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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-01-21 20:36:46 -0800 |
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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Der Todesprediger - -Author: Gustav Landauer - -Release Date: June 6, 2022 [eBook #68228] - -Language: German - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was produced from images generously made available by the -Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf.) - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESPREDIGER *** - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text - ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist - ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Der Todesprediger - - Roman - - von - - Gustav Landauer. - - ❦ - - [Illustration] - - =Dresden= und =Leipzig=. - - Verlag von Heinrich Minden. - - - - -Alle Rechte vorbehalten. Unbefugter Nachdruck wird gerichtlich -verfolgt. - - - - -Einleitung. - - -Die Geschichte, die ich erzählen will, ereignete sich in jener im -Großen und Ganzen glücklichen Zeit, da sich die Planeten um die Sonne -drehten ohne zu fragen warum, und die Sonne ganz gedankenlos, ohne sich -nach einem Spiegel zu sehnen, ihre leuchtenden Strahlenbündel von sich -schleuderte. Die Epoche, wo das Weltall begann, über sich selbst und -seine Bestimmung zu philosophieren, war noch nicht angebrochen, der -Weltschmerz in des Wortes eigentlicher Bedeutung, das wehvolle Stöhnen -des großen Kosmos, das seiner Auflösung ins absolute Nichts vorherging, -war noch nicht eingetreten. Jedoch war das Allgemeinbefinden der -einzelnen Weltkörper schon wesentlich differenziert, und auf einem -derselben, auf der Erde, zeigten sich für den feinen Beobachter -bedrohliche Symptome. Das ganze Erdenrund war allmählich von einem -grünlichen Schimmel überzogen worden, der sich bemühte, zugleich ein -Spiegel und eine schlechte Kopie des Weltungeheuers zu sein. Jeder -auch der kleinste Teil dieses gewaltigen Riesen ging gedankenlos -seine eigenen Wege und kümmerte sich nicht im mindesten um andere. In -dieser überlegungslosen Selbständigkeit bestand das Weltglück. Auf -dieser schimmligen Erdrinde aber entstanden kümmerliche Wesen, die für -sich nichts waren und sich darum an einander anlehnen und einander -befehden mußten und es erwuchsen allmählich Arten statt Individuen, -Gesellschaften statt Personen. Ein krankhafter Keim steckte in jedem -kleinsten Teilchen dieser Erdoberfläche, es war das Bewußtsein oder -doch die Anlage dazu. Welche Art am meisten von diesem Gift in sich -trug, die errang die Herrschaft über die übrigen, die war aber auch -zugleich am nächsten dem Zustand der Selbstvernichtung, der aus dem -Selbstbewußtsein hervorging auf dem Wege über die Selbstverachtung -und den Selbstschmerz. Diese Rolle war schon seit geraumer Zeit dem -Geschlechte der Menschen zugefallen. Es ist die Aufgabe der Geschichte -dieser merkwürdigen Tiergattung, zu zeigen, wie gerade sie besonders -dazu befähigt war und auf welchem Wege sie sich dem angegebenen Ziele -näherte. Ich darf das wohl als bekannt voraussehen und bitte sich -rasch an diese ganze Entwickelungsgeschichte des Menschengeschlechtes -rückzuerinnern bis zu dem Punkte, wo das Bewußtsein schon den -Grad erreicht und überschritten hatte, wo der Selbstekel und der -Selbstschmerz, den der Mensch in Überhebung vielleicht, vielleicht -aber auch in zukunftsbanger Ahnung eine Zeit lang Weltschmerz nannte, -begann. Die langsame Entwicklung und das stetig sich verändernde -Fortschreiten und Umsichgreifen dieses Eigenwehs dauerte, oft -unterbrochen und scheinbar verschwunden, schon mehrere Jahrhunderte an, -das Christentum und dann die Reformation und dann der Rationalismus -und die Revolution waren gewaltige Heilversuche, die aber notwendig -fehlschlugen. Dann kam eine kurze Periode dumpfer Resignation und -verzweiflungsvollen Schmerzes, die Zeit des Romantismus, ironische und -zerrissene, aber durchweg halbe Männer waren die führenden Geister, -und in zweiter und dritter Reihe tauchten auf die feinsinnigen, -frauenhaften Gestalten, mit der melancholischen Ruhe und den zarten -aristokratischen durchgeistigten Händen, schmiegsame Leute ohne -Rückgrat, deren Wille gebrochen war. - -Dann aber kam herauf der ewig denkwürdige Versuch der Vernunft, sich -kalten Blutes auf sich selbst zu besinnen, die entsetzte Rückschau auf -die Entwicklung der Vergangenheit und das gegenwärtige Treiben, die -Auflösung und Abschüttelung alles überlieferten Herkommens, der Strich -unter die ganze Rechnung der menschlichen Geschichte, und das Wagnis, -nach all den Erfahrungen den Staub der Vorzeit von den Händen zu -waschen und das Leben der Menschheit von vorn auf vorsichtig geprüftem -Grund zu beginnen. - -In diese Jahre, in denen Abgelebtes und Vorzeitiges, Unreifes und -Faules, Abgespanntes und Vorwärtsstürmendes neben einander wohnte, fiel -das Leben des Menschen, von dem ich im folgenden erzählen will. - - ❦ - - - - -Erster Abschnitt. - - -Er war der zweite Sohn des Schuhmachers Adam Starkblom und dessen -Ehefrau Elisabeth und hatte die Namen Max Emanuel Karl Wilhelm -erhalten; man nannte ihn Karl. Geschwister hatte er sieben: zwei -Schwestern, Elise und Kathrine, und fünf Brüder: Adam, Justus, -Leberecht, Friedrich und Johannes. Sein Vater hatte anfangs viel zu -thun gehabt und die Familie gut erhalten können, war aber später -durch sein phlegmatisches und beschauliches Temperament allmählich -heruntergekommen und hatte sich, obwohl er früher äußerst nüchtern und -zurückhaltend gewesen, nachdem er schon die Grenze des Mannesalters -überschritten, dem Trunke ergeben. Er starb am Herzschlag, 64 Jahre -alt. Dieser Lebensführung des Vaters entsprechend war die Erziehung -der Kinder ausgefallen: Adam hatte seiner Neigung gemäß in ein großes -Handelshaus in Hamburg in die Lehre treten dürfen und brachte es dazu, -ein vermögender Plantagenbesitzer in Haïti zu werden, Karl durfte -studieren, Elise besuchte die höhere Mädchenschule und heiratete, -neunzehn Jahre alt, einen vermögenden Schlossermeister, Justus war beim -Vater in die Lehre gegangen und besaß nunmehr eine kleine Schuhfabrik -in Pirmasens, Leberecht war Branntweinbrenner, Friedrich Unteroffizier, -Johannes war gänzlich verbummelt und schließlich vom ältesten Bruder -mit nach Haïti genommen worden, von wo er aber bald auf einem -englischen Kauffahrteischiff durchbrannte, seine Spur war verschwunden -und er blieb verschollen; Kathrine endlich, die jüngste, war auf ein -Operettentheater gegangen, wurde dann die Geliebte eines reichen -Offiziers und endlich Straßendirne. Die Mutter war diesem letzten -Wochenbett erlegen; kein Wunder, daß das hinterlassene Kind im Hause -des blöden, trunksüchtigen Vaters nicht die beste Erziehung erhielt. - -Karl hatte schon im Elternhause eine besondere Stellung eingenommen; -er beteiligte sich nur ungern an den lärmenden Spielen der Brüder -und Kameraden und ging am liebsten allein seiner Wege. Er war ein -verschlossenes, träumerisches Kind, das nicht verstand, aus sich -herauszugehen. In seinem neunten Jahre etwa fing er an viel zu lesen, -alles was er im Vaterhause fand, aber wenn ihm etwas gefiel, las er es -immer und immer wieder, sodaß er große Stellen der Romane, die ihm in -die Hände kamen, auswendig wußte. Von seinem fünfzehnten Jahre an hörte -er mit einem Male fast gänzlich auf mit dieser Art Lektüre und las nur -noch wenig und planmäßig: die Klassiker, Bücher litterarhistorischen, -religiösen und philosophischen Inhalts. Was er nicht verstand, legte -er ruhig beiseite, was ihn ergriff, lernte er durch häufiges Lesen -auswendig. Er schloß sich gern an die Schwester Elise und deren -Freundinnen an und war bald unter seinen Brüdern und Mitschülern, die -den blassen Sonderling nicht leiden mochten, als »Mädlesschmecker« -verspottet. Bei Tisch und wenn er sonst mit Eltern und Geschwistern -zusammen war, war er still und in sich gekehrt, beteiligte sich -aber gern, wenn ihn ein Thema interessierte, am Gespräch der Alten -und konnte da schon früh hitzig und vorlaut werden; er war darum -verschrieen als altkluges, frühreifes Kind. In der Schule war er immer -unter den Ersten, da er sehr schnell auffaßte und ein gutes Gedächtnis -hatte, doch arbeitete er wenig. Seine Lehrer konnten ihn nicht leiden, -einigen war er verhaßt. Er meldete sich selten, wenn etwas gefragt -wurde, wußte aber fast stets Bescheid und antwortete kurz und klar. -Nur manchmal hatte er vor sich hingeträumt und stand dann ruhig und -blaß da, ohne den Mund zu öffnen. In seltenen Fällen ward er lebhaft, -meldete sich, trug warm, ja manchmal feurig vor, was er wußte, oder -meinte; ja einige Male hatte er es gewagt, dem Lehrer zu widersprechen. - -Noch bevor er sechzehn Jahre alt war, stand es ihm völlig fest, daß -er Philosophie studieren und das Rätsel der Welt ergründen wolle. Am -Ende des vorletzten Schuljahres jedoch schon kam er allmählich davon -ab. Sein kluges Auge sah, wie rasch der Vater herunterkam, und es -leuchtete ihm ein, daß er einen praktischen Beruf ergreifen müsse. So -antwortete er von da ab ruhig auf alle Fragen, was er studieren wolle: -Jurisprudenz, und dabei blieb er. Sowie er sich dazu entschlossen -hatte, sah er kein philosophisches Buch mehr an, beschäftigte sich -eifriger als früher mit den Schulaufgaben und suchte auch jetzt schon -für Fragen des täglichen Lebens Verständnis und Interesse zu gewinnen. -Er machte ein gutes Abgangsexamen und bezog, etwas über achtzehn Jahre -alt, die Universität. - -Freundschaft hatte er erst in seinen letzten Schuljahren, als seine -Neigung zur Philosophie hervortrat, kennen gelernt. Vorher hatte er -kein Bedürfnis nach Umgang gehabt. Jetzt drängte es ihn, Meinungen, -die ihn originell und sogar tief dünkten, teilnehmenden Freunden -vorzutragen und im Gespräch auszuspinnen. Es fand sich so eine Anzahl -hochstrebender junger Menschen zusammen, von denen indeß, wie es häufig -zu gehen pflegt, die meisten in der Schule nicht recht mitkamen. -Anfangs bildete sich eine förmliche philosophische Gesellschaft, in -der aber auch dem Bedürfnis der Jugend zu dichten und das Geschaffene -mitzuteilen und loben zu lassen Genüge geschah; sie organisierten sich -als Verein und gaben sich eigene Statuten. Später indessen zog sich -Karl, der schon von früh an mit einer gewissen Rücksichtslosigkeit -eine alte Haut, die ihm nicht mehr anstand, abwarf, ganz davon zurück -und verkehrte nur noch mit dreien der Genossen, intim nur mit einem, -und selbst diesem vertraute er seine geheimsten und kühnsten Gedanken -und Pläne nicht an. Anfangs schrieb er seine Ideen tagebuchartig -nieder, einiges wenige arbeitete er in größerem Umfang aus; auch -das gab er auf, sowie er einsah, daß seine Meinungen sich zu rasch -änderten, daß er noch keinen festen Standpunkt gewinnen könne; von da -an verfolgte er kaltblütig und mit einer gewissen eigenen Neugierde die -Vorgänge in seinem Hirn und hielt meist auf seine neuen Gedanken nicht -besonders viel, weil er wußte, wie schnell die alten sich bisher immer -verflüchtigt hatten. - -Nachdem er sich entschlossen hatte, Jurist zu werden, zog er sich von -den wenigen Freunden, denen er geblieben war, mehr und mehr zurück; -einmal wollte er nicht in Versuchung geraten, sich allzu tief mit der -Weltweisheit einzulassen, dann auch wollte er es nicht mitansehen, -wie sich auch in ihnen die Wendung zur praktischen Thätigkeit und -zum bürgerlichen Beruf vollzog. Wenn zwei dasselbe thun, ist’s nicht -dasselbe, dachte er; was er, soweit es ihn betraf, heroisch nannte, kam -ihm bei allen andern verächtlich vor. - -Er wurde ein fleißiger Student, der fast nur mit Fachgenossen, die -er im Kolleg kennen gelernt, verkehrte und sich von den geselligen -Vergnügungen geflissentlich zurückhielt. Erst hier, in den praktischen -Übungen an der Universität und in den Gesprächen mit den Bekannten am -Biertisch und auf der Bude, ward es ihm zur unumstößlichen Gewißheit, -daß er mehr sei als der Durchschnitt seiner Umgebung. Er dachte klarer, -beurteilte alles von höherer Warte, faßte Zusammengehöriges aus -entfernten Gebieten zusammen und konnte seiner Ansicht geläufig und -elegant Ausdruck geben. Jedoch beschäftigte er sich auch jetzt fast -ausschließlich mit seinem Fach, besonders allerdings mit theoretischen -Problemen, interessierte sich aber mehr als gewöhnlich üblich schon -jetzt für Detailfragen. Bei dieser intensiven Bethätigung in der -trockenen Wissenschaft aber fuhr es ihm mehr als einmal durch den Kopf: -»Wartet nur! ich bin noch der Alte! Noch ist nicht aller Tage Abend! -Wohl treibt mein Bewußtsein jetzt keine Weltweisheit und kümmert sich -um nichts als Jurisprudenz; unter der Schwelle aber arbeitet es weiter, -mir selber nicht bewußt; und finge ich jetzt an zu philosophieren, -meine alten phantastischen Unerfahrenheiten wären verschwunden und neue -Gedanken kämen mir angeschwommen, ohne daß ich wüßte, woher. Wartet -nur! Er ist noch nicht tot, der Prediger in der Wüste! Und wenn er auch -spät wieder erwacht, er kommt zu seiner Zeit!« Dann vertrieb er diese -Ahnungen wieder, beugte sich über seine dicken Bücher und ochste bis -tief in die Nacht. - -Im letzten Jahre jedoch seiner Studienzeit, wo andere Studenten gerade -anfingen, ernstlich zu arbeiten, klappte er seine Bücher zu und machte -eine Pause. Er hatte das Gefühl, nun sei ein Abschnitt erreicht und -für’s Examen wisse er jetzt schon völlig genug. Für kurze Zeit erwachte -in ihm ein neuer Mensch: er ward gesellig, heiter, harmlos, lebensfroh -und lernte auf einmal das Plaudern. Er nahm jetzt Tanzunterricht, -verliebte sich dabei in ein hübsches Mädchen und verlobte sich heimlich -mit ihr. - -Indessen hörte diese Weltläufigkeit bald wieder auf; er wurde wieder -der alte stille geruhsame Mensch, der sich in Gesellschaft nicht wohl -fühlte, nur ernstes zu reden verstand, alles von seiner tiefen Seite -nahm und den Plauderton wieder gänzlich verlernte. Dann kam das Examen, -das er glänzend bestand. - -Nunmehr diente er sein Jahr ab, beim Infanterieregiment seiner -Vaterstadt. Jetzt untersagte er sich jede geistige Thätigkeit; er war -nur Soldat; im Innern mürrisch und kalt, äußerlich streng diszipliniert. - -Dann ward er wieder mit allen Kräften Jurist, es kam die -Praktikantenzeit und dann das zweite Examen und das allmähliche -Emporklimmen an der Leiter der Beförderungen. Schon als Student war er -entschlossen gewesen im Staatsdienst zu bleiben und Richter zu werden. - -Als er 36 Jahre alt war, konnte er es nach sechzehnjähriger treuer -Brautschaft wagen, sein Lorchen zu heiraten und einen Hausstand zu -gründen. Es ging immer noch knapp genug her beim Herrn Amtsrichter, -und es hätte auch jetzt noch nicht reichen können, hätte er es nicht -endlich über sich gebracht, eine nicht ganz unbedeutende Summe von dem -Bruder Adam, dem es damals in Haïti schon recht gut ging, nach öfterem -Anbieten von Seiten des treuen Menschen, leihweise anzunehmen. - -Die Ehe schien eine äußerst glückliche werden zu sollen; war Karl ruhig -und ernst, so war Lorchen ruhig und heiter; sie hatte einen ungemeinen -Respekt vor dem Geiste ihres Mannes und war doch fähig und willig, ihn -zu verstehen und mit ihm zu reden über das, womit er sich beschäftigte. -Das war freilich auch jetzt fast nur die Rechtspflege, und nunmehr -meist Fälle aus der Praxis, deren Konsequenzen er zu ziehen pflegte. -Mit anderen Dingen gab er sich nicht viel ab; ein wenig interessierte -er sich für Kunst und Theater, selbst mit Politik sich ernsthaft zu -beschäftigen, hatte er noch nicht die Zeit gefunden. »Wartet nur! jetzt -bin ich ein alter Mann! aber ich werde noch einmal jung!« So pflegte er -auch jetzt wieder zu sagen. - -Bald aber begann das Unglück und ließ mit zäher Beharrlichkeit nicht -nach, bis es das Äußerste erreicht hatte: das erste Kind, ein Mädchen, -starb, nachdem es zwei Tage kümmerlich gelebt hatte; das zweite, wieder -ein Mädchen, starb nach drei Monaten an der Lungenentzündung; und das -dritte Wochenbett bettete Mutter und Kind, diesmal wäre es ein Knabe -gewesen, in den Tod. - -Nach fünfjähriger Ehe stand Karl Starkblom wieder allein auf der Welt. -Äußerlich blieb er ruhig wie er war. Aber bei Tag und Nacht ließ ihm -die Frage keine Ruhe mehr: »wozu nun noch arbeiten? wofür jetzt -noch leben? warum jetzt noch dein eigentliches wahres Geisterleben -unterdrücken? jetzt wäre es Zeit, höchste Zeit!« - -Als wollte das Geschick durchaus keinen Zweifel aufkommen lassen, -wohinaus es wolle, fügte es nach Verlauf von dreiviertel Jahren einen -weiteren Todesfall hinzu: der Bruder Adam in Haïti starb plötzlich -am Fieber; sein gesamtes bedeutendes Vermögen hatte er dem geliebten -Bruder Karl testamentarisch vermacht. - -Als Starkblom in den Besitz dieses Vermögens kam, war er -gerade zweiundvierzig Jahre alt. Seit knapp drei Jahren war er -Landgerichtsrat. Nunmehr sagte ihm sein kleines Seelenteufelchen: »Halt -Mann! Umspannen!« Er kam um Urlaub ein und zog sich in ein freundliches -Städtchen am Fuße des Schwarzwalds zurück. Kurze Zeit darauf nahm er -nach reiflichem Überlegen seinen Abschied. - -Seine Kollegen machten hinter seinem Rücken bitter höhnische -Bemerkungen über den unerhört frühen Rückzug Starkbloms; jetzt war er -erkannt. Bisher freilich hatten ihn alle, die er überflügelt hatte -oder zu überholen drohte, für einen ehrsüchtigen Streber erklärt; -das hinderte aber durchaus nicht, nun zu behaupten, das sehe ihm -völlig ähnlich, das sei von ihm zu vermuten gewesen: er sei eben ein -ganz pflichtvergessener Mensch, dem es nur um möglichst schnellen -Gelderwerb zu thun gewesen, und vermutlich sei er im geheimen ein roher -Genußmensch; die große Erbschaft sei ihm recht zupaß gekommen. Jetzt -konnte er seinen Vergnügungen nachgehen, ohne mehr arbeiten zu müssen. -Nun zeigte der hochnäsige Herr seinen wahren Charakter; aristokratisch -hatte er immer gethan, aber seine gemeine Herkunft konnte er nicht -verleugnen. - -Was hätten diese Herren für dumme Gesichter gemacht, wenn er ihnen -seine wahren Gründe anvertraut hätte: daß er einen anderen Beruf in -sich fühle, als zeitlebens Richter zu sein, daß er seinen Geist und -die Bestrebungen seiner frühen Jugend jetzt voll und ganz auszuleben -gedenke. - -Sich selber ausleben -- das war sein Ehrgeiz, an seine Jugend wollte er -wieder anknüpfen. Was aber war er denn selbst? was steckte eigentlich -in ihm? was war noch übrig von den Idealen seiner Jugend? Was konnte er -der Menschheit bringen? - -Er schaute tief in seine eigene Seele und fand, daß trotz aller äußern -Ruhe der Kern seines Wesens Trauer und Weh geworden war. Und er merkte -mit einem Mal, daß Jammer und Schmerz die ganze Menschheit und die -ganze Welt durchzog. - -Als er aus der Unschuld des Kindes langsam zum Manne erwachte, war er -rascher als wohl sonst die Regel, über die verzweiflungsvolle Zeit des -Aufblühens der Sinnenwelt hinweggekommen; äußere Umstände waren schuld -daran. Jetzt, da er ein reifer Mann war und alle Schmerzen und Wonnen, -die der Mensch durchmachen kann, erprobt und gekostet hatte, stürmte -eigenes Weh, philosophische Verzweiflung und soziales Elend mit voller -Wucht und gleichzeitig auf ihn ein. - -Es schien ihm, als habe er mehr als zwanzig Jahre geschlafen und -dummes unverständiges Zeug geträumt, als er jetzt wieder ernstlich -begann, über Menschengeist und Weltzweck nachzudenken und in der Welt -umherzublicken. - -Es fuhren ihm jetzt Gedanken durch den Kopf, er lebte jetzt in ganz -eigentümlichen Stimmungen, wie er sie nie gehabt seit langer Zeit, -und doch war es ihm, als habe er das alles genau so, selbst unter -denselben kleinen äußerlichen Umständen, schon einmal gedacht und -empfunden, vor langer, unendlicher Zeit, vor mehr als tausend Jahren -wohl. - -Dann kam es ihm, er solle wohl seine alten Tagebücher und -Aufzeichnungen aus der Knabenzeit wieder vorsuchen, und er las eifrig -darin. Gar manches verstand er nicht mehr, vieles mißverstand er -und legte ihm einen ganz andern Sinn unter, als er damals gewollt; -einiges aber fand er schon fast genau in derselben Art gedacht und -ausgesprochen, wie es ihm jetzt als neue Wahrheit aufgegangen. - -Ihm grauste vor sich selber; der Student und der Richter, wie hatte der -denn nur je sein können? wie hatte er daran sein Genügen finden können? -Und eine stille Freude überkam ihn, daß er wieder jung geworden war. - -»Der Menschheit will ich meine Dienste weihen; ein neues Wort will -ich sprechen, das noch keiner gesprochen hat.« So hatte er als -Sechzehnjähriger geschrieben und so wollte er jetzt wieder. Die Kraft -fühlte er in sich. Er war mehr als die andern, er wußte es sicher; noch -keinen hatte er getroffen, der ihm gleichkam. - -Er beabsichtigte, vorerst in dem kleinen sonnigen Städtchen, wo er -gegenwärtig weilte, zu bleiben. Die Einsamkeit sollte ihm wohlthun. In -sich selbst wollte er sich versenken, auf sich selbst sich besinnen. -In die Natur wollte er sich wieder einleben und sich verjüngen im -frischen Waldesgrün, seine poetische Phantasiethätigkeit, die er zu so -langer Ruhe verurtheilt hatte, erwachte jetzt wieder aus ihrem dumpfen -Schlafe. Dem Vogelsang wollte er lauschen und das Sonnenlicht einsaugen. - -Eines Morgens ging er bei heiterkühlem Frühlingswetter den Fluß entlang -zur Stadt hinaus, thalaufwärts. Er liebte diesen Weg besonders. Zur -Seite hatte er Anhöhen und vor sich Berge von immer neuer Gestalt und -Färbung, da die Straße in langsamer Krümmung das Gebirge vermied. -Rechts war der Fluß, jenseits saftige Wiesen und weiter entfernt wieder -Berge, die mit dunklen Tannenwaldungen bestanden waren. Blickte er sich -um, so sah er die Stadt mit ihren hohen Schlöten hinter sich liegen; -die abgebrochenen Schläge des Kupferhammers vor der Stadt, an dem er -vorhin vorbeigegangen, drangen leiser und leiser zu ihm. Sein Sinn war -fröhlich und unternehmend; seine Gedanken abgerissen und hüpfend, -er träumte mehr als er dachte. Am frühen Morgen war ein starkes -Gewitter niedergegangen, das erste des Sommers. Noch immer schoben die -abziehenden Wolken an der Sonne vorbei und verdunkelten kurze Zeit das -Thal. Doch bald wieder schwanden die Schatten und er schritt fröhlich -vorwärts. - -Nachdem er eine schwache Stunde gegangen war, sah er etwa in der -Mitte des Berges, der hinter der Krümmung des Flusses gerade vor ihm -emporstieg, auf einem Vorsprung ein weiß schimmerndes schloßartiges -kleines Haus liegen. Es grüßte ihm freundlich entgegen mit seinem -weißen Verputz, seinen hell blinkenden Fenstern, seinem roten -Ziegeldach und dem kleinen mit Schiefer gedeckten Türmchen an der -linken Seite. - -»Da wäre gut wohnen,« dachte er. - -Er ging noch etwa eine Stunde, dann kehrte er auf einem andern Wege, -der über die Anhöhen führte, zurück. - -Mittags beim Essen erzählte er seinem Nachbar, dem Stadtbaumeister, -von seinem Ausflug und von dem Schlößchen, das ihm so sehr gefallen -hatte. Der sagte ihm, das weiße Haus, so nannte man es, stünde schon -seit einem halben Jahre leer, da der Besitzer nach Wien gezogen sei. -Liebhaber sei keiner da, da es für die Fabrikanten der Stadt und die -paar andern, die noch etwa in Betracht kommen könnten, zu entlegen war. -Und Fremde besuchten ja bekanntlich trotz der reizenden Umgebung die -Stadt kaum, die als Fabriknest verschrieen war. - -Starkblom war rasch entschlossen. Noch am selben Mittag besuchte er -den Rechtsanwalt, der die Angelegenheit für den Weggezogenen in Händen -hatte und nach Verlauf von wenigen Tagen war das Geschäft abgeschlossen. - -Starkblom war im Besitz des weißen Hauses und die nächsten Wochen schon -verwandte er darauf, seine Möbel kommen zu lassen und einige neue zu -kaufen. Einen Teil der Zimmer richtete er nicht ein, weil er Raum für -eine Bibliothek lassen wollte. Eine Sammlung erlesener Bilder schwebte -ihm für die spätere Zukunft vor. - -Eine ältere Frau, die er gedungen, sollte ihm kochen und Wirtschaft -führen. - -Am 1. Juli bezog der neue Schloßherr das weiße Haus und er erschrak -gleich nach den ersten Tagen, sowie er sich angewöhnt hatte, über -die erbärmliche Beschäftigung mit nichtigem Tand, der er sich in den -letzten Wochen hingegeben hatte. Das wurde von jetzt ab anders. Nur -Großes und Tiefes sollte ihm zuschwimmen mit den klaren Wellen des -Flusses, der am Fuße »seines Berges« langsam und ruhig dahinfloß. - -Er bestellte in der Hauptstadt eine große Zahl Bücher, in die er sich -in den nächsten Wochen vertiefte. Er merkte bald, als er sich mit Liebe -seinem Studium und seinem Sinnen hingab, daß es besser sei Bücher zu -haben als eine Bibliothek und noch besser Gedanken als Bücher und noch -besser Erleben als Denken. An Gedanken mangelte es ihm nicht, und was -das Erleben anging, nun -- er hatte ein ganzes reiches Leben hinter -sich und gern vertiefte er sich in seinen Erinnerungen darein als in -etwas völlig abgeschlossenes. - -Er gedachte seines Vaters, dessen Lebensende sich so jammervoll -gestaltet hatte; gar wohl aber erinnerte er sich noch an seine frühere -bessere Zeit, wie er als gedankenvoll auf seinem Schusterstühlchen -saß und mit seinem beschränkten Geiste über tiefe Probleme seine -Weisheit zum besten gab, eine mürrische, unzufriedene Weisheit, die -die Farbe der grauschwarzen Wichse an sich hatte, mit der er seine -Stiefel schmierte ... Dann die Mutter ... an die war nicht viel zu -erinnern. Das war eine arbeitsame Frau, die ihr Bündel Not und Kummer -mit Ergebung trug nachts und tags über mit Raunzen und Brummen und -Schelten. Sie hatte nie viel Zeit für ihre Kinder übrig gehabt und für -den früh einsamen Karl erst recht nicht. Die rechte Liebe zur Mutter -hatte er nie kennen gelernt und bemühte sich auch jetzt nicht sie zu -erwecken. Die große zärtliche Liebe zum Vater war ihm geblieben und -seiner gedachte er stets mit Wehmut. Glaubte er doch jetzt, wo er -über alles grübelte und sein eigenes Wesen nach allen Richtungen zu -zerfasern und aufzudecken suchte, viel von seinem nachdenklichen Geiste -und seinem ruhigen Äußern geerbt zu haben, abgesehen von den kleinen -Zügen in Gang und Haltung. - -Die Brüder, die noch in Deutschland wohnten, zum Teil ganz in der -Nähe seines neuen Wohnortes, waren ihm aus dem Gesicht entschwunden -und er nahm kein Interesse an ihrem Leben. Oft gedachte er mehr mit -freudiger Dankbarkeit als mit Schmerz des verstorbenen Adam, dessen -Testament der letzte Anstoß gewesen war zur neuen Blüte seines innern -Menschen. Er war ein urtüchtiger Mensch gewesen von mächtigem Körper, -umfassendem Blick für sein Geschäft und großer Energie; dabei soweit es -anging voll Interesse für geistige Dinge. Aber eigentümlich -- so oft -seine Gedanken sich Haïti zuwandten, immer war es der schwach umrissene -Schatten eines Menschen, den er sich bemühte vor sich zu sehen und der -ihm doch immer wieder nebelhaft zerrann. Sein jüngster Bruder, der -verschollene Johannes wollte seine Wiedergeburt feiern in seiner Liebe. -Ihre Wege in der Kindheit waren weit auseinandergegangen, der Sinn des -Spätgeborenen war vielfach nur äußerlichen Dingen zugewandt gewesen; -aber Starkblom ging es jetzt auf, was ihm die ganze lange Zeit nie -eingefallen war: es war ein glänzender, strahlender Geist in diesem -schmiegsamen Leibe, der da auf Irrwege geraten und vielleicht für immer -für sich und die Menschen verloren war. Starkblom entsann sich jetzt -der philosophischen Stunden der Primaner, wo der braunlockige Knabe -manchmal ins Zimmer gehuscht war und mit mancherlei Ulk und kindischem -Gethue die furchtbar ernsten Abgrundsgedanken der grübelnden und Pläne -türmenden Jünglinge gestört hatte, bis er mit einem Mal eine Bemerkung -dazwischen warf, von der man immer noch nicht recht wußte, war sie -kindliche Einfalt oder geniale Improvisation. Der wilde Hans -- was -mochte aus ihm geworden sein? Ob er wohl noch lebte? Starkblom schien -es, er müsse ein kühner Mann und ein eisklarer Geist geworden sein, -wenn er nicht gänzlich zu Grunde gegangen; ein Mensch, nach dem er sich -sehnen konnte in düsteren einsamkeitsschweren Stunden, ob auch schon -seine Gestalt nur unklar und verschwommen vor ihm schwebte. - -Die Erinnerung an sein treues Lorchen rief er selten ins Bewußtsein -herauf. Desto öfter gedachte er seiner drei Kinder, die so kurz gelebt -hatten. Eigentliche Liebe für die seltsamen Wesen hatte er seiner Zeit -kaum empfunden; ja des Knaben dachte er auch jetzt nur mit bitterer -Empfindung. Aber doch war jetzt ein eigentümliches, der Liebe sehr -nah verwandtes Gefühl in ihm: er hatte Kinder gehabt! Er könnte jetzt -ein kluges fünfjähriges Töchterchen haben. Eine leise Sehnsucht nach -Vaterfreude und Kinderspielen und Erziehungslust regte sich oft in -ihm. Doch unterdrückte er das immer rasch. Er würde die Erde nie mehr -bevölkern helfen, das wußte er; so mußte er denn der Menschheit in -anderer Weise dienen. Er konnte sich Menschen denken, die von vorn -herein auf Ehe und Kind verzichten und von Jugend auf ihren physischen -Zeugungstrieb mit mächtiger Energie in einen rein geistigen verwandeln. -Auch solche erfüllen ihre Pflicht gegen ihr Volk und die Menschheit, -besser als die gewöhnlichen Väter. Und plötzlich überkam ihn auch da -ein Grauen vor sich selber. Wie hatte er sich nur je wie ein ganz -gewöhnlicher Mensch verlieben können und alle die Thorheiten mitmachen? -Und heiraten? Und -- und? Zeugen? rohesten Sinnengenuß suchen? -jahrelang? Hatte ich denn das nötig? Durfte ich das? Entsprach das -meiner wahren Natur? Nein, nein. - -O warum hatte er sich denn nur je dem Joch des Eigennutzes und des -Herkommens gebeugt? Wäre er doch ruhig und ohne nach rechts und links -zu sehen, seine Bahn vorwärts gegangen, gleichgiltig ob er sein -Ziel erreichte oder scheiterte! Hätte er sich doch ausgelebt; wäre -er doch jung geblieben! O diese häßliche gewöhnliche eingeengte -niederdrückende Zwischenzeit. Konnte er denn noch einholen, was er -versäumt? Er _mußte_ es einholen; er mußte denken, leben, wirken. -Vorbild wollte er sein, Prophet ... Erlöser -- War er denn noch jung -genug? Ja er glaubte an sich, er mußte ja an sich glauben; er wollte -doch nicht verzweifeln? Er betrachtete sich im Spiegel und lächelte -sich Mut zu; ja er war noch jung und frisch. Der Glanz seiner braunen -Augen hatte noch nicht nachgelassen, noch hatte er den sprechenden, -eindringlichen Zug um den Mund. Wohl waren die Haare an seiner -hohen energisch vorspringenden etwas plebejischen Stirn ein wenig -zurückgetreten; aber noch kein graues Haar war zu finden in seinem -dichten, schwarzen Vollbarte. - -Gewiß, gewiß, er war noch nicht zu alt; ihm war noch Frist genug übrig, -um sein Werk zu vollenden. Und nun suchte er sich zu überzeugen, -wie vorteilhaft im Grunde das lange Verstummen seiner Weisheit für -ihn war, für ihn und die Welt, der er das Geschenk seiner Gedanken -entgegentrug. Wäre damals, noch als er Schüler war, nicht die -plötzliche Wendung gekommen, die ihn ins Philistertum getrieben -hatte, was wäre vermutlich aus ihm geworden? Ein frühreifer, -hitziger, unaufgeklärter Mensch, der seine jünglingshaften Ideen für -unantastbare Wahrheit genommen hätte, ein intoleranter, fanatischer -Sklave seiner Erstgeborenen, der seine eigene Zukunft noch vor dem -Entstehen abgetrieben hätte aus feiger Rücksicht aufs Vergangene, -aus erbärmlicher Liebe zu irgend einem gehätschelten Erfolg in der -Gegenwart. Früh, vor der Zeit, hätte er sich verausgabt, und wäre dann -wenn er sein erstes verheißungsvolles Wort gesprochen, mit leeren -Händen und Taschen vor der erwartenden Welt dagestanden, die jetzt -erst das beste hören wollte, was aber hätte er noch geben können? Ein -besonderes, kaum denkbares Glück wäre es gewesen, wenn er nach langer -Pause, die jetzt doch hätte kommen müssen, sich wieder gesammelt hätte -zu neuer Weisheit; aber ob man ihn dann noch hören wollte -- wer hätte -es wissen können? Nein, nein -- besser in der Jugend gelernt und -geschwiegen, und geredet als Mann. - -Ihn dünkte, er brauche sich jetzt nur sorgsam zu besinnen auf alles, -was er ohne besonders aufzumerken in seinem Leben gesehen, er brauche -nur in Zusammenhang zu bringen die Gedanken und Stimmungen, die ihm -die Jahre her über die Seele gehuscht, und die Weltanschauung, die er -in seinem Herzen ahnte, stände klar und abgerundet vor seinem Geiste, -sein Wille sei entschieden und seine Rede für die Menschen dazu. Er -meinte, dann habe er ausgelernt, es bleibe ihm nur noch übrig, die -Konsequenzen aus seinem Leben zu ziehen. Erst leben, dann lehren, -das schien ihm das Motto zu sein für seine Aufgabe, das war die -Grabschrift, die er sich im voraus verfaßte, und der erste Teil schien -ihm vollendet. War es die lange Beschäftigung mit der Jurisprudenz, -die ihm damals noch alles Komplizierte einfach, alles Verwirrte schön -gesondert, alles Verflochtene auseinandergesträhnt erscheinen ließ, die -ihn verleitete, den gährenden Most des ungeschiedenen Lebensdranges auf -die durchsichtigen Flaschen kahler Abstraktionen zu ziehen, vorzeitig -einzupressen und zuzupfropfen, weil die wilde Lust überzuschäumen, sich -für einen Augenblick im Verborgenen hielt? Täuschte ihm der äußere -Anstrich der Geistesruhe einen Gemütsfrieden, eine Herzenskälte vor, -die er am Ende doch nicht besaß? Wähnte er, sein Wille allein sei -jung geblieben, sein Geist aber besitze nicht mehr die Triebkraft und -Verwandlungsfähigkeit der Jugend? Sein Herz sei gefeit gegen neues -unerhörtes Erleben? - -Solche Erwägungen konnten ihm damals nicht ankommen. Kalt und energisch -sammelte er seine zerstreuten Erfahrungen und Ideen, um dann unter die -Menschen zu treten und zu zeigen, was er war und wußte und wollte. -Vorderhand führte er wirklich nur ein reines Leben im Geiste, das ganz -unabhängig war von seinem völlig gleichmäßig verlaufenden einsamen -Leben nach außen. - -Immer auf sein bisheriges Leben zurückschauend, ließ er seine -Weltanschauung sich weiter entwickeln, und lebte nur, um eben nicht zu -sterben. - -Manchmal aber hatte er Augenblicke, und sie kamen häufiger von Woche zu -Woche, wo es ihm ganz grotesk und ungeheuerlich vorkam, daß er etwas -besonderes sein wolle, daß er jetzt, wo er sich dem Alter näherte, sich -über seine bescheidene Stellung erheben wollte, erheben über alle die -anderen Mitmenschen. War er denn wirklich mehr als andere? Und wenn -auch -- wozu denn das alles? Was wollte er denn? Hatte er denn etwas zu -sagen? Wäre es nicht besser, die Menschen zu lassen wie sie sind? Was -ging ihn schließlich das alles an? In Ruhe und Zurückgezogenheit wollte -er seinen Gedanken leben, und sich langsam dem Tode entgegengrübeln. -Er war doch kein Weltverbesserer, war nicht geschaffen für das -Auftreten in der Öffentlichkeit. - -Denn schließlich -- was war denn diese Welt? War denn da noch etwas -zu bessern, oder auch nur zu ändern? Er lebte sich tiefer und tiefer -ein in das metaphysische Gespinnst, seine Gedanken schienen ihm bald -das einzig Wahre, die Welt war das Produkt seiner Sinne und seines -Bewußtseins überhaupt. Lohnte es sich denn, an solchem trügerischen -Schein ändern zu wollen, in eiteln Traum Vernunft zu bringen, die -Gestalt einer Seifenblase zu verbessern? Die Formen mochten wechseln, -der innerste Kern der Welt blieb doch derselbe und war unabänderlich. - -Dann aber kam wieder neuer Zweifel über ihn: war es denn nicht -verwegenste Überhebung, alles für Trug erklären zu wollen, nur damit -seine Gedankenwelt wahr bleibe? Wäre es nicht bescheidener, die Welt -vorerst zu lassen wie sie ist und an der Richtigkeit seines eigenen -Denkens zu zweifeln? - -So bohrte er sich gewaltsam tiefer und tiefer in Unzufriedenheit -hinein und raubte sich vollends den Rest von Naivität und unfragsamer -Lebensfreude, den er noch bis dahin besessen hatte. Schließlich -hatte er oft Momente, wo ihm diese ganze Grübelei als dilettantische -oberflächliche unersprießliche Kindereien erschien, hauptsächlich -dem Bedürfnis entsprungen, einen Vorwand für seine Weltfremdheit und -Beobachtungsfaulheit zu haben. - -Ja, was wollte er denn auch noch in der Welt? So fragte er bald -entschlossen. Mochten die anderen dahinleben, ohne zu fragen, mochten -sie die Arbeit für ihren vom Weltenschöpfer gesetzten Lebenszweck -halten und handwerksmäßig in engem Stall dahinvegetieren, bis sie -starben -- was lag ihm daran? Er empfand mehr und mehr einen tiefen -Ekel vor bürgerlichem Beruf, vor unbewußtem dämmerhaftem Leben, vor -Leuten, die nicht die Zeit hatten zu fragen, wozu? - -Bald hatte er jetzt ganze Tage, an denen ihm alles lächerlich, fast -verrückt vorkam. Wenn er gemächlich spazieren ging, halb nachdenkend, -halb seine Sinne der Welt öffnend, mußte er sich immer wieder fragen: -wozu denn aber in Drei-Teufels Namen das alles? Da rennen sie und -hasten sie und alle arbeiten sie drauf los und einer verdrängt -eifersüchtig den andern; zu welchem Zweck denn? was haben sie denn -Großes vor Augen? haben sie sich denn überhaupt ein Ziel gesteckt? -Hat auch nur jeder ein besonderes Ideal, das er heiß begehrt zu -erreichen, oder arbeitet gar alles in schön verteilten Rollen auf -einen Punkt hin? Von alledem schien ihm keine Rede zu sein. »Machen -sie sich gar was vor?« murmelte er einmal vor sich hin, als er an -einem Steinbruch vorbeikam, wo alles eifrig bei der Arbeit war. »Mir -scheint wahrhaftig, das ist eine bunte Komödie, das alles! Wen wollen -sie wohl täuschen?« Und so grübelte er weiter. Natürlich, jeder wollte -dem andern vormachen, er habe ein Ziel, er wisse, wofür er arbeite, und -jeder that, als glaube er dem andern. Dann kam er am Friedhof vorbei -und da fiel ihm noch ein neues ein. Sich selber täuschten sie auch, -und das war wohl die Hauptsache. Der Tod, der war es, der bestimmte -ihr ganzes Leben, das was sie Leben nannten. Jeder machte möglichst -viel Lärm, um sich nicht ans Sterben zu erinnern, und alle hegten wohl -insgeheim die Hoffnung, an ihn komme die Reihe nicht, er brauche nicht -ins Gras beißen. Und weil sie sich das doch nicht recht glaubten, -betäubten sie sich durch lächerliche, ganz überflüssige Beschäftigung, -und das nannten sie dann »leben«. War das nicht zum wahnsinnig werden? -Wenn sie einsähen, daß alle ihre Arbeit ganz und gar überflüssig wäre, -wenn sie sich zugeständen, es sei nicht der mindeste Zweifel erlaubt, -daß sie alle mit einander, einer nach dem andern, sterben müßten, -dann würden sie wohl ihr Maschinengerassel zur Ruhe bringen und ihr -Handwerkszeug, die Requisiten der großartigen Komödie, unberührt an die -Wand lehnen und -- ja, wie denn? War es denn nicht überhaupt ungeheuer -gleichgiltig, ob man jetzt stirbt, oder in zehn, zwanzig, fünfzig, -siebzig Jahren? War denn die Zeit überhaupt etwas, das ernstlich in -Betracht kam? Nein, nein. Nicht im mindesten. So viel er sich auch den -Kopf zerbrach, er fand keinen andern Lebenszweck, als den Tod; auf den -lief alles hinaus. Eine lächerliche Einrichtung in dieser verrückten -Welt allerdings, daß man geboren wurde, um zu sterben, nur um zu -sterben. Aber es war nun doch einmal so, und das beste mußte wohl sein, -sich damit abzufinden und diese Erkenntnis zu verbreiten, damit jeder, -der das eingesehen, möglichst rasch sein Ziel erreiche und stürbe. - -Oder war es doch nicht so? War es ein ungeheurer Irrtum, eine -großartige Stumpfheit seines Geistes, daß er, so lange er auch -sein Hirn zermarterte, keinen andern Lebenszweck ausfindig machen -konnte? Darüber mußte er sich eigentlich vergewissern. Er war doch -nicht der einzig Vernünftige unter den Lebenden, aber er hatte doch -noch keinen gefunden, dem diese schauerliche Einsicht so klar, so -selbstverständlich und unabänderlich gewesen wäre. Er mußte sich doch -erkundigen, was die andern eigentlich vom Leben hielten. »Was dünket -euch vom Leben?« Er meinte, mit dieser Frage jeden Menschen überfallen -zu sollen, den er antraf. Er blickte, wenn er in der Stadt war, den -Leuten, die ihm begegneten, prüfend ins Gesicht, ob da wohl ihre -Gedanken über ihr eigenes Dasein zu lesen wären, aber er fand nichts -dergleichen. Ihre Mienen deuteten immer nur auf lächerliche täuschende -Kleinigkeiten, Essen, Schlafen, Trinken, Spazierenfahren, Kirchengehen, -Theaterbesuchen, Holz hauen, Kohlen fahren, Kessel heizen, Schuhe -flicken, Hemden nähen, Strümpfe stricken, Kinder unterrichten, Gemüse -kaufen, Waaren verkaufen, Wechsel einlösen, Häuser bauen, Steuern -einziehen, Soldaten drillen, Gesetze machen, Reden halten -- immer -und immer nur die Maske, der Schein, die Comödie; nirgends, auf -keinem Gesicht zu lesen das Ziel, die Sehnsucht nach dem Ziel, die -Verzweiflung. Waren sie alle Narren und er der einzig Vernünftige; oder -waren sie alle klug und er ein wahnsinniger Thor? Das hätte er gerne -herausgebracht. - -Diese Richtung hatten seine Gedanken genommen während der ersten Monate -seines Aufenthaltes in dem weißen Hause. Die beschauliche Kälte seines -Geistes war rasch von ihm gewichen, nachdem er sich erst wieder tiefer -mit der Frau Welt und ihrer Weisheit eingelassen; eine unruhige, -oft leidenschaftlicher Verzweiflung nahe Gemütsverfassung war Herr -über ihn geworden. Das war besonders begünstigt worden durch seine -gänzliche freiwillige Vereinsamung. Er hatte niemanden aufgesucht und -Gelegenheiten vermieden, wo er hätte flüchtige Bekannte treffen oder -neue Menschen finden können. - -Jetzt, wo ihn eine Ahnung überkam, es könne ihm nicht schaden, wieder -unter Menschen zu kommen, nun wo alles in ihm ins Wanken geraten war -und er Genossen brauchte, die ihn stärkten und fortführten in anderes -freundliches Gebiet des Denkens, brachte ihn der Zufall mit einem -Freunde aus seinen ersten Jugendjahren zusammen, den er längst völlig -aus den Augen verloren hatte. - -Es war in den ersten Tagen des August, an einem schönen Nachmittag. Er -hatte sich in die düstern Canzonen des Leopardi versenkt. Da brachte -ihm die Haushälterin eine Visitenkarte. Der Herr warte außen, ob -Herr Doctor zu sprechen sei. »Robert Wangaus, Fabrikant,« stand auf -der Karte. Wangaus -- Robert Wangaus -- er mußte sich wirklich einen -Augenblick besinnen. Dann schämte er sich, daß es ihm nicht gleich -eingefallen war, wer den Namen trug, und daß er seit Jahrzehnten -nicht mehr an ihn gedacht hatte. Ich lasse bitten, ich lasse bitten, -antwortete er der Frau. Er war wirklich froh, einen Bekannten nach -so langer Zeit wieder zu sehen, einen Freund aus seiner frühesten -Jugend. So so, der war Fabrikant geworden. Also auch ein Berufsmensch, -wie er selbst noch bis vor Kurzem. Ja ja, das war vorauszusehen. -Er war begierig, wie er nun war. Es war einer von seinen intimen -philosophischen Freunden gewesen, der Wangaus, ein kühner, -phantasievoller Knabe. - -Ein dicker Herr mit glatt rasirter Miene trat ins Zimmer, legte seinen -Seidenhut auf einen Stuhl an der Thür und die rothbraunen Handschuhe -darauf. Dann ging er auf Starkblom zu, der aufgestanden und ihm -entgegengetreten war. - -»Ich habe mich also nicht geirrt, Herr Landgerichtsrat, ich erkenne in -Ihnen --« - -»Aber Wangaus,« unterbrach ihn Starkblom, »natürlich bin ich der Karl -Starkblom, wie Du der Robert Wangaus. Das freut mich recht. Bitte setz -dich doch. Wir wollen doch das alte Du beibehalten, meinst du nicht? -Wie ging dir’s denn immer? Du bist Fabrikant? Wohnst du hier? Bist du -verheiratet? Bitte setz dich doch.« - -In der nun folgenden Unterredung ergab sich, daß Wangaus Besitzer einer -Goldwaarenfabrik am Orte war und mit seiner Familie -- er war seit -Jahren verheiratet -- in der Stadt lebte. Er hatte schon vor mehreren -Wochen von der Anwesenheit Starkbloms gehört, habe eigentlich gleich -gewußt, daß er ein alter Bekannter vom Gymnasium her sei, habe auch -schon früher kommen wollen, aber wie das nun so gehe, es habe sich eben -verzögert, er komme zu nichts mehr, die Geschäfte, die Geschäfte, die -Geschäfte -- - -»Ja ja, die Geschäfte,« wiederholte er noch einmal, indem er bedächtig -ein paar Haare am Rande seiner Glatze zurecht legte. »Sie, Herr -- -entschuldige, ich muß mich erst wieder daran gewöhnen -- du hast’s nun -freilich gut. Das heißt, offen gesagt, ich wüßte nicht, was ich den -ganzen lieben langen Tag treiben soll, wenn ich meine Arbeit nicht -hätte.« - -»Seit wann hast du denn das zu deinem Lebensberuf gemacht?« - -»Wie?« - -»Ich meine, seit wann du die Welt mit deinen Schmuckwaaren beglückst?« - -»Erlaube, das ist nun eigentlich nicht ganz richtig ausgedrückt. Ich -fabricire nicht eigentlich Schmuckgegenstände; -- ich weiß nicht, hast -du eigentlich die Entwicklung unserer Industrie genauer verfolgt? Sie -hat einen riesigen Aufschwung genommen. Wenn du die Sache nicht studirt -hast, kann ich dir’s nicht in Kürze erklären. Die Sache ist die, daß -wir nur eine bestimmte Art Gold herstellen, wie es die Schmuckfabriken -zu weiterer Verarbeitung gebrauchen. Es ist da eine kolossale -Arbeitsteilung eingetreten; der ganze Verarbeitungsproceß hat sich -mechanisirt; überhaupt, wenn ich einmal Zeit finde, mich theoretischer -Betrachtung hinzugeben, die Entwicklung der modernen Industrie zu -betrachten, werde ich nicht müde. Das ist etwas herrliches; einfach -großartig! Wie alles sich zum Ganzen webt, eins in dem andern --« - -Starkblom unterbrach ihn durch ein feines, spöttisches Lächeln. - -»O, du solltest nicht lächeln, daß ich Poesie citire. Ich bin freilich -ein Geschäftsmann, habe wenig Zeit, aber man steht doch sozusagen immer -noch unter dem Bann seiner Jugendduselei, und wenn ich Zeit hätte, ich -würde wahrhaftig heute noch manchmal etwas von Goethe und Schiller -lesen.« - -»Ins Theater gehst du aber doch öfter?« - -»Ins Theater? Ja freilich, ja freilich. Das heißt -- meine Frau ist -abonnirt, und wenn sie gerade keine Zeit hat oder auch keine Lust -- du -verstehst --« - -»Jawohl, jawohl. Nun, da wird wohl Goethe und Schiller öfters an dich -kommen?« - -»Du meinst, meine Frau? -- Ja allerdings. Aber doch nicht. Da gehen die -Kinder herein. Klassische Stücke sind für die Kinder. Meinst du nicht -auch?« - -»Hm, ja -- weißt du, wir wollen lieber erst gar nicht anfangen, darüber -zu streiten. Ich fürchte, ich stehe da auf einem so ganz, ganz anderen -Standpunkt, wie du.« - -»So, wie du willst; das ist leicht möglich. Sag einmal, hast du -eigentlich Kinder?« - -»Nein.« - -»Auch nie welche gehabt?« - -»Gehabt? nein. Nur zu haben versucht. Drei. Das zweite überlegte sich’s -drei Monate lang, ob es leben wollte, entschied sich dann aber auch -für’s Gegenteil.« - -»Das ist hart.« - -»Nein. Es ist nicht hart. Oder meinst du wirklich? Wieso eigentlich -hart?« - -»Na, das ist aber doch nicht dein Ernst. Das ist doch -selbstverständlich.« - -»Daß der Mensch stirbt, früher oder später? Ja, _das_ ist allerdings -selbstverständlich.« - -»Ja, aber es ist doch wahrhaftig ein Unterschied, ob ein kleines Kind -stirbt oder ein Mann, der seine Lebensarbeit hinter sich hat. Das ist -doch klar.« - -»Merkwürdig -- euch ist alles selbstverständlich und klar, was mir -heute zweifelhafter als je ist. Lebensarbeit, Lebensarbeit. Was ist -denn das? Ehrlich gesagt, was ist denn nun deine Lebensarbeit?« - -»Gott stellt jeden auf den Platz, den er einnehmen muß. Es ist keine -Arbeit vergebens. Wenn ich auch nur verschwindend wenig der Menschheit -nütze, ein bischen ist’s immerhin und ich erhalte Weib und Kinder. Das -ist _meine_ Philosophie.« - -»Meine ist’s nicht,« sagte Starkblom sehr ernst, indem er aufstand und -hin und herging. »Ganz abgesehen von Gott, der, scheint’s, heutzutage -nur noch zwei Zwecken dient.« - -»Und die wären?« - -»Erstens zur Ausrede und zweitens, vernünftige Menschen nervös zu -machen. Gott stellt jeden auf seine Stelle! Haha! -- Übrigens hast du -in deiner Jugend auch anders gesprochen.« - -»Nun, du hast doch diese Jugendtorheiten auch längst hinter dir. Man -wird gesetzter. Übrigens ist’s dir wohl nicht ganz Ernst mit alledem. -Ich erfülle als Fabrikant meine Pflicht so gut wie du als Richter -- -und erfülle sie heute noch.« - -»Pflicht, Pflicht. Gegen wen denn Pflicht?« - -»Das weiß doch jeder. Wozu solche Dinge fragen?« - -»Warum nicht fragen? Nochmals -- Pflicht gegen wen?« - -»Nun, gegen die Mitmenschen.« - -»Wirklich? Wann kam dir denn der Ruf?« - -»Wie?« - -»Wieso empfandest du denn das unwiderstehliche Bedürfnis, die -Menschheit mit Schmuckwaaren, nicht doch, mit Gold einer bestimmten Art -zu versorgen?« - -»Ach, das läßt sich doch nicht so einfach sagen. Das sind sehr -verwickelte Verhältnisse. Du als Jurist mußt das doch wissen, besser -als ich. Nationalökonomie hast du ja doch jedenfalls studirt.« - -»Ich studire sie sogar noch. Aber trotzdem --« - -»Na, siehst du. Und übrigens -- in die Wiege gelegt wurde dir wohl auch -kaum die Bestimmung, Richter zu werden.« - -»Da hast du _sehr_ recht. Das darfst du mir vorwerfen. Du weißt aber -auch, daß ich’s jetzt nicht mehr bin.« - -»Ja allerdings. Du hast’s eben nicht mehr nötig. Glücklicher.« - -»Du irrst. Das war nicht mein Grund. Mein _Grund_ nicht.« - -Jetzt war das Lächeln an Wangaus. - -»Na, na. Täusche dich nicht selbst. Hätte ich so eine Erbschaft gemacht --- überhaupt, wer hätte nicht so gehandelt an deiner Stelle?« - -»Ja wo bleibt denn da der Beruf und die göttliche Bestimmung? So -sagtest du doch?« - -»Nun, nun -- das schließt nicht aus, daß man sich im Alter zur Ruhe -setzt. Wenn man’s kann, natürlich.« - -»So alt bin ich noch nicht. Im Gegenteil -- meine Arbeit fängt jetzt -erst an.« - -»So?« - -»Ja allerdings. -- Das Philosophieren hast du also gänzlich -aufgesteckt?« - -»Das kannst du dir doch wohl denken. Wozu auch, selbst wenn ich Zeit -hätte? Das führt ja doch zu nichts.« - -»So? Na, ich weiß nicht. -- Ich will jedenfalls jetzt auch -versuchen --« - -Er hielt inne. - -»Nun?« - -»Ich meine, ich werde jetzt erst beginnen zu arbeiten, wie gesagt. Ich -will auch Gold fabriciren.« - -»Was? Das ist doch kaum dein Ernst. Die Branche liegt jetzt sehr -darnieder. Leider.« - -»Ich mein’s natürlich nur bildlich. Dir werde ich keine Concurrenz -machen.« - -»Nun, die Firma Wangaus u. Co. hätte das kaum zu fürchten. Bildlich? -Das verstehe ich nicht.« - -»Ja, anders kann ich’s kaum ausdrücken. Mein Beruf ist denken und -aufklären.« - -Wangaus schaute sich im Zimmer um und gewahrte die vielen zerstreut da -liegenden Bücher. - -»Ach so, du willst schriftstellern? Bücher besprechen, alte Meinungen -umstoßen, neue aufstellen? Dazu wünsche ich dir von Herzen Glück. Dazu -hast du jedenfalls Talent. Da kannst du dir bald einen Namen machen. -Oder willst du pseudonym schreiben?« - -»Nein. Das jedenfalls nicht. Überhaupt, ob’s auf’s Schriftstellern -hinaus läuft, das weiß ich auch noch nicht. Ich bin kein sonderlicher -Freund von Papier. Das ist alles noch ganz unbestimmt, übrigens auch -ziemlich gleichgiltig. Auf’s Wirken kommt mir’s an, in welcher Weise, -das wird sich schon finden.« - -»Jawohl, freilich, es giebt ja auch noch andere Wege. Die -kaufmännischen Vereine veranstalteten ja jetzt überall populäre -Vorträge. Wenn du das willst, ich bin im Vorstand des hiesigen, da -könnte ich dir behilflich sein im nächsten Winter.« - -»Danke, danke, ich glaube kaum, daß mir das passen wird.« - -»Oder bist du ein großer Politiker geworden? Willst dich um ein -Reichstagsmandat bewerben? Dir stehen ja jetzt alle Wege offen.« - -»Auch dazu werde ich wohl kaum je den Trieb in mir fühlen. Wie gesagt, -das wird sich finden. Ich bin noch nicht so weit, das entscheiden zu -können, aber bald, hoff’ ich.« - -Wangaus stand auf. - -»Soso. Na, jedenfalls freut’s mich, dich so wohl getroffen zu haben. -Kann leider nicht länger bleiben. Das Geschäft ruft, das Geschäft. ’s -ist verdammt weit zu dir heraus. Bitte, besuch mich bald. Du wirst ja -wohl den Weg zu mir finden.« - -Damit nahm er seine Handschuhe und den Cylinderhut und ging nach den -üblichen Abschiedsredensarten. Als er die Treppe hinunterstieg, dachte -er: - -»Wahrhaftig, er ist noch der alte unklare Strudelkopf. Nicht im -mindesten hat er sich verändert. Kaum glaublich, daß der’s zum -Landgerichtsrat gebracht hat.« - -Starkblom aber ließ zunächst alles persönliche beiseite, ihm war -gegen Ende des Gesprächs eine psychologische Wahrnehmung aufgestoßen, -die er schnell ein wenig weiter verfolgen mußte. Merkwürdig, ganz -merkwürdig, wie zwei Menschen, die im Grunde gar nichts mehr mit -einander zu thun haben, zusammen reden können, obwohl ihre Naturen so -gänzlich verschieden sind, daß der eine immer den andern mißverstehen -muß. Und das nennt man dann Unterhaltung! Er sprach von Aufklärung -und Wirksamkeit, Wangaus antwortete mit einer Bemerkung über -Schriftstellern und die kaufmännischen Vereine, er deutete seine -Sehnsucht an, seine Natur auszuleben, Wangaus dachte an Ehrgeiz und -Ruhmbegierde. Und schließlich ging dieser gute Philister noch weiter -als er selbst, er fragte leidenschaftlich: wozu? und jener antwortete -mit behäbiger Ruhe: wozu wozu? Und hatte er am Ende recht? Wozu sich -quälen? Doch nicht nur, um sich eben zu quälen? Doch nicht blos, -weil er nichts anderes zu thun hatte? Wangaus hielt seine Arbeit für -ernsten Lebensberuf, die Grübelei verachtete er als unnützen werthlosen -Luxus; er selbst aber verachtete die geistlose Arbeit, die aus bloßer -Gewöhnung hervorging und keinem vernünftigen Zweck diente, keinem -festgesteckten Ziele zustrebte, er hielt das Einbohren in das Denken -für’s höchste. Wer war der Narr? Leicht beide? - -Er hatte gute Lust, nach diesem seltsamen Zusammentreffen mit einem -seiner liebsten Freunde aus der Knabenzeit sich noch mehr abzusondern -von den Menschen und sich in seiner Einsamkeit zu begraben. Er wurde -nicht begriffen von diesen Menschen und ihm fehlte auch das Verständnis -für ein Leben, wie sie es führten. Hinaus aus dieser Erbärmlichkeit -sehnte er sich, und weg wollte er auch, weit weg von seinem eigenen -selbstmörderischen Grübeln. Er brauchte einen andern Umgang, ihn -ekelten diese Menschen, und ihn ekelten seine eigenen Gedanken. -- -Er dachte im Ernst daran, sich einen großen edeln verständigen Hund -anzuschaffen. Dann aber versuchte er es doch noch einmal mit etwas -menschlichem. Er flüchtete nach Arkadien, ins Reich der reinen Formen, -ins Land der Kunst. Die nächsten Tage versenkte er sich in die edelsten -Dichtungen, die in deutscher Sprache geschaffen sind: er las Goethes -Iphigenie, Partien aus dem 2. Teil Faust, Pandora. Als er nach diesem -erlesenen Genuß zu Schillers Braut von Messina kam, klappte er das Buch -nach wenigen Minuten schon angewidert zu: selbst diese Kost war ihm zu -grob geworden, zu menschlich ordinär. Auch Schopenhauer konnte er nicht -mehr lesen, der war ihm jetzt wie ein wildes gieriges Tier in enger -stinkender Menageriezelle, das nicht durfte, wie es wollte. Selbst -Leopardi war ihm zu unfein. - -So hütete er sich denn von da an, mit Menschen und Büchern und -Einfällen zusammen zu stoßen, die ihn hätten aus seiner Gemütsruhe -reißen können, in die er sich mit Gewalt hineinzwang. Nur nichts -unangenehmes, nichts gewaltsames, nichts aufregendes. Vielleicht -später ... später ... jetzt wollte er Ruhe. Er ging früh zu Bett -und stand spät auf. Dann ein langsames Frühstück, während dem die -Morgenträume sich weiterspannen und langsam verwehten. Darauf ein -kleiner Spaziergang durch den Tannenwald, bei dem er nichts dachte. -Dann las er: Goethe, Spinoza, Platon, Ranke. Altes, Weisheitsvolles, -Greisenhaftes war ihm das liebste. Daneben auch mystische Romantik -und Heiterkindliches: Brentano’s Rosenkranz, Arnim, Eichendorff, Jean -Paul, Gottfried Keller. So trieb er es wochenlang, monatelang. Dieses -oberflächliche Wohlleben mit der scheinbaren Vergnüglichkeit, während -innen kaum bewußt etwas in ihm fraß und zur Oberfläche sich langsam -empornagte, hatte etwas bänglich -- entsetzliches an sich. Und weiter -ist demnach vorerst nichts über ihn zu vermelden. - - ❦ - - - - -Zweiter Abschnitt. - - -Solche Menschen, die ähnlich Karl Starkblom, freilich selten so heftig -von einem Trieb in den andern geschleudert, von einer Verzweiflung der -andern geraubt, früher oder später mit unabwendbarer Bestimmtheit sich -aus der menschlichen Gesellschaft in die Einsamkeit hineinstahlen, gab -es damals in Europa eine kleine Schaar, die nichts von einander wußte -und nichts von einander wollte, die keinen Verein bildete und keine -Partei, deren Ekel zu groß und deren Glaube zu schwächlich war, um in -der Gegenwart etwas zu lieben und von der Zukunft viel zu erhoffen. Ab -und zu tötete sich einer von ihnen, und den andern fuhr es durch die -Glieder und sie ehrten den unbekannten Toten, indem sie sich fragten, -worauf sie selbst eigentlich warteten mit dem Sterben. - -Doch das waren nur ganz vereinzelte Erscheinungen, halb oder ganz -verrückte Sonderlinge ohne Gefahr, die die Welt nicht weiter -beachtete; ihretwegen hätte sie ruhig und unbesorgt ihren mäßigen -Pflichten und bescheidenen Genüssen nachkommen können. Aber von -ganz entgegengesetzter Seite her war inzwischen eine neue Lehre so -gewaltig in die Massen der Völker hineingedrungen oder aus ihnen heraus -entsprungen, man wußte es nicht recht, daß vorschauende Politiker eine -große Revolution ahnten, manche philosophische Historiker aber die -Zeichen einer mächtigen religiösen Volksbewegung erblicken wollten. Die -_internationale Socialdemokratie_ war eine Weltmacht geworden, mit der -der größte Staatsmann und der kleinste Dorfpfarrer rechnen mußte. - -Am mächtigsten gefördert worden war das riesenhafte Wachstum des -Sozialismus durch die Kläglichkeit des europäischen Bürgertums, wie -es sich nach der französischen Revolution entwickelt hatte. Das harte -gute Gewissen des Mächtigen und Reichen war nunmehr für immer dahin, -nunmehr wurden so viele Freiheiten und Rechte von der Gesammtheit als -ewige unantastbare Menschenrechte anerkannt, daß jene erbärmliche -Gesellschaft aus dem Widerstreit der überlieferten Verhältnisse, -deren Früchte sie genoß, und der ihr vererbten Freiheits- und -Gleichheitsideen nicht mehr herauskam. Fortwährend wurden sie gepeinigt -von dem bösen Gewissen, sich mit dem Blut der Armen zu nähren und auf -den Leibern des Proletariats Paläste zu bauen, mit zitternden Händen -und schielenden Blicken scharrten sie Genüsse zusammen, sie steckten -den Kopf in den Sand und warfen mit Phrasen um sich, zur Brutalität -hatten sie keinen Mut und zur Entsagung keinen Gedanken. - -Der Liberalismus war damals aufgekommen und die Verpönung aller -Gewaltsamkeit, und eine dilettantische Moral machte sich breiter als -je zuvor. In keiner Zeit war die Lehre und das Leben in einem so -kläglichen Gegensatz gestanden, aber sie glaubten an ihre Lehre und an -ihr Leben und ließen sich’s wohl sein, so gut es gehen wollte; denn -niemals kam ihnen ein Zweifel an dem, was beides so merkwürdig verband, -an ihrer Moral. - -Diese chaotische anarchische Zeit war so recht das fruchtbare Mistbeet, -dem wunderbare, unerhörte Erscheinungen entsprießen konnten. Das -war die Zeit, wo alle Richtungen, die je nach langer, bedächtiger -Vorbereitung auf Erden erwachsen waren, von frischem erstanden und -angepriesen wurden als neue erlösende Wahrheiten, wo ein neuer Glaube -schneller wieder weggelegt wurde als ein unmodernes Gewand, das war die -späte Zeit, in der alles Frühe und Ungegorene gierig geschlürft wurde. - -Damals berührten sich in der That die Extreme, und die Stärksten und -die Schwächsten fanden sich zusammen im Ekel und in der Resignation. -Damals pries in Rußland ein Graf und Philosoph die segnende Macht der -körperlichen Arbeit und entsagte seiner gesellschaftlichen Stellung -und ward Bauer und Schuhmacher; und zu gleicher Zeit war der deutsche -Schuhmacherssohn, der Schloßherr vom weißen Hause, nahe daran, die -Arbeit zu verhöhnen. Und doch gehörten diese beiden einsamen Prediger, -denen der Ekel gemeinsam war, zusammen. - -Diese Vereinzelten waren übersatt und schlichen sich weg vom Tische -des Bürgertums; in der Socialdemokratie aber erstand eine organisierte -Masse von Hungrigen. Stürmisch begehrten die Arbeiter Einlaß in die -Paläste des Geistes. Diese Schaaren von zielbewußten Kämpfern boten -ein Bild, wie es niemals dagewesen war. Es war in diesen Köpfen eine -merkwürdige Mischung von Phantasie und Nüchternheit, von Leidenschaft -und Zurückhaltung, von Glauben und Skepsis, von Aufschwung und Bedacht. -Sie hatten die Gefahr der schönen Worte erkannt und hüteten sich meist -ängstlich vor ihnen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit -- was war -geworden aus diesem berauschenden Kampfruf der Revolution? Freiheit? -Nie war ein schönes Wort schnöder mißbraucht worden. Ja freilich, die -Wahl stand ihnen völlig frei, nach den Bedingungen des Kapitalismus -zu arbeiten, oder zu verhungern und zu vertieren. Kein Zwang wurde -ausgeübt, niemand beeinträchtigte ihre persönliche Freiheit. Und -Gleichheit -- nun allerdings, sie waren eine im wesentlichen gleiche -proletarische Masse geworden. Aber die Brüderlichkeit, die mußten -sie selbst dazuthun, an die hatte man nicht mehr gedacht, und sie -wollte nun empor in der Socialdemokratie. Arbeiter aller Länder -vereinigt euch! Dieser Ruf zog durch die ganze Welt und rüttelte die -Unterdrückten auf und verband sie zu gleichem Zwecke; zur Befreiung -der Menschheit von der anarchischen Waarenproduction und Circulation, -zur communistischen Herstellung und Distribution der Bedürfnisse, zur -Vernichtung des blinden Egoismus; zur Zertrümmerung der nationalen -Gegensätze; zur Herstellung einer wirklichen Menschheit und -Menschlichkeit. - - * * * * * - -Karl Starkblom hatte, als er damals in neu aufflammender jugendlicher -Begeisterung ein Ziel vor sich hatte erstehen sehen, als er sich -dann vorbereitete zu seinem Wirken unter den Menschen, auch manche -sozialistische Schriften, vor allem das Hauptwerk des Karl Marx, -ziemlich gründlich studirt. Dann aber war der neue Mensch in ihm -emporgekommen, der so lange geschlummert, der ungestüme Frager und -Peiniger, der Befriedigung wollte für sich selbst und seine unbestimmte -Sehnsucht, der an alles herantrat mit der Frage: wozu? warum so? -warum nicht anders? was soll werden? So konnte ihm, der sich selber -auszuleben gedachte, und doch sich selber nicht ergründen konnte, -ihm, der nicht wußte, was der Mensch sei, der Sozialismus, der die -armseligen Proletarier zu Menschen machen wollte, damals keine -abschließende Weltanschauung bieten. So hatte er sich schließlich -vor allem Grübeln und Verzweifeln, vor dem hastigen Suchen einer -neuen Welt, in den Bereich einer alten fertigen toten Kunst und -Weltanschauung zurückgezogen, um vorerst Ruhe zu haben, Ruhe um -jeden Preis. Manch anderer wäre endlich nach so vielfacher innerer -Gährung dabei geblieben, und wie der junge Schwärmer Karl sich in -die Beamtenlaufbahn einfriedete, war der Mann nahe daran, sich unter -der schützenden Decke einer vereinsamten und versteinerten Cultur -zu begraben. Aber es lebte etwas Unsagbares in dem Manne, das immer -wieder sich aufbäumte gegen den ruhsüchtigen Quietismus und die -Selbstbetäubung des Schuhmacherssohnes; etwas robust in die Höhe -Strebendes und Mitteilsames; dasselbe was den verstorbenen Adam nach -Haïti, Johannes in die weite Welt gezogen hatte. Sein Geist arbeitete -zu rasch, als daß sein Wille immer gleich mitkommen konnte; daher sein -Abspannen und scheues Reifenlassen, sein willkürliches Abbrechen und -Vereinsamen des Denkens. Er war ein sehniger Mann von langem Leben und -hatte Zeit; das schlummerte unbewußt hinter all seinem Thun und Lassen. - -So war es denn allmählich so weit gekommen, daß ihn diese beschauliche -Ängstlichkeit seines Lebens, diese Zurückgezogenheit und dieses -Traumgedämmer anfing zu langweilen. Seine Seele rankte sich langsam -wieder ins Leben hinaus und horchte, was draußen vorging und tastete -vorsichtig nach Stützpunkten, um in frischer Öffentlichkeit und mitten -unter den Menschen sich festzulegen und doch ihre Ruhe zu bewahren. Er -ahnte, es könne auch in ihm noch eine Heiterkeit leben und vielleicht -auch ein Glaube. Er hatte die Gescheitheit und Gebundenheit seines -Lebens satt und rüstete sich zu fröhlicher Dummheit und Hingerissenheit. - -Es war an einem wunderschönen, durchsichtigen Wintertage, als sich mehr -wie je wieder etwas wie Frische und Mut und zartkeimende Lebenslust bei -ihm einstellte, und wer weiß, woher ihm der Gedanke angeflogen war, -er suchte unter allerlei Gerümpel ein Paar altmodische Schlittschuhe -vor, die er seit langen Jahren nicht mehr an den Füßen gehabt, und -machte sich auf den Weg nach dem seit mehreren Wochen fest zugefrorenen -Teich, auf dem sich die Einwohner des Städtchens zu tummeln pflegten. -Es schien ihm selbst wunderbar, als er mit großen Schritten auf -dem knisternden Schnee wandelte, daß er sich endlich wieder unter -Menschen wagte, unter ganz gewöhnliche sinnfreudige Menschenkinder. -Besonders wohl fühlte er sich anfangs nicht, er war den Lärm und -das Schwätzen und vor allem das Lachen nicht mehr gewohnt, und er -erinnerte sich, daß er sich früher schon manchmal staunend überlegt, -bei welcher Gelegenheit wohl die Menschen zum ersten Male das Lachen -gelernt. Es mußte wohl etwas gewaltig Verzerrtes, unbegreiflich -Dämonisches urplötzlich auf sie heruntergefallen sein, denn dies -kindliche, heitere Lachen der harmlosen Jetztlebenden war gewiß nur das -armselige mißratene und umgedeutete Überbleibsel einer tiefgewaltigen -Erschütterung von Urmenschen, bei der übergroßer Schmerz und Lust nicht -zu trennen gewesen. - -Bald aber kam doch ein ungewohnt Friedliches und Sanftes in ihn hinein, -wobei indessen Wehmut und Ungewißheit nicht von ihm weichen wollten. -Wie kam der Einsame jetzt mit eins in diese ausgelassene jugendliche -Schaar? Er sah sich forschend um und fand, daß er wohl fast der -Älteste auf dem Eise war. Vielleicht auch der Ungeschickteste; doch -das störte ihn wenig. Als er einmal in einen Riß eingefahren und zu -Boden gefallen war, kam ihm der bizarre Einfall, daß er sich einen -Christus auf Schlittschuhen nicht gut vorstellen könne. Er lachte -bitter vor sich hin und warf den Gedanken weg. Mußte man sich denn -in eine Wüste zurückziehen, um den Menschen Großes zu holen? O man -konnte auch einsam sein unter Menschen. In großen Bogen strich er über -das klirrende Eis, bald an wenig befahrenen Orten, bald mitten durch -die Menschenknäuel sich hindurchwerfend, und vertiefte sich in sein -Grübeln. Wenn jetzt das Eis mit schrillem Krach bräche und die Menschen -in sich hineinschlänge und sich dann wieder schlösse, was wäre viel -dran? Und wenn die ganze Menschheit versänke und die Erde in die Sonne -stürzte und die Sonne -- und die Welt -- und alles hin -- und nichts --- was wäre dran? was wäre hin? Was für ein unendlicher Zweck wäre für -immer geschwunden? und wen betrübte es? Einen Zuschauer und erhabenen -Betrachter des Ganzen? Oder das Ganze selbst? War Ursprung und Fortgang -und Ende und Mittel und Zweck und Handeln und Genuß ein und dasselbe -und eins mit dem Frager? Und wenn alles und alles -- - -Und wenn der Himmel einfällt, sind alle Spatzen tot! Damit unterbrach -er schroff halb unmutig, halb doch belustigt sein Forschen. Es muß -jetzt ein Ende werden mit dem Denken, ich muß handeln! Ich gehe nach -Hause und überlege, aber praktisch, was zu thun, wie mich wenden an -die Menschen, wie ihnen mitteilen, was ich gedacht und will -- ja was -will ich denn, du Narr? Ach was, das Beste, was man hat, weiß man nicht -mit klaren Worten. Das kommt schon. Oder vielmehr, es ist schon da. -Es liegt schon in mir. Ich muß den Schatz nur heben. Ich muß anfangen -zu reden. O mir ist auf einmal die Zunge gelöst. Ich habe lange genug -geschwiegen. Ich muß nur anfangen mit dem Reden. Dann wird es mir wie -ein Feuerstrom von den Lippen fließen. Anfangen, nur anfangen. Jetzt -ist es Zeit. - -Und als ob er es nicht abwarten könnte mit dem Beginnen, rannte er -mit gewaltig großen ungeschickten Zügen zur Belustigung der hinter -ihm dreinfahrenden Jugend nach einer Bank, schnallte rasch die -Schlittschuhe ab und eilte nach Hause, diesmal den näheren Weg durch -die Stadt wählend. - -Unterwegs bemerkte er an verschiedenen Straßenecken große blaue, -weiße und rote Plakate, vor denen sich Bürger und Schulkinder trotz -der grimmigen Kälte eifrig lesend hinstellten. Gedankenlose Neugier, -vielleicht auch etwas frischerwachtes Interesse an dem Treiben der -Leute ließen Starkblom auch anhalten. Da las er auf dem großen -hellblauen Plakat: Aufruf. Mitbürger! Die Reichstagswahlen stehen vor -der Thür. Bei keiner der vergangenen Wahlen stand Größeres auf dem -Spiel. - -So ging es ziemlich lange weiter. Zum Schlusse ward aufgefordert, Mann -für Mann einzutreten für den bewährten Kämpfer der freiheitlichen -Sache, Herrn Commerzienrat ~N. N.