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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..d7b82bc --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,4 @@ +*.txt text eol=lf +*.htm text eol=lf +*.html text eol=lf +*.md text eol=lf diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Landesverein Sächsischer Heimatschutz -- Mitteilungen Band XI, - Heft 1-3 - Monatsschrift für Heimatschutz und Denkmalpflege - -Author: Anonymous - -Editor: Landesverein Sächsischer Heimatschutz - -Release Date: May 1, 2022 [eBook #67949] - -Language: German - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LANDESVEREIN SÄCHSISCHER -HEIMATSCHUTZ -- MITTEILUNGEN BAND XI, HEFT 1-3 *** - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder - unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua - gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so - dargestellt=. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Landesverein Sächsischer - Heimatschutz - - Dresden - - Mitteilungen - Heft - 1 bis 3 - - Monatsschrift für Heimatschutz und Denkmalpflege - - Band XI - - _Inhalt_: Auf Grenzpfaden -- Bergwinter -- Deutsche Heimat, - deutsches Lied -- Der müde Weber -- Denkmalpflege in Sachsen -- - Sturm um Rathausdach und Giebel oder Heimatschutz vor siebzig - Jahren -- Drei Wandertage im Erzgebirge -- Bunte Gassen, helle - Straßen -- Zur Geschichte des Storches in Westsachsen - - Einzelpreis dieses Heftes M. 20.--, - Bezugspreis für einen Band (aus 12 Nummern bestehend) M. 35.--, - für Behörden und Büchereien M. 25.--. - Mitglieder erhalten die Mitteilungen kostenlos, - _Mindest_jahresbeitrag M. 20.--, - freiwillige Einschätzung erbeten - - Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24 - - Postscheckkonto: Leipzig 13987, Dresden 15835 - Stadtgirokasse Dresden 610 - - Dresden 1922 - - - - -Heimatschutz-Vorträge - -1922 - - -=Dresdner= Reihen (Gewerbehaus) - -Erstmalig: 12., 19., 27. April, 3., 10., 17., 24., 31. Mai - -1. Wiederholung: - -8., 12., 15., 18., 22., 25., 29. Mai, 1. Juni - - -=Leipziger= Reihen (Centraltheater) - -Erstmalig: 7., 14., 21., 28. April, 5., 12., 19. Mai - -1. Wiederholung: - -15., 22., 29. September, 6., 13., 20., 27. Oktober - - -=Meißner= Reihe (Geipelburg) - -13., 20., 27. April, 4., 11., 18., 25. Mai - - -Unsere werten Mitglieder werden durch Drucksachenkarten von den -Vorträgen verständigt - - - - - Band XI, Heft 1/3 1922 - -[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz - -Dresden] - -Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern -herausgegeben - -Abgeschlossen am 1. März 1922 - - - - -Auf Grenzpfaden - -Von _Curt Sippel_, Plauen - -Aufnahmen vom Verfasser - - -[Illustration: Abb. 1 =Fallend Laub=] - -Aus der vogtländischen Kreisstadt rollt der Zug elsteraufwärts in -den herbstkühlen Sonntagsmorgen hinein. Dichter Reif bedeckt die -Flur; aus silbergrauem Nebel dämmert der Tag heran und verspricht -ein sonniger zu werden. Je öfter der Zug hält, um so mehr verliert -sich die quetschende Enge in den Abteilen, scheiden die festlich -geputzten Sonntagsgäste aus und bleiben nur noch die ins Gebirge -strebenden schlichten Wanderer, deren liebstes Sonntagsgewand das -abgenutzte Lodenkleid mit dem verwitterten Hut ist. Auffallend viel -Vertreterinnen des schönen Geschlechts zeigen sich jetzt in dem Äußeren -der Wanderzunft. Die früheren Lebensgewohnheiten der Frauenwelt haben -in den letzten Jahren eine einschneidende Wandlung erfahren, haben -mit den oberflächlichen Vergnügungen gebrochen und sich mehr einer -selbständigen natürlichen Einfachheit zugewendet, haben zur Erkenntnis -der, der großen herrlichen Heimatnatur innewohnenden Verjüngungskraft -geführt. Gibt es für den naturliebenden Städter doch nichts schöneres, -als am Sonntag hinauszuwandern, sich so recht zu erfreuen an all dem -Reizvollen, das die Natur gerade in dem schönen Bergland des Vogtlandes -so überreichlich darbietet. Welch großen Gewinn bringt doch eine solche -Tageswanderung für Körper und Geist. Leider ist in dem sich von Tag -zu Lag mehrenden Heer der Wanderer die ältere männliche Jugend in -der Minderheit. Wenn die jungen Herren auch viel anderen Leibessport -treiben, so dürfen sie daneben den vornehmsten, das Wandern, doch nicht -vernachlässigen. Aus ihm erwächst Begeisterung für das Edle und Schöne, -erglüht Heimatliebe und deutscher Geist. - -[Illustration: Abb. 2 - -=Der Kegelberg= (755 ~m~) =und der Hohe Stein= (777 ~m~) =bei Erlbach=] - -[Illustration: Abb. 3 =Blick ins Landesgemeinder Tal=] - -[Illustration: Abb. 4 =Dreirainsteine= - -(746 ~m~ hoher Berg, auf dem die drei Waldgebiete Erlbach, Schönbach -und Graslitz zusammenstoßen und über den die Reichsgrenze läuft.)] - -[Illustration: Abb. 5 - -=Kirchberg= in der Hochfläche östlich des Hohen Steins] - -[Illustration: Abb. 6 - -=Das klingende Tal= (Untersachsenberg)] - -[Illustration: Abb. 7 - -=Der Aschberg= 936 ~m~ (sächs. Seite)] - -[Illustration: Abb. 8 - -=Am Aschberg=] - -Im Spinnen der Gedanken ist die Zeit vergangen. Das Bähnle dampft -bereits durchs Schwarzbachtal und hält zum letzten Male. Nur -wenig Leute steigen aus; fast alle sind Wanderer, die nach allen -Himmelsrichtungen frohgemut davon eilen. Einer wendet sich ostwärts, -der Sonne entgegen, die schon über den Hohen Stein hereinlugt und mit -den dichten Nebelmassen des Tales in heftigem Kampf liegt. Das graue -Gewoge wallt durcheinander, zieht hierhin und dorthin, steigt -empor, umhüllt die Bergwände, die Gipfel, wird von der Sonne wieder -zurückgedrängt und muß sich zu guterletzt doch als überwunden erklären -und sich als Tau im Tale niederschlagen. Die Erlbacher schlafen noch. -Warum sollten sie’s auch nicht! Sie feiern eben den Sonntag auf ihre -Art. Würden es ja doch nicht verstehen, daß so närrische Stadtleute -schon in der Nacht sich auf und davon machen, um den Aufgang der Sonne, -ihren Kampf mit den Nebelgeistern zu erleben. Nun schlaft nur zu! Um so -feierlicher wird es droben im prächtigen Waldesdom sein, der so nahe -schon seine Bogen schlägt und den Wanderer in sein geheimnisvolles -Reich ladet. Der friedliche Marktflecken liegt zurück, der Wanderer -zieht grüßend den Hut vor dem Hohen Brand und dem Kegelberg, den beiden -Torwächtern zum engschluchtigen, weltabgeschiedenen Landesgemeinder -Tal, Einlaß heischend. Steil steigt der Hochwald hinauf. In dusterem -Schatten steht die Mühle, feiernd, und daneben ein moderner Bau, -Holzbaracken als Unterkunft für erholungbedürftige Großstadtkinder. -Ein Blick durch die angelaufenen Scheiben fällt noch auf schlafende -Gesichter. Empfindliche Kühle herrscht im engen Tal, und der Mittag -wird wohl herankommen, bis die Sonnenstrahlen hier unten den dicken -weißen Reif auflecken werden. Das Auge wendet sich empor und sucht den -Weg hinauf in sonnigere Höhen, dorthin, wo der Wald in den klarblauen -Himmel ragt. Vom unteren Floßteich führt am Nordhang ein ansteigender -Saumpfad über den Wettinhain zur Paßhöhe hin. Beim Emporkommen gibt -der Wald ab und zu den Blick frei hinüber zu den südlichen Hängen und -hinunter ins idyllische Tal, durch das der Fahrweg in großen Windungen -sich bergwärts schlängelt und mit seinen Ebereschen einen gelbroten -Saum in das dunkle Grün des jenseitigen Fichtenwaldes webt. Aber das -dunkle Kleid zeigt jetzt auch im Innern viel Farbe. Verschwenderisch -gibt sie der große Maler Herbst in allen Schattierungen von Gelb, -Braun, Rot, Violett, und weckt ein ehrlich Entzücken. Alte prächtige -Buchen stehen am Weg. Kräftige Silberstämme tragen wohlgeformte Kronen; -kühn ragt ihr Gezweig gen Himmel, und ein Meer flüssigen Goldes und -Silbers wogt im sonnenwärts gerichteten Blick. Schnell bereit ist -die nie fehlende Begleiterin, die alte treue Strahlenfalle, zu einer -Gegenlichtaufnahme. Leider noch unzulänglich ist die Silberplatte, -vermag noch nicht das blendende Bunt wiederzugeben und verhilft -nur zu einem Schwarzweißbild, aus dem man nur in der Phantasie die -farbenprächtige Wirklichkeit erschauen kann. Lautlos fallen die -Blätter, unablässig, immerzu; am Boden schichtet sich das dürre Laub, -und raschelnd mahnt der Tritt an das große Sterben. Aber keine trüben -Gedanken kommen auf, sind nur frohgestimmt und glückerfüllt von dem -großen Wunder Natur, denken weiter, sehen auf dem kahlen Gezweig sich -die weißen Flocken häufen, die Brillantsternchen blitzen, braune -Knospen schwellen, gelbgrüne Seidenblätter werden, und hören das -sommerlich geheimnisvolle Raunen des dichten Blätterdaches wieder, als -wäre es heut. Herbst und Winter haben nichts Schreckhaftes mehr für -den Naturfreund, werden beide neben ihren anderen Brüdern gleichviel -geliebt. - -[Illustration: Abb. 9 =Der Kranichsee=[1] (930 ~m~) - -Soweit die verkrüppelten Sumpfkiefern wachsen, reicht das riesige -Hochmoor an der Grenze zwischen Sachsen und Böhmen, zwischen Erzgebirge -und dem Vogtland] - -[Illustration: Abb. 10 =Baumatzengrund zum Silberbach=, von links nach -rechts =Aschberg= (böhm. Seite) 936 ~m~ =Großer Rammelsberg= (963 ~m~) -und =Großer Hirschberg= (942 ~m~)] - -[Illustration: Abb. 11 - -=Silberbach und der Aschberg= (böhm. Seite) 936 ~m~] - -[Illustration: Abb. 12 - -=Obersilberbach=, von links nach rechts =Eselsberg=, =Spitzberg= (995 -~m~), =Plattenberg=, =Härtelsberg= (986 ~m~), Pferdhuth] - -[Illustration: Abb. 13 - -=Lichtung im Filzbruckwald. Der Zwieselbach=] - -Im Sinnen und Betrachten ist unmerklich die Höhe erklommen worden. -Schon schimmern durch das lichtüberflutete Gehölz die Dreirainsteine. -Geheimnisvoller Zauber webt um die alten Steine, liegt im -morgenfrischen Wald. Sonnenstrahlen stehlen sich herein, spiegeln -Regenbogenfarben in die nebeldampfende Luft und lassen im Gras und -Beerengestrüpp Tautropfen diamanten sprühen. Und doch betritt der Fuß -schon fremdes Land, erinnert der Wegebalken drohend, daß es noch gar -nicht lange her ist, als hier im herrlichen Waldgebiet die verbündeten -Wachtposten sich mißtrauisch gegenüberstanden, und niemand diese -scheinbar unverständliche Maßnahme verstehen konnte. Der Sklavenvertrag -hat die Binde von den Augen gerissen, Feindesland sollte das urdeutsche -Gebiet werden, das deutscher noch als das eigene Vaterland, deutsch -in seinen Ortsnamen, in seiner Bevölkerung, in seinem ganzen Wesen. -Nun ihr Machthaber in Paris und wo sonst überall noch welche sitzen -von unseren vielen Feinden auf der ganzen Welt, ihr habt euch alle -verrechnet. Niemals wird uns Deutsch-Böhmen vergessen, wird nur stärker -sein Deutschtum empfinden, und hoffen, hoffen! - -[Illustration: Abb. 14 - -=Der Hausberg= (715 ~m~) =bei Graslitz=] - -[Illustration: Abb. 15 - -=Das Markhausental=] - -[Illustration: Abb. 16 - -=Blick auf Klingenthal vom Bartelsberg aus=] - -Der Wanderer schreitet hinüber, fühlt sich von unsichtbaren Fäden -gezogen, empfindet so recht die lang entbehrten, altbekannten -idyllischen Winkel. Der Ursprung wölbt sich sanft hinan und bereitet -doch so prächtigen Blick nach allen Seiten. Waldreich ziehen sich -die beiden Markhausen Täler hinab. Drüben nordwärts schimmern ab und -zu die weißen Grenzsteine am Hang und lassen den reizenden Waldpfad -gen Klingenthal ahnen. Im Osten wallt noch der Nebel, im Westen aber -blinken die Häuser von Ursprung und Kirchberg im Sonnenschein und -hält das Felsenriff des Hohen Steins Wacht. Weiter südwärts wendet -sich der Wanderer, kreuz und quer durch Wald und Feld, naht sich dem -Schönauer Berg. Nun wird auch die Ferne nebelfrei, immer deutlicher -entschleiert sich das schöne Berggebiet. Tief unten dehnt sich der -Leibtschgrund und südwärts im Osten türmen schwarzhäuptige Bergriesen -eine wuchtige Horizontlinie auf. Liebe alte Bekannte sind es, Kiel, -Aschberg, Rammelsberg, Grünberg, Eibenberg, Hausberg, Glasberg, -Eselsberg, Plattenberg, Spitzberg, Muckenbühl, Härtelsberg und als -blaue Nebelferne das gewaltige Massiv des Kaiserwaldes. - -[Illustration: Abb. 17 - -=Herbststürme. Altensalz=, bekannt durch sein Salzlager] - -[Illustration: Abb. 18 =Steinkreuz aus der Franzosenzeit am Weg von -Kemnitz nach Gutenfürst= (oberes Vogtland)] - -[Illustration: Abb. 19 =Waldinneres aus Hermann Vogels Reich=] - -Eine Waldblöße am sonnigen Steilhang mit dem Blick auf das dunkle -Wäldermeer der Ferne ist der rechte Ort zum Rasten. Unter einer -schlanken feingliedrigen Birke wird der Mittagstisch gedeckt; den -Nachtisch liefert reichlich und billig der Wald. Erfrischend schmecken -die so völlig ausgereiften Heidel- und Preiselbeeren. In dem Laubgold -am weißen Stamm zu Häupten rauscht der Wind; so warm strahlt die -Sonne. Schmeichelnd umzieht Altweibersommer das Gesicht; sommerlich -lind und einschläfernd wirkt die Luft, daß der Wanderer ganz ungewollt -eingeschlafen ist. Obs nur ein Viertelstündchen war? Aber plötzlich -wird er wach, denn vor ihm steht ein junges Menschenkind, eine hübsche -Wanderin mit schelmisch fragenden Augen. Viel Schalk sprüht daraus und -ein wenig Spott über das unglaublich wirklichkeitszweifelnde Gesicht -des erwachten Schläfers. Und die schöne Unbekannte hat eigentlich -gar keinen Anlaß zum Spotten, hat sich im Wald verlaufen, weiß weder -Weg noch Steg, und heischt Auskunft über Woher und Wohin. Nun, einer -Dame den Weg zu zeigen, und dazu noch einer jungen, hübschen, fällt -einem rechten Wanderer niemals schwer. Und die Aussicht, als Begleiter -von so viel jugendfrischer Anmut nach dem Grenzstädtchen Klingenthal -wandern zu sollen, kann auch den einsamen Wanderer von noch so gut -ausgearbeiteten Wanderungen ablenken. Gar bald schwindet der Spott -aus den hübschen Augen und macht viel Freude Platz über das von -blendender Lichtfülle überstrahlte herrlich-schöne Landschaftsbild. -Dankbar wird die Erklärung all der unzähligen Namen hingenommen und -freudig werden Anstrengungen der Durchquerung tief eingeschnittener -Seitentäler der Zwodau überwunden. Wenn es auch keine Kleinigkeit ist, -bei sengenden Sonnenstrahlen vierhundert Meter tiefe, dachschräge -Steilhänge hinabzuklettern, um sie drüben wieder emporzuklimmen, so -ist es doch eine gute Kraftprobe und nötig, um auf geradem Weg noch -rechtzeitig den letzten Zug von Klingenthal zu erreichen. - -[Illustration: Abb. 20 =Herbstsonne. Gutenfürst= (oberes Vogtland)] - -[Illustration: Abb. 21 =Hermann Vogels Märchenwald= (oberes Vogtland)] - -[Illustration: Abb. 22 - -=Oelsnitz= (Vogtland)] - -Vom Falkenberg gleitet abschiednehmend der Blick hinüber in das -altbekannte Bergland, wo droben auf den Spitzen die letzten -Sonnenstrahlen feurig lohen, drunten in den Tälern aber schon die -Dämmerung ihre Flügel ausbreitet. Dann heißt es gewaltsam sich -losreißen von dem erhabenen Anblick. Eilend geht es tief hinab -ins Markhausen-Tal gen Klingenthal. Ein hindernd im Weg stehender -Gartenzaun muß überstiegen werden, denn der Zeiger der Uhr rückt -unablässig weiter, und der Zug wartet nicht. - -Ein naturliebend Herz aber ward entflammt beim Schauen des Landes -um Klingenthal und Graslitz und diesmal das einer jugendfrischen, -lebensprühenden, gertenschlanken Wanderin. - - [1] Siehe Mitteilungen Heft 6, Band III: Das Kranichseemoor bei - Carlsfeld im Erzgebirge, ein Naturschutzbezirk Sachsens von - Professor ~Dr.~ Arno Naumann. - - - - -Bergwinter - -Von _Curt Sippel_, Plauen - - -Einem kurzen vorweihnachtlichen Winter folgte eine schneelose -Jahreswende. Tagtäglich spannte sich blauer Himmel über der -schlummernden Flur, lockten warme Sonnenstrahlen zu neuem Werden. Schon -waren die linden Lüfte erwacht, standen frühlingsahnend die braunen, -warmen Schollen, schmückten sich die Haselnußstauden mit gelben -Gehängen und steckten die Weiden ihre weißbraun schimmernden dicken -Kätzchen auf. Nun armes Herze sei nicht bang, es wird sich alles, -alles wenden! Aber der Überkluge brachte es nicht zu dem neubelebendem -Stimmungsaufschwung, den ihm sonst die ersten Frühlingsboten erregten. -Zu bald noch; es kommt der Rückschlag, sagte ihm seine unfehlbar -überlegene Vernunft. Und sie hatte wie immer recht. Der Himmel verlor -sein blaues Leuchten, unter trübem Gewölk verkroch sich Frau Sonne, -nach Norden sprangen die Wetterfahnen. - -Heimlich, über Nacht, ging das weiche Flockengeriesel, ununterbrochen -millionenfach. Mit einem Schlage hatte der strenge alte Herr sein Reich -wieder in Besitz genommen. Und darob kein Trauern. Denn auch der rechte -Winter bringt der Freuden viele, und nicht zuletzt für die wandernden -Heimatfreunde. - -Was gibt es wohl schöneres, als am Sonntag hinauszuwandern in das -winterprächtige Gelände, um neue Kraft und neuen Mut für die Pflichten -und Lasten der Werktage zu suchen? - -Zeigt sich der Winter im unteren und mittleren Vogtland zuweilen in -voller Schönheit, so ist er doch da vielfach recht unzuverlässig -und nicht zu vergleichen mit dem echten Bergwinter, der seine fünf -bis sechs Monate regiert und nicht gleich von jedem milden Luftzug, -jedem Sonnenstrahl in die Flucht geschlagen wird. Er wohnt so nahe -vor Plauens Toren; drüben im südöstlichen Vogtland, wo sich die -Westausläufer des Erzgebirges bis zu stolzen Höhen von fast tausend -Metern emporrecken. Von dort leuchten die weißen Schneefelder lockend -herüber, wenn hier schon längst der Schnee geschmolzen ist, und ziehen -mit vielen unsichtbaren Fäden den Wanderer hinein in die so reizvolle -Winterwelt. - -Wie leicht wiegt gegen solch köstliche Gaben wohl das bißchen unbequeme -zweistündige Fahrt. Auch der Frühzug fünf Uhr acht Minuten wird -gewählt, denn das Frühaufstehen, eine Selbstverständlichkeit des -Wanderers, wird belohnt durch das erhebende Erleben des werdenden -Tages, des Sonnenaufgangs draußen im heiligen Frieden stiller Höhen. - -Viel Wanderer schauen aus dem gen Muldenberg fahrenden Zug dem -kommenden Tag entgegen. Hinter den Auerbacher Bergen überzieht sich -der Nachthimmel mit dem kalten Schein des Morgendämmerns. Im schnell -zunehmenden Licht verliert das einförmige Taktschlagen rollender Räder -seine einschlummernde Wirkung. Die immer deutlicher hervortretende -Landschaft fordert Beachtung. Wie der Zug die große Schleife um -Falkenstein zurückgelegt hat und sich keuchend die Höhe nach Grünbach -hinanwindet, flammt das goldene Leuchten der Sonne hinter den -dunkelblauen Waldlinien der Schneeberge empor. Von den fernen, weißen -Flächen herab geht ein blendendes Gleißen und in der Nähe erstrahlt das -vom Licht getroffene pulvrische Weiß im glitzernden Funkengeriesel. -Mit dem Blau des Winterhimmels ist das tiefeingeschnittene, noch im -Schatten liegende Göltzschtal übergossen, kaltes Blau auch liegt im -schattigen Hochwald, der nun den Zug umsäumt bis ihn die Wanderer -in Muldenberg verlassen. Der Bahnhof und ein Wirtshaus sind in -siebenhundert Meter Höhenlage die einzigen sichtbaren Siedlungen -auf kleiner, hochwaldumgebener Fläche; majestätischer Winterwald -schlägt seine Bogen. Da unterzutauchen, alles Häßliche, Leidvolle des -Lebenskampfes vergessend, ist wie Erlösung. - -Sonnenüberstrahlt, lichtspiegelnd liegt das weiße Schneedach auf Baum -und Strauch, weißzuckerig umschmiegen Reifgebilde Gestämm und Gezweig; -blendende Helle herrscht im sonst so finsteren Wald; im Funkensprühen -dehnt sich die weiße Decke am Boden. Staunend erfaßt das Auge das große -Heer der sich aneinanderreihenden Stämme. Aber nicht immer ist diese -märchenhafte Pracht, dieser stille Frieden im Winterwald. Erst im Kampf -der Elemente sind sie geboren. Graue Wolken trug der Himmel, tief und -schwer, schüttelte die Flocken dicht herab, daß sie des Tages Licht -verfinsterten; Sturm griff hinein und peitschte die wirbelnden Massen -dahin, türmte sie hoch im Walde. Wehe dem einsamen Wanderer, der sich -verirrte, den die Kräfte verließen im Ringen mit dem weißen, weichen -Hindernis! Gierig lauert darin der griffbereite Knochenmann; findet -alljährlich seine Opfer. - -Schwer wuchtet die weiße Last auf den windgebeugten Wipfeln des -Hochwalds. Ein Zittern geht durch die starken Stämme, manch kraftvoll -ragender Baum knickt mitten entzwei, schlägt mit dumpfem Klang -sein stolzes Haupt zur Erde. Mischt sich mit dem Ächzen der Bäume -nicht unheimliches Gelächter? Der Wintersturm freut sich seines -Vernichtungswerks, braust weiter, sucht neue Opfer. Als er sich -ausgetobt, führen viel zersplittert ragende Baumstümpfe stumme Klage. -Wanderer, auch hier im Zauberbann des Winterreichs das überall -gewärtige ~memento mori~. Und wolltest doch vergessen das Schwere -am Wege des Lebens. Ja heute ist Frieden, genieße drum; folge den -lockenden Sonnenstrahlen. - -Mählich steigt das Gelände bergan. Längst zurück liegen die letzten -Wegespuren. Knietief türmt sich der Schnee. Hindurch winden sich -die Wanderer. Einer tritt Bahn, bis andere ihn ablösen, reihum, -im Hochgefühl starker Einigkeit. In achthundert Meter Höhenlage -strebt der Schneckenstein als schwer besteigbarer Eisblock aus dem -Walde empor. Sonst bietet sich von ihm bei klarer Sicht ein Blick -fast über das gesamte Vogtland und weiter bis hin zum Frankenwald -und den Thüringer Bergen. Immer höher führt der Weg hinan, immer -schöner wird die Winterpracht des Waldes. Am nördlichen Gipfel -des neunhunderteinundvierzig Meter hohen Kiel zeigen sich wieder -menschliche Wohnungen. Die windumtosten Häuser Winselburg sind es, -von Reifgebilden umsponnen. Einsam liegen sie hier oben, stehen in -unberührten Höhen, und ihre Fenster blicken hinaus auf ein prächtiges -Gipfelland. Nordostwärts öffnet sich der Blick auf das Walddörfchen -Gottesberg, bekannt durch seine Bingen, und die zerstreutliegenden -Hütten von Mühlleithen, von winterlichen Berghäuptern umfriedet. Nach -dreistündigem Weg winkt im Buschhaus erste Rast. Bald sind die Wanderer -wieder unterwegs. Ostwärts, über bahnlose Schneeflächen, durch alten -Hochwald, an verschneiten Bächen dahin, bergauf, bergab streben -die Freunde und finden des Staunens kein Ende über den berückenden -Zauber wintereinsamer Bergwälder. Steiler werden die Hänge, immer -tiefer liegt der Schnee; mehrere Seitentäler vereinigen sich zu einem -großen, dem des Heroldsbachs, der im raschen Lauf seine kristallenen -Wässer der großen Pyra zuführt. Die Wanderer sind im Gebiet des -großen Rammelsbergs (neunhundertfünfundsechzig Meter), des höchsten -Bergs im Vogtland, und können seine mächtige Gestalt von dem einsamen -Waldweiler Sachsengrund aus deutlich überschauen. Vergebens winkt am -Wege das Wirtshaus. Weit noch ist der Pfad und beschwerlich, darum -rüstig vorwärts. Das Niederschlagsgebiet des Markersbachs mit seinen -beiden neunhundert Meter hohen Bergrücken ist noch zu überwinden. Dann -wird die Grenze des Vogtlands überschritten und beim schneereichen -Wintersportplatz Carlsfeld zum Wasser der Wilzsch hinabgestiegen, die -wohlverdiente Mittagsrast bei Vater Arnold zu halten. Frohe Stimmung -herrscht, als die dampfenden Schüsseln kreisen. Aber allzulang darf die -Rast nicht dauern, noch ist das Ziel nicht erreicht, wenn es auch keine -allzu großen Anforderungen mehr stellen wird. Auf gutgebahnter Straße -nach Wildenthal wandert sichs leicht, nur der steile Zickzackaufstieg -zum Auersberg von siebenhundert bis tausend Meter hinauf wird die -letzte Prüfung sein. - -Es dunkelt bereits, als der Anstieg beginnt; und als die vielen -zurückgelegten Wegewindungen endlich dem Gipfel zuführen, hat sich -eine klare Winternacht auf die Natur herniedergesenkt. Sterne blitzen -auf, und das Silberlicht des Mondes hebt die hohen Nachbarberge aus -der Landschaft deutlich heraus, leuchtet hinunter auf das nach Norden -ziehende tief eingeschnittene Tal der großen Bockau. Am Weg stehen -wunderliche, tierähnliche Gestalten. Verschneite, eisbehangene, -bereifte Bäume sind es, die Wächter des Berges. Plötzlich dringt durch -den Wald aus der Ferne warmer Lichtschein, locken verheißend die -Fenster des Berghauses. Glück auf zum Willkomm! - -Berghausstimmung! Welchen Wanderer hat wohl noch nicht das eigenartige -Gefühl durchrieselt? Gedanken der Höhe! Stolze Berggipfel allein sind -nahe, fern aber, drunten in den Tälern, ist der Menschenkampf. Kein -Laut dringt von dort herauf. Kraftvoll entwickelt sich der Sinn zur -Freude am Schönen und Edlen, und gut ist der Boden bereitet für die -heimattreuen Lieder der Erzgebirgssöhne Günther und Soph. Nie werden -die schlichten Volksweisen mit mehr Innigkeit gesungen, als droben auf -den Berghäusern. Eigenartige Macht wohnt in ihnen, zwingt Heimische und -Fremde in ihren Bann. Schwer nur reißen sich die schon zu einer großen -Familie gewordenen fremden Gäste los, um zu ruhen. - -Bergwind rauscht ums Haus, singt das Schlaflied und gibt die Töne zu -des Wanderers Traummotiv »’s is Feieromd, das Tagwerk is vollbracht«. - -Verstohlene Sonnenstrahlen dringen durch die Ritzen der Fensterläden -ins Zimmer und bringen den Schläfer zum Erwachen. Wie schnell ist er -da bei klaren Gedanken. Hei! Die Sonne scheint, da gibts Fernsicht! -Ein Glück, das oft erst mit vielen vergeblichen Besuchen des Berges -erkauft werden muß. So schnell wie heute hat er sich wohl lange nicht -angekleidet. Auch die andern haben es eilig gehabt, sind schon im -Gastzimmer versammelt. Schnell noch den Morgentrunk, dann aber hinaus -zum rauhreifüberzogenen Turm und hinauf bis zum vereisten Eisengestänge. - -In eine Wunderwelt blicken Augen, in ihrem Zauber versinken Gedanken, -nur Entzücken erweckt das sonnige Bild so vieler Berge und Täler, über -denen sich von den weiten, weißen Horizontlinien herüber der tiefblaue -Himmelsdom wölbt. Erhaben ist der Eindruck, unverwischbar prägt er sich -im Gedächtnis ein, unvergessen wird er bleiben. - -Nur schwer können sich die Wanderer von dem Ort des Erdenentrücktseins -trennen. Doch sie tragen Freude mit heim und Stolz, daß deutsches Land -so schön ist. - - - - -Deutsche Heimat -- deutsches Lied - -Ein Beitrag für Beseelung der Zeit - -Von _Max Zeibig_, Bautzen - - -Ein merkwürdig Jahr ist von uns gegangen und in das ewige Meer -der Vergessenheit hinabgetaucht. Es strahlte Heiterkeit in einem -sonnenhellen Frühling und brachte einen Sommer, der voll köstlicher -Reife war. Der Herbst kam und stand in tiefem, lachenden Blau über uns, -immer in Klarheit und Schönheit. Erst der späte November verhing den -Himmel mit düstren Wolken, und die herbstlichen Schauer ließen daran -denken, daß es ein dunkles, kummervolles, leiderfülltes Jahr gewesen. - -Das Neue kam mit Sturm und Regen, ganz, als wollte es bedeuten, daß -deutsche Notzeit ist, sonnenarm und freudenleer. - -Ein Wort genügt, um diese Stimmung zu rechtfertigen: Oberschlesien! -Verlornes Land ringsum im deutschen Reiche, und das deutsche Volk wird -von Erschütterung zu Erschütterung geworfen. Bricht ja einmal ein -lichter Hoffnungsstrahl in das Dunkel der Zeit, so wird er nur zu bald -wieder von düsteren Wolken verdämmt. Der Grundzug unseres Lebens aber -bleibt Leid. Freilich sind der Tränen schon viel geweint, und eine -stille Ergebung hat dem lauten Schmerz Platz gemacht. Hierin liegt -allerdings die Gefahr, daß das Volk in seiner Gesamtheit apathisch -wird. Dann führt das Leid zur Schwäche. Wir müssen darum Quellen des -Trostes und der Kraft suchen und daraus schöpfen. Solche Quellen -scheinen mir Heimat und Lied. - -Es sind zwei Worte, die so schlicht und bescheiden klingen, und -doch vermögen sie uns über die Armutei unseres Lebens zu erheben; -denn sie haben etwas von jenem unverlierbaren Reichtum in sich, der -seit Jahrhunderten in den deutschen Seelen lebte. Man kann reich -sein und unendlich arm an Freuden, und man kann arm sein und großen -Herzensreichtum besitzen; wir müssen nur das unsagbar große Glück -erkennen, das im Kleinen verborgen ruht. Ein solches Glück ist uns in -aller Not die Heimat. - -Früher wanderten wir hinaus in die weite Welt, wohl gar um die -ganze Welt; die Heimat selbst aber blieb uns oft ein verschlossenes -Buch. Jetzt bannt uns die Not an die Scholle. Vielleicht liegt -hier in allem Unglück ein Glück. Wir werden untereinander inniger -zusammengeschmiedet. Es geht eben nicht mehr an, daß wir dem Volke -Klassenhaß predigen, wenn anders wir uns nicht unser eigenes Grab -graben wollen; wir werden fester im Boden verwurzelt und erkennen -staunenden Auges die großen Schönheiten der Heimat. Als wir im Felde -waren, brannten unsere Seelen in Heimweh, nun, da wir heimgekehrt sind -aus Schlacht und Grauen schmeicheln wir dem schmerzensreichen Wort -aus harten Kriegsjahren und erkennen in ihm den Garten glückseliger -Kinderzeit und sehen in ihm die heilsame Trösterin bis in die -Abendschatten unseres Menschenlebens. Und so liegt in dem Worte Heimat -eine selige Hoffnung auf bessere Zeit. - -Unsere Kinder nehmen wir in frommer Andacht bei den Händen und erziehen -sie im tieferen Sinne des Heimatschutzes, lehren sie über und hinter -die Dinge sehen, bauen ihre Herzen zu Hütten, darinnen die Heimatliebe -erblüht aus Freude an der Heimatschönheit und darinnen Heimattreue -wächst als gesunde Frucht. Solche Heimatgefühle aber sind die besten -Grundlagen zu einem bewußten Deutschtum, zu dem wir uns und unsere -Jugend erziehen müssen, wenn wir endlich einmal aus all dem deutschen -Leid heraus wollen. - -Wo wir die Spuren der Heimat suchen und auf ihren Wegen gehen, ist uns -im deutschen Lied ein treuer Begleiter zur Seite. Fremd ist der stillen -schönen Heimat der Gassenhauer, jener Sang, der sich wie eine feile, -geputzte Dirne buhlerisch aufdrängt, jener Sang, der immer geistloser -und verblödeter wird und einer allgemeinen Entsittlichung nicht nur in -der Großstadt, sondern auch auf dem einst so gesunden Lande den Weg -liebedienerisch bereitet. Die Heimat will ein Volkslied, das in seiner -Schlichtheit ist wie eine Blume im tiefen Wiesengrunde, das da klagt: - - »Es ist bestimmt in Gottes Rat, - das man vom Liebsten, was man hat, - muß scheiden,« - -das da scherzt: - - »Horch was kommt von draußen rein! - Holla hi, holla ho, - ist das nit mein Schätzelein? - Holla hi, hallo,« - -das überhaupt für alle und jede Lebenslage, für alle und jeden Beruf -ein rechtes, inniges Verstehen hat. Und man muß nicht etwa meinen, daß -im deutschen Liede nur etwas Weiches, zum Sentimentalen Neigendes lebe, -daß es etwa unmännlich sei. Wie sprudelt darin der Humor, wie lebt es -von Trotz und Kraft! Und etwas Humor und Trotz und Kraft vor allen -Dingen brauchen wir wieder, wir Männer, und ein kernhaft trotziges Wort -dazu: _Und doch!_ - -Wohl ist es wahr: das harte Zeitalter der Maschine hat uns gemütsärmer -gemacht, Krieg und Revolution haben darüber manch frohen Mund -verstummt. Tagtäglich schlagen harte Hammerschläge auf unser Herz, -das oft nur noch zucken kann, wo es einst gejubelt hat. Die Ideale -schwinden vor einem erschrecklichen Materialismus und Egoismus, daß wir -schauernd vor diesem Antlitz des Lebens stehen. - -Besinnen, Einschau und Umkehr tuen not! Das deutsche Wesen, das -Edeldeutsche muß wieder lebendig werden. Die Stillen und Feinen und -Besten müssen sich vereinen, denn nur von innen heraus kann die -deutsche Erneuerung kommen. Alles andere äußere Operieren wird Stück- -und Flickwerk bleiben. - -Die Heimat, als seelischer Wert aufgefaßt, soll unser gemeinsamer Anker -sein, der uns rettet; das Volkslied aber, aus der Gemeinschaft heraus -geboren, soll uns wieder einen und versöhnen und zur wahren, echten -deutschen Volksgemeinschaft führen. Die Heimat soll in uns lebendig -werden, und die alten Lieder sollen von neuem heiß emporflammen, -geschürt an heiligen Bränden, sollen leuchten und klingen dem -Opferaltar des Vaterlandes, so, wie es der Dichter meint: - - »Der Kraftgesang soll himmelan - mit Ungestüm sich reißen, - und jeder echte deutsche Mann - soll Freund und Bruder heißen!« - - - - -Der müde Weber - -Von _A. Eichhorn_, Glashütte - - -Nicht Friedhof, sondern Gräbergarten sei das Stück Land genannt, wohin -die Bewohner des Oberlausitzer Industrieortes Neugersdorf ihre Toten -tragen. Ja ein Garten ist’s, darin alles Wohlmaß und Ordnung zeigt. -Die Schönheit wacht hier an den Stätten der Entschlummerten. Gar -seltsam überkommt es dem Wanderer in diesem Garten der Vollendeten. -Das schaffen die ungezählten dunklen Lebensbäume, die hängenden -Birkenzweige, durch die beim leisesten Lufthauch ein geheimnisvolles -Zittern geht, die glänzenden Eichenblätter, die trauernden Weiden am -Teiche, die Hecken und Gruppen von mancherlei Ziergesträuch. Und wenn -an sonnigen Gilbhardtstagen sich abertausende Blätter verbluten, jedes -Strauchwerk in einem anderen Farbenfeuer brennt, dann wird das Sinnen -des Schauenden zum Höheren gelenkt. An einem Hügelabhang hinauf breitet -sich der Totengarten. Ein junges Fichtenwäldchen begrünt den Hochpunkt. -Jede Grabstätte ist ein Gärtlein für sich, fröhliches Schnabelvolk -wohnt in der malumschließenden Hecke, dem Ruhenden das Schlummerlied -singend. Wohl sind auch Reihengräber zu finden, doch liegen sie auf -kunstvoll im Garten verteilten Wiesenplätzen, umschlossen von Strauch -und niedrigem Baum. - -Und die Grabmale in diesem Gräbergarten? Gar viele sind, die allgemeine -Sinnbilder tragen: Aus der Urne bricht die Flamme, der verrieselte Sand -im Stundenglas kündet vom abgelaufenen Leben und die Flügel daran, daß -sonnenhin die Seele schwebt. Efeuüberquollen liegen die Hügel, Rose -und Lilie sprechen von Liebe und Unschuld, auch von süßem Schlummer. -Kinderengel knien und beten. Weitesten Gedankenlauf lassen diese Male -in dem Gedankenkampf um Bejahung und Verneinung, in dem sie Versöhner -sein wollen. Aber es stehen auch Male am Hügelabhang, die der Künstler -so formte, daß sie ein Stück Geschichte des Verschiedenen künden. Das -Grabmal auf unserm Bilde erzählt dem Kundigen auch die Geschichte des -Ortes, darin der Tote einst lebte. - -[Illustration: Abb. 1 - -=Alte Weberleute am Webstuhl= (Gezehe) =und Spulrad= - -(Neugersdorf)] - -Von Strauchwerk beschattet, sitzt der müde Weber auf einem Steine. -Schweiß rann über seine Stirne, darum legte er den Warensack, aus dem -ein Warenballen heraussteht, neben sich, nahm seinen Hut ab, wählte -einen Stein am Wege zum Ruheplatze, die Hände auf den Wanderstock -stützend. Welche Geschichte spricht das eherne Mal? Der Vater des -hier im Grabe Ruhenden war einer von den alten Weberfabrikanten, die -mit vollgepacktem Warensack auf die Messe nach Leipzig »gingen« oder -mit dem Schubkarren dorthin fuhren. Auch besuchten sie die Dresdner -Märkte. Dann wurde der Weg mit eben genannter Ausrüstung an einem Tage -zurückgelegt. Welche Leistung! Mitunter fuhren sie stückweise mit -einem Fuhrwerke. Auch auf die Messen nach Frankfurt a. d. Oder und -nach Breslau brachten die Fabrikanten die Neugersdorfer Webwaren. Ums -Jahr 1780 meldet die alte Ortschronik den ersten Messebesucher. Weiter -erzählt sie: »Ums Jahr 1810 gingen etwa sechs Fabrikanten nach Leipzig. -Jetzt (1857) zählen wir deren an dreißig, welche in- und ausländische -Messen besuchen und Tausenden Brot und Unterhalt geben.« Da waren gar -oft in jener Zeit solche müde Weberfabrikanten am Wegrande zu schauen. - -[Illustration: Abb. 2 - -=Ein Weberfabrikant der auf die Messe »geht« ruht auf einem Stein aus= - -(Grabmal auf dem neuen Friedhof in Neugersdorf)] - -Aber diese Männer waren nicht nur darauf bedacht, ihre Waren zu -verkaufen, sondern sie brachten auch Neuerungen für den Webbetrieb mit -nach Hause. So verbesserten sie die Webstühle, stellten Zwirn- und -Treibmaschinen auf, waren diejenigen, die den Erfindungen ihrer Zeit -sogleich die Tür zur Webstube, zum Websaal öffneten. Und als eines -Tages im Dorfe der erste Dampfwebstuhl die Arbeit begann, da ahnten -die Hauswebstühle nichts Gutes für sich. Mochten sich Hausweber und -»Gezehe« auch noch so sehr anstrengen, sie vermochtens dem Neuling -nicht gleichzutun. Beide wurden mit jedem Jahre lebensmüder. Bis zu -dieser umgestaltenden Neuerung standen in mancher Lausitzer Wohnstube -vier Gezehe, dazwischen Spulrad und Treibrad. Die ganze Familie -war eine Arbeitsgemeinschaft. Es waren die kleinen Leute mit der -überperlten Stirn. Früh um fünf Uhr begann das »Klappern«, abends um -zehn Uhr wurde Feierabend gemacht. Zwei Taler acht Groschen konnten -bei dieser täglichen Arbeitszeit in einer Woche »erklappert« werden. -Kam Weihnachten, Ostern oder Pfingsten heran, dann wurde an den Tagen -vorher bis ein oder zwei Uhr morgens »gewürkt«, um die feiernden -Stunden wieder herauszuschinden. Doch waren die Leute zufrieden. -Mancher Volksvers vom Lausitzer Weberleben spricht von Armut und -Zufriedenheit. Der Dampfwebstuhl verdrängte einen Hauswebstuhl nach dem -andern. Und wie die Haustreiberei in kurzer Zeit ausgelebt haben wird, -so ist auch der Tag nahe gerückt, an dem der letzte Hauswebstuhl und -sein Spulrad stillstehen. - -Während aber im Dorfe dreißig hohe Schornsteine qualmen neben -mehrstöckigen langen Fabrikgebäuden, darinnen die Maschinen sausen, -ununterbrochen die schweren Kohlenwagen über die Brücke knarren, -darunter lange Güterzüge rollen, Lastautos und festgebaute Rollwagen -die Kisten mit Hosen-, Blusen-, Hemden- und Kleiderstoffen, Webstühle -und Maschinenteile zum Bahnhof bringen, aus den Essen der Kupolöfen in -den Eisengießereien die Funken sprühen, steht der alte Dorfbewohner -im stillen Gräbergarten vor diesem müden Weber und träumt von -»Massegiehn«, »Gezehe«, »Spulradl« und »Treiberod«. - - - - -Denkmalpflege in Sachsen - -Von ~Dr.