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-The Project Gutenberg eBook of Der Todesprediger, by Gustav Landauer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Der Todesprediger
-
-Author: Gustav Landauer
-
-Release Date: June 6, 2022 [eBook #68228]
-
-Language: German
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was produced from images generously made available by the
-Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf.)
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESPREDIGER ***
-
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
- ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- Der Todesprediger
-
- Roman
-
- von
-
- Gustav Landauer.
-
- ❦
-
- [Illustration]
-
- =Dresden= und =Leipzig=.
-
- Verlag von Heinrich Minden.
-
-
-
-
-Alle Rechte vorbehalten. Unbefugter Nachdruck wird gerichtlich
-verfolgt.
-
-
-
-
-Einleitung.
-
-
-Die Geschichte, die ich erzählen will, ereignete sich in jener im
-Großen und Ganzen glücklichen Zeit, da sich die Planeten um die Sonne
-drehten ohne zu fragen warum, und die Sonne ganz gedankenlos, ohne sich
-nach einem Spiegel zu sehnen, ihre leuchtenden Strahlenbündel von sich
-schleuderte. Die Epoche, wo das Weltall begann, über sich selbst und
-seine Bestimmung zu philosophieren, war noch nicht angebrochen, der
-Weltschmerz in des Wortes eigentlicher Bedeutung, das wehvolle Stöhnen
-des großen Kosmos, das seiner Auflösung ins absolute Nichts vorherging,
-war noch nicht eingetreten. Jedoch war das Allgemeinbefinden der
-einzelnen Weltkörper schon wesentlich differenziert, und auf einem
-derselben, auf der Erde, zeigten sich für den feinen Beobachter
-bedrohliche Symptome. Das ganze Erdenrund war allmählich von einem
-grünlichen Schimmel überzogen worden, der sich bemühte, zugleich ein
-Spiegel und eine schlechte Kopie des Weltungeheuers zu sein. Jeder
-auch der kleinste Teil dieses gewaltigen Riesen ging gedankenlos
-seine eigenen Wege und kümmerte sich nicht im mindesten um andere. In
-dieser überlegungslosen Selbständigkeit bestand das Weltglück. Auf
-dieser schimmligen Erdrinde aber entstanden kümmerliche Wesen, die für
-sich nichts waren und sich darum an einander anlehnen und einander
-befehden mußten und es erwuchsen allmählich Arten statt Individuen,
-Gesellschaften statt Personen. Ein krankhafter Keim steckte in jedem
-kleinsten Teilchen dieser Erdoberfläche, es war das Bewußtsein oder
-doch die Anlage dazu. Welche Art am meisten von diesem Gift in sich
-trug, die errang die Herrschaft über die übrigen, die war aber auch
-zugleich am nächsten dem Zustand der Selbstvernichtung, der aus dem
-Selbstbewußtsein hervorging auf dem Wege über die Selbstverachtung
-und den Selbstschmerz. Diese Rolle war schon seit geraumer Zeit dem
-Geschlechte der Menschen zugefallen. Es ist die Aufgabe der Geschichte
-dieser merkwürdigen Tiergattung, zu zeigen, wie gerade sie besonders
-dazu befähigt war und auf welchem Wege sie sich dem angegebenen Ziele
-näherte. Ich darf das wohl als bekannt voraussehen und bitte sich
-rasch an diese ganze Entwickelungsgeschichte des Menschengeschlechtes
-rückzuerinnern bis zu dem Punkte, wo das Bewußtsein schon den
-Grad erreicht und überschritten hatte, wo der Selbstekel und der
-Selbstschmerz, den der Mensch in Überhebung vielleicht, vielleicht
-aber auch in zukunftsbanger Ahnung eine Zeit lang Weltschmerz nannte,
-begann. Die langsame Entwicklung und das stetig sich verändernde
-Fortschreiten und Umsichgreifen dieses Eigenwehs dauerte, oft
-unterbrochen und scheinbar verschwunden, schon mehrere Jahrhunderte an,
-das Christentum und dann die Reformation und dann der Rationalismus
-und die Revolution waren gewaltige Heilversuche, die aber notwendig
-fehlschlugen. Dann kam eine kurze Periode dumpfer Resignation und
-verzweiflungsvollen Schmerzes, die Zeit des Romantismus, ironische und
-zerrissene, aber durchweg halbe Männer waren die führenden Geister,
-und in zweiter und dritter Reihe tauchten auf die feinsinnigen,
-frauenhaften Gestalten, mit der melancholischen Ruhe und den zarten
-aristokratischen durchgeistigten Händen, schmiegsame Leute ohne
-Rückgrat, deren Wille gebrochen war.
-
-Dann aber kam herauf der ewig denkwürdige Versuch der Vernunft, sich
-kalten Blutes auf sich selbst zu besinnen, die entsetzte Rückschau auf
-die Entwicklung der Vergangenheit und das gegenwärtige Treiben, die
-Auflösung und Abschüttelung alles überlieferten Herkommens, der Strich
-unter die ganze Rechnung der menschlichen Geschichte, und das Wagnis,
-nach all den Erfahrungen den Staub der Vorzeit von den Händen zu
-waschen und das Leben der Menschheit von vorn auf vorsichtig geprüftem
-Grund zu beginnen.
-
-In diese Jahre, in denen Abgelebtes und Vorzeitiges, Unreifes und
-Faules, Abgespanntes und Vorwärtsstürmendes neben einander wohnte, fiel
-das Leben des Menschen, von dem ich im folgenden erzählen will.
-
- ❦
-
-
-
-
-Erster Abschnitt.
-
-
-Er war der zweite Sohn des Schuhmachers Adam Starkblom und dessen
-Ehefrau Elisabeth und hatte die Namen Max Emanuel Karl Wilhelm
-erhalten; man nannte ihn Karl. Geschwister hatte er sieben: zwei
-Schwestern, Elise und Kathrine, und fünf Brüder: Adam, Justus,
-Leberecht, Friedrich und Johannes. Sein Vater hatte anfangs viel zu
-thun gehabt und die Familie gut erhalten können, war aber später
-durch sein phlegmatisches und beschauliches Temperament allmählich
-heruntergekommen und hatte sich, obwohl er früher äußerst nüchtern und
-zurückhaltend gewesen, nachdem er schon die Grenze des Mannesalters
-überschritten, dem Trunke ergeben. Er starb am Herzschlag, 64 Jahre
-alt. Dieser Lebensführung des Vaters entsprechend war die Erziehung
-der Kinder ausgefallen: Adam hatte seiner Neigung gemäß in ein großes
-Handelshaus in Hamburg in die Lehre treten dürfen und brachte es dazu,
-ein vermögender Plantagenbesitzer in Haïti zu werden, Karl durfte
-studieren, Elise besuchte die höhere Mädchenschule und heiratete,
-neunzehn Jahre alt, einen vermögenden Schlossermeister, Justus war beim
-Vater in die Lehre gegangen und besaß nunmehr eine kleine Schuhfabrik
-in Pirmasens, Leberecht war Branntweinbrenner, Friedrich Unteroffizier,
-Johannes war gänzlich verbummelt und schließlich vom ältesten Bruder
-mit nach Haïti genommen worden, von wo er aber bald auf einem
-englischen Kauffahrteischiff durchbrannte, seine Spur war verschwunden
-und er blieb verschollen; Kathrine endlich, die jüngste, war auf ein
-Operettentheater gegangen, wurde dann die Geliebte eines reichen
-Offiziers und endlich Straßendirne. Die Mutter war diesem letzten
-Wochenbett erlegen; kein Wunder, daß das hinterlassene Kind im Hause
-des blöden, trunksüchtigen Vaters nicht die beste Erziehung erhielt.
-
-Karl hatte schon im Elternhause eine besondere Stellung eingenommen;
-er beteiligte sich nur ungern an den lärmenden Spielen der Brüder
-und Kameraden und ging am liebsten allein seiner Wege. Er war ein
-verschlossenes, träumerisches Kind, das nicht verstand, aus sich
-herauszugehen. In seinem neunten Jahre etwa fing er an viel zu lesen,
-alles was er im Vaterhause fand, aber wenn ihm etwas gefiel, las er es
-immer und immer wieder, sodaß er große Stellen der Romane, die ihm in
-die Hände kamen, auswendig wußte. Von seinem fünfzehnten Jahre an hörte
-er mit einem Male fast gänzlich auf mit dieser Art Lektüre und las nur
-noch wenig und planmäßig: die Klassiker, Bücher litterarhistorischen,
-religiösen und philosophischen Inhalts. Was er nicht verstand, legte
-er ruhig beiseite, was ihn ergriff, lernte er durch häufiges Lesen
-auswendig. Er schloß sich gern an die Schwester Elise und deren
-Freundinnen an und war bald unter seinen Brüdern und Mitschülern, die
-den blassen Sonderling nicht leiden mochten, als »Mädlesschmecker«
-verspottet. Bei Tisch und wenn er sonst mit Eltern und Geschwistern
-zusammen war, war er still und in sich gekehrt, beteiligte sich
-aber gern, wenn ihn ein Thema interessierte, am Gespräch der Alten
-und konnte da schon früh hitzig und vorlaut werden; er war darum
-verschrieen als altkluges, frühreifes Kind. In der Schule war er immer
-unter den Ersten, da er sehr schnell auffaßte und ein gutes Gedächtnis
-hatte, doch arbeitete er wenig. Seine Lehrer konnten ihn nicht leiden,
-einigen war er verhaßt. Er meldete sich selten, wenn etwas gefragt
-wurde, wußte aber fast stets Bescheid und antwortete kurz und klar.
-Nur manchmal hatte er vor sich hingeträumt und stand dann ruhig und
-blaß da, ohne den Mund zu öffnen. In seltenen Fällen ward er lebhaft,
-meldete sich, trug warm, ja manchmal feurig vor, was er wußte, oder
-meinte; ja einige Male hatte er es gewagt, dem Lehrer zu widersprechen.
-
-Noch bevor er sechzehn Jahre alt war, stand es ihm völlig fest, daß
-er Philosophie studieren und das Rätsel der Welt ergründen wolle. Am
-Ende des vorletzten Schuljahres jedoch schon kam er allmählich davon
-ab. Sein kluges Auge sah, wie rasch der Vater herunterkam, und es
-leuchtete ihm ein, daß er einen praktischen Beruf ergreifen müsse. So
-antwortete er von da ab ruhig auf alle Fragen, was er studieren wolle:
-Jurisprudenz, und dabei blieb er. Sowie er sich dazu entschlossen
-hatte, sah er kein philosophisches Buch mehr an, beschäftigte sich
-eifriger als früher mit den Schulaufgaben und suchte auch jetzt schon
-für Fragen des täglichen Lebens Verständnis und Interesse zu gewinnen.
-Er machte ein gutes Abgangsexamen und bezog, etwas über achtzehn Jahre
-alt, die Universität.
-
-Freundschaft hatte er erst in seinen letzten Schuljahren, als seine
-Neigung zur Philosophie hervortrat, kennen gelernt. Vorher hatte er
-kein Bedürfnis nach Umgang gehabt. Jetzt drängte es ihn, Meinungen,
-die ihn originell und sogar tief dünkten, teilnehmenden Freunden
-vorzutragen und im Gespräch auszuspinnen. Es fand sich so eine Anzahl
-hochstrebender junger Menschen zusammen, von denen indeß, wie es häufig
-zu gehen pflegt, die meisten in der Schule nicht recht mitkamen.
-Anfangs bildete sich eine förmliche philosophische Gesellschaft, in
-der aber auch dem Bedürfnis der Jugend zu dichten und das Geschaffene
-mitzuteilen und loben zu lassen Genüge geschah; sie organisierten sich
-als Verein und gaben sich eigene Statuten. Später indessen zog sich
-Karl, der schon von früh an mit einer gewissen Rücksichtslosigkeit
-eine alte Haut, die ihm nicht mehr anstand, abwarf, ganz davon zurück
-und verkehrte nur noch mit dreien der Genossen, intim nur mit einem,
-und selbst diesem vertraute er seine geheimsten und kühnsten Gedanken
-und Pläne nicht an. Anfangs schrieb er seine Ideen tagebuchartig
-nieder, einiges wenige arbeitete er in größerem Umfang aus; auch
-das gab er auf, sowie er einsah, daß seine Meinungen sich zu rasch
-änderten, daß er noch keinen festen Standpunkt gewinnen könne; von da
-an verfolgte er kaltblütig und mit einer gewissen eigenen Neugierde die
-Vorgänge in seinem Hirn und hielt meist auf seine neuen Gedanken nicht
-besonders viel, weil er wußte, wie schnell die alten sich bisher immer
-verflüchtigt hatten.
-
-Nachdem er sich entschlossen hatte, Jurist zu werden, zog er sich von
-den wenigen Freunden, denen er geblieben war, mehr und mehr zurück;
-einmal wollte er nicht in Versuchung geraten, sich allzu tief mit der
-Weltweisheit einzulassen, dann auch wollte er es nicht mitansehen,
-wie sich auch in ihnen die Wendung zur praktischen Thätigkeit und
-zum bürgerlichen Beruf vollzog. Wenn zwei dasselbe thun, ist’s nicht
-dasselbe, dachte er; was er, soweit es ihn betraf, heroisch nannte, kam
-ihm bei allen andern verächtlich vor.
-
-Er wurde ein fleißiger Student, der fast nur mit Fachgenossen, die
-er im Kolleg kennen gelernt, verkehrte und sich von den geselligen
-Vergnügungen geflissentlich zurückhielt. Erst hier, in den praktischen
-Übungen an der Universität und in den Gesprächen mit den Bekannten am
-Biertisch und auf der Bude, ward es ihm zur unumstößlichen Gewißheit,
-daß er mehr sei als der Durchschnitt seiner Umgebung. Er dachte klarer,
-beurteilte alles von höherer Warte, faßte Zusammengehöriges aus
-entfernten Gebieten zusammen und konnte seiner Ansicht geläufig und
-elegant Ausdruck geben. Jedoch beschäftigte er sich auch jetzt fast
-ausschließlich mit seinem Fach, besonders allerdings mit theoretischen
-Problemen, interessierte sich aber mehr als gewöhnlich üblich schon
-jetzt für Detailfragen. Bei dieser intensiven Bethätigung in der
-trockenen Wissenschaft aber fuhr es ihm mehr als einmal durch den Kopf:
-»Wartet nur! ich bin noch der Alte! Noch ist nicht aller Tage Abend!
-Wohl treibt mein Bewußtsein jetzt keine Weltweisheit und kümmert sich
-um nichts als Jurisprudenz; unter der Schwelle aber arbeitet es weiter,
-mir selber nicht bewußt; und finge ich jetzt an zu philosophieren,
-meine alten phantastischen Unerfahrenheiten wären verschwunden und neue
-Gedanken kämen mir angeschwommen, ohne daß ich wüßte, woher. Wartet
-nur! Er ist noch nicht tot, der Prediger in der Wüste! Und wenn er auch
-spät wieder erwacht, er kommt zu seiner Zeit!« Dann vertrieb er diese
-Ahnungen wieder, beugte sich über seine dicken Bücher und ochste bis
-tief in die Nacht.
-
-Im letzten Jahre jedoch seiner Studienzeit, wo andere Studenten gerade
-anfingen, ernstlich zu arbeiten, klappte er seine Bücher zu und machte
-eine Pause. Er hatte das Gefühl, nun sei ein Abschnitt erreicht und
-für’s Examen wisse er jetzt schon völlig genug. Für kurze Zeit erwachte
-in ihm ein neuer Mensch: er ward gesellig, heiter, harmlos, lebensfroh
-und lernte auf einmal das Plaudern. Er nahm jetzt Tanzunterricht,
-verliebte sich dabei in ein hübsches Mädchen und verlobte sich heimlich
-mit ihr.
-
-Indessen hörte diese Weltläufigkeit bald wieder auf; er wurde wieder
-der alte stille geruhsame Mensch, der sich in Gesellschaft nicht wohl
-fühlte, nur ernstes zu reden verstand, alles von seiner tiefen Seite
-nahm und den Plauderton wieder gänzlich verlernte. Dann kam das Examen,
-das er glänzend bestand.
-
-Nunmehr diente er sein Jahr ab, beim Infanterieregiment seiner
-Vaterstadt. Jetzt untersagte er sich jede geistige Thätigkeit; er war
-nur Soldat; im Innern mürrisch und kalt, äußerlich streng diszipliniert.
-
-Dann ward er wieder mit allen Kräften Jurist, es kam die
-Praktikantenzeit und dann das zweite Examen und das allmähliche
-Emporklimmen an der Leiter der Beförderungen. Schon als Student war er
-entschlossen gewesen im Staatsdienst zu bleiben und Richter zu werden.
-
-Als er 36 Jahre alt war, konnte er es nach sechzehnjähriger treuer
-Brautschaft wagen, sein Lorchen zu heiraten und einen Hausstand zu
-gründen. Es ging immer noch knapp genug her beim Herrn Amtsrichter,
-und es hätte auch jetzt noch nicht reichen können, hätte er es nicht
-endlich über sich gebracht, eine nicht ganz unbedeutende Summe von dem
-Bruder Adam, dem es damals in Haïti schon recht gut ging, nach öfterem
-Anbieten von Seiten des treuen Menschen, leihweise anzunehmen.
-
-Die Ehe schien eine äußerst glückliche werden zu sollen; war Karl ruhig
-und ernst, so war Lorchen ruhig und heiter; sie hatte einen ungemeinen
-Respekt vor dem Geiste ihres Mannes und war doch fähig und willig, ihn
-zu verstehen und mit ihm zu reden über das, womit er sich beschäftigte.
-Das war freilich auch jetzt fast nur die Rechtspflege, und nunmehr
-meist Fälle aus der Praxis, deren Konsequenzen er zu ziehen pflegte.
-Mit anderen Dingen gab er sich nicht viel ab; ein wenig interessierte
-er sich für Kunst und Theater, selbst mit Politik sich ernsthaft zu
-beschäftigen, hatte er noch nicht die Zeit gefunden. »Wartet nur! jetzt
-bin ich ein alter Mann! aber ich werde noch einmal jung!« So pflegte er
-auch jetzt wieder zu sagen.
-
-Bald aber begann das Unglück und ließ mit zäher Beharrlichkeit nicht
-nach, bis es das Äußerste erreicht hatte: das erste Kind, ein Mädchen,
-starb, nachdem es zwei Tage kümmerlich gelebt hatte; das zweite, wieder
-ein Mädchen, starb nach drei Monaten an der Lungenentzündung; und das
-dritte Wochenbett bettete Mutter und Kind, diesmal wäre es ein Knabe
-gewesen, in den Tod.
-
-Nach fünfjähriger Ehe stand Karl Starkblom wieder allein auf der Welt.
-Äußerlich blieb er ruhig wie er war. Aber bei Tag und Nacht ließ ihm
-die Frage keine Ruhe mehr: »wozu nun noch arbeiten? wofür jetzt
-noch leben? warum jetzt noch dein eigentliches wahres Geisterleben
-unterdrücken? jetzt wäre es Zeit, höchste Zeit!«
-
-Als wollte das Geschick durchaus keinen Zweifel aufkommen lassen,
-wohinaus es wolle, fügte es nach Verlauf von dreiviertel Jahren einen
-weiteren Todesfall hinzu: der Bruder Adam in Haïti starb plötzlich
-am Fieber; sein gesamtes bedeutendes Vermögen hatte er dem geliebten
-Bruder Karl testamentarisch vermacht.
-
-Als Starkblom in den Besitz dieses Vermögens kam, war er
-gerade zweiundvierzig Jahre alt. Seit knapp drei Jahren war er
-Landgerichtsrat. Nunmehr sagte ihm sein kleines Seelenteufelchen: »Halt
-Mann! Umspannen!« Er kam um Urlaub ein und zog sich in ein freundliches
-Städtchen am Fuße des Schwarzwalds zurück. Kurze Zeit darauf nahm er
-nach reiflichem Überlegen seinen Abschied.
-
-Seine Kollegen machten hinter seinem Rücken bitter höhnische
-Bemerkungen über den unerhört frühen Rückzug Starkbloms; jetzt war er
-erkannt. Bisher freilich hatten ihn alle, die er überflügelt hatte
-oder zu überholen drohte, für einen ehrsüchtigen Streber erklärt;
-das hinderte aber durchaus nicht, nun zu behaupten, das sehe ihm
-völlig ähnlich, das sei von ihm zu vermuten gewesen: er sei eben ein
-ganz pflichtvergessener Mensch, dem es nur um möglichst schnellen
-Gelderwerb zu thun gewesen, und vermutlich sei er im geheimen ein roher
-Genußmensch; die große Erbschaft sei ihm recht zupaß gekommen. Jetzt
-konnte er seinen Vergnügungen nachgehen, ohne mehr arbeiten zu müssen.
-Nun zeigte der hochnäsige Herr seinen wahren Charakter; aristokratisch
-hatte er immer gethan, aber seine gemeine Herkunft konnte er nicht
-verleugnen.
-
-Was hätten diese Herren für dumme Gesichter gemacht, wenn er ihnen
-seine wahren Gründe anvertraut hätte: daß er einen anderen Beruf in
-sich fühle, als zeitlebens Richter zu sein, daß er seinen Geist und
-die Bestrebungen seiner frühen Jugend jetzt voll und ganz auszuleben
-gedenke.
-
-Sich selber ausleben -- das war sein Ehrgeiz, an seine Jugend wollte er
-wieder anknüpfen. Was aber war er denn selbst? was steckte eigentlich
-in ihm? was war noch übrig von den Idealen seiner Jugend? Was konnte er
-der Menschheit bringen?
-
-Er schaute tief in seine eigene Seele und fand, daß trotz aller äußern
-Ruhe der Kern seines Wesens Trauer und Weh geworden war. Und er merkte
-mit einem Mal, daß Jammer und Schmerz die ganze Menschheit und die
-ganze Welt durchzog.
-
-Als er aus der Unschuld des Kindes langsam zum Manne erwachte, war er
-rascher als wohl sonst die Regel, über die verzweiflungsvolle Zeit des
-Aufblühens der Sinnenwelt hinweggekommen; äußere Umstände waren schuld
-daran. Jetzt, da er ein reifer Mann war und alle Schmerzen und Wonnen,
-die der Mensch durchmachen kann, erprobt und gekostet hatte, stürmte
-eigenes Weh, philosophische Verzweiflung und soziales Elend mit voller
-Wucht und gleichzeitig auf ihn ein.
-
-Es schien ihm, als habe er mehr als zwanzig Jahre geschlafen und
-dummes unverständiges Zeug geträumt, als er jetzt wieder ernstlich
-begann, über Menschengeist und Weltzweck nachzudenken und in der Welt
-umherzublicken.
-
-Es fuhren ihm jetzt Gedanken durch den Kopf, er lebte jetzt in ganz
-eigentümlichen Stimmungen, wie er sie nie gehabt seit langer Zeit,
-und doch war es ihm, als habe er das alles genau so, selbst unter
-denselben kleinen äußerlichen Umständen, schon einmal gedacht und
-empfunden, vor langer, unendlicher Zeit, vor mehr als tausend Jahren
-wohl.
-
-Dann kam es ihm, er solle wohl seine alten Tagebücher und
-Aufzeichnungen aus der Knabenzeit wieder vorsuchen, und er las eifrig
-darin. Gar manches verstand er nicht mehr, vieles mißverstand er
-und legte ihm einen ganz andern Sinn unter, als er damals gewollt;
-einiges aber fand er schon fast genau in derselben Art gedacht und
-ausgesprochen, wie es ihm jetzt als neue Wahrheit aufgegangen.
-
-Ihm grauste vor sich selber; der Student und der Richter, wie hatte der
-denn nur je sein können? wie hatte er daran sein Genügen finden können?
-Und eine stille Freude überkam ihn, daß er wieder jung geworden war.
-
-»Der Menschheit will ich meine Dienste weihen; ein neues Wort will
-ich sprechen, das noch keiner gesprochen hat.« So hatte er als
-Sechzehnjähriger geschrieben und so wollte er jetzt wieder. Die Kraft
-fühlte er in sich. Er war mehr als die andern, er wußte es sicher; noch
-keinen hatte er getroffen, der ihm gleichkam.
-
-Er beabsichtigte, vorerst in dem kleinen sonnigen Städtchen, wo er
-gegenwärtig weilte, zu bleiben. Die Einsamkeit sollte ihm wohlthun. In
-sich selbst wollte er sich versenken, auf sich selbst sich besinnen.
-In die Natur wollte er sich wieder einleben und sich verjüngen im
-frischen Waldesgrün, seine poetische Phantasiethätigkeit, die er zu so
-langer Ruhe verurtheilt hatte, erwachte jetzt wieder aus ihrem dumpfen
-Schlafe. Dem Vogelsang wollte er lauschen und das Sonnenlicht einsaugen.
-
-Eines Morgens ging er bei heiterkühlem Frühlingswetter den Fluß entlang
-zur Stadt hinaus, thalaufwärts. Er liebte diesen Weg besonders. Zur
-Seite hatte er Anhöhen und vor sich Berge von immer neuer Gestalt und
-Färbung, da die Straße in langsamer Krümmung das Gebirge vermied.
-Rechts war der Fluß, jenseits saftige Wiesen und weiter entfernt wieder
-Berge, die mit dunklen Tannenwaldungen bestanden waren. Blickte er sich
-um, so sah er die Stadt mit ihren hohen Schlöten hinter sich liegen;
-die abgebrochenen Schläge des Kupferhammers vor der Stadt, an dem er
-vorhin vorbeigegangen, drangen leiser und leiser zu ihm. Sein Sinn war
-fröhlich und unternehmend; seine Gedanken abgerissen und hüpfend,
-er träumte mehr als er dachte. Am frühen Morgen war ein starkes
-Gewitter niedergegangen, das erste des Sommers. Noch immer schoben die
-abziehenden Wolken an der Sonne vorbei und verdunkelten kurze Zeit das
-Thal. Doch bald wieder schwanden die Schatten und er schritt fröhlich
-vorwärts.
-
-Nachdem er eine schwache Stunde gegangen war, sah er etwa in der
-Mitte des Berges, der hinter der Krümmung des Flusses gerade vor ihm
-emporstieg, auf einem Vorsprung ein weiß schimmerndes schloßartiges
-kleines Haus liegen. Es grüßte ihm freundlich entgegen mit seinem
-weißen Verputz, seinen hell blinkenden Fenstern, seinem roten
-Ziegeldach und dem kleinen mit Schiefer gedeckten Türmchen an der
-linken Seite.
-
-»Da wäre gut wohnen,« dachte er.
-
-Er ging noch etwa eine Stunde, dann kehrte er auf einem andern Wege,
-der über die Anhöhen führte, zurück.
-
-Mittags beim Essen erzählte er seinem Nachbar, dem Stadtbaumeister,
-von seinem Ausflug und von dem Schlößchen, das ihm so sehr gefallen
-hatte. Der sagte ihm, das weiße Haus, so nannte man es, stünde schon
-seit einem halben Jahre leer, da der Besitzer nach Wien gezogen sei.
-Liebhaber sei keiner da, da es für die Fabrikanten der Stadt und die
-paar andern, die noch etwa in Betracht kommen könnten, zu entlegen war.
-Und Fremde besuchten ja bekanntlich trotz der reizenden Umgebung die
-Stadt kaum, die als Fabriknest verschrieen war.
-
-Starkblom war rasch entschlossen. Noch am selben Mittag besuchte er
-den Rechtsanwalt, der die Angelegenheit für den Weggezogenen in Händen
-hatte und nach Verlauf von wenigen Tagen war das Geschäft abgeschlossen.
-
-Starkblom war im Besitz des weißen Hauses und die nächsten Wochen schon
-verwandte er darauf, seine Möbel kommen zu lassen und einige neue zu
-kaufen. Einen Teil der Zimmer richtete er nicht ein, weil er Raum für
-eine Bibliothek lassen wollte. Eine Sammlung erlesener Bilder schwebte
-ihm für die spätere Zukunft vor.
-
-Eine ältere Frau, die er gedungen, sollte ihm kochen und Wirtschaft
-führen.
-
-Am 1. Juli bezog der neue Schloßherr das weiße Haus und er erschrak
-gleich nach den ersten Tagen, sowie er sich angewöhnt hatte, über
-die erbärmliche Beschäftigung mit nichtigem Tand, der er sich in den
-letzten Wochen hingegeben hatte. Das wurde von jetzt ab anders. Nur
-Großes und Tiefes sollte ihm zuschwimmen mit den klaren Wellen des
-Flusses, der am Fuße »seines Berges« langsam und ruhig dahinfloß.
-
-Er bestellte in der Hauptstadt eine große Zahl Bücher, in die er sich
-in den nächsten Wochen vertiefte. Er merkte bald, als er sich mit Liebe
-seinem Studium und seinem Sinnen hingab, daß es besser sei Bücher zu
-haben als eine Bibliothek und noch besser Gedanken als Bücher und noch
-besser Erleben als Denken. An Gedanken mangelte es ihm nicht, und was
-das Erleben anging, nun -- er hatte ein ganzes reiches Leben hinter
-sich und gern vertiefte er sich in seinen Erinnerungen darein als in
-etwas völlig abgeschlossenes.
-
-Er gedachte seines Vaters, dessen Lebensende sich so jammervoll
-gestaltet hatte; gar wohl aber erinnerte er sich noch an seine frühere
-bessere Zeit, wie er als gedankenvoll auf seinem Schusterstühlchen
-saß und mit seinem beschränkten Geiste über tiefe Probleme seine
-Weisheit zum besten gab, eine mürrische, unzufriedene Weisheit, die
-die Farbe der grauschwarzen Wichse an sich hatte, mit der er seine
-Stiefel schmierte ... Dann die Mutter ... an die war nicht viel zu
-erinnern. Das war eine arbeitsame Frau, die ihr Bündel Not und Kummer
-mit Ergebung trug nachts und tags über mit Raunzen und Brummen und
-Schelten. Sie hatte nie viel Zeit für ihre Kinder übrig gehabt und für
-den früh einsamen Karl erst recht nicht. Die rechte Liebe zur Mutter
-hatte er nie kennen gelernt und bemühte sich auch jetzt nicht sie zu
-erwecken. Die große zärtliche Liebe zum Vater war ihm geblieben und
-seiner gedachte er stets mit Wehmut. Glaubte er doch jetzt, wo er
-über alles grübelte und sein eigenes Wesen nach allen Richtungen zu
-zerfasern und aufzudecken suchte, viel von seinem nachdenklichen Geiste
-und seinem ruhigen Äußern geerbt zu haben, abgesehen von den kleinen
-Zügen in Gang und Haltung.
-
-Die Brüder, die noch in Deutschland wohnten, zum Teil ganz in der
-Nähe seines neuen Wohnortes, waren ihm aus dem Gesicht entschwunden
-und er nahm kein Interesse an ihrem Leben. Oft gedachte er mehr mit
-freudiger Dankbarkeit als mit Schmerz des verstorbenen Adam, dessen
-Testament der letzte Anstoß gewesen war zur neuen Blüte seines innern
-Menschen. Er war ein urtüchtiger Mensch gewesen von mächtigem Körper,
-umfassendem Blick für sein Geschäft und großer Energie; dabei soweit es
-anging voll Interesse für geistige Dinge. Aber eigentümlich -- so oft
-seine Gedanken sich Haïti zuwandten, immer war es der schwach umrissene
-Schatten eines Menschen, den er sich bemühte vor sich zu sehen und der
-ihm doch immer wieder nebelhaft zerrann. Sein jüngster Bruder, der
-verschollene Johannes wollte seine Wiedergeburt feiern in seiner Liebe.
-Ihre Wege in der Kindheit waren weit auseinandergegangen, der Sinn des
-Spätgeborenen war vielfach nur äußerlichen Dingen zugewandt gewesen;
-aber Starkblom ging es jetzt auf, was ihm die ganze lange Zeit nie
-eingefallen war: es war ein glänzender, strahlender Geist in diesem
-schmiegsamen Leibe, der da auf Irrwege geraten und vielleicht für immer
-für sich und die Menschen verloren war. Starkblom entsann sich jetzt
-der philosophischen Stunden der Primaner, wo der braunlockige Knabe
-manchmal ins Zimmer gehuscht war und mit mancherlei Ulk und kindischem
-Gethue die furchtbar ernsten Abgrundsgedanken der grübelnden und Pläne
-türmenden Jünglinge gestört hatte, bis er mit einem Mal eine Bemerkung
-dazwischen warf, von der man immer noch nicht recht wußte, war sie
-kindliche Einfalt oder geniale Improvisation. Der wilde Hans -- was
-mochte aus ihm geworden sein? Ob er wohl noch lebte? Starkblom schien
-es, er müsse ein kühner Mann und ein eisklarer Geist geworden sein,
-wenn er nicht gänzlich zu Grunde gegangen; ein Mensch, nach dem er sich
-sehnen konnte in düsteren einsamkeitsschweren Stunden, ob auch schon
-seine Gestalt nur unklar und verschwommen vor ihm schwebte.
-
-Die Erinnerung an sein treues Lorchen rief er selten ins Bewußtsein
-herauf. Desto öfter gedachte er seiner drei Kinder, die so kurz gelebt
-hatten. Eigentliche Liebe für die seltsamen Wesen hatte er seiner Zeit
-kaum empfunden; ja des Knaben dachte er auch jetzt nur mit bitterer
-Empfindung. Aber doch war jetzt ein eigentümliches, der Liebe sehr
-nah verwandtes Gefühl in ihm: er hatte Kinder gehabt! Er könnte jetzt
-ein kluges fünfjähriges Töchterchen haben. Eine leise Sehnsucht nach
-Vaterfreude und Kinderspielen und Erziehungslust regte sich oft in
-ihm. Doch unterdrückte er das immer rasch. Er würde die Erde nie mehr
-bevölkern helfen, das wußte er; so mußte er denn der Menschheit in
-anderer Weise dienen. Er konnte sich Menschen denken, die von vorn
-herein auf Ehe und Kind verzichten und von Jugend auf ihren physischen
-Zeugungstrieb mit mächtiger Energie in einen rein geistigen verwandeln.
-Auch solche erfüllen ihre Pflicht gegen ihr Volk und die Menschheit,
-besser als die gewöhnlichen Väter. Und plötzlich überkam ihn auch da
-ein Grauen vor sich selber. Wie hatte er sich nur je wie ein ganz
-gewöhnlicher Mensch verlieben können und alle die Thorheiten mitmachen?
-Und heiraten? Und -- und? Zeugen? rohesten Sinnengenuß suchen?
-jahrelang? Hatte ich denn das nötig? Durfte ich das? Entsprach das
-meiner wahren Natur? Nein, nein.
-
-O warum hatte er sich denn nur je dem Joch des Eigennutzes und des
-Herkommens gebeugt? Wäre er doch ruhig und ohne nach rechts und links
-zu sehen, seine Bahn vorwärts gegangen, gleichgiltig ob er sein
-Ziel erreichte oder scheiterte! Hätte er sich doch ausgelebt; wäre
-er doch jung geblieben! O diese häßliche gewöhnliche eingeengte
-niederdrückende Zwischenzeit. Konnte er denn noch einholen, was er
-versäumt? Er _mußte_ es einholen; er mußte denken, leben, wirken.
-Vorbild wollte er sein, Prophet ... Erlöser -- War er denn noch jung
-genug? Ja er glaubte an sich, er mußte ja an sich glauben; er wollte
-doch nicht verzweifeln? Er betrachtete sich im Spiegel und lächelte
-sich Mut zu; ja er war noch jung und frisch. Der Glanz seiner braunen
-Augen hatte noch nicht nachgelassen, noch hatte er den sprechenden,
-eindringlichen Zug um den Mund. Wohl waren die Haare an seiner
-hohen energisch vorspringenden etwas plebejischen Stirn ein wenig
-zurückgetreten; aber noch kein graues Haar war zu finden in seinem
-dichten, schwarzen Vollbarte.
-
-Gewiß, gewiß, er war noch nicht zu alt; ihm war noch Frist genug übrig,
-um sein Werk zu vollenden. Und nun suchte er sich zu überzeugen,
-wie vorteilhaft im Grunde das lange Verstummen seiner Weisheit für
-ihn war, für ihn und die Welt, der er das Geschenk seiner Gedanken
-entgegentrug. Wäre damals, noch als er Schüler war, nicht die
-plötzliche Wendung gekommen, die ihn ins Philistertum getrieben
-hatte, was wäre vermutlich aus ihm geworden? Ein frühreifer,
-hitziger, unaufgeklärter Mensch, der seine jünglingshaften Ideen für
-unantastbare Wahrheit genommen hätte, ein intoleranter, fanatischer
-Sklave seiner Erstgeborenen, der seine eigene Zukunft noch vor dem
-Entstehen abgetrieben hätte aus feiger Rücksicht aufs Vergangene,
-aus erbärmlicher Liebe zu irgend einem gehätschelten Erfolg in der
-Gegenwart. Früh, vor der Zeit, hätte er sich verausgabt, und wäre dann
-wenn er sein erstes verheißungsvolles Wort gesprochen, mit leeren
-Händen und Taschen vor der erwartenden Welt dagestanden, die jetzt
-erst das beste hören wollte, was aber hätte er noch geben können? Ein
-besonderes, kaum denkbares Glück wäre es gewesen, wenn er nach langer
-Pause, die jetzt doch hätte kommen müssen, sich wieder gesammelt hätte
-zu neuer Weisheit; aber ob man ihn dann noch hören wollte -- wer hätte
-es wissen können? Nein, nein -- besser in der Jugend gelernt und
-geschwiegen, und geredet als Mann.
-
-Ihn dünkte, er brauche sich jetzt nur sorgsam zu besinnen auf alles,
-was er ohne besonders aufzumerken in seinem Leben gesehen, er brauche
-nur in Zusammenhang zu bringen die Gedanken und Stimmungen, die ihm
-die Jahre her über die Seele gehuscht, und die Weltanschauung, die er
-in seinem Herzen ahnte, stände klar und abgerundet vor seinem Geiste,
-sein Wille sei entschieden und seine Rede für die Menschen dazu. Er
-meinte, dann habe er ausgelernt, es bleibe ihm nur noch übrig, die
-Konsequenzen aus seinem Leben zu ziehen. Erst leben, dann lehren,
-das schien ihm das Motto zu sein für seine Aufgabe, das war die
-Grabschrift, die er sich im voraus verfaßte, und der erste Teil schien
-ihm vollendet. War es die lange Beschäftigung mit der Jurisprudenz,
-die ihm damals noch alles Komplizierte einfach, alles Verwirrte schön
-gesondert, alles Verflochtene auseinandergesträhnt erscheinen ließ, die
-ihn verleitete, den gährenden Most des ungeschiedenen Lebensdranges auf
-die durchsichtigen Flaschen kahler Abstraktionen zu ziehen, vorzeitig
-einzupressen und zuzupfropfen, weil die wilde Lust überzuschäumen, sich
-für einen Augenblick im Verborgenen hielt? Täuschte ihm der äußere
-Anstrich der Geistesruhe einen Gemütsfrieden, eine Herzenskälte vor,
-die er am Ende doch nicht besaß? Wähnte er, sein Wille allein sei
-jung geblieben, sein Geist aber besitze nicht mehr die Triebkraft und
-Verwandlungsfähigkeit der Jugend? Sein Herz sei gefeit gegen neues
-unerhörtes Erleben?
-
-Solche Erwägungen konnten ihm damals nicht ankommen. Kalt und energisch
-sammelte er seine zerstreuten Erfahrungen und Ideen, um dann unter die
-Menschen zu treten und zu zeigen, was er war und wußte und wollte.
-Vorderhand führte er wirklich nur ein reines Leben im Geiste, das ganz
-unabhängig war von seinem völlig gleichmäßig verlaufenden einsamen
-Leben nach außen.
-
-Immer auf sein bisheriges Leben zurückschauend, ließ er seine
-Weltanschauung sich weiter entwickeln, und lebte nur, um eben nicht zu
-sterben.
-
-Manchmal aber hatte er Augenblicke, und sie kamen häufiger von Woche zu
-Woche, wo es ihm ganz grotesk und ungeheuerlich vorkam, daß er etwas
-besonderes sein wolle, daß er jetzt, wo er sich dem Alter näherte, sich
-über seine bescheidene Stellung erheben wollte, erheben über alle die
-anderen Mitmenschen. War er denn wirklich mehr als andere? Und wenn
-auch -- wozu denn das alles? Was wollte er denn? Hatte er denn etwas zu
-sagen? Wäre es nicht besser, die Menschen zu lassen wie sie sind? Was
-ging ihn schließlich das alles an? In Ruhe und Zurückgezogenheit wollte
-er seinen Gedanken leben, und sich langsam dem Tode entgegengrübeln.
-Er war doch kein Weltverbesserer, war nicht geschaffen für das
-Auftreten in der Öffentlichkeit.
-
-Denn schließlich -- was war denn diese Welt? War denn da noch etwas
-zu bessern, oder auch nur zu ändern? Er lebte sich tiefer und tiefer
-ein in das metaphysische Gespinnst, seine Gedanken schienen ihm bald
-das einzig Wahre, die Welt war das Produkt seiner Sinne und seines
-Bewußtseins überhaupt. Lohnte es sich denn, an solchem trügerischen
-Schein ändern zu wollen, in eiteln Traum Vernunft zu bringen, die
-Gestalt einer Seifenblase zu verbessern? Die Formen mochten wechseln,
-der innerste Kern der Welt blieb doch derselbe und war unabänderlich.
-
-Dann aber kam wieder neuer Zweifel über ihn: war es denn nicht
-verwegenste Überhebung, alles für Trug erklären zu wollen, nur damit
-seine Gedankenwelt wahr bleibe? Wäre es nicht bescheidener, die Welt
-vorerst zu lassen wie sie ist und an der Richtigkeit seines eigenen
-Denkens zu zweifeln?
-
-So bohrte er sich gewaltsam tiefer und tiefer in Unzufriedenheit
-hinein und raubte sich vollends den Rest von Naivität und unfragsamer
-Lebensfreude, den er noch bis dahin besessen hatte. Schließlich
-hatte er oft Momente, wo ihm diese ganze Grübelei als dilettantische
-oberflächliche unersprießliche Kindereien erschien, hauptsächlich
-dem Bedürfnis entsprungen, einen Vorwand für seine Weltfremdheit und
-Beobachtungsfaulheit zu haben.
-
-Ja, was wollte er denn auch noch in der Welt? So fragte er bald
-entschlossen. Mochten die anderen dahinleben, ohne zu fragen, mochten
-sie die Arbeit für ihren vom Weltenschöpfer gesetzten Lebenszweck
-halten und handwerksmäßig in engem Stall dahinvegetieren, bis sie
-starben -- was lag ihm daran? Er empfand mehr und mehr einen tiefen
-Ekel vor bürgerlichem Beruf, vor unbewußtem dämmerhaftem Leben, vor
-Leuten, die nicht die Zeit hatten zu fragen, wozu?
-
-Bald hatte er jetzt ganze Tage, an denen ihm alles lächerlich, fast
-verrückt vorkam. Wenn er gemächlich spazieren ging, halb nachdenkend,
-halb seine Sinne der Welt öffnend, mußte er sich immer wieder fragen:
-wozu denn aber in Drei-Teufels Namen das alles? Da rennen sie und
-hasten sie und alle arbeiten sie drauf los und einer verdrängt
-eifersüchtig den andern; zu welchem Zweck denn? was haben sie denn
-Großes vor Augen? haben sie sich denn überhaupt ein Ziel gesteckt?
-Hat auch nur jeder ein besonderes Ideal, das er heiß begehrt zu
-erreichen, oder arbeitet gar alles in schön verteilten Rollen auf
-einen Punkt hin? Von alledem schien ihm keine Rede zu sein. »Machen
-sie sich gar was vor?« murmelte er einmal vor sich hin, als er an
-einem Steinbruch vorbeikam, wo alles eifrig bei der Arbeit war. »Mir
-scheint wahrhaftig, das ist eine bunte Komödie, das alles! Wen wollen
-sie wohl täuschen?« Und so grübelte er weiter. Natürlich, jeder wollte
-dem andern vormachen, er habe ein Ziel, er wisse, wofür er arbeite, und
-jeder that, als glaube er dem andern. Dann kam er am Friedhof vorbei
-und da fiel ihm noch ein neues ein. Sich selber täuschten sie auch,
-und das war wohl die Hauptsache. Der Tod, der war es, der bestimmte
-ihr ganzes Leben, das was sie Leben nannten. Jeder machte möglichst
-viel Lärm, um sich nicht ans Sterben zu erinnern, und alle hegten wohl
-insgeheim die Hoffnung, an ihn komme die Reihe nicht, er brauche nicht
-ins Gras beißen. Und weil sie sich das doch nicht recht glaubten,
-betäubten sie sich durch lächerliche, ganz überflüssige Beschäftigung,
-und das nannten sie dann »leben«. War das nicht zum wahnsinnig werden?
-Wenn sie einsähen, daß alle ihre Arbeit ganz und gar überflüssig wäre,
-wenn sie sich zugeständen, es sei nicht der mindeste Zweifel erlaubt,
-daß sie alle mit einander, einer nach dem andern, sterben müßten,
-dann würden sie wohl ihr Maschinengerassel zur Ruhe bringen und ihr
-Handwerkszeug, die Requisiten der großartigen Komödie, unberührt an die
-Wand lehnen und -- ja, wie denn? War es denn nicht überhaupt ungeheuer
-gleichgiltig, ob man jetzt stirbt, oder in zehn, zwanzig, fünfzig,
-siebzig Jahren? War denn die Zeit überhaupt etwas, das ernstlich in
-Betracht kam? Nein, nein. Nicht im mindesten. So viel er sich auch den
-Kopf zerbrach, er fand keinen andern Lebenszweck, als den Tod; auf den
-lief alles hinaus. Eine lächerliche Einrichtung in dieser verrückten
-Welt allerdings, daß man geboren wurde, um zu sterben, nur um zu
-sterben. Aber es war nun doch einmal so, und das beste mußte wohl sein,
-sich damit abzufinden und diese Erkenntnis zu verbreiten, damit jeder,
-der das eingesehen, möglichst rasch sein Ziel erreiche und stürbe.
-
-Oder war es doch nicht so? War es ein ungeheurer Irrtum, eine
-großartige Stumpfheit seines Geistes, daß er, so lange er auch
-sein Hirn zermarterte, keinen andern Lebenszweck ausfindig machen
-konnte? Darüber mußte er sich eigentlich vergewissern. Er war doch
-nicht der einzig Vernünftige unter den Lebenden, aber er hatte doch
-noch keinen gefunden, dem diese schauerliche Einsicht so klar, so
-selbstverständlich und unabänderlich gewesen wäre. Er mußte sich doch
-erkundigen, was die andern eigentlich vom Leben hielten. »Was dünket
-euch vom Leben?« Er meinte, mit dieser Frage jeden Menschen überfallen
-zu sollen, den er antraf. Er blickte, wenn er in der Stadt war, den
-Leuten, die ihm begegneten, prüfend ins Gesicht, ob da wohl ihre
-Gedanken über ihr eigenes Dasein zu lesen wären, aber er fand nichts
-dergleichen. Ihre Mienen deuteten immer nur auf lächerliche täuschende
-Kleinigkeiten, Essen, Schlafen, Trinken, Spazierenfahren, Kirchengehen,
-Theaterbesuchen, Holz hauen, Kohlen fahren, Kessel heizen, Schuhe
-flicken, Hemden nähen, Strümpfe stricken, Kinder unterrichten, Gemüse
-kaufen, Waaren verkaufen, Wechsel einlösen, Häuser bauen, Steuern
-einziehen, Soldaten drillen, Gesetze machen, Reden halten -- immer
-und immer nur die Maske, der Schein, die Comödie; nirgends, auf
-keinem Gesicht zu lesen das Ziel, die Sehnsucht nach dem Ziel, die
-Verzweiflung. Waren sie alle Narren und er der einzig Vernünftige; oder
-waren sie alle klug und er ein wahnsinniger Thor? Das hätte er gerne
-herausgebracht.
-
-Diese Richtung hatten seine Gedanken genommen während der ersten Monate
-seines Aufenthaltes in dem weißen Hause. Die beschauliche Kälte seines
-Geistes war rasch von ihm gewichen, nachdem er sich erst wieder tiefer
-mit der Frau Welt und ihrer Weisheit eingelassen; eine unruhige,
-oft leidenschaftlicher Verzweiflung nahe Gemütsverfassung war Herr
-über ihn geworden. Das war besonders begünstigt worden durch seine
-gänzliche freiwillige Vereinsamung. Er hatte niemanden aufgesucht und
-Gelegenheiten vermieden, wo er hätte flüchtige Bekannte treffen oder
-neue Menschen finden können.
-
-Jetzt, wo ihn eine Ahnung überkam, es könne ihm nicht schaden, wieder
-unter Menschen zu kommen, nun wo alles in ihm ins Wanken geraten war
-und er Genossen brauchte, die ihn stärkten und fortführten in anderes
-freundliches Gebiet des Denkens, brachte ihn der Zufall mit einem
-Freunde aus seinen ersten Jugendjahren zusammen, den er längst völlig
-aus den Augen verloren hatte.
-
-Es war in den ersten Tagen des August, an einem schönen Nachmittag. Er
-hatte sich in die düstern Canzonen des Leopardi versenkt. Da brachte
-ihm die Haushälterin eine Visitenkarte. Der Herr warte außen, ob
-Herr Doctor zu sprechen sei. »Robert Wangaus, Fabrikant,« stand auf
-der Karte. Wangaus -- Robert Wangaus -- er mußte sich wirklich einen
-Augenblick besinnen. Dann schämte er sich, daß es ihm nicht gleich
-eingefallen war, wer den Namen trug, und daß er seit Jahrzehnten
-nicht mehr an ihn gedacht hatte. Ich lasse bitten, ich lasse bitten,
-antwortete er der Frau. Er war wirklich froh, einen Bekannten nach
-so langer Zeit wieder zu sehen, einen Freund aus seiner frühesten
-Jugend. So so, der war Fabrikant geworden. Also auch ein Berufsmensch,
-wie er selbst noch bis vor Kurzem. Ja ja, das war vorauszusehen.
-Er war begierig, wie er nun war. Es war einer von seinen intimen
-philosophischen Freunden gewesen, der Wangaus, ein kühner,
-phantasievoller Knabe.
-
-Ein dicker Herr mit glatt rasirter Miene trat ins Zimmer, legte seinen
-Seidenhut auf einen Stuhl an der Thür und die rothbraunen Handschuhe
-darauf. Dann ging er auf Starkblom zu, der aufgestanden und ihm
-entgegengetreten war.
-
-»Ich habe mich also nicht geirrt, Herr Landgerichtsrat, ich erkenne in
-Ihnen --«
-
-»Aber Wangaus,« unterbrach ihn Starkblom, »natürlich bin ich der Karl
-Starkblom, wie Du der Robert Wangaus. Das freut mich recht. Bitte setz
-dich doch. Wir wollen doch das alte Du beibehalten, meinst du nicht?
-Wie ging dir’s denn immer? Du bist Fabrikant? Wohnst du hier? Bist du
-verheiratet? Bitte setz dich doch.«
-
-In der nun folgenden Unterredung ergab sich, daß Wangaus Besitzer einer
-Goldwaarenfabrik am Orte war und mit seiner Familie -- er war seit
-Jahren verheiratet -- in der Stadt lebte. Er hatte schon vor mehreren
-Wochen von der Anwesenheit Starkbloms gehört, habe eigentlich gleich
-gewußt, daß er ein alter Bekannter vom Gymnasium her sei, habe auch
-schon früher kommen wollen, aber wie das nun so gehe, es habe sich eben
-verzögert, er komme zu nichts mehr, die Geschäfte, die Geschäfte, die
-Geschäfte --
-
-»Ja ja, die Geschäfte,« wiederholte er noch einmal, indem er bedächtig
-ein paar Haare am Rande seiner Glatze zurecht legte. »Sie, Herr --
-entschuldige, ich muß mich erst wieder daran gewöhnen -- du hast’s nun
-freilich gut. Das heißt, offen gesagt, ich wüßte nicht, was ich den
-ganzen lieben langen Tag treiben soll, wenn ich meine Arbeit nicht
-hätte.«
-
-»Seit wann hast du denn das zu deinem Lebensberuf gemacht?«
-
-»Wie?«
-
-»Ich meine, seit wann du die Welt mit deinen Schmuckwaaren beglückst?«
-
-»Erlaube, das ist nun eigentlich nicht ganz richtig ausgedrückt. Ich
-fabricire nicht eigentlich Schmuckgegenstände; -- ich weiß nicht, hast
-du eigentlich die Entwicklung unserer Industrie genauer verfolgt? Sie
-hat einen riesigen Aufschwung genommen. Wenn du die Sache nicht studirt
-hast, kann ich dir’s nicht in Kürze erklären. Die Sache ist die, daß
-wir nur eine bestimmte Art Gold herstellen, wie es die Schmuckfabriken
-zu weiterer Verarbeitung gebrauchen. Es ist da eine kolossale
-Arbeitsteilung eingetreten; der ganze Verarbeitungsproceß hat sich
-mechanisirt; überhaupt, wenn ich einmal Zeit finde, mich theoretischer
-Betrachtung hinzugeben, die Entwicklung der modernen Industrie zu
-betrachten, werde ich nicht müde. Das ist etwas herrliches; einfach
-großartig! Wie alles sich zum Ganzen webt, eins in dem andern --«
-
-Starkblom unterbrach ihn durch ein feines, spöttisches Lächeln.
-
-»O, du solltest nicht lächeln, daß ich Poesie citire. Ich bin freilich
-ein Geschäftsmann, habe wenig Zeit, aber man steht doch sozusagen immer
-noch unter dem Bann seiner Jugendduselei, und wenn ich Zeit hätte, ich
-würde wahrhaftig heute noch manchmal etwas von Goethe und Schiller
-lesen.«
-
-»Ins Theater gehst du aber doch öfter?«
-
-»Ins Theater? Ja freilich, ja freilich. Das heißt -- meine Frau ist
-abonnirt, und wenn sie gerade keine Zeit hat oder auch keine Lust -- du
-verstehst --«
-
-»Jawohl, jawohl. Nun, da wird wohl Goethe und Schiller öfters an dich
-kommen?«
-
-»Du meinst, meine Frau? -- Ja allerdings. Aber doch nicht. Da gehen die
-Kinder herein. Klassische Stücke sind für die Kinder. Meinst du nicht
-auch?«
-
-»Hm, ja -- weißt du, wir wollen lieber erst gar nicht anfangen, darüber
-zu streiten. Ich fürchte, ich stehe da auf einem so ganz, ganz anderen
-Standpunkt, wie du.«
-
-»So, wie du willst; das ist leicht möglich. Sag einmal, hast du
-eigentlich Kinder?«
-
-»Nein.«
-
-»Auch nie welche gehabt?«
-
-»Gehabt? nein. Nur zu haben versucht. Drei. Das zweite überlegte sich’s
-drei Monate lang, ob es leben wollte, entschied sich dann aber auch
-für’s Gegenteil.«
-
-»Das ist hart.«
-
-»Nein. Es ist nicht hart. Oder meinst du wirklich? Wieso eigentlich
-hart?«
-
-»Na, das ist aber doch nicht dein Ernst. Das ist doch
-selbstverständlich.«
-
-»Daß der Mensch stirbt, früher oder später? Ja, _das_ ist allerdings
-selbstverständlich.«
-
-»Ja, aber es ist doch wahrhaftig ein Unterschied, ob ein kleines Kind
-stirbt oder ein Mann, der seine Lebensarbeit hinter sich hat. Das ist
-doch klar.«
-
-»Merkwürdig -- euch ist alles selbstverständlich und klar, was mir
-heute zweifelhafter als je ist. Lebensarbeit, Lebensarbeit. Was ist
-denn das? Ehrlich gesagt, was ist denn nun deine Lebensarbeit?«
-
-»Gott stellt jeden auf den Platz, den er einnehmen muß. Es ist keine
-Arbeit vergebens. Wenn ich auch nur verschwindend wenig der Menschheit
-nütze, ein bischen ist’s immerhin und ich erhalte Weib und Kinder. Das
-ist _meine_ Philosophie.«
-
-»Meine ist’s nicht,« sagte Starkblom sehr ernst, indem er aufstand und
-hin und herging. »Ganz abgesehen von Gott, der, scheint’s, heutzutage
-nur noch zwei Zwecken dient.«
-
-»Und die wären?«
-
-»Erstens zur Ausrede und zweitens, vernünftige Menschen nervös zu
-machen. Gott stellt jeden auf seine Stelle! Haha! -- Übrigens hast du
-in deiner Jugend auch anders gesprochen.«
-
-»Nun, du hast doch diese Jugendtorheiten auch längst hinter dir. Man
-wird gesetzter. Übrigens ist’s dir wohl nicht ganz Ernst mit alledem.
-Ich erfülle als Fabrikant meine Pflicht so gut wie du als Richter --
-und erfülle sie heute noch.«
-
-»Pflicht, Pflicht. Gegen wen denn Pflicht?«
-
-»Das weiß doch jeder. Wozu solche Dinge fragen?«
-
-»Warum nicht fragen? Nochmals -- Pflicht gegen wen?«
-
-»Nun, gegen die Mitmenschen.«
-
-»Wirklich? Wann kam dir denn der Ruf?«
-
-»Wie?«
-
-»Wieso empfandest du denn das unwiderstehliche Bedürfnis, die
-Menschheit mit Schmuckwaaren, nicht doch, mit Gold einer bestimmten Art
-zu versorgen?«
-
-»Ach, das läßt sich doch nicht so einfach sagen. Das sind sehr
-verwickelte Verhältnisse. Du als Jurist mußt das doch wissen, besser
-als ich. Nationalökonomie hast du ja doch jedenfalls studirt.«
-
-»Ich studire sie sogar noch. Aber trotzdem --«
-
-»Na, siehst du. Und übrigens -- in die Wiege gelegt wurde dir wohl auch
-kaum die Bestimmung, Richter zu werden.«
-
-»Da hast du _sehr_ recht. Das darfst du mir vorwerfen. Du weißt aber
-auch, daß ich’s jetzt nicht mehr bin.«
-
-»Ja allerdings. Du hast’s eben nicht mehr nötig. Glücklicher.«
-
-»Du irrst. Das war nicht mein Grund. Mein _Grund_ nicht.«
-
-Jetzt war das Lächeln an Wangaus.
-
-»Na, na. Täusche dich nicht selbst. Hätte ich so eine Erbschaft gemacht
--- überhaupt, wer hätte nicht so gehandelt an deiner Stelle?«
-
-»Ja wo bleibt denn da der Beruf und die göttliche Bestimmung? So
-sagtest du doch?«
-
-»Nun, nun -- das schließt nicht aus, daß man sich im Alter zur Ruhe
-setzt. Wenn man’s kann, natürlich.«
-
-»So alt bin ich noch nicht. Im Gegenteil -- meine Arbeit fängt jetzt
-erst an.«
-
-»So?«
-
-»Ja allerdings. -- Das Philosophieren hast du also gänzlich
-aufgesteckt?«
-
-»Das kannst du dir doch wohl denken. Wozu auch, selbst wenn ich Zeit
-hätte? Das führt ja doch zu nichts.«
-
-»So? Na, ich weiß nicht. -- Ich will jedenfalls jetzt auch
-versuchen --«
-
-Er hielt inne.
-
-»Nun?«
-
-»Ich meine, ich werde jetzt erst beginnen zu arbeiten, wie gesagt. Ich
-will auch Gold fabriciren.«
-
-»Was? Das ist doch kaum dein Ernst. Die Branche liegt jetzt sehr
-darnieder. Leider.«
-
-»Ich mein’s natürlich nur bildlich. Dir werde ich keine Concurrenz
-machen.«
-
-»Nun, die Firma Wangaus u. Co. hätte das kaum zu fürchten. Bildlich?
-Das verstehe ich nicht.«
-
-»Ja, anders kann ich’s kaum ausdrücken. Mein Beruf ist denken und
-aufklären.«
-
-Wangaus schaute sich im Zimmer um und gewahrte die vielen zerstreut da
-liegenden Bücher.
-
-»Ach so, du willst schriftstellern? Bücher besprechen, alte Meinungen
-umstoßen, neue aufstellen? Dazu wünsche ich dir von Herzen Glück. Dazu
-hast du jedenfalls Talent. Da kannst du dir bald einen Namen machen.
-Oder willst du pseudonym schreiben?«
-
-»Nein. Das jedenfalls nicht. Überhaupt, ob’s auf’s Schriftstellern
-hinaus läuft, das weiß ich auch noch nicht. Ich bin kein sonderlicher
-Freund von Papier. Das ist alles noch ganz unbestimmt, übrigens auch
-ziemlich gleichgiltig. Auf’s Wirken kommt mir’s an, in welcher Weise,
-das wird sich schon finden.«
-
-»Jawohl, freilich, es giebt ja auch noch andere Wege. Die
-kaufmännischen Vereine veranstalteten ja jetzt überall populäre
-Vorträge. Wenn du das willst, ich bin im Vorstand des hiesigen, da
-könnte ich dir behilflich sein im nächsten Winter.«
-
-»Danke, danke, ich glaube kaum, daß mir das passen wird.«
-
-»Oder bist du ein großer Politiker geworden? Willst dich um ein
-Reichstagsmandat bewerben? Dir stehen ja jetzt alle Wege offen.«
-
-»Auch dazu werde ich wohl kaum je den Trieb in mir fühlen. Wie gesagt,
-das wird sich finden. Ich bin noch nicht so weit, das entscheiden zu
-können, aber bald, hoff’ ich.«
-
-Wangaus stand auf.
-
-»Soso. Na, jedenfalls freut’s mich, dich so wohl getroffen zu haben.
-Kann leider nicht länger bleiben. Das Geschäft ruft, das Geschäft. ’s
-ist verdammt weit zu dir heraus. Bitte, besuch mich bald. Du wirst ja
-wohl den Weg zu mir finden.«
-
-Damit nahm er seine Handschuhe und den Cylinderhut und ging nach den
-üblichen Abschiedsredensarten. Als er die Treppe hinunterstieg, dachte
-er:
-
-»Wahrhaftig, er ist noch der alte unklare Strudelkopf. Nicht im
-mindesten hat er sich verändert. Kaum glaublich, daß der’s zum
-Landgerichtsrat gebracht hat.«
-
-Starkblom aber ließ zunächst alles persönliche beiseite, ihm war
-gegen Ende des Gesprächs eine psychologische Wahrnehmung aufgestoßen,
-die er schnell ein wenig weiter verfolgen mußte. Merkwürdig, ganz
-merkwürdig, wie zwei Menschen, die im Grunde gar nichts mehr mit
-einander zu thun haben, zusammen reden können, obwohl ihre Naturen so
-gänzlich verschieden sind, daß der eine immer den andern mißverstehen
-muß. Und das nennt man dann Unterhaltung! Er sprach von Aufklärung
-und Wirksamkeit, Wangaus antwortete mit einer Bemerkung über
-Schriftstellern und die kaufmännischen Vereine, er deutete seine
-Sehnsucht an, seine Natur auszuleben, Wangaus dachte an Ehrgeiz und
-Ruhmbegierde. Und schließlich ging dieser gute Philister noch weiter
-als er selbst, er fragte leidenschaftlich: wozu? und jener antwortete
-mit behäbiger Ruhe: wozu wozu? Und hatte er am Ende recht? Wozu sich
-quälen? Doch nicht nur, um sich eben zu quälen? Doch nicht blos,
-weil er nichts anderes zu thun hatte? Wangaus hielt seine Arbeit für
-ernsten Lebensberuf, die Grübelei verachtete er als unnützen werthlosen
-Luxus; er selbst aber verachtete die geistlose Arbeit, die aus bloßer
-Gewöhnung hervorging und keinem vernünftigen Zweck diente, keinem
-festgesteckten Ziele zustrebte, er hielt das Einbohren in das Denken
-für’s höchste. Wer war der Narr? Leicht beide?
-
-Er hatte gute Lust, nach diesem seltsamen Zusammentreffen mit einem
-seiner liebsten Freunde aus der Knabenzeit sich noch mehr abzusondern
-von den Menschen und sich in seiner Einsamkeit zu begraben. Er wurde
-nicht begriffen von diesen Menschen und ihm fehlte auch das Verständnis
-für ein Leben, wie sie es führten. Hinaus aus dieser Erbärmlichkeit
-sehnte er sich, und weg wollte er auch, weit weg von seinem eigenen
-selbstmörderischen Grübeln. Er brauchte einen andern Umgang, ihn
-ekelten diese Menschen, und ihn ekelten seine eigenen Gedanken. --
-Er dachte im Ernst daran, sich einen großen edeln verständigen Hund
-anzuschaffen. Dann aber versuchte er es doch noch einmal mit etwas
-menschlichem. Er flüchtete nach Arkadien, ins Reich der reinen Formen,
-ins Land der Kunst. Die nächsten Tage versenkte er sich in die edelsten
-Dichtungen, die in deutscher Sprache geschaffen sind: er las Goethes
-Iphigenie, Partien aus dem 2. Teil Faust, Pandora. Als er nach diesem
-erlesenen Genuß zu Schillers Braut von Messina kam, klappte er das Buch
-nach wenigen Minuten schon angewidert zu: selbst diese Kost war ihm zu
-grob geworden, zu menschlich ordinär. Auch Schopenhauer konnte er nicht
-mehr lesen, der war ihm jetzt wie ein wildes gieriges Tier in enger
-stinkender Menageriezelle, das nicht durfte, wie es wollte. Selbst
-Leopardi war ihm zu unfein.
-
-So hütete er sich denn von da an, mit Menschen und Büchern und
-Einfällen zusammen zu stoßen, die ihn hätten aus seiner Gemütsruhe
-reißen können, in die er sich mit Gewalt hineinzwang. Nur nichts
-unangenehmes, nichts gewaltsames, nichts aufregendes. Vielleicht
-später ... später ... jetzt wollte er Ruhe. Er ging früh zu Bett
-und stand spät auf. Dann ein langsames Frühstück, während dem die
-Morgenträume sich weiterspannen und langsam verwehten. Darauf ein
-kleiner Spaziergang durch den Tannenwald, bei dem er nichts dachte.
-Dann las er: Goethe, Spinoza, Platon, Ranke. Altes, Weisheitsvolles,
-Greisenhaftes war ihm das liebste. Daneben auch mystische Romantik
-und Heiterkindliches: Brentano’s Rosenkranz, Arnim, Eichendorff, Jean
-Paul, Gottfried Keller. So trieb er es wochenlang, monatelang. Dieses
-oberflächliche Wohlleben mit der scheinbaren Vergnüglichkeit, während
-innen kaum bewußt etwas in ihm fraß und zur Oberfläche sich langsam
-empornagte, hatte etwas bänglich -- entsetzliches an sich. Und weiter
-ist demnach vorerst nichts über ihn zu vermelden.
-
- ❦
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-Zweiter Abschnitt.
-
-
-Solche Menschen, die ähnlich Karl Starkblom, freilich selten so heftig
-von einem Trieb in den andern geschleudert, von einer Verzweiflung der
-andern geraubt, früher oder später mit unabwendbarer Bestimmtheit sich
-aus der menschlichen Gesellschaft in die Einsamkeit hineinstahlen, gab
-es damals in Europa eine kleine Schaar, die nichts von einander wußte
-und nichts von einander wollte, die keinen Verein bildete und keine
-Partei, deren Ekel zu groß und deren Glaube zu schwächlich war, um in
-der Gegenwart etwas zu lieben und von der Zukunft viel zu erhoffen. Ab
-und zu tötete sich einer von ihnen, und den andern fuhr es durch die
-Glieder und sie ehrten den unbekannten Toten, indem sie sich fragten,
-worauf sie selbst eigentlich warteten mit dem Sterben.
-
-Doch das waren nur ganz vereinzelte Erscheinungen, halb oder ganz
-verrückte Sonderlinge ohne Gefahr, die die Welt nicht weiter
-beachtete; ihretwegen hätte sie ruhig und unbesorgt ihren mäßigen
-Pflichten und bescheidenen Genüssen nachkommen können. Aber von
-ganz entgegengesetzter Seite her war inzwischen eine neue Lehre so
-gewaltig in die Massen der Völker hineingedrungen oder aus ihnen heraus
-entsprungen, man wußte es nicht recht, daß vorschauende Politiker eine
-große Revolution ahnten, manche philosophische Historiker aber die
-Zeichen einer mächtigen religiösen Volksbewegung erblicken wollten. Die
-_internationale Socialdemokratie_ war eine Weltmacht geworden, mit der
-der größte Staatsmann und der kleinste Dorfpfarrer rechnen mußte.
-
-Am mächtigsten gefördert worden war das riesenhafte Wachstum des
-Sozialismus durch die Kläglichkeit des europäischen Bürgertums, wie
-es sich nach der französischen Revolution entwickelt hatte. Das harte
-gute Gewissen des Mächtigen und Reichen war nunmehr für immer dahin,
-nunmehr wurden so viele Freiheiten und Rechte von der Gesammtheit als
-ewige unantastbare Menschenrechte anerkannt, daß jene erbärmliche
-Gesellschaft aus dem Widerstreit der überlieferten Verhältnisse,
-deren Früchte sie genoß, und der ihr vererbten Freiheits- und
-Gleichheitsideen nicht mehr herauskam. Fortwährend wurden sie gepeinigt
-von dem bösen Gewissen, sich mit dem Blut der Armen zu nähren und auf
-den Leibern des Proletariats Paläste zu bauen, mit zitternden Händen
-und schielenden Blicken scharrten sie Genüsse zusammen, sie steckten
-den Kopf in den Sand und warfen mit Phrasen um sich, zur Brutalität
-hatten sie keinen Mut und zur Entsagung keinen Gedanken.
-
-Der Liberalismus war damals aufgekommen und die Verpönung aller
-Gewaltsamkeit, und eine dilettantische Moral machte sich breiter als
-je zuvor. In keiner Zeit war die Lehre und das Leben in einem so
-kläglichen Gegensatz gestanden, aber sie glaubten an ihre Lehre und an
-ihr Leben und ließen sich’s wohl sein, so gut es gehen wollte; denn
-niemals kam ihnen ein Zweifel an dem, was beides so merkwürdig verband,
-an ihrer Moral.
-
-Diese chaotische anarchische Zeit war so recht das fruchtbare Mistbeet,
-dem wunderbare, unerhörte Erscheinungen entsprießen konnten. Das
-war die Zeit, wo alle Richtungen, die je nach langer, bedächtiger
-Vorbereitung auf Erden erwachsen waren, von frischem erstanden und
-angepriesen wurden als neue erlösende Wahrheiten, wo ein neuer Glaube
-schneller wieder weggelegt wurde als ein unmodernes Gewand, das war die
-späte Zeit, in der alles Frühe und Ungegorene gierig geschlürft wurde.
-
-Damals berührten sich in der That die Extreme, und die Stärksten und
-die Schwächsten fanden sich zusammen im Ekel und in der Resignation.
-Damals pries in Rußland ein Graf und Philosoph die segnende Macht der
-körperlichen Arbeit und entsagte seiner gesellschaftlichen Stellung
-und ward Bauer und Schuhmacher; und zu gleicher Zeit war der deutsche
-Schuhmacherssohn, der Schloßherr vom weißen Hause, nahe daran, die
-Arbeit zu verhöhnen. Und doch gehörten diese beiden einsamen Prediger,
-denen der Ekel gemeinsam war, zusammen.
-
-Diese Vereinzelten waren übersatt und schlichen sich weg vom Tische
-des Bürgertums; in der Socialdemokratie aber erstand eine organisierte
-Masse von Hungrigen. Stürmisch begehrten die Arbeiter Einlaß in die
-Paläste des Geistes. Diese Schaaren von zielbewußten Kämpfern boten
-ein Bild, wie es niemals dagewesen war. Es war in diesen Köpfen eine
-merkwürdige Mischung von Phantasie und Nüchternheit, von Leidenschaft
-und Zurückhaltung, von Glauben und Skepsis, von Aufschwung und Bedacht.
-Sie hatten die Gefahr der schönen Worte erkannt und hüteten sich meist
-ängstlich vor ihnen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit -- was war
-geworden aus diesem berauschenden Kampfruf der Revolution? Freiheit?
-Nie war ein schönes Wort schnöder mißbraucht worden. Ja freilich, die
-Wahl stand ihnen völlig frei, nach den Bedingungen des Kapitalismus
-zu arbeiten, oder zu verhungern und zu vertieren. Kein Zwang wurde
-ausgeübt, niemand beeinträchtigte ihre persönliche Freiheit. Und
-Gleichheit -- nun allerdings, sie waren eine im wesentlichen gleiche
-proletarische Masse geworden. Aber die Brüderlichkeit, die mußten
-sie selbst dazuthun, an die hatte man nicht mehr gedacht, und sie
-wollte nun empor in der Socialdemokratie. Arbeiter aller Länder
-vereinigt euch! Dieser Ruf zog durch die ganze Welt und rüttelte die
-Unterdrückten auf und verband sie zu gleichem Zwecke; zur Befreiung
-der Menschheit von der anarchischen Waarenproduction und Circulation,
-zur communistischen Herstellung und Distribution der Bedürfnisse, zur
-Vernichtung des blinden Egoismus; zur Zertrümmerung der nationalen
-Gegensätze; zur Herstellung einer wirklichen Menschheit und
-Menschlichkeit.
-
- * * * * *
-
-Karl Starkblom hatte, als er damals in neu aufflammender jugendlicher
-Begeisterung ein Ziel vor sich hatte erstehen sehen, als er sich
-dann vorbereitete zu seinem Wirken unter den Menschen, auch manche
-sozialistische Schriften, vor allem das Hauptwerk des Karl Marx,
-ziemlich gründlich studirt. Dann aber war der neue Mensch in ihm
-emporgekommen, der so lange geschlummert, der ungestüme Frager und
-Peiniger, der Befriedigung wollte für sich selbst und seine unbestimmte
-Sehnsucht, der an alles herantrat mit der Frage: wozu? warum so?
-warum nicht anders? was soll werden? So konnte ihm, der sich selber
-auszuleben gedachte, und doch sich selber nicht ergründen konnte,
-ihm, der nicht wußte, was der Mensch sei, der Sozialismus, der die
-armseligen Proletarier zu Menschen machen wollte, damals keine
-abschließende Weltanschauung bieten. So hatte er sich schließlich
-vor allem Grübeln und Verzweifeln, vor dem hastigen Suchen einer
-neuen Welt, in den Bereich einer alten fertigen toten Kunst und
-Weltanschauung zurückgezogen, um vorerst Ruhe zu haben, Ruhe um
-jeden Preis. Manch anderer wäre endlich nach so vielfacher innerer
-Gährung dabei geblieben, und wie der junge Schwärmer Karl sich in
-die Beamtenlaufbahn einfriedete, war der Mann nahe daran, sich unter
-der schützenden Decke einer vereinsamten und versteinerten Cultur
-zu begraben. Aber es lebte etwas Unsagbares in dem Manne, das immer
-wieder sich aufbäumte gegen den ruhsüchtigen Quietismus und die
-Selbstbetäubung des Schuhmacherssohnes; etwas robust in die Höhe
-Strebendes und Mitteilsames; dasselbe was den verstorbenen Adam nach
-Haïti, Johannes in die weite Welt gezogen hatte. Sein Geist arbeitete
-zu rasch, als daß sein Wille immer gleich mitkommen konnte; daher sein
-Abspannen und scheues Reifenlassen, sein willkürliches Abbrechen und
-Vereinsamen des Denkens. Er war ein sehniger Mann von langem Leben und
-hatte Zeit; das schlummerte unbewußt hinter all seinem Thun und Lassen.
-
-So war es denn allmählich so weit gekommen, daß ihn diese beschauliche
-Ängstlichkeit seines Lebens, diese Zurückgezogenheit und dieses
-Traumgedämmer anfing zu langweilen. Seine Seele rankte sich langsam
-wieder ins Leben hinaus und horchte, was draußen vorging und tastete
-vorsichtig nach Stützpunkten, um in frischer Öffentlichkeit und mitten
-unter den Menschen sich festzulegen und doch ihre Ruhe zu bewahren. Er
-ahnte, es könne auch in ihm noch eine Heiterkeit leben und vielleicht
-auch ein Glaube. Er hatte die Gescheitheit und Gebundenheit seines
-Lebens satt und rüstete sich zu fröhlicher Dummheit und Hingerissenheit.
-
-Es war an einem wunderschönen, durchsichtigen Wintertage, als sich mehr
-wie je wieder etwas wie Frische und Mut und zartkeimende Lebenslust bei
-ihm einstellte, und wer weiß, woher ihm der Gedanke angeflogen war,
-er suchte unter allerlei Gerümpel ein Paar altmodische Schlittschuhe
-vor, die er seit langen Jahren nicht mehr an den Füßen gehabt, und
-machte sich auf den Weg nach dem seit mehreren Wochen fest zugefrorenen
-Teich, auf dem sich die Einwohner des Städtchens zu tummeln pflegten.
-Es schien ihm selbst wunderbar, als er mit großen Schritten auf
-dem knisternden Schnee wandelte, daß er sich endlich wieder unter
-Menschen wagte, unter ganz gewöhnliche sinnfreudige Menschenkinder.
-Besonders wohl fühlte er sich anfangs nicht, er war den Lärm und
-das Schwätzen und vor allem das Lachen nicht mehr gewohnt, und er
-erinnerte sich, daß er sich früher schon manchmal staunend überlegt,
-bei welcher Gelegenheit wohl die Menschen zum ersten Male das Lachen
-gelernt. Es mußte wohl etwas gewaltig Verzerrtes, unbegreiflich
-Dämonisches urplötzlich auf sie heruntergefallen sein, denn dies
-kindliche, heitere Lachen der harmlosen Jetztlebenden war gewiß nur das
-armselige mißratene und umgedeutete Überbleibsel einer tiefgewaltigen
-Erschütterung von Urmenschen, bei der übergroßer Schmerz und Lust nicht
-zu trennen gewesen.
-
-Bald aber kam doch ein ungewohnt Friedliches und Sanftes in ihn hinein,
-wobei indessen Wehmut und Ungewißheit nicht von ihm weichen wollten.
-Wie kam der Einsame jetzt mit eins in diese ausgelassene jugendliche
-Schaar? Er sah sich forschend um und fand, daß er wohl fast der
-Älteste auf dem Eise war. Vielleicht auch der Ungeschickteste; doch
-das störte ihn wenig. Als er einmal in einen Riß eingefahren und zu
-Boden gefallen war, kam ihm der bizarre Einfall, daß er sich einen
-Christus auf Schlittschuhen nicht gut vorstellen könne. Er lachte
-bitter vor sich hin und warf den Gedanken weg. Mußte man sich denn
-in eine Wüste zurückziehen, um den Menschen Großes zu holen? O man
-konnte auch einsam sein unter Menschen. In großen Bogen strich er über
-das klirrende Eis, bald an wenig befahrenen Orten, bald mitten durch
-die Menschenknäuel sich hindurchwerfend, und vertiefte sich in sein
-Grübeln. Wenn jetzt das Eis mit schrillem Krach bräche und die Menschen
-in sich hineinschlänge und sich dann wieder schlösse, was wäre viel
-dran? Und wenn die ganze Menschheit versänke und die Erde in die Sonne
-stürzte und die Sonne -- und die Welt -- und alles hin -- und nichts
--- was wäre dran? was wäre hin? Was für ein unendlicher Zweck wäre für
-immer geschwunden? und wen betrübte es? Einen Zuschauer und erhabenen
-Betrachter des Ganzen? Oder das Ganze selbst? War Ursprung und Fortgang
-und Ende und Mittel und Zweck und Handeln und Genuß ein und dasselbe
-und eins mit dem Frager? Und wenn alles und alles --
-
-Und wenn der Himmel einfällt, sind alle Spatzen tot! Damit unterbrach
-er schroff halb unmutig, halb doch belustigt sein Forschen. Es muß
-jetzt ein Ende werden mit dem Denken, ich muß handeln! Ich gehe nach
-Hause und überlege, aber praktisch, was zu thun, wie mich wenden an
-die Menschen, wie ihnen mitteilen, was ich gedacht und will -- ja was
-will ich denn, du Narr? Ach was, das Beste, was man hat, weiß man nicht
-mit klaren Worten. Das kommt schon. Oder vielmehr, es ist schon da.
-Es liegt schon in mir. Ich muß den Schatz nur heben. Ich muß anfangen
-zu reden. O mir ist auf einmal die Zunge gelöst. Ich habe lange genug
-geschwiegen. Ich muß nur anfangen mit dem Reden. Dann wird es mir wie
-ein Feuerstrom von den Lippen fließen. Anfangen, nur anfangen. Jetzt
-ist es Zeit.
-
-Und als ob er es nicht abwarten könnte mit dem Beginnen, rannte er
-mit gewaltig großen ungeschickten Zügen zur Belustigung der hinter
-ihm dreinfahrenden Jugend nach einer Bank, schnallte rasch die
-Schlittschuhe ab und eilte nach Hause, diesmal den näheren Weg durch
-die Stadt wählend.
-
-Unterwegs bemerkte er an verschiedenen Straßenecken große blaue,
-weiße und rote Plakate, vor denen sich Bürger und Schulkinder trotz
-der grimmigen Kälte eifrig lesend hinstellten. Gedankenlose Neugier,
-vielleicht auch etwas frischerwachtes Interesse an dem Treiben der
-Leute ließen Starkblom auch anhalten. Da las er auf dem großen
-hellblauen Plakat: Aufruf. Mitbürger! Die Reichstagswahlen stehen vor
-der Thür. Bei keiner der vergangenen Wahlen stand Größeres auf dem
-Spiel.
-
-So ging es ziemlich lange weiter. Zum Schlusse ward aufgefordert, Mann
-für Mann einzutreten für den bewährten Kämpfer der freiheitlichen
-Sache, Herrn Commerzienrat ~N. N.~, und eine Versammlung für den
-folgenden Tag, Dienstag, den 23. Januar, einberufen. Starkblom nahm
-sich vor, einmal da hin zu gehen, um zu sehen, ob es denn einen Sinn
-habe, sich um diese Dinge anzunehmen, und die Art kennen zu lernen, wie
-die Leute die Sachen betrieben.
-
-Starkblom war früher, als der Landgerichtsrat und seine Frau noch
-lebten, auf eine Zeitung abonnirt gewesen, und sein ordentliches
-Lorchen hatte die seltene Gewohnheit gehabt, die Nummern zu sammeln,
-vielleicht weil sie glaubte, diese Dinge könnten in späteren Jahren
-noch einmal interessant werden, vielleicht aber auch nur, um die
-Papierballen später im Großen als Maculatur zu verkaufen. Doch war sie
-vorher gestorben, und Starkblom hatte die große Kiste bewahrt und auch
-mit ins weiße Haus gebracht. Jetzt ließ er sich von der Haushälterin
-vom Speicher herunterholen, soviel sie unter beide Arme bekommen
-konnte, und las darin am Montag Abend und im Laufe des Dienstags. Er
-wollte sich etwas vorbereiten auf die Wählerversammlung und glaubte,
-Zeitungslesen sei dazu das beste. Und er wollte einmal sehen, ob die
-Politiker noch dasselbe redeten, wie sie vor einigen Jahren schrieben
-oder wie. Es war eine üble Arbeit, dieses Lesen in den morsch und
-gelb und stinkend gewordenen Neuigkeiten und Streitigkeiten von anno
-dazumal, aber er biß sich durch. Freilich hatte er schon lange nicht
-mehr so oft bedenklich den Kopf geschüttelt wie jetzt.
-
-Die Versammlung schien sich anfangs ganz so anzulassen, als ob sich
-in der politischen Welt inzwischen nichts verändert hätte. Da saßen
-ungefähr 800 mehr oder minder wohlgenährte Bürger und hörten mit
-Bedacht und ohne sich irgendwie activ einzumischen, ihre Redner an,
-die von Kornzoll sprachen und der Brodverteuerung, von Freihandel und
-freier Concurrenz, vom Militarismus und allzugroßer Belastung der
-Volksschultern, von Zuckerexportprämien und unerhörter Begünstigung
-der Agrarier, und was des Erbaulichen mehr war. Den Leuten erschien
-Leben und Brodessen und einigermaßen gerechte Verteilung der Lasten
-und Politisieren und maßvolle Unzufriedenheit und bedächtiger Ehrgeiz
-als selbstverständliches Menschenrecht. Man müßte sie aufrütteln!
-dachte Starkblom. Man müßte ihnen mit Vernunft beizukommen suchen und
-mit tiefsinniger Betrachtung. Verzweiflung wäre ihnen einzuimpfen und
-Lust zum Tod. Aber warum? wandte er sich ein. Den Leuten ist ja so
-ganz außerordentlich wohl bei ihrem überlegungslosen Vegetieren. --
-Warum? Und warum nicht? Und wenn es aus Bosheit geschähe, ich will es
-thun! Was brauchen sie dumpfe Tiere sein, wenn ich es nicht bin? Was
-muß ich ihnen ihr Glück gönnen, wenn mir davor ekelt? Warum sollte ich
-sie lassen, wie sie sind, wenn Menschenwort sie umgestalten kann und
-in Aufruhr bringen, wie mir es beliebt? Fürwahr, _wenn_ ich Macht über
-sie habe, will ich sie üben! Warum? wozu? Frage nicht länger. Weil ich
-will; zu meiner Freude!
-
-Da wurde er in seiner Willenserwägung gestört durch eine knarrende
-Stimme, die von neuen Dingen sprach. Die Versammelten hörten
-aufmerksamer als bisher zu und beistimmend nickte ab und zu einer mit
-dem Kopfe. Auf einmal schien der Freisinn die Maske abzuwerfen, der
-Kampf gegen die Regierung schien nur ein vorläufiges Späßchen gewesen
-zu sein. Sie waren die Vertreter des zahlungsfähigen, aufblühenden,
-honnetten Bürgertums, sie hatten die Macht in den Händen und sie vor
-allem wollten sich wehren gegen begehrliche Arme, die von unten sich
-emporhoben und Unmögliches verlangten. Mit längst abgethanen Utopien
-köderten die Sozialdemokraten die ungebildete Masse der Arbeiter, die
-ihnen Glauben schenkte wie neuen Propheten. Diese Revolutionsprediger
-waren eine Gefahr geworden für das Vaterland und die Gebildeten aller
-Länder; sie vor allem waren zu bekämpfen. Der Freisinn allein bietet
-die wahre Freiheit und wirtschaftliche Unabhängigkeit des Einzelnen;
-in ihm einzig blüht auch das Heil der Zukunft. Sagt euch los, ihr irre
-geführten Arbeiter, von den Lügen der Sozialdemokratie. Stürmischer
-Beifall lohnte den Redner, aber das Händeklatschen wurde übertönt
-von höhnischem Gelächter, das von einer kleinen Gruppe ausging, die
-festgeschlossen in einer Ecke des Saals stand.
-
-Ein anderer Redner, eine hagere, knochige Gestalt, lüftete die Maske
-noch mehr. Oder hatte er eine neue aufgesetzt? Der Freisinn war
-wieder fromm geworden. Erst redete er nur von der Natur und vom Kampf
-Aller gegen Alle und von Darwin. Auf einmal fiel auch das Wort Gott.
-Starkblom lauschte erstaunt und ekelahnend. Gott habe die Welt so
-geschaffen, daß alle gleiche Rechte haben, aber nicht gleiche Gaben und
-gleichen Charakter und gleiches Glück. Reiche und Arme, Fleißige und
-Faule, Kluge und Dumme, das sei ein Gegensatz, der nicht auszurotten.
-Und wieder hörte er erbittertes Lachen. Und das Erben? fragte eine
-schreiende Stimme. Erben nur Kluge? Ja, das sei gut und nötig für das
-Wohl des Staates, daß die Kinder von des Vaters Gaben zehrten. Die
-Familie sei die Grundlage des Staates und aller Gesittung.
-
-Während dieser Rede hatte sich ein Arbeiter aus jener Ecke langsam
-einen Weg durch die Reihen gebahnt und war auf die Tribüne gegangen und
-hatte dem Vorsitzenden etwas zugeflüstert. Der sah ihn zweifelhaft
-an und zuckte mit den Achseln. Der andere machte eine leichte
-selbstverständliche Handbewegung. Der Vorsitzende breitete fragend die
-Arme aus. Da schlug der Arbeiter ärgerlich leicht mit der Faust auf
-den Tisch, daß die Glocke, die darauf stand, leise zitternden Ton gab,
-und der Vorsitzende ergab sich zögernd darein. Nachdem nun der laute
-Beifall verklungen war, verkündete er, daß sich ein Gegner zum Worte
-gemeldet habe, und da freie Diskussion ihr Prinzip sei, müsse der das
-Wort erhalten. Er werde die Geduld der Versammlung hoffentlich nicht
-lange in Anspruch nehmen.
