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-The Project Gutenberg eBook of Die Eiks von Eichen, by Felicitas Rose
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Die Eiks von Eichen
- Roman aus einer Kleinstadt
-
-Author: Felicitas Rose
-
-Release Date: February 15, 2022 [eBook #67409]
-
-Language: German
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE EIKS VON EICHEN ***
-
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
- ~so markiert~.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- Die Eiks von Eichen
-
- Roman aus einer Kleinstadt
-
- von
-
- Felicitas Rose
-
- Sechsundvierzigstes bis fünfzigstes Tausend
-
- Berlin * Leipzig * Wien * Stuttgart
-
- Deutsches Verlagshaus Bong & Co.
-
-
-
-
-~Alle Rechte vorbehalten~
-
-~Copyright 1910 by Deutsches Verlagshaus Bong & Co.~
-
-
-~Graphia Akt.-Ges. vormals C. Grumbach in Leipzig~
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- _Motto_:
-
- Dort an der Ecke das alte Haus
- Wird doch noch stehn?
- An dem die Leute tagein, tagaus
- Vorübergehn?
- -- -- -- -- -- -- -- -- --
- O heil’ge Heimat, ich grüße dich
- An jedem Ort -- -- --
-
- Carmen Sylva.
-
-
-Da stand es noch. -- Genau wie einst im Schatten der uralten Eichen.
-
-Grau und langgestreckt mit einer langen Reihe niedriger Fenster. Und
-aus dem Giebelfenster schauten die steinernen Pferdeköpfe, beide von
-einem steinernen Eichenkranz umschlungen.
-
-Wie ging noch die Sage? Die Sage vom Eichenborn?
-
-Im Jahre 1298 hatte von diesem Fenster aus ein Jungfräulein Eik von
-Eichen nach ihrem Liebsten ausgeschaut.
-
-Das war ein Musikant gewesen, »ein fahrender Schüler, ein wilder
-Gesell«, den erst die allmächtige Liebe zahm gemacht. Der ergrimmte
-Vater hatte gesprochen:
-
-»Ebensowenig wie meine Rösser hier oben in deine Kemenate steigen, sich
-unser Wappen umhängen und aus dem Fenster hinabschauen ins Tal der
-wilden Gera, ebensowenig sollst du und dein Buhle jemals es tun.«
-
-Aber da hatte es plötzlich getrammst und getrappelt, und die beiden
-Rosse waren die gewundenen Treppen hinaufgestiegen, umschlungen von
-einem Eichenkranz. Sie hatten sich eng aneinander geschmiegt und
-schauten ins Tal der wilden Gera, darinnen der herzwunde, einsame
-Spielmann seines Weges zog.
-
-Darauf gab es eine fröhliche Hochzeit und -- wenn sie nicht gestorben
-sind, so leben sie heute noch.
-
-Es gab kaum einen alten Mann oder eine alte Frau in Schwarzhausen, die
-nicht auf diese Legende schworen.
-
-Hinter dem schloßähnlichen Gebäude lag der weite, große, grasbestandene
-Hof, in seiner Mitte standen steinerne Bänke um einen Riesentisch, und
-über diesem Platz wölbte ein alter Nußbaum seine Riesenzweige.
-
-O wie duftete ein Blatt von diesem Baum, wenn man es in die warme
-Kinderhand nahm -- -- --
-
-Alles kann man vergessen in der raschen, hastenden, lockenden Welt da
-draußen, aber diesen Duft nicht, -- niemals -- -- --
-
-Und auch jenen leisen Klang nicht, so eng verwachsen mit der
-Kinderzeit, -- jenes melancholische Rieseln und Rauschen des alten
-Brunnens im Grashof, der unter einem knorrigen Fliederstrauch stand.
-
-Hatte man sich müde gespielt, dann setzte man sich unter den Nußbaum,
-oder lief nach dem Fliederstrauch und pflückte sich schwere zartlila
-Dolden. Die kleinen Blütchen steckte man ineinander und hing sich dann
-die langen Ketten um den Hals, -- wie stolz sah man aus! Nicht nur die
-Gespielen, -- nein, alle Hühner und Enten und der große, kollernde
-Truthahn und der bunte, häßlich schreiende Pfau bewunderten die kleine
-Tochter des Hauses.
-
-Und ab und zu lief man nach dem Brunnen und besprengte die lila
-Fliederdolden -- -- oh -- Nußbaum und Fliederstrauch -- -- --
-
- * * * * *
-
-Schwer seufzte die junge Frau auf.
-
-»Mutter, sind wir jetzt daheim?« fragte eine klare Knabenstimme.
-
-Da konnte sie zum erstenmal wieder weinen.
-
-»Ja, Bertold, wir sind daheim!«
-
-Und sie nahm den Knaben fest an der Hand und schritt mit ihm über die
-Schwelle ihres Vaterhauses.
-
- * * * * *
-
-In der dämmerigen Diele, in die sie eintraten, war es köstlich kühl.
-Die schwere Eichentür schloß sich hinter ihnen und sperrte die sengende
-Mittagsglut eines heißen Julitages ab.
-
-Der von langer Postfahrt ermüdete Junge atmete hoch auf. »Hier ist’s
-schön, Mutter.«
-
-Rings an den Wänden hingen Ölbilder. Ehrbare, ernste Gesichter in
-steifen Ratsherrnkrausen sahen aus schwarzen, strengen Augen auf die
-beiden Ankömmlinge nieder.
-
-»Sind das die Onkel und Tanten, zu denen wir wollen, Mutter?« fragte
-der Knabe.
-
-»Nein, Bertold, -- diese hier sind lange tot.«
-
-»Aber Großvater lebt!«
-
-»Ja, mein Junge.«
-
-Es fröstelte plötzlich die junge Frau.
-
-Sie setzte sich auf die schmale Bank, die sich rings an der Diele
-entlang zog, und lehnte den Kopf an die Holztäfelung.
-
-Die feinen Nasenflügel bebten und sogen den Duft des Heimathauses ein.
-Thymian und Lavendel. --
-
-Spurlos war die Zeit an diesem Hause vorübergegangen -- -- alles
-deutete auf Thymian und Lavendel.
-
-Der kleine Bertold schlief auf der harten Holzbank und seine Mutter saß
-und dachte nach in schwerer Beklommenheit.
-
-Sie wußte, daß jetzt niemand kam.
-
-Die Tante hielt ihren Mittagsschlaf, der Vater -- war wohl auch, wie
-früher, zu dieser Stunde in seinem Arbeitszimmer, und Herr Eik von
-Eichen ~junior~ kam nie in diesen Flügel des ausgedehnten Gebäudes.