~ _Bachmann_ - -Mit Aufnahmen aus dem Denkmalsarchiv in Dresden - - -Dem Beispiele der anderen Bundesstaaten folgend, hat nunmehr auch -Sachsen seit September 1920 einen staatlichen Denkmalpfleger berufen. -Nach der Verordnung des Ministeriums des Innern vom 10. August -1920 besteht von da ab das Landesamt für Denkmalpflege aus dem -Denkmalpfleger und dem Denkmalrat, welch letzterer in der Hauptsache -seine alte Zusammensetzung behalten hat. - -Das Landesamt selbst hat seit dem Sommer dieses Jahres eigene -Diensträume im alten Palais Wackerbarth (Dresden-N., Niedergraben -5) bezogen, in denen nunmehr auch die Plan- und Bildsammlung des -Denkmalarchivs untergebracht ist, für dessen öffentliche Benutzung ein -Arbeitszimmer bereit gestellt wurde. - -Mit diesen Umgestaltungen hat die Denkmalpflege in Sachsen einen -wichtigen Schritt nach vorwärts getan und eine breitere Grundlage für -den weiteren Ausbau gewonnen. Daß dieser dringend nötig ist, haben ja -die Erfahrungen der Jahre nach Kriegsende mit betrüblicher Deutlichkeit -und Eindringlichkeit bewiesen. In unseren Tagen des ausgeprägten -Materialismus, der Gleichgültigkeit und Verflachung des Empfindens -gegenüber Kulturwerten in weitesten Kreisen, ist dem Kunstbesitz des -Landes eine fast schwerere Gefahr entstanden, als sie je wohl ein Krieg -innerhalb der Grenzen hätte mit sich bringen können. Weite Kreise, die -früher mit Liebe und Verständnis sich ihres angestammten Kunstbesitzes -annahmen und ihn als treue Hüter für ihre Nachkommen wahrten, sind -durch die Not der Zeit gezwungen, ihn zu veräußern, oder aber ermangeln -besten Falles der Mittel, ihn in guter Pflege zu erhalten. - -So erwächst der staatlichen Fürsorge die Aufgabe, für den übernommenen -Kunstbesitz zu sorgen, in ständig erhöhtem Ausmaße, aber mehr denn -bisher möchte hier neben die aufklärende und beratende Stimme der -berufenen Helfer der Denkmalpflege die Hilfe durch die Tat seitens -der verantwortlichen Stellen treten, soll nicht in absehbarer Zeit -unendlicher Schaden an Sachsens Kulturgütern geschehen. Um der nach -der Revolution in höchstem Maße gestiegenen Gefahr der Abwanderung -und Verschiebung wertvollen und für die Heimat unersetzlichen -Kunstbesitzes ins Ausland zu begegnen, wurde vom Reiche am 8. Mai 1920 -ein Kunstschutzgesetz erlassen, zu dem die Bundesstaaten, darunter -Sachsen, noch ihre besonderen Ausführungsbestimmungen erlassen haben. -Diese ergingen für unser Land am 1. April 1921 und sollten von allen -Privatpersonen, Vereinen und Vereinigungen des Privatrechts, die sich -im Besitze von Gegenständen befinden, »die einen geschichtlichen, -wissenschaftlichen oder künstlerischen Wert haben, und deren Erhaltung -im öffentlichen Interesse liegt«, wohl beachtet werden. - -Hierher gehört vor allem auch der reiche Kunstbesitz unserer -Kirchgemeinden und der der alten Innungen. Für ersteren hat das -evangelisch-lutherische Landeskonsistorium unter dem 1. Juli 1921 -noch besondere Ausführungsbestimmungen erlassen, wonach Verzeichnisse -der in Frage kommenden Gegenstände aufzustellen und zeitweilig -nachzuprüfen sind. Über den Vereins- und Innungsbesitz werden -anderseits im Ministerium des Innern Listen nach Eintragsvorschlag der -Kreishauptmannschaften und nach Gehör des Denkmalpflegers oder anderer -Sachverständiger geführt. - -»Zuständig für die Genehmigung der Veräußerung, Verpfändung, -wesentlichen Veränderung (Ortsveränderung!) oder Ausfuhr eines -geschützten Gegenstandes ist das Ministerium des Innern, sofern es sich -jedoch um Gegenstände im Besitz von Stadt- oder Landgemeinden handelt, -die Kreishauptmannschaft.« (Absatz V der Ausführungsbestimmungen. -- -Sächs. Gesetzblatt 1921, S. 101.) - -Mag auch manchem zeitgemäß Denkenden ein solcher gesetzlich -festgelegter Kunstschutz als Eingriff in private und angeerbte -Rechte erscheinen, so wird doch jedem Freunde unserer Heimat und -ihres Kulturbesitzes, der mit offenen Augen verfolgte, was in den -letzten Jahren auf dem Kunstmarkte vorging, eine gesetzliche Handhabe -willkommen sein, die hier ein Eingreifen gestattet und retten hilft, wo -noch zu retten ist. - -Trotz seiner ständig schwieriger sich gestaltenden finanziellen Lage -hat das Landesamt im Kriege und in den folgenden Jahren die Arbeit -nicht ruhen lassen und es soll hier in Kürze den Freunden unserer -Bestrebungen aus der Fülle des bearbeiteten Materials einiges im -Beispiel geboten werden. - -Wie bisher, so lag auch in den vergangenen Jahren die praktische Arbeit -des Landesamtes in der Hauptsache auf dem Gebiete der kirchlichen -Kunst, und beträchtlich ist die Zahl der Ölgemälde, Altaraufsätze, -Kruzifixe usw., die in dieser Zeit als Kranke und Invalide in die -Werkstätte des Landesamtes eingeliefert wurden, und die nun wieder in -alter Schönheit die Dorf- und Stadtkirchen unserer sächsischen Heimat -zieren. Mannigfaltig und zahlreich sind diese Krankheiten, und die -jahrzehntelange Übung und Erfahrung der Künstler und Restauratoren der -Werkstätten gehört dazu, deren Ursachen richtig zu erkennen und die -geeigneten Heilmittel dafür zu finden. - -Wie aber der kranke Mensch selten gut dabei fährt, wenn er einem -Kurpfuscher sich anvertraut, so mag auch an dieser Stelle einmal -eindringlich davor gewarnt werden, die Wiederherstellung kranker -Kunstgegenstände Leuten anzuvertrauen, denen keine Erfahrung in diesen -Dingen zugestanden werden kann. Gurlitts kleines Werk »Die Pflege der -kirchlichen Kunstdenkmäler« kann hier ein guter Führer und Wegweiser -sein. - -Im Kriege noch wurde der mächtige Altaraufsatz aus der Nikolaikirche in -Döbeln, der dringend der Erneuerung bedürftig war, in die Werkstätten -des Landesamtes überführt. Das in Holzplastik und Malerei auf das -reichste ausgestattete Kunstwerk ist ein Flügelaltar aus katholischer -Zeit, und gehört mit seinen Abmessungen von fast elf Meter Höhe und -fünf Meter Breite zu den größten der in Sachsen noch erhaltenen -Altarschreine. Der Meister, der dies Kunstwerk schuf, ist nicht -bekannt, doch rät Steche auf einen Meister Hans Degen aus Dobeleyn, der -auch den Hauptaltar der Kreuzkirche in Dresden in den Jahren 1513 bis -1515 fertigte. - -Die kostspieligen und umfangreichen Erneuerungsarbeiten wurden von den -Künstlern des Landesamtes mit bestem Erfolg durchgeführt und der Altar -Pfingsten 1919 an Ort und Stelle wieder aufgerichtet. - -Der große, herrliche Altaraufsatz aus der Kirche zu Ehrenfriedersdorf, -ein künstlerisch hoch zu bewertendes Werk des beginnenden sechzehnten -Jahrhunderts, ist der Öffentlichkeit durch eine vieljährige Aufstellung -in der Gemäldegalerie zu Dresden bekannt geworden. Auch dieser war -dem Landesamt als dringend erneuerungsbedürftig anvertraut worden und -wurde durch seine Werkstätten sachgemäß instand gesetzt. Jetzt ziert er -nun wieder die malerische alte Kirche des Erzgebirgsstädtchens, deren -massiver Turm noch heute das charakteristischste Wahrzeichen im Stadt- -und Landschaftsbilde ist, wenn er auch seines hohen mittelalterlichen -Wehraufbaues schon seit langem verlustig gegangen ist. - -Ein recht interessantes Stück sächsischer Plastik des Mittelalters -stellt ein Flügelaltar vor, der für die Gemeinde zu Plohn im Vogtlande -im Jahre 1918 in den Werkstätten wiederhergestellt wurde. Eine fein -empfundene und gut durchgebildete Madonnenstatue der spätgotischen -Zeit steht im Mittelschrein vom Strahlenkranze umgeben, in den Flügeln -zu beiden Seiten die Figuren der heiligen Katharina und der heiligen -Barbara. Deutlich läßt aber bei diesem Beispiel die Umrahmung des -Schreines die Übergangszeit und die Formensprache der nunmehr neu -auftretenden Renaissance erkennen. Noch späterer Zeit entstammt die -zugefügte hölzerne Predella. Der Altar, der lange Jahre in einem Raume -des Plohner Rittergutes aufbewahrt wurde, ist nach der Erneuerung -wieder in der Dorfkirche zur Aufstellung gekommen. - -Die neue Jakobikirche zu Freiberg besitzt seit alters einen großen -Schnitzaltar, den der Meister Bernhard Diterich, Bildhauer und -Bildschnitzer zu Freiberg im Jahre 1610 anfertigte. Reich bewegte -Reliefs in Holzschnitztechnik füllen hier die einzelnen Felder des -architektonisch gegliederten Aufbaues. Das ganze Kunstwerk war -jedoch derart vom Holzwurm zerfressen, daß eine durchgreifende -Imprägnierung sich nötig machte, die im Herbst vergangenen Jahres -durch die Werkstätten des Landesamtes mit vollem Erfolg und an Ort -und Stelle durchgeführt wurde. Gleichzeitig wurde auch ein kleineres -Schnitzaltarwerk desselben Meisters Diterich, das sich in der Kirche zu -Kleinschirma befindet, erneuert. - -Noch viele andere Kunstwerke von Wert harren in den sächsischen -Kirchen der dringend nötigen Auffrischung, aber zu gering sind leider -diesen Anforderungen gegenüber die Mittel, die zur Verfügung gestellt -werden. So muß sich die Konservierungstätigkeit des Landesamtes in der -Hauptsache auf kleinere Stücke beschränken. - -[Illustration: Abb. 1 - -=Plohn, Altar, geöffnet nach der Wiederherstellung=] - -Manch schönes Kunstwerk wäre da zu nennen, das im Laufe der letzten -Jahre seine Auferstehung von einem Kirchenboden herab gefeiert hat. -So hat unter anderem die große, freundliche Kirche zu Mildenau -im Erzgebirge sich eine kleine »Pieta« von edler Formensprache -wiedergeschenkt, die nun heute zusammen mit Teilen alter Flügelaltäre -das Kircheninnere ziert. Eine größere, sehr schöne Beweinungsgruppe -wurde in gleicher Weise für die Kirche zu Hilbersdorf wieder -vorgerichtet, und es ist erfreulich zu bemerken, daß mehr und mehr doch -gerade diesen, durch Tradition und Kunstwert gleichermaßen geadelten -Erzeugnissen einer vergangenen Zeit wieder Liebe und Verständnis -entgegengebracht wird. Freilich sind auch, trotz aller Bestrebungen -von Denkmalpflege und Heimatschutz noch immer betrübliche Fälle -von Vernachlässigung, Gleichgültigkeit, wenn nicht Schlimmerem zu -verzeichnen. - -[Illustration: Abb. 2 - -=Hilbersdorf, Gruppe der Pieta vor der Herstellung=] - -Mit der sich wieder regenden Bautätigkeit beginnt auch vielen Ortes -wieder die Pflege der Kirchengebäude in Fluß zu kommen. Im Kriege noch -wurde die kleine, reizvoll im Landschaftsbilde gelegene Kirche zu -Harthau bei Chemnitz auf Anregung des Landesamtes erneuert und so vor -dem Schicksal des Abbruchs, das ihr nach Errichtung der neuen Kirche -drohte, glücklich gerettet. Noch während des Krieges trat man dem -Gedanken näher, den stimmungsvollen Kirchenraum als Gedächtnishalle -im Sinne einer Kriegerehrung auszugestalten und 1915 wurde bereits in -diesen Blättern darauf eingegangen. Jetzt scheint der Gedanke Form zu -gewinnen und seiner Verwirklichung entgegenzugehen. - -[Illustration: Abb. 3 - -=Innenansicht der Kirche zu Großrückerswalde= (Zustand Mai 1921)] - -Die prachtvolle alte Wehrkirche zu Großrückerswalde bei Marienberg, -eine der wenigen und schönsten der von ihrer Art in Deutschland -überhaupt erhaltenen, hatte durch Wind und Wetter auf ihrer stolzen -Höhe stark gelitten. Die Gemeinde hat sich nun in dankenswerter und -nachahmenswürdiger Weise entschlossen, die für einen Kirchenneubau -dereinst angesammelten Gelder für die Erhaltung des schönen, alten -Gotteshauses auszugeben. Mit den Erneuerungsarbeiten ist bereits -begonnen worden. - -Es wäre zu wünschen, daß dem guten Beispiel auch andern Ortes gefolgt -würde. Manch unscheinbar gewordener alter Bau könnte so zu neuem Leben -erwachen und mancher Zeuge vergangener großer Tage erhalten werden. - -[Illustration: Abb. 4 - -=Frohnauer Hammer=] - -Nicht auf dem kirchlichen Gebiet allein liegt die Arbeit der -Denkmalpflege, sie wendet ihre Fürsorge vielmehr auch allen -anderen geschichtlich und künstlerisch wertvollen Bauwerken und -Einzelkunstwerken zu. Um seines für sächsische Kultur und Volkskunst -gleichermaßen hohen Wertes wurden im Jahre 1906 Schritte eingeleitet, -den alten, malerisch gelegenen Frohnauer Hammer bei Annaberg der -Nachwelt zu erhalten. Im Jahre 1908 trat der eigens für diesen Zweck -geschaffene Hammerbund an Denkmalpflege und Heimatschutz mit der -Bitte um Unterstützung heran, und es gelang auch das ganze Werk -käuflich zu erwerben, so daß nunmehr Schritte zu dessen Erhaltung -eingeleitet werden konnten. Noch ist hier freilich viel zu tun, soll -das Hilfswerk zum erfolgreichen Abschluß kommen, und es sei darum auch -hier noch einmal allen Freunden unserer Bestrebungen nahegelegt, für -den Hammerbund und seine Ziele zu werben und damit beizutragen zur -Erhaltung eines wertvollen Stückes alter sächsischer Kultur. - -[Illustration: Abb. 5 - -=Altes Brauhaus in Hohnstein= (Sächs. Schweiz) =umgebaut zum Rathaus= - -(Architekt Woldemar Kandler, Klotzsche)] - -Das allen Besuchern der Sächsischen Schweiz wohlbekannte Städtchen -Hohnstein hat eine stimmungsvolle Zierde durch sein neues Rathaus -erhalten. Die Stadtverwaltung hatte im Jahre 1917 mit feinem -Verständnis für die Schönheit des alten Ortsbildes beschlossen, ein -altes und baufällig gewordenes Wohnhaus, das unweit des Marktes, neben -dem ehemaligen Brauereigebäude steht, zu erwerben und den Zwecken eines -Rathauses anzupassen. Die Aufgabe ist mit Unterstützung von Landesamt -und Heimatschutz in glücklichster Weise gelöst worden. Freundlich -und eindrucksvoll steht heute der hohe Fachwerkgiebel im Stadtbilde -da, und ein kleiner, neu hinzugefügter Dachreiter betont allein den -besonderen Charakter des erneuerten Gebäudes. Es wäre erfreulich, wenn -dies vorbildliche Beispiel der Stadtgemeinde Hohnstein noch recht viele -Nachahmer finden würde. Gelegenheit dazu ist ja gerade heute, wo die -Erstellung großer Neubauten fast unmöglich geworden ist, zu Genüge -geboten. - -Das mittelalterliche kleine Rathaus der Stadt Meerane, das von -einem mächtigen Dachreiter bekrönt und mit einem reich gegliederten -Renaissanceportal geschmückt ist, soll demnächst gleichfalls erneuert -werden. Der häßliche, in Streifen ornamentierte Schieferbelag des -Daches soll durch neuen, einfarbigen ersetzt werden und das sehr -schadhafte Portal gründlich ausgebessert werden. Auch das kunst- -und baugeschichtlich gleicherweise bekannte alte Rathaus in Plauen -unterliegt zur Zeit einem Umbau. Dieser wird allerdings etwas -gründlicher ausfallen, als es im Sinne der Denkmalpflege gelegen -hätte. Die Stadt Plauen hat nun nach Abbruch des alten Schlosses Reusa -und des Heynigschen Hauses nur noch wenig Reste alter wertvoller -Baukunst sich bewahrt. Erfreulich ist in jedem Falle, daß das schöne -Gösmannsche Haus mit seiner zum Teil ausgezeichnet erhaltenen und -vornehmen Innenausstattung von der Stadt angekauft und als Ortsmuseum -eingerichtet wurde. Plauen dürfte damit wohl eines der reizvollsten -Ortsmuseen erhalten, die wir in Sachsen überhaupt besitzen. - -[Illustration: Abb. 6 - -=Alter kathol. Friedhof in Dresden-Fr. Innenansicht der Kapelle mit der -Kreuzabnahme von Permoser.=] - -In ganz ähnlicher Weise wäre aber, ohne große Schwierigkeiten, das -jetzige Ortsmuseum der Stadt Zittau auszugestalten, wenn man sich -entschließen könnte, die zur Verfügung stehenden Räume, Refektorium -und zwei darübergelegene Säle des alten Franziskanerklosters rein -für das Museum zu bestimmen und die Stadtbibliothek anderswo -unterzubringen. Der an das Gebäude anstoßende alte Klosterfriedhof -soll zudem nunmehr vom Refektorium aus direkt zugänglich gemacht und -damit der Öffentlichkeit wiedergegeben werden. Wünschenswert wäre -dann allerdings, daß auch für die Erhaltung der schönen barocken -Gruftfassaden etwas getan würde. - -Den alten Friedhöfen hat das Landesamt von je auch, soweit es im Rahmen -der verfügbaren Mittel möglich war, seine Fürsorge gewidmet. - -[Illustration: Abb. 7 - -=Moritzburg, alte Postmeilensäule=] - -Der innere katholische Friedhof zu Dresden, der als solcher auf einem -1721 von König August dem Starken angewiesenen Grundstück entstand, -beherbergt eine ganze Anzahl wertvoller Grabdenkmäler des achtzehnten -Jahrhunderts, die leider heute unter dem schädlichen Einfluß der rings -entstandenen Fabriken und ihrer Verbrennungsprodukte schwer gefährdet -erscheinen. Viele berühmte Dresdner sind hier zur Ruhe bestattet -worden, von denen nur der Maler Casanova, Kügelgen, v. Schlegel und -Permoser genannt seien. Des letzteren Grab zierte die von ihm selbst -gebildete fast dreieinhalb Meter hohe Kreuzigungsgruppe in Sandstein, -deren reine Formenschönheit bei der Art des verwendeten Materials -besonders gelitten hatte. Es war darum ein glücklicher Gedanke, diese -Gruppe in der erneuerten und zu dem Zwecke mit einem Nischenausbau -versehenen Kapelle neu aufzustellen, wo sie jetzt im Rahmen der farbig -gut abgestimmten Innenarchitektur auf das eindrucksvollste zur Geltung -kommt. Auch diese Arbeiten wurden unter Förderung und mit Unterstützung -der staatlichen Denkmalpflege durchgeführt. Doch welches Maß von Arbeit -ist noch zu leisten, sollen auch nur die besten der vielen herrlichen -Grabdenkmäler geschützt und erhalten werden, die Sachsens Friedhöfe, -allen voran der alte Eliasfriedhof zu Dresden bergen! - -[Illustration: Abb. 8 - -=Postsäule in Reichenbach i. V.= - -Aufnahme von Oktober 1921] - -Auch eine andere Art von Denkmälern aus alter Zeit hat von je unter dem -Schutze der Denkmalpflege gestanden. Es sind das die Postmeilensäulen, -die auf Veranlassung und nach Verordnung des Königs August des Starken -vom Jahre 1722 an in ganz Sachsen errichtet wurden. Eine große Anzahl -derselben hat sich bis in unsere Zeit erhalten, und bei dem gestiegenen -Verständnis auch für diese anspruchslosen Zeugen der Vergangenheit, -ist ein großer Teil derselben heute wieder als Schmuckdenkmal zu -Ehren gekommen. Auch das Landesamt hat zur Erhaltung vieler solcher -Säulen das seinige mit Rat und Tat beigetragen. So wurden auf seine -Veranlassung unter anderem die beiden Postsäulen in Moritzburg -wiederhergestellt, die am Eingang der Hauptallee zum Schlosse stehen. - -In der Hauptsache sind es die sogenannten Stadtsäulen, die hier in -Frage kommen, wohingegen von den in der ersten Hälfte des achtzehnten -Jahrhunderts gleichzeitig errichteten »Gantze-Meilensäulen« sich wohl -nur wenige Stücke erhalten haben. Ein Exemplar einer solchen steht -in Reichenbach auf der Kreuzleithe und wurde im Herbst dieses Jahres -in dankenswerter Weise durch den dortigen Stadtrat aufgefrischt. -Von der dritten noch kleineren Abart dieser Postsäulen, den -»Einhalb-Meilensäulen« scheint nur noch ein Exemplar vorhanden zu sein, -das im Wermsdorfer Revier unweit der Allee IV in Abteilung 10 steht. -Vielleicht aber kann uns für weitere Stücke noch der oder jene Freund -des Heimatschutzes einen Hinweis geben. - -Damit soll für diesmal die Reihe der Beispiele aus dem Arbeitsgebiet -der Denkmalpflege geschlossen werden. Hoffen wir, daß es staatlicher -und privater Fürsorge und Unterstützung auch in der Folgezeit gelingt, -die kulturerhaltende Tätigkeit der sächsischen Denkmalpflege nicht nur -auf dem jetzigen Standpunkte zu erhalten, das würde, wie die ständig -wachsenden Anforderungen an das Landesamt beweisen, keinesfalls -genügen, sondern weiter auszubauen zu Nutz und Frommen alter -sächsischer Kultur und ihrer Denkmäler, zur Zufriedenheit aller Freunde -unserer schönen Heimat. - - - - -Sturm um Rathausdach und Giebel oder Heimatschutz vor siebzig Jahren - -Von Stadtbaurat _Rieß_, Freiberg - - -Wie reich, wie schön wäre unsere Heimat, hätten wir den Heimatschutz -schon vor fünfzig oder hundert Jahren gehabt! - -Herrliche Schätze an Kunst und Kulturbesitz wären vor dem Untergang und -Vernichtung bewahrt geblieben. Als Zeugen alter Kunst deutschen Geistes -und Lebens hätten sie eindringlich gemahnt und zielweisend das neue -deutsche Leben geschaut, geschmückt, geläutert. - -Vielleicht wäre die ganze Kunstentwicklung in anderer Richtung -gegangen, fortschreitend zu höheren Zielen in starkem, gleichmäßigem -Vorwärtsdringen, weil das, was die Väter schufen und bodenständig im -Heimatgrunde wurzelte, das was ihm eigen und schön war, oft besser -erkannt und gewürdigt, besser gepflegt und erhalten und zur Grundlage -und Ausgang neuen Schaffens gemacht worden wäre. Vielleicht hätten wir -dann eine neue wirklich echt deutsche Kunst! - -Vielleicht wären die Gedanken und Ziele des Heimatschutzes dann -jetzt schon lange Allgemeingut des Volkes geworden und zum -selbstverständlichen Empfinden auch der Ahnungslosen, vielleicht -hätten wir dann eine natürliche künstlerische Kultur, vielleicht -- -- -vielleicht wäre dann Heimatschutz nicht mehr nötig! - -Die Gedanken des Heimatschutzes sind jedoch nicht neu. Schon die alten -Kulturvölker übten Heimatschutz als einen selbstverständlichen Ausfluß -und Ausdruck ihres angeborenen künstlerischen Empfindens, welchem die -Harmonie der Dinge ein Bedürfnis war. - -Als das Wort »Heimatschutz« aber geprägt und »Heimatschutz« als -geistige Bewegung ausgelöst wurde durch tiefschauende Seher und -tiefschürfende Arbeiter am deutschen Volke und an der Heimat, da war -diese selbstverständliche Kultur längst verloren gegangen. Sie muß nun -mühsam Schritt für Schritt wieder errungen werden. Doch der Weg führt -empor und das tiefe Sehnen des Volkes sucht und findet im Heimatschutz -Antwort. Doch auch in der Zeit des Niederganges der Heimatkultur sind -solche Männer als Seher und Sorger für die Heimat aufgestanden und -haben den Kampf gewagt, unverstanden und geschmäht, aber unverzagt und -mit heißem Herzen! - -Wie solch ein Kampf des Heimatschutzes vor etwa siebzig Jahren -in Freiberg um das altehrwürdige Rathaus sich abspielte, und wie -Heimatschutzgedanken die Gemüter bewegten im erregten Für und -Wider, wie damals die Leidenschaften und Schwächen des menschlichen -Herzens sich zeigten und Stacheln und Dornen Wunden rissen, ohne die -Selbstlosigkeit und Begeisterung des heimattreuen Sehers und Sorgers am -Werke zu ertöten, das mag einmal auf Grund der Akten als ein typisches -Beispiel geschildert werden. - -Es war im Jahre 1853. Das alte Rathaus gefiel den Freibergern mit einem -Male nicht mehr. Viele Jahrhunderte hatte es den Stürmen schon Trotz -geboten, hatte im Krieg und Frieden, bei Belagerungen und allerlei Not, -aber auch bei rauschenden Festen der Bergknappschaft, der Bürgerschaft, -dem Rate und ja, auch Herzog, Kaiser, König und Fürsten ein schützendes -Dach geboten. Eine reiche, stolze Geschichte, die wir jetzt nicht -weiter verfolgen wollen, hatte die alten starken Mauern, Ratsstuben -und Gewölbe geweiht. Von Treue und von Bürgerstolz, von Tapferkeit und -Aufopferung, von Blut und Tot, von jauchzendem Leben und Kerkernacht -flüsterten und raunten die mächtigen Quadern der Wände, sang und -stöhnte der Wind, wenn er um Turm und Dach und Giebel sauste. Aber doch -gefiel das Rathaus dem Rate und den Bürgern nicht mehr. Ihre Ohren -waren taub, ihre Augen stumpf geworden. Sie fühlten nicht mehr das -geheimnisvolle Leben, die Seele, welche aus den ehrwürdigen Zügen des -alten Bauwerkes sprach, das mit der alten Stadt jung gewesen war, und -im Alter ihr diente wie einst in der Jugend. - -Auf der Marktseite hatten sich Verkaufsbuden, auf der Nordseite an der -Burgstraße der Schuppen für die Feuerleitern angesiedelt und saßen -wie Schmarotzerpflanzen am gesunden Stamm und zehrten von seiner -Schönheit. Allerlei Unzuträglichkeiten waren entstanden durch die -Begleiterscheinungen des Kramhandels, die der Würde des Rathauses -nicht mehr entsprachen. Hier mußte Wandel geschaffen werden, darüber -waren sich Rat und Bürgerschaft einig. Im Erdgeschoß am östlichen -Giebel waren Räume, die nur untergeordneten Zwecken dienten. »Hier -könnten wir Läden einbauen und schönen Mietzins lösen,« dachten -die Stadtväter. »Für die Krambuden ist dann ein würdiger Ersatz -geschaffen.« Außerdem war das Dach so hoch!! Mit seinem langen First -und seiner riesigen Fläche schnitt es ein schönes Stück vom Himmel ab -und die Verkaufsgewölbe der Nachbarhäuser an der Nordseite mußten sogar -früher Licht anzünden als der Konkurrent am Obermarkt. Wo blieb da die -Gerechtigkeit! -- - -Prüfend blickten sie immer wieder auf das Dach und den gewaltigen -Giebel mit seiner Blendnischenarchitektur, vier Bogenreihen -übereinander. Da fand ein besonders interessiertes, kundiges, scharfes -Auge, daß der Giebel nicht mehr ganz lotrecht stände, sondern nach -innen sich neigte; ja im Mauerwerk wurden urplötzlich für sein Auge -gefährliche Risse sichtbar! Ahnungslos hatte man vielleicht schon in -der Gefahr geschwebt, von dem stürzenden Giebel erschlagen zu werden! -Wollte man Läden dort bauen und Schaufenster ausbrechen, so war der -Einsturz des Rathauses gewiß! -- - -Herbei ihr Sachverständigen mit Rat und Tat! Rettet uns vor der -furchtbaren Gefahr! - -Der Baumeister Leuthold aus Dippoldiswalde wurde berufen und mit der -Fülle der angehäuften Wünsche und Anregungen überschüttet. Zeichnungen -und Anschlag wurden von ihm angefertigt und mit einem ausführlichen -Gutachten überreicht. Zwei Seelen leben in diesem Gutachten. Die Seele -des unbefangenen Sachverständigen und die Seele des Mannes, der gern -bauen und verdienen will. - -Im Anfang sagt er, daß »eine unbedingte Notwendigkeit« des Giebelbaues -»für jetzt noch nicht« vorliege. - -»Die Neigung des Dachgiebels nach innen, ist allerdings eine nicht -unbedeutende, jedoch sind in diesem selbst _nicht die geringsten Risse -oder Sprünge_ wahrzunehmen, was einesteils auf die große Festigkeit und -den innigen Zusammenhang des Mauerwerkes schließen läßt, anderenteils -aber zu der Annahme berechtigt, daß diese Neigung sehr allmählich oder -wenigstens sehr regelmäßig erfolgt sei. Die Sprünge, welche sich in der -ersten Etage der Umfassungsmauer dieser Giebelseite allerdings zeigen, -sind gegenwärtig noch nicht derart, daß sie zu einem ernsten Bedenken -Veranlassung geben und bei der großen Stärke der Giebelmauer kann -selbst bei deren großer Neigung ein Einsturz derselben zur Zeit noch -nicht zu befürchten sein.« - -Gleichwohl kommt er zum Schluß, den Abbruch zu empfehlen, weil -infolge »schiefen Druckes« doch einmal ein Einsturz erfolgen könne. -Er empfiehlt eine umfassende Restauration des Gebäudes mit Neuaufbau -des Giebels, Einbau der Läden, Änderungen an Fenstern und Räumen -und dergleichen. Sehr wichtig nimmt er den Abputz, zu dem er »eine -graubraune, aus lichtem Ocker, geschlemmter Umbra und Frankfurter -Schwarz gemischte Kalkfarbe« nehmen würde, »um den Charakter und die -Altertümlichkeit des Gebäudes zu bezeichnen«. Ein Dorn im Auge sind ihm -die verschiedenartigen Fensterformen, die er möglichst »egalisieren« -und »rektifizieren« möchte. »Schon die Vorderfronte noch mehr aber die -Hinterfronte nämlich bietet hinsichtlich der architektonischen Formen -und Gliederungen eine so bunte Mannigfaltigkeit, wie dieselbe mit dem -ästhetischen Gefühl im allgemeinen und mit der Würde des Gebäudes -in keinem Falle vereinbar ist.« »Die Hinterfronte repräsentiert -eine wahre Musterkarte von allerhand Tür- und Fensterrahmen, die -nach Herstellung des neuen Abputzes als solche nur noch mehr in die -Augen fallen wird.« »Die Beseitigung dieser Verunstaltungen tut -dringend not,« schreibt er in höchster ästhetischer Entrüstung. -Die »Conzinnität« der »Fronte« muß hergestellt werden. Die Kosten -berechnet er auf insgesamt rund 4370 Taler. In seiner Planung hatte -er auf die Änderung der Fenster besonders hingearbeitet, ohne -jedoch immer Rücksicht auf die dahinterliegenden Räume zu nehmen. -Gleichwohl und trotz der hohen Kosten erklärt man sich im Rate mit -den Plänen einverstanden, wobei man jedoch wiederholt die Wahrung des -altertümlichen Charakters des Gebäudes betont. - -Man forderte in der Theorie das, was die eigenen Beschlüsse und -praktischen Maßnahmen unbedingt zerstören mußten. War es ehrliche -Unkenntnis oder Selbstbetrug oder naive Heuchelei? Vielleicht aus allen -dreien gemischt! - -Als die Bauangelegenheit soweit gediehen war, es war im Mai 1855, -da bekam das Ratsmitglied, welches die Finanzverwaltung hatte, doch -Bedenken über die Aufbringung der Mittel und bittet auf Grund längerer -Berechnungen und Ausführungen die endgültige Entschließung noch -auszusetzen. Er weist auf die politische Lage Deutschlands hin, »welche -noch immer darüber in Zweifel läßt, ob für das Land bald entweder die -Ruhe und Sicherheit des Friedens oder die Lasten einer Mobilisierung -der Armee und die Drangsale eines allgemeinen Krieges zu erwarten -stehen,« sodann auf »die nun seit mehreren Jahren anhaltende Teuerung -aller Lebensmittel, deren Fortdauer mit der größten Besorgnis für -die Folgen erfüllt.« Diesen Bedenken schloß sich das Ratskollegium -an und die Baufrage wurde einstweilen zurückgestellt bis auf die -Beseitigung der hölzernen häßlichen Budenanbauten. Dieser Beschluß -wurde im Juli 1855 gefaßt. Das Rathaus schien vor den Bauabsichten -noch einmal gerettet zu sein. Bei allen diesen Beratungen hatte jedoch -der Bürgermeister Clauß nicht mitgewirkt, der wohl beurlaubt oder -noch nicht im Amte war. Unter dem 21. April 1856 schreibt er eine -Denkschrift von zwölf enggeschriebenen Aktenseiten mit zierlich kleiner -Schrift nieder, in welcher er alle Vorgänge zusammenfaßt, Kritik übt -und Vorschläge macht. - -Er erklärt sich gegen den Einbau von Läden, »weil durch das -Marchandieren Fremder im Rathause die Ruhe, Ordnung und Sicherheit -desselben sehr beeinträchtiget und gefährdet werden würde, um so mehr -als es eben an allen Neben- namentlich Hofräumen fehlt und nicht einmal -~loca secreta~ vorhanden sind, mithin allerlei Allodria, Mitbenutzung -der oberen Appartements und dergleichen mehr in die übrigen Räume des -Rathauses sich verpflanzen und darin breit machen würden.« - -Er erklärt sich gegen die Änderung der Fenster, »weil dadurch die -innere Symmetrie der betreffenden Räume gestört und auf Rechnung des -Äußeren verunstaltet werden würden.« »Es möchte kaum zu verantworten -sein, dem äußeren Ansehen die Zweckmäßigkeit der inneren Einrichtungen -zu opfern.« - -Kann man ihm hier auch nach heutigen Anschauungen über Heimatschutz -und Denkmalpflege nur zustimmen, so nimmt er doch zum Schlusse die -Anregungen wieder auf, welche im Zusammenhang mit der Giebelfrage nicht -wieder zur Ruhe kommen sollen, sondern wie ein Gift weiterfraßen und -dem äußeren Ansehen des Rathauses verderblich wurden. - -Er schreibt: »Unterzeichneter mag nicht verhehlen, daß es nach seiner -Ansicht das Beste wäre, das ganze Dach mit einem modernen niedrigeren -zu vertauschen, weil so die _immense_ und _überflüssige_ Belastung -des Rathauses beseitigt, brauchbare und angemessene Dachräume -erlangt, die Rauchfangunterhaltungen wesentlich vermindert, die -Gefahr bei Feuerunglück -- wo durch die jetzige ungeheure Last des -Daches die unteren Räume erdrückt zu werden bedroht sind, -- bei -weitem verringert, auch die Dachgiebelfrage auf leichteste Weise mit -erledigt würde.« Allein er enthält sich, »darauf abzielende Vorschläge -zu eröffnen, wohl wissend und ahnend, daß solche im weiteren Kreise -nicht leicht Annahme und Anhänger finden werden, obgleich die Kosten -dieser Veränderung großenteils durch den Gewinn überflüssigen, -guten und gesunden Holzes ausgewogen werden würden, neues Holz- und -Ziegelmaterial wohl gar nicht nötig wären.« - -Auf Grund dieser Denkschrift beschloß man, daß »die Restauration des -Rathauses nicht allzulange mehr verschoben werden möchte.« Einige -Monate ruht scheinbar die Sache, wenigstens in den Akten, wenn auch -vielleicht die Frage das tägliche Gespräch gewesen sein mag. Da tritt -die Baudeputation mit neuem Antrag auf -- und sagt unter anderem: »Wenn -sich aber nun unmöglich verhehlen läßt, daß das derzeitige Äußere des -Rathauses zu Freiberg ein würdiges nicht genannt werden kann, ja daß -es kaum den bescheidensten Anforderungen des ~decorum~ entspricht, und -daß einzelne Partien desselben sogar einen widrigen Eindruck auf den -Beschauer hervorbringen, überhaupt aber der Gesamteindruck desselben -nur in dem hohen Alter des Bauwerks einige Beschönigung finden kann, -... so hält sich die Deputation gerechtfertigt, wenn sie auch diesen -Aufwand bevorwortet.« - -Diese von jedem Verständnis der Altertumswerte und der Charakterzüge -des ehrwürdigen Rathauses weit entfernten Vorschläge wurden nun von -den städtischen Kollegien zum Beschluß erhoben, ihre Ausführung aber -noch einstweilen aufgeschoben, weil die Jahreszeit schon zu weit -vorgeschritten war und weil »der neugewählte Stadtbaumeister erst im -Monat Oktober d. J. sein Amt antreten wird, inmittelst aber es an -gehöriger Bauleitung fehlen würde.« - -Das Urteil über das alte ehrwürdige Rathaus war gesprochen, man wartete -nur noch auf den amtlich bestellten Scharfrichter zu seiner Hinrichtung -und benutzte die Zwischenzeit zu vielerlei Einzelberatungen. - -Das neue Jahr 1857 rückte heran, da entstand in dem Wachtlokal im -Erdgeschoß des Turmes, das durch ungeheure starke Mauern und Gewölbe -vom übrigen Rathause abgeschlossen ist, ein an sich ganz ungefährlicher -Stubenbrand. Brand im Rathaus! Das war für die Freunde des Umbaues ein -willkommenes Mittel und Schlagwort für ihre Ziele! - -Das war der Anlaß nunmehr den Abbruch des hohen Daches mit Macht zu -betreiben. Das Dach, welches Jahrhunderten standgehalten und die -Stürme der Schwedenbelagerung mit ihren Brandbomben, zahlreiche -Stadtbrände, die Schlacht bei Freiberg und die Gefahren der Zeit -Napoleons unbeschädigt überstanden hatte, wurde angeblich plötzlich zu -einer furchtbaren Gefahr für die Stadt, weil es »eine sehr bedeutende -Quantität feuergefährlichen Holzwerkes« enthielt. - -Bei dem neuen Stadtbaumeister Weber wurde ein Gutachten bestellt. -Dieses Gutachten fiel den Weisungen entsprechend aus. Es lag ja -nahe, daß der neue Baumeister bauen und seine Kunst und Tüchtigkeit -zeigen wollte. Das war ein willkommener Auftrag, sein Licht leuchten -zu lassen! Mit einer gewissen Überlegenheit und Geringschätzung -spricht er von dem »alten sehr fehlerhaft konstruierten Dach, das -im hohen Grade baufällig ist,« von mangelnden Längsverbänden, -fehlerhaften Querverbänden, Verschiebungen, ungleichen Senkungen, von -gebrochenen Verbänden und dergleichen. Der Giebel, 1¾ Ellen stark, -hinge gefahrdrohend nach dem Gebäude zu über. »Der bei einem Brande -unvermeidliche Einsturz des überhängenden Giebels würde selbst die -zunächst daran befindlichen festen Gewölbe sowohl in der Etage als -im Erdgeschosse gänzlich vernichten.« Dachziegel und Essen seien -völlig schadhaft und dem Einsturz nahe. Er schlug vor, ein neues -Dach von englischem Schiefer mit leichtem offenem Dachstuhl mit -möglichst flacher Neigung von etwa 30 Grad herzustellen, obschon -rings der ganze Marktplatz und die ganze alte Stadt, nur hohe steile -Ziegeldächer hatte. Den Kostenaufwand dürfe man nicht scheuen, um »den -mit der Feuergefährlichkeit des alten Daches verbundenen unabsehbaren -allgemeinen Schaden, möglichst bald zu verhindern.