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-The Project Gutenberg eBook of Das Haus in der Sonne, by Carl Larsson
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Das Haus in der Sonne
-
-Author: Carl Larsson
-
-Release Date: August 24, 2022 [eBook #68826]
-
-Language: German
-
-Produced by: Marc-André Seekamp and the Online Distributed Proofreading
- Team at https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS HAUS IN DER SONNE ***
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-Anmerkungen zur Transkription: Im Original gesperrt gedruckter Text
-wurde mit ~ markiert. Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit
-= markiert. Im Original kursiv gedruckter Text wurde mit _ markiert.
-Rechtschreibung und Zeichensetzung des Originals wurden beibehalten.
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-[Illustration]
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-198. bis 249. Tausend. 1921.
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-[Illustration: =IDUNA=]
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- CARL LARSSON
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- DAS HAUS
- IN DER SONNE
-
- [Illustration]
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- 1921
-
- KARL ROBERT LANGEWIESCHE
-
- VERLAG / KÖNIGSTEIN IM TAUNUS & LEIPZIG
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-[Illustration]
-
-Alle Rechte vorbehalten. Auch das der Übersetzung. Amerikanisches
-„Copyright“ bei Albert Bonnier, Stockholm. Übersetzung der Texte von
-Frau Ellen Grönland-Jungbeck. Druck der Graphischen Anstalt Schirmer &
-Mahlau in Frankfurt a. M.
-
-Die fünf großen, prachtvoll ausgestatteten Originalausgaben der
-Larsson’schen Bilderwerke erschienen im Verlage =ALBERT BONNIER
-IN STOCKHOLM=, teils in Folio-, teils in Querfolioformat. Von
-einigen dieser Werke gab es Ausgaben mit deutschem Text im Verlag
-Bruno Cassirer, Berlin, welche aber zur Zeit vergriffen sind. Die
-schwedischen Originalausgaben dagegen sind erhältlich, jedoch natürlich
-unter den heutigen Valutaverhältnissen für ~deutsche~ Käufer ziemlich
-kostspielig. Deutsche Interessenten wollen sich durch ihren Buchhändler
-vor der Bestellung beim schwedischen Verleger nach den jemaligen
-Tagespreisen erkundigen. Es liegen in diesen Prachtausgaben vor:
-
-=ETT HEM= („Ein Heim“). 24 farbige Bilder mit Text und
-Textillustrationen. 1899. Inhalt deckt sich teilweise mit dem „Haus in
-der Sonne“.
-
-=LARSSONS= („Familie Larsson“). 32 farb. Bilder mit Text u.
-Textillustrat. 1902. Inhalt ebenfalls teilw. identisch mit dem „Haus in
-der Sonne“.
-
-=SPADARFVET= („Bei uns auf dem Lande“). 24 farb. Bilder mit Text u.
-Textillustrationen. 1906.
-
-=ÅT SOLSIDEN= („Laßt Licht herein“). 32 farb. Bilder mit Text u.
-Textillustrationen. 1910.
-
-=ANDRAS BARN= („Anderer Leute Kinder“). 32 farb. Bilder mit Text u.
-Textillustrationen. 1913.
-
-Die große ~Original-Radierung~ Emil Ernst Heinsdorff’s: „=IN MEMORIAM
-CARL LARSSON=“, nach welcher für dieses Buch die gegenstehende kleine
-Zeichnung vom Künstler geschaffen wurde, ist im Verlage Karl Robert
-Langewiesche, Königstein im Taunus erschienen. ~Platten~größe 31 : 45
-cm. 25 Vorzugsdrucke auf van Geldern, numeriert 1-25, vom Künstler
-handschriftlich signiert, in Schweden je 30 Kronen, in Dänemark und
-Norwegen je 36 Kronen. Die weiteren Abzüge auf Bütten, vom Künstler
-ebenfalls handschriftlich signiert, in Schweden je 15 Kronen, in
-Dänemark und Norwegen je 18 Kronen.
-
-[Illustration: in memoriam
-
-=Carl Larsson=]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-E. E. L. U. E. E. H.
-
-1908. 27. Oktober. 1909.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-Wer den Menschen zeigt, wie sie ein reines, schönes und heldenhaftes
-Leben führen können inmitten aller Armseligkeit unserer Städte und
-Dörfer; wer sie lehrt, ihr Brot zu essen und der Ruhe zu genießen und
-mit Menschen umzugehen, ohne daß man sich nachher schämen muß, der wird
-dem Menschenleben seinen Glanz wiedergeben, und sein Name wird in der
-Geschichte wertgehalten werden.
-
- Ralph Waldo Emerson
-
-[Illustration]
-
-[Illustration: =Brita und ich.=]
-
-[Illustration: =Karin und Kersti.=]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
- _Sundborn, am Heiligabend 1898._
-
-Gerade am Heiligabend, und gerade hier in Sundborn will ich diesen
-Text zu den Bildern aus meinem lieben Heim in Dalekarlien beginnen.
-Ich denke dadurch etwas Weihnachtsstimmung hereinzubekommen und Dich,
-lieber Leser und Beschauer, in Deiner frohesten Stimmung anzutreffen.
-Um es so wagen zu können, Dich für mich und das Meine zu interessieren.
-
-Ich habe Dich ja so lieb! Du wirst bald merken, daß es gerade das
-Interesse dafür, wie Du es hast, ist, welches mich veranlaßt, die
-hier vorliegenden Bilder herausgeben zu lassen. Nimm es nun auf, wie
-Du willst, jedenfalls, ich ~muß~ sie Dir zeigen. Sei mein Freund!
-Dann wirst Du mich weniger anmaßend, und meine Betrachtungen weniger
-sentimental finden.
-
-Also! Wenn ich jetzt so bei Dir an Deine Stimmung appelliere, muß ich
-gestehen, daß ich selbst ein klein wenig mißgestimmt bin, denn, bei
-näherer Betrachtung sehe ich soeben, daß meine Kinder viel zu viel
-„Julklapps“ bekommen. Damit werden sie verwöhnt und ~das~ ist nicht
-gut. Ich erhielt während meiner ganzen Kindheit nur ein einziges
-Weihnachtsgeschenk, das aber war mir zeitlebens von Nutzen, denn aus
-ihm erwuchs in meinem kleinen, vertrockneten Herzen die Tugend der
-Dankbarkeit:
-
-Vater, Mutter und ich saßen eines Heiligabends in dem einzigen
-Zimmer, welches wir besaßen, vor dem Kaminfeuer. Viel Armut war darin
-zu finden, aber keine Mißgunst. Mutter betrachtete die sogenannten
-„besseren“ Leute, als seien sie in der Tat so etwas wie höhere Wesen,
-denen es ganz selbstverständlich gut gehen müsse, Vater dagegen fand
-alles um sich herum so ausgezeichnet, wie es nicht besser hätte
-sein können; und wäre er plötzlich -- na, sagen wir mal -- zum
-Staatsminister ernannt worden, so würde ihn „diese kleine Veränderung“
-weder erstaunt, noch sonderlich beglückt haben.
-
-[Illustration: Die Mutter des Künstlers]
-
-Weil uns so gänzlich alles Weihnachtliche fehlte, so fing der Vater,
-wohl in der Absicht, uns dennoch etwas in Weihnachtsstimmung zu
-versetzen, an, von seiner Heimat in Sörmland zu erzählen. Er erzählte,
-wie ~wir~ im fünfzehnten Jahrhundert den Bauernhof „Hammarby“ gegen
-„Klein-Löfhulta“ eingetauscht hatten: „Von der alten Fräulein Lillie“
-sagte er so ruhig, als sei es gestern gewesen. Von wem er es selbst
-wußte, weiß ich nicht. Er erzählte weiter, daß der See früher bis zu
-der uralten Kirche reichte und meinte, das sei ihm auch ganz klar,
-weil er einst, noch als kleiner Knabe, dort einen, in einen Stein
-festgenieteten eisernen Ring gefunden habe, einen solchen, an dem
-Schiffe festgekettet wurden, so daß ja als sicher anzunehmen sei, daß
-unsere Vorfahren Wikinger gewesen wären.
-
-(Diese anmutige, behende Art, seine Vorfahren anzudeuten, hat eine
-gewisse Ähnlichkeit mit der grundlegenden Absicht dieses Buches. Auch
-dieses soll dartun, wie beim schwedischen Bauern die Anhänglichkeit an
-Heimat und Scholle zu tief wurzelt, als daß es möglich wäre, sie selbst
-durch den neuesten amerikanischen Patentpflug auszuroden.)
-
-Während er noch so halblaut plauderte, tat sich die Tür ein wenig auf,
-um dann sofort wieder zuzuschlagen. Aber ich hatte doch gehört, daß
-etwas hereingeworfen wurde, und meinen Augen war das Vorüberhuschen des
-Rockes einer Dragoneruniform nicht entgangen.
-
-Auf dem Fußboden lag ein kleines Paket mit der Aufschrift „Carl“ und
-es enthielt ein Bonbon, ein stattliches Bonbon, ein königliches, mit
-Fransen aus Seidenpapier und mit einem, in Spiralform darauf geklebten
-Vers. Es war ein Begräbnis-Bonbon. Und deshalb war der Vers sehr
-trostreich.
-
-Seitdem steht der Name von Sergeant Erbsmann mit goldenen Lettern in
-flammender Schrift auf der reinsten Seite meiner Erinnerungen.
-
- * * * * *
-
-Und jetzt sitze ich selbst und verteile Weihnachtsgaben im eigenen
-Nest. In diesem Nest, von dem ich erzählen will.
-
-Zunächst etwas darüber, wie es mein wurde.
-
-Vor einigen Jahren machten mein Schwiegervater und ich eine kleine
-Reise nach Dalarna, um Siljan herum. Dann aber führte uns ein kleiner
-Abstecher nach dem Heimatort meines Schwiegervaters, Sundborn, wo zwei
-alte Schwestern von ihm in einem ihm gehörenden Häuschen wohnten.
-
-Es war ein kleiner, häßlicher, unansehnlicher, auf einem Schlackenhügel
-gelegener Bau. Man nannte ihn „Klein-Hyttenäs“, zum Unterschiede
-von dem, dem Nachbarn gehörenden „großen“ Hyttenäs. -- Das bißchen
-Erde, auf dem Kartoffeln gebaut wurden, war von anderswo hierher
-gebracht worden, und nur eine Hand voll Lehm ermöglichte es einigen
-Fliedersträuchern, den Duft und die Pracht Persiens über das Ganze
-zu verbreiten. Das Hüttlein steht unweit derjenigen Stelle, wo der
-Sundbornsbach eine Biegung macht, und wo er sich eine Kleinigkeit
-erweitert. Ein schmaler, abschüssiger Fußpfad führt unmittelbar zum
-Wasser, und dort liegt ein alter Nachen, um anzudeuten, daß hier
-„der Hafen“ sei. Neun schlanke Birken hatten unaufgefordert in der
-Schlacke Fuß, d. h. Wurzeln, gefaßt und sie machten in der Tat nicht
-den Eindruck, als litten sie hier unter Langerweile. Auch den beiden
-Alten konnte man keine Not ansehen. Zwei Muster von Ordnung. Und hatten
-doch nicht mehr, als sie so gerade zum Leben brauchten. Im Hause war
-alles sauber und nett. Die Möbel vom einfachsten Schlage, altmodisch
-und haltbar, ein Erbstück ihrer Eltern, die auf einem Gut in der Nähe
-gewohnt hatten.