-
-Sie sehnte sich plötzlich nach einer Menschenstimme.
-
-Wenn doch der alte Teichmann käme oder seine Frau, oder irgendeiner der
-alten dienstbaren Geister.
-
-Sie wußte, daß auch in ihren Reihen die letzten acht Jahre keine
-Veränderung gebracht hatten.
-
-Nervös strich sie an ihrem Trauergewand herunter. Herrgott, wie die
-Gedanken auf sie einstürmten!
-
-Sie krochen aus den Wänden und aus den Fugen der Holztäfelung, sie
-schwebten wie kleine Spukgeisterchen in der Luft und hingen in den
-Verschnörkelungen der Goldrahmen.
-
-»Weißt du noch?« fragten sie wieder und wieder.
-
-Und die junge Frau dachte daran, wie sie vorhin scheu aus der
-Postkutsche gestiegen war, damit der Postverwalter sie nicht sehen
-sollte und auch seine Frau nicht, die hinter dem »Spion« saß und
-strickte.
-
-Sonst würde es ja sofort jeder im Orte wissen --
-
-Und wie sie den schwarzen, fadenscheinigen Regenschirm aufgespannt
-und in der brennenden Mittagsglut unter seinem Schutze an den Häusern
-entlang geschlichen war.
-
-Nur niemandem begegnen von den Menschen da draußen, -- von den guten
-Freunden, getreuen Nachbarn -- -- und desgleichen.
-
-Aber jetzt -- jetzt sehnte sie sich nach einem Willkomm, -- nach einem
-einzigen, kurzen, guten Wort.
-
-»Alle guten Geister loben Gott den Herrn, -- da sitzt Fräulein
-Franziska!«
-
-Mit einem Schrei sprang sie auf, man wußte nicht, war’s ein Wehlaut
-oder ein Jubelruf, und der alte Mann, der aus einem Seitengang
-hervorgetreten war, setzte sich mit zitternden Knien auf dieselbe
-Stelle, wo sie vorhin geruht, und starrte die Dame an.
-
-Der Knabe war jäh erwacht. Er rieb sich die Augen.
-
-»Bist du der Großvater?« fragte er beherzt.
-
-»Gott soll mich bewahren in meinen alten Jahren. Wie sollt’ ich mich
-vermessen, auch nur zum Schein, und dein Großvater sein?«
-
-»Hieronymus!« jubelte die blasse junge Frau, -- »alter Hieronymus
-Teichmann! Du bist’s noch! Gott Lob und Dank! Als du vorhin riefst: ›Da
-sitzt Fräulein Franziska‹, gab es mir einen Stich ins Herz. Er reimt
-nicht mehr, mein alter Teichmann -- -- -- dachte ich, -- aber nun --«
-
-Der alte Diener hatte die runzligen Hände vor das Gesicht geschlagen,
-schwere Tränen quollen zwischen den Fingern hervor.
-
-»Herrgott, es war der erste Schreck, den hatt’ ich weg,« stammelte er
-und trocknete sich die Augen.
-
-»Guter, lieber Teichmann!«
-
-Die junge Frau liebkoste seine rauhe Hand, sie lachte und weinte in
-einem Atem. »Teichmann, ich bin daheim!«
-
-Der Alte war immer noch fassungslos. Er deutete auf den Knaben.
-
-»Ja, Teichmann, das ist mein Junge, -- hab’ ihn lieb, hörst du?«
-
-Er nickte lebhaft.
-
-»Herrgott, das Fräulein ist wieder da. Gott sei gepriesen, halleluja!«
-murmelte Hieronymus Teichmann.
-
- * * * * *
-
-An diesem Abende wurden drei Dinge in die Annalen der Schwarzhausener
-Geschichte aufgenommen.
-
-Da waren zum ersten die neuen Gaslaternen angekommen und aufgestellt,
-zum zweiten war Franziska Malcroix, geborene Eik von Eichen wieder
-heimgekehrt, nachdem ihr plötzlich verstorbener Mann sie völlig
-mittellos und mit beflecktem Namen zurückgelassen, und drittens sollte
-Fräulein Adelgunde Eik von Eichen so etwas wie der Schlag getroffen
-haben, weil die verlorene Tochter des Hauses ihr die acht Jahre lang
-geführten Schlüssel abverlangt und sich wieder an die Spitze des
-Haushaltes gestellt hatte.
-
-Der Provisor der Apotheke hatte unter dem Siegel der Verschwiegenheit
-einigen Honoratioren erzählt, daß ~Dr.~ Hempel im Hause Eichenborn
-Schröpfköpfe gesetzt habe, wem?, wußte er nicht zu sagen.
-
-Aber mit ungewissen Dingen gaben sich die Schwarzhausener ungern ab
-und wenn auch dem schlechten Kerl, dem alten Eiken zuzutrauen war,
-daß er aus reiner Bosheit seinen Familienmitgliedern Schröpfköpfe
-setzen ließ, -- so löste der Gedanke an einen Schlaganfall Fräulein
-Adelgundens doch mehr Befriedigung aus in den Herzen der lieben
-Mitmenschen. --
-
-Der nächste Tag war ein Sonntag.
-
-Die Schwarzhausener waren heute alle in der Kirche, und der alte Herr
-Pfarrer Klingenreuter lächelte fein, als er die Kanzel bestieg.
-
-Er hatte halb Schwarzhausen getauft, konfirmiert und getraut, er kannte
-seine schwarzen und weißen Schäflein als getreuer Hirte. Er sah durch
-ihre fromm emporgerichteten Stirnen in ihre unfrommen Gedanken. Und
-predigte sehr schön und höchst unbequem heute vom Splitter im Auge des
-Nächsten und vom Balken im eigenen Auge. Man war nicht befriedigt.