« - -Zu diesem für Rathausdach und Giebel vernichtenden Urteil kam -gleichzeitig eine Eingabe von Anwohnern des Rathauses. Ob diese etwa -bestellt war, geht natürlich nicht aus den Akten hervor, jedoch klingt -es fast wie ein Echo des Gutachtens des Stadtbaumeisters, nur daß -hier die angebliche Gefahr des Brandes und Einsturzes bereits auf die -ganze Nachbarschaft, »auf einen großen Teil des belebtesten Teils der -Stadt« ausgedehnt wird. Dreißig Bürger hatten unterschrieben. Die drei -ersten sind drei brave Bäckermeister. Die Frage war nun »brennend« -geworden. Die finanziellen Bedenken mußten verstummen, und einmütig -wurde nach dem Vorschlage des Stadtbaumeisters beschlossen, nur mit -der Abänderung, auf Anregung aus der Mitte des Rates, daß das Dach um -zwei Ellen gegenüber der Planung erhöht werden solle, so daß also statt -einer Neigung von dreißig Grad eine solche von sechsunddreißig Grad -gesichert wurde. - -Der Stadtbaumeister gibt darauf selbst zu: »Nicht zu verkennen ist -übrigens, daß durch die beantragte Erhöhung des Daches der Schiefer -an Haltbarkeit gewinnt, hauptsächlich aber ein besserer Prospekt -erlangt wird. Ein flacheres Dach will nicht recht zu dem altertümlichen -Charakter des Rathauses passen.« Aus dieser Bemerkung vom 1. März -1857 ergibt sich, daß der Stadtbaumeister bei seinem Vorschlage ohne -jede Rücksicht auf künstlerische Bedenken, völlig skrupellos und ohne -Gefühl für die historischen Altertums- und Schönheitswerte, ohne -jedes Verständnis für die städtebauliche Bedeutung des Rathauses im -Marktbilde und Stadtbilde geurteilt hatte, so daß er erst durch die -Anregungen von Laien auf diese Frage zwar gestoßen wird, und auch -seinen ursprünglichen Vorschlag aufgibt, aber dennoch ohne weitere -künstlerische Prüfung alle Bedenken bei Seite setzt und einfach die -vorgeschlagenen laienhaften zwei Ellen zusetzt. Hätte man eine Elle -oder drei Ellen vorgeschlagen, so wäre er auch wohl damit zufrieden -gewesen. - -So fiel das alte schöne Rathaus in die Hände eines künstlerisch völlig -unfähigen und verständnislosen Mannes, obgleich in Freiberg ein fein -empfindender künstlerisch hervorragender Architekt lebte, der Professor -für Baukunst an der Bergakademie Professor Eduard Heuchler. - -Er hatte sich bereits einen Namen gemacht durch die wundervollen -Zeichnungen zum Bergmannsleben, die heute noch durch ihre hohe -Bedeutung für bergmännische Volkskunde und Volkskunst und durch ihren -künstlerischen Reiz besondere bewunderte Schätze des Freiberger -Altertumsmuseums bilden und durch seine ausgeführten feinempfundenen -architektonischen Werke. Seine grundlegenden Forschungen am Freiberger -Dom sind ja heute noch von Bedeutung. - -Dieser Mann hörte mit Schmerz und Zorn von dem Schicksal, das dem -ehrwürdigen Rathause bevorstand. In letzter Stunde suchte er es noch -zu retten und wendete sich mit scharfer Feder gegen diesen Plan und -suchte die Öffentlichkeit aufzuklären und in Bewegung zu setzen. In -einem Aufsatz vom 21. März im »Freiberger Anzeiger« zieht er vom Leder. -Er weist daraufhin, daß der Stadtrat schon seit vielen Jahren »einen -sogenannten Bauinspektor« und seit 1830 sogar eine Baudeputation gehabt -habe. »Eine große Verantwortlichkeit müßte auf die beaufsichtigende -Behörde fallen, wenn sie gerade das wichtigste Gebäude der Stadtkommune -in seiner Unterhaltung so vernachlässigt hätte, daß nun mit einem Male -_keine_ Reparatur mehr möglich ist, und ein neues Dach aufgesetzt -werden muß!« Weiter sagt er dann: »Es ist aber eine bekannte Sache, daß -flache Dächer, und wenn man sie auch mit Schiefer oder Metall eindeckt, -in unseren Gegenden keinen Vorteil gewähren und die Reparaturen -nicht aufhören. Aber auch abgesehen von dieser Erfahrung, so ist es -unbegreiflich, wie ein flaches Dach zum Stil des alten ernsten Gebäudes -und seiner Umgebung passen soll! -- Es kommt mir vor, als wenn man -einem geharnischten Ritter ein Käppi aufsetzen wollte.« Er schlägt -dann vor, das Gutachten eines »unparteiischen renommierten auswärtigen -Baumeisters« einzuholen, »denn die Leistungen des neuen Herrn -Stadtbaumeisters, denen ich übrigens nicht zu nahe treten will, sind -hier doch zu unbekannt und die Deputationsmitglieder des Stadtrates und -der Stadtverordneten sind keine Sachverständigen von Profession, um -sich auf dieses Urteil hin einseitig und beifällig bestimmen zu lassen.« - -»Vielleicht wären die vorgenannten auswärtigen Baumeister weniger -baulustig gewesen und hätten uns einen Rat gegeben, wie wir unser -altes, dem tiefen Gebäude angemessenes Rathausdach noch einmal tüchtig -zusammenflicken könnten.« »Und hätten nun auch diese auswärtigen -Baumeister einen Neubau des Rathausdaches jetzt als unabweisbar -erkannt, dann würden sie sicher _nicht_ vorgeschlagen haben, das alte -ehrwürdige wenn auch architektonisch gerade nicht ausgezeichnete -Gebäude durch ein _modernes flaches_ zu dem Stil desselben _schlecht -passendes_ Dach zu verunstalten. Alle Gebäude des Marktes sind zwei- -und dreistöckig und mit hohen Ziegeldächern versehen, es müßte -also schon des Gesamteindruckes wegen ein flaches Dach auf dem -nur einstöckigen Rathause als eine Kuriosität im großen Maßstabe -erscheinen.« - -Klingen diese letzteren Ausführungen nicht, als wären sie aus einem -Gutachten des Heimatschutzes in neuester Zeit entnommen? Heuchler -sieht, seiner Zeit vorauseilend, nicht nur das einzelne Bauwerk als -Individuum und losgelöst von der Umgebung, sondern als ein Glied des -großen Ganzen, er sieht und beurteilt den Wert des Einzelbauwerkes im -Zusammenhange mit der Umgebung, mit dem Platzbilde, mit dem Stadtbilde. - -Doch für derartige Anschauungen war seine Zeit noch nicht reif! Auch -heute über sechzig Jahre später ist diese Anschauung noch keineswegs -Allgemeingut geworden. Jeder, der in der Heimatschutzbewegung und -Bauberatung tätig ist, kennt die Kämpfe, die aus diesem Widerstreit -erwachsen. - -Auch hier lehnt der Rat kühl die Vorschläge ab, da man sich von der -Einholung eines »Supergutachtens« »einen andern Erfolg als den, welchen -das Gutachten des Herrn Stadtbaumeisters Weber bereits gehabt hat, -nicht zu versprechen vermag«, es solle vielmehr nun »unverzüglich« mit -dem Bau vorgegangen werden. -- - -Und so geschah es! -- - -Doch unser wackerer Heuchler forcht sich nit und ließ sich nicht -entmutigen im Kampfe für das Rathaus gegen die hohen Herren im Rathause. - -Unter dem 14. Juni 1857 richtet er unter Beifügung von Zeichnungen -(vgl. Abb. 1) eine Eingabe an die Königliche Hohe Kreisdirektion zu -Dresden. Er bittet einen höheren Sachverständigen zur Untersuchung -zu entsenden, da das Abtragen des Daches bereits begonnen habe, um -die Stadt Freiberg »vor Verunstaltung ihres Rathauses und Marktes« zu -schützen. - -»Seit dreißig Jahren war ich bemüht, meine Geburtsstadt Freiberg -in seinen öffentlichen Anlagen durch kleine Monumente und durch -einige Privatbauten vor den Toren zu verschönern. Die ... möge aus -dieser freimütigen Behelligung meinen Eifer für die Ehre Freibergs -hochgeneigtest erkennen.« - -In der Zeichnung wird von ihm durch die in das Dach eingezeichnete -unterste Firstlinie die Höhe des künftigen flachen Daches angedeutet. - -Auf diese Eingabe erging sofort Anordnung an den Stadtrat, den Bau -einzustellen. - -Am 19. Juni bereits fand außerordentliche Ratssitzung statt, in welcher -es Heuchler nicht gut gegangen sein mag. Sofortiger Bericht wurde -beschlossen und die Reise des Bürgermeisters und Stadtbaumeisters -nach Dresden, um mit dem Kreisdirektor und dem Landbaumeister Hänel -Rücksprache zu nehmen, da es »nicht nur im Interesse des Baues, sondern -auch _vornämlich zur Wahrung der obrigkeitlichen Autorität_ dringend -wünschenswert erscheint, die Entscheidung herbeizuführen.« - -Nicht mehr der unbeschädigte Wert des Baues, sondern die unbeschädigte -Autorität von nicht sachverständigen Laien wurde als Banner im Kampfe -aufgepflanzt. - -[Illustration: Abb. 1 =Das Freiberger Rathaus mit dem alten hohen -Ziegeldach vor 1857.= (Skizze nach Heuchler)] - -Dieser Bericht ist acht enggeschriebene Seiten lang und ist ein Zeugnis -für die Bewegung, welche das Vorgehen Heuchlers im Ratskollegium -bewirkt hatte. Die Schäden des Rathauses werden natürlich gewaltig -übertrieben. Dann aber strotzt der Bericht von persönlichen Angriffen -auf Heuchler, die jede Sachlichkeit vermissen lassen. Sein Vorgehen -wird hämisch, ungehörig, gehässig genannt. Es wird angezweifelt, -daß er »wirklich von lauteren Triebfedern beseelt und von wahrhaftem -Eifer für die Sache und von aufrichtigem Sinne für das Gemeinwohl -erfüllt wäre.« Es wird ihm vorgeworfen, daß er nicht vorher sich an -den Stadtrat gewendet habe. »Wir müssen hiernach annehmen, daß er sich -absichtlich der Wahrheit verschloß, um so desto sicherer mit seinen -hinterrücklingen Plänen und ungescheuter zur Unzeit hervortreten zu -können.« Seine Eingabe sei nur »das Produkt gekränkten Ehrgeizes oder -sonstiger damit verwandter Seelenaffektion.« - -Heuchler sei eine »Persönlichkeit, die eine fremde Ansicht nicht -anerkennt und sich über alle durch die Gesetze gebotenen Formen -solche nicht anerkennend, erhebt.« Es wird ironisch »seiner Talenten -im Baufache, namentlich im Zeichnen und Ornamentenfache bis zu einem -gewissen Grade gern alle Anerkennung« gezollt, nachdem er vorher als -geschäftlich unzuverlässig hingestellt ist. An der Zeichnung wird -bemängelt, daß das alte Dach zu niedrig gezeichnet sei. Der alte -First läge in der Höhe der oberen Linie ~c. d.~, der neue in Höhe der -mittleren Linie. Zum Schluß wird baldige Entschließung erbeten, damit -»das Ansehen der Behörde und Gemeindeorgane durch dergleichen unwürdige -und unlautere Mittel nicht gelähmt und in den Augen des hiesigen -Publikums, dem schon lange zuvor -- wahrscheinlich aus derselben -unlauteren Quelle -- die Nachricht einer verhangenen Baususpension -erzählt worden ist, geschmälert« werde. - -Dieses unsachliche Schreiben wurde nun in Dresden überreicht und -mündlich erläutert. Die Entscheidung erfolgte sofort, _ohne_ daß ein -Sachverständiger nach Freiberg geschickt und _ohne_ daß Heuchler -auch nur noch einmal gehört worden wäre und zu den Anwürfen sich -hätte äußern können, denn, wie es in dem Bescheide vom 27. Juni 1857 -heißt, es sei dem Stadtrat nicht entgegenzutreten gewesen, »als -ohnehin das Rathaus zu Freiberg keineswegs in einem solchen reinen -Baustile ausgeführt ist, daß auf seine unveränderte Erhaltung vom -architektonischen Gesichtspunkte aus ein ... überwiegendes Gewicht -gelegt werden könnte.« - -Man erkennt auch hier wieder die einseitige Beschränktheit der -Anschauung von der »Stilreinheit«, welche für so zahlreiche -Baudenkmäler und alte Kunst des Vaterlandes verderblich gewesen -ist, unersetzliche Kunstgüter vernichtet hat, die völlige -Verständnislosigkeit für die Stimmungswerte und die Heimatwerte, welche -im Gewachsenen und Gewordenen, aber nie im Gemachten und Gekünstelten -liegen. Die langweilige Schablone, das geistlose Schema wird über den -wertvollen eigenwilligen Charakter gesetzt. - -Die Zeichnungen des Stadtbaumeisters Weber waren dem Landbaumeister -Hänel vorgelegt worden und hatten eine Reihe von Korrekturen -der Architekturformen erhalten, durch welche Hänel eine feinere -und reichere Gliederung des Daches und des Giebels bezweckte. -Alle diese Veränderungen bis auf den Aufbau von vier stehenden -Renaissance-Dachfenstern auf jeder Dachseite von Hänels Hand wurden -jedoch von der Baudeputation am 30. Juni abgelehnt und dem Vorschlage -Webers beigetreten, das Dach noch um dreieinhalb Ellen zu erhöhen. Es -wirkt wie ein trauriges Possenspiel, daß Weber wenige Tage zuvor in -Dresden gegen Heuchler mit vergifteten Waffen kämpft und siegt, und -dann selbst aus Heuchlerischen Gedankengängen heraus eine derartige -Steigerung der Dachhöhe nachträglich vorschlägt. Es sind nun schon -fünfeinhalb Ellen, um welche das Dach höher wird gegenüber seinem -ersten Vorschlage mit dreißig Grad Dachneigung! Auch dieser Vorschlag -wurde genehmigt. - -Heuchler wurde kurz vom Rate beschieden und der Bau wurde fortgesetzt. - -Wenige Tage vergingen, da geschah etwas Furchtbares! - -Der Polizeidiener Hopperdiezel hatte mit dem Herrn Professor -ein altes Hühnchen zu rupfen, denn der Herr Professor war ihm -nach einer polizeilichen pflichtschuldigen Anzeige wegen einer -»Polizeiwidrigkeit«, die dem Herrn Professor einen »noch sehr -glimpflichen Verweis« eingetragen hatte, »hinterher mit ungeziemenden -Redensarten auf offener Straße begegnet.« - -Dieser diensteifrige Hüter der Ordnung fand am 4. Juli »zufällig« bei -dem Lohnschreiber Wohlgemuth in der Stadt ein von der Hand Professor -Heuchlers herrührendes Konzept einer Eingabe an das Königl. Ministerium -des Innern in betreff des Rathausbaues, die Wohlgemuth unter -ausdrücklicher Verpflichtung der Geheimhaltung zur Reinschrift erhalten -hatte. - -Der gesinnungstüchtige Scherge des Rechts hatte dies -herausgeschnüffelt, nahm widerrechtlich sofort das Schriftstück an -sich und eilte mit dem Schritte des Retters und Rächers auf das -Kapitol zum gestrengen Herrn Bürgermeister mit der Meldung, daß -dieses Schriftwerk heimlich vom Klempnermeister Holzhausen unter den -Bürgern zur Unterschrift in Umlauf gesetzt werden solle. Es habe ihn, -Hopperdiezel, sogar der Holzhausen im Vertrauen gefragt, ob er ihm -nicht einen verschwiegenen Mann zur Unterschriftensammlung nennen -könne, der weder den Urheber der Eingabe noch den, der sie in Bewegung -setze, verraten würde. -- Holzhausen wurde sofort vor das gestrenge -Stadtoberhaupt herbeigeholt und scharf verhört. Er gab zu, daß er in -Heuchlers Auftrage die Abschrift veranlaßt habe, um ihm einen Gefallen -zu tun. Hopperdiezel habe er gefragt, weil dieser einmal als Soldat bei -ihm in Quartier gelegen habe und sein Gevatter sei. »Ihm sei die ganze -Sache fatal, er sei immer mit jedermann guter Freund und so sei er auch -zu diesem ihm nur ärgerlichen Auftrage gekommen.« - -Der gestrenge Herr Bürgermeister verwarnte ihn, geriet in den -sachgemäßen Zorn und scheute sich nicht, sofort von dem durch -Vertrauensbruch erlangten Schreiben eine Abschrift nehmen zu lassen, -ehe er sie dem Lohnschreiber wieder zustellte. - -Es ist bezeichnend bei allen diesen Vorgängen, daß niemals mit Heuchler -persönlich oder mündlich verhandelt worden ist. War es Autoritätsdünkel -oder Furcht vor der sachlichen oder persönlichen Überlegenheit? - -Und was war der Inhalt der Eingabe? - -Eine Bitte an das Ministerium des Innern, einen höheren -Bausachverständigen zur Nachprüfung an Ort und Stelle zu entsenden mit -einer völlig sachlichen Begründung und Angabe des Tatbestandes. Es -werden acht Fragen zur Beantwortung vorgelegt: 1. Ist das Dachgebälk -wirklich in so gefahrdrohendem Zustand? 2. Ist die Feuersgefahr -im steilen Dach höher als im flachen? 3. Ist ein Ziegeldach -feuergefährlicher als ein Schieferdach? 4. Ist die Unterhaltung -eines Ziegeldaches teurer als die eines Schieferdaches? 5. Ist mit -Rücksicht auf die Umgebung und die Größe des Hauses die Höhe eines -Daches gleichgültig? 6. Sind Fenster und Hauptgesimsformen so wenig -zu beachten, daß man beim Dach und Giebel ganz nach Willkür verfahren -kann? 7. Ist es dem jetzigen Stand der Baukunst angemessen zu den -alten Fehlern im Baustil neue zu bringen und das Gebäude zu einer -Musterkarte von Baustilen zu machen? 8. Ist es endlich im bezug auf -den dominierenden spätgotischen Baustil des Gebäudes zulässig auf -dasselbe bei einer Tiefe von achtundzwanzig Ellen mit einer senkrechten -Dachhöhe von zehn Ellen einen Giebel im Renaissancestile aufzuführen, -da nirgends ein Beispiel dieser Mißgestalt angezogen werden kann? - -[Illustration: Abb. 2 - -=Rathaus zu Freiberg mit flachem Schieferdach 1857--1920=] - -Man sieht aus diesen scharf zugespitzten Fragen, wie weit Heuchler -seinen Zeitgenossen in Freiberg voraus war, indem er in der Harmonie -der Gesamterscheinung unabhängig von den Einzelformen, und in der -Harmonie mit der Umgebung die künstlerische Lösung suchte und sah. Das -ganze alte Freiberg hatte hohe _steile Ziegel_dächer. Da mußte auf ihn -das neue _flache Schiefer_dach ausgerechnet auf dem Hauptgebäude der -Stadt, dem Rathause, wie ein Faustschlag wirken, gegen den er sich in -starkem Idealismus des Heimatschutzes wehrte (Abb. 2). - -Er wurde jedoch nicht verstanden, sondern noch persönlich verunglimpft -und blieb ohne Erfolg. - -Der Bürgermeister setzte sich sofort noch an demselben 4. Juli hin -und entwarf einen Bericht über den Vorgang an die Kreisdirektion, um -der Eingabe zuvorzukommen, der von persönlichen Angriffen strotzt. -Heuchler wird »niedriger Machinationen« bezichtigt. Er »wühle« und -»wiegele die Bürger auf«, scheue dazu keine Mittel, zeige sich gehässig -usw. Seine Handlungsweise sei nur von »Persönlichkeit gegen den neuen -Stadtbaumeister« geleitet und dergleichen vergiftete Pfeile werden -gespitzt. - -Dieser Bericht wurde jedoch auf Beschluß des Ratskollegiums nicht -abgeschickt, sondern zunächst das weitere abgewartet. - -Gleichzeitig mit diesen Vorgängen hatte Heuchler auch einen Aufsatz im -»Freiberger Anzeiger« erscheinen lassen, in dem er in völlig sachlicher -Form auf die Geschichte des Rathauses eingeht und die allmähliche -Entwicklung durch die verschiedenen Stilperioden zu seiner jetzigen -Gestalt kurz erläutert. »Knüpfen sich also so wichtige historische -Erinnerungen der Stadt und des Landes an dieses Gebäude, so trägt sich -auch die Achtung und Liebe zu demselben auf seine äußere Gestalt über -und aus Pietät für dasselbe ändert man nicht ohne Not seine uns lieb -gewordene äußere Erscheinung, mag sie nun schön sein oder nicht!« - -Sind das nicht Worte echter Heimatschutzgesinnung und eines -Verständnisses für den eigentlichen Sinn und Wert eines Denkmals, das -seiner Zeit weit vorauseilt? Er bestreitet weiter diese dringende Not, -spricht für die Erhaltung des hohen Daches und Giebels und sagt zum -Schluß: - -»Es besteht daher die Aufgabe des beigezogenen Baumeisters nur -darin, »das Rathaus würdig zu restaurieren«, aber nicht den ohnedies -schon am unrechten Orte angebrachten verschiedenen Baustilen noch -neue beizufügen, wozu ein flaches Dach mit einem Rokokogiebel und -dergleichen mehr gehören und die Physiognomie des Gebäudes so -verändert, daß kein Freiberger sein altes Rathaus wiedererkennen wird.« - -Auf diese sachlichen Ausführungen erfolgte in der Zeitung eine -Erwiderung der Gegenseite voll von persönlichen Anzüglichkeiten: -»Traue doch der Herr Gegner, der den Umbau ausführenden Persönlichkeit -auch Geschmacks- und Schönheitssinn zu! Oder will derselbe Herr diese -Eigenschaft nur für sich allein in Anspruch nehmen? Das wäre doch -mindestens lächerlich, um nicht zu sagen: arrogant!« Er würde kein -Wort gegen den beabsichtigten Umbau gefunden haben, »wenn nämlich -derselbe in _seine_ Hand gelegt worden wäre! Wer also zwischen den -Zeilen zu lesen versteht, wird sofort ohne Mühe herausgefunden haben: -Es gibt nur _Einen_ in Freibergs Mauern, der dieses alte Gebäude und -in einem würdigen Stile umzuwandeln versteht, aber Freiberg ist leider -entsetzlich _blind_, diesen _Einen_ zu finden! Will sich denn der Herr -Gegner als das _Orakel_ der Baukunst für Freiberg betrachtet wissen?« -Weiter wird dann noch von seinen »Machinationen« gesprochen. -- Man -vergesse nicht, daß Heuchler nur die persönliche Besichtigung und -Begutachtung durch höhere Autoritäten verlangt hatte! Nichts weiter! -Darauf diese Verdächtigungen und Entstellungen! -- - -Heuchler erwidert auf diesen Erguß nur kurz, treffend und vornehm: -»... Daß man nunmehro diesem Dache fünf Ellen mehr Höhe geben will, -als es nach dem ersten Bauplan projektiert gewesen sein soll -- Beweis -genug -- daß dem Plane keine bestimmten architektonischen Regeln zu -Grunde liegen konnten.« - -Später scheint Heuchler in der Zeitung noch eine längere Betrachtung -mit technischen Bemängelungen des neuen Dachstuhles und im allgemeinen -des »Kommunbauwesens« gegeben zu haben, die jedoch nicht in den Akten -vorhanden ist. Nur die Erwiderung des Stadtbaumeisters liegt vor, -welche in sachlicher Form und längeren technischen Ausführungen seinen -Standpunkt und seine Arbeiten vertritt. - -[Illustration: Abb. 3 - -=Rathaus von Freiberg seit 1920= - -(Umbau von Stadtbaurat Rieß)] - -Damit nimmt dieser Sturm im Städtchen, der Rathausdach und Giebel -hinwegfegte, ein aktenmäßig Ende. Heuchler sah wohl die Erfolglosigkeit -seiner Bemühungen, da wohl inzwischen das hohe alte Dach abgebrochen -war, ein und war der Verunglimpfungen müde geworden. -- Was in den -Akten steht, ist ja sozusagen nur die Inhaltsangabe eines Buches aus -dem Leben der Stadt, in dem viele ungeschriebene Seiten voll sind von -menschlichen Leidenschaften und Schwächen. Was mag bei dem dichten -Beieinanderwohnen und den engen Verhältnissen, wo es noch keine -Bahnverbindung gab, wo Reibungsflächen zahlreich waren, dieser Funke -umhergefressen haben, bis er aufloderte. Was mögen für Kränkungen -und Verhetzungen, für Entstellungen und »Machinationen« im Gange -gewesen sein, die dem wackeren alten Vorkämpfer des Heimatschutzes vor -sechzig Jahren das Leben verbitterten. Er wurde spöttisch »Orakel« -genannt. Nun, der Spott wurde Wahrheit, denn seine Weissagung über -das Urteil der Nachwelt hat sich erfüllt. _Seine_ Anschauung hat -sich durchgerungen. Die Anschauungen seiner Gegner sind als falsch -und verderblich, als Schaden für unseren vaterländischen Kunstbesitz -erkannt worden, der nie wieder gut zu machen ist. - -Als im Jahre 1919 zur Schaffung von neuen Diensträumen das Dach -ausgebaut und umgebaut werden mußte, wurde als erste Lösung die -Wiederherstellung des alten hohen Daches vom Verfasser in Aussicht -genommen und auch später vom Landesamt für Denkmalpflege durch -Geheimrat Gurlitt empfohlen. Leider scheiterte dies an der Kostenfrage -und an der Schwierigkeit für die Diensträume und Sitzungssäle genügend -Licht und Fenster zu schaffen. - -Das alte hohe geschlossene, steile Dach mit seiner ruhigen, feierlichen -Wirkung hätte doch nicht wieder geschaffen werden können, sondern -wäre durch Fensterreihen zerrissen worden. Es wäre auch nicht bei ihm -möglich gewesen, der Art und Bedeutung der eingebauten Diensträume und -Sitzungszimmer nach außen Ausdruck zu geben, ohne wesentliche Änderung -des ganzen Bildes. - -Neue Aufgaben verlangen neue Lösungen. Diese neue Lösung mit dem Alten -zu verschmelzen zu einer Harmonie nicht altertümelnd, sondern aus -der Aufgabe heraus entwickelnd, das ist das Ziel der neuzeitlichen -Denkmalpflege und des Heimatschutzes. - -Bei dem Neubau ist versucht worden in diesem Sinne aus dem Geiste des -Alten heraus unter sorgfältiger Schonung des altehrwürdigen Baues -und Betonung besonderer Eigenarten und Schönheiten diesem Ziele -nahezukommen, die »Sünden der Väter« wieder gut zu machen und dem -Rathaus seine frühere städtebauliche und künstlerische Bedeutung im -Marktbilde wiederzugeben (vgl. Abb. 3). - -Wenn Heuchlers Geist zu mitternächtiger Stunde aus seinem Grabe auf -dem Donatsfriedhofe sich erhebt und durch die alten vertrauten Gassen -schreitet, dann wird er zwar mit Schmerz empfinden, daß der Bergbau, -den sein Zeichenstift in vielen köstlichen Blättern so liebevoll in -seiner Glanzzeit geschildert, zur Rüste gegangen und die letzte Schicht -verfahren ist. Aber dann wird sein Auge leuchten, denn eine neue Zeit -ist heraufgestiegen, in welcher seine Gedanken Gestalt gewannen und -das, wofür er kämpfte und lebte, sicherer Besitz werden soll, nämlich -durch Heimatschutz zur Heimatliebe zu dringen, zur Ehrfurcht vor -dem, was die Väter schufen, zur Wahrung und Neubelebung aller echten -Heimatwerte, daß sie dem Heimatvolke wahrhaft inneres Glück und Gut -werden mögen. - - - - -Drei Wandertage im Erzgebirge - -Von _Gerhard Platz_, Weißer Hirsch - - -Der Preßnitzer Paß -- welche Wolke von Brandgeruch und Blutdunst haftet -für jeden an diesem Begriff, der die Geschichte unsres Erzgebirges -zur Zeit der dreißig Kriegsjahre kennt! Heraus und herein zogen hier -die Mordbanden durch’s unglückselige Meißner Land -- zuerst die -Kaiserlichen, nach dem Prager Frieden die Schweden; und alle taten ihr -Bestes, daß dem Bauern und Bergmann möglichst nichts blieb von dem, was -er mit seinen schwieligen Fäusten erworben. -- Heut’ merke ich nichts -von dieser grausigen Vergangenheit, wie ich von Wolkenstein aus in der -Kleinbahn an der Preßnitz entlang fahre. Lachend liegen die herrlichen -Wiesen zu beiden Seiten der Linie; wie Silber blinken die Wellen des -Flüßchens. -- Nichts tröstlicheres gibt es, als den Juni im Bergland. -Alles verklärt er -- die düstern Wälder schmückt er mit hellgrünem -Jungwuchs, die Felder und Fluren mit einer Pracht ohnegleichen. Der -Schwarzdorn ist eben erblüht, die Fliedersträucher im Giebelgärtchen -hängen dicht voller Dufttrauben. Einen zweiten Frühling im gleichen -Jahr kann der Tieflandbewohner feiern, der sich jetzt aufmacht -- -hinauf auf die Berge. - -Da ist nun die Haltestelle Schmalzgrube. Der Rucksack fliegt auf den -Rücken; voller Wanderlust spring’ ich hinab auf den Bahnsteig. Nur ein -paar Minuten flußauf habe ich hier zu gehen, und dann wird vor mir auf -grüner Matte die mächtige Anlage des alten, außer Betrieb gesetzten -Hammerwerkes liegen, der zuliebe ich den Umweg hierher gemacht habe. -Denn mit einem tiefen, vollen Akkord aus guter, ja aus wirklich guter -alter Zeit soll mich mein Erzgebirge heute begrüßen! Wohl -- die Matte -ist da. Schöner als je ist sie heute geziert, aber der Hammer -- --! -Du lieber Gott, was hat die Zeit sich da wieder einmal geleistet. Von -der ganzen großartigen Siedlung, die vor fünfzehn Jahren noch in ihrer -wuchtigen Geschlossenheit -- wenn auch schon damals mit geborstenen -Mauern -- einen so prachtvollen Anblick gewährte, sind jetzt im -ganzen noch drei Gebäude erhalten. Ein Arbeiterhaus, ein Schuppen -und das Herrenhaus sind übriggeblieben; alles andere abgebrochen und -weggekarrt. Freilich, auch diese geringen Reste noch lassen die Pracht -der ursprünglichen Anlage ahnen. Es ist ein wirklicher Genuß, jene -Spuren alten heimischen Bauenkönnens zu betrachten. Daß wenigstens das -Herrenhaus noch unter dem Geretteten sich befindet, ist ein Glück. Mehr -noch, der Besitzer hat sich entschlossen, es wieder in Verwendung zu -nehmen; es neu vorzurichten und auszubauen. So wird uns der schöne Bau -erhalten bleiben mit seinem Mansardendach und dem entzückenden Türmchen -darüber, mit seinem breiten Türsturz, darauf die zwei steinernen Löwen -schmunzelnd das grüne Bäumchen betrachten, das vorwitzig zwischen -ihren gewaltigen Tatzen emporsprießt. Wir werden uns weiter erfreuen -können an dem prächtigen Schindelwerke der drei Dächer, die mir damit -bekleidet hier oben sicher köstlicher dünken, als die smaragdenen -Kupferdächer von Pillnitz. Ein böses Sandkorn zwischen den Zähnen -bedeutet für den Heimatfreund ja freilich das neue Wohnhaus, das -allzunahe an die alte Handwerkspracht herangerückt ist. Aber wir sind -ja bescheiden geworden, wir Freunde des Alten in unsern Tagen! Ich -wähle eben meinen Standpunkt so, daß ich nur die drei alten Häuser ins -Auge bekomme und sieh da -- ein wenig Freude kommt doch noch über mich. - -Und auch du bist geblieben, du starker trotziger Bergwald, der du jetzt -neben mir hergehst und mir gut zusprichst mit deinem Wipfelrauschen. --- Hei, rennt das Jöhstadter Schwarzwasser durch den Wiesengrund dort -hinab. Nimm dir doch Zeit, törichtes Mägdlein; so wohl wie daheim -wird dir’s nicht wieder, so lange du lebst! Wüßtest du’s hier schon, -wie’s draußen aussieht in der Welt, du machtest’s wie ich und stiegst -ihn wieder hinauf, deinen Berg. -- Wie schön ist die geheimnisvolle -Ebereschenallee, die dichtbelaubt nun hinanführt, bis ich in Jöhstadt -stehe, der Stadt, da der Besucher vom Bahnhof bis zum Rathaus etwa -hundertundvierzig Meter Steigung zu überwinden hat. - -[Illustration: Abb. 1 =Schmalzgrube, Hammerwerk, Arbeitshaus= - -Hofphotograph Meiche, Annaberg] - -Trotz aller Nüchternheit des Wiederaufbaues nach großen Feuersbrünsten, -die fast alle unsre Bergstädte unglücklicherweise gerade in den -sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts befielen, -atmet dies Städtlein doch ganz den Zauber unsrer erzgebirgischen -Heimat. Was bewirkt ihn doch eigentlich, diesen Reiz? -- Ich glaube -fast, es ist der Duft, der durch die stillen Gassen zieht, dieser -Hauch von Waldluft, Holzfeuer und Kuhstall! Vereint mit dem Bilde der -grünen Schöpfung, die von allen Seiten hereinschaut, läßt einem dies -Heimatweben alle Not der öden Bauweise vergessen. -- Welche Summe -von Fuhrmannsnot mag mit der steilen Hauptstraße verbunden sein. Denn -in früheren Zeiten knarrten auch durch Jöhstadt die schweren Erzwagen --- die Gemeinde genoß seit 1655 die Rechte einer freien Bergstadt. -Vorher soll ein Dorf an ihrer Stelle gestanden haben, Gießdorf, das -von den Hussiten wüste gelegt ward. Der Name Jöhstadt geht auf den -heiligen Nährvater Joseph zurück, der hier verehrt ward und von dem -Reliquien vorhanden gewesen sein sollen, »unbekannt ob seine Hosen oder -sein Zimmerhäckel«, wie einer in der Reformationszeit despektierlich -schreibt. - -[Illustration: Abb. 2 =Schwarzwassertal= - -Phot. Landgraf, Zwickau] - -Lange hielt der Bergbau hier nicht vor. Annaberg hätte nicht so -heftig gegen die Verleihung der Stadtgerechtigkeit zu protestieren -gebraucht -- im Jahre 1817 gab es überhaupt nur noch zwei Bergleute -hier. Daß Jöhstadt trotzdem so eifrig an seiner Würde als freie -Bergstadt festhielt und sogar noch in unsern Tagen mit einem gewissen -Stolz einen bescheidenen bergmännischen Prunk veranstaltet (siehe -das köstliche Kapitel »Jöhstadter Bergparade« in Oskar Seyfferts -»Dorf und Stadt«), hat wohl seinen Grund in den Vorteilen des freien -Handelns und Hausierens gehabt, die den Bürgern einer Bergstadt -zustanden. Denn noch weit ins neunzehnte Jahrhundert hinein betrieben -die Jöhstadter einen schwunghaften Handel mit Arzneimitteln aus den -Kräutern des Gebirges. Als sogenannte Laboranten brauten sie Heiltränke -ungeheuerlicher Art und Menge, die sie dann weit ins Reich, ja bis -nach Schweden und die Türkei hineintrugen. Noch 1843 ging der fünfte -Teil der Einwohnerschaft als »Landraasende« auf den Handel. Dann aber -mischte sich die Medizinalbehörde hemmend in das Geschäft; die Neuzeit -mochte die Kurpfuscherei nicht mehr dulden. Politisch verbittert ward -die Bürgerschaft dadurch jedoch nicht. Als 1858 König Johann durch -Jöhstadt reiste, da war die Stadt »glänzend« illuminiert und über eines -Fleischhauers Hause prangte der kraftvolle transparente Spruch: - - »Wer nicht lieb hat seinen Fürst - Den hack’ ich in die Leberwürst!« - -Zur Beruhigung des Lesers schaltet der Festberichterstatter hier ein: -»Er hat indes nur gedroht. Niemals würde er es wahr gemacht haben.« - -[Illustration: Abb. 3 =Jöhstadt= - -Phot. Landgraf, Zwickau] - -Daß Jöhstadt auch sein berühmtes Stadtkind hat, besagt die Tafel -am Gotteshaus. Im Jahre 1723 ward hier als Sohn des Stadtpfarrers -der berühmte Theologe Johann Andreas Cramer geboren. Schon als -Studiosus war er Mitarbeiter der »Bremischen Beiträge«, der Gründung -des Literaten Karl Christian Gärtner aus Freiberg, der es verstand, -Rabener, Gellert und Klopstock für seine Kampfschöpfung gegen -Gottscheds Oberherrschaft zu gewinnen. Auf Klopstocks Verwendung wurde -Cramer später als deutscher Hofprediger nach Kopenhagen berufen. Vom -König bis zum Arbeitsmann ward er dort allgemein geliebt. Den »durchaus -Guten« soll man ihn in Kopenhagen schlechthin genannt haben. Nach -König Friedrich V. Tode aber verstand es der allmächtige Minister -Struensee, den ihm verhaßten Sittenprediger zu stürzen. Einige -geistliche Lieder aus dessen zahlreichen Dichtungen finden sich noch -jetzt in unserm Landesgesangbuch. -- -- - -[Illustration: Abb. 4 =Jöhstadt= - -Phot. Landgraf, Zwickau] - -Und nun hebt ein gar fröhliches Wandern an, der Nachmittagssonne -entgegen. Aus einem Ozean von Wäldern grüßt noch einmal der Jöhstadter -Kirchturm mit seinem hohen Kreuze hervor, dann kommen vor mir die -Basaltkuppen des Obergebirges heraus, der Pöhlberg, der Bärenstein und -der Scheibenberg; zur Linken Haßberg und Kupferhübel auf böhmischer -Seite. Ein still verklärtes Wandern ist das im kristallenen Licht des -Spätnachmittags! Nicht stürmisch und ausgreifend wie am Frühmorgen --- geruhig, sicher, getröstet! Blauschimmernd hockt im Eschenbaum an -der Straße die Rabenkrähe, der Charaktervogel der erzgebirgischen -Landschaft. Dann kommt der Fichtelberg heraus und hallo -- da hat -das deutsche Vaterland vorläufig ein Ende! Ein wenig plagt mich -die Neugier, einmal nachzuschauen, wie es im Land des einstigen -Bundesbruders jetzt hergeht. Bei Weipert tu ich den Schritt über die -Grenze und entschuldige mich bei den hübschen zwei Mädels, die dort vor -dem alterzgebirgischen Fachwerkhaus klöppeln, daß es silbern klingt -wie Bergwassergekicher, wenn sie die Hölzchen herumwerfen, ich könne -sie leider nicht in ihrer Landessprache begrüßen. »Ach was, wir sind -Deutsche«, entgegnen sie lachend. Dann kehre ich auf den Pfad der -Tugend, will sagen die sächsische Landstraße, zurück. - -Die nächste Stunde schon findet mich neunhundert Meter über dem Meere -auf dem Bärenstein. Auf sonnedurchglühter Klippe halte ich Rast und -lasse den Blick hinausschweifen über ein unendliches Wipfelmeer -hinüber zum Fichtelberg. Eine Drossel singt ihr Abendlied auf dem -Bergkiefernast zu meinen Füßen. In einen einzigen violetten Schimmer -ist das ganze Waldland gehüllt; und als ich dann auf dem Wege nach -Cranzahl durch grünes Buchengitter ins freie Feld trete, da sinkt -der feurige Sonnenball eben hinter den Bergen hinab. Schon liegt -Crottendorf im Spätabendschein zu meiner Linken. Stählern ist der -Himmel geworden, die Sterne kommen herauf und im Korn schlägt die -Wachtel. Die Blumen rundum haben die Köpfe geneigt und die grauen -Falter gaukeln dahin. Eisig kalt kriecht der Wiesennebel auch an mir in -die Höhe, und froh bin ich, wie mit dem Zehnuhrschlag der Kirchturm von -Scheibenberg vor mir emporragt. -- - -[Illustration: Abb. 5 =Der Bärenstein= - -Hofphotograph Meiche, Annaberg] - -Grün wippt’s vor den Fenstern des Gasthofs am Markt. Lindenbäume säumen -den rasigen Platz; von draußen herein blicken Wiesen und Wälder. Da -hält mich’s nicht lange im Zimmer; ich muß hinaus und meinen Rastort -in Augenschein nehmen. Freudig überrascht finde ich manch schönes Haus -aus dem achtzehnten Jahrhundert und aus den stillen Tagen, die wir die -Biedermeierzeit nennen. Ein prächtiger Barockkirchturm wacht über -der Stadt, und in der Kirche erfreut ein Altarwerk aus spätgotischer -Zeit mit geschnitzter Grablegung den Beschauer. Scheibenberg war der -Wirkungskreis des rühmlich bekannten Pfarrers Christian Lehmann, der -uns in vielen Schriften, vor allem in dem Historischen Schauplatz -der natürlichen Merkwürdigkeiten des Obererzgebirges und in seiner -Erzgebirgischen Kriegschronik ein überaus wertvolles Material zur -Heimatgeschichte hinterlassen hat. Wird er von der gestrengen -Wissenschaft vielleicht auch nicht für voll genommen -- er hat vieles -bereitwillig aufgezeichnet, was ihm auf weitem Umweg zugetragen ward --- so haben seine Arbeiten doch einen lokal- und kulturgeschichtlich -sicher beträchtlichen Wert. Nicht jede deutsche Landschaft wird so -ausführlich wissen, was sich an grauenhaften Einzelheiten in den Tagen -des Dreißigjährigen Krieges in ihrem Gebiet zugetragen hat, wie unser -Erzgebirge. Das aber dankt die Heimat dem getreuen Magister, der -einundfünfzig Jahre lang hier in Scheibenberg amtierte. Gräßliches hat -er zu berichten, was menschliche Bosheit über diese Höhen, in diese -Täler getragen hat; aber immer wieder sänftigt sich seine Seele im -Lobpreis Gottes, der die Heimat so lieblich geschaffen. Vom Gipfel -des Scheibenberges, hoch über den schwindelnden »Orgelpfeifen« des -Basaltbruches, kann auch ich heute einstimmen in dieses Lob. - -[Illustration: Abb. 6 =Königswalde= - -Phot. Landgraf, Zwickau] - -In Gedanken noch ganz bei Christian Lehmann und seinem Werke ziehe -ich nun den Weg dahin, der in nicht endenwollender Folge unter den -Hufen der Reiterpferde, den Rädern der plumpen Stücke und den Karren -der Troßknechte geschüttert hat, jahraus, jahrein -- die Straße durch -Raschau und Pöhla nach Rittersgrün! Wer über Wiesenthal ins Land Böheim -wollte, der mußte hier durch. Auch die Reisenden in die Heilbäder -dieses Landes sind oft hier des Weges gezogen. Gerüttelt und gerädert, -sicher nicht in der besten Stimmung, mögen sie oben angekommen sein. -Der Anblick von Oberwiesenthal hat ihre Lebensgeister dann wohl auch -nicht gehoben. Von den Leuten des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von -Brandenburg wird erzählt, sie hätten bei solcher Gelegenheit zu den -Wiesenthalern gesagt: »Was zum Teufel wollt ihr Leute in dem wilden, -kalten Ort? Steckt das Lumpennest mit Feuer an und kommt in unsers -Herren Lande!