Worte Über eine solche Grille.}
+
+Da übrigens die Homerischen Meisterstücke der Poesie älter waren als
+irgendein Meisterstück der Kunst; da Homer die Natur eher mit einem
+malerischen Auge betrachtet hatte, als ein Phidias und Apelles: so
+ist es nicht zu verwundern, daß die Artisten verschiedene ihnen
+besonders nützliche Bemerkungen, ehe sie Zeit hatten, sie in der
+Natur selbst zu machen, schon bei dem Homer gemacht fanden, wo sie
+dieselben begierig ergriffen, um durch den Homer die Natur
+nachzuahmen. Phidias bekannte, daß die Zeilen 4):
+
+{4. Iliad. A. v. 528. Valerius Maximus lib. III. cap. 7.}
+
+ H, kai kuanehsin ep' ojrusi neuse Kroniwn·
+ Ambrosiai d' ara caitai eperrwsanto anaktoV,
+ KratoV ap' aJanatoio· megan d' elelixen Olumpon·
+
+
+ihm bei seinem olympischen Jupiter zum Vorbilde gedienet, und daß ihm
+nur durch ihre Hilfe ein gÖttliches Antlitz, propemodum ex ipso coelo
+petitum, gelungen sei. Wem dieses nichts mehr gesagt heißt, als daß
+die Phantasie des KÜnstlers durch das erhabene Bild des Dichters
+befeuert, und ebenso erhabener Vorstellungen fÄhig gemacht worden,
+der, dünkt mich, übersieht das Wesentlichste, und begnügt sich mit
+etwas ganz Allgemeinem, wo sich, zu einer weit gründlichern
+Befriedigung, etwas sehr Spezielles angeben läßt. Soviel ich urteile,
+bekannte Phidias zugleich, daß er in dieser Stelle zuerst bemerkt
+habe, wie viel Ausdruck in den Augenbraunen liege, quanta pars animi
+5) sich in ihnen zeige. Vielleicht, daß sie ihn auch auf das Haar
+mehr Fleiß zu wenden bewegte, um das einigermaßen auszudrücken, was
+Homer ambrosisches Haar nennet. Denn es ist gewiß, daß die alten
+Künstler vor dem Phidias das Sprechende und Bedeutende der Mienen
+wenig verstanden, und besonders das Haar sehr vernachlässiget hatten.
+Noch Myron war in beiden Stücken tadelhaft, wie Plinius anmerkt 6),
+und nach ebendemselben war Pythagoras Leontinus der erste, der sich
+durch ein zierliches Haar hervortat 7). Was Phidias aus dem Homer
+lernte, lernten die andern Künstler aus den Werken des Phidias.
+
+{5. Plinius lib. XI. sect. 51. p. 616. Edit. Hard.}
+
+{6. Idem lib. XXXIV. sect. 19. p. 651. Ipse tamen corporum tenus
+curiosus, animi sensus non expressisse videtur, capillum quoque et
+pubem non emendatius fecisse, quam rudis antiquitas instituisset.}
+
+{7. Ibid. Hic primus nervos et venas expressit, capillumque
+diligentius.}
+
+Ich will noch ein Beispiel dieser Art anführen, welches mich allezeit
+sehr vergnügt hat. Man erinnere sich, was Hogarth über den Apollo zu
+Belvedere anmerkt 8). "Dieser Apollo", sagt er, "und der Antinous
+sind beide in ebendemselben Palaste zu Rom zu sehen. Wenn aber
+Antinous den Zuschauer mit Verwunderung erfüllet, so setzet ihn der
+Apollo in Erstaunen; und zwar, wie sich die Reisenden ausdrücken,
+durch einen Anblick, welcher etwas mehr als Menschliches zeiget,
+welches sie gemeiniglich gar nicht zu beschreiben imstande sind. Und
+diese Wirkung ist, sagen sie, um desto bewundernswürdiger, da, wenn
+man es untersucht, das Unproportionierliche daran auch einem gemeinen
+Auge klar ist. Einer der besten Bildhauer, welche wir in England
+haben, der neulich dahin reisete, diese Bildsäule zu sehen,
+bekräftigte mir das, was itzo gesagt worden, besonders, daß die Füße
+und Schenkel, in Ansehung der obern Teile, zu lang und zu breit sind.
+Und Andreas Sacchi, einer der größten italienischen Maler, scheinet
+eben dieser Meinung gewesen zu sein, sonst würde er schwerlich (in
+einem berühmten Gemälde, welches itzo in England ist) seinem Apollo,
+wie er den Tonkünstler Pasquilini krönet, das völlige Verhältnis des
+Antinous gegeben haben, da er übrigens wirklich eine Kopie von dem
+Apollo zu sein scheinet. Ob wir gleich an sehr großen Werken oft
+sehen, daß ein geringerer Teil aus der Acht gelassen worden, so kann
+dieses doch hier der Fall nicht sein; denn an einer schönen Bildsäule
+ist ein richtiges Verhältnis eine von ihren wesentlichen Schönheiten.
+Daher ist zu schließen, daß diese Glieder mit Fleiß müssen sein
+verlängert worden, sonst würde es leicht haben können vermieden
+werden. Wenn wir also die Schönheiten dieser Figur durch und durch
+untersuchen, so werden wir mit Grunde urteilen, daß das, was man
+bisher für unbeschreiblich vortrefflich an ihrem allgemeinen Anblicke
+gehalten, von dem hergerühret hat, was ein Fehler in einem Teile
+derselben zu sein geschienen."--Alles dieses ist sehr einleuchtend;
+und schon Homer, füge ich hinzu, hat es empfunden und angedeutet, daß
+es ein erhabenes Ansehen gibt, welches bloß aus diesem Zusatze von
+Größe in den Abmessungen der Füße und Schenkel entspringet. Denn
+wenn Antenor die Gestalt des Ulysses mit der Gestalt des Menelaus
+vergleichen will, so läßt er ihn sagen 9):
+
+{8. "Zergliederung der Schönheit". S. 47. Berl. Ausg.}
+
+{9. Iliad. G. 210. 211.}
+
+ Stantwn men MenelaoV upeirecen eureaV wmouV,
+ Amjw d' ezomenw, gerarwteroV hen OdusseuV.
+
+
+"Wann beide standen, ragte Menelaus mit den breiten Schultern hoch
+hervor; wann aber beide saßen, war Ulysses der Ansehnlichere." Da
+Ulysses also das Ansehen im Sitzen gewann, welches Menelaus im Sitzen
+verlor, so ist das VerhÄltnis leicht zu bestimmen, welches beider
+Oberleib zu den FÜßen und Schenkeln gehabt. Ulysses hatte einen
+Zusatz von GrÖße in den Proportionen des erstern, Menelaus in den
+Proportionen der letztern.
+
+
+
+XXIII.
+
+
+Ein einziger unschicklicher Teil kann die übereinstimmende Wirkung
+vieler zur Schönheit stören. Doch wird der Gegenstand darum noch
+nicht häßlich. Auch die Häßlichkeit erfodert mehrere unschickliche
+Teile, die wir ebenfalls auf einmal müssen übersehen können, wenn wir
+dabei das Gegenteil von dem empfinden sollen, was uns die Schönheit
+empfinden läßt.
+
+Sonach würde auch die Häßlichkeit, ihrem Wesen nach, kein Vorwurf der
+Poesie sein können; und dennoch hat Homer die äußerste Häßlichkeit in
+dem Thersites geschildert, und sie nach ihren Teilen nebeneinander
+geschildert. Warum war ihm bei der Häßlichkeit vergönnet, was er bei
+der Schönheit so einsichtsvoll sich selbst untersagte? Wird die
+Wirkung der Häßlichkeit, durch die aufeinanderfolgende Enumeration
+ihrer Elemente, nicht ebensowohl gehindert, als die Wirkung der
+Schönheit durch die ähnliche Enumeration ihrer Elemente vereitelt
+wird?
+
+Allerdings wird sie das; aber hierin liegt auch die Rechtfertigung
+des Homers. Eben weil die Häßlichkeit in der Schilderung des
+Dichters zu einer minder widerwärtigen Erscheinung körperlicher
+Unvollkommenheiten wird, und gleichsam, von der Seite ihrer Wirkung,
+Häßlichkeit zu sein aufhöret, wird sie dem Dichter brauchbar; und was
+er vor sich selbst nicht nutzen kann, nutzt er als ein Ingrediens, um
+gewisse vermischte Empfindungen hervorzubringen und zu verstärken,
+mit welchen er uns, in Ermangelung rein angenehmer Empfindungen,
+unterhalten muß.
+
+Diese vermischte Empfindungen sind das Lächerliche, und das
+Schreckliche.
+
+Homer macht den Thersites häßlich, um ihn lächerlich zu machen. Er
+wird aber nicht durch seine bloße Häßlichkeit lächerlich; denn
+Häßlichkeit ist Unvollkommenheit, und zu dem Lächerlichen wird ein
+Kontrast von Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten erfodert 1).
+Dieses ist die Erklärung meines Freundes, zu der ich hinzusetzen
+möchte, daß dieser Kontrast nicht zu krall und zu schneidend sein muß,
+daß die Opposita, um in der Sprache der Maler fortzufahren, von der
+Art sein müssen, daß sie sich ineinander verschmelzen lassen. Der
+weise und rechtschaffene Aesop wird dadurch, daß man ihm die
+Häßlichkeit des Thersites gegeben, nicht lächerlich. Es war eine
+alberne Mönchsfratze, das Geloion seiner lehrreichen Märchen,
+vermittelst der Ungestaltheit auch in seine Person verlegen zu wollen.
+Denn ein mißgebildeter Körper und eine schöne Seele sind wie Öl und
+Essig, die, wenn man sie schon ineinander schlägt, für den Geschmack
+doch immer getrennet bleiben. Sie gewähren kein Drittes; der Körper
+erweckt Verdruß, die Seele Wohlgefallen; jedes das seine für sich.
+Nur wenn der mißgebildete Körper zugleich gebrechlich und kränklich
+ist, wenn er die Seele in ihren Wirkungen hindert, wenn er die Quelle
+nachteiliger Vorurteile gegen sie wird: alsdenn fließen Verdruß und
+Wohlgefallen ineinander; aber die neue daraus entspringende
+Erscheinung ist nicht Lachen, sondern Mitleid, und der Gegenstand,
+den wir ohne dieses nur hochgeachtet hätten, wird interessant. Der
+mißgebildete gebrechliche Pope mußte seinen Freunden weit
+interessanter sein, als der schöne und gesunde Wycherley den seinigen.
+--So wenig aber Thersites durch die bloße Häßlichkeit lächerlich wird,
+ebensowenig würde er es ohne dieselbe sein. Die Häßlichkeit; die
+Übereinstimmung dieser Häßlichkeit mit seinem Charakter; der
+Widerspruch, den beide mit der Idee machen, die er von seiner eigenen
+Wichtigkeit heget; die unschädliche, ihn allein demütigende Wirkung
+seines boshaften Geschwätzes: alles muß zusammen zu diesem Zwecke
+wirken. Der letztere Umstand ist das Ou jJartikon, welches
+Aristoteles 2) unumgänglich zu dem Lächerlichen verlanget; so wie es
+auch mein Freund zu einer notwendigen Bedingung macht, daß jener
+Kontrast von keiner Wichtigkeit sein, und uns nicht sehr
+interessieren müsse. Denn man nehme auch nur an, daß dem Thersites
+selbst seine hämische Verkleinerung des Agamemnons teurer zu stehen
+gekommen wäre, daß er sie, anstatt mit ein paar blutigen Schwielen,
+mit dem Leben bezahlen müssen: und wir würden aufhören, über ihn zu
+lachen. Denn dieses Scheusal von einem Menschen ist doch ein Mensch,
+dessen Vernichtung uns stets ein größeres Übel scheinet, als alle
+seine Gebrechen und Laster. Um die Erfahrung hiervon zu machen, lese
+man sein Ende bei dem Quintus Calaber 3). Achilles bedauert, die
+Penthesilea getötet zu haben: die Schönheit in ihrem Blute, so tapfer
+vergossen, fodert die Hochachtung und das Mitleid des Helden; und
+Hochachtung und Mitleid werden Liebe. Aber der schmähsüchtige
+Thersites macht ihm diese Liebe zu einem Verbrechen. Er eifert wider
+die Wollust, die auch den wackersten Mann zu Unsinnigkeiten verleite;
+
+{1. Philos. Schriften des Hrn. Moses Mendelssohn T. II. S. 23.}
+
+{2. De poetica cap. V.}
+
+{3. Paralipom. lib. I. v. 720-775.}
+
+ --ht' ajrona jvta tiJhsi
+ Kai pinuton per eonta.--
+
+
+Achilles ergrimmt, und ohne ein Wort zu versetzen, schlÄgt er ihn so
+unsanft zwischen Back' und Ohr, daß ihm Zähne, und Blut und Seele mit
+eins aus dem Halse stÜrzen. Zu grausam! Der jachzornige mÖrderische
+Achilles wird mir verhaßter, als der tückische knurrende Thersites;
+das Freudengeschrei, welches die Griechen über diese Tat erheben,
+beleidiget mich; ich trete auf die Seite des Diomedes, der schon das
+Schwert zucket, seinen Anverwandten an dem Mörder zu rächen: denn ich
+empfinde es, daß Thersites auch mein Anverwandter ist, ein Mensch.
+
+Gesetzt aber gar, die Verhetzungen des Thersites wären in Meuterei
+ausgebrochen, das aufrührerische Volk wäre wirklich zu Schiffe
+gegangen und hätte seine Heerführer verräterisch zurückgelassen, die
+Heerführer wären hier einem rachsüchtigen Feinde in die Hände
+gefallen, und dort hätte ein göttliches Strafgerichte über Flotte und
+Volk ein gänzliches Verderben verhangen: wie würde uns alsdenn die
+Häßlichkeit des Thersites erscheinen? Wenn unschädliche Häßlichkeit
+lächerlich werden kann, so ist schädliche Häßlichkeit allezeit
+schrecklich. Ich weiß dieses nicht besser zu erläutern, als mit ein
+paar vortrefflichen Stellen des Shakespeare: Edmund, der Bastard des
+Grafen von Gloster, im "König Lear", ist kein geringerer Bösewicht,
+als Richard, Herzog von Gloucester, der sich durch die
+abscheulichsten Verbrechen den Weg zum Throne bahnte, den er unter
+dem Namen Richard der Dritte bestieg. Aber wie kommt es, daß jener
+bei weitem nicht so viel Schaudern und Entsetzen erwecket als dieser?
+Wenn ich den Bastard sagen höre 4):
+
+{4. King Lear. Act. I. Sc. II.}
+
+ Thou, nature, art my goddess, to thy law
+ My services are bound; wherefore should I
+ Stand in the plague of custom, and permit
+ The courtesy of nations to deprive me,
+ For that I am some twelve, or fourteen moonshines
+ Lag of a brother? Why bastard? wherefore base?
+ When my dimensions are as well compact,
+ My mind as gen'rous, and my shape as true
+ As honest madam's issue? Why brand they thus
+ With base? with baseness? bastardy, base? base?
+ Who, in the lusty stealth of nature, take
+ More composition and fierce quality,
+ Than doth, within a dull, stale, tired bed,
+ Go to creating, a whole tribe of fops,
+ Got' 'tween a-sleep and wake?
+
+
+so hÖre ich einen Teufel, aber ich sehe ihn in der Gestalt eines
+Engels des Lichts. Höre ich hingegen den Grafen von Gloucester sagen
+5):
+
+{5. The life and death of Richard III. Act. I. Sc. 1.}
+
+ But I, that am not shap'd for sportive tricks
+ Nor made to court an am'rous looking-glass,
+ I, that am rudely stampt, and want love's majesty
+ To strut before a wanton, ambling nymph;
+ I, that am curtail'd of this fair proportion,
+ Cheated of feature by dissembling nature,
+ Deform'd, unfinish'd, sent before my time
+ Into this breathing world, scarce half made up,
+ And that so lamely and unfashionably,
+ That dogs bark at me, as I halt by them:
+ Why I (in this weak piping time of peace)
+ Have no delight to pass away the time;
+ Unless to spy my shadow in the sun,
+ And descant on mine own deformity.
+ And therefore, since I cannot prove a lover,
+ To entertain these fair well-spoken days,
+ I am determined, to prove a villain!
+
+
+so hÖre ich einen Teufel, und sehe einen Teufel; in einer Gestalt,
+die der Teufel allein haben sollte.
+
+
+
+XXIV.
+
+
+So nutzt der Dichter die HÄßlichkeit der Formen: welchen Gebrauch ist
+dem Maler davon zu machen vergönnet?
+
+Die Malerei, als nachahmende Fertigkeit, kann die Häßlichkeit
+ausdrÜcken; die Malerei, als schöne Kunst, will sie nicht ausdrücken.
+Als jener, gehören ihr alle sichtbare Gegenstände zu; als diese,
+schließt sie sich nur auf diejenigen sichtbaren Gegenstände ein,
+welche angenehme Empfindungen erwecken.
+
+Aber gefallen nicht auch die unangenehmen Empfindungen in der
+Nachahmung? Nicht alle. Ein scharfsinniger Kunstrichter 1) hat
+dieses bereits von dem Ekel bemerkt. "Die Vorstellungen der Furcht,"
+sagt er, "der Traurigkeit, des Schreckens, des Mitleids usw. können
+nur Unlust erregen, insoweit wir das Übel für wirklich halten. Diese
+können also durch die Erinnerung, daß es ein künstlicher Betrug sei,
+in angenehme Empfindungen aufgelöset werden. Die widrige Empfindung
+des Ekels aber erfolgt, vermöge des Gesetzes der Einbildungskraft auf
+die bloße Vorstellung in der Seele, der Gegenstand mag für wirklich
+gehalten werden, oder nicht. Was hilft's dem beleidigten Gemüte also,
+wenn sich die Kunst der Nachahmung noch so sehr verrät? Ihre Unlust
+entsprang nicht aus der Voraussetzung, daß das Übel wirklich sei,
+sondern aus der bloßen Vorstellung desselben, und diese ist wirklich
+da. Die Empfindungen des Ekels sind also allezeit Natur, niemals
+Nachahmung."
+
+{1. Briefe die neueste Literatur betreffend, T. V. S. 102.}
+
+Eben dieses gilt von der Häßlichkeit der Formen. Diese Häßlichkeit
+beleidiget unser Gesicht, widerstehet unserm Geschmacke an Ordnung
+und Übereinstimmung, und erwecket Abscheu, ohne Rücksicht auf die
+wirkliche Existenz des Gegenstandes, an welchem wir sie wahrnehmen.
+Wir mögen den Thersites weder in der Natur noch im Bilde sehen; und
+wenn schon sein Bild weniger mißfällt, so geschieht dieses doch nicht
+deswegen, weil die Häßlichkeit seiner Form in der Nachahmung
+Häßlichkeit zu sein aufhöret, sondern weil wir das Vermögen besitzen,
+von dieser Häßlichkeit zu abstrahieren, und uns bloß an der Kunst des
+Malers zu vergnügen. Aber auch dieses Vergnügen wird alle
+Augenblicke durch die Überlegung unterbrochen, wie übel die Kunst
+angewendet worden, und diese Überlegung wird selten fehlen, die
+Geringschätzung des Künstlers nach sich zu ziehen.
+
+Aristoteles gibt eine andere Ursache an 2), warum Dinge, die wir in
+der Natur mit Widerwillen erblicken, auch in der getreuesten
+Abbildung Vergnügen gewähren; die allgemeine Wißbegierde des Menschen.
+Wir freuen uns, wenn wir entweder aus der Abbildung lernen können,
+ti ekaston, was ein jedes Ding ist, oder wenn wir daraus schließen
+können, oti outoV ekeinoV, daß es dieses oder jenes ist. Allein auch
+hieraus folget, zum Besten der Häßlichkeit in der Nachahmung, nichts.
+Das Vergnügen, welches aus der Befriedigung unserer Wißbegierde
+entspringt, ist momentan, und dem Gegenstande, über welchen sie
+befriediget wird, nur zufällig; das Mißvergnügen hingegen, welches
+den Anblick der Häßlichkeit begleitet, permanent, und dem Gegenstande,
+der es erweckt, wesentlich. Wie kann also jenes diesem das
+Gleichgewicht halten? Noch weniger kann die kleine angenehme
+Beschäftigung, welche uns die Bemerkung der Ähnlichkeit macht, die
+unangenehme Wirkung der Häßlichkeit besiegen. Je genauer ich das
+häßliche Nachbild mit dem häßlichen Urbilde vergleiche, desto mehr
+stelle ich mich dieser Wirkung bloß, so daß das Vergnügen der
+Vergleichung gar bald verschwindet, und mir nichts als der widrige
+Eindruck der verdoppelten Häßlichkeit übrig bleibet. Nach den
+Beispielen, welche Aristoteles gibt, zu urteilen, scheinet es, als
+habe er auch selbst die Häßlichkeit der Formen nicht mit zu den
+mißfälligen Gegenständen rechnen wollen, die in der Nachahmung
+gefallen können. Diese Beispiele sind: reißende Tiere und Leichname.
+Reißende Tiere erregen Schrecken, wenn sie auch nicht häßlich sind;
+und dieses Schrecken, nicht ihre Häßlichkeit, ist es, was durch die
+Nachahmung in angenehme Empfindung aufgelöset wird. So auch mit den
+Leichnamen; das schärfere Gefühl des Mitleids, die schreckliche
+Erinnerung an unsere eigene Vernichtung ist es, welche uns einen
+Leichnam in der Natur zu einem widrigen Gegenstande macht; in der
+Nachahmung aber verlieret jenes Mitleid, durch die Überzeugung des
+Betrugs, das Schneidende, und von dieser fatalen Erinnerung kann uns
+ein Zusatz von schmeichelhaften Umständen entweder gänzlich abziehen,
+oder sich so unzertrennlich mit ihr vereinen, daß wir mehr
+Wünschenswürdiges als Schreckliches darin zu bemerken glauben.
+
+{2. De poetica cap. IV.}
+
+Da also die Häßlichkeit der Formen, weil die Empfindung, welche sie
+erregt, unangenehm, und doch nicht von derjenigen Art unangenehmer
+Empfindungen ist, welche sich durch die Nachahmung in angenehme
+verwandeln, an und vor sich selbst kein Vorwurf der Malerei, als
+schöner Kunst, sein kann: so käme es noch darauf an, ob sie ihr,
+nicht ebensowohl wie der Poesie, als Ingrediens, um andere
+Empfindungen zu verstärken, nützlich sein könne.
+
+Darf die Malerei, zu Erreichung des Lächerlichen und Schrecklichen,
+sich häßlicher Formen bedienen?
+
+Ich will es nicht wagen, so gradezu mit Nein hierauf zu antworten.
+Es ist unleugbar, daß unschädliche Häßlichkeit auch in der Malerei
+lächerlich werden kann; besonders wenn eine Affektation nach Reiz und
+Ansehen damit verbunden wird. Es ist ebenso unstreitig, daß
+schädliche Häßlichkeit, so wie in der Natur, also auch im Gemälde
+Schrecken erwecket; und daß jenes Lächerliche und dieses Schreckliche,
+welches schon vor sich vermischte Empfindungen sind, durch die
+Nachahmung einen neuen Grad von Anzüglichkeit und Vergnügung erlangen.
+
+Ich muß aber zu bedenken geben, daß demohngeachtet sich die Malerei
+hier nicht völlig mit der Poesie in gleichem Falle befindet. In der
+Poesie, wie ich angemerket, verlieret die Häßlichkeit der Form, durch
+die Veränderung ihrer koexistierenden Teile in sukzessive, ihre
+widrige Wirkung fast gänzlich; sie höret von dieser Seite gleichsam
+auf, Häßlichkeit zu sein, und kann sich daher mit andern
+Erscheinungen desto inniger verbinden, um eine neue besondere Wirkung
+hervorzubringen. In der Malerei hingegen hat die Häßlichkeit alle
+ihre Kräfte beisammen, und wirket nicht viel schwächer, als in der
+Natur selbst. Unschädliche Häßlichkeit kann folglich nicht wohl
+lange lächerlich bleiben; die unangenehme Empfindung gewinnet die
+Oberhand, und was in den ersten Augenblicken possierlich war, wird in
+der Folge bloß abscheulich. Nicht anders gehet es mit der
+schädlichen Häßlichkeit; das Schreckliche verliert sich nach und nach,
+und das Unförmliche bleibt allein und unveränderlich zurück.
+
+Dieses überlegt, hatte der Graf Caylus vollkommen recht, die Episode
+des Thersites aus der Reihe seiner Homerischen Gemälde wegzulassen.
+Aber hat man darum auch recht, sie aus dem Homer selbst
+wegzuwünschen? Ich finde ungern, daß ein Gelehrter, von sonst sehr
+richtigem und feinem Geschmacke, dieser Meinung ist 3). Ich verspare
+es auf einen andern Ort, mich weitläufiger darüber zu erklären.
+
+{3. Klotzii epistolae Homericae, p. 32. et seq.}
+
+
+
+XXV.
+
+
+Auch der zweite Unterschied, welchen der angeführte Kunstrichter
+zwischen dem Ekel und andern unangenehmen Leidenschaften der Seele
+findet, äußert sich bei der Unlust, welche die Häßlichkeit der Formen
+in uns erwecket.
+
+"Andere unangenehme Leidenschaften", sagte er 1), "können auch außer
+der Nachahmung, in der Natur selbst, dem Gemüte öfters schmeicheln,
+indem sie niemals reine Unlust erregen, sondern ihre Bitterkeit
+allezeit mit Wollust vermischen. Unsere Furcht ist selten von aller
+Hoffnung entblößt; der Schrecken belebt alle unsere Kräfte, der
+Gefahr auszuweichen; der Zorn ist mit der Begierde sich zu rächen,
+die Traurigkeit mit der angenehmen Vorstellung der vorigen
+Glückseligkeit verknüpft, und das Mitleiden ist von den zärtlichen
+Empfindungen der Liebe und Zuneigung unzertrennlich. Die Seele hat
+die Freiheit, sich bald bei dem vergnüglichen, bald bei dem widrigen
+Teile einer Leidenschaft zu verweilen, und sich eine Vermischung von
+Lust und Unlust selbst zu schaffen, die reizender ist, als das
+lauterste Vergnügen. Es braucht nur sehr wenig Achtsamkeit auf sich
+selber, um dieses vielfältig beobachtet zu haben; und woher käme es
+denn sonst, daß dem Zornigen sein Zorn, dem Traurigen seine Unmut
+lieber ist, als alle freudige Vorstellungen, dadurch man ihn zu
+beruhigen gedenket? Ganz anders aber verhält es sich mit dem Ekel
+und den ihm verwandten Empfindungen. Die Seele erkennet in demselben
+keine merkliche Vermischung von Lust. Das Mißvergnügen gewinnet die
+Oberhand, und daher ist kein Zustand, weder in der Natur noch in der
+Nachahmung, zu erdenken, in welchem das Gemüt nicht von diesen
+Vorstellungen mit Widerwillen zurückweichen sollte."
+
+{1. Klotzii epistolae Homericae, p. 103.}
+
+Vollkommen richtig; aber da der Kunstrichter selbst, noch andere mit
+dem Ekel verwandten Empfindungen erkennet, die gleichfalls nichts als
+Unlust gewähren, welche kann ihm näher verwandt sein, als die
+Empfindung des Häßlichen in den Formen? Auch diese ist in der Natur
+ohne die geringste Mischung von Lust; und da sie deren ebensowenig
+durch die Nachahmung fähig wird, so ist auch von ihr kein Zustand zu
+erdenken, in welchem das Gemüt von ihrer Vorstellung nicht mit
+Widerwillen zurückweichen sollte.
+
+Ja dieser Widerwille, wenn ich anders mein Gefühl sorgfältig genug
+untersucht habe, ist gänzlich von der Natur des Ekels. Die
+Empfindung, welche die Häßlichkeit der Form begleitet, ist Ekel, nur
+in einem geringern Grade. Dieses streitet zwar mit einer andern
+Anmerkung des Kunstrichters, nach welcher er nur die allerdunkelsten
+Sinne, den Geschmack, den Geruch und das Gefühl, dem Ekel ausgesetzet
+zu sein glaubet. "Jene beide" sagt er, "durch eine übermäßige
+Süßigkeit, und dieses durch eine allzugroße Weichheit der Körper, die
+den berührenden Fibern nicht genugsam widerstehen. Diese Gegenstände
+werden sodann auch dem Gesichte unerträglich, aber bloß durch die
+Assoziation der Begriffe, indem wir uns des Widerwillens erinnern,
+den sie dem Geschmacke, dem Geruche oder dem Gefühle verursachen.
+Denn eigentlich zu reden, gibt es keine Gegenstände des Ekels für das
+Gesicht." Doch mich dünkt, es lassen sich dergleichen allerdings
+nennen. Ein Feuermal in dem Gesichte, eine Hasenscharte, eine
+gepletschte Nase mit vorragenden Löchern, ein gänzlicher Mangel der
+Augenbraunen, sind Häßlichkeiten, die weder dem Geruche, noch dem
+Geschmacke, noch dem Gefühle zuwider sein können. Gleichwohl ist es
+gewiß, daß wir etwas dabei empfinden, welches dem Ekel schon viel
+näher kömmt, als das, was uns andere Unförmlichkeiten des Körpers,
+ein krummer Fuß, ein hoher Rücken, empfinden lassen; je zärtlicher
+das Temperament ist, desto mehr werden wir von den Bewegungen in dem
+Körper dabei fühlen, welche vor dem Erbrechen vorhergehen. Nur daß
+diese Bewegungen sich sehr bald wieder verlieren, und schwerlich ein
+wirkliches Erbrechen erfolgen kann; wovon man allerdings die Ursache
+darin zu suchen hat, daß es Gegenstände des Gesichts sind, welches in
+ihnen, und mit ihnen zugleich, eine Menge Realitäten wahrnimmt, durch
+deren angenehme Vorstellungen jene unangenehme so geschwächt und
+verdunkelt wird, daß sie keinen merklichen Einfluß auf den Körper
+haben kann. Die dunkeln Sinne hingegen, der Geschmack, der Geruch,
+das Gefühl, können dergleichen Realitäten, indem sie von etwas
+Widerwärtigem gerühret werden, nicht mitbemerken; das Widerwärtige
+wirkt folglich allein und in seiner ganzen Stärke, und kann nicht
+anders als auch in dem Körper von einer weit heftigern Erschütterung
+begleitet sein.
+
+Übrigens verhält sich auch zur Nachahmung das Ekelhafte vollkommen so,
+wie das Häßliche. Ja, da seine unangenehme Wirkung die heftigere
+ist, so kann es noch weniger als das Häßliche an und vor sich selbst
+ein Gegenstand weder der Poesie, noch der Malerei werden. Nur weil
+es ebenfalls durch den wörtlichen Ausdruck sehr gemildert wird,
+getrauete ich mich doch wohl zu behaupten, daß der Dichter,
+wenigstens einige ekelhafte Züge als ein Ingrediens zu den nämlichen
+vermischten Empfindungen brauchen könne, die er durch das Häßliche
+mit so gutem Erfolge verstärket.
+
+Das Ekelhafte kann das Lächerliche vermehren; oder Vorstellungen der
+Würde, des Anstandes, mit dem Ekelhaften in Kontrast gesetzet, werden
+lächerlich. Exempel hiervon lassen sich bei dem Aristophanes in
+Menge finden. Das Wiesel fällt mir ein, welches den guten Sokrates
+in seinen astronomischen Beschauungen unterbrach 2).
+
+{2. Nubes v. 169-174.}
+
+ MAQ. Prwhn de ge gnwmhn megalhn ajhreJh
+ Up' askalabwtou. STR. Tina tropon; kateipe moi.
+ MAQ. ZhtountoV autou thV selhnhV tas odouV
+ Kai taV perijoraV, eit' anw kechnotoV
+ Apo thV orojhV nuktwr galewthV katecesen.
+ STR. HsJhn galewth katacesanti SwkratouV.
+
+
+Man lasse es nicht ekelhaft sein, was ihm in den offenen Mund fÄllt,
+und das Lächerliche ist verschwunden. Die drolligsten ZÜge von
+dieser Art hat die hottentottische Erzählung: Tquassouw und
+Knonmquaiha, in dem "Kenner", einer englischen Wochenschrift voller
+Laune, die man dem Lord Chesterfield zuschreibet. Man weiß, wie
+schmutzig die Hottentotten sind; und wie vieles sie für schÖn und
+zierlich und heilig halten, was uns Ekel und Abscheu erwecket. Ein
+gequetschter Knorpel von Nase, schlappe bis auf den Nabel
+herabhängende Brüste, den ganzen Körper mit einer Schminke aus
+Ziegenfett und Ruß an der Sonne durchbeizet, die Haarlocken von
+Schmer triefend, Füße und Arme mit frischem Gedärme umwunden: dies
+denke man sich an dem Gegenstande einer feurigen, ehrfurchtsvollen,
+zärtlichen Liebe; dies höre man in der edeln Sprache des Ernstes und
+der Bewunderung ausgedrückt, und enthalte sich des Lachens 3)!
+
+{3. The Connoisseur, Vol. I. No. 21. Von der Schönheit der
+Knonmquaiha heißt es: He was struck with the glossy hue of her
+complexion, which shone like the jetty down on the black hogs of
+Hessaqua; he was ravished with the prest gristle of her nose; and his
+eys dwelt with admiration on the flaccid beauties of her breasts,
+which descended to her navel. Und was trug die Kunst bei, so viel
+Reize in ihr vorteilhaftes Licht zu setzen? She made a varnish of
+the fat of goats mixed with soot, with which she anointed her whole
+body, as she stood beneath the rays of the sun; her locks were
+clotted with melted grease, and powdered with the yellow dust of
+Buchu; her face, which shone like the polished ebony, was beautifully
+varied with spots of red earth, and appeared like the sable curtain
+of the night bespangled with stars: she sprinkled her limbs with
+woodashes, and perfumed them with the dung of Stinkbingsem. Her arms
+and legs were entwined with the shining entrails of an heifer: from
+her neck there hung a pouch composed of the stomach of a kid: the
+wings of an ostrich overshadowed the fleshy promontories behind; and
+before she wore an apron formed of the shaggy ears of a lion. Ich
+füge noch die Zeremonie der Zusammengebung des verliebten Paares
+hinzu: The Surri or chief priest approached them, and in a deep voice
+chanted the nuptial rites to the melodious grumbling of the Gom-Gom;
+and at the same time (according to the manner of Caffraria) bedewed
+them plentifully with the urinary benediction. The bride and
+bridegroom rubbed in the precious stream with extasy, while the briny
+drops trikled from their bodies; like the oozy surge from the rocks
+of Chirigriqua.}
+
+Mit dem Schrecklichen scheinet sich das Ekelhafte noch inniger
+vermischen zu können. Was wir das Gräßliche nennen, ist nichts als
+ein ekelhaftes Schreckliche. Dem Longin 4) mißfällt zwar in dem
+Bilde der Traurigkeit beim Hesiodus 5) das ThV ek men rinvn muxai
+reon; doch mich dünkt, nicht sowohl weil es ein ekler Zug ist, als
+weil es ein bloß ekler Zug ist, der zum Schrecklichen nichts beiträgt.
+Denn die langen über die Finger hervorragenden Nägel (makroi d'
+onuceV ceiressin uphsan) scheinet er nicht tadeln zu wollen.
+Gleichwohl sind lange Nägel nicht viel weniger ekel, als eine
+fließende Nase. Aber die langen Nägel sind zugleich schrecklich;
+denn sie sind es, welche die Wangen zerfleischen, daß das Blut davon
+auf die Erde rinnet:
+
+{4. Peri uyouV, tmhma h, p. 18. edit. T. Fabri.}
+
+{5. Scut. Hercul. v. 266.}
+
+ --ek de pareivn
+ Aim' apeleibet' eraze--
+
+
+Hingegen eine fließende Nase, ist weiter nichts als eine fließende
+Nase; und ich rate der Traurigkeit nur, das Maul zuzumachen. Man
+lese bei dem Sophokles die Beschreibung der Öden Höhle des
+unglÜcklichen Philoktet. Da ist nichts von Lebensmitteln, nichts von
+Bequemlichkeiten zu sehen; außer eine zertretene Streu von dürren
+BlÄttern, ein unförmlicher hölzerner Becher, ein Feuergerät. Der
+ganze Reichtum des kranken verlassenen Mannes! Womit vollendet der
+Dichter dieses traurige fürchterliche Gemälde. Mit einem Zusatze von
+Ekel. "Ha!" fährt Neoptolem auf einmal zusammen, "hier trockenen
+zerrissene Lappen voll Blut und Eiter 6)!"
+
+{6. Philoct. v. 31-39.}
+
+ NE. Orv kenhn oikhsin anJrwpwn dica.
+ OD. Oud' endon oikopoioV esti tiV trojh;
+ NE. Steipth ge jullaV wV enaulizonti tw.
+ OD. Ta d' all' erhma, kouden esJ' upostegon;
+ NE. Autoxulon g' ekpwma, jaulourgou tinoV
+ Tecnhmat' androV, kai purei' omou tade.
+ OD. Keinou to Jhsaurisma shmaineiV tode.
+ NE. Iou, iou· kai tauta g' alla Jalpetai
+ Rakh, bareiaV tou noshleiaV plea.
+
+
+So wird auch beim Homer der geschleifte Hektor, durch das von Blut
+und Staub entstellte Gesicht, und zusammenverklebte Haar,
+
+ Squallentem barbam et concretos sanguine crines,
+
+(wie es Virgil ausdrÜckt 7)) ein ekler Gegenstand, aber eben dadurch
+um so viel schrecklicher, um so viel rührender. Wer kann die Strafe
+des Marsyas, beim Ovid, sich ohne Empfindung des Ekels denken 8)?
+
+{7. Aeneid. lib. II. v. 277.}
+
+{8. Metamorph. VI. v. 387.}
+
+ Clamanti cutis est summos derepta per artus:
+ Nec quidquam, nisi vulnus erat: cruor undique manat:
+ Detectique patent nervi: trepidaeque sine ulla
+ Pelle micant venae: salientia viscera possis,
+ Et perlucentes numerare in pectore fibras.
+
+
+Aber wer empfindet auch nicht, daß das Ekelhafte hier an seiner
+Stelle ist? Es macht das Schreckliche grÄßlich; und das Gräßliche
+ist selbst in der Natur, wenn unser Mitleid dabei interessieret wird,
+nicht ganz unangenehm; wie viel weniger in der Nachahmung? Ich will
+die Exempel nicht häufen. Doch dieses muß ich noch anmerken, daß es
+eine Art von Schrecklichem gibt, zu dem der Weg dem Dichter fast
+einzig und allein durch das Ekelhafte offen stehet. Es ist das
+Schreckliche des Hungers. Selbst im gemeinen Leben drÜcken wir die
+äußerste Hungersnot nicht anders als durch die Erzählungen aller der
+unnahrhaften, ungesunden und besonders ekeln Dinge aus, mit welchen
+der Magen befriediget werden müssen. Da die Nachahmung nichts von
+dem Gefühle des Hungers selbst in uns erregen kann, so nimmt sie zu
+einem andern unangenehmen Gefühle ihre Zuflucht, welches wir im Falle
+des empfindlichsten Hungers für das kleinere Übel erkennen. Dieses
+sucht sie zu erregen, um uns aus der Unlust desselben schließen zu
+lassen, wie stark jene Unlust sein müsse, bei der wir die
+gegenwärtige gern aus der Acht schlagen würden. Ovid sagt von der
+Oreade, welche Ceres an den Hunger abschickte 9):
+
+{9. Ibid. lib. VIII. v. 809.}
+
+ Hanc (famem) procul ut vidit--
+ --refert mandata deae; paulumque morata,
+ Quanquam aberat longe, quanquam modo venerat illuc,
+ Visa tamen sensisse famem--
+
+
+Eine unnatÜrliche Übertreibung! Der Anblick eines Hungrigen, und
+wenn es auch der Hunger selbst wÄre, hat diese ansteckende Kraft
+nicht; Erbarmen, und Greul, und Ekel, kann er empfinden lassen, aber
+keinen Hunger. Diesen Greul hat Ovid in dem Gemälde der Fames nicht
+gesparet, und in dem Hunger des Eresichthons sind, sowohl bei ihm,
+als bei dem Kallimachus 10), die ekelhaften Züge die stärksten.
+Nachdem Eresichthon alles aufgezehret, und auch der Opferkuh nicht
+verschonet hatte, die seine Mutter der Vesta auffütterte, läßt ihn
+Kallimachus über Pferde und Katzen herfallen, und auf den Straßen die
+Brocken und schmutzigen Überbleibsel von fremden Tischen betteln:
+
+{10. Hym. in Cererem. v. 109-116.}
+
+ Kai tan bvn ejagen, tan Estia etreje mathr,
+ Kai ton aeJlojoron kai ton polemhion ippon,
+ Kai tan ailouron, tan etreme Jeria mikka--
+ Kai toJ' o tv basilhoV eni triodoisi kaJhsto
+ Aitizwn akolwV te kai ekbola lumata daitoV--
+
+
+Und Ovid lÄßt ihn zuletzt die Zähne in seine eigene Glieder setzen,
+um seinen Leib mit seinem Leibe zu nähren.
+
+ Vis tamen illa mali postquam consumserat omnem
+ Materiam--
+ Ipse suos artus lacero divellere morsu
+ Coepit; et infelix minuendo corpus alebat.
+
+
+Nur darum waren die hÄßlichen Harpyen so stinkend, so unflätig, daß
+der Hunger, welchen ihre EntfÜhrung der Speisen bewirken sollte,
+desto schrecklicher würde. Man hÖre die Klage des Phineus, beim
+Apollonius 11):
+
+{11. Argonaut. lib. II. v. 228-233.}
+
+ TutJon d' hn ara dh pot' edhtuoV ammi lipwsi,
+ Pnei tode mudaleon te kai ou tlhton menoV odmhV.
+ Ou ke tiV oude minunJa brotvn anscoito pelassaV,
+ Oud' ei oi adamantoV elhlamenon kear eih.
+ Alla me pikrh dhta ke daitoV episcei anagkh
+ Mimnein, kai mimnonta kakh en gasteri JesJai.
+
+
+Ich mÖchte gern aus diesem Gesichtspunkte die ekele EinfÜhrung der
+Harpyen beim Virgil entschuldigen; aber es ist kein wirklicher
+gegenwÄrtiger Hunger, den sie verursachen, sondern nur ein
+instehender, den sie prophezeien; und noch dazu löset sich die ganze
+Prophezeiung endlich in ein Wortspiel auf. Auch Dante bereitet uns
+nicht nur auf die Geschichte von der Verhungerung des Ugolino, durch
+die ekelhafteste, gräßlichste Stellung, in die er ihn mit seinem
+ehemaligen Verfolger in der Hölle setzet; sondern auch die
+Verhungerung selbst ist nicht ohne Züge des Ekels, der uns besonders
+da sehr merklich überfällt, wo sich die Söhne dem Vater zur Speise
+anbieten. In der Note will ich noch eine Stelle aus einem
+Schauspiele von Beaumont und Fletcher anführen, die statt aller
+andern Beispiele hätte sein können, wenn ich sie nicht für ein wenig
+zu übertrieben erkennen müßte 12).
+
+{12. The Sea-Voyage Act. III. Sc. 1. Ein französischer Seeräuber
+wird mit seinem Schiffe an eine wüste Insel verschlagen. Habsucht
+und Neid entzweien seine Leute und schaffen ein paar Elenden, welche
+auf dieser Insel geraume Zeit der äußersten Not ausgesetzt gewesen,
+Gelegenheit, mit dem Schiffe in die See zu stechen. Alles Vorrates
+an Lebensmitteln sonach auf einmal beraubet, sehen jene Nichtswürdige
+gar bald den schmählichsten Tod vor Augen, und einer drückt gegen den
+andern seinen Hunger und seine Verzweiflung folgendergestalt aus:
+
+ Lamure.
+ Oh, what a tempest have I in my stomach!
+ How my empty guts cry out! My wounds ake,
+ Would they would bleed again, that I might get
+ Something to quench my thirst.
+
+ Franville.
+ O Lamure, the happiness my dogs had
+ When I kept house at home! They had a storehouse,
+ A storehouse of most blessed bones and crusts,
+ Happy crusts. Oh, how sharp hunger pinches me!--
+
+ Franville.
+ How now, what news?
+
+ Morillat.
+ Hast any meat yet?
+
+ Franville.
+ Not a bit that I can see;
+ Here be goodly quarries, but they be cruel hard
+ To gnaw: I ha' got some mud, we'll eat it with spoons,
+ Very good thick mud; bot it stinks damnably,
+ There's old rotten trunks of trees too,
+ Bot not a leaf nor blossom in all the island.
+
+ Lamure.
+ How it looks!
+
+ Morillat.
+ It stinks too.
+
+ Lamure.
+ It may be poison.
+
+ Franville.
+ Let it be any thing;
+ So I can get it down. Why man,
+ Poison's a princely dish.
+
+ Morillat.
+ Hast thou no bisket?
+ No crumbs left in thy pocket? Here is my doublet,
+ Give me but three small crumbs.
+
+ Franville.
+ Not for three kingdoms,
+ If I were master of 'em. Oh, Lamure,
+ But one poor joint of mutton, we ha' scorn'd, man.
+
+ Lamure.
+ Thou speak'st of paradise;
+ Or but the snuffs of those healths,
+ We have lewdly at midnight flang away.
+
+ Morillat.
+ Ah! but to lick the glasses.
+
+Doch alles dieses ist noch nichts gegen den folgenden Auftritt, wo
+der Schiffschirurgus dazu kommt.
+
+ Franville.
+ Here comes the surgeon. What
+ Hast thou discover'd? Smile, smile and comfort us.
+
+ Surgeon.
+ I am expiring,
+ Smile they that can. I can find nothing, gentlemen,
+ Here 's nothing can be meat, without a miracle
+ Oh that I had my boxes and my lints now,
+ My stupes, my tents, and those sweet helps of nature,
+ What dainty dishes could I make of 'em.
+
+ Morillat.
+ Hast ne'er an old suppository?
+
+ Surgeon.
+ Oh would I had, sir.
+
+ Lamure.
+ Or but the paper where such a cordial
+ Potion, or pills hath been entomb'd?
+
+ Franville.
+ Or the best bladder where a cooling-glister.
+
+ Morillat.
+ Hast thou no searcloths left?
+ Nor any old pultesses?
+
+ Franville.
+ We care not to what it hath been ministred.
+
+ Surgeon.
+ Sure I have none of these dainties, gentlemen.
+
+ Franville.
+ Where's the great wen
+ Thou cut'st from Hugh the sailor's shoulder?
+ That would serve now for a most princely banquet.
+
+ Surgeon.
+ Ay if we had it, gentlemen.
+ I flung it over-bord, slave that I was.
+
+ Lamure.
+ A most improvident villain.}
+
+Ich komme auf die ekelhaften GegenstÄnde in der Malerei. Wenn es
+auch schon ganz unstreitig wäre, daß es eigentlich gar keine
+ekelhafte Gegenstände fÜr das Gesicht gäbe, von welchen es sich von
+sich selbst verstünde, daß die Malerei, als schÖne Kunst, ihrer
+entsagen würde: so müßte sie dennoch die ekelhaften Gegenstände
+überhaupt vermeiden, weil die Verbindung der Begriffe sie auch dem
+Gesichte ekel macht. Pordenone läßt, in einem Gemälde von dem
+Begräbnisse Christi, einen von den Anwesenden die Nase sich zuhalten.
+Richardson mißbilliget dieses deswegen 13), weil Christus noch nicht
+so lange tot gewesen, daß sein Leichnam in Fäulung übergehen können.
+Bei der Auferweckung des Lazarus hingegen, glaubt er, sei es dem
+Maler erlaubt, von den Umstehenden einige so zu zeigen, weil es die
+Geschichte ausdrücklich sage, daß sein Körper schon gerochen habe.
+Mich dünkt diese Vorstellung auch hier unerträglich; denn nicht bloß
+der wirkliche Gestank, auch schon die Idee des Gestankes erwecket
+Ekel. Wir fliehen stinkende Orte, wenn wir schon den Schnupfen haben.
+Doch die Malerei will das Ekelhafte, nicht des Ekelhaften wegen;
+sie will es, so wie die Poesie, um das Lächerliche und Schreckliche
+dadurch zu verstärken. Auf ihre Gefahr! Was ich aber von dem
+Häßlichen in diesem Falle angemerkt habe, gilt von dem Ekelhaften um
+so viel mehr. Es verlieret in einer sichtbaren Nachahmung von seiner
+Wirkung ungleich weniger, als in einer hörbaren; es kann sich also
+auch dort mit den Bestandteilen des Lächerlichen und Schrecklichen
+weniger innig vermischen, als hier; sobald die Überraschung vorbei,
+sobald der erste gierige Blick gesättiget, trennet es sich wiederum
+gänzlich, und liegt in seiner eigenen kruden Gestalt da.
+
+{13. Richardson de la peinture T. I. p. 74.}
+
+
+
+XXVI.
+
+
+Des Herrn Winckelmanns "Geschichte der Kunst des Altertums" ist
+erschienen. Ich wage keinen Schritt weiter, ohne dieses Werk gelesen
+zu haben. Bloß aus allgemeinen Begriffen über die Kunst vernünfteln,
+kann zu Grillen verführen, die man über lang oder kurz, zu seiner
+Beschämung, in den Werken der Kunst widerlegt findet. Auch die Alten
+kannten die Bande, welche die Malerei und Poesie miteinander
+verknüpfen, und sie werden sie nicht enger zugezogen haben, als es
+beiden zuträglich ist. Was ihre Künstler getan, wird mich lehren,
+was die Künstler überhaupt tun sollen; und wo so ein Mann die Fackel
+der Geschichte vorträgt, kann die Spekulation kühnlich nachtreten.
+
+Man pfleget in einem wichtigen Werke zu blättern, ehe man es
+ernstlich zu lesen anfängt. Meine Neugierde war, vor allen Dingen
+des Verfassers Meinung von dem Laokoon zu wissen; nicht zwar von der
+Kunst des Werkes, über welche er sich schon anderwärts erkläret hat,
+als nur von dem Alter desselben. Wem tritt er darüber bei? Denen,
+welchen Virgil die Gruppe vor Augen gehabt zu haben scheinet? Oder
+denen, welche die Künstler dem Dichter nacharbeiten lassen?
+
+Es ist sehr nach meinem Geschmacke, daß er von einer gegenseitigem
+Nachahmung gänzlich schweiget. Wo ist die absolute Notwendigkeit
+derselben? Es ist gar nicht unmöglich, daß die Ähnlichkeiten, die
+ich oben zwischen dem poetischen Gemälde und dem Kunstwerke in
+Erwägung gezogen habe, zufällige und nicht vorsätzliche Ähnlichkeiten
+sind; und daß das eine so wenig das Vorbild des andern gewesen, daß
+sie auch nicht einmal beide einerlei Vorbild gehabt zu haben brauchen.
+Hätte indes auch ihn ein Schein dieser Nachahmung geblendet, so
+würde er sich für die erstern haben erklären müssen. Denn er nimmt
+an, daß der Laokoon aus den Zeiten sei, da sich die Kunst unter den
+Griechen auf dem höchsten Gipfel ihrer Vollkommenheit befunden habe,
+aus den Zeiten Alexanders des Großen.
+
+"Das gütige Schicksal", sagt er 1), "welches auch über die Künste bei
+ihrer Vertilgung noch gewachet, hat aller Welt zum Wunder ein Werk
+aus dieser Zeit der Kunst erhalten, zum Beweise von der Wahrheit der
+Geschichte von der Herrlichkeit so vieler vernichteten Meisterstücke.
+Laokoon, nebst seinen beiden Söhnen, vom Agesander, Apollodorus 2)
+und Athenodorus aus Rhodus gearbeitet, ist nach aller
+Wahrscheinlichkeit aus dieser Zeit, ob man gleich dieselbe nicht
+bestimmen, und wie einige getan haben, die Olympias, in welcher diese
+Künstler geblühet haben, angeben kann."
+
+{1. Geschichte der Kunst, S. 347.}
+
+{2. Nicht Apollodorus, sondern Polydorus. Plinius ist der einzige,
+der diese Künstler nennet, und ich wüßte nicht, daß die Handschriften
+in diesem Namen voneinander abgingen. Harduin würde es gewiß sonst
+angemerkt haben. Auch die ältern Ausgaben lesen alle Polydorus.
+Herr Winckelmann muß sich in dieser Kleinigkeit bloß verschrieben
+haben.}
+
+In einer Anmerkung setzet er hinzu: "Plinius meldet kein Wort von der
+Zeit, in welcher Agesander und die Gehilfen an seinem Werke gelebet
+haben; Maffei aber, in der Erklärung alter Statuen, hat wissen wollen,
+daß diese Künstler in der achtundachtzigsten Olympias geblühet haben,
+und auf dessen Wort haben andere, als Richardson, nachgeschrieben.
+Jener hat, wie ich glaube, einen Athenodorus unter des Polykletus
+Schülern für einen von unsern Künstlern genommen, und da Polykletus
+in der siebenundachtzigsten Olympias geblühet, so hat man seinen
+vermeinten Schüler eine Olympias später gesetzet: andere Gründe kann
+Maffei nicht haben."
+
+Er konnte ganz gewiß keine andere haben. Aber warum läßt es Herr
+Winckelmann dabei bewenden, diesen vermeinten Grund des Maffei bloß
+anzuführen? Widerlegt er sich von sich selbst? Nicht so ganz. Denn
+wenn er auch schon von keinen andern Gründen unterstützt ist, so
+macht er doch schon für sich selbst eine kleine Wahrscheinlichkeit,
+wo man nicht sonst zeigen kann, daß Athenodorus, des Polyklets
+Schüler, und Athenodorus, der Gehilfe des Agesander und Polydorus,
+unmöglich eine und ebendieselbe Person können gewesen sein. Zum
+Glücke läßt sich dieses zeigen, und zwar aus ihrem verschiedenen
+Vaterlande. Der erste Athenodorus war, nach dem ausdrücklichen
+Zeugnisse des Pausanias 3), aus Klitor in Arkadien; der andere
+hingegen, nach dem Zeugnisse des Plinius, aus Rhodus gebürtig.
+
+{3. AJhnoJvroV de kai DamiaV--outoi de ArkadeV eisin ek KleitoroV.
+Phoc. cap. 9. p. 819. Edit. Kuh.}
+
+Herr Winckelmann kann keine Absicht dabei gehabt haben, daß er das
+Vorgeben des Maffei, durch Beifügung dieses Umstandes, nicht
+unwidersprechlich widerlegen wollen. Vielmehr müssen ihm die Gründe,
+die er aus der Kunst des Werks, nach seiner unstreitigen Kenntnis,
+ziehet, von solcher Wichtigkeit geschienen haben, daß er sich
+unbekümmert gelassen, ob die Meinung des Maffei noch einige
+Wahrscheinlichkeit behalte oder nicht. Er erkennet, ohne Zweifel, in
+dem Laokoon zu viele von den argutiis 4), die dem Lysippus so eigen
+waren, mit welchen dieser Meister die Kunst zuerst bereicherte, als
+daß er ihn für ein Werk vor desselben Zeit halten sollte.
+
+{4. Plinius lib. XXXIV. sect. 19. p. 653. Edit. Hard.}
+
+Allein, wenn es erwiesen ist, daß der Laokoon nicht älter sein kann,
+als Lysippus, ist dadurch auch zugleich erwiesen, daß er ungefähr aus
+seiner Zeit sein müsse? daß er unmöglich ein weit späteres Werk sein
+könne? Damit ich die Zeiten, in welchen die Kunst in Griechenland,
+bis zum Anfange der römischen Monarchie, ihr Haupt bald wiederum
+emporhob, bald wiederum sinken ließ, übergehe: warum hätte nicht
+Laokoon die glückliche Frucht des Wetteifers sein können, welchen die
+verschwenderische Pracht der ersten Kaiser unter den Künstlern
+entzünden mußte? Warum könnten nicht Agesander und seine Gehilfen
+die Zeitverwandten eines Strongylion, eines Arcesilaus, eines
+Pasiteles, eines Posidonius, eines Diogenes sein? Wurden nicht die
+Werke auch dieser Meister zum Teil dem Besten, was die Kunst jemals
+hervorgebracht hatte, gleich geschätzet? Und wann noch ungezweifelte
+Stücke von selbigen vorhanden wären, das Alter ihrer Urheber aber
+wäre unbekannt, und ließe sich aus nichts schließen, als aus ihrer
+Kunst, welche göttliche Eingebung müßte den Kenner verwahren, daß er
+sie nicht ebensowohl in jene Zeiten setzen zu müssen glaubte, die
+Herr Winckelmann allein des Laokoons würdig zu sein achtet?
+
+Es ist wahr, Plinius bemerkt die Zeit, in welcher die Künstler des
+Laokoons gelebt haben, ausdrücklich nicht. Doch wenn ich aus dem
+Zusammenhange der ganzen Stelle schließen sollte, ob er sie mehr
+unter die alten oder unter die neuern Artisten gerechnet wissen
+wollen: so bekenne ich, daß ich für das letztere eine größere
+Wahrscheinlichkeit darin zu bemerken glaube. Man urteile.
+
+Nachdem Plinius von den ältesten und größten Meistern in der
+Bildhauerkunst, dem Phidias, dem Praxiteles, dem Skopas, etwas
+ausführlicher gesprochen, und hierauf die übrigen, besonders solche,
+von deren Werken in Rom etwas vorhanden war, ohne alle chronologische
+Ordnung namhaft gemacht: so fährt er folgendergestalt fort 5): Nec
+multo plurium fama est, quorundam claritati in operibus eximiis
+obstante numero artificum, quoniam nec unus occupat gloriam, nec
+plures pariter nuncupari possunt, sicut in Laocoonte, qui est in Titi
+Imperatoris domo, opus omnibus et picturae et statuariae artis
+praeponendum. Ex uno lapide eum et liberos draconumque mirabiles
+nexus de consilii sententia fecere summi artifices, Agesander et
+Polydorus et Athenodorus Rhodii. Similiter Palatinas domus Caesarum
+replevere probatissimis signis Craterus cum Pythodoro, Polydectes cum
+Hermolao, Pythodorus alius cum Artemone, et singularis Aphrodisius
+Trallianus. Agrippae Pantheum decoravit Diogenes Atheniensis, et
+Caryatides in columnis templi ejus probantur inter pauca operum:
+sicut in fastigio posita signa, sed propter altitudinem loci minus
+celebrata.
+
+{5. Libr. XXXVI. sect. 4. p. 730.}
+
+Von allen den Künstlern, welche in dieser Stelle genennet werden, ist
+Diogenes von Athen derjenige, dessen Zeitalter am
+unwidersprechlichsten bestimmt ist. Er hat das Pantheum des Agrippa
+ausgezieret; er hat also unter dem Augustus gelebt. Doch man erwäge
+die Worte des Plinius etwas genauer, und ich denke, man wird auch das
+Zeitalter des Kraterus und Pythodorus, des Polydektes und Hermolaus,
+des zweiten Pythodorus und Artemons, sowie des Aphrodisius Trallianus,
+ebenso unwidersprechlich bestimmt finden. Er sagt von ihnen:
+Palatinas domus Caesarum replevere probatissimis signis. Ich frage:
+kann dieses wohl nur so viel heißen, daß von ihren vortrefflichen
+Werken die Paläste der Kaiser angefüllet gewesen? In dem Verstande
+nämlich, daß die Kaiser sie überall zusammensuchen und nach Rom in
+ihre Wohnungen versetzen lassen? Gewiß nicht. Sondern sie müssen
+ihre Werke ausdrücklich für diese Paläste der Kaiser gearbeitet, sie
+müssen zu den Zeiten dieser Kaiser gelebt haben. Daß es späte
+Künstler gewesen, die nur in Italien gearbeitet, läßt sich auch schon
+daher schließen, weil man ihrer sonst nirgends gedacht findet.
+Hätten sie in Griechenland in frühern Zeiten gearbeitet, so würde
+Pausanias ein oder das andere Werk von ihnen gesehen, und ihr
+Andenken uns aufbehalten haben. Ein Pythodorus kömmt zwar bei ihm
+vor 6), allein Harduin hat sehr unrecht, ihn für den Pythodorus in
+der Stelle des Plinius zu halten. Denn Pausanias nennet die
+Bildsäule der Juno, die er von der Arbeit des erstern zu Koronea in
+Böotien sahe, agalma arcaion, welche Benennung er nur den Werken
+derjenigen Meister gibet, die in den allerersten und raschesten
+Zeiten der Kunst, lange vor einem Phidias und Praxiteles, gelebt
+hatten. Und mit Werken solcher Art werden die Kaiser gewiß nicht
+ihre Paläste ausgezieret haben. Noch weniger ist auf die andere
+Vermutung des Harduins zu achten, daß Artemon vielleicht der Maler
+gleiches Namens sei, dessen Plinius an einer andern Stelle gedenket.
+Name und Name geben nur eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit,
+derenwegen man noch lange nicht befugt ist, der natürlichen Auslegung
+einer unverfälschten Stelle Gewalt anzutun.
+
+{6. Boeotic. cap. XXXIV. p. 778. Edit. Kuhn.}
+
+Ist es aber sonach außer allem Zweifel, daß Kraterus und Pythodorus,
+daß Polydektes und Hermolaus, mit den übrigen, unter den Kaisern
+gelebet, deren Paläste sie mit ihren trefflichen Werken angefüllet:
+so dünkt mich, kann man auch denjenigen Künstlern kein ander
+Zeitalter geben, von welchen Plinius auf jene durch ein Similiter
+übergehet. Und dieses sind die Meister des Laokoon. Man überlege es
+nur: wären Agesander, Polydorus und Athenodorus so alte Meister, als
+wofür sie Herr Winckelmann hält; wie unschicklich würde ein
+Schriftsteller, dem die Präzision des Ausdruckes keine Kleinigkeit
+ist, wenn er von ihnen auf einmal auf die allerneuesten Meister
+springen müßte, diesen Sprung mit einem Gleichergestalt tun?
+
+Doch man wird einwenden, daß sich dieses Similiter nicht auf die
+Verwandtschaft in Ansehung des Zeitalters, sondern auf einen andern
+Umstand beziehe, welchen diese, in Betrachtung der Zeit so unähnliche
+Meister, miteinander gemein gehabt hätten. Plinius rede nämlich von
+solchen Künstlern, die in Gemeinschaft gearbeitet, und wegen dieser
+Gemeinschaft unbekannter geblieben wären, als sie verdienten. Denn
+da keiner sich die Ehre des gemeinschaftlichen Werks allein anmaßen
+können, alle aber, die daran teilgehabt, jederzeit zu nennen, zu
+weitläuftig gewesen wäre (quoniam nec unus occupat gloriam, nec
+plures pariter nuncupari possunt): so wären ihre sämtliche Namen
+darüber vernachlässiget worden. Dieses sei den Meistern des Laokoons,
+dieses sei so manchen andern Meistern widerfahren, welche die Kaiser
+für ihre Paläste beschäftiget hätten.
+
+Ich gebe dieses zu. Aber auch so noch ist es höchst wahrscheinlich,
+daß Plinius nur von neuern Künstlern sprechen wollen, die in
+Gemeinschaft gearbeitet. Denn hätte er auch von älteren reden wollen,
+warum hätte er nur allein der Meister des Laokoons erwähnet? Warum
+nicht auch anderer? Eines Onatas und Kalliteles; eines Timokles und
+Timarchides, oder der Söhne dieses Timarchides, von welchen ein
+gemeinschaftlich gearbeiteter Jupiter in Rom war 7). Herr
+Winckelmann sagt selbst, daß man von dergleichen älteren Werken, die
+mehr als einen Vater gehabt, ein langes Verzeichnis machen könne 8).
+Und Plinius sollte sich nur auf die einzigen Agesander, Polydorus und
+Athenodorus besonnen haben, wenn er sich nicht ausdrücklich nur auf
+die neuesten Zeiten hätte einschränken wollen?
+
+{7. Plinius lib. XXXVI. sect. 4. p. 730.}
+
+{8. Geschichte der Kunst, T. II. S. 332.}
+
+Wird übrigens eine Vermutung um so viel wahrscheinlicher, je mehrere
+und größere Unbegreiflichkeiten sich daraus erklären lassen, so ist
+es die, daß die Meister des Laokoons unter den ersten Kaisern
+geblühet haben, gewiß in einem sehr hohen Grade. Denn hätten sie in
+Griechenland zu den Zeiten, in welche sie Herr Winckelmann setzet,
+gearbeitet; hätte der Laokoon selbst in Griechenland ehedem gestanden:
+so müßte das tiefe Stillschweigen, welches die Griechen von einem
+solchen Werke (opere omnibus et picturae et statuariae artis
+praeponendo) beobachtet hätten, äußerst befremden. Es müßte äußerst
+befremden, wenn so große Meister weiter gar nichts gearbeitet hätten,
+oder wenn Pausanias von ihren übrigen Werken in ganz Griechenland
+ebensowenig wie von dem Laokoon zu sehen bekommen hätte. In Rom
+hingegen konnte das größte Meisterstück lange im Verborgenen bleiben,
+und wenn Laokoon auch bereits unter dem Augustus wäre verfertiget
+worden, so dürfte es doch gar nicht sonderbar scheinen, daß erst
+Plinius seiner gedacht, seiner zuerst und zuletzt gedacht. Denn man
+erinnere sich nur, was er von einer Venus des Skopas sagt 9), die zu
+Rom in einem Tempel des Mars stand, quemcunque alium locum
+nobilitatura. Romae quidem magnitudo operum eam obliterat, ac magni
+officiorum negotiorumque acervi omnes a contemplatione talium
+abducunt: quoniam otiosorum et in magno loci silentio apta admiratio
+talis est.
+
+{9. Plinius 1. c. p. 727.}
+
+Diejenigen, welche in der Gruppe Laokoon so gern eine Nachahmung des
+Virgilischen Laokoons sehen wollen, werden, was ich bisher gesagt,
+mit Vergnügen ergreifen. Noch fiele mir eine Mutmaßung bei, die sie
+gleichfalls nicht sehr mißbilligen dürften. Vielleicht, könnten sie
+denken, war es Asinius Pollio, der den Laokoon des Virgils durch
+griechische Künstler ausführen ließ. Pollio war ein besonderer
+Freund des Dichters, überlebte den Dichter, und scheinet sogar ein
+eigenes Werk über die Aeneis geschrieben zu haben. Denn wo sonst,
+als in einem eigenen Werke über dieses Gedicht, können so leicht die
+einzeln Anmerkungen gestanden haben, die Servius aus ihm anführt 10)?
+Zugleich war Pollio ein Liebhaber und Kenner der Kunst, besaß eine
+reiche Sammlung der trefflichsten alten Kunstwerke, ließ von
+Künstlern seiner Zeit neue fertigen, und dem Geschmacke, den er in
+seiner Wahl zeigte, war ein so kühnes Stück, als Laokoon, vollkommen
+angemessen 11): ut fuit acris vehementiae, sic quoque spectari
+monumenta sua voluit. Doch da das Kabinett des Pollio, zu den Zeiten
+des Plinius, als Laokoon in dem Palaste des Titus stand, noch ganz
+unzertrennet an einem besondern Orte beisammen gewesen zu sein
+scheinet: so möchte diese Mutmaßung von ihrer Wahrscheinlichkeit
+wiederum etwas verlieren. Und warum könnte es nicht Titus selbst
+getan haben, was wir dem Pollio zuschreiben wollen?
+
+{10. Ad ver. 7. lib. II. Aeneid. und besonders ad ver. 183 lib. XI.
+Man dürfte also wohl nicht unrecht tun, wenn man das Verzeichnis der
+verlornen Schriften dieses Mannes mit einem solchen Werke vermehrte.}
+
+{11. Plinius lib. XXXVI. sect. 4. p. 729.}
+
+
+
+XXVII.
+
+
+Ich werde in meiner Meinung, daß die Meister des Laokoons unter den
+ersten Kaisern gearbeitet haben, wenigstens so alt gewiß nicht sein
+können, als sie Herr Winckelmann ausgibt, durch eine kleine Nachricht
+bestärket, die er selbst zuerst bekannt macht. Sie ist diese 1):
+
+{1. Geschichte der Kunst, T. II. S. 347.}
+
+"Zu Nettuno, ehemals Antium, hat der Herr Kardinal Alexander Albani,
+im Jahre 1717, in einem großen Gewölbe, welches im Meere versunken
+lag, eine Vase entdecket, welche von schwarz greulichem Marmor ist,
+den man itzo Bigio nennet, in welche die Figur eingefüget war; auf
+derselben befindet sich folgende Inschrift:
+
+ AQANODWROS AGHSANDROU
+ RODIOS EPOIHSE
+
+"Athanodorus, des Agesanders Sohn, aus Rhodus, hat es gemacht." Wir
+lernen aus dieser Inschrift, daß Vater und Sohn am Laokoon gearbeitet
+haben, und vermutlich war auch Apollodorus (Polydorus) des Agesanders
+Sohn; denn dieser Athanodorus kann kein anderer gewesen sein, als der,
+welchen Plinius nennet. Es beweiset ferner diese Inschrift, daß
+sich mehr Werke der Kunst, als nur allein drei, wie Plinius will,
+gefunden haben, auf welche die KÜnstler das Wort,gemacht‘ in
+vollendeter und bestimmter Zeit gesetzet, nÄmlich epoihse, fecit: er
+berichtet, daß die übrigen Künstler aus Bescheidenheit sich in
+unbestimmter Zeit ausgedrücket, epoiei, faciebat."
+
+Darin wird Herr Winckelmann wenig Widerspruch finden, daß der
+Athanodorus in dieser Inschrift kein anderer, als der Athenodorus
+sein kÖnne, dessen Plinius unter den Meistern des Laokoons gedenket.
+Athenodorus und Athanodorus ist auch völlig ein Name; denn die
+Rhodier bedienten sich des dorischen Dialekts. Allein über das, was
+er sonst daraus folgern will, muß ich einige Anmerkungen machen.
+
+Das erste, daß Athenodorus ein Sohn des Agesanders gewesen sei, mag
+hingehen. Es ist sehr wahrscheinlich, nur nicht unwidersprechlich.
+Denn es ist bekannt, daß es alte Künstler gegeben, die, anstatt sich
+nach ihrem Vater zu nennen, sich lieber nach ihrem Lehrmeister nennen
+wollen. Was Plinius von den Gebrüdern Apollonius und Tauriskus saget,
+leidet nicht wohl eine andere Auslegung 2).
+
+{2. Libr. XXXVI. sect. 4. p. 730.}
+
+Aber wie? Diese Inschrift soll zugleich das Vorgeben des Plinius
+widerlegen, daß sich nicht mehr als drei Kunstwerke gefunden, zu
+welchen sich ihre Meister in der vollendeten Zeit (anstatt des epoiei,
+durch epoihse) bekannt hätten? Diese Inschrift? Warum sollen wir
+erst aus dieser Inschrift lernen, was wir längst aus vielen andern
+hätten lernen können? Hat man nicht schon auf der Statue des
+Germanicus KleomenhV--epoihse gefunden? Auf der sogenannten
+Vergötterung des Homers ArcelaoV epoihse? Auf der bekannten Vase zu
+Gaeta Salpiwn epoihse 3)? usw.
+
+{3. Man sehe das Verzeichnis der Aufschriften alter Kunstwerke beim
+Mar. Gudius (ad Phaedri fab. V. lib. I.) und ziehe zugleich die
+Berichtigung desselben vom Gronov (Praef. ad tom. IX. Thesauri
+antiqu. Graec.) zu Rate.}
+
+Herr Winckelmann kann sagen: "Wer weiß dieses besser als ich? Aber",
+wird er hinzusetzen, "desto schlimmer für den Plinius. Seinem
+Vorgeben ist also um so öfterer widersprochen; es ist um so gewisser
+widerlegt."
+
+Noch nicht. Denn wie, wenn Herr Winckelmann den Plinius mehr sagen
+ließe, als er wirklich sagen wollen? Wenn also die angeführten
+Beispiele nicht das Vorgeben des Plinius, sondern bloß das Mehrere,
+welches Herr Winckelmann in dieses Vorgeben hineingetragen,
+widerlegten? Und so ist es wirklich. Ich muß die ganze Stelle
+anführen. Plinius will in seiner Zueignungsschrift an den Titus, von
+seinem Werke mit der Bescheidenheit eines Mannes sprechen, der es
+selbst am besten weiß, wie viel demselben zur Vollkommenheit noch
+fehle. Er findet ein merkwürdiges Exempel einer solchen
+Bescheidenheit bei den Griechen, über deren prahlende,
+vielversprechende Büchertitel (inscriptiones, propter quas vadimonium
+deseri possit) er sich vorher ein wenig aufgehalten, und sagt 4): Et
+ne in totum videar Graecos insectari, ex illis mox velim intelligi
+pingendi fingendique conditoribus, quos in libellis his invenies,
+absoluta opera, et illa quoque quae mirando non satiamur, pendenti
+titulo inscripsisse: ut APELLES FACIEBAT, aut POLYCLETUS: tanquam
+inchoata semper arte et imperfecta: ut contra judiciorum varietates
+superesset artifici regressus ad veniam, velut emendaturo quidquid
+desideraretur, si non esset interceptus. Quare plenum verecundiae
+illud est, quod omnia opera tamquam novissima inscripsere, et tamquam
+singulis fato adempti. Tria non amplius, ut opinor, absolute
+traduntur inscripta ILLE FECIT, quae suis locis reddam: quo apparuit,
+summam artis securitatem auctori placuisse, et ob id magna invidia
+fuere omnia ea. Ich bitte auf die Worte des Plinius, pingendi
+fingendique conditoribus, aufmerksam zu sein. Plinius sagt nicht,
+daß die Gewohnheit, in der unvollendeten Zeit sich zu seinem Werke zu
+bekennen, allgemein gewesen; daß sie von allen Künstlern, zu allen
+Zeiten beobachtet worden: er sagt ausdrücklich, daß nur die ersten
+alten Meister, jene Schöpfer der bildenden Künste, pingendi
+fingendique conditores, ein Apelles, ein Polyklet, und ihre
+Zeitverwandte, diese kluge Bescheidenheit gehabt hätten; und da er
+diese nur allein nennet, so gibt er stillschweigend, aber deutlich
+genug, zu verstehen, daß ihre Nachfolger, besonders in den spätern
+Zeiten, mehr Zuversicht auf sich selber geäußert.
+
+{4. Libr. I. p. 5. Edit. Hard.}
+
+Dieses aber angenommen, wie man es annehmen muß, so kann die
+entdeckte Aufschrift von dem einen der drei Künstler des Laokoons
+ihre völlige Richtigkeit haben, und es kann demohngeachtet wahr sein,
+daß, wie Plinius sagt, nur etwa drei Werke vorhanden gewesen, in
+deren Aufschriften sich ihre Urheber der vollendeten Zeit bedienet;
+nämlich unter den ältern Werken, aus den Zeiten des Apelles, des
+Polyklets, des Nicias, des Lysippus. Aber das kann sodann seine
+Richtigkeit nicht haben, daß Athenodorus und seine Gehilfen,
+Zeitverwandte des Apelles und Lysippus gewesen sind, zu welchen sie
+Herr Winckelmann machen will. Man muß vielmehr so schließen: Wenn es
+wahr ist, daß unter den Werken der ältern Künstler, eines Apelles,
+eines Polyklets und der übrigen aus dieser Klasse, nur etwa drei
+gewesen sind, in deren Aufschriften die vollendete Zeit von ihnen
+gebraucht worden; wenn es wahr ist, daß Plinius diese drei Werke
+selbst namhaft gemacht hat 5): so kann Athenodorus, von dem keines
+dieser drei Werke ist, und der sich demohngeachtet auf seinen Werken
+der vollendeten Zeit bedienet, zu jenen alten Künstlern nicht gehören;
+er kann kein Zeitverwandter des Apelles, des Lysippus sein, sondern
+er muß in spätere Zeiten gesetzt werden.
+
+{5. Er verspricht wenigstens ausdrücklich, es zu tun: quae suis locis
+reddam. Wenn er es aber nicht gänzlich vergessen, so hat er es doch
+sehr im Vorbeigehen und gar nicht auf eine Art getan, als man nach
+einem solchen Versprechen erwartet. Wenn er z. E. schreibet (Lib.
+XXXV. sect. 39.): Lysippus quoque Aeginae picturae suae inscripsit,
+enekausen: quod profecto non fecisset, nisi encaustica inventa: so
+ist es offenbar, daß er dieses enekausen zum Beweise einer ganz
+andern Sache braucht. Hat er aber, wie Harduin glaubt, auch zugleich
+das eine von den Werken dadurch angeben wollen, deren Aufschrift in
+dem Aoristo abgefaßt gewesen: so hätte es sich wohl der Mühe
+verlohnet, ein Wort davon mit einfließen zu lassen. Die andern zwei
+Werke dieser Art, findet Harduin in folgender Stelle: Idem (Divus
+Augustus) in curia quoque, quam in comitio consecrabat, duas tabulas
+impressit parieti: Nemeam sedentem supra leonem, palmigeram ipsam,
+adstante cum baculo sene, cujus supra caput tabula bigae dependet.
+Nicias scripsit se inussisse: tali enim usus est verbo. Alterius
+tabulae admiratio est, puberem filium seni patri similem esse, salva
+aetatis differentia, supervolante aquila draconem complexa.
+Philochares hoc suum opus esse testatus est. (lib. XXXV. sect. 10.)
+Hier werden zwei verschiedene Gemälde beschrieben, welche Augustus in
+dem neuerbauten Rathause aufstellen lassen. Das zweite ist vom
+Philochares, das erste vom Nicias. Was von jenem gesagt wird, ist
+klar und deutlich. Aber bei diesem finden sich Schwierigkeiten. Es
+stellte die Nemea vor, auf einem Löwen sitzend, einen Palmenzweig in
+der Hand, neben ihr ein alter Mann mit einem Stabe; cujus supra caput
+tabula bigae dependet. Was heißt das? Über dessen Haupte eine
+Tafel hing, worauf ein zweispänniger Wagen gemalt war? Das ist noch
+der einzige Sinn, den man diesen Worten geben kann. Also war auf das
+Hauptgemälde noch ein anderes kleineres Gemälde gehangen? Und beide
+waren von dem Nicias? So muß es Harduin genommen haben. Denn wo
+wären hier sonst zwei Gemälde des Nicias, da das andere ausdrücklich
+dem Philochares zugeschrieben wird? Inscripsit Nicias igitur geminae
+huic tabulae suum nomen in hunc modum: O NIKIAS ENEKAUSEN; atque adeo
+e tribus operibus, quae absolute fuisse inscripta, ILLE FECIT,
+indicavit praefatio ad Titum, duo haec sunt Niciae. Ich möchte den
+Harduin fragen: wenn Nicias nicht den Aoristum, sondern wirklich das
+Imperfektum gebraucht hätte, Plinius hätte aber bloß bemerken wollen,
+daß der Meister, anstatt des grajein, egkaiein gebraucht hätte; würde
+er in seiner Sprache auch nicht noch alsdenn haben sagen müssen,
+Nicias scripsit se inussisse? Doch ich will hierauf nicht bestehen;
+es mag wirklich des Plinius Wille gewesen sein, eines von den Werken,
+wovon die Rede ist, dadurch anzudeuten. Wer aber wird sich das
+doppelte Gemälde einreden lassen, deren eines über dem andern
+gehangen? Ich mir nimmermehr. Die Worte cujus supra caput tabula
+bigae dependet, können also nicht anders als verfälscht sein. Tabula
+bigae, ein Gemälde, worauf ein zweispänniger Wagen gemalet, klingt
+nicht sehr Plinianisch, wenn auch Plinius schon sonst den Singularem
+von bigae braucht. Und was für ein zweispänniger Wagen? Etwan,
+dergleichen zu den Wettrennen in den Nemeäischen Spielen gebraucht
+wurden; so daß dieses kleinere Gemälde in Ansehung dessen, was es
+vorstellte, zu dem Hauptgemälde gehört hätte? Das kann nicht sein;
+denn in den Nemeäischen Spielen waren nicht zweispännige, sondern
+vierspännige Wagen gewöhnlich. (Schmidius in prol. ad Nemeonicas, p.
+2.) Einsmals kam ich auf die Gedanken, daß Plinius anstatt des bigae
+vielleicht ein griechisches Wort geschrieben, welches die Abschreiber
+nicht verstanden, ich meine ptucion. Wir wissen nämlich aus einer
+Stelle des Antigonus Karystius, beim Zenobius (conf. Gronovius T. IX.
+Antiquit. Graec. Praef. p. 8), daß die alten Künstler nicht immer
+ihre Namen auf ihre Werke selbst, sondern auch wohl auf besondere
+Täfelchen gesetzet, welche dem Gemälde, oder der Statue angehangen
+wurden. Und ein solches Täfelchen hieß ptucion. Dieses griechische
+Wort fand sich vielleicht in einer Handschrift durch die Glosse,
+tabula, tabella erkläret; und das tabula kam endlich mit in den Text.
+Aus ptucion ward bigae; und so entstand das tabula bigae. Nichts
+kann zu dem Folgenden besser passen, als dieses ptucion; denn das
+Folgende eben ist es, was darauf stand. Die ganze Stelle wäre also
+so zu lesen: cujus supra caput ptucion dependet, quo Nicias scripsit
+se inussisse. Doch diese Korrektur, ich bekenne es, ist ein wenig
+kühn. Muß man denn auch alles verbessern können, was man verfälscht
+zu sein beweisen kann? Ich begnüge mich, das letztere hier geleistet
+zu haben, und überlasse das erstere einer geschicktern Hand. Doch
+nunmehr wiederum zur Sache zurückzukommen; wenn Plinius also nur von
+einem Gemälde des Nicias redet, dessen Aufschrift im Aoristo abgefaßt
+gewesen, und das zweite Gemälde dieser Art das obige des Lysippus ist:
+welches ist denn nun das dritte? Das weiß ich nicht. Wenn ich es
+bei einem andern alten Schriftsteller finden dürfte, als bei dem
+Plinius, so würde ich nicht sehr verlegen sein. Aber es soll bei dem
+Plinius gefunden werden; und noch einmal: bei diesem weiß ich es
+nicht zu finden.}
+
+Kurz; ich glaube, es ließe sich als ein sehr zuverlässiges Kriterium
+angeben, daß alle Künstler, die das epoihse gebraucht, lange nach den
+Zeiten Alexanders des Großen, kurz vor oder unter den Kaisern,
+geblühet haben. Von dem Kleomenes ist es unstreitig; von dem
+Archelaus ist es höchst wahrscheinlich; und von dem Salpion kann
+wenigstens das Gegenteil auf keine Weise erwiesen werden. Und so von
+den übrigen; den Athenodorus nicht ausgeschlossen.
+
+Herr Winckelmann selbst mag hierüber Richter sein! Doch protestiere
+ich gleich im voraus wider den umgekehrten Satz. Wenn alle Künstler,
+welche epoihse gebraucht, unter die späten gehören: so gehören darum
+nicht alle, die sich des epoiei bedienet, unter die ältern. Auch
+unter den spätern Künstlern können einige diese einem großen Manne so
+wohl anstehende Bescheidenheit wirklich besessen, und andere sie zu
+besitzen sich gestellet haben.
+
+
+
+XXVIII.
+
+
+Nach dem Laokoon war ich auf nichts neugieriger, als auf das, was
+Herr Winckelmann von dem sogenannten Borghesischen Fechter sagen
+möchte. Ich glaube eine Entdeckung über diese Statue gemacht zu
+haben, auf die ich mir alles einbilde, was man sich auf dergleichen
+Entdeckungen einbilden kann.
+
+Ich besorgte schon, Herr Winckelmann würde mir damit zuvorgekommen
+sein. Aber ich finde nichts dergleichen bei ihm; und wenn nunmehr
+mich etwas mißtrauisch in ihre Richtigkeit machen könnte, so würde es
+eben das sein, daß meine Besorgnis nicht eingetroffen.
+
+"Einige", sagt Herr Winckelmann 1), "machen aus dieser Statue einen
+Discobolus, das ist, der mit dem Disco, oder mit einer Scheibe von
+Metall, wirft, und dieses war die Meinung des berühmten Herrn von
+Stosch in einem Schreiben an mich, aber ohne genugsame Betrachtung
+des Standes, worin dergleichen Figur will gesetzt sein. Denn
+derjenige, welcher etwas werfen will, muß sich mit dem Leibe
+hinterwärts zurückziehen, und indem der Wurf geschehen soll, liegt
+die Kraft auf dem nächsten Schenkel, und das linke Bein ist müßig:
+hier aber ist das Gegenteil. Die ganze Figur ist vorwärts geworfen,
+und ruhet auf dem linken Schenkel, und das rechte Bein ist
+hinterwärts auf das äußerste ausgestrecket. Der rechte Arm ist neu,
+und man hat ihm in die Hand ein Stück von einer Lanze gegeben, auf
+dem linken Arme sieht man den Riem von dem Schilde, welchen er
+gehalten hat. Betrachtet man, daß der Kopf und die Augen aufwärts
+gerichtet sind, und daß die Figur sich mit dem Schilde vor etwas, das
+von oben her kommt, zu verwahren scheint, so könnte man diese Statue
+mit mehrerem Rechte für eine Vorstellung eines Soldaten halten,
+welcher sich in einem gefährlichen Stande besonders verdient gemacht
+hat: denn Fechtern in Schauspielen ist die Ehre einer Statue unter
+den Griechen vermutlich niemals widerfahren: und dieses Werk scheinet
+älter als die Einführung der Fechter unter den Griechen zu sein."
+
+{1. Geschichte der Kunst, T. II. S. 394.}
+
+Man kann nicht richtiger urteilen. Diese Statue ist ebensowenig ein
+Fechter, als ein Discobolus; es ist wirklich die Vorstellung eines
+Kriegers, der sich in einer solchen Stellung bei einer gefährlichen
+Gelegenheit hervortat. Da Herr Winckelmann aber dieses so glücklich
+erriet: wie konnte er hier stehen bleiben? Wie konnte ihm der
+Krieger nicht beifallen, der vollkommen in dieser nämlichen Stellung
+die völlige Niederlage eines Heeres abwandte, und dem sein
+erkenntliches Vaterland eine Statue vollkommen in der nämlichen
+Stellung setzen ließ?
+
+Mit einem Worte: die Statue ist Chabrias.
+
+Der Beweis ist folgende Stelle des Nepos in dem Leben dieses
+Feldherrn 2). Hic quoque in summis habitus est ducibus: resque
+multas memoria dignas gessit. Sed ex his elucet maxime inventum ejus
+in proelio, quod apud Thebas fecit, quum Boeotiis subsidio venisset.
+Namque in eo victoriae fidente summo duce Agesilao, fugatis jam ab eo
+conductitiis catervis, reliquam phalangem loco vetuit cedere,
+obnixoque genu scuto, projectaque hasta impetum excipere hostium
+docuit. Id novum Agesilaus contuens, progredi non est ausus, suosque
+jam incurrentes tuba revocavit. Hoc usque eo tota Graecia fama
+celebratum est, ut illo statu Chabrias sibi statuam fieri voluerit,
+quae publice ei ab Atheniensibus in foro constituta est. Ex quo
+factum est, ut postea athletae, ceterique artifices his statibus in
+statuis ponendis uterentur, in quibus victoriam essent adepti.
+
+{2. cap. I.}
+
+Ich weiß es, man wird noch einen Augenblick anstehen, mir Beifall zu
+geben; aber ich hoffe, auch wirklich nur einen Augenblick. Die
+Stellung des Chabrias scheinet nicht vollkommen die nämliche zu sein,
+in welcher wir die Borghesische Statue erblicken. Die vorgeworfene
+Lanze, projecta hasta, ist beiden gemein, aber das obnixo genu scuto
+erklären die Ausleger durch obnixo in scutum, obfirmato genu ad
+scutum: Chabrias wies seinen Soldaten, wie sie sich mit dem Knie
+gegen das Schild stemmen, und hinter demselben den Feind abwarten
+sollten; die Statue hingegen hält das Schild hoch. Aber wie, wenn
+die Ausleger sich irrten? Wie, wenn die Worte obnixo genu scuto
+nicht zusammen gehörten, und man obnixo genu besonders, und scuto
+besonders, oder mit dem darauf folgenden projectaque hasta zusammen
+lesen müßte? Man mache ein einziges Komma, und die Gleichheit ist
+nunmehr so vollkommen als möglich. Die Statue ist ein Soldat, qui
+obnixo genu 3), scuto projectaque hasta impetum hostis excipit; sie
+zeigt, was Chabrias tat, und ist die Statue des Chabrias. Daß das
+Komma wirklich fehle, beweiset das dem projecta angehängte que,
+welches, wenn obnixo genu scuto zusammengehörten, überflüssig sein
+würde, wie es denn auch wirklich einige Ausgaben daher weglassen.
+
+{3. So sagt Statius obnixa pectora (Thebaid. lib. VI. v. 863).
+
+ --rumpunt obnixa furentes
+ Pectora.
+
+
+welches der alte Glossator des Barths durch summa vi contra nitentia
+erklÄrt. So sagt Ovid (Halieut. v. 11) obnixa fronte, wenn er von
+der Meerbramse (Scaro) spricht, die sich nicht mit dem Kopfe, sondern
+mit dem Schwanze durch die Reusen zu arbeiten sucht:
+
+ Non audet radiis obnixa occurrere fronte.}
+
+
+Mit dem hohen Alter, welches dieser Statue sonach zukÄme, stimmt die
+Form der Buchstaben in der darauf befindlichen Aufschrift des
+Meisters vollkommen Überein; und Herr Winckelmann selbst hat aus
+derselben geschlossen, daß es die älteste von den gegenwärtigen
+Statuen in Rom sei, auf welchen sich der Meister angegeben hat.
+Seinem scharfsichtigen Blicke überlasse ich es, ob er sonst in
+Ansehung der Kunst etwas daran bemerket, welches mit meiner Meinung
+streiten kÖnnte. Sollte er sie seines Beifalles würdigen, so dürfte
+ich mich schmeicheln, ein besseres Exempel gegeben zu haben, wie
+glücklich sich die klassischen Schriftsteller durch die alten
+Kunstwerke, und diese hinwiederum aus jenen aufklären lassen, als in
+dem ganzen Folianten des Spence zu finden ist.
+
+
+
+XXIX.
+
+
+Bei der unermeßlichen Belesenheit, bei den ausgebreitetsten feinsten
+Kenntnissen der Kunst, mit welchen sich Herr Winckelmann an sein Werk
+machte, hat er mit der edeln Zuversicht der alten Artisten gearbeitet,
+die allen ihren Fleiß auf die Hauptsache verwandten, und was
+Nebendinge waren, entweder mit einer gleichsam vorsätzlichen
+Nachlässigkeit behandelten, oder gänzlich der ersten der besten
+fremden Hand überließen.
+
+Es ist kein geringes Lob, nur solche Fehler begangen zu haben, die
+ein jeder hätte vermeiden können. Sie stoßen bei der ersten
+flüchtigen Lektüre auf, und wenn man sie anmerken darf, so muß es nur
+in der Absicht geschehen, um gewisse Leute, welche allein Augen zu
+haben glauben, zu erinnern, daß sie nicht angemerkt zu werden
+verdienen.
+
+Schon in seinen Schriften über die Nachahmung der griechischen
+Kunstwerke ist Herr Winckelmann einige Male durch den Junius verführt
+worden. Junius ist ein sehr verfänglicher Autor; sein ganzes Werk
+ist ein Cento, und da er immer mit den Worten der Alten reden will,
+so wendet er nicht selten Stellen aus ihnen auf die Malerei an, die
+an ihrem Orte von nichts weniger als von der Malerei handeln. Wenn
+zum Exempel Herr Winckelmann lehren will, daß sich durch die bloße
+Nachahmung der Natur das Höchste in der Kunst, ebensowenig wie in der
+Poesie erreichen lasse, daß sowohl Dichter als Maler lieber das
+Unmögliche, welches wahrscheinlich ist, als das bloß Mögliche wählen
+müsse: so setzt er hinzu: "Die Möglichkeit und Wahrheit, welche
+Longin von einem Maler im Gegensatze des Unglaublichen bei dem
+Dichter fodert, kann hiermit sehr wohl bestehen." Allein dieser
+Zusatz wäre besser weggeblieben; denn er zeiget die zwei größten
+Kunstrichter in einem Widerspruche, der ganz ohne Grund ist. Es ist
+falsch, daß Longin so etwas jemals gesagt hat. Er sagt etwas
+Ähnliches von der Beredsamkeit und Dichtkunst, aber keinesweges von
+der Dichtkunst und Malerei. WV d' eteron ti h rhtorikh jantasia
+bouletai, kai eteron h para poihtaiV, ouk an laJoi se, schreibt er an
+seinen Terentian 1); oud' oti thV men en poihsei teloV estin ekplhxiV,
+thV d' en logoiV enargeia. Und wiederum: Ou mhn alla ta men para
+toiV poihtaiV muJikwteran ecei thn uperekptwsin, kai panth to piston
+uperairousan· thV de rhtorikhV jantasiaV, kalliston aei to emprakton
+kai enalhJeV. Nur Junius schiebt, anstatt der Beredsamkeit, die
+Malerei hier unter; und bei ihm war es, nicht bei dem Longin, wo Herr
+Winckelmann gelesen hatte 2): Praesertim cum poeticae phantasiae
+finis sit ekplhxiV, pictoriae vero, enargeia. Kai ta men para toiV
+poihtaiV, ut loquitur idem Longinus, usw. Sehr wohl; Longins Worte,
+aber nicht Longins Sinn!
+
+{1. Peri uyouV. tmhma id'. Edit. T. Fabri. p. 36. 39.}
+
+{2. De pictura vet. lib. I. cap. 4. p. 33.}
+
+Mit folgender Anmerkung muß es ihm ebenso gegangen sein: "Alle
+Handlungen", sagt er 3), "und Stellungen der griechischen Figuren,
+die mit dem Charakter der Weisheit nicht bezeichnet, sondern gar zu
+feurig und zu wild waren, verfielen in einen Fehler, den die alten
+Künstler Parenthyrsus nannten." Die alten Künstler? Das dürfte nur
+aus dem Junius zu erweisen sein. Denn Parenthyrsus war ein
+rhetorisches Kunstwort, und vielleicht, wie die Stelle des Longins zu
+verstehen zu geben scheinet, auch nur dem einzigen Theodor eigen 4).
+Toutw parakeitai triton ti kakiaV eidoV en toiV paJhtikoiV, oper o
+QeodwroV parenJurson ekalei· esti de paJoV akairon kai kenon, enJa mh
+dei paJouV· h ametron, enJa metriou dei. Ja ich zweifle sogar, ob
+sich überhaupt dieses Wort in die Malerei übertragen läßt. Denn in
+der Beredsamkeit und Poesie gibt es ein Pathos, das so hoch getrieben
+werden kann als möglich, ohne Parenthyrsus zu werden; und nur das
+höchste Pathos an der unrechten Stelle, ist Parenthyrsus. In der
+Malerei aber würde das höchste Pathos allezeit Parenthyrsus sein,
+wenn es auch durch die Umstände der Person, die es äußert, noch so
+wohl entschuldigt werden könnte.
+
+{3. Von der Nachahmung der griech. Werke usw. S. 23.}
+
+{4. Tmhma b'.}
+
+Dem Ansehen nach werden also auch verschiedene Unrichtigkeiten in der
+"Geschichte der Kunst" bloß daher entstanden sein, weil Herr
+Winckelmann in der Geschwindigkeit nur den Junius und nicht die
+Quellen selbst zu Rate ziehen wollen. Z. E.: Wenn er durch Beispiele
+zeigen will, daß bei den Griechen alles Vorzügliche in allerlei Kunst
+und Arbeit besonders geschätzet worden, und der beste Arbeiter in der
+geringsten Sache zur Verewigung seines Namens gelangen können: so
+führet er unter andern auch dieses an 5): "Wir wissen den Namen eines
+Arbeiters von sehr richtigen Wagen, oder Wageschalen; er hieß
+Parthenius." Herr Winckelmann muß die Worte des Juvenals, auf die er
+sich desfalls beruft, lances Parthenio factas, nur in dem Katalogo
+des Junius gelesen haben. Denn hätte er den Juvenal selbst
+nachgesehen, so würde er sich nicht von der Zweideutigkeit des Wortes
+lanx haben verführen lassen, sondern sogleich aus dem Zusammenhange
+erkannt haben, daß der Dichter nicht Wagen oder Wageschalen, sondern
+Teller und Schüsseln meine. Juvenal rühmt nämlich den Catullus, daß
+er es bei einem gefährlichen Sturme zur See wie der Biber gemacht,
+welcher sich die Geilen abbeißt, um das Leben davon zu bringen; daß
+er seine kostbarsten Sachen ins Meer werfen lassen, um nicht mitsamt
+dem Schiffe unterzugehen. Diese kostbaren Sachen beschreibt er, und
+sagt unter anderm:
+
+{5. Geschichte der Kunst, T. I. S. 136.}
+
+ Ille nec argentum dubitabat mittere, lances
+ Parthenio factas, urnae cratera capacem
+ Et dignum sitiente Pholo, vel conjuge Fusci.
+ Adde et bascaudas et mille escaria, multum
+ Caelati, biberat quo callidus emtor Olynthi.
+
+
+Lances, die hier mitten unter Bechern und Schwenkkesseln stehen, was
+kÖnnen es anders sein, als Teller und SchÜsseln? Und was will
+Juvenal anders sagen, als daß Catull sein ganzes silbernes Eßgeschirr,
+unter welchem sich auch Teller von getriebener Arbeit des Parthenius
+befanden, ins Meer werfen lassen. Parthenius, sagt der alte
+Scholiast, caelatoris nomen. Wenn aber GrangÄus, in seinen
+Anmerkungen, zu diesem Namen hinzusetzt: sculptor, de quo Plinius, so
+muß er dieses wohl nur auf gutes Glück hingeschrieben haben: denn
+Plinius gedenkt keines Künstlers dieses Namens.
+
+"Ja," fährt Herr Winckelmann fort, "es hat sich der Name des Sattlers,
+wie wir ihn nennen würden, erhalten, der den Schild des Ajax von
+Leder machte." Aber auch dieses kann er nicht daher genommen haben,
+wohin er seine Leser verweiset; aus dem Leben des Homers, vom
+Herodotus. Denn hier werden zwar die Zeilen aus der Iliade
+angeführet, in welchen der Dichter diesem Lederarbeiter den Namen
+Tychius beilegt; es wird aber auch zugleich ausdrücklich gesagt, daß
+eigentlich ein Lederarbeiter von des Homers Bekanntschaft so geheißen,
+dem er durch Einschaltung seines Namens seine Freundschaft und
+Erkenntlichkeit bezeigen wollen 6): Apedwke de carin kai Tuciw tv
+skutei, oV edexato auton en tv New teicei, proselJonta proV to
+skuteion, en toiV epesi katazeuxaV en th Iliadi toisde.
+
+{6. Herodotus de vita Homeri, p. 756. Edit. Wessel.}
+
+ AiaV d' egguJen hlJe, jerwn sakoV hute purgon,
+ Calkeon, eptaboeion· o oi TucioV kame teucwn
+ Skutotomwn oc' aristoV, Ulh eni oikia naiwn.
+
+
+Es ist also grade das Gegenteil von dem, was uns Herr Winckelmann
+versichern will; der Name des Sattlers, welcher das Schild des Ajax
+gemacht hatte, war schon zu des Homers Zeiten so vergessen, daß der
+Dichter die Freiheit hatte, einen ganz fremden Namen dafÜr
+unterzuschieben.
+
+Verschiedene andere kleine Fehler sind bloße Fehler des GedÄchtnisses,
+oder betreffen Dinge, die er nur als beiläufige Erläuterungen
+anbringst. Z. E.
+
+Es war Herkules, und nicht Bacchus, von welchem sich Parrhasius
+rühmte, daß er ihm in der Gestalt erschienen sei, in welcher er ihn
+gemalt 7).
+
+{7. Gesch. der Kunst, T. I. S. 167. Plinius lib. XXXV. sect. 36.
+Athenaeus lib. XII. p. 543.}
+
+Tauriskus war nicht aus Rhodus, sondern aus Tralles in Lydien 8).
+
+{8. Gesch. der Kunst, T. II. S. 353. Plinius lib. XXXVI. sect. 4. p.
+729.1. 17.}
+
+Die Antigone ist nicht die erste TragÖdie des Sophokles 9).
+
+{9. Gesch. der Kunst, T. II. S. 328. "Er führte die Antigone, sein
+erstes Trauerspiel, im dritten Jahre der siebenundsiebenzigsten
+Olympias auf." Die Zeit ist ungefähr richtig, aber daß dieses erste
+Trauerspiel die "Antigone" gewesen sei, das ist ganz unrichtig.
+Samuel Petit, den Herr Winckelmann in der Note anführt, hat dieses
+auch gar nicht gesagt; sondern die "Antigone" ausdrücklich in das
+dritte Jahr der vierundachtzigsten Olympias gesetzt. Sophokles ging
+das Jahr darauf mit dem Perikles nach Samos, und das Jahr dieser
+Expedition kann zuverlässig bestimmt werden. Ich zeige in meinem
+"Leben des Sophokles", aus der Vergleichung mit einer Stelle des
+älteren Plinius, daß das erste Trauerspiel dieses Dichters,
+wahrscheinlicherweise, "Triptolemus" gewesen. Plinius redet nämlich
+(libr. XVIII. sect. 12. p. 107. Edit. Hard.) von der verschiedenen
+Güte des Getreides in verschiednen Ländern und schließt: Hae fuere
+sententiae, Alexandro magno regnante, cum clarissima fuit Graecia,
+atque in toto terrarum orbe potentissima; ita tamen ut ante mortem
+ejus annis fere CXLV Sophocles poeta in fabula "Triptolemo" frumentum
+Italicum ante cuncta laudaverit, ad verbum translata sententia:
+
+ Et fortunatam Italiam frumento canere candido.
+
+Nun ist zwar hier nicht ausdrücklich von dem ersten Trauerspiele des
+Sophokles die Rede; allein es stimmt die Epoche desselben, welche
+Plutarch und der Scholiast und die Arundelschen Denkmäler einstimmig
+in die siebenundsiebzigste Olympias setzen, mit der Zeit, in welche
+Plinius den "Triptolemus" setzet, so genau überein, daß man nicht
+wohl anders als diesen "Triptolemus" selbst für das erste Trauerspiel
+des Sophokles erkennen kann. Die Berechnung ist gleich geschehen.
+Alexander starb in der hundertundvierzehnten Olympias;
+hundertundfünfundvierzig Jahr betragen sechsunddreißig Olympiaden und
+ein Jahr, und diese Summe von jener abgerechnet, gibt
+siebenundsiebzig. In die siebenundsiebzigste Olympias fällt also der
+Triptolemus des Sophokles, und da in eben diese Olympias, und zwar,
+wie ich beweise, in das letzte Jahr derselben, auch das erste
+Trauerspiel desselben fällt: so ist der Schluß ganz natürlich, daß
+beide Trauerspiele eines sind. Ich zeige zugleich ebendaselbst, daß
+Petit die ganze Hälfte des Kapitels seiner Miscellaneorum (XVIII. lib.
+III. eben dasselbe, welches Herr Winckelmann anführt) sich hätte
+ersparen können. Es ist unnötig, in der Stelle des Plutarchs, die er
+daselbst verbessern will, den Archon Aphepsion, in Demotion, oder
+aneyioV zu verwandeln. Er hätte aus dem dritten Jahr der 77ten
+Olympias nur in das vierte derselben gehen dürfen, und er würde
+gefunden haben, daß der Archon dieses Jahres von den Schriftstellern
+ebenso oft, wo nicht noch öftrer, Aphepsion, als Phädon genennet wird.
+Phädon nennet ihn Diodorus Siculus, Dionysius Halicarnasseus und
+der Ungenannte in seinem Verzeichnisse der Olympiaden. Aphepsion
+hingegen nennen ihn die Arundelschen Marmor, Apollodorus, und der
+diesen anführt, Diogenes Laërtius. Plutarchus aber nennet ihn auf
+beide Weise; im Leben des Theseus Phädon, und in dem Leben des Cimons,
+Aphepsion. Es ist also wahrscheinlich, wie Palmerius vermutet,
+Aphepsionem et Phaedonem archontas fuisse eponymos: scilicet uno in
+magistratu mortuo, suffectus fuit alter. (Exercit. p. 452.)--Vom
+Sophokles, erinnere ich noch gelegentlich, hatte Herr Winckelmann
+auch schon in seiner ersten Schrift von der Nachahmung der
+griechischen Kunstwerke (S. 8) eine Unrichtigkeit einfließen lassen.
+"Die schönsten jungen Leute tanzten unbekleidet auf dem Theater und
+Sophokles, der große Sophokles, war der erste, der in seiner Jugend
+dieses Schauspiel seinen Bürgern gab." Auf dem Theater hat Sophokles
+nie nackend getanzt; sondern um die Tropäen nach dem salaminischen
+Siege, und auch nur nach einigen nackend, nach andern aber bekleidet
+(Athen. lib. I. p. m. 20.). Sophokles war nämlich unter den Knaben,
+die man nach Salamis in Sicherheit gebracht hatte; und hier auf
+dieser Insul war es, wo es damals der tragischen Muse alle ihre drei
+Lieblinge, in einer vorbildenden Gradation, zu versammeln beliebte.
+Der kühne Aeschylus half siegen; der blühende Sophokles tanzte um die
+Tropäen, und Euripides ward an eben dem Tage des Sieges, auf eben der
+glücklichen Insel geboren.}
+
+Doch ich enthalte mich, dergleichen Kleinigkeiten auf einen Haufen zu
+tragen. Tadelsucht könnte es zwar nicht scheinen; aber wer meine
+Hochachtung für den Herrn Winckelmann kennet, dürfte es für
+Krokylegmus halten.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Laokoon, von Gotthold Ephraim
+Lessing.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Laokoon, by Gotthold Ephraim Lessing
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LAOKOON ***
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
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+electronic works. See paragraph 1.E below.
+
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+Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
+of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
+works in the collection are in the public domain in the United
+States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
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+The Project Gutenberg EBook of Laokoon, by Gotthold Ephraim Lessing
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+Title: Laokoon
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+Author: Gotthold Ephraim Lessing
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+Release Date: November, 2004 [EBook #6889]
+[This file was first posted on February 7, 2003]
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+Edition: 10
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+Language: German
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+Character set encoding: ASCII
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, LAOKOON ***
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+Thanks are given to Delphine Lettau for finding a huge collection of ancient
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+German books in London.
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+
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+Laokoon
+oder
+Ueber die Grenzen der Malerei und Poesie
+
+Gotthold Ephraim Lessing
+
+Mit beilaeufigen Erlaeuterungen verschiedener Punkte der alten
+Kunstgeschichte
+
+
+
+Vorrede
+
+Der erste, welcher die Malerei und Poesie miteinander verglich, war
+ein Mann von feinem GefUehle, der von beiden Kuensten eine Aehnliche
+Wirkung auf sich verspuerte. Beide, empfand er, stellen uns abwesende
+Dinge als gegenwaertig, den Schein als Wirklichkeit vor; beide
+taeuschen, und beider Taeuschung gefaellt.
+
+Ein zweiter suchte in das Innere dieses Gefallens einzudringen, und
+entdeckte, dass es bei beiden aus einerlei Quelle fliesse. Die
+SchOenheit, deren Begriff wir zuerst von koerperlichen Gegenstaenden
+abziehen, hat allgemeine Regeln, die sich auf mehrere Dinge anwenden
+lassen; auf Handlungen, auf Gedanken, sowohl als auf Formen.
+
+Ein dritter, welcher ueber den Wert und ueber die Verteilung dieser
+allgemeinen Regeln nachdachte, bemerkte, dass einige mehr in der
+Malerei, andere mehr in der Poesie herrschten; dass also bei diesen
+die Poesie der Malerei, bei jenen die Malerei der Poesie mit
+Erlaeuterungen und Beispielen aushelfen koenne.
+
+Das erste war der Liebhaber; das zweite der Philosoph; das dritte der
+Kunstrichter.
+
+Jene beiden konnten nicht leicht, weder von ihrem Gefuehl, noch von
+ihren Schluessen, einen unrechten Gebrauch machen. Hingegen bei den
+Bemerkungen des Kunstrichters beruhet das meiste in der Richtigkeit
+der Anwendung auf den einzeln Fall; und es waere ein Wunder, da es
+gegen einen scharfsinnigen Kunstrichter funfzig witzige gegeben hat,
+wenn diese Anwendung jederzeit mit aller der Vorsicht waere gemacht
+worden, welche die Wage zwischen beiden Kuensten gleich erhalten muss.
+
+Falls Apelles und Protogenes, in ihren verlornen Schriften von der
+Malerei, die Regeln derselben durch die bereits festgesetzten Regeln
+der Poesie bestaetiget und erlaeutert haben, so darf man sicherlich
+glauben, dass es mit der Maessigung und Genauigkeit wird geschehen sein,
+mit welcher wir noch itzt den Aristoteles, Cicero, Horaz, Quintilian,
+in ihren Werken die Grundsaetze und Erfahrungen der Malerei auf die
+Beredsamkeit und Dichtkunst anwenden sehen. Es ist das Vorrecht der
+Alten, keiner Sache weder zu viel noch zu wenig zu tun.
+
+Aber wir Neuern haben in mehrern Stuecken geglaubt, uns weit ueber sie
+wegzusetzen, wenn wir ihre kleinen Lustwege in Landstrassen
+verwandelten; sollten auch die kuerzern und sichrern Landstrassen
+darueber zu Pfaden eingehen, wie sie durch Wildnisse fuehren.
+
+Die blendende Antithese des griechischen Voltaire, dass die Malerei
+eine stumme Poesie, und die Poesie eine redende Malerei sei, stand
+wohl in keinem Lehrbuche. Es war ein Einfall, wie Simonides mehrere
+hatte; dessen wahrer Teil so einleuchtend ist, dass man das
+Unbestimmte und Falsche, welches er mit sich fuehret, uebersehen zu
+muessen glaubet.
+
+Gleichwohl uebersahen es die Alten nicht. Sondern indem sie den
+Ausspruch des Simonides auf die Wirkung der beiden Kuenste
+einschraenkten, vergassen sie nicht einzuschaerfen, dass, ohngeachtet der
+vollkommenen Aehnlichkeit dieser Wirkung, sie dennoch, sowohl in den
+Gegenstaenden als in der Art ihrer Nachahmung (ulh kai tropoiV
+mimhsewV) verschieden waeren.
+
+Voellig aber, als ob sich gar keine solche Verschiedenheit faende,
+haben viele der neuesten Kunstrichter aus jener Uebereinstimmung der
+Malerei und Poesie die krudesten Dinge von der Welt geschlossen.
+Bald zwingen sie die Poesie in die engern Schranken der Malerei; bald
+lassen sie die Malerei die ganze weite Sphaere der Poesie fuellen.
+Alles was der einen recht ist, soll auch der andern vergoennt sein;
+alles was in der einen gefaellt oder missfaellt, soll notwendig auch in
+der andern gefallen oder missfallen; und voll von dieser Idee,
+sprechen sie in dem zuversichtlichsten Tone die seichtesten Urteile,
+wenn sie, in den Werken des Dichters und Malers ueber einerlei Vorwurf,
+die darin bemerkten Abweichungen voneinander zu Fehlern machen, die
+sie dem einen oder dem andern, nach dem sie entweder mehr Geschmack
+an der Dichtkunst oder an der Malerei haben, zur Last legen.
+
+Ja diese Afterkritik hat zum Teil die Virtuosen selbst verfuehret.
+Sie hat in der Poesie die Schilderungssucht, und in der Malerei die
+Allegoristerei erzeuget; indem man jene zu einem redenden Gemaelde
+machen wollen, ohne eigentlich zu wissen, was sie malen koenne und
+solle, und diese zu einem stummen Gedichte, ohne ueberlegt zu haben,
+in welchem Masse sie allgemeine Begriffe ausdruecken koenne, ohne sich
+von ihrer Bestimmung zu entfernen, und zu einer willkuerlichen
+Schriftart zu werden.
+
+Diesem falschen Geschmacke, und jenen ungegruendeten Urteilen
+entgegenzuarbeiten, ist die vornehmste Absicht folgender Aufsaetze.
+
+Sie sind zufaelliger Weise entstanden, und mehr nach der Folge meiner
+Lektuere, als durch die methodische Entwickelung allgemeiner
+Grundsaetze angewachsen. Es sind also mehr unordentliche Kollektanea
+zu einem Buche, als ein Buch.
+
+Doch schmeichle ich mir, dass sie auch als solche nicht ganz zu
+verachten sein werden. An systematischen Buechern haben wir Deutschen
+ueberhaupt keinen Mangel. Aus ein paar angenommenen Worterklaerungen
+in der schoensten Ordnung alles, was wir nur wollen, herzuleiten,
+darauf verstehen wir uns, trotz einer Nation in der Welt.
+
+Baumgarten bekannte, einen grossen Teil der Beispiele in seiner
+Aesthetik Gesners Woerterbuche schuldig zu sein. Wenn mein
+Raisonnement nicht so buendig ist als das Baumgartensche, so werden
+doch meine Beispiele mehr nach der Quelle schmecken.
+
+Da ich von dem Laokoon gleichsam aussetzte, und mehrmals auf ihn
+zurueckkomme, so habe ich ihm auch einen Anteil an der Aufschrift
+lassen wollen. Andere kleine Ausschweifungen ueber verschiedene
+Punkte der alten Kunstgeschichte tragen weniger zu meiner Absicht bei,
+und sie stehen nur da, weil ich ihnen niemals einen bessern Platz zu
+geben hoffen kann.
+
+Noch erinnere ich, dass ich unter dem Namen der Malerei die bildenden
+Kuenste ueberhaupt begreife; so wie ich nicht dafuer stehe, dass ich
+nicht unter dem Namen der Poesie auch auf die uebrigen Kuenste, deren
+Nachahmung fortschreitend ist, einige Ruecksicht nehmen duerfte.
+
+
+
+I.
+
+
+Das allgemeine vorzuegliche Kennzeichen der griechischen Meisterstuecke
+in der Malerei und Bildhauerkunst setzet Herr Winckelmann in eine
+edele Einfalt und stille Groesse, sowohl in der Stellung als im
+Ausdrucke. "So wie die Tiefe des Meeres", sagt er 1), "allezeit
+ruhig bleibt, die Oberflaeche mag auch noch so wueten, ebenso zeiget
+der Ausdruck in den Figuren der Griechen bei allen Leidenschaften
+eine grosse und gesetzte Seele.
+
+{1. Von der Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und
+Bildhauerkunst, S. 21. 22.}
+
+Diese Seele schildert sich in dem Gesichte des Laokoons, und nicht in
+dem Gesichte allein, bei dem heftigsten Leiden. Der Schmerz, welcher
+sich in allen Muskeln und Sehnen des Koerpers entdecket, und den man
+ganz allein, ohne das Gesicht und andere Teile zu betrachten, an dem
+schmerzlich eingezogenen Unterleibe beinahe selbst zu empfinden
+glaubt; dieser Schmerz, sage ich, aeussert sich dennoch mit keiner Wut
+in dem Gesichte und in der ganzen Stellung. Er erhebt kein
+schreckliches Geschrei, wie Virgil von seinem Laokoon singet; die
+Oeffnung des Mundes gestattet es nicht: es ist vielmehr ein
+aengstliches und beklemmtes Seufzen, wie es Sadolet beschreibet. Der
+Schmerz des Koerpers und die Groesse der Seele sind durch den ganzen Bau
+der Figur mit gleicher Staerke ausgeteilet, und gleichsam abgewogen.
+Laokoon leidet, aber er leidet wie des Sophokles Philoktet: sein
+Elend gehet uns bis an die Seele; aber wir wuenschten, wie dieser
+grosse Mann das Elend ertragen zu koennen.
+
+Der Ausdruck einer so grossen Seele geht weit ueber die Bildung der
+schoenen Natur. Der Kuenstler musste die Staerke des Geistes in sich
+selbst fuehlen, welche er seinem Marmor einpraegte. Griechenland hatte
+Kuenstler und Weltweise in einer Person, und mehr als einen Metrodor.
+Die Weisheit reichte der Kunst die Hand, und blies den Figuren
+derselben mehr als gemeine Seelen ein, usw."
+
+Die Bemerkung, welche hier zum Grunde liegt, dass der Schmerz sich in
+dem Gesichte des Laokoon mit derjenigen Wut nicht zeige, welche man
+bei der Heftigkeit desselben vermuten sollte, ist vollkommen richtig.
+Auch das ist unstreitig, dass eben hierin, wo ein Halbkenner den
+Kuenstler unter der Natur geblieben zu sein, das wahre Pathetische des
+Schmerzes nicht erreicht zu haben, urteilen duerfte; dass, sage ich,
+eben hierin die Weisheit desselben ganz besonders hervorleuchtet.
+
+Nur in dem Grunde, welchen Herr Winckelmann dieser Weisheit gibt, in
+der Allgemeinheit der Regel, die er aus diesem Grunde herleitet, wage
+ich es, anderer Meinung zu sein.
+
+Ich bekenne, dass der missbilligende Seitenblick, welchen er auf den
+Virgil wirft, mich zuerst stutzig gemacht hat; und naechstdem die
+Vergleichung mit dem Philoktet. Von hier will ich ausgehen, und
+meine Gedanken in eben der Ordnung niederschreiben, in welcher sie
+sich bei mir entwickelt.
+
+"Laokoon leidet, wie des Sophokles Philoktet." Wie leidet dieser? Es
+ist sonderbar, dass sein Leiden so verschiedene Eindruecke bei uns
+zurueckgelassen.--Die Klagen, das Geschrei, die wilden Verwuenschungen,
+mit welchen sein Schmerz das Lager erfuellte, und alle Opfer, alle
+heilige Handlungen stoerte, erschollen nicht minder schrecklich durch
+das oede Eiland, und sie waren es, die ihn dahin verbannten. Welche
+Toene des Unmuts, des Jammers, der Verzweiflung, von welchen auch der
+Dichter in der Nachahmung das Theater durchhallen liess.--Man hat den
+dritten Aufzug dieses Stuecks ungleich kuerzer, als die uebrigen
+gefunden. Hieraus sieht man, sagen die Kunstrichter 2), dass es den
+Alten um die gleiche Laenge der Aufzuege wenig zu tun gewesen. Das
+glaube ich auch; aber ich wollte mich desfalls lieber auf ein ander
+Exempel gruenden, als auf dieses. Die jammervollen Ausrufungen, das
+Winseln, die abgebrochenen a, a, jeu, attatai, w moi, moi! die ganzen
+Zeilen voller papai, papai, aus welchen dieser Aufzug bestehet, und
+die mit ganz andern Dehnungen und Absetzungen deklamieret werden
+mussten, als bei einer zusammenhangenden Rede noetig sind, haben in der
+Vorstellung diesen Aufzug ohne Zweifel ziemlich ebensolange dauren
+lassen, als die andern. Er scheinet dem Leser weit kuerzer auf dem
+Papiere, als er den Zuhoerern wird vorgekommen sein.
+
+{2. Brumoy, Theat. des Grecs T. II. p. 89.}
+
+Schreien ist der natuerliche Ausdruck des koerperlichen Schmerzes.
+Homers verwundete Krieger fallen nicht selten mit Geschrei zu Boden.
+Die geritzte Venus schreiet laut 3); nicht um sie durch dieses
+Geschrei als die weichliche Goettin der Wollust zu schildern, vielmehr
+um der leidenden Natur ihr Recht zu geben. Denn selbst der eherne
+Mars, als er die Lanze des Diomedes fuehlet, schreiet so graesslich, als
+schrien zehntausend wuetende Krieger zugleich, dass beide Heere sich
+entsetzen 4).
+
+{3. Iliad. E. v. 343. h de mega iacousa--}
+
+{4. Iliad. E. v. 859.}
+
+Soweit auch Homer sonst seine Helden ueber die menschliche Natur
+erhebt, so treu bleiben sie ihr doch stets, wenn es auf das Gefuehl
+der Schmerzen und Beleidigungen, wenn es auf die Aeusserung dieses
+Gefuehls durch Schreien, oder durch Traenen, oder durch Scheltworte
+ankoemmt. Nach ihren Taten sind es Geschoepfe hoeherer Art; nach ihren
+Empfindungen wahre Menschen.
+
+Ich weiss es, wir feinern Europaeer einer kluegern Nachwelt wissen ueber
+unsern Mund und ueber unsere Augen besser zu herrschen. Hoeflichkeit
+und Anstand verbieten Geschrei und Traenen. Die taetige Tapferkeit des
+ersten rauhen Weltalters hat sich bei uns in eine leidende verwandelt.
+Doch selbst unsere Ureltern waren in dieser groesser, als in jener.
+Aber unsere Ureltern waren Barbaren. Alle Schmerzen verbeissen, dem
+Streiche des Todes mit unverwandtem Auge entgegensehen, unter den
+Bissen der Nattern lachend sterben, weder seine Suende noch den
+Verlust seines liebsten Freundes beweinen, sind Zuege des alten
+nordischen Heldenmuts 5). Palnatoko gab seinen Jomsburgern das
+Gesetz, nichts zu fuerchten, und das Wort Furcht auch nicht einmal zu
+nennen.
+
+{5. Th. Bartholinus de causis contemptae a Danis adhuc gentilibus
+mortis, cap. I.}
+
+Nicht so der Grieche! Er fuehlte und furchte sich; er aeusserte seine
+Schmerzen und seinen Kummer; er schaemte sich keiner der menschlichen
+Schwachheiten; keine musste ihn aber auf dem Wege nach Ehre, und von
+Erfuellung seiner Pflicht zurueckhalten. Was bei dem Barbaren aus
+Wildheit und Verhaertung entsprang, das wirkten bei ihm Grundsaetze.
+Bei ihm war der Heroismus wie die verborgenen Funken im Kiesel, die
+ruhig schlafen, solange keine aeussere Gewalt sie wecket, und dem
+Steine weder seine Klarheit noch seine Kaelte nehmen. Bei dem
+Barbaren war der Heroismus eine helle fressende Flamme, die immer
+tobte, und jede andere gute Eigenschaft in ihm verzehrte, wenigstens
+schwaerzte.--Wenn Homer die Trojaner mit wildem Geschrei, die Griechen
+hingegen in entschlossner Stille zur Schlacht fuehret, so merken die
+Ausleger sehr wohl an, dass der Dichter hierdurch jene als Barbaren,
+diese als gesittete Voelker schildern wollen. Mich wundert, dass sie
+an einer andern Stelle eine aehnliche charakteristische
+Entgegensetzung nicht bemerket haben 6). Die feindlichen Heere haben
+einen Waffenstillestand getroffen; sie sind mit Verbrennung ihrer
+Toten beschaeftigst, welches auf beiden Teilen nicht ohne heisse Traenen
+abgehet; dakrua Jerma ceonteV. Aber Priamus verbietet seinen
+Trojanern zu weinen; oud' eia klaiein PriamoV megaV. Er verbietet
+ihnen zu weinen, sagt die Dacier, weil er besorgt, sie moechten sich
+zu sehr erweichen, und morgen mit weniger Mut an den Streit gehen.
+Wohl; doch frage ich: warum muss nur Priamus dieses besorgen? Warum
+erteilet nicht auch Agamemnon seinen Griechen das naemliche Verbot?
+Der Sinn des Dichters geht tiefer. Er will uns lehren, dass nur der
+gesittete Grieche zugleich weinen und tapfer sein koenne; indem der
+ungesittete Trojaner, um es zu sein, alle Menschlichkeit vorher
+ersticken muesse. Nemessvmai ge men ouden klaiein, laesst er an einem
+andern Orte 7) den verstaendigen Sohn des weisen Nestors sagen.
+
+{6. Iliad. H. v. 421.}
+
+{7. Odyss. D. 195.}
+
+Es ist merkwuerdig, dass unter den wenigen Trauerspielen, die aus dem
+Altertume auf uns gekommen sind, sich zwei Stuecke finden, in welchen
+der koerperliche Schmerz nicht der kleinste Teil des Ungluecks ist, das
+den leidenden Helden trifft. Ausser dem Philoktet, der sterbende
+Herkules. Und auch diesen laesst Sophokles klagen, winseln, weinen und
+schreien. Dank sei unsern artigen Nachbarn, diesen Meistern des
+Anstaendigen, dass nunmehr ein winselnder Philoktet, ein schreiender
+Herkules, die laecherlichsten unertraeglichsten Personen auf der Buehne
+sein wuerden. Zwar hat sich einer ihrer neuesten Dichter 8) an den
+Philoktet gewagt. Aber durfte er es wagen, ihnen den wahren
+Philoktet zu zeigen?
+
+{8. Chateaubrun.}
+
+Selbst ein Laokoon findet sich unter den verlornen Stuecken des
+Sophokles. Wenn uns das Schicksal doch auch diesen Laokoon gegoennet
+haette! Aus den leichten Erwaehnungen, die seiner einige alte
+Grammatiker tun, laesst sich nicht schliessen, wie der Dichter diesen
+Stoff behandelt habe. So viel bin ich versichert, dass er den Laokoon
+nicht stoischer als den Philoktet und Herkules, wird geschildert
+haben. Alles Stoische ist untheatralisch; und unser Mitleiden ist
+allezeit dem Leiden gleichmaessig, welches der interessierende
+Gegenstand aeussert. Sieht man ihn sein Elend mit grosser Seele
+ertragen, so wird diese grosse Seele zwar unsere Bewunderung erwecken,
+aber die Bewunderung ist ein kalter Affekt, dessen untaetiges Staunen
+jede andere waermere Leidenschaft, sowie jede andere deutliche
+Vorstellung ausschliesset.
+
+Und nunmehr komme ich zu meiner Folgerung. Wenn es wahr ist, dass das
+Schreien bei Empfindung koerperlichen Schmerzes, besonders nach der
+alten griechischen Denkungsart, gar wohl mit einer grossen Seele
+bestehen kann: so kann der Ausdruck einer solchen Seele die Ursache
+nicht sein, warum demohngeachtet der Kuenstler in seinem Marmor dieses
+Schreien nicht nachahmen wollen; sondern es muss einen andern Grund
+haben, warum er hier von seinem Nebenbuhler, dem Dichter, abgehet,
+der dieses Geschrei mit bestem Vorsatze ausdruecket.
+
+
+
+II.
+
+
+Es sei Fabel oder Geschichte, dass die Liebe den ersten Versuch in den
+bildenden Kuensten gemacht habe: so viel ist gewiss, dass sie den grossen
+alten Meistern die Hand zu fuehren nicht muede geworden. Denn wird
+itzt die Malerei ueberhaupt als die Kunst, welche Koerper auf Flaechen
+nachahmet, in ihrem ganzen Umfange betrieben: so hatte der weise
+Grieche ihr weit engere Grenzen gesetzet, und sie bloss auf die
+Nachahmung schoener Koerper eingeschraenket. Sein Kuenstler schilderte
+nichts als das Schoene; selbst das gemeine Schoene, das Schoene niedrer
+Gattungen, war nur sein zufaelliger Vorwurf, seine Uebung, seine
+Erholung. Die Vollkommenheit des Gegenstandes selbst musste in seinem
+Werke entzuecken; er war zu gross, von seinen Betrachtern zu verlangen,
+dass sie sich mit dem blossen kalten Vergnuegen, welches aus der
+getroffenen Aehnlichkeit, aus der Erwaegung seiner Geschicklichkeit
+entspringet, begnuegen sollten; an seiner Kunst war ihm nichts lieber,
+duenkte ihm nichts edler, als der Endzweck der Kunst.
+
+"Wer wird dich malen wollen, da dich niemand sehen will", sagt ein
+alter Epigrammatist 1) ueber einen hoechst ungestaltenen Menschen.
+Mancher neuere Kuenstler wuerde sagen: "Sei so ungestalten, wie moeglich;
+ich will dich doch malen. Mag dich schon niemand gern sehen: so
+soll man doch mein Gemaelde gern sehen; nicht insofern es dich
+vorstellt, sondern insofern es ein Beweis meiner Kunst ist, die ein
+solches Scheusal so aehnlich nachzubilden weiss." {1. Antiochus.
+(Antholog. lib. II. cap. 43). Harduin ueber den Plinius (lib. 35.
+sect. 36 p. m. 698) legt dieses Epigramm einem Piso bei. Es findet
+sich aber unter allen griechischen Epigrammatisten keiner dieses
+Namens.}
+
+Freilich ist der Hang zu dieser ueppigen Prahlerei mit leidigen
+Geschicklichkeiten, die durch den Wert ihrer Gegenstaende nicht
+geadelt werden, zu natuerlich, als dass nicht auch die Griechen ihren
+Pauson, ihren Piraeikus sollten gehabt haben. Sie hatten sie; aber
+sie liessen ihnen strenge Gerechtigkeit widerfahren. Pauson, der sich
+noch unter dem Schoenen der gemeinen Natur hielt, dessen niedriger
+Geschmack das Fehlerhafte und Haessliche an der menschlichen Bildung am
+liebsten ausdrueckte 2), lebte in der veraechtlichsten Armut 3). Und
+Piraeikus, der Barbierstuben, schmutzige Werkstaette, Esel und
+Kuechenkraeuter, mit allem dem Fleisse eines niederlaendischen Kuenstlers
+malte, als ob dergleichen Dinge in der Natur so viel Reiz haetten, und
+so selten zu erblicken waeren, bekam den Zunamen des Rhyparographen 4),
+des Kotmalers; obgleich der wolluestige Reiche seine Werke mit Gold
+aufwog, um ihrer Nichtigkeit auch durch diesen eingebildeten Wert zu
+Hilfe zu kommen.
+
+{2. Jungen Leuten, befiehlt daher Aristoteles, muss man seine Gemaelde
+nicht zeigen, um ihre Einbildungskraft, so viel moeglich, von allen
+Bildern des Haesslichen rein zu halten. (Polit. lib. VIII. cap. 5. p.
+526. Edit. Conring.) Herr Boden will zwar in dieser Stelle anstatt
+Pauson, Pausanias gelesen wissen, weil von diesem bekannt sei, dass er
+unzuechtige Figuren gemalt habe (de umbra poetica, comment. I. p.
+XIII.). Als ob man es erst von einem philosophischen Gesetzgeber
+lernen muesste, die Jugend von dergleichen Reizungen der Wollust zu
+entfernen. Er haette die bekannte Stelle in der Dichtkunst (cap. II.
+) nur in Vergleichung ziehen duerfen, um seine Vermutung
+zurueckzubehalten. Es gibt Ausleger (z. E. Kuehn, ueber den Aelian Var.