-Vom Hören nicht und auch vom Sehen nicht. Denn der Kirchenstuhl der
-Eik von Eichens blieb leer, und Fräulein Adelgunde, die nach dem
-schweren Schlaganfall eigentlich auf dem Schragen liegen sollte, saß am
-Fenster und häkelte ihre bekannte Gardinenspitze, von der Böswillige
-behaupteten, sie ginge schon um das ganze Fürstentum herum. --
-
-Es ward ein höchst langweiliger Sonntag vom Morgen bis zum Abend. Denn
-man hatte gehofft, wenigstens an einem der Fenster des »Eichenhauses«,
-wie es kurzweg genannt wurde, einen Schatten von Franziska Malcroix
-oder ihrem Sprößling zu sehen, und vom Mittagessen an pilgerte ganz
-Schwarzhausen dort vorbei, -- vergebens. Nur der alte Teichmann, der
-so unverständig war, nie einen Ton über seine Herrschaft zu sagen, der
-er seit fünfzig Jahren diente, -- ihn nur erspähte man. Er saß auf
-seinem bekannten Platz, auf einer der steinernen Bänke im Grashof,
-hatte sich das stadtbekannte Luftkissen untergeschoben, welches seit
-zehn Jahren schadhaft war und von der guten Frau Teichmann unentwegt
-aufgeblasen wurde. Man fürchtete sich etwas vor Hieronymus Teichmann,
-denn man begriff immer noch nicht seine wunderliche Art zu reden,
-trotzdem er schon als zehnjähriges Kind derselbe Reimschmied gewesen
-war. Ja, die verstorbene Hebamme von Schwarzhausen behauptete unter
-ihrem Eide, er sei »mit’n Versch« auf die Welt gekommen.
-
-Was sie damit sagen wollte, verstand niemand, aber unheimlich war’s.
-
-Nur Fräulein von Bebeleben, eine der zwanzig Stiftsdamen des adligen
-Klosters Schwarzhausen, fürchtete sich nicht vor ihm und überhaupt vor
-keinem Menschen und keinem †††.
-
-Deshalb stelzte sie mit großen Schritten in den Grashof, und nun stand
-sie vor dem ungeheuer pfiffig Dreinschauenden.
-
-»Warum waren Sie heute nicht in der Kirche, Teichmann? Es könnte Ihnen
-doch wahrhaftig nichts schaden, sich mit unserm Herrgott ein bißchen
-auf du und du zu stellen.«
-
-Die Antwort war unbefriedigend.
-
-»Bei allem Respekt vor der Heiligkeit,« meinte Teichmann bedächtig,
-»ich hatte dazu heut keine Zeit, und wo soviel Schafe im christlichen
-Stall, kann so’n alter Hammel wohl fehlen mal, der liebe Gott ist ’n
-braver Mann, aber ich schau’ ihn ganz gern von ferne an.«
-
-»Ketzer!« rief die Stiftsdame entsetzt und wendete ihm den Rücken. Da
-lachte der alte Teichmann wieder sein feines, pfiffiges Lachen und
-nahm sein geliebtes Buch vor seine große Hornbrille, das Buch, das er
-Sonntags kaum aus den Händen legte, -- das Neue Testament.
-
-Aber die Frau Postverwalterin Nehring war heute die Heldin des Tages.
-
-Sie hatte ja die schwarzgekleidete Fremde, welche mit der Post ankam,
-gesehen und -- erkannt.
-
-»Blaß, -- liebe Damen, war sie und verweint.« So lautete später ihr
-Bericht. »Weiß wie mein Tischtuch, wenn ich’s Sonntags auflege, und
-der Schirm zerlöchert; und das Kleid, -- höchstens eine Mark fünfzig
-Pfennig das Meter bei Dingelmann und Sohn. Und der kleine Junge machte
-’ne närr’sche ›Fichur‹, -- ich weiß nicht, hat er ’n Buckel, oder war’s
-’n Rucksack.«
-
-Die Schwarzhausener beschlossen, daß es ein Buckel gewesen sei.
-
-Acht Tage später waren schon in aller Morgenfrühe die Fenster samt den
-Spionen in Schwarzhausen besetzt, und junge und alte Leute drückten
-sich die Nasen platt, -- Franziska Malcroix brachte ihren Sohn zur
-Schule. Und vor dem Schulhause nahm sie das schöne Köpfchen in beide
-Hände und küßte ihn auf die Augen. Dann ging sie heim.
-
-»Na, nun werden wir doch endlich was zu wissen kriegen.«
-
-»Wundern kann’s einen doch, daß der reiche Eik von Eichen dem Enkel
-keinen Hauslehrer hält.«
-
-»Wenigstens bis zum richtigen Gymnasium.«
-
-»Man kann gespannt sein, was es für ein Früchtchen ist.«
-
-»Nun, auf den Kopf gefallen sind ja die Eik’s nicht.«
-
-»Die Franziska schon mal gar nicht.«
-
-»Und der Lump, der Malcroix, auch nicht, sonst wäre er nicht mit der
-reichsten Schwarzhausener durchgegangen.«
-
-»Du lieber Gott, man freut sich ja wahrhaftig, wenn die Vaterstadt sich
-durch Zuwachs vergrößert, ob aber der Buckolorum uns Ehre unters Dach
-trägt -- der Enkel von so einem -- und der Sohn von so einem -- -- --«
-
-Nun, jedenfalls schärfte man den Kindern der Schule ein, heute
-tüchtig aufzupassen und gleich, aber auch gleich nach Schulschluß
-heimzuspringen, ohne erst vorher Stinnerte zu spielen. -- -- --
-
- * * * * *
-
-Bertold Malcroix stand mit sehr unbehaglichen Gefühlen in der
-Schulstube und wartete mit zwanzig andern Kindern, Knaben und Mädchen,
-auf den Herrn Rektor.
-
-Es war eine Vorschule, die er bis zum zehnten oder elften Jahre
-besuchen sollte, je nachdem er für reif erklärt wurde, ins Gymnasium
-nach E. zu kommen. Auch Mädchen waren in der Klasse, die entweder beim
-Herrn Rektor bis zu ihrem vierzehnten Jahre »weitergingen« und dann in
-einen Dienst traten, oder -- eine Gouvernante bekamen. Die Rektorschule
-erfreute sich eines großen Zuspruches und ungeteilter Beliebtheit nicht
-nur im Orte, sondern auch in der Umgegend.
-
-Denn, was der Herr Rektor lehrte, das saß fest.
-
-Ja selbst die ganz Vernagelten profitierten noch etwas von ihm, ehe sie
-abgingen; den dummen Buben gab er den ehrlichen Rat, nie zu heiraten,
-damit diese Rasse ausstürbe, und den »törichten Jungfrauen« schenkte er
-wenigstens »Kochrezepte«.
-
-Zu jedem einzelnen dieser Unbegabten aber meinte er gütig:
-
-»Du Brät! Sag’s nur kei’ Menschen, wie dei Lehrer geheißen hat.« -- --
-
-Rektor Dillen war eigentlich kein Rektor, er hatte nur das zweite
-Examen bestanden, aber zu seinem 50. Geburtstage beschloß man in
-Schwarzhausen, ihn zu ehren, indem man ihn von diesem Tage an »Rektor«
-nannte. Ihm selbst bekam die Standeserhöhung verhältnismäßig gut, aber
-seine zarte, kleine, bescheidene Frau, die sogar vor der Köchin des
-Herrn Bürgermeisters einen tiefen Knicks hinsetzte, war dem nicht mehr
-gewachsen, und sie flüchtete sich aus dieser Welt der Titulaturen.