-
-[Illustration]
-
-An dieser Stätte überfiel mich das herrliche Gefühl der
-Abgeschiedenheit vom Lärm und Getriebe der großen Welt, so, wie ich es
-nur einmal vorher empfunden hatte. Und das war in einem ~französischen~
-Bauernhof gewesen.
-
-Als mein Schwiegervater mir daher vorschlug, mir im selben Dorf ein
-nicht zu großes Gut zu kaufen, lehnte ich mit absoluter Bestimmtheit
-ab, und begründete das, indem ich ihm erklärte, daß sich nur etwas, was
-diesem kleinen Idyll gleiche, für einen Künstler eignen würde.
-
-Einige Jahre später starb die eine der Schwestern. Die andere mochte
-nicht allein so einsam wohnen bleiben, und da erinnerte sich mein
-Schwiegervater meiner damaligen Äußerung, und schenkte mir das Haus mit
-allem, was darin war.
-
-Dafür soll er bedankt sein! Es tut mir in der Seele leid, daß dieser
-Ehrenmann starb, ehe er sehen konnte, wieviel Segen seine Gabe brachte.
-Denn sie hat viel zu unserm Glück beigetragen. Dort ist gezimmert und
-gemauert worden, jeden Sommer, soweit die Zeit und der Geldbeutel es
-zuließen. Meine Arbeit floß so leicht, ich hätte fast gesagt im Takt
-mit den Axtschlägen und dem Hämmern der Zimmerleute aus dem Dorf. Jedes
-Brett, jeder Nagel, jeder Wochenlohn kostete mich einen kummervollen
-Seufzer, aber ich dachte, kommt Zeit, kommt Rat. Das Haus ~mußte~ ich
-so haben, genau so, wie ich haben ~wollte~, sonst hätte ich mich nie
-darin wohl gefühlt, und daß meine Arbeit darunter hätte leiden müssen,
-war mir klar.
-
-Das Ergebnis dieser Umgestaltung meiner Hütte ist es, welches ich Euch
-zeigen will. Euch, die Ihr zum Teil größere Landhäuser besitzen möget
-als ich. Zum Teil vielleicht auch nur Luftschlösser. Es geschieht nicht
-in eitler Absicht, zu zeigen, wie ich es habe, sondern weil ich meine,
-hierbei so verständig zuwege gegangen zu sein, daß es, wie ich glaube,
-als -- soll ich riskieren, es geradeaus zu sagen? -- ~Vorbild~ dienen
-könnte -- (so, jetzt ist es raus!) für Viele, welche das Bedürfnis
-haben, ihr Heim in netter Weise einzurichten.
-
-Hier ist es, ein Haus, welches nicht viele Taler wert war, und dessen
-Möbel noch wertloser waren. Die „Renovierung“ (klingt das nicht
-großartig?) wurde durch geradezu lebensgefährliche Hiebe auf das
-jährliche Einkommen -- welches mitunter so, manchmal aber auch anders
-war -- bestritten.
-
-Und jetzt ist die Hütte fertig -- glaube ich.
-
- * * * * *
-
-Wenn Du dieses Hauses Schwelle betrittst, bist Du bei glücklichen
-Menschen. Sonst ist nichts Merkwürdiges hier, außer der Hütte selbst.
-
-Der liebe Gott hat mich in reichstem Maße mit den guten Gaben des
-irdischen Lebens gesegnet. Meine Frau ist sicher einer von seinen
-Engeln, der meinetwegen soweit irdisch wurde, als erforderlich ist,
-um einem einfachen Haushalt vorzustehen und dafür zu sorgen, daß die
-Kinder ordentlich und sauber sind.
-
-Doch, wenn sie, Karin, in später Dämmerstunde in einer Ecke kauert, und
-kaum ~mehr~ von ihr zu erkennen ist als die runden, träumenden Augen,
-welche still, aber tiefernst zu mir herüberblicken, so voll von ewiger,
-unveränderlicher Liebe, da ... da stürze ich zu ihren Füßen, berge
-meinen häßlichen, kahlen Kopf in ihren Schoß und fühle, wie ich mit ihr
-fortschwebe, still und sanft, in reine Luftschichten, in Gefilde, wo
-nur Friede herrscht, wo das Grün im hellsten Schimmer steht, wo eine
-Silberflut durch die herrlichste Landschaft flieht, wo die Luft nicht
-durch die ~Sonne~ erwärmt und erleuchtet wird, sondern durch Gottes,
-des Vaters strahlendes Lächeln.
-
-[Illustration: Karin.]
-
-Da wandern selige Geschöpfe in unschuldsvoller Nacktheit, schön und
-rein, wie die Blumen. Bei diesem oder jenem glaube ich irgend etwas
-wiederzufinden, irgend einen Zug, etwas, ich weiß nicht was, was ich
-glaube gesehen zu haben bei ... Ist es nicht? ... Ja ... nein .:: wie
-eigentümlich!
-
-Die wunderbarsten Akkorde ertönen, die diese Gestalten bald zum
-Lächeln, bald zum Weinen bringen. Mitten in dieser Glückseligkeit sehen
-wir sie zu uns herabsinken und ihre Blicke fragen: „Woher? Daher? Wir
-waren so grenzenlos unglücklich dort, wo nur Haß und Bosheit regieren!
-Oder zehrende Langeweile! Und ihr, ihr lächelt das Lächeln der Seligen?“
-
-Karin, deren Augen auch ~reden~ können, war gerade im Begriff, etwas zu
-antworten, worüber ich mich sicher gefreut, und was mir geschmeichelt
-hätte, als ein durchdringendes Heulen aus dem Jammertal uns rasch in
-die gute Stube zurückrief. Es war Kersti, unser jüngstes Kind, die wild
-schreiend hereingestürzt kam.
-
-Da war irgend etwas, was sie haben ~wollte~. Ob es der Mond oder ein
-Stück Zucker war, weiß ich nicht mehr, nur, daß Karin das Gör in
-die Küche warf, „bis sie wieder lieb wäre“. Brita, die diese Strafe
-grauenhaft fand, heulte. Und Lisbeth kam herein, Laute von sich gebend,
-die nie enden zu wollen schienen. Bei Suzanne, die auch nur ein Mensch
-ist, tropften schwere Tränen auf die Schürze herunter, Ulf schluchzt
-nun ein für allemal ohne Grund und Ursache, und Pontus, der keine
-richtigen Tränen herausbringt, schneidet Gesichter -- in einer höchst
-unangenehmen Weise. Mitten in diesem ganzen Elend geht Lisbeth in die
-Küche heraus, kommt mit Kersti an der Hand zurück, und führt sie mit
-festem Schritt und den Blick streng und resolut auf uns gerichtet, zu
-ihrem Platz am Eßtisch.
-
-[Illustration]
-
-Es war nämlich Abendbrotszeit. Niemand wagte, die Sache weiter zu
-berühren -- denn Lisbeth ist ein Charakter. Nach kaum fünf Minuten
-strahlt die ganze Familie in Glück, Friede und Einvernehmen. Kersti
-fragt, ob Papa ein von ihr gedichtetes, schönes Lied hören will,
-ähnlich wie sie immer zu dichten pflegt:
-
- „Und der Kuckuck er ruft,
- auf der Wiese so blau.“
-
-Jetzt küßte ich Karin vor all den Gören. Mögen sie denken, was sie
-wollen.
-
- * * * * *
-
-Einst sagte ich in einem verzweifelten Augenblick meines Lebens zu mir
-selbst: „Es muß doch spaßhaft sein, weiter zu leben, um zu sehen, wie
-es später wird.“
-
-Seitdem sind zwanzig Jahre vergangen.
-
-Als ich einst einem guten Freund, Kamerad und ehemaligen Schüler die
-Bilder dieses Buches zeigte, sagte er: „Du hast das Rätsel des Lebens
-gelöst!“ Das verstand ich nicht sogleich, aber einige Jahre später
-schlug ich mir mit der Hand vor den Kopf und sagte: „Ja, das hab ich!“
-Und zwar als ich mich verheiratete!
-
-Wenn -- o, möge es so werden! -- die verheirateten Leute ein klein
-wenig Freude an diesem Buche haben, so soll es andererseits den
-Unverheirateten zum großen Nutzen dienen!
-
-Junggeselle! Es gilt das Leben! Löse eine Fahrkarte nach Falun. Dort
-wirst Du von Johann und meinem kleinen wohlgenährten „Braune“ abgeholt.
-Nachher darfst Du ganz ungestört in meiner ländlichen Equipage
-sitzen und Dich der schönen Landschaft von Dalarna erfreuen, die Du
-durchfährst. Da die Fahrt wenigstens ein und eine viertel Stunde
-dauert, hast Du Zeit genug. Du darfst Dich mit Johann unterhalten und
-erfährst, daß Du „Sveden“ berührst, den Ort, wo Svedenborg geboren
-wurde, und wo Linné seine Hochzeit mit Sara Morea feierte. Dann fährst
-Du hinauf und herunter über ein paar langgestreckte Hügel, und wenn Du
-ein praktischer Mann bist, so wirst Du Dich über die gut gepflegten
-Wälder freuen oder darüber, wie gleichmäßig und schön der Hafer steht.
-Bist Du aber eine gefühlvolle Seele, so luge hinein zwischen die
-Baumstämme und erfrische Dein an Staub gewöhntes Auge, indem Du Dir den
-mit weichem Moos bewachsenen Waldboden ansiehst, auf dem die kleinen
-Elfen sich tummeln und tanzen zwischen dem Preißelbeerkraut und den
-Waldblumen. (Dies aber geschieht erst spät am Tage.)
-
-Dann kommst Du (vorbei am Krokfors -- dem Anwesen, auf dem die letzten
-drei Generationen der Vorfahren meiner Frau lebten --) zum Bach
-herunter, der Dir murmelnd zuruft: „Eile Dich doch, sie warten auf Dich
-mit dem Essen.“
-
-Endlich poltert der Wagen über die Brücke in das Kirchdorf Sundborn.
-
-Unter Euch braust der Fluß, der die Holzflöße nach Korsnäs und Runn
-herunterbringt.
-
-Der Wagen holpert herein zwischen altem Gerümpel und dampfenden
-Düngerhaufen, über des Nachbars Hof durch die kleine grüne
-Gartenpforte, die Hühner, halb besinnungslos, aus ihrem Mittagsschlaf
-aufschreckend.