« -- - -[Illustration: Abb. 7 =Aus dem Pöhlatale= - -Hofphotograph Meiche, Annaberg] - -Froh bin ich schon, wie ich in Rittersgrün die glühende Talstraße -verlassen darf und nun den Höhenweg hinanklimme, der mich durch -schönen Waldbestand, in dem die Edeltanne häufig auftritt, hinüber -nach Breitenbrunn führt. Im kleinen Dorfkirchlein dort darf ich ein -wenig rasten und dem Ticken des Pendelwerks lauschen, das wie ein -großer Herzschlag durch die Stille rauscht. Hinter dem Altar lehnen -Klingelbeutel und Lichtlöschhütchen, auf der Platte stehen zwei -weibliche Figuren mit gotischen Hüftverrenkungen. An dieser Stätte -fand einst ein stürmisches Leben Ruhe und Frieden. Der Pfarrer Wolff -Ulle aus Elterlein, der in jungen Jahren als Pfarrherr von Clausnitz -den dortigen Dorfrichter erschlug im aufwallenden Zorn, konnte in -Breitenbrunn nach langer Bußzeit im Elend und nach treuer Bewährung -als Pestprediger zu Annaberg noch fast ein Menschenalter in der Stille -amtieren, bis ihn am Altar der Tod ereilte. - -Weiter geht es durch Wälderblau und Loheduft, bis hoch auf dem Berg mir -der Kirchturm von Johanngeorgenstadt winkt, hinaufzukommen und Einkehr -zu halten in einer Stadt, die durch ihre Entstehungsgeschichte zu den -beachtenswertesten im Lande gehört. Mühselig wandre ich die endlose -Berglehne hinan, durch nüchterne Gassen aus den letzten Jahrzehnten, in -die vom nahen Böhmen herüber der Plattenberg grüßt. - -[Illustration: Abb. 8 =Scheibenberg= - -Hofphotograph Meiche, Annaberg] - -Ja, von dorther sind sie gekommen, die Gründer von Johanngeorgenstadt. -Immer waren die Plattener Bürger und Bergleute dem lutherischen Glauben -treu zugetan. Schon der alte Matthesius hielt große Stücke auf sie. -Aber in den Landen des Kaisers sah man scheel nach ihnen. Schon nach -der Schlacht am Weißen Berge ward ihr Pfarrer gezwungen, ins Exil zu -gehen, und auch der Osnabrücker Frieden brachte nicht die erhoffte -Glaubensfreiheit. Ein katholischer Priester ward nach Platten gesetzt; -was blieb den Bedrängten übrig, als Hilfe auf sächsischer Seite zu -suchen? Zur Nachtzeit kamen sie dort in der Jugler Glashütte zusammen, -und der Eibenstocker Pfarrer versah sie mit dem heiligen Mahl. -- Immer -erbitterter ward man in der kaiserlichen Regierung auf die Ketzer. Im -Oktober 1653 endlich erschien ein Patent, daß sie »als Meineidige, -Treulose, Ehr- und Pflichtvergessene um ihres kontinuierlichen -Ungehorsames willen aus Kayserlicher Majestät Enden bannisiert seien«. -Da galt es denn, der lieben Heimat Valet ansagen. Seit einiger Zeit -schon hatte sich der Blick der Bedrängten auf den Fastenberg über der -Grenze geheftet. Eine wilde und rauhe Waldhöhe, auf der aber schon zwei -alte Berghäuslein im Gang waren, und wo man wohl auf weiteren Bergsegen -hoffen durfte. »Das mag mir ein rechter Fastenberg sein,« soll einst -eine sächsische Kurfürstin ausgerufen haben, als bei einem Jagen hier -oben der Küchenwagen nicht nachkommen konnte. Das Hungerland nannten -die Papisten hinter dem Grenzwasser spottend die Gegend und selbst der -erste Lehrer der Exulanten schreibt: »Der Berg war nichts als dicker -Wald, da die Bären brummeten, die Hirsche brüllten, die Wölfe heuleten -und die Füchse belleten.« -- Bei Nacht und Nebel brach man auf, immer -in Sorge, daß kaiserliche Häscher einem auch noch die spärlichen -Habseligkeiten abnehmen möchten. »Da war traun das Lachen theuer« -schreibt der Lehrer, »ein rauschend Blatt erschreckte Euch des Nachts, -immer gewärtig, die Ketten rasseln zu hören.« -- Unverzüglich ging -eine Petition an Johann Georg I. ab, er möge den Plattnern erlauben, -auf dem Fastenberg eine Stadt zu gründen mit den Rechten einer freien -Bergstadt. »So haben wir Berg- und Handwerksleute von der Platten, -welche die papistische Religion nicht annehmen können, vollends unsre -armen Hüttlein verlassen und in das liebe Exilium uns begeben müssen« -heißt es gar wehmütig in der Bittschrift. Um ein Stück Land für Haus -und Hof gegen mäßigen Erbzins für jeden Ansiedler, vor allem aber um -Errichtung einer Kirche, Schule und Pfarre ward darin nachgesucht. -»Dieweil unsre armen Seelen, so lange in Mangel gestanden, hertzlich -darnach seuffzen.« Am 23. Februar 1654 war die Antwort des Landesherrn -aus Schloß Annaburg da: Alles wurde bewilligt; »das Städtlein aber soll -Johann Georgens Stadt hinfür genannt werden.« - -So brach denn der erste Sonnenstrahl durch das graue Sorgengewölk. Nun -ging doch in Erfüllung, was ihnen der treue Lehrer so oft vorgesprochen: - - »Ach lieben Christen habt Geduld - Ob’s euch schon hoch thut schmerzen - daß ihr ohn’ alle eure Schuld - Alles habt müss’n verschertzen.« - -Nun brauchten sie nicht mehr zu klagen: - - »O Du hoch gekrönter Kayser, - Warum müssen wir davon? - Und verlassen unsre Häuser -- - Macht’s nicht die Religion? - Laß doch die Gewissen frey - O Herr Jesu steh uns bey! - Könnt Ihr doch die Jüden leiden - Die doch Christum ehren nicht - Warum wollt Ihr uns abscheiden - Die doch folgen diesem Licht?« - -Jetzt klang es ganz fröhlich und getrost: - - »Auf der Platten, da wir wohnten - Plagten sie uns Tag und Nacht, - Bis wir zogen, da wir konnten - Bau’n Johann-Georgens-Stadt. - Nächst soll seyn das Haus zu Sachsen - Unser treuer Aufenthalt. - Gott hilf, daß wir drinnen wachsen, - Wie sich breitet aus ein Wald!« - -Am ersten Mai 1654, als der Schnee geschmolzen war, begann der -Bau. Der Schulmeister zu Schwarzenberg entwarf den Grundriß und -bezeichnete eines jeden Heimstätte. Mit Macht ging man ans Reuten des -Waldes. Eintausendsechshundertundneunzig Stämme allein mußten auf -dem Marktplatz beseitigt werden. Am zehnten Mai schon war die erste -Türschwelle gelegt. Spottend schaute man auf böhmischer Seite zu. Wo -wollten die Leute dauernd gutes Wasser herbekommen hier oben? Sieh, und -da sprang schon stark und hell ein Felsenbrunn, der bei einem Kellerbau -angestoßen war, und auch Lehm fand sich reichlich vor. Freilich, -wohnlich mögen diese ersten Häuser nicht gewesen sein. Viele von ihnen -hatten keine Fenster, nur Lichtlöcher, und dazu standen allerorts -noch die abgehauenen Stämme vor den Türen, bis endlich 1662 der Rat -ernstlich auf ihre Beseitigung drang als eine Deformität für den Markt. - -Noch einmal zeigte sich der Neid der böhmischen Nachbarn. Die neue -Kirche der Exulanten war fertig geworden, da erging Anzeige nach Prag, -sie stünde auf böhmischem Boden. Von beiden Regierungen ward alsbald -eine Kommission zur Untersuchung des Falles gebildet. Nach längerem -Suchen fand man die alten Grenzsteine, und es ergab sich einwandfrei, -daß die Kirche auf kursächsischem Gebiete stand. Aus Ärger über diese -Blamage soll der Prager Abgeordnete einem der Denunzianten ~coram -publico~ eine gewichtige Ohrfeige gegeben haben. - -Sachsen merkte es bald, welch tüchtigen Zuwachs es mit den neuen -Bürgern bekommen hatte. Namentlich der erste Bergmeister von -Johanngeorgenstadt stand beim Landesherrn in großer Gunst. Seiner -Tüchtigkeit schrieb man das Erblühen des Bergbaues im neuen Revier zu, -indes rings im Lande das Bergwerk gerade damals arg danieder lag. Der -»Silber-Bergmeister« ward er genannt; sicher kein Schimpf für einen -gerechten Bergmann. - -[Illustration: Abb. 9 =Orgelpfeifen am Scheibenberg= - -Phot. Landgraf, Zwickau] - -Zum Bergwerk gesellte sich bald in ausgiebigem Maße das Hammerwerk. -Besonders in Wittigstal wuchs der alte Hammer zu hoher Bedeutung. Die -»Hammerpursche« waren ein gar unbändig Volk, stark und dauerhaft. -Bei der Arbeit hatten sie nichts an als ein Hemd und ein Schurzfell, -und »weil sie immer am Feuer stehen, geht von ihrem Lohn viel aufs -Getränke«. - -Die neu entstandene Stadt ward in der Folge als Sehenswürdigkeit viel -besucht. Peter der Große kam hierher, später auch Goethe und Humboldt. -Wie aus einem Brief Goethes hervorgeht, sah er sich hier fleißig »unter -der Erde« um. - -All’ das zieht an meinem Geiste vorüber, wie ich im Rathaus am -Fenster sitze und über den abfallenden Markt hinab schaue. Seit dem -großen Brande von 1867 steht Johanngeorgenstadt in einem Gewande da, -das freilich nicht mehr im entferntesten an die alte Zeit erinnert. -»Neugotik« war das Schlagwort beim Wiederaufbau der Kirche, und auch -das Rathaus ist in seiner alten Gestalt schöner gewesen. Aus einem -Glasbild im Fenster des Gastzimmers kann ich das deutlich erkennen. Wie -wundervoll mögen sich, danach zu urteilen, auch die Bürgerhäuser mit -ihren weiten Bogentoren und den vorgekragten Obergeschossen ausgenommen -haben. - -[Illustration: Abb. 10 =Johanngeorgenstadt= - -Phot. Landgraf, Zwickau] - -Nun, ein Stück alter Zeit bewahrt wenigstens das Gelände hinter -Johanngeorgenstadt. Da grüßt noch manches Berggebäude zur Straße -herüber. Die Krone von allen aber ist der alte Pferdegöpel, dessen -Erhaltung dem Verein Heimatschutz erst kürzlich unter opferfreudiger -Beihilfe weiter bergmännischer Kreise im ganzen Reiche gelungen -ist. Es ist sehr zu begrüßen, daß uns so wenigstens eines dieser -sinnreichen alten Triebwerke erhalten bleibt, wie sie im Erzgebirge -zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts gebräuchlich wurden und damals -einen gewaltigen Fortschritt in der bisherigen Förderart mit der -»runden Scheibe«, die durch Menschenkräfte gedreht ward, bedeuteten. -Jahrhundertelang haben die dieser Betriebsart entsprungenen, -hochmalerischen Baulichkeiten das Landschaftsbild unseres Gebirges -beeinflußt. -- Vergnügt kann ich mich heute überzeugen, daß die -Wiederinstandsetzungsarbeiten an diesem allerletzten Artvertreter -rüstig im Gange sind. - -[Illustration: Abb. 11 =Kammweg Johanngeorgenstadt--Oberwiesenthal= - -Hofphotograph Meiche, Annaberg] - -Viel hab ich heute gesehen und erwandert, aber die letzte Herzstärkung -wird mir doch erst zuteil, wie ich beim Forsthaus Sauschwemme den -Gipfel des Auersberges erklommen habe. 1018 Meter hoch über dem Meere -in königlicher Einsamkeit hausen zu dürfen, ist ein gar stolzes -Gefühl! Wie erstarrte grüne Meereswogen liegen sie da vor dem Fenster, -die vielen, vielen Höhen des Erzgebirges; ganz selten einmal eine -menschliche Siedlung, immer nur Wald, Wald und Wald. Keines von allen -den Bergwirtshäusern, die ich schon besuchte, hat mir solch freudige -Überraschung bereitet. Noch von meinem Bette im Obergeschoß aus kann -ich die schlafende Bergwelt grüßen. Alles heute genossene Schöne aber -wird in den Schatten gestellt von der erhabenen Weihe des Blickes, den -ich zwischen ein und zwei Uhr in die Bergnacht hinaus tun darf! Ein -feierliches Leuchten liegt über der gewaltigen Landschaft. Silbern -blinken die Sterne herab; in rührendem Zagen zittert ein Lichtlein -aus weit entferntem Menschenheim herauf. Wie ist die Waldnacht unsrer -Berge stumm; und doch ist mir’s, als ginge ein brausendes Loblied über -die Gipfel alle und Wipfel, das auch mir das Herz im Leibe entbrennen -macht in Anbetung und Verehrung. -- Schon dem alten fürstlichen -Weidmann, Johann Georg I., war der Auersberg lieb und wert. Gern hielt -er ein Jagen hier ab, bescherte ihm doch der Auersberg die stärksten -Hirsche, die gröbsten Sauen und wehrhaftesten Bären. Auch ein hölzernes -Aussichtsgerüst und Unterkunftshütten für die Jägerei ließ er hier -errichten. »Gesegne euch Gott, ihr Hölzer, ich seh’ euch nimmer -wieder«, soll er beim letzten Abschied von dem lieben Erzgebirgswald -ahnungsvoll und wehmütig ausgerufen haben. - -Am nächsten Morgen ziehe ich in einem herrlichen Frühgewitter zu Tal. -Wild rauchen die Schluchten und die waldigen Höhen. Gewaltig und -hehr ist die Schöpfung hier oben erst recht an einem Regentag. Drum -groll’ ich auch nicht ob der Nässe und lange wohlgemut am Ziel meiner -Wanderfahrt an, im wälder- und wiesenumgürteten Eibenstock. - -Ich glaube es den alten Harzer Bergleuten, die das Erbe der Wenden -im Zinnbergbau hier antraten, daß sie die Gegend an ihre Heimat -erinnerte. Drum legten sie den Höhen hier oben heimische Namen bei. -Einen Auersberg und einen Rammelsberg gibt es auch im Harz. -- Waren -die wendischen Ansiedler mehr auf Gewinnung des Zinns durch Auswaschen, -das sogenannte Seifen, ausgegangen, so drangen die Sachsen nun mehr in -die Tiefe. Zeche an Zeche entstand am Auersberg; zu Luthers Zeiten noch -sollen sie jährlich mehrere tausend Zentner Zinn gespendet haben. Manch -anderen köstlichen Fund gaben auch die rauschenden Bäche heraus -- -lauteres Gold in Körnern, von denen noch 1733 eines gewonnen ward, das -dreizehn As schwer gewesen sein soll und August dem Starken überreicht -ward. - -Als der Bergbau anfing unergiebig zu werden, blühte auch hier das -Laborantenwesen auf. Schon im sechzehnten Jahrhundert braute man in -Eibenstock das Bergöl, ein Allheilmittel aus Harz, und später ward -die Kunst der Arzneibereitung gewaltig ausgebaut. Aber der Wohlstand -der Stadt war mit dem Bergbau dahingesunken, und mit besonderer -Wucht trafen die Hungerjahre 1770 bis 1773 hier auf. Elementare -Naturereignisse, wohl auch fehlerhafte wirtschaftliche Maßnahmen -seitens der Regierung, die zuviel Korn aus dem heimischen Tiefland in -die Nachbarländer abgegeben haben soll, leiteten die böse Zeit ein. -Im Oktober 1770 kostete ein Brot in Eibenstock schon mehr als den -ortsüblichen Tagelohn; 1772 überstieg es diesen dreimal! Grauenhaft war -die Not. Alle Habseligkeiten hatten die armen Leute schon verkauft. -Auf Wegen und Stegen taumelten die Verhungernden nieder und starben. -Besonders anschaulich schildert ein Eibenstocker Bürger, der Hutmacher -Georg Fichtner, der sich um Hilfe ins Niederland aufmachte, das Elend. -»Aus Pferdedünger,« schreibt er, »habe ich die Kinder die Haferkörnlein -aussuchen und essen gesehen. Bei Chemnitz fand ich ein Mädchen am -Wege unter einem Haselstrauch, das hatte die Hände am Munde, beide -voller Blut -- die Fingerglieder waren weggebissen! Eine halbe Stunde -vor Falkenstein lag eine tote Frau, ein einjähriges Kind kletterte -auf ihrer kalten Brust und weinte -- ach so kläglich. In diesem Jahre -starben in Eibenstock über siebenhundert Menschen. In Brotschränken, -Kisten und Kasten begrub man sie, man hatte für Särge kein Geld.« - -Das Jahr 1773 brachte gute Ernten. Aber völlig verarmt lag Eibenstock -da. Da war es ein junges Mädchen, das Rettung brachte. Eines -sächsischen Oberförsters in polnischen Diensten Tochter war sie und -hatte im Kloster zu Thorn kunstvolle Handarbeiten erlernt. Nach des -Vaters Tode kam Clara Angermann nach Eibenstock, des Verstorbenen -Heimat. Das Elend, das in der Stadt herrschte, brachte sie auf den -Gedanken, den Frauen und Mädchen Unterricht im Tamburieren zu geben; -und siehe, es ruhte ein Segen auf diesem Beginnen. Noch heute steht der -Name der edlen Frau, die später die Gattin des Oberförsters Nollain -ward, in Eibenstock in dankbarem Gedenken. -- -- - -Da bin ich in meinen Gedanken fürwahr durch die ganze Stadt gewandert -und noch einmal ziehe ich eine kurze Strecke durch ein schönes -Wiesental hin, bis mich am unteren Bahnhof von Eibenstock der Zug -aufnimmt. Ich danke dir, Heimat, daß du mich wieder einmal hast in -deines Wesens inneren Kern schauen lassen. Fahre wohl, blauer Bergwald; -Gott grüße dich, silbernes Bächlein -- euer Heimathauch wird auch noch -im Treiben der Stadt oft mein Herze erfreuen, denke ich euer in Liebe -und Treue. - - - - -Bunte Gassen, helle Straßen - -Ein Buch von Kinderland und Heimat von _Max Zeibig_ - -II. Band der Heimatbücherei des Landesvereins Sächsischer -Heimatschutz[2] - - -Mit diesem für den Heimatfreund und jeden stillen Lauscher und -Seher vielversprechenden Titel hat uns der Heimatschutz ein neues -schönes Bändchen in der Reihe seiner Heimatbücher im schmucken grünen -Gewande auf den Weihnachtstisch gelegt. Heinrich Sohnrey hat ihm ein -gehaltvolles Geleitwort mitgegeben, das die innigen Gemütswerte, die -Kraft und Freude, welche in diesem Buch aus der Heimat und für die -Heimat sprudeln, so recht würdigt. Ein Wort, das am Schlusse einer der -tiefempfundenen Schilderungen steht, hat mich besonders festgehalten: -»Wir können nicht irre gehen, wenn wir nach den Sternen schauen!« -Dieses Wort und der Titel klingen mir zusammen mit Wilhelm Raabes Wort: -»Sieh nach den Sternen, gib acht auf die Gassen.« Dieses Wort gibt in -kurzer gedrängter Form den wertvollen tiefen Inhalt, geistigen Gehalt -und das Gefühl an, welches in dem Buche lebt. Es läßt uns durch bunte -Gassen, helle Straßen, durch Wald und Feld, durch Berg und Heide, durch -Kinderland und Heimat ziehen und achthaben auf allerlei Großes und -Kleines, Altes und Neues, Liebes und Leides, und läßt uns dabei nach -den Sternen schauen, und innerliche Freude und Gewinn davontragen. -In reichen farbenbunten Schilderungen und mit innigem Gefühl sind -Bilder der engeren und weiteren Heimat gegeben, so daß das Herz höher -schlägt, und die Sehnsucht lebendig wird, alle die Herrlichkeiten um -uns mehr und mehr zu suchen, sich eigen zu machen und innerlich zu -erleben, alle, welchen die Augen noch verschlossen sind oder welchen -das Leben nur grau, trübe und müde ist, heranzuführen an diesen -Jungbrunnen unsrer Kraft und innerlicher Gesundheit, daß sie froh -und frisch und helläugig werden und stark im Erleben der Heimat und -im inneren Besitze der Heimat. -- Aus der Jugend, die ihm Dresden und -seine herrliche Umgebung verklärt, aus dem Mannesalter und Berufsleben -in der Lausitz und dem altehrwürdigen malerischen Bautzen, aus der -Heide, ja auch aus Thüringen und den schlesischen Gebirgen kommen die -Stimmungen, welche sich zu Bildern formen, die Gedanken, welche in echt -deutschem Naturleben und Beseelung aus dem Stofflichen ins Geistige und -dichterisch Geschaute emporführen, zu den Sternen schauen lassen und -alles Sein und Geschehen mit innerer Wärme umfassen zu verstehen und -ans Herz zu nehmen suchen. - -Sich dieser Führung durch heimatliche Fluren anzuvertrauen bedeutet -eine innere Freude und Gewinn und weckt Stimmungen, welche hoch über -den Alltag erheben. Wenn unsrer Jugend so die Augen und das Herz -aufgingen für die Heimat, daß jeder draußen ein Entdecker immer -neuer Freude, sich selbst ein Schöpfer eines eigenen inneren stillen -Königreiches selbstgefundener, tiefempfundener Heimatschönheiten sein -kann, dann mag und wird aus tiefgewurzelter Heimatliebe wieder der -Baum lebendigen bewußten Deutschtums, deutschen Stolzes und deutscher -Kraft erwachsen. Gebt darum dies Buch in die Hände der Jugend. Wenn ihr -wandert, nehmt es mit und bei stiller Rast lest einen Abschnitt und -lauscht auf die Stimmungen, welche in euch und um euch lebendig werden. -Stille Lauscher, stille Seher, nicht laute Lärmer! Wenn ihr im engeren -Kreise daheim oder unter Freunden vom Wandern plaudert, dann schlagt -das Buch auf, und ihr werdet fühlen, wie eure Erinnerung lebendiger, -farbiger wird, wie die Stimmung froher Wanderzeit in euch erwacht zu -neuem vertieften seelischen Erleben, wie auch in bitterer Zeit ein -Trostgefühl und frohgemute Kräfte daraus erblühen können. - -Möge das Büchlein viele froh machen, ihre Augen öffnen und ihre Herzen -erheben, daß sie es lernen: »Wir können nicht irren, wenn wir nach den -Sternen schauen.« - - Gustav Rieß, Freiberg - - [2] Preis M. 15,-- für die Mitglieder des Heimatschutzes, sonst - M. 18,--. Bestellkarte in diesem Heft. - - - - -Zur Geschichte des Storches in Westsachsen - -Von _Rud. Zimmermann_ - - -In seinem Beitrage »Störche und Storchnester im östlichen Sachsen« -(Mitteil. Sächs. Heimatschutz VI, 1917, Seite 99 bis 112) stellte -Klengel weitere Mitteilungen auch über die Störche und Storchnester in -Westsachsen in Aussicht. Zusammen mit weiteren Nachrichten über den -ostelbischen Bestand gab er diese dann im folgenden Jahrgange (VII, -1918, Seite 34 bis 46), beschränkte sich dabei aber, soweit das Land -westlich der Mulde in Frage kam, lediglich nur auf ein recht knappes -Zitat aus Heyders ~Ornis Saxonica~. -- - -[Illustration: =Der letzte Storch in Haselbach= - -Phot. Rud. Zimmermann] - -Heyder war dem Storchvorkommen in Westsachsen bereits früher -nachgegangen. In einer kleinen Mitteilung in der von Kleinschmidt -herausgegebenen Zeitschrift Falco (II, 1903, Seite 76 bis 77) stellte -er um die Mitte des ersten Jahrzehnts unseres Jahrhunderts für die -Bornaer Gegend eine bereits in Wirksamkeit getretene Abnahme unseres -Vogels und das Aussterben kurz vorher noch besetzt gewesener Horste -fest, konnte dabei aber auch noch an bewohnten Storchnestern je eines -in Regis und bei Bergisdorf, sowie drei in Deutzen nachweisen, während -für zwei weitere in Blumroda sich nicht feststellen ließ, ob sie im -Berichtsjahre besetzt gewesen waren. Das Aussterben dieser wenigen, -durchweg auf Bäumen (Pappeln) errichteten Nester ging dann ziemlich -rasch vor sich und vollzog sich noch im ersten Jahrzehnt unseres -Jahrhunderts; schon 1910 oder 1911 fand ich keines mehr bewohnt vor; -sie waren von dem gleichen Schicksal ereilt worden, das in den Jahren -vorher bereits Nester in Röthigen, Görnitz und Großzössen betroffen -hatte. Auch weiter östlich, im Flußgebiet der Vereinigten Mulde, -hat Adebar ebenfalls noch bis in unser Jahrhundert hinein genistet; -das letzte oder eines der letzten Nester linksseitig der Mulde, das -noch bis um die Mitte des ersten Jahrzehnts unseres Jahrhunderts -bewohnt gewesen sein soll, befand sich in Großbardau südlich von -Grimma. Diesem Vorkommen schließen sich dann rechts der Mulde die -von Heyder in seiner ~Ornis Saxonica~ (Journ. f. Ornithol. 64, 1916, -Seite 292 bis 293) erwähnten Nester von Kühren, Wäldgen und Gornewitz -an, zu denen wahrscheinlich noch ein weiteres von Golzern (oder bei -Golzern) bei Grimma kommt, wo der Storch angeblich ebenfalls noch -bis in unser Jahrhundert hinein genistet haben soll, die aber heute -sämtlich der Geschichte angehören. Es wäre vielleicht gar keine so -undankbare Aufgabe, dem Aussterben des Storches in Nordwestsachsen -einmal an Ort und Stelle noch weiter nachzugehen und sein allmähliches -Verschwinden hier zeitlich genauer festzulegen; im Zeitalter dieser -sich überstürzenden, nun bald schon ans Unsinnige grenzenden -Fahrpreiserhöhungen allerdings ist sie nicht ganz leicht und gehört -für einen gewöhnlichen Sterblichen sogar überhaupt schon zu den -Unmöglichkeiten. -- Über ehemalige Storchvorkommen in der Umgebung -Leipzigs und sogar innerhalb des Weichbildes der Stadt selbst hat Hesse -im Journ. f. Ornithol. 57, 1909, Seite 13 bis 14 berichtet; ein in -Papitz in der Elsteraue nordwestlich von Leipzig gestandenes Nest, das -erst in jüngerer Zeit ausgestorben ist, hat sich allerdings bereits -jenseits der Landesgrenze auf preußischem Gebiet befunden. - -Nordwestsachsen, (besonders die Gebiete der Elster-, Pleißen- -und Muldenaue und anscheinend auch der heute durch die Parthe -noch angedeutete alte, zwischeneiszeitliche Muldenlauf) scheint -nach gelegentlichen eigenen Umfragen in vergangenen Zeiten vom -Storch gar nicht so gering bevölkert gewesen sein; befragt man -ältere Einwohner des Gebietes nach unserem Vogel, so wissen sich -diese oft noch auf mehrere Nester innerhalb eines einzelnen -Ortes zu erinnern. Der Rückgang des Vogels scheint, soweit meine -Nachforschungen einen dahingehenden Schluß zulassen, aber bereits in -den siebziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts ein augenfälliger -geworden zu sein und namentlich dann von den achtziger Jahren ab -sich mit großer Schnelligkeit vollzogen zu haben. Auch in alten -Ortschroniken des Gebietes wird der Vogel nicht selten erwähnt; -Christian Schöttgen beispielsweise schreibt in seiner »Historie der -Chur-Sächsischen-Stiffts-Stadt Wurzen«, daß »Anno 1679 und 1680 der -Winter sehr warm gewesen ist, so daß die meisten Leute barfuß gegangen -und der Storch am 19. Februar anher gekommen ist« und in Adam Friedrich -Glasigs 1721 erschienenen »Kern der Geschichte des hohen Chur- und -Fürstlichen Hauses zu Sachsen« heißt es: »Störche pflegen absonderlich -zu Leipzig in der Stadt auf den Dächern der Häuser jährlich zu -hecken.« -- - -Das letzte besetzte Storchnest im Leipziger Tieflandsgebiet befand -sich allerdings nicht mehr auf sächsischem Boden, sondern in dem -altenburgischen Dorfe Haselbach, wo es auf einer geköpften Pappel -im Hofe des Rittergutes stand. Im Jahre 1910 brachte das dies Nest -bewohnende Storchenpaar fünf Junge hoch und nach einer Pause im Jahre -1911 erblickten in ihm 1912 wiederum drei Junge (von denen eins aber -dann an einem Leitungsmast verunglückte) das Licht der Welt. 1913 -blieb es von neuem leer und als im Herbste desselben Jahres das -Rittergutsgehöft von einer Feuersbrunst betroffen wurde, litt darunter -auch das Storchnest. Man gab ihm in einem Wagenrad eine neue Unterlage -und setzte es auf das Dach der neuen Scheune, doch erfüllte es, nachdem -sich 1914 zwar noch ein einzelnes Storchenweibchen in ihm aufgehalten -hatte und nach Hildebrandt (»Beitrag zur Ornis Ostthüringens« in -»Mitteil. a. d. Osterlande«, N. F. 16, 1919, Seite 322) auch Eier -gelegt, aber nicht gebrütet haben soll, leider seinen Zweck nicht -wieder und blieb seit 1915 endgültig verwaist. - -Das Haselbacher Storchnest ist von mir oft besucht worden. 1912 hatte -ich Gelegenheit zu einigen nicht ganz schlechten Aufnahmen am Neste; -von den damals erhaltenen Bildern sei hier eines als letzte Erinnerung -an das Nisten des Storches im Leipziger Tieflandsgebiet angefügt und -mag zu späteren Geschlechtern von dem »Es war einmal« reden. - - -Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt -- -Druck: Lehmannsche Buchdruckerei - -Klischees von Römmler & Jonas, sämtlich in Dresden. - - - - -Einbanddecken - -(Leinen) - -für die - -Heimatschutz-Mitteilungen - - Stück 18 M. - Postgeld u. - Verpackung 5 M. - ------ - 23 M. - -Bestellkarte anbei - - - - -Bunte Gassen, helle Straßen - -Dresden 1921 - -des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz Heimatbücherei - -Band II - -185 Seiten -- Großoktav - -hart gebunden - -_Vorzugspreis für Mitglieder des Landesvereins Sächs. Heimatschutz -M. 15.--_ - -_Bestellkarte in diesem Hefte_ - -_Gerhard Platz_ »Vom Wandern und Weilen im Heimatland«, der erste -Band unserer Heimatbücherei ist vergriffen und wird nächstes Jahr in -neuer Auflage erscheinen. Jetzt kündigen wir den zweiten Band an. -_Max Zeibig_ ist sein Verfasser. Wer kennt nicht seine gemütvollen -Schilderungen aus der Kinder-, aus der Jugendzeit, die in den -angesehensten sächsischen Tageszeitungen seit Jahren erscheinen. -_Heinrich Sohnrey_ gab dem Buche das Geleitwort und wünschte, daß es -nicht nur in Sachsen, sondern in ganz Deutschland Verbreitung finde. - -Landesverein Sächsischer Heimatschutz - -Dresden-A., Schießgasse 24. - - -Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-A. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die - Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. - - Korrekturen: - - S. 66: entdecken → Entdecker - daß jeder draußen ein {Entdecker} immer neuer Freude - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LANDESVEREIN SÄCHSISCHER -HEIMATSCHUTZ -- MITTEILUNGEN BAND XI, HEFT 1-3 *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. 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Mitglieder erhalten -die Mitteilungen kostenlos, <em class="gesperrt u">Mindest</em>jahresbeitrag M. 20.–, freiwillige Einschätzung -erbeten</p> - -<p class="center">Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24</p> - -<div class="smaller p2"> -<div class="bleft"> -Postscheckkonto: Leipzig 13987, Dresden 15835 -</div> -<div class="bright right"> -Stadtgirokasse Dresden 610 -</div> -</div> -<p class="center">Dresden 1922</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Heimatschutz-Vortraege">Heimatschutz-Vorträge<br /> -1922</h2> -</div> - -<p class="center larger"><b>Dresdner</b> Reihen (Gewerbehaus)</p> - -<p class="center">Erstmalig: 12., 19., 27. April, 3., 10., 17., 24., 31. Mai</p> - -<p class="center">1. Wiederholung:</p> - -<p class="center">8., 12., 15., 18., 22., 25., 29. Mai, 1. Juni</p> - -<p class="center larger p2"><b>Leipziger</b> Reihen (Centraltheater)</p> - -<p class="center">Erstmalig: 7., 14., 21., 28. April, 5., 12., 19. Mai</p> - -<p class="center">1. Wiederholung:</p> - -<p class="center">15., 22., 29. September, 6., 13., 20., 27. Oktober</p> - -<p class="center larger p2"><b>Meißner</b> Reihe (Geipelburg)</p> - -<p class="center">13., 20., 27. April, 4., 11., 18., 25. Mai</p> - -<p class="center p2">Unsere werten Mitglieder werden durch Drucksachenkarten -von den Vorträgen verständigt</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[1]</span></p> - -<div class="bleft">Band XI, Heft 1/3</div> -<div class="bright">1922</div> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-003"> - <img class="w100" src="images/illu-003.jpg" alt="" /> - <div class="caption"><span class="larger"><b>Landesverein Sächsischer<br /> -Heimatschutz</b></span><br /> -<b>Dresden</b></div> -</div> - -<p class="center">Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern herausgegeben</p> - -<p class="center">Abgeschlossen am 1. März 1922 -</p> -</div> - -<h2 class="nobreak" id="Auf_Grenzpfaden">Auf Grenzpfaden</h2> - -<p class="center">Von <em class="gesperrt">Curt Sippel</em>, Plauen</p> - -<p class="center smaller">Aufnahmen vom Verfasser</p> - -<div class="figleft illowp40" id="illu-004a"> - <img class="w100" src="images/illu-004a.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 1 <b class="tdpl">Fallend Laub</b></div> -</div> - -<p>Aus der vogtländischen Kreisstadt rollt der Zug elsteraufwärts in den herbstkühlen -Sonntagsmorgen hinein. Dichter Reif bedeckt die Flur; aus silbergrauem -Nebel dämmert der Tag heran und verspricht ein sonniger zu werden. Je öfter -der Zug hält, um so mehr verliert sich die quetschende Enge in den Abteilen, scheiden -die festlich geputzten Sonntagsgäste aus und bleiben nur noch die ins Gebirge -strebenden schlichten Wanderer, deren liebstes Sonntagsgewand das abgenutzte -Lodenkleid mit dem verwitterten Hut ist. Auffallend viel Vertreterinnen des -schönen Geschlechts zeigen sich jetzt in dem Äußeren der Wanderzunft. Die früheren -Lebensgewohnheiten der Frauenwelt haben in den letzten Jahren eine einschneidende -Wandlung erfahren, haben mit den oberflächlichen Vergnügungen gebrochen und -sich mehr einer selbständigen natürlichen Einfachheit zugewendet, haben zur Erkenntnis -der, der großen herrlichen Heimatnatur innewohnenden Verjüngungskraft -geführt. Gibt es für den naturliebenden Städter doch nichts schöneres, als am -Sonntag hinauszuwandern, sich so recht zu erfreuen an all dem Reizvollen, das -die Natur gerade in dem schönen Bergland des Vogtlandes so überreichlich darbietet. -Welch großen Gewinn bringt doch eine solche Tageswanderung für Körper<span class="pagenum" id="Seite_2">[2]</span> -und Geist. Leider ist in dem sich von -Tag zu Lag mehrenden Heer der Wanderer -die ältere männliche Jugend in der -Minderheit. Wenn die jungen Herren -auch viel anderen Leibessport treiben, -so dürfen sie daneben den vornehmsten, -das Wandern, doch nicht vernachlässigen. -Aus ihm erwächst Begeisterung für das -Edle und Schöne, erglüht Heimatliebe -und deutscher Geist.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-004b"> - <img class="w100" src="images/illu-004b.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 2<br /> -<b>Der Kegelberg</b> (755 <em class="antiqua">m</em>) <b>und der Hohe Stein</b> (777 <em class="antiqua">m</em>) <b>bei Erlbach</b></div> -</div> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-005a"> - <img class="w100" src="images/illu-005a.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 3 <b class="tdpl">Blick ins Landesgemeinder Tal</b></div> -</div> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-005b"> - <img class="w100" src="images/illu-005b.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 4 <b class="tdpl">Dreirainsteine</b><br /> -(746 <em class="antiqua">m</em> hoher Berg, auf dem die drei Waldgebiete Erlbach, Schönbach und Graslitz -zusammenstoßen und über den die Reichsgrenze läuft.)</div> -</div> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-006a"> - <img class="w100" src="images/illu-006a.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 5<br /> -<b>Kirchberg</b> in der Hochfläche östlich des Hohen Steins</div> -</div> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-006b"> - <img class="w100" src="images/illu-006b.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 6<br /> -<b>Das klingende Tal</b> (Untersachsenberg)</div> -</div> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-007a"> - <img class="w100" src="images/illu-007a.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 7<br /> -<b>Der Aschberg</b> 936 <em class="antiqua">m</em> (sächs. Seite)</div> -</div> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-007b"> - <img class="w100" src="images/illu-007b.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 8<br /> -<b>Am Aschberg</b></div> -</div> - -<p>Im Spinnen der Gedanken ist die -Zeit vergangen. Das Bähnle dampft -bereits durchs Schwarzbachtal und hält -zum letzten Male. Nur wenig Leute -steigen aus; fast alle sind Wanderer, die -nach allen Himmelsrichtungen frohgemut -davon eilen. Einer wendet sich ostwärts, -der Sonne entgegen, die schon über den -Hohen Stein hereinlugt und mit den -dichten Nebelmassen des Tales in heftigem -Kampf liegt. Das graue Gewoge wallt -durcheinander, zieht hierhin und dorthin,<span class="pagenum" id="Seite_6">[6]</span> -steigt empor, umhüllt die Bergwände, die Gipfel, wird von der Sonne wieder zurückgedrängt -und muß sich zu guterletzt doch als überwunden erklären und sich als -Tau im Tale niederschlagen. Die Erlbacher schlafen noch. Warum sollten sie’s -auch nicht! Sie feiern eben den Sonntag auf ihre Art. Würden es ja doch nicht -verstehen, daß so närrische Stadtleute schon in der Nacht sich auf und davon -machen, um den Aufgang der Sonne, ihren Kampf mit den Nebelgeistern zu -erleben. Nun schlaft nur zu! Um so feierlicher wird es droben im prächtigen -Waldesdom sein, der so nahe schon seine Bogen schlägt und den Wanderer in sein -geheimnisvolles Reich ladet. Der friedliche Marktflecken liegt zurück, der Wanderer -zieht grüßend den Hut vor dem Hohen Brand und dem Kegelberg, den beiden -Torwächtern zum engschluchtigen, weltabgeschiedenen Landesgemeinder Tal, Einlaß -heischend. Steil steigt der Hochwald hinauf. In dusterem Schatten steht die -Mühle, feiernd, und daneben ein moderner Bau, Holzbaracken als Unterkunft für -erholungbedürftige Großstadtkinder. Ein Blick durch die angelaufenen Scheiben fällt -noch auf schlafende Gesichter. Empfindliche Kühle herrscht im engen Tal, und der -Mittag wird wohl herankommen, bis die Sonnenstrahlen hier unten den dicken -weißen Reif auflecken werden. Das Auge wendet sich empor und sucht den Weg<span class="pagenum" id="Seite_7">[7]</span> -hinauf in sonnigere Höhen, dorthin, wo der Wald in den klarblauen Himmel ragt. -Vom unteren Floßteich führt am Nordhang ein ansteigender Saumpfad über den -Wettinhain zur Paßhöhe hin. Beim Emporkommen gibt der Wald ab und zu -den Blick frei hinüber zu den südlichen Hängen und hinunter ins idyllische Tal, -durch das der Fahrweg in großen Windungen sich bergwärts schlängelt und mit -seinen Ebereschen einen gelbroten Saum in das dunkle Grün des jenseitigen Fichtenwaldes -webt. Aber das dunkle Kleid zeigt jetzt auch im Innern viel Farbe. -Verschwenderisch gibt sie der große Maler Herbst in allen Schattierungen von Gelb, -Braun, Rot, Violett, und weckt ein ehrlich Entzücken. Alte prächtige Buchen stehen -am Weg. Kräftige Silberstämme tragen wohlgeformte Kronen; kühn ragt ihr -Gezweig gen Himmel, und ein Meer flüssigen Goldes und Silbers wogt im sonnenwärts -gerichteten Blick. Schnell bereit ist die nie fehlende Begleiterin, die alte -treue Strahlenfalle, zu einer Gegenlichtaufnahme. Leider noch unzulänglich ist die -Silberplatte, vermag noch nicht das blendende Bunt wiederzugeben und verhilft -nur zu einem Schwarzweißbild, aus dem man nur in der Phantasie die farbenprächtige -Wirklichkeit erschauen kann. Lautlos fallen die Blätter, unablässig, -immerzu; am Boden schichtet sich das dürre Laub, und raschelnd mahnt der Tritt -an das große Sterben. Aber keine trüben Gedanken kommen auf, sind nur frohgestimmt -und glückerfüllt von dem großen Wunder Natur, denken weiter, sehen -auf dem kahlen Gezweig sich die weißen Flocken häufen, die Brillantsternchen -blitzen, braune Knospen schwellen, gelbgrüne Seidenblätter werden, und hören das -sommerlich geheimnisvolle Raunen des dichten Blätterdaches wieder, als wäre es<span class="pagenum" id="Seite_9">[9]</span> -heut. Herbst und Winter haben nichts Schreckhaftes mehr für den Naturfreund, -werden beide neben ihren anderen Brüdern gleichviel geliebt.