-
-Nun trat der Arbeiter, ein Mann in den mittleren Jahren mit ernstem
-wenig sagendem Gesichtsausdruck vor. In der linken Hand hielt er seinen
-breiten Filzhut zusammengedrückt und mit dieser machte er während er
-sprach seine lebhaften aber gleichmäßigen Bewegungen. Er will scheint’s
-Holz hauen, flüsterte jemand in Starkbloms Nähe und lachte unbändig
-über seinen Witz. Der Mann sprach nicht gut und nicht schlecht und
-wunderlich mischte sich in seinen Worten nüchterne Trockenheit mit
-trivialen aufgefangenen Redeblumen. Er hoffe nicht, so begann er, die
-Herren zu überzeugen, das sei nicht möglich, aber er wolle ihnen seine
-Meinung sagen, damit sie sähen, wie der Arbeiter denke.
-
-Das Licht der Vernunft sei aufgegangen im Proletarierhirn und das sei
-das Verdienst der Sozialdemokratie. Diese allein habe ein Herz fürs
-Volk, sie allein habe ein festes Ziel und suche die ganze Menschheit
-zu beglücken. Was nützt uns Ihr Gott, wenn er uns in unserem Elend
-läßt? Wir haben uns abgewandt von ihm; behalten Sie ihn allein für
-sich. Solange der Kapitalismus dauert, hört die Lohnsklaverei nicht
-auf; darum muß die kapitalistische Gesellschaft mit Stumpf und
-Stil vernichtet werden. Die Menschen haben im wesentlichen gleiche
-materielle Bedürfnisse; oder können Sie mehr als einmal zu Mittag
-essen? Nein? Dann ist es auch lächerlich, daß einer gegen den andern
-streitet, wer das meiste Geld verwischt, dann muß die Produktion der
-Lebensmittel gemeinsam werden und das ist möglich. Der Kampf Aller
-gegen Alle muß aufhören, und das ist Ihre vielgerühmte Freiheit. Der
-Satte kann Freiheit brauchen, aber für die Freiheit zu hungern und
-geknechtet zu werden, danken wir. Erst wollen wir satt werden und das
-Paradies der Menschheit erobern für alle, meine Herren, für alle und
-jeden; dann wird die schöne Freiheit von selber da sein. Sie haben
-einmal gekämpft für die Sache des Volkes, als Sie selbst unterdrückt
-waren, aber jetzt, wo Sie selber wohlgenährt sind und obenauf, jetzt
-haben Sie die Sache des Volkes verraten! Wir brauchen Sie aber auch
-gar nicht mehr. Wir sind zielbewußte Proletarier, wir stehen auf dem
-Boden des Klassenkampfes und den werden wir nicht verlassen, bis die
-Sonne des Ostens emporsteigt und die Klassengegensätze aus den Angeln
-hebt. Und wie zum Hohn rief er zum Schluß, indem er fest auf die
-Versammlung blickte und auf seine paar Kameraden im Winkel: Es lebe die
-internationale revolutionäre Sozialdemokratie, und jubelnd stimmten
-seine Genossen ein: hoch, hoch, hoch! und der Einklang schwebte über
-dem gemischten Toben der Versammlung.
-
-Starkblom fühlte sich wie erhoben von etwas Nieerhörtem. Er stand
-auf und sah den Arbeitern nach, die den Hut auf dem Kopf, fest
-auftretend, wie zum Protest den Saal verließen. Er hörte wieder die
-Stimme des Vorsitzenden, der von unerhörtem provocierendem Benehmen
-sprach, aber er hatte genug und wollte nicht länger bleiben. Er ging
-zu einer Seitenthüre hinaus. Herr Fabrikant Wangaus hat das Wort,
-hörte er gerade noch beim Schließen der Thüre. Also der wollte den
-Mann widerlegen. Er lächelte. Dessen Rede kannte er schon, der Hagere
-und der Fette, die beiden sprachen in gleicher Weise. Gott stellt
-jeden auf seinen Platz! Seid doch zufrieden und rüttelt nicht an der
-überlieferten Ordnung der Gesellschaft. Unsere ganze große Cultur ruht
-ja nur auf ihr. Er wollte doch rütteln, und die Arbeiter rüttelten
-auch. Freilich, diese Arbeiter, die standen nicht zusammen mit ihm.
-Die wollten noch leben, die wollten erst beginnen und das rechte
-freudige Leben schaffen. Das freudige Leben? Sie täuschten sich wohl.
-Das Leben war keine Freude. Diese Naiven, wenn sie alles das hätten,
-was er sich errungen und was ihm vom Glücke zugefallen, Reichtum,
-Unabhängigkeit, Bildung, Wissen -- sie wären elender als jetzt. Oder
-sie wären stumpfsinnige Tiere wie diese Bürgersleute da drinnen. Oder
-gab es ein drittes? Gab es ein drittes? Gab es ein ...? Er konnte
-es nicht glauben. Ja wenn er glauben könnte! An die Zukunft glauben.
-An eine Bestimmung des Menschen, an einen Zweck, an einen Sinn ...
-aber so, alles dumm und zwecklos und so, freudlos und lächerlich.
-Werdet wie die Kinder. Dann werdet ihr glauben und das Leben genießen,
-solange ihr lebt, und das Paradies der Menschheit erobern. Hatte er
-nicht so gesagt? Und _warum_ genießen, nochmals und immer wieder? Ich
-kann nicht genießen, denn ich frage; und wenn ich nicht mehr frage
-und mich aufbäume und forsche und grüble und schließlich verzweifle:
-bin ich dann nicht ein Tier? -- Und warum willst du kein Tier sein?
-Ein heiteres, herrliches Wesen, strotzend von Fülle und Kraft und
-Übermut und Verwegenheit, immer in neue Tiefen sich hinabstürzend
-und sich wieder emporschwingend zu himmlisch-reinen Ätherfernen und
-Glockentönen? Fragend genießen, genießend fragen; in der Erde wurzeln
-und hinaufragen mit dem Götterleib zur reinen Höhe, das wäre doch
-schön, schön? Ja das wäre schön! Also doch -- arbeiten? Arbeiten für
-ein Ziel, hinaufstreben, aufklären, predigen, veredeln? Kämpfen?
-Mitstreiter suchen? Und finden? Genossen? Wo? Sozial ... demokraten?
-Ja? Ob das nicht am Ende die rechten Menschen für ihn waren? Sie
-schienen ein Ziel zu haben, ein festes, unverrückbares, sie wollten
-etwas; und war es nicht schön und groß, was sie wollten? Und war es
-nicht möglich? O, aber es mußte ja möglich sein, wenn das Leben einen
-Sinn haben sollte. Und es mußte doch einen Sinn haben, da er leben
-wollte und sich freuen wollte und hoffen wollte? Und wenn der Mensch
-etwas denken konnte und wollen konnte, dann war es doch auch erfüllbar?
-Freilich leugneten das die Philosophen; aber sollte es nicht eben
-darum --? Alles Vernünftige ist möglich; sonst ist das Vernünftige
-wahrhaftig sehr unvernünftig. Also -- versuchen wir es zum mindesten.
-Her mit dir, du meine Vernunft, und du, mein Leben! Wir wollen euch
-noch einmal erproben. Hierhin stell dich, Vernunft, und hier gegenüber,
-du Leben. Wenn ihr nicht zusammenkommt, solange ich euch beobachte,
-dann werf’ ich euch beide ins Wasser; da könnt ihr zusammen ersaufen
-und krepieren. Und das Beobachterlein geht dann schon von selber
-mit ein ins Reich des Todes. Also: ich beginne. Ich will versuchen.
-Die Sozialdemokraten, die muß ich kennen lernen. Am Ende werde ich
-selber einer. Sie werden mich brauchen können. So wäre dann der Kreis
-glücklich vollendet. Die Höhe hat die Tiefe wieder getroffen und
-verbindet sich mit ihr. Man wendet sich solange vom Leben ab, bis man
-ein neues beginnt. Vom Leben mit Ekel! War es denn nicht nur _dieses_
-Leben, unter diesen Umständen, in diesen Verhältnissen? Und all mein
-Denken, und all mein Ekel und meine Verzweiflung -- nur eine Frucht
-meiner Umgebung und meiner Zeit? Neue Verhältnisse schaffen? Fort mit
-der allgemeinen, unklaren, dem Einzelnen feindlichen Philosophie? Lebe
-die Nationalökonomie und die Geschichte und die Naturwissenschaft?
-Sozialdemokrat werden? Einrichtungen bekämpfen und nicht mehr den
-Menschen an sich? Verhältnisse aufheben und nicht mehr sich selber?
-Wissen und nicht mehr ahnen? Glauben und nicht mehr verzweifeln?
-Freude und nicht mehr dumpfer Schmerz? Leben und nicht mehr Tod?
-Sozialdemokrat werden? Sozialdemokrat sein?
-
-Hierher kehrte sein Denken immer wieder zurück und hier blieb sein
-Denken stehen. Damit legte er sich ins Bett, damit schlief er ein und
-damit wachte er wieder auf.
-
-Als er ein paar Tage später sich aufmachte, um einer Versammlung
-beizuwohnen, die der sozialdemokratische Leseklub »Menschheit«
-einberufen hatte, war sein ganzes Wesen nichts als Willfährigkeit und
-fruchtbarer Boden. Er hatte keinen neuen Entschluß gefaßt, er hatte
-über die Sache noch nicht tiefer nachgedacht, er hatte nichts studiert
-über soziale Zustände und materialistische Geschichtsauffassung,
-aber er war in ahnungsvoller Bereitschaft, sich in etwas Neues
-hineinzustürzen mit dem ganzen leidenschaftlichen Feuer, das sich
-in ihm die Zeit über angesammelt. Menschen zu finden, denen er sich
-anschließen, die er leiten konnte, Genossen haben im Streit und im Ziel!
-
-Als er kurz nach 8 Uhr in das Lokal trat, war der große Saal noch
-ziemlich leer. Erst nach einer halben Stunde etwa kamen Gruppen
-von Arbeitern und setzten sich an die Tische. Als kurz nach 9 Uhr
-die Versammlung eröffnet wurde, war der Saal überfüllt, überall an
-den Wänden und zwischen den Tischen standen noch Menschen. Frauen
-waren ganz vereinzelt zu sehen. Starkblom saß an einem Tisch etwa
-in der Mitte des Saales, wohl der einzige Fremde unter mehr als
-tausend Arbeitern. Nur kurz vor Eröffnung der Versammlung waren zwei
-feingekleidete junge Herren gekommen, offenbar Kaufleute mit ausgeprägt
-jüdischem Typus und waren prüfend und unsicher im Saale hin und her
-gegangen. Dann sagte der eine zum andern: Komm, Nathan, wir wollen
-gehen, es ist ja kein rechter Mensch da. Ein Arbeiter, der in der Nähe
-stand, drehte sich ruhig um, packte den einen links und den andern
-rechts hinten am Kragen, schob sie zur Thüre und warf sie mit einem
-tüchtigen Stoß hinaus. Starkblom, der die Szene beobachtet hatte,
-lachte herzlich und nickte dem jungen Mann, als er wieder vorbeikam,
-freundlich zu. Der setzte sich zu ihm an den Tisch, und unterhielt
-sich mit ihm über politische und naturwissenschaftliche Dinge. Es war
-seit langer, langer Zeit das erste Gespräch, das Starkblom mit innerem
-Anteil und mit Genuß führte.
-
-Nun erhielt der Referent das Wort; er sollte über das Thema: »Wie
-stellen wir uns zu den Wahlen?« sprechen. Er war noch ein junger
-Mensch, wohl höchstens 26 Jahre alt, der vor Kurzem in Berlin zuerst
-in der Öffentlichkeit aufgetreten war und von Stadt zu Stadt zog,
-um für seine Ansichten zu agitieren und die Arbeitermassen zu neuer
-Begeisterung, neuem Zielbewußtsein und neuer Energie aufzurütteln.
-
-Genossen, die Reichstagswahlen stehen vor der Thür, so begann auch er
-gleich den unzähligen Aufrufen und Reden, die in diesen Tagen überall
-in Deutschland in die Massen geworfen wurden. Aber nur zum Spotte. Denn
-er fuhr gleich fort: Was gehen uns diese Wahlen an? Sollen wir den
-Volksverführern, die auf unsere Dummheit und auf die Aufregung dieser
-Zeit spekulieren, glauben, daß von dem Stimmzettel, den wir in die Urne
-werfen, von dem Abgeordneten, den wir nach Berlin schicken, unser Wohl
-und Wehe abhängt? Sollen wir glauben, daß wir Arbeiter einen Vertreter
-brauchen, um zu erreichen, was wir wollen? Nein, sage ich, falsch ist
-diese Ansicht, wir wollen uns selber helfen.
-
-Falsch ist die Meinung, das allgemeine gleiche direkte Wahlrecht, das
-man uns vor einigen Jahrzehnten gegeben hat, sei ein Zugeständnis der
-Regierung an die sogenannte Souveränität des Volkes. Im Gegenteil,
-es war ein überaus schlaues Mittel, um durch alle Künste der Lüge und
-der Verführung, mit Hilfe der unverständigen Masse, die revolutionäre
-Bewegung der freien Geister zu lähmen und durch scheinbare Beteiligung
-an der politischen Macht ehrgeizige Demagogen, die sich als Vertreter
-des Volkes aufspielen, zu ködern und zu glatten parlamentarischen
-Regierungsspießgesellen zu machen.
-
-Ist es nicht überaus bezeichnend, daß es üblich geworden ist, unter
-parlamentarischem Ton eine gewisse aalglatte, höfliche, heuchlerische,
-durch und durch verlogene Manier zu reden und aufzutreten zu verstehen?
-Ist es nicht bedenklich, daß in allen Parlamenten die feinen,
-schwächlichen, sogenannt aristokratischen Leute, die nichts ihr eigen
-nennen als ihre geläufige alle Unebenheiten und Derbheiten vermeidende
-Zunge, daß diese überall die Hauptrolle spielen? Ja, _wenn_ es so wäre,
-wie man uns vorzuspiegeln sucht auch von Seiten solcher, die es ehrlich
-mit uns meinen, wenn das Parlament die Heimstätte des freien Wortes
-wäre, wenn hier, wo man ungestraft sagen darf, was man für gut hält,
-in allen Fragen, in denen der Religion, der Nationalität, der Rasse,
-des sozialen Lebens, der Moral, in allen Fragen wie gesagt, wenn da
-Männer aufträten mit dem Mute ihrer Überzeugung, und das mit ihrer
-feurigen Beredsamkeit verträten, was wir denken oder wenigstens unklar
-fühlen, was wir aber nicht sagen dürfen, weil das sogenannte »Gesetz«
-es verbietet -- dann hätten wir nichts gegen das Parlament, obwohl es
-auch dann noch lange nicht _die_ Bedeutung hätte, die viele ihm jetzt
-schon zuschreiben. Aber wo in aller Welt ist es denn so? Fürchten
-sich denn nicht im Gegenteil unsere Vertreter vor dem Ordnungsruf
-des Präsidenten oder vor dem Spotte der andern Abgeordneten, ihrer
-geschätzten Kollegen, mehr als vor dem Strafrichter? Sprechen nicht
-auch diese Herren, wenn sie mitten unter uns stehen, wenn sie das
-Echo vernehmen, das aus unserer Masse zu ihnen emporschwillt, freier,
-mutiger, wahrhafter als dort? Oder -- lügen sie da mit ihrem freien Ton
-ebenso sehr wie dort mit ihrem feinen? Dann wehe diesen Vertretern und
-Führern! Dann sind wir verraten und verkauft!
-
-Der sogenannte konstitutionelle Staat bedeutet eine Einigung,
-ein Kompromiß der feudalen, mittelalterlichen Regierung, des
-Junkertums, des Königtums von Gottes Gnaden auf der einen Seite mit
-der bürgerlichen Gesellschaft auf der andern. Wohl ist es wahr,
-solange dieser Kampf zwischen der bürgerlichen und der feudalen Welt
-ausgefochten wurde, war unser Platz auf der Seite der Bourgeoisie;
-damals waren wir noch zu schwach, um gegen beide zugleich anzukämpfen
-oder als lachende Dritte zuzusehen, wie sie mit einander stritten.
-Heute aber ist dieser Kampf überhaupt nur noch ein Scheinkampf, heute
-kämpft nicht mehr eine Lebensauffassung gegen eine andere, sondern nur
-ein Interesse gegen ein anderes. Nur wir, die wir stark sind in unserer
-Gemeinschaft, wir haben eine neue Lebensauffassung, wir müssen mehr und
-mehr unsere Gegner gegen uns vereinen, indem wir sie beide bekämpfen.
-Wir lassen ihnen ihren Staat und ihre kapitalistischen Einrichtungen
-und ihre Kirche und ihr Parlament -- wir stehen außen, und wo wir
-noch nicht außen stehen, wo uns die Not zwingt, ihnen Frondienst zu
-leisten, bei der Arbeit um des Lohnes willen, da werden wir auch einmal
-aufhören, aufhören mit einem Mal, dann, wann es uns beliebt, wann der
-rechte Zeitpunkt gekommen ist.
-
-Hier wurde der Redner, der sich in ein lebhaftes Feuer hineingeredet
-hatte und seine Worte mit starken Bewegungen seiner Arme und seines
-Kopfes begleitete, durch lebhaften Beifall unterbrochen. Starkblom
-horchte hoch auf. Da war er am richtigen Fleck. Aufhören mit der
-Arbeit, wann es beliebt. Das war seine Sache. Freilich -- es war alles
-in anderm Zusammenhang. Nichts im Gegensatz zum Leben, alles vielmehr
-um des Lebens willen, für das vernünftige Leben. Das war es, was diesen
-Männern allen so felsenfest sicher stand: es gab eine Vernunft im
-Leben, es gab eine Zukunft, es gab Freude und Lebenszweck, man hatte
-ein Interesse an der Welt, auch an den Nachkommen, man handelte und
-brachte Opfer für eine Sache, an die man glaubte, für ein Ziel, auch
-wenn man es nicht erlebte. Das war es, das war es, wonach er sich
-gesehnt, so heiß gesehnt mit all seinem Sinnen -- diese Männer hatten
-es, sie wußten wofür sie lebten, ja wofür sie starben. Und Starkblom
-bemühte sich, die Zweifel, die sich ungeordnet von allen Seiten her in
-ihm aufbäumen wollten, zu vernichten. Er wollte nicht mehr unglücklich
-sein, er wollte mitmachen und er konnte es. Er ließ sich hinreißen --
-gleichviel wohin.
-
-Der Redner hatte indessen einen Schluck Bier getrunken und fing nun
-wieder an.
-
-Die Frage, was uns die Wahlen angehen, erweitert sich zu der Frage:
-Was geht uns die Politik an? Sind wir, wie es vorgegeben wird, eine
-politische Partei oder sind wir etwas anderes, etwas größeres? Was
-ist denn Politik? Staatskunst nennt man sie zu deutsch, und das ist
-richtig. Ohne Staat giebt es keine Diplomatie und kein Parlament und
-keine Politik. Was aber in Dreiteufelsnamen geht uns der Staat an, der
-Gehilfe der heutigen Gesellschaftsordnung? Falsch ist die Meinung, wir
-könnten uns durch ein Hinterthürchen einschleichen in den heutigen
-Staat und könnten auf diese Weise unser Ziel erreichen. Falsch ist die
-Ansicht, dieses Hinterthürchen, der Parlamentarismus, sei aus Versehen
-offen geblieben, oder aus Not; im Gegenteil, sperrangelweit haben es
-die heutigen Machthaber geöffnet, um uns zu ködern und uns zu sanften
-Regierungsschafen und Staatseseln zu erziehen, und groß ist die Gefahr,
-sie könnten ihr Ziel erreichen.
-
-Genossen, wir sind _keine_ politische Partei; wir wollen keine Gesetze
-machen, um die Ordnung herzustellen im Interessenkampf und um die
-Schwachen zu unterdrücken und die Reichen zu sichern; wir wollen
-_nicht_ flicken an der heutigen Welt, um sie erträglicher zu machen,
-nein, ich sage es offen, wir _wollen_ sie unerträglich machen, um
-sie rascher ihrem Tod entgegenzutreiben. Wir kennen keinen Gegensatz
-zwischen den einzelnen Nationen, wir sind heute alle eins als
-Proletarier im Kampf gegen das Kapital, und wollen, daß alle Menschen
-eins werden als Menschen, als Individuen im Kampf gegen feindliche
-Naturkräfte, im Streit für den Fortschritt und die Kultur! Nochmals und
-immer wieder: wir _wollen_ uns nicht beteiligen, wir _wollen_ abseits
-stehen, wir wollen die heutige Gesellschaft allein lassen, und wenn es
-an der Zeit ist, im Stiche lassen.
-
-Um das zu erreichen, wenden wir uns vor allem aufklärend an den
-einzelnen Menschen. Wir sagen ihm: siehe, mein Bruder, es giebt für
-dich keine Pflicht gegen den Staat oder die sogenannte Gesamtheit, es
-giebt auch keine Pflicht gegen Gott, das alles hat man dir vorgelogen
-und anerzogen. Wie du zu handeln und was du zu glauben hast, darüber
-hast du dich einzig mit deiner Vernunft auseinanderzusetzen. Und
-dafür ist gesorgt durch die gemeinsame Abstammung aller Menschen, daß
-sie trotz aller Ungleichheiten und Differenzen nur _eine_ Vernunft
-haben, und daß ein normaler Geist das Größte zu _erfassen_ wenigstens
-im Stande ist, was der Fortgeschrittenste, der Höchststehende,
-der Genialste, gefunden und entdeckt hat. Freilich, einen Wust
-von Aberglauben und Unsinn und Lüge müssen wir vorher wegräumen,
-das kapitalistische Denken ist auch dem Arbeiter nur allzu sehr
-aufgepfropft worden, aber glücklicher Weise verträgt es sich auf die
-Dauer nicht mit seinen Interessen und daher kommt es, daß die Masse der
-Arbeiter sehr wohl Verständnis hat für jede neue große Idee. Das gilt
-nicht für den Bourgeois -- ihm kann man Vernunft predigen so lange man
-will, der Durchschnittsbourgeois _kann_ uns nicht recht geben, selbst
-wenn er ehrlich ist. Soll ein Bourgeois sich überzeugen lassen von
-einer Idee, die einer neuen Weltanschauung angehört, dann muß er ein
-freier Mensch sein, der sich zu erheben versteht über die Interessen
-seiner eigenen Klasse. Und derer sind wenige.
-
-Wer aber unter uns Arbeitern versteht es nicht, wenn ich ihm sage:
-du zahlst Steuern, du bist Soldat, du arbeitest in der Fabrik, nicht
-weil es dein Wille ist, sondern weil du mußt, weil du geknechtet bist,
-weil vorerst die dich knechten, noch die Stärkeren sind. Du kannst,
-auch du Einzelner kannst es, du kannst aufhören zu arbeiten, wenn du
-nur willst, aber du wirst verhungern, du kannst dich aufbäumen gegen
-Staatsgesetze und Moralgesetze, die dich nichts angehen, aber du
-wirst dann deiner Freiheit beraubt, wenn nicht getötet, und das von
-Rechtswegen -- denn Recht ist Macht. Du kannst alles, was du thust,
-lassen, wenn es nicht dein Wille ist; aber unter der Knechtschaft,
-unter der du stehst, kannst du nicht thun, was du willst. Du kannst
-deinen heißen Bildungstrieb nicht befriedigen, du kannst dir kein
-menschenwürdiges Dasein schaffen, du kannst nicht aus der Welt
-schaffen, wovor dir ekelt, nicht die Schwindelgeschäfte, nicht die
-Börse, nicht die Prostitution, nicht lügnerisches Pfaffentum und
-Beamtentum, nicht verkehrte, geistverstümmelnde Jugenderziehung.
-Kurz, du kannst nicht leben wie du willst, du mußt leben, wie es
-die Verhältnisse wollen, die aufrecht erhalten und verteidigt und
-idealisiert werden von der heutigen bürgerlichen Gesellschaft.
-
-Unter diesen Umständen giebt es nur _ein_ Mittel. Wir alle, die
-wir unter diesen Verhältnissen leiden, thun uns zusammen zu einer
-kämpfenden Gemeinschaft. Wir wollen nicht aufhören Vernunft zu
-lehren und die Massen aufzuklären, bis wir es erreicht haben, daß
-die Proletarier aller Länder sich vereinigt haben, um zu stürzen die
-kapitalistische Weltanschauung und einzurichten die sozialistische.
-Organisieren wir uns in den Gewerkschaften, werbet überall, in den
-Fabriksälen, auf den Straßen und öffentlichen Plätzen, in der Familie,
-in großen Versammlungen. Ist diese freie Organisation stark genug, dann
-kann jede einzelne Gruppe im Kampf um die vorläufige Besserung der
-Lebensbedingungen, um Verkürzung der Arbeitszeit, um Erhöhung des Lohns
-auf die Unterstützung aller andern rechnen und dem Kapital die Spitze
-bieten. Dann kann jede einzelne Gruppe schon vorläufig der bürgerlichen
-Gesellschaft kündigen, sei es auch nur um zu zeigen was kommen wird.
-Und diese unsre Kampforganisation muß schon ein Abbild sein der
-zukünftigen Gesellschaft. Da tritt jeder ein mit Gut und Blut für den
-andern, für die gemeinsame Sache; einer für alle; alle für einen.
-
-Darum rufe ich euch zu: Genossen, wählt nicht zum Reichstag! Wählt
-keinen Vertreter, der für euch kämpfen soll durch Parlamentsreden.
-Das Wort ist nicht da zum Kampf, sondern zur Belehrung, und für den
-Kampf giebt es keine Vertretung. Kämpft selbst, Proletarier, nicht mit
-der Zunge, kämpft mit eurer ganzen Person, kämpft da, wo der Kampf
-ausgefochten werden muß, auf dem Boden der _Arbeit_, und da könnt ihr
-nicht _allein_ kämpfen, sondern nur alle zusammen festgeschlossen und
-einig. Vereinigt euch, Proletarier klärt auf, Genossen, werbet für
-unsere Idee, der Sieg wird unser sein!
-
-Wieder ertönten starkes Händeklatschen und lebhafte Rufe der
-Zustimmung, durch die nur ein ganz vereinzeltes: »ganz unrichtig«;
-kaum dringen konnte. Die Diskussion wurde nun eröffnet und ein
-Arbeiter nach dem andern trat vor, um mehr oder weniger geläufig seine
-Zustimmung zu dem Gehörten auszusprechen und nunmehr Ergänzendes
-beizubringen, indem hauptsächlich gegen die einzelnen Volksvertreter
-schwere Vorwürfe erhoben wurden. Nachdem nun noch der Gegner, der sich
-vorhin bemerkbar gemacht, zu Wort gekommen war, um außerordentlich
-fließend in ununterbrochener Rede zu sagen, wie ungerecht die Vorwürfe
-seien, wie großes Verdienst sich die Führer um die Sache erworben, wie
-vortrefflich die Parlamentswahlen und das Parlament selbst sich zur
-Agitation eigneten, wie auch manches auf diesem Wege für die Arbeiter
-herauszuschlagen sei, -- erhielt der Referent noch einmal das Wort, um
-das Ergebnis der Diskussion zusammenzufassen.
-
-Gesinnungsgenossen, so begann der Redner, für ganz unrichtig muß ich
-es halten, wenn der Herr Vorredner gemeint hat, die Bourgeoisie, d. h.
-ihre Vertretung, das Parlament, habe uns Konzessionen gemacht, weil
-wir eine in Betracht kommende Anzahl Abgeordnete ins Parlament gesandt
-hätten. Keineswegs, sage ich. Diese Konzessionen sind gemacht worden
-(übrigens kann man ja bisher kaum schon von solchen reden, aber ich
-gebe zu, es werden noch solche gemacht werden) weil die Bewegung in den
-Massen zu groß geworden ist und zu gefährlich, weil etwas gethan werden
-mußte, um den Anschein zu erregen, die herrschende Klasse sei sich der
-Ungerechtigkeit unserer Zustände bewußt und wolle abhelfen. Wieviel
-stärker und energischer aber wäre heute schon die sozialistische
-Bewegung, wenn unsere Agitation nicht nur Wahlagitation gewesen wäre,
-wenn wir von vornherein uns im Gegensatz zum Parlament gestellt hätten.
-Ich behaupte, die Herren im Reichstag und am grünen Tisch hätten
-ein ganz anderes Gruseln verspürt und hätten viel entschiedenere
-Konzessionen gemacht, wenn niemals ein Sozialist ihren Sitzungssaal
-betreten hätte, wenn sie ganz allein unter sich geblieben wären und
-nur die drohenden Stimmen gehört hätten, die lauter und lauter von
-außen eingedrungen wären, von dem arbeitenden Volk, das nichts mit
-ihnen gemein haben will. Was aber kümmern sich die Herren jetzt darum,
-wenn ihnen ein glatter Redner zwei Stunden lang möglichst maßvoll dies
-oder jenes auseinandersetzt und immer Rücksicht darauf nimmt, daß er
-nicht zuviel von den Herren verlangt? Und wie ganz anders aufreizend
-hätten die Reichstagsverhandlungen gewirkt, wenn die Herren Bourgeois
-unter sich geblieben wären, wenn sie die Zeit vertrödelt hätten mit
-ihrem einsichtslosen und thörichten Geschwätz, mit ihrem unsinnigen
-tagelangen Streit über Formalien und Lappalien, während draußen die
-Arbeiter sich fester und fester zusammenschließen zum Kampf ums Brod
-(was etwas anderes heißt als die Bekämpfung des Kornzolls), aber auch
-um ein hohes Ideal, für die Neugestaltung der Menschheit! Und wenn
-dann einmal eine festgeschlossene Kolonne Arbeiter auf der Galerie
-erschienen wäre, um dem Geflunker zuzuhören, wenn die Aufregung dann
-bis zum Siedepunkt gestiegen wäre, und das Volk anfinge, mitzureden
-und den Herren zu sagen, was von ihnen zu halten ist, dann könnte
-man sehen, wie die Herren Bourgeois sich vor Angst in alle Winkel
-verkröchen. Hat man etwas dem Ähnliches schon einmal erlebt, wenn einer
-unserer Abgeordneten gesprochen hat? O nein, man hat ihn höchstens
-aufmerksam angehört und hat dann die oratorische Leistung bewundert.
-Das muß anders werden. Auf diesem Wege verflacht unsre große Bewegung
-mehr und mehr. Hüten wir uns, daß nicht abgespannt wird; hüten wir
-uns, daß die Massen nicht anfangen zu ermatten und an unsere Sache
-nicht mehr zu glauben. Die Unzufriedenheit, die leidenschaftliche
-Begier, unsere Lage zu bessern und von Grundaus zu ändern, darf nicht
-schwinden, muß gesteigert werden. Und Aufklärung und Belehrung muß
-sich damit fort und fort vereinen. Nehmen wir uns in Acht! Stehen wir
-zusammen Mann für Mann! Und vor allem: nicht wählen wollen wir, sondern
-protestieren gegen das Wählen!
-
-Mitten unter dem Beifallssturm, der sich wieder erhob, während einige
-sich schon zum Weggehen _bereiteten_, indeß die große Masse ruhig
-sitzen blieb in der Erwartung, daß zum dritten Punkt der Tagesordnung
-»Verschiedenes« nach etwas von Interesse zur Sprache käme, stand
-Starkblom auf. Während der letzten halben Stunde hatte ihm der Gedanke:
-Du mußt reden, und immer wiederholt das eine Wort: reden, reden, reden
-keine Ruhe mehr gelassen. Es fröstelte ihn und dann stand ihm wieder
-der Schweiß auf der Stirn und es drückte ihn etwas ohne Unterlaß an
-der Kehle, und nun war er aufgestanden, er wußte selbst nicht, um das
-Fieber und die Beklemmung von sich zu schütteln oder zu reden.
-
-Nun fragte der Vorsitzende seiner Gewohnheit nach: »Wünscht noch jemand
-das Wort? -- Es scheint, daß --« Da streckte Starkblom, wie er es
-vorher bei den andern, die sich gemeldet, gesehen hatte, gedankenlos
-den Arm in die Höhe und währenddem fuhr es ihm durch den Kopf: Nun
-mußt du reden, nun mußt du reden, was wirst du denn sagen, ich weiß ja
-gar nichts zu sagen, die Gedanken gehen mir ja aus, jetzt ist es Zeit,
-Zeit, Zeit, groß -- bedeutend -- mannhaft -- alles, alles.
-
-»Sie haben das Wort. Bitte rasch; Namen und Wohnung, kommen Sie vor,«
-sagte der Vorsitzende sofort.
-
-Starkblom ging vor; er hatte sich gefaßt, aber er konnte nicht
-überlegen; meine Herren, meine Herren, ich, meine Herren, ich will,
-meine Herren, so wiederholte er in seinem Denken immerfort und fast
-mit den Lippen. Aber als er vorn stand, sagte er ganz ruhig zum
-Polizeilieutenant, der die Versammlung überwachte, gewendet: Karl
-Starkblom, Villa Weißes Haus, Privatmann.
-
-»Sie haben das Wort,« wiederholte der Vorsitzende, während man in
-der Versammlung teils aufmerkte, teils durcheinander sprach; man war
-begierig, was der feine Herr zu sagen wußte.
-
-Und nun begann Starkblom, und gleich von Anfang an fließend und ruhig
-sprechend, nur zwischen den einzelnen Sätzen kurze Pausen machend,
-während deren er tief Athem holte, denn eine gewaltige Aufregung in ihm
-preßte sich gegen seine Brust.
-
-Meine Herren, es ist richtig, was der erste Redner sagte. Damit sich
-einer aus den Reihen der Gebildeten erhebt über den Standpunkt seiner
-Umgebung, über das Denken und gewohnheitsmäßige Leben, das ihm von früh
-an eingelernt ist, dazu gehört ein freier und ungewöhnlicher Mensch.
-Und selbst dann, wenn einer frei ist und von bedeutender Geistesanlage,
-selbst dann wird sein Leben sich ganz anders gestalten, wird er zu
-ganz andern Resultaten kommen, als Sie wohl annehmen, wenn ihm irgend
-welche Zufälligkeiten den Streich spielen, ihn nie zusammenkommen zu
-lassen mit den Menschen, deren Denken von Anfang an eine ganz andere
-Richtung einschlagen muß als die seine. Ich bin nicht mehr jung, aber
-zum ersten Male in meinem Leben stehe ich heute unter Arbeitern. Ich
-bin kein Bourgeois in dem Sinne, wie Sie das Wort gebrauchen, wohl aber
-bin ich mir selbst nicht bewußt ausgegangen in all meinem Leben und in
-all meinem Denken und Empfinden von der heutigen Gesellschaftsordnung,
-von der heutigen Sitte und Moral. Über alles, was man mir je angelernt
-hat, habe ich mich in langem Ringen und schwerem Kämpfen vollständig
-erhoben, nur das eine habe ich bis zu dieser Stunde nie gewußt: daß
-es Menschen giebt, die ganz anders empfinden und denken, wie wir da
-oben, und daß die Zukunft in den Händen dieser Menschen liegen kann.
-Ich habe die ganze Bildung meiner Zeit bewältigt; ich habe all das
-Leben und Treiben dieser Erde beobachtet; ich habe geschaut, wie die
-Menschen dies und das treiben und sich doch stoßen lassen von jeglichem
-Zufall, daß sie kein Ziel haben und keine Reflexion, und ich habe mich
-mit Ekel abgewandt von dem Menschengeschlechte, das nicht weiß, wofür
-es lebt und -- noch schlimmer -- es gar nicht wissen will. Und ich
-war nahe daran, selbst wegzugehen vom Menschendasein, weil ich trotz
-allem Grübeln und verzweiflungsvollen Forschen nicht finden konnte,
-wofür ich lebe. Ich habe den Mut gehabt, in meinem Denken wenigstens
-die Konsequenz zu ziehen aus meinem Leben, und das ist die Konsequenz
-eines jeden aus meinem Gesellschaftskreise. Diese Konsequenz heißt:
-Selbstmord.
-
-Heute aber kann ich sagen: ja, jawohl, die bürgerliche Welt ist dem
-Tode verfallen, aber aus ihren Trümmern, das hoffe ich mit Ihnen und
-daran will ich mich anklammern, wird auferstehen die sozialistische
-Gesellschaft, eine neue Welt.
-
-Hier löste sich die Spannung, mit der die große Versammlung bisher
-in vollkommener Ruhe zugehört hatte, in ein vielstimmiges und
-gleichzeitiges Bravo auf. Starkblom fuhr sich leicht über die Stirn
-und holte tief Athem; dann sprach er weiter, nunmehr lebhafter und
-freudiger, wie getragen von der Sympathie der Versammlung.
-
-Ja, meine Herren, heute ist es mir endgiltig klar geworden, und darauf
-baue ich: nicht der Mensch als solcher oder gar die Welt an sich ist
-es, vor der mir ekelt in tiefster Seele, es sind nur die Menschen,
-unter denen ich aufgewachsen bin, mit denen ich mein ganzes Leben
-verbracht habe; es sind nur die Zustände, die heute herrschen und die
-sich von Geschlecht zu Geschlecht überliefern, weil jedes Kind von
-neuem gedankenlos hereingezogen wird in den alten Kreis verrotteter
-Gewohnheit. Ein Kind aber kenne ich, das noch nicht zugrunde gerichtet
-worden ist von diesen Einrichtungen, ein Feld, das noch nicht gejätet
-worden ist mit dem Pfluge einer alten Moral und das bereit liegt
-zu neuem Samen; eine Wolke, die sich noch nicht ausgeschüttet hat,
-sondern voll ist von neuem fruchtbarem Regen; ein Rad, dessen Felgen
-noch nicht zerbrochen sind, sondern das erst beginnen will zu rollen,
-wer weiß wohin? ... Ich meine die Arbeiterklasse. Die Bildung, mit
-denen man unser Hirn vollgepfropft hat, haben Sie nicht genossen, und
-dadurch haben Sie Platz gehabt für eine neue Idee, dadurch sind Sie
-berufen, der alten morschen Gesellschaft den Todesstoß zu geben und
-sie abzulösen, und mit Vernunft da zu beginnen, wo die Unvernunft das
-Ende ihrer Entwickelung erreicht hat. Unsere thörichte bürgerliche
-Gesellschaft glaubte dem Volk einen gewissen Grad von Wissen und
-Aufklärung zukommen lassen zu dürfen, und die Geister, die sie so
-beschworen, die werden sie nicht mehr los. Die heutige Gesellschaft
-hätte aufrecht erhalten werden können, wenn die Arbeiter systematisch
-zu Haustieren, noch schlimmer, zu Fabriktieren gemacht worden wären;
-aber da man in sentimentaler Duselei mit einer Reminiszenz an die
-Menschenrechte der französischen Revolution davor zurückschreckte
-und ihnen mit Halbheiten den Geist stopfen wollte, siehe da wurde der
-Mensch in ihnen wach, und schneller, als jene es geahnt, erwächst die
-neue große Revolution, die viel, viel gewaltiger werden wird als die
-sogenannte große Revolution der Bourgeois. Einen neuen Glauben haben
-die Arbeiter, einen Glauben an sich und an die Zukunft der Menschheit.
-Die bürgerliche Gesellschaft aber hat keinen Glauben, keinen neuen und
-keinen alten; sie verzweifelt an sich selbst, wo sie nicht gedankenlos
-dahinvegetirt und selbst zum Tier geworden ist. Die soziale Revolution
-wird siegen!
-
-Da brach gewaltiger Beifall los. Starkblom fühlte, dies sei für die
-Empfindung seiner Zuhörer das Ende seiner Rede, und obwohl er noch
-lange weiter hätte sprechen können, fügte er nur noch hinzu, laut durch
-das Getöse rufend:
-
-Zu Ihnen flüchtet sich von den Gebildeten, wer an der Zukunft der
-bürgerlichen Gesellschaft verzweifelt und doch eine starke Ahnung hat,
-damit sei die Menschheit noch nicht an ihrem Ziele. Nehmen Sie mich auf
-in Ihren Reihen. Unser Wille ist derselbe: die vernünftige Gestaltung
-des menschlichen Lebens!
-
-Starkblom wollte rasch von der Tribüne heruntergehen, um so schnell
-als möglich nach Hause zu kommen, fort aus diesem Saale in die freie
-Luft. Wie hätte er jetzt noch ein einziges Wort sprechen können. Aber
-der Vorsitzende, neben dem er stand, tippte ihn leicht auf die Schulter
-und sagte: »Herzlichen Dank, Herr Starkblom. Es würde mich sehr freuen,
-wenn Sie etwas warten wollten; die Versammlung ist ja jetzt doch wohl
-zu Ende. Hätten Sie die Güte?«
-
-Starkblom drückte ihm die Hand. »Gewiß, sehr gern.«
-
-Während dieses kurzen Gesprächs hatte sich unten im Saale schon alles
-erhoben und lief durcheinander dem Ausgang zu. Nur der Form zuliebe
-fragte der Vorsitzende: Wünscht noch jemand das Wort? und fügte dann
-gleich hinzu: Dann schließe ich die Versammlung. Sofort begannen einige
-Stimmen mit dem kräftigen Gesang der Arbeitermarseillaise: »Wohlauf,
-wer Recht und Wahrheit achtet,« und immer zahlreicher fielen die
-Anwesenden ein in den Chor, während alles langsam zum Ausgang drängte.
-Nur einige wenige strebten gegen die Masse nach vorn, und schließlich
-standen, während der Saal schon fast leer war, sieben Männer um
-Starkblom, ihm abwechselnd die Hand reichend und durcheinander auf ihn
-einredend. Er nickte nur nach allen Seiten und sagte: Jaja -- jawohl
--- ganz richtig -- aber bitte sehr. -- Er hörte nicht, was die andern
-sagten und wußte nicht, was er selbst sprach. So hätte er wohl noch
-Stunden lang dastehen können und seine erregte Freude auf- und abwogen
-lassen. Aber der Mann, der den Vorsitz geführt hatte, rüttelte ihn
-auf, indem er den Vorschlag machte, sich an einen Tisch zu setzen und
-noch ein Glas Bier zu trinken. Es geschah so, und bald war Starkblom
-in ein Gespräch verwickelt mit seinen Nachbarn, erst über ziemlich
-gleichgiltige Gegenstände, über die Arbeitsverhältnisse hier am Ort
-und über das bisherige Leben Starkbloms nach außen. Bald aber wurden
-sie hereingezogen in das Gespräch, das indessen auf der andern Seite
-des Tisches geführt wurde. Man sprach über die Zustände und Spaltungen
-in der deutschen sozialdemokratischen Partei. Starkblom erfuhr da, daß
-durchaus nicht überall die prinzipienfeste, revolutionäre Richtung
-einen so großen Anhang habe wie hier; an andern Orten begnügten sich
-die Massen vielfach mit großen Schlagworten und überließen im übrigen
-alles ihren vergötterten Führern.
-
-»Ja aber diese Führer«, fragte Starkblom erstaunt, »können denn
-diese wirklich glauben, es scheinen doch überaus vernünftige und
-begeisterte Leute zu sein, daß durch althergebrachtes Politisieren und
-Parlamentieren das große Ziel erreicht werden könne? Das ist doch ganz
-undenkbar.«
-
-»Das will ich Ihnen erklären«, antwortete ihm Mathias Buvolski, der
-vorhin das Referat über die Wahlen gehalten hatte. »Die Herren sind
-überschlau, das ist ihr Verderben, hoffentlich nicht das unsere.
-Sie glauben gar nicht recht an die Kraft der Bewegung und vor allem
-nicht an die Macht der Aufklärung. Sie halten große Reden von der
-wirtschaftlichen Entwicklung, und daß die sozialistische Gesellschaft
-sich ganz von selber mache; man brauche gar nicht eingreifen und sich
-nicht in Gefahr bringen. Aber sie wollen die Macht nicht aus den Händen
-geben, sie erwarten irgend etwas ganz besonderes, irgend einen großen
-Zufall, am liebsten eine Revolution von oben, einen Verfassungsbruch
-der Regierung und da wollen sie zuwarten. Und damit die Bewegung
-inzwischen nicht stillsteht oder gar ins Nichts zerrinnt, wenden sie
-künstliche Mittel an, um das Interesse wach zu erhalten. Da wird also
-ein großer Entrüstungssturm in ganz Deutschland gegen die Kornzölle
-erregt, nur damit überall Massenversammlungen stattfinden. --«
-
-»Was?« unterbrach ihn Starkblom. »Genau dasselbe hörte ich ja vor ein
-paar Tagen bei den Freisinnigen?«
-
-»Allerdings, aber das thut nichts; bei uns zieht’s mehr. Und aus
-demselben Grunde muß gewählt werden und müssen die Abgeordneten Reden
-über Reden halten und Anträge über Anträge stellen. Alle paar Wochen
-taucht dann wieder ein neues Projekt auf, irgend ein Detailvorschlag,
-der der Masse imponiert, Verstaatlichung der Apotheken, der Ärzte, des
-Getreidehandels ... Die Bewegung darf nicht einschlafen, das ist alles.
-Aber gethan wird nichts, es giebt keine ernstliche Aufklärung, nicht
-im Wort und nicht in der Schrift, die Provinzzeitungen sind miserabel,
-die Brochüren zu teuer, die Führer sitzen im Reichstag und haben keine
-Zeit zur Belehrung des Volks ... Sie machen von sich reden und halten
-sich obenauf, um, wenn die rechte Zeit von ungefähr kommt, die Macht
-in der Hand zu haben. Drum sind sie auch keineswegs unter sich einig,
-immerfort Zänkereien und Eifersucht.«
-
-»Was reden wir da?« sagte Starkblom. »Das sind ja ganz gewöhnliche
-Menschen, nicht unbegabt, aber gewöhnlich. Aber was gehn uns Personen
-an? Im Sozialismus steckt Tieferes, als seine heutigen Verkünder wohl
-ahnen. Was gehen uns diese Kleinlichkeiten an, wo es sich um die
-Zukunft der Menschheit handelt?«
-
-Die andern hörten aufmerksam zu, Buvolski aber sagte: »Sie haben heute
-Abend schön und herzlich und feierlich gesprochen. Ich habe noch
-niemanden getroffen, glaube ich, der so sein Alles daran setzt, um das
-was er denkt, auch zur Wirklichkeit zu machen. Nicht wahr, Sie glauben
-felsenfest an die Macht der Vernunft?«
-
-Starkblom fühlte wie er blaß wurde. Es lief ihm kalt über den Rücken.
-Wenn, wenn, wenn ... Nein. Er schüttelte sich. Nichts mehr von den
-alten Dingen. Er wollte nicht mehr. Es war entschieden. Ja, er glaubte.
-
-Erst nach einer Pause, während der alle gespannt nach ihm blickten,
-antwortete er langsam:
-
-»Viel gefragt. Ich glaube, daß ich nicht einzig bin.«
-
-»Offen gestanden, ich verstehe nicht recht. Wie meinen Sie das?«
-
-»Ich bin ein Teil der Welt, ein winziger Teil; ein einsamer,
-versprengter Teil, es ist wahr. Daß _ich_ vernünftig bin, das weiß ich
-sicher; und was ich glaube, das ist das, daß ich mich nicht soweit
-über die andere Welt erhoben habe, daß sie mir nicht mehr nachfolgen
-kann. Man kann viel, wenn man will; und der Wille kann erweckt werden.
-Der Geist des Menschen ist so eingerichtet, daß, wenn einer allen
-Schmerz und alle Verzweiflung eines ganzen Lebens dazu gebraucht hat,
-um _eines_ zu erreichen und daran festzuhalten, daß er allen anderen
-diese Not ersparen kann, indem er ihnen das fertige Ergebnis seines
-Lebens begreiflich macht. In diesem Sinne ist jeder bedeutende Mensch
-ein Heiland, der die Schmerzen der ganzen Welt auf sich nimmt und sich
-kreuzigen läßt, um die Welt zu erlösen. -- Wo wohnen Sie? Bitte wollen
-Sie mir Ihre Adresse angeben?«
-
-Alle schauten ihn verwundert an. Er aber stand auf.
-
-»Ich kann nicht länger bleiben. Aber wir sind nicht das letzte Mal
-zusammen.«
-
-Buvolski sagte ihm, wo er wohne, Starkblom bat die Männer, ihn doch
-bald zu besuchen, wenn sie Zeit hätten, und nach herzlichem Abschied
-ging er.
-
-Er eilte nach Hause. So lange er in den Straßen der Stadt war, ging er
-nur sehr rasch und blies die Luft von sich und lächelte vor sich hin
-und schwang seinen Stock und schlug ab und zu auf die Steinplatten,
-daß die Funken heraussprangen. Sowie er aber auf der Landstraße war,
-auf der fester, aber noch weißer Schnee lag, und seine Blicke über
-die Felder schweiften, deren unermeßliche Schneedecke im Mondschein
-strahlte und glitzerte, fing er an zu rennen, als wollte er mit seinem
-Schatten um die Wette laufen. Dabei schrie er laut: Juhu, juhu! Eine
-unbeschreibliche, freudige Aufregung hatte sich seiner bemächtigt.
-Jetzt dachte er nicht, jetzt grübelte er nicht der Zukunft entgegen,
-er hatte etwas in der Gegenwart, worüber er sich freuen konnte, und
-gedankenlos wie ein Kind überließ er sich dem Genusse.
-
-Er war schon in der Nähe seiner Villa, als ihm ein hochgewachsenes
-Mädchen begegnete. Schon von weitem rief sie ihm zu:
-
-»Na, Ihr seid wohl eben entsprungen?«
-
-Starkblom, der sie sofort verstand, lachte und ging weiter, bis er vor
-ihr stand und hielt dann an. Sie dachte an das große Irrenhaus drinn in
-der Stadt, in dem Unheilbare aus dem ganzen Lande eingesperrt waren.
-
-»Nun, das gerade nicht«, antwortete er lustig. »Vielleicht bringe ich’s
-aber noch so weit. War’s schön heute Abend?«
-
-Er schaute vergnügt dem Mädchen, das sehr hübsch war, ins Gesicht.
-
-»Wie meinen Sie das?« fragte sie etwas verlegen und rückte das Tuch,
-das sie auf dem Kopfe trug, zurecht.
-
-»Na, ich denke, ein Mädel ist doch nur aus einem Grund so spät noch
-hier außen. Ist er lieb? Meint er’s ehrlich?«
-
-»Ich weiß nicht«, sagte sie und errötete ein wenig. »Ich hab’ ihn eben
-gern.«
-
-»Hast recht, Kind. Das ist genug und erklärt alles. Was ist er denn?«
-
-»Fabrikarbeiter.«
-
-»So? -- Ist er auch Sozialdemokrat?«
-
-»Ich sag Ihnen doch, daß er Fabrikarbeiter ist.«
-
-»Jaso, hast recht.«
-
-»Seit wann sind wir denn per Du?«
-
-»Seit heute, liebes Mädel und nur für heute. Nichts für ungut, aber ich
-bin so froh und erhoben, wie nie zuvor.«
-
-»Ich merk’s und es freut mich. Ich hab die lustigen Leute gar gern.«
-
-»Ich war’s schon lange nicht mehr.«
-
-»So?«
-
-»Jaja, schon lange nicht mehr.«
-
-»Jaja, Sie sehen auch recht ernst und traurig aus. Bleibt nur lustig,
-’s ist besser.«
-
-»Ich will’s, wenn’s geht. Komm, gieb mir ’nen Kuß.«
-
-»Nein. Oder -- ja, weil’s Sie sind.«
-
-Sie legte die Hände auf seine Schultern und er küßte sie rasch. Dann
-gab sie ihm noch einige freiwillig drein, schüttelte seine Hand und
-wandte sich zum Gehen.
-
-»Adieu, fröhlicher Herr. Denken Sie nichts schlimmes von mir.«
-
-»Lebwohl, mein schönes Kind, und grüße mir deinen Schatz.«
-
-Dann ging auch er und schnalzte noch ein paar Mal vor Vergnügen mit der
-Zunge. Dann schritt er den Berg hinauf, jetzt langsamer, er blieb ein
-paar Mal stehen und schaute sich um und ließ seinen Blick schweifen
-über Feld und Wald und Fluß, das alles weiß vor ihm lag, und über die
-Stadt hin. Er streckte den Arm aus und bewegte die Hand auf und ab, wie
-zum Segen oder zum Dank. Auch auf die Landstraße blickte er lächelnd
-und gewahrte schon ziemlich weit entfernt einen dunklen Punkt. Noch
-einmal brach die Spannung in seiner Brust durch und laut rief er wieder
-sein Juh! hinunter. Und leise vernahm er die Antwort des Mädchens:
-Hoijohehuhu! Er nickte und lächelte vor sich hin, dann schloß er die
-Thür auf und ging hinauf in sein Schlafzimmer und machte Licht. Da
-wurde er gleich ernster, er ging noch eine Zeit lang hin und her und
-brummte vor sich hin: Jaja, hm, hm, jaja. Dann kleidete er sich aus,
-löschte das Licht und legte sich ins Bett. Nach ein paar Minuten war
-er eingeschlafen.
-
- * * * * *
-
-Von diesem Tage an war Karl Starkblom ein leidenschaftlicher Anhänger
-und Verkünder des Sozialismus. Er gewann bald Einfluß auf die Massen,
-er schrieb zündende Brochüren, reiste im Lande herum und hielt überall,
-in großen öffentlichen Versammlungen, in kleinen Gesellschaften und in
-Fachvereinen Vorträge. Er gehörte zu den leidenschaftlichsten Kämpfern
-gegen die bürgerliche Gesellschaft -- wenn er auch nicht darauf
-verzichten wollte, die vorgeschrittensten Elemente derselben durch die
-Mittel vernünftiger Ueberzeugung für seine Sache zu gewinnen. So schien
-er ganz aufgegangen in dieser Thätigkeit; er schien zu wissen, wofür er
-lebte oder vielmehr gar keine Zeit mehr zum Grübeln zu haben.
-
-Eines Abends aber -- er stand schon seit Monaten mitten in der Bewegung
--- ereignete sich etwas sehr Merkwürdiges. Freilich, wenn er später
-daran dachte, mußte er sich sagen, es kam nicht so ganz plötzlich, es
-hatte sich zu verschiedenen Malen angezeigt, immer war es ein jäher
-Einfall, der plötzliche Dolchstich eines Zweifels gewann, aber es war
-stets sofort wieder gegangen, und er hatte weiter keine Acht darauf.
-Schon am ersten Abend, in jener Versammlung war eine Bangigkeit an
-ihm heruntergelaufen gleich einem körperlichen Übelsein, und dann
-Abends vor dem Einschlafen, und dann später wieder und nochmals
-und ein anderes Mal ... aber ohne Zusammenhang ... ein plötzliches
-Zurückschaudern ... ein dummer Gedanke, der sich wieder vergaß ...
-
-Diesmal aber überwältigte er ihn. Er hielt vor einer außerordentlich
-stark besuchten Versammlung in einer großen Stadt des westlichen
-Deutschland einen Vortrag über das Thema: Warum muß der Sozialismus
-siegen?
-
-Im Saal war eine fürchterliche Hitze und eine entsetzlich schlechte
-Luft; draußen tobte und brüllte der Sturm. Er hatte im ersten Teil
-seiner Rede den gegenwärtigen Zustand der menschlichen Gesellschaft
-in scharfen Zügen vorgeführt. Seit kurzer Zeit unterließ er es, sich
-genau auf seine Reden vorzubereiten; er wollte sich tragen lassen vom
-Strom der Gedanken und auch der Worte. So kam es, daß er diesmal in
-einen Gedankengang hineinkam, der ihm selbst neu war. Das störte ihn
-nicht, er redete geläufig weiter, aber er paßte selbst auf und mußte
-allerlei Nebengedanken unterdrücken. Er sprach davon, daß ein großer
-Unterschied sei, zwischen dem Kampf für die sozialistische Gesellschaft
-als Ideal und diesem Gesellschaftszustand, wenn er erst einmal erreicht
-und zur Gewohnheit geworden sei. Das sollte den Uebergang bilden zum
-zweiten Teil, der Schilderung der sozialistischen Gesellschaft in
-großen Zügen. Aber er kam über den Gedanken nicht weg. Von früherer
-Gelegenheit her wußte er, was da am besten zu thun sei. Er sprach
-den Satz, an dem er gerade hielt, zu Ende und dann machte er eine
-Pause. Dann mußte ihm der neue Gedankengang von selbst kommen. Aber
-diesmal geschah es anders. Sowie er ein paar Sekunden gewartet hatte,
-kam ihm ein innerliches Lachen und Aufbäumen und ein fürchterlicher
-Nebengedanke, den er nicht abschütteln konnte. »Mann gieb’s auf! Es
-ist alles falsch! Hat alles keinen Sinn!« Das drehte sich ihm immer
-wirbelnd im Kopfe. »Hat alles keinen Sinn! Ist ja ganz falsch! Gieb’s
-auf, Mann gieb’s auf!« Er stemmte sich gegen den Tisch. Es mußte ihm
-gelingen. »Meine Herren«, fing er gewaltsam an. »Indem ich zum zweiten
-Teil meiner Auseinandersetzung schreite.« -- Er verstummte. »Hör’ doch
-auf -- du lügst ja -- denke doch erst über das andre nach -- es hat
-ja keinen Sinn -- die ganze Geschichte -- was gehen dich denn andre
-Menschen an?« Er fuhr mit der Hand durch die Luft. Dann that er einen
-unterdrückten Schrei, fuhr mit der Hand nach dem Kopf und sank um.
-Die Versammlung ging in großer Aufregung auseinander. Starkblom aber
-erwachte bald wieder aus seiner Ohnmacht, fühlte sich zum Verzweifeln
-elend und fuhr am nächsten Morgen nach seinem Weißen Hause zurück. Dort
-blieb er ganz einsam und ließ lange Zeit nichts mehr von sich hören.
-Ein paar Monate darauf aber erschien eine kleine Flugschrift, die in
-litterarischen und politischen Kreisen ziemliches Aufsehen machte.
-Sie hieß: »Sendschreiben Karl Starkbloms an das Menschengeschlecht.
-Zugleich ein Absagebrief an den Sozialismus.«
-
- ❦
-
-
-
-
-Dritter Abschnitt.
-
-Sendschreiben Karl Starkbloms an das Menschengeschlecht. Zugleich ein
-Absagebrief an den Sozialismus.
-
-
-Jüngst las ich zufällig in einem sozialdemokratischen Provinzblatt
-die Notiz, »der bekannte Agitator ~Dr.~ Starkblom scheine von seiner
-bedauerlichen Krankheit immer noch nicht hergestellt und könne seine
-Thätigkeit vorderhand noch nicht aufnehmen«.
-
-Es ist wahr, die Krankheit, die mich urplötzlich überfallen hat, ich
-sollte sagen, _wieder_ überfallen hat, will nicht von mir weichen.
-Diese Krankheit hat jetzt sogar epidemischen Charakter angenommen, d.
-h. ich fühle die rasende Begier, meine friedlichen Mitmenschen, soweit
-sie mir Zutritt zu ihren Gedanken schenken, anzustecken, nur um frei zu
-werden von dem quälenden Bewußtsein, andere Leute seien kerngesund und
-nur ich sei ausgestoßen aus der schönen Gemeinschaft.
-
-Aber ist es nicht vielleicht gerade umgekehrt? Doch, ich weiß es mit
-Bestimmtheit, das Gegenteil ist der Fall. Ihr seid wahnwitzig und ich
--- nun, ich bin vielleicht wahnsinniger als ihr, das ist möglich, aber
-ich will euch verführen zu meinem Wahnsinn, damit ich gesund scheine.
-Denn Krankheit ist nur ein Gegensatz und ein Ausgestoßensein des
-Einzelnen aus der Gemeinschaft.
-
-Und nun zu dem, wovon ich reden will. Ich will sagen, daß der
-Sozialismus eine Sache mittelmäßiger und gewöhnlicher Naturen ist, und
-ich will solche, die mich verstehen können, von der Genossenschaft der
-Genossen abziehen und mir und meiner Lehre verschwistern.
-
-Ich nenne den Sozialismus um deswillen gemein, weil er Voraussetzungen
-macht, ohne es sich und andern einzugestehen, obwohl er zur Einsicht
-klug und alt genug wäre, und weil er im Banne alter Worte steht und
-weil er nicht ein einziges neues Wort gesprochen hat noch je zu
-sprechen im Stande ist. Der Sozialismus, gleichwohl er sich eine
-neue Weltanschauung zu nennen für gut findet, setzt voraus, es gebe
-eine Pflicht des Menschen sich um seinen Nachbarn zu kümmern, es gebe
-eine Gemeinschaft der Menschen und der Einzelne habe ein Interesse
-an der Zukunft der Menschheit und der Welt. Er begründet diese
-wichtigste aller Voraussetzungen niemals mit einem Worte, weil er
-gänzlich unter dem Banne einer alten Moral, des jüdisch-christlichen
-Sittengesetzes und seiner Variationen, steht und weil er unfähig ist,
-die Möglichkeit einer neuen Welt- und Seelenanschauung auch nur zu
-ahnen. Der Sozialismus ist nicht Original, sondern er ist nur eine
-Folge historischer Reminiscenzen. Wenn er Revolution sagt, meint er
-eben das, was man bislang unter Revolution verstanden hat, und er
-kennt keine andern Mittel und Wege, als die bisher scheinbar wirksam
-gewesen sind. Der Sozialismus ist schamlos, denn er glaubt an sich.
-Der Sozialismus ist kindisch, denn er denkt nicht an den Tod. Der
-Sozialismus ist erbärmlich, denn er läßt sich von einer abstrakten Idee
-beherrschen. Der Sozialismus ist ein armseliges Wesen, denn er kennt
-kein reiches Leben. Der Sozialismus ist ein eingebildeter Kranker,
-der fortwährend sein Testament macht, anstatt zu tanzen und Lieder zu
-singen oder sich tot zu schießen. Und der Sozialismus ist eine Lüge,
-denn er redet von der Zukunft, und er ist Aberglaube, denn er nennt
-sich eine Wissenschaft.
-
-Man verlangt Beweise von mir. Man verlange sie nicht. Ich will nicht
-beweisen. Ich bin keine Anklagebehörde und kein Untersuchungsrichter.
-Ich gebe nur meine Eindrücke und mein Erleben wieder. Ich hasse den
-schreienden Ton der Unbedingtheit. Aber die Selbstverständlichkeit
-liebe ich. Wem viele Dinge selbstverständlich sind, der folge mir nach.
-Wer sich die Aufregung und das Für oder Wider mich noch nicht abgewöhnt
-hat, der bleibe dahinten. Leute wie mich, sucht man am besten, indem
-man sie meidet und seinen Gang weiter geht. Man wird so reif. Und nur
-zu Reifen will ich sprechen. Ob auch zu Müden? Die Worte sind mir
-gleichgiltig geworden. Auch die Welt? Auch die Welt. Nur eines ist
-mir noch wichtig und des Denkens wert und gewärtig und ich freue mich
-wie ein Dieb dieser Inkonsequenz. Dies eine aber ist -- lachet, meine
-Freunde, ich lache mit -- dies eine ist der Tod. Er liegt mir am
-Herzen und von ihm muß ich noch viel erzählen. Seid ihr bereit? Ich
-will euch etwas erzählen -- vom Leben.
-
-Halt -- sollte ich nicht, bevor ich auf das Leben zu sprechen komme
-und auf meine Gedanken und die Vergangenheit und Geschichte meiner
-innersten Vorgänge und Stimmungen -- sollte ich nicht vorher von
-den ökonomischen Verhältnissen reden, und sollte ich nicht die
-unumstößliche Wahrheit von vorneherein annageln, daß die materiellen
-Erscheinungen die Ideen hervorbringen, und daß alle meine Gedanken
-und Willensmeinungen die Früchte unseres Zeitalters des Kapitalismus
-sind? Sollte ich nicht von Gottes und Rechts wegen anders organisirt
-sein als ich es bin, sollte ich nicht, bevor ich von mir rede und sage
-was ich will, beobachten und feststellen, welchen Gang die Ereignisse
-nehmen müssen, wohinaus die Geschichte nach den immanenten ökonomischen
-Gesetzen des Karl Marx gelangen muß? Kurz -- sollte ich nicht ein Thor
-sein? Ein Narr, dem seine besonnenen Beobachtungen mehr wert sind, als
-seine gehäuften unbewußten zufälligen tausendfachen Erfahrungen? Sollte
-ich mich nicht fortwährend als Ring in der Kette einer festgelegten
-Entwicklung fühlen? Sollte ich mich nicht in zwei Teile teilen und
-den einen vom andern beherrschen lassen? Sollte ich mich nicht den
-Wissenden anschließen, anstatt wie jetzt einer zu sein, der nichts
-wissen will?
-
-Ja, das ist es, warum ich mir selber merkwürdig und absonderlich
-und vielleicht auch wichtig vorkomme: ich gehöre zu denen -- denn
-ich bin doch nicht der Einzige? -- die vergessen wollen, vergessen
-alles, was dagewesen sein soll, die einen Grund und eine Abstammung
-haben, aber nichts davon wissen wollen, die zu keusch sind, um ihr
-Leben zu leben nach Kenntnissen und Mitteilungen und Beobachtungen,
-anstatt wie ein göttliches Tier auf einen ungekannten Grund hin, einem
-unbekannten Ziele zu. O ihr Klaren und Unabänderlichen, ihr historisch
-Begründeten und Zielbewußten, ihr Einsichtsreichen und Vollundganzen,
-ihr Vergangenheitsleber und Zukunftsleber und Gegenwartsnichtse, ihr
-Aufderhöhederzeitseienden und Bewußtheitsaffen, ihr Vielseitigen und
-Vielzeitigen, ihr Tiertöter und Gottschänder und Menschenverstümmler,
-ihr Papiermenschen und Drahtpuppen, ihr seid mir widerlich, höchst
-widerlich! Jener Sokrates, der zugab, es wisse nichts, war wenigstens
-nicht so gar übelriechend; aber wo findet man einen, der nichts wissen
-_will_? Der nur leben will, nur leben -- oder sterben?
-
-Vom Leben also will ich meine Rede beginnen, vom Leben des Menschen,
-des höchsten Menschen. Aber nicht will ich sprechen von den Nöten des
-Lebens, von den niedrigsten Menschen, den Ärmsten der Armen. Und nun
-sollte ich, so gehörte es sich, affectieren, ich sei ein harter Mensch,
-ein Fürst der Erde, hocherhoben über alles, was unter ihm steht, weit
-entrückt vor allem der schwächlichen Regung des _Mitleids_. Ich liebe
-es aber nicht, mich zu verstellen, und ich mag nicht die erzwungene
-Konsequenz. O ja, ich fühle Mitleid mit euch, ihr Proletarier, heißes
-Mitleid, so gut wie einer, aber das ist mir ein unangenehmes Gefühl.
-Es ist ein Gefühl, das da ist, aber es ist nur trotz alledem da und
-ich verbitte mir, daß es sich zum Zentralpunkt machen will, von dem
-alle meine Wünsche und Ansichten und Absichten ausgehen müssen. Ihr
-lieben Kinder, die ihr das Leben nur von weitem in strahlendem Glanze
-erblickt, die ihr die Not kennet und den Schein des Lebens, das Leben
-aber, nein, das Leben kennt ihr nicht. Drum habt ihr auch das gute
-Recht, alle eure Kraft einzusetzen, um das Leben und was ihr den Genuß
-des Lebens nennt, zu erkämpfen. Euch verstehe ich, ihr jagt einem
-schönen Bilde nach, jaget weiter, bis ihr bitter enttäuscht werdet.
-Früher kann ich nicht zu euch sprechen. Suchet das Leben, damit ihr es
-fliehen lernt.
-
-Aber jene andern, jene sozialdemokratischen Lehrer und Führer, unter
-denen, meine ich, sollten welche sein, die etwas vom Leben wissen
-könnten. Und wenn sie dennoch jenem weichen Wachse die Sehnsucht
-nach dem Leben eindrücken, dann thun sie es teils aus Dummheit,
-indem sie sich einreden, das Elend einer lebenden Seele beruhe auf
-demselben Grunde wie die Nöte der arbeitenden Kinder -- nämlich
-auf den Wirtschaftsverhältnissen des Zeitalters; oder sie sind
-gewöhnliche Menschen, die ihr Leben nur dadurch ertragen, daß sie
-andere beherrschen, die aber keinen Zustand ihres eigenen Menschen zu
-begreifen und auszudenken verstehen, die die äußere Welt mit scharfer
-Brille betrachten und wissenschaftlich fassen, die aber nie ein Gelüste
-verspürt haben, die Gründe ihres eigenen Handelns, ihres eigenen Lebens
-zu prüfen -- und zu verachten. Also kleinliche mittelmäßige Seelchen,
-die sich selber das Leben erträglich machen durch ihr Gerede -- und
-das nennen sie neue Weltanschauung! -- und die nichts weniger als
-großartig sind in ihrer Herrschsucht und Verführungskunst. Sie wissen
-nicht einmal, warum sie die Zukunft predigen, sie sind Thoren genug,
-zu glauben, es sei wirklich um der Zukunft willen, sie sind Egoisten
-und wissen es nicht -- o über diese Kindsköpfe! Man erstrebt etwas,
-weil man das Streben liebt, das ein Teil der eigenen Seele ist, sie
-aber reden sich ein, ihre ganze Seele werde angezogen von dem etwas
-außerhalb. Sie wissen nicht, daß das etwas nur ein gleichgiltiges und
-zufälliges Symbol ihres innern Menschen ist. Daß es in die Zukunft
-projektiert ist, um glanzvoller zu wirken und zu beherrschen! Daß man
-es zu andern Zeiten in den Himmel projektiert hätte. Und zu andern
-auf die Insel Utopia. Und ein drittes Mal auf den Olymp. Oder auch in
-das goldene Zeitalter oder in den Garten des Paradieses. Sie glauben,
-Zukunft, das sei etwas in der Wirklichkeit, das sei etwas, was den
-Menschen mehr angehe, als Himmel und Hölle. O über diese Kindsköpfe!
-
-Nochmals -- diese Führer muß ich ganz und gar in meiner Betrachtung
-trennen von den Geführten und Verführten. Mit diesen habe ich zwar
-Mitleid, ich gestehe es zu, aber ferne ist von dieser Art Mitleid
-jegliche Verachtung. Im Gegenteil, ich sehe mit großem Schmerz, wie
-lang und umständlich der Weg ist, den diese vielfach trefflichen
-Menschen noch gehen müssen, bis sie da sind, wo ich stehe, bis
-sie sehen, daß ihre Nöte, die sie vom Leben trennen, daß diese
-zu überwinden sind, daß aber im innersten Kern des Lebens, des
-menschlichen Lebens ein unüberwindlicher und viel tieferer Jammer
-steckt als in jener häßlichen Beschalung. Freilich, es will mir so
-scheinen, als ob auf eine sonderbare Art der Sozialismus geeignet
-sei, diesen Weg in seltenen Fällen zu verkürzen, während er ihn bei
-der großen Masse gänzlich verschüttet und unbetretbar und ungesehen
-macht. Ich kenne einige ganz wenige Menschen, ganz einfache Arbeiter,
-die ich, wie wenige in mein Herz geschlossen habe. Lange Jahre waren
-sie glühende Sozialdemokraten, Nichtsalssozialdemokraten, dann aber
-durchschauten sie schaudernd die Motive einiger Führer, sie sahen
-Dinge an diesen Leuten, die diesen selber in ihres Herzens allzu
-großer Einfalt gar nicht bekannt waren. Es ist nicht zu glauben, mit
-welcher unheimlichen entsetzlichen Geschwindigkeit sie -- aber nur ganz
-wenige sind das -- nunmehr ihren Weg gingen oder flogen oder gerissen,
-geschmettert wurden. Sie nannten sich noch Sozialisten, wo sie es schon
-nicht mehr waren, sie suchten immer neue, immer weniger betretene
-Pfade, um ihr »großes Ziel«, das sie immer noch einzig suchten, zu
-erreichen; sie streiften die Lehre von der ökonomischen Grundlage von
-sich ab und nannten sich wieder Idealisten und Anarchisten. Dann wurden
-sie Individualisten, aber Individualisten ganz eigener, nie erhörter
-Art, denn sie suchten den Individualismus immer noch in der Zukunft
-als Ideal, sie wollten einen Individualismus schaffen durch gemeinsame
-Arbeit, durch Kommunismus. Aber daneben verlangten sie schon, auch die
-Mittel und Wege müßten individualistisch sein. Und nun streiften sie
-das Istentum ab, sie wollten nichts mehr, sie waren etwas, nicht mehr
-Individualisten, sondern Individuen. Und damit waren sie auch schon
-gänzlich auf sich gestellt und dem Pessimismus verfallen, und ihren
-Glauben hatten sie völlig verloren und ihre Sehnsucht nach dem Leben
-dazu. Merkwürdig, ihnen, diesen auserwählten Menschen, ihnen ekelt
-vor dem Leben, obwohl sie es doch kaum gelebt, kaum gesehen, nur eine
-ganz dünne Ahnung vom Leben ist über ihre Seele gehuscht, und schon
-wenden sie sich scheu von ihm ab. Und ich glaube, während ich von
-ihnen erzähle, stehen sie traurig lächelnd daneben. Ja, diese Menschen
-gehören zu meinen Zuhörern, und sie stehen in der vordersten Reihe,
-und ihre Herzen liegen mir offen da, und sie harren des Wortes, das
-ich sprechen soll. Und wenn ich das Wort ausspreche, das Wort »Tod«,
-dann klingt ihnen das schon reif und vertraut, sie sind mürbe geworden
-und verstehen mich und folgen mir nach. Ich segne euch, meine Brüder,
-unsere Wege kommen aus verschiedenen Geburten, aber nun haben sie sich
-gefunden und bleiben beisammen.
-
-O über diese Sozialdemokraten, die so vieles beobachtet und vor
-allem so vieles behalten haben, die alles wissen, nur nichts von den
-unbewußten Regungen ihres Willens und nichts vom wahren Wesen ihrer
-Persönchen! O über diese gelehrten Menschlein, die von Wörtern leben,
-die glauben, ein Wort sei ein Wort und ein Ding sei ein Ding, die alles
-Zusammengesetzte sehen, als ob es einfach wäre, die Gegensätze für
-Einheiten halten. Weil sie beglückt sind in ihrem Streben nach der
-Zukunft, wähnen sie, das Glück zukünftiger Menschen sei gesichert, wenn
-der Wille der Gegenwart erfüllt werde. Sie ahnen nicht, daß Absicht und
-Zweck zwei Dinge sind, die nie zusammen kommen, sie glauben, es sei
-dasselbe. Wie ungeheuer werden sie beschämt von einem andern einfachen
-Arbeiter, der mir allerdings auch noch ferne steht, von einem Manne,
-bei dem alles unbewußt ist, der so gut wie gar keine gewollte und
-kontrolierte Erkenntnis hat, und der doch diese Grundwahrheit klar
-erkannt hat und der mit einer unerhört schönen Gewalt in die Worte
-ausbricht:
-
-»Freiheit du wunderbares Wort, du Signal des Lebens, du Ruf aus einer
-andern Welt, wie durchdringst du sogleich meinen ganzen Körper; wie
-einen Adler läßt du mich hinaufschwingen, hinauf in das strahlende
-Licht, in die reinen Lüfte, allen Staub und alles Menschenelend
-zurücklassend, aber ach, wie der Adler wieder zurückkehren muß zu
-seinem Horst, so muß auch ich wieder zurückkehren zur Menschenheimat
-und muß es bei deinem Klang mitfühlen mit den Tausenden, die ihr Leben
-in ungerechten Fesseln des Körpers dahinbringen müssen, muß bei deinem
-Klang so oft Empörung in mir wahrnehmen, als ich Luft und Licht in
-Fesseln geschlagen sehe.
-
-Ȇberall, wo ungerechten Fesseln halber der Ruf Freiheit erschallt,
-ist das der Ruf des Guten, ist es der Ruf der Vernunft, hier bedeutet
-Freiheit das Gute; die Freiheit als Kraft ist aber nicht das Gute,
-vielmehr bei denen, welche ungerechte Fesseln anlegen, herrscht die
-Freiheit, das ist das Schlechte und fehlt das Gute, das ist die
-Vernunft.
-
-»Freiheit und Vernunft sind die beiden sich bethätigenden und
-bekämpfenden Kräfte im einzelnen Menschen wie im ganzen Geschlecht,
-und je mehr die Vernunft als wirklich solche bei Rufern wie Hörern zur
-Herrschaft gelangt, um so mehr wird der Ruf Freiheit und mit ihm der
-Ruf Gleichheit verschwinden.«
-
-Ein Arbeiter schreibt das, meine Herren, und einer, der vom Sozialismus
-weniger berührt wurde als andere. Schämt ihr euch nicht? Ahnt ihr
-nicht, was ihr vernichtet und verwässert habt, welche Tiefe euch
-abgeht und welche ihr ewig zerstört habt? Seht ihr nicht, daß dieser
-stammelnde und ahnende Arbeiter beinahe schon jetzt über euch lacht?
-Was hättet ihr erreichen können, wenn ihr nicht hättet so ernsthaft
-sein wollen! Welche Bewegung wollte entstehen, wenn ihr große frivole
-Kerle gewesen wäret! Wenn ihr zum Einzelnen gesprochen hättet und ihm
-das Lachen und Sterben gelehrt hättet! Aber was wißt ihr vom Lachen und
-Sterben? O ihr ernsthaften langweiligen lebenslänglichen Hanswurste
-und Kindsköpfe! O ihr Sittlichen und Guten, ihr Naturgesetzlichen und
-Ökonomischen! O wie ist euer Sozialismus so verkehrt, weil er geradeaus
-gehen wollte, immer geradeaus in Marschkolonne! Weil ihr nur eines
-vor euch seht, ihr Geblendeten! Ihr Hypnotisierten, ihr Medien, ihr
-Mittelmäßigen!
-
-Und wie lange glaubt ihr denn eigentlich, daß ihr noch warten könnt?
-Ist denn solch eine rasende Verblendung schon einmal dagewesen? Ihr
-habt vor dreißig und noch mehr Jahren ein paar armselige Schlüsse
-gezogen aus ein paar winzigen Beobachtungen und nun habt ihr einen
-Glauben darauf gepfropft -- o nein, entschuldigt, eine ewige
-Wissenschaft, nicht wahr, eine ewige? und eine Partei habt ihr
-gebildet und da die Dinge sich ganz langsam so gestalten wie ihr es
-prophezeiht habt, und da die bürgerliche Welt ganz langsam zerbröckeln
-will, und da eure Partei allmählich zunimmt, predigt ihr immer
-dasselbe und predigt es unermüdlich und predigt und predigt, damit
-wenn die Zeit da sein könnte, ihr auch noch da seid, im Gedächtnis der
-Mitwelt. Glaubt ihr denn wirklich ganz an eure Unfehlbarkeit, daß ihr
-so fürchterlich langsam seid? Glaubt ihr denn, nichts, aber auch gar
-nichts könne euch über den Kopf wachsen? Hattet ihr denn eine Ahnung,
-vor 30, 40 Jahren, daß auch einmal Stimmen klingen könnten, aus der
-bürgerlichen Gesellschaft heraus, die nichts mit Ausbeutung zu thun
-haben? Stimmen wie die meine, wenn sie Gehör finden und Echo, gehn sie
-euch denn gar nichts an? Ist denn die Welt nicht eine ganz andere, als
-ihr träumt, wenn ein Teil der bürgerlichen Gesellschaft lachend über
-seinen eigenen Schatten springt und über seine eigene Klinge? Wenn wir
-uns selbst aufheben, könnt ihr uns dann noch expropriieren?
-
-Und ich höre mir eine Stimme antworten, gesättigt von Marxismus und
-hungrig nach Kapital:
-
-»Du und deinesgleichen, ihr seid nur eine Erscheinung des Verfalls
-und der Korruption. Ihr seid vereinzelte Bourgeois, die übersättigt
-sind und blasirt und keinen Genuß mehr finden. Ihr spielt keine Rolle,
-im übrigen bleibt alles wie es war. Der Kapitalismus beutet aus,
-das Proletariat hungert oder lebt mindestens in menschenunwürdigen
-Zuständen -- bis die Stunde der Befreiung schlägt. So ist es, so wird
-es sein!«
-
-Das ist die Sprache des Sozialismus, und mancher wird vielleicht
-finden, der Mann habe recht.
-
-Der Mann hat aber nicht recht, weil er den wahren Schmerz nicht kennt
-und nicht den Ekel, und in einem zu sagen, weil er das Leben nicht
-kennt. Um euch nun aber endlich meine Meinung vom Leben zu sagen, will
-ich in einem Gleichnis zu euch sprechen:
-
-Meine Freunde, kennt ihr die Geschichte des Kindes? Aber eben
-fällt mir ein, daß ihr Geschichte überhaupt nicht kennt; ihr kennt
-nur Weltgeschichte und Kulturgeschichte und dergleichen unnütze
-Erlogenheiten aber Geschichten von einzelnen Dingen und ihren
-Veränderungen und Betrachtungsweisen gehen euch ab. Nun also --
-richtet eure Gedanken auf das Kind, das kleine Kind. Wißt ihr, mit
-welchem Gefühle frühere Menschen solch ein kleines Wesen betrachtet
-haben? Mit innigem Mitleid ob seiner Hilflosigkeit, man bedauerte das
-Menschlein, daß es das Leben noch nicht kannte und den Lebensgenuß
-noch nicht verstand; man sprach immer nur von dem »armen Kinde«.
-Wie aber ist es heute? Nennt man nicht heute das Kind glücklich und
-überglücklich, weil es noch nichts weiß vom Leben, beneidet man das
-Kind nicht, und denkt nicht jeder an seine Kindheit zurück als die
-Zeit, wo er ganz und gar glücklich gewesen sei? Und wie ist es mit dem
-Schlafe? Ihr kennt auch die Geschichte des Schlafes nicht. Erschrak
-man nicht früher vor dem Einschlafen? War es nicht ein Entsetzliches,
-das Bewußtsein zu verlieren und die Freude am Dasein? Fürchtete man
-sich nicht vor der kindischen Hilflosigkeit des Schlafes? Aber jetzt?
-Man freut sich auf’s Schlafen, man lächelt dem Einschlummern entgegen,
-das Bewußtsein zu verlieren ist eine Wonne, man will nicht aufwachen
-und zwingt sich des Morgens zu einem zweiten Schläflein, in dem man
-mit voller Absicht seine Träume weiterspinnt, und wacht dann auf,
-verstört und voll Entsetzen über das Licht des Tages und die Sonne des
-Lebens. Und was giebt es für die Jetztlebenden Entsetzlicheres als eine
-schlaflose Nacht? Alle Mittel werden angewandt, nur um zu schlafen, zu
-schlafen.
-
-Und wollt ihr immer noch behaupten, der Kapitalismus sei es, der
-das bewirke, dieses Entsetzen vor dem Leben und diese Sehnsucht
-nach todesähnlichen Zuständen? O nein, geht mir weg mit eurer Lüge
-vom bösen Gewissen oder was ihr ersinnen wollt. Wir haben ein recht
-gutes Gewissen und die Ausbeutung stört uns wenig. Hunderte und
-Tausende giebt es und hat es schon immer gegeben, und es sind, ihr
-könnt sagen was ihr wollt, die edelsten und höchsten unter den
-Menschen, die dahin leben, als wäre die Menschheit schon viel weiter
-als euer Sozialismus sie bringen will, die sich nichts, aber auch
-gar nichts um die Produktion bekümmern, und in deren Familie ist es
-schon so seit Generationen, als ob eine unsichtbare und auch ganz
-gleichgiltige großartigste Maschinerie ihnen alle Bedürfnisse und
-allen Luxus des Lebens lieferte, sie haben ein gutes Gewissen, denn
-sie wissen gar nichts und wollen nichts wissen von eurer Entdeckung,
-daß die Maschinerie, die sie bedient, aus Menschen besteht, aus
-armen, schwitzenden geknechteten Menschenkindern; folglich kann diese
-kapitalistische Einrichtung sie gar nicht berühren und berührt sie auch
-nicht. Zu diesen Menschen, die wie Götter schreiten auf der Höhe hinweg
-über die Rücken arbeitender Lohnsklaven, gehören unsere erlesensten
-Denker und Dichter -- und doch, was halten diese schließlich vom Leben?
-Meinte nicht Goethe am Ende seines Lebens, wenn er alles zusammennehme,
-wahrhaft glücklich sei er nur ein paar Stunden gewesen in seinem
-ganzen langen Leben? Wer wollte diesem erschütternden Bekenntnis nicht
-glauben? Ein paar wenige Stunden! Und dieser Mann gehörte zu den
-glücklichsten Menschen, die je gelebt haben! Und wessen Fanatismus der
-Dummheit ist so grenzenlos, daß er behaupten will, daran seien die
-ökonomischen Verhältnisse schuld? Nein, nein und abermals nein! Der
-Grund liegt tiefer, liegt in der ganzen unseligen Natur des Menschen
-und des Lebens! Der Grund ist, daß der Mensch ein denkendes Tier ist,
-daß er den Begriff des Zweckes kennt, und doch niemals, nie und in
-Ewigkeit nie einen Zweck seines Daseins, an den er glauben kann, finden
-wird. Und wenn einer geglaubt wird, immer wieder hat der Mensch dann
-gefunden, das sei kein Zweck, dahinter stecke kein Sinn, dafür zu
-leben verlohne sich nicht. Und das wird so bleiben, ihr mögt an den
-ökonomischen Grundlagen ändern, soviel ihr wollt. Und wenn gar keine
-Arbeit mehr notwendig sein wird, wenn der Mensch in freier Willkür thun
-kann, was seinem Körper und seinem Geist frommt, und wenn er so bis
-auf einen einzigen Punkt ein Gott genannt werden dürfte, der Teil wird
-immer in ihm sein, der fragt: wozu das ganze und nochmals wozu? und der
-keine Antwort mehr findet, keine, ewig keine.
-
-Bis auf eines, habe ich gesagt. Wenn das eine nicht wäre, dann
-wäre er ein Gott, ein vollkommener Gott, nämlich ein Wesen, dessen
-entsetzliches Elend vollkommen wäre. Müßte der Mensch _ewig_ leben
-und _ewig_ fragen, wozu -- o der Gedanke ist nicht auszudenken, laßt
-mich schweigen und mich freuen, daß es nicht so ist. Ja, eines giebt
-es, dessen freue sich der Mensch und dem jauchze er zu, dem singe und
-juble und tanze er entgegen, in diese lachende Höhe werfe er sich
-tief, tief hinein, und er wage es jetzt gleich sich zu stürzen in
-diesen herrlichen, strahlenden Abgrund des Glückes: _das ist der Tod_,
-jauchzet und empfangt ihn mit offenen Armen, meine seligen Freunde,
-_das ist der Tod_!
-
-Ihr steht verblüfft, meine Freunde? Ihr habt alle schon ähnliches
-erwogen, aber nun ich es ausspreche ohne jeden Umschweif, nun sucht ihr
-Ausflüchte, nun wollt ihr auf einmal noch etwas finden, das das Leben
-lebenswert machen könnte? Suchet nur, ich sage euch, ihr werdet nichts
-finden.
-
-Die Sozialisten sind Thoren. Sie leben ganz im Kampf für ihr Ziel und
-bedenken nicht, daß eine Zeit kommen könnte, wo ihr Ziel ganz und gar
-erreicht ist. Was dann? Nun, dann ist alles herrlich und in Freuden.
-Dann haben sie den Himmel auf Erden, wie sie uns oftmals versichert
-haben. Mir aber sagt das Wort Himmel sehr wenig, ich will euch eine
-andere Schilderung geben.
-
-Denkt euch also, die sozialistische Gesellschaft ist da. Denkt euch,
-sie ist schon sehr lange Zeit da und schon gänzlich konsolidirt.