-
-Johann hält vor der Veranda, wo Kapo, der Ordnung halber, etwas knurrt,
-aber Euch gleich den Rücken kehrt, um seinen Freund Braune zu begrüßen.
-Dann machst Du es genau so, wie alle andern Leute, anstatt uns zu
-umarmen, stehst Du und begaffst die Wandmalereien über dem Schrank,
-worin die Feuerspritze verborgen ist, und mit mildem Gesichtsausdruck
-liest Du den lieblichen Vers über der Haustüre:
-
- „Sei willkommen, Lieber Du,
- Bei Carl Larsson und seiner Fru!“
-
- * * * * *
-
-Nun gehst Du in einen kleinen Vorplatz hinein, wo es Dir kaum möglich
-sein wird, zwischen all den Kindersachen einen Haken ausfindig zu
-machen, auf dem Dein Überzieher Platz hätte. Wirf ihn Helena zu, sie
-wird ihn Dir irgendwo hinlegen, wo Du ihn nie wiederfindest.
-
-Du wirfst einen Blick auf Dein angenehmes Gesicht im Spiegel,
-„striegelst“ Dein Haar mit der Bürste, und entledigst Dich durch
-Stampfen des äußerlichen Schmutzes dieser sündhaften Welt. Du wählst
-eine der drei Türen. Natürlich die, die zum Eßzimmer führt. Du
-machst sie auf und begegnest einem „Gottes Friede“, das an der Wand
-geschrieben steht.
-
-Durch die Glastüren des Schrankes siehst Du all das Tischgerät blinken
-und strahlen. Auf dem Büfett stehen Reihen von Flaschen und Krügen, die
-eine Auswahl Deiner Lieblingsgetränke enthalten. Karin kann dies nicht
-leiden, aber ich finde immer, daß es so gediegen und solide aussieht.
-Über dem Schrank hängen drei Teller, bemalt von Liljefors und Kreuger.
-
-Jetzt ist der Tisch gedeckt, die Kinder stehen ungeduldig wartend
-hinter den Stühlen und Dein Platz neben mir auf dem Sofa erwartet Dich.
-
-Ulf betet salbungsvoll (wir glauben, daß er mal Prediger wird):
-
-„Gott, gib jedem Kinde seine Nahrung, fleißigen Männern und Frauen
-ebenfalls!“
-
-Da Du ein sehr fleißiger Mensch bist, so ißt Du dementsprechend. Und
-darüber freuen wir uns alle. Du genießest, was das Haus zu bieten
-vermag, und obwohl dieses oder jenes anders ist, als Du es gewohnt
-bist, läßt Du es Dir gut schmecken, und daran tust Du recht. Jeden
-Sonntag essen wir zum Frühstück sogenannte „Flottmölja“, hier in
-Dalarna ein allgemein bekanntes Gericht, bestehend aus in Milch
-gekochtem „Knäckebröd“, gemengt mit einer Sauce aus Ziegenkäse und
-Gott weiß, was die Köchin alles hineingetan hat. Als Fleisch ißt man
-gebratenen Speck dazu oder ebensolchen grünen Hering.
-
-Aber es kann auch sein, daß man Dich mit einem Essen anzuführen
-versucht, welches auf italienische Manier zubereitet ist. Dieses
-lernten die Frauen von der Signora Bellio, als sie sich mal einige
-Wochen hier oben bei uns ausruhte. Und Du bekommst Zwiebeln zum
-Hammelbraten auf französische Art. Du darfst Gesichter schneiden so
-viel Du Lust hast, aber muckse Dich nicht! Bei uns ~sollst Du unser~
-Essen haben. Damit basta! Ich war kürzlich bei einem sehr netten
-jungverheirateten Ehepaar eingeladen; bei dem Abendessen hörte ich
-jemand sagen: „Es ist keine Frage, daß die junge Frau gut kocht, wenn
-sie bloß die verwünschte Muskatblüte weglassen möchte beim Spinat.“
-Nein sie ~soll~ gerade dies Gewürz in ~ihrem~ Essen haben, ebenso
-wie sie in allen andern Dingen ihren eigenen Geschmack haben sollen,
-geradeso, wie ihr eigenes Wesen, so daß man auch merkt, daß man bei
-~ihnen~ ist. Nur wenn das Essen nicht sauber oder nicht mit Sorgfalt
-zubereitet ist, oder nicht mit einem freudigen Herzen dargeboten wird
---, dann darfst Du Dich beschweren.
-
-Übrigens -- da von Essen und Trinken die Rede ist: -- fanden wir
-da kürzlich ein altes Buch mit dem schönen Titel „Adelige Übungen,
-viertes Heft, mit dazugehörigen Kupferstichen, gedruckt in dem Sal
-der Königlichen Buchdruckerei. Niclas Wankyfs Druckerei. Anno 1690“.
-Darin stehet zu lesen: „~Usus Globorum~, das heißt: Den Nutzen, den
-man von den Globen in der Astronomie und der Geographie hat: Von
-Skantz Oeconomia oder Wirtschafts- und Landwirtschaftsbuch: Ärztebuch,
-Gartenbuch und zuletzt Kochbuch.“
-
-Karin beabsichtigt, Dir nach einem Rezept des letzteren ein Gericht zu
-kochen. Das Rezept ist folgendes:
-
-„~Kraft-Brühe.~ Nimm 3 Rebhühner, 2 Kapaune, das Viertel eines Schafes,
-eine Kalbskeule, schneide von allen das Fett ab, zerschlage die Knochen
-der Vögel, lege alles zusammen in eine Zinn- oder Kupferflasche, ohne
-irgendwelche Flüssigkeit, tue den Deckel fest darauf und verklebe ihn
-mit Brotteig. Laß das Ganze in einem Kessel voll Wasser kochen, sieh
-aber zu, daß der Deckel der Flasche nicht ins Wasser kommt. Wenn man
-nicht alles verderben lassen will, nimm die Flasche heraus, wenn es 12
-Stunden gekocht hat, siebe es durch ein Leinentuch und drücke den Saft
-gut aus.“
-
-Karin meint, daß es im ganzen einen Teller Suppe geben wird: aber wenn
-Du diese Suppe erst verzehrt hast, denke ich, wirst Du heben können,
-was Du willst, wenn es auch noch so schwer wäre. Sicherlich wirst Du
-leise in das Tischgebet einstimmen:
-
- „~Gestärkt~ verlasse ich den Tisch,
- hab’ Dank, o guter Vater.“
-
-[Illustration]
-
-[Illustration: =Apfelblüte.=]
-
-[Illustration: =18 Jahre!=]
-
-[Illustration]
-
- * * * * *
-
-Wenn die Kinder im Bett waren und die Dienstmädchen sich auf ihr
-Kämmerchen neben der Waschküche verzogen hatten, pflegten Karin und
-ich uns im Eßzimmer besonders wohl zu fühlen. Ich las ihr etwas vor,
-während sie die Löcher und Risse flickte, die im Laufe des Tages in
-den verschiedenen Kleidungsstücken der Gören entstanden waren. Jetzt,
-seitdem ich ein gar zu unwohnliches Garderobenzimmer zu einer Art
-Atelier umgemodelt habe, sitzen wir meistens dort. Es liegt in einer
-Reihe mit den beiden Schlafzimmern, und von da aus kann Karin ihre
-Kleinen hören, wenn sie aufwachen und eines beruhigenden Wortes, eines
-Kusses oder einer Abreibung bedürfen, sofern ihnen zu heiß ist, um
-einschlafen zu können.
-
-An den sonnigen, regenfreien Tagen essen wir unter der großen Birke
-hinter dem Wohnhaus. Weißt Du, diese Birke ist das schönste von allem!
-Wenn dieser Baum nicht wäre, hätte die ganze Besitzung gar keinen Wert
-für mich. Er gibt einen so herrlichen Schatten, und es ist dort gerade
-so ein ganz klein wenig zugig, so viel, daß sich weder Mücken noch
-Motten dort wohlfühlen.
-
-Die Manieren sind dort noch ungezwungener, und die Kleinen mit den
-bloßen Füßchen verzehren dicke Milch mit einem Eifer, der himmlisch
-ist. Und wie sie sich unterhalten und herumtummeln! Wenn Karin jemand
-klar machen will, wie wundernett es ist, sich mit der munteren Schar
-abzugeben, pflegt sie mit leuchtenden Augen, voll Überzeugung zu sagen:
-„Es macht viel, viel mehr Spaß, als ins Theater zu gehen!“
-
-Als ich heute mit hausväterlicher Würde zwischen ihnen saß und so
-erbaulich wie möglich versuchte, ihnen auseinanderzusetzen, daß es
-Gottes Fügung war, daß der einfache Soldat Bernadotte aus Pau König
-von Schweden und Norwegen wurde, und daß dies sicher auf einem Blatt
-im Buche des Schicksals vorher bestimmt gewesen sei, sagte Lisbeth mit
-einer unnachahmlichen Schulterbewegung: „König? Ah, man verheiratet
-sich ganz einfach mit einer Prinzessin und die Sache ist fertig!“
-
-Es ist ja gewiß recht dumm, aber man muß darüber lachen. Und so sind
-sie immer. In der Schule fragte der Lehrer, was man unter „Schmarotzer“
-verstehe -- nach meiner Ansicht nichts, was man den Kindern
-beizubringen braucht! -- Keiner in der Klasse konnte diese Frage
-beantworten, außer Pontus, der einen Finger hochhielt (das Schäfchen)
-und sich dann äußerte: „Ja, das sind solche, die immer im Sommer zum
-Besuch kommen, wenn man auf dem Lande wohnt“ ... Als mir dies erzählt
-wurde, lachte ich wahrlich nicht.
-
-Ein anderes Mal gab Lisbeth folgendes zum besten: „Ich hatte gestern
-Namenstag und ~Pontus~ heute, wir sind beinahe Zwillinge.“
-
-Also -- um auf meine Hütte zurückzukommen, können wir ja auch so tun,
-als wäre draußen ein Platzregen und wir müßten in der „guten Stube“
-Kaffee trinken.
-
-Diese Stube ist der Tempel der Faulheit.
-
-Hier auf dem Sofa hat vorhin ein Mann seine vor Faulheit gebrochenen
-Glieder ausgestreckt und sowohl seinen Körper als seinen Geist in
-wonnigem Nichtstun gedehnt; und dieser Mann schämt sich jetzt, hier
-einem -- nehmen wir an -- ~großen~ Publikum solches zu beichten.
-
-Es ist mir wahrlich, wenn die Gewissensbisse zuweilen sehr schlimm
-sind, ein großer Trost, zu wissen, daß mein Hund ~noch~ fauler ist als
-sein Herr.