~, und eine Versammlung für den -folgenden Tag, Dienstag, den 23. Januar, einberufen. Starkblom nahm -sich vor, einmal da hin zu gehen, um zu sehen, ob es denn einen Sinn -habe, sich um diese Dinge anzunehmen, und die Art kennen zu lernen, wie -die Leute die Sachen betrieben. - -Starkblom war früher, als der Landgerichtsrat und seine Frau noch -lebten, auf eine Zeitung abonnirt gewesen, und sein ordentliches -Lorchen hatte die seltene Gewohnheit gehabt, die Nummern zu sammeln, -vielleicht weil sie glaubte, diese Dinge könnten in späteren Jahren -noch einmal interessant werden, vielleicht aber auch nur, um die -Papierballen später im Großen als Maculatur zu verkaufen. Doch war sie -vorher gestorben, und Starkblom hatte die große Kiste bewahrt und auch -mit ins weiße Haus gebracht. Jetzt ließ er sich von der Haushälterin -vom Speicher herunterholen, soviel sie unter beide Arme bekommen -konnte, und las darin am Montag Abend und im Laufe des Dienstags. Er -wollte sich etwas vorbereiten auf die Wählerversammlung und glaubte, -Zeitungslesen sei dazu das beste. Und er wollte einmal sehen, ob die -Politiker noch dasselbe redeten, wie sie vor einigen Jahren schrieben -oder wie. Es war eine üble Arbeit, dieses Lesen in den morsch und -gelb und stinkend gewordenen Neuigkeiten und Streitigkeiten von anno -dazumal, aber er biß sich durch. Freilich hatte er schon lange nicht -mehr so oft bedenklich den Kopf geschüttelt wie jetzt. - -Die Versammlung schien sich anfangs ganz so anzulassen, als ob sich -in der politischen Welt inzwischen nichts verändert hätte. Da saßen -ungefähr 800 mehr oder minder wohlgenährte Bürger und hörten mit -Bedacht und ohne sich irgendwie activ einzumischen, ihre Redner an, -die von Kornzoll sprachen und der Brodverteuerung, von Freihandel und -freier Concurrenz, vom Militarismus und allzugroßer Belastung der -Volksschultern, von Zuckerexportprämien und unerhörter Begünstigung -der Agrarier, und was des Erbaulichen mehr war. Den Leuten erschien -Leben und Brodessen und einigermaßen gerechte Verteilung der Lasten -und Politisieren und maßvolle Unzufriedenheit und bedächtiger Ehrgeiz -als selbstverständliches Menschenrecht. Man müßte sie aufrütteln! -dachte Starkblom. Man müßte ihnen mit Vernunft beizukommen suchen und -mit tiefsinniger Betrachtung. Verzweiflung wäre ihnen einzuimpfen und -Lust zum Tod. Aber warum? wandte er sich ein. Den Leuten ist ja so -ganz außerordentlich wohl bei ihrem überlegungslosen Vegetieren. -- -Warum? Und warum nicht? Und wenn es aus Bosheit geschähe, ich will es -thun! Was brauchen sie dumpfe Tiere sein, wenn ich es nicht bin? Was -muß ich ihnen ihr Glück gönnen, wenn mir davor ekelt? Warum sollte ich -sie lassen, wie sie sind, wenn Menschenwort sie umgestalten kann und -in Aufruhr bringen, wie mir es beliebt? Fürwahr, _wenn_ ich Macht über -sie habe, will ich sie üben! Warum? wozu? Frage nicht länger. Weil ich -will; zu meiner Freude! - -Da wurde er in seiner Willenserwägung gestört durch eine knarrende -Stimme, die von neuen Dingen sprach. Die Versammelten hörten -aufmerksamer als bisher zu und beistimmend nickte ab und zu einer mit -dem Kopfe. Auf einmal schien der Freisinn die Maske abzuwerfen, der -Kampf gegen die Regierung schien nur ein vorläufiges Späßchen gewesen -zu sein. Sie waren die Vertreter des zahlungsfähigen, aufblühenden, -honnetten Bürgertums, sie hatten die Macht in den Händen und sie vor -allem wollten sich wehren gegen begehrliche Arme, die von unten sich -emporhoben und Unmögliches verlangten. Mit längst abgethanen Utopien -köderten die Sozialdemokraten die ungebildete Masse der Arbeiter, die -ihnen Glauben schenkte wie neuen Propheten. Diese Revolutionsprediger -waren eine Gefahr geworden für das Vaterland und die Gebildeten aller -Länder; sie vor allem waren zu bekämpfen. Der Freisinn allein bietet -die wahre Freiheit und wirtschaftliche Unabhängigkeit des Einzelnen; -in ihm einzig blüht auch das Heil der Zukunft. Sagt euch los, ihr irre -geführten Arbeiter, von den Lügen der Sozialdemokratie. Stürmischer -Beifall lohnte den Redner, aber das Händeklatschen wurde übertönt -von höhnischem Gelächter, das von einer kleinen Gruppe ausging, die -festgeschlossen in einer Ecke des Saals stand. - -Ein anderer Redner, eine hagere, knochige Gestalt, lüftete die Maske -noch mehr. Oder hatte er eine neue aufgesetzt? Der Freisinn war -wieder fromm geworden. Erst redete er nur von der Natur und vom Kampf -Aller gegen Alle und von Darwin. Auf einmal fiel auch das Wort Gott. -Starkblom lauschte erstaunt und ekelahnend. Gott habe die Welt so -geschaffen, daß alle gleiche Rechte haben, aber nicht gleiche Gaben und -gleichen Charakter und gleiches Glück. Reiche und Arme, Fleißige und -Faule, Kluge und Dumme, das sei ein Gegensatz, der nicht auszurotten. -Und wieder hörte er erbittertes Lachen. Und das Erben? fragte eine -schreiende Stimme. Erben nur Kluge? Ja, das sei gut und nötig für das -Wohl des Staates, daß die Kinder von des Vaters Gaben zehrten. Die -Familie sei die Grundlage des Staates und aller Gesittung. - -Während dieser Rede hatte sich ein Arbeiter aus jener Ecke langsam -einen Weg durch die Reihen gebahnt und war auf die Tribüne gegangen und -hatte dem Vorsitzenden etwas zugeflüstert. Der sah ihn zweifelhaft -an und zuckte mit den Achseln. Der andere machte eine leichte -selbstverständliche Handbewegung. Der Vorsitzende breitete fragend die -Arme aus. Da schlug der Arbeiter ärgerlich leicht mit der Faust auf -den Tisch, daß die Glocke, die darauf stand, leise zitternden Ton gab, -und der Vorsitzende ergab sich zögernd darein. Nachdem nun der laute -Beifall verklungen war, verkündete er, daß sich ein Gegner zum Worte -gemeldet habe, und da freie Diskussion ihr Prinzip sei, müsse der das -Wort erhalten. Er werde die Geduld der Versammlung hoffentlich nicht -lange in Anspruch nehmen. - -Nun trat der Arbeiter, ein Mann in den mittleren Jahren mit ernstem -wenig sagendem Gesichtsausdruck vor. In der linken Hand hielt er seinen -breiten Filzhut zusammengedrückt und mit dieser machte er während er -sprach seine lebhaften aber gleichmäßigen Bewegungen. Er will scheint’s -Holz hauen, flüsterte jemand in Starkbloms Nähe und lachte unbändig -über seinen Witz. Der Mann sprach nicht gut und nicht schlecht und -wunderlich mischte sich in seinen Worten nüchterne Trockenheit mit -trivialen aufgefangenen Redeblumen. Er hoffe nicht, so begann er, die -Herren zu überzeugen, das sei nicht möglich, aber er wolle ihnen seine -Meinung sagen, damit sie sähen, wie der Arbeiter denke. - -Das Licht der Vernunft sei aufgegangen im Proletarierhirn und das sei -das Verdienst der Sozialdemokratie. Diese allein habe ein Herz fürs -Volk, sie allein habe ein festes Ziel und suche die ganze Menschheit -zu beglücken. Was nützt uns Ihr Gott, wenn er uns in unserem Elend -läßt? Wir haben uns abgewandt von ihm; behalten Sie ihn allein für -sich. Solange der Kapitalismus dauert, hört die Lohnsklaverei nicht -auf; darum muß die kapitalistische Gesellschaft mit Stumpf und -Stil vernichtet werden. Die Menschen haben im wesentlichen gleiche -materielle Bedürfnisse; oder können Sie mehr als einmal zu Mittag -essen? Nein? Dann ist es auch lächerlich, daß einer gegen den andern -streitet, wer das meiste Geld verwischt, dann muß die Produktion der -Lebensmittel gemeinsam werden und das ist möglich. Der Kampf Aller -gegen Alle muß aufhören, und das ist Ihre vielgerühmte Freiheit. Der -Satte kann Freiheit brauchen, aber für die Freiheit zu hungern und -geknechtet zu werden, danken wir. Erst wollen wir satt werden und das -Paradies der Menschheit erobern für alle, meine Herren, für alle und -jeden; dann wird die schöne Freiheit von selber da sein. Sie haben -einmal gekämpft für die Sache des Volkes, als Sie selbst unterdrückt -waren, aber jetzt, wo Sie selber wohlgenährt sind und obenauf, jetzt -haben Sie die Sache des Volkes verraten! Wir brauchen Sie aber auch -gar nicht mehr. Wir sind zielbewußte Proletarier, wir stehen auf dem -Boden des Klassenkampfes und den werden wir nicht verlassen, bis die -Sonne des Ostens emporsteigt und die Klassengegensätze aus den Angeln -hebt. Und wie zum Hohn rief er zum Schluß, indem er fest auf die -Versammlung blickte und auf seine paar Kameraden im Winkel: Es lebe die -internationale revolutionäre Sozialdemokratie, und jubelnd stimmten -seine Genossen ein: hoch, hoch, hoch! und der Einklang schwebte über -dem gemischten Toben der Versammlung. - -Starkblom fühlte sich wie erhoben von etwas Nieerhörtem. Er stand -auf und sah den Arbeitern nach, die den Hut auf dem Kopf, fest -auftretend, wie zum Protest den Saal verließen. Er hörte wieder die -Stimme des Vorsitzenden, der von unerhörtem provocierendem Benehmen -sprach, aber er hatte genug und wollte nicht länger bleiben. Er ging -zu einer Seitenthüre hinaus. Herr Fabrikant Wangaus hat das Wort, -hörte er gerade noch beim Schließen der Thüre. Also der wollte den -Mann widerlegen. Er lächelte. Dessen Rede kannte er schon, der Hagere -und der Fette, die beiden sprachen in gleicher Weise. Gott stellt -jeden auf seinen Platz! Seid doch zufrieden und rüttelt nicht an der -überlieferten Ordnung der Gesellschaft. Unsere ganze große Cultur ruht -ja nur auf ihr. Er wollte doch rütteln, und die Arbeiter rüttelten -auch. Freilich, diese Arbeiter, die standen nicht zusammen mit ihm. -Die wollten noch leben, die wollten erst beginnen und das rechte -freudige Leben schaffen. Das freudige Leben? Sie täuschten sich wohl. -Das Leben war keine Freude. Diese Naiven, wenn sie alles das hätten, -was er sich errungen und was ihm vom Glücke zugefallen, Reichtum, -Unabhängigkeit, Bildung, Wissen -- sie wären elender als jetzt. Oder -sie wären stumpfsinnige Tiere wie diese Bürgersleute da drinnen. Oder -gab es ein drittes? Gab es ein drittes? Gab es ein ...? Er konnte -es nicht glauben. Ja wenn er glauben könnte! An die Zukunft glauben. -An eine Bestimmung des Menschen, an einen Zweck, an einen Sinn ... -aber so, alles dumm und zwecklos und so, freudlos und lächerlich. -Werdet wie die Kinder. Dann werdet ihr glauben und das Leben genießen, -solange ihr lebt, und das Paradies der Menschheit erobern. Hatte er -nicht so gesagt? Und _warum_ genießen, nochmals und immer wieder? Ich -kann nicht genießen, denn ich frage; und wenn ich nicht mehr frage -und mich aufbäume und forsche und grüble und schließlich verzweifle: -bin ich dann nicht ein Tier? -- Und warum willst du kein Tier sein? -Ein heiteres, herrliches Wesen, strotzend von Fülle und Kraft und -Übermut und Verwegenheit, immer in neue Tiefen sich hinabstürzend -und sich wieder emporschwingend zu himmlisch-reinen Ätherfernen und -Glockentönen? Fragend genießen, genießend fragen; in der Erde wurzeln -und hinaufragen mit dem Götterleib zur reinen Höhe, das wäre doch -schön, schön? Ja das wäre schön! Also doch -- arbeiten? Arbeiten für -ein Ziel, hinaufstreben, aufklären, predigen, veredeln? Kämpfen? -Mitstreiter suchen? Und finden? Genossen? Wo? Sozial ... demokraten? -Ja? Ob das nicht am Ende die rechten Menschen für ihn waren? Sie -schienen ein Ziel zu haben, ein festes, unverrückbares, sie wollten -etwas; und war es nicht schön und groß, was sie wollten? Und war es -nicht möglich? O, aber es mußte ja möglich sein, wenn das Leben einen -Sinn haben sollte. Und es mußte doch einen Sinn haben, da er leben -wollte und sich freuen wollte und hoffen wollte? Und wenn der Mensch -etwas denken konnte und wollen konnte, dann war es doch auch erfüllbar? -Freilich leugneten das die Philosophen; aber sollte es nicht eben -darum --? Alles Vernünftige ist möglich; sonst ist das Vernünftige -wahrhaftig sehr unvernünftig. Also -- versuchen wir es zum mindesten. -Her mit dir, du meine Vernunft, und du, mein Leben! Wir wollen euch -noch einmal erproben. Hierhin stell dich, Vernunft, und hier gegenüber, -du Leben. Wenn ihr nicht zusammenkommt, solange ich euch beobachte, -dann werf’ ich euch beide ins Wasser; da könnt ihr zusammen ersaufen -und krepieren. Und das Beobachterlein geht dann schon von selber -mit ein ins Reich des Todes. Also: ich beginne. Ich will versuchen. -Die Sozialdemokraten, die muß ich kennen lernen. Am Ende werde ich -selber einer. Sie werden mich brauchen können. So wäre dann der Kreis -glücklich vollendet. Die Höhe hat die Tiefe wieder getroffen und -verbindet sich mit ihr. Man wendet sich solange vom Leben ab, bis man -ein neues beginnt. Vom Leben mit Ekel! War es denn nicht nur _dieses_ -Leben, unter diesen Umständen, in diesen Verhältnissen? Und all mein -Denken, und all mein Ekel und meine Verzweiflung -- nur eine Frucht -meiner Umgebung und meiner Zeit? Neue Verhältnisse schaffen? Fort mit -der allgemeinen, unklaren, dem Einzelnen feindlichen Philosophie? Lebe -die Nationalökonomie und die Geschichte und die Naturwissenschaft? -Sozialdemokrat werden? Einrichtungen bekämpfen und nicht mehr den -Menschen an sich? Verhältnisse aufheben und nicht mehr sich selber? -Wissen und nicht mehr ahnen? Glauben und nicht mehr verzweifeln? -Freude und nicht mehr dumpfer Schmerz? Leben und nicht mehr Tod? -Sozialdemokrat werden? Sozialdemokrat sein? - -Hierher kehrte sein Denken immer wieder zurück und hier blieb sein -Denken stehen. Damit legte er sich ins Bett, damit schlief er ein und -damit wachte er wieder auf. - -Als er ein paar Tage später sich aufmachte, um einer Versammlung -beizuwohnen, die der sozialdemokratische Leseklub »Menschheit« -einberufen hatte, war sein ganzes Wesen nichts als Willfährigkeit und -fruchtbarer Boden. Er hatte keinen neuen Entschluß gefaßt, er hatte -über die Sache noch nicht tiefer nachgedacht, er hatte nichts studiert -über soziale Zustände und materialistische Geschichtsauffassung, -aber er war in ahnungsvoller Bereitschaft, sich in etwas Neues -hineinzustürzen mit dem ganzen leidenschaftlichen Feuer, das sich -in ihm die Zeit über angesammelt. Menschen zu finden, denen er sich -anschließen, die er leiten konnte, Genossen haben im Streit und im Ziel! - -Als er kurz nach 8 Uhr in das Lokal trat, war der große Saal noch -ziemlich leer. Erst nach einer halben Stunde etwa kamen Gruppen -von Arbeitern und setzten sich an die Tische. Als kurz nach 9 Uhr -die Versammlung eröffnet wurde, war der Saal überfüllt, überall an -den Wänden und zwischen den Tischen standen noch Menschen. Frauen -waren ganz vereinzelt zu sehen. Starkblom saß an einem Tisch etwa -in der Mitte des Saales, wohl der einzige Fremde unter mehr als -tausend Arbeitern. Nur kurz vor Eröffnung der Versammlung waren zwei -feingekleidete junge Herren gekommen, offenbar Kaufleute mit ausgeprägt -jüdischem Typus und waren prüfend und unsicher im Saale hin und her -gegangen. Dann sagte der eine zum andern: Komm, Nathan, wir wollen -gehen, es ist ja kein rechter Mensch da. Ein Arbeiter, der in der Nähe -stand, drehte sich ruhig um, packte den einen links und den andern -rechts hinten am Kragen, schob sie zur Thüre und warf sie mit einem -tüchtigen Stoß hinaus. Starkblom, der die Szene beobachtet hatte, -lachte herzlich und nickte dem jungen Mann, als er wieder vorbeikam, -freundlich zu. Der setzte sich zu ihm an den Tisch, und unterhielt -sich mit ihm über politische und naturwissenschaftliche Dinge. Es war -seit langer, langer Zeit das erste Gespräch, das Starkblom mit innerem -Anteil und mit Genuß führte. - -Nun erhielt der Referent das Wort; er sollte über das Thema: »Wie -stellen wir uns zu den Wahlen?« sprechen. Er war noch ein junger -Mensch, wohl höchstens 26 Jahre alt, der vor Kurzem in Berlin zuerst -in der Öffentlichkeit aufgetreten war und von Stadt zu Stadt zog, -um für seine Ansichten zu agitieren und die Arbeitermassen zu neuer -Begeisterung, neuem Zielbewußtsein und neuer Energie aufzurütteln. - -Genossen, die Reichstagswahlen stehen vor der Thür, so begann auch er -gleich den unzähligen Aufrufen und Reden, die in diesen Tagen überall -in Deutschland in die Massen geworfen wurden. Aber nur zum Spotte. Denn -er fuhr gleich fort: Was gehen uns diese Wahlen an? Sollen wir den -Volksverführern, die auf unsere Dummheit und auf die Aufregung dieser -Zeit spekulieren, glauben, daß von dem Stimmzettel, den wir in die Urne -werfen, von dem Abgeordneten, den wir nach Berlin schicken, unser Wohl -und Wehe abhängt? Sollen wir glauben, daß wir Arbeiter einen Vertreter -brauchen, um zu erreichen, was wir wollen? Nein, sage ich, falsch ist -diese Ansicht, wir wollen uns selber helfen. - -Falsch ist die Meinung, das allgemeine gleiche direkte Wahlrecht, das -man uns vor einigen Jahrzehnten gegeben hat, sei ein Zugeständnis der -Regierung an die sogenannte Souveränität des Volkes. Im Gegenteil, -es war ein überaus schlaues Mittel, um durch alle Künste der Lüge und -der Verführung, mit Hilfe der unverständigen Masse, die revolutionäre -Bewegung der freien Geister zu lähmen und durch scheinbare Beteiligung -an der politischen Macht ehrgeizige Demagogen, die sich als Vertreter -des Volkes aufspielen, zu ködern und zu glatten parlamentarischen -Regierungsspießgesellen zu machen. - -Ist es nicht überaus bezeichnend, daß es üblich geworden ist, unter -parlamentarischem Ton eine gewisse aalglatte, höfliche, heuchlerische, -durch und durch verlogene Manier zu reden und aufzutreten zu verstehen? -Ist es nicht bedenklich, daß in allen Parlamenten die feinen, -schwächlichen, sogenannt aristokratischen Leute, die nichts ihr eigen -nennen als ihre geläufige alle Unebenheiten und Derbheiten vermeidende -Zunge, daß diese überall die Hauptrolle spielen? Ja, _wenn_ es so wäre, -wie man uns vorzuspiegeln sucht auch von Seiten solcher, die es ehrlich -mit uns meinen, wenn das Parlament die Heimstätte des freien Wortes -wäre, wenn hier, wo man ungestraft sagen darf, was man für gut hält, -in allen Fragen, in denen der Religion, der Nationalität, der Rasse, -des sozialen Lebens, der Moral, in allen Fragen wie gesagt, wenn da -Männer aufträten mit dem Mute ihrer Überzeugung, und das mit ihrer -feurigen Beredsamkeit verträten, was wir denken oder wenigstens unklar -fühlen, was wir aber nicht sagen dürfen, weil das sogenannte »Gesetz« -es verbietet -- dann hätten wir nichts gegen das Parlament, obwohl es -auch dann noch lange nicht _die_ Bedeutung hätte, die viele ihm jetzt -schon zuschreiben. Aber wo in aller Welt ist es denn so? Fürchten -sich denn nicht im Gegenteil unsere Vertreter vor dem Ordnungsruf -des Präsidenten oder vor dem Spotte der andern Abgeordneten, ihrer -geschätzten Kollegen, mehr als vor dem Strafrichter? Sprechen nicht -auch diese Herren, wenn sie mitten unter uns stehen, wenn sie das -Echo vernehmen, das aus unserer Masse zu ihnen emporschwillt, freier, -mutiger, wahrhafter als dort? Oder -- lügen sie da mit ihrem freien Ton -ebenso sehr wie dort mit ihrem feinen? Dann wehe diesen Vertretern und -Führern! Dann sind wir verraten und verkauft! - -Der sogenannte konstitutionelle Staat bedeutet eine Einigung, -ein Kompromiß der feudalen, mittelalterlichen Regierung, des -Junkertums, des Königtums von Gottes Gnaden auf der einen Seite mit -der bürgerlichen Gesellschaft auf der andern. Wohl ist es wahr, -solange dieser Kampf zwischen der bürgerlichen und der feudalen Welt -ausgefochten wurde, war unser Platz auf der Seite der Bourgeoisie; -damals waren wir noch zu schwach, um gegen beide zugleich anzukämpfen -oder als lachende Dritte zuzusehen, wie sie mit einander stritten. -Heute aber ist dieser Kampf überhaupt nur noch ein Scheinkampf, heute -kämpft nicht mehr eine Lebensauffassung gegen eine andere, sondern nur -ein Interesse gegen ein anderes. Nur wir, die wir stark sind in unserer -Gemeinschaft, wir haben eine neue Lebensauffassung, wir müssen mehr und -mehr unsere Gegner gegen uns vereinen, indem wir sie beide bekämpfen. -Wir lassen ihnen ihren Staat und ihre kapitalistischen Einrichtungen -und ihre Kirche und ihr Parlament -- wir stehen außen, und wo wir -noch nicht außen stehen, wo uns die Not zwingt, ihnen Frondienst zu -leisten, bei der Arbeit um des Lohnes willen, da werden wir auch einmal -aufhören, aufhören mit einem Mal, dann, wann es uns beliebt, wann der -rechte Zeitpunkt gekommen ist. - -Hier wurde der Redner, der sich in ein lebhaftes Feuer hineingeredet -hatte und seine Worte mit starken Bewegungen seiner Arme und seines -Kopfes begleitete, durch lebhaften Beifall unterbrochen. Starkblom -horchte hoch auf. Da war er am richtigen Fleck. Aufhören mit der -Arbeit, wann es beliebt. Das war seine Sache. Freilich -- es war alles -in anderm Zusammenhang. Nichts im Gegensatz zum Leben, alles vielmehr -um des Lebens willen, für das vernünftige Leben. Das war es, was diesen -Männern allen so felsenfest sicher stand: es gab eine Vernunft im -Leben, es gab eine Zukunft, es gab Freude und Lebenszweck, man hatte -ein Interesse an der Welt, auch an den Nachkommen, man handelte und -brachte Opfer für eine Sache, an die man glaubte, für ein Ziel, auch -wenn man es nicht erlebte. Das war es, das war es, wonach er sich -gesehnt, so heiß gesehnt mit all seinem Sinnen -- diese Männer hatten -es, sie wußten wofür sie lebten, ja wofür sie starben. Und Starkblom -bemühte sich, die Zweifel, die sich ungeordnet von allen Seiten her in -ihm aufbäumen wollten, zu vernichten. Er wollte nicht mehr unglücklich -sein, er wollte mitmachen und er konnte es. Er ließ sich hinreißen -- -gleichviel wohin. - -Der Redner hatte indessen einen Schluck Bier getrunken und fing nun -wieder an. - -Die Frage, was uns die Wahlen angehen, erweitert sich zu der Frage: -Was geht uns die Politik an? Sind wir, wie es vorgegeben wird, eine -politische Partei oder sind wir etwas anderes, etwas größeres? Was -ist denn Politik? Staatskunst nennt man sie zu deutsch, und das ist -richtig. Ohne Staat giebt es keine Diplomatie und kein Parlament und -keine Politik. Was aber in Dreiteufelsnamen geht uns der Staat an, der -Gehilfe der heutigen Gesellschaftsordnung? Falsch ist die Meinung, wir -könnten uns durch ein Hinterthürchen einschleichen in den heutigen -Staat und könnten auf diese Weise unser Ziel erreichen. Falsch ist die -Ansicht, dieses Hinterthürchen, der Parlamentarismus, sei aus Versehen -offen geblieben, oder aus Not; im Gegenteil, sperrangelweit haben es -die heutigen Machthaber geöffnet, um uns zu ködern und uns zu sanften -Regierungsschafen und Staatseseln zu erziehen, und groß ist die Gefahr, -sie könnten ihr Ziel erreichen. - -Genossen, wir sind _keine_ politische Partei; wir wollen keine Gesetze -machen, um die Ordnung herzustellen im Interessenkampf und um die -Schwachen zu unterdrücken und die Reichen zu sichern; wir wollen -_nicht_ flicken an der heutigen Welt, um sie erträglicher zu machen, -nein, ich sage es offen, wir _wollen_ sie unerträglich machen, um -sie rascher ihrem Tod entgegenzutreiben. Wir kennen keinen Gegensatz -zwischen den einzelnen Nationen, wir sind heute alle eins als -Proletarier im Kampf gegen das Kapital, und wollen, daß alle Menschen -eins werden als Menschen, als Individuen im Kampf gegen feindliche -Naturkräfte, im Streit für den Fortschritt und die Kultur! Nochmals und -immer wieder: wir _wollen_ uns nicht beteiligen, wir _wollen_ abseits -stehen, wir wollen die heutige Gesellschaft allein lassen, und wenn es -an der Zeit ist, im Stiche lassen. - -Um das zu erreichen, wenden wir uns vor allem aufklärend an den -einzelnen Menschen. Wir sagen ihm: siehe, mein Bruder, es giebt für -dich keine Pflicht gegen den Staat oder die sogenannte Gesamtheit, es -giebt auch keine Pflicht gegen Gott, das alles hat man dir vorgelogen -und anerzogen. Wie du zu handeln und was du zu glauben hast, darüber -hast du dich einzig mit deiner Vernunft auseinanderzusetzen. Und -dafür ist gesorgt durch die gemeinsame Abstammung aller Menschen, daß -sie trotz aller Ungleichheiten und Differenzen nur _eine_ Vernunft -haben, und daß ein normaler Geist das Größte zu _erfassen_ wenigstens -im Stande ist, was der Fortgeschrittenste, der Höchststehende, -der Genialste, gefunden und entdeckt hat. Freilich, einen Wust -von Aberglauben und Unsinn und Lüge müssen wir vorher wegräumen, -das kapitalistische Denken ist auch dem Arbeiter nur allzu sehr -aufgepfropft worden, aber glücklicher Weise verträgt es sich auf die -Dauer nicht mit seinen Interessen und daher kommt es, daß die Masse der -Arbeiter sehr wohl Verständnis hat für jede neue große Idee. Das gilt -nicht für den Bourgeois -- ihm kann man Vernunft predigen so lange man -will, der Durchschnittsbourgeois _kann_ uns nicht recht geben, selbst -wenn er ehrlich ist. Soll ein Bourgeois sich überzeugen lassen von -einer Idee, die einer neuen Weltanschauung angehört, dann muß er ein -freier Mensch sein, der sich zu erheben versteht über die Interessen -seiner eigenen Klasse. Und derer sind wenige. - -Wer aber unter uns Arbeitern versteht es nicht, wenn ich ihm sage: -du zahlst Steuern, du bist Soldat, du arbeitest in der Fabrik, nicht -weil es dein Wille ist, sondern weil du mußt, weil du geknechtet bist, -weil vorerst die dich knechten, noch die Stärkeren sind. Du kannst, -auch du Einzelner kannst es, du kannst aufhören zu arbeiten, wenn du -nur willst, aber du wirst verhungern, du kannst dich aufbäumen gegen -Staatsgesetze und Moralgesetze, die dich nichts angehen, aber du -wirst dann deiner Freiheit beraubt, wenn nicht getötet, und das von -Rechtswegen -- denn Recht ist Macht. Du kannst alles, was du thust, -lassen, wenn es nicht dein Wille ist; aber unter der Knechtschaft, -unter der du stehst, kannst du nicht thun, was du willst. Du kannst -deinen heißen Bildungstrieb nicht befriedigen, du kannst dir kein -menschenwürdiges Dasein schaffen, du kannst nicht aus der Welt -schaffen, wovor dir ekelt, nicht die Schwindelgeschäfte, nicht die -Börse, nicht die Prostitution, nicht lügnerisches Pfaffentum und -Beamtentum, nicht verkehrte, geistverstümmelnde Jugenderziehung. -Kurz, du kannst nicht leben wie du willst, du mußt leben, wie es -die Verhältnisse wollen, die aufrecht erhalten und verteidigt und -idealisiert werden von der heutigen bürgerlichen Gesellschaft. - -Unter diesen Umständen giebt es nur _ein_ Mittel. Wir alle, die -wir unter diesen Verhältnissen leiden, thun uns zusammen zu einer -kämpfenden Gemeinschaft. Wir wollen nicht aufhören Vernunft zu -lehren und die Massen aufzuklären, bis wir es erreicht haben, daß -die Proletarier aller Länder sich vereinigt haben, um zu stürzen die -kapitalistische Weltanschauung und einzurichten die sozialistische. -Organisieren wir uns in den Gewerkschaften, werbet überall, in den -Fabriksälen, auf den Straßen und öffentlichen Plätzen, in der Familie, -in großen Versammlungen. Ist diese freie Organisation stark genug, dann -kann jede einzelne Gruppe im Kampf um die vorläufige Besserung der -Lebensbedingungen, um Verkürzung der Arbeitszeit, um Erhöhung des Lohns -auf die Unterstützung aller andern rechnen und dem Kapital die Spitze -bieten. Dann kann jede einzelne Gruppe schon vorläufig der bürgerlichen -Gesellschaft kündigen, sei es auch nur um zu zeigen was kommen wird. -Und diese unsre Kampforganisation muß schon ein Abbild sein der -zukünftigen Gesellschaft. Da tritt jeder ein mit Gut und Blut für den -andern, für die gemeinsame Sache; einer für alle; alle für einen. - -Darum rufe ich euch zu: Genossen, wählt nicht zum Reichstag! Wählt -keinen Vertreter, der für euch kämpfen soll durch Parlamentsreden. -Das Wort ist nicht da zum Kampf, sondern zur Belehrung, und für den -Kampf giebt es keine Vertretung. Kämpft selbst, Proletarier, nicht mit -der Zunge, kämpft mit eurer ganzen Person, kämpft da, wo der Kampf -ausgefochten werden muß, auf dem Boden der _Arbeit_, und da könnt ihr -nicht _allein_ kämpfen, sondern nur alle zusammen festgeschlossen und -einig. Vereinigt euch, Proletarier klärt auf, Genossen, werbet für -unsere Idee, der Sieg wird unser sein! - -Wieder ertönten starkes Händeklatschen und lebhafte Rufe der -Zustimmung, durch die nur ein ganz vereinzeltes: »ganz unrichtig«; -kaum dringen konnte. Die Diskussion wurde nun eröffnet und ein -Arbeiter nach dem andern trat vor, um mehr oder weniger geläufig seine -Zustimmung zu dem Gehörten auszusprechen und nunmehr Ergänzendes -beizubringen, indem hauptsächlich gegen die einzelnen Volksvertreter -schwere Vorwürfe erhoben wurden. Nachdem nun noch der Gegner, der sich -vorhin bemerkbar gemacht, zu Wort gekommen war, um außerordentlich -fließend in ununterbrochener Rede zu sagen, wie ungerecht die Vorwürfe -seien, wie großes Verdienst sich die Führer um die Sache erworben, wie -vortrefflich die Parlamentswahlen und das Parlament selbst sich zur -Agitation eigneten, wie auch manches auf diesem Wege für die Arbeiter -herauszuschlagen sei, -- erhielt der Referent noch einmal das Wort, um -das Ergebnis der Diskussion zusammenzufassen. - -Gesinnungsgenossen, so begann der Redner, für ganz unrichtig muß ich -es halten, wenn der Herr Vorredner gemeint hat, die Bourgeoisie, d. h. -ihre Vertretung, das Parlament, habe uns Konzessionen gemacht, weil -wir eine in Betracht kommende Anzahl Abgeordnete ins Parlament gesandt -hätten. Keineswegs, sage ich. Diese Konzessionen sind gemacht worden -(übrigens kann man ja bisher kaum schon von solchen reden, aber ich -gebe zu, es werden noch solche gemacht werden) weil die Bewegung in den -Massen zu groß geworden ist und zu gefährlich, weil etwas gethan werden -mußte, um den Anschein zu erregen, die herrschende Klasse sei sich der -Ungerechtigkeit unserer Zustände bewußt und wolle abhelfen. Wieviel -stärker und energischer aber wäre heute schon die sozialistische -Bewegung, wenn unsere Agitation nicht nur Wahlagitation gewesen wäre, -wenn wir von vornherein uns im Gegensatz zum Parlament gestellt hätten. -Ich behaupte, die Herren im Reichstag und am grünen Tisch hätten -ein ganz anderes Gruseln verspürt und hätten viel entschiedenere -Konzessionen gemacht, wenn niemals ein Sozialist ihren Sitzungssaal -betreten hätte, wenn sie ganz allein unter sich geblieben wären und -nur die drohenden Stimmen gehört hätten, die lauter und lauter von -außen eingedrungen wären, von dem arbeitenden Volk, das nichts mit -ihnen gemein haben will. Was aber kümmern sich die Herren jetzt darum, -wenn ihnen ein glatter Redner zwei Stunden lang möglichst maßvoll dies -oder jenes auseinandersetzt und immer Rücksicht darauf nimmt, daß er -nicht zuviel von den Herren verlangt? Und wie ganz anders aufreizend -hätten die Reichstagsverhandlungen gewirkt, wenn die Herren Bourgeois -unter sich geblieben wären, wenn sie die Zeit vertrödelt hätten mit -ihrem einsichtslosen und thörichten Geschwätz, mit ihrem unsinnigen -tagelangen Streit über Formalien und Lappalien, während draußen die -Arbeiter sich fester und fester zusammenschließen zum Kampf ums Brod -(was etwas anderes heißt als die Bekämpfung des Kornzolls), aber auch -um ein hohes Ideal, für die Neugestaltung der Menschheit! Und wenn -dann einmal eine festgeschlossene Kolonne Arbeiter auf der Galerie -erschienen wäre, um dem Geflunker zuzuhören, wenn die Aufregung dann -bis zum Siedepunkt gestiegen wäre, und das Volk anfinge, mitzureden -und den Herren zu sagen, was von ihnen zu halten ist, dann könnte -man sehen, wie die Herren Bourgeois sich vor Angst in alle Winkel -verkröchen. Hat man etwas dem Ähnliches schon einmal erlebt, wenn einer -unserer Abgeordneten gesprochen hat? O nein, man hat ihn höchstens -aufmerksam angehört und hat dann die oratorische Leistung bewundert. -Das muß anders werden. Auf diesem Wege verflacht unsre große Bewegung -mehr und mehr. Hüten wir uns, daß nicht abgespannt wird; hüten wir -uns, daß die Massen nicht anfangen zu ermatten und an unsere Sache -nicht mehr zu glauben. Die Unzufriedenheit, die leidenschaftliche -Begier, unsere Lage zu bessern und von Grundaus zu ändern, darf nicht -schwinden, muß gesteigert werden. Und Aufklärung und Belehrung muß -sich damit fort und fort vereinen. Nehmen wir uns in Acht! Stehen wir -zusammen Mann für Mann! Und vor allem: nicht wählen wollen wir, sondern -protestieren gegen das Wählen! - -Mitten unter dem Beifallssturm, der sich wieder erhob, während einige -sich schon zum Weggehen _bereiteten_, indeß die große Masse ruhig -sitzen blieb in der Erwartung, daß zum dritten Punkt der Tagesordnung -»Verschiedenes« nach etwas von Interesse zur Sprache käme, stand -Starkblom auf. Während der letzten halben Stunde hatte ihm der Gedanke: -Du mußt reden, und immer wiederholt das eine Wort: reden, reden, reden -keine Ruhe mehr gelassen. Es fröstelte ihn und dann stand ihm wieder -der Schweiß auf der Stirn und es drückte ihn etwas ohne Unterlaß an -der Kehle, und nun war er aufgestanden, er wußte selbst nicht, um das -Fieber und die Beklemmung von sich zu schütteln oder zu reden. - -Nun fragte der Vorsitzende seiner Gewohnheit nach: »Wünscht noch jemand -das Wort? -- Es scheint, daß --« Da streckte Starkblom, wie er es -vorher bei den andern, die sich gemeldet, gesehen hatte, gedankenlos -den Arm in die Höhe und währenddem fuhr es ihm durch den Kopf: Nun -mußt du reden, nun mußt du reden, was wirst du denn sagen, ich weiß ja -gar nichts zu sagen, die Gedanken gehen mir ja aus, jetzt ist es Zeit, -Zeit, Zeit, groß -- bedeutend -- mannhaft -- alles, alles. - -»Sie haben das Wort. Bitte rasch; Namen und Wohnung, kommen Sie vor,« -sagte der Vorsitzende sofort. - -Starkblom ging vor; er hatte sich gefaßt, aber er konnte nicht -überlegen; meine Herren, meine Herren, ich, meine Herren, ich will, -meine Herren, so wiederholte er in seinem Denken immerfort und fast -mit den Lippen. Aber als er vorn stand, sagte er ganz ruhig zum -Polizeilieutenant, der die Versammlung überwachte, gewendet: Karl -Starkblom, Villa Weißes Haus, Privatmann. - -»Sie haben das Wort,« wiederholte der Vorsitzende, während man in -der Versammlung teils aufmerkte, teils durcheinander sprach; man war -begierig, was der feine Herr zu sagen wußte. - -Und nun begann Starkblom, und gleich von Anfang an fließend und ruhig -sprechend, nur zwischen den einzelnen Sätzen kurze Pausen machend, -während deren er tief Athem holte, denn eine gewaltige Aufregung in ihm -preßte sich gegen seine Brust. - -Meine Herren, es ist richtig, was der erste Redner sagte. Damit sich -einer aus den Reihen der Gebildeten erhebt über den Standpunkt seiner -Umgebung, über das Denken und gewohnheitsmäßige Leben, das ihm von früh -an eingelernt ist, dazu gehört ein freier und ungewöhnlicher Mensch. -Und selbst dann, wenn einer frei ist und von bedeutender Geistesanlage, -selbst dann wird sein Leben sich ganz anders gestalten, wird er zu -ganz andern Resultaten kommen, als Sie wohl annehmen, wenn ihm irgend -welche Zufälligkeiten den Streich spielen, ihn nie zusammenkommen zu -lassen mit den Menschen, deren Denken von Anfang an eine ganz andere -Richtung einschlagen muß als die seine. Ich bin nicht mehr jung, aber -zum ersten Male in meinem Leben stehe ich heute unter Arbeitern. Ich -bin kein Bourgeois in dem Sinne, wie Sie das Wort gebrauchen, wohl aber -bin ich mir selbst nicht bewußt ausgegangen in all meinem Leben und in -all meinem Denken und Empfinden von der heutigen Gesellschaftsordnung, -von der heutigen Sitte und Moral. Über alles, was man mir je angelernt -hat, habe ich mich in langem Ringen und schwerem Kämpfen vollständig -erhoben, nur das eine habe ich bis zu dieser Stunde nie gewußt: daß -es Menschen giebt, die ganz anders empfinden und denken, wie wir da -oben, und daß die Zukunft in den Händen dieser Menschen liegen kann. -Ich habe die ganze Bildung meiner Zeit bewältigt; ich habe all das -Leben und Treiben dieser Erde beobachtet; ich habe geschaut, wie die -Menschen dies und das treiben und sich doch stoßen lassen von jeglichem -Zufall, daß sie kein Ziel haben und keine Reflexion, und ich habe mich -mit Ekel abgewandt von dem Menschengeschlechte, das nicht weiß, wofür -es lebt und -- noch schlimmer -- es gar nicht wissen will. Und ich -war nahe daran, selbst wegzugehen vom Menschendasein, weil ich trotz -allem Grübeln und verzweiflungsvollen Forschen nicht finden konnte, -wofür ich lebe. Ich habe den Mut gehabt, in meinem Denken wenigstens -die Konsequenz zu ziehen aus meinem Leben, und das ist die Konsequenz -eines jeden aus meinem Gesellschaftskreise. Diese Konsequenz heißt: -Selbstmord. - -Heute aber kann ich sagen: ja, jawohl, die bürgerliche Welt ist dem -Tode verfallen, aber aus ihren Trümmern, das hoffe ich mit Ihnen und -daran will ich mich anklammern, wird auferstehen die sozialistische -Gesellschaft, eine neue Welt. - -Hier löste sich die Spannung, mit der die große Versammlung bisher -in vollkommener Ruhe zugehört hatte, in ein vielstimmiges und -gleichzeitiges Bravo auf. Starkblom fuhr sich leicht über die Stirn -und holte tief Athem; dann sprach er weiter, nunmehr lebhafter und -freudiger, wie getragen von der Sympathie der Versammlung. - -Ja, meine Herren, heute ist es mir endgiltig klar geworden, und darauf -baue ich: nicht der Mensch als solcher oder gar die Welt an sich ist -es, vor der mir ekelt in tiefster Seele, es sind nur die Menschen, -unter denen ich aufgewachsen bin, mit denen ich mein ganzes Leben -verbracht habe; es sind nur die Zustände, die heute herrschen und die -sich von Geschlecht zu Geschlecht überliefern, weil jedes Kind von -neuem gedankenlos hereingezogen wird in den alten Kreis verrotteter -Gewohnheit. Ein Kind aber kenne ich, das noch nicht zugrunde gerichtet -worden ist von diesen Einrichtungen, ein Feld, das noch nicht gejätet -worden ist mit dem Pfluge einer alten Moral und das bereit liegt -zu neuem Samen; eine Wolke, die sich noch nicht ausgeschüttet hat, -sondern voll ist von neuem fruchtbarem Regen; ein Rad, dessen Felgen -noch nicht zerbrochen sind, sondern das erst beginnen will zu rollen, -wer weiß wohin? ... Ich meine die Arbeiterklasse. Die Bildung, mit -denen man unser Hirn vollgepfropft hat, haben Sie nicht genossen, und -dadurch haben Sie Platz gehabt für eine neue Idee, dadurch sind Sie -berufen, der alten morschen Gesellschaft den Todesstoß zu geben und -sie abzulösen, und mit Vernunft da zu beginnen, wo die Unvernunft das -Ende ihrer Entwickelung erreicht hat. Unsere thörichte bürgerliche -Gesellschaft glaubte dem Volk einen gewissen Grad von Wissen und -Aufklärung zukommen lassen zu dürfen, und die Geister, die sie so -beschworen, die werden sie nicht mehr los. Die heutige Gesellschaft -hätte aufrecht erhalten werden können, wenn die Arbeiter systematisch -zu Haustieren, noch schlimmer, zu Fabriktieren gemacht worden wären; -aber da man in sentimentaler Duselei mit einer Reminiszenz an die -Menschenrechte der französischen Revolution davor zurückschreckte -und ihnen mit Halbheiten den Geist stopfen wollte, siehe da wurde der -Mensch in ihnen wach, und schneller, als jene es geahnt, erwächst die -neue große Revolution, die viel, viel gewaltiger werden wird als die -sogenannte große Revolution der Bourgeois. Einen neuen Glauben haben -die Arbeiter, einen Glauben an sich und an die Zukunft der Menschheit. -Die bürgerliche Gesellschaft aber hat keinen Glauben, keinen neuen und -keinen alten; sie verzweifelt an sich selbst, wo sie nicht gedankenlos -dahinvegetirt und selbst zum Tier geworden ist. Die soziale Revolution -wird siegen! - -Da brach gewaltiger Beifall los. Starkblom fühlte, dies sei für die -Empfindung seiner Zuhörer das Ende seiner Rede, und obwohl er noch -lange weiter hätte sprechen können, fügte er nur noch hinzu, laut durch -das Getöse rufend: - -Zu Ihnen flüchtet sich von den Gebildeten, wer an der Zukunft der -bürgerlichen Gesellschaft verzweifelt und doch eine starke Ahnung hat, -damit sei die Menschheit noch nicht an ihrem Ziele. Nehmen Sie mich auf -in Ihren Reihen. Unser Wille ist derselbe: die vernünftige Gestaltung -des menschlichen Lebens! - -Starkblom wollte rasch von der Tribüne heruntergehen, um so schnell -als möglich nach Hause zu kommen, fort aus diesem Saale in die freie -Luft. Wie hätte er jetzt noch ein einziges Wort sprechen können. Aber -der Vorsitzende, neben dem er stand, tippte ihn leicht auf die Schulter -und sagte: »Herzlichen Dank, Herr Starkblom. Es würde mich sehr freuen, -wenn Sie etwas warten wollten; die Versammlung ist ja jetzt doch wohl -zu Ende. Hätten Sie die Güte?« - -Starkblom drückte ihm die Hand. »Gewiß, sehr gern.« - -Während dieses kurzen Gesprächs hatte sich unten im Saale schon alles -erhoben und lief durcheinander dem Ausgang zu. Nur der Form zuliebe -fragte der Vorsitzende: Wünscht noch jemand das Wort? und fügte dann -gleich hinzu: Dann schließe ich die Versammlung. Sofort begannen einige -Stimmen mit dem kräftigen Gesang der Arbeitermarseillaise: »Wohlauf, -wer Recht und Wahrheit achtet,« und immer zahlreicher fielen die -Anwesenden ein in den Chor, während alles langsam zum Ausgang drängte. -Nur einige wenige strebten gegen die Masse nach vorn, und schließlich -standen, während der Saal schon fast leer war, sieben Männer um -Starkblom, ihm abwechselnd die Hand reichend und durcheinander auf ihn -einredend. Er nickte nur nach allen Seiten und sagte: Jaja -- jawohl --- ganz richtig -- aber bitte sehr. -- Er hörte nicht, was die andern -sagten und wußte nicht, was er selbst sprach. So hätte er wohl noch -Stunden lang dastehen können und seine erregte Freude auf- und abwogen -lassen. Aber der Mann, der den Vorsitz geführt hatte, rüttelte ihn -auf, indem er den Vorschlag machte, sich an einen Tisch zu setzen und -noch ein Glas Bier zu trinken. Es geschah so, und bald war Starkblom -in ein Gespräch verwickelt mit seinen Nachbarn, erst über ziemlich -gleichgiltige Gegenstände, über die Arbeitsverhältnisse hier am Ort -und über das bisherige Leben Starkbloms nach außen. Bald aber wurden -sie hereingezogen in das Gespräch, das indessen auf der andern Seite -des Tisches geführt wurde. Man sprach über die Zustände und Spaltungen -in der deutschen sozialdemokratischen Partei. Starkblom erfuhr da, daß -durchaus nicht überall die prinzipienfeste, revolutionäre Richtung -einen so großen Anhang habe wie hier; an andern Orten begnügten sich -die Massen vielfach mit großen Schlagworten und überließen im übrigen -alles ihren vergötterten Führern. - -»Ja aber diese Führer«, fragte Starkblom erstaunt, »können denn -diese wirklich glauben, es scheinen doch überaus vernünftige und -begeisterte Leute zu sein, daß durch althergebrachtes Politisieren und -Parlamentieren das große Ziel erreicht werden könne? Das ist doch ganz -undenkbar.« - -»Das will ich Ihnen erklären«, antwortete ihm Mathias Buvolski, der -vorhin das Referat über die Wahlen gehalten hatte. »Die Herren sind -überschlau, das ist ihr Verderben, hoffentlich nicht das unsere. -Sie glauben gar nicht recht an die Kraft der Bewegung und vor allem -nicht an die Macht der Aufklärung. Sie halten große Reden von der -wirtschaftlichen Entwicklung, und daß die sozialistische Gesellschaft -sich ganz von selber mache; man brauche gar nicht eingreifen und sich -nicht in Gefahr bringen. Aber sie wollen die Macht nicht aus den Händen -geben, sie erwarten irgend etwas ganz besonderes, irgend einen großen -Zufall, am liebsten eine Revolution von oben, einen Verfassungsbruch -der Regierung und da wollen sie zuwarten. Und damit die Bewegung -inzwischen nicht stillsteht oder gar ins Nichts zerrinnt, wenden sie -künstliche Mittel an, um das Interesse wach zu erhalten. Da wird also -ein großer Entrüstungssturm in ganz Deutschland gegen die Kornzölle -erregt, nur damit überall Massenversammlungen stattfinden. --« - -»Was?« unterbrach ihn Starkblom. »Genau dasselbe hörte ich ja vor ein -paar Tagen bei den Freisinnigen?« - -»Allerdings, aber das thut nichts; bei uns zieht’s mehr. Und aus -demselben Grunde muß gewählt werden und müssen die Abgeordneten Reden -über Reden halten und Anträge über Anträge stellen. Alle paar Wochen -taucht dann wieder ein neues Projekt auf, irgend ein Detailvorschlag, -der der Masse imponiert, Verstaatlichung der Apotheken, der Ärzte, des -Getreidehandels ... Die Bewegung darf nicht einschlafen, das ist alles. -Aber gethan wird nichts, es giebt keine ernstliche Aufklärung, nicht -im Wort und nicht in der Schrift, die Provinzzeitungen sind miserabel, -die Brochüren zu teuer, die Führer sitzen im Reichstag und haben keine -Zeit zur Belehrung des Volks ... Sie machen von sich reden und halten -sich obenauf, um, wenn die rechte Zeit von ungefähr kommt, die Macht -in der Hand zu haben. Drum sind sie auch keineswegs unter sich einig, -immerfort Zänkereien und Eifersucht.« - -»Was reden wir da?« sagte Starkblom. »Das sind ja ganz gewöhnliche -Menschen, nicht unbegabt, aber gewöhnlich. Aber was gehn uns Personen -an? Im Sozialismus steckt Tieferes, als seine heutigen Verkünder wohl -ahnen. Was gehen uns diese Kleinlichkeiten an, wo es sich um die -Zukunft der Menschheit handelt?« - -Die andern hörten aufmerksam zu, Buvolski aber sagte: »Sie haben heute -Abend schön und herzlich und feierlich gesprochen. Ich habe noch -niemanden getroffen, glaube ich, der so sein Alles daran setzt, um das -was er denkt, auch zur Wirklichkeit zu machen. Nicht wahr, Sie glauben -felsenfest an die Macht der Vernunft?« - -Starkblom fühlte wie er blaß wurde. Es lief ihm kalt über den Rücken. -Wenn, wenn, wenn ... Nein. Er schüttelte sich. Nichts mehr von den -alten Dingen. Er wollte nicht mehr. Es war entschieden. Ja, er glaubte. - -Erst nach einer Pause, während der alle gespannt nach ihm blickten, -antwortete er langsam: - -»Viel gefragt. Ich glaube, daß ich nicht einzig bin.« - -»Offen gestanden, ich verstehe nicht recht. Wie meinen Sie das?« - -»Ich bin ein Teil der Welt, ein winziger Teil; ein einsamer, -versprengter Teil, es ist wahr. Daß _ich_ vernünftig bin, das weiß ich -sicher; und was ich glaube, das ist das, daß ich mich nicht soweit -über die andere Welt erhoben habe, daß sie mir nicht mehr nachfolgen -kann. Man kann viel, wenn man will; und der Wille kann erweckt werden. -Der Geist des Menschen ist so eingerichtet, daß, wenn einer allen -Schmerz und alle Verzweiflung eines ganzen Lebens dazu gebraucht hat, -um _eines_ zu erreichen und daran festzuhalten, daß er allen anderen -diese Not ersparen kann, indem er ihnen das fertige Ergebnis seines -Lebens begreiflich macht. In diesem Sinne ist jeder bedeutende Mensch -ein Heiland, der die Schmerzen der ganzen Welt auf sich nimmt und sich -kreuzigen läßt, um die Welt zu erlösen. -- Wo wohnen Sie? Bitte wollen -Sie mir Ihre Adresse angeben?« - -Alle schauten ihn verwundert an. Er aber stand auf. - -»Ich kann nicht länger bleiben. Aber wir sind nicht das letzte Mal -zusammen.« - -Buvolski sagte ihm, wo er wohne, Starkblom bat die Männer, ihn doch -bald zu besuchen, wenn sie Zeit hätten, und nach herzlichem Abschied -ging er. - -Er eilte nach Hause. So lange er in den Straßen der Stadt war, ging er -nur sehr rasch und blies die Luft von sich und lächelte vor sich hin -und schwang seinen Stock und schlug ab und zu auf die Steinplatten, -daß die Funken heraussprangen. Sowie er aber auf der Landstraße war, -auf der fester, aber noch weißer Schnee lag, und seine Blicke über -die Felder schweiften, deren unermeßliche Schneedecke im Mondschein -strahlte und glitzerte, fing er an zu rennen, als wollte er mit seinem -Schatten um die Wette laufen. Dabei schrie er laut: Juhu, juhu! Eine -unbeschreibliche, freudige Aufregung hatte sich seiner bemächtigt. -Jetzt dachte er nicht, jetzt grübelte er nicht der Zukunft entgegen, -er hatte etwas in der Gegenwart, worüber er sich freuen konnte, und -gedankenlos wie ein Kind überließ er sich dem Genusse. - -Er war schon in der Nähe seiner Villa, als ihm ein hochgewachsenes -Mädchen begegnete. Schon von weitem rief sie ihm zu: - -»Na, Ihr seid wohl eben entsprungen?« - -Starkblom, der sie sofort verstand, lachte und ging weiter, bis er vor -ihr stand und hielt dann an. Sie dachte an das große Irrenhaus drinn in -der Stadt, in dem Unheilbare aus dem ganzen Lande eingesperrt waren. - -»Nun, das gerade nicht«, antwortete er lustig. »Vielleicht bringe ich’s -aber noch so weit. War’s schön heute Abend?« - -Er schaute vergnügt dem Mädchen, das sehr hübsch war, ins Gesicht. - -»Wie meinen Sie das?« fragte sie etwas verlegen und rückte das Tuch, -das sie auf dem Kopfe trug, zurecht. - -»Na, ich denke, ein Mädel ist doch nur aus einem Grund so spät noch -hier außen. Ist er lieb? Meint er’s ehrlich?« - -»Ich weiß nicht«, sagte sie und errötete ein wenig. »Ich hab’ ihn eben -gern.« - -»Hast recht, Kind. Das ist genug und erklärt alles. Was ist er denn?« - -»Fabrikarbeiter.« - -»So? -- Ist er auch Sozialdemokrat?« - -»Ich sag Ihnen doch, daß er Fabrikarbeiter ist.« - -»Jaso, hast recht.« - -»Seit wann sind wir denn per Du?« - -»Seit heute, liebes Mädel und nur für heute. Nichts für ungut, aber ich -bin so froh und erhoben, wie nie zuvor.« - -»Ich merk’s und es freut mich. Ich hab die lustigen Leute gar gern.« - -»Ich war’s schon lange nicht mehr.« - -»So?« - -»Jaja, schon lange nicht mehr.« - -»Jaja, Sie sehen auch recht ernst und traurig aus. Bleibt nur lustig, -’s ist besser.« - -»Ich will’s, wenn’s geht. Komm, gieb mir ’nen Kuß.« - -»Nein. Oder -- ja, weil’s Sie sind.« - -Sie legte die Hände auf seine Schultern und er küßte sie rasch. Dann -gab sie ihm noch einige freiwillig drein, schüttelte seine Hand und -wandte sich zum Gehen. - -»Adieu, fröhlicher Herr. Denken Sie nichts schlimmes von mir.« - -»Lebwohl, mein schönes Kind, und grüße mir deinen Schatz.« - -Dann ging auch er und schnalzte noch ein paar Mal vor Vergnügen mit der -Zunge. Dann schritt er den Berg hinauf, jetzt langsamer, er blieb ein -paar Mal stehen und schaute sich um und ließ seinen Blick schweifen -über Feld und Wald und Fluß, das alles weiß vor ihm lag, und über die -Stadt hin. Er streckte den Arm aus und bewegte die Hand auf und ab, wie -zum Segen oder zum Dank. Auch auf die Landstraße blickte er lächelnd -und gewahrte schon ziemlich weit entfernt einen dunklen Punkt. Noch -einmal brach die Spannung in seiner Brust durch und laut rief er wieder -sein Juh! hinunter. Und leise vernahm er die Antwort des Mädchens: -Hoijohehuhu! Er nickte und lächelte vor sich hin, dann schloß er die -Thür auf und ging hinauf in sein Schlafzimmer und machte Licht. Da -wurde er gleich ernster, er ging noch eine Zeit lang hin und her und -brummte vor sich hin: Jaja, hm, hm, jaja. Dann kleidete er sich aus, -löschte das Licht und legte sich ins Bett. Nach ein paar Minuten war -er eingeschlafen. - - * * * * * - -Von diesem Tage an war Karl Starkblom ein leidenschaftlicher Anhänger -und Verkünder des Sozialismus. Er gewann bald Einfluß auf die Massen, -er schrieb zündende Brochüren, reiste im Lande herum und hielt überall, -in großen öffentlichen Versammlungen, in kleinen Gesellschaften und in -Fachvereinen Vorträge. Er gehörte zu den leidenschaftlichsten Kämpfern -gegen die bürgerliche Gesellschaft -- wenn er auch nicht darauf -verzichten wollte, die vorgeschrittensten Elemente derselben durch die -Mittel vernünftiger Ueberzeugung für seine Sache zu gewinnen. So schien -er ganz aufgegangen in dieser Thätigkeit; er schien zu wissen, wofür er -lebte oder vielmehr gar keine Zeit mehr zum Grübeln zu haben. - -Eines Abends aber -- er stand schon seit Monaten mitten in der Bewegung --- ereignete sich etwas sehr Merkwürdiges. Freilich, wenn er später -daran dachte, mußte er sich sagen, es kam nicht so ganz plötzlich, es -hatte sich zu verschiedenen Malen angezeigt, immer war es ein jäher -Einfall, der plötzliche Dolchstich eines Zweifels gewann, aber es war -stets sofort wieder gegangen, und er hatte weiter keine Acht darauf. -Schon am ersten Abend, in jener Versammlung war eine Bangigkeit an -ihm heruntergelaufen gleich einem körperlichen Übelsein, und dann -Abends vor dem Einschlafen, und dann später wieder und nochmals -und ein anderes Mal ... aber ohne Zusammenhang ... ein plötzliches -Zurückschaudern ... ein dummer Gedanke, der sich wieder vergaß ... - -Diesmal aber überwältigte er ihn. Er hielt vor einer außerordentlich -stark besuchten Versammlung in einer großen Stadt des westlichen -Deutschland einen Vortrag über das Thema: Warum muß der Sozialismus -siegen? - -Im Saal war eine fürchterliche Hitze und eine entsetzlich schlechte -Luft; draußen tobte und brüllte der Sturm. Er hatte im ersten Teil -seiner Rede den gegenwärtigen Zustand der menschlichen Gesellschaft -in scharfen Zügen vorgeführt. Seit kurzer Zeit unterließ er es, sich -genau auf seine Reden vorzubereiten; er wollte sich tragen lassen vom -Strom der Gedanken und auch der Worte. So kam es, daß er diesmal in -einen Gedankengang hineinkam, der ihm selbst neu war. Das störte ihn -nicht, er redete geläufig weiter, aber er paßte selbst auf und mußte -allerlei Nebengedanken unterdrücken. Er sprach davon, daß ein großer -Unterschied sei, zwischen dem Kampf für die sozialistische Gesellschaft -als Ideal und diesem Gesellschaftszustand, wenn er erst einmal erreicht -und zur Gewohnheit geworden sei. Das sollte den Uebergang bilden zum -zweiten Teil, der Schilderung der sozialistischen Gesellschaft in -großen Zügen. Aber er kam über den Gedanken nicht weg. Von früherer -Gelegenheit her wußte er, was da am besten zu thun sei. Er sprach -den Satz, an dem er gerade hielt, zu Ende und dann machte er eine -Pause. Dann mußte ihm der neue Gedankengang von selbst kommen. Aber -diesmal geschah es anders. Sowie er ein paar Sekunden gewartet hatte, -kam ihm ein innerliches Lachen und Aufbäumen und ein fürchterlicher -Nebengedanke, den er nicht abschütteln konnte. »Mann gieb’s auf! Es -ist alles falsch! Hat alles keinen Sinn!« Das drehte sich ihm immer -wirbelnd im Kopfe. »Hat alles keinen Sinn! Ist ja ganz falsch! Gieb’s -auf, Mann gieb’s auf!« Er stemmte sich gegen den Tisch. Es mußte ihm -gelingen. »Meine Herren«, fing er gewaltsam an. »Indem ich zum zweiten -Teil meiner Auseinandersetzung schreite.« -- Er verstummte. »Hör’ doch -auf -- du lügst ja -- denke doch erst über das andre nach -- es hat -ja keinen Sinn -- die ganze Geschichte -- was gehen dich denn andre -Menschen an?« Er fuhr mit der Hand durch die Luft. Dann that er einen -unterdrückten Schrei, fuhr mit der Hand nach dem Kopf und sank um. -Die Versammlung ging in großer Aufregung auseinander. Starkblom aber -erwachte bald wieder aus seiner Ohnmacht, fühlte sich zum Verzweifeln -elend und fuhr am nächsten Morgen nach seinem Weißen Hause zurück. Dort -blieb er ganz einsam und ließ lange Zeit nichts mehr von sich hören. -Ein paar Monate darauf aber erschien eine kleine Flugschrift, die in -litterarischen und politischen Kreisen ziemliches Aufsehen machte. -Sie hieß: »Sendschreiben Karl Starkbloms an das Menschengeschlecht. -Zugleich ein Absagebrief an den Sozialismus.« - - ❦ - - - - -Dritter Abschnitt. - -Sendschreiben Karl Starkbloms an das Menschengeschlecht. Zugleich ein -Absagebrief an den Sozialismus. - - -Jüngst las ich zufällig in einem sozialdemokratischen Provinzblatt -die Notiz, »der bekannte Agitator ~Dr.~ Starkblom scheine von seiner -bedauerlichen Krankheit immer noch nicht hergestellt und könne seine -Thätigkeit vorderhand noch nicht aufnehmen«. - -Es ist wahr, die Krankheit, die mich urplötzlich überfallen hat, ich -sollte sagen, _wieder_ überfallen hat, will nicht von mir weichen. -Diese Krankheit hat jetzt sogar epidemischen Charakter angenommen, d. -h. ich fühle die rasende Begier, meine friedlichen Mitmenschen, soweit -sie mir Zutritt zu ihren Gedanken schenken, anzustecken, nur um frei zu -werden von dem quälenden Bewußtsein, andere Leute seien kerngesund und -nur ich sei ausgestoßen aus der schönen Gemeinschaft. - -Aber ist es nicht vielleicht gerade umgekehrt? Doch, ich weiß es mit -Bestimmtheit, das Gegenteil ist der Fall. Ihr seid wahnwitzig und ich --- nun, ich bin vielleicht wahnsinniger als ihr, das ist möglich, aber -ich will euch verführen zu meinem Wahnsinn, damit ich gesund scheine. -Denn Krankheit ist nur ein Gegensatz und ein Ausgestoßensein des -Einzelnen aus der Gemeinschaft. - -Und nun zu dem, wovon ich reden will. Ich will sagen, daß der -Sozialismus eine Sache mittelmäßiger und gewöhnlicher Naturen ist, und -ich will solche, die mich verstehen können, von der Genossenschaft der -Genossen abziehen und mir und meiner Lehre verschwistern. - -Ich nenne den Sozialismus um deswillen gemein, weil er Voraussetzungen -macht, ohne es sich und andern einzugestehen, obwohl er zur Einsicht -klug und alt genug wäre, und weil er im Banne alter Worte steht und -weil er nicht ein einziges neues Wort gesprochen hat noch je zu -sprechen im Stande ist. Der Sozialismus, gleichwohl er sich eine -neue Weltanschauung zu nennen für gut findet, setzt voraus, es gebe -eine Pflicht des Menschen sich um seinen Nachbarn zu kümmern, es gebe -eine Gemeinschaft der Menschen und der Einzelne habe ein Interesse -an der Zukunft der Menschheit und der Welt. Er begründet diese -wichtigste aller Voraussetzungen niemals mit einem Worte, weil er -gänzlich unter dem Banne einer alten Moral, des jüdisch-christlichen -Sittengesetzes und seiner Variationen, steht und weil er unfähig ist, -die Möglichkeit einer neuen Welt- und Seelenanschauung auch nur zu -ahnen. Der Sozialismus ist nicht Original, sondern er ist nur eine -Folge historischer Reminiscenzen. Wenn er Revolution sagt, meint er -eben das, was man bislang unter Revolution verstanden hat, und er -kennt keine andern Mittel und Wege, als die bisher scheinbar wirksam -gewesen sind. Der Sozialismus ist schamlos, denn er glaubt an sich. -Der Sozialismus ist kindisch, denn er denkt nicht an den Tod. Der -Sozialismus ist erbärmlich, denn er läßt sich von einer abstrakten Idee -beherrschen. Der Sozialismus ist ein armseliges Wesen, denn er kennt -kein reiches Leben. Der Sozialismus ist ein eingebildeter Kranker, -der fortwährend sein Testament macht, anstatt zu tanzen und Lieder zu -singen oder sich tot zu schießen. Und der Sozialismus ist eine Lüge, -denn er redet von der Zukunft, und er ist Aberglaube, denn er nennt -sich eine Wissenschaft. - -Man verlangt Beweise von mir. Man verlange sie nicht. Ich will nicht -beweisen. Ich bin keine Anklagebehörde und kein Untersuchungsrichter. -Ich gebe nur meine Eindrücke und mein Erleben wieder. Ich hasse den -schreienden Ton der Unbedingtheit. Aber die Selbstverständlichkeit -liebe ich. Wem viele Dinge selbstverständlich sind, der folge mir nach. -Wer sich die Aufregung und das Für oder Wider mich noch nicht abgewöhnt -hat, der bleibe dahinten. Leute wie mich, sucht man am besten, indem -man sie meidet und seinen Gang weiter geht. Man wird so reif. Und nur -zu Reifen will ich sprechen. Ob auch zu Müden? Die Worte sind mir -gleichgiltig geworden. Auch die Welt? Auch die Welt. Nur eines ist -mir noch wichtig und des Denkens wert und gewärtig und ich freue mich -wie ein Dieb dieser Inkonsequenz. Dies eine aber ist -- lachet, meine -Freunde, ich lache mit -- dies eine ist der Tod. Er liegt mir am -Herzen und von ihm muß ich noch viel erzählen. Seid ihr bereit? Ich -will euch etwas erzählen -- vom Leben. - -Halt -- sollte ich nicht, bevor ich auf das Leben zu sprechen komme -und auf meine Gedanken und die Vergangenheit und Geschichte meiner -innersten Vorgänge und Stimmungen -- sollte ich nicht vorher von -den ökonomischen Verhältnissen reden, und sollte ich nicht die -unumstößliche Wahrheit von vorneherein annageln, daß die materiellen -Erscheinungen die Ideen hervorbringen, und daß alle meine Gedanken -und Willensmeinungen die Früchte unseres Zeitalters des Kapitalismus -sind? Sollte ich nicht von Gottes und Rechts wegen anders organisirt -sein als ich es bin, sollte ich nicht, bevor ich von mir rede und sage -was ich will, beobachten und feststellen, welchen Gang die Ereignisse -nehmen müssen, wohinaus die Geschichte nach den immanenten ökonomischen -Gesetzen des Karl Marx gelangen muß? Kurz -- sollte ich nicht ein Thor -sein? Ein Narr, dem seine besonnenen Beobachtungen mehr wert sind, als -seine gehäuften unbewußten zufälligen tausendfachen Erfahrungen? Sollte -ich mich nicht fortwährend als Ring in der Kette einer festgelegten -Entwicklung fühlen? Sollte ich mich nicht in zwei Teile teilen und -den einen vom andern beherrschen lassen? Sollte ich mich nicht den -Wissenden anschließen, anstatt wie jetzt einer zu sein, der nichts -wissen will? - -Ja, das ist es, warum ich mir selber merkwürdig und absonderlich -und vielleicht auch wichtig vorkomme: ich gehöre zu denen -- denn -ich bin doch nicht der Einzige? -- die vergessen wollen, vergessen -alles, was dagewesen sein soll, die einen Grund und eine Abstammung -haben, aber nichts davon wissen wollen, die zu keusch sind, um ihr -Leben zu leben nach Kenntnissen und Mitteilungen und Beobachtungen, -anstatt wie ein göttliches Tier auf einen ungekannten Grund hin, einem -unbekannten Ziele zu. O ihr Klaren und Unabänderlichen, ihr historisch -Begründeten und Zielbewußten, ihr Einsichtsreichen und Vollundganzen, -ihr Vergangenheitsleber und Zukunftsleber und Gegenwartsnichtse, ihr -Aufderhöhederzeitseienden und Bewußtheitsaffen, ihr Vielseitigen und -Vielzeitigen, ihr Tiertöter und Gottschänder und Menschenverstümmler, -ihr Papiermenschen und Drahtpuppen, ihr seid mir widerlich, höchst -widerlich! Jener Sokrates, der zugab, es wisse nichts, war wenigstens -nicht so gar übelriechend; aber wo findet man einen, der nichts wissen -_will_? Der nur leben will, nur leben -- oder sterben? - -Vom Leben also will ich meine Rede beginnen, vom Leben des Menschen, -des höchsten Menschen. Aber nicht will ich sprechen von den Nöten des -Lebens, von den niedrigsten Menschen, den Ärmsten der Armen. Und nun -sollte ich, so gehörte es sich, affectieren, ich sei ein harter Mensch, -ein Fürst der Erde, hocherhoben über alles, was unter ihm steht, weit -entrückt vor allem der schwächlichen Regung des _Mitleids_. Ich liebe -es aber nicht, mich zu verstellen, und ich mag nicht die erzwungene -Konsequenz. O ja, ich fühle Mitleid mit euch, ihr Proletarier, heißes -Mitleid, so gut wie einer, aber das ist mir ein unangenehmes Gefühl. -Es ist ein Gefühl, das da ist, aber es ist nur trotz alledem da und -ich verbitte mir, daß es sich zum Zentralpunkt machen will, von dem -alle meine Wünsche und Ansichten und Absichten ausgehen müssen. Ihr -lieben Kinder, die ihr das Leben nur von weitem in strahlendem Glanze -erblickt, die ihr die Not kennet und den Schein des Lebens, das Leben -aber, nein, das Leben kennt ihr nicht. Drum habt ihr auch das gute -Recht, alle eure Kraft einzusetzen, um das Leben und was ihr den Genuß -des Lebens nennt, zu erkämpfen. Euch verstehe ich, ihr jagt einem -schönen Bilde nach, jaget weiter, bis ihr bitter enttäuscht werdet. -Früher kann ich nicht zu euch sprechen. Suchet das Leben, damit ihr es -fliehen lernt. - -Aber jene andern, jene sozialdemokratischen Lehrer und Führer, unter -denen, meine ich, sollten welche sein, die etwas vom Leben wissen -könnten. Und wenn sie dennoch jenem weichen Wachse die Sehnsucht -nach dem Leben eindrücken, dann thun sie es teils aus Dummheit, -indem sie sich einreden, das Elend einer lebenden Seele beruhe auf -demselben Grunde wie die Nöte der arbeitenden Kinder -- nämlich -auf den Wirtschaftsverhältnissen des Zeitalters; oder sie sind -gewöhnliche Menschen, die ihr Leben nur dadurch ertragen, daß sie -andere beherrschen, die aber keinen Zustand ihres eigenen Menschen zu -begreifen und auszudenken verstehen, die die äußere Welt mit scharfer -Brille betrachten und wissenschaftlich fassen, die aber nie ein Gelüste -verspürt haben, die Gründe ihres eigenen Handelns, ihres eigenen Lebens -zu prüfen -- und zu verachten. Also kleinliche mittelmäßige Seelchen, -die sich selber das Leben erträglich machen durch ihr Gerede -- und -das nennen sie neue Weltanschauung! -- und die nichts weniger als -großartig sind in ihrer Herrschsucht und Verführungskunst. Sie wissen -nicht einmal, warum sie die Zukunft predigen, sie sind Thoren genug, -zu glauben, es sei wirklich um der Zukunft willen, sie sind Egoisten -und wissen es nicht -- o über diese Kindsköpfe! Man erstrebt etwas, -weil man das Streben liebt, das ein Teil der eigenen Seele ist, sie -aber reden sich ein, ihre ganze Seele werde angezogen von dem etwas -außerhalb. Sie wissen nicht, daß das etwas nur ein gleichgiltiges und -zufälliges Symbol ihres innern Menschen ist. Daß es in die Zukunft -projektiert ist, um glanzvoller zu wirken und zu beherrschen! Daß man -es zu andern Zeiten in den Himmel projektiert hätte. Und zu andern -auf die Insel Utopia. Und ein drittes Mal auf den Olymp. Oder auch in -das goldene Zeitalter oder in den Garten des Paradieses. Sie glauben, -Zukunft, das sei etwas in der Wirklichkeit, das sei etwas, was den -Menschen mehr angehe, als Himmel und Hölle. O über diese Kindsköpfe! - -Nochmals -- diese Führer muß ich ganz und gar in meiner Betrachtung -trennen von den Geführten und Verführten. Mit diesen habe ich zwar -Mitleid, ich gestehe es zu, aber ferne ist von dieser Art Mitleid -jegliche Verachtung. Im Gegenteil, ich sehe mit großem Schmerz, wie -lang und umständlich der Weg ist, den diese vielfach trefflichen -Menschen noch gehen müssen, bis sie da sind, wo ich stehe, bis -sie sehen, daß ihre Nöte, die sie vom Leben trennen, daß diese -zu überwinden sind, daß aber im innersten Kern des Lebens, des -menschlichen Lebens ein unüberwindlicher und viel tieferer Jammer -steckt als in jener häßlichen Beschalung. Freilich, es will mir so -scheinen, als ob auf eine sonderbare Art der Sozialismus geeignet -sei, diesen Weg in seltenen Fällen zu verkürzen, während er ihn bei -der großen Masse gänzlich verschüttet und unbetretbar und ungesehen -macht. Ich kenne einige ganz wenige Menschen, ganz einfache Arbeiter, -die ich, wie wenige in mein Herz geschlossen habe. Lange Jahre waren -sie glühende Sozialdemokraten, Nichtsalssozialdemokraten, dann aber -durchschauten sie schaudernd die Motive einiger Führer, sie sahen -Dinge an diesen Leuten, die diesen selber in ihres Herzens allzu -großer Einfalt gar nicht bekannt waren. Es ist nicht zu glauben, mit -welcher unheimlichen entsetzlichen Geschwindigkeit sie -- aber nur ganz -wenige sind das -- nunmehr ihren Weg gingen oder flogen oder gerissen, -geschmettert wurden. Sie nannten sich noch Sozialisten, wo sie es schon -nicht mehr waren, sie suchten immer neue, immer weniger betretene -Pfade, um ihr »großes Ziel«, das sie immer noch einzig suchten, zu -erreichen; sie streiften die Lehre von der ökonomischen Grundlage von -sich ab und nannten sich wieder Idealisten und Anarchisten. Dann wurden -sie Individualisten, aber Individualisten ganz eigener, nie erhörter -Art, denn sie suchten den Individualismus immer noch in der Zukunft -als Ideal, sie wollten einen Individualismus schaffen durch gemeinsame -Arbeit, durch Kommunismus. Aber daneben verlangten sie schon, auch die -Mittel und Wege müßten individualistisch sein. Und nun streiften sie -das Istentum ab, sie wollten nichts mehr, sie waren etwas, nicht mehr -Individualisten, sondern Individuen. Und damit waren sie auch schon -gänzlich auf sich gestellt und dem Pessimismus verfallen, und ihren -Glauben hatten sie völlig verloren und ihre Sehnsucht nach dem Leben -dazu. Merkwürdig, ihnen, diesen auserwählten Menschen, ihnen ekelt -vor dem Leben, obwohl sie es doch kaum gelebt, kaum gesehen, nur eine -ganz dünne Ahnung vom Leben ist über ihre Seele gehuscht, und schon -wenden sie sich scheu von ihm ab. Und ich glaube, während ich von -ihnen erzähle, stehen sie traurig lächelnd daneben. Ja, diese Menschen -gehören zu meinen Zuhörern, und sie stehen in der vordersten Reihe, -und ihre Herzen liegen mir offen da, und sie harren des Wortes, das -ich sprechen soll. Und wenn ich das Wort ausspreche, das Wort »Tod«, -dann klingt ihnen das schon reif und vertraut, sie sind mürbe geworden -und verstehen mich und folgen mir nach. Ich segne euch, meine Brüder, -unsere Wege kommen aus verschiedenen Geburten, aber nun haben sie sich -gefunden und bleiben beisammen. - -O über diese Sozialdemokraten, die so vieles beobachtet und vor -allem so vieles behalten haben, die alles wissen, nur nichts von den -unbewußten Regungen ihres Willens und nichts vom wahren Wesen ihrer -Persönchen! O über diese gelehrten Menschlein, die von Wörtern leben, -die glauben, ein Wort sei ein Wort und ein Ding sei ein Ding, die alles -Zusammengesetzte sehen, als ob es einfach wäre, die Gegensätze für -Einheiten halten. Weil sie beglückt sind in ihrem Streben nach der -Zukunft, wähnen sie, das Glück zukünftiger Menschen sei gesichert, wenn -der Wille der Gegenwart erfüllt werde. Sie ahnen nicht, daß Absicht und -Zweck zwei Dinge sind, die nie zusammen kommen, sie glauben, es sei -dasselbe. Wie ungeheuer werden sie beschämt von einem andern einfachen -Arbeiter, der mir allerdings auch noch ferne steht, von einem Manne, -bei dem alles unbewußt ist, der so gut wie gar keine gewollte und -kontrolierte Erkenntnis hat, und der doch diese Grundwahrheit klar -erkannt hat und der mit einer unerhört schönen Gewalt in die Worte -ausbricht: - -»Freiheit du wunderbares Wort, du Signal des Lebens, du Ruf aus einer -andern Welt, wie durchdringst du sogleich meinen ganzen Körper; wie -einen Adler läßt du mich hinaufschwingen, hinauf in das strahlende -Licht, in die reinen Lüfte, allen Staub und alles Menschenelend -zurücklassend, aber ach, wie der Adler wieder zurückkehren muß zu -seinem Horst, so muß auch ich wieder zurückkehren zur Menschenheimat -und muß es bei deinem Klang mitfühlen mit den Tausenden, die ihr Leben -in ungerechten Fesseln des Körpers dahinbringen müssen, muß bei deinem -Klang so oft Empörung in mir wahrnehmen, als ich Luft und Licht in -Fesseln geschlagen sehe. - -»Überall, wo ungerechten Fesseln halber der Ruf Freiheit erschallt, -ist das der Ruf des Guten, ist es der Ruf der Vernunft, hier bedeutet -Freiheit das Gute; die Freiheit als Kraft ist aber nicht das Gute, -vielmehr bei denen, welche ungerechte Fesseln anlegen, herrscht die -Freiheit, das ist das Schlechte und fehlt das Gute, das ist die -Vernunft. - -»Freiheit und Vernunft sind die beiden sich bethätigenden und -bekämpfenden Kräfte im einzelnen Menschen wie im ganzen Geschlecht, -und je mehr die Vernunft als wirklich solche bei Rufern wie Hörern zur -Herrschaft gelangt, um so mehr wird der Ruf Freiheit und mit ihm der -Ruf Gleichheit verschwinden.« - -Ein Arbeiter schreibt das, meine Herren, und einer, der vom Sozialismus -weniger berührt wurde als andere. Schämt ihr euch nicht? Ahnt ihr -nicht, was ihr vernichtet und verwässert habt, welche Tiefe euch -abgeht und welche ihr ewig zerstört habt? Seht ihr nicht, daß dieser -stammelnde und ahnende Arbeiter beinahe schon jetzt über euch lacht? -Was hättet ihr erreichen können, wenn ihr nicht hättet so ernsthaft -sein wollen! Welche Bewegung wollte entstehen, wenn ihr große frivole -Kerle gewesen wäret! Wenn ihr zum Einzelnen gesprochen hättet und ihm -das Lachen und Sterben gelehrt hättet! Aber was wißt ihr vom Lachen und -Sterben? O ihr ernsthaften langweiligen lebenslänglichen Hanswurste -und Kindsköpfe! O ihr Sittlichen und Guten, ihr Naturgesetzlichen und -Ökonomischen! O wie ist euer Sozialismus so verkehrt, weil er geradeaus -gehen wollte, immer geradeaus in Marschkolonne! Weil ihr nur eines -vor euch seht, ihr Geblendeten! Ihr Hypnotisierten, ihr Medien, ihr -Mittelmäßigen! - -Und wie lange glaubt ihr denn eigentlich, daß ihr noch warten könnt? -Ist denn solch eine rasende Verblendung schon einmal dagewesen? Ihr -habt vor dreißig und noch mehr Jahren ein paar armselige Schlüsse -gezogen aus ein paar winzigen Beobachtungen und nun habt ihr einen -Glauben darauf gepfropft -- o nein, entschuldigt, eine ewige -Wissenschaft, nicht wahr, eine ewige? und eine Partei habt ihr -gebildet und da die Dinge sich ganz langsam so gestalten wie ihr es -prophezeiht habt, und da die bürgerliche Welt ganz langsam zerbröckeln -will, und da eure Partei allmählich zunimmt, predigt ihr immer -dasselbe und predigt es unermüdlich und predigt und predigt, damit -wenn die Zeit da sein könnte, ihr auch noch da seid, im Gedächtnis der -Mitwelt. Glaubt ihr denn wirklich ganz an eure Unfehlbarkeit, daß ihr -so fürchterlich langsam seid? Glaubt ihr denn, nichts, aber auch gar -nichts könne euch über den Kopf wachsen? Hattet ihr denn eine Ahnung, -vor 30, 40 Jahren, daß auch einmal Stimmen klingen könnten, aus der -bürgerlichen Gesellschaft heraus, die nichts mit Ausbeutung zu thun -haben? Stimmen wie die meine, wenn sie Gehör finden und Echo, gehn sie -euch denn gar nichts an? Ist denn die Welt nicht eine ganz andere, als -ihr träumt, wenn ein Teil der bürgerlichen Gesellschaft lachend über -seinen eigenen Schatten springt und über seine eigene Klinge? Wenn wir -uns selbst aufheben, könnt ihr uns dann noch expropriieren? - -Und ich höre mir eine Stimme antworten, gesättigt von Marxismus und -hungrig nach Kapital: - -»Du und deinesgleichen, ihr seid nur eine Erscheinung des Verfalls -und der Korruption. Ihr seid vereinzelte Bourgeois, die übersättigt -sind und blasirt und keinen Genuß mehr finden. Ihr spielt keine Rolle, -im übrigen bleibt alles wie es war. Der Kapitalismus beutet aus, -das Proletariat hungert oder lebt mindestens in menschenunwürdigen -Zuständen -- bis die Stunde der Befreiung schlägt. So ist es, so wird -es sein!« - -Das ist die Sprache des Sozialismus, und mancher wird vielleicht -finden, der Mann habe recht. - -Der Mann hat aber nicht recht, weil er den wahren Schmerz nicht kennt -und nicht den Ekel, und in einem zu sagen, weil er das Leben nicht -kennt. Um euch nun aber endlich meine Meinung vom Leben zu sagen, will -ich in einem Gleichnis zu euch sprechen: - -Meine Freunde, kennt ihr die Geschichte des Kindes? Aber eben -fällt mir ein, daß ihr Geschichte überhaupt nicht kennt; ihr kennt -nur Weltgeschichte und Kulturgeschichte und dergleichen unnütze -Erlogenheiten aber Geschichten von einzelnen Dingen und ihren -Veränderungen und Betrachtungsweisen gehen euch ab. Nun also -- -richtet eure Gedanken auf das Kind, das kleine Kind. Wißt ihr, mit -welchem Gefühle frühere Menschen solch ein kleines Wesen betrachtet -haben? Mit innigem Mitleid ob seiner Hilflosigkeit, man bedauerte das -Menschlein, daß es das Leben noch nicht kannte und den Lebensgenuß -noch nicht verstand; man sprach immer nur von dem »armen Kinde«. -Wie aber ist es heute? Nennt man nicht heute das Kind glücklich und -überglücklich, weil es noch nichts weiß vom Leben, beneidet man das -Kind nicht, und denkt nicht jeder an seine Kindheit zurück als die -Zeit, wo er ganz und gar glücklich gewesen sei? Und wie ist es mit dem -Schlafe? Ihr kennt auch die Geschichte des Schlafes nicht. Erschrak -man nicht früher vor dem Einschlafen? War es nicht ein Entsetzliches, -das Bewußtsein zu verlieren und die Freude am Dasein? Fürchtete man -sich nicht vor der kindischen Hilflosigkeit des Schlafes? Aber jetzt? -Man freut sich auf’s Schlafen, man lächelt dem Einschlummern entgegen, -das Bewußtsein zu verlieren ist eine Wonne, man will nicht aufwachen -und zwingt sich des Morgens zu einem zweiten Schläflein, in dem man -mit voller Absicht seine Träume weiterspinnt, und wacht dann auf, -verstört und voll Entsetzen über das Licht des Tages und die Sonne des -Lebens. Und was giebt es für die Jetztlebenden Entsetzlicheres als eine -schlaflose Nacht? Alle Mittel werden angewandt, nur um zu schlafen, zu -schlafen. - -Und wollt ihr immer noch behaupten, der Kapitalismus sei es, der -das bewirke, dieses Entsetzen vor dem Leben und diese Sehnsucht -nach todesähnlichen Zuständen? O nein, geht mir weg mit eurer Lüge -vom bösen Gewissen oder was ihr ersinnen wollt. Wir haben ein recht -gutes Gewissen und die Ausbeutung stört uns wenig. Hunderte und -Tausende giebt es und hat es schon immer gegeben, und es sind, ihr -könnt sagen was ihr wollt, die edelsten und höchsten unter den -Menschen, die dahin leben, als wäre die Menschheit schon viel weiter -als euer Sozialismus sie bringen will, die sich nichts, aber auch -gar nichts um die Produktion bekümmern, und in deren Familie ist es -schon so seit Generationen, als ob eine unsichtbare und auch ganz -gleichgiltige großartigste Maschinerie ihnen alle Bedürfnisse und -allen Luxus des Lebens lieferte, sie haben ein gutes Gewissen, denn -sie wissen gar nichts und wollen nichts wissen von eurer Entdeckung, -daß die Maschinerie, die sie bedient, aus Menschen besteht, aus -armen, schwitzenden geknechteten Menschenkindern; folglich kann diese -kapitalistische Einrichtung sie gar nicht berühren und berührt sie auch -nicht. Zu diesen Menschen, die wie Götter schreiten auf der Höhe hinweg -über die Rücken arbeitender Lohnsklaven, gehören unsere erlesensten -Denker und Dichter -- und doch, was halten diese schließlich vom Leben? -Meinte nicht Goethe am Ende seines Lebens, wenn er alles zusammennehme, -wahrhaft glücklich sei er nur ein paar Stunden gewesen in seinem -ganzen langen Leben? Wer wollte diesem erschütternden Bekenntnis nicht -glauben? Ein paar wenige Stunden! Und dieser Mann gehörte zu den -glücklichsten Menschen, die je gelebt haben! Und wessen Fanatismus der -Dummheit ist so grenzenlos, daß er behaupten will, daran seien die -ökonomischen Verhältnisse schuld? Nein, nein und abermals nein! Der -Grund liegt tiefer, liegt in der ganzen unseligen Natur des Menschen -und des Lebens! Der Grund ist, daß der Mensch ein denkendes Tier ist, -daß er den Begriff des Zweckes kennt, und doch niemals, nie und in -Ewigkeit nie einen Zweck seines Daseins, an den er glauben kann, finden -wird. Und wenn einer geglaubt wird, immer wieder hat der Mensch dann -gefunden, das sei kein Zweck, dahinter stecke kein Sinn, dafür zu -leben verlohne sich nicht. Und das wird so bleiben, ihr mögt an den -ökonomischen Grundlagen ändern, soviel ihr wollt. Und wenn gar keine -Arbeit mehr notwendig sein wird, wenn der Mensch in freier Willkür thun -kann, was seinem Körper und seinem Geist frommt, und wenn er so bis -auf einen einzigen Punkt ein Gott genannt werden dürfte, der Teil wird -immer in ihm sein, der fragt: wozu das ganze und nochmals wozu? und der -keine Antwort mehr findet, keine, ewig keine. - -Bis auf eines, habe ich gesagt. Wenn das eine nicht wäre, dann -wäre er ein Gott, ein vollkommener Gott, nämlich ein Wesen, dessen -entsetzliches Elend vollkommen wäre. Müßte der Mensch _ewig_ leben -und _ewig_ fragen, wozu -- o der Gedanke ist nicht auszudenken, laßt -mich schweigen und mich freuen, daß es nicht so ist. Ja, eines giebt -es, dessen freue sich der Mensch und dem jauchze er zu, dem singe und -juble und tanze er entgegen, in diese lachende Höhe werfe er sich -tief, tief hinein, und er wage es jetzt gleich sich zu stürzen in -diesen herrlichen, strahlenden Abgrund des Glückes: _das ist der Tod_, -jauchzet und empfangt ihn mit offenen Armen, meine seligen Freunde, -_das ist der Tod_! - -Ihr steht verblüfft, meine Freunde? Ihr habt alle schon ähnliches -erwogen, aber nun ich es ausspreche ohne jeden Umschweif, nun sucht ihr -Ausflüchte, nun wollt ihr auf einmal noch etwas finden, das das Leben -lebenswert machen könnte? Suchet nur, ich sage euch, ihr werdet nichts -finden. - -Die Sozialisten sind Thoren. Sie leben ganz im Kampf für ihr Ziel und -bedenken nicht, daß eine Zeit kommen könnte, wo ihr Ziel ganz und gar -erreicht ist. Was dann? Nun, dann ist alles herrlich und in Freuden. -Dann haben sie den Himmel auf Erden, wie sie uns oftmals versichert -haben. Mir aber sagt das Wort Himmel sehr wenig, ich will euch eine -andere Schilderung geben. - -Denkt euch also, die sozialistische Gesellschaft ist da. Denkt euch, -sie ist schon sehr lange Zeit da und schon gänzlich konsolidirt. -Die Technik hat noch riesenhafte Fortschritte gemacht. Unangenehme -Beschäftigungen giebt es ganz und gar nicht mehr. Die Kinder -werden körperlich und geistig aufs höchste ausgebildet, gegen einen -fünfzehnjährigen Knaben aus jener Zeit, ist unser größtes Genie ein -armes Waisenkind. 