-Die Technik hat noch riesenhafte Fortschritte gemacht. Unangenehme
-Beschäftigungen giebt es ganz und gar nicht mehr. Die Kinder
-werden körperlich und geistig aufs höchste ausgebildet, gegen einen
-fünfzehnjährigen Knaben aus jener Zeit, ist unser größtes Genie ein
-armes Waisenkind. 1½ Stunden täglich etwa geht jeder Erwachsene
-zur Arbeit, das ist für den Einzelnen eine Erholung und für die
-Gesamtheit genügt diese Zeit doch zur Produktion und Distribution aller
-Bedürfnisse, so hoch diese sich auch gesteigert haben. Die Technik
-hat sich eben in noch viel großartigerem Maße gesteigert. Die übrige
-Zeit vertreibt jeder mit dem, wozu er Neigung hat. Nun, meine Freunde,
-glaubt ihr nicht mit mir, daß wenn dieser anscheinend so herrliche
-Zustand sich immer mehr vervollkommnet und immer mehr zur Gewohnheit
-wird, daß dann die ganze Nation, was sage ich, die ganze Menschheit
-mehr und mehr in ihrer Masse sich _einem_ hingeben wird, nämlich der
-_Philosophie_, daß sie, nun sie keine Nöte mehr zu bestehen hat und der
-Kampf mit dem Materiellen zum Spiel geworden ist, Zeit hat, den ganzen
-Tag zu denken, an sich zu denken, und zu fragen: wozu sind wir denn
-eigentlich da? Wozu dieser ganze ungeheure, wundervolle, komplizierte
-Apparat? Sind wir Selbstwerk? Nein, unmöglich, sonst würden wir nicht
-danach fragen. Sind wir ein Glied im großen Ganzen der Welt? Ja, was
-geht uns denn die Welt an? Wir wissen ja gar nichts von der Freude,
-die sie an unserem Dasein hat, wir nehmen ja keinen Teil daran, wir
-sind ja ausgeschlossen. Und dann, das würden diese göttlichen Menschen
-immer und immer wieder fragen müssen: besteht denn eine Einheit und
-ein Zusammenhang der Menschheit? Giebt es denn in der wirklichen
-Erscheinungswelt eine Gesammtheit? O nein, würden sie antworten müssen,
-über solche zusammenfassende Abstraktionen sind wir ja längst hinaus,
-der einzelne Mensch ist freilich kein Konglomerat blos von einzelnen
-Zellen, _er_ ist eine Einheit, _er_ hat ein Bewußtsein, aber was ginge
-den einzelnen Menschen der andere im geringsten an, wenn er nicht auf
-ihn angewiesen wäre? Und vor allem, was gehen uns die an, die nach uns
-kommen? Und wenn also der ganze Witz aus ist mit meinem Tod, was war
-denn dann dran? War das denn alles? Und darum, darum die unendliche
-Mühe unserer Altvordern, der Sozialdemokraten von anno dazumal?
-Wegen der paar Jahre Leben? Die Mühe hätten sie sich sparen können!
-Der ganze Spaß, das ganze Spiel, alle diese Spaziergänge, dieses
-Musikhören, Dichten, Instheatergehen, Reiten, Fahren, Schwimmen, dieses
-Träumen und Emporsehnen, dieses Kindermachen, Güterspiel (so etwa
-werden sie das Arbeiten nennen), dieses Erfinden und diese Reisen, das
-Fliegen nicht zu vergessen -- das hat doch alles keinen Sinn? Es ist ja
-doch kein Bewußtsein da und keine Freude, die bleibt. Es schwindet ja
-doch alles. Wir sind ja ganz einfach Tiere, die aus der Art geschlagen
-sind, weil wir nicht blos leben, sondern auch das Leben beobachten und
-etwas vom Leben wissen, weil wir nicht blos sterben, sondern den Tod
-im voraus kennen und sterben können, wann wir wollen. Der Selbsttod
-(denn das Wort Mord würde längst vergessen worden sein), der freie Tod,
-der ist eigentlich, was uns wesentlich trennt von allen andern Tieren.
-Beendigen wir doch also so rasch als möglich diese lächerliche Komödie,
-die zu gar nichts führt, aber auch zu gar nichts. Töten wir uns doch;
-töten wir uns, aber rasch, so bald als möglich, gleich jetzt; der ewig
-wiederholte Unsinn ist ja so fürchterlich langweilig! Was sagt ihr
-dazu, meine Freunde? Müßte es nicht so kommen? -- Was? Was höre ich?
-Dieser Einwand von euch? Ihr sagt mir, so könnte es nie kommen, ihr
-verleugnet den Sozialismus, ihr glaubt, es ginge anders, ihr wähnt,
-es gäbe irgend etwas anderes? O, das ist feige, sehr feige. Ich aber
-sage euch: der Sozialismus ist möglich, ohne Frage, und weiter sage ich
-euch: das ist eine hohe, sehr hohe Stufe des Menschen. Oder wollt ihr
-sagen, so wie der Mensch heute ist, sei er weniger veranlaßt, an den
-Tod zu denken, an den freiwilligen Tod? Ja, das ist möglich, das ist
-wahr. Aber ist dieser Zustand nicht noch viel ekelhafter? Und wenn er
-sich einmal tötet, nicht aus Philosophie oder Langeweile, was dasselbe
-besagt, sondern aus Notdurft, aus gemeiner Verzweiflung, ist das nicht
-ein niederträchtiger, unwürdiger Tod? Wenn aber der Sozialismus zu
-nichts führen kann, und wahrlich so ist es, als zum philosophischen
-Massentod der Menschheit, was haben wir anderes, größeres zu thun, als
-diesen Tod schon jetzt zu predigen mit tausend flammenden Zungen? --
-
-Halt, meine Freunde, wohin? Und so wolltet ihr denn, wie ihr da seid,
-in die Welt stürzen, um den Tod zu predigen, als meine Jünger? Und
-ihr merkt ihn nicht, den Widerspruch, der mich kitzelt, so daß ich
-fast lachen müßte? Ihr seid mir noch viel zu flink, meine jungen und
-alten Gefährten. Aber ihr seid nicht die ersten, die sich von der
-Logik verführen lassen zu allerhand ernsthaftem Unsinn. Wahrlich,
-ich bedaure, daß ich euch mit der Logik in den Schlingen meiner
-Inkonsequenz gefangen habe. Aber ich will euch jetzt verraten, was
-mich lachen macht. Wie kann man denn den Tod -- predigen? Ist es nicht
-dasselbe, als wollte ich den Tod -- leben? Ist es nicht wahr, daß
-man den Tod nur sterben kann, wortlos, mit geschlossenen Augen, ohne
-Rücktritt? Gehn euch doch andre Menschen nichts an, warum wollt ihr sie
-verführen, statt sie in Ruhe zu lassen? Sterbet doch, meine Freunde,
-aber sterbe jeder für sich. Seid doch stille und macht mir keinen Lärm!
-Habe ich nicht recht?
-
-Seht, was ihr doch für alberne Kopfnicker seid! Ihr gebt mir schon
-wieder Recht. Fast sollte ich jetzt über euch weinen. Warum bleibt ihr
-denn neben mir stehen, wenn ihr das nicht erlebt habt, was ich? Wenn
-euer Wahnsinn ein ganz anderer, einfacherer ist als der meine? Sehet
-doch, ich bin zum Tod noch gar nicht bereit, noch lange nicht. Ich
-habe noch meine Freude, nämlich eben meine Freude am Tod. Und darum
-rede ich meine Rede zum ganzen Menschengeschlecht, wer immer mich
-hören will oder mich zufällig hört, und zu spät sich anschickt, seine
-Ohren sich zuzuhalten. Ich habe meinen Spaß an den Menschen, die den
-Tod und die Todessehnsucht noch nicht kennen, es macht mir Freude,
-übermenschliche Freude, die Menschenmasse auszulachen und zu verhöhnen
-und dennoch zu ködern. Ich lebe noch, weil es mir Genuß bereitet, mit
-meinem Schmerze zu spielen und meinen Ekel in die Länge zu ziehen
-gleich einem zähen Teige. Ich liebe den Tod und darum lebe ich. Und
-außerdem bin ich ein abergläubischer Mensch, warum nicht? Es fröstelt
-mich, wenn ich daran denke, allein zu sterben. Es ekelt mir vor dem
-Gedanken, was die Menschen für dummes Zeug vermuten könnten, wenn ich
-einmal allein sterbe, wenn sie mich einen Selbstmörder nennten, die
-Unsinnigen. Ich liebe den großen Tod, ich will Gefährten und darum
-predige ich den Tod, weil das meinem Leben noch Reiz verleiht bis zum
-Ende. Aber ich werde sterben, meine Freunde, verlaßt euch darauf,
-ich werde sterben. Und das ist die einzige Zukunft, die ich noch
-anerkenne, und diese Zukunft, ja die soll zusammenfallen mit meinem
-Willen. Ich werde sterben, das heißt, ich will sterben, und nicht mehr:
-ich soll sterben. Verhaßt und gemein ist mir der Tod auf dem Strohsack,
-der schleichende Tod wider Willen. Diesem Tod habe ich abgesagt, ihn
-lache ich aus mit all meinem Gelächter, niemals werde ich diesen Tod
-des Ungeziefers sterben. Stimmet ein mit mir, stimmet hell ein, meine
-Freunde, in den Ruf: Es lebe der Tod!
-
-Erschreckt nicht über meine entsetzliche Ehrlichkeit. Oder erschrecket
-ja. Denn ich bin nicht ehrlich um der Ehrlichkeit willen, und Wahrheit
-ist mir lange nicht mehr ein großes führendes Wort; ich bin es nur,
-weil es mir Vergnügen macht, in tausend Farben zu spielen und mich
-euch von allen meinen Seiten zu zeigen. Ich durchschaue mich selber
-und lache mich aus, wenn ich meine hintere Seite sehe und ich freue
-mich, daß ihr mein Vorderteil ernsthaft nehmt, obwohl ihr die Kehrseite
-meines Herzens geschaut habt.
-
-Und überdies: ich kann Bocksprünge machen, so viel ich nur mag, wer
-mich versteht, der weiß, was ich meine mit dieser Schrift. Ich sage
-mich los vom Sozialismus, weil ich schwere vierschrötige Menschen
-nicht mag und weil ich das Leben nicht mehr ernsthaft nehmen kann. Und
-diejenigen, die mich fassen und mich gern haben, denen predige ich den
-Tod, und ich bitte sie bei all ihrer Liebe, mit mir zu sterben und also
-noch ein wenig zu warten, bis wir alle beisammen sind.
-
-Die aber noch ächzen unter den Nöten des Lebens, den Sklaven der
-Arbeit, denen rate ich, sofern sie mich hören wollen: Verzaget nicht,
-aber hoffet auch nicht, sondern machet euch frei! Schmeißt den Bettel
-weg, nicht aus Verzweiflung, sondern aus Einsicht, daß das Leben ein
-sinnloses Ding ist. Und dann schließet euch mir an und meiner Schar des
-Todes.
-
-Wer aber ungeduldig ist und nicht mehr warten will, der stirbt zwar
-nicht den schönen Tod, wie ich Narr ihn vorbereite, aber ich wünsche
-ihm doch: Gute Reise -- und unbewußte Verwesung!
-
-Euch andern aber sage ich: Auf Wiedersehen -- beim großen Sterben. Ich
-harre nun eures Echos und dann will ich wieder reden.
-
-Dem Sozialismus aber wünsche ich -- ein langes Leben, ein schönes
-Greisenalter und den Tod auf der Matratze.
-
- =Karl Starkblom.=
-
- ❦
-
-
-
-
-Vierter Abschnitt.
-
-Die Vision des Todespredigers.
-
-=Zweites Sendschreiben an das Menschengeschlecht=
-
-von
-
-=Karl Starkblom=.
-
-
-Einleitung.
-
-Ich habe versprochen, nach einiger Zeit wieder von mir hören zu
-lassen und zu erwidern auf die Antworten, die mein erstes Schreiben
-hervorgerufen. Freilich hatte ich es mir anders gedacht und wenn ich
-könnte, müßte ich jetzt bitter werden. Eine Antwort, nämlich einen
-starken Widerhall, haben meine Worte überhaupt nicht gefunden. Ich
-dachte, es gebe Leute genug, die mir laut zujubeln müßten, daß ich das
-erlösende Wort gesprochen, aber nichts von alledem. Ich meinte, meine
-Wohnung müsse täglich voll sein von Menschen, die sich zu mir drängten,
-um mit mir zu reden und sich bereit zu erklären. Aber Niemand kam,
-außer einem einzigen Menschen. Der drückte mir die Hand und dann ging
-er wieder. Es war ein Arbeiter. Und ja doch -- ein paar Briefe erhielt
-ich, abgesehen von denen, in denen ich zum besten gehalten und angeulkt
-wurde. Ein paar Weiber und ein paar Jünglinge und ein einziger Mann,
-die erklärten sich bereit zum Sterben, »wenn es mir wirklich ernst
-sei«. Etwas der Art fügten sie alle hinzu.
-
-Meine Freunde, die ihr nicht da seid, meine Einleitung kann also kurz
-sein. Ich lebe nicht zu meiner Zeit. Ich habe geglaubt, ich könne
-verstanden werden, und man hat meine Schrift als ein litterarisches
-Ereignis aufgefaßt. Lächerlichkeit über Lächerlichkeit! Seid ihr so
-wenig an die Druckerschwärze gewöhnt? Meint ihr, wenn ein neuer Heiland
-käme, er würde sich heute wieder auf einen Berg stellen und eine
-Predigt halten? Nicht wahr, damit unten an der Böschung die Eisenbahn
-vorbeidröhnte und ihn auspfiffe? O ihr Nachahmer von allem, was früher
-gewesen, ihr freilich konntet meine Stimme nicht verstehen! Mir fehlte
-die Würde und die Borniertheit des Bußpredigers. Einen lachenden Künder
-neuer Worte, den könnt ihr noch nicht ertragen. Ich bin traurig, sehr
-traurig, daß ich einsam bin, im Tode wie immer im Leben.
-
-Erwartet nicht, daß ich auf die sogenannte Kritik eingehe. Einige
-wenige freilich -- nein, ich will nicht von ihnen reden. Sie stehen mir
-nahe, sie verstehen den Athem meiner Rede -- und doch, doch! Sie haben
-mich gelobt, als ob ich ein Chamäleon wäre, oder ein Schriftsteller,
-der alles kann. Hätten sie geschwiegen und wären sie zu mir getreten
-um mir die Hand zu drücken, wie jener Arbeiter, dann -- ja dann! Die
-Ehrfurcht fehlt ihnen, vor mir und vor sich selber.
-
-Meine Freunde, die ihr nicht da seid! Setzet euch im Kreise und höret
-mir zu! Wenn ich ruhte im Walde, wenn ich über nasse Wiesen ritt, des
-Nachts, wenn ich nicht schlafen konnte und auch nicht wollte -- da habe
-ich das geträumt und immer fort geträumt, was im folgenden erzählt
-ist. Dann habe ich es niedergeschrieben und nun lasse ich es auch noch
-drucken. Warum das? Woher diese Thorheit?
-
-O merkt ihr es denn nicht, seht ihr das Leid denn nicht, das an mir
-zehrt? _Ich suche Menschen!_ Menschen suchte ich immer und immer, erst
-blickte ich um nach Tausenden und wiederum Tausenden, um zu ihnen zu
-sprechen und sie zu erkennen als Meinesgleichen und sie zu verführen
-zu meinem Tode. Und jetzt suche ich einen einzigen Menschen, _einen_
-Menschen nur, der mich liebt und mit mir sterben will. Und darum trete
-ich nun zum zweiten Mal hin auf den Markt und prostituiere mich vor
-allem Volk und zeige mich bald nackt, bald angethan mit all meinem
-Putze.
-
-Und nun vernehmet _die Vision des Todespredigers_.
-
- * * * * *
-
-Ich will euch von einem Manne erzählen, der keinen Grund hatte, sich
-selber auszulachen, der konsequent sein konnte und geradeaus gehen
-durfte, der an sich glaubte und Gläubige fand. Wer ist der Glückliche?
-Und wie ist es ihm möglich? Wie ahmen wir ihm nach? Ganz einfach ist es
-ihm möglich, aber wir andern können’s nicht, auch wenn wir wollen.
-
-Der Mann, von dem ich erzählen will, war epileptisch. Was, ruft ihr
-voll Entsetzen, und du nennst ihn glücklich? Jawohl, selig nenne
-ich diesen Mann, daß die Krankheit seines Geistes in solcher Weise
-ausbrechen konnte. Wir alle sind ja epileptisch, in uns allen lebt
-etwas, das sich sträubt gegen das Leben, aber wehe über uns, deren
-Krankheit Geist heißt und deren Arznei wiederum Geist! Weit besser
-haben es die, deren Körper den Geist heilt und in die Bahnen der Ruhe
-lenkt. Sie haben nur die eine Hälfte ihres Hirns, denn die zuckende und
-krampfende Hälfte, die wie ein Gelächter schneidet in den Ernst und wie
-Wehschrei in die Freude ächzt -- die ist nur Körper bei ihnen -- und
-wenn ihr Körper sich windet und dreht, dann weiß die Seele nichts von
-den Zuckungen des Menschen und bleibt ganz und heil.
-
-Wohl denen, die das Bewußtsein verlieren dann, wenn sie irre würden
-an sich! Heil den Epileptischen! Sie sind Propheten und Heilige und
-Heilande.
-
- * * * * *
-
-Da, da, seht hin, da ist er, da kommt er! Schreitet er nicht wie ein
-Gott? Da ist er, da steht er in Mitten der tausendköpfigen Versammlung,
-hoch ragt er empor über alles Volk, Starkblom der Todesprediger!
-Seht ihr ihn, seht ihr? O jetzt schweiget. Es bedarf ja nicht der
-Ermahnung; alles lauscht atemlos, alles wird süß bestrickt vom Zauber
-seiner Rede. O wie er Macht hat über die Herzen der Menschen! Wie er
-sie bezwinget und in den Staub, auf die Kniee schmettert. Ehret den
-Tod! Seid in Treue gewärtig des Todes! Harret aus! Bald sollt ihr mit
-mir sterben den holden Tod in Größe und Freiheit. Dann hört ihr auf
-zu sein und das Häßliche, was Mensch hieß bisher, ist geschwunden
-aus dem schönen Bezirk der Göttin Natur. Ihr werdet heimkehren zur
-Unbewußtheit. Ihr werdet nicht mehr fragen, wozu. Die Thorheit des
-Zweckwahns ist gestorben mit euch. Eins ist wieder die Natur, alles ist
-schön, und nichts wird empfunden als eigene, _eine_ Schönheit. Die Zeit
-ist gestorben mit euch, und Ursache und Wirkung lebt dann nicht mehr.
-Und auferstehen wird jubelnde Veränderung und zweckloser, sinnloser,
-farbenfroher, tönender Zufall! Sterbet, ihr Einzelnen, sterbet, damit
-der Wahn der Gesamtheit tot sei. Stirb, mein Bruder, damit alles
-aus ist, und lache im Tode derer, die an die unbedingte Entwicklung
-glauben und an den Fortschritt und wie die heiligen Wörter alle heißen.
-Sterbet, sterbet, werbet zum Sterben! Und weiter wälzt sich der
-Menschenstrom, und größer und größer wird die Masse der Todesfrohen. --
-Ha, wo ist er? Alles schwand meinen Augen? Ich erblicke nichts mehr.
-Ich höre nichts mehr. Ich liege auf dem Boden und stöhne und betaste
-meinen Leib. Wo ist dieser Starkblom? Starkblom, wo bist du?
-
- * * * * *
-
-Sie haben überall, in allen Städten, die Statuen ihrer Fürsten und
-Heerführer auf den Marktplätzen von den Sockeln geworfen und mit
-den Stein- und Erztrümmern die Fenster der Schlösser und Paläste
-der Lebenden eingeschlagen. Und auf die Sockel haben sie kolossale
-Gerippe gestellt, vergötterte Todesgestalten, und sie haben ihre
-Kleider von sich geworfen und tanzen um das Bildnis des Todes,
-und jubeln und lachen und singen, und schmetternde Musik spielt
-rauschende Marschweisen. ~Allons enfants, allons nous-en!~ Und die
-Sonne scheint so golden herab wie noch nie, als wolle sie den Menschen
-die Lebenslust warm in alle Poren träufeln und ihnen zeigen, man
-könne auch nackt leben. Sie aber wollen sterben, und Starkblom, der
-fürchterlich-herrliche, tanzt den Todesreigen vor. Und abends, wenn
-es kühler und dunkler wird, da erwachen die Farben in feuriger Glut.
-Grün und rot und gelbe Tücher schlagen sie um sich in phantastischem
-Wurf, und unsagbar wonnig und feierlich flüstert und kost Musik von den
-Thürmen, und Kinder kommen aus allen Gäßchen und Winkeln gesprungen
-und schlagen Purzelbäume und springen über die Alten. Die aber setzen
-sich im Kreise und hören zu Märchen erzählen, Märchen vom Leben. Und
-leise schwirren die Winde fernher durch die Straßen und tragen süße
-Düfte mit sich aus weiten Gärten und Haiden draußen vor der Stadt. Und
-nun steht Starkblom in der Mitte des Kreises und erhebt seinen Gesang
-von der Wunderherrlichkeit der Zukunft dieser Menschenwelt, wie alles
-kommen könnte und kommen müßte, wenn sie nur wollten. Und am Schlusse
-kehren dann immer wieder die Worte voll brausenden Glückes: »Welch’
-Herrlichkeit erdichten wir -- welch’ schöne Welt vernichten wir -- wir
-könnten sie erwerben -- haha, haha, haha -- wir aber sterben, sterben!
-Juh!« Und jubelnd fällt die Masse ein, und der Wind klappert im Gebein
-des Todenmannes, und die Posaunen gellen hoch oben aus den Lüften und
-das Gelächter der Menschenmenge schwillt empor wie ein bäumendes Meer
-und will nicht enden. Und ein stolzes hohes Weib tritt zu Starkblom
-in die Mitte und -- oh, oh! Die elektrischen Lampen erlöschen, die
-Fanfaren brechen schrill ab mitten im Tone, ein schwarzes unendliches
-Tuch breitet sich über alles -- Nacht, Nacht -- nichts, nichts -- wo
-ist das Weib? Wo sind die Menschen? Wo bleibt der Tod? Starkblom sitzt
-auf dem Sopha und stützt den Kopf in die Hände -- es ist alles anders,
-alles so anders, o pfui, pfui, alles matt und gewöhnlich und niedrig
-und mittelmäßig. Wo bist du Größe, Größe der Gedanken, Größe der
-Erscheinung? Ich will schlafen, ich will nicht mehr träumen -- o wenn
-ich weinen könnte, oder lachen, lachen -- Aber nur nicht mehr dieses
-trockene Schluchzen, dieses Mittelding zwischen Weinen und Lachen.
-Alles zuckt an mir, doch ich kann nicht tanzen; ich ächze, o könnte ich
-singen! O ich kann’s ja nicht mehr aushalten -- ich werde sterben, bald
-sterben. O pfui, pfui!
-
- * * * * *
-
-Was ist ein Leben, wo die Ueberraschung fehlt und der Zufall und das
-Plötzliche und die Blindheit? Wo es eine Ueberlieferung giebt und eine
-Vermittlung und ein Rechnen? Ein Rechnen mit Gewesenem, ein Berechnen
-des Kommenden? O Natur, wie neide ich dir dein Glück! Seht diesen
-Wassersturz hoch vom Berge hinab in die Tiefe! Wie wandelt die Welle
-hier noch so friedlich, wie freut sie sich ihrer grünen Ufer und ihrer
-Blumen und Steine und plötzlich da -- das Ereignis, das sie niemals
-geahnt! Sie stürzt hinab, tief, tief! O dieses Brausen und Schäumen,
-dieser Jubel des Nieerhörten und Niewiederkehrenden! Diese Seligkeit
-des Vergessens und des Entdeckens und des wieder Vergessens. Wie viele
-Wasser sind schon da hinabgestürzt und keine Woge hat es der andern
-gesagt, kein Papier verbindet die einzelnen Tropfen und trennt sie
-von ihrer eigenen Herrlichkeit. Aber bei uns -- ewig Gewesenes! Wollen
-wir denn nicht endlich und endlich das Alte töten? Sind wir noch nicht
-altersschwach? Ich bin es, ich bin es -- ich breche zusammen unter der
-Last des Vergangenen. O könnte ich alle Ueberlieferung töten, dann, ja
-dann wollte ich leben. Ich kann sie töten, wenn ich mich töte. Dann bin
-ich ein Teil der Natur -- nein, nein, dann ist ich nicht mehr, dann
-ist sie, sie, die Natur! Ich hasse euch, weil ihr noch leben wollt,
-ihr Narren! Ich _will_ noch nicht sterben, ich muß warten, ob ihr euch
-nicht doch noch entschließet, mit mir zu gehen, damit Mensch aufhöre
-zu sein. O ich würde nicht zu euch reden, wenn ich wüßte, wie ich
-euch morden kann! Euch alle zusammen! Ich will nicht, daß noch einer
-kommen muß nach meinem Tode, der dasselbe erleben muß. Ich will nicht.
-Ich will, daß mein Tod einen Sinn hat. Mir ekelt vor meinem letzten
-Gedanken. Mir ekelt vor dem Alleinsein.
-
- * * * * *
-
-Das große Ereignis, das Starkblom immer verkündet hat, ist eingetreten.
-Die »Secte von Altersschwachen und übergeschnappten Lebemänner«, wie
-sich noch ganz kurz vorher radikale Parteiführer ausgedrückt hatten,
-hat die ganze civilisierte Welt erobert. Ein religiöser Taumel riß alle
-hin, die mit der Bewegung in Berührung kamen. Die große Arbeitermasse,
-die bisher dem Sozialismus gefolgt war, ist mit eins müde geworden der
-Hoffnung auf das Leben und hat eingesehen, daß ihre revolutionäre alles
-verneinende und umstürzende Leidenschaft wohl einen Grund hat und darum
-ihre Berechtigung, aber keinen Zweck. Sie haben eingesehen, daß nicht
-der Zweck d. h. der Wahn, das Recht schafft, sondern der Grund, und
-das ist in diesem Fall die Unterdrückung und die Hoffnungslosigkeit.
-Sie wollen sterben, warum nicht, sie wären ja doch gestorben, aber
-vorher wollen sie noch einreißen! Ist es Rachsucht, was sie treibt, ist
-es Wahnsinn, ist es Verführung? Wer weiß es und was liegt daran. Man
-denkt nicht mehr in dieser Zeit der taumelnden Auflösung, man genießt
-seine Leidenschaft und man handelt. Sie hören auf zu arbeiten, sie
-zertrümmern die Maschinen, die Armeen werden angesteckt und laufen
-auseinander, Männer und Frauen hören auf sich zu bekleiden und gehen
-nackt durch die Straßen, denn sie haben keinen Schnupfen mehr zu
-fürchten, es wäre doch ihr letzter. Die Staatsgewalt ist ohnmächtig
-und hört auf zu sein. Man raubt seine Bedürfnisse, der Vorrat ist groß
-genug für die kurze Zeit; fürchterliche Wildheit fletscht ihre Zähne
-und bricht überall aus und doch durchflutet die meisten eine Ahnung
-von der seligen Schönheit ihres bewußtlosen Thuns; Männer und Frauen
-umarmen sich auf öffentlichen Plätzen; wer dem andern ins Gehege kommt,
-wird ermordet, zahllose Einzelne und Paare sterben schon jetzt, die
-neugeborenen Kinder werden fast alle getötet.
-
- * * * * *
-
-Als die Dinge soweit waren, bekam Starkblom eines Tages einen heftigen
-Weinkrampf und am Tage darauf einen furchtbaren epileptischen Anfall,
-aus dem er kaum mehr erwachen wollte. Als er aber nach ein paar Tagen
-sich wieder erholt hatte, stellte er sich von neuem an die Spitze
-der Bewegung, soweit sie sich noch beherrschen ließ. Er wollte sich
-nicht täuschen lassen durch den anscheinend vollständigen Sieg seiner
-Sache; es war noch vieles zu thun. Er saß jetzt meist einsam oder
-umgeben von seinen Vertrautesten im stillen Zimmer und schmiedete
-Pläne oder hielt Kriegsrat. Es konnten sich in später Zukunft aus den
-wilden Völkerschaften, die noch nicht ergriffen waren, auch wieder
-civilisierte Menschen entwickeln. Das durfte nicht sein. Er schlug
-vor, einen gewaltigen Kriegszug auszurüsten, zunächst ins Innere
-Afrikas. Einer seiner Jünger aber meinte, das halte zu lange auf.
-Man solle Prediger hinschicken. Die Idee des Todes sei so einfach
-und überzeugend, daß auch diese rohen Menschen sie verstehen müßten.
-Einstweilen müsse man in Europa mit dem großen Tode beginnen. Sonst
-verflache die Bewegung wieder. Es müsse jetzt gehandelt werden.
-
-Aber wie es mit den hochentwickelten Tieren sei, wandte ein anderer
-ein. Sie haben das Selbstbewußtsein, täuscht euch darüber nicht. Wäre
-es nicht ekelhaft, wenn wir sterben würden und müßten diese am Leben
-lassen. Hunde, Pferde, Ameisen, Bienen, diese vor allem müßten mit
-Stumpf und Stiel ausgerottet werden.
-
-O all unser Thun ist nur Stückwerk, seufzte da ein ganz junger Mann,
-der bisher fast am leidenschaftlichsten in der Bewegung gewirkt hatte.
-Ich fürchte, auf dem Mars leben auch denkende Wesen. Die können wir
-auch nicht erreichen. Wir wollen jetzt sterben, aber alles was wir
-möchten, können wir doch nicht ausführen. Nicht bloß die Menschen,
-nicht nur die Tiere, nicht nur diese Erde, nein, die ganze Natur, die
-Welt müßten wir zerstören können. Und können wir das?
-
-Verfluchter Verräter! Treuloser! schrieen die andern. Du beschimpfst
-unsre gute Sache. Und sie drangen mit erhobenen Fäusten und blanken
-Schwertern auf ihn ein.
-
-Da lachte der Jüngling wild auf. Haha, haha! Ihr wollt mich töten, ihr
-Todesfrohen? Laßt mich doch leben, das wäre die rechte Strafe! Aber ihr
-mahnt mich recht, ihr Narren. Wenn ich tot bin, dann ist auch die Welt
-tot -- für mich. Was liegt mir an euch?
-
-Und er ging ins Nebenzimmer, wo ein wunderschönes fünfzehnjähriges
-Mädchen schlief, totmüde von dem wilden Toben dieser Tage. Er weckte
-sie rasch, riß die Schlaftrunkene an sich und umarmte sie stürmisch.
-Dann riß er das Fenster auf, umschloß sie eisern mit seinen Armen und
-beugte sich weit vor. Ein heftiger Schlag, und die Leute unten fanden
-zwei unförmliche Leichen.
-
-Starkblom schwamm es vor den Augen. Das war das bekannte Zeichen. Der
-Anfall drohte wieder. Doch ging es diesmal wieder vorbei: Kurz lachte
-er auf. Der Mann hat recht. Es ist bald Zeit für uns. Die andern mögen
-für sich selbst sorgen.
-
- * * * * *
-
-Graut euch vor mir und meinem Doppelgänger? Ihr wendet euch mit
-Entsetzen ab vor den Ergüssen meines verrückten Hirns? Ich aber
-sage euch: ich preise diesen Starkblom, er hat das wahre Glück, er
-hat es schon vor dem Tode. Er glaubt an sich, wie der Kirschbaum
-an sich und seinen Blütenschnee glaubt, bevor der Frost kommt und
-seine Blüte verdirbt, wie die Lawine an sich glaubt, die krachend
-ins Thal hinabschmettert. Wußtet ihr nicht, daß die Natur grausam
-ist für schwächliche Zuschauer? Warum seid ihr auch Draußenbleiber,
-ihr winzigen Narren, mit eurem Denken und eurem Jämmerlein und eurer
-Moral und euren Hosen? -- Starkblom der Erste ist heute wieder einmal
-fröhlich und guter Dinge, er ahnt den Zweiten in sich und ahnt den Tod
-und die Unbesonnenheit und Selbstverständlichkeit und den freien Wurf
-und die Kälte -- die ihr Narren Unverfrorenheit zu nennen beliebt. Ich
-pfeife auf euch, meinetwegen könnt ihr immerhin leben, ihr belustigt
-mich! Laßt euch nicht einfallen zu verzweifeln und zu winseln und den
-Tod zu begehren und zu wähnen, ihr wäret mir gleich! Wer weiß -- ob ich
-dann nicht leben will -- um mein Gelächter noch eine Weile zu genießen?
-
- * * * * *
-
-Und immer mächtiger und mächtiger schwollen die Heere der Sterbenden
-an. Und auf einmal war das Vorpostengefecht aus, es knatterten nicht
-mehr an allen Ecken Europas vereinzelte Schüsse, ganze Städte sprengten
-sich in die Luft, und von allen Seiten wie auf ein Commando strömten
-die Landbewohner herbei und stürzten sich in die Flammen der brennenden
-Straßen und Wälder. Eisenbahnzüge über Eisenbahnzüge fuhren nach
-allen Richtungen hinaus -- den Meeren entgegen, und bald waren nicht
-nur Tausende und Hunderttausende, nein Millionen und Abermillionen
-von Menschen versenkt in den Tiefen der Oceane. Die Haustiere wurden
-vielfach mitgenommen, sonst kümmerte man sich um nichts mehr. Starkblom
-blieb mit einem getreuen Stab von einigen Tausenden zurück in der Mitte
-Deutschlands und lenkte und berechnete die Bewegung. Er sandte seine
-Leute aus nach allen Seiten und bald konnten sie zurückkehren wie die
-Taube mit dem Ölzweig: nirgends mehr ein Mensch zu sehen. Da verließ
-er seine Umgebung mit einem Mal und reiste weg. Er war verschollen.
-Fieberhafte Aufregung befiel seine Getreuen. Schon murmelte man hie
-und da vom Verräter. Er wolle sie alle noch in den Tod treiben und
-dann am Leben bleiben ganz allein. Sie hatten unrecht -- zunächst. Er
-wollte sich nur noch einmal satt sehen an der Erde. Und er sah sich
-satt. -- Niemals in seinem ganzen Leben hatte er sich so selig, so
-erhoben gefühlt wie jetzt, da er ganz allein durch Thäler und Gebirge
-schweifte, die Ruinen der Städte und Dörfer sah und in die Lüfte
-emporjauchzte: Allein! allein mit der Natur! Dann aber schien ihn der
-wahnsinnige Gedanke wirklich anzufallen. Er näherte sich wieder dem
-Platze, wo er seine Gefolgschaft vermutete und eines Nachts schlich er
-sich in ihr Lager. Es schien ihm zu glücken was er wollte. Niemand sah
-ihn. Und er trat in das Zelt zu dem Weibe, das er suchte, und weckte
-sie. Dann flüsterte er erregt auf sie ein und hielt sie umfangen, an
-allen Gliedern zitternd. Und er schien zu siegen. -- Sie folgte ihm.
-Sie flüchteten hinaus in die Einsamkeit, in ein wundersames Thal.
-Niemand hatte ihre Spur gefunden. Adam und Eva! jauchzte er, als sie
-allein waren und gerettet, wie es schien. Wir beide allein im Paradies
--- Sie mögen sterben, sie sollen sterben! Wir bleiben zurück und
-gründen ein neues Geschlecht. Wir wollen leben, wir schaffen ein neues,
-herrliches Leben, eins mit Natur und Vernunft. -- Indessen wurden er
-und sie -- denn man hatte ihre Flucht entdeckt und ahnte schlimmes --
-eifrig gesucht. Nach einigen Wochen aber stellte er sich freiwillig ein
-bei der Schaar seiner Freunde und zwar -- allein. »Verzeiht mir, meine
-Freunde,« sagte er kurz und freundlich, »ich habe einen letzten Versuch
-gemacht. Doch auch der ist unmöglich. Das noch am wenigsten. Ich habe
-das Weib mit diesen meinen Händen erdrosselt. Nun wohlan, wir wollen
-sterben, ich bin bereit. Jetzt bin ich reif.«
-
- * * * * *
-
-Und sie zogen an die sonnigen Ufer des Rheins. Es war zur Zeit der
-Rebenblüte. Dort führten sie noch mancherlei wundersame Comödie auf,
-als trennten sie sich nur ungern von dem Gedanken an den Tod. Denn sie
-ahnten, wenn sie erst tot waren, hatten sie nur wenig Vergnügen davon.
-Starkblom war wieder aufgethaut und äußerst gesprächig geworden. »Was
-die Erde wohl ohne uns anfangen mag?« sagte er einmal. »Wir waren doch
-sicher ihre größte Unterhaltung. Ich hoffe, sie langweilt sich ohne uns
-zu Tode und stürzt in die Sonne. Vielleicht bringt das dann so große
-Unordnung in die Welt, daß alles durcheinander kommt und alles wieder
-zu eins wird und nichts mehr gesondert ist. Denn wisset, das will ich
-euch noch sagen: eins und nichts -- das ist dasselbe. Die Besonderung
-und die Verschiedenheit erst hat Welt und Leben und Bewußtsein erzeugt.
-Ist die Welt erst eins, dann ist nichts mehr, dann ist das Nichts da,
-das absolute Nichts.«
-
-Und dann stürzten sie sich hinein in die Fluten -- allesamt. Und nach
-kurzer Frist war das Gelächter und der Gesang und das Angstgeschrei
-verstummt -- denn einige schrieen auch -- und menschlos war die
-Erde weit und breit. Der Rhein aber floß ruhig weiter, und bald
-kamen die Tiere des Waldes und spitzten die Ohren und tranken aus
-kühlen Gewässern, und grün umwucherte die Pflanzenwelt die ganze
-Erde und umspann die Trümmer der Menschenbehausungen, und ein Singen
-und Jubilieren der Vögel erhob sich wie nie zuvor, und die Blumen
-leuchteten und dufteten in süßer, nieerhörter Pracht, und die Bäume
-rauschten und erzählten es den Winden, und die Stürme heulten es
-weiter, und die Erde brauste klingend ihre Bahn dahin: er war tot, er
-war tot! der große Peiniger!
-
- * * * * *
-
-Und jetzt greife ich mir an den Kopf und der geneigte Leser thue
-desgleichen. Beruhige er sich, er lebt noch, und ich werde ihn
-auch nicht ermorden. Ich aber bin Starkblom, nicht Starkblom der
-Todesprediger und nicht Starkblom der Epileptische -- bloß Starkblom
-der Erste, Starkblom der Leidende und Starkblom der Sterbende. Ja, ich
-werde sterben, ihr werdet nichts mehr von mir hören. Und so wünsche ich
-euch denn zum letzten Male ein herzliches Sterbewohl.
-
- =Karl Starkblom.=
-
- ❦
-
-
-
-
-Fünfter Abschnitt.
-
-
-Ein paar Wochen, nachdem diese Schrift Starkbloms erschienen war, stand
-in einer hellen Mansardenwohnung in Paris ein junges Weib von schier
-übermenschlicher Größe über einen Tisch gebeugt, damit beschäftigt,
-das Notwendigste in eine kleine Reisetasche zu packen. Ein Mann
-mit kurzgeschorenem, meliertem Vollbart, der aber noch viel jünger
-zu sein schien, als seine grauen Haare und sein gefurchtes Gesicht
-hätten vermuten lassen, lag, eine Cigarette rauchend, auf dem Sopha
-und schaute lächelnd wie ein Spitzbube, dem ein feiner Plan gelingen
-will, zu, wohl auch voll Vergnügen über die wundervolle Gestalt des
-Weibes. Sie hatte sehr ebenmäßige Formen, sie war nichts weniger als
-schlank, was sich auch zu ihrer Größe nicht hätte schicken wollen,
-ihr Gesicht war breit und zeigte ein ungemeines Wohlwollen, auch ihre
-Augen blickten groß und gütig und verständnisvoll in die Welt; ihre
-Stirne war frei, aber weder hoch noch gewölbt, die Haare trug sie kurz
-geschnitten und glatt gescheitelt.
-
-Sie war jetzt fertig und schloß die Tasche.
-
-»Sag’ einmal, Hänschen«, damit nahm sie das Gespräch wieder auf,
-»willst du wirklich nicht gleich mitkommen? Ich gehe natürlich auch so,
-sehr gern sogar, aber es ist doch die eigentümlichste Situation meines
-ganzen Lebens.«
-
-»Das doch schon seltsame genug aufzuweisen hat«, fiel er lachend ein.
-»Nein, meine liebe Marguérite, ich komme nicht mit. Das würde gar nicht
-in meinen Plan passen. Du hast doch alles verstanden, wie ich es meine?
-Nicht wahr? Mich erwähnst du natürlich gar nicht. Du mußt ganz thun,
-als ob ich nicht existierte. Und dann, wenn du meinst, es sei an der
-Zeit, dann telegraphierst du. Ich komme dann sofort. Ich freue mich
-heidenmäßig und ich glaube, die Sache gelingt.«
-
-»Das weiß ich noch lange nicht. Mir ist gar nicht so wohl dabei. Wenn
-er mir zum Beispiel, kaum daß ich sein Zimmer betreten habe, die Thüre
-weist?«
-
-»Das thut er ganz sicher nicht. Der Mann fühlt sich ja kläglich
-vereinsamt, das spricht ja aus jeder Zeile. Ich vermute ganz etwas
-anderes.«
-
-Dabei lächelte er und pfiff vor sich hin.
-
-»Nun?«
-
-»Hm, hm.«
-
-»Ich weiß nicht, ich halte es für sehr leicht möglich, daß er sich
-schon getötet hat, ehe ich ankomme.«
-
-»Hm, freilich, das ist nicht ausgeschlossen. So etwas ist nie
-ausgeschlossen. Das Sterben ist meist eine Sache des Augenblicks.
-Aber bei ihm glaube ich’s doch nicht. Weißt du, darin fühle ich mich
-ihm doch verwandt. Wir sind Männer des Abwartens. Der überlegt sich’s
-hundertmal, aber auf einen Impuls hin, plötzlich, thut er’s kaum. Aber
-weißt du, was ich meine?«
-
-»Ja?«
-
-Er schaute ihr voll in’s Gesicht.
-
-»Er wird sich in dich verlieben, Marguérite, toll, leidenschaftlich
-verlieben.«
-
-Sie errötete langsam, doch schlug sie die Augen nicht nieder.
-
-»Und ich?«
-
-»Das kann ich dir wirklich nicht sagen. Ihn kenne ich ja nicht. Für
-ausgeschlossen halte ich’s aber gar nicht, daß auch du -- Nun, das wird
-sich finden. Daß du in solchem Falle keine Rücksicht auf mich zu nehmen
-brauchst, weißt du.«
-
-»Gewiß, das weiß ich. Ich könnte auch keine nehmen, mein liebes
-Hänschen.«
-
-»Nun, wir blieben darum doch die Alten«, sagte er mit leuchtenden
-Augen, ergriff ihre herabhängende Hand und drückte sie an die Lippen.
-
-Dann sprang er auf und ging im Zimmer auf und ab. Endlich blieb er
-wieder vor Marguérite stehen.
-
-»Die Sache freut mich, weißt du, die Sache freut mich königlich. Immer,
-wenn ich anfange mich zu langweilen, sendet mir doch ein gütiges
-Geschick etwas neues, noch größeres. Weißt du, diese Bombengeschichte
-wird nun schon recht, recht langweilig.«
-
-»Aber es sind doch tüchtige, ungewöhnliche Menschen.«
-
-»Gewiß sind sie das, gewiß. Aber weißt du, in der Vorbereitungszeit,
-anfangs, da gefielen sie mir doch besser. Jetzt, wo sich die Folgen
-einstellen, wo ein paar verhaftet sind und andere vor der Ausweisung
-stehen, jetzt legen sie sich ein bischen Pathos an und einige
-deklamieren schon märtyrermäßig. Und weißt du, _das_, nein, das steht
-ihnen nicht gut.«
-
-»Aber Jean, du übertreibst ja. Was du Pathos nennst, ist doch auch
-meist nur Hohn. Ich glaube, sie sind freie Menschen geblieben, die sich
-für nichts besondres halten, aber die Welt für noch viel weniger.«
-
-»Nun, ich lasse ihnen ihr Vergnügen gern. Aber auf die Dauer ist’s doch
-nichts für mich. Ein Sporn zur Ernsthaftigkeit liegt doch auch noch
-darin, und du weißt, das mag ich nicht. Drum ist’s gut, daß mir die
-Geschichte dazwischen kam.«
-
-»Ein klein wenig ernst ist’s dir damit aber erst recht. Ich meine
-sogar, sehr viel Ernst.«
-
-»Meinst du? Das leugne ich gar nicht. Aber doch nur, weil mir’s Spaß
-macht.«
-
-»Nun, das ist eine Erklärungsart, wie andere auch.«
-
-»Meine weise Pythia, ich weiß schon, du bist anders als ich, ein wenig,
-nicht so gar. Drum schicke ich dich jetzt auch zu einem fürchterlich
-ernsthaften Kerl.«
-
-»Ich fürchte ihn nicht. Auch glaube ich, ist er unserm Standpunkt schon
-sehr nahe gekommen. Es braucht nur noch einen Ruck, dann haben wir ihn.
-Weißt du, was ihm hauptsächlich fehlt?«
-
-»Nun? Übrigens ist es bald Zeit für dich.«
-
-»Natur fehlt ihm. Verstand hat er genug.«
-
-»Natur ... Natur? Ja die fehlt mir auch. Die hast nur du, meine
-Marguérite. Aber weißt du, ich habe mir einen Ersatz zurecht gemacht im
-Lauf des Lebens. Es ist doch etwas großes, daß der Mensch jetzt auch
-seine behagliche Existenz sich schaffen kann, weit weg, weit von der
-Natur. Im Gegensatz zu ihr.«
-
-»Nun, schiffbrüchig seid ihr doch alle. Ihr denkt nur nicht mehr daran.
-Jetzt will ich aber gehn.«
-
-Sie setzte den Hut auf.
-
-»Also, mein großes Kleinod, leb’ recht -- Das heißt, ich werde dich zur
-Bahn begleiten. Also du begreifst alles? Du wirst’s gut machen?«
-
-»Verstanden hab’ ich alles, auch thu’ ich’s nicht dir zu Liebe, sondern
-weil’s mir selbst Bedürfnis ist, den Mann zu sehen und ihm zu helfen.
-Ich thue, was ich kann.«
-
-»Dann ist’s gut, sehr gut. Komm, ich will dich noch küssen, bevor wir
-gehen.«
-
-Marguérite beugte sich tief zu ihrem Hänschen herunter und küßte ihn
-auf den Mund. Dann ging das ungleiche Paar die Treppe hinab.
-
- * * * * *
-
-Zwei Tage später, morgens gegen 3 Uhr, stand Marguérite vor dem Weißen
-Hause. Sie betrachtete die freundliche Villa ein Weilchen und holte
-Athem, dann öffnete sie die Hausthür und stieg die Treppe hinauf. Im
-Flur sah sie niemanden. Sie klopfte an eine Thüre, keine Antwort.
-Nun öffnete sie. Es war ein Schlafzimmer, das wohl erst vor kurzem
-verlassen worden. Das Bett war noch nicht in Ordnung, die Luft nicht
-die beste. Sie blieb eine kurze Zeit zwischen Thür und Angel stehen,
-dann trat sie rasch entschlossen ein. Eine Thüre, die geschlossen war,
-führte wohl in die andern Zimmer. Sie hörte auf- und abgehende Schritte
-und verworrenes Brummen. Das mußte er sein. Sie stellte die Reisetasche
-auf den Tisch und legte den Hut ab. Dann goß sie aus dem Kruge etwas
-Wasser über ihre Hände und benetzte ihre Augen und ihr Haar. Nachdem
-sie sich abgetrocknet hatte, blieb sie noch eine Zeitlang stehen, die
-Hände auf die Brust gelegt und schwer atmend. Dann ging sie leise zur
-Verbindungsthür und krümmte den Zeigefinger um anzuklopfen. Rechtzeitig
-aber noch ließ sie die Hand sinken und schüttelte den Kopf. »Das wäre
-nichts,« flüsterte sie leise. Dann öffnete sie beherzt die Thüre. Sie
-blieb stehen und hielt den Athem an. Am Fenster gegenüber, das geöffnet
-war, stand ein Mann, ihr den Rücken zukehrend, in Hemdärmeln. Seine
-Augen blickten wohl ins Thal hinunter, währenddem aber waren seine
-Hände angestrengt bemüht, einen Kragen, der ihm vermutlich viel zu
-eng war, anzulegen. Sie hörte wieder das brummende Ächzen. Um ihre
-Mundwinkel zuckte es leicht. Auf einmal aber ließ seine Hand den
-Kragen los, er stampfte heftig mit dem Fuß auf und schlug sich mit der
-Faust an die Stirn. Dabei rief er laut:
-
-»Herrgott Donnerwetter, der Kerl macht mich noch verrückt!«
-
-Da konnte Marguérite nicht mehr. Sie lachte laut auf.
-
-Starkblom zuckte heftig zusammen und drehte sich rasch um.
-
-»Wie -- was -- wer sind Sie denn? was wollen Sie? wie kommen Sie denn
-hierher?«
-
-»Davon nachher. Vielleicht erlauben Sie, daß ich Ihnen zuerst helfe den
-Kragen schließen?«
-
-Starkblom blickte sie mißtrauisch an.
-
-»Aber entschuldigen Sie, wie kommen Sie denn hierher? Wo haben Sie denn
-Ihren Hut?«
-
-»Den habe ich im Nebenzimmer abgelegt. Ich sah niemanden und trat
-deswegen gerade herein. Ich komme von weit her, um mit Ihnen ein
-vernünftiges Wort zu sprechen. Erlauben Sie jetzt --?«
-
-Starkbloms Miene heiterte sich auf. Er lächelte.
-
-»Ach so, Sie haben gelesen --? Die Brochüre? Nicht wahr? Und kommen zu
-mir? Sehr schön. Und da wollen Sie mir -- den Kragen zumachen? Nun --
-immerhin, meinetwegen.«
-
-Sie trat näher und machte sich ans Werk.
-
-»Sind Sie aber groß!«
-
-»Bitte stillhalten, ~Monsieur~, sonst geht’s nicht.«
-
-»Aber Vorsicht, bitte, Sie erwürgen mich ja!«
-
-Sie ließ die Hände wieder sinken und schaute ihm lachend ins Gesicht.
-
-»Wäre das denn so schrecklich?«
-
-»Jaja, jaja, lachen Sie mich nur aus. Sind Sie deswegen gekommen?«
-
-»Ein wenig, ja.«
-
-»Soso. Nun, dann möchte ich Sie bitten, mir den Kragen vollends in
-Ordnung zu bringen, und dann -- ja dann werden Sie wohl wieder gehen
-können. Oder wollten Sie noch etwas anderes als Ihr Amusement?«
-
-»Gewiß, gewiß, auch noch etwas anderes. Aber jetzt Ruhe. So, jetzt
-wären wir fertig. Drückt er Sie nicht?«
-
-Starkblom warf ihr einen grimmigen Blick zu. »Nein,« sagte er dann
-kurz. Er ging noch etwas im Zimmer hin und her, dann nahm er seinen
-Rock von dem Haken an der Wand und zog ihn an.
-
-»So. Wollen Sie vielleicht Platz nehmen, mein -- Fräulein? Oder --?«
-
-»Das ist gleichgiltig. Aber nennen Sie mich lieber Frau.«
-
-Sie setzte sich an den Tisch. Starkblom blieb vor ihr stehen und
-betrachtete sie. Dann kratzte er sich an der Stirn. Er fand die
-Situation recht unbehaglich.
-
-»Woher kommen Sie denn?«
-
-»Von Paris.«
-
-»So? Schöne Stadt?«
-
-»O ja.«
-
-»War nie da. -- Soso. Merkwürdig.«
-
-Es trat eine Pause ein. Dann fing Starkblom wieder an:
-
-»Nun also -- wenn Sie das Ding gelesen haben und verstanden, dann
-kennen Sie mich ja ein wenig. Ich habe keine Lust, mich zu unterhalten.
-Ich kann’s auch nicht. Mir preßt’s die Kehle zusammen --«
-
-Marguérite lächelte gutmütig.
-
-»Zum Teufel noch einmal, kommt Ihnen schon wieder der verfluchte Kragen
-in den Sinn? Weiber, Weiber!«
-
-»Kennen Sie denn die Weiber?«
-
-Starkblom schaute sie groß an.
-
-»Wirklich, nicht sonderlich. Ich hab’ zwar früher einmal eine Frau
-gehabt, wissen Sie, damals, als ich noch -- aber was, das interessiert
-Sie ja doch nicht. Was wollen Sie denn?«
-
-»Es interessiert mich, Starkblom. Damals als Sie noch -- glücklich
-waren?«
-
-»Ach was, glücklich! Ein Philister war ich! Sie war ein Weib wie
-andere mehr. Ein Glück für sie, daß sie tot ist. Sie würde mich
-nicht verstehen, wie ich heute bin. Versteht mich überhaupt niemand.
-Verfluchte Welt.«
-
-»Ich glaube, ich verstehe Sie, und darum komme ich. Wollen Sie mich
-anhören? Ich habe Ihre beiden Schriften gelesen, beide; ich habe tief
-hineingeblickt in den Abgrund Ihrer Gedanken und Ihrer Verdüsterung,
-Sie suchen einen Menschen, und ich kam zu Ihnen. Sie suchen einen
-Menschen, der mit Ihnen --«
-
-Starkblom hörte schon lange nicht zu. Er war mit kleinen Schritten
-ungeduldig hin und her gegangen, hatte dann auch einmal die Thüre
-geöffnet und hinausgehorcht und trat nun vor Marguérite hin.
-
-»Wollen Sie vielleicht mit mir frühstücken? Ich habe Hunger.«
-
-»Ich glaube, jetzt verhöhnen Sie mich,« erwiderte Marguérite errötend.
-
-»Was? Fehlt Ihnen etwas? Meinen Sie denn, ich könne von der Luft leben?
--- Oder -- ach so -- ja wissen Sie, zugehört habe ich Ihnen nicht. Sie
-können ja dann Ihre schöne Rede hernach wiederholen. -- Na endlich, wo
-stecken Sie denn so lange?«
-
-Das Letzte sagte er zu der Haushälterin, die mit Thee, kaltem Braten
-und Wein hereinkam und die Augen weit aufriß, als sie so ungewohnten
-Besuch sah.
-
-»Wundern Sie sich später und bringen Sie noch eine Tasse und einen
-Teller und was weiß ich! Aber rasch!«
-
-Dann wandte er sich wieder zu der fremden Dame.
-
-»Sie werden auch Appetit haben. Greifen Sie nur ungeniert zu.« Dabei
-schob er seinen Teller und seine Tasse zu Marguérite hinüber. »Ich kann
-warten.«
-
-»Sie sind sehr liebenswürdig, Herr Starkblom. Frühstücken wir also
-zusammen. Trinken Sie so früh schon Wein?«
-
-»Ja, ich habe mir’s in letzter Zeit angewöhnt So, jetzt kann’s ja
-losgehn.«
-
-Die Haushälterin hatte das Nötige gebracht, und Marguérite schenkte
-erst Thee ein, dann auch Wein für sich und ihn.
-
-Während des Essens blickte Starkblom ein paar Mal zu ihr hinüber.
-Schließlich sagte er kauend:
-
-»Was Sie für ein gesundes Gebiß haben. Und dieser Hunger! Und überhaupt
-die ganze Gestalt -- wo wächst denn diese Rasse? Sie scheinen mir
-überhaupt keine Deutsche, ihrem Accent nach?«
-
-Marguérite lachte.
-
-»Nun, wie man’s nimmt. Geboren bin ich im Elsaß, kam aber ziemlich früh
-nach Frankreich.«
-
-Starkblom schaute sie immer noch an.
-
-»Prachtvoll, prachtvoll«, brummte er dann, und Marguérite ward rot.
-
-Er erhob sein Glas.
-
-»Na, prost, Frau -- und Ihr Name? Darf ich den wissen?«
-
-»Ich heiße Marguérite. Das andere ist nebensächlich, nicht?«
-
-Sie stieß mit ihm an.
-
-»Und was lassen wir leben?« fragte sie mit anspielendem Lächeln.
-
-»Leben ... leben? Ach so, denken Sie daran? Und -- Sie wollten?«
-
-Er blickte ihr tief ins Auge. »Tod --? mit --?«
-
-Sie schlug die Augen nieder und kratzte mit dem Messer auf dem Teller
-herum.
-
-»Vielleicht«, sagte sie leise.
-
-»Na, prost«, brach er kurz ab und trank sein Glas mit einem Zuge aus.
-
-Kurz nachher stand er auf und trat ans Fenster.
-
-»Haben Sie schon genug?«
-
-»Ja. Ich fühle mich nicht ganz wohl.«
-
-Marguérite legte leise Messer und Gabel weg. Sie starrte vor sich
-hin. Auf einmal überwältigte sie das Bewußtsein dessen, was sie
-gethan hatte und was noch bevorstand und der ganzen Situation, und sie
-schlug die Hände vors Gesicht. So verblieb sie lange. Plötzlich sagte
-Starkblom vom Fenster aus, ohne sich umzusehen, in sehr traurigem Tone:
-
-»Nun, Frau Marguérite, wollen Sie jetzt Ihre Rede halten? Wozu sind Sie
-bereit? Was halten Sie von mir?«
-
-Marguérite ließ die Hände sinken; sie war glühend rot geworden. Dann
-erhob sie sich, blieb aber am Tische stehen und sagte zaghaft:
-
-»Lassen Sie mich wieder gehen. Ich weiß nicht -- es ist falsch -- es
-geht nicht --.«
-
-Starkblom drehte sich um und sah sie erstaunt an. Dann ahnte er,
-vielleicht zu begreifen, was in ihr vorgehe. Er schwieg lange und
-blickte sie an. Dann fing er an:
-
-»Vielleicht war Ihr Gefühl das richtige, als Sie kamen. Schrecken Sie
-nicht zurück. Ich bitte Sie zu bleiben.«
-
-Und er ergriff ihre Hand.
-
-»Wenn Sie auch jetzt nicht reden können. Bleiben Sie nur. Wir haben
-Zeit. Oder haben Sie einen speziellen Grund, irgend einen Vorgang in
-der letzten Zeit Ihres Lebens, mich aufzusuchen?«
-
-»Nein, das nicht. Aber Sie verkennen mich nicht? Sie mißachten mich
-nicht?«
-
-Starkblom wurde sehr verlegen. Er wußte nicht, was sagen. Endlich
-stotterte er:
-
-»Aber ich bitte Sie ... aber Frau Marguérite ... aber mißachten ...
-was fällt Ihnen ein? Sie scheinen ja eine ... vorzügliche Frau. Ich
-begreife Sie, wenn ich auch nicht weiß, wie Sie dazu kommen. Wollen Sie
-mir nicht etwas erzählen -- von Ihrem Leben?«
-
-Marguérite setzte sich wieder aufs Sopha und strich langsam mit beiden
-Händen über ihr dunkles Kleid. Er blieb vor ihr stehen, indem er sich
-mit gekreuzten Beinen an den Tisch lehnte und sie anschaute.
-
-»Ach, da ist nicht viel zu erzählen. Ich bin das Kind reicher Bauern.
-Dann kam ich früh zur Erziehung in ein Kloster nach Frankreich. Dort
-riß ich aus -- mit -- nun, es ist gleichgiltig. Die Sache ist längst
-vorbei. Aber ich kam durch ihn damals schon in eine Gesellschaft freier
-Menschen, Männer und Frauen, hauptsächlich Russen und Polen. Seitdem
-habe ich sehr viel gelesen, auch einiges mitgemacht. Ich -- nun ich bin
-eben frei geworden durch all’ das.«
-
-»Soso. Schön, sehr schön. Was verstehen Sie denn darunter: frei
-geworden?«
-
-»Nun, ich meine, Sie müßten das doch auch kennen. Ich habe wenig
-Vorurteile, verstehe viele, auch verschieden geartete Menschen, kann
-mich in vieles hineinfinden und folge im übrigen meiner Natur, wie
-sie nun einmal ist, geworden ist durch diese und jene Umstände der
-Vergangenheit und Umgebung. Das nenne ich vor allem frei, daß man sich
-nicht schämt, täglich tausend Dinge zu thun, die der Verstand nicht
-erklären noch billigen kann. Zum Beispiel auch, zu leben und glücklich
-zu sein. Ohne einen Vernunftgrund dafür angeben zu können.«
-
-In Kürze etwa: »Sie sind ein Philister ohne Vorurteile?«
-
-»Jawohl, jawohl,« antwortete sie lebhaft. »Das acceptire ich. Man muß
-ein Philister sein, aber ein idealer. Man kann nicht leben ohne das. --
-Und man _will_ leben«, fügte sie noch mit Bestimmtheit hinzu.
-
-»Und ich sage: man will nicht«, rief Starkblom mit Entschiedenheit und
-schlug auf den Tisch.
-
-»Nun gut: sterben Sie.«
-
-»Ich meine; man sollte nicht wollen.«
-
-»Nun ja, das ist es ja eben. Das ist eine Theorie. Das kann ich
-fassen; ich verstehe es vollkommen. Nach dem heutigen Stand unseres
-Geistes können wir nicht begreifen, wozu wir leben. Ganz recht, ganz
-gut. Das gebe ich zu. Wir haben nichts Positives, das wir anerkennen,
-vollständig nichts. Und wir werden auch nie zu den alten Positionen
-zurückkehren. Wir würden uns schämen. Wir sind keine Romantiker, keine
-Philister im alten Sinn. Aber wir warten ab, und das ist Grund genug
-für uns, zu leben. Wir sind neugierig.«
-
-»Wir warten ab? Was denn?«
-
-»Nun, das weiß ich nicht. Irgend ein Falsches vielleicht,
-wahrscheinlich sogar. Aber das ist nötig. Irgend ein Neues, das
-überwältigt, ein neuer, dauerhafter Aberglaube, eine neue Religion,
-wenn es sich auch nicht mehr in diese Worte kleidet. Einfach etwas
-_Positives_, das allen einleuchtet, das für alle einen Sinn hat. Das
-alle überwältigt. Wir haben doch alle eine Ahnung, daß etwas in der
-Luft liegt. Etwas Großes, Nieerhörtes. Sie wollten es ja auch schaffen.
-Aber Sie konnten nur töten. Nicht zeugen. Also warten wir und leben
-wir indessen, leben wir freudig. Genießen wir, auch unsern Schmerz.
-Der gehört dazu, für uns sicher. Das ist Ihnen aber doch alles nicht
-neu. Sie wollten es nur nicht Wort haben. Vielleicht schämten sie
-sich. Aber dessen brauchen wir uns wahrhaftig nicht schämen. Wir sind
-Übergangsmenschen, jawohl, und wir fühlen uns als solche. Und wer so
-viel durchgemacht hat wie Sie, für den ist das keine Phrase. Nie war
-eine solche Zeit da wie die unsere. Und die kommende -- die muß ja noch
-viel unerhörter, gewaltiger werden. Ist es vielleicht so -- ist es
-nicht so -- habe ich Recht?«
-
-Starkblom hatte ihr voll Bewunderung zugehört. Er hätte nicht gedacht,
-daß ein solches Weib lebte. Und nun saß sie hier auf dem Sopha und
-blickte ihn freundlich mit schimmernden Augen an. Es schien ihm ein
-Märchen. Was er antwortete, war drum auch nur ein mechanisches
-Vorsuchen eines altgewohnten Gedankens.
-
-»Ich weiß nicht, ich glaube nicht, daß Sie Recht haben. Ich fände das
-doch ekelhaft, zu ekelhaft, ein solches Leben. Und die kommende Zeit --
-was liegt an ihr? Es handelt sich um uns, um mich.«
-
-»Jawohl, natürlich, nur darum. Aber unsere Gedanken und Träume von der
-Zukunft, und vor allem unsre Neugier, wieviel wir davon noch selbst
-erleben, und wie oft sich die Perspektive verändert, das ist ja nur
-ein Teil von uns. Sie sagen: wir haben an nichts mehr Interesse. Und
-ich sage: o doch, wir interessieren uns noch für sehr vieles. Aber
-nein: Sie sagen, wir sollten uns für nichts interessieren. Das ist das
-Falsche. Sie tyrannisieren sich durch Ihr ewiges Grübeln. Der Mensch
-ist nicht blos Verstand. Wenn Sie sagen: ich will nicht leben, dann
-spricht blos ein Teil von Ihnen, der andre aber will leben, o ja, o
-ja, er _will_ leben, und er sollte es sich nicht gefallen lassen,
-unterjocht zu werden. Er ist mächtiger als alles andre. Er _sollte_
-mächtiger sein. Ihr Verstand zehrt an Ihnen. Aber das andere lebt noch
-in Ihnen, das spüre ich, das fühlt man aus Ihren Schriften. Und das
-ist gut; sonst stünde die Sache verzweifelt. Sie können sich retten,
-aber nur Sie selbst sich selbst. Dazu bin ich gekommen, um Ihnen das zu
-sagen. Kehren Sie zurück zum Leben! -- Das Leben ist schön!«
-
-Lange blickte Starkblom vor sich nieder. Dann sagte er leise:
-
-»Das alles kenne ich, was Sie da sagen. Sie vermuten recht, das ist mir
-nicht neu. Es hat oft in mir empor wollen, und in letzter Zeit mehr
-wie je, aber ich habe es bekämpft. Der Geist ist das höchste, was der
-Mensch hat. Es ist feige, feige, ihn zu unterdrücken. Wozu Sie raten,
-das ist die Herrschaft der andern Triebe über den geistigen. Das könnte
-ich nicht aushalten, jetzt nicht mehr; früher vielleicht. Das wäre mir
-jetzt zu gemein -- auf die Dauer.«
-
-»O nein, das ist es gar nicht. Ich rate zum Genuß, jawohl, aber auch
-zum geistigen Genuß, zu dem erst recht. Aber geistiger Genuß ist nur
-möglich in Verbindung mit den andern -- nun sagen wir: Trieben; sonst
-artet er aus und treibt zur Vernichtung. Sie wollen das leugnen,
-aber Sie können es nicht. Empfinden Sie nicht Genuß bei solchem
-Gespräch? Und müßten Sie sich nicht zwingen, aus Gewohnheit und
-Konsequenzduselei, auch jetzt etwa zu fragen: was hat das für einen
-Zweck? was steckt dahinter?«
-
-Starkblom wurde unruhig; er konnte ihr Auge, das sie voll und ruhig auf
-ihn richtete, nicht ertragen. Er kehrte sich ab und sah zum Fenster
-hinaus. Sie aber wollte nicht nachlassen. Sie fühlte, sie hatte Einfluß
-auf ihn, und sie freute sich, daß ihr Geist sich im Gespräch mit dem
-seinen messen konnte.
-
-»Sagen Sie einmal, Starkblom,« fing sie also nochmals an, »was ist das
-mit dem Weib in Ihrer letzten Brochüre? An zwei Stellen? Das kommt
-so plötzlich und unvermittelt hinein. Was wollten Sie damit? Wenn
-es symbolisch sein sollte, gestehe ich, ich habe es nicht verstehen
-können.«
-
-Starkblom drehte sich rasch um.
-
-»Es sollte nicht symbolisch sein.«
-
-Dann fügte er zögernd hinzu:
-
-»Es war wohl ein Trieb. Halb Sehnsucht, halb Ahnung. -- Unsinn war es,
-Unsinn.«
-
-»Jetzt verstehe ich vielleicht,« sagte sie leise. »Auch das gehört
-dazu. Sie sind zu retten, dann erst recht.«
-
-Jetzt sah er ihr fest in die Augen.
-
-»Marguérite, Marguérite,« rief er dann. »Sie treiben ein gefährliches
-Spiel. Noch lebe ich, verstehen Sie, noch bin ich Mensch! Hüten Sie
-sich!«
-
-Und er streckte die Hand wie suchend nach ihr aus.
-
-»Ich freue mich, daß Sie leben,« sagte sie ängstlich lächelnd und sich
-etwas zurückbiegend, »aber Sie sind ein Kind!«
-
-Er fuhr sich verwirrt mit der Hand über die Stirn.
-
-»Wie ... was? Sie meinen ... aber nein, das nicht, das nicht. Nein,
-nein. Ich will nicht. Sterben Sie mit mir, Marguérite, ich bitte Sie,
-sterben Sie mit mir. Ich will nicht mehr leben, ich kann nicht.«
-
-Marguérite stand auf, heftig atmend und sehr blaß.
-
-»Starkblom,« sagte sie, »Sie sollten nicht eigensinnig sein. Sie thun
-sich Gewalt an. Ich würde es vielleicht thun, wenn --«
-
-Sie hielt inne. Starkblom ergriff sie bei der Hand und sah sie mit
-fieberndem Blicke an.
-
-»Was würden Sie thun? Was? Marguérite?!«
-
-Marguérite konnte nur noch flüstern.
-
-»Sterben, natürlich sterben. Was sonst?«
-
-Starkblom ergriff auch noch ihre andere Hand.
-
-»Du würdest es thun, Marguérite? Du willst? Ja?«
-
-Marguérite konnte nicht mehr. Sie sank in den Sessel, lehnte sich
-zurück und ließ den Kopf zur Seite hängen.
-
-»Ja, ja, ja. Wenn du willst, ja. Aber nicht jetzt, nicht jetzt. Wir
-wollen warten. Bedenken. O es _kann_ ja nicht sein.«
-
-Starkblom trat zurück, wie plötzlich ernüchtert.
-
-»Ja, wir wollen warten. Vielleicht -- ach Unsinn.«
-
-Dann griff er sich an den Kopf, wie müde vor Erregung.
-
-»Ach, was ist das heute für ein Tag! Wer hätte das gedacht? Wer hätte
-das gedacht?«
-
-Auf einmal zuckte es ihm um die Mundwinkel und in seinem Auge leuchtete
-es irr auf. Dann lächelte er fein, fast boshaft.
-
-»Ich glaube, wir belügen uns, Marguérite. Nicht?«
-
-Und flüsternd, aufgeregt stieß er heraus:
-
-»Wir meinen -- es -- anders -- nicht --?«
-
-Marguérite winkte matt mit beiden Händen, er möge aufhören.
-
-»Laß -- -- laß, Starkblom. Ich will mit dir sterben -- oder leben, wie
-du willst. Aber schweig jetzt, ich bitte dich. Ich kann -- nicht mehr.«
-
-Und sie lehnte sich müde zurück und schloß die Augen. Starkblom trat
-ans Fenster und sah starr hinaus. Dann drehte er sich um und schaute
-sie lange an. Ein Zittern überkam ihn. Er wandte sich wieder ab und
-zwang sich, auf die Bäume gegenüber zu blicken und hinauf zu den
-Wolken. So verblieb er lange.
-
-Endlich fuhr sich Marguérite leicht mit der Hand über die Stirn, als
-wolle sie einen Traum verscheuchen. Dann ballte sie eine Faust und fuhr
-energisch mit dem Arm auf und ab. Sie konnte sich wieder beherrschen.
-Sie ließ ihre Blicke im Zimmer schweifen. Auf einem kleinen Tischchen
-lagen Bücher und Zeitschriften ungeordnet durcheinander. Dicker Staub
-lag darauf. Sie trat näher und malte gedankenlos Zeichen und Buchstaben
-auf die Bände. Dann nahm sie eines der Bücher in die Hand und schaute
-nach dem Titel.
-
-»Ah!« sagte sie freudig.
-
-»Was haben Sie Schönes?«
-
-»›Also sprach Zarathustra‹ von Friedrich Nietzsche. Ich habe es nie in
-die Hand bekommen, aber viel davon gehört. Ich möchte es kennen lernen.«
-
-»Sie kennen es nicht? Alle Achtung vor Ihnen. Lernen werden Sie nicht
-mehr viel von ihm können. Aber die Sprache! die Sprache. Es ist ein
-wundersames Buch. Geben Sie her. Ich will Ihnen einiges davon zeigen.«
-
-Er nahm ihr das Buch aus der Hand, setzte sich, schlug aufs Gerathewohl
-auf und fing an vorzulesen. Nun las er einen Abschnitt nach dem
-andern, immer noch einen. So beruhigten sich ihre aufgeregten Sinne
-allmählich. Sie sprachen dann noch lange, Tiefes, auch Gleichgiltiges.
-Später gingen sie spazieren und setzten sich ins Grüne. Marguérite
-erzählte viel von ihrer Jugend, von den mancherlei Menschen, mit denen
-sie zusammengetroffen. Sie hatte viel zu erzählen und berichtete ohne
-Scheu. Von ihren letzten Lebensjahren schwieg sie indessen.
-
-Abends sagten sie sich ziemlich früh und ziemlich zurückhaltend,
-fast ceremoniell Gute Nacht, und Marguérite begab sich in das
-Fremdenzimmer, das seit Starkblom da wohnte, noch nie benutzt worden
-war. Sie schaute noch ein wenig zum Fenster hinaus und ließ sich von
-der Nachtluft abkühlen, dann legte sie sich ins Bett und kreuzte die
-Hände unter dem Kopf, wie sie zu thun pflegte, wenn sie noch nachdenken
-wollte. Den ganzen Tag über war es ihr immer von Zeit zu Zeit so
-gewesen, sie müsse an etwas denken, sie dürfe es nicht vergessen,
-und jetzt wollte sie sich besinnen. Aber ehe sie noch so weit war,
-zerflatterten ihre Gedanken in wirres Träumen, und sie schlief ein.
-
-Starkblom aber saß lange noch auf seinem Bett und brütete vor sich
-hin. Sollte er vergnügt sein und ausgelassen wie ein tolles Kind
-oder sollten sich ihm die Gedärme vor Ekel über sich selber im Leibe
-herumdrehen? Er wußte es wahrhaftig nicht. Er hatte die Kniee in die
-Höhe gezogen und stützte seinen Ellbogen darauf und hielt seinen Kopf.
-Er blickte starr, mit zusammengekniffenen Augen und gepreßten Lippen.
-Es fiel ihm nicht ein, sich zu wundern, sein Schicksal erfüllte sich,
-das war die natürlichste Geschichte von der Welt. Und dann auf einmal
-hielt es ihn nicht mehr, es drückte etwas von innen gegen die starre
-Wand seines Mundes und er platzte laut heraus und lachte hell auf und
-schlug mit der flachen Hand klatschend auf seinen Schenkel. Freilich
-lachte er sich aus, aber eine jugendliche Freude war auch dabei, und
-weil er das herausfühlte, mußte er nur immer mehr und immer wieder
-lachen und losplatzen. So ein Narr! So ein Narr!
-
-Und dann kleidete er sich rasch aus und legte sich ins Bett und
-löschte das Licht. Er warf sich ein paar Mal hin und her, dann schloß
-er die Augen fest und blieb ruhig liegen. So, jetzt wird geschlafen,
-verstanden? Aber Starkblom wollte nicht verstehen. Er kicherte wieder
-ein wenig. Dann öffnete er die Augen weit und sah lange zur Decke
-empor. Und als ziehe ihn etwas in die Höhe, richtete er den Oberkörper
-auf, winkte mit der Hand in die Luft, und sagte mit vernehmlicher
-Stimme: »Gute Nacht, Marguérite! -- Gute Nacht, liebe Marguérite!«
-Dann legte er sich wieder ruhig hin und lächelte müde. Und nun kamen
-ungeordnet aufgeregte Träume und lösten sich in wirrer Reihenfolge
-ab, bald mit offenen, bald mit geschlossenen Augen. So verbrachte er
-den größten Teil der Nacht, hin- und hergeworfen von der Unruhe und
-ohne Müdigkeit. Es war, als habe er die dunstige Nebelhülle, in der er
-sonst sich so wohlig geborgen und so gut und tief geschlafen hatte,
-mit eins verloren. Es war so unheimlich klar in seinem Kopfe bei allen
-fürchterlichen und thörichten Träumen, die rastlos hin- und hergingen,
-und die Augen waren so kühl und wollten nicht geschlossen bleiben, es
-war ganz selbstverständlich, daß er nicht schlafen konnte, er hatte gar
-keinen Grund zum schlafen. Erst spät am Morgen duselte er ein wenig ein.
-
-Auch die nächsten paar Tage lebten sie ruhig und idyllisch neben
-einander hin. Sie lasen, plauderten, gingen spazieren und lagen im
-Grünen. Im übrigen hielten sie sich scheu zurück und wollten an das
-andre nicht mehr denken. Marguérite war es eingefallen, was sie nicht
-vergessen dürfe, aber sie wollte nicht daran denken. Es wird sich schon
-finden, es wird sich schon finden. Sie wollte sich gehen lassen.
-
-Starkblom aber ließ sich treiben, wie vom Sturmesbrausen. Er konnte
-nicht mehr zurück. Er konnte sich nicht mehr halten. Es war über ihn
-gekommen. Er mußte es vollenden. Hinein in die Flut, nur hinein -- Wer
-weiß? -- Ja, wer weiß!
-
-Eines Abends, als sie auseinandergehen wollten, um zu schlafen, legte
-Starkblom seine zitternde Hand auf ihre Schulter. Seine Kniee bebten.
-Und mit verzerrtem blutleerem Gesicht und brennenden Augen bemühte er
-sich in ruhigem Ton zu sagen:
-
-»Marguérite, wir müssen die Konsequenz ziehen: warum nicht?«
-
-Sie sah ihn mit entsetzten Augen an: »Du willst sterben? Jetzt?«
-
-Da schrie er laut auf und brüllte:
-
-»Lüge nicht, Marguérite, lüge nicht! Sterben?! Wer denkt ans Sterben?
-Leben will ich! Dich! Dich!«
-
-Seine Stimme hatte sich überschlagen und knickte ab. Dann fügte er
-ruhiger, fast feierlich hinzu:
-
-»Marguérite, ich bin der Mann!«
-
-Da kreuzte sie die Arme über die Brust, sah ihn ernst und schmerzlich
-an und sprach:
-
-»Ich bin das Weib -- ja!«
-
-Und bei dem letzten Wort nickte sie bekräftigend und dann senkte sie
-den Kopf und blickte nicht mehr auf.
-
-Er biß die Zähne fest in die Unterlippe, atmete schwer und blickte
-bohrend in die Luft. Er trat zurück und blickte an ihr hinauf. Dann
-packte er sie plötzlich an beiden Schultern und riß sie an sich. Sie
-ließ es willenlos geschehen. Dann flüsterte er zitternd:
-
-»Ich danke dir. Komm!«
-
-Als Starkblom besänftigt und wohlig neben Marguérite lag und ihren
-wundervollen Leib umfangen hielt, da schwand rasch die Scham und der
-Ekel, die ihn erst hatten überwältigen wollen, und wenn auch sein
-Körper matt und unbewegt dalag, die bleierne Mattigkeit seiner Seele
-wollte sich von ihm lösen, und Kraft und Freude und selige Unbewußtheit
-hielten ihren sieghaften Einzug. Er wurde nicht müde in das ruhige
-süßes Behagen ausströmende Auge Marguérites zu blicken und ruhig und
-ohne Aufregung lange Küsse auf ihren Mund und ihre Lider zu heften. Und
-immer wieder hob sich seine Seele und sein Leib zu der wundervollen
-stillen Frau, die ihm manchmal sanft über das Haar strich und ihm den
-Schweiß von der Stirne wischte. Sie sprachen auch manchmal zusammen
-während der langen schönen Nacht, aber nur kurze hingeworfene Laute,
-die im Dunkel verwehten, wie wenn den Vögeln nachts ein goldener Traum
-lind über das Gefieder streichelt und sie befangen weiche Töne den
-surrenden Lüften vermählen und dann wieder verstummen.
-
-Als das Morgengrauen anfing mit seinen Nebelfingern das Dunkel von den
-Scheiben zu wischen, senkte sich die Müdigkeit trennend zwischen die
-beiden und sie verfielen in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
-
-Spät am Morgen schreckte Starkblom plötzlich empor und blickte verwirrt
-umher. Dann fiel ihm alles ein, er fühlte und sah seine schlafende
-Gefährtin neben sich und er legte sich lächelnd und behaglich wieder
-auf die Kissen zurück. Aber er konnte nicht mehr schlafen, er war
-vollständig frisch und munter. Er betrachtete Marguérite, deren breite,
-volle Brust sich gleichmäßig hob und senkte, ihre Wangen waren rosig
-überhaucht wie nie zuvor. So verblieb er lange, er konnte sich nicht
-satt sehen. Dann wäre er gerne wieder müde gewesen, er legte seinen
-Kopf, so leicht es ihm möglich war, auf ihre Brust, drehte aber dabei
-seinen Körper so, daß er ihr ins Gesicht sehen konnte. Bald zuckte
-es um Marguérites Mund, drückende Träume mochten sie ängstigen, sie
-stöhnte leise, dann wachte sie auf und sah in Starkbloms Augen. Eine
-unsagbare Heiterkeit verklärte da ihre Züge, beide sprachen kein Wort;
-sie blickten sich nur immer an. Auf einmal aber beugte sich Marguérite
-herunter, legte ihre Arme um seinen Hals und küßte ihn auf den Mund.
-
-»Guten Morgen, mein Lieber«, sagte sie dann frei und heiter.
-
-»Guten Morgen, Marguérite«, antwortete Starkblom fröhlich und dankbar.
-Dann, während sie sich beide still neben einander legten, fing er an:
-
-»Das kommt mir jetzt erst. Daran hab’ ich noch gar nicht gedacht.«
-
-»Was denn?«
-
-»Das war der erste Kuß, den du mir gegeben hast.«
-
-»So?« meinte sie errötend. »Ja und?«
-
-»Weißt du, ich gebrauche die alten Wörter nicht gern, sie sind so
-abgescheuert und gemein geworden und waren von Anfang an nicht tief und
-innig genug. Aber -- du verstehst mich ja, wie ich es meine ... also
-... nun eben --.«
-
-»Ist es denn so schrecklich, Karl? Was meinst du?«
-
-»Ich meine, jetzt hast du mich geküßt, und vorher -- ich meine, liebst
-du mich denn, Marguérite?«
-
-Da drückte Marguérite die Hände fest auf die Augen, runzelte ihre Stirn
-und nickte langsam und feierlich mehrmals mit dem Kopfe, wie kleine
-Kinder thun, wenn sie etwas besonders ernsthaft bestätigen wollen. Dann
-lachte sie kurz in sich hinein und flüsterte ihm ins Ohr: »Ja.«
-
-Starkblom suchte ihre Hand und drückte sie fest und ließ sie nicht mehr
-los. Dabei legte er sich auf den Rücken und träumte in die Höhe. Dann
-lächelte er und lächelte immerfort, bis ihm das Wasser in die Augen
-trat.
-
-»Was hast du denn?« fragte Marguérite, die ihn beobachtete.
-
-»Ach, es ist mir nur eben etwas eingefallen«, meinte er, immerzu
-lächelnd.
-
-»Was denn, sag’ mir’s doch.«
-
-Er schwieg ein bischen, dann sagte er:
-
-»Mein armes, kleines Lorchen.«
-
-»Deine Frau?« fragte sie leise, und er nickte.
-
-Da schämte sie sich und sie wußte doch nicht warum. Es mußte wohl etwas
-Großes sein und ein freier Ernst, der jetzt durchs Zimmer schwebte. Und
-voll von dem dunklen Gefühl beugte sie sich zu ihm hinüber und küßte
-ihn auf die Stirn.
-
-Nach einer Weile fragte er:
-
-»Hattest du nie ein Kind, Marguérite?«
-
-»Nein,« sagte sie leise errötend.
-
-Da stand er auf, kniete vor ihr Bett und sagte, indem er die Hand auf
-ihren Kopf legte:
-
-»Du wirst eins bekommen.«
-
-Sie schlug die Hände vors Gesicht, dann lag sie ernsthaft da und nickte
-sinnend.
-
-Nun erhob auch sie sich und beide fuhren rasch in die Kleider.
-Plötzlich lachte Starkblom laut auf.
-
-»Weißt du, wie mir meine letzte Brochüre jetzt vorkommt?«
-
-»Nein, wie?«
-
-»Nun höre. Ein Mann in den Vierzigern, Wittwer, sucht auf diesem sehr
-ungewöhnlichen Wege eine Lebensgefährtin. Dieselbe muß groß und kräftig
-gebaut, sehr gebildet und vorurteilsfrei sein. Offerten bittet man
-einzusenden unter der Chiffre: Es lebe der Tod! Nicht? War es nicht
-so? Und daß ich sie gefunden habe, das ist das allerseltsamste und das
-allerschönste! Wie kamst du denn dazu, Marguérite? Wie bekamst du denn
-in Paris meine Brochüren?«
-
-Marguérite hatte erst lachen müssen, aber jetzt wurde sie ernsthaft und
-sogar ein wenig blaß.
-
-»Das war nicht so einfach, mein Lieber. Das hängt mit etwas zusammen,
-mit etwas -- anderm. Aber jetzt kann ich dir das unmöglich sagen. Du
-mußt warten. Bald -- nicht wahr?«
-
-»Wie du willst, Marguérite. Ich habe dich, wir haben uns. Das ist eins
-und alles. Das andere ist gleichgiltig.«
-
-In so seliger alles vergessender Stimmung verbrachten sie diesen Tag
-und auch die folgenden. Was hätte ihr Glück stören können? Manchmal
-freilich überlief es Starkblom, und die Vergangenheit wollte ihn wieder
-packen mit ihren mörderischen Tatzen, und dann sagte er wohl:
-
-»Mein Glück ist zu groß. Ich werde bald sterben.«
-
-Aber Marguérite und er selbst brauchten sich nicht allzusehr
-anzustrengen, um dies Gespenst wieder zu verscheuchen.
-
-Eines Mittags saßen sie heiter auf dem Balkon und plauderten und sahen
-ins grüne Thal hinab. Da brachte die Haushälterin mit hochgezogenen
-Brauen und grenzenlos erstauntem Gesicht ein Telegramm und überreichte
-es zweifelnd Starkblom.
-
-Der nahm es rasch und las die Adresse und auch er machte ein sehr
-verwundertes, fragendes Gesicht. Doch winkte er der Frau, sie solle
-gehn.
-
-»Ist das für dich, Marguérite?« fragte er dann und reichte ihr die
-Depesche hinüber.
-
-Sie las die Adresse und errötete über und über. Da stand: »Frau
-Marguérite Starkblom. Villa Weißes Haus.«
-
-»Ja«, flüsterte sie dann und ließ das Papier unentschlossen in ihrem
-Schooß liegen.
-
-»Das ist seltsam«, meinte Starkblom, sie starr ansehend. »Verstehst du
-es? Kannst du mich nicht aufklären? Wer weiß davon etwas? Und wer kann
-sich unterstehen --?«
-
-»Es ist anders, lieber Karl. Hab nur Geduld. Laß mich erst lesen. Dann
-vielleicht --.«
-
-Sie erbrach den Verschluß und las die wenigen Worte.
-
-»Warum höre ich nichts von dir? Bin aus Frankreich ausgewiesen und
-schon auf der Reise zu Euch. Komme noch heute an. Hoffentlich steht
-alles gut. Jean.«
-
-Sie reichte ihm mechanisch das Blatt hinüber, und er las und blickte
-sie dann fragend und traurig an.
-
-»Marguérite, was heißt das? Wer ist der Mann? Woher weiß er --?
-Schriebst du ihm von hier aus?«
-
-»Nein.«
-
-»Aber woher weiß er denn dann? Was ist das? Marguérite!«
-
-Und sie flüsterte:
-
-»Ich lebte mit ihm zusammen. Es geschah mit seinem Einverständnis, daß
-ich hierher kam. Er ist --«
-
-Sie verstummte.
-
-»Mit seinem Willen? Das verstehe ich nicht. Marguérite! Was ist das?
-Wie kann er dich Starkblom nennen?«
-
-»Er heißt selbst so, Karl, und ich nannte mich nach ihm. Ach, es ist ja
-so gleichgiltig.«
-
-»Gleichgiltig? Und er heißt Starkblom? Und das wäre nur ein unerhörter
-Zufall? Ist das ein Traum?«
-
-»Kein Zufall -- oder -- wie du’s nimmst. Er heißt Johannes Starkblom.
-Er hält sich für deinen Bruder.«
-
-Starkblom durchfuhr es. Er stand rasch auf.
-
-»Was? Johannes? Der lebt? Und, -- und -- du -- mit ihm ... ach
-Marguérite, was ist das für eine Geschichte!«
-
-Er setzte sich müde und abgespannt wieder auf den Stuhl. Die Sache
-griff ihn an.
-
-»Alle meine Geschwister sind mir sonst ganz gleichgiltig. Ich kümmere
-mich gar nicht um sie. Aber der -- das ist etwas andres. Und du --!«
-
-Marguérite schmiegte sich eng an ihn und legte den Arm um seinen Hals.
-
-»Geht es dir so nahe, mein liebster Schatz? Sieh, dafür kann ich ja
-nichts. Und er auch nicht. -- Er hat es aber vorausgesagt.«
-
-»Was hat er gesagt?«
-
-»Daß -- nun wie es gekommen ist. Daß wir nicht mehr von einander
-können. Zwar nein, so wird er es doch nicht gemeint haben. Er ist ein
-so guter Mensch. Ich habe ihn sehr gern.«
-
-»So, Marguérite? Und ich?«
-
-»Aber, mein lieber guter Karl, das ist ja ganz etwas -- aber das läßt
-sich ja gar nicht -- weißt du -- nein -- dich _liebe_ ich! Karl!