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-008"> - <img class="w100" src="images/illu-008.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 9 <b class="tdpl">Der Kranichsee</b><a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a> -(930 <em class="antiqua">m</em>)<br /> -Soweit die verkrüppelten Sumpfkiefern wachsen, reicht das riesige Hochmoor -an der Grenze zwischen Sachsen und Böhmen, zwischen Erzgebirge und dem Vogtland</div> -</div> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-009"> - <img class="w100" src="images/illu-009.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 10 <b class="tdpl">Baumatzengrund zum Silberbach</b>, von links nach rechts <b>Aschberg</b> (böhm. Seite) 936 <em class="antiqua">m</em> -<b>Großer Rammelsberg</b> (963 <em class="antiqua">m</em>) und <b>Großer Hirschberg</b> (942 <em class="antiqua">m</em>)</div> -</div> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-010a"> - <img class="w100" src="images/illu-010a.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 11<br /> -<b>Silberbach und der Aschberg</b> (böhm. Seite) 936 <em class="antiqua">m</em></div> -</div> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-010b"> - <img class="w100" src="images/illu-010b.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 12<br /> -<b>Obersilberbach</b>, von links nach rechts <b>Eselsberg</b>, <b>Spitzberg</b> (995 <em class="antiqua">m</em>), <b>Plattenberg</b>, -<b>Härtelsberg</b> (986 <em class="antiqua">m</em>), Pferdhuth</div> -</div> - -<div class="figcenter illowp60" id="illu-011"> - <img class="w100" src="images/illu-011.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 13<br /> -<b>Lichtung im Filzbruckwald. Der Zwieselbach</b></div> -</div> - -<p>Im Sinnen und Betrachten ist unmerklich die Höhe erklommen worden. -Schon schimmern durch das lichtüberflutete Gehölz die Dreirainsteine. Geheimnisvoller -Zauber webt um die alten Steine, liegt im morgenfrischen Wald. Sonnenstrahlen -stehlen sich herein, spiegeln Regenbogenfarben in die nebeldampfende Luft -und lassen im Gras und Beerengestrüpp Tautropfen diamanten sprühen. Und doch -betritt der Fuß schon fremdes Land, erinnert der Wegebalken drohend, daß es noch -gar nicht lange her ist, als hier im herrlichen Waldgebiet die verbündeten Wachtposten<span class="pagenum" id="Seite_11">[11]</span> -sich mißtrauisch gegenüberstanden, und niemand diese scheinbar unverständliche -Maßnahme verstehen konnte. Der Sklavenvertrag hat die Binde von den Augen -gerissen, Feindesland sollte das urdeutsche Gebiet werden, das deutscher noch als -das eigene Vaterland, deutsch in seinen Ortsnamen, in seiner Bevölkerung, in -seinem ganzen Wesen. Nun ihr Machthaber in Paris und wo sonst überall noch -welche sitzen von unseren vielen Feinden auf der ganzen Welt, ihr habt euch alle -verrechnet. Niemals wird uns Deutsch-Böhmen vergessen, wird nur stärker sein -Deutschtum empfinden, und hoffen, hoffen!</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-012a"> - <img class="w100" src="images/illu-012a.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 14<br /> -<b>Der Hausberg</b> (715 <em class="antiqua">m</em>) <b>bei Graslitz</b></div> -</div> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-012b"> - <img class="w100" src="images/illu-012b.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 15<br /> -<b>Das Markhausental</b></div> -</div> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-013"> - <img class="w100" src="images/illu-013.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 16<br /> -<b>Blick auf Klingenthal vom Bartelsberg aus</b></div> -</div> - -<p>Der Wanderer schreitet hinüber, fühlt sich von unsichtbaren Fäden gezogen, -empfindet so recht die lang entbehrten, altbekannten idyllischen Winkel. Der Ursprung -wölbt sich sanft hinan und bereitet doch so prächtigen Blick nach allen Seiten. -Waldreich ziehen sich die beiden Markhausen Täler hinab. Drüben nordwärts -schimmern ab und zu die weißen Grenzsteine am Hang und lassen den reizenden -Waldpfad gen Klingenthal ahnen. Im Osten wallt noch der Nebel, im Westen aber -blinken die Häuser von Ursprung und Kirchberg im Sonnenschein und hält das -Felsenriff des Hohen Steins Wacht. Weiter südwärts wendet sich der Wanderer, -kreuz und quer durch Wald und Feld, naht sich dem Schönauer Berg. Nun wird -auch die Ferne nebelfrei, immer deutlicher entschleiert sich das schöne Berggebiet. -Tief unten dehnt sich der Leibtschgrund und südwärts im Osten türmen schwarzhäuptige -Bergriesen eine wuchtige Horizontlinie auf. Liebe alte Bekannte sind es,<span class="pagenum" id="Seite_12">[12]</span> -Kiel, Aschberg, Rammelsberg, Grünberg, Eibenberg, Hausberg, Glasberg, Eselsberg, -Plattenberg, Spitzberg, Muckenbühl, Härtelsberg und als blaue Nebelferne das -gewaltige Massiv des Kaiserwaldes.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-014"> - <img class="w100" src="images/illu-014.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 17<br /> -<b>Herbststürme. Altensalz</b>, bekannt durch sein Salzlager</div> -</div> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-015a"> - <img class="w100" src="images/illu-015a.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 18 <b class="tdpl">Steinkreuz aus der Franzosenzeit am Weg von Kemnitz nach Gutenfürst</b> (oberes Vogtland)</div> -</div> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-015b"> - <img class="w100" src="images/illu-015b.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 19 <b class="tdpl">Waldinneres aus Hermann Vogels Reich</b></div> -</div> - -<p>Eine Waldblöße am sonnigen Steilhang mit dem Blick auf das dunkle -Wäldermeer der Ferne ist der rechte Ort zum Rasten. Unter einer schlanken feingliedrigen -Birke wird der Mittagstisch gedeckt; den Nachtisch liefert reichlich und -billig der Wald. Erfrischend schmecken die so völlig ausgereiften Heidel- und -Preiselbeeren. In dem Laubgold am weißen Stamm zu Häupten rauscht der -Wind; so warm strahlt die Sonne. Schmeichelnd umzieht Altweibersommer das -Gesicht; sommerlich lind und einschläfernd wirkt die Luft, daß der Wanderer ganz -ungewollt eingeschlafen ist. Obs nur ein Viertelstündchen war? Aber plötzlich -wird er wach, denn vor ihm steht ein junges Menschenkind, eine hübsche Wanderin -mit schelmisch fragenden Augen. Viel Schalk sprüht daraus und ein wenig Spott -über das unglaublich wirklichkeitszweifelnde Gesicht des erwachten Schläfers. Und -die schöne Unbekannte hat eigentlich gar keinen Anlaß zum Spotten, hat sich im -Wald verlaufen, weiß weder Weg noch Steg, und heischt Auskunft über Woher -und Wohin. Nun, einer Dame den Weg zu zeigen, und dazu noch einer jungen, -hübschen, fällt einem rechten Wanderer niemals schwer. Und die Aussicht, als -Begleiter von so viel jugendfrischer Anmut nach dem Grenzstädtchen Klingenthal -wandern zu sollen, kann auch den einsamen Wanderer von noch so gut ausgearbeiteten<span class="pagenum" id="Seite_15">[15]</span> -Wanderungen ablenken. Gar bald schwindet der Spott aus den -hübschen Augen und macht viel Freude Platz über das von blendender Lichtfülle -überstrahlte herrlich-schöne Landschaftsbild. Dankbar wird die Erklärung all der -unzähligen Namen hingenommen und freudig werden Anstrengungen der Durchquerung -tief eingeschnittener Seitentäler der Zwodau überwunden. Wenn es auch -keine Kleinigkeit ist, bei sengenden Sonnenstrahlen vierhundert Meter tiefe, dachschräge -Steilhänge hinabzuklettern, um sie drüben wieder emporzuklimmen, so ist -es doch eine gute Kraftprobe und nötig, um auf geradem Weg noch rechtzeitig den -letzten Zug von Klingenthal zu erreichen.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-016a"> - <img class="w100" src="images/illu-016a.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 20 <b class="tdpl">Herbstsonne. Gutenfürst</b> (oberes Vogtland)</div> -</div> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-016b"> - <img class="w100" src="images/illu-016b.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 21 <b class="tdpl">Hermann Vogels Märchenwald</b> (oberes Vogtland)</div> -</div> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-017"> - <img class="w100" src="images/illu-017.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 22<br /> -<b>Oelsnitz</b> (Vogtland)</div> -</div> - -<p>Vom Falkenberg gleitet abschiednehmend der Blick hinüber in das altbekannte -Bergland, wo droben auf den Spitzen die letzten Sonnenstrahlen feurig lohen, -drunten in den Tälern aber schon die Dämmerung ihre Flügel ausbreitet. Dann -heißt es gewaltsam sich losreißen von dem erhabenen Anblick. Eilend geht es tief -hinab ins Markhausen-Tal gen Klingenthal. Ein hindernd im Weg stehender -Gartenzaun muß überstiegen werden, denn der Zeiger der Uhr rückt unablässig -weiter, und der Zug wartet nicht.</p> - -<p>Ein naturliebend Herz aber ward entflammt beim Schauen des Landes um -Klingenthal und Graslitz und diesmal das einer jugendfrischen, lebensprühenden, -gertenschlanken Wanderin.</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> -<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Siehe Mitteilungen Heft 6, Band III: Das Kranichseemoor bei Carlsfeld im Erzgebirge, -ein Naturschutzbezirk Sachsens von Professor <em class="antiqua">Dr.</em> Arno Naumann.</p> -</div> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_16">[16]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="Bergwinter">Bergwinter</h2> - -<p class="center">Von <em class="gesperrt">Curt Sippel</em>, Plauen</p> -</div> - -<p>Einem kurzen vorweihnachtlichen Winter folgte eine schneelose Jahreswende. -Tagtäglich spannte sich blauer Himmel über der schlummernden Flur, lockten warme -Sonnenstrahlen zu neuem Werden. Schon waren die linden Lüfte erwacht, standen -frühlingsahnend die braunen, warmen Schollen, schmückten sich die Haselnußstauden -mit gelben Gehängen und steckten die Weiden ihre weißbraun schimmernden dicken -Kätzchen auf. Nun armes Herze sei nicht bang, es wird sich alles, alles wenden! -Aber der Überkluge brachte es nicht zu dem neubelebendem Stimmungsaufschwung, -den ihm sonst die ersten Frühlingsboten erregten. Zu bald noch; es kommt der -Rückschlag, sagte ihm seine unfehlbar überlegene Vernunft. Und sie hatte wie -immer recht. Der Himmel verlor sein blaues Leuchten, unter trübem Gewölk verkroch -sich Frau Sonne, nach Norden sprangen die Wetterfahnen.</p> - -<p>Heimlich, über Nacht, ging das weiche Flockengeriesel, ununterbrochen millionenfach. -Mit einem Schlage hatte der strenge alte Herr sein Reich wieder in Besitz -genommen. Und darob kein Trauern. Denn auch der rechte Winter bringt der -Freuden viele, und nicht zuletzt für die wandernden Heimatfreunde.</p> - -<p>Was gibt es wohl schöneres, als am Sonntag hinauszuwandern in das -winterprächtige Gelände, um neue Kraft und neuen Mut für die Pflichten und -Lasten der Werktage zu suchen?</p> - -<p>Zeigt sich der Winter im unteren und mittleren Vogtland zuweilen in voller -Schönheit, so ist er doch da vielfach recht unzuverlässig und nicht zu vergleichen -mit dem echten Bergwinter, der seine fünf bis sechs Monate regiert und nicht -gleich von jedem milden Luftzug, jedem Sonnenstrahl in die Flucht geschlagen wird. -Er wohnt so nahe vor Plauens Toren; drüben im südöstlichen Vogtland, wo sich -die Westausläufer des Erzgebirges bis zu stolzen Höhen von fast tausend Metern -emporrecken. Von dort leuchten die weißen Schneefelder lockend herüber, wenn -hier schon längst der Schnee geschmolzen ist, und ziehen mit vielen unsichtbaren -Fäden den Wanderer hinein in die so reizvolle Winterwelt.</p> - -<p>Wie leicht wiegt gegen solch köstliche Gaben wohl das bißchen unbequeme -zweistündige Fahrt. Auch der Frühzug fünf Uhr acht Minuten wird gewählt, denn -das Frühaufstehen, eine Selbstverständlichkeit des Wanderers, wird belohnt durch -das erhebende Erleben des werdenden Tages, des Sonnenaufgangs draußen im -heiligen Frieden stiller Höhen.</p> - -<p>Viel Wanderer schauen aus dem gen Muldenberg fahrenden Zug dem kommenden -Tag entgegen. Hinter den Auerbacher Bergen überzieht sich der Nachthimmel -mit dem kalten Schein des Morgendämmerns. Im schnell zunehmenden Licht -verliert das einförmige Taktschlagen rollender Räder seine einschlummernde Wirkung. -Die immer deutlicher hervortretende Landschaft fordert Beachtung. Wie der Zug -die große Schleife um Falkenstein zurückgelegt hat und sich keuchend die Höhe -nach Grünbach hinanwindet, flammt das goldene Leuchten der Sonne hinter den -dunkelblauen Waldlinien der Schneeberge empor. Von den fernen, weißen Flächen -herab geht ein blendendes Gleißen und in der Nähe erstrahlt das vom Licht<span class="pagenum" id="Seite_17">[17]</span> -getroffene pulvrische Weiß im glitzernden Funkengeriesel. Mit dem Blau des -Winterhimmels ist das tiefeingeschnittene, noch im Schatten liegende Göltzschtal übergossen, -kaltes Blau auch liegt im schattigen Hochwald, der nun den Zug umsäumt -bis ihn die Wanderer in Muldenberg verlassen. Der Bahnhof und ein Wirtshaus -sind in siebenhundert Meter Höhenlage die einzigen sichtbaren Siedlungen auf kleiner, -hochwaldumgebener Fläche; majestätischer Winterwald schlägt seine Bogen. Da -unterzutauchen, alles Häßliche, Leidvolle des Lebenskampfes vergessend, ist wie -Erlösung.</p> - -<p>Sonnenüberstrahlt, lichtspiegelnd liegt das weiße Schneedach auf Baum und -Strauch, weißzuckerig umschmiegen Reifgebilde Gestämm und Gezweig; blendende -Helle herrscht im sonst so finsteren Wald; im Funkensprühen dehnt sich die weiße -Decke am Boden. Staunend erfaßt das Auge das große Heer der sich aneinanderreihenden -Stämme. Aber nicht immer ist diese märchenhafte Pracht, dieser stille -Frieden im Winterwald. Erst im Kampf der Elemente sind sie geboren. Graue -Wolken trug der Himmel, tief und schwer, schüttelte die Flocken dicht herab, daß -sie des Tages Licht verfinsterten; Sturm griff hinein und peitschte die wirbelnden -Massen dahin, türmte sie hoch im Walde. Wehe dem einsamen Wanderer, der -sich verirrte, den die Kräfte verließen im Ringen mit dem weißen, weichen Hindernis! -Gierig lauert darin der griffbereite Knochenmann; findet alljährlich seine Opfer.</p> - -<p>Schwer wuchtet die weiße Last auf den windgebeugten Wipfeln des Hochwalds. -Ein Zittern geht durch die starken Stämme, manch kraftvoll ragender -Baum knickt mitten entzwei, schlägt mit dumpfem Klang sein stolzes Haupt zur -Erde. Mischt sich mit dem Ächzen der Bäume nicht unheimliches Gelächter? Der -Wintersturm freut sich seines Vernichtungswerks, braust weiter, sucht neue Opfer. -Als er sich ausgetobt, führen viel zersplittert ragende Baumstümpfe stumme Klage. -Wanderer, auch hier im Zauberbann des Winterreichs das überall gewärtige -<em class="antiqua">memento mori</em>. Und wolltest doch vergessen das Schwere am Wege des Lebens. -Ja heute ist Frieden, genieße drum; folge den lockenden Sonnenstrahlen.</p> - -<p>Mählich steigt das Gelände bergan. Längst zurück liegen die letzten Wegespuren. -Knietief türmt sich der Schnee. Hindurch winden sich die Wanderer. -Einer tritt Bahn, bis andere ihn ablösen, reihum, im Hochgefühl starker Einigkeit. -In achthundert Meter Höhenlage strebt der Schneckenstein als schwer besteigbarer -Eisblock aus dem Walde empor. Sonst bietet sich von ihm bei klarer Sicht ein -Blick fast über das gesamte Vogtland und weiter bis hin zum Frankenwald und -den Thüringer Bergen. Immer höher führt der Weg hinan, immer schöner wird -die Winterpracht des Waldes. Am nördlichen Gipfel des neunhunderteinundvierzig -Meter hohen Kiel zeigen sich wieder menschliche Wohnungen. Die windumtosten -Häuser Winselburg sind es, von Reifgebilden umsponnen. Einsam liegen sie hier -oben, stehen in unberührten Höhen, und ihre Fenster blicken hinaus auf ein prächtiges -Gipfelland. Nordostwärts öffnet sich der Blick auf das Walddörfchen Gottesberg, -bekannt durch seine Bingen, und die zerstreutliegenden Hütten von Mühlleithen, -von winterlichen Berghäuptern umfriedet. Nach dreistündigem Weg winkt im -Buschhaus erste Rast. Bald sind die Wanderer wieder unterwegs. Ostwärts, über -bahnlose Schneeflächen, durch alten Hochwald, an verschneiten Bächen dahin, bergauf,<span class="pagenum" id="Seite_18">[18]</span> -bergab streben die Freunde und finden des Staunens kein Ende über den berückenden -Zauber wintereinsamer Bergwälder. Steiler werden die Hänge, immer tiefer liegt -der Schnee; mehrere Seitentäler vereinigen sich zu einem großen, dem des Heroldsbachs, -der im raschen Lauf seine kristallenen Wässer der großen Pyra zuführt. Die -Wanderer sind im Gebiet des großen Rammelsbergs (neunhundertfünfundsechzig -Meter), des höchsten Bergs im Vogtland, und können seine mächtige Gestalt von -dem einsamen Waldweiler Sachsengrund aus deutlich überschauen. Vergebens winkt -am Wege das Wirtshaus. Weit noch ist der Pfad und beschwerlich, darum rüstig -vorwärts. Das Niederschlagsgebiet des Markersbachs mit seinen beiden neunhundert -Meter hohen Bergrücken ist noch zu überwinden. Dann wird die Grenze -des Vogtlands überschritten und beim schneereichen Wintersportplatz Carlsfeld zum -Wasser der Wilzsch hinabgestiegen, die wohlverdiente Mittagsrast bei Vater Arnold -zu halten. Frohe Stimmung herrscht, als die dampfenden Schüsseln kreisen. Aber -allzulang darf die Rast nicht dauern, noch ist das Ziel nicht erreicht, wenn es auch -keine allzu großen Anforderungen mehr stellen wird. Auf gutgebahnter Straße -nach Wildenthal wandert sichs leicht, nur der steile Zickzackaufstieg zum Auersberg -von siebenhundert bis tausend Meter hinauf wird die letzte Prüfung sein.</p> - -<p>Es dunkelt bereits, als der Anstieg beginnt; und als die vielen zurückgelegten -Wegewindungen endlich dem Gipfel zuführen, hat sich eine klare Winternacht auf -die Natur herniedergesenkt. Sterne blitzen auf, und das Silberlicht des Mondes -hebt die hohen Nachbarberge aus der Landschaft deutlich heraus, leuchtet hinunter -auf das nach Norden ziehende tief eingeschnittene Tal der großen Bockau. Am -Weg stehen wunderliche, tierähnliche Gestalten. Verschneite, eisbehangene, bereifte -Bäume sind es, die Wächter des Berges. Plötzlich dringt durch den Wald aus -der Ferne warmer Lichtschein, locken verheißend die Fenster des Berghauses. Glück -auf zum Willkomm!</p> - -<p>Berghausstimmung! Welchen Wanderer hat wohl noch nicht das eigenartige -Gefühl durchrieselt? Gedanken der Höhe! Stolze Berggipfel allein sind -nahe, fern aber, drunten in den Tälern, ist der Menschenkampf. Kein Laut dringt -von dort herauf. Kraftvoll entwickelt sich der Sinn zur Freude am Schönen und -Edlen, und gut ist der Boden bereitet für die heimattreuen Lieder der Erzgebirgssöhne -Günther und Soph. Nie werden die schlichten Volksweisen mit mehr -Innigkeit gesungen, als droben auf den Berghäusern. Eigenartige Macht -wohnt in ihnen, zwingt Heimische und Fremde in ihren Bann. Schwer nur -reißen sich die schon zu einer großen Familie gewordenen fremden Gäste los, um -zu ruhen.</p> - -<p>Bergwind rauscht ums Haus, singt das Schlaflied und gibt die Töne zu des -Wanderers Traummotiv »’s is Feieromd, das Tagwerk is vollbracht«.</p> - -<p>Verstohlene Sonnenstrahlen dringen durch die Ritzen der Fensterläden ins -Zimmer und bringen den Schläfer zum Erwachen. Wie schnell ist er da bei klaren -Gedanken. Hei! Die Sonne scheint, da gibts Fernsicht! Ein Glück, das oft erst -mit vielen vergeblichen Besuchen des Berges erkauft werden muß. So schnell wie -heute hat er sich wohl lange nicht angekleidet. Auch die andern haben es eilig -gehabt, sind schon im Gastzimmer versammelt. Schnell noch den Morgentrunk,<span class="pagenum" id="Seite_19">[19]</span> -dann aber hinaus zum rauhreifüberzogenen Turm und hinauf bis zum vereisten -Eisengestänge.</p> - -<p>In eine Wunderwelt blicken Augen, in ihrem Zauber versinken Gedanken, -nur Entzücken erweckt das sonnige Bild so vieler Berge und Täler, über denen -sich von den weiten, weißen Horizontlinien herüber der tiefblaue Himmelsdom -wölbt. Erhaben ist der Eindruck, unverwischbar prägt er sich im Gedächtnis ein, -unvergessen wird er bleiben.</p> - -<p>Nur schwer können sich die Wanderer von dem Ort des Erdenentrücktseins -trennen. Doch sie tragen Freude mit heim und Stolz, daß deutsches Land so schön ist.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Deutsche_Heimat_deutsches_Lied">Deutsche Heimat – deutsches Lied</h2> - -<p class="center">Ein Beitrag für Beseelung der Zeit</p> - -<p class="center">Von <em class="gesperrt">Max Zeibig</em>, Bautzen</p> -</div> - -<p>Ein merkwürdig Jahr ist von uns gegangen und in das ewige Meer der -Vergessenheit hinabgetaucht. Es strahlte Heiterkeit in einem sonnenhellen Frühling -und brachte einen Sommer, der voll köstlicher Reife war. Der Herbst kam und -stand in tiefem, lachenden Blau über uns, immer in Klarheit und Schönheit. -Erst der späte November verhing den Himmel mit düstren Wolken, und die herbstlichen -Schauer ließen daran denken, daß es ein dunkles, kummervolles, leiderfülltes -Jahr gewesen.</p> - -<p>Das Neue kam mit Sturm und Regen, ganz, als wollte es bedeuten, daß -deutsche Notzeit ist, sonnenarm und freudenleer.</p> - -<p>Ein Wort genügt, um diese Stimmung zu rechtfertigen: Oberschlesien! Verlornes -Land ringsum im deutschen Reiche, und das deutsche Volk wird von Erschütterung -zu Erschütterung geworfen. Bricht ja einmal ein lichter Hoffnungsstrahl -in das Dunkel der Zeit, so wird er nur zu bald wieder von düsteren Wolken verdämmt. -Der Grundzug unseres Lebens aber bleibt Leid. Freilich sind der Tränen schon viel -geweint, und eine stille Ergebung hat dem lauten Schmerz Platz gemacht. Hierin -liegt allerdings die Gefahr, daß das Volk in seiner Gesamtheit apathisch wird. -Dann führt das Leid zur Schwäche. Wir müssen darum Quellen des Trostes und -der Kraft suchen und daraus schöpfen. Solche Quellen scheinen mir Heimat -und Lied.</p> - -<p>Es sind zwei Worte, die so schlicht und bescheiden klingen, und doch vermögen -sie uns über die Armutei unseres Lebens zu erheben; denn sie haben etwas von -jenem unverlierbaren Reichtum in sich, der seit Jahrhunderten in den deutschen -Seelen lebte. Man kann reich sein und unendlich arm an Freuden, und man -kann arm sein und großen Herzensreichtum besitzen; wir müssen nur das unsagbar -große Glück erkennen, das im Kleinen verborgen ruht. Ein solches Glück ist uns -in aller Not die Heimat.</p> - -<p>Früher wanderten wir hinaus in die weite Welt, wohl gar um die ganze -Welt; die Heimat selbst aber blieb uns oft ein verschlossenes Buch. Jetzt bannt -uns die Not an die Scholle. Vielleicht liegt hier in allem Unglück ein Glück. Wir<span class="pagenum" id="Seite_20">[20]</span> -werden untereinander inniger zusammengeschmiedet. Es geht eben nicht mehr an, -daß wir dem Volke Klassenhaß predigen, wenn anders wir uns nicht unser eigenes -Grab graben wollen; wir werden fester im Boden verwurzelt und erkennen staunenden -Auges die großen Schönheiten der Heimat. Als wir im Felde waren, -brannten unsere Seelen in Heimweh, nun, da wir heimgekehrt sind aus Schlacht -und Grauen schmeicheln wir dem schmerzensreichen Wort aus harten Kriegsjahren -und erkennen in ihm den Garten glückseliger Kinderzeit und sehen in ihm die -heilsame Trösterin bis in die Abendschatten unseres Menschenlebens. Und so liegt -in dem Worte Heimat eine selige Hoffnung auf bessere Zeit.</p> - -<p>Unsere Kinder nehmen wir in frommer Andacht bei den Händen und erziehen -sie im tieferen Sinne des Heimatschutzes, lehren sie über und hinter die Dinge -sehen, bauen ihre Herzen zu Hütten, darinnen die Heimatliebe erblüht aus Freude -an der Heimatschönheit und darinnen Heimattreue wächst als gesunde Frucht. -Solche Heimatgefühle aber sind die besten Grundlagen zu einem bewußten Deutschtum, -zu dem wir uns und unsere Jugend erziehen müssen, wenn wir endlich einmal aus -all dem deutschen Leid heraus wollen.</p> - -<p>Wo wir die Spuren der Heimat suchen und auf ihren Wegen gehen, ist uns -im deutschen Lied ein treuer Begleiter zur Seite. Fremd ist der stillen schönen -Heimat der Gassenhauer, jener Sang, der sich wie eine feile, geputzte Dirne buhlerisch -aufdrängt, jener Sang, der immer geistloser und verblödeter wird und einer -allgemeinen Entsittlichung nicht nur in der Großstadt, sondern auch auf dem einst -so gesunden Lande den Weg liebedienerisch bereitet. Die Heimat will ein Volkslied, -das in seiner Schlichtheit ist wie eine Blume im tiefen Wiesengrunde, das da klagt:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Es ist bestimmt in Gottes Rat,</div> - <div class="verse indent0">das man vom Liebsten, was man hat,</div> - <div class="verse indent0">muß scheiden,«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">das da scherzt:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Horch was kommt von draußen rein!</div> - <div class="verse indent0">Holla hi, holla ho,</div> - <div class="verse indent0">ist das nit mein Schätzelein?</div> - <div class="verse indent0">Holla hi, hallo,«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">das überhaupt für alle und jede Lebenslage, für alle und jeden Beruf ein rechtes, -inniges Verstehen hat. Und man muß nicht etwa meinen, daß im deutschen Liede -nur etwas Weiches, zum Sentimentalen Neigendes lebe, daß es etwa unmännlich -sei. Wie sprudelt darin der Humor, wie lebt es von Trotz und Kraft! Und etwas -Humor und Trotz und Kraft vor allen Dingen brauchen wir wieder, wir Männer, -und ein kernhaft trotziges Wort dazu: <em class="gesperrt">Und doch!</em></p> - -<p>Wohl ist es wahr: das harte Zeitalter der Maschine hat uns gemütsärmer -gemacht, Krieg und Revolution haben darüber manch frohen Mund verstummt. -Tagtäglich schlagen harte Hammerschläge auf unser Herz, das oft nur noch zucken -kann, wo es einst gejubelt hat. Die Ideale schwinden vor einem erschrecklichen -Materialismus und Egoismus, daß wir schauernd vor diesem Antlitz des Lebens stehen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_21">[21]</span></p> - -<p>Besinnen, Einschau und Umkehr tuen not! Das deutsche Wesen, das Edeldeutsche -muß wieder lebendig werden. Die Stillen und Feinen und Besten müssen -sich vereinen, denn nur von innen heraus kann die deutsche Erneuerung kommen. -Alles andere äußere Operieren wird Stück- und Flickwerk bleiben.</p> - -<p>Die Heimat, als seelischer Wert aufgefaßt, soll unser gemeinsamer Anker sein, -der uns rettet; das Volkslied aber, aus der Gemeinschaft heraus geboren, soll uns -wieder einen und versöhnen und zur wahren, echten deutschen Volksgemeinschaft -führen. Die Heimat soll in uns lebendig werden, und die alten Lieder sollen von -neuem heiß emporflammen, geschürt an heiligen Bränden, sollen leuchten und klingen -dem Opferaltar des Vaterlandes, so, wie es der Dichter meint:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Der Kraftgesang soll himmelan</div> - <div class="verse indent0">mit Ungestüm sich reißen,</div> - <div class="verse indent0">und jeder echte deutsche Mann</div> - <div class="verse indent0">soll Freund und Bruder heißen!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Der_muede_Weber">Der müde Weber</h2> - -<p class="center">Von <em class="gesperrt">A. Eichhorn</em>, Glashütte</p> -</div> - -<p>Nicht Friedhof, sondern Gräbergarten sei das Stück Land genannt, wohin -die Bewohner des Oberlausitzer Industrieortes Neugersdorf ihre Toten tragen. Ja -ein Garten ist’s, darin alles Wohlmaß und Ordnung zeigt. Die Schönheit wacht -hier an den Stätten der Entschlummerten. Gar seltsam überkommt es dem Wanderer -in diesem Garten der Vollendeten. Das schaffen die ungezählten dunklen Lebensbäume, -die hängenden Birkenzweige, durch die beim leisesten Lufthauch ein -geheimnisvolles Zittern geht, die glänzenden Eichenblätter, die trauernden Weiden -am Teiche, die Hecken und Gruppen von mancherlei Ziergesträuch. Und wenn an -sonnigen Gilbhardtstagen sich abertausende Blätter verbluten, jedes Strauchwerk in -einem anderen Farbenfeuer brennt, dann wird das Sinnen des Schauenden zum -Höheren gelenkt. An einem Hügelabhang hinauf breitet sich der Totengarten. -Ein junges Fichtenwäldchen begrünt den Hochpunkt. Jede Grabstätte ist ein Gärtlein -für sich, fröhliches Schnabelvolk wohnt in der malumschließenden Hecke, dem -Ruhenden das Schlummerlied singend. Wohl sind auch Reihengräber zu finden, -doch liegen sie auf kunstvoll im Garten verteilten Wiesenplätzen, umschlossen von -Strauch und niedrigem Baum.</p> - -<p>Und die Grabmale in diesem Gräbergarten? Gar viele sind, die allgemeine -Sinnbilder tragen: Aus der Urne bricht die Flamme, der verrieselte Sand im -Stundenglas kündet vom abgelaufenen Leben und die Flügel daran, daß sonnenhin -die Seele schwebt. Efeuüberquollen liegen die Hügel, Rose und Lilie sprechen von -Liebe und Unschuld, auch von süßem Schlummer. Kinderengel knien und beten. -Weitesten Gedankenlauf lassen diese Male in dem Gedankenkampf um Bejahung -und Verneinung, in dem sie Versöhner sein wollen. Aber es stehen auch Male am -Hügelabhang, die der Künstler so formte, daß sie ein Stück Geschichte des Verschiedenen<span class="pagenum" id="Seite_22">[22]</span> -künden. Das Grabmal auf unserm Bilde erzählt dem Kundigen auch die Geschichte -des Ortes, darin der Tote einst lebte.</p> - -<div class="figcenter illowp60" id="illu-024"> - <img class="w100" src="images/illu-024.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 1<br /> -<b>Alte Weberleute am Webstuhl</b> (Gezehe) <b>und Spulrad</b><br /> -(Neugersdorf)</div> -</div> - -<p>Von Strauchwerk beschattet, sitzt der müde Weber auf einem Steine. Schweiß -rann über seine Stirne, darum legte er den Warensack, aus dem ein Warenballen -heraussteht, neben sich, nahm seinen Hut ab, wählte einen Stein am Wege zum -Ruheplatze, die Hände auf den Wanderstock stützend. Welche Geschichte spricht das -eherne Mal? Der Vater des hier im Grabe Ruhenden war einer von den alten -Weberfabrikanten, die mit vollgepacktem Warensack auf die Messe nach Leipzig -»gingen« oder mit dem Schubkarren dorthin fuhren. Auch besuchten sie die Dresdner -Märkte. Dann wurde der Weg mit eben genannter Ausrüstung an einem Tage -zurückgelegt. Welche Leistung! Mitunter fuhren sie stückweise mit einem Fuhrwerke. -Auch auf die Messen nach Frankfurt a. d. Oder und nach Breslau brachten die -Fabrikanten die Neugersdorfer Webwaren. Ums Jahr 1780 meldet die alte Ortschronik -den ersten Messebesucher. Weiter erzählt sie: »Ums Jahr 1810 gingen -etwa sechs Fabrikanten nach Leipzig. Jetzt (1857) zählen wir deren an dreißig, -welche in- und ausländische Messen besuchen und Tausenden Brot und Unterhalt -geben.« Da waren gar oft in jener Zeit solche müde Weberfabrikanten am Wegrande -zu schauen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_23">[23]</span></p> - -<div class="figcenter illowp70" id="illu-025"> - <img class="w100" src="images/illu-025.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 2<br /> -<b>Ein Weberfabrikant der auf die Messe »geht« ruht auf einem Stein aus</b><br /> -(Grabmal auf dem neuen Friedhof in Neugersdorf)</div> -</div> - -<p>Aber diese Männer waren nicht nur darauf bedacht, ihre Waren zu verkaufen, -sondern sie brachten auch Neuerungen für den Webbetrieb mit nach Hause. So -verbesserten sie die Webstühle, stellten Zwirn- und Treibmaschinen auf, waren -diejenigen, die den Erfindungen ihrer Zeit sogleich die Tür zur Webstube, zum -Websaal öffneten. Und als eines Tages im Dorfe der erste Dampfwebstuhl die -Arbeit begann, da ahnten die Hauswebstühle nichts Gutes für sich. Mochten sich -Hausweber und »Gezehe« auch noch so sehr anstrengen, sie vermochtens dem -Neuling nicht gleichzutun. Beide wurden mit jedem Jahre lebensmüder. Bis zu -dieser umgestaltenden Neuerung standen in mancher Lausitzer Wohnstube vier Gezehe, -dazwischen Spulrad und Treibrad. Die ganze Familie war eine Arbeitsgemeinschaft. -Es waren die kleinen Leute mit der überperlten Stirn. Früh um fünf Uhr begann -das »Klappern«, abends um zehn Uhr wurde Feierabend gemacht. Zwei Taler -acht Groschen konnten bei dieser täglichen Arbeitszeit in einer Woche »erklappert«<span class="pagenum" id="Seite_24">[24]</span> -werden. Kam Weihnachten, Ostern oder Pfingsten heran, dann wurde an den Tagen -vorher bis ein oder zwei Uhr morgens »gewürkt«, um die feiernden Stunden -wieder herauszuschinden. Doch waren die Leute zufrieden. Mancher Volksvers -vom Lausitzer Weberleben spricht von Armut und Zufriedenheit. Der Dampfwebstuhl -verdrängte einen Hauswebstuhl nach dem andern. Und wie die Haustreiberei -in kurzer Zeit ausgelebt haben wird, so ist auch der Tag nahe gerückt, an dem -der letzte Hauswebstuhl und sein Spulrad stillstehen.</p> - -<p>Während aber im Dorfe dreißig hohe Schornsteine qualmen neben mehrstöckigen -langen Fabrikgebäuden, darinnen die Maschinen sausen, ununterbrochen die schweren -Kohlenwagen über die Brücke knarren, darunter lange Güterzüge rollen, Lastautos -und festgebaute Rollwagen die Kisten mit Hosen-, Blusen-, Hemden- und Kleiderstoffen, -Webstühle und Maschinenteile zum Bahnhof bringen, aus den Essen der -Kupolöfen in den Eisengießereien die Funken sprühen, steht der alte Dorfbewohner -im stillen Gräbergarten vor diesem müden Weber und träumt von »Massegiehn«, -»Gezehe«, »Spulradl« und »Treiberod«.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Denkmalpflege_in_Sachsen">Denkmalpflege in Sachsen</h2> - -<p class="center">Von <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">Bachmann</em></p> - -<p class="center">Mit Aufnahmen aus dem Denkmalsarchiv in Dresden</p> -</div> - -<p>Dem Beispiele der anderen Bundesstaaten folgend, hat nunmehr auch Sachsen -seit September 1920 einen staatlichen Denkmalpfleger berufen. Nach der Verordnung -des Ministeriums des Innern vom 10. August 1920 besteht von da ab das Landesamt -für Denkmalpflege aus dem Denkmalpfleger und dem Denkmalrat, welch -letzterer in der Hauptsache seine alte Zusammensetzung behalten hat.</p> - -<p>Das Landesamt selbst hat seit dem Sommer dieses Jahres eigene Diensträume -im alten Palais Wackerbarth (Dresden-N., Niedergraben 5) bezogen, in denen nunmehr -auch die Plan- und Bildsammlung des Denkmalarchivs untergebracht ist, für -dessen öffentliche Benutzung ein Arbeitszimmer bereit gestellt wurde.</p> - -<p>Mit diesen Umgestaltungen hat die Denkmalpflege in Sachsen einen wichtigen -Schritt nach vorwärts getan und eine breitere Grundlage für den weiteren Ausbau -gewonnen. Daß dieser dringend nötig ist, haben ja die Erfahrungen der Jahre -nach Kriegsende mit betrüblicher Deutlichkeit und Eindringlichkeit bewiesen. In -unseren Tagen des ausgeprägten Materialismus, der Gleichgültigkeit und Verflachung -des Empfindens gegenüber Kulturwerten in weitesten Kreisen, ist dem Kunstbesitz -des Landes eine fast schwerere Gefahr entstanden, als sie je wohl ein Krieg innerhalb -der Grenzen hätte mit sich bringen können. Weite Kreise, die früher mit -Liebe und Verständnis sich ihres angestammten Kunstbesitzes annahmen und ihn -als treue Hüter für ihre Nachkommen wahrten, sind durch die Not der Zeit -gezwungen, ihn zu veräußern, oder aber ermangeln besten Falles der Mittel, ihn in -guter Pflege zu erhalten.