1½ Stunden täglich etwa geht jeder Erwachsene -zur Arbeit, das ist für den Einzelnen eine Erholung und für die -Gesamtheit genügt diese Zeit doch zur Produktion und Distribution aller -Bedürfnisse, so hoch diese sich auch gesteigert haben. Die Technik -hat sich eben in noch viel großartigerem Maße gesteigert. Die übrige -Zeit vertreibt jeder mit dem, wozu er Neigung hat. Nun, meine Freunde, -glaubt ihr nicht mit mir, daß wenn dieser anscheinend so herrliche -Zustand sich immer mehr vervollkommnet und immer mehr zur Gewohnheit -wird, daß dann die ganze Nation, was sage ich, die ganze Menschheit -mehr und mehr in ihrer Masse sich _einem_ hingeben wird, nämlich der -_Philosophie_, daß sie, nun sie keine Nöte mehr zu bestehen hat und der -Kampf mit dem Materiellen zum Spiel geworden ist, Zeit hat, den ganzen -Tag zu denken, an sich zu denken, und zu fragen: wozu sind wir denn -eigentlich da? Wozu dieser ganze ungeheure, wundervolle, komplizierte -Apparat? Sind wir Selbstwerk? Nein, unmöglich, sonst würden wir nicht -danach fragen. Sind wir ein Glied im großen Ganzen der Welt? Ja, was -geht uns denn die Welt an? Wir wissen ja gar nichts von der Freude, -die sie an unserem Dasein hat, wir nehmen ja keinen Teil daran, wir -sind ja ausgeschlossen. Und dann, das würden diese göttlichen Menschen -immer und immer wieder fragen müssen: besteht denn eine Einheit und -ein Zusammenhang der Menschheit? Giebt es denn in der wirklichen -Erscheinungswelt eine Gesammtheit? O nein, würden sie antworten müssen, -über solche zusammenfassende Abstraktionen sind wir ja längst hinaus, -der einzelne Mensch ist freilich kein Konglomerat blos von einzelnen -Zellen, _er_ ist eine Einheit, _er_ hat ein Bewußtsein, aber was ginge -den einzelnen Menschen der andere im geringsten an, wenn er nicht auf -ihn angewiesen wäre? Und vor allem, was gehen uns die an, die nach uns -kommen? Und wenn also der ganze Witz aus ist mit meinem Tod, was war -denn dann dran? War das denn alles? Und darum, darum die unendliche -Mühe unserer Altvordern, der Sozialdemokraten von anno dazumal? -Wegen der paar Jahre Leben? Die Mühe hätten sie sich sparen können! -Der ganze Spaß, das ganze Spiel, alle diese Spaziergänge, dieses -Musikhören, Dichten, Instheatergehen, Reiten, Fahren, Schwimmen, dieses -Träumen und Emporsehnen, dieses Kindermachen, Güterspiel (so etwa -werden sie das Arbeiten nennen), dieses Erfinden und diese Reisen, das -Fliegen nicht zu vergessen -- das hat doch alles keinen Sinn? Es ist ja -doch kein Bewußtsein da und keine Freude, die bleibt. Es schwindet ja -doch alles. Wir sind ja ganz einfach Tiere, die aus der Art geschlagen -sind, weil wir nicht blos leben, sondern auch das Leben beobachten und -etwas vom Leben wissen, weil wir nicht blos sterben, sondern den Tod -im voraus kennen und sterben können, wann wir wollen. Der Selbsttod -(denn das Wort Mord würde längst vergessen worden sein), der freie Tod, -der ist eigentlich, was uns wesentlich trennt von allen andern Tieren. -Beendigen wir doch also so rasch als möglich diese lächerliche Komödie, -die zu gar nichts führt, aber auch zu gar nichts. Töten wir uns doch; -töten wir uns, aber rasch, so bald als möglich, gleich jetzt; der ewig -wiederholte Unsinn ist ja so fürchterlich langweilig! Was sagt ihr -dazu, meine Freunde? Müßte es nicht so kommen? -- Was? Was höre ich? -Dieser Einwand von euch? Ihr sagt mir, so könnte es nie kommen, ihr -verleugnet den Sozialismus, ihr glaubt, es ginge anders, ihr wähnt, -es gäbe irgend etwas anderes? O, das ist feige, sehr feige. Ich aber -sage euch: der Sozialismus ist möglich, ohne Frage, und weiter sage ich -euch: das ist eine hohe, sehr hohe Stufe des Menschen. Oder wollt ihr -sagen, so wie der Mensch heute ist, sei er weniger veranlaßt, an den -Tod zu denken, an den freiwilligen Tod? Ja, das ist möglich, das ist -wahr. Aber ist dieser Zustand nicht noch viel ekelhafter? Und wenn er -sich einmal tötet, nicht aus Philosophie oder Langeweile, was dasselbe -besagt, sondern aus Notdurft, aus gemeiner Verzweiflung, ist das nicht -ein niederträchtiger, unwürdiger Tod? Wenn aber der Sozialismus zu -nichts führen kann, und wahrlich so ist es, als zum philosophischen -Massentod der Menschheit, was haben wir anderes, größeres zu thun, als -diesen Tod schon jetzt zu predigen mit tausend flammenden Zungen? -- - -Halt, meine Freunde, wohin? Und so wolltet ihr denn, wie ihr da seid, -in die Welt stürzen, um den Tod zu predigen, als meine Jünger? Und -ihr merkt ihn nicht, den Widerspruch, der mich kitzelt, so daß ich -fast lachen müßte? Ihr seid mir noch viel zu flink, meine jungen und -alten Gefährten. Aber ihr seid nicht die ersten, die sich von der -Logik verführen lassen zu allerhand ernsthaftem Unsinn. Wahrlich, -ich bedaure, daß ich euch mit der Logik in den Schlingen meiner -Inkonsequenz gefangen habe. Aber ich will euch jetzt verraten, was -mich lachen macht. Wie kann man denn den Tod -- predigen? Ist es nicht -dasselbe, als wollte ich den Tod -- leben? Ist es nicht wahr, daß -man den Tod nur sterben kann, wortlos, mit geschlossenen Augen, ohne -Rücktritt? Gehn euch doch andre Menschen nichts an, warum wollt ihr sie -verführen, statt sie in Ruhe zu lassen? Sterbet doch, meine Freunde, -aber sterbe jeder für sich. Seid doch stille und macht mir keinen Lärm! -Habe ich nicht recht? - -Seht, was ihr doch für alberne Kopfnicker seid! Ihr gebt mir schon -wieder Recht. Fast sollte ich jetzt über euch weinen. Warum bleibt ihr -denn neben mir stehen, wenn ihr das nicht erlebt habt, was ich? Wenn -euer Wahnsinn ein ganz anderer, einfacherer ist als der meine? Sehet -doch, ich bin zum Tod noch gar nicht bereit, noch lange nicht. Ich -habe noch meine Freude, nämlich eben meine Freude am Tod. Und darum -rede ich meine Rede zum ganzen Menschengeschlecht, wer immer mich -hören will oder mich zufällig hört, und zu spät sich anschickt, seine -Ohren sich zuzuhalten. Ich habe meinen Spaß an den Menschen, die den -Tod und die Todessehnsucht noch nicht kennen, es macht mir Freude, -übermenschliche Freude, die Menschenmasse auszulachen und zu verhöhnen -und dennoch zu ködern. Ich lebe noch, weil es mir Genuß bereitet, mit -meinem Schmerze zu spielen und meinen Ekel in die Länge zu ziehen -gleich einem zähen Teige. Ich liebe den Tod und darum lebe ich. Und -außerdem bin ich ein abergläubischer Mensch, warum nicht? Es fröstelt -mich, wenn ich daran denke, allein zu sterben. Es ekelt mir vor dem -Gedanken, was die Menschen für dummes Zeug vermuten könnten, wenn ich -einmal allein sterbe, wenn sie mich einen Selbstmörder nennten, die -Unsinnigen. Ich liebe den großen Tod, ich will Gefährten und darum -predige ich den Tod, weil das meinem Leben noch Reiz verleiht bis zum -Ende. Aber ich werde sterben, meine Freunde, verlaßt euch darauf, -ich werde sterben. Und das ist die einzige Zukunft, die ich noch -anerkenne, und diese Zukunft, ja die soll zusammenfallen mit meinem -Willen. Ich werde sterben, das heißt, ich will sterben, und nicht mehr: -ich soll sterben. Verhaßt und gemein ist mir der Tod auf dem Strohsack, -der schleichende Tod wider Willen. Diesem Tod habe ich abgesagt, ihn -lache ich aus mit all meinem Gelächter, niemals werde ich diesen Tod -des Ungeziefers sterben. Stimmet ein mit mir, stimmet hell ein, meine -Freunde, in den Ruf: Es lebe der Tod! - -Erschreckt nicht über meine entsetzliche Ehrlichkeit. Oder erschrecket -ja. Denn ich bin nicht ehrlich um der Ehrlichkeit willen, und Wahrheit -ist mir lange nicht mehr ein großes führendes Wort; ich bin es nur, -weil es mir Vergnügen macht, in tausend Farben zu spielen und mich -euch von allen meinen Seiten zu zeigen. Ich durchschaue mich selber -und lache mich aus, wenn ich meine hintere Seite sehe und ich freue -mich, daß ihr mein Vorderteil ernsthaft nehmt, obwohl ihr die Kehrseite -meines Herzens geschaut habt. - -Und überdies: ich kann Bocksprünge machen, so viel ich nur mag, wer -mich versteht, der weiß, was ich meine mit dieser Schrift. Ich sage -mich los vom Sozialismus, weil ich schwere vierschrötige Menschen -nicht mag und weil ich das Leben nicht mehr ernsthaft nehmen kann. Und -diejenigen, die mich fassen und mich gern haben, denen predige ich den -Tod, und ich bitte sie bei all ihrer Liebe, mit mir zu sterben und also -noch ein wenig zu warten, bis wir alle beisammen sind. - -Die aber noch ächzen unter den Nöten des Lebens, den Sklaven der -Arbeit, denen rate ich, sofern sie mich hören wollen: Verzaget nicht, -aber hoffet auch nicht, sondern machet euch frei! Schmeißt den Bettel -weg, nicht aus Verzweiflung, sondern aus Einsicht, daß das Leben ein -sinnloses Ding ist. Und dann schließet euch mir an und meiner Schar des -Todes. - -Wer aber ungeduldig ist und nicht mehr warten will, der stirbt zwar -nicht den schönen Tod, wie ich Narr ihn vorbereite, aber ich wünsche -ihm doch: Gute Reise -- und unbewußte Verwesung! - -Euch andern aber sage ich: Auf Wiedersehen -- beim großen Sterben. Ich -harre nun eures Echos und dann will ich wieder reden. - -Dem Sozialismus aber wünsche ich -- ein langes Leben, ein schönes -Greisenalter und den Tod auf der Matratze. - - =Karl Starkblom.= - - ❦ - - - - -Vierter Abschnitt. - -Die Vision des Todespredigers. - -=Zweites Sendschreiben an das Menschengeschlecht= - -von - -=Karl Starkblom=. - - -Einleitung. - -Ich habe versprochen, nach einiger Zeit wieder von mir hören zu -lassen und zu erwidern auf die Antworten, die mein erstes Schreiben -hervorgerufen. Freilich hatte ich es mir anders gedacht und wenn ich -könnte, müßte ich jetzt bitter werden. Eine Antwort, nämlich einen -starken Widerhall, haben meine Worte überhaupt nicht gefunden. Ich -dachte, es gebe Leute genug, die mir laut zujubeln müßten, daß ich das -erlösende Wort gesprochen, aber nichts von alledem. Ich meinte, meine -Wohnung müsse täglich voll sein von Menschen, die sich zu mir drängten, -um mit mir zu reden und sich bereit zu erklären. Aber Niemand kam, -außer einem einzigen Menschen. Der drückte mir die Hand und dann ging -er wieder. Es war ein Arbeiter. Und ja doch -- ein paar Briefe erhielt -ich, abgesehen von denen, in denen ich zum besten gehalten und angeulkt -wurde. Ein paar Weiber und ein paar Jünglinge und ein einziger Mann, -die erklärten sich bereit zum Sterben, »wenn es mir wirklich ernst -sei«. Etwas der Art fügten sie alle hinzu. - -Meine Freunde, die ihr nicht da seid, meine Einleitung kann also kurz -sein. Ich lebe nicht zu meiner Zeit. Ich habe geglaubt, ich könne -verstanden werden, und man hat meine Schrift als ein litterarisches -Ereignis aufgefaßt. Lächerlichkeit über Lächerlichkeit! Seid ihr so -wenig an die Druckerschwärze gewöhnt? Meint ihr, wenn ein neuer Heiland -käme, er würde sich heute wieder auf einen Berg stellen und eine -Predigt halten? Nicht wahr, damit unten an der Böschung die Eisenbahn -vorbeidröhnte und ihn auspfiffe? O ihr Nachahmer von allem, was früher -gewesen, ihr freilich konntet meine Stimme nicht verstehen! Mir fehlte -die Würde und die Borniertheit des Bußpredigers. Einen lachenden Künder -neuer Worte, den könnt ihr noch nicht ertragen. Ich bin traurig, sehr -traurig, daß ich einsam bin, im Tode wie immer im Leben. - -Erwartet nicht, daß ich auf die sogenannte Kritik eingehe. Einige -wenige freilich -- nein, ich will nicht von ihnen reden. Sie stehen mir -nahe, sie verstehen den Athem meiner Rede -- und doch, doch! Sie haben -mich gelobt, als ob ich ein Chamäleon wäre, oder ein Schriftsteller, -der alles kann. Hätten sie geschwiegen und wären sie zu mir getreten -um mir die Hand zu drücken, wie jener Arbeiter, dann -- ja dann! Die -Ehrfurcht fehlt ihnen, vor mir und vor sich selber. - -Meine Freunde, die ihr nicht da seid! Setzet euch im Kreise und höret -mir zu! Wenn ich ruhte im Walde, wenn ich über nasse Wiesen ritt, des -Nachts, wenn ich nicht schlafen konnte und auch nicht wollte -- da habe -ich das geträumt und immer fort geträumt, was im folgenden erzählt -ist. Dann habe ich es niedergeschrieben und nun lasse ich es auch noch -drucken. Warum das? Woher diese Thorheit? - -O merkt ihr es denn nicht, seht ihr das Leid denn nicht, das an mir -zehrt? _Ich suche Menschen!_ Menschen suchte ich immer und immer, erst -blickte ich um nach Tausenden und wiederum Tausenden, um zu ihnen zu -sprechen und sie zu erkennen als Meinesgleichen und sie zu verführen -zu meinem Tode. Und jetzt suche ich einen einzigen Menschen, _einen_ -Menschen nur, der mich liebt und mit mir sterben will. Und darum trete -ich nun zum zweiten Mal hin auf den Markt und prostituiere mich vor -allem Volk und zeige mich bald nackt, bald angethan mit all meinem -Putze. - -Und nun vernehmet _die Vision des Todespredigers_. - - * * * * * - -Ich will euch von einem Manne erzählen, der keinen Grund hatte, sich -selber auszulachen, der konsequent sein konnte und geradeaus gehen -durfte, der an sich glaubte und Gläubige fand. Wer ist der Glückliche? -Und wie ist es ihm möglich? Wie ahmen wir ihm nach? Ganz einfach ist es -ihm möglich, aber wir andern können’s nicht, auch wenn wir wollen. - -Der Mann, von dem ich erzählen will, war epileptisch. Was, ruft ihr -voll Entsetzen, und du nennst ihn glücklich? Jawohl, selig nenne -ich diesen Mann, daß die Krankheit seines Geistes in solcher Weise -ausbrechen konnte. Wir alle sind ja epileptisch, in uns allen lebt -etwas, das sich sträubt gegen das Leben, aber wehe über uns, deren -Krankheit Geist heißt und deren Arznei wiederum Geist! Weit besser -haben es die, deren Körper den Geist heilt und in die Bahnen der Ruhe -lenkt. Sie haben nur die eine Hälfte ihres Hirns, denn die zuckende und -krampfende Hälfte, die wie ein Gelächter schneidet in den Ernst und wie -Wehschrei in die Freude ächzt -- die ist nur Körper bei ihnen -- und -wenn ihr Körper sich windet und dreht, dann weiß die Seele nichts von -den Zuckungen des Menschen und bleibt ganz und heil. - -Wohl denen, die das Bewußtsein verlieren dann, wenn sie irre würden -an sich! Heil den Epileptischen! Sie sind Propheten und Heilige und -Heilande. - - * * * * * - -Da, da, seht hin, da ist er, da kommt er! Schreitet er nicht wie ein -Gott? Da ist er, da steht er in Mitten der tausendköpfigen Versammlung, -hoch ragt er empor über alles Volk, Starkblom der Todesprediger! -Seht ihr ihn, seht ihr? O jetzt schweiget. Es bedarf ja nicht der -Ermahnung; alles lauscht atemlos, alles wird süß bestrickt vom Zauber -seiner Rede. O wie er Macht hat über die Herzen der Menschen! Wie er -sie bezwinget und in den Staub, auf die Kniee schmettert. Ehret den -Tod! Seid in Treue gewärtig des Todes! Harret aus! Bald sollt ihr mit -mir sterben den holden Tod in Größe und Freiheit. Dann hört ihr auf -zu sein und das Häßliche, was Mensch hieß bisher, ist geschwunden -aus dem schönen Bezirk der Göttin Natur. Ihr werdet heimkehren zur -Unbewußtheit. Ihr werdet nicht mehr fragen, wozu. Die Thorheit des -Zweckwahns ist gestorben mit euch. Eins ist wieder die Natur, alles ist -schön, und nichts wird empfunden als eigene, _eine_ Schönheit. Die Zeit -ist gestorben mit euch, und Ursache und Wirkung lebt dann nicht mehr. -Und auferstehen wird jubelnde Veränderung und zweckloser, sinnloser, -farbenfroher, tönender Zufall! Sterbet, ihr Einzelnen, sterbet, damit -der Wahn der Gesamtheit tot sei. Stirb, mein Bruder, damit alles -aus ist, und lache im Tode derer, die an die unbedingte Entwicklung -glauben und an den Fortschritt und wie die heiligen Wörter alle heißen. -Sterbet, sterbet, werbet zum Sterben! Und weiter wälzt sich der -Menschenstrom, und größer und größer wird die Masse der Todesfrohen. -- -Ha, wo ist er? Alles schwand meinen Augen? Ich erblicke nichts mehr. -Ich höre nichts mehr. Ich liege auf dem Boden und stöhne und betaste -meinen Leib. Wo ist dieser Starkblom? Starkblom, wo bist du? - - * * * * * - -Sie haben überall, in allen Städten, die Statuen ihrer Fürsten und -Heerführer auf den Marktplätzen von den Sockeln geworfen und mit -den Stein- und Erztrümmern die Fenster der Schlösser und Paläste -der Lebenden eingeschlagen. Und auf die Sockel haben sie kolossale -Gerippe gestellt, vergötterte Todesgestalten, und sie haben ihre -Kleider von sich geworfen und tanzen um das Bildnis des Todes, -und jubeln und lachen und singen, und schmetternde Musik spielt -rauschende Marschweisen. ~Allons enfants, allons nous-en!~ Und die -Sonne scheint so golden herab wie noch nie, als wolle sie den Menschen -die Lebenslust warm in alle Poren träufeln und ihnen zeigen, man -könne auch nackt leben. Sie aber wollen sterben, und Starkblom, der -fürchterlich-herrliche, tanzt den Todesreigen vor. Und abends, wenn -es kühler und dunkler wird, da erwachen die Farben in feuriger Glut. -Grün und rot und gelbe Tücher schlagen sie um sich in phantastischem -Wurf, und unsagbar wonnig und feierlich flüstert und kost Musik von den -Thürmen, und Kinder kommen aus allen Gäßchen und Winkeln gesprungen -und schlagen Purzelbäume und springen über die Alten. Die aber setzen -sich im Kreise und hören zu Märchen erzählen, Märchen vom Leben. Und -leise schwirren die Winde fernher durch die Straßen und tragen süße -Düfte mit sich aus weiten Gärten und Haiden draußen vor der Stadt. Und -nun steht Starkblom in der Mitte des Kreises und erhebt seinen Gesang -von der Wunderherrlichkeit der Zukunft dieser Menschenwelt, wie alles -kommen könnte und kommen müßte, wenn sie nur wollten. Und am Schlusse -kehren dann immer wieder die Worte voll brausenden Glückes: »Welch’ -Herrlichkeit erdichten wir -- welch’ schöne Welt vernichten wir -- wir -könnten sie erwerben -- haha, haha, haha -- wir aber sterben, sterben! -Juh!« Und jubelnd fällt die Masse ein, und der Wind klappert im Gebein -des Todenmannes, und die Posaunen gellen hoch oben aus den Lüften und -das Gelächter der Menschenmenge schwillt empor wie ein bäumendes Meer -und will nicht enden. Und ein stolzes hohes Weib tritt zu Starkblom -in die Mitte und -- oh, oh! Die elektrischen Lampen erlöschen, die -Fanfaren brechen schrill ab mitten im Tone, ein schwarzes unendliches -Tuch breitet sich über alles -- Nacht, Nacht -- nichts, nichts -- wo -ist das Weib? Wo sind die Menschen? Wo bleibt der Tod? Starkblom sitzt -auf dem Sopha und stützt den Kopf in die Hände -- es ist alles anders, -alles so anders, o pfui, pfui, alles matt und gewöhnlich und niedrig -und mittelmäßig. Wo bist du Größe, Größe der Gedanken, Größe der -Erscheinung? Ich will schlafen, ich will nicht mehr träumen -- o wenn -ich weinen könnte, oder lachen, lachen -- Aber nur nicht mehr dieses -trockene Schluchzen, dieses Mittelding zwischen Weinen und Lachen. -Alles zuckt an mir, doch ich kann nicht tanzen; ich ächze, o könnte ich -singen! O ich kann’s ja nicht mehr aushalten -- ich werde sterben, bald -sterben. O pfui, pfui! - - * * * * * - -Was ist ein Leben, wo die Ueberraschung fehlt und der Zufall und das -Plötzliche und die Blindheit? Wo es eine Ueberlieferung giebt und eine -Vermittlung und ein Rechnen? Ein Rechnen mit Gewesenem, ein Berechnen -des Kommenden? O Natur, wie neide ich dir dein Glück! Seht diesen -Wassersturz hoch vom Berge hinab in die Tiefe! Wie wandelt die Welle -hier noch so friedlich, wie freut sie sich ihrer grünen Ufer und ihrer -Blumen und Steine und plötzlich da -- das Ereignis, das sie niemals -geahnt! Sie stürzt hinab, tief, tief! O dieses Brausen und Schäumen, -dieser Jubel des Nieerhörten und Niewiederkehrenden! Diese Seligkeit -des Vergessens und des Entdeckens und des wieder Vergessens. Wie viele -Wasser sind schon da hinabgestürzt und keine Woge hat es der andern -gesagt, kein Papier verbindet die einzelnen Tropfen und trennt sie -von ihrer eigenen Herrlichkeit. Aber bei uns -- ewig Gewesenes! Wollen -wir denn nicht endlich und endlich das Alte töten? Sind wir noch nicht -altersschwach? Ich bin es, ich bin es -- ich breche zusammen unter der -Last des Vergangenen. O könnte ich alle Ueberlieferung töten, dann, ja -dann wollte ich leben. Ich kann sie töten, wenn ich mich töte. Dann bin -ich ein Teil der Natur -- nein, nein, dann ist ich nicht mehr, dann -ist sie, sie, die Natur! Ich hasse euch, weil ihr noch leben wollt, -ihr Narren! Ich _will_ noch nicht sterben, ich muß warten, ob ihr euch -nicht doch noch entschließet, mit mir zu gehen, damit Mensch aufhöre -zu sein. O ich würde nicht zu euch reden, wenn ich wüßte, wie ich -euch morden kann! Euch alle zusammen! Ich will nicht, daß noch einer -kommen muß nach meinem Tode, der dasselbe erleben muß. Ich will nicht. -Ich will, daß mein Tod einen Sinn hat. Mir ekelt vor meinem letzten -Gedanken. Mir ekelt vor dem Alleinsein. - - * * * * * - -Das große Ereignis, das Starkblom immer verkündet hat, ist eingetreten. -Die »Secte von Altersschwachen und übergeschnappten Lebemänner«, wie -sich noch ganz kurz vorher radikale Parteiführer ausgedrückt hatten, -hat die ganze civilisierte Welt erobert. Ein religiöser Taumel riß alle -hin, die mit der Bewegung in Berührung kamen. Die große Arbeitermasse, -die bisher dem Sozialismus gefolgt war, ist mit eins müde geworden der -Hoffnung auf das Leben und hat eingesehen, daß ihre revolutionäre alles -verneinende und umstürzende Leidenschaft wohl einen Grund hat und darum -ihre Berechtigung, aber keinen Zweck. Sie haben eingesehen, daß nicht -der Zweck d. h. der Wahn, das Recht schafft, sondern der Grund, und -das ist in diesem Fall die Unterdrückung und die Hoffnungslosigkeit. -Sie wollen sterben, warum nicht, sie wären ja doch gestorben, aber -vorher wollen sie noch einreißen! Ist es Rachsucht, was sie treibt, ist -es Wahnsinn, ist es Verführung? Wer weiß es und was liegt daran. Man -denkt nicht mehr in dieser Zeit der taumelnden Auflösung, man genießt -seine Leidenschaft und man handelt. Sie hören auf zu arbeiten, sie -zertrümmern die Maschinen, die Armeen werden angesteckt und laufen -auseinander, Männer und Frauen hören auf sich zu bekleiden und gehen -nackt durch die Straßen, denn sie haben keinen Schnupfen mehr zu -fürchten, es wäre doch ihr letzter. Die Staatsgewalt ist ohnmächtig -und hört auf zu sein. Man raubt seine Bedürfnisse, der Vorrat ist groß -genug für die kurze Zeit; fürchterliche Wildheit fletscht ihre Zähne -und bricht überall aus und doch durchflutet die meisten eine Ahnung -von der seligen Schönheit ihres bewußtlosen Thuns; Männer und Frauen -umarmen sich auf öffentlichen Plätzen; wer dem andern ins Gehege kommt, -wird ermordet, zahllose Einzelne und Paare sterben schon jetzt, die -neugeborenen Kinder werden fast alle getötet. - - * * * * * - -Als die Dinge soweit waren, bekam Starkblom eines Tages einen heftigen -Weinkrampf und am Tage darauf einen furchtbaren epileptischen Anfall, -aus dem er kaum mehr erwachen wollte. Als er aber nach ein paar Tagen -sich wieder erholt hatte, stellte er sich von neuem an die Spitze -der Bewegung, soweit sie sich noch beherrschen ließ. Er wollte sich -nicht täuschen lassen durch den anscheinend vollständigen Sieg seiner -Sache; es war noch vieles zu thun. Er saß jetzt meist einsam oder -umgeben von seinen Vertrautesten im stillen Zimmer und schmiedete -Pläne oder hielt Kriegsrat. Es konnten sich in später Zukunft aus den -wilden Völkerschaften, die noch nicht ergriffen waren, auch wieder -civilisierte Menschen entwickeln. Das durfte nicht sein. Er schlug -vor, einen gewaltigen Kriegszug auszurüsten, zunächst ins Innere -Afrikas. Einer seiner Jünger aber meinte, das halte zu lange auf. -Man solle Prediger hinschicken. Die Idee des Todes sei so einfach -und überzeugend, daß auch diese rohen Menschen sie verstehen müßten. -Einstweilen müsse man in Europa mit dem großen Tode beginnen. Sonst -verflache die Bewegung wieder. Es müsse jetzt gehandelt werden. - -Aber wie es mit den hochentwickelten Tieren sei, wandte ein anderer -ein. Sie haben das Selbstbewußtsein, täuscht euch darüber nicht. Wäre -es nicht ekelhaft, wenn wir sterben würden und müßten diese am Leben -lassen. Hunde, Pferde, Ameisen, Bienen, diese vor allem müßten mit -Stumpf und Stiel ausgerottet werden. - -O all unser Thun ist nur Stückwerk, seufzte da ein ganz junger Mann, -der bisher fast am leidenschaftlichsten in der Bewegung gewirkt hatte. -Ich fürchte, auf dem Mars leben auch denkende Wesen. Die können wir -auch nicht erreichen. Wir wollen jetzt sterben, aber alles was wir -möchten, können wir doch nicht ausführen. Nicht bloß die Menschen, -nicht nur die Tiere, nicht nur diese Erde, nein, die ganze Natur, die -Welt müßten wir zerstören können. Und können wir das? - -Verfluchter Verräter! Treuloser! schrieen die andern. Du beschimpfst -unsre gute Sache. Und sie drangen mit erhobenen Fäusten und blanken -Schwertern auf ihn ein. - -Da lachte der Jüngling wild auf. Haha, haha! Ihr wollt mich töten, ihr -Todesfrohen? Laßt mich doch leben, das wäre die rechte Strafe! Aber ihr -mahnt mich recht, ihr Narren. Wenn ich tot bin, dann ist auch die Welt -tot -- für mich. Was liegt mir an euch? - -Und er ging ins Nebenzimmer, wo ein wunderschönes fünfzehnjähriges -Mädchen schlief, totmüde von dem wilden Toben dieser Tage. Er weckte -sie rasch, riß die Schlaftrunkene an sich und umarmte sie stürmisch. -Dann riß er das Fenster auf, umschloß sie eisern mit seinen Armen und -beugte sich weit vor. Ein heftiger Schlag, und die Leute unten fanden -zwei unförmliche Leichen. - -Starkblom schwamm es vor den Augen. Das war das bekannte Zeichen. Der -Anfall drohte wieder. Doch ging es diesmal wieder vorbei: Kurz lachte -er auf. Der Mann hat recht. Es ist bald Zeit für uns. Die andern mögen -für sich selbst sorgen. - - * * * * * - -Graut euch vor mir und meinem Doppelgänger? Ihr wendet euch mit -Entsetzen ab vor den Ergüssen meines verrückten Hirns? Ich aber -sage euch: ich preise diesen Starkblom, er hat das wahre Glück, er -hat es schon vor dem Tode. Er glaubt an sich, wie der Kirschbaum -an sich und seinen Blütenschnee glaubt, bevor der Frost kommt und -seine Blüte verdirbt, wie die Lawine an sich glaubt, die krachend -ins Thal hinabschmettert. Wußtet ihr nicht, daß die Natur grausam -ist für schwächliche Zuschauer? Warum seid ihr auch Draußenbleiber, -ihr winzigen Narren, mit eurem Denken und eurem Jämmerlein und eurer -Moral und euren Hosen? -- Starkblom der Erste ist heute wieder einmal -fröhlich und guter Dinge, er ahnt den Zweiten in sich und ahnt den Tod -und die Unbesonnenheit und Selbstverständlichkeit und den freien Wurf -und die Kälte -- die ihr Narren Unverfrorenheit zu nennen beliebt. Ich -pfeife auf euch, meinetwegen könnt ihr immerhin leben, ihr belustigt -mich! Laßt euch nicht einfallen zu verzweifeln und zu winseln und den -Tod zu begehren und zu wähnen, ihr wäret mir gleich! Wer weiß -- ob ich -dann nicht leben will -- um mein Gelächter noch eine Weile zu genießen? - - * * * * * - -Und immer mächtiger und mächtiger schwollen die Heere der Sterbenden -an. Und auf einmal war das Vorpostengefecht aus, es knatterten nicht -mehr an allen Ecken Europas vereinzelte Schüsse, ganze Städte sprengten -sich in die Luft, und von allen Seiten wie auf ein Commando strömten -die Landbewohner herbei und stürzten sich in die Flammen der brennenden -Straßen und Wälder. Eisenbahnzüge über Eisenbahnzüge fuhren nach -allen Richtungen hinaus -- den Meeren entgegen, und bald waren nicht -nur Tausende und Hunderttausende, nein Millionen und Abermillionen -von Menschen versenkt in den Tiefen der Oceane. Die Haustiere wurden -vielfach mitgenommen, sonst kümmerte man sich um nichts mehr. Starkblom -blieb mit einem getreuen Stab von einigen Tausenden zurück in der Mitte -Deutschlands und lenkte und berechnete die Bewegung. Er sandte seine -Leute aus nach allen Seiten und bald konnten sie zurückkehren wie die -Taube mit dem Ölzweig: nirgends mehr ein Mensch zu sehen. Da verließ -er seine Umgebung mit einem Mal und reiste weg. Er war verschollen. -Fieberhafte Aufregung befiel seine Getreuen. Schon murmelte man hie -und da vom Verräter. Er wolle sie alle noch in den Tod treiben und -dann am Leben bleiben ganz allein. Sie hatten unrecht -- zunächst. Er -wollte sich nur noch einmal satt sehen an der Erde. Und er sah sich -satt. -- Niemals in seinem ganzen Leben hatte er sich so selig, so -erhoben gefühlt wie jetzt, da er ganz allein durch Thäler und Gebirge -schweifte, die Ruinen der Städte und Dörfer sah und in die Lüfte -emporjauchzte: Allein! allein mit der Natur! Dann aber schien ihn der -wahnsinnige Gedanke wirklich anzufallen. Er näherte sich wieder dem -Platze, wo er seine Gefolgschaft vermutete und eines Nachts schlich er -sich in ihr Lager. Es schien ihm zu glücken was er wollte. Niemand sah -ihn. Und er trat in das Zelt zu dem Weibe, das er suchte, und weckte -sie. Dann flüsterte er erregt auf sie ein und hielt sie umfangen, an -allen Gliedern zitternd. Und er schien zu siegen. -- Sie folgte ihm. -Sie flüchteten hinaus in die Einsamkeit, in ein wundersames Thal. -Niemand hatte ihre Spur gefunden. Adam und Eva! jauchzte er, als sie -allein waren und gerettet, wie es schien. Wir beide allein im Paradies --- Sie mögen sterben, sie sollen sterben! Wir bleiben zurück und -gründen ein neues Geschlecht. Wir wollen leben, wir schaffen ein neues, -herrliches Leben, eins mit Natur und Vernunft. -- Indessen wurden er -und sie -- denn man hatte ihre Flucht entdeckt und ahnte schlimmes -- -eifrig gesucht. Nach einigen Wochen aber stellte er sich freiwillig ein -bei der Schaar seiner Freunde und zwar -- allein. »Verzeiht mir, meine -Freunde,« sagte er kurz und freundlich, »ich habe einen letzten Versuch -gemacht. Doch auch der ist unmöglich. Das noch am wenigsten. Ich habe -das Weib mit diesen meinen Händen erdrosselt. Nun wohlan, wir wollen -sterben, ich bin bereit. Jetzt bin ich reif.« - - * * * * * - -Und sie zogen an die sonnigen Ufer des Rheins. Es war zur Zeit der -Rebenblüte. Dort führten sie noch mancherlei wundersame Comödie auf, -als trennten sie sich nur ungern von dem Gedanken an den Tod. Denn sie -ahnten, wenn sie erst tot waren, hatten sie nur wenig Vergnügen davon. -Starkblom war wieder aufgethaut und äußerst gesprächig geworden. »Was -die Erde wohl ohne uns anfangen mag?« sagte er einmal. »Wir waren doch -sicher ihre größte Unterhaltung. Ich hoffe, sie langweilt sich ohne uns -zu Tode und stürzt in die Sonne. Vielleicht bringt das dann so große -Unordnung in die Welt, daß alles durcheinander kommt und alles wieder -zu eins wird und nichts mehr gesondert ist. Denn wisset, das will ich -euch noch sagen: eins und nichts -- das ist dasselbe. Die Besonderung -und die Verschiedenheit erst hat Welt und Leben und Bewußtsein erzeugt. -Ist die Welt erst eins, dann ist nichts mehr, dann ist das Nichts da, -das absolute Nichts.« - -Und dann stürzten sie sich hinein in die Fluten -- allesamt. Und nach -kurzer Frist war das Gelächter und der Gesang und das Angstgeschrei -verstummt -- denn einige schrieen auch -- und menschlos war die -Erde weit und breit. Der Rhein aber floß ruhig weiter, und bald -kamen die Tiere des Waldes und spitzten die Ohren und tranken aus -kühlen Gewässern, und grün umwucherte die Pflanzenwelt die ganze -Erde und umspann die Trümmer der Menschenbehausungen, und ein Singen -und Jubilieren der Vögel erhob sich wie nie zuvor, und die Blumen -leuchteten und dufteten in süßer, nieerhörter Pracht, und die Bäume -rauschten und erzählten es den Winden, und die Stürme heulten es -weiter, und die Erde brauste klingend ihre Bahn dahin: er war tot, er -war tot! der große Peiniger! - - * * * * * - -Und jetzt greife ich mir an den Kopf und der geneigte Leser thue -desgleichen. Beruhige er sich, er lebt noch, und ich werde ihn -auch nicht ermorden. Ich aber bin Starkblom, nicht Starkblom der -Todesprediger und nicht Starkblom der Epileptische -- bloß Starkblom -der Erste, Starkblom der Leidende und Starkblom der Sterbende. Ja, ich -werde sterben, ihr werdet nichts mehr von mir hören. Und so wünsche ich -euch denn zum letzten Male ein herzliches Sterbewohl. - - =Karl Starkblom.= - - ❦ - - - - -Fünfter Abschnitt. - - -Ein paar Wochen, nachdem diese Schrift Starkbloms erschienen war, stand -in einer hellen Mansardenwohnung in Paris ein junges Weib von schier -übermenschlicher Größe über einen Tisch gebeugt, damit beschäftigt, -das Notwendigste in eine kleine Reisetasche zu packen. Ein Mann -mit kurzgeschorenem, meliertem Vollbart, der aber noch viel jünger -zu sein schien, als seine grauen Haare und sein gefurchtes Gesicht -hätten vermuten lassen, lag, eine Cigarette rauchend, auf dem Sopha -und schaute lächelnd wie ein Spitzbube, dem ein feiner Plan gelingen -will, zu, wohl auch voll Vergnügen über die wundervolle Gestalt des -Weibes. Sie hatte sehr ebenmäßige Formen, sie war nichts weniger als -schlank, was sich auch zu ihrer Größe nicht hätte schicken wollen, -ihr Gesicht war breit und zeigte ein ungemeines Wohlwollen, auch ihre -Augen blickten groß und gütig und verständnisvoll in die Welt; ihre -Stirne war frei, aber weder hoch noch gewölbt, die Haare trug sie kurz -geschnitten und glatt gescheitelt. - -Sie war jetzt fertig und schloß die Tasche. - -»Sag’ einmal, Hänschen«, damit nahm sie das Gespräch wieder auf, -»willst du wirklich nicht gleich mitkommen? Ich gehe natürlich auch so, -sehr gern sogar, aber es ist doch die eigentümlichste Situation meines -ganzen Lebens.« - -»Das doch schon seltsame genug aufzuweisen hat«, fiel er lachend ein. -»Nein, meine liebe Marguérite, ich komme nicht mit. Das würde gar nicht -in meinen Plan passen. Du hast doch alles verstanden, wie ich es meine? -Nicht wahr? Mich erwähnst du natürlich gar nicht. Du mußt ganz thun, -als ob ich nicht existierte. Und dann, wenn du meinst, es sei an der -Zeit, dann telegraphierst du. Ich komme dann sofort. Ich freue mich -heidenmäßig und ich glaube, die Sache gelingt.« - -»Das weiß ich noch lange nicht. Mir ist gar nicht so wohl dabei. Wenn -er mir zum Beispiel, kaum daß ich sein Zimmer betreten habe, die Thüre -weist?« - -»Das thut er ganz sicher nicht. Der Mann fühlt sich ja kläglich -vereinsamt, das spricht ja aus jeder Zeile. Ich vermute ganz etwas -anderes.« - -Dabei lächelte er und pfiff vor sich hin. - -»Nun?« - -»Hm, hm.« - -»Ich weiß nicht, ich halte es für sehr leicht möglich, daß er sich -schon getötet hat, ehe ich ankomme.« - -»Hm, freilich, das ist nicht ausgeschlossen. So etwas ist nie -ausgeschlossen. Das Sterben ist meist eine Sache des Augenblicks. -Aber bei ihm glaube ich’s doch nicht. Weißt du, darin fühle ich mich -ihm doch verwandt. Wir sind Männer des Abwartens. Der überlegt sich’s -hundertmal, aber auf einen Impuls hin, plötzlich, thut er’s kaum. Aber -weißt du, was ich meine?« - -»Ja?« - -Er schaute ihr voll in’s Gesicht. - -»Er wird sich in dich verlieben, Marguérite, toll, leidenschaftlich -verlieben.« - -Sie errötete langsam, doch schlug sie die Augen nicht nieder. - -»Und ich?« - -»Das kann ich dir wirklich nicht sagen. Ihn kenne ich ja nicht. Für -ausgeschlossen halte ich’s aber gar nicht, daß auch du -- Nun, das wird -sich finden. Daß du in solchem Falle keine Rücksicht auf mich zu nehmen -brauchst, weißt du.« - -»Gewiß, das weiß ich. Ich könnte auch keine nehmen, mein liebes -Hänschen.« - -»Nun, wir blieben darum doch die Alten«, sagte er mit leuchtenden -Augen, ergriff ihre herabhängende Hand und drückte sie an die Lippen. - -Dann sprang er auf und ging im Zimmer auf und ab. Endlich blieb er -wieder vor Marguérite stehen. - -»Die Sache freut mich, weißt du, die Sache freut mich königlich. Immer, -wenn ich anfange mich zu langweilen, sendet mir doch ein gütiges -Geschick etwas neues, noch größeres. Weißt du, diese Bombengeschichte -wird nun schon recht, recht langweilig.« - -»Aber es sind doch tüchtige, ungewöhnliche Menschen.« - -»Gewiß sind sie das, gewiß. Aber weißt du, in der Vorbereitungszeit, -anfangs, da gefielen sie mir doch besser. Jetzt, wo sich die Folgen -einstellen, wo ein paar verhaftet sind und andere vor der Ausweisung -stehen, jetzt legen sie sich ein bischen Pathos an und einige -deklamieren schon märtyrermäßig. Und weißt du, _das_, nein, das steht -ihnen nicht gut.« - -»Aber Jean, du übertreibst ja. Was du Pathos nennst, ist doch auch -meist nur Hohn. Ich glaube, sie sind freie Menschen geblieben, die sich -für nichts besondres halten, aber die Welt für noch viel weniger.« - -»Nun, ich lasse ihnen ihr Vergnügen gern. Aber auf die Dauer ist’s doch -nichts für mich. Ein Sporn zur Ernsthaftigkeit liegt doch auch noch -darin, und du weißt, das mag ich nicht. Drum ist’s gut, daß mir die -Geschichte dazwischen kam.« - -»Ein klein wenig ernst ist’s dir damit aber erst recht. Ich meine -sogar, sehr viel Ernst.« - -»Meinst du? Das leugne ich gar nicht. Aber doch nur, weil mir’s Spaß -macht.« - -»Nun, das ist eine Erklärungsart, wie andere auch.« - -»Meine weise Pythia, ich weiß schon, du bist anders als ich, ein wenig, -nicht so gar. Drum schicke ich dich jetzt auch zu einem fürchterlich -ernsthaften Kerl.« - -»Ich fürchte ihn nicht. Auch glaube ich, ist er unserm Standpunkt schon -sehr nahe gekommen. Es braucht nur noch einen Ruck, dann haben wir ihn. -Weißt du, was ihm hauptsächlich fehlt?« - -»Nun? Übrigens ist es bald Zeit für dich.« - -»Natur fehlt ihm. Verstand hat er genug.« - -»Natur ... Natur? Ja die fehlt mir auch. Die hast nur du, meine -Marguérite. Aber weißt du, ich habe mir einen Ersatz zurecht gemacht im -Lauf des Lebens. Es ist doch etwas großes, daß der Mensch jetzt auch -seine behagliche Existenz sich schaffen kann, weit weg, weit von der -Natur. Im Gegensatz zu ihr.« - -»Nun, schiffbrüchig seid ihr doch alle. Ihr denkt nur nicht mehr daran. -Jetzt will ich aber gehn.« - -Sie setzte den Hut auf. - -»Also, mein großes Kleinod, leb’ recht -- Das heißt, ich werde dich zur -Bahn begleiten. Also du begreifst alles? Du wirst’s gut machen?« - -»Verstanden hab’ ich alles, auch thu’ ich’s nicht dir zu Liebe, sondern -weil’s mir selbst Bedürfnis ist, den Mann zu sehen und ihm zu helfen. -Ich thue, was ich kann.« - -»Dann ist’s gut, sehr gut. Komm, ich will dich noch küssen, bevor wir -gehen.« - -Marguérite beugte sich tief zu ihrem Hänschen herunter und küßte ihn -auf den Mund. Dann ging das ungleiche Paar die Treppe hinab. - - * * * * * - -Zwei Tage später, morgens gegen 3 Uhr, stand Marguérite vor dem Weißen -Hause. Sie betrachtete die freundliche Villa ein Weilchen und holte -Athem, dann öffnete sie die Hausthür und stieg die Treppe hinauf. Im -Flur sah sie niemanden. Sie klopfte an eine Thüre, keine Antwort. -Nun öffnete sie. Es war ein Schlafzimmer, das wohl erst vor kurzem -verlassen worden. Das Bett war noch nicht in Ordnung, die Luft nicht -die beste. Sie blieb eine kurze Zeit zwischen Thür und Angel stehen, -dann trat sie rasch entschlossen ein. Eine Thüre, die geschlossen war, -führte wohl in die andern Zimmer. Sie hörte auf- und abgehende Schritte -und verworrenes Brummen. Das mußte er sein. Sie stellte die Reisetasche -auf den Tisch und legte den Hut ab. Dann goß sie aus dem Kruge etwas -Wasser über ihre Hände und benetzte ihre Augen und ihr Haar. Nachdem -sie sich abgetrocknet hatte, blieb sie noch eine Zeitlang stehen, die -Hände auf die Brust gelegt und schwer atmend. Dann ging sie leise zur -Verbindungsthür und krümmte den Zeigefinger um anzuklopfen. Rechtzeitig -aber noch ließ sie die Hand sinken und schüttelte den Kopf. »Das wäre -nichts,« flüsterte sie leise. Dann öffnete sie beherzt die Thüre. Sie -blieb stehen und hielt den Athem an. Am Fenster gegenüber, das geöffnet -war, stand ein Mann, ihr den Rücken zukehrend, in Hemdärmeln. Seine -Augen blickten wohl ins Thal hinunter, währenddem aber waren seine -Hände angestrengt bemüht, einen Kragen, der ihm vermutlich viel zu -eng war, anzulegen. Sie hörte wieder das brummende Ächzen. Um ihre -Mundwinkel zuckte es leicht. Auf einmal aber ließ seine Hand den -Kragen los, er stampfte heftig mit dem Fuß auf und schlug sich mit der -Faust an die Stirn. Dabei rief er laut: - -»Herrgott Donnerwetter, der Kerl macht mich noch verrückt!« - -Da konnte Marguérite nicht mehr. Sie lachte laut auf. - -Starkblom zuckte heftig zusammen und drehte sich rasch um. - -»Wie -- was -- wer sind Sie denn? was wollen Sie? wie kommen Sie denn -hierher?« - -»Davon nachher. Vielleicht erlauben Sie, daß ich Ihnen zuerst helfe den -Kragen schließen?« - -Starkblom blickte sie mißtrauisch an. - -»Aber entschuldigen Sie, wie kommen Sie denn hierher? Wo haben Sie denn -Ihren Hut?« - -»Den habe ich im Nebenzimmer abgelegt. Ich sah niemanden und trat -deswegen gerade herein. Ich komme von weit her, um mit Ihnen ein -vernünftiges Wort zu sprechen. Erlauben Sie jetzt --?« - -Starkbloms Miene heiterte sich auf. Er lächelte. - -»Ach so, Sie haben gelesen --? Die Brochüre? Nicht wahr? Und kommen zu -mir? Sehr schön. Und da wollen Sie mir -- den Kragen zumachen? Nun -- -immerhin, meinetwegen.« - -Sie trat näher und machte sich ans Werk. - -»Sind Sie aber groß!« - -»Bitte stillhalten, ~Monsieur~, sonst geht’s nicht.« - -»Aber Vorsicht, bitte, Sie erwürgen mich ja!« - -Sie ließ die Hände wieder sinken und schaute ihm lachend ins Gesicht. - -»Wäre das denn so schrecklich?« - -»Jaja, jaja, lachen Sie mich nur aus. Sind Sie deswegen gekommen?« - -»Ein wenig, ja.« - -»Soso. Nun, dann möchte ich Sie bitten, mir den Kragen vollends in -Ordnung zu bringen, und dann -- ja dann werden Sie wohl wieder gehen -können. Oder wollten Sie noch etwas anderes als Ihr Amusement?« - -»Gewiß, gewiß, auch noch etwas anderes. Aber jetzt Ruhe. So, jetzt -wären wir fertig. Drückt er Sie nicht?« - -Starkblom warf ihr einen grimmigen Blick zu. »Nein,« sagte er dann -kurz. Er ging noch etwas im Zimmer hin und her, dann nahm er seinen -Rock von dem Haken an der Wand und zog ihn an. - -»So. Wollen Sie vielleicht Platz nehmen, mein -- Fräulein? Oder --?« - -»Das ist gleichgiltig. Aber nennen Sie mich lieber Frau.« - -Sie setzte sich an den Tisch. Starkblom blieb vor ihr stehen und -betrachtete sie. Dann kratzte er sich an der Stirn. Er fand die -Situation recht unbehaglich. - -»Woher kommen Sie denn?« - -»Von Paris.« - -»So? Schöne Stadt?« - -»O ja.« - -»War nie da. -- Soso. Merkwürdig.« - -Es trat eine Pause ein. Dann fing Starkblom wieder an: - -»Nun also -- wenn Sie das Ding gelesen haben und verstanden, dann -kennen Sie mich ja ein wenig. Ich habe keine Lust, mich zu unterhalten. -Ich kann’s auch nicht. Mir preßt’s die Kehle zusammen --« - -Marguérite lächelte gutmütig. - -»Zum Teufel noch einmal, kommt Ihnen schon wieder der verfluchte Kragen -in den Sinn? Weiber, Weiber!« - -»Kennen Sie denn die Weiber?« - -Starkblom schaute sie groß an. - -»Wirklich, nicht sonderlich. Ich hab’ zwar früher einmal eine Frau -gehabt, wissen Sie, damals, als ich noch -- aber was, das interessiert -Sie ja doch nicht. Was wollen Sie denn?« - -»Es interessiert mich, Starkblom. Damals als Sie noch -- glücklich -waren?« - -»Ach was, glücklich! Ein Philister war ich! Sie war ein Weib wie -andere mehr. Ein Glück für sie, daß sie tot ist. Sie würde mich -nicht verstehen, wie ich heute bin. Versteht mich überhaupt niemand. -Verfluchte Welt.« - -»Ich glaube, ich verstehe Sie, und darum komme ich. Wollen Sie mich -anhören? Ich habe Ihre beiden Schriften gelesen, beide; ich habe tief -hineingeblickt in den Abgrund Ihrer Gedanken und Ihrer Verdüsterung, -Sie suchen einen Menschen, und ich kam zu Ihnen. Sie suchen einen -Menschen, der mit Ihnen --« - -Starkblom hörte schon lange nicht zu. Er war mit kleinen Schritten -ungeduldig hin und her gegangen, hatte dann auch einmal die Thüre -geöffnet und hinausgehorcht und trat nun vor Marguérite hin. - -»Wollen Sie vielleicht mit mir frühstücken? Ich habe Hunger.« - -»Ich glaube, jetzt verhöhnen Sie mich,« erwiderte Marguérite errötend. - -»Was? Fehlt Ihnen etwas? Meinen Sie denn, ich könne von der Luft leben? --- Oder -- ach so -- ja wissen Sie, zugehört habe ich Ihnen nicht. Sie -können ja dann Ihre schöne Rede hernach wiederholen. -- Na endlich, wo -stecken Sie denn so lange?« - -Das Letzte sagte er zu der Haushälterin, die mit Thee, kaltem Braten -und Wein hereinkam und die Augen weit aufriß, als sie so ungewohnten -Besuch sah. - -»Wundern Sie sich später und bringen Sie noch eine Tasse und einen -Teller und was weiß ich! Aber rasch!« - -Dann wandte er sich wieder zu der fremden Dame. - -»Sie werden auch Appetit haben. Greifen Sie nur ungeniert zu.« Dabei -schob er seinen Teller und seine Tasse zu Marguérite hinüber. »Ich kann -warten.« - -»Sie sind sehr liebenswürdig, Herr Starkblom. Frühstücken wir also -zusammen. Trinken Sie so früh schon Wein?« - -»Ja, ich habe mir’s in letzter Zeit angewöhnt So, jetzt kann’s ja -losgehn.« - -Die Haushälterin hatte das Nötige gebracht, und Marguérite schenkte -erst Thee ein, dann auch Wein für sich und ihn. - -Während des Essens blickte Starkblom ein paar Mal zu ihr hinüber. -Schließlich sagte er kauend: - -»Was Sie für ein gesundes Gebiß haben. Und dieser Hunger! Und überhaupt -die ganze Gestalt -- wo wächst denn diese Rasse? Sie scheinen mir -überhaupt keine Deutsche, ihrem Accent nach?« - -Marguérite lachte. - -»Nun, wie man’s nimmt. Geboren bin ich im Elsaß, kam aber ziemlich früh -nach Frankreich.« - -Starkblom schaute sie immer noch an. - -»Prachtvoll, prachtvoll«, brummte er dann, und Marguérite ward rot. - -Er erhob sein Glas. - -»Na, prost, Frau -- und Ihr Name? Darf ich den wissen?« - -»Ich heiße Marguérite. Das andere ist nebensächlich, nicht?« - -Sie stieß mit ihm an. - -»Und was lassen wir leben?« fragte sie mit anspielendem Lächeln. - -»Leben ... leben? Ach so, denken Sie daran? Und -- Sie wollten?« - -Er blickte ihr tief ins Auge. »Tod --? mit --?« - -Sie schlug die Augen nieder und kratzte mit dem Messer auf dem Teller -herum. - -»Vielleicht«, sagte sie leise. - -»Na, prost«, brach er kurz ab und trank sein Glas mit einem Zuge aus. - -Kurz nachher stand er auf und trat ans Fenster. - -»Haben Sie schon genug?« - -»Ja. Ich fühle mich nicht ganz wohl.« - -Marguérite legte leise Messer und Gabel weg. Sie starrte vor sich -hin. Auf einmal überwältigte sie das Bewußtsein dessen, was sie -gethan hatte und was noch bevorstand und der ganzen Situation, und sie -schlug die Hände vors Gesicht. So verblieb sie lange. Plötzlich sagte -Starkblom vom Fenster aus, ohne sich umzusehen, in sehr traurigem Tone: - -»Nun, Frau Marguérite, wollen Sie jetzt Ihre Rede halten? Wozu sind Sie -bereit? Was halten Sie von mir?« - -Marguérite ließ die Hände sinken; sie war glühend rot geworden. Dann -erhob sie sich, blieb aber am Tische stehen und sagte zaghaft: - -»Lassen Sie mich wieder gehen. Ich weiß nicht -- es ist falsch -- es -geht nicht --.« - -Starkblom drehte sich um und sah sie erstaunt an. Dann ahnte er, -vielleicht zu begreifen, was in ihr vorgehe. Er schwieg lange und -blickte sie an. Dann fing er an: - -»Vielleicht war Ihr Gefühl das richtige, als Sie kamen. Schrecken Sie -nicht zurück. Ich bitte Sie zu bleiben.« - -Und er ergriff ihre Hand. - -»Wenn Sie auch jetzt nicht reden können. Bleiben Sie nur. Wir haben -Zeit. Oder haben Sie einen speziellen Grund, irgend einen Vorgang in -der letzten Zeit Ihres Lebens, mich aufzusuchen?« - -»Nein, das nicht. Aber Sie verkennen mich nicht? Sie mißachten mich -nicht?« - -Starkblom wurde sehr verlegen. Er wußte nicht, was sagen. Endlich -stotterte er: - -»Aber ich bitte Sie ... aber Frau Marguérite ... aber mißachten ... -was fällt Ihnen ein? Sie scheinen ja eine ... vorzügliche Frau. Ich -begreife Sie, wenn ich auch nicht weiß, wie Sie dazu kommen. Wollen Sie -mir nicht etwas erzählen -- von Ihrem Leben?« - -Marguérite setzte sich wieder aufs Sopha und strich langsam mit beiden -Händen über ihr dunkles Kleid. Er blieb vor ihr stehen, indem er sich -mit gekreuzten Beinen an den Tisch lehnte und sie anschaute. - -»Ach, da ist nicht viel zu erzählen. Ich bin das Kind reicher Bauern. -Dann kam ich früh zur Erziehung in ein Kloster nach Frankreich. Dort -riß ich aus -- mit -- nun, es ist gleichgiltig. Die Sache ist längst -vorbei. Aber ich kam durch ihn damals schon in eine Gesellschaft freier -Menschen, Männer und Frauen, hauptsächlich Russen und Polen. Seitdem -habe ich sehr viel gelesen, auch einiges mitgemacht. Ich -- nun ich bin -eben frei geworden durch all’ das.« - -»Soso. Schön, sehr schön. Was verstehen Sie denn darunter: frei -geworden?« - -»Nun, ich meine, Sie müßten das doch auch kennen. Ich habe wenig -Vorurteile, verstehe viele, auch verschieden geartete Menschen, kann -mich in vieles hineinfinden und folge im übrigen meiner Natur, wie -sie nun einmal ist, geworden ist durch diese und jene Umstände der -Vergangenheit und Umgebung. Das nenne ich vor allem frei, daß man sich -nicht schämt, täglich tausend Dinge zu thun, die der Verstand nicht -erklären noch billigen kann. Zum Beispiel auch, zu leben und glücklich -zu sein. Ohne einen Vernunftgrund dafür angeben zu können.« - -In Kürze etwa: »Sie sind ein Philister ohne Vorurteile?« - -»Jawohl, jawohl,« antwortete sie lebhaft. »Das acceptire ich. Man muß -ein Philister sein, aber ein idealer. Man kann nicht leben ohne das. -- -Und man _will_ leben«, fügte sie noch mit Bestimmtheit hinzu. - -»Und ich sage: man will nicht«, rief Starkblom mit Entschiedenheit und -schlug auf den Tisch. - -»Nun gut: sterben Sie.« - -»Ich meine; man sollte nicht wollen.« - -»Nun ja, das ist es ja eben. Das ist eine Theorie. Das kann ich -fassen; ich verstehe es vollkommen. Nach dem heutigen Stand unseres -Geistes können wir nicht begreifen, wozu wir leben. Ganz recht, ganz -gut. Das gebe ich zu. Wir haben nichts Positives, das wir anerkennen, -vollständig nichts. Und wir werden auch nie zu den alten Positionen -zurückkehren. Wir würden uns schämen. Wir sind keine Romantiker, keine -Philister im alten Sinn. Aber wir warten ab, und das ist Grund genug -für uns, zu leben. Wir sind neugierig.« - -»Wir warten ab? Was denn?« - -»Nun, das weiß ich nicht. Irgend ein Falsches vielleicht, -wahrscheinlich sogar. Aber das ist nötig. Irgend ein Neues, das -überwältigt, ein neuer, dauerhafter Aberglaube, eine neue Religion, -wenn es sich auch nicht mehr in diese Worte kleidet. Einfach etwas -_Positives_, das allen einleuchtet, das für alle einen Sinn hat. Das -alle überwältigt. Wir haben doch alle eine Ahnung, daß etwas in der -Luft liegt. Etwas Großes, Nieerhörtes. Sie wollten es ja auch schaffen. -Aber Sie konnten nur töten. Nicht zeugen. Also warten wir und leben -wir indessen, leben wir freudig. Genießen wir, auch unsern Schmerz. -Der gehört dazu, für uns sicher. Das ist Ihnen aber doch alles nicht -neu. Sie wollten es nur nicht Wort haben. Vielleicht schämten sie -sich. Aber dessen brauchen wir uns wahrhaftig nicht schämen. Wir sind -Übergangsmenschen, jawohl, und wir fühlen uns als solche. Und wer so -viel durchgemacht hat wie Sie, für den ist das keine Phrase. Nie war -eine solche Zeit da wie die unsere. Und die kommende -- die muß ja noch -viel unerhörter, gewaltiger werden. Ist es vielleicht so -- ist es -nicht so -- habe ich Recht?« - -Starkblom hatte ihr voll Bewunderung zugehört. Er hätte nicht gedacht, -daß ein solches Weib lebte. Und nun saß sie hier auf dem Sopha und -blickte ihn freundlich mit schimmernden Augen an. Es schien ihm ein -Märchen. Was er antwortete, war drum auch nur ein mechanisches -Vorsuchen eines altgewohnten Gedankens. - -»Ich weiß nicht, ich glaube nicht, daß Sie Recht haben. Ich fände das -doch ekelhaft, zu ekelhaft, ein solches Leben. Und die kommende Zeit -- -was liegt an ihr? Es handelt sich um uns, um mich.« - -»Jawohl, natürlich, nur darum. Aber unsere Gedanken und Träume von der -Zukunft, und vor allem unsre Neugier, wieviel wir davon noch selbst -erleben, und wie oft sich die Perspektive verändert, das ist ja nur -ein Teil von uns. Sie sagen: wir haben an nichts mehr Interesse. Und -ich sage: o doch, wir interessieren uns noch für sehr vieles. Aber -nein: Sie sagen, wir sollten uns für nichts interessieren. Das ist das -Falsche. Sie tyrannisieren sich durch Ihr ewiges Grübeln. Der Mensch -ist nicht blos Verstand. Wenn Sie sagen: ich will nicht leben, dann -spricht blos ein Teil von Ihnen, der andre aber will leben, o ja, o -ja, er _will_ leben, und er sollte es sich nicht gefallen lassen, -unterjocht zu werden. Er ist mächtiger als alles andre. Er _sollte_ -mächtiger sein. Ihr Verstand zehrt an Ihnen. Aber das andere lebt noch -in Ihnen, das spüre ich, das fühlt man aus Ihren Schriften. Und das -ist gut; sonst stünde die Sache verzweifelt. Sie können sich retten, -aber nur Sie selbst sich selbst. Dazu bin ich gekommen, um Ihnen das zu -sagen. Kehren Sie zurück zum Leben! -- Das Leben ist schön!« - -Lange blickte Starkblom vor sich nieder. Dann sagte er leise: - -»Das alles kenne ich, was Sie da sagen. Sie vermuten recht, das ist mir -nicht neu. Es hat oft in mir empor wollen, und in letzter Zeit mehr -wie je, aber ich habe es bekämpft. Der Geist ist das höchste, was der -Mensch hat. Es ist feige, feige, ihn zu unterdrücken. Wozu Sie raten, -das ist die Herrschaft der andern Triebe über den geistigen. Das könnte -ich nicht aushalten, jetzt nicht mehr; früher vielleicht. Das wäre mir -jetzt zu gemein -- auf die Dauer.« - -»O nein, das ist es gar nicht. Ich rate zum Genuß, jawohl, aber auch -zum geistigen Genuß, zu dem erst recht. Aber geistiger Genuß ist nur -möglich in Verbindung mit den andern -- nun sagen wir: Trieben; sonst -artet er aus und treibt zur Vernichtung. Sie wollen das leugnen, -aber Sie können es nicht. Empfinden Sie nicht Genuß bei solchem -Gespräch? Und müßten Sie sich nicht zwingen, aus Gewohnheit und -Konsequenzduselei, auch jetzt etwa zu fragen: was hat das für einen -Zweck? was steckt dahinter?« - -Starkblom wurde unruhig; er konnte ihr Auge, das sie voll und ruhig auf -ihn richtete, nicht ertragen. Er kehrte sich ab und sah zum Fenster -hinaus. Sie aber wollte nicht nachlassen. Sie fühlte, sie hatte Einfluß -auf ihn, und sie freute sich, daß ihr Geist sich im Gespräch mit dem -seinen messen konnte. - -»Sagen Sie einmal, Starkblom,« fing sie also nochmals an, »was ist das -mit dem Weib in Ihrer letzten Brochüre? An zwei Stellen? Das kommt -so plötzlich und unvermittelt hinein. Was wollten Sie damit? Wenn -es symbolisch sein sollte, gestehe ich, ich habe es nicht verstehen -können.« - -Starkblom drehte sich rasch um. - -»Es sollte nicht symbolisch sein.« - -Dann fügte er zögernd hinzu: - -»Es war wohl ein Trieb. Halb Sehnsucht, halb Ahnung. -- Unsinn war es, -Unsinn.« - -»Jetzt verstehe ich vielleicht,« sagte sie leise. »Auch das gehört -dazu. Sie sind zu retten, dann erst recht.« - -Jetzt sah er ihr fest in die Augen. - -»Marguérite, Marguérite,« rief er dann. »Sie treiben ein gefährliches -Spiel. Noch lebe ich, verstehen Sie, noch bin ich Mensch! Hüten Sie -sich!« - -Und er streckte die Hand wie suchend nach ihr aus. - -»Ich freue mich, daß Sie leben,« sagte sie ängstlich lächelnd und sich -etwas zurückbiegend, »aber Sie sind ein Kind!« - -Er fuhr sich verwirrt mit der Hand über die Stirn. - -»Wie ... was? Sie meinen ... aber nein, das nicht, das nicht. Nein, -nein. Ich will nicht. Sterben Sie mit mir, Marguérite, ich bitte Sie, -sterben Sie mit mir. Ich will nicht mehr leben, ich kann nicht.« - -Marguérite stand auf, heftig atmend und sehr blaß. - -»Starkblom,« sagte sie, »Sie sollten nicht eigensinnig sein. Sie thun -sich Gewalt an. Ich würde es vielleicht thun, wenn --« - -Sie hielt inne. Starkblom ergriff sie bei der Hand und sah sie mit -fieberndem Blicke an. - -»Was würden Sie thun? Was? Marguérite?!« - -Marguérite konnte nur noch flüstern. - -»Sterben, natürlich sterben. Was sonst?« - -Starkblom ergriff auch noch ihre andere Hand. - -»Du würdest es thun, Marguérite? Du willst? Ja?« - -Marguérite konnte nicht mehr. Sie sank in den Sessel, lehnte sich -zurück und ließ den Kopf zur Seite hängen. - -»Ja, ja, ja. Wenn du willst, ja. Aber nicht jetzt, nicht jetzt. Wir -wollen warten. Bedenken. O es _kann_ ja nicht sein.« - -Starkblom trat zurück, wie plötzlich ernüchtert. - -»Ja, wir wollen warten. Vielleicht -- ach Unsinn.« - -Dann griff er sich an den Kopf, wie müde vor Erregung. - -»Ach, was ist das heute für ein Tag! Wer hätte das gedacht? Wer hätte -das gedacht?« - -Auf einmal zuckte es ihm um die Mundwinkel und in seinem Auge leuchtete -es irr auf. Dann lächelte er fein, fast boshaft. - -»Ich glaube, wir belügen uns, Marguérite. Nicht?« - -Und flüsternd, aufgeregt stieß er heraus: - -»Wir meinen -- es -- anders -- nicht --?« - -Marguérite winkte matt mit beiden Händen, er möge aufhören. - -»Laß -- -- laß, Starkblom. Ich will mit dir sterben -- oder leben, wie -du willst. Aber schweig jetzt, ich bitte dich. Ich kann -- nicht mehr.« - -Und sie lehnte sich müde zurück und schloß die Augen. Starkblom trat -ans Fenster und sah starr hinaus. Dann drehte er sich um und schaute -sie lange an. Ein Zittern überkam ihn. Er wandte sich wieder ab und -zwang sich, auf die Bäume gegenüber zu blicken und hinauf zu den -Wolken. So verblieb er lange. - -Endlich fuhr sich Marguérite leicht mit der Hand über die Stirn, als -wolle sie einen Traum verscheuchen. Dann ballte sie eine Faust und fuhr -energisch mit dem Arm auf und ab. Sie konnte sich wieder beherrschen. -Sie ließ ihre Blicke im Zimmer schweifen. Auf einem kleinen Tischchen -lagen Bücher und Zeitschriften ungeordnet durcheinander. Dicker Staub -lag darauf. Sie trat näher und malte gedankenlos Zeichen und Buchstaben -auf die Bände. Dann nahm sie eines der Bücher in die Hand und schaute -nach dem Titel. - -»Ah!« sagte sie freudig. - -»Was haben Sie Schönes?« - -»›Also sprach Zarathustra‹ von Friedrich Nietzsche. Ich habe es nie in -die Hand bekommen, aber viel davon gehört. Ich möchte es kennen lernen.« - -»Sie kennen es nicht? Alle Achtung vor Ihnen. Lernen werden Sie nicht -mehr viel von ihm können. Aber die Sprache! die Sprache. Es ist ein -wundersames Buch. Geben Sie her. Ich will Ihnen einiges davon zeigen.« - -Er nahm ihr das Buch aus der Hand, setzte sich, schlug aufs Gerathewohl -auf und fing an vorzulesen. Nun las er einen Abschnitt nach dem -andern, immer noch einen. So beruhigten sich ihre aufgeregten Sinne -allmählich. Sie sprachen dann noch lange, Tiefes, auch Gleichgiltiges. -Später gingen sie spazieren und setzten sich ins Grüne. Marguérite -erzählte viel von ihrer Jugend, von den mancherlei Menschen, mit denen -sie zusammengetroffen. Sie hatte viel zu erzählen und berichtete ohne -Scheu. Von ihren letzten Lebensjahren schwieg sie indessen. - -Abends sagten sie sich ziemlich früh und ziemlich zurückhaltend, -fast ceremoniell Gute Nacht, und Marguérite begab sich in das -Fremdenzimmer, das seit Starkblom da wohnte, noch nie benutzt worden -war. Sie schaute noch ein wenig zum Fenster hinaus und ließ sich von -der Nachtluft abkühlen, dann legte sie sich ins Bett und kreuzte die -Hände unter dem Kopf, wie sie zu thun pflegte, wenn sie noch nachdenken -wollte. Den ganzen Tag über war es ihr immer von Zeit zu Zeit so -gewesen, sie müsse an etwas denken, sie dürfe es nicht vergessen, -und jetzt wollte sie sich besinnen. Aber ehe sie noch so weit war, -zerflatterten ihre Gedanken in wirres Träumen, und sie schlief ein. - -Starkblom aber saß lange noch auf seinem Bett und brütete vor sich -hin. Sollte er vergnügt sein und ausgelassen wie ein tolles Kind -oder sollten sich ihm die Gedärme vor Ekel über sich selber im Leibe -herumdrehen? Er wußte es wahrhaftig nicht. Er hatte die Kniee in die -Höhe gezogen und stützte seinen Ellbogen darauf und hielt seinen Kopf. -Er blickte starr, mit zusammengekniffenen Augen und gepreßten Lippen. -Es fiel ihm nicht ein, sich zu wundern, sein Schicksal erfüllte sich, -das war die natürlichste Geschichte von der Welt. Und dann auf einmal -hielt es ihn nicht mehr, es drückte etwas von innen gegen die starre -Wand seines Mundes und er platzte laut heraus und lachte hell auf und -schlug mit der flachen Hand klatschend auf seinen Schenkel. Freilich -lachte er sich aus, aber eine jugendliche Freude war auch dabei, und -weil er das herausfühlte, mußte er nur immer mehr und immer wieder -lachen und losplatzen. So ein Narr! So ein Narr! - -Und dann kleidete er sich rasch aus und legte sich ins Bett und -löschte das Licht. Er warf sich ein paar Mal hin und her, dann schloß -er die Augen fest und blieb ruhig liegen. So, jetzt wird geschlafen, -verstanden? Aber Starkblom wollte nicht verstehen. Er kicherte wieder -ein wenig. Dann öffnete er die Augen weit und sah lange zur Decke -empor. Und als ziehe ihn etwas in die Höhe, richtete er den Oberkörper -auf, winkte mit der Hand in die Luft, und sagte mit vernehmlicher -Stimme: »Gute Nacht, Marguérite! -- Gute Nacht, liebe Marguérite!« -Dann legte er sich wieder ruhig hin und lächelte müde. Und nun kamen -ungeordnet aufgeregte Träume und lösten sich in wirrer Reihenfolge -ab, bald mit offenen, bald mit geschlossenen Augen. So verbrachte er -den größten Teil der Nacht, hin- und hergeworfen von der Unruhe und -ohne Müdigkeit. Es war, als habe er die dunstige Nebelhülle, in der er -sonst sich so wohlig geborgen und so gut und tief geschlafen hatte, -mit eins verloren. Es war so unheimlich klar in seinem Kopfe bei allen -fürchterlichen und thörichten Träumen, die rastlos hin- und hergingen, -und die Augen waren so kühl und wollten nicht geschlossen bleiben, es -war ganz selbstverständlich, daß er nicht schlafen konnte, er hatte gar -keinen Grund zum schlafen. Erst spät am Morgen duselte er ein wenig ein. - -Auch die nächsten paar Tage lebten sie ruhig und idyllisch neben -einander hin. Sie lasen, plauderten, gingen spazieren und lagen im -Grünen. Im übrigen hielten sie sich scheu zurück und wollten an das -andre nicht mehr denken. Marguérite war es eingefallen, was sie nicht -vergessen dürfe, aber sie wollte nicht daran denken. Es wird sich schon -finden, es wird sich schon finden. Sie wollte sich gehen lassen. - -Starkblom aber ließ sich treiben, wie vom Sturmesbrausen. Er konnte -nicht mehr zurück. Er konnte sich nicht mehr halten. Es war über ihn -gekommen. Er mußte es vollenden. Hinein in die Flut, nur hinein -- Wer -weiß? -- Ja, wer weiß! - -Eines Abends, als sie auseinandergehen wollten, um zu schlafen, legte -Starkblom seine zitternde Hand auf ihre Schulter. Seine Kniee bebten. -Und mit verzerrtem blutleerem Gesicht und brennenden Augen bemühte er -sich in ruhigem Ton zu sagen: - -»Marguérite, wir müssen die Konsequenz ziehen: warum nicht?« - -Sie sah ihn mit entsetzten Augen an: »Du willst sterben? Jetzt?« - -Da schrie er laut auf und brüllte: - -»Lüge nicht, Marguérite, lüge nicht! Sterben?! Wer denkt ans Sterben? -Leben will ich! Dich! Dich!« - -Seine Stimme hatte sich überschlagen und knickte ab. Dann fügte er -ruhiger, fast feierlich hinzu: - -»Marguérite, ich bin der Mann!« - -Da kreuzte sie die Arme über die Brust, sah ihn ernst und schmerzlich -an und sprach: - -»Ich bin das Weib -- ja!« - -Und bei dem letzten Wort nickte sie bekräftigend und dann senkte sie -den Kopf und blickte nicht mehr auf. - -Er biß die Zähne fest in die Unterlippe, atmete schwer und blickte -bohrend in die Luft. Er trat zurück und blickte an ihr hinauf. Dann -packte er sie plötzlich an beiden Schultern und riß sie an sich. Sie -ließ es willenlos geschehen. Dann flüsterte er zitternd: - -»Ich danke dir. Komm!« - -Als Starkblom besänftigt und wohlig neben Marguérite lag und ihren -wundervollen Leib umfangen hielt, da schwand rasch die Scham und der -Ekel, die ihn erst hatten überwältigen wollen, und wenn auch sein -Körper matt und unbewegt dalag, die bleierne Mattigkeit seiner Seele -wollte sich von ihm lösen, und Kraft und Freude und selige Unbewußtheit -hielten ihren sieghaften Einzug. Er wurde nicht müde in das ruhige -süßes Behagen ausströmende Auge Marguérites zu blicken und ruhig und -ohne Aufregung lange Küsse auf ihren Mund und ihre Lider zu heften. Und -immer wieder hob sich seine Seele und sein Leib zu der wundervollen -stillen Frau, die ihm manchmal sanft über das Haar strich und ihm den -Schweiß von der Stirne wischte. Sie sprachen auch manchmal zusammen -während der langen schönen Nacht, aber nur kurze hingeworfene Laute, -die im Dunkel verwehten, wie wenn den Vögeln nachts ein goldener Traum -lind über das Gefieder streichelt und sie befangen weiche Töne den -surrenden Lüften vermählen und dann wieder verstummen. - -Als das Morgengrauen anfing mit seinen Nebelfingern das Dunkel von den -Scheiben zu wischen, senkte sich die Müdigkeit trennend zwischen die -beiden und sie verfielen in einen tiefen, traumlosen Schlaf. - -Spät am Morgen schreckte Starkblom plötzlich empor und blickte verwirrt -umher. Dann fiel ihm alles ein, er fühlte und sah seine schlafende -Gefährtin neben sich und er legte sich lächelnd und behaglich wieder -auf die Kissen zurück. Aber er konnte nicht mehr schlafen, er war -vollständig frisch und munter. Er betrachtete Marguérite, deren breite, -volle Brust sich gleichmäßig hob und senkte, ihre Wangen waren rosig -überhaucht wie nie zuvor. So verblieb er lange, er konnte sich nicht -satt sehen. Dann wäre er gerne wieder müde gewesen, er legte seinen -Kopf, so leicht es ihm möglich war, auf ihre Brust, drehte aber dabei -seinen Körper so, daß er ihr ins Gesicht sehen konnte. Bald zuckte -es um Marguérites Mund, drückende Träume mochten sie ängstigen, sie -stöhnte leise, dann wachte sie auf und sah in Starkbloms Augen. Eine -unsagbare Heiterkeit verklärte da ihre Züge, beide sprachen kein Wort; -sie blickten sich nur immer an. Auf einmal aber beugte sich Marguérite -herunter, legte ihre Arme um seinen Hals und küßte ihn auf den Mund. - -»Guten Morgen, mein Lieber«, sagte sie dann frei und heiter. - -»Guten Morgen, Marguérite«, antwortete Starkblom fröhlich und dankbar. -Dann, während sie sich beide still neben einander legten, fing er an: - -»Das kommt mir jetzt erst. Daran hab’ ich noch gar nicht gedacht.« - -»Was denn?« - -»Das war der erste Kuß, den du mir gegeben hast.« - -»So?« meinte sie errötend. »Ja und?« - -»Weißt du, ich gebrauche die alten Wörter nicht gern, sie sind so -abgescheuert und gemein geworden und waren von Anfang an nicht tief und -innig genug. Aber -- du verstehst mich ja, wie ich es meine ... also -... nun eben --.« - -»Ist es denn so schrecklich, Karl? Was meinst du?« - -»Ich meine, jetzt hast du mich geküßt, und vorher -- ich meine, liebst -du mich denn, Marguérite?« - -Da drückte Marguérite die Hände fest auf die Augen, runzelte ihre Stirn -und nickte langsam und feierlich mehrmals mit dem Kopfe, wie kleine -Kinder thun, wenn sie etwas besonders ernsthaft bestätigen wollen. Dann -lachte sie kurz in sich hinein und flüsterte ihm ins Ohr: »Ja.« - -Starkblom suchte ihre Hand und drückte sie fest und ließ sie nicht mehr -los. Dabei legte er sich auf den Rücken und träumte in die Höhe. Dann -lächelte er und lächelte immerfort, bis ihm das Wasser in die Augen -trat. - -»Was hast du denn?« fragte Marguérite, die ihn beobachtete. - -»Ach, es ist mir nur eben etwas eingefallen«, meinte er, immerzu -lächelnd. - -»Was denn, sag’ mir’s doch.« - -Er schwieg ein bischen, dann sagte er: - -»Mein armes, kleines Lorchen.« - -»Deine Frau?« fragte sie leise, und er nickte. - -Da schämte sie sich und sie wußte doch nicht warum. Es mußte wohl etwas -Großes sein und ein freier Ernst, der jetzt durchs Zimmer schwebte. Und -voll von dem dunklen Gefühl beugte sie sich zu ihm hinüber und küßte -ihn auf die Stirn. - -Nach einer Weile fragte er: - -»Hattest du nie ein Kind, Marguérite?« - -»Nein,« sagte sie leise errötend. - -Da stand er auf, kniete vor ihr Bett und sagte, indem er die Hand auf -ihren Kopf legte: - -»Du wirst eins bekommen.« - -Sie schlug die Hände vors Gesicht, dann lag sie ernsthaft da und nickte -sinnend. - -Nun erhob auch sie sich und beide fuhren rasch in die Kleider. -Plötzlich lachte Starkblom laut auf. - -»Weißt du, wie mir meine letzte Brochüre jetzt vorkommt?« - -»Nein, wie?« - -»Nun höre. Ein Mann in den Vierzigern, Wittwer, sucht auf diesem sehr -ungewöhnlichen Wege eine Lebensgefährtin. Dieselbe muß groß und kräftig -gebaut, sehr gebildet und vorurteilsfrei sein. Offerten bittet man -einzusenden unter der Chiffre: Es lebe der Tod! Nicht? War es nicht -so? Und daß ich sie gefunden habe, das ist das allerseltsamste und das -allerschönste! Wie kamst du denn dazu, Marguérite? Wie bekamst du denn -in Paris meine Brochüren?« - -Marguérite hatte erst lachen müssen, aber jetzt wurde sie ernsthaft und -sogar ein wenig blaß. - -»Das war nicht so einfach, mein Lieber. Das hängt mit etwas zusammen, -mit etwas -- anderm. Aber jetzt kann ich dir das unmöglich sagen. Du -mußt warten. Bald -- nicht wahr?« - -»Wie du willst, Marguérite. Ich habe dich, wir haben uns. Das ist eins -und alles. Das andere ist gleichgiltig.« - -In so seliger alles vergessender Stimmung verbrachten sie diesen Tag -und auch die folgenden. Was hätte ihr Glück stören können? Manchmal -freilich überlief es Starkblom, und die Vergangenheit wollte ihn wieder -packen mit ihren mörderischen Tatzen, und dann sagte er wohl: - -»Mein Glück ist zu groß. Ich werde bald sterben.« - -Aber Marguérite und er selbst brauchten sich nicht allzusehr -anzustrengen, um dies Gespenst wieder zu verscheuchen. - -Eines Mittags saßen sie heiter auf dem Balkon und plauderten und sahen -ins grüne Thal hinab. Da brachte die Haushälterin mit hochgezogenen -Brauen und grenzenlos erstauntem Gesicht ein Telegramm und überreichte -es zweifelnd Starkblom. - -Der nahm es rasch und las die Adresse und auch er machte ein sehr -verwundertes, fragendes Gesicht. Doch winkte er der Frau, sie solle -gehn. - -»Ist das für dich, Marguérite?« fragte er dann und reichte ihr die -Depesche hinüber. - -Sie las die Adresse und errötete über und über. Da stand: »Frau -Marguérite Starkblom. Villa Weißes Haus.« - -»Ja«, flüsterte sie dann und ließ das Papier unentschlossen in ihrem -Schooß liegen. - -»Das ist seltsam«, meinte Starkblom, sie starr ansehend. »Verstehst du -es? Kannst du mich nicht aufklären? Wer weiß davon etwas? Und wer kann -sich unterstehen --?« - -»Es ist anders, lieber Karl. Hab nur Geduld. Laß mich erst lesen. Dann -vielleicht --.« - -Sie erbrach den Verschluß und las die wenigen Worte. - -»Warum höre ich nichts von dir? Bin aus Frankreich ausgewiesen und -schon auf der Reise zu Euch. Komme noch heute an. Hoffentlich steht -alles gut. Jean.