-
-Außer der Faulheit und der Treue teilt er mit mir noch eine
-Eigenschaft, nämlich seine Vorliebe für Hühner. Er kann kein Huhn
-sehen, ohne sofort hinter ihm herzulaufen, und trotz meiner energischen
-Kommandorufe, welche meine ganze Willenskraft und meinen vollen Zorn in
-sich vereinen, ist das Huhn mit einem Biß ins Jenseits befördert. So,
-als hätte es nie existiert.
-
-Ich versuche jedesmal, ihm die Untugend durch eine gehörige Tracht
-Prügel auszutreiben. Aber es hilft nichts. Da sagte mir so ein Weiser,
-wie sie uns mitunter auf unserm Lebenspfade begegnen, daß es nichts
-leichteres gäbe, als dem abzuhelfen.
-
-„Binde dem Hund das totgebissene Huhn um den Hals, und wenn es da
-gehangen hat, bis es anfängt, übel zu riechen, da, glaube ich, hat der
-Hund für alle Zeiten den Geschmack an Hühnern verloren.“
-
-Kaum war der Rat erteilt und von mir angenommen, als ich die wilde Jagd
-in Hauptmann Linderdahls Hühnerhof hörte. Es war ein außerordentlich
-fettes, gesprenkeltes Huhn, welches sein Leben hatte hergeben müssen.
-Ich befolgte den Rat des Weisen, und führte das arme Hundevieh so
-ausgestattet an einer Kette durch das ganze Dorf. Hin und wieder gab
-ich ihm einen kleinen Hieb, um ihm meine Absicht begreiflicher zu
-machen.
-
-Etwas so Jämmerliches sah die Welt noch nie. Die ganze Bevölkerung
-war Zeuge dieser schandbaren Prozession. Das Huhn zwischen den
-Vorderbeinen, mit eingezogenem Schwanz und düsterem Blick, so wurde der
-Hund vorwärts getrieben. Das Jungenspack jubelte. Mein Herz krümmte
-sich. Endlich, zu Hause angelangt, wurde er an die Kette gelegt.
-
-Als ich nach einer Weile herauskam, um mich voller Grausamkeit in aller
-Stille an seiner Schmach zu weiden ... war das Huhn bis auf den letzten
-Rest verzehrt, und Kapo kam auf mich zu voller Dankbarkeit, mit dem
-Schwanze wedelnd, um mir verständlich zu machen, wie ~ausgezeichnet~
-ihm das Huhn geschmeckt habe.
-
-Du reizender Kapo! Du verwöhnter Liebling der Familie!
-
-[Illustration]
-
- * * * * *
-
-Da Suzanne gerade im Salon ist bei ihren geliebten Blumen, nehme ich
-die Gelegenheit wahr, eine oft an mich gerichtete Frage zu beantworten,
-nämlich die, ob meine Kinder „Talente besitzen“. Gar keine! Sie sind,
-Gott sei Dank, so wie die Leute im allgemeinen. Anfangs glaubte man,
-daß Suzanne eine Künstlerin werden würde. Diese Meinung kam auf,
-nachdem sie dieses und ähnliche Bilder vollbracht hatte:
-
-[Illustration]
-
-Seitdem haben alle die andern Kinder auch Figuren gezeichnet, und immer
-sollten sie Papa und Mama vorstellen.
-
-Als ich klein war, zeichnete ich nur Offiziere und Birnen, das war wohl
-das, was mir am besten gefiel. Und mit diesem Fünkchen Talent habe ich
-es allmählich soweit gebracht, daß ich richtige Bilder male, die mir
-meine Freunde abkaufen.
-
- * * * * *
-
-Bitte, sei so gut und tritt näher in mein Atelier! Wenn ich jemand da
-hineinkomplimentiere, so geschieht das nur aus purer Höflichkeit und
-mit dem geheimen Wunsch, daß Betreffender irgend einen Grund finden
-möge, dieser Einladung ~nicht~ Folge zu leisten.
-
-Denn es ist für beide Teile angenehmer, wenn ich bei der
-Atelierbesichtigung nicht zugegen bin, damit die Leute ungestört und
-nach Herzenslust darin kritisieren können. Sie dürfen meinetwegen
-herzlich gern „finden“, so viel und was sie wollen.
-
-Es ist unmöglich, allen zu gefallen. Wer ~den~ Versuch macht, der
-gefällt keinem, schrieb mir mal der selige Professor Scholander.
-Also, Du wirst mir eben so lieb sein, auch wenn Dir meine Kunst kein
-Vergnügen bereitet, aber sei um alles in der Welt nicht ~bös~, weil ich
-nicht ganz nach Deinem Geschmack malen kann; -- so etwas war auch schon
-da. -- Denn dann finde ich, daß Du ein wenig dumm und sehr ungerecht
-bist.
-
-Zurzeit ist es kein Risiko, einen Blick hineinzuwerfen. Es steht
-weiter nichts drin als eine alte Studie von Lisbeth und eine Skizze zu
-einem der Wandgemälde für die Mädchenschule in Gotenburg. Es ist die
-alte Anna, die dort als Modell für eine Hausfrau aus dem fünfzehnten
-Jahrhundert sitzt.
-
-Die Anna gehört nicht zu meinen Verehrerinnen, sie findet, daß ich sie
-so alt „abmale“: und sie ist doch ~nur~ neunundsechzig Jahre alt (wie
-sie sagt).
-
-Ihr verdanke ich die Entdeckung, daß die Hütte ihr Gespenst hat.
-Eigentlich muß man Kapo die Ehre dieser Entdeckung lassen. „Denn die
-Tiere sehen, was unseren Blicken verborgen ist,“ so sagt wenigstens
-Anna. Während der langen Wintermonate, die wir in Stockholm verbringen,
-wird die Hütte von Anna und Kapo versorgt und bewacht. Eines Nachts
-fuhr Kapo aus dem Schlaf, zitternd, bellend und winselnd, und das,
-was die Alte da über den Fußboden schreiten sah --, ja, das war das
-Gespenst der Hütte! Jetzt kennt und weiß es die ganze Gemeinde; und hat
-seitdem um die Weihnachtszeit, während der wir stets in Sundborn sind,
-irgend einer der Dorfbewohner etwas bei uns zu suchen, so benutzt er
-sicherlich die kurze Zeit am Tage, wo es noch hell ist, um die Hütte
-nicht nach Eintritt der Dunkelheit betreten zu müssen.
-
-Ja, auch ich habe das Gespenst wohl bestimmt ~gehört~. Aber ~gesehen~
-hab’ ich es nie.
-
-Als ich meinen Kindern einmal erzählte, daß es aussehe wie eine alte
-magere Frau, in einer Mütze mit langen Bändern unter dem Kinn -- uhh
--- mit, man weiß nicht was -- uuhh -- in ihrer gestreiften Schürze, da
-schrieen sie mir alle, wie aus einem Munde entgegen: „Nein, so sieht
-es ganz und ~gar nicht~ aus. ~Es ist ein schwarzer Mann mit glühenden
-Augen!~“ Ich muß wirklich gestehen, daß ich mich furchtbar schämte
-darüber, daß ich so wenig über das Aussehen meines eigenen Gespenstes
-orientiert war! Meinetwegen darf es ja freilich aussehen wie es will;
-ich sage nur, „Gott segne es, weil es so viel dazu beigetragen hat, die
-Poesie der Hütte zu erhöhen“.
-
-Aber, wir wollten uns ja im Atelier umsehen: Du siehst einen alten
-gestützten Tisch, der einige Jahrhunderte hindurch wohl noch ausreichen
-wird. Auf dem kolossalen, alten Lehnstuhl dort, der sicherlich
-wenigstens zwei Jahrhunderte hinter sich hat, habe ich gesessen und
-alle die Bilder gezeichnet für „Sehlstedts Lieder“ und Victor Rydbergs
-„Singoalla“. Er leistet einem ordentlich Gesellschaft, denn er spricht
-und räsonniert während der ganzen Zeit, die man dasitzt, vor sich hin.
-Er hat die gleichen Eigenheiten und Manieren, wie die meisten Alten.
-
-„Du warst ein Windhund und Durchgänger, Carl Larsson,“ sagt er, „glaube
-nur, ich weiß schon Bescheid über Deine Vergangenheit. Du bist ein
-ganz verwöhnter Schlingel, der immer gelobt wurde, statt etwas auf
-die Finger zu bekommen. Und wie unverschämt Du ältere Leute wie mich
-behandelst! Es geschieht Dir ganz recht, wenn Du jetzt getadelt wirst,
-gerade, wenn Du ~versuchst~, etwas Ehrbares aus Dir zu machen. Und
-jammerst Du auch etwas, so verringert das doch keineswegs Deine große
-Schuld. Sei dankbar für die Schläge, Tunichtgut!“ ...
-
-Ho, ho, ist das ein alter Nörgler. Mitunter wird er so unangenehm, daß
-ich fortgehen muß. Dann wird er ganz still und verlegen. Im Grunde
-genommen mag er mich wohl doch ganz gern leiden. Das habe ich gemerkt,
-wenn ich zuweilen in einem Augenblicke tiefsten Mißmuts meinen Kopf an
-seine eine Seitenlehne legte, denn da fühlte ich es so weich und sanft.
-Und deutlich hörte ich ihn dann murmeln: „Weine Dich ruhig aus, mein
-Junge, aber nimm Dich in acht, daß es niemand merkt!“
-
-Vielleicht ist es unfein von mir, das Verhältnis zwischen dem alten
-Lehnstuhl und mir der Öffentlichkeit preiszugeben. Aber nein, wieso!
-
-Am Paneel läuft ein Wandfries entlang, der das Leben des Erlösers
-darstellt. Es ist ein im vorigen Jahrhundert gemaltes Bauerngemälde
-aus der Provinz Halland. Alle Personen außer Christus selbst, in
-der damaligen Tracht jenes Landes. Es besitzt dieselbe ursprüngliche
-Naivität und Grazie wie Giottos Fresken, aber für mich hat es ein weit
-höheres Interesse.
-
-Diese schwedischen Bauernmaler aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts
-sind es, die mir, ich gestehe es offen ein, als Vorbild dienen. Denke
-zum Beispiel an die alten Gemälde, die man in den Bauernhöfen hier
-in Dalarna oder in Norrland findet. So ein tiefes, ernstes Gefühl,
-gepaart mit einem so drastischen, gesunden Humor. Und welch’ nationales
-Stilgefühl! Sie sind für mich ein weit kostbarerer Schatz, als es die
-Erzgrube von Gellivara jemals für jemanden werden kann.
-
-So, jetzt machen wir kehrt. Du wunderst Dich über die hohe Säule an
-dem Sofa. Das ist mein Farbenschrank, richtig schlau eingerichtet,
-mit Fächern und Namen der Farben versehen; obendrauf sitzt ein Mann,
-nach meiner Zeichnung von Tischlermeister Bergström ausgesägt. Auf die
-Schiebetür habe ich mein Teuerstes (~meine~ Karin) gemalt.