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_25">[25]</span></p> - -<p>So erwächst der staatlichen Fürsorge die Aufgabe, für den übernommenen -Kunstbesitz zu sorgen, in ständig erhöhtem Ausmaße, aber mehr denn bisher möchte -hier neben die aufklärende und beratende Stimme der berufenen Helfer der Denkmalpflege -die Hilfe durch die Tat seitens der verantwortlichen Stellen treten, soll nicht -in absehbarer Zeit unendlicher Schaden an Sachsens Kulturgütern geschehen. Um -der nach der Revolution in höchstem Maße gestiegenen Gefahr der Abwanderung -und Verschiebung wertvollen und für die Heimat unersetzlichen Kunstbesitzes ins -Ausland zu begegnen, wurde vom Reiche am 8. Mai 1920 ein Kunstschutzgesetz -erlassen, zu dem die Bundesstaaten, darunter Sachsen, noch ihre besonderen Ausführungsbestimmungen -erlassen haben. Diese ergingen für unser Land am -1. April 1921 und sollten von allen Privatpersonen, Vereinen und Vereinigungen des -Privatrechts, die sich im Besitze von Gegenständen befinden, »die einen geschichtlichen, -wissenschaftlichen oder künstlerischen Wert haben, und deren Erhaltung im öffentlichen -Interesse liegt«, wohl beachtet werden.</p> - -<p>Hierher gehört vor allem auch der reiche Kunstbesitz unserer Kirchgemeinden und -der der alten Innungen. Für ersteren hat das evangelisch-lutherische Landeskonsistorium -unter dem 1. Juli 1921 noch besondere Ausführungsbestimmungen erlassen, wonach -Verzeichnisse der in Frage kommenden Gegenstände aufzustellen und zeitweilig nachzuprüfen -sind. Über den Vereins- und Innungsbesitz werden anderseits im Ministerium -des Innern Listen nach Eintragsvorschlag der Kreishauptmannschaften und nach -Gehör des Denkmalpflegers oder anderer Sachverständiger geführt.</p> - -<p>»Zuständig für die Genehmigung der Veräußerung, Verpfändung, wesentlichen -Veränderung (Ortsveränderung!) oder Ausfuhr eines geschützten Gegenstandes ist -das Ministerium des Innern, sofern es sich jedoch um Gegenstände im Besitz von -Stadt- oder Landgemeinden handelt, die Kreishauptmannschaft.« (Absatz V der -Ausführungsbestimmungen. – Sächs. Gesetzblatt 1921, S. 101.)</p> - -<p>Mag auch manchem zeitgemäß Denkenden ein solcher gesetzlich festgelegter -Kunstschutz als Eingriff in private und angeerbte Rechte erscheinen, so wird doch -jedem Freunde unserer Heimat und ihres Kulturbesitzes, der mit offenen Augen -verfolgte, was in den letzten Jahren auf dem Kunstmarkte vorging, eine gesetzliche -Handhabe willkommen sein, die hier ein Eingreifen gestattet und retten hilft, wo -noch zu retten ist.</p> - -<p>Trotz seiner ständig schwieriger sich gestaltenden finanziellen Lage hat das -Landesamt im Kriege und in den folgenden Jahren die Arbeit nicht ruhen lassen -und es soll hier in Kürze den Freunden unserer Bestrebungen aus der Fülle des -bearbeiteten Materials einiges im Beispiel geboten werden.</p> - -<p>Wie bisher, so lag auch in den vergangenen Jahren die praktische Arbeit -des Landesamtes in der Hauptsache auf dem Gebiete der kirchlichen Kunst, und -beträchtlich ist die Zahl der Ölgemälde, Altaraufsätze, Kruzifixe usw., die in dieser -Zeit als Kranke und Invalide in die Werkstätte des Landesamtes eingeliefert -wurden, und die nun wieder in alter Schönheit die Dorf- und Stadtkirchen unserer -sächsischen Heimat zieren. Mannigfaltig und zahlreich sind diese Krankheiten, und -die jahrzehntelange Übung und Erfahrung der Künstler und Restauratoren der<span class="pagenum" id="Seite_26">[26]</span> -Werkstätten gehört dazu, deren Ursachen richtig zu erkennen und die geeigneten -Heilmittel dafür zu finden.</p> - -<p>Wie aber der kranke Mensch selten gut dabei fährt, wenn er einem Kurpfuscher -sich anvertraut, so mag auch an dieser Stelle einmal eindringlich davor -gewarnt werden, die Wiederherstellung kranker Kunstgegenstände Leuten anzuvertrauen, -denen keine Erfahrung in diesen Dingen zugestanden werden kann. Gurlitts -kleines Werk »Die Pflege der kirchlichen Kunstdenkmäler« kann hier ein guter -Führer und Wegweiser sein.</p> - -<p>Im Kriege noch wurde der mächtige Altaraufsatz aus der Nikolaikirche in -Döbeln, der dringend der Erneuerung bedürftig war, in die Werkstätten des Landesamtes -überführt. Das in Holzplastik und Malerei auf das reichste ausgestattete Kunstwerk -ist ein Flügelaltar aus katholischer Zeit, und gehört mit seinen Abmessungen -von fast elf Meter Höhe und fünf Meter Breite zu den größten der in Sachsen -noch erhaltenen Altarschreine. Der Meister, der dies Kunstwerk schuf, ist nicht -bekannt, doch rät Steche auf einen Meister Hans Degen aus Dobeleyn, der auch -den Hauptaltar der Kreuzkirche in Dresden in den Jahren 1513 bis 1515 fertigte.</p> - -<p>Die kostspieligen und umfangreichen Erneuerungsarbeiten wurden von den -Künstlern des Landesamtes mit bestem Erfolg durchgeführt und der Altar Pfingsten 1919 -an Ort und Stelle wieder aufgerichtet.</p> - -<p>Der große, herrliche Altaraufsatz aus der Kirche zu Ehrenfriedersdorf, ein -künstlerisch hoch zu bewertendes Werk des beginnenden sechzehnten Jahrhunderts, -ist der Öffentlichkeit durch eine vieljährige Aufstellung in der Gemäldegalerie zu -Dresden bekannt geworden. Auch dieser war dem Landesamt als dringend -erneuerungsbedürftig anvertraut worden und wurde durch seine Werkstätten sachgemäß -instand gesetzt. Jetzt ziert er nun wieder die malerische alte Kirche des Erzgebirgsstädtchens, -deren massiver Turm noch heute das charakteristischste Wahrzeichen -im Stadt- und Landschaftsbilde ist, wenn er auch seines hohen mittelalterlichen -Wehraufbaues schon seit langem verlustig gegangen ist.</p> - -<p>Ein recht interessantes Stück sächsischer Plastik des Mittelalters stellt ein -Flügelaltar vor, der für die Gemeinde zu Plohn im Vogtlande im Jahre 1918 in -den Werkstätten wiederhergestellt wurde. Eine fein empfundene und gut durchgebildete -Madonnenstatue der spätgotischen Zeit steht im Mittelschrein vom Strahlenkranze -umgeben, in den Flügeln zu beiden Seiten die Figuren der heiligen Katharina -und der heiligen Barbara. Deutlich läßt aber bei diesem Beispiel die Umrahmung -des Schreines die Übergangszeit und die Formensprache der nunmehr neu auftretenden -Renaissance erkennen. Noch späterer Zeit entstammt die zugefügte hölzerne -Predella. Der Altar, der lange Jahre in einem Raume des Plohner Rittergutes -aufbewahrt wurde, ist nach der Erneuerung wieder in der Dorfkirche zur Aufstellung -gekommen.</p> - -<p>Die neue Jakobikirche zu Freiberg besitzt seit alters einen großen Schnitzaltar, -den der Meister Bernhard Diterich, Bildhauer und Bildschnitzer zu Freiberg im -Jahre 1610 anfertigte. Reich bewegte Reliefs in Holzschnitztechnik füllen hier die -einzelnen Felder des architektonisch gegliederten Aufbaues. Das ganze Kunstwerk -war jedoch derart vom Holzwurm zerfressen, daß eine durchgreifende Imprägnierung<span class="pagenum" id="Seite_27">[27]</span> -sich nötig machte, die im Herbst vergangenen Jahres durch die Werkstätten des Landesamtes -mit vollem Erfolg und an Ort und Stelle durchgeführt wurde. Gleichzeitig -wurde auch ein kleineres Schnitzaltarwerk desselben Meisters Diterich, das sich in -der Kirche zu Kleinschirma befindet, erneuert.</p> - -<p>Noch viele andere Kunstwerke von Wert harren in den sächsischen Kirchen -der dringend nötigen Auffrischung, aber zu gering sind leider diesen Anforderungen -gegenüber die Mittel, die zur Verfügung gestellt werden. So muß sich die Konservierungstätigkeit -des Landesamtes in der Hauptsache auf kleinere Stücke beschränken.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-029"> - <img class="w100" src="images/illu-029.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 1<br /> -<b>Plohn, Altar, geöffnet nach der Wiederherstellung</b></div> -</div> - -<p>Manch schönes Kunstwerk wäre da zu nennen, das im Laufe der letzten -Jahre seine Auferstehung von einem Kirchenboden herab gefeiert hat. So hat -unter anderem die große, freundliche Kirche zu Mildenau im Erzgebirge sich eine -kleine »Pieta« von edler Formensprache wiedergeschenkt, die nun heute zusammen -mit Teilen alter Flügelaltäre das Kircheninnere ziert. Eine größere, sehr schöne<span class="pagenum" id="Seite_28">[28]</span> -Beweinungsgruppe wurde in gleicher Weise für die Kirche zu Hilbersdorf wieder -vorgerichtet, und es ist erfreulich zu bemerken, daß mehr und mehr doch gerade -diesen, durch Tradition und Kunstwert gleichermaßen geadelten Erzeugnissen einer -vergangenen Zeit wieder Liebe und Verständnis entgegengebracht wird. Freilich -sind auch, trotz aller Bestrebungen von Denkmalpflege und Heimatschutz noch immer -betrübliche Fälle von Vernachlässigung, Gleichgültigkeit, wenn nicht Schlimmerem -zu verzeichnen.</p> - -<div class="figcenter illowp60" id="illu-030"> - <img class="w100" src="images/illu-030.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 2<br /> -<b>Hilbersdorf, Gruppe der Pieta vor der Herstellung</b></div> -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_29">[29]</span></p> - -<p>Mit der sich wieder regenden Bautätigkeit beginnt auch vielen Ortes wieder -die Pflege der Kirchengebäude in Fluß zu kommen. Im Kriege noch wurde die -kleine, reizvoll im Landschaftsbilde gelegene Kirche zu Harthau bei Chemnitz auf -Anregung des Landesamtes erneuert und so vor dem Schicksal des Abbruchs, das -ihr nach Errichtung der neuen Kirche drohte, glücklich gerettet. Noch während des -Krieges trat man dem Gedanken näher, den stimmungsvollen Kirchenraum als -Gedächtnishalle im Sinne einer Kriegerehrung auszugestalten und 1915 wurde -bereits in diesen Blättern darauf eingegangen. Jetzt scheint der Gedanke Form zu -gewinnen und seiner Verwirklichung entgegenzugehen.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-031"> - <img class="w100" src="images/illu-031.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 3<br /> -<b>Innenansicht der Kirche zu Großrückerswalde</b> (Zustand Mai 1921)</div> -</div> - -<p>Die prachtvolle alte Wehrkirche zu Großrückerswalde bei Marienberg, eine -der wenigen und schönsten der von ihrer Art in Deutschland überhaupt erhaltenen, -hatte durch Wind und Wetter auf ihrer stolzen Höhe stark gelitten. Die Gemeinde -hat sich nun in dankenswerter und nachahmenswürdiger Weise entschlossen, die -für einen Kirchenneubau dereinst angesammelten Gelder für die Erhaltung des<span class="pagenum" id="Seite_30">[30]</span> -schönen, alten Gotteshauses auszugeben. Mit den Erneuerungsarbeiten ist bereits -begonnen worden.</p> - -<p>Es wäre zu wünschen, daß dem guten Beispiel auch andern Ortes gefolgt -würde. Manch unscheinbar gewordener alter Bau könnte so zu neuem Leben -erwachen und mancher Zeuge vergangener großer Tage erhalten werden.</p> - -<div class="figcenter illowp60" id="illu-032"> - <img class="w100" src="images/illu-032.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 4<br /> -<b>Frohnauer Hammer</b></div> -</div> - -<p>Nicht auf dem kirchlichen Gebiet allein liegt die Arbeit der Denkmalpflege, -sie wendet ihre Fürsorge vielmehr auch allen anderen geschichtlich und künstlerisch -wertvollen Bauwerken und Einzelkunstwerken zu. Um seines für sächsische Kultur -und Volkskunst gleichermaßen hohen Wertes wurden im Jahre 1906 Schritte eingeleitet, -den alten, malerisch gelegenen Frohnauer Hammer bei Annaberg der Nachwelt -zu erhalten. Im Jahre 1908 trat der eigens für diesen Zweck geschaffene<span class="pagenum" id="Seite_31">[31]</span> -Hammerbund an Denkmalpflege und Heimatschutz mit der Bitte um Unterstützung -heran, und es gelang auch das ganze Werk käuflich zu erwerben, so daß nunmehr -Schritte zu dessen Erhaltung eingeleitet werden konnten. Noch ist hier freilich viel -zu tun, soll das Hilfswerk zum erfolgreichen Abschluß kommen, und es sei darum -auch hier noch einmal allen Freunden unserer Bestrebungen nahegelegt, für den -Hammerbund und seine Ziele zu werben und damit beizutragen zur Erhaltung -eines wertvollen Stückes alter sächsischer Kultur.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-033"> - <img class="w100" src="images/illu-033.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 5<br /> -<b>Altes Brauhaus in Hohnstein</b> (Sächs. Schweiz) <b>umgebaut zum Rathaus</b><br /> -(Architekt Woldemar Kandler, Klotzsche)</div> -</div> - -<p>Das allen Besuchern der Sächsischen Schweiz wohlbekannte Städtchen Hohnstein -hat eine stimmungsvolle Zierde durch sein neues Rathaus erhalten. Die Stadtverwaltung -hatte im Jahre 1917 mit feinem Verständnis für die Schönheit des -alten Ortsbildes beschlossen, ein altes und baufällig gewordenes Wohnhaus, das unweit -des Marktes, neben dem ehemaligen Brauereigebäude steht, zu erwerben und den -Zwecken eines Rathauses anzupassen. Die Aufgabe ist mit Unterstützung von -Landesamt und Heimatschutz in glücklichster Weise gelöst worden. Freundlich und -eindrucksvoll steht heute der hohe Fachwerkgiebel im Stadtbilde da, und ein kleiner, -neu hinzugefügter Dachreiter betont allein den besonderen Charakter des erneuerten -Gebäudes. Es wäre erfreulich, wenn dies vorbildliche Beispiel der Stadtgemeinde -Hohnstein noch recht viele Nachahmer finden würde. Gelegenheit dazu ist ja gerade<span class="pagenum" id="Seite_32">[32]</span> -heute, wo die Erstellung großer Neubauten fast unmöglich geworden ist, zu -Genüge geboten.</p> - -<p>Das mittelalterliche kleine Rathaus der Stadt Meerane, das von einem -mächtigen Dachreiter bekrönt und mit einem reich gegliederten Renaissanceportal -geschmückt ist, soll demnächst gleichfalls erneuert werden. Der häßliche, in Streifen -ornamentierte Schieferbelag des Daches soll durch neuen, einfarbigen ersetzt werden -und das sehr schadhafte Portal gründlich ausgebessert werden. Auch das kunst- -und baugeschichtlich gleicherweise bekannte alte Rathaus in Plauen unterliegt zur -Zeit einem Umbau. Dieser wird allerdings etwas gründlicher ausfallen, als es im -Sinne der Denkmalpflege gelegen hätte. Die Stadt Plauen hat nun nach Abbruch -des alten Schlosses Reusa und des Heynigschen Hauses nur noch wenig Reste alter -wertvoller Baukunst sich bewahrt. Erfreulich ist in jedem Falle, daß das schöne -Gösmannsche Haus mit seiner zum Teil ausgezeichnet erhaltenen und vornehmen -Innenausstattung von der Stadt angekauft und als Ortsmuseum eingerichtet wurde. -Plauen dürfte damit wohl eines der reizvollsten Ortsmuseen erhalten, die wir in -Sachsen überhaupt besitzen.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-034"> - <img class="w100" src="images/illu-034.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 6<br /> -<b>Alter kathol. Friedhof in Dresden-Fr. Innenansicht der Kapelle mit der Kreuzabnahme von Permoser.</b></div> -</div> - -<p>In ganz ähnlicher Weise wäre aber, ohne große Schwierigkeiten, das jetzige -Ortsmuseum der Stadt Zittau auszugestalten, wenn man sich entschließen könnte,<span class="pagenum" id="Seite_33">[33]</span> -die zur Verfügung stehenden Räume, Refektorium und zwei darübergelegene Säle -des alten Franziskanerklosters rein für das Museum zu bestimmen und die Stadtbibliothek -anderswo unterzubringen. Der an das Gebäude anstoßende alte Klosterfriedhof -soll zudem nunmehr vom Refektorium aus direkt zugänglich gemacht -und damit der Öffentlichkeit wiedergegeben werden. Wünschenswert wäre dann -allerdings, daß auch für die Erhaltung der schönen barocken Gruftfassaden etwas -getan würde.</p> - -<p>Den alten Friedhöfen hat das Landesamt von je auch, soweit es im Rahmen -der verfügbaren Mittel möglich war, seine Fürsorge gewidmet.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-035"> - <img class="w100" src="images/illu-035.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 7<br /> -<b>Moritzburg, alte Postmeilensäule</b></div> -</div> - -<p>Der innere katholische Friedhof zu Dresden, der als solcher auf einem 1721 -von König August dem Starken angewiesenen Grundstück entstand, beherbergt eine -ganze Anzahl wertvoller Grabdenkmäler des achtzehnten Jahrhunderts, die leider -heute unter dem schädlichen Einfluß der rings entstandenen Fabriken und ihrer -Verbrennungsprodukte schwer gefährdet erscheinen. Viele berühmte Dresdner sind -hier zur Ruhe bestattet worden, von denen nur der Maler Casanova, Kügelgen, -v. Schlegel und Permoser genannt seien. Des letzteren Grab zierte die von ihm -selbst gebildete fast dreieinhalb Meter hohe Kreuzigungsgruppe in Sandstein, deren -reine Formenschönheit bei der Art des verwendeten Materials besonders gelitten<span class="pagenum" id="Seite_34">[34]</span> -hatte. Es war darum ein glücklicher Gedanke, diese Gruppe in der erneuerten -und zu dem Zwecke mit einem Nischenausbau versehenen Kapelle neu aufzustellen, -wo sie jetzt im Rahmen der farbig gut abgestimmten Innenarchitektur auf das -eindrucksvollste zur Geltung kommt. Auch diese Arbeiten wurden unter Förderung -und mit Unterstützung der staatlichen Denkmalpflege durchgeführt. Doch welches -Maß von Arbeit ist noch zu leisten, sollen auch nur die besten der vielen herrlichen -Grabdenkmäler geschützt und erhalten werden, die Sachsens Friedhöfe, allen voran -der alte Eliasfriedhof zu Dresden bergen!</p> - -<div class="figcenter illowp60" id="illu-036"> - <img class="w100" src="images/illu-036.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 8<br /> -<b>Postsäule in Reichenbach i. V.</b><br /> -Aufnahme von Oktober 1921</div> -</div> - -<p>Auch eine andere Art von Denkmälern aus alter Zeit hat von je unter dem -Schutze der Denkmalpflege gestanden. Es sind das die Postmeilensäulen, die auf -Veranlassung und nach Verordnung des Königs August des Starken vom Jahre 1722 -an in ganz Sachsen errichtet wurden. Eine große Anzahl derselben hat sich bis -in unsere Zeit erhalten, und bei dem gestiegenen Verständnis auch für diese anspruchslosen<span class="pagenum" id="Seite_35">[35]</span> -Zeugen der Vergangenheit, ist ein großer Teil derselben heute wieder als -Schmuckdenkmal zu Ehren gekommen. Auch das Landesamt hat zur Erhaltung -vieler solcher Säulen das seinige mit Rat und Tat beigetragen. So wurden auf -seine Veranlassung unter anderem die beiden Postsäulen in Moritzburg wiederhergestellt, -die am Eingang der Hauptallee zum Schlosse stehen.</p> - -<p>In der Hauptsache sind es die sogenannten Stadtsäulen, die hier in Frage -kommen, wohingegen von den in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts -gleichzeitig errichteten »Gantze-Meilensäulen« sich wohl nur wenige Stücke erhalten -haben. Ein Exemplar einer solchen steht in Reichenbach auf der Kreuzleithe und -wurde im Herbst dieses Jahres in dankenswerter Weise durch den dortigen Stadtrat -aufgefrischt. Von der dritten noch kleineren Abart dieser Postsäulen, den »Einhalb-Meilensäulen« -scheint nur noch ein Exemplar vorhanden zu sein, das im Wermsdorfer -Revier unweit der Allee IV in Abteilung 10 steht. Vielleicht aber kann uns -für weitere Stücke noch der oder jene Freund des Heimatschutzes einen Hinweis geben.</p> - -<p>Damit soll für diesmal die Reihe der Beispiele aus dem Arbeitsgebiet der -Denkmalpflege geschlossen werden. Hoffen wir, daß es staatlicher und privater -Fürsorge und Unterstützung auch in der Folgezeit gelingt, die kulturerhaltende -Tätigkeit der sächsischen Denkmalpflege nicht nur auf dem jetzigen Standpunkte zu -erhalten, das würde, wie die ständig wachsenden Anforderungen an das Landesamt -beweisen, keinesfalls genügen, sondern weiter auszubauen zu Nutz und Frommen -alter sächsischer Kultur und ihrer Denkmäler, zur Zufriedenheit aller Freunde -unserer schönen Heimat.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Sturm_um_Rathausdach_und_Giebel_oder_Heimatschutz">Sturm um Rathausdach und Giebel oder Heimatschutz -vor siebzig Jahren</h2> - -<p class="center">Von Stadtbaurat <em class="gesperrt">Rieß</em>, Freiberg</p> -</div> - -<p>Wie reich, wie schön wäre unsere Heimat, hätten wir den Heimatschutz schon -vor fünfzig oder hundert Jahren gehabt!</p> - -<p>Herrliche Schätze an Kunst und Kulturbesitz wären vor dem Untergang und -Vernichtung bewahrt geblieben. Als Zeugen alter Kunst deutschen Geistes und -Lebens hätten sie eindringlich gemahnt und zielweisend das neue deutsche Leben -geschaut, geschmückt, geläutert.</p> - -<p>Vielleicht wäre die ganze Kunstentwicklung in anderer Richtung gegangen, -fortschreitend zu höheren Zielen in starkem, gleichmäßigem Vorwärtsdringen, weil -das, was die Väter schufen und bodenständig im Heimatgrunde wurzelte, das was -ihm eigen und schön war, oft besser erkannt und gewürdigt, besser gepflegt und -erhalten und zur Grundlage und Ausgang neuen Schaffens gemacht worden wäre. -Vielleicht hätten wir dann eine neue wirklich echt deutsche Kunst!</p> - -<p>Vielleicht wären die Gedanken und Ziele des Heimatschutzes dann jetzt schon -lange Allgemeingut des Volkes geworden und zum selbstverständlichen Empfinden<span class="pagenum" id="Seite_36">[36]</span> -auch der Ahnungslosen, vielleicht hätten wir dann eine natürliche künstlerische -Kultur, vielleicht – – vielleicht wäre dann Heimatschutz nicht mehr nötig!</p> - -<p>Die Gedanken des Heimatschutzes sind jedoch nicht neu. Schon die alten -Kulturvölker übten Heimatschutz als einen selbstverständlichen Ausfluß und Ausdruck -ihres angeborenen künstlerischen Empfindens, welchem die Harmonie der Dinge -ein Bedürfnis war.</p> - -<p>Als das Wort »Heimatschutz« aber geprägt und »Heimatschutz« als geistige -Bewegung ausgelöst wurde durch tiefschauende Seher und tiefschürfende Arbeiter -am deutschen Volke und an der Heimat, da war diese selbstverständliche Kultur -längst verloren gegangen. Sie muß nun mühsam Schritt für Schritt wieder errungen -werden. Doch der Weg führt empor und das tiefe Sehnen des Volkes sucht und -findet im Heimatschutz Antwort. Doch auch in der Zeit des Niederganges der -Heimatkultur sind solche Männer als Seher und Sorger für die Heimat aufgestanden -und haben den Kampf gewagt, unverstanden und geschmäht, aber unverzagt und -mit heißem Herzen!</p> - -<p>Wie solch ein Kampf des Heimatschutzes vor etwa siebzig Jahren in Freiberg -um das altehrwürdige Rathaus sich abspielte, und wie Heimatschutzgedanken die -Gemüter bewegten im erregten Für und Wider, wie damals die Leidenschaften und -Schwächen des menschlichen Herzens sich zeigten und Stacheln und Dornen Wunden -rissen, ohne die Selbstlosigkeit und Begeisterung des heimattreuen Sehers und Sorgers -am Werke zu ertöten, das mag einmal auf Grund der Akten als ein typisches -Beispiel geschildert werden.</p> - -<p>Es war im Jahre 1853. Das alte Rathaus gefiel den Freibergern mit einem -Male nicht mehr. Viele Jahrhunderte hatte es den Stürmen schon Trotz geboten, -hatte im Krieg und Frieden, bei Belagerungen und allerlei Not, aber auch bei -rauschenden Festen der Bergknappschaft, der Bürgerschaft, dem Rate und ja, auch -Herzog, Kaiser, König und Fürsten ein schützendes Dach geboten. Eine reiche, stolze -Geschichte, die wir jetzt nicht weiter verfolgen wollen, hatte die alten starken Mauern, -Ratsstuben und Gewölbe geweiht. Von Treue und von Bürgerstolz, von Tapferkeit -und Aufopferung, von Blut und Tot, von jauchzendem Leben und Kerkernacht -flüsterten und raunten die mächtigen Quadern der Wände, sang und stöhnte der -Wind, wenn er um Turm und Dach und Giebel sauste. Aber doch gefiel das -Rathaus dem Rate und den Bürgern nicht mehr. Ihre Ohren waren taub, ihre -Augen stumpf geworden. Sie fühlten nicht mehr das geheimnisvolle Leben, die -Seele, welche aus den ehrwürdigen Zügen des alten Bauwerkes sprach, das mit -der alten Stadt jung gewesen war, und im Alter ihr diente wie einst in der Jugend.</p> - -<p>Auf der Marktseite hatten sich Verkaufsbuden, auf der Nordseite an der Burgstraße -der Schuppen für die Feuerleitern angesiedelt und saßen wie Schmarotzerpflanzen -am gesunden Stamm und zehrten von seiner Schönheit. Allerlei Unzuträglichkeiten -waren entstanden durch die Begleiterscheinungen des Kramhandels, -die der Würde des Rathauses nicht mehr entsprachen. Hier mußte Wandel geschaffen -werden, darüber waren sich Rat und Bürgerschaft einig. Im Erdgeschoß am östlichen -Giebel waren Räume, die nur untergeordneten Zwecken dienten. »Hier könnten -wir Läden einbauen und schönen Mietzins lösen,« dachten die Stadtväter. »Für<span class="pagenum" id="Seite_37">[37]</span> -die Krambuden ist dann ein würdiger Ersatz geschaffen.« Außerdem war das Dach -so hoch!! Mit seinem langen First und seiner riesigen Fläche schnitt es ein schönes -Stück vom Himmel ab und die Verkaufsgewölbe der Nachbarhäuser an der Nordseite -mußten sogar früher Licht anzünden als der Konkurrent am Obermarkt. Wo -blieb da die Gerechtigkeit! –</p> - -<p>Prüfend blickten sie immer wieder auf das Dach und den gewaltigen Giebel -mit seiner Blendnischenarchitektur, vier Bogenreihen übereinander. Da fand ein -besonders interessiertes, kundiges, scharfes Auge, daß der Giebel nicht mehr ganz -lotrecht stände, sondern nach innen sich neigte; ja im Mauerwerk wurden urplötzlich -für sein Auge gefährliche Risse sichtbar! Ahnungslos hatte man vielleicht schon -in der Gefahr geschwebt, von dem stürzenden Giebel erschlagen zu werden! Wollte -man Läden dort bauen und Schaufenster ausbrechen, so war der Einsturz des -Rathauses gewiß! –</p> - -<p>Herbei ihr Sachverständigen mit Rat und Tat! Rettet uns vor der furchtbaren -Gefahr!</p> - -<p>Der Baumeister Leuthold aus Dippoldiswalde wurde berufen und mit der -Fülle der angehäuften Wünsche und Anregungen überschüttet. Zeichnungen und -Anschlag wurden von ihm angefertigt und mit einem ausführlichen Gutachten überreicht. -Zwei Seelen leben in diesem Gutachten. Die Seele des unbefangenen -Sachverständigen und die Seele des Mannes, der gern bauen und verdienen will.</p> - -<p>Im Anfang sagt er, daß »eine unbedingte Notwendigkeit« des Giebelbaues -»für jetzt noch nicht« vorliege.</p> - -<p>»Die Neigung des Dachgiebels nach innen, ist allerdings eine nicht unbedeutende, -jedoch sind in diesem selbst <em class="gesperrt">nicht die geringsten Risse oder Sprünge</em> wahrzunehmen, -was einesteils auf die große Festigkeit und den innigen Zusammenhang -des Mauerwerkes schließen läßt, anderenteils aber zu der Annahme berechtigt, daß -diese Neigung sehr allmählich oder wenigstens sehr regelmäßig erfolgt sei. Die -Sprünge, welche sich in der ersten Etage der Umfassungsmauer dieser Giebelseite -allerdings zeigen, sind gegenwärtig noch nicht derart, daß sie zu einem ernsten -Bedenken Veranlassung geben und bei der großen Stärke der Giebelmauer kann -selbst bei deren großer Neigung ein Einsturz derselben zur Zeit noch nicht zu -befürchten sein.«</p> - -<p>Gleichwohl kommt er zum Schluß, den Abbruch zu empfehlen, weil infolge -»schiefen Druckes« doch einmal ein Einsturz erfolgen könne. Er empfiehlt eine -umfassende Restauration des Gebäudes mit Neuaufbau des Giebels, Einbau der -Läden, Änderungen an Fenstern und Räumen und dergleichen. Sehr wichtig nimmt -er den Abputz, zu dem er »eine graubraune, aus lichtem Ocker, geschlemmter Umbra -und Frankfurter Schwarz gemischte Kalkfarbe« nehmen würde, »um den Charakter -und die Altertümlichkeit des Gebäudes zu bezeichnen«. Ein Dorn im Auge sind -ihm die verschiedenartigen Fensterformen, die er möglichst »egalisieren« und »rektifizieren« -möchte. »Schon die Vorderfronte noch mehr aber die Hinterfronte nämlich -bietet hinsichtlich der architektonischen Formen und Gliederungen eine so bunte -Mannigfaltigkeit, wie dieselbe mit dem ästhetischen Gefühl im allgemeinen und mit -der Würde des Gebäudes in keinem Falle vereinbar ist.« »Die Hinterfronte<span class="pagenum" id="Seite_38">[38]</span> -repräsentiert eine wahre Musterkarte von allerhand Tür- und Fensterrahmen, die -nach Herstellung des neuen Abputzes als solche nur noch mehr in die Augen fallen -wird.« »Die Beseitigung dieser Verunstaltungen tut dringend not,« schreibt er in -höchster ästhetischer Entrüstung. Die »Conzinnität« der »Fronte« muß hergestellt -werden. Die Kosten berechnet er auf insgesamt rund 4370 Taler. In seiner -Planung hatte er auf die Änderung der Fenster besonders hingearbeitet, ohne jedoch -immer Rücksicht auf die dahinterliegenden Räume zu nehmen. Gleichwohl und -trotz der hohen Kosten erklärt man sich im Rate mit den Plänen einverstanden, -wobei man jedoch wiederholt die Wahrung des altertümlichen Charakters des -Gebäudes betont.</p> - -<p>Man forderte in der Theorie das, was die eigenen Beschlüsse und praktischen -Maßnahmen unbedingt zerstören mußten. War es ehrliche Unkenntnis oder Selbstbetrug -oder naive Heuchelei? Vielleicht aus allen dreien gemischt!</p> - -<p>Als die Bauangelegenheit soweit gediehen war, es war im Mai 1855, da -bekam das Ratsmitglied, welches die Finanzverwaltung hatte, doch Bedenken über -die Aufbringung der Mittel und bittet auf Grund längerer Berechnungen und Ausführungen -die endgültige Entschließung noch auszusetzen. Er weist auf die politische -Lage Deutschlands hin, »welche noch immer darüber in Zweifel läßt, ob für das -Land bald entweder die Ruhe und Sicherheit des Friedens oder die Lasten einer -Mobilisierung der Armee und die Drangsale eines allgemeinen Krieges zu erwarten -stehen,« sodann auf »die nun seit mehreren Jahren anhaltende Teuerung aller -Lebensmittel, deren Fortdauer mit der größten Besorgnis für die Folgen erfüllt.« -Diesen Bedenken schloß sich das Ratskollegium an und die Baufrage wurde einstweilen -zurückgestellt bis auf die Beseitigung der hölzernen häßlichen Budenanbauten. -Dieser Beschluß wurde im Juli 1855 gefaßt. Das Rathaus schien vor den Bauabsichten -noch einmal gerettet zu sein. Bei allen diesen Beratungen hatte jedoch -der Bürgermeister Clauß nicht mitgewirkt, der wohl beurlaubt oder noch nicht im -Amte war. Unter dem 21. April 1856 schreibt er eine Denkschrift von zwölf -enggeschriebenen Aktenseiten mit zierlich kleiner Schrift nieder, in welcher er alle -Vorgänge zusammenfaßt, Kritik übt und Vorschläge macht.</p> - -<p>Er erklärt sich gegen den Einbau von Läden, »weil durch das Marchandieren -Fremder im Rathause die Ruhe, Ordnung und Sicherheit desselben sehr beeinträchtiget -und gefährdet werden würde, um so mehr als es eben an allen Neben- namentlich -Hofräumen fehlt und nicht einmal <em class="antiqua">loca secreta</em> vorhanden sind, mithin allerlei -Allodria, Mitbenutzung der oberen Appartements und dergleichen mehr in die -übrigen Räume des Rathauses sich verpflanzen und darin breit machen -würden.«</p> - -<p>Er erklärt sich gegen die Änderung der Fenster, »weil dadurch die innere -Symmetrie der betreffenden Räume gestört und auf Rechnung des Äußeren verunstaltet -werden würden.« »Es möchte kaum zu verantworten sein, dem äußeren -Ansehen die Zweckmäßigkeit der inneren Einrichtungen zu opfern.«</p> - -<p>Kann man ihm hier auch nach heutigen Anschauungen über Heimatschutz und -Denkmalpflege nur zustimmen, so nimmt er doch zum Schlusse die Anregungen -wieder auf, welche im Zusammenhang mit der Giebelfrage nicht wieder zur Ruhe<span class="pagenum" id="Seite_39">[39]</span> -kommen sollen, sondern wie ein Gift weiterfraßen und dem äußeren Ansehen des -Rathauses verderblich wurden.</p> - -<p>Er schreibt: »Unterzeichneter mag nicht verhehlen, daß es nach seiner Ansicht -das Beste wäre, das ganze Dach mit einem modernen niedrigeren zu vertauschen, -weil so die <em class="gesperrt">immense</em> und <em class="gesperrt">überflüssige</em> Belastung des Rathauses beseitigt, -brauchbare und angemessene Dachräume erlangt, die Rauchfangunterhaltungen -wesentlich vermindert, die Gefahr bei Feuerunglück – wo durch die jetzige ungeheure -Last des Daches die unteren Räume erdrückt zu werden bedroht sind, – bei weitem -verringert, auch die Dachgiebelfrage auf leichteste Weise mit erledigt würde.« Allein -er enthält sich, »darauf abzielende Vorschläge zu eröffnen, wohl wissend und ahnend, -daß solche im weiteren Kreise nicht leicht Annahme und Anhänger finden werden, -obgleich die Kosten dieser Veränderung großenteils durch den Gewinn überflüssigen, -guten und gesunden Holzes ausgewogen werden würden, neues Holz- und Ziegelmaterial -wohl gar nicht nötig wären.«</p> - -<p>Auf Grund dieser Denkschrift beschloß man, daß »die Restauration des Rathauses -nicht allzulange mehr verschoben werden möchte.« Einige Monate ruht -scheinbar die Sache, wenigstens in den Akten, wenn auch vielleicht die Frage das -tägliche Gespräch gewesen sein mag. Da tritt die Baudeputation mit neuem Antrag -auf – und sagt unter anderem: »Wenn sich aber nun unmöglich verhehlen läßt, -daß das derzeitige Äußere des Rathauses zu Freiberg ein würdiges nicht genannt -werden kann, ja daß es kaum den bescheidensten Anforderungen des <em class="antiqua">decorum</em> -entspricht, und daß einzelne Partien desselben sogar einen widrigen Eindruck auf -den Beschauer hervorbringen, überhaupt aber der Gesamteindruck desselben nur -in dem hohen Alter des Bauwerks einige Beschönigung finden kann, … so -hält sich die Deputation gerechtfertigt, wenn sie auch diesen Aufwand bevorwortet.«</p> - -<p>Diese von jedem Verständnis der Altertumswerte und der Charakterzüge des -ehrwürdigen Rathauses weit entfernten Vorschläge wurden nun von den städtischen -Kollegien zum Beschluß erhoben, ihre Ausführung aber noch einstweilen aufgeschoben, -weil die Jahreszeit schon zu weit vorgeschritten war und weil »der neugewählte -Stadtbaumeister erst im Monat Oktober d. J. sein Amt antreten wird, inmittelst -aber es an gehöriger Bauleitung fehlen würde.«</p> - -<p>Das Urteil über das alte ehrwürdige Rathaus war gesprochen, man wartete -nur noch auf den amtlich bestellten Scharfrichter zu seiner Hinrichtung und benutzte -die Zwischenzeit zu vielerlei Einzelberatungen.</p> - -<p>Das neue Jahr 1857 rückte heran, da entstand in dem Wachtlokal im Erdgeschoß -des Turmes, das durch ungeheure starke Mauern und Gewölbe vom übrigen -Rathause abgeschlossen ist, ein an sich ganz ungefährlicher Stubenbrand. Brand -im Rathaus! Das war für die Freunde des Umbaues ein willkommenes Mittel -und Schlagwort für ihre Ziele!</p> - -<p>Das war der Anlaß nunmehr den Abbruch des hohen Daches mit Macht -zu betreiben. Das Dach, welches Jahrhunderten standgehalten und die Stürme -der Schwedenbelagerung mit ihren Brandbomben, zahlreiche Stadtbrände, die Schlacht -bei Freiberg und die Gefahren der Zeit Napoleons unbeschädigt überstanden hatte,<span class="pagenum" id="Seite_40">[40]</span> -wurde angeblich plötzlich zu einer furchtbaren Gefahr für die Stadt, weil es »eine -sehr bedeutende Quantität feuergefährlichen Holzwerkes« enthielt.</p> - -<p>Bei dem neuen Stadtbaumeister Weber wurde ein Gutachten bestellt. Dieses -Gutachten fiel den Weisungen entsprechend aus. Es lag ja nahe, daß der neue -Baumeister bauen und seine Kunst und Tüchtigkeit zeigen wollte. Das war ein -willkommener Auftrag, sein Licht leuchten zu lassen! Mit einer gewissen Überlegenheit -und Geringschätzung spricht er von dem »alten sehr fehlerhaft konstruierten -Dach, das im hohen Grade baufällig ist,« von mangelnden Längsverbänden, fehlerhaften -Querverbänden, Verschiebungen, ungleichen Senkungen, von gebrochenen -Verbänden und dergleichen. Der Giebel, 1¾ Ellen stark, hinge gefahrdrohend nach -dem Gebäude zu über. »Der bei einem Brande unvermeidliche Einsturz des überhängenden -Giebels würde selbst die zunächst daran befindlichen festen Gewölbe sowohl -in der Etage als im Erdgeschosse gänzlich vernichten.« Dachziegel und Essen seien -völlig schadhaft und dem Einsturz nahe. Er schlug vor, ein neues Dach von -englischem Schiefer mit leichtem offenem Dachstuhl mit möglichst flacher Neigung von -etwa 30 Grad herzustellen, obschon rings der ganze Marktplatz und die ganze alte -Stadt, nur hohe steile Ziegeldächer hatte. Den Kostenaufwand dürfe man nicht -scheuen, um »den mit der Feuergefährlichkeit des alten Daches verbundenen unabsehbaren -allgemeinen Schaden, möglichst bald zu verhindern.«</p> - -<p>Zu diesem für Rathausdach und Giebel vernichtenden Urteil kam gleichzeitig -eine Eingabe von Anwohnern des Rathauses. Ob diese etwa bestellt war, geht -natürlich nicht aus den Akten hervor, jedoch klingt es fast wie ein Echo des Gutachtens -des Stadtbaumeisters, nur daß hier die angebliche Gefahr des Brandes -und Einsturzes bereits auf die ganze Nachbarschaft, »auf einen großen Teil des -belebtesten Teils der Stadt« ausgedehnt wird. Dreißig Bürger hatten unterschrieben. -Die drei ersten sind drei brave Bäckermeister. Die Frage war nun »brennend« -geworden. Die finanziellen Bedenken mußten verstummen, und einmütig wurde -nach dem Vorschlage des Stadtbaumeisters beschlossen, nur mit der Abänderung, -auf Anregung aus der Mitte des Rates, daß das Dach um zwei Ellen gegenüber -der Planung erhöht werden solle, so daß also statt einer Neigung von dreißig Grad -eine solche von sechsunddreißig Grad gesichert wurde.