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| author | pgww <pgww@lists.pglaf.org> | 2025-10-20 04:12:09 -0700 |
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Geheimer Rath.</li> + <li>Der Major. Sein Bruder.</li> + <li>Die Majorin.</li> + <li>Gustchen. Ihre Tochter.</li> + <li>Fritz von Berg.</li> + <li>Graf Wermuth.</li> + <li>Läuffer. Ein Hofmeister.</li> + <li>Pätus und Bollwerk. Studenten.</li> + <li>Herr von Seiffenblase.</li> + <li>Sein Hofmeister.</li> + <li>Frau Hamster. Räthin.</li> + <li>Jungfer Hamster.</li> + <li>Jungfer Knicks.</li> + <li>Frau Blitzer.</li> + <li>Wenzeslaus. Ein Schulmeister.</li> + <li>Marthe. Alte Frau.</li> + <li>Lise.</li> + <li>Der alte Pätus.</li> + <li>Der alte Läuffer. Stadtprediger.</li> + <li>Leopold. Junker des Majors. Ein Kind.</li> + <li>Herr Rehhaar. Lautenist.</li> + <li>Jungfer Rehhaar. Seine Tochter.</li> +</ul> +</div> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<!-- E R S T E R A K T --> +<div class="chapter"> + <span class="pagenum">5</span> + <h2 id="Erster_Akt"> Erster Akt. </h2> +</div> + +<h3>Erste Scene.</h3> + +<p class="szene">Zu Insterburg in Preussen.</p> + +<p class="p2"><span class="sprecher">Läuffer.</span> Mein Vater +sagt: ich sey nicht tauglich zum Adjunkt. Ich glaube, der Fehler +liegt in seinem Beutel; er will keinen bezahlen. Zum Pfaffen bin ich +auch zu jung, zu gut gewachsen, habe zu viel Welt gesehn und bey der +Stadtschule hat mich der geheime Rath nicht annehmen wollen. Mag’s! er +ist ein Pedant und dem ist freylich der Teufel selber nicht gelehrt +<span class="pagenum">6</span> genug. Im halben Jahr hätt’ ich doch +wieder eingeholt, was ich von der Schule mitgebracht, und dann wär’ ich +für einen Klassenpräceptor noch immer viel zu gelehrt gewesen, aber der +Herr geheime Rath muß das Ding besser verstehen. Er nennt mich immer +nur Monsieur Läuffer, und wenn wir von Leipzig sprechen, fragt er nach +Händels Kuchengarten und Richters Kaffehaus, ich weiß nicht: soll das +Satyre seyn, oder – Ich hab’ ihn doch mit unserm Konrektor +bisweilen tiefsinnig genug diskuriren hören; er sieht mich vermuthlich +nicht für voll an. – Da kommt er eben mit dem Major; ich +weiß nicht, ich scheu ihn ärger als den Teufel. Der Kerl hat etwas in +seinem Gesicht, das mir unerträglich ist. (geht dem geheimen Rath und +dem Major mit viel freundlichen Scharrfüssen vorbey.)</p> + +<h3>Zweyte Scene.</h3> + +<p class="personen">Geheimer Rath. Major.</p> + +<p class="p2"><span class="sprecher">Major.</span> Was willst du denn? +Ist das nicht ein ganz artiges Männichen?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Artig genug, nur zu artig. +Aber was soll er Deinen Sohn lehren?</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span><span class="pagenum">7</span> +Ich weiß nicht, Berg, Du thust immer solche wunderliche Fragen.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Nein aufrichtig! Du must +doch eine Absicht haben, wenn Du einen Hofmeister nimmst und den Beutel +mit einemmahl so weit aufthust, daß dreihundert Dukaten herausfallen. +Sag mir, was meinst Du mit dem Geld auszurichten; was foderst Du dafür +von Deinem Hofmeister?</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Daß er – was +ich – daß er meinen Sohn in allen Wissenschaften und +Artigkeiten und Weltmanieren – Ich weiß auch nicht, was Du immer mit +Deinen Fragen willst; das wird sich schon finden; das werd ich ihm +alles schon zu seiner Zeit sagen.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Das heißt: Du willst +Hofmeister Deines Hofmeisters seyn; bedenkst Du aber auch, was Du +da auf Dich nimmst – Was soll Dein Sohn werden, sag mir +einmahl?</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Was er... Soldat soll er +werden; ein Kerl, wie ich gewesen bin.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Das letzte laß nur +weg, lieber Bruder; unsere Kinder sollen und müssen <span +class="pagenum">8</span> das nicht werden, was wir waren: die Zeiten +ändern sich, Sitten, Umstände, alles, und wenn Du nichts mehr und +nichts weniger geworden wärst, als das leibhafte Kontrefey Deines +Eltervaters – </p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Potz hundert! wenn er Major +wird, und ein braver Kerl wie ich, und dem König so redlich dient als +ich!</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ganz gut, aber nach funfzig +Jahren haben wir vielleicht einen andern König und eine andre Art ihm +zu dienen. Aber ich seh schon, ich kann mich mit Dir in die Sachen +nicht einlassen, ich müste zu weit ausholen und würde doch nichts +ausrichten. Du siehst immer nur der graden Linie nach, die Deine Frau +Dir mit Kreide über den Schnabel zieht.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Was willst Du damit sagen, +Berg? Ich bitt Dich, misch Dich nicht in meine Hausangelegenheiten, so +wie ich mich nicht in die Deinigen. – Aber sieh doch! da +läuft ja eben Dein gnädiger Junker mit zwey Hollunken aus der Schule +heraus. – Vortrefliche Erziehung, Herr Philosophus! Das wird +einmal was rechts geben! Wer <span class="pagenum">9</span> sollt’ +es in aller Welt glauben, daß der Gassenbengel der einzige Sohn Sr. +Excellenz des königlichen geheimen Raths – </p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Laß ihn nur. – +Seine lustigen Spielgesellen werden ihn minder verderben als ein +galonirter Müßiggänger, unterstützt von einer eiteln Patronin.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Du nimmst Dir Freyheiten +heraus. – Adieu.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich bedaure Dich.</p> + +<h3>Dritte Scene.</h3> + +<p class="szene">Der Majorin Zimmer.</p> + +<p class="personen">Frau Majorin. <span class="normal">(auf +einem Kanapee)</span> Läuffer. <span class="normal">(in sehr +demüthiger Stellung neben ihr sitzend)</span> Leopold. <span +class="normal">(steht)</span></p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Ich habe mit Ihrem Herrn +Vater gesprochen und von den dreihundert Dukaten stehenden Gehalts +sind wir bis auf hundert und funfzig einig worden. Dafür verlang’ +ich aber auch Herr – Wie heissen Sie? – Herr +Läuffer, daß Sie Sich in Kleidern sauber halten, und unserm Hause +<span class="pagenum">10</span> keine Schande machen. Ich weiß, daß +Sie Geschmack haben; ich habe schon von Ihnen gehört, als Sie noch in +Leipzig waren. Sie wissen, daß man heut zu Tage auf nichts in der Welt +so sehr sieht, als ob ein Mensch sich zu führen wisse.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich hoff’, Euer Gnaden werden +mit mir zufrieden seyn. Wenigstens hab’ ich in Leipzig keinen Ball +ausgelassen, und wohl über die funfzehn Tanzmeister in meinem Leben +gehabt.</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> So? lassen Sie doch +sehen. (Läuffer steht auf) Nicht furchtsam, Herr...Läuffer! nicht +furchtsam! Mein Sohn ist buschscheu genug; wenn der einen blöden +Hofmeister bekommt, so ists aus mit ihm. Versuchen Sie doch einmal, +mir ein Kompliment aus der Menuet zu machen; zur Probe nur, damit +ich doch sehe. – Nun, nun, das geht schon an! Mein Sohn +braucht vor der Hand keinen Tanzmeister! Auch einen Pas, wenn’s Ihnen +beliebt. – Es wird schon gehen; das wird sich alles geben, +wenn Sie einmal einer unsrer Assembleen werden beigewohnt haben. Sind +Sie musikalisch?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span><span +class="pagenum">11</span> Ich spiele die Geige, und das Klavier zur +Noth.</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Desto besser: wenn wir aufs +Land gehn und Fräulein Milchzahn besuchen uns einmal; ich habe bisher +ihnen immer was vorsingen müssen, wenn die guten Kinder Lust bekamen zu +tanzen: aber besser ist besser.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Euer Gnaden setzen mich +ausser mich: wo wär ein Virtuos auf der Welt, der auf seinem Instrument +Euer Gnaden Stimme zu erreichen hoffen dürfte.</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Ha ha ha! Sie haben mich +ja noch nicht gehört. ... Warten Sie; ist Ihnen die Menuet bekannt? +(singt)</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> O... o... verzeihen Sie dem +Entzücken, dem Enthusiasmus, der mich hinreißt. (küßt ihr die Hand.)</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Und ich bin doch enrhumirt +dazu; ich muß heut krähen wie ein Rabe. Vous parlez françois, sans +doute?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Un peu, Madame</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Avez Vous deja fait Vôtre +tour de France?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span><span +class="pagenum">12</span> Non Madame. ... Oui Madame.</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Vous devez donc savoir, qu’en +France, on ne baise pas les mains, mon cher. ...</p> + +<p><span class="sprecher">Bedienter.</span> (tritt herein) Der Graf +Wermuth ...</p> + +<p class="center">Graf Wermuth. (tritt herein)</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span> (nach einigen stummen +Komplimenten setzt sich zur Majorin aufs Kanapee. Läuffer bleibt +verlegen stehen) Haben Euer Gnaden den neuen Tanzmeister schon gesehn, +der aus Dresden angekommen? Er ist ein Marchese aus Florenz, und heißt +... Aufrichtig: ich habe nur zwey auf meinen Reisen angetroffen, die +ihm vorzuziehen waren.</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Das gesteh’ ich, nur zwey! +In der That, Sie machen mich neugierig; ich weiß, welchen verzärtelten +Geschmack der Graf Wermuth hat.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Pintinello ... nicht wahr? +ich hab’ ihn in Leipzig auf dem Theater tanzen sehen; er tanzt nicht +sonderlich ...</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span><span class="pagenum">13</span> +Er tanzt – on ne peut pas mieux. – Wie ich Ihnen +sage, gnädige Frau, in Petersburg hab’ ich einen Beluzzi gesehn, der +ihm vorzuziehen war: aber dieser hat eine Leichtigkeit in seinen +Füssen, so etwas freyes, göttlichnachläßiges in seiner Stellung, in +seinen Armen, in seinen Wendungen – </p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Auf dem Kochischen Theater +ward er ausgepfiffen, als er sich das letztemal sehen ließ.</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Merk Er sich, mein Freund! +daß Domestiken in Gesellschaften von Standespersonen nicht mitreden. +Geh Er auf Sein Zimmer. Wer hat Ihn gefragt? (Läuffer tritt einige +Schritte zurück)</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span> Vermuthlich der Hofmeister, den +Sie dem jungen Herrn bestimmt? ...</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Er kommt ganz frisch von der +hohen Schule. – Geh’ Er nur! Er hört ja, daß man von Ihm +spricht; desto weniger schickt es sich, stehen zu bleiben. (Läuffer +geht mit einem steifen Kompliment ab) Es ist was unerträgliches, daß +man für sein Geld keinen rechtschaffenen Menschen mehr antreffen kann. +<span class="pagenum">14</span> Mein Mann hat wohl dreymahl an einen +dasigen Professor geschrieben und dies soll doch noch der galanteste +Mensch auf der ganzen Akademie gewesen seyn. Sie sehens auch wohl +an seinem links bordirten Kleide. Stellen Sie sich vor, von Leipzig +bis Insterburg zweihundert Dukaten Reisegeld und jährliches Gehalt +fünfhundert Dukaten, ist das nicht erschröcklich?</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span> Ich glaube, sein Vater ist der +Prediger hier aus dem Ort ...</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Ich weiß nicht – +es kann seyn – ich habe nicht darnach gefragt, ja doch, ich glaub’ es +fast: er heißt ja auch Läuffer; nun denn ist er freylich noch artig +genug. Denn das ist ein rechter Bär, wenigstens hat er mich ein für +allemal aus der Kirche gebrüllt.</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span> Ists ein Katholik?</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Nein doch, Sie wissen ja, daß +in Insterburg keine katholische Kirche ist: er ist Lutherisch, oder +Protestantisch wollt’ ich sagen; er ist protestantisch.</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span><span class="pagenum">15</span> +Pintinello tanzt ... Es ist wahr, ich habe mir mein Tanzen einige +dreißig tausend Gulden kosten lassen, aber noch einmal so viel gäb’ ich +drum, wenn ...</p> + +<h3>Vierte Scene.</h3> + +<p class="szene">Läuffers Zimmer.</p> + +<p class="personen"> Läuffer. Leopold. Der Major. <span class="normal"> +(Erstere sitzen an einem Tisch, ein Buch in der Hand, indem sie der +letztere überfällt.)</span></p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> So recht; so lieb’ ichs; hübsch +fleißig – und wenn die Kanaille nicht behalten will, Herr +Läuffer, so schlagen Sie ihm das Buch an den Kopf, daß ers Aufstehen +vergißt, oder wollt’ ich sagen, so dürfen Sie mirs nur klagen. Ich +will Dir den Kopf zurecht setzen, Heyduk Du! Seht da zieht er das +Maul schon wieder. Bist empfindlich, wenn Dir Dein Vater was sagt? +Wer soll Dirs denn sagen? Du sollst mir anders werden, oder ich will +Dich peitschen, daß Dir die Eingeweide krachen sollen, Tuckmäuser! Und +Sie, Herr, seyn Sie fleißig mit ihm, das bitt’ ich mir aus, und kein +Feriiren und Pausiren <span class="pagenum">16</span> und Rekreiren, +das leid ich nicht. Zum Plunder, vom Arbeiten wird kein Mensch das +Malum hydropisiacum kriegen. Das sind nur Ausreden von euch Herren +Gelehrten. – Wie stehts, kann er seinen Cornelio? Lippel! +ich bitt Dich um tausend Gottes willen, den Kopf grad. Den Kopf in +die Höhe, Junge! (richtet ihn) Tausend Sakkerment den Kopf aus den +Schultern! oder ich zerbrech Dir Dein Rückenbein in tausendmillionen +Stücken.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Der Herr Major verzeihen: er +kann kaum lateinisch lesen.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Was? So hat der Rakker +vergessen. – Der vorige Hofmeister hat mir doch +gesagt, er sey perfekt im Lateinischen, perfekt. ... Hat ers +ausgeschwitzt – aber ich will Dir – Ich will es +nicht einmal vor Gottes Gericht zu verantworten haben, daß ich Dir +keinen Daumen aufs Auge gesetzt habe, und daß ein Galgendieb aus Dir +geworden ist, wie der junge Hufeise oder wie Deines Onkels Friedrich, +eh Du mir so ein Gassenläufferischer Taugenichts – Ich +will dich zu Tode hauen – (giebt ihm eine Ohrfeige) Schon +wieder wie ein Fragzeichen? Er läßt sich nicht sagen. – +<span class="pagenum">17</span> Fort mir aus den Augen. – +Fort! Soll ich Dir Beine machen? Fort, sag’ ich. (stampft mit dem Fuß. +Leopold geht ab. Major setzt sich auf seinen Stuhl. Zu Läuffern.) +Bleiben Sie sitzen, Herr Läuffer; ich wollte mit ihnen ein paar Worte +allein sprechen, darum schickt’ ich den jungen Herrn fort. Sie können +immer sitzen bleiben; ganz, ganz. Zum Henker Sie brechen mir ja den +Stuhl entzwey, wenn Sie immer so auf einer Ecke ... Dafür steht ja +der Stuhl da, daß man drauf sitzen soll. Sind Sie so weit gereist +und wissen das noch nicht? – Hören Sie nur: ich seh’ Sie +für einen hübschen artigen Mann an, der Gott fürchtet und folgsam +ist, sonst würd’ ich das nimmer thun, was ich für Sie thue. Hundert +und vierzig Dukaten jährlich hab’ ich Ihnen versprochen: das machen +drey – Warte – Dreymal hundert und vierzig: +wieviel machen das?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Vier hundert und zwanzig.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Ists gewiß? Macht das soviel? +Nun damit wir gerade Zahl haben, vierhundert Thaler preußisch Courant +hab’ ich zu Ihrem Salarii bestimmt. Sehen Sie, das ist mehr als das +ganze Land giebt.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span><span +class="pagenum">18</span> Aber mit Eurer Gnaden gnädigen Erlaubniß, die +Frau Majorin haben mir von hundert funfzig Dukaten gesagt; das machte +gerade vierhundert funfzig Thaler und auf diese Bedingungen hab’ ich +mich eingelassen.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Ey was wissen die +Weiber! – Vierhundert Thaler, Monsieur; mehr kann Er mit +gutem Gewissen nicht fodern. Der vorige hat zweihundert funfzig gehabt +und ist zufrieden gewesen wie ein Gott. Er war doch, mein Seel! ein +gelehrter Mann; auch und ein Hofmann zugleich: die ganze Welt gab’ +ihm das Zeugniß, und Herr, Er muß noch ganz anders werden, eh’ Er +so wird. Ich thu’ es nur aus Freundschaft für Seinen Herrn Vater, +was ich an Ihm thue und um Seinetwillen auch, wenn Er hübsch folgsam +ist, und werd’ auch schon einmal für Sein Glück zu sorgen wissen; das +kann Er versichert seyn. – Hör Er doch einmal: ich hab’ +eine Tochter, das mein Ebenbild ist und die ganze Welt giebt ihr das +Zeugniß, daß ihres gleichen an Schönheit im ganzen Preussenlande nichts +anzutreffen. Das Mädchen hat ein ganz anders Gemüth als mein Sohn, +<span class="pagenum">19</span> der Buschklepper. Mit dem muß ganz +anders umgegangen werden! Es weiß sein Christenthum aus dem Grunde und +in dem Grunde, aber es ist denn nun doch, weil sie bald zum Nachtmahl +gehen soll und ich weiß wie die Pfaffen sind, so soll er auch alle +Morgen etwas aus dem Christenthum mit ihr nehmen. Alle Tage Morgens +eine Stunde und da geht Er auf ihr Zimmer; angezogen, das versteht +sich: denn Gott behüte, daß Er so ein Schweinigel seyn sollte wie +ich einen gehabt habe, der durchaus im Schlafrock an Tisch kommen +wollte. – Kann Er auch zeichnen?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Etwas, gnädiger +Herr. – Ich kann Ihnen einige Proben weisen.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> (besieht sie) Das ist ja +scharmant! – Recht schön; gut das: Er soll meine Tochter +auch zeichnen lehren. – Aber hören Sie, werther Herr +Läuffer, um Gottes Willen ihr nicht scharf begegnet; das Mädchen hat +ein ganz ander Gemüth als der Junge. Weiß Gott! es ist als ob sie +nicht Bruder und Schwester wären. Sie liegt Tag und Nacht über den +Büchern und über den Trauerspielen da, und sobald man ihr nur ein Wort +<span class="pagenum">20</span> sagt, besonders ich, von mir kann +sie nichts vertragen, gleich stehn ihr die Backen in Feuer und die +Thränen lauffen ihr wie Perlen drüber herab. Ich wills Ihm nur sagen: +das Mädchen ist meines Herzens einziger Trost. Meine Frau macht mir +bittre Tage genug: sie will alleweil herrschen und weil sie mehr List +und Verstand hat, als ich. Und der Sohn, das ist ihr Liebling; den +will sie nach ihrer Methode erziehen; fein säuberlich mit dem Knaben +Absalom, und da wird denn einmal so ein Galgenstrick draus, der nicht +Gott, nicht Menschen was Nutz ist. – Das will ich nicht +haben. – Sobald er was thut, oder was versieht, oder hat +seinen Lex nicht gelernt, sag’ Ers mir nur und der lebendige Teuffel +soll drein fahren. – Aber mit der Tochter nehm’ Er sich in +Acht; die Frau wird Ihm schon zureden, daß Er ihr scharf begegnen soll. +Sie kann sie nicht leiden, das weiß ich; aber wo ich das geringste +merke. Ich bin Herr vom Hause, muß Er wissen, und wer meiner Tochter +zu nahe kommt – Es ist mein einziges Kleinod, und wenn +der König mir sein Königreich für sie geben wollt’: ich schicke ihn +fort. Alle Tage ist sie in meinem <span class="pagenum">21</span> +Abendgebet und Morgengebet und in meinem Tischgebet, und alles in +allem, und wenn Gott mir die Gnade thun wollte, daß ich sie noch +vor meinem Ende mit einem General oder Staatsminister vom ersten +Range versorgt sähe, – denn keinen andern soll sie sein +Lebtage bekommen, – so wollt’ ich gern ein zehn Jahr eher +sterben. – Merk’ Er sich das – und wer meiner +Tochter zu nahe kommt oder ihr worinn zu Leid lebt – die +erste beste Kugel durch den Kopf. Merk’ Er Sich das. – (geht +ab.)</p> + +<h3>Fünfte Scene.</h3> + +<p class="personen">Fritz von Berg. Augustchen.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Sie werden nicht Wort halten +Gustchen: Sie werden mir nicht schreiben, wenn Sie in Heidelbrun sind, +und dann werd’ ich mich zu Tode grämen.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Glaubst Du denn, daß Deine +Juliette so unbeständig seyn kann? O nein; ich bin ein Frauenzimmer; +die Mannspersonen allein sind unbeständig.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Nein, Gustchen, die +Frauenzimmer <span class="pagenum">22</span> allein sinds. Ja wenn +alle Julietten wären! – Wissen Sie was? Wenn Sie an mich +schreiben, nennen Sie mich Ihren Romeo; thun Sie mir den Gefallen: ich +versichere Sie, ich werd’ in allen Stücken Romeo seyn, und wenn ich +erst einen Degen trage. O ich kann mich auch erstechen, wenn’s dazu +kommt.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Gehn Sie doch! Ja Sie +werden’s machen, wie im Gellert steht: er besah die Spitz’ und Schneide +und steckt’ ihn langsam wieder ein.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Sie sollen schon sehen. +(faßt sie an die Hand.) Gustchen – Gustchen! wenn +ich Sie verlieren sollte oder der Onkel wollte Sie einem andern +geben. – Der gottlose Graf Wermuth! Ich kann Ihnen den +Gedanken nicht sagen Gustchen, aber Sie könnten ihn schon in meinen +Augen lesen – Er wird ein Graf Paris für uns seyn.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Fritzchen – so +mach’ ichs wie Juliette.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Was denn? – Wie +denn? – Das ist ja nur eine Erdichtung; es giebt keine +solche Art Schlaftrunk.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span><span +class="pagenum">23</span> Ja, aber es giebt Schlaftrünke zum ewigen +Schlaf.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> (fällt ihr um den Hals) +Grausame!</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Ich hör’ meinen Vater auf +dem Gange. – Laß uns in den Garten lauffen. – +Nein; er ist fort. – Gleich nach dem Caffee Fritzchen reisen +wir und so wie der Wagen Dir aus den Augen verschwindt, werd’ ich Dir +auch schon aus dem Gedächtniß seyn.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> So mag Gott sich meiner nie +mehr erinnern, wenn ich Dich vergesse. Aber nimm Dich für den Grafen in +Acht, er gilt soviel bey deiner Mutter und Du weißt, sie möchte Dich +gern aus den Augen haben, und eh’ ich meine Schulen gemacht habe und +drey Jahr auf der Universität, das ist gar lange.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Wie denn Fritzchen! Ich +bin ja noch ein Kind: ich bin noch nicht zum Abendmahl gewesen, +aber sag mir. – O wer weiß, ob ich Dich sobald wieder +spreche! – Wart, komm in den Garten.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Nein, nein, der Papa ist +vorbey gegangen. – Siehst Du, der Henker! er <span +class="pagenum">24</span> ist im Garten. – Was wolltest Du +mir sagen?</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Nichts...</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Liebes Gustchen...</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Du solltest mir – +Nein, ich darf das nicht von Dir verlangen.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Verlange mein Leben, meinen +letzten Tropfen Bluts.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Wir wollten uns beyde einen +Eid schwören.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> O komm! Vortreflich! Hier laß +uns niederknien; am Canapee, und heb’ Du so Deinen Finger in die Höh’ +und ich so meinen. – Nun sag, was soll ich schwören?</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Daß Du in drey Jahren von +der Universität zurückkommen willst und Dein Gustchen zu Deiner Frau +machen; Dein Vater mag dazu sagen, was er will.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Und was willst Du mir dafür +wieder schwören, mein englisches... (küßt sie)</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Ich will schwören, +daß ich in meinem Leben keines andern Menschen Frau <span +class="pagenum">25</span> werden will, als Deine und wenn der Kaiser +von Rußland selber käme.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ich schwör Dir hunderttausend +Eide – (Der geheime Rath tritt herein: beyde springen mit +lautem Geschrey auf.)</p> + +<h3>Sechste Scene.</h3> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Was habt Ihr närrische +Kinder? Was zittert Ihr? – Gleich, gesteht mir +alles. Was habt Ihr hier gemacht? Ihr seyd beyde auf den Knien +gelegen. – Junker Fritz, ich bitte mir eine Antwort aus; +unverzüglich: – Was habt Ihr vorgehabt?