+Hist. lib. IV. cap. 3), welche den Unterschied, den Aristoteles
+daselbst zwischen dem Polygnotus, Dionysius und Pauson angibt, darin
+setzen, dass Polygnotus Goetter und Helden, Dionysius Menschen, und
+Pauson Tiere gemalt habe. Sie malten allesamt menschliche Figuren;
+und dass Pauson einmal ein Pferd malte, beweiset noch nicht, dass er
+ein Tiermaler gewesen, wofuer ihn Herr Boden haelt. Ihren Rang
+bestimmten die Grade des Schoenen, die sie ihren menschlichen Figuren
+gaben, und Dionysius konnte nur deswegen nichts als Menschen malen,
+und hiess nur darum vor allen andern der Anthropograph, weil er der
+Natur zu sklavisch folgte, und sich nicht bis zum Ideal erheben
+konnte, unter welchem Goetter und Helden zu malen, ein
+Religionsverbrechen gewesen waere.}
+
+{3. Aristophanes Plut. v. 602. et Acharnens. v. 854.}
+
+{4. Plinius lib. XXXV. sect. 37. Edit. Hard.}
+
+Die Obrigkeit selbst hielt es ihrer Aufmerksamkeit nicht fuer unwuerdig,
+den Kuenstler mit Gewalt in seiner wahren Sphaere zu erhalten. Das
+Gesetz der Thebaner, welches ihm die Nachahmung ins Schoenere befahl
+und die Nachahmung ins Haesslichere bei Strafe verbot, ist bekannt. Es
+war kein Gesetz wider den Stuemper, wofuer es gemeiniglich, und selbst
+vom Junius 5), gehalten wird. Es verdammte die griechischen Ghezzi;
+den unwuerdigen Kunstgriff, die Aehnlichkeit durch Uebertreibung der
+haesslichem Teile des Urbildes zu erreichen; mit einem Worte, die
+Karikatur.
+
+{5. De pictura vet. lib. II. cap. IV. 1.}
+
+Aus eben dem Geist des Schoenen war auch das Gesetz der Hellanodiken
+geflossen. Jeder olympische Sieger erhielt eine Statue; aber nur dem
+dreimaligen Sieger, ward eine ikonische gesetzet 6). Der
+mittelmaessigen Portraets sollten unter den Kunstwerken nicht zu viel
+werden. Denn obschon auch das Portraet ein Ideal zulaesst, so muss doch
+die Aehnlichkeit darueber herrschen; es ist das Ideal eines gewissen
+Menschen, nicht das Ideal eines Menschen ueberhaupt.
+
+{6. Plinius lib. XXXIV. sect. 9.}
+
+Wir lachen, wenn wir hoeren, dass bei den Alten auch die Kuenste
+buergerlichen Gesetzen unterworfen gewesen. Aber wir haben nicht
+immer recht, wenn wir lachen. Unstreitig muessen sich die Gesetze
+ueber die Wissenschaften keine Gewalt anmassen; denn der Endzweck der
+Wissenschaften ist Wahrheit. Wahrheit ist der Seele notwendig; und
+es wird Tyrannei, ihr in Befriedigung dieses wesentlichen
+Beduerfnisses den geringsten Zwang anzutun. Der Endzweck der Kuenste
+hingegen ist Vergnuegen; und das Vergnuegen ist entbehrlich. Also darf
+es allerdings von dem Gesetzgeber abhangen, welche Art von Vergnuegen,
+und in welchem Masse er jede Art desselben verstatten will.
+
+Die bildenden Kuenste insbesondere, ausser dem unfehlbaren Einflusse,
+den sie auf den Charakter der Nation haben, sind einer Wirkung faehig,
+welche die naehere Aufsicht des Gesetzes heischet. Erzeugten schoene
+Menschen schoene Bildsaeulen, so wirkten diese hinwiederum auf jene
+zurueck, und der Staat hatte schoenen Bildsaeulen schoene Menschen mit zu
+verdanken. Bei uns scheinet sich die zarte Einbildungskraft der
+Muetter nur in Ungeheuern zu aeussern.
+
+Aus diesem Gesichtspunkte glaube ich in gewissen alten Erzaehlungen,
+die man geradezu als Luegen verwirft, etwas Wahres zu erblicken. Den
+Muettern des Aristomenes, des Aristodamas, Alexanders des Grossen, des
+Scipio, des Augustus, des Galerius, traeumte in ihrer Schwangerschaft
+allen, als ob sie mit einer Schlange zu tun haetten. Die Schlange war
+ein Zeichen der Gottheit 7); und die schoenen Bildsaeulen und Gemaelde
+eines Bacchus, eines Apollo, eines Merkurius, eines Herkules, waren
+selten ohne eine Schlange. Die ehrlichen Weiber hatten des Tages
+ihre Augen an dem Gotte geweidet, und der verwirrende Traum erweckte
+das Bild des Tieres. So rette ich den Traum, und gebe die Auslegung
+preis, welche der Stolz ihrer Soehne und die Unverschaemtheit des
+Schmeichlers davon machten. Denn eine Ursache musste es wohl haben,
+warum die ehebrecherische Phantasie nur immer eine Schlange war.
+
+{7. Man irret sich, wenn man die Schlange nur fuer das Kennzeichen
+einer medizinischen Gottheit haelt, wie Spence, Polymetis p. 132.
+Justinus Martyr (Apolog. II. pag. 55. Edit. Sylburg.) sagt
+ausdruecklich: para panti tvn nomizomenwn par' umin Jevn, ojiV
+sumbolon mega kai musthrion anagrajetai; und es waere leicht eine
+Reihe von Monumenten anzufuehren, wo die Schlange Gottheiten begleitet,
+welche nicht die geringste Beziehung auf die Gesundheit haben.}
+
+Doch ich gerate aus meinem Wege. Ich wollte bloss festsetzen, dass bei
+den Alten die Schoenheit das hoechste Gesetz der bildenden Kuenste
+gewesen sei.
+
+Und dieses festgesetzt, folget notwendig, dass alles andere, worauf
+sich die bildenden Kuenste zugleich mit erstrecken koennen, wenn es
+sich mit der Schoenheit nicht vertraegt, ihr gaenzlich weichen, und wenn
+es sich mit ihr vertraegt, ihr wenigstens untergeordnet sein muessen.
+
+Ich will bei dem Ausdrucke stehen bleiben. Es gibt Leidenschaften
+und Grade von Leidenschaften, die sich in dem Gesichte durch die
+haesslichsten Verzerrungen aeussern, und den ganzen Koerper in so
+gewaltsame Stellungen setzen, dass alle die schoenen Linien, die ihn in
+einem ruhigern Stande umschreiben, verloren gehen. Dieser enthielten
+sich also die alten Kuenstler entweder ganz und gar, oder setzten sie
+auf geringere Grade herunter, in welchen sie eines Masses von
+Schoenheit faehig sind.
+
+Wut und Verzweiflung schaendete keines von ihren Werken. Ich darf
+behaupten, dass sie nie eine Furie gebildet haben 8).
+
+{8. Man gehe alle die Kunstwerke durch, deren Plinius und Pausanias
+und andere gedenken; man uebersehe die noch itzt vorhandenen alten
+Statuen, Basreliefs, Gemaelde: und man wird nirgends eine Furie finden.
+Ich nehme diejenigen Figuren aus; die mehr zur Bildersprache, als
+zur Kunst gehoeren, dergleichen die auf den Muenzen vornehmlich sind.
+Indes haette Spence, da er Furien haben musste, sie doch lieber von den
+Muenzen erborgen sollen, (Seguini Numis. p. 178. Spanhem. de Praest.
+Numism. Dissert. XIII. p. 639. Les Cesars de Julien, par Spanheim p.
+48.), als dass er sie durch einen witzigen Einfall in ein Werk
+bringen will, in welchem sie ganz gewiss nicht sind. Er sagt in
+seinem "Polymetis" (Dial. XVI. p. 272.): "Obschon die Furien in den
+Werken der alten Kuenstler etwas sehr Seltenes sind, so findet sich
+doch eine Geschichte, in der sie durchgaengig von ihnen angebracht
+werden. Ich meine den Tod des Meleager, als in dessen Vorstellung
+auf Basreliefs sie oefters die Althaea aufmuntern und antreiben, den
+ungluecklichen Brand, von welchem das Leben ihres einzigen Sohnes
+abhing, dem Feuer zu uebergeben. Denn auch ein Weib wuerde in ihrer
+Rache so weit nicht gegangen sein, haette der Teufel nicht ein wenig
+zugeschueret. In einem von diesen Basreliefs, bei dem Bellori (in den
+Admirandis), sieht man zwei Weiber, die mit der Althaea am Altare
+stehen, und allem Ansehen nach Furien sein sollen. Denn wer sonst
+als Furien, haette einer solchen Handlung beiwohnen wollen? Dass sie
+fuer diesen Charakter nicht schrecklich genug sind, liegt ohne Zweifel
+an der Abzeichnung. Das Merkwuerdigste aber auf diesem Werke ist die
+runde Scheibe, unten gegen die Mitte, auf welcher sich offenbar der
+Kopf einer Furie zeiget. Vielleicht war es die Furie, an die Althaea,
+so oft sie eine ueble Tat vornahm, ihr Gebet richtete, und vornehmlich
+itzt zu richten alle Ursache hatte usw."--Durch solche Wendungen kann
+man aus allem alles machen. "Wer sonst", fragt Spence, "als Furien,
+haette einer solchen Handlung beiwohnen wollen?" Ich antworte: Die
+Maegde der Althaea, welche das Feuer anzuenden und unterhalten mussten.
+Ovid sagt: (Metamorph. VIII. v. 460. 461.)
+
+ Protulit hunc (stipitem) genitrix, taedasque in fragmina poni
+ Imperat, et positis inimicos admovet ignes.
+
+
+Dergleichen taedas, lange StUecke von Kien, welche die Alten zu
+Fackeln brauchten, haben auch wirklich beide Personen in den HAenden,
+und die eine hat eben ein solches Stueck zerbrochen, wie ihre Stellung
+anzeigt. Auf der Scheibe, gegen die Mitte des Werkes, erkenne ich
+die Furie ebensowenig. Es ist ein Gesicht, welches einen heftigen
+Schmerz ausdrueckt. Ohne Zweifel soll es der Kopf des Meleagers
+selbst sein. (Metamorph. I. c. v. 515.)
+
+ Inscius atque absens flamma Meleagros in illa
+ Uritur: et caecis torreri viscera sentit
+ Ignibus: et magnos superat virtute dolores.
+
+
+Der KUenstler brauchte ihn gleichsam zum Uebergange in den folgenden
+Zeitpunkt der nAemlichen Geschichte, welcher den sterbenden Meleager
+gleich daneben zeigt. Was Spence zu Furien macht, haelt Montfaucon
+fuer Parzen, (Antiqu. expl. T. I. p. 162) den Kopf auf der Scheibe
+ausgenommen, den er gleichfalls fuer eine Furie ausgibt. Bellori
+selbst (Admirand. Tab. 77) laesst es unentschieden, ob es Parzen oder
+Furien sind. Ein Oder, welches genugsam zeiget, dass sie weder das
+eine noch das andere sind. Auch Montfaucons uebrige Auslegung sollte
+genauer sein. Die Weibsperson, welche neben dem Bette sich auf den
+Ellebogen stuetzet, haette er Kassandra und nicht Atalanta nennen
+sollen. Atalanta ist die, welche, mit dem Ruecken gegen das Bette
+gekehret, in einer traurigen Stellung sitzet. Der Kuenstler hat sie
+mit vielem Verstande von der Familie abgewendet, weil sie nur die
+Geliebte, nicht die Gemahlin des Meleagers war, und ihre Betruebnis
+ueber ein Unglueck, das sie selbst unschuldigerweise veranlasset hatte,
+die Anverwandten erbittern musste.}
+
+Zorn setzten sie auf Ernst herab. Bei dem Dichter war es der zornige
+Jupiter, welcher den Blitz schleuderte; bei dem Kuenstler nur der
+ernste.
+
+Jammer ward in Betruebnis gemildert. Und wo diese Milderung nicht
+stattfinden konnte, wo der Jammer ebenso verkleinernd als entstellend
+gewesen waere,--was tat da Timanthes? Sein Gemaelde von der Opferung
+der Iphigenia, in welchem er allen Umstehenden den ihnen eigentuemlich
+zukommenden Grad der Traurigkeit erteilte, das Gesicht des Vaters
+aber, welches den allerhOechsten haette zeigen sollen, verhuellete, ist
+bekannt, und es sind viel artige Dinge darueber gesagt worden. Er
+hatte sich, sagt dieser 9), in den traurigen Physiognomien so
+erschoepft, dass er dem Vater eine noch traurigere geben zu koennen
+verzweifelte. Er bekannte dadurch, sagt jener 10), dass der Schmerz
+eines Vaters bei dergleichen Vorfaellen ueber allen Ausdruck sei. Ich
+fuer mein Teil sehe hier weder die Unvermoegenheit des Kuenstlers, noch
+die Unvermoegenheit der Kunst. Mit dem Grade des Affekts verstaerken
+sich auch die ihm entsprechenden Zuege des Gesichts; der hoechste Grad
+hat die allerentschiedensten Zuege, und nichts ist der Kunst leichter,
+als diese auszudruecken. Aber Timanthes kannte die Grenzen, welche
+die Grazien seiner Kunst setzen. Er wusste, dass sich der Jammer,
+welcher dem Agamemnon als Vater zukam, durch Verzerrungen aeussert, die
+allezeit haesslich sind. Soweit sich Schoenheit und Wuerde mit dem
+Ausdrucke verbinden liess, so weit trieb er ihn. Das Haessliche waere er
+gern uebergangen, haette er gern gelindert; aber da ihm seine
+Komposition beides nicht erlaubte, was blieb ihm anders uebrig, als es
+zu verhuellen?--Was er nicht malen durfte, liess er erraten. Kurz,
+diese Verhuellung ist ein Opfer, das der Kuenstler der Schoenheit
+brachte. Sie ist ein Beispiel, nicht wie man den Ausdruck ueber die
+Schranken der Kunst treiben, sondern wie man ihn dem ersten Gesetze
+der Kunst, dem Gesetze der Schoenheit, unterwerfen soll.
+
+{9. Plinius lib. XXXV. sect. 36. Cum moestos pinxisset omnes,
+praecipue patruum, et tristitiae omnem imaginem consumpsisset, patris
+ipsius vultum velavit, quem digne non poterat ostendere.}
+
+{10. Summi moeroris acerbitatem arte exprimi non posse confessus est.
+Valerius Maximus lib. VIII. cap. 11.}
+
+Und dieses nun auf den Laokoon angewendet, so ist die Ursache klar,
+die ich suche. Der Meister arbeitete auf die hoechste Schoenheit,
+unter den angenommenen Umstaenden des koerperlichen Schmerzes. Dieser,
+in aller seiner entstellenden Heftigkeit, war mit jener nicht zu
+verbinden. Er musste ihn also herabsetzen; er musste Schreien in
+Seufzen mildern; nicht weil das Schreien eine unedle Seele verraet,
+sondern weil es das Gesicht auf eine ekelhafte Weise verstellet.
+Denn man reisse dem Laokoon in Gedanken nur den Mund auf, und urteile.
+Man lasse ihn schreien, und sehe. Es war eine Bildung, die Mitleid
+einfloesste, weil sie Schoenheit und Schmerz zugleich zeigte; nun ist es
+eine haessliche, eine abscheuliche Bildung geworden, von der man gern
+sein Gesicht verwendet, weil der Anblick des Schmerzes Unlust erregt,
+ohne dass die Schoenheit des leidenden Gegenstandes diese Unlust in das
+suesse Gefuehl des Mitleids verwandeln kann.
+
+Die blosse weite Oeffnung des Mundes,--beiseitegesetzt, wie gewaltsam
+und ekel auch die uebrigen Teile des Gesichts dadurch verzerret und
+verschoben werden,--ist in der Malerei ein Fleck und in der
+Bildhauerei eine Vertiefung, welche die widrigste Wirkung von der
+Welt tut. Montfaucon bewies wenig Geschmack, als er einen alten
+baertigen Kopf, mit aufgerissenem Munde, fuer einen Orakel erteilenden
+Jupiter ausgab 11). Muss ein Gott schreien, wenn er die Zukunft
+eroeffnet? Wuerde ein gefaelliger Umriss des Mundes seine Rede
+verdaechtig machen? Auch glaube ich es dem Valerius nicht, dass Ajax
+in dem nur gedachten Gemaelde des Timanthes sollte geschrien haben 12).
+Weit schlechtere Meister aus den Zeiten der schon verfallenen Kunst
+lassen auch nicht einmal die wildesten Barbaren, wenn sie unter dem
+Schwerte des Siegers Schrecken und Todesangst ergreift, den Mund bis
+zum Schreien oeffnen 13).
+
+{11. Antiquit. expl. T. I. p. 50.}
+
+{12. Er gibt naemlich die von dem Timanthes wirklich ausgedrueckten
+Grade der Traurigkeit so an: Calchantem tristem, moestum Ulyssem,
+clamantem Ajacem, lamentantem Menelaum.--Der Schreier Ajax muesste eine
+haessliche Figur gewesen sein; und da weder Cicero noch Quintilian in
+ihren Beschreibungen dieses Gemaeldes seiner gedenken, so werde ich
+ihn um so viel eher fuer einen Zusatz halten duerfen, mit dem es
+Valerius aus seinem Kopfe bereichern wollen.}
+
+{13. Bellorii Admiranda. Tab. 11. 12.}
+
+Es ist gewiss, dass diese Herabsetzung des aeussersten koerperlichen
+Schmerzes auf einen niedrigern Grad von Gefuehl, an mehrern alten
+Kunstwerken sichtbar gewesen. Der leidende Herkules in dem
+vergifteten Gewande, von der Hand eines alten unbekannten Meisters,
+war nicht der Sophokleische, der so graesslich schrie, dass die
+lokrischen Felsen, und die euboeischen Vorgebirge davon ertoenten. Er
+war mehr finster, als wild 14). Der Philoktet des Pythagoras
+Leontinus schien dem Betrachter seinen Schmerz mitzuteilen, welche
+Wirkung der geringste graessliche Zug verhindert haette. Man duerfte
+fragen, woher ich wisse, dass dieser Meister eine Bildsaeule des
+Philoktet gemacht habe. Aus einer Stelle des Plinius, die meine
+Verbesserung nicht erwartet haben sollte, so offenbar verfaelscht oder
+verstuemmelt ist sie 15).
+
+{14. Plinius libr. XXXIV, sect. 19.}
+
+{15. Eundem, naemlich den Myro, lieset man bei dem Plinius (libr.
+XXXIV. sect. 19) vicit et Pythagoras Leontinus, qui fecit
+stadiodromon Astylon, qui Olympiae ostenditur: et Libyn puerum
+tenentem tabulam, eodem loco, et mala ferentem nudum. Syracusis
+autem claudicantem: cujus hulceris dolorem sentire etiam spectantes
+videntur. Man erwaege die letzten Worte etwas genauer. Wird nicht
+darin offenbar von einer Person gesprochen, die wegen eines
+schmerzhaften Geschwueres ueberall bekannt ist? Cujus hulceris usw.
+Und dieses cujus sollte auf das blosse claudicantem, und das
+claudicantem vielleicht auf das noch entferntere puerum gehen?
+Niemand hatte mehr recht, wegen eines solchen Geschwueres bekannter zu
+sein, als Philoktet. Ich lese also anstatt claudicantem, Philoctetem,
+oder halte wenigstens dafuer, dass das letztere durch das erstere
+gleichlautende Wort verdrungen worden, und man beides zusammen
+Philoctetem claudicantem lesen muesse. Sophokles laesst ihn stibon kai
+anagkan erpein, und es musste ein Hinken verursachen, dass er auf den
+kranken Fuss weniger herzhaft auftreten konnte.}
+
+
+
+III.
+
+
+Aber, wie schon gedacht, die Kunst hat in den neuern Zeiten ungleich
+weitere Grenzen erhalten. Ihre Nachahmung, sagt man, erstrecke sich
+auf die ganze sichtbare Natur, von welcher das Schoene nur ein kleiner
+Teil ist. Wahrheit und Ausdruck sei ihr erstes Gesetz; und wie die
+Natur selbst die Schoenheit hoehern Absichten jederzeit aufopfere, so
+muesse sie auch der Kuenstler seiner allgemeinen Bestimmung unterordnen,
+und ihr nicht weiter nachgehen, als es Wahrheit und Ausdruck
+erlauben. Genug, dass durch Wahrheit und Ausdruck das Haesslichste der
+Natur in ein Schoenes der Kunst verwandelt werde.
+
+Gesetzt, man wollte diese Begriffe vors erste unbestritten in ihrem
+Werte oder Unwerte lassen: sollten nicht andere von ihnen unabhaengige
+Betrachtungen zu machen sein, warum demohngeachtet der Kuenstler in
+dem Ausdrucke Mass halten, und ihn nie aus dem hoechsten Punkte der
+Handlung nehmen muesse.
+
+Ich glaube, der einzige Augenblick, an den die materiellen Schranken
+der Kunst alle ihre Nachahmungen binden, wird auf dergleichen
+Betrachtungen leiten.
+
+Kann der Kuenstler von der immer veraenderlichen Natur nie mehr als
+einen einzigen Augenblick, und der Maler insbesondere diesen einzigen
+Augenblick auch nur aus einem einzigen Gesichtspunkte, brauchen; sind
+aber ihre Werke gemacht, nicht bloss erblickt, sondern betrachtet zu
+werden, lange und wiederholtermassen betrachtet zu werden: so ist es
+gewiss, dass jener einzige Augenblick und einzige Gesichtspunkt dieses
+einzigen Augenblickes, nicht fruchtbar genug gewaehlet werden kann.
+Dasjenige aber nur allein ist fruchtbar, was der Einbildungskraft
+freies Spiel laesst. Je mehr wir sehen, desto mehr muessen wir hinzu
+denken koennen. Je mehr wir darzu denken, desto mehr muessen wir zu
+sehen glauben. In dem ganzen Verfolge eines Affekts ist aber kein
+Augenblick, der diesen Vorteil weniger hat, als die hoechste Staffel
+desselben. Ueber ihr ist weiter nichts, und dem Auge das Aeusserste
+zeigen, heisst der Phantasie die Fluegel binden, und sie noetigen, da
+sie ueber den sinnlichen Eindruck nicht hinaus kann, sich unter ihm
+mit schwaechern Bildern zu beschaeftigen, ueber die sie die sichtbare
+Fuelle des Ausdrucks als ihre Grenze scheuet. Wenn Laokoon also
+seufzet, so kann ihn die Einbildungskraft schreien hoeren; wenn er
+aber schreiet, so kann sie von dieser Vorstellung weder eine Stufe
+hoeher, noch eine Stufe tiefer steigen, ohne ihn in einem leidlichern,
+folglich uninteressantern Zustande zu erblicken. Sie hoert ihn erst
+aechzen, oder sie sieht ihn schon tot.
+
+Ferner. Erhaelt dieser einzige Augenblick durch die Kunst eine
+unveraenderliche Dauer: so muss er nichts ausdruecken, was sich nicht
+anders als transitorisch denken laesst. Alle Erscheinungen, zu deren
+Wesen wir es nach unsern Begriffen rechnen, dass sie ploetzlich
+ausbrechen und ploetzlich verschwinden, dass sie das, was sie sind, nur
+einen Augenblick sein koennen; alle solche Erscheinungen, sie moegen
+angenehm oder schrecklich sein, erhalten durch die Verlaengerung der
+Kunst ein so widernatuerliches Ansehen, dass mit jeder wiederholten
+Erblickung der Eindruck schwaecher wird, und uns endlich vor dem
+ganzen Gegenstande ekelt oder grauet. La Mettrie, der sich als einen
+zweiten Demokrit malen und stechen lassen, lacht nur die ersten Male,
+die man ihn sieht. Betrachtet ihn oeftrer, und er wird aus einem
+Philosophen ein Geck; aus seinem Lachen wird ein Grinsen. So auch
+mit dem Schreien. Der heftige Schmerz, welcher das Schreien
+auspresset, laesst entweder bald nach, oder zerstoerst das leidende
+Subjekt. Wann also auch der geduldigste standhafteste Mann schreiet,
+so schreiet er doch nicht unablaesslich. Und nur dieses scheinbare
+Unablaessliche in der materiellen Nachahmung der Kunst ist es, was sein
+Schreien zu weibischem Unvermoegen, zu kindischer Unleidlichkeit
+machen wuerde. Dieses wenigstens musste der Kuenstler des Laokoons
+vermeiden, haette schon das Schreien der Schoenheit nicht geschadet,
+waere es auch seiner Kunst schon erlaubt gewesen, Leiden ohne
+Schoenheit auszudruecken.
+
+Unter den alten Malern scheinet Timomachus Vorwuerfe des aeussersten
+Affekts am liebsten gewaehlet zu haben. Sein rasender Ajax, seine
+Kindermoerderin Medea waren beruehmte Gemaelde. Aber aus den
+Beschreibungen, die wir von ihnen haben, erhellet, dass er jenen Punkt,
+in welchem der Betrachter das Aeusserste nicht sowohl erblickt, als
+hinzudenkt, jene Erscheinung, mit der wir den Begriff des
+Transitorischen nicht so notwendig verbinden, dass uns die
+Verlaengerung derselben in der Kunst missfallen sollte, vortrefflich
+verstanden und miteinander zu verbinden gewusst hat. Die Medea hatte
+er nicht in dem Augenblicke genommen, in welchem sie ihre Kinder
+wirklich ermordet; sondern einige Augenblicke zuvor, da die
+muetterliche Liebe noch mit der Eifersucht kaempfet. Wir sehen das
+Ende dieses Kampfes voraus. Wir zittern voraus, nun bald bloss die
+grausame Medea zu erblicken, und unsere Einbildungskraft gehet weit
+ueber alles hinweg, was uns der Maler in diesem schrecklichen
+Augenblicke zeigen koennte. Aber eben darum beleidiget uns die in der
+Kunst fortdauernde Unentschlossenheit der Medea so wenig, dass wir
+vielmehr wuenschen, es waere in der Natur selbst dabei geblieben, der
+Streit der Leidenschaften haette sich nie entschieden, oder haette
+wenigstens so lange angehalten, bis Zeit und Ueberlegung die Wut
+entkraeften und den muetterlichen Empfindungen den Sieg versichern
+koennen. Auch hat dem Timomachus diese seine Weisheit grosse und
+haeufige Lobsprueche zugezogen, und ihn weit ueber einen andern
+unbekannten Maler erhoben, der unverstaendig genug gewesen war, die
+Medea in ihrer hoechsten Raserei zu zeigen, und so diesem fluechtig
+ueberhingehenden Grade der aeussersten Raserei eine Dauer zu geben, die
+alle Natur empoeret. Der Dichter 1), der ihn desfalls tadelt, sagt
+daher sehr sinnreich, indem er das Bild selbst anredet: "Durstest du
+denn bestaendig nach dem Blute deiner Kinder? Ist denn immer ein
+neuer Jason, immer eine neue Kreusa da, die dich unaufhoerlich
+erbittern?--Zum Henker mit dir auch im Gemaelde!" setzt er voller
+Verdruss hinzu.
+
+{1. Philippus (Anthol. lib. IV. cap. 9. ep. 10).
+
+ Aiei gar diyaV brejewn jonon; h tiV Ihswn
+ DeuteroV, h Glaukh tiV pali soi projasiV;
+ Erre kai en khrv paidoktone--}
+
+Von dem rasenden Ajax des Timomachus lAesst sich aus der Nachricht des
+Philostrats urteilen 2). Ajax erschien nicht, wie er unter den
+Herden wUetet, und Rinder und BOecke fuer Menschen fesselt und mordet.
+Sondern der Meister zeigte ihn, wie er nach diesen wahnwitzigen
+Heldentaten ermattet dasitzt, und den Anschlag fasset, sich selbst
+umzubringen. Und das ist wirklich der rasende Ajax; nicht weil er
+eben itzt raset, sondern weil man siehet, dass er geraset hat; weil
+man die Groesse seiner Raserei am lebhaftesten aus der
+verzweiflungsvollen Scham abnimmt, die er nun selbst darueber
+empfindet. Man siehet den Sturm in den Truemmern und Leichen, die er
+an das Land geworfen.
+
+{2. Vita Apoll. lib. II. cap. 22.}
+
+
+
+IV.
+
+
+Ich uebersehe die angefuehrten Ursachen, warum der Meister des Laokoon
+in dem Ausdrucke des koerperlichen Schmerzes Mass halten muessen, und
+finde, dass sie allesamt von der eigenen Beschaffenheit der Kunst, und
+von derselben notwendigen Schranken und Beduerfnissen hergenommen sind.
+Schwerlich duerfte sich also wohl irgendeine derselben auf die
+Poesie anwenden lassen.
+
+Ohne hier zu untersuchen, wie weit es dem Dichter gelingen kann,
+koerperliche Schoenheit zu schildern: so ist so viel unstreitig, dass,
+da das ganze unermessliche Reich der Vollkommenheit seiner Nachahmung
+offen stehet, diese sichtbare Huelle, unter welcher Vollkommenheit zu
+Schoenheit wird, nur eines von den geringsten Mitteln sein kann, durch
+die er uns fuer seine Personen zu interessieren weiss. Oft
+vernachlaessiget er dieses Mittel gaenzlich; versichert, dass wenn sein
+Held einmal unsere Gewogenheit gewonnen, uns dessen edlere
+Eigenschaften entweder so beschaeftigen, dass wir an die koerperliche
+Gestalt gar nicht denken, oder, wenn wir daran denken, uns so
+bestechen, dass wir ihm von selbst wo nicht eine schoene, doch eine
+gleichgueltige erteilen. Am wenigsten wird er bei jedem einzeln Zuge,
+der nicht ausdruecklich fuer das Gesicht bestimmt ist, seine Ruecksicht
+dennoch auf diesen Sinn nehmen duerfen. Wenn Virgils Laokoon schreiet,
+wem faellt es dabei ein, dass ein grosses Maul zum Schreien noetig ist,
+und dass dieses grosse Maul haesslich laesst? Genug, dass clamores
+horrendos ad sidera tollit ein erhabner Zug fuer das Gehoer ist, mag er
+doch fuer das Gesicht sein, was er will. Wer hier ein schoenes Bild
+verlangt, auf den hat der Dichter seinen ganzen Eindruck verfehlt.
+
+Nichts noetiget hiernaechst den Dichter sein Gemaelde in einen einzigen
+Augenblick zu konzentrieren. Er nimmt jede seiner Handlungen, wenn
+er will, bei ihrem Ursprunge auf, und fuehret sie durch alle moegliche
+Abaenderungen bis zu ihrer Endschaft. Jede dieser Abaenderungen, die
+dem Kuenstler ein ganzes besonderes Stueck kosten wuerde, kostet ihm
+einen einzigen Zug; und wuerde dieser Zug, fuer sich betrachtet, die
+Einbildung des Zuhoerers beleidigen, so war er entweder durch das
+Vorhergehende so vorbereitet, oder wird durch das Folgende so
+gemildert und verguetet, dass er seinen einzeln Eindruck verlieret, und
+in der Verbindung die trefflichste Wirkung von der Welt tut. Waere es
+also auch wirklich einem Manne unanstaendig, in der Heftigkeit des
+Schmerzes zu schreien; was kann diese kleine ueberhingehende
+Unanstaendigkeit demjenigen bei uns fuer Nachteil bringen, dessen
+andere Tugenden uns schon fuer ihn eingenommen haben? Virgils Laokoon
+schreiet, aber dieser schreiende Laokoon ist eben derjenige, den wir
+bereits als den vorsichtigsten Patrioten, als den waermsten Vater
+kennen und lieben. Wir beziehen sein Schreien nicht auf seinen
+Charakter, sondern lediglich auf sein unertraegliches Leiden. Dieses
+allein hoeren wir in seinem Schreien; und der Dichter konnte es uns
+durch dieses Schreien allein sinnlich machen.
+
+Wer tadelt ihn also noch? Wer muss nicht vielmehr bekennen: wenn der
+Kuenstler wohl tat, dass er den Laokoon nicht schreien liess, so tat der
+Dichter ebenso wohl, dass er ihn schreien liess?
+
+Aber Virgil ist hier bloss ein erzaehlender Dichter. Wird in seiner
+Rechtfertigung auch der dramatische Dichter mitbegriffen sein? Einen
+andern Eindruck macht die Erzaehlung von jemands Geschrei; einen
+andern dieses Geschrei selbst. Das Drama, welches fuer die lebendige
+Malerei des Schauspielers bestimmt ist, duerfte vielleicht eben
+deswegen sich an die Gesetze der materiellen Malerei strenger halten
+muessen. In ihm glauben wir nicht bloss einen schreienden Philoktet zu
+sehen und zu hoeren; wir hoeren und sehen wirklich schreien. Je naeher
+der Schauspieler der Natur koemmt, desto empfindlicher muessen unsere
+Augen und Ohren beleidiget werden; denn es ist unwidersprechlich, dass
+sie es in der Natur werden, wenn wir so laute und heftige Aeusserungen
+des Schmerzes vernehmen. Zudem ist der koerperliche Schmerz ueberhaupt
+des Mitleidens nicht faehig, welches andere Uebel erwecken. Unsere
+Einbildung kann zu wenig in ihm unterscheiden, als dass die blosse
+Erblickung desselben etwas von einem gleichmaessigen Gefuehl in uns
+hervorzubringen vermochte. Sophokles koennte daher leicht nicht einen
+bloss willkuerlichen, sondern in dem Wesen unserer Empfindungen selbst
+gegruendeten Anstand uebertreten haben, wenn er den Philoktet und
+Herkules so winseln und weinen, so schreien und bruellen laesst. Die
+Umstehenden koennen unmoeglich so viel Anteil an ihrem Leiden nehmen,
+als diese ungemaessigten Ausbrueche zu erfordern scheinen. Sie werden
+uns Zuschauern vergleichungsweise kalt vorkommen, und dennoch koennen
+wir ihr Mitleiden nicht wohl anders, als wie das Mass des unsrigen
+betrachten. Hierzu fuege man, dass der Schauspieler die Vorstellung
+des koerperlichen Schmerzes schwerlich oder gar nicht bis zur Illusion
+treiben kann: und wer weiss, ob die neuern dramatischen Dichter nicht
+eher zu loben, als zu tadeln sind, dass sie diese Klippe entweder ganz
+und gar vermieden, oder doch nur mit einem leichten Kahne umfahren
+haben.
+
+Wie manches wuerde in der Theorie unwidersprechlich scheinen, wenn es
+dem Genie nicht gelungen waere, das Widerspiel durch die Tat zu
+erweisen. Alle diese Betrachtungen sind nicht ungegruendet, und doch
+bleibet Philoktet eines von den Meisterstuecken der Buehne. Denn ein
+Teil derselben trifft den Sophokles nicht eigentlich, und nur indem
+er sich ueber den andern Teil hinwegsetzet, hat er Schoenheiten
+erreicht, von welchen dem furchtsamen Kunstrichter, ohne dieses
+Beispiel, nie traeumen wuerde. Folgende Anmerkungen werden es naeher
+zeigen.
+
+1. Wie wunderbar hat der Dichter die Idee des koerperlichen Schmerzes
+zu verstaerken und zu erweitern gewusst! Er waehlte eine Wunde--(denn
+auch die Umstaende der Geschichte kann man betrachten, als ob sie von
+seiner Wahl abgehangen haetten, insofern er naemlich die ganze
+Geschichte, eben dieser ihm vorteilhaften Umstaende wegen, waehlte)--er
+waehlte, sage ich, eine Wunde und nicht eine innerliche Krankheit;
+weil sich von jener eine lebhaftere Vorstellung machen laesst, als von
+dieser, wenn sie auch noch so schmerzlich ist. Die innere
+sympathetische Glut, welche den Meleager verzehrte, als ihn seine
+Mutter in dem fatalen Brande ihrer schwesterlichen Wut aufopferte,
+wuerde daher weniger theatralisch sein, als eine Wunde. Und diese
+Wunde war ein goettliches Strafgericht. Ein mehr als natuerliches Gift
+tobte unaufhoerlich darin, und nur ein staerkerer Anfall von Schmerzen
+hatte seine gesetzte Zeit, nach welchem jedesmal der Unglueckliche in
+einen betaeubenden Schlaf verfiel, in welchem sich seine erschoepfte
+Natur erholen musste, den naemlichen Weg des Leidens wieder antreten zu
+koennen. Chateaubrun laesst ihn bloss von dem vergifteten Pfeile eines
+Trojaners verwundet sein. Was kann man sich von einem so
+gewoehnlichen Zufalle Ausserordentliches versprechen? Ihm war in den
+alten Kriegen ein jeder ausgesetzt; wie kam es, dass er nur bei dem
+Philoktet so schreckliche Folgen hatte? Ein natuerliches Gift, das
+neun ganzer Jahre wirket, ohne zu toeten, ist noch dazu weit
+unwahrscheinlicher, als alle das fabelhafte Wunderbare, womit es der
+Grieche ausgeruestet hat.
+
+2. So gross und schrecklich er aber auch die koerperlichen Schmerzen
+seines Helden machte, so fuehlte er es doch sehr wohl, dass sie allein
+nicht hinreichend waeren, einen merklichen Grad des Mitleids zu
+erregen. Er verband sie daher mit andern Uebeln, die gleichfalls fuer
+sich betrachtet nicht besonders ruehren konnten, die aber durch diese
+Verbindung einen ebenso melancholischen Anstrich erhielten, als sie
+den koerperlichen Schmerzen hinwiederum mitteilten. Diese Uebel waren,
+voellige Beraubung der menschlichen Gesellschaft, Hunger und alle
+Unbequemlichkeiten des Lebens, welchem man unter einem rauhen Himmel
+in jener Beraubung ausgesetzet ist 1). Man denke sich einen Menschen
+in diesen Umstaenden, man gebe ihm aber Gesundheit, und Kraefte, und
+Industrie, und es ist ein Robinson Crusoe, der auf unser Mitleid
+wenig Anspruch macht, ob uns gleich sein Schicksal sonst gar nicht
+gleichgueltig ist. Denn wir sind selten mit der menschlichen
+Gesellschaft so zufrieden, dass uns die Ruhe, die wir ausser derselben
+geniessen, nicht sehr reizend duenken sollte, besonders unter der
+Vorstellung, welche jedes Individuum schmeichelt, dass es fremden
+Beistandes nach und nach kann entbehren lernen. Auf der andern Seite
+gebe man einem Menschen die schmerzlichste unheilbarste Krankheit,
+aber man denke ihn zugleich von gefaelligen Freunden umgeben, die ihn
+an nichts Mangel leiden lassen, die sein Uebel, soviel in ihren
+Kraeften stehet, erleichtern, gegen die er unverhohlen klagen und
+jammern darf: unstreitig werden wir Mitleid mit ihm haben, aber
+dieses Mitleid dauert nicht in die Laenge, endlich zucken wir die
+Achsel und verweisen ihn zur Geduld. Nur wenn beide Faelle
+zusammenkommen, wenn der Einsame auch seines Koerpers nicht maechtig
+ist, wenn dem Kranken ebensowenig jemand anders hilft, als er sich
+selbst helfen kann, und seine Klagen in der oeden Luft verfliegen:
+alsdann sehen wir alles Elend, was die menschliche Natur treffen kann,
+ueber den Ungluecklichen zusammenschlagen, und jeder fluechtige Gedanke,
+mit dem wir uns an seiner Stelle denken, erreget Schaudern und
+Entsetzen. Wir erblicken nichts als die Verzweiflung in ihrer
+schrecklichsten Gestalt vor uns, und kein Mitleid ist staerker, keines
+zerschmelzet mehr die ganze Seele, als das, welches sich mit
+Vorstellungen der Verzweiflung mischet. Von dieser Art ist das
+Mitleid, welches wir fuer den Philoktet empfinden, und in dem
+Augenblicke am staerksten empfinden, wenn wir ihn auch seines Bogens
+beraubt sehen, des einzigen, was ihm sein kuemmerliches Leben erhalten
+musste.--O des Franzosen, der keinen Verstand, dieses zu ueberlegen,
+kein Herz, dieses zu fuehlen, gehabt hat! Oder wann er es gehabt hat,
+der klein genug war, dem armseligen Geschmacke seiner Nation alles
+dieses aufzuopfern. Chateaubrun gibt dem Philoktet Gesellschaft. Er
+laesst eine Prinzessin Tochter zu ihm in die wueste Insel kommen. Und
+auch diese ist nicht allein, sondern hat ihre Hofmeisterin bei sich;
+ein Ding, von dem ich nicht weiss, ob es die Prinzessin oder der
+Dichter noetiger gebraucht hat. Das ganze vortreffliche Spiel mit dem
+Bogen hat er weggelassen. Dafuer laesst er schoene Augen spielen.
+Freilich wuerden Pfeil und Bogen der franzoesischen Heldenjugend sehr
+lustig vorgekommen sein. Nichts hingegen ist ernsthafter als der
+Zorn schoener Augen. Der Grieche martert uns mit der greulichen
+Besorgung, der arme Philoktet werde ohne seinen Bogen auf der wuesten
+Insel bleiben und elendiglich umkommen muessen. Der Franzose weiss
+einen gewissern Weg zu unserm Herzen: er laesst uns fuerchten, der Sohn
+des Achilles werde ohne seine Prinzessin abziehen muessen. Dieses
+hiessen denn auch die Pariser Kunstrichter, ueber die Alten
+triumphieren, und einer schlug vor, das Chateaubrunsche Stueck la
+difficulte vaincue zu benennen 2).
+
+{1. Wenn der Chor das Elend des Philoktet in dieser Verbindung
+betrachtet, so scheinet ihn die hilflose Einsamkeit desselben ganz
+besonders zu ruehren. In jedem Worte hoeren wir den geselligen
+Griechen. Ueber eine von den hierher gehoerigen Stellen habe ich
+indes meinen Zweifel. Sie ist die (v. 201-205):
+
+ In' autoV hn prosouroV, ouk ecwn basin,
+ Oude tin' egcwrwn,
+ Kakogeitona par' v stonon antitupon
+ Barubrvt' apoklau-
+ seien aimathron.
+
+
+Die gemeine Winshemsche Uebersetzung gibt dieses so:
+
+ Ventis expositus et pedibus captus
+ Nullum cohabitatorem
+ Nec vicinum ullum saltem malum habens, apud quem gemitum mutuum
+ Gravemque ac cruentum
+ Ederet.
+
+
+Hiervon weicht die interpolierte Uebersetzung des Th. Johnson nur in
+den Worten ab:
+
+ Ubi ipse ventis erat expositus, firmum gradum non habens,
+ Nec quenquam indigenarum,
+ Nec malum vicinum, apud quem ploraret
+ Vehementer edacem
+ Sanguineum morbum, mutuo gemitu.
+
+
+Man sollte glauben, er habe diese verAenderten Worte aus der
+gebundenen Uebersetzung des Thomas Naogeorgus entlehnet. Denn dieser
+(sein Werk ist sehr selten, und Fabricius selbst hat es nur aus dem
+Oporinschen Buecherverzeichnisse gekannt) drueckt sich so aus:
+
+ --ubi expositus fuit
+ Ventis ipse, gradum firmum haud habens,
+ Nec quenquam indigenam, nec vel malum
+ Vicinum, ploraret apud quem
+ Vehementer edacem atque cruentum
+ Morbum mutuo.
+
+
+Wenn diese Uebersetzungen ihre Richtigkeit haben, so sagt der Chor das
+StAerkste, was man nur immer zum Lobe der menschlichen Gesellschaft
+sagen kann: Der Elende hat keinen Menschen um sich; er weiss von
+keinem freundlichen Nachbar; zu gluecklich, wenn er auch nur einen
+bOesen Nachbar haette! Thomson wuerde sodann diese Stelle vielleicht
+vor Augen gehabt haben, wenn er den gleichfalls in eine wueste Insel
+von Boesewichtern ausgesetzten Melisander sagen laesst:
+
+ Cast on the wildest of the Cyclad isles,
+ Where never human foot had marked the shore,
+ These ruffians left me--yet beliefe me, Arcas,
+ Such is the rooted love we bear mankind,
+ All ruffians as they were, I never heard
+ A sound so dismal as their parting oars.
+
+
+Auch ihm wAere die Gesellschaft von BOesewichtern lieber gewesen, als
+gar keine. Ein grosser vortrefflicher Sinn! Wenn es nur gewiss waere,
+dass Sophokles auch wirklich so etwas gesagt haette. Aber ich muss
+ungern bekennen, dass ich nichts dergleichen bei ihm finde; es waere
+denn, dass ich lieber mit den Augen des alten Scholiasten, als mit
+meinen eigenen sehen wollte, welcher die Worte des Dichters so
+umschreibt: Ou monon opou kalon ouk eice tina tvn egcwriwn geitona,
+alla oude kakon, par' ou amoibaion logon stenazwn akouseie. Wie
+dieser Auslegung die angefUehrten Uebersetzer gefolgt sind, so hat sich
+auch ebensowohl Brumoy, als unser neuer deutscher Uebersetzer daran
+gehalten. Jener sagt, sans societe, meme importune: und dieser
+"jeder Gesellschaft, auch der beschwerlichsten beraubet". Meine
+Gruende, warum ich von ihnen allen abgehen muss, sind diese. Erstlich
+ist es offenbar, dass wenn kakogeitona von tin' egcwrwn getrennt
+werden, und ein besonders Glied ausmachen sollte, die Partikel oude
+vor kakogeitona notwendig wiederholt sein muesste. Da sie es aber
+nicht ist, so ist es ebenso offenbar, dass kakogeitona zu tina gehoeret,
+und das Komma nach egcwrwn wegfallen muss. Dieses Komma hat sich aus
+der Uebersetzung eingeschlichen, wie ich denn wirklich finde, dass es
+einige ganz griechische Ausgaben (z. E. die wittenbergische von 1585
+in Oktav, welche dem Fabricius voellig unbekannt geblieben) auch gar
+nicht haben, und es erst, wie gehoerig, nach kakogeitona setzen.
+Zweitens ist das wohl ein boeser Nachbar, von dem wir uns stonon
+antitupon, amoibaion, wie es der Scholiast erklaert, versprechen
+koennen? Wechselsweise mit uns seufzen, ist die Eigenschaft eines
+Freundes, nicht aber eines Feindes. Kurz also: man hat das Wort
+kakogeitona unrecht verstanden; man hat angenommen, dass es aus dem
+Adjectivo kakoV zusammengesetzt sei, und es ist aus dem Substantivo
+to kakon zusammengesetzt; man hat es durch einen boesen Nachbar
+erklaert, und haette es durch einen Nachbar des Boesen erklaeren sollen.
+So wie kakomantiV nicht einen boesen, das ist falschen, unwahren
+Propheten, sondern einen Propheten des Boesen, kakotecnoV nicht einen
+boesen, ungeschickten Kuenstler, sondern einen Kuenstler im Boesen
+bedeuten. Unter einem Nachbar des Boesen versteht der Dichter aber
+denjenigen, welcher entweder mit gleichen Unfaellen, als wir, behaftet
+ist, oder aus Freundschaft an unsern Unfaellen Anteil nimmt; so dass
+die ganzen Worte oud' ecwn tin' egcwrwn kakogeitona bloss durch neque
+quenquam indigenarum mali socium habens zu uebersetzen sind. Der neue
+englische Uebersetzer des Sophokles, Thomas Franklin, kann nicht
+anders als meiner Meinung gewesen sein, indem er den boesen Nachbar in
+kakogeitwn auch nicht findet, sondern es bloss durch fellow-mourner
+uebersetzt:
+
+ Expos'd to the inclement skies,
+ Deserted and forlorn he lyes,
+ No friend nor fellow-mourner there,
+ To sooth his sorrow, and divide his care.}
+
+{2. Mercure de France, Avril 1755. p. 177.}
+
+
+
+3. Nach der Wirkung des Ganzen betrachte man die einzelnen Szenen, in
+welchen Philoktet nicht mehr der verlassene Kranke ist; wo er
+Hoffnung hat, nun bald die trostlose EinOede zu verlassen und wieder
+in sein Reich zu gelangen; wo sich also sein ganzes UnglUeck auf die
+schmerzliche Wunde einschrAenkt. Er wimmert, er schreiet, er bekommt
+die graesslichsten Zuckungen. Hierwider gehet eigentlich der Einwurf
+des beleidigten Anstandes. Es ist ein Englaender, welcher diesen
+Einwurf macht; ein Mann also, bei welchem man nicht leicht eine
+falsche Delikatesse argwoehnen darf. Wie schon beruehrt, so gibt er
+ihm auch einen sehr guten Grund. Alle Empfindungen und
+Leidenschaften, sagt er, mit welchen andere nur sehr wenig
+sympathisieren koennen, werden anstoessig, wenn man sie zu heftig
+ausdrueckt 1). "Aus diesem Grunde ist nichts unanstaendiger, und einem
+Manne unwuerdiger, als wenn er den Schmerz, auch den allerheftigsten,
+nicht mit Geduld ertragen kann, sondern weinet und schreiet. Zwar
+gibt es eine Sympathie mit dem koerperlichen Schmerze. Wenn wir sehen,
+dass jemand einen Schlag auf den Arm oder das Schienbein bekommen
+soll, so fahren wir natuerlicherweise zusammen, und ziehen unsern
+eigenen Arm, oder Schienbein, zurueck; und wenn der Schlag wirklich
+geschieht, so empfinden wir ihn gewissermassen ebensowohl, als der,
+den er getroffen. Gleichwohl aber ist es gewiss, dass das Uebel,
+welches wir fuehlen, gar nicht betraechtlich ist; wenn der Geschlagene
+daher ein heftiges Geschrei erregt, so ermangeln wir nicht ihn zu
+verachten, weil wir in der Verfassung nicht sind, ebenso heftig
+schreien zu koennen, als er."--Nichts ist betrueglicher, als allgemeine
+Gesetze fuer unsere Empfindungen. Ihr Gewebe ist so fein und
+verwickelt, dass es auch der behutsamsten Spekulation kaum moeglich ist,
+einen einzeln Faden rein aufzufassen und durch alle Kreuzfaeden zu
+verfolgen. Gelingt es ihr aber auch schon, was fuer Nutzen hat es?
+Es gibt in der Natur keine einzelne reine Empfindung; mit einer jeden
+entstehen tausend andere zugleich, deren geringste die
+Grundempfindung gaenzlich veraendert, so dass Ausnahmen ueber Ausnahmen
+erwachsen, die das vermeintlich allgemeine Gesetz endlich selbst auf
+eine blosse Erfahrung in wenig einzeln Faellen einschraenken.--Wir
+verachten denjenigen, sagt der Englaender, den wir unter koerperlichen
+Schmerzen heftig schreien hoeren. Aber nicht immer: nicht zum ersten
+Male; nicht, wenn wir sehen, dass der Leidende alles moegliche anwendet,
+seinen Schmerz zu verbeissen; nicht, wenn wir ihn sonst als einen
+Mann von Standhaftigkeit kennen; noch weniger, wenn wir ihn selbst
+unter dem Leiden Proben von seiner Standhaftigkeit ablegen sehen,
+wenn wir sehen, dass ihn der Schmerz zwar zum Schreien, aber auch zu
+weiter nichts zwingen kann, dass er sich lieber der laengern Fortdauer
+dieses Schmerzes unterwirft, als das geringste in seiner Denkungsart,
+in seinen Entschluessen aendert, ob er schon in dieser Veraenderung die
+gaenzliche Endschaft seines Schmerzes hoffen darf. Das alles findet
+sich bei dem Philoktet. Die moralische Groesse bestand bei den alten
+Griechen in einer ebenso unveraenderlichen Liebe gegen seine Freunde,
+als unwandelbarem Hasse gegen seine Feinde. Diese Groesse behaelt
+Philoktet bei allen seinen Martern. Sein Schmerz hat seine Augen
+nicht so vertrocknet, dass sie ihm keine Traenen ueber das Schicksal
+seiner alten Freunde gewaehren koennten. Sein Schmerz hat ihn so muerbe
+nicht gemacht, dass er, um ihn los zu werden, seinen Feinden vergeben,
+und sich gern zu allen ihren eigennuetzigen Absichten brauchen lassen
+moechte. Und diesen Felsen von einem Manne haetten die Athenienser
+verachten sollen, weil die Wellen, die ihn nicht erschuettern koennen,
+ihn wenigstens ertoenen machen?--Ich bekenne, dass ich an der
+Philosophie des Cicero ueberhaupt wenig Geschmack finde; am
+allerwenigsten aber an der, die er in dem zweiten Buche seiner
+tuskulanischen Fragen ueber die Erduldung des koerperlichen Schmerzes
+auskramet. Man sollte glauben, er wolle einen Gladiator abrichten,
+so sehr eifert er wider den aeusserlichen Ausdruck des Schmerzes. In
+diesem scheinet er allein die Ungeduld zu finden, ohne zu ueberlegen,
+dass er oft nichts weniger als freiwillig ist, die wahre Tapferkeit
+aber sich nur in freiwilligen Handlungen zeigen kann. Er hoert bei
+dem Sophokles den Philoktet nur klagen und schreien, und uebersieht
+sein uebriges standhaftes Betragen gaenzlich. Wo haette er auch sonst
+die Gelegenheit zu seinem rhetorischen Ausfalle wider die Dichter
+hergenommen? "Sie sollen uns weichlich machen, weil sie die
+tapfersten Maenner klagend einfuehren." Sie muessen sie klagen lassen;
+denn ein Theater ist keine Arena. Dem verdammten oder feilen Fechter
+kam es zu, alles mit Anstand zu tun und zu leiden. Von ihm musste
+kein klaeglicher Laut gehoeret, keine schmerzliche Zuckung erblickt
+werden. Denn da seine Wunden, sein Tod die Zuschauer ergoetzen
+sollten: so musste die Kunst alles Gefuehl verbergen lehren. Die
+geringste Aeusserung desselben haette Mitleiden erweckt, und oefters
+erregtes Mitleiden wuerde diesen frostig grausamen Schauspielen bald
+ein Ende gemacht haben. Was aber hier nicht erregt werden sollte,
+ist die einzige Absicht der tragischen Buehne, und fodert daher ein
+gerade entgegengesetztes Betragen. Ihre Helden muessen Gefuehl zeigen,
+muessen ihre Schmerzen aeussern, und die blosse Natur in sich wirken
+lassen. Verraten sie Abrichtung und Zwang, so lassen sie unser Herz
+kalt, und Klopffechter im Kothurne koennen hoechstens nur bewundert
+werden. Diese Benennung verdienen alle Personen der sogenannten
+Senecaschen Tragoedien, und ich bin der festen Meinung, dass die
+gladiatorischen Spiele die vornehmste Ursache gewesen, warum die
+Roemer in dem Tragischen noch so weit unter dem Mittelmaessigen
+geblieben sind. Die Zuschauer lernten in dem blutigen Amphitheater
+alle Natur verkennen, wo allenfalls ein Ktesias seine Kunst studieren
+konnte, aber nimmermehr ein Sophokles. Das tragischste Genie, an
+diese kuenstliche Todesszenen gewoehnet, musste auf Bombast und
+Rodomontaden verfallen. Aber so wenig als solche Rodomontaden wahren
+Heldenmut einfloessen koennen, ebensowenig koennen Philoktetische Klagen
+weichlich machen. Die Klagen sind eines Menschen, aber die
+Handlungen eines Helden. Beide machen den menschlichen Helden, der
+weder weichlich noch verhaertet ist, sondern bald dieses bald jenes
+scheinet, so wie ihn itzt Natur, itzt Grundsaetze und Pflicht
+verlangen. Er ist das Hoechste, was die Weisheit hervorbringen, und
+die Kunst nachahmen kann.
+
+{1. The theory of moral sentiments, by Adam Smith. Part. I. sect. 2.
+chap. 1. p. 41. (London 1761.)}
+
+4. Nicht genug, dass Sophokles seinen empfindlichen Philoktet vor der
+Verachtung gesichert hat; er hat auch allem andern weislich
+vorgebauet, was man sonst aus der Anmerkung des Englaenders wider ihn
+erinnern koennte. Denn verachten wir schon denjenigen nicht immer,
+der bei koerperlichen Schmerzen schreiet, so ist doch dieses
+unwidersprechlich, dass wir nicht so viel Mitleiden fuer ihn empfinden,
+als dieses Geschrei zu erfordern scheinet. Wie sollen sich also
+diejenigen verhalten, die mit dem schreienden Philoktet zu tun haben?
+Sollen sie sich in einem hohen Grade geruehrt stellen? Es ist wider
+die Natur. Sollen sie sich so kalt und verlegen bezeigen, als man
+wirklich bei dergleichen Faelle zu sein pflegt? Das wuerde die
+widrigste Dissonanz fuer den Zuschauer hervorbringen. Aber, wie
+gesagt, auch diesem hat Sophokles vorgebauet. Dadurch naemlich, dass
+die Nebenpersonen ihr eigenes Interesse haben; dass der Eindruck,
+welchen das Schreien des Philoktet auf sie macht, nicht das einzige
+ist, was sie beschaeftiget, und der Zuschauer daher nicht sowohl auf
+die Disproportion ihres Mitleids mit diesem Geschrei, als vielmehr
+auf die Veraenderung achtgibt, die in ihren eigenen Gesinnungen und
+Anschlaegen durch das Mitleid, sei es so schwach oder so stark es will,
+entstehet, oder entstehen sollte. Neoptolem und der Chor haben den
+ungluecklichen Philoktet hintergangen; sie erkennen, in welche
+Verzweiflung ihn ihr Betrug stuerzen werde; nun bekommt er seinen
+schrecklichen Zufall vor ihren Augen; kann dieser Zufall keine
+merkliche sympathetische Empfindung in ihnen erregen, so kann er sie
+doch antreiben, in sich zu gehen, gegen so viel Elend Achtung zu
+haben, und es durch Verraeterei nicht haeufen zu wollen. Dieses
+erwartet der Zuschauer, und seine Erwartung findet sich von dem
+edelmuetigen Neoptolem nicht getaeuscht. Philoktet, seiner Schmerzen
+Meister, wuerde den Neoptolem bei seiner Verstellung erhalten haben.
+Philoktet, den sein Schmerz aller Verstellung unfaehig macht, so
+hoechst noetig sie ihm auch scheinet, damit seinen kuenftigen
+Reisegefaehrten das Versprechen, ihn mit sich zu nehmen, nicht zu bald
+gereue; Philoktet, der ganz Natur ist, bringt auch den Neoptolem zu
+seiner Natur wieder zurueck. Diese Umkehr ist vortrefflich, und um so
+viel ruehrender, da sie von der blossen Menschlichkeit bewirket wird.
+Bei dem Franzosen haben wiederum die schoenen Augen ihren Teil daran
+2). Doch ich will an diese Parodie nicht mehr denken.--Des naemlichen
+Kunstgriffs, mit dem Mitleiden, welches das Geschrei ueber koerperliche
+Schmerzen hervorbringen sollte, in den Umstehenden einen andern
+Affekt zu verbinden, hat sich Sophokles auch in den "Trachinerinnen"
+bedient. Der Schmerz des Herkules ist kein ermattender Schmerz; er
+treibt ihn bis zur Raserei, in der er nach nichts als nach Rache
+schnaubet. Schon hatte er in dieser Wut den Lichas ergriffen, und an
+dem Felsen zerschmettert. Der Chor ist weiblich; um so viel
+natuerlicher muss sich Furcht und Entsetzen seiner bemeistern. Dieses,
+und die Erwartung, ob noch ein Gott dem Herkules zu Hilfe eilen, oder
+Herkules unter diesem Uebel erliegen werde, macht hier das eigentliche
+allgemeine Interesse, welches von dem Mitleiden nur eine geringe
+Schattierung erhaelt. Sobald der Ausgang durch die Zusammenhaltung
+der Orakel entschieden ist, wird Herkules ruhig, und die Bewunderung
+ueber seinen letzten Entschluss tritt an die Stelle aller andern
+Empfindungen. Ueberhaupt aber muss man bei der Vergleichung des
+leidenden Herkules mit dem leidenden Philoktet nicht vergessen, dass
+jener ein Halbgott, und dieser nur ein Mensch ist. Der Mensch schaemt
+sich seiner Klagen nie; aber der Halbgott schaemt sich, dass sein
+sterblicher Teil ueber den unsterblichen so viel vermocht habe, dass er
+wie ein Maedchen weinen und winseln muessen 3). Wir Neuern glauben
+keine Halbgoetter, aber der geringste Held soll bei uns wie ein
+Halbgott empfinden, und handeln.
+
+{2. Act. Il. Sc. III. De mes deguisements que penserait Sophie?
+sagt der Sohn des Achilles.}
+
+{3. Trach. v. 1088. 1089.
+
+ --ostiV wste parJenoV
+ Bebruca kleiwn--}
+
+
+Ob der Schauspieler das Geschrei und die Verzuckungen des Schmerzes
+bis zur Illusion bringen kOenne, will ich weder zu verneinen noch zu
+bejahen wagen. Wenn ich fAende, dass es unsere Schauspieler nicht
+koennten, so mUesste ich erst wissen, ob es auch ein Garrick nicht
+vermoegend waere: und wenn es auch diesem nicht gelaenge, so wuerde ich
+mir noch immer die Skaevopoeie und Deklamation der Alten in einer
+Vollkommenheit denken duerfen, von der wir heutzutage gar keinen
+Begriff haben.
+
+
+
+V.
+
+
+Es gibt Kenner des Altertums, welche die Gruppe Laokoon zwar fuer ein
+Werk griechischer Meister, aber aus der Zeit der Kaiser halten, weil
+sie glauben, dass der Virgilische Laokoon dabei zum Vorbilde gedienet
+habe. Ich will von den aeltern Gelehrten, die dieser Meinung gewesen
+sind, nur den Bartholomaeus Marliani 1), und von den neuern den
+Montfaucon 2) nennen. Sie fanden ohne Zweifel zwischen dem
+Kunstwerke und der Beschreibung des Dichters eine so besondere
+Uebereinstimmung, dass es ihnen unmoeglich duenkte, dass beide von
+ohngefaehr auf einerlei Umstaende sollten gefallen sein, die sich
+nichts weniger, als von selbst darbieten. Dabei setzten sie voraus,
+dass wenn es auf die Ehre der Erfindung und des ersten Gedankens
+ankomme, die Wahrscheinlichkeit fuer den Dichter ungleich groesser sei,
+als fuer den Kuenstler.
+
+{1. Topographiae Urbis Romae libr. IV. cap. 14. Et quanquam hi
+(Agesander et Polydorus et Athenodorus Rhodii) ex Virgilii
+descriptione statuam hanc formavisse videntur etc.}
+
+{2. Suppl. aux Ant. Expliq. T. I. p. 242. Il semble qu'Agesandre,
+Polydore et Athenodore, qui en furent les ouvriers, aient travaille
+comme a l'envie, pour laisser un monument, qui repondait a
+l'incomparable description qu'a fait Virgile de Laocoon etc.}
+
+Nur scheinen sie vergessen zu haben, dass ein dritter Fall moeglich sei.
+Denn vielleicht hat der Dichter ebensowenig den Kuenstler, als der
+Kuenstler den Dichter nachgeahmt, sondern beide haben aus einerlei
+aelteren Quelle geschoepft. Nach dem Macrobius wuerde Pisander diese
+aeltere Quelle sein koennen 3). Denn als die Werke dieses griechischen
+Dichters noch vorhanden waren, war es schulkundig, pueris decantatum,
+dass der Roemer die ganze Eroberung und Zerstoerung Iliums, sein ganzes
+zweites Buch, aus ihm nicht sowohl nachgeahmt, als treulich uebersetzt
+habe. Waere nun also Pisander auch in der Geschichte des Laokoon
+Virgils Vorgaenger gewesen, so brauchten die griechischen Kuenstler
+ihre Anleitung nicht aus einem lateinischen Dichter zu holen, und die
+Mutmassung von ihrem Zeitalter gruendet sich auf nichts.
+
+{3. Saturnal. lib. V. cap. 2. Quae Virgilius traxit a Graecis,
+dicturumne me putetis quae vulgo nota sunt? quod Theocritum sibi
+fecerit pastoralis operis autorem, ruralis Hesiodum? et quod in ipsis
+Georgicis tempestatis serenitatisque signa de Arati Phaenomenis
+traxerit? vel quod eversionem Trojae, cum Sinone suo, et equo ligneo,
+ceterisque omnibus, quae librum secundum faciunt, a Pisandro paene ad
+verbum transcripserit? qui inter Graecos poetas eminet opere, quod a
+nuptiis Jovis et Junonis incipiens universas historias, quae mediis
+omnibus sacculis usque ad aetatem ipsius Pisandri contigerunt, in
+unam seriem coactas redegerit, et unum ex diversis hiatibus temporum
+corpus effecerit? in quo opere inter historias ceteras interitus
+quoque Trojae in hunc modum relatus est. Quae fideliter Maro
+interpretando, fabricatus est sibi Iliacae urbis ruinam. Sed et haec
+et talia ut pueris decantata praetereo.}
+
+Indes wenn ich notwendig die Meinung des Marliani und Montfaucon
+behaupten muesste, so wuerde ich ihnen folgende Ausflucht leihen.
+Pisanders Gedichte sind verloren; wie die Geschichte des Laokoon von
+ihm erzaehlet worden, laesst sich mit Gewissheit nicht sagen; es ist aber
+wahrscheinlich, dass es mit eben den Umstaenden geschehen sei, von
+welchen wir noch itzt bei griechischen Schriftstellern Spuren finden.
+Nun kommen aber diese mit der Erzaehlung des Virgils im geringsten
+nicht ueberein, sondern der roemische Dichter muss die griechische
+Tradition voellig nach seinem Gutduenken umgeschmolzen haben. Wie er
+das Unglueck des Laokoon erzaehlet, so ist es seine eigene Erfindung;
+folglich, wenn die Kuenstler in ihrer Vorstellung mit ihm harmonieren,
+so koennen sie nicht wohl anders als nach seiner Zeit gelebt, und nach
+seinem Vorbilde gearbeitet haben.
+
+Quintus Calaber laesst zwar den Laokoon einen gleichen Verdacht, wie
+Virgil, wider das hoelzerne Pferd bezeigen; allein der Zorn der
+Minerva, welchen sich dieser dadurch zuziehet, aeussert sich bei ihm
+ganz anders. Die Erde erbebt unter dem warnenden Trojaner; Schrecken
+und Angst ueberfallen ihn; ein brennender Schmerz tobet in seinen
+Augen; sein Gehirn leidet; er raset; er verblindet. Erst, da er
+blind noch nicht aufhoert, die Verbrennung des hoelzernen Pferdes
+anzuraten, sendet Minerva zwei schreckliche Drachen, die aber bloss
+die Kinder des Laokoon ergreifen. Umsonst strecken diese die Haende
+nach ihrem Vater aus; der arme blinde Mann kann ihnen nicht helfen;
+sie werden zerfleischt, und die Schlangen schlupfen in die Erde. Dem
+Laokoon selbst geschieht von ihnen nichts; und dass dieser Umstand dem
+Quintus 4) nicht eigen, sondern vielmehr allgemein angenommen muesse
+gewesen sein, bezeiget eine Stelle des Lykophron, wo diese Schlangen
+5) das Beiwort der Kinderfresser fuehren.
+
+{4. Paralip. lib. XII. v. 398-408 et v. 439-474.}
+
+{5. Oder vielmehr Schlange: denn Lykophron scheinet nur eine
+angenommen zu haben:
+
+Kai paidobrvtoV porkewV nhsouV diplaV.}
+
+War er aber, dieser Umstand, bei den Griechen allgemein angenommen,
+so wuerden sich griechische Kuenstler schwerlich erkuehnt haben, von ihm
+abzuweichen, und schwerlich wuerde es sich getroffen haben, dass sie
+auf eben die Art wie ein roemischer Dichter abgewichen waeren, wenn sie
+diesen Dichter nicht gekannt haetten, wenn sie vielleicht nicht den
+ausdruecklichen Auftrag gehabt haetten, nach ihm zu arbeiten. Auf
+diesem Punkte, meine ich, muesste man bestehen, wenn man den Marliani
+und Montfaucon verteidigen wollte. Virgil ist der erste und einzige
+6), welcher sowohl Vater als Kinder von den Schlangen umbringen laesst;
+die Bildhauer tun dieses gleichfalls, da sie es doch als Griechen
+nicht haetten tun sollen: also ist es wahrscheinlich, dass sie es auf
+Veranlassung des Virgils getan haben.
+
+{6. Ich erinnere mich, dass man das Gemaelde hierwider anfuehren koennte,
+welches Eumolp bei dem Petron auslegt. Es stellte die Zerstoerung von
+Troja, und besonders die Geschichte des Laokoon, vollkommen so vor,
+als sie Virgil erzaehlet; und da in der naemlichen Galerie zu Neapel,
+in der es stand, andere alte Gemaelde vom Zeuxis, Protogenes, Apelles
+waren, so liesse sich vermuten, dass es gleichfalls ein altes
+griechisches Gemaelde gewesen sei. Allein man erlaube mir, einen
+Romandichter fuer keinen Historikus halten zu duerfen. Diese Galerie,
+und dieses Gemaelde, und dieser Eumolp haben, allem Ansehen nach,
+nirgends als in der Phantasie des Petrons existieret. Nichts verraet
+ihre gaenzliche Erdichtung deutlicher, als die offenbaren Spuren einer
+beinahe schuelermaessigen Nachahmung der Virgilischen Beschreibung. Es
+wird sich der Muehe verlohnen, die Vergleichung anzustellen. So
+Virgil: (Aeneid. lib. II. 199-224.)
+
+ Hic aliud majus miseris multoque tremendum
+ Objicitur magis, atque improvida pectora turbat.
+ Laocoon, ductus Neptuno sorte sacerdos,
+ Solemnis taurum ingentem mactabat ad aras.
+ Ecce autem gemini a Tenedo tranquilla per alta
+ (Horresco referens) immensis orbibus angues
+ Incumbunt pelago, pariterque ad litora tendunt:
+ Pectora quorum inter fluctus arrecta, jubaeque
+ Sanguineae exsuperant undas: pars cetera pontum
+ Pone legit, sinuatque immensa volumine terga.
+ Fit sonitus spumante salo: jamque arva tenebant,
+ Ardentesque oculos suffecti sanguine et igni
+ Sibila lambebant linguis vibrantibus ora.
+ Diffugimus visu exsangues. Illi agmine certo
+ Laocoonta petunt, et primum parva duorum
+ Corpora natorum serpens amplexus uterque
+ Implicat, et miseros morsu depascitur artus.
+ Post ipsum, auxilio subeuntem ac tela ferentem,
+ Corripiunt, spirisque ligant ingentibus: et jam
+ Bis medium amplexi, bis collo squamea circum
+ Terga dati, superant capite et cervicibus altis.
+ Ille simul manibus tendit divellere nodos,
+ Perfusus sanie vittas atroque veneno:
+ Clamores simul horrendos ad sidera tollit.
+ Quales mugitus, fugit cum saucius aram
+ Taurus et incertam excussit cervice securim.
+
+
+Und so Eumolp, (von dem man sagen kOennte, dass es ihm wie allen Poeten
+aus dem Stegreife ergangen sei: ihr GedAechtnis hat immer an ihren
+Versen ebensoviel Anteil, als ihre Einbildung):
+
+ Ecce alia monstra. Celsa qua Tenedos mare
+ Dorso repellit, tumida consurgunt freta,
+ Undaque resultat scissa tranquillo minor.
+ Qualis silenti nocte remorum sonus.
+ Longe refertur, cum premunt classes mare,
+ Pulsumque marmor abiete imposita gemit.
+ Respicimus, angues orbibus geminis ferunt
+ Ad saxa fluctus: tumida quorum pectora
+ Rates ut altae, lateribus spumas agunt:
+ Dant caudae sonitum; liberae ponto jubae
+ Coruscant luminibus, fulmineum jubar
+ Incendit aequor, sibilisque undae tremunt.
+ Stupuere mentes. Infulis stabant sacri
+ Phrygioque cultu gemina nati pignora
+ Laocoonte, quos repente tergoribus ligant
+ Angues corusci: parvulas illi manus
+ Ad ora referunt: neuter auxilio sibi
+ Uterque fratri transtulit pias vices,
+ Morsque ipsa miseros mutuo perdit metu.
+ Accumulat ecce liberum funus parens,
+ Infirmus auxiliator; invadunt virum
+ Jam morte pasti, membraque ad terram trahunt.
+ Jacet sacerdos inter aras victima.
+
+
+Die HauptzUege sind in beiden Stellen eben dieselben, und
+verschiedenes ist mit den nAemlichen Worten ausgedrueckt. Doch das
+sind Kleinigkeiten, die von selbst in die Augen fallen. Es gibt
+andere Kennzeichen der Nachahmung, die feiner, aber nicht weniger
+sicher sind. Ist der Nachahmer ein Mann, der sich etwas zutrauet, so
+ahmet er selten nach, ohne verschOenern zu wollen; und wenn ihm dieses
+Verschoenern, nach seiner Meinung, geglueckt ist, so ist er Fuchs genug,
+seine Fusstapfen, die den Weg, welchen er hergekommen, verraten
+wuerden, mit dem Schwanze zuzukehren. Aber eben diese eitle Begierde
+zu verschoenern, und diese Behutsamkeit Original zu scheinen, entdeckt
+ihn. Denn sein Verschoenern ist nichts als Uebertreibung und
+unnatuerliches Raffinieren. Virgil sagt, sanguineae jubae: Petron,
+liberae jubae luminibus coruscant. Virgil, ardentes oculos suffecti
+sanguine er igni: Petron, fulmineum jubar incendit aequor. Virgil,
+fit sonitus spumante salo: Petron, sibilis undae tremunt. So geht
+der Nachahmer immer aus dem Grossen ins Ungeheuere; aus dem
+Wunderbaren ins Unmoegliche. Die von den Schlangen umwundenen Knaben
+sind dem Virgil ein Parergon, das er mit wenigen bedeutenden Strichen
+hinsetzt, in welchen man nichts als ihr Unvermoegen und ihren Jammer
+erkennet. Petron malt dieses Nebenwerk aus, und macht aus den Knaben
+ein Paar heldenmuetige Seelen,
+
+ --neuter auxilio sibi,
+ Uterque fratri transtulit pias vices,
+ Morsque ipsa miseros mutuo perdit metu.
+
+
+Wer erwartet von Menschen, von Kindern, diese Selbstverleugnung? Wie
+viel besser kannte der Grieche die Natur, (Quintus Calaber lib. XII.
+v. 459-461.) welcher, bei Erscheinung der schrecklichen Schlangen,
+sogar die MUetter ihrer Kinder vergessen lAesst, so sehr war jedes nur
+auf seine eigene Erhaltung bedacht.
+
+ --enJa gunaikeV
+ Oimwzon, kai pou tiV ewn epelhsato teknwn,
+ Auth aleuomenh stugeron moron--
+
+
+Zu verbergen sucht sich der Nachahmer gemeiniglich dadurch, dass er
+den GegenstAenden eine andere Beleuchtung gibt, die Schatten des
+Originals heraus-, und die Lichter zurUecktreibt. Virgil gibt sich
+Muehe, die GrOesse der Schlangen recht sichtbar zu machen, weil von
+dieser Groesse die Wahrscheinlichkeit der folgenden Erscheinung abhaengt;
+das Geraeusche, welches sie verursachen, ist nur eine Nebenidee, und
+bestimmt, den Begriff der Groesse auch dadurch lebhafter zu machen.
+Petron hingegen macht diese Nebenidee zur Hauptsache, beschreibt das
+Geraeusch mit aller moeglichen Ueppigkeit, und vergisst die Schilderung
+der Groesse so sehr, dass wir sie nur fast aus dem Geraeusche schliessen
+muessen. Es ist schwerlich zu glauben, dass er in diese
+Ungeschicklichkeit verfallen waere, wenn er bloss aus seiner Einbildung
+geschildert, und kein Muster vor sich gehabt haette, dem er
+nachzeichnen, dem er aber nachgezeichnet zu haben, nicht verraten
+wollen. So kann man zuverlaessig jedes poetische Gemaelde, das in
+kleinen Zoegen ueberladen, und in den grossen fehlerhaft ist, fuer eine
+verunglueckte Nachahmung halten, es mag sonst so viele kleine
+Schoenheiten haben als es will, und das Original mag sich lassen
+angeben koennen oder nicht.}
+
+Ich empfinde sehr wohl, wieviel dieser Wahrscheinlichkeit zur
+historischen Gewissheit mangelt. Aber da ich auch nichts Historisches
+weiter daraus schliessen will, so glaube ich wenigstens, dass man sie
+als eine Hypothesis kann gelten lassen, nach welcher der Kritikus
+seine Betrachtungen anstellen darf. Bewiesen oder nicht bewiesen,
+dass die Bildhauer dem Virgil nachgearbeitet haben, ich will es bloss
+annehmen, um zu sehen, wie sie ihm sodann nachgearbeitet haetten.
+Ueber das Geschrei habe ich mich schon erklaert. Vielleicht, dass
+mich die weitere Vergleichung auf nicht weniger unterrichtende
+Bemerkungen leitet.
+
+Der Einfall, den Vater mit seinen beiden Soehnen durch die moerdrischen
+Schlangen in einen Knoten zu schuerzen, ist ohnstreitig ein sehr
+gluecklicher Einfall, der von einer ungemein malerischen Phantasie
+zeuget. Wem gehoert er? Dem Dichter, oder den Kuenstlern? Montfaucon
+will ihn bei dem Dichter nicht finden 1). Aber ich meine, Montfaucon
+hat den Dichter nicht aufmerksam genug gelesen.
+
+{1. Suppl. aux Antiq. Expl. T. I. p. 243. Il y a quelque petite
+difference entre ce que dit Virgile, et ce que le marbre represente.
+Il semble, selon ce que dit le poete, que les serpents quitterent les
+deux enfants pour venir entortiller le pere, au lieu que dans ce
+marbre ils lient en meme temps les enfants et leur pere.}
+
+ --illi agmine certo
+ Laocoonta petunt, et primum parva duorum
+ Corpora natorum serpens amplexus uterque
+ Implicat et miseros morsu depascitur artus.
+ Post ipsum, auxilio subeuntem et tela ferentem
+ Corripiunt, spirisque ligant ingentibus--
+
+
+Der Dichter hat die Schlangen von einer wunderbaren LAenge geschildert.
+Sie haben die Knaben umstrickt, und da der Vater ihnen zu Hilfe
+kOemmt, ergreifen sie auch ihn (corripiunt). Nach ihrer Groesse konnten
+sie sich nicht auf einmal von den Knaben loswinden; es musste also
+einen Augenblick geben, da sie den Vater mit ihren Koepfen und
+Vorderteilen schon angefallen hatten, und mit ihren Hinterteilen die
+Knaben noch verschlungen hielten. Dieser Augenblick ist in der
+Fortschreitung des poetischen Gemaeldes notwendig; der Dichter laesst
+ihn sattsam empfinden; nur ihn auszumalen, dazu war itzt die Zeit
+nicht. Dass ihn die alten Ausleger auch wirklich empfunden haben,
+scheinet eine Stelle des Donatus 2) zu bezeigen. Wieviel weniger
+wird er den KUenstlern entwischt sein, in deren verstaendiges Auge
+alles, was ihnen vorteilhaft werden kann, so schnell und deutlich
+einleuchtet?
+
+{2. Donatus ad v. 227. lib. II. Aeneid. Mirandum non est, clipeo et
+simulacri vestigiis tegi potuisse, quos supra et longos et validos
+dixit, et multiplici ambitu circumdedisse Laocoontis corpus ac
+liberorum, et fuisse superfluam partem. Mich duenkt uebrigens, dass in
+dieser Stelle aus den Worten mirandum non est entweder das non
+wegfallen muss oder am Ende der ganze Nachsatz mangelt. Denn da die
+Schlangen so ausserordentlich gross waren, so ist es allerdings zu
+verwundern, dass sie sich unter dem Schilde der Goettin verbergen
+koennen, wenn dieses Schild nicht selbst sehr gross war und zu einer
+kolossalischen Figur gehoerte. Und die Versicherung hievon musste der
+mangelnde Nachsatz sein; oder das non hat keinen Sinn.}
+
+In den Windungen selbst, mit welchen der Dichter die Schlangen um den
+Laokoon fuehret, vermeidet er sehr sorgfaeltig die Arme, um den Haenden
+alle ihre Wirksamkeit zu lassen.
+
+Ille simul manibus tendit divellere nodos.
+
+Hierin mussten ihm die Kuenstler notwendig folgen. Nichts gibt mehr
+Ausdruck und Leben, als die Bewegung der Haende; im Affekte besonders,
+ist das sprechendste Gesicht ohne sie unbedeutend. Arme, durch die
+Ringe der Schlangen fest an den Koerper geschlossen, wuerden Frost und
+Tod ueber die ganze Gruppe verbreitet haben. Also sehen wir sie, an
+der Hauptfigur sowohl als an den Nebenfiguren, in voelliger Taetigkeit,
+und da am meisten beschaeftiget, wo gegenwaertig der heftigste Schmerz
+ist.
+
+Weiter aber auch nichts, als diese Freiheit der Arme, fanden die
+Kuenstler zutraeglich, in Ansehung der Verstrickung der Schlangen, von
+dem Dichter zu entlehnen. Virgil laesst die Schlangen doppelt um den
+Leib, und doppelt um den Hals des Laokoon sich winden, und hoch mit
+ihren Koepfen ueber ihn herausragen.
+
+Bis medium amplexi, bis collo squamea circum Terga dati, superant
+capite er cervicibus altis.
+
+
+Dieses Bild fuellet unsere Einbildungskraft vortrefflich; die edelsten
+Teile sind bis zum Ersticken gepresst, und das Gift gehet gerade nach
+dem Gesichte. Demohngeachtet war es kein Bild fuer Kuenstler, welche
+die Wirkungen des Giftes und des Schmerzes in dem Koerper zeigen
+wollten. Denn um diese bemerken zu koennen, mussten die Hauptteile so
+frei sein als moeglich, und durchaus musste kein aeussrer Druck auf sie
+wirken, welcher das Spiel der leidenden Nerven und arbeitenden
+Muskeln veraendern und schwaechen koennte. Die doppelten Windungen der
+Schlangen wuerden den ganzen Leib verdeckt haben, und jene
+schmerzliche Einziehung des Unterleibes, welche so sehr ausdrueckend
+ist, wuerde unsichtbar geblieben sein. Was man ueber, oder unter, oder
+zwischen den Windungen, von dem Leibe noch erblickt haette, wuerde
+unter Pressungen und Aufschwellungen erschienen sein, die nicht von
+dem innern Schmerze, sondern von der aeussern Last gewirket worden.
+Der ebenso oft umschlungene Hals wuerde die pyramidalische Zuspitzung
+der Gruppe, welche dem Auge so angenehm ist, gaenzlich verdorben haben;
+und die aus dieser Wulst ins Freie hinausragende spitze
+Schlangenkoepfe haetten einen so ploetzlichen Abfall von Mensur gehabt,
+dass die Form des Ganzen aeusserst anstoessig geworden waere. Es gibt
+Zeichner, welche unverstaendig genug gewesen sind, sich demohngeachtet
+an den Dichter zu binden. Was denn aber auch daraus geworden, laesst
+sich unter andern aus einem Blatte des Franz Cleyn 3) mit Abscheu
+erkennen. Die alten Bildhauer uebersahen es mit einem Blicke, dass
+ihre Kunst hier eine gaenzliche Abaenderung erfordere. Sie verlegten
+alle Windungen von dem Leibe und Halse, um die Schenkel und Fuesse.
+Hier konnten diese Windungen, dem Ausdrucke unbeschadet, so viel
+decken und pressen, als noetig war. Hier erregten sie zugleich die
+Idee der gehemmten Flucht und einer Art von Unbeweglichkeit, die der
+kuenstlichen Fortdauer des naemlichen Zustandes sehr vorteilhaft ist.
+
+{3. In der praechtigen Ausgabe von Drydens englischem Virgil. (London
+1697 in gross Folio.) Und doch hat auch dieser die Windungen der
+Schlangen um den Leib nur einfach, und um den Hals fast gar nicht
+gefuehrt. Wenn ein so mittelmaessiger Kuenstler anders eine
+Entschuldigung verdient, so koennte ihm nur die zustatten kommen, dass
+Kupfer zu einem Buche als blosse Erlaeuterungen, nicht aber als fuer
+sich bestehende Kunstwerke zu betrachten sind.}
+
+Ich weiss nicht, wie es gekommen, dass die Kunstrichter diese
+Verschiedenheit, welche sich in den Windungen der Schlangen zwischen
+dem Kunstwerke und der Beschreibung des Dichters so deutlich zeiget,
+gaenzlich mit Stillschweigen uebergangen haben. Sie erhebet die
+Weisheit der Kuenstler ebensosehr als die andre, auf die sie alle
+fallen, die sie aber nicht sowohl anzupreisen wagen, als vielmehr nur
+zu entschuldigen suchen. Ich meine die Verschiedenheit in der
+Bekleidung. Virgils Laokoon ist in seinem priesterlichen Ornate, und
+in der Gruppe erscheinet er, mit beiden seinen Soehnen, voellig nackend.
+Man sagt, es gebe Leute, welche eine grosse Ungereimtheit darin
+faenden, dass ein Koenigssohn, ein Priester, bei einem Opfer, nackend
+vorgestellet werde. Und diesen Leuten antworten Kenner der Kunst in
+allem Ernste, dass es allerdings ein Fehler wider das uebliche sei, dass
+aber die Kuenstler dazu gezwungen worden, weil sie ihren Figuren keine
+anstaendige Kleidung geben koennen. Die Bildhauerei, sagen sie, koenne
+keine Stoffe nachahmen; dicke Falten machten ein ueble Wirkung; aus
+zwei Unbequemlichkeiten habe man also die geringste waehlen, und
+lieber gegen die Wahrheit selbst verstossen, als in den Gewaendern
+tadelhaft werden muessen 4). Wenn die alten Artisten bei dem Einwurfe
+lachen wuerden, so weiss ich nicht, was sie zu der Beantwortung sagen
+duerften. Man kann die Kunst nicht tiefer herabsetzen, als es dadurch
+geschiehet. Denn gesetzt, die Skulptur koennte die verschiednen
+Stoffe ebensogut nachahmen, als die Malerei: wuerde sodann Laokoon
+notwendig bekleidet sein muessen? Wuerden wir unter dieser Bekleidung
+nichts verlieren? Hat ein Gewand, das Werk sklavischer Haende,
+ebensoviel Schoenheit als das Werk der ewigen Weisheit, ein
+organisierter Koerper? Erfordert es einerlei Faehigkeiten, ist es
+einerlei Verdienst, bringt es einerlei Ehre, jenes oder diesen
+nachzuahmen? Wollen unsere Augen nur getaeuscht sein, und ist es
+ihnen gleich viel, womit sie getaeuscht werden?
+
+{4. So urteilet selbst De Piles in seinen Anmerkungen ueber den Du
+Fresnoy v. 210. Remarquez, s'il vous plait, que les draperies tendres
+et legeres n'etant donnees qu'au sexe feminin, les anciens sculpteurs
+ont evite autant qu'ils ont pu, d'habiller les figures d'hommes;
+parce qu'ils ont pense, comme nous l'avons deja dit, qu'en sculpture
+on ne pouvait imiter les etoffes et que les gros plis faisaient un
+mauvais effet. Il y a presque autant d'exemples de cette verite,
+qu'il y a parmi les antiques de figures d'hommes nus. Je rapporterai
+seulement celui du Laocoon, lequel selon la vraisemblance devrait
+etre vetu. En effet, quelle apparence y-a-t-il qu'un fils de roi,
+qu'un pretre d'Apollon se trouvat tout nu dans la ceremonie actuelle
+d'un sacrifice; car les serpents passerent de l'ile de Tenedos au
+rivage de Troie, et surprirent Laocoon et ses fils dans le temps meme
+qu'il sacrifiait a Neptune sur le bord de la mer, comme le marque
+Virgile dans le second livre de son Eneide. Cependant les artistes,
+qui sont les auteurs de ce bel ouvrage, ont bien vu, qu'ils ne
+pouvaient pas leur donner de vetements convenables a leur qualite,
+sans faire comme un amas de pierres, dont la masse ressemblerait a un
+rocher, au lieu des trois admirables figures, qui ont ete et qui sont
+toujours l'admiration des siecles. C'est pour cela que de deux
+inconvenients, ils ont juge celui des draperies beaucoup plus facheux,
+que celui d'aller contre la verite meme.}
+
+Bei dem Dichter ist ein Gewand kein Gewand; es verdeckt nichts;
+unsere Einbildungskraft sieht ueberall hindurch. Laokoon habe es bei
+dem Virgil, oder habe es nicht, sein Leiden ist ihr an jedem Teile
+seines Koerpers einmal so sichtbar, wie das andere. Die Stirne ist
+mit der priesterlichen Binde fuer sie umbunden, aber nicht umhuellet.
+Ja sie hindert nicht allein nicht, diese Binde; sie verstaerkt auch
+noch den Begriff, den wir uns von dem Ungluecke des Leidenden machen.
+
+Perfusus sanie vittas atroque veneno.
+
+Nichts hilft ihm seine priesterliche Wuerde; selbst das Zeichen
+derselben, das ihm ueberall Ansehen und Verehrung verschafft, wird von
+dem giftigen Geifer durchnetzt und entheiliget.
+
+Aber diesen Nebenbegriff musste der Artist aufgeben, wenn das
+Hauptwerk nicht leiden sollte. Haette er dem Laokoon auch nur diese
+Binde gelassen, so wuerde er den Ausdruck um ein Grosses geschwaecht
+haben. Die Stirne waere zum Teil verdeckt worden, und die Stirne ist
+der Sitz des Ausdruckes. Wie er also dort, bei dem Schreien, den
+Ausdruck der Schoenheit aufopferte, so opferte er hier das Uebliche dem
+Ausdrucke auf. Ueberhaupt war das Uebliche bei den Alten eine sehr
+geringschaetzige Sache. Sie fuehlten, dass die hoechste Bestimmung ihrer
+Kunst sie auf die voellige Entbehrung desselben fuehrte. Schoenheit ist
+diese hoechste Bestimmung; Not erfand die Kleider, und was hat die
+Kunst mit der Not zu tun? Ich gebe es zu, dass es auch eine Schoenheit
+der Bekleidung gibt; aber was ist sie, gegen die Schoenheit der
+menschlichen Form? Und wird der, der das Groessere erreichen kann,
+sich mit dem Kleinern begnuegen? Ich fuerchte sehr, der vollkommenste
+Meister in Gewaendern zeigt durch diese Geschicklichkeit selbst, woran
+es ihm fehlt.
+
+
+
+VI.
+
+
+Meine Voraussetzung, dass die Kuenstler dem Dichter nachgeahmt haben,
+gereicht ihnen nicht zur Verkleinerung. Ihre Weisheit erscheinet
+vielmehr durch diese Nachahmung in dem schoensten Lichte. Sie folgten
+dem Dichter, ohne sich in der geringsten Kleinigkeit von ihm
+verfuehren zu lassen. Sie hatten ein Vorbild, aber da sie dieses
+Vorbild aus einer Kunst in die andere hinuebertragen mussten, so fanden
+sie genug Gelegenheit selbst zu denken. Und diese ihre eigene
+Gedanken, welche sich in den Abweichungen von ihrem Vorbilde zeigen,
+beweisen, dass sie in ihrer Kunst ebenso gross gewesen sind, als er in
+der seinigen.
+
+Nun will ich die Voraussetzung umkehren: der Dichter soll den
+Kuenstlern nachgeahmt haben. Es gibt Gelehrte, die diese
+Voraussetzung als eine Wahrheit behaupten 1). Dass sie historische
+Gruende dazu haben koennten, wuesste ich nicht. Aber, da sie das
+Kunstwerk so ueberschwenglich schoen fanden, so konnten sie sich nicht
+bereden, dass es aus so spaeter Zeit sein sollte. Es musste aus der
+Zeit sein, da die Kunst in ihrer vollkommensten Bluete war, weil es
+daraus zu sein verdiente.
+
+{1. Maffei, Richardson und noch neuerlich der Herr von Hagedorn.
+("Betrachtungen ueber die Malerei" S. 37. Richardson, Traite de la
+peinture. Tome III. p. 513.) De Fontaines verdient es wohl nicht,
+dass ich ihn diesen Maennern beifuege. Er haelt zwar, in den Anmerkungen
+zu seiner Uebersetzung des Virgils, gleichfalls dafuer, dass der Dichter
+die Gruppe in Augen gehabt habe; er ist aber so unwissend, dass er sie
+fuer ein Werk des Phidias ausgibt.}
+
+Es hat sich gezeigt, dass, so vortrefflich das Gemaelde des Virgils ist,
+die Kuenstler dennoch verschiedene Zuege desselben nicht brauchen
+koennen. Der Satz leidet also seine Einschraenkung, dass eine gute
+poetische Schilderung auch ein gutes wirkliches Gemaelde geben muesse,
+und dass der Dichter nur insoweit gut geschildert habe, als ihm der
+Artist in allen Zuegen folgen koenne. Man ist geneigt, diese
+Einschraenkung zu vermuten, noch ehe man sie durch Beispiele erhaertet
+sieht; bloss aus Erwaegung der weitern Sphaere der Poesie, aus dem
+unendlichen Felde unserer Einbildungskraft, aus der Geistigkeit ihrer
+Bilder, die in groesster Menge und Mannigfaltigkeit nebeneinander
+stehen koennen, ohne dass eines das andere deckt oder schaendet, wie es
+wohl die Dinge selbst, oder die natuerlichen Zeichen derselben in den
+engen Schranken des Raumes oder der Zeit tun wuerden.
+
+Wenn aber das Kleinere das Groessere nicht fassen kann, so kann das
+Kleinere in dem Groessern enthalten sein. Ich will sagen; wenn nicht
+jeder Zug, den der malende Dichter braucht, eben die gute Wirkung auf
+der Flaeche oder in dem Marmor haben kann: so moechte vielleicht jeder
+Zug, dessen sich der Artist bedienet, in dem Werke des Dichters von
+ebenso guter Wirkung sein koennen? Ohnstreitig; denn was wir in einem
+Kunstwerke schoen finden, das findet nicht unser Auge, sondern unsere
+Einbildungskraft, durch das Auge, schoen. Das naemliche Bild mag also
+in unserer Einbildungskraft durch willkuerliche oder natuerliche
+Zeichen wieder erregt werden, so muss auch jederzeit das naemliche
+Wohlgefallen, obschon nicht in dem naemlichen Grade, wieder entstehen.
+
+Dieses aber eingestanden, muss ich bekennen, dass mir die Voraussetzung,
+Virgil habe die Kuenstler nachgeahmet, weit unbegreiflicher wird, als
+mir das Widerspiel derselben geworden ist. Wenn die Kuenstler dem
+Dichter gefolgt sind, so kann ich mir von allen ihren Abweichungen
+Rede und Antwort geben. Sie mussten abweichen, weil die naemlichen
+Zuege des Dichters in ihrem Werke Unbequemlichkeiten verursacht haben
+wuerden, die sich bei ihm nicht aeussern. Aber warum musste der Dichter
+abweichen? Wann er der Gruppe in allen und jeden Stuecken treulich
+nachgegangen waere, wuerde er uns nicht immer noch ein vortreffliches
+Gemaelde geliefert haben 2)? Ich begreife wohl, wie seine vor sich
+selbst arbeitende Phantasie ihn auf diesen und jenen Zug bringen
+koennen; aber die Ursachen, warum seine Beurteilungskraft schoene Zuege,
+die er vor Augen gehabt, in diese andere Zuege verwandeln zu muessen
+glaubte, diese wollen mir nirgends einleuchten.
+
+{2. Ich kann mich desfalls auf nichts Entscheidenderes berufen, als
+auf das Gedichte des Sadolet. Es ist eines alten Dichters wuerdig,
+und da es sehr wohl die Stelle eines Kupfers vertreten kann, so
+glaube ich es hier ganz einruecken zu duerfen.
+
+ DE LAOCOONTIS STATUA
+ JACOBI SADOLETI CARMEN.
+
+ Ecce alto terrae e cumulo, ingentisque ruinae
+ Visceribus, iterum reducem longinqua reduxit
+ Laocoonta dies; aulis regalibus olim
+ Qui stetit, atque tuos ornabat, Tite, penates.
+ Divinae simulacrum artis, nec docta vetustas
+ Nobilius spectabat opus, nunc celsa revisit
+ Exemptum tenebris redivivae moenia Romae.
+ Quid primum summumve loquar? miserumne parentem
+ Et prolem geminam? an sinuatos flexibus angues
+ Terribili aspectu? caudasque irasque draconum
+ Vulneraque et veros, saxo moriente, dolores?
+ Horret ad haec animus, mutaque ab imagine pulsat
+ Pectora non parvo pietas commixta tremori.
+ Prolixum bini spiris glomerantur in orbem
+ Ardentes colubri, et sinuosis orbibus errant
+ Ternaque multiplici constringunt corpora nexu.
+ Vix oculi sufferre valent, crudele tuendo
+ Exitium, casusque feros: micat alter, et ipsum
+ Laocoonta petit, totumque infraque supraque
+ Implicat er rabido tandem ferit ilia morsu.
+ Connexum refugit corpus, torquentia sese
+ Membra, latusque retro sinuatum a vulnere cernas
+ Ille dolore acri, et laniatu impulsus acerbo,
+ Dat gemitum ingentem, crudosque evellere dentes
+ Connixus, laevam impatiens ad terga Chelydri
+ Objicit: intendunt nervi, collectaque ab omni
+ Corpore vis frustra summis conatibus instat.
+ Ferre nequit rabiem, et de vulnere murmur anhelum est.
+ At serpens lapsu crebro redeunte subintrat
+ Lubricus, intortoque ligat genua infima nodo.
+ Absistunt surae, spirisque prementibus arctum
+ Crus tumet, obsepto turgent vitalia pulsu,
+ Liventesque atro distendunt sanguine venas.
+ Nec minus in natos eadem vis effera saevit
+ Implexuque angit rapido, miserandaque membra
+ Dilacerat: jamque alterius depasta cruentum
+ Pectus, suprema genitorem voce cientis,
+ Circumjectu orbis, validoque volumine fulcit.
+ Alter adhuc nullo violatus corpora morsu,
+ Dum parat adducta caudam divellere planta,
+ Horret ad adspectum miseri patris, haeret in illo,
+ Er jam jam ingentes fletus, lacrimasque cadentes
+ Anceps in dubio retinet timor. Ergo perenni
+ Qui tantum statuistis opus jam laude nitentes,
+ Artifices magni (quanquam et melioribus actis
+ Quaeritur aeternum nomen, multoque licebat
+ Clarius ingenium venturae tradere famae)
+ Attamen ad laudem quaecunque oblata facultas
+ Egregium hanc rapere, et summa ad fastigia niti.
+ Vos rigidum lapidem vivis animare figuris
+ Eximii, et vivos spiranti in marmore sensus
+ Inserere, aspicimus motumque iramque doloremque,
+ Et paene audimus gemitus: vos extulit olim
+ Clara Rhodos, vestrac jacuerunt artis honores
+ Tempore ab immenso, quos rursum in luce secunda
+ Roma videt, celebratque frequens: operisque vetusti
+ Gratia parta recens. Quanto praestantius ergo est
+ Ingenio, aut quovis extendere fata labore,
+ Quam fastus et opes et inanem extendere luxum.
+
+
+(v. Leodegarii a Quercu Farrago poematum T. II. p. 63.) Auch Gruter
+hat dieses Gedicht, nebst andern des Sadolets, seiner bekannten
+Sammlung (Delic. Poet. Italorum Parte alt. p. 582) mit einverleibet;
+allein sehr fehlerhaft. FUer bini (v. 14) lieset er vivi; fuer errant
+(v. 15) oram usw.}
+
+Mich duenket sogar, wenn Virgil die Gruppe zu seinem Vorbilde gehabt
+hAette, dass er sich schwerlich wuerde haben maessigen kOennen, die
+Verstrickung aller drei Koerper in einen Knoten gleichsam nur erraten
+zu lassen. Sie wuerde sein Auge zu lebhaft geruehrt haben, er wuerde
+eine zu treffliche Wirkung von ihr empfunden haben, als dass sie nicht
+auch in seiner Beschreibung mehr vorstechen sollte. Ich habe gesagt:
+es war itzt die Zeit nicht, diese Verstrickung auszumalen. Nein;
+aber ein einziges Wort mehr wuerde ihr in dem Schatten, worin sie der
+Dichter lassen musste, einen sehr entscheidenden Druck vielleicht
+gegeben haben. Was der Artist, ohne dieses Wort, entdecken konnte,
+wuerde der Dichter, wenn er es bei dem Artisten gesehen haette, nicht
+ohne dasselbe gelassen haben.
+
+Der Artist hatte die dringendsten Ursachen, das Leiden des Laokoon
+nicht in Geschrei ausbrechen zu lassen. Wenn aber der Dichter die so
+ruehrende Verbindung von Schmerz und Schoenheit in dem Kunstwerke vor
+sich gehabt haette, was haette ihn ebenso unvermeidlich noetigen koennen,
+die Idee von maennlichem Anstande und grossmuetiger Geduld, welche aus
+dieser Verbindung des Schmerzes und der Schoenheit entspringt, so
+voellig unangedeutet zu lassen, und uns auf einmal mit dem graesslichen
+Geschrei seines Laokoons zu schrecken? Richardson sagt: Virgils
+Laokoon muss schreien, weil der Dichter nicht sowohl Mitleid fuer ihn,
+als Schrecken und Entsetzen bei den Trojanern, erregen will. Ich
+will es zugeben, obgleich Richardson nicht erwogen zu haben scheinet,
+dass der Dichter die Beschreibung nicht in seiner eignen Person macht,
+sondern sie den Aeneas machen laesst, und gegen die Dido machen laesst,
+deren Mitleid Aeneas nicht genug bestuermen konnte. Allein mich
+befremdet nicht das Geschrei, sondern der Mangel aller Gradation bis
+zu diesem Geschrei, auf welche das Kunstwerk den Dichter
+natuerlicherweise haette bringen muessen, wann er es, wie wir
+voraussetzen, zu seinem Vorbilde gehabt haette. Richardson fueget
+hinzu 3): die Geschichte des Laokoon solle bloss zu der pathetischen
+Beschreibung der endlichen Zerstoerung leiten; der Dichter habe sie
+also nicht interessanter machen duerfen, um unsere Aufmerksamkeit,
+welche diese letzte schreckliche Nacht ganz fordere, durch das
+Unglueck eines einzeln Buergers nicht zu zerstreuen. Allein das heisst
+die Sache aus einem malerischen Augenpunkte betrachten wollen, aus
+welchem sie gar nicht betrachtet werden kann. Das Unglueck des
+Laokoon und die Zerstoerung sind bei dem Dichter keine Gemaelde
+nebeneinander; sie machen beide kein Ganzes aus, das unser Auge auf
+einmal uebersehen koennte oder sollte; und nur in diesem Falle waere es
+zu besorgen, dass unsere Blicke mehr auf den Laokoon, als auf die
+brennende Stadt fallen duerften. Beider Beschreibungen folgen
+aufeinander, und ich sehe nicht, welchen Nachteil es der folgenden
+bringen koennte, wenn uns die vorhergehende auch noch so sehr geruehrt
+haette. Es sei denn, dass die folgende an sich selbst nicht ruehrend
+genug waere.
+
+{3. De la peinture, Tome III. p. 516. C'est l'horreur que les Troiens
+ont concue contre Laocoon, qui etait necessaire a Virgile pour la
+conduite de son poeme; et cela le mene a cette description pathetique
+de la destruction de la patrie de son heros. Aussi Virgile n'avait
+garde de diviser l'attention sur la derniere nuit, pour une grande
+ville entiere, par la peinture d'un petit malheur d'un particulier.}
+
+Noch weniger Ursache wuerde der Dichter gehabt haben, die Windungen
+der Schlangen zu veraendern. Sie beschaeftigen in dem Kunstwerke die
+Haende, und verstricken die Fuesse. So sehr dem Auge diese Verteilung
+gefaellt, so lebhaft ist das Bild, welches in der Einbildung davon
+zurueckbleibt. Es ist so deutlich und rein, dass es sich durch Worte
+nicht viel schwaecher darstellen laesst, als durch natuerliche Zeichen.
+
+ --micat alter, et ipsum
+ Laocoonta petit, totumque infraque supraque
+ Implicat et rabido tandem ferit ilia morsu
+ ------
+ At serpens lapsu crebro redeunte subintrat
+ Lubricus, intortoque ligat genua infima nodo.
+
+
+Das sind Zeilen des Sadolet, die von dem Virgil ohne Zweifel noch
+malerischer gekommen wAeren, wenn ein sichtbares Vorbild seine
+Phantasie befeuert haette, und die alsdann gewiss besser gewesen waeren,
+als was er uns itzt dafUer gibt:
+
+ Bis medium amplexi, bis collo squamea circum
+ Terga dati, superant capite et cervicibus altis.
+
+
+Diese ZUege fuellen unsere Einbildungskraft allerdings; aber sie muss
+nicht dabei verweilen, sie muss sie nicht aufs reine zu bringen suchen,
+sie muss itzt nur die Schlangen, itzt nur den Laokoon sehen, sie muss
+sich nicht vorstellen wollen, welche Figur beide zusammen machen.
+Sobald sie hierauf verfAellt, faengt ihr das Virgilische Bild an zu
+missfallen, und sie findet es hOechst unmalerisch.
+
+Waeren aber auch schon die Veraenderungen, welche Virgil mit dem ihm
+geliehenen Vorbilde gemacht haette, nicht ungluecklich, so waeren sie
+doch bloss willkuerlich. Man ahmet nach, um aehnlich zu werden; kann
+man aber aehnlich werden, wenn man ueber die Not veraendert? Vielmehr
+wenn man dieses tut, ist der Vorsatz klar, dass man nicht aehnlich
+werden wollen, dass man also nicht nachgeahmt habe.
+
+Nicht das Ganze, koennte man einwenden, aber wohl diesen und jenen
+Teil. Gut; doch welches sind denn diese einzeln Teile, die in der
+Beschreibung und in dem Kunstwerke so genau uebereinstimmen, dass sie
+der Dichter aus diesem entlehnet zu haben scheinen koennte? Den Vater,
+die Kinder, die Schlangen, das alles gab dem Dichter sowohl als dem
+Artisten, die Geschichte. Ausser dem Historischen kommen sie in
+nichts ueberein, als darin, dass sie Kinder und Vater in einen einzigen
+Schlangenknoten verstricken. Allein der Einfall hierzu entsprang aus
+dem veraenderten Umstande, dass den Vater eben dasselbe Unglueck
+betroffen habe, als die Kinder. Diese Veraenderung aber, wie oben
+erwaehnt worden, scheinet Virgil gemacht zu haben; denn die
+griechische Tradition sagt ganz etwas anders. Folglich, wenn in
+Ansehung jener gemeinschaftlichen Verstrickung, auf einer oder der
+andern Seite Nachahmung sein soll, so ist sie wahrscheinlicher auf
+der Seite der Kuenstler, als des Dichters zu vermuten. In allem
+uebrigen weicht einer von dem andern ab; nur mit dem Unterschiede, dass
+wenn es der Kuenstler ist, der die Abweichungen gemacht hat, der
+Vorsatz den Dichter nachzuahmen noch dabei bestehen kann, indem ihn
+die Bestimmung und die Schranken seiner Kunst dazu noetigten; ist es
+hingegen der Dichter, welcher dem Kuenstler nachgeahmt haben soll, so
+sind alle die beruehrten Abweichungen ein Beweis wider diese
+vermeintliche Nachahmung, und diejenigen, welche sie demohngeachtet
+behaupten, koennen weiter nichts damit wollen, als dass das Kunstwerk
+aelter sei, als die poetische Beschreibung.
+
+
+
+VII.
+
+
+Wenn man sagt, der Kuenstler ahme dem Dichter, oder der Dichter ahme
+dem Kuenstler nach, so kann dieses zweierlei bedeuten. Entweder der
+eine macht das Werk des andern zu dem wirklichen Gegenstande seiner
+Nachahmung, oder sie haben beide einerlei Gegenstaende der Nachahmung,
+und der eine entlehnet von dem andern die Art und Weise es
+nachzuahmen.
+
+Wenn Virgil das Schild des Aeneas beschreibst, so ahmet er dem
+Kuenstler, welcher dieses Schild gemacht hat, in der ersten Bedeutung
+nach. Das Kunstwerk, nicht das was auf dem Kunstwerke vorgestellet
+worden, ist der Gegenstand seiner Nachahmung, und wenn er auch schon
+das mitbeschreibt, was man darauf vorgestellet sieht, so beschreibt
+er es doch nur als ein Teil des Schildes, und nicht als die Sache
+selbst. Wenn Virgil hingegen die Gruppe Laokoon nachgeahmet haette,
+so wuerde dieses eine Nachahmung von der zweiten Gattung sein. Denn
+er wuerde nicht diese Gruppe, sondern das, was diese Gruppe vorstellet,
+nachgeahmt, und nur die Zuege seiner Nachahmung von ihr entlehnt
+haben.
+
+Bei der ersten Nachahmung ist der Dichter Original, bei der andern
+ist er Kopist. Jene ist ein Teil der allgemeinen Nachahmung, welche
+das Wesen seiner Kunst ausmacht, und er arbeitet als Genie, sein
+Vorwurf mag ein Werk anderer Kuenste, oder der Natur sein. Diese
+hingegen setzt ihn gaenzlich von seiner Wuerde herab; anstatt der Dinge
+selbst ahmet er ihre Nachahmungen nach, und gibt uns kalte
+Erinnerungen von Zuegen eines fremden Genies, fuer urspruengliche Zuege
+seines eigenen.
+
+Wenn indes Dichter und Kuenstler diejenigen Gegenstaende, die sie
+miteinander gemein haben, nicht selten aus dem naemlichen
+Gesichtspunkte betrachten muessen: so kann es nicht fehlen, dass ihre
+Nachahmungen nicht in vielen Stuecken uebereinstimmen sollten, ohne dass
+zwischen ihnen selbst die geringste Nachahmung oder Beeiferung
+gewesen. Diese Uebereinstimmungen koennen bei zeitverwandten Kuenstlern
+und Dichtern, ueber Dinge, welche nicht mehr vorhanden sind, zu
+wechselsweisen Erlaeuterungen fuehren; allein dergleichen Erlaeuterungen
+dadurch aufzustutzen suchen, dass man aus dem Zufalle Vorsatz macht,
+und besonders dem Poeten bei jeder Kleinigkeit ein Augenmerk auf
+diese Statue, oder auf jenes Gemaelde andichtet, heisst ihm einen sehr
+zweideutigen Dienst erweisen. Und nicht allein ihm, sondern auch dem
+Leser, dem man die schoenste Stelle dadurch, wenn Gott will, sehr
+deutlich, aber auch trefflich frostig macht.
+
+Dieses ist die Absicht und der Fehler eines beruehmten englischen
+Werks. Spence schrieb seinen "Polymetis" 1) mit vieler klassischen
+Gelehrsamkeit, und in einer sehr vertrauten Bekanntschaft mit den
+uebergebliebenen Werken der alten Kunst. Seinen Vorsatz, aus diesen
+die roemischen Dichter zu erklaeren, und aus den Dichtern hinwiederum
+Aufschluesse fuer noch unerklaerte alte Kunstwerke herzuholen, hat er
+oefters gluecklich erreicht. Aber demohngeachtet behaupte ich, dass
+sein Buch fuer jeden Leser von Geschmack ein ganz unertraegliches Buch
+sein muss.
+
+{1. Die erste Ausgabe ist von 1747; die zweite von 1755 und fuehret
+den Titel: Polymetis, or an enquiry concerning the agreement between
+the works of the Roman poets, and the remains of the ancient artists,
+being an attempt to illustrate them mutually from one another. In
+ten books, by the Revd. Mr. Spence. London, printed for Dodsley.
+fol. Auch ein Auszug, welchen N. Tindal aus diesem Werke gemacht hat,
+ist bereits mehr als einmal gedruckt worden.}
+
+Es ist natuerlich, dass wenn Valerius Flaccus den gefluegelten Blitz auf
+den roemischen Schilden beschreibt,
+
+(Nec primus radios, miles Romane, corusci Fulminis et rutilas scutis
+diffuderis alas)
+
+
+mir diese Beschreibung weit deutlicher wird, wenn ich die Abbildung
+eines solchen Schildes auf einem alten Denkmale erblicke 2). Es kann
+sein, dass Mars in eben der schwebenden Stellung, in welcher ihn
+Addison ueber der Rhea auf einer Muenze zu sehen glaubte 3), auch von
+den alten Waffenschmieden auf den Helmen und Schilden vorgestellet
+wurde, und dass Juvenal einen solchen Helm oder Schild in Gedanken
+hatte, als er mit einem Worte darauf anspielte, welches bis auf den
+Addison ein Raetsel fuer alle Ausleger gewesen. Mich duenkt selbst, dass
+ich die Stelle des Ovids, wo der ermattete Cephalus den kuehlenden
+Lueften ruft:
+
+{2. Val. Flaccus lib. VI. v. 55. 56. Polymetis Dial. VI. p. 50.}
+
+{3. Ich sage, es kann sein. Doch wollte ich zehne gegen eins wetten,
+dass es nicht ist.--Juvenal redet von den ersten Zeiten der Republik,
+als man noch von keiner Pracht und Ueppigkeit wusste und der Soldat das
+erbeutete Gold und Silber nur auf das Geschirr seines Pferdes und auf
+seine Waffen verwandte. (Sat. XI. v. 100 bis 107.)
+
+ Tunc rudis et Grajas mirari nescius artes
+ Urbibus eversis praedarum in parte reperta
+ Magnorum artificum frangebat pocula miles,
+ Ut phaleris gauderet equus, caelataque cassis
+ Romuleae simulacra ferae mansuescere jussae
+ Imperii fato, geminos sub rupe Quirinos,
+ Ac nudam effigiem clipeo fulgentis et hasta
+ Pendentisque dei perituro ostenderet hosti.
+
+
+Der Soldat zerbrach die kostbarsten Becher, die MeisterstUecke grosser
+Kuenstler, um eine WOelfin, einen kleinen Romulus und Remus daraus
+arbeiten zu lassen, womit er seinen Helm ausschmueckte. Alles ist
+verstAendlich, bis auf die letzten zwei Zeilen, in welchen der Dichter
+fortfaehrt, noch ein solches getriebenes Bild auf den Helmen der alten
+Soldaten zu beschreiben. So viel sieht man wohl, dass dieses Bild der
+Gott Mars sein soll; aber was soll das Beiwort pendentis, welches er
+ihm gibt, bedeuten? Rigaltius fand eine alte Glosse, die es durch
+quasi ad ictum se inclinantis erklaert. Lubinus meinet, das Bild sei
+auf dem Schilde gewesen, und da das Schild an dem Arme haenge, so habe
+der Dichter auch das Bild haengend nennen koennen. Allein dieses ist
+wider die Konstruktion; denn das zu ostenderet gehoerige Subjektum ist
+nicht miles, sondern cassis. Britannicus will, alles was hoch in der
+Luft stehe, koenne hangend heissen, und also auch dieses Bild ueber oder
+auf dem Helme. Einige wollen gar perdentis dafuer lesen, um einen
+Gegensatz mit dem folgenden perituro zu machen, den aber nur sie
+allein schoen finden duerften. Was sagt nun Addison bei dieser
+Ungewissheit? Die Ausleger, sagt er, irren sich alle, und die wahre
+Meinung ist ganz gewiss diese. (S. dessen Reisen deut. Uebers. S.
+249.) "Da die roemischen Soldaten sich nicht wenig auf den Stifter und
+kriegerischen Geist ihrer Republik einbildeten, so waren sie gewohnt
+auf ihren Helmen die erste Geschichte des Romulus zu tragen, wie er
+von einem Gotte erzeugt, und von einer Woelfin gesaeuget worden. Die
+Figur des Gottes war vorgestellt, wie er sich auf die Priesterin Ilia,
+oder wie sie andere nennen, Rhea Sylvia, herablaesst, und in diesem
+Herablassen schien sie ueber der Jungfrau in der Luft zu schweben,
+welches denn durch das Wort pendentis sehr eigentlich und poetisch
+ausgedruckt wird. Ausser dem alten Basrelief beim Bellori, welches
+mich zuerst auf diese Auslegung brachte, habe ich seitdem die
+naemliche Figur auf einer Muenze gefunden, die unter der Zeit des
+Antoninus Pius geschlagen worden."--Da Spence diese Entdeckung des
+Addison so ausserordentlich gluecklich findet, dass er sie als ein
+Muster in ihrer Art, und als das staerkste Beispiel anfuehret, wie
+nuetzlich die Werke der alten Artisten zur Erklaerung der klassischen
+roemischen Dichter gebraucht werden koennen: so kann ich mich nicht
+enthalten, sie ein wenig genauer zu betrachten. (Polymetis Dial.
+VII. p. 77.)--Vors erste muss ich anmerken, dass bloss das Basrelief und
+die Muenze dem Addison wohl schwerlich die Stelle des Juvenals in die
+Gedanken gebracht haben wuerde, wenn er sich nicht zugleich erinnert
+haette, bei dem alten Scholiasten, der in der letzten ohn' einen Zeile
+anstatt fulgentis, venientis gefunden, die Glosse gelesen zu haben:
+Martis ad Iliam venientis ut concumberet. Nun nehme man aber diese
+Lesart des Scholiasten nicht an, sondern man nehme die an, welche
+Addison selbst annimmt, und sage, ob man sodann die geringste Spur
+findet, dass der Dichter die Rhea in Gedanken gehabt habe? Man sage,
+ob es nicht ein wahres Hysteronproteron von ihm sein wuerde, dass er
+von der Woelfin und den jungen Knaben rede, und sodann erst von dem
+Abenteuer, dem sie ihr Dasein zu danken haben? Die Rhea ist noch
+nicht Mutter, und die Kinder liegen schon unter dem Felsen. Man sage,
+ob eine Schaeferstunde wohl ein schickliches Emblema auf dem Helme
+eines roemischen Soldaten gewesen waere? Der Soldat war auf den
+goettlichen Ursprung seines Stifters stolz; das zeigten die Woelfin und
+die Kinder genugsam; musste er auch noch den Mars im Begriffe einer
+Handlung zeigen, in der er nichts weniger als der fuerchterliche Mars
+war? Seine Ueberraschung der Rhea mag auf noch so viel alten Marmorn
+und Muenzen zu finden sein, passt sie darum auf das Stueck einer
+Ruestung? Und welches sind denn die Marmor und Muenzen auf welchen sie
+Addison fand, und wo er den Mars in dieser schwebenden Stellung sahe?
+Das alte Basrelief, worauf er sich beruft, soll Bellori haben. Aber
+die Admiranda, welches seine Sammlung der schoensten alten Basreliefs
+ist, wird man vergebens darnach durchblaettern. Ich habe es nicht
+gefunden, und auch Spence muss es weder da, noch sonst wo gefunden
+haben, weil er es gaenzlich mit Stillschweigen uebergeht. Alles koemmt
+also auf die Muenze an. Nun betrachte man diese bei dem Addison
+selbst. Ich erblicke eine liegende Rhea; und da dem Stempelschneider
+der Raum nicht erlaubte, die Figur des Mars mit ihr auf gleichem
+Boden zu stellen, so stehet er ein wenig hoeher. Das ist es alles;
+Schwebendes hat sie ausser diesem nicht das geringste. Es ist wahr,
+in der Abbildung, die Spence davon gibt, ist das Schweben sehr stark
+ausgedruckt; die Figur faellt mit dem Oberteile weit vor; und man
+sieht deutlich, dass es kein stehender Koerper ist, sondern dass, wenn
+es kein fallender Koerper sein soll, es notwendig ein schwebender sein
+muss. Spence sagt, er besitze diese Muenze selbst. Es waere hart,
+obschon in einer Kleinigkeit, die Aufrichtigkeit eines Mannes in
+Zweifel zu ziehen. Allein ein gefasstes Vorurteil kann auch auf
+unsere Augen Einfluss haben; zudem konnte er es zum Besten seiner
+Leser fuer erlaubt halten, den Ausdruck, welchen er zu sehen glaubte,
+durch seinen Kuenstler so verstaerken zu lassen, dass uns ebensowenig
+Zweifel desfalls uebrigbliebe, als ihm selbst. So viel ist gewiss, dass
+Spence und Addison eben dieselbe Muenze meinen, und dass sie sonach
+entweder bei diesem sehr verstellt, oder bei jenem sehr verschoenert
+sein muss. Doch ich habe noch eine andere Anmerkung wider dieses
+vermeintliche Schweben des Mars. Diese naemlich: dass ein schwebender
+Koerper, ohne eine scheinbare Ursache, durch welche die Wirkung seiner
+Schwere verhindert wird, eine Ungereimtheit ist, von der man in den
+alten Kunstwerken kein Exempel findet. Auch die neue Malerei
+erlaubet sich dieselbe nie, sondern wenn ein Koerper in der Luft
+hangen soll, so muessen ihn entweder Fluegel halten, oder er muss auf
+etwas zu ruhen scheinen, und sollte es auch nur eine blosse Wolke sein.
+Wenn Homer die Thetis von dem Gestade sich zu Fusse in den Olymp
+erheben laesst, Thn men ar Oulumponde podes jeron (Iliad. S. v. 148),
+so verstehet der Graf Caylus die Beduerfnisse der Kunst zu wohl, als
+dass er dem Maler raten sollte, die Goettin so frei die Luft
+durchschreiten zu lassen. Sie muss ihren Weg auf einer Wolke nehmen
+(Tableaux tires de l'Iliade p. 91), so wie er sie ein andermal auf
+einen Wagen setzt (p. 131), obgleich der Dichter das Gegenteil von
+ihr sagt. Wie kann es auch wohl anders sein? Ob uns schon der
+Dichter die Goettin ebenfalls unter einer menschlichen Figur denken
+laesst, so hat er doch alle Begriffe eines groben und schweren Stoffes
+davon entfernet, und ihren menschenaehnlichen Koerper mit einer Kraft
+belebt, die ihn von den Gesetzen unserer Bewegung ausnimmt. Wodurch
+aber koennte die Malerei die koerperliche Figur einer Gottheit von der
+koerperlichen Figur eines Menschen so vorzueglich unterscheiden, dass
+unser Auge nicht beleidiget wuerde, wenn es bei der einen ganz andere
+Regeln der Bewegung, der Schwere, des Gleichgewichts beobachtet faende,
+als bei der andern? Wodurch anders als durch verabredete Zeichen?
+In der Tat sind ein Paar Fluegel, eine Wolke auch nichts andres, als
+dergleichen Zeichen. Doch von diesem ein mehreres an einem andren
+Orte. Hier ist es genug, von den Verteidigern der Addisonschen
+Meinung zu verlangen, mir eine andere aehnliche Figur auf alten
+Denkmaelern zu zeigen, die so frei und bloss in der Luft hange. Sollte
+dieser Mars die einzige in ihrer Art sein? Und warum? Hatte
+vielleicht die Tradition einen Umstand ueberliefert, der ein
+dergleichen Schweben in diesem Falle notwendig macht? Beim Ovid
+(Fast. lib. 3.) laesst sich nicht die geringste Spur davon entdecken.
+Vielmehr kann man zeigen, dass es keinen solchen Umstand koenne gegeben
+haben. Denn es finden sich andere alte Kunstwerke, welche die
+naemliche Geschichte vorstellen, und wo Mars offenbar nicht schwebet,
+sondern gehet. Man betrachte das Basrelief beim Montfaucon (Suppl.
+T. I. p. 183), das sich, wenn ich nicht irre, zu Rom in dem Palast
+der Mellini befindet. Die schlafende Rhea liegt unter einem Baume,
+und Mars naehert sich ihr mit leisen Schritten, und mit der
+bedeutenden Zurueckstreckung der rechten Hand, mit der wir denen
+hinter uns, entweder zurueckzubleiben, oder sachte zu folgen, befehlen.
+Es ist vollkommen die naemliche Stellung in der er auf der Muenze
+erscheinet, nur dass er hier die Lanze in der rechten und dort in der
+linken Hand fuehret. Man findet oeftrer beruehmte Statuen und
+Basreliefe auf alten Muenzen kopieret, als dass es auch nicht hier
+koennte geschehen sein, wo der Stempelschneider den Ausdruck der
+zurueckgewandten rechten Hand vielleicht nicht fuehlte und sie daher
+besser mit der Lanze fuellen zu koennen glaubte.--Alles dieses nun
+zusammengenommen, wie viel Wahrscheinlichkeit bleibet dem Addison
+noch uebrig? Schwerlich mehr, als soviel deren die blosse Moeglichkeit
+hat. Doch woher eine bessere Erklaerung, wenn diese nichts taugt? Es
+kann sein, dass sich schon eine bessere unter den vom Addison
+verworfenen Erklaerungen findet. Findet sich aber auch keine, was
+mehr? Die Stelle des Dichters ist verdorben; sie mag es bleiben.
+Und sie wird es bleiben, wenn man auch noch zwanzig neue Vermutungen
+darueber auskramen wollte. Dergleichen koennte z. E. diese sein, dass
+pendentis in seiner figuerlichen Bedeutung genommen werden muesse, nach
+welcher es soviel als ungewiss, unentschlossen, unentschieden, heisset.
+Mars pendens waere alsdenn soviel als Mars incertus oder Mars
+communis. Dii communes sunt, sagt Servius, (ad v. 118. lib. XII.
+Aeneid.), Mars, Bellona, Victoria, quia hi in bello utrique parti
+favere possunt. Und die ganze Zeile,
+
+Pendentisque dei (effigiem) perituro ostenderet hosti,
+
+wuerde diesen Sinn haben, dass der alte roemische Soldat das Bildnis des
+gemeinschaftlichen Gottes seinem demohngeachtet bald unterliegenden
+Feinde unter die Augen zu tragen gewohnt gewesen sei. Ein sehr
+feiner Zug, der die Siege der alten Roemer mehr zur Wirkung ihrer
+eignen Tapferkeit, als zur Frucht des parteiischen Beistandes ihres
+Stammvaters macht. Demohngeachtet: non liquet.}
+
+Aura--venias--Meque juves, intresque sinus, gratissima, nostros
+
+
+und seine Prokris diese Aura fuer den Namen einer Nebenbuhlerin haelt,
+dass ich, sage ich, diese Stelle natuerlicher finde, wenn ich aus den
+Kunstwerken der Alten ersehe, dass sie wirklich die sanften Luefte
+personifieret, und eine Art weiblicher Sylphen, unter dem Namen Aurae,
+verehret haben 4). Ich gebe es zu, dass wenn Juvenal einen vornehmen
+Taugenichts mit einer Hermessaeule vergleicht, man das Aehnliche in
+dieser Vergleichung schwerlich finden duerfte, ohne eine solche Saeule
+zu sehen, ohne zu wissen, dass es ein schlechter Pfeiler ist, der bloss
+das Haupt, hoechstens mit dem Rumpfe, des Gottes traegt, und weil wir
+weder Haende noch Fuesse daran erblicken, den Begriff der Untaetigkeit
+erwecket 5).--Erlaeuterungen von dieser Art sind nicht zu verachten,
+wenn sie auch schon weder allezeit notwendig noch allezeit
+hinlaenglich sein sollten. Der Dichter hatte das Kunstwerk als ein
+fuer sich bestehendes Ding, und nicht als Nachahmung, vor Augen; oder
+Kuenstler und Dichter hatten einerlei angenommene Begriffe, demzufolge
+sich auch Uebereinstimmung in ihren Vorstellungen zeigen musste, aus
+welcher sich auf die Allgemeinheit jener Begriffe zurueckschliessen
+laesst.
+
+{4. "Ehe ich", sagt Spence (Polymetis Dialogue XIII. p. 208) "mit
+diesen Aurae, Luftnymphen, bekannt ward, wusste ich mich in die
+Geschichte vom Cephalus und Prokris, beim Ovid, gar nicht zu finden.
+Ich konnte auf keine Weise begreifen, wie Cephalus durch seine
+Ausrufung, Aura venias, sie mochte auch in einem noch so zaertlichen
+schmachtenden Tone erschollen sein, jemanden auf den Argwohn bringen
+koennen, dass er seiner Prokris untreu sei. Da ich gewohnt war, unter
+dem Worte Aura, nichts als die Luft ueberhaupt, oder einen sanften
+Wind insbesondere, zu verstehen, so kam mir die Eifersucht der
+Prokris noch weit ungegruendeter vor, als auch die
+allerausschweifendste gemeiniglich zu sein pflegt. Als ich aber
+einmal gefunden hatte, dass Aura ebensowohl ein schoenes junges Maedchen,
+als die Luft bedeuten koennte, so bekam die Sache ein ganz anderes
+Ansehen, und die Geschichte duenkte mich eine ziemlich vernuenftige
+Wendung zu bekommen." Ich will den Beifall, den ich dieser Entdeckung,
+mit der sich Spence so sehr schmeichelt, in dem Texte erteile, in
+der Note nicht wieder zuruecknehmen. Ich kann aber doch nicht
+unangemerkt lassen, dass auch ohne sie die Stelle des Dichters ganz
+natuerlich und begreiflich ist. Man darf naemlich nur wissen, dass Aura
+bei den Alten ein ganz gewoehnlicher Name fuer Frauenzimmer war. So
+heisst z. E. beim Nonnus (Dionys. lib. XLVIII.) die Nymphe aus dem
+Gefolge der Diana, die, weil sie sich einer maennlichem Schoenheit
+ruehmte, als selbst der Goettin ihre war, zur Strafe fuer ihre
+Vermessenheit, schlafend den Umarmungen des Bacchus preisgegeben ward.}
+
+{5. Juvenalis Satir. VIII. v. 52-55.
+
+ --At tu
+ Nil nisi Cecropides; truncoque simillimus Hermae:
+ Nullo quippe alio vincis discrimine, quam quod
+ Illi marmoreum caput est, tua vivit imago.
+
+
+Wenn Spence die griechischen Schriftsteller mit in seinen Plan
+gezogen gehabt hAette, so wUerde ihm vielleicht, vielleicht aber auch
+nicht, eine alte Aesopische Fabel beigefallen sein, die aus der
+Bildung einer solchen Hermessaeule ein noch weit schOeneres, und zu
+ihrem Verstaendnisse weit unentbehrlicheres Licht erhaelt, als diese
+Stelle des Juvenals. "Merkur", erzaehlet Aesopus, "wollte gern
+erfahren, in welchem Ansehen er bei den Menschen stuende. Er verbarg
+seine Gottheit, und kam zu einem Bildhauer. Hier erblickte er die
+Statue des Jupiters, und fragte den Kuenstler, wie teuer er sie halte?,
+Eine Drachme', war die Antwort. Merkur laechelte;,Und diese Juno?'
+fragte er weiter.,Ohngefaehr--ebensoviel.' Indem ward er sein eigenes
+Bild gewahr, und dachte bei sich selbst: ich bin der Bote der Goetter;
+von mir koemmt aller Gewinn; mich muessen die Menschen notwendig weit
+hoeher schaetzen.,Aber hier dieser Gott?' (Er wies auf sein Bild.),Wie
+teuer moechte wohl der sein?',Dieser?' antwortete der Kuenstler.,O,
+wenn Ihr mir jene beide abkauft, so sollt Ihr diesen obendrein haben.