-
-Das war nun fünf Jahre her, und seitdem führte »Fräulein Rektor«, seine
-alte Schwester, ihm die Wirtschaft.
-
-Sie pflegte zu sagen: »Ich habe bei Präsidents und bei Rats und bei
-Majören gedient, -- nu werd’ ich wohl genug Benehmigung for’n Rektor
-Dillen, meinen Herrn Bruder, haben.«
-
-Doch auch der Name des Rektors war falsch, er hieß eigentlich »Tüllen«.
-Aber mit so unerhörten sprachlichen Anstrengungen befaßt sich der echte
-»Dhiringer« nicht, und der Mann selbst stellte sich vor: »Mei Name is
-Dillen.«
-
-Und als diesen Biederen einmal ein junger Kreisschulinspektor anschrie:
-»Herr, wenn Sie Tüllen heißen, warum nennen Sie sich nicht so?«,
-da antwortete er: »Es glingt so ibermit’ch, -- -- wenn ich ämol
-Gultusminister bin, -- dann!«
-
-Und zu ihm kam Bertold Malcroix, d. h. vorläufig noch nicht, denn
-es war erst acht Uhr und Rektor Dillen hatte die Angewohnheit, das
-akademische Viertel innezuhalten, das einzige Zugeständnis, das er
-einer glorreichen Vergangenheit machte, -- er hatte einst Theologie
-studieren sollen. -- An seinem fünfzehnten Geburtstage war ihm diese
-schwindelnde Aussicht eröffnet worden, die sich dann auch als Schwindel
-erwies. Denn er bekam nach und nach vierzehn Geschwister, und die
-fraßen ihm mit ihren hungrigen Mäulern die Zukunftshoffnungen auf,
-wenigstens knabberten sie so lange an der »Kanzel« herum, bis nur ein
-schlichtes »Katheder« übrig blieb. --
-
-Vor diesem Katheder wartete Bertold Malcroix, bis es ein Viertel nach
-acht sein würde, sämtliche Mitschüler und Mitschülerinnen standen um
-ihn herum, aber sie redeten ihn nicht an, sie kicherten nur, schubsten
-ihn ein wenig oder traten ihm auf die Füße, es mußte irgend etwas
-Ehrenrühriges darin liegen, ein »Neuer« zu sein.
-
-Aber fünf Minuten vor ein Viertel auf neun flog ein kleines Mädchen
-zur Tür herein, bahnte sich mit zwei rührigen Ellbogen durch die
-Kinderschar eine Gasse und stand nun vor Bertold, den sie von allen
-Seiten mit prüfenden Blicken musterte.
-
-»Du hast ja gar keinen Buckel!« rief sie dann. Das war ihre Begrüßung.
-Bertold lachte.
-
-Es war ein herzliches, sonniges, frohes Kinderlachen, so recht aus dem
-Innersten heraus, wie man es sonst nur bei ganz jungen Dreijährigen
-hört, und das Gesicht des kleinen Mädchens erstrahlte bei diesem
-Lachen, sie nahm den Jungen gleich fest bei der Hand.
-
-»Warum sollte ich denn einen Buckel haben?« Und wieder lachte Bertold.
-Diesmal war’s ein Duett mit dem Mädel.
-
-»Sie sagten’s alle, -- aber es ist gut, daß du keinen hast, denn sonst
-hätte ich sanft mit dir sein müssen, meinte Trine.«
-
-»Wer ist Trine?«
-
-»Trine ist -- Trine.«
-
-»Wie heißt du denn?«
-
-»Liselotte Windemuth. Aber halt jetzt nur den Mund, da ist der Herr
-Rektor.«
-
-Rektor Dillen sah erst den kleinen Ankömmling gar nicht, so groß und
-schlank das Bürschchen auch war.
-
-Oder _wollte_ er ihn nicht sehen?
-
-Wurde die Erinnerung zu mächtig in ihm, die Erinnerung an die Mutter
-dieses Knaben, die mit so sonnigen Augen in diese düstere Welt und
-insbesondere in die düstere Welt der Eichenborns geschaut hatte, und
-die seine Lieblingsschülerin gewesen war?
-
-Neunzehn Zeigefinger fuhren in die Höhe, der zwanzigste lag still
-geborgen in der Hand des einundzwanzigsten Schülers.
-
-Bertold hielt Liselottes Händchen fest umklammert.
-
-»’s is ein Neuer da! Herr Rektor.«
-
-»Ruhig, liebe Kinder! Wir wollen erst unser Morgenlied singen.«
-
- »Unsern Eingang segne Gott,
- Unsern Ausgang gleichermaßen,
- Segne unser täglich Brot,
- Segne unser Tun und Lassen,
- Segne uns in sel’gem Sterben,
- Und mach’ uns zu Himmelserben.«
-
-Schon bei dem ersten Vers, lange ehe die Strophe zu Ende ging, hatte
-der Lehrer die Geige sinken lassen, -- denn eine helle, glockenreine
-Knabenstimme führte den Chor fest und sicher bis zu Ende.
-
-»Tausend Wetter, mein lieber Junge,« rief Rektor Dillen in ehrlicher
-Begeisterung, aber dann mußte er sich umständlich die Nase schneuzen,
-weil die Bewegung ihn übermannte. Zwei wunderschöne tiefe Kinderaugen
-schauten ihn an, wie früher die stahlblauen Augen der Franziska, und
-dieselbe klare Kinderstimme, die einst das Schulstübchen mit Wohllaut
-erfüllte, rief ihm zu: »Ich soll Sie von der Mutter grüßen, und sie
-würde ihren verehrten Lehrer bald aufsuchen.«
-
-»Schön, schön, mein Junge.« Wieder schluckte er heftig. »Und nun sage
-mir noch, wie du heißt und wie alt du bist.«
-
-»Ich bin neun Jahre alt, und ich heiße: Bertold Eik von Eichen.«
-
-Es ging ein Summen und Tuscheln durch die Kinderschar.