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ich, gnädigster Papa?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich? und das mit einem so +verwundrungsvollen Ton? Siehst Du: ich merk’ alles. Du möchtest mir +itzt gern eine Lüge sagen, aber entweder bist Du zu dumm dazu, oder +zu feig, und willst Dich mit Deinem Ich? heraushelfen. ... Und Sie +Mühmchen? – Ich weiß. Gustchen verheelt mir nichts.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> (fällt ihm um die Füße) Ach, +mein Vater – </p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span><span +class="pagenum">26</span> (hebt sie auf und küßt sie.) Wünschst Du +mich zu Deinem Vater? Zu früh, mein Kind, zu früh Gustchen, mein Kind. +Du hast noch nicht communicirt. – Denn warum soll ich +euch verheelen, daß ich euch zugehört habe. – Das war ein +sehr einfältig Stückchen von Euch beyden; besonders von Dir, großer +vernünftiger Junker Fritz, der bald einen Bart haben wird wie ich, und +eine Perücke aufsetzen und einen Degen anstecken. Pfuy, ich glaubt’ +einen vernünftigern Sohn zu haben. Das macht Dich gleich ein Jahr +jünger, und macht, daß Du länger auf der Schule bleiben mußt. Und Sie, +Gustchen, auch Ihnen muß ich sagen, daß es sich für Ihr Alter gar nicht +mehr schickt, so kindisch zu thun. Was sind das für Romane, die Sie da +spielen? Was für Eide, die Sie sich da schwören, und die Ihr doch alle +beyde so gewiß brechen werdet als ich itzt mit Euch rede. Meynt Ihr, +Ihr seyd in den Jahren, Eide zu thun, oder meynt Ihr, ein Eid sey ein +Kinderspiel, wie es das Versteckspiel oder die blinde Kuh ist? Lernt +erst einsehen, was ein Eid ist: lernt erst zittern dafür und alsdenn +wagt’s, ihn zu schwören. <span class="pagenum">27</span> Wißt, daß ein +Meineidiger die schändlichste und unglücklichste Creatur ist, die von +der Sonne angeschienen wird. Ein solcher darf weder den Himmel ansehen, +den er verleugnet hat, noch andere Menschen, die sich unaufhörlich vor +ihm scheuen, und seiner Gesellschaft mit mehr Sorgfalt ausweichen, als +einer Schlange oder einem tückischen Hunde.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Aber ich denke meinen Eid zu +halten.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> In der That Romeo? Ha! Du +kannst Dich auch erstechen, wenn’s dazu kommt. Du hast geschworen, +daß mir die Haare zu Berg standen. Also gedenkst Du Deinen Eid zu +halten?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ja Papa, bey Gott! ich denk’ +ihn zu halten.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Schwur mit Schwur +bekräftigt! – Ich werd’ es Deinem Rektor beibringen. Er +soll Euch auf vierzehn Tage nach Sekunda herunter transportiren, +Junker: inskünftige lernt behutsamer schwören. Und worauf? Steht das +in Deiner Gewalt, was Du da versicherst? Du willst Gustchen <span +class="pagenum">28</span> heyrathen! Denk doch! weißt Du auch schon, +was für ein Ding das ist, Heyrathen? Geh doch, heyrathe sie: nimm sie +mit auf die Akademie. Nicht? Ich habe nichts dawider, daß ihr Euch +gern seht, daß Ihr Euch lieb habt, daß Ihrs Euch sagt, wie lieb Ihr +Euch habt; aber Narrheiten müßt Ihr nicht machen; keine Affen von uns +Alten seyn, eh’ Ihr so reif seyd als wir; keine Romane spielen wollen, +die nur in der ausschweifenden Einbildungskraft eines hungrigen Poeten +ausgeheckt sind und von denen Ihr in der heutigen Welt keinen Schatten +der Wirklichkeit antrefft. Geht! ich werde keinem Menschen was davon +sagen, damit ihr nicht nöthig habt roth zu werden, wenn Ihr mich +seht. – Aber von nun an sollt ihr einander nie mehr ohne +Zeugen sehen. Versteht Ihr mich? Und Euch nie andere Briefe schreiben +als offene und das auch alle Monathe, oder höchstens alle drey Wochen +einmal, und sobald ein heimliches Briefchen an Junker Fritz oder +Fräulein Gustchen entdeckt wird – so steckt man den Junker +unter die Soldaten und das Fräulein ins Kloster, bis sie vernünftiger +werden. Versteht ihr mich? – Jetzt – nehmt +Abschied, <span class="pagenum">29</span> hier in meiner Gegenwart. – +Die Kutsche ist angespannt, der Major treibt fort; die Schwägerin hat +schon Caffee getrunken. – Nehmt Abschied: Ihr braucht Euch +vor mir nicht zu scheuen. Geschwind, umarmt Euch. (Fritz und Gustchen +umarmen sich zitternd) Und nun mein Tochter Gustchen, weil Du doch das +Wort so gern hörst, (hebt sie auf und küßt sie) Leb tausendmal wohl, +und begegne Deiner Mutter mit Ehrfurcht; sie mag Dir sagen was sie +will. – Jetzt geh, mach! – (Gustchen geht einige +Schritte, sieht sich um; Fritz fliegt ihr weinend an den Hals.) Die +beyden Narren brechen mir das Herz! Wenn doch der Major vernünftiger +werden wollte, oder seine Frau weniger herrschsüchtig! – </p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<!-- Z W E Y T E R A K T --> +<div class="chapter"> + <span class="pagenum">30</span> + <h2 id="Zweyter_Akt">Zweyter Akt.</h2> +</div> + +<h3>Erste Scene.</h3> + +<p class="personen">Pastor Läuffer. Der geheime Rath.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich bedaure +ihn – und Sie noch Vielmehr, Herr Pastor, daß Sie solchen +Sohn haben.</p> + +<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Verzeihen Euer Gnaden, ich +kann mich über meinen Sohn nicht beschweren; er ist ein sittsamer +und geschickter Mensch, die ganze Welt und Dero Herr Bruder und Frau +Schwägerin selbst werden ihm das eingestehen müssen.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich sprech’ ihm das all +nicht ab, aber er ist ein Thor, und hat alle sein Mißvergnügen sich +selber zu danken. Er sollte den Sternen danken, daß meinem Bruder +das Geld, das er für den Hofmeister zahlt, einmal anfängt zu lieb zu +werden.</p> + +<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Aber bedenken Sie doch: nichts +mehr als hundert Dukaten; hundert arme <span class="pagenum">31</span> +Dukätchen; und dreihundert hatt’ er ihm doch im ersten Jahr +versprochen: aber beym Schluß desselben nur hundert und vierzig +ausgezahlt, jetzt beym Beschluß des zweyten, da doch die Arbeit meines +Sohnes immer zunimmt, zahlt’ er ihm hundert, und nun beym Anfang des +dritten wird ihm auch das zu viel. – Das ist wider alle +Billigkeit! Verzeihn Sie mir.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Laß es doch. – +Das hätt’ ich Euch Leuten voraussagen wollen, und doch solle Ihr Sohn +Gott danken, wenn ihn nur der Major beym Kopf nähm’ und aus dem Hause +würfe. Was soll er da, sagen Sie mir Herr? Wollen Sie ein Vater für +ihr Kind seyn und schliessen so Augen, Mund und Ohren für seine ganze +Glückseligkeit zu? Tagdieben, und sich Geld dafür bezahlen lassen? +Die edelsten Stunden des Tages bey einem jungen Herrn versitzen, der +nichts lernen mag und mit dem er’s doch nicht verderben darf, und die +übrigen Stunden, die der Erhaltung seines Lebens, den Speisen und +dem Schlaf geheiligt sind, an einer Sklavenkette verseufzen; an den +Winken der gnädigen Frau hängen, und sich in die Falten des gnädigen +Herrn hineinstudiren; essen wenn er satt ist und fasten, <span +class="pagenum">32</span> wenn er hungrig ist, Punsch trinken, wenn +er p-ss-n möchte, und Karten spielen, wenn er das Lauffen hat. Ohne +Freyheit geht das Leben bergab rückwärts, Freyheit ist das Element +des Menschen wie das Wasser des Fisches, und ein Mensch der sich der +Freyheit begiebt, vergiftet die edelsten Geister seines Bluts, erstickt +seine süssesten Freuden des Lebens in der Blüthe und ermordet sich +selbst.</p> + +<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Aber – Oh! erlauben +Sie mir; das muß sich ja jeder Hofmeister gefallen lassen; man kann +nicht immer seinen Willen haben, und das läßt sich mein Sohn auch gern +gefallen, nur – </p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Desto schlimmer, wenn er +sichs gefallen läßt, desto schlimmer; er hat den Vorrechten eines +Menschen entsagt, der nach seinen Grundsätzen muß leben können, +sonst bleibt er kein Mensch. Mögen die Elenden, die ihre Ideen nicht +zu höherer Glückseligkeit zu erheben wissen, als zu essen und zu +trinken, mögen die sich im Keficht zu Tode füttern lassen, aber ein +Gelehrter, ein Mensch, der den Adel seiner Seele fühlt, der den Tod +nicht so scheuen sollt’ als eine Handlung, die wider seine Grundsätze +läuft...</p> + +<p><span class="sprecher">Pastor.</span><span class="pagenum">33</span> +Aber was ist zu machen in der Welt? Was wollte mein Sohn anfangen, wenn +Dero Herr Bruder ihm die Condition aufsagten?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Laßt den Burschen was +lernen, daß er dem Staat nützen kann. Potz hundert Herr Pastor, Sie +haben ihn doch nicht zum Bedienten aufgezogen, und was ist er anders +als Bedienter, wenn er seine Freyheit einer Privatperson für einige +Handvoll Dukaten verkauft? Sklav’ ist er, über den die Herrschaft +unumschränkte Gewalt hat, nur daß er so viel auf der Akademie gelernt +haben muß, ihren unbesonnenen Anmuthungen von weitem zuvorzukommen +und so einen Firniß über seine Dienstbarkeit zu streichen: daß +heißt denn ein feiner artiger Mensch, ein unvergleichlicher Mensch; +ein unvergleichlicher Schurke, der, statt seine Kräfte und seinen +Verstand dem allgemeinen Besten aufzuopfern, damit die Rasereyen +einer dampfigten Dame und eines abgedämpften Officiers unterstützt, +die denn täglich weiter um sich fressen wie ein Krebsschaden und +zuletzt unheilbar werden. Und was ist der ganze Gewinnst am Ende? +Alle Mittag Braten und alle Abend Punsch, und eine grosse <span +class="pagenum">34</span> Portion Galle, die ihm Tags über ins Maul +gestiegen, Abends, wenn er zu Bett liegt, hinabgeschluckt, wie Pillen; +das macht gesundes Blut, auf meine Ehr’! und muß auch ein vortrefliches +Herz auf die Länge geben. Ihr beklagt Euch so viel übern Adel und über +seinen Stolz, die Leute sähn Hofmeister wie Domestiken an, Narren! was +sind sie denn anders? Stehn sie nicht in Lohn und Brod bey ihnen wie +jene? Aber wer heißt Euch ihren Stolz nähren? Wer heißt euch Domestiken +werden, wenn Ihr was gelernt habt, und einem starrköpfischen Edelmann +zinsbar werden, der sein Tage von seinen Hausgenossen nichts anders +gewohnt war als sklavische Unterwürfigkeit?</p> + +<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Aber Herr Geheimer +Rath – Gütiger Gott! es ist in der Welt nicht anders: +man muß eine Warte haben, von der man sich nach einem öffentlichen +Amt umsehen kann, wenn man von Universitäten kommt; wir müssen den +göttlichen Ruf erst abwarten und ein Patron ist sehr oft das Mittel zu +unserer Beförderung: wenigstens ist es mir so gegangen.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Schweigen Sie, +Herr Pastor, ich bitt Sie, schweigen Sie. Das gereicht <span +class="pagenum">35</span> Ihnen nicht zur Ehr. Man weiß ja doch, daß +Ihre seelige Frau Ihr göttlicher Ruf war, sonst säßen Sie noch itzt +beym Herrn von Tiesen und düngten ihm seinen Acker. Jemine! daß Ihr +Herrn uns doch immer einen so ehrwürdigen schwarzen Dunst vor Augen +machen wollt. Noch nie hat ein Edelmann einen Hofmeister angenommen, wo +er ihm nicht hinter eine Allee von acht neun Sklavenjahren ein schön +Gemählde von Beförderung gestellt hat und wenn Ihr acht Jahr gegangen +waret, so macht’ ers wie Laban und rückte das Bild um noch einmal so +weit vorwärts. Possen! lernt etwas und seyd brave Leut. Der Staat wird +Euch nicht lang am Markt stehen lassen. Brave Leut sind allenthalben zu +brauchen, aber Schurken, die den Namen vom Gelehrten nur auf den Zettel +tragen und im Kopf ist leer Papier ...</p> + +<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Das ist sehr allgemein +gesprochen, Herr Rath! – Es müssen doch, bey Gott! auch +Hauslehrer in der Welt seyn; nicht jedermann kann gleich geheimer Rath +werden und wenn er gleich ein Hugo Grotius wär. Es gehören heutiges +Tags andere Sachen dazu als Gelehrsamkeit. – </p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span><span +class="pagenum">36</span> Sie werden warm, Herr Pastor! – +Lieber, werther Herr Pastor, lassen Sie uns den Faden unsers Streits +nicht verlieren. Ich behaupte: es müssen keine Hauslehrer in der Welt +seyn! das Geschmeis taucht den Teufel zu nichts.</p> + +<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Ich bin nicht hergekommen mir +Grobheiten sagen zu lassen: ich bin auch Hauslehrer gewesen. Ich habe +die Ehre – </p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Warten Sie; bleiben +Sie, lieber Herr Pastor! Behüte mich der Himmel! Ich habe Sie nicht +beleidigen wollen und wenn’s wider meinen Willen geschehen ist, so +bitt’ ich Sie tausendmahl um Verzeihung. Es ist einmal meine üble +Gewohnheit, daß ich gleich in Feuer gerathe, wenn mir ein Gespräch +interessant wird: alles übrige verschwinde mir denn aus dem Gesicht und +ich sehe nur den Gegenstand, von dem ich spreche.</p> + +<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Sie schütten, – +Verzeihen Sie mir, ich bin auch ein Cholerikus, und rede gern von +der Lunge ab. – Sie schütten das Kind mit dem Bade aus. +Hauslehrer taugen zu nichts. – Wie können Sie mir das beweisen? Wer +soll Euch jungen Herrn <span class="pagenum">37</span> denn Verstand +und gute Sitten beibringen Was wär aus Ihnen geworden, mein werther +Herr geheimer Rath, wenn Sie keinen Hauslehrer gehabt hätten?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich bin von meinem Vater +zur öffentlichen Schul gehalten worden, und seegne seine Asche dafür, +und so hoff’ ich, wird mein Sohn Fritz auch dereinst thun.</p> + +<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Ja, – da ist aber +noch viel drüber zu sagen Herr! Ich meiner Seits bin Ihrer Meynung +nicht; ja wenn die öffentlichen Schulen das wären, was sie seyn +sollten. – Aber die nüchternen Subjecta, so oft den Classen +vorstehen; die pedantischen Methoden, die sie brauchen, die unter der +Jugend eingerissenen verderbten Sitten – </p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Wes ist die Schuld? Wer +ist schuld dran, als ihr Schurken von Hauslehrern? Würde der Edelmann +nicht von Euch in der Grille gestärkt, einen kleinen Hof anzulegen, wo +er als Monarch oben auf dem Thron sitzt, und ihm Hofmeister und Mamsell +und ein ganzer Wisch von Tagdieben huldigen, so würd’ er seine Jungen +in die öffentliche Schule thun müssen; er würde das Geld, von dem er +jetzt seinen Sohn <span class="pagenum">38</span> zum hochadlichen +Dummkopf aufzieht, zum Fond der Schule schlagen: davon könnten denn +gescheidte Leute salarirt werden und alles würde seinen guten Gang +gehn; das Studentchen müste was lernen, um bey einer solchen Anstalt +brauchbar zu werden, und das junge Herrchen, anstatt seine Faullenzerey +vor den Augen des Papas und der Tanten, die alle keine Argusse sind, +künstlich und manierlich zu verstecken, würde seinen Kopf anstrengen +müssen, um es den bürgerlichen Jungen zuvorzuthun, wenn es sich doch +von ihnen unterscheiden will. – Was die Sitten anbetrift, +das findt sich wahrhaftig. – Wenn er gleich nicht, wie +seine hochadliche Vettern, die Nase von Kindesbeinen an höher tragen +lernt als andere, und in einem nachläßigen Ton, von oben herab, +Unsinn sagen, und Leuten ins Gesicht sehen, wenn sie den Hut vor ihm +abziehen, um ihnen dadurch anzudeuten, daß sie auf kein Gegencompliment +warten sollen. Die feinen Sitten hol der Teufel! Man kann dem Jungen +Tanzmeister auf der Stube halten, und ihn in artige Gesellschaften +führen, aber er muß durchaus nicht aus der Sphäre seiner Schulkamraden +herausgehoben, <span class="pagenum">39</span> und in der Meinung +gestärkt werden, er sey eine bessere Kreatur als andere.</p> + +<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Ich habe nicht Zeit, (zieht +die Uhr heraus) mich in den Disput weiter mit Ihnen einzulassen, +gnädiger Herr; aber so viel weiß ich, daß der Adel überall nicht ihrer +Meinung seyn wird.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> So sollten die Bürger +meiner Meynung seyn. – Die Noth würde den Adel schon +auf andere Gedanken bringen, und wir könnten uns bessere Zeiten +versprechen. Sapperment, was kann aus unserm Adel werden, wenn ein +einziger Mensch das Faktotum bey dem Kinde seyn soll, ich setz’ auch +den unmöglichen Fall, daß er ein Polyhistor wäre, wo will der eine Mann +Feuer und Muth und Thätigkeit hernehmen, wenn er alle seine Kräfte auf +einen Schaafskopf concentriren soll, besonders wenn Vater und Mutter +sich kreutz und die quer immer mit in die Erziehung mengen, und dem +Faß, in welches er füllt, den Boden immer wieder ausschlagen?</p> + +<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Ich bin um zehn Uhr zu einem +Kranken bestellt. Sie werden mir verzeihen. – (Im Abgehen +wendt er sich um) Aber <span class="pagenum">40</span> wär’s nicht +möglich, gnädiger Herr, daß Sie Ihren zweyten Sohn nur auf ein halb +Jährchen zum Herrn Major in die Kost thäten? Mein Sohn will gern mit +achtzig Dukaten zufrieden seyn, aber mit sechzigen, die ihm der Herr +Bruder geben wollen, da kann er nicht von subsistiren.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Laß ihn +quittiren. – Ich thu es nicht, Herr Pastor! Davon bin ich +nicht abzubringen. Ich will Ihrem Herrn Sohn die dreyßig Dukaten lieber +schenken; aber meinem Sohn geb ich zu keinem Hofmeister. (Der Pastor +hält ihm einen Brief hin) Was soll ich damit? Es ist alles umsonst, sag +ich Ihnen.</p> + +<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Lesen Sie – Lesen +Sie nur. – </p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Je nun, ihm ist +nicht – (liest) – wenden Sie doch alles an, den +Herrn geheimen Rath dahin zu vermögen, – Sie können Sich +nicht vorstellen, wie elend es mir hier geht; nichts wird mir gehalten, +was mir ist versprochen worden. Ich speise nur mit der Herrschaft, +wenn keine Fremde da sind, – das ärgste ist, daß ich gar +nicht von hier komme und in einem ganzen Jahr meinen Fuß nicht aus +Heidelbrunn habe setzen <span class="pagenum">41</span> – man hatte +mir ein Pferd versprochen, alle Vierteljahr einmal nach Königsberg zu +reisen, als ich es foderte, fragte mich die gnädige Frau, ob ich nicht +lieber zum Carneval nach Venedig wollte. – (wirft den Brief +an die Erde.) Je nun, laß ihn quittiren; warum ist er ein Narr und +bleibt da?</p> + +<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Ja das ist eben die Sache. +(hebt den Brief auf) Belieben Sie doch nur auszulesen.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Was ist da zu +lesen? – (liest) Dem ohngeachtet kann ich dies Haus nicht +verlassen, und sollt’ es mich Leben und Gesundheit kosten. So viel +darf ich Ihnen sagen, daß die Aussichten in eine selige Zukunft mir +alle die Mühseligkeiten meines gegenwärtigen Standes – +Ja, das sind vielleicht Aussichten in die selige Ewigkeit, sonst +weiß ich keine Aussichten, die mein Bruder ihm eröfnen könnte. Er +betrügt sich, glauben Sie mirs; schreiben Sie ihm zurück, daß er ein +Thor ist. Dreyßig Dukaten will ich ihm dies Jahr aus meinem Beutel +Zulage geben, aber ihn auch zugleich gebeten haben, mich mit allen +fernern Anwerbungen um meinen Karl zu <span class="pagenum">42</span> +verschonen: denn ihm zu Gefallen werd’ ich mein Kind nicht +verwahrlosen.</p> + +<h3>Zweyte Scene.</h3> + +<p class="szene">In Heidelbrunn.</p> + +<p class="personen">Gustchen. Läuffer.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Was fehlt ihnen dann?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Wie stehts mit meinem +Porträt? Nicht wahr, Sie haben nicht dran gedacht? Wenn ich auch so +saumselig gewesen wäre – Häte ich das gewußt: ich hätt Ihren +Brief so lang zurückgehalten, aber ich war ein Narr.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Ha ha ha. Lieber Herr +Hofmeister! Ich habe wahrhaftig noch nicht Zeit gehabt.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Grausame!</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Aber was fehlt Ihnen denn? +Sagen Sie mir doch! So tiefsinnig sind Sie ja noch nie gewesen. Die +Augen stehn Ihnen ja immer voll Wasser: ich habe gemerkt, Sie essen +nichts.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Haben Sie? In der That? Sie +sind ein rechtes Muster des Mitleidens.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span><span +class="pagenum">43</span> O Herr Hofmeister – </p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Wollen Sie heut Nachmittag +Zeichenstunde halten?</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> (faßt ihn an die Hand) +Liebster Herr Hofmeister! verzeihen Sie, daß ich sie gestern aussetzte. +Es war mir wahrhaftig unmöglich zu zeichnen; ich hatte den Schnuppen +auf eine erstaunende Art.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> So werden Sie ihn wohl heute +noch haben. Ich denke, wir hören ganz auf zu zeichnen. Es macht Ihnen +kein Vergnügen länger.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> (halbweinend) Wie können Sie +das sagen, Herr Läuffer? Es ist das einzige, was ich mit Lust thue.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Oder Sie versparen es bis auf +den Winter in die Stadt und nehmen einen Zeichenmeister. Ueberhaupt +werd ich Ihren Herrn Vater bitten, den Gegenstand Ihres Abscheues, +Ihres Hasses, Ihrer ganzen Grausamkeit von Ihnen zu entfernen. Ich sehe +doch, daß es Ihnen auf die Länge unausstehlich wird, von mir Unterricht +anzunehmen.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Herr Läuffer – +</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span><span +class="pagenum">44</span> Lassen Sie mich – Ich muß sehen, +wie ich das elende Leben zu Ende bringe, weil mir doch der Tod verboten +ist – </p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Herr Läuffer – +</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Sie foltern +mich. – (reißt sich loß und geht ab.)</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Wie dauert er mich!</p> + +<h3>Dritte Scene.</h3> + +<p class="szene">Zu Halle in Sachsen.<br>Pätus Zimmer.</p> + +<p class="center"><span class="sprecher">Fritz von Berg. Pätus</span> +(im Schlafrock an einem Tisch sitzend.)</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Ey was Berg! Du bist ja kein +Kind mehr, daß du nach Papa und Mama – Pfuy Teufel! ich +hab Dich allezeit für einen braven Kerl gehalten, wenn Du nicht mein +Schulkamerad wärst: ich würde mich schämen mit Dir umzugehen.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Pätus, auf meine Ehr, es +ist nicht Heimweh, Du machst mich bis über die Ohren roth mit dem +dummen Verdacht. Ich <span class="pagenum">45</span> möchte gern +Nachricht von Hause haben, das gesteh’ ich, aber das hat seine +Ursachen – </p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Gustchen – +Nicht wahr? Denk doch, Du arme Seele! Hundertachtzig Stunden von +ihr entfernt – Was für Wälder und Ströme liegen nicht +zwischen Euch? Aber warte, wir haben hier auch Mädchen; wenn ich nur +besser besponnen wäre, ich wollte Dich heut in eine Gesellschaft +führen – Ich weiß nicht, wie Du auch bist; ein Jahr in Halle +und noch mit keinem Mädchen gesprochen: das muß melancholisch machen; +es kann nicht anders seyn. Warte, Du must mir hier einziehen, daß Du +lustig wirst. Was machst Du da bey dem Pfarrer? Das ist keine Stube für +Dich – </p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Was zahlst Du hier?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Ich zahle – +Wahrhaftig, Bruder, ich weiß es nicht. Es ist ein guter ehrlicher +Philister, bey dem ich wohne: seine Frau ist freylich bisweilen ein +bischen wunderlich, aber mags. Was gehts mich an? Wir zanken uns einmal +herum und denn laß ich sie laufen: und die schreiben mir alles auf. +Hausmiethe, Kaffee, Tabak; alles was ich verlange, und denn zahl’ +<span class="pagenum">46</span> ich die Rechnung alle Jahre, wenn mein +Wechsel kommt.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Bist du jetzt viel schuldig?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Ich habe die vorige Woche +bezahlt. Das ist wahr, diesmal haben Sie mirs arg gemacht: mein ganzer +Wechsel hat herhalten müssen bis auf den letzten Pfennig, und mein +Rock, den ich Tags vorher versetzt hatte, weil ich in der äussersten +Noth war, steht noch zu Gevattern. Weiß der Himmel, wenn ich ihn wieder +einlösen kann.