+'" Merkur war abgefuehrt. Allein der Bildhauer kannte ihn nicht, und
+konnte also auch nicht die Absicht haben, seine Eigenliebe zu kraenken,
+sondern es musste in der Beschaffenheit der Statuen selbst gegruendet
+sein, warum er die letztere so geringschaetzig hielt, dass er sie zur
+Zugabe bestimmte. Die geringere Wuerde des Gottes, welchen sie
+vorstellte, konnte dabei nichts tun, denn der Kuenstler schaetzet seine
+Werke nach der Geschicklichkeit, dem Fleisse und der Arbeit, welche
+sie erfordern, und nicht nach dem Range und dem Werte der Wesen,
+welche sie ausdruecken. Die Statue des Merkurs musste weniger
+Geschicklichkeit, weniger Fleiss und Arbeit verlangen, wenn sie
+weniger kosten sollte, als eine Statue des Jupiters oder der Juno.
+Und so war es hier wirklich. Die Statuen des Jupiters und der Juno
+zeigten die voellige Person dieser Goetter; die Statue des Merkurs
+hingegen war ein schlechter viereckichter Pfeiler, mit dem blossen
+Brustbilde desselben. Was Wunder also, dass sie obendrein gehen
+konnte? Merkur uebersahe diesen Umstand, weil er sein vermeintliches
+ueberwiegendes Verdienst nur allein vor Augen hatte, und so war seine
+Demuetigung ebenso natuerlich, als verdient. Man wird sich vergebens
+bei den Auslegern und Uebersetzern und Nachahmern der Fabeln des
+Aesopus nach der geringsten Spur von dieser Erklaerung umsehen; wohl
+aber koennte ich ihrer eine ganze Reihe anfuehren, wenn es sich der
+Muehe lohnte, die das Maerchen geradezu verstanden, das ist, ganz und
+gar nicht verstanden haben. Sie haben die Ungereimtheit, welche
+darin liegt, wenn man die Statuen alle fuer Werke von einerlei
+Ausfuehrung annimmt, entweder nicht gefuehlt, oder wohl noch gar
+uebertrieben. Was sonst in dieser Fabel anstoessig sein koennte, waere
+vielleicht der Preis, welchen der Kuenstler seinem Jupiter setzet.
+Fuer eine Drachma kann ja wohl auch kein Toepfer eine Puppe machen.
+Eine Drachma muss also hier ueberhaupt fuer etwas sehr Geringes stehen.
+(Fab. Aesop. 90. Edit. Haupt. p. 70.)}
+
+Allein wenn Tibull die Gestalt des Apollo malet, wie er ihm im Traume
+erschienen:--der schoenste Juengling, die Schlaefe mit dem keuschen
+Lorbeer umwunden; syrische Gerueche duften aus dem gueldenen Haare, das
+um den langen Nacken schwimmet; glaenzendes Weiss und Purpurroete
+mischen sich auf dem ganzen Koerper, wie auf der zarten Wange der
+Braut, die itzt ihrem Geliebten zugefuehret wird:--warum muessen diese
+Zuege von alten beruehmten Gemaelden erborgt sein? Echions nova nupta
+verecundia notabilis mag in Rom gewesen sein, mag tausend- und
+tausendmal sein kopieret worden, war darum die braeutliche Scham
+selbst aus der Welt verschwunden? Seit sie der Maler gesehen hatte,
+war sie fuer keinen Dichter mehr zu sehen, als in der Nachahmung des
+Malers 6)? Oder wenn ein anderer Dichter den Vulkan ermuedet, und
+sein vor der Esse erhitztes Gesicht rot, brennend nennet: musste er es
+erst aus dem Werke eines Malers lernen, dass Arbeit ermattet und Hitze
+roetet 7)? Oder wenn Lucrez den Wechsel der Jahreszeiten beschreibet,
+und sie, mit dem ganzen Gefolge ihrer Wirkungen in der Luft und auf
+der Erde, in ihrer natuerlichen Ordnung vorueberfuehret: war Lucrez ein
+Ephemeron, hatte er kein ganzes Jahr durchlebet, um alle die
+Veraenderungen selbst erfahren zu haben, dass er sie nach einer
+Prozession schildern musste, in welcher ihre Statuen herumgetragen
+wurden? Musste er erst von diesen Statuen den alten poetischen
+Kunstgriff lernen, dergleichen Abstrakta zu wirklichen Wesen zu
+machen 8)? Oder Virgils pontem indignatus Araxes, dieses
+vortreffliche poetische Bild eines ueber seine Ufer sich ergiessenden
+Flusses, wie er die ueber ihn geschlagene Bruecke zerreisst, verliert es
+nicht seine ganze Schoenheit, wenn der Dichter auf ein Kunstwerk damit
+angespielet hat, in welchem dieser Flussgott als wirklich eine Bruecke
+zerbrechend vorgestellet wird 9)?--Was sollen wir mit dergleichen
+Erlaeuterungen, die aus der klarsten Stelle den Dichter verdraengen, um
+den Einfall eines Kuenstlers durchschimmern zu lassen?
+
+{6. Tibullus Eleg. 4. lib. III. Polymetis Dial. VIII. p. 84.}
+
+{7. Statius lib. I. Silv. 5. v. 8. Polymetis Dial. VIII. p. 81.}
+
+{8. Lucretius de R. N. lib. V. v. 736-747
+
+ It Ver, et Venus, et Veneris praenuntius ante
+ Pinnatus graditur Zephyrus; vestigia propter
+ Flora quibus mater praespargens ante viai
+ Cuncta coloribus egregiis et odoribus opplet.
+ Inde loci sequitur Calor aridus, et comes una
+ Pulverulenta Ceres; et Etesia flabra Aquilonum.
+ Inde Autumnus adit; graditur simul Evius Evan:
+ Inde aliae tempestates ventique sequuntur,
+ Altitonans Volturnus et Auster fulmine pollens.
+ Tandem Bruma nives adfert, pigrumque rigorem
+ Reddit, Hiems sequitur, crepitans ac dentibus Algus.
+
+{9. Aeneid. lib. VIII. v. 728. Polymetis Dial. XIV. p. 230.}
+
+Spence erkennet diese Stelle fUer eine von den schOensten in dem ganzen
+Gedichte des Lucrez. Wenigstens ist sie eine von denen, auf welche
+sich die Ehre des Lucrez als Dichter gruendet. Aber wahrlich, es
+heisst ihm diese Ehre schmAelern, ihn voellig darum bringen wollen, wenn
+man sagt: Diese ganze Beschreibung scheinet nach einer alten
+Prozession der vergoetterten Jahreszeiten, nebst ihrem Gefolge,
+gemacht zu sein. Und warum das? "Darum," sagt der Engelaender, "weil
+bei den Roemern ehedem dergleichen Prozessionen mit ihren Goettern
+ueberhaupt, ebenso gewoehnlich waren, als noch itzt in gewissen Laendern
+die Prozessionen sind, die man den Heiligen zu Ehren anstellet; und
+weil hiernaechst alle Ausdruecke, welche der Dichter hier braucht, auf
+eine Prozession recht sehr wohl passen" (come in very aptly, if
+applied to a procession). Treffliche Gruende! Und wie vieles waere
+gegen den letzteren noch einzuwenden. Schon die Beiwoerter, welche
+der Dichter den personifierten Abstrakten gibt, Calor aridus, Ceres
+pulverulenta, Volturnus altitonans, fulmine pollens Auster, Algus
+dentibus crepitans, zeigen, dass sie das Wesen von ihm, und nicht von
+dem Kuenstler haben, der sie ganz anders haette charakterisieren muessen.
+Spence scheinet uebrigens auf diesen Einfall von einer Prozession
+durch Abraham Preigern gekommen zu sein, welcher in seinen
+Anmerkungen ueber die Stelle des Dichters sagt: Ordo est quasi pompae
+cujusdam, Ver et Venus, Zephyrus et Flora etc. Allein dabei haette es
+auch Spence nur sollen bewenden lassen. Der Dichter fuehret die
+Jahreszeiten gleichsam in einer Prozession auf; das ist gut. Aber er
+hat es von einer Prozession gelernt, sie so aufzufuehren; das ist sehr
+abgeschmackt.}
+
+Ich bedaure, dass ein so nuetzliches Buch, als "Polymetis" sonst sein
+koennte, durch diese geschmacklose Grille, den alten Dichter statt
+eigentuemlicher Phantasie, Bekanntschaft mit fremder unterzuschieben,
+so ekel, und den klassischen Schriftstellern weit nachteiliger
+geworden ist, als ihnen die waessrigen Auslegungen der schalsten
+Wortforscher nimmermehr sein koennen. Noch mehr bedauere ich, dass
+Spencen selbst Addison hierin vorgegangen, der aus loeblicher Begierde,
+die Kenntnis der alten Kunstwerke zu einem Auslegungsmittel zu
+erheben, die Faelle ebensowenig unterschieden hat, in welchen die
+Nachahmung des Kuenstlers dem Dichter anstaendig, in welchen sie ihm
+verkleinerlich ist 10).
+
+{10. In verschiedenen Stellen seiner Reisen und seines Gespraeches
+ueber die alten Muenzen.}
+
+
+
+VIII.
+
+
+Von der Aehnlichkeit, welche die Poesie und Malerei miteinander haben,
+macht sich Spence die allerseltsamsten Begriffe. Er glaubet, dass
+beide Kuenste bei den Alten so genau verbunden gewesen, dass sie
+bestaendig Hand in Hand gegangen, und der Dichter nie den Maler, der
+Maler nie den Dichter aus den Augen verloren habe. Dass die Poesie
+die weitere Kunst ist, dass ihr Schoenheiten zu Gebote stehen, welche
+die Malerei nicht zu erreichen vermag; dass sie oefters Ursachen haben
+kann, die unmalerischen Schoenheiten den malerischen vorzuziehen:
+daran scheinet er gar nicht gedacht zu haben, und ist daher bei dem
+geringsten Unterschiede, den er unter den alten Dichtern und Artisten
+bemerkt, in einer Verlegenheit, die ihn auf die wunderlichsten
+Ausfluechte von der Welt bringt.
+
+Die alten Dichter geben dem Bacchus meistenteils Hoerner. Es ist also
+doch wunderbar, sagt Spence, dass man diese Hoerner an seinen Statuen
+so selten erblickt 1). Er faellt auf diese, er faellt auf eine andere
+Ursache; auf die Unwissenheit der Antiquare, auf die Kleinheit der
+Hoerner selbst, die sich unter den Trauben und Efeublaettern, dem
+bestaendigen Kopfputze des Gottes, moechten verkrochen haben. Er
+windet sich um die wahre Ursache herum, ohne sie zu argwoehnen. Die
+Hoerner des Bacchus waren keine natuerliche Hoerner, wie sie es an den
+Faunen und Satyren waren. Sie waren ein Stirnschmuck, den er
+aufsetzen und ablegen konnte.
+
+{1. Polymetis Dial. IX. p. 129.}
+
+ --Tibi, cum sine cornibus adstas
+ Virgineum caput est:--
+
+
+heisst es in der feierlichen Anrufung des Bacchus beim Ovid 2). Er
+konnte sich also auch ohne HOerner zeigen; und zeigte sich ohne Hoerner,
+wenn er in seiner jungfrAeulichen Schoenheit erscheinen wollte. In
+dieser wollten ihn nun auch die KUenstler darstellen, und mussten daher
+alle Zusaetze von uebler Wirkung an ihm vermeiden. Ein solcher Zusatz
+waeren die Hoerner gewesen, die an dem Diadem befestiget waren, wie man
+an einem Kopfe in dem koeniglichen Kabinett zu Berlin sehen kann 3).
+Ein solcher Zusatz war das Diadem selbst, welches die schoene Stirne
+verdeckte, und daher an den Statuen des Bacchus ebenso selten
+vorkoemmt, als die Hoerner, ob es ihm schon, als seinem Erfinder, von
+den Dichtern ebenso oft beigeleget wird. Dem Dichter gaben die
+Hoerner und das Diadem feine Anspielungen auf die Taten und den
+Charakter des Gottes: dem Kuenstler hingegen wurden sie Hinderungen
+groessere Schoenheiten zu zeigen, und wenn Bacchus, wie ich glaube eben
+darum den Beinamen Biformis, DimorjoV, hatte, weil er sich sowohl
+schoen als schrecklich zeigen konnte, so war es wohl natuerlich, dass
+der Kuenstler diejenige von seiner Gestalt am liebsten waehlte, die der
+Bestimmung seiner Kunst am meisten entsprach.
+
+{2. Metamorph. lib. IV. v. 19. 20.}
+
+{3. Begeri Thes. Brandenb. Vol. III. p. 240.}
+
+Minerva und Juno schleudern bei den roemischen Dichtern oefters den
+Blitz. Aber warum nicht auch in ihren Abbildungen? fragt Spence 4).
+Er antwortet: es war ein besonderes Vorrecht dieser zwei Goettinnen,
+wovon man den Grund vielleicht erst in den samothracischen
+Geheimnissen erfuhr; weil aber die Artisten bei den alten Roemern als
+gemeine Leute betrachtet, und daher zu diesen Geheimnissen selten
+zugelassen wurden, so wussten sie ohne Zweifel nichts davon, und was
+sie nicht wussten, konnten sie nicht vorstellen. Ich moechte Spencen
+dagegen fragen: arbeiteten diese gemeinen Leute vor ihren Kopf, oder
+auf Befehl Vornehmerer, die von den Geheimnissen unterrichtet sein
+konnten? Stunden die Artisten auch bei den Griechen in dieser
+Verachtung? Waren die roemischen Artisten nicht mehrenteils geborne
+Griechen? Und so weiter.
+
+{4. Polymetis Dial. VI. p. 63.}
+
+Statius und Valerius Flaccus schildern eine erzuernte Venus, und mit
+so schrecklichen Zuegen, dass man sie in diesem Augenblicke eher fuer
+eine Furie, als fuer die Goettin der Liebe halten sollte. Spence
+siehet sich in den alten Kunstwerken vergebens nach einer solchen
+Venus um. Was schliesst er daraus? Dass dem Dichter mehr erlaubt ist
+als dem Bildhauer und Maler? Das haette er daraus schliessen sollen;
+aber er hat es einmal fuer allemal als einen Grundsatz angenommen, dass
+in einer poetischen Beschreibung nichts gut sei, was unschicklich
+sein wuerde, wenn man es in einem Gemaelde, oder an einer Statue
+vorstellt 5). Folglich muessen die Dichter gefehlt haben. "Statius
+und Valerius sind aus einer Zeit, da die roemische Poesie schon in
+ihrem Verfalle war. Sie zeigen auch hierin ihren verderbten
+Geschmack, und ihre schlechte Beurteilungskraft. Bei den Dichtern
+aus einer bessern Zeit wird man dergleichen Verstossungen wider den
+malerischen Ausdruck nicht finden 6)."
+
+{5. Polymetis Dialogue XX. p. 31 1. Scarce any thing can be good in a
+poetical description, which would appear absurd, if represented in a
+statue or picture.}
+
+{6. Polymetis Dial. VII. p. 74.}
+
+So etwas zu sagen, braucht es wahrlich wenig Unterscheidungskraft.
+Ich will indes mich weder des Statius noch des Valerius in diesem
+Fall annehmen, sondern nur eine allgemeine Anmerkung machen. Die
+Goetter und geistigen Wesen, wie sie der Kuenstler vorstellet, sind
+nicht voellig ebendieselben, welche der Dichter braucht. Bei dem
+Kuenstler sind sie personifierte Abstrakta, die bestaendig die naemliche
+Charakterisierung behalten muessen, wenn sie erkenntlich sein sollen.
+Bei dem Dichter hingegen sind sie wirkliche handelnde Wesen, die ueber
+ihren allgemeinen Charakter noch andere Eigenschaften und Affekten
+haben, welche nach Gelegenheit der Umstaende vor jenen vorstechen
+koennen. Venus ist dem Bildhauer nichts als die Liebe; er muss ihr
+also alle die sittsame verschaemte Schoenheit, alle die holden Reize
+geben, die uns an geliebten Gegenstaenden entzuecken, und die wir daher
+mit in den abgesonderten Begriff der Liebe bringen. Die geringste
+Abweichung von diesem Ideal laesst uns sein Bild verkennen. Schoenheit,
+aber mit mehr Majestaet als Scham, ist schon keine Venus, sondern eine
+Juno. Reize, aber mehr gebieterische, maennliche, als holde Reize,
+geben eine Minerva statt einer Venus. Vollends eine zuernende Venus,
+eine Venus von Rache und Wut getrieben, ist dem Bildhauer ein wahrer
+Widerspruch; denn die Liebe, als Liebe, zuernet nie, raechet sich nie.
+Bei dem Dichter hingegen ist Venus zwar auch die Liebe, aber die
+Goettin der Liebe, die ausser diesem Charakter, ihre eigne
+Individualitaet hat, und folglich der Triebe des Abscheues ebenso
+faehig sein muss, als der Zuneigung. Was Wunder also, dass sie bei ihm
+in Zorn und Wut entbrennet, besonders wenn es die beleidigte Liebe
+selbst ist, die sie darein versetzet?
+
+Es ist zwar wahr, dass auch der Kuenstler in zusammengesetzten Werken,
+die Venus, oder jede andere Gottheit, ausser ihrem Charakter, als ein
+wirklich handelndes Wesen, so gut wie der Dichter, einfuehren kann.
+Aber alsdenn muessen wenigstens ihre Handlungen ihrem Charakter nicht
+widersprechen, wenn sie schon keine unmittelbare Folgen desselben
+sind. Venus uebergibt ihrem Sohne die goettlichen Waffen: diese
+Handlung kann der Kuenstler, sowohl als der Dichter, vorstellen. Hier
+hindert ihn nichts, der Venus alle die Anmut und Schoenheit zu geben,
+die ihr als Goettin der Liebe zukommen; vielmehr wird sie eben dadurch
+in seinem Werke um so viel kenntlicher. Allein wenn sieh Venus an
+ihren Veraechtern, den Maennern zu Lemnos, raechen will, in vergroesserter
+wilder Gestalt, mit fleckigten Wangen, in verwirrtem Haare, die
+Pechfackel ergreift, ein schwarzes Gewand um sich wirft, und auf
+einer finstern Wolke stuermisch herabfaehrt: so ist das kein Augenblick
+fuer den Kuenstler, weil er sie durch nichts in diesem Augenblicke
+kenntlich machen kann. Es ist nur ein Augenblick fuer den Dichter,
+weil dieser das Vorrecht hat, einen andern, in welchem die Goettin
+ganz Venus ist, so nahe, so genau damit zu verbinden, dass wir die
+Venus auch in der Furie nicht aus den Augen verlieren. Dieses tut
+Flaccus:
+
+ --Neque enim alma videri
+ Jam tumet; aut tereti crinem subnectitur auro,
+ Sidereos diffusa sinus. Eadem effera et ingens
+ Et maculis suffecta genas; pinumque sonantem
+ Virginibus Stygiis, nigramque simillima pallam 7).
+
+{7. Argonaut. lib. II. v. 102-106.}
+
+
+Eben dieses tut Statius:
+
+ Illa Paphon veterem centumque altaria linquens,
+ Nec vultu nec crine prior, solvisse jugalem
+ Ceston, et Idalias procul ablegasse volucres
+ Fertur. Erant certe, media qui noctis in umbra
+ Divam, alios ignes majoraque tela gerentem,
+ Tartarias inter thalamis volitasse sorores
+ Vulgarent: utque implicitis arcana domorum
+ Anguibus et saeva formidine cuncta replerit
+ Limina 8).--
+
+{8. Thebaid. lib. V. v. 61-69.}
+
+
+Oder man kann sagen: der Dichter allein besitzet das KunststUeck, mit
+negativen Zuegen zu schildern, und durch Vermischung dieser negativen
+mit positiven Zuegen, zwei Erscheinungen in eine zu bringen. Nicht
+mehr die holde Venus; nicht mehr das Haar mit goldenen Spangen
+geheftet; von keinem azurnen Gewande umflattert; ohne ihren Guertel;
+mit andern Flammen, mit grOessern Pfeilen bewaffnet; in Gesellschaft
+ihr Aehnlicher Furien. Aber weil der Artist dieses Kunststueckes
+entbehren muss, soll sich seiner darum auch der Dichter enthalten?
+Wenn die Malerei die Schwester der Dichtkunst sein will: so sei sie
+wenigstens keine eifersuechtige Schwester; und die juengere untersage
+der aelteren nicht alle den Putz, der sie selbst nicht kleidet.
+
+
+
+IX.
+
+
+Wenn man in einzeln Faellen den Maler und Dichter miteinander
+vergleichen will, so muss man vor allen Dingen wohl zusehen, ob sie
+beide ihre voellige Freiheit gehabt haben, ob sie ohne allen
+aeusserlichen Zwang auf die hoechste Wirkung ihrer Kunst haben arbeiten
+koennen.
+
+Ein solcher aeusserlicher Zwang war dem alten Kuenstler oefters die
+Religion. Sein Werk, zur Verehrung und Anbetung bestimmt, konnte
+nicht allezeit so vollkommen sein, als wenn er einzig das Vergnuegen
+des Betrachters dabei zur Absicht gehabt haette. Der Aberglaube
+ueberladete die Goetter mit Sinnbildern, und die schoensten von ihnen
+wurden nicht ueberall als die schoensten verehret.
+
+Bacchus stand in seinem Tempel zu Lemnos, aus welchem die fromme
+Hypsipyle ihren Vater unter der Gestalt des Gottes rettete 1), mit
+Hoernern, und so erschien er ohne Zweifel in allen seinen Tempeln,
+denn die Hoerner waren ein Sinnbild, welches sein Wesen mit
+bezeichnete. Nur der freie Kuenstler, der seinen Bacchus fuer keinen
+Tempel arbeitete, liess dieses Sinnbild weg; und wenn wir, unter den
+noch uebrigen Statuen von ihm, keine mit Hoernern finden 2), so ist
+dieses vielleicht ein Beweis, dass es keine von den geheiligten sind,
+in welchen er wirklich verehret worden. Es ist ohnedem hoechst
+wahrscheinlich, dass auf diese letzteren die Wut der frommen Zerstoerer
+in den ersten Jahrhunderten des Christentums vornehmlich gefallen ist,
+die nur hier und da ein Kunstwerk schonte, welches durch keine
+Anbetung verunreiniget war.
+
+{1. Valerius Flaccus lib. II. Argonaut. v. 265-273.
+
+ Serta patri, juvenisque comam vestesque Lyaei
+ Induit, et medium curru locat; aeraque circum
+ Tympanaque et plenas tacita formidine cistas.
+ Ipsa sinus hederisque ligat famularibus artus:
+ Pampineamque quatit ventosis ictibus hastam,
+ Respiciens; teneat virides velatus habenas
+ Ut pater, et nivea tumeant ut cornua mitra,
+ Et sacer ut Bacchum referat scyphus.
+
+{2. Der sogenannte Bacchus in dem Mediceischen Garten zu Rom (beim
+Montfaucon Suppl. aux Ant. Expl. T. I. p. 154) hat kleine aus der
+Stirne hervorsprossende HOerner; aber es gibt Kenner, die ihn eben
+darum lieber zu einem Faune machen wollen. In der Tat sind solche
+natUerliche Hoerner eine SchAendung der menschlichen Gestalt, und koennen
+nur Wesen geziemen, denen man eine Art von Mittelgestalt zwischen
+Menschen und Tier erteilte. Auch ist die Stellung, der luesterne
+Blick nach der ueber sich gehaltenen Traube, einem Begleiter des
+Weingottes anstaendiger als dem Gotte selbst. Ich erinnere mich hier,
+was Clemens Alexandrinus von Alexander dem Grossen sagt (Protrept. p.
+48. Edit. Pott.) Ebouleto de kai AlexandroV AmmwnoV uioV einai
+dokein, kai kerasjoroV anaplattesJai proV tvn agalmatopoivn, to kalon
+anJrwpou ubrisai speudwn kerati. Es war Alexanders ausdruecklicher
+Wille, dass ihn der Bildhauer mit Hoernern vorstellen sollte: er war es
+gern zufrieden, dass die menschliche Schoenheit in ihm mit Hoernern
+beschimpft ward, wenn man ihn nur eines goettlichen Ursprunges zu sein
+glaubte.}
+
+
+Das Wort tumeant, in der letzten ohn' einen Zeile, scheinet uebrigens
+anzuzeigen, dass man die Hoerner des Bacchus nicht so klein gemacht,
+als sich Spence einbildet.}
+
+Da indes unter den aufgegrabenen Antiken sich Stuecke sowohl von der
+einen als von der andern Art finden, so wuenschte ich, dass man den
+Namen der Kunstwerke nur denjenigen beilegen moechte, in welchen sich
+der Kuenstler wirklich als Kuenstler zeigen koennen, bei welchen die
+Schoenheit seine erste und letzte Absicht gewesen. Alles andere,
+woran sich zu merkliche Spuren gottesdienstlicher Verabredungen
+zeigen, verdienet diesen Namen nicht, weil die Kunst hier nicht um
+ihrer selbst willen gearbeitet, sondern ein blosses Hilfsmittel der
+Religion war, die bei den sinnlichen Vorstellungen, die sie ihr
+aufgab, mehr auf das Bedeutende als auf das Schoene sahe; ob ich schon
+dadurch nicht sagen will, dass sie nicht auch oefters alles Bedeutende
+in das Schoene gesetzt, oder aus Nachsicht fuer die Kunst und den
+feinern Geschmack des Jahrhunderts, von jenem so viel nachgelassen
+habe, dass dieses allein zu herrschen scheinen koennen.
+
+Macht man keinen solchen Unterschied, so werden der Kenner und der
+Antiquar bestaendig miteinander im Streite liegen, weil sie einander
+nicht verstehen. Wenn jener, nach seiner Einsicht in die Bestimmung
+der Kunst, behauptet, dass dieses oder jenes der alte Kuenstler nie
+gemacht habe, naemlich als Kuenstler nicht, freiwillig nicht: so wird
+dieser es dahin ausdehnen, dass es auch weder die Religion, noch sonst
+eine ausser dem Gebiete der Kunst liegende Ursache, von dem Kuenstler
+habe machen lassen, von dem Kuenstler naemlich als Handarbeiter. Er
+wird also mit der ersten mit der besten Figur den Kenner widerlegen
+zu koennen glauben, die dieser ohne Bedenken, aber zu grossem
+Aergernisse der gelehrten Welt, wieder zu dem Schutte verdammt, woraus
+sie gezogen worden 3).
+
+{3. Als ich oben behauptete, dass die alten Kuenstler keine Furien
+gebildet haetten, war es mir nicht entfallen, dass die Furien mehr als
+einen Tempel gehabt, die ohne ihre Statuen gewiss nicht gewesen sind.
+In dem zu Cerynea fand Pausanias dergleichen von Holz; sie waren
+weder gross, noch sonst besonders merkwuerdig; es schien, dass die Kunst,
+die sich nicht an ihnen zeigen koennen, es an den Bildsaeulen ihrer
+Priesterinnen, die in der Halle des Tempels standen, einbringen
+wollen, als welche von Stein, und von sehr schoener Arbeit waren.
+(Pausanias Achaic. cap. XXV. p. 589. Edit. Kuhn.) Ich hatte
+ebensowenig vergessen, dass man Koepfe von ihnen auf einem Abraxas, den
+Chiffletius bekannt gemacht, und auf einer Lampe beim Licetus zu
+sehen glaube. (Dissertat. sur les Furies par Banier, Memoires de
+l'Academie des Inscript. T. V. p. 48.) Auch sogar die Urne von
+hetrurischer Arbeit beim Gorius (Tabl. 151 Musei Etrusci), auf
+welcher Orestes und Pylades erscheinen, wie ihnen zwei Furien mit
+Fackeln zusetzen, war mir nicht unbekannt. Allein ich redete von
+Kunstwerken, von welchen ich alle diese Stuecke ausschliessen zu koennen
+glaubte. Und waere auch das letztere nicht sowohl als die uebrigen
+davon auszuschliessen, so dienet es von einer andern Seite, mehr meine
+Meinung zu bestaerken, als zu widerlegen. Denn so wenig auch die
+hetrurischen Kuenstler ueberhaupt auf das Schoene gearbeitet, so
+scheinen sie doch auch die Furien nicht sowohl durch schreckliche
+Gesichtszuege, als vielmehr durch ihre Tracht und Attributa
+ausgedrueckt zu haben. Diese stossen mit so ruhigem Gesichte dem
+Orestes und Pylades ihre Fackeln unter die Augen, dass sie fast
+scheinen, sie nur im Scherze erschrecken zu wollen. Wie fuerchterlich
+sie dem Orestes und Pylades vorgekommen, laesst sich nur aus ihrer
+Furcht, keineswegs aber aus der Bildung der Furien selbst abnehmen.
+Es sind also Furien, und sind auch keine; sie verrichten das Amt der
+Furien, aber nicht in der Verstellung von Grimm und Wut, welche wir
+mit ihrem Namen zu verbinden gewohnt sind; nicht mit der Stirne, die,
+wie Catull sagt, expirantis praeportat pectoris iras.--Noch kuerzlich
+glaubte Herr Winckelmann, auf einem Karniole in dem Stoschischen
+Kabinette, eine Furie im Laufe mit fliegendem Rocke und Haaren, und
+einem Dolche in der Hand, gefunden zu haben. (Bibliothek der sch.
+Wiss. V Band S. 30.) Der Herr von Hagedorn riet hierauf auch den
+Kuenstlern schon an, sich diese Anzeige zunutze zu machen und die
+Furien in ihren Gemaelden so vorzustellen. (Betrachtungen ueber die
+Malerei S. 222.) Allein Herr Winckelmann hat hernach diese seine
+Entdeckung selbst wiederum ungewiss gemacht, weil er nicht gefunden,
+dass die Furien, anstatt mit Fackeln, auch mit Dolchen von den Alten
+bewaffnet worden. (Descript. des pierres gravees p. 84.) Ohne
+Zweifel erkennt er also die Figuren, auf Muenzen der Staedte Lyrba und
+Mastaura, die Spanheim fuer Furien ausgibt (Les Cesars de Julien p.
+44) nicht dafuer, sondern fuer eine Hekate triformis; denn sonst faende
+sich allerdings hier eine Furie, die in jeder Hand einen Dolch fuehret,
+und es ist sonderbar, dass eben diese auch in blossen ungebundenen
+Haaren erscheint, die an den andern mit einem Schleier bedeckt sind.
+Doch gesetzt auch, es waere wirklich so, wie es dem Herrn Winckelmann
+zuerst vorgekommen: so wuerde es auch mit diesem geschnittenen Steine
+eben die Bewandtnis haben, die es mit der hetrurischen Urne hat, es
+waere denn, dass sich wegen Kleinheit der Arbeit gar keine Gesichtszuege
+erkennen liessen. Ueberdem gehoeren auch die geschnittenen Steine
+ueberhaupt, wegen ihres Gebrauchs als Siegel, schon mit zur
+Bildersprache, und ihre Figuren moegen oefterer eigensinnige Symbola
+der Besitzer, als freiwillige Werke der Kuenstler sein.}
+
+Gegenteils kann man sich aber auch den Einfluss der Religion auf die
+Kunst zu gross vorstellen. Spence gibt hiervon ein sonderbares
+Beispiel. Er fand beim Ovid, dass Vesta in ihrem Tempel unter keinem
+persoenlichen Bilde verehret worden; und dieses duenkte ihm genug,
+daraus zu schliessen, dass es ueberhaupt keine Bildsaeulen von dieser
+Goettin gegeben habe, und dass alles, was man bisher dafuer gehalten,
+nicht die Vesta, sondern eine Vestalin vorstelle 4). Eine seltsame
+Folge! Verlor der Kuenstler darum sein Recht, ein Wesen, dem die
+Dichter eine bestimmte Persoenlichkeit geben, das sie zur Tochter des
+Saturnus und der Ops machen, das sie in Gefahr kommen lassen, unter
+die Misshandlungen des Priapus zu fallen, und was sie sonst von ihr
+erzaehlen, verlor er, sage ich, darum sein Recht, dieses Wesen auch
+nach seiner Art zu personifieren, weil es in einem Tempel nur unter
+dem Sinnbilde des Feuers verehret ward? Denn Spence begehet dabei
+noch diesen Fehler, dass er das, was Ovid nur von einem gewissen
+Tempel der Vesta, naemlich von dem zu Rom sagt5), auf alle Tempel
+dieser Goettin ohne Unterschied, und auf ihre Verehrung ueberhaupt,
+ausdehnet. Wie sie in diesem Tempel zu Rom verehret ward, so ward
+sie nicht ueberall verehret, so war sie selbst nicht in Italien
+verehret worden, ehe ihn Numa erbaute. Numa wollte keine Gottheit in
+menschlicher oder tierischer Gestalt vorgestellet wissen; und darin
+bestand ohne Zweifel die Verbesserung, die er in dem Dienste der
+Vesta machte, dass er alle persoenliche Vorstellung von ihr daraus
+verbannte. Ovid selbst lehret uns, dass es vor den Zeiten des Numa
+Bildsaeulen der Vesta in ihrem Tempel gegeben habe, die, als ihre
+Priesterin Sylvia Mutter ward, vor Scham die jungfraeulichen Haende vor
+die Augen hoben6). Dass sogar in den Tempeln, welche die Goettin ausser
+der Stadt in den roemischen Provinzen hatte, ihre Verehrung nicht
+voellig von der Art gewesen, als die Numa verordnet, scheinen
+verschiedene alte Inschriften zu beweisen, in welchen eines
+Pontificis Vestae gedacht wird7). Auch zu Korinth war ein Tempel der
+Vesta ohne alle Bildsaeule, mit einem blossen Altare, worauf der Goettin
+geopfert ward8). Aber hatten die Griechen darum gar keine Statuen
+der Vesta? Zu Athen war eine im Prytaneo, neben der Statue des
+Friedens9). Die Jasseer ruehmten von einer, die bei ihnen unter
+freiem Himmel stand, dass weder Schnee noch Regen jemals auf sie
+falle10). Plinius gedenkt einer sitzenden, von der Hand des Skopas,
+die sich zu seiner Zeit in den Servilianischen Gaerten zu Rom
+befand11). Zugegeben, dass es uns itzt schwer wird, eine blosse
+Vestalin von einer Vesta selbst zu unterscheiden, beweiset dieses,
+dass sie auch die Alten nicht unterscheiden koennen, oder wohl gar
+nicht unterscheiden wollen? Gewisse Kennzeichen sprechen offenbar
+mehr fuer die eine, als fuer die andere. Das Zepter, die Fackel, das
+Palladium, lassen sich nur in der Hand der Goettin vermuten. Das
+Tympanum, welches ihr Codinus beileget, koemmt ihr vielleicht nur als
+der Erde zu; oder Codinus wusste selbst nicht recht, was er sahe12).
+
+{4. Polymetis Dial. VII. p. 81.}
+
+{5. Fast. lib. VI. v. 295-98.
+
+ Esse diu stultus Vestae simulacra putavi:
+ Mox didici curvo nulla subesse tholo.
+ Ignis inexstinctus templo celatur in illo.
+ Effigiem nullam Vesta, nec ignis habet.
+
+
+Ovid redet nur von dem Gottesdienste der Vesta in Rom, nur von dem
+Tempel, den ihr Numa daselbst erbauet hatte, von dem er kurz zuvor (v.
+259. 260) sagt:
+
+ Regis opus placidi, quo non metuentius ullum
+ Numinis ingenium terra Sabina tulit.}
+
+{6. Fast. lib. III. v. 45. 46.
+
+ Sylvia fit mater: Vestae simulacra feruntur
+ Virgineas oculis opposuisse manus.
+
+
+Auf diese Weise hAette Spence den Ovid mit sich selbst vergleichen
+sollen. Der Dichter redet von verschiedenen Zeiten. Hier von den
+Zeiten vor dem Numa, dort von den Zeiten nach ihm. In jenen ward sie
+in Italien unter persOenlichen Vorstellungen verehret, so wie sie in
+Troja war verehret worden, von wannen Aeneas ihren Gottesdienst mit
+herUebergebracht hatte.
+
+ --Manibus vittas, Vestamque potentem,
+ Aeternumque adytis effert penetralibus ignem:
+
+
+sagt Virgil von dem Geiste des Hektors, nachdem er dem Aeneas zur
+Flucht geraten. Hier wird das ewige Feuer von der Vesta selbst, oder
+ihrer BildsAeule, ausdrUecklich unterschieden. Spence muss die
+rOemischen Dichter zu seinem Behufe doch noch nicht aufmerksam genug
+durchgelesen haben, weil ihm diese Stelle entwischt ist.}
+
+{7. Lipsius de Vesta et Vestalibus cap. 13.}
+
+
+{8. Pausanias Corinth. cap. XXXV. p. 198. Edit. Kuh.}
+
+{9. Idem Attic. cap. XVIII. p. 41.}
+
+{10. Polyb. Hist. lib. XVI. . 11. Op. T. II. p. 443. Edit.
+Ernest.}
+
+{11. Plinius lib. XXXVI sec. 4. p. 727. Edit. Hard. Scopas
+fecit--Vestam sedentem laudatam in Servilianis hortis. Diese Stelle
+muss Lipsius in Gedanken gehabt haben als er (de Vesta cap. 3.)
+schrieb: Plinius Vestam sedentem effingi solitam ostendit, a
+stabilitate. Allein was Plinius von einem einzeln Stuecke des Skopas
+sagt, haette er nicht fuer einen allgemein angenommenen Charakter
+ausgeben sollen. Er merkt selbst an, dass auf den Muenzen die Vesta
+ebensooft stehend als sitzend erscheine. Allein er verbessert
+dadurch nicht den Plinius, sondern seine eigne falsche Einbildung.}
+
+{12. Georg. Codinus de Originib. Constant. Edit. Venet. p. 12.
+Thn ghn legousin Estian, kai plattousi authn gunaika, tumpanon
+bastazousan, epeidh touV anemouV h gh uj' eathn sugkleiei. Suidas,
+aus ihm, oder beide aus einem aeltern, sagt unter dem Worte Estia eben
+dieses. "Die Erde wird unter dem Namen Vesta als eine Frau gebildet,
+welche ein Tympanon traegt, weil sie die Winde in sich verschlossen
+haelt." Die Ursache ist ein wenig abgeschmackt. Es wuerde sich eher
+haben hoeren lassen, wenn er gesagt haette, dass ihr deswegen ein
+Tympanon beigegeben werde, weil die Alten zum Teil geglaubt, dass ihre
+Figur damit uebereinkomme; schma authV tumpanoeideV einai.
+(Plutarchus de placitis philos. cap. 10. id. de facie in orbe Lunae.)
+Wo sich aber Codinus nur nicht entweder in der Figur, oder in dem
+Namen, oder gar in beiden geirret hat. Er wusste vielleicht, was er
+die Vesta tragen sahe, nicht besser zu nennen, als ein Tympanum; oder
+hoerte es ein Tympanum nennen, und konnte sich nichts anders dabei
+gedenken, als das Instrument, welches wir eine Heerpauke nennen.
+Tympana waren aber auch eine Art von Raedern:
+
+ Hinc radios trivere rotis, hinc tympana plaustris
+ Agricolae--
+
+
+(Virgilius Georgic. lib. II. v. 444.) Und einem solchen Rade
+scheinet mir das, was sich an der Vesta des Fabretti zeiget (Ad
+tabulam Iliadis p. 339.) und dieser Gelehrte fUer eine Handmuehle hAelt,
+sehr aehnlich zu sein.}
+
+
+
+X.
+
+
+Ich merke noch eine Befremdung des Spence an, welche deutlich zeiget,
+wie wenig er ueber die Grenzen der Poesie und Malerei muss nachgedacht
+haben.
+
+"Was die Musen ueberhaupt betrifft", sagt er, "so ist es doch
+sonderbar, dass die Dichter in Beschreibung derselben so sparsam sind,
+weit sparsamer, als man es bei GOettinnen, denen sie so grosse
+Verbindlichkeit haben, erwarten sollte 1).
+
+{1. Polymetis Dial. VIII. p. 91.}
+
+Was heisst das anders, als sich wundern, dass wenn die Dichter von
+ihnen reden, sie es nicht in der stummen Sprache der Maler tun?
+Urania ist den Dichtern die Muse der Sternkunst; aus ihrem Namen, aus
+ihren Verrichtungen erkennen wir ihr Amt. Der Kuenstler, um es
+kenntlich zu machen, muss sie mit einem Stabe auf eine Himmelskugel
+weisen lassen; dieser Stab, diese Himmelskugel, diese ihre Stellung
+sind seine Buchstaben, aus welchen er uns den Namen Urania
+zusammensetzen laesst. Aber wenn der Dichter sagen will: Urania hatte
+seinen Tod laengst aus den Sternen vorhergesehn;
+
+Ipsa diu positis lethum praedixerat astris. Uranie--2)
+
+{2. Statius Theb. VIII. v. 551.}
+
+warum soll er, in Ruecksicht auf den Maler, darzusetzen: Urania, den
+Radius in der Hand, die Himmelskugel vor sich? Waere es nicht, als ob
+ein Mensch, der laut reden kann und darf, sich noch zugleich der
+Zeichen bedienen sollte, welche die Stummen im Serraglio des Tuerken,
+aus Mangel der Stimme, unter sich erfunden haben?
+
+Eben dieselbe Befremdung aeussert Spence nochmals bei den moralischen
+Wesen, oder denjenigen Gottheiten, welche die Alten den Tugenden und
+der Fuehrung des menschlichen Lebens vorsetzten 3). "Es verdient
+angemerkt zu werden", sagt er, "dass die roemischen Dichter von den
+besten dieser moralischen Wesen weit weniger sagen, als man erwarten
+sollte. Die Artisten sind in diesem Stuecke viel reicher, und wer
+wissen will, was jedes derselben fuer einen Aufzug gemacht, darf nur
+die Muenzen der roemischen Kaiser zu Rate ziehen 4).--Die Dichter
+sprechen von diesen Wesen zwar oefters, als von Personen; ueberhaupt
+aber sagen sie von ihren Attributen, ihrer Kleidung und uebrigem
+Ansehen sehr wenig."-{3. Polym. Dial. X. p. 137.}
+
+{4. Ibid. p. 139.}
+
+Wenn der Dichter Abstrakta personifieret, so sind sie durch den Namen,
+und durch das, was er sie tun laesst, genugsam charakterisierst.
+
+Dem Kuenstler fehlen diese Mittel. Er muss also seinen personifierten
+Abstraktis Sinnbilder zugeben, durch welche sie kenntlich werden.
+Diese Sinnbilder weil sie etwas anders sind, und etwas anders
+bedeuten, machen sie zu allegorischen Figuren.
+
+Eine Frauensperson mit einem Zaum in der Hand; eine andere an eine
+Saeule gelehnet, sind in der Kunst allegorische Wesen. Allein die
+Maessigung, die Standhaftigkeit bei dem Dichter, sind keine
+allegorische Wesen, sondern bloss personifierte Abstrakta.
+
+Die Sinnbilder dieser Wesen bei dem Kuenstler hat die Not erfunden.
+Denn er kann sich durch nichts anders verstaendlich machen, was diese
+oder jene Figur bedeuten soll. Wozu aber den Kuenstler die Not
+treibet, warum soll sich das der Dichter aufdringen lassen, der von
+dieser Not nichts weiss?
+
+Was Spencen so sehr befremdet, verdienet den Dichtern als eine Regel
+vorgeschrieben zu werden. Sie muessen die Beduerfnisse der Malerei
+nicht zu ihrem Reichtume machen. Sie muessen die Mittel, welche die
+Kunst erfunden hat, um der Poesie nachzukommen, nicht als
+Vollkommenheiten betrachten, auf die sie neidisch zu sein Ursache
+haetten. Wenn der Kuenstler eine Figur mit Sinnbildern auszieret, so
+erhebt er eine blosse Figur zu einem hoehern Wesen. Bedienet sich aber
+der Dichter dieser malerischen Ausstaffierungen, so macht er aus
+einem hoehern Wesen eine Puppe.
+
+So wie diese Regel durch die Befolgung der Alten bewaehret ist, so ist
+die geflissentliche Uebertretung derselben ein Lieblingsfehler der
+neuern Dichter. Alle ihre Wesen der Einbildung gehen in Maske, und
+die sich auf diese Maskeraden am besten verstehen, verstehen sich
+meistenteils auf das Hauptwerk am wenigsten: naemlich, ihre Wesen
+handeln zu lassen, und sie durch die Handlungen derselben zu
+charakterisieren.
+
+Doch gibt es unter den Attributen, mit welchen die Kuenstler ihre
+Abstrakta bezeichnen, eine Art, die des poetischen Gebrauchs faehiger
+und wuerdiger ist. Ich meine diejenigen, welche eigentlich nichts
+Allegorisches haben, sondern als Werkzeuge zu betrachten sind, deren
+sich die Wesen, welchen sie beigeleget werden, falls sie als
+wirkliche Personen handeln sollten, bedienen wuerden oder koennten.
+Der Zaum in der Hand der Maessigung, die Saeule, an welche sich die
+Standhaftigkeit lehnet, sind lediglich allegorisch, fuer den Dichter
+also von keinem Nutzen. Die Wage in der Hand der Gerechtigkeit, ist
+es schon weniger, weil der rechte Gebrauch der Wage wirklich ein
+Stueck der Gerechtigkeit ist. Die Leier oder Floete aber in der Hand
+einer Muse, die Lanze in der Hand des Mars, Hammer und Zange in den
+Haenden des Vulkans, sind ganz und gar keine Sinnbilder, sind blosse
+Instrumente, ohne welche diese Wesen die Wirkungen, die wir ihnen
+zuschreiben, nicht hervorbringen koennen. Von dieser Art sind die
+Attribute, welche die alten Dichter in ihre Beschreibungen etwa noch
+einflechten, und die ich deswegen, zum Unterschiede jener
+allegorischen, die poetischen nennen moechte. Diese bedeuten die
+Sache selbst, jene nur etwas Aehnliches 5).
+
+{5. Man mag in dem Gemaelde, welches Horaz von der Notwendigkeit macht,
+und welches vielleicht das an Attributen reichste Gemaelde bei allen
+alten Dichtern ist: (lib. I. Od. 35.)
+
+ Te semper anteit saeva Necessitas:
+ Clavos trabales et cuneos manu
+ Gestans ahenea; nec severus
+ Uncus abest liquidumque plumbum--
+
+
+man mag, sage ich, in diesem GemAelde die Naegel, die Klammern, das
+fliessende Blei, fUer Mittel der Befestigung oder fuer Werkzeuge der
+Bestrafung annehmen, so gehOeren sie doch immer mehr zu den poetischen,
+als allegorischen Attributen. Aber auch als solche sind sie zu sehr
+gehaeuft, und die Stelle ist eine von den frostigsten des Horaz.
+Sanadon sagt: J'ose dire que ce tableau pris dans le detail serait
+plus beau sur la toile que dans une ode heroique. Je ne puis
+souffrir cet attirail patibulaire de clous, de coins, de crocs, et de
+plomp fondu. J'ai cru en devoir decharger la traduction, en
+substituant les idees generales aux idees singulieres. C'est dommage
+que le poete ait eu besoin de ce correctif. Sanadon hatte ein feines
+und richtiges Gefuehl, nur der Grund, womit er es bewaehren will, ist
+nicht der rechte. Nicht weil die gebrauchten Attributa ein attirail
+patibulaire sind; denn es stand nur bei ihm, die andere Auslegung
+anzunehmen, und das Galgengeraete in die festesten Bindemittel der
+Baukunst zu verwandeln: sondern, weil alle Attributa eigentlich fuer
+das Auge, und nicht fuer das Gehoer gemacht sind, und alle Begriffe,
+die wir durch das Auge erhalten sollten, wenn man sie uns durch das
+Gehoer beibringen will, eine groessere Anstrengung erfordern, und einer
+geringern Klarheit faehig sind.--Der Verfolg von der angefuehrten
+Strophe des Horaz erinnert mich uebrigens an ein paar Versehen des
+Spence, die von der Genauigkeit, mit welcher er die angezogenen
+Stellen der alten Dichter will erwogen haben, nicht den
+vorteilhaftesten Begriff erwecken. Er redet von dem Bilde, unter
+welchem die Roemer die Treue oder Ehrlichkeit vorstellten. (Dial. X.
+p. 145.) "Die Roemer", sagt er, "nannten sie Fides; und wenn sie sie
+Sola Fides nannten, so scheinen sie den hohen Grad dieser Eigenschaft,
+den wir durch grundehrlich (im Englischen downright honesty)
+ausdruecken, darunter verstanden zu haben. Sie wird mit einer freien
+offenen Gesichtsbildung und in nichts als einem duennen Kleide
+vorgestellet, welches so fein ist, dass es fuer durchsichtig gelten
+kann. Horaz nennet sie daher, in einer von seinen Oden,
+duennbekleidet; und in einer anderen, durchsichtig." In dieser kleinen
+Stelle sind nicht mehr als drei ziemlich grobe Fehler. Erstlich ist
+es falsch, dass sola ein besonderes Beiwort sei, welches die Roemer der
+Goettin Fides gegeben. In den beiden Stellen des Livius, die er
+desfalls zum Beweise anfuehrt (lib. I. c. 21. lib. II. c. 3.),
+bedeutet es weiter nichts, als was es ueberall bedeutet, die
+Ausschliessung alles uebrigen. In der einen Stelle scheinet den
+Criticis das soli sogar verdaechtig und durch einen Schreibefehler,
+der durch das gleich danebenstehende solenne veranlasset worden, in
+den Text gekommen zu sein. In der andern aber ist nicht von der
+Treue, sondern von der Unschuld, der Unstraeflichkeit, Innocentia, die
+Rede. Zweitens: Horaz soll, in einer seiner Oden, der Treue das
+Beiwort duennbekleidet geben, naemlich in der oben angezogenen
+fuenfunddreissigsten des ersten Buchs:
+
+Te spes, et albo rara fides colit Velata panno.
+
+
+Es ist wahr, rarus heisst auch duenne; aber hier heisst es bloss selten,
+was wenig vorkoemmt, und ist das Beiwort der Treue selbst, und nicht
+ihrer Bekleidung. Spence wuerde recht haben, wenn der Dichter gesagt
+haette: Fides raro velata panno. Drittens, an einem andern Orte soll
+Horaz die Treue oder Redlichkeit durchsichtig nennen; um eben das
+damit anzudeuten, was wir in unsern gewoehnlichen
+Freundschaftsversicherungen zu sagen pflegen: ich wuenschte, Sie
+koennten mein Herz sehen. Und dieser Ort soll die Zeile der
+achtzehnten Ode des ersten Buchs sein:
+
+ Arcanique Fides prodiga, pellucidior vitro.
+
+Wie kann man sich aber von einem blossen Worte so verfUehren lassen?
+Heisst denn Fides arcani prodiga die Treue? Oder heisst es nicht
+vielmehr, die Treulosigkeit? Von dieser sagt Horaz, und nicht von
+der Treue, dass sie durchsichtig wie Glas sei, weil sie die ihr
+anvertrauten Geheimnisse eines jeden Blicke blossstellet.}
+
+
+
+XI.
+
+
+Auch der Graf Caylus scheinet zu verlangen, dass der Dichter seine
+Wesen der Einbildung mit allegorischen Attributen ausschmuecken solle
+1). Der Graf verstand sich besser auf die Malerei, als auf die
+Poesie.
+
+{1. Apollo uebergibt den gereinigten und balsamierten Leichnam des
+Sarpedon dem Tode und dem Schlafe, ihn nach seinem Vaterlande zu
+bringen. (Il. p. v. 681. 82.)
+
+ Pempe de min pompoisin ama kraipnoisi jeresJai
+ Upnw kai QanaJw didumaosin.
+
+
+Caylus empfiehlt diese Erdichtung dem Maler, fUegt aber hinzu: Il est
+facheux, qu'Homere ne nous ait rien laisse sur les attributs qu'on
+donnait de son temps au Sommeil; nous ne connaissons, pour
+caracteriser ce dieu, que son action meme, et nous le couronnons de
+pavots. Ces idees sont modernes; la premiere est d'un mediocre
+service, mais elle ne peut etre employee dans le cas present, ou meme
+les fleurs me paraissent deplacees, surtout pour une figure qui
+groupe avec la mort. (S. Tableaux tires de l'Iliade, de l'Odyssee
+d'Homere et de l'Eneide de Virgile, avec des observations generales
+sur le costume, a Paris 1757. 8.) Das heisst von dem Homer eine von
+den kleinen Zieraten verlangen, die am meisten mit seiner grossen
+Manier streiten. Die sinnreichsten Attributa, die er dem Schlafe
+hAette geben kOennen, wuerden ihn bei weitem nicht so vollkommen
+charakterisierst, bei weitem kein so lebhaftes Bild bei uns erregt
+haben, als der einzige Zug, durch den er ihn zum Zwillingsbruder des
+Todes macht. Diesen Zug suche der Kuenstler auszudruecken, und er wird
+alle Attributa entbehren koennen. Die alten Kuenstler haben auch
+wirklich den Tod und den Schlaf mit der Aehnlichkeit unter sich
+vorgestellet, die wir an Zwillingen so natuerlich erwarten. Auf einer
+Kiste von Zedernholz, in dem Tempel der Juno zu Elis, ruhten sie
+beide als Knaben in den Armen der Nacht. Nur war der eine weiss, der
+andere schwarz; jener schlief, dieser schien zu schlafen; beide mit
+uebereinander geschlagenen Fuessen. Denn so wollte ich die Worte des
+Pausanias (Eliac. cap. XVIII. p. 422. Edit. Kuh.) amjoterouV
+diestrammenouV touV podaV lieber uebersetzen, als mit krummen Fuessen,
+oder wie es Gedoyn in seiner Sprache gegeben hat: les pieds
+contrefaits. Was sollten die krummen Fuesse hier ausdruecken?
+Uebereinander geschlagene Fuesse hingegen sind die gewoehnliche Lage
+der Schlafenden, und der Schlaf beim Maffei (Raccol. Pl. 151) liegt
+nicht anders. Die neuen Artisten sind von dieser Aehnlichkeit, welche
+Schlaf und Tod bei den Alten miteinander haben, gaenzlich abgegangen,
+und der Gebrauch ist allgemein geworden, den Tod als ein Skelett,
+hoechstens als ein mit Haut bekleidetes Skelett vorzustellen. Vor
+allen Dingen haette Caylus dem Kuenstler also hier raten muessen, ob er
+in Vorstellung des Todes dem alten oder dem neuen Gebrauche folgen
+solle. Doch er scheinet sich fuer den neuern zu erklaeren, da er den
+Tod als eine Figur betrachtet, gegen die eine andere mit Blumen
+gekroenet, nicht wohl gruppieren moechte. Hat er aber hierbei auch
+bedacht, wie unschicklich diese moderne Idee in einem Homerischen
+Gemaelde sein duerfte? Und wie hat ihm das Ekelhafte derselben nicht
+anstoessig sein koennen? Ich kann mich nicht bereden, dass das kleine
+metallene Bild in der herzoglichen Galerie zu Florenz, welches ein
+liegendes Skelett vorstellet, das mit dem einen Arme auf einem
+Aschenkruge ruhet (Spence's Polymetis Tab. XLI.), eine wirkliche
+Antike sei. Den Tod ueberhaupt kann es wenigstens nicht vorstellen
+sollen, weil ihn die Alten anders vorstellten. Selbst ihre Dichter
+haben ihn unter diesem widerlichen Bilde nie gedacht.}
+
+Doch ich habe in seinem Werke, in welchem er dieses Verlangen aeussert,
+Anlass zu erheblichern Betrachtungen gefunden, wovon ich das
+Wesentlichste, zu besserer Erwaegung, hier anmerke.
+
+Der Kuenstler, ist des Grafen Absicht, soll sich mit dem groessten
+malerischen Dichter, mit dem Homer, mit dieser zweiten Natur, naeher
+bekannt machen. Er zeigt ihm, welchen reichen noch nie genutzten
+Stoff zu den trefflichsten Schildereien die von dem Griechen
+behandelte Geschichte darbiete, und wie so viel vollkommner ihm die
+Ausfuehrung gelingen muesse, je genauer er sich an die kleinsten von
+dem Dichter bemerkten Umstaende halten koenne.
+
+In diesem Vorschlage vermischt sich also die oben genannte doppelte
+Nachahmung. Der Maler soll nicht allein das nachahmen, was der
+Dichter nachgeahmt hat, sondern er soll es auch mit den naemlichen
+Zuegen nachahmen; er soll den Dichter nicht bloss als Erzaehler, er soll
+ihn als Dichter nutzen.
+
+Diese zweite Art der Nachahmung aber, die fuer den Dichter so
+verkleinerlich ist, warum ist sie es nicht auch fuer den Kuenstler?
+Wenn vor dem Homer eine solche Folge von Gemaelden, als der Graf
+Caylus aus ihm angibt, vorhanden gewesen waere, und wir wuessten, dass
+der Dichter aus diesen Gemaelden sein Werk genommen haette: wuerde er
+nicht von unserer Bewunderung unendlich verlieren? Wie koemmt es, dass
+wir dem Kuenstler nichts von unserer Hochachtung entziehen, wenn er
+schon weiter nichts tut, als dass er die Worte des Dichters mit
+Figuren und Farben ausdruecket?
+
+Die Ursach' scheinet diese zu sein. Bei dem Artisten duenket uns die
+Ausfuehrung schwerer, als die Erfindung; bei dem Dichter hingegen ist
+es umgekehrt, und seine Ausfuehrung duenket uns gegen die Erfindung das
+Leichtere. Haette Virgil die Verstrickung des Laokoon und seiner
+Kinder von der Gruppe genommen, so wuerde ihm das Verdienst, welches
+wir bei diesem seinem Bilde fuer das schwerere und groessere halten,
+fehlen, und nur das geringere uebrigbleiben. Denn diese Verstrickung
+in der Einbildungskraft erst schaffen, ist weit wichtiger, als sie in
+Worten ausdruecken. Haette hingegen der Kuenstler diese Verstrickung
+von dem Dichter entlehnet, so wuerde er in unsern Gedanken doch noch
+immer Verdienst genug behalten, ob ihm schon das Verdienst der
+Erfindung abgehet. Denn der Ausdruck in Marmor ist unendlich
+schwerer als der Ausdruck in Worten; und wenn wir Erfindung und
+Darstellung gegeneinander abwaegen, so sind wir jederzeit geneigt, dem
+Meister an der einen so viel wiederum zu erlassen, als wir an der
+andern zu viel erhalten zu haben meinen.
+
+Es gibt sogar Faelle, wo es fuer den Kuenstler ein groesseres Verdienst
+ist, die Natur durch das Medium der Nachahmung des Dichters
+nachgeahmt zu haben, als ohne dasselbe. Der Maler, der nach der
+Beschreibung eines Thomsons eine schoene Landschaft darstellet, hat
+mehr getan, als der sie gerade von der Natur kopieret. Dieser siehet
+sein Urbild vor sich; jener muss erst seine Einbildungskraft so
+anstrengen, bis er es vor sich zu sehen glaubst. Dieser macht aus
+lebhaften sinnlichen Eindruecken etwas Schoenes; jener aus schwanken
+und schwachen Vorstellungen willkuerlicher Zeichen.
+
+So natuerlich aber die Bereitwilligkeit ist, dem Kuenstler das
+Verdienst der Erfindung zu erlassen, ebenso natuerlich hat daraus die
+Lauigkeit gegen dasselbe bei ihm entspringen muessen. Denn da er sahe,
+dass die Erfindung seine glaenzende Seite nie werden koenne, dass sein
+groesstes Lob von der Ausfuehrung abhange, so ward es ihm gleich viel,
+ob jene alt oder neu, einmal oder unzaehligmal gebraucht sei, ob sie
+ihm oder einem anderen zugehoere. Er blieb in dem engen Bezirke
+weniger, ihm und dem Publico gelaeufig gewordener Vorwuerfe, und liess
+seine ganze Erfindsamkeit auf die blosse Veraenderung in dem Bekannten
+gehen, auf neue Zusammensetzungen alter Gegenstaende. Das ist auch
+wirklich die Idee, welche die Lehrbuecher der Malerei mit dem Worte
+Erfindung verbinden. Denn ob sie dieselbe schon sogar in malerische
+und dichterische einteilen, so gehet doch auch die dichterische nicht
+auf die Hervorbringung des Vorwurfs selbst, sondern lediglich auf die
+Anordnung oder den Ausdruck 2). Es ist Erfindung, aber nicht
+Erfindung des Ganzen, sondern einzelner Teile, und ihrer Lage
+untereinander. Es ist Erfindung, aber von jener geringern Gattung,
+die Horaz seinem tragischen Dichter anriet:
+
+{2. v. Hagedorn, "Betrachtungen ueber die Malerei" S. 159 u. f.}
+
+ --Tuque
+ Rectius Iliacum carmen deducis in actus,
+ Quam si proferres ignota indictaque primus 3).
+
+{3. Ad. Pisones v. 128-130.}
+
+Anriet, sage ich, aber nicht befahl. Anriet, als fUer ihn leichter,
+bequemer, zutrAeglicher; aber nicht befahl, als besser und edler an
+sich selbst.
+
+In der Tat hat der Dichter einen grossen Schritt voraus, welcher eine
+bekannte Geschichte, bekannte Charaktere behandelt. Hundert frostige
+Kleinigkeiten, die sonst zum Verstaendnisse des Ganzen unentbehrlich
+sein wuerden, kann er uebergehen; und je geschwinder er seinen ZuhOerern
+verstaendlich wird, desto geschwinder kann er sie intressieren.
+Diesen Vorteil hat auch der Maler, wenn uns sein Vorwurf nicht fremd
+ist, wenn wir mit dem ersten Blicke die Absicht und Meinung seiner
+ganzen Komposition erkennen, wenn wir auf eins seine Personen nicht
+bloss sprechen sehen, sondern auch hoeren, was sie sprechen. Von dem
+ersten Blicke hangt die groesste Wirkung ab, und wenn uns dieser zu
+muehsamen Nachsinnen und Raten noetiget, so erkaltet unsere Begierde
+geruehret zu werden; um uns an dem unverstaendlichen Kuenstler zu raechen,
+verhaerten wir uns gegen den Ausdruck, und weh ihm, wann er die
+Schoenheit dem Ausdrucke aufgeopfert hat! Wir finden sodann gar
+nichts, was uns reizen koennte, vor seinem Werke zu verweilen; was wir
+sehen, gefaellt uns nicht, und was wir dabei denken sollen, wissen wir
+nicht.
+
+Nun nehme man beides zusammen; einmal, dass die Erfindung und Neuheit
+des Vorwurfs das Vornehmste bei weitem nicht ist, was wir von dem
+Maler verlangen; zweitens, dass ein bekannter Vorwurf die Wirkung
+seiner Kunst befoerdert und erleichtert: und ich meine, man wird die
+Ursache, warum er sich so selten zu neuen Vorwuerfen entschliesst,
+nicht mit dem Grafen Caylus, in seiner Bequemlichkeit, in seiner
+Unwissenheit, in der Schwierigkeit des mechanischen Teiles der Kunst,
+welche allen seinen Fleiss, alle seine Zeit erfordert, suchen duerfen;
+sondern man wird sie tiefer gegruendet finden, und vielleicht gar, was
+anfangs Einschraenkung der Kunst, Verkuemmerung unsers Vergnuegens, zu
+sein scheinet, als eine weise und uns selbst nuetzliche Enthaltsamkeit
+an dem Artisten zu loben geneigt sein. Ich fuerchte auch nicht, dass
+mich die Erfahrung widerlegen werde. Die Maler werden dem Grafen fuer
+seinen guten Willen danken, aber ihn schwerlich so allgemein nutzen,
+als er es erwartet. Geschaehe es jedoch: so wuerde ueber hundert Jahr'
+ein neuer Caylus noetig sein, der die alten Vorwuerfe wieder ins
+Gedaechtnis braechte, und den Kuenstler in das Feld zurueckfuehrte, wo
+andere vor ihm so unsterbliche Lorbeeren gebrochen haben. Oder
+verlangt man, dass das Publikum so gelehrt sein soll, als der Kenner
+aus seinen Buechern ist? Dass ihm alle Szenen der Geschichte und der
+Fabel, die ein schoenes Gemaelde geben koennen, bekannt und gelaeufig
+sein sollen? Ich gebe es zu, dass die Kuenstler besser getan haetten,
+wenn sie seit Raffaels Zeiten, anstatt des Ovids, den Homer zu ihrem
+Handbuche gemacht haetten. Aber da es nun einmal nicht geschehen ist,
+so lasse man das Publikum in seinem Gleise, und mache ihm sein
+Vergnuegen nicht saurer, als ein Vergnuegen zu stehen kommen muss, um
+das zu sein, was es sein soll.
+
+Protogenes hatte die Mutter des Aristoteles gemalt. Ich weiss nicht
+wie viel ihm der Philosoph dafuer bezahlte. Aber entweder anstatt der
+Bezahlung, oder noch ueber die Bezahlung, erteilte er ihm einen Rat,
+der mehr als die Bezahlung wert war. Denn ich kann mir nicht
+einbilden, dass sein Rat eine blosse Schmeichelei gewesen sei. Sondern
+vornehmlich weil er das Beduerfnis der Kunst erwog, allen verstaendlich
+zu sein, riet er ihm, die Taten des Alexanders zu malen; Taten, von
+welchen damals alle Welt sprach, und von welchen er voraussehen
+konnte, dass sie auch der Nachwelt unvergesslich sein wuerden. Doch
+Protogenes war nicht gesetzt genug, diesem Rate zu folgen; impetus
+animi, sagt Plinius, et quaedam artis libido 4), ein gewisser Uebermut
+der Kunst, eine gewisse Luesternheit nach dem Sonderbaren und
+Unbekannten, trieben ihn zu ganz andern Vorwuerfen. Er malte lieber
+die Geschichte eines Jalysus 5), einer Cydippe und dergleichen, von
+welchen man itzt auch nicht einmal mehr erraten kann, was sie
+vorgestellet haben.
+
+{4. lib. XXXV. sect. 36. p. 700. Edit. Hard.}
+
+{5. Richardson nennet dieses Werk, wenn er die Regel erlaeutern will,
+dass in einem Gemaelde die Aufmerksamkeit des Betrachters durch nichts,
+es moege auch noch so vortrefflich sein, von der Hauptfigur abgezogen
+werden muesse. "Protogenes", sagt er, "hatte in seinem beruehmten
+Gemaelde Jalysus ein Rebhuhn mit angebracht, und es mit so vieler
+Kunst ausgemalet, dass es zu leben schien, und von ganz Griechenland
+bewundert ward; weil es aber aller Augen, zum Nachteil des Hauptwerks,
+zu sehr an sich zog, so loeschte er es gaenzlich wieder aus." (Traite
+de la peinture T. I. p. 46.) Richardson hat sich geirret. Dieses
+Rebhuhn war nicht in dem Jalysus, sondern in einem andern Gemaelde des
+Protogenes gewesen, welches der ruhende oder muessige Satyr, SaturoV
+anapauomenoV, hiess. Ich wuerde diesen Fehler, welcher aus einer
+missverstandenen Stelle des Plinius entsprungen ist, kaum anmerken,
+wenn ich ihn nicht auch beim Meursius faende: (Rhodi lib. I. cap. 14.
+p. 38.) In eadem, tabula sc. in qua Ialysus, Satyrus erat, quem
+dicebant Anapauomenon, tibias tenens. Desgleichen bei dem Herrn
+Winckelmann selbst. (Von der Nachahm. der Gr. W. in der Mal. und
+Bildh. S. 56.) Strabo ist der eigentliche Waehrmann dieses
+Histoerchens mit dem Rebhuhne, und dieser unterscheidet den Jalysus,
+und den an eine Saeule sich lehnenden Satyr, auf welcher das Rebhuhn
+sass, ausdruecklich. (lib. XIV. p. 750. Edit. Xyl.) Die Stelle des
+Plinius (lib. XXXV. sect. 36. p. 699) haben Meursius und Richardson
+und Winckelmann deswegen falsch verstanden, weil sie nicht
+achtgegeben, dass von zwei verschiedenen Gemaelden daselbst die Rede
+ist: dem einen, dessenwegen Demetrius die Stadt nicht ueberkam, weil
+er den Ort nicht angreifen wollte, wo es stand; und dem andern,
+welches Protogenes waehrend dieser Belagerung malte. Jenes war der
+Jalysus, und dieses der Satyr.}
+
+
+
+XII.
+
+
+Homer bearbeitet eine doppelte Gattung von Wesen und Handlungen;
+sichtbare und unsichtbare. Diesen Unterschied kann die Malerei nicht
+angeben: bei ihr ist alles sichtbar; und auf einerlei Art sichtbar.
+
+Wenn also der Graf Caylus die Gemaelde der unsichtbaren Handlungen in
+unzertrennter Folge mit den sichtbaren fortlaufen laesst; wenn er in
+den Gemaelden der vermischten Handlungen, an welchen sichtbare und
+unsichtbare Wesen teilnehmen, nicht angibt, und vielleicht nicht
+angeben kann, wie die letztern, welche nur wir, die wir das Gemaelde
+betrachten, darin entdecken sollten, so anzubringen sind, dass die
+Personen des Gemaeldes sie nicht sehen, wenigstens sie nicht notwendig
+sehen zu muessen scheinen koennen: so muss notwendig sowohl die ganze
+Folge, als auch manches einzelne Stueck dadurch aeusserst verwirrt,
+unbegreiflich und widersprechend werden.
+
+Doch diesem Fehler waere, mit dem Buche in der Hand, noch endlich
+abzuhelfen. Das Schlimmste dabei ist nur dieses, dass durch die
+malerische Aufhebung des Unterschiedes der sichtbaren und
+unsichtbaren Wesen, zugleich alle die charakteristischen Zuege
+verloren gehen, durch welche sich diese hoehere Gattung ueber jene
+geringere erhebet.
+
+Z. E. Wenn endlich die ueber das Schicksal der Trojaner geteilten
+Goetter unter sich selbst handgemein werden: so gehet bei dem Dichter
+1) dieser ganze Kampf unsichtbar vor, und diese Unsichtbarkeit
+erlaubet der Einbildungskraft die Szene zu erweitern, und laesst ihr
+freies Spiel, sich die Personen der Goetter und ihre Handlungen so
+gross, und ueber das gemeine Menschliche so weit erhaben zu denken, als
+sie nur immer will. Die Malerei aber muss eine sichtbare Szene
+annehmen, deren verschiedene notwendige Teile der Massstab fuer die
+darauf handelnden Personen werden; ein Massstab, den das Auge gleich
+darneben hat, und dessen Unproportion gegen die hoehern Wesen, diese
+hoehern Wesen, die bei dem Dichter gross waren, auf der Flaeche des
+Kuenstlers ungeheuer macht.
+
+{1. Iliad. F. v. 385 et s.}
+
+Minerva, auf welche Mars in diesem Kampfe den ersten Angriff waget,
+tritt zurueck, und fasset mit maechtiger Hand von dem Boden einen
+schwarzen, rauhen, grossen Stein auf, den vor alten Zeiten vereinigte
+Maennerhaende zum Grenzsteine hingewaelzet hatten:
+
+ H d' anacassamenh liJon eileto ceiri paceih,
+ Keimenon en pediw, melana, trhcun te, megan te,
+ Ton r' andres proteroi Jesan emmenai ouron arourhV.
+
+
+Um die GrOesse dieses Steins gehoerig zu schAetzen, erinnere man sich,
+dass Homer seine Helden noch einmal so stark macht, als die staerksten
+Maenner seiner Zeit, jene aber von den Maennern, wie sie Nestor in
+seiner Jugend gekannt hatte, noch weit an Staerke Uebertreffen laesst.
+Nun frage ich, wenn Minerva einen Stein, den nicht ein Mann, den
+Maenner aus Nestors Jugendjahren zum Grenzsteine aufgerichtet hatten,
+wenn Minerva einen solchen Stein gegen den Mars schleudert, von
+welcher Statur soll die Goettin sein? Soll ihre Statur der Groesse des
+Steins proportioniert sein, so faellt das Wunderbare weg. Ein Mensch,
+der dreimal groesser ist als ich, muss natuerlicherweise auch einen
+dreimal groessern Stein schleudern koennen. Soll aber die Statur der
+Goettin der Groesse des Steins nicht angemessen sein, so entstehet eine
+anschauliche Unwahrscheinlichkeit in dem Gemaelde, deren Anstoessigkeit
+durch die kalte Ueberlegung, dass eine Goettin uebermenschliche Staerke
+haben muesse, nicht gehoben wird. Wo ich eine groessere Wirkung sehe,
+will ich auch groessere Werkzeuge wahrnehmen.
+
+Und Mars, von diesem gewaltigen Steine niedergeworfen,
+
+Epta d' epesce peleJra-bedeckte sieben Hufen. Unmoeglich kann der
+Maler dem Gotte diese ausserordentliche Groesse geben. Gibt er sie ihm
+aber nicht, so liegt nicht Mars zu Boden, nicht der Homerische Mars,
+sondern ein gemeiner Krieger 2).
+
+{2. Diesen unsichtbaren Kampf der Goetter hat Quintus Calaber in
+seinem zwoelften Buche (v. 158-185) nachgeahmt, mit der nicht
+undeutlichen Absicht, sein Vorbild zu verbessern. Es scheinet
+naemlich, der Grammatiker habe es unanstaendig gefunden, dass ein Gott
+mit einem Steine zu Boden geworfen werde. Er laesst also zwar auch die
+Goetter grosse Felsenstuecke, die sie von dem Ida abreissen,
+gegeneinander schleudern; aber diese Felsen zerschellen an den
+unsterblichen Gliedern der Goetter und stieben wie Sand um sie her:
+
+ --Oi de kolwnaV
+ Cersin aporrhxanteV ap' oudeoV Idaioio
+ Ballon ep' allhlouV- ai de yamaJoisi omoiai
+ Reia dieskidnanto- Jevn peri d' asceta guia
+ Rhgnumenai dia tutJa--
+
+
+Eine KUenstelei, welche die Hauptsache verdirbt. Sie erhOehet unsern
+Begriff von den Koerpern der Goetter und macht die Waffen, welche sie
+gegeneinander brauchen, lAecherlich. Wenn Goetter einander mit Steinen
+werfen, so muessen diese Steine auch die Goetter beschaedigen koennen,
+oder wir glauben mutwillige Buben zu sehen, die sich mit Erdkloessen
+werfen. So bleibt der alte Homer immer der Weisere, und aller Tadel,
+mit dem ihn der alte Kunstrichter belegt, aller Wettstreit, in
+welchen sich geringere Genies mit ihm einlassen, dienen zu weiter
+nichts, als seine Weisheit in ihr bestes Licht zu setzen. Indes will
+ich nicht leugnen, dass in der Nachahmung des Quintus nicht auch sehr
+treffliche Zuege vorkommen, und die ihm eigen sind. Doch sind es Zuege,
+die nicht sowohl der bescheidenen Groesse des Homers geziemen, als dem
+stuermischen Feuer eines neuern Dichters Ehre machen wuerden. Dass das
+Geschrei der Goetter, welches hoch bis in den Himmel und tief bis in
+den Abgrund ertoenet, welches den Berg und die Stadt und die Flotte
+erschuettert, von den Menschen nicht gehoeret wird, duenket mich eine
+sehr vielbedeutende Wendung zu sein. Das Geschrei war groesser, als
+dass es die kleinen Werkzeuge des menschlichen Gehoers fassen konnten.}
+
+Longin sagt, es komme ihm oefters vor, als habe Homer seine Menschen
+zu Goettern erheben, und seine Goetter zu Menschen herabsetzen wollen.
+Die Malerei vollfuehret diese Herabsetzung. In ihr verschwindet
+vollends alles, was bei dem Dichter die Goetter noch ueber die
+goettlichen Menschen setzet. Groesse, Staerke, Schnelligkeit, wovon
+Homer noch immer einen hoehern, wunderbarern Grad fuer seine Goetter in
+Vorrat hat, als er seinen vorzueglichsten Helden beileget 3), muessen
+in dem Gemaelde auf das gemeine Mass der Menschheit herabsinken, und
+Jupiter und Agamemnon, Apollo und Achilles, Ajax und Mars, werden
+vollkommen einerlei Wesen, die weiter an nichts als an aeusserlichen
+verabredeten Merkmalen zu kennen sind.
+
+{3. In Ansehung der Staerke und Schnelligkeit wird niemand, der den
+Homer auch nur ein einziges Mal fluechtig durchlaufen hat, diese
+Assertion in Abrede sein. Nur duerfte er sich vielleicht der Exempel
+nicht gleich erinnern, aus welchen es erhellet, dass der Dichter
+seinen Goettern auch eine koerperliche Groesse gegeben, die alle
+natuerliche Masse weit uebersteiget. Ich verweise ihn also, ausser der
+angezogenen Stelle von dem zu Boden geworfnen Mars, der sieben Hufen
+bedecket, auf den Helm der Minerva (Kunehn ekaton polewn pruleess'
+araruian. Iliad. E. v. 744), unter welchem sich so viel Streiter,
+als hundert Staedte in das Feld zu stellen vermoegen, verbergen koennen;
+auf die Schritte des Neptunus (Iliad. N. v. 20), vornehmlich aber
+auf die Zeilen aus der Beschreibung des Schildes, wo Mars und Minerva
+die Truppen der belagerten Stadt anfuehren: (Iliad. S. v. 516-519.)
+
+ --Hrce d' ara sjin ArhV kai PallaV AJhnh
+ Amjw cruseiw, cruseia de eimata esJhn,
+ Kalw kai megalw sun teucesin, wV te Jew per,
+ AmjiV arizhlw- laoi d' upolizoneV hsan.
+
+
+Selbst Ausleger des Homers, alte sowohl als neue, scheinen sich nicht
+allezeit dieser wunderbaren Statur seiner GOetter genugsam erinnert zu
+haben; welches aus den lindernden ErklAerungen abzunehmen, die sie
+Ueber den grossen Helm der Minerva geben zu muessen glauben. (S. die
+Clarkisch-Ernestische Ausgabe des Homers an der angezogenen Stelle.)
+Man verliert aber von der Seite des Erhabenen unendlich viel, wenn
+man sich die Homerischen Goetter nur immer in der gewoehnlichen Groesse
+denkt, in welcher man sie, in Gesellschaft der Sterblichen, auf der
+Leinewand zu sehen verwoehnet wird. Ist es indes schon nicht der
+Malerei vergoennet, sie in diesen uebersteigenden Dimensionen
+darzustellen, so darf es doch die Bildhauerei gewissermassen tun; und
+ich bin ueberzeugt, dass die alten Meister, so wie die Bildung der
+Goetter ueberhaupt, also auch das Kolossalische, das sie oefters ihren
+Statuen erteilten, aus dem Homer entlehnet haben. (Herodot. lib. II.
+p. 130. Edit. Wessel.) Verschiedene Anmerkungen ueber dieses
+Kolossalische insbesondere, und warum es in der Bildhauerei von so
+grosser, in der Malerei aber von gar keiner Wirkung ist, verspare ich
+auf einen andern Ort.}
+
+Das Mittel, dessen sich die Malerei bedienet, uns zu verstehen zu
+geben, dass in ihren Kompositionen dieses oder jenes als unsichtbar
+betrachtet werden muesse, ist eine duenne Wolke, in welche sie es von
+der Seite der mithandelnden Personen einhuellet. Diese Wolke scheinet
+aus dem Homer selbst entlehnet zu sein. Denn wenn im Getuemmel der
+Schlacht einer von den wichtigern Helden in Gefahr koemmt, aus der ihn
+keine andere, als goettliche Macht retten kann: so laesst der Dichter
+ihn von der schuetzenden Gottheit in einen dicken Nebel, oder in Nacht
+verhuellen, und so davon fuehren; als den Paris von der Venus 4), den
+Idaeus vom Neptuns 5), den Hektor vom Apollo 6). Und diesen Nebel,
+diese Wolke, wird Caylus nie vergessen, dem Kuenstler bestens zu
+empfehlen, wenn er ihm die Gemaelde von dergleichen Begebenheiten
+vorzeichnet. Wer sieht aber nicht, dass bei dem Dichter das Einhuellen
+in Nebel und Nacht weiter nichts, als eine poetische Redensart fuer
+unsichtbar machen, sein soll? Es hat mich daher jederzeit befremdet,
+diesen poetischen Ausdruck realisieret, und eine wirkliche Wolke in
+dem Gemaelde angebracht zu finden, hinter welcher der Held, wie hinter
+einer spanischen Wand, vor seinem Feinde verborgen stehet. Das war
+nicht die Meinung des Dichters. Das heisst aus den Grenzen der
+Malerei herausgehen; denn diese Wolke ist hier eine wahre Hieroglyphe,
+ein blosses symbolisches Zeichen, das den befreiten Held nicht
+unsichtbar macht, sondern den Betrachtern zuruft: ihr muesst ihn euch
+als unsichtbar vorstellen. Sie ist hier nichts besser, als die
+beschriebenen Zettelchen, die auf alten gotischen Gemaelden den
+Personen aus dem Munde gehen.
+
+{4. Iliad. G. v. 381.}
+
+{5. Iliad. E. v. 23.}
+
+{6. Iliad. Y. v. 444.}
+
+Es ist wahr, Homer laesst den Achilles, indem ihm Apollo den Hektor
+entruecket, noch dreimal nach dem dicken Nebel mit der Lanze stossen:
+triV d' hera tuye baJeian 7). Allein auch das heisst in der Sprache
+des Dichters weiter nichts, als dass Achilles so wuetend gewesen, dass
+er noch dreimal gestossen, ehe er es gemerkt, dass er seinen Feind
+nicht mehr vor sich habe. Keinen wirklichen Nebel sahe Achilles
+nicht, und das ganze Kunststueck, womit die Goetter unsichtbar machten,
+bestand auch nicht in dem Nebel, sondern in der schnellen Entrueckung.
+Nur um zugleich mit anzuzeigen, dass die Entrueckung so schnell
+geschehen, dass kein menschliches Auge dem entrueckten Koerper
+nachfolgen koennen, huellet ihn der Dichter vorher in Nebel ein; nicht
+weil man anstatt des entrueckten Koerpers einen Nebel gesehen, sondern
+weil wir das, was in einem Nebel ist, als nicht sichtbar denken.
+Daher kehrt er es auch bisweilen um, und laesst, anstatt das Objekt
+unsichtbar zu machen, das Subjekt mit Blindheit geschlagen werden.
+So verfinstert Neptun die Augen des Achilles, wenn er den Aeneas aus
+seinen moerderischen Haenden errettet, den er mit einem Rucke mitten
+aus dem Gewuehle auf einmal in das Hintertreffen versetzt 8). In der
+Tat aber sind des Achilles Augen hier ebensowenig verfinstert, als
+dort die entrueckten Helden in Nebel gehuellet; sondern der Dichter
+setzt das eine und das andere nur bloss hinzu, um die aeusserste
+Schnelligkeit der Entrueckung, welche wir das Verschwinden nennen,
+dadurch sinnlicher zu machen.
+
+{7. Ibid. v. 446.}
+
+{8. Iliad. Y. v. 321.}
+
+Den homerischen Nebel aber haben sich die Maler nicht bloss in den
+Faellen zu eigen gemacht, wo ihn Homer selbst gebraucht hat, oder
+gebraucht haben wuerde: bei Unsichtbarwerdungen, bei Verschwindungen,
+sondern ueberall, wo der Betrachter etwas in dem Gemaelde erkennen soll,
+was die Personen des Gemaeldes entweder alle, oder zum Teil, nicht
+erkennen. Minerva war dem Achilles nur allein sichtbar, als sie ihn
+zurueckhielt, sich mit Taetigkeiten gegen den Agamemnon zu vergehen.
+Dieses auszudruecken, sagt Caylus, weiss ich keinen andern Rat, als dass
+man sie von der Seite der uebrigen Ratsversammlung in eine Wolke
+verhuelle. Ganz wider den Geist des Dichters. Unsichtbar sein, ist
+der natuerliche Zustand seiner Goetter; es bedarf keiner Blendung,
+keiner Abschneidung der Lichtstrahlen, dass sie nicht gesehen werden
+9); sondern es bedarf einer Erleuchtung, einer Erhoehung des
+sterblichen Gesichts, wenn sie gesehen werden sollen. Nicht genug
+also, dass die Wolke ein willkuerliches, und kein natuerliches Zeichen
+bei den Malern ist; dieses willkuerliche Zeichen hat auch nicht einmal
+die bestimmte Deutlichkeit, die es als ein solches haben koennte; denn
+sie brauchen es ebensowohl, um das Sichtbare unsichtbar, als um das
+Unsichtbare sichtbar zu machen.
+
+{9. Zwar laesst Homer auch Gottheiten sich dann und wann in eine Wolke
+huellen, aber nur alsdenn, wenn sie von andern Gottheiten nicht wollen
+gesehen werden. Z. E. Iliad. X. v. 282, wo Juno und der Schlaf hera
+essamenw sich nach dem Ida verfuegen, war es der schlauen Goettin
+hoechste Sorge, von der Venus nicht entdeckt zu werden, die ihr, nur
+unter dem Vorwande einer ganz andern Reise, ihren Guertel geliehen
+hatte. In eben dem Buche (v. 344.) muss eine gueldene Wolke den
+wollusttrunkenen Jupiter mit seiner Gemahlin umgeben, um ihren
+zuechtigen Weigerungen abzuhelfen:
+
+ PvV k' eoi, ei tiV nvi Jevn aieigenetawn
+ Eudont' aJrhseie;--
+
+
+Sie fUerchte sich nicht von den Menschen gesehen zu werden; sondern
+von den GOettern. Und wenn schon Homer den Jupiter einige Zeilen
+darauf sagen lAesst:
+
+ Hrh, mhte Jevn toge deidiJi, mhte tin' andrvn
+ OyesJai- toion toi egw nejoV amjikaluyw
+ Cruseon-
+
+
+so folgt doch daraus nicht, dass sie erst diese Wolke vor den Augen
+der Menschen wUerde verborgen haben; sondern es will nur so viel, dass
+sie in dieser Wolke ebenso unsichtbar den GOettern werden solle, als
+sie es nur immer den Menschen sei. So auch, wenn Minerva sich den
+Helm des Pluto aufsetzet (Iliad. E. v. 845.), welches mit dem
+Verhuellen in eine Wolke einerlei Wirkung hatte, geschieht es nicht,
+um von den Trojanern nicht gesehen zu werden, die sie entweder gar
+nicht, oder unter der Gestalt des Sthenelus erblicken, sondern
+lediglich, damit sie Mars nicht erkennen moege.}
+
+
+
+XIII.
+
+
+Wenn Homers Werke gAenzlich verloren waeren, wenn wir von seiner Ilias
+und Odyssee nichts uebrig haetten, als eine aehnliche Folge von Gemaelden,
+dergleichen Caylus daraus vorgeschlagen: wuerden wir wohl aus diesen
+Gemaelden,--sie sollen von der Hand des vollkommensten Meisters
+sein--ich will nicht sagen, von dem ganzen Dichter, sondern bloss von
+seinem malerischen Talente, uns den Begriff bilden koennen, den wir
+itzt von ihm haben?
+
+Man mache einen Versuch mit dem ersten dem besten Stuecke. Es sei das
+Gemaelde der Pest 1). Was erblicken wir auf der Flaeche des Kuenstlers?
+Tote Leichname, brennende Scheiterhaufen, Sterbende mit Gestorbenen
+beschaeftiget, den erzuernten Gott auf einer Wolke, seine Pfeile
+abdrueckend. Der groesste Reichtum dieses Gemaeldes ist Armut des
+Dichters. Denn sollte man den Homer aus diesem Gemaelde
+wiederherstellen: was koennte man ihn sagen lassen? "Hierauf
+ergrimmte Apollo, und schoss seine Pfeile unter das Heere der Griechen.
+Viele Griechen sturben und ihre Leichname wurden verbrannt." Nun
+lese man den Homer selbst:
+
+{1. Iliad. A. v. 44-53. Tableaux tires de l'Iliade p. 7.}
+
+ Bh de kat' Oulumpoio karhnwn cwomenoV khr,
+ Tox' wmoisin ecwn, amjhrejea te jaretrhn.
+ Eklagxan d' ar' oistoi ep' wmwn cwomenoio,
+ Autou kinhJentoV- o d' hie nukti eoikwV-
+ Ezet' epeit' apaneuJe nevn, meta d' ion ehken-
+ Deinh de klaggh genet' argureoio bioio.
+ OurhaV men prvton epwceto, kai kunaV argouV-
+ Autar epeit' autoisi beloV ecepeukeV ejieiV
+ Ball'- aiei de purai nekuwn kaionto Jameiai.
+
+
+So weit das Leben Ueber das GemAelde ist, so weit ist der Dichter hier
+ueber den Maler. Ergrimmt, mit Bogen und KOecher, steiget Apollo von
+den Zinnen des Olympus. Ich sehe ihn nicht allein herabsteigen, ich
+hoere ihn. Mit jedem Tritte erklingen die Pfeile um die Schultern des
+Zornigen. Er gehet einher, gleich der Nacht. Nun sitzt er gegen den
+Schiffen ueber, und schnellet--fuerchterlich erklingt der silberne
+Bogen--den ersten Pfeil auf die Maultiere und Hunde. Sodann fasst er
+mit dem giftigern Pfeile die Menschen selbst; und ueberall lodern
+unaufhoerlich Holzstoesse mit Leichnamen.--Es ist unmoeglich, die
+musikalische Malerei, welche die Worte des Dichters mit hoeren lassen,
+in eine andere Sprache ueberzutragen. Es ist ebenso unmoeglich, sie
+aus dem materiellen Gemaelde zu vermuten, ob sie schon nur der
+allerkleineste Vorzug ist, den das poetische Gemaelde vor selbigem hat.
+Der Hauptvorzug ist dieser, dass uns der Dichter zu dem, was das
+materielle Gemaelde aus ihm zeiget, durch eine ganze Galerie von
+Gemaelden fuehret.
+
+Aber vielleicht ist die Pest kein vorteilhafter Vorwurf fuer die
+Malerei. Hier ist ein anderer, der mehr Reize fuer das Auge hat. Die
+ratpflegenden trinkenden Goetter 2). Ein goldner offener Palast,
+willkuerliche Gruppen der schoensten und verehrungswuerdigsten Gestalten,
+den Pokal in der Hand, von Heben, der ewigen Jugend, bedienet.
+Welche Architektur, welche Massen von Licht und Schatten, welche
+Kontraste, welche Mannigfaltigkeit des Ausdruckes! Wo fange ich an,
+wo hoere ich auf, mein Auge zu weiden? Wann mich der Maler so
+bezaubert, wieviel mehr wird es der Dichter tun! Ich schlage ihn auf,
+und ich finde--mich betrogen. Ich finde vier gute plane Zeilen, die
+zur Unterschrift eines Gemaeldes dienen koennen, in welchen der Stoff
+zu einem Gemaelde liegt, aber die selbst kein Gemaelde sind.
+
+{2. Iliad. D. v. 1-4. Tableaux tires de l'Iliade p. 30.}
+
+ Oi de Jeoi par Zhni kaJhmenoi hgorownto
+ Crusew en dapedw, meta de sjisi potnia Hbh
+ Nektar ewnocoei- toi de cruseoiV depaessi
+ Deidecat' allhlouV, Trwwn polin eisorownteV.
+
+
+Das wUerde ein Apollonius, oder ein noch mittelmAessigerer Dichter,
+nicht schlechter gesagt haben; und Homer bleibt hier ebensoweit unter
+dem Maler, als der Maler dort unter ihm blieb.
+
+Noch dazu findet Caylus in dem ganzen vierten Buche der Ilias sonst
+kein einziges Gemaelde, als nur eben in diesen vier Zeilen. So sehr
+sich, sagt er, das vierte Buch durch die mannigfaltigen Ermunterungen
+zum Angriffe, durch die Fruchtbarkeit glaenzender und abstechender
+Charaktere, und durch die Kunst ausnimmt, mit welcher uns der Dichter
+die Menge, die er in Bewegung setzen will, zeiget: so ist es doch fuer
+die Malerei gaenzlich unbrauchbar. Er haette dazu setzen kOennen: so
+reich es auch sonst an dem ist, was man poetische Gemaelde nennet.
+Denn wahrlich, es kommen derer in dem vierten Buche so haeufige und so
+vollkommene vor, als nur in irgend einem andern. Wo ist ein
+ausgefuehrteres, taeuschenderes Gemaelde als das vom Pandarus, wie er
+auf Anreizen der Minerva den Waffenstillestand bricht, und seinen
+Pfeil auf den Menelaus losdrueckt? Als das, von dem Anruecken des
+griechischen Heeres? Als das, von dem beiderseitigen Angriffe? Als
+das, von der Tat des Ulysses, durch die er den Tod seines Leukus
+raechet?
+
+Was folgt aber hieraus, dass nicht wenige der schoensten Gemaelde des
+Homers kein Gemaelde fuer den Artisten geben? dass der Artist Gemaelde
+aus ihm ziehen kann, wo er selbst keine hat? dass die, welche er hat,
+und der Artist gebrauchen kann, nur sehr armselige Gemaelde sein
+wuerden, wenn sie nicht mehr zeigten, als der Artist zeiget? Was
+sonst, als die Verneinung meiner obigen Frage? Dass aus den
+materiellen Gemaelden, zu welchen die Gedichte des Homers Stoff geben,
+wann ihrer auch noch so viele, wann sie auch noch so vortrefflich
+waeren, sich dennoch auf das malerische Talent des Dichters nichts
+schliessen laesst.
+
+
+
+XIV.
+
+
+Ist dem aber so, und kann ein Gedicht sehr ergiebig fuer den Maler,
+dennoch aber selbst nicht malerisch, hinwiederum ein anderes sehr
+malerisch, und dennoch nicht ergiebig fuer den Maler sein: so ist es
+auch um den Einfall des Grafen Caylus getan, welcher die
+Brauchbarkeit fuer den Maler zum Probiersteine der Dichter machen, und
+ihre Rangordnung nach der Anzahl der Gemaelde, die sie dem Artisten
+darbieten, bestimmen wollen 1).
+
+{1. Tableaux tires de l'Iliade, Avert. p. V. On est toujours convenu,
+que plus un poeme fournissait d'images et d'actions, plus il avait
+de superiorite en poesie. Cette reflexion m'avait conduit a penser
+que le calcul des differents tableaux, qu'offrent les poemes, pouvait
+servir a comparer le merite respectif des poames et des poetes. Le
+nombre et le genre des tableaux que presentent ces grands ouvrages,
+auraient ete une espece de pierre de touche, en plutot une balance
+certaine du merite de ces poemes et du genie de leurs auteurs.}
+
+Fern sei es, diesem Einfalle, auch nur durch unser Stillschweigen,
+das Ansehen einer Regel gewinnen zu lassen. Milton wuerde als das
+erste unschuldige Opfer derselben fallen. Denn es scheinet wirklich,
+dass das veraechtliche Urteil, welches Caylus ueber ihn spricht, nicht
+sowohl Nationalgeschmack, als eine Folge seiner vermeinten Regel
+gewesen. Der Verlust des Gesichts, sagt er, mag wohl die groesste
+Aehnlichkeit sein, die Milton mit dem Homer gehabt hat. Freilich kann
+Milton keine Galerien fuellen. Aber muesste, solange ich das leibliche
+Auge haette, die Sphaere desselben auch die Sphaere meines innern Auges
+sein, so wuerde ich, um von dieser Einschraenkung frei zu werden, einen
+grossen Wert auf den Verlust des erstern legen.
+
+Das Verlorne Paradies ist darum nicht weniger die erste Epopoee nach
+dem Homer, weil es wenig Gemaelde liefert, als die Leidensgeschichte
+Christi deswegen ein Poem ist, weil man kaum den Kopf einer Nadel in
+sie setzen kann, ohne auf eine Stelle zu treffen, die nicht eine
+Menge der groessten Artisten beschaeftiget haette. Die Evangelisten
+erzaehlen das Faktum mit aller moeglichen trockenen Einfalt, und der
+Artist nutzet die mannigfaltigen Teile desselben, ohne dass sie
+ihrerseits den geringsten Funken von malerischem Genie dabei gezeigt
+haben. Es gibt malbare und unmalbare Fakta, und der
+Geschichtschreiber kann die malbarsten ebenso unmalerisch erzaehlen,
+als der Dichter die unmalbarsten malerisch darzustellen vermoegend ist.
+
+Man laesst sich bloss von der Zweideutigkeit des Wortes verfuehren, wenn
+man die Sache anders nimmt. Ein poetisches Gemaelde ist nicht
+notwendig das, was in ein materielles Gemaelde zu verwandeln ist;
+sondern jeder Zug, jede Verbindung mehrerer Zuege, durch die uns der
+Dichter seinen Gegenstand so sinnlich macht, dass wir uns dieses
+Gegenstandes deutlicher bewusst werden, als seiner Worte, heisst
+malerisch, heisst ein Gemaelde, weil es uns dem Grade der Illusion
+naeher bringt, dessen das materielle Gemaelde besonders faehig ist, der
+sich von dem materiellen Gemaelde am ersten und leichtesten
+abstrahieren lassen 2).
+
+{2. Was wir poetische Gemaelde nennen, nannten die Alten Phantasien,
+wie man sich aus dem Longin erinnern wird. Und was wir die Illusion,
+das Taeuschende dieser Gemaelde heissen, hiess bei ihnen die Enargie.
+Daher hatte einer, wie Plutarchus meldet, (Erot. T. II. Edit. Henr.
+Steph. p. 1351.) gesagt: die poetischen Phantasien waeren, wegen
+ihrer Enargie, Traeume der Wachenden; Ai poihtikai jantasiai dia thn
+enargeian egrhgorotwn enupnia eisin. Ich wuenschte sehr, die neuern
+Lehrbuecher der Dichtkunst haetten sich dieser Benennung bedienen, und
+des Worts Gemaelde gaenzlich enthalten wollen. Sie wuerden uns eine
+Menge halbwahrer Regeln erspart haben, deren vornehmster Grund die
+Uebereinstimmung eines willkuerlichen Namens ist. Poetische Phantasien
+wuerde kein Mensch so leicht den Schranken eines materiellen Gemaeldes
+unterworfen haben; aber sobald man die Phantasien poetische Gemaelde
+nannte, so war der Grund zur Verfuehrung gelegt.}
+
+
+
+XV.
+
+
+Nun kann der Dichter zu diesem Grade der Illusion, wie die Erfahrung
+zeiget, auch die Vorstellungen anderer, als sichtbarer Gegenstaende
+erheben. Folglich muessen notwendig dem Artisten ganze Klassen von
+Gemaelden abgehen, die der Dichter vor ihm voraus hat. Drydens Ode
+auf den Caecilienstag ist voller musikalischen Gemaelde, die den Pinsel
+muessig lassen. Doch ich will mich in dergleichen Exempel nicht
+verlieren, aus welchen man am Ende doch wohl nicht viel mehr lernet,
+als dass die Farben keine Toene, und die Ohren keine Augen sind.
+
+Ich will bei den Gemaelden bloss sichtbarer Gegenstaende stehen bleiben,
+die dem Dichter und Maler gemein sind. Woran liegt es, dass manche
+poetische Gemaelde von dieser Art, fuer den Maler unbrauchbar sind, und
+hinwiederum manche eigentliche Gemaelde unter der Behandlung des
+Dichters den groessten Teil ihrer Wirkung verlieren?
+
+Exempel moegen mich leiten. Ich wiederhole es: das Gemaelde des
+Pandarus im vierten Buche der Ilias ist eines von den ausgefuehrtesten,
+taeuschendsten im ganzen Homer. Von dem Ergreifen des Bogens bis zu
+dem Fluge des Pfeiles, ist jeder Augenblick gemalt, und alle diese
+Augenblicke sind so nahe und doch so unterschieden angenommen, dass,
+wenn man nicht wuesste, wie mit dem Bogen umzugehen waere, man es aus
+diesem Gemaelde allein lernen koennte 1). Pandarus zieht seinen Bogen
+hervor, legt die Sehne an, oeffnet den Koecher, waehlet einen noch
+ungebrauchten wohlbefiederten Pfeil, setzt den Pfeil an die Sehne,
+zieht die Sehne mitsamt dem Pfeile unten an dem Einschnitte zurueck,
+die Sehne nahet sich der Brust, die eiserne Spitze des Pfeiles dem
+Bogen, der grosse gerundete Bogen schlaegt toenend auseinander, die
+Sehne schwirret, ab sprang der Pfeil, und gierig fliegt er nach
+seinem Ziele.
+
+{1. Iliad. D. v. 105.
+
+ Autik' esula toxon euxoon--
+ Kai to men eu kateJhke tanussamenoV, poti gaih
+ AgklinaV--
+ Autar o sula pvma jaretrhV- ek d' elet' ion
+ Ablhta, pteroenta, melainvn erm' odunawn,
+ Aiya d' epi neurh katekosmei pikron oiston,--
+ Elke d' omou glujidaV te labwn kai neura boeia.
+ Neurhn men mazv pelasen, toxw de sidhron.--
+ Autar epei dh kuklotereV mega toxon eteine,
+ Ligxe bioV, neurh de meg' iacen, alto d' oistoV
+ OxubelhV, kaJ' omilon epiptesJai meneainwn.}
+
+
+Uebersehen kann Caylus dieses vortreffliche GemAelde nicht haben. Was
+fand er also darin, warum er es fuer unfaehig achtete, seinen Artisten
+zu beschaeftigen? Und was war es, warum ihm die Versammlung der
+ratpflegenden zechenden GOetter zu dieser Absicht tauglicher duenkte?
+Hier sowohl als dort sind sichtbare Vorwuerfe, und was braucht der
+Maler mehr, als sichtbare Vorwuerfe, um seine Flaeche zu fuellen?
+
+Der Knoten muss dieser sein. Obschon beide Vorwuerfe, als sichtbar,
+der eigentlichen Malerei gleich faehig sind: so findet sich doch
+dieser wesentliche Unterschied unter ihnen, dass jener eine sichtbare
+fortschreitende Handlung ist, deren verschiedene Teile sich nach und
+nach, in der Folge der Zeit, ereignen, dieser hingegen eine sichtbare
+stehende Handlung, deren verschiedene Teile sich nebeneinander im
+Raume entwickeln. Wenn nun aber die Malerei, vermoege ihrer Zeichen
+oder der Mittel ihrer Nachahmung, die sie nur im Raume verbinden kann,
+der Zeit gaenzlich entsagen muss: so koennen fortschreitende Handlungen,
+als fortschreitend, unter ihre Gegenstaende nicht gehoeren, sondern
+sie muss sich mit Handlungen nebeneinander, oder mit blossen Koerpern,
+die durch ihre Stellungen eine Handlung vermuten lassen, begnuegen.
+Die Poesie hingegen-
+
+
+
+XVI.
+
+
+Doch ich will versuchen, die Sache aus ihren ersten Gruenden
+herzuleiten.
+
+Ich schliesse so. Wenn es wahr ist, dass die Malerei zu ihren
+Nachahmungen ganz andere Mittel, oder Zeichen gebrauchet, als die
+Poesie; jene naemlich Figuren und Farben in dem Raume, diese aber
+artikulierte Toene in der Zeit; wenn unstreitig die Zeichen ein
+bequemes Verhaeltnis zu dem Bezeichneten haben muessen: so koennen
+nebeneinander geordnete Zeichen auch nur Gegenstaende, die
+nebeneinander, oder deren Teile nebeneinander existieren,
+aufeinanderfolgende Zeichen aber auch nur Gegenstaende ausdruecken, die
+aufeinander, oder deren Teile aufeinander folgen.
+
+Gegenstaende, die nebeneinander oder deren Teile nebeneinander
+existieren, heissen Koerper. Folglich sind Koerper mit ihren sichtbaren
+Eigenschaften die eigentlichen Gegenstaende der Malerei.
+
+Gegenstaende, die aufeinander, oder deren Teile aufeinander folgen,
+heissen ueberhaupt Handlungen. Folglich sind Handlungen der
+eigentliche Gegenstand der Poesie.
+
+Doch alle Koerper existieren nicht allein in dem Raume, sondern auch
+in der Zeit. Sie dauern fort, und koennen in jedem Augenblicke ihrer
+Dauer anders erscheinen, und in anderer Verbindung stehen. Jede
+dieser augenblicklichen Erscheinungen und Verbindungen ist die
+Wirkung einer vorhergehenden, und kann die Ursache einer folgenden,
+und sonach gleichsam das Zentrum einer Handlung sein. Folglich kann
+die Malerei auch Handlungen nachahmen, aber nur andeutungsweise durch
+Koerper.
+
+Auf der andern Seite koennen Handlungen nicht fuer sich selbst bestehen,
+sondern muessen gewissen Wesen anhaengen. Insofern nun diese Wesen
+Koerper sind, oder als Koerper betrachtet werden, schildert die Poesie
+auch Koerper, aber nur andeutungsweise durch Handlungen.
+
+Die Malerei kann in ihren koexistierenden Kompositionen nur einen
+einzigen Augenblick der Handlung nutzen, und muss daher den
+praegnantesten waehlen, aus welchem das Vorhergehende und Folgende am
+begreiflichsten wird.
+
+Ebenso kann auch die Poesie in ihren fortschreitenden Nachahmungen
+nur eine einzige Eigenschaft der Koerper nutzen, und muss daher
+diejenige waehlen, welche das sinnlichste Bild des Koerpers von der
+Seite erwecket, von welcher sie ihn braucht.
+
+Hieraus fliesst die Regel von der Einheit der malerischen Beiwoerter,
+und der Sparsamkeit in den Schilderungen koerperlicher Gegenstaende.
+
+Ich wuerde in diese trockene Schlusskette weniger Vertrauen setzen,
+wenn ich sie nicht durch die Praxis des Homers vollkommen bestaetiget
+faende, oder wenn es nicht vielmehr die Praxis des Homers selbst waere,
+die mich darauf gebracht haette. Nur aus diesen Grundsaetzen laesst sich
+die grosse Manier des Griechen bestimmen und erklaeren, sowie der
+entgegengesetzten Manier so vieler neuern Dichter ihr Recht erteilen,
+die in einem Stuecke mit dem Maler wetteifern wollen, in welchem sie
+notwendig von ihm ueberwunden werden muessen.
+
+Ich finde, Homer malet nichts als fortschreitende Handlungen, und
+alle Koerper, alle einzelne Dinge malet er nur durch ihren Anteil an
+diesen Handlungen, gemeiniglich nur mit einem Zuge. Was Wunder also,
+dass der Maler, da wo Homer malet, wenig oder nichts fuer sich zu tun
+siehet, und dass seine Ernte nur da ist, wo die Geschichte eine Menge
+schoener Koerper, in schoenen Stellungen, in einem der Kunst
+vorteilhaften Raume zusammenbringt, der Dichter selbst mag diese
+Koerper, diese Stellungen, diesen Raum so wenig malen, als er will?
+Man gehe die ganze Folge der Gemaelde, wie sie Caylus aus ihm
+vorschlaegt, Stueck vor Stueck durch, und man wird in jedem den Beweis
+von dieser Anmerkung finden.
+
+Ich lasse also hier den Grafen, der den Farbenstein des Malers zum
+Probiersteine des Dichters machen will, um die Manier des Homers
+naeher zu erklaeren.
+
+Fuer ein Ding, sage ich, hat Homer gemeiniglich nur einen Zug. Ein
+Schiff ist ihm bald das schwarze Schiff, bald das hohle Schiff, bald
+das schnelle Schiff, hoechstens das wohlberuderte schwarze Schiff.
+Weiter laesst er sich in die Malerei des Schiffes nicht ein. Aber wohl
+das Schiffen, das Abfahren, das Anlanden des Schiffes, macht er zu
+einem ausfuehrlichen Gemaelde, zu einem Gemaelde, aus welchem der Maler
+fuenf, sechs besondere Gemaelde machen muesste, wenn er es ganz auf seine
+Leinwand bringen wollte.
+
+Zwingen den Homer ja besondere Umstaende, unsern Blick auf einen
+einzeln koerperlichen Gegenstand laenger zu heften: so wird
+demohngeachtet kein Gemaelde daraus, dem der Maler mit dem Pinsel
+folgen koennte; sondern er weiss durch unzaehlige Kunstgriffe diesen
+einzeln Gegenstand in eine Folge von Augenblicken zu setzen, in deren
+jedem er anders erscheinet, und in deren letztem ihn der Maler
+erwarten muss, um uns entstanden zu zeigen, was wir bei dem Dichter
+entstehen sehn. Z. E. Will Homer uns den Wagen der Juno sehen lassen,
+so muss ihn Hebe vor unsern Augen Stueck vor Stueck zusammensetzen.
+Wir sehen die Raeder, die Achsen, den Sitz, die Deichsel und Riemen
+und Straenge, nicht sowohl wie es beisammen ist, als wie es unter den
+Haenden der Hebe zusammenkommt. Auf die Raeder allein verwendet der
+Dichter mehr als einen Zug, und weiset uns die ehernen acht Speichen,
+die goldenen Felgen, die Schienen von Erzt, die silberne Nabe, alles
+insbesondere. Man sollte sagen: da der Raeder mehr als eines war, so
+musste in der Beschreibung ebensoviel Zeit mehr auf sie gehen, als
+ihre besondere Anlegung deren in der Natur selbst mehr erforderte 1).
+
+{1. Iliad. E. v. 722-731.}
+
+ Hbh d' amj' oceessi JovV bale kampula kukla
+ Calkea, oktaknhma, sidhrew axoni amjiV-
+ Tvn h toi cruseh ituV ajJitoV, autar uperJen
+ Calke episswtra, prosarhrota, Jauma idesJai-
+ Plhmnai d' argurou eisi peridromoi amjoterwJen-
+ DijroV de cruseoisi kai argureoisin imasin
+ Entetatai- doiai de peridromoi antugeV eisin-
+ Tou d' ex argureoV rumoV pelen- autar ep' akrw
+ Dhse cruseion kalon zugon, en de lepadna
+ Kal' ebale, cruseia---
+
+
+Will uns Homer zeigen, wie Agamemnon bekleidet gewesen, so muss sich
+der KOenig vor unsern Augen seine voellige Kleidung StUeck vor Stueck
+umtun; das weiche Unterkleid, den grossen Mantel, die schoenen
+Halbstiefeln, den Degen; und so ist er fertig, und ergreift das
+Zepter. Wir sehen die Kleider, indem der Dichter die Handlung des
+Bekleidens malet; ein anderer wuerde die Kleider bis auf die geringste
+Franze gemalet haben, und von der Handlung hAetten wir nichts zu sehen
+bekommen 2).
+
+{2. Iliad. B. v. 43-47.}
+
+ --malakon d' endune citvna,
+ Kalon, nhgateon, peri d' au mega balleto jaroV-
+ Possi d' upai liparoisin edhsato kala pedila-
+ Amji d' ar' wmoisin baleto xijoV argurohlon,
+ Eileto de skhptron patrwion, ajJiton aiei.
+
+
+Und wenn wir von diesem Zepter, welches hier bloss das vAeterliche,
+unvergaengliche Zepter heisst, so wie ein aehnliches ihm an einem andern
+Orte bloss crouseioiV hloisi peparmenon, das mit goldenen Stiften
+beschlagene Zepter ist, wenn wir, sage ich, von diesem wichtigen
+Zepter ein vollstaendigeres, genaueres Bild haben sollen: was tut
+sodann Homer? Malt er uns, ausser den goldenen Naegeln, nun auch das
+Holz, den geschnitzten Knopf? Ja, wenn die Beschreibung in eine
+Heraldik sollte, damit einmal in den folgenden Zeiten ein anderes
+genau darnach gemacht werden kOenne. Und doch bin ich gewiss, dass
+mancher neuere Dichter eine solche Wappenkoenigsbeschreibung daraus
+wUerde gemacht haben, in der treuherzigen Meinung, dass er wirklich
+selber gemalt habe, weil der Maler ihm nachmalen kann. Was bekuemmert
+sich aber Homer, wie weit er den Maler hinter sich laesst? Statt einer
+Abbildung gibt er uns die Geschichte des Zepters: erst ist es unter
+der Arbeit des Vulkans; nun glaenzt es in den Haenden des Jupiters; nun
+bemerkt es die Wuerde Merkurs; nun ist es der Kommandostab des
+kriegerischen Pelops; nun der Hirtenstab des friedlichen Atreus usw.
+
+ --Skhptron ecwn- to men HjaistoV kame teucwn-
+ HjaistoV men dvke Dii Kroniwni anakti-
+ Autar ara ZeuV dvke diaktorw Argeijonth-
+ ErmeiaV de anax dvken Pelopi plhxippw-
+ Autar o aute Peloy dvk' Atrei, poimeni lavn-
+ AtreuV de Jnhskwn elipe poluarni Questh-
+ Autar o aute Quest' Agamemnoni leipe jorhnai,
+ Pollhsi nhsoisi kai Argei panti anassein 3)
+
+{3. Iliad. B. v. 101-108.}
+
+
+So kenne ich endlich dieses Zepter besser, als mir es der Maler vor
+Augen legen, oder ein zweiter Vulkan in die HAende liefern kOennte.--Es
+wUerde mich nicht befremden, wenn ich faende, dass einer von den alten
+Auslegern des Homers diese Stelle als die vollkommenste Allegorie von
+dem Ursprunge, dem Fortgange, der Befestigung und endlichen
+Beerbfolgung der koeniglichen Gewalt unter den Menschen bewundert
+haette. Ich wuerde zwar laecheln, wenn ich laese, dass Vulkan, welcher
+das Zepter gearbeitet, als das Feuer, als das, was dem Menschen zu
+seiner Erhaltung das Unentbehrlichste ist, die Abstellung der
+Beduerfnisse ueberhaupt anzeige, welche die ersten Menschen, sich einem
+einzigen zu unterwerfen, bewogen; dass der erste Koenig ein Sohn der
+Zeit, (ZeuV Kroniwn) ein ehrwuerdiger Alte gewesen sei, welcher seine
+Macht mit einem beredten klugen Manne, mit einem Merkur, (Diaktorw
+Argeijonth) teilen, oder gaenzlich auf ihn uebertragen wollen; dass der
+kluge Redner zur Zeit, als der junge Staat von auswaertigen Feinden
+bedrohet worden, seine oberste Gewalt dem tapfersten Krieger (Pelopi
+plhxippw) ueberlassen habe; dass der tapfere Krieger, nachdem er die
+Feinde gedaempfet und das Reich gesichert, es seinem Sohne in die
+Haende spielen koennen, welcher als ein friedliebender Regent, als ein
+wohltaetiger Hirte seiner Voelker (poimhn lavn), sie mit Wohlleben und
+Ueberfluss bekannt gemacht habe, wodurch nach seinem Tode dem reichsten
+seiner Anverwandten (poluarni Questh) der Weg gebahnet worden, das
+was bisher das Vertrauen erteilet, und das Verdienst mehr fuer eine
+Buerde als Wuerde gehalten hatte, durch Geschenke und Bestechungen an
+sich zu bringen, und es hernach als ein gleichsam erkauftes Gut
+seiner Familie auf immer zu versichern. Ich wuerde laecheln, ich wuerde
+aber demohngeachtet in meiner Achtung fuer den Dichter bestaerket
+werden, dem man so vieles leihen kann. Doch dieses liegt ausser
+meinem Wege, und ich betrachte itzt die Geschichte des Zepters bloss
+als einen Kunstgriff, uns bei einem einzeln Dinge verweilen zu machen,
+ohne sich in die frostige Beschreibung seiner Teile einzulassen.
+Auch wenn Achilles bei seinem Zepter schwoeret, die Geringschaetzung,
+mit welcher ihm Agamemnon begegnet, zu raechen, gibt uns Homer die
+Geschichte dieses Zepters. Wir sehen ihn auf den Bergen gruenen, das
+Eisen trennet ihn von dem Stamme, entblaettert und entrindet ihn, und
+macht ihn bequem, den Richtern des Volkes zum Zeichen ihrer
+goettlichen Wuerde zu dienen 4).
+
+{4. Iliad. A. v. 234-239.}
+
+ Nai ma tode skhptron, to men oupote julla kai ozouV
+ Fusei, epei dh prvta tomhn en oressi leloipen,
+ Oud' anaJhlhsei- peri gar ra e calkoV eleye,
+ Fulla te kai jloion- nun aute min uieV Acaivn
+ En palamhV joreousi dikaspoloi, oi te JemistaV
+ ProV DioV eiruatai---
+
+
+Dem Homer war nicht sowohl daran gelegen, zwei StAebe von
+verschiedener Materie und Figur zu schildern, als uns von der
+Verschiedenheit der Macht, deren Zeichen diese Staebe waren, ein
+sinnliches Bild zu machen. Jener, ein Werk des Vulkans; dieser, von
+einer unbekannten Hand auf den Bergen geschnitten: jener der alte
+Besitz eines edeln Hauses; dieser bestimmt, die erste die beste Faust
+zu fUellen: jener, von einem Monarchen ueber viele Inseln und ueber ganz
+Argos erstrecket; dieser, von einem aus dem Mittel der Griechen
+gefuehret, dem man nebst andern die Bewahrung der Gesetze anvertrauet
+hatte. Dieses war wirklich der Abstand, in welchem sich Agamemnon
+und Achill voneinander befanden; ein Abstand, den Achill selbst, bei
+allem seinem blinden Zorne, einzugestehen, nicht umhin konnte.
+
+Doch nicht bloss da, wo Homer mit seinen Beschreibungen dergleichen
+weitere Absichten verbindet, sondern auch da, wo es ihm um das blosse
+Bild zu tun ist, wird er dieses Bild in eine Art von Geschichte des
+Gegenstandes verstreuen, um die Teile desselben, die wir in der Natur
+nebeneinander sehen, in seinem Gemaelde ebenso natuerlich aufeinander
+folgen, und mit dem Flusse der Rede gleichsam Schritt halten zu
+lassen. Z. E. Er will uns den Bogen des Pandarus malen; einen Bogen
+von Horn, von der und der Laenge, wohl polieret, und an beiden Spitzen
+mit Goldblech beschlagen. Was tut er? Zaehlt er uns alle diese
+Eigenschaften so trocken eine nach der andern vor? Mit nichten; das
+wuerde einen solchen Bogen angeben, vorschreiben, aber nicht malen
+heissen. Er faengt mit der Jagd des Steinbockes an, aus dessen HOernern
+der Bogen gemacht worden; Pandarus hatte ihm in den Felsen aufgepasst,
+und ihn erlegt; die Hoerner waren von ausserordentlicher Groesse,
+deswegen bestimmte er sie zu einem Bogen; sie kommen in die Arbeit,
+der Kuenstler verbindet sie, polieret sie, beschlaegt sie. Und so, wie
+gesagt, sehen wir bei dem Dichter entstehen, was wir bei dem Maler
+nicht anders als entstanden sehen koennen 5).
+
+{5. Iliad. D. v. 105-111.}
+
+ --toxon, euxoon, ixalou aigoV
+ Agriou, on ra pot' autoV, upo sternoio tuchsaV,
+ PetrhV ekbainonta dedegmenoV en prodokhsin,
+ Beblhkei proV sthJoV- o d' uptioV empese petrh-
+ Tou kera ek kejalhV ekkaidekadwra pejukai.
+ Kai ta men askhsaV keraoxooV hrare tektwn,
+ Pan d' eu leihnaV, krusehn epeJhke korwnhn.
+
+
+Ich wUerde nicht fertig werden, wenn ich alle Exempel dieser Art
+ausschreiben wollte. Sie werden jedem, der seinen Homer innehat, in
+Menge beifallen.
+
+
+
+XVII.
+
+
+Aber, wird man einwenden, diese Zeichen der Poesie sind nicht bloss
+aufeinanderfolgend, sie sind auch willkuerlich; und als willkuerliche
+Zeichen sind sie allerdings fAehig, KOerper, so wie sie im Raume
+existieren, auszudruecken. In dem Homer selbst faenden sich hiervon
+Exempel, an dessen Schild des Achilles man sich nur erinnern duerfe,
+um das entscheidendste Beispiel zu haben, wie weitlaeuftig und doch
+poetisch man ein einzelnes Ding nach seinen Teilen nebeneinander
+schildern koenne.
+
+Ich will auf diesen doppelten Einwurf antworten. Ich nenne ihn
+doppelt, weil ein richtiger Schluss auch ohne Exempel gelten muss, und
+Gegenteils das Exempel des Homers bei mir von Wichtigkeit ist, auch
+wenn ich es noch durch keinen Schluss zu rechtfertigen weiss.
+
+Es ist wahr; da die Zeichen der Rede willkuerlich sind, so ist es gar
+wohl moeglich, dass man durch sie die Teile eines Koerpers ebensowohl
+aufeinanderfolgen lassen kann, als sie in der Natur nebeneinander
+befindlich sind. Allein dieses ist eine Eigenschaft der Rede und
+ihrer Zeichen ueberhaupt, nicht aber insoferne sie der Absicht der
+Poesie am bequemsten sind. Der Poet will nicht bloss verstaendlich
+werden, seine Vorstellungen sollen nicht bloss klar und deutlich sein;
+hiermit begnuegt sich der Prosaist. Sondern er will die Ideen, die er
+in uns erwecket, so lebhaft machen, dass wir in der Geschwindigkeit
+die wahren sinnlichen Eindruecke ihrer Gegenstaende zu empfinden
+glauben, und in diesem Augenblicke der Taeuschung uns der Mittel, die
+er dazu anwendet, seiner Worte, bewusst zu sein aufhoeren. Hierauf
+lief oben die Erklaerung des poetischen Gemaeldes hinaus. Aber der
+Dichter soll immer malen; und nun wollen wir sehen, inwieferne Koerper
+nach ihren Teilen nebeneinander sich zu dieser Malerei schicken.
+
+Wie gelangen wir zu der deutlichen Vorstellung eines Dinges im Raume?
+Erst betrachten wir die Teile desselben einzeln, hierauf die
+Verbindung dieser Teile, und endlich das Ganze. Unsere Sinne
+verrichten diese verschiedene Operationen mit einer so erstaunlichen
+Schnelligkeit, dass sie uns nur eine einzige zu sein beduenken, und
+diese Schnelligkeit ist unumgaenglich notwendig, wann wir einen
+Begriff von dem Ganzen, welcher nichts mehr als das Resultat von den
+Begriffen der Teile und ihrer Verbindung ist, bekommen sollen.
+Gesetzt nun also auch, der Dichter fuehre uns in der schoensten Ordnung
+von einem Teile des Gegenstandes zu dem andern; gesetzt, er wisse uns
+die Verbindung dieser Teile auch noch so klar zu machen: wie viel
+Zeit gebraucht er dazu? Was das Auge mit einmal uebersiehet, zaehlt er
+uns merklich langsam nach und nach zu, und oft geschieht es, dass wir
+bei dem letzten Zuge den ersten schon wiederum vergessen haben.
+Jedennoch sollen wir uns aus diesen Zuegen ein Ganzes bilden; dem Auge
+bleiben die betrachteten Teile bestaendig gegenwaertig; es kann sie
+abermals und abermals ueberlaufen: fuer das Ohr hingegen sind die
+vernommenen Teile verloren, wann sie nicht in dem Gedaechtnisse
+zurueckbleiben. Und bleiben sie schon da zurueck: welche Muehe, welche
+Anstrengung kostet es, ihre Eindruecke alle in eben der Ordnung so
+lebhaft zu erneuern, sie nur mit einer maessigen Geschwindigkeit auf
+einmal zu ueberdecken, um zu einem etwanigen Begriffe des Ganzen zu
+gelangen!
+
+Man versuche es an einem Beispiele, welches ein Meisterstueck in
+seiner Art heissen kann 1).
+
+{1. S. des Herrn v. Hallers Alpen.}
+
+ Dort ragt das hohe Haupt vom edeln Enziane
+ Weit uebern niedern Chor der Poebelkraeuter hin,
+ Ein ganzes Blumenvolk dient unter seiner Fahne,
+ Sein blauer Bruder selbst bueckt sich und ehret ihn.
+ Der Blumen helles Gold, in Strahlen umgebogen,
+ Tuermt sich am Stengel auf und kroent sein grau Gewand,
+ Der Blaetter glattes Weiss, mit tiefem Gruen durchzogen,
+ Strahlt von dem bunten Blitz von feuchtem Diamant.
+ Gerechtestes Gesetz! dass Kraft sich Zier vermaehle,
+ In einem schoenen Leib wohnt eine schoenre Seele.
+
+ Hier kriecht ein niedrig Kraut, gleich einem grauen Nebel,
+ Dem die Natur sein Blatt im Kreuze hingelegt;
+ Die holde Blume zeigt die zwei vergoeldten Schnaebel,
+ Die ein von Amethyst gebildter Vogel traegt.
+ Dort wirft ein glaenzend Blatt, in Finger ausgekerbet,
+ Auf einen hellen Bach den gruenen Widerschein;
+ Der Blumen zarten Schnee, den matter Purpur faerbet,
+ Schliesst ein gestreifter Stern in weisse Strahlen ein.
+ Smaragd und Rosen bluehn auch auf zertretner Heide,
+ Und Felsen decken sich mit einem Purpurkleide.
+
+
+
+Es sind KrAeuter und Blumen, welche der gelehrte Dichter mit grosser
+Kunst und nach der Natur malet. Malt, aber ohne alle Taeuschung malet.
+Ich will nicht sagen, dass wer diese Kraeuter und Blumen nie gesehen,
+sich auch aus seinem Gemaelde so gut als gar keine Vorstellung davon
+machen kOenne. Es mag sein, dass alle poetische Gemaelde eine
+vorlaeufige Bekanntschaft mit ihren Gegenstaenden erfordern. Ich will
+auch nicht leugnen, dass demjenigen, dem eine solche Bekanntschaft
+hier zustatten koemmt, der Dichter nicht von einigen Teilen eine
+lebhaftere Idee erwecken koennte. Ich frage ihn nur, wie steht es um
+den Begriff des Ganzen? Wenn auch dieser lebhafter sein soll, so
+mUessen keine einzelne Teile darin vorstechen, sondern das hoehere
+Licht muss auf alle gleich verteilet scheinen; unsere Einbildungskraft
+muss alle gleich schnell ueberlaufen koennen, um sich das aus ihnen mit
+eins zusammenzusetzen, was in der Natur mit eins gesehen wird. Ist
+dieses hier der Fall? Und ist er es nicht, wie hat man sagen koennen,
+"dass die aehnlichste Zeichnung eines Malers gegen diese poetische
+Schilderung ganz matt und duester sein wuerde" 2)? Sie bleibet
+unendlich unter dem, was Linien und Farben auf der Flaeche ausdruecken
+koennen, und der Kunstrichter, der ihr dieses uebertriebene Lob
+erteilet, muss sie aus einem ganz falschen Gesichtspunkte betrachtet
+haben; er muss mehr auf die fremden Zieraten, die der Dichter darein
+verwebet hat, auf die Erhoehung ueber das vegetative Leben, auf die
+Entwickelung der innern Vollkommenheiten, welchen die aeussere
+Schoenheit nur zur Schale dienet, als auf diese Schoenheit selbst, und
+auf den Grad der Lebhaftigkeit und Aehnlichkeit des Bildes, welches
+uns der Maler, und welches uns der Dichter davon gewaehren kann,
+gesehen haben. Gleichwohl koemmt es hier lediglich nur auf das
+letztere an, und wer da sagt, dass die blossen Zeilen:
+
+{2. Breitingers Kritische Dichtkunst T. II. S. 807.}
+
+ Der Blumen helles Gold, in Strahlen umgebogen,
+ Tuermt sich am Stengel auf und kroent sein grau Gewand,
+ Der Blaetter glattes Weiss, mit tiefem Gruen durchzogen,
+ Strahlt von dem bunten Blitz von feuchtem Diamant--
+
+
+dass diese Zeilen, in Ansehung ihres Eindrucks, mit der Nachahmung
+eines Huysum wetteifern kOennen, muss seine Empfindung nie befragt
+haben, oder sie vorsetzlich verleugnen wollen. Sie moegen sich, wenn
+man die Blume selbst in der Hand hat, sehr schoen dagegen rezitieren
+lassen; nur vor sich allein sagen sie wenig oder nichts. Ich hoere in
+jedem Worte den arbeitenden Dichter, aber das Ding selbst bin ich
+weit entfernet zu sehen.
+
+Nochmals also: ich spreche nicht der Rede Ueberhaupt das Vermoegen ab,
+ein koerperliches Ganze nach seinen Teilen zu schildern; sie kann es,
+weil ihre Zeichen, ob sie schon aufeinander folgen, dennoch
+willkuerliche Zeichen sind: sondern ich spreche es der Rede als dem
+Mittel der Poesie ab, weil dergleichen woertlichen Schilderungen der
+Koerper das TAeuschende gebracht, worauf die Poesie vornehmlich gehet;
+und dieses Taeuschende, sage ich, muss ihnen darum gebrechen, weil das
+Koexistierende des Koerpers mit dem Konsekutiven der Rede dabei in
+Kollision koemmt, und indem jenes in dieses aufgeloeset wird, uns die
+Zergliederung des Ganzen in seine Teile zwar erleichtert, aber die
+endliche Wiederzusammensetzung dieser Teile in das Ganze ungemein
+schwer, und nicht selten unmoeglich gemacht wird.
+
+Ueberall, wo es daher auf das Taeuschende nicht ankoemmt, wo man nur mit
+dem Verstande seiner Leser zu tun hat, und nur auf deutliche und
+soviel moeglich vollstaendige Begriffe gehet: koennen diese aus der
+Poesie ausgeschlossene Schilderungen der Koerper gar wohl Platz haben,
+und nicht allein der Prosaist, sondern auch der dogmatische Dichter
+(denn da wo er dogmatisieret, ist er kein Dichter), koennen sich ihrer
+mit vielem Nutzen bedienen. So schildert z. E. Virgil in seinem
+Gedichte vom Landbaue eine zur Zucht tuechtige Kuh:
+
+ --Optima torvae
+ Forma bovis, cui turpe caput, cui plurima cervix,
+ Et crurum tenus a mento palearia pendent.
+ Tum longo nullus lateri modus: omnia magna:
+ Pes etiam, et camuris hirtae sub cornibus aures.
+ Nec mihi displiceat maculis insignis et albo,
+ Aut juga detractans interdumque aspera cornu,
+ Et faciem tauro propior; quaeque ardua tota,
+ Et gradiens ima verrit vestigia cauda.
+
+
+Oder ein schoenes Fuellen:
+
+ --Illi ardua cervix
+ Argutumque caput, brevis alvus, obesaque terga
+ Luxuriatque toris animosum pectus etc. 3)
+
+{3. Georg. lib. III. v. 51 et 79.}
+
+
+Denn wer sieht nicht, dass dem Dichter hier mehr an der
+Auseinandersetzung der Teile, als an dem Ganzen gelegen gewesen? Er
+will uns die Kennzeichen eines schOenen FUellens, einer tuechtigen Kuh
+zuzAehlen, um uns in den Stand zu setzen, nachdem wir deren mehrere
+oder wenigere antreffen, von der Guete der einen oder des andern
+urteilen zu koennen; ob sich aber alle diese Kennzeichen in ein
+lebhaftes Bild leicht zusammenfassen lassen, oder nicht, das konnte
+ihm sehr gleichgueltig sein.