</p> - -<p>Der Stadtbaumeister gibt darauf selbst zu: »Nicht zu verkennen ist übrigens, daß -durch die beantragte Erhöhung des Daches der Schiefer an Haltbarkeit gewinnt, -hauptsächlich aber ein besserer Prospekt erlangt wird. Ein flacheres Dach will -nicht recht zu dem altertümlichen Charakter des Rathauses passen.« Aus dieser -Bemerkung vom 1. März 1857 ergibt sich, daß der Stadtbaumeister bei seinem -Vorschlage ohne jede Rücksicht auf künstlerische Bedenken, völlig skrupellos und -ohne Gefühl für die historischen Altertums- und Schönheitswerte, ohne jedes Verständnis -für die städtebauliche Bedeutung des Rathauses im Marktbilde und Stadtbilde -geurteilt hatte, so daß er erst durch die Anregungen von Laien auf diese Frage -zwar gestoßen wird, und auch seinen ursprünglichen Vorschlag aufgibt, aber dennoch -ohne weitere künstlerische Prüfung alle Bedenken bei Seite setzt und einfach die -vorgeschlagenen laienhaften zwei Ellen zusetzt. Hätte man eine Elle oder drei Ellen -vorgeschlagen, so wäre er auch wohl damit zufrieden gewesen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_41">[41]</span></p> - -<p>So fiel das alte schöne Rathaus in die Hände eines künstlerisch völlig unfähigen -und verständnislosen Mannes, obgleich in Freiberg ein fein empfindender -künstlerisch hervorragender Architekt lebte, der Professor für Baukunst an der -Bergakademie Professor Eduard Heuchler.</p> - -<p>Er hatte sich bereits einen Namen gemacht durch die wundervollen -Zeichnungen zum Bergmannsleben, die heute noch durch ihre hohe Bedeutung -für bergmännische Volkskunde und Volkskunst und durch ihren künstlerischen -Reiz besondere bewunderte Schätze des Freiberger Altertumsmuseums bilden -und durch seine ausgeführten feinempfundenen architektonischen Werke. -Seine grundlegenden Forschungen am Freiberger Dom sind ja heute noch von -Bedeutung.</p> - -<p>Dieser Mann hörte mit Schmerz und Zorn von dem Schicksal, das dem ehrwürdigen -Rathause bevorstand. In letzter Stunde suchte er es noch zu retten und -wendete sich mit scharfer Feder gegen diesen Plan und suchte die Öffentlichkeit -aufzuklären und in Bewegung zu setzen. In einem Aufsatz vom 21. März im -»Freiberger Anzeiger« zieht er vom Leder. Er weist daraufhin, daß der Stadtrat -schon seit vielen Jahren »einen sogenannten Bauinspektor« und seit 1830 sogar -eine Baudeputation gehabt habe. »Eine große Verantwortlichkeit müßte auf die -beaufsichtigende Behörde fallen, wenn sie gerade das wichtigste Gebäude der Stadtkommune -in seiner Unterhaltung so vernachlässigt hätte, daß nun mit einem Male -<em class="gesperrt">keine</em> Reparatur mehr möglich ist, und ein neues Dach aufgesetzt werden muß!« -Weiter sagt er dann: »Es ist aber eine bekannte Sache, daß flache Dächer, und -wenn man sie auch mit Schiefer oder Metall eindeckt, in unseren Gegenden keinen -Vorteil gewähren und die Reparaturen nicht aufhören. Aber auch abgesehen von -dieser Erfahrung, so ist es unbegreiflich, wie ein flaches Dach zum Stil des alten -ernsten Gebäudes und seiner Umgebung passen soll! – Es kommt mir vor, als -wenn man einem geharnischten Ritter ein Käppi aufsetzen wollte.« Er schlägt -dann vor, das Gutachten eines »unparteiischen renommierten auswärtigen Baumeisters« -einzuholen, »denn die Leistungen des neuen Herrn Stadtbaumeisters, denen -ich übrigens nicht zu nahe treten will, sind hier doch zu unbekannt und die Deputationsmitglieder -des Stadtrates und der Stadtverordneten sind keine Sachverständigen -von Profession, um sich auf dieses Urteil hin einseitig und beifällig -bestimmen zu lassen.«</p> - -<p>»Vielleicht wären die vorgenannten auswärtigen Baumeister weniger baulustig -gewesen und hätten uns einen Rat gegeben, wie wir unser altes, dem tiefen -Gebäude angemessenes Rathausdach noch einmal tüchtig zusammenflicken könnten.« -»Und hätten nun auch diese auswärtigen Baumeister einen Neubau des Rathausdaches -jetzt als unabweisbar erkannt, dann würden sie sicher <em class="gesperrt">nicht</em> vorgeschlagen -haben, das alte ehrwürdige wenn auch architektonisch gerade nicht ausgezeichnete -Gebäude durch ein <em class="gesperrt">modernes flaches</em> zu dem Stil desselben <em class="gesperrt">schlecht passendes</em> -Dach zu verunstalten. Alle Gebäude des Marktes sind zwei- und dreistöckig und -mit hohen Ziegeldächern versehen, es müßte also schon des Gesamteindruckes wegen -ein flaches Dach auf dem nur einstöckigen Rathause als eine Kuriosität im großen -Maßstabe erscheinen.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_42">[42]</span></p> - -<p>Klingen diese letzteren Ausführungen nicht, als wären sie aus einem Gutachten -des Heimatschutzes in neuester Zeit entnommen? Heuchler sieht, seiner Zeit vorauseilend, -nicht nur das einzelne Bauwerk als Individuum und losgelöst von der -Umgebung, sondern als ein Glied des großen Ganzen, er sieht und beurteilt den -Wert des Einzelbauwerkes im Zusammenhange mit der Umgebung, mit dem Platzbilde, -mit dem Stadtbilde.</p> - -<p>Doch für derartige Anschauungen war seine Zeit noch nicht reif! Auch heute -über sechzig Jahre später ist diese Anschauung noch keineswegs Allgemeingut -geworden. Jeder, der in der Heimatschutzbewegung und Bauberatung tätig ist, kennt -die Kämpfe, die aus diesem Widerstreit erwachsen.</p> - -<p>Auch hier lehnt der Rat kühl die Vorschläge ab, da man sich von der Einholung -eines »Supergutachtens« »einen andern Erfolg als den, welchen das Gutachten -des Herrn Stadtbaumeisters Weber bereits gehabt hat, nicht zu versprechen -vermag«, es solle vielmehr nun »unverzüglich« mit dem Bau vorgegangen werden. –</p> - -<p>Und so geschah es! –</p> - -<p>Doch unser wackerer Heuchler forcht sich nit und ließ sich nicht entmutigen -im Kampfe für das Rathaus gegen die hohen Herren im Rathause.</p> - -<p>Unter dem 14. Juni 1857 richtet er unter Beifügung von Zeichnungen (vgl. -Abb. 1) eine Eingabe an die Königliche Hohe Kreisdirektion zu Dresden. Er bittet -einen höheren Sachverständigen zur Untersuchung zu entsenden, da das Abtragen -des Daches bereits begonnen habe, um die Stadt Freiberg »vor Verunstaltung ihres -Rathauses und Marktes« zu schützen.</p> - -<p>»Seit dreißig Jahren war ich bemüht, meine Geburtsstadt Freiberg in seinen -öffentlichen Anlagen durch kleine Monumente und durch einige Privatbauten vor -den Toren zu verschönern. Die … möge aus dieser freimütigen Behelligung -meinen Eifer für die Ehre Freibergs hochgeneigtest erkennen.«</p> - -<p>In der Zeichnung wird von ihm durch die in das Dach eingezeichnete unterste -Firstlinie die Höhe des künftigen flachen Daches angedeutet.</p> - -<p>Auf diese Eingabe erging sofort Anordnung an den Stadtrat, den Bau einzustellen.</p> - -<p>Am 19. Juni bereits fand außerordentliche Ratssitzung statt, in welcher es -Heuchler nicht gut gegangen sein mag. Sofortiger Bericht wurde beschlossen und -die Reise des Bürgermeisters und Stadtbaumeisters nach Dresden, um mit dem -Kreisdirektor und dem Landbaumeister Hänel Rücksprache zu nehmen, da es »nicht -nur im Interesse des Baues, sondern auch <em class="gesperrt">vornämlich zur Wahrung der -obrigkeitlichen Autorität</em> dringend wünschenswert erscheint, die Entscheidung -herbeizuführen.«</p> - -<p>Nicht mehr der unbeschädigte Wert des Baues, sondern die unbeschädigte -Autorität von nicht sachverständigen Laien wurde als Banner im Kampfe aufgepflanzt.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-045"> - <img class="w100" src="images/illu-045.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 1 <b class="tdpl">Das Freiberger Rathaus mit dem alten hohen Ziegeldach vor 1857.</b> (Skizze nach Heuchler)</div> -</div> - -<p>Dieser Bericht ist acht enggeschriebene Seiten lang und ist ein Zeugnis für -die Bewegung, welche das Vorgehen Heuchlers im Ratskollegium bewirkt hatte. -Die Schäden des Rathauses werden natürlich gewaltig übertrieben. Dann aber -strotzt der Bericht von persönlichen Angriffen auf Heuchler, die jede Sachlichkeit -vermissen lassen. Sein Vorgehen wird hämisch, ungehörig, gehässig genannt. Es<span class="pagenum" id="Seite_44">[44]</span> -wird angezweifelt, daß er »wirklich von lauteren Triebfedern beseelt und von wahrhaftem -Eifer für die Sache und von aufrichtigem Sinne für das Gemeinwohl erfüllt -wäre.« Es wird ihm vorgeworfen, daß er nicht vorher sich an den Stadtrat -gewendet habe. »Wir müssen hiernach annehmen, daß er sich absichtlich der Wahrheit -verschloß, um so desto sicherer mit seinen hinterrücklingen Plänen und ungescheuter -zur Unzeit hervortreten zu können.« Seine Eingabe sei nur »das Produkt gekränkten -Ehrgeizes oder sonstiger damit verwandter Seelenaffektion.«</p> - -<p>Heuchler sei eine »Persönlichkeit, die eine fremde Ansicht nicht anerkennt und -sich über alle durch die Gesetze gebotenen Formen solche nicht anerkennend, erhebt.« -Es wird ironisch »seiner Talenten im Baufache, namentlich im Zeichnen und -Ornamentenfache bis zu einem gewissen Grade gern alle Anerkennung« gezollt, -nachdem er vorher als geschäftlich unzuverlässig hingestellt ist. An der Zeichnung -wird bemängelt, daß das alte Dach zu niedrig gezeichnet sei. Der alte First läge -in der Höhe der oberen Linie <em class="antiqua">c. d.</em>, der neue in Höhe der mittleren Linie. Zum -Schluß wird baldige Entschließung erbeten, damit »das Ansehen der Behörde und -Gemeindeorgane durch dergleichen unwürdige und unlautere Mittel nicht gelähmt -und in den Augen des hiesigen Publikums, dem schon lange zuvor – wahrscheinlich -aus derselben unlauteren Quelle – die Nachricht einer verhangenen Baususpension -erzählt worden ist, geschmälert« werde.</p> - -<p>Dieses unsachliche Schreiben wurde nun in Dresden überreicht und mündlich -erläutert. Die Entscheidung erfolgte sofort, <em class="gesperrt">ohne</em> daß ein Sachverständiger nach -Freiberg geschickt und <em class="gesperrt">ohne</em> daß Heuchler auch nur noch einmal gehört worden -wäre und zu den Anwürfen sich hätte äußern können, denn, wie es in dem Bescheide -vom 27. Juni 1857 heißt, es sei dem Stadtrat nicht entgegenzutreten gewesen, -»als ohnehin das Rathaus zu Freiberg keineswegs in einem solchen reinen Baustile -ausgeführt ist, daß auf seine unveränderte Erhaltung vom architektonischen -Gesichtspunkte aus ein … überwiegendes Gewicht gelegt werden könnte.«</p> - -<p>Man erkennt auch hier wieder die einseitige Beschränktheit der Anschauung -von der »Stilreinheit«, welche für so zahlreiche Baudenkmäler und alte Kunst des -Vaterlandes verderblich gewesen ist, unersetzliche Kunstgüter vernichtet hat, die -völlige Verständnislosigkeit für die Stimmungswerte und die Heimatwerte, welche -im Gewachsenen und Gewordenen, aber nie im Gemachten und Gekünstelten liegen. -Die langweilige Schablone, das geistlose Schema wird über den wertvollen eigenwilligen -Charakter gesetzt.</p> - -<p>Die Zeichnungen des Stadtbaumeisters Weber waren dem Landbaumeister -Hänel vorgelegt worden und hatten eine Reihe von Korrekturen der Architekturformen -erhalten, durch welche Hänel eine feinere und reichere Gliederung des Daches -und des Giebels bezweckte. Alle diese Veränderungen bis auf den Aufbau von -vier stehenden Renaissance-Dachfenstern auf jeder Dachseite von Hänels Hand wurden -jedoch von der Baudeputation am 30. Juni abgelehnt und dem Vorschlage Webers -beigetreten, das Dach noch um dreieinhalb Ellen zu erhöhen. Es wirkt wie ein -trauriges Possenspiel, daß Weber wenige Tage zuvor in Dresden gegen Heuchler -mit vergifteten Waffen kämpft und siegt, und dann selbst aus Heuchlerischen -Gedankengängen heraus eine derartige Steigerung der Dachhöhe nachträglich<span class="pagenum" id="Seite_45">[45]</span> -vorschlägt. Es sind nun schon fünfeinhalb Ellen, um welche das Dach höher wird -gegenüber seinem ersten Vorschlage mit dreißig Grad Dachneigung! Auch dieser -Vorschlag wurde genehmigt.</p> - -<p>Heuchler wurde kurz vom Rate beschieden und der Bau wurde fortgesetzt.</p> - -<p>Wenige Tage vergingen, da geschah etwas Furchtbares!</p> - -<p>Der Polizeidiener Hopperdiezel hatte mit dem Herrn Professor ein altes -Hühnchen zu rupfen, denn der Herr Professor war ihm nach einer polizeilichen -pflichtschuldigen Anzeige wegen einer »Polizeiwidrigkeit«, die dem Herrn Professor -einen »noch sehr glimpflichen Verweis« eingetragen hatte, »hinterher mit ungeziemenden -Redensarten auf offener Straße begegnet.«</p> - -<p>Dieser diensteifrige Hüter der Ordnung fand am 4. Juli »zufällig« bei dem -Lohnschreiber Wohlgemuth in der Stadt ein von der Hand Professor Heuchlers -herrührendes Konzept einer Eingabe an das Königl. Ministerium des Innern in -betreff des Rathausbaues, die Wohlgemuth unter ausdrücklicher Verpflichtung der -Geheimhaltung zur Reinschrift erhalten hatte.</p> - -<p>Der gesinnungstüchtige Scherge des Rechts hatte dies herausgeschnüffelt, nahm -widerrechtlich sofort das Schriftstück an sich und eilte mit dem Schritte des Retters -und Rächers auf das Kapitol zum gestrengen Herrn Bürgermeister mit der Meldung, -daß dieses Schriftwerk heimlich vom Klempnermeister Holzhausen unter den Bürgern -zur Unterschrift in Umlauf gesetzt werden solle. Es habe ihn, Hopperdiezel, sogar -der Holzhausen im Vertrauen gefragt, ob er ihm nicht einen verschwiegenen Mann -zur Unterschriftensammlung nennen könne, der weder den Urheber der Eingabe -noch den, der sie in Bewegung setze, verraten würde. – Holzhausen wurde sofort -vor das gestrenge Stadtoberhaupt herbeigeholt und scharf verhört. Er gab zu, daß -er in Heuchlers Auftrage die Abschrift veranlaßt habe, um ihm einen Gefallen zu -tun. Hopperdiezel habe er gefragt, weil dieser einmal als Soldat bei ihm in -Quartier gelegen habe und sein Gevatter sei. »Ihm sei die ganze Sache fatal, er -sei immer mit jedermann guter Freund und so sei er auch zu diesem ihm nur -ärgerlichen Auftrage gekommen.«</p> - -<p>Der gestrenge Herr Bürgermeister verwarnte ihn, geriet in den sachgemäßen -Zorn und scheute sich nicht, sofort von dem durch Vertrauensbruch erlangten Schreiben -eine Abschrift nehmen zu lassen, ehe er sie dem Lohnschreiber wieder zustellte.</p> - -<p>Es ist bezeichnend bei allen diesen Vorgängen, daß niemals mit Heuchler -persönlich oder mündlich verhandelt worden ist. War es Autoritätsdünkel oder -Furcht vor der sachlichen oder persönlichen Überlegenheit?</p> - -<p>Und was war der Inhalt der Eingabe?</p> - -<p>Eine Bitte an das Ministerium des Innern, einen höheren Bausachverständigen -zur Nachprüfung an Ort und Stelle zu entsenden mit einer völlig sachlichen Begründung -und Angabe des Tatbestandes. Es werden acht Fragen zur Beantwortung -vorgelegt: 1. Ist das Dachgebälk wirklich in so gefahrdrohendem Zustand? 2. Ist -die Feuersgefahr im steilen Dach höher als im flachen? 3. Ist ein Ziegeldach feuergefährlicher -als ein Schieferdach? 4. Ist die Unterhaltung eines Ziegeldaches teurer -als die eines Schieferdaches? 5. Ist mit Rücksicht auf die Umgebung und die -Größe des Hauses die Höhe eines Daches gleichgültig? 6. Sind Fenster und<span class="pagenum" id="Seite_46">[46]</span> -Hauptgesimsformen so wenig zu beachten, daß man beim Dach und Giebel ganz -nach Willkür verfahren kann? 7. Ist es dem jetzigen Stand der Baukunst angemessen -zu den alten Fehlern im Baustil neue zu bringen und das Gebäude zu -einer Musterkarte von Baustilen zu machen? 8. Ist es endlich im bezug auf den -dominierenden spätgotischen Baustil des Gebäudes zulässig auf dasselbe bei einer -Tiefe von achtundzwanzig Ellen mit einer senkrechten Dachhöhe von zehn Ellen -einen Giebel im Renaissancestile aufzuführen, da nirgends ein Beispiel dieser Mißgestalt -angezogen werden kann?</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-048"> - <img class="w100" src="images/illu-048.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 2<br /> -<b>Rathaus zu Freiberg mit flachem Schieferdach 1857–1920</b></div> -</div> - -<p>Man sieht aus diesen scharf zugespitzten Fragen, wie weit Heuchler seinen -Zeitgenossen in Freiberg voraus war, indem er in der Harmonie der Gesamterscheinung -unabhängig von den Einzelformen, und in der Harmonie mit der Umgebung -die künstlerische Lösung suchte und sah. Das ganze alte Freiberg hatte -hohe <em class="gesperrt">steile Ziegel</em>dächer. Da mußte auf ihn das neue <em class="gesperrt">flache Schiefer</em>dach -ausgerechnet auf dem Hauptgebäude der Stadt, dem Rathause, wie ein Faustschlag -wirken, gegen den er sich in starkem Idealismus des Heimatschutzes wehrte (Abb. 2).</p> - -<p>Er wurde jedoch nicht verstanden, sondern noch persönlich verunglimpft und -blieb ohne Erfolg.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_47">[47]</span></p> - -<p>Der Bürgermeister setzte sich sofort noch an demselben 4. Juli hin und entwarf -einen Bericht über den Vorgang an die Kreisdirektion, um der Eingabe zuvorzukommen, -der von persönlichen Angriffen strotzt. Heuchler wird »niedriger Machinationen« -bezichtigt. Er »wühle« und »wiegele die Bürger auf«, scheue dazu keine -Mittel, zeige sich gehässig usw. Seine Handlungsweise sei nur von »Persönlichkeit -gegen den neuen Stadtbaumeister« geleitet und dergleichen vergiftete Pfeile -werden gespitzt.</p> - -<p>Dieser Bericht wurde jedoch auf Beschluß des Ratskollegiums nicht abgeschickt, -sondern zunächst das weitere abgewartet.</p> - -<p>Gleichzeitig mit diesen Vorgängen hatte Heuchler auch einen Aufsatz im -»Freiberger Anzeiger« erscheinen lassen, in dem er in völlig sachlicher Form auf -die Geschichte des Rathauses eingeht und die allmähliche Entwicklung durch die -verschiedenen Stilperioden zu seiner jetzigen Gestalt kurz erläutert. »Knüpfen sich -also so wichtige historische Erinnerungen der Stadt und des Landes an dieses Gebäude, -so trägt sich auch die Achtung und Liebe zu demselben auf seine äußere Gestalt -über und aus Pietät für dasselbe ändert man nicht ohne Not seine uns lieb -gewordene äußere Erscheinung, mag sie nun schön sein oder nicht!«</p> - -<p>Sind das nicht Worte echter Heimatschutzgesinnung und eines Verständnisses -für den eigentlichen Sinn und Wert eines Denkmals, das seiner Zeit weit vorauseilt? -Er bestreitet weiter diese dringende Not, spricht für die Erhaltung des hohen -Daches und Giebels und sagt zum Schluß:</p> - -<p>»Es besteht daher die Aufgabe des beigezogenen Baumeisters nur darin, »das -Rathaus würdig zu restaurieren«, aber nicht den ohnedies schon am unrechten Orte -angebrachten verschiedenen Baustilen noch neue beizufügen, wozu ein flaches Dach -mit einem Rokokogiebel und dergleichen mehr gehören und die Physiognomie des -Gebäudes so verändert, daß kein Freiberger sein altes Rathaus wiedererkennen wird.«</p> - -<p>Auf diese sachlichen Ausführungen erfolgte in der Zeitung eine Erwiderung -der Gegenseite voll von persönlichen Anzüglichkeiten: »Traue doch der Herr Gegner, -der den Umbau ausführenden Persönlichkeit auch Geschmacks- und Schönheitssinn -zu! Oder will derselbe Herr diese Eigenschaft nur für sich allein in Anspruch -nehmen? Das wäre doch mindestens lächerlich, um nicht zu sagen: arrogant!« -Er würde kein Wort gegen den beabsichtigten Umbau gefunden haben, »wenn -nämlich derselbe in <em class="gesperrt">seine</em> Hand gelegt worden wäre! Wer also zwischen den -Zeilen zu lesen versteht, wird sofort ohne Mühe herausgefunden haben: Es gibt -nur <em class="gesperrt">Einen</em> in Freibergs Mauern, der dieses alte Gebäude und in einem würdigen -Stile umzuwandeln versteht, aber Freiberg ist leider entsetzlich <em class="gesperrt">blind</em>, diesen <em class="gesperrt">Einen</em> -zu finden! Will sich denn der Herr Gegner als das <em class="gesperrt">Orakel</em> der Baukunst für -Freiberg betrachtet wissen?« Weiter wird dann noch von seinen »Machinationen« -gesprochen. – Man vergesse nicht, daß Heuchler nur die persönliche Besichtigung -und Begutachtung durch höhere Autoritäten verlangt hatte! Nichts weiter! Darauf -diese Verdächtigungen und Entstellungen! –</p> - -<p>Heuchler erwidert auf diesen Erguß nur kurz, treffend und vornehm: »… Daß -man nunmehro diesem Dache fünf Ellen mehr Höhe geben will, als es -nach dem ersten Bauplan projektiert gewesen sein soll – Beweis genug – daß<span class="pagenum" id="Seite_48">[48]</span> -dem Plane keine bestimmten architektonischen Regeln zu Grunde liegen -konnten.«</p> - -<p>Später scheint Heuchler in der Zeitung noch eine längere Betrachtung mit -technischen Bemängelungen des neuen Dachstuhles und im allgemeinen des »Kommunbauwesens« -gegeben zu haben, die jedoch nicht in den Akten vorhanden ist. -Nur die Erwiderung des Stadtbaumeisters liegt vor, welche in sachlicher Form -und längeren technischen Ausführungen seinen Standpunkt und seine Arbeiten vertritt.</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-050"> - <img class="w100" src="images/illu-050.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 3<br /> -<b>Rathaus von Freiberg seit 1920</b><br /> -(Umbau von Stadtbaurat Rieß)</div> -</div> - -<p>Damit nimmt dieser Sturm im Städtchen, der Rathausdach und Giebel hinwegfegte, -ein aktenmäßig Ende. Heuchler sah wohl die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen, -da wohl inzwischen das hohe alte Dach abgebrochen war, ein und war der -Verunglimpfungen müde geworden. – Was in den Akten steht, ist ja sozusagen -nur die Inhaltsangabe eines Buches aus dem Leben der Stadt, in dem viele ungeschriebene -Seiten voll sind von menschlichen Leidenschaften und Schwächen. Was -mag bei dem dichten Beieinanderwohnen und den engen Verhältnissen, wo es noch<span class="pagenum" id="Seite_49">[49]</span> -keine Bahnverbindung gab, wo Reibungsflächen zahlreich waren, dieser Funke -umhergefressen haben, bis er aufloderte. Was mögen für Kränkungen und Verhetzungen, -für Entstellungen und »Machinationen« im Gange gewesen sein, die dem -wackeren alten Vorkämpfer des Heimatschutzes vor sechzig Jahren das Leben verbitterten. -Er wurde spöttisch »Orakel« genannt. Nun, der Spott wurde Wahrheit, -denn seine Weissagung über das Urteil der Nachwelt hat sich erfüllt. <em class="gesperrt">Seine</em> -Anschauung hat sich durchgerungen. Die Anschauungen seiner Gegner sind als -falsch und verderblich, als Schaden für unseren vaterländischen Kunstbesitz erkannt -worden, der nie wieder gut zu machen ist.</p> - -<p>Als im Jahre 1919 zur Schaffung von neuen Diensträumen das Dach ausgebaut -und umgebaut werden mußte, wurde als erste Lösung die Wiederherstellung des -alten hohen Daches vom Verfasser in Aussicht genommen und auch später vom -Landesamt für Denkmalpflege durch Geheimrat Gurlitt empfohlen. Leider scheiterte -dies an der Kostenfrage und an der Schwierigkeit für die Diensträume und Sitzungssäle -genügend Licht und Fenster zu schaffen.</p> - -<p>Das alte hohe geschlossene, steile Dach mit seiner ruhigen, feierlichen Wirkung -hätte doch nicht wieder geschaffen werden können, sondern wäre durch Fensterreihen -zerrissen worden. Es wäre auch nicht bei ihm möglich gewesen, der Art und -Bedeutung der eingebauten Diensträume und Sitzungszimmer nach außen Ausdruck -zu geben, ohne wesentliche Änderung des ganzen Bildes.</p> - -<p>Neue Aufgaben verlangen neue Lösungen. Diese neue Lösung mit dem Alten -zu verschmelzen zu einer Harmonie nicht altertümelnd, sondern aus der Aufgabe -heraus entwickelnd, das ist das Ziel der neuzeitlichen Denkmalpflege und des -Heimatschutzes.</p> - -<p>Bei dem Neubau ist versucht worden in diesem Sinne aus dem Geiste des -Alten heraus unter sorgfältiger Schonung des altehrwürdigen Baues und Betonung -besonderer Eigenarten und Schönheiten diesem Ziele nahezukommen, die »Sünden -der Väter« wieder gut zu machen und dem Rathaus seine frühere städtebauliche -und künstlerische Bedeutung im Marktbilde wiederzugeben (vgl. Abb. 3).</p> - -<p>Wenn Heuchlers Geist zu mitternächtiger Stunde aus seinem Grabe auf dem -Donatsfriedhofe sich erhebt und durch die alten vertrauten Gassen schreitet, dann -wird er zwar mit Schmerz empfinden, daß der Bergbau, den sein Zeichenstift in -vielen köstlichen Blättern so liebevoll in seiner Glanzzeit geschildert, zur Rüste -gegangen und die letzte Schicht verfahren ist. Aber dann wird sein Auge leuchten, -denn eine neue Zeit ist heraufgestiegen, in welcher seine Gedanken Gestalt gewannen -und das, wofür er kämpfte und lebte, sicherer Besitz werden soll, nämlich durch -Heimatschutz zur Heimatliebe zu dringen, zur Ehrfurcht vor dem, was die Väter -schufen, zur Wahrung und Neubelebung aller echten Heimatwerte, daß sie dem -Heimatvolke wahrhaft inneres Glück und Gut werden mögen.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[50]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Drei_Wandertage_im_Erzgebirge">Drei Wandertage im Erzgebirge</h2> - -<p class="center">Von <em class="gesperrt">Gerhard Platz</em>, Weißer Hirsch</p> -</div> - -<p>Der Preßnitzer Paß – welche Wolke von Brandgeruch und Blutdunst haftet -für jeden an diesem Begriff, der die Geschichte unsres Erzgebirges zur Zeit der -dreißig Kriegsjahre kennt! Heraus und herein zogen hier die Mordbanden durch’s -unglückselige Meißner Land – zuerst die Kaiserlichen, nach dem Prager Frieden -die Schweden; und alle taten ihr Bestes, daß dem Bauern und Bergmann möglichst -nichts blieb von dem, was er mit seinen schwieligen Fäusten erworben. – Heut’ -merke ich nichts von dieser grausigen Vergangenheit, wie ich von Wolkenstein aus -in der Kleinbahn an der Preßnitz entlang fahre. Lachend liegen die herrlichen -Wiesen zu beiden Seiten der Linie; wie Silber blinken die Wellen des Flüßchens. -– Nichts tröstlicheres gibt es, als den Juni im Bergland. Alles verklärt er – -die düstern Wälder schmückt er mit hellgrünem Jungwuchs, die Felder und Fluren -mit einer Pracht ohnegleichen. Der Schwarzdorn ist eben erblüht, die Fliedersträucher -im Giebelgärtchen hängen dicht voller Dufttrauben. Einen zweiten Frühling -im gleichen Jahr kann der Tieflandbewohner feiern, der sich jetzt aufmacht – -hinauf auf die Berge.</p> - -<p>Da ist nun die Haltestelle Schmalzgrube. Der Rucksack fliegt auf den Rücken; -voller Wanderlust spring’ ich hinab auf den Bahnsteig. Nur ein paar Minuten -flußauf habe ich hier zu gehen, und dann wird vor mir auf grüner Matte die -mächtige Anlage des alten, außer Betrieb gesetzten Hammerwerkes liegen, der zuliebe -ich den Umweg hierher gemacht habe. Denn mit einem tiefen, vollen Akkord -aus guter, ja aus wirklich guter alter Zeit soll mich mein Erzgebirge heute -begrüßen! Wohl – die Matte ist da. Schöner als je ist sie heute geziert, aber -der Hammer – –! Du lieber Gott, was hat die Zeit sich da wieder einmal -geleistet. Von der ganzen großartigen Siedlung, die vor fünfzehn Jahren noch in -ihrer wuchtigen Geschlossenheit – wenn auch schon damals mit geborstenen -Mauern – einen so prachtvollen Anblick gewährte, sind jetzt im ganzen noch drei -Gebäude erhalten. Ein Arbeiterhaus, ein Schuppen und das Herrenhaus sind -übriggeblieben; alles andere abgebrochen und weggekarrt. Freilich, auch diese -geringen Reste noch lassen die Pracht der ursprünglichen Anlage ahnen. Es ist -ein wirklicher Genuß, jene Spuren alten heimischen Bauenkönnens zu betrachten. -Daß wenigstens das Herrenhaus noch unter dem Geretteten sich befindet, ist ein -Glück. Mehr noch, der Besitzer hat sich entschlossen, es wieder in Verwendung zu -nehmen; es neu vorzurichten und auszubauen. So wird uns der schöne Bau -erhalten bleiben mit seinem Mansardendach und dem entzückenden Türmchen -darüber, mit seinem breiten Türsturz, darauf die zwei steinernen Löwen schmunzelnd -das grüne Bäumchen betrachten, das vorwitzig zwischen ihren gewaltigen Tatzen -emporsprießt. Wir werden uns weiter erfreuen können an dem prächtigen Schindelwerke -der drei Dächer, die mir damit bekleidet hier oben sicher köstlicher dünken, -als die smaragdenen Kupferdächer von Pillnitz. Ein böses Sandkorn zwischen den -Zähnen bedeutet für den Heimatfreund ja freilich das neue Wohnhaus, das allzunahe -an die alte Handwerkspracht herangerückt ist. Aber wir sind ja bescheiden<span class="pagenum" id="Seite_51">[51]</span> -geworden, wir Freunde des Alten in unsern Tagen! Ich wähle eben meinen -Standpunkt so, daß ich nur die drei alten Häuser ins Auge bekomme und sieh da -– ein wenig Freude kommt doch noch über mich.</p> - -<p>Und auch du bist geblieben, du starker trotziger Bergwald, der du jetzt neben -mir hergehst und mir gut zusprichst mit deinem Wipfelrauschen. – Hei, rennt -das Jöhstadter Schwarzwasser durch den Wiesengrund dort hinab. Nimm dir doch -Zeit, törichtes Mägdlein; so wohl wie daheim wird dir’s nicht wieder, so lange -du lebst! Wüßtest du’s hier schon, wie’s draußen aussieht in der Welt, du -machtest’s wie ich und stiegst ihn wieder hinauf, deinen Berg. – Wie schön ist -die geheimnisvolle Ebereschenallee, die dichtbelaubt nun hinanführt, bis ich in -Jöhstadt stehe, der Stadt, da der Besucher vom Bahnhof bis zum Rathaus etwa -hundertundvierzig Meter Steigung zu überwinden hat.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-053"> - <img class="w100" src="images/illu-053.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 1 <b class="tdpl">Schmalzgrube, Hammerwerk, Arbeitshaus</b><br /> -Hofphotograph Meiche, Annaberg</div> -</div> - -<p>Trotz aller Nüchternheit des Wiederaufbaues nach großen Feuersbrünsten, die -fast alle unsre Bergstädte unglücklicherweise gerade in den sechziger und siebziger Jahren -des vorigen Jahrhunderts befielen, atmet dies Städtlein doch ganz den Zauber -unsrer erzgebirgischen Heimat. Was bewirkt ihn doch eigentlich, diesen Reiz? – -Ich glaube fast, es ist der Duft, der durch die stillen Gassen zieht, dieser Hauch -von Waldluft, Holzfeuer und Kuhstall! Vereint mit dem Bilde der grünen -Schöpfung, die von allen Seiten hereinschaut, läßt einem dies Heimatweben alle Not<span class="pagenum" id="Seite_52">[52]</span> -der öden Bauweise vergessen. – Welche Summe von Fuhrmannsnot mag mit der -steilen Hauptstraße verbunden sein. Denn in früheren Zeiten knarrten auch durch -Jöhstadt die schweren Erzwagen – die Gemeinde genoß seit 1655 die Rechte einer -freien Bergstadt. Vorher soll ein Dorf an ihrer Stelle gestanden haben, Gießdorf, -das von den Hussiten wüste gelegt ward. Der Name Jöhstadt geht auf den -heiligen Nährvater Joseph zurück, der hier verehrt ward und von dem Reliquien -vorhanden gewesen sein sollen, »unbekannt ob seine Hosen oder sein Zimmerhäckel«, -wie einer in der Reformationszeit despektierlich schreibt.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-054"> - <img class="w100" src="images/illu-054.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 2 <b class="tdpl">Schwarzwassertal</b><br /> -Phot. Landgraf, Zwickau</div> -</div> - -<p>Lange hielt der Bergbau hier nicht vor. Annaberg hätte nicht so heftig -gegen die Verleihung der Stadtgerechtigkeit zu protestieren gebraucht – im Jahre 1817 -gab es überhaupt nur noch zwei Bergleute hier. Daß Jöhstadt trotzdem so eifrig -an seiner Würde als freie Bergstadt festhielt und sogar noch in unsern Tagen mit -einem gewissen Stolz einen bescheidenen bergmännischen Prunk veranstaltet (siehe -das köstliche Kapitel »Jöhstadter Bergparade« in Oskar Seyfferts »Dorf und Stadt«), -hat wohl seinen Grund in den Vorteilen des freien Handelns und Hausierens -gehabt, die den Bürgern einer Bergstadt zustanden. Denn noch weit ins neunzehnte -Jahrhundert hinein betrieben die Jöhstadter einen schwunghaften Handel mit<span class="pagenum" id="Seite_53">[53]</span> -Arzneimitteln aus den Kräutern des Gebirges. Als sogenannte Laboranten brauten -sie Heiltränke ungeheuerlicher Art und Menge, die sie dann weit ins Reich, ja bis -nach Schweden und die Türkei hineintrugen. Noch 1843 ging der fünfte Teil der -Einwohnerschaft als »Landraasende« auf den Handel. Dann aber mischte sich die -Medizinalbehörde hemmend in das Geschäft; die Neuzeit mochte die Kurpfuscherei -nicht mehr dulden. Politisch verbittert ward die Bürgerschaft dadurch jedoch nicht. -Als 1858 König Johann durch Jöhstadt reiste, da war die Stadt »glänzend« illuminiert -und über eines Fleischhauers Hause prangte der kraftvolle transparente Spruch:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Wer nicht lieb hat seinen Fürst</div> - <div class="verse indent0">Den hack’ ich in die Leberwürst!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">Zur Beruhigung des Lesers schaltet der Festberichterstatter hier ein: »Er hat indes -nur gedroht. Niemals würde er es wahr gemacht haben.«</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-055"> - <img class="w100" src="images/illu-055.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 3 <b class="tdpl">Jöhstadt</b><br /> -Phot. Landgraf, Zwickau</div> -</div> - -<p>Daß Jöhstadt auch sein berühmtes Stadtkind hat, besagt die Tafel am Gotteshaus. -Im Jahre 1723 ward hier als Sohn des Stadtpfarrers der berühmte -Theologe Johann Andreas Cramer geboren. Schon als Studiosus war er Mitarbeiter -der »Bremischen Beiträge«, der Gründung des Literaten Karl Christian -Gärtner aus Freiberg, der es verstand, Rabener, Gellert und Klopstock für seine -Kampfschöpfung gegen Gottscheds Oberherrschaft zu gewinnen. Auf Klopstocks -Verwendung wurde Cramer später als deutscher Hofprediger nach Kopenhagen -berufen. Vom König bis zum Arbeitsmann ward er dort allgemein geliebt. Den -»durchaus Guten« soll man ihn in Kopenhagen schlechthin genannt haben. Nach<span class="pagenum" id="Seite_54">[54]</span> -König Friedrich V. Tode aber verstand es der allmächtige Minister Struensee, den -ihm verhaßten Sittenprediger zu stürzen. Einige geistliche Lieder aus dessen zahlreichen -Dichtungen finden sich noch jetzt in unserm Landesgesangbuch. – –</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-056"> - <img class="w100" src="images/illu-056.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 4 <b class="tdpl">Jöhstadt</b><br /> -Phot. Landgraf, Zwickau</div> -</div> - -<p>Und nun hebt ein gar fröhliches Wandern an, der Nachmittagssonne entgegen. -Aus einem Ozean von Wäldern grüßt noch einmal der Jöhstadter Kirchturm -mit seinem hohen Kreuze hervor, dann kommen vor mir die Basaltkuppen des -Obergebirges heraus, der Pöhlberg, der Bärenstein und der Scheibenberg; zur -Linken Haßberg und Kupferhübel auf böhmischer Seite. Ein still verklärtes -Wandern ist das im kristallenen Licht des Spätnachmittags! Nicht stürmisch und -ausgreifend wie am Frühmorgen – geruhig, sicher, getröstet! Blauschimmernd -hockt im Eschenbaum an der Straße die Rabenkrähe, der Charaktervogel der -erzgebirgischen Landschaft. Dann kommt der Fichtelberg heraus und hallo – da -hat das deutsche Vaterland vorläufig ein Ende! Ein wenig plagt mich die Neugier, -einmal nachzuschauen, wie es im Land des einstigen Bundesbruders jetzt hergeht. -Bei Weipert tu ich den Schritt über die Grenze und entschuldige mich bei den -hübschen zwei Mädels, die dort vor dem alterzgebirgischen Fachwerkhaus klöppeln, -daß es silbern klingt wie Bergwassergekicher, wenn sie die Hölzchen herumwerfen, -ich könne sie leider nicht in ihrer Landessprache begrüßen. »Ach was, wir sind<span class="pagenum" id="Seite_55">[55]</span> -Deutsche«, entgegnen sie lachend. Dann kehre ich auf den Pfad der Tugend, will -sagen die sächsische Landstraße, zurück.</p> - -<p>Die nächste Stunde schon findet mich neunhundert Meter über dem Meere auf dem -Bärenstein. Auf sonnedurchglühter Klippe halte ich Rast und lasse den Blick hinausschweifen -über ein unendliches Wipfelmeer hinüber zum Fichtelberg. Eine Drossel -singt ihr Abendlied auf dem Bergkiefernast zu meinen Füßen. In einen einzigen -violetten Schimmer ist das ganze Waldland gehüllt; und als ich dann auf dem -Wege nach Cranzahl durch grünes Buchengitter ins freie Feld trete, da sinkt der -feurige Sonnenball eben hinter den Bergen hinab. Schon liegt Crottendorf im -Spätabendschein zu meiner Linken. Stählern ist der Himmel geworden, die Sterne -kommen herauf und im Korn schlägt die Wachtel. Die Blumen rundum haben -die Köpfe geneigt und die grauen Falter gaukeln dahin. Eisig kalt kriecht der -Wiesennebel auch an mir in die Höhe, und froh bin ich, wie mit dem Zehnuhrschlag -der Kirchturm von Scheibenberg vor mir emporragt. –</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-057"> - <img class="w100" src="images/illu-057.