-
-Seit einiger Zeit bin ich damit beschäftigt, mir einen richtigen,
-großen Kasten von Atelier zu bauen, mit Nordlicht und viel Platz, damit
-man sich ordentlich darin bewegen kann. Seitdem nun dieses seiner
-ursprünglichen Bestimmung entzogen ist, nennt man das neue nur noch
-~das~ Atelier. Das, in dem wir uns jetzt befinden, hat nach und nach
-einen ganz anderen Charakter angenommen und ist der Arbeitssaal der
-Kinder geworden. Die Jungens hobeln und hämmern, und Suzanne webt darin.
-
-Hier pflegen wir den Weihnachtsheiligabend zu feiern. Und dann ist hier
-echte Weihnachtsstimmung, mit den beiden Alten und all den Kindern und
-den netten Dienerinnen und dem braven Johann. Und hier sitze ich wie
-ein Patriarch und verteile alle „Julklapps“. Von allen für alle. Im
-Kamin knistert und knastert das lange Klafterholz, und mitten im Saal
-steht die schönste der Tannen, die wir am Morgen aus dem Walde geholt
-haben.
-
-Du herrliches Weihnachtsfest hier oben im hohen Norden. Wie rein und
-heilig du bist!
-
-[Illustration]
-
- * * * * *
-
-[Illustration]
-
-Übrigens bei dieser kleinen Vignette will ich Dich einen Augenblick
-mit hinausnehmen auf den Hof. Da war, als wir hierher kamen, nicht
-viel Grünes zu sehen. Aber ich schaffte die Schlacken hier und da
-beiseite, kaufte gute Muttererde, womit ich die Gräben ausfüllte, und
-setzte Pflänzlinge von Birken, Linden, Kastanien, Weiden, Weißdorn,
-Berberitzen und anderen „dummen Ziersträuchern“, Erlen, Holunder,
-Faulbaum, Espen, ja sogar Eichen, Apfelbäume, Jasmin, Rosen, Stachel-
-und Johannisbeersträucher, eine kleine Fichte und eine kleine Kiefer.
-Diese kleine Zeichnung stellt die zuletzt genannte dar, wie sie im
-Winter aussieht, geschützt durch einige lange Klafterhölzer. Alle sind
-gut gediehen, nur diese eine nicht. Sie steht jetzt im achten Jahr und
-lebt ihr kleines, elendes Leben, aber sie ist mein liebstes Kind. Jeden
-Morgen besuche ich sie zuerst, um zu sehen, ob sie nicht über Nacht
-etwas gewachsen ist.
-
- * * * * *
-
-Anna und die Köchin sind zwei Potentaten, denen es schwer wird, sich
-unter einer Decke wohlzufühlen. Unter der Küchendecke nämlich.
-
-Die Alte will im Winter dort in der Wärme wohnen, und wenn ihr Bett
-herausgeschleppt wird und Emma hineinzieht, wird es ihr jedesmal von
-neuem schwer. Darüber sind sie sich aber einig, daß die Küche der
-einzige, noch „vernünftige Raum“ im Hause ist. Diese Küche ist nämlich
-außerordentlich stillos, aber sauber und für ihre Zwecke einigermaßen
-gemütlich geordnet. Eines Winters sollte während unserer Abwesenheit
-etwas renoviert werden, da nahmen sie die Gelegenheit wahr, den alten,
-aus gewaltigen Steinblöcken gemauerten Herd beiseite zu schaffen, um
-statt dessen diesen lächerlich-jämmerlichen Eisenkasten hinzustellen,
-geschmückt mit Ornamenten, schaurigen, gefühllosen Schnörkeln, und
-(-- schöner Gedanke, woher bekamst du ihn, du Bosinders Mechanische
-Werkstatt?) -- Thorwaldsens „Nacht!“
-
-Diese Eisenblechbepanzerung statt des alten, gemauerten Herdmantels!
--- Zuerst, als ich diesen Vandalismus entdeckte, war ich alles andere,
-als gut gelaunt. Um die heiligen Steine des Herdes zu retten, baute ich
-aus ihnen zwischen zwei Kirschsträuchern im Garten eine Bank und einen
-Tisch, wo wir im Sommer unsern Nachmittagskaffee zu trinken pflegen.
-
-In der Küche seht ihr meine älteste und meine jüngste Tochter mit
-Buttern beschäftigt. Denke mal an, wie gut für Suzanne, Kerstis sichere
-und feste Unterstützung zu genießen! Willst Du wissen, wie das kleine
-Kätzchen heißt? Es heißt Hans.
-
-[Illustration]
-
-[Illustration: =Das Frühstück der Siebenschläferin.=]
-
-[Illustration: =In der Küche.=]
-
-[Illustration: Lebende Bilder.]
-
- * * * * *
-
-[Illustration]
-
-Die entzückendsten Szenen aber spielen sich im Schlafzimmer der Kinder
-ab. Karins Vergleich mit dem Theater war kein Zufall.
-
-Über dieses Zimmer äußerte sich einst Tante Emmy, als ich (um mehr Luft
-zu bekommen) das feine platte Dach herunter gehauen, ein Seitenfenster
-zugebaut, kleine Fensterscheiben in der Vorderwand angebracht und die
-fast neuen Tapeten mit einem weißen Anstrich versehen hatte, daß ~sie~
-auf keinen Fall in einem solchen Gefängnisloch schlafen möchte.
-
-Nein, Tantchen, wiederhole das nicht noch einmal!
-
-Ihr seht doch, daß es auf dem Bilde ein Sonntagmorgen ist. Es heißt, es
-~wurde~ ein solcher. Mein geliebtes Weib war soeben nach einer schweren
-und ernsten Krankheit vom Tode errettet. Sie hatte die Kinder wieder
-zu sich hereinbekommen; und da so alles wieder Glück und Freude war,
-verbreitete dieser Glücksschein seinen goldenen Schimmer sowohl über
-die Kinderschar wie über die Wände und die Decke.
-
-Das leuchtet Euch doch gewiß ein.
-
-[Illustration]
-
- * * * * *
-
-Unter der Hütte hausen Ratten und eine Ameisengemeinde. In der
-Dielenfüllung führen Bienen das Regiment. Ihren Ein- und Ausgang
-bewerkstelligen sie dadurch, daß sie zwischen zwei Wandbalken hin- und
-herlaufen.
-
-Gleich nach unserer Übersiedelung nach hier hing ich drei Starenkästen
-in die Bäume, und sehr bald war der in der großen Birke von einem
-Starenpaare bevölkert. In zwei von den Kästen nisten zu unserer
-Freude diese netten Vögel regelmäßig im Frühjahr. Den dritten hat
-Sperlingspack erobert.
-
-Wo aber die Fledermäuse hausen, die abends um unsere Hütte flattern,
-weiß ich nicht.
-
-Ich wußte nicht recht, wo ich diese Zeichnung hinbringen sollte,
-aber mein Lieber, Du gestattest, daß ich sie hier einschiebe. Sie
-stellt meine Frau dar, wie sie mir die Haare schneidet da draußen
-auf dem Schlackenhügel, so im Spätherbst, wenn wir nach Stockholm
-zurückzukehren gedenken und ich so aussehe, daß niemand in meiner
-Gesellschaft die Eisenbahn benutzen kann.
-
-[Illustration]
-
- * * * * *
-
-Eben als ich dieses schrieb, zogen Donner und Blitz über das Dorf
-Sundborn hin. Es war ein richtiger Platzregen, und das war ein Segen
-nach der langen Dürre. Jetzt bestrahlt die Sonne mit ihrem weichen,
-warmen Glanz das nasse Laub, welches sich so schön abhebt von der noch
-grollenden schweren Gewitterwolke, die noch immer hinter dem Wättberg
-steht.
-
-Ich nehme Papier, Tintenfaß und Feder mit, um unter der großen Birke
-fortzufahren.
-
-Was möchtet Ihr nun wohl noch wissen?
-
- * * * * *
-
-Alle Gedenktage werden bei uns in der gleichen Weise gefeiert.
-Frühmorgens, spätestens um fünf Uhr, fängt es mit Pulverdampf und
-Böllerschüssen an.
-
-Die Jungens aus Bjus und des Müllers Svea spielen auf Gitarre und Geige
-das Lied vom „Neck“, welches Anna Sundin, die im Dorf die schönste
-Stimme hat, mit ihrem Gesang begleitet.
-
-Einst wurde auch ich so gefeiert an einem Olofstag. Ich war ganz
-unvorbereitet, denn wer in aller Welt konnte ahnen, daß jemandem
-dieser, mein überzähliger Name bekannt sei, und daher hatte ich auch
-meine Gefühle nicht in eine auf einen solchen Belagerungszustand
-gerichtete Stimmung versetzt. Ich heulte, und es pochte in mir vor
-Bewegung, als mir eins der Kinder einen von Mama gedichteten Vers
-vortrug, worin die Rede davon war, wie edel, wie über alle menschlichen
-Begriffe erhaben ich sei, o ... wir wollen lieber nicht davon reden.
-
- * * * * *
-
-Es ist keine Kleinigkeit, etwas über Wände, Fenster und Decken zu
-schreiben. Deshalb empfinde ich es als eine Erholung, mit Dir einen
-Spaziergang durchs Dorf zu machen. Wir hätten ein Stück den Bach
-herunter rudern können und zusehen, wenn die Kinder baden. Da ist eine
-gute Badestelle. Der Platz heißt „das Lärmeiland“ und gehört mir jetzt
-als Eigentum. Seit jener Zeit, in der ich frühmorgens die Jungens
-direkt aus den Betten dort hinaus mitnahm (wir ruderten hinüber --
-zuerst warf ich die Kinder, dann mich selbst in die Tiefe --) ist es
-die allgemeine Badestelle für die ganze Gegend. Im Sommer krabbelt und
-wimmelt es da drüben den ganzen Tag von nackten schönen Gestalten. Sie
-machen sich ein Sprungbrett, und es klatscht und plumpst und spritzt
-hoch auf; sie klettern hinauf in die Kähne, balancieren dort einen
-Augenblick, fallen pardautz ins Wasser und kommen pustend, schreiend
-und lachend wieder heraus.
-
-Und meine beiden Nachen sind während des ganzen Tages verliehen,
-verliehen nach Reih’ und Ordnung an die Jungens und an die Mädels.
-
-[Illustration]
-
-Am 15. August fängt das Krebsfischen an. Dann ist es, als sei neues
-Leben in uns gekommen. Alle Netze und Angelruten sind bereit, und wenn
-die Uhr Mitternacht schlägt, rudere ich hinaus, das Wetter mag sein
-wie es will, und in tiefschwarzer Nacht versenke ich die Netze in das
-~noch~ schwärzere Wasser, schlafe dann bis fünf Uhr, um welche Zeit
-die größeren Kinder geweckt werden; und dann ziehen wir die Netze ein,
-während die Sonne wie ein ~Eier~kuchen über den Schilfwipfeln aufsteigt.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
- _~Sundborn~, im Sommer 1902._
-
- Karin.