-Verstehst du?«
-
-»Meine liebe Marguérite, ich glaube dir ja. Ich bin ja kein Philister!
-Nur daß es mein Bruder --!«
-
-»Aber wenn es das nicht wäre, wäre ich ja nie zu dir gekommen. Nicht?
-Willst du nun hören?«
-
-»Das ist auch wahr. Ja, erzähle, ich bin nun schon ruhiger. Das ist ein
-Mensch! Der Johannes! Lebt sich der Mensch noch!«
-
-»Freilich lebt er! Er ist seit Jahren in Paris. Vor zwei Jahren
-lernte ich ihn kennen und seit einem ungefähr leben wir zusammen. Er
-hat fürchterlich viel mitgemacht im Leben. Weißt du, nicht innerlich
-wie du, das viel weniger. Aber er ist herumgekommen, überall. Und
-geschüttelt ist er worden. Nun, dadurch ist er eben ganz und gar frei
-geworden. Mehr als wir alle. Er ist es praktisch. Um die Theorie hat er
-sich nie viel gekümmert. Er macht alles mit, was die Nerven aufregt,
-was neu ist, was ihn amusiert. Und dabei ist er ein so herzensguter
-Mensch. Aber das darf man ihm nicht sagen. Er möchte es nicht sein.«
-
-»Da steht er nun völlig vor mir. Der Taugenichts! Ich hätte nicht
-gedacht, daß das aus ihm wird. Er trieb immer das Gegenteil von dem,
-was ich; und jetzt stehn wir fast auf demselben Fleck. Ja, ja, die Welt
-ist rund! Und jetzt wird er ausgewiesen? Warum?«
-
-»Ach, das ist wegen dieser anarchistischen Geschichten. Wir haben da
-ein wenig teilgenommen.«
-
-Starkblom stand auf und ging erregt hin und her. Dann fing er an:
-
-»O der Glückliche! Ihr Glücklichen! Was habe ich gebraucht, um dahin
-zu kommen, wo ich jetzt stehe! Alles im Denken, im Grübeln, es zerriß
-mich schier! Alles innen, es wollte heraus und drückte in mir zum
-wahnsinnig werden. Und ihr -- und er! Er handelt, er nimmt teil! Er ist
-unbekümmert!«
-
-»Und doch nicht epileptisch«, sagte Marguérite lächelnd.
-
-»Aber er hat etwas nicht, was ich habe. Ich bin so schwerfällig, ich
-habe so viel altes, ich brauche so unsägliche Mühe, um es los zu
-werden! Und jetzt, jetzt -- jetzt bin ich zu alt! Wenn ich dich nicht
-hätte, wozu wäre ich noch gut? Und jetzt, jetzt, wird er dich mir nicht
-entreißen? Marguérite! Verlaß mich nicht! Ich ... du ... ich brauche
-dich ... über alles ... mein Einziges!«
-
-Marguérite drückte ihn fester an sich.
-
-»Mein geliebter Karl, er kann uns nicht trennen. Er wird es auch nicht
-wollen. Wir bleiben immer beisammen, immer. Und schließlich --«
-
-Sie stockte. Dann setzte sie hinzu:
-
-»Nun, das wird sich finden. Wir wollen warten, bis er kommt. Freust du
-dich nicht ein wenig?«
-
-»Ich weiß nicht. Vielleicht -- Mir ist bange. -- Wie kam er denn zu
-meinen Schriften?«
-
-»O er liest viele deutsche Sachen, und neues Modernes aus aller Herren
-Länder verschafft er sich immer. Er hat da einen kleinen deutschen
-Buchhändler aufgetrieben in einem engen Gäßchen, der auf Kuriositäten
-aus ist und besonders die Brochürenlitteratur pflegt. Der sagte ihm
-nun einmal, als er bei ihm herumkramte: »Von Ihnen hab’ ich auch etwas
-bekommen, Herr Starkblom. Das kann nur von Ihnen sein. Es ist zu toll.«
-Nun, das war deine »Vision«. Nachdem ließen wir uns natürlich das erste
-Sendschreiben auch kommen und durch den Verleger erfuhren wir die
-Adresse und bekamen damit auch Sicherheit, daß du sein Bruder bist. Es
-ist eigentlich sehr einfach und doch ist’s wieder wunderbar.«
-
-Die nächsten Stunden verbrachten sie unter unruhigem Hin und Her und
-gleichgiltigen Gesprächen. Starkblom war ziemlich aufgeregt.
-
-Endlich gegen Abend klopfte es mit drei leicht hingeworfenen Schlägen
-an die Thür und Hans trat ein. Marguérite trat ihm rasch errötend
-entgegen und reichte ihm beide Hände. Der kleine Mann blinzelte ein
-wenig an ihr hinauf, dann aber begnügte er sich damit ihre Hände
-zu schütteln und dann an die Lippen zu ziehen. Er wollte sie im
-Flüsterton etwas fragen, aber sie trat zur Seite und winkte mit dem
-Kopf Starkblom zu.
-
-Der trat nun näher.
-
-»Sie sind Johannes Starkblom, der Sohn Adam Starkbloms, des
-Schuhmachers?«
-
-»Ich kann’s nicht leugnen.«
-
-»Dann sind wir Brüder.«
-
-»Ja, das sind wir ganz sicher.«
-
-Es trat eine Pause ein. Dann begann der Ältere:
-
-»Wir haben uns sehr lange nicht gesehen. Wir kennen uns nicht mehr.«
-
-»Ja nun also,« fiel Hans lebhaft ein, »lassen wir den ganzen
-lächerlichen Bruderschwindel zu Hause. Die Sache wird sonst furchtbar
-ungemütlich. Sie wissen -- Marguérite hat Ihnen jedenfalls gesagt, wie
-sehr Sie uns sympatisch sind -- und -- nun einfach -- wir machten das
-Experiment, Sie vom Tod zu retten, ich kam zuerst auf den Gedanken,
-weil ich das Leben nämlich so furchtbar, so ganz unsagbar liebe! Und
-nun -- wie steht die Sache? -- Ich setze mich.«
-
-Als Starkblom schwieg, sagte Marguérite leise zu Hans:
-
-»Du hattest Recht.«
-
-Da rief er vergnügt:
-
-»Nicht wahr? Bravo, bravissimo! Also gerettet! Lebensfreudig! Von
-unsrer Art? Nun dann -- Bruder, schlag ein! Nun sind wir Brüder!«
-
-Karl legte seine Hand in die seine, sagte aber verlegen lächelnd:
-
-»Ich glaube, Marguérite meinte es ein wenig anders mit dem Recht haben,
-und vielleicht hat dann auch die Brüderschaft noch einen andern Sinn.
-Sie -- du sollst in Paris etwas vorausgesagt haben -- nun, es traf ein,
-vollständig, nach jeder Richtung.« Er stand auf. »Und da ist nichts zu
-ändern. Nicht wahr, Marguérite? Wir zwei haben uns gefunden in freier
-Liebe, und nichts kann uns trennen -- nichts!«
-
-Hans sah lange auf die beiden, dann antwortete er:
-
-»Also doch! Nun -- darauf war ich gefaßt, und während der Reise ist
-mir’s schon zur Gewißheit geworden. -- Marguérite! es wäre mir sehr
-unbequem, ohne dich zu leben. Ich habe mich so an dich gewöhnt, kurz --
-hol’s der Teufel, ich hab’ dich wahnsinnig lieb! Und du -- Marguérite?
-Alles aus? Weggeblasen? Na -- wenn schon -- denn schon!«
-
-»Gar nicht, Hans, gar nicht: ich habe dich so lieb wie je, ganz und
-gar. Nur das -- diese Liebe, das ist neu. Karl und ich -- nun eben --
-du hast es immer leugnen wollen, aber es giebt doch etwas wie eine Ehe.«
-
-Karl war still zur Seite getreten und hörte ruhig zu. Er wußte, sein
-Glück war gesichert, und nun nahm er Interesse an dem Geschick des
-armen Hans -- so nannte er ihn in Gedanken.
-
-»Eine Ehe soll’s geben?« erwiderte Hans in ruhigem Ton. »Ja, es kommt
-darauf an, wie du das meinst. Also das, wie wir lebten, das nennst du
-nicht Ehe?«
-
-»Nun, es kommt ja auf’s Wort nicht an. Daß das viel besser und schöner
-war, als was man sonst gewöhnliche Ehe nennt, das ist natürlich ganz
-selbstverständlich. Aber, siehst du, es mag seltsam klingen, aber es
-ist so: wir hatten doch eigentlich nur geistige Gemeinschaft.«
-
-»Na, na, das ist aber eine sehr kühne Behauptung, Marguérite. Das
-dürfen Sie beileibe nicht glauben, Herr Bruder im Geist, na, Sie
-wissen ja, was für ein Geist.«
-
-»Jean, du wirst gereizt, ich hör’s am Ton, und das ist nichts für
-dich. Ich bleibe ganz und gar bei dem, was ich sagte. Es giebt
-Menschenpaare, die Erfahrung habe ich wenigstens gemacht, seit ich Karl
-kenne, bei denen geistige und körperliche Gemeinschaft, ich möchte
-sagen, organisch zusammenhängen. Gewöhnlich ist’s bloßes zufälliges
-Zusammentreffen. Angenommen, und so war’s bei dir und mir: Ihre Seelen
-stehen sich nahe und aus Bequemlichkeit machen die Körper die Sache so
-mit. Aber das ist nicht unbedingte Notwendigkeit. Daß wir, gerade wir
-beide, zusammen gehörten und zusammen taugten, ganz und gar, und uns
-gar nichts anderes denken konnten, so war es nicht, nein, so war es
-nie!«
-
-»Jetzt ahne ich, was du meinst. Verzeih, aber das ist eine ganz
-überspannte Geschichte. So was giebt’s gar nicht. -- Der langen Rede
-kurzer Sinn aber ist wohl der: Für mich giebt’s keinen Platz! Da sind
-nur zwei Stühle und die sind besetzt. Nicht?«
-
-Die beiden schwiegen.
-
-»Ich muß jetzt doch wie ein Kapitalsesel vor euch stehen« fing Hans
-wieder an. »Der ganze Plan stammt ja von mir. Sowie ich die Brochüre
-gelesen hatte, noch ehe ich ganz sicher war, daß Sie mein Bruder sind,
-ich dachte es mir zwar gleich, da fuhr es mir durch den Kopf: Den rette
-ich durch Marguérite! Es giebt nur _eine_ Marguérite, dachte ich, die
-kann’s, nur die. Verteufeltes Vergnügen hat mir die Geschichte gemacht;
-und daß Sie sich in sie verlieben, habe ich sofort in die Berechnung
-gezogen, ich dachte schon, eine kleine Tragödie giebt’s, es wird ihm
-ein bischen zusetzen, aber am Leben bleibt er, dann erst recht. So
-ungefähr. Und nun? Herrgott, Marguérite, wie kann’s nur sein, daß du
-mich nicht mehr liebst, und ich hab’ dich lieber als je! Wie habe ich
-mich nach dir gesehnt die letzten Tage! Ist gar nichts zu machen?
-Entschließt du dich nicht anders, nun ich da bin?«
-
-»Nein Hans,« sagte sie, »ich habe dich recht gern, ich denke gern an
-alles zurück, und ich verdanke dir ja so vieles --«
-
-»Nichts verdankst du mir, nichts. O du! Du!«
-
-»Aber jetzt ist es anders. Wir gehörten zusammen, Karl und ich, und
-mußten uns finden. Es ist schade, daß ich nicht an die Vorsehung
-glaube.«
-
-»Hm,« machte er und lächelte trotz seiner Erregung. »Na, Herr Bruder,
-man ist natürlich der Dritte, der jubelt? Das Wort paßt nicht ganz,
-thut aber nichts. Na wie wär’s? Wollen wir jetzt mit einander ein wenig
-sterben spielen? Wenn Sie alle Künste Ihrer mächtigen Beredsamkeit
-anwenden, bringen Sie mich vielleicht so weit.«
-
-»Nein, Hans,« erwiderte Karl Starkblom, »ich denke vorerst nicht mehr
-an den Tod. Und ich hoffe, Sie werden den Schmerz auch überwinden --«
-
-»Ich bitte Sie, jetzt keine Phrasen. Schmerz ist anders. Schmerz --
-Schmerz -- das wäre also Schmerz? Das Wort ist eigentlich gar nicht
-so übel -- Schmerz. Jedenfalls ein verfluchter Zustand. Furcht vor
-Langeweile hätte ich ihn genannt. Jetzt muß man wieder suchen; ich weiß
-nicht einmal, wo wohnen; ich hatte doch gehofft, wir könnten hier eine
-Zeitlang beisammen bleiben --?«
-
-Er hielt inne und blinzelte die beiden an. Sie schwiegen.
-
-»Also nicht? Egoisten!«
-
-»Ach Marguérite!« schrie er plötzlich, und die Leidenschaft überwand
-seine künstliche Haltung. Das kleine Männchen zitterte am ganzen Leib.
-»Marguérite, du warst mir eine Gefährtin; du hast mit mir gelacht,
-wenn ich lachte, du hast meine Launen geduldig ertragen, und warst so
-sanftmütig und so innig und so verständnisvoll -- -- o pfui, wie ist
-mir’s jetzt so öde! Äh!«
-
-Er setzte sich, stützte den Kopf auf und kratzte mit der andern Hand im
-Barte.
-
-Da sah er plötzlich auf.
-
-»Ich kenne eure deutschen Verhältnisse nicht mehr so recht,« hub er
-an. »Wer von euren Spießbürgern, ich meine die Professorenseelen und
-Staatsmänner und so weiter, wer ist denn da besonders populär wegen
-seines makellosen Rufes, humaner Gesinnung, kurz ein recht braver guter
-Ehrengreis?«
-
-»Ich wüßte im Moment nicht -- warum fragst du?«
-
-»Den müßte man umbringen,« sagte er lächelnd.
-
-Sie sahen ihn erstaunt an.
-
-»Nu ja -- das hätte doch einen ganz eigenen Reiz. Nicht? Die Welt denkt
-an dies und das, aber auf so was ist kein Mensch gefaßt. Das bringt
-Bewegung in den Ameisenhaufen, und wenn der Thäter ruhig zusehen könnte
--- es müßte ein kurioses Vergnügen sein.«
-
-»Weiteren Zweck würdest du keinen damit verfolgen?«
-
-»Zweck? Mensch, wie weit sind Sie eigentlich in der Kultur
-zurückgeblieben? Hinter Ihren eigenen Brochüren sind Sie ja
-zurückgeblieben? Oder ich habe sie nicht recht verstanden. Ich meine,
-die Hauptsache ist, daß man gar nicht nach Zwecken fragt, sondern
-blos nach sich selber? Ich habe nun einmal so einen Geist, dem so was
-Vergnügen macht. Warum sollt’ ich’s nicht thun? Vielleicht thue ich’s
-auch nicht, vielleicht werde ich hundert Jahre alt und habe das nicht
-gethan, was mir am meisten entsprochen hätte, aber eine Schande wär’s
-dann. Jedenfalls!«
-
-»Das alles liegt mir sehr nahe,« sagte Starkblom düster. »Einen Moment
-war ich vielleicht auch da, aber ich kann nicht, ich kann nicht. Und
-jetzt schon gar nicht mehr. Ich kann nicht mehr blos verneinen. Ich
-muß etwas haben, wofür ich mich erwärme. -- Ist das die Stimmung der
-Anarchisten? Denken Sie eben so?«
-
-»O nein,« fiel Marguérite rasch ein. »Durchaus nicht. Sie wollen
-etwas. Ihr Treiben hat einen Sinn. Sie sind durchaus nicht ohne Wärme.
-Durchaus nicht ohne Natur.«
-
-»Also immer noch?« fragte Hans bitter. »Deine alte Liebe? Nun, sie sind
-nicht ganz ohne, und so sind sie, wie du sie schilderst. Hitzige und
-unklare Menschen. Ich habe die Verteidigungsrede des einen bei mir, den
-sie jetzt »hingerichtet« haben. Ihr kennt sie jedenfalls noch nicht.
-Ich muß sagen -- nun eben, ein Fisch bin ich auch nicht, und die Worte
-des Mannes haben mich ins Mark hinein erschüttert. Soll ich sie euch
-vorlesen?«
-
-»Ich bitte darum,« rief Karl lebhaft und gleichzeitig rief Marguérite:
-»Ja, ja! Ich kenne den Mann nur aus Schilderungen, aber er war ein
-Mensch!«
-
-»Ja, das war er,« sprach Hans feierlicher, als er selbst es an sich
-gewohnt war. Dann suchte er in seiner Brusttasche unter allerlei
-Papieren, bis er ein halb zerfetztes, auf schlechtem Papier gedrucktes
-Zeitungsblatt hervorholte. Dann las er.
-
-»Wenn ich das Wort ergreife, so geschieht dies nicht, um mich zu
-verteidigen gegen die Thaten, welcher man mich beschuldigt; denn nur
-die Gesellschaft allein, welche durch ihre fehlerhafte Organisation
-die Menschen zum fortwährenden Kampfe des Einen gegen den Anderen
-zwingt, ist verantwortlich dafür. Sieht man heute nicht in allen
-Klassen Menschen, welche ihren Mitmenschen, ich sage nicht den Tod, das
-klingt zu schlecht, aber ein Unglück wünschen, wenn solches ihnen einen
-persönlichen Vorteil bringen kann? Zum Beispiel: Hegt der Geschäftsmann
-nicht den Wunsch, sein Konkurrent möchte verschwinden?
-
-Wünscht der Arbeitslose, um Arbeit zu erhalten, nicht, daß der
-beschäftigte Arbeiter aus irgend einem Grunde entlassen wird? Nun gut;
-in einer Gesellschaft, wo solche Dinge vorkommen, hat man sich nicht zu
-verwundern über Thaten wie die, deren man mich beschuldigt.
-
-Da es nun so bestellt ist, so habe ich, wenn der Hunger an mich
-herantritt, nicht zu zögern, diejenigen Mittel anzuwenden, welche
-zu meiner Verfügung stehen, selbst auf die Gefahr hin, Opfer zu
-hinterlassen. Bekümmern sich etwa die Arbeitgeber darum, wenn sie
-Arbeiter entlassen, ob dieselben vor Hunger sterben? Alle Diejenigen,
-welche im Überfluß schwelgen, bekümmern sich diese um die Menschen,
-welchen die notwendigsten Nahrungsmittel fehlen?
-
-Es giebt ja einige Leute, welche Unterstützungen verabfolgen, aber sie
-sind ohnmächtig, um den Millionen, die im bittersten Elend leben und
-nicht selten ihrem Leben freiwillig ein Ende machen, zu helfen.
-
-Ja, die Opfer dieser Gesellschaft sind zahllos. So hat die Familie
-Hayem und die Frau Sonheim gehandelt, welche ihre Kinder ermordete,
-da sie es nicht länger mit ansehen konnte, wie sie vor Hunger litten
-und so handeln _alle_ Frauen, welche, in der Furcht, daß sie ihr Kind
-nicht ernähren könnten, lieber ihre Gesundheit und ihr Leben in Gefahr
-bringen, indem sie die Frucht der Liebe frühzeitig töten.
-
-Und alles dieses passiert inmitten des Überflusses! In Frankreich,
-wo alles in Hülle und Fülle vorhanden ist, wo die Metzgerläden
-mit Fleisch, die Bäckerläden mit Brot überfüllt sind, wo die
-Kleidungsstücke, Schuhe u.s.w. in unendlichen Massen in den Magazinen
-aufgethürmt liegen!
-
-Aber da kommen wieder Andere und sagen: »Das Alles ist wahr, aber
-unabänderlich. Sehe Jeder, wie er durchkomme.«
-
-_Das habe ich gethan._ Ich wollte nicht Hungers sterben und wollte mich
-nicht mit dem Gedanken beruhigen, daß man mir nach meinem Tode ein
-paar mitleidsvolle Worte auf’s Grab wirft. Ich überließ das Anderen.
-Ich habe es vorgezogen, Schmuggler zu werden, dann Falschmünzer, Dieb,
-Mörder. Ich hätte betteln können; das ist herabwürdigend und feige,
-und das Betteln wird ja außerdem von Euren Gesetzen bestraft, welche
-aus dem Elend ein Verbrechen machen! Wenn alle Bedürftigen, anstatt
-abzuwarten, da nehmen würden, wo etwas ist, und zwar ganz gleich durch
-welches Mittel, dann würden die Gesättigten vielleicht viel schneller
-verstehen, daß es Gefahr in sich birgt, die heute bestehenden sozialen
-Verhältnisse zu verteidigen, in welchen die Ungewißheit permanent und
-das Leben jeden Moment bedroht ist.
-
-Man würde wahrscheinlich viel eher einsehen, daß die Anarchisten Recht
-haben, wenn sie sagen, daß, um die moralische und physische Ruhe zu
-erhalten, es notwendig ist, die _Ursachen_ zu zerstören, welche die
-Verbrechen und die Verbrecher erziehen.
-
-Deshalb habe ich die Thaten vollbracht, deren man mich beschuldigt,
-und die nur die logische Konsequenz des barbarischen Zustandes Eurer
-Gesellschaft sind. Man sagt, daß man grausam sein muß, um seinen
-Nebenmenschen zu töten; aber diejenigen, die so reden, sehen nicht, daß
-man sich nur dazu versteht, um nicht selbst den Tod zu erleiden.
-
-Sie, meine Herren Geschworenen, welche aller Wahrscheinlichkeit nach
-mich zum Tode verurteilen werden, handeln gerade so wie ich; Sie
-verurteilen mich, weil Sie glauben, daß es eine Notwendigkeit ist.
-Sie schaudern, wenn Sie von einem Mord hören; aber Sie zögern keinen
-Augenblick, zu morden, wenn Sie bedenken, daß der Mord zu Ihrer
-Sicherheit erforderlich ist. Der einzige Unterschied, der zwischen uns
-besteht, ist der, daß Sie ohne persönliche Gefahr morden, während ich
-meine Freiheit und mein Leben dabei auf’s Spiel setzte.
-
-Meine Herren! Sie sollten nicht sowohl die Verbrecher verurteilen, als
-die Ursachen der Verbrecher vertilgen.
-
-Es wird immer Verbrecher geben; heute vertilgen Sie einen, morgen
-werden zehn neue geboren. Was ist da zu machen? Das Elend abzuschaffen,
-diesen Keim des Verbrechens. Und wie leicht ist das zu realisieren! Es
-genügt, die Gesellschaft auf einer neuen Basis aufzubauen, wo Alles
-Gemeingut ist, und worin Jeder, indem er nach seinen Anlagen und
-Kräften produziert, nach seinen Bedürfnissen konsumiert.
-
-Dann würde man weder Leute antreffen, wie der Einsiedler von
-»Notre-Dame-de-Grace«, noch solche, welche betteln gehen um eine Münze,
-dessen Sklave und Opfer sie gleichzeitig werden! Man würde keine
-Frauen mehr finden, welche ihre Körper verkaufen und keine Männer mehr
-wie Pranzini, Prado, Berland, Anastay und Andere, welche um dieser
-Münze willen Mörder geworden sind! Das beweist sonnenklar, daß die
-Ursache aller Verbrechen immer die nämliche ist und daß man wirklich
-wahnsinnig sein muß, dieses nicht einzusehen.
-
-Ich bin nur ein einfacher Arbeiter ohne Bildung; aber weil ich
-das Leben und die Existenz des Elends miterlebt, fühle ich die
-Ungerechtigkeit Eurer repressiven Gesetze weit besser, als ein reicher
-Bourgeois.
-
-Woher nehmen Sie sich das Recht, einen Mann zu töten oder einzusperren,
-welcher, auf die Welt gesetzt mit dem Bedürfnis, zu leben, sich in
-die Notwendigkeit versetzt sah, zu nehmen, was ihm fehlte, um sich zu
-ernähren?
-
-Ich habe gearbeitet, um zu leben und um den Meinigen zum Leben zu
-geben, und so lange, wie ich und die Meinigen nicht über das Maß
-gelitten haben, bin ich geblieben, was Sie »ehrlich« nennen. Dann ging
-die Arbeit aus und mit der Arbeitslosigkeit kam der Hunger. Da erst hat
-sich das Naturgesetz geltend gemacht, diese imperative Stimme, welche
-keine Replik duldet; der Instinkt der Selbsterhaltung trieb mich dazu,
-etliche von den Verbrechen zu begehen, deren Sie mich anklagen und
-deren ich mich schuldig bekenne.
-
-Richten Sie mich, meine Herren Geschworenen; wenn Sie mich aber
-verstanden haben, indem Sie mich verurteilen, richten Sie alle
-Unglücklichen, welche das Elend, alliirt mit dem natürlichen Stolze, zu
-Verbrechern machte und welche mit einem glücklichen Auskommen ehrliche
-Leute geblieben wären! Ich wünsche, daß Sie, die Sie mich zum Tode
-verurteilen werden, daß Andenken an diesen Spruch so leicht tragen
-möchten, wie ich meinen Kopf unter das Messer der Guillotine legen
-werde!«
-
-Eine Weile waren alle drei stumm. Hans nagte an seiner Unterlippe, Karl
-blickte mit weiten Augen ins Leere. Marguérite weinte, und sie war die
-erste, die wieder sprach. Sie trat auf Hans zu und streckte ihm die
-Hand hin. Dazu sagte sie voll warmen Gefühls nur das eine Wort:
-
-»Hans!«
-
-Er berührte flüchtig ihre Hand und ließ sie gleich wieder los.
-
-»Na ja. Was hilft mir das?« Er deutete auf Karl. »Da sieh deinen« --
-
-»Hans!«
-
-»Was denn? Jetzt wollte ich wahrhaftig ganz brav sein. Sieh nur deinen
-Mann! Wohin schaust du denn, Karl?«
-
-»Ich kann nicht anders,« rief Karl Starkblom mit einem Mal laut. »Ich
-liebe diese Menschen. Ich komme nicht los davon.«
-
-»Wovon denn?«
-
-»Vom Sozialismus. Ich glaube daran.«
-
-»Hm. Nicht übel. Ich vielleicht auch. Ich weiß es wirklich selbst
-nicht. Ist auch egal. Wir erleben’s nicht.«
-
-Karl schaute wieder. Marguérite und Hans ließen ihn gewähren und
-schwiegen.
-
-»Marguérite, rasch,« rief Karl plötzlich ängstlich. »Papier, Tinte!
-Rasch. Ich könnte es vergessen.«
-
-Und er lief im Zimmer hin und her. Marguérite holte das Nötige und Karl
-schrieb stehend rasch ein paar Zeilen.
-
-»Ich habe noch etwas zu sagen,« sprach er dann, »ich habe noch etwas
-auf dem Herzen. Ich will wieder reden zu den Menschen!«
-
-»Was hast du vor?« fragte Marguérite. »Wieder ein Heft?«
-
-»Ja. Lies den Zettel nur. Du ahnst vielleicht, was mir vorschwebt.«
-
-»Bitte, Marguérite, lies vor. Ich darf doch?« fragte Hans.
-
-»Gewiß, gewiß.«
-
-Nun entzifferte Marguérite langsam das hastig Geschriebene.
-
-»_Utopien_, das wäre vielleicht eine Aufgabe, der ich gewachsen wäre,
-Utopien zu schreiben. Ausbau von allem, wozu jetzt die Ansätze da sind.
-Psychologie, Technik, Kunst, Stadt und Land, Verkehr, Geselligkeit,
-Familie, Natur. Kurz: alles sagen.«
-
-»Das gefällt mir,« meinte Marguérite. »Das kannst du.«
-
-»Ihr seid glücklich, meine Herrschaften,« sagte Hans plötzlich
-aufstehend. »Und ich werde mich später vielleicht über euer Glück
-freuen, und wenn der Onkel Hans an eurem Feuer sitzt und euer Kind auf
-seinem Schenkel reiten läßt, dann sagt er wohl schmunzelnd: »Kinder,
-das verdankt ihr alles mir. Ich habe euch zusammengekuppelt.« Vorerst
-sind wir aber noch nicht so weit und ich gehe jetzt. Adieu, Bruder --
-viel Glück -- nein, ich mein’s wirklich ernsthaft, ich kann mir nicht
-helfen. Aber gehen muß ich jetzt schleunigst. Wegen des Hotels, es wird
-sonst zu spät. Also --«
-
-»Adieu, lieber Hans, ich hoffe bestimmt, wir sehen uns später wieder.
-Und wenn du einmal --«
-
-»Ganz richtig, wenn ich Geld brauche, schreibe ich.«
-
-»Hoffentlich. Ich bitte dich, aber auch ohne das zu schreiben.«
-
-»Auch das halte ich für sehr wahrscheinlich. Manchmal eine Zeile,
-manchmal ein halbes Buch. Wie’s kommt. Nun denn --«
-
-»Lieber Hans, leb wohl,« sagte Marguérite leise und schickte sich an
-sich zu ihm zu beugen. Hans aber trat einen Schritt zurück und blitzte
-sie mit seinen kleinen Äuglein scharf an. Dann sprach er mit leicht
-bebender Stimme:
-
-»Nein, Marguérite, was du zum Empfang verfehlt, machst du zum Abschied
-nicht wieder gut. Jetzt will ich keinen. Mitleidsküsse schmecken nicht.
-Ich erinnere mich noch zu gut -- weißt du. Also, na denn, adieu!«
-
-Er schüttelte ihr die Hand, nickte Karl nochmals leicht zu, dann nahm
-er seinen Hut und ging rasch zur Thüre hinaus. Man hörte noch, wie
-er im Gang und auf der Treppe die Marseillaise zu trällern anfing
-und plötzlich mit einem Fluch abbrach. Dann reichten sich Karl und
-Marguérite die Hände und schauten sich verlegen lächelnd an.
-
-Endlich sagte Marguérite leise:
-
-»Hätten wir nicht doch lieber -- Nein, es geht nicht. -- Liebst du die
-Einsamkeit?«
-
-»Ob ich die Einsamkeit liebe?« brach Karl mit starker Stimme aus. »Ich
-_hasse_ sie. Aber ich brauche sie. Hier sitzen und Bücher lesen und
-schreiben und schreiben und schreiben und dann sich mit dem Drucker
-herumzanken, Korrekturen lesen -- glaubst du wirklich, das sei das
-Leben, das mir innen in meiner Seele vorschwebte, als ich wieder anfing
-ein Mensch zu sein und mir zu gehören? Nein, nein, das Bild werd’ ich
-nicht los, das ich als Knabe vor dem Einschlafen schon immer sah: Ein
-mächtig zusammengedrängter Volkskörper, der nach vorwärts schießt, und
-ich mitten drin und doch über ihm als Redner und Sänger und Prophet und
-Führer. Ach, was ist das für eine jämmerliche Krämerzeit, in die wir
-hineingefallen sind, wir wissen wahrhaftig nicht, warum. Auch jetzt,
-wenn ich schreibe, wo ich reden und singen und jubilieren möchte --
-aber auch jetzt -- ich wende mich immer an Menschen, die ich nicht
-sehe, ich ahne, zerstreut in der Welt, hier und da, müßten sie sein,
-die mich hören -- aber ich kenne sie nicht, ich habe sie nie gesehen.
-Was ich sehe von den Menschen und ihren Einrichtungen und ihrem
-Gebahren -- das glaubt kein Mensch, wie mich das anekelt. Weißt du,
-ich habe oft das Gefühl, ich müsse mich krümmen und winden können vor
-Widerwillen, daß mir das Innerste nach außen gekehrt würde. Aber ich
-_will_ nur -- die Kraft habe ich nicht.«
-
-Er schwieg ein wenig, dann fuhr er mit leiserer Stimme fort, indem er
-ihre Hand faßte.
-
-»Jetzt ahnst du vielleicht, Marguérite, _was_ du mir bist. Seit ich
-lebe, der erste Mensch, vor dem mir nie geekelt hat; was du auch
-begannst und was wir auch zusammen thaten, es war mir immer natürlich
-und immer schön und ich glaube, so wird es bleiben. Aber weißt du,
-was das heißt und was du mir bist? Das einzige Wesen, mit dem ich
-leben kann, das ich mir gleich fühle. Ach, ich bin nicht mehr jung
-genug für die Einsamkeit. Ich möchte einen Kreis von Menschen um
-mich haben -- ach, ich bin ja so bescheiden geworden -- an Millionen
-und Abermillionen leuchtender Menschengesichter will ich ja nicht
-mehr denken, ich verzichte auf die Tausende, daß ich hundert finde,
-ich kann’s nicht glauben, aber zwanzig Menschen vielleicht, die mir
-anstehn, die möchte ich manchmal um mich haben, zwanzig Menschen, mit
-denen ich oft zusammen bin, die ich gern haben kann, die aus aller
-Herren Länder sich um mich finden zu persönlichem Verkehr -- zwanzig
-Menschen, in deren Umgebung sich meine Lippen nicht bös im Ekel
-verzerren müssen -- ist das zu viel verlangt, Marguérite?«
-
-Sie drückte seine Hände stärker.
-
-»Vielleicht finden wir sie, Karl. Einen so nach dem andern. Hans?«
-
-»Du nimmst mir das Wort aus dem Munde. Ich dachte eben an ihn. Ich
-glaube, ich habe ihn recht verstanden, und ich meine, ihn müßte ich
-immer gern haben können. Vielleicht kommt er später wieder. Vielleicht.
-Daß er jetzt ging, ist doch gut. Nicht, Marguérite? Fürs erste brauchen
-wir ihn wirklich noch nicht.«
-
-Dabei lächelte er.
-
-»Es war ein langer Tag heute, Karl. Willst du noch nicht zur Ruhe
-gehen?«
-
-»Geh nur voran einstweilen, Marguérite. Aber öffne vorher die Fenster,
-beide. Dann will ich noch ein wenig hier allein bleiben und vielleicht
-fange ich schon an mit der Arbeit. Und wenn der Fluß unten rauscht und
-die Nachtluft auf breiten Wogen hereinströmt und der Wald der tausend
-Bäume harmonisch ertönt, will ich davon träumen, ich spräche zu meinem
-Menschenvolk und es antworte mir feierlich in brausendem Zuruf, und die
-Natur habe ihre Sinne geöffnet und sei eins mit uns Menschen. Ich danke
-dir, Marguérite. Einstweilen gute Nacht.«
-
-Marguérite ging leise aus dem Zimmer, und Karl Starkblom stellte sich
-ans offene Fenster und schaute lange ins Dunkle und auf die winzigen
-in der Ferne zuckenden Lichter und hielt in Träume verloren seine Hand
-hinaus ins Freie.
-
- ❦
-
-
-
-
-Sechster Abschnitt.
-
-=Utopien=
-
-von
-
-Karl Starkblom.
-
-Meiner lieben Frau und dem kommenden Kinde gewidmet.
-
-
-Ich erkläre es feierlich und wie ich hoffe vor Zeugen:
-
-Ich habe mich nicht erschossen noch sonst irgendwie ums Leben gebracht.
-Und ich werde mich nicht erschießen oder sonst mir den Tod bereiten,
-solange ich noch Lebenskraft in mir fühle, Lust zu wirken und zu
-genießen.
-
-Eine Frau ist zu mir getreten früh morgens im Sonnenschein. Sie hat
-im weiten Kreis den Arm bewegt und hat mir die tauglitzernde Welt
-erschlossen. Sie hat mir gesagt, es sei etwas herrlich schönes ums
-Leben und im Nu habe ich dasselbe empfunden. Ich liebe das Leben und
-ich liebe dich, Marguérite. Und sie wird mir ein Kind gebären und wir
-werden beisammen bleiben. Wir werden gewiß noch lange nicht sterben.
-
-Meint ihr, ich sei auf eure Weide heimgekehrt, ihr grasenden
-Bürgerseelen? Frohlockt ihr über das verirrte Schaf, das spät in der
-Nacht doch noch den Weg zum Stalle gefunden und nun mit freudigem
-Meckern zu seiner Krippe springt?
-
-Fürwahr, ich will eure Schafställe und Heuschober euch anzünden, daß
-die Funken sprühen und ein loderndes Feuerwerk gen Himmel prasselt.
-Ihr Erbärmlichen, was wagt ihr zu leben neben uns wenigen, die das
-Leben in Schmerzen begriffen haben? Euer Dahinkriechen, wäre das der
-vielberufene aufrechte Gang? Eure kleinen Freudlein, wäre das der
-Jubelbraus des Daseins? Glaubt ihr, eure Zahnschmerzen (denn das sind
-doch die heftigsten eurer Kümmernisse), die machten euch das Leben
-verständlich? Ihr saftlosen Lauwarmen, ihr wißt ja nichts von der Kälte
-der Todesnähe und von der siedenden Glut des neu schießenden Lebens.
-Geht mir weg! Geht weit weg. Bleibt hinten, denn ich will vorwärts
-blicken und heiter jauchzen und lachen.
-
-Ich würde mich dennoch erschießen und qualvoll verzerrten Gesichtes
-dies schöne, ja dies schöne Leben lassen. Es würde mich nicht dulden
-auf Erden. Nicht eine Stunde mehr. Ja auch jetzt ersticke ich schier
-und werde zerrissen von dieser entsetzlichen Qual und Schmach. Ich
-würde mich töten, wenn ich meinen Glauben nicht hätte.
-
-Euch also will ich fragen und mit meinen Blicken bohrend anstieren,
-ihr Skeptiker und ihr Unmoralischen, die ihr mit mir geht auf einsamer
-Höhe so manchen Weg und so manche Verneinung: Wie könnt ihr leben? Wie
-ertragt ihr es, trotz eurer Fähigkeit schön zu genießen, nicht längst
-von eigener Hand gestorben zu sein? Und ich frage euch, so ungern
-und zögernd ich euren Namen in den Mund nehme: ich frage euch, ihr
-_Christen_, wie ertragt ihr es, da zu sein in Freude und Wohlleben? Ihr
-einen habt gar keinen Glauben, und ihr andern habt keinen irdischen
-Glauben -- ich frage euch und ich beschwöre euch: antwortet mir und sei
-es nur stammelnd: ihr wißt, worauf euer Leben und eure Behaglichkeit
-ruht, euch ist bekannt, daß Millionen armselig vegetierender Sklaven
-für euch arbeiten und euch ermöglichen, so da zu sein wie ihr da seid
--- wie könnt ihr das Leben ertragen? Ihr Skeptiker, ihr seid keine
-Löwen, lüget nicht, ihr seid nicht Unmensch noch Übermensch, ihr
-glaubt nicht, daß das zu ändern sei, ihr meint ehrlich zu wissen, daß
-das Elend und die Erbärmlichkeit unausrottbar ist und ihr schämt euch
-nicht, daß ihr lebt? Ihr schämt euch nicht eurer Freuden und des hohen
-Genusses eurer Geistesschmerzen? Ihr ertragt es zu leben? Das frage
-ich wieder und immer. Und ihr -- ihr -- nun, sei es denn nochmals
-gesagt, ihr _Christen_, ihr tragt blendend weiße glänzende Wäsche an
-eurem Leib, die ihr nicht verfertigt und ihr nicht gewaschen, ihr
-klimpert in der Tasche mit güldnen Dukaten, ich sage nicht, die ihr
-nicht verdient, ich sage nur, die andern mangeln, ihr seht Not und
-Elend in millionenfacher Masse aufgetürmt, ihr seht Schmutz und Unrat,
-durch den ihr nicht waten müßt, ihr seht Schweiß auf Stirnen, den ihr
-nicht schwitzet und ihr nicht einmal abwischen könnt, und euch duldet
-es so zu leben wie ihr lebet? Wahrlich wäre ich Christ und glaubte an
-das Himmelreich und glaubte, daß Not und Kummer unabwendbar von Gott
-gefügt sei in diesem Jammerthal -- ich wollte mein redlich gewogenes
-Teil Not und über und über gehäuften Kummer, ich wollte Sklave sein und
-mich abrackern und stöhnen und hungern und wäre ich unter den Ärmsten,
-so wollte ich immer noch tiefer, tiefer hinab zu den Elendesten und
-Jammervollsten. Ihr aber seid Herren und ihr könnt es? Ihr eßt Braten
-und Kuchen und ihr erstickt nicht? Ihr seid sauber und andrer Schmutz
-frißt sich nicht tief in euer Fleisch? Ihr habt einen Pfennig mehr als
-der letzte Knecht und er brennt euch die Seele nicht ab? Ihr lebt? ihr
-genießt? und andre sterben vor Not? Ihr atmet leicht und tief in eurer
-Sommerfrische und andre quält die lungenfressende Sucht in dumpfem
-Kellergelaß? Das vermögt ihr? Ihr ertragt es zu leben? Jetzt, Sprache,
-das Wort! Das rechte Wort. Ich finde es nicht. Ich ringe und suche --
-o ihr Schufte! Ihr Jammerseelen! Ihr -- ihr, ihr Lumpe! Ihr -- ihr
-Gesindel!
-
-Und damit speie ich euch weit von mir, ihr Namenlosen; seit urlanger
-Zeit zum ersten Mal habe ich nicht über euch weggesehen; jetzt aber
-seid ihr mir wieder tot. Tot? Nein. Ich atme das Wort schnell wieder
-in mich zurück. Der Tod ist zu gut, um euch verdauen zu können. Das
-Auge sieht euch nicht und kein Ohr vermag euch zu hören; Menschenzunge
-und Gaumen weigert sich euch zu schmecken. Unfaßbar seid ihr und nicht
-zu begreifen; aber ein Gestank herrscht überall; nicht auf der Erde,
-nicht im Wasser noch in der Luft; im Feuer lebt ihr so wenig wie Feuer
-in euch. Ein namenloser, wesenloser Gestank -- das seid ihr mir.
-
-In recht schlechte Gesellschaft habe ich euch gebracht, meine geliebten
-Skeptiker und Unmoralischen. Aber solltet ihr es nicht etwas um sie
-verdienen? Gewiß, auch ihr seid mir ein wenig anrüchig. Denn ihr lebet
-und thätet besser zu sterben. Und das sage ich euch in Liebe und
-aus Erbarmen. Nervöse Schwächlinge seid ihr und wollt doch auf eure
-Schultern laden, was Tyrannen und Riesen aus eherner Vorzeit und wilder
-Renaissance nicht vermocht hätten. Ihr seid nicht blind, aber ihr könnt
-es nicht sehen. Ihr seid nicht taub, aber ihr könnt nicht davon hören.
-Von der unteren Schichte nämlich. Ihr glaubt sie ewig und unabweisbar
--- aber man soll euch in Ruhe lassen. Wie reimt sich das? Sie pocht
-an eure Thore und läßt sich nicht abweisen. Und wenn die untere Welt,
-wie ihr sagt, nicht gehoben werden könnte, dann würde doch die obere
-zerstört werden müssen. Ihr würdet wahnsinnig werden, nicht Einzelne,
-nein, ihr Alle würdet dem Irrsinn verfallen, bis ihr doch endlich euch
-zum Sterben entschlösset, verrückt machen würde euch das ewige immer
-verstärkte Klopfen und Scharren und Schreien und Tosen. Meint ihr, das
-könnte je wieder enden? Der Glaube wäre kindisch. Wer nicht mehr an
-den Vater im Himmel und ans ewige Leben und die gerechte Vergeltung
-glaubt _und doch elend ist wie er nicht sein möchte_, der hört nicht
-auf mehr zu rebellieren und müßte die Erde darüber in Trümmer fahren.
-Wer nicht an das Jenseits glaubt und nicht im Fette sitzt -- und die
-werden bald alle nicht mehr daran glauben -- der glaubt an die Erde und
-an die lebendige Freude und an die werdende Schönheit. Das bleibt und
-kommt immer wieder und klopft und zertrümmert -- bis die Stätte zurecht
-gehauen ist, wo alle im Geiste zu leben vermögen -- weil nämlich der
-Körper und sein Leben und seine Pflege selbstverständlich geworden ist.
-
-Und jetzt, meine skeptischen Freunde, jetzt habe ich euch, wo ich euch
-wollte. Schon lange sehe ich auf euren Lippen das sichere Lächeln eines
-trefflichen Einwandes. Erhebet eure Stimmen, nur zu! Was wollt ihr mir
-entgegenschleudern?
-
-Aha -- allerdings, das, gerade das habe ich erwartet. Ihr sagt mir, ich
-sei wieder zurückgegangen, ein roter Krebs sei ich wieder geworden und
-die _Utopie_, die ich eben gezeichnet, die habe ich früher schon in
-prächtigen Farben gemalt und doch wieder weggewischt mit dem Schwamm
-des Todes. Dies Reich der Freiheit, der graziösen Leichtigkeit der
-Bewegung, dies Reich der Schönheit und des trunkenen Fluges -- das
-sei das Reich der Philosophie; in jener Welt, die freilich möglich
-sei, müsse die grinsende Frage herrschen: _wozu das Ganze und nochmals
-wozu?_ und keine Antwort gebe es, ewig keine. Und der Massentod der
-Menschheit sei es, der nun kommen müsse, kommen mit Naturnotwendigkeit.
-
-Jawohl, das habe ich gekündet; ihr habt es gut behalten. Und nun,
-da ihr da seid, wo ich euch wollte, nochmals frage ich euch: warum
-lebet ihr? warum sterbt ihr nicht? Ihr glaubt nicht an das Reich der
-Schönheit und der Freiheit aller Geborenen, ihr fühlt euch nicht eins
-mit dem Streben der Knechte diesem Ziele entgegen, wie wagt ihr zu
-leben? Was? Ihr habt auch eure Marguérite und auch noch euren Genuß?
-Ihr Sklavenhalter, dann sollen sie euch auspeitschen, die auch genießen
-möchten und es nicht können. Oder glaubt ihr nicht, es sei dem Sklaven
-auch ein Genuß, seinen Herrn und Vorenthalter zu prügeln?
-
-Ich will euch sagen, was mir das Recht giebt, so zu euch zu reden und
-so von der Höhe auf euch herabzusehen. Ich bin eine glitzernde Welle
-im Strom und tummle mich froh dem Meere entgegen; ihr aber seid nur
-ein unwillig mitgerissenes Stück faulenden Holzes, das sich nach dem
-sandigen Ufer sehnt, um da in der Sonne zu trocknen und zu verdorren.
-Ich liebe nicht nur mich selbst und mein Spielzeug -- »Weib« heißt die
-glänzendste eurer Vergnügungen -- ich rausche mit im grünenden Wald,
-und meine Genossin ist kein zart mich umrankender Epheu, der langsam
-aber sicher mit seiner Umkosung die stärkste Eiche ins Mark hinein
-verdirbt, ich und sie, Baum neben Baum, recken uns stolz in die Höhe
-und unsere Wipfel neigen sich bald zart, bald feierlich zu einander
-und flüstern und küssen und reden und träumen. Ich habe gelernt Mensch
-zu sein und die Menschheit wieder zu lieben; ich stehe mitten drin und
-mache mit -- vorwärts geht es und immer vorwärts. Ich glaube ans Ziel,
-ich glaube an den Ernst und an die Schönheit, ich fühle mich eins mit
-den Knechten und fühle mich eins mit dem All! Ich lebe! Ich habe das
-Recht zu leben.
-
-Das könne jeder sagen, schmunzelt ihr mir zu mit widerlicher
-Vertraulichkeit. Das sei eine Ausrede. Mir gehe es wie jenen
-Namenlosen, die auch den Armen an Leib und Geist das Himmelreich
-versprächen und selber mit dem Diesseits und dem irdischen Genuß sich
-vergnügten. Himmelreich oder Zukunft, das sei ein und dasselbe. Auch
-das habe ein gewisser Starkblom früher mit allen Glocken verkündet. Dem
-Genuß und der Freude entsagen gleich dem Elendesten müsse ich, wenn ich
-ehrlich sei, alles der Gesamtheit zu opfern sei meine Pflicht. Alles
-oder nichts -- so heiße es hier.
-
-Jawohl -- viel _Wahrheit_ steckt in eurem Hohne. Das ist es auch und
-das allein, was unser Lächeln verbittert und uns einhüllt in das graue
-beklemmende Gewand der Melancholie. Unser Leben _ist_ widerspruchsvoll,
-jawohl, ein untrennbares Gemisch aus Festklammern an süßer Gegenwart
-und Hinaussehnen nach herrlicher Zukunft. Seit das Leben nichts anderes
-mehr ist als Erdenwandel und Welt der Sinne, giebt es keine ruhige
-Konsequenz mehr in unserm Dasein. Das ist und bleibt das erste und
-das vorderste und das tiefste: ich bin ich und ich lebe und will mein
-Glück! Hineingeflochten in das wirre Gewebe und Gestrebe unruhiger,
-qualvoller, drängender, stoßender Zeit hauen wir um uns, um unsern
-Platz zu erringen, wir können nicht anders. Ich bin ich! Jetzt lebe ich
-und niemals in Ewigkeit wieder. Ich habe meine Stätte und ich will sie
-behalten.
-
-Ich aber kann so nur leben, wenn ich mich leidenschaftlich schäme, daß
-ich so leben muß. Ich stehe nur auf diesem Boden, wenn ich gleichzeitig
-rastlos daran arbeite, ihn zu erschüttern und abzugraben. Ich kann nur
-genießen, indem ich glaube, daß die Traube bald allen winkt. Ich kann
-nur andre für mich arbeiten lassen, indem ich mitarbeite aus all meiner
-Kraft für die kommende Zeit, wo es keine Herren und Knechte mehr giebt.
-
-O wenn ihr diese Widersprüche und ihre Notwendigkeit nicht versteht,
-dann gehet weg von mir und weg aus dieser Zeit und weg aus diesem
-Leben. Leicht ist es, die tausendfarbige, vieltönende Welt der
-Erscheinung mit flüchtigem rohem Drucke in eine Formel zu pressen.
-Leicht ist es, die Welt, wie sie heute ist, für ewig auszuschreien.
-Und leicht war es, ich gestehe es ein, diese Welt der Vernichtung
-preiszugeben und den Tod zu predigen allem was lebt. Jetzt aber predige
-ich Leben, Leben für heut und alle Ewigkeit. Solange ich lebe, fühle
-ich mich eins mit allem was lebt. Solange ich da bin, sehe und denke
-ich als Mensch für die Menschen.
-
-Klar will ich nicht sein, meine Freunde. Aber ich ahne vieles und ich
-sehe Ahnende sich um mich versammeln und mit mir ziehen auf meinem
-Wege. Ich bin nicht zurückgewandelt zu den Moralischen und werde es
-nie. Vieles hasse ich und verneine ich mit euch wie früher und immer;
-eingeschworen bin ich auf keine Formel und keine Partei; aber Mensch
-bin ich unter Menschen, solange ich lebe; wirken will ich in Raum
-und Zeit für das Wachsen der Menschen und das Blühen der Erde; vieles
-verneine ich, aber ich bejahe mit frohem Jauchzen das Leben. Denn
-abgesagt habe ich dem ewigen Denken und damit dem Tod; ich träume und
-tummle mich, ich genieße meinen Leib und meine Seele, ich genieße meine
-Nächsten und genieße mein Ahnen des Entferntesten. Ich fühle meine
-Kraft und spüre das leidenschaftliche Hinausschleudern meiner Triebe
-und all meines Innern.
-
-Alles Einzelne hat mir gedroht in grauer Nichtigkeit zu versinken: die
-Natur und das Treiben der Menschen, die Technik und die Produktion der
-Bedürfnisse, die Wissenschaft und die Kunst. Und jetzt ist mir alles
-wieder interessant. Meine Augen sind nicht mehr beschattet von dumpfer
-Betrübnis, ich öffne sie weit und beschaue mir ernsthaft die Welt.
-Mein Denken ergießt sich wieder über die Erde, ich träume hinein in
-unmeßbare und unaussprechliche Fernen, alles will ich wieder bewältigen
-und alles mit meiner Sprache beherrschen. Frei und unbekümmert nehme
-ich Stellung zu allem, was sich mir naht und ich lege mein Bekenntnis
-ab über alles, was mir bekannt wird.
-
-Und das ist es, was ich von euch verlange, ihr Führer der Völker: _Ihr
-sollt bekennen!_
-
-Und ein zweites ist es, was ich von euch verlange, und seltsam nimmt
-sie sich vielleicht aus in _meinem_ Munde, diese Forderung: _Ihr sollt
-nüchtern sein!_
-
-Damit meine ich euch vor allem, ihr Träumer und Dichter und Künstler
-und ihr Männer der Wissenschaften.
-
-Fasset in euer Auge mit einem weiten Blick das Panorama der Kultur,
-das sich eröffnet mit den Namen: Voltaire, Kant, Goethe, Byron,
-Schopenhauer.
-
-Und dann blickt mir auf das zweite Bild: Dampfmaschinen, Dampfschiffe
-und Eisenbahnen, Elektrizität und rationelle Landwirtschaft.
-
-Welcher Umschwung in der _geistigen Kultur_ entspricht dieser
-riesenhaften Veränderung im Verkehr und in der Herstellung der
-Bedürfnisse des Lebens und des Genusses? Und welcher sollte ihr
-entsprechen? Und welcher wird ihr entsprechen?
-
-Sehet das zweite Bild, wie ich es euch male:
-
-Geistesrohheit des emporgekommenen Philistertums, geistlose, ekelhafte
-Genußsucht, barbarische Kampfbereitschaft der Völker gegen einander,
-ungeheure neue Heere geistig und leiblich aufs entsetzlichste
-vernachlässigter moderner Sklaven, gewaltiger Aufschwung der Feigheit
-und Heuchelei und des Aberglaubens, dem Wahnsinn nahe Vereinsamung
-fortgeschrittener Künstler und Denker. Ächtung der freien Moral, des
-freien Gedankens, des freien Wortes -- des freien Lebens. Ekelhaftes,
-sinnezerstörendes Gesamtbild aus der Vogelperspektive!
-
-Ihr sollt bekennen, ihr Dichter und Führenden, die Hand sollt ihr in
-die Lüfte recken zum Fluch über dies gemeine Geschlecht, die Geißel
-sollt ihr schwingen über die Rücken dieser Böotier!
-
-Und nüchtern sollt ihr sein, ihr Träumer und Denker, nicht fürder auf
-romantischem Roß zu blauen Wolken emporsprengen, die Welt sollt ihr
-schauen so wie sie ist, gewahren sollt ihr die Wirklichkeit und in ihr
-erblicken, was möglich ist und was werden muß.
-
-Und euren Willen sollt ihr mir wecken und satteln, anspornen sollt
-ihr ihn und kühn hineinreiten in das Land der Zukunft. Begraben sei
-immerhin der Pegasus mit seinen angeschnallten Gänseflügeln, wenn nur
-das Dampfroß für euch lebendig wird und der Dampfpflug Europas Boden
-schüttert für fruchtbaren Samen. Glück sollt ihr säen für kommende
-Menschen, und schaffende Hoffnung auf endlich und endlich reifende
-goldene Saat ist die Freude des Säemanns.
-
-Ich glaube nicht an ewige Wahrheiten und ich sehe vorerst noch nichts
-davon, daß die Menschenvernunft mächtiger ist als die im Zufall
-rollenden Welten. Sonne, Mond und Sterne gehn heute wie immer und
-morgen wie heute ihren lachenden Gang, ohne nach uns zu fragen, und
-winzige Tierchen und Pflänzchen bauen ihre Geschlechter auf unzählige
-Menschenleichen. Und stets noch beginnt die Welt mit jedem Kinde von
-neuem, und über dem Wechsel der Generationen wie dem Lauf der Gestirne
-waltet der Zufall. Noch lange wird alles Bedenken über den Haufen
-gerannt von ungezügelter treibender Leidenschaft, und die unsinnige
-Summe vieler kleiner Selbständigkeiten nennt sich Geschichte. Noch
-unendliche Zeit wird der schwerste Kampf aller Kämpfe währen: der
-Streit zwischen Geistesfreude und Geistesweh, und oft noch möchten wir
-vernünftig sein und können es nicht, möchten wir gedankenlos fließen
-und müssen bedächtig schreiten.
-
-Aber wer will leugnen, daß sie noch nicht tot ist, die Göttin der
-Vernunft, sondern erst beginnt sich zu dehnen und auf sich selbst
-zu besinnen? Daß des achtzehnten Jahrhunderts Ausgang immer wieder
-erwacht und alle Jahrhunderte zwingt in seinen Bahnen zu wandeln?
-Daß der Zufall auf allen Gebieten, wo er sich nur betreten läßt, zäh
-bekämpft wird auf Schritt und Tritt? Daß vor allem die Organisation
-der Arbeit schon an der Schwelle der Erfüllung steht, die nur von
-freien Lebendigen überschritten werden kann? Daß eine Organisation der
-Geselligkeit auf eisernen Schienen uns näher und näher gleitet, die
-gewaltige Menschenkomplexe zu einer Familie macht? Daß Wissenschaft
-und Kunst mit einer Erziehung schwanger gehn, die Untergang schwemmt
-über jahrtausendalten Aberglauben? Es giebt Revolutionen, die man zu
-machen aus Versehen vergessen hat; wer glaubt nicht, daß die nahende
-Revolution eine gründliche sein kann, daß ihr Strom jahrtausendalten
-Unrat mit sich fortspült? O ihr, die ihr an die allmähliche Entwicklung
-glaubt, vieles und Gewaltiges hat sich schon lange langsam angebahnt,
-und die Stufen, die ihr wähnt, erst noch betreten zu müssen, sind
-längst schon hinter uns, ohne daß ihr es gemerkt. Was thut es, daß ihr
-dann auf einmal in der Versenkung verschwunden seid; wenn wir nur oben
-stehn!
-
-Wem viele Dinge selbstverständlich sind, der folge mir nach. Das Wort,
-das ich einst gesprochen, ich wiederhole es heute. Den Sozialismus
-aber habe ich immer für möglich gehalten und seine Erfüllung für
-selbstverständlich. Aber ich habe ihn unsagbar gefürchtet, weil mir
-das Leben ein Greuel war und weil ich sah, daß mit seiner Ankunft das
-Innerste des Lebens nackt vor uns daliegen müsse. Und ich habe auch
-jetzt nichts gegen den Tod; auch jetzt noch zu Zeiten naht mir die
-Stimmung, wo meine Seele helle Lieder jauchzt ihm zum Lob und Preis.
-Tröstlich und ein erquickendes Labsal ist die Erinnerung, daß ich frei
-sterben kann, wann immer es mir so gefällt. Verdorren möge mir Hirn und
-Zunge, wenn den Tod ich jemals verläumde!
-
-Aber verheimlichen wir es uns doch nicht länger; unsre lächelnden
-Augen verraten es ja doch: wir haben _alle_ das Leben unsagbar gern!
-Und wir machen uns _alle_ ein Bild von der Welt nach unserm Willen,
-und wir wollen alle wirken, um die Erde umzugestalten nach unserm
-Herzen. Wenn wir denn alle eine heimliche Geliebte haben, laßt uns
-doch kämpfen, um sie zu erringen! Wenn wir doch alle den Todesgedanken
-in all seiner Hoheit erfaßt haben, lassen wir sie doch fallen, die
-kleinliche faltenreiche Gewandung ewiger Rücksichten und unsterblichen
-Philistertums. Das Wort ist so alt und will doch immer wieder
-gesprochen sein: Da wir doch alle nur _einmal_ leben und nach unserm
-Tod für menschliche Welt und menschlichen Geist nicht mehr vorhanden
-sind, sei doch ein jeder unter uns so groß und so frei, so wohlgemut
-und so leichtsinnig, so ernst und so kühn, als ihm in seiner Seele
-zuinnerst beschieden ist!
-
-Kennt ihr die Geschichte von der heimlichen Geliebten des Jünglings?
-Er war zaghaft und wagte nicht sich ihr zu nähern. Und er machte lange
-Jahre Reisen in fremden Ländern, um sie zu vergessen. Das aber war
-ihm nicht beschieden, und im stillen war seine Sehnsucht übermächtig
-gewachsen und mit eins erhob sich wieder in ihm ihr Bild und wich nicht
-mehr von ihm und drückte in seinem Herzen, daß es laut aufschrie. Da
-kehrte er zurück nach seiner Heimat. Wie er sie aber wieder vor sich
-sah in ihrer leuchtenden Schönheit, mit der hohen Anmut ihrer Gestalt
-und ihrer Bewegungen, die viel wunderbarer war in ihrer farbigen
-Wirklichkeit, als ihm die blasse Erinnerung gezeichnet hatte, da preßte
-er voll scheuer Angst vor der spröden Schönen seine Seele zusammen und
-machte sein Herz klein. Aber als die Sehnsucht seines Blutes nicht mehr
-zu bezwingen war, da schlich er sich in einer mondlosen dunkelblauen
-Nacht in ihr Schlafgemach. Lange betrachtete er da die feinen Züge
-der Schlafenden und blickte halb betäubt auf das wogende Schwellen
-der Brüste. Da konnte der keusche Jüngling sich nicht mehr bezwingen,
-und leise, leise, ganz langsam, daß das Betttuch nicht knisterte und
-sie nicht erwachte, legte er sich neben das schlafende Mädchen und
-er preßte die gekreuzten Hände wider seine Brust und das Blut schlug
-ihm donnernd an seine Pulse und Blitze sprühten vor seinen Augen. Und
-sein Atem ward immer kürzer und stoßender, und seine Haut brannte wie
-Feuer und wollte es nicht leiden, daß ein Raum war zwischen ihm und dem
-kühlen rosigen Leib des Mädchens. Da konnte er nicht mehr, er preßte
-seine Lippen fest zusammen und hielt seinen Atem an. Und nachdem er
-einige Zeit nicht mehr geatmet hatte, öffneten sich seine Lippen
-langsam und die Hände fielen ihm schlaff von der Brust und sein Blut
-hämmerte nicht mehr und sein Fleisch war nicht mehr heiß. Und als die
-heimliche Freiheit morgens erwachte, da lag der zage Jüngling, der sie
-hätte erringen können, tot und kalt neben ihr auf ihrem Lager.
-
-Auf denn, meine Gefährten, es ist nicht wahr, was man euch in fremden
-Ländern versichert hat, die Freiheit sei tot und sei nur noch ein
-verblichenes Wort, es ist nicht wahr, sie lebt immer wieder und
-verkörpert sich jedem in einer besondern Schönheit. Laßt uns denn
-endlich heimkehren in ihre Lande und um sie werben und todesmutig, daß
-heißt lebensfreudig für sie kämpfen!
-
-Seht nun das dritte Bild, daß ich euch male!
-
-Ein Festtag. Verlassen steht heute die riesige Produktionscentrale mit
-ihren ungeheuren Anlagen, in der die Knaben und Mädchen, die Männer
-und Frauen der weiten Gegend sonst ihre Vormittage verbringen. Früh
-morgens schon verließen die Menschen heute ihre Villenkolonieen, um
-in kleinen Gruppen auf ihren Dampfwagen und elektrischen Kutschen
-unter Gesang und Musik nach den weiten Versammlungsstätten zu fahren.
-Dort zerstreuen sie sich in den Kunsthäusern und Wissenschaftshallen,
-den Spiel- und Tanzplätzen und wieder andere erquicken sich an
-Wein und Speisen. Später, gegen Mittag, füllt sich dann der große
-Versammlungsplatz, und hier werden öffentliche Dinge besprochen und
-erledigt, neue Erfindungen und wissenschaftliche Aufstellungen werden
-mitgeteilt und oft bekämpfen sich die Vertreter gegensätzlicher
-Meinungen scharf und entschieden. Inzwischen haben die Knaben und
-Mädchen sich bei den Spielen getummelt und herüber hinüber in keckem
-Rufen und Haschen neue Bekanntschaften geschlossen. Nachmittags mag man
-sich wohl wieder in kleinere Gruppen trennen, man fährt und geht und
-schaut spazieren, man rudert auf dem Flusse oder man fliegt im Ballon
-oder sonstwie in die blauen Lüfte hinauf. Wenn die Sonne sich zum
-Untergang neigt, haben sich neue und alte Liebespaare längst gefunden
-und hie und da in Korn und Hecken liegen sie wohl in traulichem
-Gespräch oder in heißer Umarmung. Abends wenn es kühl wird, bedecken
-die Menschen wohl ihre Nacktheit mit den Tüchern. Die Dunkelheit
-führt sie wieder enger zusammen auf dem breiten Rasen, dem hie und
-da manchmal Leuchtkugeln und Raketen entfliegen. Im übrigen denkt man
-heute und meistens nicht daran, den Tag künstlich zu verlängern, man
-ist froh, daß das Dunkel seine blauen Fittige um die Erde schwingt.
-Feierlicher und erhobener werden nun die Gespräche und die Gesänge, und
-nun erheben sich auch nicht mehr gesehen die Dichter in der Menge und
-tragen ihre neuen Werke, die ihnen in den Mußestunden gediehen, zum
-ersten Mal vor und alte vielbegehrte wiederholen sie manchmal mit neuen
-reizvollen Wendungen geziert. Tief in die Nacht hinein bleibt man so
-beieinander, bis man, wenn es warm genug ist, einschläft so wie man da
-ist, oder auch aufbricht, um die Behausungen zu erreichen.
-
-So aber wird es ganz gewiß nicht kommen, sonst hätte es keinen Sinn
-danach zu streben!
-
-Es kommt immer anders, und vielleicht sind auch die Gedanken, die mir
-innen in meinem Kopfe wohnen und wachsen, ganz andere als die sich mir
-hier im freien gestaltet haben. Ihr glaubt mir doch, daß ich noch die
-Kraft habe, manchmal unglücklich zu sein? Weh mir, wenn ich das nicht
-mehr könnte!
-
-Ein sonderbarer Unheiliger hat mich jüngst besucht, meine Freunde,
-und als ich ihn deutlich besah, war es ein Teil meiner Selbst, das
-sich da vor mir aufgepflanzt hatte. Nur ein Stück eines Menschen war
-er und doch ein ganzer Kerl. Er sagte mir, der moralische Sinn in ihm
-sei längst und völlig erstorben, er habe nur noch ein Prinzip: wenn er
-von einer menschlichen Einrichtung nicht wisse, warum sie sei, bemühe
-er sich das Gegenteil zu thun, ganz zwecklos, nur aus Prinzip, zu
-seiner seltsamen Freude. Er wisse nicht, warum der Mensch nicht lügen
-und töten solle; Rücksicht auf Menschen kenne er nicht und Gott sei
-ihm nicht vorgestellt; also wolle er lügen und töten. Wenn man das
-Wort überhaupt anwenden wolle, das sei dann seine Moral: die äußerste
-Konsequenz seines Denkens zu ziehen. Es sei freilich schwer, vielleicht
-vollbringe er es auch nicht, aber dann wandelte ihn eine Art Scham an,
-obwohl auch das altmodisch sei.
-
-Meine Freunde, ich habe euch in dieses harte Eisland geführt, um euch
-eine Grenze zu zeigen. Hier ist die Grenze des Begriffs und des Worts
-und der Logik. Wer bis dahin gekommen ist mit seinem Denken, der muß
-sich hier entscheiden: will er ein Kalter sein oder ein Warmer? Da ist
-das Land der eiskalten Sprache und Logik, und keine Widerlegung giebt
-es auf diesem Boden. Wer ihn betritt, der muß in den Spuren dieses
-Mannes wandeln, kein Ausweg zeigt sich ihm mehr. Wer aber nicht in
-diesen Wahnsinn frieren will, der kehre um und wende seinem Denken den
-Rücken, solange es Zeit ist.
-
-Ich bin kein Moralischer, aber ich bitte euch doch: Seid nicht boshaft!
-Ihr seid auf einem falschen Wege zu weit vorgegangen; wollt ihr den
-rechten Punkt finden, so müßt ihr wieder ein wenig zurück. Ihr seid
-zu früh daran mit eurer nackten Vernunft. Es ist noch nicht Zeit,
-die Seele erfrieren zu lassen. Thut nichts, dessen Ende ihr nicht
-wenigstens ahnen könnt. Hütet euch vor der geistigen Bosheit! Seid
-lieber manchmal noch ein Tier!
-
-Das ist es was ich von euch verlange, ihr Träumer und Denker: _ihr
-sollt warm sein_!
-
-Und das heißt mir soviel als: Ihr sollt keine einzigen sein, ihr sollt
-euch gesellen, ihr sollt lebendig leben und den Tod dem Tod überlassen.
-
-Ich will euch etwas sagen, meine Freunde, denn ich halte es nicht
-länger aus. Das Kichern und Lachen und Murren rauscht mir schon lange
-in den Ohren. Hinter meinem Rücken stehen zwei Arbeiter, und die lachen
-mich aus. Und eben sagte der eine zum andern:
-
-»Der dumme Kerl! Was schwatzt er nur für verdrehtes Zeug? Das eine
-wissen wir längst, beinahe schon vor unserer Geburt, und das andere
-ist uns ganz und gar unverständlich, und wenn er es uns tausend Mal
-vorkaut. Wir haben keinen Magen für so gewürzte Speisen.«
-
-Der Mann hat Recht, ganz und gar. Aber, ihr Arbeiter unter meinen
-Genossen, zu euch rede ich heute nicht. Freilich setze ich auf euch vor
-allen andern meine Hoffnung; wäret ihr nicht da, es wäre kein Übergang
-möglich zu dem was wir wollen. Aber davon spreche ich heute nicht, ich
-habe noch viel auf dem Herzen und hoffe es alles mit der Zeit sagen zu
-können. Und »Übergang«, so mag die nächste Schrift heißen, die ich euch
-sende, und darin rede ich dann von euch, vom Proletariat!
-
-Heute aber wende ich mich an ganz andere Menschen; heute rede ich zu
-der zweifelhaftesten und bedenklichsten Menschensorte, zu den Träumern
-und Denkern aus der bürgerlichen Welt. Es ist nicht der Vortrab des
-Bürgertums, es sind nur Vereinzelte, die sich seitwärts schlugen, dahin
-und dorthin, und die alle Gemeinsames haben. Ich kenne sie gleich, wenn
-ich sie treffe, an dem bittern Zug um die Lippen und dem heimlichen
-Lächeln ganz hinten in ihren Augen. Diese Jugend also rufe ich auf;
-sie nennen sich Abfall und Jahrhunderts-Ende, ich aber sehe noch viel
-Rettenswertes an ihnen, ich möchte sie sammeln im Felde der Zukunft;
-im Lager des Proletariats; die höchste, fast schon überdrüssige Kultur
-möchte ich vermählen der jungen raschen Kraft des vorwärts stürmenden
-Aufschwungs.
-
-Ich bin ein alter Mann, aber -- das sage ich heute mit frohem Stolz --
-ich habe erreicht, wonach ich mich so heiß gesehnt, _ich bin wieder
-jung geworden_, und ich empfinde mit der Jugend, nein, ich bin sogar
-ihr Vorschmack und Vorempfinder. Zugleich bin ich bei den jungen
-Zigeunern des Bürgertums, die ich aufmuntere, meine Wege zu betreten,
-und zugleich bin ich beim jungen Proletariat, dem ich die Freiheit
-bringen will, jetzt nicht die ökonomische Freiheit, die es sich selbst
-erringen wird, nein, die Freiheit des Einzelnen, der kühn und unbesorgt
-allem entgegenblickt. Ich schwanke nicht von einem zum andern, in mir
-sind die Gegensätze vereint, und widerspruchsvoll ist nur das Wort,
-nicht das Leben. Mein Leben ist jung und reich, folge mir nach, wer
-kann!
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Druck von Gebr. Adolph & Co., Dresden-Löbtau.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
- Ansonsten wurde die teilweise inkonsistente Originalschreibweise
- beibehalten. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
- Der Schmutztitel wurde entfernt.
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESPREDIGER ***
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
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-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
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-easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation
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-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
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-Archive Foundation
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-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<p style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of <span lang='de' xml:lang='de'>Der Todesprediger</span>, by Gustav Landauer</p>
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
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-are not located in the United States, you will have to check the laws of the
-country where you are located before using this eBook.
-</div>
-</div>
-
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: <span lang='de' xml:lang='de'>Der Todesprediger</span></p>
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Gustav Landauer</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Release Date: June 6, 2022 [eBook #68228]</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Language: German</p>
- <p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em; text-align:left'>Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This
-file was produced from images generously made available by the
-Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf.)</p>
-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>DER TODESPREDIGER</span> ***</div>
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.
-Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich
-am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h1>Der Todesprediger</h1>
-
-<p class="center">Roman</p>
-
-<p class="center smaller">von</p>
-
-<p class="h2">Gustav Landauer.</p>
-
-<p class="center larger">❦</p>
-
-<div class="figcenter" id="illu-003">
- <img src="images/illu-003.jpg" alt="Signet" />
-</div>
-
-<p class="center"><b>Dresden</b> und <b>Leipzig</b>.</p>
-
-<p class="center">Verlag von Heinrich Minden.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">Alle Rechte vorbehalten. Unbefugter Nachdruck wird
-gerichtlich verfolgt.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[1]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Einleitung">Einleitung.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-d.jpg" alt="" /></div>
-<p class="drop">Die Geschichte, die ich erzählen will, ereignete sich
-in jener im Großen und Ganzen glücklichen
-Zeit, da sich die Planeten um die Sonne drehten ohne
-zu fragen warum, und die Sonne ganz gedankenlos,
-ohne sich nach einem Spiegel zu sehnen, ihre leuchtenden
-Strahlenbündel von sich schleuderte. Die Epoche,
-wo das Weltall begann, über sich selbst und seine
-Bestimmung zu philosophieren, war noch nicht angebrochen,
-der Weltschmerz in des Wortes eigentlicher
-Bedeutung, das wehvolle Stöhnen des großen Kosmos,
-das seiner Auflösung ins absolute Nichts vorherging,
-war noch nicht eingetreten. Jedoch war das Allgemeinbefinden
-der einzelnen Weltkörper schon wesentlich
-differenziert, und auf einem derselben, auf der Erde,
-zeigten sich für den feinen Beobachter bedrohliche
-Symptome. Das ganze Erdenrund war allmählich<span class="pagenum" id="Seite_2">[2]</span>
-von einem grünlichen Schimmel überzogen worden,
-der sich bemühte, zugleich ein Spiegel und eine schlechte
-Kopie des Weltungeheuers zu sein. Jeder auch der
-kleinste Teil dieses gewaltigen Riesen ging gedankenlos
-seine eigenen Wege und kümmerte sich nicht im
-mindesten um andere. In dieser überlegungslosen
-Selbständigkeit bestand das Weltglück. Auf dieser
-schimmligen Erdrinde aber entstanden kümmerliche
-Wesen, die für sich nichts waren und sich darum an
-einander anlehnen und einander befehden mußten und
-es erwuchsen allmählich Arten statt Individuen, Gesellschaften
-statt Personen. Ein krankhafter Keim
-steckte in jedem kleinsten Teilchen dieser Erdoberfläche,
-es war das Bewußtsein oder doch die Anlage dazu.
-Welche Art am meisten von diesem Gift in sich trug,
-die errang die Herrschaft über die übrigen, die war
-aber auch zugleich am nächsten dem Zustand der Selbstvernichtung,
-der aus dem Selbstbewußtsein hervorging
-auf dem Wege über die Selbstverachtung und den
-Selbstschmerz. Diese Rolle war schon seit geraumer
-Zeit dem Geschlechte der Menschen zugefallen. Es ist
-die Aufgabe der Geschichte dieser merkwürdigen Tiergattung,
-zu zeigen, wie gerade sie besonders dazu befähigt<span class="pagenum" id="Seite_3">[3]</span>
-war und auf welchem Wege sie sich dem angegebenen
-Ziele näherte. Ich darf das wohl als bekannt
-voraussehen und bitte sich rasch an diese ganze
-Entwickelungsgeschichte des Menschengeschlechtes rückzuerinnern
-bis zu dem Punkte, wo das Bewußtsein
-schon den Grad erreicht und überschritten hatte, wo
-der Selbstekel und der Selbstschmerz, den der Mensch
-in Überhebung vielleicht, vielleicht aber auch in zukunftsbanger
-Ahnung eine Zeit lang Weltschmerz
-nannte, begann. Die langsame Entwicklung und das
-stetig sich verändernde Fortschreiten und Umsichgreifen
-dieses Eigenwehs dauerte, oft unterbrochen und scheinbar
-verschwunden, schon mehrere Jahrhunderte an,
-das Christentum und dann die Reformation und dann
-der Rationalismus und die Revolution waren gewaltige
-Heilversuche, die aber notwendig fehlschlugen. Dann
-kam eine kurze Periode dumpfer Resignation und verzweiflungsvollen
-Schmerzes, die Zeit des Romantismus,
-ironische und zerrissene, aber durchweg halbe Männer
-waren die führenden Geister, und in zweiter und
-dritter Reihe tauchten auf die feinsinnigen, frauenhaften
-Gestalten, mit der melancholischen Ruhe und
-den zarten aristokratischen durchgeistigten Händen,<span class="pagenum" id="Seite_4">[4]</span>
-schmiegsame Leute ohne Rückgrat, deren Wille gebrochen
-war.</p>
-
-<p>Dann aber kam herauf der ewig denkwürdige Versuch
-der Vernunft, sich kalten Blutes auf sich selbst
-zu besinnen, die entsetzte Rückschau auf die Entwicklung
-der Vergangenheit und das gegenwärtige Treiben, die
-Auflösung und Abschüttelung alles überlieferten Herkommens,
-der Strich unter die ganze Rechnung der
-menschlichen Geschichte, und das Wagnis, nach all den
-Erfahrungen den Staub der Vorzeit von den Händen
-zu waschen und das Leben der Menschheit von vorn
-auf vorsichtig geprüftem Grund zu beginnen.</p>
-
-<p>In diese Jahre, in denen Abgelebtes und Vorzeitiges,
-Unreifes und Faules, Abgespanntes und Vorwärtsstürmendes
-neben einander wohnte, fiel das
-Leben des Menschen, von dem ich im folgenden
-erzählen will.</p>
-<p class="center p2 larger">
-❦
-</p>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[5]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Erster_Abschnitt">Erster Abschnitt.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-e.jpg" alt="" /></div>
-<p class="drop">Er war der zweite Sohn des Schuhmachers Adam
-Starkblom und dessen Ehefrau Elisabeth und
-hatte die Namen Max Emanuel Karl Wilhelm erhalten;
-man nannte ihn Karl. Geschwister hatte er
-sieben: zwei Schwestern, Elise und Kathrine, und fünf
-Brüder: Adam, Justus, Leberecht, Friedrich und
-Johannes. Sein Vater hatte anfangs viel zu thun
-gehabt und die Familie gut erhalten können, war
-aber später durch sein phlegmatisches und beschauliches
-Temperament allmählich heruntergekommen und
-hatte sich, obwohl er früher äußerst nüchtern und
-zurückhaltend gewesen, nachdem er schon die Grenze
-des Mannesalters überschritten, dem Trunke ergeben.
-Er starb am Herzschlag, 64 Jahre alt. Dieser Lebensführung
-des Vaters entsprechend war die Erziehung
-der Kinder ausgefallen: Adam hatte seiner Neigung<span class="pagenum" id="Seite_6">[6]</span>
-gemäß in ein großes Handelshaus in Hamburg in
-die Lehre treten dürfen und brachte es dazu, ein vermögender
-Plantagenbesitzer in Haïti zu werden, Karl
-durfte studieren, Elise besuchte die höhere Mädchenschule
-und heiratete, neunzehn Jahre alt, einen vermögenden
-Schlossermeister, Justus war beim Vater in die Lehre
-gegangen und besaß nunmehr eine kleine Schuhfabrik
-in Pirmasens, Leberecht war Branntweinbrenner,
-Friedrich Unteroffizier, Johannes war gänzlich verbummelt
-und schließlich vom ältesten Bruder mit nach
-Haïti genommen worden, von wo er aber bald auf
-einem englischen Kauffahrteischiff durchbrannte, seine
-Spur war verschwunden und er blieb verschollen;
-Kathrine endlich, die jüngste, war auf ein Operettentheater
-gegangen, wurde dann die Geliebte eines reichen
-Offiziers und endlich Straßendirne. Die Mutter
-war diesem letzten Wochenbett erlegen; kein Wunder,
-daß das hinterlassene Kind im Hause des blöden,
-trunksüchtigen Vaters nicht die beste Erziehung erhielt.</p>
-
-<p>Karl hatte schon im Elternhause eine besondere
-Stellung eingenommen; er beteiligte sich nur ungern
-an den lärmenden Spielen der Brüder und Kameraden
-und ging am liebsten allein seiner Wege. Er war ein<span class="pagenum" id="Seite_7">[7]</span>
-verschlossenes, träumerisches Kind, das nicht verstand,
-aus sich herauszugehen. In seinem neunten Jahre
-etwa fing er an viel zu lesen, alles was er im Vaterhause
-fand, aber wenn ihm etwas gefiel, las er es
-immer und immer wieder, sodaß er große Stellen
-der Romane, die ihm in die Hände kamen, auswendig
-wußte. Von seinem fünfzehnten Jahre an hörte er
-mit einem Male fast gänzlich auf mit dieser Art
-Lektüre und las nur noch wenig und planmäßig: die
-Klassiker, Bücher litterarhistorischen, religiösen und
-philosophischen Inhalts. Was er nicht verstand, legte er
-ruhig beiseite, was ihn ergriff, lernte er durch häufiges
-Lesen auswendig. Er schloß sich gern an die Schwester
-Elise und deren Freundinnen an und war bald unter
-seinen Brüdern und Mitschülern, die den blassen
-Sonderling nicht leiden mochten, als »Mädlesschmecker«
-verspottet. Bei Tisch und wenn er sonst
-mit Eltern und Geschwistern zusammen war, war er
-still und in sich gekehrt, beteiligte sich aber gern, wenn
-ihn ein Thema interessierte, am Gespräch der Alten
-und konnte da schon früh hitzig und vorlaut werden; er
-war darum verschrieen als altkluges, frühreifes Kind.
-In der Schule war er immer unter den Ersten, da<span class="pagenum" id="Seite_8">[8]</span>
-er sehr schnell auffaßte und ein gutes Gedächtnis
-hatte, doch arbeitete er wenig. Seine Lehrer konnten
-ihn nicht leiden, einigen war er verhaßt. Er meldete
-sich selten, wenn etwas gefragt wurde, wußte aber fast
-stets Bescheid und antwortete kurz und klar. Nur
-manchmal hatte er vor sich hingeträumt und stand
-dann ruhig und blaß da, ohne den Mund zu öffnen.
-In seltenen Fällen ward er lebhaft, meldete sich, trug
-warm, ja manchmal feurig vor, was er wußte,
-oder meinte; ja einige Male hatte er es gewagt, dem
-Lehrer zu widersprechen.</p>
-
-<p>Noch bevor er sechzehn Jahre alt war, stand es
-ihm völlig fest, daß er Philosophie studieren und das
-Rätsel der Welt ergründen wolle. Am Ende des vorletzten
-Schuljahres jedoch schon kam er allmählich davon
-ab. Sein kluges Auge sah, wie rasch der Vater
-herunterkam, und es leuchtete ihm ein, daß er einen
-praktischen Beruf ergreifen müsse. So antwortete er
-von da ab ruhig auf alle Fragen, was er studieren
-wolle: Jurisprudenz, und dabei blieb er. Sowie er
-sich dazu entschlossen hatte, sah er kein philosophisches
-Buch mehr an, beschäftigte sich eifriger als früher mit
-den Schulaufgaben und suchte auch jetzt schon für<span class="pagenum" id="Seite_9">[9]</span>
-Fragen des täglichen Lebens Verständnis und Interesse
-zu gewinnen. Er machte ein gutes Abgangsexamen
-und bezog, etwas über achtzehn Jahre alt,
-die Universität.</p>
-
-<p>Freundschaft hatte er erst in seinen letzten Schuljahren,
-als seine Neigung zur Philosophie hervortrat,
-kennen gelernt. Vorher hatte er kein Bedürfnis nach
-Umgang gehabt. Jetzt drängte es ihn, Meinungen,
-die ihn originell und sogar tief dünkten, teilnehmenden
-Freunden vorzutragen und im Gespräch auszuspinnen.
-Es fand sich so eine Anzahl hochstrebender junger
-Menschen zusammen, von denen indeß, wie es häufig
-zu gehen pflegt, die meisten in der Schule nicht recht
-mitkamen. Anfangs bildete sich eine förmliche philosophische
-Gesellschaft, in der aber auch dem Bedürfnis
-der Jugend zu dichten und das Geschaffene mitzuteilen
-und loben zu lassen Genüge geschah; sie organisierten
-sich als Verein und gaben sich eigene Statuten.
-Später indessen zog sich Karl, der schon von früh
-an mit einer gewissen Rücksichtslosigkeit eine alte
-Haut, die ihm nicht mehr anstand, abwarf, ganz
-davon zurück und verkehrte nur noch mit dreien der
-Genossen, intim nur mit einem, und selbst diesem<span class="pagenum" id="Seite_10">[10]</span>
-vertraute er seine geheimsten und kühnsten Gedanken
-und Pläne nicht an. Anfangs schrieb er seine Ideen
-tagebuchartig nieder, einiges wenige arbeitete er in
-größerem Umfang aus; auch das gab er auf, sowie
-er einsah, daß seine Meinungen sich zu rasch änderten,
-daß er noch keinen festen Standpunkt gewinnen könne;
-von da an verfolgte er kaltblütig und mit einer gewissen
-eigenen Neugierde die Vorgänge in seinem Hirn
-und hielt meist auf seine neuen Gedanken nicht besonders
-viel, weil er wußte, wie schnell die alten sich
-bisher immer verflüchtigt hatten.</p>
-
-<p>Nachdem er sich entschlossen hatte, Jurist zu
-werden, zog er sich von den wenigen Freunden, denen
-er geblieben war, mehr und mehr zurück; einmal
-wollte er nicht in Versuchung geraten, sich allzu tief
-mit der Weltweisheit einzulassen, dann auch wollte
-er es nicht mitansehen, wie sich auch in ihnen die
-Wendung zur praktischen Thätigkeit und zum bürgerlichen
-Beruf vollzog. Wenn zwei dasselbe thun, ist’s
-nicht dasselbe, dachte er; was er, soweit es ihn betraf,
-heroisch nannte, kam ihm bei allen andern verächtlich
-vor.</p>
-
-<p>Er wurde ein fleißiger Student, der fast nur mit<span class="pagenum" id="Seite_11">[11]</span>
-Fachgenossen, die er im Kolleg kennen gelernt, verkehrte
-und sich von den geselligen Vergnügungen geflissentlich
-zurückhielt. Erst hier, in den praktischen
-Übungen an der Universität und in den Gesprächen
-mit den Bekannten am Biertisch und auf der Bude,
-ward es ihm zur unumstößlichen Gewißheit, daß er
-mehr sei als der Durchschnitt seiner Umgebung. Er
-dachte klarer, beurteilte alles von höherer Warte,
-faßte Zusammengehöriges aus entfernten Gebieten zusammen
-und konnte seiner Ansicht geläufig und elegant
-Ausdruck geben. Jedoch beschäftigte er sich auch jetzt
-fast ausschließlich mit seinem Fach, besonders allerdings
-mit theoretischen Problemen, interessierte sich aber mehr
-als gewöhnlich üblich schon jetzt für Detailfragen.
-Bei dieser intensiven Bethätigung in der trockenen
-Wissenschaft aber fuhr es ihm mehr als einmal durch
-den Kopf: »Wartet nur! ich bin noch der Alte!
-Noch ist nicht aller Tage Abend! Wohl treibt mein
-Bewußtsein jetzt keine Weltweisheit und kümmert sich
-um nichts als Jurisprudenz; unter der Schwelle aber
-arbeitet es weiter, mir selber nicht bewußt; und finge
-ich jetzt an zu philosophieren, meine alten phantastischen
-Unerfahrenheiten wären verschwunden und neue Gedanken<span class="pagenum" id="Seite_12">[12]</span>
-kämen mir angeschwommen, ohne daß ich
-wüßte, woher. Wartet nur! Er ist noch nicht tot,
-der Prediger in der Wüste! Und wenn er auch spät
-wieder erwacht, er kommt zu seiner Zeit!« Dann
-vertrieb er diese Ahnungen wieder, beugte sich über
-seine dicken Bücher und ochste bis tief in die Nacht.</p>
-
-<p>Im letzten Jahre jedoch seiner Studienzeit, wo
-andere Studenten gerade anfingen, ernstlich zu arbeiten,
-klappte er seine Bücher zu und machte eine Pause.
-Er hatte das Gefühl, nun sei ein Abschnitt erreicht
-und für’s Examen wisse er jetzt schon völlig genug.