« - -Sie reichte ihm mechanisch das Blatt hinüber, und er las und blickte -sie dann fragend und traurig an. - -»Marguérite, was heißt das? Wer ist der Mann? Woher weiß er --? -Schriebst du ihm von hier aus?« - -»Nein.« - -»Aber woher weiß er denn dann? Was ist das? Marguérite!« - -Und sie flüsterte: - -»Ich lebte mit ihm zusammen. Es geschah mit seinem Einverständnis, daß -ich hierher kam. Er ist --« - -Sie verstummte. - -»Mit seinem Willen? Das verstehe ich nicht. Marguérite! Was ist das? -Wie kann er dich Starkblom nennen?« - -»Er heißt selbst so, Karl, und ich nannte mich nach ihm. Ach, es ist ja -so gleichgiltig.« - -»Gleichgiltig? Und er heißt Starkblom? Und das wäre nur ein unerhörter -Zufall? Ist das ein Traum?« - -»Kein Zufall -- oder -- wie du’s nimmst. Er heißt Johannes Starkblom. -Er hält sich für deinen Bruder.« - -Starkblom durchfuhr es. Er stand rasch auf. - -»Was? Johannes? Der lebt? Und, -- und -- du -- mit ihm ... ach -Marguérite, was ist das für eine Geschichte!« - -Er setzte sich müde und abgespannt wieder auf den Stuhl. Die Sache -griff ihn an. - -»Alle meine Geschwister sind mir sonst ganz gleichgiltig. Ich kümmere -mich gar nicht um sie. Aber der -- das ist etwas andres. Und du --!« - -Marguérite schmiegte sich eng an ihn und legte den Arm um seinen Hals. - -»Geht es dir so nahe, mein liebster Schatz? Sieh, dafür kann ich ja -nichts. Und er auch nicht. -- Er hat es aber vorausgesagt.« - -»Was hat er gesagt?« - -»Daß -- nun wie es gekommen ist. Daß wir nicht mehr von einander -können. Zwar nein, so wird er es doch nicht gemeint haben. Er ist ein -so guter Mensch. Ich habe ihn sehr gern.« - -»So, Marguérite? Und ich?« - -»Aber, mein lieber guter Karl, das ist ja ganz etwas -- aber das läßt -sich ja gar nicht -- weißt du -- nein -- dich _liebe_ ich! Karl! -Verstehst du?« - -»Meine liebe Marguérite, ich glaube dir ja. Ich bin ja kein Philister! -Nur daß es mein Bruder --!« - -»Aber wenn es das nicht wäre, wäre ich ja nie zu dir gekommen. Nicht? -Willst du nun hören?« - -»Das ist auch wahr. Ja, erzähle, ich bin nun schon ruhiger. Das ist ein -Mensch! Der Johannes! Lebt sich der Mensch noch!« - -»Freilich lebt er! Er ist seit Jahren in Paris. Vor zwei Jahren -lernte ich ihn kennen und seit einem ungefähr leben wir zusammen. Er -hat fürchterlich viel mitgemacht im Leben. Weißt du, nicht innerlich -wie du, das viel weniger. Aber er ist herumgekommen, überall. Und -geschüttelt ist er worden. Nun, dadurch ist er eben ganz und gar frei -geworden. Mehr als wir alle. Er ist es praktisch. Um die Theorie hat er -sich nie viel gekümmert. Er macht alles mit, was die Nerven aufregt, -was neu ist, was ihn amusiert. Und dabei ist er ein so herzensguter -Mensch. Aber das darf man ihm nicht sagen. Er möchte es nicht sein.« - -»Da steht er nun völlig vor mir. Der Taugenichts! Ich hätte nicht -gedacht, daß das aus ihm wird. Er trieb immer das Gegenteil von dem, -was ich; und jetzt stehn wir fast auf demselben Fleck. Ja, ja, die Welt -ist rund! Und jetzt wird er ausgewiesen? Warum?« - -»Ach, das ist wegen dieser anarchistischen Geschichten. Wir haben da -ein wenig teilgenommen.« - -Starkblom stand auf und ging erregt hin und her. Dann fing er an: - -»O der Glückliche! Ihr Glücklichen! Was habe ich gebraucht, um dahin -zu kommen, wo ich jetzt stehe! Alles im Denken, im Grübeln, es zerriß -mich schier! Alles innen, es wollte heraus und drückte in mir zum -wahnsinnig werden. Und ihr -- und er! Er handelt, er nimmt teil! Er ist -unbekümmert!« - -»Und doch nicht epileptisch«, sagte Marguérite lächelnd. - -»Aber er hat etwas nicht, was ich habe. Ich bin so schwerfällig, ich -habe so viel altes, ich brauche so unsägliche Mühe, um es los zu -werden! Und jetzt, jetzt -- jetzt bin ich zu alt! Wenn ich dich nicht -hätte, wozu wäre ich noch gut? Und jetzt, jetzt, wird er dich mir nicht -entreißen? Marguérite! Verlaß mich nicht! Ich ... du ... ich brauche -dich ... über alles ... mein Einziges!« - -Marguérite drückte ihn fester an sich. - -»Mein geliebter Karl, er kann uns nicht trennen. Er wird es auch nicht -wollen. Wir bleiben immer beisammen, immer. Und schließlich --« - -Sie stockte. Dann setzte sie hinzu: - -»Nun, das wird sich finden. Wir wollen warten, bis er kommt. Freust du -dich nicht ein wenig?« - -»Ich weiß nicht. Vielleicht -- Mir ist bange. -- Wie kam er denn zu -meinen Schriften?« - -»O er liest viele deutsche Sachen, und neues Modernes aus aller Herren -Länder verschafft er sich immer. Er hat da einen kleinen deutschen -Buchhändler aufgetrieben in einem engen Gäßchen, der auf Kuriositäten -aus ist und besonders die Brochürenlitteratur pflegt. Der sagte ihm -nun einmal, als er bei ihm herumkramte: »Von Ihnen hab’ ich auch etwas -bekommen, Herr Starkblom. Das kann nur von Ihnen sein. Es ist zu toll.« -Nun, das war deine »Vision«. Nachdem ließen wir uns natürlich das erste -Sendschreiben auch kommen und durch den Verleger erfuhren wir die -Adresse und bekamen damit auch Sicherheit, daß du sein Bruder bist. Es -ist eigentlich sehr einfach und doch ist’s wieder wunderbar.« - -Die nächsten Stunden verbrachten sie unter unruhigem Hin und Her und -gleichgiltigen Gesprächen. Starkblom war ziemlich aufgeregt. - -Endlich gegen Abend klopfte es mit drei leicht hingeworfenen Schlägen -an die Thür und Hans trat ein. Marguérite trat ihm rasch errötend -entgegen und reichte ihm beide Hände. Der kleine Mann blinzelte ein -wenig an ihr hinauf, dann aber begnügte er sich damit ihre Hände -zu schütteln und dann an die Lippen zu ziehen. Er wollte sie im -Flüsterton etwas fragen, aber sie trat zur Seite und winkte mit dem -Kopf Starkblom zu. - -Der trat nun näher. - -»Sie sind Johannes Starkblom, der Sohn Adam Starkbloms, des -Schuhmachers?« - -»Ich kann’s nicht leugnen.« - -»Dann sind wir Brüder.« - -»Ja, das sind wir ganz sicher.« - -Es trat eine Pause ein. Dann begann der Ältere: - -»Wir haben uns sehr lange nicht gesehen. Wir kennen uns nicht mehr.« - -»Ja nun also,« fiel Hans lebhaft ein, »lassen wir den ganzen -lächerlichen Bruderschwindel zu Hause. Die Sache wird sonst furchtbar -ungemütlich. Sie wissen -- Marguérite hat Ihnen jedenfalls gesagt, wie -sehr Sie uns sympatisch sind -- und -- nun einfach -- wir machten das -Experiment, Sie vom Tod zu retten, ich kam zuerst auf den Gedanken, -weil ich das Leben nämlich so furchtbar, so ganz unsagbar liebe! Und -nun -- wie steht die Sache? -- Ich setze mich.« - -Als Starkblom schwieg, sagte Marguérite leise zu Hans: - -»Du hattest Recht.« - -Da rief er vergnügt: - -»Nicht wahr? Bravo, bravissimo! Also gerettet! Lebensfreudig! Von -unsrer Art? Nun dann -- Bruder, schlag ein! Nun sind wir Brüder!« - -Karl legte seine Hand in die seine, sagte aber verlegen lächelnd: - -»Ich glaube, Marguérite meinte es ein wenig anders mit dem Recht haben, -und vielleicht hat dann auch die Brüderschaft noch einen andern Sinn. -Sie -- du sollst in Paris etwas vorausgesagt haben -- nun, es traf ein, -vollständig, nach jeder Richtung.« Er stand auf. »Und da ist nichts zu -ändern. Nicht wahr, Marguérite? Wir zwei haben uns gefunden in freier -Liebe, und nichts kann uns trennen -- nichts!« - -Hans sah lange auf die beiden, dann antwortete er: - -»Also doch! Nun -- darauf war ich gefaßt, und während der Reise ist -mir’s schon zur Gewißheit geworden. -- Marguérite! es wäre mir sehr -unbequem, ohne dich zu leben. Ich habe mich so an dich gewöhnt, kurz -- -hol’s der Teufel, ich hab’ dich wahnsinnig lieb! Und du -- Marguérite? -Alles aus? Weggeblasen? Na -- wenn schon -- denn schon!« - -»Gar nicht, Hans, gar nicht: ich habe dich so lieb wie je, ganz und -gar. Nur das -- diese Liebe, das ist neu. Karl und ich -- nun eben -- -du hast es immer leugnen wollen, aber es giebt doch etwas wie eine Ehe.« - -Karl war still zur Seite getreten und hörte ruhig zu. Er wußte, sein -Glück war gesichert, und nun nahm er Interesse an dem Geschick des -armen Hans -- so nannte er ihn in Gedanken. - -»Eine Ehe soll’s geben?« erwiderte Hans in ruhigem Ton. »Ja, es kommt -darauf an, wie du das meinst. Also das, wie wir lebten, das nennst du -nicht Ehe?« - -»Nun, es kommt ja auf’s Wort nicht an. Daß das viel besser und schöner -war, als was man sonst gewöhnliche Ehe nennt, das ist natürlich ganz -selbstverständlich. Aber, siehst du, es mag seltsam klingen, aber es -ist so: wir hatten doch eigentlich nur geistige Gemeinschaft.« - -»Na, na, das ist aber eine sehr kühne Behauptung, Marguérite. Das -dürfen Sie beileibe nicht glauben, Herr Bruder im Geist, na, Sie -wissen ja, was für ein Geist.« - -»Jean, du wirst gereizt, ich hör’s am Ton, und das ist nichts für -dich. Ich bleibe ganz und gar bei dem, was ich sagte. Es giebt -Menschenpaare, die Erfahrung habe ich wenigstens gemacht, seit ich Karl -kenne, bei denen geistige und körperliche Gemeinschaft, ich möchte -sagen, organisch zusammenhängen. Gewöhnlich ist’s bloßes zufälliges -Zusammentreffen. Angenommen, und so war’s bei dir und mir: Ihre Seelen -stehen sich nahe und aus Bequemlichkeit machen die Körper die Sache so -mit. Aber das ist nicht unbedingte Notwendigkeit. Daß wir, gerade wir -beide, zusammen gehörten und zusammen taugten, ganz und gar, und uns -gar nichts anderes denken konnten, so war es nicht, nein, so war es -nie!« - -»Jetzt ahne ich, was du meinst. Verzeih, aber das ist eine ganz -überspannte Geschichte. So was giebt’s gar nicht. -- Der langen Rede -kurzer Sinn aber ist wohl der: Für mich giebt’s keinen Platz! Da sind -nur zwei Stühle und die sind besetzt. Nicht?« - -Die beiden schwiegen. - -»Ich muß jetzt doch wie ein Kapitalsesel vor euch stehen« fing Hans -wieder an. »Der ganze Plan stammt ja von mir. Sowie ich die Brochüre -gelesen hatte, noch ehe ich ganz sicher war, daß Sie mein Bruder sind, -ich dachte es mir zwar gleich, da fuhr es mir durch den Kopf: Den rette -ich durch Marguérite! Es giebt nur _eine_ Marguérite, dachte ich, die -kann’s, nur die. Verteufeltes Vergnügen hat mir die Geschichte gemacht; -und daß Sie sich in sie verlieben, habe ich sofort in die Berechnung -gezogen, ich dachte schon, eine kleine Tragödie giebt’s, es wird ihm -ein bischen zusetzen, aber am Leben bleibt er, dann erst recht. So -ungefähr. Und nun? Herrgott, Marguérite, wie kann’s nur sein, daß du -mich nicht mehr liebst, und ich hab’ dich lieber als je! Wie habe ich -mich nach dir gesehnt die letzten Tage! Ist gar nichts zu machen? -Entschließt du dich nicht anders, nun ich da bin?« - -»Nein Hans,« sagte sie, »ich habe dich recht gern, ich denke gern an -alles zurück, und ich verdanke dir ja so vieles --« - -»Nichts verdankst du mir, nichts. O du! Du!« - -»Aber jetzt ist es anders. Wir gehörten zusammen, Karl und ich, und -mußten uns finden. Es ist schade, daß ich nicht an die Vorsehung -glaube.« - -»Hm,« machte er und lächelte trotz seiner Erregung. »Na, Herr Bruder, -man ist natürlich der Dritte, der jubelt? Das Wort paßt nicht ganz, -thut aber nichts. Na wie wär’s? Wollen wir jetzt mit einander ein wenig -sterben spielen? Wenn Sie alle Künste Ihrer mächtigen Beredsamkeit -anwenden, bringen Sie mich vielleicht so weit.« - -»Nein, Hans,« erwiderte Karl Starkblom, »ich denke vorerst nicht mehr -an den Tod. Und ich hoffe, Sie werden den Schmerz auch überwinden --« - -»Ich bitte Sie, jetzt keine Phrasen. Schmerz ist anders. Schmerz -- -Schmerz -- das wäre also Schmerz? Das Wort ist eigentlich gar nicht -so übel -- Schmerz. Jedenfalls ein verfluchter Zustand. Furcht vor -Langeweile hätte ich ihn genannt. Jetzt muß man wieder suchen; ich weiß -nicht einmal, wo wohnen; ich hatte doch gehofft, wir könnten hier eine -Zeitlang beisammen bleiben --?« - -Er hielt inne und blinzelte die beiden an. Sie schwiegen. - -»Also nicht? Egoisten!« - -»Ach Marguérite!« schrie er plötzlich, und die Leidenschaft überwand -seine künstliche Haltung. Das kleine Männchen zitterte am ganzen Leib. -»Marguérite, du warst mir eine Gefährtin; du hast mit mir gelacht, -wenn ich lachte, du hast meine Launen geduldig ertragen, und warst so -sanftmütig und so innig und so verständnisvoll -- -- o pfui, wie ist -mir’s jetzt so öde! Äh!« - -Er setzte sich, stützte den Kopf auf und kratzte mit der andern Hand im -Barte. - -Da sah er plötzlich auf. - -»Ich kenne eure deutschen Verhältnisse nicht mehr so recht,« hub er -an. »Wer von euren Spießbürgern, ich meine die Professorenseelen und -Staatsmänner und so weiter, wer ist denn da besonders populär wegen -seines makellosen Rufes, humaner Gesinnung, kurz ein recht braver guter -Ehrengreis?« - -»Ich wüßte im Moment nicht -- warum fragst du?« - -»Den müßte man umbringen,« sagte er lächelnd. - -Sie sahen ihn erstaunt an. - -»Nu ja -- das hätte doch einen ganz eigenen Reiz. Nicht? Die Welt denkt -an dies und das, aber auf so was ist kein Mensch gefaßt. Das bringt -Bewegung in den Ameisenhaufen, und wenn der Thäter ruhig zusehen könnte --- es müßte ein kurioses Vergnügen sein.« - -»Weiteren Zweck würdest du keinen damit verfolgen?« - -»Zweck? Mensch, wie weit sind Sie eigentlich in der Kultur -zurückgeblieben? Hinter Ihren eigenen Brochüren sind Sie ja -zurückgeblieben? Oder ich habe sie nicht recht verstanden. Ich meine, -die Hauptsache ist, daß man gar nicht nach Zwecken fragt, sondern -blos nach sich selber? Ich habe nun einmal so einen Geist, dem so was -Vergnügen macht. Warum sollt’ ich’s nicht thun? Vielleicht thue ich’s -auch nicht, vielleicht werde ich hundert Jahre alt und habe das nicht -gethan, was mir am meisten entsprochen hätte, aber eine Schande wär’s -dann. Jedenfalls!« - -»Das alles liegt mir sehr nahe,« sagte Starkblom düster. »Einen Moment -war ich vielleicht auch da, aber ich kann nicht, ich kann nicht. Und -jetzt schon gar nicht mehr. Ich kann nicht mehr blos verneinen. Ich -muß etwas haben, wofür ich mich erwärme. -- Ist das die Stimmung der -Anarchisten? Denken Sie eben so?« - -»O nein,« fiel Marguérite rasch ein. »Durchaus nicht. Sie wollen -etwas. Ihr Treiben hat einen Sinn. Sie sind durchaus nicht ohne Wärme. -Durchaus nicht ohne Natur.« - -»Also immer noch?« fragte Hans bitter. »Deine alte Liebe? Nun, sie sind -nicht ganz ohne, und so sind sie, wie du sie schilderst. Hitzige und -unklare Menschen. Ich habe die Verteidigungsrede des einen bei mir, den -sie jetzt »hingerichtet« haben. Ihr kennt sie jedenfalls noch nicht. -Ich muß sagen -- nun eben, ein Fisch bin ich auch nicht, und die Worte -des Mannes haben mich ins Mark hinein erschüttert. Soll ich sie euch -vorlesen?« - -»Ich bitte darum,« rief Karl lebhaft und gleichzeitig rief Marguérite: -»Ja, ja! Ich kenne den Mann nur aus Schilderungen, aber er war ein -Mensch!« - -»Ja, das war er,« sprach Hans feierlicher, als er selbst es an sich -gewohnt war. Dann suchte er in seiner Brusttasche unter allerlei -Papieren, bis er ein halb zerfetztes, auf schlechtem Papier gedrucktes -Zeitungsblatt hervorholte. Dann las er. - -»Wenn ich das Wort ergreife, so geschieht dies nicht, um mich zu -verteidigen gegen die Thaten, welcher man mich beschuldigt; denn nur -die Gesellschaft allein, welche durch ihre fehlerhafte Organisation -die Menschen zum fortwährenden Kampfe des Einen gegen den Anderen -zwingt, ist verantwortlich dafür. Sieht man heute nicht in allen -Klassen Menschen, welche ihren Mitmenschen, ich sage nicht den Tod, das -klingt zu schlecht, aber ein Unglück wünschen, wenn solches ihnen einen -persönlichen Vorteil bringen kann? Zum Beispiel: Hegt der Geschäftsmann -nicht den Wunsch, sein Konkurrent möchte verschwinden? - -Wünscht der Arbeitslose, um Arbeit zu erhalten, nicht, daß der -beschäftigte Arbeiter aus irgend einem Grunde entlassen wird? Nun gut; -in einer Gesellschaft, wo solche Dinge vorkommen, hat man sich nicht zu -verwundern über Thaten wie die, deren man mich beschuldigt. - -Da es nun so bestellt ist, so habe ich, wenn der Hunger an mich -herantritt, nicht zu zögern, diejenigen Mittel anzuwenden, welche -zu meiner Verfügung stehen, selbst auf die Gefahr hin, Opfer zu -hinterlassen. Bekümmern sich etwa die Arbeitgeber darum, wenn sie -Arbeiter entlassen, ob dieselben vor Hunger sterben? Alle Diejenigen, -welche im Überfluß schwelgen, bekümmern sich diese um die Menschen, -welchen die notwendigsten Nahrungsmittel fehlen? - -Es giebt ja einige Leute, welche Unterstützungen verabfolgen, aber sie -sind ohnmächtig, um den Millionen, die im bittersten Elend leben und -nicht selten ihrem Leben freiwillig ein Ende machen, zu helfen. - -Ja, die Opfer dieser Gesellschaft sind zahllos. So hat die Familie -Hayem und die Frau Sonheim gehandelt, welche ihre Kinder ermordete, -da sie es nicht länger mit ansehen konnte, wie sie vor Hunger litten -und so handeln _alle_ Frauen, welche, in der Furcht, daß sie ihr Kind -nicht ernähren könnten, lieber ihre Gesundheit und ihr Leben in Gefahr -bringen, indem sie die Frucht der Liebe frühzeitig töten. - -Und alles dieses passiert inmitten des Überflusses! In Frankreich, -wo alles in Hülle und Fülle vorhanden ist, wo die Metzgerläden -mit Fleisch, die Bäckerläden mit Brot überfüllt sind, wo die -Kleidungsstücke, Schuhe u.s.w. in unendlichen Massen in den Magazinen -aufgethürmt liegen! - -Aber da kommen wieder Andere und sagen: »Das Alles ist wahr, aber -unabänderlich. Sehe Jeder, wie er durchkomme.« - -_Das habe ich gethan._ Ich wollte nicht Hungers sterben und wollte mich -nicht mit dem Gedanken beruhigen, daß man mir nach meinem Tode ein -paar mitleidsvolle Worte auf’s Grab wirft. Ich überließ das Anderen. -Ich habe es vorgezogen, Schmuggler zu werden, dann Falschmünzer, Dieb, -Mörder. Ich hätte betteln können; das ist herabwürdigend und feige, -und das Betteln wird ja außerdem von Euren Gesetzen bestraft, welche -aus dem Elend ein Verbrechen machen! Wenn alle Bedürftigen, anstatt -abzuwarten, da nehmen würden, wo etwas ist, und zwar ganz gleich durch -welches Mittel, dann würden die Gesättigten vielleicht viel schneller -verstehen, daß es Gefahr in sich birgt, die heute bestehenden sozialen -Verhältnisse zu verteidigen, in welchen die Ungewißheit permanent und -das Leben jeden Moment bedroht ist. - -Man würde wahrscheinlich viel eher einsehen, daß die Anarchisten Recht -haben, wenn sie sagen, daß, um die moralische und physische Ruhe zu -erhalten, es notwendig ist, die _Ursachen_ zu zerstören, welche die -Verbrechen und die Verbrecher erziehen. - -Deshalb habe ich die Thaten vollbracht, deren man mich beschuldigt, -und die nur die logische Konsequenz des barbarischen Zustandes Eurer -Gesellschaft sind. Man sagt, daß man grausam sein muß, um seinen -Nebenmenschen zu töten; aber diejenigen, die so reden, sehen nicht, daß -man sich nur dazu versteht, um nicht selbst den Tod zu erleiden. - -Sie, meine Herren Geschworenen, welche aller Wahrscheinlichkeit nach -mich zum Tode verurteilen werden, handeln gerade so wie ich; Sie -verurteilen mich, weil Sie glauben, daß es eine Notwendigkeit ist. -Sie schaudern, wenn Sie von einem Mord hören; aber Sie zögern keinen -Augenblick, zu morden, wenn Sie bedenken, daß der Mord zu Ihrer -Sicherheit erforderlich ist. Der einzige Unterschied, der zwischen uns -besteht, ist der, daß Sie ohne persönliche Gefahr morden, während ich -meine Freiheit und mein Leben dabei auf’s Spiel setzte. - -Meine Herren! Sie sollten nicht sowohl die Verbrecher verurteilen, als -die Ursachen der Verbrecher vertilgen. - -Es wird immer Verbrecher geben; heute vertilgen Sie einen, morgen -werden zehn neue geboren. Was ist da zu machen? Das Elend abzuschaffen, -diesen Keim des Verbrechens. Und wie leicht ist das zu realisieren! Es -genügt, die Gesellschaft auf einer neuen Basis aufzubauen, wo Alles -Gemeingut ist, und worin Jeder, indem er nach seinen Anlagen und -Kräften produziert, nach seinen Bedürfnissen konsumiert. - -Dann würde man weder Leute antreffen, wie der Einsiedler von -»Notre-Dame-de-Grace«, noch solche, welche betteln gehen um eine Münze, -dessen Sklave und Opfer sie gleichzeitig werden! Man würde keine -Frauen mehr finden, welche ihre Körper verkaufen und keine Männer mehr -wie Pranzini, Prado, Berland, Anastay und Andere, welche um dieser -Münze willen Mörder geworden sind! Das beweist sonnenklar, daß die -Ursache aller Verbrechen immer die nämliche ist und daß man wirklich -wahnsinnig sein muß, dieses nicht einzusehen. - -Ich bin nur ein einfacher Arbeiter ohne Bildung; aber weil ich -das Leben und die Existenz des Elends miterlebt, fühle ich die -Ungerechtigkeit Eurer repressiven Gesetze weit besser, als ein reicher -Bourgeois. - -Woher nehmen Sie sich das Recht, einen Mann zu töten oder einzusperren, -welcher, auf die Welt gesetzt mit dem Bedürfnis, zu leben, sich in -die Notwendigkeit versetzt sah, zu nehmen, was ihm fehlte, um sich zu -ernähren? - -Ich habe gearbeitet, um zu leben und um den Meinigen zum Leben zu -geben, und so lange, wie ich und die Meinigen nicht über das Maß -gelitten haben, bin ich geblieben, was Sie »ehrlich« nennen. Dann ging -die Arbeit aus und mit der Arbeitslosigkeit kam der Hunger. Da erst hat -sich das Naturgesetz geltend gemacht, diese imperative Stimme, welche -keine Replik duldet; der Instinkt der Selbsterhaltung trieb mich dazu, -etliche von den Verbrechen zu begehen, deren Sie mich anklagen und -deren ich mich schuldig bekenne. - -Richten Sie mich, meine Herren Geschworenen; wenn Sie mich aber -verstanden haben, indem Sie mich verurteilen, richten Sie alle -Unglücklichen, welche das Elend, alliirt mit dem natürlichen Stolze, zu -Verbrechern machte und welche mit einem glücklichen Auskommen ehrliche -Leute geblieben wären! Ich wünsche, daß Sie, die Sie mich zum Tode -verurteilen werden, daß Andenken an diesen Spruch so leicht tragen -möchten, wie ich meinen Kopf unter das Messer der Guillotine legen -werde!« - -Eine Weile waren alle drei stumm. Hans nagte an seiner Unterlippe, Karl -blickte mit weiten Augen ins Leere. Marguérite weinte, und sie war die -erste, die wieder sprach. Sie trat auf Hans zu und streckte ihm die -Hand hin. Dazu sagte sie voll warmen Gefühls nur das eine Wort: - -»Hans!« - -Er berührte flüchtig ihre Hand und ließ sie gleich wieder los. - -»Na ja. Was hilft mir das?« Er deutete auf Karl. »Da sieh deinen« -- - -»Hans!« - -»Was denn? Jetzt wollte ich wahrhaftig ganz brav sein. Sieh nur deinen -Mann! Wohin schaust du denn, Karl?« - -»Ich kann nicht anders,« rief Karl Starkblom mit einem Mal laut. »Ich -liebe diese Menschen. Ich komme nicht los davon.« - -»Wovon denn?« - -»Vom Sozialismus. Ich glaube daran.« - -»Hm. Nicht übel. Ich vielleicht auch. Ich weiß es wirklich selbst -nicht. Ist auch egal. Wir erleben’s nicht.« - -Karl schaute wieder. Marguérite und Hans ließen ihn gewähren und -schwiegen. - -»Marguérite, rasch,« rief Karl plötzlich ängstlich. »Papier, Tinte! -Rasch. Ich könnte es vergessen.« - -Und er lief im Zimmer hin und her. Marguérite holte das Nötige und Karl -schrieb stehend rasch ein paar Zeilen. - -»Ich habe noch etwas zu sagen,« sprach er dann, »ich habe noch etwas -auf dem Herzen. Ich will wieder reden zu den Menschen!« - -»Was hast du vor?« fragte Marguérite. »Wieder ein Heft?« - -»Ja. Lies den Zettel nur. Du ahnst vielleicht, was mir vorschwebt.« - -»Bitte, Marguérite, lies vor. Ich darf doch?« fragte Hans. - -»Gewiß, gewiß.« - -Nun entzifferte Marguérite langsam das hastig Geschriebene. - -»_Utopien_, das wäre vielleicht eine Aufgabe, der ich gewachsen wäre, -Utopien zu schreiben. Ausbau von allem, wozu jetzt die Ansätze da sind. -Psychologie, Technik, Kunst, Stadt und Land, Verkehr, Geselligkeit, -Familie, Natur. Kurz: alles sagen.« - -»Das gefällt mir,« meinte Marguérite. »Das kannst du.« - -»Ihr seid glücklich, meine Herrschaften,« sagte Hans plötzlich -aufstehend. »Und ich werde mich später vielleicht über euer Glück -freuen, und wenn der Onkel Hans an eurem Feuer sitzt und euer Kind auf -seinem Schenkel reiten läßt, dann sagt er wohl schmunzelnd: »Kinder, -das verdankt ihr alles mir. Ich habe euch zusammengekuppelt.« Vorerst -sind wir aber noch nicht so weit und ich gehe jetzt. Adieu, Bruder -- -viel Glück -- nein, ich mein’s wirklich ernsthaft, ich kann mir nicht -helfen. Aber gehen muß ich jetzt schleunigst. Wegen des Hotels, es wird -sonst zu spät. Also --« - -»Adieu, lieber Hans, ich hoffe bestimmt, wir sehen uns später wieder. -Und wenn du einmal --« - -»Ganz richtig, wenn ich Geld brauche, schreibe ich.« - -»Hoffentlich. Ich bitte dich, aber auch ohne das zu schreiben.« - -»Auch das halte ich für sehr wahrscheinlich. Manchmal eine Zeile, -manchmal ein halbes Buch. Wie’s kommt. Nun denn --« - -»Lieber Hans, leb wohl,« sagte Marguérite leise und schickte sich an -sich zu ihm zu beugen. Hans aber trat einen Schritt zurück und blitzte -sie mit seinen kleinen Äuglein scharf an. Dann sprach er mit leicht -bebender Stimme: - -»Nein, Marguérite, was du zum Empfang verfehlt, machst du zum Abschied -nicht wieder gut. Jetzt will ich keinen. Mitleidsküsse schmecken nicht. -Ich erinnere mich noch zu gut -- weißt du. Also, na denn, adieu!« - -Er schüttelte ihr die Hand, nickte Karl nochmals leicht zu, dann nahm -er seinen Hut und ging rasch zur Thüre hinaus. Man hörte noch, wie -er im Gang und auf der Treppe die Marseillaise zu trällern anfing -und plötzlich mit einem Fluch abbrach. Dann reichten sich Karl und -Marguérite die Hände und schauten sich verlegen lächelnd an. - -Endlich sagte Marguérite leise: - -»Hätten wir nicht doch lieber -- Nein, es geht nicht. -- Liebst du die -Einsamkeit?« - -»Ob ich die Einsamkeit liebe?« brach Karl mit starker Stimme aus. »Ich -_hasse_ sie. Aber ich brauche sie. Hier sitzen und Bücher lesen und -schreiben und schreiben und schreiben und dann sich mit dem Drucker -herumzanken, Korrekturen lesen -- glaubst du wirklich, das sei das -Leben, das mir innen in meiner Seele vorschwebte, als ich wieder anfing -ein Mensch zu sein und mir zu gehören? Nein, nein, das Bild werd’ ich -nicht los, das ich als Knabe vor dem Einschlafen schon immer sah: Ein -mächtig zusammengedrängter Volkskörper, der nach vorwärts schießt, und -ich mitten drin und doch über ihm als Redner und Sänger und Prophet und -Führer. Ach, was ist das für eine jämmerliche Krämerzeit, in die wir -hineingefallen sind, wir wissen wahrhaftig nicht, warum. Auch jetzt, -wenn ich schreibe, wo ich reden und singen und jubilieren möchte -- -aber auch jetzt -- ich wende mich immer an Menschen, die ich nicht -sehe, ich ahne, zerstreut in der Welt, hier und da, müßten sie sein, -die mich hören -- aber ich kenne sie nicht, ich habe sie nie gesehen. -Was ich sehe von den Menschen und ihren Einrichtungen und ihrem -Gebahren -- das glaubt kein Mensch, wie mich das anekelt. Weißt du, -ich habe oft das Gefühl, ich müsse mich krümmen und winden können vor -Widerwillen, daß mir das Innerste nach außen gekehrt würde. Aber ich -_will_ nur -- die Kraft habe ich nicht.« - -Er schwieg ein wenig, dann fuhr er mit leiserer Stimme fort, indem er -ihre Hand faßte. - -»Jetzt ahnst du vielleicht, Marguérite, _was_ du mir bist. Seit ich -lebe, der erste Mensch, vor dem mir nie geekelt hat; was du auch -begannst und was wir auch zusammen thaten, es war mir immer natürlich -und immer schön und ich glaube, so wird es bleiben. Aber weißt du, -was das heißt und was du mir bist? Das einzige Wesen, mit dem ich -leben kann, das ich mir gleich fühle. Ach, ich bin nicht mehr jung -genug für die Einsamkeit. Ich möchte einen Kreis von Menschen um -mich haben -- ach, ich bin ja so bescheiden geworden -- an Millionen -und Abermillionen leuchtender Menschengesichter will ich ja nicht -mehr denken, ich verzichte auf die Tausende, daß ich hundert finde, -ich kann’s nicht glauben, aber zwanzig Menschen vielleicht, die mir -anstehn, die möchte ich manchmal um mich haben, zwanzig Menschen, mit -denen ich oft zusammen bin, die ich gern haben kann, die aus aller -Herren Länder sich um mich finden zu persönlichem Verkehr -- zwanzig -Menschen, in deren Umgebung sich meine Lippen nicht bös im Ekel -verzerren müssen -- ist das zu viel verlangt, Marguérite?« - -Sie drückte seine Hände stärker. - -»Vielleicht finden wir sie, Karl. Einen so nach dem andern. Hans?« - -»Du nimmst mir das Wort aus dem Munde. Ich dachte eben an ihn. Ich -glaube, ich habe ihn recht verstanden, und ich meine, ihn müßte ich -immer gern haben können. Vielleicht kommt er später wieder. Vielleicht. -Daß er jetzt ging, ist doch gut. Nicht, Marguérite? Fürs erste brauchen -wir ihn wirklich noch nicht.« - -Dabei lächelte er. - -»Es war ein langer Tag heute, Karl. Willst du noch nicht zur Ruhe -gehen?« - -»Geh nur voran einstweilen, Marguérite. Aber öffne vorher die Fenster, -beide. Dann will ich noch ein wenig hier allein bleiben und vielleicht -fange ich schon an mit der Arbeit. Und wenn der Fluß unten rauscht und -die Nachtluft auf breiten Wogen hereinströmt und der Wald der tausend -Bäume harmonisch ertönt, will ich davon träumen, ich spräche zu meinem -Menschenvolk und es antworte mir feierlich in brausendem Zuruf, und die -Natur habe ihre Sinne geöffnet und sei eins mit uns Menschen. Ich danke -dir, Marguérite. Einstweilen gute Nacht.« - -Marguérite ging leise aus dem Zimmer, und Karl Starkblom stellte sich -ans offene Fenster und schaute lange ins Dunkle und auf die winzigen -in der Ferne zuckenden Lichter und hielt in Träume verloren seine Hand -hinaus ins Freie. - - ❦ - - - - -Sechster Abschnitt. - -=Utopien= - -von - -Karl Starkblom. - -Meiner lieben Frau und dem kommenden Kinde gewidmet. - - -Ich erkläre es feierlich und wie ich hoffe vor Zeugen: - -Ich habe mich nicht erschossen noch sonst irgendwie ums Leben gebracht. -Und ich werde mich nicht erschießen oder sonst mir den Tod bereiten, -solange ich noch Lebenskraft in mir fühle, Lust zu wirken und zu -genießen. - -Eine Frau ist zu mir getreten früh morgens im Sonnenschein. Sie hat -im weiten Kreis den Arm bewegt und hat mir die tauglitzernde Welt -erschlossen. Sie hat mir gesagt, es sei etwas herrlich schönes ums -Leben und im Nu habe ich dasselbe empfunden. Ich liebe das Leben und -ich liebe dich, Marguérite. Und sie wird mir ein Kind gebären und wir -werden beisammen bleiben. Wir werden gewiß noch lange nicht sterben. - -Meint ihr, ich sei auf eure Weide heimgekehrt, ihr grasenden -Bürgerseelen? Frohlockt ihr über das verirrte Schaf, das spät in der -Nacht doch noch den Weg zum Stalle gefunden und nun mit freudigem -Meckern zu seiner Krippe springt? - -Fürwahr, ich will eure Schafställe und Heuschober euch anzünden, daß -die Funken sprühen und ein loderndes Feuerwerk gen Himmel prasselt. -Ihr Erbärmlichen, was wagt ihr zu leben neben uns wenigen, die das -Leben in Schmerzen begriffen haben? Euer Dahinkriechen, wäre das der -vielberufene aufrechte Gang? Eure kleinen Freudlein, wäre das der -Jubelbraus des Daseins? Glaubt ihr, eure Zahnschmerzen (denn das sind -doch die heftigsten eurer Kümmernisse), die machten euch das Leben -verständlich? Ihr saftlosen Lauwarmen, ihr wißt ja nichts von der Kälte -der Todesnähe und von der siedenden Glut des neu schießenden Lebens. -Geht mir weg! Geht weit weg. Bleibt hinten, denn ich will vorwärts -blicken und heiter jauchzen und lachen. - -Ich würde mich dennoch erschießen und qualvoll verzerrten Gesichtes -dies schöne, ja dies schöne Leben lassen. Es würde mich nicht dulden -auf Erden. Nicht eine Stunde mehr. Ja auch jetzt ersticke ich schier -und werde zerrissen von dieser entsetzlichen Qual und Schmach. Ich -würde mich töten, wenn ich meinen Glauben nicht hätte. - -Euch also will ich fragen und mit meinen Blicken bohrend anstieren, -ihr Skeptiker und ihr Unmoralischen, die ihr mit mir geht auf einsamer -Höhe so manchen Weg und so manche Verneinung: Wie könnt ihr leben? Wie -ertragt ihr es, trotz eurer Fähigkeit schön zu genießen, nicht längst -von eigener Hand gestorben zu sein? Und ich frage euch, so ungern -und zögernd ich euren Namen in den Mund nehme: ich frage euch, ihr -_Christen_, wie ertragt ihr es, da zu sein in Freude und Wohlleben? Ihr -einen habt gar keinen Glauben, und ihr andern habt keinen irdischen -Glauben -- ich frage euch und ich beschwöre euch: antwortet mir und sei -es nur stammelnd: ihr wißt, worauf euer Leben und eure Behaglichkeit -ruht, euch ist bekannt, daß Millionen armselig vegetierender Sklaven -für euch arbeiten und euch ermöglichen, so da zu sein wie ihr da seid --- wie könnt ihr das Leben ertragen? Ihr Skeptiker, ihr seid keine -Löwen, lüget nicht, ihr seid nicht Unmensch noch Übermensch, ihr -glaubt nicht, daß das zu ändern sei, ihr meint ehrlich zu wissen, daß -das Elend und die Erbärmlichkeit unausrottbar ist und ihr schämt euch -nicht, daß ihr lebt? Ihr schämt euch nicht eurer Freuden und des hohen -Genusses eurer Geistesschmerzen? Ihr ertragt es zu leben? Das frage -ich wieder und immer. Und ihr -- ihr -- nun, sei es denn nochmals -gesagt, ihr _Christen_, ihr tragt blendend weiße glänzende Wäsche an -eurem Leib, die ihr nicht verfertigt und ihr nicht gewaschen, ihr -klimpert in der Tasche mit güldnen Dukaten, ich sage nicht, die ihr -nicht verdient, ich sage nur, die andern mangeln, ihr seht Not und -Elend in millionenfacher Masse aufgetürmt, ihr seht Schmutz und Unrat, -durch den ihr nicht waten müßt, ihr seht Schweiß auf Stirnen, den ihr -nicht schwitzet und ihr nicht einmal abwischen könnt, und euch duldet -es so zu leben wie ihr lebet? Wahrlich wäre ich Christ und glaubte an -das Himmelreich und glaubte, daß Not und Kummer unabwendbar von Gott -gefügt sei in diesem Jammerthal -- ich wollte mein redlich gewogenes -Teil Not und über und über gehäuften Kummer, ich wollte Sklave sein und -mich abrackern und stöhnen und hungern und wäre ich unter den Ärmsten, -so wollte ich immer noch tiefer, tiefer hinab zu den Elendesten und -Jammervollsten. Ihr aber seid Herren und ihr könnt es? Ihr eßt Braten -und Kuchen und ihr erstickt nicht? Ihr seid sauber und andrer Schmutz -frißt sich nicht tief in euer Fleisch? Ihr habt einen Pfennig mehr als -der letzte Knecht und er brennt euch die Seele nicht ab? Ihr lebt? ihr -genießt? und andre sterben vor Not? Ihr atmet leicht und tief in eurer -Sommerfrische und andre quält die lungenfressende Sucht in dumpfem -Kellergelaß? Das vermögt ihr? Ihr ertragt es zu leben? Jetzt, Sprache, -das Wort! Das rechte Wort. Ich finde es nicht. Ich ringe und suche -- -o ihr Schufte! Ihr Jammerseelen! Ihr -- ihr, ihr Lumpe! Ihr -- ihr -Gesindel! - -Und damit speie ich euch weit von mir, ihr Namenlosen; seit urlanger -Zeit zum ersten Mal habe ich nicht über euch weggesehen; jetzt aber -seid ihr mir wieder tot. Tot? Nein. Ich atme das Wort schnell wieder -in mich zurück. Der Tod ist zu gut, um euch verdauen zu können. Das -Auge sieht euch nicht und kein Ohr vermag euch zu hören; Menschenzunge -und Gaumen weigert sich euch zu schmecken. Unfaßbar seid ihr und nicht -zu begreifen; aber ein Gestank herrscht überall; nicht auf der Erde, -nicht im Wasser noch in der Luft; im Feuer lebt ihr so wenig wie Feuer -in euch. Ein namenloser, wesenloser Gestank -- das seid ihr mir. - -In recht schlechte Gesellschaft habe ich euch gebracht, meine geliebten -Skeptiker und Unmoralischen. Aber solltet ihr es nicht etwas um sie -verdienen? Gewiß, auch ihr seid mir ein wenig anrüchig. Denn ihr lebet -und thätet besser zu sterben. Und das sage ich euch in Liebe und -aus Erbarmen. Nervöse Schwächlinge seid ihr und wollt doch auf eure -Schultern laden, was Tyrannen und Riesen aus eherner Vorzeit und wilder -Renaissance nicht vermocht hätten. Ihr seid nicht blind, aber ihr könnt -es nicht sehen. Ihr seid nicht taub, aber ihr könnt nicht davon hören. -Von der unteren Schichte nämlich. Ihr glaubt sie ewig und unabweisbar --- aber man soll euch in Ruhe lassen. Wie reimt sich das? Sie pocht -an eure Thore und läßt sich nicht abweisen. Und wenn die untere Welt, -wie ihr sagt, nicht gehoben werden könnte, dann würde doch die obere -zerstört werden müssen. Ihr würdet wahnsinnig werden, nicht Einzelne, -nein, ihr Alle würdet dem Irrsinn verfallen, bis ihr doch endlich euch -zum Sterben entschlösset, verrückt machen würde euch das ewige immer -verstärkte Klopfen und Scharren und Schreien und Tosen. Meint ihr, das -könnte je wieder enden? Der Glaube wäre kindisch. Wer nicht mehr an -den Vater im Himmel und ans ewige Leben und die gerechte Vergeltung -glaubt _und doch elend ist wie er nicht sein möchte_, der hört nicht -auf mehr zu rebellieren und müßte die Erde darüber in Trümmer fahren. -Wer nicht an das Jenseits glaubt und nicht im Fette sitzt -- und die -werden bald alle nicht mehr daran glauben -- der glaubt an die Erde und -an die lebendige Freude und an die werdende Schönheit. Das bleibt und -kommt immer wieder und klopft und zertrümmert -- bis die Stätte zurecht -gehauen ist, wo alle im Geiste zu leben vermögen -- weil nämlich der -Körper und sein Leben und seine Pflege selbstverständlich geworden ist. - -Und jetzt, meine skeptischen Freunde, jetzt habe ich euch, wo ich euch -wollte. Schon lange sehe ich auf euren Lippen das sichere Lächeln eines -trefflichen Einwandes. Erhebet eure Stimmen, nur zu! Was wollt ihr mir -entgegenschleudern? - -Aha -- allerdings, das, gerade das habe ich erwartet. Ihr sagt mir, ich -sei wieder zurückgegangen, ein roter Krebs sei ich wieder geworden und -die _Utopie_, die ich eben gezeichnet, die habe ich früher schon in -prächtigen Farben gemalt und doch wieder weggewischt mit dem Schwamm -des Todes. Dies Reich der Freiheit, der graziösen Leichtigkeit der -Bewegung, dies Reich der Schönheit und des trunkenen Fluges -- das -sei das Reich der Philosophie; in jener Welt, die freilich möglich -sei, müsse die grinsende Frage herrschen: _wozu das Ganze und nochmals -wozu?_ und keine Antwort gebe es, ewig keine. Und der Massentod der -Menschheit sei es, der nun kommen müsse, kommen mit Naturnotwendigkeit. - -Jawohl, das habe ich gekündet; ihr habt es gut behalten. Und nun, -da ihr da seid, wo ich euch wollte, nochmals frage ich euch: warum -lebet ihr? warum sterbt ihr nicht? Ihr glaubt nicht an das Reich der -Schönheit und der Freiheit aller Geborenen, ihr fühlt euch nicht eins -mit dem Streben der Knechte diesem Ziele entgegen, wie wagt ihr zu -leben? Was? Ihr habt auch eure Marguérite und auch noch euren Genuß? -Ihr Sklavenhalter, dann sollen sie euch auspeitschen, die auch genießen -möchten und es nicht können. Oder glaubt ihr nicht, es sei dem Sklaven -auch ein Genuß, seinen Herrn und Vorenthalter zu prügeln? - -Ich will euch sagen, was mir das Recht giebt, so zu euch zu reden und -so von der Höhe auf euch herabzusehen. Ich bin eine glitzernde Welle -im Strom und tummle mich froh dem Meere entgegen; ihr aber seid nur -ein unwillig mitgerissenes Stück faulenden Holzes, das sich nach dem -sandigen Ufer sehnt, um da in der Sonne zu trocknen und zu verdorren. -Ich liebe nicht nur mich selbst und mein Spielzeug -- »Weib« heißt die -glänzendste eurer Vergnügungen -- ich rausche mit im grünenden Wald, -und meine Genossin ist kein zart mich umrankender Epheu, der langsam -aber sicher mit seiner Umkosung die stärkste Eiche ins Mark hinein -verdirbt, ich und sie, Baum neben Baum, recken uns stolz in die Höhe -und unsere Wipfel neigen sich bald zart, bald feierlich zu einander -und flüstern und küssen und reden und träumen. Ich habe gelernt Mensch -zu sein und die Menschheit wieder zu lieben; ich stehe mitten drin und -mache mit -- vorwärts geht es und immer vorwärts. Ich glaube ans Ziel, -ich glaube an den Ernst und an die Schönheit, ich fühle mich eins mit -den Knechten und fühle mich eins mit dem All! Ich lebe! Ich habe das -Recht zu leben. - -Das könne jeder sagen, schmunzelt ihr mir zu mit widerlicher -Vertraulichkeit. Das sei eine Ausrede. Mir gehe es wie jenen -Namenlosen, die auch den Armen an Leib und Geist das Himmelreich -versprächen und selber mit dem Diesseits und dem irdischen Genuß sich -vergnügten. Himmelreich oder Zukunft, das sei ein und dasselbe. Auch -das habe ein gewisser Starkblom früher mit allen Glocken verkündet. Dem -Genuß und der Freude entsagen gleich dem Elendesten müsse ich, wenn ich -ehrlich sei, alles der Gesamtheit zu opfern sei meine Pflicht. Alles -oder nichts -- so heiße es hier. - -Jawohl -- viel _Wahrheit_ steckt in eurem Hohne. Das ist es auch und -das allein, was unser Lächeln verbittert und uns einhüllt in das graue -beklemmende Gewand der Melancholie. Unser Leben _ist_ widerspruchsvoll, -jawohl, ein untrennbares Gemisch aus Festklammern an süßer Gegenwart -und Hinaussehnen nach herrlicher Zukunft. Seit das Leben nichts anderes -mehr ist als Erdenwandel und Welt der Sinne, giebt es keine ruhige -Konsequenz mehr in unserm Dasein. Das ist und bleibt das erste und -das vorderste und das tiefste: ich bin ich und ich lebe und will mein -Glück! Hineingeflochten in das wirre Gewebe und Gestrebe unruhiger, -qualvoller, drängender, stoßender Zeit hauen wir um uns, um unsern -Platz zu erringen, wir können nicht anders. Ich bin ich! Jetzt lebe ich -und niemals in Ewigkeit wieder. Ich habe meine Stätte und ich will sie -behalten. - -Ich aber kann so nur leben, wenn ich mich leidenschaftlich schäme, daß -ich so leben muß. Ich stehe nur auf diesem Boden, wenn ich gleichzeitig -rastlos daran arbeite, ihn zu erschüttern und abzugraben. Ich kann nur -genießen, indem ich glaube, daß die Traube bald allen winkt. Ich kann -nur andre für mich arbeiten lassen, indem ich mitarbeite aus all meiner -Kraft für die kommende Zeit, wo es keine Herren und Knechte mehr giebt. - -O wenn ihr diese Widersprüche und ihre Notwendigkeit nicht versteht, -dann gehet weg von mir und weg aus dieser Zeit und weg aus diesem -Leben. Leicht ist es, die tausendfarbige, vieltönende Welt der -Erscheinung mit flüchtigem rohem Drucke in eine Formel zu pressen. -Leicht ist es, die Welt, wie sie heute ist, für ewig auszuschreien. -Und leicht war es, ich gestehe es ein, diese Welt der Vernichtung -preiszugeben und den Tod zu predigen allem was lebt. Jetzt aber predige -ich Leben, Leben für heut und alle Ewigkeit. Solange ich lebe, fühle -ich mich eins mit allem was lebt. Solange ich da bin, sehe und denke -ich als Mensch für die Menschen. - -Klar will ich nicht sein, meine Freunde. Aber ich ahne vieles und ich -sehe Ahnende sich um mich versammeln und mit mir ziehen auf meinem -Wege. Ich bin nicht zurückgewandelt zu den Moralischen und werde es -nie. Vieles hasse ich und verneine ich mit euch wie früher und immer; -eingeschworen bin ich auf keine Formel und keine Partei; aber Mensch -bin ich unter Menschen, solange ich lebe; wirken will ich in Raum -und Zeit für das Wachsen der Menschen und das Blühen der Erde; vieles -verneine ich, aber ich bejahe mit frohem Jauchzen das Leben. Denn -abgesagt habe ich dem ewigen Denken und damit dem Tod; ich träume und -tummle mich, ich genieße meinen Leib und meine Seele, ich genieße meine -Nächsten und genieße mein Ahnen des Entferntesten. Ich fühle meine -Kraft und spüre das leidenschaftliche Hinausschleudern meiner Triebe -und all meines Innern. - -Alles Einzelne hat mir gedroht in grauer Nichtigkeit zu versinken: die -Natur und das Treiben der Menschen, die Technik und die Produktion der -Bedürfnisse, die Wissenschaft und die Kunst. Und jetzt ist mir alles -wieder interessant. Meine Augen sind nicht mehr beschattet von dumpfer -Betrübnis, ich öffne sie weit und beschaue mir ernsthaft die Welt. -Mein Denken ergießt sich wieder über die Erde, ich träume hinein in -unmeßbare und unaussprechliche Fernen, alles will ich wieder bewältigen -und alles mit meiner Sprache beherrschen. Frei und unbekümmert nehme -ich Stellung zu allem, was sich mir naht und ich lege mein Bekenntnis -ab über alles, was mir bekannt wird. - -Und das ist es, was ich von euch verlange, ihr Führer der Völker: _Ihr -sollt bekennen!_ - -Und ein zweites ist es, was ich von euch verlange, und seltsam nimmt -sie sich vielleicht aus in _meinem_ Munde, diese Forderung: _Ihr sollt -nüchtern sein!_ - -Damit meine ich euch vor allem, ihr Träumer und Dichter und Künstler -und ihr Männer der Wissenschaften. - -Fasset in euer Auge mit einem weiten Blick das Panorama der Kultur, -das sich eröffnet mit den Namen: Voltaire, Kant, Goethe, Byron, -Schopenhauer. - -Und dann blickt mir auf das zweite Bild: Dampfmaschinen, Dampfschiffe -und Eisenbahnen, Elektrizität und rationelle Landwirtschaft. - -Welcher Umschwung in der _geistigen Kultur_ entspricht dieser -riesenhaften Veränderung im Verkehr und in der Herstellung der -Bedürfnisse des Lebens und des Genusses? Und welcher sollte ihr -entsprechen? Und welcher wird ihr entsprechen? - -Sehet das zweite Bild, wie ich es euch male: - -Geistesrohheit des emporgekommenen Philistertums, geistlose, ekelhafte -Genußsucht, barbarische Kampfbereitschaft der Völker gegen einander, -ungeheure neue Heere geistig und leiblich aufs entsetzlichste -vernachlässigter moderner Sklaven, gewaltiger Aufschwung der Feigheit -und Heuchelei und des Aberglaubens, dem Wahnsinn nahe Vereinsamung -fortgeschrittener Künstler und Denker. Ächtung der freien Moral, des -freien Gedankens, des freien Wortes -- des freien Lebens. Ekelhaftes, -sinnezerstörendes Gesamtbild aus der Vogelperspektive! - -Ihr sollt bekennen, ihr Dichter und Führenden, die Hand sollt ihr in -die Lüfte recken zum Fluch über dies gemeine Geschlecht, die Geißel -sollt ihr schwingen über die Rücken dieser Böotier! - -Und nüchtern sollt ihr sein, ihr Träumer und Denker, nicht fürder auf -romantischem Roß zu blauen Wolken emporsprengen, die Welt sollt ihr -schauen so wie sie ist, gewahren sollt ihr die Wirklichkeit und in ihr -erblicken, was möglich ist und was werden muß. - -Und euren Willen sollt ihr mir wecken und satteln, anspornen sollt -ihr ihn und kühn hineinreiten in das Land der Zukunft. Begraben sei -immerhin der Pegasus mit seinen angeschnallten Gänseflügeln, wenn nur -das Dampfroß für euch lebendig wird und der Dampfpflug Europas Boden -schüttert für fruchtbaren Samen. Glück sollt ihr säen für kommende -Menschen, und schaffende Hoffnung auf endlich und endlich reifende -goldene Saat ist die Freude des Säemanns. - -Ich glaube nicht an ewige Wahrheiten und ich sehe vorerst noch nichts -davon, daß die Menschenvernunft mächtiger ist als die im Zufall -rollenden Welten. Sonne, Mond und Sterne gehn heute wie immer und -morgen wie heute ihren lachenden Gang, ohne nach uns zu fragen, und -winzige Tierchen und Pflänzchen bauen ihre Geschlechter auf unzählige -Menschenleichen. Und stets noch beginnt die Welt mit jedem Kinde von -neuem, und über dem Wechsel der Generationen wie dem Lauf der Gestirne -waltet der Zufall. Noch lange wird alles Bedenken über den Haufen -gerannt von ungezügelter treibender Leidenschaft, und die unsinnige -Summe vieler kleiner Selbständigkeiten nennt sich Geschichte. Noch -unendliche Zeit wird der schwerste Kampf aller Kämpfe währen: der -Streit zwischen Geistesfreude und Geistesweh, und oft noch möchten wir -vernünftig sein und können es nicht, möchten wir gedankenlos fließen -und müssen bedächtig schreiten. - -Aber wer will leugnen, daß sie noch nicht tot ist, die Göttin der -Vernunft, sondern erst beginnt sich zu dehnen und auf sich selbst -zu besinnen? Daß des achtzehnten Jahrhunderts Ausgang immer wieder -erwacht und alle Jahrhunderte zwingt in seinen Bahnen zu wandeln? -Daß der Zufall auf allen Gebieten, wo er sich nur betreten läßt, zäh -bekämpft wird auf Schritt und Tritt? Daß vor allem die Organisation -der Arbeit schon an der Schwelle der Erfüllung steht, die nur von -freien Lebendigen überschritten werden kann? Daß eine Organisation der -Geselligkeit auf eisernen Schienen uns näher und näher gleitet, die -gewaltige Menschenkomplexe zu einer Familie macht? Daß Wissenschaft -und Kunst mit einer Erziehung schwanger gehn, die Untergang schwemmt -über jahrtausendalten Aberglauben? Es giebt Revolutionen, die man zu -machen aus Versehen vergessen hat; wer glaubt nicht, daß die nahende -Revolution eine gründliche sein kann, daß ihr Strom jahrtausendalten -Unrat mit sich fortspült? O ihr, die ihr an die allmähliche Entwicklung -glaubt, vieles und Gewaltiges hat sich schon lange langsam angebahnt, -und die Stufen, die ihr wähnt, erst noch betreten zu müssen, sind -längst schon hinter uns, ohne daß ihr es gemerkt. Was thut es, daß ihr -dann auf einmal in der Versenkung verschwunden seid; wenn wir nur oben -stehn! - -Wem viele Dinge selbstverständlich sind, der folge mir nach. Das Wort, -das ich einst gesprochen, ich wiederhole es heute. Den Sozialismus -aber habe ich immer für möglich gehalten und seine Erfüllung für -selbstverständlich. Aber ich habe ihn unsagbar gefürchtet, weil mir -das Leben ein Greuel war und weil ich sah, daß mit seiner Ankunft das -Innerste des Lebens nackt vor uns daliegen müsse. Und ich habe auch -jetzt nichts gegen den Tod; auch jetzt noch zu Zeiten naht mir die -Stimmung, wo meine Seele helle Lieder jauchzt ihm zum Lob und Preis. -Tröstlich und ein erquickendes Labsal ist die Erinnerung, daß ich frei -sterben kann, wann immer es mir so gefällt. Verdorren möge mir Hirn und -Zunge, wenn den Tod ich jemals verläumde! - -Aber verheimlichen wir es uns doch nicht länger; unsre lächelnden -Augen verraten es ja doch: wir haben _alle_ das Leben unsagbar gern! -Und wir machen uns _alle_ ein Bild von der Welt nach unserm Willen, -und wir wollen alle wirken, um die Erde umzugestalten nach unserm -Herzen. Wenn wir denn alle eine heimliche Geliebte haben, laßt uns -doch kämpfen, um sie zu erringen! Wenn wir doch alle den Todesgedanken -in all seiner Hoheit erfaßt haben, lassen wir sie doch fallen, die -kleinliche faltenreiche Gewandung ewiger Rücksichten und unsterblichen -Philistertums. Das Wort ist so alt und will doch immer wieder -gesprochen sein: Da wir doch alle nur _einmal_ leben und nach unserm -Tod für menschliche Welt und menschlichen Geist nicht mehr vorhanden -sind, sei doch ein jeder unter uns so groß und so frei, so wohlgemut -und so leichtsinnig, so ernst und so kühn, als ihm in seiner Seele -zuinnerst beschieden ist! - -Kennt ihr die Geschichte von der heimlichen Geliebten des Jünglings? -Er war zaghaft und wagte nicht sich ihr zu nähern. Und er machte lange -Jahre Reisen in fremden Ländern, um sie zu vergessen. Das aber war -ihm nicht beschieden, und im stillen war seine Sehnsucht übermächtig -gewachsen und mit eins erhob sich wieder in ihm ihr Bild und wich nicht -mehr von ihm und drückte in seinem Herzen, daß es laut aufschrie. Da -kehrte er zurück nach seiner Heimat. Wie er sie aber wieder vor sich -sah in ihrer leuchtenden Schönheit, mit der hohen Anmut ihrer Gestalt -und ihrer Bewegungen, die viel wunderbarer war in ihrer farbigen -Wirklichkeit, als ihm die blasse Erinnerung gezeichnet hatte, da preßte -er voll scheuer Angst vor der spröden Schönen seine Seele zusammen und -machte sein Herz klein. Aber als die Sehnsucht seines Blutes nicht mehr -zu bezwingen war, da schlich er sich in einer mondlosen dunkelblauen -Nacht in ihr Schlafgemach. Lange betrachtete er da die feinen Züge -der Schlafenden und blickte halb betäubt auf das wogende Schwellen -der Brüste. Da konnte der keusche Jüngling sich nicht mehr bezwingen, -und leise, leise, ganz langsam, daß das Betttuch nicht knisterte und -sie nicht erwachte, legte er sich neben das schlafende Mädchen und -er preßte die gekreuzten Hände wider seine Brust und das Blut schlug -ihm donnernd an seine Pulse und Blitze sprühten vor seinen Augen. Und -sein Atem ward immer kürzer und stoßender, und seine Haut brannte wie -Feuer und wollte es nicht leiden, daß ein Raum war zwischen ihm und dem -kühlen rosigen Leib des Mädchens. Da konnte er nicht mehr, er preßte -seine Lippen fest zusammen und hielt seinen Atem an. Und nachdem er -einige Zeit nicht mehr geatmet hatte, öffneten sich seine Lippen -langsam und die Hände fielen ihm schlaff von der Brust und sein Blut -hämmerte nicht mehr und sein Fleisch war nicht mehr heiß. Und als die -heimliche Freiheit morgens erwachte, da lag der zage Jüngling, der sie -hätte erringen können, tot und kalt neben ihr auf ihrem Lager. - -Auf denn, meine Gefährten, es ist nicht wahr, was man euch in fremden -Ländern versichert hat, die Freiheit sei tot und sei nur noch ein -verblichenes Wort, es ist nicht wahr, sie lebt immer wieder und -verkörpert sich jedem in einer besondern Schönheit. Laßt uns denn -endlich heimkehren in ihre Lande und um sie werben und todesmutig, daß -heißt lebensfreudig für sie kämpfen! - -Seht nun das dritte Bild, daß ich euch male! - -Ein Festtag. Verlassen steht heute die riesige Produktionscentrale mit -ihren ungeheuren Anlagen, in der die Knaben und Mädchen, die Männer -und Frauen der weiten Gegend sonst ihre Vormittage verbringen. Früh -morgens schon verließen die Menschen heute ihre Villenkolonieen, um -in kleinen Gruppen auf ihren Dampfwagen und elektrischen Kutschen -unter Gesang und Musik nach den weiten Versammlungsstätten zu fahren. -Dort zerstreuen sie sich in den Kunsthäusern und Wissenschaftshallen, -den Spiel- und Tanzplätzen und wieder andere erquicken sich an -Wein und Speisen. Später, gegen Mittag, füllt sich dann der große -Versammlungsplatz, und hier werden öffentliche Dinge besprochen und -erledigt, neue Erfindungen und wissenschaftliche Aufstellungen werden -mitgeteilt und oft bekämpfen sich die Vertreter gegensätzlicher -Meinungen scharf und entschieden. Inzwischen haben die Knaben und -Mädchen sich bei den Spielen getummelt und herüber hinüber in keckem -Rufen und Haschen neue Bekanntschaften geschlossen. Nachmittags mag man -sich wohl wieder in kleinere Gruppen trennen, man fährt und geht und -schaut spazieren, man rudert auf dem Flusse oder man fliegt im Ballon -oder sonstwie in die blauen Lüfte hinauf. Wenn die Sonne sich zum -Untergang neigt, haben sich neue und alte Liebespaare längst gefunden -und hie und da in Korn und Hecken liegen sie wohl in traulichem -Gespräch oder in heißer Umarmung. Abends wenn es kühl wird, bedecken -die Menschen wohl ihre Nacktheit mit den Tüchern. Die Dunkelheit -führt sie wieder enger zusammen auf dem breiten Rasen, dem hie und -da manchmal Leuchtkugeln und Raketen entfliegen. Im übrigen denkt man -heute und meistens nicht daran, den Tag künstlich zu verlängern, man -ist froh, daß das Dunkel seine blauen Fittige um die Erde schwingt. -Feierlicher und erhobener werden nun die Gespräche und die Gesänge, und -nun erheben sich auch nicht mehr gesehen die Dichter in der Menge und -tragen ihre neuen Werke, die ihnen in den Mußestunden gediehen, zum -ersten Mal vor und alte vielbegehrte wiederholen sie manchmal mit neuen -reizvollen Wendungen geziert. Tief in die Nacht hinein bleibt man so -beieinander, bis man, wenn es warm genug ist, einschläft so wie man da -ist, oder auch aufbricht, um die Behausungen zu erreichen. - -So aber wird es ganz gewiß nicht kommen, sonst hätte es keinen Sinn -danach zu streben! - -Es kommt immer anders, und vielleicht sind auch die Gedanken, die mir -innen in meinem Kopfe wohnen und wachsen, ganz andere als die sich mir -hier im freien gestaltet haben. Ihr glaubt mir doch, daß ich noch die -Kraft habe, manchmal unglücklich zu sein? Weh mir, wenn ich das nicht -mehr könnte! - -Ein sonderbarer Unheiliger hat mich jüngst besucht, meine Freunde, -und als ich ihn deutlich besah, war es ein Teil meiner Selbst, das -sich da vor mir aufgepflanzt hatte. Nur ein Stück eines Menschen war -er und doch ein ganzer Kerl. Er sagte mir, der moralische Sinn in ihm -sei längst und völlig erstorben, er habe nur noch ein Prinzip: wenn er -von einer menschlichen Einrichtung nicht wisse, warum sie sei, bemühe -er sich das Gegenteil zu thun, ganz zwecklos, nur aus Prinzip, zu -seiner seltsamen Freude. Er wisse nicht, warum der Mensch nicht lügen -und töten solle; Rücksicht auf Menschen kenne er nicht und Gott sei -ihm nicht vorgestellt; also wolle er lügen und töten. Wenn man das -Wort überhaupt anwenden wolle, das sei dann seine Moral: die äußerste -Konsequenz seines Denkens zu ziehen. Es sei freilich schwer, vielleicht -vollbringe er es auch nicht, aber dann wandelte ihn eine Art Scham an, -obwohl auch das altmodisch sei. - -Meine Freunde, ich habe euch in dieses harte Eisland geführt, um euch -eine Grenze zu zeigen. Hier ist die Grenze des Begriffs und des Worts -und der Logik. Wer bis dahin gekommen ist mit seinem Denken, der muß -sich hier entscheiden: will er ein Kalter sein oder ein Warmer? Da ist -das Land der eiskalten Sprache und Logik, und keine Widerlegung giebt -es auf diesem Boden. Wer ihn betritt, der muß in den Spuren dieses -Mannes wandeln, kein Ausweg zeigt sich ihm mehr. Wer aber nicht in -diesen Wahnsinn frieren will, der kehre um und wende seinem Denken den -Rücken, solange es Zeit ist. - -Ich bin kein Moralischer, aber ich bitte euch doch: Seid nicht boshaft! -Ihr seid auf einem falschen Wege zu weit vorgegangen; wollt ihr den -rechten Punkt finden, so müßt ihr wieder ein wenig zurück. Ihr seid -zu früh daran mit eurer nackten Vernunft. Es ist noch nicht Zeit, -die Seele erfrieren zu lassen. Thut nichts, dessen Ende ihr nicht -wenigstens ahnen könnt. Hütet euch vor der geistigen Bosheit! Seid -lieber manchmal noch ein Tier! - -Das ist es was ich von euch verlange, ihr Träumer und Denker: _ihr -sollt warm sein_! - -Und das heißt mir soviel als: Ihr sollt keine einzigen sein, ihr sollt -euch gesellen, ihr sollt lebendig leben und den Tod dem Tod überlassen. - -Ich will euch etwas sagen, meine Freunde, denn ich halte es nicht -länger aus. Das Kichern und Lachen und Murren rauscht mir schon lange -in den Ohren. Hinter meinem Rücken stehen zwei Arbeiter, und die lachen -mich aus. Und eben sagte der eine zum andern: - -»Der dumme Kerl! Was schwatzt er nur für verdrehtes Zeug? Das eine -wissen wir längst, beinahe schon vor unserer Geburt, und das andere -ist uns ganz und gar unverständlich, und wenn er es uns tausend Mal -vorkaut. Wir haben keinen Magen für so gewürzte Speisen.« - -Der Mann hat Recht, ganz und gar. Aber, ihr Arbeiter unter meinen -Genossen, zu euch rede ich heute nicht. Freilich setze ich auf euch vor -allen andern meine Hoffnung; wäret ihr nicht da, es wäre kein Übergang -möglich zu dem was wir wollen. Aber davon spreche ich heute nicht, ich -habe noch viel auf dem Herzen und hoffe es alles mit der Zeit sagen zu -können. Und »Übergang«, so mag die nächste Schrift heißen, die ich euch -sende, und darin rede ich dann von euch, vom Proletariat! - -Heute aber wende ich mich an ganz andere Menschen; heute rede ich zu -der zweifelhaftesten und bedenklichsten Menschensorte, zu den Träumern -und Denkern aus der bürgerlichen Welt. Es ist nicht der Vortrab des -Bürgertums, es sind nur Vereinzelte, die sich seitwärts schlugen, dahin -und dorthin, und die alle Gemeinsames haben. Ich kenne sie gleich, wenn -ich sie treffe, an dem bittern Zug um die Lippen und dem heimlichen -Lächeln ganz hinten in ihren Augen. Diese Jugend also rufe ich auf; -sie nennen sich Abfall und Jahrhunderts-Ende, ich aber sehe noch viel -Rettenswertes an ihnen, ich möchte sie sammeln im Felde der Zukunft; -im Lager des Proletariats; die höchste, fast schon überdrüssige Kultur -möchte ich vermählen der jungen raschen Kraft des vorwärts stürmenden -Aufschwungs. - -Ich bin ein alter Mann, aber -- das sage ich heute mit frohem Stolz -- -ich habe erreicht, wonach ich mich so heiß gesehnt, _ich bin wieder -jung geworden_, und ich empfinde mit der Jugend, nein, ich bin sogar -ihr Vorschmack und Vorempfinder. Zugleich bin ich bei den jungen -Zigeunern des Bürgertums, die ich aufmuntere, meine Wege zu betreten, -und zugleich bin ich beim jungen Proletariat, dem ich die Freiheit -bringen will, jetzt nicht die ökonomische Freiheit, die es sich selbst -erringen wird, nein, die Freiheit des Einzelnen, der kühn und unbesorgt -allem entgegenblickt. Ich schwanke nicht von einem zum andern, in mir -sind die Gegensätze vereint, und widerspruchsvoll ist nur das Wort, -nicht das Leben. Mein Leben ist jung und reich, folge mir nach, wer -kann! - -[Illustration] - - - - -Druck von Gebr. Adolph & Co., Dresden-Löbtau. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. - Ansonsten wurde die teilweise inkonsistente Originalschreibweise - beibehalten. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. - Der Schmutztitel wurde entfernt. - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESPREDIGER *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. 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Unbefugter Nachdruck wird -gerichtlich verfolgt.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[1]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Einleitung">Einleitung.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.jpg" alt="" /></div> -<p class="drop">Die Geschichte, die ich erzählen will, ereignete sich -in jener im Großen und Ganzen glücklichen -Zeit, da sich die Planeten um die Sonne drehten ohne -zu fragen warum, und die Sonne ganz gedankenlos, -ohne sich nach einem Spiegel zu sehnen, ihre leuchtenden -Strahlenbündel von sich schleuderte. Die Epoche, -wo das Weltall begann, über sich selbst und seine -Bestimmung zu philosophieren, war noch nicht angebrochen, -der Weltschmerz in des Wortes eigentlicher -Bedeutung, das wehvolle Stöhnen des großen Kosmos, -das seiner Auflösung ins absolute Nichts vorherging, -war noch nicht eingetreten. Jedoch war das Allgemeinbefinden -der einzelnen Weltkörper schon wesentlich -differenziert, und auf einem derselben, auf der Erde, -zeigten sich für den feinen Beobachter bedrohliche -Symptome. Das ganze Erdenrund war allmählich<span class="pagenum" id="Seite_2">[2]</span> -von einem grünlichen Schimmel überzogen worden, -der sich bemühte, zugleich ein Spiegel und eine schlechte -Kopie des Weltungeheuers zu sein. Jeder auch der -kleinste Teil dieses gewaltigen Riesen ging gedankenlos -seine eigenen Wege und kümmerte sich nicht im -mindesten um andere. In dieser überlegungslosen -Selbständigkeit bestand das Weltglück. Auf dieser -schimmligen Erdrinde aber entstanden kümmerliche -Wesen, die für sich nichts waren und sich darum an -einander anlehnen und einander befehden mußten und -es erwuchsen allmählich Arten statt Individuen, Gesellschaften -statt Personen. Ein krankhafter Keim -steckte in jedem kleinsten Teilchen dieser Erdoberfläche, -es war das Bewußtsein oder doch die Anlage dazu. -Welche Art am meisten von diesem Gift in sich trug, -die errang die Herrschaft über die übrigen, die war -aber auch zugleich am nächsten dem Zustand der Selbstvernichtung, -der aus dem Selbstbewußtsein hervorging -auf dem Wege über die Selbstverachtung und den -Selbstschmerz. Diese Rolle war schon seit geraumer -Zeit dem Geschlechte der Menschen zugefallen. Es ist -die Aufgabe der Geschichte dieser merkwürdigen Tiergattung, -zu zeigen, wie gerade sie besonders dazu befähigt<span class="pagenum" id="Seite_3">[3]</span> -war und auf welchem Wege sie sich dem angegebenen -Ziele näherte. Ich darf das wohl als bekannt -voraussehen und bitte sich rasch an diese ganze -Entwickelungsgeschichte des Menschengeschlechtes rückzuerinnern -bis zu dem Punkte, wo das Bewußtsein -schon den Grad erreicht und überschritten hatte, wo -der Selbstekel und der Selbstschmerz, den der Mensch -in Überhebung vielleicht, vielleicht aber auch in zukunftsbanger -Ahnung eine Zeit lang Weltschmerz -nannte, begann. Die langsame Entwicklung und das -stetig sich verändernde Fortschreiten und Umsichgreifen -dieses Eigenwehs dauerte, oft unterbrochen und scheinbar -verschwunden, schon mehrere Jahrhunderte an, -das Christentum und dann die Reformation und dann -der Rationalismus und die Revolution waren gewaltige -Heilversuche, die aber notwendig fehlschlugen. Dann -kam eine kurze Periode dumpfer Resignation und verzweiflungsvollen -Schmerzes, die Zeit des Romantismus, -ironische und zerrissene, aber durchweg halbe Männer -waren die führenden Geister, und in zweiter und -dritter Reihe tauchten auf die feinsinnigen, frauenhaften -Gestalten, mit der melancholischen Ruhe und -den zarten aristokratischen durchgeistigten Händen,<span class="pagenum" id="Seite_4">[4]</span> -schmiegsame Leute ohne Rückgrat, deren Wille gebrochen -war.</p> - -<p>Dann aber kam herauf der ewig denkwürdige Versuch -der Vernunft, sich kalten Blutes auf sich selbst -zu besinnen, die entsetzte Rückschau auf die Entwicklung -der Vergangenheit und das gegenwärtige Treiben, die -Auflösung und Abschüttelung alles überlieferten Herkommens, -der Strich unter die ganze Rechnung der -menschlichen Geschichte, und das Wagnis, nach all den -Erfahrungen den Staub der Vorzeit von den Händen -zu waschen und das Leben der Menschheit von vorn -auf vorsichtig geprüftem Grund zu beginnen.</p> - -<p>In diese Jahre, in denen Abgelebtes und Vorzeitiges, -Unreifes und Faules, Abgespanntes und Vorwärtsstürmendes -neben einander wohnte, fiel das -Leben des Menschen, von dem ich im folgenden -erzählen will.</p> -<p class="center p2 larger"> -❦ -</p> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[5]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Erster_Abschnitt">Erster Abschnitt.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-e.jpg" alt="" /></div> -<p class="drop">Er war der zweite Sohn des Schuhmachers Adam -Starkblom und dessen Ehefrau Elisabeth und -hatte die Namen Max Emanuel Karl Wilhelm erhalten; -man nannte ihn Karl. Geschwister hatte er -sieben: zwei Schwestern, Elise und Kathrine, und fünf -Brüder: Adam, Justus, Leberecht, Friedrich und -Johannes. Sein Vater hatte anfangs viel zu thun -gehabt und die Familie gut erhalten können, war -aber später durch sein phlegmatisches und beschauliches -Temperament allmählich heruntergekommen und -hatte sich, obwohl er früher äußerst nüchtern und -zurückhaltend gewesen, nachdem er schon die Grenze -des Mannesalters überschritten, dem Trunke ergeben. -Er starb am Herzschlag, 64 Jahre alt. Dieser Lebensführung -des Vaters entsprechend war die Erziehung -der Kinder ausgefallen: Adam hatte seiner Neigung<span class="pagenum" id="Seite_6">[6]</span> -gemäß in ein großes Handelshaus in Hamburg in -die Lehre treten dürfen und brachte es dazu, ein vermögender -Plantagenbesitzer in Haïti zu werden, Karl -durfte studieren, Elise besuchte die höhere Mädchenschule -und heiratete, neunzehn Jahre alt, einen vermögenden -Schlossermeister, Justus war beim Vater in die Lehre -gegangen und besaß nunmehr eine kleine Schuhfabrik -in Pirmasens, Leberecht war Branntweinbrenner, -Friedrich Unteroffizier, Johannes war gänzlich verbummelt -und schließlich vom ältesten Bruder mit nach -Haïti genommen worden, von wo er aber bald auf -einem englischen Kauffahrteischiff durchbrannte, seine -Spur war verschwunden und er blieb verschollen; -Kathrine endlich, die jüngste, war auf ein Operettentheater -gegangen, wurde dann die Geliebte eines reichen -Offiziers und endlich Straßendirne. Die Mutter -war diesem letzten Wochenbett erlegen; kein Wunder, -daß das hinterlassene Kind im Hause des blöden, -trunksüchtigen Vaters nicht die beste Erziehung erhielt.</p> - -<p>Karl hatte schon im Elternhause eine besondere -Stellung eingenommen; er beteiligte sich nur ungern -an den lärmenden Spielen der Brüder und Kameraden -und ging am liebsten allein seiner Wege. Er war ein<span class="pagenum" id="Seite_7">[7]</span> -verschlossenes, träumerisches Kind, das nicht verstand, -aus sich herauszugehen. In seinem neunten Jahre -etwa fing er an viel zu lesen, alles was er im Vaterhause -fand, aber wenn ihm etwas gefiel, las er es -immer und immer wieder, sodaß er große Stellen -der Romane, die ihm in die Hände kamen, auswendig -wußte. Von seinem fünfzehnten Jahre an hörte er -mit einem Male fast gänzlich auf mit dieser Art -Lektüre und las nur noch wenig und planmäßig: die -Klassiker, Bücher litterarhistorischen, religiösen und -philosophischen Inhalts. Was er nicht verstand, legte er -ruhig beiseite, was ihn ergriff, lernte er durch häufiges -Lesen auswendig. Er schloß sich gern an die Schwester -Elise und deren Freundinnen an und war bald unter -seinen Brüdern und Mitschülern, die den blassen -Sonderling nicht leiden mochten, als »Mädlesschmecker« -verspottet. Bei Tisch und wenn er sonst -mit Eltern und Geschwistern zusammen war, war er -still und in sich gekehrt, beteiligte sich aber gern, wenn -ihn ein Thema interessierte, am Gespräch der Alten -und konnte da schon früh hitzig und vorlaut werden; er -war darum verschrieen als altkluges, frühreifes Kind. -In der Schule war er immer unter den Ersten, da<span class="pagenum" id="Seite_8">[8]</span> -er sehr schnell auffaßte und ein gutes Gedächtnis -hatte, doch arbeitete er wenig. Seine Lehrer konnten -ihn nicht leiden, einigen war er verhaßt. Er meldete -sich selten, wenn etwas gefragt wurde, wußte aber fast -stets Bescheid und antwortete kurz und klar. Nur -manchmal hatte er vor sich hingeträumt und stand -dann ruhig und blaß da, ohne den Mund zu öffnen. -In seltenen Fällen ward er lebhaft, meldete sich, trug -warm, ja manchmal feurig vor, was er wußte, -oder meinte; ja einige Male hatte er es gewagt, dem -Lehrer zu widersprechen.</p> - -<p>Noch bevor er sechzehn Jahre alt war, stand es -ihm völlig fest, daß er Philosophie studieren und das -Rätsel der Welt ergründen wolle. Am Ende des vorletzten -Schuljahres jedoch schon kam er allmählich davon -ab. Sein kluges Auge sah, wie rasch der Vater -herunterkam, und es leuchtete ihm ein, daß er einen -praktischen Beruf ergreifen müsse. So antwortete er -von da ab ruhig auf alle Fragen, was er studieren -wolle: Jurisprudenz, und dabei blieb er. Sowie er -sich dazu entschlossen hatte, sah er kein philosophisches -Buch mehr an, beschäftigte sich eifriger als früher mit -den Schulaufgaben und suchte auch jetzt schon für<span class="pagenum" id="Seite_9">[9]</span> -Fragen des täglichen Lebens Verständnis und Interesse -zu gewinnen. Er machte ein gutes Abgangsexamen -und bezog, etwas über achtzehn Jahre alt, -die Universität.</p> - -<p>Freundschaft hatte er erst in seinen letzten Schuljahren, -als seine Neigung zur Philosophie hervortrat, -kennen gelernt. Vorher hatte er kein Bedürfnis nach -Umgang gehabt. Jetzt drängte es ihn, Meinungen, -die ihn originell und sogar tief dünkten, teilnehmenden -Freunden vorzutragen und im Gespräch auszuspinnen. -Es fand sich so eine Anzahl hochstrebender junger -Menschen zusammen, von denen indeß, wie es häufig -zu gehen pflegt, die meisten in der Schule nicht recht -mitkamen. Anfangs bildete sich eine förmliche philosophische -Gesellschaft, in der aber auch dem Bedürfnis -der Jugend zu dichten und das Geschaffene mitzuteilen -und loben zu lassen Genüge geschah; sie organisierten -sich als Verein und gaben sich eigene Statuten. -Später indessen zog sich Karl, der schon von früh -an mit einer gewissen Rücksichtslosigkeit eine alte -Haut, die ihm nicht mehr anstand, abwarf, ganz -davon zurück und verkehrte nur noch mit dreien der -Genossen, intim nur mit einem, und selbst diesem<span class="pagenum" id="Seite_10">[10]</span> -vertraute er seine geheimsten und kühnsten Gedanken -und Pläne nicht an. Anfangs schrieb er seine Ideen -tagebuchartig nieder, einiges wenige arbeitete er in -größerem Umfang aus; auch das gab er auf, sowie -er einsah, daß seine Meinungen sich zu rasch änderten, -daß er noch keinen festen Standpunkt gewinnen könne; -von da an verfolgte er kaltblütig und mit einer gewissen -eigenen Neugierde die Vorgänge in seinem Hirn -und hielt meist auf seine neuen Gedanken nicht besonders -viel, weil er wußte, wie schnell die alten sich -bisher immer verflüchtigt hatten.</p> - -<p>Nachdem er sich entschlossen hatte, Jurist zu -werden, zog er sich von den wenigen Freunden, denen -er geblieben war, mehr und mehr zurück; einmal -wollte er nicht in Versuchung geraten, sich allzu tief -mit der Weltweisheit einzulassen, dann auch wollte -er es nicht mitansehen, wie sich auch in ihnen die -Wendung zur praktischen Thätigkeit und zum bürgerlichen -Beruf vollzog. Wenn zwei dasselbe thun, ist’s -nicht dasselbe, dachte er; was er, soweit es ihn betraf, -heroisch nannte, kam ihm bei allen andern verächtlich -vor.</p> - -<p>Er wurde ein fleißiger Student, der fast nur mit<span class="pagenum" id="Seite_11">[11]</span> -Fachgenossen, die er im Kolleg kennen gelernt, verkehrte -und sich von den geselligen Vergnügungen geflissentlich -zurückhielt. Erst hier, in den praktischen -Übungen an der Universität und in den Gesprächen -mit den Bekannten am Biertisch und auf der Bude, -ward es ihm zur unumstößlichen Gewißheit, daß er -mehr sei als der Durchschnitt seiner Umgebung. Er -dachte klarer, beurteilte alles von höherer Warte, -faßte Zusammengehöriges aus entfernten Gebieten zusammen -und konnte seiner Ansicht geläufig und elegant -Ausdruck geben. Jedoch beschäftigte er sich auch jetzt -fast ausschließlich mit seinem Fach, besonders allerdings -mit theoretischen Problemen, interessierte sich aber mehr -als gewöhnlich üblich schon jetzt für Detailfragen. -Bei dieser intensiven Bethätigung in der trockenen -Wissenschaft aber fuhr es ihm mehr als einmal durch -den Kopf: »Wartet nur! ich bin noch der Alte! -Noch ist nicht aller Tage Abend! Wohl treibt mein -Bewußtsein jetzt keine Weltweisheit und kümmert sich -um nichts als Jurisprudenz; unter der Schwelle aber -arbeitet es weiter, mir selber nicht bewußt; und finge -ich jetzt an zu philosophieren, meine alten phantastischen -Unerfahrenheiten wären verschwunden und neue Gedanken<span class="pagenum" id="Seite_12">[12]</span> -kämen mir angeschwommen, ohne daß ich -wüßte, woher. Wartet nur! Er ist noch nicht tot, -der Prediger in der Wüste! Und wenn er auch spät -wieder erwacht, er kommt zu seiner Zeit!