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Und wie machst Dus denn +itzt?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Ich? – Ich bin +krank. Heut morgen hat mich die Frau Räthin Hamster invitiren lassen, +gleich kroch ich ins Bett ...</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Aber bey dem schönen Wetter +immer zu Hause zu sitzen.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Was macht das? des Abends geh +ich im Schlafrock spatzieren, es ist ohnedem in den Hundstagen am Tage +nicht auszuhalten – Aber Potz Mordio! Wo bleibt denn mein +Kaffee? (pocht mit dem Fuß) Frau Blitzer! – Nun sollst Du +sehn, wie ich meinen Leuten umspringe – Frau Blitzer! in +aller <span class="pagenum">47</span> Welt Frau Blitzer. (klingelt und +pocht) – Ich habe sie kürzlich bezahlt: nun kann ich schon +breiter thun – Frau ...</p> + +<p><span class="sprecher">Frau Blitzer.</span> (tritt herein mit einer +Portion Kaffee.)</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> In aller Welt, Mutter! wo +bleibst Du denn? Das Wetter soll Dich regieren. Ich warte hier schon +über eine Stunde – </p> + +<p><span class="sprecher">Frau Blitzer.</span> Was? Du +nichtsnutziger Kerl, was lärmst Du? Bist Du schon wieder nichts +nutz, abgeschabte Laus? Den Augenblick trag ich meinen Kaffee wieder +herunter – </p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (gießt sich ein) Nun, +nun, nicht so böse Mutter! aber Zwieback – Wo ist denn +Zwieback?</p> + +<p><span class="sprecher">Frau Blitzer.</span> Ja, kleine Steine Dir! +Es ist kein Zwieback im Hause. Denk doch, ob so ein kahler lausichter +Kerl nun alle Nachmittag Zwieback frißt oder nicht – </p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Was tausend alle Welt! (stampft +mit dem Fuß) Sie weiß, daß ich keinen Kaffee ohne Zwieback ins Maul +nehme – Wofür gebe ich denn mein Geld aus – </p> + +<p><span class="sprecher">Frau Blitzer.</span><span +class="pagenum">48</span> (langt ihm Zwieback aus der Schürze, +wobey sie ihn an den Haaren zupft.) Da siehst Du, da ist Zwieback, +Posaunenkerl! Er hat eine Stimme wie ein ganzes Regiment Soldaten. Nu, +ist der Kaffee gut? Ist er nicht? Gleich sag mirs, oder ich reiß Ihm +das letzte Haar aus Seinem kahlen Kopf heraus.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (trinkt) +Unvergleichlich – Aye! – Ich hab in meinem Leben keinen +bessern getrunken.</p> + +<p><span class="sprecher">Frau Blitzer.</span> Siehst Du Hundejunge! +Wenn Du die Mutter nicht hättest, die sich Deiner annähme und Dir zu +essen und zu trinken gäbe, Du müstest an der Strasse verhungern. Sehen +Sie ihn einmal an, Herr von Berg, wie er daher geht, keinen Rock auf +dem Leibe und sein Schlafrock ist auch, als ob er darin wär aufgehenkt +worden und wieder vom Galgen gefallen. Sie sind doch ein hübscher Herr, +ich weiß nicht wie Sie mit dem Menschen umgehen können, nun freylich +unter Landsleuten da ist immer so eine kleine Blutsverwandschaft, +drum sag ich immer, wenn doch der Herr von Berg zu uns einlogiren +thäte. Ich weiß, daß Sie viel Gewalt über ihn haben: da <span +class="pagenum">49</span> könnte doch noch was ordentliches aus ihm +werden, aber sonst wahrhaftig – (geht ab)</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Siehst Du, ist das nicht +ein gut fidel Weib. Ich seh’ ihr all etwas durch die Finger, aber +potz, wenn ich auch einmal ernsthaft werde, kusch ist sie wie die +Wand – Willst Du nicht eine Tasse mit trinken? (gießt ihm +ein) Siehst Du, ich bin hier wohl bedient; ich zahle was rechts, das +ist wahr, aber dafür hab’ auch ich was ...</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> (trinkt.) Der Kaffee schmeckt +nach Gerste.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Was sagst Du? – +(schmeckt gleichfalls) Ja wahrhaftig, mit dem Zwieback hab’ ichs nicht +so – (sieht in die Kanne) Nun so hol Dich! (wirft das +Kaffeezeug zum Fenster hinaus) Gerstenkaffee und fünfhundert Gulden +jährlich! – </p> + +<p><span class="sprecher">Frau Blitzer.</span> (stürzt herein) Wie? Was +zum Teufel, was ist das? Herr, ist Er rasend oder plagt Ihn gar der +Teufel? – </p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Still Mutter!</p> + +<p><span class="sprecher">Frau Blitzer.</span> (mit gräßlichem +Geschrey) Aber wo ist mein Kaffeezeug? Ey! zum Henker! <span +class="pagenum">50</span> aus dem Fenster – Ich kratz’ Ihm +die Augen aus dem Kopf heraus.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Es war eine Spinne darin und +ich warf’s in der Angst – Was kann ich dafür, daß das +Fenster offen stand?</p> + +<p><span class="sprecher">Frau Blitzer.</span> Daß Du verreckt wärst an +der Spinne, wenn ich Dich mit Haut und Haar verkaufe, so kannst Du mir +mein Kaffeezeug nicht bezahlen, nichtswürdiger Hund! Nichts als Schaden +und Unglück kann Er machen. Ich will Dich verklagen; ich will Dich in +Karcer werfen lassen. (läuft heraus)</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (lachend) Was ist zu machen, +Bruder! man muß sie schon ausrasen lassen.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Aber für Dein Geld?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Ey was! – Wenn ich +bis Weyhnachten warten muß, wer wird mir sogleich bis dahin kreditiren? +Und denn ists ja nur ein Weib und ein närrisch Weib dazu, dem’s nicht +immer so von Herzen geht- wenn mirs der Mann gesagt hätte, das wär was +anders, dem schlüg’ ich das Leder voll – Siehst Du wohl!</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Hast Du Feder und Tinte?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span><span class="pagenum">51</span> +Dort auf dem Fenster – </p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ich weiß nicht, das Herz ist +mir so schwer – Ich habe nie was auf Ahndungen gehalten.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Ja mir auch – Die +Döbblinsche Gesellschaft ist angekommen. Ich möchte gern in die Komödie +gehn und habe keinen Rock anzuziehen. Der Schurke mein Wirth leyht mir +keinen und ich bin eine so große dicke Bestie, daß mir keiner von all +Euren Röcken passen würde.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ich muß gleich nach Hause +schreiben. (setzt sich an ein Fenster nieder und schreibt)</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (setzt sich einem Wolfspelz +gegenüber, der an der Wand hängt) Hm! nichts als den Pelz gerettet, +von allen meinen Kleidern, die ich habe, und die ich mir noch wollte +machen lassen. Grade den Pelz, den ich im Sommer nicht tragen kann, und +den mir nicht einmal der Jude zum Versatz annimmt, weil sich der Wurm +leicht hineinsetzt. Hanke, Hanke! das ist doch unverantwortlich, daß Du +mir keinen Rock auf Pump machen willst. (steht auf und geht herum) Was +hab’ ich Dir gethan, Hanke, daß Du just mir keinen Rock machen <span +class="pagenum">52</span> willst? Just mir, der ich ihn am nöthigsten +brauche, weil ich jetzo keinen habe, just mir! – Der Teufel +muß Dich besitzen, er macht Hunz und Kunz auf Kredit und just mir +nicht! (faßt sich an den Kopf und stampft mit dem Fuß) Just mir nicht, +just mir nicht! – </p> + +<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> (der sich mittlerweile +hineingeschlichen und ihm zugehört, faßt ihn an: er kehrt sich um +und bleibt stumm vor Bollwerk stehen) Ha ha ha ... Nun du armer +Pätus – ha ha ha! Nicht wahr, es ist doch ein gottloser +Hanke, daß er just Dir nicht – Aber, wo ist das rothe +Kleid mit Gold, das Du bey ihm bestellt hast, und das blauseidne mit +der silberstücknen Weste, und das rothsammetne mit schwarz Sammet +gefüttert, das wär vortreflich bey dieser Jahrszeit. Sage mir! +antworte mir! Der verfluchte Hanke! Wollen wir gehn und ihm die Haut +vollschlagen? Wo bleibt er so lang mit Deiner Arbeit? Wollen wir?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (wirft sich auf einen Stuhl) +Laß mich zufrieden.</p> + +<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> Aber hör Pätus, Pätus, +Pä Pä Pä Pätus (setzt sich zu ihm) Döbblin ist angekommen. <span +class="pagenum">53</span> Hör Pä Pä Pä Pä Pätus, wie wollen wir das +machen? Ich denke, Du ziehst Deinen Wolfspelz an und gehst heut Abend +in die Komödie. Was schadt’s, Du bist doch fremd hier – und +die ganze Welt weiß, daß Du vier Paar Kleider bey Hanke bestellt hast. +Ob er sie Dir machen wird, ist gleich viel! – Der verfluchte +Kerl! Wollen ihm die Fenster einschlagen, wenn er sie Dir nicht +macht!</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (heftig) Laß mich zufrieden, +sag ich Dir.</p> + +<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> Aber hör...aber...aber...hör +hör hör’ Pätus; nimm Dich in Acht Pätus! daß Du mir des Nachts nicht +mehr im Schlafrock auf der Gasse läufst. Ich weiß, daß Du bange bist +vor Hunden; es ist eben ausgetrummelt worden, daß zehn wütige Hunde in +der Stadt herumlaufen sollen; sie haben schon einige Kinder gebissen: +zwey sind noch davon kommen, aber vier sind auf der Stelle gestorben. +Das machen die Hundstage? Nicht wahr Pätus? Es ist gut, daß Du jetzt +nicht ausgehen kannst. Nicht wahr? Du gehst itzt mit allem Fleiß nicht +aus? Nicht wahr Pä Pä Pätus?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span><span class="pagenum">54</span> +Laß mich zufrieden ... oder wir verzürnen uns.</p> + +<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> Du wirst doch kein Kind seyn +– Berg, kommen Sie mit in die Komödie?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> (zerstreut) Was? – +Was für Komödie?</p> + +<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> Es ist eine Gesellschaft +angekommen – Legen Sie die Schmieralien weg. Sie können ja +auf den Abend schreiben. Man giebt heut Minna von Barnhelm.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> O die muß ich +sehen. – (steckt seine Briefe zu sich) Armer Pätus, daß Du +keinen Rock hast. – </p> + +<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> Ich lieh’ ihm gern einen, +aber es ist hol mich der Teufel mein einziger, den ich auf dem Leibe +habe – (gehn ab)</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (allein) Geht zum Teufel mit +Eurem Mitleiden! Das ärgert mich mehr als wenn man mir ins Gesicht +schlüge – Ey was mach ich mir draus. (zieht seinen +Schlafrock aus) Laß die Leute mich für wahnwitzig halten! Minna +von Barnhelm muß ich sehen und wenn ich nackend hingehen sollte! +(zieht den Wolfspelz an) Hanke, Hanke! es soll Dir zu Hause <span +class="pagenum">55</span> kommen! (stampft mit dem Fuß) Es soll dir zu +Hause kommen! (geht)</p> + +<h3>Vierte Scene.</h3> + +<p class="personen">Frau Hamster. Jungfer Hamster. Jungfer Knicks.</p> + +<p><span class="sprecher">Jungfer Knicks.</span> Ich kanns Ihnen vor +Lachen nicht erzehlen, Frau Räthin, ich muß krank vor Lachen werden. +Stellen Sie Sich vor: wir gehen mit Jungfer Hamster im Gäßchen hier +nah bey, so läuft uns ein Mensch im Wolfspelz vorbey, als ob er durch +Spießruthen gejagt würde; drey große Hunde hinter ihm drein. Jungfer +Hamster bekam einen Schubb, daß sie mit dem Kopf an die Mauer schlug +und überlaut schreyen muste.</p> + +<p><span class="sprecher">Frau Hamster.</span> Wer war es denn?</p> + +<p><span class="sprecher">Jungfer Knicks.</span> Stellen Sie Sich vor, +als wir ihm nachsahen, war’s Herr Pätus – Er muß rasend +worden seyn.</p> + +<p><span class="sprecher">Frau Hamster.</span> Mit einem Wolfspelz in +dieser Hitze!</p> + +<p><span class="sprecher">Jungfer Hamster.</span> (hält sich +den Kopf) Ich glaube noch immer, er ist aus dem hitzigen <span +class="pagenum">56</span> Fieber aufgesprungen. Er ließ uns heut Morgen +sagen, er sey krank.</p> + +<p><span class="sprecher">Jungfer Knicks.</span> Und die drey Hunde +hinter ihm drein, das war das lustigste. Ich hatte mir vorgenommen +heut in die Komödie zu gehen, aber nun mag ich nicht, ich würde doch +da nicht soviel zu lachen kriegen. Das vergeß ich mein Lebtage nicht. +Seine Haare flogen ihm nach wie der Schweif an einem Kometen, und je +eyfriger er lief, desto eyfriger schlugen die Hunde an und er hatte das +Herz nicht, sich einmal umzusehen... Das war unvergleichlich!</p> + +<p><span class="sprecher">Frau Hamster.</span> Schrie er nicht? Er wird +gemeynt haben, die Hunde seyn wütig.</p> + +<p><span class="sprecher">Jungfer Knicks.</span> Ich glaub, er hatte +keine Zeit zum Schreyen, aber roth war er wie ein Krebs und hielt das +Maul offen, wie die Hunde hinter ihm drein – O das war nicht +mit Geld zu bezahlen! ich gäbe nicht meine Schnur ächter Perlen darum, +daß ich das nicht gesehen.</p> + +<h3>Fünfte Scene.</h3> + +<p class="szene"><span class="pagenum">57</span>In +Heidelbrunn.<br>Augustchens Zimmer.</p> + +<p class="personen">Gustchen. <span class="normal">(liegt auf dem +Bette)</span> Läuffer. <span class="normal">(sitzt am Bette)</span></p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Stell Dir vor Gustchen, +der geheime Rath will nicht. Du siehst, daß Dein Vater mir das Leben +immer saurer macht: nun will er mir gar aufs folgende Jahr nur vierzig +Dukaten geben. Wie kann ich das aushalten? Ich muß quittiren.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Grausamer, und was werd ich +denn anfangen? (nachdem beyde eine zeitlang sich schweigend angesehen) +Du siehst: ich bin schwach, und krank; hier in der Einsamkeit unter +einer barbarischen Mutter – Niemand fragt nach mir, niemand +bekümmert sich um mich: meine ganze Familie kann mich nicht mehr +leiden; mein Vater selber nicht mehr: ich weiß nicht warum.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Mach, daß Du zu meinem Vater +in die Lehre kommst; nach Insterburg.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Da kriegen wir uns nie zu +sehen. <span class="pagenum">58</span> Mein Onkel leidt es nimmer, daß +mein Vater mich zu Deinem Vater ins Haus giebt.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Mit dem verfluchten +Adelstolz!</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> (nimmt seine Hand) Wenn Du +auch böse wirst, Herrmannchen! (küßt sie) O od! Tod! warum erbarmst Du +Dich nicht!</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Rathe mir selber – +Dein Bruder ist der ungezogenste Junge den ich kenne: neulich hat +er mir eine Ohrfeige gegeben und ich durft ihm nichts dafür thun, +durft nicht einmal drüber klagen. Dein Vater hätt ihm gleich Arm und +Bein gebrochen und die gnädige Mama alle Schuld zuletzt auf mich +geschoben.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Aber um +meinetwillen – Ich dachte, Du liebtest mich.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> (stützt sich mit der andern +Hand auf ihrem Bett, indem sie fortfährt seine eine Hand von Zeit zu +Zeit an die Lippen zu bringen.) Laß mich denken...(bleibt nachsinnend +sitzen)</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> (in der beschriebenen +Pantomime) O Romeo! Wenn dies Deine Hand wäre. – Aber so +verlässest Du mich, unedler Romeo! Siehst nicht, daß Deine Julie für +Dich stirbt – <span class="pagenum">59</span> von der +ganzen Welt, von ihrer ganzen Familie gehaßt, verachtet, ausgespyen. +(drückt seine Hand an ihre Augen) O unmenschlicher Romeo!</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> (sieht auf) Was schwärmst Du +wieder?</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Es ist ein Monolog aus einem +Trauerspiel, den ich gern recitire, wenn ich Sorgen habe. (Läuffer +fällt wieder in Gedanken, nach einer Pause fängt sie wieder an) +Vielleicht bist Du nicht ganz strafbar. Deines Vaters Verbot, Briefe +mit mir zu wechseln, aber die Liebe setzt über Meere und Ströme, über +Verbot und Todesgefahr selbst – Du hast mich vergessen... +Vielleicht besorgtest Du für mich – ja, – ja, +Dein zärtliches Herz sah, was mir drohte, für schröcklicher an, als das +was ich leide. (küßt Läuffers Hand inbrünstig) O göttlicher Romeo!</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> (küßt ihre Hand lange +wieder und sieht sie eine Weile stumm an) Es könnte mir gehen wie +Abälard – </p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> (richtet sich auf) Du irrst +Dich – Meine Krankheit liegt im Gemüth – Niemand +<span class="pagenum">60</span> wird Dich muthmaßen – +(fällt wieder hin) Hast Du die neue Heloise gelesen?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich höre was auf dem Gang +nach der Schulstube.– </p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Meines Vaters – +Um Gotteswillen! – Du bist drey Viertelstund zu lang +hiergeblieben. (Läuffer läuft fort)</p> + +<h3>Sechste Scene.</h3> + +<p class="personen">Die Majorin. Graf Wermuth.</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span> Aber gnädige Frau! kriegt man +denn Fräulein Gustchen gar nicht mehr zu sehen? Wie befindt sie sich +auf die vorgestrige Jagd?</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Zu Ihrem Befehl; sie hat +die Nacht Zahnschmerzen gehabt, darum darf sie sich heut nicht sehen +lassen. Was macht Ihr Magen, Graf! auf die Austern?</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span> O das bin ich gewohnt. Ich habe +neulich mit meinem Bruder ganz allein auf unsre Hand sechshundert Stück +aufgegessen und zwanzig Bouteillen Champagner dabey ausgetrunken.</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span><span +class="pagenum">61</span> Rheinwein wollten Sie sagen.</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span> Champagner – Es war +eine Idee, und ist uns beyden recht gut bekommen. Denselben Abend war +Ball in Königsberg, mein Bruder hat bis an den andern Mittag getanzt +und ich Geld verloren.</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Wollen wir ein Piquet +machen?</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span> Wenn Fräulein Gustchen käme, +macht’ ich ein Paar Touren im Garten mit ihr. Ihnen, gnädige Frau, darf +ichs nicht zumuthen; mit Ihrer Fontenelle am Fuß.</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Ich weiß auch nicht, wo der +Major immer steckt. Er ist in seinem Leben so rasend nicht auf die +Oekonomie gewesen; den ganzen ausgeschlagenen Tag auf dem Felde und +wenn er nach Hause kommt, sitzt er stumm wie ein Stock. Glauben Sie, +daß ich anfange mir Gedanken drüber zu machen.</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span> Er scheint melancholisch.</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Weiß es der +Himmel – Neulich hatt’ er wieder einmal den Einfall bey +mir zu schlafen, und da ist er mitten in der Nacht aus dem Bett’ +aufgesprungen und hat sich – He he, ich soll es Ihnen nicht +erzehlen, aber <span class="pagenum">62</span> Sie kennen ja die +lächerliche Seite von meinem Mann schon.</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span> Und hat sich ...</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Auf die Knie niedergeworfen +und an die Brust geschlagen und geschluchzt und geheult, daß mir zu +grauen anfieng. Ich hab ihn aber nicht fragen mögen, was gehen mich +seine Narrheiten an? Mag er Pietist oder Quacker werden. Meinethalben! +Er wird dadurch weder häßlicher noch liebenswürdiger in meinen Augen +werden, als er ist. (sieht den Grafen schalkhaft an)</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span> (faßt sie ans Kinn) Boßhafte +Frau! – Aber wo ist Gustchen? Ich möchte gar zu gern mit ihr +spatzieren gehn.</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Still da kommt ja der Major +... Sie können mit ihm gehen, Graf.</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span> Denk doch – Ich will +nun aber mit Ihrer Tochter gehn.</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Sie wird noch nicht angezogen +seyn: es ist was unausstehliches, wie faul das Mädchen ist – +</p> + +<p class="center">(Major von Berg kommt im Nachtwämmschen, einen +Strohhut auf.)</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span><span +class="pagenum">63</span> Nun wie stehts, Mann? Wo treiben Sie Sich +denn wieder herum? Man kriegt Sie ja den ganzen Tag nicht zu sehen. +Sehn Sie ihn nur an Herr Graf; sieht er doch wie der Heavtontimorumenos +in meiner großen Madame Dacier abgemahlt – Ich glaube, Du +hast gepflügt, Herr Major? Wir sind itzt in den Hundstagen.</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span> In der That, Herr Major, Sie +haben noch nie so übel ausgesehen, blaß, hager, Sie müssen etwas haben, +das Ihnen auf dem Gemüth liegt, was bedeuten die Thränen in Ihren +Augen, sobald man Sie aufmerksam ansieht? Ich kenne Sie doch zehn Jahr +schon und habe Sie nie so gesehen, selbst da nicht, als Ihr Bruder +starb.</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Geitz, nichts als der leidige +Geitz, er meynt, wir werden verhungern, wenn er nicht täglich wie ein +Maulwurf auf dem Felde wühlt. Bald gräbt er, bald pflügt er, bald eggt +er. Du willst doch nicht Bauer werden? Du mußt mir vorher einen andern +Mann geben, der die Aufsicht über Dich führt.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Ich muß wohl schaffen und +scharren, meiner Tochter einen Platz im Hospital auszumachen.</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span><span +class="pagenum">64</span> Was sind das nun wieder für +Phantasien! – Ich muß wahrhaftig den Doktor Würz noch aus +Königsberg holen lassen.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Du siehst nimmer nichts, +vornehme Frau! daß Dein Kind von Tag zu Tag abfällt, daß sie +Schönheit, Gesundheit und den ganzen Plunder verliert und dahergeht, +als ob sie, hol mich der Teufel – Gott verzeyh mir meine +schwere Sünde, – als ob der arme Lazarus sie gemacht +hätte – Es frißt mir die Leber ab – </p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Hören Sie ihn nur! Wie er +mich anfährt! Bin ich schuld daran? Bist du denn wahnwitzig?</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Ja freylich bist Du schuld +daran, oder was ist sonst schuld daran? Ich kann’s, zerschlag mich der +Donner! nicht begreifen. Ich dacht immer, ihr eine der ersten Parthien +im Reich auszumachen; denn sie hat auf der ganzen Welt an Schönheit +nicht ihres gleichen gehabt und nun sieht sie aus wie eine Kühmagd +– Ja freilich bist Du schuld daran mit Deiner Strenge und Deinen +Grausamkeiten und Deinem Neid, das hat sie sich zu Gemüth gezogen +und das ist ihr nun zum Gesicht <span class="pagenum">65</span> +herausgeschlagen, aber das ist Deine Freude, gnädige Frau, denn Du bist +lang schalu über sie gewesen. Das kannst Du doch nicht leugnen? Solltst +Dich in Dein Herz schämen, wahrhaftig! (geht ab)</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Aber ... aber was sagen Sie +dazu, Herr Graf! Haben Sie in Ihrem Leben eine ärgere Kollektion von +Sottisen gesehen?</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span> Kommen Sie; wir wollen Piquet +spielen, bis Fräulein Gustchen angezogen ist..</p> + +<h3>Siebente Scene.</h3> + +<p class="szene">In Halle.</p> + +<p class="personen">Fritz von Berg. <span class="normal">(im +Gefängniß)</span> Bollwerk. von Seiffenblase und sein Hofmeister. <span +class="normal">(stehn um ihn)</span></p> + +<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> Wenn ich doch den Jungen +hier hätte, daß Fell zög’ ich ihm über die Ohren. Es ist mit alledem +doch infam gehandelt, einen ehrlichen Jungen, wie Berg, ins Karcer +zu bringen; da sich keiner sein hat annehmen wollen. Denn das ist +ja wahr, kein einziger Landsmann hat den Fuß vor die Thür <span +class="pagenum">66</span> seinethalben gesetzt. Wenn Berg nicht gut für +ihn gesagt hätte, wär’ er im Gefängniß verfault. Und in vierzehn Tagen +soll das Geld hier seyn und wo er den Berg in Verlegenheit läßt, soll +man ihn für einen ausgemachten Schurken halten. O du verdammter Pä Pä +Pä Pä Pätus! Wart Du verhenkerter Pätus, wart einmal! – </p> + +<p><span class="sprecher">Hofmeister.</span> Ich kann Ihnen nicht genug +beschreiben, lieber Herr von Berg, wie leyd es mir besonders um Ihres +Herrn Vaters und der Familie willen thut, Sie in einem solchen Zustande +zu sehen und noch dazu ohne Ihre Schuld, aus blosser jugendlicher +Unbesonnenheit. Es hat schon einer von den sieben Weisen Griechenlandes +gesagt, für Bürgschaften sollst du dich in Acht nehmen und in der That +es ist nichts unverschämter, als daß ein junger Durchbringer, der sich +durch seine lüderliche Wirthschaft ins Elend gestürzt hat, auch andere +mit hineinziehen will, denn vermuthlich hat er das gleich anfangs im +Sinne gehabt, als er auf der Akademie Ihre Freundschaft suchte.