-
-
-Streng genommen, wäre ich vor fünfzig Jahren geboren. Aber mein
-eigentliches Dasein fing im Jahre 1882 an. Denn da trafen wir uns in
-Frankreich, Grèz-par-Nemours: Karin und ich.
-
-Singdudelidudelidudelidej!
-
-Ein lang aufgeschossener Norweger und ich lebten ein glückliches
-Kameradschaftsleben, als einzige Skandinavier zwischen den anderen
-Ausländern, dort in der kleinen Künstlerkolonie, als wir von Madame
-Laurent hörten, daß eine Schar Malerinnen zu uns herauskommen wollte.
-„Dann laufen wir weg!“ sagte ich zu Lundh; aber ~er~ wollte sie sich
-erst ansehen.
-
-Wir gingen nach dem Bahnhof, um ihnen zu begegnen. Es waren zwei
-„Fuhren“. Wir begrüßten sie, und sagten einige freundliche Worte. Als
-wir auseinandergingen, sagte ich zu Lundh, daß es schade sei, daß
-Fräulein Bergöö eine solche Kartoffelnase habe.
-
-Bei mir zu Hause machte ich Versuche, die senkrechte Wand
-hinaufzulaufen -- und ich ~tat~ es auch.
-
-Da wurde mir klar, daß ich in Karin Bergöö verliebt war.
-
- * * * * *
-
-Darauf folgte so viel. Der Sommer verging, mit ~wenig~ Malerei, aber
-viel Esserei, Tanz und ... vielem, vielem noch.
-
-Und dann kamen die Kostüm- und Maskenfeste. Auf einem solchen sollte
-der lange Lundh der „Letzte der Mohikaner“ sein. Er hatte sich zwei
-Pferdeschwänze gekauft und dachte, daß diese gemeinsam mit einer
-Schwimmhose und roter Farbe die Erscheinung, wie man zu sagen pflegt,
-„illusorisch“ machen würde. Ich sollte den Freundesdienst der Bemalung
-übernehmen. Es war Pastellmalerei.
-
-Während dieser Arbeit vertraute mir der eingebildete Mensch an, daß die
-kleine Karin Bergöö ihn angesehen habe, mit Blicken ...
-
-Ich war gerade mit seinem Rücken beschäftigt, so daß er ~meine Blicke~
-nicht sehen konnte. Jetzt bemalte ich ihn nicht länger, sondern
-wechselte die Technik und ~zeichnete~ mit Kreide. Ich wählte die
-blauen, weil es die härtesten waren, und drückte sie erbarmungslos
-hinein in seine zarte Haut, aber dieser Teufel ertrug die Martern wie
-ein echter Indianer. Nun ja, wenn sein armer Leib auch litt, was war
-seine Pein gegen die Qual meiner Seele!
-
-Immerhin muß dies meinem Wesen etwas, ich weiß nicht was, verliehen
-haben, wodurch die Sache ihrem Ziele näher gebracht wurde, denn gerade
-bei diesem Maskenfest bekam ich eine Ahnung davon, ~wer~ der rechte war.
-
-Lundh war es jedenfalls durchaus nicht.
-
-Als Karin mir einige Tage später (auf ihre niedliche Art) einen Antrag
-machte, gab ich ihr mein Jawort.
-
-Und dann malten wir die „=mère Morot=“ zu gleicher Zeit.
-
-Die Schuppen fielen mir von den Augen! Bis dahin hatte ich keine Form
-in mein sogenanntes Talent hineinbekommen, aber jetzt schuf ich, wie
-ich annehme, gleich ein kleines Meisterwerk.
-
-Denn ich erhielt einen Preis für das Bild, ein Kaufangebot vom
-französischen Staat und durch Vermittelung meiner Freunde Birger und
-Pauli wurde es telegraphisch an Pontus Fürstenberg verkauft.
-
- * * * * *
-
-Für das Geld kaufte ich mir eine Uhr, und für das, was übrig blieb,
-fuhr ich nach Hause und verheiratete mich. -- --
-
-Karin war schon seit vielen Monaten zu Hause, um die Handtücher zu
-säumen. Und da wurden wir in den Kirchen aufgeboten -- und der Freier
-kam nicht. Die Frist war fast verstrichen, und es wurde fraglich, ob
-das Aufgebot nicht wiederholt werden müßte.
-
-Aber endlich kam ich in gewaltigem Staat und herrlicher Pracht, mit
-goldener Uhr, blauer Weste und ebensolchen Beinkleidern.
-
-Mein Schwiegervater, ein Kaufmann, warf mich heraus, weil er glaubte,
-ich sei ein Handlungsreisender, und diese Menschensorte war ihm
-verhaßt; aber ich klammerte mich fest an den Türpfosten und sagte, wer
-ich sei. Ungern ließ er mich verweilen.
-
-Wenn ich jetzt das Bild dieses jungen einfältigen Mädchens betrachte,
-ist es mir unbegreiflich, wie ich mich in so eine verlieben konnte.
-
-Aber das kam wohl daher, daß ich damals selbst noch jung und dumm war.
-
-Gewiß hatte sie schon zu jener Zeit ein wenig Lieblichkeit an sich,
-und im übrigen wählt man seinen Lebenskameraden wohl immer „nach
-Gefühl“. Aber, wenn ich diese Karin mit jener vergleiche, für die ich
-jetzt noch, nach fast zwanzigjähriger Ehe schwärmen kann, daß ich fast
-verrückt werde: Ja dann.
-
-Von Jahr zu Jahr wird es hiermit schlimmer.
-
-Die Altertumsforscher verwundern sich so, wenn sie finden, daß die
-von den Männern am heißesten geliebten Frauen stets im Alter zwischen
-vierzig und sechzig Jahren standen.
-
-Ich verstehe das so gut. Karin ist jetzt dreiundvierzig Jahre alt, und
-wenn sie sechzig wird, ist meine Liebe wahrscheinlich lästig.
-
-Weil dann noch die Eifersucht hinzukommt.
-
- * * * * *
-
-Es ist mir doch noch in dunkler Erinnerung, daß sie niedlich war. --
-
-Und daß ich mein junges Weib im Brautstaat auf das Fleckchen Erde
-hinstellte, wo ich mich zum ersten Male im Leben glücklich fühlte, und
-wo sich die ersten grünen Sprossen an der bis dahin siechen Pflanze
-meiner Künstlerbegabung zeigten, in Laurents Garten in Grèz-par-Nemours
-Dep. Seine und Marne, das wird Euch sicher verständlich sein.
-
-Dorthin begaben wir uns unmittelbar nach der Hochzeit. Dort, wo ich
-meine Braut in meinem eignen Reich empfing, war es wie im Märchen.
-Die alten Männer und Frauen standen die Dorfstraße entlang voller
-Erwartung an ihren Gartenpforten, und die Pensionäre der beiden
-Künstlerpensionate mit Bewohnern aus aller Herren Länder gaben ein
-großes Fest. Essen mit Tanz, Bowlen und Toaste. Spada sang: „=Ah che
-dolore, ah Mama mia= ...“ und „der Sarg“ (Coffin war sein englischer
-Name) röchelte: „=John Browns body lays at mouldering in the grave= ...“
-
-Aber in der Nacht klang unter unseren Fenstern das schwedische
-Quartett: „Welche Blitze aus den Augen Brunhildens ...“ und auf mir
-ruhten Karins dunkle ernste Kuhaugen ...
-
- * * * * *
-
-Gott gab mir mein liebes Weib Karin. Und sie gab mir die kleine
-Suzanne. -- Mein Leben war jetzt ebenso licht und freudig wie der
-Haarschopf der Kleinen.
-
-In einer Ecke des Ateliers stand versteckt das Randstück eines
-kassierten Bildes, welches ich einst im Verdruß in Stücke geschnitten
-und unter Freunde und Bekannte verteilt hatte. Aber ein Stück behielt
-ich selbst. Als bitteres Andenken. Unter anderem war ein Rokokostuhl
-darauf gemalt. Darauf kleckste ich das Bild des kleinen lachenden
-Würgels, festgehalten von ihrer Mutter.
-
-So setzte ich diesen lichten Punkt auf einen Hintergrund von Sorge, als
-Ausdruck jubelnden Glückes!
-
-[Illustration]
-
-[Illustration]
-
-[Illustration: =Im Schlafzimmer der kleinen Mädchen.=]
-
-[Illustration: =Das neue Buch.=]
-
-[Illustration: Im Atelier.]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
- In Paranthese.
-
-
-Es ist wieder einmal Schriftstellerwetter. Zum Malen taugt er nicht,
-dieser Sommer 1902. Das heißt, es geht schon stark dem Spätherbst zu.
-
-Es gießt, und die ganze Natur macht den Eindruck einer nassen
-Kompresse. Dennoch finden wir es herrlich, über die Wiesen zu wandern,
-weich auf dem schwankenden Moos, wenn es unter den Füßen schwipp,
-schwapp sagt. Man geht der Nase nach, den Bach entlang, man schlürft
-die neblige Luft, welche anscheinend die Lungen vom Staube rein wäscht,
-in sich hinein. Und, denk einmal an, keine Mücken und Schnaken, man
-kann sich ganz ungestört seines Lebens freuen.
-
-Und keine Vereine und dergleichen Überflüssigkeiten, erfunden von
-dem männlichen Teil der Bevölkerung, welcher all’ dieses als Ausrede
-gebraucht, um sich in Kaffeehäusern und Gasthöfen festkneipen zu können.
-
-Jetzt werde ich die Schuhe wechseln, in die Hütte hineinschlüpfen
-und von mir und den Meinen schreiben! Wenn ich doch wenigstens,
-wie ein richtiger Schriftsteller, zusammenlügen dürfte, soviel ich
-Lust hätte. Aber hier bin ich beauftragt, Euch alle meine kleinen
-Familieninterieurs auf die Nase zu hängen. Abgesehen von der verdammten
-Mühe, bedenkt doch meine persönliche Schüchternheit ...
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration: Ulf zu Pferde.]
-
- Ulf und Pontus.
-
-
-In einer Oktobernacht, nachdem ich eine Stunde geschlafen hatte, wurd’
-ich um eins geweckt, und Karin sagte mit einem leidenden Lächeln: „Mein
-armer Junge, ich hätte es Dir so gern gegönnt, etwas zu schlafen, aber
-Du wirst wohl Madame Chose holen müssen“.
-
-In jener Zeit arbeitete ich am eifrigsten an meinem Triptychon,
-hatte Modelle für das Gemälde von früh 8 Uhr bis nachmittags 5 Uhr,
-und für die Skulpturen von 8 bis 12 Uhr abends, so daß ich wirklich
-abgearbeitet war.