« Dann -vertrieb er diese Ahnungen wieder, beugte sich über -seine dicken Bücher und ochste bis tief in die Nacht.</p> - -<p>Im letzten Jahre jedoch seiner Studienzeit, wo -andere Studenten gerade anfingen, ernstlich zu arbeiten, -klappte er seine Bücher zu und machte eine Pause. -Er hatte das Gefühl, nun sei ein Abschnitt erreicht -und für’s Examen wisse er jetzt schon völlig genug. -Für kurze Zeit erwachte in ihm ein neuer Mensch: -er ward gesellig, heiter, harmlos, lebensfroh und lernte -auf einmal das Plaudern. Er nahm jetzt Tanzunterricht, -verliebte sich dabei in ein hübsches Mädchen -und verlobte sich heimlich mit ihr.</p> - -<p>Indessen hörte diese Weltläufigkeit bald wieder -auf; er wurde wieder der alte stille geruhsame Mensch, -der sich in Gesellschaft nicht wohl fühlte, nur ernstes -zu reden verstand, alles von seiner tiefen Seite nahm -und den Plauderton wieder gänzlich verlernte. Dann -kam das Examen, das er glänzend bestand.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_13">[13]</span></p> - -<p>Nunmehr diente er sein Jahr ab, beim Infanterieregiment -seiner Vaterstadt. Jetzt untersagte er sich -jede geistige Thätigkeit; er war nur Soldat; im -Innern mürrisch und kalt, äußerlich streng diszipliniert.</p> - -<p>Dann ward er wieder mit allen Kräften Jurist, -es kam die Praktikantenzeit und dann das zweite -Examen und das allmähliche Emporklimmen an der -Leiter der Beförderungen. Schon als Student war -er entschlossen gewesen im Staatsdienst zu bleiben -und Richter zu werden.</p> - -<p>Als er 36 Jahre alt war, konnte er es nach -sechzehnjähriger treuer Brautschaft wagen, sein Lorchen -zu heiraten und einen Hausstand zu gründen. Es -ging immer noch knapp genug her beim Herrn Amtsrichter, -und es hätte auch jetzt noch nicht reichen -können, hätte er es nicht endlich über sich gebracht, -eine nicht ganz unbedeutende Summe von dem Bruder -Adam, dem es damals in Haïti schon recht gut ging, -nach öfterem Anbieten von Seiten des treuen Menschen, -leihweise anzunehmen.</p> - -<p>Die Ehe schien eine äußerst glückliche werden zu -sollen; war Karl ruhig und ernst, so war Lorchen -ruhig und heiter; sie hatte einen ungemeinen Respekt<span class="pagenum" id="Seite_14">[14]</span> -vor dem Geiste ihres Mannes und war doch fähig -und willig, ihn zu verstehen und mit ihm zu reden -über das, womit er sich beschäftigte. Das war freilich -auch jetzt fast nur die Rechtspflege, und nunmehr -meist Fälle aus der Praxis, deren Konsequenzen er -zu ziehen pflegte. Mit anderen Dingen gab er sich -nicht viel ab; ein wenig interessierte er sich für Kunst -und Theater, selbst mit Politik sich ernsthaft zu beschäftigen, -hatte er noch nicht die Zeit gefunden. -»Wartet nur! jetzt bin ich ein alter Mann! aber ich -werde noch einmal jung!« So pflegte er auch jetzt -wieder zu sagen.</p> - -<p>Bald aber begann das Unglück und ließ mit zäher -Beharrlichkeit nicht nach, bis es das Äußerste erreicht -hatte: das erste Kind, ein Mädchen, starb, nachdem -es zwei Tage kümmerlich gelebt hatte; das zweite, -wieder ein Mädchen, starb nach drei Monaten an der -Lungenentzündung; und das dritte Wochenbett bettete -Mutter und Kind, diesmal wäre es ein Knabe gewesen, -in den Tod.</p> - -<p>Nach fünfjähriger Ehe stand Karl Starkblom -wieder allein auf der Welt. Äußerlich blieb er ruhig -wie er war. Aber bei Tag und Nacht ließ ihm die<span class="pagenum" id="Seite_15">[15]</span> -Frage keine Ruhe mehr: »wozu nun noch arbeiten? -wofür jetzt noch leben? warum jetzt noch dein eigentliches -wahres Geisterleben unterdrücken? jetzt wäre es -Zeit, höchste Zeit!«</p> - -<p>Als wollte das Geschick durchaus keinen Zweifel -aufkommen lassen, wohinaus es wolle, fügte es nach -Verlauf von dreiviertel Jahren einen weiteren Todesfall -hinzu: der Bruder Adam in Haïti starb plötzlich -am Fieber; sein gesamtes bedeutendes Vermögen hatte -er dem geliebten Bruder Karl testamentarisch vermacht.</p> - -<p>Als Starkblom in den Besitz dieses Vermögens -kam, war er gerade zweiundvierzig Jahre alt. Seit -knapp drei Jahren war er Landgerichtsrat. Nunmehr -sagte ihm sein kleines Seelenteufelchen: »Halt Mann! -Umspannen!« Er kam um Urlaub ein und zog sich -in ein freundliches Städtchen am Fuße des Schwarzwalds -zurück. Kurze Zeit darauf nahm er nach -reiflichem Überlegen seinen Abschied.</p> - -<p>Seine Kollegen machten hinter seinem Rücken -bitter höhnische Bemerkungen über den unerhört frühen -Rückzug Starkbloms; jetzt war er erkannt. Bisher -freilich hatten ihn alle, die er überflügelt hatte oder -zu überholen drohte, für einen ehrsüchtigen Streber<span class="pagenum" id="Seite_16">[16]</span> -erklärt; das hinderte aber durchaus nicht, nun zu behaupten, -das sehe ihm völlig ähnlich, das sei von ihm -zu vermuten gewesen: er sei eben ein ganz pflichtvergessener -Mensch, dem es nur um möglichst schnellen -Gelderwerb zu thun gewesen, und vermutlich sei er im -geheimen ein roher Genußmensch; die große Erbschaft -sei ihm recht zupaß gekommen. Jetzt konnte er seinen -Vergnügungen nachgehen, ohne mehr arbeiten zu -müssen. Nun zeigte der hochnäsige Herr seinen -wahren Charakter; aristokratisch hatte er immer gethan, -aber seine gemeine Herkunft konnte er nicht verleugnen.</p> - -<p>Was hätten diese Herren für dumme Gesichter -gemacht, wenn er ihnen seine wahren Gründe anvertraut -hätte: daß er einen anderen Beruf in sich fühle, -als zeitlebens Richter zu sein, daß er seinen Geist -und die Bestrebungen seiner frühen Jugend jetzt voll -und ganz auszuleben gedenke.</p> - -<p>Sich selber ausleben – das war sein Ehrgeiz, -an seine Jugend wollte er wieder anknüpfen. Was -aber war er denn selbst? was steckte eigentlich in ihm? -was war noch übrig von den Idealen seiner Jugend? -Was konnte er der Menschheit bringen?</p> - -<p>Er schaute tief in seine eigene Seele und fand,<span class="pagenum" id="Seite_17">[17]</span> -daß trotz aller äußern Ruhe der Kern seines Wesens -Trauer und Weh geworden war. Und er merkte mit -einem Mal, daß Jammer und Schmerz die ganze -Menschheit und die ganze Welt durchzog.</p> - -<p>Als er aus der Unschuld des Kindes langsam -zum Manne erwachte, war er rascher als wohl sonst -die Regel, über die verzweiflungsvolle Zeit des Aufblühens -der Sinnenwelt hinweggekommen; äußere Umstände -waren schuld daran. Jetzt, da er ein reifer -Mann war und alle Schmerzen und Wonnen, die -der Mensch durchmachen kann, erprobt und gekostet -hatte, stürmte eigenes Weh, philosophische Verzweiflung -und soziales Elend mit voller Wucht und gleichzeitig -auf ihn ein.</p> - -<p>Es schien ihm, als habe er mehr als zwanzig -Jahre geschlafen und dummes unverständiges Zeug -geträumt, als er jetzt wieder ernstlich begann, über -Menschengeist und Weltzweck nachzudenken und in der -Welt umherzublicken.</p> - -<p>Es fuhren ihm jetzt Gedanken durch den Kopf, -er lebte jetzt in ganz eigentümlichen Stimmungen, -wie er sie nie gehabt seit langer Zeit, und doch war -es ihm, als habe er das alles genau so, selbst unter<span class="pagenum" id="Seite_18">[18]</span> -denselben kleinen äußerlichen Umständen, schon einmal -gedacht und empfunden, vor langer, unendlicher Zeit, -vor mehr als tausend Jahren wohl.</p> - -<p>Dann kam es ihm, er solle wohl seine alten -Tagebücher und Aufzeichnungen aus der Knabenzeit -wieder vorsuchen, und er las eifrig darin. Gar -manches verstand er nicht mehr, vieles mißverstand er -und legte ihm einen ganz andern Sinn unter, als -er damals gewollt; einiges aber fand er schon fast -genau in derselben Art gedacht und ausgesprochen, -wie es ihm jetzt als neue Wahrheit aufgegangen.</p> - -<p>Ihm grauste vor sich selber; der Student und -der Richter, wie hatte der denn nur je sein können? -wie hatte er daran sein Genügen finden können? Und -eine stille Freude überkam ihn, daß er wieder jung -geworden war.</p> - -<p>»Der Menschheit will ich meine Dienste weihen; -ein neues Wort will ich sprechen, das noch keiner -gesprochen hat.« So hatte er als Sechzehnjähriger -geschrieben und so wollte er jetzt wieder. Die Kraft -fühlte er in sich. Er war mehr als die andern, er -wußte es sicher; noch keinen hatte er getroffen, der -ihm gleichkam.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_19">[19]</span></p> - -<p>Er beabsichtigte, vorerst in dem kleinen sonnigen -Städtchen, wo er gegenwärtig weilte, zu bleiben. -Die Einsamkeit sollte ihm wohlthun. In sich selbst -wollte er sich versenken, auf sich selbst sich besinnen. -In die Natur wollte er sich wieder einleben und sich -verjüngen im frischen Waldesgrün, seine poetische -Phantasiethätigkeit, die er zu so langer Ruhe verurtheilt -hatte, erwachte jetzt wieder aus ihrem dumpfen -Schlafe. Dem Vogelsang wollte er lauschen und das -Sonnenlicht einsaugen.</p> - -<p>Eines Morgens ging er bei heiterkühlem Frühlingswetter -den Fluß entlang zur Stadt hinaus, thalaufwärts. -Er liebte diesen Weg besonders. Zur Seite -hatte er Anhöhen und vor sich Berge von immer -neuer Gestalt und Färbung, da die Straße in langsamer -Krümmung das Gebirge vermied. Rechts war -der Fluß, jenseits saftige Wiesen und weiter entfernt -wieder Berge, die mit dunklen Tannenwaldungen bestanden -waren. Blickte er sich um, so sah er die -Stadt mit ihren hohen Schlöten hinter sich liegen; -die abgebrochenen Schläge des Kupferhammers vor -der Stadt, an dem er vorhin vorbeigegangen, drangen -leiser und leiser zu ihm. Sein Sinn war fröhlich<span class="pagenum" id="Seite_20">[20]</span> -und unternehmend; seine Gedanken abgerissen und -hüpfend, er träumte mehr als er dachte. Am frühen -Morgen war ein starkes Gewitter niedergegangen, das -erste des Sommers. Noch immer schoben die abziehenden -Wolken an der Sonne vorbei und verdunkelten -kurze Zeit das Thal. Doch bald wieder schwanden -die Schatten und er schritt fröhlich vorwärts.</p> - -<p>Nachdem er eine schwache Stunde gegangen war, -sah er etwa in der Mitte des Berges, der hinter der -Krümmung des Flusses gerade vor ihm emporstieg, -auf einem Vorsprung ein weiß schimmerndes schloßartiges -kleines Haus liegen. Es grüßte ihm freundlich -entgegen mit seinem weißen Verputz, seinen hell -blinkenden Fenstern, seinem roten Ziegeldach und dem -kleinen mit Schiefer gedeckten Türmchen an der linken -Seite.</p> - -<p>»Da wäre gut wohnen,« dachte er.</p> - -<p>Er ging noch etwa eine Stunde, dann kehrte er -auf einem andern Wege, der über die Anhöhen führte, -zurück.</p> - -<p>Mittags beim Essen erzählte er seinem Nachbar, -dem Stadtbaumeister, von seinem Ausflug und von -dem Schlößchen, das ihm so sehr gefallen hatte. Der<span class="pagenum" id="Seite_21">[21]</span> -sagte ihm, das weiße Haus, so nannte man es, stünde -schon seit einem halben Jahre leer, da der Besitzer -nach Wien gezogen sei. Liebhaber sei keiner da, da -es für die Fabrikanten der Stadt und die paar andern, -die noch etwa in Betracht kommen könnten, zu entlegen -war. Und Fremde besuchten ja bekanntlich trotz -der reizenden Umgebung die Stadt kaum, die als -Fabriknest verschrieen war.</p> - -<p>Starkblom war rasch entschlossen. Noch am selben -Mittag besuchte er den Rechtsanwalt, der die Angelegenheit -für den Weggezogenen in Händen hatte und -nach Verlauf von wenigen Tagen war das Geschäft -abgeschlossen.</p> - -<p>Starkblom war im Besitz des weißen Hauses und -die nächsten Wochen schon verwandte er darauf, seine -Möbel kommen zu lassen und einige neue zu kaufen. -Einen Teil der Zimmer richtete er nicht ein, weil er -Raum für eine Bibliothek lassen wollte. Eine Sammlung -erlesener Bilder schwebte ihm für die spätere -Zukunft vor.</p> - -<p>Eine ältere Frau, die er gedungen, sollte ihm -kochen und Wirtschaft führen.</p> - -<p>Am 1. Juli bezog der neue Schloßherr das weiße<span class="pagenum" id="Seite_22">[22]</span> -Haus und er erschrak gleich nach den ersten Tagen, -sowie er sich angewöhnt hatte, über die erbärmliche -Beschäftigung mit nichtigem Tand, der er sich in den -letzten Wochen hingegeben hatte. Das wurde von -jetzt ab anders. Nur Großes und Tiefes sollte ihm -zuschwimmen mit den klaren Wellen des Flusses, der -am Fuße »seines Berges« langsam und ruhig dahinfloß.</p> - -<p>Er bestellte in der Hauptstadt eine große Zahl -Bücher, in die er sich in den nächsten Wochen vertiefte. -Er merkte bald, als er sich mit Liebe seinem -Studium und seinem Sinnen hingab, daß es besser -sei Bücher zu haben als eine Bibliothek und noch -besser Gedanken als Bücher und noch besser Erleben -als Denken. An Gedanken mangelte es ihm nicht, -und was das Erleben anging, nun – er hatte ein -ganzes reiches Leben hinter sich und gern vertiefte er -sich in seinen Erinnerungen darein als in etwas völlig -abgeschlossenes.</p> - -<p>Er gedachte seines Vaters, dessen Lebensende sich -so jammervoll gestaltet hatte; gar wohl aber erinnerte -er sich noch an seine frühere bessere Zeit, wie er als -gedankenvoll auf seinem Schusterstühlchen saß und -mit seinem beschränkten Geiste über tiefe Probleme<span class="pagenum" id="Seite_23">[23]</span> -seine Weisheit zum besten gab, eine mürrische, unzufriedene -Weisheit, die die Farbe der grauschwarzen -Wichse an sich hatte, mit der er seine Stiefel -schmierte … Dann die Mutter … an die -war nicht viel zu erinnern. Das war eine arbeitsame -Frau, die ihr Bündel Not und Kummer mit -Ergebung trug nachts und tags über mit Raunzen -und Brummen und Schelten. Sie hatte nie viel -Zeit für ihre Kinder übrig gehabt und für den früh -einsamen Karl erst recht nicht. Die rechte Liebe zur -Mutter hatte er nie kennen gelernt und bemühte sich -auch jetzt nicht sie zu erwecken. Die große zärtliche -Liebe zum Vater war ihm geblieben und seiner gedachte -er stets mit Wehmut. Glaubte er doch jetzt, -wo er über alles grübelte und sein eigenes Wesen -nach allen Richtungen zu zerfasern und aufzudecken -suchte, viel von seinem nachdenklichen Geiste und seinem -ruhigen Äußern geerbt zu haben, abgesehen von den -kleinen Zügen in Gang und Haltung.</p> - -<p>Die Brüder, die noch in Deutschland wohnten, -zum Teil ganz in der Nähe seines neuen Wohnortes, -waren ihm aus dem Gesicht entschwunden und er -nahm kein Interesse an ihrem Leben. Oft gedachte<span class="pagenum" id="Seite_24">[24]</span> -er mehr mit freudiger Dankbarkeit als mit Schmerz -des verstorbenen Adam, dessen Testament der letzte -Anstoß gewesen war zur neuen Blüte seines innern -Menschen. Er war ein urtüchtiger Mensch gewesen -von mächtigem Körper, umfassendem Blick für sein -Geschäft und großer Energie; dabei soweit es anging -voll Interesse für geistige Dinge. Aber eigentümlich -– so oft seine Gedanken sich Haïti zuwandten, -immer war es der schwach umrissene Schatten eines -Menschen, den er sich bemühte vor sich zu sehen und -der ihm doch immer wieder nebelhaft zerrann. Sein -jüngster Bruder, der verschollene Johannes wollte seine -Wiedergeburt feiern in seiner Liebe. Ihre Wege in -der Kindheit waren weit auseinandergegangen, der -Sinn des Spätgeborenen war vielfach nur äußerlichen -Dingen zugewandt gewesen; aber Starkblom ging es -jetzt auf, was ihm die ganze lange Zeit nie eingefallen -war: es war ein glänzender, strahlender Geist -in diesem schmiegsamen Leibe, der da auf Irrwege -geraten und vielleicht für immer für sich und die -Menschen verloren war. Starkblom entsann sich jetzt -der philosophischen Stunden der Primaner, wo der -braunlockige Knabe manchmal ins Zimmer gehuscht<span class="pagenum" id="Seite_25">[25]</span> -war und mit mancherlei Ulk und kindischem -Gethue die furchtbar ernsten Abgrundsgedanken der -grübelnden und Pläne türmenden Jünglinge gestört -hatte, bis er mit einem Mal eine Bemerkung dazwischen -warf, von der man immer noch nicht recht -wußte, war sie kindliche Einfalt oder geniale Improvisation. -Der wilde Hans – was mochte aus ihm -geworden sein? Ob er wohl noch lebte? Starkblom -schien es, er müsse ein kühner Mann und ein eisklarer -Geist geworden sein, wenn er nicht gänzlich zu Grunde -gegangen; ein Mensch, nach dem er sich sehnen konnte -in düsteren einsamkeitsschweren Stunden, ob auch schon seine -Gestalt nur unklar und verschwommen vor ihm schwebte.</p> - -<p>Die Erinnerung an sein treues Lorchen rief er -selten ins Bewußtsein herauf. Desto öfter gedachte -er seiner drei Kinder, die so kurz gelebt hatten. -Eigentliche Liebe für die seltsamen Wesen hatte er -seiner Zeit kaum empfunden; ja des Knaben dachte -er auch jetzt nur mit bitterer Empfindung. Aber -doch war jetzt ein eigentümliches, der Liebe sehr nah -verwandtes Gefühl in ihm: er hatte Kinder gehabt! -Er könnte jetzt ein kluges fünfjähriges Töchterchen -haben. Eine leise Sehnsucht nach Vaterfreude und<span class="pagenum" id="Seite_26">[26]</span> -Kinderspielen und Erziehungslust regte sich oft in -ihm. Doch unterdrückte er das immer rasch. Er -würde die Erde nie mehr bevölkern helfen, das wußte -er; so mußte er denn der Menschheit in anderer -Weise dienen. Er konnte sich Menschen denken, die -von vorn herein auf Ehe und Kind verzichten und -von Jugend auf ihren physischen Zeugungstrieb mit -mächtiger Energie in einen rein geistigen verwandeln. -Auch solche erfüllen ihre Pflicht gegen ihr Volk und -die Menschheit, besser als die gewöhnlichen Väter. Und -plötzlich überkam ihn auch da ein Grauen vor sich -selber. Wie hatte er sich nur je wie ein ganz gewöhnlicher -Mensch verlieben können und alle die -Thorheiten mitmachen? Und heiraten? Und – und? -Zeugen? rohesten Sinnengenuß suchen? jahrelang? -Hatte ich denn das nötig? Durfte ich das? Entsprach -das meiner wahren Natur? Nein, nein.</p> - -<p>O warum hatte er sich denn nur je dem Joch -des Eigennutzes und des Herkommens gebeugt? Wäre -er doch ruhig und ohne nach rechts und links zu -sehen, seine Bahn vorwärts gegangen, gleichgiltig ob -er sein Ziel erreichte oder scheiterte! Hätte er sich -doch ausgelebt; wäre er doch jung geblieben! O<span class="pagenum" id="Seite_27">[27]</span> -diese häßliche gewöhnliche eingeengte niederdrückende -Zwischenzeit. Konnte er denn noch einholen, was er -versäumt? Er <em class="gesperrt">mußte</em> es einholen; er mußte denken, -leben, wirken. Vorbild wollte er sein, Prophet … -Erlöser – War er denn noch jung genug? Ja er -glaubte an sich, er mußte ja an sich glauben; er -wollte doch nicht verzweifeln? Er betrachtete sich im -Spiegel und lächelte sich Mut zu; ja er war noch -jung und frisch. Der Glanz seiner braunen Augen -hatte noch nicht nachgelassen, noch hatte er den -sprechenden, eindringlichen Zug um den Mund. -Wohl waren die Haare an seiner hohen energisch -vorspringenden etwas plebejischen Stirn ein wenig -zurückgetreten; aber noch kein graues Haar war zu -finden in seinem dichten, schwarzen Vollbarte.</p> - -<p>Gewiß, gewiß, er war noch nicht zu alt; ihm -war noch Frist genug übrig, um sein Werk zu vollenden. -Und nun suchte er sich zu überzeugen, wie -vorteilhaft im Grunde das lange Verstummen seiner -Weisheit für ihn war, für ihn und die Welt, der er -das Geschenk seiner Gedanken entgegentrug. Wäre -damals, noch als er Schüler war, nicht die plötzliche -Wendung gekommen, die ihn ins Philistertum getrieben<span class="pagenum" id="Seite_28">[28]</span> -hatte, was wäre vermutlich aus ihm geworden? Ein -frühreifer, hitziger, unaufgeklärter Mensch, der seine -jünglingshaften Ideen für unantastbare Wahrheit genommen -hätte, ein intoleranter, fanatischer Sklave -seiner Erstgeborenen, der seine eigene Zukunft noch -vor dem Entstehen abgetrieben hätte aus feiger Rücksicht -aufs Vergangene, aus erbärmlicher Liebe zu irgend -einem gehätschelten Erfolg in der Gegenwart. Früh, -vor der Zeit, hätte er sich verausgabt, und wäre dann -wenn er sein erstes verheißungsvolles Wort gesprochen, -mit leeren Händen und Taschen vor der erwartenden -Welt dagestanden, die jetzt erst das beste hören wollte, -was aber hätte er noch geben können? Ein besonderes, -kaum denkbares Glück wäre es gewesen, wenn er nach -langer Pause, die jetzt doch hätte kommen müssen, sich -wieder gesammelt hätte zu neuer Weisheit; aber ob -man ihn dann noch hören wollte – wer hätte es -wissen können? Nein, nein – besser in der Jugend -gelernt und geschwiegen, und geredet als Mann.</p> - -<p>Ihn dünkte, er brauche sich jetzt nur sorgsam zu -besinnen auf alles, was er ohne besonders aufzumerken -in seinem Leben gesehen, er brauche nur in Zusammenhang -zu bringen die Gedanken und Stimmungen, die<span class="pagenum" id="Seite_29">[29]</span> -ihm die Jahre her über die Seele gehuscht, und die -Weltanschauung, die er in seinem Herzen ahnte, stände -klar und abgerundet vor seinem Geiste, sein Wille -sei entschieden und seine Rede für die Menschen dazu. -Er meinte, dann habe er ausgelernt, es bleibe ihm nur -noch übrig, die Konsequenzen aus seinem Leben zu ziehen. -Erst leben, dann lehren, das schien ihm das Motto -zu sein für seine Aufgabe, das war die Grabschrift, -die er sich im voraus verfaßte, und der erste Teil -schien ihm vollendet. War es die lange Beschäftigung -mit der Jurisprudenz, die ihm damals noch alles -Komplizierte einfach, alles Verwirrte schön gesondert, -alles Verflochtene auseinandergesträhnt erscheinen ließ, -die ihn verleitete, den gährenden Most des ungeschiedenen -Lebensdranges auf die durchsichtigen Flaschen -kahler Abstraktionen zu ziehen, vorzeitig einzupressen -und zuzupfropfen, weil die wilde Lust überzuschäumen, sich -für einen Augenblick im Verborgenen hielt? Täuschte -ihm der äußere Anstrich der Geistesruhe einen Gemütsfrieden, -eine Herzenskälte vor, die er am Ende doch -nicht besaß? Wähnte er, sein Wille allein sei jung -geblieben, sein Geist aber besitze nicht mehr die Triebkraft -und Verwandlungsfähigkeit der Jugend? Sein -Herz sei gefeit gegen neues unerhörtes Erleben?</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_30">[30]</span></p> - -<p>Solche Erwägungen konnten ihm damals nicht ankommen. -Kalt und energisch sammelte er seine zerstreuten -Erfahrungen und Ideen, um dann unter die Menschen -zu treten und zu zeigen, was er war und wußte und -wollte. Vorderhand führte er wirklich nur ein reines -Leben im Geiste, das ganz unabhängig war von seinem -völlig gleichmäßig verlaufenden einsamen Leben nach -außen.</p> - -<p>Immer auf sein bisheriges Leben zurückschauend, -ließ er seine Weltanschauung sich weiter entwickeln, und -lebte nur, um eben nicht zu sterben.</p> - -<p>Manchmal aber hatte er Augenblicke, und sie -kamen häufiger von Woche zu Woche, wo es ihm -ganz grotesk und ungeheuerlich vorkam, daß er etwas -besonderes sein wolle, daß er jetzt, wo er sich dem -Alter näherte, sich über seine bescheidene Stellung erheben -wollte, erheben über alle die anderen Mitmenschen. -War er denn wirklich mehr als andere? -Und wenn auch – wozu denn das alles? Was -wollte er denn? Hatte er denn etwas zu sagen? -Wäre es nicht besser, die Menschen zu lassen wie sie -sind? Was ging ihn schließlich das alles an? In -Ruhe und Zurückgezogenheit wollte er seinen Gedanken<span class="pagenum" id="Seite_31">[31]</span> -leben, und sich langsam dem Tode entgegengrübeln. -Er war doch kein Weltverbesserer, -war nicht geschaffen für das Auftreten in der -Öffentlichkeit.</p> - -<p>Denn schließlich – was war denn diese Welt? -War denn da noch etwas zu bessern, oder auch nur -zu ändern? Er lebte sich tiefer und tiefer ein in -das metaphysische Gespinnst, seine Gedanken schienen -ihm bald das einzig Wahre, die Welt war das Produkt -seiner Sinne und seines Bewußtseins überhaupt. -Lohnte es sich denn, an solchem trügerischen Schein -ändern zu wollen, in eiteln Traum Vernunft zu -bringen, die Gestalt einer Seifenblase zu verbessern? -Die Formen mochten wechseln, der innerste Kern der -Welt blieb doch derselbe und war unabänderlich.</p> - -<p>Dann aber kam wieder neuer Zweifel über ihn: -war es denn nicht verwegenste Überhebung, alles für -Trug erklären zu wollen, nur damit seine Gedankenwelt -wahr bleibe? Wäre es nicht bescheidener, die -Welt vorerst zu lassen wie sie ist und an der Richtigkeit -seines eigenen Denkens zu zweifeln?</p> - -<p>So bohrte er sich gewaltsam tiefer und tiefer in -Unzufriedenheit hinein und raubte sich vollends den<span class="pagenum" id="Seite_32">[32]</span> -Rest von Naivität und unfragsamer Lebensfreude, den -er noch bis dahin besessen hatte. Schließlich hatte er -oft Momente, wo ihm diese ganze Grübelei als dilettantische -oberflächliche unersprießliche Kindereien erschien, -hauptsächlich dem Bedürfnis entsprungen, einen -Vorwand für seine Weltfremdheit und Beobachtungsfaulheit -zu haben.</p> - -<p>Ja, was wollte er denn auch noch in der Welt? So -fragte er bald entschlossen. Mochten die anderen dahinleben, -ohne zu fragen, mochten sie die Arbeit für -ihren vom Weltenschöpfer gesetzten Lebenszweck halten -und handwerksmäßig in engem Stall dahinvegetieren, -bis sie starben – was lag ihm daran? Er empfand -mehr und mehr einen tiefen Ekel vor -bürgerlichem Beruf, vor unbewußtem dämmerhaftem -Leben, vor Leuten, die nicht die Zeit hatten zu -fragen, wozu?</p> - -<p>Bald hatte er jetzt ganze Tage, an denen -ihm alles lächerlich, fast verrückt vorkam. Wenn -er gemächlich spazieren ging, halb nachdenkend, -halb seine Sinne der Welt öffnend, mußte er sich -immer wieder fragen: wozu denn aber in Drei-Teufels -Namen das alles? Da rennen sie und hasten<span class="pagenum" id="Seite_33">[33]</span> -sie und alle arbeiten sie drauf los und einer verdrängt -eifersüchtig den andern; zu welchem Zweck denn? was -haben sie denn Großes vor Augen? haben sie sich -denn überhaupt ein Ziel gesteckt? Hat auch nur -jeder ein besonderes Ideal, das er heiß begehrt zu -erreichen, oder arbeitet gar alles in schön verteilten -Rollen auf einen Punkt hin? Von alledem schien -ihm keine Rede zu sein. »Machen sie sich gar was -vor?« murmelte er einmal vor sich hin, als er an -einem Steinbruch vorbeikam, wo alles eifrig bei der -Arbeit war. »Mir scheint wahrhaftig, das ist eine bunte -Komödie, das alles! Wen wollen sie wohl täuschen?« -Und so grübelte er weiter. Natürlich, jeder wollte -dem andern vormachen, er habe ein Ziel, er wisse, -wofür er arbeite, und jeder that, als glaube er dem -andern. Dann kam er am Friedhof vorbei und da -fiel ihm noch ein neues ein. Sich selber täuschten -sie auch, und das war wohl die Hauptsache. Der -Tod, der war es, der bestimmte ihr ganzes Leben, -das was sie Leben nannten. Jeder machte möglichst -viel Lärm, um sich nicht ans Sterben zu erinnern, -und alle hegten wohl insgeheim die Hoffnung, an ihn -komme die Reihe nicht, er brauche nicht ins Gras<span class="pagenum" id="Seite_34">[34]</span> -beißen. Und weil sie sich das doch nicht recht -glaubten, betäubten sie sich durch lächerliche, ganz -überflüssige Beschäftigung, und das nannten sie dann -»leben«. War das nicht zum wahnsinnig werden? -Wenn sie einsähen, daß alle ihre Arbeit ganz und -gar überflüssig wäre, wenn sie sich zugeständen, es -sei nicht der mindeste Zweifel erlaubt, daß sie alle -mit einander, einer nach dem andern, sterben müßten, -dann würden sie wohl ihr Maschinengerassel zur -Ruhe bringen und ihr Handwerkszeug, die Requisiten -der großartigen Komödie, unberührt an die Wand -lehnen und – ja, wie denn? War es denn nicht -überhaupt ungeheuer gleichgiltig, ob man jetzt stirbt, -oder in zehn, zwanzig, fünfzig, siebzig Jahren? War -denn die Zeit überhaupt etwas, das ernstlich in Betracht -kam? Nein, nein. Nicht im mindesten. So -viel er sich auch den Kopf zerbrach, er fand keinen -andern Lebenszweck, als den Tod; auf den lief alles -hinaus. Eine lächerliche Einrichtung in dieser verrückten -Welt allerdings, daß man geboren wurde, um -zu sterben, nur um zu sterben. Aber es war nun -doch einmal so, und das beste mußte wohl sein, sich -damit abzufinden und diese Erkenntnis zu verbreiten,<span class="pagenum" id="Seite_35">[35]</span> -damit jeder, der das eingesehen, möglichst rasch sein -Ziel erreiche und stürbe.</p> - -<p>Oder war es doch nicht so? War es ein ungeheurer -Irrtum, eine großartige Stumpfheit seines -Geistes, daß er, so lange er auch sein Hirn zermarterte, -keinen andern Lebenszweck ausfindig machen -konnte? Darüber mußte er sich eigentlich vergewissern. -Er war doch nicht der einzig Vernünftige unter den -Lebenden, aber er hatte doch noch keinen gefunden, -dem diese schauerliche Einsicht so klar, so selbstverständlich -und unabänderlich gewesen wäre. Er mußte -sich doch erkundigen, was die andern eigentlich vom -Leben hielten. »Was dünket euch vom Leben?« Er -meinte, mit dieser Frage jeden Menschen überfallen -zu sollen, den er antraf. Er blickte, wenn er in der -Stadt war, den Leuten, die ihm begegneten, prüfend -ins Gesicht, ob da wohl ihre Gedanken über ihr -eigenes Dasein zu lesen wären, aber er fand nichts -dergleichen. Ihre Mienen deuteten immer nur auf -lächerliche täuschende Kleinigkeiten, Essen, Schlafen, -Trinken, Spazierenfahren, Kirchengehen, Theaterbesuchen, -Holz hauen, Kohlen fahren, Kessel heizen, -Schuhe flicken, Hemden nähen, Strümpfe stricken,<span class="pagenum" id="Seite_36">[36]</span> -Kinder unterrichten, Gemüse kaufen, Waaren verkaufen, -Wechsel einlösen, Häuser bauen, Steuern einziehen, -Soldaten drillen, Gesetze machen, Reden halten – -immer und immer nur die Maske, der Schein, die -Comödie; nirgends, auf keinem Gesicht zu lesen das -Ziel, die Sehnsucht nach dem Ziel, die Verzweiflung. -Waren sie alle Narren und er der einzig Vernünftige; -oder waren sie alle klug und er ein wahnsinniger -Thor? Das hätte er gerne herausgebracht.</p> - -<p>Diese Richtung hatten seine Gedanken genommen -während der ersten Monate seines Aufenthaltes in -dem weißen Hause. Die beschauliche Kälte seines -Geistes war rasch von ihm gewichen, nachdem er sich -erst wieder tiefer mit der Frau Welt und ihrer -Weisheit eingelassen; eine unruhige, oft leidenschaftlicher -Verzweiflung nahe Gemütsverfassung war Herr -über ihn geworden. Das war besonders begünstigt -worden durch seine gänzliche freiwillige Vereinsamung. -Er hatte niemanden aufgesucht und Gelegenheiten -vermieden, wo er hätte flüchtige Bekannte treffen oder -neue Menschen finden können.</p> - -<p>Jetzt, wo ihn eine Ahnung überkam, es könne ihm -nicht schaden, wieder unter Menschen zu kommen, nun<span class="pagenum" id="Seite_37">[37]</span> -wo alles in ihm ins Wanken geraten war und er -Genossen brauchte, die ihn stärkten und fortführten in -anderes freundliches Gebiet des Denkens, brachte ihn -der Zufall mit einem Freunde aus seinen ersten -Jugendjahren zusammen, den er längst völlig aus -den Augen verloren hatte.</p> - -<p>Es war in den ersten Tagen des August, an -einem schönen Nachmittag. Er hatte sich in die -düstern Canzonen des Leopardi versenkt. Da brachte -ihm die Haushälterin eine Visitenkarte. Der Herr -warte außen, ob Herr Doctor zu sprechen sei. »Robert -Wangaus, Fabrikant,« stand auf der Karte. -Wangaus – Robert Wangaus – er mußte sich wirklich -einen Augenblick besinnen. Dann schämte er sich, -daß es ihm nicht gleich eingefallen war, wer den -Namen trug, und daß er seit Jahrzehnten nicht mehr -an ihn gedacht hatte. Ich lasse bitten, ich lasse bitten, -antwortete er der Frau. Er war wirklich froh, einen -Bekannten nach so langer Zeit wieder zu sehen, einen -Freund aus seiner frühesten Jugend. So so, der -war Fabrikant geworden. Also auch ein Berufsmensch, -wie er selbst noch bis vor Kurzem. Ja ja, das war -vorauszusehen. Er war begierig, wie er nun war.<span class="pagenum" id="Seite_38">[38]</span> -Es war einer von seinen intimen philosophischen Freunden -gewesen, der Wangaus, ein kühner, phantasievoller -Knabe.</p> - -<p>Ein dicker Herr mit glatt rasirter Miene trat -ins Zimmer, legte seinen Seidenhut auf einen Stuhl -an der Thür und die rothbraunen Handschuhe darauf. -Dann ging er auf Starkblom zu, der aufgestanden -und ihm entgegengetreten war.</p> - -<p>»Ich habe mich also nicht geirrt, Herr Landgerichtsrat, -ich erkenne in Ihnen –«</p> - -<p>»Aber Wangaus,« unterbrach ihn Starkblom, -»natürlich bin ich der Karl Starkblom, wie Du der -Robert Wangaus. Das freut mich recht. Bitte setz -dich doch. Wir wollen doch das alte Du beibehalten, -meinst du nicht? Wie ging dir’s denn immer? Du -bist Fabrikant? Wohnst du hier? Bist du verheiratet? -Bitte setz dich doch.«</p> - -<p>In der nun folgenden Unterredung ergab sich, daß -Wangaus Besitzer einer Goldwaarenfabrik am Orte -war und mit seiner Familie – er war seit Jahren -verheiratet – in der Stadt lebte. Er hatte schon -vor mehreren Wochen von der Anwesenheit Starkbloms -gehört, habe eigentlich gleich gewußt, daß er ein alter<span class="pagenum" id="Seite_39">[39]</span> -Bekannter vom Gymnasium her sei, habe auch schon -früher kommen wollen, aber wie das nun so gehe, es -habe sich eben verzögert, er komme zu nichts mehr, -die Geschäfte, die Geschäfte, die Geschäfte –</p> - -<p>»Ja ja, die Geschäfte,« wiederholte er noch einmal, -indem er bedächtig ein paar Haare am Rande -seiner Glatze zurecht legte. »Sie, Herr – entschuldige, -ich muß mich erst wieder daran gewöhnen – -du hast’s nun freilich gut. Das heißt, offen gesagt, -ich wüßte nicht, was ich den ganzen lieben langen -Tag treiben soll, wenn ich meine Arbeit nicht hätte.«</p> - -<p>»Seit wann hast du denn das zu deinem Lebensberuf -gemacht?«</p> - -<p>»Wie?«</p> - -<p>»Ich meine, seit wann du die Welt mit deinen -Schmuckwaaren beglückst?«</p> - -<p>»Erlaube, das ist nun eigentlich nicht ganz richtig -ausgedrückt. Ich fabricire nicht eigentlich Schmuckgegenstände; -– ich weiß nicht, hast du eigentlich die -Entwicklung unserer Industrie genauer verfolgt? Sie -hat einen riesigen Aufschwung genommen. Wenn du -die Sache nicht studirt hast, kann ich dir’s nicht in -Kürze erklären. Die Sache ist die, daß wir nur eine<span class="pagenum" id="Seite_40">[40]</span> -bestimmte Art Gold herstellen, wie es die Schmuckfabriken -zu weiterer Verarbeitung gebrauchen. Es ist -da eine kolossale Arbeitsteilung eingetreten; der ganze -Verarbeitungsproceß hat sich mechanisirt; überhaupt, -wenn ich einmal Zeit finde, mich theoretischer Betrachtung -hinzugeben, die Entwicklung der modernen -Industrie zu betrachten, werde ich nicht müde. Das -ist etwas herrliches; einfach großartig! Wie alles sich -zum Ganzen webt, eins in dem andern –«</p> - -<p>Starkblom unterbrach ihn durch ein feines, spöttisches -Lächeln.</p> - -<p>»O, du solltest nicht lächeln, daß ich Poesie citire. -Ich bin freilich ein Geschäftsmann, habe wenig Zeit, -aber man steht doch sozusagen immer noch unter dem -Bann seiner Jugendduselei, und wenn ich Zeit hätte, -ich würde wahrhaftig heute noch manchmal etwas von -Goethe und Schiller lesen.«</p> - -<p>»Ins Theater gehst du aber doch öfter?«</p> - -<p>»Ins Theater? Ja freilich, ja freilich. Das heißt -– meine Frau ist abonnirt, und wenn sie gerade -keine Zeit hat oder auch keine Lust – du verstehst –«</p> - -<p>»Jawohl, jawohl. Nun, da wird wohl Goethe -und Schiller öfters an dich kommen?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_41">[41]</span></p> - -<p>»Du meinst, meine Frau? – Ja allerdings. Aber -doch nicht. Da gehen die Kinder herein. Klassische -Stücke sind für die Kinder. Meinst du nicht auch?«</p> - -<p>»Hm, ja – weißt du, wir wollen lieber erst gar -nicht anfangen, darüber zu streiten. Ich fürchte, ich -stehe da auf einem so ganz, ganz anderen Standpunkt, -wie du.«</p> - -<p>»So, wie du willst; das ist leicht möglich. Sag -einmal, hast du eigentlich Kinder?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Auch nie welche gehabt?«</p> - -<p>»Gehabt? nein. Nur zu haben versucht. Drei. -Das zweite überlegte sich’s drei Monate lang, ob es -leben wollte, entschied sich dann aber auch für’s -Gegenteil.«</p> - -<p>»Das ist hart.«</p> - -<p>»Nein. Es ist nicht hart. Oder meinst du wirklich? -Wieso eigentlich hart?«</p> - -<p>»Na, das ist aber doch nicht dein Ernst. Das -ist doch selbstverständlich.«</p> - -<p>»Daß der Mensch stirbt, früher oder später? Ja, -<em class="gesperrt">das</em> ist allerdings selbstverständlich.«</p> - -<p>»Ja, aber es ist doch wahrhaftig ein Unterschied,<span class="pagenum" id="Seite_42">[42]</span> -ob ein kleines Kind stirbt oder ein Mann, der seine -Lebensarbeit hinter sich hat. Das ist doch klar.«</p> - -<p>»Merkwürdig – euch ist alles selbstverständlich -und klar, was mir heute zweifelhafter als je ist. -Lebensarbeit, Lebensarbeit. Was ist denn das? Ehrlich -gesagt, was ist denn nun deine Lebensarbeit?«</p> - -<p>»Gott stellt jeden auf den Platz, den er einnehmen -muß. Es ist keine Arbeit vergebens. Wenn ich auch -nur verschwindend wenig der Menschheit nütze, ein -bischen ist’s immerhin und ich erhalte Weib und -Kinder. Das ist <em class="gesperrt">meine</em> Philosophie.«</p> - -<p>»Meine ist’s nicht,« sagte Starkblom sehr ernst, -indem er aufstand und hin und herging. »Ganz abgesehen -von Gott, der, scheint’s, heutzutage nur noch -zwei Zwecken dient.«</p> - -<p>»Und die wären?«</p> - -<p>»Erstens zur Ausrede und zweitens, vernünftige -Menschen nervös zu machen. Gott stellt jeden auf -seine Stelle! Haha! – Übrigens hast du in deiner -Jugend auch anders gesprochen.«</p> - -<p>»Nun, du hast doch diese Jugendtorheiten auch -längst hinter dir. Man wird gesetzter. Übrigens ist’s -dir wohl nicht ganz Ernst mit alledem. Ich erfülle<span class="pagenum" id="Seite_43">[43]</span> -als Fabrikant meine Pflicht so gut wie du als Richter -– und erfülle sie heute noch.«</p> - -<p>»Pflicht, Pflicht. Gegen wen denn Pflicht?«</p> - -<p>»Das weiß doch jeder. Wozu solche Dinge fragen?«</p> - -<p>»Warum nicht fragen? Nochmals – Pflicht gegen -wen?«</p> - -<p>»Nun, gegen die Mitmenschen.«</p> - -<p>»Wirklich? Wann kam dir denn der Ruf?«</p> - -<p>»Wie?«</p> - -<p>»Wieso empfandest du denn das unwiderstehliche -Bedürfnis, die Menschheit mit Schmuckwaaren, nicht -doch, mit Gold einer bestimmten Art zu versorgen?«</p> - -<p>»Ach, das läßt sich doch nicht so einfach sagen. -Das sind sehr verwickelte Verhältnisse. Du als Jurist -mußt das doch wissen, besser als ich. Nationalökonomie -hast du ja doch jedenfalls studirt.«</p> - -<p>»Ich studire sie sogar noch. Aber trotzdem –«</p> - -<p>»Na, siehst du. Und übrigens – in die Wiege -gelegt wurde dir wohl auch kaum die Bestimmung, -Richter zu werden.«</p> - -<p>»Da hast du <em class="gesperrt">sehr</em> recht. Das darfst du mir -vorwerfen. Du weißt aber auch, daß ich’s jetzt nicht -mehr bin.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_44">[44]</span></p> - -<p>»Ja allerdings. Du hast’s eben nicht mehr -nötig. Glücklicher.«</p> - -<p>»Du irrst. Das war nicht mein Grund. Mein -<em class="gesperrt">Grund</em> nicht.«</p> - -<p>Jetzt war das Lächeln an Wangaus.</p> - -<p>»Na, na. Täusche dich nicht selbst. Hätte ich -so eine Erbschaft gemacht – überhaupt, wer hätte -nicht so gehandelt an deiner Stelle?«</p> - -<p>»Ja wo bleibt denn da der Beruf und die göttliche -Bestimmung? So sagtest du doch?«</p> - -<p>»Nun, nun – das schließt nicht aus, daß man -sich im Alter zur Ruhe setzt. Wenn man’s kann, -natürlich.«</p> - -<p>»So alt bin ich noch nicht. Im Gegenteil – -meine Arbeit fängt jetzt erst an.«</p> - -<p>»So?«</p> - -<p>»Ja allerdings. – Das Philosophieren hast du -also gänzlich aufgesteckt?«</p> - -<p>»Das kannst du dir doch wohl denken. Wozu -auch, selbst wenn ich Zeit hätte? Das führt ja doch -zu nichts.«</p> - -<p>»So? Na, ich weiß nicht. – Ich will jedenfalls -jetzt auch versuchen –«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[45]</span></p> - -<p>Er hielt inne.</p> - -<p>»Nun?«</p> - -<p>»Ich meine, ich werde jetzt erst beginnen zu arbeiten, -wie gesagt. Ich will auch Gold fabriciren.«</p> - -<p>»Was? Das ist doch kaum dein Ernst. Die -Branche liegt jetzt sehr darnieder. Leider.«</p> - -<p>»Ich mein’s natürlich nur bildlich. Dir werde -ich keine Concurrenz machen.«</p> - -<p>»Nun, die Firma Wangaus u. Co. hätte das -kaum zu fürchten. Bildlich? Das verstehe ich nicht.«</p> - -<p>»Ja, anders kann ich’s kaum ausdrücken. Mein -Beruf ist denken und aufklären.«</p> - -<p>Wangaus schaute sich im Zimmer um und gewahrte -die vielen zerstreut da liegenden Bücher.</p> - -<p>»Ach so, du willst schriftstellern? Bücher besprechen, -alte Meinungen umstoßen, neue aufstellen? Dazu -wünsche ich dir von Herzen Glück. Dazu hast du -jedenfalls Talent. Da kannst du dir bald einen Namen -machen. Oder willst du pseudonym schreiben?«</p> - -<p>»Nein. Das jedenfalls nicht. Überhaupt, ob’s -auf’s Schriftstellern hinaus läuft, das weiß ich auch -noch nicht. Ich bin kein sonderlicher Freund von -Papier. Das ist alles noch ganz unbestimmt, übrigens<span class="pagenum" id="Seite_46">[46]</span> -auch ziemlich gleichgiltig. Auf’s Wirken kommt mir’s -an, in welcher Weise, das wird sich schon finden.«</p> - -<p>»Jawohl, freilich, es giebt ja auch noch andere -Wege. Die kaufmännischen Vereine veranstalteten ja -jetzt überall populäre Vorträge. Wenn du das willst, -ich bin im Vorstand des hiesigen, da könnte ich dir -behilflich sein im nächsten Winter.«</p> - -<p>»Danke, danke, ich glaube kaum, daß mir das -passen wird.«</p> - -<p>»Oder bist du ein großer Politiker geworden? -Willst dich um ein Reichstagsmandat bewerben? Dir -stehen ja jetzt alle Wege offen.«</p> - -<p>»Auch dazu werde ich wohl kaum je den Trieb in -mir fühlen. Wie gesagt, das wird sich finden. Ich -bin noch nicht so weit, das entscheiden zu können, aber -bald, hoff’ ich.«</p> - -<p>Wangaus stand auf.</p> - -<p>»Soso. Na, jedenfalls freut’s mich, dich so wohl -getroffen zu haben. Kann leider nicht länger bleiben. -Das Geschäft ruft, das Geschäft. ’s ist verdammt -weit zu dir heraus. Bitte, besuch mich bald. Du -wirst ja wohl den Weg zu mir finden.«</p> - -<p>Damit nahm er seine Handschuhe und den Cylinderhut<span class="pagenum" id="Seite_47">[47]</span> -und ging nach den üblichen Abschiedsredensarten. -Als er die Treppe hinunterstieg, dachte er:</p> - -<p>»Wahrhaftig, er ist noch der alte unklare Strudelkopf. -Nicht im mindesten hat er sich verändert. Kaum -glaublich, daß der’s zum Landgerichtsrat gebracht hat.«</p> - -<p>Starkblom aber ließ zunächst alles persönliche beiseite, -ihm war gegen Ende des Gesprächs eine psychologische -Wahrnehmung aufgestoßen, die er schnell ein -wenig weiter verfolgen mußte. Merkwürdig, ganz -merkwürdig, wie zwei Menschen, die im Grunde gar -nichts mehr mit einander zu thun haben, zusammen -reden können, obwohl ihre Naturen so gänzlich verschieden -sind, daß der eine immer den andern mißverstehen -muß. Und das nennt man dann Unterhaltung! -Er sprach von Aufklärung und Wirksamkeit, -Wangaus antwortete mit einer Bemerkung über Schriftstellern -und die kaufmännischen Vereine, er deutete seine -Sehnsucht an, seine Natur auszuleben, Wangaus dachte -an Ehrgeiz und Ruhmbegierde. Und schließlich ging -dieser gute Philister noch weiter als er selbst, er fragte -leidenschaftlich: wozu? und jener antwortete mit behäbiger -Ruhe: wozu wozu? Und hatte er am Ende -recht? Wozu sich quälen? Doch nicht nur, um sich<span class="pagenum" id="Seite_48">[48]</span> -eben zu quälen? Doch nicht blos, weil er nichts anderes -zu thun hatte? Wangaus hielt seine Arbeit für -ernsten Lebensberuf, die Grübelei verachtete er als -unnützen werthlosen Luxus; er selbst aber verachtete -die geistlose Arbeit, die aus bloßer Gewöhnung hervorging -und keinem vernünftigen Zweck diente, keinem -festgesteckten Ziele zustrebte, er hielt das Einbohren in -das Denken für’s höchste. Wer war der Narr? -Leicht beide?</p> - -<p>Er hatte gute Lust, nach diesem seltsamen Zusammentreffen -mit einem seiner liebsten Freunde aus -der Knabenzeit sich noch mehr abzusondern von den -Menschen und sich in seiner Einsamkeit zu begraben. -Er wurde nicht begriffen von diesen Menschen und -ihm fehlte auch das Verständnis für ein Leben, wie -sie es führten. Hinaus aus dieser Erbärmlichkeit sehnte -er sich, und weg wollte er auch, weit weg von seinem -eigenen selbstmörderischen Grübeln. Er brauchte einen -andern Umgang, ihn ekelten diese Menschen, und ihn -ekelten seine eigenen Gedanken. – Er dachte im Ernst -daran, sich einen großen edeln verständigen Hund -anzuschaffen. Dann aber versuchte er es doch noch -einmal mit etwas menschlichem. Er flüchtete nach<span class="pagenum" id="Seite_49">[49]</span> -Arkadien, ins Reich der reinen Formen, ins Land der -Kunst. Die nächsten Tage versenkte er sich in die -edelsten Dichtungen, die in deutscher Sprache geschaffen -sind: er las Goethes Iphigenie, Partien aus dem -2. Teil Faust, Pandora. Als er nach diesem erlesenen -Genuß zu Schillers Braut von Messina kam, klappte -er das Buch nach wenigen Minuten schon angewidert -zu: selbst diese Kost war ihm zu grob geworden, zu -menschlich ordinär. Auch Schopenhauer konnte er -nicht mehr lesen, der war ihm jetzt wie ein wildes -gieriges Tier in enger stinkender Menageriezelle, das -nicht durfte, wie es wollte. Selbst Leopardi war ihm -zu unfein.</p> - -<p>So hütete er sich denn von da an, mit Menschen -und Büchern und Einfällen zusammen zu stoßen, die -ihn hätten aus seiner Gemütsruhe reißen können, in -die er sich mit Gewalt hineinzwang. Nur nichts unangenehmes, -nichts gewaltsames, nichts aufregendes. -Vielleicht später … später … jetzt wollte er Ruhe. -Er ging früh zu Bett und stand spät auf. Dann -ein langsames Frühstück, während dem die Morgenträume -sich weiterspannen und langsam verwehten. -Darauf ein kleiner Spaziergang durch den Tannenwald,<span class="pagenum" id="Seite_50">[50]</span> -bei dem er nichts dachte. Dann las er: Goethe, Spinoza, -Platon, Ranke. Altes, Weisheitsvolles, Greisenhaftes -war ihm das liebste. Daneben auch mystische -Romantik und Heiterkindliches: Brentano’s Rosenkranz, -Arnim, Eichendorff, Jean Paul, Gottfried -Keller. So trieb er es wochenlang, monatelang. -Dieses oberflächliche Wohlleben mit der scheinbaren -Vergnüglichkeit, während innen kaum bewußt etwas in -ihm fraß und zur Oberfläche sich langsam empornagte, -hatte etwas bänglich – entsetzliches an sich. -Und weiter ist demnach vorerst nichts über ihn zu -vermelden.</p> - -<p class="center larger p2">❦</p> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_51">[51]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Zweiter_Abschnitt">Zweiter Abschnitt.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-s.jpg" alt="" /></div> -<p class="drop">Solche Menschen, die ähnlich Karl Starkblom, -freilich selten so heftig von einem Trieb in den -andern geschleudert, von einer Verzweiflung der andern -geraubt, früher oder später mit unabwendbarer Bestimmtheit -sich aus der menschlichen Gesellschaft in die -Einsamkeit hineinstahlen, gab es damals in Europa -eine kleine Schaar, die nichts von einander wußte und -nichts von einander wollte, die keinen Verein bildete -und keine Partei, deren Ekel zu groß und deren Glaube -zu schwächlich war, um in der Gegenwart etwas zu -lieben und von der Zukunft viel zu erhoffen. Ab -und zu tötete sich einer von ihnen, und den andern -fuhr es durch die Glieder und sie ehrten den unbekannten -Toten, indem sie sich fragten, worauf sie selbst -eigentlich warteten mit dem Sterben.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_52">[52]</span></p> - -<p>Doch das waren nur ganz vereinzelte Erscheinungen, -halb oder ganz verrückte Sonderlinge ohne Gefahr, -die die Welt nicht weiter beachtete; ihretwegen hätte -sie ruhig und unbesorgt ihren mäßigen Pflichten und -bescheidenen Genüssen nachkommen können. Aber von -ganz entgegengesetzter Seite her war inzwischen eine -neue Lehre so gewaltig in die Massen der Völker -hineingedrungen oder aus ihnen heraus entsprungen, -man wußte es nicht recht, daß vorschauende Politiker -eine große Revolution ahnten, manche philosophische -Historiker aber die Zeichen einer mächtigen religiösen -Volksbewegung erblicken wollten. Die <em class="gesperrt">internationale -Socialdemokratie</em> war eine Weltmacht geworden, -mit der der größte Staatsmann und der -kleinste Dorfpfarrer rechnen mußte.</p> - -<p>Am mächtigsten gefördert worden war das riesenhafte -Wachstum des Sozialismus durch die Kläglichkeit -des europäischen Bürgertums, wie es sich nach der -französischen Revolution entwickelt hatte. Das harte -gute Gewissen des Mächtigen und Reichen war nunmehr -für immer dahin, nunmehr wurden so viele -Freiheiten und Rechte von der Gesammtheit als ewige -unantastbare Menschenrechte anerkannt, daß jene erbärmliche<span class="pagenum" id="Seite_53">[53]</span> -Gesellschaft aus dem Widerstreit der überlieferten -Verhältnisse, deren Früchte sie genoß, und -der ihr vererbten Freiheits- und Gleichheitsideen nicht -mehr herauskam. Fortwährend wurden sie gepeinigt -von dem bösen Gewissen, sich mit dem Blut der Armen -zu nähren und auf den Leibern des Proletariats Paläste -zu bauen, mit zitternden Händen und schielenden -Blicken scharrten sie Genüsse zusammen, sie steckten -den Kopf in den Sand und warfen mit Phrasen um -sich, zur Brutalität hatten sie keinen Mut und zur -Entsagung keinen Gedanken.</p> - -<p>Der Liberalismus war damals aufgekommen und -die Verpönung aller Gewaltsamkeit, und eine dilettantische -Moral machte sich breiter als je zuvor. In -keiner Zeit war die Lehre und das Leben in einem -so kläglichen Gegensatz gestanden, aber sie glaubten an -ihre Lehre und an ihr Leben und ließen sich’s wohl sein, -so gut es gehen wollte; denn niemals kam ihnen ein -Zweifel an dem, was beides so merkwürdig verband, -an ihrer Moral.</p> - -<p>Diese chaotische anarchische Zeit war so recht das -fruchtbare Mistbeet, dem wunderbare, unerhörte Erscheinungen -entsprießen konnten. Das war die Zeit,<span class="pagenum" id="Seite_54">[54]</span> -wo alle Richtungen, die je nach langer, bedächtiger -Vorbereitung auf Erden erwachsen waren, von frischem -erstanden und angepriesen wurden als neue erlösende -Wahrheiten, wo ein neuer Glaube schneller wieder -weggelegt wurde als ein unmodernes Gewand, das -war die späte Zeit, in der alles Frühe und Ungegorene -gierig geschlürft wurde.</p> - -<p>Damals berührten sich in der That die Extreme, -und die Stärksten und die Schwächsten fanden sich -zusammen im Ekel und in der Resignation. Damals -pries in Rußland ein Graf und Philosoph die segnende -Macht der körperlichen Arbeit und entsagte seiner -gesellschaftlichen Stellung und ward Bauer und Schuhmacher; -und zu gleicher Zeit war der deutsche Schuhmacherssohn, -der Schloßherr vom weißen Hause, nahe -daran, die Arbeit zu verhöhnen. Und doch gehörten -diese beiden einsamen Prediger, denen der Ekel gemeinsam -war, zusammen.</p> - -<p>Diese Vereinzelten waren übersatt und schlichen -sich weg vom Tische des Bürgertums; in der Socialdemokratie -aber erstand eine organisierte Masse von -Hungrigen. Stürmisch begehrten die Arbeiter Einlaß -in die Paläste des Geistes. Diese Schaaren von<span class="pagenum" id="Seite_55">[55]</span> -zielbewußten Kämpfern boten ein Bild, wie es niemals -dagewesen war. Es war in diesen Köpfen eine merkwürdige -Mischung von Phantasie und Nüchternheit, -von Leidenschaft und Zurückhaltung, von Glauben und -Skepsis, von Aufschwung und Bedacht. Sie hatten -die Gefahr der schönen Worte erkannt und hüteten -sich meist ängstlich vor ihnen. Freiheit, Gleichheit, -Brüderlichkeit – was war geworden aus diesem berauschenden -Kampfruf der Revolution? Freiheit? Nie -war ein schönes Wort schnöder mißbraucht worden. -Ja freilich, die Wahl stand ihnen völlig frei, nach -den Bedingungen des Kapitalismus zu arbeiten, oder -zu verhungern und zu vertieren. Kein Zwang wurde -ausgeübt, niemand beeinträchtigte ihre persönliche -Freiheit. Und Gleichheit – nun allerdings, sie waren -eine im wesentlichen gleiche proletarische Masse geworden. -Aber die Brüderlichkeit, die mußten sie selbst -dazuthun, an die hatte man nicht mehr gedacht, und -sie wollte nun empor in der Socialdemokratie. Arbeiter -aller Länder vereinigt euch! Dieser Ruf zog -durch die ganze Welt und rüttelte die Unterdrückten -auf und verband sie zu gleichem Zwecke; zur Befreiung -der Menschheit von der anarchischen Waarenproduction<span class="pagenum" id="Seite_56">[56]</span> -und Circulation, zur communistischen Herstellung und -Distribution der Bedürfnisse, zur Vernichtung des -blinden Egoismus; zur Zertrümmerung der nationalen -Gegensätze; zur Herstellung einer wirklichen Menschheit -und Menschlichkeit.</p> - -<div class="tb"><sub>*</sub><sup>*</sup><sub>*</sub></div> - -<p>Karl Starkblom hatte, als er damals in neu aufflammender -jugendlicher Begeisterung ein Ziel vor -sich hatte erstehen sehen, als er sich dann vorbereitete -zu seinem Wirken unter den Menschen, auch manche -sozialistische Schriften, vor allem das Hauptwerk des -Karl Marx, ziemlich gründlich studirt. Dann aber -war der neue Mensch in ihm emporgekommen, der so -lange geschlummert, der ungestüme Frager und Peiniger, -der Befriedigung wollte für sich selbst und seine -unbestimmte Sehnsucht, der an alles herantrat mit -der Frage: wozu? warum so? warum nicht anders? -was soll werden? So konnte ihm, der sich selber auszuleben -gedachte, und doch sich selber nicht ergründen -konnte, ihm, der nicht wußte, was der Mensch sei, -der Sozialismus, der die armseligen Proletarier zu -Menschen machen wollte, damals keine abschließende<span class="pagenum" id="Seite_57">[57]</span> -Weltanschauung bieten. So hatte er sich schließlich -vor allem Grübeln und Verzweifeln, vor dem hastigen -Suchen einer neuen Welt, in den Bereich einer alten -fertigen toten Kunst und Weltanschauung zurückgezogen, -um vorerst Ruhe zu haben, Ruhe um jeden Preis. -Manch anderer wäre endlich nach so vielfacher innerer -Gährung dabei geblieben, und wie der junge Schwärmer -Karl sich in die Beamtenlaufbahn einfriedete, war -der Mann nahe daran, sich unter der schützenden -Decke einer vereinsamten und versteinerten Cultur zu -begraben. Aber es lebte etwas Unsagbares in dem -Manne, das immer wieder sich aufbäumte gegen den -ruhsüchtigen Quietismus und die Selbstbetäubung des -Schuhmacherssohnes; etwas robust in die Höhe Strebendes -und Mitteilsames; dasselbe was den verstorbenen -Adam nach Haïti, Johannes in die weite Welt gezogen -hatte. Sein Geist arbeitete zu rasch, als daß -sein Wille immer gleich mitkommen konnte; daher sein -Abspannen und scheues Reifenlassen, sein willkürliches -Abbrechen und Vereinsamen des Denkens. Er war -ein sehniger Mann von langem Leben und hatte Zeit; -das schlummerte unbewußt hinter all seinem Thun -und Lassen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[58]</span></p> - -<p>So war es denn allmählich so weit gekommen, -daß ihn diese beschauliche Ängstlichkeit seines Lebens, -diese Zurückgezogenheit und dieses Traumgedämmer -anfing zu langweilen. Seine Seele rankte sich langsam -wieder ins Leben hinaus und horchte, was draußen -vorging und tastete vorsichtig nach Stützpunkten, um -in frischer Öffentlichkeit und mitten unter den Menschen -sich festzulegen und doch ihre Ruhe zu bewahren. -Er ahnte, es könne auch in ihm noch eine Heiterkeit -leben und vielleicht auch ein Glaube. Er hatte die -Gescheitheit und Gebundenheit seines Lebens satt und -rüstete sich zu fröhlicher Dummheit und Hingerissenheit.</p> - -<p>Es war an einem wunderschönen, durchsichtigen -Wintertage, als sich mehr wie je wieder etwas wie -Frische und Mut und zartkeimende Lebenslust bei ihm -einstellte, und wer weiß, woher ihm der Gedanke angeflogen -war, er suchte unter allerlei Gerümpel ein -Paar altmodische Schlittschuhe vor, die er seit langen -Jahren nicht mehr an den Füßen gehabt, und machte -sich auf den Weg nach dem seit mehreren Wochen fest -zugefrorenen Teich, auf dem sich die Einwohner des -Städtchens zu tummeln pflegten. Es schien ihm selbst -wunderbar, als er mit großen Schritten auf dem<span class="pagenum" id="Seite_59">[59]</span> -knisternden Schnee wandelte, daß er sich endlich wieder -unter Menschen wagte, unter ganz gewöhnliche sinnfreudige -Menschenkinder. Besonders wohl fühlte er -sich anfangs nicht, er war den Lärm und das -Schwätzen und vor allem das Lachen nicht mehr gewohnt, -und er erinnerte sich, daß er sich früher schon manchmal -staunend überlegt, bei welcher Gelegenheit wohl -die Menschen zum ersten Male das Lachen gelernt. -Es mußte wohl etwas gewaltig Verzerrtes, unbegreiflich -Dämonisches urplötzlich auf sie heruntergefallen -sein, denn dies kindliche, heitere Lachen der harmlosen -Jetztlebenden war gewiß nur das armselige mißratene -und umgedeutete Überbleibsel einer tiefgewaltigen Erschütterung -von Urmenschen, bei der übergroßer Schmerz -und Lust nicht zu trennen gewesen.</p> - -<p>Bald aber kam doch ein ungewohnt Friedliches -und Sanftes in ihn hinein, wobei indessen Wehmut -und Ungewißheit nicht von ihm weichen wollten. Wie -kam der Einsame jetzt mit eins in diese ausgelassene -jugendliche Schaar? Er sah sich forschend um und -fand, daß er wohl fast der Älteste auf dem Eise war. -Vielleicht auch der Ungeschickteste; doch das störte ihn -wenig. Als er einmal in einen Riß eingefahren und<span class="pagenum" id="Seite_60">[60]</span> -zu Boden gefallen war, kam ihm der bizarre Einfall, -daß er sich einen Christus auf Schlittschuhen nicht -gut vorstellen könne. Er lachte bitter vor sich hin -und warf den Gedanken weg. Mußte man sich denn -in eine Wüste zurückziehen, um den Menschen Großes -zu holen? O man konnte auch einsam sein unter -Menschen. In großen Bogen strich er über das -klirrende Eis, bald an wenig befahrenen Orten, bald -mitten durch die Menschenknäuel sich hindurchwerfend, -und vertiefte sich in sein Grübeln. Wenn jetzt das -Eis mit schrillem Krach bräche und die Menschen in -sich hineinschlänge und sich dann wieder schlösse, was -wäre viel dran? Und wenn die ganze Menschheit versänke -und die Erde in die Sonne stürzte und die -Sonne – und die Welt – und alles hin – und -nichts – was wäre dran? was wäre hin? Was für -ein unendlicher Zweck wäre für immer geschwunden? -und wen betrübte es? Einen Zuschauer und erhabenen -Betrachter des Ganzen? Oder das Ganze selbst? War -Ursprung und Fortgang und Ende und Mittel und -Zweck und Handeln und Genuß ein und dasselbe und -eins mit dem Frager? Und wenn alles und alles –</p> - -<p>Und wenn der Himmel einfällt, sind alle Spatzen<span class="pagenum" id="Seite_61">[61]</span> -tot! Damit unterbrach er schroff halb unmutig, halb -doch belustigt sein Forschen. Es muß jetzt ein Ende -werden mit dem Denken, ich muß handeln! Ich gehe -nach Hause und überlege, aber praktisch, was zu thun, -wie mich wenden an die Menschen, wie ihnen mitteilen, -was ich gedacht und will – ja was will ich denn, -du Narr? Ach was, das Beste, was man hat, weiß -man nicht mit klaren Worten. Das kommt schon. -Oder vielmehr, es ist schon da. Es liegt schon in -mir. Ich muß den Schatz nur heben. Ich muß anfangen -zu reden. O mir ist auf einmal die Zunge -gelöst. Ich habe lange genug geschwiegen. Ich muß -nur anfangen mit dem Reden. Dann wird es mir -wie ein Feuerstrom von den Lippen fließen. Anfangen, -nur anfangen. Jetzt ist es Zeit.</p> - -<p>Und als ob er es nicht abwarten könnte mit dem -Beginnen, rannte er mit gewaltig großen ungeschickten -Zügen zur Belustigung der hinter ihm dreinfahrenden -Jugend nach einer Bank, schnallte rasch die Schlittschuhe -ab und eilte nach Hause, diesmal den näheren -Weg durch die Stadt wählend.</p> - -<p>Unterwegs bemerkte er an verschiedenen Straßenecken -große blaue, weiße und rote Plakate, vor denen<span class="pagenum" id="Seite_62">[62]</span> -sich Bürger und Schulkinder trotz der grimmigen -Kälte eifrig lesend hinstellten. Gedankenlose Neugier, -vielleicht auch etwas frischerwachtes Interesse an dem -Treiben der Leute ließen Starkblom auch anhalten. -Da las er auf dem großen hellblauen Plakat: Aufruf. -Mitbürger! Die Reichstagswahlen stehen vor -der Thür. Bei keiner der vergangenen Wahlen stand -Größeres auf dem Spiel.</p> - -<p>So ging es ziemlich lange weiter. Zum Schlusse -ward aufgefordert, Mann für Mann einzutreten für -den bewährten Kämpfer der freiheitlichen Sache, Herrn -Commerzienrat <em class="antiqua">N. N.</em>, und eine Versammlung für den -folgenden Tag, Dienstag, den 23. Januar, einberufen. -Starkblom nahm sich vor, einmal da hin zu gehen, -um zu sehen, ob es denn einen Sinn habe, sich um -diese Dinge anzunehmen, und die Art kennen zu lernen, -wie die Leute die Sachen betrieben.</p> - -<p>Starkblom war früher, als der Landgerichtsrat -und seine Frau noch lebten, auf eine Zeitung abonnirt -gewesen, und sein ordentliches Lorchen hatte die -seltene Gewohnheit gehabt, die Nummern zu sammeln, -vielleicht weil sie glaubte, diese Dinge könnten in späteren -Jahren noch einmal interessant werden, vielleicht<span class="pagenum" id="Seite_63">[63]</span> -aber auch nur, um die Papierballen später im Großen -als Maculatur zu verkaufen. Doch war sie vorher -gestorben, und Starkblom hatte die große Kiste bewahrt -und auch mit ins weiße Haus gebracht. Jetzt ließ -er sich von der Haushälterin vom Speicher herunterholen, -soviel sie unter beide Arme bekommen konnte, -und las darin am Montag Abend und im Laufe des -Dienstags. Er wollte sich etwas vorbereiten auf die -Wählerversammlung und glaubte, Zeitungslesen sei -dazu das beste. Und er wollte einmal sehen, ob die -Politiker noch dasselbe redeten, wie sie vor einigen -Jahren schrieben oder wie. Es war eine üble Arbeit, -dieses Lesen in den morsch und gelb und stinkend gewordenen -Neuigkeiten und Streitigkeiten von anno dazumal, -aber er biß sich durch. Freilich hatte er schon lange -nicht mehr so oft bedenklich den Kopf geschüttelt wie jetzt.</p> - -<p>Die Versammlung schien sich anfangs ganz so -anzulassen, als ob sich in der politischen Welt inzwischen -nichts verändert hätte. Da saßen ungefähr -800 mehr oder minder wohlgenährte Bürger und -hörten mit Bedacht und ohne sich irgendwie activ einzumischen, -ihre Redner an, die von Kornzoll sprachen -und der Brodverteuerung, von Freihandel und freier<span class="pagenum" id="Seite_64">[64]</span> -Concurrenz, vom Militarismus und allzugroßer Belastung -der Volksschultern, von Zuckerexportprämien -und unerhörter Begünstigung der Agrarier, und was -des Erbaulichen mehr war. Den Leuten erschien Leben -und Brodessen und einigermaßen gerechte Verteilung -der Lasten und Politisieren und maßvolle Unzufriedenheit -und bedächtiger Ehrgeiz als selbstverständliches -Menschenrecht. Man müßte sie aufrütteln! dachte -Starkblom. Man müßte ihnen mit Vernunft beizukommen -suchen und mit tiefsinniger Betrachtung. Verzweiflung -wäre ihnen einzuimpfen und Lust zum Tod. -Aber warum? wandte er sich ein. Den Leuten ist ja -so ganz außerordentlich wohl bei ihrem überlegungslosen -Vegetieren. – Warum? Und warum nicht? -Und wenn es aus Bosheit geschähe, ich will es thun! -Was brauchen sie dumpfe Tiere sein, wenn ich es -nicht bin? Was muß ich ihnen ihr Glück gönnen, -wenn mir davor ekelt? Warum sollte ich sie lassen, -wie sie sind, wenn Menschenwort sie umgestalten kann -und in Aufruhr bringen, wie mir es beliebt? Fürwahr, -<em class="gesperrt">wenn</em> ich Macht über sie habe, will ich sie -üben! Warum? wozu? Frage nicht länger. Weil ich -will; zu meiner Freude!</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[65]</span></p> - -<p>Da wurde er in seiner Willenserwägung gestört -durch eine knarrende Stimme, die von neuen Dingen -sprach. Die Versammelten hörten aufmerksamer als -bisher zu und beistimmend nickte ab und zu einer mit -dem Kopfe. Auf einmal schien der Freisinn die Maske -abzuwerfen, der Kampf gegen die Regierung schien nur -ein vorläufiges Späßchen gewesen zu sein. Sie waren -die Vertreter des zahlungsfähigen, aufblühenden, honnetten -Bürgertums, sie hatten die Macht in den Händen -und sie vor allem wollten sich wehren gegen begehrliche -Arme, die von unten sich emporhoben und -Unmögliches verlangten. Mit längst abgethanen Utopien -köderten die Sozialdemokraten die ungebildete -Masse der Arbeiter, die ihnen Glauben schenkte wie -neuen Propheten. Diese Revolutionsprediger waren -eine Gefahr geworden für das Vaterland und die -Gebildeten aller Länder; sie vor allem waren zu bekämpfen. -Der Freisinn allein bietet die wahre Freiheit -und wirtschaftliche Unabhängigkeit des Einzelnen; -in ihm einzig blüht auch das Heil der Zukunft. -Sagt euch los, ihr irre geführten Arbeiter, von den -Lügen der Sozialdemokratie. Stürmischer Beifall -lohnte den Redner, aber das Händeklatschen wurde<span class="pagenum" id="Seite_66">[66]</span> -übertönt von höhnischem Gelächter, das von einer -kleinen Gruppe ausging, die festgeschlossen in einer -Ecke des Saals stand.</p> - -<p>Ein anderer Redner, eine hagere, knochige Gestalt, -lüftete die Maske noch mehr. Oder hatte er eine -neue aufgesetzt? Der Freisinn war wieder fromm -geworden. Erst redete er nur von der Natur und -vom Kampf Aller gegen Alle und von Darwin. -Auf einmal fiel auch das Wort Gott. Starkblom -lauschte erstaunt und ekelahnend. Gott habe die Welt -so geschaffen, daß alle gleiche Rechte haben, aber nicht -gleiche Gaben und gleichen Charakter und gleiches -Glück. Reiche und Arme, Fleißige und Faule, Kluge -und Dumme, das sei ein Gegensatz, der nicht auszurotten. -Und wieder hörte er erbittertes Lachen. -Und das Erben? fragte eine schreiende Stimme. -Erben nur Kluge? Ja, das sei gut und nötig für -das Wohl des Staates, daß die Kinder von des -Vaters Gaben zehrten. Die Familie sei die Grundlage -des Staates und aller Gesittung.</p> - -<p>Während dieser Rede hatte sich ein Arbeiter aus -jener Ecke langsam einen Weg durch die Reihen gebahnt -und war auf die Tribüne gegangen und hatte<span class="pagenum" id="Seite_67">[67]</span> -dem Vorsitzenden etwas zugeflüstert. Der sah ihn -zweifelhaft an und zuckte mit den Achseln. Der -andere machte eine leichte selbstverständliche Handbewegung. -Der Vorsitzende breitete fragend die Arme -aus. Da schlug der Arbeiter ärgerlich leicht mit der -Faust auf den Tisch, daß die Glocke, die darauf stand, -leise zitternden Ton gab, und der Vorsitzende ergab -sich zögernd darein. Nachdem nun der laute Beifall -verklungen war, verkündete er, daß sich ein Gegner -zum Worte gemeldet habe, und da freie Diskussion -ihr Prinzip sei, müsse der das Wort erhalten. Er -werde die Geduld der Versammlung hoffentlich nicht -lange in Anspruch nehmen.</p> - -<p>Nun trat der Arbeiter, ein Mann in den mittleren -Jahren mit ernstem wenig sagendem Gesichtsausdruck -vor. In der linken Hand hielt er seinen breiten -Filzhut zusammengedrückt und mit dieser machte er -während er sprach seine lebhaften aber gleichmäßigen -Bewegungen. Er will scheint’s Holz hauen, flüsterte -jemand in Starkbloms Nähe und lachte unbändig -über seinen Witz. Der Mann sprach nicht gut und -nicht schlecht und wunderlich mischte sich in seinen -Worten nüchterne Trockenheit mit trivialen aufgefangenen<span class="pagenum" id="Seite_68">[68]</span> -Redeblumen. Er hoffe nicht, so begann er, -die Herren zu überzeugen, das sei nicht möglich, aber -er wolle ihnen seine Meinung sagen, damit sie sähen, -wie der Arbeiter denke.</p> - -<p>Das Licht der Vernunft sei aufgegangen im -Proletarierhirn und das sei das Verdienst der Sozialdemokratie. -Diese allein habe ein Herz fürs Volk, -sie allein habe ein festes Ziel und suche die ganze -Menschheit zu beglücken. Was nützt uns Ihr Gott, -wenn er uns in unserem Elend läßt? Wir haben -uns abgewandt von ihm; behalten Sie ihn allein -für sich. Solange der Kapitalismus dauert, hört die -Lohnsklaverei nicht auf; darum muß die kapitalistische -Gesellschaft mit Stumpf und Stil vernichtet werden. -Die Menschen haben im wesentlichen gleiche materielle -Bedürfnisse; oder können Sie mehr als einmal zu -Mittag essen? Nein? Dann ist es auch lächerlich, -daß einer gegen den andern streitet, wer das meiste -Geld verwischt, dann muß die Produktion der Lebensmittel -gemeinsam werden und das ist möglich. Der -Kampf Aller gegen Alle muß aufhören, und das ist -Ihre vielgerühmte Freiheit. Der Satte kann Freiheit -brauchen, aber für die Freiheit zu hungern und geknechtet<span class="pagenum" id="Seite_69">[69]</span> -zu werden, danken wir. Erst wollen wir satt -werden und das Paradies der Menschheit erobern für -alle, meine Herren, für alle und jeden; dann wird die -schöne Freiheit von selber da sein. Sie haben einmal -gekämpft für die Sache des Volkes, als Sie selbst -unterdrückt waren, aber jetzt, wo Sie selber wohlgenährt -sind und obenauf, jetzt haben Sie die Sache -des Volkes verraten! Wir brauchen Sie aber auch -gar nicht mehr. Wir sind zielbewußte Proletarier, -wir stehen auf dem Boden des Klassenkampfes und -den werden wir nicht verlassen, bis die Sonne des -Ostens emporsteigt und die Klassengegensätze aus den -Angeln hebt. Und wie zum Hohn rief er zum -Schluß, indem er fest auf die Versammlung blickte -und auf seine paar Kameraden im Winkel: Es lebe -die internationale revolutionäre Sozialdemokratie, und -jubelnd stimmten seine Genossen ein: hoch, hoch, hoch! -und der Einklang schwebte über dem gemischten Toben -der Versammlung.</p> - -<p>Starkblom fühlte sich wie erhoben von etwas Nieerhörtem. -Er stand auf und sah den Arbeitern nach, -die den Hut auf dem Kopf, fest auftretend, wie zum -Protest den Saal verließen. Er hörte wieder die<span class="pagenum" id="Seite_70">[70]</span> -Stimme des Vorsitzenden, der von unerhörtem provocierendem -Benehmen sprach, aber er hatte genug und -wollte nicht länger bleiben. Er ging zu einer Seitenthüre -hinaus. Herr Fabrikant Wangaus hat das -Wort, hörte er gerade noch beim Schließen der Thüre. -Also der wollte den Mann widerlegen. Er lächelte. -Dessen Rede kannte er schon, der Hagere und der -Fette, die beiden sprachen in gleicher Weise. Gott -stellt jeden auf seinen Platz! Seid doch zufrieden -und rüttelt nicht an der überlieferten Ordnung der -Gesellschaft. Unsere ganze große Cultur ruht ja nur -auf ihr. Er wollte doch rütteln, und die Arbeiter -rüttelten auch. Freilich, diese Arbeiter, die standen -nicht zusammen mit ihm. Die wollten noch leben, -die wollten erst beginnen und das rechte freudige -Leben schaffen. Das freudige Leben? Sie täuschten -sich wohl. Das Leben war keine Freude. Diese -Naiven, wenn sie alles das hätten, was er sich errungen -und was ihm vom Glücke zugefallen, Reichtum, -Unabhängigkeit, Bildung, Wissen – sie wären -elender als jetzt. Oder sie wären stumpfsinnige Tiere -wie diese Bürgersleute da drinnen. Oder gab es ein -drittes? Gab es ein drittes? Gab es ein …?<span class="pagenum" id="Seite_71">[71]</span> -Er konnte es nicht glauben. Ja wenn er glauben -könnte! An die Zukunft glauben. An eine Bestimmung -des Menschen, an einen Zweck, an einen -Sinn … aber so, alles dumm und zwecklos und -so, freudlos und lächerlich. Werdet wie die Kinder. -Dann werdet ihr glauben und das Leben genießen, -solange ihr lebt, und das Paradies der Menschheit -erobern. Hatte er nicht so gesagt? Und <em class="gesperrt">warum</em> -genießen, nochmals und immer wieder? Ich kann nicht -genießen, denn ich frage; und wenn ich nicht mehr -frage und mich aufbäume und forsche und grüble und -schließlich verzweifle: bin ich dann nicht ein Tier? – -Und warum willst du kein Tier sein? Ein heiteres, -herrliches Wesen, strotzend von Fülle und Kraft und -Übermut und Verwegenheit, immer in neue Tiefen -sich hinabstürzend und sich wieder emporschwingend zu -himmlisch-reinen Ätherfernen und Glockentönen? -Fragend genießen, genießend fragen; in der Erde -wurzeln und hinaufragen mit dem Götterleib zur -reinen Höhe, das wäre doch schön, schön? Ja das -wäre schön! Also doch – arbeiten? Arbeiten für -ein Ziel, hinaufstreben, aufklären, predigen, veredeln? -Kämpfen? Mitstreiter suchen? Und finden? Genossen?<span class="pagenum" id="Seite_72">[72]</span> -Wo? Sozial … demokraten? Ja? Ob -das nicht am Ende die rechten Menschen für ihn -waren? Sie schienen ein Ziel zu haben, ein festes, -unverrückbares, sie wollten etwas; und war es nicht -schön und groß, was sie wollten? Und war es nicht -möglich? O, aber es mußte ja möglich sein, wenn -das Leben einen Sinn haben sollte. Und es mußte -doch einen Sinn haben, da er leben wollte und sich -freuen wollte und hoffen wollte? Und wenn der -Mensch etwas denken konnte und wollen konnte, dann -war es doch auch erfüllbar? Freilich leugneten das -die Philosophen; aber sollte es nicht eben darum –? -Alles Vernünftige ist möglich; sonst ist das Vernünftige -wahrhaftig sehr unvernünftig. Also – versuchen wir -es zum mindesten. Her mit dir, du meine Vernunft, -und du, mein Leben! Wir wollen euch noch einmal -erproben. Hierhin stell dich, Vernunft, und hier -gegenüber, du Leben. Wenn ihr nicht zusammenkommt, -solange ich euch beobachte, dann werf’ ich -euch beide ins Wasser; da könnt ihr zusammen ersaufen -und krepieren. Und das Beobachterlein geht -dann schon von selber mit ein ins Reich des Todes. -Also: ich beginne. Ich will versuchen. Die Sozialdemokraten,<span class="pagenum" id="Seite_73">[73]</span> -die muß ich kennen lernen. Am -Ende werde ich selber einer. Sie werden mich -brauchen können. So wäre dann der Kreis glücklich -vollendet. Die Höhe hat die Tiefe wieder getroffen -und verbindet sich mit ihr. Man wendet -sich solange vom Leben ab, bis man ein neues -beginnt. Vom Leben mit Ekel! War es denn -nicht nur <em class="gesperrt">dieses</em> Leben, unter diesen Umständen, in -diesen Verhältnissen? Und all mein Denken, und all -mein Ekel und meine Verzweiflung – nur eine Frucht -meiner Umgebung und meiner Zeit? Neue Verhältnisse -schaffen? Fort mit der allgemeinen, unklaren, -dem Einzelnen feindlichen Philosophie? Lebe die -Nationalökonomie und die Geschichte und die Naturwissenschaft? -Sozialdemokrat werden? Einrichtungen -bekämpfen und nicht mehr den Menschen an sich? -Verhältnisse aufheben und nicht mehr sich selber? -Wissen und nicht mehr ahnen? Glauben und nicht -mehr verzweifeln? Freude und nicht mehr dumpfer -Schmerz? Leben und nicht mehr Tod? Sozialdemokrat -werden? Sozialdemokrat sein?