-
-»Is ja gar nich wahr.«
-
-»Malcroix, -- Malcroix --«
-
-»_Wie_ heißt du, Kleiner? Besinne dich einmal!«
-
-»Bertold Eik von Eichen. Großvater hat es gesagt, ich sollte so
-antworten.«
-
-»Ahhh! So so -- gut und schön! Setz’ dich! Oder nein, lies
-mir gleich einmal ein Stückchen aus dem Kinderfreund. Seite
-einhundertachtundsechzig oben, damit ich sehe, was du kannst.
-Liselotte Windemuth, ich glaube gar, du willst schon frühstücken, das
-ist sehr ungehörig.«
-
-Liselotte wurde rot, aber es achtete niemand darauf, denn der neue
-Bertold las ganz unerhört schön und gänzlich fehlerfrei das schwierige
-Lesestück.
-
-»Das war ja sehr gut, Bertold.« Die guten Augen des Lehrers strahlten.
-»Ich sehe schon, du bist der echte Sohn meiner braven Schülerin
-Franziska.«
-
-Sei es nun, daß seine Stimme bei diesen Worten bebte, oder war es sonst
-etwas, -- Bertold Eik warf plötzlich beide Arme auf den Tisch, legte
-sein Gesicht darauf und fing an bitterlich zu weinen. --
-
-Liselotte Windemuth saß verstört neben ihm, -- -- die anderen waren
-je nach Veranlagung frech oder verlegen, beinahe aber alle stellten
-innerlich fest, daß es noch nie so »fein« in der Schule gewesen sei,
--- Mütter und Tanten würden Augen und Ohren aufsperren, was sie heute
-erführen.
-
-Und Rektor Dillen stellte bei sich fest, daß die erste Stunde recht
-unruhig verlaufen sei und die Kinder wenig in ihr gelernt hätten, --
-nur ihm selbst hatte sie einen Gewinst gebracht.
-
-Durch schöne, reine Kinderaugen hatte er in ein schönes, reines
-Kinderherz geschaut, ein Erlebnis, das einem Lehrer wohl einen ganzen
-Tag verklären konnte.
-
-Er beschloß, die Pause heute etwas zu verlängern, um den Kindern
-Gelegenheit zu geben, ihre Neugierde zu befriedigen und sich zu
-sammeln. Und den arg verweinten Kinderaugen wollte er erlauben, sich zu
-waschen und zu kühlen, damit sie wieder hell würden für den Rest des
-Tages.
-
-Rektor Dillen war ein erfahrener Lehrer, der ja auch in den dreißig
-Jahren seiner pädagogischen Tätigkeit viel hatte strafen müssen, aber
-Kindertränen waren seinem liebevollen Herzen immer etwas Heiliges
-gewesen. --
-
-Kaum hatte das kleine, heisere Schulglöckchen, von Fräulein Rektor in
-Bewegung gesetzt, den Stundenschluß verkündigt, so wandte sich der
-Rektor gleich an Bertold.
-
-»Du kannst in das Grasgärtchen gehen, mein Sohn, und die Liselotte wird
-dich begleiten, wenn du sie bittest.«
-
-»Er braucht nicht zu bitten,« rief Liselotte rasch, »und ich hatte mir
-gerade dasselbe ausgedacht, während er das lange Lesestück vorlas.
-Komm, Bertold.«
-
-Ihre schlanken Beinchen liefen sehr schnell, Bertold konnte kaum
-folgen, und dann saßen sie einträchtig auf dem kleinen Holzbänkchen in
-der Geißblattlaube.
-
-»Warum hast du geweint, Bertold?« fragte die Kleine energisch.
-
-»Ich weiß es nicht.« Seine Augen wurden schon wieder verdächtig blank.
-
-»O, dann ist es sehr dumm. Man weint doch nicht, wenn man’s nicht weiß.
-Man hat schon genug zu weinen bei Ungerechtigkeiten und Leibweh.
-Willst du jetzt wieder heulen, oder kann ich dich viel fragen?«
-
-»Frag’ mich nur.«
-
-»Ich möchte wissen, ob wir sehr gut zusammen passen. Sieh mal, du bist
-schon neun und ich erst sieben, das paßt doch schon nicht. Aber sag’
-mal, bist du auch altklug, Bertold?«
-
-»Das weiß ich nicht, -- bist du es denn?«
-
-»Freilich, -- sie sagen’s alle in Schwarzhausen. Es tut nicht weh, aber
-es ist nichts Schönes.«
-
-»Nun dann sei es doch nicht.«
-
-»Phh! Als ob das so ginge. Das ist so was Festgewachsenes, wie Haare
-und Augen.«
-
-»Das glaube ich nicht.«
-
-»Dann laß es bleiben.«
-
-Eine Pause entstand.
-
-»Schade wär’s, wenn wir gar nicht paßten,« meinte die Kleine endlich
-nachdenklich. -- »Und dann habe ich auch absolutes Tonbewußtsein!«
-
-»Was ist denn _das_?« rief Bertold in ungemessenem Erstaunen.
-
-»Junge, du weißt aber auch rein nichts. -- Das ist so: Wenn ich a
-singe, denn ist es auch a.«
-
-»So? Und wenn du nun b, c, d, e, f, g, h, i, k, l, m, n, o, p singst?«
-
-Da lachten sie beide und es klang wie zwei Glocken, eine hohe und
-eine tiefe, und der alte Rektor, der in einiger Entfernung an der
-Geißblattlaube vorbeiging, meinte, sie läuteten gewiß eine schöne,
-frohe Lehrstunde ein.
-
-»Sag’ mal, Liselotte,« fragte jetzt Bertold, »warum meintet ihr denn
-alle, ich hätte einen Buckel?«
-
-»Ach so! -- Na ja, du hattest so ’ne Erhöhung auf dem Rücken, sagte die
-Frau Postverwalter, wie du aus der Postkutsche stiegst.«
-
-»I, seid ihr komische Menschen! Das war meine Geige!«
-
-»Eine Geige? Eine ganz wirkliche Geige? Und du kannst richtig spielen?