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 5 <b class="tdpl">Der Bärenstein</b><br /> -Hofphotograph Meiche, Annaberg</div> -</div> - -<p>Grün wippt’s vor den Fenstern des Gasthofs am Markt. Lindenbäume -säumen den rasigen Platz; von draußen herein blicken Wiesen und Wälder. Da -hält mich’s nicht lange im Zimmer; ich muß hinaus und meinen Rastort in -Augenschein nehmen. Freudig überrascht finde ich manch schönes Haus aus -dem achtzehnten Jahrhundert und aus den stillen Tagen, die wir die Biedermeierzeit<span class="pagenum" id="Seite_56">[56]</span> -nennen. Ein prächtiger Barockkirchturm wacht über der Stadt, und in der Kirche -erfreut ein Altarwerk aus spätgotischer Zeit mit geschnitzter Grablegung den Beschauer. -Scheibenberg war der Wirkungskreis des rühmlich bekannten Pfarrers -Christian Lehmann, der uns in vielen Schriften, vor allem in dem Historischen -Schauplatz der natürlichen Merkwürdigkeiten des Obererzgebirges und in seiner -Erzgebirgischen Kriegschronik ein überaus wertvolles Material zur Heimatgeschichte -hinterlassen hat. Wird er von der gestrengen Wissenschaft vielleicht auch nicht für -voll genommen – er hat vieles bereitwillig aufgezeichnet, was ihm auf weitem -Umweg zugetragen ward – so haben seine Arbeiten doch einen lokal- und kulturgeschichtlich -sicher beträchtlichen Wert. Nicht jede deutsche Landschaft wird so ausführlich -wissen, was sich an grauenhaften Einzelheiten in den Tagen des Dreißigjährigen -Krieges in ihrem Gebiet zugetragen hat, wie unser Erzgebirge. Das aber -dankt die Heimat dem getreuen Magister, der einundfünfzig Jahre lang hier in -Scheibenberg amtierte. Gräßliches hat er zu berichten, was menschliche Bosheit -über diese Höhen, in diese Täler getragen hat; aber immer wieder sänftigt sich seine -Seele im Lobpreis Gottes, der die Heimat so lieblich geschaffen. Vom Gipfel des -Scheibenberges, hoch über den schwindelnden »Orgelpfeifen« des Basaltbruches, kann -auch ich heute einstimmen in dieses Lob.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_57">[57]</span></p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-058"> - <img class="w100" src="images/illu-058.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 6 <b class="tdpl">Königswalde</b><br /> -Phot. Landgraf, Zwickau</div> -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[58]</span></p> -<p>In Gedanken noch ganz bei Christian Lehmann und seinem Werke ziehe ich -nun den Weg dahin, der in nicht endenwollender Folge unter den Hufen der Reiterpferde, -den Rädern der plumpen Stücke und den Karren der Troßknechte geschüttert -hat, jahraus, jahrein – die Straße durch Raschau und Pöhla nach Rittersgrün! -Wer über Wiesenthal ins Land Böheim wollte, der mußte hier durch. Auch die -Reisenden in die Heilbäder dieses Landes sind oft hier des Weges gezogen. Gerüttelt -und gerädert, sicher nicht in der besten Stimmung, mögen sie oben angekommen -sein. Der Anblick von Oberwiesenthal hat ihre Lebensgeister dann wohl auch nicht -gehoben. Von den Leuten des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg wird -erzählt, sie hätten bei solcher Gelegenheit zu den Wiesenthalern gesagt: »Was zum -Teufel wollt ihr Leute in dem wilden, kalten Ort? Steckt das Lumpennest mit -Feuer an und kommt in unsers Herren Lande!« –</p> - -<div class="figcenter illowp60" id="illu-059"> - <img class="w100" src="images/illu-059.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 7 <b class="tdpl">Aus dem Pöhlatale</b><br /> -Hofphotograph Meiche, Annaberg</div> -</div> - -<p>Froh bin ich schon, wie ich in Rittersgrün die glühende Talstraße verlassen -darf und nun den Höhenweg hinanklimme, der mich durch schönen Waldbestand, -in dem die Edeltanne häufig auftritt, hinüber nach Breitenbrunn führt. Im kleinen -Dorfkirchlein dort darf ich ein wenig rasten und dem Ticken des Pendelwerks -lauschen, das wie ein großer Herzschlag durch die Stille rauscht. Hinter dem Altar -lehnen Klingelbeutel und Lichtlöschhütchen, auf der Platte stehen zwei weibliche -Figuren mit gotischen Hüftverrenkungen. An dieser Stätte fand einst ein stürmisches -Leben Ruhe und Frieden. Der Pfarrer Wolff Ulle aus Elterlein, der in jungen -Jahren als Pfarrherr von Clausnitz den dortigen Dorfrichter erschlug im aufwallenden -Zorn, konnte in Breitenbrunn nach langer Bußzeit im Elend und nach treuer -Bewährung als Pestprediger zu Annaberg noch fast ein Menschenalter in der Stille -amtieren, bis ihn am Altar der Tod ereilte.</p> - -<p>Weiter geht es durch Wälderblau und Loheduft, bis hoch auf dem Berg mir -der Kirchturm von Johanngeorgenstadt winkt, hinaufzukommen und Einkehr zu -halten in einer Stadt, die durch ihre Entstehungsgeschichte zu den beachtenswertesten -im Lande gehört. Mühselig wandre ich die endlose Berglehne hinan, -durch nüchterne Gassen aus den letzten Jahrzehnten, in die vom nahen Böhmen -herüber der Plattenberg grüßt.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-061"> - <img class="w100" src="images/illu-061.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 8 <b class="tdpl">Scheibenberg</b><br /> -Hofphotograph Meiche, Annaberg</div> -</div> - -<p>Ja, von dorther sind sie gekommen, die Gründer von Johanngeorgenstadt. -Immer waren die Plattener Bürger und Bergleute dem lutherischen Glauben treu -zugetan. Schon der alte Matthesius hielt große Stücke auf sie. Aber in den Landen -des Kaisers sah man scheel nach ihnen. Schon nach der Schlacht am Weißen Berge -ward ihr Pfarrer gezwungen, ins Exil zu gehen, und auch der Osnabrücker -Frieden brachte nicht die erhoffte Glaubensfreiheit. Ein katholischer Priester ward -nach Platten gesetzt; was blieb den Bedrängten übrig, als Hilfe auf sächsischer -Seite zu suchen? Zur Nachtzeit kamen sie dort in der Jugler Glashütte zusammen, -und der Eibenstocker Pfarrer versah sie mit dem heiligen Mahl. – Immer erbitterter -ward man in der kaiserlichen Regierung auf die Ketzer. Im Oktober -1653 endlich erschien ein Patent, daß sie »als Meineidige, Treulose, Ehr- und Pflichtvergessene -um ihres kontinuierlichen Ungehorsames willen aus Kayserlicher Majestät -Enden bannisiert seien«. Da galt es denn, der lieben Heimat Valet ansagen. Seit -einiger Zeit schon hatte sich der Blick der Bedrängten auf den Fastenberg über der<span class="pagenum" id="Seite_59">[59]</span> -Grenze geheftet. Eine wilde und rauhe Waldhöhe, auf der aber schon zwei alte -Berghäuslein im Gang waren, und wo man wohl auf weiteren Bergsegen -hoffen durfte. »Das mag mir ein rechter Fastenberg sein,« soll einst eine sächsische -Kurfürstin ausgerufen haben, als bei einem Jagen hier oben der Küchenwagen -nicht nachkommen konnte. Das Hungerland nannten die Papisten hinter dem -Grenzwasser spottend die Gegend und selbst der erste Lehrer der Exulanten schreibt: -»Der Berg war nichts als dicker Wald, da die Bären brummeten, die Hirsche -brüllten, die Wölfe heuleten und die Füchse belleten.« – Bei Nacht und Nebel brach -man auf, immer in Sorge, daß kaiserliche Häscher einem auch noch die spärlichen -Habseligkeiten abnehmen möchten. »Da war traun das Lachen theuer« schreibt -der Lehrer, »ein rauschend Blatt erschreckte Euch des Nachts, immer gewärtig, die -Ketten rasseln zu hören.« – Unverzüglich ging eine Petition an Johann Georg I. -ab, er möge den Plattnern erlauben, auf dem Fastenberg eine Stadt zu gründen -mit den Rechten einer freien Bergstadt. »So haben wir Berg- und Handwerksleute -von der Platten, welche die papistische Religion nicht annehmen können, vollends -unsre armen Hüttlein verlassen und in das liebe Exilium uns begeben müssen« -heißt es gar wehmütig in der Bittschrift. Um ein Stück Land für Haus und Hof -gegen mäßigen Erbzins für jeden Ansiedler, vor allem aber um Errichtung einer -Kirche, Schule und Pfarre ward darin nachgesucht. »Dieweil unsre armen Seelen,<span class="pagenum" id="Seite_60">[60]</span> -so lange in Mangel gestanden, hertzlich darnach seuffzen.« Am 23. Februar 1654 -war die Antwort des Landesherrn aus Schloß Annaburg da: Alles wurde bewilligt; -»das Städtlein aber soll Johann Georgens Stadt hinfür genannt werden.«</p> - -<p>So brach denn der erste Sonnenstrahl durch das graue Sorgengewölk. Nun -ging doch in Erfüllung, was ihnen der treue Lehrer so oft vorgesprochen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Ach lieben Christen habt Geduld</div> - <div class="verse indent0">Ob’s euch schon hoch thut schmerzen</div> - <div class="verse indent0">daß ihr ohn’ alle eure Schuld</div> - <div class="verse indent0">Alles habt müss’n verschertzen.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Nun brauchten sie nicht mehr zu klagen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»O Du hoch gekrönter Kayser,</div> - <div class="verse indent0">Warum müssen wir davon?</div> - <div class="verse indent0">Und verlassen unsre Häuser –</div> - <div class="verse indent0">Macht’s nicht die Religion?</div> - <div class="verse indent0">Laß doch die Gewissen frey</div> - <div class="verse indent0">O Herr Jesu steh uns bey!</div> - <div class="verse indent2">Könnt Ihr doch die Jüden leiden</div> - <div class="verse indent0">Die doch Christum ehren nicht</div> - <div class="verse indent0">Warum wollt Ihr uns abscheiden</div> - <div class="verse indent0">Die doch folgen diesem Licht?«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Jetzt klang es ganz fröhlich und getrost:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Auf der Platten, da wir wohnten</div> - <div class="verse indent0">Plagten sie uns Tag und Nacht,</div> - <div class="verse indent0">Bis wir zogen, da wir konnten</div> - <div class="verse indent0">Bau’n Johann-Georgens-Stadt.</div> - <div class="verse indent0">Nächst soll seyn das Haus zu Sachsen</div> - <div class="verse indent0">Unser treuer Aufenthalt.</div> - <div class="verse indent0">Gott hilf, daß wir drinnen wachsen,</div> - <div class="verse indent0">Wie sich breitet aus ein Wald!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Am ersten Mai 1654, als der Schnee geschmolzen war, begann der Bau. -Der Schulmeister zu Schwarzenberg entwarf den Grundriß und bezeichnete eines -jeden Heimstätte. Mit Macht ging man ans Reuten des Waldes. Eintausendsechshundertundneunzig -Stämme allein mußten auf dem Marktplatz beseitigt werden. -Am zehnten Mai schon war die erste Türschwelle gelegt. Spottend schaute man -auf böhmischer Seite zu. Wo wollten die Leute dauernd gutes Wasser herbekommen -hier oben? Sieh, und da sprang schon stark und hell ein Felsenbrunn, der bei -einem Kellerbau angestoßen war, und auch Lehm fand sich reichlich vor. Freilich, -wohnlich mögen diese ersten Häuser nicht gewesen sein. Viele von ihnen hatten keine -Fenster, nur Lichtlöcher, und dazu standen allerorts noch die abgehauenen Stämme -vor den Türen, bis endlich 1662 der Rat ernstlich auf ihre Beseitigung drang als -eine Deformität für den Markt.</p> - -<p>Noch einmal zeigte sich der Neid der böhmischen Nachbarn. Die neue Kirche -der Exulanten war fertig geworden, da erging Anzeige nach Prag, sie stünde auf -böhmischem Boden. Von beiden Regierungen ward alsbald eine Kommission zur<span class="pagenum" id="Seite_61">[61]</span> -Untersuchung des Falles gebildet. Nach längerem Suchen fand man die alten -Grenzsteine, und es ergab sich einwandfrei, daß die Kirche auf kursächsischem Gebiete -stand. Aus Ärger über diese Blamage soll der Prager Abgeordnete einem der -Denunzianten <em class="antiqua">coram publico</em> eine gewichtige Ohrfeige gegeben haben.</p> - -<p>Sachsen merkte es bald, welch tüchtigen Zuwachs es mit den neuen Bürgern -bekommen hatte. Namentlich der erste Bergmeister von Johanngeorgenstadt stand -beim Landesherrn in großer Gunst. Seiner Tüchtigkeit schrieb man das Erblühen -des Bergbaues im neuen Revier zu, indes rings im Lande das Bergwerk gerade -damals arg danieder lag. Der »Silber-Bergmeister« ward er genannt; sicher kein -Schimpf für einen gerechten Bergmann.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-063"> - <img class="w100" src="images/illu-063.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 9 <b class="tdpl">Orgelpfeifen am Scheibenberg</b><br /> -Phot. Landgraf, Zwickau</div> -</div> - -<p>Zum Bergwerk gesellte sich bald in ausgiebigem Maße das Hammerwerk. -Besonders in Wittigstal wuchs der alte Hammer zu hoher Bedeutung. Die -»Hammerpursche« waren ein gar unbändig Volk, stark und dauerhaft. Bei der -Arbeit hatten sie nichts an als ein Hemd und ein Schurzfell, und »weil sie immer -am Feuer stehen, geht von ihrem Lohn viel aufs Getränke«.</p> - -<p>Die neu entstandene Stadt ward in der Folge als Sehenswürdigkeit viel -besucht. Peter der Große kam hierher, später auch Goethe und Humboldt. Wie -aus einem Brief Goethes hervorgeht, sah er sich hier fleißig »unter der Erde« um.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_62">[62]</span></p> - -<p>All’ das zieht an meinem Geiste vorüber, wie ich im Rathaus am Fenster -sitze und über den abfallenden Markt hinab schaue. Seit dem großen Brande von -1867 steht Johanngeorgenstadt in einem Gewande da, das freilich nicht mehr im -entferntesten an die alte Zeit erinnert. »Neugotik« war das Schlagwort beim -Wiederaufbau der Kirche, und auch das Rathaus ist in seiner alten Gestalt schöner -gewesen. Aus einem Glasbild im Fenster des Gastzimmers kann ich das deutlich -erkennen. Wie wundervoll mögen sich, danach zu urteilen, auch die Bürgerhäuser -mit ihren weiten Bogentoren und den vorgekragten Obergeschossen ausgenommen -haben.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-064"> - <img class="w100" src="images/illu-064.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 10 <b class="tdpl">Johanngeorgenstadt</b><br /> -Phot. Landgraf, Zwickau</div> -</div> - -<p>Nun, ein Stück alter Zeit bewahrt wenigstens das Gelände hinter Johanngeorgenstadt. -Da grüßt noch manches Berggebäude zur Straße herüber. Die Krone -von allen aber ist der alte Pferdegöpel, dessen Erhaltung dem Verein Heimatschutz -erst kürzlich unter opferfreudiger Beihilfe weiter bergmännischer Kreise im ganzen -Reiche gelungen ist. Es ist sehr zu begrüßen, daß uns so wenigstens eines dieser -sinnreichen alten Triebwerke erhalten bleibt, wie sie im Erzgebirge zu Anfang des -sechzehnten Jahrhunderts gebräuchlich wurden und damals einen gewaltigen Fortschritt -in der bisherigen Förderart mit der »runden Scheibe«, die durch Menschenkräfte -gedreht ward, bedeuteten. Jahrhundertelang haben die dieser Betriebsart<span class="pagenum" id="Seite_63">[63]</span> -entsprungenen, hochmalerischen Baulichkeiten das Landschaftsbild unseres Gebirges -beeinflußt. – Vergnügt kann ich mich heute überzeugen, daß die Wiederinstandsetzungsarbeiten -an diesem allerletzten Artvertreter rüstig im Gange sind.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-065"> - <img class="w100" src="images/illu-065.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 11 <b class="tdpl">Kammweg Johanngeorgenstadt–Oberwiesenthal</b><br /> -Hofphotograph Meiche, Annaberg</div> -</div> - -<p>Viel hab ich heute gesehen und erwandert, aber die letzte Herzstärkung wird -mir doch erst zuteil, wie ich beim Forsthaus Sauschwemme den Gipfel des Auersberges -erklommen habe. 1018 Meter hoch über dem Meere in königlicher Einsamkeit -hausen zu dürfen, ist ein gar stolzes Gefühl! Wie erstarrte grüne Meereswogen -liegen sie da vor dem Fenster, die vielen, vielen Höhen des Erzgebirges; ganz -selten einmal eine menschliche Siedlung, immer nur Wald, Wald und Wald. -Keines von allen den Bergwirtshäusern, die ich schon besuchte, hat mir solch -freudige Überraschung bereitet. Noch von meinem Bette im Obergeschoß aus -kann ich die schlafende Bergwelt grüßen. Alles heute genossene Schöne aber -wird in den Schatten gestellt von der erhabenen Weihe des Blickes, den ich -zwischen ein und zwei Uhr in die Bergnacht hinaus tun darf! Ein feierliches -Leuchten liegt über der gewaltigen Landschaft. Silbern blinken die Sterne -herab; in rührendem Zagen zittert ein Lichtlein aus weit entferntem Menschenheim -herauf. Wie ist die Waldnacht unsrer Berge stumm; und doch ist -mir’s, als ginge ein brausendes Loblied über die Gipfel alle und Wipfel, -das auch mir das Herz im Leibe entbrennen macht in Anbetung und Verehrung.<span class="pagenum" id="Seite_64">[64]</span> -– Schon dem alten fürstlichen Weidmann, Johann Georg I., war der -Auersberg lieb und wert. Gern hielt er ein Jagen hier ab, bescherte ihm doch -der Auersberg die stärksten Hirsche, die gröbsten Sauen und wehrhaftesten Bären. -Auch ein hölzernes Aussichtsgerüst und Unterkunftshütten für die Jägerei ließ er -hier errichten. »Gesegne euch Gott, ihr Hölzer, ich seh’ euch nimmer wieder«, soll -er beim letzten Abschied von dem lieben Erzgebirgswald ahnungsvoll und wehmütig -ausgerufen haben.</p> - -<p>Am nächsten Morgen ziehe ich in einem herrlichen Frühgewitter zu Tal. -Wild rauchen die Schluchten und die waldigen Höhen. Gewaltig und hehr ist die -Schöpfung hier oben erst recht an einem Regentag. Drum groll’ ich auch nicht -ob der Nässe und lange wohlgemut am Ziel meiner Wanderfahrt an, im wälder- -und wiesenumgürteten Eibenstock.</p> - -<p>Ich glaube es den alten Harzer Bergleuten, die das Erbe der Wenden im -Zinnbergbau hier antraten, daß sie die Gegend an ihre Heimat erinnerte. Drum -legten sie den Höhen hier oben heimische Namen bei. Einen Auersberg und einen -Rammelsberg gibt es auch im Harz. – Waren die wendischen Ansiedler mehr -auf Gewinnung des Zinns durch Auswaschen, das sogenannte Seifen, ausgegangen, -so drangen die Sachsen nun mehr in die Tiefe. Zeche an Zeche entstand am Auersberg; -zu Luthers Zeiten noch sollen sie jährlich mehrere tausend Zentner Zinn gespendet -haben. Manch anderen köstlichen Fund gaben auch die rauschenden Bäche heraus – -lauteres Gold in Körnern, von denen noch 1733 eines gewonnen ward, das dreizehn -As schwer gewesen sein soll und August dem Starken überreicht ward.</p> - -<p>Als der Bergbau anfing unergiebig zu werden, blühte auch hier das Laborantenwesen -auf. Schon im sechzehnten Jahrhundert braute man in Eibenstock das -Bergöl, ein Allheilmittel aus Harz, und später ward die Kunst der Arzneibereitung -gewaltig ausgebaut. Aber der Wohlstand der Stadt war mit dem Bergbau dahingesunken, -und mit besonderer Wucht trafen die Hungerjahre 1770 bis 1773 hier -auf. Elementare Naturereignisse, wohl auch fehlerhafte wirtschaftliche Maßnahmen -seitens der Regierung, die zuviel Korn aus dem heimischen Tiefland in die -Nachbarländer abgegeben haben soll, leiteten die böse Zeit ein. Im Oktober 1770 -kostete ein Brot in Eibenstock schon mehr als den ortsüblichen Tagelohn; 1772 überstieg -es diesen dreimal! Grauenhaft war die Not. Alle Habseligkeiten hatten die -armen Leute schon verkauft. Auf Wegen und Stegen taumelten die Verhungernden -nieder und starben. Besonders anschaulich schildert ein Eibenstocker Bürger, der -Hutmacher Georg Fichtner, der sich um Hilfe ins Niederland aufmachte, das Elend. -»Aus Pferdedünger,« schreibt er, »habe ich die Kinder die Haferkörnlein aussuchen -und essen gesehen. Bei Chemnitz fand ich ein Mädchen am Wege unter einem -Haselstrauch, das hatte die Hände am Munde, beide voller Blut – die Fingerglieder -waren weggebissen! Eine halbe Stunde vor Falkenstein lag eine tote Frau, ein -einjähriges Kind kletterte auf ihrer kalten Brust und weinte – ach so kläglich. -In diesem Jahre starben in Eibenstock über siebenhundert Menschen. In Brotschränken, -Kisten und Kasten begrub man sie, man hatte für Särge kein Geld.«</p> - -<p>Das Jahr 1773 brachte gute Ernten. Aber völlig verarmt lag Eibenstock da. -Da war es ein junges Mädchen, das Rettung brachte. Eines sächsischen Oberförsters<span class="pagenum" id="Seite_65">[65]</span> -in polnischen Diensten Tochter war sie und hatte im Kloster zu Thorn -kunstvolle Handarbeiten erlernt. Nach des Vaters Tode kam Clara Angermann -nach Eibenstock, des Verstorbenen Heimat. Das Elend, das in der Stadt herrschte, -brachte sie auf den Gedanken, den Frauen und Mädchen Unterricht im Tamburieren -zu geben; und siehe, es ruhte ein Segen auf diesem Beginnen. Noch heute steht -der Name der edlen Frau, die später die Gattin des Oberförsters Nollain ward, -in Eibenstock in dankbarem Gedenken. – –</p> - -<p>Da bin ich in meinen Gedanken fürwahr durch die ganze Stadt gewandert -und noch einmal ziehe ich eine kurze Strecke durch ein schönes Wiesental hin, bis -mich am unteren Bahnhof von Eibenstock der Zug aufnimmt. Ich danke dir, -Heimat, daß du mich wieder einmal hast in deines Wesens inneren Kern schauen -lassen. Fahre wohl, blauer Bergwald; Gott grüße dich, silbernes Bächlein – -euer Heimathauch wird auch noch im Treiben der Stadt oft mein Herze erfreuen, -denke ich euer in Liebe und Treue.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Bunte_Gassen_helle_Stra_en">Bunte Gassen, helle Straßen</h2> - -<p class="center">Ein Buch von Kinderland und Heimat von <em class="gesperrt">Max Zeibig</em></p> - -<p class="center smaller">II. Band der Heimatbücherei des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a></p> -</div> - -<p>Mit diesem für den Heimatfreund und jeden stillen Lauscher und Seher vielversprechenden -Titel hat uns der Heimatschutz ein neues schönes Bändchen in der -Reihe seiner Heimatbücher im schmucken grünen Gewande auf den Weihnachtstisch -gelegt. Heinrich Sohnrey hat ihm ein gehaltvolles Geleitwort mitgegeben, das die -innigen Gemütswerte, die Kraft und Freude, welche in diesem Buch aus der -Heimat und für die Heimat sprudeln, so recht würdigt. Ein Wort, das am Schlusse -einer der tiefempfundenen Schilderungen steht, hat mich besonders festgehalten: -»Wir können nicht irre gehen, wenn wir nach den Sternen schauen!« Dieses Wort -und der Titel klingen mir zusammen mit Wilhelm Raabes Wort: »Sieh nach den -Sternen, gib acht auf die Gassen.« Dieses Wort gibt in kurzer gedrängter Form -den wertvollen tiefen Inhalt, geistigen Gehalt und das Gefühl an, welches in dem -Buche lebt. Es läßt uns durch bunte Gassen, helle Straßen, durch Wald und Feld, -durch Berg und Heide, durch Kinderland und Heimat ziehen und achthaben auf -allerlei Großes und Kleines, Altes und Neues, Liebes und Leides, und läßt uns -dabei nach den Sternen schauen, und innerliche Freude und Gewinn davontragen. -In reichen farbenbunten Schilderungen und mit innigem Gefühl sind Bilder der -engeren und weiteren Heimat gegeben, so daß das Herz höher schlägt, und die -Sehnsucht lebendig wird, alle die Herrlichkeiten um uns mehr und mehr zu suchen, -sich eigen zu machen und innerlich zu erleben, alle, welchen die Augen noch -verschlossen sind oder welchen das Leben nur grau, trübe und müde ist, heranzuführen -an diesen Jungbrunnen unsrer Kraft und innerlicher Gesundheit, daß sie froh und<span class="pagenum" id="Seite_66">[66]</span> -frisch und helläugig werden und stark im Erleben der Heimat und im inneren -Besitze der Heimat. – Aus der Jugend, die ihm Dresden und seine herrliche -Umgebung verklärt, aus dem Mannesalter und Berufsleben in der Lausitz und -dem altehrwürdigen malerischen Bautzen, aus der Heide, ja auch aus Thüringen -und den schlesischen Gebirgen kommen die Stimmungen, welche sich zu Bildern -formen, die Gedanken, welche in echt deutschem Naturleben und Beseelung aus dem -Stofflichen ins Geistige und dichterisch Geschaute emporführen, zu den Sternen -schauen lassen und alles Sein und Geschehen mit innerer Wärme umfassen zu -verstehen und ans Herz zu nehmen suchen.</p> - -<p>Sich dieser Führung durch heimatliche Fluren anzuvertrauen bedeutet eine -innere Freude und Gewinn und weckt Stimmungen, welche hoch über den Alltag -erheben. Wenn unsrer Jugend so die Augen und das Herz aufgingen für die -Heimat, daß jeder draußen ein <span id="corr066">Entdecker</span> immer neuer Freude, sich selbst ein Schöpfer -eines eigenen inneren stillen Königreiches selbstgefundener, tiefempfundener Heimatschönheiten -sein kann, dann mag und wird aus tiefgewurzelter Heimatliebe wieder -der Baum lebendigen bewußten Deutschtums, deutschen Stolzes und deutscher Kraft -erwachsen. Gebt darum dies Buch in die Hände der Jugend. Wenn ihr wandert, -nehmt es mit und bei stiller Rast lest einen Abschnitt und lauscht auf die Stimmungen, -welche in euch und um euch lebendig werden. Stille Lauscher, stille Seher, nicht -laute Lärmer! Wenn ihr im engeren Kreise daheim oder unter Freunden vom -Wandern plaudert, dann schlagt das Buch auf, und ihr werdet fühlen, wie eure -Erinnerung lebendiger, farbiger wird, wie die Stimmung froher Wanderzeit in euch -erwacht zu neuem vertieften seelischen Erleben, wie auch in bitterer Zeit ein Trostgefühl -und frohgemute Kräfte daraus erblühen können.</p> - -<p>Möge das Büchlein viele froh machen, ihre Augen öffnen und ihre Herzen -erheben, daß sie es lernen: »Wir können nicht irren, wenn wir nach den Sternen -schauen.«</p> - -<p class="mright"> -Gustav Rieß, Freiberg -</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> -<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Preis M. 15,– für die Mitglieder des Heimatschutzes, sonst M. 18,–. Bestellkarte in -diesem Heft.</p> -</div> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Zur_Geschichte_des_Storches_in_Westsachsen">Zur Geschichte des Storches in Westsachsen</h2> - -<p class="center">Von <em class="gesperrt">Rud. Zimmermann</em></p> -</div> - -<p>In seinem Beitrage »Störche und Storchnester im östlichen Sachsen« (Mitteil. -Sächs. Heimatschutz VI, 1917, Seite 99 bis 112) stellte Klengel weitere Mitteilungen -auch über die Störche und Storchnester in Westsachsen in Aussicht. Zusammen -mit weiteren Nachrichten über den ostelbischen Bestand gab er diese dann im folgenden -Jahrgange (VII, 1918, Seite 34 bis 46), beschränkte sich dabei aber, soweit das -Land westlich der Mulde in Frage kam, lediglich nur auf ein recht knappes Zitat -aus Heyders <em class="antiqua">Ornis Saxonica</em>. –</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-069"> - <img class="w100" src="images/illu-069.jpg" alt="" /> - <div class="caption"><b>Der letzte Storch in Haselbach</b><br /> -Phot. Rud. Zimmermann</div> -</div> - -<p>Heyder war dem Storchvorkommen in Westsachsen bereits früher nachgegangen. -In einer kleinen Mitteilung in der von Kleinschmidt herausgegebenen Zeitschrift -Falco (II, 1903, Seite 76 bis 77) stellte er um die Mitte des ersten Jahrzehnts -unseres Jahrhunderts für die Bornaer Gegend eine bereits in Wirksamkeit getretene -Abnahme unseres Vogels und das Aussterben kurz vorher noch besetzt gewesener<span class="pagenum" id="Seite_67">[67]</span> -Horste fest, konnte dabei aber auch noch an bewohnten Storchnestern je eines in -Regis und bei Bergisdorf, sowie drei in Deutzen nachweisen, während für zwei -weitere in Blumroda sich nicht feststellen ließ, ob sie im Berichtsjahre besetzt gewesen -waren. Das Aussterben dieser wenigen, durchweg auf Bäumen (Pappeln) errichteten -Nester ging dann ziemlich rasch vor sich und vollzog sich noch im ersten Jahrzehnt -unseres Jahrhunderts; schon 1910 oder 1911 fand ich keines mehr bewohnt vor; sie -waren von dem gleichen Schicksal ereilt worden, das in den Jahren vorher bereits -Nester in Röthigen, Görnitz und Großzössen betroffen hatte. Auch weiter östlich, -im Flußgebiet der Vereinigten Mulde, hat Adebar ebenfalls noch bis in unser -Jahrhundert hinein genistet; das letzte oder eines der letzten Nester linksseitig der -Mulde, das noch bis um die Mitte des ersten Jahrzehnts unseres Jahrhunderts -bewohnt gewesen sein soll, befand sich in Großbardau südlich von Grimma. Diesem -Vorkommen schließen sich dann rechts der Mulde die von Heyder in seiner <em class="antiqua">Ornis -Saxonica</em> (Journ. f. Ornithol. 64, 1916, Seite 292 bis 293) erwähnten Nester -von Kühren, Wäldgen und Gornewitz an, zu denen wahrscheinlich noch ein weiteres -von Golzern (oder bei Golzern) bei Grimma kommt, wo der Storch angeblich ebenfalls -noch bis in unser Jahrhundert hinein genistet haben soll, die aber heute -sämtlich der Geschichte angehören. Es wäre vielleicht gar keine so undankbare -Aufgabe, dem Aussterben des Storches in Nordwestsachsen einmal an Ort und -Stelle noch weiter nachzugehen und sein allmähliches Verschwinden hier zeitlich genauer -festzulegen; im Zeitalter dieser sich überstürzenden, nun bald schon ans Unsinnige -grenzenden Fahrpreiserhöhungen allerdings ist sie nicht ganz leicht und gehört für<span class="pagenum" id="Seite_68">[68]</span> -einen gewöhnlichen Sterblichen sogar überhaupt schon zu den Unmöglichkeiten. – -Über ehemalige Storchvorkommen in der Umgebung Leipzigs und sogar innerhalb -des Weichbildes der Stadt selbst hat Hesse im Journ. f. Ornithol. 57, 1909, -Seite 13 bis 14 berichtet; ein in Papitz in der Elsteraue nordwestlich von Leipzig -gestandenes Nest, das erst in jüngerer Zeit ausgestorben ist, hat sich allerdings -bereits jenseits der Landesgrenze auf preußischem Gebiet befunden.</p> - -<p>Nordwestsachsen, (besonders die Gebiete der Elster-, Pleißen- und Muldenaue -und anscheinend auch der heute durch die Parthe noch angedeutete alte, zwischeneiszeitliche -Muldenlauf) scheint nach gelegentlichen eigenen Umfragen in vergangenen Zeiten -vom Storch gar nicht so gering bevölkert gewesen sein; befragt man ältere Einwohner -des Gebietes nach unserem Vogel, so wissen sich diese oft noch auf mehrere Nester -innerhalb eines einzelnen Ortes zu erinnern. Der Rückgang des Vogels scheint, -soweit meine Nachforschungen einen dahingehenden Schluß zulassen, aber bereits in -den siebziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts ein augenfälliger geworden zu -sein und namentlich dann von den achtziger Jahren ab sich mit großer Schnelligkeit -vollzogen zu haben. Auch in alten Ortschroniken des Gebietes wird der Vogel -nicht selten erwähnt; Christian Schöttgen beispielsweise schreibt in seiner »Historie -der Chur-Sächsischen-Stiffts-Stadt Wurzen«, daß »Anno 1679 und 1680 der Winter -sehr warm gewesen ist, so daß die meisten Leute barfuß gegangen und der Storch -am 19. Februar anher gekommen ist« und in Adam Friedrich Glasigs 1721 -erschienenen »Kern der Geschichte des hohen Chur- und Fürstlichen Hauses zu -Sachsen« heißt es: »Störche pflegen absonderlich zu Leipzig in der Stadt auf den -Dächern der Häuser jährlich zu hecken.« –</p> - -<p>Das letzte besetzte Storchnest im Leipziger Tieflandsgebiet befand sich allerdings -nicht mehr auf sächsischem Boden, sondern in dem altenburgischen Dorfe Haselbach, -wo es auf einer geköpften Pappel im Hofe des Rittergutes stand. Im Jahre 1910 -brachte das dies Nest bewohnende Storchenpaar fünf Junge hoch und nach einer -Pause im Jahre 1911 erblickten in ihm 1912 wiederum drei Junge (von denen -eins aber dann an einem Leitungsmast verunglückte) das Licht der Welt. 1913 -blieb es von neuem leer und als im Herbste desselben Jahres das Rittergutsgehöft -von einer Feuersbrunst betroffen wurde, litt darunter auch das Storchnest. Man -gab ihm in einem Wagenrad eine neue Unterlage und setzte es auf das Dach der -neuen Scheune, doch erfüllte es, nachdem sich 1914 zwar noch ein einzelnes Storchenweibchen -in ihm aufgehalten hatte und nach Hildebrandt (»Beitrag zur Ornis Ostthüringens« -in »Mitteil. a. d. Osterlande«, N. F. 16, 1919, Seite 322) auch Eier -gelegt, aber nicht gebrütet haben soll, leider seinen Zweck nicht wieder und blieb -seit 1915 endgültig verwaist.</p> - -<p>Das Haselbacher Storchnest ist von mir oft besucht worden. 1912 hatte ich -Gelegenheit zu einigen nicht ganz schlechten Aufnahmen am Neste; von den damals -erhaltenen Bildern sei hier eines als letzte Erinnerung an das Nisten des Storches -im Leipziger Tieflandsgebiet angefügt und mag zu späteren Geschlechtern von dem -»Es war einmal« reden.</p> - -<p class="center smaller p2">Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt – Druck: Lehmannsche Buchdruckerei<br /> -Klischees von Römmler & Jonas, sämtlich in Dresden.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Einbanddecken">Einbanddecken</h2> -</div> - -<p class="center">(Leinen)</p> - -<p class="center">für die</p> - -<p class="h2">Heimatschutz-Mitteilungen</p> - -<table summary="Preis"> -<tr> -<td>Stück</td><td class="tdr tdpl">18 M.</td> -</tr> -<tr> -<td class="smaller">Postgeld u.<br /> -Verpackung</td><td class="tdr tdpl bb">5 M.</td> -</tr> -<tr> -<td></td><td class="tdr tdpl">23 M.</td> -</tr> -</table> - -<p class="center p2">Bestellkarte anbei</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p class="h2">Bunte Gassen,<br /> -helle Straßen</p> -</div> - -<p class="center smaller">Dresden 1921</p> - -<p class="center">des Landesvereins Sächsischer<br /> -Heimatschutz Heimatbücherei</p> - -<p class="h2">Band II</p> - -<p class="center">185 Seiten – Großoktav</p> - -<p class="center smaller">hart gebunden</p> - -<p class="center"><span class="u">Vorzugspreis für Mitglieder des Landesvereins Sächs. Heimatschutz M. 15.–</span></p> - -<p class="center"><span class="u">Bestellkarte in diesem Hefte</span></p> - -<p class="noind"><em class="gesperrt">Gerhard Platz</em> »Vom Wandern und Weilen im Heimatland«, -der erste Band unserer Heimatbücherei ist vergriffen und wird -nächstes Jahr in neuer Auflage erscheinen. Jetzt kündigen wir -den zweiten Band an. <em class="gesperrt">Max Zeibig</em> ist sein Verfasser. Wer -kennt nicht seine gemütvollen Schilderungen aus der Kinder-, -aus der Jugendzeit, die in den angesehensten sächsischen -Tageszeitungen seit Jahren erscheinen. <em class="gesperrt">Heinrich Sohnrey</em> -gab dem Buche das Geleitwort und wünschte, daß es nicht -nur in Sachsen, sondern in ganz Deutschland Verbreitung finde.</p> - -<p class="center p2 larger">Landesverein Sächsischer Heimatschutz</p> - -<p class="center">Dresden-A., Schießgasse 24.</p> - -<p class="center smaller p2">Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-A.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p> - -<p>Korrekturen:</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 66: entdecken → Entdecker<br /> -daß jeder draußen ein <a href="#corr066">Entdecker</a> immer neuer Freude</p> -</div> -</div> - -<div lang='en' xml:lang='en'> -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>LANDESVEREIN SÄCHSISCHER HEIMATSCHUTZ -- MITTEILUNGEN BAND XI, HEFT 1-3</span> ***</div> -<div style='text-align:left'> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg™ -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg™ electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person -or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. 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Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state’s laws. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation’s website -and official page at www.gutenberg.org/contact -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread -public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state -visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Please check the Project Gutenberg web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 5. General Information About Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg™ concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of -volunteer support. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Most people start at our website which has the main PG search -facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This website includes information about Project Gutenberg™, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. -</div> - -</div> -</div> -</body> -</html> diff --git a/old/67949-h/images/cover.jpg b/old/67949-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index de2defa..0000000 --- a/old/67949-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67949-h/images/illu-003.jpg b/old/67949-h/images/illu-003.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index b5bde11..0000000 --- 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