</p> - -<p>Hierher kehrte sein Denken immer wieder zurück -und hier blieb sein Denken stehen. Damit legte er sich<span class="pagenum" id="Seite_74">[74]</span> -ins Bett, damit schlief er ein und damit wachte er -wieder auf.</p> - -<p>Als er ein paar Tage später sich aufmachte, um -einer Versammlung beizuwohnen, die der sozialdemokratische -Leseklub »Menschheit« einberufen hatte, war -sein ganzes Wesen nichts als Willfährigkeit und -fruchtbarer Boden. Er hatte keinen neuen Entschluß -gefaßt, er hatte über die Sache noch nicht tiefer nachgedacht, -er hatte nichts studiert über soziale Zustände -und materialistische Geschichtsauffassung, aber er war -in ahnungsvoller Bereitschaft, sich in etwas Neues -hineinzustürzen mit dem ganzen leidenschaftlichen Feuer, -das sich in ihm die Zeit über angesammelt. Menschen -zu finden, denen er sich anschließen, die er leiten -konnte, Genossen haben im Streit und im Ziel!</p> - -<p>Als er kurz nach 8 Uhr in das Lokal trat, war -der große Saal noch ziemlich leer. Erst nach einer -halben Stunde etwa kamen Gruppen von Arbeitern -und setzten sich an die Tische. Als kurz nach 9 Uhr -die Versammlung eröffnet wurde, war der Saal überfüllt, -überall an den Wänden und zwischen den -Tischen standen noch Menschen. Frauen waren ganz -vereinzelt zu sehen. Starkblom saß an einem Tisch<span class="pagenum" id="Seite_75">[75]</span> -etwa in der Mitte des Saales, wohl der einzige -Fremde unter mehr als tausend Arbeitern. Nur kurz -vor Eröffnung der Versammlung waren zwei feingekleidete -junge Herren gekommen, offenbar Kaufleute -mit ausgeprägt jüdischem Typus und waren prüfend -und unsicher im Saale hin und her gegangen. Dann -sagte der eine zum andern: Komm, Nathan, wir -wollen gehen, es ist ja kein rechter Mensch da. Ein -Arbeiter, der in der Nähe stand, drehte sich ruhig um, -packte den einen links und den andern rechts hinten -am Kragen, schob sie zur Thüre und warf sie -mit einem tüchtigen Stoß hinaus. Starkblom, -der die Szene beobachtet hatte, lachte herzlich und -nickte dem jungen Mann, als er wieder vorbeikam, -freundlich zu. Der setzte sich zu ihm an den Tisch, -und unterhielt sich mit ihm über politische und naturwissenschaftliche -Dinge. Es war seit langer, langer -Zeit das erste Gespräch, das Starkblom mit innerem -Anteil und mit Genuß führte.</p> - -<p>Nun erhielt der Referent das Wort; er sollte -über das Thema: »Wie stellen wir uns zu den -Wahlen?« sprechen. Er war noch ein junger Mensch, -wohl höchstens 26 Jahre alt, der vor Kurzem in<span class="pagenum" id="Seite_76">[76]</span> -Berlin zuerst in der Öffentlichkeit aufgetreten war -und von Stadt zu Stadt zog, um für seine -Ansichten zu agitieren und die Arbeitermassen zu -neuer Begeisterung, neuem Zielbewußtsein und neuer -Energie aufzurütteln.</p> - -<p>Genossen, die Reichstagswahlen stehen vor der -Thür, so begann auch er gleich den unzähligen -Aufrufen und Reden, die in diesen Tagen überall in -Deutschland in die Massen geworfen wurden. Aber -nur zum Spotte. Denn er fuhr gleich fort: Was -gehen uns diese Wahlen an? Sollen wir den Volksverführern, -die auf unsere Dummheit und auf die -Aufregung dieser Zeit spekulieren, glauben, daß von -dem Stimmzettel, den wir in die Urne werfen, von -dem Abgeordneten, den wir nach Berlin schicken, unser -Wohl und Wehe abhängt? Sollen wir glauben, daß -wir Arbeiter einen Vertreter brauchen, um zu erreichen, -was wir wollen? Nein, sage ich, falsch ist diese Ansicht, -wir wollen uns selber helfen.</p> - -<p>Falsch ist die Meinung, das allgemeine gleiche -direkte Wahlrecht, das man uns vor einigen Jahrzehnten -gegeben hat, sei ein Zugeständnis der Regierung -an die sogenannte Souveränität des Volkes. Im<span class="pagenum" id="Seite_77">[77]</span> -Gegenteil, es war ein überaus schlaues Mittel, um -durch alle Künste der Lüge und der Verführung, mit -Hilfe der unverständigen Masse, die revolutionäre -Bewegung der freien Geister zu lähmen und durch -scheinbare Beteiligung an der politischen Macht ehrgeizige -Demagogen, die sich als Vertreter des Volkes -aufspielen, zu ködern und zu glatten parlamentarischen -Regierungsspießgesellen zu machen.</p> - -<p>Ist es nicht überaus bezeichnend, daß es üblich -geworden ist, unter parlamentarischem Ton eine gewisse -aalglatte, höfliche, heuchlerische, durch und durch -verlogene Manier zu reden und aufzutreten zu verstehen? -Ist es nicht bedenklich, daß in allen Parlamenten -die feinen, schwächlichen, sogenannt aristokratischen -Leute, die nichts ihr eigen nennen als ihre -geläufige alle Unebenheiten und Derbheiten vermeidende -Zunge, daß diese überall die Hauptrolle spielen? -Ja, <em class="gesperrt">wenn</em> es so wäre, wie man uns vorzuspiegeln -sucht auch von Seiten solcher, die es ehrlich mit uns -meinen, wenn das Parlament die Heimstätte des freien -Wortes wäre, wenn hier, wo man ungestraft sagen -darf, was man für gut hält, in allen Fragen, in -denen der Religion, der Nationalität, der Rasse, des<span class="pagenum" id="Seite_78">[78]</span> -sozialen Lebens, der Moral, in allen Fragen wie gesagt, -wenn da Männer aufträten mit dem Mute ihrer -Überzeugung, und das mit ihrer feurigen Beredsamkeit -verträten, was wir denken oder wenigstens unklar -fühlen, was wir aber nicht sagen dürfen, weil das -sogenannte »Gesetz« es verbietet – dann hätten wir -nichts gegen das Parlament, obwohl es auch dann -noch lange nicht <em class="gesperrt">die</em> Bedeutung hätte, die viele ihm -jetzt schon zuschreiben. Aber wo in aller Welt ist es -denn so? Fürchten sich denn nicht im Gegenteil -unsere Vertreter vor dem Ordnungsruf des Präsidenten -oder vor dem Spotte der andern Abgeordneten, ihrer -geschätzten Kollegen, mehr als vor dem Strafrichter? -Sprechen nicht auch diese Herren, wenn sie mitten -unter uns stehen, wenn sie das Echo vernehmen, das -aus unserer Masse zu ihnen emporschwillt, freier, -mutiger, wahrhafter als dort? Oder – lügen sie -da mit ihrem freien Ton ebenso sehr wie -dort mit ihrem feinen? Dann wehe diesen Vertretern -und Führern! Dann sind wir verraten und -verkauft!</p> - -<p>Der sogenannte konstitutionelle Staat bedeutet eine -Einigung, ein Kompromiß der feudalen, mittelalterlichen<span class="pagenum" id="Seite_79">[79]</span> -Regierung, des Junkertums, des Königtums -von Gottes Gnaden auf der einen Seite mit der -bürgerlichen Gesellschaft auf der andern. Wohl ist -es wahr, solange dieser Kampf zwischen der bürgerlichen -und der feudalen Welt ausgefochten wurde, war -unser Platz auf der Seite der Bourgeoisie; damals -waren wir noch zu schwach, um gegen beide zugleich -anzukämpfen oder als lachende Dritte zuzusehen, wie -sie mit einander stritten. Heute aber ist dieser Kampf -überhaupt nur noch ein Scheinkampf, heute kämpft -nicht mehr eine Lebensauffassung gegen eine andere, -sondern nur ein Interesse gegen ein anderes. Nur -wir, die wir stark sind in unserer Gemeinschaft, wir -haben eine neue Lebensauffassung, wir müssen mehr und -mehr unsere Gegner gegen uns vereinen, indem wir sie beide -bekämpfen. Wir lassen ihnen ihren Staat und ihre kapitalistischen -Einrichtungen und ihre Kirche und ihr Parlament -– wir stehen außen, und wo wir noch nicht außen -stehen, wo uns die Not zwingt, ihnen Frondienst -zu leisten, bei der Arbeit um des Lohnes willen, da -werden wir auch einmal aufhören, aufhören mit einem -Mal, dann, wann es uns beliebt, wann der rechte -Zeitpunkt gekommen ist.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_80">[80]</span></p> - -<p>Hier wurde der Redner, der sich in ein lebhaftes -Feuer hineingeredet hatte und seine Worte mit starken -Bewegungen seiner Arme und seines Kopfes begleitete, -durch lebhaften Beifall unterbrochen. Starkblom -horchte hoch auf. Da war er am richtigen Fleck. -Aufhören mit der Arbeit, wann es beliebt. Das -war seine Sache. Freilich – es war alles in -anderm Zusammenhang. Nichts im Gegensatz zum -Leben, alles vielmehr um des Lebens willen, für das -vernünftige Leben. Das war es, was diesen Männern -allen so felsenfest sicher stand: es gab eine Vernunft -im Leben, es gab eine Zukunft, es gab Freude und -Lebenszweck, man hatte ein Interesse an der Welt, -auch an den Nachkommen, man handelte und brachte -Opfer für eine Sache, an die man glaubte, für ein -Ziel, auch wenn man es nicht erlebte. Das war es, -das war es, wonach er sich gesehnt, so heiß gesehnt -mit all seinem Sinnen – diese Männer hatten es, -sie wußten wofür sie lebten, ja wofür sie starben. -Und Starkblom bemühte sich, die Zweifel, die sich -ungeordnet von allen Seiten her in ihm aufbäumen -wollten, zu vernichten. Er wollte nicht -mehr unglücklich sein, er wollte mitmachen und<span class="pagenum" id="Seite_81">[81]</span> -er konnte es. Er ließ sich hinreißen – gleichviel -wohin.</p> - -<p>Der Redner hatte indessen einen Schluck Bier -getrunken und fing nun wieder an.</p> - -<p>Die Frage, was uns die Wahlen angehen, erweitert -sich zu der Frage: Was geht uns die -Politik an? Sind wir, wie es vorgegeben wird, eine -politische Partei oder sind wir etwas anderes, etwas -größeres? Was ist denn Politik? Staatskunst nennt -man sie zu deutsch, und das ist richtig. Ohne Staat -giebt es keine Diplomatie und kein Parlament und -keine Politik. Was aber in Dreiteufelsnamen geht -uns der Staat an, der Gehilfe der heutigen Gesellschaftsordnung? -Falsch ist die Meinung, wir könnten uns -durch ein Hinterthürchen einschleichen in den heutigen -Staat und könnten auf diese Weise unser Ziel erreichen. -Falsch ist die Ansicht, dieses Hinterthürchen, -der Parlamentarismus, sei aus Versehen offen geblieben, -oder aus Not; im Gegenteil, sperrangelweit -haben es die heutigen Machthaber geöffnet, um uns -zu ködern und uns zu sanften Regierungsschafen und -Staatseseln zu erziehen, und groß ist die Gefahr, sie -könnten ihr Ziel erreichen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_82">[82]</span></p> - -<p>Genossen, wir sind <em class="gesperrt">keine</em> politische Partei; wir -wollen keine Gesetze machen, um die Ordnung herzustellen -im Interessenkampf und um die Schwachen zu -unterdrücken und die Reichen zu sichern; wir wollen -<em class="gesperrt">nicht</em> flicken an der heutigen Welt, um sie erträglicher -zu machen, nein, ich sage es offen, wir <em class="gesperrt">wollen</em> sie -unerträglich machen, um sie rascher ihrem Tod entgegenzutreiben. -Wir kennen keinen Gegensatz zwischen -den einzelnen Nationen, wir sind heute alle eins als -Proletarier im Kampf gegen das Kapital, und wollen, -daß alle Menschen eins werden als Menschen, als -Individuen im Kampf gegen feindliche Naturkräfte, im -Streit für den Fortschritt und die Kultur! Nochmals -und immer wieder: wir <em class="gesperrt">wollen</em> uns nicht beteiligen, -wir <em class="gesperrt">wollen</em> abseits stehen, wir wollen die heutige -Gesellschaft allein lassen, und wenn es an der Zeit -ist, im Stiche lassen.</p> - -<p>Um das zu erreichen, wenden wir uns vor allem -aufklärend an den einzelnen Menschen. Wir sagen -ihm: siehe, mein Bruder, es giebt für dich keine -Pflicht gegen den Staat oder die sogenannte Gesamtheit, -es giebt auch keine Pflicht gegen Gott, das alles -hat man dir vorgelogen und anerzogen. Wie du zu<span class="pagenum" id="Seite_83">[83]</span> -handeln und was du zu glauben hast, darüber hast -du dich einzig mit deiner Vernunft auseinanderzusetzen. -Und dafür ist gesorgt durch die gemeinsame Abstammung -aller Menschen, daß sie trotz aller Ungleichheiten -und Differenzen nur <em class="gesperrt">eine</em> Vernunft haben, und -daß ein normaler Geist das Größte zu <em class="gesperrt">erfassen</em> -wenigstens im Stande ist, was der Fortgeschrittenste, -der Höchststehende, der Genialste, gefunden und entdeckt -hat. Freilich, einen Wust von Aberglauben und -Unsinn und Lüge müssen wir vorher wegräumen, das -kapitalistische Denken ist auch dem Arbeiter nur allzu -sehr aufgepfropft worden, aber glücklicher Weise verträgt -es sich auf die Dauer nicht mit seinen Interessen -und daher kommt es, daß die Masse der Arbeiter -sehr wohl Verständnis hat für jede neue große Idee. -Das gilt nicht für den Bourgeois – ihm kann man -Vernunft predigen so lange man will, der Durchschnittsbourgeois -<em class="gesperrt">kann</em> uns nicht recht geben, selbst -wenn er ehrlich ist. Soll ein Bourgeois sich überzeugen -lassen von einer Idee, die einer neuen Weltanschauung -angehört, dann muß er ein freier Mensch -sein, der sich zu erheben versteht über die Interessen -seiner eigenen Klasse. Und derer sind wenige.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_84">[84]</span></p> - -<p>Wer aber unter uns Arbeitern versteht es nicht, -wenn ich ihm sage: du zahlst Steuern, du bist Soldat, -du arbeitest in der Fabrik, nicht weil es dein -Wille ist, sondern weil du mußt, weil du geknechtet -bist, weil vorerst die dich knechten, noch die Stärkeren -sind. Du kannst, auch du Einzelner kannst es, du -kannst aufhören zu arbeiten, wenn du nur willst, -aber du wirst verhungern, du kannst dich aufbäumen -gegen Staatsgesetze und Moralgesetze, die dich nichts -angehen, aber du wirst dann deiner Freiheit beraubt, -wenn nicht getötet, und das von Rechtswegen – -denn Recht ist Macht. Du kannst alles, was du -thust, lassen, wenn es nicht dein Wille ist; aber -unter der Knechtschaft, unter der du stehst, kannst du -nicht thun, was du willst. Du kannst deinen heißen -Bildungstrieb nicht befriedigen, du kannst dir kein -menschenwürdiges Dasein schaffen, du kannst nicht -aus der Welt schaffen, wovor dir ekelt, nicht die -Schwindelgeschäfte, nicht die Börse, nicht die Prostitution, -nicht lügnerisches Pfaffentum und Beamtentum, -nicht verkehrte, geistverstümmelnde Jugenderziehung. -Kurz, du kannst nicht leben wie du willst, du mußt -leben, wie es die Verhältnisse wollen, die aufrecht<span class="pagenum" id="Seite_85">[85]</span> -erhalten und verteidigt und idealisiert werden von der -heutigen bürgerlichen Gesellschaft.</p> - -<p>Unter diesen Umständen giebt es nur <em class="gesperrt">ein</em> Mittel. -Wir alle, die wir unter diesen Verhältnissen leiden, -thun uns zusammen zu einer kämpfenden Gemeinschaft. -Wir wollen nicht aufhören Vernunft zu lehren und -die Massen aufzuklären, bis wir es erreicht haben, -daß die Proletarier aller Länder sich vereinigt haben, -um zu stürzen die kapitalistische Weltanschauung und -einzurichten die sozialistische. Organisieren wir uns -in den Gewerkschaften, werbet überall, in den Fabriksälen, -auf den Straßen und öffentlichen Plätzen, in -der Familie, in großen Versammlungen. Ist diese -freie Organisation stark genug, dann kann jede einzelne -Gruppe im Kampf um die vorläufige Besserung der -Lebensbedingungen, um Verkürzung der Arbeitszeit, -um Erhöhung des Lohns auf die Unterstützung aller -andern rechnen und dem Kapital die Spitze bieten. -Dann kann jede einzelne Gruppe schon vorläufig der -bürgerlichen Gesellschaft kündigen, sei es auch nur -um zu zeigen was kommen wird. Und diese unsre -Kampforganisation muß schon ein Abbild sein der -zukünftigen Gesellschaft. Da tritt jeder ein mit Gut<span class="pagenum" id="Seite_86">[86]</span> -und Blut für den andern, für die gemeinsame Sache; -einer für alle; alle für einen.</p> - -<p>Darum rufe ich euch zu: Genossen, wählt nicht -zum Reichstag! Wählt keinen Vertreter, der für -euch kämpfen soll durch Parlamentsreden. Das Wort -ist nicht da zum Kampf, sondern zur Belehrung, und -für den Kampf giebt es keine Vertretung. Kämpft -selbst, Proletarier, nicht mit der Zunge, kämpft mit -eurer ganzen Person, kämpft da, wo der Kampf ausgefochten -werden muß, auf dem Boden der <em class="gesperrt">Arbeit</em>, -und da könnt ihr nicht <em class="gesperrt">allein</em> kämpfen, sondern nur -alle zusammen festgeschlossen und einig. Vereinigt -euch, Proletarier klärt auf, Genossen, werbet für -unsere Idee, der Sieg wird unser sein!</p> - -<p>Wieder ertönten starkes Händeklatschen und lebhafte -Rufe der Zustimmung, durch die nur ein ganz vereinzeltes: -»ganz unrichtig«; kaum dringen konnte. Die -Diskussion wurde nun eröffnet und ein Arbeiter nach -dem andern trat vor, um mehr oder weniger geläufig -seine Zustimmung zu dem Gehörten auszusprechen und -nunmehr Ergänzendes beizubringen, indem hauptsächlich -gegen die einzelnen Volksvertreter schwere Vorwürfe -erhoben wurden. Nachdem nun noch der Gegner,<span class="pagenum" id="Seite_87">[87]</span> -der sich vorhin bemerkbar gemacht, zu Wort gekommen -war, um außerordentlich fließend in ununterbrochener -Rede zu sagen, wie ungerecht die Vorwürfe seien, -wie großes Verdienst sich die Führer um die Sache -erworben, wie vortrefflich die Parlamentswahlen und -das Parlament selbst sich zur Agitation eigneten, wie -auch manches auf diesem Wege für die Arbeiter -herauszuschlagen sei, – erhielt der Referent noch -einmal das Wort, um das Ergebnis der Diskussion -zusammenzufassen.</p> - -<p>Gesinnungsgenossen, so begann der Redner, für -ganz unrichtig muß ich es halten, wenn der Herr -Vorredner gemeint hat, die Bourgeoisie, d. h. ihre -Vertretung, das Parlament, habe uns Konzessionen -gemacht, weil wir eine in Betracht kommende Anzahl -Abgeordnete ins Parlament gesandt hätten. Keineswegs, -sage ich. Diese Konzessionen sind gemacht -worden (übrigens kann man ja bisher kaum schon -von solchen reden, aber ich gebe zu, es werden noch -solche gemacht werden) weil die Bewegung in den -Massen zu groß geworden ist und zu gefährlich, weil -etwas gethan werden mußte, um den Anschein zu erregen, -die herrschende Klasse sei sich der Ungerechtigkeit<span class="pagenum" id="Seite_88">[88]</span> -unserer Zustände bewußt und wolle abhelfen. -Wieviel stärker und energischer aber wäre heute schon -die sozialistische Bewegung, wenn unsere Agitation -nicht nur Wahlagitation gewesen wäre, wenn wir -von vornherein uns im Gegensatz zum Parlament -gestellt hätten. Ich behaupte, die Herren im Reichstag -und am grünen Tisch hätten ein ganz anderes -Gruseln verspürt und hätten viel entschiedenere Konzessionen -gemacht, wenn niemals ein Sozialist ihren -Sitzungssaal betreten hätte, wenn sie ganz allein unter -sich geblieben wären und nur die drohenden Stimmen -gehört hätten, die lauter und lauter von außen eingedrungen -wären, von dem arbeitenden Volk, das -nichts mit ihnen gemein haben will. Was aber -kümmern sich die Herren jetzt darum, wenn ihnen -ein glatter Redner zwei Stunden lang möglichst -maßvoll dies oder jenes auseinandersetzt und immer -Rücksicht darauf nimmt, daß er nicht zuviel von den -Herren verlangt? Und wie ganz anders aufreizend -hätten die Reichstagsverhandlungen gewirkt, wenn die -Herren Bourgeois unter sich geblieben wären, wenn -sie die Zeit vertrödelt hätten mit ihrem einsichtslosen -und thörichten Geschwätz, mit ihrem unsinnigen tagelangen<span class="pagenum" id="Seite_89">[89]</span> -Streit über Formalien und Lappalien, während -draußen die Arbeiter sich fester und fester zusammenschließen -zum Kampf ums Brod (was etwas anderes -heißt als die Bekämpfung des Kornzolls), aber auch -um ein hohes Ideal, für die Neugestaltung der Menschheit! -Und wenn dann einmal eine festgeschlossene -Kolonne Arbeiter auf der Galerie erschienen wäre, -um dem Geflunker zuzuhören, wenn die Aufregung -dann bis zum Siedepunkt gestiegen wäre, und das -Volk anfinge, mitzureden und den Herren zu sagen, -was von ihnen zu halten ist, dann könnte man sehen, -wie die Herren Bourgeois sich vor Angst in alle -Winkel verkröchen. Hat man etwas dem Ähnliches -schon einmal erlebt, wenn einer unserer Abgeordneten -gesprochen hat? O nein, man hat ihn höchstens -aufmerksam angehört und hat dann die oratorische -Leistung bewundert. Das muß anders werden. Auf -diesem Wege verflacht unsre große Bewegung mehr -und mehr. Hüten wir uns, daß nicht abgespannt -wird; hüten wir uns, daß die Massen nicht anfangen -zu ermatten und an unsere Sache nicht mehr zu -glauben. Die Unzufriedenheit, die leidenschaftliche -Begier, unsere Lage zu bessern und von Grundaus<span class="pagenum" id="Seite_90">[90]</span> -zu ändern, darf nicht schwinden, muß gesteigert werden. -Und Aufklärung und Belehrung muß sich damit fort -und fort vereinen. Nehmen wir uns in Acht! Stehen -wir zusammen Mann für Mann! Und vor allem: -nicht wählen wollen wir, sondern protestieren gegen -das Wählen!</p> - -<p>Mitten unter dem Beifallssturm, der sich wieder -erhob, während einige sich schon zum Weggehen <em class="gesperrt">bereiteten</em>, -indeß die große Masse ruhig sitzen blieb in -der Erwartung, daß zum dritten Punkt der Tagesordnung -»Verschiedenes« nach etwas von Interesse -zur Sprache käme, stand Starkblom auf. Während -der letzten halben Stunde hatte ihm der Gedanke: -Du mußt reden, und immer wiederholt das eine -Wort: reden, reden, reden keine Ruhe mehr gelassen. -Es fröstelte ihn und dann stand ihm wieder der -Schweiß auf der Stirn und es drückte ihn etwas -ohne Unterlaß an der Kehle, und nun war er aufgestanden, -er wußte selbst nicht, um das Fieber und -die Beklemmung von sich zu schütteln oder zu reden.</p> - -<p>Nun fragte der Vorsitzende seiner Gewohnheit -nach: »Wünscht noch jemand das Wort? – Es -scheint, daß –« Da streckte Starkblom, wie er es<span class="pagenum" id="Seite_91">[91]</span> -vorher bei den andern, die sich gemeldet, gesehen hatte, -gedankenlos den Arm in die Höhe und währenddem -fuhr es ihm durch den Kopf: Nun mußt du reden, -nun mußt du reden, was wirst du denn sagen, ich -weiß ja gar nichts zu sagen, die Gedanken gehen mir -ja aus, jetzt ist es Zeit, Zeit, Zeit, groß – bedeutend -– mannhaft – alles, alles.</p> - -<p>»Sie haben das Wort. Bitte rasch; Namen und -Wohnung, kommen Sie vor,« sagte der Vorsitzende -sofort.</p> - -<p>Starkblom ging vor; er hatte sich gefaßt, aber er -konnte nicht überlegen; meine Herren, meine Herren, -ich, meine Herren, ich will, meine Herren, so wiederholte -er in seinem Denken immerfort und fast mit -den Lippen. Aber als er vorn stand, sagte er ganz -ruhig zum Polizeilieutenant, der die Versammlung -überwachte, gewendet: Karl Starkblom, Villa Weißes -Haus, Privatmann.</p> - -<p>»Sie haben das Wort,« wiederholte der Vorsitzende, -während man in der Versammlung teils aufmerkte, -teils durcheinander sprach; man war begierig, -was der feine Herr zu sagen wußte.</p> - -<p>Und nun begann Starkblom, und gleich von Anfang<span class="pagenum" id="Seite_92">[92]</span> -an fließend und ruhig sprechend, nur zwischen -den einzelnen Sätzen kurze Pausen machend, während -deren er tief Athem holte, denn eine gewaltige Aufregung -in ihm preßte sich gegen seine Brust.</p> - -<p>Meine Herren, es ist richtig, was der erste -Redner sagte. Damit sich einer aus den Reihen der -Gebildeten erhebt über den Standpunkt seiner Umgebung, -über das Denken und gewohnheitsmäßige -Leben, das ihm von früh an eingelernt ist, dazu gehört -ein freier und ungewöhnlicher Mensch. Und -selbst dann, wenn einer frei ist und von bedeutender -Geistesanlage, selbst dann wird sein Leben sich ganz -anders gestalten, wird er zu ganz andern Resultaten -kommen, als Sie wohl annehmen, wenn ihm irgend -welche Zufälligkeiten den Streich spielen, ihn nie zusammenkommen -zu lassen mit den Menschen, deren -Denken von Anfang an eine ganz andere Richtung -einschlagen muß als die seine. Ich bin nicht mehr -jung, aber zum ersten Male in meinem Leben -stehe ich heute unter Arbeitern. Ich bin kein Bourgeois -in dem Sinne, wie Sie das Wort gebrauchen, -wohl aber bin ich mir selbst nicht bewußt ausgegangen -in all meinem Leben und in all meinem Denken und<span class="pagenum" id="Seite_93">[93]</span> -Empfinden von der heutigen Gesellschaftsordnung, von -der heutigen Sitte und Moral. Über alles, was man -mir je angelernt hat, habe ich mich in langem Ringen -und schwerem Kämpfen vollständig erhoben, nur das -eine habe ich bis zu dieser Stunde nie gewußt: daß -es Menschen giebt, die ganz anders empfinden und -denken, wie wir da oben, und daß die Zukunft in den -Händen dieser Menschen liegen kann. Ich habe die -ganze Bildung meiner Zeit bewältigt; ich habe all -das Leben und Treiben dieser Erde beobachtet; ich -habe geschaut, wie die Menschen dies und das treiben -und sich doch stoßen lassen von jeglichem Zufall, daß -sie kein Ziel haben und keine Reflexion, und ich habe -mich mit Ekel abgewandt von dem Menschengeschlechte, -das nicht weiß, wofür es lebt und – noch schlimmer -– es gar nicht wissen will. Und ich war nahe -daran, selbst wegzugehen vom Menschendasein, weil -ich trotz allem Grübeln und verzweiflungsvollen -Forschen nicht finden konnte, wofür ich lebe. Ich -habe den Mut gehabt, in meinem Denken wenigstens -die Konsequenz zu ziehen aus meinem Leben, und das -ist die Konsequenz eines jeden aus meinem Gesellschaftskreise. -Diese Konsequenz heißt: Selbstmord.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_94">[94]</span></p> - -<p>Heute aber kann ich sagen: ja, jawohl, die bürgerliche -Welt ist dem Tode verfallen, aber aus ihren -Trümmern, das hoffe ich mit Ihnen und daran will -ich mich anklammern, wird auferstehen die sozialistische -Gesellschaft, eine neue Welt.</p> - -<p>Hier löste sich die Spannung, mit der die große -Versammlung bisher in vollkommener Ruhe zugehört -hatte, in ein vielstimmiges und gleichzeitiges Bravo -auf. Starkblom fuhr sich leicht über die Stirn und -holte tief Athem; dann sprach er weiter, nunmehr -lebhafter und freudiger, wie getragen von der Sympathie -der Versammlung.</p> - -<p>Ja, meine Herren, heute ist es mir endgiltig klar -geworden, und darauf baue ich: nicht der Mensch als -solcher oder gar die Welt an sich ist es, vor der mir -ekelt in tiefster Seele, es sind nur die Menschen, -unter denen ich aufgewachsen bin, mit denen ich -mein ganzes Leben verbracht habe; es sind nur die -Zustände, die heute herrschen und die sich von Geschlecht -zu Geschlecht überliefern, weil jedes Kind von -neuem gedankenlos hereingezogen wird in den alten -Kreis verrotteter Gewohnheit. Ein Kind aber kenne -ich, das noch nicht zugrunde gerichtet worden ist von<span class="pagenum" id="Seite_95">[95]</span> -diesen Einrichtungen, ein Feld, das noch nicht gejätet -worden ist mit dem Pfluge einer alten Moral und -das bereit liegt zu neuem Samen; eine Wolke, die -sich noch nicht ausgeschüttet hat, sondern voll ist von -neuem fruchtbarem Regen; ein Rad, dessen Felgen -noch nicht zerbrochen sind, sondern das erst beginnen -will zu rollen, wer weiß wohin? … Ich meine die -Arbeiterklasse. Die Bildung, mit denen man unser -Hirn vollgepfropft hat, haben Sie nicht genossen, und -dadurch haben Sie Platz gehabt für eine neue Idee, -dadurch sind Sie berufen, der alten morschen Gesellschaft -den Todesstoß zu geben und sie abzulösen, und -mit Vernunft da zu beginnen, wo die Unvernunft -das Ende ihrer Entwickelung erreicht hat. Unsere -thörichte bürgerliche Gesellschaft glaubte dem Volk -einen gewissen Grad von Wissen und Aufklärung zukommen -lassen zu dürfen, und die Geister, die sie so -beschworen, die werden sie nicht mehr los. Die heutige -Gesellschaft hätte aufrecht erhalten werden können, -wenn die Arbeiter systematisch zu Haustieren, noch -schlimmer, zu Fabriktieren gemacht worden wären; -aber da man in sentimentaler Duselei mit einer -Reminiszenz an die Menschenrechte der französischen<span class="pagenum" id="Seite_96">[96]</span> -Revolution davor zurückschreckte und ihnen mit Halbheiten -den Geist stopfen wollte, siehe da wurde der -Mensch in ihnen wach, und schneller, als jene es geahnt, -erwächst die neue große Revolution, die viel, -viel gewaltiger werden wird als die sogenannte große -Revolution der Bourgeois. Einen neuen Glauben -haben die Arbeiter, einen Glauben an sich und an -die Zukunft der Menschheit. Die bürgerliche Gesellschaft -aber hat keinen Glauben, keinen neuen und -keinen alten; sie verzweifelt an sich selbst, wo sie nicht -gedankenlos dahinvegetirt und selbst zum Tier geworden -ist. Die soziale Revolution wird siegen!</p> - -<p>Da brach gewaltiger Beifall los. Starkblom -fühlte, dies sei für die Empfindung seiner Zuhörer -das Ende seiner Rede, und obwohl er noch lange -weiter hätte sprechen können, fügte er nur noch hinzu, -laut durch das Getöse rufend:</p> - -<p>Zu Ihnen flüchtet sich von den Gebildeten, wer -an der Zukunft der bürgerlichen Gesellschaft verzweifelt -und doch eine starke Ahnung hat, damit sei -die Menschheit noch nicht an ihrem Ziele. Nehmen -Sie mich auf in Ihren Reihen. Unser Wille ist<span class="pagenum" id="Seite_97">[97]</span> -derselbe: die vernünftige Gestaltung des menschlichen -Lebens!</p> - -<p>Starkblom wollte rasch von der Tribüne heruntergehen, -um so schnell als möglich nach Hause zu -kommen, fort aus diesem Saale in die freie Luft. -Wie hätte er jetzt noch ein einziges Wort sprechen -können. Aber der Vorsitzende, neben dem er stand, -tippte ihn leicht auf die Schulter und sagte: »Herzlichen -Dank, Herr Starkblom. Es würde mich sehr -freuen, wenn Sie etwas warten wollten; die Versammlung -ist ja jetzt doch wohl zu Ende. Hätten -Sie die Güte?«</p> - -<p>Starkblom drückte ihm die Hand. »Gewiß, sehr -gern.«</p> - -<p>Während dieses kurzen Gesprächs hatte sich unten -im Saale schon alles erhoben und lief durcheinander -dem Ausgang zu. Nur der Form zuliebe fragte der -Vorsitzende: Wünscht noch jemand das Wort? und -fügte dann gleich hinzu: Dann schließe ich die Versammlung. -Sofort begannen einige Stimmen mit dem -kräftigen Gesang der Arbeitermarseillaise: »Wohlauf, -wer Recht und Wahrheit achtet,« und immer zahlreicher -fielen die Anwesenden ein in den Chor, während alles<span class="pagenum" id="Seite_98">[98]</span> -langsam zum Ausgang drängte. Nur einige wenige -strebten gegen die Masse nach vorn, und schließlich -standen, während der Saal schon fast leer war, sieben -Männer um Starkblom, ihm abwechselnd die Hand -reichend und durcheinander auf ihn einredend. Er -nickte nur nach allen Seiten und sagte: Jaja – -jawohl – ganz richtig – aber bitte sehr. – Er -hörte nicht, was die andern sagten und wußte nicht, -was er selbst sprach. So hätte er wohl noch Stunden -lang dastehen können und seine erregte Freude auf- -und abwogen lassen. Aber der Mann, der den Vorsitz -geführt hatte, rüttelte ihn auf, indem er den Vorschlag -machte, sich an einen Tisch zu setzen und noch ein -Glas Bier zu trinken. Es geschah so, und bald war -Starkblom in ein Gespräch verwickelt mit seinen -Nachbarn, erst über ziemlich gleichgiltige Gegenstände, -über die Arbeitsverhältnisse hier am Ort und über das -bisherige Leben Starkbloms nach außen. Bald aber -wurden sie hereingezogen in das Gespräch, das indessen -auf der andern Seite des Tisches geführt wurde. -Man sprach über die Zustände und Spaltungen in -der deutschen sozialdemokratischen Partei. Starkblom -erfuhr da, daß durchaus nicht überall die prinzipienfeste,<span class="pagenum" id="Seite_99">[99]</span> -revolutionäre Richtung einen so großen Anhang -habe wie hier; an andern Orten begnügten sich die -Massen vielfach mit großen Schlagworten und überließen -im übrigen alles ihren vergötterten Führern.</p> - -<p>»Ja aber diese Führer«, fragte Starkblom erstaunt, -»können denn diese wirklich glauben, es scheinen -doch überaus vernünftige und begeisterte Leute zu sein, -daß durch althergebrachtes Politisieren und Parlamentieren -das große Ziel erreicht werden könne? Das -ist doch ganz undenkbar.«</p> - -<p>»Das will ich Ihnen erklären«, antwortete ihm -Mathias Buvolski, der vorhin das Referat über die -Wahlen gehalten hatte. »Die Herren sind überschlau, -das ist ihr Verderben, hoffentlich nicht das unsere. -Sie glauben gar nicht recht an die Kraft der Bewegung -und vor allem nicht an die Macht der Aufklärung. -Sie halten große Reden von der wirtschaftlichen -Entwicklung, und daß die sozialistische Gesellschaft -sich ganz von selber mache; man brauche gar nicht -eingreifen und sich nicht in Gefahr bringen. Aber -sie wollen die Macht nicht aus den Händen geben, -sie erwarten irgend etwas ganz besonderes, irgend einen -großen Zufall, am liebsten eine Revolution von oben,<span class="pagenum" id="Seite_100">[100]</span> -einen Verfassungsbruch der Regierung und da wollen -sie zuwarten. Und damit die Bewegung inzwischen -nicht stillsteht oder gar ins Nichts zerrinnt, wenden sie -künstliche Mittel an, um das Interesse wach zu erhalten. -Da wird also ein großer Entrüstungssturm -in ganz Deutschland gegen die Kornzölle erregt, -nur damit überall Massenversammlungen stattfinden. –«</p> - -<p>»Was?« unterbrach ihn Starkblom. »Genau -dasselbe hörte ich ja vor ein paar Tagen bei den -Freisinnigen?«</p> - -<p>»Allerdings, aber das thut nichts; bei uns zieht’s -mehr. Und aus demselben Grunde muß gewählt -werden und müssen die Abgeordneten Reden über -Reden halten und Anträge über Anträge stellen. Alle -paar Wochen taucht dann wieder ein neues Projekt -auf, irgend ein Detailvorschlag, der der Masse -imponiert, Verstaatlichung der Apotheken, der Ärzte, -des Getreidehandels … Die Bewegung darf nicht -einschlafen, das ist alles. Aber gethan wird nichts, -es giebt keine ernstliche Aufklärung, nicht im Wort -und nicht in der Schrift, die Provinzzeitungen sind -miserabel, die Brochüren zu teuer, die Führer sitzen -im Reichstag und haben keine Zeit zur Belehrung des<span class="pagenum" id="Seite_101">[101]</span> -Volks … Sie machen von sich reden und halten -sich obenauf, um, wenn die rechte Zeit von ungefähr -kommt, die Macht in der Hand zu haben. Drum -sind sie auch keineswegs unter sich einig, immerfort -Zänkereien und Eifersucht.«</p> - -<p>»Was reden wir da?« sagte Starkblom. »Das -sind ja ganz gewöhnliche Menschen, nicht unbegabt, -aber gewöhnlich. Aber was gehn uns Personen an? -Im Sozialismus steckt Tieferes, als seine heutigen -Verkünder wohl ahnen. Was gehen uns diese -Kleinlichkeiten an, wo es sich um die Zukunft der -Menschheit handelt?«</p> - -<p>Die andern hörten aufmerksam zu, Buvolski aber -sagte: »Sie haben heute Abend schön und herzlich und -feierlich gesprochen. Ich habe noch niemanden getroffen, -glaube ich, der so sein Alles daran setzt, um das was -er denkt, auch zur Wirklichkeit zu machen. Nicht wahr, -Sie glauben felsenfest an die Macht der Vernunft?«</p> - -<p>Starkblom fühlte wie er blaß wurde. Es lief -ihm kalt über den Rücken. Wenn, wenn, wenn … -Nein. Er schüttelte sich. Nichts mehr von den alten -Dingen. Er wollte nicht mehr. Es war entschieden. -Ja, er glaubte.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_102">[102]</span></p> - -<p>Erst nach einer Pause, während der alle gespannt -nach ihm blickten, antwortete er langsam:</p> - -<p>»Viel gefragt. Ich glaube, daß ich nicht einzig bin.«</p> - -<p>»Offen gestanden, ich verstehe nicht recht. Wie -meinen Sie das?«</p> - -<p>»Ich bin ein Teil der Welt, ein winziger Teil; -ein einsamer, versprengter Teil, es ist wahr. Daß -<em class="gesperrt">ich</em> vernünftig bin, das weiß ich sicher; und was ich -glaube, das ist das, daß ich mich nicht soweit über -die andere Welt erhoben habe, daß sie mir nicht mehr -nachfolgen kann. Man kann viel, wenn man will; -und der Wille kann erweckt werden. Der Geist des -Menschen ist so eingerichtet, daß, wenn einer allen -Schmerz und alle Verzweiflung eines ganzen Lebens -dazu gebraucht hat, um <em class="gesperrt">eines</em> zu erreichen und daran -festzuhalten, daß er allen anderen diese Not ersparen -kann, indem er ihnen das fertige Ergebnis seines -Lebens begreiflich macht. In diesem Sinne ist jeder -bedeutende Mensch ein Heiland, der die Schmerzen -der ganzen Welt auf sich nimmt und sich kreuzigen -läßt, um die Welt zu erlösen. – Wo wohnen Sie? -Bitte wollen Sie mir Ihre Adresse angeben?«</p> - -<p>Alle schauten ihn verwundert an. Er aber stand auf.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_103">[103]</span></p> - -<p>»Ich kann nicht länger bleiben. Aber wir sind -nicht das letzte Mal zusammen.«</p> - -<p>Buvolski sagte ihm, wo er wohne, Starkblom bat -die Männer, ihn doch bald zu besuchen, wenn sie -Zeit hätten, und nach herzlichem Abschied ging er.</p> - -<p>Er eilte nach Hause. So lange er in den -Straßen der Stadt war, ging er nur sehr rasch und -blies die Luft von sich und lächelte vor sich hin und -schwang seinen Stock und schlug ab und zu auf die -Steinplatten, daß die Funken heraussprangen. Sowie -er aber auf der Landstraße war, auf der fester, aber -noch weißer Schnee lag, und seine Blicke über die -Felder schweiften, deren unermeßliche Schneedecke im -Mondschein strahlte und glitzerte, fing er an zu -rennen, als wollte er mit seinem Schatten um die -Wette laufen. Dabei schrie er laut: Juhu, juhu! -Eine unbeschreibliche, freudige Aufregung hatte sich -seiner bemächtigt. Jetzt dachte er nicht, jetzt grübelte -er nicht der Zukunft entgegen, er hatte etwas in -der Gegenwart, worüber er sich freuen konnte, -und gedankenlos wie ein Kind überließ er sich dem -Genusse.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_104">[104]</span></p> - -<p>Er war schon in der Nähe seiner Villa, als ihm -ein hochgewachsenes Mädchen begegnete. Schon von -weitem rief sie ihm zu:</p> - -<p>»Na, Ihr seid wohl eben entsprungen?«</p> - -<p>Starkblom, der sie sofort verstand, lachte und -ging weiter, bis er vor ihr stand und hielt dann an. -Sie dachte an das große Irrenhaus drinn in der -Stadt, in dem Unheilbare aus dem ganzen Lande eingesperrt -waren.</p> - -<p>»Nun, das gerade nicht«, antwortete er lustig. -»Vielleicht bringe ich’s aber noch so weit. War’s -schön heute Abend?«</p> - -<p>Er schaute vergnügt dem Mädchen, das sehr hübsch -war, ins Gesicht.</p> - -<p>»Wie meinen Sie das?« fragte sie etwas verlegen -und rückte das Tuch, das sie auf dem Kopfe -trug, zurecht.</p> - -<p>»Na, ich denke, ein Mädel ist doch nur aus -einem Grund so spät noch hier außen. Ist er lieb? -Meint er’s ehrlich?«</p> - -<p>»Ich weiß nicht«, sagte sie und errötete ein -wenig. »Ich hab’ ihn eben gern.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_105">[105]</span></p> - -<p>»Hast recht, Kind. Das ist genug und erklärt -alles. Was ist er denn?«</p> - -<p>»Fabrikarbeiter.«</p> - -<p>»So? – Ist er auch Sozialdemokrat?«</p> - -<p>»Ich sag Ihnen doch, daß er Fabrikarbeiter ist.«</p> - -<p>»Jaso, hast recht.«</p> - -<p>»Seit wann sind wir denn per Du?«</p> - -<p>»Seit heute, liebes Mädel und nur für heute. -Nichts für ungut, aber ich bin so froh und erhoben, -wie nie zuvor.«</p> - -<p>»Ich merk’s und es freut mich. Ich hab die -lustigen Leute gar gern.«</p> - -<p>»Ich war’s schon lange nicht mehr.«</p> - -<p>»So?«</p> - -<p>»Jaja, schon lange nicht mehr.«</p> - -<p>»Jaja, Sie sehen auch recht ernst und traurig -aus. Bleibt nur lustig, ’s ist besser.«</p> - -<p>»Ich will’s, wenn’s geht. Komm, gieb mir -’nen Kuß.«</p> - -<p>»Nein. Oder – ja, weil’s Sie sind.«</p> - -<p>Sie legte die Hände auf seine Schultern und er -küßte sie rasch. Dann gab sie ihm noch einige freiwillig -drein, schüttelte seine Hand und wandte sich zum Gehen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_106">[106]</span></p> - -<p>»Adieu, fröhlicher Herr. Denken Sie nichts -schlimmes von mir.«</p> - -<p>»Lebwohl, mein schönes Kind, und grüße mir -deinen Schatz.«</p> - -<p>Dann ging auch er und schnalzte noch ein paar -Mal vor Vergnügen mit der Zunge. Dann schritt -er den Berg hinauf, jetzt langsamer, er blieb ein -paar Mal stehen und schaute sich um und ließ seinen -Blick schweifen über Feld und Wald und Fluß, das -alles weiß vor ihm lag, und über die Stadt hin. Er -streckte den Arm aus und bewegte die Hand auf und -ab, wie zum Segen oder zum Dank. Auch auf die -Landstraße blickte er lächelnd und gewahrte schon -ziemlich weit entfernt einen dunklen Punkt. Noch -einmal brach die Spannung in seiner Brust durch -und laut rief er wieder sein Juh! hinunter. Und -leise vernahm er die Antwort des Mädchens: Hoijohehuhu! -Er nickte und lächelte vor sich hin, dann -schloß er die Thür auf und ging hinauf in sein -Schlafzimmer und machte Licht. Da wurde er gleich -ernster, er ging noch eine Zeit lang hin und her und -brummte vor sich hin: Jaja, hm, hm, jaja. Dann -kleidete er sich aus, löschte das Licht und legte<span class="pagenum" id="Seite_107">[107]</span> -sich ins Bett. Nach ein paar Minuten war er eingeschlafen.</p> - -<div class="tb"><sub>*</sub><sup>*</sup><sub>*</sub></div> - -<p>Von diesem Tage an war Karl Starkblom ein -leidenschaftlicher Anhänger und Verkünder des -Sozialismus. Er gewann bald Einfluß auf die -Massen, er schrieb zündende Brochüren, reiste im -Lande herum und hielt überall, in großen öffentlichen -Versammlungen, in kleinen Gesellschaften und in -Fachvereinen Vorträge. Er gehörte zu den leidenschaftlichsten -Kämpfern gegen die bürgerliche Gesellschaft – -wenn er auch nicht darauf verzichten wollte, die vorgeschrittensten -Elemente derselben durch die Mittel -vernünftiger Ueberzeugung für seine Sache zu gewinnen. -So schien er ganz aufgegangen in dieser -Thätigkeit; er schien zu wissen, wofür er lebte oder -vielmehr gar keine Zeit mehr zum Grübeln zu haben.</p> - -<p>Eines Abends aber – er stand schon seit Monaten -mitten in der Bewegung – ereignete sich etwas sehr -Merkwürdiges. Freilich, wenn er später daran dachte, -mußte er sich sagen, es kam nicht so ganz plötzlich, -es hatte sich zu verschiedenen Malen angezeigt, immer<span class="pagenum" id="Seite_108">[108]</span> -war es ein jäher Einfall, der plötzliche Dolchstich -eines Zweifels gewann, aber es war stets sofort wieder -gegangen, und er hatte weiter keine Acht darauf. -Schon am ersten Abend, in jener Versammlung war -eine Bangigkeit an ihm heruntergelaufen gleich einem -körperlichen Übelsein, und dann Abends vor dem -Einschlafen, und dann später wieder und nochmals -und ein anderes Mal … aber ohne Zusammenhang -… ein plötzliches Zurückschaudern … ein -dummer Gedanke, der sich wieder vergaß …</p> - -<p>Diesmal aber überwältigte er ihn. Er hielt vor -einer außerordentlich stark besuchten Versammlung in -einer großen Stadt des westlichen Deutschland einen -Vortrag über das Thema: Warum muß der -Sozialismus siegen?</p> - -<p>Im Saal war eine fürchterliche Hitze und eine -entsetzlich schlechte Luft; draußen tobte und brüllte der -Sturm. Er hatte im ersten Teil seiner Rede den -gegenwärtigen Zustand der menschlichen Gesellschaft -in scharfen Zügen vorgeführt. Seit kurzer Zeit -unterließ er es, sich genau auf seine Reden vorzubereiten; -er wollte sich tragen lassen vom Strom der -Gedanken und auch der Worte. So kam es, daß er<span class="pagenum" id="Seite_109">[109]</span> -diesmal in einen Gedankengang hineinkam, der ihm -selbst neu war. Das störte ihn nicht, er redete geläufig -weiter, aber er paßte selbst auf und mußte -allerlei Nebengedanken unterdrücken. Er sprach davon, -daß ein großer Unterschied sei, zwischen dem Kampf -für die sozialistische Gesellschaft als Ideal und diesem -Gesellschaftszustand, wenn er erst einmal erreicht und -zur Gewohnheit geworden sei. Das sollte den Uebergang -bilden zum zweiten Teil, der Schilderung der -sozialistischen Gesellschaft in großen Zügen. Aber er -kam über den Gedanken nicht weg. Von früherer -Gelegenheit her wußte er, was da am besten zu thun sei. -Er sprach den Satz, an dem er gerade hielt, zu Ende -und dann machte er eine Pause. Dann mußte ihm -der neue Gedankengang von selbst kommen. Aber -diesmal geschah es anders. Sowie er ein paar Sekunden -gewartet hatte, kam ihm ein innerliches Lachen -und Aufbäumen und ein fürchterlicher Nebengedanke, -den er nicht abschütteln konnte. »Mann gieb’s auf! -Es ist alles falsch! Hat alles keinen Sinn!« Das -drehte sich ihm immer wirbelnd im Kopfe. »Hat alles -keinen Sinn! Ist ja ganz falsch! Gieb’s auf, Mann -gieb’s auf!« Er stemmte sich gegen den Tisch. Es mußte<span class="pagenum" id="Seite_110">[110]</span> -ihm gelingen. »Meine Herren«, fing er gewaltsam an. -»Indem ich zum zweiten Teil meiner Auseinandersetzung -schreite.« – Er verstummte. »Hör’ doch -auf – du lügst ja – denke doch erst über das -andre nach – es hat ja keinen Sinn – die ganze -Geschichte – was gehen dich denn andre Menschen -an?« Er fuhr mit der Hand durch die Luft. Dann -that er einen unterdrückten Schrei, fuhr mit der Hand -nach dem Kopf und sank um. Die Versammlung -ging in großer Aufregung auseinander. Starkblom -aber erwachte bald wieder aus seiner Ohnmacht, fühlte -sich zum Verzweifeln elend und fuhr am nächsten -Morgen nach seinem Weißen Hause zurück. Dort -blieb er ganz einsam und ließ lange Zeit nichts mehr -von sich hören. Ein paar Monate darauf aber erschien -eine kleine Flugschrift, die in litterarischen und -politischen Kreisen ziemliches Aufsehen machte. Sie -hieß: »Sendschreiben Karl Starkbloms an das -Menschengeschlecht. Zugleich ein Absagebrief an den -Sozialismus.«</p> - -<p class="center larger p2"> -❦ -</p> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_111">[111]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Dritter_Abschnitt">Dritter Abschnitt.</h2> - -<p class="center">Sendschreiben Karl Starkbloms an das Menschengeschlecht. -Zugleich ein Absagebrief an den -Sozialismus.</p> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.jpg" alt="" /></div> -<p class="drop-i">Jüngst las ich zufällig in einem sozialdemokratischen -Provinzblatt die Notiz, »der bekannte Agitator -<em class="antiqua">Dr.</em> Starkblom scheine von seiner bedauerlichen Krankheit -immer noch nicht hergestellt und könne seine -Thätigkeit vorderhand noch nicht aufnehmen«.</p> - -<p>Es ist wahr, die Krankheit, die mich urplötzlich -überfallen hat, ich sollte sagen, <em class="gesperrt">wieder</em> überfallen hat, -will nicht von mir weichen. Diese Krankheit hat -jetzt sogar epidemischen Charakter angenommen, d. h. -ich fühle die rasende Begier, meine friedlichen Mitmenschen, -soweit sie mir Zutritt zu ihren Gedanken -schenken, anzustecken, nur um frei zu werden von dem<span class="pagenum" id="Seite_112">[112]</span> -quälenden Bewußtsein, andere Leute seien kerngesund -und nur ich sei ausgestoßen aus der schönen -Gemeinschaft.</p> - -<p>Aber ist es nicht vielleicht gerade umgekehrt? -Doch, ich weiß es mit Bestimmtheit, das Gegenteil -ist der Fall. Ihr seid wahnwitzig und ich – nun, -ich bin vielleicht wahnsinniger als ihr, das ist -möglich, aber ich will euch verführen zu meinem -Wahnsinn, damit ich gesund scheine. Denn Krankheit -ist nur ein Gegensatz und ein Ausgestoßensein des -Einzelnen aus der Gemeinschaft.</p> - -<p>Und nun zu dem, wovon ich reden will. Ich -will sagen, daß der Sozialismus eine Sache mittelmäßiger -und gewöhnlicher Naturen ist, und ich will -solche, die mich verstehen können, von der Genossenschaft -der Genossen abziehen und mir und meiner -Lehre verschwistern.</p> - -<p>Ich nenne den Sozialismus um deswillen gemein, -weil er Voraussetzungen macht, ohne es sich und -andern einzugestehen, obwohl er zur Einsicht klug und -alt genug wäre, und weil er im Banne alter Worte -steht und weil er nicht ein einziges neues Wort gesprochen -hat noch je zu sprechen im Stande ist. Der<span class="pagenum" id="Seite_113">[113]</span> -Sozialismus, gleichwohl er sich eine neue Weltanschauung -zu nennen für gut findet, setzt voraus, es -gebe eine Pflicht des Menschen sich um seinen Nachbarn -zu kümmern, es gebe eine Gemeinschaft der -Menschen und der Einzelne habe ein Interesse an der -Zukunft der Menschheit und der Welt. Er begründet -diese wichtigste aller Voraussetzungen niemals mit -einem Worte, weil er gänzlich unter dem Banne einer -alten Moral, des jüdisch-christlichen Sittengesetzes und -seiner Variationen, steht und weil er unfähig ist, die -Möglichkeit einer neuen Welt- und Seelenanschauung -auch nur zu ahnen. Der Sozialismus ist nicht -Original, sondern er ist nur eine Folge historischer -Reminiscenzen. Wenn er Revolution sagt, meint er -eben das, was man bislang unter Revolution verstanden -hat, und er kennt keine andern Mittel und -Wege, als die bisher scheinbar wirksam gewesen sind. -Der Sozialismus ist schamlos, denn er glaubt an sich. -Der Sozialismus ist kindisch, denn er denkt nicht an -den Tod. Der Sozialismus ist erbärmlich, denn er -läßt sich von einer abstrakten Idee beherrschen. Der -Sozialismus ist ein armseliges Wesen, denn er kennt -kein reiches Leben. Der Sozialismus ist ein eingebildeter<span class="pagenum" id="Seite_114">[114]</span> -Kranker, der fortwährend sein Testament -macht, anstatt zu tanzen und Lieder zu singen oder -sich tot zu schießen. Und der Sozialismus ist eine -Lüge, denn er redet von der Zukunft, und er ist -Aberglaube, denn er nennt sich eine Wissenschaft.</p> - -<p>Man verlangt Beweise von mir. Man verlange -sie nicht. Ich will nicht beweisen. Ich bin keine -Anklagebehörde und kein Untersuchungsrichter. Ich -gebe nur meine Eindrücke und mein Erleben wieder. -Ich hasse den schreienden Ton der Unbedingtheit. -Aber die Selbstverständlichkeit liebe ich. Wem viele -Dinge selbstverständlich sind, der folge mir nach. Wer -sich die Aufregung und das Für oder Wider mich -noch nicht abgewöhnt hat, der bleibe dahinten. Leute -wie mich, sucht man am besten, indem man sie meidet -und seinen Gang weiter geht. Man wird so reif. -Und nur zu Reifen will ich sprechen. Ob auch zu -Müden? Die Worte sind mir gleichgiltig geworden. -Auch die Welt? Auch die Welt. Nur eines ist mir -noch wichtig und des Denkens wert und gewärtig -und ich freue mich wie ein Dieb dieser Inkonsequenz. -Dies eine aber ist – lachet, meine Freunde, ich -lache mit – dies eine ist der Tod. Er liegt mir am<span class="pagenum" id="Seite_115">[115]</span> -Herzen und von ihm muß ich noch viel erzählen. Seid -ihr bereit? Ich will euch etwas erzählen – vom -Leben.</p> - -<p>Halt – sollte ich nicht, bevor ich auf das Leben -zu sprechen komme und auf meine Gedanken und die -Vergangenheit und Geschichte meiner innersten Vorgänge -und Stimmungen – sollte ich nicht vorher von -den ökonomischen Verhältnissen reden, und sollte ich -nicht die unumstößliche Wahrheit von vorneherein annageln, -daß die materiellen Erscheinungen die Ideen -hervorbringen, und daß alle meine Gedanken und -Willensmeinungen die Früchte unseres Zeitalters des -Kapitalismus sind? Sollte ich nicht von Gottes und -Rechts wegen anders organisirt sein als ich es bin, -sollte ich nicht, bevor ich von mir rede und sage was -ich will, beobachten und feststellen, welchen Gang die -Ereignisse nehmen müssen, wohinaus die Geschichte -nach den immanenten ökonomischen Gesetzen des Karl -Marx gelangen muß? Kurz – sollte ich nicht ein -Thor sein? Ein Narr, dem seine besonnenen Beobachtungen -mehr wert sind, als seine gehäuften unbewußten -zufälligen tausendfachen Erfahrungen? Sollte -ich mich nicht fortwährend als Ring in der Kette<span class="pagenum" id="Seite_116">[116]</span> -einer festgelegten Entwicklung fühlen? Sollte ich mich -nicht in zwei Teile teilen und den einen vom andern -beherrschen lassen? Sollte ich mich nicht den Wissenden -anschließen, anstatt wie jetzt einer zu sein, der nichts -wissen will?</p> - -<p>Ja, das ist es, warum ich mir selber merkwürdig -und absonderlich und vielleicht auch wichtig vorkomme: -ich gehöre zu denen – denn ich bin doch nicht der -Einzige? – die vergessen wollen, vergessen alles, was -dagewesen sein soll, die einen Grund und eine Abstammung -haben, aber nichts davon wissen wollen, die -zu keusch sind, um ihr Leben zu leben nach Kenntnissen -und Mitteilungen und Beobachtungen, anstatt -wie ein göttliches Tier auf einen ungekannten Grund -hin, einem unbekannten Ziele zu. O ihr Klaren und -Unabänderlichen, ihr historisch Begründeten und Zielbewußten, -ihr Einsichtsreichen und Vollundganzen, ihr -Vergangenheitsleber und Zukunftsleber und Gegenwartsnichtse, -ihr Aufderhöhederzeitseienden und Bewußtheitsaffen, -ihr Vielseitigen und Vielzeitigen, ihr Tiertöter -und Gottschänder und Menschenverstümmler, ihr -Papiermenschen und Drahtpuppen, ihr seid mir widerlich, -höchst widerlich! Jener Sokrates, der zugab, es<span class="pagenum" id="Seite_117">[117]</span> -wisse nichts, war wenigstens nicht so gar übelriechend; -aber wo findet man einen, der nichts wissen <em class="gesperrt">will</em>? -Der nur leben will, nur leben – oder sterben?</p> - -<p>Vom Leben also will ich meine Rede beginnen, -vom Leben des Menschen, des höchsten Menschen. -Aber nicht will ich sprechen von den Nöten des Lebens, -von den niedrigsten Menschen, den Ärmsten der Armen. -Und nun sollte ich, so gehörte es sich, affectieren, ich -sei ein harter Mensch, ein Fürst der Erde, hocherhoben -über alles, was unter ihm steht, weit entrückt vor -allem der schwächlichen Regung des <em class="gesperrt">Mitleids</em>. Ich -liebe es aber nicht, mich zu verstellen, und ich mag -nicht die erzwungene Konsequenz. O ja, ich fühle -Mitleid mit euch, ihr Proletarier, heißes Mitleid, so -gut wie einer, aber das ist mir ein unangenehmes -Gefühl. Es ist ein Gefühl, das da ist, aber es ist -nur trotz alledem da und ich verbitte mir, daß es sich -zum Zentralpunkt machen will, von dem alle meine -Wünsche und Ansichten und Absichten ausgehen müssen. -Ihr lieben Kinder, die ihr das Leben nur von weitem -in strahlendem Glanze erblickt, die ihr die Not -kennet und den Schein des Lebens, das Leben aber, -nein, das Leben kennt ihr nicht. Drum habt ihr<span class="pagenum" id="Seite_118">[118]</span> -auch das gute Recht, alle eure Kraft einzusetzen, um -das Leben und was ihr den Genuß des Lebens nennt, -zu erkämpfen. Euch verstehe ich, ihr jagt einem -schönen Bilde nach, jaget weiter, bis ihr bitter enttäuscht -werdet. Früher kann ich nicht zu euch sprechen. -Suchet das Leben, damit ihr es fliehen lernt.</p> - -<p>Aber jene andern, jene sozialdemokratischen Lehrer -und Führer, unter denen, meine ich, sollten welche -sein, die etwas vom Leben wissen könnten. Und wenn -sie dennoch jenem weichen Wachse die Sehnsucht nach dem -Leben eindrücken, dann thun sie es teils aus Dummheit, -indem sie sich einreden, das Elend einer lebenden -Seele beruhe auf demselben Grunde wie die Nöte der -arbeitenden Kinder – nämlich auf den Wirtschaftsverhältnissen -des Zeitalters; oder sie sind gewöhnliche -Menschen, die ihr Leben nur dadurch ertragen, daß -sie andere beherrschen, die aber keinen Zustand ihres -eigenen Menschen zu begreifen und auszudenken verstehen, -die die äußere Welt mit scharfer Brille betrachten -und wissenschaftlich fassen, die aber nie ein -Gelüste verspürt haben, die Gründe ihres eigenen -Handelns, ihres eigenen Lebens zu prüfen – und -zu verachten. Also kleinliche mittelmäßige Seelchen, die<span class="pagenum" id="Seite_119">[119]</span> -sich selber das Leben erträglich machen durch ihr -Gerede – und das nennen sie neue Weltanschauung! -– und die nichts weniger als großartig sind in ihrer -Herrschsucht und Verführungskunst. Sie wissen nicht -einmal, warum sie die Zukunft predigen, sie sind Thoren -genug, zu glauben, es sei wirklich um der Zukunft -willen, sie sind Egoisten und wissen es nicht – -o über diese Kindsköpfe! Man erstrebt etwas, weil -man das Streben liebt, das ein Teil der eigenen -Seele ist, sie aber reden sich ein, ihre ganze Seele -werde angezogen von dem etwas außerhalb. Sie -wissen nicht, daß das etwas nur ein gleichgiltiges und -zufälliges Symbol ihres innern Menschen ist. Daß -es in die Zukunft projektiert ist, um glanzvoller zu -wirken und zu beherrschen! Daß man es zu andern -Zeiten in den Himmel projektiert hätte. Und zu -andern auf die Insel Utopia. Und ein drittes -Mal auf den Olymp. Oder auch in das goldene -Zeitalter oder in den Garten des Paradieses. -Sie glauben, Zukunft, das sei etwas in der Wirklichkeit, -das sei etwas, was den Menschen mehr -angehe, als Himmel und Hölle. O über diese -Kindsköpfe!</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_120">[120]</span></p> - -<p>Nochmals – diese Führer muß ich ganz und gar -in meiner Betrachtung trennen von den Geführten und -Verführten. Mit diesen habe ich zwar Mitleid, ich -gestehe es zu, aber ferne ist von dieser Art Mitleid -jegliche Verachtung. Im Gegenteil, ich sehe mit -großem Schmerz, wie lang und umständlich der Weg -ist, den diese vielfach trefflichen Menschen noch gehen -müssen, bis sie da sind, wo ich stehe, bis sie sehen, daß ihre -Nöte, die sie vom Leben trennen, daß diese zu überwinden -sind, daß aber im innersten Kern des Lebens, -des menschlichen Lebens ein unüberwindlicher und viel -tieferer Jammer steckt als in jener häßlichen Beschalung. -Freilich, es will mir so scheinen, als ob -auf eine sonderbare Art der Sozialismus geeignet sei, -diesen Weg in seltenen Fällen zu verkürzen, während -er ihn bei der großen Masse gänzlich verschüttet und -unbetretbar und ungesehen macht. Ich kenne einige -ganz wenige Menschen, ganz einfache Arbeiter, die ich, -wie wenige in mein Herz geschlossen habe. Lange -Jahre waren sie glühende Sozialdemokraten, Nichtsalssozialdemokraten, -dann aber durchschauten sie -schaudernd die Motive einiger Führer, sie sahen Dinge -an diesen Leuten, die diesen selber in ihres Herzens<span class="pagenum" id="Seite_121">[121]</span> -allzu großer Einfalt gar nicht bekannt waren. Es ist -nicht zu glauben, mit welcher unheimlichen entsetzlichen -Geschwindigkeit sie – aber nur ganz wenige sind -das – nunmehr ihren Weg gingen oder flogen oder -gerissen, geschmettert wurden. Sie nannten sich noch -Sozialisten, wo sie es schon nicht mehr waren, sie -suchten immer neue, immer weniger betretene Pfade, -um ihr »großes Ziel«, das sie immer noch einzig -suchten, zu erreichen; sie streiften die Lehre von der -ökonomischen Grundlage von sich ab und nannten sich -wieder Idealisten und Anarchisten. Dann wurden sie -Individualisten, aber Individualisten ganz eigener, -nie erhörter Art, denn sie suchten den Individualismus -immer noch in der Zukunft als Ideal, sie -wollten einen Individualismus schaffen durch gemeinsame -Arbeit, durch Kommunismus. Aber daneben -verlangten sie schon, auch die Mittel und Wege müßten -individualistisch sein. Und nun streiften sie das -Istentum ab, sie wollten nichts mehr, sie waren etwas, -nicht mehr Individualisten, sondern Individuen. Und -damit waren sie auch schon gänzlich auf sich gestellt -und dem Pessimismus verfallen, und ihren Glauben -hatten sie völlig verloren und ihre Sehnsucht<span class="pagenum" id="Seite_122">[122]</span> -nach dem Leben dazu. Merkwürdig, ihnen, diesen -auserwählten Menschen, ihnen ekelt vor dem Leben, -obwohl sie es doch kaum gelebt, kaum gesehen, nur -eine ganz dünne Ahnung vom Leben ist über ihre Seele -gehuscht, und schon wenden sie sich scheu von ihm ab. -Und ich glaube, während ich von ihnen erzähle, stehen -sie traurig lächelnd daneben. Ja, diese Menschen gehören -zu meinen Zuhörern, und sie stehen in der -vordersten Reihe, und ihre Herzen liegen mir offen -da, und sie harren des Wortes, das ich sprechen soll. -Und wenn ich das Wort ausspreche, das Wort »Tod«, -dann klingt ihnen das schon reif und vertraut, sie sind -mürbe geworden und verstehen mich und folgen mir -nach. Ich segne euch, meine Brüder, unsere Wege -kommen aus verschiedenen Geburten, aber nun haben -sie sich gefunden und bleiben beisammen.</p> - -<p>O über diese Sozialdemokraten, die so vieles beobachtet -und vor allem so vieles behalten haben, die -alles wissen, nur nichts von den unbewußten Regungen -ihres Willens und nichts vom wahren Wesen ihrer -Persönchen! O über diese gelehrten Menschlein, die -von Wörtern leben, die glauben, ein Wort sei ein -Wort und ein Ding sei ein Ding, die alles Zusammengesetzte<span class="pagenum" id="Seite_123">[123]</span> -sehen, als ob es einfach wäre, die -Gegensätze für Einheiten halten. Weil sie beglückt sind -in ihrem Streben nach der Zukunft, wähnen sie, das -Glück zukünftiger Menschen sei gesichert, wenn der -Wille der Gegenwart erfüllt werde. Sie ahnen nicht, -daß Absicht und Zweck zwei Dinge sind, die nie zusammen -kommen, sie glauben, es sei dasselbe. Wie -ungeheuer werden sie beschämt von einem andern einfachen -Arbeiter, der mir allerdings auch noch ferne -steht, von einem Manne, bei dem alles unbewußt ist, -der so gut wie gar keine gewollte und kontrolierte -Erkenntnis hat, und der doch diese Grundwahrheit klar -erkannt hat und der mit einer unerhört schönen Gewalt -in die Worte ausbricht:</p> - -<p>»Freiheit du wunderbares Wort, du Signal des -Lebens, du Ruf aus einer andern Welt, wie durchdringst -du sogleich meinen ganzen Körper; wie einen -Adler läßt du mich hinaufschwingen, hinauf in das -strahlende Licht, in die reinen Lüfte, allen Staub und -alles Menschenelend zurücklassend, aber ach, wie der -Adler wieder zurückkehren muß zu seinem Horst, so -muß auch ich wieder zurückkehren zur Menschenheimat -und muß es bei deinem Klang mitfühlen mit den<span class="pagenum" id="Seite_124">[124]</span> -Tausenden, die ihr Leben in ungerechten Fesseln des -Körpers dahinbringen müssen, muß bei deinem Klang -so oft Empörung in mir wahrnehmen, als ich Luft -und Licht in Fesseln geschlagen sehe.</p> - -<p>»Überall, wo ungerechten Fesseln halber der Ruf -Freiheit erschallt, ist das der Ruf des Guten, ist es -der Ruf der Vernunft, hier bedeutet Freiheit das Gute; -die Freiheit als Kraft ist aber nicht das Gute, vielmehr -bei denen, welche ungerechte Fesseln anlegen, -herrscht die Freiheit, das ist das Schlechte und fehlt -das Gute, das ist die Vernunft.</p> - -<p>»Freiheit und Vernunft sind die beiden sich bethätigenden -und bekämpfenden Kräfte im einzelnen -Menschen wie im ganzen Geschlecht, und je mehr -die Vernunft als wirklich solche bei Rufern wie -Hörern zur Herrschaft gelangt, um so mehr wird -der Ruf Freiheit und mit ihm der Ruf Gleichheit -verschwinden.«</p> - -<p>Ein Arbeiter schreibt das, meine Herren, und -einer, der vom Sozialismus weniger berührt wurde -als andere. Schämt ihr euch nicht? Ahnt ihr nicht, -was ihr vernichtet und verwässert habt, welche Tiefe -euch abgeht und welche ihr ewig zerstört habt? Seht<span class="pagenum" id="Seite_125">[125]</span> -ihr nicht, daß dieser stammelnde und ahnende Arbeiter -beinahe schon jetzt über euch lacht? Was hättet ihr -erreichen können, wenn ihr nicht hättet so ernsthaft -sein wollen! Welche Bewegung wollte entstehen, wenn -ihr große frivole Kerle gewesen wäret! Wenn ihr -zum Einzelnen gesprochen hättet und ihm das Lachen -und Sterben gelehrt hättet! Aber was wißt ihr vom -Lachen und Sterben? O ihr ernsthaften langweiligen -lebenslänglichen Hanswurste und Kindsköpfe! O ihr -Sittlichen und Guten, ihr Naturgesetzlichen und -Ökonomischen! O wie ist euer Sozialismus so verkehrt, -weil er geradeaus gehen wollte, immer geradeaus -in Marschkolonne! Weil ihr nur eines vor euch seht, -ihr Geblendeten! Ihr Hypnotisierten, ihr Medien, -ihr Mittelmäßigen!</p> - -<p>Und wie lange glaubt ihr denn eigentlich, daß -ihr noch warten könnt? Ist denn solch eine rasende -Verblendung schon einmal dagewesen? Ihr habt vor -dreißig und noch mehr Jahren ein paar armselige -Schlüsse gezogen aus ein paar winzigen Beobachtungen -und nun habt ihr einen Glauben darauf gepfropft – -o nein, entschuldigt, eine ewige Wissenschaft, nicht -wahr, eine ewige? und eine Partei habt ihr gebildet<span class="pagenum" id="Seite_126">[126]</span> -und da die Dinge sich ganz langsam so gestalten wie -ihr es prophezeiht habt, und da die bürgerliche Welt -ganz langsam zerbröckeln will, und da eure Partei -allmählich zunimmt, predigt ihr immer dasselbe und -predigt es unermüdlich und predigt und predigt, damit -wenn die Zeit da sein könnte, ihr auch noch da seid, -im Gedächtnis der Mitwelt. Glaubt ihr denn wirklich -ganz an eure Unfehlbarkeit, daß ihr so fürchterlich -langsam seid? Glaubt ihr denn, nichts, aber auch -gar nichts könne euch über den Kopf wachsen? Hattet -ihr denn eine Ahnung, vor 30, 40 Jahren, daß auch -einmal Stimmen klingen könnten, aus der bürgerlichen -Gesellschaft heraus, die nichts mit Ausbeutung zu thun -haben? Stimmen wie die meine, wenn sie Gehör -finden und Echo, gehn sie euch denn gar nichts -an? Ist denn die Welt nicht eine ganz andere, -als ihr träumt, wenn ein Teil der bürgerlichen -Gesellschaft lachend über seinen eigenen Schatten -springt und über seine eigene Klinge? Wenn wir uns -selbst aufheben, könnt ihr uns dann noch expropriieren?</p> - -<p>Und ich höre mir eine Stimme antworten, gesättigt -von Marxismus und hungrig nach Kapital:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_127">[127]</span></p> - -<p>»Du und deinesgleichen, ihr seid nur eine Erscheinung -des Verfalls und der Korruption. Ihr seid -vereinzelte Bourgeois, die übersättigt sind und blasirt -und keinen Genuß mehr finden. Ihr spielt keine -Rolle, im übrigen bleibt alles wie es war. Der -Kapitalismus beutet aus, das Proletariat hungert oder -lebt mindestens in menschenunwürdigen Zuständen – -bis die Stunde der Befreiung schlägt. So ist es, so -wird es sein!«</p> - -<p>Das ist die Sprache des Sozialismus, und mancher -wird vielleicht finden, der Mann habe recht.</p> - -<p>Der Mann hat aber nicht recht, weil er den -wahren Schmerz nicht kennt und nicht den Ekel, und -in einem zu sagen, weil er das Leben nicht kennt. -Um euch nun aber endlich meine Meinung vom -Leben zu sagen, will ich in einem Gleichnis zu euch -sprechen:</p> - -<p>Meine Freunde, kennt ihr die Geschichte des -Kindes? Aber eben fällt mir ein, daß ihr Geschichte -überhaupt nicht kennt; ihr kennt nur Weltgeschichte -und Kulturgeschichte und dergleichen unnütze Erlogenheiten -aber Geschichten von einzelnen Dingen und -ihren Veränderungen und Betrachtungsweisen gehen<span class="pagenum" id="Seite_128">[128]</span> -euch ab. Nun also – richtet eure Gedanken auf das -Kind, das kleine Kind. Wißt ihr, mit welchem Gefühle -frühere Menschen solch ein kleines Wesen betrachtet -haben? Mit innigem Mitleid ob seiner Hilflosigkeit, -man bedauerte das Menschlein, daß es das -Leben noch nicht kannte und den Lebensgenuß noch -nicht verstand; man sprach immer nur von dem -»armen Kinde«. Wie aber ist es heute? Nennt -man nicht heute das Kind glücklich und überglücklich, -weil es noch nichts weiß vom Leben, beneidet man -das Kind nicht, und denkt nicht jeder an seine Kindheit -zurück als die Zeit, wo er ganz und gar -glücklich gewesen sei? Und wie ist es mit dem Schlafe? -Ihr kennt auch die Geschichte des Schlafes nicht. -Erschrak man nicht früher vor dem Einschlafen? War -es nicht ein Entsetzliches, das Bewußtsein zu verlieren -und die Freude am Dasein? Fürchtete man -sich nicht vor der kindischen Hilflosigkeit des Schlafes? -Aber jetzt? Man freut sich auf’s Schlafen, man -lächelt dem Einschlummern entgegen, das Bewußtsein -zu verlieren ist eine Wonne, man will nicht aufwachen -und zwingt sich des Morgens zu einem zweiten -Schläflein, in dem man mit voller Absicht seine<span class="pagenum" id="Seite_129">[129]</span> -Träume weiterspinnt, und wacht dann auf, verstört -und voll Entsetzen über das Licht des Tages und die -Sonne des Lebens. Und was giebt es für die Jetztlebenden -Entsetzlicheres als eine schlaflose Nacht? -Alle Mittel werden angewandt, nur um zu schlafen, -zu schlafen.</p> - -<p>Und wollt ihr immer noch behaupten, der Kapitalismus -sei es, der das bewirke, dieses Entsetzen vor -dem Leben und diese Sehnsucht nach todesähnlichen -Zuständen? O nein, geht mir weg mit eurer Lüge -vom bösen Gewissen oder was ihr ersinnen wollt. -Wir haben ein recht gutes Gewissen und die Ausbeutung -stört uns wenig. Hunderte und Tausende -giebt es und hat es schon immer gegeben, und es -sind, ihr könnt sagen was ihr wollt, die edelsten und -höchsten unter den Menschen, die dahin leben, als wäre -die Menschheit schon viel weiter als euer Sozialismus -sie bringen will, die sich nichts, aber auch gar nichts -um die Produktion bekümmern, und in deren Familie -ist es schon so seit Generationen, als ob eine unsichtbare -und auch ganz gleichgiltige großartigste -Maschinerie ihnen alle Bedürfnisse und allen Luxus -des Lebens lieferte, sie haben ein gutes Gewissen, denn<span class="pagenum" id="Seite_130">[130]</span> -sie wissen gar nichts und wollen nichts wissen von -eurer Entdeckung, daß die Maschinerie, die sie bedient, -aus Menschen besteht, aus armen, schwitzenden geknechteten -Menschenkindern; folglich kann diese kapitalistische -Einrichtung sie gar nicht berühren und berührt -sie auch nicht. Zu diesen Menschen, die wie -Götter schreiten auf der Höhe hinweg über die Rücken -arbeitender Lohnsklaven, gehören unsere erlesensten -Denker und Dichter – und doch, was halten diese -schließlich vom Leben? Meinte nicht Goethe am Ende -seines Lebens, wenn er alles zusammennehme, wahrhaft -glücklich sei er nur ein paar Stunden gewesen -in seinem ganzen langen Leben? Wer wollte diesem -erschütternden Bekenntnis nicht glauben? Ein paar -wenige Stunden! Und dieser Mann gehörte zu den -glücklichsten Menschen, die je gelebt haben! Und -wessen Fanatismus der Dummheit ist so grenzenlos, -daß er behaupten will, daran seien die ökonomischen -Verhältnisse schuld? Nein, nein und abermals nein! -Der Grund liegt tiefer, liegt in der ganzen unseligen -Natur des Menschen und des Lebens! Der Grund -ist, daß der Mensch ein denkendes Tier ist, daß er -den Begriff des Zweckes kennt, und doch niemals, nie<span class="pagenum" id="Seite_131">[131]</span> -und in Ewigkeit nie einen Zweck seines Daseins, an -den er glauben kann, finden wird. Und wenn einer -geglaubt wird, immer wieder hat der Mensch dann -gefunden, das sei kein Zweck, dahinter stecke kein Sinn, -dafür zu leben verlohne sich nicht. Und das wird -so bleiben, ihr mögt an den ökonomischen Grundlagen -ändern, soviel ihr wollt. Und wenn gar keine Arbeit -mehr notwendig sein wird, wenn der Mensch in freier -Willkür thun kann, was seinem Körper und seinem Geist -frommt, und wenn er so bis auf einen einzigen Punkt -ein Gott genannt werden dürfte, der Teil wird immer in -ihm sein, der fragt: wozu das ganze und nochmals -wozu? und der keine Antwort mehr findet, keine, -ewig keine.</p> - -<p>Bis auf eines, habe ich gesagt. Wenn das eine nicht -wäre, dann wäre er ein Gott, ein vollkommener Gott, -nämlich ein Wesen, dessen entsetzliches Elend vollkommen -wäre. Müßte der Mensch <em class="gesperrt">ewig</em> leben und -<em class="gesperrt">ewig</em> fragen, wozu – o der Gedanke ist nicht auszudenken, -laßt mich schweigen und mich freuen, daß -es nicht so ist. Ja, eines giebt es, dessen freue sich -der Mensch und dem jauchze er zu, dem singe und -juble und tanze er entgegen, in diese lachende Höhe<span class="pagenum" id="Seite_132">[132]</span> -werfe er sich tief, tief hinein, und er wage es jetzt -gleich sich zu stürzen in diesen herrlichen, strahlenden -Abgrund des Glückes: <em class="gesperrt">das ist der Tod</em>, jauchzet -und empfangt ihn mit offenen Armen, meine seligen -Freunde, <em class="gesperrt">das ist der Tod</em>!</p> - -<p>Ihr steht verblüfft, meine Freunde? Ihr habt -alle schon ähnliches erwogen, aber nun ich es ausspreche -ohne jeden Umschweif, nun sucht ihr Ausflüchte, -nun wollt ihr auf einmal noch etwas finden, das das -Leben lebenswert machen könnte? Suchet nur, ich -sage euch, ihr werdet nichts finden.</p> - -<p>Die Sozialisten sind Thoren. Sie leben ganz -im Kampf für ihr Ziel und bedenken nicht, daß eine -Zeit kommen könnte, wo ihr Ziel ganz und gar -erreicht ist. Was dann? Nun, dann ist alles herrlich -und in Freuden. Dann haben sie den Himmel auf -Erden, wie sie uns oftmals versichert haben. Mir -aber sagt das Wort Himmel sehr wenig, ich will euch -eine andere Schilderung geben.