+
+Ausser diesem Gebrauche sind die ausfuehrlichen Gemaelde koerperlicher
+Gegenstaende, ohne den oben erwaehnten Homerischen Kunstgriff, das
+Koexistierende derselben in ein wirkliches Sukzessives zu verwandeln,
+jederzeit von den feinsten Richtern fuer ein frostiges Spielwerk
+erkannt worden, zu welchem wenig oder gar kein Genie gehoeret. Wenn
+der poetische Stuemper, sagt Horaz, nicht weiter kann, so faengt er an,
+einen Hain, einen Altar, einen durch anmutige Fluren sich
+schlaengelnden Bach, einen rauschenden Strom, einen Regenbogen zu
+malen:
+
+ --Lucus et ara Dianae,
+ Et properantis aquae per amoenos ambitus agros,
+ Aut flumen Rhenum, aut pluvius describitur arcus 4)
+
+{4. De A. P. v. 16.}
+
+
+Der mAennliche Pope sahe auf die malerischen Versuche seiner
+poetischen Kindheit mit grosser Geringschaetzung zurUeck. Er verlangte
+ausdruecklich, dass wer den Namen eines Dichters nicht unwuerdig fuehren
+wolle, der Schilderungssucht so frueh wie mOeglich entsagen muesse, und
+erklaerte ein bloss malendes Gedichte fuer ein Gastgebot auf lauter
+Bruehen 5). Von dem Herrn von Kleist kann ich versichern, dass er sich
+auf seinen Fruehling das wenigste einbildete. Haette er laenger gelebt,
+so wuerde er ihm eine ganz andere Gestalt gegeben haben. Er dachte
+darauf, einen Plan hinein zu legen, und sann auf Mittel, wie er die
+Menge von Bildern, die er aus dem unendlichen Raume der verjuengten
+Schoepfung, auf Geratewohl, bald hier bald da, gerissen zu haben
+schien, in einer natuerlichen Ordnung vor seinen Augen entstehen und
+aufeinanderfolgen lassen wolle. Er wuerde zugleich das getan haben,
+was Marmontel, ohne Zweifel mit auf Veranlassung seiner Eklogen,
+mehrern deutschen Dichtern geraten hat; er wuerde aus einer mit
+Empfindungen nur sparsam durchwebten Reihe von Bildern, eine mit
+Bildern nur sparsam durchflochtene Folge von Empfindungen gemacht
+haben 6).
+
+{5. Prologue to the satires. v. 340.
+
+ That not in Fancy's maze he wander'd long,
+ But stoop'd to truth, and moraliz'd his song.
+
+
+Ibid. v. 148.
+
+ --who could take offence,
+ While pure description held the place of sense?
+
+
+Die Anmerkung, welche Warburton Ueber die letzte Stelle macht, kann
+fuer eine authentische ErklAerung des Dichters selbst gelten. He uses
+PURE equivocally, to signify either chaste or empty; and has given in
+this line what he esteemed the true character of descriptive poetry,
+as it is called. A composition, in his opinion, as absurd as a feast
+made up of sauces. The use of a pictoresque imagination is to
+brighten and adorn good sense; so that to employ it only in
+description, is like children's delighting in a prism for the sake of
+its gaudy colours; which when frugally managed, and artifully
+disposed, rnight be made to represent and illustrate the noblest
+objects in nature. Sowohl der Dichter als Kommentator scheinen zwar
+die Sache mehr auf der moralischen als kunstmaessigen Seite betrachtet
+zu haben. Doch desto besser, dass sie von der einen ebenso nichtig
+als von der andern erscheinet.}
+
+{6. Poetique francaise. T. II. p. 501. J'ecrivais ces reflexions
+avant que les essais des Allemands dans ce genre (l'eglogue) fussent
+connus parmi nous. Ils ont execute ce que j'avais concu; et s'ils
+parviennent a donner plus au moral et moins au detail des peintures
+physiques, ils excelleront dans ce genre, plus riche, plus vaste,
+plus fecond, et infiniment plus naturel et plus moral que celui de la
+galanterie champetre.}
+
+
+
+XVIII.
+
+
+Und dennoch sollte selbst Homer in diese frostigen Ausmalungen
+kOerperlicher Gegenstaende verfallen sein?-Ich will hoffen, dass es nur
+sehr wenige Stellen sind, auf die man sich desfalls berufen kann; und
+ich bin versichert, dass auch diese wenige Stellen von der Art sind,
+dass sie die Regel, von der sie eine Ausnahme zu sein scheinen,
+vielmehr bestaetigen.
+
+Es bleibt dabei: die Zeitfolge ist das Gebiete des Dichters, so wie
+der Raum das Gebiete des Malers.
+
+Zwei notwendig entfernte Zeitpunkte in ein und ebendasselbe Gemaelde
+bringen, so wie Fr. Mazzuoli den Raub der sabinischen Jungfrauen,
+und derselben Aussoehnung ihrer Ehemaenner mit ihren Anverwandten; oder
+wie Tizian die ganze Geschichte des verlornen Sohnes, sein
+liederliches Leben und sein Elend und seine Reue: heisst ein Eingriff
+des Malers in das Gebiete des Dichters, den der gute Geschmack nie
+billigen wird.
+
+Mehrere Teile oder Dinge, die ich notwendig in der Natur auf einmal
+uebersehen muss, wenn sie ein Ganzes hervorbringen sollen, dem Leser
+nach und nach zuzaehlen, um ihm dadurch ein Bild von dem Ganzen machen
+zu wollen: heisst ein Eingriff des Dichters in das Gebiete des Malers,
+wobei der Dichter viel Imagination ohne allen Nutzen verschwendet.
+
+Doch, so wie zwei billige freundschaftliche Nachbarn zwar nicht
+verstatten, dass sich einer in des andern innerstem Reiche
+ungeziemende Freiheiten herausnehme, wohl aber auf den aeussersten
+Grenzen eine wechselseitige Nachsicht herrschen lassen, welche die
+kleinen Eingriffe, die der eine in des andern Gerechtsame in der
+Geschwindigkeit sich durch seine Umstaende zu tun genoetiget siehet,
+friedlich von beiden Teilen kompensieret: so auch die Malerei und
+Poesie.
+
+Ich will in dieser Absicht nicht anfuehren, dass in grossen historischen
+Gemaelden der einzige Augenblick fast immer um etwas erweitert ist,
+und dass sich vielleicht kein einziges an Figuren sehr reiches Stueck
+findet, in welchem jede Figur vollkommen die Bewegung und Stellung
+hat, die sie in dem Augenblicke der Haupthandlung haben sollte; die
+eine hat eine etwas fruehere, die andere eine etwas spaetere. Es ist
+dieses eine Freiheit, die der Meister durch gewisse Feinheiten in der
+Anordnung rechtfertigen muss, durch die Verwendung oder Entfernung
+seiner Personen, die ihnen an dem, was vorgehet, einen mehr oder
+weniger augenblicklichen Anteil zu nehmen erlaubet. Ich will mich
+bloss einer Anmerkung bedienen, welche Herr Mengs ueber die Draperie
+des Raffaels macht 1). "Alle Falten", sagt er, "haben bei ihm ihre
+Ursachen, es sei durch ihr eigen Gewichte, oder durch die Ziehung der
+Glieder. Manchmal siehet man in ihnen, wie sie vorher gewesen;
+Raffael hat auch sogar in diesem Bedeutung gesucht. Man siehet an
+den Falten, ob ein Bein oder Arm vor dieser Regung vor oder hinten
+gestanden, ob das Glied von Kruemme zur Ausstreckung gegangen, oder
+gehet, oder ob es ausgestreckt gewesen, und sich kruemmet." Es ist
+unstreitig, dass der Kuenstler in diesem Falle zwei verschiedene
+Augenblicke in einen einzigen zusammenbringt. Denn da dem Fusse,
+welcher hinten gestanden und sich vorbewegt, der Teil des Gewands,
+welcher auf ihm liegt, unmittelbar folget, das Gewand waere denn von
+sehr steifem Zeuge, der aber eben darum zur Malerei ganz unbequem ist:
+so gibt es keinen Augenblick, in welchem das Gewand im geringsten
+eine andere Falte machte, als es der itzige Stand des Gliedes
+erfodert; sondern laesst man es eine andere Falte machen, so ist es der
+vorige Augenblick des Gewandes und der itzige des Gliedes.
+Demohngeachtet, wer wird es mit dem Artisten so genau nehmen, der
+seinen Vorteil dabei findet, uns diese beiden Augenblicke zugleich zu
+zeigen? Wer wird ihn nicht vielmehr ruehmen, dass er den Verstand und
+das Herz gehabt hat, einen solchen geringen Fehler zu begehen, um
+eine groessere Vollkommenheit des Ausdruckes zu erreichen?
+
+{1. Gedanken ueber die Schoenheit und ueber den Geschmack in der Malerei.
+S. 69.}
+
+Gleiche Nachsicht verdienet der Dichter. Seine fortschreitende
+Nachahmung erlaubet ihm eigentlich, auf einmal nur eine einzige Seite,
+eine einzige Eigenschaft seiner koerperlichen Gegenstaende zu beruehren.
+Aber wenn die glueckliche Einrichtung seiner Sprache ihm dieses mit
+einem einzigen Worte zu tun verstattet; warum sollte er nicht auch
+dann und wann ein zweites solches Wort hinzufuegen duerfen? Warum
+nicht auch, wann es die Muehe verlohnet, ein drittes? Oder wohl gar
+ein viertes? Ich habe gesagt, dem Homer sei zum Exempel ein Schiff,
+entweder nur das schwarze Schiff, oder das hohle Schiff, oder das
+schnelle Schiff, hoechstens das wohlberuderte schwarze Schiff. Zu
+verstehen von seiner Manier ueberhaupt. Hier und da findet sich eine
+Stelle, wo er das dritte malende Epitheton hinzusetzet: Kampula kukla,
+calkea, oktaknhma 2), "runde, eherne, achtspeichigte Raeder". Auch
+das vierte: aspida pantose ishn, kalhn, calkeihn, exhlaton 3) "ein
+ueberall glattes, schoenes, ehernes, getriebenes Schild". Wer wird ihn
+darum tadeln? Wer wird ihm diese kleine Ueppigkeit nicht vielmehr
+Dank wissen, wenn er empfindet, welche gute Wirkung sie an wenigen
+schicklichen Stellen haben kann?
+
+{2. Iliad. E. v. 722.}
+
+{3. Iliad. M. v. 294.}
+
+Des Dichters sowohl als des Malers eigentliche Rechtfertigung
+hierueber will ich aber nicht aus dem vorangeschickten Gleichnisse von
+zwei freundschaftlichen Nachbarn hergeleitet wissen. Ein blosses
+Gleichnis beweiset und rechtfertiget nichts. Sondern dieses muss sie
+rechtfertigen: so wie dort bei dem Maler die zwei verschiednen
+Augenblicke so nahe und unmittelbar aneinander grenzen, dass sie ohne
+Anstoss fuer einen einzigen gelten koennen; so folgen auch hier bei dem
+Dichter die mehrern Zuege fuer die verschiednen Teile und Eigenschaften
+im Raume in einer solchen gedraengten Kuerze so schnell aufeinander,
+dass wir sie alle auf einmal zu hoeren glauben.
+
+Und hierin, sage ich, koemmt dem Homer seine vortreffliche Sprache
+ungemein zustatten. Sie laesst ihm nicht allein alle moegliche Freiheit
+in Haeufung und Zusammensetzung der Beiwoerter, sondern sie hat auch
+fuer diese gehaeufte Beiwoerter eine so glueckliche Ordnung, dass der
+nachteiligen Suspension ihrer Beziehung dadurch abgeholfen wird. An
+einer oder mehreren dieser Bequemlichkeiten fehlt es den neuern
+Sprachen durchgaengig. Diejenigen, als die franzoesische, welche z. E.
+jenes Kampula kukla, calkea, oktaknhma umschreiben muessen: "die
+runden Raeder, welche von Erzt waren und acht Speichen hatten",
+druecken den Sinn aus, aber vernichten das Gemaelde. Gleichwohl ist
+der Sinn hier nichts, und das Gemaelde alles; und jener ohne dieses
+macht den lebhaftesten Dichter zum langweiligsten Schwaetzer. Ein
+Schicksal, das den guten Homer unter der Feder der gewissenhaften
+Frau Dacier oft betroffen hat. Unsere deutsche Sprache hingegen kann
+zwar die Homerischen Beiwoerter meistens in ebenso kurze
+gleichgeltende Beiwoerter verwandeln, aber die vorteilhafte Ordnung
+derselben kann sie der griechischen nicht nachmachen. Wir sagen zwar
+"die runden, ehernen, achtspeichigten"--aber Raeder' schleppt hinten
+nach. Wer empfindet nicht, dass drei verschiedne Praedikate, ehe wir
+das Subjekt erfahren, nur ein sehr schwankes verwirrtes Bild machen
+koennen? Der Grieche verbindet das Subjekt gleich mit dem ersten
+Praedikate, und laesst die andern nachfolgen; er sagt: "runde Raeder,
+eherne, achtspeichigte". So wissen wir mit eins wovon er redet, und
+werden, der natuerlichen Ordnung des Denkens gemaess, erst mit dem Dinge,
+und dann mit seinen Zufaelligkeiten bekannt. Diesen Vorteil hat
+unsere Sprache nicht. Oder soll ich sagen, sie hat ihn, und kann ihn
+nur selten ohne Zweideutigkeit nutzen? Beides ist eins. Denn wenn
+wir Beiwoerter hintennach setzen wollen, so muessen sie im statu
+absoluto stehen; wir muessen sagen: runde Raeder, ehern und
+achtspeichigt. Allein in diesem statu kommen unsere Adjektiva voellig
+mit den Adverbiis ueberein, und muessen, wenn man sie als solche zu dem
+naechsten Zeitworte, das von dem Dinge praedizieret wird, ziehet, nicht
+selten einen ganz falschen, allezeit aber einen sehr schielenden Sinn
+verursachen.
+
+Doch ich halte mich bei Kleinigkeiten auf, und scheine das Schild
+vergessen zu wollen, das Schild des Achilles; dieses beruehmte Gemaelde,
+in dessen Ruecksicht vornehmlich Homer vor alters als ein Lehrer der
+Malerei 4) betrachtet wurde. Ein Schild, wird man sagen, ist doch
+wohl ein einzelner koerperlicher Gegenstand, dessen Beschreibung nach
+seinen Teilen nebeneinander dem Dichter nicht vergoennet sein soll?
+Und dieses Schild hat Homer, in mehr als hundert praechtigen Versen,
+nach seiner Materie, nach seiner Form, nach allen Figuren, welche die
+ungeheure Flaeche desselben fuellten, so umstaendlich, so genau
+beschrieben, dass es neuern Kuenstlern nicht schwer gefallen, eine in
+allen Stuecken uebereinstimmende Zeichnung darnach zu machen.
+
+{4. Dionysius Halicarnass. in vita Homeri apud Th. Gale in Opusc.
+Mythol. p. 401.}
+
+Ich antworte auf diesen besondern Einwurf,--dass ich bereits darauf
+geantwortet habe. Homer malet naemlich das Schild nicht als ein
+fertiges vollendetes, sondern als ein werdendes Schild. Er hat also
+auch hier sich des gepriesenen Kunstgriffes bedienet, das
+Koexistierende seines Vorwurfs in ein Konsekutives zu verwandeln, und
+dadurch aus der langweiligen Malerei eines Koerpers das lebendige
+Gemaelde einer Handlung zu machen. Wir sehen nicht das Schild,
+sondern den goettlichen Meister, wie er das Schild verfertiget. Er
+tritt mit Hammer und Zange vor seinen Amboss, und nachdem er die
+Platten aus dem Groebsten geschmiedet, schwellen die Bilder, die er zu
+dessen Auszierung bestimmt, vor unsern Augen, eines nach dem andern,
+unter seinen feinern Schlaegen aus dem Erzte hervor. Eher verlieren
+wir ihn nicht wieder aus dem Gesichte, bis alles fertig ist. Nun ist
+es fertig, und wir erstaunen ueber das Werk, aber mit dem glaeubigen
+Erstaunen eines Augenzeugens, der es machen sehen.
+
+Dieses laesst sich von dem Schilde des Aeneas beim Virgil nicht sagen.
+Der roemische Dichter empfand entweder die Feinheit seines Musters
+hier nicht, oder die Dinge, die er auf sein Schild bringen wollte,
+schienen ihm von der Art zu sein, dass sie die Ausfuehrung vor unsern
+Augen nicht wohl verstatteten. Es waren Prophezeiungen, von welchen
+es freilich unschicklich gewesen waere, wenn sie der Gott in unserer
+Gegenwart ebenso deutlich geaeussert haette, als sie der Dichter hernach
+ausleget. Prophezeiungen, als Prophezeiungen, verlangen eine
+dunkelere Sprache, in welche die eigentlichen Namen der Personen aus
+der Zukunft, die sie betreffen, nicht passen. Gleichwohl lag an
+diesen wahrhaften Namen, allem Ansehen nach, dem Dichter und Hofmanne
+hier das meiste 5). Wenn ihn aber dieses entschuldiget, so hebt es
+darum nicht auch die ueble Wirkung auf, welche seine Abweichung von
+dem Homerischen Wege hat. Leser von einem feinern Geschmacke werden
+mir recht geben. Die Anstalten, welche Vulkan zu seiner Arbeit macht,
+sind bei dem Virgil ungefaehr eben die, welche ihn Homer machen laesst.
+Aber anstatt dass wir bei dem Homer nicht bloss die Anstalten zur
+Arbeit, sondern auch die Arbeit selbst zu sehen bekommen, laesst Virgil,
+nachdem er uns nur den geschaeftigen Gott mit seinem Cyklopen
+ueberhaupt gezeiget,
+
+{5. Ich finde, dass Servius dem Virgil eine andere Entschuldigung
+leihet. Denn auch Servius hat den Unterschied, der zwischen beiden
+Schilden ist, bemerkt: Sane interest inter hunc er Homeri clipeum:
+illic enim singula dum fiunt narrantur; hic vero perfecto opere
+noscuntur: nam et hic arma prius accipit Aeneas, quam spectaret; ibi
+postquam omnia narrata sunt, sic a Thetide deferuntur ad Achillem (ad
+v. 625 lib. VIII. Aeneid.). Und warum dieses? Darum, meinet
+Servius, weil auf dem Schilde des Aeneas nicht bloss die wenigen
+Begebenheiten, die der Dichter anfuehret, sondern
+
+ --genus omne futurae
+ Stirpis ab Ascanio, pugnataque in ordine bella
+
+
+abgebildet waren. Wie wAere es also mOeglich gewesen, dass mit eben der
+Geschwindigkeit, in welcher Vulkan das Schild arbeiten musste, der
+Dichter die ganze lange Reihe von Nachkommen haette namhaft machen,
+und alle von ihnen nach der Ordnung gefUehrte Kriege haette erwaehnen
+koennen? Dieses ist der Verstand der etwas dunkeln Worte des Servius:
+Opportune ergo Virgilius, quia non videtur simul et narrationis
+celeritas potuisse connecti, et opus tam velociter expediri, ut ad
+verbum posset occurrere. Da Virgil nur etwas weniges von dem non
+enarrabili texto Clipei beibringen konnte, so konnte er es nicht
+waehrend der Arbeit des Vulkanus selbst tun; sondern er musste es
+versparen, bis alles fertig war. Ich wuenschte fuer den Virgil sehr,
+dieses Raisonnement des Servius waere ganz ohne Grund; meine
+Entschuldigung wuerde ihm weit ruehmlicher sein. Denn wer hiess ihm,
+die ganze roemische Geschichte auf ein Schild bringen? Mit wenig
+Gemaelden machte Homer sein Schild zu einem Inbegriffe von allem, was
+in der Welt vorgehet. Scheinet es nicht, als ob Virgil, da er den
+Griechen nicht in den Vorwuerfen und in der Ausfuehrung der Gemaelde
+uebertreffen koennen, ihn wenigstens in der Anzahl derselben
+uebertreffen wollen? Und was waere kindischer gewesen?}
+
+ Ingentem clipeum informant--
+ --Alii ventosis follibus auras
+ Accipiunt, redduntque: alii stridentia tingunt
+ Aera lacu. Gemit impositis incudibus antrum.
+ Illi inter sese multa vi brachia tollunt
+ In numerum, versantque tenaci forcipe massam 6).
+
+
+den Vorhang auf einmal niederfallen, und versetzt uns in eine ganz
+andere Szene, von da er uns allmAehlich in das Tal bringt, in welchem
+die Venus mit den indes fertig gewordenen Waffen bei dem Aeneas
+anlangt. Sie lehnet sie an den Stamm einer Eiche, und nachdem sie
+der Held genug begaffet, und bestaunet, und betastet, und versuchet,
+hebt sich die Beschreibung, oder das Gemaelde des Schildes an, welches
+durch das ewige: Hier ist, und Da ist, Nahe dabei stehet, und Nicht
+weit davon siehet man--so kalt und langweilig wird, dass alle der
+poetische Schmuck, den ihm ein Virgil geben konnte, nOetig war, um es
+uns nicht unertraeglich finden zu lassen. Da dieses Gemaelde
+hiernaechst nicht Aeneas macht, als welcher sich an den blossen Figuren
+ergoetzet, und von der Bedeutung derselben nichts weiss,
+
+ --rerumque ignarus imagine gaudet;
+
+auch nicht Venus, ob sie schon von den kUenftigen Schicksalen ihrer
+lieben Enkel vermutlich ebensoviel wissen musste, als der gutwillige
+Ehemann; sondern da es aus dem eigenen Munde des Dichters kOemmt: so
+bleibet die Handlung offenbar wAehrend demselben stehen. Keine
+einzige von seinen Personen nimmt daran teil; es hat auch auf das
+Folgende nicht den geringsten Einfluss, ob auf dem Schilde dieses,
+oder etwas anders, vorgestellet ist; der witzige Hofmann leuchtet
+ueberall durch, der mit allerlei schmeichelhaften Anspielungen seine
+Materie aufstutzet, aber nicht das grosse Genie, das sich auf die
+eigene innere Staerke seines Werks verlaesst, und alle aeussere Mittel,
+interessant zu werden, verachtet. Das Schild des Aeneas ist folglich
+ein wahres Einschiebsel, einzig und allein bestimmt, dem
+Nationalstolze der Roemer zu schmeicheln; ein fremdes Baechlein, das
+der Dichter in seinen Strom leitet, um ihn etwas reger zu machen.
+Das Schild des Achilles hingegen ist Zuwachs des eigenen fruchtbaren
+Bodens; denn ein Schild musste gemacht werden, und da das Notwendige
+aus der Hand der Gottheit nie ohne Anmut koemmt, so musste das Schild
+auch Verzierungen haben. Aber die Kunst war, diese Verzierungen als
+blosse Verzierungen zu behandeln, sie in den Stoff einzuweben, um sie
+uns nur bei Gelegenheit des Stoffes zu zeigen; und dieses liess sich
+allein in der Manier des Homers tun. Homer laesst den Vulkan Zieraten
+kuensteln, weil und indem er ein Schild machen soll, das seiner wuerdig
+ist. Virgil hingegen scheinet ihn das Schild wegen der Zieraten
+machen zu lassen, da er die Zieraten fuer wichtig genug haelt, um sie
+besonders zu beschreiben, nachdem das Schild lange fertig ist.
+
+{6. Aeneid. lib. VIII. 447-454.}
+
+
+
+XIX.
+
+
+Die Einwuerfe, welche der aeltere Scaliger, Perrault, Terrasson und
+andere gegen das Schild des Homers machen, sind bekannt. Ebenso
+bekannt ist das, was Dacier, Boivin und Pope darauf antworten. Mich
+duenkt aber, dass diese letztern sich manchmal zu weit einlassen, und
+in Zuversicht auf ihre gute Sache, Dinge behaupten, die ebenso
+unrichtig sind, als wenig sie zur Rechtfertigung des Dichters
+beitragen.
+
+Um dem Haupteinwurfe zu begegnen, dass Homer das Schild mit einer
+Menge Figuren anfuelle, die auf dem Umfange desselben unmoeglich Raum
+haben koennten, unternahm Boivin, es mit Bemerkung der erforderlichen
+Masse, zeichnen zu lassen. Sein Einfall mit den verschiedenen
+konzentrischen Zirkeln ist sehr sinnreich, obschon die Worte des
+Dichters nicht den geringsten Anlass dazu geben, auch sich sonst keine
+Spur findet, dass die Alten auf diese Art abgeteilte Schilder gehabt
+haben. Da es Homer selbst sakoV pantose dedaidalmenon, ein auf allen
+Seiten kuenstlich ausgearbeitetes Schild nennet, so wuerde ich lieber,
+um mehr Raum auszusparen, die konkave Flaeche mit zu Hilfe genommen
+haben; denn es ist bekannt, dass die alten Kuenstler diese nicht leer
+liessen, wie das Schild der Minerva vom Phidias beweiset 1). Doch
+nicht genug, dass sich Boivin dieses Vorteils nicht bedienen wollte;
+er vermehrte auch ohne Not die Vorstellungen selbst, denen er auf dem
+sonach um die Haelfte verringerten Raume Platz verschaffen musste,
+indem er das, was bei dem Dichter offenbar nur ein einziges Bild ist,
+in zwei bis drei besondere Bilder zerteilte. Ich weiss wohl, was ihn
+dazu bewog; aber es haette ihn nicht bewegen sollen: sondern, anstatt
+dass er sich bemuehte, den Forderungen seiner Gegner ein Gnuege zu
+leisten, haette er ihnen zeigen sollen, dass ihre Forderungen
+unrechtmaessig waeren.
+
+{1.--scuto ejus, in quo Amazonum proelium caelavit intumescente
+ambitu parmae; ejusdem concava parte Deorum et Gigantum dimicationem.
+Plinius lib. XXXVI. sect. 4. p. 726. Edit. Hard.}
+
+Ich werde mich an einem Beispiele fasslicher erklaeren koennen. Wenn
+Homer von der einen Stadt sagt 2):
+
+{2. Iliad. S. v. 497-508.}
+
+ Laoi d' ein agorh esan aJrooi- enJa de neikoV
+ Wrwrei- duo d' andreV eneikeon eineka poinhV
+ AndroV apojJimenou- o men euceto, pant' apodounai,
+ Dhmw pijauskwn- o d' anaineto, mhden elesJai-
+ Amjw d' iesJhn, epi istori peirar elesJai.
+ Laoi d' amjoteroisin ephpuon, amjiV arwgoi-
+ KhrukeV d' ara laon erhtuon- oi de geronteV
+ Eiat' epi xestoisi liJoiV, ierw eni kuklw-
+ Skhptra de khrukwn en cers' econ herojwnwn.
+ Toisin epeit' hisson, amoibhdiV d' edikazon.
+ Keito d' ar' en messoisi duo crusoio talanta--
+
+
+so, glaube ich, hat er nicht mehr als ein einziges GemAelde angeben
+wollen: das Gemaelde eines Oeffentlichen Rechtshandels Ueber die
+streitige Erlegung einer ansehnlichen Geldbusse fuer einen veruebten
+Todschlag. Der Kuenstler, der diesen Vorwurf ausfuehren soll, kann
+sich auf einmal nicht mehr als einen einzigen Augenblick desselben
+zunutze machen; entweder den Augenblick der Anklage, oder der
+Abhoerung der Zeugen, oder des Urtelspruches, oder welchen er sonst,
+vor oder nach, oder zwischen diesen Augenblicken fuer den bequemsten
+haelt. Diesen einzigen Augenblick macht er so praegnant wie moeglich,
+und fuehrt ihn mit allen den Taeuschungen aus, welche die Kunst in
+Darstellung sichtbarer Gegenstaende vor der Poesie voraus hat. Von
+dieser Seite aber unendlich zurueckgelassen, was kann der Dichter, der
+eben diesen Vorwurf mit Worten malen soll, und nicht gaenzlich
+verungluecken will, anders tun, als dass er sich gleichfalls seiner
+eigentuemlichen Vorteile bedienet? Und welches sind diese? Die
+Freiheit sich sowohl ueber das Vergangene als ueber das Folgende des
+einzigen Augenblickes in dem Kunstwerke auszubreiten, und das
+Vermoegen, sonach uns nicht allein das zu zeigen, was uns der Kuenstler
+zeiget, sondern auch das, was uns dieser nur kann erraten lassen.
+Durch diese Freiheit, durch dieses Vermoegen allein, koemmt der Dichter
+dem Kuenstler wieder bei, und ihre Werke werden einander alsdenn am
+aehnlichsten, wenn die Wirkung derselben gleich lebhaft ist; nicht
+aber, wenn das eine der Seele durch das Ohr nicht mehr oder weniger
+beibringet, als das andere dem Auge darstellen kann. Nach diesem
+Grundsatze haette Boivin die Stelle des Homers beurteilen sollen, und
+er wuerde nicht so viel besondere Gemaelde daraus gemacht haben, als
+verschiedene Zeitpunkte er darin zu bemerken glaubte. Es ist wahr,
+es konnte nicht wohl alles, was Homer sagt, in einem einzigen Gemaelde
+verbunden sein; die Beschuldigung und Ableugnung, die Darstellung der
+Zeugen und der Zuruf des geteilten Volkes, das Bestreben der Herolde
+den Tumult zu stillen, und die Aeusserungen der Schiedesrichter, sind
+Dinge, die auf einanderfolgen, und nicht nebeneinander bestehen
+koennen. Doch was, um mich mit der Schule auszudruecken, nicht actu in
+dem Gemaelde enthalten war, das lag virtute darin, und die einzige
+wahre Art, ein materielles Gemaelde mit Worten nachzuschildern, ist
+die, dass man das letztere mit dem wirklich Sichtbaren verbindet, und
+sich nicht in den Schranken der Kunst haelt, innerhalb welchen der
+Dichter zwar die Data zu einem Gemaelde herzaehlen, aber nimmermehr ein
+Gemaelde selbst hervorbringen kann.
+
+Gleicherweise zerteilt Boivin das Gemaelde der belagerten Stadt 3) in
+drei verschiedene Gemaelde. Er haette es ebensowohl in zwoelfe teilen
+koennen, als in drei. Denn da er den Geist des Dichters einmal nicht
+fasste und von ihm verlangte, dass er den Einheiten des materiellen
+Gemaeldes sich unterwerfen muesse: so haette er weit mehr Uebertretungen
+dieser Einheiten finden koennen, dass es fast noetig gewesen waere, jedem
+besondern Zuge des Dichters ein besonderes Feld auf dem Schilde zu
+bestimmen. Meines Erachtens aber hat Homer ueberhaupt nicht mehr als
+zehn verschiedene Gemaelde auf dem ganzen Schilde; deren jedes er mit
+einem en men eteuxe, oder en de poihse, oder en d' etiJei, oder en de
+poikille AmjigueiV anfaengt 4). Wo diese Eingangsworte nicht stehen,
+hat man kein Recht, ein besonderes Gemaelde anzunehmen; im Gegenteil
+muss alles, was sie verbinden, als ein einziges betrachtet werden, dem
+nur bloss die willkuerliche Konzentration in einen einzigen Zeitpunkt
+mangelt, als welchen der Dichter mit anzugeben, keinesweges gehalten
+war. Vielmehr, haette er ihn angegeben, haette er sich genau daran
+gehalten, haette er nicht den geringsten Zug einfliessen lassen, der in
+der wirklichen Ausfuehrung nicht damit zu verbinden waere; mit einem
+Worte, haette er so verfahren, wie seine Tadler es verlangen: es ist
+wahr, so wuerden diese Herren hier an ihm nichts auszusetzen, aber in
+der Tat auch kein Mensch von Geschmack etwas zu bewundern gefunden
+haben.
+
+{3. v. 509-540.}
+
+{4. Das erste faengt an mit der 483. Zeile, und gehet bis zur 489.;
+das zweite von 490-509; das dritte von 510-540; das vierte von
+541-549; das fuenfte von 550-560; das sechste von 561-572; das
+siebente von 573-586; das achte von 587-589; das neunte von 590 bis
+605; und das zehnte von 606-608. Bloss das dritte Gemaelde hat die
+angegebenen Eingangsworte nicht: es ist aber aus den bei dem zweiten,
+en de duw poihse poleiV, und aus der Beschaffenheit der Sache selbst,
+deutlich genug, dass es ein besonders Gemaelde sein muss.}
+
+Pope liess sich die Einteilung und Zeichnung des Boivin nicht allein
+gefallen, sondern glaubte noch etwas ganz Besonders zu tun, wenn er
+nunmehr auch zeigte, dass ein jedes dieser so zerstueckten Gemaelde nach
+den strengsten Regeln der heutiges Tages ueblichen Malerei angegeben
+sei. Kontrast, Perspektiv, die drei Einheiten; alles fand er darin
+auf das beste beobachtet. Und ob er schon gar wohl wusste, dass
+zufolge guter glaubwuerdiger Zeugnisse, die Malerei zu den Zeiten des
+Trojanischen Krieges noch in der Wiege gewesen, so musste doch
+entweder Homer, vermoege seines goettlichen Genies, sich nicht sowohl
+an das, was die Malerei damals oder zu seiner Zeit leisten konnte,
+gehalten, als vielmehr das erraten haben, was sie ueberhaupt zu
+leisten imstande sei; oder auch jene Zeugnisse selbst mussten so
+glaubwuerdig nicht sein, dass ihnen die augenscheinliche Aussage des
+kuenstlichen Schildes nicht vorgezogen zu werden verdiene. Jenes mag
+annehmen, wer da will; dieses wenigstens wird sich niemand ueberreden
+lassen, der aus der Geschichte der Kunst etwas mehr, als die blossen
+Data der Historienschreiber weiss. Denn dass die Malerei zu Homers
+Zeiten noch in ihrer Kindheit gewesen, glaubt er nicht bloss deswegen,
+weil es ein Plinius oder so einer sagt, sondern vornehmlich weil er
+aus den Kunstwerken, deren die Alten gedenken, urteilet, dass sie
+viele Jahrhunderte nachher noch nicht viel weiter gekommen, und z. E.
+die Gemaelde eines Polygnotus noch lange die Probe nicht aushalten,
+welche Pope die Gemaelde des Homerischen Schildes bestehen zu koennen
+glaubt. Die zwei grossen Stuecke dieses Meisters zu Delphi, von
+welchen uns Pausanias eine so umstaendliche Beschreibung hinterlassen
+5), waren offenbar ohne alle Perspektiv. Dieser Teil der Kunst ist
+den Alten gaenzlich abzusprechen, und was Pope beibringt, um zu
+beweisen, dass Homer schon einen Begriff davon gehabt habe, beweiset
+weiter nichts, als dass ihm selbst nur ein sehr unvollstaendiger
+Begriff davon beigewohnet 6). "Homer", sagt er, "kann kein Fremdling
+in der Perspektiv gewesen sein, weil er die Entfernung eines
+Gegenstandes von dem andern ausdruecklich angibt. Er bemerkt, z. E.
+dass die Kundschafter ein wenig weiter als die andern Figuren gelegen,
+und dass die Eiche, unter welcher den Schnittern das Mahl zubereitet
+worden, beiseite gestanden. Was er von dem mit Herden und Huetten und
+Staellen uebersaeeten Tale sagt, ist augenscheinlich die Beschreibung
+einer grossen perspektivischen Gegend. Ein allgemeiner Beweisgrund
+dafuer kann auch schon aus der Menge der Figuren auf dem Schilde
+gezogen werden, die nicht alle in ihrer vollen Groesse ausgedruckt
+werden konnten; woraus es denn gewissermassen unstreitig, dass die
+Kunst, sie nach der Perspektiv zu verkleinern, damaliger Zeit schon
+bekannt gewesen." Die blosse Beobachtung der optischen Erfahrung, dass
+ein Ding in der Ferne kleiner erscheinet, als in der Naehe, macht ein
+Gemaelde noch lange nicht perspektivisch. Die Perspektiv erfordert
+einen einzigen Augenpunkt, einen bestimmten natuerlichen Gesichtskreis,
+und dieses war es, was den alten Gemaelden fehlte. Die Grundflaeche
+in den Gemaelden des Polygnotus war nicht horizontal, sondern nach
+hinten zu so gewaltig in die Hoehe gezogen, dass die Figuren, welche
+hintereinander zu stehen scheinen sollten, uebereinander zu stehen
+schienen. Und wenn diese Stellung der verschiednen Figuren und ihrer
+Gruppen allgemein gewesen, wie aus den alten Basreliefs, wo die
+hintersten allezeit hoeher stehen als die vodersten, und ueber sie
+wegsehen, sich schliessen laesst: so ist es natuerlich, dass man sie auch
+in der Beschreibung des Homers annimmt, und diejenigen von seinen
+Bildern, die sich nach selbiger in ein Gemaelde verbinden lassen,
+nicht unnoetigerweise trennet. Die doppelte Szene der friedfertigen
+Stadt, durch deren Strassen der froehliche Aufzug einer Hochzeitfeier
+ging, indem auf dem Markte ein wichtiger Prozess entschieden ward,
+erfordert diesem zufolge kein doppeltes Gemaelde, und Homer hat es gar
+wohl als ein einziges denken koennen, indem er sich die ganze Stadt
+aus einem so hohen Augenpunkte vorstellte, dass er die freie Aussicht
+zugleich in die Strassen und auf den Markt dadurch erhielt.
+
+{5. Phocic. cap. XXV-XXXI.}
+
+{6. Um zu zeigen, dass dieses nicht zu viel von Popen gesagt ist, will
+ich den Anfang der folgenden aus ihm angefuehrten Stelle (Iliad. Vol.
+V. Obs. p. 61) in der Grundsprache anfuehren: That he was no stranger
+to aerial perspective, appears in his expressly marking the distance
+of object from object: he tells us etc. Ich sage, hier hat Pope den
+Ausdruck aerial perspective, die Luftperspektiv (perspective
+aerienne), ganz unrichtig gebraucht, als welche mit den nach
+Massgebung der Entfernung verminderten Groessen gar nichts zu tun hat,
+sondern unter der man lediglich die Schwaechung und Abaenderung der
+Farben nach Beschaffenheit der Luft oder des Medii, durch welches wir
+sie sehen, verstehet. Wer diesen Fehler machen konnte, dem war es
+erlaubt, von der ganzen Sache nichts zu wissen.}
+
+Ich bin der Meinung, dass man auf das eigentliche Perspektivische in
+den Gemaelden nur gelegentlich durch die Szenenmalerei gekommen ist;
+und auch als diese schon in ihrer Vollkommenheit war, muss es noch
+nicht so leicht gewesen sein, die Regeln derselben auf eine einzige
+Flaeche anzuwenden, indem sich noch in den spaetern Gemaelden unter den
+Altertuemern des Herkulanums so haeufige und mannigfaltige Fehler gegen
+die Perspektiv finden, als man itzo kaum einem Lehrlinge vergeben
+wuerde 7).
+
+{7. Betracht. ueber die Malerei S. 185.}
+
+Doch ich entlasse mich der Muehe, meine zerstreuten Anmerkungen ueber
+einen Punkt zu sammeln, ueber welchen ich in des Herrn Winckelmanns
+versprochener Geschichte der Kunst die voelligste Befriedigung zu
+erhalten hoffen darf 8).
+
+{8. Geschrieben im Jahr 1763.}
+
+
+
+XX.
+
+
+Ich lenke mich vielmehr wieder in meinen Weg, wenn ein Spaziergaenger
+anders einen Weg hat.
+
+Was ich von koerperlichen Gegenstaenden ueberhaupt gesagt habe, das gilt
+von koerperlichen schoenen Gegenstaenden um so viel mehr.
+
+Koerperliche Schoenheit entspringt aus der uebereinstimmenden Wirkung
+mannigfaltiger Teile, die sich auf einmal uebersehen lassen. Sie
+erfodert also, dass diese Teile nebeneinander liegen muessen; und da
+Dinge, deren Teile nebeneinander liegen, der eigentliche Gegenstand
+der Malerei sind; so kann sie, und nur sie allein, koerperliche
+Schoenheit nachahmen.
+
+Der Dichter, der die Elemente der Schoenheit nur nacheinander zeigen
+koennte, enthaelt sich daher der Schilderung koerperlicher Schoenheit,
+als Schoenheit, gaenzlich. Er fuehlt es, dass diese Elemente,
+nacheinander geordnet, unmoeglich die Wirkung haben koennen, die sie,
+nebeneinander geordnet, haben; dass der konzentrierende Blick, den wir
+nach ihrer Enumeration auf sie zugleich zuruecksenden wollen, uns doch
+kein uebereinstimmendes Bild gewaehret; dass es ueber die menschliche
+Einbildung gehet, sich vorzustellen, was dieser Mund, und diese Nase,
+und diese Augen zusammen fuer einen Effekt haben, wenn man sich nicht
+aus der Natur oder Kunst einer aehnlichen Komposition solcher Teile
+erinnern kann.
+
+Und auch hier ist Homer das Muster aller Muster. Er sagt: Nireus war
+schoen; Achilles war noch schoener; Helena besass eine goettliche
+Schoenheit. Aber nirgends laesst er sich in die umstaendlichere
+Schilderung dieser Schoenheiten ein. Gleichwohl ist das ganze Gedicht
+auf die Schoenheit der Helena gebauet. Wie sehr wuerde ein neuerer
+Dichter darueber luxuriert haben!
+
+Schon ein Constantinus Manasses wollte seine kahle Chronik mit einem
+Gemaelde der Helena auszieren. Ich muss ihn fuer seinen Versuch danken.
+Denn ich wuesste wirklich nicht, wo ich sonst ein Exempel auftreiben
+sollte, aus welchem augenscheinlicher erhelle, wie toericht es sei,
+etwas zu wagen, das Homer so weislich unterlassen hat. Wenn ich bei
+ihm lese 1):
+
+{1. Constantinus Manasses Compend. Chron. p. 20. Edit. Venet. Die
+Frau Dacier war mit diesem Portraet des Manasses, bis auf die
+Tautologien, sehr wohl zufrieden: De Helenae pulchritudine omnium
+optime Constantinus Manasses, nisi in eo tautologiam reprehendas.
+(Ad Dictyn Cretensem lib. I. cap. 3. p. 5.) Sie fuehret nach dem
+Mezeriac (Comment sur les epitres d'Ovide T. II. p. 361) auch die
+Beschreibungen an, welche Dares Phrygius und Cedrenus von der
+Schoenheit der Helena geben. In der erstern koemmt ein Zug vor, der
+ein wenig seltsam klingt. Dares sagt naemlich von der Helena, sie
+habe ein Mal zwischen den Augenbraunen gehabt: notam inter duo
+supercilia habentem. Das war doch wohl nichts Schoenes? Ich wollte,
+dass die Franzoesin ihre Meinung darueber gesagt haette. Meinesteiles
+halte ich das Wort nota hier fuer verfaelscht, und glaube, dass Dares
+von dem reden wollen, was bei den Griechen mesojruon und bei den
+Lateinern glabella hiess. Die Augenbraunen der Helena, will er sagen,
+liefen nicht zusammen, sondern waren durch einen kleinen Zwischenraum
+abgesondert. Der Geschmack der Alten war in diesem Punkte
+verschieden. Einigen gefiel ein solcher Zwischenraum, andern nicht.
+(Junius de pictura vet. lib. III. cap. 9. p. 245.) Anakreon hielt
+die Mittelstrasse; die Augenbraunen seines geliebten Maedchens waren
+weder merklich getrennt, noch voellig ineinander verwachsen, sie
+verliefen sich sanft in einem einzigen Punkte. Er sagt zu dem
+Kuenstler, welcher sie malen sollte: (Od. 28.)
+
+ To mesojruon de mh moi
+ Diakopte, mhte misge,
+ Ecetw d' opwV ekeinh
+ To lelhJotwV sunojrun
+ Blejarwn itun kelainhn.
+
+
+Nach der Lesart des Pauw, obschon auch ohne sie der Verstand der
+naemliche ist, und von Henr. Stephano nicht verfehlet worden:
+
+ Supercilii nigrantes
+ Discrimina nec arcus,
+ Confundito nec illos:
+ Sed junge sic ut anceps
+ Divortium relinquas,
+ Quale esse cernis ipsi.
+
+
+Wenn ich aber den Sinn des Dares getroffen hAette, was mUesste man wohl
+sodann, anstatt des Wortes notam, lesen? Vielleicht moram? Denn so
+viel ist gewiss, dass mora nicht allein den Verlauf der Zeit, ehe etwas
+geschieht, sondern auch die Hinderung, den Zwischenraum von einem zum
+andern, bedeutet.
+
+ Ego inquieta montium jaceam mora,
+
+wUenschet sich der rasende Herkules beim Seneca, (v. 1215) welche
+Stelle Gronovius sehr wohl erklAert: Optat se medium jacere inter duas
+Symplegades, illarum velut moram, impedimentum, obicem; qui eas
+moretur, vetet aut satis arcte conjungi, aut rursus distrahi. So
+heissen auch bei eben demselben Dichter lacertorum morae soviel als
+juncturae. (Schroederus ad v. 762 Thyest.)}
+
+ Hn h gunh perikallhV, euojruV, eucroustath,
+ EupareioV, euproswpoV, bovpiV, cionocrouV,
+ ElikoblejaroV, abra, caritwn gemon alsoV,
+ Leukobraciwn, trujera, kalloV antikruV, empnoun,
+ To proswpon kataleukon, h pareia rodocrouV,
+ To proswpon epicari, to blejaron wraion,
+ KalloV anepithdeuton, abaptiston, autocroun,
+ Ebapte thn leukothta rodocria purinh
+ WV ei tiV ton elejanta bayei lampra porjura.
+ Deirh makra, kataleukoV, oJen emuJourghJh
+ Kuknogenh thn euopton Elenhn crhmatizein--
+
+
+so dUenkt mich, ich sehe Steine auf einen Berg wAelzen, aus welchen auf
+der Spitze desselben ein praechtiges Gebaeude aufgefuehret werden soll,
+die aber alle auf der andern Seite von selbst wieder herabrollen.
+Was fuer ein Bild hinterlaesst er, dieser Schwall von Worten? Wie sahe
+Helena nun aus? Werden nicht, wenn tausend Menschen dieses lesen,
+sich alle tausend eine eigene Vorstellung von ihr machen?
+
+Doch es ist wahr, politische Verse eines MOenches sind keine Poesie.
+Man hoere also den Ariost, wenn er seine bezaubernde Alcina schildert
+2):
+
+{2. Orlando Furioso, Canto VII. St. 11-15. "Die Bildung ihrer Gestalt
+war so reizend, als nur kuenstliche Maler sie dichten koennen. Gegen
+ihr blondes, langes, aufgeknuepftes Haar ist kein Gold, das nicht
+seinen Glanz verliere. Ueber ihre zarten Wangen verbreitete sich
+die vermischte Farbe der Rosen und der Lilien. Ihre froehliche Stirn,
+in die gehoerigen Schranken geschlossen, war von glattem Helfenbein.
+Unter zween schwarzen, aeusserst feinen Boegen glaenzen zwei schwarze
+Augen, oder vielmehr zwo leuchtende Sonnen, die mit Holdseligkeit um
+sich blickten und sich langsam drehten. Rings um sie her schien Amor
+zu spielen und zu fliegen; von da schien er seinen ganzen Koecher
+abzuschiessen, und die Herzen sichtbar zu rauben. Weiter hinab steigt
+die Nase mitten durch das Gesicht, an welcher selbst der Neid nichts
+zu bessern findet. Unter ihr zeigt sich der Mund, wie zwischen zwei
+kleinen Taelern, mit seinem eigentuemlichen Zinnober bedeckt; hier
+stehen zwo Reihen auserlesener Perlen, die eine schoene sanfte Lippe
+verschliesst und oeffnet. Hieraus kommen die holdseligen Worte, die
+jedes rauhe, schaendliche Herz erweichen; hier wird jenes liebliche
+Laecheln gebildet, welches fuer sich schon ein Paradies auf Erden
+eroeffnet. Weisser Schnee ist der schoene Hals, und Milch die Brust,
+der Hals rund, die Brust voll und breit. Zwo zarte, von Helfenbein
+gerundete Kugeln wallen sanft auf und nieder, wie die Wellen am
+aeussersten Rande des Ufers, wenn ein spielender Zephir die See
+bestreitet. (Die uebrigen Teile wuerde Argus selbst nicht haben sehen
+koennen. Doch war leicht zu urteilen, dass das, was versteckt lag, mit
+dem, was dem Auge bloss stand, uebereinstimme.) Die Arme zeigen sich in
+ihrer gehoerigen Laenge, die weisse Hand etwas laenglich, und schmal in
+ihrer Breite, durchaus eben, keine Ader tritt ueber ihre glatte Flaeche.
+Am Ende dieser herrlichen Gestalt sieht man den kleinen, trocknen,
+gerundeten Fuss. Die englischen Mienen, die aus dem Himmel stammen,
+kann kein Schleier verbergen."--(Nach der Uebersetzung des Herrn
+Meinhard in dem Versuche ueber den Charakter und die Werke der besten
+ital. Dicht. B. II. S. 228.)}
+
+ Di persona era tanto ben formata,
+ Quanto mai finger san pittori industri:
+ Con bionda chioma, lunga e annodata,
+ Oro non e, che piu risplenda, e lustri,
+ Spargeasi per la guancia delicata
+ Misto color di rose e di ligustri.
+ Di terso avorio era la fronte lieta,
+ Che lo spazio finia con giusta meta.
+
+ Sotto due negri, e sottilissimi archi
+ Son due negri occhi, anzi due chiari soli,
+ Pietosi a riguardar, a mover parchi,
+ Intorno a cui par ch' Amor scherzi, e voli,
+ E ch' indi tutta la faretra scarchi,
+ E che visibilmente i cori involi.
+ Quindi il naso per mezzo il viso scende
+ Che non trova l'invidia ove l'emende.
+
+ Sotto quel sta, quasi fra due vallette,
+ La bocca sparsa di natio cinabro,
+ Quivi due filze son di perle elette,
+ Che chiude, ed apre un bello e dolce labro;
+ Quindi escon le cortesi parolette,
+ Da render molle ogni cor rozzo e scabro;
+ Quivi si forma quel soave riso,
+ Ch' apre a sua posta in terra il paradiso.
+
+ Bianca neve e il bel collo, e'l petto latte,
+ Il collo e tondo, il petto colmo e largo;
+ Due pome acerbe, e pur d'avorio fatte,
+ Vengono e van, come onda al primo margo,
+ Quando piacevole aura il mar combatte.
+ Non potria l'altre parti veder Argo,
+ Ben si puo giudicar, che corrisponde,
+ A quel ch' appar di fuor, quel che s'ascondo.
+
+ Mostran le braccia sua misura giusta,
+ Et la candida man spesso si vede,
+ Lunghetta alquanto, e di larghezza angusta,
+ Dove ne nodo appar, ne vena eccede.
+ Si vede al fin de la persona augusta
+ Il breve, asciutto, e ritondetto piede.
+ Gli angelici sembianti nati in cielo
+ Non si ponno celar sotto alcun velo.
+
+
+
+Milton sagt bei Gelegenheit des PandAemoniums: einige lobten das Werk,
+andere den Meister des Werks. Das Lob des einen ist also nicht
+allezeit auch das Lob des andern. Ein Kunstwerk kann allen Beifall
+verdienen, ohne dass sich zum Ruhme des KUenstlers viel Besonders sagen
+laesst. Wiederum kann ein Kuenstler mit Recht unsere Bewunderung
+verlangen, auch wenn sein Werk uns die vOellige Gnuege nicht tut.
+Dieses vergesse man nie, und es werden sich oefters ganz
+widersprechende Urteile vergleichen lassen. Eben wie hier. Dolce,
+in seinem Gespraeche von der Malerei, laesst den Aretino von den
+angefuehrten Stanzen des Ariost ein ausserordentliches Aufheben machen
+3); ich hingegen, waehle sie als ein Exempel eines Gemaeldes ohne
+Gemaelde. Wir haben beide recht. Dolce bewundert darin die
+Kenntnisse, welche der Dichter von der koerperlichen Schoenheit zu
+haben zeiget; ich aber sehe bloss auf die Wirkung, welche diese
+Kenntnisse, in Worte ausgedrueckt, auf meine Einbildungskraft haben
+koennen. Dolce schliesst aus jenen Kenntnissen, dass gute Dichter nicht
+minder gute Maler sind; und ich aus dieser Wirkung, dass sich das, was
+die Maler durch Linien und Farben am besten ausdruecken koennen, durch
+Worte gerade am schlechtesten ausdruecken laesst. Dolce empfiehlet die
+Schilderung des Ariost allen Malern als das vollkommenste Vorbild
+einer schoenen Frau; und ich empfehle es allen Dichtern als die
+lehrreichste Warnung, was einem Ariost misslingen muessen, nicht noch
+ungluecklicher zu versuchen. Es mag sein, dass wenn Ariost sagt:
+
+{3. (Dialogo della pittura, intitolato l'Aretino, Firenze 1735. p.
+178.) Se vogliono i pittori senza fatica trovare un perfetto esempio
+di bella donna, leggano quelle stanze dell' Ariosto, nelle quali egli
+discrive mirabilmente le bellezze della fata Alcina: e vedranno
+parimente, quanto i buoni poeti siano ancora essi pittori.--}
+
+ Di persona era tanto ben formata
+ Quanto mai finger san pittori industri,
+
+
+er die Lehre von den Proportionen, so wie sie nur immer der
+fleissigste KUenstler in der Natur und aus den Antiken studieret,
+vollkommen verstanden zu haben, dadurch beweiset 4). Er mag sich
+immerhin, in den blossen Worten:
+
+{4. (Ibid.) Ecco, che, quanto alla proportione, l'ingeniosissimo
+Ariosto assegna la migliore, che sappiano formar le mani de' piu
+eccellenti pittori, usando questa voce industri, per dinotar la
+diligenza, die conviene al buono artefice.}
+
+ Spargeasi per la guancia delicata
+ Misto color di rose e di ligustri,
+
+
+als den vollkommensten Koloristen, als einen Tizian, zeigen 5). Man
+mag daraus, dass er das Haar der Alcina nur mit dem Golde vergleicht,
+nicht aber gUeldenes Haar nennet, noch so deutlich schliessen, dass er
+den Gebrauch des wirklichen Goldes in der Farbengebung gemissbilliget
+6). Man mag sogar in seiner herabsteigenden Nase,
+
+{5. (Ibid. p. 182.) Qui l'Ariosto colorisce, e in questo suo colorire
+dimostra essere un Tiziano.}
+
+{6. (Ibid. p. 180.) Poteva l'Ariosto nella guisa, che ha detto chioma
+bionda, dir chioma d'oro: ma gli parve forse, che avrebbe avuto
+troppo del poetico. Da che si puo ritrar, che'l pittore dee imitar
+l'oro, e non metterlo (come fanno i miniatori) nelle sue pitture, in
+modo, che si possa dire, que' capelli non sono d'oro, ma par che
+risplendano, come l'oro. Was Dolce, in dem Nachfolgenden, aus dem
+AthenAeus anfuehret, ist merkwuerdig, nur dass es sich nicht vOellig so
+daselbst findet. Ich rede an einem andern Orte davon.}
+
+ Quindi il naso per mezzo il viso scende,
+
+das Profil jener alten griechischen, und von griechischen KUenstlern
+auch ROemern geliehenen Nasen finden 7). Was nutzt alle diese
+Gelehrsamkeit und Einsicht uns Lesern, die wir eine schoene Frau zu
+sehen glauben wollen, die wir etwas von der sanften Wallung des
+Gebluets dabei empfinden wollen, die den wirklichen Anblick der
+Schoenheit begleitet? Wenn der Dichter weiss, aus welchen
+VerhAeltnissen eine schoene Gestalt entspringet, wissen wir es darum
+auch? Und wenn wir es auch wuessten, laesst er uns hier diese
+Verhaeltnisse sehen? Oder erleichtert er uns auch nur im geringsten
+die Muehe, uns ihrer auf eine lebhafte anschauende Art zu erinnern?
+Eine Stirn, in die gehoerigen Schranken geschlossen, la fronte,
+
+{7. (Ibid. p. 182.) Il naso, che discende giu, avendo peraventura la
+considerazione a quelle forme de' nasi, che si veggono ne' ritratti
+delle belle Romane antiche.}
+
+ Che lo spazio finia con giusta meta;
+
+eine Nase, an welcher selbst der Neid nichts zu bessern findet,
+
+ Che non trova l'invidia, ove l'emende;
+
+eine Hand, etwas laenglich und schmal in ihrer Breite,
+
+ Lunghetta alquanto, e di larghezza angusta:
+
+was fUer ein Bild geben diese allgemeine Formeln? In dem Munde eines
+Zeichenmeisters, der seine Schueler auf die SchOenheiten des
+akademischen Modells aufmerksam machen will, moechten sie noch etwas
+sagen; denn ein Blick auf dieses Modell, und sie sehen die gehoerigen
+Schranken der froehlichen Stirne, sie sehen den schoensten Schnitt der
+Nase, die schmale Breite der niedlichen Hand. Aber bei dem Dichter
+sehe ich nichts, und empfinde mit Verdruss die Vergeblichkeit meiner
+besten Anstrengung, etwas sehen zu wollen.
+
+In diesem Punkte, in welchem Virgil dem Homer durch Nichtstun
+nachahmen koennen, ist auch Virgil ziemlich gluecklich gewesen. Auch
+seine Dido ist ihm weiter nichts als pulcherrima Dido. Wenn er ja
+umstAendlicher etwas an ihr beschreibet, so ist es ihr reicher Putz,
+ihr praechtiger Aufzug:
+
+ Tandem progreditur--
+ Sidoniam picto chlamydem circumdata limbo:
+ Cui pharetra ex auro, crines nodantur in aurum,
+ Aurea purpuream subnectit fibula vestem 8).
+
+{8. Aeneid. IV. v. 136.}
+
+
+Wollte man darum auf ihn anwenden, was jener alte KUenstler zu einem
+Lehrlinge sagte, der eine sehr geschmueckte Helena gemalt hatte, "da
+du sie nicht schOen malen koennen, hast du sie reich gemalt": so wuerde
+Virgil antworten, "es liegt nicht an mir, dass ich sie nicht schoen
+malen koennen; der Tadel trifft die Schranken meiner Kunst; mein Lob
+sei, mich innerhalb diesen Schranken gehalten zu haben."
+
+Ich darf hier die beiden Lieder des Anakreons nicht vergessen, in
+welchen er uns die Schoenheit seines MAedchens und seines Bathylls
+zergliedert 9). Die Wendung, die er dabei nimmt, macht alles gut.
+Er glaubt einen Maler vor sich zu haben, und laesst ihn unter seinen
+Augen arbeiten. So, sagt er, mache mir das Haar, so die Stirne, so
+die Augen, so den Mund, so Hals und Busen, so Hueft' und Haende! Was
+der Kuenstler nur teilweise zusammensetzen kann, konnte ihm der
+Dichter auch nur teilweise vorschreiben. Seine Absicht ist nicht,
+dass wir in dieser muendlichen Direktion des Malers die ganze Schoenheit
+der geliebten Gegenstaende erkennen und fuehlen sollen; er selbst
+empfindet die Unfaehigkeit des woertlichen Ausdrucks, und nimmt eben
+daher den Ausdruck der Kunst zu Hilfe, deren Taeuschung er so sehr
+erhebet, dass das ganze Lied mehr ein Lobgedicht auf die Kunst, als
+auf sein Maedchen zu sein scheinet. Er sieht nicht das Bild, er sieht
+sie selbst, und glaubt, dass es nun eben den Mund zum Reden eroeffnen
+werde:
+
+{9. Od. XXVIII. XXIX.}
+
+ Apecei- blepw gar authn.
+ Taca, khre, kai lalhseiV.
+
+
+Auch in der Angabe des Bathylls, ist die Anpreisung des schOenen
+Knabens mit der Anpreisung der Kunst und des KUenstlers so ineinander
+geflochten, dass es zweifelhaft wird, wem zu Ehren Anakreon das Lied
+eigentlich bestimmt habe. Er sammelt die schoensten Teile aus
+verschiednen GemAelden, an welchen eben die vorzuegliche Schoenheit
+dieser Teile das Charakteristische war; den Hals nimmt er von einem
+Adonis, Brust und Haende von einem Merkur, die Huefte von einem Pollux,
+den Bauch von einem Bacchus; bis er den ganzen Bathyll in einem
+vollendeten Apollo des Kuenstlers erblickt.
+
+ Meta de proswpon estw,
+ Ton AdwnidoV parelJwn,
+ ElejantinoV trachloV-
+ Metamazion de poiei
+ DidumaV te ceiraV Ermou,
+ PoludeukeoV de mhrouV,
+ Dionusihn de nhdun--
+ Ton Apollwna de touton
+ KaJelwn, poiei BaJullon.
+
+
+So weiss auch Lucian von der SchOenheit der Panthea anders keinen
+Begriff zu machen, als durch Verweisung auf die schoensten weiblichen
+BildsAeulen alter KUenstler 10). Was heisst aber dieses sonst, als
+bekennen, dass die Sprache vor sich selbst hier ohne Kraft ist; dass
+die Poesie stammelt und die Beredsamkeit verstummet, wenn ihnen nicht
+die Kunst noch einigermassen zur Dolmetscherin dienet?
+
+{10. EikoneV 3. T. II. p. 461. Edit. Reitz.}
+
+
+
+XXI.
+
+
+Aber verliert die Poesie nicht zu viel, wenn man ihr alle Bilder
+koerperlicher Schoenheit nehmen will?--Wer will ihr die nehmen? Wenn
+man ihr einen einzigen Weg zu verleiden sucht, auf welchem sie zu
+solchen Bildern zu gelangen gedenket, indem sie die Fusstapfen einer
+verschwisterten Kunst aufsucht, in denen sie aengstlich herumirret,
+ohne jemals mit ihr das gleiche Ziel zu erreichen: verschliesst man
+ihr darum auch jeden andern Weg, wo die Kunst hinwiederum ihr
+nachsehen muss?
+
+Eben der Homer, welcher sich aller stueckweisen Schilderung
+koerperlicher Schoenheiten so geflissentlich enthaelt, von dem wir kaum
+einmal im Vorbeigehen erfahren, dass Helena weisse Arme 1) und schoenes
+Haar 2) gehabt; eben der Dichter weiss demohngeachtet uns von ihrer
+Schoenheit einen Begriff zu machen, der alles weit uebersteiget, was
+die Kunst in dieser Absicht zu leisten imstande ist. Man erinnere
+sich der Stelle, wo Helena in die Versammlung der Aeltesten des
+trojanischen Volkes tritt. Die ehrwuerdigen Greise sehen sie, und
+einer sprach zu den andern 3):
+
+{1. Iliad. G. v. 121.}
+
+{2. Ibid. v. 329.}
+
+{3. Ibid. v. 156-158.}
+
+ Ou nemesiV, TrvaV kai euknhmidaV AcaiouV,
+ Toihd' amji gunaiki polun cronon algea pascein-
+ AinvV aJanathsi JehV eiV vpa eoiken.
+
+
+Was kann eine lebhaftere Idee von SchOenheit gewAehren, als das kalte
+Alter sie des Krieges wohl wert erkennen lassen, der so viel Blut und
+so viele Traenen kostet?
+
+Was Homer nicht nach seinen Bestandteilen beschreiben konnte, laesst er
+uns in seiner Wirkung erkennen. Malet uns, Dichter, das Wohlgefallen,
+die Zuneigung, die Liebe, das EntzUecken, welches die Schoenheit
+verursachet, und ihr habt die Schoenheit selbst gemalet. Wer kann
+sich den geliebten Gegenstand der Sappho, bei dessen Erblickung sie
+Sinne und Gedanken zu verlieren bekennet, als haesslich denken? Wer
+glaubt nicht die schoenste vollkommenste Gestalt zu sehen, sobald er
+mit dem Gefuehle sympathisieret, welches nur eine solche Gestalt
+erregen kann? Nicht weil uns Ovid den schoenen Koerper seiner Lesbia
+Teil vor Teil zeiget:
+
+ Quos humeros, quales vidi tetigique lacertos!
+ Forma papillarum quam fuit apta premi!
+ Quam castigato planus sub pectore venter!
+ Quantum et quale latus! quam juvenile femur!
+
+
+sondern weil er es mit der wollUestigen Trunkenheit tut, nach der
+unsere Sehnsucht so leicht zu erwecken ist, glauben wir eben des
+Anblickes zu geniessen, den er genoss.
+
+Ein andrer Weg, auf welchem die Poesie die Kunst in Schilderung
+kOerperlicher Schoenheit wiederum einholet, ist dieser, dass sie
+Schoenheit in Reiz verwandelt. Reiz ist Schoenheit in Bewegung, und
+eben darum dem Maler weniger bequem als dem Dichter. Der Maler kann
+die Bewegung nur erraten lassen, in der Tat aber sind seine Figuren
+ohne Bewegung. Folglich wird der Reiz bei ihm zur Grimasse. Aber in
+der Poesie bleibt er was er ist; ein transitorisches Schoenes, das wir
+wiederholt zu sehen wuenschen. Es koemmt und geht; und da wir uns
+ueberhaupt einer Bewegung leichter und lebhafter erinnern koennen, als
+blosser Formen oder Farben: so muss der Reiz in dem nAemlichen
+Verhaeltnisse staerker auf uns wirken, als die Schoenheit. Alles, was
+noch in dem Gemaelde der Alcina gefaellt und ruehret, ist Reiz. Der
+Eindruck, den ihre Augen machen, koemmt nicht daher, dass sie schwarz
+und feurig sind, sondern daher, dass sie,
+
+Pietosi a riguardar, a mover parchi,
+
+mit Holdseligkeit um sich blicken, und sich langsam drehen; dass Amor
+sie umflattert und seinen ganzen Koecher aus ihnen abschiesst. Ihr
+Mund entzuecket, nicht weil von eigentuemlichem Zinnober bedeckte
+Lippen zwei Reihen auserlesener Perlen verschliessen; sondern weil
+hier das liebliche Laecheln gebildet wird, welches, fuer sich schon,
+ein Paradies auf Erden eroeffnet; weil er es ist, aus dem die
+freundlichen Worte toenen, die jedes rauhe Herz erweichen. Ihr Busen
+bezaubert, weniger weil Milch und Helfenbein und Apfel uns seine
+Weisse und niedliche Figur vorbilden, als vielmehr weil wir ihn sanft
+auf und nieder wallen sehen, wie die Wellen am aeussersten Rande des
+Ufers, wenn ein spielender Zephir die See bestreitet:
+
+ Due pome acerbe, e pur d'avorio fatte,
+ Vengono e van, come onda al primo margo,
+ Quando piacevole aura il mar combatte.
+
+
+Ich bin versichert, dass lauter solche ZUege des Reizes, in eine oder
+zwei Stanzen zusammengedrAenget, weit mehr tun wuerden, als die fuenfe
+alle, in welche sie Ariost zerstreuet und mit kalten Zuegen der
+schOenen Form, viel zu gelehrt fuer unsere Empfindungen, durchflochten
+hat.
+
+Selbst Anakreon wollte lieber in die anscheinende Unschicklichkeit
+verfallen, eine Untunlichkeit von dem Maler zu verlangen, als das
+Bild seines Maedchens nicht mit Reiz beleben.
+
+ Trujerou d' esw geneiou,
+ Peri lugdinw trachlw
+ CariteV petointo pasai.
+
+
+Ihr sanftes Kinn, befiehlt er dem KUenstler, ihren marmornen Nacken
+lass alle Grazien umflattern! Wie das? Nach dem genauesten
+Wortverstande? Der ist keiner malerischen Ausfuehrung fAehig. Der
+Maler konnte dem Kinne die schOenste Ruendung, das schoenste Gruebchen,
+Amoris digitulo impressum, (denn das esw scheinet mir ein Gruebchen
+andeuten zu wollen)--er konnte dem Halse die schoenste Karnation geben;
+aber weiter konnte er nichts. Die Wendungen dieses schoenen Halses,
+das Spiel der Muskeln, durch das jenes Gruebchen bald mehr bald
+weniger sichtbar wird, der eigentliche Reiz, war ueber seine Kraefte.
+Der Dichter sagte das Hoechste, wodurch uns seine Kunst die Schoenheit
+sinnlich zu machen vermag, damit auch der Maler den hoechsten Ausdruck
+in seiner Kunst suchen moege. Ein neues Beispiel zu der obigen
+Anmerkung, dass der Dichter, auch wenn er von Kunstwerken redet,
+dennoch nicht verbunden ist, sich mit seiner Beschreibung in den
+Schranken der Kunst zu halten.
+
+
+
+XXII.
+
+
+Zeuxis malte eine Helena, und hatte das Herz, jene beruehmte Zeilen
+des Homers, in welchen die entzueckten Greise ihre Empfindung bekennen,
+darunter zu setzen. Nie sind Malerei und Poesie in einen gleichern
+Wettstreit gezogen worden. Der Sieg blieb unentschieden, und beide
+verdienten gekroent zu werden.
+
+Denn so wie der weise Dichter uns die Schoenheit, die er nach ihren
+Bestandteilen nicht schildern zu koennen fuehlte, bloss in ihrer Wirkung
+zeigte: so zeigte der nicht minder weise Maler uns die Schoenheit nach
+nichts als ihren Bestandteilen, und hielt es seiner Kunst fuer
+unanstaendig, zu irgendeinem andern Hilfsmittel Zuflucht zu nehmen.
+Sein Gemaelde bestand aus der einzigen Figur der Helena, die nackend
+dastand. Denn es ist wahrscheinlich, dass es eben die Helena war,
+welche er fuer die zu Krotona malte 1).
+
+{1. Val. Maximus lib. III. cap. 7. Dionysius Halicarnass. Art.
+Rhet. cap. 12 peri logwn exetasewV.}
+
+Man vergleiche hiermit, wundershalber, das Gemaelde, welches Caylus
+dem neuern Kuenstler aus jenen Zeilen des Homers vorzeichnet: "Helena,
+mit einem weissen Schleier bedeckt, erscheinet mitten unter
+verschiedenen alten Maennern, in deren Zahl sich auch Priamus befindet,
+der an den Zeichen seiner koeniglichen Wuerde zu erkennen ist. Der
+Artist muss sich besonders angelegen sein lassen, uns den Triumph der
+Schoenheit in den gierigen Blicken und in allen den Aeusserungen einer
+staunenden Bewunderung auf den Gesichtern dieser kalten Greise
+empfinden zu lassen. Die Szene ist ueber einem von den Toren der
+Stadt. Die Vertiefung des Gemaeldes kann sich in den freien Himmel,
+oder gegen hoehere Gebaeude der Stadt verlieren; jenes wuerde kuehner
+lassen, eines aber ist so schicklich wie das andere."
+
+Man denke sich dieses Gemaelde von dem groessten Meister unserer Zeit
+ausgefuehret, und stelle es gegen das Werk des Zeuxis. Welches wird
+den wahren Triumph der Schoenheit zeigen? Dieses, wo ich ihn selbst
+fuehle, oder jenes, wo ich ihn aus den Grimassen geruehrter Graubaerte
+schliessen soll? Turpe senilis amor; ein gieriger Blick macht das
+ehrwuerdigste Gesicht laecherlich, und ein Greis, der jugendliche
+Begierden verraet, ist sogar ein ekler Gegenstand. Den Homerischen
+Greisen ist dieser Vorwurf nicht zu machen; denn der Affekt, den sie
+empfinden, ist ein augenblicklicher Funke, den ihre Weisheit sogleich
+erstickt; nur bestimmt, der Helena Ehre zu machen, aber nicht, sie
+selbst zu schaenden. Sie bekennen ihr Gefuehl, und fuegen sogleich
+hinzu:
+
+ Alla kai vV, toih per eous', en nhusi neesJw,
+ Mhd' hmin tekeessi t' opissw phma lipoito
+
+
+Ohne diesen Entschluss wAeren es alte Gecke; waeren sie das, was sie in
+dem Gemaelde des Caylus erscheinen. Und worauf richten sie denn da
+ihre gierigen Blicke? Auf eine vermummte, verschleierte Figur. Das
+ist Helena? Es ist mir unbegreiflich, wie ihr Caylus hier den
+Schleier lassen kOennen. Zwar Homer gibt ihr denselben ausdrUecklich:
+
+ Autika d' argennhsi kaluyamenh oJonhsin
+ Wrmat' ek Jalamoio--
+
+
+aber, um Ueber die Strassen damit zu gehen; und wenn auch schon bei ihm
+die Alten ihre Bewunderung zeigen, noch ehe sie den Schleier wieder
+abgenommen oder zurueckgeworfen zu haben scheinet, so war es nicht das
+erstemal, dass sie die Alten sahen; ihr Bekenntnis durfte also nicht
+aus dem itzigen augenblicklichen Anschauen entstehen, sondern sie
+konnten schon oft empfunden haben, was sie zu empfinden, bei dieser
+Gelegenheit nur zum erstenmal bekannten. In dem GemAelde findet so
+etwas nicht statt. Wenn ich hier entzueckte Alte sehe, so will ich
+auch zugleich sehen, was sie in Entzueckung setzt; und ich werde
+aeusserst betroffen, wenn ich weiter nichts, als, wie gesagt, eine
+vermummte, verschleierte Figur wahrnehme, die sie bruenstig angaffen.
+Was hat dieses Ding von der Helena? Ihren weissen Schleier, und etwas
+von ihrem proportionierten Umrisse, soweit Umriss unter Gewaendern
+sichtbar werden kann. Doch vielleicht war es auch des Grafen Meinung
+nicht, dass ihr Gesicht verdeckt sein sollte, und er nennet den
+Schleier bloss als ein Stueck ihres Anzuges. Ist dieses (seine Worte
+sind einer solchen Auslegung zwar nicht wohl faehig: Helene couverte
+d'un voile blanc), so entstehet eine andere Verwunderung bei mir: er
+empfiehlt dem Artisten so sorgfaeltig den Ausdruck auf den Gesichtern
+der Alten; nur ueber die SchOenheit in dem Gesichte der Helena verliert
+er kein Wort. Diese sittsame Schoenheit, im Auge den feuchten
+Schimmer einer reuenden Traene, furchtsam sich naehernd--Wie? Ist die
+hoechste Schoenheit unsern Kuenstlern so etwas Gelaeufiges, dass sie auch
+nicht daran erinnert zu werden brauchen? Oder ist Ausdruck mehr als
+Schoenheit? Und sind wir auch in Gemaelden schon gewohnt, so wie auf
+der Buehne, die haesslichste Schauspielerin fuer eine entzueckende
+Prinzessin gelten zu lassen, wenn ihr Prinz nur recht warme Liebe
+gegen sie zu empfinden aeussert?
+
+In Wahrheit: das Gemaelde des Caylus wuerde sich gegen das Gemaelde des
+Zeuxis wie Pantomime zur erhabensten Poesie verhalten.
+
+Homer ward vor alters ohnstreitig fleissiger gelesen, als itzt.
+Dennoch findet man so gar vieler Gemaelde nicht erwaehnet, welche die
+alten Kuenstler aus ihm gezogen haetten 2). Nur den Fingerzeig des
+Dichters auf besondere koerperliche Schoenheiten scheinen sie fleissig
+genutzt zu haben; diese malten sie; und in diesen Gegenstaenden,
+fuehlten sie wohl, war es ihnen allein vergoennet, mit dem Dichter
+wetteifern zu wollen. Ausser der Helena, hatte Zeuxis auch die
+Penelope gemalt; und des Apelles Diana war die Homerische in
+Begleitung ihrer Nymphen. Bei dieser Gelegenheit will ich erinnern,
+dass die Stelle des Plinius, in welcher von der letztern die Rede ist,
+einer Verbesserung bedarf 3). Handlungen aber aus dem Homer zu malen,
+bloss weil sie eine reiche Komposition, vorzuegliche Kontraste,
+kuenstliche Beleuchtungen darbieten, schien der alten Artisten ihr
+Geschmack nicht zu sein; und konnte es nicht sein, solange sich noch
+die Kunst in den engern Grenzen ihrer hoechsten Bestimmung hielt. Sie
+naehrten sich dafuer mit dem Geiste des Dichters; sie fuellten ihre
+Einbildungskraft mit seinen erhabensten Zuegen; das Feuer seines
+Enthusiasmus entflammte den ihrigen; sie sahen und empfanden wie er:
+und so wurden ihre Werke Abdruecke der Homerischen, nicht in dem
+Verhaeltnisse eines Portraets zu seinem Originale, sondern in dem
+Verhaeltnisse eines Sohnes zu seinem Vater; aehnlich, aber verschieden.
+Die Aehnlichkeit liegt oefters nur in einem einzigen Zuge; die uebrigen
+alle haben unter sich nichts Gleiches, als dass sie mit dem aehnlichen
+Zuge, in dem einen sowohl als in dem andern harmonieren.
+
+{2. Fabricii Biblioth. Graec. lib. II. cap. 6. p. 345.}
+
+{3. Plinius sagt von dem Apelles (Libr. XXXV. sect. 36. p. 698. Edit.
+Hard.): Fecit et Dianam sacrificantium virginum choro mixtam:
+quibus vicisse Homeri versus videtur id ipsum describentis. Nichts
+kann wahrer, als dieser Lobspruch gewesen sein. Schoene Nymphen um
+eine schoene Goettin her, die mit der ganzen majestaetischen Stirne ueber
+sie hervorragt, sind freilich ein Vorwurf, der der Malerei
+angemessener ist, als der Poesie. Das sacrificantium nur ist mir
+hoechst verdaechtig. Was macht die Goettin unter opfernden Jungfrauen?
+Und ist dieses die Beschaeftigung, die Homer den Gespielinnen der
+Diana gibt? Mit nichten; sie durchstreifen mit ihr Berge und Waelder,
+sie jagen, sie spielen, sie tanzen (Odyss. Z. v. 102-106):
+
+ Oih d' ArtemiV eisi kat' oureoV ioceaira
+ H kata Thugeton perimhketon, h ErumanJon
+ Terpomenh kaproisi kai wkeihV elajoisi-
+ Th de J' ama Numjai, kourai DioV Aigiocoio,
+ Agronomoi paizousi---
+
+
+Plinius wird also nicht sacrificantium, er wird venantium, oder etwas
+Aehnliches geschrieben haben; vielleicht silvis vagantium, welche
+Verbesserung die Anzahl der veraenderten Buchstaben ohngefaehr haette.
+Dem paizousi beim Homer wUerde saltantium am naechsten kommen, und auch
+Virgil laesst, in seiner Nachahmung dieser Stelle, die Diana mit ihren
+Nymphen tanzen (Aeneid. I. v. 497. 498):
+
+ Qualis in Eurotae ripis, aut per juga Cynthi
+ Exercet Diana choros--
+
+
+Spence hat hierbei einen seltsamen Einfall (Polymetis Dial. VIII. p.
+102.): This Diana, sagt er, both in the picture and in the
+descriptions, was the Diana Venatrix, tho' she was not represented
+either by Virgil, or Apelles, or Homer, as hunting with her nymphs;
+bot as employed with them in that sort of dances, which of old were
+regarded as very solemn acts of devotion. In seiner Anmerkung fUegt
+er hinzu: The expression of paizein, used by Homer on this occasion,
+is scarce proper for hunting; as that of, choros exercere in Virgil,
+should be understood of the religious dances of old, because dancing,
+in the old Roman idea of it, was indecent even for men, in public;
+unless it were the sort of dances used in honour of Mars, or Bacchus,
+or some other of their gods. Spence will nAemlich jene feierliche
+Taenze verstanden wissen, welche bei den Alten mit unter die
+gottesdienstlichen Handlungen gerechnet wurden. Und daher, meinet er,
+brauche denn auch Plinius das Wort sacrificare: It is in consequence
+of this that Pliny, in speaking of Diana's nymphs on this very
+occasion, uses the word, sacrificare, of them; which quite determines
+these dances of theirs to have been of the religious kind. Er
+vergisst, dass bei dem Virgil die Diana selbst mittanzet: exercet Diana
+choros. Sollte nun dieser Tanz ein gottesdienstlicher Tanz sein: zu
+wessen Verehrung tanzte ihn die Diana? Zu ihrer eignen? Oder zur
+Verehrung einer andern Gottheit? Beides ist widersinnig. Und wenn
+die alten ROemer das Tanzen ueberhaupt einer ernsthaften Person nicht
+fuer sehr anstaendig hielten, mussten darum ihre Dichter die Gravitaet
+ihres Volkes auch in die Sitten der Goetter uebertragen, die von den
+aeltern griechischen Dichtern ganz anders festgesetzet waren? Wenn
+Horaz von der Venus sagt (Od. IV. lib. 1):
+
+ Jam Cytherea choros ducit Venus, imminente luna:
+ Junctaeque Nymphis Gratiae decentes.
+ Alterno terram quatiunt pede--
+
+
+waren dieses auch heilige gottesdienstliche TAenze? Ich verliere zu
+viele Worte Ueber eine solche Grille.}
+
+Da uebrigens die Homerischen Meisterstuecke der Poesie aelter waren als
+irgendein Meisterstueck der Kunst; da Homer die Natur eher mit einem
+malerischen Auge betrachtet hatte, als ein Phidias und Apelles: so
+ist es nicht zu verwundern, dass die Artisten verschiedene ihnen
+besonders nuetzliche Bemerkungen, ehe sie Zeit hatten, sie in der
+Natur selbst zu machen, schon bei dem Homer gemacht fanden, wo sie
+dieselben begierig ergriffen, um durch den Homer die Natur
+nachzuahmen. Phidias bekannte, dass die Zeilen 4):
+
+{4. Iliad. A. v. 528. Valerius Maximus lib. III. cap. 7.}
+
+ H, kai kuanehsin ep' ojrusi neuse Kroniwn-
+ Ambrosiai d' ara caitai eperrwsanto anaktoV,
+ KratoV ap' aJanatoio- megan d' elelixen Olumpon-
+
+
+ihm bei seinem olympischen Jupiter zum Vorbilde gedienet, und dass ihm
+nur durch ihre Hilfe ein gOettliches Antlitz, propemodum ex ipso coelo
+petitum, gelungen sei. Wem dieses nichts mehr gesagt heisst, als dass
+die Phantasie des KUenstlers durch das erhabene Bild des Dichters
+befeuert, und ebenso erhabener Vorstellungen fAehig gemacht worden,
+der, duenkt mich, uebersieht das Wesentlichste, und begnuegt sich mit
+etwas ganz Allgemeinem, wo sich, zu einer weit gruendlichern
+Befriedigung, etwas sehr Spezielles angeben laesst. Soviel ich urteile,
+bekannte Phidias zugleich, dass er in dieser Stelle zuerst bemerkt
+habe, wie viel Ausdruck in den Augenbraunen liege, quanta pars animi
+5) sich in ihnen zeige. Vielleicht, dass sie ihn auch auf das Haar
+mehr Fleiss zu wenden bewegte, um das einigermassen auszudruecken, was
+Homer ambrosisches Haar nennet. Denn es ist gewiss, dass die alten
+Kuenstler vor dem Phidias das Sprechende und Bedeutende der Mienen
+wenig verstanden, und besonders das Haar sehr vernachlaessiget hatten.
+Noch Myron war in beiden Stuecken tadelhaft, wie Plinius anmerkt 6),
+und nach ebendemselben war Pythagoras Leontinus der erste, der sich
+durch ein zierliches Haar hervortat 7). Was Phidias aus dem Homer
+lernte, lernten die andern Kuenstler aus den Werken des Phidias.
+
+{5. Plinius lib. XI. sect. 51. p. 616. Edit. Hard.}
+
+{6. Idem lib. XXXIV. sect. 19. p. 651. Ipse tamen corporum tenus
+curiosus, animi sensus non expressisse videtur, capillum quoque et
+pubem non emendatius fecisse, quam rudis antiquitas instituisset.}
+
+{7. Ibid. Hic primus nervos et venas expressit, capillumque
+diligentius.}
+
+Ich will noch ein Beispiel dieser Art anfuehren, welches mich allezeit
+sehr vergnuegt hat. Man erinnere sich, was Hogarth ueber den Apollo zu
+Belvedere anmerkt 8). "Dieser Apollo", sagt er, "und der Antinous
+sind beide in ebendemselben Palaste zu Rom zu sehen. Wenn aber
+Antinous den Zuschauer mit Verwunderung erfuellet, so setzet ihn der
+Apollo in Erstaunen; und zwar, wie sich die Reisenden ausdruecken,
+durch einen Anblick, welcher etwas mehr als Menschliches zeiget,
+welches sie gemeiniglich gar nicht zu beschreiben imstande sind. Und
+diese Wirkung ist, sagen sie, um desto bewundernswuerdiger, da, wenn
+man es untersucht, das Unproportionierliche daran auch einem gemeinen
+Auge klar ist. Einer der besten Bildhauer, welche wir in England
+haben, der neulich dahin reisete, diese Bildsaeule zu sehen,
+bekraeftigte mir das, was itzo gesagt worden, besonders, dass die Fuesse
+und Schenkel, in Ansehung der obern Teile, zu lang und zu breit sind.
+Und Andreas Sacchi, einer der groessten italienischen Maler, scheinet
+eben dieser Meinung gewesen zu sein, sonst wuerde er schwerlich (in
+einem beruehmten Gemaelde, welches itzo in England ist) seinem Apollo,
+wie er den Tonkuenstler Pasquilini kroenet, das voellige Verhaeltnis des
+Antinous gegeben haben, da er uebrigens wirklich eine Kopie von dem
+Apollo zu sein scheinet. Ob wir gleich an sehr grossen Werken oft
+sehen, dass ein geringerer Teil aus der Acht gelassen worden, so kann
+dieses doch hier der Fall nicht sein; denn an einer schoenen Bildsaeule
+ist ein richtiges Verhaeltnis eine von ihren wesentlichen Schoenheiten.
+Daher ist zu schliessen, dass diese Glieder mit Fleiss muessen sein
+verlaengert worden, sonst wuerde es leicht haben koennen vermieden
+werden. Wenn wir also die Schoenheiten dieser Figur durch und durch
+untersuchen, so werden wir mit Grunde urteilen, dass das, was man
+bisher fuer unbeschreiblich vortrefflich an ihrem allgemeinen Anblicke
+gehalten, von dem hergeruehret hat, was ein Fehler in einem Teile
+derselben zu sein geschienen."--Alles dieses ist sehr einleuchtend;
+und schon Homer, fuege ich hinzu, hat es empfunden und angedeutet, dass
+es ein erhabenes Ansehen gibt, welches bloss aus diesem Zusatze von
+Groesse in den Abmessungen der Fuesse und Schenkel entspringet. Denn
+wenn Antenor die Gestalt des Ulysses mit der Gestalt des Menelaus
+vergleichen will, so laesst er ihn sagen 9):
+
+{8. "Zergliederung der Schoenheit". S. 47. Berl. Ausg.}
+
+{9. Iliad. G. 210. 211.}
+
+ Stantwn men MenelaoV upeirecen eureaV wmouV,
+ Amjw d' ezomenw, gerarwteroV hen OdusseuV.
+
+
+"Wann beide standen, ragte Menelaus mit den breiten Schultern hoch
+hervor; wann aber beide sassen, war Ulysses der Ansehnlichere." Da
+Ulysses also das Ansehen im Sitzen gewann, welches Menelaus im Sitzen
+verlor, so ist das VerhAeltnis leicht zu bestimmen, welches beider
+Oberleib zu den FUessen und Schenkeln gehabt. Ulysses hatte einen
+Zusatz von GrOesse in den Proportionen des erstern, Menelaus in den
+Proportionen der letztern.
+
+
+
+XXIII.
+
+
+Ein einziger unschicklicher Teil kann die uebereinstimmende Wirkung
+vieler zur Schoenheit stoeren. Doch wird der Gegenstand darum noch
+nicht haesslich. Auch die Haesslichkeit erfodert mehrere unschickliche
+Teile, die wir ebenfalls auf einmal muessen uebersehen koennen, wenn wir
+dabei das Gegenteil von dem empfinden sollen, was uns die Schoenheit
+empfinden laesst.
+
+Sonach wuerde auch die Haesslichkeit, ihrem Wesen nach, kein Vorwurf der
+Poesie sein koennen; und dennoch hat Homer die aeusserste Haesslichkeit in
+dem Thersites geschildert, und sie nach ihren Teilen nebeneinander
+geschildert. Warum war ihm bei der Haesslichkeit vergoennet, was er bei
+der Schoenheit so einsichtsvoll sich selbst untersagte? Wird die
+Wirkung der Haesslichkeit, durch die aufeinanderfolgende Enumeration
+ihrer Elemente, nicht ebensowohl gehindert, als die Wirkung der
+Schoenheit durch die aehnliche Enumeration ihrer Elemente vereitelt
+wird?
+
+Allerdings wird sie das; aber hierin liegt auch die Rechtfertigung
+des Homers. Eben weil die Haesslichkeit in der Schilderung des
+Dichters zu einer minder widerwaertigen Erscheinung koerperlicher
+Unvollkommenheiten wird, und gleichsam, von der Seite ihrer Wirkung,
+Haesslichkeit zu sein aufhoeret, wird sie dem Dichter brauchbar; und was
+er vor sich selbst nicht nutzen kann, nutzt er als ein Ingrediens, um
+gewisse vermischte Empfindungen hervorzubringen und zu verstaerken,
+mit welchen er uns, in Ermangelung rein angenehmer Empfindungen,
+unterhalten muss.
+
+Diese vermischte Empfindungen sind das Laecherliche, und das
+Schreckliche.
+
+Homer macht den Thersites haesslich, um ihn laecherlich zu machen. Er
+wird aber nicht durch seine blosse Haesslichkeit laecherlich; denn
+Haesslichkeit ist Unvollkommenheit, und zu dem Laecherlichen wird ein
+Kontrast von Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten erfodert 1).
+Dieses ist die Erklaerung meines Freundes, zu der ich hinzusetzen
+moechte, dass dieser Kontrast nicht zu krall und zu schneidend sein muss,
+dass die Opposita, um in der Sprache der Maler fortzufahren, von der
+Art sein muessen, dass sie sich ineinander verschmelzen lassen. Der
+weise und rechtschaffene Aesop wird dadurch, dass man ihm die
+Haesslichkeit des Thersites gegeben, nicht laecherlich. Es war eine
+alberne Moenchsfratze, das Geloion seiner lehrreichen Maerchen,
+vermittelst der Ungestaltheit auch in seine Person verlegen zu wollen.
+Denn ein missgebildeter Koerper und eine schoene Seele sind wie Oel und
+Essig, die, wenn man sie schon ineinander schlaegt, fuer den Geschmack
+doch immer getrennet bleiben. Sie gewaehren kein Drittes; der Koerper
+erweckt Verdruss, die Seele Wohlgefallen; jedes das seine fuer sich.
+Nur wenn der missgebildete Koerper zugleich gebrechlich und kraenklich
+ist, wenn er die Seele in ihren Wirkungen hindert, wenn er die Quelle
+nachteiliger Vorurteile gegen sie wird: alsdenn fliessen Verdruss und
+Wohlgefallen ineinander; aber die neue daraus entspringende
+Erscheinung ist nicht Lachen, sondern Mitleid, und der Gegenstand,
+den wir ohne dieses nur hochgeachtet haetten, wird interessant. Der
+missgebildete gebrechliche Pope musste seinen Freunden weit
+interessanter sein, als der schoene und gesunde Wycherley den seinigen.
+--So wenig aber Thersites durch die blosse Haesslichkeit laecherlich wird,
+ebensowenig wuerde er es ohne dieselbe sein. Die Haesslichkeit; die
+Uebereinstimmung dieser Haesslichkeit mit seinem Charakter; der
+Widerspruch, den beide mit der Idee machen, die er von seiner eigenen
+Wichtigkeit heget; die unschaedliche, ihn allein demuetigende Wirkung
+seines boshaften Geschwaetzes: alles muss zusammen zu diesem Zwecke
+wirken. Der letztere Umstand ist das Ou jJartikon, welches
+Aristoteles 2) unumgaenglich zu dem Laecherlichen verlanget; so wie es
+auch mein Freund zu einer notwendigen Bedingung macht, dass jener
+Kontrast von keiner Wichtigkeit sein, und uns nicht sehr
+interessieren muesse. Denn man nehme auch nur an, dass dem Thersites
+selbst seine haemische Verkleinerung des Agamemnons teurer zu stehen
+gekommen waere, dass er sie, anstatt mit ein paar blutigen Schwielen,
+mit dem Leben bezahlen muessen: und wir wuerden aufhoeren, ueber ihn zu
+lachen. Denn dieses Scheusal von einem Menschen ist doch ein Mensch,
+dessen Vernichtung uns stets ein groesseres Uebel scheinet, als alle
+seine Gebrechen und Laster. Um die Erfahrung hiervon zu machen, lese
+man sein Ende bei dem Quintus Calaber 3). Achilles bedauert, die
+Penthesilea getoetet zu haben: die Schoenheit in ihrem Blute, so tapfer
+vergossen, fodert die Hochachtung und das Mitleid des Helden; und
+Hochachtung und Mitleid werden Liebe. Aber der schmaehsuechtige
+Thersites macht ihm diese Liebe zu einem Verbrechen. Er eifert wider
+die Wollust, die auch den wackersten Mann zu Unsinnigkeiten verleite;
+
+{1. Philos. Schriften des Hrn. Moses Mendelssohn T. II. S. 23.}
+
+{2. De poetica cap. V.}
+
+{3. Paralipom. lib. I. v. 720-775.}
+
+ --ht' ajrona jvta tiJhsi
+ Kai pinuton per eonta.--
+
+
+Achilles ergrimmt, und ohne ein Wort zu versetzen, schlAegt er ihn so
+unsanft zwischen Back' und Ohr, dass ihm Zaehne, und Blut und Seele mit
+eins aus dem Halse stUerzen. Zu grausam! Der jachzornige mOerderische
+Achilles wird mir verhasster, als der tueckische knurrende Thersites;
+das Freudengeschrei, welches die Griechen ueber diese Tat erheben,
+beleidiget mich; ich trete auf die Seite des Diomedes, der schon das
+Schwert zucket, seinen Anverwandten an dem Moerder zu raechen: denn ich
+empfinde es, dass Thersites auch mein Anverwandter ist, ein Mensch.
+
+Gesetzt aber gar, die Verhetzungen des Thersites waeren in Meuterei
+ausgebrochen, das aufruehrerische Volk waere wirklich zu Schiffe
+gegangen und haette seine Heerfuehrer verraeterisch zurueckgelassen, die
+Heerfuehrer waeren hier einem rachsuechtigen Feinde in die Haende
+gefallen, und dort haette ein goettliches Strafgerichte ueber Flotte und
+Volk ein gaenzliches Verderben verhangen: wie wuerde uns alsdenn die
+Haesslichkeit des Thersites erscheinen? Wenn unschaedliche Haesslichkeit
+laecherlich werden kann, so ist schaedliche Haesslichkeit allezeit
+schrecklich. Ich weiss dieses nicht besser zu erlaeutern, als mit ein
+paar vortrefflichen Stellen des Shakespeare: Edmund, der Bastard des
+Grafen von Gloster, im "Koenig Lear", ist kein geringerer Boesewicht,
+als Richard, Herzog von Gloucester, der sich durch die
+abscheulichsten Verbrechen den Weg zum Throne bahnte, den er unter
+dem Namen Richard der Dritte bestieg. Aber wie kommt es, dass jener
+bei weitem nicht so viel Schaudern und Entsetzen erwecket als dieser?
+Wenn ich den Bastard sagen hoere 4):
+
+{4. King Lear. Act. I. Sc. II.}
+
+ Thou, nature, art my goddess, to thy law
+ My services are bound; wherefore should I
+ Stand in the plague of custom, and permit
+ The courtesy of nations to deprive me,
+ For that I am some twelve, or fourteen moonshines
+ Lag of a brother? Why bastard? wherefore base?
+ When my dimensions are as well compact,
+ My mind as gen'rous, and my shape as true
+ As honest madam's issue? Why brand they thus
+ With base? with baseness? bastardy, base? base?
+ Who, in the lusty stealth of nature, take
+ More composition and fierce quality,
+ Than doth, within a dull, stale, tired bed,
+ Go to creating, a whole tribe of fops,
+ Got' 'tween a-sleep and wake?
+
+
+so hOere ich einen Teufel, aber ich sehe ihn in der Gestalt eines
+Engels des Lichts. Hoere ich hingegen den Grafen von Gloucester sagen
+5):
+
+{5. The life and death of Richard III. Act. I. Sc. 1.}
+
+ But I, that am not shap'd for sportive tricks
+ Nor made to court an am'rous looking-glass,
+ I, that am rudely stampt, and want love's majesty
+ To strut before a wanton, ambling nymph;
+ I, that am curtail'd of this fair proportion,
+ Cheated of feature by dissembling nature,
+ Deform'd, unfinish'd, sent before my time
+ Into this breathing world, scarce half made up,
+ And that so lamely and unfashionably,
+ That dogs bark at me, as I halt by them:
+ Why I (in this weak piping time of peace)
+ Have no delight to pass away the time;
+ Unless to spy my shadow in the sun,
+ And descant on mine own deformity.
+ And therefore, since I cannot prove a lover,
+ To entertain these fair well-spoken days,
+ I am determined, to prove a villain!
+
+
+so hOere ich einen Teufel, und sehe einen Teufel; in einer Gestalt,
+die der Teufel allein haben sollte.
+
+
+
+XXIV.
+
+
+So nutzt der Dichter die HAesslichkeit der Formen: welchen Gebrauch ist
+dem Maler davon zu machen vergoennet?
+
+Die Malerei, als nachahmende Fertigkeit, kann die Haesslichkeit
+ausdrUecken; die Malerei, als schoene Kunst, will sie nicht ausdruecken.
+Als jener, gehoeren ihr alle sichtbare Gegenstaende zu; als diese,
+schliesst sie sich nur auf diejenigen sichtbaren Gegenstaende ein,
+welche angenehme Empfindungen erwecken.
+
+Aber gefallen nicht auch die unangenehmen Empfindungen in der
+Nachahmung? Nicht alle. Ein scharfsinniger Kunstrichter 1) hat
+dieses bereits von dem Ekel bemerkt. "Die Vorstellungen der Furcht,"
+sagt er, "der Traurigkeit, des Schreckens, des Mitleids usw. koennen
+nur Unlust erregen, insoweit wir das Uebel fuer wirklich halten. Diese
+koennen also durch die Erinnerung, dass es ein kuenstlicher Betrug sei,
+in angenehme Empfindungen aufgeloeset werden. Die widrige Empfindung
+des Ekels aber erfolgt, vermoege des Gesetzes der Einbildungskraft auf
+die blosse Vorstellung in der Seele, der Gegenstand mag fuer wirklich
+gehalten werden, oder nicht. Was hilft's dem beleidigten Gemuete also,
+wenn sich die Kunst der Nachahmung noch so sehr verraet? Ihre Unlust
+entsprang nicht aus der Voraussetzung, dass das Uebel wirklich sei,
+sondern aus der blossen Vorstellung desselben, und diese ist wirklich
+da. Die Empfindungen des Ekels sind also allezeit Natur, niemals
+Nachahmung."
+
+{1. Briefe die neueste Literatur betreffend, T. V. S. 102.}
+
+Eben dieses gilt von der Haesslichkeit der Formen. Diese Haesslichkeit
+beleidiget unser Gesicht, widerstehet unserm Geschmacke an Ordnung
+und Uebereinstimmung, und erwecket Abscheu, ohne Ruecksicht auf die
+wirkliche Existenz des Gegenstandes, an welchem wir sie wahrnehmen.
+Wir moegen den Thersites weder in der Natur noch im Bilde sehen; und
+wenn schon sein Bild weniger missfaellt, so geschieht dieses doch nicht
+deswegen, weil die Haesslichkeit seiner Form in der Nachahmung
+Haesslichkeit zu sein aufhoeret, sondern weil wir das Vermoegen besitzen,
+von dieser Haesslichkeit zu abstrahieren, und uns bloss an der Kunst des
+Malers zu vergnuegen. Aber auch dieses Vergnuegen wird alle
+Augenblicke durch die Ueberlegung unterbrochen, wie uebel die Kunst
+angewendet worden, und diese Ueberlegung wird selten fehlen, die
+Geringschaetzung des Kuenstlers nach sich zu ziehen.
+
+Aristoteles gibt eine andere Ursache an 2), warum Dinge, die wir in
+der Natur mit Widerwillen erblicken, auch in der getreuesten
+Abbildung Vergnuegen gewaehren; die allgemeine Wissbegierde des Menschen.
+Wir freuen uns, wenn wir entweder aus der Abbildung lernen koennen,
+ti ekaston, was ein jedes Ding ist, oder wenn wir daraus schliessen
+koennen, oti outoV ekeinoV, dass es dieses oder jenes ist. Allein auch
+hieraus folget, zum Besten der Haesslichkeit in der Nachahmung, nichts.
+Das Vergnuegen, welches aus der Befriedigung unserer Wissbegierde
+entspringt, ist momentan, und dem Gegenstande, ueber welchen sie
+befriediget wird, nur zufaellig; das Missvergnuegen hingegen, welches
+den Anblick der Haesslichkeit begleitet, permanent, und dem Gegenstande,
+der es erweckt, wesentlich. Wie kann also jenes diesem das
+Gleichgewicht halten? Noch weniger kann die kleine angenehme
+Beschaeftigung, welche uns die Bemerkung der Aehnlichkeit macht, die
+unangenehme Wirkung der Haesslichkeit besiegen. Je genauer ich das
+haessliche Nachbild mit dem haesslichen Urbilde vergleiche, desto mehr
+stelle ich mich dieser Wirkung bloss, so dass das Vergnuegen der
+Vergleichung gar bald verschwindet, und mir nichts als der widrige
+Eindruck der verdoppelten Haesslichkeit uebrig bleibet. Nach den
+Beispielen, welche Aristoteles gibt, zu urteilen, scheinet es, als
+habe er auch selbst die Haesslichkeit der Formen nicht mit zu den
+missfaelligen Gegenstaenden rechnen wollen, die in der Nachahmung
+gefallen koennen. Diese Beispiele sind: reissende Tiere und Leichname.
+Reissende Tiere erregen Schrecken, wenn sie auch nicht haesslich sind;
+und dieses Schrecken, nicht ihre Haesslichkeit, ist es, was durch die
+Nachahmung in angenehme Empfindung aufgeloeset wird. So auch mit den
+Leichnamen; das schaerfere Gefuehl des Mitleids, die schreckliche
+Erinnerung an unsere eigene Vernichtung ist es, welche uns einen
+Leichnam in der Natur zu einem widrigen Gegenstande macht; in der
+Nachahmung aber verlieret jenes Mitleid, durch die Ueberzeugung des
+Betrugs, das Schneidende, und von dieser fatalen Erinnerung kann uns
+ein Zusatz von schmeichelhaften Umstaenden entweder gaenzlich abziehen,
+oder sich so unzertrennlich mit ihr vereinen, dass wir mehr
+Wuenschenswuerdiges als Schreckliches darin zu bemerken glauben.
+
+{2. De poetica cap. IV.}
+
+Da also die Haesslichkeit der Formen, weil die Empfindung, welche sie
+erregt, unangenehm, und doch nicht von derjenigen Art unangenehmer
+Empfindungen ist, welche sich durch die Nachahmung in angenehme
+verwandeln, an und vor sich selbst kein Vorwurf der Malerei, als
+schoener Kunst, sein kann: so kaeme es noch darauf an, ob sie ihr,
+nicht ebensowohl wie der Poesie, als Ingrediens, um andere
+Empfindungen zu verstaerken, nuetzlich sein koenne.
+
+Darf die Malerei, zu Erreichung des Laecherlichen und Schrecklichen,
+sich haesslicher Formen bedienen?
+
+Ich will es nicht wagen, so gradezu mit Nein hierauf zu antworten.
+Es ist unleugbar, dass unschaedliche Haesslichkeit auch in der Malerei
+laecherlich werden kann; besonders wenn eine Affektation nach Reiz und
+Ansehen damit verbunden wird. Es ist ebenso unstreitig, dass
+schaedliche Haesslichkeit, so wie in der Natur, also auch im Gemaelde
+Schrecken erwecket; und dass jenes Laecherliche und dieses Schreckliche,
+welches schon vor sich vermischte Empfindungen sind, durch die
+Nachahmung einen neuen Grad von Anzueglichkeit und Vergnuegung erlangen.
+
+Ich muss aber zu bedenken geben, dass demohngeachtet sich die Malerei
+hier nicht voellig mit der Poesie in gleichem Falle befindet. In der
+Poesie, wie ich angemerket, verlieret die Haesslichkeit der Form, durch
+die Veraenderung ihrer koexistierenden Teile in sukzessive, ihre
+widrige Wirkung fast gaenzlich; sie hoeret von dieser Seite gleichsam
+auf, Haesslichkeit zu sein, und kann sich daher mit andern
+Erscheinungen desto inniger verbinden, um eine neue besondere Wirkung
+hervorzubringen. In der Malerei hingegen hat die Haesslichkeit alle
+ihre Kraefte beisammen, und wirket nicht viel schwaecher, als in der
+Natur selbst. Unschaedliche Haesslichkeit kann folglich nicht wohl
+lange laecherlich bleiben; die unangenehme Empfindung gewinnet die
+Oberhand, und was in den ersten Augenblicken possierlich war, wird in
+der Folge bloss abscheulich. Nicht anders gehet es mit der
+schaedlichen Haesslichkeit; das Schreckliche verliert sich nach und nach,
+und das Unfoermliche bleibt allein und unveraenderlich zurueck.
+
+Dieses ueberlegt, hatte der Graf Caylus vollkommen recht, die Episode
+des Thersites aus der Reihe seiner Homerischen Gemaelde wegzulassen.
+Aber hat man darum auch recht, sie aus dem Homer selbst
+wegzuwuenschen? Ich finde ungern, dass ein Gelehrter, von sonst sehr
+richtigem und feinem Geschmacke, dieser Meinung ist 3). Ich verspare
+es auf einen andern Ort, mich weitlaeufiger darueber zu erklaeren.
+
+{3. Klotzii epistolae Homericae, p. 32. et seq.}
+
+
+
+XXV.
+
+
+Auch der zweite Unterschied, welchen der angefuehrte Kunstrichter
+zwischen dem Ekel und andern unangenehmen Leidenschaften der Seele
+findet, aeussert sich bei der Unlust, welche die Haesslichkeit der Formen
+in uns erwecket.
+
+"Andere unangenehme Leidenschaften", sagte er 1), "koennen auch ausser
+der Nachahmung, in der Natur selbst, dem Gemuete oefters schmeicheln,
+indem sie niemals reine Unlust erregen, sondern ihre Bitterkeit
+allezeit mit Wollust vermischen. Unsere Furcht ist selten von aller
+Hoffnung entbloesst; der Schrecken belebt alle unsere Kraefte, der
+Gefahr auszuweichen; der Zorn ist mit der Begierde sich zu raechen,
+die Traurigkeit mit der angenehmen Vorstellung der vorigen
+Glueckseligkeit verknuepft, und das Mitleiden ist von den zaertlichen
+Empfindungen der Liebe und Zuneigung unzertrennlich. Die Seele hat
+die Freiheit, sich bald bei dem vergnueglichen, bald bei dem widrigen
+Teile einer Leidenschaft zu verweilen, und sich eine Vermischung von
+Lust und Unlust selbst zu schaffen, die reizender ist, als das
+lauterste Vergnuegen. Es braucht nur sehr wenig Achtsamkeit auf sich
+selber, um dieses vielfaeltig beobachtet zu haben; und woher kaeme es
+denn sonst, dass dem Zornigen sein Zorn, dem Traurigen seine Unmut
+lieber ist, als alle freudige Vorstellungen, dadurch man ihn zu
+beruhigen gedenket? Ganz anders aber verhaelt es sich mit dem Ekel
+und den ihm verwandten Empfindungen. Die Seele erkennet in demselben
+keine merkliche Vermischung von Lust. Das Missvergnuegen gewinnet die
+Oberhand, und daher ist kein Zustand, weder in der Natur noch in der
+Nachahmung, zu erdenken, in welchem das Gemuet nicht von diesen
+Vorstellungen mit Widerwillen zurueckweichen sollte."
+
+{1. Klotzii epistolae Homericae, p. 103.}
+
+Vollkommen richtig; aber da der Kunstrichter selbst, noch andere mit
+dem Ekel verwandten Empfindungen erkennet, die gleichfalls nichts als
+Unlust gewaehren, welche kann ihm naeher verwandt sein, als die
+Empfindung des Haesslichen in den Formen? Auch diese ist in der Natur
+ohne die geringste Mischung von Lust; und da sie deren ebensowenig
+durch die Nachahmung faehig wird, so ist auch von ihr kein Zustand zu
+erdenken, in welchem das Gemuet von ihrer Vorstellung nicht mit
+Widerwillen zurueckweichen sollte.
+
+Ja dieser Widerwille, wenn ich anders mein Gefuehl sorgfaeltig genug
+untersucht habe, ist gaenzlich von der Natur des Ekels. Die
+Empfindung, welche die Haesslichkeit der Form begleitet, ist Ekel, nur
+in einem geringern Grade. Dieses streitet zwar mit einer andern
+Anmerkung des Kunstrichters, nach welcher er nur die allerdunkelsten
+Sinne, den Geschmack, den Geruch und das Gefuehl, dem Ekel ausgesetzet
+zu sein glaubet. "Jene beide" sagt er, "durch eine uebermaessige
+Suessigkeit, und dieses durch eine allzugrosse Weichheit der Koerper, die
+den beruehrenden Fibern nicht genugsam widerstehen. Diese Gegenstaende
+werden sodann auch dem Gesichte unertraeglich, aber bloss durch die
+Assoziation der Begriffe, indem wir uns des Widerwillens erinnern,
+den sie dem Geschmacke, dem Geruche oder dem Gefuehle verursachen.
+Denn eigentlich zu reden, gibt es keine Gegenstaende des Ekels fuer das
+Gesicht." Doch mich duenkt, es lassen sich dergleichen allerdings
+nennen. Ein Feuermal in dem Gesichte, eine Hasenscharte, eine
+gepletschte Nase mit vorragenden Loechern, ein gaenzlicher Mangel der
+Augenbraunen, sind Haesslichkeiten, die weder dem Geruche, noch dem
+Geschmacke, noch dem Gefuehle zuwider sein koennen. Gleichwohl ist es
+gewiss, dass wir etwas dabei empfinden, welches dem Ekel schon viel
+naeher koemmt, als das, was uns andere Unfoermlichkeiten des Koerpers,
+ein krummer Fuss, ein hoher Ruecken, empfinden lassen; je zaertlicher
+das Temperament ist, desto mehr werden wir von den Bewegungen in dem
+Koerper dabei fuehlen, welche vor dem Erbrechen vorhergehen. Nur dass
+diese Bewegungen sich sehr bald wieder verlieren, und schwerlich ein
+wirkliches Erbrechen erfolgen kann; wovon man allerdings die Ursache
+darin zu suchen hat, dass es Gegenstaende des Gesichts sind, welches in
+ihnen, und mit ihnen zugleich, eine Menge Realitaeten wahrnimmt, durch
+deren angenehme Vorstellungen jene unangenehme so geschwaecht und
+verdunkelt wird, dass sie keinen merklichen Einfluss auf den Koerper
+haben kann. Die dunkeln Sinne hingegen, der Geschmack, der Geruch,
+das Gefuehl, koennen dergleichen Realitaeten, indem sie von etwas
+Widerwaertigem geruehret werden, nicht mitbemerken; das Widerwaertige
+wirkt folglich allein und in seiner ganzen Staerke, und kann nicht
+anders als auch in dem Koerper von einer weit heftigern Erschuetterung
+begleitet sein.
+
+Uebrigens verhaelt sich auch zur Nachahmung das Ekelhafte vollkommen so,
+wie das Haessliche. Ja, da seine unangenehme Wirkung die heftigere
+ist, so kann es noch weniger als das Haessliche an und vor sich selbst
+ein Gegenstand weder der Poesie, noch der Malerei werden. Nur weil
+es ebenfalls durch den woertlichen Ausdruck sehr gemildert wird,
+getrauete ich mich doch wohl zu behaupten, dass der Dichter,
+wenigstens einige ekelhafte Zuege als ein Ingrediens zu den naemlichen
+vermischten Empfindungen brauchen koenne, die er durch das Haessliche
+mit so gutem Erfolge verstaerket.
+
+Das Ekelhafte kann das Laecherliche vermehren; oder Vorstellungen der
+Wuerde, des Anstandes, mit dem Ekelhaften in Kontrast gesetzet, werden
+laecherlich. Exempel hiervon lassen sich bei dem Aristophanes in
+Menge finden. Das Wiesel faellt mir ein, welches den guten Sokrates
+in seinen astronomischen Beschauungen unterbrach 2).
+
+{2. Nubes v. 169-174.}
+
+ MAQ. Prwhn de ge gnwmhn megalhn ajhreJh
+ Up' askalabwtou. STR. Tina tropon; kateipe moi.
+ MAQ. ZhtountoV autou thV selhnhV tas odouV
+ Kai taV perijoraV, eit' anw kechnotoV
+ Apo thV orojhV nuktwr galewthV katecesen.
+ STR. HsJhn galewth katacesanti SwkratouV.
+
+
+Man lasse es nicht ekelhaft sein, was ihm in den offenen Mund fAellt,
+und das Laecherliche ist verschwunden. Die drolligsten ZUege von
+dieser Art hat die hottentottische Erzaehlung: Tquassouw und
+Knonmquaiha, in dem "Kenner", einer englischen Wochenschrift voller
+Laune, die man dem Lord Chesterfield zuschreibet. Man weiss, wie
+schmutzig die Hottentotten sind; und wie vieles sie fuer schOen und
+zierlich und heilig halten, was uns Ekel und Abscheu erwecket. Ein
+gequetschter Knorpel von Nase, schlappe bis auf den Nabel
+herabhaengende Brueste, den ganzen Koerper mit einer Schminke aus
+Ziegenfett und Russ an der Sonne durchbeizet, die Haarlocken von
+Schmer triefend, Fuesse und Arme mit frischem Gedaerme umwunden: dies
+denke man sich an dem Gegenstande einer feurigen, ehrfurchtsvollen,
+zaertlichen Liebe; dies hoere man in der edeln Sprache des Ernstes und
+der Bewunderung ausgedrueckt, und enthalte sich des Lachens 3)!
+
+{3. The Connoisseur, Vol. I. No. 21. Von der Schoenheit der
+Knonmquaiha heisst es: He was struck with the glossy hue of her
+complexion, which shone like the jetty down on the black hogs of
+Hessaqua; he was ravished with the prest gristle of her nose; and his
+eys dwelt with admiration on the flaccid beauties of her breasts,
+which descended to her navel. Und was trug die Kunst bei, so viel
+Reize in ihr vorteilhaftes Licht zu setzen? She made a varnish of
+the fat of goats mixed with soot, with which she anointed her whole
+body, as she stood beneath the rays of the sun; her locks were
+clotted with melted grease, and powdered with the yellow dust of
+Buchu; her face, which shone like the polished ebony, was beautifully
+varied with spots of red earth, and appeared like the sable curtain
+of the night bespangled with stars: she sprinkled her limbs with
+woodashes, and perfumed them with the dung of Stinkbingsem. Her arms
+and legs were entwined with the shining entrails of an heifer: from
+her neck there hung a pouch composed of the stomach of a kid: the
+wings of an ostrich overshadowed the fleshy promontories behind; and
+before she wore an apron formed of the shaggy ears of a lion. Ich
+fuege noch die Zeremonie der Zusammengebung des verliebten Paares
+hinzu: The Surri or chief priest approached them, and in a deep voice
+chanted the nuptial rites to the melodious grumbling of the Gom-Gom;
+and at the same time (according to the manner of Caffraria) bedewed
+them plentifully with the urinary benediction. The bride and
+bridegroom rubbed in the precious stream with extasy, while the briny
+drops trikled from their bodies; like the oozy surge from the rocks
+of Chirigriqua.}
+
+Mit dem Schrecklichen scheinet sich das Ekelhafte noch inniger
+vermischen zu koennen. Was wir das Graessliche nennen, ist nichts als
+ein ekelhaftes Schreckliche. Dem Longin 4) missfaellt zwar in dem
+Bilde der Traurigkeit beim Hesiodus 5) das ThV ek men rinvn muxai
+reon; doch mich duenkt, nicht sowohl weil es ein ekler Zug ist, als
+weil es ein bloss ekler Zug ist, der zum Schrecklichen nichts beitraegt.
+Denn die langen ueber die Finger hervorragenden Naegel (makroi d'
+onuceV ceiressin uphsan) scheinet er nicht tadeln zu wollen.
+Gleichwohl sind lange Naegel nicht viel weniger ekel, als eine
+fliessende Nase. Aber die langen Naegel sind zugleich schrecklich;
+denn sie sind es, welche die Wangen zerfleischen, dass das Blut davon
+auf die Erde rinnet:
+
+{4. Peri uyouV, tmhma h, p. 18. edit. T. Fabri.}
+
+{5. Scut. Hercul. v. 266.}
+
+ --ek de pareivn
+ Aim' apeleibet' eraze--
+
+
+Hingegen eine fliessende Nase, ist weiter nichts als eine fliessende
+Nase; und ich rate der Traurigkeit nur, das Maul zuzumachen. Man
+lese bei dem Sophokles die Beschreibung der Oeden Hoehle des
+unglUecklichen Philoktet. Da ist nichts von Lebensmitteln, nichts von
+Bequemlichkeiten zu sehen; ausser eine zertretene Streu von duerren
+BlAettern, ein unfoermlicher hoelzerner Becher, ein Feuergeraet. Der
+ganze Reichtum des kranken verlassenen Mannes! Womit vollendet der
+Dichter dieses traurige fuerchterliche Gemaelde. Mit einem Zusatze von
+Ekel. "Ha!" faehrt Neoptolem auf einmal zusammen, "hier trockenen
+zerrissene Lappen voll Blut und Eiter 6)!"
+
+{6. Philoct. v. 31-39.}
+
+ NE. Orv kenhn oikhsin anJrwpwn dica.
+ OD. Oud' endon oikopoioV esti tiV trojh;
+ NE. Steipth ge jullaV wV enaulizonti tw.
+ OD. Ta d' all' erhma, kouden esJ' upostegon;
+ NE. Autoxulon g' ekpwma, jaulourgou tinoV
+ Tecnhmat' androV, kai purei' omou tade.
+ OD. Keinou to Jhsaurisma shmaineiV tode.
+ NE. Iou, iou- kai tauta g' alla Jalpetai
+ Rakh, bareiaV tou noshleiaV plea.
+
+
+So wird auch beim Homer der geschleifte Hektor, durch das von Blut
+und Staub entstellte Gesicht, und zusammenverklebte Haar,
+
+ Squallentem barbam et concretos sanguine crines,
+
+(wie es Virgil ausdrUeckt 7)) ein ekler Gegenstand, aber eben dadurch
+um so viel schrecklicher, um so viel ruehrender. Wer kann die Strafe
+des Marsyas, beim Ovid, sich ohne Empfindung des Ekels denken 8)?
+
+{7. Aeneid. lib. II. v. 277.}
+
+{8. Metamorph. VI. v. 387.}
+
+ Clamanti cutis est summos derepta per artus:
+ Nec quidquam, nisi vulnus erat: cruor undique manat:
+ Detectique patent nervi: trepidaeque sine ulla
+ Pelle micant venae: salientia viscera possis,
+ Et perlucentes numerare in pectore fibras.
+
+
+Aber wer empfindet auch nicht, dass das Ekelhafte hier an seiner
+Stelle ist? Es macht das Schreckliche grAesslich; und das Graessliche
+ist selbst in der Natur, wenn unser Mitleid dabei interessieret wird,
+nicht ganz unangenehm; wie viel weniger in der Nachahmung? Ich will
+die Exempel nicht haeufen. Doch dieses muss ich noch anmerken, dass es
+eine Art von Schrecklichem gibt, zu dem der Weg dem Dichter fast
+einzig und allein durch das Ekelhafte offen stehet. Es ist das
+Schreckliche des Hungers. Selbst im gemeinen Leben drUecken wir die
+aeusserste Hungersnot nicht anders als durch die Erzaehlungen aller der
+unnahrhaften, ungesunden und besonders ekeln Dinge aus, mit welchen
+der Magen befriediget werden muessen. Da die Nachahmung nichts von
+dem Gefuehle des Hungers selbst in uns erregen kann, so nimmt sie zu
+einem andern unangenehmen Gefuehle ihre Zuflucht, welches wir im Falle
+des empfindlichsten Hungers fuer das kleinere Uebel erkennen. Dieses
+sucht sie zu erregen, um uns aus der Unlust desselben schliessen zu
+lassen, wie stark jene Unlust sein muesse, bei der wir die
+gegenwaertige gern aus der Acht schlagen wuerden. Ovid sagt von der
+Oreade, welche Ceres an den Hunger abschickte 9):
+
+{9. Ibid. lib. VIII. v. 809.}
+
+ Hanc (famem) procul ut vidit--
+ --refert mandata deae; paulumque morata,
+ Quanquam aberat longe, quanquam modo venerat illuc,
+ Visa tamen sensisse famem--
+
+
+Eine unnatUerliche Uebertreibung! Der Anblick eines Hungrigen, und
+wenn es auch der Hunger selbst wAere, hat diese ansteckende Kraft
+nicht; Erbarmen, und Greul, und Ekel, kann er empfinden lassen, aber
+keinen Hunger. Diesen Greul hat Ovid in dem Gemaelde der Fames nicht
+gesparet, und in dem Hunger des Eresichthons sind, sowohl bei ihm,
+als bei dem Kallimachus 10), die ekelhaften Zuege die staerksten.
+Nachdem Eresichthon alles aufgezehret, und auch der Opferkuh nicht
+verschonet hatte, die seine Mutter der Vesta auffuetterte, laesst ihn
+Kallimachus ueber Pferde und Katzen herfallen, und auf den Strassen die
+Brocken und schmutzigen Ueberbleibsel von fremden Tischen betteln:
+
+{10. Hym. in Cererem. v. 109-116.}
+
+ Kai tan bvn ejagen, tan Estia etreje mathr,
+ Kai ton aeJlojoron kai ton polemhion ippon,
+ Kai tan ailouron, tan etreme Jeria mikka--
+ Kai toJ' o tv basilhoV eni triodoisi kaJhsto
+ Aitizwn akolwV te kai ekbola lumata daitoV--
+
+
+Und Ovid lAesst ihn zuletzt die Zaehne in seine eigene Glieder setzen,
+um seinen Leib mit seinem Leibe zu naehren.
+
+ Vis tamen illa mali postquam consumserat omnem
+ Materiam--
+ Ipse suos artus lacero divellere morsu
+ Coepit; et infelix minuendo corpus alebat.
+
+
+Nur darum waren die hAesslichen Harpyen so stinkend, so unflaetig, dass
+der Hunger, welchen ihre EntfUehrung der Speisen bewirken sollte,
+desto schrecklicher wuerde. Man hOere die Klage des Phineus, beim
+Apollonius 11):
+
+{11. Argonaut. lib. II. v. 228-233.}
+
+ TutJon d' hn ara dh pot' edhtuoV ammi lipwsi,
+ Pnei tode mudaleon te kai ou tlhton menoV odmhV.
+ Ou ke tiV oude minunJa brotvn anscoito pelassaV,
+ Oud' ei oi adamantoV elhlamenon kear eih.
+ Alla me pikrh dhta ke daitoV episcei anagkh
+ Mimnein, kai mimnonta kakh en gasteri JesJai.
+
+
+Ich mOechte gern aus diesem Gesichtspunkte die ekele EinfUehrung der
+Harpyen beim Virgil entschuldigen; aber es ist kein wirklicher
+gegenwAertiger Hunger, den sie verursachen, sondern nur ein
+instehender, den sie prophezeien; und noch dazu loeset sich die ganze
+Prophezeiung endlich in ein Wortspiel auf. Auch Dante bereitet uns
+nicht nur auf die Geschichte von der Verhungerung des Ugolino, durch
+die ekelhafteste, graesslichste Stellung, in die er ihn mit seinem
+ehemaligen Verfolger in der Hoelle setzet; sondern auch die
+Verhungerung selbst ist nicht ohne Zuege des Ekels, der uns besonders
+da sehr merklich ueberfaellt, wo sich die Soehne dem Vater zur Speise
+anbieten. In der Note will ich noch eine Stelle aus einem
+Schauspiele von Beaumont und Fletcher anfuehren, die statt aller
+andern Beispiele haette sein koennen, wenn ich sie nicht fuer ein wenig
+zu uebertrieben erkennen muesste 12).
+
+{12. The Sea-Voyage Act. III. Sc. 1. Ein franzoesischer Seeraeuber
+wird mit seinem Schiffe an eine wueste Insel verschlagen. Habsucht
+und Neid entzweien seine Leute und schaffen ein paar Elenden, welche
+auf dieser Insel geraume Zeit der aeussersten Not ausgesetzt gewesen,
+Gelegenheit, mit dem Schiffe in die See zu stechen. Alles Vorrates
+an Lebensmitteln sonach auf einmal beraubet, sehen jene Nichtswuerdige
+gar bald den schmaehlichsten Tod vor Augen, und einer drueckt gegen den
+andern seinen Hunger und seine Verzweiflung folgendergestalt aus:
+
+ Lamure.
+ Oh, what a tempest have I in my stomach!
+ How my empty guts cry out! My wounds ake,
+ Would they would bleed again, that I might get
+ Something to quench my thirst.
+
+ Franville.
+ O Lamure, the happiness my dogs had
+ When I kept house at home! They had a storehouse,
+ A storehouse of most blessed bones and crusts,
+ Happy crusts. Oh, how sharp hunger pinches me!--
+
+ Franville.
+ How now, what news?
+
+ Morillat.
+ Hast any meat yet?
+
+ Franville.
+ Not a bit that I can see;
+ Here be goodly quarries, but they be cruel hard
+ To gnaw: I ha' got some mud, we'll eat it with spoons,
+ Very good thick mud; bot it stinks damnably,
+ There's old rotten trunks of trees too,
+ Bot not a leaf nor blossom in all the island.
+
+ Lamure.
+ How it looks!
+
+ Morillat.
+ It stinks too.
+
+ Lamure.
+ It may be poison.
+
+ Franville.
+ Let it be any thing;
+ So I can get it down. Why man,
+ Poison's a princely dish.
+
+ Morillat.
+ Hast thou no bisket?
+ No crumbs left in thy pocket? Here is my doublet,
+ Give me but three small crumbs.
+
+ Franville.
+ Not for three kingdoms,
+ If I were master of 'em. Oh, Lamure,
+ But one poor joint of mutton, we ha' scorn'd, man.
+
+ Lamure.
+ Thou speak'st of paradise;
+ Or but the snuffs of those healths,
+ We have lewdly at midnight flang away.
+
+ Morillat.
+ Ah! but to lick the glasses.
+
+Doch alles dieses ist noch nichts gegen den folgenden Auftritt, wo
+der Schiffschirurgus dazu kommt.
+
+ Franville.
+ Here comes the surgeon. What
+ Hast thou discover'd? Smile, smile and comfort us.
+
+ Surgeon.
+ I am expiring,
+ Smile they that can. I can find nothing, gentlemen,
+ Here 's nothing can be meat, without a miracle
+ Oh that I had my boxes and my lints now,
+ My stupes, my tents, and those sweet helps of nature,
+ What dainty dishes could I make of 'em.
+
+ Morillat.
+ Hast ne'er an old suppository?
+
+ Surgeon.
+ Oh would I had, sir.
+
+ Lamure.
+ Or but the paper where such a cordial
+ Potion, or pills hath been entomb'd?
+
+ Franville.
+ Or the best bladder where a cooling-glister.
+
+ Morillat.
+ Hast thou no searcloths left?
+ Nor any old pultesses?
+
+ Franville.
+ We care not to what it hath been ministred.
+
+ Surgeon.
+ Sure I have none of these dainties, gentlemen.
+
+ Franville.
+ Where's the great wen
+ Thou cut'st from Hugh the sailor's shoulder?
+ That would serve now for a most princely banquet.
+
+ Surgeon.
+ Ay if we had it, gentlemen.
+ I flung it over-bord, slave that I was.
+
+ Lamure.
+ A most improvident villain.}
+
+Ich komme auf die ekelhaften GegenstAende in der Malerei. Wenn es
+auch schon ganz unstreitig waere, dass es eigentlich gar keine
+ekelhafte Gegenstaende fUer das Gesicht gaebe, von welchen es sich von
+sich selbst verstuende, dass die Malerei, als schOene Kunst, ihrer
+entsagen wuerde: so muesste sie dennoch die ekelhaften Gegenstaende
+ueberhaupt vermeiden, weil die Verbindung der Begriffe sie auch dem
+Gesichte ekel macht. Pordenone laesst, in einem Gemaelde von dem
+Begraebnisse Christi, einen von den Anwesenden die Nase sich zuhalten.
+Richardson missbilliget dieses deswegen 13), weil Christus noch nicht
+so lange tot gewesen, dass sein Leichnam in Faeulung uebergehen koennen.
+Bei der Auferweckung des Lazarus hingegen, glaubt er, sei es dem
+Maler erlaubt, von den Umstehenden einige so zu zeigen, weil es die
+Geschichte ausdruecklich sage, dass sein Koerper schon gerochen habe.
+Mich duenkt diese Vorstellung auch hier unertraeglich; denn nicht bloss
+der wirkliche Gestank, auch schon die Idee des Gestankes erwecket
+Ekel. Wir fliehen stinkende Orte, wenn wir schon den Schnupfen haben.
+Doch die Malerei will das Ekelhafte, nicht des Ekelhaften wegen;
+sie will es, so wie die Poesie, um das Laecherliche und Schreckliche
+dadurch zu verstaerken. Auf ihre Gefahr! Was ich aber von dem
+Haesslichen in diesem Falle angemerkt habe, gilt von dem Ekelhaften um
+so viel mehr. Es verlieret in einer sichtbaren Nachahmung von seiner
+Wirkung ungleich weniger, als in einer hoerbaren; es kann sich also
+auch dort mit den Bestandteilen des Laecherlichen und Schrecklichen
+weniger innig vermischen, als hier; sobald die Ueberraschung vorbei,
+sobald der erste gierige Blick gesaettiget, trennet es sich wiederum
+gaenzlich, und liegt in seiner eigenen kruden Gestalt da.
+
+{13. Richardson de la peinture T. I. p. 74.}
+
+
+
+XXVI.
+
+
+Des Herrn Winckelmanns "Geschichte der Kunst des Altertums" ist
+erschienen. Ich wage keinen Schritt weiter, ohne dieses Werk gelesen
+zu haben. Bloss aus allgemeinen Begriffen ueber die Kunst vernuenfteln,
+kann zu Grillen verfuehren, die man ueber lang oder kurz, zu seiner
+Beschaemung, in den Werken der Kunst widerlegt findet. Auch die Alten
+kannten die Bande, welche die Malerei und Poesie miteinander
+verknuepfen, und sie werden sie nicht enger zugezogen haben, als es
+beiden zutraeglich ist. Was ihre Kuenstler getan, wird mich lehren,
+was die Kuenstler ueberhaupt tun sollen; und wo so ein Mann die Fackel
+der Geschichte vortraegt, kann die Spekulation kuehnlich nachtreten.
+
+Man pfleget in einem wichtigen Werke zu blaettern, ehe man es
+ernstlich zu lesen anfaengt. Meine Neugierde war, vor allen Dingen
+des Verfassers Meinung von dem Laokoon zu wissen; nicht zwar von der
+Kunst des Werkes, ueber welche er sich schon anderwaerts erklaeret hat,
+als nur von dem Alter desselben. Wem tritt er darueber bei? Denen,
+welchen Virgil die Gruppe vor Augen gehabt zu haben scheinet? Oder
+denen, welche die Kuenstler dem Dichter nacharbeiten lassen?