-
-Aber dieses war doch ein Beweis dafür, was für eine tapfere Seele meine
-Frau ist, und das wollte ich hier nicht unerwähnt lassen. Eine Stunde
-später fand sich der Junge ein.
-
-Als ich in dieser freien Republik und im sozialistischen 22. Revier
-der Stadt Paris den Bengel Björn nennen wollte, wurde mir das mit der
-Bemerkung, daß dieses kein Name sei, ganz einfach verweigert. (Daß
-er Pontus heißen sollte, wurde mir erst einige Tage später klar!)
-Sie verwiesen mich auf sechs starke Bände, die Namen der gesamten
-Christenheit und aller Heiligen enthaltend, worin ich nach der Meinung
-dieser Beamtenseelen „=tout ce que fairait votre bonheur=“ finden
-würde. Idioten!
-
-Ich nannte ihn vor Ärger auf der Stelle Robert, weil ich am selben
-Morgen von jemanden diesen Namen mit der Bemerkung, daß er häßlich sei,
-hatte nennen hören.
-
-Jetzt aber steht er jedenfalls in dem schwedischen Kirchenbuch als
-Pontus Robert eingetragen, während er in einigen Jahren aus den
-französischen Geburtslisten aufgerufen werden wird als der „=Citoyen
-Robert=“ geboren von ausländischen Eltern.
-
-~Ulfs~ Name ~träumte~ ich. Obgleich damals statt seiner, seine
-Schwester Suzanne ankam: ~Selbst~ kam er erst zwei Jahre später.
-
-Ob diese Jungens irgendwelche militärische Veranlagung besitzen, wird
-sich zeigen, wenn „jemand unseren Felsen zu nahe kommen sollte“.
-Ich für meine Person hoffe, daß sie tapfer in und durch das Leben
-wandern werden, um einmal, wenn der Zeitpunkt da ist, dem Tode mit
-Ruhe ins Auge schauen zu können. Ich erinnere sie an die Worte unserer
-heidnischen Vorfahren:
-
-~Es gibt nur ein Unglück, und das ist die Schande.~
-
-[Illustration: „Papa, ich esse Waffeln!“]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-Kersti ist das liebenswürdigste kleine Kind, welches es gibt.
-Wenigstens kann man sich kein braveres denken. Sie ist immer vergnügt
-und langweilt sich nie, ganz gleich, ob sie mit Kameraden oder
-Geschwistern spielt oder ob sie allein ist. Vor einigen Jahren war sie
-zart und durchsichtig. Wenn sie uns damals weggerafft wäre, hätten wir
-das ganze natürlich gefunden und wir wären davon überzeugt gewesen,
-daß sie bei der Jungfrau Maria als Hofdame einherginge. Denn ein
-solch’ kleines Juwel zu entbehren hätte selbst das Himmelreich sich
-nicht leisten können. Alles, was sie in die Hände bekommt, wird ein
-Spielzeug. Und oft redet sie in Reimen und Versen.
-
-[Illustration: Bei der Arbeit.]
-
-
-
-
-[Illustration: Liebhabertheater.]
-
- Brita und ich.
-
-
-So, jetzt wurde ich der Kleinen habhaft und zufällig gerieten wir vor
-den Spiegel. Welch’ ein Motiv! Ohne Brita erst los zu lassen, ordnete
-ich eine Staffelei, langte mir ein Papier und ergriff eine Feder.
-
-Und, ha, ha, ha, wie fand es Brita lustig -- die ersten fünf Minuten. --
-
-Die übrige Zeit der Sitzung, welche acht Tage dauerte (das heißt,
-nachts schliefen wir und da ließ ich das Gör los), schrie sie aus
-Leibeskräften.
-
-Denkt Euch, mit dieser kleinen Wildkatze, heulend, an den Haaren
-ziehend, (ja!) und Fußtritte austeilend, und bei alledem mit Hand und
-Auge sicher die Linien mit Feder und Tusche ziehen zu sollen. Ja, ja,
-Ihr!
-
-Und dann noch mein linker Arm, der geradezu wie gelähmt wurde! Dieses
-war ein Rekord in seiner Art.
-
-Wenigstens meiner eigenen, bescheidenen Meinung nach.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Ferienaufgaben.
-
-
-Das Bild hat wohl bald eine ~historische~ Bedeutung, denn ich bin
-gewiß, daß unser jetziger Kultusminister, der frühere Rektor meiner
-Jungens, diese Unsitte abschaffen wird.
-
-Sieh diesen armen Jungen, Pontus, an, der hier sitzt und sich zu den
-Vögeln hinauslehnt und dem der Fliederduft in die Nase zieht, ihm
-zurufend: Komm hier heraus!
-
-Als ich mich soeben Pontus gegenüber groß tat, daß ich in diesem
-Buche so in verschmitzter Art für die Abschaffung der Ferienaufgaben
-einträte, antwortete er trocken: „Einen Menschen einen halben Sommer
-hindurch mit Modellsitzungen zu quälen, müßte auch gesetzlich verboten
-werden!“
-
-[Illustration: Ferienarbeiten.]
-
-Jetzt ist er schon weit draußen auf dem Hof.
-
-Es ist nicht der Mühe wert, mit solchen Schlingeln Mitleid zu fühlen!
-
-[Illustration]
-
-[Illustration]
-
-[Illustration: =Erbsendöppen.=]
-
-[Illustration: =Geburtstagsmorgen.=]
-
-[Illustration: Puppentheater.]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
- Apfelblüte.
-
-
-Wenn man doch jetzt Dichter wäre. Dann könnte man sich der Sache
-schnell entledigen. Sicher ist, daß ich in Prosa nicht mehr daraus zu
-machen vermag, als was Ihr mit eigenen Augen auf dem Bilde seht.
-
-Aber mein allerfeinster Instinkt läßt es mich ahnen, wie die Versfüße
-im Takt mit Lisbeths kleinen Beinen und allen andern um den kleinen
-Apfelbaum herumtanzen würden. Und wenn wir so eine Weile getanzt
-hätten, würde sich die ganze Welt um uns im Kreise drehen! Heißa! Sie
-könnte es nicht lassen!
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Das Frühstück der Siebenschläferin.
-
-
-Aber wie sieht sie verweint und häßlich aus, meine kleine süße Kersti!
-Ist es vielleicht, weil Esbjörn auf ihrem Hut Rad gefahren ist?
-
-Oder aus demselben Grunde, wie die Katze, oder um ihre eigenen Worte
-zu gebrauchen: „Pamphilos hat, seitdem Suzanne fortfuhr, so traurig
-ausgesehen, sie ist gar nicht mehr vergnügt!“
-
-Nein, mein Lieber, das ist nur deshalb, weil sie, wie die Überschrift
-andeutet, in die für ihr empfindsames Ehrgefühl peinliche Lage geraten
-ist, aus den auf dem Frühstückstisch befindlichen Resten sich ihre
-Mahlzeit suchen und diese dann ganz allein verzehren zu müssen.
-
-Und das genügt, um die Lebensfreude eines solchen kleinen Menschen zu
-zerstören.
-
-Und dann Du, Erwachsener! Warum glaubst Du wohl, daß Du mit saurer
-Physiognomie umherläufst!
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
- Gratulation.
-
-
- „Du wirst es Dir denken können, daß Karintag heut’ ist,
- Wir haben deshalb draußen die blau-gelbe Fahne gehißt“
-
-und dann folgt ein langes, unbeschreiblich schönes, zärtliches
-Namenstagsgedicht, dessen Schluß lautet:
-
- „Du wirst aus unseren so dargebrachten Gefühlen wohl hören,
- Wie hoch wir Dich als Gattin, Mutter und Herrin verehren.“
-
-Sehr schön!
-
-Der Dichter liegt übrigens lauschend im Nebenzimmer und hört
-glückstrahlend zu, wie die Mädels deklamieren.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Achtzehn Jahre.
-
-
-Kürzlich ist Suzanne aus London, wo sie bei ihrer, mit einem Engländer
-verheirateten Tante weilte, zurückgekehrt; und nun lebt sie mit vier
-Geschwistern, welchen sie die Wirtschaft besorgt, in Falun.
-
-Gerade jetzt kamen sie nach Hause -- es ist Sonnabend. Stolz auf die
-uralte Mähre „Lisa“ geklettert, ritt ich ihnen entgegen. Ulf kam
-per Rad und die andern von Braune gefahren. Denkt Euch, diese ganze
-Kavalkade über Sundborns Brücke!
-
-Suzanne legte sehr ordentlich ihr Wirtschaftsbuch vor. Die Buchführung
-stimmte.
-
-Ich glaube, sie haben sich meistens von Blaubeerensuppe und Eierkuchen
-ernährt.
-
-[Illustration: Suzanne und noch Jemand]
-
-
-
-
- Genesung.
-
-
-Ja, es gibt Ereignisse, bei denen unsere ganze Philosophie nicht
-ausreicht.
-
-[Illustration]
-
-Ich philosophierte so, wie Dickens seinen Mark Tapley philosophieren
-ließ: geradezu seine ganze Ehre daran zu setzen, froh und vergnügt zu
-sein, mitten in niedrigster Selbstsucht allem Betrug und menschlicher
-Jämmerlichkeit.
-
-Ja, froh zu sein, ja! Das kann in recht verschiedener Weise geschehen.
-Der, welcher gedankenlos grinsend durch das Leben geht, der ist es
-nicht, den ich meine.
-
-Nein, der, welcher es in klarer Winternacht unternimmt, in das Weltall
-hinauszusteigen und dort einen Spaziergang macht -- einen ganz kleinen
--- um Gottes willen nicht zu weit, nicht weiter, als daß er sich
-wieder zurückfindet! -- und hier und da auf der Milchstraße einen
-Abstecher macht, und denen auf den Sternbildern freundlich zunickt und
-nicht vom Entsetzen gepackt wird vor des Raumes und der Zeit ewigem
-und unendlichem Fortgang, sondern der, welcher im starken Vertrauen
-auf das Rechte und Gute, und auf eine sichere Allmacht es riskiert,
-lächelnd, fest und ruhig, sich in allen versteckten Winkeln der Natur
-umzuschauen, von dem meine ich, daß er der rechte sei. Mein froher
-Mensch.
-
-Ich selbst? Ach, ich bin ein armes, suchendes, zagendes Menschenkind,
-aber ich besitze wenigstens so viel ~Verstand~, froh ~auszusehen~, auch
-wenn mir das Herz in der Kehle steckt. Und schon das rechne ich mir zur
-Ehre an.
-
-Aber ....
-
-Dann kommt das Totengerippe klappernd Deine Treppe hinauf. Du schlägst
-die Tür ins Schloß und hältst zu. Näher und näher kommt es. Es faßt an
-die Klinke und zieht, stärker und stärker; Du vermagst nicht länger
-.... Die Spalte wird größer und größer, jetzt kannst Du ihm in seine
-unergründlichen Augen schauen, die Dir alles und nichts sagen.