</p> - -<p>Denkt euch also, die sozialistische Gesellschaft ist -da. Denkt euch, sie ist schon sehr lange Zeit da und -schon gänzlich konsolidirt. Die Technik hat noch -riesenhafte Fortschritte gemacht. Unangenehme Beschäftigungen<span class="pagenum" id="Seite_133">[133]</span> -giebt es ganz und gar nicht mehr. Die -Kinder werden körperlich und geistig aufs höchste ausgebildet, -gegen einen fünfzehnjährigen Knaben aus -jener Zeit, ist unser größtes Genie ein armes Waisenkind. -1½ Stunden täglich etwa geht jeder Erwachsene -zur Arbeit, das ist für den Einzelnen eine Erholung -und für die Gesamtheit genügt diese Zeit doch zur -Produktion und Distribution aller Bedürfnisse, so -hoch diese sich auch gesteigert haben. Die Technik -hat sich eben in noch viel großartigerem Maße gesteigert. -Die übrige Zeit vertreibt jeder mit dem, -wozu er Neigung hat. Nun, meine Freunde, glaubt -ihr nicht mit mir, daß wenn dieser anscheinend so -herrliche Zustand sich immer mehr vervollkommnet und -immer mehr zur Gewohnheit wird, daß dann die -ganze Nation, was sage ich, die ganze Menschheit -mehr und mehr in ihrer Masse sich <em class="gesperrt">einem</em> hingeben -wird, nämlich der <em class="gesperrt">Philosophie</em>, daß sie, nun sie -keine Nöte mehr zu bestehen hat und der Kampf mit -dem Materiellen zum Spiel geworden ist, Zeit hat, -den ganzen Tag zu denken, an sich zu denken, und zu -fragen: wozu sind wir denn eigentlich da? Wozu -dieser ganze ungeheure, wundervolle, komplizierte<span class="pagenum" id="Seite_134">[134]</span> -Apparat? Sind wir Selbstwerk? Nein, unmöglich, -sonst würden wir nicht danach fragen. Sind wir -ein Glied im großen Ganzen der Welt? Ja, was -geht uns denn die Welt an? Wir wissen ja gar -nichts von der Freude, die sie an unserem Dasein hat, -wir nehmen ja keinen Teil daran, wir sind ja ausgeschlossen. -Und dann, das würden diese göttlichen -Menschen immer und immer wieder fragen müssen: -besteht denn eine Einheit und ein Zusammenhang der -Menschheit? Giebt es denn in der wirklichen Erscheinungswelt -eine Gesammtheit? O nein, würden -sie antworten müssen, über solche zusammenfassende -Abstraktionen sind wir ja längst hinaus, der einzelne -Mensch ist freilich kein Konglomerat blos von einzelnen -Zellen, <em class="gesperrt">er</em> ist eine Einheit, <em class="gesperrt">er</em> hat ein Bewußtsein, -aber was ginge den einzelnen Menschen der -andere im geringsten an, wenn er nicht auf ihn angewiesen -wäre? Und vor allem, was gehen uns die -an, die nach uns kommen? Und wenn also der ganze -Witz aus ist mit meinem Tod, was war denn dann -dran? War das denn alles? Und darum, darum -die unendliche Mühe unserer Altvordern, der Sozialdemokraten -von anno dazumal? Wegen der paar<span class="pagenum" id="Seite_135">[135]</span> -Jahre Leben? Die Mühe hätten sie sich sparen -können! Der ganze Spaß, das ganze Spiel, alle -diese Spaziergänge, dieses Musikhören, Dichten, Instheatergehen, -Reiten, Fahren, Schwimmen, dieses -Träumen und Emporsehnen, dieses Kindermachen, -Güterspiel (so etwa werden sie das Arbeiten nennen), -dieses Erfinden und diese Reisen, das Fliegen nicht -zu vergessen – das hat doch alles keinen Sinn? Es -ist ja doch kein Bewußtsein da und keine Freude, die -bleibt. Es schwindet ja doch alles. Wir sind ja -ganz einfach Tiere, die aus der Art geschlagen sind, -weil wir nicht blos leben, sondern auch das Leben -beobachten und etwas vom Leben wissen, weil wir -nicht blos sterben, sondern den Tod im voraus kennen -und sterben können, wann wir wollen. Der Selbsttod -(denn das Wort Mord würde längst vergessen -worden sein), der freie Tod, der ist eigentlich, was -uns wesentlich trennt von allen andern Tieren. Beendigen -wir doch also so rasch als möglich diese lächerliche -Komödie, die zu gar nichts führt, aber auch zu gar -nichts. Töten wir uns doch; töten wir uns, aber -rasch, so bald als möglich, gleich jetzt; der ewig -wiederholte Unsinn ist ja so fürchterlich langweilig!<span class="pagenum" id="Seite_136">[136]</span> -Was sagt ihr dazu, meine Freunde? Müßte es nicht -so kommen? – Was? Was höre ich? Dieser Einwand -von euch? Ihr sagt mir, so könnte es nie -kommen, ihr verleugnet den Sozialismus, ihr glaubt, -es ginge anders, ihr wähnt, es gäbe irgend etwas -anderes? O, das ist feige, sehr feige. Ich aber sage -euch: der Sozialismus ist möglich, ohne Frage, und weiter -sage ich euch: das ist eine hohe, sehr hohe Stufe des -Menschen. Oder wollt ihr sagen, so wie der Mensch heute -ist, sei er weniger veranlaßt, an den Tod zu denken, an -den freiwilligen Tod? Ja, das ist möglich, das ist wahr. -Aber ist dieser Zustand nicht noch viel ekelhafter? Und -wenn er sich einmal tötet, nicht aus Philosophie oder -Langeweile, was dasselbe besagt, sondern aus Notdurft, -aus gemeiner Verzweiflung, ist das nicht ein niederträchtiger, -unwürdiger Tod? Wenn aber der Sozialismus -zu nichts führen kann, und wahrlich so ist es, als zum -philosophischen Massentod der Menschheit, was haben -wir anderes, größeres zu thun, als diesen Tod schon -jetzt zu predigen mit tausend flammenden Zungen? –</p> - -<p>Halt, meine Freunde, wohin? Und so wolltet -ihr denn, wie ihr da seid, in die Welt stürzen, um -den Tod zu predigen, als meine Jünger? Und ihr<span class="pagenum" id="Seite_137">[137]</span> -merkt ihn nicht, den Widerspruch, der mich kitzelt, so -daß ich fast lachen müßte? Ihr seid mir noch viel -zu flink, meine jungen und alten Gefährten. Aber -ihr seid nicht die ersten, die sich von der Logik verführen -lassen zu allerhand ernsthaftem Unsinn. Wahrlich, -ich bedaure, daß ich euch mit der Logik in den -Schlingen meiner Inkonsequenz gefangen habe. Aber -ich will euch jetzt verraten, was mich lachen macht. -Wie kann man denn den Tod – predigen? Ist es -nicht dasselbe, als wollte ich den Tod – leben? Ist -es nicht wahr, daß man den Tod nur sterben kann, -wortlos, mit geschlossenen Augen, ohne Rücktritt? -Gehn euch doch andre Menschen nichts an, warum -wollt ihr sie verführen, statt sie in Ruhe zu lassen? -Sterbet doch, meine Freunde, aber sterbe jeder für -sich. Seid doch stille und macht mir keinen Lärm! -Habe ich nicht recht?</p> - -<p>Seht, was ihr doch für alberne Kopfnicker seid! -Ihr gebt mir schon wieder Recht. Fast sollte ich jetzt -über euch weinen. Warum bleibt ihr denn neben mir -stehen, wenn ihr das nicht erlebt habt, was ich? -Wenn euer Wahnsinn ein ganz anderer, einfacherer -ist als der meine? Sehet doch, ich bin zum Tod<span class="pagenum" id="Seite_138">[138]</span> -noch gar nicht bereit, noch lange nicht. Ich habe -noch meine Freude, nämlich eben meine Freude am -Tod. Und darum rede ich meine Rede zum ganzen -Menschengeschlecht, wer immer mich hören will oder -mich zufällig hört, und zu spät sich anschickt, seine -Ohren sich zuzuhalten. Ich habe meinen Spaß an -den Menschen, die den Tod und die Todessehnsucht -noch nicht kennen, es macht mir Freude, übermenschliche -Freude, die Menschenmasse auszulachen und zu -verhöhnen und dennoch zu ködern. Ich lebe noch, -weil es mir Genuß bereitet, mit meinem Schmerze zu -spielen und meinen Ekel in die Länge zu ziehen gleich -einem zähen Teige. Ich liebe den Tod und darum -lebe ich. Und außerdem bin ich ein abergläubischer -Mensch, warum nicht? Es fröstelt mich, wenn ich -daran denke, allein zu sterben. Es ekelt mir vor dem -Gedanken, was die Menschen für dummes Zeug vermuten -könnten, wenn ich einmal allein sterbe, wenn -sie mich einen Selbstmörder nennten, die Unsinnigen. -Ich liebe den großen Tod, ich will Gefährten und -darum predige ich den Tod, weil das meinem Leben -noch Reiz verleiht bis zum Ende. Aber ich werde -sterben, meine Freunde, verlaßt euch darauf, ich werde<span class="pagenum" id="Seite_139">[139]</span> -sterben. Und das ist die einzige Zukunft, die ich -noch anerkenne, und diese Zukunft, ja die soll -zusammenfallen mit meinem Willen. Ich werde -sterben, das heißt, ich will sterben, und nicht -mehr: ich soll sterben. Verhaßt und gemein -ist mir der Tod auf dem Strohsack, der -schleichende Tod wider Willen. Diesem Tod -habe ich abgesagt, ihn lache ich aus mit all -meinem Gelächter, niemals werde ich diesen Tod -des Ungeziefers sterben. Stimmet ein mit mir, -stimmet hell ein, meine Freunde, in den Ruf: Es -lebe der Tod!</p> - -<p>Erschreckt nicht über meine entsetzliche Ehrlichkeit. -Oder erschrecket ja. Denn ich bin nicht ehrlich um -der Ehrlichkeit willen, und Wahrheit ist mir lange -nicht mehr ein großes führendes Wort; ich bin es -nur, weil es mir Vergnügen macht, in tausend Farben -zu spielen und mich euch von allen meinen Seiten zu -zeigen. Ich durchschaue mich selber und lache mich -aus, wenn ich meine hintere Seite sehe und ich -freue mich, daß ihr mein Vorderteil ernsthaft -nehmt, obwohl ihr die Kehrseite meines Herzens geschaut -habt.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_140">[140]</span></p> - -<p>Und überdies: ich kann Bocksprünge machen, so -viel ich nur mag, wer mich versteht, der weiß, was ich -meine mit dieser Schrift. Ich sage mich los vom -Sozialismus, weil ich schwere vierschrötige Menschen -nicht mag und weil ich das Leben nicht mehr ernsthaft -nehmen kann. Und diejenigen, die mich fassen -und mich gern haben, denen predige ich den -Tod, und ich bitte sie bei all ihrer Liebe, mit mir -zu sterben und also noch ein wenig zu warten, bis -wir alle beisammen sind.</p> - -<p>Die aber noch ächzen unter den Nöten des Lebens, -den Sklaven der Arbeit, denen rate ich, sofern sie -mich hören wollen: Verzaget nicht, aber hoffet auch -nicht, sondern machet euch frei! Schmeißt den Bettel -weg, nicht aus Verzweiflung, sondern aus Einsicht, -daß das Leben ein sinnloses Ding ist. Und -dann schließet euch mir an und meiner Schar des -Todes.</p> - -<p>Wer aber ungeduldig ist und nicht mehr warten -will, der stirbt zwar nicht den schönen Tod, wie ich -Narr ihn vorbereite, aber ich wünsche ihm doch: -Gute Reise – und unbewußte Verwesung!</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_141">[141]</span></p> - -<p>Euch andern aber sage ich: Auf Wiedersehen – -beim großen Sterben. Ich harre nun eures Echos -und dann will ich wieder reden.</p> - -<p>Dem Sozialismus aber wünsche ich – ein langes -Leben, ein schönes Greisenalter und den Tod auf der -Matratze.</p> - -<p class="mright"> -<b>Karl Starkblom.</b> -</p> - -<p class="center larger p2">❦</p> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_142">[142]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Vierter_Abschnitt">Vierter Abschnitt.</h2> - -<p class="center larger">Die Vision des Todespredigers.</p> - -<p class="center"><b>Zweites Sendschreiben an das Menschengeschlecht</b><br /> -von<br /> -<b>Karl Starkblom</b>.</p> -</div> - -<h3>Einleitung.</h3> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.jpg" alt="" /></div> -<p class="drop-i">Ich habe versprochen, nach einiger Zeit wieder von -mir hören zu lassen und zu erwidern auf die -Antworten, die mein erstes Schreiben hervorgerufen. -Freilich hatte ich es mir anders gedacht und wenn ich -könnte, müßte ich jetzt bitter werden. Eine Antwort, nämlich -einen starken Widerhall, haben meine Worte überhaupt -nicht gefunden. Ich dachte, es gebe Leute genug, die -mir laut zujubeln müßten, daß ich das erlösende -Wort gesprochen, aber nichts von alledem. Ich meinte,<span class="pagenum" id="Seite_143">[143]</span> -meine Wohnung müsse täglich voll sein von Menschen, -die sich zu mir drängten, um mit mir zu reden und -sich bereit zu erklären. Aber Niemand kam, außer -einem einzigen Menschen. Der drückte mir die Hand -und dann ging er wieder. Es war ein Arbeiter. -Und ja doch – ein paar Briefe erhielt ich, abgesehen -von denen, in denen ich zum besten gehalten und angeulkt -wurde. Ein paar Weiber und ein paar Jünglinge -und ein einziger Mann, die erklärten sich bereit -zum Sterben, »wenn es mir wirklich ernst sei«. -Etwas der Art fügten sie alle hinzu.</p> - -<p>Meine Freunde, die ihr nicht da seid, meine Einleitung -kann also kurz sein. Ich lebe nicht zu meiner -Zeit. Ich habe geglaubt, ich könne verstanden werden, -und man hat meine Schrift als ein litterarisches Ereignis -aufgefaßt. Lächerlichkeit über Lächerlichkeit! Seid -ihr so wenig an die Druckerschwärze gewöhnt? Meint -ihr, wenn ein neuer Heiland käme, er würde sich -heute wieder auf einen Berg stellen und eine Predigt -halten? Nicht wahr, damit unten an der Böschung -die Eisenbahn vorbeidröhnte und ihn auspfiffe? O -ihr Nachahmer von allem, was früher gewesen, ihr -freilich konntet meine Stimme nicht verstehen! Mir<span class="pagenum" id="Seite_144">[144]</span> -fehlte die Würde und die Borniertheit des Bußpredigers. -Einen lachenden Künder neuer Worte, den könnt ihr -noch nicht ertragen. Ich bin traurig, sehr traurig, -daß ich einsam bin, im Tode wie immer im Leben.</p> - -<p>Erwartet nicht, daß ich auf die sogenannte Kritik -eingehe. Einige wenige freilich – nein, ich will -nicht von ihnen reden. Sie stehen mir nahe, sie verstehen -den Athem meiner Rede – und doch, doch! -Sie haben mich gelobt, als ob ich ein Chamäleon -wäre, oder ein Schriftsteller, der alles kann. Hätten -sie geschwiegen und wären sie zu mir getreten um -mir die Hand zu drücken, wie jener Arbeiter, dann -– ja dann! Die Ehrfurcht fehlt ihnen, vor mir und -vor sich selber.</p> - -<p>Meine Freunde, die ihr nicht da seid! Setzet -euch im Kreise und höret mir zu! Wenn ich ruhte -im Walde, wenn ich über nasse Wiesen ritt, des -Nachts, wenn ich nicht schlafen konnte und auch -nicht wollte – da habe ich das geträumt und -immer fort geträumt, was im folgenden erzählt ist. -Dann habe ich es niedergeschrieben und nun lasse -ich es auch noch drucken. Warum das? Woher diese -Thorheit?</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_145">[145]</span></p> - -<p>O merkt ihr es denn nicht, seht ihr das Leid denn -nicht, das an mir zehrt? <em class="gesperrt">Ich suche Menschen!</em> -Menschen suchte ich immer und immer, erst blickte -ich um nach Tausenden und wiederum Tausenden, -um zu ihnen zu sprechen und sie zu erkennen als -Meinesgleichen und sie zu verführen zu meinem Tode. -Und jetzt suche ich einen einzigen Menschen, <em class="gesperrt">einen</em> -Menschen nur, der mich liebt und mit mir sterben -will. Und darum trete ich nun zum zweiten Mal -hin auf den Markt und prostituiere mich vor allem -Volk und zeige mich bald nackt, bald angethan mit -all meinem Putze.</p> - -<p>Und nun vernehmet <em class="gesperrt">die Vision des Todespredigers</em>.</p> - -<hr class="tb" /> - -<div class="chapter"></div> -<p>Ich will euch von einem Manne erzählen, der -keinen Grund hatte, sich selber auszulachen, der konsequent -sein konnte und geradeaus gehen durfte, der -an sich glaubte und Gläubige fand. Wer ist der<span class="pagenum" id="Seite_146">[146]</span> -Glückliche? Und wie ist es ihm möglich? Wie ahmen -wir ihm nach? Ganz einfach ist es ihm möglich, -aber wir andern können’s nicht, auch wenn wir wollen.</p> - -<p>Der Mann, von dem ich erzählen will, war -epileptisch. Was, ruft ihr voll Entsetzen, und du -nennst ihn glücklich? Jawohl, selig nenne ich diesen -Mann, daß die Krankheit seines Geistes in solcher -Weise ausbrechen konnte. Wir alle sind ja epileptisch, -in uns allen lebt etwas, das sich sträubt gegen das Leben, -aber wehe über uns, deren Krankheit Geist heißt und -deren Arznei wiederum Geist! Weit besser haben es -die, deren Körper den Geist heilt und in die Bahnen -der Ruhe lenkt. Sie haben nur die eine Hälfte -ihres Hirns, denn die zuckende und krampfende Hälfte, -die wie ein Gelächter schneidet in den Ernst und wie -Wehschrei in die Freude ächzt – die ist nur Körper -bei ihnen – und wenn ihr Körper sich windet und -dreht, dann weiß die Seele nichts von den Zuckungen -des Menschen und bleibt ganz und heil.</p> - -<p>Wohl denen, die das Bewußtsein verlieren dann, -wenn sie irre würden an sich! Heil den Epileptischen! -Sie sind Propheten und Heilige und Heilande.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_147">[147]</span></p> - -<div class="tb"><sub>*</sub><sup>*</sup><sub>*</sub></div> - -<p>Da, da, seht hin, da ist er, da kommt er! -Schreitet er nicht wie ein Gott? Da ist er, da steht -er in Mitten der tausendköpfigen Versammlung, hoch -ragt er empor über alles Volk, Starkblom der Todesprediger! -Seht ihr ihn, seht ihr? O jetzt schweiget. -Es bedarf ja nicht der Ermahnung; alles lauscht -atemlos, alles wird süß bestrickt vom Zauber seiner -Rede. O wie er Macht hat über die Herzen der -Menschen! Wie er sie bezwinget und in den Staub, -auf die Kniee schmettert. Ehret den Tod! Seid -in Treue gewärtig des Todes! Harret aus! Bald -sollt ihr mit mir sterben den holden Tod in Größe -und Freiheit. Dann hört ihr auf zu sein und das -Häßliche, was Mensch hieß bisher, ist geschwunden -aus dem schönen Bezirk der Göttin Natur. Ihr -werdet heimkehren zur Unbewußtheit. Ihr werdet -nicht mehr fragen, wozu. Die Thorheit des Zweckwahns -ist gestorben mit euch. Eins ist wieder die -Natur, alles ist schön, und nichts wird empfunden -als eigene, <em class="gesperrt">eine</em> Schönheit. Die Zeit ist gestorben -mit euch, und Ursache und Wirkung lebt dann nicht -mehr. Und auferstehen wird jubelnde Veränderung -und zweckloser, sinnloser, farbenfroher, tönender Zufall!<span class="pagenum" id="Seite_148">[148]</span> -Sterbet, ihr Einzelnen, sterbet, damit der Wahn der -Gesamtheit tot sei. Stirb, mein Bruder, damit alles -aus ist, und lache im Tode derer, die an die unbedingte -Entwicklung glauben und an den Fortschritt -und wie die heiligen Wörter alle heißen. Sterbet, -sterbet, werbet zum Sterben! Und weiter wälzt sich -der Menschenstrom, und größer und größer wird die -Masse der Todesfrohen. – Ha, wo ist er? Alles -schwand meinen Augen? Ich erblicke nichts mehr. -Ich höre nichts mehr. Ich liege auf dem Boden und -stöhne und betaste meinen Leib. Wo ist dieser Starkblom? -Starkblom, wo bist du?</p> - -<div class="tb"><sub>*</sub><sup>*</sup><sub>*</sub></div> - -<p>Sie haben überall, in allen Städten, die Statuen -ihrer Fürsten und Heerführer auf den Marktplätzen -von den Sockeln geworfen und mit den Stein- und -Erztrümmern die Fenster der Schlösser und Paläste -der Lebenden eingeschlagen. Und auf die Sockel haben -sie kolossale Gerippe gestellt, vergötterte Todesgestalten, -und sie haben ihre Kleider von sich geworfen und -tanzen um das Bildnis des Todes, und jubeln und -lachen und singen, und schmetternde Musik spielt<span class="pagenum" id="Seite_149">[149]</span> -rauschende Marschweisen. <em class="antiqua">Allons enfants, allons -nous-en!</em> Und die Sonne scheint so golden herab -wie noch nie, als wolle sie den Menschen die Lebenslust -warm in alle Poren träufeln und ihnen zeigen, -man könne auch nackt leben. Sie aber wollen sterben, -und Starkblom, der fürchterlich-herrliche, tanzt den -Todesreigen vor. Und abends, wenn es kühler und -dunkler wird, da erwachen die Farben in feuriger -Glut. Grün und rot und gelbe Tücher schlagen sie -um sich in phantastischem Wurf, und unsagbar wonnig -und feierlich flüstert und kost Musik von den Thürmen, -und Kinder kommen aus allen Gäßchen und Winkeln -gesprungen und schlagen Purzelbäume und springen -über die Alten. Die aber setzen sich im Kreise und -hören zu Märchen erzählen, Märchen vom Leben. -Und leise schwirren die Winde fernher durch die -Straßen und tragen süße Düfte mit sich aus weiten -Gärten und Haiden draußen vor der Stadt. Und -nun steht Starkblom in der Mitte des Kreises und -erhebt seinen Gesang von der Wunderherrlichkeit der -Zukunft dieser Menschenwelt, wie alles kommen könnte -und kommen müßte, wenn sie nur wollten. Und am -Schlusse kehren dann immer wieder die Worte voll<span class="pagenum" id="Seite_150">[150]</span> -brausenden Glückes: »Welch’ Herrlichkeit erdichten -wir – welch’ schöne Welt vernichten wir – wir -könnten sie erwerben – haha, haha, haha – wir -aber sterben, sterben! Juh!« Und jubelnd fällt die -Masse ein, und der Wind klappert im Gebein des -Todenmannes, und die Posaunen gellen hoch oben aus -den Lüften und das Gelächter der Menschenmenge -schwillt empor wie ein bäumendes Meer und will -nicht enden. Und ein stolzes hohes Weib tritt zu -Starkblom in die Mitte und – oh, oh! Die -elektrischen Lampen erlöschen, die Fanfaren brechen -schrill ab mitten im Tone, ein schwarzes unendliches -Tuch breitet sich über alles – Nacht, Nacht – -nichts, nichts – wo ist das Weib? Wo sind die -Menschen? Wo bleibt der Tod? Starkblom sitzt -auf dem Sopha und stützt den Kopf in die Hände -– es ist alles anders, alles so anders, o pfui, pfui, -alles matt und gewöhnlich und niedrig und mittelmäßig. -Wo bist du Größe, Größe der Gedanken, -Größe der Erscheinung? Ich will schlafen, ich -will nicht mehr träumen – o wenn ich weinen könnte, -oder lachen, lachen – Aber nur nicht mehr dieses -trockene Schluchzen, dieses Mittelding zwischen Weinen<span class="pagenum" id="Seite_151">[151]</span> -und Lachen. Alles zuckt an mir, doch ich kann nicht -tanzen; ich ächze, o könnte ich singen! O ich kann’s -ja nicht mehr aushalten – ich werde sterben, bald -sterben. O pfui, pfui!</p> - -<div class="tb"><sub>*</sub><sup>*</sup><sub>*</sub></div> - -<p>Was ist ein Leben, wo die Ueberraschung fehlt -und der Zufall und das Plötzliche und die Blindheit? -Wo es eine Ueberlieferung giebt und eine -Vermittlung und ein Rechnen? Ein Rechnen mit -Gewesenem, ein Berechnen des Kommenden? O Natur, -wie neide ich dir dein Glück! Seht diesen Wassersturz -hoch vom Berge hinab in die Tiefe! Wie -wandelt die Welle hier noch so friedlich, wie freut sie -sich ihrer grünen Ufer und ihrer Blumen und Steine -und plötzlich da – das Ereignis, das sie niemals -geahnt! Sie stürzt hinab, tief, tief! O dieses -Brausen und Schäumen, dieser Jubel des Nieerhörten -und Niewiederkehrenden! Diese Seligkeit des Vergessens -und des Entdeckens und des wieder Vergessens. -Wie viele Wasser sind schon da hinabgestürzt -und keine Woge hat es der andern gesagt, -kein Papier verbindet die einzelnen Tropfen und trennt<span class="pagenum" id="Seite_152">[152]</span> -sie von ihrer eigenen Herrlichkeit. Aber bei uns – -ewig Gewesenes! Wollen wir denn nicht endlich und -endlich das Alte töten? Sind wir noch nicht altersschwach? -Ich bin es, ich bin es – ich breche zusammen -unter der Last des Vergangenen. O könnte ich alle -Ueberlieferung töten, dann, ja dann wollte ich leben. -Ich kann sie töten, wenn ich mich töte. Dann bin -ich ein Teil der Natur – nein, nein, dann ist ich -nicht mehr, dann ist sie, sie, die Natur! Ich hasse -euch, weil ihr noch leben wollt, ihr Narren! Ich -<em class="gesperrt">will</em> noch nicht sterben, ich muß warten, ob ihr euch -nicht doch noch entschließet, mit mir zu gehen, damit -Mensch aufhöre zu sein. O ich würde nicht zu euch -reden, wenn ich wüßte, wie ich euch morden kann! -Euch alle zusammen! Ich will nicht, daß noch einer -kommen muß nach meinem Tode, der dasselbe erleben -muß. Ich will nicht. Ich will, daß mein Tod einen -Sinn hat. Mir ekelt vor meinem letzten Gedanken. -Mir ekelt vor dem Alleinsein.</p> - -<div class="tb"><sub>*</sub><sup>*</sup><sub>*</sub></div> - -<p>Das große Ereignis, das Starkblom immer verkündet -hat, ist eingetreten. Die »Secte von Altersschwachen -und übergeschnappten Lebemänner«, wie sich<span class="pagenum" id="Seite_153">[153]</span> -noch ganz kurz vorher radikale Parteiführer ausgedrückt -hatten, hat die ganze civilisierte Welt erobert. Ein -religiöser Taumel riß alle hin, die mit der Bewegung -in Berührung kamen. Die große Arbeitermasse, die -bisher dem Sozialismus gefolgt war, ist mit eins -müde geworden der Hoffnung auf das Leben und hat -eingesehen, daß ihre revolutionäre alles verneinende -und umstürzende Leidenschaft wohl einen Grund hat -und darum ihre Berechtigung, aber keinen Zweck. Sie -haben eingesehen, daß nicht der Zweck d. h. der -Wahn, das Recht schafft, sondern der Grund, und -das ist in diesem Fall die Unterdrückung und die -Hoffnungslosigkeit. Sie wollen sterben, warum nicht, -sie wären ja doch gestorben, aber vorher wollen sie -noch einreißen! Ist es Rachsucht, was sie treibt, ist -es Wahnsinn, ist es Verführung? Wer weiß es und -was liegt daran. Man denkt nicht mehr in dieser Zeit -der taumelnden Auflösung, man genießt seine Leidenschaft -und man handelt. Sie hören auf zu arbeiten, -sie zertrümmern die Maschinen, die Armeen werden -angesteckt und laufen auseinander, Männer und Frauen -hören auf sich zu bekleiden und gehen nackt durch die -Straßen, denn sie haben keinen Schnupfen mehr zu<span class="pagenum" id="Seite_154">[154]</span> -fürchten, es wäre doch ihr letzter. Die Staatsgewalt -ist ohnmächtig und hört auf zu sein. Man raubt -seine Bedürfnisse, der Vorrat ist groß genug für die -kurze Zeit; fürchterliche Wildheit fletscht ihre Zähne -und bricht überall aus und doch durchflutet die meisten -eine Ahnung von der seligen Schönheit ihres bewußtlosen -Thuns; Männer und Frauen umarmen sich auf -öffentlichen Plätzen; wer dem andern ins Gehege -kommt, wird ermordet, zahllose Einzelne und Paare -sterben schon jetzt, die neugeborenen Kinder werden -fast alle getötet.</p> - -<div class="tb"><sub>*</sub><sup>*</sup><sub>*</sub></div> - -<p>Als die Dinge soweit waren, bekam Starkblom -eines Tages einen heftigen Weinkrampf und am Tage -darauf einen furchtbaren epileptischen Anfall, aus dem er -kaum mehr erwachen wollte. Als er aber nach ein paar -Tagen sich wieder erholt hatte, stellte er sich von -neuem an die Spitze der Bewegung, soweit sie sich -noch beherrschen ließ. Er wollte sich nicht täuschen -lassen durch den anscheinend vollständigen Sieg seiner -Sache; es war noch vieles zu thun. Er saß jetzt -meist einsam oder umgeben von seinen Vertrautesten<span class="pagenum" id="Seite_155">[155]</span> -im stillen Zimmer und schmiedete Pläne oder hielt -Kriegsrat. Es konnten sich in später Zukunft aus -den wilden Völkerschaften, die noch nicht ergriffen -waren, auch wieder civilisierte Menschen entwickeln. -Das durfte nicht sein. Er schlug vor, einen gewaltigen -Kriegszug auszurüsten, zunächst ins Innere -Afrikas. Einer seiner Jünger aber meinte, das halte -zu lange auf. Man solle Prediger hinschicken. Die -Idee des Todes sei so einfach und überzeugend, daß -auch diese rohen Menschen sie verstehen müßten. -Einstweilen müsse man in Europa mit dem großen -Tode beginnen. Sonst verflache die Bewegung wieder. -Es müsse jetzt gehandelt werden.</p> - -<p>Aber wie es mit den hochentwickelten Tieren sei, -wandte ein anderer ein. Sie haben das Selbstbewußtsein, -täuscht euch darüber nicht. Wäre es nicht ekelhaft, -wenn wir sterben würden und müßten diese am Leben -lassen. Hunde, Pferde, Ameisen, Bienen, diese vor -allem müßten mit Stumpf und Stiel ausgerottet -werden.</p> - -<p>O all unser Thun ist nur Stückwerk, seufzte da -ein ganz junger Mann, der bisher fast am leidenschaftlichsten -in der Bewegung gewirkt hatte. Ich<span class="pagenum" id="Seite_156">[156]</span> -fürchte, auf dem Mars leben auch denkende Wesen. -Die können wir auch nicht erreichen. Wir wollen -jetzt sterben, aber alles was wir möchten, können wir -doch nicht ausführen. Nicht bloß die Menschen, nicht -nur die Tiere, nicht nur diese Erde, nein, die ganze -Natur, die Welt müßten wir zerstören können. Und -können wir das?</p> - -<p>Verfluchter Verräter! Treuloser! schrieen die andern. -Du beschimpfst unsre gute Sache. Und sie drangen -mit erhobenen Fäusten und blanken Schwertern auf -ihn ein.</p> - -<p>Da lachte der Jüngling wild auf. Haha, haha! -Ihr wollt mich töten, ihr Todesfrohen? Laßt mich -doch leben, das wäre die rechte Strafe! Aber ihr -mahnt mich recht, ihr Narren. Wenn ich tot bin, -dann ist auch die Welt tot – für mich. Was liegt -mir an euch?</p> - -<p>Und er ging ins Nebenzimmer, wo ein wunderschönes -fünfzehnjähriges Mädchen schlief, totmüde von -dem wilden Toben dieser Tage. Er weckte sie rasch, -riß die Schlaftrunkene an sich und umarmte sie stürmisch. -Dann riß er das Fenster auf, umschloß sie eisern<span class="pagenum" id="Seite_157">[157]</span> -mit seinen Armen und beugte sich weit vor. Ein -heftiger Schlag, und die Leute unten fanden zwei -unförmliche Leichen.</p> - -<p>Starkblom schwamm es vor den Augen. Das -war das bekannte Zeichen. Der Anfall drohte wieder. -Doch ging es diesmal wieder vorbei: Kurz lachte er -auf. Der Mann hat recht. Es ist bald Zeit für -uns. Die andern mögen für sich selbst sorgen.</p> - -<div class="tb"><sub>*</sub><sup>*</sup><sub>*</sub></div> - -<p>Graut euch vor mir und meinem Doppelgänger? -Ihr wendet euch mit Entsetzen ab vor den Ergüssen -meines verrückten Hirns? Ich aber sage euch: ich -preise diesen Starkblom, er hat das wahre Glück, er -hat es schon vor dem Tode. Er glaubt an sich, wie -der Kirschbaum an sich und seinen Blütenschnee glaubt, -bevor der Frost kommt und seine Blüte verdirbt, wie -die Lawine an sich glaubt, die krachend ins Thal -hinabschmettert. Wußtet ihr nicht, daß die Natur -grausam ist für schwächliche Zuschauer? Warum seid -ihr auch Draußenbleiber, ihr winzigen Narren, mit -eurem Denken und eurem Jämmerlein und eurer Moral -und euren Hosen? – Starkblom der Erste ist heute<span class="pagenum" id="Seite_158">[158]</span> -wieder einmal fröhlich und guter Dinge, er ahnt den -Zweiten in sich und ahnt den Tod und die Unbesonnenheit -und Selbstverständlichkeit und den freien -Wurf und die Kälte – die ihr Narren Unverfrorenheit -zu nennen beliebt. Ich pfeife auf euch, meinetwegen -könnt ihr immerhin leben, ihr belustigt mich! -Laßt euch nicht einfallen zu verzweifeln und zu winseln -und den Tod zu begehren und zu wähnen, ihr wäret -mir gleich! Wer weiß – ob ich dann nicht leben -will – um mein Gelächter noch eine Weile zu -genießen?</p> - -<div class="tb"><sub>*</sub><sup>*</sup><sub>*</sub></div> - -<p>Und immer mächtiger und mächtiger schwollen die -Heere der Sterbenden an. Und auf einmal war das -Vorpostengefecht aus, es knatterten nicht mehr an allen -Ecken Europas vereinzelte Schüsse, ganze Städte -sprengten sich in die Luft, und von allen Seiten wie -auf ein Commando strömten die Landbewohner herbei -und stürzten sich in die Flammen der brennenden -Straßen und Wälder. Eisenbahnzüge über Eisenbahnzüge -fuhren nach allen Richtungen hinaus – -den Meeren entgegen, und bald waren nicht nur<span class="pagenum" id="Seite_159">[159]</span> -Tausende und Hunderttausende, nein Millionen und -Abermillionen von Menschen versenkt in den Tiefen -der Oceane. Die Haustiere wurden vielfach mitgenommen, -sonst kümmerte man sich um nichts mehr. -Starkblom blieb mit einem getreuen Stab von einigen -Tausenden zurück in der Mitte Deutschlands und lenkte -und berechnete die Bewegung. Er sandte seine Leute -aus nach allen Seiten und bald konnten sie zurückkehren -wie die Taube mit dem Ölzweig: nirgends -mehr ein Mensch zu sehen. Da verließ er seine Umgebung -mit einem Mal und reiste weg. Er war verschollen. -Fieberhafte Aufregung befiel seine Getreuen. -Schon murmelte man hie und da vom Verräter. Er -wolle sie alle noch in den Tod treiben und dann am -Leben bleiben ganz allein. Sie hatten unrecht – zunächst. -Er wollte sich nur noch einmal satt sehen an der -Erde. Und er sah sich satt. – Niemals in seinem -ganzen Leben hatte er sich so selig, so erhoben gefühlt -wie jetzt, da er ganz allein durch Thäler und Gebirge -schweifte, die Ruinen der Städte und Dörfer sah und -in die Lüfte emporjauchzte: Allein! allein mit der -Natur! Dann aber schien ihn der wahnsinnige Gedanke -wirklich anzufallen. Er näherte sich wieder dem<span class="pagenum" id="Seite_160">[160]</span> -Platze, wo er seine Gefolgschaft vermutete und eines -Nachts schlich er sich in ihr Lager. Es schien ihm -zu glücken was er wollte. Niemand sah ihn. Und -er trat in das Zelt zu dem Weibe, das er suchte, -und weckte sie. Dann flüsterte er erregt auf sie ein -und hielt sie umfangen, an allen Gliedern zitternd. -Und er schien zu siegen. – Sie folgte ihm. Sie -flüchteten hinaus in die Einsamkeit, in ein wundersames -Thal. Niemand hatte ihre Spur gefunden. -Adam und Eva! jauchzte er, als sie allein waren und -gerettet, wie es schien. Wir beide allein im Paradies -– Sie mögen sterben, sie sollen sterben! Wir bleiben -zurück und gründen ein neues Geschlecht. Wir wollen -leben, wir schaffen ein neues, herrliches Leben, eins -mit Natur und Vernunft. – Indessen wurden er -und sie – denn man hatte ihre Flucht entdeckt und -ahnte schlimmes – eifrig gesucht. Nach einigen -Wochen aber stellte er sich freiwillig ein bei der -Schaar seiner Freunde und zwar – allein. »Verzeiht -mir, meine Freunde,« sagte er kurz und freundlich, -»ich habe einen letzten Versuch gemacht. Doch -auch der ist unmöglich. Das noch am wenigsten. -Ich habe das Weib mit diesen meinen Händen erdrosselt.<span class="pagenum" id="Seite_161">[161]</span> -Nun wohlan, wir wollen sterben, ich bin -bereit. Jetzt bin ich reif.«</p> - -<div class="tb"><sub>*</sub><sup>*</sup><sub>*</sub></div> - -<p>Und sie zogen an die sonnigen Ufer des Rheins. -Es war zur Zeit der Rebenblüte. Dort führten sie -noch mancherlei wundersame Comödie auf, als trennten -sie sich nur ungern von dem Gedanken an den Tod. -Denn sie ahnten, wenn sie erst tot waren, hatten sie -nur wenig Vergnügen davon. Starkblom war wieder -aufgethaut und äußerst gesprächig geworden. »Was -die Erde wohl ohne uns anfangen mag?« sagte er -einmal. »Wir waren doch sicher ihre größte Unterhaltung. -Ich hoffe, sie langweilt sich ohne uns zu -Tode und stürzt in die Sonne. Vielleicht bringt das -dann so große Unordnung in die Welt, daß alles -durcheinander kommt und alles wieder zu eins wird -und nichts mehr gesondert ist. Denn wisset, das will -ich euch noch sagen: eins und nichts – das ist dasselbe. -Die Besonderung und die Verschiedenheit erst -hat Welt und Leben und Bewußtsein erzeugt. Ist -die Welt erst eins, dann ist nichts mehr, dann ist -das Nichts da, das absolute Nichts.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_162">[162]</span></p> - -<p>Und dann stürzten sie sich hinein in die Fluten -– allesamt. Und nach kurzer Frist war das Gelächter -und der Gesang und das Angstgeschrei verstummt -– denn einige schrieen auch – und menschlos -war die Erde weit und breit. Der Rhein aber -floß ruhig weiter, und bald kamen die Tiere des -Waldes und spitzten die Ohren und tranken aus -kühlen Gewässern, und grün umwucherte die Pflanzenwelt -die ganze Erde und umspann die Trümmer der -Menschenbehausungen, und ein Singen und Jubilieren -der Vögel erhob sich wie nie zuvor, und die Blumen -leuchteten und dufteten in süßer, nieerhörter Pracht, -und die Bäume rauschten und erzählten es den Winden, -und die Stürme heulten es weiter, und die Erde brauste -klingend ihre Bahn dahin: er war tot, er war tot! -der große Peiniger!</p> - -<div class="tb"><sub>*</sub><sup>*</sup><sub>*</sub></div> - -<p>Und jetzt greife ich mir an den Kopf und der -geneigte Leser thue desgleichen. Beruhige er sich, er -lebt noch, und ich werde ihn auch nicht ermorden. -Ich aber bin Starkblom, nicht Starkblom der Todesprediger<span class="pagenum" id="Seite_163">[163]</span> -und nicht Starkblom der Epileptische – bloß -Starkblom der Erste, Starkblom der Leidende und -Starkblom der Sterbende. Ja, ich werde sterben, ihr -werdet nichts mehr von mir hören. Und so wünsche -ich euch denn zum letzten Male ein herzliches Sterbewohl.</p> - -<p class="mright"> -<b>Karl Starkblom.</b> -</p> - -<p class="center larger p2">❦</p> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_164">[164]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Fuenfter_Abschnitt">Fünfter Abschnitt.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-e.jpg" alt="" /></div> -<p class="drop">Ein paar Wochen, nachdem diese Schrift Starkbloms -erschienen war, stand in einer hellen -Mansardenwohnung in Paris ein junges Weib von -schier übermenschlicher Größe über einen Tisch gebeugt, -damit beschäftigt, das Notwendigste in eine kleine Reisetasche -zu packen. Ein Mann mit kurzgeschorenem, -meliertem Vollbart, der aber noch viel jünger zu sein -schien, als seine grauen Haare und sein gefurchtes -Gesicht hätten vermuten lassen, lag, eine Cigarette -rauchend, auf dem Sopha und schaute lächelnd wie -ein Spitzbube, dem ein feiner Plan gelingen will, zu, -wohl auch voll Vergnügen über die wundervolle -Gestalt des Weibes. Sie hatte sehr ebenmäßige -Formen, sie war nichts weniger als schlank, was sich<span class="pagenum" id="Seite_165">[165]</span> -auch zu ihrer Größe nicht hätte schicken wollen, ihr -Gesicht war breit und zeigte ein ungemeines Wohlwollen, -auch ihre Augen blickten groß und gütig und -verständnisvoll in die Welt; ihre Stirne war frei, -aber weder hoch noch gewölbt, die Haare trug sie -kurz geschnitten und glatt gescheitelt.</p> - -<p>Sie war jetzt fertig und schloß die Tasche.</p> - -<p>»Sag’ einmal, Hänschen«, damit nahm sie das -Gespräch wieder auf, »willst du wirklich nicht gleich -mitkommen? Ich gehe natürlich auch so, sehr gern -sogar, aber es ist doch die eigentümlichste Situation -meines ganzen Lebens.«</p> - -<p>»Das doch schon seltsame genug aufzuweisen hat«, -fiel er lachend ein. »Nein, meine liebe Marguérite, -ich komme nicht mit. Das würde gar nicht in meinen -Plan passen. Du hast doch alles verstanden, wie ich -es meine? Nicht wahr? Mich erwähnst du natürlich -gar nicht. Du mußt ganz thun, als ob ich nicht -existierte. Und dann, wenn du meinst, es sei an der -Zeit, dann telegraphierst du. Ich komme dann sofort. -Ich freue mich heidenmäßig und ich glaube, die Sache -gelingt.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_166">[166]</span></p> - -<p>»Das weiß ich noch lange nicht. Mir ist gar -nicht so wohl dabei. Wenn er mir zum Beispiel, -kaum daß ich sein Zimmer betreten habe, die Thüre -weist?«</p> - -<p>»Das thut er ganz sicher nicht. Der Mann -fühlt sich ja kläglich vereinsamt, das spricht ja aus jeder -Zeile. Ich vermute ganz etwas anderes.«</p> - -<p>Dabei lächelte er und pfiff vor sich hin.</p> - -<p>»Nun?«</p> - -<p>»Hm, hm.«</p> - -<p>»Ich weiß nicht, ich halte es für sehr leicht möglich, -daß er sich schon getötet hat, ehe ich ankomme.«</p> - -<p>»Hm, freilich, das ist nicht ausgeschlossen. So -etwas ist nie ausgeschlossen. Das Sterben ist meist -eine Sache des Augenblicks. Aber bei ihm glaube -ich’s doch nicht. Weißt du, darin fühle ich mich ihm -doch verwandt. Wir sind Männer des Abwartens. -Der überlegt sich’s hundertmal, aber auf einen -Impuls hin, plötzlich, thut er’s kaum. Aber weißt -du, was ich meine?«</p> - -<p>»Ja?«</p> - -<p>Er schaute ihr voll in’s Gesicht.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_167">[167]</span></p> - -<p>»Er wird sich in dich verlieben, Marguérite, toll, -leidenschaftlich verlieben.«</p> - -<p>Sie errötete langsam, doch schlug sie die Augen -nicht nieder.</p> - -<p>»Und ich?«</p> - -<p>»Das kann ich dir wirklich nicht sagen. Ihn -kenne ich ja nicht. Für ausgeschlossen halte ich’s -aber gar nicht, daß auch du – Nun, das wird sich -finden. Daß du in solchem Falle keine Rücksicht auf -mich zu nehmen brauchst, weißt du.«</p> - -<p>»Gewiß, das weiß ich. Ich könnte auch keine -nehmen, mein liebes Hänschen.«</p> - -<p>»Nun, wir blieben darum doch die Alten«, sagte er -mit leuchtenden Augen, ergriff ihre herabhängende -Hand und drückte sie an die Lippen.</p> - -<p>Dann sprang er auf und ging im Zimmer auf -und ab. Endlich blieb er wieder vor Marguérite -stehen.</p> - -<p>»Die Sache freut mich, weißt du, die Sache freut -mich königlich. Immer, wenn ich anfange mich zu -langweilen, sendet mir doch ein gütiges Geschick etwas -neues, noch größeres. Weißt du, diese Bombengeschichte -wird nun schon recht, recht langweilig.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_168">[168]</span></p> - -<p>»Aber es sind doch tüchtige, ungewöhnliche -Menschen.«</p> - -<p>»Gewiß sind sie das, gewiß. Aber weißt du, in -der Vorbereitungszeit, anfangs, da gefielen sie mir -doch besser. Jetzt, wo sich die Folgen einstellen, wo -ein paar verhaftet sind und andere vor der Ausweisung -stehen, jetzt legen sie sich ein bischen Pathos -an und einige deklamieren schon märtyrermäßig. Und -weißt du, <em class="gesperrt">das</em>, nein, das steht ihnen nicht gut.«</p> - -<p>»Aber Jean, du übertreibst ja. Was du Pathos -nennst, ist doch auch meist nur Hohn. Ich glaube, -sie sind freie Menschen geblieben, die sich für -nichts besondres halten, aber die Welt für noch viel -weniger.«</p> - -<p>»Nun, ich lasse ihnen ihr Vergnügen gern. Aber -auf die Dauer ist’s doch nichts für mich. Ein Sporn -zur Ernsthaftigkeit liegt doch auch noch darin, und du -weißt, das mag ich nicht. Drum ist’s gut, daß mir -die Geschichte dazwischen kam.«</p> - -<p>»Ein klein wenig ernst ist’s dir damit aber erst -recht. Ich meine sogar, sehr viel Ernst.«</p> - -<p>»Meinst du? Das leugne ich gar nicht. Aber -doch nur, weil mir’s Spaß macht.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_169">[169]</span></p> - -<p>»Nun, das ist eine Erklärungsart, wie andere -auch.«</p> - -<p>»Meine weise Pythia, ich weiß schon, du bist -anders als ich, ein wenig, nicht so gar. Drum -schicke ich dich jetzt auch zu einem fürchterlich ernsthaften -Kerl.«</p> - -<p>»Ich fürchte ihn nicht. Auch glaube ich, ist er -unserm Standpunkt schon sehr nahe gekommen. Es -braucht nur noch einen Ruck, dann haben wir ihn. -Weißt du, was ihm hauptsächlich fehlt?«</p> - -<p>»Nun? Übrigens ist es bald Zeit für dich.«</p> - -<p>»Natur fehlt ihm. Verstand hat er genug.«</p> - -<p>»Natur … Natur? Ja die fehlt mir auch. -Die hast nur du, meine Marguérite. Aber weißt -du, ich habe mir einen Ersatz zurecht gemacht im -Lauf des Lebens. Es ist doch etwas großes, daß der -Mensch jetzt auch seine behagliche Existenz sich schaffen -kann, weit weg, weit von der Natur. Im Gegensatz -zu ihr.«</p> - -<p>»Nun, schiffbrüchig seid ihr doch alle. Ihr denkt -nur nicht mehr daran. Jetzt will ich aber gehn.«</p> - -<p>Sie setzte den Hut auf.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_170">[170]</span></p> - -<p>»Also, mein großes Kleinod, leb’ recht – Das -heißt, ich werde dich zur Bahn begleiten. Also du -begreifst alles? Du wirst’s gut machen?«</p> - -<p>»Verstanden hab’ ich alles, auch thu’ ich’s nicht -dir zu Liebe, sondern weil’s mir selbst Bedürfnis ist, -den Mann zu sehen und ihm zu helfen. Ich thue, -was ich kann.«</p> - -<p>»Dann ist’s gut, sehr gut. Komm, ich will dich -noch küssen, bevor wir gehen.«</p> - -<p>Marguérite beugte sich tief zu ihrem Hänschen -herunter und küßte ihn auf den Mund. Dann ging -das ungleiche Paar die Treppe hinab.</p> - -<div class="tb"><sub>*</sub><sup>*</sup><sub>*</sub></div> - -<p>Zwei Tage später, morgens gegen 3 Uhr, stand -Marguérite vor dem Weißen Hause. Sie betrachtete -die freundliche Villa ein Weilchen und holte Athem, -dann öffnete sie die Hausthür und stieg die Treppe -hinauf. Im Flur sah sie niemanden. Sie klopfte -an eine Thüre, keine Antwort. Nun öffnete sie. Es -war ein Schlafzimmer, das wohl erst vor kurzem -verlassen worden. Das Bett war noch nicht in -Ordnung, die Luft nicht die beste. Sie blieb eine<span class="pagenum" id="Seite_171">[171]</span> -kurze Zeit zwischen Thür und Angel stehen, dann -trat sie rasch entschlossen ein. Eine Thüre, die geschlossen -war, führte wohl in die andern Zimmer. -Sie hörte auf- und abgehende Schritte und verworrenes -Brummen. Das mußte er sein. Sie stellte die -Reisetasche auf den Tisch und legte den Hut ab. -Dann goß sie aus dem Kruge etwas Wasser über -ihre Hände und benetzte ihre Augen und ihr Haar. -Nachdem sie sich abgetrocknet hatte, blieb sie noch eine -Zeitlang stehen, die Hände auf die Brust gelegt und -schwer atmend. Dann ging sie leise zur Verbindungsthür -und krümmte den Zeigefinger um anzuklopfen. -Rechtzeitig aber noch ließ sie die Hand sinken und -schüttelte den Kopf. »Das wäre nichts,« flüsterte sie -leise. Dann öffnete sie beherzt die Thüre. Sie -blieb stehen und hielt den Athem an. Am Fenster -gegenüber, das geöffnet war, stand ein Mann, ihr -den Rücken zukehrend, in Hemdärmeln. Seine Augen -blickten wohl ins Thal hinunter, währenddem aber -waren seine Hände angestrengt bemüht, einen Kragen, -der ihm vermutlich viel zu eng war, anzulegen. Sie -hörte wieder das brummende Ächzen. Um ihre Mundwinkel -zuckte es leicht. Auf einmal aber ließ seine<span class="pagenum" id="Seite_172">[172]</span> -Hand den Kragen los, er stampfte heftig mit dem -Fuß auf und schlug sich mit der Faust an die Stirn. -Dabei rief er laut:</p> - -<p>»Herrgott Donnerwetter, der Kerl macht mich noch -verrückt!«</p> - -<p>Da konnte Marguérite nicht mehr. Sie lachte -laut auf.</p> - -<p>Starkblom zuckte heftig zusammen und drehte sich -rasch um.</p> - -<p>»Wie – was – wer sind Sie denn? was -wollen Sie? wie kommen Sie denn hierher?«</p> - -<p>»Davon nachher. Vielleicht erlauben Sie, daß -ich Ihnen zuerst helfe den Kragen schließen?«</p> - -<p>Starkblom blickte sie mißtrauisch an.</p> - -<p>»Aber entschuldigen Sie, wie kommen Sie denn -hierher? Wo haben Sie denn Ihren Hut?«</p> - -<p>»Den habe ich im Nebenzimmer abgelegt. Ich -sah niemanden und trat deswegen gerade herein. Ich -komme von weit her, um mit Ihnen ein vernünftiges -Wort zu sprechen. Erlauben Sie jetzt –?«</p> - -<p>Starkbloms Miene heiterte sich auf. Er lächelte.</p> - -<p>»Ach so, Sie haben gelesen –? Die Brochüre? -Nicht wahr? Und kommen zu mir? Sehr schön.<span class="pagenum" id="Seite_173">[173]</span> -Und da wollen Sie mir – den Kragen zumachen? -Nun – immerhin, meinetwegen.«</p> - -<p>Sie trat näher und machte sich ans Werk.</p> - -<p>»Sind Sie aber groß!«</p> - -<p>»Bitte stillhalten, <em class="antiqua">Monsieur</em>, sonst geht’s nicht.«</p> - -<p>»Aber Vorsicht, bitte, Sie erwürgen mich ja!«</p> - -<p>Sie ließ die Hände wieder sinken und schaute -ihm lachend ins Gesicht.</p> - -<p>»Wäre das denn so schrecklich?«</p> - -<p>»Jaja, jaja, lachen Sie mich nur aus. Sind -Sie deswegen gekommen?«</p> - -<p>»Ein wenig, ja.«</p> - -<p>»Soso. Nun, dann möchte ich Sie bitten, mir -den Kragen vollends in Ordnung zu bringen, und -dann – ja dann werden Sie wohl wieder gehen -können. Oder wollten Sie noch etwas anderes als -Ihr Amusement?«</p> - -<p>»Gewiß, gewiß, auch noch etwas anderes. Aber -jetzt Ruhe. So, jetzt wären wir fertig. Drückt er -Sie nicht?«</p> - -<p>Starkblom warf ihr einen grimmigen Blick zu. -»Nein,« sagte er dann kurz. Er ging noch etwas im<span class="pagenum" id="Seite_174">[174]</span> -Zimmer hin und her, dann nahm er seinen Rock von -dem Haken an der Wand und zog ihn an.</p> - -<p>»So. Wollen Sie vielleicht Platz nehmen, mein -– Fräulein? Oder –?«</p> - -<p>»Das ist gleichgiltig. Aber nennen Sie mich -lieber Frau.«</p> - -<p>Sie setzte sich an den Tisch. Starkblom blieb -vor ihr stehen und betrachtete sie. Dann kratzte er -sich an der Stirn. Er fand die Situation recht unbehaglich.</p> - -<p>»Woher kommen Sie denn?«</p> - -<p>»Von Paris.«</p> - -<p>»So? Schöne Stadt?«</p> - -<p>»O ja.«</p> - -<p>»War nie da. – Soso. Merkwürdig.«</p> - -<p>Es trat eine Pause ein. Dann fing Starkblom -wieder an:</p> - -<p>»Nun also – wenn Sie das Ding gelesen haben -und verstanden, dann kennen Sie mich ja ein wenig. -Ich habe keine Lust, mich zu unterhalten. Ich kann’s -auch nicht. Mir preßt’s die Kehle zusammen –«</p> - -<p>Marguérite lächelte gutmütig.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_175">[175]</span></p> - -<p>»Zum Teufel noch einmal, kommt Ihnen schon -wieder der verfluchte Kragen in den Sinn? -Weiber, Weiber!«</p> - -<p>»Kennen Sie denn die Weiber?«</p> - -<p>Starkblom schaute sie groß an.</p> - -<p>»Wirklich, nicht sonderlich. Ich hab’ zwar früher -einmal eine Frau gehabt, wissen Sie, damals, als ich -noch – aber was, das interessiert Sie ja doch nicht. -Was wollen Sie denn?«</p> - -<p>»Es interessiert mich, Starkblom. Damals als Sie -noch – glücklich waren?«</p> - -<p>»Ach was, glücklich! Ein Philister war ich! -Sie war ein Weib wie andere mehr. Ein Glück für -sie, daß sie tot ist. Sie würde mich nicht verstehen, -wie ich heute bin. Versteht mich überhaupt niemand. -Verfluchte Welt.«</p> - -<p>»Ich glaube, ich verstehe Sie, und darum komme -ich. Wollen Sie mich anhören? Ich habe Ihre -beiden Schriften gelesen, beide; ich habe tief hineingeblickt -in den Abgrund Ihrer Gedanken und Ihrer -Verdüsterung, Sie suchen einen Menschen, und ich -kam zu Ihnen. Sie suchen einen Menschen, der -mit Ihnen –«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_176">[176]</span></p> - -<p>Starkblom hörte schon lange nicht zu. Er war -mit kleinen Schritten ungeduldig hin und her gegangen, -hatte dann auch einmal die Thüre geöffnet und hinausgehorcht -und trat nun vor Marguérite hin.</p> - -<p>»Wollen Sie vielleicht mit mir frühstücken? Ich -habe Hunger.«</p> - -<p>»Ich glaube, jetzt verhöhnen Sie mich,« erwiderte -Marguérite errötend.</p> - -<p>»Was? Fehlt Ihnen etwas? Meinen Sie denn, -ich könne von der Luft leben? – Oder – ach so -– ja wissen Sie, zugehört habe ich Ihnen nicht. -Sie können ja dann Ihre schöne Rede hernach -wiederholen. – Na endlich, wo stecken Sie denn so -lange?«</p> - -<p>Das Letzte sagte er zu der Haushälterin, die mit -Thee, kaltem Braten und Wein hereinkam und die -Augen weit aufriß, als sie so ungewohnten Besuch -sah.</p> - -<p>»Wundern Sie sich später und bringen Sie noch -eine Tasse und einen Teller und was weiß ich! -Aber rasch!«</p> - -<p>Dann wandte er sich wieder zu der fremden Dame.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_177">[177]</span></p> - -<p>»Sie werden auch Appetit haben. Greifen Sie -nur ungeniert zu.« Dabei schob er seinen Teller und -seine Tasse zu Marguérite hinüber. »Ich kann -warten.«</p> - -<p>»Sie sind sehr liebenswürdig, Herr Starkblom. -Frühstücken wir also zusammen. Trinken Sie so früh -schon Wein?«</p> - -<p>»Ja, ich habe mir’s in letzter Zeit angewöhnt -So, jetzt kann’s ja losgehn.«</p> - -<p>Die Haushälterin hatte das Nötige gebracht, und -Marguérite schenkte erst Thee ein, dann auch Wein -für sich und ihn.</p> - -<p>Während des Essens blickte Starkblom ein paar -Mal zu ihr hinüber. Schließlich sagte er kauend:</p> - -<p>»Was Sie für ein gesundes Gebiß haben. Und -dieser Hunger! Und überhaupt die ganze Gestalt – -wo wächst denn diese Rasse? Sie scheinen mir -überhaupt keine Deutsche, ihrem Accent nach?«</p> - -<p>Marguérite lachte.</p> - -<p>»Nun, wie man’s nimmt. Geboren bin ich im -Elsaß, kam aber ziemlich früh nach Frankreich.«</p> - -<p>Starkblom schaute sie immer noch an.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_178">[178]</span></p> - -<p>»Prachtvoll, prachtvoll«, brummte er dann, und -Marguérite ward rot.</p> - -<p>Er erhob sein Glas.</p> - -<p>»Na, prost, Frau – und Ihr Name? Darf -ich den wissen?«</p> - -<p>»Ich heiße Marguérite. Das andere ist nebensächlich, -nicht?«</p> - -<p>Sie stieß mit ihm an.</p> - -<p>»Und was lassen wir leben?« fragte sie mit anspielendem -Lächeln.</p> - -<p>»Leben … leben? Ach so, denken Sie daran? -Und – Sie wollten?«</p> - -<p>Er blickte ihr tief ins Auge. »Tod –? mit –?«</p> - -<p>Sie schlug die Augen nieder und kratzte mit dem -Messer auf dem Teller herum.</p> - -<p>»Vielleicht«, sagte sie leise.</p> - -<p>»Na, prost«, brach er kurz ab und trank sein -Glas mit einem Zuge aus.</p> - -<p>Kurz nachher stand er auf und trat ans Fenster.</p> - -<p>»Haben Sie schon genug?«</p> - -<p>»Ja. Ich fühle mich nicht ganz wohl.«</p> - -<p>Marguérite legte leise Messer und Gabel weg. -Sie starrte vor sich hin. Auf einmal überwältigte<span class="pagenum" id="Seite_179">[179]</span> -sie das Bewußtsein dessen, was sie gethan hatte und -was noch bevorstand und der ganzen Situation, und -sie schlug die Hände vors Gesicht. So verblieb sie -lange. Plötzlich sagte Starkblom vom Fenster aus, -ohne sich umzusehen, in sehr traurigem Tone:</p> - -<p>»Nun, Frau Marguérite, wollen Sie jetzt Ihre -Rede halten? Wozu sind Sie bereit? Was halten -Sie von mir?«</p> - -<p>Marguérite ließ die Hände sinken; sie war glühend -rot geworden. Dann erhob sie sich, blieb aber am -Tische stehen und sagte zaghaft:</p> - -<p>»Lassen Sie mich wieder gehen. Ich weiß nicht -– es ist falsch – es geht nicht –.«</p> - -<p>Starkblom drehte sich um und sah sie erstaunt an. -Dann ahnte er, vielleicht zu begreifen, was in ihr -vorgehe. Er schwieg lange und blickte sie an. Dann -fing er an:</p> - -<p>»Vielleicht war Ihr Gefühl das richtige, als Sie -kamen. Schrecken Sie nicht zurück. Ich bitte Sie -zu bleiben.«</p> - -<p>Und er ergriff ihre Hand.</p> - -<p>»Wenn Sie auch jetzt nicht reden können. Bleiben -Sie nur. Wir haben Zeit. Oder haben Sie einen<span class="pagenum" id="Seite_180">[180]</span> -speziellen Grund, irgend einen Vorgang in der letzten -Zeit Ihres Lebens, mich aufzusuchen?«</p> - -<p>»Nein, das nicht. Aber Sie verkennen mich nicht? -Sie mißachten mich nicht?«</p> - -<p>Starkblom wurde sehr verlegen. Er wußte nicht, -was sagen. Endlich stotterte er:</p> - -<p>»Aber ich bitte Sie … aber Frau Marguérite -… aber mißachten … was fällt Ihnen ein? Sie -scheinen ja eine … vorzügliche Frau. Ich begreife -Sie, wenn ich auch nicht weiß, wie Sie dazu kommen. -Wollen Sie mir nicht etwas erzählen – von Ihrem -Leben?«</p> - -<p>Marguérite setzte sich wieder aufs Sopha und -strich langsam mit beiden Händen über ihr dunkles -Kleid. Er blieb vor ihr stehen, indem er sich mit -gekreuzten Beinen an den Tisch lehnte und sie anschaute.</p> - -<p>»Ach, da ist nicht viel zu erzählen. Ich bin das -Kind reicher Bauern. Dann kam ich früh zur Erziehung -in ein Kloster nach Frankreich. Dort riß ich -aus – mit – nun, es ist gleichgiltig. Die Sache -ist längst vorbei. Aber ich kam durch ihn damals -schon in eine Gesellschaft freier Menschen, Männer<span class="pagenum" id="Seite_181">[181]</span> -und Frauen, hauptsächlich Russen und Polen. Seitdem -habe ich sehr viel gelesen, auch einiges mitgemacht. -Ich – nun ich bin eben frei geworden -durch all’ das.«</p> - -<p>»Soso. Schön, sehr schön. Was verstehen Sie -denn darunter: frei geworden?«</p> - -<p>»Nun, ich meine, Sie müßten das doch auch -kennen. Ich habe wenig Vorurteile, verstehe viele, -auch verschieden geartete Menschen, kann mich in vieles -hineinfinden und folge im übrigen meiner Natur, wie -sie nun einmal ist, geworden ist durch diese und jene -Umstände der Vergangenheit und Umgebung. Das -nenne ich vor allem frei, daß man sich nicht schämt, -täglich tausend Dinge zu thun, die der Verstand nicht -erklären noch billigen kann. Zum Beispiel auch, zu -leben und glücklich zu sein. Ohne einen Vernunftgrund -dafür angeben zu können.«</p> - -<p>In Kürze etwa: »Sie sind ein Philister ohne -Vorurteile?«</p> - -<p>»Jawohl, jawohl,« antwortete sie lebhaft. »Das -acceptire ich. Man muß ein Philister sein, aber ein -idealer. Man kann nicht leben ohne das. – Und<span class="pagenum" id="Seite_182">[182]</span> -man <em class="gesperrt">will</em> leben«, fügte sie noch mit Bestimmtheit -hinzu.</p> - -<p>»Und ich sage: man will nicht«, rief Starkblom -mit Entschiedenheit und schlug auf den Tisch.</p> - -<p>»Nun gut: sterben Sie.«</p> - -<p>»Ich meine; man sollte nicht wollen.«</p> - -<p>»Nun ja, das ist es ja eben. Das ist eine -Theorie. Das kann ich fassen; ich verstehe es vollkommen. -Nach dem heutigen Stand unseres Geistes -können wir nicht begreifen, wozu wir leben. Ganz -recht, ganz gut. Das gebe ich zu. Wir haben nichts -Positives, das wir anerkennen, vollständig nichts. -Und wir werden auch nie zu den alten Positionen -zurückkehren. Wir würden uns schämen. Wir sind -keine Romantiker, keine Philister im alten Sinn. -Aber wir warten ab, und das ist Grund genug für -uns, zu leben. Wir sind neugierig.«</p> - -<p>»Wir warten ab? Was denn?«</p> - -<p>»Nun, das weiß ich nicht. Irgend ein Falsches -vielleicht, wahrscheinlich sogar. Aber das ist nötig. -Irgend ein Neues, das überwältigt, ein neuer, dauerhafter -Aberglaube, eine neue Religion, wenn es sich -auch nicht mehr in diese Worte kleidet. Einfach etwas<span class="pagenum" id="Seite_183">[183]</span> -<em class="gesperrt">Positives</em>, das allen einleuchtet, das für alle einen -Sinn hat. Das alle überwältigt. Wir haben doch -alle eine Ahnung, daß etwas in der Luft liegt. -Etwas Großes, Nieerhörtes. Sie wollten es ja auch -schaffen. Aber Sie konnten nur töten. Nicht zeugen. -Also warten wir und leben wir indessen, leben wir -freudig. Genießen wir, auch unsern Schmerz. Der -gehört dazu, für uns sicher. Das ist Ihnen aber -doch alles nicht neu. Sie wollten es nur nicht Wort -haben. Vielleicht schämten sie sich. Aber dessen -brauchen wir uns wahrhaftig nicht schämen. Wir -sind Übergangsmenschen, jawohl, und wir fühlen uns -als solche. Und wer so viel durchgemacht hat wie -Sie, für den ist das keine Phrase. Nie war eine -solche Zeit da wie die unsere. Und die kommende -– die muß ja noch viel unerhörter, gewaltiger -werden. Ist es vielleicht so – ist es nicht so – -habe ich Recht?«</p> - -<p>Starkblom hatte ihr voll Bewunderung zugehört. -Er hätte nicht gedacht, daß ein solches Weib lebte. -Und nun saß sie hier auf dem Sopha und blickte ihn -freundlich mit schimmernden Augen an. Es schien ihm -ein Märchen. Was er antwortete, war drum auch nur<span class="pagenum" id="Seite_184">[184]</span> -ein mechanisches Vorsuchen eines altgewohnten Gedankens.</p> - -<p>»Ich weiß nicht, ich glaube nicht, daß Sie Recht -haben. Ich fände das doch ekelhaft, zu ekelhaft, ein -solches Leben. Und die kommende Zeit – was -liegt an ihr? Es handelt sich um uns, um mich.«</p> - -<p>»Jawohl, natürlich, nur darum. Aber unsere -Gedanken und Träume von der Zukunft, und vor -allem unsre Neugier, wieviel wir davon noch selbst -erleben, und wie oft sich die Perspektive verändert, -das ist ja nur ein Teil von uns. Sie sagen: wir -haben an nichts mehr Interesse. Und ich sage: -o doch, wir interessieren uns noch für sehr vieles. -Aber nein: Sie sagen, wir sollten uns für nichts -interessieren. Das ist das Falsche. Sie tyrannisieren -sich durch Ihr ewiges Grübeln. Der Mensch ist -nicht blos Verstand. Wenn Sie sagen: ich will nicht -leben, dann spricht blos ein Teil von Ihnen, der -andre aber will leben, o ja, o ja, er <em class="gesperrt">will</em> leben, und -er sollte es sich nicht gefallen lassen, unterjocht zu -werden. Er ist mächtiger als alles andre. Er <em class="gesperrt">sollte</em> -mächtiger sein. Ihr Verstand zehrt an Ihnen. -Aber das andere lebt noch in Ihnen, das spüre ich,<span class="pagenum" id="Seite_185">[185]</span> -das fühlt man aus Ihren Schriften. Und das ist -gut; sonst stünde die Sache verzweifelt. Sie können -sich retten, aber nur Sie selbst sich selbst. Dazu bin -ich gekommen, um Ihnen das zu sagen. Kehren Sie -zurück zum Leben! – Das Leben ist schön!«</p> - -<p>Lange blickte Starkblom vor sich nieder. Dann -sagte er leise:</p> - -<p>»Das alles kenne ich, was Sie da sagen. Sie -vermuten recht, das ist mir nicht neu. Es hat oft -in mir empor wollen, und in letzter Zeit mehr wie je, -aber ich habe es bekämpft. Der Geist ist das höchste, -was der Mensch hat. Es ist feige, feige, ihn zu -unterdrücken. Wozu Sie raten, das ist die Herrschaft -der andern Triebe über den geistigen. Das könnte -ich nicht aushalten, jetzt nicht mehr; früher vielleicht. -Das wäre mir jetzt zu gemein – auf die Dauer.«</p> - -<p>»O nein, das ist es gar nicht. Ich rate zum -Genuß, jawohl, aber auch zum geistigen Genuß, zu -dem erst recht. Aber geistiger Genuß ist nur möglich -in Verbindung mit den andern – nun sagen wir: -Trieben; sonst artet er aus und treibt zur Vernichtung. -Sie wollen das leugnen, aber Sie können es nicht. -Empfinden Sie nicht Genuß bei solchem Gespräch?<span class="pagenum" id="Seite_186">[186]</span> -Und müßten Sie sich nicht zwingen, aus Gewohnheit -und Konsequenzduselei, auch jetzt etwa zu fragen: -was hat das für einen Zweck? was steckt dahinter?«</p> - -<p>Starkblom wurde unruhig; er konnte ihr Auge, -das sie voll und ruhig auf ihn richtete, nicht ertragen. -Er kehrte sich ab und sah zum Fenster hinaus. Sie -aber wollte nicht nachlassen. Sie fühlte, sie hatte -Einfluß auf ihn, und sie freute sich, daß ihr Geist -sich im Gespräch mit dem seinen messen konnte.</p> - -<p>»Sagen Sie einmal, Starkblom,« fing sie also -nochmals an, »was ist das mit dem Weib in Ihrer -letzten Brochüre? An zwei Stellen? Das kommt -so plötzlich und unvermittelt hinein. Was wollten -Sie damit? Wenn es symbolisch sein sollte, gestehe -ich, ich habe es nicht verstehen können.«</p> - -<p>Starkblom drehte sich rasch um.</p> - -<p>»Es sollte nicht symbolisch sein.«</p> - -<p>Dann fügte er zögernd hinzu:</p> - -<p>»Es war wohl ein Trieb. Halb Sehnsucht, halb -Ahnung. – Unsinn war es, Unsinn.«</p> - -<p>»Jetzt verstehe ich vielleicht,« sagte sie leise. »Auch -das gehört dazu. Sie sind zu retten, dann erst recht.«</p> - -<p>Jetzt sah er ihr fest in die Augen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[187]</span></p> - -<p>»Marguérite, Marguérite,« rief er dann. »Sie -treiben ein gefährliches Spiel. Noch lebe ich, verstehen -Sie, noch bin ich Mensch! Hüten Sie sich!«</p> - -<p>Und er streckte die Hand wie suchend nach ihr aus.</p> - -<p>»Ich freue mich, daß Sie leben,« sagte sie ängstlich -lächelnd und sich etwas zurückbiegend, »aber Sie -sind ein Kind!«</p> - -<p>Er fuhr sich verwirrt mit der Hand über die -Stirn.</p> - -<p>»Wie … was? Sie meinen … aber nein, das -nicht, das nicht. Nein, nein. Ich will nicht. Sterben -Sie mit mir, Marguérite, ich bitte Sie, sterben Sie -mit mir. Ich will nicht mehr leben, ich kann nicht.«</p> - -<p>Marguérite stand auf, heftig atmend und sehr blaß.</p> - -<p>»Starkblom,« sagte sie, »Sie sollten nicht eigensinnig -sein. Sie thun sich Gewalt an. Ich würde -es vielleicht thun, wenn –«</p> - -<p>Sie hielt inne. Starkblom ergriff sie bei der -Hand und sah sie mit fieberndem Blicke an.</p> - -<p>»Was würden Sie thun? Was? Marguérite?!«</p> - -<p>Marguérite konnte nur noch flüstern.</p> - -<p>»Sterben, natürlich sterben. Was sonst?«</p> - -<p>Starkblom ergriff auch noch ihre andere Hand.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_188">[188]</span></p> - -<p>»Du würdest es thun, Marguérite? Du willst? -Ja?«</p> - -<p>Marguérite konnte nicht mehr. Sie sank in den -Sessel, lehnte sich zurück und ließ den Kopf zur Seite -hängen.</p> - -<p>»Ja, ja, ja. Wenn du willst, ja. Aber nicht -jetzt, nicht jetzt. Wir wollen warten. Bedenken. O -es <em class="gesperrt">kann</em> ja nicht sein.«</p> - -<p>Starkblom trat zurück, wie plötzlich ernüchtert.</p> - -<p>»Ja, wir wollen warten. Vielleicht – ach -Unsinn.«</p> - -<p>Dann griff er sich an den Kopf, wie müde vor -Erregung.</p> - -<p>»Ach, was ist das heute für ein Tag! Wer hätte -das gedacht? Wer hätte das gedacht?«</p> - -<p>Auf einmal zuckte es ihm um die Mundwinkel -und in seinem Auge leuchtete es irr auf. Dann -lächelte er fein, fast boshaft.</p> - -<p>»Ich glaube, wir belügen uns, Marguérite. -Nicht?«</p> - -<p>Und flüsternd, aufgeregt stieß er heraus:</p> - -<p>»Wir meinen – es – anders – nicht –?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_189">[189]</span></p> - -<p>Marguérite winkte matt mit beiden Händen, er -möge aufhören.</p> - -<p>»Laß – – laß, Starkblom. Ich will mit dir -sterben – oder leben, wie du willst. Aber schweig -jetzt, ich bitte dich. Ich kann – nicht mehr.«</p> - -<p>Und sie lehnte sich müde zurück und schloß die -Augen. Starkblom trat ans Fenster und sah starr -hinaus. Dann drehte er sich um und schaute sie -lange an. Ein Zittern überkam ihn. Er wandte sich -wieder ab und zwang sich, auf die Bäume gegenüber -zu blicken und hinauf zu den Wolken. So verblieb -er lange.</p> - -<p>Endlich fuhr sich Marguérite leicht mit der Hand -über die Stirn, als wolle sie einen Traum verscheuchen. -Dann ballte sie eine Faust und fuhr energisch mit -dem Arm auf und ab. Sie konnte sich wieder beherrschen. -Sie ließ ihre Blicke im Zimmer schweifen. -Auf einem kleinen Tischchen lagen Bücher und Zeitschriften -ungeordnet durcheinander. Dicker Staub lag -darauf. Sie trat näher und malte gedankenlos Zeichen -und Buchstaben auf die Bände. Dann nahm sie -eines der Bücher in die Hand und schaute nach dem -Titel.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_190">[190]</span></p> - -<p>»Ah!« sagte sie freudig.</p> - -<p>»Was haben Sie Schönes?«</p> - -<p>»›Also sprach Zarathustra‹ von Friedrich Nietzsche. -Ich habe es nie in die Hand bekommen, aber viel -davon gehört. Ich möchte es kennen lernen.«</p> - -<p>»Sie kennen es nicht? Alle Achtung vor Ihnen. -Lernen werden Sie nicht mehr viel von ihm können. -Aber die Sprache! die Sprache. Es ist ein wundersames -Buch. Geben Sie her. Ich will Ihnen -einiges davon zeigen.«</p> - -<p>Er nahm ihr das Buch aus der Hand, setzte sich, -schlug aufs Gerathewohl auf und fing an vorzulesen. -Nun las er einen Abschnitt nach dem andern, immer -noch einen. So beruhigten sich ihre aufgeregten Sinne -allmählich. Sie sprachen dann noch lange, Tiefes, -auch Gleichgiltiges. Später gingen sie spazieren und -setzten sich ins Grüne. Marguérite erzählte viel von -ihrer Jugend, von den mancherlei Menschen, mit -denen sie zusammengetroffen. Sie hatte viel zu erzählen -und berichtete ohne Scheu. Von ihren letzten -Lebensjahren schwieg sie indessen.</p> - -<p>Abends sagten sie sich ziemlich früh und ziemlich -zurückhaltend, fast ceremoniell Gute Nacht, und<span class="pagenum" id="Seite_191">[191]</span> -Marguérite begab sich in das Fremdenzimmer, das -seit Starkblom da wohnte, noch nie benutzt worden -war. Sie schaute noch ein wenig zum Fenster hinaus -und ließ sich von der Nachtluft abkühlen, dann legte -sie sich ins Bett und kreuzte die Hände unter dem -Kopf, wie sie zu thun pflegte, wenn sie noch nachdenken -wollte. Den ganzen Tag über war es ihr -immer von Zeit zu Zeit so gewesen, sie müsse an -etwas denken, sie dürfe es nicht vergessen, und jetzt -wollte sie sich besinnen. Aber ehe sie noch so weit -war, zerflatterten ihre Gedanken in wirres Träumen, -und sie schlief ein.</p> - -<p>Starkblom aber saß lange noch auf seinem Bett -und brütete vor sich hin. Sollte er vergnügt sein -und ausgelassen wie ein tolles Kind oder sollten sich -ihm die Gedärme vor Ekel über sich selber im Leibe -herumdrehen? Er wußte es wahrhaftig nicht. Er -hatte die Kniee in die Höhe gezogen und stützte seinen -Ellbogen darauf und hielt seinen Kopf. Er blickte -starr, mit zusammengekniffenen Augen und gepreßten -Lippen. Es fiel ihm nicht ein, sich zu wundern, sein -Schicksal erfüllte sich, das war die natürlichste Geschichte -von der Welt. Und dann auf einmal hielt<span class="pagenum" id="Seite_192">[192]</span> -es ihn nicht mehr, es drückte etwas von innen gegen -die starre Wand seines Mundes und er platzte laut -heraus und lachte hell auf und schlug mit der flachen -Hand klatschend auf seinen Schenkel. Freilich lachte -er sich aus, aber eine jugendliche Freude war auch -dabei, und weil er das herausfühlte, mußte er nur -immer mehr und immer wieder lachen und losplatzen. -So ein Narr! So ein Narr!</p> - -<p>Und dann kleidete er sich rasch aus und legte sich -ins Bett und löschte das Licht. Er warf sich ein -paar Mal hin und her, dann schloß er die Augen -fest und blieb ruhig liegen. So, jetzt wird geschlafen, -verstanden? Aber Starkblom wollte nicht verstehen. -Er kicherte wieder ein wenig. Dann öffnete er die -Augen weit und sah lange zur Decke empor. Und als -ziehe ihn etwas in die Höhe, richtete er den Oberkörper -auf, winkte mit der Hand in die Luft, und sagte mit -vernehmlicher Stimme: »Gute Nacht, Marguérite! – -Gute Nacht, liebe Marguérite!« Dann legte er sich -wieder ruhig hin und lächelte müde. Und nun kamen -ungeordnet aufgeregte Träume und lösten sich in -wirrer Reihenfolge ab, bald mit offenen, bald mit -geschlossenen Augen. So verbrachte er den größten<span class="pagenum" id="Seite_193">[193]</span> -Teil der Nacht, hin- und hergeworfen von der Unruhe -und ohne Müdigkeit. Es war, als habe er die -dunstige Nebelhülle, in der er sonst sich so wohlig -geborgen und so gut und tief geschlafen hatte, mit -eins verloren. Es war so unheimlich klar in seinem -Kopfe bei allen fürchterlichen und thörichten Träumen, -die rastlos hin- und hergingen, und die Augen waren -so kühl und wollten nicht geschlossen bleiben, es war -ganz selbstverständlich, daß er nicht schlafen konnte, -er hatte gar keinen Grund zum schlafen. Erst spät -am Morgen duselte er ein wenig ein.</p> - -<p>Auch die nächsten paar Tage lebten sie ruhig -und idyllisch neben einander hin. Sie lasen, -plauderten, gingen spazieren und lagen im Grünen. -Im übrigen hielten sie sich scheu zurück und wollten -an das andre nicht mehr denken. Marguérite war -es eingefallen, was sie nicht vergessen dürfe, aber -sie wollte nicht daran denken. Es wird sich schon -finden, es wird sich schon finden. Sie wollte sich -gehen lassen.</p> - -<p>Starkblom aber ließ sich treiben, wie vom Sturmesbrausen. -Er konnte nicht mehr zurück. Er konnte -sich nicht mehr halten. Es war über ihn gekommen.<span class="pagenum" id="Seite_194">[194]</span> -Er mußte es vollenden. Hinein in die Flut, nur -hinein – Wer weiß? – Ja, wer weiß!</p> - -<p>Eines Abends, als sie auseinandergehen wollten, -um zu schlafen, legte Starkblom seine zitternde Hand -auf ihre Schulter. Seine Kniee bebten. Und mit -verzerrtem blutleerem Gesicht und brennenden Augen -bemühte er sich in ruhigem Ton zu sagen:</p> - -<p>»Marguérite, wir müssen die Konsequenz ziehen: -warum nicht?«</p> - -<p>Sie sah ihn mit entsetzten Augen an: »Du willst -sterben? Jetzt?«</p> - -<p>Da schrie er laut auf und brüllte:</p> - -<p>»Lüge nicht, Marguérite, lüge nicht! Sterben?! -Wer denkt ans Sterben? Leben will ich! Dich! -Dich!«</p> - -<p>Seine Stimme hatte sich überschlagen und knickte -ab. Dann fügte er ruhiger, fast feierlich hinzu:</p> - -<p>»Marguérite, ich bin der Mann!«</p> - -<p>Da kreuzte sie die Arme über die Brust, sah ihn -ernst und schmerzlich an und sprach:</p> - -<p>»Ich bin das Weib – ja!«</p> - -<p>Und bei dem letzten Wort nickte sie bekräftigend<span class="pagenum" id="Seite_195">[195]</span> -und dann senkte sie den Kopf und blickte nicht mehr auf.</p> - -<p>Er biß die Zähne fest in die Unterlippe, atmete -schwer und blickte bohrend in die Luft. Er trat -zurück und blickte an ihr hinauf. Dann packte er sie -plötzlich an beiden Schultern und riß sie an sich. -Sie ließ es willenlos geschehen. Dann flüsterte er -zitternd:</p> - -<p>»Ich danke dir. Komm!«</p> - -<p>Als Starkblom besänftigt und wohlig neben -Marguérite lag und ihren wundervollen Leib umfangen -hielt, da schwand rasch die Scham und der -Ekel, die ihn erst hatten überwältigen wollen, und -wenn auch sein Körper matt und unbewegt dalag, die -bleierne Mattigkeit seiner Seele wollte sich von ihm -lösen, und Kraft und Freude und selige Unbewußtheit -hielten ihren sieghaften Einzug. Er wurde nicht müde -in das ruhige süßes Behagen ausströmende Auge -Marguérites zu blicken und ruhig und ohne Aufregung -lange Küsse auf ihren Mund und ihre Lider zu heften. -Und immer wieder hob sich seine Seele und sein Leib -zu der wundervollen stillen Frau, die ihm manchmal -sanft über das Haar strich und ihm den Schweiß -von der Stirne wischte. Sie sprachen auch manchmal<span class="pagenum" id="Seite_196">[196]</span> -zusammen während der langen schönen Nacht, aber -nur kurze hingeworfene Laute, die im Dunkel verwehten, -wie wenn den Vögeln nachts ein goldener -Traum lind über das Gefieder streichelt und sie befangen -weiche Töne den surrenden Lüften vermählen -und dann wieder verstummen.</p> - -<p>Als das Morgengrauen anfing mit seinen Nebelfingern -das Dunkel von den Scheiben zu wischen, -senkte sich die Müdigkeit trennend zwischen die beiden -und sie verfielen in einen tiefen, traumlosen Schlaf.</p> - -<p>Spät am Morgen schreckte Starkblom plötzlich -empor und blickte verwirrt umher. Dann fiel ihm -alles ein, er fühlte und sah seine schlafende Gefährtin -neben sich und er legte sich lächelnd und behaglich -wieder auf die Kissen zurück. Aber er konnte nicht -mehr schlafen, er war vollständig frisch und munter. -Er betrachtete Marguérite, deren breite, volle Brust -sich gleichmäßig hob und senkte, ihre Wangen waren -rosig überhaucht wie nie zuvor. So verblieb er lange, -er konnte sich nicht satt sehen. Dann wäre er gerne -wieder müde gewesen, er legte seinen Kopf, so leicht -es ihm möglich war, auf ihre Brust, drehte aber -dabei seinen Körper so, daß er ihr ins Gesicht sehen<span class="pagenum" id="Seite_197">[197]</span> -konnte. Bald zuckte es um Marguérites Mund, -drückende Träume mochten sie ängstigen, sie stöhnte -leise, dann wachte sie auf und sah in Starkbloms -Augen. Eine unsagbare Heiterkeit verklärte da ihre -Züge, beide sprachen kein Wort; sie blickten sich nur -immer an. Auf einmal aber beugte sich Marguérite -herunter, legte ihre Arme um seinen Hals und küßte -ihn auf den Mund.</p> - -<p>»Guten Morgen, mein Lieber«, sagte sie dann frei -und heiter.</p> - -<p>»Guten Morgen, Marguérite«, antwortete Starkblom -fröhlich und dankbar. Dann, während sie sich -beide still neben einander legten, fing er an:</p> - -<p>»Das kommt mir jetzt erst. Daran hab’ ich noch -gar nicht gedacht.«</p> - -<p>»Was denn?«</p> - -<p>»Das war der erste Kuß, den du mir gegeben -hast.«</p> - -<p>»So?« meinte sie errötend. »Ja und?«</p> - -<p>»Weißt du, ich gebrauche die alten Wörter nicht -gern, sie sind so abgescheuert und gemein geworden -und waren von Anfang an nicht tief und innig genug.<span class="pagenum" id="Seite_198">[198]</span> -Aber – du verstehst mich ja, wie ich es meine … -also … nun eben –.«</p> - -<p>»Ist es denn so schrecklich, Karl? Was meinst du?«</p> - -<p>»Ich meine, jetzt hast du mich geküßt, und vorher -– ich meine, liebst du mich denn, Marguérite?