+
+Es ist sehr nach meinem Geschmacke, dass er von einer gegenseitigem
+Nachahmung gaenzlich schweiget. Wo ist die absolute Notwendigkeit
+derselben? Es ist gar nicht unmoeglich, dass die Aehnlichkeiten, die
+ich oben zwischen dem poetischen Gemaelde und dem Kunstwerke in
+Erwaegung gezogen habe, zufaellige und nicht vorsaetzliche Aehnlichkeiten
+sind; und dass das eine so wenig das Vorbild des andern gewesen, dass
+sie auch nicht einmal beide einerlei Vorbild gehabt zu haben brauchen.
+Haette indes auch ihn ein Schein dieser Nachahmung geblendet, so
+wuerde er sich fuer die erstern haben erklaeren muessen. Denn er nimmt
+an, dass der Laokoon aus den Zeiten sei, da sich die Kunst unter den
+Griechen auf dem hoechsten Gipfel ihrer Vollkommenheit befunden habe,
+aus den Zeiten Alexanders des Grossen.
+
+"Das guetige Schicksal", sagt er 1), "welches auch ueber die Kuenste bei
+ihrer Vertilgung noch gewachet, hat aller Welt zum Wunder ein Werk
+aus dieser Zeit der Kunst erhalten, zum Beweise von der Wahrheit der
+Geschichte von der Herrlichkeit so vieler vernichteten Meisterstuecke.
+Laokoon, nebst seinen beiden Soehnen, vom Agesander, Apollodorus 2)
+und Athenodorus aus Rhodus gearbeitet, ist nach aller
+Wahrscheinlichkeit aus dieser Zeit, ob man gleich dieselbe nicht
+bestimmen, und wie einige getan haben, die Olympias, in welcher diese
+Kuenstler gebluehet haben, angeben kann."
+
+{1. Geschichte der Kunst, S. 347.}
+
+{2. Nicht Apollodorus, sondern Polydorus. Plinius ist der einzige,
+der diese Kuenstler nennet, und ich wuesste nicht, dass die Handschriften
+in diesem Namen voneinander abgingen. Harduin wuerde es gewiss sonst
+angemerkt haben. Auch die aeltern Ausgaben lesen alle Polydorus.
+Herr Winckelmann muss sich in dieser Kleinigkeit bloss verschrieben
+haben.}
+
+In einer Anmerkung setzet er hinzu: "Plinius meldet kein Wort von der
+Zeit, in welcher Agesander und die Gehilfen an seinem Werke gelebet
+haben; Maffei aber, in der Erklaerung alter Statuen, hat wissen wollen,
+dass diese Kuenstler in der achtundachtzigsten Olympias gebluehet haben,
+und auf dessen Wort haben andere, als Richardson, nachgeschrieben.
+Jener hat, wie ich glaube, einen Athenodorus unter des Polykletus
+Schuelern fuer einen von unsern Kuenstlern genommen, und da Polykletus
+in der siebenundachtzigsten Olympias gebluehet, so hat man seinen
+vermeinten Schueler eine Olympias spaeter gesetzet: andere Gruende kann
+Maffei nicht haben."
+
+Er konnte ganz gewiss keine andere haben. Aber warum laesst es Herr
+Winckelmann dabei bewenden, diesen vermeinten Grund des Maffei bloss
+anzufuehren? Widerlegt er sich von sich selbst? Nicht so ganz. Denn
+wenn er auch schon von keinen andern Gruenden unterstuetzt ist, so
+macht er doch schon fuer sich selbst eine kleine Wahrscheinlichkeit,
+wo man nicht sonst zeigen kann, dass Athenodorus, des Polyklets
+Schueler, und Athenodorus, der Gehilfe des Agesander und Polydorus,
+unmoeglich eine und ebendieselbe Person koennen gewesen sein. Zum
+Gluecke laesst sich dieses zeigen, und zwar aus ihrem verschiedenen
+Vaterlande. Der erste Athenodorus war, nach dem ausdruecklichen
+Zeugnisse des Pausanias 3), aus Klitor in Arkadien; der andere
+hingegen, nach dem Zeugnisse des Plinius, aus Rhodus gebuertig.
+
+{3. AJhnoJvroV de kai DamiaV--outoi de ArkadeV eisin ek KleitoroV.
+Phoc. cap. 9. p. 819. Edit. Kuh.}
+
+Herr Winckelmann kann keine Absicht dabei gehabt haben, dass er das
+Vorgeben des Maffei, durch Beifuegung dieses Umstandes, nicht
+unwidersprechlich widerlegen wollen. Vielmehr muessen ihm die Gruende,
+die er aus der Kunst des Werks, nach seiner unstreitigen Kenntnis,
+ziehet, von solcher Wichtigkeit geschienen haben, dass er sich
+unbekuemmert gelassen, ob die Meinung des Maffei noch einige
+Wahrscheinlichkeit behalte oder nicht. Er erkennet, ohne Zweifel, in
+dem Laokoon zu viele von den argutiis 4), die dem Lysippus so eigen
+waren, mit welchen dieser Meister die Kunst zuerst bereicherte, als
+dass er ihn fuer ein Werk vor desselben Zeit halten sollte.
+
+{4. Plinius lib. XXXIV. sect. 19. p. 653. Edit. Hard.}
+
+Allein, wenn es erwiesen ist, dass der Laokoon nicht aelter sein kann,
+als Lysippus, ist dadurch auch zugleich erwiesen, dass er ungefaehr aus
+seiner Zeit sein muesse? dass er unmoeglich ein weit spaeteres Werk sein
+koenne? Damit ich die Zeiten, in welchen die Kunst in Griechenland,
+bis zum Anfange der roemischen Monarchie, ihr Haupt bald wiederum
+emporhob, bald wiederum sinken liess, uebergehe: warum haette nicht
+Laokoon die glueckliche Frucht des Wetteifers sein koennen, welchen die
+verschwenderische Pracht der ersten Kaiser unter den Kuenstlern
+entzuenden musste? Warum koennten nicht Agesander und seine Gehilfen
+die Zeitverwandten eines Strongylion, eines Arcesilaus, eines
+Pasiteles, eines Posidonius, eines Diogenes sein? Wurden nicht die
+Werke auch dieser Meister zum Teil dem Besten, was die Kunst jemals
+hervorgebracht hatte, gleich geschaetzet? Und wann noch ungezweifelte
+Stuecke von selbigen vorhanden waeren, das Alter ihrer Urheber aber
+waere unbekannt, und liesse sich aus nichts schliessen, als aus ihrer
+Kunst, welche goettliche Eingebung muesste den Kenner verwahren, dass er
+sie nicht ebensowohl in jene Zeiten setzen zu muessen glaubte, die
+Herr Winckelmann allein des Laokoons wuerdig zu sein achtet?
+
+Es ist wahr, Plinius bemerkt die Zeit, in welcher die Kuenstler des
+Laokoons gelebt haben, ausdruecklich nicht. Doch wenn ich aus dem
+Zusammenhange der ganzen Stelle schliessen sollte, ob er sie mehr
+unter die alten oder unter die neuern Artisten gerechnet wissen
+wollen: so bekenne ich, dass ich fuer das letztere eine groessere
+Wahrscheinlichkeit darin zu bemerken glaube. Man urteile.
+
+Nachdem Plinius von den aeltesten und groessten Meistern in der
+Bildhauerkunst, dem Phidias, dem Praxiteles, dem Skopas, etwas
+ausfuehrlicher gesprochen, und hierauf die uebrigen, besonders solche,
+von deren Werken in Rom etwas vorhanden war, ohne alle chronologische
+Ordnung namhaft gemacht: so faehrt er folgendergestalt fort 5): Nec
+multo plurium fama est, quorundam claritati in operibus eximiis
+obstante numero artificum, quoniam nec unus occupat gloriam, nec
+plures pariter nuncupari possunt, sicut in Laocoonte, qui est in Titi
+Imperatoris domo, opus omnibus et picturae et statuariae artis
+praeponendum. Ex uno lapide eum et liberos draconumque mirabiles
+nexus de consilii sententia fecere summi artifices, Agesander et
+Polydorus et Athenodorus Rhodii. Similiter Palatinas domus Caesarum
+replevere probatissimis signis Craterus cum Pythodoro, Polydectes cum
+Hermolao, Pythodorus alius cum Artemone, et singularis Aphrodisius
+Trallianus. Agrippae Pantheum decoravit Diogenes Atheniensis, et
+Caryatides in columnis templi ejus probantur inter pauca operum:
+sicut in fastigio posita signa, sed propter altitudinem loci minus
+celebrata.
+
+{5. Libr. XXXVI. sect. 4. p. 730.}
+
+Von allen den Kuenstlern, welche in dieser Stelle genennet werden, ist
+Diogenes von Athen derjenige, dessen Zeitalter am
+unwidersprechlichsten bestimmt ist. Er hat das Pantheum des Agrippa
+ausgezieret; er hat also unter dem Augustus gelebt. Doch man erwaege
+die Worte des Plinius etwas genauer, und ich denke, man wird auch das
+Zeitalter des Kraterus und Pythodorus, des Polydektes und Hermolaus,
+des zweiten Pythodorus und Artemons, sowie des Aphrodisius Trallianus,
+ebenso unwidersprechlich bestimmt finden. Er sagt von ihnen:
+Palatinas domus Caesarum replevere probatissimis signis. Ich frage:
+kann dieses wohl nur so viel heissen, dass von ihren vortrefflichen
+Werken die Palaeste der Kaiser angefuellet gewesen? In dem Verstande
+naemlich, dass die Kaiser sie ueberall zusammensuchen und nach Rom in
+ihre Wohnungen versetzen lassen? Gewiss nicht. Sondern sie muessen
+ihre Werke ausdruecklich fuer diese Palaeste der Kaiser gearbeitet, sie
+muessen zu den Zeiten dieser Kaiser gelebt haben. Dass es spaete
+Kuenstler gewesen, die nur in Italien gearbeitet, laesst sich auch schon
+daher schliessen, weil man ihrer sonst nirgends gedacht findet.
+Haetten sie in Griechenland in fruehern Zeiten gearbeitet, so wuerde
+Pausanias ein oder das andere Werk von ihnen gesehen, und ihr
+Andenken uns aufbehalten haben. Ein Pythodorus koemmt zwar bei ihm
+vor 6), allein Harduin hat sehr unrecht, ihn fuer den Pythodorus in
+der Stelle des Plinius zu halten. Denn Pausanias nennet die
+Bildsaeule der Juno, die er von der Arbeit des erstern zu Koronea in
+Boeotien sahe, agalma arcaion, welche Benennung er nur den Werken
+derjenigen Meister gibet, die in den allerersten und raschesten
+Zeiten der Kunst, lange vor einem Phidias und Praxiteles, gelebt
+hatten. Und mit Werken solcher Art werden die Kaiser gewiss nicht
+ihre Palaeste ausgezieret haben. Noch weniger ist auf die andere
+Vermutung des Harduins zu achten, dass Artemon vielleicht der Maler
+gleiches Namens sei, dessen Plinius an einer andern Stelle gedenket.
+Name und Name geben nur eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit,
+derenwegen man noch lange nicht befugt ist, der natuerlichen Auslegung
+einer unverfaelschten Stelle Gewalt anzutun.
+
+{6. Boeotic. cap. XXXIV. p. 778. Edit. Kuhn.}
+
+Ist es aber sonach ausser allem Zweifel, dass Kraterus und Pythodorus,
+dass Polydektes und Hermolaus, mit den uebrigen, unter den Kaisern
+gelebet, deren Palaeste sie mit ihren trefflichen Werken angefuellet:
+so duenkt mich, kann man auch denjenigen Kuenstlern kein ander
+Zeitalter geben, von welchen Plinius auf jene durch ein Similiter
+uebergehet. Und dieses sind die Meister des Laokoon. Man ueberlege es
+nur: waeren Agesander, Polydorus und Athenodorus so alte Meister, als
+wofuer sie Herr Winckelmann haelt; wie unschicklich wuerde ein
+Schriftsteller, dem die Praezision des Ausdruckes keine Kleinigkeit
+ist, wenn er von ihnen auf einmal auf die allerneuesten Meister
+springen muesste, diesen Sprung mit einem Gleichergestalt tun?
+
+Doch man wird einwenden, dass sich dieses Similiter nicht auf die
+Verwandtschaft in Ansehung des Zeitalters, sondern auf einen andern
+Umstand beziehe, welchen diese, in Betrachtung der Zeit so unaehnliche
+Meister, miteinander gemein gehabt haetten. Plinius rede naemlich von
+solchen Kuenstlern, die in Gemeinschaft gearbeitet, und wegen dieser
+Gemeinschaft unbekannter geblieben waeren, als sie verdienten. Denn
+da keiner sich die Ehre des gemeinschaftlichen Werks allein anmassen
+koennen, alle aber, die daran teilgehabt, jederzeit zu nennen, zu
+weitlaeuftig gewesen waere (quoniam nec unus occupat gloriam, nec
+plures pariter nuncupari possunt): so waeren ihre saemtliche Namen
+darueber vernachlaessiget worden. Dieses sei den Meistern des Laokoons,
+dieses sei so manchen andern Meistern widerfahren, welche die Kaiser
+fuer ihre Palaeste beschaeftiget haetten.
+
+Ich gebe dieses zu. Aber auch so noch ist es hoechst wahrscheinlich,
+dass Plinius nur von neuern Kuenstlern sprechen wollen, die in
+Gemeinschaft gearbeitet. Denn haette er auch von aelteren reden wollen,
+warum haette er nur allein der Meister des Laokoons erwaehnet? Warum
+nicht auch anderer? Eines Onatas und Kalliteles; eines Timokles und
+Timarchides, oder der Soehne dieses Timarchides, von welchen ein
+gemeinschaftlich gearbeiteter Jupiter in Rom war 7). Herr
+Winckelmann sagt selbst, dass man von dergleichen aelteren Werken, die
+mehr als einen Vater gehabt, ein langes Verzeichnis machen koenne 8).
+Und Plinius sollte sich nur auf die einzigen Agesander, Polydorus und
+Athenodorus besonnen haben, wenn er sich nicht ausdruecklich nur auf
+die neuesten Zeiten haette einschraenken wollen?
+
+{7. Plinius lib. XXXVI. sect. 4. p. 730.}
+
+{8. Geschichte der Kunst, T. II. S. 332.}
+
+Wird uebrigens eine Vermutung um so viel wahrscheinlicher, je mehrere
+und groessere Unbegreiflichkeiten sich daraus erklaeren lassen, so ist
+es die, dass die Meister des Laokoons unter den ersten Kaisern
+gebluehet haben, gewiss in einem sehr hohen Grade. Denn haetten sie in
+Griechenland zu den Zeiten, in welche sie Herr Winckelmann setzet,
+gearbeitet; haette der Laokoon selbst in Griechenland ehedem gestanden:
+so muesste das tiefe Stillschweigen, welches die Griechen von einem
+solchen Werke (opere omnibus et picturae et statuariae artis
+praeponendo) beobachtet haetten, aeusserst befremden. Es muesste aeusserst
+befremden, wenn so grosse Meister weiter gar nichts gearbeitet haetten,
+oder wenn Pausanias von ihren uebrigen Werken in ganz Griechenland
+ebensowenig wie von dem Laokoon zu sehen bekommen haette. In Rom
+hingegen konnte das groesste Meisterstueck lange im Verborgenen bleiben,
+und wenn Laokoon auch bereits unter dem Augustus waere verfertiget
+worden, so duerfte es doch gar nicht sonderbar scheinen, dass erst
+Plinius seiner gedacht, seiner zuerst und zuletzt gedacht. Denn man
+erinnere sich nur, was er von einer Venus des Skopas sagt 9), die zu
+Rom in einem Tempel des Mars stand, quemcunque alium locum
+nobilitatura. Romae quidem magnitudo operum eam obliterat, ac magni
+officiorum negotiorumque acervi omnes a contemplatione talium
+abducunt: quoniam otiosorum et in magno loci silentio apta admiratio
+talis est.
+
+{9. Plinius 1. c. p. 727.}
+
+Diejenigen, welche in der Gruppe Laokoon so gern eine Nachahmung des
+Virgilischen Laokoons sehen wollen, werden, was ich bisher gesagt,
+mit Vergnuegen ergreifen. Noch fiele mir eine Mutmassung bei, die sie
+gleichfalls nicht sehr missbilligen duerften. Vielleicht, koennten sie
+denken, war es Asinius Pollio, der den Laokoon des Virgils durch
+griechische Kuenstler ausfuehren liess. Pollio war ein besonderer
+Freund des Dichters, ueberlebte den Dichter, und scheinet sogar ein
+eigenes Werk ueber die Aeneis geschrieben zu haben. Denn wo sonst,
+als in einem eigenen Werke ueber dieses Gedicht, koennen so leicht die
+einzeln Anmerkungen gestanden haben, die Servius aus ihm anfuehrt 10)?
+Zugleich war Pollio ein Liebhaber und Kenner der Kunst, besass eine
+reiche Sammlung der trefflichsten alten Kunstwerke, liess von
+Kuenstlern seiner Zeit neue fertigen, und dem Geschmacke, den er in
+seiner Wahl zeigte, war ein so kuehnes Stueck, als Laokoon, vollkommen
+angemessen 11): ut fuit acris vehementiae, sic quoque spectari
+monumenta sua voluit. Doch da das Kabinett des Pollio, zu den Zeiten
+des Plinius, als Laokoon in dem Palaste des Titus stand, noch ganz
+unzertrennet an einem besondern Orte beisammen gewesen zu sein
+scheinet: so moechte diese Mutmassung von ihrer Wahrscheinlichkeit
+wiederum etwas verlieren. Und warum koennte es nicht Titus selbst
+getan haben, was wir dem Pollio zuschreiben wollen?
+
+{10. Ad ver. 7. lib. II. Aeneid. und besonders ad ver. 183 lib. XI.
+Man duerfte also wohl nicht unrecht tun, wenn man das Verzeichnis der
+verlornen Schriften dieses Mannes mit einem solchen Werke vermehrte.}
+
+{11. Plinius lib. XXXVI. sect. 4. p. 729.}
+
+
+
+XXVII.
+
+
+Ich werde in meiner Meinung, dass die Meister des Laokoons unter den
+ersten Kaisern gearbeitet haben, wenigstens so alt gewiss nicht sein
+koennen, als sie Herr Winckelmann ausgibt, durch eine kleine Nachricht
+bestaerket, die er selbst zuerst bekannt macht. Sie ist diese 1):
+
+{1. Geschichte der Kunst, T. II. S. 347.}
+
+"Zu Nettuno, ehemals Antium, hat der Herr Kardinal Alexander Albani,
+im Jahre 1717, in einem grossen Gewoelbe, welches im Meere versunken
+lag, eine Vase entdecket, welche von schwarz greulichem Marmor ist,
+den man itzo Bigio nennet, in welche die Figur eingefueget war; auf
+derselben befindet sich folgende Inschrift:
+
+ AQANODWROS AGHSANDROU
+ RODIOS EPOIHSE
+
+"Athanodorus, des Agesanders Sohn, aus Rhodus, hat es gemacht." Wir
+lernen aus dieser Inschrift, dass Vater und Sohn am Laokoon gearbeitet
+haben, und vermutlich war auch Apollodorus (Polydorus) des Agesanders
+Sohn; denn dieser Athanodorus kann kein anderer gewesen sein, als der,
+welchen Plinius nennet. Es beweiset ferner diese Inschrift, dass
+sich mehr Werke der Kunst, als nur allein drei, wie Plinius will,
+gefunden haben, auf welche die KUenstler das Wort,gemacht' in
+vollendeter und bestimmter Zeit gesetzet, nAemlich epoihse, fecit: er
+berichtet, dass die uebrigen Kuenstler aus Bescheidenheit sich in
+unbestimmter Zeit ausgedruecket, epoiei, faciebat."
+
+Darin wird Herr Winckelmann wenig Widerspruch finden, dass der
+Athanodorus in dieser Inschrift kein anderer, als der Athenodorus
+sein kOenne, dessen Plinius unter den Meistern des Laokoons gedenket.
+Athenodorus und Athanodorus ist auch voellig ein Name; denn die
+Rhodier bedienten sich des dorischen Dialekts. Allein ueber das, was
+er sonst daraus folgern will, muss ich einige Anmerkungen machen.
+
+Das erste, dass Athenodorus ein Sohn des Agesanders gewesen sei, mag
+hingehen. Es ist sehr wahrscheinlich, nur nicht unwidersprechlich.
+Denn es ist bekannt, dass es alte Kuenstler gegeben, die, anstatt sich
+nach ihrem Vater zu nennen, sich lieber nach ihrem Lehrmeister nennen
+wollen. Was Plinius von den Gebruedern Apollonius und Tauriskus saget,
+leidet nicht wohl eine andere Auslegung 2).
+
+{2. Libr. XXXVI. sect. 4. p. 730.}
+
+Aber wie? Diese Inschrift soll zugleich das Vorgeben des Plinius
+widerlegen, dass sich nicht mehr als drei Kunstwerke gefunden, zu
+welchen sich ihre Meister in der vollendeten Zeit (anstatt des epoiei,
+durch epoihse) bekannt haetten? Diese Inschrift? Warum sollen wir
+erst aus dieser Inschrift lernen, was wir laengst aus vielen andern
+haetten lernen koennen? Hat man nicht schon auf der Statue des
+Germanicus KleomenhV--epoihse gefunden? Auf der sogenannten
+Vergoetterung des Homers ArcelaoV epoihse? Auf der bekannten Vase zu
+Gaeta Salpiwn epoihse 3)? usw.
+
+{3. Man sehe das Verzeichnis der Aufschriften alter Kunstwerke beim
+Mar. Gudius (ad Phaedri fab. V. lib. I.) und ziehe zugleich die
+Berichtigung desselben vom Gronov (Praef. ad tom. IX. Thesauri
+antiqu. Graec.) zu Rate.}
+
+Herr Winckelmann kann sagen: "Wer weiss dieses besser als ich? Aber",
+wird er hinzusetzen, "desto schlimmer fuer den Plinius. Seinem
+Vorgeben ist also um so oefterer widersprochen; es ist um so gewisser
+widerlegt."
+
+Noch nicht. Denn wie, wenn Herr Winckelmann den Plinius mehr sagen
+liesse, als er wirklich sagen wollen? Wenn also die angefuehrten
+Beispiele nicht das Vorgeben des Plinius, sondern bloss das Mehrere,
+welches Herr Winckelmann in dieses Vorgeben hineingetragen,
+widerlegten? Und so ist es wirklich. Ich muss die ganze Stelle
+anfuehren. Plinius will in seiner Zueignungsschrift an den Titus, von
+seinem Werke mit der Bescheidenheit eines Mannes sprechen, der es
+selbst am besten weiss, wie viel demselben zur Vollkommenheit noch
+fehle. Er findet ein merkwuerdiges Exempel einer solchen
+Bescheidenheit bei den Griechen, ueber deren prahlende,
+vielversprechende Buechertitel (inscriptiones, propter quas vadimonium
+deseri possit) er sich vorher ein wenig aufgehalten, und sagt 4): Et
+ne in totum videar Graecos insectari, ex illis mox velim intelligi
+pingendi fingendique conditoribus, quos in libellis his invenies,
+absoluta opera, et illa quoque quae mirando non satiamur, pendenti
+titulo inscripsisse: ut APELLES FACIEBAT, aut POLYCLETUS: tanquam
+inchoata semper arte et imperfecta: ut contra judiciorum varietates
+superesset artifici regressus ad veniam, velut emendaturo quidquid
+desideraretur, si non esset interceptus. Quare plenum verecundiae
+illud est, quod omnia opera tamquam novissima inscripsere, et tamquam
+singulis fato adempti. Tria non amplius, ut opinor, absolute
+traduntur inscripta ILLE FECIT, quae suis locis reddam: quo apparuit,
+summam artis securitatem auctori placuisse, et ob id magna invidia
+fuere omnia ea. Ich bitte auf die Worte des Plinius, pingendi
+fingendique conditoribus, aufmerksam zu sein. Plinius sagt nicht,
+dass die Gewohnheit, in der unvollendeten Zeit sich zu seinem Werke zu
+bekennen, allgemein gewesen; dass sie von allen Kuenstlern, zu allen
+Zeiten beobachtet worden: er sagt ausdruecklich, dass nur die ersten
+alten Meister, jene Schoepfer der bildenden Kuenste, pingendi
+fingendique conditores, ein Apelles, ein Polyklet, und ihre
+Zeitverwandte, diese kluge Bescheidenheit gehabt haetten; und da er
+diese nur allein nennet, so gibt er stillschweigend, aber deutlich
+genug, zu verstehen, dass ihre Nachfolger, besonders in den spaetern
+Zeiten, mehr Zuversicht auf sich selber geaeussert.
+
+{4. Libr. I. p. 5. Edit. Hard.}
+
+Dieses aber angenommen, wie man es annehmen muss, so kann die
+entdeckte Aufschrift von dem einen der drei Kuenstler des Laokoons
+ihre voellige Richtigkeit haben, und es kann demohngeachtet wahr sein,
+dass, wie Plinius sagt, nur etwa drei Werke vorhanden gewesen, in
+deren Aufschriften sich ihre Urheber der vollendeten Zeit bedienet;
+naemlich unter den aeltern Werken, aus den Zeiten des Apelles, des
+Polyklets, des Nicias, des Lysippus. Aber das kann sodann seine
+Richtigkeit nicht haben, dass Athenodorus und seine Gehilfen,
+Zeitverwandte des Apelles und Lysippus gewesen sind, zu welchen sie
+Herr Winckelmann machen will. Man muss vielmehr so schliessen: Wenn es
+wahr ist, dass unter den Werken der aeltern Kuenstler, eines Apelles,
+eines Polyklets und der uebrigen aus dieser Klasse, nur etwa drei
+gewesen sind, in deren Aufschriften die vollendete Zeit von ihnen
+gebraucht worden; wenn es wahr ist, dass Plinius diese drei Werke
+selbst namhaft gemacht hat 5): so kann Athenodorus, von dem keines
+dieser drei Werke ist, und der sich demohngeachtet auf seinen Werken
+der vollendeten Zeit bedienet, zu jenen alten Kuenstlern nicht gehoeren;
+er kann kein Zeitverwandter des Apelles, des Lysippus sein, sondern
+er muss in spaetere Zeiten gesetzt werden.
+
+{5. Er verspricht wenigstens ausdruecklich, es zu tun: quae suis locis
+reddam. Wenn er es aber nicht gaenzlich vergessen, so hat er es doch
+sehr im Vorbeigehen und gar nicht auf eine Art getan, als man nach
+einem solchen Versprechen erwartet. Wenn er z. E. schreibet (Lib.
+XXXV. sect. 39.): Lysippus quoque Aeginae picturae suae inscripsit,
+enekausen: quod profecto non fecisset, nisi encaustica inventa: so
+ist es offenbar, dass er dieses enekausen zum Beweise einer ganz
+andern Sache braucht. Hat er aber, wie Harduin glaubt, auch zugleich
+das eine von den Werken dadurch angeben wollen, deren Aufschrift in
+dem Aoristo abgefasst gewesen: so haette es sich wohl der Muehe
+verlohnet, ein Wort davon mit einfliessen zu lassen. Die andern zwei
+Werke dieser Art, findet Harduin in folgender Stelle: Idem (Divus
+Augustus) in curia quoque, quam in comitio consecrabat, duas tabulas
+impressit parieti: Nemeam sedentem supra leonem, palmigeram ipsam,
+adstante cum baculo sene, cujus supra caput tabula bigae dependet.
+Nicias scripsit se inussisse: tali enim usus est verbo. Alterius
+tabulae admiratio est, puberem filium seni patri similem esse, salva
+aetatis differentia, supervolante aquila draconem complexa.
+Philochares hoc suum opus esse testatus est. (lib. XXXV. sect. 10.)
+Hier werden zwei verschiedene Gemaelde beschrieben, welche Augustus in
+dem neuerbauten Rathause aufstellen lassen. Das zweite ist vom
+Philochares, das erste vom Nicias. Was von jenem gesagt wird, ist
+klar und deutlich. Aber bei diesem finden sich Schwierigkeiten. Es
+stellte die Nemea vor, auf einem Loewen sitzend, einen Palmenzweig in
+der Hand, neben ihr ein alter Mann mit einem Stabe; cujus supra caput
+tabula bigae dependet. Was heisst das? Ueber dessen Haupte eine
+Tafel hing, worauf ein zweispaenniger Wagen gemalt war? Das ist noch
+der einzige Sinn, den man diesen Worten geben kann. Also war auf das
+Hauptgemaelde noch ein anderes kleineres Gemaelde gehangen? Und beide
+waren von dem Nicias? So muss es Harduin genommen haben. Denn wo
+waeren hier sonst zwei Gemaelde des Nicias, da das andere ausdruecklich
+dem Philochares zugeschrieben wird? Inscripsit Nicias igitur geminae
+huic tabulae suum nomen in hunc modum: O NIKIAS ENEKAUSEN; atque adeo
+e tribus operibus, quae absolute fuisse inscripta, ILLE FECIT,
+indicavit praefatio ad Titum, duo haec sunt Niciae. Ich moechte den
+Harduin fragen: wenn Nicias nicht den Aoristum, sondern wirklich das
+Imperfektum gebraucht haette, Plinius haette aber bloss bemerken wollen,
+dass der Meister, anstatt des grajein, egkaiein gebraucht haette; wuerde
+er in seiner Sprache auch nicht noch alsdenn haben sagen muessen,
+Nicias scripsit se inussisse? Doch ich will hierauf nicht bestehen;
+es mag wirklich des Plinius Wille gewesen sein, eines von den Werken,
+wovon die Rede ist, dadurch anzudeuten. Wer aber wird sich das
+doppelte Gemaelde einreden lassen, deren eines ueber dem andern
+gehangen? Ich mir nimmermehr. Die Worte cujus supra caput tabula
+bigae dependet, koennen also nicht anders als verfaelscht sein. Tabula
+bigae, ein Gemaelde, worauf ein zweispaenniger Wagen gemalet, klingt
+nicht sehr Plinianisch, wenn auch Plinius schon sonst den Singularem
+von bigae braucht. Und was fuer ein zweispaenniger Wagen? Etwan,
+dergleichen zu den Wettrennen in den Nemeaeischen Spielen gebraucht
+wurden; so dass dieses kleinere Gemaelde in Ansehung dessen, was es
+vorstellte, zu dem Hauptgemaelde gehoert haette? Das kann nicht sein;
+denn in den Nemeaeischen Spielen waren nicht zweispaennige, sondern
+vierspaennige Wagen gewoehnlich. (Schmidius in prol. ad Nemeonicas, p.
+2.) Einsmals kam ich auf die Gedanken, dass Plinius anstatt des bigae
+vielleicht ein griechisches Wort geschrieben, welches die Abschreiber
+nicht verstanden, ich meine ptucion. Wir wissen naemlich aus einer
+Stelle des Antigonus Karystius, beim Zenobius (conf. Gronovius T. IX.
+Antiquit. Graec. Praef. p. 8), dass die alten Kuenstler nicht immer
+ihre Namen auf ihre Werke selbst, sondern auch wohl auf besondere
+Taefelchen gesetzet, welche dem Gemaelde, oder der Statue angehangen
+wurden. Und ein solches Taefelchen hiess ptucion. Dieses griechische
+Wort fand sich vielleicht in einer Handschrift durch die Glosse,
+tabula, tabella erklaeret; und das tabula kam endlich mit in den Text.
+Aus ptucion ward bigae; und so entstand das tabula bigae. Nichts
+kann zu dem Folgenden besser passen, als dieses ptucion; denn das
+Folgende eben ist es, was darauf stand. Die ganze Stelle waere also
+so zu lesen: cujus supra caput ptucion dependet, quo Nicias scripsit
+se inussisse. Doch diese Korrektur, ich bekenne es, ist ein wenig
+kuehn. Muss man denn auch alles verbessern koennen, was man verfaelscht
+zu sein beweisen kann? Ich begnuege mich, das letztere hier geleistet
+zu haben, und ueberlasse das erstere einer geschicktern Hand. Doch
+nunmehr wiederum zur Sache zurueckzukommen; wenn Plinius also nur von
+einem Gemaelde des Nicias redet, dessen Aufschrift im Aoristo abgefasst
+gewesen, und das zweite Gemaelde dieser Art das obige des Lysippus ist:
+welches ist denn nun das dritte? Das weiss ich nicht. Wenn ich es
+bei einem andern alten Schriftsteller finden duerfte, als bei dem
+Plinius, so wuerde ich nicht sehr verlegen sein. Aber es soll bei dem
+Plinius gefunden werden; und noch einmal: bei diesem weiss ich es
+nicht zu finden.}
+
+Kurz; ich glaube, es liesse sich als ein sehr zuverlaessiges Kriterium
+angeben, dass alle Kuenstler, die das epoihse gebraucht, lange nach den
+Zeiten Alexanders des Grossen, kurz vor oder unter den Kaisern,
+gebluehet haben. Von dem Kleomenes ist es unstreitig; von dem
+Archelaus ist es hoechst wahrscheinlich; und von dem Salpion kann
+wenigstens das Gegenteil auf keine Weise erwiesen werden. Und so von
+den uebrigen; den Athenodorus nicht ausgeschlossen.
+
+Herr Winckelmann selbst mag hierueber Richter sein! Doch protestiere
+ich gleich im voraus wider den umgekehrten Satz. Wenn alle Kuenstler,
+welche epoihse gebraucht, unter die spaeten gehoeren: so gehoeren darum
+nicht alle, die sich des epoiei bedienet, unter die aeltern. Auch
+unter den spaetern Kuenstlern koennen einige diese einem grossen Manne so
+wohl anstehende Bescheidenheit wirklich besessen, und andere sie zu
+besitzen sich gestellet haben.
+
+
+
+XXVIII.
+
+
+Nach dem Laokoon war ich auf nichts neugieriger, als auf das, was
+Herr Winckelmann von dem sogenannten Borghesischen Fechter sagen
+moechte. Ich glaube eine Entdeckung ueber diese Statue gemacht zu
+haben, auf die ich mir alles einbilde, was man sich auf dergleichen
+Entdeckungen einbilden kann.
+
+Ich besorgte schon, Herr Winckelmann wuerde mir damit zuvorgekommen
+sein. Aber ich finde nichts dergleichen bei ihm; und wenn nunmehr
+mich etwas misstrauisch in ihre Richtigkeit machen koennte, so wuerde es
+eben das sein, dass meine Besorgnis nicht eingetroffen.
+
+"Einige", sagt Herr Winckelmann 1), "machen aus dieser Statue einen
+Discobolus, das ist, der mit dem Disco, oder mit einer Scheibe von
+Metall, wirft, und dieses war die Meinung des beruehmten Herrn von
+Stosch in einem Schreiben an mich, aber ohne genugsame Betrachtung
+des Standes, worin dergleichen Figur will gesetzt sein. Denn
+derjenige, welcher etwas werfen will, muss sich mit dem Leibe
+hinterwaerts zurueckziehen, und indem der Wurf geschehen soll, liegt
+die Kraft auf dem naechsten Schenkel, und das linke Bein ist muessig:
+hier aber ist das Gegenteil. Die ganze Figur ist vorwaerts geworfen,
+und ruhet auf dem linken Schenkel, und das rechte Bein ist
+hinterwaerts auf das aeusserste ausgestrecket. Der rechte Arm ist neu,
+und man hat ihm in die Hand ein Stueck von einer Lanze gegeben, auf
+dem linken Arme sieht man den Riem von dem Schilde, welchen er
+gehalten hat. Betrachtet man, dass der Kopf und die Augen aufwaerts
+gerichtet sind, und dass die Figur sich mit dem Schilde vor etwas, das
+von oben her kommt, zu verwahren scheint, so koennte man diese Statue
+mit mehrerem Rechte fuer eine Vorstellung eines Soldaten halten,
+welcher sich in einem gefaehrlichen Stande besonders verdient gemacht
+hat: denn Fechtern in Schauspielen ist die Ehre einer Statue unter
+den Griechen vermutlich niemals widerfahren: und dieses Werk scheinet
+aelter als die Einfuehrung der Fechter unter den Griechen zu sein."
+
+{1. Geschichte der Kunst, T. II. S. 394.}
+
+Man kann nicht richtiger urteilen. Diese Statue ist ebensowenig ein
+Fechter, als ein Discobolus; es ist wirklich die Vorstellung eines
+Kriegers, der sich in einer solchen Stellung bei einer gefaehrlichen
+Gelegenheit hervortat. Da Herr Winckelmann aber dieses so gluecklich
+erriet: wie konnte er hier stehen bleiben? Wie konnte ihm der
+Krieger nicht beifallen, der vollkommen in dieser naemlichen Stellung
+die voellige Niederlage eines Heeres abwandte, und dem sein
+erkenntliches Vaterland eine Statue vollkommen in der naemlichen
+Stellung setzen liess?
+
+Mit einem Worte: die Statue ist Chabrias.
+
+Der Beweis ist folgende Stelle des Nepos in dem Leben dieses
+Feldherrn 2). Hic quoque in summis habitus est ducibus: resque
+multas memoria dignas gessit. Sed ex his elucet maxime inventum ejus
+in proelio, quod apud Thebas fecit, quum Boeotiis subsidio venisset.
+Namque in eo victoriae fidente summo duce Agesilao, fugatis jam ab eo
+conductitiis catervis, reliquam phalangem loco vetuit cedere,
+obnixoque genu scuto, projectaque hasta impetum excipere hostium
+docuit. Id novum Agesilaus contuens, progredi non est ausus, suosque
+jam incurrentes tuba revocavit. Hoc usque eo tota Graecia fama
+celebratum est, ut illo statu Chabrias sibi statuam fieri voluerit,
+quae publice ei ab Atheniensibus in foro constituta est. Ex quo
+factum est, ut postea athletae, ceterique artifices his statibus in
+statuis ponendis uterentur, in quibus victoriam essent adepti.
+
+{2. cap. I.}
+
+Ich weiss es, man wird noch einen Augenblick anstehen, mir Beifall zu
+geben; aber ich hoffe, auch wirklich nur einen Augenblick. Die
+Stellung des Chabrias scheinet nicht vollkommen die naemliche zu sein,
+in welcher wir die Borghesische Statue erblicken. Die vorgeworfene
+Lanze, projecta hasta, ist beiden gemein, aber das obnixo genu scuto
+erklaeren die Ausleger durch obnixo in scutum, obfirmato genu ad
+scutum: Chabrias wies seinen Soldaten, wie sie sich mit dem Knie
+gegen das Schild stemmen, und hinter demselben den Feind abwarten
+sollten; die Statue hingegen haelt das Schild hoch. Aber wie, wenn
+die Ausleger sich irrten? Wie, wenn die Worte obnixo genu scuto
+nicht zusammen gehoerten, und man obnixo genu besonders, und scuto
+besonders, oder mit dem darauf folgenden projectaque hasta zusammen
+lesen muesste? Man mache ein einziges Komma, und die Gleichheit ist
+nunmehr so vollkommen als moeglich. Die Statue ist ein Soldat, qui
+obnixo genu 3), scuto projectaque hasta impetum hostis excipit; sie
+zeigt, was Chabrias tat, und ist die Statue des Chabrias. Dass das
+Komma wirklich fehle, beweiset das dem projecta angehaengte que,
+welches, wenn obnixo genu scuto zusammengehoerten, ueberfluessig sein
+wuerde, wie es denn auch wirklich einige Ausgaben daher weglassen.
+
+{3. So sagt Statius obnixa pectora (Thebaid. lib. VI. v. 863).
+
+ --rumpunt obnixa furentes
+ Pectora.
+
+
+welches der alte Glossator des Barths durch summa vi contra nitentia
+erklAert. So sagt Ovid (Halieut. v. 11) obnixa fronte, wenn er von
+der Meerbramse (Scaro) spricht, die sich nicht mit dem Kopfe, sondern
+mit dem Schwanze durch die Reusen zu arbeiten sucht:
+
+ Non audet radiis obnixa occurrere fronte.}
+
+
+Mit dem hohen Alter, welches dieser Statue sonach zukAeme, stimmt die
+Form der Buchstaben in der darauf befindlichen Aufschrift des
+Meisters vollkommen Ueberein; und Herr Winckelmann selbst hat aus
+derselben geschlossen, dass es die aelteste von den gegenwaertigen
+Statuen in Rom sei, auf welchen sich der Meister angegeben hat.
+Seinem scharfsichtigen Blicke ueberlasse ich es, ob er sonst in
+Ansehung der Kunst etwas daran bemerket, welches mit meiner Meinung
+streiten kOennte. Sollte er sie seines Beifalles wuerdigen, so duerfte
+ich mich schmeicheln, ein besseres Exempel gegeben zu haben, wie
+gluecklich sich die klassischen Schriftsteller durch die alten
+Kunstwerke, und diese hinwiederum aus jenen aufklaeren lassen, als in
+dem ganzen Folianten des Spence zu finden ist.
+
+
+
+XXIX.
+
+
+Bei der unermesslichen Belesenheit, bei den ausgebreitetsten feinsten
+Kenntnissen der Kunst, mit welchen sich Herr Winckelmann an sein Werk
+machte, hat er mit der edeln Zuversicht der alten Artisten gearbeitet,
+die allen ihren Fleiss auf die Hauptsache verwandten, und was
+Nebendinge waren, entweder mit einer gleichsam vorsaetzlichen
+Nachlaessigkeit behandelten, oder gaenzlich der ersten der besten
+fremden Hand ueberliessen.
+
+Es ist kein geringes Lob, nur solche Fehler begangen zu haben, die
+ein jeder haette vermeiden koennen. Sie stossen bei der ersten
+fluechtigen Lektuere auf, und wenn man sie anmerken darf, so muss es nur
+in der Absicht geschehen, um gewisse Leute, welche allein Augen zu
+haben glauben, zu erinnern, dass sie nicht angemerkt zu werden
+verdienen.
+
+Schon in seinen Schriften ueber die Nachahmung der griechischen
+Kunstwerke ist Herr Winckelmann einige Male durch den Junius verfuehrt
+worden. Junius ist ein sehr verfaenglicher Autor; sein ganzes Werk
+ist ein Cento, und da er immer mit den Worten der Alten reden will,
+so wendet er nicht selten Stellen aus ihnen auf die Malerei an, die
+an ihrem Orte von nichts weniger als von der Malerei handeln. Wenn
+zum Exempel Herr Winckelmann lehren will, dass sich durch die blosse
+Nachahmung der Natur das Hoechste in der Kunst, ebensowenig wie in der
+Poesie erreichen lasse, dass sowohl Dichter als Maler lieber das
+Unmoegliche, welches wahrscheinlich ist, als das bloss Moegliche waehlen
+muesse: so setzt er hinzu: "Die Moeglichkeit und Wahrheit, welche
+Longin von einem Maler im Gegensatze des Unglaublichen bei dem
+Dichter fodert, kann hiermit sehr wohl bestehen." Allein dieser
+Zusatz waere besser weggeblieben; denn er zeiget die zwei groessten
+Kunstrichter in einem Widerspruche, der ganz ohne Grund ist. Es ist
+falsch, dass Longin so etwas jemals gesagt hat. Er sagt etwas
+Aehnliches von der Beredsamkeit und Dichtkunst, aber keinesweges von
+der Dichtkunst und Malerei. WV d' eteron ti h rhtorikh jantasia
+bouletai, kai eteron h para poihtaiV, ouk an laJoi se, schreibt er an
+seinen Terentian 1); oud' oti thV men en poihsei teloV estin ekplhxiV,
+thV d' en logoiV enargeia. Und wiederum: Ou mhn alla ta men para
+toiV poihtaiV muJikwteran ecei thn uperekptwsin, kai panth to piston
+uperairousan- thV de rhtorikhV jantasiaV, kalliston aei to emprakton
+kai enalhJeV. Nur Junius schiebt, anstatt der Beredsamkeit, die
+Malerei hier unter; und bei ihm war es, nicht bei dem Longin, wo Herr
+Winckelmann gelesen hatte 2): Praesertim cum poeticae phantasiae
+finis sit ekplhxiV, pictoriae vero, enargeia. Kai ta men para toiV
+poihtaiV, ut loquitur idem Longinus, usw. Sehr wohl; Longins Worte,
+aber nicht Longins Sinn!
+
+{1. Peri uyouV. tmhma id'. Edit. T. Fabri. p. 36. 39.}
+
+{2. De pictura vet. lib. I. cap. 4. p. 33.}
+
+Mit folgender Anmerkung muss es ihm ebenso gegangen sein: "Alle
+Handlungen", sagt er 3), "und Stellungen der griechischen Figuren,
+die mit dem Charakter der Weisheit nicht bezeichnet, sondern gar zu
+feurig und zu wild waren, verfielen in einen Fehler, den die alten
+Kuenstler Parenthyrsus nannten." Die alten Kuenstler? Das duerfte nur
+aus dem Junius zu erweisen sein. Denn Parenthyrsus war ein
+rhetorisches Kunstwort, und vielleicht, wie die Stelle des Longins zu
+verstehen zu geben scheinet, auch nur dem einzigen Theodor eigen 4).
+Toutw parakeitai triton ti kakiaV eidoV en toiV paJhtikoiV, oper o
+QeodwroV parenJurson ekalei- esti de paJoV akairon kai kenon, enJa mh
+dei paJouV- h ametron, enJa metriou dei. Ja ich zweifle sogar, ob
+sich ueberhaupt dieses Wort in die Malerei uebertragen laesst. Denn in
+der Beredsamkeit und Poesie gibt es ein Pathos, das so hoch getrieben
+werden kann als moeglich, ohne Parenthyrsus zu werden; und nur das
+hoechste Pathos an der unrechten Stelle, ist Parenthyrsus. In der
+Malerei aber wuerde das hoechste Pathos allezeit Parenthyrsus sein,
+wenn es auch durch die Umstaende der Person, die es aeussert, noch so
+wohl entschuldigt werden koennte.
+
+{3. Von der Nachahmung der griech. Werke usw. S. 23.}
+
+{4. Tmhma b'.}
+
+Dem Ansehen nach werden also auch verschiedene Unrichtigkeiten in der
+"Geschichte der Kunst" bloss daher entstanden sein, weil Herr
+Winckelmann in der Geschwindigkeit nur den Junius und nicht die
+Quellen selbst zu Rate ziehen wollen. Z. E.: Wenn er durch Beispiele
+zeigen will, dass bei den Griechen alles Vorzuegliche in allerlei Kunst
+und Arbeit besonders geschaetzet worden, und der beste Arbeiter in der
+geringsten Sache zur Verewigung seines Namens gelangen koennen: so
+fuehret er unter andern auch dieses an 5): "Wir wissen den Namen eines
+Arbeiters von sehr richtigen Wagen, oder Wageschalen; er hiess
+Parthenius." Herr Winckelmann muss die Worte des Juvenals, auf die er
+sich desfalls beruft, lances Parthenio factas, nur in dem Katalogo
+des Junius gelesen haben. Denn haette er den Juvenal selbst
+nachgesehen, so wuerde er sich nicht von der Zweideutigkeit des Wortes
+lanx haben verfuehren lassen, sondern sogleich aus dem Zusammenhange
+erkannt haben, dass der Dichter nicht Wagen oder Wageschalen, sondern
+Teller und Schuesseln meine. Juvenal ruehmt naemlich den Catullus, dass
+er es bei einem gefaehrlichen Sturme zur See wie der Biber gemacht,
+welcher sich die Geilen abbeisst, um das Leben davon zu bringen; dass
+er seine kostbarsten Sachen ins Meer werfen lassen, um nicht mitsamt
+dem Schiffe unterzugehen. Diese kostbaren Sachen beschreibt er, und
+sagt unter anderm:
+
+{5. Geschichte der Kunst, T. I. S. 136.}
+
+ Ille nec argentum dubitabat mittere, lances
+ Parthenio factas, urnae cratera capacem
+ Et dignum sitiente Pholo, vel conjuge Fusci.
+ Adde et bascaudas et mille escaria, multum
+ Caelati, biberat quo callidus emtor Olynthi.
+
+
+Lances, die hier mitten unter Bechern und Schwenkkesseln stehen, was
+kOennen es anders sein, als Teller und SchUesseln? Und was will
+Juvenal anders sagen, als dass Catull sein ganzes silbernes Essgeschirr,
+unter welchem sich auch Teller von getriebener Arbeit des Parthenius
+befanden, ins Meer werfen lassen. Parthenius, sagt der alte
+Scholiast, caelatoris nomen. Wenn aber GrangAeus, in seinen
+Anmerkungen, zu diesem Namen hinzusetzt: sculptor, de quo Plinius, so
+muss er dieses wohl nur auf gutes Glueck hingeschrieben haben: denn
+Plinius gedenkt keines Kuenstlers dieses Namens.
+
+"Ja," faehrt Herr Winckelmann fort, "es hat sich der Name des Sattlers,
+wie wir ihn nennen wuerden, erhalten, der den Schild des Ajax von
+Leder machte." Aber auch dieses kann er nicht daher genommen haben,
+wohin er seine Leser verweiset; aus dem Leben des Homers, vom
+Herodotus. Denn hier werden zwar die Zeilen aus der Iliade
+angefuehret, in welchen der Dichter diesem Lederarbeiter den Namen
+Tychius beilegt; es wird aber auch zugleich ausdruecklich gesagt, dass
+eigentlich ein Lederarbeiter von des Homers Bekanntschaft so geheissen,
+dem er durch Einschaltung seines Namens seine Freundschaft und
+Erkenntlichkeit bezeigen wollen 6): Apedwke de carin kai Tuciw tv
+skutei, oV edexato auton en tv New teicei, proselJonta proV to
+skuteion, en toiV epesi katazeuxaV en th Iliadi toisde.
+
+{6. Herodotus de vita Homeri, p. 756. Edit. Wessel.}
+
+ AiaV d' egguJen hlJe, jerwn sakoV hute purgon,
+ Calkeon, eptaboeion- o oi TucioV kame teucwn
+ Skutotomwn oc' aristoV, Ulh eni oikia naiwn.
+
+
+Es ist also grade das Gegenteil von dem, was uns Herr Winckelmann
+versichern will; der Name des Sattlers, welcher das Schild des Ajax
+gemacht hatte, war schon zu des Homers Zeiten so vergessen, dass der
+Dichter die Freiheit hatte, einen ganz fremden Namen dafUer
+unterzuschieben.
+
+Verschiedene andere kleine Fehler sind blosse Fehler des GedAechtnisses,
+oder betreffen Dinge, die er nur als beilaeufige Erlaeuterungen
+anbringst. Z. E.
+
+Es war Herkules, und nicht Bacchus, von welchem sich Parrhasius
+ruehmte, dass er ihm in der Gestalt erschienen sei, in welcher er ihn
+gemalt 7).
+
+{7. Gesch. der Kunst, T. I. S. 167. Plinius lib. XXXV. sect. 36.
+Athenaeus lib. XII. p. 543.}
+
+Tauriskus war nicht aus Rhodus, sondern aus Tralles in Lydien 8).
+
+{8. Gesch. der Kunst, T. II. S. 353. Plinius lib. XXXVI. sect. 4. p.
+729.1. 17.}
+
+Die Antigone ist nicht die erste TragOedie des Sophokles 9).
+
+{9. Gesch. der Kunst, T. II. S. 328. "Er fuehrte die Antigone, sein
+erstes Trauerspiel, im dritten Jahre der siebenundsiebenzigsten
+Olympias auf." Die Zeit ist ungefaehr richtig, aber dass dieses erste
+Trauerspiel die "Antigone" gewesen sei, das ist ganz unrichtig.
+Samuel Petit, den Herr Winckelmann in der Note anfuehrt, hat dieses
+auch gar nicht gesagt; sondern die "Antigone" ausdruecklich in das
+dritte Jahr der vierundachtzigsten Olympias gesetzt. Sophokles ging
+das Jahr darauf mit dem Perikles nach Samos, und das Jahr dieser
+Expedition kann zuverlaessig bestimmt werden. Ich zeige in meinem
+"Leben des Sophokles", aus der Vergleichung mit einer Stelle des
+aelteren Plinius, dass das erste Trauerspiel dieses Dichters,
+wahrscheinlicherweise, "Triptolemus" gewesen. Plinius redet naemlich
+(libr. XVIII. sect. 12. p. 107. Edit. Hard.) von der verschiedenen
+Guete des Getreides in verschiednen Laendern und schliesst: Hae fuere
+sententiae, Alexandro magno regnante, cum clarissima fuit Graecia,
+atque in toto terrarum orbe potentissima; ita tamen ut ante mortem
+ejus annis fere CXLV Sophocles poeta in fabula "Triptolemo" frumentum
+Italicum ante cuncta laudaverit, ad verbum translata sententia:
+
+ Et fortunatam Italiam frumento canere candido.
+
+Nun ist zwar hier nicht ausdruecklich von dem ersten Trauerspiele des
+Sophokles die Rede; allein es stimmt die Epoche desselben, welche
+Plutarch und der Scholiast und die Arundelschen Denkmaeler einstimmig
+in die siebenundsiebzigste Olympias setzen, mit der Zeit, in welche
+Plinius den "Triptolemus" setzet, so genau ueberein, dass man nicht
+wohl anders als diesen "Triptolemus" selbst fuer das erste Trauerspiel
+des Sophokles erkennen kann. Die Berechnung ist gleich geschehen.
+Alexander starb in der hundertundvierzehnten Olympias;
+hundertundfuenfundvierzig Jahr betragen sechsunddreissig Olympiaden und
+ein Jahr, und diese Summe von jener abgerechnet, gibt
+siebenundsiebzig. In die siebenundsiebzigste Olympias faellt also der
+Triptolemus des Sophokles, und da in eben diese Olympias, und zwar,
+wie ich beweise, in das letzte Jahr derselben, auch das erste
+Trauerspiel desselben faellt: so ist der Schluss ganz natuerlich, dass
+beide Trauerspiele eines sind. Ich zeige zugleich ebendaselbst, dass
+Petit die ganze Haelfte des Kapitels seiner Miscellaneorum (XVIII. lib.
+III. eben dasselbe, welches Herr Winckelmann anfuehrt) sich haette
+ersparen koennen. Es ist unnoetig, in der Stelle des Plutarchs, die er
+daselbst verbessern will, den Archon Aphepsion, in Demotion, oder
+aneyioV zu verwandeln. Er haette aus dem dritten Jahr der 77ten
+Olympias nur in das vierte derselben gehen duerfen, und er wuerde
+gefunden haben, dass der Archon dieses Jahres von den Schriftstellern
+ebenso oft, wo nicht noch oeftrer, Aphepsion, als Phaedon genennet wird.
+Phaedon nennet ihn Diodorus Siculus, Dionysius Halicarnasseus und
+der Ungenannte in seinem Verzeichnisse der Olympiaden. Aphepsion
+hingegen nennen ihn die Arundelschen Marmor, Apollodorus, und der
+diesen anfuehrt, Diogenes Laertius. Plutarchus aber nennet ihn auf
+beide Weise; im Leben des Theseus Phaedon, und in dem Leben des Cimons,
+Aphepsion. Es ist also wahrscheinlich, wie Palmerius vermutet,
+Aphepsionem et Phaedonem archontas fuisse eponymos: scilicet uno in
+magistratu mortuo, suffectus fuit alter. (Exercit. p. 452.)--Vom
+Sophokles, erinnere ich noch gelegentlich, hatte Herr Winckelmann
+auch schon in seiner ersten Schrift von der Nachahmung der
+griechischen Kunstwerke (S. 8) eine Unrichtigkeit einfliessen lassen.
+"Die schoensten jungen Leute tanzten unbekleidet auf dem Theater und
+Sophokles, der grosse Sophokles, war der erste, der in seiner Jugend
+dieses Schauspiel seinen Buergern gab." Auf dem Theater hat Sophokles
+nie nackend getanzt; sondern um die Tropaeen nach dem salaminischen
+Siege, und auch nur nach einigen nackend, nach andern aber bekleidet
+(Athen. lib. I. p. m. 20.). Sophokles war naemlich unter den Knaben,
+die man nach Salamis in Sicherheit gebracht hatte; und hier auf
+dieser Insul war es, wo es damals der tragischen Muse alle ihre drei
+Lieblinge, in einer vorbildenden Gradation, zu versammeln beliebte.
+Der kuehne Aeschylus half siegen; der bluehende Sophokles tanzte um die
+Tropaeen, und Euripides ward an eben dem Tage des Sieges, auf eben der
+gluecklichen Insel geboren.}
+
+Doch ich enthalte mich, dergleichen Kleinigkeiten auf einen Haufen zu
+tragen. Tadelsucht koennte es zwar nicht scheinen; aber wer meine
+Hochachtung fuer den Herrn Winckelmann kennet, duerfte es fuer
+Krokylegmus halten.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Laokoon, von Gotthold Ephraim
+Lessing.
+
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, LAOKOON ***
+
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+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
+
+Most people start at our Web sites at:
+http://gutenberg.net or
+http://promo.net/pg
+
+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
+
+
+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
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+Or /etext03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
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+PMB 113
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+requirements for other states are met, additions to this list will be
+made and fund-raising will begin in the additional states.
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+(Three Pages)
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+Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
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+express permission.]
+
+*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*
+
diff --git a/old/7laok10.zip b/old/7laok10.zip
new file mode 100644
index 0000000..77d2658
--- /dev/null
+++ b/old/7laok10.zip
Binary files differ
diff --git a/old/8laok10.txt b/old/8laok10.txt
new file mode 100644
index 0000000..8773b4d
--- /dev/null
+++ b/old/8laok10.txt
@@ -0,0 +1,7628 @@
+The Project Gutenberg EBook of Laokoon, by Gotthold Ephraim Lessing
+
+Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
+copyright laws for your country before downloading or redistributing
+this or any other Project Gutenberg eBook.
+
+This header should be the first thing seen when viewing this Project
+Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the
+header without written permission.
+
+Please read the "legal small print," and other information about the
+eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is
+important information about your specific rights and restrictions in
+how the file may be used. You can also find out about how to make a
+donation to Project Gutenberg, and how to get involved.
+
+
+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
+
+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: Laokoon
+
+Author: Gotthold Ephraim Lessing
+
+Release Date: November, 2004 [EBook #6889]
+[This file was first posted on February 7, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO Latin-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, LAOKOON ***
+
+
+
+
+Thanks are given to Delphine Lettau for finding a huge collection of ancient
+
+German books in London.
+
+
+
+This Etext is in German.
+
+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
+may require more specialized programs to display the accents.
+This is the 8-bit version.
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg2000.de.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg2000.de erreichbar.
+
+
+
+
+Laokoon
+oder
+Über die Grenzen der Malerei und Poesie
+
+Gotthold Ephraim Lessing
+
+Mit beiläufigen Erläuterungen verschiedener Punkte der alten
+Kunstgeschichte
+
+
+
+Vorrede
+
+Der erste, welcher die Malerei und Poesie miteinander verglich, war
+ein Mann von feinem GefÜhle, der von beiden Künsten eine Ähnliche
+Wirkung auf sich verspürte. Beide, empfand er, stellen uns abwesende
+Dinge als gegenwärtig, den Schein als Wirklichkeit vor; beide
+täuschen, und beider Täuschung gefällt.
+
+Ein zweiter suchte in das Innere dieses Gefallens einzudringen, und
+entdeckte, daß es bei beiden aus einerlei Quelle fließe. Die
+SchÖnheit, deren Begriff wir zuerst von körperlichen Gegenständen
+abziehen, hat allgemeine Regeln, die sich auf mehrere Dinge anwenden
+lassen; auf Handlungen, auf Gedanken, sowohl als auf Formen.
+
+Ein dritter, welcher über den Wert und über die Verteilung dieser
+allgemeinen Regeln nachdachte, bemerkte, daß einige mehr in der
+Malerei, andere mehr in der Poesie herrschten; daß also bei diesen
+die Poesie der Malerei, bei jenen die Malerei der Poesie mit
+Erläuterungen und Beispielen aushelfen könne.
+
+Das erste war der Liebhaber; das zweite der Philosoph; das dritte der
+Kunstrichter.
+
+Jene beiden konnten nicht leicht, weder von ihrem Gefühl, noch von
+ihren Schlüssen, einen unrechten Gebrauch machen. Hingegen bei den
+Bemerkungen des Kunstrichters beruhet das meiste in der Richtigkeit
+der Anwendung auf den einzeln Fall; und es wäre ein Wunder, da es
+gegen einen scharfsinnigen Kunstrichter funfzig witzige gegeben hat,
+wenn diese Anwendung jederzeit mit aller der Vorsicht wäre gemacht
+worden, welche die Wage zwischen beiden Künsten gleich erhalten muß.
+
+Falls Apelles und Protogenes, in ihren verlornen Schriften von der
+Malerei, die Regeln derselben durch die bereits festgesetzten Regeln
+der Poesie bestätiget und erläutert haben, so darf man sicherlich
+glauben, daß es mit der Mäßigung und Genauigkeit wird geschehen sein,
+mit welcher wir noch itzt den Aristoteles, Cicero, Horaz, Quintilian,
+in ihren Werken die Grundsätze und Erfahrungen der Malerei auf die
+Beredsamkeit und Dichtkunst anwenden sehen. Es ist das Vorrecht der
+Alten, keiner Sache weder zu viel noch zu wenig zu tun.
+
+Aber wir Neuern haben in mehrern Stücken geglaubt, uns weit über sie
+wegzusetzen, wenn wir ihre kleinen Lustwege in Landstraßen
+verwandelten; sollten auch die kürzern und sichrern Landstraßen
+darüber zu Pfaden eingehen, wie sie durch Wildnisse führen.
+
+Die blendende Antithese des griechischen Voltaire, daß die Malerei
+eine stumme Poesie, und die Poesie eine redende Malerei sei, stand
+wohl in keinem Lehrbuche. Es war ein Einfall, wie Simonides mehrere
+hatte; dessen wahrer Teil so einleuchtend ist, daß man das
+Unbestimmte und Falsche, welches er mit sich führet, übersehen zu
+müssen glaubet.
+
+Gleichwohl übersahen es die Alten nicht. Sondern indem sie den
+Ausspruch des Simonides auf die Wirkung der beiden Künste
+einschränkten, vergaßen sie nicht einzuschärfen, daß, ohngeachtet der
+vollkommenen Ähnlichkeit dieser Wirkung, sie dennoch, sowohl in den
+Gegenständen als in der Art ihrer Nachahmung (ulh kai tropoiV
+mimhsewV) verschieden wären.
+
+Völlig aber, als ob sich gar keine solche Verschiedenheit fände,
+haben viele der neuesten Kunstrichter aus jener Übereinstimmung der
+Malerei und Poesie die krudesten Dinge von der Welt geschlossen.
+Bald zwingen sie die Poesie in die engern Schranken der Malerei; bald
+lassen sie die Malerei die ganze weite Sphäre der Poesie füllen.
+Alles was der einen recht ist, soll auch der andern vergönnt sein;
+alles was in der einen gefällt oder mißfällt, soll notwendig auch in
+der andern gefallen oder mißfallen; und voll von dieser Idee,
+sprechen sie in dem zuversichtlichsten Tone die seichtesten Urteile,
+wenn sie, in den Werken des Dichters und Malers über einerlei Vorwurf,
+die darin bemerkten Abweichungen voneinander zu Fehlern machen, die
+sie dem einen oder dem andern, nach dem sie entweder mehr Geschmack
+an der Dichtkunst oder an der Malerei haben, zur Last legen.
+
+Ja diese Afterkritik hat zum Teil die Virtuosen selbst verführet.
+Sie hat in der Poesie die Schilderungssucht, und in der Malerei die
+Allegoristerei erzeuget; indem man jene zu einem redenden Gemälde
+machen wollen, ohne eigentlich zu wissen, was sie malen könne und
+solle, und diese zu einem stummen Gedichte, ohne überlegt zu haben,
+in welchem Maße sie allgemeine Begriffe ausdrücken könne, ohne sich
+von ihrer Bestimmung zu entfernen, und zu einer willkürlichen
+Schriftart zu werden.
+
+Diesem falschen Geschmacke, und jenen ungegründeten Urteilen
+entgegenzuarbeiten, ist die vornehmste Absicht folgender Aufsätze.
+
+Sie sind zufälliger Weise entstanden, und mehr nach der Folge meiner
+Lektüre, als durch die methodische Entwickelung allgemeiner
+Grundsätze angewachsen. Es sind also mehr unordentliche Kollektanea
+zu einem Buche, als ein Buch.
+
+Doch schmeichle ich mir, daß sie auch als solche nicht ganz zu
+verachten sein werden. An systematischen Büchern haben wir Deutschen
+überhaupt keinen Mangel. Aus ein paar angenommenen Worterklärungen
+in der schönsten Ordnung alles, was wir nur wollen, herzuleiten,
+darauf verstehen wir uns, trotz einer Nation in der Welt.
+
+Baumgarten bekannte, einen großen Teil der Beispiele in seiner
+Ästhetik Gesners Wörterbuche schuldig zu sein. Wenn mein
+Raisonnement nicht so bündig ist als das Baumgartensche, so werden
+doch meine Beispiele mehr nach der Quelle schmecken.
+
+Da ich von dem Laokoon gleichsam aussetzte, und mehrmals auf ihn
+zurückkomme, so habe ich ihm auch einen Anteil an der Aufschrift
+lassen wollen. Andere kleine Ausschweifungen über verschiedene
+Punkte der alten Kunstgeschichte tragen weniger zu meiner Absicht bei,
+und sie stehen nur da, weil ich ihnen niemals einen bessern Platz zu
+geben hoffen kann.
+
+Noch erinnere ich, daß ich unter dem Namen der Malerei die bildenden
+Künste überhaupt begreife; so wie ich nicht dafür stehe, daß ich
+nicht unter dem Namen der Poesie auch auf die übrigen Künste, deren
+Nachahmung fortschreitend ist, einige Rücksicht nehmen dürfte.
+
+
+
+I.
+
+
+Das allgemeine vorzügliche Kennzeichen der griechischen Meisterstücke
+in der Malerei und Bildhauerkunst setzet Herr Winckelmann in eine
+edele Einfalt und stille Größe, sowohl in der Stellung als im
+Ausdrucke. "So wie die Tiefe des Meeres", sagt er 1), "allezeit
+ruhig bleibt, die Oberfläche mag auch noch so wüten, ebenso zeiget
+der Ausdruck in den Figuren der Griechen bei allen Leidenschaften
+eine große und gesetzte Seele.
+
+{1. Von der Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und
+Bildhauerkunst, S. 21. 22.}
+
+Diese Seele schildert sich in dem Gesichte des Laokoons, und nicht in
+dem Gesichte allein, bei dem heftigsten Leiden. Der Schmerz, welcher
+sich in allen Muskeln und Sehnen des Körpers entdecket, und den man
+ganz allein, ohne das Gesicht und andere Teile zu betrachten, an dem
+schmerzlich eingezogenen Unterleibe beinahe selbst zu empfinden
+glaubt; dieser Schmerz, sage ich, äußert sich dennoch mit keiner Wut
+in dem Gesichte und in der ganzen Stellung. Er erhebt kein
+schreckliches Geschrei, wie Virgil von seinem Laokoon singet; die
+Öffnung des Mundes gestattet es nicht: es ist vielmehr ein
+ängstliches und beklemmtes Seufzen, wie es Sadolet beschreibet. Der
+Schmerz des Körpers und die Größe der Seele sind durch den ganzen Bau
+der Figur mit gleicher Stärke ausgeteilet, und gleichsam abgewogen.
+Laokoon leidet, aber er leidet wie des Sophokles Philoktet: sein
+Elend gehet uns bis an die Seele; aber wir wünschten, wie dieser
+große Mann das Elend ertragen zu können.
+
+Der Ausdruck einer so großen Seele geht weit über die Bildung der
+schönen Natur. Der Künstler mußte die Stärke des Geistes in sich
+selbst fühlen, welche er seinem Marmor einprägte. Griechenland hatte
+Künstler und Weltweise in einer Person, und mehr als einen Metrodor.
+Die Weisheit reichte der Kunst die Hand, und blies den Figuren
+derselben mehr als gemeine Seelen ein, usw."
+
+Die Bemerkung, welche hier zum Grunde liegt, daß der Schmerz sich in
+dem Gesichte des Laokoon mit derjenigen Wut nicht zeige, welche man
+bei der Heftigkeit desselben vermuten sollte, ist vollkommen richtig.
+Auch das ist unstreitig, daß eben hierin, wo ein Halbkenner den
+Künstler unter der Natur geblieben zu sein, das wahre Pathetische des
+Schmerzes nicht erreicht zu haben, urteilen dürfte; daß, sage ich,
+eben hierin die Weisheit desselben ganz besonders hervorleuchtet.
+
+Nur in dem Grunde, welchen Herr Winckelmann dieser Weisheit gibt, in
+der Allgemeinheit der Regel, die er aus diesem Grunde herleitet, wage
+ich es, anderer Meinung zu sein.
+
+Ich bekenne, daß der mißbilligende Seitenblick, welchen er auf den
+Virgil wirft, mich zuerst stutzig gemacht hat; und nächstdem die
+Vergleichung mit dem Philoktet. Von hier will ich ausgehen, und
+meine Gedanken in eben der Ordnung niederschreiben, in welcher sie
+sich bei mir entwickelt.
+
+"Laokoon leidet, wie des Sophokles Philoktet." Wie leidet dieser? Es
+ist sonderbar, daß sein Leiden so verschiedene Eindrücke bei uns
+zurückgelassen.--Die Klagen, das Geschrei, die wilden Verwünschungen,
+mit welchen sein Schmerz das Lager erfüllte, und alle Opfer, alle
+heilige Handlungen störte, erschollen nicht minder schrecklich durch
+das öde Eiland, und sie waren es, die ihn dahin verbannten. Welche
+Töne des Unmuts, des Jammers, der Verzweiflung, von welchen auch der
+Dichter in der Nachahmung das Theater durchhallen ließ.--Man hat den
+dritten Aufzug dieses Stücks ungleich kürzer, als die übrigen
+gefunden. Hieraus sieht man, sagen die Kunstrichter 2), daß es den
+Alten um die gleiche Länge der Aufzüge wenig zu tun gewesen. Das
+glaube ich auch; aber ich wollte mich desfalls lieber auf ein ander
+Exempel gründen, als auf dieses. Die jammervollen Ausrufungen, das
+Winseln, die abgebrochenen a, a, jeu, attatai, w moi, moi! die ganzen
+Zeilen voller papai, papai, aus welchen dieser Aufzug bestehet, und
+die mit ganz andern Dehnungen und Absetzungen deklamieret werden
+mußten, als bei einer zusammenhangenden Rede nötig sind, haben in der
+Vorstellung diesen Aufzug ohne Zweifel ziemlich ebensolange dauren
+lassen, als die andern. Er scheinet dem Leser weit kürzer auf dem
+Papiere, als er den Zuhörern wird vorgekommen sein.
+
+{2. Brumoy, Théât. des Grecs T. II. p. 89.}
+
+Schreien ist der natürliche Ausdruck des körperlichen Schmerzes.
+Homers verwundete Krieger fallen nicht selten mit Geschrei zu Boden.
+Die geritzte Venus schreiet laut 3); nicht um sie durch dieses
+Geschrei als die weichliche Göttin der Wollust zu schildern, vielmehr
+um der leidenden Natur ihr Recht zu geben. Denn selbst der eherne
+Mars, als er die Lanze des Diomedes fühlet, schreiet so gräßlich, als
+schrien zehntausend wütende Krieger zugleich, daß beide Heere sich
+entsetzen 4).
+
+{3. Iliad. E. v. 343. h de mega iacousa--}
+
+{4. Iliad. E. v. 859.}
+
+Soweit auch Homer sonst seine Helden über die menschliche Natur
+erhebt, so treu bleiben sie ihr doch stets, wenn es auf das Gefühl
+der Schmerzen und Beleidigungen, wenn es auf die Äußerung dieses
+Gefühls durch Schreien, oder durch Tränen, oder durch Scheltworte
+ankömmt. Nach ihren Taten sind es Geschöpfe höherer Art; nach ihren
+Empfindungen wahre Menschen.
+
+Ich weiß es, wir feinern Europäer einer klügern Nachwelt wissen über
+unsern Mund und über unsere Augen besser zu herrschen. Höflichkeit
+und Anstand verbieten Geschrei und Tränen. Die tätige Tapferkeit des
+ersten rauhen Weltalters hat sich bei uns in eine leidende verwandelt.
+Doch selbst unsere Ureltern waren in dieser größer, als in jener.
+Aber unsere Ureltern waren Barbaren. Alle Schmerzen verbeißen, dem
+Streiche des Todes mit unverwandtem Auge entgegensehen, unter den
+Bissen der Nattern lachend sterben, weder seine Sünde noch den
+Verlust seines liebsten Freundes beweinen, sind Züge des alten
+nordischen Heldenmuts 5). Palnatoko gab seinen Jomsburgern das
+Gesetz, nichts zu fürchten, und das Wort Furcht auch nicht einmal zu
+nennen.
+
+{5. Th. Bartholinus de causis contemptae a Danis adhuc gentilibus
+mortis, cap. I.}
+
+Nicht so der Grieche! Er fühlte und furchte sich; er äußerte seine
+Schmerzen und seinen Kummer; er schämte sich keiner der menschlichen
+Schwachheiten; keine mußte ihn aber auf dem Wege nach Ehre, und von
+Erfüllung seiner Pflicht zurückhalten. Was bei dem Barbaren aus
+Wildheit und Verhärtung entsprang, das wirkten bei ihm Grundsätze.
+Bei ihm war der Heroismus wie die verborgenen Funken im Kiesel, die
+ruhig schlafen, solange keine äußere Gewalt sie wecket, und dem
+Steine weder seine Klarheit noch seine Kälte nehmen. Bei dem
+Barbaren war der Heroismus eine helle fressende Flamme, die immer
+tobte, und jede andere gute Eigenschaft in ihm verzehrte, wenigstens
+schwärzte.--Wenn Homer die Trojaner mit wildem Geschrei, die Griechen
+hingegen in entschloßner Stille zur Schlacht führet, so merken die
+Ausleger sehr wohl an, daß der Dichter hierdurch jene als Barbaren,
+diese als gesittete Völker schildern wollen. Mich wundert, daß sie
+an einer andern Stelle eine ähnliche charakteristische
+Entgegensetzung nicht bemerket haben 6). Die feindlichen Heere haben
+einen Waffenstillestand getroffen; sie sind mit Verbrennung ihrer
+Toten beschäftigst, welches auf beiden Teilen nicht ohne heiße Tränen
+abgehet; dakrua Jerma ceonteV. Aber Priamus verbietet seinen
+Trojanern zu weinen; oud' eia klaiein PriamoV megaV. Er verbietet
+ihnen zu weinen, sagt die Dacier, weil er besorgt, sie möchten sich
+zu sehr erweichen, und morgen mit weniger Mut an den Streit gehen.
+Wohl; doch frage ich: warum muß nur Priamus dieses besorgen? Warum
+erteilet nicht auch Agamemnon seinen Griechen das nämliche Verbot?
+Der Sinn des Dichters geht tiefer. Er will uns lehren, daß nur der
+gesittete Grieche zugleich weinen und tapfer sein könne; indem der
+ungesittete Trojaner, um es zu sein, alle Menschlichkeit vorher
+ersticken müsse. Nemessvmai ge men ouden klaiein, läßt er an einem
+andern Orte 7) den verständigen Sohn des weisen Nestors sagen.
+
+{6. Iliad. H. v. 421.}
+
+{7. Odyss. D. 195.}
+
+Es ist merkwürdig, daß unter den wenigen Trauerspielen, die aus dem
+Altertume auf uns gekommen sind, sich zwei Stücke finden, in welchen
+der körperliche Schmerz nicht der kleinste Teil des Unglücks ist, das
+den leidenden Helden trifft. Außer dem Philoktet, der sterbende
+Herkules. Und auch diesen läßt Sophokles klagen, winseln, weinen und
+schreien. Dank sei unsern artigen Nachbarn, diesen Meistern des
+Anständigen, daß nunmehr ein winselnder Philoktet, ein schreiender
+Herkules, die lächerlichsten unerträglichsten Personen auf der Bühne
+sein würden. Zwar hat sich einer ihrer neuesten Dichter 8) an den
+Philoktet gewagt. Aber durfte er es wagen, ihnen den wahren
+Philoktet zu zeigen?
+
+{8. Chateaubrun.}
+
+Selbst ein Laokoon findet sich unter den verlornen Stücken des
+Sophokles. Wenn uns das Schicksal doch auch diesen Laokoon gegönnet
+hätte! Aus den leichten Erwähnungen, die seiner einige alte
+Grammatiker tun, läßt sich nicht schließen, wie der Dichter diesen
+Stoff behandelt habe. So viel bin ich versichert, daß er den Laokoon
+nicht stoischer als den Philoktet und Herkules, wird geschildert
+haben. Alles Stoische ist untheatralisch; und unser Mitleiden ist
+allezeit dem Leiden gleichmäßig, welches der interessierende
+Gegenstand äußert. Sieht man ihn sein Elend mit großer Seele
+ertragen, so wird diese große Seele zwar unsere Bewunderung erwecken,
+aber die Bewunderung ist ein kalter Affekt, dessen untätiges Staunen
+jede andere wärmere Leidenschaft, sowie jede andere deutliche
+Vorstellung ausschließet.
+
+Und nunmehr komme ich zu meiner Folgerung. Wenn es wahr ist, daß das
+Schreien bei Empfindung körperlichen Schmerzes, besonders nach der
+alten griechischen Denkungsart, gar wohl mit einer großen Seele
+bestehen kann: so kann der Ausdruck einer solchen Seele die Ursache
+nicht sein, warum demohngeachtet der Künstler in seinem Marmor dieses
+Schreien nicht nachahmen wollen; sondern es muß einen andern Grund
+haben, warum er hier von seinem Nebenbuhler, dem Dichter, abgehet,
+der dieses Geschrei mit bestem Vorsatze ausdrücket.
+
+
+
+II.
+
+
+Es sei Fabel oder Geschichte, daß die Liebe den ersten Versuch in den
+bildenden Künsten gemacht habe: so viel ist gewiß, daß sie den großen
+alten Meistern die Hand zu führen nicht müde geworden. Denn wird
+itzt die Malerei überhaupt als die Kunst, welche Körper auf Flächen
+nachahmet, in ihrem ganzen Umfange betrieben: so hatte der weise
+Grieche ihr weit engere Grenzen gesetzet, und sie bloß auf die
+Nachahmung schöner Körper eingeschränket. Sein Künstler schilderte
+nichts als das Schöne; selbst das gemeine Schöne, das Schöne niedrer
+Gattungen, war nur sein zufälliger Vorwurf, seine Übung, seine
+Erholung. Die Vollkommenheit des Gegenstandes selbst mußte in seinem
+Werke entzücken; er war zu groß, von seinen Betrachtern zu verlangen,
+daß sie sich mit dem bloßen kalten Vergnügen, welches aus der
+getroffenen Ähnlichkeit, aus der Erwägung seiner Geschicklichkeit
+entspringet, begnügen sollten; an seiner Kunst war ihm nichts lieber,
+dünkte ihm nichts edler, als der Endzweck der Kunst.
+
+"Wer wird dich malen wollen, da dich niemand sehen will", sagt ein
+alter Epigrammatist 1) über einen höchst ungestaltenen Menschen.
+Mancher neuere Künstler würde sagen: "Sei so ungestalten, wie möglich;
+ich will dich doch malen. Mag dich schon niemand gern sehen: so
+soll man doch mein Gemälde gern sehen; nicht insofern es dich
+vorstellt, sondern insofern es ein Beweis meiner Kunst ist, die ein
+solches Scheusal so ähnlich nachzubilden weiß." {1. Antiochus.
+(Antholog. lib. II. cap. 43). Harduin über den Plinius (lib. 35.
+sect. 36 p. m. 698) legt dieses Epigramm einem Piso bei. Es findet
+sich aber unter allen griechischen Epigrammatisten keiner dieses
+Namens.}
+
+Freilich ist der Hang zu dieser üppigen Prahlerei mit leidigen
+Geschicklichkeiten, die durch den Wert ihrer Gegenstände nicht
+geadelt werden, zu natürlich, als daß nicht auch die Griechen ihren
+Pauson, ihren Piräikus sollten gehabt haben. Sie hatten sie; aber
+sie ließen ihnen strenge Gerechtigkeit widerfahren. Pauson, der sich
+noch unter dem Schönen der gemeinen Natur hielt, dessen niedriger
+Geschmack das Fehlerhafte und Häßliche an der menschlichen Bildung am
+liebsten ausdrückte 2), lebte in der verächtlichsten Armut 3). Und
+Piräikus, der Barbierstuben, schmutzige Werkstätte, Esel und
+Küchenkräuter, mit allem dem Fleiße eines niederländischen Künstlers
+malte, als ob dergleichen Dinge in der Natur so viel Reiz hätten, und
+so selten zu erblicken wären, bekam den Zunamen des Rhyparographen 4),
+des Kotmalers; obgleich der wollüstige Reiche seine Werke mit Gold
+aufwog, um ihrer Nichtigkeit auch durch diesen eingebildeten Wert zu
+Hilfe zu kommen.
+
+{2. Jungen Leuten, befiehlt daher Aristoteles, muß man seine Gemälde
+nicht zeigen, um ihre Einbildungskraft, so viel möglich, von allen
+Bildern des Häßlichen rein zu halten. (Polit. lib. VIII. cap. 5. p.
+526. Edit. Conring.) Herr Boden will zwar in dieser Stelle anstatt
+Pauson, Pausanias gelesen wissen, weil von diesem bekannt sei, daß er
+unzüchtige Figuren gemalt habe (de umbra poetica, comment. I. p.
+XIII.). Als ob man es erst von einem philosophischen Gesetzgeber
+lernen müßte, die Jugend von dergleichen Reizungen der Wollust zu
+entfernen. Er hätte die bekannte Stelle in der Dichtkunst (cap. II.
+) nur in Vergleichung ziehen dürfen, um seine Vermutung
+zurückzubehalten. Es gibt Ausleger (z. E. Kühn, über den Älian Var.
+Hist. lib. IV. cap. 3), welche den Unterschied, den Aristoteles
+daselbst zwischen dem Polygnotus, Dionysius und Pauson angibt, darin
+setzen, daß Polygnotus Götter und Helden, Dionysius Menschen, und
+Pauson Tiere gemalt habe. Sie malten allesamt menschliche Figuren;
+und daß Pauson einmal ein Pferd malte, beweiset noch nicht, daß er
+ein Tiermaler gewesen, wofür ihn Herr Boden hält. Ihren Rang
+bestimmten die Grade des Schönen, die sie ihren menschlichen Figuren
+gaben, und Dionysius konnte nur deswegen nichts als Menschen malen,
+und hieß nur darum vor allen andern der Anthropograph, weil er der
+Natur zu sklavisch folgte, und sich nicht bis zum Ideal erheben
+konnte, unter welchem Götter und Helden zu malen, ein
+Religionsverbrechen gewesen wäre.}
+
+{3. Aristophanes Plut. v. 602. et Acharnens. v. 854.}
+
+{4. Plinius lib. XXXV. sect. 37. Edit. Hard.}
+
+Die Obrigkeit selbst hielt es ihrer Aufmerksamkeit nicht für unwürdig,
+den Künstler mit Gewalt in seiner wahren Sphäre zu erhalten. Das
+Gesetz der Thebaner, welches ihm die Nachahmung ins Schönere befahl
+und die Nachahmung ins Häßlichere bei Strafe verbot, ist bekannt. Es
+war kein Gesetz wider den Stümper, wofür es gemeiniglich, und selbst
+vom Junius 5), gehalten wird. Es verdammte die griechischen Ghezzi;
+den unwürdigen Kunstgriff, die Ähnlichkeit durch Übertreibung der
+häßlichem Teile des Urbildes zu erreichen; mit einem Worte, die
+Karikatur.
+
+{5. De pictura vet. lib. II. cap. IV. § 1.}
+
+Aus eben dem Geist des Schönen war auch das Gesetz der Hellanodiken
+geflossen. Jeder olympische Sieger erhielt eine Statue; aber nur dem
+dreimaligen Sieger, ward eine ikonische gesetzet 6). Der
+mittelmäßigen Porträts sollten unter den Kunstwerken nicht zu viel
+werden. Denn obschon auch das Porträt ein Ideal zuläßt, so muß doch
+die Ähnlichkeit darüber herrschen; es ist das Ideal eines gewissen
+Menschen, nicht das Ideal eines Menschen überhaupt.
+
+{6. Plinius lib. XXXIV. sect. 9.}
+
+Wir lachen, wenn wir hören, daß bei den Alten auch die Künste
+bürgerlichen Gesetzen unterworfen gewesen. Aber wir haben nicht
+immer recht, wenn wir lachen. Unstreitig müssen sich die Gesetze
+über die Wissenschaften keine Gewalt anmaßen; denn der Endzweck der
+Wissenschaften ist Wahrheit. Wahrheit ist der Seele notwendig; und
+es wird Tyrannei, ihr in Befriedigung dieses wesentlichen
+Bedürfnisses den geringsten Zwang anzutun. Der Endzweck der Künste
+hingegen ist Vergnügen; und das Vergnügen ist entbehrlich. Also darf
+es allerdings von dem Gesetzgeber abhangen, welche Art von Vergnügen,
+und in welchem Maße er jede Art desselben verstatten will.
+
+Die bildenden Künste insbesondere, außer dem unfehlbaren Einflusse,
+den sie auf den Charakter der Nation haben, sind einer Wirkung fähig,
+welche die nähere Aufsicht des Gesetzes heischet. Erzeugten schöne
+Menschen schöne Bildsäulen, so wirkten diese hinwiederum auf jene
+zurück, und der Staat hatte schönen Bildsäulen schöne Menschen mit zu
+verdanken. Bei uns scheinet sich die zarte Einbildungskraft der
+Mütter nur in Ungeheuern zu äußern.
+
+Aus diesem Gesichtspunkte glaube ich in gewissen alten Erzählungen,
+die man geradezu als Lügen verwirft, etwas Wahres zu erblicken. Den
+Müttern des Aristomenes, des Aristodamas, Alexanders des Großen, des
+Scipio, des Augustus, des Galerius, träumte in ihrer Schwangerschaft
+allen, als ob sie mit einer Schlange zu tun hätten. Die Schlange war
+ein Zeichen der Gottheit 7); und die schönen Bildsäulen und Gemälde
+eines Bacchus, eines Apollo, eines Merkurius, eines Herkules, waren
+selten ohne eine Schlange. Die ehrlichen Weiber hatten des Tages
+ihre Augen an dem Gotte geweidet, und der verwirrende Traum erweckte
+das Bild des Tieres. So rette ich den Traum, und gebe die Auslegung
+preis, welche der Stolz ihrer Söhne und die Unverschämtheit des
+Schmeichlers davon machten. Denn eine Ursache mußte es wohl haben,
+warum die ehebrecherische Phantasie nur immer eine Schlange war.
+
+{7. Man irret sich, wenn man die Schlange nur für das Kennzeichen
+einer medizinischen Gottheit hält, wie Spence, Polymetis p. 132.
+Justinus Martyr (Apolog. II. pag. 55. Edit. Sylburg.) sagt
+ausdrücklich: para panti tvn nomizomenwn par' umin Jevn, ojiV
+sumbolon mega kai musthrion anagrajetai; und es wäre leicht eine
+Reihe von Monumenten anzuführen, wo die Schlange Gottheiten begleitet,
+welche nicht die geringste Beziehung auf die Gesundheit haben.}
+
+Doch ich gerate aus meinem Wege. Ich wollte bloß festsetzen, daß bei
+den Alten die Schönheit das höchste Gesetz der bildenden Künste
+gewesen sei.
+
+Und dieses festgesetzt, folget notwendig, daß alles andere, worauf
+sich die bildenden Künste zugleich mit erstrecken können, wenn es
+sich mit der Schönheit nicht verträgt, ihr gänzlich weichen, und wenn
+es sich mit ihr verträgt, ihr wenigstens untergeordnet sein müssen.
+
+Ich will bei dem Ausdrucke stehen bleiben. Es gibt Leidenschaften
+und Grade von Leidenschaften, die sich in dem Gesichte durch die
+häßlichsten Verzerrungen äußern, und den ganzen Körper in so
+gewaltsame Stellungen setzen, daß alle die schönen Linien, die ihn in
+einem ruhigern Stande umschreiben, verloren gehen. Dieser enthielten
+sich also die alten Künstler entweder ganz und gar, oder setzten sie
+auf geringere Grade herunter, in welchen sie eines Maßes von
+Schönheit fähig sind.
+
+Wut und Verzweiflung schändete keines von ihren Werken. Ich darf
+behaupten, daß sie nie eine Furie gebildet haben 8).
+
+{8. Man gehe alle die Kunstwerke durch, deren Plinius und Pausanias
+und andere gedenken; man übersehe die noch itzt vorhandenen alten
+Statuen, Basreliefs, Gemälde: und man wird nirgends eine Furie finden.
+Ich nehme diejenigen Figuren aus; die mehr zur Bildersprache, als
+zur Kunst gehören, dergleichen die auf den Münzen vornehmlich sind.
+Indes hätte Spence, da er Furien haben mußte, sie doch lieber von den
+Münzen erborgen sollen, (Seguini Numis. p. 178. Spanhem. de Praest.
+Numism. Dissert. XIII. p. 639. Les Cesars de Julien, par Spanheim p.
+48.), als daß er sie durch einen witzigen Einfall in ein Werk
+bringen will, in welchem sie ganz gewiß nicht sind. Er sagt in
+seinem "Polymetis" (Dial. XVI. p. 272.): "Obschon die Furien in den
+Werken der alten Künstler etwas sehr Seltenes sind, so findet sich
+doch eine Geschichte, in der sie durchgängig von ihnen angebracht
+werden. Ich meine den Tod des Meleager, als in dessen Vorstellung
+auf Basreliefs sie öfters die Althäa aufmuntern und antreiben, den
+unglücklichen Brand, von welchem das Leben ihres einzigen Sohnes
+abhing, dem Feuer zu übergeben. Denn auch ein Weib würde in ihrer
+Rache so weit nicht gegangen sein, hätte der Teufel nicht ein wenig
+zugeschüret. In einem von diesen Basreliefs, bei dem Bellori (in den
+Admirandis), sieht man zwei Weiber, die mit der Althäa am Altare
+stehen, und allem Ansehen nach Furien sein sollen. Denn wer sonst
+als Furien, hätte einer solchen Handlung beiwohnen wollen? Daß sie
+für diesen Charakter nicht schrecklich genug sind, liegt ohne Zweifel
+an der Abzeichnung. Das Merkwürdigste aber auf diesem Werke ist die
+runde Scheibe, unten gegen die Mitte, auf welcher sich offenbar der
+Kopf einer Furie zeiget. Vielleicht war es die Furie, an die Althäa,
+so oft sie eine üble Tat vornahm, ihr Gebet richtete, und vornehmlich
+itzt zu richten alle Ursache hatte usw."--Durch solche Wendungen kann
+man aus allem alles machen. "Wer sonst", fragt Spence, "als Furien,
+hätte einer solchen Handlung beiwohnen wollen?" Ich antworte: Die
+Mägde der Althäa, welche das Feuer anzünden und unterhalten mußten.
+Ovid sagt: (Metamorph. VIII. v. 460. 461.)
+
+ Protulit hunc (stipitem) genitrix, taedasque in fragmina poni
+ Imperat, et positis inimicos admovet ignes.
+
+
+Dergleichen taedas, lange StÜcke von Kien, welche die Alten zu
+Fackeln brauchten, haben auch wirklich beide Personen in den HÄnden,
+und die eine hat eben ein solches Stück zerbrochen, wie ihre Stellung
+anzeigt. Auf der Scheibe, gegen die Mitte des Werkes, erkenne ich
+die Furie ebensowenig. Es ist ein Gesicht, welches einen heftigen
+Schmerz ausdrückt. Ohne Zweifel soll es der Kopf des Meleagers
+selbst sein. (Metamorph. I. c. v. 515.)
+
+ Inscius atque absens flamma Meleagros in illa
+ Uritur: et caecis torreri viscera sentit
+ Ignibus: et magnos superat virtute dolores.
+
+
+Der KÜnstler brauchte ihn gleichsam zum Übergange in den folgenden
+Zeitpunkt der nÄmlichen Geschichte, welcher den sterbenden Meleager
+gleich daneben zeigt. Was Spence zu Furien macht, hält Montfaucon
+für Parzen, (Antiqu. expl. T. I. p. 162) den Kopf auf der Scheibe
+ausgenommen, den er gleichfalls für eine Furie ausgibt. Bellori
+selbst (Admirand. Tab. 77) läßt es unentschieden, ob es Parzen oder
+Furien sind. Ein Oder, welches genugsam zeiget, daß sie weder das
+eine noch das andere sind. Auch Montfaucons übrige Auslegung sollte
+genauer sein. Die Weibsperson, welche neben dem Bette sich auf den
+Ellebogen stützet, hätte er Kassandra und nicht Atalanta nennen
+sollen. Atalanta ist die, welche, mit dem Rücken gegen das Bette
+gekehret, in einer traurigen Stellung sitzet. Der Künstler hat sie
+mit vielem Verstande von der Familie abgewendet, weil sie nur die
+Geliebte, nicht die Gemahlin des Meleagers war, und ihre Betrübnis
+über ein Unglück, das sie selbst unschuldigerweise veranlasset hatte,
+die Anverwandten erbittern mußte.}
+
+Zorn setzten sie auf Ernst herab. Bei dem Dichter war es der zornige
+Jupiter, welcher den Blitz schleuderte; bei dem Künstler nur der
+ernste.
+
+Jammer ward in Betrübnis gemildert. Und wo diese Milderung nicht
+stattfinden konnte, wo der Jammer ebenso verkleinernd als entstellend
+gewesen wäre,--was tat da Timanthes? Sein Gemälde von der Opferung
+der Iphigenia, in welchem er allen Umstehenden den ihnen eigentümlich
+zukommenden Grad der Traurigkeit erteilte, das Gesicht des Vaters
+aber, welches den allerhÖchsten hätte zeigen sollen, verhüllete, ist
+bekannt, und es sind viel artige Dinge darüber gesagt worden. Er
+hatte sich, sagt dieser 9), in den traurigen Physiognomien so
+erschöpft, daß er dem Vater eine noch traurigere geben zu können
+verzweifelte. Er bekannte dadurch, sagt jener 10), daß der Schmerz
+eines Vaters bei dergleichen Vorfällen über allen Ausdruck sei. Ich
+für mein Teil sehe hier weder die Unvermögenheit des Künstlers, noch
+die Unvermögenheit der Kunst. Mit dem Grade des Affekts verstärken
+sich auch die ihm entsprechenden Züge des Gesichts; der höchste Grad
+hat die allerentschiedensten Züge, und nichts ist der Kunst leichter,
+als diese auszudrücken. Aber Timanthes kannte die Grenzen, welche
+die Grazien seiner Kunst setzen. Er wußte, daß sich der Jammer,
+welcher dem Agamemnon als Vater zukam, durch Verzerrungen äußert, die
+allezeit häßlich sind. Soweit sich Schönheit und Würde mit dem
+Ausdrucke verbinden ließ, so weit trieb er ihn. Das Häßliche wäre er
+gern übergangen, hätte er gern gelindert; aber da ihm seine
+Komposition beides nicht erlaubte, was blieb ihm anders übrig, als es
+zu verhüllen?--Was er nicht malen durfte, ließ er erraten. Kurz,
+diese Verhüllung ist ein Opfer, das der Künstler der Schönheit
+brachte. Sie ist ein Beispiel, nicht wie man den Ausdruck über die
+Schranken der Kunst treiben, sondern wie man ihn dem ersten Gesetze
+der Kunst, dem Gesetze der Schönheit, unterwerfen soll.
+
+{9. Plinius lib. XXXV. sect. 36. Cum moestos pinxisset omnes,
+praecipue patruum, et tristitiae omnem imaginem consumpsisset, patris
+ipsius vultum velavit, quem digne non poterat ostendere.}
+
+{10. Summi moeroris acerbitatem arte exprimi non posse confessus est.
+Valerius Maximus lib. VIII. cap. 11.}
+
+Und dieses nun auf den Laokoon angewendet, so ist die Ursache klar,
+die ich suche. Der Meister arbeitete auf die höchste Schönheit,
+unter den angenommenen Umständen des körperlichen Schmerzes. Dieser,
+in aller seiner entstellenden Heftigkeit, war mit jener nicht zu
+verbinden. Er mußte ihn also herabsetzen; er mußte Schreien in
+Seufzen mildern; nicht weil das Schreien eine unedle Seele verrät,
+sondern weil es das Gesicht auf eine ekelhafte Weise verstellet.
+Denn man reiße dem Laokoon in Gedanken nur den Mund auf, und urteile.
+Man lasse ihn schreien, und sehe. Es war eine Bildung, die Mitleid
+einflößte, weil sie Schönheit und Schmerz zugleich zeigte; nun ist es
+eine häßliche, eine abscheuliche Bildung geworden, von der man gern
+sein Gesicht verwendet, weil der Anblick des Schmerzes Unlust erregt,
+ohne daß die Schönheit des leidenden Gegenstandes diese Unlust in das
+süße Gefühl des Mitleids verwandeln kann.
+
+Die bloße weite Öffnung des Mundes,--beiseitegesetzt, wie gewaltsam
+und ekel auch die übrigen Teile des Gesichts dadurch verzerret und
+verschoben werden,--ist in der Malerei ein Fleck und in der
+Bildhauerei eine Vertiefung, welche die widrigste Wirkung von der
+Welt tut. Montfaucon bewies wenig Geschmack, als er einen alten
+bärtigen Kopf, mit aufgerissenem Munde, für einen Orakel erteilenden
+Jupiter ausgab 11). Muß ein Gott schreien, wenn er die Zukunft
+eröffnet? Würde ein gefälliger Umriß des Mundes seine Rede
+verdächtig machen? Auch glaube ich es dem Valerius nicht, daß Ajax
+in dem nur gedachten Gemälde des Timanthes sollte geschrien haben 12).
+Weit schlechtere Meister aus den Zeiten der schon verfallenen Kunst
+lassen auch nicht einmal die wildesten Barbaren, wenn sie unter dem
+Schwerte des Siegers Schrecken und Todesangst ergreift, den Mund bis
+zum Schreien öffnen 13).
+
+{11. Antiquit. expl. T. I. p. 50.}
+
+{12. Er gibt nämlich die von dem Timanthes wirklich ausgedrückten
+Grade der Traurigkeit so an: Calchantem tristem, moestum Ulyssem,
+clamantem Ajacem, lamentantem Menelaum.--Der Schreier Ajax müßte eine
+häßliche Figur gewesen sein; und da weder Cicero noch Quintilian in
+ihren Beschreibungen dieses Gemäldes seiner gedenken, so werde ich
+ihn um so viel eher für einen Zusatz halten dürfen, mit dem es
+Valerius aus seinem Kopfe bereichern wollen.}
+
+{13. Bellorii Admiranda. Tab. 11. 12.}
+
+Es ist gewiß, daß diese Herabsetzung des äußersten körperlichen
+Schmerzes auf einen niedrigern Grad von Gefühl, an mehrern alten
+Kunstwerken sichtbar gewesen. Der leidende Herkules in dem
+vergifteten Gewande, von der Hand eines alten unbekannten Meisters,
+war nicht der Sophokleische, der so gräßlich schrie, daß die
+lokrischen Felsen, und die euböischen Vorgebirge davon ertönten. Er
+war mehr finster, als wild 14). Der Philoktet des Pythagoras
+Leontinus schien dem Betrachter seinen Schmerz mitzuteilen, welche
+Wirkung der geringste gräßliche Zug verhindert hätte. Man dürfte
+fragen, woher ich wisse, daß dieser Meister eine Bildsäule des
+Philoktet gemacht habe. Aus einer Stelle des Plinius, die meine
+Verbesserung nicht erwartet haben sollte, so offenbar verfälscht oder
+verstümmelt ist sie 15).
+
+{14. Plinius libr. XXXIV, sect. 19.}
+
+{15. Eundem, nämlich den Myro, lieset man bei dem Plinius (libr.
+XXXIV. sect. 19) vicit et Pythagoras Leontinus, qui fecit
+stadiodromon Astylon, qui Olympiae ostenditur: et Libyn puerum
+tenentem tabulam, eodem loco, et mala ferentem nudum. Syracusis
+autem claudicantem: cujus hulceris dolorem sentire etiam spectantes
+videntur. Man erwäge die letzten Worte etwas genauer. Wird nicht
+darin offenbar von einer Person gesprochen, die wegen eines
+schmerzhaften Geschwüres überall bekannt ist? Cujus hulceris usw.
+Und dieses cujus sollte auf das bloße claudicantem, und das
+claudicantem vielleicht auf das noch entferntere puerum gehen?
+Niemand hatte mehr recht, wegen eines solchen Geschwüres bekannter zu
+sein, als Philoktet. Ich lese also anstatt claudicantem, Philoctetem,
+oder halte wenigstens dafür, daß das letztere durch das erstere
+gleichlautende Wort verdrungen worden, und man beides zusammen
+Philoctetem claudicantem lesen müsse. Sophokles läßt ihn stibon kai
+anagkan erpein, und es mußte ein Hinken verursachen, daß er auf den
+kranken Fuß weniger herzhaft auftreten konnte.}
+
+
+
+III.
+
+
+Aber, wie schon gedacht, die Kunst hat in den neuern Zeiten ungleich
+weitere Grenzen erhalten. Ihre Nachahmung, sagt man, erstrecke sich
+auf die ganze sichtbare Natur, von welcher das Schöne nur ein kleiner
+Teil ist. Wahrheit und Ausdruck sei ihr erstes Gesetz; und wie die
+Natur selbst die Schönheit höhern Absichten jederzeit aufopfere, so
+müsse sie auch der Künstler seiner allgemeinen Bestimmung unterordnen,
+und ihr nicht weiter nachgehen, als es Wahrheit und Ausdruck
+erlauben. Genug, daß durch Wahrheit und Ausdruck das Häßlichste der
+Natur in ein Schönes der Kunst verwandelt werde.
+
+Gesetzt, man wollte diese Begriffe vors erste unbestritten in ihrem
+Werte oder Unwerte lassen: sollten nicht andere von ihnen unabhängige
+Betrachtungen zu machen sein, warum demohngeachtet der Künstler in
+dem Ausdrucke Maß halten, und ihn nie aus dem höchsten Punkte der
+Handlung nehmen müsse.
+
+Ich glaube, der einzige Augenblick, an den die materiellen Schranken
+der Kunst alle ihre Nachahmungen binden, wird auf dergleichen
+Betrachtungen leiten.
+
+Kann der Künstler von der immer veränderlichen Natur nie mehr als
+einen einzigen Augenblick, und der Maler insbesondere diesen einzigen
+Augenblick auch nur aus einem einzigen Gesichtspunkte, brauchen; sind
+aber ihre Werke gemacht, nicht bloß erblickt, sondern betrachtet zu
+werden, lange und wiederholtermaßen betrachtet zu werden: so ist es
+gewiß, daß jener einzige Augenblick und einzige Gesichtspunkt dieses
+einzigen Augenblickes, nicht fruchtbar genug gewählet werden kann.
+Dasjenige aber nur allein ist fruchtbar, was der Einbildungskraft
+freies Spiel läßt. Je mehr wir sehen, desto mehr müssen wir hinzu
+denken können. Je mehr wir darzu denken, desto mehr müssen wir zu
+sehen glauben. In dem ganzen Verfolge eines Affekts ist aber kein
+Augenblick, der diesen Vorteil weniger hat, als die höchste Staffel
+desselben. Über ihr ist weiter nichts, und dem Auge das Äußerste
+zeigen, heißt der Phantasie die Flügel binden, und sie nötigen, da
+sie über den sinnlichen Eindruck nicht hinaus kann, sich unter ihm
+mit schwächern Bildern zu beschäftigen, über die sie die sichtbare
+Fülle des Ausdrucks als ihre Grenze scheuet. Wenn Laokoon also
+seufzet, so kann ihn die Einbildungskraft schreien hören; wenn er
+aber schreiet, so kann sie von dieser Vorstellung weder eine Stufe
+höher, noch eine Stufe tiefer steigen, ohne ihn in einem leidlichern,
+folglich uninteressantern Zustande zu erblicken. Sie hört ihn erst
+ächzen, oder sie sieht ihn schon tot.
+
+Ferner. Erhält dieser einzige Augenblick durch die Kunst eine
+unveränderliche Dauer: so muß er nichts ausdrücken, was sich nicht
+anders als transitorisch denken läßt. Alle Erscheinungen, zu deren
+Wesen wir es nach unsern Begriffen rechnen, daß sie plötzlich
+ausbrechen und plötzlich verschwinden, daß sie das, was sie sind, nur
+einen Augenblick sein können; alle solche Erscheinungen, sie mögen
+angenehm oder schrecklich sein, erhalten durch die Verlängerung der
+Kunst ein so widernatürliches Ansehen, daß mit jeder wiederholten
+Erblickung der Eindruck schwächer wird, und uns endlich vor dem
+ganzen Gegenstande ekelt oder grauet. La Mettrie, der sich als einen
+zweiten Demokrit malen und stechen lassen, lacht nur die ersten Male,
+die man ihn sieht. Betrachtet ihn öftrer, und er wird aus einem
+Philosophen ein Geck; aus seinem Lachen wird ein Grinsen. So auch
+mit dem Schreien. Der heftige Schmerz, welcher das Schreien
+auspresset, läßt entweder bald nach, oder zerstörst das leidende
+Subjekt. Wann also auch der geduldigste standhafteste Mann schreiet,
+so schreiet er doch nicht unabläßlich. Und nur dieses scheinbare
+Unabläßliche in der materiellen Nachahmung der Kunst ist es, was sein
+Schreien zu weibischem Unvermögen, zu kindischer Unleidlichkeit
+machen würde. Dieses wenigstens mußte der Künstler des Laokoons
+vermeiden, hätte schon das Schreien der Schönheit nicht geschadet,
+wäre es auch seiner Kunst schon erlaubt gewesen, Leiden ohne
+Schönheit auszudrücken.
+
+Unter den alten Malern scheinet Timomachus Vorwürfe des äußersten
+Affekts am liebsten gewählet zu haben. Sein rasender Ajax, seine
+Kindermörderin Medea waren berühmte Gemälde. Aber aus den
+Beschreibungen, die wir von ihnen haben, erhellet, daß er jenen Punkt,
+in welchem der Betrachter das Äußerste nicht sowohl erblickt, als
+hinzudenkt, jene Erscheinung, mit der wir den Begriff des
+Transitorischen nicht so notwendig verbinden, daß uns die
+Verlängerung derselben in der Kunst mißfallen sollte, vortrefflich
+verstanden und miteinander zu verbinden gewußt hat. Die Medea hatte
+er nicht in dem Augenblicke genommen, in welchem sie ihre Kinder
+wirklich ermordet; sondern einige Augenblicke zuvor, da die
+mütterliche Liebe noch mit der Eifersucht kämpfet. Wir sehen das
+Ende dieses Kampfes voraus. Wir zittern voraus, nun bald bloß die
+grausame Medea zu erblicken, und unsere Einbildungskraft gehet weit
+über alles hinweg, was uns der Maler in diesem schrecklichen
+Augenblicke zeigen könnte. Aber eben darum beleidiget uns die in der
+Kunst fortdauernde Unentschlossenheit der Medea so wenig, daß wir
+vielmehr wünschen, es wäre in der Natur selbst dabei geblieben, der
+Streit der Leidenschaften hätte sich nie entschieden, oder hätte
+wenigstens so lange angehalten, bis Zeit und Überlegung die Wut
+entkräften und den mütterlichen Empfindungen den Sieg versichern
+können. Auch hat dem Timomachus diese seine Weisheit große und
+häufige Lobsprüche zugezogen, und ihn weit über einen andern
+unbekannten Maler erhoben, der unverständig genug gewesen war, die
+Medea in ihrer höchsten Raserei zu zeigen, und so diesem flüchtig
+überhingehenden Grade der äußersten Raserei eine Dauer zu geben, die
+alle Natur empöret. Der Dichter 1), der ihn desfalls tadelt, sagt
+daher sehr sinnreich, indem er das Bild selbst anredet: "Durstest du
+denn beständig nach dem Blute deiner Kinder? Ist denn immer ein
+neuer Jason, immer eine neue Kreusa da, die dich unaufhörlich
+erbittern?--Zum Henker mit dir auch im Gemälde!" setzt er voller
+Verdruß hinzu.
+
+{1. Philippus (Anthol. lib. IV. cap. 9. ep. 10).
+
+ Aiei gar diyaV brejewn jonon; h tiV Ihswn
+ DeuteroV, h Glaukh tiV pali soi projasiV;
+ Erre kai en khrv paidoktone--}
+
+Von dem rasenden Ajax des Timomachus lÄßt sich aus der Nachricht des
+Philostrats urteilen 2). Ajax erschien nicht, wie er unter den
+Herden wÜtet, und Rinder und BÖcke für Menschen fesselt und mordet.
+Sondern der Meister zeigte ihn, wie er nach diesen wahnwitzigen
+Heldentaten ermattet dasitzt, und den Anschlag fasset, sich selbst
+umzubringen. Und das ist wirklich der rasende Ajax; nicht weil er
+eben itzt raset, sondern weil man siehet, daß er geraset hat; weil
+man die Größe seiner Raserei am lebhaftesten aus der
+verzweiflungsvollen Scham abnimmt, die er nun selbst darüber
+empfindet. Man siehet den Sturm in den Trümmern und Leichen, die er
+an das Land geworfen.
+
+{2. Vita Apoll. lib. II. cap. 22.}
+
+
+
+IV.
+
+
+Ich übersehe die angeführten Ursachen, warum der Meister des Laokoon
+in dem Ausdrucke des körperlichen Schmerzes Maß halten müssen, und
+finde, daß sie allesamt von der eigenen Beschaffenheit der Kunst, und
+von derselben notwendigen Schranken und Bedürfnissen hergenommen sind.
+Schwerlich dürfte sich also wohl irgendeine derselben auf die
+Poesie anwenden lassen.
+
+Ohne hier zu untersuchen, wie weit es dem Dichter gelingen kann,
+körperliche Schönheit zu schildern: so ist so viel unstreitig, daß,
+da das ganze unermeßliche Reich der Vollkommenheit seiner Nachahmung
+offen stehet, diese sichtbare Hülle, unter welcher Vollkommenheit zu
+Schönheit wird, nur eines von den geringsten Mitteln sein kann, durch
+die er uns für seine Personen zu interessieren weiß. Oft
+vernachlässiget er dieses Mittel gänzlich; versichert, daß wenn sein
+Held einmal unsere Gewogenheit gewonnen, uns dessen edlere
+Eigenschaften entweder so beschäftigen, daß wir an die körperliche
+Gestalt gar nicht denken, oder, wenn wir daran denken, uns so
+bestechen, daß wir ihm von selbst wo nicht eine schöne, doch eine
+gleichgültige erteilen. Am wenigsten wird er bei jedem einzeln Zuge,
+der nicht ausdrücklich für das Gesicht bestimmt ist, seine Rücksicht
+dennoch auf diesen Sinn nehmen dürfen. Wenn Virgils Laokoon schreiet,
+wem fällt es dabei ein, daß ein großes Maul zum Schreien nötig ist,
+und daß dieses große Maul häßlich läßt? Genug, daß clamores
+horrendos ad sidera tollit ein erhabner Zug für das Gehör ist, mag er
+doch für das Gesicht sein, was er will. Wer hier ein schönes Bild
+verlangt, auf den hat der Dichter seinen ganzen Eindruck verfehlt.
+
+Nichts nötiget hiernächst den Dichter sein Gemälde in einen einzigen
+Augenblick zu konzentrieren. Er nimmt jede seiner Handlungen, wenn
+er will, bei ihrem Ursprunge auf, und führet sie durch alle mögliche
+Abänderungen bis zu ihrer Endschaft. Jede dieser Abänderungen, die
+dem Künstler ein ganzes besonderes Stück kosten würde, kostet ihm
+einen einzigen Zug; und würde dieser Zug, für sich betrachtet, die
+Einbildung des Zuhörers beleidigen, so war er entweder durch das
+Vorhergehende so vorbereitet, oder wird durch das Folgende so
+gemildert und vergütet, daß er seinen einzeln Eindruck verlieret, und
+in der Verbindung die trefflichste Wirkung von der Welt tut. Wäre es
+also auch wirklich einem Manne unanständig, in der Heftigkeit des
+Schmerzes zu schreien; was kann diese kleine überhingehende
+Unanständigkeit demjenigen bei uns für Nachteil bringen, dessen
+andere Tugenden uns schon für ihn eingenommen haben? Virgils Laokoon
+schreiet, aber dieser schreiende Laokoon ist eben derjenige, den wir
+bereits als den vorsichtigsten Patrioten, als den wärmsten Vater
+kennen und lieben. Wir beziehen sein Schreien nicht auf seinen
+Charakter, sondern lediglich auf sein unerträgliches Leiden. Dieses
+allein hören wir in seinem Schreien; und der Dichter konnte es uns
+durch dieses Schreien allein sinnlich machen.
+
+Wer tadelt ihn also noch? Wer muß nicht vielmehr bekennen: wenn der
+Künstler wohl tat, daß er den Laokoon nicht schreien ließ, so tat der
+Dichter ebenso wohl, daß er ihn schreien ließ?
+
+Aber Virgil ist hier bloß ein erzählender Dichter. Wird in seiner
+Rechtfertigung auch der dramatische Dichter mitbegriffen sein? Einen
+andern Eindruck macht die Erzählung von jemands Geschrei; einen
+andern dieses Geschrei selbst. Das Drama, welches für die lebendige
+Malerei des Schauspielers bestimmt ist, dürfte vielleicht eben
+deswegen sich an die Gesetze der materiellen Malerei strenger halten
+müssen. In ihm glauben wir nicht bloß einen schreienden Philoktet zu
+sehen und zu hören; wir hören und sehen wirklich schreien. Je näher
+der Schauspieler der Natur kömmt, desto empfindlicher müssen unsere
+Augen und Ohren beleidiget werden; denn es ist unwidersprechlich, daß
+sie es in der Natur werden, wenn wir so laute und heftige Äußerungen
+des Schmerzes vernehmen. Zudem ist der körperliche Schmerz überhaupt
+des Mitleidens nicht fähig, welches andere Übel erwecken. Unsere
+Einbildung kann zu wenig in ihm unterscheiden, als daß die bloße
+Erblickung desselben etwas von einem gleichmäßigen Gefühl in uns
+hervorzubringen vermochte. Sophokles könnte daher leicht nicht einen
+bloß willkürlichen, sondern in dem Wesen unserer Empfindungen selbst
+gegründeten Anstand übertreten haben, wenn er den Philoktet und
+Herkules so winseln und weinen, so schreien und brüllen läßt. Die
+Umstehenden können unmöglich so viel Anteil an ihrem Leiden nehmen,
+als diese ungemäßigten Ausbrüche zu erfordern scheinen. Sie werden
+uns Zuschauern vergleichungsweise kalt vorkommen, und dennoch können
+wir ihr Mitleiden nicht wohl anders, als wie das Maß des unsrigen
+betrachten. Hierzu füge man, daß der Schauspieler die Vorstellung
+des körperlichen Schmerzes schwerlich oder gar nicht bis zur Illusion
+treiben kann: und wer weiß, ob die neuern dramatischen Dichter nicht
+eher zu loben, als zu tadeln sind, daß sie diese Klippe entweder ganz
+und gar vermieden, oder doch nur mit einem leichten Kahne umfahren
+haben.
+
+Wie manches würde in der Theorie unwidersprechlich scheinen, wenn es
+dem Genie nicht gelungen wäre, das Widerspiel durch die Tat zu
+erweisen. Alle diese Betrachtungen sind nicht ungegründet, und doch
+bleibet Philoktet eines von den Meisterstücken der Bühne. Denn ein
+Teil derselben trifft den Sophokles nicht eigentlich, und nur indem
+er sich über den andern Teil hinwegsetzet, hat er Schönheiten
+erreicht, von welchen dem furchtsamen Kunstrichter, ohne dieses
+Beispiel, nie träumen würde. Folgende Anmerkungen werden es näher
+zeigen.
+
+1. Wie wunderbar hat der Dichter die Idee des körperlichen Schmerzes
+zu verstärken und zu erweitern gewußt! Er wählte eine Wunde--(denn
+auch die Umstände der Geschichte kann man betrachten, als ob sie von
+seiner Wahl abgehangen hätten, insofern er nämlich die ganze
+Geschichte, eben dieser ihm vorteilhaften Umstände wegen, wählte)--er
+wählte, sage ich, eine Wunde und nicht eine innerliche Krankheit;
+weil sich von jener eine lebhaftere Vorstellung machen läßt, als von
+dieser, wenn sie auch noch so schmerzlich ist. Die innere
+sympathetische Glut, welche den Meleager verzehrte, als ihn seine
+Mutter in dem fatalen Brande ihrer schwesterlichen Wut aufopferte,
+würde daher weniger theatralisch sein, als eine Wunde. Und diese
+Wunde war ein göttliches Strafgericht. Ein mehr als natürliches Gift
+tobte unaufhörlich darin, und nur ein stärkerer Anfall von Schmerzen
+hatte seine gesetzte Zeit, nach welchem jedesmal der Unglückliche in
+einen betäubenden Schlaf verfiel, in welchem sich seine erschöpfte
+Natur erholen mußte, den nämlichen Weg des Leidens wieder antreten zu
+können. Chateaubrun läßt ihn bloß von dem vergifteten Pfeile eines
+Trojaners verwundet sein. Was kann man sich von einem so
+gewöhnlichen Zufalle Außerordentliches versprechen? Ihm war in den
+alten Kriegen ein jeder ausgesetzt; wie kam es, daß er nur bei dem
+Philoktet so schreckliche Folgen hatte? Ein natürliches Gift, das
+neun ganzer Jahre wirket, ohne zu töten, ist noch dazu weit
+unwahrscheinlicher, als alle das fabelhafte Wunderbare, womit es der
+Grieche ausgerüstet hat.
+
+2. So groß und schrecklich er aber auch die körperlichen Schmerzen
+seines Helden machte, so fühlte er es doch sehr wohl, daß sie allein
+nicht hinreichend wären, einen merklichen Grad des Mitleids zu
+erregen. Er verband sie daher mit andern Übeln, die gleichfalls für
+sich betrachtet nicht besonders rühren konnten, die aber durch diese
+Verbindung einen ebenso melancholischen Anstrich erhielten, als sie
+den körperlichen Schmerzen hinwiederum mitteilten. Diese Übel waren,
+völlige Beraubung der menschlichen Gesellschaft, Hunger und alle
+Unbequemlichkeiten des Lebens, welchem man unter einem rauhen Himmel
+in jener Beraubung ausgesetzet ist 1). Man denke sich einen Menschen
+in diesen Umständen, man gebe ihm aber Gesundheit, und Kräfte, und
+Industrie, und es ist ein Robinson Crusoe, der auf unser Mitleid
+wenig Anspruch macht, ob uns gleich sein Schicksal sonst gar nicht
+gleichgültig ist. Denn wir sind selten mit der menschlichen
+Gesellschaft so zufrieden, daß uns die Ruhe, die wir außer derselben
+genießen, nicht sehr reizend dünken sollte, besonders unter der
+Vorstellung, welche jedes Individuum schmeichelt, daß es fremden
+Beistandes nach und nach kann entbehren lernen. Auf der andern Seite
+gebe man einem Menschen die schmerzlichste unheilbarste Krankheit,
+aber man denke ihn zugleich von gefälligen Freunden umgeben, die ihn
+an nichts Mangel leiden lassen, die sein Übel, soviel in ihren
+Kräften stehet, erleichtern, gegen die er unverhohlen klagen und
+jammern darf: unstreitig werden wir Mitleid mit ihm haben, aber
+dieses Mitleid dauert nicht in die Länge, endlich zucken wir die
+Achsel und verweisen ihn zur Geduld. Nur wenn beide Fälle
+zusammenkommen, wenn der Einsame auch seines Körpers nicht mächtig
+ist, wenn dem Kranken ebensowenig jemand anders hilft, als er sich
+selbst helfen kann, und seine Klagen in der öden Luft verfliegen:
+alsdann sehen wir alles Elend, was die menschliche Natur treffen kann,
+über den Unglücklichen zusammenschlagen, und jeder flüchtige Gedanke,
+mit dem wir uns an seiner Stelle denken, erreget Schaudern und
+Entsetzen. Wir erblicken nichts als die Verzweiflung in ihrer
+schrecklichsten Gestalt vor uns, und kein Mitleid ist stärker, keines
+zerschmelzet mehr die ganze Seele, als das, welches sich mit
+Vorstellungen der Verzweiflung mischet. Von dieser Art ist das
+Mitleid, welches wir für den Philoktet empfinden, und in dem
+Augenblicke am stärksten empfinden, wenn wir ihn auch seines Bogens
+beraubt sehen, des einzigen, was ihm sein kümmerliches Leben erhalten
+mußte.--O des Franzosen, der keinen Verstand, dieses zu überlegen,
+kein Herz, dieses zu fühlen, gehabt hat! Oder wann er es gehabt hat,
+der klein genug war, dem armseligen Geschmacke seiner Nation alles
+dieses aufzuopfern. Chateaubrun gibt dem Philoktet Gesellschaft. Er
+läßt eine Prinzessin Tochter zu ihm in die wüste Insel kommen. Und
+auch diese ist nicht allein, sondern hat ihre Hofmeisterin bei sich;
+ein Ding, von dem ich nicht weiß, ob es die Prinzessin oder der
+Dichter nötiger gebraucht hat. Das ganze vortreffliche Spiel mit dem
+Bogen hat er weggelassen. Dafür läßt er schöne Augen spielen.
+Freilich würden Pfeil und Bogen der französischen Heldenjugend sehr
+lustig vorgekommen sein. Nichts hingegen ist ernsthafter als der
+Zorn schöner Augen. Der Grieche martert uns mit der greulichen
+Besorgung, der arme Philoktet werde ohne seinen Bogen auf der wüsten
+Insel bleiben und elendiglich umkommen müssen. Der Franzose weiß
+einen gewissern Weg zu unserm Herzen: er läßt uns fürchten, der Sohn
+des Achilles werde ohne seine Prinzessin abziehen müssen. Dieses
+hießen denn auch die Pariser Kunstrichter, über die Alten
+triumphieren, und einer schlug vor, das Chateaubrunsche Stück la
+difficulté vaincue zu benennen 2).
+
+{1. Wenn der Chor das Elend des Philoktet in dieser Verbindung
+betrachtet, so scheinet ihn die hilflose Einsamkeit desselben ganz
+besonders zu rühren. In jedem Worte hören wir den geselligen
+Griechen. Über eine von den hierher gehörigen Stellen habe ich
+indes meinen Zweifel. Sie ist die (v. 201-205):
+
+ In' autoV hn prosouroV, ouk ecwn basin,
+ Oude tin' egcwrwn,
+ Kakogeitona par' v stonon antitupon
+ Barubrvt' apoklau-
+ seien aimathron.
+
+
+Die gemeine Winshemsche Übersetzung gibt dieses so:
+
+ Ventis expositus et pedibus captus
+ Nullum cohabitatorem
+ Nec vicinum ullum saltem malum habens, apud quem gemitum mutuum
+ Gravemque ac cruentum
+ Ederet.
+
+
+Hiervon weicht die interpolierte Übersetzung des Th. Johnson nur in
+den Worten ab:
+
+ Ubi ipse ventis erat expositus, firmum gradum non habens,
+ Nec quenquam indigenarum,
+ Nec malum vicinum, apud quem ploraret
+ Vehementer edacem
+ Sanguineum morbum, mutuo gemitu.
+
+
+Man sollte glauben, er habe diese verÄnderten Worte aus der
+gebundenen Übersetzung des Thomas Naogeorgus entlehnet. Denn dieser
+(sein Werk ist sehr selten, und Fabricius selbst hat es nur aus dem
+Oporinschen Bücherverzeichnisse gekannt) drückt sich so aus:
+
+ --ubi expositus fuit
+ Ventis ipse, gradum firmum haud habens,
+ Nec quenquam indigenam, nec vel malum
+ Vicinum, ploraret apud quem
+ Vehementer edacem atque cruentum
+ Morbum mutuo.
+
+
+Wenn diese Übersetzungen ihre Richtigkeit haben, so sagt der Chor das
+StÄrkste, was man nur immer zum Lobe der menschlichen Gesellschaft
+sagen kann: Der Elende hat keinen Menschen um sich; er weiß von
+keinem freundlichen Nachbar; zu glücklich, wenn er auch nur einen
+bÖsen Nachbar hätte! Thomson würde sodann diese Stelle vielleicht
+vor Augen gehabt haben, wenn er den gleichfalls in eine wüste Insel
+von Bösewichtern ausgesetzten Melisander sagen läßt:
+
+ Cast on the wildest of the Cyclad isles,
+ Where never human foot had marked the shore,
+ These ruffians left me--yet beliefe me, Arcas,
+ Such is the rooted love we bear mankind,
+ All ruffians as they were, I never heard
+ A sound so dismal as their parting oars.
+
+
+Auch ihm wÄre die Gesellschaft von BÖsewichtern lieber gewesen, als
+gar keine. Ein großer vortrefflicher Sinn! Wenn es nur gewiß wäre,
+daß Sophokles auch wirklich so etwas gesagt hätte. Aber ich muß
+ungern bekennen, daß ich nichts dergleichen bei ihm finde; es wäre
+denn, daß ich lieber mit den Augen des alten Scholiasten, als mit
+meinen eigenen sehen wollte, welcher die Worte des Dichters so
+umschreibt: Ou monon opou kalon ouk eice tina tvn egcwriwn geitona,
+alla oude kakon, par' ou amoibaion logon stenazwn akouseie. Wie
+dieser Auslegung die angefÜhrten Übersetzer gefolgt sind, so hat sich
+auch ebensowohl Brumoy, als unser neuer deutscher Übersetzer daran
+gehalten. Jener sagt, sans société, même importune: und dieser
+"jeder Gesellschaft, auch der beschwerlichsten beraubet". Meine
+Gründe, warum ich von ihnen allen abgehen muß, sind diese. Erstlich
+ist es offenbar, daß wenn kakogeitona von tin' egcwrwn getrennt
+werden, und ein besonders Glied ausmachen sollte, die Partikel oude
+vor kakogeitona notwendig wiederholt sein müßte. Da sie es aber
+nicht ist, so ist es ebenso offenbar, daß kakogeitona zu tina gehöret,
+und das Komma nach egcwrwn wegfallen muß. Dieses Komma hat sich aus
+der Übersetzung eingeschlichen, wie ich denn wirklich finde, daß es
+einige ganz griechische Ausgaben (z. E. die wittenbergische von 1585
+in Oktav, welche dem Fabricius völlig unbekannt geblieben) auch gar
+nicht haben, und es erst, wie gehörig, nach kakogeitona setzen.
+Zweitens ist das wohl ein böser Nachbar, von dem wir uns stonon
+antitupon, amoibaion, wie es der Scholiast erklärt, versprechen
+können? Wechselsweise mit uns seufzen, ist die Eigenschaft eines
+Freundes, nicht aber eines Feindes. Kurz also: man hat das Wort
+kakogeitona unrecht verstanden; man hat angenommen, daß es aus dem
+Adjectivo kakoV zusammengesetzt sei, und es ist aus dem Substantivo
+to kakon zusammengesetzt; man hat es durch einen bösen Nachbar
+erklärt, und hätte es durch einen Nachbar des Bösen erklären sollen.
+So wie kakomantiV nicht einen bösen, das ist falschen, unwahren
+Propheten, sondern einen Propheten des Bösen, kakotecnoV nicht einen
+bösen, ungeschickten Künstler, sondern einen Künstler im Bösen
+bedeuten. Unter einem Nachbar des Bösen versteht der Dichter aber
+denjenigen, welcher entweder mit gleichen Unfällen, als wir, behaftet
+ist, oder aus Freundschaft an unsern Unfällen Anteil nimmt; so daß
+die ganzen Worte oud' ecwn tin' egcwrwn kakogeitona bloß durch neque
+quenquam indigenarum mali socium habens zu übersetzen sind. Der neue
+englische Übersetzer des Sophokles, Thomas Franklin, kann nicht
+anders als meiner Meinung gewesen sein, indem er den bösen Nachbar in
+kakogeitwn auch nicht findet, sondern es bloß durch fellow-mourner
+übersetzt:
+
+ Expos'd to the inclement skies,
+ Deserted and forlorn he lyes,
+ No friend nor fellow-mourner there,
+ To sooth his sorrow, and divide his care.}
+
+{2. Mercure de France, Avril 1755. p. 177.}
+
+
+
+3. Nach der Wirkung des Ganzen betrachte man die einzelnen Szenen, in
+welchen Philoktet nicht mehr der verlassene Kranke ist; wo er
+Hoffnung hat, nun bald die trostlose EinÖde zu verlassen und wieder
+in sein Reich zu gelangen; wo sich also sein ganzes UnglÜck auf die
+schmerzliche Wunde einschrÄnkt. Er wimmert, er schreiet, er bekommt
+die gräßlichsten Zuckungen. Hierwider gehet eigentlich der Einwurf
+des beleidigten Anstandes. Es ist ein Engländer, welcher diesen
+Einwurf macht; ein Mann also, bei welchem man nicht leicht eine
+falsche Delikatesse argwöhnen darf. Wie schon berührt, so gibt er
+ihm auch einen sehr guten Grund. Alle Empfindungen und
+Leidenschaften, sagt er, mit welchen andere nur sehr wenig
+sympathisieren können, werden anstößig, wenn man sie zu heftig
+ausdrückt 1). "Aus diesem Grunde ist nichts unanständiger, und einem
+Manne unwürdiger, als wenn er den Schmerz, auch den allerheftigsten,
+nicht mit Geduld ertragen kann, sondern weinet und schreiet. Zwar
+gibt es eine Sympathie mit dem körperlichen Schmerze. Wenn wir sehen,
+daß jemand einen Schlag auf den Arm oder das Schienbein bekommen
+soll, so fahren wir natürlicherweise zusammen, und ziehen unsern
+eigenen Arm, oder Schienbein, zurück; und wenn der Schlag wirklich
+geschieht, so empfinden wir ihn gewissermaßen ebensowohl, als der,
+den er getroffen. Gleichwohl aber ist es gewiß, daß das Übel,
+welches wir fühlen, gar nicht beträchtlich ist; wenn der Geschlagene
+daher ein heftiges Geschrei erregt, so ermangeln wir nicht ihn zu
+verachten, weil wir in der Verfassung nicht sind, ebenso heftig
+schreien zu können, als er."--Nichts ist betrüglicher, als allgemeine
+Gesetze für unsere Empfindungen. Ihr Gewebe ist so fein und
+verwickelt, daß es auch der behutsamsten Spekulation kaum möglich ist,
+einen einzeln Faden rein aufzufassen und durch alle Kreuzfäden zu
+verfolgen. Gelingt es ihr aber auch schon, was für Nutzen hat es?