-Für kurze Zeit erwachte in ihm ein neuer Mensch:
-er ward gesellig, heiter, harmlos, lebensfroh und lernte
-auf einmal das Plaudern. Er nahm jetzt Tanzunterricht,
-verliebte sich dabei in ein hübsches Mädchen
-und verlobte sich heimlich mit ihr.</p>
-
-<p>Indessen hörte diese Weltläufigkeit bald wieder
-auf; er wurde wieder der alte stille geruhsame Mensch,
-der sich in Gesellschaft nicht wohl fühlte, nur ernstes
-zu reden verstand, alles von seiner tiefen Seite nahm
-und den Plauderton wieder gänzlich verlernte. Dann
-kam das Examen, das er glänzend bestand.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_13">[13]</span></p>
-
-<p>Nunmehr diente er sein Jahr ab, beim Infanterieregiment
-seiner Vaterstadt. Jetzt untersagte er sich
-jede geistige Thätigkeit; er war nur Soldat; im
-Innern mürrisch und kalt, äußerlich streng diszipliniert.</p>
-
-<p>Dann ward er wieder mit allen Kräften Jurist,
-es kam die Praktikantenzeit und dann das zweite
-Examen und das allmähliche Emporklimmen an der
-Leiter der Beförderungen. Schon als Student war
-er entschlossen gewesen im Staatsdienst zu bleiben
-und Richter zu werden.</p>
-
-<p>Als er 36 Jahre alt war, konnte er es nach
-sechzehnjähriger treuer Brautschaft wagen, sein Lorchen
-zu heiraten und einen Hausstand zu gründen. Es
-ging immer noch knapp genug her beim Herrn Amtsrichter,
-und es hätte auch jetzt noch nicht reichen
-können, hätte er es nicht endlich über sich gebracht,
-eine nicht ganz unbedeutende Summe von dem Bruder
-Adam, dem es damals in Haïti schon recht gut ging,
-nach öfterem Anbieten von Seiten des treuen Menschen,
-leihweise anzunehmen.</p>
-
-<p>Die Ehe schien eine äußerst glückliche werden zu
-sollen; war Karl ruhig und ernst, so war Lorchen
-ruhig und heiter; sie hatte einen ungemeinen Respekt<span class="pagenum" id="Seite_14">[14]</span>
-vor dem Geiste ihres Mannes und war doch fähig
-und willig, ihn zu verstehen und mit ihm zu reden
-über das, womit er sich beschäftigte. Das war freilich
-auch jetzt fast nur die Rechtspflege, und nunmehr
-meist Fälle aus der Praxis, deren Konsequenzen er
-zu ziehen pflegte. Mit anderen Dingen gab er sich
-nicht viel ab; ein wenig interessierte er sich für Kunst
-und Theater, selbst mit Politik sich ernsthaft zu beschäftigen,
-hatte er noch nicht die Zeit gefunden.
-»Wartet nur! jetzt bin ich ein alter Mann! aber ich
-werde noch einmal jung!« So pflegte er auch jetzt
-wieder zu sagen.</p>
-
-<p>Bald aber begann das Unglück und ließ mit zäher
-Beharrlichkeit nicht nach, bis es das Äußerste erreicht
-hatte: das erste Kind, ein Mädchen, starb, nachdem
-es zwei Tage kümmerlich gelebt hatte; das zweite,
-wieder ein Mädchen, starb nach drei Monaten an der
-Lungenentzündung; und das dritte Wochenbett bettete
-Mutter und Kind, diesmal wäre es ein Knabe gewesen,
-in den Tod.</p>
-
-<p>Nach fünfjähriger Ehe stand Karl Starkblom
-wieder allein auf der Welt. Äußerlich blieb er ruhig
-wie er war. Aber bei Tag und Nacht ließ ihm die<span class="pagenum" id="Seite_15">[15]</span>
-Frage keine Ruhe mehr: »wozu nun noch arbeiten?
-wofür jetzt noch leben? warum jetzt noch dein eigentliches
-wahres Geisterleben unterdrücken? jetzt wäre es
-Zeit, höchste Zeit!«</p>
-
-<p>Als wollte das Geschick durchaus keinen Zweifel
-aufkommen lassen, wohinaus es wolle, fügte es nach
-Verlauf von dreiviertel Jahren einen weiteren Todesfall
-hinzu: der Bruder Adam in Haïti starb plötzlich
-am Fieber; sein gesamtes bedeutendes Vermögen hatte
-er dem geliebten Bruder Karl testamentarisch vermacht.</p>
-
-<p>Als Starkblom in den Besitz dieses Vermögens
-kam, war er gerade zweiundvierzig Jahre alt. Seit
-knapp drei Jahren war er Landgerichtsrat. Nunmehr
-sagte ihm sein kleines Seelenteufelchen: »Halt Mann!
-Umspannen!« Er kam um Urlaub ein und zog sich
-in ein freundliches Städtchen am Fuße des Schwarzwalds
-zurück. Kurze Zeit darauf nahm er nach
-reiflichem Überlegen seinen Abschied.</p>
-
-<p>Seine Kollegen machten hinter seinem Rücken
-bitter höhnische Bemerkungen über den unerhört frühen
-Rückzug Starkbloms; jetzt war er erkannt. Bisher
-freilich hatten ihn alle, die er überflügelt hatte oder
-zu überholen drohte, für einen ehrsüchtigen Streber<span class="pagenum" id="Seite_16">[16]</span>
-erklärt; das hinderte aber durchaus nicht, nun zu behaupten,
-das sehe ihm völlig ähnlich, das sei von ihm
-zu vermuten gewesen: er sei eben ein ganz pflichtvergessener
-Mensch, dem es nur um möglichst schnellen
-Gelderwerb zu thun gewesen, und vermutlich sei er im
-geheimen ein roher Genußmensch; die große Erbschaft
-sei ihm recht zupaß gekommen. Jetzt konnte er seinen
-Vergnügungen nachgehen, ohne mehr arbeiten zu
-müssen. Nun zeigte der hochnäsige Herr seinen
-wahren Charakter; aristokratisch hatte er immer gethan,
-aber seine gemeine Herkunft konnte er nicht verleugnen.</p>
-
-<p>Was hätten diese Herren für dumme Gesichter
-gemacht, wenn er ihnen seine wahren Gründe anvertraut
-hätte: daß er einen anderen Beruf in sich fühle,
-als zeitlebens Richter zu sein, daß er seinen Geist
-und die Bestrebungen seiner frühen Jugend jetzt voll
-und ganz auszuleben gedenke.</p>
-
-<p>Sich selber ausleben – das war sein Ehrgeiz,
-an seine Jugend wollte er wieder anknüpfen. Was
-aber war er denn selbst? was steckte eigentlich in ihm?
-was war noch übrig von den Idealen seiner Jugend?
-Was konnte er der Menschheit bringen?</p>
-
-<p>Er schaute tief in seine eigene Seele und fand,<span class="pagenum" id="Seite_17">[17]</span>
-daß trotz aller äußern Ruhe der Kern seines Wesens
-Trauer und Weh geworden war. Und er merkte mit
-einem Mal, daß Jammer und Schmerz die ganze
-Menschheit und die ganze Welt durchzog.</p>
-
-<p>Als er aus der Unschuld des Kindes langsam
-zum Manne erwachte, war er rascher als wohl sonst
-die Regel, über die verzweiflungsvolle Zeit des Aufblühens
-der Sinnenwelt hinweggekommen; äußere Umstände
-waren schuld daran. Jetzt, da er ein reifer
-Mann war und alle Schmerzen und Wonnen, die
-der Mensch durchmachen kann, erprobt und gekostet
-hatte, stürmte eigenes Weh, philosophische Verzweiflung
-und soziales Elend mit voller Wucht und gleichzeitig
-auf ihn ein.</p>
-
-<p>Es schien ihm, als habe er mehr als zwanzig
-Jahre geschlafen und dummes unverständiges Zeug
-geträumt, als er jetzt wieder ernstlich begann, über
-Menschengeist und Weltzweck nachzudenken und in der
-Welt umherzublicken.</p>
-
-<p>Es fuhren ihm jetzt Gedanken durch den Kopf,
-er lebte jetzt in ganz eigentümlichen Stimmungen,
-wie er sie nie gehabt seit langer Zeit, und doch war
-es ihm, als habe er das alles genau so, selbst unter<span class="pagenum" id="Seite_18">[18]</span>
-denselben kleinen äußerlichen Umständen, schon einmal
-gedacht und empfunden, vor langer, unendlicher Zeit,
-vor mehr als tausend Jahren wohl.</p>
-
-<p>Dann kam es ihm, er solle wohl seine alten
-Tagebücher und Aufzeichnungen aus der Knabenzeit
-wieder vorsuchen, und er las eifrig darin. Gar
-manches verstand er nicht mehr, vieles mißverstand er
-und legte ihm einen ganz andern Sinn unter, als
-er damals gewollt; einiges aber fand er schon fast
-genau in derselben Art gedacht und ausgesprochen,
-wie es ihm jetzt als neue Wahrheit aufgegangen.</p>
-
-<p>Ihm grauste vor sich selber; der Student und
-der Richter, wie hatte der denn nur je sein können?
-wie hatte er daran sein Genügen finden können? Und
-eine stille Freude überkam ihn, daß er wieder jung
-geworden war.</p>
-
-<p>»Der Menschheit will ich meine Dienste weihen;
-ein neues Wort will ich sprechen, das noch keiner
-gesprochen hat.« So hatte er als Sechzehnjähriger
-geschrieben und so wollte er jetzt wieder. Die Kraft
-fühlte er in sich. Er war mehr als die andern, er
-wußte es sicher; noch keinen hatte er getroffen, der
-ihm gleichkam.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_19">[19]</span></p>
-
-<p>Er beabsichtigte, vorerst in dem kleinen sonnigen
-Städtchen, wo er gegenwärtig weilte, zu bleiben.
-Die Einsamkeit sollte ihm wohlthun. In sich selbst
-wollte er sich versenken, auf sich selbst sich besinnen.
-In die Natur wollte er sich wieder einleben und sich
-verjüngen im frischen Waldesgrün, seine poetische
-Phantasiethätigkeit, die er zu so langer Ruhe verurtheilt
-hatte, erwachte jetzt wieder aus ihrem dumpfen
-Schlafe. Dem Vogelsang wollte er lauschen und das
-Sonnenlicht einsaugen.</p>
-
-<p>Eines Morgens ging er bei heiterkühlem Frühlingswetter
-den Fluß entlang zur Stadt hinaus, thalaufwärts.
-Er liebte diesen Weg besonders. Zur Seite
-hatte er Anhöhen und vor sich Berge von immer
-neuer Gestalt und Färbung, da die Straße in langsamer
-Krümmung das Gebirge vermied. Rechts war
-der Fluß, jenseits saftige Wiesen und weiter entfernt
-wieder Berge, die mit dunklen Tannenwaldungen bestanden
-waren. Blickte er sich um, so sah er die
-Stadt mit ihren hohen Schlöten hinter sich liegen;
-die abgebrochenen Schläge des Kupferhammers vor
-der Stadt, an dem er vorhin vorbeigegangen, drangen
-leiser und leiser zu ihm. Sein Sinn war fröhlich<span class="pagenum" id="Seite_20">[20]</span>
-und unternehmend; seine Gedanken abgerissen und
-hüpfend, er träumte mehr als er dachte. Am frühen
-Morgen war ein starkes Gewitter niedergegangen, das
-erste des Sommers. Noch immer schoben die abziehenden
-Wolken an der Sonne vorbei und verdunkelten
-kurze Zeit das Thal. Doch bald wieder schwanden
-die Schatten und er schritt fröhlich vorwärts.</p>
-
-<p>Nachdem er eine schwache Stunde gegangen war,
-sah er etwa in der Mitte des Berges, der hinter der
-Krümmung des Flusses gerade vor ihm emporstieg,
-auf einem Vorsprung ein weiß schimmerndes schloßartiges
-kleines Haus liegen. Es grüßte ihm freundlich
-entgegen mit seinem weißen Verputz, seinen hell
-blinkenden Fenstern, seinem roten Ziegeldach und dem
-kleinen mit Schiefer gedeckten Türmchen an der linken
-Seite.</p>
-
-<p>»Da wäre gut wohnen,« dachte er.</p>
-
-<p>Er ging noch etwa eine Stunde, dann kehrte er
-auf einem andern Wege, der über die Anhöhen führte,
-zurück.</p>
-
-<p>Mittags beim Essen erzählte er seinem Nachbar,
-dem Stadtbaumeister, von seinem Ausflug und von
-dem Schlößchen, das ihm so sehr gefallen hatte. Der<span class="pagenum" id="Seite_21">[21]</span>
-sagte ihm, das weiße Haus, so nannte man es, stünde
-schon seit einem halben Jahre leer, da der Besitzer
-nach Wien gezogen sei. Liebhaber sei keiner da, da
-es für die Fabrikanten der Stadt und die paar andern,
-die noch etwa in Betracht kommen könnten, zu entlegen
-war. Und Fremde besuchten ja bekanntlich trotz
-der reizenden Umgebung die Stadt kaum, die als
-Fabriknest verschrieen war.</p>
-
-<p>Starkblom war rasch entschlossen. Noch am selben
-Mittag besuchte er den Rechtsanwalt, der die Angelegenheit
-für den Weggezogenen in Händen hatte und
-nach Verlauf von wenigen Tagen war das Geschäft
-abgeschlossen.</p>
-
-<p>Starkblom war im Besitz des weißen Hauses und
-die nächsten Wochen schon verwandte er darauf, seine
-Möbel kommen zu lassen und einige neue zu kaufen.
-Einen Teil der Zimmer richtete er nicht ein, weil er
-Raum für eine Bibliothek lassen wollte. Eine Sammlung
-erlesener Bilder schwebte ihm für die spätere
-Zukunft vor.</p>
-
-<p>Eine ältere Frau, die er gedungen, sollte ihm
-kochen und Wirtschaft führen.</p>
-
-<p>Am 1. Juli bezog der neue Schloßherr das weiße<span class="pagenum" id="Seite_22">[22]</span>
-Haus und er erschrak gleich nach den ersten Tagen,
-sowie er sich angewöhnt hatte, über die erbärmliche
-Beschäftigung mit nichtigem Tand, der er sich in den
-letzten Wochen hingegeben hatte. Das wurde von
-jetzt ab anders. Nur Großes und Tiefes sollte ihm
-zuschwimmen mit den klaren Wellen des Flusses, der
-am Fuße »seines Berges« langsam und ruhig dahinfloß.</p>
-
-<p>Er bestellte in der Hauptstadt eine große Zahl
-Bücher, in die er sich in den nächsten Wochen vertiefte.
-Er merkte bald, als er sich mit Liebe seinem
-Studium und seinem Sinnen hingab, daß es besser
-sei Bücher zu haben als eine Bibliothek und noch
-besser Gedanken als Bücher und noch besser Erleben
-als Denken. An Gedanken mangelte es ihm nicht,
-und was das Erleben anging, nun – er hatte ein
-ganzes reiches Leben hinter sich und gern vertiefte er
-sich in seinen Erinnerungen darein als in etwas völlig
-abgeschlossenes.</p>
-
-<p>Er gedachte seines Vaters, dessen Lebensende sich
-so jammervoll gestaltet hatte; gar wohl aber erinnerte
-er sich noch an seine frühere bessere Zeit, wie er als
-gedankenvoll auf seinem Schusterstühlchen saß und
-mit seinem beschränkten Geiste über tiefe Probleme<span class="pagenum" id="Seite_23">[23]</span>
-seine Weisheit zum besten gab, eine mürrische, unzufriedene
-Weisheit, die die Farbe der grauschwarzen
-Wichse an sich hatte, mit der er seine Stiefel
-schmierte … Dann die Mutter … an die
-war nicht viel zu erinnern. Das war eine arbeitsame
-Frau, die ihr Bündel Not und Kummer mit
-Ergebung trug nachts und tags über mit Raunzen
-und Brummen und Schelten. Sie hatte nie viel
-Zeit für ihre Kinder übrig gehabt und für den früh
-einsamen Karl erst recht nicht. Die rechte Liebe zur
-Mutter hatte er nie kennen gelernt und bemühte sich
-auch jetzt nicht sie zu erwecken. Die große zärtliche
-Liebe zum Vater war ihm geblieben und seiner gedachte
-er stets mit Wehmut. Glaubte er doch jetzt,
-wo er über alles grübelte und sein eigenes Wesen
-nach allen Richtungen zu zerfasern und aufzudecken
-suchte, viel von seinem nachdenklichen Geiste und seinem
-ruhigen Äußern geerbt zu haben, abgesehen von den
-kleinen Zügen in Gang und Haltung.</p>
-
-<p>Die Brüder, die noch in Deutschland wohnten,
-zum Teil ganz in der Nähe seines neuen Wohnortes,
-waren ihm aus dem Gesicht entschwunden und er
-nahm kein Interesse an ihrem Leben. Oft gedachte<span class="pagenum" id="Seite_24">[24]</span>
-er mehr mit freudiger Dankbarkeit als mit Schmerz
-des verstorbenen Adam, dessen Testament der letzte
-Anstoß gewesen war zur neuen Blüte seines innern
-Menschen. Er war ein urtüchtiger Mensch gewesen
-von mächtigem Körper, umfassendem Blick für sein
-Geschäft und großer Energie; dabei soweit es anging
-voll Interesse für geistige Dinge. Aber eigentümlich
-– so oft seine Gedanken sich Haïti zuwandten,
-immer war es der schwach umrissene Schatten eines
-Menschen, den er sich bemühte vor sich zu sehen und
-der ihm doch immer wieder nebelhaft zerrann. Sein
-jüngster Bruder, der verschollene Johannes wollte seine
-Wiedergeburt feiern in seiner Liebe. Ihre Wege in
-der Kindheit waren weit auseinandergegangen, der
-Sinn des Spätgeborenen war vielfach nur äußerlichen
-Dingen zugewandt gewesen; aber Starkblom ging es
-jetzt auf, was ihm die ganze lange Zeit nie eingefallen
-war: es war ein glänzender, strahlender Geist
-in diesem schmiegsamen Leibe, der da auf Irrwege
-geraten und vielleicht für immer für sich und die
-Menschen verloren war. Starkblom entsann sich jetzt
-der philosophischen Stunden der Primaner, wo der
-braunlockige Knabe manchmal ins Zimmer gehuscht<span class="pagenum" id="Seite_25">[25]</span>
-war und mit mancherlei Ulk und kindischem
-Gethue die furchtbar ernsten Abgrundsgedanken der
-grübelnden und Pläne türmenden Jünglinge gestört
-hatte, bis er mit einem Mal eine Bemerkung dazwischen
-warf, von der man immer noch nicht recht
-wußte, war sie kindliche Einfalt oder geniale Improvisation.
-Der wilde Hans – was mochte aus ihm
-geworden sein? Ob er wohl noch lebte? Starkblom
-schien es, er müsse ein kühner Mann und ein eisklarer
-Geist geworden sein, wenn er nicht gänzlich zu Grunde
-gegangen; ein Mensch, nach dem er sich sehnen konnte
-in düsteren einsamkeitsschweren Stunden, ob auch schon seine
-Gestalt nur unklar und verschwommen vor ihm schwebte.</p>
-
-<p>Die Erinnerung an sein treues Lorchen rief er
-selten ins Bewußtsein herauf. Desto öfter gedachte
-er seiner drei Kinder, die so kurz gelebt hatten.
-Eigentliche Liebe für die seltsamen Wesen hatte er
-seiner Zeit kaum empfunden; ja des Knaben dachte
-er auch jetzt nur mit bitterer Empfindung. Aber
-doch war jetzt ein eigentümliches, der Liebe sehr nah
-verwandtes Gefühl in ihm: er hatte Kinder gehabt!
-Er könnte jetzt ein kluges fünfjähriges Töchterchen
-haben. Eine leise Sehnsucht nach Vaterfreude und<span class="pagenum" id="Seite_26">[26]</span>
-Kinderspielen und Erziehungslust regte sich oft in
-ihm. Doch unterdrückte er das immer rasch. Er
-würde die Erde nie mehr bevölkern helfen, das wußte
-er; so mußte er denn der Menschheit in anderer
-Weise dienen. Er konnte sich Menschen denken, die
-von vorn herein auf Ehe und Kind verzichten und
-von Jugend auf ihren physischen Zeugungstrieb mit
-mächtiger Energie in einen rein geistigen verwandeln.
-Auch solche erfüllen ihre Pflicht gegen ihr Volk und
-die Menschheit, besser als die gewöhnlichen Väter. Und
-plötzlich überkam ihn auch da ein Grauen vor sich
-selber. Wie hatte er sich nur je wie ein ganz gewöhnlicher
-Mensch verlieben können und alle die
-Thorheiten mitmachen? Und heiraten? Und – und?
-Zeugen? rohesten Sinnengenuß suchen? jahrelang?
-Hatte ich denn das nötig? Durfte ich das? Entsprach
-das meiner wahren Natur? Nein, nein.</p>
-
-<p>O warum hatte er sich denn nur je dem Joch
-des Eigennutzes und des Herkommens gebeugt? Wäre
-er doch ruhig und ohne nach rechts und links zu
-sehen, seine Bahn vorwärts gegangen, gleichgiltig ob
-er sein Ziel erreichte oder scheiterte! Hätte er sich
-doch ausgelebt; wäre er doch jung geblieben! O<span class="pagenum" id="Seite_27">[27]</span>
-diese häßliche gewöhnliche eingeengte niederdrückende
-Zwischenzeit. Konnte er denn noch einholen, was er
-versäumt? Er <em class="gesperrt">mußte</em> es einholen; er mußte denken,
-leben, wirken. Vorbild wollte er sein, Prophet …
-Erlöser – War er denn noch jung genug? Ja er
-glaubte an sich, er mußte ja an sich glauben; er
-wollte doch nicht verzweifeln? Er betrachtete sich im
-Spiegel und lächelte sich Mut zu; ja er war noch
-jung und frisch. Der Glanz seiner braunen Augen
-hatte noch nicht nachgelassen, noch hatte er den
-sprechenden, eindringlichen Zug um den Mund.
-Wohl waren die Haare an seiner hohen energisch
-vorspringenden etwas plebejischen Stirn ein wenig
-zurückgetreten; aber noch kein graues Haar war zu
-finden in seinem dichten, schwarzen Vollbarte.</p>
-
-<p>Gewiß, gewiß, er war noch nicht zu alt; ihm
-war noch Frist genug übrig, um sein Werk zu vollenden.
-Und nun suchte er sich zu überzeugen, wie
-vorteilhaft im Grunde das lange Verstummen seiner
-Weisheit für ihn war, für ihn und die Welt, der er
-das Geschenk seiner Gedanken entgegentrug. Wäre
-damals, noch als er Schüler war, nicht die plötzliche
-Wendung gekommen, die ihn ins Philistertum getrieben<span class="pagenum" id="Seite_28">[28]</span>
-hatte, was wäre vermutlich aus ihm geworden? Ein
-frühreifer, hitziger, unaufgeklärter Mensch, der seine
-jünglingshaften Ideen für unantastbare Wahrheit genommen
-hätte, ein intoleranter, fanatischer Sklave
-seiner Erstgeborenen, der seine eigene Zukunft noch
-vor dem Entstehen abgetrieben hätte aus feiger Rücksicht
-aufs Vergangene, aus erbärmlicher Liebe zu irgend
-einem gehätschelten Erfolg in der Gegenwart. Früh,
-vor der Zeit, hätte er sich verausgabt, und wäre dann
-wenn er sein erstes verheißungsvolles Wort gesprochen,
-mit leeren Händen und Taschen vor der erwartenden
-Welt dagestanden, die jetzt erst das beste hören wollte,
-was aber hätte er noch geben können? Ein besonderes,
-kaum denkbares Glück wäre es gewesen, wenn er nach
-langer Pause, die jetzt doch hätte kommen müssen, sich
-wieder gesammelt hätte zu neuer Weisheit; aber ob
-man ihn dann noch hören wollte – wer hätte es
-wissen können? Nein, nein – besser in der Jugend
-gelernt und geschwiegen, und geredet als Mann.</p>
-
-<p>Ihn dünkte, er brauche sich jetzt nur sorgsam zu
-besinnen auf alles, was er ohne besonders aufzumerken
-in seinem Leben gesehen, er brauche nur in Zusammenhang
-zu bringen die Gedanken und Stimmungen, die<span class="pagenum" id="Seite_29">[29]</span>
-ihm die Jahre her über die Seele gehuscht, und die
-Weltanschauung, die er in seinem Herzen ahnte, stände
-klar und abgerundet vor seinem Geiste, sein Wille
-sei entschieden und seine Rede für die Menschen dazu.
-Er meinte, dann habe er ausgelernt, es bleibe ihm nur
-noch übrig, die Konsequenzen aus seinem Leben zu ziehen.
-Erst leben, dann lehren, das schien ihm das Motto
-zu sein für seine Aufgabe, das war die Grabschrift,
-die er sich im voraus verfaßte, und der erste Teil
-schien ihm vollendet. War es die lange Beschäftigung
-mit der Jurisprudenz, die ihm damals noch alles
-Komplizierte einfach, alles Verwirrte schön gesondert,
-alles Verflochtene auseinandergesträhnt erscheinen ließ,
-die ihn verleitete, den gährenden Most des ungeschiedenen
-Lebensdranges auf die durchsichtigen Flaschen
-kahler Abstraktionen zu ziehen, vorzeitig einzupressen
-und zuzupfropfen, weil die wilde Lust überzuschäumen, sich
-für einen Augenblick im Verborgenen hielt? Täuschte
-ihm der äußere Anstrich der Geistesruhe einen Gemütsfrieden,
-eine Herzenskälte vor, die er am Ende doch
-nicht besaß? Wähnte er, sein Wille allein sei jung
-geblieben, sein Geist aber besitze nicht mehr die Triebkraft
-und Verwandlungsfähigkeit der Jugend? Sein
-Herz sei gefeit gegen neues unerhörtes Erleben?</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_30">[30]</span></p>
-
-<p>Solche Erwägungen konnten ihm damals nicht ankommen.
-Kalt und energisch sammelte er seine zerstreuten
-Erfahrungen und Ideen, um dann unter die Menschen
-zu treten und zu zeigen, was er war und wußte und
-wollte. Vorderhand führte er wirklich nur ein reines
-Leben im Geiste, das ganz unabhängig war von seinem
-völlig gleichmäßig verlaufenden einsamen Leben nach
-außen.</p>
-
-<p>Immer auf sein bisheriges Leben zurückschauend,
-ließ er seine Weltanschauung sich weiter entwickeln, und
-lebte nur, um eben nicht zu sterben.</p>
-
-<p>Manchmal aber hatte er Augenblicke, und sie
-kamen häufiger von Woche zu Woche, wo es ihm
-ganz grotesk und ungeheuerlich vorkam, daß er etwas
-besonderes sein wolle, daß er jetzt, wo er sich dem
-Alter näherte, sich über seine bescheidene Stellung erheben
-wollte, erheben über alle die anderen Mitmenschen.
-War er denn wirklich mehr als andere?
-Und wenn auch – wozu denn das alles? Was
-wollte er denn? Hatte er denn etwas zu sagen?
-Wäre es nicht besser, die Menschen zu lassen wie sie
-sind? Was ging ihn schließlich das alles an? In
-Ruhe und Zurückgezogenheit wollte er seinen Gedanken<span class="pagenum" id="Seite_31">[31]</span>
-leben, und sich langsam dem Tode entgegengrübeln.
-Er war doch kein Weltverbesserer,
-war nicht geschaffen für das Auftreten in der
-Öffentlichkeit.</p>
-
-<p>Denn schließlich – was war denn diese Welt?
-War denn da noch etwas zu bessern, oder auch nur
-zu ändern? Er lebte sich tiefer und tiefer ein in
-das metaphysische Gespinnst, seine Gedanken schienen
-ihm bald das einzig Wahre, die Welt war das Produkt
-seiner Sinne und seines Bewußtseins überhaupt.
-Lohnte es sich denn, an solchem trügerischen Schein
-ändern zu wollen, in eiteln Traum Vernunft zu
-bringen, die Gestalt einer Seifenblase zu verbessern?
-Die Formen mochten wechseln, der innerste Kern der
-Welt blieb doch derselbe und war unabänderlich.</p>
-
-<p>Dann aber kam wieder neuer Zweifel über ihn:
-war es denn nicht verwegenste Überhebung, alles für
-Trug erklären zu wollen, nur damit seine Gedankenwelt
-wahr bleibe? Wäre es nicht bescheidener, die
-Welt vorerst zu lassen wie sie ist und an der Richtigkeit
-seines eigenen Denkens zu zweifeln?</p>
-
-<p>So bohrte er sich gewaltsam tiefer und tiefer in
-Unzufriedenheit hinein und raubte sich vollends den<span class="pagenum" id="Seite_32">[32]</span>
-Rest von Naivität und unfragsamer Lebensfreude, den
-er noch bis dahin besessen hatte. Schließlich hatte er
-oft Momente, wo ihm diese ganze Grübelei als dilettantische
-oberflächliche unersprießliche Kindereien erschien,
-hauptsächlich dem Bedürfnis entsprungen, einen
-Vorwand für seine Weltfremdheit und Beobachtungsfaulheit
-zu haben.</p>
-
-<p>Ja, was wollte er denn auch noch in der Welt? So
-fragte er bald entschlossen. Mochten die anderen dahinleben,
-ohne zu fragen, mochten sie die Arbeit für
-ihren vom Weltenschöpfer gesetzten Lebenszweck halten
-und handwerksmäßig in engem Stall dahinvegetieren,
-bis sie starben – was lag ihm daran? Er empfand
-mehr und mehr einen tiefen Ekel vor
-bürgerlichem Beruf, vor unbewußtem dämmerhaftem
-Leben, vor Leuten, die nicht die Zeit hatten zu
-fragen, wozu?</p>
-
-<p>Bald hatte er jetzt ganze Tage, an denen
-ihm alles lächerlich, fast verrückt vorkam. Wenn
-er gemächlich spazieren ging, halb nachdenkend,
-halb seine Sinne der Welt öffnend, mußte er sich
-immer wieder fragen: wozu denn aber in Drei-Teufels
-Namen das alles? Da rennen sie und hasten<span class="pagenum" id="Seite_33">[33]</span>
-sie und alle arbeiten sie drauf los und einer verdrängt
-eifersüchtig den andern; zu welchem Zweck denn? was
-haben sie denn Großes vor Augen? haben sie sich
-denn überhaupt ein Ziel gesteckt? Hat auch nur
-jeder ein besonderes Ideal, das er heiß begehrt zu
-erreichen, oder arbeitet gar alles in schön verteilten
-Rollen auf einen Punkt hin? Von alledem schien
-ihm keine Rede zu sein. »Machen sie sich gar was
-vor?« murmelte er einmal vor sich hin, als er an
-einem Steinbruch vorbeikam, wo alles eifrig bei der
-Arbeit war. »Mir scheint wahrhaftig, das ist eine bunte
-Komödie, das alles! Wen wollen sie wohl täuschen?«
-Und so grübelte er weiter. Natürlich, jeder wollte
-dem andern vormachen, er habe ein Ziel, er wisse,
-wofür er arbeite, und jeder that, als glaube er dem
-andern. Dann kam er am Friedhof vorbei und da
-fiel ihm noch ein neues ein. Sich selber täuschten
-sie auch, und das war wohl die Hauptsache. Der
-Tod, der war es, der bestimmte ihr ganzes Leben,
-das was sie Leben nannten. Jeder machte möglichst
-viel Lärm, um sich nicht ans Sterben zu erinnern,
-und alle hegten wohl insgeheim die Hoffnung, an ihn
-komme die Reihe nicht, er brauche nicht ins Gras<span class="pagenum" id="Seite_34">[34]</span>
-beißen. Und weil sie sich das doch nicht recht
-glaubten, betäubten sie sich durch lächerliche, ganz
-überflüssige Beschäftigung, und das nannten sie dann
-»leben«. War das nicht zum wahnsinnig werden?
-Wenn sie einsähen, daß alle ihre Arbeit ganz und
-gar überflüssig wäre, wenn sie sich zugeständen, es
-sei nicht der mindeste Zweifel erlaubt, daß sie alle
-mit einander, einer nach dem andern, sterben müßten,
-dann würden sie wohl ihr Maschinengerassel zur
-Ruhe bringen und ihr Handwerkszeug, die Requisiten
-der großartigen Komödie, unberührt an die Wand
-lehnen und – ja, wie denn? War es denn nicht
-überhaupt ungeheuer gleichgiltig, ob man jetzt stirbt,
-oder in zehn, zwanzig, fünfzig, siebzig Jahren? War
-denn die Zeit überhaupt etwas, das ernstlich in Betracht
-kam? Nein, nein. Nicht im mindesten. So
-viel er sich auch den Kopf zerbrach, er fand keinen
-andern Lebenszweck, als den Tod; auf den lief alles
-hinaus. Eine lächerliche Einrichtung in dieser verrückten
-Welt allerdings, daß man geboren wurde, um
-zu sterben, nur um zu sterben. Aber es war nun
-doch einmal so, und das beste mußte wohl sein, sich
-damit abzufinden und diese Erkenntnis zu verbreiten,<span class="pagenum" id="Seite_35">[35]</span>
-damit jeder, der das eingesehen, möglichst rasch sein
-Ziel erreiche und stürbe.</p>
-
-<p>Oder war es doch nicht so? War es ein ungeheurer
-Irrtum, eine großartige Stumpfheit seines
-Geistes, daß er, so lange er auch sein Hirn zermarterte,
-keinen andern Lebenszweck ausfindig machen
-konnte? Darüber mußte er sich eigentlich vergewissern.
-Er war doch nicht der einzig Vernünftige unter den
-Lebenden, aber er hatte doch noch keinen gefunden,
-dem diese schauerliche Einsicht so klar, so selbstverständlich
-und unabänderlich gewesen wäre. Er mußte
-sich doch erkundigen, was die andern eigentlich vom
-Leben hielten. »Was dünket euch vom Leben?« Er
-meinte, mit dieser Frage jeden Menschen überfallen
-zu sollen, den er antraf. Er blickte, wenn er in der
-Stadt war, den Leuten, die ihm begegneten, prüfend
-ins Gesicht, ob da wohl ihre Gedanken über ihr
-eigenes Dasein zu lesen wären, aber er fand nichts
-dergleichen. Ihre Mienen deuteten immer nur auf
-lächerliche täuschende Kleinigkeiten, Essen, Schlafen,
-Trinken, Spazierenfahren, Kirchengehen, Theaterbesuchen,
-Holz hauen, Kohlen fahren, Kessel heizen,
-Schuhe flicken, Hemden nähen, Strümpfe stricken,<span class="pagenum" id="Seite_36">[36]</span>
-Kinder unterrichten, Gemüse kaufen, Waaren verkaufen,
-Wechsel einlösen, Häuser bauen, Steuern einziehen,
-Soldaten drillen, Gesetze machen, Reden halten –
-immer und immer nur die Maske, der Schein, die
-Comödie; nirgends, auf keinem Gesicht zu lesen das
-Ziel, die Sehnsucht nach dem Ziel, die Verzweiflung.
-Waren sie alle Narren und er der einzig Vernünftige;
-oder waren sie alle klug und er ein wahnsinniger
-Thor? Das hätte er gerne herausgebracht.</p>
-
-<p>Diese Richtung hatten seine Gedanken genommen
-während der ersten Monate seines Aufenthaltes in
-dem weißen Hause. Die beschauliche Kälte seines
-Geistes war rasch von ihm gewichen, nachdem er sich
-erst wieder tiefer mit der Frau Welt und ihrer
-Weisheit eingelassen; eine unruhige, oft leidenschaftlicher
-Verzweiflung nahe Gemütsverfassung war Herr
-über ihn geworden. Das war besonders begünstigt
-worden durch seine gänzliche freiwillige Vereinsamung.
-Er hatte niemanden aufgesucht und Gelegenheiten
-vermieden, wo er hätte flüchtige Bekannte treffen oder
-neue Menschen finden können.</p>
-
-<p>Jetzt, wo ihn eine Ahnung überkam, es könne ihm
-nicht schaden, wieder unter Menschen zu kommen, nun<span class="pagenum" id="Seite_37">[37]</span>
-wo alles in ihm ins Wanken geraten war und er
-Genossen brauchte, die ihn stärkten und fortführten in
-anderes freundliches Gebiet des Denkens, brachte ihn
-der Zufall mit einem Freunde aus seinen ersten
-Jugendjahren zusammen, den er längst völlig aus
-den Augen verloren hatte.</p>
-
-<p>Es war in den ersten Tagen des August, an
-einem schönen Nachmittag. Er hatte sich in die
-düstern Canzonen des Leopardi versenkt. Da brachte
-ihm die Haushälterin eine Visitenkarte. Der Herr
-warte außen, ob Herr Doctor zu sprechen sei. »Robert
-Wangaus, Fabrikant,« stand auf der Karte.
-Wangaus – Robert Wangaus – er mußte sich wirklich
-einen Augenblick besinnen. Dann schämte er sich,
-daß es ihm nicht gleich eingefallen war, wer den
-Namen trug, und daß er seit Jahrzehnten nicht mehr
-an ihn gedacht hatte. Ich lasse bitten, ich lasse bitten,
-antwortete er der Frau. Er war wirklich froh, einen
-Bekannten nach so langer Zeit wieder zu sehen, einen
-Freund aus seiner frühesten Jugend. So so, der
-war Fabrikant geworden. Also auch ein Berufsmensch,
-wie er selbst noch bis vor Kurzem. Ja ja, das war
-vorauszusehen. Er war begierig, wie er nun war.<span class="pagenum" id="Seite_38">[38]</span>
-Es war einer von seinen intimen philosophischen Freunden
-gewesen, der Wangaus, ein kühner, phantasievoller
-Knabe.</p>
-
-<p>Ein dicker Herr mit glatt rasirter Miene trat
-ins Zimmer, legte seinen Seidenhut auf einen Stuhl
-an der Thür und die rothbraunen Handschuhe darauf.
-Dann ging er auf Starkblom zu, der aufgestanden
-und ihm entgegengetreten war.</p>
-
-<p>»Ich habe mich also nicht geirrt, Herr Landgerichtsrat,
-ich erkenne in Ihnen&#160;–«</p>
-
-<p>»Aber Wangaus,« unterbrach ihn Starkblom,
-»natürlich bin ich der Karl Starkblom, wie Du der
-Robert Wangaus. Das freut mich recht. Bitte setz
-dich doch. Wir wollen doch das alte Du beibehalten,
-meinst du nicht? Wie ging dir’s denn immer? Du
-bist Fabrikant? Wohnst du hier? Bist du verheiratet?
-Bitte setz dich doch.«</p>
-
-<p>In der nun folgenden Unterredung ergab sich, daß
-Wangaus Besitzer einer Goldwaarenfabrik am Orte
-war und mit seiner Familie – er war seit Jahren
-verheiratet – in der Stadt lebte. Er hatte schon
-vor mehreren Wochen von der Anwesenheit Starkbloms
-gehört, habe eigentlich gleich gewußt, daß er ein alter<span class="pagenum" id="Seite_39">[39]</span>
-Bekannter vom Gymnasium her sei, habe auch schon
-früher kommen wollen, aber wie das nun so gehe, es
-habe sich eben verzögert, er komme zu nichts mehr,
-die Geschäfte, die Geschäfte, die Geschäfte&#160;–</p>
-
-<p>»Ja ja, die Geschäfte,« wiederholte er noch einmal,
-indem er bedächtig ein paar Haare am Rande
-seiner Glatze zurecht legte. »Sie, Herr – entschuldige,
-ich muß mich erst wieder daran gewöhnen –
-du hast’s nun freilich gut. Das heißt, offen gesagt,
-ich wüßte nicht, was ich den ganzen lieben langen
-Tag treiben soll, wenn ich meine Arbeit nicht hätte.«</p>
-
-<p>»Seit wann hast du denn das zu deinem Lebensberuf
-gemacht?«</p>
-
-<p>»Wie?«</p>
-
-<p>»Ich meine, seit wann du die Welt mit deinen
-Schmuckwaaren beglückst?«</p>
-
-<p>»Erlaube, das ist nun eigentlich nicht ganz richtig
-ausgedrückt. Ich fabricire nicht eigentlich Schmuckgegenstände;
-– ich weiß nicht, hast du eigentlich die
-Entwicklung unserer Industrie genauer verfolgt? Sie
-hat einen riesigen Aufschwung genommen. Wenn du
-die Sache nicht studirt hast, kann ich dir’s nicht in
-Kürze erklären. Die Sache ist die, daß wir nur eine<span class="pagenum" id="Seite_40">[40]</span>
-bestimmte Art Gold herstellen, wie es die Schmuckfabriken
-zu weiterer Verarbeitung gebrauchen. Es ist
-da eine kolossale Arbeitsteilung eingetreten; der ganze
-Verarbeitungsproceß hat sich mechanisirt; überhaupt,
-wenn ich einmal Zeit finde, mich theoretischer Betrachtung
-hinzugeben, die Entwicklung der modernen
-Industrie zu betrachten, werde ich nicht müde. Das
-ist etwas herrliches; einfach großartig! Wie alles sich
-zum Ganzen webt, eins in dem andern&#160;–«</p>
-
-<p>Starkblom unterbrach ihn durch ein feines, spöttisches
-Lächeln.</p>
-
-<p>»O, du solltest nicht lächeln, daß ich Poesie citire.
-Ich bin freilich ein Geschäftsmann, habe wenig Zeit,
-aber man steht doch sozusagen immer noch unter dem
-Bann seiner Jugendduselei, und wenn ich Zeit hätte,
-ich würde wahrhaftig heute noch manchmal etwas von
-Goethe und Schiller lesen.«</p>
-
-<p>»Ins Theater gehst du aber doch öfter?«</p>
-
-<p>»Ins Theater? Ja freilich, ja freilich. Das heißt
-– meine Frau ist abonnirt, und wenn sie gerade
-keine Zeit hat oder auch keine Lust – du verstehst&#160;–«</p>
-
-<p>»Jawohl, jawohl. Nun, da wird wohl Goethe
-und Schiller öfters an dich kommen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_41">[41]</span></p>
-
-<p>»Du meinst, meine Frau? – Ja allerdings. Aber
-doch nicht. Da gehen die Kinder herein. Klassische
-Stücke sind für die Kinder. Meinst du nicht auch?«</p>
-
-<p>»Hm, ja – weißt du, wir wollen lieber erst gar
-nicht anfangen, darüber zu streiten. Ich fürchte, ich
-stehe da auf einem so ganz, ganz anderen Standpunkt,
-wie du.«</p>
-
-<p>»So, wie du willst; das ist leicht möglich. Sag
-einmal, hast du eigentlich Kinder?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Auch nie welche gehabt?«</p>
-
-<p>»Gehabt? nein. Nur zu haben versucht. Drei.
-Das zweite überlegte sich’s drei Monate lang, ob es
-leben wollte, entschied sich dann aber auch für’s
-Gegenteil.«</p>
-
-<p>»Das ist hart.«</p>
-
-<p>»Nein. Es ist nicht hart. Oder meinst du wirklich?
-Wieso eigentlich hart?«</p>
-
-<p>»Na, das ist aber doch nicht dein Ernst. Das
-ist doch selbstverständlich.«</p>
-
-<p>»Daß der Mensch stirbt, früher oder später? Ja,
-<em class="gesperrt">das</em> ist allerdings selbstverständlich.«</p>
-
-<p>»Ja, aber es ist doch wahrhaftig ein Unterschied,<span class="pagenum" id="Seite_42">[42]</span>
-ob ein kleines Kind stirbt oder ein Mann, der seine
-Lebensarbeit hinter sich hat. Das ist doch klar.«</p>
-
-<p>»Merkwürdig – euch ist alles selbstverständlich
-und klar, was mir heute zweifelhafter als je ist.
-Lebensarbeit, Lebensarbeit. Was ist denn das? Ehrlich
-gesagt, was ist denn nun deine Lebensarbeit?«</p>
-
-<p>»Gott stellt jeden auf den Platz, den er einnehmen
-muß. Es ist keine Arbeit vergebens. Wenn ich auch
-nur verschwindend wenig der Menschheit nütze, ein
-bischen ist’s immerhin und ich erhalte Weib und
-Kinder. Das ist <em class="gesperrt">meine</em> Philosophie.«</p>
-
-<p>»Meine ist’s nicht,« sagte Starkblom sehr ernst,
-indem er aufstand und hin und herging. »Ganz abgesehen
-von Gott, der, scheint’s, heutzutage nur noch
-zwei Zwecken dient.«</p>
-
-<p>»Und die wären?«</p>
-
-<p>»Erstens zur Ausrede und zweitens, vernünftige
-Menschen nervös zu machen. Gott stellt jeden auf
-seine Stelle! Haha! – Übrigens hast du in deiner
-Jugend auch anders gesprochen.«</p>
-
-<p>»Nun, du hast doch diese Jugendtorheiten auch
-längst hinter dir. Man wird gesetzter. Übrigens ist’s
-dir wohl nicht ganz Ernst mit alledem. Ich erfülle<span class="pagenum" id="Seite_43">[43]</span>
-als Fabrikant meine Pflicht so gut wie du als Richter
-– und erfülle sie heute noch.«</p>
-
-<p>»Pflicht, Pflicht. Gegen wen denn Pflicht?«</p>
-
-<p>»Das weiß doch jeder. Wozu solche Dinge fragen?«</p>
-
-<p>»Warum nicht fragen? Nochmals – Pflicht gegen
-wen?«</p>
-
-<p>»Nun, gegen die Mitmenschen.«</p>
-
-<p>»Wirklich? Wann kam dir denn der Ruf?«</p>
-
-<p>»Wie?«</p>
-
-<p>»Wieso empfandest du denn das unwiderstehliche
-Bedürfnis, die Menschheit mit Schmuckwaaren, nicht
-doch, mit Gold einer bestimmten Art zu versorgen?«</p>
-
-<p>»Ach, das läßt sich doch nicht so einfach sagen.
-Das sind sehr verwickelte Verhältnisse. Du als Jurist
-mußt das doch wissen, besser als ich. Nationalökonomie
-hast du ja doch jedenfalls studirt.«</p>
-
-<p>»Ich studire sie sogar noch. Aber trotzdem&#160;–«</p>
-
-<p>»Na, siehst du. Und übrigens – in die Wiege
-gelegt wurde dir wohl auch kaum die Bestimmung,
-Richter zu werden.«</p>
-
-<p>»Da hast du <em class="gesperrt">sehr</em> recht. Das darfst du mir
-vorwerfen. Du weißt aber auch, daß ich’s jetzt nicht
-mehr bin.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_44">[44]</span></p>
-
-<p>»Ja allerdings. Du hast’s eben nicht mehr
-nötig. Glücklicher.«</p>
-
-<p>»Du irrst. Das war nicht mein Grund. Mein
-<em class="gesperrt">Grund</em> nicht.«</p>
-
-<p>Jetzt war das Lächeln an Wangaus.</p>
-
-<p>»Na, na. Täusche dich nicht selbst. Hätte ich
-so eine Erbschaft gemacht – überhaupt, wer hätte
-nicht so gehandelt an deiner Stelle?«</p>
-
-<p>»Ja wo bleibt denn da der Beruf und die göttliche
-Bestimmung? So sagtest du doch?«</p>
-
-<p>»Nun, nun – das schließt nicht aus, daß man
-sich im Alter zur Ruhe setzt. Wenn man’s kann,
-natürlich.«</p>
-
-<p>»So alt bin ich noch nicht. Im Gegenteil –
-meine Arbeit fängt jetzt erst an.«</p>
-
-<p>»So?«</p>
-
-<p>»Ja allerdings. – Das Philosophieren hast du
-also gänzlich aufgesteckt?«</p>
-
-<p>»Das kannst du dir doch wohl denken. Wozu
-auch, selbst wenn ich Zeit hätte? Das führt ja doch
-zu nichts.«</p>
-
-<p>»So? Na, ich weiß nicht. – Ich will jedenfalls
-jetzt auch versuchen&#160;–«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[45]</span></p>
-
-<p>Er hielt inne.</p>
-
-<p>»Nun?«</p>
-
-<p>»Ich meine, ich werde jetzt erst beginnen zu arbeiten,
-wie gesagt. Ich will auch Gold fabriciren.«</p>
-
-<p>»Was? Das ist doch kaum dein Ernst. Die
-Branche liegt jetzt sehr darnieder. Leider.«</p>
-
-<p>»Ich mein’s natürlich nur bildlich. Dir werde
-ich keine Concurrenz machen.«</p>
-
-<p>»Nun, die Firma Wangaus u. Co. hätte das
-kaum zu fürchten. Bildlich? Das verstehe ich nicht.«</p>
-
-<p>»Ja, anders kann ich’s kaum ausdrücken. Mein
-Beruf ist denken und aufklären.«</p>
-
-<p>Wangaus schaute sich im Zimmer um und gewahrte
-die vielen zerstreut da liegenden Bücher.</p>
-
-<p>»Ach so, du willst schriftstellern? Bücher besprechen,
-alte Meinungen umstoßen, neue aufstellen? Dazu
-wünsche ich dir von Herzen Glück. Dazu hast du
-jedenfalls Talent. Da kannst du dir bald einen Namen
-machen. Oder willst du pseudonym schreiben?«</p>
-
-<p>»Nein. Das jedenfalls nicht. Überhaupt, ob’s
-auf’s Schriftstellern hinaus läuft, das weiß ich auch
-noch nicht. Ich bin kein sonderlicher Freund von
-Papier. Das ist alles noch ganz unbestimmt, übrigens<span class="pagenum" id="Seite_46">[46]</span>
-auch ziemlich gleichgiltig. Auf’s Wirken kommt mir’s
-an, in welcher Weise, das wird sich schon finden.«</p>
-
-<p>»Jawohl, freilich, es giebt ja auch noch andere
-Wege. Die kaufmännischen Vereine veranstalteten ja
-jetzt überall populäre Vorträge. Wenn du das willst,
-ich bin im Vorstand des hiesigen, da könnte ich dir
-behilflich sein im nächsten Winter.«</p>
-
-<p>»Danke, danke, ich glaube kaum, daß mir das
-passen wird.«</p>
-
-<p>»Oder bist du ein großer Politiker geworden?
-Willst dich um ein Reichstagsmandat bewerben? Dir
-stehen ja jetzt alle Wege offen.«</p>
-
-<p>»Auch dazu werde ich wohl kaum je den Trieb in
-mir fühlen. Wie gesagt, das wird sich finden. Ich
-bin noch nicht so weit, das entscheiden zu können, aber
-bald, hoff’ ich.«</p>
-
-<p>Wangaus stand auf.</p>
-
-<p>»Soso. Na, jedenfalls freut’s mich, dich so wohl
-getroffen zu haben. Kann leider nicht länger bleiben.
-Das Geschäft ruft, das Geschäft. ’s ist verdammt
-weit zu dir heraus. Bitte, besuch mich bald. Du
-wirst ja wohl den Weg zu mir finden.«</p>
-
-<p>Damit nahm er seine Handschuhe und den Cylinderhut<span class="pagenum" id="Seite_47">[47]</span>
-und ging nach den üblichen Abschiedsredensarten.
-Als er die Treppe hinunterstieg, dachte er:</p>
-
-<p>»Wahrhaftig, er ist noch der alte unklare Strudelkopf.
-Nicht im mindesten hat er sich verändert. Kaum
-glaublich, daß der’s zum Landgerichtsrat gebracht hat.«</p>
-
-<p>Starkblom aber ließ zunächst alles persönliche beiseite,
-ihm war gegen Ende des Gesprächs eine psychologische
-Wahrnehmung aufgestoßen, die er schnell ein
-wenig weiter verfolgen mußte. Merkwürdig, ganz
-merkwürdig, wie zwei Menschen, die im Grunde gar
-nichts mehr mit einander zu thun haben, zusammen
-reden können, obwohl ihre Naturen so gänzlich verschieden
-sind, daß der eine immer den andern mißverstehen
-muß. Und das nennt man dann Unterhaltung!
-Er sprach von Aufklärung und Wirksamkeit,
-Wangaus antwortete mit einer Bemerkung über Schriftstellern
-und die kaufmännischen Vereine, er deutete seine
-Sehnsucht an, seine Natur auszuleben, Wangaus dachte
-an Ehrgeiz und Ruhmbegierde. Und schließlich ging
-dieser gute Philister noch weiter als er selbst, er fragte
-leidenschaftlich: wozu? und jener antwortete mit behäbiger
-Ruhe: wozu wozu? Und hatte er am Ende
-recht? Wozu sich quälen? Doch nicht nur, um sich<span class="pagenum" id="Seite_48">[48]</span>
-eben zu quälen? Doch nicht blos, weil er nichts anderes
-zu thun hatte? Wangaus hielt seine Arbeit für
-ernsten Lebensberuf, die Grübelei verachtete er als
-unnützen werthlosen Luxus; er selbst aber verachtete
-die geistlose Arbeit, die aus bloßer Gewöhnung hervorging
-und keinem vernünftigen Zweck diente, keinem
-festgesteckten Ziele zustrebte, er hielt das Einbohren in
-das Denken für’s höchste. Wer war der Narr?
-Leicht beide?</p>
-
-<p>Er hatte gute Lust, nach diesem seltsamen Zusammentreffen
-mit einem seiner liebsten Freunde aus
-der Knabenzeit sich noch mehr abzusondern von den
-Menschen und sich in seiner Einsamkeit zu begraben.
-Er wurde nicht begriffen von diesen Menschen und
-ihm fehlte auch das Verständnis für ein Leben, wie
-sie es führten. Hinaus aus dieser Erbärmlichkeit sehnte
-er sich, und weg wollte er auch, weit weg von seinem
-eigenen selbstmörderischen Grübeln. Er brauchte einen
-andern Umgang, ihn ekelten diese Menschen, und ihn
-ekelten seine eigenen Gedanken. – Er dachte im Ernst
-daran, sich einen großen edeln verständigen Hund
-anzuschaffen. Dann aber versuchte er es doch noch
-einmal mit etwas menschlichem. Er flüchtete nach<span class="pagenum" id="Seite_49">[49]</span>
-Arkadien, ins Reich der reinen Formen, ins Land der
-Kunst. Die nächsten Tage versenkte er sich in die
-edelsten Dichtungen, die in deutscher Sprache geschaffen
-sind: er las Goethes Iphigenie, Partien aus dem
-2. Teil Faust, Pandora. Als er nach diesem erlesenen
-Genuß zu Schillers Braut von Messina kam, klappte
-er das Buch nach wenigen Minuten schon angewidert
-zu: selbst diese Kost war ihm zu grob geworden, zu
-menschlich ordinär. Auch Schopenhauer konnte er
-nicht mehr lesen, der war ihm jetzt wie ein wildes
-gieriges Tier in enger stinkender Menageriezelle, das
-nicht durfte, wie es wollte. Selbst Leopardi war ihm
-zu unfein.</p>
-
-<p>So hütete er sich denn von da an, mit Menschen
-und Büchern und Einfällen zusammen zu stoßen, die
-ihn hätten aus seiner Gemütsruhe reißen können, in
-die er sich mit Gewalt hineinzwang. Nur nichts unangenehmes,
-nichts gewaltsames, nichts aufregendes.
-Vielleicht später … später … jetzt wollte er Ruhe.
-Er ging früh zu Bett und stand spät auf. Dann
-ein langsames Frühstück, während dem die Morgenträume
-sich weiterspannen und langsam verwehten.
-Darauf ein kleiner Spaziergang durch den Tannenwald,<span class="pagenum" id="Seite_50">[50]</span>
-bei dem er nichts dachte. Dann las er: Goethe, Spinoza,
-Platon, Ranke. Altes, Weisheitsvolles, Greisenhaftes
-war ihm das liebste. Daneben auch mystische
-Romantik und Heiterkindliches: Brentano’s Rosenkranz,
-Arnim, Eichendorff, Jean Paul, Gottfried
-Keller. So trieb er es wochenlang, monatelang.
-Dieses oberflächliche Wohlleben mit der scheinbaren
-Vergnüglichkeit, während innen kaum bewußt etwas in
-ihm fraß und zur Oberfläche sich langsam empornagte,
-hatte etwas bänglich – entsetzliches an sich.
-Und weiter ist demnach vorerst nichts über ihn zu
-vermelden.</p>
-
-<p class="center larger p2">❦</p>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_51">[51]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Zweiter_Abschnitt">Zweiter Abschnitt.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-s.jpg" alt="" /></div>
-<p class="drop">Solche Menschen, die ähnlich Karl Starkblom,
-freilich selten so heftig von einem Trieb in den
-andern geschleudert, von einer Verzweiflung der andern
-geraubt, früher oder später mit unabwendbarer Bestimmtheit
-sich aus der menschlichen Gesellschaft in die
-Einsamkeit hineinstahlen, gab es damals in Europa
-eine kleine Schaar, die nichts von einander wußte und
-nichts von einander wollte, die keinen Verein bildete
-und keine Partei, deren Ekel zu groß und deren Glaube
-zu schwächlich war, um in der Gegenwart etwas zu
-lieben und von der Zukunft viel zu erhoffen. Ab
-und zu tötete sich einer von ihnen, und den andern
-fuhr es durch die Glieder und sie ehrten den unbekannten
-Toten, indem sie sich fragten, worauf sie selbst
-eigentlich warteten mit dem Sterben.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_52">[52]</span></p>
-
-<p>Doch das waren nur ganz vereinzelte Erscheinungen,
-halb oder ganz verrückte Sonderlinge ohne Gefahr,
-die die Welt nicht weiter beachtete; ihretwegen hätte
-sie ruhig und unbesorgt ihren mäßigen Pflichten und
-bescheidenen Genüssen nachkommen können. Aber von
-ganz entgegengesetzter Seite her war inzwischen eine
-neue Lehre so gewaltig in die Massen der Völker
-hineingedrungen oder aus ihnen heraus entsprungen,
-man wußte es nicht recht, daß vorschauende Politiker
-eine große Revolution ahnten, manche philosophische
-Historiker aber die Zeichen einer mächtigen religiösen
-Volksbewegung erblicken wollten. Die <em class="gesperrt">internationale
-Socialdemokratie</em> war eine Weltmacht geworden,
-mit der der größte Staatsmann und der
-kleinste Dorfpfarrer rechnen mußte.</p>
-
-<p>Am mächtigsten gefördert worden war das riesenhafte
-Wachstum des Sozialismus durch die Kläglichkeit
-des europäischen Bürgertums, wie es sich nach der
-französischen Revolution entwickelt hatte. Das harte
-gute Gewissen des Mächtigen und Reichen war nunmehr
-für immer dahin, nunmehr wurden so viele
-Freiheiten und Rechte von der Gesammtheit als ewige
-unantastbare Menschenrechte anerkannt, daß jene erbärmliche<span class="pagenum" id="Seite_53">[53]</span>
-Gesellschaft aus dem Widerstreit der überlieferten
-Verhältnisse, deren Früchte sie genoß, und
-der ihr vererbten Freiheits- und Gleichheitsideen nicht
-mehr herauskam. Fortwährend wurden sie gepeinigt
-von dem bösen Gewissen, sich mit dem Blut der Armen
-zu nähren und auf den Leibern des Proletariats Paläste
-zu bauen, mit zitternden Händen und schielenden
-Blicken scharrten sie Genüsse zusammen, sie steckten
-den Kopf in den Sand und warfen mit Phrasen um
-sich, zur Brutalität hatten sie keinen Mut und zur
-Entsagung keinen Gedanken.</p>
-
-<p>Der Liberalismus war damals aufgekommen und
-die Verpönung aller Gewaltsamkeit, und eine dilettantische
-Moral machte sich breiter als je zuvor. In
-keiner Zeit war die Lehre und das Leben in einem
-so kläglichen Gegensatz gestanden, aber sie glaubten an
-ihre Lehre und an ihr Leben und ließen sich’s wohl sein,
-so gut es gehen wollte; denn niemals kam ihnen ein
-Zweifel an dem, was beides so merkwürdig verband,
-an ihrer Moral.</p>
-
-<p>Diese chaotische anarchische Zeit war so recht das
-fruchtbare Mistbeet, dem wunderbare, unerhörte Erscheinungen
-entsprießen konnten. Das war die Zeit,<span class="pagenum" id="Seite_54">[54]</span>
-wo alle Richtungen, die je nach langer, bedächtiger
-Vorbereitung auf Erden erwachsen waren, von frischem
-erstanden und angepriesen wurden als neue erlösende
-Wahrheiten, wo ein neuer Glaube schneller wieder
-weggelegt wurde als ein unmodernes Gewand, das
-war die späte Zeit, in der alles Frühe und Ungegorene
-gierig geschlürft wurde.</p>
-
-<p>Damals berührten sich in der That die Extreme,
-und die Stärksten und die Schwächsten fanden sich
-zusammen im Ekel und in der Resignation. Damals
-pries in Rußland ein Graf und Philosoph die segnende
-Macht der körperlichen Arbeit und entsagte seiner
-gesellschaftlichen Stellung und ward Bauer und Schuhmacher;
-und zu gleicher Zeit war der deutsche Schuhmacherssohn,
-der Schloßherr vom weißen Hause, nahe
-daran, die Arbeit zu verhöhnen. Und doch gehörten
-diese beiden einsamen Prediger, denen der Ekel gemeinsam
-war, zusammen.</p>
-
-<p>Diese Vereinzelten waren übersatt und schlichen
-sich weg vom Tische des Bürgertums; in der Socialdemokratie
-aber erstand eine organisierte Masse von
-Hungrigen. Stürmisch begehrten die Arbeiter Einlaß
-in die Paläste des Geistes. Diese Schaaren von<span class="pagenum" id="Seite_55">[55]</span>
-zielbewußten Kämpfern boten ein Bild, wie es niemals
-dagewesen war. Es war in diesen Köpfen eine merkwürdige
-Mischung von Phantasie und Nüchternheit,
-von Leidenschaft und Zurückhaltung, von Glauben und
-Skepsis, von Aufschwung und Bedacht. Sie hatten
-die Gefahr der schönen Worte erkannt und hüteten
-sich meist ängstlich vor ihnen. Freiheit, Gleichheit,
-Brüderlichkeit – was war geworden aus diesem berauschenden
-Kampfruf der Revolution? Freiheit? Nie
-war ein schönes Wort schnöder mißbraucht worden.
-Ja freilich, die Wahl stand ihnen völlig frei, nach
-den Bedingungen des Kapitalismus zu arbeiten, oder
-zu verhungern und zu vertieren. Kein Zwang wurde
-ausgeübt, niemand beeinträchtigte ihre persönliche
-Freiheit. Und Gleichheit – nun allerdings, sie waren
-eine im wesentlichen gleiche proletarische Masse geworden.
-Aber die Brüderlichkeit, die mußten sie selbst
-dazuthun, an die hatte man nicht mehr gedacht, und
-sie wollte nun empor in der Socialdemokratie. Arbeiter
-aller Länder vereinigt euch! Dieser Ruf zog
-durch die ganze Welt und rüttelte die Unterdrückten
-auf und verband sie zu gleichem Zwecke; zur Befreiung
-der Menschheit von der anarchischen Waarenproduction<span class="pagenum" id="Seite_56">[56]</span>
-und Circulation, zur communistischen Herstellung und
-Distribution der Bedürfnisse, zur Vernichtung des
-blinden Egoismus; zur Zertrümmerung der nationalen
-Gegensätze; zur Herstellung einer wirklichen Menschheit
-und Menschlichkeit.</p>
-
-<div class="tb"><sub>*</sub><sup>*</sup><sub>*</sub></div>
-
-<p>Karl Starkblom hatte, als er damals in neu aufflammender
-jugendlicher Begeisterung ein Ziel vor
-sich hatte erstehen sehen, als er sich dann vorbereitete
-zu seinem Wirken unter den Menschen, auch manche
-sozialistische Schriften, vor allem das Hauptwerk des
-Karl Marx, ziemlich gründlich studirt. Dann aber
-war der neue Mensch in ihm emporgekommen, der so
-lange geschlummert, der ungestüme Frager und Peiniger,
-der Befriedigung wollte für sich selbst und seine
-unbestimmte Sehnsucht, der an alles herantrat mit
-der Frage: wozu? warum so? warum nicht anders?
-was soll werden? So konnte ihm, der sich selber auszuleben
-gedachte, und doch sich selber nicht ergründen
-konnte, ihm, der nicht wußte, was der Mensch sei,
-der Sozialismus, der die armseligen Proletarier zu
-Menschen machen wollte, damals keine abschließende<span class="pagenum" id="Seite_57">[57]</span>
-Weltanschauung bieten. So hatte er sich schließlich
-vor allem Grübeln und Verzweifeln, vor dem hastigen
-Suchen einer neuen Welt, in den Bereich einer alten
-fertigen toten Kunst und Weltanschauung zurückgezogen,
-um vorerst Ruhe zu haben, Ruhe um jeden Preis.
-Manch anderer wäre endlich nach so vielfacher innerer
-Gährung dabei geblieben, und wie der junge Schwärmer
-Karl sich in die Beamtenlaufbahn einfriedete, war
-der Mann nahe daran, sich unter der schützenden
-Decke einer vereinsamten und versteinerten Cultur zu
-begraben. Aber es lebte etwas Unsagbares in dem
-Manne, das immer wieder sich aufbäumte gegen den
-ruhsüchtigen Quietismus und die Selbstbetäubung des
-Schuhmacherssohnes; etwas robust in die Höhe Strebendes
-und Mitteilsames; dasselbe was den verstorbenen
-Adam nach Haïti, Johannes in die weite Welt gezogen
-hatte. Sein Geist arbeitete zu rasch, als daß
-sein Wille immer gleich mitkommen konnte; daher sein
-Abspannen und scheues Reifenlassen, sein willkürliches
-Abbrechen und Vereinsamen des Denkens. Er war
-ein sehniger Mann von langem Leben und hatte Zeit;
-das schlummerte unbewußt hinter all seinem Thun
-und Lassen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[58]</span></p>
-
-<p>So war es denn allmählich so weit gekommen,
-daß ihn diese beschauliche Ängstlichkeit seines Lebens,
-diese Zurückgezogenheit und dieses Traumgedämmer
-anfing zu langweilen. Seine Seele rankte sich langsam
-wieder ins Leben hinaus und horchte, was draußen
-vorging und tastete vorsichtig nach Stützpunkten, um
-in frischer Öffentlichkeit und mitten unter den Menschen
-sich festzulegen und doch ihre Ruhe zu bewahren.
-Er ahnte, es könne auch in ihm noch eine Heiterkeit
-leben und vielleicht auch ein Glaube. Er hatte die
-Gescheitheit und Gebundenheit seines Lebens satt und
-rüstete sich zu fröhlicher Dummheit und Hingerissenheit.</p>
-
-<p>Es war an einem wunderschönen, durchsichtigen
-Wintertage, als sich mehr wie je wieder etwas wie
-Frische und Mut und zartkeimende Lebenslust bei ihm
-einstellte, und wer weiß, woher ihm der Gedanke angeflogen
-war, er suchte unter allerlei Gerümpel ein
-Paar altmodische Schlittschuhe vor, die er seit langen
-Jahren nicht mehr an den Füßen gehabt, und machte
-sich auf den Weg nach dem seit mehreren Wochen fest
-zugefrorenen Teich, auf dem sich die Einwohner des
-Städtchens zu tummeln pflegten. Es schien ihm selbst
-wunderbar, als er mit großen Schritten auf dem<span class="pagenum" id="Seite_59">[59]</span>
-knisternden Schnee wandelte, daß er sich endlich wieder
-unter Menschen wagte, unter ganz gewöhnliche sinnfreudige
-Menschenkinder. Besonders wohl fühlte er
-sich anfangs nicht, er war den Lärm und das
-Schwätzen und vor allem das Lachen nicht mehr gewohnt,
-und er erinnerte sich, daß er sich früher schon manchmal
-staunend überlegt, bei welcher Gelegenheit wohl
-die Menschen zum ersten Male das Lachen gelernt.
-Es mußte wohl etwas gewaltig Verzerrtes, unbegreiflich
-Dämonisches urplötzlich auf sie heruntergefallen
-sein, denn dies kindliche, heitere Lachen der harmlosen
-Jetztlebenden war gewiß nur das armselige mißratene
-und umgedeutete Überbleibsel einer tiefgewaltigen Erschütterung
-von Urmenschen, bei der übergroßer Schmerz
-und Lust nicht zu trennen gewesen.</p>
-
-<p>Bald aber kam doch ein ungewohnt Friedliches
-und Sanftes in ihn hinein, wobei indessen Wehmut
-und Ungewißheit nicht von ihm weichen wollten. Wie
-kam der Einsame jetzt mit eins in diese ausgelassene
-jugendliche Schaar? Er sah sich forschend um und
-fand, daß er wohl fast der Älteste auf dem Eise war.
-Vielleicht auch der Ungeschickteste; doch das störte ihn
-wenig. Als er einmal in einen Riß eingefahren und<span class="pagenum" id="Seite_60">[60]</span>
-zu Boden gefallen war, kam ihm der bizarre Einfall,
-daß er sich einen Christus auf Schlittschuhen nicht
-gut vorstellen könne. Er lachte bitter vor sich hin
-und warf den Gedanken weg. Mußte man sich denn
-in eine Wüste zurückziehen, um den Menschen Großes
-zu holen? O man konnte auch einsam sein unter
-Menschen. In großen Bogen strich er über das
-klirrende Eis, bald an wenig befahrenen Orten, bald
-mitten durch die Menschenknäuel sich hindurchwerfend,
-und vertiefte sich in sein Grübeln. Wenn jetzt das
-Eis mit schrillem Krach bräche und die Menschen in
-sich hineinschlänge und sich dann wieder schlösse, was
-wäre viel dran? Und wenn die ganze Menschheit versänke
-und die Erde in die Sonne stürzte und die
-Sonne – und die Welt – und alles hin – und
-nichts – was wäre dran? was wäre hin? Was für
-ein unendlicher Zweck wäre für immer geschwunden?
-und wen betrübte es? Einen Zuschauer und erhabenen
-Betrachter des Ganzen? Oder das Ganze selbst? War
-Ursprung und Fortgang und Ende und Mittel und
-Zweck und Handeln und Genuß ein und dasselbe und
-eins mit dem Frager? Und wenn alles und alles&#160;–</p>
-
-<p>Und wenn der Himmel einfällt, sind alle Spatzen<span class="pagenum" id="Seite_61">[61]</span>
-tot! Damit unterbrach er schroff halb unmutig, halb
-doch belustigt sein Forschen. Es muß jetzt ein Ende
-werden mit dem Denken, ich muß handeln! Ich gehe
-nach Hause und überlege, aber praktisch, was zu thun,
-wie mich wenden an die Menschen, wie ihnen mitteilen,
-was ich gedacht und will – ja was will ich denn,
-du Narr? Ach was, das Beste, was man hat, weiß
-man nicht mit klaren Worten. Das kommt schon.
-Oder vielmehr, es ist schon da. Es liegt schon in
-mir. Ich muß den Schatz nur heben. Ich muß anfangen
-zu reden. O mir ist auf einmal die Zunge
-gelöst. Ich habe lange genug geschwiegen. Ich muß
-nur anfangen mit dem Reden. Dann wird es mir
-wie ein Feuerstrom von den Lippen fließen. Anfangen,
-nur anfangen. Jetzt ist es Zeit.</p>
-
-<p>Und als ob er es nicht abwarten könnte mit dem
-Beginnen, rannte er mit gewaltig großen ungeschickten
-Zügen zur Belustigung der hinter ihm dreinfahrenden
-Jugend nach einer Bank, schnallte rasch die Schlittschuhe
-ab und eilte nach Hause, diesmal den näheren
-Weg durch die Stadt wählend.</p>
-
-<p>Unterwegs bemerkte er an verschiedenen Straßenecken
-große blaue, weiße und rote Plakate, vor denen<span class="pagenum" id="Seite_62">[62]</span>
-sich Bürger und Schulkinder trotz der grimmigen
-Kälte eifrig lesend hinstellten. Gedankenlose Neugier,
-vielleicht auch etwas frischerwachtes Interesse an dem
-Treiben der Leute ließen Starkblom auch anhalten.
-Da las er auf dem großen hellblauen Plakat: Aufruf.
-Mitbürger! Die Reichstagswahlen stehen vor
-der Thür. Bei keiner der vergangenen Wahlen stand
-Größeres auf dem Spiel.</p>
-
-<p>So ging es ziemlich lange weiter. Zum Schlusse
-ward aufgefordert, Mann für Mann einzutreten für
-den bewährten Kämpfer der freiheitlichen Sache, Herrn
-Commerzienrat <em class="antiqua">N. N.</em>, und eine Versammlung für den
-folgenden Tag, Dienstag, den 23. Januar, einberufen.
-Starkblom nahm sich vor, einmal da hin zu gehen,
-um zu sehen, ob es denn einen Sinn habe, sich um
-diese Dinge anzunehmen, und die Art kennen zu lernen,
-wie die Leute die Sachen betrieben.</p>
-
-<p>Starkblom war früher, als der Landgerichtsrat
-und seine Frau noch lebten, auf eine Zeitung abonnirt
-gewesen, und sein ordentliches Lorchen hatte die
-seltene Gewohnheit gehabt, die Nummern zu sammeln,
-vielleicht weil sie glaubte, diese Dinge könnten in späteren
-Jahren noch einmal interessant werden, vielleicht<span class="pagenum" id="Seite_63">[63]</span>
-aber auch nur, um die Papierballen später im Großen
-als Maculatur zu verkaufen. Doch war sie vorher
-gestorben, und Starkblom hatte die große Kiste bewahrt
-und auch mit ins weiße Haus gebracht. Jetzt ließ
-er sich von der Haushälterin vom Speicher herunterholen,
-soviel sie unter beide Arme bekommen konnte,
-und las darin am Montag Abend und im Laufe des
-Dienstags. Er wollte sich etwas vorbereiten auf die
-Wählerversammlung und glaubte, Zeitungslesen sei
-dazu das beste. Und er wollte einmal sehen, ob die
-Politiker noch dasselbe redeten, wie sie vor einigen
-Jahren schrieben oder wie. Es war eine üble Arbeit,
-dieses Lesen in den morsch und gelb und stinkend gewordenen
-Neuigkeiten und Streitigkeiten von anno dazumal,
-aber er biß sich durch. Freilich hatte er schon lange
-nicht mehr so oft bedenklich den Kopf geschüttelt wie jetzt.</p>
-
-<p>Die Versammlung schien sich anfangs ganz so
-anzulassen, als ob sich in der politischen Welt inzwischen
-nichts verändert hätte. Da saßen ungefähr
-800 mehr oder minder wohlgenährte Bürger und
-hörten mit Bedacht und ohne sich irgendwie activ einzumischen,
-ihre Redner an, die von Kornzoll sprachen
-und der Brodverteuerung, von Freihandel und freier<span class="pagenum" id="Seite_64">[64]</span>
-Concurrenz, vom Militarismus und allzugroßer Belastung
-der Volksschultern, von Zuckerexportprämien
-und unerhörter Begünstigung der Agrarier, und was
-des Erbaulichen mehr war. Den Leuten erschien Leben
-und Brodessen und einigermaßen gerechte Verteilung
-der Lasten und Politisieren und maßvolle Unzufriedenheit
-und bedächtiger Ehrgeiz als selbstverständliches
-Menschenrecht. Man müßte sie aufrütteln! dachte
-Starkblom. Man müßte ihnen mit Vernunft beizukommen
-suchen und mit tiefsinniger Betrachtung. Verzweiflung
-wäre ihnen einzuimpfen und Lust zum Tod.
-Aber warum? wandte er sich ein. Den Leuten ist ja
-so ganz außerordentlich wohl bei ihrem überlegungslosen
-Vegetieren. – Warum? Und warum nicht?
-Und wenn es aus Bosheit geschähe, ich will es thun!
-Was brauchen sie dumpfe Tiere sein, wenn ich es
-nicht bin? Was muß ich ihnen ihr Glück gönnen,
-wenn mir davor ekelt? Warum sollte ich sie lassen,
-wie sie sind, wenn Menschenwort sie umgestalten kann
-und in Aufruhr bringen, wie mir es beliebt? Fürwahr,
-<em class="gesperrt">wenn</em> ich Macht über sie habe, will ich sie
-üben! Warum? wozu? Frage nicht länger. Weil ich
-will; zu meiner Freude!</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[65]</span></p>
-
-<p>Da wurde er in seiner Willenserwägung gestört
-durch eine knarrende Stimme, die von neuen Dingen
-sprach. Die Versammelten hörten aufmerksamer als
-bisher zu und beistimmend nickte ab und zu einer mit
-dem Kopfe. Auf einmal schien der Freisinn die Maske
-abzuwerfen, der Kampf gegen die Regierung schien nur
-ein vorläufiges Späßchen gewesen zu sein. Sie waren
-die Vertreter des zahlungsfähigen, aufblühenden, honnetten
-Bürgertums, sie hatten die Macht in den Händen
-und sie vor allem wollten sich wehren gegen begehrliche
-Arme, die von unten sich emporhoben und
-Unmögliches verlangten. Mit längst abgethanen Utopien
-köderten die Sozialdemokraten die ungebildete
-Masse der Arbeiter, die ihnen Glauben schenkte wie
-neuen Propheten. Diese Revolutionsprediger waren
-eine Gefahr geworden für das Vaterland und die
-Gebildeten aller Länder; sie vor allem waren zu bekämpfen.
-Der Freisinn allein bietet die wahre Freiheit
-und wirtschaftliche Unabhängigkeit des Einzelnen;
-in ihm einzig blüht auch das Heil der Zukunft.
-Sagt euch los, ihr irre geführten Arbeiter, von den
-Lügen der Sozialdemokratie. Stürmischer Beifall
-lohnte den Redner, aber das Händeklatschen wurde<span class="pagenum" id="Seite_66">[66]</span>
-übertönt von höhnischem Gelächter, das von einer
-kleinen Gruppe ausging, die festgeschlossen in einer
-Ecke des Saals stand.</p>
-
-<p>Ein anderer Redner, eine hagere, knochige Gestalt,
-lüftete die Maske noch mehr. Oder hatte er eine
-neue aufgesetzt? Der Freisinn war wieder fromm
-geworden. Erst redete er nur von der Natur und
-vom Kampf Aller gegen Alle und von Darwin.
-Auf einmal fiel auch das Wort Gott. Starkblom
-lauschte erstaunt und ekelahnend. Gott habe die Welt
-so geschaffen, daß alle gleiche Rechte haben, aber nicht
-gleiche Gaben und gleichen Charakter und gleiches
-Glück. Reiche und Arme, Fleißige und Faule, Kluge
-und Dumme, das sei ein Gegensatz, der nicht auszurotten.
-Und wieder hörte er erbittertes Lachen.
-Und das Erben? fragte eine schreiende Stimme.
-Erben nur Kluge? Ja, das sei gut und nötig für
-das Wohl des Staates, daß die Kinder von des
-Vaters Gaben zehrten. Die Familie sei die Grundlage
-des Staates und aller Gesittung.</p>
-
-<p>Während dieser Rede hatte sich ein Arbeiter aus
-jener Ecke langsam einen Weg durch die Reihen gebahnt
-und war auf die Tribüne gegangen und hatte<span class="pagenum" id="Seite_67">[67]</span>
-dem Vorsitzenden etwas zugeflüstert. Der sah ihn
-zweifelhaft an und zuckte mit den Achseln. Der
-andere machte eine leichte selbstverständliche Handbewegung.
-Der Vorsitzende breitete fragend die Arme
-aus. Da schlug der Arbeiter ärgerlich leicht mit der
-Faust auf den Tisch, daß die Glocke, die darauf stand,
-leise zitternden Ton gab, und der Vorsitzende ergab
-sich zögernd darein. Nachdem nun der laute Beifall
-verklungen war, verkündete er, daß sich ein Gegner
-zum Worte gemeldet habe, und da freie Diskussion
-ihr Prinzip sei, müsse der das Wort erhalten. Er
-werde die Geduld der Versammlung hoffentlich nicht
-lange in Anspruch nehmen.</p>
-
-<p>Nun trat der Arbeiter, ein Mann in den mittleren
-Jahren mit ernstem wenig sagendem Gesichtsausdruck
-vor. In der linken Hand hielt er seinen breiten
-Filzhut zusammengedrückt und mit dieser machte er
-während er sprach seine lebhaften aber gleichmäßigen
-Bewegungen. Er will scheint’s Holz hauen, flüsterte
-jemand in Starkbloms Nähe und lachte unbändig
-über seinen Witz. Der Mann sprach nicht gut und
-nicht schlecht und wunderlich mischte sich in seinen
-Worten nüchterne Trockenheit mit trivialen aufgefangenen<span class="pagenum" id="Seite_68">[68]</span>
-Redeblumen. Er hoffe nicht, so begann er,
-die Herren zu überzeugen, das sei nicht möglich, aber
-er wolle ihnen seine Meinung sagen, damit sie sähen,
-wie der Arbeiter denke.</p>
-
-<p>Das Licht der Vernunft sei aufgegangen im
-Proletarierhirn und das sei das Verdienst der Sozialdemokratie.
-Diese allein habe ein Herz fürs Volk,
-sie allein habe ein festes Ziel und suche die ganze
-Menschheit zu beglücken. Was nützt uns Ihr Gott,
-wenn er uns in unserem Elend läßt? Wir haben
-uns abgewandt von ihm; behalten Sie ihn allein
-für sich. Solange der Kapitalismus dauert, hört die
-Lohnsklaverei nicht auf; darum muß die kapitalistische
-Gesellschaft mit Stumpf und Stil vernichtet werden.
-Die Menschen haben im wesentlichen gleiche materielle
-Bedürfnisse; oder können Sie mehr als einmal zu
-Mittag essen? Nein? Dann ist es auch lächerlich,
-daß einer gegen den andern streitet, wer das meiste
-Geld verwischt, dann muß die Produktion der Lebensmittel
-gemeinsam werden und das ist möglich. Der
-Kampf Aller gegen Alle muß aufhören, und das ist
-Ihre vielgerühmte Freiheit. Der Satte kann Freiheit
-brauchen, aber für die Freiheit zu hungern und geknechtet<span class="pagenum" id="Seite_69">[69]</span>
-zu werden, danken wir. Erst wollen wir satt
-werden und das Paradies der Menschheit erobern für
-alle, meine Herren, für alle und jeden; dann wird die
-schöne Freiheit von selber da sein. Sie haben einmal
-gekämpft für die Sache des Volkes, als Sie selbst
-unterdrückt waren, aber jetzt, wo Sie selber wohlgenährt
-sind und obenauf, jetzt haben Sie die Sache
-des Volkes verraten! Wir brauchen Sie aber auch
-gar nicht mehr. Wir sind zielbewußte Proletarier,
-wir stehen auf dem Boden des Klassenkampfes und
-den werden wir nicht verlassen, bis die Sonne des
-Ostens emporsteigt und die Klassengegensätze aus den
-Angeln hebt. Und wie zum Hohn rief er zum
-Schluß, indem er fest auf die Versammlung blickte
-und auf seine paar Kameraden im Winkel: Es lebe
-die internationale revolutionäre Sozialdemokratie, und
-jubelnd stimmten seine Genossen ein: hoch, hoch, hoch!
-und der Einklang schwebte über dem gemischten Toben
-der Versammlung.</p>
-
-<p>Starkblom fühlte sich wie erhoben von etwas Nieerhörtem.
-Er stand auf und sah den Arbeitern nach,
-die den Hut auf dem Kopf, fest auftretend, wie zum
-Protest den Saal verließen. Er hörte wieder die<span class="pagenum" id="Seite_70">[70]</span>
-Stimme des Vorsitzenden, der von unerhörtem provocierendem
-Benehmen sprach, aber er hatte genug und
-wollte nicht länger bleiben. Er ging zu einer Seitenthüre
-hinaus. Herr Fabrikant Wangaus hat das
-Wort, hörte er gerade noch beim Schließen der Thüre.
-Also der wollte den Mann widerlegen. Er lächelte.
-Dessen Rede kannte er schon, der Hagere und der
-Fette, die beiden sprachen in gleicher Weise. Gott
-stellt jeden auf seinen Platz! Seid doch zufrieden
-und rüttelt nicht an der überlieferten Ordnung der
-Gesellschaft. Unsere ganze große Cultur ruht ja nur
-auf ihr. Er wollte doch rütteln, und die Arbeiter
-rüttelten auch. Freilich, diese Arbeiter, die standen
-nicht zusammen mit ihm. Die wollten noch leben,
-die wollten erst beginnen und das rechte freudige
-Leben schaffen. Das freudige Leben? Sie täuschten
-sich wohl. Das Leben war keine Freude. Diese
-Naiven, wenn sie alles das hätten, was er sich errungen
-und was ihm vom Glücke zugefallen, Reichtum,
-Unabhängigkeit, Bildung, Wissen – sie wären
-elender als jetzt. Oder sie wären stumpfsinnige Tiere
-wie diese Bürgersleute da drinnen. Oder gab es ein
-drittes? Gab es ein drittes? Gab es ein&#160;…?<span class="pagenum" id="Seite_71">[71]</span>
-Er konnte es nicht glauben. Ja wenn er glauben
-könnte! An die Zukunft glauben. An eine Bestimmung
-des Menschen, an einen Zweck, an einen
-Sinn … aber so, alles dumm und zwecklos und
-so, freudlos und lächerlich. Werdet wie die Kinder.
-Dann werdet ihr glauben und das Leben genießen,
-solange ihr lebt, und das Paradies der Menschheit
-erobern. Hatte er nicht so gesagt? Und <em class="gesperrt">warum</em>
-genießen, nochmals und immer wieder? Ich kann nicht
-genießen, denn ich frage; und wenn ich nicht mehr
-frage und mich aufbäume und forsche und grüble und
-schließlich verzweifle: bin ich dann nicht ein Tier? –
-Und warum willst du kein Tier sein? Ein heiteres,
-herrliches Wesen, strotzend von Fülle und Kraft und
-Übermut und Verwegenheit, immer in neue Tiefen
-sich hinabstürzend und sich wieder emporschwingend zu
-himmlisch-reinen Ätherfernen und Glockentönen?
-Fragend genießen, genießend fragen; in der Erde
-wurzeln und hinaufragen mit dem Götterleib zur
-reinen Höhe, das wäre doch schön, schön? Ja das
-wäre schön! Also doch – arbeiten? Arbeiten für
-ein Ziel, hinaufstreben, aufklären, predigen, veredeln?
-Kämpfen? Mitstreiter suchen? Und finden? Genossen?<span class="pagenum" id="Seite_72">[72]</span>
-Wo? Sozial … demokraten? Ja? Ob
-das nicht am Ende die rechten Menschen für ihn
-waren? Sie schienen ein Ziel zu haben, ein festes,
-unverrückbares, sie wollten etwas; und war es nicht
-schön und groß, was sie wollten? Und war es nicht
-möglich? O, aber es mußte ja möglich sein, wenn
-das Leben einen Sinn haben sollte. Und es mußte
-doch einen Sinn haben, da er leben wollte und sich
-freuen wollte und hoffen wollte? Und wenn der
-Mensch etwas denken konnte und wollen konnte, dann
-war es doch auch erfüllbar? Freilich leugneten das
-die Philosophen; aber sollte es nicht eben darum&#160;–?
-Alles Vernünftige ist möglich; sonst ist das Vernünftige
-wahrhaftig sehr unvernünftig. Also – versuchen wir
-es zum mindesten. Her mit dir, du meine Vernunft,
-und du, mein Leben! Wir wollen euch noch einmal
-erproben. Hierhin stell dich, Vernunft, und hier
-gegenüber, du Leben. Wenn ihr nicht zusammenkommt,
-solange ich euch beobachte, dann werf’ ich
-euch beide ins Wasser; da könnt ihr zusammen ersaufen
-und krepieren. Und das Beobachterlein geht
-dann schon von selber mit ein ins Reich des Todes.
-Also: ich beginne. Ich will versuchen. Die Sozialdemokraten,<span class="pagenum" id="Seite_73">[73]</span>
-die muß ich kennen lernen. Am
-Ende werde ich selber einer. Sie werden mich
-brauchen können. So wäre dann der Kreis glücklich
-vollendet. Die Höhe hat die Tiefe wieder getroffen
-und verbindet sich mit ihr. Man wendet
-sich solange vom Leben ab, bis man ein neues
-beginnt. Vom Leben mit Ekel! War es denn
-nicht nur <em class="gesperrt">dieses</em> Leben, unter diesen Umständen, in
-diesen Verhältnissen? Und all mein Denken, und all
-mein Ekel und meine Verzweiflung – nur eine Frucht
-meiner Umgebung und meiner Zeit? Neue Verhältnisse
-schaffen? Fort mit der allgemeinen, unklaren,
-dem Einzelnen feindlichen Philosophie? Lebe die
-Nationalökonomie und die Geschichte und die Naturwissenschaft?