«</p> - -<p>Da drückte Marguérite die Hände fest auf die -Augen, runzelte ihre Stirn und nickte langsam und -feierlich mehrmals mit dem Kopfe, wie kleine Kinder -thun, wenn sie etwas besonders ernsthaft bestätigen -wollen. Dann lachte sie kurz in sich hinein und -flüsterte ihm ins Ohr: »Ja.«</p> - -<p>Starkblom suchte ihre Hand und drückte sie fest -und ließ sie nicht mehr los. Dabei legte er sich auf -den Rücken und träumte in die Höhe. Dann lächelte -er und lächelte immerfort, bis ihm das Wasser in die -Augen trat.</p> - -<p>»Was hast du denn?« fragte Marguérite, die ihn -beobachtete.</p> - -<p>»Ach, es ist mir nur eben etwas eingefallen«, -meinte er, immerzu lächelnd.</p> - -<p>»Was denn, sag’ mir’s doch.«</p> - -<p>Er schwieg ein bischen, dann sagte er:</p> - -<p>»Mein armes, kleines Lorchen.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_199">[199]</span></p> - -<p>»Deine Frau?« fragte sie leise, und er nickte.</p> - -<p>Da schämte sie sich und sie wußte doch nicht -warum. Es mußte wohl etwas Großes sein und ein -freier Ernst, der jetzt durchs Zimmer schwebte. Und -voll von dem dunklen Gefühl beugte sie sich zu ihm -hinüber und küßte ihn auf die Stirn.</p> - -<p>Nach einer Weile fragte er:</p> - -<p>»Hattest du nie ein Kind, Marguérite?«</p> - -<p>»Nein,« sagte sie leise errötend.</p> - -<p>Da stand er auf, kniete vor ihr Bett und sagte, -indem er die Hand auf ihren Kopf legte:</p> - -<p>»Du wirst eins bekommen.«</p> - -<p>Sie schlug die Hände vors Gesicht, dann lag sie -ernsthaft da und nickte sinnend.</p> - -<p>Nun erhob auch sie sich und beide fuhren rasch -in die Kleider. Plötzlich lachte Starkblom laut auf.</p> - -<p>»Weißt du, wie mir meine letzte Brochüre jetzt -vorkommt?«</p> - -<p>»Nein, wie?«</p> - -<p>»Nun höre. Ein Mann in den Vierzigern, -Wittwer, sucht auf diesem sehr ungewöhnlichen Wege -eine Lebensgefährtin. Dieselbe muß groß und kräftig -gebaut, sehr gebildet und vorurteilsfrei sein. Offerten<span class="pagenum" id="Seite_200">[200]</span> -bittet man einzusenden unter der Chiffre: Es lebe der -Tod! Nicht? War es nicht so? Und daß ich sie -gefunden habe, das ist das allerseltsamste und das -allerschönste! Wie kamst du denn dazu, Marguérite? -Wie bekamst du denn in Paris meine Brochüren?«</p> - -<p>Marguérite hatte erst lachen müssen, aber jetzt -wurde sie ernsthaft und sogar ein wenig blaß.</p> - -<p>»Das war nicht so einfach, mein Lieber. Das -hängt mit etwas zusammen, mit etwas – anderm. -Aber jetzt kann ich dir das unmöglich sagen. Du -mußt warten. Bald – nicht wahr?«</p> - -<p>»Wie du willst, Marguérite. Ich habe dich, -wir haben uns. Das ist eins und alles. Das -andere ist gleichgiltig.«</p> - -<p>In so seliger alles vergessender Stimmung verbrachten -sie diesen Tag und auch die folgenden. Was -hätte ihr Glück stören können? Manchmal freilich -überlief es Starkblom, und die Vergangenheit wollte -ihn wieder packen mit ihren mörderischen Tatzen, und -dann sagte er wohl:</p> - -<p>»Mein Glück ist zu groß. Ich werde bald -sterben.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_201">[201]</span></p> - -<p>Aber Marguérite und er selbst brauchten sich nicht -allzusehr anzustrengen, um dies Gespenst wieder zu -verscheuchen.</p> - -<p>Eines Mittags saßen sie heiter auf dem Balkon -und plauderten und sahen ins grüne Thal hinab. -Da brachte die Haushälterin mit hochgezogenen Brauen -und grenzenlos erstauntem Gesicht ein Telegramm und -überreichte es zweifelnd Starkblom.</p> - -<p>Der nahm es rasch und las die Adresse und auch -er machte ein sehr verwundertes, fragendes Gesicht. -Doch winkte er der Frau, sie solle gehn.</p> - -<p>»Ist das für dich, Marguérite?« fragte er dann -und reichte ihr die Depesche hinüber.</p> - -<p>Sie las die Adresse und errötete über und über. -Da stand: »Frau Marguérite Starkblom. Villa -Weißes Haus.«</p> - -<p>»Ja«, flüsterte sie dann und ließ das Papier -unentschlossen in ihrem Schooß liegen.</p> - -<p>»Das ist seltsam«, meinte Starkblom, sie starr -ansehend. »Verstehst du es? Kannst du mich nicht -aufklären? Wer weiß davon etwas? Und wer kann -sich unterstehen –?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_202">[202]</span></p> - -<p>»Es ist anders, lieber Karl. Hab nur Geduld. -Laß mich erst lesen. Dann vielleicht –.«</p> - -<p>Sie erbrach den Verschluß und las die wenigen -Worte.</p> - -<p>»Warum höre ich nichts von dir? Bin aus -Frankreich ausgewiesen und schon auf der Reise zu -Euch. Komme noch heute an. Hoffentlich steht alles -gut. Jean.«</p> - -<p>Sie reichte ihm mechanisch das Blatt hinüber, -und er las und blickte sie dann fragend und -traurig an.</p> - -<p>»Marguérite, was heißt das? Wer ist der -Mann? Woher weiß er –? Schriebst du ihm von -hier aus?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Aber woher weiß er denn dann? Was ist das? -Marguérite!«</p> - -<p>Und sie flüsterte:</p> - -<p>»Ich lebte mit ihm zusammen. Es geschah mit -seinem Einverständnis, daß ich hierher kam. Er -ist –«</p> - -<p>Sie verstummte.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_203">[203]</span></p> - -<p>»Mit seinem Willen? Das verstehe ich nicht. -Marguérite! Was ist das? Wie kann er dich -Starkblom nennen?«</p> - -<p>»Er heißt selbst so, Karl, und ich nannte mich -nach ihm. Ach, es ist ja so gleichgiltig.«</p> - -<p>»Gleichgiltig? Und er heißt Starkblom? Und -das wäre nur ein unerhörter Zufall? Ist das ein -Traum?«</p> - -<p>»Kein Zufall – oder – wie du’s nimmst. -Er heißt Johannes Starkblom. Er hält sich für -deinen Bruder.«</p> - -<p>Starkblom durchfuhr es. Er stand rasch auf.</p> - -<p>»Was? Johannes? Der lebt? Und, – und -– du – mit ihm … ach Marguérite, was ist -das für eine Geschichte!«</p> - -<p>Er setzte sich müde und abgespannt wieder auf -den Stuhl. Die Sache griff ihn an.</p> - -<p>»Alle meine Geschwister sind mir sonst ganz -gleichgiltig. Ich kümmere mich gar nicht um sie. -Aber der – das ist etwas andres. Und du –!«</p> - -<p>Marguérite schmiegte sich eng an ihn und legte -den Arm um seinen Hals.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_204">[204]</span></p> - -<p>»Geht es dir so nahe, mein liebster Schatz? -Sieh, dafür kann ich ja nichts. Und er auch nicht. -– Er hat es aber vorausgesagt.«</p> - -<p>»Was hat er gesagt?«</p> - -<p>»Daß – nun wie es gekommen ist. Daß wir -nicht mehr von einander können. Zwar nein, so -wird er es doch nicht gemeint haben. Er ist ein so -guter Mensch. Ich habe ihn sehr gern.«</p> - -<p>»So, Marguérite? Und ich?«</p> - -<p>»Aber, mein lieber guter Karl, das ist ja ganz -etwas – aber das läßt sich ja gar nicht – weißt -du – nein – dich <em class="gesperrt">liebe</em> ich! Karl! Verstehst du?«</p> - -<p>»Meine liebe Marguérite, ich glaube dir ja. Ich -bin ja kein Philister! Nur daß es mein Bruder –!«</p> - -<p>»Aber wenn es das nicht wäre, wäre ich ja nie -zu dir gekommen. Nicht? Willst du nun hören?«</p> - -<p>»Das ist auch wahr. Ja, erzähle, ich bin nun -schon ruhiger. Das ist ein Mensch! Der Johannes! -Lebt sich der Mensch noch!«</p> - -<p>»Freilich lebt er! Er ist seit Jahren in Paris. -Vor zwei Jahren lernte ich ihn kennen und seit einem -ungefähr leben wir zusammen. Er hat fürchterlich viel -mitgemacht im Leben. Weißt du, nicht innerlich wie<span class="pagenum" id="Seite_205">[205]</span> -du, das viel weniger. Aber er ist herumgekommen, -überall. Und geschüttelt ist er worden. Nun, dadurch -ist er eben ganz und gar frei geworden. Mehr -als wir alle. Er ist es praktisch. Um die Theorie -hat er sich nie viel gekümmert. Er macht alles mit, -was die Nerven aufregt, was neu ist, was ihn -amusiert. Und dabei ist er ein so herzensguter -Mensch. Aber das darf man ihm nicht sagen. Er -möchte es nicht sein.«</p> - -<p>»Da steht er nun völlig vor mir. Der Taugenichts! -Ich hätte nicht gedacht, daß das aus ihm -wird. Er trieb immer das Gegenteil von dem, was -ich; und jetzt stehn wir fast auf demselben Fleck. Ja, -ja, die Welt ist rund! Und jetzt wird er ausgewiesen? -Warum?«</p> - -<p>»Ach, das ist wegen dieser anarchistischen Geschichten. -Wir haben da ein wenig teilgenommen.«</p> - -<p>Starkblom stand auf und ging erregt hin und her. -Dann fing er an:</p> - -<p>»O der Glückliche! Ihr Glücklichen! Was habe -ich gebraucht, um dahin zu kommen, wo ich jetzt stehe! -Alles im Denken, im Grübeln, es zerriß mich schier! -Alles innen, es wollte heraus und drückte in mir zum<span class="pagenum" id="Seite_206">[206]</span> -wahnsinnig werden. Und ihr – und er! Er handelt, -er nimmt teil! Er ist unbekümmert!«</p> - -<p>»Und doch nicht epileptisch«, sagte Marguérite -lächelnd.</p> - -<p>»Aber er hat etwas nicht, was ich habe. Ich -bin so schwerfällig, ich habe so viel altes, ich brauche -so unsägliche Mühe, um es los zu werden! Und -jetzt, jetzt – jetzt bin ich zu alt! Wenn ich dich -nicht hätte, wozu wäre ich noch gut? Und jetzt, jetzt, -wird er dich mir nicht entreißen? Marguérite! -Verlaß mich nicht! Ich … du … ich brauche -dich … über alles … mein Einziges!«</p> - -<p>Marguérite drückte ihn fester an sich.</p> - -<p>»Mein geliebter Karl, er kann uns nicht trennen. -Er wird es auch nicht wollen. Wir bleiben immer -beisammen, immer. Und schließlich –«</p> - -<p>Sie stockte. Dann setzte sie hinzu:</p> - -<p>»Nun, das wird sich finden. Wir wollen warten, -bis er kommt. Freust du dich nicht ein wenig?«</p> - -<p>»Ich weiß nicht. Vielleicht – Mir ist bange. -– Wie kam er denn zu meinen Schriften?«</p> - -<p>»O er liest viele deutsche Sachen, und neues<span class="pagenum" id="Seite_207">[207]</span> -Modernes aus aller Herren Länder verschafft er sich -immer. Er hat da einen kleinen deutschen Buchhändler -aufgetrieben in einem engen Gäßchen, der -auf Kuriositäten aus ist und besonders die Brochürenlitteratur -pflegt. Der sagte ihm nun einmal, als er -bei ihm herumkramte: »Von Ihnen hab’ ich auch -etwas bekommen, Herr Starkblom. Das kann nur -von Ihnen sein. Es ist zu toll.« Nun, das war -deine »Vision«. Nachdem ließen wir uns natürlich -das erste Sendschreiben auch kommen und durch den -Verleger erfuhren wir die Adresse und bekamen damit -auch Sicherheit, daß du sein Bruder bist. Es ist -eigentlich sehr einfach und doch ist’s wieder wunderbar.«</p> - -<p>Die nächsten Stunden verbrachten sie unter unruhigem -Hin und Her und gleichgiltigen Gesprächen. -Starkblom war ziemlich aufgeregt.</p> - -<p>Endlich gegen Abend klopfte es mit drei leicht -hingeworfenen Schlägen an die Thür und Hans trat -ein. Marguérite trat ihm rasch errötend entgegen -und reichte ihm beide Hände. Der kleine Mann -blinzelte ein wenig an ihr hinauf, dann aber begnügte -er sich damit ihre Hände zu schütteln und dann an -die Lippen zu ziehen. Er wollte sie im Flüsterton<span class="pagenum" id="Seite_208">[208]</span> -etwas fragen, aber sie trat zur Seite und winkte mit -dem Kopf Starkblom zu.</p> - -<p>Der trat nun näher.</p> - -<p>»Sie sind Johannes Starkblom, der Sohn Adam -Starkbloms, des Schuhmachers?«</p> - -<p>»Ich kann’s nicht leugnen.«</p> - -<p>»Dann sind wir Brüder.«</p> - -<p>»Ja, das sind wir ganz sicher.«</p> - -<p>Es trat eine Pause ein. Dann begann der Ältere:</p> - -<p>»Wir haben uns sehr lange nicht gesehen. Wir -kennen uns nicht mehr.«</p> - -<p>»Ja nun also,« fiel Hans lebhaft ein, »lassen -wir den ganzen lächerlichen Bruderschwindel zu Hause. -Die Sache wird sonst furchtbar ungemütlich. Sie -wissen – Marguérite hat Ihnen jedenfalls gesagt, -wie sehr Sie uns sympatisch sind – und – nun -einfach – wir machten das Experiment, Sie vom -Tod zu retten, ich kam zuerst auf den Gedanken, -weil ich das Leben nämlich so furchtbar, so ganz unsagbar -liebe! Und nun – wie steht die Sache? – -Ich setze mich.«</p> - -<p>Als Starkblom schwieg, sagte Marguérite leise -zu Hans:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_209">[209]</span></p> - -<p>»Du hattest Recht.«</p> - -<p>Da rief er vergnügt:</p> - -<p>»Nicht wahr? Bravo, bravissimo! Also gerettet! -Lebensfreudig! Von unsrer Art? Nun dann – -Bruder, schlag ein! Nun sind wir Brüder!«</p> - -<p>Karl legte seine Hand in die seine, sagte aber -verlegen lächelnd:</p> - -<p>»Ich glaube, Marguérite meinte es ein wenig -anders mit dem Recht haben, und vielleicht hat dann -auch die Brüderschaft noch einen andern Sinn. Sie -– du sollst in Paris etwas vorausgesagt haben – -nun, es traf ein, vollständig, nach jeder Richtung.« -Er stand auf. »Und da ist nichts zu ändern. Nicht -wahr, Marguérite? Wir zwei haben uns gefunden -in freier Liebe, und nichts kann uns trennen – -nichts!«</p> - -<p>Hans sah lange auf die beiden, dann antwortete -er:</p> - -<p>»Also doch! Nun – darauf war ich gefaßt, -und während der Reise ist mir’s schon zur Gewißheit -geworden. – Marguérite! es wäre mir sehr unbequem, -ohne dich zu leben. Ich habe mich so an dich gewöhnt, -kurz – hol’s der Teufel, ich hab’ dich wahnsinnig<span class="pagenum" id="Seite_210">[210]</span> -lieb! Und du – Marguérite? Alles aus? Weggeblasen? -Na – wenn schon – denn schon!«</p> - -<p>»Gar nicht, Hans, gar nicht: ich habe dich so -lieb wie je, ganz und gar. Nur das – diese Liebe, -das ist neu. Karl und ich – nun eben – du hast -es immer leugnen wollen, aber es giebt doch etwas -wie eine Ehe.«</p> - -<p>Karl war still zur Seite getreten und hörte ruhig -zu. Er wußte, sein Glück war gesichert, und nun -nahm er Interesse an dem Geschick des armen Hans -– so nannte er ihn in Gedanken.</p> - -<p>»Eine Ehe soll’s geben?« erwiderte Hans in -ruhigem Ton. »Ja, es kommt darauf an, wie du -das meinst. Also das, wie wir lebten, das nennst -du nicht Ehe?«</p> - -<p>»Nun, es kommt ja auf’s Wort nicht an. Daß -das viel besser und schöner war, als was man sonst -gewöhnliche Ehe nennt, das ist natürlich ganz selbstverständlich. -Aber, siehst du, es mag seltsam klingen, -aber es ist so: wir hatten doch eigentlich nur geistige -Gemeinschaft.«</p> - -<p>»Na, na, das ist aber eine sehr kühne Behauptung, -Marguérite. Das dürfen Sie beileibe nicht glauben,<span class="pagenum" id="Seite_211">[211]</span> -Herr Bruder im Geist, na, Sie wissen ja, was für -ein Geist.«</p> - -<p>»Jean, du wirst gereizt, ich hör’s am Ton, und -das ist nichts für dich. Ich bleibe ganz und gar -bei dem, was ich sagte. Es giebt Menschenpaare, -die Erfahrung habe ich wenigstens gemacht, seit ich -Karl kenne, bei denen geistige und körperliche Gemeinschaft, -ich möchte sagen, organisch zusammenhängen. -Gewöhnlich ist’s bloßes zufälliges Zusammentreffen. -Angenommen, und so war’s bei dir und mir: Ihre -Seelen stehen sich nahe und aus Bequemlichkeit machen -die Körper die Sache so mit. Aber das ist nicht -unbedingte Notwendigkeit. Daß wir, gerade wir beide, -zusammen gehörten und zusammen taugten, ganz und -gar, und uns gar nichts anderes denken konnten, so -war es nicht, nein, so war es nie!«</p> - -<p>»Jetzt ahne ich, was du meinst. Verzeih, aber -das ist eine ganz überspannte Geschichte. So was -giebt’s gar nicht. – Der langen Rede kurzer Sinn -aber ist wohl der: Für mich giebt’s keinen Platz! -Da sind nur zwei Stühle und die sind besetzt. -Nicht?«</p> - -<p>Die beiden schwiegen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_212">[212]</span></p> - -<p>»Ich muß jetzt doch wie ein Kapitalsesel vor -euch stehen« fing Hans wieder an. »Der ganze -Plan stammt ja von mir. Sowie ich die Brochüre -gelesen hatte, noch ehe ich ganz sicher war, daß Sie -mein Bruder sind, ich dachte es mir zwar gleich, da -fuhr es mir durch den Kopf: Den rette ich durch -Marguérite! Es giebt nur <em class="gesperrt">eine</em> Marguérite, dachte -ich, die kann’s, nur die. Verteufeltes Vergnügen hat -mir die Geschichte gemacht; und daß Sie sich in sie -verlieben, habe ich sofort in die Berechnung gezogen, -ich dachte schon, eine kleine Tragödie giebt’s, es wird -ihm ein bischen zusetzen, aber am Leben bleibt er, -dann erst recht. So ungefähr. Und nun? Herrgott, -Marguérite, wie kann’s nur sein, daß du mich -nicht mehr liebst, und ich hab’ dich lieber als je! -Wie habe ich mich nach dir gesehnt die letzten Tage! -Ist gar nichts zu machen? Entschließt du dich nicht -anders, nun ich da bin?«</p> - -<p>»Nein Hans,« sagte sie, »ich habe dich recht gern, -ich denke gern an alles zurück, und ich verdanke dir -ja so vieles –«</p> - -<p>»Nichts verdankst du mir, nichts. O du! Du!«</p> - -<p>»Aber jetzt ist es anders. Wir gehörten zusammen,<span class="pagenum" id="Seite_213">[213]</span> -Karl und ich, und mußten uns finden. -Es ist schade, daß ich nicht an die Vorsehung -glaube.«</p> - -<p>»Hm,« machte er und lächelte trotz seiner Erregung. -»Na, Herr Bruder, man ist natürlich der -Dritte, der jubelt? Das Wort paßt nicht ganz, -thut aber nichts. Na wie wär’s? Wollen wir jetzt -mit einander ein wenig sterben spielen? Wenn Sie -alle Künste Ihrer mächtigen Beredsamkeit anwenden, -bringen Sie mich vielleicht so weit.«</p> - -<p>»Nein, Hans,« erwiderte Karl Starkblom, »ich -denke vorerst nicht mehr an den Tod. Und ich hoffe, -Sie werden den Schmerz auch überwinden –«</p> - -<p>»Ich bitte Sie, jetzt keine Phrasen. Schmerz ist -anders. Schmerz – Schmerz – das wäre also -Schmerz? Das Wort ist eigentlich gar nicht so -übel – Schmerz. Jedenfalls ein verfluchter Zustand. -Furcht vor Langeweile hätte ich ihn genannt. Jetzt -muß man wieder suchen; ich weiß nicht einmal, wo -wohnen; ich hatte doch gehofft, wir könnten hier eine -Zeitlang beisammen bleiben –?«</p> - -<p>Er hielt inne und blinzelte die beiden an. Sie -schwiegen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_214">[214]</span></p> - -<p>»Also nicht? Egoisten!«</p> - -<p>»Ach Marguérite!« schrie er plötzlich, und die -Leidenschaft überwand seine künstliche Haltung. Das -kleine Männchen zitterte am ganzen Leib. »Marguérite, -du warst mir eine Gefährtin; du hast mit mir gelacht, -wenn ich lachte, du hast meine Launen geduldig -ertragen, und warst so sanftmütig und so innig und -so verständnisvoll – – o pfui, wie ist mir’s jetzt -so öde! Äh!«</p> - -<p>Er setzte sich, stützte den Kopf auf und kratzte -mit der andern Hand im Barte.</p> - -<p>Da sah er plötzlich auf.</p> - -<p>»Ich kenne eure deutschen Verhältnisse nicht mehr -so recht,« hub er an. »Wer von euren Spießbürgern, -ich meine die Professorenseelen und Staatsmänner -und so weiter, wer ist denn da besonders -populär wegen seines makellosen Rufes, humaner Gesinnung, -kurz ein recht braver guter Ehrengreis?«</p> - -<p>»Ich wüßte im Moment nicht – warum fragst du?«</p> - -<p>»Den müßte man umbringen,« sagte er lächelnd.</p> - -<p>Sie sahen ihn erstaunt an.</p> - -<p>»Nu ja – das hätte doch einen ganz eigenen -Reiz. Nicht? Die Welt denkt an dies und das,<span class="pagenum" id="Seite_215">[215]</span> -aber auf so was ist kein Mensch gefaßt. Das bringt -Bewegung in den Ameisenhaufen, und wenn der -Thäter ruhig zusehen könnte – es müßte ein kurioses -Vergnügen sein.«</p> - -<p>»Weiteren Zweck würdest du keinen damit verfolgen?«</p> - -<p>»Zweck? Mensch, wie weit sind Sie eigentlich -in der Kultur zurückgeblieben? Hinter Ihren eigenen -Brochüren sind Sie ja zurückgeblieben? Oder ich -habe sie nicht recht verstanden. Ich meine, die Hauptsache -ist, daß man gar nicht nach Zwecken fragt, -sondern blos nach sich selber? Ich habe nun -einmal so einen Geist, dem so was Vergnügen -macht. Warum sollt’ ich’s nicht thun? Vielleicht -thue ich’s auch nicht, vielleicht werde ich hundert -Jahre alt und habe das nicht gethan, was mir am -meisten entsprochen hätte, aber eine Schande wär’s -dann. Jedenfalls!«</p> - -<p>»Das alles liegt mir sehr nahe,« sagte Starkblom -düster. »Einen Moment war ich vielleicht auch da, -aber ich kann nicht, ich kann nicht. Und jetzt schon -gar nicht mehr. Ich kann nicht mehr blos verneinen. -Ich muß etwas haben, wofür ich mich erwärme. –<span class="pagenum" id="Seite_216">[216]</span> -Ist das die Stimmung der Anarchisten? Denken Sie -eben so?«</p> - -<p>»O nein,« fiel Marguérite rasch ein. »Durchaus -nicht. Sie wollen etwas. Ihr Treiben hat -einen Sinn. Sie sind durchaus nicht ohne Wärme. -Durchaus nicht ohne Natur.«</p> - -<p>»Also immer noch?« fragte Hans bitter. »Deine -alte Liebe? Nun, sie sind nicht ganz ohne, und -so sind sie, wie du sie schilderst. Hitzige und -unklare Menschen. Ich habe die Verteidigungsrede -des einen bei mir, den sie jetzt »hingerichtet« -haben. Ihr kennt sie jedenfalls noch nicht. Ich -muß sagen – nun eben, ein Fisch bin ich auch -nicht, und die Worte des Mannes haben mich -ins Mark hinein erschüttert. Soll ich sie euch vorlesen?«</p> - -<p>»Ich bitte darum,« rief Karl lebhaft und gleichzeitig -rief Marguérite: »Ja, ja! Ich kenne den -Mann nur aus Schilderungen, aber er war ein -Mensch!«</p> - -<p>»Ja, das war er,« sprach Hans feierlicher, als -er selbst es an sich gewohnt war. Dann suchte er -in seiner Brusttasche unter allerlei Papieren, bis er<span class="pagenum" id="Seite_217">[217]</span> -ein halb zerfetztes, auf schlechtem Papier gedrucktes -Zeitungsblatt hervorholte. Dann las er.</p> - -<p>»Wenn ich das Wort ergreife, so geschieht dies -nicht, um mich zu verteidigen gegen die Thaten, -welcher man mich beschuldigt; denn nur die Gesellschaft -allein, welche durch ihre fehlerhafte Organisation -die Menschen zum fortwährenden Kampfe des Einen -gegen den Anderen zwingt, ist verantwortlich dafür. -Sieht man heute nicht in allen Klassen Menschen, -welche ihren Mitmenschen, ich sage nicht den Tod, das -klingt zu schlecht, aber ein Unglück wünschen, wenn -solches ihnen einen persönlichen Vorteil bringen kann? -Zum Beispiel: Hegt der Geschäftsmann nicht den -Wunsch, sein Konkurrent möchte verschwinden?</p> - -<p>Wünscht der Arbeitslose, um Arbeit zu erhalten, -nicht, daß der beschäftigte Arbeiter aus irgend einem -Grunde entlassen wird? Nun gut; in einer Gesellschaft, -wo solche Dinge vorkommen, hat man sich -nicht zu verwundern über Thaten wie die, deren man -mich beschuldigt.</p> - -<p>Da es nun so bestellt ist, so habe ich, wenn der -Hunger an mich herantritt, nicht zu zögern, diejenigen -Mittel anzuwenden, welche zu meiner Verfügung<span class="pagenum" id="Seite_218">[218]</span> -stehen, selbst auf die Gefahr hin, Opfer zu -hinterlassen. Bekümmern sich etwa die Arbeitgeber -darum, wenn sie Arbeiter entlassen, ob dieselben -vor Hunger sterben? Alle Diejenigen, welche im -Überfluß schwelgen, bekümmern sich diese um die -Menschen, welchen die notwendigsten Nahrungsmittel -fehlen?</p> - -<p>Es giebt ja einige Leute, welche Unterstützungen -verabfolgen, aber sie sind ohnmächtig, um -den Millionen, die im bittersten Elend leben und -nicht selten ihrem Leben freiwillig ein Ende machen, -zu helfen.</p> - -<p>Ja, die Opfer dieser Gesellschaft sind zahllos. -So hat die Familie Hayem und die Frau Sonheim -gehandelt, welche ihre Kinder ermordete, da sie es -nicht länger mit ansehen konnte, wie sie vor Hunger -litten und so handeln <em class="gesperrt">alle</em> Frauen, welche, in -der Furcht, daß sie ihr Kind nicht ernähren könnten, -lieber ihre Gesundheit und ihr Leben in Gefahr -bringen, indem sie die Frucht der Liebe frühzeitig -töten.</p> - -<p>Und alles dieses passiert inmitten des Überflusses! -In Frankreich, wo alles in Hülle und<span class="pagenum" id="Seite_219">[219]</span> -Fülle vorhanden ist, wo die Metzgerläden mit -Fleisch, die Bäckerläden mit Brot überfüllt sind, -wo die Kleidungsstücke, Schuhe u.s.w. in unendlichen -Massen in den Magazinen aufgethürmt -liegen!</p> - -<p>Aber da kommen wieder Andere und sagen: »Das -Alles ist wahr, aber unabänderlich. Sehe Jeder, -wie er durchkomme.«</p> - -<p><em class="gesperrt">Das habe ich gethan.</em> Ich wollte nicht Hungers -sterben und wollte mich nicht mit dem Gedanken -beruhigen, daß man mir nach meinem Tode ein paar -mitleidsvolle Worte auf’s Grab wirft. Ich überließ -das Anderen. Ich habe es vorgezogen, Schmuggler -zu werden, dann Falschmünzer, Dieb, Mörder. Ich -hätte betteln können; das ist herabwürdigend und -feige, und das Betteln wird ja außerdem von Euren -Gesetzen bestraft, welche aus dem Elend ein Verbrechen -machen! Wenn alle Bedürftigen, anstatt -abzuwarten, da nehmen würden, wo etwas ist, und -zwar ganz gleich durch welches Mittel, dann würden -die Gesättigten vielleicht viel schneller verstehen, daß -es Gefahr in sich birgt, die heute bestehenden sozialen -Verhältnisse zu verteidigen, in welchen die Ungewißheit<span class="pagenum" id="Seite_220">[220]</span> -permanent und das Leben jeden Moment -bedroht ist.</p> - -<p>Man würde wahrscheinlich viel eher einsehen, daß -die Anarchisten Recht haben, wenn sie sagen, daß, -um die moralische und physische Ruhe zu erhalten, -es notwendig ist, die <em class="gesperrt">Ursachen</em> zu zerstören, welche -die Verbrechen und die Verbrecher erziehen.</p> - -<p>Deshalb habe ich die Thaten vollbracht, deren -man mich beschuldigt, und die nur die logische Konsequenz -des barbarischen Zustandes Eurer Gesellschaft -sind. Man sagt, daß man grausam sein muß, -um seinen Nebenmenschen zu töten; aber diejenigen, -die so reden, sehen nicht, daß man sich nur dazu versteht, -um nicht selbst den Tod zu erleiden.</p> - -<p>Sie, meine Herren Geschworenen, welche aller -Wahrscheinlichkeit nach mich zum Tode verurteilen -werden, handeln gerade so wie ich; Sie verurteilen -mich, weil Sie glauben, daß es eine Notwendigkeit -ist. Sie schaudern, wenn Sie von einem Mord -hören; aber Sie zögern keinen Augenblick, zu morden, -wenn Sie bedenken, daß der Mord zu Ihrer Sicherheit -erforderlich ist. Der einzige Unterschied, der -zwischen uns besteht, ist der, daß Sie ohne persönliche<span class="pagenum" id="Seite_221">[221]</span> -Gefahr morden, während ich meine Freiheit und mein -Leben dabei auf’s Spiel setzte.</p> - -<p>Meine Herren! Sie sollten nicht sowohl die Verbrecher -verurteilen, als die Ursachen der Verbrecher -vertilgen.</p> - -<p>Es wird immer Verbrecher geben; heute vertilgen -Sie einen, morgen werden zehn neue geboren. Was -ist da zu machen? Das Elend abzuschaffen, diesen -Keim des Verbrechens. Und wie leicht ist das zu -realisieren! Es genügt, die Gesellschaft auf einer -neuen Basis aufzubauen, wo Alles Gemeingut ist, -und worin Jeder, indem er nach seinen Anlagen -und Kräften produziert, nach seinen Bedürfnissen -konsumiert.</p> - -<p>Dann würde man weder Leute antreffen, wie der -Einsiedler von »Notre-Dame-de-Grace«, noch solche, -welche betteln gehen um eine Münze, dessen Sklave -und Opfer sie gleichzeitig werden! Man würde keine -Frauen mehr finden, welche ihre Körper verkaufen -und keine Männer mehr wie Pranzini, Prado, Berland, -Anastay und Andere, welche um dieser Münze -willen Mörder geworden sind! Das beweist sonnenklar, -daß die Ursache aller Verbrechen immer die<span class="pagenum" id="Seite_222">[222]</span> -nämliche ist und daß man wirklich wahnsinnig sein -muß, dieses nicht einzusehen.</p> - -<p>Ich bin nur ein einfacher Arbeiter ohne -Bildung; aber weil ich das Leben und die Existenz -des Elends miterlebt, fühle ich die Ungerechtigkeit -Eurer repressiven Gesetze weit besser, als ein reicher -Bourgeois.</p> - -<p>Woher nehmen Sie sich das Recht, einen Mann -zu töten oder einzusperren, welcher, auf die Welt -gesetzt mit dem Bedürfnis, zu leben, sich in die Notwendigkeit -versetzt sah, zu nehmen, was ihm fehlte, -um sich zu ernähren?</p> - -<p>Ich habe gearbeitet, um zu leben und um den -Meinigen zum Leben zu geben, und so lange, wie -ich und die Meinigen nicht über das Maß gelitten -haben, bin ich geblieben, was Sie »ehrlich« nennen. -Dann ging die Arbeit aus und mit der Arbeitslosigkeit -kam der Hunger. Da erst hat sich das Naturgesetz -geltend gemacht, diese imperative Stimme, welche -keine Replik duldet; der Instinkt der Selbsterhaltung -trieb mich dazu, etliche von den Verbrechen zu begehen, -deren Sie mich anklagen und deren ich mich -schuldig bekenne.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_223">[223]</span></p> - -<p>Richten Sie mich, meine Herren Geschworenen; -wenn Sie mich aber verstanden haben, indem Sie -mich verurteilen, richten Sie alle Unglücklichen, welche -das Elend, alliirt mit dem natürlichen Stolze, zu -Verbrechern machte und welche mit einem glücklichen -Auskommen ehrliche Leute geblieben wären! Ich -wünsche, daß Sie, die Sie mich zum Tode verurteilen -werden, daß Andenken an diesen Spruch so leicht -tragen möchten, wie ich meinen Kopf unter das Messer -der Guillotine legen werde!«</p> - -<p>Eine Weile waren alle drei stumm. Hans nagte -an seiner Unterlippe, Karl blickte mit weiten Augen -ins Leere. Marguérite weinte, und sie war die erste, -die wieder sprach. Sie trat auf Hans zu und streckte -ihm die Hand hin. Dazu sagte sie voll warmen -Gefühls nur das eine Wort:</p> - -<p>»Hans!«</p> - -<p>Er berührte flüchtig ihre Hand und ließ sie gleich -wieder los.</p> - -<p>»Na ja. Was hilft mir das?« Er deutete auf -Karl. »Da sieh deinen« –</p> - -<p>»Hans!«</p> - -<p>»Was denn? Jetzt wollte ich wahrhaftig ganz<span class="pagenum" id="Seite_224">[224]</span> -brav sein. Sieh nur deinen Mann! Wohin schaust -du denn, Karl?«</p> - -<p>»Ich kann nicht anders,« rief Karl Starkblom -mit einem Mal laut. »Ich liebe diese Menschen. -Ich komme nicht los davon.«</p> - -<p>»Wovon denn?«</p> - -<p>»Vom Sozialismus. Ich glaube daran.«</p> - -<p>»Hm. Nicht übel. Ich vielleicht auch. Ich -weiß es wirklich selbst nicht. Ist auch egal. Wir -erleben’s nicht.«</p> - -<p>Karl schaute wieder. Marguérite und Hans -ließen ihn gewähren und schwiegen.</p> - -<p>»Marguérite, rasch,« rief Karl plötzlich ängstlich. -»Papier, Tinte! Rasch. Ich könnte es vergessen.«</p> - -<p>Und er lief im Zimmer hin und her. Marguérite -holte das Nötige und Karl schrieb stehend rasch ein -paar Zeilen.</p> - -<p>»Ich habe noch etwas zu sagen,« sprach er dann, -»ich habe noch etwas auf dem Herzen. Ich will -wieder reden zu den Menschen!«</p> - -<p>»Was hast du vor?« fragte Marguérite. »Wieder -ein Heft?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_225">[225]</span></p> - -<p>»Ja. Lies den Zettel nur. Du ahnst vielleicht, -was mir vorschwebt.«</p> - -<p>»Bitte, Marguérite, lies vor. Ich darf doch?« -fragte Hans.</p> - -<p>»Gewiß, gewiß.«</p> - -<p>Nun entzifferte Marguérite langsam das hastig -Geschriebene.</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Utopien</em>, das wäre vielleicht eine Aufgabe, der -ich gewachsen wäre, Utopien zu schreiben. Ausbau -von allem, wozu jetzt die Ansätze da sind. Psychologie, -Technik, Kunst, Stadt und Land, Verkehr, Geselligkeit, -Familie, Natur. Kurz: alles sagen.«</p> - -<p>»Das gefällt mir,« meinte Marguérite. »Das -kannst du.«</p> - -<p>»Ihr seid glücklich, meine Herrschaften,« sagte -Hans plötzlich aufstehend. »Und ich werde mich später -vielleicht über euer Glück freuen, und wenn der Onkel -Hans an eurem Feuer sitzt und euer Kind auf seinem -Schenkel reiten läßt, dann sagt er wohl schmunzelnd: -»Kinder, das verdankt ihr alles mir. Ich habe euch -zusammengekuppelt.« Vorerst sind wir aber noch -nicht so weit und ich gehe jetzt. Adieu, Bruder – -viel Glück – nein, ich mein’s wirklich ernsthaft, ich<span class="pagenum" id="Seite_226">[226]</span> -kann mir nicht helfen. Aber gehen muß ich jetzt -schleunigst. Wegen des Hotels, es wird sonst zu -spät. Also –«</p> - -<p>»Adieu, lieber Hans, ich hoffe bestimmt, wir -sehen uns später wieder. Und wenn du einmal –«</p> - -<p>»Ganz richtig, wenn ich Geld brauche, schreibe ich.«</p> - -<p>»Hoffentlich. Ich bitte dich, aber auch ohne das -zu schreiben.«</p> - -<p>»Auch das halte ich für sehr wahrscheinlich. -Manchmal eine Zeile, manchmal ein halbes Buch. -Wie’s kommt. Nun denn –«</p> - -<p>»Lieber Hans, leb wohl,« sagte Marguérite leise -und schickte sich an sich zu ihm zu beugen. Hans -aber trat einen Schritt zurück und blitzte sie mit -seinen kleinen Äuglein scharf an. Dann sprach er -mit leicht bebender Stimme:</p> - -<p>»Nein, Marguérite, was du zum Empfang verfehlt, -machst du zum Abschied nicht wieder gut. Jetzt -will ich keinen. Mitleidsküsse schmecken nicht. Ich -erinnere mich noch zu gut – weißt du. Also, na -denn, adieu!«</p> - -<p>Er schüttelte ihr die Hand, nickte Karl nochmals -leicht zu, dann nahm er seinen Hut und ging rasch<span class="pagenum" id="Seite_227">[227]</span> -zur Thüre hinaus. Man hörte noch, wie er im Gang -und auf der Treppe die Marseillaise zu trällern anfing -und plötzlich mit einem Fluch abbrach. Dann -reichten sich Karl und Marguérite die Hände und -schauten sich verlegen lächelnd an.</p> - -<p>Endlich sagte Marguérite leise:</p> - -<p>»Hätten wir nicht doch lieber – Nein, es geht -nicht. – Liebst du die Einsamkeit?«</p> - -<p>»Ob ich die Einsamkeit liebe?« brach Karl mit -starker Stimme aus. »Ich <em class="gesperrt">hasse</em> sie. Aber ich -brauche sie. Hier sitzen und Bücher lesen und schreiben -und schreiben und schreiben und dann sich mit dem -Drucker herumzanken, Korrekturen lesen – glaubst du -wirklich, das sei das Leben, das mir innen in meiner -Seele vorschwebte, als ich wieder anfing ein Mensch -zu sein und mir zu gehören? Nein, nein, das Bild -werd’ ich nicht los, das ich als Knabe vor dem Einschlafen -schon immer sah: Ein mächtig zusammengedrängter -Volkskörper, der nach vorwärts schießt, und -ich mitten drin und doch über ihm als Redner und -Sänger und Prophet und Führer. Ach, was ist das -für eine jämmerliche Krämerzeit, in die wir hineingefallen -sind, wir wissen wahrhaftig nicht, warum.<span class="pagenum" id="Seite_228">[228]</span> -Auch jetzt, wenn ich schreibe, wo ich reden und singen -und jubilieren möchte – aber auch jetzt – ich wende -mich immer an Menschen, die ich nicht sehe, ich ahne, -zerstreut in der Welt, hier und da, müßten sie sein, -die mich hören – aber ich kenne sie nicht, ich habe -sie nie gesehen. Was ich sehe von den Menschen -und ihren Einrichtungen und ihrem Gebahren – das -glaubt kein Mensch, wie mich das anekelt. Weißt du, -ich habe oft das Gefühl, ich müsse mich krümmen und -winden können vor Widerwillen, daß mir das Innerste -nach außen gekehrt würde. Aber ich <em class="gesperrt">will</em> nur – die -Kraft habe ich nicht.«</p> - -<p>Er schwieg ein wenig, dann fuhr er mit leiserer -Stimme fort, indem er ihre Hand faßte.</p> - -<p>»Jetzt ahnst du vielleicht, Marguérite, <em class="gesperrt">was</em> du -mir bist. Seit ich lebe, der erste Mensch, vor dem -mir nie geekelt hat; was du auch begannst und was -wir auch zusammen thaten, es war mir immer natürlich -und immer schön und ich glaube, so wird es -bleiben. Aber weißt du, was das heißt und was du -mir bist? Das einzige Wesen, mit dem ich leben -kann, das ich mir gleich fühle. Ach, ich bin nicht -mehr jung genug für die Einsamkeit. Ich möchte<span class="pagenum" id="Seite_229">[229]</span> -einen Kreis von Menschen um mich haben – ach, -ich bin ja so bescheiden geworden – an Millionen -und Abermillionen leuchtender Menschengesichter will -ich ja nicht mehr denken, ich verzichte auf die Tausende, -daß ich hundert finde, ich kann’s nicht glauben, aber -zwanzig Menschen vielleicht, die mir anstehn, die -möchte ich manchmal um mich haben, zwanzig Menschen, -mit denen ich oft zusammen bin, die ich gern haben -kann, die aus aller Herren Länder sich um mich -finden zu persönlichem Verkehr – zwanzig Menschen, -in deren Umgebung sich meine Lippen nicht bös im -Ekel verzerren müssen – ist das zu viel verlangt, -Marguérite?«</p> - -<p>Sie drückte seine Hände stärker.</p> - -<p>»Vielleicht finden wir sie, Karl. Einen so nach -dem andern. Hans?«</p> - -<p>»Du nimmst mir das Wort aus dem Munde. -Ich dachte eben an ihn. Ich glaube, ich habe ihn -recht verstanden, und ich meine, ihn müßte ich immer -gern haben können. Vielleicht kommt er später wieder. -Vielleicht. Daß er jetzt ging, ist doch gut. Nicht, -Marguérite? Fürs erste brauchen wir ihn wirklich -noch nicht.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_230">[230]</span></p> - -<p>Dabei lächelte er.</p> - -<p>»Es war ein langer Tag heute, Karl. Willst -du noch nicht zur Ruhe gehen?«</p> - -<p>»Geh nur voran einstweilen, Marguérite. Aber -öffne vorher die Fenster, beide. Dann will ich noch -ein wenig hier allein bleiben und vielleicht fange ich -schon an mit der Arbeit. Und wenn der Fluß unten -rauscht und die Nachtluft auf breiten Wogen hereinströmt -und der Wald der tausend Bäume harmonisch -ertönt, will ich davon träumen, ich spräche zu meinem -Menschenvolk und es antworte mir feierlich in brausendem -Zuruf, und die Natur habe ihre Sinne geöffnet -und sei eins mit uns Menschen. Ich danke dir, -Marguérite. Einstweilen gute Nacht.«</p> - -<p>Marguérite ging leise aus dem Zimmer, und Karl -Starkblom stellte sich ans offene Fenster und schaute -lange ins Dunkle und auf die winzigen in der Ferne -zuckenden Lichter und hielt in Träume verloren seine -Hand hinaus ins Freie.</p> - -<p class="center larger p2">❦</p> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_231">[231]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Sechster_Abschnitt">Sechster Abschnitt.</h2> -</div> - -<p class="center"><span class="larger"><b>Utopien</b></span><br /> -<span class="smaller">von</span><br /> -Karl Starkblom.</p> - -<p class="center"><b>Meiner lieben Frau und dem kommenden -Kinde gewidmet.</b></p> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.jpg" alt="" /></div> -<p class="drop">Ich erkläre es feierlich und wie ich hoffe vor -Zeugen:</p> - -<p>Ich habe mich nicht erschossen noch sonst irgendwie -ums Leben gebracht. Und ich werde mich nicht -erschießen oder sonst mir den Tod bereiten, solange ich -noch Lebenskraft in mir fühle, Lust zu wirken und zu -genießen.</p> - -<p>Eine Frau ist zu mir getreten früh morgens im -Sonnenschein. Sie hat im weiten Kreis den Arm -bewegt und hat mir die tauglitzernde Welt erschlossen.<span class="pagenum" id="Seite_232">[232]</span> -Sie hat mir gesagt, es sei etwas herrlich schönes -ums Leben und im Nu habe ich dasselbe empfunden. -Ich liebe das Leben und ich liebe dich, Marguérite. -Und sie wird mir ein Kind gebären und wir werden -beisammen bleiben. Wir werden gewiß noch lange -nicht sterben.</p> - -<p>Meint ihr, ich sei auf eure Weide heimgekehrt, -ihr grasenden Bürgerseelen? Frohlockt ihr über das -verirrte Schaf, das spät in der Nacht doch noch den -Weg zum Stalle gefunden und nun mit freudigem -Meckern zu seiner Krippe springt?</p> - -<p>Fürwahr, ich will eure Schafställe und Heuschober -euch anzünden, daß die Funken sprühen und ein -loderndes Feuerwerk gen Himmel prasselt. Ihr Erbärmlichen, -was wagt ihr zu leben neben uns wenigen, -die das Leben in Schmerzen begriffen haben? Euer -Dahinkriechen, wäre das der vielberufene aufrechte -Gang? Eure kleinen Freudlein, wäre das der Jubelbraus -des Daseins? Glaubt ihr, eure Zahnschmerzen -(denn das sind doch die heftigsten eurer Kümmernisse), -die machten euch das Leben verständlich? Ihr saftlosen -Lauwarmen, ihr wißt ja nichts von der Kälte -der Todesnähe und von der siedenden Glut des neu<span class="pagenum" id="Seite_233">[233]</span> -schießenden Lebens. Geht mir weg! Geht weit weg. -Bleibt hinten, denn ich will vorwärts blicken und -heiter jauchzen und lachen.</p> - -<p>Ich würde mich dennoch erschießen und qualvoll -verzerrten Gesichtes dies schöne, ja dies schöne Leben -lassen. Es würde mich nicht dulden auf Erden. -Nicht eine Stunde mehr. Ja auch jetzt ersticke ich -schier und werde zerrissen von dieser entsetzlichen Qual -und Schmach. Ich würde mich töten, wenn ich meinen -Glauben nicht hätte.</p> - -<p>Euch also will ich fragen und mit meinen Blicken -bohrend anstieren, ihr Skeptiker und ihr Unmoralischen, -die ihr mit mir geht auf einsamer Höhe so manchen -Weg und so manche Verneinung: Wie könnt ihr -leben? Wie ertragt ihr es, trotz eurer Fähigkeit schön -zu genießen, nicht längst von eigener Hand gestorben -zu sein? Und ich frage euch, so ungern und zögernd -ich euren Namen in den Mund nehme: ich frage euch, -ihr <em class="gesperrt">Christen</em>, wie ertragt ihr es, da zu sein in -Freude und Wohlleben? Ihr einen habt gar keinen -Glauben, und ihr andern habt keinen irdischen Glauben -– ich frage euch und ich beschwöre euch: antwortet -mir und sei es nur stammelnd: ihr wißt, worauf<span class="pagenum" id="Seite_234">[234]</span> -euer Leben und eure Behaglichkeit ruht, euch ist bekannt, -daß Millionen armselig vegetierender Sklaven -für euch arbeiten und euch ermöglichen, so da zu sein -wie ihr da seid – wie könnt ihr das Leben ertragen? -Ihr Skeptiker, ihr seid keine Löwen, lüget nicht, ihr -seid nicht Unmensch noch Übermensch, ihr glaubt nicht, -daß das zu ändern sei, ihr meint ehrlich zu wissen, -daß das Elend und die Erbärmlichkeit unausrottbar -ist und ihr schämt euch nicht, daß ihr lebt? Ihr -schämt euch nicht eurer Freuden und des hohen Genusses -eurer Geistesschmerzen? Ihr ertragt es zu -leben? Das frage ich wieder und immer. Und ihr -– ihr – nun, sei es denn nochmals gesagt, ihr -<em class="gesperrt">Christen</em>, ihr tragt blendend weiße glänzende Wäsche -an eurem Leib, die ihr nicht verfertigt und ihr nicht -gewaschen, ihr klimpert in der Tasche mit güldnen -Dukaten, ich sage nicht, die ihr nicht verdient, ich -sage nur, die andern mangeln, ihr seht Not und Elend -in millionenfacher Masse aufgetürmt, ihr seht Schmutz -und Unrat, durch den ihr nicht waten müßt, ihr seht -Schweiß auf Stirnen, den ihr nicht schwitzet und ihr -nicht einmal abwischen könnt, und euch duldet es so -zu leben wie ihr lebet? Wahrlich wäre ich Christ<span class="pagenum" id="Seite_235">[235]</span> -und glaubte an das Himmelreich und glaubte, daß -Not und Kummer unabwendbar von Gott gefügt sei -in diesem Jammerthal – ich wollte mein redlich gewogenes -Teil Not und über und über gehäuften -Kummer, ich wollte Sklave sein und mich abrackern -und stöhnen und hungern und wäre ich unter den -Ärmsten, so wollte ich immer noch tiefer, tiefer hinab -zu den Elendesten und Jammervollsten. Ihr aber -seid Herren und ihr könnt es? Ihr eßt Braten und -Kuchen und ihr erstickt nicht? Ihr seid sauber und -andrer Schmutz frißt sich nicht tief in euer Fleisch? -Ihr habt einen Pfennig mehr als der letzte Knecht und -er brennt euch die Seele nicht ab? Ihr lebt? ihr -genießt? und andre sterben vor Not? Ihr atmet -leicht und tief in eurer Sommerfrische und andre -quält die lungenfressende Sucht in dumpfem Kellergelaß? -Das vermögt ihr? Ihr ertragt es zu leben? Jetzt, -Sprache, das Wort! Das rechte Wort. Ich finde es nicht. -Ich ringe und suche – o ihr Schufte! Ihr Jammerseelen! -Ihr – ihr, ihr Lumpe! Ihr – ihr Gesindel!</p> - -<p>Und damit speie ich euch weit von mir, ihr -Namenlosen; seit urlanger Zeit zum ersten Mal habe -ich nicht über euch weggesehen; jetzt aber seid ihr mir<span class="pagenum" id="Seite_236">[236]</span> -wieder tot. Tot? Nein. Ich atme das Wort schnell -wieder in mich zurück. Der Tod ist zu gut, um euch -verdauen zu können. Das Auge sieht euch nicht und -kein Ohr vermag euch zu hören; Menschenzunge und -Gaumen weigert sich euch zu schmecken. Unfaßbar seid -ihr und nicht zu begreifen; aber ein Gestank herrscht -überall; nicht auf der Erde, nicht im Wasser noch in -der Luft; im Feuer lebt ihr so wenig wie Feuer in euch. -Ein namenloser, wesenloser Gestank – das seid ihr mir.</p> - -<p>In recht schlechte Gesellschaft habe ich euch gebracht, -meine geliebten Skeptiker und Unmoralischen. -Aber solltet ihr es nicht etwas um sie verdienen? -Gewiß, auch ihr seid mir ein wenig anrüchig. Denn -ihr lebet und thätet besser zu sterben. Und das sage -ich euch in Liebe und aus Erbarmen. Nervöse -Schwächlinge seid ihr und wollt doch auf eure Schultern -laden, was Tyrannen und Riesen aus eherner Vorzeit -und wilder Renaissance nicht vermocht hätten. Ihr -seid nicht blind, aber ihr könnt es nicht sehen. Ihr -seid nicht taub, aber ihr könnt nicht davon hören. -Von der unteren Schichte nämlich. Ihr glaubt sie -ewig und unabweisbar – aber man soll euch in -Ruhe lassen. Wie reimt sich das? Sie pocht an<span class="pagenum" id="Seite_237">[237]</span> -eure Thore und läßt sich nicht abweisen. Und wenn -die untere Welt, wie ihr sagt, nicht gehoben werden -könnte, dann würde doch die obere zerstört werden -müssen. Ihr würdet wahnsinnig werden, nicht Einzelne, -nein, ihr Alle würdet dem Irrsinn verfallen, -bis ihr doch endlich euch zum Sterben entschlösset, -verrückt machen würde euch das ewige immer verstärkte -Klopfen und Scharren und Schreien und Tosen. -Meint ihr, das könnte je wieder enden? Der Glaube -wäre kindisch. Wer nicht mehr an den Vater im -Himmel und ans ewige Leben und die gerechte Vergeltung -glaubt <em class="gesperrt">und doch elend ist wie er nicht -sein möchte</em>, der hört nicht auf mehr zu rebellieren -und müßte die Erde darüber in Trümmer fahren. -Wer nicht an das Jenseits glaubt und nicht im Fette -sitzt – und die werden bald alle nicht mehr daran -glauben – der glaubt an die Erde und an die -lebendige Freude und an die werdende Schönheit. -Das bleibt und kommt immer wieder und klopft und -zertrümmert – bis die Stätte zurecht gehauen ist, -wo alle im Geiste zu leben vermögen – weil nämlich -der Körper und sein Leben und seine Pflege selbstverständlich -geworden ist.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_238">[238]</span></p> - -<p>Und jetzt, meine skeptischen Freunde, jetzt habe ich -euch, wo ich euch wollte. Schon lange sehe ich auf -euren Lippen das sichere Lächeln eines trefflichen Einwandes. -Erhebet eure Stimmen, nur zu! Was wollt -ihr mir entgegenschleudern?</p> - -<p>Aha – allerdings, das, gerade das habe ich erwartet. -Ihr sagt mir, ich sei wieder zurückgegangen, -ein roter Krebs sei ich wieder geworden und die -<em class="gesperrt">Utopie</em>, die ich eben gezeichnet, die habe ich früher -schon in prächtigen Farben gemalt und doch wieder -weggewischt mit dem Schwamm des Todes. Dies -Reich der Freiheit, der graziösen Leichtigkeit der Bewegung, -dies Reich der Schönheit und des trunkenen -Fluges – das sei das Reich der Philosophie; in -jener Welt, die freilich möglich sei, müsse die grinsende -Frage herrschen: <em class="gesperrt">wozu das Ganze und nochmals -wozu?</em> und keine Antwort gebe es, ewig keine. Und -der Massentod der Menschheit sei es, der nun kommen -müsse, kommen mit Naturnotwendigkeit.</p> - -<p>Jawohl, das habe ich gekündet; ihr habt es gut -behalten. Und nun, da ihr da seid, wo ich euch -wollte, nochmals frage ich euch: warum lebet ihr? -warum sterbt ihr nicht? Ihr glaubt nicht an das<span class="pagenum" id="Seite_239">[239]</span> -Reich der Schönheit und der Freiheit aller Geborenen, -ihr fühlt euch nicht eins mit dem Streben der Knechte -diesem Ziele entgegen, wie wagt ihr zu leben? Was? -Ihr habt auch eure Marguérite und auch noch euren -Genuß? Ihr Sklavenhalter, dann sollen sie euch -auspeitschen, die auch genießen möchten und es nicht -können. Oder glaubt ihr nicht, es sei dem Sklaven -auch ein Genuß, seinen Herrn und Vorenthalter zu -prügeln?</p> - -<p>Ich will euch sagen, was mir das Recht giebt, -so zu euch zu reden und so von der Höhe auf euch -herabzusehen. Ich bin eine glitzernde Welle im -Strom und tummle mich froh dem Meere entgegen; -ihr aber seid nur ein unwillig mitgerissenes Stück -faulenden Holzes, das sich nach dem sandigen Ufer -sehnt, um da in der Sonne zu trocknen und zu verdorren. -Ich liebe nicht nur mich selbst und mein -Spielzeug – »Weib« heißt die glänzendste eurer -Vergnügungen – ich rausche mit im grünenden -Wald, und meine Genossin ist kein zart mich umrankender -Epheu, der langsam aber sicher mit seiner -Umkosung die stärkste Eiche ins Mark hinein verdirbt, -ich und sie, Baum neben Baum, recken uns stolz in<span class="pagenum" id="Seite_240">[240]</span> -die Höhe und unsere Wipfel neigen sich bald zart, -bald feierlich zu einander und flüstern und küssen und -reden und träumen. Ich habe gelernt Mensch zu -sein und die Menschheit wieder zu lieben; ich stehe -mitten drin und mache mit – vorwärts geht es und -immer vorwärts. Ich glaube ans Ziel, ich glaube -an den Ernst und an die Schönheit, ich fühle mich -eins mit den Knechten und fühle mich eins mit dem -All! Ich lebe! Ich habe das Recht zu leben.</p> - -<p>Das könne jeder sagen, schmunzelt ihr mir zu -mit widerlicher Vertraulichkeit. Das sei eine Ausrede. -Mir gehe es wie jenen Namenlosen, die auch den -Armen an Leib und Geist das Himmelreich versprächen -und selber mit dem Diesseits und dem -irdischen Genuß sich vergnügten. Himmelreich oder -Zukunft, das sei ein und dasselbe. Auch das habe -ein gewisser Starkblom früher mit allen Glocken verkündet. -Dem Genuß und der Freude entsagen gleich -dem Elendesten müsse ich, wenn ich ehrlich sei, alles -der Gesamtheit zu opfern sei meine Pflicht. Alles oder -nichts – so heiße es hier.</p> - -<p>Jawohl – viel <em class="gesperrt">Wahrheit</em> steckt in eurem Hohne. -Das ist es auch und das allein, was unser Lächeln<span class="pagenum" id="Seite_241">[241]</span> -verbittert und uns einhüllt in das graue beklemmende -Gewand der Melancholie. Unser Leben <em class="gesperrt">ist</em> widerspruchsvoll, -jawohl, ein untrennbares Gemisch aus -Festklammern an süßer Gegenwart und Hinaussehnen -nach herrlicher Zukunft. Seit das Leben nichts -anderes mehr ist als Erdenwandel und Welt der -Sinne, giebt es keine ruhige Konsequenz mehr in -unserm Dasein. Das ist und bleibt das erste und -das vorderste und das tiefste: ich bin ich und ich lebe -und will mein Glück! Hineingeflochten in das wirre -Gewebe und Gestrebe unruhiger, qualvoller, drängender, -stoßender Zeit hauen wir um uns, um unsern Platz -zu erringen, wir können nicht anders. Ich bin ich! -Jetzt lebe ich und niemals in Ewigkeit wieder. Ich -habe meine Stätte und ich will sie behalten.</p> - -<p>Ich aber kann so nur leben, wenn ich mich -leidenschaftlich schäme, daß ich so leben muß. Ich -stehe nur auf diesem Boden, wenn ich gleichzeitig -rastlos daran arbeite, ihn zu erschüttern und abzugraben. -Ich kann nur genießen, indem ich -glaube, daß die Traube bald allen winkt. -Ich kann nur andre für mich arbeiten lassen, -indem ich mitarbeite aus all meiner Kraft für die<span class="pagenum" id="Seite_242">[242]</span> -kommende Zeit, wo es keine Herren und Knechte -mehr giebt.</p> - -<p>O wenn ihr diese Widersprüche und ihre Notwendigkeit -nicht versteht, dann gehet weg von mir und -weg aus dieser Zeit und weg aus diesem Leben. -Leicht ist es, die tausendfarbige, vieltönende Welt der -Erscheinung mit flüchtigem rohem Drucke in eine -Formel zu pressen. Leicht ist es, die Welt, wie sie -heute ist, für ewig auszuschreien. Und leicht war es, -ich gestehe es ein, diese Welt der Vernichtung preiszugeben -und den Tod zu predigen allem was lebt. -Jetzt aber predige ich Leben, Leben für heut und alle -Ewigkeit. Solange ich lebe, fühle ich mich eins mit -allem was lebt. Solange ich da bin, sehe und denke -ich als Mensch für die Menschen.</p> - -<p>Klar will ich nicht sein, meine Freunde. Aber -ich ahne vieles und ich sehe Ahnende sich um mich -versammeln und mit mir ziehen auf meinem Wege. -Ich bin nicht zurückgewandelt zu den Moralischen -und werde es nie. Vieles hasse ich und verneine ich -mit euch wie früher und immer; eingeschworen bin -ich auf keine Formel und keine Partei; aber Mensch -bin ich unter Menschen, solange ich lebe; wirken will<span class="pagenum" id="Seite_243">[243]</span> -ich in Raum und Zeit für das Wachsen der Menschen -und das Blühen der Erde; vieles verneine ich, aber -ich bejahe mit frohem Jauchzen das Leben. Denn -abgesagt habe ich dem ewigen Denken und damit dem -Tod; ich träume und tummle mich, ich genieße meinen -Leib und meine Seele, ich genieße meine Nächsten und -genieße mein Ahnen des Entferntesten. Ich fühle -meine Kraft und spüre das leidenschaftliche Hinausschleudern -meiner Triebe und all meines Innern.</p> - -<p>Alles Einzelne hat mir gedroht in grauer Nichtigkeit -zu versinken: die Natur und das Treiben der -Menschen, die Technik und die Produktion der Bedürfnisse, -die Wissenschaft und die Kunst. Und jetzt -ist mir alles wieder interessant. Meine Augen sind -nicht mehr beschattet von dumpfer Betrübnis, ich öffne -sie weit und beschaue mir ernsthaft die Welt. Mein -Denken ergießt sich wieder über die Erde, ich träume -hinein in unmeßbare und unaussprechliche Fernen, -alles will ich wieder bewältigen und alles mit meiner -Sprache beherrschen. Frei und unbekümmert nehme -ich Stellung zu allem, was sich mir naht und ich -lege mein Bekenntnis ab über alles, was mir bekannt -wird.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_244">[244]</span></p> - -<p>Und das ist es, was ich von euch verlange, ihr -Führer der Völker: <em class="gesperrt">Ihr sollt bekennen!</em></p> - -<p>Und ein zweites ist es, was ich von euch verlange, -und seltsam nimmt sie sich vielleicht aus in <em class="gesperrt">meinem</em> -Munde, diese Forderung: <em class="gesperrt">Ihr sollt nüchtern -sein!</em></p> - -<p>Damit meine ich euch vor allem, ihr Träumer -und Dichter und Künstler und ihr Männer der -Wissenschaften.</p> - -<p>Fasset in euer Auge mit einem weiten Blick das -Panorama der Kultur, das sich eröffnet mit den -Namen: Voltaire, Kant, Goethe, Byron, Schopenhauer.</p> - -<p>Und dann blickt mir auf das zweite Bild: Dampfmaschinen, -Dampfschiffe und Eisenbahnen, Elektrizität -und rationelle Landwirtschaft.</p> - -<p>Welcher Umschwung in der <em class="gesperrt">geistigen Kultur</em> -entspricht dieser riesenhaften Veränderung im Verkehr -und in der Herstellung der Bedürfnisse des Lebens und -des Genusses? Und welcher sollte ihr entsprechen? -Und welcher wird ihr entsprechen?</p> - -<p>Sehet das zweite Bild, wie ich es euch male:</p> - -<p>Geistesrohheit des emporgekommenen Philistertums,<span class="pagenum" id="Seite_245">[245]</span> -geistlose, ekelhafte Genußsucht, barbarische Kampfbereitschaft -der Völker gegen einander, ungeheure neue -Heere geistig und leiblich aufs entsetzlichste vernachlässigter -moderner Sklaven, gewaltiger Aufschwung -der Feigheit und Heuchelei und des Aberglaubens, -dem Wahnsinn nahe Vereinsamung fortgeschrittener -Künstler und Denker. Ächtung der freien Moral, -des freien Gedankens, des freien Wortes – des freien -Lebens. Ekelhaftes, sinnezerstörendes Gesamtbild aus -der Vogelperspektive!</p> - -<p>Ihr sollt bekennen, ihr Dichter und Führenden, -die Hand sollt ihr in die Lüfte recken zum Fluch über -dies gemeine Geschlecht, die Geißel sollt ihr schwingen -über die Rücken dieser Böotier!</p> - -<p>Und nüchtern sollt ihr sein, ihr Träumer und -Denker, nicht fürder auf romantischem Roß zu blauen -Wolken emporsprengen, die Welt sollt ihr schauen so -wie sie ist, gewahren sollt ihr die Wirklichkeit und -in ihr erblicken, was möglich ist und was werden muß.</p> - -<p>Und euren Willen sollt ihr mir wecken und satteln, -anspornen sollt ihr ihn und kühn hineinreiten in das -Land der Zukunft. Begraben sei immerhin der -Pegasus mit seinen angeschnallten Gänseflügeln, wenn<span class="pagenum" id="Seite_246">[246]</span> -nur das Dampfroß für euch lebendig wird und der -Dampfpflug Europas Boden schüttert für fruchtbaren -Samen. Glück sollt ihr säen für kommende Menschen, -und schaffende Hoffnung auf endlich und endlich -reifende goldene Saat ist die Freude des Säemanns.</p> - -<p>Ich glaube nicht an ewige Wahrheiten und ich -sehe vorerst noch nichts davon, daß die Menschenvernunft -mächtiger ist als die im Zufall rollenden -Welten. Sonne, Mond und Sterne gehn heute wie -immer und morgen wie heute ihren lachenden Gang, -ohne nach uns zu fragen, und winzige Tierchen und -Pflänzchen bauen ihre Geschlechter auf unzählige -Menschenleichen. Und stets noch beginnt die Welt mit -jedem Kinde von neuem, und über dem Wechsel -der Generationen wie dem Lauf der Gestirne waltet -der Zufall. Noch lange wird alles Bedenken über -den Haufen gerannt von ungezügelter treibender Leidenschaft, -und die unsinnige Summe vieler kleiner Selbständigkeiten -nennt sich Geschichte. Noch unendliche Zeit -wird der schwerste Kampf aller Kämpfe währen: der -Streit zwischen Geistesfreude und Geistesweh, und oft noch -möchten wir vernünftig sein und können es nicht, möchten -wir gedankenlos fließen und müssen bedächtig schreiten.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_247">[247]</span></p> - -<p>Aber wer will leugnen, daß sie noch nicht tot ist, -die Göttin der Vernunft, sondern erst beginnt sich zu -dehnen und auf sich selbst zu besinnen? Daß des -achtzehnten Jahrhunderts Ausgang immer wieder erwacht -und alle Jahrhunderte zwingt in seinen Bahnen -zu wandeln? Daß der Zufall auf allen Gebieten, -wo er sich nur betreten läßt, zäh bekämpft wird auf -Schritt und Tritt? Daß vor allem die Organisation -der Arbeit schon an der Schwelle der Erfüllung steht, -die nur von freien Lebendigen überschritten werden kann? -Daß eine Organisation der Geselligkeit auf eisernen -Schienen uns näher und näher gleitet, die gewaltige -Menschenkomplexe zu einer Familie macht? Daß -Wissenschaft und Kunst mit einer Erziehung schwanger -gehn, die Untergang schwemmt über jahrtausendalten -Aberglauben? Es giebt Revolutionen, die man zu -machen aus Versehen vergessen hat; wer glaubt nicht, -daß die nahende Revolution eine gründliche sein kann, -daß ihr Strom jahrtausendalten Unrat mit sich fortspült? -O ihr, die ihr an die allmähliche Entwicklung -glaubt, vieles und Gewaltiges hat sich schon lange -langsam angebahnt, und die Stufen, die ihr wähnt, -erst noch betreten zu müssen, sind längst schon hinter<span class="pagenum" id="Seite_248">[248]</span> -uns, ohne daß ihr es gemerkt. Was thut es, daß -ihr dann auf einmal in der Versenkung verschwunden -seid; wenn wir nur oben stehn!</p> - -<p>Wem viele Dinge selbstverständlich sind, der folge -mir nach. Das Wort, das ich einst gesprochen, ich -wiederhole es heute. Den Sozialismus aber habe ich -immer für möglich gehalten und seine Erfüllung für -selbstverständlich. Aber ich habe ihn unsagbar gefürchtet, -weil mir das Leben ein Greuel war und -weil ich sah, daß mit seiner Ankunft das Innerste des -Lebens nackt vor uns daliegen müsse. Und ich habe -auch jetzt nichts gegen den Tod; auch jetzt noch zu -Zeiten naht mir die Stimmung, wo meine Seele helle -Lieder jauchzt ihm zum Lob und Preis. Tröstlich -und ein erquickendes Labsal ist die Erinnerung, daß -ich frei sterben kann, wann immer es mir so gefällt. -Verdorren möge mir Hirn und Zunge, wenn den -Tod ich jemals verläumde!</p> - -<p>Aber verheimlichen wir es uns doch nicht länger; -unsre lächelnden Augen verraten es ja doch: wir haben -<em class="gesperrt">alle</em> das Leben unsagbar gern! Und wir machen -uns <em class="gesperrt">alle</em> ein Bild von der Welt nach unserm Willen, -und wir wollen alle wirken, um die Erde umzugestalten<span class="pagenum" id="Seite_249">[249]</span> -nach unserm Herzen. Wenn wir denn alle eine heimliche -Geliebte haben, laßt uns doch kämpfen, um sie -zu erringen! Wenn wir doch alle den Todesgedanken -in all seiner Hoheit erfaßt haben, lassen wir sie doch -fallen, die kleinliche faltenreiche Gewandung ewiger -Rücksichten und unsterblichen Philistertums. Das -Wort ist so alt und will doch immer wieder gesprochen -sein: Da wir doch alle nur <em class="gesperrt">einmal</em> leben und nach -unserm Tod für menschliche Welt und menschlichen Geist -nicht mehr vorhanden sind, sei doch ein jeder unter -uns so groß und so frei, so wohlgemut und so leichtsinnig, -so ernst und so kühn, als ihm in seiner Seele -zuinnerst beschieden ist!</p> - -<p>Kennt ihr die Geschichte von der heimlichen Geliebten -des Jünglings? Er war zaghaft und wagte -nicht sich ihr zu nähern. Und er machte lange Jahre -Reisen in fremden Ländern, um sie zu vergessen. Das -aber war ihm nicht beschieden, und im stillen war -seine Sehnsucht übermächtig gewachsen und mit eins -erhob sich wieder in ihm ihr Bild und wich nicht -mehr von ihm und drückte in seinem Herzen, daß es -laut aufschrie. Da kehrte er zurück nach seiner Heimat. -Wie er sie aber wieder vor sich sah in ihrer leuchtenden<span class="pagenum" id="Seite_250">[250]</span> -Schönheit, mit der hohen Anmut ihrer Gestalt -und ihrer Bewegungen, die viel wunderbarer war in -ihrer farbigen Wirklichkeit, als ihm die blasse Erinnerung -gezeichnet hatte, da preßte er voll scheuer -Angst vor der spröden Schönen seine Seele zusammen -und machte sein Herz klein. Aber als die Sehnsucht -seines Blutes nicht mehr zu bezwingen war, da schlich -er sich in einer mondlosen dunkelblauen Nacht in ihr -Schlafgemach. Lange betrachtete er da die feinen Züge -der Schlafenden und blickte halb betäubt auf das -wogende Schwellen der Brüste. Da konnte der keusche -Jüngling sich nicht mehr bezwingen, und leise, leise, -ganz langsam, daß das Betttuch nicht knisterte und -sie nicht erwachte, legte er sich neben das schlafende -Mädchen und er preßte die gekreuzten Hände wider -seine Brust und das Blut schlug ihm donnernd an -seine Pulse und Blitze sprühten vor seinen Augen. -Und sein Atem ward immer kürzer und stoßender, -und seine Haut brannte wie Feuer und wollte es nicht -leiden, daß ein Raum war zwischen ihm und dem -kühlen rosigen Leib des Mädchens. Da konnte er -nicht mehr, er preßte seine Lippen fest zusammen und -hielt seinen Atem an. Und nachdem er einige Zeit<span class="pagenum" id="Seite_251">[251]</span> -nicht mehr geatmet hatte, öffneten sich seine Lippen -langsam und die Hände fielen ihm schlaff von der -Brust und sein Blut hämmerte nicht mehr und sein -Fleisch war nicht mehr heiß. Und als die heimliche -Freiheit morgens erwachte, da lag der zage Jüngling, -der sie hätte erringen können, tot und kalt neben ihr -auf ihrem Lager.</p> - -<p>Auf denn, meine Gefährten, es ist nicht wahr, -was man euch in fremden Ländern versichert hat, die -Freiheit sei tot und sei nur noch ein verblichenes -Wort, es ist nicht wahr, sie lebt immer wieder und -verkörpert sich jedem in einer besondern Schönheit. -Laßt uns denn endlich heimkehren in ihre Lande und -um sie werben und todesmutig, daß heißt lebensfreudig -für sie kämpfen!</p> - -<p>Seht nun das dritte Bild, daß ich euch male!</p> - -<p>Ein Festtag. Verlassen steht heute die riesige -Produktionscentrale mit ihren ungeheuren Anlagen, in -der die Knaben und Mädchen, die Männer und Frauen -der weiten Gegend sonst ihre Vormittage verbringen. -Früh morgens schon verließen die Menschen heute ihre -Villenkolonieen, um in kleinen Gruppen auf ihren -Dampfwagen und elektrischen Kutschen unter Gesang<span class="pagenum" id="Seite_252">[252]</span> -und Musik nach den weiten Versammlungsstätten zu -fahren. Dort zerstreuen sie sich in den Kunsthäusern -und Wissenschaftshallen, den Spiel- und Tanzplätzen -und wieder andere erquicken sich an Wein und Speisen. -Später, gegen Mittag, füllt sich dann der große Versammlungsplatz, -und hier werden öffentliche Dinge -besprochen und erledigt, neue Erfindungen und wissenschaftliche -Aufstellungen werden mitgeteilt und oft bekämpfen -sich die Vertreter gegensätzlicher Meinungen -scharf und entschieden. Inzwischen haben die Knaben -und Mädchen sich bei den Spielen getummelt und -herüber hinüber in keckem Rufen und Haschen neue -Bekanntschaften geschlossen. Nachmittags mag man -sich wohl wieder in kleinere Gruppen trennen, man -fährt und geht und schaut spazieren, man rudert auf -dem Flusse oder man fliegt im Ballon oder sonstwie -in die blauen Lüfte hinauf. Wenn die Sonne sich -zum Untergang neigt, haben sich neue und alte Liebespaare -längst gefunden und hie und da in Korn und -Hecken liegen sie wohl in traulichem Gespräch oder in -heißer Umarmung. Abends wenn es kühl wird, bedecken -die Menschen wohl ihre Nacktheit mit den -Tüchern. Die Dunkelheit führt sie wieder enger<span class="pagenum" id="Seite_253">[253]</span> -zusammen auf dem breiten Rasen, dem hie und da -manchmal Leuchtkugeln und Raketen entfliegen. Im -übrigen denkt man heute und meistens nicht daran, -den Tag künstlich zu verlängern, man ist froh, daß -das Dunkel seine blauen Fittige um die Erde schwingt. -Feierlicher und erhobener werden nun die Gespräche -und die Gesänge, und nun erheben sich auch nicht -mehr gesehen die Dichter in der Menge und tragen -ihre neuen Werke, die ihnen in den Mußestunden gediehen, -zum ersten Mal vor und alte vielbegehrte -wiederholen sie manchmal mit neuen reizvollen Wendungen -geziert. Tief in die Nacht hinein bleibt man -so beieinander, bis man, wenn es warm genug ist, -einschläft so wie man da ist, oder auch aufbricht, um -die Behausungen zu erreichen.</p> - -<p>So aber wird es ganz gewiß nicht kommen, sonst -hätte es keinen Sinn danach zu streben!</p> - -<p>Es kommt immer anders, und vielleicht sind auch -die Gedanken, die mir innen in meinem Kopfe wohnen -und wachsen, ganz andere als die sich mir hier im -freien gestaltet haben. Ihr glaubt mir doch, daß -ich noch die Kraft habe, manchmal unglücklich zu -sein? Weh mir, wenn ich das nicht mehr könnte!</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_254">[254]</span></p> - -<p>Ein sonderbarer Unheiliger hat mich jüngst besucht, -meine Freunde, und als ich ihn deutlich besah, war es -ein Teil meiner Selbst, das sich da vor mir aufgepflanzt -hatte. Nur ein Stück eines Menschen war -er und doch ein ganzer Kerl. Er sagte mir, der -moralische Sinn in ihm sei längst und völlig erstorben, -er habe nur noch ein Prinzip: wenn er von einer -menschlichen Einrichtung nicht wisse, warum sie sei, -bemühe er sich das Gegenteil zu thun, ganz zwecklos, -nur aus Prinzip, zu seiner seltsamen Freude. Er -wisse nicht, warum der Mensch nicht lügen und töten -solle; Rücksicht auf Menschen kenne er nicht und Gott -sei ihm nicht vorgestellt; also wolle er lügen und -töten. Wenn man das Wort überhaupt anwenden -wolle, das sei dann seine Moral: die äußerste Konsequenz -seines Denkens zu ziehen. Es sei freilich -schwer, vielleicht vollbringe er es auch nicht, aber -dann wandelte ihn eine Art Scham an, obwohl auch -das altmodisch sei.</p> - -<p>Meine Freunde, ich habe euch in dieses harte -Eisland geführt, um euch eine Grenze zu zeigen. -Hier ist die Grenze des Begriffs und des Worts und -der Logik. Wer bis dahin gekommen ist mit seinem<span class="pagenum" id="Seite_255">[255]</span> -Denken, der muß sich hier entscheiden: will er ein -Kalter sein oder ein Warmer? Da ist das Land der -eiskalten Sprache und Logik, und keine Widerlegung -giebt es auf diesem Boden. Wer ihn betritt, der -muß in den Spuren dieses Mannes wandeln, kein -Ausweg zeigt sich ihm mehr. Wer aber nicht in -diesen Wahnsinn frieren will, der kehre um und wende -seinem Denken den Rücken, solange es Zeit ist.</p> - -<p>Ich bin kein Moralischer, aber ich bitte euch doch: -Seid nicht boshaft! Ihr seid auf einem falschen -Wege zu weit vorgegangen; wollt ihr den rechten -Punkt finden, so müßt ihr wieder ein wenig zurück. -Ihr seid zu früh daran mit eurer nackten Vernunft. -Es ist noch nicht Zeit, die Seele erfrieren zu lassen. -Thut nichts, dessen Ende ihr nicht wenigstens ahnen -könnt. Hütet euch vor der geistigen Bosheit! Seid -lieber manchmal noch ein Tier!</p> - -<p>Das ist es was ich von euch verlange, ihr Träumer -und Denker: <em class="gesperrt">ihr sollt warm sein</em>!</p> - -<p>Und das heißt mir soviel als: Ihr sollt keine -einzigen sein, ihr sollt euch gesellen, ihr sollt lebendig -leben und den Tod dem Tod überlassen.</p> - -<p>Ich will euch etwas sagen, meine Freunde, denn<span class="pagenum" id="Seite_256">[256]</span> -ich halte es nicht länger aus. Das Kichern und -Lachen und Murren rauscht mir schon lange in den -Ohren. Hinter meinem Rücken stehen zwei Arbeiter, -und die lachen mich aus. Und eben sagte der eine -zum andern:</p> - -<p>»Der dumme Kerl! Was schwatzt er nur für -verdrehtes Zeug? Das eine wissen wir längst, beinahe -schon vor unserer Geburt, und das andere ist -uns ganz und gar unverständlich, und wenn er es -uns tausend Mal vorkaut. Wir haben keinen Magen -für so gewürzte Speisen.«</p> - -<p>Der Mann hat Recht, ganz und gar. Aber, ihr -Arbeiter unter meinen Genossen, zu euch rede ich heute -nicht. Freilich setze ich auf euch vor allen andern -meine Hoffnung; wäret ihr nicht da, es wäre kein -Übergang möglich zu dem was wir wollen. Aber -davon spreche ich heute nicht, ich habe noch viel auf -dem Herzen und hoffe es alles mit der Zeit sagen zu -können. Und »Übergang«, so mag die nächste Schrift -heißen, die ich euch sende, und darin rede ich dann -von euch, vom Proletariat!</p> - -<p>Heute aber wende ich mich an ganz andere Menschen; -heute rede ich zu der zweifelhaftesten und bedenklichsten<span class="pagenum" id="Seite_257">[257]</span> -Menschensorte, zu den Träumern und Denkern aus -der bürgerlichen Welt. Es ist nicht der Vortrab des -Bürgertums, es sind nur Vereinzelte, die sich seitwärts -schlugen, dahin und dorthin, und die alle Gemeinsames -haben. Ich kenne sie gleich, wenn ich sie treffe, -an dem bittern Zug um die Lippen und dem heimlichen -Lächeln ganz hinten in ihren Augen. Diese -Jugend also rufe ich auf; sie nennen sich Abfall und -Jahrhunderts-Ende, ich aber sehe noch viel Rettenswertes -an ihnen, ich möchte sie sammeln im Felde -der Zukunft; im Lager des Proletariats; die höchste, -fast schon überdrüssige Kultur möchte ich vermählen -der jungen raschen Kraft des vorwärts stürmenden -Aufschwungs.</p> - -<p>Ich bin ein alter Mann, aber – das sage ich -heute mit frohem Stolz – ich habe erreicht, wonach -ich mich so heiß gesehnt, <em class="gesperrt">ich bin wieder jung geworden</em>, -und ich empfinde mit der Jugend, nein, -ich bin sogar ihr Vorschmack und Vorempfinder. -Zugleich bin ich bei den jungen Zigeunern des Bürgertums, -die ich aufmuntere, meine Wege zu betreten, -und zugleich bin ich beim jungen Proletariat, dem ich -die Freiheit bringen will, jetzt nicht die ökonomische<span class="pagenum" id="Seite_258">[258]</span> -Freiheit, die es sich selbst erringen wird, nein, die -Freiheit des Einzelnen, der kühn und unbesorgt allem -entgegenblickt. Ich schwanke nicht von einem zum -andern, in mir sind die Gegensätze vereint, und widerspruchsvoll -ist nur das Wort, nicht das Leben. Mein -Leben ist jung und reich, folge mir nach, wer kann!</p> - -<div class="figcenter" id="illu-262"> - <img src="images/illu-262.jpg" alt="Dekoration" /> -</div> - -<p class="center smaller p2">Druck von Gebr. Adolph & Co., Dresden-Löbtau.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ansonsten -wurde die teilweise inkonsistente Originalschreibweise beibehalten. -Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. -Der Schmutztitel wurde entfernt.</p> -</div> - -<div lang='en' xml:lang='en'> -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>DER TODESPREDIGER</span> ***</div> -<div style='text-align:left'> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin-top:1em; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE</div> -<div style='text-align:center;font-size:0.9em'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE</div> -<div style='text-align:center;font-size:0.9em'>PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg™ -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg™ electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person -or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. 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Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. 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Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread -public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Most people start at our website which has the main PG search -facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This website includes information about Project Gutenberg™, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. -</div> - -</div> -</div> -</body> -</html> diff --git a/old/68228-h/images/cover.jpg b/old/68228-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 8a43e23..0000000 --- a/old/68228-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/68228-h/images/drop-d.jpg b/old/68228-h/images/drop-d.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 53734c3..0000000 --- a/old/68228-h/images/drop-d.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/68228-h/images/drop-e.jpg b/old/68228-h/images/drop-e.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 75d8341..0000000 --- a/old/68228-h/images/drop-e.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/68228-h/images/drop-i.jpg b/old/68228-h/images/drop-i.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 1e4b3b3..0000000 --- a/old/68228-h/images/drop-i.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/68228-h/images/drop-s.jpg b/old/68228-h/images/drop-s.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index c673499..0000000 --- a/old/68228-h/images/drop-s.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/68228-h/images/illu-003.jpg b/old/68228-h/images/illu-003.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 856f621..0000000 --- a/old/68228-h/images/illu-003.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/68228-h/images/illu-262.jpg b/old/68228-h/images/illu-262.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 4e9aeb8..0000000 --- a/old/68228-h/images/illu-262.jpg +++ /dev/null |