</p> + +<p><span class="sprecher">Herr von Seiffenblase.</span> Jaja, lieber +Bruder <span class="pagenum">67</span> Berg! nimm mir nicht übel, +da hast Du einen großen Bock gemacht. Du bist selbst schuld daran; +dem Kerl hättst Du’s doch gleich ansehen können, daß er Dich betrügen +würde. Er ist bey mir auch gewesen und hat mich angesprochen: er wär’ +aufs äusserste getrieben, seine Kreditores wollten ihn wegstecken +lassen, wo ihn nicht Sonn noch Mond beschiene. Laß sie dich, dachte +ich, es schadt dir nichts. Das ist dafür, daß Du uns sonst kaum +über die Achsel ansahst, aber wenn ihr in Noth seyd, da sind die +Adelichen zu Kaventen gut genug. Er erzehlte mir Langes und Breites; +er hätte seine Pistolen schon geladen, im Fall die Kreditores ihn +angriffen – Und nun läßt der lüderliche Hund Dich an seiner +Stelle prostituiren. Das ist wahr, wenn mir das geschehen wäre: ich +könnte so ruhig nicht dabey seyn: zwischen vier Mauren der Herr von +Berg und das um eines lüderlichen Studenten willen.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Er war mein +Schulkamerad – Laßt ihn zufrieden. Wenn ich mich nicht über +ihn beklage, was geht’s Euch an? Ich kenn’ ihn länger als Ihr; ich +weiß, daß er mich nicht mit seinem guten Willen hier sitzen läßt.</p> + +<p><span class="sprecher">Hofmeister.</span><span +class="pagenum">68</span> Aber, Herr von Berg, wir müssen in der Welt +mit Vernunft handeln. Sein Schade ist es gewiß nicht, daß Sie hier +für ihn sitzen und seinethalben können Sie noch ein Sekulum so sitzen +bleiben – </p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ich hab’ ihn von Jugend auf +gekannt: wir haben uns noch niemals was abgeschlagen. Er hat mich wie +seinen Bruder geliebt, ich ihn wie meinen. Als er nach Halle reißte, +weint’ er zum erstenmal in seinem Leben, weil er nicht mit mir reisen +konnte. Ein ganzes Jahr früher hätt’ er schon auf die Akademie gehn +können, aber um mit mir zusammen zu reisen, stellt’ er sich gegen +die Präceptores dummer als er war, und doch wollt es das Schicksal +und unsre Väter so, daß wir nicht zusammen reißten und das war sein +Unglück. Er hat nie gewußt mit Geld umzugehen und gab jedem was er +verlangte. Hätt’ ihm ein Bettler das letzte Hemd vom Leibe gezogen und +dabey gesagt: mit Ihrer Erlaubnis, lieber Herr Pätus, er hätt’s ihm +gelassen. Seine Kreditores giengen mit ihm um wie Strasenräuber und +sein Vater verdiente nie, einen verlornen Sohn zu haben, der bey all +seinem Elend ein so gutes Herz nach Hause brachte.</p> + +<p><span class="sprecher">Hofmeister.</span><span +class="pagenum">69</span> O verzeyhn Sie mir, Sie sind jung und sehen +alles noch aus dem vortheilhaftesten Gesichtspunkt an: man muß erst +eine Weile unter den Menschen gelebt haben um Charaktere beurtheilen +zu können. Der Herr Pätus, oder wie er da heißt, hat sich Ihnen bisher +immer nur unter der Maske gezeigt; jetzt kommt sein wahres Gesicht erst +ans Tageslicht: er muß einer der feinsten und abgefeimtesten Betrüger +gewesen seyn, denn die treuherzigen Spitzbuben...</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (in Reisekleidern fällt Berg um +den Hals) Bruder Berg – </p> + +<p><span class="sprecher">Fritz v. Berg.</span> Bruder +Pätus – –</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Nein – +laß – zu Deinen Füßen muß ich liegen – Dich +hier – um meinetwillen. (rauft sich das Haar mit beyden +Händen und stampft mit den Füßen) O Schicksal! Schicksal! Schicksal!</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Nun wie ists? Hast Du +Geld mitgebracht? Ist Dein Vater versöhnt? Was bedeutet Dein +Zurückkommen?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Nichts, nichts – Er +hat mich nicht vor sich gelassen – Hundert Meilen <span +class="pagenum">70</span> umsonst gereißt! – Ihr Diener, Ihr +Herren. Bollwerk wein’ nicht, Du erniedrigst mich zu tief, wenn Du gut +für mich denkst – O Himmel, Himmel!</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> So bist Du der ärgste Narr, +der auf dem Erdboden wandelt. Warum kommst Du zurück? Bist Du +wahnwitzig? Haben alle Deine Sinne Dich verlassen? Willst Du, daß die +Kreditores Dich gewahr werden – Fort! Bollwerk, führ ihn +fort; sieh daß Du ihn sicher aus der Stadt bringst – Ich +höre den Pedell – Pätus, ewig mein Feind, wo Du nicht im +Augenblick – </p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (wirft sich ihm zu Füßen)</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ich möchte rasend +werden. – </p> + +<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> So sey doch nun kein Narr, +da Berg so großmüthig ist und für Dich sitzen bleiben will; sein Vater +wird ihn schon auslösen: aber wenn Du einmal sitzest, so ist keine +Hofnung mehr für Dich; Du must im Gefängniß verfaulen.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Gebt mir einen Degen her ...</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Fort! – </p> + +<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> Fort! – </p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span><span class="pagenum">71</span> +Ihr thut mir eine Barmherzigkeit, wenn ihr mir einen Degen – +</p> + +<p><span class="sprecher">Seiffenblase.</span> Da haben Sie +meinen...</p> + +<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> (greift ihn in den Arm) +Herr – Schurke! Lassen Sie – Stecken Sie nicht ein! Sie +sollen nicht umsonst gezogen haben. Erst will ich meinen Freund in +Sicherheit und dann erwarten Sie mich hier – Draußen, wohl +zu verstehen; also vor der Hand zur Thür hinaus! (wirft ihn zur Thür +hinaus)</p> + +<p><span class="sprecher">Hofmeister.</span> Mein Herr +Bollwerk – </p> + +<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> Kein Wort, Sie – +gehen Sie Ihrem Jungen nach und lehren Sie ihn, kein schlechter Kerl +seyn – Sie können mich haben wo und wie Sie wollen. (der +Hofmeister geht ab)</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Bollwerk! ich will Dein +Sekundant seyn.</p> + +<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> Narr auch! Du thust +als – Willst Du mir den Handschuh vielleicht halten, +wenn ich vorher eins übern Daumen pisse? – Was brauchts +da Sekundanten. Komm nur fort und sekundire Dich zur Stadt hinaus, +Hasenfuß.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span><span class="pagenum">72</span> +Aber ihrer sind zwey.</p> + +<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> Ich wünschte, daß ihrer zehn +wären und keine Seiffenblasen drunter – So komm doch, und +mach Dich nicht selbst unglücklich, närrischer Kerl.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Berg! – (Bollwerk +reißt ihn mit sich fort)</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<!-- D R I T T E R A K T --> +<div class="chapter"> + <h2 id="Dritter_Akt">Dritter Akt.</h2> +</div> + +<h3>Erste Scene.</h3> + +<p class="szene">In Heidelbrunn.</p> + +<p class="personen">Der Major. <span class="normal">(im +Nachtwämmschen)</span> Der geheime Rath.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Bruder, ich bin der alte nicht +mehr. Mein Herz sieht zehnmal toller aus als mein Gesicht – +Es ist sehr gut, daß Du mich besuchst; wer weiß, ob wir uns so lang +mehr sehen.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Du bist immer +ausschweifend, in allen Stücken – Dir ein Nichts +so zu Herzen gehen zu lassen! – Wenn Deiner <span +class="pagenum">73</span> Tochter die Schönheit abgeht, so bleibt sie +doch immer noch das gute Mädchen, das sie war; so kann sie hundert +andre liebenswürdige Eigenschaften besitzen.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Ihre Schönheit – +Hol mich der Teufel, es ist nicht das allein, was ihr abgeht; ich weiß +nicht, ich werde noch den Verstand verlieren, wenn ich das Mädchen +lang unter Augen behalte. Ihre Gesundheit ist hin, ihre Munterkeit, +ihre Lieblichkeit, weiß der Teufel, wie man das Dings all nennen soll; +aber obschon ichs nicht nennen kann, so kann ichs doch sehen, so kann +ichs doch fühlen und begreifen, und Du weist, daß ich aus dem Mädchen +meinen Abgott gemacht habe. Und daß ich sie so sehn muß unter meinen +Händen hinsterben, verwesen. – (weint) Bruder geheimer Rath, +Du hast keine Tochter; Du weißt nicht, wie einem Vater zu Muth seyn +muß, der eine Tochter hat. Ich hab dreyzehn Bataillen beygewohnt und +achtzehn Blessuren bekommen, und hab den Tod vor Augen gesehen und +bin – O laß mich zufrieden; pack Dich zu meinem Haus hinaus; +laß die ganze Welt sich fortpacken. Ich will es anstecken <span +class="pagenum">74</span> und die Schaufel in die Hand nehmen und Bauer +werden.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Und Frau und +Kinder – </p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Du beliebst zu scherzen: ich +weiß von keiner Frau und Kindern, ich bin Major Berg gottseligen +Andenkens und will den Pflug in die Hand nehmen und will Vater Berg +werden, und wer mir zu nahe kommt, dem geb ich mit meiner Hack’ über +die Ohren.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> So +schwermerisch-schwermüthig hab ich ihn doch nie gesehen.</p> + +<p class="center">(Die Majorin stützt herein.)</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Zu Hülfe Mann – +Wir sind verloren – Unsere Familie! unsere Familie!</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Gott behüt Frau Schwester! +Was stehen Sie an: Wollen Sie Ihren Mann rasend machen?</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Er soll rasend +werden – Unsere Familie – Infamie! – O +ich kann nicht mehr – (fällt auf einen Stuhl)</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> (geht auf sie zu) Willst Du mit +der Sprach’ heraus? – Oder ich dreh Dir den Hals um.</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span><span +class="pagenum">75</span> Deine Dochter – Der +Hofmeister. – Lauf! (fällt in Ohnmacht)</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Hat er sie zur Hure gemacht? +(schüttelt sie) Was fällst Du da hin; jetzt ists nicht Zeit zum +hinfallen. Heraus mit, oder das Wetter soll Dich zerschlagen. Zur Hure +gemacht? Ists das? – Nun so werd’ denn die ganze Welt zur +Hure und Du Berg nimm die Mistgabel in die Hand – (will +gehen)</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> (hält ihn zurück) Bruder, +wenn Du Dein Leben lieb hast, so bleib hier – Ich will alles +untersuchen – Deine Wut macht Dich unmündig. (geht ab und +schließt die Thür zu)</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> (arbeitet vergebens sie +aufzumachen) Ich werd Dich beunmündig – (zu seiner Frau) +Komm, komm, Hure, Du auch! sieh zu. (reißt die Thür auf) Ich will ein +Exempel statuiren – Gott hat mich bis hieher erhalten, damit +ich an Weib und Kindern Exempel statuiren kann – Verbrannt, +verbrannt, verbrannt! (schleppt seine Frau ohnmächtig vom Theater)</p> + +<h3>Zweyte Scene.</h3> + +<p class="szene"><span class="pagenum">76</span>Eine Schule im +Dorf<br>Es ist finstrer Abend.</p> + +<p class="personen">Wenzeslaus. Läuffer.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> (sitzt an einem Tisch, die +Brill auf der Nase und lineirt) Wer da? Was giebts?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Schutz! Schutz! werther Herr +Schulmeister! Man steht mir nach dem Leben.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Wer ist Er denn?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich bin Hofmeister im +benachbarten Schloß. Der Major Berg ist mit all seinen Bedienten hinter +mir und wollen mich erschießen.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Behüte – Setz’ +Er Sich hier nieder zu mir – Hier hat Er meine Hand: Er soll +sicher bey mir seyn – Und nun erzehl Er mir, derweil ich +diese Vorschrift hier schreibe.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Lassen Sie mich erst zu mir +selber kommen.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Gut, verschnauf’ +Er Sich und hernach will ich Ihm ein Glas Wein geben <span +class="pagenum">77</span> lassen und wollen eins zusammen trinken. +Unterdessen, sag er mich doch – Hofmeister – +(legt das Lineal weg, nimmt die Brille ab und sieht ihn eine Weile an) +Nun ja, nach dem Rock zu urtheilen. – Nun nun, ich glaubs +Ihm, daß Er der Hofmeister ist. Er sieht ja so roth und weiß drein. +Nun sag Er mir aber doch, mein lieber Freund, (setzt die Brille wieder +auf) wie ist Er denn zu dem Unstern gekommen, daß Sein Herr Patron +so entrüstet auf Ihn ist? Ich kann mirs doch nimmermehr einbilden, +daß ein Mann, wie der Herr Major von Berg – Ich kenne ihn +wohl; ich habe genug von ihm reden hören; er soll freilich von einem +hastigen Temperament seyn; viel Cholera, viel Cholera – +Sehen Sie, da muß ich meinen Buben selber die Linien ziehen, denn +nichts lernen die Bursche so schwer als das Gradeschreiben, das +Gleichschreiben – Nicht zierlich geschrieben; nicht +geschwind geschrieben; sag’ ich immer, aber nur grad geschrieben, +denn das hat seinen Einfluß in alles, auf die Sitten, auf die +Wissenschaften, in alles, lieber Herr Hofmeister. Ein Mensch, der +nicht grad schreiben kann, sag’ ich immer, der kann auch nicht grad +handeln – Wo waren wir?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span><span +class="pagenum">78</span> Dürft’ ich mir ein Glas Wasser ausbitten?</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Wasser? – Sie +sollen haben. Aber – ja wovon redten wir? Vom Gradschreiben; +nein vom Major – he he he – Aber wissen Sie auch +Herr – Wie ist Ihr Name?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Mein – Ich +heiße – Mandel.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Herr Mandel – +Und darauf mußten Sie Sich noch besinnen? Nun ja, man hat bisweilen +Abwesenheiten des Geistes; besonders die jungen Herren weiß und +roth – Sie heißen unrecht Mandel; Sie sollten Mandelblüthe +heißen, denn Sie sind ja weiß und roth wie Mandelblüthe – +Nun ja freilich, der Hofmeisterstand ist einer von denen, unus ex +his, die alleweile mit Rosen und Lilien überstreut sind, und wo einen +die Dornen des Lebens nur gar selten stechen. Denn was hat man zu +thun? Man ißt, trinkt, schläft, hat für nichts zu sorgen; sein gut +Glas Wein gewiß, seinen Braten täglich, alle Morgen seinen Kaffee, +Thee, Schokolade, oder was man trinkt und das geht denn immer so +fort – Nun ja, ich wollt Ihnen sagen: wissen Sie <span +class="pagenum">79</span> auch, Herr Mandel, daß ein Glas Wasser der +Gesundheit eben so schädlich auf eine heftige Gemüthsbewegung als auf +eine heftige Leibesbewegung; aber freylich, was fragt Ihr jungen Herren +Hofmeister nach der Gesundheit – Denn sagt mir doch, (legt +Brille und Lineal weg und steht auf) wo in aller Welt kann das der +Gesundheit gut thun, wenn alle Nerven und Adern gespannt sind und das +Blut ist in der heftigsten Cirkulation und die Lebensgeister sind alle +in einer – Hitze, in einer – </p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Um Gotteswillen der Graf +Wermuth – (springt in eine Kammer)</p> + +<p class="center">(Graf Wermuth mit ein Paar Bedienten, die Pistolen +tragen)</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span> Ist hier ein gewisser +Läuffer – Ein Student im blauen Rock mit Tressen?</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Herr, in unserm Dorf ists +die Mode, daß man den Hut abzieht, wenn man in die Stube tritt und mit +dem Herrn vom Hause spricht.</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span> Die Sache pressirt – +Sagt mir, ist er hier oder nicht?</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Und was soll er +denn verbrochen haben, daß Ihr ihn so mit gewafneter <span +class="pagenum">80</span> Hand sucht?(Graf will in die Kammer, er +stellt sich vor die Thür) Halt Herr! Die Kammer ist mein, und wo Ihr +nicht augenblicklich Euch aus meinem Hause packt, so zieh ich nur an +meiner Schelle und ein halb Dutzend handfester Bauerkerle schlägt Euch +zu morsch Pulver-Granatenstücken. Seyd Ihr Strassenräuber, so muß man +Euch als Strassenräubern begegnen. Und damit Ihr Euch nicht verirrt und +den Weg zum Haus’ hinaus so gut findt als Ihr ihn hinein gefunden habt +– (faßt ihn an die Hand und führt ihn zur Thür hinaus: die Bedienten +folgen ihm)</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> (springt aus der Kammer +hervor) Glücklicher Mann! Beneidenswerther Mann!</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> (in der obigen Attitude) +In – Die Lebensgeister sagt’ ich, sind in einer – +Begeisterung, alle Passionen sind gleichsam in einer Empörung, in einem +Aufruhr – Nun wenn Ihr da Wasser trinkt, so gehts, wie wenn +man in eine mächtige Flamme Wasser schüttet. Die starke Bewegung der +Luft und der Krieg zwischen den beyden entgegengesetzten Elementen +macht eine Effervescenz, eine Gährung, eine Unruhe, ein tumultuarisches +Wesen. – </p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span><span +class="pagenum">81</span> Ich bewundere Sie...</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Gottlieb! – +Jetzt können Sie schon allgemach trinken – +Allgemach – und denn werden Sie auf den Abend mit einem +Sallat und Knackwurst vorlieb nehmen – Was war das für ein +ungeschliffener Kerl, der nach Ihnen suchte?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Es ist der Graf Wermuth, der +künftige Schwiegersohn des Majors; er ist eifersüchtig auf mich, weil +das Fräulein ihn nicht leiden kann – </p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Aber was soll denn das +auch? Was will das Mädchen denn auch mit ihm Monsieur Jungfernknecht? +Sich ihr Glück zu verderben, um eines solchen jungen Siegfrieds willen, +der nirgends Haus oder Heerd hat? Das laß Er sich aus dem Kopf und +folg’ Er mir nach in die Küche. Ich seh, mein Bube ist fortgangen, mir +Bratwürste zu holen. Ich will ihm selber Wasser schöpfen, denn Magd +hab’ ich nicht und an eine Frau hab’ ich mich noch nicht unterstanden +zu denken, weil ich weiß, daß ich keine ernähren kann – +geschweige denn eine drauf angesehen, wie Ihr junge Herren Weiß und +Roth – Aber man <span class="pagenum">82</span> sagt wohl +mit Recht, die Welt verändert sich.</p> + +<h3>Dritte Scene.</h3> + +<p class="szene">In Heidelbrunn.</p> + +<p class="personen">Der Geheime Rath. Herr von Seiffenblase, und sein +Hofmeister.</p> + +<p><span class="sprecher">Hofmeister.</span> Wir haben uns in Halle +nur ein Jahr aufgehalten und als wir von Göttingen kamen, nahmen wir +unsere Rückreise über alle berühmte Universitäten in Deutschland. Wir +konnten also in Halle das zweytemal nicht lange verweilen; zudem saß +Ihr Herr Sohn grade zu der Zeit in dem unglücklichen Arrest, wo ich ihn +nur einigemal zu sprechen die Ehre haben konnte: also könnt ich Ihnen +aufrichtig von der Führung Dero Herrn Sohns draussen keine umständliche +Nachricht geben.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Der Himmel verhängt Strafen +über unsre ganze Familie. Mein Bruder – Ich wills Ihnen nur +nicht verheelen, denn leider ist Stadt und Land voll davon – +hat das Unglück gehabt, daß seine Tochter ihm verschwunden ist, +ohne daß eine <span class="pagenum">83</span> Spur von ihr +anzutreffen – Ich höre itzt von meinem Sohn – +Wenn er sich gut geführt hätte, wie wärs möglich gewesen, ihn ins +Gefängniß zu bringen? Ich hab ihm ausser seinem starken Wechsel noch +alle halbe Jahr außerordentliche geschickt; auf allen Fall – +</p> + +<p><span class="sprecher">Hofmeister.</span> Die bösen Gesellschaften; +die erstaunenden Verführungen auf Akademien.</p> + +<p><span class="sprecher">Seiffenblase.</span> Das seltsamste dabey +ist, daß er für einen andern sitzt; ein Ausbund aller Lüderlichkeit, +ein Mensch, für den ich keinen Groschen ausgäbe und er auf meinem +Misthaufen Hungers krepirte. Er ist hier gewesen, Sie werden von ihm +gehört haben; er suchte Geld bey seinem Vater, unter dem Vorwand, +Ihren Herrn Sohn auszulösen; vermuthlich wär’ er damit auf eine andere +Akademie gegangen und hätte von frischem angefangen zu wirthschaften. +Ich weiß schon, wie’s die lüderlichen Studenten machen, aber sein Vater +hat den Braten gerochen und hat ihn nicht vor sich kommen lassen.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Doch wohl nicht der junge +Pätus, des Rathsherrn Sohn?</p> + +<p><span class="sprecher">Seiffenblase.</span> Ich glaub’, es ist +derselbe.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span><span +class="pagenum">84</span> Jedermann hat dem Vater die Härte +verdacht.</p> + +<p><span class="sprecher">Hofmeister.</span> Ja was ist da zu +verdenken, mein gnädiger Herr geheimer Rath; wenn ein Sohn die Güte des +Vaters zu sehr misbraucht, so muß sich das Vaterherz wohl ab von ihm +wenden. Der Hohepriester Eli war nicht hart und brach den Hals.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Gegen die Ausschweifungen +seiner Kinder kann man nie zu hart seyn, aber wol gegen ihr Elend. Der +junge Mensch soll hier haben betteln müssen. Und mein Sohn sitzt um +seinetwillen?</p> + +<p><span class="sprecher">Seiffenblase.</span> Was anders? Er war sein +vertrautester Freund und fand niemand würdiger, mit ihm die Komödie von +<b>Damon</b> und <b>Pythias</b> zu spielen. Noch mehr, Herr Pätus kam +zurück und wollte seinen Platz wieder einnehmen, aber Ihr Sohn bestund +drauf, er wollte sitzen bleiben: Sie würden ihn schon auslösen, und +Pätus mit einem andern Erzrenomisten und Spieler wollten die Flucht +nehmen und sich zu helfen suchen, so gut sie könnten. Vielleicht +überfallen sie wieder so irgend einen armen Studenten mit Masken vor +den <span class="pagenum">85</span> Gesichtern auf der Stube und +nehmen ihm die Uhr und Goldbörse, mit der Pistol auf der Brust, weg, +wie sie’s in Halle schon einem gemacht haben.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Und mein Sohn ist der +dritte aus diesem Kleeblatt?</p> + +<p><span class="sprecher">Seiffenblase.</span> Ich weiß nicht, Herr +geheimer Rath.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Kommen Sie zum Essen, meine +Herren! Ich weiß schon zuviel. Es ist ein Gericht Gottes über gewisse +Familien; bey einigen sind gewisse Krankheiten erblich, bey andern +arten die Kinder aus, die Väter mögen thun was sie wollen. Essen Sie: +ich will fasten und bethen, vielleicht hab’ ich diesen Abend durch die +Ausschweifungen meiner Jugend verdient.</p> + +<h3>Vierte Scene.</h3> + +<p class="szene">Die Schule.</p> + +<p class="personen">Wenzeslaus und Läuffer. <span class="normal">(an +einem ungedeckten Tisch speisend)</span></p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Schmeckts? Nicht +wahr, es ist ein Abstand von meinem Tisch und des <span +class="pagenum">86</span> Majors? Aber wenn der Schulmeister Wenzeslaus +seine Wurst ißt, so hilft ihm das gute Gewissen verdauen, und wenn der +Herr Mandel Kapaunenbraten mit der Schampignonsauce aß, so stieß ihm +sein Gewissen jeden Bissen, den er hinabschluckte, mit der Moral wieder +in Hals zurück: Du bist ein – Denn sagt mir einmal, lieber +Herr Mandel; nehmt mir nicht übel, daß ich Euch die Wahrheit sage; das +würzt das Gespräch wie Pfeffer den Gurkensallat; sagt mir einmal, ist +das nicht hundsvöttisch, wenn ich davon überzeugt bin, daß ich ein +Ignorant bin, und meine Untergebenen nichts lehren kann, und also müßig +bey ihnen gehe und sie müßig gehen lasse, und dem lieben Gott ihren +Tag stehlen und doch hundert Dukaten – Wars nicht soviel? +Gott verzeyh mir, ich hab in meinem Leben nicht so viel Geld auf einem +Haufen beisammen gesehen! Hundert funfzig Dukaten, sag’ ich, in Sack +stecke, für nichts und wieder nichts!</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> O! und Sie haben noch +nicht alles gesagt, Sie kennen Ihren Vorzug nicht ganz, oder fühlen +ihn, ohn’ ihn zu kennen. Haben Sie nie einen Sklaven im betreßten +<span class="pagenum">87</span> Rock gesehen? O Freyheit, güldene +Freyheit!