-Ist es eine kleine Kindergeige? Darf ich mal drauf probieren?«
-
-»Oho, das ist nicht so einfach. Meine Geige ist außerdem eine echte
-Amati.«
-
-»Was ist denn das?«
-
-»Oho, nun fragst du auch, und ich könnte dir sagen: du weißt aber auch
-gar nichts. Amati und Stradivarius, das waren die zwei berühmtesten
-Geigenbauer.«
-
-»Ach so, dann will ich Väterchen bitten, daß er mir Stra--ti--«
-
-»Stradivarius -- -- --«
-
-»Ja, -- so ein Stratifarius kauft.«
-
-»O du Dummerchen! Weißt du denn, wo man ihn so schnell kriegt? Meine
-Amati hat Vater in Nürnberg gefunden, auf einer Bodenkammer, in einer
-alten Truhe von einem alten Fräulein, die gar nicht wußte, wer sie da
-mal reingelegt hatte, und dann machte Vater sie zurecht, und nun soll
-sie fünfzigtausend Mark kosten.«
-
-»So!!« Liselotte sah sehr nachdenklich aus. »Ich habe nur
-achtunddreißig Pfennige. Von Herrn Organisten Brennstoff. Das ist ein
-guter, lieber Mann. Immer, wenn er mich sieht, sagt er: Sing mal a,
-dann tu’ ich’s und dann zieht er die Stimmgabel raus und probiert und
-dann ruft er: Heil’ge Cäcilie, es stimmt! Du bist doch ä Luderchen. Und
-dann schenkt er mir einen Pfennig.«
-
-»Achtunddreißigmal!« rief Bertold, »das muß sehr lustig für dich sein.
-Aber eine Stradivarius kriegst du nicht dafür.«
-
-»Das ist einerlei, -- ich habe ja auch noch ’ne Akkordzither.«
-
-Herr Rektor Dillen zog jetzt die beiden aus ihrem Plauderwinkel.
-
-»Kinder, Kinder, ’s is die hechste Zeit, -- schreiben missen mer.«
-
-Das war eine weitere Eigentümlichkeit des Herrn Rektors, -- er
-sprach in der Aufregung, im Zorn und in der Begeisterung immer
-arg thüringisch, aber sobald er in Ruhe war, redete er ein völlig
-einwandfreies Hochdeutsch.
-
-Und sie schrieben eine ganze Stunde lang Sprichwörter, und wieder
-mußte Rektor Dillen den Neuen loben, der eine geradezu vorbildliche
-Handschrift hatte.
-
-»Aber ich kann nicht dahinter kommen, was du mit _diesem_ Sprichwort
-gemeint hast, Bertold -- --«
-
-Und der Lehrer las aus des Knaben Heft vor: »Wer achtunddreißigmal a
-sagt, muß auch b sagen.«
-
-Da lachte die ganze Klasse schallend, Bertold und Liselotte lachten
-auch ihr schönes, klingendes Glöckchenduett, und Rektor Dillen legte
-dem Knaben die alte runzlige Hand auf den dunkeln Lockenkopf und sagte
-leise: »Lache nur zu, mein Junge, -- die im Eichenhause können Sonne
-brauchen.«
-
-Dann war der Unterricht beendet.
-
-Man konnte von diesem Tage an von Schwarzhausen das Bild gebrauchen:
-»Sturm im Wasserglase«.
-
-Früher hatte es der alte gallige Herr Eik von Eichen öfter einen
-stehenden Teich genannt, -- Teich mit Entengrün.
-
-Es hatte ihm immer ungeheuern Spaß gemacht, ab und zu ein Steinchen
-hereinzuwerfen in die grünüberzogene Stille, aber der Stein, den
-sein eigenes, vergöttertes Kind durch kopflose Heirat und heimliches
-Durchbrennen in den Teich warf, war zu schwer und wuchtig gewesen. Der
-hatte einen brodelnden Morast aufgewühlt, dessen übelriechende Dünste
-dem alten Vater das Leben, mindestens aber die letzten zehn Jahre
-vergiftet hatten.
-
-Jetzt war das Wasser heller und reinlicher geworden, aber es stürmte,
-brauste und zischte, wie eitel Kohlensäure.
-
-Also der Name Malcroix sollte einfach abgetan werden?
-
-Und der Knabe war etwas ganz Besonderes? Der die ganze Stunde hindurch
-über den Schellenkönig gelobt wurde und in den Pausen in Herrn Rektors
-Grasgärtchen sitzen durfte, damit nur ja kein Schwarzhausener Kind ihn
-necke und hänsele?
-
-Man erwog ernstlich, ob der Rektor nicht etwa zu alt und kindisch würde
-und durch eine strammere Kraft ersetzt werden müsse. --
-
-Franziska aber zog ihren Jungen mit einem Jubelruf in die Arme, sie
-war nur vier Stunden von ihm getrennt gewesen, aber ihr hatten es Tage
-gedünkt, und Bertold schmiegte sich innig an die Mutter und plauderte
-von seinen neuen Eindrücken und Erlebnissen.
-
-Nur die Tränen des plötzlichen Heimwehs verschwieg er ihr, vielleicht,
-weil sie zu rasch getrocknet waren durch Liselottes Plaudereien. Immer
-wieder kam der Name des kleinen Geschöpfes in Bertolds Erzählungen
-vor: »Da sagte Liselotte, -- da meinte Liselotte, -- und da lachte
-Liselotte, -- und ich soll sie besuchen. Und denk dir, Mutter, sie ist
-altklug und hat absolutes Tonbewußtsein und eine Akkordzither, und sie
-hat noch nie gewußt, was ’ne Amati ist.« --
-
-Durch Frau Franziskas Herz war während dieser Erzählungen ihres Jungen
-etwas gehuscht, über das sie sich selbst ausschalt.
-
-Wäre es möglich, daß sie Eifersucht empfand?
-
-Aber sie war bis heute so ausschließlich das A und O ihres Jungen
-gewesen, bisher hatte er nach jedem Schultag so aus Herzensgrund
-gerufen: »Gottlob, Mutter, daß ich wieder bei dir bin!« Deshalb
-erblaßte sie heute leicht, als dies Jubelwort fehlte und Bertold statt
-dessen sagte: »Und nachher will ich Liselotte besuchen.«
-
-Herr von Eichen ~senior~ kam ihr zu Hilfe. Er hatte dem Plaudern des
-Knaben mit ganz merkwürdigem Gesichtsausdruck zugehört. --
-
-»Daraus wird nichts,« erklärte er finster. »Die Schule bringt Unruhe
-genug. Das fehlte noch gerade, daß mir hier kreischende, polternde,
-unzurechnungsfähige Sprößlinge fremder Leute ins Haus kämen -- -- --«
-
-»Da bin ich,« sagte in diesem Augenblicke eine frohe Kinderstimme und
-ein warmes, kleines Händchen schob sich vertrauensvoll in die behaarte
-große Rechte des Scheltenden. »Ihr habt gewiß schon gewartet, aber ich
-konnte wirklich nicht eher, immer muß ich von dem Bertold erzählen, die
-Leute sind schrecklich neugierig. Und kein Mensch wollte es glauben,
-daß ich zu dir dürfte, denk bloß -- --«
-
-Und Liselotte Windemuth lachte silberhell und lehnte ihr weiches
-Körperchen an den grimmigen alten Herrn, so daß ihre blonden langen
-Locken über seinen grauen Flaus fielen.