-Sozialdemokrat werden? Einrichtungen
-bekämpfen und nicht mehr den Menschen an sich?
-Verhältnisse aufheben und nicht mehr sich selber?
-Wissen und nicht mehr ahnen? Glauben und nicht
-mehr verzweifeln? Freude und nicht mehr dumpfer
-Schmerz? Leben und nicht mehr Tod? Sozialdemokrat
-werden? Sozialdemokrat sein?</p>
-
-<p>Hierher kehrte sein Denken immer wieder zurück
-und hier blieb sein Denken stehen. Damit legte er sich<span class="pagenum" id="Seite_74">[74]</span>
-ins Bett, damit schlief er ein und damit wachte er
-wieder auf.</p>
-
-<p>Als er ein paar Tage später sich aufmachte, um
-einer Versammlung beizuwohnen, die der sozialdemokratische
-Leseklub »Menschheit« einberufen hatte, war
-sein ganzes Wesen nichts als Willfährigkeit und
-fruchtbarer Boden. Er hatte keinen neuen Entschluß
-gefaßt, er hatte über die Sache noch nicht tiefer nachgedacht,
-er hatte nichts studiert über soziale Zustände
-und materialistische Geschichtsauffassung, aber er war
-in ahnungsvoller Bereitschaft, sich in etwas Neues
-hineinzustürzen mit dem ganzen leidenschaftlichen Feuer,
-das sich in ihm die Zeit über angesammelt. Menschen
-zu finden, denen er sich anschließen, die er leiten
-konnte, Genossen haben im Streit und im Ziel!</p>
-
-<p>Als er kurz nach 8 Uhr in das Lokal trat, war
-der große Saal noch ziemlich leer. Erst nach einer
-halben Stunde etwa kamen Gruppen von Arbeitern
-und setzten sich an die Tische. Als kurz nach 9 Uhr
-die Versammlung eröffnet wurde, war der Saal überfüllt,
-überall an den Wänden und zwischen den
-Tischen standen noch Menschen. Frauen waren ganz
-vereinzelt zu sehen. Starkblom saß an einem Tisch<span class="pagenum" id="Seite_75">[75]</span>
-etwa in der Mitte des Saales, wohl der einzige
-Fremde unter mehr als tausend Arbeitern. Nur kurz
-vor Eröffnung der Versammlung waren zwei feingekleidete
-junge Herren gekommen, offenbar Kaufleute
-mit ausgeprägt jüdischem Typus und waren prüfend
-und unsicher im Saale hin und her gegangen. Dann
-sagte der eine zum andern: Komm, Nathan, wir
-wollen gehen, es ist ja kein rechter Mensch da. Ein
-Arbeiter, der in der Nähe stand, drehte sich ruhig um,
-packte den einen links und den andern rechts hinten
-am Kragen, schob sie zur Thüre und warf sie
-mit einem tüchtigen Stoß hinaus. Starkblom,
-der die Szene beobachtet hatte, lachte herzlich und
-nickte dem jungen Mann, als er wieder vorbeikam,
-freundlich zu. Der setzte sich zu ihm an den Tisch,
-und unterhielt sich mit ihm über politische und naturwissenschaftliche
-Dinge. Es war seit langer, langer
-Zeit das erste Gespräch, das Starkblom mit innerem
-Anteil und mit Genuß führte.</p>
-
-<p>Nun erhielt der Referent das Wort; er sollte
-über das Thema: »Wie stellen wir uns zu den
-Wahlen?« sprechen. Er war noch ein junger Mensch,
-wohl höchstens 26 Jahre alt, der vor Kurzem in<span class="pagenum" id="Seite_76">[76]</span>
-Berlin zuerst in der Öffentlichkeit aufgetreten war
-und von Stadt zu Stadt zog, um für seine
-Ansichten zu agitieren und die Arbeitermassen zu
-neuer Begeisterung, neuem Zielbewußtsein und neuer
-Energie aufzurütteln.</p>
-
-<p>Genossen, die Reichstagswahlen stehen vor der
-Thür, so begann auch er gleich den unzähligen
-Aufrufen und Reden, die in diesen Tagen überall in
-Deutschland in die Massen geworfen wurden. Aber
-nur zum Spotte. Denn er fuhr gleich fort: Was
-gehen uns diese Wahlen an? Sollen wir den Volksverführern,
-die auf unsere Dummheit und auf die
-Aufregung dieser Zeit spekulieren, glauben, daß von
-dem Stimmzettel, den wir in die Urne werfen, von
-dem Abgeordneten, den wir nach Berlin schicken, unser
-Wohl und Wehe abhängt? Sollen wir glauben, daß
-wir Arbeiter einen Vertreter brauchen, um zu erreichen,
-was wir wollen? Nein, sage ich, falsch ist diese Ansicht,
-wir wollen uns selber helfen.</p>
-
-<p>Falsch ist die Meinung, das allgemeine gleiche
-direkte Wahlrecht, das man uns vor einigen Jahrzehnten
-gegeben hat, sei ein Zugeständnis der Regierung
-an die sogenannte Souveränität des Volkes. Im<span class="pagenum" id="Seite_77">[77]</span>
-Gegenteil, es war ein überaus schlaues Mittel, um
-durch alle Künste der Lüge und der Verführung, mit
-Hilfe der unverständigen Masse, die revolutionäre
-Bewegung der freien Geister zu lähmen und durch
-scheinbare Beteiligung an der politischen Macht ehrgeizige
-Demagogen, die sich als Vertreter des Volkes
-aufspielen, zu ködern und zu glatten parlamentarischen
-Regierungsspießgesellen zu machen.</p>
-
-<p>Ist es nicht überaus bezeichnend, daß es üblich
-geworden ist, unter parlamentarischem Ton eine gewisse
-aalglatte, höfliche, heuchlerische, durch und durch
-verlogene Manier zu reden und aufzutreten zu verstehen?
-Ist es nicht bedenklich, daß in allen Parlamenten
-die feinen, schwächlichen, sogenannt aristokratischen
-Leute, die nichts ihr eigen nennen als ihre
-geläufige alle Unebenheiten und Derbheiten vermeidende
-Zunge, daß diese überall die Hauptrolle spielen?
-Ja, <em class="gesperrt">wenn</em> es so wäre, wie man uns vorzuspiegeln
-sucht auch von Seiten solcher, die es ehrlich mit uns
-meinen, wenn das Parlament die Heimstätte des freien
-Wortes wäre, wenn hier, wo man ungestraft sagen
-darf, was man für gut hält, in allen Fragen, in
-denen der Religion, der Nationalität, der Rasse, des<span class="pagenum" id="Seite_78">[78]</span>
-sozialen Lebens, der Moral, in allen Fragen wie gesagt,
-wenn da Männer aufträten mit dem Mute ihrer
-Überzeugung, und das mit ihrer feurigen Beredsamkeit
-verträten, was wir denken oder wenigstens unklar
-fühlen, was wir aber nicht sagen dürfen, weil das
-sogenannte »Gesetz« es verbietet – dann hätten wir
-nichts gegen das Parlament, obwohl es auch dann
-noch lange nicht <em class="gesperrt">die</em> Bedeutung hätte, die viele ihm
-jetzt schon zuschreiben. Aber wo in aller Welt ist es
-denn so? Fürchten sich denn nicht im Gegenteil
-unsere Vertreter vor dem Ordnungsruf des Präsidenten
-oder vor dem Spotte der andern Abgeordneten, ihrer
-geschätzten Kollegen, mehr als vor dem Strafrichter?
-Sprechen nicht auch diese Herren, wenn sie mitten
-unter uns stehen, wenn sie das Echo vernehmen, das
-aus unserer Masse zu ihnen emporschwillt, freier,
-mutiger, wahrhafter als dort? Oder – lügen sie
-da mit ihrem freien Ton ebenso sehr wie
-dort mit ihrem feinen? Dann wehe diesen Vertretern
-und Führern! Dann sind wir verraten und
-verkauft!</p>
-
-<p>Der sogenannte konstitutionelle Staat bedeutet eine
-Einigung, ein Kompromiß der feudalen, mittelalterlichen<span class="pagenum" id="Seite_79">[79]</span>
-Regierung, des Junkertums, des Königtums
-von Gottes Gnaden auf der einen Seite mit der
-bürgerlichen Gesellschaft auf der andern. Wohl ist
-es wahr, solange dieser Kampf zwischen der bürgerlichen
-und der feudalen Welt ausgefochten wurde, war
-unser Platz auf der Seite der Bourgeoisie; damals
-waren wir noch zu schwach, um gegen beide zugleich
-anzukämpfen oder als lachende Dritte zuzusehen, wie
-sie mit einander stritten. Heute aber ist dieser Kampf
-überhaupt nur noch ein Scheinkampf, heute kämpft
-nicht mehr eine Lebensauffassung gegen eine andere,
-sondern nur ein Interesse gegen ein anderes. Nur
-wir, die wir stark sind in unserer Gemeinschaft, wir
-haben eine neue Lebensauffassung, wir müssen mehr und
-mehr unsere Gegner gegen uns vereinen, indem wir sie beide
-bekämpfen. Wir lassen ihnen ihren Staat und ihre kapitalistischen
-Einrichtungen und ihre Kirche und ihr Parlament
-– wir stehen außen, und wo wir noch nicht außen
-stehen, wo uns die Not zwingt, ihnen Frondienst
-zu leisten, bei der Arbeit um des Lohnes willen, da
-werden wir auch einmal aufhören, aufhören mit einem
-Mal, dann, wann es uns beliebt, wann der rechte
-Zeitpunkt gekommen ist.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_80">[80]</span></p>
-
-<p>Hier wurde der Redner, der sich in ein lebhaftes
-Feuer hineingeredet hatte und seine Worte mit starken
-Bewegungen seiner Arme und seines Kopfes begleitete,
-durch lebhaften Beifall unterbrochen. Starkblom
-horchte hoch auf. Da war er am richtigen Fleck.
-Aufhören mit der Arbeit, wann es beliebt. Das
-war seine Sache. Freilich – es war alles in
-anderm Zusammenhang. Nichts im Gegensatz zum
-Leben, alles vielmehr um des Lebens willen, für das
-vernünftige Leben. Das war es, was diesen Männern
-allen so felsenfest sicher stand: es gab eine Vernunft
-im Leben, es gab eine Zukunft, es gab Freude und
-Lebenszweck, man hatte ein Interesse an der Welt,
-auch an den Nachkommen, man handelte und brachte
-Opfer für eine Sache, an die man glaubte, für ein
-Ziel, auch wenn man es nicht erlebte. Das war es,
-das war es, wonach er sich gesehnt, so heiß gesehnt
-mit all seinem Sinnen – diese Männer hatten es,
-sie wußten wofür sie lebten, ja wofür sie starben.
-Und Starkblom bemühte sich, die Zweifel, die sich
-ungeordnet von allen Seiten her in ihm aufbäumen
-wollten, zu vernichten. Er wollte nicht
-mehr unglücklich sein, er wollte mitmachen und<span class="pagenum" id="Seite_81">[81]</span>
-er konnte es. Er ließ sich hinreißen – gleichviel
-wohin.</p>
-
-<p>Der Redner hatte indessen einen Schluck Bier
-getrunken und fing nun wieder an.</p>
-
-<p>Die Frage, was uns die Wahlen angehen, erweitert
-sich zu der Frage: Was geht uns die
-Politik an? Sind wir, wie es vorgegeben wird, eine
-politische Partei oder sind wir etwas anderes, etwas
-größeres? Was ist denn Politik? Staatskunst nennt
-man sie zu deutsch, und das ist richtig. Ohne Staat
-giebt es keine Diplomatie und kein Parlament und
-keine Politik. Was aber in Dreiteufelsnamen geht
-uns der Staat an, der Gehilfe der heutigen Gesellschaftsordnung?
-Falsch ist die Meinung, wir könnten uns
-durch ein Hinterthürchen einschleichen in den heutigen
-Staat und könnten auf diese Weise unser Ziel erreichen.
-Falsch ist die Ansicht, dieses Hinterthürchen,
-der Parlamentarismus, sei aus Versehen offen geblieben,
-oder aus Not; im Gegenteil, sperrangelweit
-haben es die heutigen Machthaber geöffnet, um uns
-zu ködern und uns zu sanften Regierungsschafen und
-Staatseseln zu erziehen, und groß ist die Gefahr, sie
-könnten ihr Ziel erreichen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_82">[82]</span></p>
-
-<p>Genossen, wir sind <em class="gesperrt">keine</em> politische Partei; wir
-wollen keine Gesetze machen, um die Ordnung herzustellen
-im Interessenkampf und um die Schwachen zu
-unterdrücken und die Reichen zu sichern; wir wollen
-<em class="gesperrt">nicht</em> flicken an der heutigen Welt, um sie erträglicher
-zu machen, nein, ich sage es offen, wir <em class="gesperrt">wollen</em> sie
-unerträglich machen, um sie rascher ihrem Tod entgegenzutreiben.
-Wir kennen keinen Gegensatz zwischen
-den einzelnen Nationen, wir sind heute alle eins als
-Proletarier im Kampf gegen das Kapital, und wollen,
-daß alle Menschen eins werden als Menschen, als
-Individuen im Kampf gegen feindliche Naturkräfte, im
-Streit für den Fortschritt und die Kultur! Nochmals
-und immer wieder: wir <em class="gesperrt">wollen</em> uns nicht beteiligen,
-wir <em class="gesperrt">wollen</em> abseits stehen, wir wollen die heutige
-Gesellschaft allein lassen, und wenn es an der Zeit
-ist, im Stiche lassen.</p>
-
-<p>Um das zu erreichen, wenden wir uns vor allem
-aufklärend an den einzelnen Menschen. Wir sagen
-ihm: siehe, mein Bruder, es giebt für dich keine
-Pflicht gegen den Staat oder die sogenannte Gesamtheit,
-es giebt auch keine Pflicht gegen Gott, das alles
-hat man dir vorgelogen und anerzogen. Wie du zu<span class="pagenum" id="Seite_83">[83]</span>
-handeln und was du zu glauben hast, darüber hast
-du dich einzig mit deiner Vernunft auseinanderzusetzen.
-Und dafür ist gesorgt durch die gemeinsame Abstammung
-aller Menschen, daß sie trotz aller Ungleichheiten
-und Differenzen nur <em class="gesperrt">eine</em> Vernunft haben, und
-daß ein normaler Geist das Größte zu <em class="gesperrt">erfassen</em>
-wenigstens im Stande ist, was der Fortgeschrittenste,
-der Höchststehende, der Genialste, gefunden und entdeckt
-hat. Freilich, einen Wust von Aberglauben und
-Unsinn und Lüge müssen wir vorher wegräumen, das
-kapitalistische Denken ist auch dem Arbeiter nur allzu
-sehr aufgepfropft worden, aber glücklicher Weise verträgt
-es sich auf die Dauer nicht mit seinen Interessen
-und daher kommt es, daß die Masse der Arbeiter
-sehr wohl Verständnis hat für jede neue große Idee.
-Das gilt nicht für den Bourgeois – ihm kann man
-Vernunft predigen so lange man will, der Durchschnittsbourgeois
-<em class="gesperrt">kann</em> uns nicht recht geben, selbst
-wenn er ehrlich ist. Soll ein Bourgeois sich überzeugen
-lassen von einer Idee, die einer neuen Weltanschauung
-angehört, dann muß er ein freier Mensch
-sein, der sich zu erheben versteht über die Interessen
-seiner eigenen Klasse. Und derer sind wenige.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_84">[84]</span></p>
-
-<p>Wer aber unter uns Arbeitern versteht es nicht,
-wenn ich ihm sage: du zahlst Steuern, du bist Soldat,
-du arbeitest in der Fabrik, nicht weil es dein
-Wille ist, sondern weil du mußt, weil du geknechtet
-bist, weil vorerst die dich knechten, noch die Stärkeren
-sind. Du kannst, auch du Einzelner kannst es, du
-kannst aufhören zu arbeiten, wenn du nur willst,
-aber du wirst verhungern, du kannst dich aufbäumen
-gegen Staatsgesetze und Moralgesetze, die dich nichts
-angehen, aber du wirst dann deiner Freiheit beraubt,
-wenn nicht getötet, und das von Rechtswegen –
-denn Recht ist Macht. Du kannst alles, was du
-thust, lassen, wenn es nicht dein Wille ist; aber
-unter der Knechtschaft, unter der du stehst, kannst du
-nicht thun, was du willst. Du kannst deinen heißen
-Bildungstrieb nicht befriedigen, du kannst dir kein
-menschenwürdiges Dasein schaffen, du kannst nicht
-aus der Welt schaffen, wovor dir ekelt, nicht die
-Schwindelgeschäfte, nicht die Börse, nicht die Prostitution,
-nicht lügnerisches Pfaffentum und Beamtentum,
-nicht verkehrte, geistverstümmelnde Jugenderziehung.
-Kurz, du kannst nicht leben wie du willst, du mußt
-leben, wie es die Verhältnisse wollen, die aufrecht<span class="pagenum" id="Seite_85">[85]</span>
-erhalten und verteidigt und idealisiert werden von der
-heutigen bürgerlichen Gesellschaft.</p>
-
-<p>Unter diesen Umständen giebt es nur <em class="gesperrt">ein</em> Mittel.
-Wir alle, die wir unter diesen Verhältnissen leiden,
-thun uns zusammen zu einer kämpfenden Gemeinschaft.
-Wir wollen nicht aufhören Vernunft zu lehren und
-die Massen aufzuklären, bis wir es erreicht haben,
-daß die Proletarier aller Länder sich vereinigt haben,
-um zu stürzen die kapitalistische Weltanschauung und
-einzurichten die sozialistische. Organisieren wir uns
-in den Gewerkschaften, werbet überall, in den Fabriksälen,
-auf den Straßen und öffentlichen Plätzen, in
-der Familie, in großen Versammlungen. Ist diese
-freie Organisation stark genug, dann kann jede einzelne
-Gruppe im Kampf um die vorläufige Besserung der
-Lebensbedingungen, um Verkürzung der Arbeitszeit,
-um Erhöhung des Lohns auf die Unterstützung aller
-andern rechnen und dem Kapital die Spitze bieten.
-Dann kann jede einzelne Gruppe schon vorläufig der
-bürgerlichen Gesellschaft kündigen, sei es auch nur
-um zu zeigen was kommen wird. Und diese unsre
-Kampforganisation muß schon ein Abbild sein der
-zukünftigen Gesellschaft. Da tritt jeder ein mit Gut<span class="pagenum" id="Seite_86">[86]</span>
-und Blut für den andern, für die gemeinsame Sache;
-einer für alle; alle für einen.</p>
-
-<p>Darum rufe ich euch zu: Genossen, wählt nicht
-zum Reichstag! Wählt keinen Vertreter, der für
-euch kämpfen soll durch Parlamentsreden. Das Wort
-ist nicht da zum Kampf, sondern zur Belehrung, und
-für den Kampf giebt es keine Vertretung. Kämpft
-selbst, Proletarier, nicht mit der Zunge, kämpft mit
-eurer ganzen Person, kämpft da, wo der Kampf ausgefochten
-werden muß, auf dem Boden der <em class="gesperrt">Arbeit</em>,
-und da könnt ihr nicht <em class="gesperrt">allein</em> kämpfen, sondern nur
-alle zusammen festgeschlossen und einig. Vereinigt
-euch, Proletarier klärt auf, Genossen, werbet für
-unsere Idee, der Sieg wird unser sein!</p>
-
-<p>Wieder ertönten starkes Händeklatschen und lebhafte
-Rufe der Zustimmung, durch die nur ein ganz vereinzeltes:
-»ganz unrichtig«; kaum dringen konnte. Die
-Diskussion wurde nun eröffnet und ein Arbeiter nach
-dem andern trat vor, um mehr oder weniger geläufig
-seine Zustimmung zu dem Gehörten auszusprechen und
-nunmehr Ergänzendes beizubringen, indem hauptsächlich
-gegen die einzelnen Volksvertreter schwere Vorwürfe
-erhoben wurden. Nachdem nun noch der Gegner,<span class="pagenum" id="Seite_87">[87]</span>
-der sich vorhin bemerkbar gemacht, zu Wort gekommen
-war, um außerordentlich fließend in ununterbrochener
-Rede zu sagen, wie ungerecht die Vorwürfe seien,
-wie großes Verdienst sich die Führer um die Sache
-erworben, wie vortrefflich die Parlamentswahlen und
-das Parlament selbst sich zur Agitation eigneten, wie
-auch manches auf diesem Wege für die Arbeiter
-herauszuschlagen sei, – erhielt der Referent noch
-einmal das Wort, um das Ergebnis der Diskussion
-zusammenzufassen.</p>
-
-<p>Gesinnungsgenossen, so begann der Redner, für
-ganz unrichtig muß ich es halten, wenn der Herr
-Vorredner gemeint hat, die Bourgeoisie, d. h. ihre
-Vertretung, das Parlament, habe uns Konzessionen
-gemacht, weil wir eine in Betracht kommende Anzahl
-Abgeordnete ins Parlament gesandt hätten. Keineswegs,
-sage ich. Diese Konzessionen sind gemacht
-worden (übrigens kann man ja bisher kaum schon
-von solchen reden, aber ich gebe zu, es werden noch
-solche gemacht werden) weil die Bewegung in den
-Massen zu groß geworden ist und zu gefährlich, weil
-etwas gethan werden mußte, um den Anschein zu erregen,
-die herrschende Klasse sei sich der Ungerechtigkeit<span class="pagenum" id="Seite_88">[88]</span>
-unserer Zustände bewußt und wolle abhelfen.
-Wieviel stärker und energischer aber wäre heute schon
-die sozialistische Bewegung, wenn unsere Agitation
-nicht nur Wahlagitation gewesen wäre, wenn wir
-von vornherein uns im Gegensatz zum Parlament
-gestellt hätten. Ich behaupte, die Herren im Reichstag
-und am grünen Tisch hätten ein ganz anderes
-Gruseln verspürt und hätten viel entschiedenere Konzessionen
-gemacht, wenn niemals ein Sozialist ihren
-Sitzungssaal betreten hätte, wenn sie ganz allein unter
-sich geblieben wären und nur die drohenden Stimmen
-gehört hätten, die lauter und lauter von außen eingedrungen
-wären, von dem arbeitenden Volk, das
-nichts mit ihnen gemein haben will. Was aber
-kümmern sich die Herren jetzt darum, wenn ihnen
-ein glatter Redner zwei Stunden lang möglichst
-maßvoll dies oder jenes auseinandersetzt und immer
-Rücksicht darauf nimmt, daß er nicht zuviel von den
-Herren verlangt? Und wie ganz anders aufreizend
-hätten die Reichstagsverhandlungen gewirkt, wenn die
-Herren Bourgeois unter sich geblieben wären, wenn
-sie die Zeit vertrödelt hätten mit ihrem einsichtslosen
-und thörichten Geschwätz, mit ihrem unsinnigen tagelangen<span class="pagenum" id="Seite_89">[89]</span>
-Streit über Formalien und Lappalien, während
-draußen die Arbeiter sich fester und fester zusammenschließen
-zum Kampf ums Brod (was etwas anderes
-heißt als die Bekämpfung des Kornzolls), aber auch
-um ein hohes Ideal, für die Neugestaltung der Menschheit!
-Und wenn dann einmal eine festgeschlossene
-Kolonne Arbeiter auf der Galerie erschienen wäre,
-um dem Geflunker zuzuhören, wenn die Aufregung
-dann bis zum Siedepunkt gestiegen wäre, und das
-Volk anfinge, mitzureden und den Herren zu sagen,
-was von ihnen zu halten ist, dann könnte man sehen,
-wie die Herren Bourgeois sich vor Angst in alle
-Winkel verkröchen. Hat man etwas dem Ähnliches
-schon einmal erlebt, wenn einer unserer Abgeordneten
-gesprochen hat? O nein, man hat ihn höchstens
-aufmerksam angehört und hat dann die oratorische
-Leistung bewundert. Das muß anders werden. Auf
-diesem Wege verflacht unsre große Bewegung mehr
-und mehr. Hüten wir uns, daß nicht abgespannt
-wird; hüten wir uns, daß die Massen nicht anfangen
-zu ermatten und an unsere Sache nicht mehr zu
-glauben. Die Unzufriedenheit, die leidenschaftliche
-Begier, unsere Lage zu bessern und von Grundaus<span class="pagenum" id="Seite_90">[90]</span>
-zu ändern, darf nicht schwinden, muß gesteigert werden.
-Und Aufklärung und Belehrung muß sich damit fort
-und fort vereinen. Nehmen wir uns in Acht! Stehen
-wir zusammen Mann für Mann! Und vor allem:
-nicht wählen wollen wir, sondern protestieren gegen
-das Wählen!</p>
-
-<p>Mitten unter dem Beifallssturm, der sich wieder
-erhob, während einige sich schon zum Weggehen <em class="gesperrt">bereiteten</em>,
-indeß die große Masse ruhig sitzen blieb in
-der Erwartung, daß zum dritten Punkt der Tagesordnung
-»Verschiedenes« nach etwas von Interesse
-zur Sprache käme, stand Starkblom auf. Während
-der letzten halben Stunde hatte ihm der Gedanke:
-Du mußt reden, und immer wiederholt das eine
-Wort: reden, reden, reden keine Ruhe mehr gelassen.
-Es fröstelte ihn und dann stand ihm wieder der
-Schweiß auf der Stirn und es drückte ihn etwas
-ohne Unterlaß an der Kehle, und nun war er aufgestanden,
-er wußte selbst nicht, um das Fieber und
-die Beklemmung von sich zu schütteln oder zu reden.</p>
-
-<p>Nun fragte der Vorsitzende seiner Gewohnheit
-nach: »Wünscht noch jemand das Wort? – Es
-scheint, daß&#160;–« Da streckte Starkblom, wie er es<span class="pagenum" id="Seite_91">[91]</span>
-vorher bei den andern, die sich gemeldet, gesehen hatte,
-gedankenlos den Arm in die Höhe und währenddem
-fuhr es ihm durch den Kopf: Nun mußt du reden,
-nun mußt du reden, was wirst du denn sagen, ich
-weiß ja gar nichts zu sagen, die Gedanken gehen mir
-ja aus, jetzt ist es Zeit, Zeit, Zeit, groß – bedeutend
-– mannhaft – alles, alles.</p>
-
-<p>»Sie haben das Wort. Bitte rasch; Namen und
-Wohnung, kommen Sie vor,« sagte der Vorsitzende
-sofort.</p>
-
-<p>Starkblom ging vor; er hatte sich gefaßt, aber er
-konnte nicht überlegen; meine Herren, meine Herren,
-ich, meine Herren, ich will, meine Herren, so wiederholte
-er in seinem Denken immerfort und fast mit
-den Lippen. Aber als er vorn stand, sagte er ganz
-ruhig zum Polizeilieutenant, der die Versammlung
-überwachte, gewendet: Karl Starkblom, Villa Weißes
-Haus, Privatmann.</p>
-
-<p>»Sie haben das Wort,« wiederholte der Vorsitzende,
-während man in der Versammlung teils aufmerkte,
-teils durcheinander sprach; man war begierig,
-was der feine Herr zu sagen wußte.</p>
-
-<p>Und nun begann Starkblom, und gleich von Anfang<span class="pagenum" id="Seite_92">[92]</span>
-an fließend und ruhig sprechend, nur zwischen
-den einzelnen Sätzen kurze Pausen machend, während
-deren er tief Athem holte, denn eine gewaltige Aufregung
-in ihm preßte sich gegen seine Brust.</p>
-
-<p>Meine Herren, es ist richtig, was der erste
-Redner sagte. Damit sich einer aus den Reihen der
-Gebildeten erhebt über den Standpunkt seiner Umgebung,
-über das Denken und gewohnheitsmäßige
-Leben, das ihm von früh an eingelernt ist, dazu gehört
-ein freier und ungewöhnlicher Mensch. Und
-selbst dann, wenn einer frei ist und von bedeutender
-Geistesanlage, selbst dann wird sein Leben sich ganz
-anders gestalten, wird er zu ganz andern Resultaten
-kommen, als Sie wohl annehmen, wenn ihm irgend
-welche Zufälligkeiten den Streich spielen, ihn nie zusammenkommen
-zu lassen mit den Menschen, deren
-Denken von Anfang an eine ganz andere Richtung
-einschlagen muß als die seine. Ich bin nicht mehr
-jung, aber zum ersten Male in meinem Leben
-stehe ich heute unter Arbeitern. Ich bin kein Bourgeois
-in dem Sinne, wie Sie das Wort gebrauchen,
-wohl aber bin ich mir selbst nicht bewußt ausgegangen
-in all meinem Leben und in all meinem Denken und<span class="pagenum" id="Seite_93">[93]</span>
-Empfinden von der heutigen Gesellschaftsordnung, von
-der heutigen Sitte und Moral. Über alles, was man
-mir je angelernt hat, habe ich mich in langem Ringen
-und schwerem Kämpfen vollständig erhoben, nur das
-eine habe ich bis zu dieser Stunde nie gewußt: daß
-es Menschen giebt, die ganz anders empfinden und
-denken, wie wir da oben, und daß die Zukunft in den
-Händen dieser Menschen liegen kann. Ich habe die
-ganze Bildung meiner Zeit bewältigt; ich habe all
-das Leben und Treiben dieser Erde beobachtet; ich
-habe geschaut, wie die Menschen dies und das treiben
-und sich doch stoßen lassen von jeglichem Zufall, daß
-sie kein Ziel haben und keine Reflexion, und ich habe
-mich mit Ekel abgewandt von dem Menschengeschlechte,
-das nicht weiß, wofür es lebt und – noch schlimmer
-– es gar nicht wissen will. Und ich war nahe
-daran, selbst wegzugehen vom Menschendasein, weil
-ich trotz allem Grübeln und verzweiflungsvollen
-Forschen nicht finden konnte, wofür ich lebe. Ich
-habe den Mut gehabt, in meinem Denken wenigstens
-die Konsequenz zu ziehen aus meinem Leben, und das
-ist die Konsequenz eines jeden aus meinem Gesellschaftskreise.
-Diese Konsequenz heißt: Selbstmord.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_94">[94]</span></p>
-
-<p>Heute aber kann ich sagen: ja, jawohl, die bürgerliche
-Welt ist dem Tode verfallen, aber aus ihren
-Trümmern, das hoffe ich mit Ihnen und daran will
-ich mich anklammern, wird auferstehen die sozialistische
-Gesellschaft, eine neue Welt.</p>
-
-<p>Hier löste sich die Spannung, mit der die große
-Versammlung bisher in vollkommener Ruhe zugehört
-hatte, in ein vielstimmiges und gleichzeitiges Bravo
-auf. Starkblom fuhr sich leicht über die Stirn und
-holte tief Athem; dann sprach er weiter, nunmehr
-lebhafter und freudiger, wie getragen von der Sympathie
-der Versammlung.</p>
-
-<p>Ja, meine Herren, heute ist es mir endgiltig klar
-geworden, und darauf baue ich: nicht der Mensch als
-solcher oder gar die Welt an sich ist es, vor der mir
-ekelt in tiefster Seele, es sind nur die Menschen,
-unter denen ich aufgewachsen bin, mit denen ich
-mein ganzes Leben verbracht habe; es sind nur die
-Zustände, die heute herrschen und die sich von Geschlecht
-zu Geschlecht überliefern, weil jedes Kind von
-neuem gedankenlos hereingezogen wird in den alten
-Kreis verrotteter Gewohnheit. Ein Kind aber kenne
-ich, das noch nicht zugrunde gerichtet worden ist von<span class="pagenum" id="Seite_95">[95]</span>
-diesen Einrichtungen, ein Feld, das noch nicht gejätet
-worden ist mit dem Pfluge einer alten Moral und
-das bereit liegt zu neuem Samen; eine Wolke, die
-sich noch nicht ausgeschüttet hat, sondern voll ist von
-neuem fruchtbarem Regen; ein Rad, dessen Felgen
-noch nicht zerbrochen sind, sondern das erst beginnen
-will zu rollen, wer weiß wohin? … Ich meine die
-Arbeiterklasse. Die Bildung, mit denen man unser
-Hirn vollgepfropft hat, haben Sie nicht genossen, und
-dadurch haben Sie Platz gehabt für eine neue Idee,
-dadurch sind Sie berufen, der alten morschen Gesellschaft
-den Todesstoß zu geben und sie abzulösen, und
-mit Vernunft da zu beginnen, wo die Unvernunft
-das Ende ihrer Entwickelung erreicht hat. Unsere
-thörichte bürgerliche Gesellschaft glaubte dem Volk
-einen gewissen Grad von Wissen und Aufklärung zukommen
-lassen zu dürfen, und die Geister, die sie so
-beschworen, die werden sie nicht mehr los. Die heutige
-Gesellschaft hätte aufrecht erhalten werden können,
-wenn die Arbeiter systematisch zu Haustieren, noch
-schlimmer, zu Fabriktieren gemacht worden wären;
-aber da man in sentimentaler Duselei mit einer
-Reminiszenz an die Menschenrechte der französischen<span class="pagenum" id="Seite_96">[96]</span>
-Revolution davor zurückschreckte und ihnen mit Halbheiten
-den Geist stopfen wollte, siehe da wurde der
-Mensch in ihnen wach, und schneller, als jene es geahnt,
-erwächst die neue große Revolution, die viel,
-viel gewaltiger werden wird als die sogenannte große
-Revolution der Bourgeois. Einen neuen Glauben
-haben die Arbeiter, einen Glauben an sich und an
-die Zukunft der Menschheit. Die bürgerliche Gesellschaft
-aber hat keinen Glauben, keinen neuen und
-keinen alten; sie verzweifelt an sich selbst, wo sie nicht
-gedankenlos dahinvegetirt und selbst zum Tier geworden
-ist. Die soziale Revolution wird siegen!</p>
-
-<p>Da brach gewaltiger Beifall los. Starkblom
-fühlte, dies sei für die Empfindung seiner Zuhörer
-das Ende seiner Rede, und obwohl er noch lange
-weiter hätte sprechen können, fügte er nur noch hinzu,
-laut durch das Getöse rufend:</p>
-
-<p>Zu Ihnen flüchtet sich von den Gebildeten, wer
-an der Zukunft der bürgerlichen Gesellschaft verzweifelt
-und doch eine starke Ahnung hat, damit sei
-die Menschheit noch nicht an ihrem Ziele. Nehmen
-Sie mich auf in Ihren Reihen. Unser Wille ist<span class="pagenum" id="Seite_97">[97]</span>
-derselbe: die vernünftige Gestaltung des menschlichen
-Lebens!</p>
-
-<p>Starkblom wollte rasch von der Tribüne heruntergehen,
-um so schnell als möglich nach Hause zu
-kommen, fort aus diesem Saale in die freie Luft.
-Wie hätte er jetzt noch ein einziges Wort sprechen
-können. Aber der Vorsitzende, neben dem er stand,
-tippte ihn leicht auf die Schulter und sagte: »Herzlichen
-Dank, Herr Starkblom. Es würde mich sehr
-freuen, wenn Sie etwas warten wollten; die Versammlung
-ist ja jetzt doch wohl zu Ende. Hätten
-Sie die Güte?«</p>
-
-<p>Starkblom drückte ihm die Hand. »Gewiß, sehr
-gern.«</p>
-
-<p>Während dieses kurzen Gesprächs hatte sich unten
-im Saale schon alles erhoben und lief durcheinander
-dem Ausgang zu. Nur der Form zuliebe fragte der
-Vorsitzende: Wünscht noch jemand das Wort? und
-fügte dann gleich hinzu: Dann schließe ich die Versammlung.
-Sofort begannen einige Stimmen mit dem
-kräftigen Gesang der Arbeitermarseillaise: »Wohlauf,
-wer Recht und Wahrheit achtet,« und immer zahlreicher
-fielen die Anwesenden ein in den Chor, während alles<span class="pagenum" id="Seite_98">[98]</span>
-langsam zum Ausgang drängte. Nur einige wenige
-strebten gegen die Masse nach vorn, und schließlich
-standen, während der Saal schon fast leer war, sieben
-Männer um Starkblom, ihm abwechselnd die Hand
-reichend und durcheinander auf ihn einredend. Er
-nickte nur nach allen Seiten und sagte: Jaja –
-jawohl – ganz richtig – aber bitte sehr. – Er
-hörte nicht, was die andern sagten und wußte nicht,
-was er selbst sprach. So hätte er wohl noch Stunden
-lang dastehen können und seine erregte Freude auf-
-und abwogen lassen. Aber der Mann, der den Vorsitz
-geführt hatte, rüttelte ihn auf, indem er den Vorschlag
-machte, sich an einen Tisch zu setzen und noch ein
-Glas Bier zu trinken. Es geschah so, und bald war
-Starkblom in ein Gespräch verwickelt mit seinen
-Nachbarn, erst über ziemlich gleichgiltige Gegenstände,
-über die Arbeitsverhältnisse hier am Ort und über das
-bisherige Leben Starkbloms nach außen. Bald aber
-wurden sie hereingezogen in das Gespräch, das indessen
-auf der andern Seite des Tisches geführt wurde.
-Man sprach über die Zustände und Spaltungen in
-der deutschen sozialdemokratischen Partei. Starkblom
-erfuhr da, daß durchaus nicht überall die prinzipienfeste,<span class="pagenum" id="Seite_99">[99]</span>
-revolutionäre Richtung einen so großen Anhang
-habe wie hier; an andern Orten begnügten sich die
-Massen vielfach mit großen Schlagworten und überließen
-im übrigen alles ihren vergötterten Führern.</p>
-
-<p>»Ja aber diese Führer«, fragte Starkblom erstaunt,
-»können denn diese wirklich glauben, es scheinen
-doch überaus vernünftige und begeisterte Leute zu sein,
-daß durch althergebrachtes Politisieren und Parlamentieren
-das große Ziel erreicht werden könne? Das
-ist doch ganz undenkbar.«</p>
-
-<p>»Das will ich Ihnen erklären«, antwortete ihm
-Mathias Buvolski, der vorhin das Referat über die
-Wahlen gehalten hatte. »Die Herren sind überschlau,
-das ist ihr Verderben, hoffentlich nicht das unsere.
-Sie glauben gar nicht recht an die Kraft der Bewegung
-und vor allem nicht an die Macht der Aufklärung.
-Sie halten große Reden von der wirtschaftlichen
-Entwicklung, und daß die sozialistische Gesellschaft
-sich ganz von selber mache; man brauche gar nicht
-eingreifen und sich nicht in Gefahr bringen. Aber
-sie wollen die Macht nicht aus den Händen geben,
-sie erwarten irgend etwas ganz besonderes, irgend einen
-großen Zufall, am liebsten eine Revolution von oben,<span class="pagenum" id="Seite_100">[100]</span>
-einen Verfassungsbruch der Regierung und da wollen
-sie zuwarten. Und damit die Bewegung inzwischen
-nicht stillsteht oder gar ins Nichts zerrinnt, wenden sie
-künstliche Mittel an, um das Interesse wach zu erhalten.
-Da wird also ein großer Entrüstungssturm
-in ganz Deutschland gegen die Kornzölle erregt,
-nur damit überall Massenversammlungen stattfinden.&#160;–«</p>
-
-<p>»Was?« unterbrach ihn Starkblom. »Genau
-dasselbe hörte ich ja vor ein paar Tagen bei den
-Freisinnigen?«</p>
-
-<p>»Allerdings, aber das thut nichts; bei uns zieht’s
-mehr. Und aus demselben Grunde muß gewählt
-werden und müssen die Abgeordneten Reden über
-Reden halten und Anträge über Anträge stellen. Alle
-paar Wochen taucht dann wieder ein neues Projekt
-auf, irgend ein Detailvorschlag, der der Masse
-imponiert, Verstaatlichung der Apotheken, der Ärzte,
-des Getreidehandels … Die Bewegung darf nicht
-einschlafen, das ist alles. Aber gethan wird nichts,
-es giebt keine ernstliche Aufklärung, nicht im Wort
-und nicht in der Schrift, die Provinzzeitungen sind
-miserabel, die Brochüren zu teuer, die Führer sitzen
-im Reichstag und haben keine Zeit zur Belehrung des<span class="pagenum" id="Seite_101">[101]</span>
-Volks … Sie machen von sich reden und halten
-sich obenauf, um, wenn die rechte Zeit von ungefähr
-kommt, die Macht in der Hand zu haben. Drum
-sind sie auch keineswegs unter sich einig, immerfort
-Zänkereien und Eifersucht.«</p>
-
-<p>»Was reden wir da?« sagte Starkblom. »Das
-sind ja ganz gewöhnliche Menschen, nicht unbegabt,
-aber gewöhnlich. Aber was gehn uns Personen an?
-Im Sozialismus steckt Tieferes, als seine heutigen
-Verkünder wohl ahnen. Was gehen uns diese
-Kleinlichkeiten an, wo es sich um die Zukunft der
-Menschheit handelt?«</p>
-
-<p>Die andern hörten aufmerksam zu, Buvolski aber
-sagte: »Sie haben heute Abend schön und herzlich und
-feierlich gesprochen. Ich habe noch niemanden getroffen,
-glaube ich, der so sein Alles daran setzt, um das was
-er denkt, auch zur Wirklichkeit zu machen. Nicht wahr,
-Sie glauben felsenfest an die Macht der Vernunft?«</p>
-
-<p>Starkblom fühlte wie er blaß wurde. Es lief
-ihm kalt über den Rücken. Wenn, wenn, wenn&#160;…
-Nein. Er schüttelte sich. Nichts mehr von den alten
-Dingen. Er wollte nicht mehr. Es war entschieden.
-Ja, er glaubte.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_102">[102]</span></p>
-
-<p>Erst nach einer Pause, während der alle gespannt
-nach ihm blickten, antwortete er langsam:</p>
-
-<p>»Viel gefragt. Ich glaube, daß ich nicht einzig bin.«</p>
-
-<p>»Offen gestanden, ich verstehe nicht recht. Wie
-meinen Sie das?«</p>
-
-<p>»Ich bin ein Teil der Welt, ein winziger Teil;
-ein einsamer, versprengter Teil, es ist wahr. Daß
-<em class="gesperrt">ich</em> vernünftig bin, das weiß ich sicher; und was ich
-glaube, das ist das, daß ich mich nicht soweit über
-die andere Welt erhoben habe, daß sie mir nicht mehr
-nachfolgen kann. Man kann viel, wenn man will;
-und der Wille kann erweckt werden. Der Geist des
-Menschen ist so eingerichtet, daß, wenn einer allen
-Schmerz und alle Verzweiflung eines ganzen Lebens
-dazu gebraucht hat, um <em class="gesperrt">eines</em> zu erreichen und daran
-festzuhalten, daß er allen anderen diese Not ersparen
-kann, indem er ihnen das fertige Ergebnis seines
-Lebens begreiflich macht. In diesem Sinne ist jeder
-bedeutende Mensch ein Heiland, der die Schmerzen
-der ganzen Welt auf sich nimmt und sich kreuzigen
-läßt, um die Welt zu erlösen. – Wo wohnen Sie?
-Bitte wollen Sie mir Ihre Adresse angeben?«</p>
-
-<p>Alle schauten ihn verwundert an. Er aber stand auf.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_103">[103]</span></p>
-
-<p>»Ich kann nicht länger bleiben. Aber wir sind
-nicht das letzte Mal zusammen.«</p>
-
-<p>Buvolski sagte ihm, wo er wohne, Starkblom bat
-die Männer, ihn doch bald zu besuchen, wenn sie
-Zeit hätten, und nach herzlichem Abschied ging er.</p>
-
-<p>Er eilte nach Hause. So lange er in den
-Straßen der Stadt war, ging er nur sehr rasch und
-blies die Luft von sich und lächelte vor sich hin und
-schwang seinen Stock und schlug ab und zu auf die
-Steinplatten, daß die Funken heraussprangen. Sowie
-er aber auf der Landstraße war, auf der fester, aber
-noch weißer Schnee lag, und seine Blicke über die
-Felder schweiften, deren unermeßliche Schneedecke im
-Mondschein strahlte und glitzerte, fing er an zu
-rennen, als wollte er mit seinem Schatten um die
-Wette laufen. Dabei schrie er laut: Juhu, juhu!
-Eine unbeschreibliche, freudige Aufregung hatte sich
-seiner bemächtigt. Jetzt dachte er nicht, jetzt grübelte
-er nicht der Zukunft entgegen, er hatte etwas in
-der Gegenwart, worüber er sich freuen konnte,
-und gedankenlos wie ein Kind überließ er sich dem
-Genusse.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_104">[104]</span></p>
-
-<p>Er war schon in der Nähe seiner Villa, als ihm
-ein hochgewachsenes Mädchen begegnete. Schon von
-weitem rief sie ihm zu:</p>
-
-<p>»Na, Ihr seid wohl eben entsprungen?«</p>
-
-<p>Starkblom, der sie sofort verstand, lachte und
-ging weiter, bis er vor ihr stand und hielt dann an.
-Sie dachte an das große Irrenhaus drinn in der
-Stadt, in dem Unheilbare aus dem ganzen Lande eingesperrt
-waren.</p>
-
-<p>»Nun, das gerade nicht«, antwortete er lustig.
-»Vielleicht bringe ich’s aber noch so weit. War’s
-schön heute Abend?«</p>
-
-<p>Er schaute vergnügt dem Mädchen, das sehr hübsch
-war, ins Gesicht.</p>
-
-<p>»Wie meinen Sie das?« fragte sie etwas verlegen
-und rückte das Tuch, das sie auf dem Kopfe
-trug, zurecht.</p>
-
-<p>»Na, ich denke, ein Mädel ist doch nur aus
-einem Grund so spät noch hier außen. Ist er lieb?
-Meint er’s ehrlich?«</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht«, sagte sie und errötete ein
-wenig. »Ich hab’ ihn eben gern.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_105">[105]</span></p>
-
-<p>»Hast recht, Kind. Das ist genug und erklärt
-alles. Was ist er denn?«</p>
-
-<p>»Fabrikarbeiter.«</p>
-
-<p>»So? – Ist er auch Sozialdemokrat?«</p>
-
-<p>»Ich sag Ihnen doch, daß er Fabrikarbeiter ist.«</p>
-
-<p>»Jaso, hast recht.«</p>
-
-<p>»Seit wann sind wir denn per Du?«</p>
-
-<p>»Seit heute, liebes Mädel und nur für heute.
-Nichts für ungut, aber ich bin so froh und erhoben,
-wie nie zuvor.«</p>
-
-<p>»Ich merk’s und es freut mich. Ich hab die
-lustigen Leute gar gern.«</p>
-
-<p>»Ich war’s schon lange nicht mehr.«</p>
-
-<p>»So?«</p>
-
-<p>»Jaja, schon lange nicht mehr.«</p>
-
-<p>»Jaja, Sie sehen auch recht ernst und traurig
-aus. Bleibt nur lustig, ’s ist besser.«</p>
-
-<p>»Ich will’s, wenn’s geht. Komm, gieb mir
-’nen Kuß.«</p>
-
-<p>»Nein. Oder – ja, weil’s Sie sind.«</p>
-
-<p>Sie legte die Hände auf seine Schultern und er
-küßte sie rasch. Dann gab sie ihm noch einige freiwillig
-drein, schüttelte seine Hand und wandte sich zum Gehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_106">[106]</span></p>
-
-<p>»Adieu, fröhlicher Herr. Denken Sie nichts
-schlimmes von mir.«</p>
-
-<p>»Lebwohl, mein schönes Kind, und grüße mir
-deinen Schatz.«</p>
-
-<p>Dann ging auch er und schnalzte noch ein paar
-Mal vor Vergnügen mit der Zunge. Dann schritt
-er den Berg hinauf, jetzt langsamer, er blieb ein
-paar Mal stehen und schaute sich um und ließ seinen
-Blick schweifen über Feld und Wald und Fluß, das
-alles weiß vor ihm lag, und über die Stadt hin. Er
-streckte den Arm aus und bewegte die Hand auf und
-ab, wie zum Segen oder zum Dank. Auch auf die
-Landstraße blickte er lächelnd und gewahrte schon
-ziemlich weit entfernt einen dunklen Punkt. Noch
-einmal brach die Spannung in seiner Brust durch
-und laut rief er wieder sein Juh! hinunter. Und
-leise vernahm er die Antwort des Mädchens: Hoijohehuhu!
-Er nickte und lächelte vor sich hin, dann
-schloß er die Thür auf und ging hinauf in sein
-Schlafzimmer und machte Licht. Da wurde er gleich
-ernster, er ging noch eine Zeit lang hin und her und
-brummte vor sich hin: Jaja, hm, hm, jaja. Dann
-kleidete er sich aus, löschte das Licht und legte<span class="pagenum" id="Seite_107">[107]</span>
-sich ins Bett. Nach ein paar Minuten war er eingeschlafen.</p>
-
-<div class="tb"><sub>*</sub><sup>*</sup><sub>*</sub></div>
-
-<p>Von diesem Tage an war Karl Starkblom ein
-leidenschaftlicher Anhänger und Verkünder des
-Sozialismus. Er gewann bald Einfluß auf die
-Massen, er schrieb zündende Brochüren, reiste im
-Lande herum und hielt überall, in großen öffentlichen
-Versammlungen, in kleinen Gesellschaften und in
-Fachvereinen Vorträge. Er gehörte zu den leidenschaftlichsten
-Kämpfern gegen die bürgerliche Gesellschaft –
-wenn er auch nicht darauf verzichten wollte, die vorgeschrittensten
-Elemente derselben durch die Mittel
-vernünftiger Ueberzeugung für seine Sache zu gewinnen.
-So schien er ganz aufgegangen in dieser
-Thätigkeit; er schien zu wissen, wofür er lebte oder
-vielmehr gar keine Zeit mehr zum Grübeln zu haben.</p>
-
-<p>Eines Abends aber – er stand schon seit Monaten
-mitten in der Bewegung – ereignete sich etwas sehr
-Merkwürdiges. Freilich, wenn er später daran dachte,
-mußte er sich sagen, es kam nicht so ganz plötzlich,
-es hatte sich zu verschiedenen Malen angezeigt, immer<span class="pagenum" id="Seite_108">[108]</span>
-war es ein jäher Einfall, der plötzliche Dolchstich
-eines Zweifels gewann, aber es war stets sofort wieder
-gegangen, und er hatte weiter keine Acht darauf.
-Schon am ersten Abend, in jener Versammlung war
-eine Bangigkeit an ihm heruntergelaufen gleich einem
-körperlichen Übelsein, und dann Abends vor dem
-Einschlafen, und dann später wieder und nochmals
-und ein anderes Mal … aber ohne Zusammenhang
-… ein plötzliches Zurückschaudern … ein
-dummer Gedanke, der sich wieder vergaß&#160;…</p>
-
-<p>Diesmal aber überwältigte er ihn. Er hielt vor
-einer außerordentlich stark besuchten Versammlung in
-einer großen Stadt des westlichen Deutschland einen
-Vortrag über das Thema: Warum muß der
-Sozialismus siegen?</p>
-
-<p>Im Saal war eine fürchterliche Hitze und eine
-entsetzlich schlechte Luft; draußen tobte und brüllte der
-Sturm. Er hatte im ersten Teil seiner Rede den
-gegenwärtigen Zustand der menschlichen Gesellschaft
-in scharfen Zügen vorgeführt. Seit kurzer Zeit
-unterließ er es, sich genau auf seine Reden vorzubereiten;
-er wollte sich tragen lassen vom Strom der
-Gedanken und auch der Worte. So kam es, daß er<span class="pagenum" id="Seite_109">[109]</span>
-diesmal in einen Gedankengang hineinkam, der ihm
-selbst neu war. Das störte ihn nicht, er redete geläufig
-weiter, aber er paßte selbst auf und mußte
-allerlei Nebengedanken unterdrücken. Er sprach davon,
-daß ein großer Unterschied sei, zwischen dem Kampf
-für die sozialistische Gesellschaft als Ideal und diesem
-Gesellschaftszustand, wenn er erst einmal erreicht und
-zur Gewohnheit geworden sei. Das sollte den Uebergang
-bilden zum zweiten Teil, der Schilderung der
-sozialistischen Gesellschaft in großen Zügen. Aber er
-kam über den Gedanken nicht weg. Von früherer
-Gelegenheit her wußte er, was da am besten zu thun sei.
-Er sprach den Satz, an dem er gerade hielt, zu Ende
-und dann machte er eine Pause. Dann mußte ihm
-der neue Gedankengang von selbst kommen. Aber
-diesmal geschah es anders. Sowie er ein paar Sekunden
-gewartet hatte, kam ihm ein innerliches Lachen
-und Aufbäumen und ein fürchterlicher Nebengedanke,
-den er nicht abschütteln konnte. »Mann gieb’s auf!
-Es ist alles falsch! Hat alles keinen Sinn!« Das
-drehte sich ihm immer wirbelnd im Kopfe. »Hat alles
-keinen Sinn! Ist ja ganz falsch! Gieb’s auf, Mann
-gieb’s auf!« Er stemmte sich gegen den Tisch. Es mußte<span class="pagenum" id="Seite_110">[110]</span>
-ihm gelingen. »Meine Herren«, fing er gewaltsam an.
-»Indem ich zum zweiten Teil meiner Auseinandersetzung
-schreite.« – Er verstummte. »Hör’ doch
-auf – du lügst ja – denke doch erst über das
-andre nach – es hat ja keinen Sinn – die ganze
-Geschichte – was gehen dich denn andre Menschen
-an?« Er fuhr mit der Hand durch die Luft. Dann
-that er einen unterdrückten Schrei, fuhr mit der Hand
-nach dem Kopf und sank um. Die Versammlung
-ging in großer Aufregung auseinander. Starkblom
-aber erwachte bald wieder aus seiner Ohnmacht, fühlte
-sich zum Verzweifeln elend und fuhr am nächsten
-Morgen nach seinem Weißen Hause zurück. Dort
-blieb er ganz einsam und ließ lange Zeit nichts mehr
-von sich hören. Ein paar Monate darauf aber erschien
-eine kleine Flugschrift, die in litterarischen und
-politischen Kreisen ziemliches Aufsehen machte. Sie
-hieß: »Sendschreiben Karl Starkbloms an das
-Menschengeschlecht. Zugleich ein Absagebrief an den
-Sozialismus.«</p>
-
-<p class="center larger p2">
-❦
-</p>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_111">[111]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Dritter_Abschnitt">Dritter Abschnitt.</h2>
-
-<p class="center">Sendschreiben Karl Starkbloms an das Menschengeschlecht.
-Zugleich ein Absagebrief an den
-Sozialismus.</p>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-i.jpg" alt="" /></div>
-<p class="drop-i">Jüngst las ich zufällig in einem sozialdemokratischen
-Provinzblatt die Notiz, »der bekannte Agitator
-<em class="antiqua">Dr.</em> Starkblom scheine von seiner bedauerlichen Krankheit
-immer noch nicht hergestellt und könne seine
-Thätigkeit vorderhand noch nicht aufnehmen«.</p>
-
-<p>Es ist wahr, die Krankheit, die mich urplötzlich
-überfallen hat, ich sollte sagen, <em class="gesperrt">wieder</em> überfallen hat,
-will nicht von mir weichen. Diese Krankheit hat
-jetzt sogar epidemischen Charakter angenommen, d. h.
-ich fühle die rasende Begier, meine friedlichen Mitmenschen,
-soweit sie mir Zutritt zu ihren Gedanken
-schenken, anzustecken, nur um frei zu werden von dem<span class="pagenum" id="Seite_112">[112]</span>
-quälenden Bewußtsein, andere Leute seien kerngesund
-und nur ich sei ausgestoßen aus der schönen
-Gemeinschaft.</p>
-
-<p>Aber ist es nicht vielleicht gerade umgekehrt?
-Doch, ich weiß es mit Bestimmtheit, das Gegenteil
-ist der Fall. Ihr seid wahnwitzig und ich – nun,
-ich bin vielleicht wahnsinniger als ihr, das ist
-möglich, aber ich will euch verführen zu meinem
-Wahnsinn, damit ich gesund scheine. Denn Krankheit
-ist nur ein Gegensatz und ein Ausgestoßensein des
-Einzelnen aus der Gemeinschaft.</p>
-
-<p>Und nun zu dem, wovon ich reden will. Ich
-will sagen, daß der Sozialismus eine Sache mittelmäßiger
-und gewöhnlicher Naturen ist, und ich will
-solche, die mich verstehen können, von der Genossenschaft
-der Genossen abziehen und mir und meiner
-Lehre verschwistern.</p>
-
-<p>Ich nenne den Sozialismus um deswillen gemein,
-weil er Voraussetzungen macht, ohne es sich und
-andern einzugestehen, obwohl er zur Einsicht klug und
-alt genug wäre, und weil er im Banne alter Worte
-steht und weil er nicht ein einziges neues Wort gesprochen
-hat noch je zu sprechen im Stande ist. Der<span class="pagenum" id="Seite_113">[113]</span>
-Sozialismus, gleichwohl er sich eine neue Weltanschauung
-zu nennen für gut findet, setzt voraus, es
-gebe eine Pflicht des Menschen sich um seinen Nachbarn
-zu kümmern, es gebe eine Gemeinschaft der
-Menschen und der Einzelne habe ein Interesse an der
-Zukunft der Menschheit und der Welt. Er begründet
-diese wichtigste aller Voraussetzungen niemals mit
-einem Worte, weil er gänzlich unter dem Banne einer
-alten Moral, des jüdisch-christlichen Sittengesetzes und
-seiner Variationen, steht und weil er unfähig ist, die
-Möglichkeit einer neuen Welt- und Seelenanschauung
-auch nur zu ahnen. Der Sozialismus ist nicht
-Original, sondern er ist nur eine Folge historischer
-Reminiscenzen. Wenn er Revolution sagt, meint er
-eben das, was man bislang unter Revolution verstanden
-hat, und er kennt keine andern Mittel und
-Wege, als die bisher scheinbar wirksam gewesen sind.
-Der Sozialismus ist schamlos, denn er glaubt an sich.
-Der Sozialismus ist kindisch, denn er denkt nicht an
-den Tod. Der Sozialismus ist erbärmlich, denn er
-läßt sich von einer abstrakten Idee beherrschen. Der
-Sozialismus ist ein armseliges Wesen, denn er kennt
-kein reiches Leben. Der Sozialismus ist ein eingebildeter<span class="pagenum" id="Seite_114">[114]</span>
-Kranker, der fortwährend sein Testament
-macht, anstatt zu tanzen und Lieder zu singen oder
-sich tot zu schießen. Und der Sozialismus ist eine
-Lüge, denn er redet von der Zukunft, und er ist
-Aberglaube, denn er nennt sich eine Wissenschaft.</p>
-
-<p>Man verlangt Beweise von mir. Man verlange
-sie nicht. Ich will nicht beweisen. Ich bin keine
-Anklagebehörde und kein Untersuchungsrichter. Ich
-gebe nur meine Eindrücke und mein Erleben wieder.
-Ich hasse den schreienden Ton der Unbedingtheit.
-Aber die Selbstverständlichkeit liebe ich. Wem viele
-Dinge selbstverständlich sind, der folge mir nach. Wer
-sich die Aufregung und das Für oder Wider mich
-noch nicht abgewöhnt hat, der bleibe dahinten. Leute
-wie mich, sucht man am besten, indem man sie meidet
-und seinen Gang weiter geht. Man wird so reif.
-Und nur zu Reifen will ich sprechen. Ob auch zu
-Müden? Die Worte sind mir gleichgiltig geworden.
-Auch die Welt? Auch die Welt. Nur eines ist mir
-noch wichtig und des Denkens wert und gewärtig
-und ich freue mich wie ein Dieb dieser Inkonsequenz.
-Dies eine aber ist – lachet, meine Freunde, ich
-lache mit – dies eine ist der Tod. Er liegt mir am<span class="pagenum" id="Seite_115">[115]</span>
-Herzen und von ihm muß ich noch viel erzählen. Seid
-ihr bereit? Ich will euch etwas erzählen – vom
-Leben.</p>
-
-<p>Halt – sollte ich nicht, bevor ich auf das Leben
-zu sprechen komme und auf meine Gedanken und die
-Vergangenheit und Geschichte meiner innersten Vorgänge
-und Stimmungen – sollte ich nicht vorher von
-den ökonomischen Verhältnissen reden, und sollte ich
-nicht die unumstößliche Wahrheit von vorneherein annageln,
-daß die materiellen Erscheinungen die Ideen
-hervorbringen, und daß alle meine Gedanken und
-Willensmeinungen die Früchte unseres Zeitalters des
-Kapitalismus sind? Sollte ich nicht von Gottes und
-Rechts wegen anders organisirt sein als ich es bin,
-sollte ich nicht, bevor ich von mir rede und sage was
-ich will, beobachten und feststellen, welchen Gang die
-Ereignisse nehmen müssen, wohinaus die Geschichte
-nach den immanenten ökonomischen Gesetzen des Karl
-Marx gelangen muß? Kurz – sollte ich nicht ein
-Thor sein? Ein Narr, dem seine besonnenen Beobachtungen
-mehr wert sind, als seine gehäuften unbewußten
-zufälligen tausendfachen Erfahrungen? Sollte
-ich mich nicht fortwährend als Ring in der Kette<span class="pagenum" id="Seite_116">[116]</span>
-einer festgelegten Entwicklung fühlen? Sollte ich mich
-nicht in zwei Teile teilen und den einen vom andern
-beherrschen lassen? Sollte ich mich nicht den Wissenden
-anschließen, anstatt wie jetzt einer zu sein, der nichts
-wissen will?</p>
-
-<p>Ja, das ist es, warum ich mir selber merkwürdig
-und absonderlich und vielleicht auch wichtig vorkomme:
-ich gehöre zu denen – denn ich bin doch nicht der
-Einzige? – die vergessen wollen, vergessen alles, was
-dagewesen sein soll, die einen Grund und eine Abstammung
-haben, aber nichts davon wissen wollen, die
-zu keusch sind, um ihr Leben zu leben nach Kenntnissen
-und Mitteilungen und Beobachtungen, anstatt
-wie ein göttliches Tier auf einen ungekannten Grund
-hin, einem unbekannten Ziele zu. O ihr Klaren und
-Unabänderlichen, ihr historisch Begründeten und Zielbewußten,
-ihr Einsichtsreichen und Vollundganzen, ihr
-Vergangenheitsleber und Zukunftsleber und Gegenwartsnichtse,
-ihr Aufderhöhederzeitseienden und Bewußtheitsaffen,
-ihr Vielseitigen und Vielzeitigen, ihr Tiertöter
-und Gottschänder und Menschenverstümmler, ihr
-Papiermenschen und Drahtpuppen, ihr seid mir widerlich,
-höchst widerlich! Jener Sokrates, der zugab, es<span class="pagenum" id="Seite_117">[117]</span>
-wisse nichts, war wenigstens nicht so gar übelriechend;
-aber wo findet man einen, der nichts wissen <em class="gesperrt">will</em>?
-Der nur leben will, nur leben – oder sterben?</p>
-
-<p>Vom Leben also will ich meine Rede beginnen,
-vom Leben des Menschen, des höchsten Menschen.
-Aber nicht will ich sprechen von den Nöten des Lebens,
-von den niedrigsten Menschen, den Ärmsten der Armen.
-Und nun sollte ich, so gehörte es sich, affectieren, ich
-sei ein harter Mensch, ein Fürst der Erde, hocherhoben
-über alles, was unter ihm steht, weit entrückt vor
-allem der schwächlichen Regung des <em class="gesperrt">Mitleids</em>. Ich
-liebe es aber nicht, mich zu verstellen, und ich mag
-nicht die erzwungene Konsequenz. O ja, ich fühle
-Mitleid mit euch, ihr Proletarier, heißes Mitleid, so
-gut wie einer, aber das ist mir ein unangenehmes
-Gefühl. Es ist ein Gefühl, das da ist, aber es ist
-nur trotz alledem da und ich verbitte mir, daß es sich
-zum Zentralpunkt machen will, von dem alle meine
-Wünsche und Ansichten und Absichten ausgehen müssen.
-Ihr lieben Kinder, die ihr das Leben nur von weitem
-in strahlendem Glanze erblickt, die ihr die Not
-kennet und den Schein des Lebens, das Leben aber,
-nein, das Leben kennt ihr nicht. Drum habt ihr<span class="pagenum" id="Seite_118">[118]</span>
-auch das gute Recht, alle eure Kraft einzusetzen, um
-das Leben und was ihr den Genuß des Lebens nennt,
-zu erkämpfen. Euch verstehe ich, ihr jagt einem
-schönen Bilde nach, jaget weiter, bis ihr bitter enttäuscht
-werdet. Früher kann ich nicht zu euch sprechen.
-Suchet das Leben, damit ihr es fliehen lernt.</p>
-
-<p>Aber jene andern, jene sozialdemokratischen Lehrer
-und Führer, unter denen, meine ich, sollten welche
-sein, die etwas vom Leben wissen könnten. Und wenn
-sie dennoch jenem weichen Wachse die Sehnsucht nach dem
-Leben eindrücken, dann thun sie es teils aus Dummheit,
-indem sie sich einreden, das Elend einer lebenden
-Seele beruhe auf demselben Grunde wie die Nöte der
-arbeitenden Kinder – nämlich auf den Wirtschaftsverhältnissen
-des Zeitalters; oder sie sind gewöhnliche
-Menschen, die ihr Leben nur dadurch ertragen, daß
-sie andere beherrschen, die aber keinen Zustand ihres
-eigenen Menschen zu begreifen und auszudenken verstehen,
-die die äußere Welt mit scharfer Brille betrachten
-und wissenschaftlich fassen, die aber nie ein
-Gelüste verspürt haben, die Gründe ihres eigenen
-Handelns, ihres eigenen Lebens zu prüfen – und
-zu verachten. Also kleinliche mittelmäßige Seelchen, die<span class="pagenum" id="Seite_119">[119]</span>
-sich selber das Leben erträglich machen durch ihr
-Gerede – und das nennen sie neue Weltanschauung!
-– und die nichts weniger als großartig sind in ihrer
-Herrschsucht und Verführungskunst. Sie wissen nicht
-einmal, warum sie die Zukunft predigen, sie sind Thoren
-genug, zu glauben, es sei wirklich um der Zukunft
-willen, sie sind Egoisten und wissen es nicht –
-o über diese Kindsköpfe! Man erstrebt etwas, weil
-man das Streben liebt, das ein Teil der eigenen
-Seele ist, sie aber reden sich ein, ihre ganze Seele
-werde angezogen von dem etwas außerhalb. Sie
-wissen nicht, daß das etwas nur ein gleichgiltiges und
-zufälliges Symbol ihres innern Menschen ist. Daß
-es in die Zukunft projektiert ist, um glanzvoller zu
-wirken und zu beherrschen! Daß man es zu andern
-Zeiten in den Himmel projektiert hätte. Und zu
-andern auf die Insel Utopia. Und ein drittes
-Mal auf den Olymp. Oder auch in das goldene
-Zeitalter oder in den Garten des Paradieses.
-Sie glauben, Zukunft, das sei etwas in der Wirklichkeit,
-das sei etwas, was den Menschen mehr
-angehe, als Himmel und Hölle. O über diese
-Kindsköpfe!</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_120">[120]</span></p>
-
-<p>Nochmals – diese Führer muß ich ganz und gar
-in meiner Betrachtung trennen von den Geführten und
-Verführten. Mit diesen habe ich zwar Mitleid, ich
-gestehe es zu, aber ferne ist von dieser Art Mitleid
-jegliche Verachtung. Im Gegenteil, ich sehe mit
-großem Schmerz, wie lang und umständlich der Weg
-ist, den diese vielfach trefflichen Menschen noch gehen
-müssen, bis sie da sind, wo ich stehe, bis sie sehen, daß ihre
-Nöte, die sie vom Leben trennen, daß diese zu überwinden
-sind, daß aber im innersten Kern des Lebens,
-des menschlichen Lebens ein unüberwindlicher und viel
-tieferer Jammer steckt als in jener häßlichen Beschalung.
-Freilich, es will mir so scheinen, als ob
-auf eine sonderbare Art der Sozialismus geeignet sei,
-diesen Weg in seltenen Fällen zu verkürzen, während
-er ihn bei der großen Masse gänzlich verschüttet und
-unbetretbar und ungesehen macht. Ich kenne einige
-ganz wenige Menschen, ganz einfache Arbeiter, die ich,
-wie wenige in mein Herz geschlossen habe. Lange
-Jahre waren sie glühende Sozialdemokraten, Nichtsalssozialdemokraten,
-dann aber durchschauten sie
-schaudernd die Motive einiger Führer, sie sahen Dinge
-an diesen Leuten, die diesen selber in ihres Herzens<span class="pagenum" id="Seite_121">[121]</span>
-allzu großer Einfalt gar nicht bekannt waren. Es ist
-nicht zu glauben, mit welcher unheimlichen entsetzlichen
-Geschwindigkeit sie – aber nur ganz wenige sind
-das – nunmehr ihren Weg gingen oder flogen oder
-gerissen, geschmettert wurden. Sie nannten sich noch
-Sozialisten, wo sie es schon nicht mehr waren, sie
-suchten immer neue, immer weniger betretene Pfade,
-um ihr »großes Ziel«, das sie immer noch einzig
-suchten, zu erreichen; sie streiften die Lehre von der
-ökonomischen Grundlage von sich ab und nannten sich
-wieder Idealisten und Anarchisten. Dann wurden sie
-Individualisten, aber Individualisten ganz eigener,
-nie erhörter Art, denn sie suchten den Individualismus
-immer noch in der Zukunft als Ideal, sie
-wollten einen Individualismus schaffen durch gemeinsame
-Arbeit, durch Kommunismus. Aber daneben
-verlangten sie schon, auch die Mittel und Wege müßten
-individualistisch sein. Und nun streiften sie das
-Istentum ab, sie wollten nichts mehr, sie waren etwas,
-nicht mehr Individualisten, sondern Individuen. Und
-damit waren sie auch schon gänzlich auf sich gestellt
-und dem Pessimismus verfallen, und ihren Glauben
-hatten sie völlig verloren und ihre Sehnsucht<span class="pagenum" id="Seite_122">[122]</span>
-nach dem Leben dazu. Merkwürdig, ihnen, diesen
-auserwählten Menschen, ihnen ekelt vor dem Leben,
-obwohl sie es doch kaum gelebt, kaum gesehen, nur
-eine ganz dünne Ahnung vom Leben ist über ihre Seele
-gehuscht, und schon wenden sie sich scheu von ihm ab.
-Und ich glaube, während ich von ihnen erzähle, stehen
-sie traurig lächelnd daneben. Ja, diese Menschen gehören
-zu meinen Zuhörern, und sie stehen in der
-vordersten Reihe, und ihre Herzen liegen mir offen
-da, und sie harren des Wortes, das ich sprechen soll.
-Und wenn ich das Wort ausspreche, das Wort »Tod«,
-dann klingt ihnen das schon reif und vertraut, sie sind
-mürbe geworden und verstehen mich und folgen mir
-nach. Ich segne euch, meine Brüder, unsere Wege
-kommen aus verschiedenen Geburten, aber nun haben
-sie sich gefunden und bleiben beisammen.</p>
-
-<p>O über diese Sozialdemokraten, die so vieles beobachtet
-und vor allem so vieles behalten haben, die
-alles wissen, nur nichts von den unbewußten Regungen
-ihres Willens und nichts vom wahren Wesen ihrer
-Persönchen! O über diese gelehrten Menschlein, die
-von Wörtern leben, die glauben, ein Wort sei ein
-Wort und ein Ding sei ein Ding, die alles Zusammengesetzte<span class="pagenum" id="Seite_123">[123]</span>
-sehen, als ob es einfach wäre, die
-Gegensätze für Einheiten halten. Weil sie beglückt sind
-in ihrem Streben nach der Zukunft, wähnen sie, das
-Glück zukünftiger Menschen sei gesichert, wenn der
-Wille der Gegenwart erfüllt werde. Sie ahnen nicht,
-daß Absicht und Zweck zwei Dinge sind, die nie zusammen
-kommen, sie glauben, es sei dasselbe. Wie
-ungeheuer werden sie beschämt von einem andern einfachen
-Arbeiter, der mir allerdings auch noch ferne
-steht, von einem Manne, bei dem alles unbewußt ist,
-der so gut wie gar keine gewollte und kontrolierte
-Erkenntnis hat, und der doch diese Grundwahrheit klar
-erkannt hat und der mit einer unerhört schönen Gewalt
-in die Worte ausbricht:</p>
-
-<p>»Freiheit du wunderbares Wort, du Signal des
-Lebens, du Ruf aus einer andern Welt, wie durchdringst
-du sogleich meinen ganzen Körper; wie einen
-Adler läßt du mich hinaufschwingen, hinauf in das
-strahlende Licht, in die reinen Lüfte, allen Staub und
-alles Menschenelend zurücklassend, aber ach, wie der
-Adler wieder zurückkehren muß zu seinem Horst, so
-muß auch ich wieder zurückkehren zur Menschenheimat
-und muß es bei deinem Klang mitfühlen mit den<span class="pagenum" id="Seite_124">[124]</span>
-Tausenden, die ihr Leben in ungerechten Fesseln des
-Körpers dahinbringen müssen, muß bei deinem Klang
-so oft Empörung in mir wahrnehmen, als ich Luft
-und Licht in Fesseln geschlagen sehe.</p>
-
-<p>Ȇberall, wo ungerechten Fesseln halber der Ruf
-Freiheit erschallt, ist das der Ruf des Guten, ist es
-der Ruf der Vernunft, hier bedeutet Freiheit das Gute;
-die Freiheit als Kraft ist aber nicht das Gute, vielmehr
-bei denen, welche ungerechte Fesseln anlegen,
-herrscht die Freiheit, das ist das Schlechte und fehlt
-das Gute, das ist die Vernunft.</p>
-
-<p>»Freiheit und Vernunft sind die beiden sich bethätigenden
-und bekämpfenden Kräfte im einzelnen
-Menschen wie im ganzen Geschlecht, und je mehr
-die Vernunft als wirklich solche bei Rufern wie
-Hörern zur Herrschaft gelangt, um so mehr wird
-der Ruf Freiheit und mit ihm der Ruf Gleichheit
-verschwinden.«</p>
-
-<p>Ein Arbeiter schreibt das, meine Herren, und
-einer, der vom Sozialismus weniger berührt wurde
-als andere. Schämt ihr euch nicht? Ahnt ihr nicht,
-was ihr vernichtet und verwässert habt, welche Tiefe
-euch abgeht und welche ihr ewig zerstört habt? Seht<span class="pagenum" id="Seite_125">[125]</span>
-ihr nicht, daß dieser stammelnde und ahnende Arbeiter
-beinahe schon jetzt über euch lacht? Was hättet ihr
-erreichen können, wenn ihr nicht hättet so ernsthaft
-sein wollen! Welche Bewegung wollte entstehen, wenn
-ihr große frivole Kerle gewesen wäret! Wenn ihr
-zum Einzelnen gesprochen hättet und ihm das Lachen
-und Sterben gelehrt hättet! Aber was wißt ihr vom
-Lachen und Sterben? O ihr ernsthaften langweiligen
-lebenslänglichen Hanswurste und Kindsköpfe! O ihr
-Sittlichen und Guten, ihr Naturgesetzlichen und
-Ökonomischen! O wie ist euer Sozialismus so verkehrt,
-weil er geradeaus gehen wollte, immer geradeaus
-in Marschkolonne! Weil ihr nur eines vor euch seht,
-ihr Geblendeten! Ihr Hypnotisierten, ihr Medien,
-ihr Mittelmäßigen!</p>
-
-<p>Und wie lange glaubt ihr denn eigentlich, daß
-ihr noch warten könnt? Ist denn solch eine rasende
-Verblendung schon einmal dagewesen? Ihr habt vor
-dreißig und noch mehr Jahren ein paar armselige
-Schlüsse gezogen aus ein paar winzigen Beobachtungen
-und nun habt ihr einen Glauben darauf gepfropft –
-o nein, entschuldigt, eine ewige Wissenschaft, nicht
-wahr, eine ewige? und eine Partei habt ihr gebildet<span class="pagenum" id="Seite_126">[126]</span>
-und da die Dinge sich ganz langsam so gestalten wie
-ihr es prophezeiht habt, und da die bürgerliche Welt
-ganz langsam zerbröckeln will, und da eure Partei
-allmählich zunimmt, predigt ihr immer dasselbe und
-predigt es unermüdlich und predigt und predigt, damit
-wenn die Zeit da sein könnte, ihr auch noch da seid,
-im Gedächtnis der Mitwelt. Glaubt ihr denn wirklich
-ganz an eure Unfehlbarkeit, daß ihr so fürchterlich
-langsam seid? Glaubt ihr denn, nichts, aber auch
-gar nichts könne euch über den Kopf wachsen? Hattet
-ihr denn eine Ahnung, vor 30, 40 Jahren, daß auch
-einmal Stimmen klingen könnten, aus der bürgerlichen
-Gesellschaft heraus, die nichts mit Ausbeutung zu thun
-haben? Stimmen wie die meine, wenn sie Gehör
-finden und Echo, gehn sie euch denn gar nichts
-an? Ist denn die Welt nicht eine ganz andere,
-als ihr träumt, wenn ein Teil der bürgerlichen
-Gesellschaft lachend über seinen eigenen Schatten
-springt und über seine eigene Klinge? Wenn wir uns
-selbst aufheben, könnt ihr uns dann noch expropriieren?</p>
-
-<p>Und ich höre mir eine Stimme antworten, gesättigt
-von Marxismus und hungrig nach Kapital:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_127">[127]</span></p>
-
-<p>»Du und deinesgleichen, ihr seid nur eine Erscheinung
-des Verfalls und der Korruption. Ihr seid
-vereinzelte Bourgeois, die übersättigt sind und blasirt
-und keinen Genuß mehr finden. Ihr spielt keine
-Rolle, im übrigen bleibt alles wie es war. Der
-Kapitalismus beutet aus, das Proletariat hungert oder
-lebt mindestens in menschenunwürdigen Zuständen –
-bis die Stunde der Befreiung schlägt. So ist es, so
-wird es sein!«</p>
-
-<p>Das ist die Sprache des Sozialismus, und mancher
-wird vielleicht finden, der Mann habe recht.</p>
-
-<p>Der Mann hat aber nicht recht, weil er den
-wahren Schmerz nicht kennt und nicht den Ekel, und
-in einem zu sagen, weil er das Leben nicht kennt.
-Um euch nun aber endlich meine Meinung vom
-Leben zu sagen, will ich in einem Gleichnis zu euch
-sprechen:</p>
-
-<p>Meine Freunde, kennt ihr die Geschichte des
-Kindes? Aber eben fällt mir ein, daß ihr Geschichte
-überhaupt nicht kennt; ihr kennt nur Weltgeschichte
-und Kulturgeschichte und dergleichen unnütze Erlogenheiten
-aber Geschichten von einzelnen Dingen und
-ihren Veränderungen und Betrachtungsweisen gehen<span class="pagenum" id="Seite_128">[128]</span>
-euch ab. Nun also – richtet eure Gedanken auf das
-Kind, das kleine Kind. Wißt ihr, mit welchem Gefühle
-frühere Menschen solch ein kleines Wesen betrachtet
-haben? Mit innigem Mitleid ob seiner Hilflosigkeit,
-man bedauerte das Menschlein, daß es das
-Leben noch nicht kannte und den Lebensgenuß noch
-nicht verstand; man sprach immer nur von dem
-»armen Kinde«. Wie aber ist es heute? Nennt
-man nicht heute das Kind glücklich und überglücklich,
-weil es noch nichts weiß vom Leben, beneidet man
-das Kind nicht, und denkt nicht jeder an seine Kindheit
-zurück als die Zeit, wo er ganz und gar
-glücklich gewesen sei? Und wie ist es mit dem Schlafe?
-Ihr kennt auch die Geschichte des Schlafes nicht.
-Erschrak man nicht früher vor dem Einschlafen? War
-es nicht ein Entsetzliches, das Bewußtsein zu verlieren
-und die Freude am Dasein? Fürchtete man
-sich nicht vor der kindischen Hilflosigkeit des Schlafes?
-Aber jetzt? Man freut sich auf’s Schlafen, man
-lächelt dem Einschlummern entgegen, das Bewußtsein
-zu verlieren ist eine Wonne, man will nicht aufwachen
-und zwingt sich des Morgens zu einem zweiten
-Schläflein, in dem man mit voller Absicht seine<span class="pagenum" id="Seite_129">[129]</span>
-Träume weiterspinnt, und wacht dann auf, verstört
-und voll Entsetzen über das Licht des Tages und die
-Sonne des Lebens. Und was giebt es für die Jetztlebenden
-Entsetzlicheres als eine schlaflose Nacht?
-Alle Mittel werden angewandt, nur um zu schlafen,
-zu schlafen.</p>
-
-<p>Und wollt ihr immer noch behaupten, der Kapitalismus
-sei es, der das bewirke, dieses Entsetzen vor
-dem Leben und diese Sehnsucht nach todesähnlichen
-Zuständen? O nein, geht mir weg mit eurer Lüge
-vom bösen Gewissen oder was ihr ersinnen wollt.
-Wir haben ein recht gutes Gewissen und die Ausbeutung
-stört uns wenig. Hunderte und Tausende
-giebt es und hat es schon immer gegeben, und es
-sind, ihr könnt sagen was ihr wollt, die edelsten und
-höchsten unter den Menschen, die dahin leben, als wäre
-die Menschheit schon viel weiter als euer Sozialismus
-sie bringen will, die sich nichts, aber auch gar nichts
-um die Produktion bekümmern, und in deren Familie
-ist es schon so seit Generationen, als ob eine unsichtbare
-und auch ganz gleichgiltige großartigste
-Maschinerie ihnen alle Bedürfnisse und allen Luxus
-des Lebens lieferte, sie haben ein gutes Gewissen, denn<span class="pagenum" id="Seite_130">[130]</span>
-sie wissen gar nichts und wollen nichts wissen von
-eurer Entdeckung, daß die Maschinerie, die sie bedient,
-aus Menschen besteht, aus armen, schwitzenden geknechteten
-Menschenkindern; folglich kann diese kapitalistische
-Einrichtung sie gar nicht berühren und berührt
-sie auch nicht. Zu diesen Menschen, die wie
-Götter schreiten auf der Höhe hinweg über die Rücken
-arbeitender Lohnsklaven, gehören unsere erlesensten
-Denker und Dichter – und doch, was halten diese
-schließlich vom Leben? Meinte nicht Goethe am Ende
-seines Lebens, wenn er alles zusammennehme, wahrhaft
-glücklich sei er nur ein paar Stunden gewesen
-in seinem ganzen langen Leben? Wer wollte diesem
-erschütternden Bekenntnis nicht glauben? Ein paar
-wenige Stunden! Und dieser Mann gehörte zu den
-glücklichsten Menschen, die je gelebt haben! Und
-wessen Fanatismus der Dummheit ist so grenzenlos,
-daß er behaupten will, daran seien die ökonomischen
-Verhältnisse schuld? Nein, nein und abermals nein!
-Der Grund liegt tiefer, liegt in der ganzen unseligen
-Natur des Menschen und des Lebens! Der Grund
-ist, daß der Mensch ein denkendes Tier ist, daß er
-den Begriff des Zweckes kennt, und doch niemals, nie<span class="pagenum" id="Seite_131">[131]</span>
-und in Ewigkeit nie einen Zweck seines Daseins, an
-den er glauben kann, finden wird. Und wenn einer
-geglaubt wird, immer wieder hat der Mensch dann
-gefunden, das sei kein Zweck, dahinter stecke kein Sinn,
-dafür zu leben verlohne sich nicht. Und das wird
-so bleiben, ihr mögt an den ökonomischen Grundlagen
-ändern, soviel ihr wollt. Und wenn gar keine Arbeit
-mehr notwendig sein wird, wenn der Mensch in freier
-Willkür thun kann, was seinem Körper und seinem Geist
-frommt, und wenn er so bis auf einen einzigen Punkt
-ein Gott genannt werden dürfte, der Teil wird immer in
-ihm sein, der fragt: wozu das ganze und nochmals
-wozu? und der keine Antwort mehr findet, keine,
-ewig keine.</p>
-
-<p>Bis auf eines, habe ich gesagt. Wenn das eine nicht
-wäre, dann wäre er ein Gott, ein vollkommener Gott,
-nämlich ein Wesen, dessen entsetzliches Elend vollkommen
-wäre. Müßte der Mensch <em class="gesperrt">ewig</em> leben und
-<em class="gesperrt">ewig</em> fragen, wozu – o der Gedanke ist nicht auszudenken,
-laßt mich schweigen und mich freuen, daß
-es nicht so ist. Ja, eines giebt es, dessen freue sich
-der Mensch und dem jauchze er zu, dem singe und
-juble und tanze er entgegen, in diese lachende Höhe<span class="pagenum" id="Seite_132">[132]</span>
-werfe er sich tief, tief hinein, und er wage es jetzt
-gleich sich zu stürzen in diesen herrlichen, strahlenden
-Abgrund des Glückes: <em class="gesperrt">das ist der Tod</em>, jauchzet
-und empfangt ihn mit offenen Armen, meine seligen
-Freunde, <em class="gesperrt">das ist der Tod</em>!</p>
-
-<p>Ihr steht verblüfft, meine Freunde? Ihr habt
-alle schon ähnliches erwogen, aber nun ich es ausspreche
-ohne jeden Umschweif, nun sucht ihr Ausflüchte,
-nun wollt ihr auf einmal noch etwas finden, das das
-Leben lebenswert machen könnte? Suchet nur, ich
-sage euch, ihr werdet nichts finden.</p>
-
-<p>Die Sozialisten sind Thoren. Sie leben ganz
-im Kampf für ihr Ziel und bedenken nicht, daß eine
-Zeit kommen könnte, wo ihr Ziel ganz und gar
-erreicht ist. Was dann? Nun, dann ist alles herrlich
-und in Freuden. Dann haben sie den Himmel auf
-Erden, wie sie uns oftmals versichert haben. Mir
-aber sagt das Wort Himmel sehr wenig, ich will euch
-eine andere Schilderung geben.</p>
-
-<p>Denkt euch also, die sozialistische Gesellschaft ist
-da. Denkt euch, sie ist schon sehr lange Zeit da und
-schon gänzlich konsolidirt. Die Technik hat noch
-riesenhafte Fortschritte gemacht. Unangenehme Beschäftigungen<span class="pagenum" id="Seite_133">[133]</span>
-giebt es ganz und gar nicht mehr. Die
-Kinder werden körperlich und geistig aufs höchste ausgebildet,
-gegen einen fünfzehnjährigen Knaben aus
-jener Zeit, ist unser größtes Genie ein armes Waisenkind.
-1½ Stunden täglich etwa geht jeder Erwachsene
-zur Arbeit, das ist für den Einzelnen eine Erholung
-und für die Gesamtheit genügt diese Zeit doch zur
-Produktion und Distribution aller Bedürfnisse, so
-hoch diese sich auch gesteigert haben. Die Technik
-hat sich eben in noch viel großartigerem Maße gesteigert.
-Die übrige Zeit vertreibt jeder mit dem,
-wozu er Neigung hat. Nun, meine Freunde, glaubt
-ihr nicht mit mir, daß wenn dieser anscheinend so
-herrliche Zustand sich immer mehr vervollkommnet und
-immer mehr zur Gewohnheit wird, daß dann die
-ganze Nation, was sage ich, die ganze Menschheit
-mehr und mehr in ihrer Masse sich <em class="gesperrt">einem</em> hingeben
-wird, nämlich der <em class="gesperrt">Philosophie</em>, daß sie, nun sie
-keine Nöte mehr zu bestehen hat und der Kampf mit
-dem Materiellen zum Spiel geworden ist, Zeit hat,
-den ganzen Tag zu denken, an sich zu denken, und zu
-fragen: wozu sind wir denn eigentlich da? Wozu
-dieser ganze ungeheure, wundervolle, komplizierte<span class="pagenum" id="Seite_134">[134]</span>
-Apparat? Sind wir Selbstwerk? Nein, unmöglich,
-sonst würden wir nicht danach fragen. Sind wir
-ein Glied im großen Ganzen der Welt? Ja, was
-geht uns denn die Welt an? Wir wissen ja gar
-nichts von der Freude, die sie an unserem Dasein hat,
-wir nehmen ja keinen Teil daran, wir sind ja ausgeschlossen.