</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ey was Freyheit! Ich bin +auch so frey nicht; ich bin an meine Schule gebunden, und muß Gott und +meinem Gewissen Rechenschaft von geben.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Eben das – Aber +wie, wenn Sie den Grillen eines wunderlichen Kopfs davon Rechenschaft +ablegen müsten, der mit Ihnen umgienge hundertmal ärger als Sie mit +Ihren Schulknaben?</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ja nun – +dann müst’ er aber auch an Verstand so weit über mich erhaben seyn, +wie ich über meine Schulknaben, und das trift man selten, glaub ich +wol; besonders bey unsern Edelleuten; da mögt Ihr wohl recht haben: +wenigstens der Flegel da, der mir vorhin in meine Kammer wollte, ohne +mich vorher um Erlaubniß zu bitten. Wenn ich zum Herrn Grafen käme und +wollt ihm, mir nichts, dir nichts, die Zimmer visitiren – +Aber potz Millius, so eßt doch; Ihr macht ja ein Gesicht, als ob Ihr zu +Taxieren einnähmt. Nicht wahr, Ihr hättet gern ein Glas Wein dazu? Ich +hab Euch zwar vorhin eins versprochen, <span class="pagenum">88</span> +aber ich habe keinen im Hause. Morgen werd’ ich wieder bekommen, +und da trinken wir Sonntags und Donnerstags, und wenn der Organist +Franz zu uns kommt, extra. Wasser, Wasser, mein Freund, ariston men +to udwr, das hab ich noch von der Schule mitgebracht, und da eine +Pfeife dazu geraucht nach dem Essen im Mondenschein und einen Gang ums +Feld gemacht; da läßt sich drauf schlafen, vergnügter als der große +Mogul – Ihr raucht doch eins mit heut?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich wills versuchen; ich hab’ +in meinem Leben nicht geraucht.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ja freylich, Ihr Herren +Weiß und Roth, das verderbt Euch die Zähne. Nicht wahr? und verderbt +Euch die Farbe; nicht wahr? Ich habe geraucht, als ich kaum von +meiner Mutter Brust entwöhnt war; die Warze mit dem Pfeifenmundstück +verwechselt. He he he! Das ist gut wider die böse Luft und wider die +bösen Begierden ebenfalls. Das ist so meine Diät: des Morgens kalt +Wasser und eine Pfeife, dann Schul gehalten bis Eilfe, dann wieder +eine Pfeife bis die Suppe fertig ist: die kocht mir mein Gottlieb so +gut <span class="pagenum">89</span> als Eure französische Köche, und +da ein Stück Gebratenes und Zugemüse und dann wieder eine Pfeife, +dann wieder Schul gehalten, dann Vorschriften geschrieben bis zum +Abendessen; da eß’ ich denn gemeiniglich kalt etwas, eine Wurst mit +Sallat, ein Stück Käs oder was der liebe Gott gegeben hat und dann +wieder eine Pfeife vor Schlafengehen.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Gott behüte, ich bin in eine +Tabagie gekommen – </p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Und da werd’ ich dick und +fett bey und lebe vergnügt und denke noch ans Sterben nicht.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Es ist aber doch +unverantwortlich, daß die Obrigkeit nicht dafür sorgt, Ihnen das Leben +angenehmer zu machen.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ey was, es ist nun einmal +so; und damit muß man zufrieden seyn: bin ich doch auch mein eignet +Herr und hat kein Mensch mich zu schikanieren, da ich alle Tage weiß, +daß ich mehr thu’ als ich soll. Ich soll meinen Buben lesen und +schreiben lehren; ich lehre sie rechnen dazu und lateinisch dazu und +mit Vernunft lesen dazu und gute Sachen schreiben dazu.</p><p><span +class="sprecher">Läuffer.</span> Und was für Lohn haben Sie dafür?</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span><span +class="pagenum">90</span> Was für Lohn? – Will Er denn das +kleine Stückchen Wurst da nicht aufessen? Er kriegt nichts bessers; +wart’ Er auf nichts bessers, oder Er muß das erstemal Seines Lebens +hungrig zu Bette gehn – Was für Lohn? Das war dumm gefragt, +Herr Mandel. Verzeyh Er mir; was für Lohn? Gottes Lohn hab ich dafür, +ein gutes Gewissen und wenn ich da vielen Lohn von der Obrigkeit +begehren wollte, so hätt’ ich ja meinen Lohn dahin. Will Er denn den +Gurkensallat durchaus verderben lassen? So eß Er doch; so sey Er doch +nicht blöde: bey einer schmalen Mahlzeit muß man zum Kuckuck nicht +blöde seyn. Wart Er, ich will Ihm noch ein Stück Brod abschneiden.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich bin satt überhörig.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Nun so laß Ers stehen; +aber es ist seine eigne Schuld wenn’s nicht wahr ist. Und wenn es +wahr ist, so hat Er unrecht, daß Er Sich überhörig satt ißt, denn +das macht böse Begierden und schläfert den Geist ein. Ihr Herren +Weiß und Roth mögts <span class="pagenum">91</span> glauben oder +nicht. Man sagt zwar auch vom Toback, daß er ein narkotisches, +schläfrigmachendes, dummmachendes Oel habe und ich hab’s bisweilen auch +wol so wahrgefunden und bin versucht worden, Pfeife und allen Henker +ins Kamin zu werfen, aber unsere Nebel hier herum beständig und die +feuchte Winter- und Herbstluft alleweile und denn die vortrefliche +Wirkung, die ich davon verspüre, daß es zugleich die bösen Begierden +mit einschläfert – Holla, wo seyd Ihr denn, lieber Mann? +Eben da ich vom Einschläfern rede, nickt Ihr schon; so gehts, wenn +der Kopf leer ist und faul dabey und niemals ist angestrengt worden. +Allons! frisch, eine Pfeife mit mir geraucht! (stopft sich und ihm) +Laßt uns noch eins mit einander plaudern. (raucht) Ich hab Euch +schon vorhin in der Küche sagen wollen: ich sehe, daß Ihr schwach +in der Latinität seyd, aber da Ihr doch eine gute Hand schreibt, +wie Ihr sagt, so könntet Ihr mir doch so Abends an die Hand gehen, +weil ich meiner Augen muß anfangen zu schonen, und meinen Buben die +Vorschriften schreiben. Ich will Euch dabey <i>Corderii Colloquia</i> +geben und <i>Gürtleri Lexicon</i>; wenn Ihr fleißig seyn wollt. <span +class="pagenum">92</span> Ihr habt ja den ganzen Tag für Euch, so könnt +Ihr Euch in der lateinischen Sprache was umthun, und wer weiß wenn es +Gott gefällt mich heute oder morgen von der Welt zu nehmen – Aber Ihr +müßt fleißig seyn, das sag’ ich Euch, denn so seyd Ihr ja noch kaum zum +Kollaborator tüchtig, geschweige denn – (trinkt)</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> (legt die Pfeife weg) Welche +Demüthigung!</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Aber ... aber ... aber +(reißt ihm den Zahnstocher aus dem Munde) was ist denn das da? Habt +Ihr denn noch nicht einmal so viel gelernt, großer Mensch, daß Ihr +für Euren eignen Körper Sorge tragen könnt. Das Zähnestochern ist ein +Selbstmord; ja ein Selbstmord, eine muthwillige Zerstöhrung Jerusalems, +die man mit seinen Zähnen vornimmt. Da, wenn Euch was im Zahn sitzen +bleibt: (nimmt Wasser und schwängt den Mund aus) So müßt Ihrs machen, +wenn Ihr gesunde Zähne behalten wollt, Gott und eurem Nebenmenschen zu +Ehren, und nicht einmal im Alter herumlaufen, wie ein alter Kettenhund, +dem die Zähne in der Jugend ausgebrochen worden, und der die Kinnbacken +<span class="pagenum">93</span> nicht zusammenhalten kann. Das wird +einen schönen Schulmeister abgeben, wills Gott, wenn ihm aufs Alter +die Worte ungebohren zum Munde herausfallen und er zwischen Nase und +Oberlippen da was herausschnarcht, das kein Hund oder Hahn versteht.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Der wird mich noch zu +Tode meistern – Das unerträglichste ist, daß er Recht +hat – </p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Nun wie gehts? Schmeckt +Euch der Toback nicht? Ich wette, nur ein paar Tage noch mit dem alten +Wenzeslaus zusammen, so werdt Ihr rauchen wie ein Bootsknecht. Ich will +Euch nach meiner Hand ziehen, daß Ihr Euch selber nicht mehr wieder +kennen sollt.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<!-- V I E R T E R A K T --> +<div class="chapter"> + <h2 id="Vierter_Akt">Vierter Akt.</h2> +</div> + +<h3>Erste Scene.</h3> + +<p class="szene">Zu Insterburg.</p> + +<p class="personen">Geheimer Rath. Major.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Hier Bruder – Ich +schweife wie Kain herum, unstät und flüchtig – Weißt <span +class="pagenum">94</span> Du was? Die Russen sollen Krieg mit den +Türken haben; ich will nach Königsberg gehn, um nähere Nachrichten +einzuziehen: ich will mein Weib verlassen und in der Türkey sterben.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Deine Ausschweifungen +schlagen mich vollends zu Boden. – O Himmel, muß es denn +von allen Seiten stürmen? – Da liß den Brief vom Professor +Mr.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Ich kann nicht mehr lesen; ich +hab meine Augen fast blind geweint.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> So will ich dir vorlesen, +damit Du siehst, daß Du nicht der einzige Vater seyst, der sich +zu beklagen hat: "Ihr Sohn ist vor einiger Zeit wegen Bürgschaft +gefänglich eingezogen worden: er hat, wie er mir vorgestern mit +Thränen gestanden, nach fünf vergeblich geschriebenen Briefen keine +Hofnung mehr, von Eurer Excellenz Verzeihung zu erhalten. Ich redte +ihm zu, sich zu beruhigen, bis ich gleichfalls in dieser Sache mich +vermittelt hätte: er versprach es mir, ist aber ungeachtet dieses +Versprechens noch in derselben Nacht heimlich aus dem Gefängniß +entwischt. Die Schuldner haben ihm Steckbriefe nachsenden <span +class="pagenum">95</span> und seinen Namen in allen Zeitungen bekannt +machen wollen; ich habe sie aber dran verhindert und für die Summe +gutgesagt, weil ich viel zu sehr überzeugt bin, daß Eure Excellenz +diesen Schimpf nicht werden auf Dero Familie kommen lassen. Uebrigens +habe die Ehre, in Erwartung Dero Entschlusses mich mit vollkommenster" +...</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Schreib ihm zurück: sie sollen +ihn hängen.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Und die +Familie – </p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Lächerlich! Es giebt keine +Familie; wir haben keine Familie. Narrenspossen! Die Russen sind meine +Familie: ich will Griechisch werden.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Und noch keine Spur von +Deiner Tochter?</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Was sagst Du?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Hast nicht die geringste +Nachricht von Deiner Tochter?</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Laß mich zufrieden.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Es ist doch Dein Ernst +nicht, nach Königsberg zu reisen?</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span><span class="pagenum">96</span> +Wenn mag doch die Post abgehn von Königsberg nach Warschau?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich werde Dich nicht +fortlassen; es ist nur umsonst. Meynst Du, vernünftige Leute werden +sich von Deinen Phantasien übertölpeln lassen? Ich kündige Dir hiermit +Hausarrest an. Gegen Leute, wie Du bist, muß man Ernst gebrauchen, +sonst verwandelt sich ihr Gram in Narrheit.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> (weint) Ein ganzes +Jahr – Bruder geheimer Rath – Ein ganzes +Jahr – und niemand weiß, wohin sie gestoben oder geflogen +ist?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Vielleicht +todt – </p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Vielleicht? – +Gewiß todt – und wenn ich nur den Trost haben könnte, sie noch zu +begraben – aber sie muß sich selbst umgebracht haben, weil +mir niemand Anzeige von ihr geben kann. – Eine Kugel durch +den Kopf, Berg, oder einen Türkenpallasch; das wär eine Victorie.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Es ist ja eben so wohl +möglich, daß sie den Läuffer irgendwo angetroffen und mit dem aus dem +Lande gegangen. Gestern <span class="pagenum">97</span> hat mich Graf +Wermuth besucht und hat mir gesagt, er sey denselben Abend noch in +eine Schule gekommen, wo ihn der Schulmeister nicht hab’ in die Kammer +lassen wollen: er vermuthet immer noch, der Hofmeister habe drinn +gesteckt, vielleicht Deine Tochter bey ihm.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Wo ist der Schulmeister? Wo ist +das Dorf? Und der Schurke von Grafen ist nicht mit Gewalt in die Kammer +eingedrungen? Komm: wo ist der Graf?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Er wird wohl wieder im +Hecht abgestiegen seyn, wie gewöhnlich.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> O wenn ich sie +auffände – Wenn ich nur hoffen könnte, sie noch einmal +wieder zu sehen – Hol mich der Kuckuk, so alt wie ich +bin und abgegrämt und wahnwitzig; ja hol mich der Teufel, dann +wollt’ ich doch noch in meinem Leben wieder einmal lachen, das +letztemal laut lachen und meinen Kopf in ihren entehrten Schooß +legen und denn wieder einmal heulen und denn – Adieu +Berg! Das wäre mir gestorben, das hieß mir sanft und selig im Herrn +entschlafen. – Komm Bruder, Dein Junge ist nur ein Spitzbube +<span class="pagenum">98</span> geworden: das ist nur Kleinigkeit; an +allen Höfen giebts Spitzbuben; aber meine Tochter ist eine Gassenhure, +das heiß’ ich einem Vater Freud machen: vielleicht hat sie schon drey +Lilien auf dem Rücken. – Vivat die Hofmeister und daß der +Teufel sie holt! Amen. (gehn ab)</p> + +<h3>Zweite Scene.</h3> + +<p class="szene">Eine Bettlerhütte im Walde.</p> + +<p class="personen">Augustchen. <span class="normal">(im +groben Kittel.)</span> Marthe. <span class="normal">(ein alt blindes +Weib)</span></p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Liebe Marthe, bleibt zu +Hause und seht wohl nach dem Kinde: es ist das erstemal, daß ich Euch +allein lasse in einem ganzen Jahr; also könnt Ihr mich nun wohl auch +einmal einen Gang für mich thun lassen. Ihr habt Proviant für heut und +Morgen; Ihr braucht also heute nicht auf der Landstraß auszustehn.</p> + +<p><span class="sprecher">Marthe.</span> Aber wo wollt Ihr denn hin, +Grethe; das Gott erbarm! da Ihr noch so krank und so schwach seyd; +laßt Euch doch sagen: ich hab auch Kinder bekommen und ohne <span +class="pagenum">99</span> viele Schmerzen, so wie Ihr, Gott sey Dank! +aber einmal hab ichs versucht, den zweyten Tag nach der Niederkunft +auszugehen und nimmermehr wieder; ich hatte schon meinen Geist +aufgegeben, wahrlich ich könne Euch sagen, wie einem Todten zu Muthe +ist – Laßt Euch doch lehren; wenn Ihr was im nächsten Dorf +zu bestellen habt, obschon ich blind bin, ich will schon hinfinden; +bleibt nur zu Hause und macht daß Ihr zu Kräften kommt: ich will alles +für Euch ausrichten, was es auch sey.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Laßt mich nur, Mutter; ich +hab Kräfte wie eine junge Bärin – und seht nach meinem +Kinde.</p> + +<p><span class="sprecher">Marthe.</span> Aber wie soll ich denn darnach +sehen, Heilige Mutter Gottes! da ich blind bin? Wenn es wird saugen +wollen, soll ichs an meine schwarze verwelkte Zitzen legen? und es mit +zu nehmen, habt Ihr keine Kräfte, bleibt zu Hause, liebes Grethel, +bleibt zu Hause.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Ich darf nicht, liebe +Mutter, mein Gewissen treibt mich fort von hier. Ich hab’ einen Vater, +der mich mehr liebt als sein Leben und seine Seele. Ich habe die vorige +<span class="pagenum">100</span> Nacht im Traum gesehen, daß er sich +die weissen Haare ausriß und Blut in den Augen hatte: er wird meynen, +ich sey todt. Ich muß ins Dorf und jemand bitten, daß er ihm Nachricht +von mir giebt.</p> + +<p><span class="sprecher">Marthe.</span> Aber hilf lieber Gott, wer +treibt Euch denn? Wenn Ihr nun unterwegens liegen bleibt? Ihr könnt +nicht fort...</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Ich muß – Mein +Vater stand wankend; auf einmal warf er sich auf die Erde und blieb +todt liegen – Er bringt sich um, wenn er keine Nachricht von +mir bekommt.</p> + +<p><span class="sprecher">Marthe.</span> Wißt Ihr denn nicht, daß +Träume grade das Gegentheil bedeuten?</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Bey mir nicht – +Laßt mich – Gott wird mit mir seyn. (geht ab)</p> + +<h3>Dritte Scene.</h3> + +<p class="szene">Die Schule.</p> + +<p class="personen">Wenzeslaus. Läuffer. <span class="normal">(an einem +Tisch sitzend)</span> Der Major. Der Geheime Rath und Graf Wermuth. +<span class="normal">(treten herein mit Bedienten)</span></p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> (läßt die Brille fallen) +Wer da?</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span><span class="pagenum">101</span> +(mit gezogenem Pistol) Daß Dich das Wetter! da sitzt der Haas im Kohl. +(schießt und trift Läuffern in Arm, der vom Stuhl fällt)</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> (der vergeblich versucht +hat ihn zurückzuhalten) Bruder – (stößt ihn unwillig) So +hab’s denn darnach, Tollhäusler!</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Was? ist er todt? (schlägt sich +vors Gesicht) Was hab ich gethan? Kann Er mir keine Nachricht mehr von +meiner Tochter geben?</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ihr Herren! Ist das +jüngste Gericht nahe, oder sonst etwas? Was ist das? (zieht an seiner +Schelle) Ich will Euch lehren, einen ehrlichen Mann in seinem Hause +überfallen.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich beschwör’ Euch: schellt +nicht! – Es ist der Major; ich hab’s an seiner Tochter +verdient.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ist kein Chirurgus im Dorf, +ehrlicher Schulmeister! Er ist nur am Arm verwundet, ich will ihn +kuriren lassen.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ey was kuriren lassen! +Straßenräuber! schießt man Leute übern Haufen, weil man so viel hat, +daß man sie kuriren <span class="pagenum">102</span> lassen kann? +Er ist mein Kollaborator; er ist eben ein Jahr in meinem Hause: ein +stiller, friedfertiger, fleißiger Mensch, und sein Tage hat man nichts +von ihm gehört, und Ihr kommt und erschießt mir meinen Kollaborator in +meinem eignen Hause! – Das soll gerochen werden, oder ich +will nicht selig sterben. Seht Ihr das!</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> (bemüht Läuffern zu +verbinden) Wozu das Geschwätz, lieber Mann? Es thut uns leyd genug +– Aber die Wunde könnte sich verbluten, schaft uns nur einen +Chirurgus.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ey was! Wenn Ihr Wunden +macht, so mögt Ihr sie auch heilen, Strassenräuber! Ich muß doch nur +zum Gevatter Schöpsen gehen. (geht ab)</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> (zu Läuffern) Wo ist meine +Tochter?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich weiß es nicht.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Du weißt nicht? (zieht noch +eine Pistol hervor)</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> (entreißt sie ihm und +schießt sie aus dem Fenster ab) Sollen wir Dich mit Ketten binden +lassen, Du – </p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich habe sie nicht gesehen, +seit <span class="pagenum">103</span> ich aus Ihrem Hause geflüchtet +bin; das bezeug’ ich vor Gott, vor dessen Gericht ich vielleicht bald +erscheinen werde.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Also ist sie nicht mit Dir +gelaufen?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Nein.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Nun denn; so wieder eine +Ladung Pulver umsonst verschossen! Ich wollt, sie wäre Dir durch den +Kopf gefahren, da Du kein gescheutes Wort zu reden weißt, Lumpenhund! +Laßt ihn liegen und kommt bis ans Ende der Welt. Ich muß meine Tochter +wieder haben, und wenn nicht in diesem Leben, doch in jener Welt, +und da soll mein hochweiser Bruder und mein hochweiseres Weib mich +wahrhaftig nicht von abhalten (läuft fort.)</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich darf ihn nicht aus den +Augen lassen. (wirft Läuffern einen Beutel zu) Lassen Sie Sich davon +kuriren, und bedenken Sie, daß Sie meinen Bruder weit gefährlicher +verwundet haben, als er Sie. Es ist ein Bankozettel drin, geben Sie +Acht drauf und machen ihn sich zu Nutz so gut Sie können. (gehn alle +ab)</p> + +<p class="center">(Wenzeslaus kömmt mit dem Barbier Schöpsen und +einigen Bauerkerlen)</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span><span +class="pagenum">104</span> Wo ist das Otterngezüchte? Redet!</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich bitt Euch, seyd ruhig. +Ich habe weit weniger bekommen, als meine Thaten werth waren. Meister +Schöpsen, ist meine Wunde gefährlich?</p> + +<p class="center">(Schöpsen besieht sie)</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Was denn? Wo sind sie? +Das leid ich nicht; nein, das leid ich nicht und sollt es mich Schul +und Amt und Haar und Bart kosten. Ich will sie zu Morsch schlagen, die +Hunde – Stellen Sie Sich vor, Herr Gevatter; wo ist das in +aller Welt in iure naturae, und in iure civili, und im iure canonico, +und im iure gentium, und wo Sie wollen, wo ist das erhört, daß man +einem ehrlichen Mann in sein Haus fällt und in eine Schule dazu; an +heiliger Stätte – Gefährlich; nicht wahr? Haben Sie sondirt? +Ists?</p> + +<p><span class="sprecher">Schöpsen.</span> Es ließe sich viel drüber +sagen – nun doch wir wollen sehen – am Ende +wollen wir schon sehen.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ja Herr, he he, <i>in +fine videbitur cuius toni</i>; das heißt, wenn er wird <span +class="pagenum">105</span> todt seyn, oder wenn er völlig gesund seyn +wird, da wollen Sie uns erst sagen, ob die Wunde gefährlich war oder +nicht: das ist aber nicht medicinisch gesprochen; verzeyh Er mir. Ein +tüchtiger Arzt muß das Dings vorher wissen, sonst sag’ ich ihm ins +Gesicht: er hat seine Pathologie oder Chirurgie nur so halbwege studirt +und ist mehr in die Bordells gangen, als in die Kollegia; denn in +amore omnia insunt vitia, und wenn ich einen Ignoranten sehe, er mag +seyn aus was für einer Fakultät er wolle, so sag’ ich immer: er ist +ein Jungfernknecht gewesen; ein Hurenhengst; das laß’ ich mir nicht +ausreden.</p> + +<p><span class="sprecher">Schöpsen.</span> (nachdem er die Wunde noch +einmal besichtigt) Ja die Wunde ist, nachdem man sie nimmt – +Wir wollen sehen, wir wollen sehen.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Hier, Herr Schulmeister! +hat mir des Majors Bruder einen Beutel gelassen, der ganz schwer von +Dukaten ist und obenein ist ein Bankozettel drinn – Da sind +wir auf viel Jahre geholfen.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> (hebt den Beutel) +Nun das ist etwas – Aber Hausgewalt bleibt doch +<span class="pagenum">106</span> Hausgewalt und Kirchenraub, +Kirchenraub – Ich will ihm einen Brief schreiben, dem Herrn +Major. den er nicht ins Fenster stecken soll.</p> + +<p><span class="sprecher">Schöpsen.</span> (der sich die Weil’ über +vergessen und eifrig nach dem Beutel gesehen, fällt wieder über die +Wunde her) Sie wird sich endlich schon kuriren lassen, aber sehr +schwer, hoff’ ich, sehr schwer – </p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Das hoff’ ich nicht, +Herr Gevatter Schöpsen; das fürcht’ ich, das fürcht’ ich – +aber ich will Ihm nur zum voraus sagen, daß wenn Er die Wunde langsam +kurirt, so kriegt Er auch langsame Bezahlung; wenn Er ihn aber in zwey +Tagen wieder auf frischen Fuß stellt, so soll Er auch frisch bezahlt +werden; darnach kann Er sich richten.</p> + +<p><span class="sprecher">Schöpsen.</span> Wir wollen sehen.</p> + +<h3>Vierte Scene.</h3> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> (liegend, an einem Teich +mit Gesträuch umgeben) Soll ich denn hier sterben? – Mein +Vater! Mein Vater! gieb mir die Schuld nicht, daß Du nicht Nachricht +von mir bekömmst. Ich hab meine letzten Kräfte angewandt <span +class="pagenum">107</span> – sie sind erschöpft – +Sein Bild, o sein Bild steht mir immer vor den Augen! Er ist todt, ja +todt – und für Gram um mich – Sein Geist ist mir +diese Nacht erschienen, mir Nachricht davon zu geben – mich +zur Rechenschaft dafür zu fodern – Ich komme, ja ich komme. +(raft sich auf und wirft sich in Teich.)</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> (von weitem) Geh. Rath und Graf +Wermuth. (folgen ihm)</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Hey! hoh! da giengs in +Teich – Ein Weibsbild wars und wenn gleich nicht meine +Tochter, doch auch ein unglücklich Weibsbild – Nach, Berg! +Das ist der Weg zu Gustchen oder zur Hölle! (springt ihr nach)</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> (kommt) Gott im Himmel! was +sollen wir anfangen?