-
-Niemand von der Tafelrunde, die um den Familientisch der Eik von
-Eichens saß, sprach ein Wort. Aber von dem einen Ende des Tisches kam
-ein häßliches, meckerndes, hölzernes Lachen, und dies Lachen berührte
-um so verwunderlicher, als es aus dem Munde des »schönen Eiks« kam.
-So nannte man Eik von Eichen ~junior~, den Pflegesohn und Haupterben
-der Eichenschen Besitztümer, den vorbildlichen Prachtmenschen, den
-korrekten, fleißigen, wohltätigen Handels-, Fabriks- und Gutsherrn, den
-»Heiligen von Schwarzhausen«.
-
-Liselotte warf einen etwas scheuen Blick auf ihn, dann drückte sie
-rasch die Hand des stummen, alten Herrn und küßte sie, wie sie es von
-ihrem Vater gewohnt war, darauf wandte sie sich an den Jungen:
-
-»Komm, Bertold, -- komm rasch und zeige mir deine Geige,« rief sie,
-anscheinend höchst froh, aus der stummen Gesellschaft fortzukommen.
-»O, ich kann’s ja gar nicht erwarten, die Amati zu sehen, und Herrn
-Organist Brennstoff habe ich auch schon davon erzählt, der freut sich
-halbtot. Stunden will er dir geben, hat er gesagt, und etwas Großes aus
-dir machen, und er rief immer: Heilige Cäcilie, habe Dank!«
-
-Das Kind verstummte, denn der alte Herr von Eichen hatte sich langsam
-aufgerichtet und sein verändertes Gesicht war furchtbar anzusehen. Die
-Adern lagen wie große, blaurote Schwielen auf der breiten Stirn und die
-grauen, düsteren Augen schossen Blitze. Schwer fiel seine Faust auf den
-Tisch, daß das Kaffeegeschirr tanzte und klirrte. --
-
-»Die Geige« -- keuchte er und faßte das Handgelenk seiner Tochter,
-die blaß und schreckensbang zu ihm aufschaute. »Du hast es gewagt,
-Franziska, sie mitzubringen?« -- --
-
-Und nun folgte ein Jähzornsausbruch, so gewaltig, so wuchtig und
-tobend, daß die jahrhundertealten Wände zu beben schienen. »Hinaus!«
-schrie er mit einer Stimme, die nichts Menschliches an sich hatte,
-und Frau Franziska nahm mit zitternden Händen die beiden Kinder und
-flüchtete mit ihnen auf die große Diele. Von hier aus lief sie, wie
-gejagt, in ihr eigenes Zimmer, während Bertold und Liselotte sich
-erschreckt ansahen.
-
-Liselotte strich sich die wirren Locken hinter die Ohren.
-
-»Na so was!« meinte sie empört. »_Das_ erzähle ich aber zu Hause, --
-das ist ja ffffurchtbar nett, daß ich nun auch den schlechten Kerl mal
-gesehen habe.«
-
-»Meinen Großvater,« stammelte Bertold, blaß bis in die Lippen.
-
-»I wo, den mein’ ich ja gar nicht. Ich mein’ natürlich deinen Onkel,
-der so gräßlich lacht und grinst.« -- -- --
-
-Sie streichelte liebevoll den verstörten Kameraden. »Fürchte dich nur
-nicht, Bertold, ich beschütz’ dich schon. Weißt du, ich hab’s furchtbar
-gern, wenn einer so losballert wie dein Großvater, mein Väterchen tut
-auch so, wenn die Base ihm Papiere verkramt, -- komm, Bertold, komm zur
-Amati.«
-
- * * * * *
-
-Am andern Tage ging es in der Schule weit lebhafter zu als am ersten.
-
-Denn in den letzten zwölf Stunden des vergangenen Tages und der
-vergangenen Nacht hatte man in Schwarzhausen so viel Neues erfahren,
-wie sonst nicht in Wochen, und in jeder Familie, die schulpflichtige
-Kinder besaß, ermahnte man die Kinder, den Bertold Malcroix ein bißchen
-auszuhorchen und vor allen Dingen es nicht zu leiden, daß er während
-der Pausen sich mit Liselotte Windemuth verkrümele.
-
-Rektor Dillen war beim alten Herrn Eik von Eichen gewesen, das wußte
-man auch, und er hatte dort verbrieft und versiegelt vorgefunden,
-daß der Bertold wirklich Eik von Eichen hieß und daß der durch
-leichtsinnige und schlechte Streiche des verstorbenen Malcroix
-besudelte Name durchaus verschwinden solle. Das heißt, wenn dies
-Frau Fama, das geschwätzigste aller Weiber, das in Schwarzhausen
-Ehrendienstwohnung besaß, zuließ. Vorläufig nannte man den Bertold
-_erst recht_ Malcroix, und es war ein fortgesetzter Ärger von den
-Schwarzhausenern, daß der hergelaufene Junge nicht auf ihn hörte,
-sondern den Rufenden höchstens mit ernsten, stillen Augen ansah, --
-mit höchst unbequemen Augen, vor denen man sich beinahe schämte.
-
-Ja, einer schämte sich so gründlich, daß er ein guter, zuverlässiger
-Freund von Bertold wurde, trotzdem er wenige Minuten vor diesem
-Schamprozeß recht hämisch quer über die Straße gerufen hatte: »Komm
-einmal her, kleiner Malcroix!«
-
-Dieser Mann, dem dann der abweisende, ernste, tiefe Kinderblick »bis
-an die Nieren« gegangen war, war der Apotheker von Schwarzhausen, Herr
-Nothnagel, -- und da er zu den gewichtigen Leuten zählte, konnte sich
-Bertold zu dessen plötzlicher Freundschaft wohl beglückwünschen.
-
-Und Herr Nothnagel bekräftigte diese Freundschaft mit einem halben
-Pfund »Abfallschokolade«, die er einem geheimnisvollen Fache seiner
-Apotheke entnahm und die Bertold und Liselotte auf einen Hieb
-vertilgten.
-
-Darauf bekamen sie drei Tage heftigen Durchfall, ohne zu ahnen, daß sie
-ihn der plötzlich erwachten Zuneigung des Herrn Nothnagel verdankten.
-
-In der Pause saßen Bertold und Liselotte doch wieder eng aneinander
-geschmiegt im Grasgärtchen.