-Und dann, das würden diese göttlichen
-Menschen immer und immer wieder fragen müssen:
-besteht denn eine Einheit und ein Zusammenhang der
-Menschheit? Giebt es denn in der wirklichen Erscheinungswelt
-eine Gesammtheit? O nein, würden
-sie antworten müssen, über solche zusammenfassende
-Abstraktionen sind wir ja längst hinaus, der einzelne
-Mensch ist freilich kein Konglomerat blos von einzelnen
-Zellen, <em class="gesperrt">er</em> ist eine Einheit, <em class="gesperrt">er</em> hat ein Bewußtsein,
-aber was ginge den einzelnen Menschen der
-andere im geringsten an, wenn er nicht auf ihn angewiesen
-wäre? Und vor allem, was gehen uns die
-an, die nach uns kommen? Und wenn also der ganze
-Witz aus ist mit meinem Tod, was war denn dann
-dran? War das denn alles? Und darum, darum
-die unendliche Mühe unserer Altvordern, der Sozialdemokraten
-von anno dazumal? Wegen der paar<span class="pagenum" id="Seite_135">[135]</span>
-Jahre Leben? Die Mühe hätten sie sich sparen
-können! Der ganze Spaß, das ganze Spiel, alle
-diese Spaziergänge, dieses Musikhören, Dichten, Instheatergehen,
-Reiten, Fahren, Schwimmen, dieses
-Träumen und Emporsehnen, dieses Kindermachen,
-Güterspiel (so etwa werden sie das Arbeiten nennen),
-dieses Erfinden und diese Reisen, das Fliegen nicht
-zu vergessen – das hat doch alles keinen Sinn? Es
-ist ja doch kein Bewußtsein da und keine Freude, die
-bleibt. Es schwindet ja doch alles. Wir sind ja
-ganz einfach Tiere, die aus der Art geschlagen sind,
-weil wir nicht blos leben, sondern auch das Leben
-beobachten und etwas vom Leben wissen, weil wir
-nicht blos sterben, sondern den Tod im voraus kennen
-und sterben können, wann wir wollen. Der Selbsttod
-(denn das Wort Mord würde längst vergessen
-worden sein), der freie Tod, der ist eigentlich, was
-uns wesentlich trennt von allen andern Tieren. Beendigen
-wir doch also so rasch als möglich diese lächerliche
-Komödie, die zu gar nichts führt, aber auch zu gar
-nichts. Töten wir uns doch; töten wir uns, aber
-rasch, so bald als möglich, gleich jetzt; der ewig
-wiederholte Unsinn ist ja so fürchterlich langweilig!<span class="pagenum" id="Seite_136">[136]</span>
-Was sagt ihr dazu, meine Freunde? Müßte es nicht
-so kommen? – Was? Was höre ich? Dieser Einwand
-von euch? Ihr sagt mir, so könnte es nie
-kommen, ihr verleugnet den Sozialismus, ihr glaubt,
-es ginge anders, ihr wähnt, es gäbe irgend etwas
-anderes? O, das ist feige, sehr feige. Ich aber sage
-euch: der Sozialismus ist möglich, ohne Frage, und weiter
-sage ich euch: das ist eine hohe, sehr hohe Stufe des
-Menschen. Oder wollt ihr sagen, so wie der Mensch heute
-ist, sei er weniger veranlaßt, an den Tod zu denken, an
-den freiwilligen Tod? Ja, das ist möglich, das ist wahr.
-Aber ist dieser Zustand nicht noch viel ekelhafter? Und
-wenn er sich einmal tötet, nicht aus Philosophie oder
-Langeweile, was dasselbe besagt, sondern aus Notdurft,
-aus gemeiner Verzweiflung, ist das nicht ein niederträchtiger,
-unwürdiger Tod? Wenn aber der Sozialismus
-zu nichts führen kann, und wahrlich so ist es, als zum
-philosophischen Massentod der Menschheit, was haben
-wir anderes, größeres zu thun, als diesen Tod schon
-jetzt zu predigen mit tausend flammenden Zungen?&#160;–</p>
-
-<p>Halt, meine Freunde, wohin? Und so wolltet
-ihr denn, wie ihr da seid, in die Welt stürzen, um
-den Tod zu predigen, als meine Jünger? Und ihr<span class="pagenum" id="Seite_137">[137]</span>
-merkt ihn nicht, den Widerspruch, der mich kitzelt, so
-daß ich fast lachen müßte? Ihr seid mir noch viel
-zu flink, meine jungen und alten Gefährten. Aber
-ihr seid nicht die ersten, die sich von der Logik verführen
-lassen zu allerhand ernsthaftem Unsinn. Wahrlich,
-ich bedaure, daß ich euch mit der Logik in den
-Schlingen meiner Inkonsequenz gefangen habe. Aber
-ich will euch jetzt verraten, was mich lachen macht.
-Wie kann man denn den Tod – predigen? Ist es
-nicht dasselbe, als wollte ich den Tod – leben? Ist
-es nicht wahr, daß man den Tod nur sterben kann,
-wortlos, mit geschlossenen Augen, ohne Rücktritt?
-Gehn euch doch andre Menschen nichts an, warum
-wollt ihr sie verführen, statt sie in Ruhe zu lassen?
-Sterbet doch, meine Freunde, aber sterbe jeder für
-sich. Seid doch stille und macht mir keinen Lärm!
-Habe ich nicht recht?</p>
-
-<p>Seht, was ihr doch für alberne Kopfnicker seid!
-Ihr gebt mir schon wieder Recht. Fast sollte ich jetzt
-über euch weinen. Warum bleibt ihr denn neben mir
-stehen, wenn ihr das nicht erlebt habt, was ich?
-Wenn euer Wahnsinn ein ganz anderer, einfacherer
-ist als der meine? Sehet doch, ich bin zum Tod<span class="pagenum" id="Seite_138">[138]</span>
-noch gar nicht bereit, noch lange nicht. Ich habe
-noch meine Freude, nämlich eben meine Freude am
-Tod. Und darum rede ich meine Rede zum ganzen
-Menschengeschlecht, wer immer mich hören will oder
-mich zufällig hört, und zu spät sich anschickt, seine
-Ohren sich zuzuhalten. Ich habe meinen Spaß an
-den Menschen, die den Tod und die Todessehnsucht
-noch nicht kennen, es macht mir Freude, übermenschliche
-Freude, die Menschenmasse auszulachen und zu
-verhöhnen und dennoch zu ködern. Ich lebe noch,
-weil es mir Genuß bereitet, mit meinem Schmerze zu
-spielen und meinen Ekel in die Länge zu ziehen gleich
-einem zähen Teige. Ich liebe den Tod und darum
-lebe ich. Und außerdem bin ich ein abergläubischer
-Mensch, warum nicht? Es fröstelt mich, wenn ich
-daran denke, allein zu sterben. Es ekelt mir vor dem
-Gedanken, was die Menschen für dummes Zeug vermuten
-könnten, wenn ich einmal allein sterbe, wenn
-sie mich einen Selbstmörder nennten, die Unsinnigen.
-Ich liebe den großen Tod, ich will Gefährten und
-darum predige ich den Tod, weil das meinem Leben
-noch Reiz verleiht bis zum Ende. Aber ich werde
-sterben, meine Freunde, verlaßt euch darauf, ich werde<span class="pagenum" id="Seite_139">[139]</span>
-sterben. Und das ist die einzige Zukunft, die ich
-noch anerkenne, und diese Zukunft, ja die soll
-zusammenfallen mit meinem Willen. Ich werde
-sterben, das heißt, ich will sterben, und nicht
-mehr: ich soll sterben. Verhaßt und gemein
-ist mir der Tod auf dem Strohsack, der
-schleichende Tod wider Willen. Diesem Tod
-habe ich abgesagt, ihn lache ich aus mit all
-meinem Gelächter, niemals werde ich diesen Tod
-des Ungeziefers sterben. Stimmet ein mit mir,
-stimmet hell ein, meine Freunde, in den Ruf: Es
-lebe der Tod!</p>
-
-<p>Erschreckt nicht über meine entsetzliche Ehrlichkeit.
-Oder erschrecket ja. Denn ich bin nicht ehrlich um
-der Ehrlichkeit willen, und Wahrheit ist mir lange
-nicht mehr ein großes führendes Wort; ich bin es
-nur, weil es mir Vergnügen macht, in tausend Farben
-zu spielen und mich euch von allen meinen Seiten zu
-zeigen. Ich durchschaue mich selber und lache mich
-aus, wenn ich meine hintere Seite sehe und ich
-freue mich, daß ihr mein Vorderteil ernsthaft
-nehmt, obwohl ihr die Kehrseite meines Herzens geschaut
-habt.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_140">[140]</span></p>
-
-<p>Und überdies: ich kann Bocksprünge machen, so
-viel ich nur mag, wer mich versteht, der weiß, was ich
-meine mit dieser Schrift. Ich sage mich los vom
-Sozialismus, weil ich schwere vierschrötige Menschen
-nicht mag und weil ich das Leben nicht mehr ernsthaft
-nehmen kann. Und diejenigen, die mich fassen
-und mich gern haben, denen predige ich den
-Tod, und ich bitte sie bei all ihrer Liebe, mit mir
-zu sterben und also noch ein wenig zu warten, bis
-wir alle beisammen sind.</p>
-
-<p>Die aber noch ächzen unter den Nöten des Lebens,
-den Sklaven der Arbeit, denen rate ich, sofern sie
-mich hören wollen: Verzaget nicht, aber hoffet auch
-nicht, sondern machet euch frei! Schmeißt den Bettel
-weg, nicht aus Verzweiflung, sondern aus Einsicht,
-daß das Leben ein sinnloses Ding ist. Und
-dann schließet euch mir an und meiner Schar des
-Todes.</p>
-
-<p>Wer aber ungeduldig ist und nicht mehr warten
-will, der stirbt zwar nicht den schönen Tod, wie ich
-Narr ihn vorbereite, aber ich wünsche ihm doch:
-Gute Reise – und unbewußte Verwesung!</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_141">[141]</span></p>
-
-<p>Euch andern aber sage ich: Auf Wiedersehen –
-beim großen Sterben. Ich harre nun eures Echos
-und dann will ich wieder reden.</p>
-
-<p>Dem Sozialismus aber wünsche ich – ein langes
-Leben, ein schönes Greisenalter und den Tod auf der
-Matratze.</p>
-
-<p class="mright">
-<b>Karl Starkblom.</b>
-</p>
-
-<p class="center larger p2">❦</p>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_142">[142]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Vierter_Abschnitt">Vierter Abschnitt.</h2>
-
-<p class="center larger">Die Vision des Todespredigers.</p>
-
-<p class="center"><b>Zweites Sendschreiben an das Menschengeschlecht</b><br />
-von<br />
-<b>Karl Starkblom</b>.</p>
-</div>
-
-<h3>Einleitung.</h3>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-i.jpg" alt="" /></div>
-<p class="drop-i">Ich habe versprochen, nach einiger Zeit wieder von
-mir hören zu lassen und zu erwidern auf die
-Antworten, die mein erstes Schreiben hervorgerufen.
-Freilich hatte ich es mir anders gedacht und wenn ich
-könnte, müßte ich jetzt bitter werden. Eine Antwort, nämlich
-einen starken Widerhall, haben meine Worte überhaupt
-nicht gefunden. Ich dachte, es gebe Leute genug, die
-mir laut zujubeln müßten, daß ich das erlösende
-Wort gesprochen, aber nichts von alledem. Ich meinte,<span class="pagenum" id="Seite_143">[143]</span>
-meine Wohnung müsse täglich voll sein von Menschen,
-die sich zu mir drängten, um mit mir zu reden und
-sich bereit zu erklären. Aber Niemand kam, außer
-einem einzigen Menschen. Der drückte mir die Hand
-und dann ging er wieder. Es war ein Arbeiter.
-Und ja doch – ein paar Briefe erhielt ich, abgesehen
-von denen, in denen ich zum besten gehalten und angeulkt
-wurde. Ein paar Weiber und ein paar Jünglinge
-und ein einziger Mann, die erklärten sich bereit
-zum Sterben, »wenn es mir wirklich ernst sei«.
-Etwas der Art fügten sie alle hinzu.</p>
-
-<p>Meine Freunde, die ihr nicht da seid, meine Einleitung
-kann also kurz sein. Ich lebe nicht zu meiner
-Zeit. Ich habe geglaubt, ich könne verstanden werden,
-und man hat meine Schrift als ein litterarisches Ereignis
-aufgefaßt. Lächerlichkeit über Lächerlichkeit! Seid
-ihr so wenig an die Druckerschwärze gewöhnt? Meint
-ihr, wenn ein neuer Heiland käme, er würde sich
-heute wieder auf einen Berg stellen und eine Predigt
-halten? Nicht wahr, damit unten an der Böschung
-die Eisenbahn vorbeidröhnte und ihn auspfiffe? O
-ihr Nachahmer von allem, was früher gewesen, ihr
-freilich konntet meine Stimme nicht verstehen! Mir<span class="pagenum" id="Seite_144">[144]</span>
-fehlte die Würde und die Borniertheit des Bußpredigers.
-Einen lachenden Künder neuer Worte, den könnt ihr
-noch nicht ertragen. Ich bin traurig, sehr traurig,
-daß ich einsam bin, im Tode wie immer im Leben.</p>
-
-<p>Erwartet nicht, daß ich auf die sogenannte Kritik
-eingehe. Einige wenige freilich – nein, ich will
-nicht von ihnen reden. Sie stehen mir nahe, sie verstehen
-den Athem meiner Rede – und doch, doch!
-Sie haben mich gelobt, als ob ich ein Chamäleon
-wäre, oder ein Schriftsteller, der alles kann. Hätten
-sie geschwiegen und wären sie zu mir getreten um
-mir die Hand zu drücken, wie jener Arbeiter, dann
-– ja dann! Die Ehrfurcht fehlt ihnen, vor mir und
-vor sich selber.</p>
-
-<p>Meine Freunde, die ihr nicht da seid! Setzet
-euch im Kreise und höret mir zu! Wenn ich ruhte
-im Walde, wenn ich über nasse Wiesen ritt, des
-Nachts, wenn ich nicht schlafen konnte und auch
-nicht wollte – da habe ich das geträumt und
-immer fort geträumt, was im folgenden erzählt ist.
-Dann habe ich es niedergeschrieben und nun lasse
-ich es auch noch drucken. Warum das? Woher diese
-Thorheit?</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_145">[145]</span></p>
-
-<p>O merkt ihr es denn nicht, seht ihr das Leid denn
-nicht, das an mir zehrt? <em class="gesperrt">Ich suche Menschen!</em>
-Menschen suchte ich immer und immer, erst blickte
-ich um nach Tausenden und wiederum Tausenden,
-um zu ihnen zu sprechen und sie zu erkennen als
-Meinesgleichen und sie zu verführen zu meinem Tode.
-Und jetzt suche ich einen einzigen Menschen, <em class="gesperrt">einen</em>
-Menschen nur, der mich liebt und mit mir sterben
-will. Und darum trete ich nun zum zweiten Mal
-hin auf den Markt und prostituiere mich vor allem
-Volk und zeige mich bald nackt, bald angethan mit
-all meinem Putze.</p>
-
-<p>Und nun vernehmet <em class="gesperrt">die Vision des Todespredigers</em>.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<div class="chapter"></div>
-<p>Ich will euch von einem Manne erzählen, der
-keinen Grund hatte, sich selber auszulachen, der konsequent
-sein konnte und geradeaus gehen durfte, der
-an sich glaubte und Gläubige fand. Wer ist der<span class="pagenum" id="Seite_146">[146]</span>
-Glückliche? Und wie ist es ihm möglich? Wie ahmen
-wir ihm nach? Ganz einfach ist es ihm möglich,
-aber wir andern können’s nicht, auch wenn wir wollen.</p>
-
-<p>Der Mann, von dem ich erzählen will, war
-epileptisch. Was, ruft ihr voll Entsetzen, und du
-nennst ihn glücklich? Jawohl, selig nenne ich diesen
-Mann, daß die Krankheit seines Geistes in solcher
-Weise ausbrechen konnte. Wir alle sind ja epileptisch,
-in uns allen lebt etwas, das sich sträubt gegen das Leben,
-aber wehe über uns, deren Krankheit Geist heißt und
-deren Arznei wiederum Geist! Weit besser haben es
-die, deren Körper den Geist heilt und in die Bahnen
-der Ruhe lenkt. Sie haben nur die eine Hälfte
-ihres Hirns, denn die zuckende und krampfende Hälfte,
-die wie ein Gelächter schneidet in den Ernst und wie
-Wehschrei in die Freude ächzt – die ist nur Körper
-bei ihnen – und wenn ihr Körper sich windet und
-dreht, dann weiß die Seele nichts von den Zuckungen
-des Menschen und bleibt ganz und heil.</p>
-
-<p>Wohl denen, die das Bewußtsein verlieren dann,
-wenn sie irre würden an sich! Heil den Epileptischen!
-Sie sind Propheten und Heilige und Heilande.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_147">[147]</span></p>
-
-<div class="tb"><sub>*</sub><sup>*</sup><sub>*</sub></div>
-
-<p>Da, da, seht hin, da ist er, da kommt er!
-Schreitet er nicht wie ein Gott? Da ist er, da steht
-er in Mitten der tausendköpfigen Versammlung, hoch
-ragt er empor über alles Volk, Starkblom der Todesprediger!
-Seht ihr ihn, seht ihr? O jetzt schweiget.
-Es bedarf ja nicht der Ermahnung; alles lauscht
-atemlos, alles wird süß bestrickt vom Zauber seiner
-Rede. O wie er Macht hat über die Herzen der
-Menschen! Wie er sie bezwinget und in den Staub,
-auf die Kniee schmettert. Ehret den Tod! Seid
-in Treue gewärtig des Todes! Harret aus! Bald
-sollt ihr mit mir sterben den holden Tod in Größe
-und Freiheit. Dann hört ihr auf zu sein und das
-Häßliche, was Mensch hieß bisher, ist geschwunden
-aus dem schönen Bezirk der Göttin Natur. Ihr
-werdet heimkehren zur Unbewußtheit. Ihr werdet
-nicht mehr fragen, wozu. Die Thorheit des Zweckwahns
-ist gestorben mit euch. Eins ist wieder die
-Natur, alles ist schön, und nichts wird empfunden
-als eigene, <em class="gesperrt">eine</em> Schönheit. Die Zeit ist gestorben
-mit euch, und Ursache und Wirkung lebt dann nicht
-mehr. Und auferstehen wird jubelnde Veränderung
-und zweckloser, sinnloser, farbenfroher, tönender Zufall!<span class="pagenum" id="Seite_148">[148]</span>
-Sterbet, ihr Einzelnen, sterbet, damit der Wahn der
-Gesamtheit tot sei. Stirb, mein Bruder, damit alles
-aus ist, und lache im Tode derer, die an die unbedingte
-Entwicklung glauben und an den Fortschritt
-und wie die heiligen Wörter alle heißen. Sterbet,
-sterbet, werbet zum Sterben! Und weiter wälzt sich
-der Menschenstrom, und größer und größer wird die
-Masse der Todesfrohen. – Ha, wo ist er? Alles
-schwand meinen Augen? Ich erblicke nichts mehr.
-Ich höre nichts mehr. Ich liege auf dem Boden und
-stöhne und betaste meinen Leib. Wo ist dieser Starkblom?
-Starkblom, wo bist du?</p>
-
-<div class="tb"><sub>*</sub><sup>*</sup><sub>*</sub></div>
-
-<p>Sie haben überall, in allen Städten, die Statuen
-ihrer Fürsten und Heerführer auf den Marktplätzen
-von den Sockeln geworfen und mit den Stein- und
-Erztrümmern die Fenster der Schlösser und Paläste
-der Lebenden eingeschlagen. Und auf die Sockel haben
-sie kolossale Gerippe gestellt, vergötterte Todesgestalten,
-und sie haben ihre Kleider von sich geworfen und
-tanzen um das Bildnis des Todes, und jubeln und
-lachen und singen, und schmetternde Musik spielt<span class="pagenum" id="Seite_149">[149]</span>
-rauschende Marschweisen. <em class="antiqua">Allons enfants, allons
-nous-en!</em> Und die Sonne scheint so golden herab
-wie noch nie, als wolle sie den Menschen die Lebenslust
-warm in alle Poren träufeln und ihnen zeigen,
-man könne auch nackt leben. Sie aber wollen sterben,
-und Starkblom, der fürchterlich-herrliche, tanzt den
-Todesreigen vor. Und abends, wenn es kühler und
-dunkler wird, da erwachen die Farben in feuriger
-Glut. Grün und rot und gelbe Tücher schlagen sie
-um sich in phantastischem Wurf, und unsagbar wonnig
-und feierlich flüstert und kost Musik von den Thürmen,
-und Kinder kommen aus allen Gäßchen und Winkeln
-gesprungen und schlagen Purzelbäume und springen
-über die Alten. Die aber setzen sich im Kreise und
-hören zu Märchen erzählen, Märchen vom Leben.
-Und leise schwirren die Winde fernher durch die
-Straßen und tragen süße Düfte mit sich aus weiten
-Gärten und Haiden draußen vor der Stadt. Und
-nun steht Starkblom in der Mitte des Kreises und
-erhebt seinen Gesang von der Wunderherrlichkeit der
-Zukunft dieser Menschenwelt, wie alles kommen könnte
-und kommen müßte, wenn sie nur wollten. Und am
-Schlusse kehren dann immer wieder die Worte voll<span class="pagenum" id="Seite_150">[150]</span>
-brausenden Glückes: »Welch’ Herrlichkeit erdichten
-wir – welch’ schöne Welt vernichten wir – wir
-könnten sie erwerben – haha, haha, haha – wir
-aber sterben, sterben! Juh!« Und jubelnd fällt die
-Masse ein, und der Wind klappert im Gebein des
-Todenmannes, und die Posaunen gellen hoch oben aus
-den Lüften und das Gelächter der Menschenmenge
-schwillt empor wie ein bäumendes Meer und will
-nicht enden. Und ein stolzes hohes Weib tritt zu
-Starkblom in die Mitte und – oh, oh! Die
-elektrischen Lampen erlöschen, die Fanfaren brechen
-schrill ab mitten im Tone, ein schwarzes unendliches
-Tuch breitet sich über alles – Nacht, Nacht –
-nichts, nichts – wo ist das Weib? Wo sind die
-Menschen? Wo bleibt der Tod? Starkblom sitzt
-auf dem Sopha und stützt den Kopf in die Hände
-– es ist alles anders, alles so anders, o pfui, pfui,
-alles matt und gewöhnlich und niedrig und mittelmäßig.
-Wo bist du Größe, Größe der Gedanken,
-Größe der Erscheinung? Ich will schlafen, ich
-will nicht mehr träumen – o wenn ich weinen könnte,
-oder lachen, lachen – Aber nur nicht mehr dieses
-trockene Schluchzen, dieses Mittelding zwischen Weinen<span class="pagenum" id="Seite_151">[151]</span>
-und Lachen. Alles zuckt an mir, doch ich kann nicht
-tanzen; ich ächze, o könnte ich singen! O ich kann’s
-ja nicht mehr aushalten – ich werde sterben, bald
-sterben. O pfui, pfui!</p>
-
-<div class="tb"><sub>*</sub><sup>*</sup><sub>*</sub></div>
-
-<p>Was ist ein Leben, wo die Ueberraschung fehlt
-und der Zufall und das Plötzliche und die Blindheit?
-Wo es eine Ueberlieferung giebt und eine
-Vermittlung und ein Rechnen? Ein Rechnen mit
-Gewesenem, ein Berechnen des Kommenden? O Natur,
-wie neide ich dir dein Glück! Seht diesen Wassersturz
-hoch vom Berge hinab in die Tiefe! Wie
-wandelt die Welle hier noch so friedlich, wie freut sie
-sich ihrer grünen Ufer und ihrer Blumen und Steine
-und plötzlich da – das Ereignis, das sie niemals
-geahnt! Sie stürzt hinab, tief, tief! O dieses
-Brausen und Schäumen, dieser Jubel des Nieerhörten
-und Niewiederkehrenden! Diese Seligkeit des Vergessens
-und des Entdeckens und des wieder Vergessens.
-Wie viele Wasser sind schon da hinabgestürzt
-und keine Woge hat es der andern gesagt,
-kein Papier verbindet die einzelnen Tropfen und trennt<span class="pagenum" id="Seite_152">[152]</span>
-sie von ihrer eigenen Herrlichkeit. Aber bei uns –
-ewig Gewesenes! Wollen wir denn nicht endlich und
-endlich das Alte töten? Sind wir noch nicht altersschwach?
-Ich bin es, ich bin es – ich breche zusammen
-unter der Last des Vergangenen. O könnte ich alle
-Ueberlieferung töten, dann, ja dann wollte ich leben.
-Ich kann sie töten, wenn ich mich töte. Dann bin
-ich ein Teil der Natur – nein, nein, dann ist ich
-nicht mehr, dann ist sie, sie, die Natur! Ich hasse
-euch, weil ihr noch leben wollt, ihr Narren! Ich
-<em class="gesperrt">will</em> noch nicht sterben, ich muß warten, ob ihr euch
-nicht doch noch entschließet, mit mir zu gehen, damit
-Mensch aufhöre zu sein. O ich würde nicht zu euch
-reden, wenn ich wüßte, wie ich euch morden kann!
-Euch alle zusammen! Ich will nicht, daß noch einer
-kommen muß nach meinem Tode, der dasselbe erleben
-muß. Ich will nicht. Ich will, daß mein Tod einen
-Sinn hat. Mir ekelt vor meinem letzten Gedanken.
-Mir ekelt vor dem Alleinsein.</p>
-
-<div class="tb"><sub>*</sub><sup>*</sup><sub>*</sub></div>
-
-<p>Das große Ereignis, das Starkblom immer verkündet
-hat, ist eingetreten. Die »Secte von Altersschwachen
-und übergeschnappten Lebemänner«, wie sich<span class="pagenum" id="Seite_153">[153]</span>
-noch ganz kurz vorher radikale Parteiführer ausgedrückt
-hatten, hat die ganze civilisierte Welt erobert. Ein
-religiöser Taumel riß alle hin, die mit der Bewegung
-in Berührung kamen. Die große Arbeitermasse, die
-bisher dem Sozialismus gefolgt war, ist mit eins
-müde geworden der Hoffnung auf das Leben und hat
-eingesehen, daß ihre revolutionäre alles verneinende
-und umstürzende Leidenschaft wohl einen Grund hat
-und darum ihre Berechtigung, aber keinen Zweck. Sie
-haben eingesehen, daß nicht der Zweck d. h. der
-Wahn, das Recht schafft, sondern der Grund, und
-das ist in diesem Fall die Unterdrückung und die
-Hoffnungslosigkeit. Sie wollen sterben, warum nicht,
-sie wären ja doch gestorben, aber vorher wollen sie
-noch einreißen! Ist es Rachsucht, was sie treibt, ist
-es Wahnsinn, ist es Verführung? Wer weiß es und
-was liegt daran. Man denkt nicht mehr in dieser Zeit
-der taumelnden Auflösung, man genießt seine Leidenschaft
-und man handelt. Sie hören auf zu arbeiten,
-sie zertrümmern die Maschinen, die Armeen werden
-angesteckt und laufen auseinander, Männer und Frauen
-hören auf sich zu bekleiden und gehen nackt durch die
-Straßen, denn sie haben keinen Schnupfen mehr zu<span class="pagenum" id="Seite_154">[154]</span>
-fürchten, es wäre doch ihr letzter. Die Staatsgewalt
-ist ohnmächtig und hört auf zu sein. Man raubt
-seine Bedürfnisse, der Vorrat ist groß genug für die
-kurze Zeit; fürchterliche Wildheit fletscht ihre Zähne
-und bricht überall aus und doch durchflutet die meisten
-eine Ahnung von der seligen Schönheit ihres bewußtlosen
-Thuns; Männer und Frauen umarmen sich auf
-öffentlichen Plätzen; wer dem andern ins Gehege
-kommt, wird ermordet, zahllose Einzelne und Paare
-sterben schon jetzt, die neugeborenen Kinder werden
-fast alle getötet.</p>
-
-<div class="tb"><sub>*</sub><sup>*</sup><sub>*</sub></div>
-
-<p>Als die Dinge soweit waren, bekam Starkblom
-eines Tages einen heftigen Weinkrampf und am Tage
-darauf einen furchtbaren epileptischen Anfall, aus dem er
-kaum mehr erwachen wollte. Als er aber nach ein paar
-Tagen sich wieder erholt hatte, stellte er sich von
-neuem an die Spitze der Bewegung, soweit sie sich
-noch beherrschen ließ. Er wollte sich nicht täuschen
-lassen durch den anscheinend vollständigen Sieg seiner
-Sache; es war noch vieles zu thun. Er saß jetzt
-meist einsam oder umgeben von seinen Vertrautesten<span class="pagenum" id="Seite_155">[155]</span>
-im stillen Zimmer und schmiedete Pläne oder hielt
-Kriegsrat. Es konnten sich in später Zukunft aus
-den wilden Völkerschaften, die noch nicht ergriffen
-waren, auch wieder civilisierte Menschen entwickeln.
-Das durfte nicht sein. Er schlug vor, einen gewaltigen
-Kriegszug auszurüsten, zunächst ins Innere
-Afrikas. Einer seiner Jünger aber meinte, das halte
-zu lange auf. Man solle Prediger hinschicken. Die
-Idee des Todes sei so einfach und überzeugend, daß
-auch diese rohen Menschen sie verstehen müßten.
-Einstweilen müsse man in Europa mit dem großen
-Tode beginnen. Sonst verflache die Bewegung wieder.
-Es müsse jetzt gehandelt werden.</p>
-
-<p>Aber wie es mit den hochentwickelten Tieren sei,
-wandte ein anderer ein. Sie haben das Selbstbewußtsein,
-täuscht euch darüber nicht. Wäre es nicht ekelhaft,
-wenn wir sterben würden und müßten diese am Leben
-lassen. Hunde, Pferde, Ameisen, Bienen, diese vor
-allem müßten mit Stumpf und Stiel ausgerottet
-werden.</p>
-
-<p>O all unser Thun ist nur Stückwerk, seufzte da
-ein ganz junger Mann, der bisher fast am leidenschaftlichsten
-in der Bewegung gewirkt hatte. Ich<span class="pagenum" id="Seite_156">[156]</span>
-fürchte, auf dem Mars leben auch denkende Wesen.
-Die können wir auch nicht erreichen. Wir wollen
-jetzt sterben, aber alles was wir möchten, können wir
-doch nicht ausführen. Nicht bloß die Menschen, nicht
-nur die Tiere, nicht nur diese Erde, nein, die ganze
-Natur, die Welt müßten wir zerstören können. Und
-können wir das?</p>
-
-<p>Verfluchter Verräter! Treuloser! schrieen die andern.
-Du beschimpfst unsre gute Sache. Und sie drangen
-mit erhobenen Fäusten und blanken Schwertern auf
-ihn ein.</p>
-
-<p>Da lachte der Jüngling wild auf. Haha, haha!
-Ihr wollt mich töten, ihr Todesfrohen? Laßt mich
-doch leben, das wäre die rechte Strafe! Aber ihr
-mahnt mich recht, ihr Narren. Wenn ich tot bin,
-dann ist auch die Welt tot – für mich. Was liegt
-mir an euch?</p>
-
-<p>Und er ging ins Nebenzimmer, wo ein wunderschönes
-fünfzehnjähriges Mädchen schlief, totmüde von
-dem wilden Toben dieser Tage. Er weckte sie rasch,
-riß die Schlaftrunkene an sich und umarmte sie stürmisch.
-Dann riß er das Fenster auf, umschloß sie eisern<span class="pagenum" id="Seite_157">[157]</span>
-mit seinen Armen und beugte sich weit vor. Ein
-heftiger Schlag, und die Leute unten fanden zwei
-unförmliche Leichen.</p>
-
-<p>Starkblom schwamm es vor den Augen. Das
-war das bekannte Zeichen. Der Anfall drohte wieder.
-Doch ging es diesmal wieder vorbei: Kurz lachte er
-auf. Der Mann hat recht. Es ist bald Zeit für
-uns. Die andern mögen für sich selbst sorgen.</p>
-
-<div class="tb"><sub>*</sub><sup>*</sup><sub>*</sub></div>
-
-<p>Graut euch vor mir und meinem Doppelgänger?
-Ihr wendet euch mit Entsetzen ab vor den Ergüssen
-meines verrückten Hirns? Ich aber sage euch: ich
-preise diesen Starkblom, er hat das wahre Glück, er
-hat es schon vor dem Tode. Er glaubt an sich, wie
-der Kirschbaum an sich und seinen Blütenschnee glaubt,
-bevor der Frost kommt und seine Blüte verdirbt, wie
-die Lawine an sich glaubt, die krachend ins Thal
-hinabschmettert. Wußtet ihr nicht, daß die Natur
-grausam ist für schwächliche Zuschauer? Warum seid
-ihr auch Draußenbleiber, ihr winzigen Narren, mit
-eurem Denken und eurem Jämmerlein und eurer Moral
-und euren Hosen? – Starkblom der Erste ist heute<span class="pagenum" id="Seite_158">[158]</span>
-wieder einmal fröhlich und guter Dinge, er ahnt den
-Zweiten in sich und ahnt den Tod und die Unbesonnenheit
-und Selbstverständlichkeit und den freien
-Wurf und die Kälte – die ihr Narren Unverfrorenheit
-zu nennen beliebt. Ich pfeife auf euch, meinetwegen
-könnt ihr immerhin leben, ihr belustigt mich!
-Laßt euch nicht einfallen zu verzweifeln und zu winseln
-und den Tod zu begehren und zu wähnen, ihr wäret
-mir gleich! Wer weiß – ob ich dann nicht leben
-will – um mein Gelächter noch eine Weile zu
-genießen?</p>
-
-<div class="tb"><sub>*</sub><sup>*</sup><sub>*</sub></div>
-
-<p>Und immer mächtiger und mächtiger schwollen die
-Heere der Sterbenden an. Und auf einmal war das
-Vorpostengefecht aus, es knatterten nicht mehr an allen
-Ecken Europas vereinzelte Schüsse, ganze Städte
-sprengten sich in die Luft, und von allen Seiten wie
-auf ein Commando strömten die Landbewohner herbei
-und stürzten sich in die Flammen der brennenden
-Straßen und Wälder. Eisenbahnzüge über Eisenbahnzüge
-fuhren nach allen Richtungen hinaus –
-den Meeren entgegen, und bald waren nicht nur<span class="pagenum" id="Seite_159">[159]</span>
-Tausende und Hunderttausende, nein Millionen und
-Abermillionen von Menschen versenkt in den Tiefen
-der Oceane. Die Haustiere wurden vielfach mitgenommen,
-sonst kümmerte man sich um nichts mehr.
-Starkblom blieb mit einem getreuen Stab von einigen
-Tausenden zurück in der Mitte Deutschlands und lenkte
-und berechnete die Bewegung. Er sandte seine Leute
-aus nach allen Seiten und bald konnten sie zurückkehren
-wie die Taube mit dem Ölzweig: nirgends
-mehr ein Mensch zu sehen. Da verließ er seine Umgebung
-mit einem Mal und reiste weg. Er war verschollen.
-Fieberhafte Aufregung befiel seine Getreuen.
-Schon murmelte man hie und da vom Verräter. Er
-wolle sie alle noch in den Tod treiben und dann am
-Leben bleiben ganz allein. Sie hatten unrecht – zunächst.
-Er wollte sich nur noch einmal satt sehen an der
-Erde. Und er sah sich satt. – Niemals in seinem
-ganzen Leben hatte er sich so selig, so erhoben gefühlt
-wie jetzt, da er ganz allein durch Thäler und Gebirge
-schweifte, die Ruinen der Städte und Dörfer sah und
-in die Lüfte emporjauchzte: Allein! allein mit der
-Natur! Dann aber schien ihn der wahnsinnige Gedanke
-wirklich anzufallen. Er näherte sich wieder dem<span class="pagenum" id="Seite_160">[160]</span>
-Platze, wo er seine Gefolgschaft vermutete und eines
-Nachts schlich er sich in ihr Lager. Es schien ihm
-zu glücken was er wollte. Niemand sah ihn. Und
-er trat in das Zelt zu dem Weibe, das er suchte,
-und weckte sie. Dann flüsterte er erregt auf sie ein
-und hielt sie umfangen, an allen Gliedern zitternd.
-Und er schien zu siegen. – Sie folgte ihm. Sie
-flüchteten hinaus in die Einsamkeit, in ein wundersames
-Thal. Niemand hatte ihre Spur gefunden.
-Adam und Eva! jauchzte er, als sie allein waren und
-gerettet, wie es schien. Wir beide allein im Paradies
-– Sie mögen sterben, sie sollen sterben! Wir bleiben
-zurück und gründen ein neues Geschlecht. Wir wollen
-leben, wir schaffen ein neues, herrliches Leben, eins
-mit Natur und Vernunft. – Indessen wurden er
-und sie – denn man hatte ihre Flucht entdeckt und
-ahnte schlimmes – eifrig gesucht. Nach einigen
-Wochen aber stellte er sich freiwillig ein bei der
-Schaar seiner Freunde und zwar – allein. »Verzeiht
-mir, meine Freunde,« sagte er kurz und freundlich,
-»ich habe einen letzten Versuch gemacht. Doch
-auch der ist unmöglich. Das noch am wenigsten.
-Ich habe das Weib mit diesen meinen Händen erdrosselt.<span class="pagenum" id="Seite_161">[161]</span>
-Nun wohlan, wir wollen sterben, ich bin
-bereit. Jetzt bin ich reif.«</p>
-
-<div class="tb"><sub>*</sub><sup>*</sup><sub>*</sub></div>
-
-<p>Und sie zogen an die sonnigen Ufer des Rheins.
-Es war zur Zeit der Rebenblüte. Dort führten sie
-noch mancherlei wundersame Comödie auf, als trennten
-sie sich nur ungern von dem Gedanken an den Tod.
-Denn sie ahnten, wenn sie erst tot waren, hatten sie
-nur wenig Vergnügen davon. Starkblom war wieder
-aufgethaut und äußerst gesprächig geworden. »Was
-die Erde wohl ohne uns anfangen mag?« sagte er
-einmal. »Wir waren doch sicher ihre größte Unterhaltung.
-Ich hoffe, sie langweilt sich ohne uns zu
-Tode und stürzt in die Sonne. Vielleicht bringt das
-dann so große Unordnung in die Welt, daß alles
-durcheinander kommt und alles wieder zu eins wird
-und nichts mehr gesondert ist. Denn wisset, das will
-ich euch noch sagen: eins und nichts – das ist dasselbe.
-Die Besonderung und die Verschiedenheit erst
-hat Welt und Leben und Bewußtsein erzeugt. Ist
-die Welt erst eins, dann ist nichts mehr, dann ist
-das Nichts da, das absolute Nichts.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_162">[162]</span></p>
-
-<p>Und dann stürzten sie sich hinein in die Fluten
-– allesamt. Und nach kurzer Frist war das Gelächter
-und der Gesang und das Angstgeschrei verstummt
-– denn einige schrieen auch – und menschlos
-war die Erde weit und breit. Der Rhein aber
-floß ruhig weiter, und bald kamen die Tiere des
-Waldes und spitzten die Ohren und tranken aus
-kühlen Gewässern, und grün umwucherte die Pflanzenwelt
-die ganze Erde und umspann die Trümmer der
-Menschenbehausungen, und ein Singen und Jubilieren
-der Vögel erhob sich wie nie zuvor, und die Blumen
-leuchteten und dufteten in süßer, nieerhörter Pracht,
-und die Bäume rauschten und erzählten es den Winden,
-und die Stürme heulten es weiter, und die Erde brauste
-klingend ihre Bahn dahin: er war tot, er war tot!
-der große Peiniger!</p>
-
-<div class="tb"><sub>*</sub><sup>*</sup><sub>*</sub></div>
-
-<p>Und jetzt greife ich mir an den Kopf und der
-geneigte Leser thue desgleichen. Beruhige er sich, er
-lebt noch, und ich werde ihn auch nicht ermorden.
-Ich aber bin Starkblom, nicht Starkblom der Todesprediger<span class="pagenum" id="Seite_163">[163]</span>
-und nicht Starkblom der Epileptische – bloß
-Starkblom der Erste, Starkblom der Leidende und
-Starkblom der Sterbende. Ja, ich werde sterben, ihr
-werdet nichts mehr von mir hören. Und so wünsche
-ich euch denn zum letzten Male ein herzliches Sterbewohl.</p>
-
-<p class="mright">
-<b>Karl Starkblom.</b>
-</p>
-
-<p class="center larger p2">❦</p>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_164">[164]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Fuenfter_Abschnitt">Fünfter Abschnitt.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-e.jpg" alt="" /></div>
-<p class="drop">Ein paar Wochen, nachdem diese Schrift Starkbloms
-erschienen war, stand in einer hellen
-Mansardenwohnung in Paris ein junges Weib von
-schier übermenschlicher Größe über einen Tisch gebeugt,
-damit beschäftigt, das Notwendigste in eine kleine Reisetasche
-zu packen. Ein Mann mit kurzgeschorenem,
-meliertem Vollbart, der aber noch viel jünger zu sein
-schien, als seine grauen Haare und sein gefurchtes
-Gesicht hätten vermuten lassen, lag, eine Cigarette
-rauchend, auf dem Sopha und schaute lächelnd wie
-ein Spitzbube, dem ein feiner Plan gelingen will, zu,
-wohl auch voll Vergnügen über die wundervolle
-Gestalt des Weibes. Sie hatte sehr ebenmäßige
-Formen, sie war nichts weniger als schlank, was sich<span class="pagenum" id="Seite_165">[165]</span>
-auch zu ihrer Größe nicht hätte schicken wollen, ihr
-Gesicht war breit und zeigte ein ungemeines Wohlwollen,
-auch ihre Augen blickten groß und gütig und
-verständnisvoll in die Welt; ihre Stirne war frei,
-aber weder hoch noch gewölbt, die Haare trug sie
-kurz geschnitten und glatt gescheitelt.</p>
-
-<p>Sie war jetzt fertig und schloß die Tasche.</p>
-
-<p>»Sag’ einmal, Hänschen«, damit nahm sie das
-Gespräch wieder auf, »willst du wirklich nicht gleich
-mitkommen? Ich gehe natürlich auch so, sehr gern
-sogar, aber es ist doch die eigentümlichste Situation
-meines ganzen Lebens.«</p>
-
-<p>»Das doch schon seltsame genug aufzuweisen hat«,
-fiel er lachend ein. »Nein, meine liebe Marguérite,
-ich komme nicht mit. Das würde gar nicht in meinen
-Plan passen. Du hast doch alles verstanden, wie ich
-es meine? Nicht wahr? Mich erwähnst du natürlich
-gar nicht. Du mußt ganz thun, als ob ich nicht
-existierte. Und dann, wenn du meinst, es sei an der
-Zeit, dann telegraphierst du. Ich komme dann sofort.
-Ich freue mich heidenmäßig und ich glaube, die Sache
-gelingt.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_166">[166]</span></p>
-
-<p>»Das weiß ich noch lange nicht. Mir ist gar
-nicht so wohl dabei. Wenn er mir zum Beispiel,
-kaum daß ich sein Zimmer betreten habe, die Thüre
-weist?«</p>
-
-<p>»Das thut er ganz sicher nicht. Der Mann
-fühlt sich ja kläglich vereinsamt, das spricht ja aus jeder
-Zeile. Ich vermute ganz etwas anderes.«</p>
-
-<p>Dabei lächelte er und pfiff vor sich hin.</p>
-
-<p>»Nun?«</p>
-
-<p>»Hm, hm.«</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht, ich halte es für sehr leicht möglich,
-daß er sich schon getötet hat, ehe ich ankomme.«</p>
-
-<p>»Hm, freilich, das ist nicht ausgeschlossen. So
-etwas ist nie ausgeschlossen. Das Sterben ist meist
-eine Sache des Augenblicks. Aber bei ihm glaube
-ich’s doch nicht. Weißt du, darin fühle ich mich ihm
-doch verwandt. Wir sind Männer des Abwartens.
-Der überlegt sich’s hundertmal, aber auf einen
-Impuls hin, plötzlich, thut er’s kaum. Aber weißt
-du, was ich meine?«</p>
-
-<p>»Ja?«</p>
-
-<p>Er schaute ihr voll in’s Gesicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_167">[167]</span></p>
-
-<p>»Er wird sich in dich verlieben, Marguérite, toll,
-leidenschaftlich verlieben.«</p>
-
-<p>Sie errötete langsam, doch schlug sie die Augen
-nicht nieder.</p>
-
-<p>»Und ich?«</p>
-
-<p>»Das kann ich dir wirklich nicht sagen. Ihn
-kenne ich ja nicht. Für ausgeschlossen halte ich’s
-aber gar nicht, daß auch du – Nun, das wird sich
-finden. Daß du in solchem Falle keine Rücksicht auf
-mich zu nehmen brauchst, weißt du.«</p>
-
-<p>»Gewiß, das weiß ich. Ich könnte auch keine
-nehmen, mein liebes Hänschen.«</p>
-
-<p>»Nun, wir blieben darum doch die Alten«, sagte er
-mit leuchtenden Augen, ergriff ihre herabhängende
-Hand und drückte sie an die Lippen.</p>
-
-<p>Dann sprang er auf und ging im Zimmer auf
-und ab. Endlich blieb er wieder vor Marguérite
-stehen.</p>
-
-<p>»Die Sache freut mich, weißt du, die Sache freut
-mich königlich. Immer, wenn ich anfange mich zu
-langweilen, sendet mir doch ein gütiges Geschick etwas
-neues, noch größeres. Weißt du, diese Bombengeschichte
-wird nun schon recht, recht langweilig.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_168">[168]</span></p>
-
-<p>»Aber es sind doch tüchtige, ungewöhnliche
-Menschen.«</p>
-
-<p>»Gewiß sind sie das, gewiß. Aber weißt du, in
-der Vorbereitungszeit, anfangs, da gefielen sie mir
-doch besser. Jetzt, wo sich die Folgen einstellen, wo
-ein paar verhaftet sind und andere vor der Ausweisung
-stehen, jetzt legen sie sich ein bischen Pathos
-an und einige deklamieren schon märtyrermäßig. Und
-weißt du, <em class="gesperrt">das</em>, nein, das steht ihnen nicht gut.«</p>
-
-<p>»Aber Jean, du übertreibst ja. Was du Pathos
-nennst, ist doch auch meist nur Hohn. Ich glaube,
-sie sind freie Menschen geblieben, die sich für
-nichts besondres halten, aber die Welt für noch viel
-weniger.«</p>
-
-<p>»Nun, ich lasse ihnen ihr Vergnügen gern. Aber
-auf die Dauer ist’s doch nichts für mich. Ein Sporn
-zur Ernsthaftigkeit liegt doch auch noch darin, und du
-weißt, das mag ich nicht. Drum ist’s gut, daß mir
-die Geschichte dazwischen kam.«</p>
-
-<p>»Ein klein wenig ernst ist’s dir damit aber erst
-recht. Ich meine sogar, sehr viel Ernst.«</p>
-
-<p>»Meinst du? Das leugne ich gar nicht. Aber
-doch nur, weil mir’s Spaß macht.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_169">[169]</span></p>
-
-<p>»Nun, das ist eine Erklärungsart, wie andere
-auch.«</p>
-
-<p>»Meine weise Pythia, ich weiß schon, du bist
-anders als ich, ein wenig, nicht so gar. Drum
-schicke ich dich jetzt auch zu einem fürchterlich ernsthaften
-Kerl.«</p>
-
-<p>»Ich fürchte ihn nicht. Auch glaube ich, ist er
-unserm Standpunkt schon sehr nahe gekommen. Es
-braucht nur noch einen Ruck, dann haben wir ihn.
-Weißt du, was ihm hauptsächlich fehlt?«</p>
-
-<p>»Nun? Übrigens ist es bald Zeit für dich.«</p>
-
-<p>»Natur fehlt ihm. Verstand hat er genug.«</p>
-
-<p>»Natur … Natur? Ja die fehlt mir auch.
-Die hast nur du, meine Marguérite. Aber weißt
-du, ich habe mir einen Ersatz zurecht gemacht im
-Lauf des Lebens. Es ist doch etwas großes, daß der
-Mensch jetzt auch seine behagliche Existenz sich schaffen
-kann, weit weg, weit von der Natur. Im Gegensatz
-zu ihr.«</p>
-
-<p>»Nun, schiffbrüchig seid ihr doch alle. Ihr denkt
-nur nicht mehr daran. Jetzt will ich aber gehn.«</p>
-
-<p>Sie setzte den Hut auf.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_170">[170]</span></p>
-
-<p>»Also, mein großes Kleinod, leb’ recht – Das
-heißt, ich werde dich zur Bahn begleiten. Also du
-begreifst alles? Du wirst’s gut machen?«</p>
-
-<p>»Verstanden hab’ ich alles, auch thu’ ich’s nicht
-dir zu Liebe, sondern weil’s mir selbst Bedürfnis ist,
-den Mann zu sehen und ihm zu helfen. Ich thue,
-was ich kann.«</p>
-
-<p>»Dann ist’s gut, sehr gut. Komm, ich will dich
-noch küssen, bevor wir gehen.«</p>
-
-<p>Marguérite beugte sich tief zu ihrem Hänschen
-herunter und küßte ihn auf den Mund. Dann ging
-das ungleiche Paar die Treppe hinab.</p>
-
-<div class="tb"><sub>*</sub><sup>*</sup><sub>*</sub></div>
-
-<p>Zwei Tage später, morgens gegen 3 Uhr, stand
-Marguérite vor dem Weißen Hause. Sie betrachtete
-die freundliche Villa ein Weilchen und holte Athem,
-dann öffnete sie die Hausthür und stieg die Treppe
-hinauf. Im Flur sah sie niemanden. Sie klopfte
-an eine Thüre, keine Antwort. Nun öffnete sie. Es
-war ein Schlafzimmer, das wohl erst vor kurzem
-verlassen worden. Das Bett war noch nicht in
-Ordnung, die Luft nicht die beste. Sie blieb eine<span class="pagenum" id="Seite_171">[171]</span>
-kurze Zeit zwischen Thür und Angel stehen, dann
-trat sie rasch entschlossen ein. Eine Thüre, die geschlossen
-war, führte wohl in die andern Zimmer.
-Sie hörte auf- und abgehende Schritte und verworrenes
-Brummen. Das mußte er sein. Sie stellte die
-Reisetasche auf den Tisch und legte den Hut ab.
-Dann goß sie aus dem Kruge etwas Wasser über
-ihre Hände und benetzte ihre Augen und ihr Haar.
-Nachdem sie sich abgetrocknet hatte, blieb sie noch eine
-Zeitlang stehen, die Hände auf die Brust gelegt und
-schwer atmend. Dann ging sie leise zur Verbindungsthür
-und krümmte den Zeigefinger um anzuklopfen.
-Rechtzeitig aber noch ließ sie die Hand sinken und
-schüttelte den Kopf. »Das wäre nichts,« flüsterte sie
-leise. Dann öffnete sie beherzt die Thüre. Sie
-blieb stehen und hielt den Athem an. Am Fenster
-gegenüber, das geöffnet war, stand ein Mann, ihr
-den Rücken zukehrend, in Hemdärmeln. Seine Augen
-blickten wohl ins Thal hinunter, währenddem aber
-waren seine Hände angestrengt bemüht, einen Kragen,
-der ihm vermutlich viel zu eng war, anzulegen. Sie
-hörte wieder das brummende Ächzen. Um ihre Mundwinkel
-zuckte es leicht. Auf einmal aber ließ seine<span class="pagenum" id="Seite_172">[172]</span>
-Hand den Kragen los, er stampfte heftig mit dem
-Fuß auf und schlug sich mit der Faust an die Stirn.
-Dabei rief er laut:</p>
-
-<p>»Herrgott Donnerwetter, der Kerl macht mich noch
-verrückt!«</p>
-
-<p>Da konnte Marguérite nicht mehr. Sie lachte
-laut auf.</p>
-
-<p>Starkblom zuckte heftig zusammen und drehte sich
-rasch um.</p>
-
-<p>»Wie – was – wer sind Sie denn? was
-wollen Sie? wie kommen Sie denn hierher?«</p>
-
-<p>»Davon nachher. Vielleicht erlauben Sie, daß
-ich Ihnen zuerst helfe den Kragen schließen?«</p>
-
-<p>Starkblom blickte sie mißtrauisch an.</p>
-
-<p>»Aber entschuldigen Sie, wie kommen Sie denn
-hierher? Wo haben Sie denn Ihren Hut?«</p>
-
-<p>»Den habe ich im Nebenzimmer abgelegt. Ich
-sah niemanden und trat deswegen gerade herein. Ich
-komme von weit her, um mit Ihnen ein vernünftiges
-Wort zu sprechen. Erlauben Sie jetzt&#160;–?«</p>
-
-<p>Starkbloms Miene heiterte sich auf. Er lächelte.</p>
-
-<p>»Ach so, Sie haben gelesen&#160;–? Die Brochüre?
-Nicht wahr? Und kommen zu mir? Sehr schön.<span class="pagenum" id="Seite_173">[173]</span>
-Und da wollen Sie mir – den Kragen zumachen?
-Nun – immerhin, meinetwegen.«</p>
-
-<p>Sie trat näher und machte sich ans Werk.</p>
-
-<p>»Sind Sie aber groß!«</p>
-
-<p>»Bitte stillhalten, <em class="antiqua">Monsieur</em>, sonst geht’s nicht.«</p>
-
-<p>»Aber Vorsicht, bitte, Sie erwürgen mich ja!«</p>
-
-<p>Sie ließ die Hände wieder sinken und schaute
-ihm lachend ins Gesicht.</p>
-
-<p>»Wäre das denn so schrecklich?«</p>
-
-<p>»Jaja, jaja, lachen Sie mich nur aus. Sind
-Sie deswegen gekommen?«</p>
-
-<p>»Ein wenig, ja.«</p>
-
-<p>»Soso. Nun, dann möchte ich Sie bitten, mir
-den Kragen vollends in Ordnung zu bringen, und
-dann – ja dann werden Sie wohl wieder gehen
-können. Oder wollten Sie noch etwas anderes als
-Ihr Amusement?«</p>
-
-<p>»Gewiß, gewiß, auch noch etwas anderes. Aber
-jetzt Ruhe. So, jetzt wären wir fertig. Drückt er
-Sie nicht?«</p>
-
-<p>Starkblom warf ihr einen grimmigen Blick zu.
-»Nein,« sagte er dann kurz. Er ging noch etwas im<span class="pagenum" id="Seite_174">[174]</span>
-Zimmer hin und her, dann nahm er seinen Rock von
-dem Haken an der Wand und zog ihn an.</p>
-
-<p>»So. Wollen Sie vielleicht Platz nehmen, mein
-– Fräulein? Oder&#160;–?«</p>
-
-<p>»Das ist gleichgiltig. Aber nennen Sie mich
-lieber Frau.«</p>
-
-<p>Sie setzte sich an den Tisch. Starkblom blieb
-vor ihr stehen und betrachtete sie. Dann kratzte er
-sich an der Stirn. Er fand die Situation recht unbehaglich.</p>
-
-<p>»Woher kommen Sie denn?«</p>
-
-<p>»Von Paris.«</p>
-
-<p>»So? Schöne Stadt?«</p>
-
-<p>»O ja.«</p>
-
-<p>»War nie da. – Soso. Merkwürdig.«</p>
-
-<p>Es trat eine Pause ein. Dann fing Starkblom
-wieder an:</p>
-
-<p>»Nun also – wenn Sie das Ding gelesen haben
-und verstanden, dann kennen Sie mich ja ein wenig.
-Ich habe keine Lust, mich zu unterhalten. Ich kann’s
-auch nicht. Mir preßt’s die Kehle zusammen&#160;–«</p>
-
-<p>Marguérite lächelte gutmütig.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_175">[175]</span></p>
-
-<p>»Zum Teufel noch einmal, kommt Ihnen schon
-wieder der verfluchte Kragen in den Sinn?
-Weiber, Weiber!«</p>
-
-<p>»Kennen Sie denn die Weiber?«</p>
-
-<p>Starkblom schaute sie groß an.</p>
-
-<p>»Wirklich, nicht sonderlich. Ich hab’ zwar früher
-einmal eine Frau gehabt, wissen Sie, damals, als ich
-noch – aber was, das interessiert Sie ja doch nicht.
-Was wollen Sie denn?«</p>
-
-<p>»Es interessiert mich, Starkblom. Damals als Sie
-noch – glücklich waren?«</p>
-
-<p>»Ach was, glücklich! Ein Philister war ich!
-Sie war ein Weib wie andere mehr. Ein Glück für
-sie, daß sie tot ist. Sie würde mich nicht verstehen,
-wie ich heute bin. Versteht mich überhaupt niemand.
-Verfluchte Welt.«</p>
-
-<p>»Ich glaube, ich verstehe Sie, und darum komme
-ich. Wollen Sie mich anhören? Ich habe Ihre
-beiden Schriften gelesen, beide; ich habe tief hineingeblickt
-in den Abgrund Ihrer Gedanken und Ihrer
-Verdüsterung, Sie suchen einen Menschen, und ich
-kam zu Ihnen. Sie suchen einen Menschen, der
-mit Ihnen&#160;–«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_176">[176]</span></p>
-
-<p>Starkblom hörte schon lange nicht zu. Er war
-mit kleinen Schritten ungeduldig hin und her gegangen,
-hatte dann auch einmal die Thüre geöffnet und hinausgehorcht
-und trat nun vor Marguérite hin.</p>
-
-<p>»Wollen Sie vielleicht mit mir frühstücken? Ich
-habe Hunger.«</p>
-
-<p>»Ich glaube, jetzt verhöhnen Sie mich,« erwiderte
-Marguérite errötend.</p>
-
-<p>»Was? Fehlt Ihnen etwas? Meinen Sie denn,
-ich könne von der Luft leben? – Oder – ach so
-– ja wissen Sie, zugehört habe ich Ihnen nicht.
-Sie können ja dann Ihre schöne Rede hernach
-wiederholen. – Na endlich, wo stecken Sie denn so
-lange?«</p>
-
-<p>Das Letzte sagte er zu der Haushälterin, die mit
-Thee, kaltem Braten und Wein hereinkam und die
-Augen weit aufriß, als sie so ungewohnten Besuch
-sah.</p>
-
-<p>»Wundern Sie sich später und bringen Sie noch
-eine Tasse und einen Teller und was weiß ich!
-Aber rasch!«</p>
-
-<p>Dann wandte er sich wieder zu der fremden Dame.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_177">[177]</span></p>
-
-<p>»Sie werden auch Appetit haben. Greifen Sie
-nur ungeniert zu.« Dabei schob er seinen Teller und
-seine Tasse zu Marguérite hinüber. »Ich kann
-warten.«</p>
-
-<p>»Sie sind sehr liebenswürdig, Herr Starkblom.
-Frühstücken wir also zusammen. Trinken Sie so früh
-schon Wein?«</p>
-
-<p>»Ja, ich habe mir’s in letzter Zeit angewöhnt
-So, jetzt kann’s ja losgehn.«</p>
-
-<p>Die Haushälterin hatte das Nötige gebracht, und
-Marguérite schenkte erst Thee ein, dann auch Wein
-für sich und ihn.</p>
-
-<p>Während des Essens blickte Starkblom ein paar
-Mal zu ihr hinüber. Schließlich sagte er kauend:</p>
-
-<p>»Was Sie für ein gesundes Gebiß haben. Und
-dieser Hunger! Und überhaupt die ganze Gestalt –
-wo wächst denn diese Rasse? Sie scheinen mir
-überhaupt keine Deutsche, ihrem Accent nach?«</p>
-
-<p>Marguérite lachte.</p>
-
-<p>»Nun, wie man’s nimmt. Geboren bin ich im
-Elsaß, kam aber ziemlich früh nach Frankreich.«</p>
-
-<p>Starkblom schaute sie immer noch an.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_178">[178]</span></p>
-
-<p>»Prachtvoll, prachtvoll«, brummte er dann, und
-Marguérite ward rot.</p>
-
-<p>Er erhob sein Glas.</p>
-
-<p>»Na, prost, Frau – und Ihr Name? Darf
-ich den wissen?«</p>
-
-<p>»Ich heiße Marguérite. Das andere ist nebensächlich,
-nicht?«</p>
-
-<p>Sie stieß mit ihm an.</p>
-
-<p>»Und was lassen wir leben?« fragte sie mit anspielendem
-Lächeln.</p>
-
-<p>»Leben … leben? Ach so, denken Sie daran?
-Und – Sie wollten?«</p>
-
-<p>Er blickte ihr tief ins Auge. »Tod&#160;–? mit&#160;–?«</p>
-
-<p>Sie schlug die Augen nieder und kratzte mit dem
-Messer auf dem Teller herum.</p>
-
-<p>»Vielleicht«, sagte sie leise.</p>
-
-<p>»Na, prost«, brach er kurz ab und trank sein
-Glas mit einem Zuge aus.</p>
-
-<p>Kurz nachher stand er auf und trat ans Fenster.</p>
-
-<p>»Haben Sie schon genug?«</p>
-
-<p>»Ja. Ich fühle mich nicht ganz wohl.«</p>
-
-<p>Marguérite legte leise Messer und Gabel weg.
-Sie starrte vor sich hin. Auf einmal überwältigte<span class="pagenum" id="Seite_179">[179]</span>
-sie das Bewußtsein dessen, was sie gethan hatte und
-was noch bevorstand und der ganzen Situation, und
-sie schlug die Hände vors Gesicht. So verblieb sie
-lange. Plötzlich sagte Starkblom vom Fenster aus,
-ohne sich umzusehen, in sehr traurigem Tone:</p>
-
-<p>»Nun, Frau Marguérite, wollen Sie jetzt Ihre
-Rede halten? Wozu sind Sie bereit? Was halten
-Sie von mir?«</p>
-
-<p>Marguérite ließ die Hände sinken; sie war glühend
-rot geworden. Dann erhob sie sich, blieb aber am
-Tische stehen und sagte zaghaft:</p>
-
-<p>»Lassen Sie mich wieder gehen. Ich weiß nicht
-– es ist falsch – es geht nicht&#160;–.«</p>
-
-<p>Starkblom drehte sich um und sah sie erstaunt an.
-Dann ahnte er, vielleicht zu begreifen, was in ihr
-vorgehe. Er schwieg lange und blickte sie an. Dann
-fing er an:</p>
-
-<p>»Vielleicht war Ihr Gefühl das richtige, als Sie
-kamen. Schrecken Sie nicht zurück. Ich bitte Sie
-zu bleiben.«</p>
-
-<p>Und er ergriff ihre Hand.</p>
-
-<p>»Wenn Sie auch jetzt nicht reden können. Bleiben
-Sie nur. Wir haben Zeit. Oder haben Sie einen<span class="pagenum" id="Seite_180">[180]</span>
-speziellen Grund, irgend einen Vorgang in der letzten
-Zeit Ihres Lebens, mich aufzusuchen?«</p>
-
-<p>»Nein, das nicht. Aber Sie verkennen mich nicht?
-Sie mißachten mich nicht?«</p>
-
-<p>Starkblom wurde sehr verlegen. Er wußte nicht,
-was sagen. Endlich stotterte er:</p>
-
-<p>»Aber ich bitte Sie … aber Frau Marguérite
-… aber mißachten … was fällt Ihnen ein? Sie
-scheinen ja eine … vorzügliche Frau. Ich begreife
-Sie, wenn ich auch nicht weiß, wie Sie dazu kommen.
-Wollen Sie mir nicht etwas erzählen – von Ihrem
-Leben?«</p>
-
-<p>Marguérite setzte sich wieder aufs Sopha und
-strich langsam mit beiden Händen über ihr dunkles
-Kleid. Er blieb vor ihr stehen, indem er sich mit
-gekreuzten Beinen an den Tisch lehnte und sie anschaute.</p>
-
-<p>»Ach, da ist nicht viel zu erzählen. Ich bin das
-Kind reicher Bauern. Dann kam ich früh zur Erziehung
-in ein Kloster nach Frankreich. Dort riß ich
-aus – mit – nun, es ist gleichgiltig. Die Sache
-ist längst vorbei. Aber ich kam durch ihn damals
-schon in eine Gesellschaft freier Menschen, Männer<span class="pagenum" id="Seite_181">[181]</span>
-und Frauen, hauptsächlich Russen und Polen. Seitdem
-habe ich sehr viel gelesen, auch einiges mitgemacht.
-Ich – nun ich bin eben frei geworden
-durch all’ das.«</p>
-
-<p>»Soso. Schön, sehr schön. Was verstehen Sie
-denn darunter: frei geworden?«</p>
-
-<p>»Nun, ich meine, Sie müßten das doch auch
-kennen. Ich habe wenig Vorurteile, verstehe viele,
-auch verschieden geartete Menschen, kann mich in vieles
-hineinfinden und folge im übrigen meiner Natur, wie
-sie nun einmal ist, geworden ist durch diese und jene
-Umstände der Vergangenheit und Umgebung. Das
-nenne ich vor allem frei, daß man sich nicht schämt,
-täglich tausend Dinge zu thun, die der Verstand nicht
-erklären noch billigen kann. Zum Beispiel auch, zu
-leben und glücklich zu sein. Ohne einen Vernunftgrund
-dafür angeben zu können.«</p>
-
-<p>In Kürze etwa: »Sie sind ein Philister ohne
-Vorurteile?«</p>
-
-<p>»Jawohl, jawohl,« antwortete sie lebhaft. »Das
-acceptire ich. Man muß ein Philister sein, aber ein
-idealer. Man kann nicht leben ohne das. – Und<span class="pagenum" id="Seite_182">[182]</span>
-man <em class="gesperrt">will</em> leben«, fügte sie noch mit Bestimmtheit
-hinzu.</p>
-
-<p>»Und ich sage: man will nicht«, rief Starkblom
-mit Entschiedenheit und schlug auf den Tisch.</p>
-
-<p>»Nun gut: sterben Sie.«</p>
-
-<p>»Ich meine; man sollte nicht wollen.«</p>
-
-<p>»Nun ja, das ist es ja eben. Das ist eine
-Theorie. Das kann ich fassen; ich verstehe es vollkommen.
-Nach dem heutigen Stand unseres Geistes
-können wir nicht begreifen, wozu wir leben. Ganz
-recht, ganz gut. Das gebe ich zu. Wir haben nichts
-Positives, das wir anerkennen, vollständig nichts.
-Und wir werden auch nie zu den alten Positionen
-zurückkehren. Wir würden uns schämen. Wir sind
-keine Romantiker, keine Philister im alten Sinn.
-Aber wir warten ab, und das ist Grund genug für
-uns, zu leben. Wir sind neugierig.«</p>
-
-<p>»Wir warten ab? Was denn?«</p>
-
-<p>»Nun, das weiß ich nicht. Irgend ein Falsches
-vielleicht, wahrscheinlich sogar. Aber das ist nötig.
-Irgend ein Neues, das überwältigt, ein neuer, dauerhafter
-Aberglaube, eine neue Religion, wenn es sich
-auch nicht mehr in diese Worte kleidet. Einfach etwas<span class="pagenum" id="Seite_183">[183]</span>
-<em class="gesperrt">Positives</em>, das allen einleuchtet, das für alle einen
-Sinn hat. Das alle überwältigt. Wir haben doch
-alle eine Ahnung, daß etwas in der Luft liegt.
-Etwas Großes, Nieerhörtes. Sie wollten es ja auch
-schaffen. Aber Sie konnten nur töten. Nicht zeugen.
-Also warten wir und leben wir indessen, leben wir
-freudig. Genießen wir, auch unsern Schmerz. Der
-gehört dazu, für uns sicher. Das ist Ihnen aber
-doch alles nicht neu. Sie wollten es nur nicht Wort
-haben. Vielleicht schämten sie sich. Aber dessen
-brauchen wir uns wahrhaftig nicht schämen. Wir
-sind Übergangsmenschen, jawohl, und wir fühlen uns
-als solche. Und wer so viel durchgemacht hat wie
-Sie, für den ist das keine Phrase. Nie war eine
-solche Zeit da wie die unsere. Und die kommende
-– die muß ja noch viel unerhörter, gewaltiger
-werden. Ist es vielleicht so – ist es nicht so –
-habe ich Recht?«</p>
-
-<p>Starkblom hatte ihr voll Bewunderung zugehört.
-Er hätte nicht gedacht, daß ein solches Weib lebte.
-Und nun saß sie hier auf dem Sopha und blickte ihn
-freundlich mit schimmernden Augen an. Es schien ihm
-ein Märchen. Was er antwortete, war drum auch nur<span class="pagenum" id="Seite_184">[184]</span>
-ein mechanisches Vorsuchen eines altgewohnten Gedankens.</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht, ich glaube nicht, daß Sie Recht
-haben. Ich fände das doch ekelhaft, zu ekelhaft, ein
-solches Leben. Und die kommende Zeit – was
-liegt an ihr? Es handelt sich um uns, um mich.«</p>
-
-<p>»Jawohl, natürlich, nur darum. Aber unsere
-Gedanken und Träume von der Zukunft, und vor
-allem unsre Neugier, wieviel wir davon noch selbst
-erleben, und wie oft sich die Perspektive verändert,
-das ist ja nur ein Teil von uns. Sie sagen: wir
-haben an nichts mehr Interesse. Und ich sage:
-o doch, wir interessieren uns noch für sehr vieles.
-Aber nein: Sie sagen, wir sollten uns für nichts
-interessieren. Das ist das Falsche. Sie tyrannisieren
-sich durch Ihr ewiges Grübeln. Der Mensch ist
-nicht blos Verstand. Wenn Sie sagen: ich will nicht
-leben, dann spricht blos ein Teil von Ihnen, der
-andre aber will leben, o ja, o ja, er <em class="gesperrt">will</em> leben, und
-er sollte es sich nicht gefallen lassen, unterjocht zu
-werden. Er ist mächtiger als alles andre. Er <em class="gesperrt">sollte</em>
-mächtiger sein. Ihr Verstand zehrt an Ihnen.
-Aber das andere lebt noch in Ihnen, das spüre ich,<span class="pagenum" id="Seite_185">[185]</span>
-das fühlt man aus Ihren Schriften. Und das ist
-gut; sonst stünde die Sache verzweifelt. Sie können
-sich retten, aber nur Sie selbst sich selbst. Dazu bin
-ich gekommen, um Ihnen das zu sagen. Kehren Sie
-zurück zum Leben! – Das Leben ist schön!«</p>
-
-<p>Lange blickte Starkblom vor sich nieder. Dann
-sagte er leise:</p>
-
-<p>»Das alles kenne ich, was Sie da sagen. Sie
-vermuten recht, das ist mir nicht neu. Es hat oft
-in mir empor wollen, und in letzter Zeit mehr wie je,
-aber ich habe es bekämpft. Der Geist ist das höchste,
-was der Mensch hat. Es ist feige, feige, ihn zu
-unterdrücken. Wozu Sie raten, das ist die Herrschaft
-der andern Triebe über den geistigen. Das könnte
-ich nicht aushalten, jetzt nicht mehr; früher vielleicht.
-Das wäre mir jetzt zu gemein – auf die Dauer.«</p>
-
-<p>»O nein, das ist es gar nicht. Ich rate zum
-Genuß, jawohl, aber auch zum geistigen Genuß, zu
-dem erst recht. Aber geistiger Genuß ist nur möglich
-in Verbindung mit den andern – nun sagen wir:
-Trieben; sonst artet er aus und treibt zur Vernichtung.
-Sie wollen das leugnen, aber Sie können es nicht.
-Empfinden Sie nicht Genuß bei solchem Gespräch?<span class="pagenum" id="Seite_186">[186]</span>
-Und müßten Sie sich nicht zwingen, aus Gewohnheit
-und Konsequenzduselei, auch jetzt etwa zu fragen:
-was hat das für einen Zweck? was steckt dahinter?«</p>
-
-<p>Starkblom wurde unruhig; er konnte ihr Auge,
-das sie voll und ruhig auf ihn richtete, nicht ertragen.
-Er kehrte sich ab und sah zum Fenster hinaus. Sie
-aber wollte nicht nachlassen. Sie fühlte, sie hatte
-Einfluß auf ihn, und sie freute sich, daß ihr Geist
-sich im Gespräch mit dem seinen messen konnte.</p>
-
-<p>»Sagen Sie einmal, Starkblom,« fing sie also
-nochmals an, »was ist das mit dem Weib in Ihrer
-letzten Brochüre? An zwei Stellen? Das kommt
-so plötzlich und unvermittelt hinein. Was wollten
-Sie damit? Wenn es symbolisch sein sollte, gestehe
-ich, ich habe es nicht verstehen können.«</p>
-
-<p>Starkblom drehte sich rasch um.</p>
-
-<p>»Es sollte nicht symbolisch sein.«</p>
-
-<p>Dann fügte er zögernd hinzu:</p>
-
-<p>»Es war wohl ein Trieb. Halb Sehnsucht, halb
-Ahnung. – Unsinn war es, Unsinn.«</p>
-
-<p>»Jetzt verstehe ich vielleicht,« sagte sie leise. »Auch
-das gehört dazu. Sie sind zu retten, dann erst recht.«</p>
-
-<p>Jetzt sah er ihr fest in die Augen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[187]</span></p>
-
-<p>»Marguérite, Marguérite,« rief er dann. »Sie
-treiben ein gefährliches Spiel. Noch lebe ich, verstehen
-Sie, noch bin ich Mensch! Hüten Sie sich!«</p>
-
-<p>Und er streckte die Hand wie suchend nach ihr aus.</p>
-
-<p>»Ich freue mich, daß Sie leben,« sagte sie ängstlich
-lächelnd und sich etwas zurückbiegend, »aber Sie
-sind ein Kind!«</p>
-
-<p>Er fuhr sich verwirrt mit der Hand über die
-Stirn.</p>
-
-<p>»Wie … was? Sie meinen … aber nein, das
-nicht, das nicht. Nein, nein. Ich will nicht. Sterben
-Sie mit mir, Marguérite, ich bitte Sie, sterben Sie
-mit mir. Ich will nicht mehr leben, ich kann nicht.«</p>
-
-<p>Marguérite stand auf, heftig atmend und sehr blaß.</p>
-
-<p>»Starkblom,« sagte sie, »Sie sollten nicht eigensinnig
-sein. Sie thun sich Gewalt an. Ich würde
-es vielleicht thun, wenn&#160;–«</p>
-
-<p>Sie hielt inne. Starkblom ergriff sie bei der
-Hand und sah sie mit fieberndem Blicke an.</p>
-
-<p>»Was würden Sie thun? Was? Marguérite?!«</p>
-
-<p>Marguérite konnte nur noch flüstern.</p>
-
-<p>»Sterben, natürlich sterben. Was sonst?«</p>
-
-<p>Starkblom ergriff auch noch ihre andere Hand.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_188">[188]</span></p>
-
-<p>»Du würdest es thun, Marguérite? Du willst?
-Ja?«</p>
-
-<p>Marguérite konnte nicht mehr. Sie sank in den
-Sessel, lehnte sich zurück und ließ den Kopf zur Seite
-hängen.</p>
-
-<p>»Ja, ja, ja. Wenn du willst, ja. Aber nicht
-jetzt, nicht jetzt. Wir wollen warten. Bedenken. O
-es <em class="gesperrt">kann</em> ja nicht sein.«</p>
-
-<p>Starkblom trat zurück, wie plötzlich ernüchtert.</p>
-
-<p>»Ja, wir wollen warten. Vielleicht – ach
-Unsinn.«</p>
-
-<p>Dann griff er sich an den Kopf, wie müde vor
-Erregung.</p>
-
-<p>»Ach, was ist das heute für ein Tag! Wer hätte
-das gedacht? Wer hätte das gedacht?«</p>
-
-<p>Auf einmal zuckte es ihm um die Mundwinkel
-und in seinem Auge leuchtete es irr auf. Dann
-lächelte er fein, fast boshaft.</p>
-
-<p>»Ich glaube, wir belügen uns, Marguérite.
-Nicht?«</p>
-
-<p>Und flüsternd, aufgeregt stieß er heraus:</p>
-
-<p>»Wir meinen – es – anders – nicht&#160;–?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_189">[189]</span></p>
-
-<p>Marguérite winkte matt mit beiden Händen, er
-möge aufhören.</p>
-
-<p>»Laß –&#160;– laß, Starkblom. Ich will mit dir
-sterben – oder leben, wie du willst. Aber schweig
-jetzt, ich bitte dich. Ich kann – nicht mehr.«</p>
-
-<p>Und sie lehnte sich müde zurück und schloß die
-Augen. Starkblom trat ans Fenster und sah starr
-hinaus. Dann drehte er sich um und schaute sie
-lange an. Ein Zittern überkam ihn. Er wandte sich
-wieder ab und zwang sich, auf die Bäume gegenüber
-zu blicken und hinauf zu den Wolken. So verblieb
-er lange.</p>
-
-<p>Endlich fuhr sich Marguérite leicht mit der Hand
-über die Stirn, als wolle sie einen Traum verscheuchen.
-Dann ballte sie eine Faust und fuhr energisch mit
-dem Arm auf und ab. Sie konnte sich wieder beherrschen.
-Sie ließ ihre Blicke im Zimmer schweifen.
-Auf einem kleinen Tischchen lagen Bücher und Zeitschriften
-ungeordnet durcheinander. Dicker Staub lag
-darauf. Sie trat näher und malte gedankenlos Zeichen
-und Buchstaben auf die Bände. Dann nahm sie
-eines der Bücher in die Hand und schaute nach dem
-Titel.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_190">[190]</span></p>
-
-<p>»Ah!« sagte sie freudig.</p>
-
-<p>»Was haben Sie Schönes?«</p>
-
-<p>»›Also sprach Zarathustra‹ von Friedrich Nietzsche.
-Ich habe es nie in die Hand bekommen, aber viel
-davon gehört. Ich möchte es kennen lernen.«</p>
-
-<p>»Sie kennen es nicht? Alle Achtung vor Ihnen.
-Lernen werden Sie nicht mehr viel von ihm können.
-Aber die Sprache! die Sprache. Es ist ein wundersames
-Buch. Geben Sie her. Ich will Ihnen
-einiges davon zeigen.«</p>
-
-<p>Er nahm ihr das Buch aus der Hand, setzte sich,
-schlug aufs Gerathewohl auf und fing an vorzulesen.
-Nun las er einen Abschnitt nach dem andern, immer
-noch einen. So beruhigten sich ihre aufgeregten Sinne
-allmählich. Sie sprachen dann noch lange, Tiefes,
-auch Gleichgiltiges. Später gingen sie spazieren und
-setzten sich ins Grüne. Marguérite erzählte viel von
-ihrer Jugend, von den mancherlei Menschen, mit
-denen sie zusammengetroffen. Sie hatte viel zu erzählen
-und berichtete ohne Scheu. Von ihren letzten
-Lebensjahren schwieg sie indessen.</p>
-
-<p>Abends sagten sie sich ziemlich früh und ziemlich
-zurückhaltend, fast ceremoniell Gute Nacht, und<span class="pagenum" id="Seite_191">[191]</span>
-Marguérite begab sich in das Fremdenzimmer, das
-seit Starkblom da wohnte, noch nie benutzt worden
-war. Sie schaute noch ein wenig zum Fenster hinaus
-und ließ sich von der Nachtluft abkühlen, dann legte
-sie sich ins Bett und kreuzte die Hände unter dem
-Kopf, wie sie zu thun pflegte, wenn sie noch nachdenken
-wollte. Den ganzen Tag über war es ihr
-immer von Zeit zu Zeit so gewesen, sie müsse an
-etwas denken, sie dürfe es nicht vergessen, und jetzt
-wollte sie sich besinnen. Aber ehe sie noch so weit
-war, zerflatterten ihre Gedanken in wirres Träumen,
-und sie schlief ein.</p>
-
-<p>Starkblom aber saß lange noch auf seinem Bett
-und brütete vor sich hin. Sollte er vergnügt sein
-und ausgelassen wie ein tolles Kind oder sollten sich
-ihm die Gedärme vor Ekel über sich selber im Leibe
-herumdrehen? Er wußte es wahrhaftig nicht. Er
-hatte die Kniee in die Höhe gezogen und stützte seinen
-Ellbogen darauf und hielt seinen Kopf. Er blickte
-starr, mit zusammengekniffenen Augen und gepreßten
-Lippen. Es fiel ihm nicht ein, sich zu wundern, sein
-Schicksal erfüllte sich, das war die natürlichste Geschichte
-von der Welt. Und dann auf einmal hielt<span class="pagenum" id="Seite_192">[192]</span>
-es ihn nicht mehr, es drückte etwas von innen gegen
-die starre Wand seines Mundes und er platzte laut
-heraus und lachte hell auf und schlug mit der flachen
-Hand klatschend auf seinen Schenkel. Freilich lachte
-er sich aus, aber eine jugendliche Freude war auch
-dabei, und weil er das herausfühlte, mußte er nur
-immer mehr und immer wieder lachen und losplatzen.
-So ein Narr! So ein Narr!</p>
-
-<p>Und dann kleidete er sich rasch aus und legte sich
-ins Bett und löschte das Licht. Er warf sich ein
-paar Mal hin und her, dann schloß er die Augen
-fest und blieb ruhig liegen. So, jetzt wird geschlafen,
-verstanden? Aber Starkblom wollte nicht verstehen.
-Er kicherte wieder ein wenig. Dann öffnete er die
-Augen weit und sah lange zur Decke empor. Und als
-ziehe ihn etwas in die Höhe, richtete er den Oberkörper
-auf, winkte mit der Hand in die Luft, und sagte mit
-vernehmlicher Stimme: »Gute Nacht, Marguérite! –
-Gute Nacht, liebe Marguérite!« Dann legte er sich
-wieder ruhig hin und lächelte müde. Und nun kamen
-ungeordnet aufgeregte Träume und lösten sich in
-wirrer Reihenfolge ab, bald mit offenen, bald mit
-geschlossenen Augen. So verbrachte er den größten<span class="pagenum" id="Seite_193">[193]</span>
-Teil der Nacht, hin- und hergeworfen von der Unruhe
-und ohne Müdigkeit. Es war, als habe er die
-dunstige Nebelhülle, in der er sonst sich so wohlig
-geborgen und so gut und tief geschlafen hatte, mit
-eins verloren. Es war so unheimlich klar in seinem
-Kopfe bei allen fürchterlichen und thörichten Träumen,
-die rastlos hin- und hergingen, und die Augen waren
-so kühl und wollten nicht geschlossen bleiben, es war
-ganz selbstverständlich, daß er nicht schlafen konnte,
-er hatte gar keinen Grund zum schlafen. Erst spät
-am Morgen duselte er ein wenig ein.</p>
-
-<p>Auch die nächsten paar Tage lebten sie ruhig
-und idyllisch neben einander hin. Sie lasen,
-plauderten, gingen spazieren und lagen im Grünen.
-Im übrigen hielten sie sich scheu zurück und wollten
-an das andre nicht mehr denken. Marguérite war
-es eingefallen, was sie nicht vergessen dürfe, aber
-sie wollte nicht daran denken. Es wird sich schon
-finden, es wird sich schon finden. Sie wollte sich
-gehen lassen.</p>
-
-<p>Starkblom aber ließ sich treiben, wie vom Sturmesbrausen.
-Er konnte nicht mehr zurück. Er konnte
-sich nicht mehr halten. Es war über ihn gekommen.<span class="pagenum" id="Seite_194">[194]</span>
-Er mußte es vollenden. Hinein in die Flut, nur
-hinein – Wer weiß? – Ja, wer weiß!</p>
-
-<p>Eines Abends, als sie auseinandergehen wollten,
-um zu schlafen, legte Starkblom seine zitternde Hand
-auf ihre Schulter. Seine Kniee bebten. Und mit
-verzerrtem blutleerem Gesicht und brennenden Augen
-bemühte er sich in ruhigem Ton zu sagen:</p>
-
-<p>»Marguérite, wir müssen die Konsequenz ziehen:
-warum nicht?«</p>
-
-<p>Sie sah ihn mit entsetzten Augen an: »Du willst
-sterben? Jetzt?«</p>
-
-<p>Da schrie er laut auf und brüllte:</p>
-
-<p>»Lüge nicht, Marguérite, lüge nicht! Sterben?!
-Wer denkt ans Sterben? Leben will ich! Dich!
-Dich!«</p>
-
-<p>Seine Stimme hatte sich überschlagen und knickte
-ab. Dann fügte er ruhiger, fast feierlich hinzu:</p>
-
-<p>»Marguérite, ich bin der Mann!«</p>
-
-<p>Da kreuzte sie die Arme über die Brust, sah ihn
-ernst und schmerzlich an und sprach:</p>
-
-<p>»Ich bin das Weib – ja!«</p>
-
-<p>Und bei dem letzten Wort nickte sie bekräftigend<span class="pagenum" id="Seite_195">[195]</span>
-und dann senkte sie den Kopf und blickte nicht mehr auf.</p>
-
-<p>Er biß die Zähne fest in die Unterlippe, atmete
-schwer und blickte bohrend in die Luft. Er trat
-zurück und blickte an ihr hinauf. Dann packte er sie
-plötzlich an beiden Schultern und riß sie an sich.
-Sie ließ es willenlos geschehen. Dann flüsterte er
-zitternd:</p>
-
-<p>»Ich danke dir. Komm!«</p>
-
-<p>Als Starkblom besänftigt und wohlig neben
-Marguérite lag und ihren wundervollen Leib umfangen
-hielt, da schwand rasch die Scham und der
-Ekel, die ihn erst hatten überwältigen wollen, und
-wenn auch sein Körper matt und unbewegt dalag, die
-bleierne Mattigkeit seiner Seele wollte sich von ihm
-lösen, und Kraft und Freude und selige Unbewußtheit
-hielten ihren sieghaften Einzug. Er wurde nicht müde
-in das ruhige süßes Behagen ausströmende Auge
-Marguérites zu blicken und ruhig und ohne Aufregung
-lange Küsse auf ihren Mund und ihre Lider zu heften.
-Und immer wieder hob sich seine Seele und sein Leib
-zu der wundervollen stillen Frau, die ihm manchmal
-sanft über das Haar strich und ihm den Schweiß
-von der Stirne wischte. Sie sprachen auch manchmal<span class="pagenum" id="Seite_196">[196]</span>
-zusammen während der langen schönen Nacht, aber
-nur kurze hingeworfene Laute, die im Dunkel verwehten,
-wie wenn den Vögeln nachts ein goldener
-Traum lind über das Gefieder streichelt und sie befangen
-weiche Töne den surrenden Lüften vermählen
-und dann wieder verstummen.</p>
-
-<p>Als das Morgengrauen anfing mit seinen Nebelfingern
-das Dunkel von den Scheiben zu wischen,
-senkte sich die Müdigkeit trennend zwischen die beiden
-und sie verfielen in einen tiefen, traumlosen Schlaf.</p>
-
-<p>Spät am Morgen schreckte Starkblom plötzlich
-empor und blickte verwirrt umher. Dann fiel ihm
-alles ein, er fühlte und sah seine schlafende Gefährtin
-neben sich und er legte sich lächelnd und behaglich
-wieder auf die Kissen zurück. Aber er konnte nicht
-mehr schlafen, er war vollständig frisch und munter.