</p> + +<p><span class="sprecher">Graf Wermuth.</span> Ich kann nicht +schwimmen.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Auf die andere +Seite! – Mich deucht, er haschte das Mädchen ... +Dort – dort hinten im Gebüsch. – Sehen Sie nicht? Nun treibt +er den Teich mit ihr hinunter – Nach!</p> + +<h3>Fünfte Scene.</h3> + +<p class="szene">(Eine andere Seite des Teichs, Hinter der Scene +Geschrey.) <span class="pagenum">108</span> »Hülfe! ’s meine Tochter! +Sakkerment und all das Wetter! Graf! reicht mir doch die Stange: daß +Euch die schwere Noth.«</p> + +<p class="personen">Major Berg. <span class="normal">(trägt +Gustchen aufs Theater)</span> Geheimer Rath und Graf. <span +class="normal">(folgen)</span></p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Da! – (setzt sie +nieder. Geheimer Rath und Graf suchen sie zu ermuntern) Verfluchtes +Kind! habe ich das an Dir erziehen müssen! (kniet nieder bey ihr) +Gustel! was fehlt Dir? Hast Wasser eingeschluckt? Bist noch mein +Gustel? – Gottlose Kanaille! Hättst Du mir nur ein Wort +vorher davon gesagt; ich hätte dem Lausejungen einen Adelbrief gekauft, +da hättet ihr können zusammen kriechen. – Gott behüt! so +helft ihr doch; sie ist ja ohnmächtig. (springt auf, ringt die Hände; +umhergehend) Wenn ich nur wüst’, wo der maledeyte Chirurgus vom Dorf +anzutreffen wäre. – Ist sie noch nicht wach?</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> (mit schwacher Stimme) Mein +Vater!</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span><span class="pagenum">109</span> +Was verlangst Du?</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Verzeihung.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> (geht auf sie zu) Ja verzeih +Dirs der Teufel, ungerathenes Kind. – Nein, (kniet wieder +bey ihr) fall nur nicht hin, mein Gustel – mein Gustel! Ich +verzeih Dir; ist alles vergeben und vergessen – Gott weiß +es: ich verzeih Dir – Verzeih Du mir nur! Ja aber nun ists +nicht mehr zu ändern. Ich hab dem Hundsvott eine Kugel durch den Kopf +geknallt.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich denke, wir tragen sie +fort.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Laßt stehen! Was geht sie euch +an? Ist sie doch Eure Tochter nicht. Bekümmert Euch um Euer Fleisch und +Bein daheime. (Er nimmt sie auf die Arme) Da Mädchen – Ich +sollte wohl wieder nach dem Teich mit Dir – (schwenkt sie +gegen den Teich zu) aber wir wollen nicht eher schwimmen als bis wir’s +Schwimmen gelernt haben, meyn’ ich. – (drückt sie an sein +Herz) O du mein einzig theurester Schatz! Daß ich dich wieder in meinen +Armen tragen kann, gottlose Kanaille! (trägt sie fort)</p> + + +<h3>Sechste Scene.</h3> + +<p class="szene">In Leipzig.<span class="pagenum">110</span></p> + +<p class="personen">Fritz von Berg. Pätus.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Das einzige, was ich an Dir +auszusetzen habe, Pätus. Ich habe Dirs schon lang sagen wollen: +untersuche Dich nur selbst; was ist die Ursach zu all Deinem Unglück +gewesen? Ich tadle es nicht, wenn man sich verliebt. Wir sind in den +Jahren; wir sind auf der See, der Wind treibt uns, aber die Vernunft +muß immer am Steuerruder bleiben, sonst jagen wir auf die erste +beste Klippe und scheitern. Die Hamstern war eine Kokette, die aus +Dir machte, was sie wollte; sie hat Dich um Deinen letzten Rock, +um Deinen guten Namen und um den guten Namen Deiner Freunde dazu +gebracht: ich dächte, da hättest Du klug werden können. Die Rehaarin +ist ein unverführtes unschuldiges jugendliches Lamm: wenn man gegen +ein Herz, das sich nicht vertheidigen will, noch vertheidigen kann, +alle mögliche Batterien spielen läßt, um es – was soll ich +sagen? zu zerstören, einzuäschern, das ist unrecht, Bruder Pätus, das +ist unrecht. <span class="pagenum">111</span> Nimm mirs nicht übel, +wir können so nicht gute Freunde zusammen bleiben. Ein Mann, der gegen +ein Frauenzimmer es so weit treibt, als er nur immer kann, ist entweder +ein Theekessel oder ein Bösewicht; ein Theekessel, wenn er sich selbst +nicht beherrschen kann, die Ehrfurcht, die er der Unschuld und Tugend +schuldig ist, aus den Augen zu setzen: oder ein Bösewicht, wenn er sich +selbst nicht beherrschen will und wie der Teufel im Paradiese sein +einzig Glück darin setzt, ein Weib ins Verderben zu stürzen.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Predige nur nicht, Bruder! +Du hast Recht; es reuet mich, aber ich schwöre Dir, ich kann drauf +fluchen, daß ich das Mädchen nicht angerührt habe.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> So bist Du doch zum Fenster +hineingestiegen und die Nachbarn habens gesehen, meynst Du, ihre +Zunge wird so verschämt seyn, wie Deine Hand vielleicht gewesen ist? +Ich kenne Dich, ich weiß, so dreust Du scheinst, bist Du doch blöde +gegen’s Frauenzimmer und darum lieb ich Dich: aber wenns auch nichts +mehr wäre, als daß das Mädchen ihren guten Namen verliert, und eine +Musikantentochter <span class="pagenum">112</span> dazu, ein Mädchen, +das alles von der Natur empfieng: vom Glück nichts, der ihre einzige +Aussteuer, ihren guten Namen, zu rauben – Du hast sie +unglücklich gemacht, Pätus. – </p> + +<p class="center">(Herr Rehaar kommt, eine Laute unterm Arm.)</p> + +<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Ergebener Diener von Ihnen; +ergebener Diener, Herr von Berg, wünsche schönen guten Morgen. Wie +haben Sie geschlafen und wie stehts Konzertchen? (setzt sich und +stimmt) Haben Sie’s durchgespielt? (stimmt) Ich habe die Nacht +einen heßlichen Schrecken gehabt, aber ich wills dem eingedenk +seyn. – Sie kennen ihn wohl, es ist einer von ihren +Landsleuten. Twing, twing. Das ist eine verdammte Quinte! Will sie doch +mein Tage nicht recht tönen; ich will Ihnen Nachmittag eine andere +bringen.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> (setzt sich mit seiner Laute) +Ich hab das Koncert noch nicht angesehen.</p> + +<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Ey Ey, faules Herr von +Bergchen, noch nicht angesehen? Twing! Nachmittag bring ich +Ihnen eine andre. (legt die Laute weg und nimmt eine Prise) Man +sagt: die Türken sind über die Donau gegangen und haben die +<span class="pagenum">113</span> Russen brav zurückgepeitscht, +bis – Wie heißt doch nun der Ort? Bis Otschakof, glaub’ ich; +was weiß ich? so viel sag ich Ihnen, wenn Rehaar unter ihnen gewesen +wäre, was meynen Sie? Er wäre noch weiter gelaufen. Ha ha ha! (nimmt +die Laute wieder) Ich sag Ihnen, Herr von Berg, ich hab keine größere +Freude, als wenn ich wieder einmal in der Zeitung lese, daß eine Armee +gelaufen ist. Die Russen sind brave Leute, daß sie gelaufen sind; +Rehaar wär auch gelaufen und alle gescheute Leute, denn wozu nützt das +Stehen und sich todtschlagen lassen, ha ha ha.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Nicht wahr, das ist der erste +Grif?</p> + +<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Ganz recht; den zweiten Finger +etwas mehr übergelegt und mit dem kleinen abgerissen, so – +Rund, rund den Triller, rund Herr von Bergchen – Mein +seliger Vater pflegt’ immer zu sagen, ein Musikus muß keine Kourage +haben, und ein Musikus der Herz hat, ist ein Hundsfut. Wenn er sein +Konzertchen spielen kann und seinen Marsch gut bläst – Das +hab’ ich auch dem Herzog von Kurland gesagt, als ich nach Petersburg +gieng, das erstemal in der Suite vom Prinzen Czartorinsky, und +vor ihm spielen mußte. <span class="pagenum">114</span> Ich muß +noch lachen; als ich in den Saal kam und wollt’ ihm mein tief tief +Kompliment machen, sah’ ich nicht, daß der Fußboden von Spiegel war +und die Wände auch von Spiegel, und fiel herunter wie ein Stück Holz +und schlug mir ein gewaltig Loch in Kopf: da kamen die Hofkavaliere +und wollten mich drüber necken. Leidt das nicht, Rehaar, sagte der +Herzog, Ihr habt ja einen Degen an der Seite; leidt das nicht. Ja, +sage ich, Ew. Herzoglichen Majestät, mein Degen ist seit Anno Dreißig +nicht aus der Scheide gekommen, und ein Musikus braucht den Degen +nicht zu ziehen, denn ein Musikus, der Herz hat und den Degen zieht, +ist ein Hundsfut und kann sein Tag auf keinem Instrument was vor +sich bringen – Nein, nein, das dritte Chor wars, k, k, +so – Rein, rein, den Triller rund und den Daumen unten nicht +bewegt, so – </p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (der sich die Zeit über +seitwärts gehalten, tritt hervor und bietet Rehaar die Hand) Ihr +Diener, Herr Rehaar; wie gehts?</p> + +<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> (hebt sich mit der Laute) +Ergebener Die – Wie solls gehen, Herr Pätus? Toujours +content, jamais d’argent: das ist des alten Rehaars Sprichwort, wissen +Sie, <span class="pagenum">115</span> und die Herren Studenten wissens +alle; aber darum geben sie mir doch nichts – Der Herr Pätus +ist mir auch noch schuldig, von der letzten Serenade, aber er denkt +nicht dran...</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Sie sollen haben, liebster +Rehaar; in acht Tagen erwart’ ich unfehlbar meinen Wechsel.</p> + +<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Ja, Sie haben schon lang +gewartet, Herr Pätus, und Wechselchen ist doch nicht kommen. Was ist zu +thun, man muß Geduld haben, ich sag immer, ich begegne keinem Menschen +mit so viel Ehrfurcht als einem Studenten: denn ein Student ist nichts, +das ist wahr, aber es kann doch alles aus ihm werden. (er legt die +Laute auf den Tisch und nimmt eine Prise) Aber was haben Sie mir denn +gemacht, Herr Pätus? Ist das recht; ist das auch honett gehandelt? +Sind mir gestern zum Fenster hineingestiegen, in meiner Tochter +Schlafkammer.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Was denn, Vaterchen? ich? +...</p> + +<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> (läßt die Dose fallen) Ja ich +will Dich bevaterchen und ich werd’ es gehörigen Orts zu melden wissen, +Herr, daß seyn Sie versichert. Meiner Tochter Ehr’ ist mir lieb und es +ist ein honettes Mädchen, hol’s der <span class="pagenum">116</span> +Henker! und wenn ichs nur gestern gemerkt hätte oder wär’ aufgewacht, +ich hätt Euch zum Fenster hinausgehenselt, daß Ihr das Unterste zu +Oberst – Ist das honett, ist das ehrlich? Pfuy Teufel, wenn +ich Student bin, muß ich mich auch als Student aufführen, nicht als +ein Schlingel – Da haben mirs die Nachbarn heut gesagt: ich +dacht ich sollte den Schlag drüber kriegen, Augenblicks hat mir das +Mädchen auf den Postwagen müssen und das nach Kurland zu ihrer Tante; +ja nach Kurland, Herr, denn hier ist ihre Ehr’ hin und wer zahlt mir +nun die Reisekosten? Ich habe warhaftig den ganzen Tag keine Laut’ +anrühren können und über die funfzehn Quinten sind mir heut gesprungen. +Ja Herr, ich zittere noch am ganzen Leibe und Herr Pätus, ich will ein +Hühnchen mit Ihnen pflücken. Es soll nicht so bleiben; ich will Euch +Schlingeln lehren ehrlicher Leute Kinder verführen.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Herr, schimpf Er nicht, +oder – </p> + +<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Sehen Sie nur an, Herr von +Berg! sehn Sie einmal an – wenn ich nun Herz hätte, ich +fodert’ ihn augenblicklich vor die Klinge – Sehen Sie, +da steht er und lacht mir noch in die Zähne obenein. Sind <span +class="pagenum">117</span> wir denn unter Türken und Heiden, daß ein +Vater nicht mehr mit seiner Tochter sicher ist? Herr Pätus, Sie sollen +mirs nicht umsonst gethan haben, ich sags Ihnen und sollts bis an den +Kuhrfürsten selber kommen. Unter die Soldaten mit solchen lüderlichen +Hunden! Dem Kalbsfell folgen, das ist gescheidter! Schlingel seyd ihr +und keine Studenten!</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (giebt ihm eine Ohrfeige) +Schimpf Er nicht; ich habs Ihm fünfmal gesagt!</p> + +<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> (springt auf, das Schnupftuch +vorm Gesicht) So? Wart – Wenn ich doch nur den rothen +Fleck behalten könnte, bis ich vorn Magnifikus komme – +Wenn ich ihn doch nur acht Tage behalten könnte, daß ich nach Dresden +reise und ihn dem Kuhrfürsten zeige – Wart, es soll Dir +zu Hause kommen, wart, wart – Ist das erlaubt? (weint) +Einen Lautenisten zu schlagen? weil er Dir seine Tochter nicht geben +will, daß Du Lautchen auf ihr spielen kannst? – Wart, ich +wills seiner Kuhrfürstlichen Majestät sagen, daß Du mich ins Gesicht +geschlagen hast. Die Hand soll Dir abgehauen werden – +Schlingel! (läuft ab, Pätus will ihm nach; Fritz hält ihn zurück)</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Pätus! Du hast schlecht +gehandelt. <span class="pagenum">118</span> Er war beleidigter Vater, +Du hättest ihn schonen sollen.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Was schimpfte der Schurke?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Schimpfliche Handlungen +verdienen Schimpf. Er konnte die Ehre seiner Tochter auf keine andere +Weise rächen, aber es möchten sich Leute finden – </p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Was? Was für Leute?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Du hast sie entehrt, Du hast +ihren Vater entehrt. Ein schlechter Kerl, der sich an Weiber und +Musikanten wagt, die noch weniger als Weiber sind.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Ein schlechter Kerl?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Du sollst ihm öffentlich +abbitten.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Mit meinem Stock.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> So werd ich Dir in seinem Namen +antworten.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (schreyt) Was willst Du von +mir?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Genugthuung für Rehaarn.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Du wirst mich doch nicht +zwingen wollen; einfältiger Mensch – </p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ja, ich will Dich zwingen, kein +Schurke zu seyn.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Du bist einer – Du +mußt Dich mit mir schlagen.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span><span class="pagenum">119</span> +Herzlich gern – wenn Du Rehaarn nicht Satisfaktion +giebst.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Nimmermehr.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Es wird sich zeigen.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<!-- F Ü N F T E R A K T --> +<div class="chapter"> + <h2 id="Fuenfter_Akt">Fünfter Akt.</h2> +</div> + +<h3>Erste Scene.</h3> + +<p class="szene">Die Schule.</p> + +<p class="personen">Läuffer. Marthe. <span class="normal">(ein Kind auf +dem Arm)</span></p> + +<p><span class="sprecher">Marthe.</span> Um Gotteswillen! helft einer +armen blinden Frau und einem unschuldigen Kinde, das seine Mutter +verloren hat.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> (giebt ihr was) Wie seyd Ihr +denn hergekommen, da Ihr nicht sehen könnt?</p> + +<p><span class="sprecher">Marthe.</span> Mühselig genug. Die Mutter +dieses Kindes war meine Leiterin; sie gieng eines Tags aus dem Hause, +zwey Tage nach ihrer Niederkunft, Mittags gieng sie fort und wollt’ auf +den Abend wiederkommen, sie soll noch wiederkommen. Gott schenk ihr die +ewige Freud und Herrlichkeit!</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span><span +class="pagenum">120</span> Warum thut Ihr den Wunsch?</p> + +<p><span class="sprecher">Marthe.</span> Weil sie todt ist, das gute +Weib; sonst hätte sie ihr Wort nicht gebrochen. Ein Arbeitsmann vom +Hügel ist mir begegnet, der hat sie sich in Teich stürzen sehen. Ein +alter Mann ist hinter ihr drein gewesen und hat sich nachgestürzt; das +muß wohl ihr Vater gewest seyn.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> O Himmel! Welch ein +Zittern – Ist das ihr Kind?</p> + +<p><span class="sprecher">Marthe.</span> Das ist es; sehen Sie nur, wie +rund es ist, von lauter Kohl und Rüben aufgefüttert. Was sollt’ ich +Arme machen; ich konnt’ es nicht stillen, und da mein Vorrath auf war, +macht’ ichs wie Hagar, nahm das Kind auf die Schulter und gieng auf +Gottes Barmherzigkeit.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Gebt es mir auf den +Arm – O mein Herz! – Daß ichs an mein Herz +drücken kann – Du gehst mir auf, furchtbares Rätzel! (nimmt +das Kind auf den Arm und tritt damit vor den Spiegel) Wie? dies wären +nicht meine Züge? (fällt in Ohnmacht; das Kind fängt an zu schreyen)</p> + +<p><span class="sprecher">Marthe.</span> Fallt Ihr hin? (hebt das +Kind vom Boden auf) Sußchen, mein liebes Sußchen! (das Kind beruhigt +sich) Hört! was <span class="pagenum">121</span> habt Ihr gemacht? Er +antwortet nicht: ich muß doch um Hülfe rufen; ich glaube, ihm ist weh +worden. (geht hinaus)</p> + +<h3>Zweyte Scene.</h3> + +<p class="szene">Ein Wäldchen vor Leipzig.</p> + +<p class="personen">Fritz von Berg und Pätus. <span +class="normal">(stehn mit gezogenem Degen)</span> Rehaar.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Wird es bald?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Willst Du anfangen?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Stoß Du zuerst.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (wirft den Degen weg) Ich kann +mich mit Dir nicht schlagen.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Warum nicht? Nimm ihn auf. Hab +ich Dich beleidigt, so muß ich Dir Genugthuung geben.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Du magst mich beleidigen wie Du +willst, ich brauch keine Genugthuung von Dir.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Du beleidigst mich.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (rennt auf ihn zu und umarmt +ihn) Liebster Berg! Nimm es für keine Beleidigung, wenn ich Dir +sage, Du bist nicht im Stande mich zu beleidigen. Ich kenne Dein +Gemüth – und ein Gedanke daran macht mich zur feigsten +Memme auf dem Erdboden. Laß <span class="pagenum">122</span> uns gute +Freunde bleiben, ich will mich gegen den Teufel selber schlagen, aber +nicht gegen Dich.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> So gieb Rehaarn Satisfaktion, +eh zieh’ ich nicht ab von hier.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Das will ich herzlich gern, +wenn er’s verlangt.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Er ist immatrikulirt, wie +Du; Du hast ihn ins Gesicht geschlagen – Frisch Rehaar, +zieht!</p> + +<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> (zieht) Ja, aber er muß seinen +Degen da nicht aufheben.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Sie sind nicht gescheidt. +Wollen Sie gegen einen Menschen ziehen, der sich nicht wehren kann?</p> + +<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Ey laß die gegen bewehrte +Leute ziehen, die Kourage haben. Ein Musikus muß keine Kourage haben, +und Herr Pätus, Er soll mir Satisfaktion geben – (stößt auf +ihn zu. Pätus weicht zurück) Satisfaktion geben. (stößt Pätus in den +Arm. Fritz legirt ihm den Degen)</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Jetzt seh’ ich, daß Sie +Ohrfeigen verdienen, Rehaar. Pfuy!</p> + +<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Ja was soll ich denn machen, +wenn ich kein Herz habe?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span><span class="pagenum">123</span> +Ohrfeigen einstecken und das Maul halten.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Still Berg! ich bin nur +geschrammt. Herr Rehaar, ich bitt Sie um Verzeyhung. Ich hätte Sie +nicht schlagen sollen, da ich wußte, daß Sie nicht im Stande waren, +Genugthuung zu fodern; vielweniger hätt’ ich Ihnen Ursache geben +sollen, mich zu schimpfen. Ich gesteh’s, diese Rache ist noch viel zu +gering für die Beleidigungen, die ich Ihrem Hause angethan: ich will +sehen, sie auf eine bessere Weise gut zu machen, wenn das Schicksal +meinen guten Vorsätzen beysteht. Ich will Ihrer Tochter nachreisen; +ich will sie heyrathen. In meinem Vaterlande wird sich schon eine +Stelle für mich finden, und wenn auch mein Vater bey seinen Lebzeiten +sich nicht besänftigen ließe, so ist mir doch eine Erbschaft von +funfzehntausend Gulden gewiß. (umarmt ihn). Wollen Sie mir Ihre Tochter +bewilligen?</p> + +<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Ey was! ich hab nichts +dawider, wenn Ihr ordentlich und ehrlich um sie anhaltet, und im +Stand seyd, sie zu versorgen – Ha ha ha! hab’ ichs +doch mein Tag gesagt: mit den Studenten ist gut auskommen. <span +class="pagenum">124</span> Die haben doch noch Honnettetät im Leibe, +aber mit den Officiers – Die machen einem Mädchen ein +Kind und kräht nicht Hund oder Hahn nach: das macht, weil sie alle +kuraschöse Leute seyn, und sich müssen todtschlagen lassen. Denn wer +Kourage hat, der ist zu allen Lastern fähig.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Sie sind ja auch Student. +Kommen Sie; wir haben lange keinen Punsch zusammen gemacht; wir wollen +auf die Gesundheit Ihrer Tochter trinken.</p> + +<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Ja und Ihr Lautenkonzertchen +dazu, Herr von Bergchen. Ich hab Ihnen jetzt drey Stund nach einander +geschwänzt, und weil ich auch honett denke, so will ich heute dafür +drey Stunden nach einander auf Ihrem Zimmerchen bleiben und wollen +Lautchen spielen, bis dunkel wird.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Und ich will die Violin dazu +streichen.</p> + +<h3>Dritte Scene.</h3> + +<p class="szene">Die Schule.</p> + +<p class="personen">Läuffer. <span class="normal">(liegt zu +Bette.)</span> Wenzeslaus.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Das Gott! was giebts schon +<span class="pagenum">125</span> wieder, daß Ihr mich von der Arbeit +abrufen laßt? Seyd Ihr schon wieder schwach? Ich glaube, das alte Weib +war eine Hexe. – Seit der Zeit habt Ihr keine gesunde Stunde +mehr.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich werd’ es wohl nicht lange +mehr machen.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Soll ich Gevatter Schöpsen +rufen lassen?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Nein.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Liegt Euch was auf dem +Gewissen? Sagt mirs, entdeckt mirs, unverholen. – Ihr +blickt so scheu umher, daß es einem ein Grauen einjagt; frigidus +per ossa – Sagt mir, was ists? – Als ob er +jemand todt geschlagen hätte – Was verzerrt Ihr denn +die Lineamenten so – Behüt Gott, ich muß doch nur zu +Schöpsen – </p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Bleibt – Ich weiß +nicht, ob ich recht gethan – Ich habe mich kastrirt...</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Wa – +Kastrir – Da mach ich Euch meinen herzlichen Glückwunsch +drüber, vortreflich, junger Mann, zweiter Origenes! Laß Dich +umarmen, theures, auserwähltes Rüstzeug! Ich kann’s Euch nicht +verheelen, fast – fast kann ich dem Heldenvorsatz <span +class="pagenum">126</span> nicht widerstehen, Euch nachzuahmen. So +recht, werther Freund! Das ist die Bahn, auf der Ihr eine Leuchte +der Kirche, ein Stern erster Größe, ein Kirchenvater selber werden +könnt. Ich glückwünsche euch, ich ruf Euch ein Jubilate und Evoë +zu, mein geistlicher Sohn – Wär’ ich nicht über die +Jahre hinaus, wo der Teufel unsern ersten und besten Kräften sein +arglistiges Netz ausstellt, gewiß ich würde mich keinen Augenblick +bedenken. – </p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Bey alle dem, Herr +Schulmeister, gereut es mich.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Wie, es gereut Ihn? Das +sey ferne, werther Herr Mitbruder! Er wird eine so edle That doch nicht +mit thörichter Reue verdunkeln und mit sündlichen Thränen besudeln? Ich +seh schon welche über Sein Augenlied hervorquellen. Schluck’ Er sie +wieder hinunter und sing’ Er mit Freudigkeit: ich bin der Nichtigkeit +entbunden, nun Flügel, Flügel, Flügel her. Er wird es doch nicht machen +wie Lots Weib und sich wieder nach Sodom umsehen, nachdem Er einmal +das friedfertige stille Zoar erreicht hat? Nein, Herr Kollega; ich muß +Ihm auch nur sagen, daß <span class="pagenum">127</span> Er nicht +der einzige ist, der den Gedanken gehabt hat. Schon unter den blinden +Juden war eine Sekte, zu der ich mich gern öffentlich bekannt hätte, +wenn ich nicht befürchtet, meine Nachbarn und meine armen Lämmer in der +Schule damit zu ärgern: auch hatten sie freilich einige Schlacken und +Thorheiten dabey, die ich nun eben nicht mitmachen möchte. Zum Exempel, +daß sie des Sonntags nicht einmal ihre Nothdurft verrichteten, welches +doch wider alle Regeln einer vernünftigen Diät ist, und halt’ ichs da +lieber mit unserm seligen Doktor Luther: was hinaufsteigt, das ist +für meinen lieben Gott, aber was hinunter geht, Teufel, das ist für +Dich – Ja wo war ich?