+Es gibt in der Natur keine einzelne reine Empfindung; mit einer jeden
+entstehen tausend andere zugleich, deren geringste die
+Grundempfindung gänzlich verändert, so daß Ausnahmen über Ausnahmen
+erwachsen, die das vermeintlich allgemeine Gesetz endlich selbst auf
+eine bloße Erfahrung in wenig einzeln Fällen einschränken.--Wir
+verachten denjenigen, sagt der Engländer, den wir unter körperlichen
+Schmerzen heftig schreien hören. Aber nicht immer: nicht zum ersten
+Male; nicht, wenn wir sehen, daß der Leidende alles mögliche anwendet,
+seinen Schmerz zu verbeißen; nicht, wenn wir ihn sonst als einen
+Mann von Standhaftigkeit kennen; noch weniger, wenn wir ihn selbst
+unter dem Leiden Proben von seiner Standhaftigkeit ablegen sehen,
+wenn wir sehen, daß ihn der Schmerz zwar zum Schreien, aber auch zu
+weiter nichts zwingen kann, daß er sich lieber der längern Fortdauer
+dieses Schmerzes unterwirft, als das geringste in seiner Denkungsart,
+in seinen Entschlüssen ändert, ob er schon in dieser Veränderung die
+gänzliche Endschaft seines Schmerzes hoffen darf. Das alles findet
+sich bei dem Philoktet. Die moralische Größe bestand bei den alten
+Griechen in einer ebenso unveränderlichen Liebe gegen seine Freunde,
+als unwandelbarem Hasse gegen seine Feinde. Diese Größe behält
+Philoktet bei allen seinen Martern. Sein Schmerz hat seine Augen
+nicht so vertrocknet, daß sie ihm keine Tränen über das Schicksal
+seiner alten Freunde gewähren könnten. Sein Schmerz hat ihn so mürbe
+nicht gemacht, daß er, um ihn los zu werden, seinen Feinden vergeben,
+und sich gern zu allen ihren eigennützigen Absichten brauchen lassen
+möchte. Und diesen Felsen von einem Manne hätten die Athenienser
+verachten sollen, weil die Wellen, die ihn nicht erschüttern können,
+ihn wenigstens ertönen machen?--Ich bekenne, daß ich an der
+Philosophie des Cicero überhaupt wenig Geschmack finde; am
+allerwenigsten aber an der, die er in dem zweiten Buche seiner
+tuskulanischen Fragen über die Erduldung des körperlichen Schmerzes
+auskramet. Man sollte glauben, er wolle einen Gladiator abrichten,
+so sehr eifert er wider den äußerlichen Ausdruck des Schmerzes. In
+diesem scheinet er allein die Ungeduld zu finden, ohne zu überlegen,
+daß er oft nichts weniger als freiwillig ist, die wahre Tapferkeit
+aber sich nur in freiwilligen Handlungen zeigen kann. Er hört bei
+dem Sophokles den Philoktet nur klagen und schreien, und übersieht
+sein übriges standhaftes Betragen gänzlich. Wo hätte er auch sonst
+die Gelegenheit zu seinem rhetorischen Ausfalle wider die Dichter
+hergenommen? "Sie sollen uns weichlich machen, weil sie die
+tapfersten Männer klagend einführen." Sie müssen sie klagen lassen;
+denn ein Theater ist keine Arena. Dem verdammten oder feilen Fechter
+kam es zu, alles mit Anstand zu tun und zu leiden. Von ihm mußte
+kein kläglicher Laut gehöret, keine schmerzliche Zuckung erblickt
+werden. Denn da seine Wunden, sein Tod die Zuschauer ergötzen
+sollten: so mußte die Kunst alles Gefühl verbergen lehren. Die
+geringste Äußerung desselben hätte Mitleiden erweckt, und öfters
+erregtes Mitleiden würde diesen frostig grausamen Schauspielen bald
+ein Ende gemacht haben. Was aber hier nicht erregt werden sollte,
+ist die einzige Absicht der tragischen Bühne, und fodert daher ein
+gerade entgegengesetztes Betragen. Ihre Helden müssen Gefühl zeigen,
+müssen ihre Schmerzen äußern, und die bloße Natur in sich wirken
+lassen. Verraten sie Abrichtung und Zwang, so lassen sie unser Herz
+kalt, und Klopffechter im Kothurne können höchstens nur bewundert
+werden. Diese Benennung verdienen alle Personen der sogenannten
+Senecaschen Tragödien, und ich bin der festen Meinung, daß die
+gladiatorischen Spiele die vornehmste Ursache gewesen, warum die
+Römer in dem Tragischen noch so weit unter dem Mittelmäßigen
+geblieben sind. Die Zuschauer lernten in dem blutigen Amphitheater
+alle Natur verkennen, wo allenfalls ein Ktesias seine Kunst studieren
+konnte, aber nimmermehr ein Sophokles. Das tragischste Genie, an
+diese künstliche Todesszenen gewöhnet, mußte auf Bombast und
+Rodomontaden verfallen. Aber so wenig als solche Rodomontaden wahren
+Heldenmut einflößen können, ebensowenig können Philoktetische Klagen
+weichlich machen. Die Klagen sind eines Menschen, aber die
+Handlungen eines Helden. Beide machen den menschlichen Helden, der
+weder weichlich noch verhärtet ist, sondern bald dieses bald jenes
+scheinet, so wie ihn itzt Natur, itzt Grundsätze und Pflicht
+verlangen. Er ist das Höchste, was die Weisheit hervorbringen, und
+die Kunst nachahmen kann.
+
+{1. The theory of moral sentiments, by Adam Smith. Part. I. sect. 2.
+chap. 1. p. 41. (London 1761.)}
+
+4. Nicht genug, daß Sophokles seinen empfindlichen Philoktet vor der
+Verachtung gesichert hat; er hat auch allem andern weislich
+vorgebauet, was man sonst aus der Anmerkung des Engländers wider ihn
+erinnern könnte. Denn verachten wir schon denjenigen nicht immer,
+der bei körperlichen Schmerzen schreiet, so ist doch dieses
+unwidersprechlich, daß wir nicht so viel Mitleiden für ihn empfinden,
+als dieses Geschrei zu erfordern scheinet. Wie sollen sich also
+diejenigen verhalten, die mit dem schreienden Philoktet zu tun haben?
+Sollen sie sich in einem hohen Grade gerührt stellen? Es ist wider
+die Natur. Sollen sie sich so kalt und verlegen bezeigen, als man
+wirklich bei dergleichen Fälle zu sein pflegt? Das würde die
+widrigste Dissonanz für den Zuschauer hervorbringen. Aber, wie
+gesagt, auch diesem hat Sophokles vorgebauet. Dadurch nämlich, daß
+die Nebenpersonen ihr eigenes Interesse haben; daß der Eindruck,
+welchen das Schreien des Philoktet auf sie macht, nicht das einzige
+ist, was sie beschäftiget, und der Zuschauer daher nicht sowohl auf
+die Disproportion ihres Mitleids mit diesem Geschrei, als vielmehr
+auf die Veränderung achtgibt, die in ihren eigenen Gesinnungen und
+Anschlägen durch das Mitleid, sei es so schwach oder so stark es will,
+entstehet, oder entstehen sollte. Neoptolem und der Chor haben den
+unglücklichen Philoktet hintergangen; sie erkennen, in welche
+Verzweiflung ihn ihr Betrug stürzen werde; nun bekommt er seinen
+schrecklichen Zufall vor ihren Augen; kann dieser Zufall keine
+merkliche sympathetische Empfindung in ihnen erregen, so kann er sie
+doch antreiben, in sich zu gehen, gegen so viel Elend Achtung zu
+haben, und es durch Verräterei nicht häufen zu wollen. Dieses
+erwartet der Zuschauer, und seine Erwartung findet sich von dem
+edelmütigen Neoptolem nicht getäuscht. Philoktet, seiner Schmerzen
+Meister, würde den Neoptolem bei seiner Verstellung erhalten haben.
+Philoktet, den sein Schmerz aller Verstellung unfähig macht, so
+höchst nötig sie ihm auch scheinet, damit seinen künftigen
+Reisegefährten das Versprechen, ihn mit sich zu nehmen, nicht zu bald
+gereue; Philoktet, der ganz Natur ist, bringt auch den Neoptolem zu
+seiner Natur wieder zurück. Diese Umkehr ist vortrefflich, und um so
+viel rührender, da sie von der bloßen Menschlichkeit bewirket wird.
+Bei dem Franzosen haben wiederum die schönen Augen ihren Teil daran
+2). Doch ich will an diese Parodie nicht mehr denken.--Des nämlichen
+Kunstgriffs, mit dem Mitleiden, welches das Geschrei über körperliche
+Schmerzen hervorbringen sollte, in den Umstehenden einen andern
+Affekt zu verbinden, hat sich Sophokles auch in den "Trachinerinnen"
+bedient. Der Schmerz des Herkules ist kein ermattender Schmerz; er
+treibt ihn bis zur Raserei, in der er nach nichts als nach Rache
+schnaubet. Schon hatte er in dieser Wut den Lichas ergriffen, und an
+dem Felsen zerschmettert. Der Chor ist weiblich; um so viel
+natürlicher muß sich Furcht und Entsetzen seiner bemeistern. Dieses,
+und die Erwartung, ob noch ein Gott dem Herkules zu Hilfe eilen, oder
+Herkules unter diesem Übel erliegen werde, macht hier das eigentliche
+allgemeine Interesse, welches von dem Mitleiden nur eine geringe
+Schattierung erhält. Sobald der Ausgang durch die Zusammenhaltung
+der Orakel entschieden ist, wird Herkules ruhig, und die Bewunderung
+über seinen letzten Entschluß tritt an die Stelle aller andern
+Empfindungen. Überhaupt aber muß man bei der Vergleichung des
+leidenden Herkules mit dem leidenden Philoktet nicht vergessen, daß
+jener ein Halbgott, und dieser nur ein Mensch ist. Der Mensch schämt
+sich seiner Klagen nie; aber der Halbgott schämt sich, daß sein
+sterblicher Teil über den unsterblichen so viel vermocht habe, daß er
+wie ein Mädchen weinen und winseln müssen 3). Wir Neuern glauben
+keine Halbgötter, aber der geringste Held soll bei uns wie ein
+Halbgott empfinden, und handeln.
+
+{2. Act. Il. Sc. III. De mes déguisements que penserait Sophie?
+sagt der Sohn des Achilles.}
+
+{3. Trach. v. 1088. 1089.
+
+ --ostiV wste parJenoV
+ Bebruca kleiwn--}
+
+
+Ob der Schauspieler das Geschrei und die Verzuckungen des Schmerzes
+bis zur Illusion bringen kÖnne, will ich weder zu verneinen noch zu
+bejahen wagen. Wenn ich fÄnde, daß es unsere Schauspieler nicht
+könnten, so mÜßte ich erst wissen, ob es auch ein Garrick nicht
+vermögend wäre: und wenn es auch diesem nicht gelänge, so würde ich
+mir noch immer die Skävopöie und Deklamation der Alten in einer
+Vollkommenheit denken dürfen, von der wir heutzutage gar keinen
+Begriff haben.
+
+
+
+V.
+
+
+Es gibt Kenner des Altertums, welche die Gruppe Laokoon zwar für ein
+Werk griechischer Meister, aber aus der Zeit der Kaiser halten, weil
+sie glauben, daß der Virgilische Laokoon dabei zum Vorbilde gedienet
+habe. Ich will von den ältern Gelehrten, die dieser Meinung gewesen
+sind, nur den Bartholomäus Marliani 1), und von den neuern den
+Montfaucon 2) nennen. Sie fanden ohne Zweifel zwischen dem
+Kunstwerke und der Beschreibung des Dichters eine so besondere
+Übereinstimmung, daß es ihnen unmöglich dünkte, daß beide von
+ohngefähr auf einerlei Umstände sollten gefallen sein, die sich
+nichts weniger, als von selbst darbieten. Dabei setzten sie voraus,
+daß wenn es auf die Ehre der Erfindung und des ersten Gedankens
+ankomme, die Wahrscheinlichkeit für den Dichter ungleich größer sei,
+als für den Künstler.
+
+{1. Topographiae Urbis Romae libr. IV. cap. 14. Et quanquam hi
+(Agesander et Polydorus et Athenodorus Rhodii) ex Virgilii
+descriptione statuam hanc formavisse videntur etc.}
+
+{2. Suppl. aux Ant. Expliq. T. I. p. 242. Il semble qu'Agésandre,
+Polydore et Athénodore, qui en furent les ouvriers, aient travaillé
+comme à l'envie, pour laisser un monument, qui répondait à
+l'incomparable description qu'a fait Virgile de Laocoon etc.}
+
+Nur scheinen sie vergessen zu haben, daß ein dritter Fall möglich sei.
+Denn vielleicht hat der Dichter ebensowenig den Künstler, als der
+Künstler den Dichter nachgeahmt, sondern beide haben aus einerlei
+älteren Quelle geschöpft. Nach dem Macrobius würde Pisander diese
+ältere Quelle sein können 3). Denn als die Werke dieses griechischen
+Dichters noch vorhanden waren, war es schulkundig, pueris decantatum,
+daß der Römer die ganze Eroberung und Zerstörung Iliums, sein ganzes
+zweites Buch, aus ihm nicht sowohl nachgeahmt, als treulich übersetzt
+habe. Wäre nun also Pisander auch in der Geschichte des Laokoon
+Virgils Vorgänger gewesen, so brauchten die griechischen Künstler
+ihre Anleitung nicht aus einem lateinischen Dichter zu holen, und die
+Mutmaßung von ihrem Zeitalter gründet sich auf nichts.
+
+{3. Saturnal. lib. V. cap. 2. Quae Virgilius traxit a Graecis,
+dicturumne me putetis quae vulgo nota sunt? quod Theocritum sibi
+fecerit pastoralis operis autorem, ruralis Hesiodum? et quod in ipsis
+Georgicis tempestatis serenitatisque signa de Arati Phaenomenis
+traxerit? vel quod eversionem Trojae, cum Sinone suo, et equo ligneo,
+ceterisque omnibus, quae librum secundum faciunt, a Pisandro paene ad
+verbum transcripserit? qui inter Graecos poetas eminet opere, quod a
+nuptiis Jovis et Junonis incipiens universas historias, quae mediis
+omnibus sacculis usque ad aetatem ipsius Pisandri contigerunt, in
+unam seriem coactas redegerit, et unum ex diversis hiatibus temporum
+corpus effecerit? in quo opere inter historias ceteras interitus
+quoque Trojae in hunc modum relatus est. Quae fideliter Maro
+interpretando, fabricatus est sibi Iliacae urbis ruinam. Sed et haec
+et talia ut pueris decantata praetereo.}
+
+Indes wenn ich notwendig die Meinung des Marliani und Montfaucon
+behaupten müßte, so würde ich ihnen folgende Ausflucht leihen.
+Pisanders Gedichte sind verloren; wie die Geschichte des Laokoon von
+ihm erzählet worden, läßt sich mit Gewißheit nicht sagen; es ist aber
+wahrscheinlich, daß es mit eben den Umständen geschehen sei, von
+welchen wir noch itzt bei griechischen Schriftstellern Spuren finden.
+Nun kommen aber diese mit der Erzählung des Virgils im geringsten
+nicht überein, sondern der römische Dichter muß die griechische
+Tradition völlig nach seinem Gutdünken umgeschmolzen haben. Wie er
+das Unglück des Laokoon erzählet, so ist es seine eigene Erfindung;
+folglich, wenn die Künstler in ihrer Vorstellung mit ihm harmonieren,
+so können sie nicht wohl anders als nach seiner Zeit gelebt, und nach
+seinem Vorbilde gearbeitet haben.
+
+Quintus Calaber läßt zwar den Laokoon einen gleichen Verdacht, wie
+Virgil, wider das hölzerne Pferd bezeigen; allein der Zorn der
+Minerva, welchen sich dieser dadurch zuziehet, äußert sich bei ihm
+ganz anders. Die Erde erbebt unter dem warnenden Trojaner; Schrecken
+und Angst überfallen ihn; ein brennender Schmerz tobet in seinen
+Augen; sein Gehirn leidet; er raset; er verblindet. Erst, da er
+blind noch nicht aufhört, die Verbrennung des hölzernen Pferdes
+anzuraten, sendet Minerva zwei schreckliche Drachen, die aber bloß
+die Kinder des Laokoon ergreifen. Umsonst strecken diese die Hände
+nach ihrem Vater aus; der arme blinde Mann kann ihnen nicht helfen;
+sie werden zerfleischt, und die Schlangen schlupfen in die Erde. Dem
+Laokoon selbst geschieht von ihnen nichts; und daß dieser Umstand dem
+Quintus 4) nicht eigen, sondern vielmehr allgemein angenommen müsse
+gewesen sein, bezeiget eine Stelle des Lykophron, wo diese Schlangen
+5) das Beiwort der Kinderfresser führen.
+
+{4. Paralip. lib. XII. v. 398-408 et v. 439-474.}
+
+{5. Oder vielmehr Schlange: denn Lykophron scheinet nur eine
+angenommen zu haben:
+
+Kai paidobrvtoV porkewV nhsouV diplaV.}
+
+War er aber, dieser Umstand, bei den Griechen allgemein angenommen,
+so würden sich griechische Künstler schwerlich erkühnt haben, von ihm
+abzuweichen, und schwerlich würde es sich getroffen haben, daß sie
+auf eben die Art wie ein römischer Dichter abgewichen wären, wenn sie
+diesen Dichter nicht gekannt hätten, wenn sie vielleicht nicht den
+ausdrücklichen Auftrag gehabt hätten, nach ihm zu arbeiten. Auf
+diesem Punkte, meine ich, müßte man bestehen, wenn man den Marliani
+und Montfaucon verteidigen wollte. Virgil ist der erste und einzige
+6), welcher sowohl Vater als Kinder von den Schlangen umbringen läßt;
+die Bildhauer tun dieses gleichfalls, da sie es doch als Griechen
+nicht hätten tun sollen: also ist es wahrscheinlich, daß sie es auf
+Veranlassung des Virgils getan haben.
+
+{6. Ich erinnere mich, daß man das Gemälde hierwider anführen könnte,
+welches Eumolp bei dem Petron auslegt. Es stellte die Zerstörung von
+Troja, und besonders die Geschichte des Laokoon, vollkommen so vor,
+als sie Virgil erzählet; und da in der nämlichen Galerie zu Neapel,
+in der es stand, andere alte Gemälde vom Zeuxis, Protogenes, Apelles
+waren, so ließe sich vermuten, daß es gleichfalls ein altes
+griechisches Gemälde gewesen sei. Allein man erlaube mir, einen
+Romandichter für keinen Historikus halten zu dürfen. Diese Galerie,
+und dieses Gemälde, und dieser Eumolp haben, allem Ansehen nach,
+nirgends als in der Phantasie des Petrons existieret. Nichts verrät
+ihre gänzliche Erdichtung deutlicher, als die offenbaren Spuren einer
+beinahe schülermäßigen Nachahmung der Virgilischen Beschreibung. Es
+wird sich der Mühe verlohnen, die Vergleichung anzustellen. So
+Virgil: (Aeneid. lib. II. 199-224.)
+
+ Hic aliud majus miseris multoque tremendum
+ Objicitur magis, atque improvida pectora turbat.
+ Laocoon, ductus Neptuno sorte sacerdos,
+ Solemnis taurum ingentem mactabat ad aras.
+ Ecce autem gemini a Tenedo tranquilla per alta
+ (Horresco referens) immensis orbibus angues
+ Incumbunt pelago, pariterque ad litora tendunt:
+ Pectora quorum inter fluctus arrecta, jubaeque
+ Sanguineae exsuperant undas: pars cetera pontum
+ Pone legit, sinuatque immensa volumine terga.
+ Fit sonitus spumante salo: jamque arva tenebant,
+ Ardentesque oculos suffecti sanguine et igni
+ Sibila lambebant linguis vibrantibus ora.
+ Diffugimus visu exsangues. Illi agmine certo
+ Laocoonta petunt, et primum parva duorum
+ Corpora natorum serpens amplexus uterque
+ Implicat, et miseros morsu depascitur artus.
+ Post ipsum, auxilio subeuntem ac tela ferentem,
+ Corripiunt, spirisque ligant ingentibus: et jam
+ Bis medium amplexi, bis collo squamea circum
+ Terga dati, superant capite et cervicibus altis.
+ Ille simul manibus tendit divellere nodos,
+ Perfusus sanie vittas atroque veneno:
+ Clamores simul horrendos ad sidera tollit.
+ Quales mugitus, fugit cum saucius aram
+ Taurus et incertam excussit cervice securim.
+
+
+Und so Eumolp, (von dem man sagen kÖnnte, daß es ihm wie allen Poeten
+aus dem Stegreife ergangen sei: ihr GedÄchtnis hat immer an ihren
+Versen ebensoviel Anteil, als ihre Einbildung):
+
+ Ecce alia monstra. Celsa qua Tenedos mare
+ Dorso repellit, tumida consurgunt freta,
+ Undaque resultat scissa tranquillo minor.
+ Qualis silenti nocte remorum sonus.
+ Longe refertur, cum premunt classes mare,
+ Pulsumque marmor abiete imposita gemit.
+ Respicimus, angues orbibus geminis ferunt
+ Ad saxa fluctus: tumida quorum pectora
+ Rates ut altae, lateribus spumas agunt:
+ Dant caudae sonitum; liberae ponto jubae
+ Coruscant luminibus, fulmineum jubar
+ Incendit aequor, sibilisque undae tremunt.
+ Stupuere mentes. Infulis stabant sacri
+ Phrygioque cultu gemina nati pignora
+ Laocoonte, quos repente tergoribus ligant
+ Angues corusci: parvulas illi manus
+ Ad ora referunt: neuter auxilio sibi
+ Uterque fratri transtulit pias vices,
+ Morsque ipsa miseros mutuo perdit metu.
+ Accumulat ecce liberûm funus parens,
+ Infirmus auxiliator; invadunt virum
+ Jam morte pasti, membraque ad terram trahunt.
+ Jacet sacerdos inter aras victima.
+
+
+Die HauptzÜge sind in beiden Stellen eben dieselben, und
+verschiedenes ist mit den nÄmlichen Worten ausgedrückt. Doch das
+sind Kleinigkeiten, die von selbst in die Augen fallen. Es gibt
+andere Kennzeichen der Nachahmung, die feiner, aber nicht weniger
+sicher sind. Ist der Nachahmer ein Mann, der sich etwas zutrauet, so
+ahmet er selten nach, ohne verschÖnern zu wollen; und wenn ihm dieses
+Verschönern, nach seiner Meinung, geglückt ist, so ist er Fuchs genug,
+seine Fußtapfen, die den Weg, welchen er hergekommen, verraten
+würden, mit dem Schwanze zuzukehren. Aber eben diese eitle Begierde
+zu verschönern, und diese Behutsamkeit Original zu scheinen, entdeckt
+ihn. Denn sein Verschönern ist nichts als Übertreibung und
+unnatürliches Raffinieren. Virgil sagt, sanguineae jubae: Petron,
+liberae jubae luminibus coruscant. Virgil, ardentes oculos suffecti
+sanguine er igni: Petron, fulmineum jubar incendit aequor. Virgil,
+fit sonitus spumante salo: Petron, sibilis undae tremunt. So geht
+der Nachahmer immer aus dem Großen ins Ungeheuere; aus dem
+Wunderbaren ins Unmögliche. Die von den Schlangen umwundenen Knaben
+sind dem Virgil ein Parergon, das er mit wenigen bedeutenden Strichen
+hinsetzt, in welchen man nichts als ihr Unvermögen und ihren Jammer
+erkennet. Petron malt dieses Nebenwerk aus, und macht aus den Knaben
+ein Paar heldenmütige Seelen,
+
+ --neuter auxilio sibi,
+ Uterque fratri transtulit pias vices,
+ Morsque ipsa miseros mutuo perdit metu.
+
+
+Wer erwartet von Menschen, von Kindern, diese Selbstverleugnung? Wie
+viel besser kannte der Grieche die Natur, (Quintus Calaber lib. XII.
+v. 459-461.) welcher, bei Erscheinung der schrecklichen Schlangen,
+sogar die MÜtter ihrer Kinder vergessen lÄßt, so sehr war jedes nur
+auf seine eigene Erhaltung bedacht.
+
+ --enJa gunaikeV
+ Oimwzon, kai pou tiV ewn epelhsato teknwn,
+ Auth aleuomenh stugeron moron--
+
+
+Zu verbergen sucht sich der Nachahmer gemeiniglich dadurch, daß er
+den GegenstÄnden eine andere Beleuchtung gibt, die Schatten des
+Originals heraus-, und die Lichter zurÜcktreibt. Virgil gibt sich
+Mühe, die GrÖße der Schlangen recht sichtbar zu machen, weil von
+dieser Größe die Wahrscheinlichkeit der folgenden Erscheinung abhängt;
+das Geräusche, welches sie verursachen, ist nur eine Nebenidee, und
+bestimmt, den Begriff der Größe auch dadurch lebhafter zu machen.
+Petron hingegen macht diese Nebenidee zur Hauptsache, beschreibt das
+Geräusch mit aller möglichen Üppigkeit, und vergißt die Schilderung
+der Größe so sehr, daß wir sie nur fast aus dem Geräusche schließen
+müssen. Es ist schwerlich zu glauben, daß er in diese
+Ungeschicklichkeit verfallen wäre, wenn er bloß aus seiner Einbildung
+geschildert, und kein Muster vor sich gehabt hätte, dem er
+nachzeichnen, dem er aber nachgezeichnet zu haben, nicht verraten
+wollen. So kann man zuverlässig jedes poetische Gemälde, das in
+kleinen Zögen überladen, und in den großen fehlerhaft ist, für eine
+verunglückte Nachahmung halten, es mag sonst so viele kleine
+Schönheiten haben als es will, und das Original mag sich lassen
+angeben können oder nicht.}
+
+Ich empfinde sehr wohl, wieviel dieser Wahrscheinlichkeit zur
+historischen Gewißheit mangelt. Aber da ich auch nichts Historisches
+weiter daraus schließen will, so glaube ich wenigstens, daß man sie
+als eine Hypothesis kann gelten lassen, nach welcher der Kritikus
+seine Betrachtungen anstellen darf. Bewiesen oder nicht bewiesen,
+daß die Bildhauer dem Virgil nachgearbeitet haben, ich will es bloß
+annehmen, um zu sehen, wie sie ihm sodann nachgearbeitet hätten.
+Über das Geschrei habe ich mich schon erklärt. Vielleicht, daß
+mich die weitere Vergleichung auf nicht weniger unterrichtende
+Bemerkungen leitet.
+
+Der Einfall, den Vater mit seinen beiden Söhnen durch die mördrischen
+Schlangen in einen Knoten zu schürzen, ist ohnstreitig ein sehr
+glücklicher Einfall, der von einer ungemein malerischen Phantasie
+zeuget. Wem gehört er? Dem Dichter, oder den Künstlern? Montfaucon
+will ihn bei dem Dichter nicht finden 1). Aber ich meine, Montfaucon
+hat den Dichter nicht aufmerksam genug gelesen.
+
+{1. Suppl. aux Antiq. Expl. T. I. p. 243. Il y a quelque petite
+différence entre ce que dit Virgile, et ce que le marbre représente.
+Il semble, selon ce que dit le poète, que les serpents quittèrent les
+deux enfants pour venir entortiller le père, au lieu que dans ce
+marbre ils lient en même temps les enfants et leur père.}
+
+ --illi agmine certo
+ Laocoonta petunt, et primum parva duorum
+ Corpora natorum serpens amplexus uterque
+ Implicat et miseros morsu depascitur artus.
+ Post ipsum, auxilio subeuntem et tela ferentem
+ Corripiunt, spirisque ligant ingentibus--
+
+
+Der Dichter hat die Schlangen von einer wunderbaren LÄnge geschildert.
+Sie haben die Knaben umstrickt, und da der Vater ihnen zu Hilfe
+kÖmmt, ergreifen sie auch ihn (corripiunt). Nach ihrer Größe konnten
+sie sich nicht auf einmal von den Knaben loswinden; es mußte also
+einen Augenblick geben, da sie den Vater mit ihren Köpfen und
+Vorderteilen schon angefallen hatten, und mit ihren Hinterteilen die
+Knaben noch verschlungen hielten. Dieser Augenblick ist in der
+Fortschreitung des poetischen Gemäldes notwendig; der Dichter läßt
+ihn sattsam empfinden; nur ihn auszumalen, dazu war itzt die Zeit
+nicht. Daß ihn die alten Ausleger auch wirklich empfunden haben,
+scheinet eine Stelle des Donatus 2) zu bezeigen. Wieviel weniger
+wird er den KÜnstlern entwischt sein, in deren verständiges Auge
+alles, was ihnen vorteilhaft werden kann, so schnell und deutlich
+einleuchtet?
+
+{2. Donatus ad v. 227. lib. II. Aeneid. Mirandum non est, clipeo et
+simulacri vestigiis tegi potuisse, quos supra et longos et validos
+dixit, et multiplici ambitu circumdedisse Laocoontis corpus ac
+liberorum, et fuisse superfluam partem. Mich dünkt übrigens, daß in
+dieser Stelle aus den Worten mirandum non est entweder das non
+wegfallen muß oder am Ende der ganze Nachsatz mangelt. Denn da die
+Schlangen so außerordentlich groß waren, so ist es allerdings zu
+verwundern, daß sie sich unter dem Schilde der Göttin verbergen
+können, wenn dieses Schild nicht selbst sehr groß war und zu einer
+kolossalischen Figur gehörte. Und die Versicherung hievon mußte der
+mangelnde Nachsatz sein; oder das non hat keinen Sinn.}
+
+In den Windungen selbst, mit welchen der Dichter die Schlangen um den
+Laokoon führet, vermeidet er sehr sorgfältig die Arme, um den Händen
+alle ihre Wirksamkeit zu lassen.
+
+Ille simul manibus tendit divellere nodos.
+
+Hierin mußten ihm die Künstler notwendig folgen. Nichts gibt mehr
+Ausdruck und Leben, als die Bewegung der Hände; im Affekte besonders,
+ist das sprechendste Gesicht ohne sie unbedeutend. Arme, durch die
+Ringe der Schlangen fest an den Körper geschlossen, würden Frost und
+Tod über die ganze Gruppe verbreitet haben. Also sehen wir sie, an
+der Hauptfigur sowohl als an den Nebenfiguren, in völliger Tätigkeit,
+und da am meisten beschäftiget, wo gegenwärtig der heftigste Schmerz
+ist.
+
+Weiter aber auch nichts, als diese Freiheit der Arme, fanden die
+Künstler zuträglich, in Ansehung der Verstrickung der Schlangen, von
+dem Dichter zu entlehnen. Virgil läßt die Schlangen doppelt um den
+Leib, und doppelt um den Hals des Laokoon sich winden, und hoch mit
+ihren Köpfen über ihn herausragen.
+
+Bis medium amplexi, bis collo squamea circum Terga dati, superant
+capite er cervicibus altis.
+
+
+Dieses Bild füllet unsere Einbildungskraft vortrefflich; die edelsten
+Teile sind bis zum Ersticken gepreßt, und das Gift gehet gerade nach
+dem Gesichte. Demohngeachtet war es kein Bild für Künstler, welche
+die Wirkungen des Giftes und des Schmerzes in dem Körper zeigen
+wollten. Denn um diese bemerken zu können, mußten die Hauptteile so
+frei sein als möglich, und durchaus mußte kein äußrer Druck auf sie
+wirken, welcher das Spiel der leidenden Nerven und arbeitenden
+Muskeln verändern und schwächen könnte. Die doppelten Windungen der
+Schlangen würden den ganzen Leib verdeckt haben, und jene
+schmerzliche Einziehung des Unterleibes, welche so sehr ausdrückend
+ist, würde unsichtbar geblieben sein. Was man über, oder unter, oder
+zwischen den Windungen, von dem Leibe noch erblickt hätte, würde
+unter Pressungen und Aufschwellungen erschienen sein, die nicht von
+dem innern Schmerze, sondern von der äußern Last gewirket worden.
+Der ebenso oft umschlungene Hals würde die pyramidalische Zuspitzung
+der Gruppe, welche dem Auge so angenehm ist, gänzlich verdorben haben;
+und die aus dieser Wulst ins Freie hinausragende spitze
+Schlangenköpfe hätten einen so plötzlichen Abfall von Mensur gehabt,
+daß die Form des Ganzen äußerst anstößig geworden wäre. Es gibt
+Zeichner, welche unverständig genug gewesen sind, sich demohngeachtet
+an den Dichter zu binden. Was denn aber auch daraus geworden, läßt
+sich unter andern aus einem Blatte des Franz Cleyn 3) mit Abscheu
+erkennen. Die alten Bildhauer übersahen es mit einem Blicke, daß
+ihre Kunst hier eine gänzliche Abänderung erfordere. Sie verlegten
+alle Windungen von dem Leibe und Halse, um die Schenkel und Füße.
+Hier konnten diese Windungen, dem Ausdrucke unbeschadet, so viel
+decken und pressen, als nötig war. Hier erregten sie zugleich die
+Idee der gehemmten Flucht und einer Art von Unbeweglichkeit, die der
+künstlichen Fortdauer des nämlichen Zustandes sehr vorteilhaft ist.
+
+{3. In der prächtigen Ausgabe von Drydens englischem Virgil. (London
+1697 in groß Folio.) Und doch hat auch dieser die Windungen der
+Schlangen um den Leib nur einfach, und um den Hals fast gar nicht
+geführt. Wenn ein so mittelmäßiger Künstler anders eine
+Entschuldigung verdient, so könnte ihm nur die zustatten kommen, daß
+Kupfer zu einem Buche als bloße Erläuterungen, nicht aber als für
+sich bestehende Kunstwerke zu betrachten sind.}
+
+Ich weiß nicht, wie es gekommen, daß die Kunstrichter diese
+Verschiedenheit, welche sich in den Windungen der Schlangen zwischen
+dem Kunstwerke und der Beschreibung des Dichters so deutlich zeiget,
+gänzlich mit Stillschweigen übergangen haben. Sie erhebet die
+Weisheit der Künstler ebensosehr als die andre, auf die sie alle
+fallen, die sie aber nicht sowohl anzupreisen wagen, als vielmehr nur
+zu entschuldigen suchen. Ich meine die Verschiedenheit in der
+Bekleidung. Virgils Laokoon ist in seinem priesterlichen Ornate, und
+in der Gruppe erscheinet er, mit beiden seinen Söhnen, völlig nackend.
+Man sagt, es gebe Leute, welche eine große Ungereimtheit darin
+fänden, daß ein Königssohn, ein Priester, bei einem Opfer, nackend
+vorgestellet werde. Und diesen Leuten antworten Kenner der Kunst in
+allem Ernste, daß es allerdings ein Fehler wider das übliche sei, daß
+aber die Künstler dazu gezwungen worden, weil sie ihren Figuren keine
+anständige Kleidung geben können. Die Bildhauerei, sagen sie, könne
+keine Stoffe nachahmen; dicke Falten machten ein üble Wirkung; aus
+zwei Unbequemlichkeiten habe man also die geringste wählen, und
+lieber gegen die Wahrheit selbst verstoßen, als in den Gewändern
+tadelhaft werden müssen 4). Wenn die alten Artisten bei dem Einwurfe
+lachen würden, so weiß ich nicht, was sie zu der Beantwortung sagen
+dürften. Man kann die Kunst nicht tiefer herabsetzen, als es dadurch
+geschiehet. Denn gesetzt, die Skulptur könnte die verschiednen
+Stoffe ebensogut nachahmen, als die Malerei: würde sodann Laokoon
+notwendig bekleidet sein müssen? Würden wir unter dieser Bekleidung
+nichts verlieren? Hat ein Gewand, das Werk sklavischer Hände,
+ebensoviel Schönheit als das Werk der ewigen Weisheit, ein
+organisierter Körper? Erfordert es einerlei Fähigkeiten, ist es
+einerlei Verdienst, bringt es einerlei Ehre, jenes oder diesen
+nachzuahmen? Wollen unsere Augen nur getäuscht sein, und ist es
+ihnen gleich viel, womit sie getäuscht werden?
+
+{4. So urteilet selbst De Piles in seinen Anmerkungen über den Du
+Fresnoy v. 210. Remarquez, s'il vous plaît, que les draperies tendres
+et légères n'étant données qu'au sexe féminin, les anciens sculpteurs
+ont évité autant qu'ils ont pu, d'habiller les figures d'hommes;
+parce qu'ils ont pensé, comme nous l'avons déjà dit, qu'en sculpture
+on ne pouvait imiter les étoffes et que les gros plis faisaient un
+mauvais effet. Il y a presque autant d'exemples de cette vérité,
+qu'il y a parmi les antiques de figures d'hommes nus. Je rapporterai
+seulement celui du Laocoon, lequel selon la vraisemblance devrait
+être vêtu. En effet, quelle apparence y-a-t-il qu'un fils de roi,
+qu'un prêtre d'Apollon se trouvât tout nu dans la cérémonie actuelle
+d'un sacrifice; car les serpents passèrent de l'île de Ténédos au
+rivage de Troie, et surprirent Laocoon et ses fils dans le temps même
+qu'il sacrifiait à Neptune sur le bord de la mer, comme le marque
+Virgile dans le second livre de son Enéide. Cependant les artistes,
+qui sont les auteurs de ce bel ouvrage, ont bien vu, qu'ils ne
+pouvaient pas leur donner de vêtements convenables à leur qualité,
+sans faire comme un amas de pierres, dont la masse ressemblerait à un
+rocher, au lieu des trois admirables figures, qui ont été et qui sont
+toujours l'admiration des siècles. C'est pour cela que de deux
+inconvénients, ils ont jugé celui des draperies beaucoup plus fâcheux,
+que celui d'aller contre la vérité même.}
+
+Bei dem Dichter ist ein Gewand kein Gewand; es verdeckt nichts;
+unsere Einbildungskraft sieht überall hindurch. Laokoon habe es bei
+dem Virgil, oder habe es nicht, sein Leiden ist ihr an jedem Teile
+seines Körpers einmal so sichtbar, wie das andere. Die Stirne ist
+mit der priesterlichen Binde für sie umbunden, aber nicht umhüllet.
+Ja sie hindert nicht allein nicht, diese Binde; sie verstärkt auch
+noch den Begriff, den wir uns von dem Unglücke des Leidenden machen.
+
+Perfusus sanie vittas atroque veneno.
+
+Nichts hilft ihm seine priesterliche Würde; selbst das Zeichen
+derselben, das ihm überall Ansehen und Verehrung verschafft, wird von
+dem giftigen Geifer durchnetzt und entheiliget.
+
+Aber diesen Nebenbegriff mußte der Artist aufgeben, wenn das
+Hauptwerk nicht leiden sollte. Hätte er dem Laokoon auch nur diese
+Binde gelassen, so würde er den Ausdruck um ein Großes geschwächt
+haben. Die Stirne wäre zum Teil verdeckt worden, und die Stirne ist
+der Sitz des Ausdruckes. Wie er also dort, bei dem Schreien, den
+Ausdruck der Schönheit aufopferte, so opferte er hier das Übliche dem
+Ausdrucke auf. Überhaupt war das Übliche bei den Alten eine sehr
+geringschätzige Sache. Sie fühlten, daß die höchste Bestimmung ihrer
+Kunst sie auf die völlige Entbehrung desselben führte. Schönheit ist
+diese höchste Bestimmung; Not erfand die Kleider, und was hat die
+Kunst mit der Not zu tun? Ich gebe es zu, daß es auch eine Schönheit
+der Bekleidung gibt; aber was ist sie, gegen die Schönheit der
+menschlichen Form? Und wird der, der das Größere erreichen kann,
+sich mit dem Kleinern begnügen? Ich fürchte sehr, der vollkommenste
+Meister in Gewändern zeigt durch diese Geschicklichkeit selbst, woran
+es ihm fehlt.
+
+
+
+VI.
+
+
+Meine Voraussetzung, daß die Künstler dem Dichter nachgeahmt haben,
+gereicht ihnen nicht zur Verkleinerung. Ihre Weisheit erscheinet
+vielmehr durch diese Nachahmung in dem schönsten Lichte. Sie folgten
+dem Dichter, ohne sich in der geringsten Kleinigkeit von ihm
+verführen zu lassen. Sie hatten ein Vorbild, aber da sie dieses
+Vorbild aus einer Kunst in die andere hinübertragen mußten, so fanden
+sie genug Gelegenheit selbst zu denken. Und diese ihre eigene
+Gedanken, welche sich in den Abweichungen von ihrem Vorbilde zeigen,
+beweisen, daß sie in ihrer Kunst ebenso groß gewesen sind, als er in
+der seinigen.
+
+Nun will ich die Voraussetzung umkehren: der Dichter soll den
+Künstlern nachgeahmt haben. Es gibt Gelehrte, die diese
+Voraussetzung als eine Wahrheit behaupten 1). Daß sie historische
+Gründe dazu haben könnten, wüßte ich nicht. Aber, da sie das
+Kunstwerk so überschwenglich schön fanden, so konnten sie sich nicht
+bereden, daß es aus so später Zeit sein sollte. Es mußte aus der
+Zeit sein, da die Kunst in ihrer vollkommensten Blüte war, weil es
+daraus zu sein verdiente.
+
+{1. Maffei, Richardson und noch neuerlich der Herr von Hagedorn.
+("Betrachtungen über die Malerei" S. 37. Richardson, Traité de la
+peinture. Tome III. p. 513.) De Fontaines verdient es wohl nicht,
+daß ich ihn diesen Männern beifüge. Er hält zwar, in den Anmerkungen
+zu seiner Übersetzung des Virgils, gleichfalls dafür, daß der Dichter
+die Gruppe in Augen gehabt habe; er ist aber so unwissend, daß er sie
+für ein Werk des Phidias ausgibt.}
+
+Es hat sich gezeigt, daß, so vortrefflich das Gemälde des Virgils ist,
+die Künstler dennoch verschiedene Züge desselben nicht brauchen
+können. Der Satz leidet also seine Einschränkung, daß eine gute
+poetische Schilderung auch ein gutes wirkliches Gemälde geben müsse,
+und daß der Dichter nur insoweit gut geschildert habe, als ihm der
+Artist in allen Zügen folgen könne. Man ist geneigt, diese
+Einschränkung zu vermuten, noch ehe man sie durch Beispiele erhärtet
+sieht; bloß aus Erwägung der weitern Sphäre der Poesie, aus dem
+unendlichen Felde unserer Einbildungskraft, aus der Geistigkeit ihrer
+Bilder, die in größter Menge und Mannigfaltigkeit nebeneinander
+stehen können, ohne daß eines das andere deckt oder schändet, wie es
+wohl die Dinge selbst, oder die natürlichen Zeichen derselben in den
+engen Schranken des Raumes oder der Zeit tun würden.
+
+Wenn aber das Kleinere das Größere nicht fassen kann, so kann das
+Kleinere in dem Größern enthalten sein. Ich will sagen; wenn nicht
+jeder Zug, den der malende Dichter braucht, eben die gute Wirkung auf
+der Fläche oder in dem Marmor haben kann: so möchte vielleicht jeder
+Zug, dessen sich der Artist bedienet, in dem Werke des Dichters von
+ebenso guter Wirkung sein können? Ohnstreitig; denn was wir in einem
+Kunstwerke schön finden, das findet nicht unser Auge, sondern unsere
+Einbildungskraft, durch das Auge, schön. Das nämliche Bild mag also
+in unserer Einbildungskraft durch willkürliche oder natürliche
+Zeichen wieder erregt werden, so muß auch jederzeit das nämliche
+Wohlgefallen, obschon nicht in dem nämlichen Grade, wieder entstehen.
+
+Dieses aber eingestanden, muß ich bekennen, daß mir die Voraussetzung,
+Virgil habe die Künstler nachgeahmet, weit unbegreiflicher wird, als
+mir das Widerspiel derselben geworden ist. Wenn die Künstler dem
+Dichter gefolgt sind, so kann ich mir von allen ihren Abweichungen
+Rede und Antwort geben. Sie mußten abweichen, weil die nämlichen
+Züge des Dichters in ihrem Werke Unbequemlichkeiten verursacht haben
+würden, die sich bei ihm nicht äußern. Aber warum mußte der Dichter
+abweichen? Wann er der Gruppe in allen und jeden Stücken treulich
+nachgegangen wäre, würde er uns nicht immer noch ein vortreffliches
+Gemälde geliefert haben 2)? Ich begreife wohl, wie seine vor sich
+selbst arbeitende Phantasie ihn auf diesen und jenen Zug bringen
+können; aber die Ursachen, warum seine Beurteilungskraft schöne Züge,
+die er vor Augen gehabt, in diese andere Züge verwandeln zu müssen
+glaubte, diese wollen mir nirgends einleuchten.
+
+{2. Ich kann mich desfalls auf nichts Entscheidenderes berufen, als
+auf das Gedichte des Sadolet. Es ist eines alten Dichters würdig,
+und da es sehr wohl die Stelle eines Kupfers vertreten kann, so
+glaube ich es hier ganz einrücken zu dürfen.
+
+ DE LAOCOONTIS STATUA
+ JACOBI SADOLETI CARMEN.
+
+ Ecce alto terrae e cumulo, ingentisque ruinae
+ Visceribus, iterum reducem longinqua reduxit
+ Laocoonta dies; aulis regalibus olim
+ Qui stetit, atque tuos ornabat, Tite, penates.
+ Divinae simulacrum artis, nec docta vetustas
+ Nobilius spectabat opus, nunc celsa revisit
+ Exemptum tenebris redivivae moenia Romae.
+ Quid primum summumve loquar? miserumne parentem
+ Et prolem geminam? an sinuatos flexibus angues
+ Terribili aspectu? caudasque irasque draconum
+ Vulneraque et veros, saxo moriente, dolores?
+ Horret ad haec animus, mutaque ab imagine pulsat
+ Pectora non parvo pietas commixta tremori.
+ Prolixum bini spiris glomerantur in orbem
+ Ardentes colubri, et sinuosis orbibus errant
+ Ternaque multiplici constringunt corpora nexu.
+ Vix oculi sufferre valent, crudele tuendo
+ Exitium, casusque feros: micat alter, et ipsum
+ Laocoonta petit, totumque infraque supraque
+ Implicat er rabido tandem ferit ilia morsu.
+ Connexum refugit corpus, torquentia sese
+ Membra, latusque retro sinuatum a vulnere cernas
+ Ille dolore acri, et laniatu impulsus acerbo,
+ Dat gemitum ingentem, crudosque evellere dentes
+ Connixus, laevam impatiens ad terga Chelydri
+ Objicit: intendunt nervi, collectaque ab omni
+ Corpore vis frustra summis conatibus instat.
+ Ferre nequit rabiem, et de vulnere murmur anhelum est.
+ At serpens lapsu crebro redeunte subintrat
+ Lubricus, intortoque ligat genua infima nodo.
+ Absistunt surae, spirisque prementibus arctum
+ Crus tumet, obsepto turgent vitalia pulsu,
+ Liventesque atro distendunt sanguine venas.
+ Nec minus in natos eadem vis effera saevit
+ Implexuque angit rapido, miserandaque membra
+ Dilacerat: jamque alterius depasta cruentum
+ Pectus, suprema genitorem voce cientis,
+ Circumjectu orbis, validoque volumine fulcit.
+ Alter adhuc nullo violatus corpora morsu,
+ Dum parat adducta caudam divellere planta,
+ Horret ad adspectum miseri patris, haeret in illo,
+ Er jam jam ingentes fletus, lacrimasque cadentes
+ Anceps in dubio retinet timor. Ergo perenni
+ Qui tantum statuistis opus jam laude nitentes,
+ Artifices magni (quanquam et melioribus actis
+ Quaeritur aeternum nomen, multoque licebat
+ Clarius ingenium venturae tradere famae)
+ Attamen ad laudem quaecunque oblata facultas
+ Egregium hanc rapere, et summa ad fastigia niti.
+ Vos rigidum lapidem vivis animare figuris
+ Eximii, et vivos spiranti in marmore sensus
+ Inserere, aspicimus motumque iramque doloremque,
+ Et paene audimus gemitus: vos extulit olim
+ Clara Rhodos, vestrac jacuerunt artis honores
+ Tempore ab immenso, quos rursum in luce secunda
+ Roma videt, celebratque frequens: operisque vetusti
+ Gratia parta recens. Quanto praestantius ergo est
+ Ingenio, aut quovis extendere fata labore,
+ Quam fastus et opes et inanem extendere luxum.
+
+
+(v. Leodegarii a Quercu Farrago poematum T. II. p. 63.) Auch Gruter
+hat dieses Gedicht, nebst andern des Sadolets, seiner bekannten
+Sammlung (Delic. Poet. Italorum Parte alt. p. 582) mit einverleibet;
+allein sehr fehlerhaft. FÜr bini (v. 14) lieset er vivi; für errant
+(v. 15) oram usw.}
+
+Mich dünket sogar, wenn Virgil die Gruppe zu seinem Vorbilde gehabt
+hÄtte, daß er sich schwerlich würde haben mäßigen kÖnnen, die
+Verstrickung aller drei Körper in einen Knoten gleichsam nur erraten
+zu lassen. Sie würde sein Auge zu lebhaft gerührt haben, er würde
+eine zu treffliche Wirkung von ihr empfunden haben, als daß sie nicht
+auch in seiner Beschreibung mehr vorstechen sollte. Ich habe gesagt:
+es war itzt die Zeit nicht, diese Verstrickung auszumalen. Nein;
+aber ein einziges Wort mehr würde ihr in dem Schatten, worin sie der
+Dichter lassen mußte, einen sehr entscheidenden Druck vielleicht
+gegeben haben. Was der Artist, ohne dieses Wort, entdecken konnte,
+würde der Dichter, wenn er es bei dem Artisten gesehen hätte, nicht
+ohne dasselbe gelassen haben.
+
+Der Artist hatte die dringendsten Ursachen, das Leiden des Laokoon
+nicht in Geschrei ausbrechen zu lassen. Wenn aber der Dichter die so
+rührende Verbindung von Schmerz und Schönheit in dem Kunstwerke vor
+sich gehabt hätte, was hätte ihn ebenso unvermeidlich nötigen können,
+die Idee von männlichem Anstande und großmütiger Geduld, welche aus
+dieser Verbindung des Schmerzes und der Schönheit entspringt, so
+völlig unangedeutet zu lassen, und uns auf einmal mit dem gräßlichen
+Geschrei seines Laokoons zu schrecken? Richardson sagt: Virgils
+Laokoon muß schreien, weil der Dichter nicht sowohl Mitleid für ihn,
+als Schrecken und Entsetzen bei den Trojanern, erregen will. Ich
+will es zugeben, obgleich Richardson nicht erwogen zu haben scheinet,
+daß der Dichter die Beschreibung nicht in seiner eignen Person macht,
+sondern sie den Aeneas machen läßt, und gegen die Dido machen läßt,
+deren Mitleid Aeneas nicht genug bestürmen konnte. Allein mich
+befremdet nicht das Geschrei, sondern der Mangel aller Gradation bis
+zu diesem Geschrei, auf welche das Kunstwerk den Dichter
+natürlicherweise hätte bringen müssen, wann er es, wie wir
+voraussetzen, zu seinem Vorbilde gehabt hätte. Richardson füget
+hinzu 3): die Geschichte des Laokoon solle bloß zu der pathetischen
+Beschreibung der endlichen Zerstörung leiten; der Dichter habe sie
+also nicht interessanter machen dürfen, um unsere Aufmerksamkeit,
+welche diese letzte schreckliche Nacht ganz fordere, durch das
+Unglück eines einzeln Bürgers nicht zu zerstreuen. Allein das heißt
+die Sache aus einem malerischen Augenpunkte betrachten wollen, aus
+welchem sie gar nicht betrachtet werden kann. Das Unglück des
+Laokoon und die Zerstörung sind bei dem Dichter keine Gemälde
+nebeneinander; sie machen beide kein Ganzes aus, das unser Auge auf
+einmal übersehen könnte oder sollte; und nur in diesem Falle wäre es
+zu besorgen, daß unsere Blicke mehr auf den Laokoon, als auf die
+brennende Stadt fallen dürften. Beider Beschreibungen folgen
+aufeinander, und ich sehe nicht, welchen Nachteil es der folgenden
+bringen könnte, wenn uns die vorhergehende auch noch so sehr gerührt
+hätte. Es sei denn, daß die folgende an sich selbst nicht rührend
+genug wäre.
+
+{3. De la peinture, Tome III. p. 516. C'est l'horreur que les Troiens
+ont conçue contre Laocoon, qui était nécessaire à Virgile pour la
+conduite de son poème; et cela le mène à cette description pathétique
+de la destruction de la patrie de son héros. Aussi Virgile n'avait
+garde de diviser l'attention sur la dernière nuit, pour une grande
+ville entière, par la peinture d'un petit malheur d'un particulier.}
+
+Noch weniger Ursache würde der Dichter gehabt haben, die Windungen
+der Schlangen zu verändern. Sie beschäftigen in dem Kunstwerke die
+Hände, und verstricken die Füße. So sehr dem Auge diese Verteilung
+gefällt, so lebhaft ist das Bild, welches in der Einbildung davon
+zurückbleibt. Es ist so deutlich und rein, daß es sich durch Worte
+nicht viel schwächer darstellen läßt, als durch natürliche Zeichen.
+
+ --micat alter, et ipsum
+ Laocoonta petit, totumque infraque supraque
+ Implicat et rabido tandem ferit ilia morsu
+ ------
+ At serpens lapsu crebro redeunte subintrat
+ Lubricus, intortoque ligat genua infima nodo.
+
+
+Das sind Zeilen des Sadolet, die von dem Virgil ohne Zweifel noch
+malerischer gekommen wÄren, wenn ein sichtbares Vorbild seine
+Phantasie befeuert hätte, und die alsdann gewiß besser gewesen wären,
+als was er uns itzt dafÜr gibt:
+
+ Bis medium amplexi, bis collo squamea circum
+ Terga dati, superant capite et cervicibus altis.
+
+
+Diese ZÜge füllen unsere Einbildungskraft allerdings; aber sie muß
+nicht dabei verweilen, sie muß sie nicht aufs reine zu bringen suchen,
+sie muß itzt nur die Schlangen, itzt nur den Laokoon sehen, sie muß
+sich nicht vorstellen wollen, welche Figur beide zusammen machen.
+Sobald sie hierauf verfÄllt, fängt ihr das Virgilische Bild an zu
+mißfallen, und sie findet es hÖchst unmalerisch.
+
+Wären aber auch schon die Veränderungen, welche Virgil mit dem ihm
+geliehenen Vorbilde gemacht hätte, nicht unglücklich, so wären sie
+doch bloß willkürlich. Man ahmet nach, um ähnlich zu werden; kann
+man aber ähnlich werden, wenn man über die Not verändert? Vielmehr
+wenn man dieses tut, ist der Vorsatz klar, daß man nicht ähnlich
+werden wollen, daß man also nicht nachgeahmt habe.
+
+Nicht das Ganze, könnte man einwenden, aber wohl diesen und jenen
+Teil. Gut; doch welches sind denn diese einzeln Teile, die in der
+Beschreibung und in dem Kunstwerke so genau übereinstimmen, daß sie
+der Dichter aus diesem entlehnet zu haben scheinen könnte? Den Vater,
+die Kinder, die Schlangen, das alles gab dem Dichter sowohl als dem
+Artisten, die Geschichte. Außer dem Historischen kommen sie in
+nichts überein, als darin, daß sie Kinder und Vater in einen einzigen
+Schlangenknoten verstricken. Allein der Einfall hierzu entsprang aus
+dem veränderten Umstande, daß den Vater eben dasselbe Unglück
+betroffen habe, als die Kinder. Diese Veränderung aber, wie oben
+erwähnt worden, scheinet Virgil gemacht zu haben; denn die
+griechische Tradition sagt ganz etwas anders. Folglich, wenn in
+Ansehung jener gemeinschaftlichen Verstrickung, auf einer oder der
+andern Seite Nachahmung sein soll, so ist sie wahrscheinlicher auf
+der Seite der Künstler, als des Dichters zu vermuten. In allem
+übrigen weicht einer von dem andern ab; nur mit dem Unterschiede, daß
+wenn es der Künstler ist, der die Abweichungen gemacht hat, der
+Vorsatz den Dichter nachzuahmen noch dabei bestehen kann, indem ihn
+die Bestimmung und die Schranken seiner Kunst dazu nötigten; ist es
+hingegen der Dichter, welcher dem Künstler nachgeahmt haben soll, so
+sind alle die berührten Abweichungen ein Beweis wider diese
+vermeintliche Nachahmung, und diejenigen, welche sie demohngeachtet
+behaupten, können weiter nichts damit wollen, als daß das Kunstwerk
+älter sei, als die poetische Beschreibung.
+
+
+
+VII.
+
+
+Wenn man sagt, der Künstler ahme dem Dichter, oder der Dichter ahme
+dem Künstler nach, so kann dieses zweierlei bedeuten. Entweder der
+eine macht das Werk des andern zu dem wirklichen Gegenstande seiner
+Nachahmung, oder sie haben beide einerlei Gegenstände der Nachahmung,
+und der eine entlehnet von dem andern die Art und Weise es
+nachzuahmen.
+
+Wenn Virgil das Schild des Aeneas beschreibst, so ahmet er dem
+Künstler, welcher dieses Schild gemacht hat, in der ersten Bedeutung
+nach. Das Kunstwerk, nicht das was auf dem Kunstwerke vorgestellet
+worden, ist der Gegenstand seiner Nachahmung, und wenn er auch schon
+das mitbeschreibt, was man darauf vorgestellet sieht, so beschreibt
+er es doch nur als ein Teil des Schildes, und nicht als die Sache
+selbst. Wenn Virgil hingegen die Gruppe Laokoon nachgeahmet hätte,
+so würde dieses eine Nachahmung von der zweiten Gattung sein. Denn
+er würde nicht diese Gruppe, sondern das, was diese Gruppe vorstellet,
+nachgeahmt, und nur die Züge seiner Nachahmung von ihr entlehnt
+haben.
+
+Bei der ersten Nachahmung ist der Dichter Original, bei der andern
+ist er Kopist. Jene ist ein Teil der allgemeinen Nachahmung, welche
+das Wesen seiner Kunst ausmacht, und er arbeitet als Genie, sein
+Vorwurf mag ein Werk anderer Künste, oder der Natur sein. Diese
+hingegen setzt ihn gänzlich von seiner Würde herab; anstatt der Dinge
+selbst ahmet er ihre Nachahmungen nach, und gibt uns kalte
+Erinnerungen von Zügen eines fremden Genies, für ursprüngliche Züge
+seines eigenen.
+
+Wenn indes Dichter und Künstler diejenigen Gegenstände, die sie
+miteinander gemein haben, nicht selten aus dem nämlichen
+Gesichtspunkte betrachten müssen: so kann es nicht fehlen, daß ihre
+Nachahmungen nicht in vielen Stücken übereinstimmen sollten, ohne daß
+zwischen ihnen selbst die geringste Nachahmung oder Beeiferung
+gewesen. Diese Übereinstimmungen können bei zeitverwandten Künstlern
+und Dichtern, über Dinge, welche nicht mehr vorhanden sind, zu
+wechselsweisen Erläuterungen führen; allein dergleichen Erläuterungen
+dadurch aufzustutzen suchen, daß man aus dem Zufalle Vorsatz macht,
+und besonders dem Poeten bei jeder Kleinigkeit ein Augenmerk auf
+diese Statue, oder auf jenes Gemälde andichtet, heißt ihm einen sehr
+zweideutigen Dienst erweisen. Und nicht allein ihm, sondern auch dem
+Leser, dem man die schönste Stelle dadurch, wenn Gott will, sehr
+deutlich, aber auch trefflich frostig macht.
+
+Dieses ist die Absicht und der Fehler eines berühmten englischen
+Werks. Spence schrieb seinen "Polymetis" 1) mit vieler klassischen
+Gelehrsamkeit, und in einer sehr vertrauten Bekanntschaft mit den
+übergebliebenen Werken der alten Kunst. Seinen Vorsatz, aus diesen
+die römischen Dichter zu erklären, und aus den Dichtern hinwiederum
+Aufschlüsse für noch unerklärte alte Kunstwerke herzuholen, hat er
+öfters glücklich erreicht. Aber demohngeachtet behaupte ich, daß
+sein Buch für jeden Leser von Geschmack ein ganz unerträgliches Buch
+sein muß.
+
+{1. Die erste Ausgabe ist von 1747; die zweite von 1755 und führet
+den Titel: Polymetis, or an enquiry concerning the agreement between
+the works of the Roman poets, and the remains of the ancient artists,
+being an attempt to illustrate them mutually from one another. In
+ten books, by the Revd. Mr. Spence. London, printed for Dodsley.
+fol. Auch ein Auszug, welchen N. Tindal aus diesem Werke gemacht hat,
+ist bereits mehr als einmal gedruckt worden.}
+
+Es ist natürlich, daß wenn Valerius Flaccus den geflügelten Blitz auf
+den römischen Schilden beschreibt,
+
+(Nec primus radios, miles Romane, corusci Fulminis et rutilas scutis
+diffuderis alas)
+
+
+mir diese Beschreibung weit deutlicher wird, wenn ich die Abbildung
+eines solchen Schildes auf einem alten Denkmale erblicke 2). Es kann
+sein, daß Mars in eben der schwebenden Stellung, in welcher ihn
+Addison über der Rhea auf einer Münze zu sehen glaubte 3), auch von
+den alten Waffenschmieden auf den Helmen und Schilden vorgestellet
+wurde, und daß Juvenal einen solchen Helm oder Schild in Gedanken
+hatte, als er mit einem Worte darauf anspielte, welches bis auf den
+Addison ein Rätsel für alle Ausleger gewesen. Mich dünkt selbst, daß
+ich die Stelle des Ovids, wo der ermattete Cephalus den kühlenden
+Lüften ruft:
+
+{2. Val. Flaccus lib. VI. v. 55. 56. Polymetis Dial. VI. p. 50.}
+
+{3. Ich sage, es kann sein. Doch wollte ich zehne gegen eins wetten,
+daß es nicht ist.--Juvenal redet von den ersten Zeiten der Republik,
+als man noch von keiner Pracht und Üppigkeit wußte und der Soldat das
+erbeutete Gold und Silber nur auf das Geschirr seines Pferdes und auf
+seine Waffen verwandte. (Sat. XI. v. 100 bis 107.)
+
+ Tunc rudis et Grajas mirari nescius artes
+ Urbibus eversis praedarum in parte reperta
+ Magnorum artificum frangebat pocula miles,
+ Ut phaleris gauderet equus, caelataque cassis
+ Romuleae simulacra ferae mansuescere jussae
+ Imperii fato, geminos sub rupe Quirinos,
+ Ac nudam effigiem clipeo fulgentis et hasta
+ Pendentisque dei perituro ostenderet hosti.
+
+
+Der Soldat zerbrach die kostbarsten Becher, die MeisterstÜcke großer
+Künstler, um eine WÖlfin, einen kleinen Romulus und Remus daraus
+arbeiten zu lassen, womit er seinen Helm ausschmückte. Alles ist
+verstÄndlich, bis auf die letzten zwei Zeilen, in welchen der Dichter
+fortfährt, noch ein solches getriebenes Bild auf den Helmen der alten
+Soldaten zu beschreiben. So viel sieht man wohl, daß dieses Bild der
+Gott Mars sein soll; aber was soll das Beiwort pendentis, welches er
+ihm gibt, bedeuten? Rigaltius fand eine alte Glosse, die es durch
+quasi ad ictum se inclinantis erklärt. Lubinus meinet, das Bild sei
+auf dem Schilde gewesen, und da das Schild an dem Arme hänge, so habe
+der Dichter auch das Bild hängend nennen können. Allein dieses ist
+wider die Konstruktion; denn das zu ostenderet gehörige Subjektum ist
+nicht miles, sondern cassis. Britannicus will, alles was hoch in der
+Luft stehe, könne hangend heißen, und also auch dieses Bild über oder
+auf dem Helme. Einige wollen gar perdentis dafür lesen, um einen
+Gegensatz mit dem folgenden perituro zu machen, den aber nur sie
+allein schön finden dürften. Was sagt nun Addison bei dieser
+Ungewißheit? Die Ausleger, sagt er, irren sich alle, und die wahre
+Meinung ist ganz gewiß diese. (S. dessen Reisen deut. Übers. S.
+249.) "Da die römischen Soldaten sich nicht wenig auf den Stifter und
+kriegerischen Geist ihrer Republik einbildeten, so waren sie gewohnt
+auf ihren Helmen die erste Geschichte des Romulus zu tragen, wie er
+von einem Gotte erzeugt, und von einer Wölfin gesäuget worden. Die
+Figur des Gottes war vorgestellt, wie er sich auf die Priesterin Ilia,
+oder wie sie andere nennen, Rhea Sylvia, herabläßt, und in diesem
+Herablassen schien sie über der Jungfrau in der Luft zu schweben,
+welches denn durch das Wort pendentis sehr eigentlich und poetisch
+ausgedruckt wird. Außer dem alten Basrelief beim Bellori, welches
+mich zuerst auf diese Auslegung brachte, habe ich seitdem die
+nämliche Figur auf einer Münze gefunden, die unter der Zeit des
+Antoninus Pius geschlagen worden."--Da Spence diese Entdeckung des
+Addison so außerordentlich glücklich findet, daß er sie als ein
+Muster in ihrer Art, und als das stärkste Beispiel anführet, wie
+nützlich die Werke der alten Artisten zur Erklärung der klassischen
+römischen Dichter gebraucht werden können: so kann ich mich nicht
+enthalten, sie ein wenig genauer zu betrachten. (Polymetis Dial.
+VII. p. 77.)--Vors erste muß ich anmerken, daß bloß das Basrelief und
+die Münze dem Addison wohl schwerlich die Stelle des Juvenals in die
+Gedanken gebracht haben würde, wenn er sich nicht zugleich erinnert
+hätte, bei dem alten Scholiasten, der in der letzten ohn' einen Zeile
+anstatt fulgentis, venientis gefunden, die Glosse gelesen zu haben:
+Martis ad Iliam venientis ut concumberet. Nun nehme man aber diese
+Lesart des Scholiasten nicht an, sondern man nehme die an, welche
+Addison selbst annimmt, und sage, ob man sodann die geringste Spur
+findet, daß der Dichter die Rhea in Gedanken gehabt habe? Man sage,
+ob es nicht ein wahres Hysteronproteron von ihm sein würde, daß er
+von der Wölfin und den jungen Knaben rede, und sodann erst von dem
+Abenteuer, dem sie ihr Dasein zu danken haben? Die Rhea ist noch
+nicht Mutter, und die Kinder liegen schon unter dem Felsen. Man sage,
+ob eine Schäferstunde wohl ein schickliches Emblema auf dem Helme
+eines römischen Soldaten gewesen wäre? Der Soldat war auf den
+göttlichen Ursprung seines Stifters stolz; das zeigten die Wölfin und
+die Kinder genugsam; mußte er auch noch den Mars im Begriffe einer
+Handlung zeigen, in der er nichts weniger als der fürchterliche Mars
+war? Seine Überraschung der Rhea mag auf noch so viel alten Marmorn
+und Münzen zu finden sein, paßt sie darum auf das Stück einer
+Rüstung? Und welches sind denn die Marmor und Münzen auf welchen sie
+Addison fand, und wo er den Mars in dieser schwebenden Stellung sahe?
+Das alte Basrelief, worauf er sich beruft, soll Bellori haben. Aber
+die Admiranda, welches seine Sammlung der schönsten alten Basreliefs
+ist, wird man vergebens darnach durchblättern. Ich habe es nicht
+gefunden, und auch Spence muß es weder da, noch sonst wo gefunden
+haben, weil er es gänzlich mit Stillschweigen übergeht. Alles kömmt
+also auf die Münze an. Nun betrachte man diese bei dem Addison
+selbst. Ich erblicke eine liegende Rhea; und da dem Stempelschneider
+der Raum nicht erlaubte, die Figur des Mars mit ihr auf gleichem
+Boden zu stellen, so stehet er ein wenig höher. Das ist es alles;
+Schwebendes hat sie außer diesem nicht das geringste. Es ist wahr,
+in der Abbildung, die Spence davon gibt, ist das Schweben sehr stark
+ausgedruckt; die Figur fällt mit dem Oberteile weit vor; und man
+sieht deutlich, daß es kein stehender Körper ist, sondern daß, wenn
+es kein fallender Körper sein soll, es notwendig ein schwebender sein
+muß. Spence sagt, er besitze diese Münze selbst. Es wäre hart,
+obschon in einer Kleinigkeit, die Aufrichtigkeit eines Mannes in
+Zweifel zu ziehen. Allein ein gefaßtes Vorurteil kann auch auf
+unsere Augen Einfluß haben; zudem konnte er es zum Besten seiner
+Leser für erlaubt halten, den Ausdruck, welchen er zu sehen glaubte,
+durch seinen Künstler so verstärken zu lassen, daß uns ebensowenig
+Zweifel desfalls übrigbliebe, als ihm selbst. So viel ist gewiß, daß
+Spence und Addison eben dieselbe Münze meinen, und daß sie sonach
+entweder bei diesem sehr verstellt, oder bei jenem sehr verschönert
+sein muß. Doch ich habe noch eine andere Anmerkung wider dieses
+vermeintliche Schweben des Mars. Diese nämlich: daß ein schwebender
+Körper, ohne eine scheinbare Ursache, durch welche die Wirkung seiner
+Schwere verhindert wird, eine Ungereimtheit ist, von der man in den
+alten Kunstwerken kein Exempel findet. Auch die neue Malerei
+erlaubet sich dieselbe nie, sondern wenn ein Körper in der Luft
+hangen soll, so müssen ihn entweder Flügel halten, oder er muß auf
+etwas zu ruhen scheinen, und sollte es auch nur eine bloße Wolke sein.
+Wenn Homer die Thetis von dem Gestade sich zu Fuße in den Olymp
+erheben läßt, Thn men ar Oulumponde podes jeron (Iliad. S. v. 148),
+so verstehet der Graf Caylus die Bedürfnisse der Kunst zu wohl, als
+daß er dem Maler raten sollte, die Göttin so frei die Luft
+durchschreiten zu lassen. Sie muß ihren Weg auf einer Wolke nehmen
+(Tableaux tirés de l'Iliade p. 91), so wie er sie ein andermal auf
+einen Wagen setzt (p. 131), obgleich der Dichter das Gegenteil von
+ihr sagt. Wie kann es auch wohl anders sein? Ob uns schon der
+Dichter die Göttin ebenfalls unter einer menschlichen Figur denken
+läßt, so hat er doch alle Begriffe eines groben und schweren Stoffes
+davon entfernet, und ihren menschenähnlichen Körper mit einer Kraft
+belebt, die ihn von den Gesetzen unserer Bewegung ausnimmt. Wodurch
+aber könnte die Malerei die körperliche Figur einer Gottheit von der
+körperlichen Figur eines Menschen so vorzüglich unterscheiden, daß
+unser Auge nicht beleidiget würde, wenn es bei der einen ganz andere
+Regeln der Bewegung, der Schwere, des Gleichgewichts beobachtet fände,
+als bei der andern? Wodurch anders als durch verabredete Zeichen?
+In der Tat sind ein Paar Flügel, eine Wolke auch nichts andres, als
+dergleichen Zeichen. Doch von diesem ein mehreres an einem andren
+Orte. Hier ist es genug, von den Verteidigern der Addisonschen
+Meinung zu verlangen, mir eine andere ähnliche Figur auf alten
+Denkmälern zu zeigen, die so frei und bloß in der Luft hange. Sollte
+dieser Mars die einzige in ihrer Art sein? Und warum? Hatte
+vielleicht die Tradition einen Umstand überliefert, der ein
+dergleichen Schweben in diesem Falle notwendig macht? Beim Ovid
+(Fast. lib. 3.) läßt sich nicht die geringste Spur davon entdecken.
+Vielmehr kann man zeigen, daß es keinen solchen Umstand könne gegeben
+haben. Denn es finden sich andere alte Kunstwerke, welche die
+nämliche Geschichte vorstellen, und wo Mars offenbar nicht schwebet,
+sondern gehet. Man betrachte das Basrelief beim Montfaucon (Suppl.
+T. I. p. 183), das sich, wenn ich nicht irre, zu Rom in dem Palast
+der Mellini befindet. Die schlafende Rhea liegt unter einem Baume,
+und Mars nähert sich ihr mit leisen Schritten, und mit der
+bedeutenden Zurückstreckung der rechten Hand, mit der wir denen
+hinter uns, entweder zurückzubleiben, oder sachte zu folgen, befehlen.
+Es ist vollkommen die nämliche Stellung in der er auf der Münze
+erscheinet, nur daß er hier die Lanze in der rechten und dort in der
+linken Hand führet. Man findet öftrer berühmte Statuen und
+Basreliefe auf alten Münzen kopieret, als daß es auch nicht hier
+könnte geschehen sein, wo der Stempelschneider den Ausdruck der
+zurückgewandten rechten Hand vielleicht nicht fühlte und sie daher
+besser mit der Lanze füllen zu können glaubte.--Alles dieses nun
+zusammengenommen, wie viel Wahrscheinlichkeit bleibet dem Addison
+noch übrig? Schwerlich mehr, als soviel deren die bloße Möglichkeit
+hat. Doch woher eine bessere Erklärung, wenn diese nichts taugt? Es
+kann sein, daß sich schon eine bessere unter den vom Addison
+verworfenen Erklärungen findet. Findet sich aber auch keine, was
+mehr? Die Stelle des Dichters ist verdorben; sie mag es bleiben.
+Und sie wird es bleiben, wenn man auch noch zwanzig neue Vermutungen
+darüber auskramen wollte. Dergleichen könnte z. E. diese sein, daß
+pendentis in seiner figürlichen Bedeutung genommen werden müsse, nach
+welcher es soviel als ungewiß, unentschlossen, unentschieden, heißet.
+Mars pendens wäre alsdenn soviel als Mars incertus oder Mars
+communis. Dii communes sunt, sagt Servius, (ad v. 118. lib. XII.
+Aeneid.), Mars, Bellona, Victoria, quia hi in bello utrique parti
+favere possunt. Und die ganze Zeile,
+
+Pendentisque dei (effigiem) perituro ostenderet hosti,
+
+würde diesen Sinn haben, daß der alte römische Soldat das Bildnis des
+gemeinschaftlichen Gottes seinem demohngeachtet bald unterliegenden
+Feinde unter die Augen zu tragen gewohnt gewesen sei. Ein sehr
+feiner Zug, der die Siege der alten Römer mehr zur Wirkung ihrer
+eignen Tapferkeit, als zur Frucht des parteiischen Beistandes ihres
+Stammvaters macht. Demohngeachtet: non liquet.}
+
+Aura--venias--Meque juves, intresque sinus, gratissima, nostros
+
+
+und seine Prokris diese Aura für den Namen einer Nebenbuhlerin hält,
+daß ich, sage ich, diese Stelle natürlicher finde, wenn ich aus den
+Kunstwerken der Alten ersehe, daß sie wirklich die sanften Lüfte
+personifieret, und eine Art weiblicher Sylphen, unter dem Namen Aurae,
+verehret haben 4). Ich gebe es zu, daß wenn Juvenal einen vornehmen
+Taugenichts mit einer Hermessäule vergleicht, man das Ähnliche in
+dieser Vergleichung schwerlich finden dürfte, ohne eine solche Säule
+zu sehen, ohne zu wissen, daß es ein schlechter Pfeiler ist, der bloß
+das Haupt, höchstens mit dem Rumpfe, des Gottes trägt, und weil wir
+weder Hände noch Füße daran erblicken, den Begriff der Untätigkeit
+erwecket 5).--Erläuterungen von dieser Art sind nicht zu verachten,
+wenn sie auch schon weder allezeit notwendig noch allezeit
+hinlänglich sein sollten. Der Dichter hatte das Kunstwerk als ein
+für sich bestehendes Ding, und nicht als Nachahmung, vor Augen; oder
+Künstler und Dichter hatten einerlei angenommene Begriffe, demzufolge
+sich auch Übereinstimmung in ihren Vorstellungen zeigen mußte, aus
+welcher sich auf die Allgemeinheit jener Begriffe zurückschließen
+läßt.
+
+{4. "Ehe ich", sagt Spence (Polymetis Dialogue XIII. p. 208) "mit
+diesen Aurae, Luftnymphen, bekannt ward, wußte ich mich in die
+Geschichte vom Cephalus und Prokris, beim Ovid, gar nicht zu finden.
+Ich konnte auf keine Weise begreifen, wie Cephalus durch seine
+Ausrufung, Aura venias, sie mochte auch in einem noch so zärtlichen
+schmachtenden Tone erschollen sein, jemanden auf den Argwohn bringen
+können, daß er seiner Prokris untreu sei. Da ich gewohnt war, unter
+dem Worte Aura, nichts als die Luft überhaupt, oder einen sanften
+Wind insbesondere, zu verstehen, so kam mir die Eifersucht der
+Prokris noch weit ungegründeter vor, als auch die
+allerausschweifendste gemeiniglich zu sein pflegt. Als ich aber
+einmal gefunden hatte, daß Aura ebensowohl ein schönes junges Mädchen,
+als die Luft bedeuten könnte, so bekam die Sache ein ganz anderes
+Ansehen, und die Geschichte dünkte mich eine ziemlich vernünftige
+Wendung zu bekommen." Ich will den Beifall, den ich dieser Entdeckung,
+mit der sich Spence so sehr schmeichelt, in dem Texte erteile, in
+der Note nicht wieder zurücknehmen. Ich kann aber doch nicht
+unangemerkt lassen, daß auch ohne sie die Stelle des Dichters ganz
+natürlich und begreiflich ist. Man darf nämlich nur wissen, daß Aura
+bei den Alten ein ganz gewöhnlicher Name für Frauenzimmer war. So
+heißt z. E. beim Nonnus (Dionys. lib. XLVIII.) die Nymphe aus dem
+Gefolge der Diana, die, weil sie sich einer männlichem Schönheit
+rühmte, als selbst der Göttin ihre war, zur Strafe für ihre
+Vermessenheit, schlafend den Umarmungen des Bacchus preisgegeben ward.}
+
+{5. Juvenalis Satir. VIII. v. 52-55.
+
+ --At tu
+ Nil nisi Cecropides; truncoque simillimus Hermae:
+ Nullo quippe alio vincis discrimine, quam quod
+ Illi marmoreum caput est, tua vivit imago.
+
+
+Wenn Spence die griechischen Schriftsteller mit in seinen Plan
+gezogen gehabt hÄtte, so wÜrde ihm vielleicht, vielleicht aber auch
+nicht, eine alte Aesopische Fabel beigefallen sein, die aus der
+Bildung einer solchen Hermessäule ein noch weit schÖneres, und zu
+ihrem Verständnisse weit unentbehrlicheres Licht erhält, als diese
+Stelle des Juvenals. "Merkur", erzählet Aesopus, "wollte gern
+erfahren, in welchem Ansehen er bei den Menschen stünde. Er verbarg
+seine Gottheit, und kam zu einem Bildhauer. Hier erblickte er die
+Statue des Jupiters, und fragte den Künstler, wie teuer er sie halte?,
+Eine Drachme‘, war die Antwort. Merkur lächelte;,Und diese Juno?‘
+fragte er weiter.,Ohngefähr--ebensoviel.‘ Indem ward er sein eigenes
+Bild gewahr, und dachte bei sich selbst: ich bin der Bote der Götter;
+von mir kömmt aller Gewinn; mich müssen die Menschen notwendig weit
+höher schätzen.,Aber hier dieser Gott?‘ (Er wies auf sein Bild.),Wie
+teuer möchte wohl der sein?‘,Dieser?‘ antwortete der Künstler.,O,
+wenn Ihr mir jene beide abkauft, so sollt Ihr diesen obendrein haben.
+‘" Merkur war abgeführt. Allein der Bildhauer kannte ihn nicht, und
+konnte also auch nicht die Absicht haben, seine Eigenliebe zu kränken,
+sondern es mußte in der Beschaffenheit der Statuen selbst gegründet
+sein, warum er die letztere so geringschätzig hielt, daß er sie zur
+Zugabe bestimmte. Die geringere Würde des Gottes, welchen sie
+vorstellte, konnte dabei nichts tun, denn der Künstler schätzet seine
+Werke nach der Geschicklichkeit, dem Fleiße und der Arbeit, welche
+sie erfordern, und nicht nach dem Range und dem Werte der Wesen,
+welche sie ausdrücken. Die Statue des Merkurs mußte weniger
+Geschicklichkeit, weniger Fleiß und Arbeit verlangen, wenn sie
+weniger kosten sollte, als eine Statue des Jupiters oder der Juno.
+Und so war es hier wirklich. Die Statuen des Jupiters und der Juno
+zeigten die völlige Person dieser Götter; die Statue des Merkurs
+hingegen war ein schlechter viereckichter Pfeiler, mit dem bloßen
+Brustbilde desselben. Was Wunder also, daß sie obendrein gehen
+konnte? Merkur übersahe diesen Umstand, weil er sein vermeintliches
+überwiegendes Verdienst nur allein vor Augen hatte, und so war seine
+Demütigung ebenso natürlich, als verdient. Man wird sich vergebens
+bei den Auslegern und Übersetzern und Nachahmern der Fabeln des
+Aesopus nach der geringsten Spur von dieser Erklärung umsehen; wohl
+aber könnte ich ihrer eine ganze Reihe anführen, wenn es sich der
+Mühe lohnte, die das Märchen geradezu verstanden, das ist, ganz und
+gar nicht verstanden haben. Sie haben die Ungereimtheit, welche
+darin liegt, wenn man die Statuen alle für Werke von einerlei
+Ausführung annimmt, entweder nicht gefühlt, oder wohl noch gar
+übertrieben. Was sonst in dieser Fabel anstößig sein könnte, wäre
+vielleicht der Preis, welchen der Künstler seinem Jupiter setzet.
+Für eine Drachma kann ja wohl auch kein Töpfer eine Puppe machen.
+Eine Drachma muß also hier überhaupt für etwas sehr Geringes stehen.
+(Fab. Aesop. 90. Edit. Haupt. p. 70.)}
+
+Allein wenn Tibull die Gestalt des Apollo malet, wie er ihm im Traume
+erschienen:--der schönste Jüngling, die Schläfe mit dem keuschen
+Lorbeer umwunden; syrische Gerüche duften aus dem güldenen Haare, das
+um den langen Nacken schwimmet; glänzendes Weiß und Purpurröte
+mischen sich auf dem ganzen Körper, wie auf der zarten Wange der
+Braut, die itzt ihrem Geliebten zugeführet wird:--warum müssen diese
+Züge von alten berühmten Gemälden erborgt sein? Echions nova nupta
+verecundia notabilis mag in Rom gewesen sein, mag tausend- und
+tausendmal sein kopieret worden, war darum die bräutliche Scham
+selbst aus der Welt verschwunden? Seit sie der Maler gesehen hatte,
+war sie für keinen Dichter mehr zu sehen, als in der Nachahmung des
+Malers 6)? Oder wenn ein anderer Dichter den Vulkan ermüdet, und
+sein vor der Esse erhitztes Gesicht rot, brennend nennet: mußte er es
+erst aus dem Werke eines Malers lernen, daß Arbeit ermattet und Hitze
+rötet 7)? Oder wenn Lucrez den Wechsel der Jahreszeiten beschreibet,
+und sie, mit dem ganzen Gefolge ihrer Wirkungen in der Luft und auf
+der Erde, in ihrer natürlichen Ordnung vorüberführet: war Lucrez ein
+Ephemeron, hatte er kein ganzes Jahr durchlebet, um alle die
+Veränderungen selbst erfahren zu haben, daß er sie nach einer
+Prozession schildern mußte, in welcher ihre Statuen herumgetragen
+wurden? Mußte er erst von diesen Statuen den alten poetischen
+Kunstgriff lernen, dergleichen Abstrakta zu wirklichen Wesen zu
+machen 8)? Oder Virgils pontem indignatus Araxes, dieses
+vortreffliche poetische Bild eines über seine Ufer sich ergießenden
+Flusses, wie er die über ihn geschlagene Brücke zerreißt, verliert es
+nicht seine ganze Schönheit, wenn der Dichter auf ein Kunstwerk damit
+angespielet hat, in welchem dieser Flußgott als wirklich eine Brücke
+zerbrechend vorgestellet wird 9)?--Was sollen wir mit dergleichen
+Erläuterungen, die aus der klarsten Stelle den Dichter verdrängen, um
+den Einfall eines Künstlers durchschimmern zu lassen?
+
+{6. Tibullus Eleg. 4. lib. III. Polymetis Dial. VIII. p. 84.}
+
+{7. Statius lib. I. Silv. 5. v. 8. Polymetis Dial. VIII. p. 81.}
+
+{8. Lucretius de R. N. lib. V. v. 736-747
+
+ It Ver, et Venus, et Veneris praenuntius ante
+ Pinnatus graditur Zephyrus; vestigia propter
+ Flora quibus mater praespargens ante viai
+ Cuncta coloribus egregiis et odoribus opplet.
+ Inde loci sequitur Calor aridus, et comes una
+ Pulverulenta Ceres; et Etesia flabra Aquilonum.
+ Inde Autumnus adit; graditur simul Evius Evan:
+ Inde aliae tempestates ventique sequuntur,
+ Altitonans Volturnus et Auster fulmine pollens.
+ Tandem Bruma nives adfert, pigrumque rigorem
+ Reddit, Hiems sequitur, crepitans ac dentibus Algus.
+
+{9. Aeneid. lib. VIII. v. 728. Polymetis Dial. XIV. p. 230.}
+
+Spence erkennet diese Stelle fÜr eine von den schÖnsten in dem ganzen
+Gedichte des Lucrez. Wenigstens ist sie eine von denen, auf welche
+sich die Ehre des Lucrez als Dichter gründet. Aber wahrlich, es
+heißt ihm diese Ehre schmÄlern, ihn völlig darum bringen wollen, wenn
+man sagt: Diese ganze Beschreibung scheinet nach einer alten
+Prozession der vergötterten Jahreszeiten, nebst ihrem Gefolge,
+gemacht zu sein. Und warum das? "Darum," sagt der Engeländer, "weil
+bei den Römern ehedem dergleichen Prozessionen mit ihren Göttern
+überhaupt, ebenso gewöhnlich waren, als noch itzt in gewissen Ländern
+die Prozessionen sind, die man den Heiligen zu Ehren anstellet; und
+weil hiernächst alle Ausdrücke, welche der Dichter hier braucht, auf
+eine Prozession recht sehr wohl passen" (come in very aptly, if
+applied to a procession). Treffliche Gründe! Und wie vieles wäre
+gegen den letzteren noch einzuwenden. Schon die Beiwörter, welche
+der Dichter den personifierten Abstrakten gibt, Calor aridus, Ceres
+pulverulenta, Volturnus altitonans, fulmine pollens Auster, Algus
+dentibus crepitans, zeigen, daß sie das Wesen von ihm, und nicht von
+dem Künstler haben, der sie ganz anders hätte charakterisieren müssen.
+Spence scheinet übrigens auf diesen Einfall von einer Prozession
+durch Abraham Preigern gekommen zu sein, welcher in seinen
+Anmerkungen über die Stelle des Dichters sagt: Ordo est quasi pompae
+cujusdam, Ver et Venus, Zephyrus et Flora etc. Allein dabei hätte es
+auch Spence nur sollen bewenden lassen. Der Dichter führet die
+Jahreszeiten gleichsam in einer Prozession auf; das ist gut. Aber er
+hat es von einer Prozession gelernt, sie so aufzuführen; das ist sehr
+abgeschmackt.}
+
+Ich bedaure, daß ein so nützliches Buch, als "Polymetis" sonst sein
+könnte, durch diese geschmacklose Grille, den alten Dichter statt
+eigentümlicher Phantasie, Bekanntschaft mit fremder unterzuschieben,
+so ekel, und den klassischen Schriftstellern weit nachteiliger
+geworden ist, als ihnen die wäßrigen Auslegungen der schalsten
+Wortforscher nimmermehr sein können. Noch mehr bedauere ich, daß
+Spencen selbst Addison hierin vorgegangen, der aus löblicher Begierde,
+die Kenntnis der alten Kunstwerke zu einem Auslegungsmittel zu
+erheben, die Fälle ebensowenig unterschieden hat, in welchen die
+Nachahmung des Künstlers dem Dichter anständig, in welchen sie ihm
+verkleinerlich ist 10).
+
+{10. In verschiedenen Stellen seiner Reisen und seines Gespräches
+über die alten Münzen.}
+
+
+
+VIII.
+
+
+Von der Ähnlichkeit, welche die Poesie und Malerei miteinander haben,
+macht sich Spence die allerseltsamsten Begriffe. Er glaubet, daß
+beide Künste bei den Alten so genau verbunden gewesen, daß sie
+beständig Hand in Hand gegangen, und der Dichter nie den Maler, der
+Maler nie den Dichter aus den Augen verloren habe. Daß die Poesie
+die weitere Kunst ist, daß ihr Schönheiten zu Gebote stehen, welche
+die Malerei nicht zu erreichen vermag; daß sie öfters Ursachen haben
+kann, die unmalerischen Schönheiten den malerischen vorzuziehen:
+daran scheinet er gar nicht gedacht zu haben, und ist daher bei dem
+geringsten Unterschiede, den er unter den alten Dichtern und Artisten
+bemerkt, in einer Verlegenheit, die ihn auf die wunderlichsten
+Ausflüchte von der Welt bringt.
+
+Die alten Dichter geben dem Bacchus meistenteils Hörner. Es ist also
+doch wunderbar, sagt Spence, daß man diese Hörner an seinen Statuen
+so selten erblickt 1). Er fällt auf diese, er fällt auf eine andere
+Ursache; auf die Unwissenheit der Antiquare, auf die Kleinheit der
+Hörner selbst, die sich unter den Trauben und Efeublättern, dem
+beständigen Kopfputze des Gottes, möchten verkrochen haben. Er
+windet sich um die wahre Ursache herum, ohne sie zu argwöhnen. Die
+Hörner des Bacchus waren keine natürliche Hörner, wie sie es an den
+Faunen und Satyren waren. Sie waren ein Stirnschmuck, den er
+aufsetzen und ablegen konnte.
+
+{1. Polymetis Dial. IX. p. 129.}
+
+ --Tibi, cum sine cornibus adstas
+ Virgineum caput est:--
+
+
+heißt es in der feierlichen Anrufung des Bacchus beim Ovid 2). Er
+konnte sich also auch ohne HÖrner zeigen; und zeigte sich ohne Hörner,
+wenn er in seiner jungfrÄulichen Schönheit erscheinen wollte. In
+dieser wollten ihn nun auch die KÜnstler darstellen, und mußten daher
+alle Zusätze von übler Wirkung an ihm vermeiden. Ein solcher Zusatz
+wären die Hörner gewesen, die an dem Diadem befestiget waren, wie man
+an einem Kopfe in dem königlichen Kabinett zu Berlin sehen kann 3).
+Ein solcher Zusatz war das Diadem selbst, welches die schöne Stirne
+verdeckte, und daher an den Statuen des Bacchus ebenso selten
+vorkömmt, als die Hörner, ob es ihm schon, als seinem Erfinder, von
+den Dichtern ebenso oft beigeleget wird. Dem Dichter gaben die
+Hörner und das Diadem feine Anspielungen auf die Taten und den
+Charakter des Gottes: dem Künstler hingegen wurden sie Hinderungen
+größere Schönheiten zu zeigen, und wenn Bacchus, wie ich glaube eben
+darum den Beinamen Biformis, DimorjoV, hatte, weil er sich sowohl
+schön als schrecklich zeigen konnte, so war es wohl natürlich, daß
+der Künstler diejenige von seiner Gestalt am liebsten wählte, die der
+Bestimmung seiner Kunst am meisten entsprach.
+
+{2. Metamorph. lib. IV. v. 19. 20.}
+
+{3. Begeri Thes. Brandenb. Vol. III. p. 240.}
+
+Minerva und Juno schleudern bei den römischen Dichtern öfters den
+Blitz. Aber warum nicht auch in ihren Abbildungen? fragt Spence 4).
+Er antwortet: es war ein besonderes Vorrecht dieser zwei Göttinnen,
+wovon man den Grund vielleicht erst in den samothracischen
+Geheimnissen erfuhr; weil aber die Artisten bei den alten Römern als
+gemeine Leute betrachtet, und daher zu diesen Geheimnissen selten
+zugelassen wurden, so wußten sie ohne Zweifel nichts davon, und was
+sie nicht wußten, konnten sie nicht vorstellen. Ich möchte Spencen
+dagegen fragen: arbeiteten diese gemeinen Leute vor ihren Kopf, oder
+auf Befehl Vornehmerer, die von den Geheimnissen unterrichtet sein
+konnten? Stunden die Artisten auch bei den Griechen in dieser
+Verachtung? Waren die römischen Artisten nicht mehrenteils geborne
+Griechen? Und so weiter.
+
+{4. Polymetis Dial. VI. p. 63.}
+
+Statius und Valerius Flaccus schildern eine erzürnte Venus, und mit
+so schrecklichen Zügen, daß man sie in diesem Augenblicke eher für
+eine Furie, als für die Göttin der Liebe halten sollte. Spence
+siehet sich in den alten Kunstwerken vergebens nach einer solchen
+Venus um. Was schließt er daraus? Daß dem Dichter mehr erlaubt ist
+als dem Bildhauer und Maler? Das hätte er daraus schließen sollen;
+aber er hat es einmal für allemal als einen Grundsatz angenommen, daß
+in einer poetischen Beschreibung nichts gut sei, was unschicklich
+sein würde, wenn man es in einem Gemälde, oder an einer Statue
+vorstellt 5). Folglich müssen die Dichter gefehlt haben. "Statius
+und Valerius sind aus einer Zeit, da die römische Poesie schon in
+ihrem Verfalle war. Sie zeigen auch hierin ihren verderbten
+Geschmack, und ihre schlechte Beurteilungskraft. Bei den Dichtern
+aus einer bessern Zeit wird man dergleichen Verstoßungen wider den
+malerischen Ausdruck nicht finden 6)."
+
+{5. Polymetis Dialogue XX. p. 31 1. Scarce any thing can be good in a
+poetical description, which would appear absurd, if represented in a
+statue or picture.}
+
+{6. Polymetis Dial. VII. p. 74.}
+
+So etwas zu sagen, braucht es wahrlich wenig Unterscheidungskraft.
+Ich will indes mich weder des Statius noch des Valerius in diesem
+Fall annehmen, sondern nur eine allgemeine Anmerkung machen. Die
+Götter und geistigen Wesen, wie sie der Künstler vorstellet, sind
+nicht völlig ebendieselben, welche der Dichter braucht. Bei dem
+Künstler sind sie personifierte Abstrakta, die beständig die nämliche
+Charakterisierung behalten müssen, wenn sie erkenntlich sein sollen.
+Bei dem Dichter hingegen sind sie wirkliche handelnde Wesen, die über
+ihren allgemeinen Charakter noch andere Eigenschaften und Affekten
+haben, welche nach Gelegenheit der Umstände vor jenen vorstechen
+können. Venus ist dem Bildhauer nichts als die Liebe; er muß ihr
+also alle die sittsame verschämte Schönheit, alle die holden Reize
+geben, die uns an geliebten Gegenständen entzücken, und die wir daher
+mit in den abgesonderten Begriff der Liebe bringen. Die geringste
+Abweichung von diesem Ideal läßt uns sein Bild verkennen. Schönheit,
+aber mit mehr Majestät als Scham, ist schon keine Venus, sondern eine
+Juno. Reize, aber mehr gebieterische, männliche, als holde Reize,
+geben eine Minerva statt einer Venus. Vollends eine zürnende Venus,
+eine Venus von Rache und Wut getrieben, ist dem Bildhauer ein wahrer
+Widerspruch; denn die Liebe, als Liebe, zürnet nie, rächet sich nie.
+Bei dem Dichter hingegen ist Venus zwar auch die Liebe, aber die
+Göttin der Liebe, die außer diesem Charakter, ihre eigne
+Individualität hat, und folglich der Triebe des Abscheues ebenso
+fähig sein muß, als der Zuneigung. Was Wunder also, daß sie bei ihm
+in Zorn und Wut entbrennet, besonders wenn es die beleidigte Liebe
+selbst ist, die sie darein versetzet?
+
+Es ist zwar wahr, daß auch der Künstler in zusammengesetzten Werken,
+die Venus, oder jede andere Gottheit, außer ihrem Charakter, als ein
+wirklich handelndes Wesen, so gut wie der Dichter, einführen kann.
+Aber alsdenn müssen wenigstens ihre Handlungen ihrem Charakter nicht
+widersprechen, wenn sie schon keine unmittelbare Folgen desselben
+sind. Venus übergibt ihrem Sohne die göttlichen Waffen: diese
+Handlung kann der Künstler, sowohl als der Dichter, vorstellen. Hier
+hindert ihn nichts, der Venus alle die Anmut und Schönheit zu geben,
+die ihr als Göttin der Liebe zukommen; vielmehr wird sie eben dadurch
+in seinem Werke um so viel kenntlicher. Allein wenn sieh Venus an
+ihren Verächtern, den Männern zu Lemnos, rächen will, in vergrößerter
+wilder Gestalt, mit fleckigten Wangen, in verwirrtem Haare, die
+Pechfackel ergreift, ein schwarzes Gewand um sich wirft, und auf
+einer finstern Wolke stürmisch herabfährt: so ist das kein Augenblick
+für den Künstler, weil er sie durch nichts in diesem Augenblicke
+kenntlich machen kann. Es ist nur ein Augenblick für den Dichter,
+weil dieser das Vorrecht hat, einen andern, in welchem die Göttin
+ganz Venus ist, so nahe, so genau damit zu verbinden, daß wir die
+Venus auch in der Furie nicht aus den Augen verlieren. Dieses tut
+Flaccus:
+
+ --Neque enim alma videri
+ Jam tumet; aut tereti crinem subnectitur auro,
+ Sidereos diffusa sinus. Eadem effera et ingens
+ Et maculis suffecta genas; pinumque sonantem
+ Virginibus Stygiis, nigramque simillima pallam 7).
+
+{7. Argonaut. lib. II. v. 102-106.}
+
+
+Eben dieses tut Statius:
+
+ Illa Paphon veterem centumque altaria linquens,
+ Nec vultu nec crine prior, solvisse jugalem
+ Ceston, et Idalias procul ablegasse volucres
+ Fertur. Erant certe, media qui noctis in umbra
+ Divam, alios ignes majoraque tela gerentem,
+ Tartarias inter thalamis volitasse sorores
+ Vulgarent: utque implicitis arcana domorum
+ Anguibus et saeva formidine cuncta replerit
+ Limina 8).--
+
+{8. Thebaid. lib. V. v. 61-69.}
+
+
+Oder man kann sagen: der Dichter allein besitzet das KunststÜck, mit
+negativen Zügen zu schildern, und durch Vermischung dieser negativen
+mit positiven Zügen, zwei Erscheinungen in eine zu bringen. Nicht
+mehr die holde Venus; nicht mehr das Haar mit goldenen Spangen
+geheftet; von keinem azurnen Gewande umflattert; ohne ihren Gürtel;
+mit andern Flammen, mit grÖßern Pfeilen bewaffnet; in Gesellschaft
+ihr Ähnlicher Furien. Aber weil der Artist dieses Kunststückes
+entbehren muß, soll sich seiner darum auch der Dichter enthalten?
+Wenn die Malerei die Schwester der Dichtkunst sein will: so sei sie
+wenigstens keine eifersüchtige Schwester; und die jüngere untersage
+der älteren nicht alle den Putz, der sie selbst nicht kleidet.
+
+
+
+IX.
+
+
+Wenn man in einzeln Fällen den Maler und Dichter miteinander
+vergleichen will, so muß man vor allen Dingen wohl zusehen, ob sie
+beide ihre völlige Freiheit gehabt haben, ob sie ohne allen
+äußerlichen Zwang auf die höchste Wirkung ihrer Kunst haben arbeiten
+können.
+
+Ein solcher äußerlicher Zwang war dem alten Künstler öfters die
+Religion. Sein Werk, zur Verehrung und Anbetung bestimmt, konnte
+nicht allezeit so vollkommen sein, als wenn er einzig das Vergnügen
+des Betrachters dabei zur Absicht gehabt hätte. Der Aberglaube
+überladete die Götter mit Sinnbildern, und die schönsten von ihnen
+wurden nicht überall als die schönsten verehret.
+
+Bacchus stand in seinem Tempel zu Lemnos, aus welchem die fromme
+Hypsipyle ihren Vater unter der Gestalt des Gottes rettete 1), mit
+Hörnern, und so erschien er ohne Zweifel in allen seinen Tempeln,
+denn die Hörner waren ein Sinnbild, welches sein Wesen mit
+bezeichnete. Nur der freie Künstler, der seinen Bacchus für keinen
+Tempel arbeitete, ließ dieses Sinnbild weg; und wenn wir, unter den
+noch übrigen Statuen von ihm, keine mit Hörnern finden 2), so ist
+dieses vielleicht ein Beweis, daß es keine von den geheiligten sind,
+in welchen er wirklich verehret worden. Es ist ohnedem höchst
+wahrscheinlich, daß auf diese letzteren die Wut der frommen Zerstörer
+in den ersten Jahrhunderten des Christentums vornehmlich gefallen ist,
+die nur hier und da ein Kunstwerk schonte, welches durch keine
+Anbetung verunreiniget war.
+
+{1. Valerius Flaccus lib. II. Argonaut. v. 265-273.
+
+ Serta patri, juvenisque comam vestesque Lyaei
+ Induit, et medium curru locat; aeraque circum
+ Tympanaque et plenas tacita formidine cistas.
+ Ipsa sinus hederisque ligat famularibus artus:
+ Pampineamque quatit ventosis ictibus hastam,
+ Respiciens; teneat virides velatus habenas
+ Ut pater, et nivea tumeant ut cornua mitra,
+ Et sacer ut Bacchum referat scyphus.
+
+{2. Der sogenannte Bacchus in dem Mediceischen Garten zu Rom (beim
+Montfaucon Suppl. aux Ant. Expl. T. I. p. 154) hat kleine aus der
+Stirne hervorsprossende HÖrner; aber es gibt Kenner, die ihn eben
+darum lieber zu einem Faune machen wollen. In der Tat sind solche
+natÜrliche Hörner eine SchÄndung der menschlichen Gestalt, und können
+nur Wesen geziemen, denen man eine Art von Mittelgestalt zwischen
+Menschen und Tier erteilte. Auch ist die Stellung, der lüsterne
+Blick nach der über sich gehaltenen Traube, einem Begleiter des
+Weingottes anständiger als dem Gotte selbst. Ich erinnere mich hier,
+was Clemens Alexandrinus von Alexander dem Großen sagt (Protrept. p.
+48. Edit. Pott.) Ebouleto de kai AlexandroV AmmwnoV uioV einai
+dokein, kai kerasjoroV anaplattesJai proV tvn agalmatopoivn, to kalon
+anJrwpou ubrisai speudwn kerati. Es war Alexanders ausdrücklicher
+Wille, daß ihn der Bildhauer mit Hörnern vorstellen sollte: er war es
+gern zufrieden, daß die menschliche Schönheit in ihm mit Hörnern
+beschimpft ward, wenn man ihn nur eines göttlichen Ursprunges zu sein
+glaubte.}
+
+
+Das Wort tumeant, in der letzten ohn' einen Zeile, scheinet übrigens
+anzuzeigen, daß man die Hörner des Bacchus nicht so klein gemacht,
+als sich Spence einbildet.}
+
+Da indes unter den aufgegrabenen Antiken sich Stücke sowohl von der
+einen als von der andern Art finden, so wünschte ich, daß man den
+Namen der Kunstwerke nur denjenigen beilegen möchte, in welchen sich
+der Künstler wirklich als Künstler zeigen können, bei welchen die
+Schönheit seine erste und letzte Absicht gewesen. Alles andere,
+woran sich zu merkliche Spuren gottesdienstlicher Verabredungen
+zeigen, verdienet diesen Namen nicht, weil die Kunst hier nicht um
+ihrer selbst willen gearbeitet, sondern ein bloßes Hilfsmittel der
+Religion war, die bei den sinnlichen Vorstellungen, die sie ihr
+aufgab, mehr auf das Bedeutende als auf das Schöne sahe; ob ich schon
+dadurch nicht sagen will, daß sie nicht auch öfters alles Bedeutende
+in das Schöne gesetzt, oder aus Nachsicht für die Kunst und den
+feinern Geschmack des Jahrhunderts, von jenem so viel nachgelassen
+habe, daß dieses allein zu herrschen scheinen können.
+
+Macht man keinen solchen Unterschied, so werden der Kenner und der
+Antiquar beständig miteinander im Streite liegen, weil sie einander
+nicht verstehen. Wenn jener, nach seiner Einsicht in die Bestimmung
+der Kunst, behauptet, daß dieses oder jenes der alte Künstler nie
+gemacht habe, nämlich als Künstler nicht, freiwillig nicht: so wird
+dieser es dahin ausdehnen, daß es auch weder die Religion, noch sonst
+eine außer dem Gebiete der Kunst liegende Ursache, von dem Künstler
+habe machen lassen, von dem Künstler nämlich als Handarbeiter. Er
+wird also mit der ersten mit der besten Figur den Kenner widerlegen
+zu können glauben, die dieser ohne Bedenken, aber zu großem
+Ärgernisse der gelehrten Welt, wieder zu dem Schutte verdammt, woraus
+sie gezogen worden 3).
+
+{3. Als ich oben behauptete, daß die alten Künstler keine Furien
+gebildet hätten, war es mir nicht entfallen, daß die Furien mehr als
+einen Tempel gehabt, die ohne ihre Statuen gewiß nicht gewesen sind.
+In dem zu Cerynea fand Pausanias dergleichen von Holz; sie waren
+weder groß, noch sonst besonders merkwürdig; es schien, daß die Kunst,
+die sich nicht an ihnen zeigen können, es an den Bildsäulen ihrer
+Priesterinnen, die in der Halle des Tempels standen, einbringen
+wollen, als welche von Stein, und von sehr schöner Arbeit waren.
+(Pausanias Achaic. cap. XXV. p. 589. Edit. Kuhn.) Ich hatte
+ebensowenig vergessen, daß man Köpfe von ihnen auf einem Abraxas, den
+Chiffletius bekannt gemacht, und auf einer Lampe beim Licetus zu
+sehen glaube. (Dissertat. sur les Furies par Banier, Mémoires de
+l'Académie des Inscript. T. V. p. 48.) Auch sogar die Urne von
+hetrurischer Arbeit beim Gorius (Tabl. 151 Musei Etrusci), auf
+welcher Orestes und Pylades erscheinen, wie ihnen zwei Furien mit
+Fackeln zusetzen, war mir nicht unbekannt. Allein ich redete von
+Kunstwerken, von welchen ich alle diese Stücke ausschließen zu können
+glaubte. Und wäre auch das letztere nicht sowohl als die übrigen
+davon auszuschließen, so dienet es von einer andern Seite, mehr meine
+Meinung zu bestärken, als zu widerlegen. Denn so wenig auch die
+hetrurischen Künstler überhaupt auf das Schöne gearbeitet, so
+scheinen sie doch auch die Furien nicht sowohl durch schreckliche
+Gesichtszüge, als vielmehr durch ihre Tracht und Attributa
+ausgedrückt zu haben. Diese stoßen mit so ruhigem Gesichte dem
+Orestes und Pylades ihre Fackeln unter die Augen, daß sie fast
+scheinen, sie nur im Scherze erschrecken zu wollen. Wie fürchterlich
+sie dem Orestes und Pylades vorgekommen, läßt sich nur aus ihrer
+Furcht, keineswegs aber aus der Bildung der Furien selbst abnehmen.
+Es sind also Furien, und sind auch keine; sie verrichten das Amt der
+Furien, aber nicht in der Verstellung von Grimm und Wut, welche wir
+mit ihrem Namen zu verbinden gewohnt sind; nicht mit der Stirne, die,
+wie Catull sagt, expirantis praeportat pectoris iras.--Noch kürzlich
+glaubte Herr Winckelmann, auf einem Karniole in dem Stoschischen
+Kabinette, eine Furie im Laufe mit fliegendem Rocke und Haaren, und
+einem Dolche in der Hand, gefunden zu haben. (Bibliothek der sch.
+Wiss. V Band S. 30.) Der Herr von Hagedorn riet hierauf auch den
+Künstlern schon an, sich diese Anzeige zunutze zu machen und die
+Furien in ihren Gemälden so vorzustellen. (Betrachtungen über die
+Malerei S. 222.) Allein Herr Winckelmann hat hernach diese seine
+Entdeckung selbst wiederum ungewiß gemacht, weil er nicht gefunden,
+daß die Furien, anstatt mit Fackeln, auch mit Dolchen von den Alten
+bewaffnet worden. (Descript. des pierres gravées p. 84.) Ohne
+Zweifel erkennt er also die Figuren, auf Münzen der Städte Lyrba und
+Mastaura, die Spanheim für Furien ausgibt (Les Césars de Julien p.
+44) nicht dafür, sondern für eine Hekate triformis; denn sonst fände
+sich allerdings hier eine Furie, die in jeder Hand einen Dolch führet,
+und es ist sonderbar, daß eben diese auch in bloßen ungebundenen
+Haaren erscheint, die an den andern mit einem Schleier bedeckt sind.
+Doch gesetzt auch, es wäre wirklich so, wie es dem Herrn Winckelmann
+zuerst vorgekommen: so würde es auch mit diesem geschnittenen Steine
+eben die Bewandtnis haben, die es mit der hetrurischen Urne hat, es
+wäre denn, daß sich wegen Kleinheit der Arbeit gar keine Gesichtszüge
+erkennen ließen. Überdem gehören auch die geschnittenen Steine
+überhaupt, wegen ihres Gebrauchs als Siegel, schon mit zur
+Bildersprache, und ihre Figuren mögen öfterer eigensinnige Symbola
+der Besitzer, als freiwillige Werke der Künstler sein.}
+
+Gegenteils kann man sich aber auch den Einfluß der Religion auf die
+Kunst zu groß vorstellen. Spence gibt hiervon ein sonderbares
+Beispiel. Er fand beim Ovid, daß Vesta in ihrem Tempel unter keinem
+persönlichen Bilde verehret worden; und dieses dünkte ihm genug,
+daraus zu schließen, daß es überhaupt keine Bildsäulen von dieser
+Göttin gegeben habe, und daß alles, was man bisher dafür gehalten,
+nicht die Vesta, sondern eine Vestalin vorstelle 4). Eine seltsame
+Folge! Verlor der Künstler darum sein Recht, ein Wesen, dem die
+Dichter eine bestimmte Persönlichkeit geben, das sie zur Tochter des
+Saturnus und der Ops machen, das sie in Gefahr kommen lassen, unter
+die Mißhandlungen des Priapus zu fallen, und was sie sonst von ihr
+erzählen, verlor er, sage ich, darum sein Recht, dieses Wesen auch
+nach seiner Art zu personifieren, weil es in einem Tempel nur unter
+dem Sinnbilde des Feuers verehret ward? Denn Spence begehet dabei
+noch diesen Fehler, daß er das, was Ovid nur von einem gewissen
+Tempel der Vesta, nämlich von dem zu Rom sagt5), auf alle Tempel
+dieser Göttin ohne Unterschied, und auf ihre Verehrung überhaupt,
+ausdehnet. Wie sie in diesem Tempel zu Rom verehret ward, so ward
+sie nicht überall verehret, so war sie selbst nicht in Italien
+verehret worden, ehe ihn Numa erbaute. Numa wollte keine Gottheit in
+menschlicher oder tierischer Gestalt vorgestellet wissen; und darin
+bestand ohne Zweifel die Verbesserung, die er in dem Dienste der
+Vesta machte, daß er alle persönliche Vorstellung von ihr daraus
+verbannte. Ovid selbst lehret uns, daß es vor den Zeiten des Numa
+Bildsäulen der Vesta in ihrem Tempel gegeben habe, die, als ihre
+Priesterin Sylvia Mutter ward, vor Scham die jungfräulichen Hände vor
+die Augen hoben6). Daß sogar in den Tempeln, welche die Göttin außer
+der Stadt in den römischen Provinzen hatte, ihre Verehrung nicht
+völlig von der Art gewesen, als die Numa verordnet, scheinen
+verschiedene alte Inschriften zu beweisen, in welchen eines
+Pontificis Vestae gedacht wird7). Auch zu Korinth war ein Tempel der
+Vesta ohne alle Bildsäule, mit einem bloßen Altare, worauf der Göttin
+geopfert ward8). Aber hatten die Griechen darum gar keine Statuen
+der Vesta? Zu Athen war eine im Prytaneo, neben der Statue des
+Friedens9). Die Jasseer rühmten von einer, die bei ihnen unter
+freiem Himmel stand, daß weder Schnee noch Regen jemals auf sie
+falle10). Plinius gedenkt einer sitzenden, von der Hand des Skopas,
+die sich zu seiner Zeit in den Servilianischen Gärten zu Rom
+befand11). Zugegeben, daß es uns itzt schwer wird, eine bloße
+Vestalin von einer Vesta selbst zu unterscheiden, beweiset dieses,
+daß sie auch die Alten nicht unterscheiden können, oder wohl gar
+nicht unterscheiden wollen? Gewisse Kennzeichen sprechen offenbar
+mehr für die eine, als für die andere. Das Zepter, die Fackel, das
+Palladium, lassen sich nur in der Hand der Göttin vermuten. Das
+Tympanum, welches ihr Codinus beileget, kömmt ihr vielleicht nur als
+der Erde zu; oder Codinus wußte selbst nicht recht, was er sahe12).
+
+{4. Polymetis Dial. VII. p. 81.}
+
+{5. Fast. lib. VI. v. 295-98.
+
+ Esse diu stultus Vestae simulacra putavi:
+ Mox didici curvo nulla subesse tholo.
+ Ignis inexstinctus templo celatur in illo.
+ Effigiem nullam Vesta, nec ignis habet.
+
+
+Ovid redet nur von dem Gottesdienste der Vesta in Rom, nur von dem
+Tempel, den ihr Numa daselbst erbauet hatte, von dem er kurz zuvor (v.
+259. 260) sagt:
+
+ Regis opus placidi, quo non metuentius ullum
+ Numinis ingenium terra Sabina tulit.}
+
+{6. Fast. lib. III. v. 45. 46.
+
+ Sylvia fit mater: Vestae simulacra feruntur
+ Virgineas oculis opposuisse manus.
+
+
+Auf diese Weise hÄtte Spence den Ovid mit sich selbst vergleichen
+sollen. Der Dichter redet von verschiedenen Zeiten. Hier von den
+Zeiten vor dem Numa, dort von den Zeiten nach ihm. In jenen ward sie
+in Italien unter persÖnlichen Vorstellungen verehret, so wie sie in
+Troja war verehret worden, von wannen Aeneas ihren Gottesdienst mit
+herÜbergebracht hatte.
+
+ --Manibus vittas, Vestamque potentem,
+ Aeternumque adytis effert penetralibus ignem:
+
+
+sagt Virgil von dem Geiste des Hektors, nachdem er dem Aeneas zur
+Flucht geraten. Hier wird das ewige Feuer von der Vesta selbst, oder
+ihrer BildsÄule, ausdrÜcklich unterschieden. Spence muß die
+rÖmischen Dichter zu seinem Behufe doch noch nicht aufmerksam genug
+durchgelesen haben, weil ihm diese Stelle entwischt ist.}
+
+{7. Lipsius de Vesta et Vestalibus cap. 13.}
+
+
+{8. Pausanias Corinth. cap. XXXV. p. 198. Edit. Kuh.}
+
+{9. Idem Attic. cap. XVIII. p. 41.}
+
+{10. Polyb. Hist. lib. XVI. §. 11. Op. T. II. p. 443. Edit.
+Ernest.}
+
+{11. Plinius lib. XXXVI sec. 4. p. 727. Edit. Hard. Scopas
+fecit--Vestam sedentem laudatam in Servilianis hortis. Diese Stelle
+muß Lipsius in Gedanken gehabt haben als er (de Vesta cap. 3.)
+schrieb: Plinius Vestam sedentem effingi solitam ostendit, a
+stabilitate. Allein was Plinius von einem einzeln Stücke des Skopas
+sagt, hätte er nicht für einen allgemein angenommenen Charakter
+ausgeben sollen. Er merkt selbst an, daß auf den Münzen die Vesta
+ebensooft stehend als sitzend erscheine. Allein er verbessert
+dadurch nicht den Plinius, sondern seine eigne falsche Einbildung.}
+
+{12. Georg. Codinus de Originib. Constant. Edit. Venet. p. 12.
+Thn ghn legousin Estian, kai plattousi authn gunaika, tumpanon
+bastazousan, epeidh touV anemouV h gh uj' eathn sugkleiei. Suidas,
+aus ihm, oder beide aus einem ältern, sagt unter dem Worte Estia eben
+dieses. "Die Erde wird unter dem Namen Vesta als eine Frau gebildet,
+welche ein Tympanon trägt, weil sie die Winde in sich verschlossen
+hält." Die Ursache ist ein wenig abgeschmackt. Es würde sich eher
+haben hören lassen, wenn er gesagt hätte, daß ihr deswegen ein
+Tympanon beigegeben werde, weil die Alten zum Teil geglaubt, daß ihre
+Figur damit übereinkomme; schma authV tumpanoeideV einai.
+(Plutarchus de placitis philos. cap. 10. id. de facie in orbe Lunae.)
+Wo sich aber Codinus nur nicht entweder in der Figur, oder in dem
+Namen, oder gar in beiden geirret hat. Er wußte vielleicht, was er
+die Vesta tragen sahe, nicht besser zu nennen, als ein Tympanum; oder
+hörte es ein Tympanum nennen, und konnte sich nichts anders dabei
+gedenken, als das Instrument, welches wir eine Heerpauke nennen.
+Tympana waren aber auch eine Art von Rädern:
+
+ Hinc radios trivere rotis, hinc tympana plaustris
+ Agricolae--
+
+
+(Virgilius Georgic. lib. II. v. 444.) Und einem solchen Rade
+scheinet mir das, was sich an der Vesta des Fabretti zeiget (Ad
+tabulam Iliadis p. 339.) und dieser Gelehrte fÜr eine Handmühle hÄlt,
+sehr ähnlich zu sein.}
+
+
+
+X.
+
+
+Ich merke noch eine Befremdung des Spence an, welche deutlich zeiget,
+wie wenig er über die Grenzen der Poesie und Malerei muß nachgedacht
+haben.
+
+"Was die Musen überhaupt betrifft", sagt er, "so ist es doch
+sonderbar, daß die Dichter in Beschreibung derselben so sparsam sind,
+weit sparsamer, als man es bei GÖttinnen, denen sie so große
+Verbindlichkeit haben, erwarten sollte 1).
+
+{1. Polymetis Dial. VIII. p. 91.}
+
+Was heißt das anders, als sich wundern, daß wenn die Dichter von
+ihnen reden, sie es nicht in der stummen Sprache der Maler tun?
+Urania ist den Dichtern die Muse der Sternkunst; aus ihrem Namen, aus
+ihren Verrichtungen erkennen wir ihr Amt. Der Künstler, um es
+kenntlich zu machen, muß sie mit einem Stabe auf eine Himmelskugel
+weisen lassen; dieser Stab, diese Himmelskugel, diese ihre Stellung
+sind seine Buchstaben, aus welchen er uns den Namen Urania
+zusammensetzen läßt. Aber wenn der Dichter sagen will: Urania hatte
+seinen Tod längst aus den Sternen vorhergesehn;
+
+Ipsa diu positis lethum praedixerat astris. Uranie--2)
+
+{2. Statius Theb. VIII. v. 551.}
+
+warum soll er, in Rücksicht auf den Maler, darzusetzen: Urania, den
+Radius in der Hand, die Himmelskugel vor sich? Wäre es nicht, als ob
+ein Mensch, der laut reden kann und darf, sich noch zugleich der
+Zeichen bedienen sollte, welche die Stummen im Serraglio des Türken,
+aus Mangel der Stimme, unter sich erfunden haben?
+
+Eben dieselbe Befremdung äußert Spence nochmals bei den moralischen
+Wesen, oder denjenigen Gottheiten, welche die Alten den Tugenden und
+der Führung des menschlichen Lebens vorsetzten 3). "Es verdient
+angemerkt zu werden", sagt er, "daß die römischen Dichter von den
+besten dieser moralischen Wesen weit weniger sagen, als man erwarten
+sollte. Die Artisten sind in diesem Stücke viel reicher, und wer
+wissen will, was jedes derselben für einen Aufzug gemacht, darf nur
+die Münzen der römischen Kaiser zu Rate ziehen 4).--Die Dichter
+sprechen von diesen Wesen zwar öfters, als von Personen; überhaupt
+aber sagen sie von ihren Attributen, ihrer Kleidung und übrigem
+Ansehen sehr wenig."-{3. Polym. Dial. X. p. 137.}
+
+{4. Ibid. p. 139.}
+
+Wenn der Dichter Abstrakta personifieret, so sind sie durch den Namen,
+und durch das, was er sie tun läßt, genugsam charakterisierst.
+
+Dem Künstler fehlen diese Mittel. Er muß also seinen personifierten
+Abstraktis Sinnbilder zugeben, durch welche sie kenntlich werden.
+Diese Sinnbilder weil sie etwas anders sind, und etwas anders
+bedeuten, machen sie zu allegorischen Figuren.
+
+Eine Frauensperson mit einem Zaum in der Hand; eine andere an eine
+Säule gelehnet, sind in der Kunst allegorische Wesen. Allein die
+Mäßigung, die Standhaftigkeit bei dem Dichter, sind keine
+allegorische Wesen, sondern bloß personifierte Abstrakta.
+
+Die Sinnbilder dieser Wesen bei dem Künstler hat die Not erfunden.
+Denn er kann sich durch nichts anders verständlich machen, was diese
+oder jene Figur bedeuten soll. Wozu aber den Künstler die Not
+treibet, warum soll sich das der Dichter aufdringen lassen, der von
+dieser Not nichts weiß?
+
+Was Spencen so sehr befremdet, verdienet den Dichtern als eine Regel
+vorgeschrieben zu werden. Sie müssen die Bedürfnisse der Malerei
+nicht zu ihrem Reichtume machen. Sie müssen die Mittel, welche die
+Kunst erfunden hat, um der Poesie nachzukommen, nicht als
+Vollkommenheiten betrachten, auf die sie neidisch zu sein Ursache
+hätten. Wenn der Künstler eine Figur mit Sinnbildern auszieret, so
+erhebt er eine bloße Figur zu einem höhern Wesen. Bedienet sich aber
+der Dichter dieser malerischen Ausstaffierungen, so macht er aus
+einem höhern Wesen eine Puppe.
+
+So wie diese Regel durch die Befolgung der Alten bewähret ist, so ist
+die geflissentliche Übertretung derselben ein Lieblingsfehler der
+neuern Dichter. Alle ihre Wesen der Einbildung gehen in Maske, und
+die sich auf diese Maskeraden am besten verstehen, verstehen sich
+meistenteils auf das Hauptwerk am wenigsten: nämlich, ihre Wesen
+handeln zu lassen, und sie durch die Handlungen derselben zu
+charakterisieren.
+
+Doch gibt es unter den Attributen, mit welchen die Künstler ihre
+Abstrakta bezeichnen, eine Art, die des poetischen Gebrauchs fähiger
+und würdiger ist. Ich meine diejenigen, welche eigentlich nichts
+Allegorisches haben, sondern als Werkzeuge zu betrachten sind, deren
+sich die Wesen, welchen sie beigeleget werden, falls sie als
+wirkliche Personen handeln sollten, bedienen würden oder könnten.
+Der Zaum in der Hand der Mäßigung, die Säule, an welche sich die
+Standhaftigkeit lehnet, sind lediglich allegorisch, für den Dichter
+also von keinem Nutzen. Die Wage in der Hand der Gerechtigkeit, ist
+es schon weniger, weil der rechte Gebrauch der Wage wirklich ein
+Stück der Gerechtigkeit ist. Die Leier oder Flöte aber in der Hand
+einer Muse, die Lanze in der Hand des Mars, Hammer und Zange in den
+Händen des Vulkans, sind ganz und gar keine Sinnbilder, sind bloße
+Instrumente, ohne welche diese Wesen die Wirkungen, die wir ihnen
+zuschreiben, nicht hervorbringen können. Von dieser Art sind die
+Attribute, welche die alten Dichter in ihre Beschreibungen etwa noch
+einflechten, und die ich deswegen, zum Unterschiede jener
+allegorischen, die poetischen nennen möchte. Diese bedeuten die
+Sache selbst, jene nur etwas Ähnliches 5).
+
+{5. Man mag in dem Gemälde, welches Horaz von der Notwendigkeit macht,
+und welches vielleicht das an Attributen reichste Gemälde bei allen
+alten Dichtern ist: (lib. I. Od. 35.)
+
+ Te semper anteit saeva Necessitas:
+ Clavos trabales et cuneos manu
+ Gestans ahenea; nec severus
+ Uncus abest liquidumque plumbum--
+
+
+man mag, sage ich, in diesem GemÄlde die Nägel, die Klammern, das
+fließende Blei, fÜr Mittel der Befestigung oder für Werkzeuge der
+Bestrafung annehmen, so gehÖren sie doch immer mehr zu den poetischen,
+als allegorischen Attributen. Aber auch als solche sind sie zu sehr
+gehäuft, und die Stelle ist eine von den frostigsten des Horaz.
+Sanadon sagt: J'ose dire que ce tableau pris dans le détail serait
+plus beau sur la toile que dans une ode héroïque. Je ne puis
+souffrir cet attirail patibulaire de clous, de coins, de crocs, et de
+plomp fondu. J'ai cru en devoir décharger la traduction, en
+substituant les idées générales aux idées singulières. C'est dommage
+que le poète ait eu besoin de ce correctif. Sanadon hatte ein feines
+und richtiges Gefühl, nur der Grund, womit er es bewähren will, ist
+nicht der rechte. Nicht weil die gebrauchten Attributa ein attirail
+patibulaire sind; denn es stand nur bei ihm, die andere Auslegung
+anzunehmen, und das Galgengeräte in die festesten Bindemittel der
+Baukunst zu verwandeln: sondern, weil alle Attributa eigentlich für
+das Auge, und nicht für das Gehör gemacht sind, und alle Begriffe,
+die wir durch das Auge erhalten sollten, wenn man sie uns durch das
+Gehör beibringen will, eine größere Anstrengung erfordern, und einer
+geringern Klarheit fähig sind.--Der Verfolg von der angeführten
+Strophe des Horaz erinnert mich übrigens an ein paar Versehen des
+Spence, die von der Genauigkeit, mit welcher er die angezogenen
+Stellen der alten Dichter will erwogen haben, nicht den
+vorteilhaftesten Begriff erwecken. Er redet von dem Bilde, unter
+welchem die Römer die Treue oder Ehrlichkeit vorstellten. (Dial. X.
+p. 145.) "Die Römer", sagt er, "nannten sie Fides; und wenn sie sie
+Sola Fides nannten, so scheinen sie den hohen Grad dieser Eigenschaft,
+den wir durch grundehrlich (im Englischen downright honesty)
+ausdrücken, darunter verstanden zu haben. Sie wird mit einer freien
+offenen Gesichtsbildung und in nichts als einem dünnen Kleide
+vorgestellet, welches so fein ist, daß es für durchsichtig gelten
+kann. Horaz nennet sie daher, in einer von seinen Oden,
+dünnbekleidet; und in einer anderen, durchsichtig." In dieser kleinen
+Stelle sind nicht mehr als drei ziemlich grobe Fehler. Erstlich ist
+es falsch, daß sola ein besonderes Beiwort sei, welches die Römer der
+Göttin Fides gegeben. In den beiden Stellen des Livius, die er
+desfalls zum Beweise anführt (lib. I. c. 21. lib. II. c. 3.),
+bedeutet es weiter nichts, als was es überall bedeutet, die
+Ausschließung alles übrigen. In der einen Stelle scheinet den
+Criticis das soli sogar verdächtig und durch einen Schreibefehler,
+der durch das gleich danebenstehende solenne veranlasset worden, in
+den Text gekommen zu sein. In der andern aber ist nicht von der
+Treue, sondern von der Unschuld, der Unsträflichkeit, Innocentia, die
+Rede. Zweitens: Horaz soll, in einer seiner Oden, der Treue das
+Beiwort dünnbekleidet geben, nämlich in der oben angezogenen
+fünfunddreißigsten des ersten Buchs:
+
+Te spes, et albo rara fides colit Velata panno.
+
+
+Es ist wahr, rarus heißt auch dünne; aber hier heißt es bloß selten,
+was wenig vorkömmt, und ist das Beiwort der Treue selbst, und nicht
+ihrer Bekleidung. Spence würde recht haben, wenn der Dichter gesagt
+hätte: Fides raro velata panno. Drittens, an einem andern Orte soll
+Horaz die Treue oder Redlichkeit durchsichtig nennen; um eben das
+damit anzudeuten, was wir in unsern gewöhnlichen
+Freundschaftsversicherungen zu sagen pflegen: ich wünschte, Sie
+könnten mein Herz sehen. Und dieser Ort soll die Zeile der
+achtzehnten Ode des ersten Buchs sein:
+
+ Arcanique Fides prodiga, pellucidior vitro.
+
+Wie kann man sich aber von einem bloßen Worte so verfÜhren lassen?
+Heißt denn Fides arcani prodiga die Treue? Oder heißt es nicht
+vielmehr, die Treulosigkeit? Von dieser sagt Horaz, und nicht von
+der Treue, daß sie durchsichtig wie Glas sei, weil sie die ihr
+anvertrauten Geheimnisse eines jeden Blicke bloßstellet.}
+
+
+
+XI.
+
+
+Auch der Graf Caylus scheinet zu verlangen, daß der Dichter seine
+Wesen der Einbildung mit allegorischen Attributen ausschmücken solle
+1). Der Graf verstand sich besser auf die Malerei, als auf die
+Poesie.
+
+{1. Apollo übergibt den gereinigten und balsamierten Leichnam des
+Sarpedon dem Tode und dem Schlafe, ihn nach seinem Vaterlande zu
+bringen. (Il. p. v. 681. 82.)
+
+ Pempe de min pompoisin ama kraipnoisi jeresJai
+ Upnw kai QanaJw didumaosin.