-
- * * * * *
-
-Welch’ eine Welt! Deine Kräfte sind zu Ende. Du warst eben im Begriff,
-Deinen Griff loszulassen, weil Deine Finger erstarren ...
-
-Da geht er. So ganz ohne weiteres!
-
-Sie ist gerettet! -- „Alle Gefahr vorüber!“ sagt der Arzt, und ich
-finde ihn herrlich und mächtig, ich würde seine Knie umfassen,
-dürfte ich meinen Gefühlen nachgeben. Aber das, was ich küsse, sind
-ihre, meines geliebten, armen, kleinen, abgemagerten Weibes schmale
-Fingerspitzen, die Ärmelspitzen und der von der Pflegerin geflochtene
-Zopf, der sich so schwarz abhebt von dem weißen Bett.
-
-Mit welcher bezaubernden Pracht schimmert einem das Leben wieder!
-
-Und Du gehst auf den Zehenspitzen, und Du flüsterst, aber Du
-fühlst, daß Du vor Glückseligkeit strahlst, und Du ziehst Dich
-in die Einsamkeit zurück, setzt Dich hin und läßt es unbehindert
-heruntertropfen in das Gesangbuch, an der Stelle, wo Du gestern lasest:
-
-„Siehe, das Grab wird geöffnet und in dessen Tiefe verschwindet
-Dein Freund. Er kehret nicht zu Dir zurück, aber bald wirft Du ihm
-nachfolgen. Bald ruhen unsere erstarrten Glieder, und weder Sommerwind
-noch Sonnenschein wird ihnen wieder Leben spenden.“
-
-[Illustration]
-
-[Illustration]
-
-[Illustration: =Genesung.=]
-
-[Illustration: =Das Weihnachtsmahl.=]
-
-[Illustration: Karin und Lisbeth.]
-
-
-
-
- Das Weihnachtsmahl.
-
-
-Gute Gewissen und gute Mägen sind für den Weihnachtsabend so sehr
-notwendig, um pro primo, alles gut schmecken zu lassen, und pro
-secundo, damit der Magen alles vertragen kann.
-
-All’ diese Herrlichkeit wird zunächst von den alten Männern und den
-Gören in Augenschein genommen. Dann erscheinen Johann, Johanna und
-Sanna, alle drei kerzengrade und mit feierlichem Ausdruck. Aber Johann
-trägt seine Geige unter dem Arm, und Johanna hat einen ganz, ganz
-kleinen Schelmenblick im Auge.
-
-[Illustration: Weihnachtsmorgen.]
-
-Wenn alles in der Küche fertig ist, kommen die drei Dienstmädchen,
-Anna, Tilda und Martina herein, Nürnberger Puppen gleichend, so adrett
-und aufgeputzt, frisch gestärkt und gebügelt, die gesunden, fröhlichen,
-tüchtigen, ehrlichen Mädels! ... Na, und da, sieh mal an, da kommt der
-kleine Bäckström mit seiner Alten. Sie strahlen wie ein paar Kerzen bei
-der Weihnachtsmesse. Ja, die besitzen Liebe und Zufriedenheit! Zuletzt
-kommt Tekla, eigensinnig am Schürzenzipfel kauend und schüchtern
-lächelnd.
-
-Jetzt sagt Karin: -- Bitte seid so gut! und Suzanne und Lisbeth reichen
-das Brot herum. Bald darauf klirren Messer und Gabeln, die Männer
-räuspern sich, aus irgend einer angenehmen Veranlassung, und Johanna
-bringt die Mädchen zum Erröten und Lachen.
-
-Nach einer Stunde ruht ein Schimmer von Zufriedenheit auf allen
-Zügen, man hat das Bewußtsein, daß man seine Sache gut gemacht hat,
-ohne Unordnung und Betrug. Und dann kommt der Kaffee mit Bretzeln und
-Schürzkuchen. Und dann wird geknixt und treu drückt man sich die Hände.
-
-Johann aber stimmt die Geige: Der Reigen geht durch die ganze Hütte, in
-jeden Winkel hinein, hinauf und hinunter über alle Treppen, zuletzt im
-Kreis um die alten Greise herum.
-
-Die lächeln zufrieden und geehrt.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-[Illustration]
-
- Frosinchen geht einst mit zur Stadt
- Die sie noch kaum gesehen hat.
- Ein =A-B-C=-Buch kauft sie dort:
- Drin prangt ein Huhn, das immerfort
- Nur süßes Zuckerzeug tut legen.
- Frosinchen, stolz auf solchen Segen,
- Verläßt voll Wissensdurst den Laden!
- O weh! wie kam sie bald zu Schaden!
-
-[Illustration]
-
- Zu Hause sagt das Mütterlein:
- „Nun wollen wir mal fleißig sein“.
-
-[Illustration]
-
- „Zuerst da lernen wir geschwind
- Die fünf Vokale, liebes Kind!“
-
-[Illustration]
-
- „Sodann, so merk’ Dir, dies ist „=b=“,
- Nach links gedreht wird es ein „=d=“.
-
-[Illustration]
-
- „Na, sieh mal an, Du dummer Daus!
- Bei Dir das „=t=“ wie „=f=“ sieht aus!“
-
-[Illustration]
-
- „Nein, nein, wie bist Du schrecklich dumm,
- Mir dreht das Herz im Leib sich um!“
-
-[Illustration]
-
- „Ganz spielend lernt sonst eine Jede!
- Doch Du, mein Kind, bist mir ~zu~ blöde“!
-
-[Illustration]
-
- Der Mutter Schelten kränkt Papa,
- ~Er~ übernimmt das Lehramt da.
- Indes Mama erzürnt entweichet,
- Frolinchens Backe sanft er streichet.
-
-[Illustration]
-
- Und Kind und Vater still beglückt
- Man hier auf diesem Bild erblickt.
-
-[Illustration]
-
- Doch balde folgt dem Glücke Pein,
- Denn die Gelehrsamkeit bleibt klein.
-
-[Illustration]
-
- Verzweifelt fliegt das Buch zur Wand,
- Indes der Vater fortgerannt.
- -- -- -- --
-
-[Illustration]
-
- Doch andern Morgens liegt im Buch
- Von süßem Zuckerzeug genug.
- Und Vater, Mutter sowie Kind
- Nun wieder froh und einig sind.
-
-[Illustration: Sonnenblumen.]
-
-[Illustration: =Das Blumenfenster.=]
-
-[Illustration: =Das Angeln.=]
-
-[Illustration: Großmutter und Enkelin.]
-
-
-
-
- Die
- Muster-Erziehung.
-
-
-[Illustration]
-
- Eufrosinchen, klein und putzig
- Die ist heute schrecklich schmutzig.
-
-[Illustration]
-
- Doch als Mutter waschen will,
- Schreit sie sehr und hält nicht still.
-
-[Illustration]
-
- Vatern macht das Schreien wild:
- Was er tut -- zeigt dieses Bild.
- Kaum sieht das der Galgenstrick,
- Lacht er laut und voller Glück.
-
-[Illustration]
-
- Mutter wundert sich indessen,
- Daß der Schmerz so rasch vergessen.
-
-[Illustration]
-
- Derweil Mädi mit Bedacht -- -- --
- ~Tut, was Vater vorgemacht~.
-
-[Illustration]
-
- Dies gefällt der Mutter nicht:
- Furchtbar ist das Strafgericht.
-
-
-
-
- „Wenn Du’s wagst -- --“
-
- oder
-
- „Der Respekt geht über alles.“
-
-
-[Illustration]
-
- „Du! mein Bild -- das ist noch naß!
- Lisbeth Göre, läßt Du das!“
-
-[Illustration]
-
- Lisbeth läßt es gleich dabei
- -- kehrt den Rücken der Stafflei.
-
-[Illustration]
-
- „-- Lisbeth, wage Dich nur dran,
- gleich holt Dich der Kuckuck dann!“
-
-[Illustration]
-
- Lisbeth ihr Vorhaben läßt,
- aber -- die Idee sitzt fest.
-
-[Illustration]
-
- „Lisbeth, rührst mein Bild Du an,
- Haue kriegst gewiß Du dann!“
-
-[Illustration]
-
- Lisbeth, die vor Neugier bebt --
- ~Dennoch~ ihren Finger hebt.
-
-[Illustration]
-
- Niemand ernst noch bleiben kann,
- Lisbeth tippt zuletzt doch dran.
-
-[Illustration]
-
- Hieraus lebt: Zu jeder Frist
- ~Lisbeth ein Charakter ist~.
-
-[Illustration]
-
-[Illustration: =Unter der großen Birke.=]
-
-[Illustration: =Die Schneeschuhe.=]
-
-[Illustration: Die Weihnachtsgarbe der Vögel.]
-
-
-
-
-Eine Scherzfrage lautet: „Welche Ähnlichkeit besteht zwischen Kronos
-und Carl Larsson?“ Und wenn der Dumme, der so gefragt wird, dann
-zunächst nur den Mund aufsperrt, dann bekommt er zur Antwort: „Daß
-beide von ihren Kindern leben!“
-
-Allerdings. Doch laßt mich jetzt, bevor ich diese Zeilen schließe, auch
-noch ein paar ernste Worte hinzufügen. Daß diese Bilder mit Motiven aus
-meinem Heim in die Welt verstreut werden, macht wenigstens mich selbst
-froh. Es liegt darin etwas von dem „Hinausgehen und allen Völkern
-predigen“. Worüber? Über das Glück des Fünfzigjährigen? Glück? Ganzes
-Glück gibt es nicht! Der Schuh drückt stets irgendwo, und das ebenso
-gut bei denen, die viele Schuhe besitzen als bei denen, welche gar
-keine haben. Aber die Kinder -- und von ihnen handelt eigentlich dieses
-Buch -- sind die Träger unserer Hoffnungen und unserer Sehnsucht.
-Diese sind ebenso wie Du und ich tot geboren. Und doch: ihre rosigen
-Wangen und dicken krummen Beinchen, ihr fröhliches Geplapper, ihre
-bitteren Puppen- und Schularbeitssorgen, ihre verdrehte Ausdrucksweise,
-ihr Appetit, all’, all’ dieses erregt unser Entzücken, wir lachen,
-bis uns die Tränen an den von des Lebens Sorge durchfurchten Wangen
-herunterrollen, und wir drücken sie fast tot, diese Kleinen und danken
-Gott, daß er sie uns gab, denn wenn wir einst fort sind, dann -- zum
-Kuckuck! -- sind diese noch da! Schließet sie, diese ~meine~ Kleinen,
-in ~Eure~ Arme, Ihr seid es mir schuldig, denn Eure Kleinen sind mir
-fast ebenso lieb, wie meine eigenen. ~Ihnen gehört das Himmelreich!
-Sowohl Deinen wie meinen Kindern!~
-
- C. L.
-
-[Illustration]
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS HAUS IN DER SONNE ***
-
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