-Er betrachtete Marguérite, deren breite, volle Brust
-sich gleichmäßig hob und senkte, ihre Wangen waren
-rosig überhaucht wie nie zuvor. So verblieb er lange,
-er konnte sich nicht satt sehen. Dann wäre er gerne
-wieder müde gewesen, er legte seinen Kopf, so leicht
-es ihm möglich war, auf ihre Brust, drehte aber
-dabei seinen Körper so, daß er ihr ins Gesicht sehen<span class="pagenum" id="Seite_197">[197]</span>
-konnte. Bald zuckte es um Marguérites Mund,
-drückende Träume mochten sie ängstigen, sie stöhnte
-leise, dann wachte sie auf und sah in Starkbloms
-Augen. Eine unsagbare Heiterkeit verklärte da ihre
-Züge, beide sprachen kein Wort; sie blickten sich nur
-immer an. Auf einmal aber beugte sich Marguérite
-herunter, legte ihre Arme um seinen Hals und küßte
-ihn auf den Mund.</p>
-
-<p>»Guten Morgen, mein Lieber«, sagte sie dann frei
-und heiter.</p>
-
-<p>»Guten Morgen, Marguérite«, antwortete Starkblom
-fröhlich und dankbar. Dann, während sie sich
-beide still neben einander legten, fing er an:</p>
-
-<p>»Das kommt mir jetzt erst. Daran hab’ ich noch
-gar nicht gedacht.«</p>
-
-<p>»Was denn?«</p>
-
-<p>»Das war der erste Kuß, den du mir gegeben
-hast.«</p>
-
-<p>»So?« meinte sie errötend. »Ja und?«</p>
-
-<p>»Weißt du, ich gebrauche die alten Wörter nicht
-gern, sie sind so abgescheuert und gemein geworden
-und waren von Anfang an nicht tief und innig genug.<span class="pagenum" id="Seite_198">[198]</span>
-Aber – du verstehst mich ja, wie ich es meine …
-also … nun eben&#160;–.«</p>
-
-<p>»Ist es denn so schrecklich, Karl? Was meinst du?«</p>
-
-<p>»Ich meine, jetzt hast du mich geküßt, und vorher
-– ich meine, liebst du mich denn, Marguérite?«</p>
-
-<p>Da drückte Marguérite die Hände fest auf die
-Augen, runzelte ihre Stirn und nickte langsam und
-feierlich mehrmals mit dem Kopfe, wie kleine Kinder
-thun, wenn sie etwas besonders ernsthaft bestätigen
-wollen. Dann lachte sie kurz in sich hinein und
-flüsterte ihm ins Ohr: »Ja.«</p>
-
-<p>Starkblom suchte ihre Hand und drückte sie fest
-und ließ sie nicht mehr los. Dabei legte er sich auf
-den Rücken und träumte in die Höhe. Dann lächelte
-er und lächelte immerfort, bis ihm das Wasser in die
-Augen trat.</p>
-
-<p>»Was hast du denn?« fragte Marguérite, die ihn
-beobachtete.</p>
-
-<p>»Ach, es ist mir nur eben etwas eingefallen«,
-meinte er, immerzu lächelnd.</p>
-
-<p>»Was denn, sag’ mir’s doch.«</p>
-
-<p>Er schwieg ein bischen, dann sagte er:</p>
-
-<p>»Mein armes, kleines Lorchen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_199">[199]</span></p>
-
-<p>»Deine Frau?« fragte sie leise, und er nickte.</p>
-
-<p>Da schämte sie sich und sie wußte doch nicht
-warum. Es mußte wohl etwas Großes sein und ein
-freier Ernst, der jetzt durchs Zimmer schwebte. Und
-voll von dem dunklen Gefühl beugte sie sich zu ihm
-hinüber und küßte ihn auf die Stirn.</p>
-
-<p>Nach einer Weile fragte er:</p>
-
-<p>»Hattest du nie ein Kind, Marguérite?«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte sie leise errötend.</p>
-
-<p>Da stand er auf, kniete vor ihr Bett und sagte,
-indem er die Hand auf ihren Kopf legte:</p>
-
-<p>»Du wirst eins bekommen.«</p>
-
-<p>Sie schlug die Hände vors Gesicht, dann lag sie
-ernsthaft da und nickte sinnend.</p>
-
-<p>Nun erhob auch sie sich und beide fuhren rasch
-in die Kleider. Plötzlich lachte Starkblom laut auf.</p>
-
-<p>»Weißt du, wie mir meine letzte Brochüre jetzt
-vorkommt?«</p>
-
-<p>»Nein, wie?«</p>
-
-<p>»Nun höre. Ein Mann in den Vierzigern,
-Wittwer, sucht auf diesem sehr ungewöhnlichen Wege
-eine Lebensgefährtin. Dieselbe muß groß und kräftig
-gebaut, sehr gebildet und vorurteilsfrei sein. Offerten<span class="pagenum" id="Seite_200">[200]</span>
-bittet man einzusenden unter der Chiffre: Es lebe der
-Tod! Nicht? War es nicht so? Und daß ich sie
-gefunden habe, das ist das allerseltsamste und das
-allerschönste! Wie kamst du denn dazu, Marguérite?
-Wie bekamst du denn in Paris meine Brochüren?«</p>
-
-<p>Marguérite hatte erst lachen müssen, aber jetzt
-wurde sie ernsthaft und sogar ein wenig blaß.</p>
-
-<p>»Das war nicht so einfach, mein Lieber. Das
-hängt mit etwas zusammen, mit etwas – anderm.
-Aber jetzt kann ich dir das unmöglich sagen. Du
-mußt warten. Bald – nicht wahr?«</p>
-
-<p>»Wie du willst, Marguérite. Ich habe dich,
-wir haben uns. Das ist eins und alles. Das
-andere ist gleichgiltig.«</p>
-
-<p>In so seliger alles vergessender Stimmung verbrachten
-sie diesen Tag und auch die folgenden. Was
-hätte ihr Glück stören können? Manchmal freilich
-überlief es Starkblom, und die Vergangenheit wollte
-ihn wieder packen mit ihren mörderischen Tatzen, und
-dann sagte er wohl:</p>
-
-<p>»Mein Glück ist zu groß. Ich werde bald
-sterben.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_201">[201]</span></p>
-
-<p>Aber Marguérite und er selbst brauchten sich nicht
-allzusehr anzustrengen, um dies Gespenst wieder zu
-verscheuchen.</p>
-
-<p>Eines Mittags saßen sie heiter auf dem Balkon
-und plauderten und sahen ins grüne Thal hinab.
-Da brachte die Haushälterin mit hochgezogenen Brauen
-und grenzenlos erstauntem Gesicht ein Telegramm und
-überreichte es zweifelnd Starkblom.</p>
-
-<p>Der nahm es rasch und las die Adresse und auch
-er machte ein sehr verwundertes, fragendes Gesicht.
-Doch winkte er der Frau, sie solle gehn.</p>
-
-<p>»Ist das für dich, Marguérite?« fragte er dann
-und reichte ihr die Depesche hinüber.</p>
-
-<p>Sie las die Adresse und errötete über und über.
-Da stand: »Frau Marguérite Starkblom. Villa
-Weißes Haus.«</p>
-
-<p>»Ja«, flüsterte sie dann und ließ das Papier
-unentschlossen in ihrem Schooß liegen.</p>
-
-<p>»Das ist seltsam«, meinte Starkblom, sie starr
-ansehend. »Verstehst du es? Kannst du mich nicht
-aufklären? Wer weiß davon etwas? Und wer kann
-sich unterstehen&#160;–?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_202">[202]</span></p>
-
-<p>»Es ist anders, lieber Karl. Hab nur Geduld.
-Laß mich erst lesen. Dann vielleicht&#160;–.«</p>
-
-<p>Sie erbrach den Verschluß und las die wenigen
-Worte.</p>
-
-<p>»Warum höre ich nichts von dir? Bin aus
-Frankreich ausgewiesen und schon auf der Reise zu
-Euch. Komme noch heute an. Hoffentlich steht alles
-gut. Jean.«</p>
-
-<p>Sie reichte ihm mechanisch das Blatt hinüber,
-und er las und blickte sie dann fragend und
-traurig an.</p>
-
-<p>»Marguérite, was heißt das? Wer ist der
-Mann? Woher weiß er&#160;–? Schriebst du ihm von
-hier aus?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Aber woher weiß er denn dann? Was ist das?
-Marguérite!«</p>
-
-<p>Und sie flüsterte:</p>
-
-<p>»Ich lebte mit ihm zusammen. Es geschah mit
-seinem Einverständnis, daß ich hierher kam. Er
-ist&#160;–«</p>
-
-<p>Sie verstummte.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_203">[203]</span></p>
-
-<p>»Mit seinem Willen? Das verstehe ich nicht.
-Marguérite! Was ist das? Wie kann er dich
-Starkblom nennen?«</p>
-
-<p>»Er heißt selbst so, Karl, und ich nannte mich
-nach ihm. Ach, es ist ja so gleichgiltig.«</p>
-
-<p>»Gleichgiltig? Und er heißt Starkblom? Und
-das wäre nur ein unerhörter Zufall? Ist das ein
-Traum?«</p>
-
-<p>»Kein Zufall – oder – wie du’s nimmst.
-Er heißt Johannes Starkblom. Er hält sich für
-deinen Bruder.«</p>
-
-<p>Starkblom durchfuhr es. Er stand rasch auf.</p>
-
-<p>»Was? Johannes? Der lebt? Und, – und
-– du – mit ihm … ach Marguérite, was ist
-das für eine Geschichte!«</p>
-
-<p>Er setzte sich müde und abgespannt wieder auf
-den Stuhl. Die Sache griff ihn an.</p>
-
-<p>»Alle meine Geschwister sind mir sonst ganz
-gleichgiltig. Ich kümmere mich gar nicht um sie.
-Aber der – das ist etwas andres. Und du&#160;–!«</p>
-
-<p>Marguérite schmiegte sich eng an ihn und legte
-den Arm um seinen Hals.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_204">[204]</span></p>
-
-<p>»Geht es dir so nahe, mein liebster Schatz?
-Sieh, dafür kann ich ja nichts. Und er auch nicht.
-– Er hat es aber vorausgesagt.«</p>
-
-<p>»Was hat er gesagt?«</p>
-
-<p>»Daß – nun wie es gekommen ist. Daß wir
-nicht mehr von einander können. Zwar nein, so
-wird er es doch nicht gemeint haben. Er ist ein so
-guter Mensch. Ich habe ihn sehr gern.«</p>
-
-<p>»So, Marguérite? Und ich?«</p>
-
-<p>»Aber, mein lieber guter Karl, das ist ja ganz
-etwas – aber das läßt sich ja gar nicht – weißt
-du – nein – dich <em class="gesperrt">liebe</em> ich! Karl! Verstehst du?«</p>
-
-<p>»Meine liebe Marguérite, ich glaube dir ja. Ich
-bin ja kein Philister! Nur daß es mein Bruder&#160;–!«</p>
-
-<p>»Aber wenn es das nicht wäre, wäre ich ja nie
-zu dir gekommen. Nicht? Willst du nun hören?«</p>
-
-<p>»Das ist auch wahr. Ja, erzähle, ich bin nun
-schon ruhiger. Das ist ein Mensch! Der Johannes!
-Lebt sich der Mensch noch!«</p>
-
-<p>»Freilich lebt er! Er ist seit Jahren in Paris.
-Vor zwei Jahren lernte ich ihn kennen und seit einem
-ungefähr leben wir zusammen. Er hat fürchterlich viel
-mitgemacht im Leben. Weißt du, nicht innerlich wie<span class="pagenum" id="Seite_205">[205]</span>
-du, das viel weniger. Aber er ist herumgekommen,
-überall. Und geschüttelt ist er worden. Nun, dadurch
-ist er eben ganz und gar frei geworden. Mehr
-als wir alle. Er ist es praktisch. Um die Theorie
-hat er sich nie viel gekümmert. Er macht alles mit,
-was die Nerven aufregt, was neu ist, was ihn
-amusiert. Und dabei ist er ein so herzensguter
-Mensch. Aber das darf man ihm nicht sagen. Er
-möchte es nicht sein.«</p>
-
-<p>»Da steht er nun völlig vor mir. Der Taugenichts!
-Ich hätte nicht gedacht, daß das aus ihm
-wird. Er trieb immer das Gegenteil von dem, was
-ich; und jetzt stehn wir fast auf demselben Fleck. Ja,
-ja, die Welt ist rund! Und jetzt wird er ausgewiesen?
-Warum?«</p>
-
-<p>»Ach, das ist wegen dieser anarchistischen Geschichten.
-Wir haben da ein wenig teilgenommen.«</p>
-
-<p>Starkblom stand auf und ging erregt hin und her.
-Dann fing er an:</p>
-
-<p>»O der Glückliche! Ihr Glücklichen! Was habe
-ich gebraucht, um dahin zu kommen, wo ich jetzt stehe!
-Alles im Denken, im Grübeln, es zerriß mich schier!
-Alles innen, es wollte heraus und drückte in mir zum<span class="pagenum" id="Seite_206">[206]</span>
-wahnsinnig werden. Und ihr – und er! Er handelt,
-er nimmt teil! Er ist unbekümmert!«</p>
-
-<p>»Und doch nicht epileptisch«, sagte Marguérite
-lächelnd.</p>
-
-<p>»Aber er hat etwas nicht, was ich habe. Ich
-bin so schwerfällig, ich habe so viel altes, ich brauche
-so unsägliche Mühe, um es los zu werden! Und
-jetzt, jetzt – jetzt bin ich zu alt! Wenn ich dich
-nicht hätte, wozu wäre ich noch gut? Und jetzt, jetzt,
-wird er dich mir nicht entreißen? Marguérite!
-Verlaß mich nicht! Ich … du … ich brauche
-dich … über alles … mein Einziges!«</p>
-
-<p>Marguérite drückte ihn fester an sich.</p>
-
-<p>»Mein geliebter Karl, er kann uns nicht trennen.
-Er wird es auch nicht wollen. Wir bleiben immer
-beisammen, immer. Und schließlich&#160;–«</p>
-
-<p>Sie stockte. Dann setzte sie hinzu:</p>
-
-<p>»Nun, das wird sich finden. Wir wollen warten,
-bis er kommt. Freust du dich nicht ein wenig?«</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht. Vielleicht – Mir ist bange.
-– Wie kam er denn zu meinen Schriften?«</p>
-
-<p>»O er liest viele deutsche Sachen, und neues<span class="pagenum" id="Seite_207">[207]</span>
-Modernes aus aller Herren Länder verschafft er sich
-immer. Er hat da einen kleinen deutschen Buchhändler
-aufgetrieben in einem engen Gäßchen, der
-auf Kuriositäten aus ist und besonders die Brochürenlitteratur
-pflegt. Der sagte ihm nun einmal, als er
-bei ihm herumkramte: »Von Ihnen hab’ ich auch
-etwas bekommen, Herr Starkblom. Das kann nur
-von Ihnen sein. Es ist zu toll.« Nun, das war
-deine »Vision«. Nachdem ließen wir uns natürlich
-das erste Sendschreiben auch kommen und durch den
-Verleger erfuhren wir die Adresse und bekamen damit
-auch Sicherheit, daß du sein Bruder bist. Es ist
-eigentlich sehr einfach und doch ist’s wieder wunderbar.«</p>
-
-<p>Die nächsten Stunden verbrachten sie unter unruhigem
-Hin und Her und gleichgiltigen Gesprächen.
-Starkblom war ziemlich aufgeregt.</p>
-
-<p>Endlich gegen Abend klopfte es mit drei leicht
-hingeworfenen Schlägen an die Thür und Hans trat
-ein. Marguérite trat ihm rasch errötend entgegen
-und reichte ihm beide Hände. Der kleine Mann
-blinzelte ein wenig an ihr hinauf, dann aber begnügte
-er sich damit ihre Hände zu schütteln und dann an
-die Lippen zu ziehen. Er wollte sie im Flüsterton<span class="pagenum" id="Seite_208">[208]</span>
-etwas fragen, aber sie trat zur Seite und winkte mit
-dem Kopf Starkblom zu.</p>
-
-<p>Der trat nun näher.</p>
-
-<p>»Sie sind Johannes Starkblom, der Sohn Adam
-Starkbloms, des Schuhmachers?«</p>
-
-<p>»Ich kann’s nicht leugnen.«</p>
-
-<p>»Dann sind wir Brüder.«</p>
-
-<p>»Ja, das sind wir ganz sicher.«</p>
-
-<p>Es trat eine Pause ein. Dann begann der Ältere:</p>
-
-<p>»Wir haben uns sehr lange nicht gesehen. Wir
-kennen uns nicht mehr.«</p>
-
-<p>»Ja nun also,« fiel Hans lebhaft ein, »lassen
-wir den ganzen lächerlichen Bruderschwindel zu Hause.
-Die Sache wird sonst furchtbar ungemütlich. Sie
-wissen – Marguérite hat Ihnen jedenfalls gesagt,
-wie sehr Sie uns sympatisch sind – und – nun
-einfach – wir machten das Experiment, Sie vom
-Tod zu retten, ich kam zuerst auf den Gedanken,
-weil ich das Leben nämlich so furchtbar, so ganz unsagbar
-liebe! Und nun – wie steht die Sache? –
-Ich setze mich.«</p>
-
-<p>Als Starkblom schwieg, sagte Marguérite leise
-zu Hans:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_209">[209]</span></p>
-
-<p>»Du hattest Recht.«</p>
-
-<p>Da rief er vergnügt:</p>
-
-<p>»Nicht wahr? Bravo, bravissimo! Also gerettet!
-Lebensfreudig! Von unsrer Art? Nun dann –
-Bruder, schlag ein! Nun sind wir Brüder!«</p>
-
-<p>Karl legte seine Hand in die seine, sagte aber
-verlegen lächelnd:</p>
-
-<p>»Ich glaube, Marguérite meinte es ein wenig
-anders mit dem Recht haben, und vielleicht hat dann
-auch die Brüderschaft noch einen andern Sinn. Sie
-– du sollst in Paris etwas vorausgesagt haben –
-nun, es traf ein, vollständig, nach jeder Richtung.«
-Er stand auf. »Und da ist nichts zu ändern. Nicht
-wahr, Marguérite? Wir zwei haben uns gefunden
-in freier Liebe, und nichts kann uns trennen –
-nichts!«</p>
-
-<p>Hans sah lange auf die beiden, dann antwortete
-er:</p>
-
-<p>»Also doch! Nun – darauf war ich gefaßt,
-und während der Reise ist mir’s schon zur Gewißheit
-geworden. – Marguérite! es wäre mir sehr unbequem,
-ohne dich zu leben. Ich habe mich so an dich gewöhnt,
-kurz – hol’s der Teufel, ich hab’ dich wahnsinnig<span class="pagenum" id="Seite_210">[210]</span>
-lieb! Und du – Marguérite? Alles aus? Weggeblasen?
-Na – wenn schon – denn schon!«</p>
-
-<p>»Gar nicht, Hans, gar nicht: ich habe dich so
-lieb wie je, ganz und gar. Nur das – diese Liebe,
-das ist neu. Karl und ich – nun eben – du hast
-es immer leugnen wollen, aber es giebt doch etwas
-wie eine Ehe.«</p>
-
-<p>Karl war still zur Seite getreten und hörte ruhig
-zu. Er wußte, sein Glück war gesichert, und nun
-nahm er Interesse an dem Geschick des armen Hans
-– so nannte er ihn in Gedanken.</p>
-
-<p>»Eine Ehe soll’s geben?« erwiderte Hans in
-ruhigem Ton. »Ja, es kommt darauf an, wie du
-das meinst. Also das, wie wir lebten, das nennst
-du nicht Ehe?«</p>
-
-<p>»Nun, es kommt ja auf’s Wort nicht an. Daß
-das viel besser und schöner war, als was man sonst
-gewöhnliche Ehe nennt, das ist natürlich ganz selbstverständlich.
-Aber, siehst du, es mag seltsam klingen,
-aber es ist so: wir hatten doch eigentlich nur geistige
-Gemeinschaft.«</p>
-
-<p>»Na, na, das ist aber eine sehr kühne Behauptung,
-Marguérite. Das dürfen Sie beileibe nicht glauben,<span class="pagenum" id="Seite_211">[211]</span>
-Herr Bruder im Geist, na, Sie wissen ja, was für
-ein Geist.«</p>
-
-<p>»Jean, du wirst gereizt, ich hör’s am Ton, und
-das ist nichts für dich. Ich bleibe ganz und gar
-bei dem, was ich sagte. Es giebt Menschenpaare,
-die Erfahrung habe ich wenigstens gemacht, seit ich
-Karl kenne, bei denen geistige und körperliche Gemeinschaft,
-ich möchte sagen, organisch zusammenhängen.
-Gewöhnlich ist’s bloßes zufälliges Zusammentreffen.
-Angenommen, und so war’s bei dir und mir: Ihre
-Seelen stehen sich nahe und aus Bequemlichkeit machen
-die Körper die Sache so mit. Aber das ist nicht
-unbedingte Notwendigkeit. Daß wir, gerade wir beide,
-zusammen gehörten und zusammen taugten, ganz und
-gar, und uns gar nichts anderes denken konnten, so
-war es nicht, nein, so war es nie!«</p>
-
-<p>»Jetzt ahne ich, was du meinst. Verzeih, aber
-das ist eine ganz überspannte Geschichte. So was
-giebt’s gar nicht. – Der langen Rede kurzer Sinn
-aber ist wohl der: Für mich giebt’s keinen Platz!
-Da sind nur zwei Stühle und die sind besetzt.
-Nicht?«</p>
-
-<p>Die beiden schwiegen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_212">[212]</span></p>
-
-<p>»Ich muß jetzt doch wie ein Kapitalsesel vor
-euch stehen« fing Hans wieder an. »Der ganze
-Plan stammt ja von mir. Sowie ich die Brochüre
-gelesen hatte, noch ehe ich ganz sicher war, daß Sie
-mein Bruder sind, ich dachte es mir zwar gleich, da
-fuhr es mir durch den Kopf: Den rette ich durch
-Marguérite! Es giebt nur <em class="gesperrt">eine</em> Marguérite, dachte
-ich, die kann’s, nur die. Verteufeltes Vergnügen hat
-mir die Geschichte gemacht; und daß Sie sich in sie
-verlieben, habe ich sofort in die Berechnung gezogen,
-ich dachte schon, eine kleine Tragödie giebt’s, es wird
-ihm ein bischen zusetzen, aber am Leben bleibt er,
-dann erst recht. So ungefähr. Und nun? Herrgott,
-Marguérite, wie kann’s nur sein, daß du mich
-nicht mehr liebst, und ich hab’ dich lieber als je!
-Wie habe ich mich nach dir gesehnt die letzten Tage!
-Ist gar nichts zu machen? Entschließt du dich nicht
-anders, nun ich da bin?«</p>
-
-<p>»Nein Hans,« sagte sie, »ich habe dich recht gern,
-ich denke gern an alles zurück, und ich verdanke dir
-ja so vieles&#160;–«</p>
-
-<p>»Nichts verdankst du mir, nichts. O du! Du!«</p>
-
-<p>»Aber jetzt ist es anders. Wir gehörten zusammen,<span class="pagenum" id="Seite_213">[213]</span>
-Karl und ich, und mußten uns finden.
-Es ist schade, daß ich nicht an die Vorsehung
-glaube.«</p>
-
-<p>»Hm,« machte er und lächelte trotz seiner Erregung.
-»Na, Herr Bruder, man ist natürlich der
-Dritte, der jubelt? Das Wort paßt nicht ganz,
-thut aber nichts. Na wie wär’s? Wollen wir jetzt
-mit einander ein wenig sterben spielen? Wenn Sie
-alle Künste Ihrer mächtigen Beredsamkeit anwenden,
-bringen Sie mich vielleicht so weit.«</p>
-
-<p>»Nein, Hans,« erwiderte Karl Starkblom, »ich
-denke vorerst nicht mehr an den Tod. Und ich hoffe,
-Sie werden den Schmerz auch überwinden&#160;–«</p>
-
-<p>»Ich bitte Sie, jetzt keine Phrasen. Schmerz ist
-anders. Schmerz – Schmerz – das wäre also
-Schmerz? Das Wort ist eigentlich gar nicht so
-übel – Schmerz. Jedenfalls ein verfluchter Zustand.
-Furcht vor Langeweile hätte ich ihn genannt. Jetzt
-muß man wieder suchen; ich weiß nicht einmal, wo
-wohnen; ich hatte doch gehofft, wir könnten hier eine
-Zeitlang beisammen bleiben&#160;–?«</p>
-
-<p>Er hielt inne und blinzelte die beiden an. Sie
-schwiegen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_214">[214]</span></p>
-
-<p>»Also nicht? Egoisten!«</p>
-
-<p>»Ach Marguérite!« schrie er plötzlich, und die
-Leidenschaft überwand seine künstliche Haltung. Das
-kleine Männchen zitterte am ganzen Leib. »Marguérite,
-du warst mir eine Gefährtin; du hast mit mir gelacht,
-wenn ich lachte, du hast meine Launen geduldig
-ertragen, und warst so sanftmütig und so innig und
-so verständnisvoll –&#160;– o pfui, wie ist mir’s jetzt
-so öde! Äh!«</p>
-
-<p>Er setzte sich, stützte den Kopf auf und kratzte
-mit der andern Hand im Barte.</p>
-
-<p>Da sah er plötzlich auf.</p>
-
-<p>»Ich kenne eure deutschen Verhältnisse nicht mehr
-so recht,« hub er an. »Wer von euren Spießbürgern,
-ich meine die Professorenseelen und Staatsmänner
-und so weiter, wer ist denn da besonders
-populär wegen seines makellosen Rufes, humaner Gesinnung,
-kurz ein recht braver guter Ehrengreis?«</p>
-
-<p>»Ich wüßte im Moment nicht – warum fragst du?«</p>
-
-<p>»Den müßte man umbringen,« sagte er lächelnd.</p>
-
-<p>Sie sahen ihn erstaunt an.</p>
-
-<p>»Nu ja – das hätte doch einen ganz eigenen
-Reiz. Nicht? Die Welt denkt an dies und das,<span class="pagenum" id="Seite_215">[215]</span>
-aber auf so was ist kein Mensch gefaßt. Das bringt
-Bewegung in den Ameisenhaufen, und wenn der
-Thäter ruhig zusehen könnte – es müßte ein kurioses
-Vergnügen sein.«</p>
-
-<p>»Weiteren Zweck würdest du keinen damit verfolgen?«</p>
-
-<p>»Zweck? Mensch, wie weit sind Sie eigentlich
-in der Kultur zurückgeblieben? Hinter Ihren eigenen
-Brochüren sind Sie ja zurückgeblieben? Oder ich
-habe sie nicht recht verstanden. Ich meine, die Hauptsache
-ist, daß man gar nicht nach Zwecken fragt,
-sondern blos nach sich selber? Ich habe nun
-einmal so einen Geist, dem so was Vergnügen
-macht. Warum sollt’ ich’s nicht thun? Vielleicht
-thue ich’s auch nicht, vielleicht werde ich hundert
-Jahre alt und habe das nicht gethan, was mir am
-meisten entsprochen hätte, aber eine Schande wär’s
-dann. Jedenfalls!«</p>
-
-<p>»Das alles liegt mir sehr nahe,« sagte Starkblom
-düster. »Einen Moment war ich vielleicht auch da,
-aber ich kann nicht, ich kann nicht. Und jetzt schon
-gar nicht mehr. Ich kann nicht mehr blos verneinen.
-Ich muß etwas haben, wofür ich mich erwärme. –<span class="pagenum" id="Seite_216">[216]</span>
-Ist das die Stimmung der Anarchisten? Denken Sie
-eben so?«</p>
-
-<p>»O nein,« fiel Marguérite rasch ein. »Durchaus
-nicht. Sie wollen etwas. Ihr Treiben hat
-einen Sinn. Sie sind durchaus nicht ohne Wärme.
-Durchaus nicht ohne Natur.«</p>
-
-<p>»Also immer noch?« fragte Hans bitter. »Deine
-alte Liebe? Nun, sie sind nicht ganz ohne, und
-so sind sie, wie du sie schilderst. Hitzige und
-unklare Menschen. Ich habe die Verteidigungsrede
-des einen bei mir, den sie jetzt »hingerichtet«
-haben. Ihr kennt sie jedenfalls noch nicht. Ich
-muß sagen – nun eben, ein Fisch bin ich auch
-nicht, und die Worte des Mannes haben mich
-ins Mark hinein erschüttert. Soll ich sie euch vorlesen?«</p>
-
-<p>»Ich bitte darum,« rief Karl lebhaft und gleichzeitig
-rief Marguérite: »Ja, ja! Ich kenne den
-Mann nur aus Schilderungen, aber er war ein
-Mensch!«</p>
-
-<p>»Ja, das war er,« sprach Hans feierlicher, als
-er selbst es an sich gewohnt war. Dann suchte er
-in seiner Brusttasche unter allerlei Papieren, bis er<span class="pagenum" id="Seite_217">[217]</span>
-ein halb zerfetztes, auf schlechtem Papier gedrucktes
-Zeitungsblatt hervorholte. Dann las er.</p>
-
-<p>»Wenn ich das Wort ergreife, so geschieht dies
-nicht, um mich zu verteidigen gegen die Thaten,
-welcher man mich beschuldigt; denn nur die Gesellschaft
-allein, welche durch ihre fehlerhafte Organisation
-die Menschen zum fortwährenden Kampfe des Einen
-gegen den Anderen zwingt, ist verantwortlich dafür.
-Sieht man heute nicht in allen Klassen Menschen,
-welche ihren Mitmenschen, ich sage nicht den Tod, das
-klingt zu schlecht, aber ein Unglück wünschen, wenn
-solches ihnen einen persönlichen Vorteil bringen kann?
-Zum Beispiel: Hegt der Geschäftsmann nicht den
-Wunsch, sein Konkurrent möchte verschwinden?</p>
-
-<p>Wünscht der Arbeitslose, um Arbeit zu erhalten,
-nicht, daß der beschäftigte Arbeiter aus irgend einem
-Grunde entlassen wird? Nun gut; in einer Gesellschaft,
-wo solche Dinge vorkommen, hat man sich
-nicht zu verwundern über Thaten wie die, deren man
-mich beschuldigt.</p>
-
-<p>Da es nun so bestellt ist, so habe ich, wenn der
-Hunger an mich herantritt, nicht zu zögern, diejenigen
-Mittel anzuwenden, welche zu meiner Verfügung<span class="pagenum" id="Seite_218">[218]</span>
-stehen, selbst auf die Gefahr hin, Opfer zu
-hinterlassen. Bekümmern sich etwa die Arbeitgeber
-darum, wenn sie Arbeiter entlassen, ob dieselben
-vor Hunger sterben? Alle Diejenigen, welche im
-Überfluß schwelgen, bekümmern sich diese um die
-Menschen, welchen die notwendigsten Nahrungsmittel
-fehlen?</p>
-
-<p>Es giebt ja einige Leute, welche Unterstützungen
-verabfolgen, aber sie sind ohnmächtig, um
-den Millionen, die im bittersten Elend leben und
-nicht selten ihrem Leben freiwillig ein Ende machen,
-zu helfen.</p>
-
-<p>Ja, die Opfer dieser Gesellschaft sind zahllos.
-So hat die Familie Hayem und die Frau Sonheim
-gehandelt, welche ihre Kinder ermordete, da sie es
-nicht länger mit ansehen konnte, wie sie vor Hunger
-litten und so handeln <em class="gesperrt">alle</em> Frauen, welche, in
-der Furcht, daß sie ihr Kind nicht ernähren könnten,
-lieber ihre Gesundheit und ihr Leben in Gefahr
-bringen, indem sie die Frucht der Liebe frühzeitig
-töten.</p>
-
-<p>Und alles dieses passiert inmitten des Überflusses!
-In Frankreich, wo alles in Hülle und<span class="pagenum" id="Seite_219">[219]</span>
-Fülle vorhanden ist, wo die Metzgerläden mit
-Fleisch, die Bäckerläden mit Brot überfüllt sind,
-wo die Kleidungsstücke, Schuhe u.s.w. in unendlichen
-Massen in den Magazinen aufgethürmt
-liegen!</p>
-
-<p>Aber da kommen wieder Andere und sagen: »Das
-Alles ist wahr, aber unabänderlich. Sehe Jeder,
-wie er durchkomme.«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Das habe ich gethan.</em> Ich wollte nicht Hungers
-sterben und wollte mich nicht mit dem Gedanken
-beruhigen, daß man mir nach meinem Tode ein paar
-mitleidsvolle Worte auf’s Grab wirft. Ich überließ
-das Anderen. Ich habe es vorgezogen, Schmuggler
-zu werden, dann Falschmünzer, Dieb, Mörder. Ich
-hätte betteln können; das ist herabwürdigend und
-feige, und das Betteln wird ja außerdem von Euren
-Gesetzen bestraft, welche aus dem Elend ein Verbrechen
-machen! Wenn alle Bedürftigen, anstatt
-abzuwarten, da nehmen würden, wo etwas ist, und
-zwar ganz gleich durch welches Mittel, dann würden
-die Gesättigten vielleicht viel schneller verstehen, daß
-es Gefahr in sich birgt, die heute bestehenden sozialen
-Verhältnisse zu verteidigen, in welchen die Ungewißheit<span class="pagenum" id="Seite_220">[220]</span>
-permanent und das Leben jeden Moment
-bedroht ist.</p>
-
-<p>Man würde wahrscheinlich viel eher einsehen, daß
-die Anarchisten Recht haben, wenn sie sagen, daß,
-um die moralische und physische Ruhe zu erhalten,
-es notwendig ist, die <em class="gesperrt">Ursachen</em> zu zerstören, welche
-die Verbrechen und die Verbrecher erziehen.</p>
-
-<p>Deshalb habe ich die Thaten vollbracht, deren
-man mich beschuldigt, und die nur die logische Konsequenz
-des barbarischen Zustandes Eurer Gesellschaft
-sind. Man sagt, daß man grausam sein muß,
-um seinen Nebenmenschen zu töten; aber diejenigen,
-die so reden, sehen nicht, daß man sich nur dazu versteht,
-um nicht selbst den Tod zu erleiden.</p>
-
-<p>Sie, meine Herren Geschworenen, welche aller
-Wahrscheinlichkeit nach mich zum Tode verurteilen
-werden, handeln gerade so wie ich; Sie verurteilen
-mich, weil Sie glauben, daß es eine Notwendigkeit
-ist. Sie schaudern, wenn Sie von einem Mord
-hören; aber Sie zögern keinen Augenblick, zu morden,
-wenn Sie bedenken, daß der Mord zu Ihrer Sicherheit
-erforderlich ist. Der einzige Unterschied, der
-zwischen uns besteht, ist der, daß Sie ohne persönliche<span class="pagenum" id="Seite_221">[221]</span>
-Gefahr morden, während ich meine Freiheit und mein
-Leben dabei auf’s Spiel setzte.</p>
-
-<p>Meine Herren! Sie sollten nicht sowohl die Verbrecher
-verurteilen, als die Ursachen der Verbrecher
-vertilgen.</p>
-
-<p>Es wird immer Verbrecher geben; heute vertilgen
-Sie einen, morgen werden zehn neue geboren. Was
-ist da zu machen? Das Elend abzuschaffen, diesen
-Keim des Verbrechens. Und wie leicht ist das zu
-realisieren! Es genügt, die Gesellschaft auf einer
-neuen Basis aufzubauen, wo Alles Gemeingut ist,
-und worin Jeder, indem er nach seinen Anlagen
-und Kräften produziert, nach seinen Bedürfnissen
-konsumiert.</p>
-
-<p>Dann würde man weder Leute antreffen, wie der
-Einsiedler von »Notre-Dame-de-Grace«, noch solche,
-welche betteln gehen um eine Münze, dessen Sklave
-und Opfer sie gleichzeitig werden! Man würde keine
-Frauen mehr finden, welche ihre Körper verkaufen
-und keine Männer mehr wie Pranzini, Prado, Berland,
-Anastay und Andere, welche um dieser Münze
-willen Mörder geworden sind! Das beweist sonnenklar,
-daß die Ursache aller Verbrechen immer die<span class="pagenum" id="Seite_222">[222]</span>
-nämliche ist und daß man wirklich wahnsinnig sein
-muß, dieses nicht einzusehen.</p>
-
-<p>Ich bin nur ein einfacher Arbeiter ohne
-Bildung; aber weil ich das Leben und die Existenz
-des Elends miterlebt, fühle ich die Ungerechtigkeit
-Eurer repressiven Gesetze weit besser, als ein reicher
-Bourgeois.</p>
-
-<p>Woher nehmen Sie sich das Recht, einen Mann
-zu töten oder einzusperren, welcher, auf die Welt
-gesetzt mit dem Bedürfnis, zu leben, sich in die Notwendigkeit
-versetzt sah, zu nehmen, was ihm fehlte,
-um sich zu ernähren?</p>
-
-<p>Ich habe gearbeitet, um zu leben und um den
-Meinigen zum Leben zu geben, und so lange, wie
-ich und die Meinigen nicht über das Maß gelitten
-haben, bin ich geblieben, was Sie »ehrlich« nennen.
-Dann ging die Arbeit aus und mit der Arbeitslosigkeit
-kam der Hunger. Da erst hat sich das Naturgesetz
-geltend gemacht, diese imperative Stimme, welche
-keine Replik duldet; der Instinkt der Selbsterhaltung
-trieb mich dazu, etliche von den Verbrechen zu begehen,
-deren Sie mich anklagen und deren ich mich
-schuldig bekenne.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_223">[223]</span></p>
-
-<p>Richten Sie mich, meine Herren Geschworenen;
-wenn Sie mich aber verstanden haben, indem Sie
-mich verurteilen, richten Sie alle Unglücklichen, welche
-das Elend, alliirt mit dem natürlichen Stolze, zu
-Verbrechern machte und welche mit einem glücklichen
-Auskommen ehrliche Leute geblieben wären! Ich
-wünsche, daß Sie, die Sie mich zum Tode verurteilen
-werden, daß Andenken an diesen Spruch so leicht
-tragen möchten, wie ich meinen Kopf unter das Messer
-der Guillotine legen werde!«</p>
-
-<p>Eine Weile waren alle drei stumm. Hans nagte
-an seiner Unterlippe, Karl blickte mit weiten Augen
-ins Leere. Marguérite weinte, und sie war die erste,
-die wieder sprach. Sie trat auf Hans zu und streckte
-ihm die Hand hin. Dazu sagte sie voll warmen
-Gefühls nur das eine Wort:</p>
-
-<p>»Hans!«</p>
-
-<p>Er berührte flüchtig ihre Hand und ließ sie gleich
-wieder los.</p>
-
-<p>»Na ja. Was hilft mir das?« Er deutete auf
-Karl. »Da sieh deinen«&#160;–</p>
-
-<p>»Hans!«</p>
-
-<p>»Was denn? Jetzt wollte ich wahrhaftig ganz<span class="pagenum" id="Seite_224">[224]</span>
-brav sein. Sieh nur deinen Mann! Wohin schaust
-du denn, Karl?«</p>
-
-<p>»Ich kann nicht anders,« rief Karl Starkblom
-mit einem Mal laut. »Ich liebe diese Menschen.
-Ich komme nicht los davon.«</p>
-
-<p>»Wovon denn?«</p>
-
-<p>»Vom Sozialismus. Ich glaube daran.«</p>
-
-<p>»Hm. Nicht übel. Ich vielleicht auch. Ich
-weiß es wirklich selbst nicht. Ist auch egal. Wir
-erleben’s nicht.«</p>
-
-<p>Karl schaute wieder. Marguérite und Hans
-ließen ihn gewähren und schwiegen.</p>
-
-<p>»Marguérite, rasch,« rief Karl plötzlich ängstlich.
-»Papier, Tinte! Rasch. Ich könnte es vergessen.«</p>
-
-<p>Und er lief im Zimmer hin und her. Marguérite
-holte das Nötige und Karl schrieb stehend rasch ein
-paar Zeilen.</p>
-
-<p>»Ich habe noch etwas zu sagen,« sprach er dann,
-»ich habe noch etwas auf dem Herzen. Ich will
-wieder reden zu den Menschen!«</p>
-
-<p>»Was hast du vor?« fragte Marguérite. »Wieder
-ein Heft?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_225">[225]</span></p>
-
-<p>»Ja. Lies den Zettel nur. Du ahnst vielleicht,
-was mir vorschwebt.«</p>
-
-<p>»Bitte, Marguérite, lies vor. Ich darf doch?«
-fragte Hans.</p>
-
-<p>»Gewiß, gewiß.«</p>
-
-<p>Nun entzifferte Marguérite langsam das hastig
-Geschriebene.</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Utopien</em>, das wäre vielleicht eine Aufgabe, der
-ich gewachsen wäre, Utopien zu schreiben. Ausbau
-von allem, wozu jetzt die Ansätze da sind. Psychologie,
-Technik, Kunst, Stadt und Land, Verkehr, Geselligkeit,
-Familie, Natur. Kurz: alles sagen.«</p>
-
-<p>»Das gefällt mir,« meinte Marguérite. »Das
-kannst du.«</p>
-
-<p>»Ihr seid glücklich, meine Herrschaften,« sagte
-Hans plötzlich aufstehend. »Und ich werde mich später
-vielleicht über euer Glück freuen, und wenn der Onkel
-Hans an eurem Feuer sitzt und euer Kind auf seinem
-Schenkel reiten läßt, dann sagt er wohl schmunzelnd:
-»Kinder, das verdankt ihr alles mir. Ich habe euch
-zusammengekuppelt.« Vorerst sind wir aber noch
-nicht so weit und ich gehe jetzt. Adieu, Bruder –
-viel Glück – nein, ich mein’s wirklich ernsthaft, ich<span class="pagenum" id="Seite_226">[226]</span>
-kann mir nicht helfen. Aber gehen muß ich jetzt
-schleunigst. Wegen des Hotels, es wird sonst zu
-spät. Also&#160;–«</p>
-
-<p>»Adieu, lieber Hans, ich hoffe bestimmt, wir
-sehen uns später wieder. Und wenn du einmal&#160;–«</p>
-
-<p>»Ganz richtig, wenn ich Geld brauche, schreibe ich.«</p>
-
-<p>»Hoffentlich. Ich bitte dich, aber auch ohne das
-zu schreiben.«</p>
-
-<p>»Auch das halte ich für sehr wahrscheinlich.
-Manchmal eine Zeile, manchmal ein halbes Buch.
-Wie’s kommt. Nun denn&#160;–«</p>
-
-<p>»Lieber Hans, leb wohl,« sagte Marguérite leise
-und schickte sich an sich zu ihm zu beugen. Hans
-aber trat einen Schritt zurück und blitzte sie mit
-seinen kleinen Äuglein scharf an. Dann sprach er
-mit leicht bebender Stimme:</p>
-
-<p>»Nein, Marguérite, was du zum Empfang verfehlt,
-machst du zum Abschied nicht wieder gut. Jetzt
-will ich keinen. Mitleidsküsse schmecken nicht. Ich
-erinnere mich noch zu gut – weißt du. Also, na
-denn, adieu!«</p>
-
-<p>Er schüttelte ihr die Hand, nickte Karl nochmals
-leicht zu, dann nahm er seinen Hut und ging rasch<span class="pagenum" id="Seite_227">[227]</span>
-zur Thüre hinaus. Man hörte noch, wie er im Gang
-und auf der Treppe die Marseillaise zu trällern anfing
-und plötzlich mit einem Fluch abbrach. Dann
-reichten sich Karl und Marguérite die Hände und
-schauten sich verlegen lächelnd an.</p>
-
-<p>Endlich sagte Marguérite leise:</p>
-
-<p>»Hätten wir nicht doch lieber – Nein, es geht
-nicht. – Liebst du die Einsamkeit?«</p>
-
-<p>»Ob ich die Einsamkeit liebe?« brach Karl mit
-starker Stimme aus. »Ich <em class="gesperrt">hasse</em> sie. Aber ich
-brauche sie. Hier sitzen und Bücher lesen und schreiben
-und schreiben und schreiben und dann sich mit dem
-Drucker herumzanken, Korrekturen lesen – glaubst du
-wirklich, das sei das Leben, das mir innen in meiner
-Seele vorschwebte, als ich wieder anfing ein Mensch
-zu sein und mir zu gehören? Nein, nein, das Bild
-werd’ ich nicht los, das ich als Knabe vor dem Einschlafen
-schon immer sah: Ein mächtig zusammengedrängter
-Volkskörper, der nach vorwärts schießt, und
-ich mitten drin und doch über ihm als Redner und
-Sänger und Prophet und Führer. Ach, was ist das
-für eine jämmerliche Krämerzeit, in die wir hineingefallen
-sind, wir wissen wahrhaftig nicht, warum.<span class="pagenum" id="Seite_228">[228]</span>
-Auch jetzt, wenn ich schreibe, wo ich reden und singen
-und jubilieren möchte – aber auch jetzt – ich wende
-mich immer an Menschen, die ich nicht sehe, ich ahne,
-zerstreut in der Welt, hier und da, müßten sie sein,
-die mich hören – aber ich kenne sie nicht, ich habe
-sie nie gesehen. Was ich sehe von den Menschen
-und ihren Einrichtungen und ihrem Gebahren – das
-glaubt kein Mensch, wie mich das anekelt. Weißt du,
-ich habe oft das Gefühl, ich müsse mich krümmen und
-winden können vor Widerwillen, daß mir das Innerste
-nach außen gekehrt würde. Aber ich <em class="gesperrt">will</em> nur – die
-Kraft habe ich nicht.«</p>
-
-<p>Er schwieg ein wenig, dann fuhr er mit leiserer
-Stimme fort, indem er ihre Hand faßte.</p>
-
-<p>»Jetzt ahnst du vielleicht, Marguérite, <em class="gesperrt">was</em> du
-mir bist. Seit ich lebe, der erste Mensch, vor dem
-mir nie geekelt hat; was du auch begannst und was
-wir auch zusammen thaten, es war mir immer natürlich
-und immer schön und ich glaube, so wird es
-bleiben. Aber weißt du, was das heißt und was du
-mir bist? Das einzige Wesen, mit dem ich leben
-kann, das ich mir gleich fühle. Ach, ich bin nicht
-mehr jung genug für die Einsamkeit. Ich möchte<span class="pagenum" id="Seite_229">[229]</span>
-einen Kreis von Menschen um mich haben – ach,
-ich bin ja so bescheiden geworden – an Millionen
-und Abermillionen leuchtender Menschengesichter will
-ich ja nicht mehr denken, ich verzichte auf die Tausende,
-daß ich hundert finde, ich kann’s nicht glauben, aber
-zwanzig Menschen vielleicht, die mir anstehn, die
-möchte ich manchmal um mich haben, zwanzig Menschen,
-mit denen ich oft zusammen bin, die ich gern haben
-kann, die aus aller Herren Länder sich um mich
-finden zu persönlichem Verkehr – zwanzig Menschen,
-in deren Umgebung sich meine Lippen nicht bös im
-Ekel verzerren müssen – ist das zu viel verlangt,
-Marguérite?«</p>
-
-<p>Sie drückte seine Hände stärker.</p>
-
-<p>»Vielleicht finden wir sie, Karl. Einen so nach
-dem andern. Hans?«</p>
-
-<p>»Du nimmst mir das Wort aus dem Munde.
-Ich dachte eben an ihn. Ich glaube, ich habe ihn
-recht verstanden, und ich meine, ihn müßte ich immer
-gern haben können. Vielleicht kommt er später wieder.
-Vielleicht. Daß er jetzt ging, ist doch gut. Nicht,
-Marguérite? Fürs erste brauchen wir ihn wirklich
-noch nicht.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_230">[230]</span></p>
-
-<p>Dabei lächelte er.</p>
-
-<p>»Es war ein langer Tag heute, Karl. Willst
-du noch nicht zur Ruhe gehen?«</p>
-
-<p>»Geh nur voran einstweilen, Marguérite. Aber
-öffne vorher die Fenster, beide. Dann will ich noch
-ein wenig hier allein bleiben und vielleicht fange ich
-schon an mit der Arbeit. Und wenn der Fluß unten
-rauscht und die Nachtluft auf breiten Wogen hereinströmt
-und der Wald der tausend Bäume harmonisch
-ertönt, will ich davon träumen, ich spräche zu meinem
-Menschenvolk und es antworte mir feierlich in brausendem
-Zuruf, und die Natur habe ihre Sinne geöffnet
-und sei eins mit uns Menschen. Ich danke dir,
-Marguérite. Einstweilen gute Nacht.«</p>
-
-<p>Marguérite ging leise aus dem Zimmer, und Karl
-Starkblom stellte sich ans offene Fenster und schaute
-lange ins Dunkle und auf die winzigen in der Ferne
-zuckenden Lichter und hielt in Träume verloren seine
-Hand hinaus ins Freie.</p>
-
-<p class="center larger p2">❦</p>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_231">[231]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="Sechster_Abschnitt">Sechster Abschnitt.</h2>
-</div>
-
-<p class="center"><span class="larger"><b>Utopien</b></span><br />
-<span class="smaller">von</span><br />
-Karl Starkblom.</p>
-
-<p class="center"><b>Meiner lieben Frau und dem kommenden
-Kinde gewidmet.</b></p>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-i.jpg" alt="" /></div>
-<p class="drop">Ich erkläre es feierlich und wie ich hoffe vor
-Zeugen:</p>
-
-<p>Ich habe mich nicht erschossen noch sonst irgendwie
-ums Leben gebracht. Und ich werde mich nicht
-erschießen oder sonst mir den Tod bereiten, solange ich
-noch Lebenskraft in mir fühle, Lust zu wirken und zu
-genießen.</p>
-
-<p>Eine Frau ist zu mir getreten früh morgens im
-Sonnenschein. Sie hat im weiten Kreis den Arm
-bewegt und hat mir die tauglitzernde Welt erschlossen.<span class="pagenum" id="Seite_232">[232]</span>
-Sie hat mir gesagt, es sei etwas herrlich schönes
-ums Leben und im Nu habe ich dasselbe empfunden.
-Ich liebe das Leben und ich liebe dich, Marguérite.
-Und sie wird mir ein Kind gebären und wir werden
-beisammen bleiben. Wir werden gewiß noch lange
-nicht sterben.</p>
-
-<p>Meint ihr, ich sei auf eure Weide heimgekehrt,
-ihr grasenden Bürgerseelen? Frohlockt ihr über das
-verirrte Schaf, das spät in der Nacht doch noch den
-Weg zum Stalle gefunden und nun mit freudigem
-Meckern zu seiner Krippe springt?</p>
-
-<p>Fürwahr, ich will eure Schafställe und Heuschober
-euch anzünden, daß die Funken sprühen und ein
-loderndes Feuerwerk gen Himmel prasselt. Ihr Erbärmlichen,
-was wagt ihr zu leben neben uns wenigen,
-die das Leben in Schmerzen begriffen haben? Euer
-Dahinkriechen, wäre das der vielberufene aufrechte
-Gang? Eure kleinen Freudlein, wäre das der Jubelbraus
-des Daseins? Glaubt ihr, eure Zahnschmerzen
-(denn das sind doch die heftigsten eurer Kümmernisse),
-die machten euch das Leben verständlich? Ihr saftlosen
-Lauwarmen, ihr wißt ja nichts von der Kälte
-der Todesnähe und von der siedenden Glut des neu<span class="pagenum" id="Seite_233">[233]</span>
-schießenden Lebens. Geht mir weg! Geht weit weg.
-Bleibt hinten, denn ich will vorwärts blicken und
-heiter jauchzen und lachen.</p>
-
-<p>Ich würde mich dennoch erschießen und qualvoll
-verzerrten Gesichtes dies schöne, ja dies schöne Leben
-lassen. Es würde mich nicht dulden auf Erden.
-Nicht eine Stunde mehr. Ja auch jetzt ersticke ich
-schier und werde zerrissen von dieser entsetzlichen Qual
-und Schmach. Ich würde mich töten, wenn ich meinen
-Glauben nicht hätte.</p>
-
-<p>Euch also will ich fragen und mit meinen Blicken
-bohrend anstieren, ihr Skeptiker und ihr Unmoralischen,
-die ihr mit mir geht auf einsamer Höhe so manchen
-Weg und so manche Verneinung: Wie könnt ihr
-leben? Wie ertragt ihr es, trotz eurer Fähigkeit schön
-zu genießen, nicht längst von eigener Hand gestorben
-zu sein? Und ich frage euch, so ungern und zögernd
-ich euren Namen in den Mund nehme: ich frage euch,
-ihr <em class="gesperrt">Christen</em>, wie ertragt ihr es, da zu sein in
-Freude und Wohlleben? Ihr einen habt gar keinen
-Glauben, und ihr andern habt keinen irdischen Glauben
-– ich frage euch und ich beschwöre euch: antwortet
-mir und sei es nur stammelnd: ihr wißt, worauf<span class="pagenum" id="Seite_234">[234]</span>
-euer Leben und eure Behaglichkeit ruht, euch ist bekannt,
-daß Millionen armselig vegetierender Sklaven
-für euch arbeiten und euch ermöglichen, so da zu sein
-wie ihr da seid – wie könnt ihr das Leben ertragen?
-Ihr Skeptiker, ihr seid keine Löwen, lüget nicht, ihr
-seid nicht Unmensch noch Übermensch, ihr glaubt nicht,
-daß das zu ändern sei, ihr meint ehrlich zu wissen,
-daß das Elend und die Erbärmlichkeit unausrottbar
-ist und ihr schämt euch nicht, daß ihr lebt? Ihr
-schämt euch nicht eurer Freuden und des hohen Genusses
-eurer Geistesschmerzen? Ihr ertragt es zu
-leben? Das frage ich wieder und immer. Und ihr
-– ihr – nun, sei es denn nochmals gesagt, ihr
-<em class="gesperrt">Christen</em>, ihr tragt blendend weiße glänzende Wäsche
-an eurem Leib, die ihr nicht verfertigt und ihr nicht
-gewaschen, ihr klimpert in der Tasche mit güldnen
-Dukaten, ich sage nicht, die ihr nicht verdient, ich
-sage nur, die andern mangeln, ihr seht Not und Elend
-in millionenfacher Masse aufgetürmt, ihr seht Schmutz
-und Unrat, durch den ihr nicht waten müßt, ihr seht
-Schweiß auf Stirnen, den ihr nicht schwitzet und ihr
-nicht einmal abwischen könnt, und euch duldet es so
-zu leben wie ihr lebet? Wahrlich wäre ich Christ<span class="pagenum" id="Seite_235">[235]</span>
-und glaubte an das Himmelreich und glaubte, daß
-Not und Kummer unabwendbar von Gott gefügt sei
-in diesem Jammerthal – ich wollte mein redlich gewogenes
-Teil Not und über und über gehäuften
-Kummer, ich wollte Sklave sein und mich abrackern
-und stöhnen und hungern und wäre ich unter den
-Ärmsten, so wollte ich immer noch tiefer, tiefer hinab
-zu den Elendesten und Jammervollsten. Ihr aber
-seid Herren und ihr könnt es? Ihr eßt Braten und
-Kuchen und ihr erstickt nicht? Ihr seid sauber und
-andrer Schmutz frißt sich nicht tief in euer Fleisch?
-Ihr habt einen Pfennig mehr als der letzte Knecht und
-er brennt euch die Seele nicht ab? Ihr lebt? ihr
-genießt? und andre sterben vor Not? Ihr atmet
-leicht und tief in eurer Sommerfrische und andre
-quält die lungenfressende Sucht in dumpfem Kellergelaß?
-Das vermögt ihr? Ihr ertragt es zu leben? Jetzt,
-Sprache, das Wort! Das rechte Wort. Ich finde es nicht.
-Ich ringe und suche – o ihr Schufte! Ihr Jammerseelen!
-Ihr – ihr, ihr Lumpe! Ihr – ihr Gesindel!</p>
-
-<p>Und damit speie ich euch weit von mir, ihr
-Namenlosen; seit urlanger Zeit zum ersten Mal habe
-ich nicht über euch weggesehen; jetzt aber seid ihr mir<span class="pagenum" id="Seite_236">[236]</span>
-wieder tot. Tot? Nein. Ich atme das Wort schnell
-wieder in mich zurück. Der Tod ist zu gut, um euch
-verdauen zu können. Das Auge sieht euch nicht und
-kein Ohr vermag euch zu hören; Menschenzunge und
-Gaumen weigert sich euch zu schmecken. Unfaßbar seid
-ihr und nicht zu begreifen; aber ein Gestank herrscht
-überall; nicht auf der Erde, nicht im Wasser noch in
-der Luft; im Feuer lebt ihr so wenig wie Feuer in euch.
-Ein namenloser, wesenloser Gestank – das seid ihr mir.</p>
-
-<p>In recht schlechte Gesellschaft habe ich euch gebracht,
-meine geliebten Skeptiker und Unmoralischen.
-Aber solltet ihr es nicht etwas um sie verdienen?
-Gewiß, auch ihr seid mir ein wenig anrüchig. Denn
-ihr lebet und thätet besser zu sterben. Und das sage
-ich euch in Liebe und aus Erbarmen. Nervöse
-Schwächlinge seid ihr und wollt doch auf eure Schultern
-laden, was Tyrannen und Riesen aus eherner Vorzeit
-und wilder Renaissance nicht vermocht hätten. Ihr
-seid nicht blind, aber ihr könnt es nicht sehen. Ihr
-seid nicht taub, aber ihr könnt nicht davon hören.
-Von der unteren Schichte nämlich. Ihr glaubt sie
-ewig und unabweisbar – aber man soll euch in
-Ruhe lassen. Wie reimt sich das? Sie pocht an<span class="pagenum" id="Seite_237">[237]</span>
-eure Thore und läßt sich nicht abweisen. Und wenn
-die untere Welt, wie ihr sagt, nicht gehoben werden
-könnte, dann würde doch die obere zerstört werden
-müssen. Ihr würdet wahnsinnig werden, nicht Einzelne,
-nein, ihr Alle würdet dem Irrsinn verfallen,
-bis ihr doch endlich euch zum Sterben entschlösset,
-verrückt machen würde euch das ewige immer verstärkte
-Klopfen und Scharren und Schreien und Tosen.
-Meint ihr, das könnte je wieder enden? Der Glaube
-wäre kindisch. Wer nicht mehr an den Vater im
-Himmel und ans ewige Leben und die gerechte Vergeltung
-glaubt <em class="gesperrt">und doch elend ist wie er nicht
-sein möchte</em>, der hört nicht auf mehr zu rebellieren
-und müßte die Erde darüber in Trümmer fahren.
-Wer nicht an das Jenseits glaubt und nicht im Fette
-sitzt – und die werden bald alle nicht mehr daran
-glauben – der glaubt an die Erde und an die
-lebendige Freude und an die werdende Schönheit.
-Das bleibt und kommt immer wieder und klopft und
-zertrümmert – bis die Stätte zurecht gehauen ist,
-wo alle im Geiste zu leben vermögen – weil nämlich
-der Körper und sein Leben und seine Pflege selbstverständlich
-geworden ist.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_238">[238]</span></p>
-
-<p>Und jetzt, meine skeptischen Freunde, jetzt habe ich
-euch, wo ich euch wollte. Schon lange sehe ich auf
-euren Lippen das sichere Lächeln eines trefflichen Einwandes.
-Erhebet eure Stimmen, nur zu! Was wollt
-ihr mir entgegenschleudern?</p>
-
-<p>Aha – allerdings, das, gerade das habe ich erwartet.
-Ihr sagt mir, ich sei wieder zurückgegangen,
-ein roter Krebs sei ich wieder geworden und die
-<em class="gesperrt">Utopie</em>, die ich eben gezeichnet, die habe ich früher
-schon in prächtigen Farben gemalt und doch wieder
-weggewischt mit dem Schwamm des Todes. Dies
-Reich der Freiheit, der graziösen Leichtigkeit der Bewegung,
-dies Reich der Schönheit und des trunkenen
-Fluges – das sei das Reich der Philosophie; in
-jener Welt, die freilich möglich sei, müsse die grinsende
-Frage herrschen: <em class="gesperrt">wozu das Ganze und nochmals
-wozu?</em> und keine Antwort gebe es, ewig keine. Und
-der Massentod der Menschheit sei es, der nun kommen
-müsse, kommen mit Naturnotwendigkeit.</p>
-
-<p>Jawohl, das habe ich gekündet; ihr habt es gut
-behalten. Und nun, da ihr da seid, wo ich euch
-wollte, nochmals frage ich euch: warum lebet ihr?
-warum sterbt ihr nicht? Ihr glaubt nicht an das<span class="pagenum" id="Seite_239">[239]</span>
-Reich der Schönheit und der Freiheit aller Geborenen,
-ihr fühlt euch nicht eins mit dem Streben der Knechte
-diesem Ziele entgegen, wie wagt ihr zu leben? Was?
-Ihr habt auch eure Marguérite und auch noch euren
-Genuß? Ihr Sklavenhalter, dann sollen sie euch
-auspeitschen, die auch genießen möchten und es nicht
-können. Oder glaubt ihr nicht, es sei dem Sklaven
-auch ein Genuß, seinen Herrn und Vorenthalter zu
-prügeln?</p>
-
-<p>Ich will euch sagen, was mir das Recht giebt,
-so zu euch zu reden und so von der Höhe auf euch
-herabzusehen. Ich bin eine glitzernde Welle im
-Strom und tummle mich froh dem Meere entgegen;
-ihr aber seid nur ein unwillig mitgerissenes Stück
-faulenden Holzes, das sich nach dem sandigen Ufer
-sehnt, um da in der Sonne zu trocknen und zu verdorren.
-Ich liebe nicht nur mich selbst und mein
-Spielzeug – »Weib« heißt die glänzendste eurer
-Vergnügungen – ich rausche mit im grünenden
-Wald, und meine Genossin ist kein zart mich umrankender
-Epheu, der langsam aber sicher mit seiner
-Umkosung die stärkste Eiche ins Mark hinein verdirbt,
-ich und sie, Baum neben Baum, recken uns stolz in<span class="pagenum" id="Seite_240">[240]</span>
-die Höhe und unsere Wipfel neigen sich bald zart,
-bald feierlich zu einander und flüstern und küssen und
-reden und träumen. Ich habe gelernt Mensch zu
-sein und die Menschheit wieder zu lieben; ich stehe
-mitten drin und mache mit – vorwärts geht es und
-immer vorwärts. Ich glaube ans Ziel, ich glaube
-an den Ernst und an die Schönheit, ich fühle mich
-eins mit den Knechten und fühle mich eins mit dem
-All! Ich lebe! Ich habe das Recht zu leben.</p>
-
-<p>Das könne jeder sagen, schmunzelt ihr mir zu
-mit widerlicher Vertraulichkeit. Das sei eine Ausrede.
-Mir gehe es wie jenen Namenlosen, die auch den
-Armen an Leib und Geist das Himmelreich versprächen
-und selber mit dem Diesseits und dem
-irdischen Genuß sich vergnügten. Himmelreich oder
-Zukunft, das sei ein und dasselbe. Auch das habe
-ein gewisser Starkblom früher mit allen Glocken verkündet.
-Dem Genuß und der Freude entsagen gleich
-dem Elendesten müsse ich, wenn ich ehrlich sei, alles
-der Gesamtheit zu opfern sei meine Pflicht. Alles oder
-nichts – so heiße es hier.</p>
-
-<p>Jawohl – viel <em class="gesperrt">Wahrheit</em> steckt in eurem Hohne.
-Das ist es auch und das allein, was unser Lächeln<span class="pagenum" id="Seite_241">[241]</span>
-verbittert und uns einhüllt in das graue beklemmende
-Gewand der Melancholie. Unser Leben <em class="gesperrt">ist</em> widerspruchsvoll,
-jawohl, ein untrennbares Gemisch aus
-Festklammern an süßer Gegenwart und Hinaussehnen
-nach herrlicher Zukunft. Seit das Leben nichts
-anderes mehr ist als Erdenwandel und Welt der
-Sinne, giebt es keine ruhige Konsequenz mehr in
-unserm Dasein. Das ist und bleibt das erste und
-das vorderste und das tiefste: ich bin ich und ich lebe
-und will mein Glück! Hineingeflochten in das wirre
-Gewebe und Gestrebe unruhiger, qualvoller, drängender,
-stoßender Zeit hauen wir um uns, um unsern Platz
-zu erringen, wir können nicht anders. Ich bin ich!
-Jetzt lebe ich und niemals in Ewigkeit wieder. Ich
-habe meine Stätte und ich will sie behalten.</p>
-
-<p>Ich aber kann so nur leben, wenn ich mich
-leidenschaftlich schäme, daß ich so leben muß. Ich
-stehe nur auf diesem Boden, wenn ich gleichzeitig
-rastlos daran arbeite, ihn zu erschüttern und abzugraben.
-Ich kann nur genießen, indem ich
-glaube, daß die Traube bald allen winkt.
-Ich kann nur andre für mich arbeiten lassen,
-indem ich mitarbeite aus all meiner Kraft für die<span class="pagenum" id="Seite_242">[242]</span>
-kommende Zeit, wo es keine Herren und Knechte
-mehr giebt.</p>
-
-<p>O wenn ihr diese Widersprüche und ihre Notwendigkeit
-nicht versteht, dann gehet weg von mir und
-weg aus dieser Zeit und weg aus diesem Leben.
-Leicht ist es, die tausendfarbige, vieltönende Welt der
-Erscheinung mit flüchtigem rohem Drucke in eine
-Formel zu pressen. Leicht ist es, die Welt, wie sie
-heute ist, für ewig auszuschreien. Und leicht war es,
-ich gestehe es ein, diese Welt der Vernichtung preiszugeben
-und den Tod zu predigen allem was lebt.
-Jetzt aber predige ich Leben, Leben für heut und alle
-Ewigkeit. Solange ich lebe, fühle ich mich eins mit
-allem was lebt. Solange ich da bin, sehe und denke
-ich als Mensch für die Menschen.</p>
-
-<p>Klar will ich nicht sein, meine Freunde. Aber
-ich ahne vieles und ich sehe Ahnende sich um mich
-versammeln und mit mir ziehen auf meinem Wege.
-Ich bin nicht zurückgewandelt zu den Moralischen
-und werde es nie. Vieles hasse ich und verneine ich
-mit euch wie früher und immer; eingeschworen bin
-ich auf keine Formel und keine Partei; aber Mensch
-bin ich unter Menschen, solange ich lebe; wirken will<span class="pagenum" id="Seite_243">[243]</span>
-ich in Raum und Zeit für das Wachsen der Menschen
-und das Blühen der Erde; vieles verneine ich, aber
-ich bejahe mit frohem Jauchzen das Leben. Denn
-abgesagt habe ich dem ewigen Denken und damit dem
-Tod; ich träume und tummle mich, ich genieße meinen
-Leib und meine Seele, ich genieße meine Nächsten und
-genieße mein Ahnen des Entferntesten. Ich fühle
-meine Kraft und spüre das leidenschaftliche Hinausschleudern
-meiner Triebe und all meines Innern.</p>
-
-<p>Alles Einzelne hat mir gedroht in grauer Nichtigkeit
-zu versinken: die Natur und das Treiben der
-Menschen, die Technik und die Produktion der Bedürfnisse,
-die Wissenschaft und die Kunst. Und jetzt
-ist mir alles wieder interessant. Meine Augen sind
-nicht mehr beschattet von dumpfer Betrübnis, ich öffne
-sie weit und beschaue mir ernsthaft die Welt. Mein
-Denken ergießt sich wieder über die Erde, ich träume
-hinein in unmeßbare und unaussprechliche Fernen,
-alles will ich wieder bewältigen und alles mit meiner
-Sprache beherrschen. Frei und unbekümmert nehme
-ich Stellung zu allem, was sich mir naht und ich
-lege mein Bekenntnis ab über alles, was mir bekannt
-wird.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_244">[244]</span></p>
-
-<p>Und das ist es, was ich von euch verlange, ihr
-Führer der Völker: <em class="gesperrt">Ihr sollt bekennen!</em></p>
-
-<p>Und ein zweites ist es, was ich von euch verlange,
-und seltsam nimmt sie sich vielleicht aus in <em class="gesperrt">meinem</em>
-Munde, diese Forderung: <em class="gesperrt">Ihr sollt nüchtern
-sein!</em></p>
-
-<p>Damit meine ich euch vor allem, ihr Träumer
-und Dichter und Künstler und ihr Männer der
-Wissenschaften.</p>
-
-<p>Fasset in euer Auge mit einem weiten Blick das
-Panorama der Kultur, das sich eröffnet mit den
-Namen: Voltaire, Kant, Goethe, Byron, Schopenhauer.</p>
-
-<p>Und dann blickt mir auf das zweite Bild: Dampfmaschinen,
-Dampfschiffe und Eisenbahnen, Elektrizität
-und rationelle Landwirtschaft.</p>
-
-<p>Welcher Umschwung in der <em class="gesperrt">geistigen Kultur</em>
-entspricht dieser riesenhaften Veränderung im Verkehr
-und in der Herstellung der Bedürfnisse des Lebens und
-des Genusses? Und welcher sollte ihr entsprechen?
-Und welcher wird ihr entsprechen?</p>
-
-<p>Sehet das zweite Bild, wie ich es euch male:</p>
-
-<p>Geistesrohheit des emporgekommenen Philistertums,<span class="pagenum" id="Seite_245">[245]</span>
-geistlose, ekelhafte Genußsucht, barbarische Kampfbereitschaft
-der Völker gegen einander, ungeheure neue
-Heere geistig und leiblich aufs entsetzlichste vernachlässigter
-moderner Sklaven, gewaltiger Aufschwung
-der Feigheit und Heuchelei und des Aberglaubens,
-dem Wahnsinn nahe Vereinsamung fortgeschrittener
-Künstler und Denker. Ächtung der freien Moral,
-des freien Gedankens, des freien Wortes – des freien
-Lebens. Ekelhaftes, sinnezerstörendes Gesamtbild aus
-der Vogelperspektive!</p>
-
-<p>Ihr sollt bekennen, ihr Dichter und Führenden,
-die Hand sollt ihr in die Lüfte recken zum Fluch über
-dies gemeine Geschlecht, die Geißel sollt ihr schwingen
-über die Rücken dieser Böotier!</p>
-
-<p>Und nüchtern sollt ihr sein, ihr Träumer und
-Denker, nicht fürder auf romantischem Roß zu blauen
-Wolken emporsprengen, die Welt sollt ihr schauen so
-wie sie ist, gewahren sollt ihr die Wirklichkeit und
-in ihr erblicken, was möglich ist und was werden muß.</p>
-
-<p>Und euren Willen sollt ihr mir wecken und satteln,
-anspornen sollt ihr ihn und kühn hineinreiten in das
-Land der Zukunft. Begraben sei immerhin der
-Pegasus mit seinen angeschnallten Gänseflügeln, wenn<span class="pagenum" id="Seite_246">[246]</span>
-nur das Dampfroß für euch lebendig wird und der
-Dampfpflug Europas Boden schüttert für fruchtbaren
-Samen. Glück sollt ihr säen für kommende Menschen,
-und schaffende Hoffnung auf endlich und endlich
-reifende goldene Saat ist die Freude des Säemanns.</p>
-
-<p>Ich glaube nicht an ewige Wahrheiten und ich
-sehe vorerst noch nichts davon, daß die Menschenvernunft
-mächtiger ist als die im Zufall rollenden
-Welten. Sonne, Mond und Sterne gehn heute wie
-immer und morgen wie heute ihren lachenden Gang,
-ohne nach uns zu fragen, und winzige Tierchen und
-Pflänzchen bauen ihre Geschlechter auf unzählige
-Menschenleichen. Und stets noch beginnt die Welt mit
-jedem Kinde von neuem, und über dem Wechsel
-der Generationen wie dem Lauf der Gestirne waltet
-der Zufall. Noch lange wird alles Bedenken über
-den Haufen gerannt von ungezügelter treibender Leidenschaft,
-und die unsinnige Summe vieler kleiner Selbständigkeiten
-nennt sich Geschichte. Noch unendliche Zeit
-wird der schwerste Kampf aller Kämpfe währen: der
-Streit zwischen Geistesfreude und Geistesweh, und oft noch
-möchten wir vernünftig sein und können es nicht, möchten
-wir gedankenlos fließen und müssen bedächtig schreiten.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_247">[247]</span></p>
-
-<p>Aber wer will leugnen, daß sie noch nicht tot ist,
-die Göttin der Vernunft, sondern erst beginnt sich zu
-dehnen und auf sich selbst zu besinnen? Daß des
-achtzehnten Jahrhunderts Ausgang immer wieder erwacht
-und alle Jahrhunderte zwingt in seinen Bahnen
-zu wandeln? Daß der Zufall auf allen Gebieten,
-wo er sich nur betreten läßt, zäh bekämpft wird auf
-Schritt und Tritt? Daß vor allem die Organisation
-der Arbeit schon an der Schwelle der Erfüllung steht,
-die nur von freien Lebendigen überschritten werden kann?
-Daß eine Organisation der Geselligkeit auf eisernen
-Schienen uns näher und näher gleitet, die gewaltige
-Menschenkomplexe zu einer Familie macht? Daß
-Wissenschaft und Kunst mit einer Erziehung schwanger
-gehn, die Untergang schwemmt über jahrtausendalten
-Aberglauben? Es giebt Revolutionen, die man zu
-machen aus Versehen vergessen hat; wer glaubt nicht,
-daß die nahende Revolution eine gründliche sein kann,
-daß ihr Strom jahrtausendalten Unrat mit sich fortspült?
-O ihr, die ihr an die allmähliche Entwicklung
-glaubt, vieles und Gewaltiges hat sich schon lange
-langsam angebahnt, und die Stufen, die ihr wähnt,
-erst noch betreten zu müssen, sind längst schon hinter<span class="pagenum" id="Seite_248">[248]</span>
-uns, ohne daß ihr es gemerkt. Was thut es, daß
-ihr dann auf einmal in der Versenkung verschwunden
-seid; wenn wir nur oben stehn!</p>
-
-<p>Wem viele Dinge selbstverständlich sind, der folge
-mir nach. Das Wort, das ich einst gesprochen, ich
-wiederhole es heute. Den Sozialismus aber habe ich
-immer für möglich gehalten und seine Erfüllung für
-selbstverständlich. Aber ich habe ihn unsagbar gefürchtet,
-weil mir das Leben ein Greuel war und
-weil ich sah, daß mit seiner Ankunft das Innerste des
-Lebens nackt vor uns daliegen müsse. Und ich habe
-auch jetzt nichts gegen den Tod; auch jetzt noch zu
-Zeiten naht mir die Stimmung, wo meine Seele helle
-Lieder jauchzt ihm zum Lob und Preis. Tröstlich
-und ein erquickendes Labsal ist die Erinnerung, daß
-ich frei sterben kann, wann immer es mir so gefällt.
-Verdorren möge mir Hirn und Zunge, wenn den
-Tod ich jemals verläumde!</p>
-
-<p>Aber verheimlichen wir es uns doch nicht länger;
-unsre lächelnden Augen verraten es ja doch: wir haben
-<em class="gesperrt">alle</em> das Leben unsagbar gern! Und wir machen
-uns <em class="gesperrt">alle</em> ein Bild von der Welt nach unserm Willen,
-und wir wollen alle wirken, um die Erde umzugestalten<span class="pagenum" id="Seite_249">[249]</span>
-nach unserm Herzen. Wenn wir denn alle eine heimliche
-Geliebte haben, laßt uns doch kämpfen, um sie
-zu erringen! Wenn wir doch alle den Todesgedanken
-in all seiner Hoheit erfaßt haben, lassen wir sie doch
-fallen, die kleinliche faltenreiche Gewandung ewiger
-Rücksichten und unsterblichen Philistertums. Das
-Wort ist so alt und will doch immer wieder gesprochen
-sein: Da wir doch alle nur <em class="gesperrt">einmal</em> leben und nach
-unserm Tod für menschliche Welt und menschlichen Geist
-nicht mehr vorhanden sind, sei doch ein jeder unter
-uns so groß und so frei, so wohlgemut und so leichtsinnig,
-so ernst und so kühn, als ihm in seiner Seele
-zuinnerst beschieden ist!</p>
-
-<p>Kennt ihr die Geschichte von der heimlichen Geliebten
-des Jünglings? Er war zaghaft und wagte
-nicht sich ihr zu nähern. Und er machte lange Jahre
-Reisen in fremden Ländern, um sie zu vergessen. Das
-aber war ihm nicht beschieden, und im stillen war
-seine Sehnsucht übermächtig gewachsen und mit eins
-erhob sich wieder in ihm ihr Bild und wich nicht
-mehr von ihm und drückte in seinem Herzen, daß es
-laut aufschrie. Da kehrte er zurück nach seiner Heimat.
-Wie er sie aber wieder vor sich sah in ihrer leuchtenden<span class="pagenum" id="Seite_250">[250]</span>
-Schönheit, mit der hohen Anmut ihrer Gestalt
-und ihrer Bewegungen, die viel wunderbarer war in
-ihrer farbigen Wirklichkeit, als ihm die blasse Erinnerung
-gezeichnet hatte, da preßte er voll scheuer
-Angst vor der spröden Schönen seine Seele zusammen
-und machte sein Herz klein. Aber als die Sehnsucht
-seines Blutes nicht mehr zu bezwingen war, da schlich
-er sich in einer mondlosen dunkelblauen Nacht in ihr
-Schlafgemach. Lange betrachtete er da die feinen Züge
-der Schlafenden und blickte halb betäubt auf das
-wogende Schwellen der Brüste. Da konnte der keusche
-Jüngling sich nicht mehr bezwingen, und leise, leise,
-ganz langsam, daß das Betttuch nicht knisterte und
-sie nicht erwachte, legte er sich neben das schlafende
-Mädchen und er preßte die gekreuzten Hände wider
-seine Brust und das Blut schlug ihm donnernd an
-seine Pulse und Blitze sprühten vor seinen Augen.
-Und sein Atem ward immer kürzer und stoßender,
-und seine Haut brannte wie Feuer und wollte es nicht
-leiden, daß ein Raum war zwischen ihm und dem
-kühlen rosigen Leib des Mädchens. Da konnte er
-nicht mehr, er preßte seine Lippen fest zusammen und
-hielt seinen Atem an. Und nachdem er einige Zeit<span class="pagenum" id="Seite_251">[251]</span>
-nicht mehr geatmet hatte, öffneten sich seine Lippen
-langsam und die Hände fielen ihm schlaff von der
-Brust und sein Blut hämmerte nicht mehr und sein
-Fleisch war nicht mehr heiß. Und als die heimliche
-Freiheit morgens erwachte, da lag der zage Jüngling,
-der sie hätte erringen können, tot und kalt neben ihr
-auf ihrem Lager.</p>
-
-<p>Auf denn, meine Gefährten, es ist nicht wahr,
-was man euch in fremden Ländern versichert hat, die
-Freiheit sei tot und sei nur noch ein verblichenes
-Wort, es ist nicht wahr, sie lebt immer wieder und
-verkörpert sich jedem in einer besondern Schönheit.
-Laßt uns denn endlich heimkehren in ihre Lande und
-um sie werben und todesmutig, daß heißt lebensfreudig
-für sie kämpfen!</p>
-
-<p>Seht nun das dritte Bild, daß ich euch male!</p>
-
-<p>Ein Festtag. Verlassen steht heute die riesige
-Produktionscentrale mit ihren ungeheuren Anlagen, in
-der die Knaben und Mädchen, die Männer und Frauen
-der weiten Gegend sonst ihre Vormittage verbringen.
-Früh morgens schon verließen die Menschen heute ihre
-Villenkolonieen, um in kleinen Gruppen auf ihren
-Dampfwagen und elektrischen Kutschen unter Gesang<span class="pagenum" id="Seite_252">[252]</span>
-und Musik nach den weiten Versammlungsstätten zu
-fahren. Dort zerstreuen sie sich in den Kunsthäusern
-und Wissenschaftshallen, den Spiel- und Tanzplätzen
-und wieder andere erquicken sich an Wein und Speisen.
-Später, gegen Mittag, füllt sich dann der große Versammlungsplatz,
-und hier werden öffentliche Dinge
-besprochen und erledigt, neue Erfindungen und wissenschaftliche
-Aufstellungen werden mitgeteilt und oft bekämpfen
-sich die Vertreter gegensätzlicher Meinungen
-scharf und entschieden. Inzwischen haben die Knaben
-und Mädchen sich bei den Spielen getummelt und
-herüber hinüber in keckem Rufen und Haschen neue
-Bekanntschaften geschlossen. Nachmittags mag man
-sich wohl wieder in kleinere Gruppen trennen, man
-fährt und geht und schaut spazieren, man rudert auf
-dem Flusse oder man fliegt im Ballon oder sonstwie
-in die blauen Lüfte hinauf. Wenn die Sonne sich
-zum Untergang neigt, haben sich neue und alte Liebespaare
-längst gefunden und hie und da in Korn und
-Hecken liegen sie wohl in traulichem Gespräch oder in
-heißer Umarmung. Abends wenn es kühl wird, bedecken
-die Menschen wohl ihre Nacktheit mit den
-Tüchern. Die Dunkelheit führt sie wieder enger<span class="pagenum" id="Seite_253">[253]</span>
-zusammen auf dem breiten Rasen, dem hie und da
-manchmal Leuchtkugeln und Raketen entfliegen. Im
-übrigen denkt man heute und meistens nicht daran,
-den Tag künstlich zu verlängern, man ist froh, daß
-das Dunkel seine blauen Fittige um die Erde schwingt.
-Feierlicher und erhobener werden nun die Gespräche
-und die Gesänge, und nun erheben sich auch nicht
-mehr gesehen die Dichter in der Menge und tragen
-ihre neuen Werke, die ihnen in den Mußestunden gediehen,
-zum ersten Mal vor und alte vielbegehrte
-wiederholen sie manchmal mit neuen reizvollen Wendungen
-geziert. Tief in die Nacht hinein bleibt man
-so beieinander, bis man, wenn es warm genug ist,
-einschläft so wie man da ist, oder auch aufbricht, um
-die Behausungen zu erreichen.</p>
-
-<p>So aber wird es ganz gewiß nicht kommen, sonst
-hätte es keinen Sinn danach zu streben!</p>
-
-<p>Es kommt immer anders, und vielleicht sind auch
-die Gedanken, die mir innen in meinem Kopfe wohnen
-und wachsen, ganz andere als die sich mir hier im
-freien gestaltet haben. Ihr glaubt mir doch, daß
-ich noch die Kraft habe, manchmal unglücklich zu
-sein? Weh mir, wenn ich das nicht mehr könnte!</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_254">[254]</span></p>
-
-<p>Ein sonderbarer Unheiliger hat mich jüngst besucht,
-meine Freunde, und als ich ihn deutlich besah, war es
-ein Teil meiner Selbst, das sich da vor mir aufgepflanzt
-hatte. Nur ein Stück eines Menschen war
-er und doch ein ganzer Kerl. Er sagte mir, der
-moralische Sinn in ihm sei längst und völlig erstorben,
-er habe nur noch ein Prinzip: wenn er von einer
-menschlichen Einrichtung nicht wisse, warum sie sei,
-bemühe er sich das Gegenteil zu thun, ganz zwecklos,
-nur aus Prinzip, zu seiner seltsamen Freude. Er
-wisse nicht, warum der Mensch nicht lügen und töten
-solle; Rücksicht auf Menschen kenne er nicht und Gott
-sei ihm nicht vorgestellt; also wolle er lügen und
-töten. Wenn man das Wort überhaupt anwenden
-wolle, das sei dann seine Moral: die äußerste Konsequenz
-seines Denkens zu ziehen. Es sei freilich
-schwer, vielleicht vollbringe er es auch nicht, aber
-dann wandelte ihn eine Art Scham an, obwohl auch
-das altmodisch sei.</p>
-
-<p>Meine Freunde, ich habe euch in dieses harte
-Eisland geführt, um euch eine Grenze zu zeigen.
-Hier ist die Grenze des Begriffs und des Worts und
-der Logik. Wer bis dahin gekommen ist mit seinem<span class="pagenum" id="Seite_255">[255]</span>
-Denken, der muß sich hier entscheiden: will er ein
-Kalter sein oder ein Warmer? Da ist das Land der
-eiskalten Sprache und Logik, und keine Widerlegung
-giebt es auf diesem Boden. Wer ihn betritt, der
-muß in den Spuren dieses Mannes wandeln, kein
-Ausweg zeigt sich ihm mehr. Wer aber nicht in
-diesen Wahnsinn frieren will, der kehre um und wende
-seinem Denken den Rücken, solange es Zeit ist.</p>
-
-<p>Ich bin kein Moralischer, aber ich bitte euch doch:
-Seid nicht boshaft! Ihr seid auf einem falschen
-Wege zu weit vorgegangen; wollt ihr den rechten
-Punkt finden, so müßt ihr wieder ein wenig zurück.
-Ihr seid zu früh daran mit eurer nackten Vernunft.
-Es ist noch nicht Zeit, die Seele erfrieren zu lassen.
-Thut nichts, dessen Ende ihr nicht wenigstens ahnen
-könnt. Hütet euch vor der geistigen Bosheit! Seid
-lieber manchmal noch ein Tier!</p>
-
-<p>Das ist es was ich von euch verlange, ihr Träumer
-und Denker: <em class="gesperrt">ihr sollt warm sein</em>!</p>
-
-<p>Und das heißt mir soviel als: Ihr sollt keine
-einzigen sein, ihr sollt euch gesellen, ihr sollt lebendig
-leben und den Tod dem Tod überlassen.</p>
-
-<p>Ich will euch etwas sagen, meine Freunde, denn<span class="pagenum" id="Seite_256">[256]</span>
-ich halte es nicht länger aus. Das Kichern und
-Lachen und Murren rauscht mir schon lange in den
-Ohren. Hinter meinem Rücken stehen zwei Arbeiter,
-und die lachen mich aus. Und eben sagte der eine
-zum andern:</p>
-
-<p>»Der dumme Kerl! Was schwatzt er nur für
-verdrehtes Zeug? Das eine wissen wir längst, beinahe
-schon vor unserer Geburt, und das andere ist
-uns ganz und gar unverständlich, und wenn er es
-uns tausend Mal vorkaut. Wir haben keinen Magen
-für so gewürzte Speisen.«</p>
-
-<p>Der Mann hat Recht, ganz und gar. Aber, ihr
-Arbeiter unter meinen Genossen, zu euch rede ich heute
-nicht. Freilich setze ich auf euch vor allen andern
-meine Hoffnung; wäret ihr nicht da, es wäre kein
-Übergang möglich zu dem was wir wollen. Aber
-davon spreche ich heute nicht, ich habe noch viel auf
-dem Herzen und hoffe es alles mit der Zeit sagen zu
-können. Und »Übergang«, so mag die nächste Schrift
-heißen, die ich euch sende, und darin rede ich dann
-von euch, vom Proletariat!</p>
-
-<p>Heute aber wende ich mich an ganz andere Menschen;
-heute rede ich zu der zweifelhaftesten und bedenklichsten<span class="pagenum" id="Seite_257">[257]</span>
-Menschensorte, zu den Träumern und Denkern aus
-der bürgerlichen Welt. Es ist nicht der Vortrab des
-Bürgertums, es sind nur Vereinzelte, die sich seitwärts
-schlugen, dahin und dorthin, und die alle Gemeinsames
-haben. Ich kenne sie gleich, wenn ich sie treffe,
-an dem bittern Zug um die Lippen und dem heimlichen
-Lächeln ganz hinten in ihren Augen. Diese
-Jugend also rufe ich auf; sie nennen sich Abfall und
-Jahrhunderts-Ende, ich aber sehe noch viel Rettenswertes
-an ihnen, ich möchte sie sammeln im Felde
-der Zukunft; im Lager des Proletariats; die höchste,
-fast schon überdrüssige Kultur möchte ich vermählen
-der jungen raschen Kraft des vorwärts stürmenden
-Aufschwungs.</p>
-
-<p>Ich bin ein alter Mann, aber – das sage ich
-heute mit frohem Stolz – ich habe erreicht, wonach
-ich mich so heiß gesehnt, <em class="gesperrt">ich bin wieder jung geworden</em>,
-und ich empfinde mit der Jugend, nein,
-ich bin sogar ihr Vorschmack und Vorempfinder.
-Zugleich bin ich bei den jungen Zigeunern des Bürgertums,
-die ich aufmuntere, meine Wege zu betreten,
-und zugleich bin ich beim jungen Proletariat, dem ich
-die Freiheit bringen will, jetzt nicht die ökonomische<span class="pagenum" id="Seite_258">[258]</span>
-Freiheit, die es sich selbst erringen wird, nein, die
-Freiheit des Einzelnen, der kühn und unbesorgt allem
-entgegenblickt. Ich schwanke nicht von einem zum
-andern, in mir sind die Gegensätze vereint, und widerspruchsvoll
-ist nur das Wort, nicht das Leben. Mein
-Leben ist jung und reich, folge mir nach, wer kann!</p>
-
-<div class="figcenter" id="illu-262">
- <img src="images/illu-262.jpg" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<p class="center smaller p2">Druck von Gebr. Adolph &amp; Co., Dresden-Löbtau.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ansonsten
-wurde die teilweise inkonsistente Originalschreibweise beibehalten.
-Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-Der Schmutztitel wurde entfernt.</p>
-</div>
-
-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>DER TODESPREDIGER</span> ***</div>
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-
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-Defect you cause.
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-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg&#8482;
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg&#8482;&#8217;s
-goals and ensuring that the Project Gutenberg&#8482; collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg&#8482; and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation&#8217;s EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state&#8217;s laws.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
-public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
-visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This website includes information about Project Gutenberg&#8482;,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-</div>
-
-</div>
-</div>
-</body>
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