+
+
+Caylus empfiehlt diese Erdichtung dem Maler, fÜgt aber hinzu: Il est
+fâcheux, qu'Homère ne nous ait rien laissé sur les attributs qu'on
+donnait de son temps au Sommeil; nous ne connaissons, pour
+caractériser ce dieu, que son action même, et nous le couronnons de
+pavots. Ces idées sont modernes; la première est d'un médiocre
+service, mais elle ne peut être employée dans le cas présent, où même
+les fleurs me paraissent déplacées, surtout pour une figure qui
+groupe avec la mort. (S. Tableaux tirés de l'Iliade, de l'Odyssée
+d'Homère et de l'Enéide de Virgile, avec des observations générales
+sur le costume, à Paris 1757. 8.) Das heißt von dem Homer eine von
+den kleinen Zieraten verlangen, die am meisten mit seiner großen
+Manier streiten. Die sinnreichsten Attributa, die er dem Schlafe
+hÄtte geben kÖnnen, würden ihn bei weitem nicht so vollkommen
+charakterisierst, bei weitem kein so lebhaftes Bild bei uns erregt
+haben, als der einzige Zug, durch den er ihn zum Zwillingsbruder des
+Todes macht. Diesen Zug suche der Künstler auszudrücken, und er wird
+alle Attributa entbehren können. Die alten Künstler haben auch
+wirklich den Tod und den Schlaf mit der Ähnlichkeit unter sich
+vorgestellet, die wir an Zwillingen so natürlich erwarten. Auf einer
+Kiste von Zedernholz, in dem Tempel der Juno zu Elis, ruhten sie
+beide als Knaben in den Armen der Nacht. Nur war der eine weiß, der
+andere schwarz; jener schlief, dieser schien zu schlafen; beide mit
+übereinander geschlagenen Füßen. Denn so wollte ich die Worte des
+Pausanias (Eliac. cap. XVIII. p. 422. Edit. Kuh.) amjoterouV
+diestrammenouV touV podaV lieber übersetzen, als mit krummen Füßen,
+oder wie es Gedoyn in seiner Sprache gegeben hat: les pieds
+contrefaits. Was sollten die krummen Füße hier ausdrücken?
+Übereinander geschlagene Füße hingegen sind die gewöhnliche Lage
+der Schlafenden, und der Schlaf beim Maffei (Raccol. Pl. 151) liegt
+nicht anders. Die neuen Artisten sind von dieser Ähnlichkeit, welche
+Schlaf und Tod bei den Alten miteinander haben, gänzlich abgegangen,
+und der Gebrauch ist allgemein geworden, den Tod als ein Skelett,
+höchstens als ein mit Haut bekleidetes Skelett vorzustellen. Vor
+allen Dingen hätte Caylus dem Künstler also hier raten müssen, ob er
+in Vorstellung des Todes dem alten oder dem neuen Gebrauche folgen
+solle. Doch er scheinet sich für den neuern zu erklären, da er den
+Tod als eine Figur betrachtet, gegen die eine andere mit Blumen
+gekrönet, nicht wohl gruppieren möchte. Hat er aber hierbei auch
+bedacht, wie unschicklich diese moderne Idee in einem Homerischen
+Gemälde sein dürfte? Und wie hat ihm das Ekelhafte derselben nicht
+anstößig sein können? Ich kann mich nicht bereden, daß das kleine
+metallene Bild in der herzoglichen Galerie zu Florenz, welches ein
+liegendes Skelett vorstellet, das mit dem einen Arme auf einem
+Aschenkruge ruhet (Spence's Polymetis Tab. XLI.), eine wirkliche
+Antike sei. Den Tod überhaupt kann es wenigstens nicht vorstellen
+sollen, weil ihn die Alten anders vorstellten. Selbst ihre Dichter
+haben ihn unter diesem widerlichen Bilde nie gedacht.}
+
+Doch ich habe in seinem Werke, in welchem er dieses Verlangen äußert,
+Anlaß zu erheblichern Betrachtungen gefunden, wovon ich das
+Wesentlichste, zu besserer Erwägung, hier anmerke.
+
+Der Künstler, ist des Grafen Absicht, soll sich mit dem größten
+malerischen Dichter, mit dem Homer, mit dieser zweiten Natur, näher
+bekannt machen. Er zeigt ihm, welchen reichen noch nie genutzten
+Stoff zu den trefflichsten Schildereien die von dem Griechen
+behandelte Geschichte darbiete, und wie so viel vollkommner ihm die
+Ausführung gelingen müsse, je genauer er sich an die kleinsten von
+dem Dichter bemerkten Umstände halten könne.
+
+In diesem Vorschlage vermischt sich also die oben genannte doppelte
+Nachahmung. Der Maler soll nicht allein das nachahmen, was der
+Dichter nachgeahmt hat, sondern er soll es auch mit den nämlichen
+Zügen nachahmen; er soll den Dichter nicht bloß als Erzähler, er soll
+ihn als Dichter nutzen.
+
+Diese zweite Art der Nachahmung aber, die für den Dichter so
+verkleinerlich ist, warum ist sie es nicht auch für den Künstler?
+Wenn vor dem Homer eine solche Folge von Gemälden, als der Graf
+Caylus aus ihm angibt, vorhanden gewesen wäre, und wir wüßten, daß
+der Dichter aus diesen Gemälden sein Werk genommen hätte: würde er
+nicht von unserer Bewunderung unendlich verlieren? Wie kömmt es, daß
+wir dem Künstler nichts von unserer Hochachtung entziehen, wenn er
+schon weiter nichts tut, als daß er die Worte des Dichters mit
+Figuren und Farben ausdrücket?
+
+Die Ursach' scheinet diese zu sein. Bei dem Artisten dünket uns die
+Ausführung schwerer, als die Erfindung; bei dem Dichter hingegen ist
+es umgekehrt, und seine Ausführung dünket uns gegen die Erfindung das
+Leichtere. Hätte Virgil die Verstrickung des Laokoon und seiner
+Kinder von der Gruppe genommen, so würde ihm das Verdienst, welches
+wir bei diesem seinem Bilde für das schwerere und größere halten,
+fehlen, und nur das geringere übrigbleiben. Denn diese Verstrickung
+in der Einbildungskraft erst schaffen, ist weit wichtiger, als sie in
+Worten ausdrücken. Hätte hingegen der Künstler diese Verstrickung
+von dem Dichter entlehnet, so würde er in unsern Gedanken doch noch
+immer Verdienst genug behalten, ob ihm schon das Verdienst der
+Erfindung abgehet. Denn der Ausdruck in Marmor ist unendlich
+schwerer als der Ausdruck in Worten; und wenn wir Erfindung und
+Darstellung gegeneinander abwägen, so sind wir jederzeit geneigt, dem
+Meister an der einen so viel wiederum zu erlassen, als wir an der
+andern zu viel erhalten zu haben meinen.
+
+Es gibt sogar Fälle, wo es für den Künstler ein größeres Verdienst
+ist, die Natur durch das Medium der Nachahmung des Dichters
+nachgeahmt zu haben, als ohne dasselbe. Der Maler, der nach der
+Beschreibung eines Thomsons eine schöne Landschaft darstellet, hat
+mehr getan, als der sie gerade von der Natur kopieret. Dieser siehet
+sein Urbild vor sich; jener muß erst seine Einbildungskraft so
+anstrengen, bis er es vor sich zu sehen glaubst. Dieser macht aus
+lebhaften sinnlichen Eindrücken etwas Schönes; jener aus schwanken
+und schwachen Vorstellungen willkürlicher Zeichen.
+
+So natürlich aber die Bereitwilligkeit ist, dem Künstler das
+Verdienst der Erfindung zu erlassen, ebenso natürlich hat daraus die
+Lauigkeit gegen dasselbe bei ihm entspringen müssen. Denn da er sahe,
+daß die Erfindung seine glänzende Seite nie werden könne, daß sein
+größtes Lob von der Ausführung abhange, so ward es ihm gleich viel,
+ob jene alt oder neu, einmal oder unzähligmal gebraucht sei, ob sie
+ihm oder einem anderen zugehöre. Er blieb in dem engen Bezirke
+weniger, ihm und dem Publico geläufig gewordener Vorwürfe, und ließ
+seine ganze Erfindsamkeit auf die bloße Veränderung in dem Bekannten
+gehen, auf neue Zusammensetzungen alter Gegenstände. Das ist auch
+wirklich die Idee, welche die Lehrbücher der Malerei mit dem Worte
+Erfindung verbinden. Denn ob sie dieselbe schon sogar in malerische
+und dichterische einteilen, so gehet doch auch die dichterische nicht
+auf die Hervorbringung des Vorwurfs selbst, sondern lediglich auf die
+Anordnung oder den Ausdruck 2). Es ist Erfindung, aber nicht
+Erfindung des Ganzen, sondern einzelner Teile, und ihrer Lage
+untereinander. Es ist Erfindung, aber von jener geringern Gattung,
+die Horaz seinem tragischen Dichter anriet:
+
+{2. v. Hagedorn, "Betrachtungen über die Malerei" S. 159 u. f.}
+
+ --Tuque
+ Rectius Iliacum carmen deducis in actus,
+ Quam si proferres ignota indictaque primus 3).
+
+{3. Ad. Pisones v. 128-130.}
+
+Anriet, sage ich, aber nicht befahl. Anriet, als fÜr ihn leichter,
+bequemer, zutrÄglicher; aber nicht befahl, als besser und edler an
+sich selbst.
+
+In der Tat hat der Dichter einen großen Schritt voraus, welcher eine
+bekannte Geschichte, bekannte Charaktere behandelt. Hundert frostige
+Kleinigkeiten, die sonst zum Verständnisse des Ganzen unentbehrlich
+sein würden, kann er übergehen; und je geschwinder er seinen ZuhÖrern
+verständlich wird, desto geschwinder kann er sie intressieren.
+Diesen Vorteil hat auch der Maler, wenn uns sein Vorwurf nicht fremd
+ist, wenn wir mit dem ersten Blicke die Absicht und Meinung seiner
+ganzen Komposition erkennen, wenn wir auf eins seine Personen nicht
+bloß sprechen sehen, sondern auch hören, was sie sprechen. Von dem
+ersten Blicke hangt die größte Wirkung ab, und wenn uns dieser zu
+mühsamen Nachsinnen und Raten nötiget, so erkaltet unsere Begierde
+gerühret zu werden; um uns an dem unverständlichen Künstler zu rächen,
+verhärten wir uns gegen den Ausdruck, und weh ihm, wann er die
+Schönheit dem Ausdrucke aufgeopfert hat! Wir finden sodann gar
+nichts, was uns reizen könnte, vor seinem Werke zu verweilen; was wir
+sehen, gefällt uns nicht, und was wir dabei denken sollen, wissen wir
+nicht.
+
+Nun nehme man beides zusammen; einmal, daß die Erfindung und Neuheit
+des Vorwurfs das Vornehmste bei weitem nicht ist, was wir von dem
+Maler verlangen; zweitens, daß ein bekannter Vorwurf die Wirkung
+seiner Kunst befördert und erleichtert: und ich meine, man wird die
+Ursache, warum er sich so selten zu neuen Vorwürfen entschließt,
+nicht mit dem Grafen Caylus, in seiner Bequemlichkeit, in seiner
+Unwissenheit, in der Schwierigkeit des mechanischen Teiles der Kunst,
+welche allen seinen Fleiß, alle seine Zeit erfordert, suchen dürfen;
+sondern man wird sie tiefer gegründet finden, und vielleicht gar, was
+anfangs Einschränkung der Kunst, Verkümmerung unsers Vergnügens, zu
+sein scheinet, als eine weise und uns selbst nützliche Enthaltsamkeit
+an dem Artisten zu loben geneigt sein. Ich fürchte auch nicht, daß
+mich die Erfahrung widerlegen werde. Die Maler werden dem Grafen für
+seinen guten Willen danken, aber ihn schwerlich so allgemein nutzen,
+als er es erwartet. Geschähe es jedoch: so würde über hundert Jahr'
+ein neuer Caylus nötig sein, der die alten Vorwürfe wieder ins
+Gedächtnis brächte, und den Künstler in das Feld zurückführte, wo
+andere vor ihm so unsterbliche Lorbeeren gebrochen haben. Oder
+verlangt man, daß das Publikum so gelehrt sein soll, als der Kenner
+aus seinen Büchern ist? Daß ihm alle Szenen der Geschichte und der
+Fabel, die ein schönes Gemälde geben können, bekannt und geläufig
+sein sollen? Ich gebe es zu, daß die Künstler besser getan hätten,
+wenn sie seit Raffaels Zeiten, anstatt des Ovids, den Homer zu ihrem
+Handbuche gemacht hätten. Aber da es nun einmal nicht geschehen ist,
+so lasse man das Publikum in seinem Gleise, und mache ihm sein
+Vergnügen nicht saurer, als ein Vergnügen zu stehen kommen muß, um
+das zu sein, was es sein soll.
+
+Protogenes hatte die Mutter des Aristoteles gemalt. Ich weiß nicht
+wie viel ihm der Philosoph dafür bezahlte. Aber entweder anstatt der
+Bezahlung, oder noch über die Bezahlung, erteilte er ihm einen Rat,
+der mehr als die Bezahlung wert war. Denn ich kann mir nicht
+einbilden, daß sein Rat eine bloße Schmeichelei gewesen sei. Sondern
+vornehmlich weil er das Bedürfnis der Kunst erwog, allen verständlich
+zu sein, riet er ihm, die Taten des Alexanders zu malen; Taten, von
+welchen damals alle Welt sprach, und von welchen er voraussehen
+konnte, daß sie auch der Nachwelt unvergeßlich sein würden. Doch
+Protogenes war nicht gesetzt genug, diesem Rate zu folgen; impetus
+animi, sagt Plinius, et quaedam artis libido 4), ein gewisser Übermut
+der Kunst, eine gewisse Lüsternheit nach dem Sonderbaren und
+Unbekannten, trieben ihn zu ganz andern Vorwürfen. Er malte lieber
+die Geschichte eines Jalysus 5), einer Cydippe und dergleichen, von
+welchen man itzt auch nicht einmal mehr erraten kann, was sie
+vorgestellet haben.
+
+{4. lib. XXXV. sect. 36. p. 700. Edit. Hard.}
+
+{5. Richardson nennet dieses Werk, wenn er die Regel erläutern will,
+daß in einem Gemälde die Aufmerksamkeit des Betrachters durch nichts,
+es möge auch noch so vortrefflich sein, von der Hauptfigur abgezogen
+werden müsse. "Protogenes", sagt er, "hatte in seinem berühmten
+Gemälde Jalysus ein Rebhuhn mit angebracht, und es mit so vieler
+Kunst ausgemalet, daß es zu leben schien, und von ganz Griechenland
+bewundert ward; weil es aber aller Augen, zum Nachteil des Hauptwerks,
+zu sehr an sich zog, so löschte er es gänzlich wieder aus." (Traité
+de la peinture T. I. p. 46.) Richardson hat sich geirret. Dieses
+Rebhuhn war nicht in dem Jalysus, sondern in einem andern Gemälde des
+Protogenes gewesen, welches der ruhende oder müßige Satyr, SaturoV
+anapauomenoV, hieß. Ich würde diesen Fehler, welcher aus einer
+mißverstandenen Stelle des Plinius entsprungen ist, kaum anmerken,
+wenn ich ihn nicht auch beim Meursius fände: (Rhodi lib. I. cap. 14.
+p. 38.) In eadem, tabula sc. in qua Ialysus, Satyrus erat, quem
+dicebant Anapauomenon, tibias tenens. Desgleichen bei dem Herrn
+Winckelmann selbst. (Von der Nachahm. der Gr. W. in der Mal. und
+Bildh. S. 56.) Strabo ist der eigentliche Währmann dieses
+Histörchens mit dem Rebhuhne, und dieser unterscheidet den Jalysus,
+und den an eine Säule sich lehnenden Satyr, auf welcher das Rebhuhn
+saß, ausdrücklich. (lib. XIV. p. 750. Edit. Xyl.) Die Stelle des
+Plinius (lib. XXXV. sect. 36. p. 699) haben Meursius und Richardson
+und Winckelmann deswegen falsch verstanden, weil sie nicht
+achtgegeben, daß von zwei verschiedenen Gemälden daselbst die Rede
+ist: dem einen, dessenwegen Demetrius die Stadt nicht überkam, weil
+er den Ort nicht angreifen wollte, wo es stand; und dem andern,
+welches Protogenes während dieser Belagerung malte. Jenes war der
+Jalysus, und dieses der Satyr.}
+
+
+
+XII.
+
+
+Homer bearbeitet eine doppelte Gattung von Wesen und Handlungen;
+sichtbare und unsichtbare. Diesen Unterschied kann die Malerei nicht
+angeben: bei ihr ist alles sichtbar; und auf einerlei Art sichtbar.
+
+Wenn also der Graf Caylus die Gemälde der unsichtbaren Handlungen in
+unzertrennter Folge mit den sichtbaren fortlaufen läßt; wenn er in
+den Gemälden der vermischten Handlungen, an welchen sichtbare und
+unsichtbare Wesen teilnehmen, nicht angibt, und vielleicht nicht
+angeben kann, wie die letztern, welche nur wir, die wir das Gemälde
+betrachten, darin entdecken sollten, so anzubringen sind, daß die
+Personen des Gemäldes sie nicht sehen, wenigstens sie nicht notwendig
+sehen zu müssen scheinen können: so muß notwendig sowohl die ganze
+Folge, als auch manches einzelne Stück dadurch äußerst verwirrt,
+unbegreiflich und widersprechend werden.
+
+Doch diesem Fehler wäre, mit dem Buche in der Hand, noch endlich
+abzuhelfen. Das Schlimmste dabei ist nur dieses, daß durch die
+malerische Aufhebung des Unterschiedes der sichtbaren und
+unsichtbaren Wesen, zugleich alle die charakteristischen Züge
+verloren gehen, durch welche sich diese höhere Gattung über jene
+geringere erhebet.
+
+Z. E. Wenn endlich die über das Schicksal der Trojaner geteilten
+Götter unter sich selbst handgemein werden: so gehet bei dem Dichter
+1) dieser ganze Kampf unsichtbar vor, und diese Unsichtbarkeit
+erlaubet der Einbildungskraft die Szene zu erweitern, und läßt ihr
+freies Spiel, sich die Personen der Götter und ihre Handlungen so
+groß, und über das gemeine Menschliche so weit erhaben zu denken, als
+sie nur immer will. Die Malerei aber muß eine sichtbare Szene
+annehmen, deren verschiedene notwendige Teile der Maßstab für die
+darauf handelnden Personen werden; ein Maßstab, den das Auge gleich
+darneben hat, und dessen Unproportion gegen die höhern Wesen, diese
+höhern Wesen, die bei dem Dichter groß waren, auf der Fläche des
+Künstlers ungeheuer macht.
+
+{1. Iliad. F. v. 385 et s.}
+
+Minerva, auf welche Mars in diesem Kampfe den ersten Angriff waget,
+tritt zurück, und fasset mit mächtiger Hand von dem Boden einen
+schwarzen, rauhen, großen Stein auf, den vor alten Zeiten vereinigte
+Männerhände zum Grenzsteine hingewälzet hatten:
+
+ H d' anacassamenh liJon eileto ceiri paceih,
+ Keimenon en pediw, melana, trhcun te, megan te,
+ Ton r' andres proteroi Jesan emmenai ouron arourhV.
+
+
+Um die GrÖße dieses Steins gehörig zu schÄtzen, erinnere man sich,
+daß Homer seine Helden noch einmal so stark macht, als die stärksten
+Männer seiner Zeit, jene aber von den Männern, wie sie Nestor in
+seiner Jugend gekannt hatte, noch weit an Stärke Übertreffen läßt.
+Nun frage ich, wenn Minerva einen Stein, den nicht ein Mann, den
+Männer aus Nestors Jugendjahren zum Grenzsteine aufgerichtet hatten,
+wenn Minerva einen solchen Stein gegen den Mars schleudert, von
+welcher Statur soll die Göttin sein? Soll ihre Statur der Größe des
+Steins proportioniert sein, so fällt das Wunderbare weg. Ein Mensch,
+der dreimal größer ist als ich, muß natürlicherweise auch einen
+dreimal größern Stein schleudern können. Soll aber die Statur der
+Göttin der Größe des Steins nicht angemessen sein, so entstehet eine
+anschauliche Unwahrscheinlichkeit in dem Gemälde, deren Anstößigkeit
+durch die kalte Überlegung, daß eine Göttin übermenschliche Stärke
+haben müsse, nicht gehoben wird. Wo ich eine größere Wirkung sehe,
+will ich auch größere Werkzeuge wahrnehmen.
+
+Und Mars, von diesem gewaltigen Steine niedergeworfen,
+
+Epta d' epesce peleJra-bedeckte sieben Hufen. Unmöglich kann der
+Maler dem Gotte diese außerordentliche Größe geben. Gibt er sie ihm
+aber nicht, so liegt nicht Mars zu Boden, nicht der Homerische Mars,
+sondern ein gemeiner Krieger 2).
+
+{2. Diesen unsichtbaren Kampf der Götter hat Quintus Calaber in
+seinem zwölften Buche (v. 158-185) nachgeahmt, mit der nicht
+undeutlichen Absicht, sein Vorbild zu verbessern. Es scheinet
+nämlich, der Grammatiker habe es unanständig gefunden, daß ein Gott
+mit einem Steine zu Boden geworfen werde. Er läßt also zwar auch die
+Götter große Felsenstücke, die sie von dem Ida abreißen,
+gegeneinander schleudern; aber diese Felsen zerschellen an den
+unsterblichen Gliedern der Götter und stieben wie Sand um sie her:
+
+ --Oi de kolwnaV
+ Cersin aporrhxanteV ap' oudeoV Idaioio
+ Ballon ep' allhlouV· ai de yamaJoisi omoiai
+ Reia dieskidnanto· Jevn peri d' asceta guia
+ Rhgnumenai dia tutJa--
+
+
+Eine KÜnstelei, welche die Hauptsache verdirbt. Sie erhÖhet unsern
+Begriff von den Körpern der Götter und macht die Waffen, welche sie
+gegeneinander brauchen, lÄcherlich. Wenn Götter einander mit Steinen
+werfen, so müssen diese Steine auch die Götter beschädigen können,
+oder wir glauben mutwillige Buben zu sehen, die sich mit Erdklößen
+werfen. So bleibt der alte Homer immer der Weisere, und aller Tadel,
+mit dem ihn der alte Kunstrichter belegt, aller Wettstreit, in
+welchen sich geringere Genies mit ihm einlassen, dienen zu weiter
+nichts, als seine Weisheit in ihr bestes Licht zu setzen. Indes will
+ich nicht leugnen, daß in der Nachahmung des Quintus nicht auch sehr
+treffliche Züge vorkommen, und die ihm eigen sind. Doch sind es Züge,
+die nicht sowohl der bescheidenen Größe des Homers geziemen, als dem
+stürmischen Feuer eines neuern Dichters Ehre machen würden. Daß das
+Geschrei der Götter, welches hoch bis in den Himmel und tief bis in
+den Abgrund ertönet, welches den Berg und die Stadt und die Flotte
+erschüttert, von den Menschen nicht gehöret wird, dünket mich eine
+sehr vielbedeutende Wendung zu sein. Das Geschrei war größer, als
+daß es die kleinen Werkzeuge des menschlichen Gehörs fassen konnten.}
+
+Longin sagt, es komme ihm öfters vor, als habe Homer seine Menschen
+zu Göttern erheben, und seine Götter zu Menschen herabsetzen wollen.
+Die Malerei vollführet diese Herabsetzung. In ihr verschwindet
+vollends alles, was bei dem Dichter die Götter noch über die
+göttlichen Menschen setzet. Größe, Stärke, Schnelligkeit, wovon
+Homer noch immer einen höhern, wunderbarern Grad für seine Götter in
+Vorrat hat, als er seinen vorzüglichsten Helden beileget 3), müssen
+in dem Gemälde auf das gemeine Maß der Menschheit herabsinken, und
+Jupiter und Agamemnon, Apollo und Achilles, Ajax und Mars, werden
+vollkommen einerlei Wesen, die weiter an nichts als an äußerlichen
+verabredeten Merkmalen zu kennen sind.
+
+{3. In Ansehung der Stärke und Schnelligkeit wird niemand, der den
+Homer auch nur ein einziges Mal flüchtig durchlaufen hat, diese
+Assertion in Abrede sein. Nur dürfte er sich vielleicht der Exempel
+nicht gleich erinnern, aus welchen es erhellet, daß der Dichter
+seinen Göttern auch eine körperliche Größe gegeben, die alle
+natürliche Maße weit übersteiget. Ich verweise ihn also, außer der
+angezogenen Stelle von dem zu Boden geworfnen Mars, der sieben Hufen
+bedecket, auf den Helm der Minerva (Kunehn ekaton polewn pruleess'
+araruian. Iliad. E. v. 744), unter welchem sich so viel Streiter,
+als hundert Städte in das Feld zu stellen vermögen, verbergen können;
+auf die Schritte des Neptunus (Iliad. N. v. 20), vornehmlich aber
+auf die Zeilen aus der Beschreibung des Schildes, wo Mars und Minerva
+die Truppen der belagerten Stadt anführen: (Iliad. S. v. 516-519.)
+
+ --Hrce d' ara sjin ArhV kai PallaV AJhnh
+ Amjw cruseiw, cruseia de eimata esJhn,
+ Kalw kai megalw sun teucesin, wV te Jew per,
+ AmjiV arizhlw· laoi d' upolizoneV hsan.
+
+
+Selbst Ausleger des Homers, alte sowohl als neue, scheinen sich nicht
+allezeit dieser wunderbaren Statur seiner GÖtter genugsam erinnert zu
+haben; welches aus den lindernden ErklÄrungen abzunehmen, die sie
+Über den großen Helm der Minerva geben zu müssen glauben. (S. die
+Clarkisch-Ernestische Ausgabe des Homers an der angezogenen Stelle.)
+Man verliert aber von der Seite des Erhabenen unendlich viel, wenn
+man sich die Homerischen Götter nur immer in der gewöhnlichen Größe
+denkt, in welcher man sie, in Gesellschaft der Sterblichen, auf der
+Leinewand zu sehen verwöhnet wird. Ist es indes schon nicht der
+Malerei vergönnet, sie in diesen übersteigenden Dimensionen
+darzustellen, so darf es doch die Bildhauerei gewissermaßen tun; und
+ich bin überzeugt, daß die alten Meister, so wie die Bildung der
+Götter überhaupt, also auch das Kolossalische, das sie öfters ihren
+Statuen erteilten, aus dem Homer entlehnet haben. (Herodot. lib. II.
+p. 130. Edit. Wessel.) Verschiedene Anmerkungen über dieses
+Kolossalische insbesondere, und warum es in der Bildhauerei von so
+großer, in der Malerei aber von gar keiner Wirkung ist, verspare ich
+auf einen andern Ort.}
+
+Das Mittel, dessen sich die Malerei bedienet, uns zu verstehen zu
+geben, daß in ihren Kompositionen dieses oder jenes als unsichtbar
+betrachtet werden müsse, ist eine dünne Wolke, in welche sie es von
+der Seite der mithandelnden Personen einhüllet. Diese Wolke scheinet
+aus dem Homer selbst entlehnet zu sein. Denn wenn im Getümmel der
+Schlacht einer von den wichtigern Helden in Gefahr kömmt, aus der ihn
+keine andere, als göttliche Macht retten kann: so läßt der Dichter
+ihn von der schützenden Gottheit in einen dicken Nebel, oder in Nacht
+verhüllen, und so davon führen; als den Paris von der Venus 4), den
+Idäus vom Neptuns 5), den Hektor vom Apollo 6). Und diesen Nebel,
+diese Wolke, wird Caylus nie vergessen, dem Künstler bestens zu
+empfehlen, wenn er ihm die Gemälde von dergleichen Begebenheiten
+vorzeichnet. Wer sieht aber nicht, daß bei dem Dichter das Einhüllen
+in Nebel und Nacht weiter nichts, als eine poetische Redensart für
+unsichtbar machen, sein soll? Es hat mich daher jederzeit befremdet,
+diesen poetischen Ausdruck realisieret, und eine wirkliche Wolke in
+dem Gemälde angebracht zu finden, hinter welcher der Held, wie hinter
+einer spanischen Wand, vor seinem Feinde verborgen stehet. Das war
+nicht die Meinung des Dichters. Das heißt aus den Grenzen der
+Malerei herausgehen; denn diese Wolke ist hier eine wahre Hieroglyphe,
+ein bloßes symbolisches Zeichen, das den befreiten Held nicht
+unsichtbar macht, sondern den Betrachtern zuruft: ihr müßt ihn euch
+als unsichtbar vorstellen. Sie ist hier nichts besser, als die
+beschriebenen Zettelchen, die auf alten gotischen Gemälden den
+Personen aus dem Munde gehen.
+
+{4. Iliad. G. v. 381.}
+
+{5. Iliad. E. v. 23.}
+
+{6. Iliad. Y. v. 444.}
+
+Es ist wahr, Homer läßt den Achilles, indem ihm Apollo den Hektor
+entrücket, noch dreimal nach dem dicken Nebel mit der Lanze stoßen:
+triV d' hera tuye baJeian 7). Allein auch das heißt in der Sprache
+des Dichters weiter nichts, als daß Achilles so wütend gewesen, daß
+er noch dreimal gestoßen, ehe er es gemerkt, daß er seinen Feind
+nicht mehr vor sich habe. Keinen wirklichen Nebel sahe Achilles
+nicht, und das ganze Kunststück, womit die Götter unsichtbar machten,
+bestand auch nicht in dem Nebel, sondern in der schnellen Entrückung.
+Nur um zugleich mit anzuzeigen, daß die Entrückung so schnell
+geschehen, daß kein menschliches Auge dem entrückten Körper
+nachfolgen können, hüllet ihn der Dichter vorher in Nebel ein; nicht
+weil man anstatt des entrückten Körpers einen Nebel gesehen, sondern
+weil wir das, was in einem Nebel ist, als nicht sichtbar denken.
+Daher kehrt er es auch bisweilen um, und läßt, anstatt das Objekt
+unsichtbar zu machen, das Subjekt mit Blindheit geschlagen werden.
+So verfinstert Neptun die Augen des Achilles, wenn er den Aeneas aus
+seinen mörderischen Händen errettet, den er mit einem Rucke mitten
+aus dem Gewühle auf einmal in das Hintertreffen versetzt 8). In der
+Tat aber sind des Achilles Augen hier ebensowenig verfinstert, als
+dort die entrückten Helden in Nebel gehüllet; sondern der Dichter
+setzt das eine und das andere nur bloß hinzu, um die äußerste
+Schnelligkeit der Entrückung, welche wir das Verschwinden nennen,
+dadurch sinnlicher zu machen.
+
+{7. Ibid. v. 446.}
+
+{8. Iliad. Y. v. 321.}
+
+Den homerischen Nebel aber haben sich die Maler nicht bloß in den
+Fällen zu eigen gemacht, wo ihn Homer selbst gebraucht hat, oder
+gebraucht haben würde: bei Unsichtbarwerdungen, bei Verschwindungen,
+sondern überall, wo der Betrachter etwas in dem Gemälde erkennen soll,
+was die Personen des Gemäldes entweder alle, oder zum Teil, nicht
+erkennen. Minerva war dem Achilles nur allein sichtbar, als sie ihn
+zurückhielt, sich mit Tätigkeiten gegen den Agamemnon zu vergehen.
+Dieses auszudrücken, sagt Caylus, weiß ich keinen andern Rat, als daß
+man sie von der Seite der übrigen Ratsversammlung in eine Wolke
+verhülle. Ganz wider den Geist des Dichters. Unsichtbar sein, ist
+der natürliche Zustand seiner Götter; es bedarf keiner Blendung,
+keiner Abschneidung der Lichtstrahlen, daß sie nicht gesehen werden
+9); sondern es bedarf einer Erleuchtung, einer Erhöhung des
+sterblichen Gesichts, wenn sie gesehen werden sollen. Nicht genug
+also, daß die Wolke ein willkürliches, und kein natürliches Zeichen
+bei den Malern ist; dieses willkürliche Zeichen hat auch nicht einmal
+die bestimmte Deutlichkeit, die es als ein solches haben könnte; denn
+sie brauchen es ebensowohl, um das Sichtbare unsichtbar, als um das
+Unsichtbare sichtbar zu machen.
+
+{9. Zwar läßt Homer auch Gottheiten sich dann und wann in eine Wolke
+hüllen, aber nur alsdenn, wenn sie von andern Gottheiten nicht wollen
+gesehen werden. Z. E. Iliad. X. v. 282, wo Juno und der Schlaf hera
+essamenw sich nach dem Ida verfügen, war es der schlauen Göttin
+höchste Sorge, von der Venus nicht entdeckt zu werden, die ihr, nur
+unter dem Vorwande einer ganz andern Reise, ihren Gürtel geliehen
+hatte. In eben dem Buche (v. 344.) muß eine güldene Wolke den
+wollusttrunkenen Jupiter mit seiner Gemahlin umgeben, um ihren
+züchtigen Weigerungen abzuhelfen:
+
+ PvV k' eoi, ei tiV nvi Jevn aieigenetawn
+ Eudont' aJrhseie;--
+
+
+Sie fÜrchte sich nicht von den Menschen gesehen zu werden; sondern
+von den GÖttern. Und wenn schon Homer den Jupiter einige Zeilen
+darauf sagen lÄßt:
+
+ Hrh, mhte Jevn toge deidiJi, mhte tin' andrvn
+ OyesJai· toion toi egw nejoV amjikaluyw
+ Cruseon·
+
+
+so folgt doch daraus nicht, daß sie erst diese Wolke vor den Augen
+der Menschen wÜrde verborgen haben; sondern es will nur so viel, daß
+sie in dieser Wolke ebenso unsichtbar den GÖttern werden solle, als
+sie es nur immer den Menschen sei. So auch, wenn Minerva sich den
+Helm des Pluto aufsetzet (Iliad. E. v. 845.), welches mit dem
+Verhüllen in eine Wolke einerlei Wirkung hatte, geschieht es nicht,
+um von den Trojanern nicht gesehen zu werden, die sie entweder gar
+nicht, oder unter der Gestalt des Sthenelus erblicken, sondern
+lediglich, damit sie Mars nicht erkennen möge.}
+
+
+
+XIII.
+
+
+Wenn Homers Werke gÄnzlich verloren wären, wenn wir von seiner Ilias
+und Odyssee nichts übrig hätten, als eine ähnliche Folge von Gemälden,
+dergleichen Caylus daraus vorgeschlagen: würden wir wohl aus diesen
+Gemälden,--sie sollen von der Hand des vollkommensten Meisters
+sein--ich will nicht sagen, von dem ganzen Dichter, sondern bloß von
+seinem malerischen Talente, uns den Begriff bilden können, den wir
+itzt von ihm haben?
+
+Man mache einen Versuch mit dem ersten dem besten Stücke. Es sei das
+Gemälde der Pest 1). Was erblicken wir auf der Fläche des Künstlers?
+Tote Leichname, brennende Scheiterhaufen, Sterbende mit Gestorbenen
+beschäftiget, den erzürnten Gott auf einer Wolke, seine Pfeile
+abdrückend. Der größte Reichtum dieses Gemäldes ist Armut des
+Dichters. Denn sollte man den Homer aus diesem Gemälde
+wiederherstellen: was könnte man ihn sagen lassen? "Hierauf
+ergrimmte Apollo, und schoß seine Pfeile unter das Heere der Griechen.
+Viele Griechen sturben und ihre Leichname wurden verbrannt." Nun
+lese man den Homer selbst:
+
+{1. Iliad. A. v. 44-53. Tableaux tirés de l'Iliade p. 7.}
+
+ Bh de kat' Oulumpoio karhnwn cwomenoV khr,
+ Tox' wmoisin ecwn, amjhrejea te jaretrhn.
+ Eklagxan d' ar' oistoi ep' wmwn cwomenoio,
+ Autou kinhJentoV· o d' hie nukti eoikwV·
+ Ezet' epeit' apaneuJe nevn, meta d' ion ehken·
+ Deinh de klaggh genet' argureoio bioio.
+ OurhaV men prvton epwceto, kai kunaV argouV·
+ Autar epeit' autoisi beloV ecepeukeV ejieiV
+ Ball'· aiei de purai nekuwn kaionto Jameiai.
+
+
+So weit das Leben Über das GemÄlde ist, so weit ist der Dichter hier
+über den Maler. Ergrimmt, mit Bogen und KÖcher, steiget Apollo von
+den Zinnen des Olympus. Ich sehe ihn nicht allein herabsteigen, ich
+höre ihn. Mit jedem Tritte erklingen die Pfeile um die Schultern des
+Zornigen. Er gehet einher, gleich der Nacht. Nun sitzt er gegen den
+Schiffen über, und schnellet--fürchterlich erklingt der silberne
+Bogen--den ersten Pfeil auf die Maultiere und Hunde. Sodann faßt er
+mit dem giftigern Pfeile die Menschen selbst; und überall lodern
+unaufhörlich Holzstöße mit Leichnamen.--Es ist unmöglich, die
+musikalische Malerei, welche die Worte des Dichters mit hören lassen,
+in eine andere Sprache überzutragen. Es ist ebenso unmöglich, sie
+aus dem materiellen Gemälde zu vermuten, ob sie schon nur der
+allerkleineste Vorzug ist, den das poetische Gemälde vor selbigem hat.
+Der Hauptvorzug ist dieser, daß uns der Dichter zu dem, was das
+materielle Gemälde aus ihm zeiget, durch eine ganze Galerie von
+Gemälden führet.
+
+Aber vielleicht ist die Pest kein vorteilhafter Vorwurf für die
+Malerei. Hier ist ein anderer, der mehr Reize für das Auge hat. Die
+ratpflegenden trinkenden Götter 2). Ein goldner offener Palast,
+willkürliche Gruppen der schönsten und verehrungswürdigsten Gestalten,
+den Pokal in der Hand, von Heben, der ewigen Jugend, bedienet.
+Welche Architektur, welche Massen von Licht und Schatten, welche
+Kontraste, welche Mannigfaltigkeit des Ausdruckes! Wo fange ich an,
+wo höre ich auf, mein Auge zu weiden? Wann mich der Maler so
+bezaubert, wieviel mehr wird es der Dichter tun! Ich schlage ihn auf,
+und ich finde--mich betrogen. Ich finde vier gute plane Zeilen, die
+zur Unterschrift eines Gemäldes dienen können, in welchen der Stoff
+zu einem Gemälde liegt, aber die selbst kein Gemälde sind.
+
+{2. Iliad. D. v. 1-4. Tableaux tirés de l'Iliade p. 30.}
+
+ Oi de Jeoi par Zhni kaJhmenoi hgorownto
+ Crusew en dapedw, meta de sjisi potnia Hbh
+ Nektar ewnocoei· toi de cruseoiV depaessi
+ Deidecat' allhlouV, Trwwn polin eisorownteV.
+
+
+Das wÜrde ein Apollonius, oder ein noch mittelmÄßigerer Dichter,
+nicht schlechter gesagt haben; und Homer bleibt hier ebensoweit unter
+dem Maler, als der Maler dort unter ihm blieb.
+
+Noch dazu findet Caylus in dem ganzen vierten Buche der Ilias sonst
+kein einziges Gemälde, als nur eben in diesen vier Zeilen. So sehr
+sich, sagt er, das vierte Buch durch die mannigfaltigen Ermunterungen
+zum Angriffe, durch die Fruchtbarkeit glänzender und abstechender
+Charaktere, und durch die Kunst ausnimmt, mit welcher uns der Dichter
+die Menge, die er in Bewegung setzen will, zeiget: so ist es doch für
+die Malerei gänzlich unbrauchbar. Er hätte dazu setzen kÖnnen: so
+reich es auch sonst an dem ist, was man poetische Gemälde nennet.
+Denn wahrlich, es kommen derer in dem vierten Buche so häufige und so
+vollkommene vor, als nur in irgend einem andern. Wo ist ein
+ausgeführteres, täuschenderes Gemälde als das vom Pandarus, wie er
+auf Anreizen der Minerva den Waffenstillestand bricht, und seinen
+Pfeil auf den Menelaus losdrückt? Als das, von dem Anrücken des
+griechischen Heeres? Als das, von dem beiderseitigen Angriffe? Als
+das, von der Tat des Ulysses, durch die er den Tod seines Leukus
+rächet?
+
+Was folgt aber hieraus, daß nicht wenige der schönsten Gemälde des
+Homers kein Gemälde für den Artisten geben? daß der Artist Gemälde
+aus ihm ziehen kann, wo er selbst keine hat? daß die, welche er hat,
+und der Artist gebrauchen kann, nur sehr armselige Gemälde sein
+würden, wenn sie nicht mehr zeigten, als der Artist zeiget? Was
+sonst, als die Verneinung meiner obigen Frage? Daß aus den
+materiellen Gemälden, zu welchen die Gedichte des Homers Stoff geben,
+wann ihrer auch noch so viele, wann sie auch noch so vortrefflich
+wären, sich dennoch auf das malerische Talent des Dichters nichts
+schließen läßt.
+
+
+
+XIV.
+
+
+Ist dem aber so, und kann ein Gedicht sehr ergiebig für den Maler,
+dennoch aber selbst nicht malerisch, hinwiederum ein anderes sehr
+malerisch, und dennoch nicht ergiebig für den Maler sein: so ist es
+auch um den Einfall des Grafen Caylus getan, welcher die
+Brauchbarkeit für den Maler zum Probiersteine der Dichter machen, und
+ihre Rangordnung nach der Anzahl der Gemälde, die sie dem Artisten
+darbieten, bestimmen wollen 1).
+
+{1. Tableaux tirés de l'Iliade, Avert. p. V. On est toujours convenu,
+que plus un poème fournissait d'images et d'actions, plus il avait
+de supériorité en poésie. Cette réflexion m'avait conduit à penser
+que le calcul des différents tableaux, qu'offrent les poèmes, pouvait
+servir à comparer le mérite respectif des poàmes et des poètes. Le
+nombre et le genre des tableaux que présentent ces grands ouvrages,
+auraient été une espèce de pierre de touche, en plutôt une balance
+certaine du mérite de ces poèmes et du génie de leurs auteurs.}
+
+Fern sei es, diesem Einfalle, auch nur durch unser Stillschweigen,
+das Ansehen einer Regel gewinnen zu lassen. Milton würde als das
+erste unschuldige Opfer derselben fallen. Denn es scheinet wirklich,
+daß das verächtliche Urteil, welches Caylus über ihn spricht, nicht
+sowohl Nationalgeschmack, als eine Folge seiner vermeinten Regel
+gewesen. Der Verlust des Gesichts, sagt er, mag wohl die größte
+Ähnlichkeit sein, die Milton mit dem Homer gehabt hat. Freilich kann
+Milton keine Galerien füllen. Aber müßte, solange ich das leibliche
+Auge hätte, die Sphäre desselben auch die Sphäre meines innern Auges
+sein, so würde ich, um von dieser Einschränkung frei zu werden, einen
+großen Wert auf den Verlust des erstern legen.
+
+Das Verlorne Paradies ist darum nicht weniger die erste Epopöe nach
+dem Homer, weil es wenig Gemälde liefert, als die Leidensgeschichte
+Christi deswegen ein Poem ist, weil man kaum den Kopf einer Nadel in
+sie setzen kann, ohne auf eine Stelle zu treffen, die nicht eine
+Menge der größten Artisten beschäftiget hätte. Die Evangelisten
+erzählen das Faktum mit aller möglichen trockenen Einfalt, und der
+Artist nutzet die mannigfaltigen Teile desselben, ohne daß sie
+ihrerseits den geringsten Funken von malerischem Genie dabei gezeigt
+haben. Es gibt malbare und unmalbare Fakta, und der
+Geschichtschreiber kann die malbarsten ebenso unmalerisch erzählen,
+als der Dichter die unmalbarsten malerisch darzustellen vermögend ist.
+
+Man läßt sich bloß von der Zweideutigkeit des Wortes verführen, wenn
+man die Sache anders nimmt. Ein poetisches Gemälde ist nicht
+notwendig das, was in ein materielles Gemälde zu verwandeln ist;
+sondern jeder Zug, jede Verbindung mehrerer Züge, durch die uns der
+Dichter seinen Gegenstand so sinnlich macht, daß wir uns dieses
+Gegenstandes deutlicher bewußt werden, als seiner Worte, heißt
+malerisch, heißt ein Gemälde, weil es uns dem Grade der Illusion
+näher bringt, dessen das materielle Gemälde besonders fähig ist, der
+sich von dem materiellen Gemälde am ersten und leichtesten
+abstrahieren lassen 2).
+
+{2. Was wir poetische Gemälde nennen, nannten die Alten Phantasien,
+wie man sich aus dem Longin erinnern wird. Und was wir die Illusion,
+das Täuschende dieser Gemälde heißen, hieß bei ihnen die Enargie.
+Daher hatte einer, wie Plutarchus meldet, (Erot. T. II. Edit. Henr.
+Steph. p. 1351.) gesagt: die poetischen Phantasien wären, wegen
+ihrer Enargie, Träume der Wachenden; Ai poihtikai jantasiai dia thn
+enargeian egrhgorotwn enupnia eisin. Ich wünschte sehr, die neuern
+Lehrbücher der Dichtkunst hätten sich dieser Benennung bedienen, und
+des Worts Gemälde gänzlich enthalten wollen. Sie würden uns eine
+Menge halbwahrer Regeln erspart haben, deren vornehmster Grund die
+Übereinstimmung eines willkürlichen Namens ist. Poetische Phantasien
+würde kein Mensch so leicht den Schranken eines materiellen Gemäldes
+unterworfen haben; aber sobald man die Phantasien poetische Gemälde
+nannte, so war der Grund zur Verführung gelegt.}
+
+
+
+XV.
+
+
+Nun kann der Dichter zu diesem Grade der Illusion, wie die Erfahrung
+zeiget, auch die Vorstellungen anderer, als sichtbarer Gegenstände
+erheben. Folglich müssen notwendig dem Artisten ganze Klassen von
+Gemälden abgehen, die der Dichter vor ihm voraus hat. Drydens Ode
+auf den Cäcilienstag ist voller musikalischen Gemälde, die den Pinsel
+müßig lassen. Doch ich will mich in dergleichen Exempel nicht
+verlieren, aus welchen man am Ende doch wohl nicht viel mehr lernet,
+als daß die Farben keine Töne, und die Ohren keine Augen sind.
+
+Ich will bei den Gemälden bloß sichtbarer Gegenstände stehen bleiben,
+die dem Dichter und Maler gemein sind. Woran liegt es, daß manche
+poetische Gemälde von dieser Art, für den Maler unbrauchbar sind, und
+hinwiederum manche eigentliche Gemälde unter der Behandlung des
+Dichters den größten Teil ihrer Wirkung verlieren?
+
+Exempel mögen mich leiten. Ich wiederhole es: das Gemälde des
+Pandarus im vierten Buche der Ilias ist eines von den ausgeführtesten,
+täuschendsten im ganzen Homer. Von dem Ergreifen des Bogens bis zu
+dem Fluge des Pfeiles, ist jeder Augenblick gemalt, und alle diese
+Augenblicke sind so nahe und doch so unterschieden angenommen, daß,
+wenn man nicht wüßte, wie mit dem Bogen umzugehen wäre, man es aus
+diesem Gemälde allein lernen könnte 1). Pandarus zieht seinen Bogen
+hervor, legt die Sehne an, öffnet den Köcher, wählet einen noch
+ungebrauchten wohlbefiederten Pfeil, setzt den Pfeil an die Sehne,
+zieht die Sehne mitsamt dem Pfeile unten an dem Einschnitte zurück,
+die Sehne nahet sich der Brust, die eiserne Spitze des Pfeiles dem
+Bogen, der große gerundete Bogen schlägt tönend auseinander, die
+Sehne schwirret, ab sprang der Pfeil, und gierig fliegt er nach
+seinem Ziele.
+
+{1. Iliad. D. v. 105.
+
+ Autik' esula toxon euxoon--
+ Kai to men eu kateJhke tanussamenoV, poti gaih
+ AgklinaV--
+ Autar o sula pvma jaretrhV· ek d' elet' ion
+ Ablhta, pteroenta, melainvn erm' odunawn,
+ Aiya d' epi neurh katekosmei pikron oiston,--
+ Elke d' omou glujidaV te labwn kai neura boeia.
+ Neurhn men mazv pelasen, toxw de sidhron.--
+ Autar epei dh kuklotereV mega toxon eteine,
+ Ligxe bioV, neurh de meg' iacen, alto d' oistoV
+ OxubelhV, kaJ' omilon epiptesJai meneainwn.}
+
+
+Übersehen kann Caylus dieses vortreffliche GemÄlde nicht haben. Was
+fand er also darin, warum er es für unfähig achtete, seinen Artisten
+zu beschäftigen? Und was war es, warum ihm die Versammlung der
+ratpflegenden zechenden GÖtter zu dieser Absicht tauglicher dünkte?
+Hier sowohl als dort sind sichtbare Vorwürfe, und was braucht der
+Maler mehr, als sichtbare Vorwürfe, um seine Fläche zu füllen?
+
+Der Knoten muß dieser sein. Obschon beide Vorwürfe, als sichtbar,
+der eigentlichen Malerei gleich fähig sind: so findet sich doch
+dieser wesentliche Unterschied unter ihnen, daß jener eine sichtbare
+fortschreitende Handlung ist, deren verschiedene Teile sich nach und
+nach, in der Folge der Zeit, ereignen, dieser hingegen eine sichtbare
+stehende Handlung, deren verschiedene Teile sich nebeneinander im
+Raume entwickeln. Wenn nun aber die Malerei, vermöge ihrer Zeichen
+oder der Mittel ihrer Nachahmung, die sie nur im Raume verbinden kann,
+der Zeit gänzlich entsagen muß: so können fortschreitende Handlungen,
+als fortschreitend, unter ihre Gegenstände nicht gehören, sondern
+sie muß sich mit Handlungen nebeneinander, oder mit bloßen Körpern,
+die durch ihre Stellungen eine Handlung vermuten lassen, begnügen.
+Die Poesie hingegen-
+
+
+
+XVI.
+
+
+Doch ich will versuchen, die Sache aus ihren ersten Gründen
+herzuleiten.
+
+Ich schließe so. Wenn es wahr ist, daß die Malerei zu ihren
+Nachahmungen ganz andere Mittel, oder Zeichen gebrauchet, als die
+Poesie; jene nämlich Figuren und Farben in dem Raume, diese aber
+artikulierte Töne in der Zeit; wenn unstreitig die Zeichen ein
+bequemes Verhältnis zu dem Bezeichneten haben müssen: so können
+nebeneinander geordnete Zeichen auch nur Gegenstände, die
+nebeneinander, oder deren Teile nebeneinander existieren,
+aufeinanderfolgende Zeichen aber auch nur Gegenstände ausdrücken, die
+aufeinander, oder deren Teile aufeinander folgen.
+
+Gegenstände, die nebeneinander oder deren Teile nebeneinander
+existieren, heißen Körper. Folglich sind Körper mit ihren sichtbaren
+Eigenschaften die eigentlichen Gegenstände der Malerei.
+
+Gegenstände, die aufeinander, oder deren Teile aufeinander folgen,
+heißen überhaupt Handlungen. Folglich sind Handlungen der
+eigentliche Gegenstand der Poesie.
+
+Doch alle Körper existieren nicht allein in dem Raume, sondern auch
+in der Zeit. Sie dauern fort, und können in jedem Augenblicke ihrer
+Dauer anders erscheinen, und in anderer Verbindung stehen. Jede
+dieser augenblicklichen Erscheinungen und Verbindungen ist die
+Wirkung einer vorhergehenden, und kann die Ursache einer folgenden,
+und sonach gleichsam das Zentrum einer Handlung sein. Folglich kann
+die Malerei auch Handlungen nachahmen, aber nur andeutungsweise durch
+Körper.
+
+Auf der andern Seite können Handlungen nicht für sich selbst bestehen,
+sondern müssen gewissen Wesen anhängen. Insofern nun diese Wesen
+Körper sind, oder als Körper betrachtet werden, schildert die Poesie
+auch Körper, aber nur andeutungsweise durch Handlungen.
+
+Die Malerei kann in ihren koexistierenden Kompositionen nur einen
+einzigen Augenblick der Handlung nutzen, und muß daher den
+prägnantesten wählen, aus welchem das Vorhergehende und Folgende am
+begreiflichsten wird.
+
+Ebenso kann auch die Poesie in ihren fortschreitenden Nachahmungen
+nur eine einzige Eigenschaft der Körper nutzen, und muß daher
+diejenige wählen, welche das sinnlichste Bild des Körpers von der
+Seite erwecket, von welcher sie ihn braucht.
+
+Hieraus fließt die Regel von der Einheit der malerischen Beiwörter,
+und der Sparsamkeit in den Schilderungen körperlicher Gegenstände.
+
+Ich würde in diese trockene Schlußkette weniger Vertrauen setzen,
+wenn ich sie nicht durch die Praxis des Homers vollkommen bestätiget
+fände, oder wenn es nicht vielmehr die Praxis des Homers selbst wäre,
+die mich darauf gebracht hätte. Nur aus diesen Grundsätzen läßt sich
+die große Manier des Griechen bestimmen und erklären, sowie der
+entgegengesetzten Manier so vieler neuern Dichter ihr Recht erteilen,
+die in einem Stücke mit dem Maler wetteifern wollen, in welchem sie
+notwendig von ihm überwunden werden müssen.
+
+Ich finde, Homer malet nichts als fortschreitende Handlungen, und
+alle Körper, alle einzelne Dinge malet er nur durch ihren Anteil an
+diesen Handlungen, gemeiniglich nur mit einem Zuge. Was Wunder also,
+daß der Maler, da wo Homer malet, wenig oder nichts für sich zu tun
+siehet, und daß seine Ernte nur da ist, wo die Geschichte eine Menge
+schöner Körper, in schönen Stellungen, in einem der Kunst
+vorteilhaften Raume zusammenbringt, der Dichter selbst mag diese
+Körper, diese Stellungen, diesen Raum so wenig malen, als er will?
+Man gehe die ganze Folge der Gemälde, wie sie Caylus aus ihm
+vorschlägt, Stück vor Stück durch, und man wird in jedem den Beweis
+von dieser Anmerkung finden.
+
+Ich lasse also hier den Grafen, der den Farbenstein des Malers zum
+Probiersteine des Dichters machen will, um die Manier des Homers
+näher zu erklären.
+
+Für ein Ding, sage ich, hat Homer gemeiniglich nur einen Zug. Ein
+Schiff ist ihm bald das schwarze Schiff, bald das hohle Schiff, bald
+das schnelle Schiff, höchstens das wohlberuderte schwarze Schiff.
+Weiter läßt er sich in die Malerei des Schiffes nicht ein. Aber wohl
+das Schiffen, das Abfahren, das Anlanden des Schiffes, macht er zu
+einem ausführlichen Gemälde, zu einem Gemälde, aus welchem der Maler
+fünf, sechs besondere Gemälde machen müßte, wenn er es ganz auf seine
+Leinwand bringen wollte.
+
+Zwingen den Homer ja besondere Umstände, unsern Blick auf einen
+einzeln körperlichen Gegenstand länger zu heften: so wird
+demohngeachtet kein Gemälde daraus, dem der Maler mit dem Pinsel
+folgen könnte; sondern er weiß durch unzählige Kunstgriffe diesen
+einzeln Gegenstand in eine Folge von Augenblicken zu setzen, in deren
+jedem er anders erscheinet, und in deren letztem ihn der Maler
+erwarten muß, um uns entstanden zu zeigen, was wir bei dem Dichter
+entstehen sehn. Z. E. Will Homer uns den Wagen der Juno sehen lassen,
+so muß ihn Hebe vor unsern Augen Stück vor Stück zusammensetzen.
+Wir sehen die Räder, die Achsen, den Sitz, die Deichsel und Riemen
+und Stränge, nicht sowohl wie es beisammen ist, als wie es unter den
+Händen der Hebe zusammenkommt. Auf die Räder allein verwendet der
+Dichter mehr als einen Zug, und weiset uns die ehernen acht Speichen,
+die goldenen Felgen, die Schienen von Erzt, die silberne Nabe, alles
+insbesondere. Man sollte sagen: da der Räder mehr als eines war, so
+mußte in der Beschreibung ebensoviel Zeit mehr auf sie gehen, als
+ihre besondere Anlegung deren in der Natur selbst mehr erforderte 1).
+
+{1. Iliad. E. v. 722-731.}
+
+ Hbh d' amj' oceessi JovV bale kampula kukla
+ Calkea, oktaknhma, sidhrew axoni amjiV·
+ Tvn h toi cruseh ituV ajJitoV, autar uperJen
+ Calke episswtra, prosarhrota, Jauma idesJai·
+ Plhmnai d' argurou eisi peridromoi amjoterwJen·
+ DijroV de cruseoisi kai argureoisin imasin
+ Entetatai· doiai de peridromoi antugeV eisin·
+ Tou d' ex argureoV rumoV pelen· autar ep' akrw
+ Dhse cruseion kalon zugon, en de lepadna
+ Kal' ebale, cruseia·--
+
+
+Will uns Homer zeigen, wie Agamemnon bekleidet gewesen, so muß sich
+der KÖnig vor unsern Augen seine völlige Kleidung StÜck vor Stück
+umtun; das weiche Unterkleid, den großen Mantel, die schönen
+Halbstiefeln, den Degen; und so ist er fertig, und ergreift das
+Zepter. Wir sehen die Kleider, indem der Dichter die Handlung des
+Bekleidens malet; ein anderer würde die Kleider bis auf die geringste
+Franze gemalet haben, und von der Handlung hÄtten wir nichts zu sehen
+bekommen 2).
+
+{2. Iliad. B. v. 43-47.}
+
+ --malakon d' endune citvna,
+ Kalon, nhgateon, peri d' au mega balleto jaroV·
+ Possi d' upai liparoisin edhsato kala pedila·
+ Amji d' ar' wmoisin baleto xijoV argurohlon,
+ Eileto de skhptron patrwion, ajJiton aiei.
+
+
+Und wenn wir von diesem Zepter, welches hier bloß das vÄterliche,
+unvergängliche Zepter heißt, so wie ein ähnliches ihm an einem andern
+Orte bloß crouseioiV hloisi peparmenon, das mit goldenen Stiften
+beschlagene Zepter ist, wenn wir, sage ich, von diesem wichtigen
+Zepter ein vollständigeres, genaueres Bild haben sollen: was tut
+sodann Homer? Malt er uns, außer den goldenen Nägeln, nun auch das
+Holz, den geschnitzten Knopf? Ja, wenn die Beschreibung in eine
+Heraldik sollte, damit einmal in den folgenden Zeiten ein anderes
+genau darnach gemacht werden kÖnne. Und doch bin ich gewiß, daß
+mancher neuere Dichter eine solche Wappenkönigsbeschreibung daraus
+wÜrde gemacht haben, in der treuherzigen Meinung, daß er wirklich
+selber gemalt habe, weil der Maler ihm nachmalen kann. Was bekümmert
+sich aber Homer, wie weit er den Maler hinter sich läßt? Statt einer
+Abbildung gibt er uns die Geschichte des Zepters: erst ist es unter
+der Arbeit des Vulkans; nun glänzt es in den Händen des Jupiters; nun
+bemerkt es die Würde Merkurs; nun ist es der Kommandostab des
+kriegerischen Pelops; nun der Hirtenstab des friedlichen Atreus usw.
+
+ --Skhptron ecwn· to men HjaistoV kame teucwn·
+ HjaistoV men dvke Dii Kroniwni anakti·
+ Autar ara ZeuV dvke diaktorw Argeijonth·
+ ErmeiaV de anax dvken Pelopi plhxippw·
+ Autar o aute Peloy dvk' Atrei, poimeni lavn·
+ AtreuV de Jnhskwn elipe poluarni Questh·
+ Autar o aute Quest' Agamemnoni leipe jorhnai,
+ Pollhsi nhsoisi kai Argei panti anassein 3)
+
+{3. Iliad. B. v. 101-108.}
+
+
+So kenne ich endlich dieses Zepter besser, als mir es der Maler vor
+Augen legen, oder ein zweiter Vulkan in die HÄnde liefern kÖnnte.--Es
+wÜrde mich nicht befremden, wenn ich fände, daß einer von den alten
+Auslegern des Homers diese Stelle als die vollkommenste Allegorie von
+dem Ursprunge, dem Fortgange, der Befestigung und endlichen
+Beerbfolgung der königlichen Gewalt unter den Menschen bewundert
+hätte. Ich würde zwar lächeln, wenn ich läse, daß Vulkan, welcher
+das Zepter gearbeitet, als das Feuer, als das, was dem Menschen zu
+seiner Erhaltung das Unentbehrlichste ist, die Abstellung der
+Bedürfnisse überhaupt anzeige, welche die ersten Menschen, sich einem
+einzigen zu unterwerfen, bewogen; daß der erste König ein Sohn der
+Zeit, (ZeuV Kroniwn) ein ehrwürdiger Alte gewesen sei, welcher seine
+Macht mit einem beredten klugen Manne, mit einem Merkur, (Diaktorw
+Argeijonth) teilen, oder gänzlich auf ihn übertragen wollen; daß der
+kluge Redner zur Zeit, als der junge Staat von auswärtigen Feinden
+bedrohet worden, seine oberste Gewalt dem tapfersten Krieger (Pelopi
+plhxippw) überlassen habe; daß der tapfere Krieger, nachdem er die
+Feinde gedämpfet und das Reich gesichert, es seinem Sohne in die
+Hände spielen können, welcher als ein friedliebender Regent, als ein
+wohltätiger Hirte seiner Völker (poimhn lavn), sie mit Wohlleben und
+Überfluß bekannt gemacht habe, wodurch nach seinem Tode dem reichsten
+seiner Anverwandten (poluarni Questh) der Weg gebahnet worden, das
+was bisher das Vertrauen erteilet, und das Verdienst mehr für eine
+Bürde als Würde gehalten hatte, durch Geschenke und Bestechungen an
+sich zu bringen, und es hernach als ein gleichsam erkauftes Gut
+seiner Familie auf immer zu versichern. Ich würde lächeln, ich würde
+aber demohngeachtet in meiner Achtung für den Dichter bestärket
+werden, dem man so vieles leihen kann. Doch dieses liegt außer
+meinem Wege, und ich betrachte itzt die Geschichte des Zepters bloß
+als einen Kunstgriff, uns bei einem einzeln Dinge verweilen zu machen,
+ohne sich in die frostige Beschreibung seiner Teile einzulassen.
+Auch wenn Achilles bei seinem Zepter schwöret, die Geringschätzung,
+mit welcher ihm Agamemnon begegnet, zu rächen, gibt uns Homer die
+Geschichte dieses Zepters. Wir sehen ihn auf den Bergen grünen, das
+Eisen trennet ihn von dem Stamme, entblättert und entrindet ihn, und
+macht ihn bequem, den Richtern des Volkes zum Zeichen ihrer
+göttlichen Würde zu dienen 4).
+
+{4. Iliad. A. v. 234-239.}
+
+ Nai ma tode skhptron, to men oupote julla kai ozouV
+ Fusei, epei dh prvta tomhn en oressi leloipen,
+ Oud' anaJhlhsei· peri gar ra e calkoV eleye,
+ Fulla te kai jloion· nun aute min uieV Acaivn
+ En palamhV joreousi dikaspoloi, oi te JemistaV
+ ProV DioV eiruatai·--
+
+
+Dem Homer war nicht sowohl daran gelegen, zwei StÄbe von
+verschiedener Materie und Figur zu schildern, als uns von der
+Verschiedenheit der Macht, deren Zeichen diese Stäbe waren, ein
+sinnliches Bild zu machen. Jener, ein Werk des Vulkans; dieser, von
+einer unbekannten Hand auf den Bergen geschnitten: jener der alte
+Besitz eines edeln Hauses; dieser bestimmt, die erste die beste Faust
+zu fÜllen: jener, von einem Monarchen über viele Inseln und über ganz
+Argos erstrecket; dieser, von einem aus dem Mittel der Griechen
+geführet, dem man nebst andern die Bewahrung der Gesetze anvertrauet
+hatte. Dieses war wirklich der Abstand, in welchem sich Agamemnon
+und Achill voneinander befanden; ein Abstand, den Achill selbst, bei
+allem seinem blinden Zorne, einzugestehen, nicht umhin konnte.
+
+Doch nicht bloß da, wo Homer mit seinen Beschreibungen dergleichen
+weitere Absichten verbindet, sondern auch da, wo es ihm um das bloße
+Bild zu tun ist, wird er dieses Bild in eine Art von Geschichte des
+Gegenstandes verstreuen, um die Teile desselben, die wir in der Natur
+nebeneinander sehen, in seinem Gemälde ebenso natürlich aufeinander
+folgen, und mit dem Flusse der Rede gleichsam Schritt halten zu
+lassen. Z. E. Er will uns den Bogen des Pandarus malen; einen Bogen
+von Horn, von der und der Länge, wohl polieret, und an beiden Spitzen
+mit Goldblech beschlagen. Was tut er? Zählt er uns alle diese
+Eigenschaften so trocken eine nach der andern vor? Mit nichten; das
+würde einen solchen Bogen angeben, vorschreiben, aber nicht malen
+heißen. Er fängt mit der Jagd des Steinbockes an, aus dessen HÖrnern
+der Bogen gemacht worden; Pandarus hatte ihm in den Felsen aufgepaßt,
+und ihn erlegt; die Hörner waren von außerordentlicher Größe,
+deswegen bestimmte er sie zu einem Bogen; sie kommen in die Arbeit,
+der Künstler verbindet sie, polieret sie, beschlägt sie. Und so, wie
+gesagt, sehen wir bei dem Dichter entstehen, was wir bei dem Maler
+nicht anders als entstanden sehen können 5).
+
+{5. Iliad. D. v. 105-111.}
+
+ --toxon, euxoon, ixalou aigoV
+ Agriou, on ra pot' autoV, upo sternoio tuchsaV,
+ PetrhV ekbainonta dedegmenoV en prodokhsin,
+ Beblhkei proV sthJoV· o d' uptioV empese petrh·
+ Tou kera ek kejalhV ekkaidekadwra pejukai.
+ Kai ta men askhsaV keraoxooV hrare tektwn,
+ Pan d' eu leihnaV, krusehn epeJhke korwnhn.
+
+
+Ich wÜrde nicht fertig werden, wenn ich alle Exempel dieser Art
+ausschreiben wollte. Sie werden jedem, der seinen Homer innehat, in
+Menge beifallen.
+
+
+
+XVII.
+
+
+Aber, wird man einwenden, diese Zeichen der Poesie sind nicht bloß
+aufeinanderfolgend, sie sind auch willkürlich; und als willkürliche
+Zeichen sind sie allerdings fÄhig, KÖrper, so wie sie im Raume
+existieren, auszudrücken. In dem Homer selbst fänden sich hiervon
+Exempel, an dessen Schild des Achilles man sich nur erinnern dürfe,
+um das entscheidendste Beispiel zu haben, wie weitläuftig und doch
+poetisch man ein einzelnes Ding nach seinen Teilen nebeneinander
+schildern könne.
+
+Ich will auf diesen doppelten Einwurf antworten. Ich nenne ihn
+doppelt, weil ein richtiger Schluß auch ohne Exempel gelten muß, und
+Gegenteils das Exempel des Homers bei mir von Wichtigkeit ist, auch
+wenn ich es noch durch keinen Schluß zu rechtfertigen weiß.
+
+Es ist wahr; da die Zeichen der Rede willkürlich sind, so ist es gar
+wohl möglich, daß man durch sie die Teile eines Körpers ebensowohl
+aufeinanderfolgen lassen kann, als sie in der Natur nebeneinander
+befindlich sind. Allein dieses ist eine Eigenschaft der Rede und
+ihrer Zeichen überhaupt, nicht aber insoferne sie der Absicht der
+Poesie am bequemsten sind. Der Poet will nicht bloß verständlich
+werden, seine Vorstellungen sollen nicht bloß klar und deutlich sein;
+hiermit begnügt sich der Prosaist. Sondern er will die Ideen, die er
+in uns erwecket, so lebhaft machen, daß wir in der Geschwindigkeit
+die wahren sinnlichen Eindrücke ihrer Gegenstände zu empfinden
+glauben, und in diesem Augenblicke der Täuschung uns der Mittel, die
+er dazu anwendet, seiner Worte, bewußt zu sein aufhören. Hierauf
+lief oben die Erklärung des poetischen Gemäldes hinaus. Aber der
+Dichter soll immer malen; und nun wollen wir sehen, inwieferne Körper
+nach ihren Teilen nebeneinander sich zu dieser Malerei schicken.
+
+Wie gelangen wir zu der deutlichen Vorstellung eines Dinges im Raume?
+Erst betrachten wir die Teile desselben einzeln, hierauf die
+Verbindung dieser Teile, und endlich das Ganze. Unsere Sinne
+verrichten diese verschiedene Operationen mit einer so erstaunlichen
+Schnelligkeit, daß sie uns nur eine einzige zu sein bedünken, und
+diese Schnelligkeit ist unumgänglich notwendig, wann wir einen
+Begriff von dem Ganzen, welcher nichts mehr als das Resultat von den
+Begriffen der Teile und ihrer Verbindung ist, bekommen sollen.
+Gesetzt nun also auch, der Dichter führe uns in der schönsten Ordnung
+von einem Teile des Gegenstandes zu dem andern; gesetzt, er wisse uns
+die Verbindung dieser Teile auch noch so klar zu machen: wie viel
+Zeit gebraucht er dazu? Was das Auge mit einmal übersiehet, zählt er
+uns merklich langsam nach und nach zu, und oft geschieht es, daß wir
+bei dem letzten Zuge den ersten schon wiederum vergessen haben.
+Jedennoch sollen wir uns aus diesen Zügen ein Ganzes bilden; dem Auge
+bleiben die betrachteten Teile beständig gegenwärtig; es kann sie
+abermals und abermals überlaufen: für das Ohr hingegen sind die
+vernommenen Teile verloren, wann sie nicht in dem Gedächtnisse
+zurückbleiben. Und bleiben sie schon da zurück: welche Mühe, welche
+Anstrengung kostet es, ihre Eindrücke alle in eben der Ordnung so
+lebhaft zu erneuern, sie nur mit einer mäßigen Geschwindigkeit auf
+einmal zu überdecken, um zu einem etwanigen Begriffe des Ganzen zu
+gelangen!
+
+Man versuche es an einem Beispiele, welches ein Meisterstück in
+seiner Art heißen kann 1).
+
+{1. S. des Herrn v. Hallers Alpen.}
+
+ Dort ragt das hohe Haupt vom edeln Enziane
+ Weit übern niedern Chor der Pöbelkräuter hin,
+ Ein ganzes Blumenvolk dient unter seiner Fahne,
+ Sein blauer Bruder selbst bückt sich und ehret ihn.
+ Der Blumen helles Gold, in Strahlen umgebogen,
+ Türmt sich am Stengel auf und krönt sein grau Gewand,
+ Der Blätter glattes Weiß, mit tiefem Grün durchzogen,
+ Strahlt von dem bunten Blitz von feuchtem Diamant.
+ Gerechtestes Gesetz! daß Kraft sich Zier vermähle,
+ In einem schönen Leib wohnt eine schönre Seele.
+
+ Hier kriecht ein niedrig Kraut, gleich einem grauen Nebel,
+ Dem die Natur sein Blatt im Kreuze hingelegt;
+ Die holde Blume zeigt die zwei vergöldten Schnäbel,
+ Die ein von Amethyst gebildter Vogel trägt.
+ Dort wirft ein glänzend Blatt, in Finger ausgekerbet,
+ Auf einen hellen Bach den grünen Widerschein;
+ Der Blumen zarten Schnee, den matter Purpur färbet,
+ Schließt ein gestreifter Stern in weiße Strahlen ein.
+ Smaragd und Rosen blühn auch auf zertretner Heide,
+ Und Felsen decken sich mit einem Purpurkleide.
+
+
+
+Es sind KrÄuter und Blumen, welche der gelehrte Dichter mit großer
+Kunst und nach der Natur malet. Malt, aber ohne alle Täuschung malet.
+Ich will nicht sagen, daß wer diese Kräuter und Blumen nie gesehen,
+sich auch aus seinem Gemälde so gut als gar keine Vorstellung davon
+machen kÖnne. Es mag sein, daß alle poetische Gemälde eine
+vorläufige Bekanntschaft mit ihren Gegenständen erfordern. Ich will
+auch nicht leugnen, daß demjenigen, dem eine solche Bekanntschaft
+hier zustatten kömmt, der Dichter nicht von einigen Teilen eine
+lebhaftere Idee erwecken könnte. Ich frage ihn nur, wie steht es um
+den Begriff des Ganzen? Wenn auch dieser lebhafter sein soll, so
+mÜssen keine einzelne Teile darin vorstechen, sondern das höhere
+Licht muß auf alle gleich verteilet scheinen; unsere Einbildungskraft
+muß alle gleich schnell überlaufen können, um sich das aus ihnen mit
+eins zusammenzusetzen, was in der Natur mit eins gesehen wird. Ist
+dieses hier der Fall? Und ist er es nicht, wie hat man sagen können,
+"daß die ähnlichste Zeichnung eines Malers gegen diese poetische
+Schilderung ganz matt und düster sein würde" 2)? Sie bleibet
+unendlich unter dem, was Linien und Farben auf der Fläche ausdrücken
+können, und der Kunstrichter, der ihr dieses übertriebene Lob
+erteilet, muß sie aus einem ganz falschen Gesichtspunkte betrachtet
+haben; er muß mehr auf die fremden Zieraten, die der Dichter darein
+verwebet hat, auf die Erhöhung über das vegetative Leben, auf die
+Entwickelung der innern Vollkommenheiten, welchen die äußere
+Schönheit nur zur Schale dienet, als auf diese Schönheit selbst, und
+auf den Grad der Lebhaftigkeit und Ähnlichkeit des Bildes, welches
+uns der Maler, und welches uns der Dichter davon gewähren kann,
+gesehen haben. Gleichwohl kömmt es hier lediglich nur auf das
+letztere an, und wer da sagt, daß die bloßen Zeilen:
+
+{2. Breitingers Kritische Dichtkunst T. II. S. 807.}
+
+ Der Blumen helles Gold, in Strahlen umgebogen,
+ Türmt sich am Stengel auf und krönt sein grau Gewand,
+ Der Blätter glattes Weiß, mit tiefem Grün durchzogen,
+ Strahlt von dem bunten Blitz von feuchtem Diamant--
+
+
+daß diese Zeilen, in Ansehung ihres Eindrucks, mit der Nachahmung
+eines Huysum wetteifern kÖnnen, muß seine Empfindung nie befragt
+haben, oder sie vorsetzlich verleugnen wollen. Sie mögen sich, wenn
+man die Blume selbst in der Hand hat, sehr schön dagegen rezitieren
+lassen; nur vor sich allein sagen sie wenig oder nichts. Ich höre in
+jedem Worte den arbeitenden Dichter, aber das Ding selbst bin ich
+weit entfernet zu sehen.
+
+Nochmals also: ich spreche nicht der Rede Überhaupt das Vermögen ab,
+ein körperliches Ganze nach seinen Teilen zu schildern; sie kann es,
+weil ihre Zeichen, ob sie schon aufeinander folgen, dennoch
+willkürliche Zeichen sind: sondern ich spreche es der Rede als dem
+Mittel der Poesie ab, weil dergleichen wörtlichen Schilderungen der
+Körper das TÄuschende gebracht, worauf die Poesie vornehmlich gehet;
+und dieses Täuschende, sage ich, muß ihnen darum gebrechen, weil das
+Koexistierende des Körpers mit dem Konsekutiven der Rede dabei in
+Kollision kömmt, und indem jenes in dieses aufgelöset wird, uns die
+Zergliederung des Ganzen in seine Teile zwar erleichtert, aber die
+endliche Wiederzusammensetzung dieser Teile in das Ganze ungemein
+schwer, und nicht selten unmöglich gemacht wird.
+
+Überall, wo es daher auf das Täuschende nicht ankömmt, wo man nur mit
+dem Verstande seiner Leser zu tun hat, und nur auf deutliche und
+soviel möglich vollständige Begriffe gehet: können diese aus der
+Poesie ausgeschlossene Schilderungen der Körper gar wohl Platz haben,
+und nicht allein der Prosaist, sondern auch der dogmatische Dichter
+(denn da wo er dogmatisieret, ist er kein Dichter), können sich ihrer
+mit vielem Nutzen bedienen. So schildert z. E. Virgil in seinem
+Gedichte vom Landbaue eine zur Zucht tüchtige Kuh:
+
+ --Optima torvae
+ Forma bovis, cui turpe caput, cui plurima cervix,
+ Et crurum tenus a mento palearia pendent.
+ Tum longo nullus lateri modus: omnia magna:
+ Pes etiam, et camuris hirtae sub cornibus aures.
+ Nec mihi displiceat maculis insignis et albo,
+ Aut juga detractans interdumque aspera cornu,
+ Et faciem tauro propior; quaeque ardua tota,
+ Et gradiens ima verrit vestigia cauda.
+
+
+Oder ein schönes Füllen:
+
+ --Illi ardua cervix
+ Argutumque caput, brevis alvus, obesaque terga
+ Luxuriatque toris animosum pectus etc. 3)
+
+{3. Georg. lib. III. v. 51 et 79.}
+
+
+Denn wer sieht nicht, daß dem Dichter hier mehr an der
+Auseinandersetzung der Teile, als an dem Ganzen gelegen gewesen? Er
+will uns die Kennzeichen eines schÖnen FÜllens, einer tüchtigen Kuh
+zuzÄhlen, um uns in den Stand zu setzen, nachdem wir deren mehrere
+oder wenigere antreffen, von der Güte der einen oder des andern
+urteilen zu können; ob sich aber alle diese Kennzeichen in ein
+lebhaftes Bild leicht zusammenfassen lassen, oder nicht, das konnte
+ihm sehr gleichgültig sein.
+
+Außer diesem Gebrauche sind die ausführlichen Gemälde körperlicher
+Gegenstände, ohne den oben erwähnten Homerischen Kunstgriff, das
+Koexistierende derselben in ein wirkliches Sukzessives zu verwandeln,
+jederzeit von den feinsten Richtern für ein frostiges Spielwerk
+erkannt worden, zu welchem wenig oder gar kein Genie gehöret. Wenn
+der poetische Stümper, sagt Horaz, nicht weiter kann, so fängt er an,
+einen Hain, einen Altar, einen durch anmutige Fluren sich
+schlängelnden Bach, einen rauschenden Strom, einen Regenbogen zu
+malen:
+
+ --Lucus et ara Dianae,
+ Et properantis aquae per amoenos ambitus agros,
+ Aut flumen Rhenum, aut pluvius describitur arcus 4)
+
+{4. De A. P. v. 16.}
+
+
+Der mÄnnliche Pope sahe auf die malerischen Versuche seiner
+poetischen Kindheit mit großer Geringschätzung zurÜck. Er verlangte
+ausdrücklich, daß wer den Namen eines Dichters nicht unwürdig führen
+wolle, der Schilderungssucht so früh wie mÖglich entsagen müsse, und
+erklärte ein bloß malendes Gedichte für ein Gastgebot auf lauter
+Brühen 5). Von dem Herrn von Kleist kann ich versichern, daß er sich
+auf seinen Frühling das wenigste einbildete. Hätte er länger gelebt,
+so würde er ihm eine ganz andere Gestalt gegeben haben. Er dachte
+darauf, einen Plan hinein zu legen, und sann auf Mittel, wie er die
+Menge von Bildern, die er aus dem unendlichen Raume der verjüngten
+Schöpfung, auf Geratewohl, bald hier bald da, gerissen zu haben
+schien, in einer natürlichen Ordnung vor seinen Augen entstehen und
+aufeinanderfolgen lassen wolle. Er würde zugleich das getan haben,
+was Marmontel, ohne Zweifel mit auf Veranlassung seiner Eklogen,
+mehrern deutschen Dichtern geraten hat; er würde aus einer mit
+Empfindungen nur sparsam durchwebten Reihe von Bildern, eine mit
+Bildern nur sparsam durchflochtene Folge von Empfindungen gemacht
+haben 6).
+
+{5. Prologue to the satires. v. 340.
+
+ That not in Fancy's maze he wander'd long,
+ But stoop'd to truth, and moraliz'd his song.
+
+
+Ibid. v. 148.
+
+ --who could take offence,
+ While pure description held the place of sense?
+
+
+Die Anmerkung, welche Warburton Über die letzte Stelle macht, kann
+für eine authentische ErklÄrung des Dichters selbst gelten. He uses
+PURE equivocally, to signify either chaste or empty; and has given in
+this line what he esteemed the true character of descriptive poetry,
+as it is called. A composition, in his opinion, as absurd as a feast
+made up of sauces. The use of a pictoresque imagination is to
+brighten and adorn good sense; so that to employ it only in
+description, is like children's delighting in a prism for the sake of
+its gaudy colours; which when frugally managed, and artifully
+disposed, rnight be made to represent and illustrate the noblest
+objects in nature. Sowohl der Dichter als Kommentator scheinen zwar
+die Sache mehr auf der moralischen als kunstmäßigen Seite betrachtet
+zu haben. Doch desto besser, daß sie von der einen ebenso nichtig
+als von der andern erscheinet.}
+
+{6. Poétique française. T. II. p. 501. J'écrivais ces réflexions
+avant que les essais des Allemands dans ce genre (l'eglogue) fussent
+connus parmi nous. Ils ont exécuté ce que j'avais conçu; et s'ils
+parviennent à donner plus au moral et moins au détail des peintures
+physiques, ils excelleront dans ce genre, plus riche, plus vaste,
+plus fécond, et infiniment plus naturel et plus moral que celui de la
+galanterie champêtre.}
+
+
+
+XVIII.
+
+
+Und dennoch sollte selbst Homer in diese frostigen Ausmalungen
+kÖrperlicher Gegenstände verfallen sein?-Ich will hoffen, daß es nur
+sehr wenige Stellen sind, auf die man sich desfalls berufen kann; und
+ich bin versichert, daß auch diese wenige Stellen von der Art sind,
+daß sie die Regel, von der sie eine Ausnahme zu sein scheinen,
+vielmehr bestätigen.
+
+Es bleibt dabei: die Zeitfolge ist das Gebiete des Dichters, so wie
+der Raum das Gebiete des Malers.
+
+Zwei notwendig entfernte Zeitpunkte in ein und ebendasselbe Gemälde
+bringen, so wie Fr. Mazzuoli den Raub der sabinischen Jungfrauen,
+und derselben Aussöhnung ihrer Ehemänner mit ihren Anverwandten; oder
+wie Tizian die ganze Geschichte des verlornen Sohnes, sein
+liederliches Leben und sein Elend und seine Reue: heißt ein Eingriff
+des Malers in das Gebiete des Dichters, den der gute Geschmack nie
+billigen wird.
+
+Mehrere Teile oder Dinge, die ich notwendig in der Natur auf einmal
+übersehen muß, wenn sie ein Ganzes hervorbringen sollen, dem Leser
+nach und nach zuzählen, um ihm dadurch ein Bild von dem Ganzen machen
+zu wollen: heißt ein Eingriff des Dichters in das Gebiete des Malers,
+wobei der Dichter viel Imagination ohne allen Nutzen verschwendet.
+
+Doch, so wie zwei billige freundschaftliche Nachbarn zwar nicht
+verstatten, daß sich einer in des andern innerstem Reiche
+ungeziemende Freiheiten herausnehme, wohl aber auf den äußersten
+Grenzen eine wechselseitige Nachsicht herrschen lassen, welche die
+kleinen Eingriffe, die der eine in des andern Gerechtsame in der
+Geschwindigkeit sich durch seine Umstände zu tun genötiget siehet,
+friedlich von beiden Teilen kompensieret: so auch die Malerei und
+Poesie.
+
+Ich will in dieser Absicht nicht anführen, daß in großen historischen
+Gemälden der einzige Augenblick fast immer um etwas erweitert ist,
+und daß sich vielleicht kein einziges an Figuren sehr reiches Stück
+findet, in welchem jede Figur vollkommen die Bewegung und Stellung
+hat, die sie in dem Augenblicke der Haupthandlung haben sollte; die
+eine hat eine etwas frühere, die andere eine etwas spätere. Es ist
+dieses eine Freiheit, die der Meister durch gewisse Feinheiten in der
+Anordnung rechtfertigen muß, durch die Verwendung oder Entfernung
+seiner Personen, die ihnen an dem, was vorgehet, einen mehr oder
+weniger augenblicklichen Anteil zu nehmen erlaubet. Ich will mich
+bloß einer Anmerkung bedienen, welche Herr Mengs über die Draperie
+des Raffaels macht 1). "Alle Falten", sagt er, "haben bei ihm ihre
+Ursachen, es sei durch ihr eigen Gewichte, oder durch die Ziehung der
+Glieder. Manchmal siehet man in ihnen, wie sie vorher gewesen;
+Raffael hat auch sogar in diesem Bedeutung gesucht. Man siehet an
+den Falten, ob ein Bein oder Arm vor dieser Regung vor oder hinten
+gestanden, ob das Glied von Krümme zur Ausstreckung gegangen, oder
+gehet, oder ob es ausgestreckt gewesen, und sich krümmet." Es ist
+unstreitig, daß der Künstler in diesem Falle zwei verschiedene
+Augenblicke in einen einzigen zusammenbringt. Denn da dem Fuße,
+welcher hinten gestanden und sich vorbewegt, der Teil des Gewands,
+welcher auf ihm liegt, unmittelbar folget, das Gewand wäre denn von
+sehr steifem Zeuge, der aber eben darum zur Malerei ganz unbequem ist:
+so gibt es keinen Augenblick, in welchem das Gewand im geringsten
+eine andere Falte machte, als es der itzige Stand des Gliedes
+erfodert; sondern läßt man es eine andere Falte machen, so ist es der
+vorige Augenblick des Gewandes und der itzige des Gliedes.
+Demohngeachtet, wer wird es mit dem Artisten so genau nehmen, der
+seinen Vorteil dabei findet, uns diese beiden Augenblicke zugleich zu
+zeigen? Wer wird ihn nicht vielmehr rühmen, daß er den Verstand und
+das Herz gehabt hat, einen solchen geringen Fehler zu begehen, um
+eine größere Vollkommenheit des Ausdruckes zu erreichen?
+
+{1. Gedanken über die Schönheit und über den Geschmack in der Malerei.
+S. 69.}
+
+Gleiche Nachsicht verdienet der Dichter. Seine fortschreitende
+Nachahmung erlaubet ihm eigentlich, auf einmal nur eine einzige Seite,
+eine einzige Eigenschaft seiner körperlichen Gegenstände zu berühren.
+Aber wenn die glückliche Einrichtung seiner Sprache ihm dieses mit
+einem einzigen Worte zu tun verstattet; warum sollte er nicht auch
+dann und wann ein zweites solches Wort hinzufügen dürfen? Warum
+nicht auch, wann es die Mühe verlohnet, ein drittes? Oder wohl gar
+ein viertes? Ich habe gesagt, dem Homer sei zum Exempel ein Schiff,
+entweder nur das schwarze Schiff, oder das hohle Schiff, oder das
+schnelle Schiff, höchstens das wohlberuderte schwarze Schiff. Zu
+verstehen von seiner Manier überhaupt. Hier und da findet sich eine
+Stelle, wo er das dritte malende Epitheton hinzusetzet: Kampula kukla,
+calkea, oktaknhma 2), "runde, eherne, achtspeichigte Räder". Auch
+das vierte: aspida pantose ishn, kalhn, calkeihn, exhlaton 3) "ein
+überall glattes, schönes, ehernes, getriebenes Schild". Wer wird ihn
+darum tadeln? Wer wird ihm diese kleine Üppigkeit nicht vielmehr
+Dank wissen, wenn er empfindet, welche gute Wirkung sie an wenigen
+schicklichen Stellen haben kann?
+
+{2. Iliad. E. v. 722.}
+
+{3. Iliad. M. v. 294.}
+
+Des Dichters sowohl als des Malers eigentliche Rechtfertigung
+hierüber will ich aber nicht aus dem vorangeschickten Gleichnisse von
+zwei freundschaftlichen Nachbarn hergeleitet wissen. Ein bloßes
+Gleichnis beweiset und rechtfertiget nichts. Sondern dieses muß sie
+rechtfertigen: so wie dort bei dem Maler die zwei verschiednen
+Augenblicke so nahe und unmittelbar aneinander grenzen, daß sie ohne
+Anstoß für einen einzigen gelten können; so folgen auch hier bei dem
+Dichter die mehrern Züge für die verschiednen Teile und Eigenschaften
+im Raume in einer solchen gedrängten Kürze so schnell aufeinander,
+daß wir sie alle auf einmal zu hören glauben.
+
+Und hierin, sage ich, kömmt dem Homer seine vortreffliche Sprache
+ungemein zustatten. Sie läßt ihm nicht allein alle mögliche Freiheit
+in Häufung und Zusammensetzung der Beiwörter, sondern sie hat auch
+für diese gehäufte Beiwörter eine so glückliche Ordnung, daß der
+nachteiligen Suspension ihrer Beziehung dadurch abgeholfen wird. An
+einer oder mehreren dieser Bequemlichkeiten fehlt es den neuern
+Sprachen durchgängig. Diejenigen, als die französische, welche z. E.
+jenes Kampula kukla, calkea, oktaknhma umschreiben müssen: "die
+runden Räder, welche von Erzt waren und acht Speichen hatten",
+drücken den Sinn aus, aber vernichten das Gemälde. Gleichwohl ist
+der Sinn hier nichts, und das Gemälde alles; und jener ohne dieses
+macht den lebhaftesten Dichter zum langweiligsten Schwätzer. Ein
+Schicksal, das den guten Homer unter der Feder der gewissenhaften
+Frau Dacier oft betroffen hat. Unsere deutsche Sprache hingegen kann
+zwar die Homerischen Beiwörter meistens in ebenso kurze
+gleichgeltende Beiwörter verwandeln, aber die vorteilhafte Ordnung
+derselben kann sie der griechischen nicht nachmachen. Wir sagen zwar
+"die runden, ehernen, achtspeichigten"--aber Räder' schleppt hinten
+nach. Wer empfindet nicht, daß drei verschiedne Prädikate, ehe wir
+das Subjekt erfahren, nur ein sehr schwankes verwirrtes Bild machen
+können? Der Grieche verbindet das Subjekt gleich mit dem ersten
+Prädikate, und läßt die andern nachfolgen; er sagt: "runde Räder,
+eherne, achtspeichigte". So wissen wir mit eins wovon er redet, und
+werden, der natürlichen Ordnung des Denkens gemäß, erst mit dem Dinge,
+und dann mit seinen Zufälligkeiten bekannt. Diesen Vorteil hat
+unsere Sprache nicht. Oder soll ich sagen, sie hat ihn, und kann ihn
+nur selten ohne Zweideutigkeit nutzen? Beides ist eins. Denn wenn
+wir Beiwörter hintennach setzen wollen, so müssen sie im statu
+absoluto stehen; wir müssen sagen: runde Räder, ehern und
+achtspeichigt. Allein in diesem statu kommen unsere Adjektiva völlig
+mit den Adverbiis überein, und müssen, wenn man sie als solche zu dem
+nächsten Zeitworte, das von dem Dinge prädizieret wird, ziehet, nicht
+selten einen ganz falschen, allezeit aber einen sehr schielenden Sinn
+verursachen.
+
+Doch ich halte mich bei Kleinigkeiten auf, und scheine das Schild
+vergessen zu wollen, das Schild des Achilles; dieses berühmte Gemälde,
+in dessen Rücksicht vornehmlich Homer vor alters als ein Lehrer der
+Malerei 4) betrachtet wurde. Ein Schild, wird man sagen, ist doch
+wohl ein einzelner körperlicher Gegenstand, dessen Beschreibung nach
+seinen Teilen nebeneinander dem Dichter nicht vergönnet sein soll?
+Und dieses Schild hat Homer, in mehr als hundert prächtigen Versen,
+nach seiner Materie, nach seiner Form, nach allen Figuren, welche die
+ungeheure Fläche desselben füllten, so umständlich, so genau
+beschrieben, daß es neuern Künstlern nicht schwer gefallen, eine in
+allen Stücken übereinstimmende Zeichnung darnach zu machen.
+
+{4. Dionysius Halicarnass. in vita Homeri apud Th. Gale in Opusc.
+Mythol. p. 401.}
+
+Ich antworte auf diesen besondern Einwurf,--daß ich bereits darauf
+geantwortet habe. Homer malet nämlich das Schild nicht als ein
+fertiges vollendetes, sondern als ein werdendes Schild. Er hat also
+auch hier sich des gepriesenen Kunstgriffes bedienet, das
+Koexistierende seines Vorwurfs in ein Konsekutives zu verwandeln, und
+dadurch aus der langweiligen Malerei eines Körpers das lebendige
+Gemälde einer Handlung zu machen. Wir sehen nicht das Schild,
+sondern den göttlichen Meister, wie er das Schild verfertiget. Er
+tritt mit Hammer und Zange vor seinen Amboß, und nachdem er die
+Platten aus dem Gröbsten geschmiedet, schwellen die Bilder, die er zu
+dessen Auszierung bestimmt, vor unsern Augen, eines nach dem andern,
+unter seinen feinern Schlägen aus dem Erzte hervor. Eher verlieren
+wir ihn nicht wieder aus dem Gesichte, bis alles fertig ist. Nun ist
+es fertig, und wir erstaunen über das Werk, aber mit dem gläubigen
+Erstaunen eines Augenzeugens, der es machen sehen.
+
+Dieses läßt sich von dem Schilde des Aeneas beim Virgil nicht sagen.
+Der römische Dichter empfand entweder die Feinheit seines Musters
+hier nicht, oder die Dinge, die er auf sein Schild bringen wollte,
+schienen ihm von der Art zu sein, daß sie die Ausführung vor unsern
+Augen nicht wohl verstatteten. Es waren Prophezeiungen, von welchen
+es freilich unschicklich gewesen wäre, wenn sie der Gott in unserer
+Gegenwart ebenso deutlich geäußert hätte, als sie der Dichter hernach
+ausleget. Prophezeiungen, als Prophezeiungen, verlangen eine
+dunkelere Sprache, in welche die eigentlichen Namen der Personen aus
+der Zukunft, die sie betreffen, nicht passen. Gleichwohl lag an
+diesen wahrhaften Namen, allem Ansehen nach, dem Dichter und Hofmanne
+hier das meiste 5). Wenn ihn aber dieses entschuldiget, so hebt es
+darum nicht auch die üble Wirkung auf, welche seine Abweichung von
+dem Homerischen Wege hat. Leser von einem feinern Geschmacke werden
+mir recht geben. Die Anstalten, welche Vulkan zu seiner Arbeit macht,
+sind bei dem Virgil ungefähr eben die, welche ihn Homer machen läßt.
+Aber anstatt daß wir bei dem Homer nicht bloß die Anstalten zur
+Arbeit, sondern auch die Arbeit selbst zu sehen bekommen, läßt Virgil,
+nachdem er uns nur den geschäftigen Gott mit seinem Cyklopen
+überhaupt gezeiget,
+
+{5. Ich finde, daß Servius dem Virgil eine andere Entschuldigung
+leihet. Denn auch Servius hat den Unterschied, der zwischen beiden
+Schilden ist, bemerkt: Sane interest inter hunc er Homeri clipeum:
+illic enim singula dum fiunt narrantur; hic vero perfecto opere
+noscuntur: nam et hic arma prius accipit Aeneas, quam spectaret; ibi
+postquam omnia narrata sunt, sic a Thetide deferuntur ad Achillem (ad
+v. 625 lib. VIII. Aeneid.). Und warum dieses? Darum, meinet
+Servius, weil auf dem Schilde des Aeneas nicht bloß die wenigen
+Begebenheiten, die der Dichter anführet, sondern
+
+ --genus omne futurae
+ Stirpis ab Ascanio, pugnataque in ordine bella
+
+
+abgebildet waren. Wie wÄre es also mÖglich gewesen, daß mit eben der
+Geschwindigkeit, in welcher Vulkan das Schild arbeiten mußte, der
+Dichter die ganze lange Reihe von Nachkommen hätte namhaft machen,
+und alle von ihnen nach der Ordnung gefÜhrte Kriege hätte erwähnen
+können? Dieses ist der Verstand der etwas dunkeln Worte des Servius:
+Opportune ergo Virgilius, quia non videtur simul et narrationis
+celeritas potuisse connecti, et opus tam velociter expediri, ut ad
+verbum posset occurrere. Da Virgil nur etwas weniges von dem non
+enarrabili texto Clipei beibringen konnte, so konnte er es nicht
+während der Arbeit des Vulkanus selbst tun; sondern er mußte es
+versparen, bis alles fertig war. Ich wünschte für den Virgil sehr,
+dieses Raisonnement des Servius wäre ganz ohne Grund; meine
+Entschuldigung würde ihm weit rühmlicher sein. Denn wer hieß ihm,
+die ganze römische Geschichte auf ein Schild bringen? Mit wenig
+Gemälden machte Homer sein Schild zu einem Inbegriffe von allem, was
+in der Welt vorgehet. Scheinet es nicht, als ob Virgil, da er den
+Griechen nicht in den Vorwürfen und in der Ausführung der Gemälde
+übertreffen können, ihn wenigstens in der Anzahl derselben
+übertreffen wollen? Und was wäre kindischer gewesen?}
+
+ Ingentem clipeum informant--
+ --Alii ventosis follibus auras
+ Accipiunt, redduntque: alii stridentia tingunt
+ Aera lacu. Gemit impositis incudibus antrum.
+ Illi inter sese multa vi brachia tollunt
+ In numerum, versantque tenaci forcipe massam 6).
+
+
+den Vorhang auf einmal niederfallen, und versetzt uns in eine ganz
+andere Szene, von da er uns allmÄhlich in das Tal bringt, in welchem
+die Venus mit den indes fertig gewordenen Waffen bei dem Aeneas
+anlangt. Sie lehnet sie an den Stamm einer Eiche, und nachdem sie
+der Held genug begaffet, und bestaunet, und betastet, und versuchet,
+hebt sich die Beschreibung, oder das Gemälde des Schildes an, welches
+durch das ewige: Hier ist, und Da ist, Nahe dabei stehet, und Nicht
+weit davon siehet man--so kalt und langweilig wird, daß alle der
+poetische Schmuck, den ihm ein Virgil geben konnte, nÖtig war, um es
+uns nicht unerträglich finden zu lassen. Da dieses Gemälde
+hiernächst nicht Aeneas macht, als welcher sich an den bloßen Figuren
+ergötzet, und von der Bedeutung derselben nichts weiß,
+
+ --rerumque ignarus imagine gaudet;
+
+auch nicht Venus, ob sie schon von den kÜnftigen Schicksalen ihrer
+lieben Enkel vermutlich ebensoviel wissen mußte, als der gutwillige
+Ehemann; sondern da es aus dem eigenen Munde des Dichters kÖmmt: so
+bleibet die Handlung offenbar wÄhrend demselben stehen. Keine
+einzige von seinen Personen nimmt daran teil; es hat auch auf das
+Folgende nicht den geringsten Einfluß, ob auf dem Schilde dieses,
+oder etwas anders, vorgestellet ist; der witzige Hofmann leuchtet
+überall durch, der mit allerlei schmeichelhaften Anspielungen seine
+Materie aufstutzet, aber nicht das große Genie, das sich auf die
+eigene innere Stärke seines Werks verläßt, und alle äußere Mittel,
+interessant zu werden, verachtet. Das Schild des Aeneas ist folglich
+ein wahres Einschiebsel, einzig und allein bestimmt, dem
+Nationalstolze der Römer zu schmeicheln; ein fremdes Bächlein, das
+der Dichter in seinen Strom leitet, um ihn etwas reger zu machen.
+Das Schild des Achilles hingegen ist Zuwachs des eigenen fruchtbaren
+Bodens; denn ein Schild mußte gemacht werden, und da das Notwendige
+aus der Hand der Gottheit nie ohne Anmut kömmt, so mußte das Schild
+auch Verzierungen haben. Aber die Kunst war, diese Verzierungen als
+bloße Verzierungen zu behandeln, sie in den Stoff einzuweben, um sie
+uns nur bei Gelegenheit des Stoffes zu zeigen; und dieses ließ sich
+allein in der Manier des Homers tun. Homer läßt den Vulkan Zieraten
+künsteln, weil und indem er ein Schild machen soll, das seiner würdig
+ist. Virgil hingegen scheinet ihn das Schild wegen der Zieraten
+machen zu lassen, da er die Zieraten für wichtig genug hält, um sie
+besonders zu beschreiben, nachdem das Schild lange fertig ist.
+
+{6. Aeneid. lib. VIII. 447-454.}
+
+
+
+XIX.
+
+
+Die Einwürfe, welche der ältere Scaliger, Perrault, Terrasson und
+andere gegen das Schild des Homers machen, sind bekannt. Ebenso
+bekannt ist das, was Dacier, Boivin und Pope darauf antworten. Mich
+dünkt aber, daß diese letztern sich manchmal zu weit einlassen, und
+in Zuversicht auf ihre gute Sache, Dinge behaupten, die ebenso
+unrichtig sind, als wenig sie zur Rechtfertigung des Dichters
+beitragen.
+
+Um dem Haupteinwurfe zu begegnen, daß Homer das Schild mit einer
+Menge Figuren anfülle, die auf dem Umfange desselben unmöglich Raum
+haben könnten, unternahm Boivin, es mit Bemerkung der erforderlichen
+Maße, zeichnen zu lassen. Sein Einfall mit den verschiedenen
+konzentrischen Zirkeln ist sehr sinnreich, obschon die Worte des
+Dichters nicht den geringsten Anlaß dazu geben, auch sich sonst keine
+Spur findet, daß die Alten auf diese Art abgeteilte Schilder gehabt
+haben. Da es Homer selbst sakoV pantose dedaidalmenon, ein auf allen
+Seiten künstlich ausgearbeitetes Schild nennet, so würde ich lieber,
+um mehr Raum auszusparen, die konkave Fläche mit zu Hilfe genommen
+haben; denn es ist bekannt, daß die alten Künstler diese nicht leer
+ließen, wie das Schild der Minerva vom Phidias beweiset 1). Doch
+nicht genug, daß sich Boivin dieses Vorteils nicht bedienen wollte;
+er vermehrte auch ohne Not die Vorstellungen selbst, denen er auf dem
+sonach um die Hälfte verringerten Raume Platz verschaffen mußte,
+indem er das, was bei dem Dichter offenbar nur ein einziges Bild ist,
+in zwei bis drei besondere Bilder zerteilte. Ich weiß wohl, was ihn
+dazu bewog; aber es hätte ihn nicht bewegen sollen: sondern, anstatt
+daß er sich bemühte, den Forderungen seiner Gegner ein Gnüge zu
+leisten, hätte er ihnen zeigen sollen, daß ihre Forderungen
+unrechtmäßig wären.
+
+{1.--scuto ejus, in quo Amazonum proelium caelavit intumescente
+ambitu parmae; ejusdem concava parte Deorum et Gigantum dimicationem.
+Plinius lib. XXXVI. sect. 4. p. 726. Edit. Hard.}
+
+Ich werde mich an einem Beispiele faßlicher erklären können. Wenn
+Homer von der einen Stadt sagt 2):
+
+{2. Iliad. S. v. 497-508.}
+
+ Laoi d' ein agorh esan aJrooi· enJa de neikoV
+ Wrwrei· duo d' andreV eneikeon eineka poinhV
+ AndroV apojJimenou· o men euceto, pant' apodounai,
+ Dhmw pijauskwn· o d' anaineto, mhden elesJai·
+ Amjw d' iesJhn, epi istori peirar elesJai.
+ Laoi d' amjoteroisin ephpuon, amjiV arwgoi·
+ KhrukeV d' ara laon erhtuon· oi de geronteV
+ Eiat' epi xestoisi liJoiV, ierw eni kuklw·
+ Skhptra de khrukwn en cers' econ herojwnwn.
+ Toisin epeit' hisson, amoibhdiV d' edikazon.
+ Keito d' ar' en messoisi duo crusoio talanta--
+
+
+so, glaube ich, hat er nicht mehr als ein einziges GemÄlde angeben
+wollen: das Gemälde eines Öffentlichen Rechtshandels Über die
+streitige Erlegung einer ansehnlichen Geldbuße für einen verübten
+Todschlag. Der Künstler, der diesen Vorwurf ausführen soll, kann
+sich auf einmal nicht mehr als einen einzigen Augenblick desselben
+zunutze machen; entweder den Augenblick der Anklage, oder der
+Abhörung der Zeugen, oder des Urtelspruches, oder welchen er sonst,
+vor oder nach, oder zwischen diesen Augenblicken für den bequemsten
+hält. Diesen einzigen Augenblick macht er so prägnant wie möglich,
+und führt ihn mit allen den Täuschungen aus, welche die Kunst in
+Darstellung sichtbarer Gegenstände vor der Poesie voraus hat. Von
+dieser Seite aber unendlich zurückgelassen, was kann der Dichter, der
+eben diesen Vorwurf mit Worten malen soll, und nicht gänzlich
+verunglücken will, anders tun, als daß er sich gleichfalls seiner
+eigentümlichen Vorteile bedienet? Und welches sind diese? Die
+Freiheit sich sowohl über das Vergangene als über das Folgende des
+einzigen Augenblickes in dem Kunstwerke auszubreiten, und das
+Vermögen, sonach uns nicht allein das zu zeigen, was uns der Künstler
+zeiget, sondern auch das, was uns dieser nur kann erraten lassen.
+Durch diese Freiheit, durch dieses Vermögen allein, kömmt der Dichter
+dem Künstler wieder bei, und ihre Werke werden einander alsdenn am
+ähnlichsten, wenn die Wirkung derselben gleich lebhaft ist; nicht
+aber, wenn das eine der Seele durch das Ohr nicht mehr oder weniger
+beibringet, als das andere dem Auge darstellen kann. Nach diesem
+Grundsatze hätte Boivin die Stelle des Homers beurteilen sollen, und
+er würde nicht so viel besondere Gemälde daraus gemacht haben, als
+verschiedene Zeitpunkte er darin zu bemerken glaubte. Es ist wahr,
+es konnte nicht wohl alles, was Homer sagt, in einem einzigen Gemälde
+verbunden sein; die Beschuldigung und Ableugnung, die Darstellung der
+Zeugen und der Zuruf des geteilten Volkes, das Bestreben der Herolde
+den Tumult zu stillen, und die Äußerungen der Schiedesrichter, sind
+Dinge, die auf einanderfolgen, und nicht nebeneinander bestehen
+können. Doch was, um mich mit der Schule auszudrücken, nicht actu in
+dem Gemälde enthalten war, das lag virtute darin, und die einzige
+wahre Art, ein materielles Gemälde mit Worten nachzuschildern, ist
+die, daß man das letztere mit dem wirklich Sichtbaren verbindet, und
+sich nicht in den Schranken der Kunst hält, innerhalb welchen der
+Dichter zwar die Data zu einem Gemälde herzählen, aber nimmermehr ein
+Gemälde selbst hervorbringen kann.
+
+Gleicherweise zerteilt Boivin das Gemälde der belagerten Stadt 3) in
+drei verschiedene Gemälde. Er hätte es ebensowohl in zwölfe teilen
+können, als in drei. Denn da er den Geist des Dichters einmal nicht
+faßte und von ihm verlangte, daß er den Einheiten des materiellen
+Gemäldes sich unterwerfen müsse: so hätte er weit mehr Übertretungen
+dieser Einheiten finden können, daß es fast nötig gewesen wäre, jedem
+besondern Zuge des Dichters ein besonderes Feld auf dem Schilde zu
+bestimmen. Meines Erachtens aber hat Homer überhaupt nicht mehr als
+zehn verschiedene Gemälde auf dem ganzen Schilde; deren jedes er mit
+einem en men eteuxe, oder en de poihse, oder en d' etiJei, oder en de
+poikille AmjigueiV anfängt 4). Wo diese Eingangsworte nicht stehen,
+hat man kein Recht, ein besonderes Gemälde anzunehmen; im Gegenteil
+muß alles, was sie verbinden, als ein einziges betrachtet werden, dem
+nur bloß die willkürliche Konzentration in einen einzigen Zeitpunkt
+mangelt, als welchen der Dichter mit anzugeben, keinesweges gehalten
+war. Vielmehr, hätte er ihn angegeben, hätte er sich genau daran
+gehalten, hätte er nicht den geringsten Zug einfließen lassen, der in
+der wirklichen Ausführung nicht damit zu verbinden wäre; mit einem
+Worte, hätte er so verfahren, wie seine Tadler es verlangen: es ist
+wahr, so würden diese Herren hier an ihm nichts auszusetzen, aber in
+der Tat auch kein Mensch von Geschmack etwas zu bewundern gefunden
+haben.
+
+{3. v. 509-540.}
+
+{4. Das erste fängt an mit der 483. Zeile, und gehet bis zur 489.;
+das zweite von 490-509; das dritte von 510-540; das vierte von
+541-549; das fünfte von 550-560; das sechste von 561-572; das
+siebente von 573-586; das achte von 587-589; das neunte von 590 bis
+605; und das zehnte von 606-608. Bloß das dritte Gemälde hat die
+angegebenen Eingangsworte nicht: es ist aber aus den bei dem zweiten,
+en de duw poihse poleiV, und aus der Beschaffenheit der Sache selbst,
+deutlich genug, daß es ein besonders Gemälde sein muß.}
+
+Pope ließ sich die Einteilung und Zeichnung des Boivin nicht allein
+gefallen, sondern glaubte noch etwas ganz Besonders zu tun, wenn er
+nunmehr auch zeigte, daß ein jedes dieser so zerstückten Gemälde nach
+den strengsten Regeln der heutiges Tages üblichen Malerei angegeben
+sei. Kontrast, Perspektiv, die drei Einheiten; alles fand er darin
+auf das beste beobachtet. Und ob er schon gar wohl wußte, daß
+zufolge guter glaubwürdiger Zeugnisse, die Malerei zu den Zeiten des
+Trojanischen Krieges noch in der Wiege gewesen, so mußte doch
+entweder Homer, vermöge seines göttlichen Genies, sich nicht sowohl
+an das, was die Malerei damals oder zu seiner Zeit leisten konnte,
+gehalten, als vielmehr das erraten haben, was sie überhaupt zu
+leisten imstande sei; oder auch jene Zeugnisse selbst mußten so
+glaubwürdig nicht sein, daß ihnen die augenscheinliche Aussage des
+künstlichen Schildes nicht vorgezogen zu werden verdiene. Jenes mag
+annehmen, wer da will; dieses wenigstens wird sich niemand überreden
+lassen, der aus der Geschichte der Kunst etwas mehr, als die bloßen
+Data der Historienschreiber weiß. Denn daß die Malerei zu Homers
+Zeiten noch in ihrer Kindheit gewesen, glaubt er nicht bloß deswegen,
+weil es ein Plinius oder so einer sagt, sondern vornehmlich weil er
+aus den Kunstwerken, deren die Alten gedenken, urteilet, daß sie
+viele Jahrhunderte nachher noch nicht viel weiter gekommen, und z. E.
+die Gemälde eines Polygnotus noch lange die Probe nicht aushalten,
+welche Pope die Gemälde des Homerischen Schildes bestehen zu können
+glaubt. Die zwei großen Stücke dieses Meisters zu Delphi, von
+welchen uns Pausanias eine so umständliche Beschreibung hinterlassen
+5), waren offenbar ohne alle Perspektiv. Dieser Teil der Kunst ist
+den Alten gänzlich abzusprechen, und was Pope beibringt, um zu
+beweisen, daß Homer schon einen Begriff davon gehabt habe, beweiset
+weiter nichts, als daß ihm selbst nur ein sehr unvollständiger
+Begriff davon beigewohnet 6). "Homer", sagt er, "kann kein Fremdling
+in der Perspektiv gewesen sein, weil er die Entfernung eines
+Gegenstandes von dem andern ausdrücklich angibt. Er bemerkt, z. E.
+daß die Kundschafter ein wenig weiter als die andern Figuren gelegen,
+und daß die Eiche, unter welcher den Schnittern das Mahl zubereitet
+worden, beiseite gestanden. Was er von dem mit Herden und Hütten und
+Ställen übersäeten Tale sagt, ist augenscheinlich die Beschreibung
+einer großen perspektivischen Gegend. Ein allgemeiner Beweisgrund
+dafür kann auch schon aus der Menge der Figuren auf dem Schilde
+gezogen werden, die nicht alle in ihrer vollen Größe ausgedruckt
+werden konnten; woraus es denn gewissermaßen unstreitig, daß die
+Kunst, sie nach der Perspektiv zu verkleinern, damaliger Zeit schon
+bekannt gewesen." Die bloße Beobachtung der optischen Erfahrung, daß
+ein Ding in der Ferne kleiner erscheinet, als in der Nähe, macht ein
+Gemälde noch lange nicht perspektivisch. Die Perspektiv erfordert
+einen einzigen Augenpunkt, einen bestimmten natürlichen Gesichtskreis,
+und dieses war es, was den alten Gemälden fehlte. Die Grundfläche
+in den Gemälden des Polygnotus war nicht horizontal, sondern nach
+hinten zu so gewaltig in die Höhe gezogen, daß die Figuren, welche
+hintereinander zu stehen scheinen sollten, übereinander zu stehen
+schienen. Und wenn diese Stellung der verschiednen Figuren und ihrer
+Gruppen allgemein gewesen, wie aus den alten Basreliefs, wo die
+hintersten allezeit höher stehen als die vodersten, und über sie
+wegsehen, sich schließen läßt: so ist es natürlich, daß man sie auch
+in der Beschreibung des Homers annimmt, und diejenigen von seinen
+Bildern, die sich nach selbiger in ein Gemälde verbinden lassen,
+nicht unnötigerweise trennet. Die doppelte Szene der friedfertigen
+Stadt, durch deren Straßen der fröhliche Aufzug einer Hochzeitfeier
+ging, indem auf dem Markte ein wichtiger Prozeß entschieden ward,
+erfordert diesem zufolge kein doppeltes Gemälde, und Homer hat es gar
+wohl als ein einziges denken können, indem er sich die ganze Stadt
+aus einem so hohen Augenpunkte vorstellte, daß er die freie Aussicht
+zugleich in die Straßen und auf den Markt dadurch erhielt.
+
+{5. Phocic. cap. XXV-XXXI.}
+
+{6. Um zu zeigen, daß dieses nicht zu viel von Popen gesagt ist, will
+ich den Anfang der folgenden aus ihm angeführten Stelle (Iliad. Vol.
+V. Obs. p. 61) in der Grundsprache anführen: That he was no stranger
+to aerial perspective, appears in his expressly marking the distance
+of object from object: he tells us etc. Ich sage, hier hat Pope den
+Ausdruck aerial perspective, die Luftperspektiv (perspective
+aërienne), ganz unrichtig gebraucht, als welche mit den nach
+Maßgebung der Entfernung verminderten Größen gar nichts zu tun hat,
+sondern unter der man lediglich die Schwächung und Abänderung der
+Farben nach Beschaffenheit der Luft oder des Medii, durch welches wir
+sie sehen, verstehet. Wer diesen Fehler machen konnte, dem war es
+erlaubt, von der ganzen Sache nichts zu wissen.}
+
+Ich bin der Meinung, daß man auf das eigentliche Perspektivische in
+den Gemälden nur gelegentlich durch die Szenenmalerei gekommen ist;
+und auch als diese schon in ihrer Vollkommenheit war, muß es noch
+nicht so leicht gewesen sein, die Regeln derselben auf eine einzige
+Fläche anzuwenden, indem sich noch in den spätern Gemälden unter den
+Altertümern des Herkulanums so häufige und mannigfaltige Fehler gegen
+die Perspektiv finden, als man itzo kaum einem Lehrlinge vergeben
+würde 7).
+
+{7. Betracht. über die Malerei S. 185.}
+
+Doch ich entlasse mich der Mühe, meine zerstreuten Anmerkungen über
+einen Punkt zu sammeln, über welchen ich in des Herrn Winckelmanns
+versprochener Geschichte der Kunst die völligste Befriedigung zu
+erhalten hoffen darf 8).
+
+{8. Geschrieben im Jahr 1763.}
+
+
+
+XX.
+
+
+Ich lenke mich vielmehr wieder in meinen Weg, wenn ein Spaziergänger
+anders einen Weg hat.
+
+Was ich von körperlichen Gegenständen überhaupt gesagt habe, das gilt
+von körperlichen schönen Gegenständen um so viel mehr.
+
+Körperliche Schönheit entspringt aus der übereinstimmenden Wirkung
+mannigfaltiger Teile, die sich auf einmal übersehen lassen. Sie
+erfodert also, daß diese Teile nebeneinander liegen müssen; und da
+Dinge, deren Teile nebeneinander liegen, der eigentliche Gegenstand
+der Malerei sind; so kann sie, und nur sie allein, körperliche
+Schönheit nachahmen.
+
+Der Dichter, der die Elemente der Schönheit nur nacheinander zeigen
+könnte, enthält sich daher der Schilderung körperlicher Schönheit,
+als Schönheit, gänzlich. Er fühlt es, daß diese Elemente,
+nacheinander geordnet, unmöglich die Wirkung haben können, die sie,
+nebeneinander geordnet, haben; daß der konzentrierende Blick, den wir
+nach ihrer Enumeration auf sie zugleich zurücksenden wollen, uns doch
+kein übereinstimmendes Bild gewähret; daß es über die menschliche
+Einbildung gehet, sich vorzustellen, was dieser Mund, und diese Nase,
+und diese Augen zusammen für einen Effekt haben, wenn man sich nicht
+aus der Natur oder Kunst einer ähnlichen Komposition solcher Teile
+erinnern kann.
+
+Und auch hier ist Homer das Muster aller Muster. Er sagt: Nireus war
+schön; Achilles war noch schöner; Helena besaß eine göttliche
+Schönheit. Aber nirgends läßt er sich in die umständlichere
+Schilderung dieser Schönheiten ein. Gleichwohl ist das ganze Gedicht
+auf die Schönheit der Helena gebauet. Wie sehr würde ein neuerer
+Dichter darüber luxuriert haben!
+
+Schon ein Constantinus Manasses wollte seine kahle Chronik mit einem
+Gemälde der Helena auszieren. Ich muß ihn für seinen Versuch danken.
+Denn ich wüßte wirklich nicht, wo ich sonst ein Exempel auftreiben
+sollte, aus welchem augenscheinlicher erhelle, wie töricht es sei,
+etwas zu wagen, das Homer so weislich unterlassen hat. Wenn ich bei
+ihm lese 1):
+
+{1. Constantinus Manasses Compend. Chron. p. 20. Edit. Venet. Die
+Frau Dacier war mit diesem Porträt des Manasses, bis auf die
+Tautologien, sehr wohl zufrieden: De Helenae pulchritudine omnium
+optime Constantinus Manasses, nisi in eo tautologiam reprehendas.
+(Ad Dictyn Cretensem lib. I. cap. 3. p. 5.) Sie führet nach dem
+Mezeriac (Comment sur les épîtres d'Ovide T. II. p. 361) auch die
+Beschreibungen an, welche Dares Phrygius und Cedrenus von der
+Schönheit der Helena geben. In der erstern kömmt ein Zug vor, der
+ein wenig seltsam klingt. Dares sagt nämlich von der Helena, sie
+habe ein Mal zwischen den Augenbraunen gehabt: notam inter duo
+supercilia habentem. Das war doch wohl nichts Schönes? Ich wollte,
+daß die Französin ihre Meinung darüber gesagt hätte. Meinesteiles
+halte ich das Wort nota hier für verfälscht, und glaube, daß Dares
+von dem reden wollen, was bei den Griechen mesojruon und bei den
+Lateinern glabella hieß. Die Augenbraunen der Helena, will er sagen,
+liefen nicht zusammen, sondern waren durch einen kleinen Zwischenraum
+abgesondert. Der Geschmack der Alten war in diesem Punkte
+verschieden. Einigen gefiel ein solcher Zwischenraum, andern nicht.
+(Junius de pictura vet. lib. III. cap. 9. p. 245.) Anakreon hielt
+die Mittelstraße; die Augenbraunen seines geliebten Mädchens waren
+weder merklich getrennt, noch völlig ineinander verwachsen, sie
+verliefen sich sanft in einem einzigen Punkte. Er sagt zu dem
+Künstler, welcher sie malen sollte: (Od. 28.)
+
+ To mesojruon de mh moi
+ Diakopte, mhte misge,
+ Ecetw d' opwV ekeinh
+ To lelhJotwV sunojrun
+ Blejarwn itun kelainhn.
+
+
+Nach der Lesart des Pauw, obschon auch ohne sie der Verstand der
+nämliche ist, und von Henr. Stephano nicht verfehlet worden:
+
+ Supercilii nigrantes
+ Discrimina nec arcus,
+ Confundito nec illos:
+ Sed junge sic ut anceps
+ Divortium relinquas,
+ Quale esse cernis ipsi.
+
+
+Wenn ich aber den Sinn des Dares getroffen hÄtte, was mÜßte man wohl
+sodann, anstatt des Wortes notam, lesen? Vielleicht moram? Denn so
+viel ist gewiß, daß mora nicht allein den Verlauf der Zeit, ehe etwas
+geschieht, sondern auch die Hinderung, den Zwischenraum von einem zum
+andern, bedeutet.
+
+ Ego inquieta montium jaceam mora,
+
+wÜnschet sich der rasende Herkules beim Seneca, (v. 1215) welche
+Stelle Gronovius sehr wohl erklÄrt: Optat se medium jacere inter duas
+Symplegades, illarum velut moram, impedimentum, obicem; qui eas
+moretur, vetet aut satis arcte conjungi, aut rursus distrahi. So
+heißen auch bei eben demselben Dichter lacertorum morae soviel als
+juncturae. (Schroederus ad v. 762 Thyest.)}
+
+ Hn h gunh perikallhV, euojruV, eucroustath,
+ EupareioV, euproswpoV, bovpiV, cionocrouV,
+ ElikoblejaroV, abra, caritwn gemon alsoV,
+ Leukobraciwn, trujera, kalloV antikruV, empnoun,
+ To proswpon kataleukon, h pareia rodocrouV,
+ To proswpon epicari, to blejaron wraion,
+ KalloV anepithdeuton, abaptiston, autocroun,
+ Ebapte thn leukothta rodocria purinh
+ WV ei tiV ton elejanta bayei lampra porjura.
+ Deirh makra, kataleukoV, oJen emuJourghJh
+ Kuknogenh thn euopton Elenhn crhmatizein--
+
+
+so dÜnkt mich, ich sehe Steine auf einen Berg wÄlzen, aus welchen auf
+der Spitze desselben ein prächtiges Gebäude aufgeführet werden soll,
+die aber alle auf der andern Seite von selbst wieder herabrollen.
+Was für ein Bild hinterläßt er, dieser Schwall von Worten? Wie sahe
+Helena nun aus? Werden nicht, wenn tausend Menschen dieses lesen,
+sich alle tausend eine eigene Vorstellung von ihr machen?
+
+Doch es ist wahr, politische Verse eines MÖnches sind keine Poesie.
+Man höre also den Ariost, wenn er seine bezaubernde Alcina schildert
+2):
+
+{2. Orlando Furioso, Canto VII. St. 11-15. "Die Bildung ihrer Gestalt
+war so reizend, als nur künstliche Maler sie dichten können. Gegen
+ihr blondes, langes, aufgeknüpftes Haar ist kein Gold, das nicht
+seinen Glanz verliere. Über ihre zarten Wangen verbreitete sich
+die vermischte Farbe der Rosen und der Lilien. Ihre fröhliche Stirn,
+in die gehörigen Schranken geschlossen, war von glattem Helfenbein.
+Unter zween schwarzen, äußerst feinen Bögen glänzen zwei schwarze
+Augen, oder vielmehr zwo leuchtende Sonnen, die mit Holdseligkeit um
+sich blickten und sich langsam drehten. Rings um sie her schien Amor
+zu spielen und zu fliegen; von da schien er seinen ganzen Köcher
+abzuschießen, und die Herzen sichtbar zu rauben. Weiter hinab steigt
+die Nase mitten durch das Gesicht, an welcher selbst der Neid nichts
+zu bessern findet. Unter ihr zeigt sich der Mund, wie zwischen zwei
+kleinen Tälern, mit seinem eigentümlichen Zinnober bedeckt; hier
+stehen zwo Reihen auserlesener Perlen, die eine schöne sanfte Lippe
+verschließt und öffnet. Hieraus kommen die holdseligen Worte, die
+jedes rauhe, schändliche Herz erweichen; hier wird jenes liebliche
+Lächeln gebildet, welches für sich schon ein Paradies auf Erden
+eröffnet. Weißer Schnee ist der schöne Hals, und Milch die Brust,
+der Hals rund, die Brust voll und breit. Zwo zarte, von Helfenbein
+gerundete Kugeln wallen sanft auf und nieder, wie die Wellen am
+äußersten Rande des Ufers, wenn ein spielender Zephir die See
+bestreitet. (Die übrigen Teile würde Argus selbst nicht haben sehen
+können. Doch war leicht zu urteilen, daß das, was versteckt lag, mit
+dem, was dem Auge bloß stand, übereinstimme.) Die Arme zeigen sich in
+ihrer gehörigen Länge, die weiße Hand etwas länglich, und schmal in
+ihrer Breite, durchaus eben, keine Ader tritt über ihre glatte Fläche.
+Am Ende dieser herrlichen Gestalt sieht man den kleinen, trocknen,
+gerundeten Fuß. Die englischen Mienen, die aus dem Himmel stammen,
+kann kein Schleier verbergen."--(Nach der Übersetzung des Herrn
+Meinhard in dem Versuche über den Charakter und die Werke der besten
+ital. Dicht. B. II. S. 228.)}
+
+ Di persona era tanto ben formata,
+ Quanto mai finger san pittori industri:
+ Con bionda chioma, lunga e annodata,
+ Oro non è, che più risplenda, e lustri,
+ Spargeasi per la guancia delicata
+ Misto color di rose e di ligustri.
+ Di terso avorio era la fronte lieta,
+ Che lo spazio finia con giusta meta.
+
+ Sotto due negri, e sottilissimi archi
+ Son due negri occhi, anzi due chiari soli,
+ Pietosi a riguardar, a mover parchi,
+ Intorno a cui par ch' Amor scherzi, e voli,
+ E ch' indi tutta la faretra scarchi,
+ E che visibilmente i cori involi.
+ Quindi il naso per mezzo il viso scende
+ Che non trova l'invidia ove l'emende.
+
+ Sotto quel sta, quasi fra due vallette,
+ La bocca sparsa di natio cinabro,
+ Quivi due filze son di perle elette,
+ Che chiude, ed apre un bello e dolce labro;
+ Quindi escon le cortesi parolette,
+ Da render molle ogni cor rozzo e scabro;
+ Quivi si forma quel soave riso,
+ Ch' apre a sua posta in terra il paradiso.
+
+ Bianca neve è il bel collo, e'l petto latte,
+ Il collo è tondo, il petto colmo e largo;
+ Due pome acerbe, e pur d'avorio fatte,
+ Vengono e van, come onda al primo margo,
+ Quando piacevole aura il mar combatte.
+ Non potria l'altre parti veder Argo,
+ Ben si può giudicar, che corrisponde,
+ A quel ch' appar di fuor, quel che s'ascondo.
+
+ Mostran le braccia sua misura giusta,
+ Et la candida man spesso si vede,
+ Lunghetta alquanto, e di larghezza angusta,
+ Dove nè nodo appar, nè vena eccede.
+ Si vede al fin de la persona augusta
+ Il breve, asciutto, e ritondetto piede.
+ Gli angelici sembianti nati in cielo
+ Non si ponno celar sotto alcun velo.
+
+
+
+Milton sagt bei Gelegenheit des PandÄmoniums: einige lobten das Werk,
+andere den Meister des Werks. Das Lob des einen ist also nicht
+allezeit auch das Lob des andern. Ein Kunstwerk kann allen Beifall
+verdienen, ohne daß sich zum Ruhme des KÜnstlers viel Besonders sagen
+läßt. Wiederum kann ein Künstler mit Recht unsere Bewunderung
+verlangen, auch wenn sein Werk uns die vÖllige Gnüge nicht tut.
+Dieses vergesse man nie, und es werden sich öfters ganz
+widersprechende Urteile vergleichen lassen. Eben wie hier. Dolce,
+in seinem Gespräche von der Malerei, läßt den Aretino von den
+angeführten Stanzen des Ariost ein außerordentliches Aufheben machen
+3); ich hingegen, wähle sie als ein Exempel eines Gemäldes ohne
+Gemälde. Wir haben beide recht. Dolce bewundert darin die
+Kenntnisse, welche der Dichter von der körperlichen Schönheit zu
+haben zeiget; ich aber sehe bloß auf die Wirkung, welche diese
+Kenntnisse, in Worte ausgedrückt, auf meine Einbildungskraft haben
+können. Dolce schließt aus jenen Kenntnissen, daß gute Dichter nicht
+minder gute Maler sind; und ich aus dieser Wirkung, daß sich das, was
+die Maler durch Linien und Farben am besten ausdrücken können, durch
+Worte gerade am schlechtesten ausdrücken läßt. Dolce empfiehlet die
+Schilderung des Ariost allen Malern als das vollkommenste Vorbild
+einer schönen Frau; und ich empfehle es allen Dichtern als die
+lehrreichste Warnung, was einem Ariost mißlingen müssen, nicht noch
+unglücklicher zu versuchen. Es mag sein, daß wenn Ariost sagt:
+
+{3. (Dialogo della pittura, intitolato l'Aretino, Firenze 1735. p.
+178.) Se vogliono i pittori senza fatica trovare un perfetto esempio
+di bella donna, leggano quelle stanze dell' Ariosto, nelle quali egli
+discrive mirabilmente le bellezze della fata Alcina: e vedranno
+parimente, quanto i buoni poeti siano ancora essi pittori.--}
+
+ Di persona era tanto ben formata
+ Quanto mai finger san pittori industri,
+
+
+er die Lehre von den Proportionen, so wie sie nur immer der
+fleißigste KÜnstler in der Natur und aus den Antiken studieret,
+vollkommen verstanden zu haben, dadurch beweiset 4). Er mag sich
+immerhin, in den bloßen Worten:
+
+{4. (Ibid.) Ecco, che, quanto alla proportione, l'ingeniosissimo
+Ariosto assegna la migliore, che sappiano formar le mani de' più
+eccellenti pittori, usando questa voce industri, per dinotar la
+diligenza, die conviene al buono artefice.}
+
+ Spargeasi per la guancia delicata
+ Misto color di rose e di ligustri,
+
+
+als den vollkommensten Koloristen, als einen Tizian, zeigen 5). Man
+mag daraus, daß er das Haar der Alcina nur mit dem Golde vergleicht,
+nicht aber gÜldenes Haar nennet, noch so deutlich schließen, daß er
+den Gebrauch des wirklichen Goldes in der Farbengebung gemißbilliget
+6). Man mag sogar in seiner herabsteigenden Nase,
+
+{5. (Ibid. p. 182.) Qui l'Ariosto colorisce, e in questo suo colorire
+dimostra essere un Tiziano.}
+
+{6. (Ibid. p. 180.) Poteva l'Ariosto nella guisa, che ha detto chioma
+bionda, dir chioma d'oro: ma gli parve forse, che avrebbe avuto
+troppo del poetico. Da che si puo ritrar, che'l pittore dee imitar
+l'oro, e non metterlo (come fanno i miniatori) nelle sue pitture, in
+modo, che si possa dire, que' capelli non sono d'oro, ma par che
+risplendano, come l'oro. Was Dolce, in dem Nachfolgenden, aus dem
+AthenÄus anführet, ist merkwürdig, nur daß es sich nicht vÖllig so
+daselbst findet. Ich rede an einem andern Orte davon.}
+
+ Quindi il naso per mezzo il viso scende,
+
+das Profil jener alten griechischen, und von griechischen KÜnstlern
+auch RÖmern geliehenen Nasen finden 7). Was nutzt alle diese
+Gelehrsamkeit und Einsicht uns Lesern, die wir eine schöne Frau zu
+sehen glauben wollen, die wir etwas von der sanften Wallung des
+Geblüts dabei empfinden wollen, die den wirklichen Anblick der
+Schönheit begleitet? Wenn der Dichter weiß, aus welchen
+VerhÄltnissen eine schöne Gestalt entspringet, wissen wir es darum
+auch? Und wenn wir es auch wüßten, läßt er uns hier diese
+Verhältnisse sehen? Oder erleichtert er uns auch nur im geringsten
+die Mühe, uns ihrer auf eine lebhafte anschauende Art zu erinnern?