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich fürchte, +meine Bewegungsgründe waren von andrer Art ... Reue, +Verzweiflung – </p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ja, nun hab +ichs – Die Essäer, sag’ ich, haben auch nie Weiber +genommen; es war eins von ihren Grundgesetzen und dabey sind sie zu +hohem Alter kommen, wie solches im Josephus zu lesen. Wie die es nun +angefangen, ihr Fleisch so zu bezähmen; ob sie es gemacht, wie ich, +nüchtern und mässig gelebt und brav Toback geraucht, oder ob <span +class="pagenum">128</span> sie Euren Weg eingeschlagen – So +viel ist gewiß, in amore, in amore omnia insunt vitia und ein Jüngling, +der diese Klippe vorbeyschifft, Heil, Heil ihm, ich will ihm Lorbeern +zuwerfen; lauro tempora cingam et sublimi fronte sidera pulsabit.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich fürcht’, ich werd’ an dem +Schnitt sterben müssen.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Mit nichten, da sey Gott +für. Ich will gleich zu Gevatter Schöpsen. Der Fall wird ihm freylich +noch nie vorgekommen seyn, aber hat er Euch euren Arm kurirt, welches +doch eine Wunde war, die nicht zu eurer Wohlfarth diente, so wird ja +Gott auch ihm Gnade zu einer Kur geben, die Euer ewiges Seelenheil +befördern wird. (geht ab)</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Sein Frohlocken verwundet +mich mehr als mein Messer. O Unschuld, welch’ eine Perle bist du! Seit +ich dich verloren, that ich Schritt auf Schritt in der Leidenschaft +und endigte mit Verzweiflung. Möchte dieser Letzte mich nicht zum Tode +führen, vielleicht könnt’ ich itzt wieder anfangen zu leben und zum +Wenzeslaus wiedergeboren werden.</p> + +<h3>Vierte Scene.</h3> + +<p class="szene">In Leipzig. <span class="pagenum">129</span></p> + +<p class="personen">Fritz von Berg und Rehaar. <span +class="normal">(begegnen sich auf der Straße)</span></p> + +<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Herr von Bergchen, ein +Briefchen, unter meinem Kuvert gekommen. Herr von Seiffenblase hat an +mich geschrieben; hat auch Lautchen bey mir gelernt vormals. Er bittet +mich, ich soll doch diesen Brief einem gewissen Herrn von Berg in +Leipzig abgeben, wenn er anders noch da wäre – O wie bin ich +gesprungen!</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Wo hält er sich denn itzt auf, +Seiffenblase?</p> + +<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Soll es dem Herrn von Berg +abgeben, schreibt er, wenn Sie anders diesen würdigen Mann kennen. O +wie bin ich gesprungen – Er ist in Königsberg, der Herr +von Seiffenblase. Was meynen Sie, und meine Tochter ist auch da, und +logirt ihm grad gegenüber. Sie schreibt mir, die Kathrinchen, daß +sie nicht genug rühmen kann, was er ihr für Höflichkeit erzeigt, +alles um meinetwillen; hat sieben Monath bey mir gelernt.</p><span +class="pagenum">130</span> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> (zieht die Uhr aus) Liebster +Rehaar, ich muß ins Kollegium – Sagen Sie Pätus nichts +davon, ich bitte Sie – (geht ab)</p> + +<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> (ruft ihm nach) Auf den +Nachmittag – Konzertchen! – </p> + +<h3>Fünfte Scene.</h3> + +<p class="szene">Zu Königsberg in Preußen.</p> + +<p class="personen">Geh. Rath. Gustchen. Major. <span +class="normal">(stehn in ihrem Hause am Fenster)</span></p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ist ers?</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Ja, er ist’s.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich sehe doch, die Tante +muß ein lüderliches Mensch seyn, oder sie hat einen Haß auf ihre Nichte +geworfen und will sie mit Fleiß ins Verderben stürzen.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Aber Onkel, sie kann ihm +doch das Haus nicht verbieten.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Auf das, was ich ihr +gesagt? – Wer will’s ihr übel nehmen, wenn sie zu ihm sagte: +Herr von Seiffenblase, Sie haben sich auf einem Kaffeehause verlauten +lassen, Sie wollten meine Nichte zu Ihrer Mätresse machen, suchen Sie +sich andre Bekanntschaften <span class="pagenum">131</span> in der +Stadt; bey mir kommen Sie unrecht: meine Nichte ist eine Ausländerin, +die meiner Aufsicht anvertraut ist; die sonst keine Stütze hat; wenn +sie verführt würde, fiel’ alle Rechenschaft auf mich. Gott und Menschen +müßten mich verdammen.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Still Bruder! Er kommt heraus +und läßt die Nase erbärmlich hängen. Ho, ho, ho, daß Du die Krepanz! +Wie blaß er ist.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich will doch gleich +hinüber, und sehn was es gegeben hat.</p> + +<h3>Sechste Scene.</h3> + +<p class="szene">In Leipzig.</p> + +<p class="personen">Pätus. <span class="normal">(an einem Tisch und +schreibt)</span> Berg.<span class="normal">(tritt herein einen Brief in +der Hand)</span></p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (sieht auf und schreibt +fort)</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Pätus! – Hast zu +thun?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Gleich – (Fritz +spaziert auf und ab) Jetzt – (legt das Schreibzeug weg)</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Pätus! ich hab’ einen Brief +bekommen – und hab nicht das Herz, ihn aufzumachen.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Von wo kommt er? Ists Deines +Vaters Hand?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span><span class="pagenum">132</span> +Nein, von Seiffenblase – aber die Hand zittert mir, so bald +ich erbrechen will. Brich doch auf. Bruder, und ließ mir vor. (wirft +sich auf einen Lehnstuhl)</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (liest) "Die Erinnerung so +mancher angenehmen Stunden, deren ich mich noch mit Ihnen genossen zu +haben erinnere, verpflichtet mich, Ihnen zu schreiben und Sie an diese +angenehme Stunden zu erinnern" – Was der Junge für eine +rasende Orthographie hat.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Lies doch nur – </p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> "Und weil ich mich verpflichtet +hielt, Ihnen Nachrichten von meiner Ankunft und den Neuigkeiten, die +allhier vorgefallen, als melde Ihnen von Dero werthesten Familie, +welche leider sehr viele Unglücksfälle in diesem Jahre erlebt hat, und +wegen der Freundschaft, welche ich in Dero Eltern ihrem Hause genossen, +sehe mich verpflichtet, weil ich weiß, daß Sie mit Ihrem Herrn Vater +in Misverstäniß und er Ihnen lange wohl nicht wird geschrieben +haben, so werden Sie auch wohl den Unglücksfall nicht wissen mit dem +Hofmeister, welcher aus Ihres gnädigen Onkels Hause ist gejagt worden, +<span class="pagenum">133</span> weil er Ihre Kusine genothzüchtigt, +worüber sie sich so zu Gemüth gezogen, daß sie in einen Teich +gesprungen, durch welchen Trauerfall Ihre ganze Familie in den höchsten +Schröcken" – Berg! was ist Dir – (begießt ihn +mit Lavendel) Wie nun Berg? Rede, wird Dir weh – Hätt ich +Dir doch den verdammten Brief nicht – Ganz gewiß ists eine +Erdichtung – Berg! Berg!</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Laß mich – Es wird +schon übergehn.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Soll ich jemand holen, der Dir +die Ader schlägt.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> O pfuy doch – thu +doch so französisch nicht – Ließ mirs noch einmal vor.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Ja, ich werde +Dir – Ich will den hunsvöttischen malitiösen Brief den +Augenblick – (zerreißt ihn)</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Genothzüchtigt – +ersäuft. (schlägt sich an die Stirn) Meine Schuld! (steht auf) meine +Schuld einzig und allein – </p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Du bist wohl nicht +klug – Willst Dir die Schuld geben, daß sie sich vom +Hofmeister verführen läßt – </p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Pätus, ich schwur ihr, +zurückzukommen, ich schwur ihr – Die drey Jahr <span +class="pagenum">134</span> sind verflossen, ich bin nicht gekommen, +ich bin aus Halle fortgangen, mein Vater hat keine Nachrichten von +mir gehabt. Mein Vater hat mich aufgeben, sie hat es erfahren, +Gram – Du kennst ihren Hang zur Melancholey – +die Strenge ihrer Mutter obenein, Einsamkeit, auf dem Lande, betrogne +Liebe – Siehst Du das nicht ein, Pätus; siehst Du das nicht +ein? Ich bin ein Bösewicht: ich bin schuld an ihrem Tode. (wirft sich +wieder in den Stuhl und verhüllt sein Gesicht)</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Einbildungen! – Es +ist nicht wahr, es ist so nicht gegangen. (stampft mit dem Fuß) Tausend +Sapperment, daß Du so dumm bist, und alles glaubst, der Spitzbube, der +Hundsfut, der Bärenhäuter, der Seiffenblase, will Dir einen Streich +spielen – Laß mich ihn einmal zu sehen kriegen. – +Es ist nicht wahr, daß sie todt ist, und wenn sie todt ist, so hat sie +sich nicht selbst umgebracht...</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Er kann doch das nicht aus der +Luft saugen – Selbst umgebracht – (springt auf) O +das ist entsetzlich!</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (stampft abermal mit dem +Fuß) Nein, sie hat sich selbst nicht umgebracht. Seiffenblase lügt; +wir müssen mehr Bestätigung haben. <span class="pagenum">135</span> +Du weißt, daß Du ihm einmal im Rausch erzehlt hast, daß Du in Deine +Kusine verliebt wärst; siehst Du, das hat die malitiöse Kanaille +aufgefangen – aber weißt Du was; weißt Du, was Du thust? +Hust ihm was; pfeif ihm was; pfuy ihm was, schreib ihm, Ew. Edlen danke +dienstfreundlichst für Dero Neuigkeiten, und bitte, Sie wollen mich +im – Das ist der beste Rath, schreib ihm zurück: Ihr seyd +ein Hundsfut. Das ist das vernünftigste, was Du bey der Sache thun +kannst.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ich will nach Hause reisen.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> So reis’ ich mit +Dir – Berg, ich laß Dich keinen Augenblick allein.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Aber wovon? Reisen ist +bald ausgesprochen – Wenn ich keine abschlägige Antwort +befürchtete, so wolle ich es bey Leichtfuß et Compagnie versuchen, aber +ich bin ihnen schon hundertfunfzig Dukaten schuldig – </p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Wir wollen beyde zusammen +hingehn – Wart, wir müssen die Lotterie vorbey. Heut ist die +Post aus Hamburg angekommen, ich will doch unterwegs nachfragen; zum +Spaß nur – </p> + +<h3>Siebente Scene.</h3> + +<p class="szene">In Königsberg.<span class="pagenum">136</span></p> + +<p class="personen">Geh. Rath <span class="normal">(führt)</span> +Jungfer Rehaar <span class="normal">(an der Hand)</span> Augustchen. +Major.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Hier, Gustchen, +bring ich Dir eine Gespielin. Ihr seyd in einem Alter, einem +Verhältnisse – Gebt Euch die Hand, und seyd Freundinnen.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Das bin ich lange gewesen, +liebe Mamsell! Ich weiß nicht, was es war, das in meinem Busen auf- +und abstieg, wenn ich Sie aus dem Fenster sah; aber Sie waren in so +viel Zerstreuungen verwickelt, so mit Kutschenbesuchen und Serenaden +belästigt, daß ich mit meinem Besuch zu unrechter Zeit zu kommen +fürchtete.</p> + +<p><span class="sprecher">Jungfer Rehaar.</span> Ich wäre Ihnen +zuvorgekommen, gnädiges Fräulein, wenn ich das Herz gehabt. Allein in +ein so vornehmes Haus mich einzudrängen, hielt’ ich für unbesonnen, +und mußte dem Zug meines Herzens, das mich schon oft bis vor Ihre Thür +geführt hat, allemal mit Gewalt widerstehen.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Stell Dir vor, Major; der +<span class="pagenum">137</span> Seiffenblase hat auf die Warnung, die +ich der Frau Dutzend that, und die sie ihm wieder erzehlt hat und zwar, +wie ichs verlangt, unter meinem Namen, geantwortet: er werde sich schon +an mir zu rächen wissen. Er hat alles das so gut von sich abzulehnen +gewußt, und ist gleich Tags drauf mit dem Minister Deichsel hingefahren +kommen, daß die arme Frau das Herz nicht gehabt, sich seine Besuche zu +verbitten. Gestern Nacht hat er zwey Wagen in diese Straße bestellt +und einen am Brandenburger Thor, das wegen des Feuerwerks offen blieb, +das erfährt die Madam gestern Vormittag schon. Den Nachmittag will er +für Henkers Gewalt die Mamsell überreden, mit ihm zum Minister auf die +Assemblee zu fahren, aber Madam Dutzend traute dem Frieden nicht, und +hat’s ihm rund abgeschlagen. Zweymal ist er vor die Thür gefahren, +aber hat wieder umkehren müssen; da seine Karte also verzettelt war, +wollt’ ers heut probiren. Madam Dutzend hat ihm nicht allein das Haus +verbothen, sondern zugleich angedeutet: sie sehe sich genöthigt, sich +vom Gouverneur Wache vor ihrem Hause auszubitten. Da hat er Flammen +gespyen, hat mit dem <span class="pagenum">138</span> Minister gedroht +– Um die Madam völlig zu beruhigen, hab’ ich ihr angetragen: die +Mamsell in unser Haus zu nehmen. Wir wollen sie auf ein halb Jahr nach +Insterburg mitnehmen, bis Seiffenblase sie vergessen hat, oder so lang +als es ihr selber nur da gefallen kann – </p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Ich hab schon anspannen lassen. +Wenn wir nach Heidelbrunn fahren, Mamsell, so laß ich Sie nicht los. +Sie müssen mit, oder meine Tochter bleibt mit Ihnen in Insterburg.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Das wär wohl am besten. +Ohnehin taugt das Land für Gustchen nicht und Mamsel Rehaar laß ich +nicht von mir.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Gut, daß Deine Frau Dich nicht +hört – oder hast Du Absichten auf Deinen Sohn?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Mach das gute Kind nicht +roth. Sie werden ihn in Leipzig oft genug müssen gesehen haben, +den bösen Buben. Gustchen, Du wirst zur Gesellschaft mit roth? Er +verdient’s nicht.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Da mein Vater mir vergeben +hat, sollte Ihr Sohn ein minder gütiger Herz bey Ihnen finden?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span><span +class="pagenum">139</span> Er ist auch noch in keinen Teich +gesprungen.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Wenn wir nur das blinde Weib +mit dem Kinde ausfündig gemacht hätten, von dem mir der Schulmeister +schreibt; eh kann ich nicht ruhig werden – Kommt! ich muß +noch heut auf mein Gut.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Daraus wird nichts. Du mußt +die Nacht in Insterburg schlafen.</p> + +<h3>Achte Scene.</h3> + +<p class="szene">Leipzig.<br>Bergs Zimmer.</p> + +<p class="personen">Fritz v. Berg. <span class="normal">(sitzt, die +Hand untern Kopf gestützt)</span> Pätus. <span class="normal">(stürzt +herein)</span></p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Triumpf Berg! Was kalmeuserst +Du? – Gott! Gott! (greift sich an den Kopf und fällt auf die +Knie) Schicksal! Schicksal! – Nicht wahr, Leichtfuß hat Dir +nicht vorschießen wollen? Laß ihn Dich – Ich hab Geld, ich +hab’ alles – Dreyhundert achtzig Friedrichd’or gewonnen auf +einem Zug! (springt auf und schreyt) Heydideldum, nach Insterburg! Pack +ein!</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span><span class="pagenum">140</span> +Bist Du närrisch worden?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (zieht einen Beutel mit Gold +hervor und wirft alles auf die Erde) Da ist meine Narrheit. Du bist ein +Narr mit Deinem Unglauben – Nun hilf auflesen; buck Dich +etwas – und heut noch nach Insterburg, juchhe! (lesen auf) +Ich will meinem Vater die achtzig Friedrichsd’or schenken, so viel +betrug grad mein letzter Wechsel, und zu ihm sagen: nun Herr Papa, wie +gefall’ ich Ihnen itzt? All Deine Schulden können wir bezahlen, und +meine obenein, und denn reisen wir wie die Prinzen. Juchhei</p> + +<h3>Neunte Scene.</h3> + +<p class="szene">Die Schule.</p> + +<p class="personen">Wenzeslaus. Läuffer. <span class="normal">(beyde in +schwarzen Kleidern)</span></p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Wie hat ihm die Predigt +gefallen, Kollege! Wie hat Er sich erbaut?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Gut, recht gut. (seufzt)</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> (nimmt seine Perücke ab +und setzt eine Nachtmütze auf) Damit ist’s nicht ausgemacht. Er soll +mir sagen, welche Stelle aus der Predigt vorzüglich gesegnet an seinem +<span class="pagenum">141</span> Herzen gewesen. Hör’ Er – +setz’ Er sich. Ich muß Ihm was sagen; ich hab’ eine Anmerkung in der +Kirche gemacht, die mich gebeugt hat. Er hat mir da so wetterwendisch +gesessen, daß ich mich Seiner, die Warheit zu sagen, vor der ganzen +Gemeine geschämt habe und dadurch oft fast aus meinem Koncept kommen +bin. Wie, dacht’ ich, dieser junge Kämpfer, der so ritterlich +durchgebrochen und den schwersten Strauß schon gewissermaßen überwunden +hat – ich muß es Ihm bekennen: Er hat mich geärgert, +σκανδαλον ἐδωκας, ἔταξας! Ich habs wohl gemerkt, wohin es gieng, ich +habs wohl gemerkt; immer nach der mittlern Thür zu da nach der Orgel +hinunter.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich muß bekennen, es hieng +ein Gemälde dort, das mich ganz zerstreut hat. Der Evangelist Markus +mit einem Gesicht, das um kein Haar menschlicher aussah, als der Löwe, +der bey ihm saß, und der Engel beym Evangelisten Matthäus eher einer +geflügelten Schlange ähnlich.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Es war nicht das, mein +Freund! Bild’ Er mir’s nicht ein; es war nicht das. Sag’ Er mir doch, +ein Bild sieht man an und sieht wieder weg, und dann ist’s <span +class="pagenum">142</span> alles. Hat Er denn gehört, was ich gesagt +habe? Weiß Er mir Ein Wort aus meiner Predigt wieder anzuführen? Und +sie war doch ganz für Ihn gehalten; ganz kasuistisch – O! o! +o!</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Der Gedanke gefiel mir +vorzüglich, daß zwischen unsrer Seele und ihrer Wiedergeburt und +zwischen dem Flachs- und Hanfbau eine große Aehnlichkeit herrsche, und +so wie der Hanf im Schneidebrett durch heftige Stöße und Klopfen von +seiner alten Hülse befreyt werden müsse, so müsse unser Geist auch +durch allerley Kreutz und Leiden und Ertödtung der Sinnlichkeit für den +Himmel zubereitet werden.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Er war kasuistisch, mein +Freund – </p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Doch kann ich Ihnen auch +nicht bergen, daß Ihre Liste von Teufeln, die aus dem Himmel gejagt +worden, und die Geschichte der ganzen Revolution da, daß Lucifer sich +für den schönsten gehalten – Die heutige Welt ist über +den Aberglauben längst hinweg; warum will man ihn wieder aufwärmen. +In der ganzen heutigen vernünftigen Welt wird kein Teufel mehr +statuirt – </p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span><span +class="pagenum">143</span> Darum wird auch die ganze heutige +vernünftige Welt zum Teufel fahren. Ich mag nicht verdammen, lieber +Herr Mandel; aber das ist wahr, wir leben in seelenverderblichen +Zeiten: es ist die letzte böse Zeit. Ich mag mich drüber weiter +nicht auslassen: ich seh wohl, Er ist ein Zweifler auch, und auch +solche Leute muß man tragen. Es wird schon kommen; Er ist noch jung +– aber gesetzt auch, posito auch, aber nicht zugestanden, unsere +Glaubenslehren wären all Aberglauben, über Geister, über Höll, über +Teufel, da – Was thut’s Euch, was beißts Euch, daß Ihr Euch +so mit Händen und Füßen dagegen wehrt? Thut nichts Böses, thut recht +und denn so braucht Ihr die Teufel nicht zu scheuen, und wenn ihrer +mehr wären wie Ziegel auf dem Dach, wie der selige Lutherus sagt. Und +Aberglauben – O schweigt still, schweigt still, lieben Leut’. Erwägt +erst mit reifem Nachdenken, was der Aberglaube bisher für Nutzen +gestiftet hat, und denn habt mir noch das Herz, mit Euren nüchternen +Spötteleyen gegen mich anzuziehen. Reutet mir den Aberglauben aus; +ja warhaftig der rechte Glaub wird mit drauf gehn, und ein nacktes +Feld da bleiben. Aber ich weiß <span class="pagenum">144</span> +jemand, der gesagt hat, man soll beydes wachsen lassen, es wird +schon die Zeit kommen, da Kraut sich von dem Unkraut scheiden wird. +Aberglauben – Nehmt dem Pöbel seinen Aberglauben, er wird +freygeistern, wie Ihr und Euch vor den Kopf schlagen. Nehmt dem Bauer +seinen Teufel, und er wird ein Teufel gegen seine Herrschaft werden +und ihr beweisen, daß es welche giebt. Aber wir wollen das bey Seite +setzen – Wovon rede ich doch? – Recht, sag’ +Er mir, wen hat Er angesehen in der ganzen Predigt? Verheel’ Er mir +nichts. Ich war es nicht, denn sonst müst’ Er schielen, daß es eine +Schande wäre.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Das Bild.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Es war nicht das +Bild – Dort unten, wo die Mädchen sitzen, die bey ihm in +die Kinderlehre gehen – Lieber Freund! es wird doch nichts vom alten +Sauerteig in seinem Herzen geblieben seyn – Ey, ey! wer +einmal geschmeckt hat die Kräfte der zukünftigen Welt – +Ich bitt Ihn, mir stehn die Haare zu Berge – Nicht wahr, +die eine da mit dem gelben Haar so nachläßig unter das rothe Häubchen +gesteckt und mit den lichtbraunen Augen, die allemal unter den +<span class="pagenum">145</span> schwarzen Augbraunen so schalkhaft +hervorblinzen, wie die Sterne hinter Regenwolken – Es ist +wahr, das Mädchen ist gefährlich; ich hab’s nur einmal von der Kanzel +angesehn, und muste hernach allemal die Augen platt zudrücken, wenn +sie auf sie fielen, sonst wär’ mirs gegangen, wie den weisen Männern +im Areopagus, die Recht und Gerechtigkeit vergaßen um einer schnöden +Phryne willen. – Aber sag’ Er mir doch, wo will Er hin, daß +Er Sich noch bösen Begierden überläßt, daß Ihm sogar an Mitteln fehlt, +sie zu befriedigen? Will Er Sich dem Teufel ohne Sold dahingeben? Ist +das das Gelübd, das er dem Herrn gethan – Ich rede als Sein +geistlicher Vater mit Ihm – Er, der itzt mit so wenig Mühe +über alle Sinnlichkeit triumphiren, über die Erde sich hinausschwingen +und bessern Revieren zufliegen könnte. (Umarmt ihn) Ach mein lieber +Sohn, bey diesen Thränen, die ich aus wahrer herzlicher Sorgfalt für +Ihn vergieße; kehr’ Er nicht zu den Fleischtöpfen Egyptens zurück, da +Er Kanaan so nahe war! Eile, eile! rette Deine unsterbliche Seele! Du +hast auf der Welt nichts, das Dich mehr zurückhalten könnte. Die Welt +<span class="pagenum">146</span> hat nichts mehr für Dich, womit sie +Deine Untreu Dir einmal belohnen könnte; nicht einmal eine sinnliche +Freude, geschweige denn Ruhe der Seelen – Ich geh und +überlasse Dich Deinen Entschließungen. (geht ab)</p> + +<p class="center">(Läuffer bleibt in tiefen Gedanken sitzen)</p> + +<h3>Zehnte Scene.</h3> + +<p class="personen">Lise. <span class="normal">(tritt herein, ein +Gesangbuch in der Hand, ohne daß er sie gewahr wird. Sie sieht ihm lang +stillschweigend zu. Er springt auf, will knien; wird sie gewahr und +sieht sie eine Weile verwirrt an)</span></p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> (nähert sich ihr) Du hast +eine Seele dem Himmel gestolen. (faßt sie an die Hand) Was führt Dich +hieher, Lise?</p> + +<p><span class="sprecher">Lise.</span> Ich komme, Herr +Mandel – Ich komme, weil Sie gesagt haben, es würd’ +morgen keine Kinderlehr – weil Sie – so komm’ +ich – gesagt haben – ich komme, zu fragen, ob +morgen Kinderlehre seyn wird.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ach! – Seht diese +Wangen, ihr Engel! Wie sie in unschuldigem Feuer brennen und denn +verdammt mich, wenn ihr könnt – Lise, warum zittert Deine +<span class="pagenum">147</span> Hand? Warum sind Dir die Lippen so +bleich und die Wangen so roth? Was willst Du?