+Eine Stirn, in die gehörigen Schranken geschlossen, la fronte,
+
+{7. (Ibid. p. 182.) Il naso, che discende giù, avendo peraventura la
+considerazione a quelle forme de' nasi, che si veggono ne' ritratti
+delle belle Romane antiche.}
+
+ Che lo spazio finia con giusta meta;
+
+eine Nase, an welcher selbst der Neid nichts zu bessern findet,
+
+ Che non trova l'invidia, ove l'emende;
+
+eine Hand, etwas länglich und schmal in ihrer Breite,
+
+ Lunghetta alquanto, e di larghezza angusta:
+
+was fÜr ein Bild geben diese allgemeine Formeln? In dem Munde eines
+Zeichenmeisters, der seine Schüler auf die SchÖnheiten des
+akademischen Modells aufmerksam machen will, möchten sie noch etwas
+sagen; denn ein Blick auf dieses Modell, und sie sehen die gehörigen
+Schranken der fröhlichen Stirne, sie sehen den schönsten Schnitt der
+Nase, die schmale Breite der niedlichen Hand. Aber bei dem Dichter
+sehe ich nichts, und empfinde mit Verdruß die Vergeblichkeit meiner
+besten Anstrengung, etwas sehen zu wollen.
+
+In diesem Punkte, in welchem Virgil dem Homer durch Nichtstun
+nachahmen können, ist auch Virgil ziemlich glücklich gewesen. Auch
+seine Dido ist ihm weiter nichts als pulcherrima Dido. Wenn er ja
+umstÄndlicher etwas an ihr beschreibet, so ist es ihr reicher Putz,
+ihr prächtiger Aufzug:
+
+ Tandem progreditur--
+ Sidoniam picto chlamydem circumdata limbo:
+ Cui pharetra ex auro, crines nodantur in aurum,
+ Aurea purpuream subnectit fibula vestem 8).
+
+{8. Aeneid. IV. v. 136.}
+
+
+Wollte man darum auf ihn anwenden, was jener alte KÜnstler zu einem
+Lehrlinge sagte, der eine sehr geschmückte Helena gemalt hatte, "da
+du sie nicht schÖn malen können, hast du sie reich gemalt": so würde
+Virgil antworten, "es liegt nicht an mir, daß ich sie nicht schön
+malen können; der Tadel trifft die Schranken meiner Kunst; mein Lob
+sei, mich innerhalb diesen Schranken gehalten zu haben."
+
+Ich darf hier die beiden Lieder des Anakreons nicht vergessen, in
+welchen er uns die Schönheit seines MÄdchens und seines Bathylls
+zergliedert 9). Die Wendung, die er dabei nimmt, macht alles gut.
+Er glaubt einen Maler vor sich zu haben, und läßt ihn unter seinen
+Augen arbeiten. So, sagt er, mache mir das Haar, so die Stirne, so
+die Augen, so den Mund, so Hals und Busen, so Hüft' und Hände! Was
+der Künstler nur teilweise zusammensetzen kann, konnte ihm der
+Dichter auch nur teilweise vorschreiben. Seine Absicht ist nicht,
+daß wir in dieser mündlichen Direktion des Malers die ganze Schönheit
+der geliebten Gegenstände erkennen und fühlen sollen; er selbst
+empfindet die Unfähigkeit des wörtlichen Ausdrucks, und nimmt eben
+daher den Ausdruck der Kunst zu Hilfe, deren Täuschung er so sehr
+erhebet, daß das ganze Lied mehr ein Lobgedicht auf die Kunst, als
+auf sein Mädchen zu sein scheinet. Er sieht nicht das Bild, er sieht
+sie selbst, und glaubt, daß es nun eben den Mund zum Reden eröffnen
+werde:
+
+{9. Od. XXVIII. XXIX.}
+
+ Apecei· blepw gar authn.
+ Taca, khre, kai lalhseiV.
+
+
+Auch in der Angabe des Bathylls, ist die Anpreisung des schÖnen
+Knabens mit der Anpreisung der Kunst und des KÜnstlers so ineinander
+geflochten, daß es zweifelhaft wird, wem zu Ehren Anakreon das Lied
+eigentlich bestimmt habe. Er sammelt die schönsten Teile aus
+verschiednen GemÄlden, an welchen eben die vorzügliche Schönheit
+dieser Teile das Charakteristische war; den Hals nimmt er von einem
+Adonis, Brust und Hände von einem Merkur, die Hüfte von einem Pollux,
+den Bauch von einem Bacchus; bis er den ganzen Bathyll in einem
+vollendeten Apollo des Künstlers erblickt.
+
+ Meta de proswpon estw,
+ Ton AdwnidoV parelJwn,
+ ElejantinoV trachloV·
+ Metamazion de poiei
+ DidumaV te ceiraV Ermou,
+ PoludeukeoV de mhrouV,
+ Dionusihn de nhdun--
+ Ton Apollwna de touton
+ KaJelwn, poiei BaJullon.
+
+
+So weiß auch Lucian von der SchÖnheit der Panthea anders keinen
+Begriff zu machen, als durch Verweisung auf die schönsten weiblichen
+BildsÄulen alter KÜnstler 10). Was heißt aber dieses sonst, als
+bekennen, daß die Sprache vor sich selbst hier ohne Kraft ist; daß
+die Poesie stammelt und die Beredsamkeit verstummet, wenn ihnen nicht
+die Kunst noch einigermaßen zur Dolmetscherin dienet?
+
+{10. EikoneV § 3. T. II. p. 461. Edit. Reitz.}
+
+
+
+XXI.
+
+
+Aber verliert die Poesie nicht zu viel, wenn man ihr alle Bilder
+körperlicher Schönheit nehmen will?--Wer will ihr die nehmen? Wenn
+man ihr einen einzigen Weg zu verleiden sucht, auf welchem sie zu
+solchen Bildern zu gelangen gedenket, indem sie die Fußtapfen einer
+verschwisterten Kunst aufsucht, in denen sie ängstlich herumirret,
+ohne jemals mit ihr das gleiche Ziel zu erreichen: verschließt man
+ihr darum auch jeden andern Weg, wo die Kunst hinwiederum ihr
+nachsehen muß?
+
+Eben der Homer, welcher sich aller stückweisen Schilderung
+körperlicher Schönheiten so geflissentlich enthält, von dem wir kaum
+einmal im Vorbeigehen erfahren, daß Helena weiße Arme 1) und schönes
+Haar 2) gehabt; eben der Dichter weiß demohngeachtet uns von ihrer
+Schönheit einen Begriff zu machen, der alles weit übersteiget, was
+die Kunst in dieser Absicht zu leisten imstande ist. Man erinnere
+sich der Stelle, wo Helena in die Versammlung der Ältesten des
+trojanischen Volkes tritt. Die ehrwürdigen Greise sehen sie, und
+einer sprach zu den andern 3):
+
+{1. Iliad. G. v. 121.}
+
+{2. Ibid. v. 329.}
+
+{3. Ibid. v. 156-158.}
+
+ Ou nemesiV, TrvaV kai euknhmidaV AcaiouV,
+ Toihd' amji gunaiki polun cronon algea pascein·
+ AinvV aJanathsi JehV eiV vpa eoiken.
+
+
+Was kann eine lebhaftere Idee von SchÖnheit gewÄhren, als das kalte
+Alter sie des Krieges wohl wert erkennen lassen, der so viel Blut und
+so viele Tränen kostet?
+
+Was Homer nicht nach seinen Bestandteilen beschreiben konnte, läßt er
+uns in seiner Wirkung erkennen. Malet uns, Dichter, das Wohlgefallen,
+die Zuneigung, die Liebe, das EntzÜcken, welches die Schönheit
+verursachet, und ihr habt die Schönheit selbst gemalet. Wer kann
+sich den geliebten Gegenstand der Sappho, bei dessen Erblickung sie
+Sinne und Gedanken zu verlieren bekennet, als häßlich denken? Wer
+glaubt nicht die schönste vollkommenste Gestalt zu sehen, sobald er
+mit dem Gefühle sympathisieret, welches nur eine solche Gestalt
+erregen kann? Nicht weil uns Ovid den schönen Körper seiner Lesbia
+Teil vor Teil zeiget:
+
+ Quos humeros, quales vidi tetigique lacertos!
+ Forma papillarum quam fuit apta premi!
+ Quam castigato planus sub pectore venter!
+ Quantum et quale latus! quam juvenile femur!
+
+
+sondern weil er es mit der wollÜstigen Trunkenheit tut, nach der
+unsere Sehnsucht so leicht zu erwecken ist, glauben wir eben des
+Anblickes zu genießen, den er genoß.
+
+Ein andrer Weg, auf welchem die Poesie die Kunst in Schilderung
+kÖrperlicher Schönheit wiederum einholet, ist dieser, daß sie
+Schönheit in Reiz verwandelt. Reiz ist Schönheit in Bewegung, und
+eben darum dem Maler weniger bequem als dem Dichter. Der Maler kann
+die Bewegung nur erraten lassen, in der Tat aber sind seine Figuren
+ohne Bewegung. Folglich wird der Reiz bei ihm zur Grimasse. Aber in
+der Poesie bleibt er was er ist; ein transitorisches Schönes, das wir
+wiederholt zu sehen wünschen. Es kömmt und geht; und da wir uns
+überhaupt einer Bewegung leichter und lebhafter erinnern können, als
+bloßer Formen oder Farben: so muß der Reiz in dem nÄmlichen
+Verhältnisse stärker auf uns wirken, als die Schönheit. Alles, was
+noch in dem Gemälde der Alcina gefällt und rühret, ist Reiz. Der
+Eindruck, den ihre Augen machen, kömmt nicht daher, daß sie schwarz
+und feurig sind, sondern daher, daß sie,
+
+Pietosi a riguardar, a mover parchi,
+
+mit Holdseligkeit um sich blicken, und sich langsam drehen; daß Amor
+sie umflattert und seinen ganzen Köcher aus ihnen abschießt. Ihr
+Mund entzücket, nicht weil von eigentümlichem Zinnober bedeckte
+Lippen zwei Reihen auserlesener Perlen verschließen; sondern weil
+hier das liebliche Lächeln gebildet wird, welches, für sich schon,
+ein Paradies auf Erden eröffnet; weil er es ist, aus dem die
+freundlichen Worte tönen, die jedes rauhe Herz erweichen. Ihr Busen
+bezaubert, weniger weil Milch und Helfenbein und Apfel uns seine
+Weiße und niedliche Figur vorbilden, als vielmehr weil wir ihn sanft
+auf und nieder wallen sehen, wie die Wellen am äußersten Rande des
+Ufers, wenn ein spielender Zephir die See bestreitet:
+
+ Due pome acerbe, e pur d'avorio fatte,
+ Vengono e van, come onda al primo margo,
+ Quando piacevole aura il mar combatte.
+
+
+Ich bin versichert, daß lauter solche ZÜge des Reizes, in eine oder
+zwei Stanzen zusammengedrÄnget, weit mehr tun würden, als die fünfe
+alle, in welche sie Ariost zerstreuet und mit kalten Zügen der
+schÖnen Form, viel zu gelehrt für unsere Empfindungen, durchflochten
+hat.
+
+Selbst Anakreon wollte lieber in die anscheinende Unschicklichkeit
+verfallen, eine Untunlichkeit von dem Maler zu verlangen, als das
+Bild seines Mädchens nicht mit Reiz beleben.
+
+ Trujerou d' esw geneiou,
+ Peri lugdinw trachlw
+ CariteV petointo pasai.
+
+
+Ihr sanftes Kinn, befiehlt er dem KÜnstler, ihren marmornen Nacken
+laß alle Grazien umflattern! Wie das? Nach dem genauesten
+Wortverstande? Der ist keiner malerischen Ausführung fÄhig. Der
+Maler konnte dem Kinne die schÖnste Ründung, das schönste Grübchen,
+Amoris digitulo impressum, (denn das esw scheinet mir ein Grübchen
+andeuten zu wollen)--er konnte dem Halse die schönste Karnation geben;
+aber weiter konnte er nichts. Die Wendungen dieses schönen Halses,
+das Spiel der Muskeln, durch das jenes Grübchen bald mehr bald
+weniger sichtbar wird, der eigentliche Reiz, war über seine Kräfte.
+Der Dichter sagte das Höchste, wodurch uns seine Kunst die Schönheit
+sinnlich zu machen vermag, damit auch der Maler den höchsten Ausdruck
+in seiner Kunst suchen möge. Ein neues Beispiel zu der obigen
+Anmerkung, daß der Dichter, auch wenn er von Kunstwerken redet,
+dennoch nicht verbunden ist, sich mit seiner Beschreibung in den
+Schranken der Kunst zu halten.
+
+
+
+XXII.
+
+
+Zeuxis malte eine Helena, und hatte das Herz, jene berühmte Zeilen
+des Homers, in welchen die entzückten Greise ihre Empfindung bekennen,
+darunter zu setzen. Nie sind Malerei und Poesie in einen gleichern
+Wettstreit gezogen worden. Der Sieg blieb unentschieden, und beide
+verdienten gekrönt zu werden.
+
+Denn so wie der weise Dichter uns die Schönheit, die er nach ihren
+Bestandteilen nicht schildern zu können fühlte, bloß in ihrer Wirkung
+zeigte: so zeigte der nicht minder weise Maler uns die Schönheit nach
+nichts als ihren Bestandteilen, und hielt es seiner Kunst für
+unanständig, zu irgendeinem andern Hilfsmittel Zuflucht zu nehmen.
+Sein Gemälde bestand aus der einzigen Figur der Helena, die nackend
+dastand. Denn es ist wahrscheinlich, daß es eben die Helena war,
+welche er für die zu Krotona malte 1).
+
+{1. Val. Maximus lib. III. cap. 7. Dionysius Halicarnass. Art.
+Rhet. cap. 12 peri logwn exetasewV.}
+
+Man vergleiche hiermit, wundershalber, das Gemälde, welches Caylus
+dem neuern Künstler aus jenen Zeilen des Homers vorzeichnet: "Helena,
+mit einem weißen Schleier bedeckt, erscheinet mitten unter
+verschiedenen alten Männern, in deren Zahl sich auch Priamus befindet,
+der an den Zeichen seiner königlichen Würde zu erkennen ist. Der
+Artist muß sich besonders angelegen sein lassen, uns den Triumph der
+Schönheit in den gierigen Blicken und in allen den Äußerungen einer
+staunenden Bewunderung auf den Gesichtern dieser kalten Greise
+empfinden zu lassen. Die Szene ist über einem von den Toren der
+Stadt. Die Vertiefung des Gemäldes kann sich in den freien Himmel,
+oder gegen höhere Gebäude der Stadt verlieren; jenes würde kühner
+lassen, eines aber ist so schicklich wie das andere."
+
+Man denke sich dieses Gemälde von dem größten Meister unserer Zeit
+ausgeführet, und stelle es gegen das Werk des Zeuxis. Welches wird
+den wahren Triumph der Schönheit zeigen? Dieses, wo ich ihn selbst
+fühle, oder jenes, wo ich ihn aus den Grimassen gerührter Graubärte
+schließen soll? Turpe senilis amor; ein gieriger Blick macht das
+ehrwürdigste Gesicht lächerlich, und ein Greis, der jugendliche
+Begierden verrät, ist sogar ein ekler Gegenstand. Den Homerischen
+Greisen ist dieser Vorwurf nicht zu machen; denn der Affekt, den sie
+empfinden, ist ein augenblicklicher Funke, den ihre Weisheit sogleich
+erstickt; nur bestimmt, der Helena Ehre zu machen, aber nicht, sie
+selbst zu schänden. Sie bekennen ihr Gefühl, und fügen sogleich
+hinzu:
+
+ Alla kai vV, toih per eous', en nhusi neesJw,
+ Mhd' hmin tekeessi t' opissw phma lipoito
+
+
+Ohne diesen Entschluß wÄren es alte Gecke; wären sie das, was sie in
+dem Gemälde des Caylus erscheinen. Und worauf richten sie denn da
+ihre gierigen Blicke? Auf eine vermummte, verschleierte Figur. Das
+ist Helena? Es ist mir unbegreiflich, wie ihr Caylus hier den
+Schleier lassen kÖnnen. Zwar Homer gibt ihr denselben ausdrÜcklich:
+
+ Autika d' argennhsi kaluyamenh oJonhsin
+ Wrmat' ek Jalamoio--
+
+
+aber, um Über die Straßen damit zu gehen; und wenn auch schon bei ihm
+die Alten ihre Bewunderung zeigen, noch ehe sie den Schleier wieder
+abgenommen oder zurückgeworfen zu haben scheinet, so war es nicht das
+erstemal, daß sie die Alten sahen; ihr Bekenntnis durfte also nicht
+aus dem itzigen augenblicklichen Anschauen entstehen, sondern sie
+konnten schon oft empfunden haben, was sie zu empfinden, bei dieser
+Gelegenheit nur zum erstenmal bekannten. In dem GemÄlde findet so
+etwas nicht statt. Wenn ich hier entzückte Alte sehe, so will ich
+auch zugleich sehen, was sie in Entzückung setzt; und ich werde
+äußerst betroffen, wenn ich weiter nichts, als, wie gesagt, eine
+vermummte, verschleierte Figur wahrnehme, die sie brünstig angaffen.
+Was hat dieses Ding von der Helena? Ihren weißen Schleier, und etwas
+von ihrem proportionierten Umrisse, soweit Umriß unter Gewändern
+sichtbar werden kann. Doch vielleicht war es auch des Grafen Meinung
+nicht, daß ihr Gesicht verdeckt sein sollte, und er nennet den
+Schleier bloß als ein Stück ihres Anzuges. Ist dieses (seine Worte
+sind einer solchen Auslegung zwar nicht wohl fähig: Hélène couverte
+d'un voile blanc), so entstehet eine andere Verwunderung bei mir: er
+empfiehlt dem Artisten so sorgfältig den Ausdruck auf den Gesichtern
+der Alten; nur über die SchÖnheit in dem Gesichte der Helena verliert
+er kein Wort. Diese sittsame Schönheit, im Auge den feuchten
+Schimmer einer reuenden Träne, furchtsam sich nähernd--Wie? Ist die
+höchste Schönheit unsern Künstlern so etwas Geläufiges, daß sie auch
+nicht daran erinnert zu werden brauchen? Oder ist Ausdruck mehr als
+Schönheit? Und sind wir auch in Gemälden schon gewohnt, so wie auf
+der Bühne, die häßlichste Schauspielerin für eine entzückende
+Prinzessin gelten zu lassen, wenn ihr Prinz nur recht warme Liebe
+gegen sie zu empfinden äußert?
+
+In Wahrheit: das Gemälde des Caylus würde sich gegen das Gemälde des
+Zeuxis wie Pantomime zur erhabensten Poesie verhalten.
+
+Homer ward vor alters ohnstreitig fleißiger gelesen, als itzt.
+Dennoch findet man so gar vieler Gemälde nicht erwähnet, welche die
+alten Künstler aus ihm gezogen hätten 2). Nur den Fingerzeig des
+Dichters auf besondere körperliche Schönheiten scheinen sie fleißig
+genutzt zu haben; diese malten sie; und in diesen Gegenständen,
+fühlten sie wohl, war es ihnen allein vergönnet, mit dem Dichter
+wetteifern zu wollen. Außer der Helena, hatte Zeuxis auch die
+Penelope gemalt; und des Apelles Diana war die Homerische in
+Begleitung ihrer Nymphen. Bei dieser Gelegenheit will ich erinnern,
+daß die Stelle des Plinius, in welcher von der letztern die Rede ist,
+einer Verbesserung bedarf 3). Handlungen aber aus dem Homer zu malen,
+bloß weil sie eine reiche Komposition, vorzügliche Kontraste,
+künstliche Beleuchtungen darbieten, schien der alten Artisten ihr
+Geschmack nicht zu sein; und konnte es nicht sein, solange sich noch
+die Kunst in den engern Grenzen ihrer höchsten Bestimmung hielt. Sie
+nährten sich dafür mit dem Geiste des Dichters; sie füllten ihre
+Einbildungskraft mit seinen erhabensten Zügen; das Feuer seines
+Enthusiasmus entflammte den ihrigen; sie sahen und empfanden wie er:
+und so wurden ihre Werke Abdrücke der Homerischen, nicht in dem
+Verhältnisse eines Porträts zu seinem Originale, sondern in dem
+Verhältnisse eines Sohnes zu seinem Vater; ähnlich, aber verschieden.
+Die Ähnlichkeit liegt öfters nur in einem einzigen Zuge; die übrigen
+alle haben unter sich nichts Gleiches, als daß sie mit dem ähnlichen
+Zuge, in dem einen sowohl als in dem andern harmonieren.
+
+{2. Fabricii Biblioth. Graec. lib. II. cap. 6. p. 345.}
+
+{3. Plinius sagt von dem Apelles (Libr. XXXV. sect. 36. p. 698. Edit.
+Hard.): Fecit et Dianam sacrificantium virginum choro mixtam:
+quibus vicisse Homeri versus videtur id ipsum describentis. Nichts
+kann wahrer, als dieser Lobspruch gewesen sein. Schöne Nymphen um
+eine schöne Göttin her, die mit der ganzen majestätischen Stirne über
+sie hervorragt, sind freilich ein Vorwurf, der der Malerei
+angemessener ist, als der Poesie. Das sacrificantium nur ist mir
+höchst verdächtig. Was macht die Göttin unter opfernden Jungfrauen?
+Und ist dieses die Beschäftigung, die Homer den Gespielinnen der
+Diana gibt? Mit nichten; sie durchstreifen mit ihr Berge und Wälder,
+sie jagen, sie spielen, sie tanzen (Odyss. Z. v. 102-106):
+
+ Oih d' ArtemiV eisi kat' oureoV ioceaira
+ H kata Thugeton perimhketon, h ErumanJon
+ Terpomenh kaproisi kai wkeihV elajoisi·
+ Th de J' ama Numjai, kourai DioV Aigiocoio,
+ Agronomoi paizousi·--
+
+
+Plinius wird also nicht sacrificantium, er wird venantium, oder etwas
+Ähnliches geschrieben haben; vielleicht silvis vagantium, welche
+Verbesserung die Anzahl der veränderten Buchstaben ohngefähr hätte.
+Dem paizousi beim Homer wÜrde saltantium am nächsten kommen, und auch
+Virgil läßt, in seiner Nachahmung dieser Stelle, die Diana mit ihren
+Nymphen tanzen (Aeneid. I. v. 497. 498):
+
+ Qualis in Eurotae ripis, aut per juga Cynthi
+ Exercet Diana choros--
+
+
+Spence hat hierbei einen seltsamen Einfall (Polymetis Dial. VIII. p.
+102.): This Diana, sagt er, both in the picture and in the
+descriptions, was the Diana Venatrix, tho' she was not represented
+either by Virgil, or Apelles, or Homer, as hunting with her nymphs;
+bot as employed with them in that sort of dances, which of old were
+regarded as very solemn acts of devotion. In seiner Anmerkung fÜgt
+er hinzu: The expression of paizein, used by Homer on this occasion,
+is scarce proper for hunting; as that of, choros exercere in Virgil,
+should be understood of the religious dances of old, because dancing,
+in the old Roman idea of it, was indecent even for men, in public;
+unless it were the sort of dances used in honour of Mars, or Bacchus,
+or some other of their gods. Spence will nÄmlich jene feierliche
+Tänze verstanden wissen, welche bei den Alten mit unter die
+gottesdienstlichen Handlungen gerechnet wurden. Und daher, meinet er,
+brauche denn auch Plinius das Wort sacrificare: It is in consequence
+of this that Pliny, in speaking of Diana's nymphs on this very
+occasion, uses the word, sacrificare, of them; which quite determines
+these dances of theirs to have been of the religious kind. Er
+vergißt, daß bei dem Virgil die Diana selbst mittanzet: exercet Diana
+choros. Sollte nun dieser Tanz ein gottesdienstlicher Tanz sein: zu
+wessen Verehrung tanzte ihn die Diana? Zu ihrer eignen? Oder zur
+Verehrung einer andern Gottheit? Beides ist widersinnig. Und wenn
+die alten RÖmer das Tanzen überhaupt einer ernsthaften Person nicht
+für sehr anständig hielten, mußten darum ihre Dichter die Gravität
+ihres Volkes auch in die Sitten der Götter übertragen, die von den
+ältern griechischen Dichtern ganz anders festgesetzet waren? Wenn
+Horaz von der Venus sagt (Od. IV. lib. 1):
+
+ Jam Cytherea choros ducit Venus, imminente luna:
+ Junctaeque Nymphis Gratiae decentes.
+ Alterno terram quatiunt pede--
+
+
+waren dieses auch heilige gottesdienstliche TÄnze? Ich verliere zu
+viele Worte Über eine solche Grille.}
+
+Da übrigens die Homerischen Meisterstücke der Poesie älter waren als
+irgendein Meisterstück der Kunst; da Homer die Natur eher mit einem
+malerischen Auge betrachtet hatte, als ein Phidias und Apelles: so
+ist es nicht zu verwundern, daß die Artisten verschiedene ihnen
+besonders nützliche Bemerkungen, ehe sie Zeit hatten, sie in der
+Natur selbst zu machen, schon bei dem Homer gemacht fanden, wo sie
+dieselben begierig ergriffen, um durch den Homer die Natur
+nachzuahmen. Phidias bekannte, daß die Zeilen 4):
+
+{4. Iliad. A. v. 528. Valerius Maximus lib. III. cap. 7.}
+
+ H, kai kuanehsin ep' ojrusi neuse Kroniwn·
+ Ambrosiai d' ara caitai eperrwsanto anaktoV,
+ KratoV ap' aJanatoio· megan d' elelixen Olumpon·
+
+
+ihm bei seinem olympischen Jupiter zum Vorbilde gedienet, und daß ihm
+nur durch ihre Hilfe ein gÖttliches Antlitz, propemodum ex ipso coelo
+petitum, gelungen sei. Wem dieses nichts mehr gesagt heißt, als daß
+die Phantasie des KÜnstlers durch das erhabene Bild des Dichters
+befeuert, und ebenso erhabener Vorstellungen fÄhig gemacht worden,
+der, dünkt mich, übersieht das Wesentlichste, und begnügt sich mit
+etwas ganz Allgemeinem, wo sich, zu einer weit gründlichern
+Befriedigung, etwas sehr Spezielles angeben läßt. Soviel ich urteile,
+bekannte Phidias zugleich, daß er in dieser Stelle zuerst bemerkt
+habe, wie viel Ausdruck in den Augenbraunen liege, quanta pars animi
+5) sich in ihnen zeige. Vielleicht, daß sie ihn auch auf das Haar
+mehr Fleiß zu wenden bewegte, um das einigermaßen auszudrücken, was
+Homer ambrosisches Haar nennet. Denn es ist gewiß, daß die alten
+Künstler vor dem Phidias das Sprechende und Bedeutende der Mienen
+wenig verstanden, und besonders das Haar sehr vernachlässiget hatten.
+Noch Myron war in beiden Stücken tadelhaft, wie Plinius anmerkt 6),
+und nach ebendemselben war Pythagoras Leontinus der erste, der sich
+durch ein zierliches Haar hervortat 7). Was Phidias aus dem Homer
+lernte, lernten die andern Künstler aus den Werken des Phidias.
+
+{5. Plinius lib. XI. sect. 51. p. 616. Edit. Hard.}
+
+{6. Idem lib. XXXIV. sect. 19. p. 651. Ipse tamen corporum tenus
+curiosus, animi sensus non expressisse videtur, capillum quoque et
+pubem non emendatius fecisse, quam rudis antiquitas instituisset.}
+
+{7. Ibid. Hic primus nervos et venas expressit, capillumque
+diligentius.}
+
+Ich will noch ein Beispiel dieser Art anführen, welches mich allezeit
+sehr vergnügt hat. Man erinnere sich, was Hogarth über den Apollo zu
+Belvedere anmerkt 8). "Dieser Apollo", sagt er, "und der Antinous
+sind beide in ebendemselben Palaste zu Rom zu sehen. Wenn aber
+Antinous den Zuschauer mit Verwunderung erfüllet, so setzet ihn der
+Apollo in Erstaunen; und zwar, wie sich die Reisenden ausdrücken,
+durch einen Anblick, welcher etwas mehr als Menschliches zeiget,
+welches sie gemeiniglich gar nicht zu beschreiben imstande sind. Und
+diese Wirkung ist, sagen sie, um desto bewundernswürdiger, da, wenn
+man es untersucht, das Unproportionierliche daran auch einem gemeinen
+Auge klar ist. Einer der besten Bildhauer, welche wir in England
+haben, der neulich dahin reisete, diese Bildsäule zu sehen,
+bekräftigte mir das, was itzo gesagt worden, besonders, daß die Füße
+und Schenkel, in Ansehung der obern Teile, zu lang und zu breit sind.
+Und Andreas Sacchi, einer der größten italienischen Maler, scheinet
+eben dieser Meinung gewesen zu sein, sonst würde er schwerlich (in
+einem berühmten Gemälde, welches itzo in England ist) seinem Apollo,
+wie er den Tonkünstler Pasquilini krönet, das völlige Verhältnis des
+Antinous gegeben haben, da er übrigens wirklich eine Kopie von dem
+Apollo zu sein scheinet. Ob wir gleich an sehr großen Werken oft
+sehen, daß ein geringerer Teil aus der Acht gelassen worden, so kann
+dieses doch hier der Fall nicht sein; denn an einer schönen Bildsäule
+ist ein richtiges Verhältnis eine von ihren wesentlichen Schönheiten.
+Daher ist zu schließen, daß diese Glieder mit Fleiß müssen sein
+verlängert worden, sonst würde es leicht haben können vermieden
+werden. Wenn wir also die Schönheiten dieser Figur durch und durch
+untersuchen, so werden wir mit Grunde urteilen, daß das, was man
+bisher für unbeschreiblich vortrefflich an ihrem allgemeinen Anblicke
+gehalten, von dem hergerühret hat, was ein Fehler in einem Teile
+derselben zu sein geschienen."--Alles dieses ist sehr einleuchtend;
+und schon Homer, füge ich hinzu, hat es empfunden und angedeutet, daß
+es ein erhabenes Ansehen gibt, welches bloß aus diesem Zusatze von
+Größe in den Abmessungen der Füße und Schenkel entspringet. Denn
+wenn Antenor die Gestalt des Ulysses mit der Gestalt des Menelaus
+vergleichen will, so läßt er ihn sagen 9):
+
+{8. "Zergliederung der Schönheit". S. 47. Berl. Ausg.}
+
+{9. Iliad. G. 210. 211.}
+
+ Stantwn men MenelaoV upeirecen eureaV wmouV,
+ Amjw d' ezomenw, gerarwteroV hen OdusseuV.
+
+
+"Wann beide standen, ragte Menelaus mit den breiten Schultern hoch
+hervor; wann aber beide saßen, war Ulysses der Ansehnlichere." Da
+Ulysses also das Ansehen im Sitzen gewann, welches Menelaus im Sitzen
+verlor, so ist das VerhÄltnis leicht zu bestimmen, welches beider
+Oberleib zu den FÜßen und Schenkeln gehabt. Ulysses hatte einen
+Zusatz von GrÖße in den Proportionen des erstern, Menelaus in den
+Proportionen der letztern.
+
+
+
+XXIII.
+
+
+Ein einziger unschicklicher Teil kann die übereinstimmende Wirkung
+vieler zur Schönheit stören. Doch wird der Gegenstand darum noch
+nicht häßlich. Auch die Häßlichkeit erfodert mehrere unschickliche
+Teile, die wir ebenfalls auf einmal müssen übersehen können, wenn wir
+dabei das Gegenteil von dem empfinden sollen, was uns die Schönheit
+empfinden läßt.
+
+Sonach würde auch die Häßlichkeit, ihrem Wesen nach, kein Vorwurf der
+Poesie sein können; und dennoch hat Homer die äußerste Häßlichkeit in
+dem Thersites geschildert, und sie nach ihren Teilen nebeneinander
+geschildert. Warum war ihm bei der Häßlichkeit vergönnet, was er bei
+der Schönheit so einsichtsvoll sich selbst untersagte? Wird die
+Wirkung der Häßlichkeit, durch die aufeinanderfolgende Enumeration
+ihrer Elemente, nicht ebensowohl gehindert, als die Wirkung der
+Schönheit durch die ähnliche Enumeration ihrer Elemente vereitelt
+wird?
+
+Allerdings wird sie das; aber hierin liegt auch die Rechtfertigung
+des Homers. Eben weil die Häßlichkeit in der Schilderung des
+Dichters zu einer minder widerwärtigen Erscheinung körperlicher
+Unvollkommenheiten wird, und gleichsam, von der Seite ihrer Wirkung,
+Häßlichkeit zu sein aufhöret, wird sie dem Dichter brauchbar; und was
+er vor sich selbst nicht nutzen kann, nutzt er als ein Ingrediens, um
+gewisse vermischte Empfindungen hervorzubringen und zu verstärken,
+mit welchen er uns, in Ermangelung rein angenehmer Empfindungen,
+unterhalten muß.
+
+Diese vermischte Empfindungen sind das Lächerliche, und das
+Schreckliche.
+
+Homer macht den Thersites häßlich, um ihn lächerlich zu machen. Er
+wird aber nicht durch seine bloße Häßlichkeit lächerlich; denn
+Häßlichkeit ist Unvollkommenheit, und zu dem Lächerlichen wird ein
+Kontrast von Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten erfodert 1).
+Dieses ist die Erklärung meines Freundes, zu der ich hinzusetzen
+möchte, daß dieser Kontrast nicht zu krall und zu schneidend sein muß,
+daß die Opposita, um in der Sprache der Maler fortzufahren, von der
+Art sein müssen, daß sie sich ineinander verschmelzen lassen. Der
+weise und rechtschaffene Aesop wird dadurch, daß man ihm die
+Häßlichkeit des Thersites gegeben, nicht lächerlich. Es war eine
+alberne Mönchsfratze, das Geloion seiner lehrreichen Märchen,
+vermittelst der Ungestaltheit auch in seine Person verlegen zu wollen.
+Denn ein mißgebildeter Körper und eine schöne Seele sind wie Öl und
+Essig, die, wenn man sie schon ineinander schlägt, für den Geschmack
+doch immer getrennet bleiben. Sie gewähren kein Drittes; der Körper
+erweckt Verdruß, die Seele Wohlgefallen; jedes das seine für sich.
+Nur wenn der mißgebildete Körper zugleich gebrechlich und kränklich
+ist, wenn er die Seele in ihren Wirkungen hindert, wenn er die Quelle
+nachteiliger Vorurteile gegen sie wird: alsdenn fließen Verdruß und
+Wohlgefallen ineinander; aber die neue daraus entspringende
+Erscheinung ist nicht Lachen, sondern Mitleid, und der Gegenstand,
+den wir ohne dieses nur hochgeachtet hätten, wird interessant. Der
+mißgebildete gebrechliche Pope mußte seinen Freunden weit
+interessanter sein, als der schöne und gesunde Wycherley den seinigen.
+--So wenig aber Thersites durch die bloße Häßlichkeit lächerlich wird,
+ebensowenig würde er es ohne dieselbe sein. Die Häßlichkeit; die
+Übereinstimmung dieser Häßlichkeit mit seinem Charakter; der
+Widerspruch, den beide mit der Idee machen, die er von seiner eigenen
+Wichtigkeit heget; die unschädliche, ihn allein demütigende Wirkung
+seines boshaften Geschwätzes: alles muß zusammen zu diesem Zwecke
+wirken. Der letztere Umstand ist das Ou jJartikon, welches
+Aristoteles 2) unumgänglich zu dem Lächerlichen verlanget; so wie es
+auch mein Freund zu einer notwendigen Bedingung macht, daß jener
+Kontrast von keiner Wichtigkeit sein, und uns nicht sehr
+interessieren müsse. Denn man nehme auch nur an, daß dem Thersites
+selbst seine hämische Verkleinerung des Agamemnons teurer zu stehen
+gekommen wäre, daß er sie, anstatt mit ein paar blutigen Schwielen,
+mit dem Leben bezahlen müssen: und wir würden aufhören, über ihn zu
+lachen. Denn dieses Scheusal von einem Menschen ist doch ein Mensch,
+dessen Vernichtung uns stets ein größeres Übel scheinet, als alle
+seine Gebrechen und Laster. Um die Erfahrung hiervon zu machen, lese
+man sein Ende bei dem Quintus Calaber 3). Achilles bedauert, die
+Penthesilea getötet zu haben: die Schönheit in ihrem Blute, so tapfer
+vergossen, fodert die Hochachtung und das Mitleid des Helden; und
+Hochachtung und Mitleid werden Liebe. Aber der schmähsüchtige
+Thersites macht ihm diese Liebe zu einem Verbrechen. Er eifert wider
+die Wollust, die auch den wackersten Mann zu Unsinnigkeiten verleite;
+
+{1. Philos. Schriften des Hrn. Moses Mendelssohn T. II. S. 23.}
+
+{2. De poetica cap. V.}
+
+{3. Paralipom. lib. I. v. 720-775.}
+
+ --ht' ajrona jvta tiJhsi
+ Kai pinuton per eonta.--
+
+
+Achilles ergrimmt, und ohne ein Wort zu versetzen, schlÄgt er ihn so
+unsanft zwischen Back' und Ohr, daß ihm Zähne, und Blut und Seele mit
+eins aus dem Halse stÜrzen. Zu grausam! Der jachzornige mÖrderische
+Achilles wird mir verhaßter, als der tückische knurrende Thersites;
+das Freudengeschrei, welches die Griechen über diese Tat erheben,
+beleidiget mich; ich trete auf die Seite des Diomedes, der schon das
+Schwert zucket, seinen Anverwandten an dem Mörder zu rächen: denn ich
+empfinde es, daß Thersites auch mein Anverwandter ist, ein Mensch.
+
+Gesetzt aber gar, die Verhetzungen des Thersites wären in Meuterei
+ausgebrochen, das aufrührerische Volk wäre wirklich zu Schiffe
+gegangen und hätte seine Heerführer verräterisch zurückgelassen, die
+Heerführer wären hier einem rachsüchtigen Feinde in die Hände
+gefallen, und dort hätte ein göttliches Strafgerichte über Flotte und
+Volk ein gänzliches Verderben verhangen: wie würde uns alsdenn die
+Häßlichkeit des Thersites erscheinen? Wenn unschädliche Häßlichkeit
+lächerlich werden kann, so ist schädliche Häßlichkeit allezeit
+schrecklich. Ich weiß dieses nicht besser zu erläutern, als mit ein
+paar vortrefflichen Stellen des Shakespeare: Edmund, der Bastard des
+Grafen von Gloster, im "König Lear", ist kein geringerer Bösewicht,
+als Richard, Herzog von Gloucester, der sich durch die
+abscheulichsten Verbrechen den Weg zum Throne bahnte, den er unter
+dem Namen Richard der Dritte bestieg. Aber wie kommt es, daß jener
+bei weitem nicht so viel Schaudern und Entsetzen erwecket als dieser?
+Wenn ich den Bastard sagen höre 4):
+
+{4. King Lear. Act. I. Sc. II.}
+
+ Thou, nature, art my goddess, to thy law
+ My services are bound; wherefore should I
+ Stand in the plague of custom, and permit
+ The courtesy of nations to deprive me,
+ For that I am some twelve, or fourteen moonshines
+ Lag of a brother? Why bastard? wherefore base?
+ When my dimensions are as well compact,
+ My mind as gen'rous, and my shape as true
+ As honest madam's issue? Why brand they thus
+ With base? with baseness? bastardy, base? base?
+ Who, in the lusty stealth of nature, take
+ More composition and fierce quality,
+ Than doth, within a dull, stale, tired bed,
+ Go to creating, a whole tribe of fops,
+ Got' 'tween a-sleep and wake?
+
+
+so hÖre ich einen Teufel, aber ich sehe ihn in der Gestalt eines
+Engels des Lichts. Höre ich hingegen den Grafen von Gloucester sagen
+5):
+
+{5. The life and death of Richard III. Act. I. Sc. 1.}
+
+ But I, that am not shap'd for sportive tricks
+ Nor made to court an am'rous looking-glass,
+ I, that am rudely stampt, and want love's majesty
+ To strut before a wanton, ambling nymph;
+ I, that am curtail'd of this fair proportion,
+ Cheated of feature by dissembling nature,
+ Deform'd, unfinish'd, sent before my time
+ Into this breathing world, scarce half made up,
+ And that so lamely and unfashionably,
+ That dogs bark at me, as I halt by them:
+ Why I (in this weak piping time of peace)
+ Have no delight to pass away the time;
+ Unless to spy my shadow in the sun,
+ And descant on mine own deformity.
+ And therefore, since I cannot prove a lover,
+ To entertain these fair well-spoken days,
+ I am determined, to prove a villain!
+
+
+so hÖre ich einen Teufel, und sehe einen Teufel; in einer Gestalt,
+die der Teufel allein haben sollte.
+
+
+
+XXIV.
+
+
+So nutzt der Dichter die HÄßlichkeit der Formen: welchen Gebrauch ist
+dem Maler davon zu machen vergönnet?
+
+Die Malerei, als nachahmende Fertigkeit, kann die Häßlichkeit
+ausdrÜcken; die Malerei, als schöne Kunst, will sie nicht ausdrücken.
+Als jener, gehören ihr alle sichtbare Gegenstände zu; als diese,
+schließt sie sich nur auf diejenigen sichtbaren Gegenstände ein,
+welche angenehme Empfindungen erwecken.
+
+Aber gefallen nicht auch die unangenehmen Empfindungen in der
+Nachahmung? Nicht alle. Ein scharfsinniger Kunstrichter 1) hat
+dieses bereits von dem Ekel bemerkt. "Die Vorstellungen der Furcht,"
+sagt er, "der Traurigkeit, des Schreckens, des Mitleids usw. können
+nur Unlust erregen, insoweit wir das Übel für wirklich halten. Diese
+können also durch die Erinnerung, daß es ein künstlicher Betrug sei,
+in angenehme Empfindungen aufgelöset werden. Die widrige Empfindung
+des Ekels aber erfolgt, vermöge des Gesetzes der Einbildungskraft auf
+die bloße Vorstellung in der Seele, der Gegenstand mag für wirklich
+gehalten werden, oder nicht. Was hilft's dem beleidigten Gemüte also,
+wenn sich die Kunst der Nachahmung noch so sehr verrät? Ihre Unlust
+entsprang nicht aus der Voraussetzung, daß das Übel wirklich sei,
+sondern aus der bloßen Vorstellung desselben, und diese ist wirklich
+da. Die Empfindungen des Ekels sind also allezeit Natur, niemals
+Nachahmung."
+
+{1. Briefe die neueste Literatur betreffend, T. V. S. 102.}
+
+Eben dieses gilt von der Häßlichkeit der Formen. Diese Häßlichkeit
+beleidiget unser Gesicht, widerstehet unserm Geschmacke an Ordnung
+und Übereinstimmung, und erwecket Abscheu, ohne Rücksicht auf die
+wirkliche Existenz des Gegenstandes, an welchem wir sie wahrnehmen.
+Wir mögen den Thersites weder in der Natur noch im Bilde sehen; und
+wenn schon sein Bild weniger mißfällt, so geschieht dieses doch nicht
+deswegen, weil die Häßlichkeit seiner Form in der Nachahmung
+Häßlichkeit zu sein aufhöret, sondern weil wir das Vermögen besitzen,
+von dieser Häßlichkeit zu abstrahieren, und uns bloß an der Kunst des
+Malers zu vergnügen. Aber auch dieses Vergnügen wird alle
+Augenblicke durch die Überlegung unterbrochen, wie übel die Kunst
+angewendet worden, und diese Überlegung wird selten fehlen, die
+Geringschätzung des Künstlers nach sich zu ziehen.
+
+Aristoteles gibt eine andere Ursache an 2), warum Dinge, die wir in
+der Natur mit Widerwillen erblicken, auch in der getreuesten
+Abbildung Vergnügen gewähren; die allgemeine Wißbegierde des Menschen.
+Wir freuen uns, wenn wir entweder aus der Abbildung lernen können,
+ti ekaston, was ein jedes Ding ist, oder wenn wir daraus schließen
+können, oti outoV ekeinoV, daß es dieses oder jenes ist. Allein auch
+hieraus folget, zum Besten der Häßlichkeit in der Nachahmung, nichts.
+Das Vergnügen, welches aus der Befriedigung unserer Wißbegierde
+entspringt, ist momentan, und dem Gegenstande, über welchen sie
+befriediget wird, nur zufällig; das Mißvergnügen hingegen, welches
+den Anblick der Häßlichkeit begleitet, permanent, und dem Gegenstande,
+der es erweckt, wesentlich. Wie kann also jenes diesem das
+Gleichgewicht halten? Noch weniger kann die kleine angenehme
+Beschäftigung, welche uns die Bemerkung der Ähnlichkeit macht, die
+unangenehme Wirkung der Häßlichkeit besiegen. Je genauer ich das
+häßliche Nachbild mit dem häßlichen Urbilde vergleiche, desto mehr
+stelle ich mich dieser Wirkung bloß, so daß das Vergnügen der
+Vergleichung gar bald verschwindet, und mir nichts als der widrige
+Eindruck der verdoppelten Häßlichkeit übrig bleibet. Nach den
+Beispielen, welche Aristoteles gibt, zu urteilen, scheinet es, als
+habe er auch selbst die Häßlichkeit der Formen nicht mit zu den
+mißfälligen Gegenständen rechnen wollen, die in der Nachahmung
+gefallen können. Diese Beispiele sind: reißende Tiere und Leichname.
+Reißende Tiere erregen Schrecken, wenn sie auch nicht häßlich sind;
+und dieses Schrecken, nicht ihre Häßlichkeit, ist es, was durch die
+Nachahmung in angenehme Empfindung aufgelöset wird. So auch mit den
+Leichnamen; das schärfere Gefühl des Mitleids, die schreckliche
+Erinnerung an unsere eigene Vernichtung ist es, welche uns einen
+Leichnam in der Natur zu einem widrigen Gegenstande macht; in der
+Nachahmung aber verlieret jenes Mitleid, durch die Überzeugung des
+Betrugs, das Schneidende, und von dieser fatalen Erinnerung kann uns
+ein Zusatz von schmeichelhaften Umständen entweder gänzlich abziehen,
+oder sich so unzertrennlich mit ihr vereinen, daß wir mehr
+Wünschenswürdiges als Schreckliches darin zu bemerken glauben.
+
+{2. De poetica cap. IV.}
+
+Da also die Häßlichkeit der Formen, weil die Empfindung, welche sie
+erregt, unangenehm, und doch nicht von derjenigen Art unangenehmer
+Empfindungen ist, welche sich durch die Nachahmung in angenehme
+verwandeln, an und vor sich selbst kein Vorwurf der Malerei, als
+schöner Kunst, sein kann: so käme es noch darauf an, ob sie ihr,
+nicht ebensowohl wie der Poesie, als Ingrediens, um andere
+Empfindungen zu verstärken, nützlich sein könne.
+
+Darf die Malerei, zu Erreichung des Lächerlichen und Schrecklichen,
+sich häßlicher Formen bedienen?
+
+Ich will es nicht wagen, so gradezu mit Nein hierauf zu antworten.
+Es ist unleugbar, daß unschädliche Häßlichkeit auch in der Malerei
+lächerlich werden kann; besonders wenn eine Affektation nach Reiz und
+Ansehen damit verbunden wird. Es ist ebenso unstreitig, daß
+schädliche Häßlichkeit, so wie in der Natur, also auch im Gemälde
+Schrecken erwecket; und daß jenes Lächerliche und dieses Schreckliche,
+welches schon vor sich vermischte Empfindungen sind, durch die
+Nachahmung einen neuen Grad von Anzüglichkeit und Vergnügung erlangen.
+
+Ich muß aber zu bedenken geben, daß demohngeachtet sich die Malerei
+hier nicht völlig mit der Poesie in gleichem Falle befindet. In der
+Poesie, wie ich angemerket, verlieret die Häßlichkeit der Form, durch
+die Veränderung ihrer koexistierenden Teile in sukzessive, ihre
+widrige Wirkung fast gänzlich; sie höret von dieser Seite gleichsam
+auf, Häßlichkeit zu sein, und kann sich daher mit andern
+Erscheinungen desto inniger verbinden, um eine neue besondere Wirkung
+hervorzubringen. In der Malerei hingegen hat die Häßlichkeit alle
+ihre Kräfte beisammen, und wirket nicht viel schwächer, als in der
+Natur selbst. Unschädliche Häßlichkeit kann folglich nicht wohl
+lange lächerlich bleiben; die unangenehme Empfindung gewinnet die
+Oberhand, und was in den ersten Augenblicken possierlich war, wird in
+der Folge bloß abscheulich. Nicht anders gehet es mit der
+schädlichen Häßlichkeit; das Schreckliche verliert sich nach und nach,
+und das Unförmliche bleibt allein und unveränderlich zurück.
+
+Dieses überlegt, hatte der Graf Caylus vollkommen recht, die Episode
+des Thersites aus der Reihe seiner Homerischen Gemälde wegzulassen.
+Aber hat man darum auch recht, sie aus dem Homer selbst
+wegzuwünschen? Ich finde ungern, daß ein Gelehrter, von sonst sehr
+richtigem und feinem Geschmacke, dieser Meinung ist 3). Ich verspare
+es auf einen andern Ort, mich weitläufiger darüber zu erklären.
+
+{3. Klotzii epistolae Homericae, p. 32. et seq.}
+
+
+
+XXV.
+
+
+Auch der zweite Unterschied, welchen der angeführte Kunstrichter
+zwischen dem Ekel und andern unangenehmen Leidenschaften der Seele
+findet, äußert sich bei der Unlust, welche die Häßlichkeit der Formen
+in uns erwecket.
+
+"Andere unangenehme Leidenschaften", sagte er 1), "können auch außer
+der Nachahmung, in der Natur selbst, dem Gemüte öfters schmeicheln,
+indem sie niemals reine Unlust erregen, sondern ihre Bitterkeit
+allezeit mit Wollust vermischen. Unsere Furcht ist selten von aller
+Hoffnung entblößt; der Schrecken belebt alle unsere Kräfte, der
+Gefahr auszuweichen; der Zorn ist mit der Begierde sich zu rächen,
+die Traurigkeit mit der angenehmen Vorstellung der vorigen
+Glückseligkeit verknüpft, und das Mitleiden ist von den zärtlichen
+Empfindungen der Liebe und Zuneigung unzertrennlich. Die Seele hat
+die Freiheit, sich bald bei dem vergnüglichen, bald bei dem widrigen
+Teile einer Leidenschaft zu verweilen, und sich eine Vermischung von
+Lust und Unlust selbst zu schaffen, die reizender ist, als das
+lauterste Vergnügen. Es braucht nur sehr wenig Achtsamkeit auf sich
+selber, um dieses vielfältig beobachtet zu haben; und woher käme es
+denn sonst, daß dem Zornigen sein Zorn, dem Traurigen seine Unmut
+lieber ist, als alle freudige Vorstellungen, dadurch man ihn zu
+beruhigen gedenket? Ganz anders aber verhält es sich mit dem Ekel
+und den ihm verwandten Empfindungen. Die Seele erkennet in demselben
+keine merkliche Vermischung von Lust. Das Mißvergnügen gewinnet die
+Oberhand, und daher ist kein Zustand, weder in der Natur noch in der
+Nachahmung, zu erdenken, in welchem das Gemüt nicht von diesen
+Vorstellungen mit Widerwillen zurückweichen sollte."
+
+{1. Klotzii epistolae Homericae, p. 103.}
+
+Vollkommen richtig; aber da der Kunstrichter selbst, noch andere mit
+dem Ekel verwandten Empfindungen erkennet, die gleichfalls nichts als
+Unlust gewähren, welche kann ihm näher verwandt sein, als die
+Empfindung des Häßlichen in den Formen? Auch diese ist in der Natur
+ohne die geringste Mischung von Lust; und da sie deren ebensowenig
+durch die Nachahmung fähig wird, so ist auch von ihr kein Zustand zu
+erdenken, in welchem das Gemüt von ihrer Vorstellung nicht mit
+Widerwillen zurückweichen sollte.
+
+Ja dieser Widerwille, wenn ich anders mein Gefühl sorgfältig genug
+untersucht habe, ist gänzlich von der Natur des Ekels. Die
+Empfindung, welche die Häßlichkeit der Form begleitet, ist Ekel, nur
+in einem geringern Grade. Dieses streitet zwar mit einer andern
+Anmerkung des Kunstrichters, nach welcher er nur die allerdunkelsten
+Sinne, den Geschmack, den Geruch und das Gefühl, dem Ekel ausgesetzet
+zu sein glaubet. "Jene beide" sagt er, "durch eine übermäßige
+Süßigkeit, und dieses durch eine allzugroße Weichheit der Körper, die
+den berührenden Fibern nicht genugsam widerstehen. Diese Gegenstände
+werden sodann auch dem Gesichte unerträglich, aber bloß durch die
+Assoziation der Begriffe, indem wir uns des Widerwillens erinnern,
+den sie dem Geschmacke, dem Geruche oder dem Gefühle verursachen.
+Denn eigentlich zu reden, gibt es keine Gegenstände des Ekels für das
+Gesicht." Doch mich dünkt, es lassen sich dergleichen allerdings
+nennen. Ein Feuermal in dem Gesichte, eine Hasenscharte, eine
+gepletschte Nase mit vorragenden Löchern, ein gänzlicher Mangel der
+Augenbraunen, sind Häßlichkeiten, die weder dem Geruche, noch dem
+Geschmacke, noch dem Gefühle zuwider sein können. Gleichwohl ist es
+gewiß, daß wir etwas dabei empfinden, welches dem Ekel schon viel
+näher kömmt, als das, was uns andere Unförmlichkeiten des Körpers,
+ein krummer Fuß, ein hoher Rücken, empfinden lassen; je zärtlicher
+das Temperament ist, desto mehr werden wir von den Bewegungen in dem
+Körper dabei fühlen, welche vor dem Erbrechen vorhergehen. Nur daß
+diese Bewegungen sich sehr bald wieder verlieren, und schwerlich ein
+wirkliches Erbrechen erfolgen kann; wovon man allerdings die Ursache
+darin zu suchen hat, daß es Gegenstände des Gesichts sind, welches in
+ihnen, und mit ihnen zugleich, eine Menge Realitäten wahrnimmt, durch
+deren angenehme Vorstellungen jene unangenehme so geschwächt und
+verdunkelt wird, daß sie keinen merklichen Einfluß auf den Körper
+haben kann. Die dunkeln Sinne hingegen, der Geschmack, der Geruch,
+das Gefühl, können dergleichen Realitäten, indem sie von etwas
+Widerwärtigem gerühret werden, nicht mitbemerken; das Widerwärtige
+wirkt folglich allein und in seiner ganzen Stärke, und kann nicht
+anders als auch in dem Körper von einer weit heftigern Erschütterung
+begleitet sein.
+
+Übrigens verhält sich auch zur Nachahmung das Ekelhafte vollkommen so,
+wie das Häßliche. Ja, da seine unangenehme Wirkung die heftigere
+ist, so kann es noch weniger als das Häßliche an und vor sich selbst
+ein Gegenstand weder der Poesie, noch der Malerei werden. Nur weil
+es ebenfalls durch den wörtlichen Ausdruck sehr gemildert wird,
+getrauete ich mich doch wohl zu behaupten, daß der Dichter,
+wenigstens einige ekelhafte Züge als ein Ingrediens zu den nämlichen
+vermischten Empfindungen brauchen könne, die er durch das Häßliche
+mit so gutem Erfolge verstärket.
+
+Das Ekelhafte kann das Lächerliche vermehren; oder Vorstellungen der
+Würde, des Anstandes, mit dem Ekelhaften in Kontrast gesetzet, werden
+lächerlich. Exempel hiervon lassen sich bei dem Aristophanes in
+Menge finden. Das Wiesel fällt mir ein, welches den guten Sokrates
+in seinen astronomischen Beschauungen unterbrach 2).
+
+{2. Nubes v. 169-174.}
+
+ MAQ. Prwhn de ge gnwmhn megalhn ajhreJh
+ Up' askalabwtou. STR. Tina tropon; kateipe moi.
+ MAQ. ZhtountoV autou thV selhnhV tas odouV
+ Kai taV perijoraV, eit' anw kechnotoV
+ Apo thV orojhV nuktwr galewthV katecesen.
+ STR. HsJhn galewth katacesanti SwkratouV.
+
+
+Man lasse es nicht ekelhaft sein, was ihm in den offenen Mund fÄllt,
+und das Lächerliche ist verschwunden. Die drolligsten ZÜge von
+dieser Art hat die hottentottische Erzählung: Tquassouw und
+Knonmquaiha, in dem "Kenner", einer englischen Wochenschrift voller
+Laune, die man dem Lord Chesterfield zuschreibet. Man weiß, wie
+schmutzig die Hottentotten sind; und wie vieles sie für schÖn und
+zierlich und heilig halten, was uns Ekel und Abscheu erwecket. Ein
+gequetschter Knorpel von Nase, schlappe bis auf den Nabel
+herabhängende Brüste, den ganzen Körper mit einer Schminke aus
+Ziegenfett und Ruß an der Sonne durchbeizet, die Haarlocken von
+Schmer triefend, Füße und Arme mit frischem Gedärme umwunden: dies
+denke man sich an dem Gegenstande einer feurigen, ehrfurchtsvollen,
+zärtlichen Liebe; dies höre man in der edeln Sprache des Ernstes und
+der Bewunderung ausgedrückt, und enthalte sich des Lachens 3)!
+
+{3. The Connoisseur, Vol. I. No. 21. Von der Schönheit der
+Knonmquaiha heißt es: He was struck with the glossy hue of her
+complexion, which shone like the jetty down on the black hogs of
+Hessaqua; he was ravished with the prest gristle of her nose; and his
+eys dwelt with admiration on the flaccid beauties of her breasts,
+which descended to her navel. Und was trug die Kunst bei, so viel
+Reize in ihr vorteilhaftes Licht zu setzen? She made a varnish of
+the fat of goats mixed with soot, with which she anointed her whole
+body, as she stood beneath the rays of the sun; her locks were
+clotted with melted grease, and powdered with the yellow dust of
+Buchu; her face, which shone like the polished ebony, was beautifully
+varied with spots of red earth, and appeared like the sable curtain
+of the night bespangled with stars: she sprinkled her limbs with
+woodashes, and perfumed them with the dung of Stinkbingsem. Her arms
+and legs were entwined with the shining entrails of an heifer: from
+her neck there hung a pouch composed of the stomach of a kid: the
+wings of an ostrich overshadowed the fleshy promontories behind; and
+before she wore an apron formed of the shaggy ears of a lion. Ich
+füge noch die Zeremonie der Zusammengebung des verliebten Paares
+hinzu: The Surri or chief priest approached them, and in a deep voice
+chanted the nuptial rites to the melodious grumbling of the Gom-Gom;
+and at the same time (according to the manner of Caffraria) bedewed
+them plentifully with the urinary benediction. The bride and
+bridegroom rubbed in the precious stream with extasy, while the briny
+drops trikled from their bodies; like the oozy surge from the rocks
+of Chirigriqua.}
+
+Mit dem Schrecklichen scheinet sich das Ekelhafte noch inniger
+vermischen zu können. Was wir das Gräßliche nennen, ist nichts als
+ein ekelhaftes Schreckliche. Dem Longin 4) mißfällt zwar in dem
+Bilde der Traurigkeit beim Hesiodus 5) das ThV ek men rinvn muxai
+reon; doch mich dünkt, nicht sowohl weil es ein ekler Zug ist, als
+weil es ein bloß ekler Zug ist, der zum Schrecklichen nichts beiträgt.
+Denn die langen über die Finger hervorragenden Nägel (makroi d'
+onuceV ceiressin uphsan) scheinet er nicht tadeln zu wollen.
+Gleichwohl sind lange Nägel nicht viel weniger ekel, als eine
+fließende Nase. Aber die langen Nägel sind zugleich schrecklich;
+denn sie sind es, welche die Wangen zerfleischen, daß das Blut davon
+auf die Erde rinnet:
+
+{4. Peri uyouV, tmhma h, p. 18. edit. T. Fabri.}
+
+{5. Scut. Hercul. v. 266.}
+
+ --ek de pareivn
+ Aim' apeleibet' eraze--
+
+
+Hingegen eine fließende Nase, ist weiter nichts als eine fließende
+Nase; und ich rate der Traurigkeit nur, das Maul zuzumachen. Man
+lese bei dem Sophokles die Beschreibung der Öden Höhle des
+unglÜcklichen Philoktet. Da ist nichts von Lebensmitteln, nichts von
+Bequemlichkeiten zu sehen; außer eine zertretene Streu von dürren
+BlÄttern, ein unförmlicher hölzerner Becher, ein Feuergerät. Der
+ganze Reichtum des kranken verlassenen Mannes! Womit vollendet der
+Dichter dieses traurige fürchterliche Gemälde. Mit einem Zusatze von
+Ekel. "Ha!" fährt Neoptolem auf einmal zusammen, "hier trockenen
+zerrissene Lappen voll Blut und Eiter 6)!"
+
+{6. Philoct. v. 31-39.}
+
+ NE. Orv kenhn oikhsin anJrwpwn dica.
+ OD. Oud' endon oikopoioV esti tiV trojh;
+ NE. Steipth ge jullaV wV enaulizonti tw.
+ OD. Ta d' all' erhma, kouden esJ' upostegon;
+ NE. Autoxulon g' ekpwma, jaulourgou tinoV
+ Tecnhmat' androV, kai purei' omou tade.
+ OD. Keinou to Jhsaurisma shmaineiV tode.
+ NE. Iou, iou· kai tauta g' alla Jalpetai
+ Rakh, bareiaV tou noshleiaV plea.
+
+
+So wird auch beim Homer der geschleifte Hektor, durch das von Blut
+und Staub entstellte Gesicht, und zusammenverklebte Haar,
+
+ Squallentem barbam et concretos sanguine crines,
+
+(wie es Virgil ausdrÜckt 7)) ein ekler Gegenstand, aber eben dadurch
+um so viel schrecklicher, um so viel rührender. Wer kann die Strafe
+des Marsyas, beim Ovid, sich ohne Empfindung des Ekels denken 8)?
+
+{7. Aeneid. lib. II. v. 277.}
+
+{8. Metamorph. VI. v. 387.}
+
+ Clamanti cutis est summos derepta per artus:
+ Nec quidquam, nisi vulnus erat: cruor undique manat:
+ Detectique patent nervi: trepidaeque sine ulla
+ Pelle micant venae: salientia viscera possis,
+ Et perlucentes numerare in pectore fibras.
+
+
+Aber wer empfindet auch nicht, daß das Ekelhafte hier an seiner
+Stelle ist? Es macht das Schreckliche grÄßlich; und das Gräßliche
+ist selbst in der Natur, wenn unser Mitleid dabei interessieret wird,
+nicht ganz unangenehm; wie viel weniger in der Nachahmung? Ich will
+die Exempel nicht häufen. Doch dieses muß ich noch anmerken, daß es
+eine Art von Schrecklichem gibt, zu dem der Weg dem Dichter fast
+einzig und allein durch das Ekelhafte offen stehet. Es ist das
+Schreckliche des Hungers. Selbst im gemeinen Leben drÜcken wir die
+äußerste Hungersnot nicht anders als durch die Erzählungen aller der
+unnahrhaften, ungesunden und besonders ekeln Dinge aus, mit welchen
+der Magen befriediget werden müssen. Da die Nachahmung nichts von
+dem Gefühle des Hungers selbst in uns erregen kann, so nimmt sie zu
+einem andern unangenehmen Gefühle ihre Zuflucht, welches wir im Falle
+des empfindlichsten Hungers für das kleinere Übel erkennen. Dieses
+sucht sie zu erregen, um uns aus der Unlust desselben schließen zu
+lassen, wie stark jene Unlust sein müsse, bei der wir die
+gegenwärtige gern aus der Acht schlagen würden. Ovid sagt von der
+Oreade, welche Ceres an den Hunger abschickte 9):
+
+{9. Ibid. lib. VIII. v. 809.}
+
+ Hanc (famem) procul ut vidit--
+ --refert mandata deae; paulumque morata,
+ Quanquam aberat longe, quanquam modo venerat illuc,
+ Visa tamen sensisse famem--
+
+
+Eine unnatÜrliche Übertreibung! Der Anblick eines Hungrigen, und
+wenn es auch der Hunger selbst wÄre, hat diese ansteckende Kraft
+nicht; Erbarmen, und Greul, und Ekel, kann er empfinden lassen, aber
+keinen Hunger. Diesen Greul hat Ovid in dem Gemälde der Fames nicht
+gesparet, und in dem Hunger des Eresichthons sind, sowohl bei ihm,
+als bei dem Kallimachus 10), die ekelhaften Züge die stärksten.
+Nachdem Eresichthon alles aufgezehret, und auch der Opferkuh nicht
+verschonet hatte, die seine Mutter der Vesta auffütterte, läßt ihn
+Kallimachus über Pferde und Katzen herfallen, und auf den Straßen die
+Brocken und schmutzigen Überbleibsel von fremden Tischen betteln:
+
+{10. Hym. in Cererem. v. 109-116.}
+
+ Kai tan bvn ejagen, tan Estia etreje mathr,
+ Kai ton aeJlojoron kai ton polemhion ippon,
+ Kai tan ailouron, tan etreme Jeria mikka--
+ Kai toJ' o tv basilhoV eni triodoisi kaJhsto
+ Aitizwn akolwV te kai ekbola lumata daitoV--
+
+
+Und Ovid lÄßt ihn zuletzt die Zähne in seine eigene Glieder setzen,
+um seinen Leib mit seinem Leibe zu nähren.
+
+ Vis tamen illa mali postquam consumserat omnem
+ Materiam--
+ Ipse suos artus lacero divellere morsu
+ Coepit; et infelix minuendo corpus alebat.
+
+
+Nur darum waren die hÄßlichen Harpyen so stinkend, so unflätig, daß
+der Hunger, welchen ihre EntfÜhrung der Speisen bewirken sollte,
+desto schrecklicher würde. Man hÖre die Klage des Phineus, beim
+Apollonius 11):
+
+{11. Argonaut. lib. II. v. 228-233.}
+
+ TutJon d' hn ara dh pot' edhtuoV ammi lipwsi,
+ Pnei tode mudaleon te kai ou tlhton menoV odmhV.
+ Ou ke tiV oude minunJa brotvn anscoito pelassaV,
+ Oud' ei oi adamantoV elhlamenon kear eih.
+ Alla me pikrh dhta ke daitoV episcei anagkh
+ Mimnein, kai mimnonta kakh en gasteri JesJai.
+
+
+Ich mÖchte gern aus diesem Gesichtspunkte die ekele EinfÜhrung der
+Harpyen beim Virgil entschuldigen; aber es ist kein wirklicher
+gegenwÄrtiger Hunger, den sie verursachen, sondern nur ein
+instehender, den sie prophezeien; und noch dazu löset sich die ganze
+Prophezeiung endlich in ein Wortspiel auf. Auch Dante bereitet uns
+nicht nur auf die Geschichte von der Verhungerung des Ugolino, durch
+die ekelhafteste, gräßlichste Stellung, in die er ihn mit seinem
+ehemaligen Verfolger in der Hölle setzet; sondern auch die
+Verhungerung selbst ist nicht ohne Züge des Ekels, der uns besonders
+da sehr merklich überfällt, wo sich die Söhne dem Vater zur Speise
+anbieten. In der Note will ich noch eine Stelle aus einem
+Schauspiele von Beaumont und Fletcher anführen, die statt aller
+andern Beispiele hätte sein können, wenn ich sie nicht für ein wenig
+zu übertrieben erkennen müßte 12).
+
+{12. The Sea-Voyage Act. III. Sc. 1. Ein französischer Seeräuber
+wird mit seinem Schiffe an eine wüste Insel verschlagen. Habsucht
+und Neid entzweien seine Leute und schaffen ein paar Elenden, welche
+auf dieser Insel geraume Zeit der äußersten Not ausgesetzt gewesen,
+Gelegenheit, mit dem Schiffe in die See zu stechen. Alles Vorrates
+an Lebensmitteln sonach auf einmal beraubet, sehen jene Nichtswürdige
+gar bald den schmählichsten Tod vor Augen, und einer drückt gegen den
+andern seinen Hunger und seine Verzweiflung folgendergestalt aus:
+
+ Lamure.
+ Oh, what a tempest have I in my stomach!
+ How my empty guts cry out! My wounds ake,
+ Would they would bleed again, that I might get
+ Something to quench my thirst.
+
+ Franville.
+ O Lamure, the happiness my dogs had
+ When I kept house at home! They had a storehouse,
+ A storehouse of most blessed bones and crusts,
+ Happy crusts. Oh, how sharp hunger pinches me!--
+
+ Franville.
+ How now, what news?
+
+ Morillat.
+ Hast any meat yet?
+
+ Franville.
+ Not a bit that I can see;
+ Here be goodly quarries, but they be cruel hard
+ To gnaw: I ha' got some mud, we'll eat it with spoons,
+ Very good thick mud; bot it stinks damnably,
+ There's old rotten trunks of trees too,
+ Bot not a leaf nor blossom in all the island.
+
+ Lamure.
+ How it looks!
+
+ Morillat.
+ It stinks too.
+
+ Lamure.
+ It may be poison.
+
+ Franville.
+ Let it be any thing;
+ So I can get it down. Why man,
+ Poison's a princely dish.
+
+ Morillat.
+ Hast thou no bisket?
+ No crumbs left in thy pocket? Here is my doublet,
+ Give me but three small crumbs.
+
+ Franville.
+ Not for three kingdoms,
+ If I were master of 'em. Oh, Lamure,
+ But one poor joint of mutton, we ha' scorn'd, man.
+
+ Lamure.
+ Thou speak'st of paradise;
+ Or but the snuffs of those healths,
+ We have lewdly at midnight flang away.
+
+ Morillat.
+ Ah! but to lick the glasses.
+
+Doch alles dieses ist noch nichts gegen den folgenden Auftritt, wo
+der Schiffschirurgus dazu kommt.
+
+ Franville.
+ Here comes the surgeon. What
+ Hast thou discover'd? Smile, smile and comfort us.
+
+ Surgeon.
+ I am expiring,
+ Smile they that can. I can find nothing, gentlemen,
+ Here 's nothing can be meat, without a miracle
+ Oh that I had my boxes and my lints now,
+ My stupes, my tents, and those sweet helps of nature,
+ What dainty dishes could I make of 'em.
+
+ Morillat.
+ Hast ne'er an old suppository?
+
+ Surgeon.
+ Oh would I had, sir.
+
+ Lamure.
+ Or but the paper where such a cordial
+ Potion, or pills hath been entomb'd?
+
+ Franville.
+ Or the best bladder where a cooling-glister.
+
+ Morillat.
+ Hast thou no searcloths left?
+ Nor any old pultesses?
+
+ Franville.
+ We care not to what it hath been ministred.
+
+ Surgeon.
+ Sure I have none of these dainties, gentlemen.
+
+ Franville.
+ Where's the great wen
+ Thou cut'st from Hugh the sailor's shoulder?
+ That would serve now for a most princely banquet.
+
+ Surgeon.
+ Ay if we had it, gentlemen.
+ I flung it over-bord, slave that I was.
+
+ Lamure.
+ A most improvident villain.}
+
+Ich komme auf die ekelhaften GegenstÄnde in der Malerei. Wenn es
+auch schon ganz unstreitig wäre, daß es eigentlich gar keine
+ekelhafte Gegenstände fÜr das Gesicht gäbe, von welchen es sich von
+sich selbst verstünde, daß die Malerei, als schÖne Kunst, ihrer
+entsagen würde: so müßte sie dennoch die ekelhaften Gegenstände
+überhaupt vermeiden, weil die Verbindung der Begriffe sie auch dem
+Gesichte ekel macht. Pordenone läßt, in einem Gemälde von dem
+Begräbnisse Christi, einen von den Anwesenden die Nase sich zuhalten.
+Richardson mißbilliget dieses deswegen 13), weil Christus noch nicht
+so lange tot gewesen, daß sein Leichnam in Fäulung übergehen können.
+Bei der Auferweckung des Lazarus hingegen, glaubt er, sei es dem
+Maler erlaubt, von den Umstehenden einige so zu zeigen, weil es die
+Geschichte ausdrücklich sage, daß sein Körper schon gerochen habe.
+Mich dünkt diese Vorstellung auch hier unerträglich; denn nicht bloß
+der wirkliche Gestank, auch schon die Idee des Gestankes erwecket
+Ekel. Wir fliehen stinkende Orte, wenn wir schon den Schnupfen haben.
+Doch die Malerei will das Ekelhafte, nicht des Ekelhaften wegen;
+sie will es, so wie die Poesie, um das Lächerliche und Schreckliche
+dadurch zu verstärken. Auf ihre Gefahr! Was ich aber von dem
+Häßlichen in diesem Falle angemerkt habe, gilt von dem Ekelhaften um
+so viel mehr. Es verlieret in einer sichtbaren Nachahmung von seiner
+Wirkung ungleich weniger, als in einer hörbaren; es kann sich also
+auch dort mit den Bestandteilen des Lächerlichen und Schrecklichen
+weniger innig vermischen, als hier; sobald die Überraschung vorbei,
+sobald der erste gierige Blick gesättiget, trennet es sich wiederum
+gänzlich, und liegt in seiner eigenen kruden Gestalt da.
+
+{13. Richardson de la peinture T. I. p. 74.}
+
+
+
+XXVI.
+
+
+Des Herrn Winckelmanns "Geschichte der Kunst des Altertums" ist
+erschienen. Ich wage keinen Schritt weiter, ohne dieses Werk gelesen
+zu haben. Bloß aus allgemeinen Begriffen über die Kunst vernünfteln,
+kann zu Grillen verführen, die man über lang oder kurz, zu seiner
+Beschämung, in den Werken der Kunst widerlegt findet. Auch die Alten
+kannten die Bande, welche die Malerei und Poesie miteinander
+verknüpfen, und sie werden sie nicht enger zugezogen haben, als es
+beiden zuträglich ist. Was ihre Künstler getan, wird mich lehren,
+was die Künstler überhaupt tun sollen; und wo so ein Mann die Fackel
+der Geschichte vorträgt, kann die Spekulation kühnlich nachtreten.
+
+Man pfleget in einem wichtigen Werke zu blättern, ehe man es
+ernstlich zu lesen anfängt. Meine Neugierde war, vor allen Dingen
+des Verfassers Meinung von dem Laokoon zu wissen; nicht zwar von der
+Kunst des Werkes, über welche er sich schon anderwärts erkläret hat,
+als nur von dem Alter desselben. Wem tritt er darüber bei? Denen,
+welchen Virgil die Gruppe vor Augen gehabt zu haben scheinet? Oder
+denen, welche die Künstler dem Dichter nacharbeiten lassen?
+
+Es ist sehr nach meinem Geschmacke, daß er von einer gegenseitigem
+Nachahmung gänzlich schweiget. Wo ist die absolute Notwendigkeit
+derselben? Es ist gar nicht unmöglich, daß die Ähnlichkeiten, die
+ich oben zwischen dem poetischen Gemälde und dem Kunstwerke in
+Erwägung gezogen habe, zufällige und nicht vorsätzliche Ähnlichkeiten
+sind; und daß das eine so wenig das Vorbild des andern gewesen, daß
+sie auch nicht einmal beide einerlei Vorbild gehabt zu haben brauchen.
+Hätte indes auch ihn ein Schein dieser Nachahmung geblendet, so
+würde er sich für die erstern haben erklären müssen. Denn er nimmt
+an, daß der Laokoon aus den Zeiten sei, da sich die Kunst unter den
+Griechen auf dem höchsten Gipfel ihrer Vollkommenheit befunden habe,
+aus den Zeiten Alexanders des Großen.
+
+"Das gütige Schicksal", sagt er 1), "welches auch über die Künste bei
+ihrer Vertilgung noch gewachet, hat aller Welt zum Wunder ein Werk
+aus dieser Zeit der Kunst erhalten, zum Beweise von der Wahrheit der
+Geschichte von der Herrlichkeit so vieler vernichteten Meisterstücke.
+Laokoon, nebst seinen beiden Söhnen, vom Agesander, Apollodorus 2)
+und Athenodorus aus Rhodus gearbeitet, ist nach aller
+Wahrscheinlichkeit aus dieser Zeit, ob man gleich dieselbe nicht
+bestimmen, und wie einige getan haben, die Olympias, in welcher diese
+Künstler geblühet haben, angeben kann."
+
+{1. Geschichte der Kunst, S. 347.}
+
+{2. Nicht Apollodorus, sondern Polydorus. Plinius ist der einzige,
+der diese Künstler nennet, und ich wüßte nicht, daß die Handschriften
+in diesem Namen voneinander abgingen. Harduin würde es gewiß sonst
+angemerkt haben. Auch die ältern Ausgaben lesen alle Polydorus.
+Herr Winckelmann muß sich in dieser Kleinigkeit bloß verschrieben
+haben.}
+
+In einer Anmerkung setzet er hinzu: "Plinius meldet kein Wort von der
+Zeit, in welcher Agesander und die Gehilfen an seinem Werke gelebet
+haben; Maffei aber, in der Erklärung alter Statuen, hat wissen wollen,
+daß diese Künstler in der achtundachtzigsten Olympias geblühet haben,
+und auf dessen Wort haben andere, als Richardson, nachgeschrieben.
+Jener hat, wie ich glaube, einen Athenodorus unter des Polykletus
+Schülern für einen von unsern Künstlern genommen, und da Polykletus
+in der siebenundachtzigsten Olympias geblühet, so hat man seinen
+vermeinten Schüler eine Olympias später gesetzet: andere Gründe kann
+Maffei nicht haben."
+
+Er konnte ganz gewiß keine andere haben. Aber warum läßt es Herr
+Winckelmann dabei bewenden, diesen vermeinten Grund des Maffei bloß
+anzuführen? Widerlegt er sich von sich selbst? Nicht so ganz. Denn
+wenn er auch schon von keinen andern Gründen unterstützt ist, so
+macht er doch schon für sich selbst eine kleine Wahrscheinlichkeit,
+wo man nicht sonst zeigen kann, daß Athenodorus, des Polyklets
+Schüler, und Athenodorus, der Gehilfe des Agesander und Polydorus,
+unmöglich eine und ebendieselbe Person können gewesen sein. Zum
+Glücke läßt sich dieses zeigen, und zwar aus ihrem verschiedenen
+Vaterlande. Der erste Athenodorus war, nach dem ausdrücklichen
+Zeugnisse des Pausanias 3), aus Klitor in Arkadien; der andere
+hingegen, nach dem Zeugnisse des Plinius, aus Rhodus gebürtig.
+
+{3. AJhnoJvroV de kai DamiaV--outoi de ArkadeV eisin ek KleitoroV.
+Phoc. cap. 9. p. 819. Edit. Kuh.}
+
+Herr Winckelmann kann keine Absicht dabei gehabt haben, daß er das
+Vorgeben des Maffei, durch Beifügung dieses Umstandes, nicht
+unwidersprechlich widerlegen wollen. Vielmehr müssen ihm die Gründe,
+die er aus der Kunst des Werks, nach seiner unstreitigen Kenntnis,
+ziehet, von solcher Wichtigkeit geschienen haben, daß er sich
+unbekümmert gelassen, ob die Meinung des Maffei noch einige
+Wahrscheinlichkeit behalte oder nicht. Er erkennet, ohne Zweifel, in
+dem Laokoon zu viele von den argutiis 4), die dem Lysippus so eigen
+waren, mit welchen dieser Meister die Kunst zuerst bereicherte, als
+daß er ihn für ein Werk vor desselben Zeit halten sollte.
+
+{4. Plinius lib. XXXIV. sect. 19. p. 653. Edit. Hard.}
+
+Allein, wenn es erwiesen ist, daß der Laokoon nicht älter sein kann,
+als Lysippus, ist dadurch auch zugleich erwiesen, daß er ungefähr aus
+seiner Zeit sein müsse? daß er unmöglich ein weit späteres Werk sein
+könne? Damit ich die Zeiten, in welchen die Kunst in Griechenland,
+bis zum Anfange der römischen Monarchie, ihr Haupt bald wiederum
+emporhob, bald wiederum sinken ließ, übergehe: warum hätte nicht
+Laokoon die glückliche Frucht des Wetteifers sein können, welchen die
+verschwenderische Pracht der ersten Kaiser unter den Künstlern
+entzünden mußte? Warum könnten nicht Agesander und seine Gehilfen
+die Zeitverwandten eines Strongylion, eines Arcesilaus, eines
+Pasiteles, eines Posidonius, eines Diogenes sein? Wurden nicht die
+Werke auch dieser Meister zum Teil dem Besten, was die Kunst jemals
+hervorgebracht hatte, gleich geschätzet? Und wann noch ungezweifelte
+Stücke von selbigen vorhanden wären, das Alter ihrer Urheber aber
+wäre unbekannt, und ließe sich aus nichts schließen, als aus ihrer
+Kunst, welche göttliche Eingebung müßte den Kenner verwahren, daß er
+sie nicht ebensowohl in jene Zeiten setzen zu müssen glaubte, die
+Herr Winckelmann allein des Laokoons würdig zu sein achtet?
+
+Es ist wahr, Plinius bemerkt die Zeit, in welcher die Künstler des
+Laokoons gelebt haben, ausdrücklich nicht. Doch wenn ich aus dem
+Zusammenhange der ganzen Stelle schließen sollte, ob er sie mehr
+unter die alten oder unter die neuern Artisten gerechnet wissen
+wollen: so bekenne ich, daß ich für das letztere eine größere
+Wahrscheinlichkeit darin zu bemerken glaube. Man urteile.
+
+Nachdem Plinius von den ältesten und größten Meistern in der
+Bildhauerkunst, dem Phidias, dem Praxiteles, dem Skopas, etwas
+ausführlicher gesprochen, und hierauf die übrigen, besonders solche,
+von deren Werken in Rom etwas vorhanden war, ohne alle chronologische
+Ordnung namhaft gemacht: so fährt er folgendergestalt fort 5): Nec
+multo plurium fama est, quorundam claritati in operibus eximiis
+obstante numero artificum, quoniam nec unus occupat gloriam, nec
+plures pariter nuncupari possunt, sicut in Laocoonte, qui est in Titi
+Imperatoris domo, opus omnibus et picturae et statuariae artis
+praeponendum. Ex uno lapide eum et liberos draconumque mirabiles
+nexus de consilii sententia fecere summi artifices, Agesander et
+Polydorus et Athenodorus Rhodii. Similiter Palatinas domus Caesarum
+replevere probatissimis signis Craterus cum Pythodoro, Polydectes cum
+Hermolao, Pythodorus alius cum Artemone, et singularis Aphrodisius
+Trallianus. Agrippae Pantheum decoravit Diogenes Atheniensis, et
+Caryatides in columnis templi ejus probantur inter pauca operum:
+sicut in fastigio posita signa, sed propter altitudinem loci minus
+celebrata.
+
+{5. Libr. XXXVI. sect. 4. p. 730.}
+
+Von allen den Künstlern, welche in dieser Stelle genennet werden, ist
+Diogenes von Athen derjenige, dessen Zeitalter am
+unwidersprechlichsten bestimmt ist. Er hat das Pantheum des Agrippa
+ausgezieret; er hat also unter dem Augustus gelebt. Doch man erwäge
+die Worte des Plinius etwas genauer, und ich denke, man wird auch das
+Zeitalter des Kraterus und Pythodorus, des Polydektes und Hermolaus,
+des zweiten Pythodorus und Artemons, sowie des Aphrodisius Trallianus,
+ebenso unwidersprechlich bestimmt finden. Er sagt von ihnen:
+Palatinas domus Caesarum replevere probatissimis signis. Ich frage:
+kann dieses wohl nur so viel heißen, daß von ihren vortrefflichen
+Werken die Paläste der Kaiser angefüllet gewesen? In dem Verstande
+nämlich, daß die Kaiser sie überall zusammensuchen und nach Rom in
+ihre Wohnungen versetzen lassen? Gewiß nicht. Sondern sie müssen
+ihre Werke ausdrücklich für diese Paläste der Kaiser gearbeitet, sie
+müssen zu den Zeiten dieser Kaiser gelebt haben. Daß es späte
+Künstler gewesen, die nur in Italien gearbeitet, läßt sich auch schon
+daher schließen, weil man ihrer sonst nirgends gedacht findet.
+Hätten sie in Griechenland in frühern Zeiten gearbeitet, so würde
+Pausanias ein oder das andere Werk von ihnen gesehen, und ihr
+Andenken uns aufbehalten haben. Ein Pythodorus kömmt zwar bei ihm
+vor 6), allein Harduin hat sehr unrecht, ihn für den Pythodorus in
+der Stelle des Plinius zu halten. Denn Pausanias nennet die
+Bildsäule der Juno, die er von der Arbeit des erstern zu Koronea in
+Böotien sahe, agalma arcaion, welche Benennung er nur den Werken
+derjenigen Meister gibet, die in den allerersten und raschesten
+Zeiten der Kunst, lange vor einem Phidias und Praxiteles, gelebt
+hatten. Und mit Werken solcher Art werden die Kaiser gewiß nicht
+ihre Paläste ausgezieret haben. Noch weniger ist auf die andere
+Vermutung des Harduins zu achten, daß Artemon vielleicht der Maler
+gleiches Namens sei, dessen Plinius an einer andern Stelle gedenket.
+Name und Name geben nur eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit,
+derenwegen man noch lange nicht befugt ist, der natürlichen Auslegung
+einer unverfälschten Stelle Gewalt anzutun.
+
+{6. Boeotic. cap. XXXIV. p. 778. Edit. Kuhn.}
+
+Ist es aber sonach außer allem Zweifel, daß Kraterus und Pythodorus,
+daß Polydektes und Hermolaus, mit den übrigen, unter den Kaisern
+gelebet, deren Paläste sie mit ihren trefflichen Werken angefüllet:
+so dünkt mich, kann man auch denjenigen Künstlern kein ander
+Zeitalter geben, von welchen Plinius auf jene durch ein Similiter
+übergehet. Und dieses sind die Meister des Laokoon. Man überlege es
+nur: wären Agesander, Polydorus und Athenodorus so alte Meister, als
+wofür sie Herr Winckelmann hält; wie unschicklich würde ein
+Schriftsteller, dem die Präzision des Ausdruckes keine Kleinigkeit
+ist, wenn er von ihnen auf einmal auf die allerneuesten Meister
+springen müßte, diesen Sprung mit einem Gleichergestalt tun?
+
+Doch man wird einwenden, daß sich dieses Similiter nicht auf die
+Verwandtschaft in Ansehung des Zeitalters, sondern auf einen andern
+Umstand beziehe, welchen diese, in Betrachtung der Zeit so unähnliche
+Meister, miteinander gemein gehabt hätten. Plinius rede nämlich von
+solchen Künstlern, die in Gemeinschaft gearbeitet, und wegen dieser
+Gemeinschaft unbekannter geblieben wären, als sie verdienten. Denn
+da keiner sich die Ehre des gemeinschaftlichen Werks allein anmaßen
+können, alle aber, die daran teilgehabt, jederzeit zu nennen, zu
+weitläuftig gewesen wäre (quoniam nec unus occupat gloriam, nec
+plures pariter nuncupari possunt): so wären ihre sämtliche Namen
+darüber vernachlässiget worden. Dieses sei den Meistern des Laokoons,
+dieses sei so manchen andern Meistern widerfahren, welche die Kaiser
+für ihre Paläste beschäftiget hätten.
+
+Ich gebe dieses zu. Aber auch so noch ist es höchst wahrscheinlich,
+daß Plinius nur von neuern Künstlern sprechen wollen, die in
+Gemeinschaft gearbeitet. Denn hätte er auch von älteren reden wollen,
+warum hätte er nur allein der Meister des Laokoons erwähnet? Warum
+nicht auch anderer? Eines Onatas und Kalliteles; eines Timokles und
+Timarchides, oder der Söhne dieses Timarchides, von welchen ein
+gemeinschaftlich gearbeiteter Jupiter in Rom war 7). Herr
+Winckelmann sagt selbst, daß man von dergleichen älteren Werken, die
+mehr als einen Vater gehabt, ein langes Verzeichnis machen könne 8).
+Und Plinius sollte sich nur auf die einzigen Agesander, Polydorus und
+Athenodorus besonnen haben, wenn er sich nicht ausdrücklich nur auf
+die neuesten Zeiten hätte einschränken wollen?
+
+{7. Plinius lib. XXXVI. sect. 4. p. 730.}
+
+{8. Geschichte der Kunst, T. II. S. 332.}
+
+Wird übrigens eine Vermutung um so viel wahrscheinlicher, je mehrere
+und größere Unbegreiflichkeiten sich daraus erklären lassen, so ist
+es die, daß die Meister des Laokoons unter den ersten Kaisern
+geblühet haben, gewiß in einem sehr hohen Grade. Denn hätten sie in
+Griechenland zu den Zeiten, in welche sie Herr Winckelmann setzet,
+gearbeitet; hätte der Laokoon selbst in Griechenland ehedem gestanden:
+so müßte das tiefe Stillschweigen, welches die Griechen von einem
+solchen Werke (opere omnibus et picturae et statuariae artis
+praeponendo) beobachtet hätten, äußerst befremden. Es müßte äußerst
+befremden, wenn so große Meister weiter gar nichts gearbeitet hätten,
+oder wenn Pausanias von ihren übrigen Werken in ganz Griechenland
+ebensowenig wie von dem Laokoon zu sehen bekommen hätte. In Rom
+hingegen konnte das größte Meisterstück lange im Verborgenen bleiben,
+und wenn Laokoon auch bereits unter dem Augustus wäre verfertiget
+worden, so dürfte es doch gar nicht sonderbar scheinen, daß erst
+Plinius seiner gedacht, seiner zuerst und zuletzt gedacht. Denn man
+erinnere sich nur, was er von einer Venus des Skopas sagt 9), die zu
+Rom in einem Tempel des Mars stand, quemcunque alium locum
+nobilitatura. Romae quidem magnitudo operum eam obliterat, ac magni
+officiorum negotiorumque acervi omnes a contemplatione talium
+abducunt: quoniam otiosorum et in magno loci silentio apta admiratio
+talis est.
+
+{9. Plinius 1. c. p. 727.}
+
+Diejenigen, welche in der Gruppe Laokoon so gern eine Nachahmung des
+Virgilischen Laokoons sehen wollen, werden, was ich bisher gesagt,
+mit Vergnügen ergreifen. Noch fiele mir eine Mutmaßung bei, die sie
+gleichfalls nicht sehr mißbilligen dürften. Vielleicht, könnten sie
+denken, war es Asinius Pollio, der den Laokoon des Virgils durch
+griechische Künstler ausführen ließ. Pollio war ein besonderer
+Freund des Dichters, überlebte den Dichter, und scheinet sogar ein
+eigenes Werk über die Aeneis geschrieben zu haben. Denn wo sonst,
+als in einem eigenen Werke über dieses Gedicht, können so leicht die
+einzeln Anmerkungen gestanden haben, die Servius aus ihm anführt 10)?
+Zugleich war Pollio ein Liebhaber und Kenner der Kunst, besaß eine
+reiche Sammlung der trefflichsten alten Kunstwerke, ließ von
+Künstlern seiner Zeit neue fertigen, und dem Geschmacke, den er in
+seiner Wahl zeigte, war ein so kühnes Stück, als Laokoon, vollkommen
+angemessen 11): ut fuit acris vehementiae, sic quoque spectari
+monumenta sua voluit. Doch da das Kabinett des Pollio, zu den Zeiten
+des Plinius, als Laokoon in dem Palaste des Titus stand, noch ganz
+unzertrennet an einem besondern Orte beisammen gewesen zu sein
+scheinet: so möchte diese Mutmaßung von ihrer Wahrscheinlichkeit
+wiederum etwas verlieren. Und warum könnte es nicht Titus selbst
+getan haben, was wir dem Pollio zuschreiben wollen?
+
+{10. Ad ver. 7. lib. II. Aeneid. und besonders ad ver. 183 lib. XI.
+Man dürfte also wohl nicht unrecht tun, wenn man das Verzeichnis der
+verlornen Schriften dieses Mannes mit einem solchen Werke vermehrte.}
+
+{11. Plinius lib. XXXVI. sect. 4. p. 729.}
+
+
+
+XXVII.
+
+
+Ich werde in meiner Meinung, daß die Meister des Laokoons unter den
+ersten Kaisern gearbeitet haben, wenigstens so alt gewiß nicht sein
+können, als sie Herr Winckelmann ausgibt, durch eine kleine Nachricht
+bestärket, die er selbst zuerst bekannt macht. Sie ist diese 1):
+
+{1. Geschichte der Kunst, T. II. S. 347.}
+
+"Zu Nettuno, ehemals Antium, hat der Herr Kardinal Alexander Albani,
+im Jahre 1717, in einem großen Gewölbe, welches im Meere versunken
+lag, eine Vase entdecket, welche von schwarz greulichem Marmor ist,
+den man itzo Bigio nennet, in welche die Figur eingefüget war; auf
+derselben befindet sich folgende Inschrift:
+
+ AQANODWROS AGHSANDROU
+ RODIOS EPOIHSE
+
+"Athanodorus, des Agesanders Sohn, aus Rhodus, hat es gemacht." Wir
+lernen aus dieser Inschrift, daß Vater und Sohn am Laokoon gearbeitet
+haben, und vermutlich war auch Apollodorus (Polydorus) des Agesanders
+Sohn; denn dieser Athanodorus kann kein anderer gewesen sein, als der,
+welchen Plinius nennet. Es beweiset ferner diese Inschrift, daß
+sich mehr Werke der Kunst, als nur allein drei, wie Plinius will,
+gefunden haben, auf welche die KÜnstler das Wort,gemacht‘ in
+vollendeter und bestimmter Zeit gesetzet, nÄmlich epoihse, fecit: er
+berichtet, daß die übrigen Künstler aus Bescheidenheit sich in
+unbestimmter Zeit ausgedrücket, epoiei, faciebat."
+
+Darin wird Herr Winckelmann wenig Widerspruch finden, daß der
+Athanodorus in dieser Inschrift kein anderer, als der Athenodorus
+sein kÖnne, dessen Plinius unter den Meistern des Laokoons gedenket.
+Athenodorus und Athanodorus ist auch völlig ein Name; denn die
+Rhodier bedienten sich des dorischen Dialekts. Allein über das, was
+er sonst daraus folgern will, muß ich einige Anmerkungen machen.
+
+Das erste, daß Athenodorus ein Sohn des Agesanders gewesen sei, mag
+hingehen. Es ist sehr wahrscheinlich, nur nicht unwidersprechlich.
+Denn es ist bekannt, daß es alte Künstler gegeben, die, anstatt sich
+nach ihrem Vater zu nennen, sich lieber nach ihrem Lehrmeister nennen
+wollen. Was Plinius von den Gebrüdern Apollonius und Tauriskus saget,
+leidet nicht wohl eine andere Auslegung 2).
+
+{2. Libr. XXXVI. sect. 4. p. 730.}
+
+Aber wie? Diese Inschrift soll zugleich das Vorgeben des Plinius
+widerlegen, daß sich nicht mehr als drei Kunstwerke gefunden, zu
+welchen sich ihre Meister in der vollendeten Zeit (anstatt des epoiei,
+durch epoihse) bekannt hätten? Diese Inschrift? Warum sollen wir
+erst aus dieser Inschrift lernen, was wir längst aus vielen andern
+hätten lernen können? Hat man nicht schon auf der Statue des
+Germanicus KleomenhV--epoihse gefunden? Auf der sogenannten
+Vergötterung des Homers ArcelaoV epoihse? Auf der bekannten Vase zu
+Gaeta Salpiwn epoihse 3)? usw.
+
+{3. Man sehe das Verzeichnis der Aufschriften alter Kunstwerke beim
+Mar. Gudius (ad Phaedri fab. V. lib. I.) und ziehe zugleich die
+Berichtigung desselben vom Gronov (Praef. ad tom. IX. Thesauri
+antiqu. Graec.) zu Rate.}
+
+Herr Winckelmann kann sagen: "Wer weiß dieses besser als ich? Aber",
+wird er hinzusetzen, "desto schlimmer für den Plinius. Seinem
+Vorgeben ist also um so öfterer widersprochen; es ist um so gewisser
+widerlegt."
+
+Noch nicht. Denn wie, wenn Herr Winckelmann den Plinius mehr sagen
+ließe, als er wirklich sagen wollen? Wenn also die angeführten
+Beispiele nicht das Vorgeben des Plinius, sondern bloß das Mehrere,
+welches Herr Winckelmann in dieses Vorgeben hineingetragen,
+widerlegten? Und so ist es wirklich. Ich muß die ganze Stelle
+anführen. Plinius will in seiner Zueignungsschrift an den Titus, von
+seinem Werke mit der Bescheidenheit eines Mannes sprechen, der es
+selbst am besten weiß, wie viel demselben zur Vollkommenheit noch
+fehle. Er findet ein merkwürdiges Exempel einer solchen
+Bescheidenheit bei den Griechen, über deren prahlende,
+vielversprechende Büchertitel (inscriptiones, propter quas vadimonium
+deseri possit) er sich vorher ein wenig aufgehalten, und sagt 4): Et
+ne in totum videar Graecos insectari, ex illis mox velim intelligi
+pingendi fingendique conditoribus, quos in libellis his invenies,
+absoluta opera, et illa quoque quae mirando non satiamur, pendenti
+titulo inscripsisse: ut APELLES FACIEBAT, aut POLYCLETUS: tanquam
+inchoata semper arte et imperfecta: ut contra judiciorum varietates
+superesset artifici regressus ad veniam, velut emendaturo quidquid
+desideraretur, si non esset interceptus. Quare plenum verecundiae
+illud est, quod omnia opera tamquam novissima inscripsere, et tamquam
+singulis fato adempti. Tria non amplius, ut opinor, absolute
+traduntur inscripta ILLE FECIT, quae suis locis reddam: quo apparuit,
+summam artis securitatem auctori placuisse, et ob id magna invidia
+fuere omnia ea. Ich bitte auf die Worte des Plinius, pingendi
+fingendique conditoribus, aufmerksam zu sein. Plinius sagt nicht,
+daß die Gewohnheit, in der unvollendeten Zeit sich zu seinem Werke zu
+bekennen, allgemein gewesen; daß sie von allen Künstlern, zu allen
+Zeiten beobachtet worden: er sagt ausdrücklich, daß nur die ersten
+alten Meister, jene Schöpfer der bildenden Künste, pingendi
+fingendique conditores, ein Apelles, ein Polyklet, und ihre
+Zeitverwandte, diese kluge Bescheidenheit gehabt hätten; und da er
+diese nur allein nennet, so gibt er stillschweigend, aber deutlich
+genug, zu verstehen, daß ihre Nachfolger, besonders in den spätern
+Zeiten, mehr Zuversicht auf sich selber geäußert.
+
+{4. Libr. I. p. 5. Edit. Hard.}
+
+Dieses aber angenommen, wie man es annehmen muß, so kann die
+entdeckte Aufschrift von dem einen der drei Künstler des Laokoons
+ihre völlige Richtigkeit haben, und es kann demohngeachtet wahr sein,
+daß, wie Plinius sagt, nur etwa drei Werke vorhanden gewesen, in
+deren Aufschriften sich ihre Urheber der vollendeten Zeit bedienet;
+nämlich unter den ältern Werken, aus den Zeiten des Apelles, des
+Polyklets, des Nicias, des Lysippus. Aber das kann sodann seine
+Richtigkeit nicht haben, daß Athenodorus und seine Gehilfen,
+Zeitverwandte des Apelles und Lysippus gewesen sind, zu welchen sie
+Herr Winckelmann machen will. Man muß vielmehr so schließen: Wenn es
+wahr ist, daß unter den Werken der ältern Künstler, eines Apelles,
+eines Polyklets und der übrigen aus dieser Klasse, nur etwa drei
+gewesen sind, in deren Aufschriften die vollendete Zeit von ihnen
+gebraucht worden; wenn es wahr ist, daß Plinius diese drei Werke
+selbst namhaft gemacht hat 5): so kann Athenodorus, von dem keines
+dieser drei Werke ist, und der sich demohngeachtet auf seinen Werken
+der vollendeten Zeit bedienet, zu jenen alten Künstlern nicht gehören;
+er kann kein Zeitverwandter des Apelles, des Lysippus sein, sondern
+er muß in spätere Zeiten gesetzt werden.
+
+{5. Er verspricht wenigstens ausdrücklich, es zu tun: quae suis locis
+reddam. Wenn er es aber nicht gänzlich vergessen, so hat er es doch
+sehr im Vorbeigehen und gar nicht auf eine Art getan, als man nach
+einem solchen Versprechen erwartet. Wenn er z. E. schreibet (Lib.
+XXXV. sect. 39.): Lysippus quoque Aeginae picturae suae inscripsit,
+enekausen: quod profecto non fecisset, nisi encaustica inventa: so
+ist es offenbar, daß er dieses enekausen zum Beweise einer ganz
+andern Sache braucht. Hat er aber, wie Harduin glaubt, auch zugleich
+das eine von den Werken dadurch angeben wollen, deren Aufschrift in
+dem Aoristo abgefaßt gewesen: so hätte es sich wohl der Mühe
+verlohnet, ein Wort davon mit einfließen zu lassen. Die andern zwei
+Werke dieser Art, findet Harduin in folgender Stelle: Idem (Divus
+Augustus) in curia quoque, quam in comitio consecrabat, duas tabulas
+impressit parieti: Nemeam sedentem supra leonem, palmigeram ipsam,
+adstante cum baculo sene, cujus supra caput tabula bigae dependet.
+Nicias scripsit se inussisse: tali enim usus est verbo. Alterius
+tabulae admiratio est, puberem filium seni patri similem esse, salva
+aetatis differentia, supervolante aquila draconem complexa.
+Philochares hoc suum opus esse testatus est. (lib. XXXV. sect. 10.)
+Hier werden zwei verschiedene Gemälde beschrieben, welche Augustus in
+dem neuerbauten Rathause aufstellen lassen. Das zweite ist vom
+Philochares, das erste vom Nicias. Was von jenem gesagt wird, ist
+klar und deutlich. Aber bei diesem finden sich Schwierigkeiten. Es
+stellte die Nemea vor, auf einem Löwen sitzend, einen Palmenzweig in
+der Hand, neben ihr ein alter Mann mit einem Stabe; cujus supra caput
+tabula bigae dependet. Was heißt das? Über dessen Haupte eine
+Tafel hing, worauf ein zweispänniger Wagen gemalt war? Das ist noch
+der einzige Sinn, den man diesen Worten geben kann. Also war auf das
+Hauptgemälde noch ein anderes kleineres Gemälde gehangen? Und beide
+waren von dem Nicias? So muß es Harduin genommen haben. Denn wo
+wären hier sonst zwei Gemälde des Nicias, da das andere ausdrücklich
+dem Philochares zugeschrieben wird? Inscripsit Nicias igitur geminae
+huic tabulae suum nomen in hunc modum: O NIKIAS ENEKAUSEN; atque adeo
+e tribus operibus, quae absolute fuisse inscripta, ILLE FECIT,
+indicavit praefatio ad Titum, duo haec sunt Niciae. Ich möchte den
+Harduin fragen: wenn Nicias nicht den Aoristum, sondern wirklich das
+Imperfektum gebraucht hätte, Plinius hätte aber bloß bemerken wollen,
+daß der Meister, anstatt des grajein, egkaiein gebraucht hätte; würde
+er in seiner Sprache auch nicht noch alsdenn haben sagen müssen,
+Nicias scripsit se inussisse? Doch ich will hierauf nicht bestehen;
+es mag wirklich des Plinius Wille gewesen sein, eines von den Werken,
+wovon die Rede ist, dadurch anzudeuten. Wer aber wird sich das
+doppelte Gemälde einreden lassen, deren eines über dem andern
+gehangen? Ich mir nimmermehr. Die Worte cujus supra caput tabula
+bigae dependet, können also nicht anders als verfälscht sein. Tabula
+bigae, ein Gemälde, worauf ein zweispänniger Wagen gemalet, klingt
+nicht sehr Plinianisch, wenn auch Plinius schon sonst den Singularem
+von bigae braucht. Und was für ein zweispänniger Wagen? Etwan,
+dergleichen zu den Wettrennen in den Nemeäischen Spielen gebraucht
+wurden; so daß dieses kleinere Gemälde in Ansehung dessen, was es
+vorstellte, zu dem Hauptgemälde gehört hätte? Das kann nicht sein;
+denn in den Nemeäischen Spielen waren nicht zweispännige, sondern
+vierspännige Wagen gewöhnlich. (Schmidius in prol. ad Nemeonicas, p.
+2.) Einsmals kam ich auf die Gedanken, daß Plinius anstatt des bigae
+vielleicht ein griechisches Wort geschrieben, welches die Abschreiber
+nicht verstanden, ich meine ptucion. Wir wissen nämlich aus einer
+Stelle des Antigonus Karystius, beim Zenobius (conf. Gronovius T. IX.
+Antiquit. Graec. Praef. p. 8), daß die alten Künstler nicht immer
+ihre Namen auf ihre Werke selbst, sondern auch wohl auf besondere
+Täfelchen gesetzet, welche dem Gemälde, oder der Statue angehangen
+wurden. Und ein solches Täfelchen hieß ptucion. Dieses griechische
+Wort fand sich vielleicht in einer Handschrift durch die Glosse,
+tabula, tabella erkläret; und das tabula kam endlich mit in den Text.
+Aus ptucion ward bigae; und so entstand das tabula bigae. Nichts
+kann zu dem Folgenden besser passen, als dieses ptucion; denn das
+Folgende eben ist es, was darauf stand. Die ganze Stelle wäre also
+so zu lesen: cujus supra caput ptucion dependet, quo Nicias scripsit
+se inussisse. Doch diese Korrektur, ich bekenne es, ist ein wenig
+kühn. Muß man denn auch alles verbessern können, was man verfälscht
+zu sein beweisen kann? Ich begnüge mich, das letztere hier geleistet
+zu haben, und überlasse das erstere einer geschicktern Hand. Doch
+nunmehr wiederum zur Sache zurückzukommen; wenn Plinius also nur von
+einem Gemälde des Nicias redet, dessen Aufschrift im Aoristo abgefaßt
+gewesen, und das zweite Gemälde dieser Art das obige des Lysippus ist:
+welches ist denn nun das dritte? Das weiß ich nicht. Wenn ich es
+bei einem andern alten Schriftsteller finden dürfte, als bei dem
+Plinius, so würde ich nicht sehr verlegen sein. Aber es soll bei dem
+Plinius gefunden werden; und noch einmal: bei diesem weiß ich es
+nicht zu finden.}
+
+Kurz; ich glaube, es ließe sich als ein sehr zuverlässiges Kriterium
+angeben, daß alle Künstler, die das epoihse gebraucht, lange nach den
+Zeiten Alexanders des Großen, kurz vor oder unter den Kaisern,
+geblühet haben. Von dem Kleomenes ist es unstreitig; von dem
+Archelaus ist es höchst wahrscheinlich; und von dem Salpion kann
+wenigstens das Gegenteil auf keine Weise erwiesen werden. Und so von
+den übrigen; den Athenodorus nicht ausgeschlossen.
+
+Herr Winckelmann selbst mag hierüber Richter sein! Doch protestiere
+ich gleich im voraus wider den umgekehrten Satz. Wenn alle Künstler,
+welche epoihse gebraucht, unter die späten gehören: so gehören darum
+nicht alle, die sich des epoiei bedienet, unter die ältern. Auch
+unter den spätern Künstlern können einige diese einem großen Manne so
+wohl anstehende Bescheidenheit wirklich besessen, und andere sie zu
+besitzen sich gestellet haben.
+
+
+
+XXVIII.
+
+
+Nach dem Laokoon war ich auf nichts neugieriger, als auf das, was
+Herr Winckelmann von dem sogenannten Borghesischen Fechter sagen
+möchte. Ich glaube eine Entdeckung über diese Statue gemacht zu
+haben, auf die ich mir alles einbilde, was man sich auf dergleichen
+Entdeckungen einbilden kann.
+
+Ich besorgte schon, Herr Winckelmann würde mir damit zuvorgekommen
+sein. Aber ich finde nichts dergleichen bei ihm; und wenn nunmehr
+mich etwas mißtrauisch in ihre Richtigkeit machen könnte, so würde es
+eben das sein, daß meine Besorgnis nicht eingetroffen.
+
+"Einige", sagt Herr Winckelmann 1), "machen aus dieser Statue einen
+Discobolus, das ist, der mit dem Disco, oder mit einer Scheibe von
+Metall, wirft, und dieses war die Meinung des berühmten Herrn von
+Stosch in einem Schreiben an mich, aber ohne genugsame Betrachtung
+des Standes, worin dergleichen Figur will gesetzt sein. Denn
+derjenige, welcher etwas werfen will, muß sich mit dem Leibe
+hinterwärts zurückziehen, und indem der Wurf geschehen soll, liegt
+die Kraft auf dem nächsten Schenkel, und das linke Bein ist müßig:
+hier aber ist das Gegenteil. Die ganze Figur ist vorwärts geworfen,
+und ruhet auf dem linken Schenkel, und das rechte Bein ist
+hinterwärts auf das äußerste ausgestrecket. Der rechte Arm ist neu,
+und man hat ihm in die Hand ein Stück von einer Lanze gegeben, auf
+dem linken Arme sieht man den Riem von dem Schilde, welchen er
+gehalten hat. Betrachtet man, daß der Kopf und die Augen aufwärts
+gerichtet sind, und daß die Figur sich mit dem Schilde vor etwas, das
+von oben her kommt, zu verwahren scheint, so könnte man diese Statue
+mit mehrerem Rechte für eine Vorstellung eines Soldaten halten,
+welcher sich in einem gefährlichen Stande besonders verdient gemacht
+hat: denn Fechtern in Schauspielen ist die Ehre einer Statue unter
+den Griechen vermutlich niemals widerfahren: und dieses Werk scheinet
+älter als die Einführung der Fechter unter den Griechen zu sein."
+
+{1. Geschichte der Kunst, T. II. S. 394.}
+
+Man kann nicht richtiger urteilen. Diese Statue ist ebensowenig ein
+Fechter, als ein Discobolus; es ist wirklich die Vorstellung eines
+Kriegers, der sich in einer solchen Stellung bei einer gefährlichen
+Gelegenheit hervortat. Da Herr Winckelmann aber dieses so glücklich
+erriet: wie konnte er hier stehen bleiben? Wie konnte ihm der
+Krieger nicht beifallen, der vollkommen in dieser nämlichen Stellung
+die völlige Niederlage eines Heeres abwandte, und dem sein
+erkenntliches Vaterland eine Statue vollkommen in der nämlichen
+Stellung setzen ließ?
+
+Mit einem Worte: die Statue ist Chabrias.
+
+Der Beweis ist folgende Stelle des Nepos in dem Leben dieses
+Feldherrn 2). Hic quoque in summis habitus est ducibus: resque
+multas memoria dignas gessit. Sed ex his elucet maxime inventum ejus
+in proelio, quod apud Thebas fecit, quum Boeotiis subsidio venisset.
+Namque in eo victoriae fidente summo duce Agesilao, fugatis jam ab eo
+conductitiis catervis, reliquam phalangem loco vetuit cedere,
+obnixoque genu scuto, projectaque hasta impetum excipere hostium
+docuit. Id novum Agesilaus contuens, progredi non est ausus, suosque
+jam incurrentes tuba revocavit. Hoc usque eo tota Graecia fama
+celebratum est, ut illo statu Chabrias sibi statuam fieri voluerit,
+quae publice ei ab Atheniensibus in foro constituta est. Ex quo
+factum est, ut postea athletae, ceterique artifices his statibus in
+statuis ponendis uterentur, in quibus victoriam essent adepti.
+
+{2. cap. I.}
+
+Ich weiß es, man wird noch einen Augenblick anstehen, mir Beifall zu
+geben; aber ich hoffe, auch wirklich nur einen Augenblick. Die
+Stellung des Chabrias scheinet nicht vollkommen die nämliche zu sein,
+in welcher wir die Borghesische Statue erblicken. Die vorgeworfene
+Lanze, projecta hasta, ist beiden gemein, aber das obnixo genu scuto
+erklären die Ausleger durch obnixo in scutum, obfirmato genu ad
+scutum: Chabrias wies seinen Soldaten, wie sie sich mit dem Knie
+gegen das Schild stemmen, und hinter demselben den Feind abwarten
+sollten; die Statue hingegen hält das Schild hoch. Aber wie, wenn
+die Ausleger sich irrten? Wie, wenn die Worte obnixo genu scuto
+nicht zusammen gehörten, und man obnixo genu besonders, und scuto
+besonders, oder mit dem darauf folgenden projectaque hasta zusammen
+lesen müßte? Man mache ein einziges Komma, und die Gleichheit ist
+nunmehr so vollkommen als möglich. Die Statue ist ein Soldat, qui
+obnixo genu 3), scuto projectaque hasta impetum hostis excipit; sie
+zeigt, was Chabrias tat, und ist die Statue des Chabrias. Daß das
+Komma wirklich fehle, beweiset das dem projecta angehängte que,
+welches, wenn obnixo genu scuto zusammengehörten, überflüssig sein
+würde, wie es denn auch wirklich einige Ausgaben daher weglassen.
+
+{3. So sagt Statius obnixa pectora (Thebaid. lib. VI. v. 863).
+
+ --rumpunt obnixa furentes
+ Pectora.
+
+
+welches der alte Glossator des Barths durch summa vi contra nitentia
+erklÄrt. So sagt Ovid (Halieut. v. 11) obnixa fronte, wenn er von
+der Meerbramse (Scaro) spricht, die sich nicht mit dem Kopfe, sondern
+mit dem Schwanze durch die Reusen zu arbeiten sucht:
+
+ Non audet radiis obnixa occurrere fronte.}
+
+
+Mit dem hohen Alter, welches dieser Statue sonach zukÄme, stimmt die
+Form der Buchstaben in der darauf befindlichen Aufschrift des
+Meisters vollkommen Überein; und Herr Winckelmann selbst hat aus
+derselben geschlossen, daß es die älteste von den gegenwärtigen
+Statuen in Rom sei, auf welchen sich der Meister angegeben hat.
+Seinem scharfsichtigen Blicke überlasse ich es, ob er sonst in
+Ansehung der Kunst etwas daran bemerket, welches mit meiner Meinung
+streiten kÖnnte. Sollte er sie seines Beifalles würdigen, so dürfte
+ich mich schmeicheln, ein besseres Exempel gegeben zu haben, wie
+glücklich sich die klassischen Schriftsteller durch die alten
+Kunstwerke, und diese hinwiederum aus jenen aufklären lassen, als in
+dem ganzen Folianten des Spence zu finden ist.
+
+
+
+XXIX.
+
+
+Bei der unermeßlichen Belesenheit, bei den ausgebreitetsten feinsten
+Kenntnissen der Kunst, mit welchen sich Herr Winckelmann an sein Werk
+machte, hat er mit der edeln Zuversicht der alten Artisten gearbeitet,
+die allen ihren Fleiß auf die Hauptsache verwandten, und was
+Nebendinge waren, entweder mit einer gleichsam vorsätzlichen
+Nachlässigkeit behandelten, oder gänzlich der ersten der besten
+fremden Hand überließen.
+
+Es ist kein geringes Lob, nur solche Fehler begangen zu haben, die
+ein jeder hätte vermeiden können. Sie stoßen bei der ersten
+flüchtigen Lektüre auf, und wenn man sie anmerken darf, so muß es nur
+in der Absicht geschehen, um gewisse Leute, welche allein Augen zu
+haben glauben, zu erinnern, daß sie nicht angemerkt zu werden
+verdienen.
+
+Schon in seinen Schriften über die Nachahmung der griechischen
+Kunstwerke ist Herr Winckelmann einige Male durch den Junius verführt
+worden. Junius ist ein sehr verfänglicher Autor; sein ganzes Werk
+ist ein Cento, und da er immer mit den Worten der Alten reden will,
+so wendet er nicht selten Stellen aus ihnen auf die Malerei an, die
+an ihrem Orte von nichts weniger als von der Malerei handeln. Wenn
+zum Exempel Herr Winckelmann lehren will, daß sich durch die bloße
+Nachahmung der Natur das Höchste in der Kunst, ebensowenig wie in der
+Poesie erreichen lasse, daß sowohl Dichter als Maler lieber das
+Unmögliche, welches wahrscheinlich ist, als das bloß Mögliche wählen
+müsse: so setzt er hinzu: "Die Möglichkeit und Wahrheit, welche
+Longin von einem Maler im Gegensatze des Unglaublichen bei dem
+Dichter fodert, kann hiermit sehr wohl bestehen." Allein dieser
+Zusatz wäre besser weggeblieben; denn er zeiget die zwei größten
+Kunstrichter in einem Widerspruche, der ganz ohne Grund ist. Es ist
+falsch, daß Longin so etwas jemals gesagt hat. Er sagt etwas
+Ähnliches von der Beredsamkeit und Dichtkunst, aber keinesweges von
+der Dichtkunst und Malerei. WV d' eteron ti h rhtorikh jantasia
+bouletai, kai eteron h para poihtaiV, ouk an laJoi se, schreibt er an
+seinen Terentian 1); oud' oti thV men en poihsei teloV estin ekplhxiV,
+thV d' en logoiV enargeia. Und wiederum: Ou mhn alla ta men para
+toiV poihtaiV muJikwteran ecei thn uperekptwsin, kai panth to piston
+uperairousan· thV de rhtorikhV jantasiaV, kalliston aei to emprakton
+kai enalhJeV. Nur Junius schiebt, anstatt der Beredsamkeit, die
+Malerei hier unter; und bei ihm war es, nicht bei dem Longin, wo Herr
+Winckelmann gelesen hatte 2): Praesertim cum poeticae phantasiae
+finis sit ekplhxiV, pictoriae vero, enargeia. Kai ta men para toiV
+poihtaiV, ut loquitur idem Longinus, usw. Sehr wohl; Longins Worte,
+aber nicht Longins Sinn!
+
+{1. Peri uyouV. tmhma id'. Edit. T. Fabri. p. 36. 39.}
+
+{2. De pictura vet. lib. I. cap. 4. p. 33.}
+
+Mit folgender Anmerkung muß es ihm ebenso gegangen sein: "Alle
+Handlungen", sagt er 3), "und Stellungen der griechischen Figuren,
+die mit dem Charakter der Weisheit nicht bezeichnet, sondern gar zu
+feurig und zu wild waren, verfielen in einen Fehler, den die alten
+Künstler Parenthyrsus nannten." Die alten Künstler? Das dürfte nur
+aus dem Junius zu erweisen sein. Denn Parenthyrsus war ein
+rhetorisches Kunstwort, und vielleicht, wie die Stelle des Longins zu
+verstehen zu geben scheinet, auch nur dem einzigen Theodor eigen 4).
+Toutw parakeitai triton ti kakiaV eidoV en toiV paJhtikoiV, oper o
+QeodwroV parenJurson ekalei· esti de paJoV akairon kai kenon, enJa mh
+dei paJouV· h ametron, enJa metriou dei. Ja ich zweifle sogar, ob
+sich überhaupt dieses Wort in die Malerei übertragen läßt. Denn in
+der Beredsamkeit und Poesie gibt es ein Pathos, das so hoch getrieben
+werden kann als möglich, ohne Parenthyrsus zu werden; und nur das
+höchste Pathos an der unrechten Stelle, ist Parenthyrsus. In der
+Malerei aber würde das höchste Pathos allezeit Parenthyrsus sein,
+wenn es auch durch die Umstände der Person, die es äußert, noch so
+wohl entschuldigt werden könnte.
+
+{3. Von der Nachahmung der griech. Werke usw. S. 23.}
+
+{4. Tmhma b'.}
+
+Dem Ansehen nach werden also auch verschiedene Unrichtigkeiten in der
+"Geschichte der Kunst" bloß daher entstanden sein, weil Herr
+Winckelmann in der Geschwindigkeit nur den Junius und nicht die
+Quellen selbst zu Rate ziehen wollen. Z. E.: Wenn er durch Beispiele
+zeigen will, daß bei den Griechen alles Vorzügliche in allerlei Kunst
+und Arbeit besonders geschätzet worden, und der beste Arbeiter in der
+geringsten Sache zur Verewigung seines Namens gelangen können: so
+führet er unter andern auch dieses an 5): "Wir wissen den Namen eines
+Arbeiters von sehr richtigen Wagen, oder Wageschalen; er hieß
+Parthenius." Herr Winckelmann muß die Worte des Juvenals, auf die er
+sich desfalls beruft, lances Parthenio factas, nur in dem Katalogo
+des Junius gelesen haben. Denn hätte er den Juvenal selbst
+nachgesehen, so würde er sich nicht von der Zweideutigkeit des Wortes
+lanx haben verführen lassen, sondern sogleich aus dem Zusammenhange
+erkannt haben, daß der Dichter nicht Wagen oder Wageschalen, sondern
+Teller und Schüsseln meine. Juvenal rühmt nämlich den Catullus, daß
+er es bei einem gefährlichen Sturme zur See wie der Biber gemacht,
+welcher sich die Geilen abbeißt, um das Leben davon zu bringen; daß
+er seine kostbarsten Sachen ins Meer werfen lassen, um nicht mitsamt
+dem Schiffe unterzugehen. Diese kostbaren Sachen beschreibt er, und
+sagt unter anderm:
+
+{5. Geschichte der Kunst, T. I. S. 136.}
+
+ Ille nec argentum dubitabat mittere, lances
+ Parthenio factas, urnae cratera capacem
+ Et dignum sitiente Pholo, vel conjuge Fusci.
+ Adde et bascaudas et mille escaria, multum
+ Caelati, biberat quo callidus emtor Olynthi.
+
+
+Lances, die hier mitten unter Bechern und Schwenkkesseln stehen, was
+kÖnnen es anders sein, als Teller und SchÜsseln? Und was will
+Juvenal anders sagen, als daß Catull sein ganzes silbernes Eßgeschirr,
+unter welchem sich auch Teller von getriebener Arbeit des Parthenius
+befanden, ins Meer werfen lassen. Parthenius, sagt der alte
+Scholiast, caelatoris nomen. Wenn aber GrangÄus, in seinen
+Anmerkungen, zu diesem Namen hinzusetzt: sculptor, de quo Plinius, so
+muß er dieses wohl nur auf gutes Glück hingeschrieben haben: denn
+Plinius gedenkt keines Künstlers dieses Namens.
+
+"Ja," fährt Herr Winckelmann fort, "es hat sich der Name des Sattlers,
+wie wir ihn nennen würden, erhalten, der den Schild des Ajax von
+Leder machte." Aber auch dieses kann er nicht daher genommen haben,
+wohin er seine Leser verweiset; aus dem Leben des Homers, vom
+Herodotus. Denn hier werden zwar die Zeilen aus der Iliade
+angeführet, in welchen der Dichter diesem Lederarbeiter den Namen
+Tychius beilegt; es wird aber auch zugleich ausdrücklich gesagt, daß
+eigentlich ein Lederarbeiter von des Homers Bekanntschaft so geheißen,
+dem er durch Einschaltung seines Namens seine Freundschaft und
+Erkenntlichkeit bezeigen wollen 6): Apedwke de carin kai Tuciw tv
+skutei, oV edexato auton en tv New teicei, proselJonta proV to
+skuteion, en toiV epesi katazeuxaV en th Iliadi toisde.
+
+{6. Herodotus de vita Homeri, p. 756. Edit. Wessel.}
+
+ AiaV d' egguJen hlJe, jerwn sakoV hute purgon,
+ Calkeon, eptaboeion· o oi TucioV kame teucwn
+ Skutotomwn oc' aristoV, Ulh eni oikia naiwn.
+
+
+Es ist also grade das Gegenteil von dem, was uns Herr Winckelmann
+versichern will; der Name des Sattlers, welcher das Schild des Ajax
+gemacht hatte, war schon zu des Homers Zeiten so vergessen, daß der
+Dichter die Freiheit hatte, einen ganz fremden Namen dafÜr
+unterzuschieben.
+
+Verschiedene andere kleine Fehler sind bloße Fehler des GedÄchtnisses,
+oder betreffen Dinge, die er nur als beiläufige Erläuterungen
+anbringst. Z. E.
+
+Es war Herkules, und nicht Bacchus, von welchem sich Parrhasius
+rühmte, daß er ihm in der Gestalt erschienen sei, in welcher er ihn
+gemalt 7).
+
+{7. Gesch. der Kunst, T. I. S. 167. Plinius lib. XXXV. sect. 36.
+Athenaeus lib. XII. p. 543.}
+
+Tauriskus war nicht aus Rhodus, sondern aus Tralles in Lydien 8).
+
+{8. Gesch. der Kunst, T. II. S. 353. Plinius lib. XXXVI. sect. 4. p.
+729.1. 17.}
+
+Die Antigone ist nicht die erste TragÖdie des Sophokles 9).
+
+{9. Gesch. der Kunst, T. II. S. 328. "Er führte die Antigone, sein
+erstes Trauerspiel, im dritten Jahre der siebenundsiebenzigsten
+Olympias auf." Die Zeit ist ungefähr richtig, aber daß dieses erste
+Trauerspiel die "Antigone" gewesen sei, das ist ganz unrichtig.
+Samuel Petit, den Herr Winckelmann in der Note anführt, hat dieses
+auch gar nicht gesagt; sondern die "Antigone" ausdrücklich in das
+dritte Jahr der vierundachtzigsten Olympias gesetzt. Sophokles ging
+das Jahr darauf mit dem Perikles nach Samos, und das Jahr dieser
+Expedition kann zuverlässig bestimmt werden. Ich zeige in meinem
+"Leben des Sophokles", aus der Vergleichung mit einer Stelle des
+älteren Plinius, daß das erste Trauerspiel dieses Dichters,
+wahrscheinlicherweise, "Triptolemus" gewesen. Plinius redet nämlich
+(libr. XVIII. sect. 12. p. 107. Edit. Hard.) von der verschiedenen
+Güte des Getreides in verschiednen Ländern und schließt: Hae fuere
+sententiae, Alexandro magno regnante, cum clarissima fuit Graecia,
+atque in toto terrarum orbe potentissima; ita tamen ut ante mortem
+ejus annis fere CXLV Sophocles poeta in fabula "Triptolemo" frumentum
+Italicum ante cuncta laudaverit, ad verbum translata sententia:
+
+ Et fortunatam Italiam frumento canere candido.
+
+Nun ist zwar hier nicht ausdrücklich von dem ersten Trauerspiele des
+Sophokles die Rede; allein es stimmt die Epoche desselben, welche
+Plutarch und der Scholiast und die Arundelschen Denkmäler einstimmig
+in die siebenundsiebzigste Olympias setzen, mit der Zeit, in welche
+Plinius den "Triptolemus" setzet, so genau überein, daß man nicht
+wohl anders als diesen "Triptolemus" selbst für das erste Trauerspiel
+des Sophokles erkennen kann. Die Berechnung ist gleich geschehen.
+Alexander starb in der hundertundvierzehnten Olympias;
+hundertundfünfundvierzig Jahr betragen sechsunddreißig Olympiaden und
+ein Jahr, und diese Summe von jener abgerechnet, gibt
+siebenundsiebzig. In die siebenundsiebzigste Olympias fällt also der
+Triptolemus des Sophokles, und da in eben diese Olympias, und zwar,
+wie ich beweise, in das letzte Jahr derselben, auch das erste
+Trauerspiel desselben fällt: so ist der Schluß ganz natürlich, daß
+beide Trauerspiele eines sind. Ich zeige zugleich ebendaselbst, daß
+Petit die ganze Hälfte des Kapitels seiner Miscellaneorum (XVIII. lib.
+III. eben dasselbe, welches Herr Winckelmann anführt) sich hätte
+ersparen können. Es ist unnötig, in der Stelle des Plutarchs, die er
+daselbst verbessern will, den Archon Aphepsion, in Demotion, oder
+aneyioV zu verwandeln. Er hätte aus dem dritten Jahr der 77ten
+Olympias nur in das vierte derselben gehen dürfen, und er würde
+gefunden haben, daß der Archon dieses Jahres von den Schriftstellern
+ebenso oft, wo nicht noch öftrer, Aphepsion, als Phädon genennet wird.
+Phädon nennet ihn Diodorus Siculus, Dionysius Halicarnasseus und
+der Ungenannte in seinem Verzeichnisse der Olympiaden. Aphepsion
+hingegen nennen ihn die Arundelschen Marmor, Apollodorus, und der
+diesen anführt, Diogenes Laërtius. Plutarchus aber nennet ihn auf
+beide Weise; im Leben des Theseus Phädon, und in dem Leben des Cimons,
+Aphepsion. Es ist also wahrscheinlich, wie Palmerius vermutet,
+Aphepsionem et Phaedonem archontas fuisse eponymos: scilicet uno in
+magistratu mortuo, suffectus fuit alter. (Exercit. p. 452.)--Vom
+Sophokles, erinnere ich noch gelegentlich, hatte Herr Winckelmann
+auch schon in seiner ersten Schrift von der Nachahmung der
+griechischen Kunstwerke (S. 8) eine Unrichtigkeit einfließen lassen.
+"Die schönsten jungen Leute tanzten unbekleidet auf dem Theater und
+Sophokles, der große Sophokles, war der erste, der in seiner Jugend
+dieses Schauspiel seinen Bürgern gab." Auf dem Theater hat Sophokles
+nie nackend getanzt; sondern um die Tropäen nach dem salaminischen
+Siege, und auch nur nach einigen nackend, nach andern aber bekleidet
+(Athen. lib. I. p. m. 20.). Sophokles war nämlich unter den Knaben,
+die man nach Salamis in Sicherheit gebracht hatte; und hier auf
+dieser Insul war es, wo es damals der tragischen Muse alle ihre drei
+Lieblinge, in einer vorbildenden Gradation, zu versammeln beliebte.
+Der kühne Aeschylus half siegen; der blühende Sophokles tanzte um die
+Tropäen, und Euripides ward an eben dem Tage des Sieges, auf eben der
+glücklichen Insel geboren.}
+
+Doch ich enthalte mich, dergleichen Kleinigkeiten auf einen Haufen zu
+tragen. Tadelsucht könnte es zwar nicht scheinen; aber wer meine
+Hochachtung für den Herrn Winckelmann kennet, dürfte es für
+Krokylegmus halten.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Laokoon, von Gotthold Ephraim
+Lessing.
+
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, LAOKOON ***
+
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+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
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+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
+
+Most people start at our Web sites at:
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+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
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+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
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+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
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+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
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+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
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+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
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