</p> + +<p><span class="sprecher">Lise.</span> Ob morgen Kinderlehr seyn +wird?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Setz Dich zu mir +nieder – Leg Dein Gesangbuch weg – Wer steckt Dir +das Haar auf, wenn Du nach der Kirche gehst? (setzt sie auf einen Stuhl +neben seinem)</p> + +<p><span class="sprecher">Lise.</span> (will aufstehn) Verzeyh’ Er +mir; die Haube wird wohl nicht recht gesteckt seyn; es mache einen so +erschrecklichen Wind, als ich zur Kirche kam.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> (nimmt ihre beyden Hände in +seine Hand) O Du bist – Wie alt bist Du, Lise? – +Hast Du niemals – Was wollt’ ich doch fragen – +Hast Du nie Freyer gehabt?</p> + +<p><span class="sprecher">Lise.</span> (Munter) O ja einen, noch die +vorige Woche; und des Schaafwirths Grethe war so neidisch auf mich und +hat immer gesagt: ich weiß nicht was er sich um das einfältige Mädchen +so viel Mühe macht, und denn hab’ ich auch noch einen Officier gehabt; +es ist noch kein Vierteljahr.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Einen Officier?</p> + +<p><span class="sprecher">Lise.</span> Ja doch, und einer von den recht +Vornehmen. Ich sag’ ihnen, er hat drey Tressen auf dem Arm gehabt: +aber ich war <span class="pagenum">148</span> noch zu jung und mein +Vater wollt mich ihm nicht geben, wegen des soldatischen Wesens und +Ziehens.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Würdest Du – O ich +weiß nicht, was ich rede – Würdest Du wohl – Ich +Elender!</p> + +<p><span class="sprecher">Lise.</span> O ja, von ganzem Herzen.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Bezaubernde! – +(will ihr die Hand küssen) Du weißt ja noch nicht, was ich fragen +wollte.</p> + +<p><span class="sprecher">Lise.</span> (zieht sie weg) O lassen Sie, +meine Hand ist ja so schwarz – O pfuy doch! Was machen +Sie? Sehen Sie, einen geistlichen Herrn hätt’ ich allewege gern: +von meiner ersten Jugend an hab ich die studierte Herren immer gern +gehabt; sie sind alleweil so artig, so manierlich, nicht so puf paf, +wie die Soldaten, obschon ich einewege die auch gern habe, das leugn’ +ich nicht, wegen ihrer bunten Röcke; ganz gewiß, wenn die geistlichen +Herren in so bunten Röcken giengen, wie die Soldaten, das wäre zum +Sterben.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Laß’ mich Deinen muthwilligen +Mund mit meinen Lippen zuschließen. (küßt sie) O Lise! Wenn Du wüstest, +wie unglücklich ich bin.</p> + +<p><span class="sprecher">Lise.</span><span class="pagenum">149</span> +O pfuy, Herr, was machen Sie?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Noch einmal und denn ewig +nicht wieder! (küßt sie. Wenzeslaus tritt herein)</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Was ist das? Proh deum +atque hominum fidem! Wie nun, falscher, falscher, falscher Prophet! +Reißender Wolf in Schaafskleidern! Ist das die Sorgfalt, die Du Deiner +Heerde schuldig bist? Die Unschuld selber verführen, die Du vor +Verführung bewahren sollst? Es muß ja Aergerniß kommen, doch wehe dem +Menschen, durch welchen Aergerniß kommt!</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Herr Wenzeslaus!</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Nichts mehr! Kein Wort +mehr! Ihr habt Euch in Eurer wahren Gestalt gezeigt. Aus meinem Hause, +Verführer!</p> + +<p><span class="sprecher">Lise.</span> (kniet vor Wenzeslaus) Lieber +Herr Schulmeister, er hat mir nichts böses gethan.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Er hat Dir mehr +böses gethan, als Dir Dein ärgster Feind thun könnte. Er hat Dein +unschuldiges Herz verführt.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich bekenne mich schuldig +– Aber kann man so vielen Reitzungen widerstehen? Wenn man mir dies +Herz aus dem Leibe risse und mich Glied vor Glied verstümmelte und ich +behielt nur eine Ader von Blut <span class="pagenum">150</span> noch +übrig, so würde diese verräthrische Ader doch für Lisen schlagen.</p> + +<p><span class="sprecher">Lise.</span> Er hat mir nichts Leides +gethan.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Dir nichts Leides +gethan – Himmlischer Vater!</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich hab ihr gesagt, daß sie +die liebenswürdigste Kreatur sey, die jemals die Schöpfung beglückt +hat; ich hab’ ihr das auf ihre Lippen gedrückt; ich hab diesen +unschuldigen Mund mit meinen Küssen versiegelt, welcher mich sonst +durch seine Zaubersprache zu noch weit größeren Verbrechen würde +hingerissen haben.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ist das kein Verbrechen? +Was nennt Ihr jungen Herrn heut zu Tage Verbrechen? O tempora, o mores! +Habt Ihr den Valerius Maximus gelesen? Habt Ihr den Artikel gelesen +de pudicitia? Da führt er einen Mänius an, der seinen Freygelassenen +todtgeschlagen hat, weil er seine Tochter einmal küßte und die Raison: +ut etiam oscula ad maritum sincera perferret. Riecht Ihr das? Schmeckt +Ihr das? Etiam oscula, non solum virginitatem, etiam oscula. Und +Mänius war doch nur ein Heyde: was soll ein Christ thun, der weiß, +daß der Ehstand <span class="pagenum">151</span> von Gott eingesetzt +ist und daß die Glückseligkeit eines solchen Standes an der Wurzel +vergiften, einem künftigen Gatten in seiner Gattin seine Freud und +Trost verderben; seinen Himmel profaniren – Fort, aus meinen +Augen, Ihr Bösewicht! Ich mag mit Euch nichts zu thun haben! Geht zu +einem Sultan und laßt Euch zum Aufseher über ein Serail dingen, aber +nicht zum Hirten meiner Schaafe. Ihr Miethling. Ihr reissender Wolf in +Schaafskleidern!</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich will Lisen heyrathen.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Heyrathen – Ey +ja doch – als ob sie mit einem Eunuch zufrieden?</p> + +<p><span class="sprecher">Lise.</span> O ja, ich bins herzlich wohl +zufrieden, Herr Schulmeister.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich unglücklicher!</p> + +<p><span class="sprecher">Lise.</span> Glauben Sie mir, lieber Herr +Schulmeister, ich laß einmal nicht von ihm ab. Nehmen Sie mir das +Leben; ich lasse nicht ab von ihm. Ich hab ihn gern und mein Herz sagt +mir, daß ich niemand auf der Welt so gern haben kann als ihn.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> So – daß doch +– Lise, Du verstehst das Ding nicht – Lise, es läßt <span +class="pagenum">152</span> sich Dir so nicht sagen, aber Du kannst ihn +nicht heyrathen; es ist unmöglich.</p> + +<p><span class="sprecher">Lise.</span> Warum soll es denn unmöglich +seyn, Herr Schulmeister? Wie kann’s unmöglich seyn, wenn ich will +und wenn er will, und mein Vater auch es will? Denn mein Vater hat +mir immer gesagt, wenn ich einmal einen geistlichen Herrn bekommen +könnte – </p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Aber daß dich der Kuckuk, +er kann ja nichts – Gott verzeih mir meine Sünde, so laß Dir +doch sagen.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Vielleicht fodert sie das +nicht – Lise, ich kann bey Dir nicht schlafen.</p> + +<p><span class="sprecher">Lise.</span> So kann Er doch wachen bey mir, +wenn wir nur den Tag über beisammen sind und uns so anlachen und uns +einsweilen die Hände küssen – Denn bey Gott! ich hab’ ihn +gern. Gott weiß es, ich hab’ Ihn gern.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Sehn Sie, Herr Wenzeslaus! +Sie verlangt nur Liebe von mir. Und ist’s denn nothwendig zum Glück der +Ehe, daß man thierische Triebe stillt?</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ey was – +<i>Connubium sine prole, est quasi dies sine sole</i> ... Seyd +fruchtbar und mehret euch, steht in Gottes Wort. Wo Eh’ ist, müssen +auch Kinder seyn.</p> + +<p><span class="sprecher">Lise.</span><span class="pagenum">153</span> +Nein Herr Schulmeister, ich schwör’s Ihm, in meinem Leben möcht’ ich +keine Kinder haben. Ey ja doch, Kinder! Was Sie nicht meynen! Damit wär +mir auch wol groß gedient, wenn ich noch Kinder dazu bekäme. Mein Vater +hat Enten und Hüner genug, die ich alle Tage füttern muß, wenn ich noch +Kinder ebenen füttern müste.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> (küßt sie) Göttliche Lise!</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> (reißt sie von einander) +Ey was denn! Was denn! Vor meinen Augen? – So kriecht denn +zusammen; meinetwegen; weil doch Heyrathen besser ist als Brunst +leiden – Aber mit uns, Herr Mandel, ist es aus: alle grosse +Hofnungen, die ich mir von Ihm gemacht, alle grosse Erwartungen, +die mir Sein Heldenmuth einflößte. – Gütiger Himmel! wie +weit ist doch noch die Kluft, die zwischen einem Kirchenvater und +zwischen einem Kapaun befestigt ist. Ich dacht’, er sollte Origenes der +zweyte – O homuncio, homuncio! Das müßt’ ein ganz andrer +Mann seyn, der aus Absicht und Grundsätzen den Weg einschlüge, um ein +Pfeiler unsrer sinkenden Kirche zu werden. Ein ganz anderer <span +class="pagenum">154</span> Mann! Wer weiß, was noch einmal geschieht! +(geht ab)</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Komm zu Deinem Vater, Lise, +Seine Einwilligung noch und ich bin der glücklichste Mensch auf dem +Erdboden!</p> + +<h3>Eilfte Scene.</h3> + +<p class="szene">Zu Insterburg.</p> + +<p class="personen">Geheimer Rath. Fritz von Berg. Pätus. Gustchen. +Jungfer Rehaar. <span class="normal">(Gustchen und Jungfer Rehaar +verstecken sich bey der Ankunft der erstern in die Kammer.)</span></p> + +<p class="center">(Geheimer Rath und Fritz laufen sich entgegen.)</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> (fällt vor ihm auf die Knie) +Mein Vater!</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> (hebt ihn auf und umarmt +ihn) Mein Sohn!</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Haben Sie mir vergeben?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Mein Sohn!</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ich bin nicht werth, daß ich +Ihr Sohn heiße.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Setz Dich; denk mir nicht +mehr dran. Aber, wie hast Du Dich in Leipzig erhalten? Wieder Schulden +auf meine Rechnung gemacht? Nicht? und wie bist Du fortkommen?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span><span class="pagenum">155</span> +Dieser großmüthige Junge hat alles für mich bezahlt.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Wie denn?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Dieser noch +großmüthigere – O ich kann nicht reden.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Setzt euch Kinder; sprecht +deutlicher. Hat Ihr Vater sich mit Ihnen ausgesöhnt, Herr Pätus?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Keine Zeile von ihm gesehen.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Und wie habt Ihrs denn +beyde gemacht?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> In der Lotterie gewonnen, eine +Kleinigkeit – aber es kam uns zu statten, da wir herreisen +wollten.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich seh, Ihr wilde Bursche +denkt besser als Eure Väter. Was hast Du wohl von mir gedacht, Fritz? +Aber man hat Dich auch bey mir verleumdet.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Seiffenblase gewiß?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich mag ihn nicht nennen; +das gäbe Katzbalgereyen, die hier am unrechten Ort wären.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Seiffenblase! Ich laß mich +hängen.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Aber was führt Dich denn +nach Hause zurück, eben jetzt da? – </p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span><span class="pagenum">156</span> +Fahren Sie fort – O das eben jetzt, mein Vater! das eben +jetzt ists, was ich wissen wollte.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Was denn? was denn?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ist Gustchen todt?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Holla! der +Liebhaber! – Was veranlaßt Dich, so zu fragen?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ein Brief von Seiffenblase.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Er hat Dir geschrieben: sie +wäre todt?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Und entehrt dazu.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Es ist ein verleumderischer +Schurke!</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Kennst Du eine Jungfer +Rehaar in Leipzig?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> O ja, ihr Vater war mein +Lautenmeister.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Die hat er entehren wollen; +ich hab sie von seinen Nachstellungen errettet: das hat ihn uns feind +gemacht.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (steht auf) Jungfer +Rehaar – Der Teufel soll ihn holen.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Wo wollen Sie hin?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Ist er in Insterburg?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Nein doch – +Nehmen Sie sich der Prinzessinnen nicht zu eifrig an, <span +class="pagenum">157</span> Herr Ritter von der runden Tafel! Oder haben +Sie Jungfer Rehaar auch gekannt?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Ich? Nein, ich habe sie nicht +gekannt – Ja, ich habe sie gekannt.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich merke – +Wollen Sie nicht auf einen Augenblick in die Kammer spatzieren? (führt +ihn an die Thür)</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (macht auf und fährt +zurück, sich mit beyden Händen an den Kopf greiffend) Jungfer +Rehaar – Zu Ihren Füssen – (hinter der Scene) Bin +ich so glücklich? oder ist’s nur ein Traum? Ein Rausch? – +Eine Bezauberung? – </p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Lassen wir +ihn! – (kehrt zu Fritz) Und Du denkst noch an Gustchen?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Sie haben mir das furchtbare +Rätzel noch nicht aufgelöst. Hat Seiffenblase gelogen?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich denke, wir reden +hernach davon: wir wollen uns die Freud’ itzt nicht verderben.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> (kniend) O mein Vater, wenn Sie +noch Zärtlichkeit für mich haben, lassen Sie mich nicht zwischen Himmel +und Erde, zwischen Hofnung und Verzweiflung schweben. Darum bin ich +gereist; ich konnte die quaalvolle Ungewißheit nicht länger aushalten. +Lebt Gustchen? Ists wahr, daß sie entehrt ist?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span><span +class="pagenum">158</span> Es ist leider nur eine zu traurige +Wahrheit.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Und hat sich in einen Teich +gestürzt?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Und ihr Vater hat sich ihr +nachgestürzt.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> So falle denn Henkers +Beil – Ich bin der Unglücklichste unter den Menschen!</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Steh’ auf! Du bist +unschuldig dran – </p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Nie will ich aufstehn. (schlägt +sich an die Brust) Schuldig war ich; einzig und allein schuldig. +Gustchen, seliger Geist, verzeihe mir!</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Und was hast Du Dir +vorzuwerfen?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ich habe geschworen, falsch +geschworen – Gustchen! wär’ es erlaubt, Dir nachzuspringen! +(steht hastig auf) Wo ist der Teich?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Hier! (führt ihn in die +Kammer)</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> (hinter der Scene +mit lautem Geschrey) Gustchen! – Seh’ ich ein +Schattenbild? – Himmel! Himmel welche Freude! – +Laß mich sterben! laß mich an Deinem Halse sterben.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> (wischt sich die Augen) +Eine zärtliche Gruppe! – Wenn doch der Major hier wäre! +(geht hinein.)</p> + +<h3>Letzte Scene.</h3> + +<p class="personen">Der Major <span class="normal">(ein Kind auf dem +Arm)</span> Der alte Pätus.<span class="pagenum">159</span></p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Kommen Sie, Herr Pätus. Sie +haben mir das Leben wiedergegeben. Das war der einzige Wurm, der mir +noch dran nagte. Ich muß Sie meinem Bruder präsentiren, und Ihre alte +blinde Großmutter will ich in Gold einfassen lassen.</p> + +<p><span class="sprecher">Der alte Pätus.</span> O meine Mutter hat +mich durch ihren unvermutheten Besuch weit glücklicher gemacht, +als Sie. Sie haben nur einen Enkel wiedererhalten, der Sie an +traurige Geschichten erinnert; ich aber eine Mutter, die mich an die +angenehmsten Scenen meines Lebens erinnert, und deren mütterliche +Zärtlichkeit ich leider noch durch nichts habe erwiedern können, als +Haß und Undankbarkeit. Ich habe sie aus dem Hause gestoßen, nachdem sie +mir den ganzen Nachlaß meines Vaters und ihr Vermögen mit übergeben +hatte; ich habe ärger gegen sie gehandelt als ein Tyger – +Welche Gnade von Gott ist es, daß sie noch lebt, daß sie mir noch +verzeihen kann, die großmüthige Heilige! daß es noch in meine <span +class="pagenum">160</span> Gewalt gestellt ist, meine verfluchte +Verbrechen wieder gut zu machen.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Bruder Berg! wo bist Du? He! +(Geh. Rath kömmt) Hier ist mein Kind, mein Großsohn. Wo ist Gustchen? +Mein allerliebstes Großsöhnchen! (schmeichelt ihm) meine allerliebste +närrische Puppe!</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Das ist +vortreflich! – und Sie, Herr Pätus?</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Sie Herr Pätus hat’s mir +verschaft – Seine Mutter war das alte blinde Weib, die +Bettlerin, von der uns Gustchen so viel erzählt hat.</p> + +<p><span class="sprecher">Der alte Pätus.</span> Und durch mich +Bettlerin – O die Schaam bindt mir die Zunge. Aber ich wills +der ganzen Welt erzehlen, was ich für ein Ungeheuer war – +</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Weißt Du was neues, Major? +Es finden sich Freyer für Deine Tochter – aber dring nicht +in mich, Dir den Namen zu sagen.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Freyer für meine +Tochter! – (wirft das Kind ins Kanapee) Wo ist sie?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Sacht! ihr Freyer ist bey +ihr – Willst Du Deine Einwilligung geben?</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Ists ein Mensch von gutem +Hause? Ist er von Adel?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span><span +class="pagenum">161</span> Ich zweifle.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Doch keiner zu weit unter ihrem +Stande? O sie sollte die erste Parthie im Königreich werden. Das ist +ein vermaledeyter Gedanke! wenn ich doch den erst fort hätte; er wird +mich noch ins Irrhaus bringen.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> (öfnet die Kammer; auf +seinen Wink tritt Fritz mit Gustchen heraus)</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> (fällt ihm um den Hals) Fritz! +(zum geh. Rath) Ists Dein Fritz? Willst Du meine Tochter heyrathen? +– Gott segne Dich. Weißt Du noch nichts, oder weißt Du alles? Siehst +Du, wie mein Haar grau geworden ist vor der Zeit! (führt ihn ans +Kanapee) Siehst Du, dort ist das Kind. Bist ein Philosoph? Kannst +alles vergessen? Ist Gustchen Dir noch schön genug? O sie hat bereut. +Jung, ich schwöre Dir, sie hat bereut, wie keine Nonne und kein +Heiliger. Aber was ist zu machen? Sind doch die Engel aus dem Himmel +gefallen – Aber Gustchen ist wieder aufgestanden.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Lassen Sie mich zum Wort +kommen.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> (drückt ihn immer an die Brust) +Nein Junge – Ich möchte Dich todt drücken – +Daß Du so großmüthig bist, daß Du so edel denkst – das +Du – mein Junge bist – </p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span><span class="pagenum">162</span> +In Gustchens Armen beneid’ ich keinen König.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> So recht; das ist +recht. – Sie wird Dir schon gestanden haben; sie wird Dir +alles erzählt haben – </p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Dieser Fehltritt macht +sie mir nur noch theurer – macht ihr Herz nur noch +englischer. – Sie darf nur in den Spiegel sehn, um überzeugt +zu seyn, daß sie mein ganzes Glück machen werde und doch zittert sie +immer vor dem, wie sie sagt, ihr unerträglichen Gedanken: sie werde +mich unglücklich machen. O was hab ich von einer solchen Frau anders zu +gewarten, als einen Himmel?</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Ja wohl einen Himmel; wenn’s +wahr ist, daß die Gerechten nicht allein hineinkommen, sondern auch +die Sünder, die Busse thun. Meine Tochter hat Busse gethan und ich hab +für meine Thorheiten und daß ich einem Bruder nicht folgen wollte, der +das Ding besser verstund, auch Busse gethan; ihr zur Gesellschaft: +und darum macht mich der liebe Gott auch ihr zur Gesellschaft mit +glücklich.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> (ruft zur Kammer hinein) +Herr Pätus, kommen Sie doch hervor. Ihr Vater ist hier.</p> + +<p><span class="sprecher">Der alte Pätus.</span><span +class="pagenum">163</span> Was hör’ ich – Mein Sohn?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (fällt ihm um den Hals) Ihr +unglücklicher verstossener Sohn. Aber Gott hat sich meiner als eines +armen Wäysen angenommen. Hier, Papa, ist das Geld, das Sie zu meiner +Erziehung in der Fremde angewandt; hier ist’s zurück und mein Dank +dazu; es hat doppelte Zinsen getragen, das Kapital hat sich vermehrt +und Ihr Sohn ist ein rechtschaffener Kerl worden.</p> + +<p><span class="sprecher">Der alte Pätus.</span> Muß denn alles heute +wetteifern, mich durch Großmuth zu beschämen. Mein Sohn, erkenne Deinen +Vater wieder, der eine Weile seine menschliche Natur ausgezogen und in +ein wildes Thier ausgeartet war. Es gieng Deiner Großmutter wie Dir: +sie ist auch wiedergekommen und hat mir verziehen und hat mich wieder +zum Sohn gemacht, so wie Du mich wieder zum Vater machst. Nimm mein +ganzes Vermögen, Gustav! schalte damit nach Deinem Gefallen, nur laß +mich die Undankbarkeit nicht entgelten, die ich bey einem ähnlichen +Geschenk gegen Deine Großmutter äußerte.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Erlauben Sie mir, das +tugendhafteste süsseste Mädchen glücklich damit zu machen – +</p> + +<p><span class="sprecher">Der alte Pätus.</span><span +class="pagenum">164</span> Was denn? Du auch verliebt? Mit Freuden +erlaub’ ich Dir alles. Ich bin alt und möchte vor meinem Tode gern +Enkel sehen, denen ich die Treue beweisen könnte, die Eure Großmutter +für Euch bewiesen hat.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> (Umarmt das Kind auf dem +Kanapee, küßt’s und trägts zu Gustchen) Dies Kind ist jetzt auch das +meinige; ein trauriges Pfand der Schwachheit Deines Geschlechts und der +Thorheiten des unsrigen: am meisten aber der vortheilhaften Erziehung +junger Frauenzimmer durch Hofmeister.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Ja mein lieber Sohn, wie sollen +sie denn erzogen werden?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Giebts für sie +keine Anstalten, keine Nähschulen, keine Klöster, keine +Erziehungshäuser? – Doch davon wollen wir ein andermal +sprechen.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> (küßt’s abermal) Und dennoch +mir unendlich schätzbar, weil’s das Bild seiner Mutter trägt. +Wenigstens, mein süsses Kind! werd’ ich Dich nie durch Hofmeister +erziehen lassen.</p> + +<div style="margin-top: 5%; background-color: #E6E6FA; border: 1px solid;"> + <div style="font-size: large; text-align: center;"><b>Transcriber’s Note</b></div> + <ul> + <li>New original cover art included with this eBook is granted to the public domain.</li> + </ul> +</div> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 6821 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/6821-h/images/i_cover.jpg b/6821-h/images/i_cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..90c767c --- /dev/null +++ b/6821-h/images/i_cover.jpg |