-
-Sie hörten gar nicht auf das Höhnen und die Schmährufe der
-anderen Kinder, sie waren auf der fernen, glückseligen Insel der
-Jugendfreundschaft und des ersten rückhaltlosen Vertrauens.
-
-Liselotte erzählte stürmisch und temperamentvoll die wichtigsten
-Ereignisse ihres jungen Daseins.
-
-Daß ihre Lieblingspuppe Emmy ein schleichendes Fieber habe und schon
-seit einem Jahre ohne Kopf daliege, aber »zu süß« sei und gescheiter
-und netter als alle anderen dreiundzwanzig Puppenkinder, -- daß ihr
-Papa ein grundgelehrter Professor sei und »Väterchen« heiße, daß ihre
-Mama schon seit vier Jahren im Himmel sei, gerade dort, wo er am
-Tage am allerblauesten sei und wo des Nachts der Abendstern stünde
--- -- -- so hätte es Väterchen ihr erzählt. Und daß die Base Juliane
-den Haushalt führe und die alte Trine koche und flicke und stopfe und
-schimpfe, aber sonst beinahe so lieb sei, wie Puppe Emmy, -- nur eben
-leider _mit_ Kopf.
-
-Bei der Trine waren auch alle Puppen in »Penzion«, denn die Base
-Juliane erlaube nicht, daß Liselotte viel mit ihnen spiele, und es
-seien doch ihre Kinder, ihre süßen, wonnigen Kinder, die der Storch
-gebracht habe und der habe sie Liselotte, ganz richtig ins Bein
-gebissen, sie könne Bertold jeden Augenblick ihre große Zehe zeigen, wo
-die Narbe noch dran wäre.
-
-Liselottes Phantasie war großartig und ging jeden Tag zwölfmal mit ihr
-durch, aber für den ernsten Jungen war es ein tiefes Glück, in die
-begeisterten Augen seiner kleinen Gespielin zu schauen.
-
-»Bring’ mir nur deine Puppen,« meinte er, »ich will sie auch lieb
-haben.«
-
-Diese Aussicht überwältigte Liselotte dermaßen, daß sie die Ärmchen um
-seinen Hals legte und ihm einen Kuß gab, worauf sie sich beide den
-Mund abwischten.
-
-»Du bist ein _lieber_ Junge,« rief Liselotte, »willst du Puppe Emmy
-heiraten, oder lieber Vater sein?«
-
-»Vater sein,« erklärte Bertold, und die Sache war abgemacht.
-
-Als Rektor Dillen die Pause für beendet erklärte, hatte man sich schon
-für denselben Nachmittag verabredet, um fünf Uhr nach den Schularbeiten
-auf Windemuths Oberboden zusammen zu kommen, und zwar sollte Bertold
-seine Amati mitbringen und Liselotte ihre sämtlichen Puppen.
-
-»Und wenn Base Juliane es nicht erlaubt, dann werde ich brüllen und um
-mich schlagen, daß das Haus wackelt,« erklärte Liselotte, »dann darf
-ich’s schon, denn Väterchen braucht Ruhe.«
-
-Bertold lachte wieder sein herzliches, tiefes Lachen. Dann meinte er
-sinnend: »Meine Mutter hat früher auch immer mit Puppen gespielt, sie
-erzählt mir wunderschöne Geschichten davon. Deine Base Juliane ist
-wahrscheinlich nie Mutter gewesen.«
-
-Dies rührende Kinderwort sollte später die Schwarzhausener darin
-bestärken, daß Bertold »Malcroix« ein grundverdorbener Bengel sei.
-
-Denn als der Kampf mit Base Juliane an demselben Nachmittag wirklich
-entbrannte und Liselotte wie eine Löwin um ihre Jungen kämpfen mußte,
-rief das Kind ihrer Base empört zu: »Sag’ mal, bist du mal Mutter
-gewesen?«
-
-Und auf die wütende Gegenfrage der alten Jungfrau: »Wer, -- wer wagt
-es, so gemein zu fragen?« kam die Antwort: »Der Bertold.«
-
- * * * * *
-
-In all solchen Dingen handelte Schwarzhausen immer unglaublich rasch
-und holte die zehntausend Meilen, die es sonst in der Kultur zurück
-war, oft in einer Stunde ein.
-
-Schon am Nachmittag brachte es Base Juliane dem Professor Windemuth,
-der natürlich gerade in einer wichtigen archäologischen Arbeit saß,
-unter Tränen, Wut, Zittern und schamhaftem Erröten bei, daß, -- (o
-du mein himmlischer Vater, Vetter Windemuth, ich kann’s dir kaum
-andeuten), daß der hergelaufene Bengel Malcroix an ihrer, Julianes,
-Jungfrauschaft frech gezweifelt hätte, und der nun sehr aufgebrachte
-Professor, der sich ohnedem nach seiner schnöde unterbrochenen Arbeit
-zurücksehnte, rief: »Der Junge darf mir selbstverständlich nie ins
-Haus.«
-
-Und am selben Abend wußte es ganz Schwarzhausen mit Ausnahme des
-Hauses Eik von Eichen, daß der neunjährige Bertold ein ganz und gar
-verdorbenes Früchtchen sei.
-
-»Sie sind alle wild und verrückt,« plauderte Liselotte und sah ihren
-neuen Freund, der mit dem sorglich behüteten Geigenkasten vor ihr
-stand, ängstlich an. »Du darfst nicht rein zu uns, Bertold, ich soll
-nicht mit dir spielen.«
-
-Ganz schwarz wurden seine Augen in der Schmach dieser Minute. Wortlos
-drehte er Liselotte den Rücken und ging zurück ins Eichenhaus. Sie sah
-ihm nach und begriff mit der ganzen Stärke ihres Empfindens seinen
-Schmerz, und nun schrie und tobte Liselotte so ausgiebig, wie sie
-sich’s am Vormittag vorgenommen, und weinte die Hausbewohner zusammen
-mit dem unerklärlichen Jammerwort: »Ohhh, er wollte Vater sein und ihr
-erlaubt es nicht.«
-
-Ja, Schwarzhausen, das moralische Schwarzhausen, ging schweren Zeiten
-entgegen.
-
- * * * * *
-
-Im »Eichenborn« gab es einen Raum, ein echtes, rechtes
-Poetenwinkelchen, das hatte sich der alte Hieronymus Teichmann, der
-im übrigen eine schöne, geräumige Dienstwohnung besaß, ganz besonders
-für sich ausbedungen, und in diese heiligen Hallen verirrte sich nicht
-einmal seine liebe, gute, runde Frau.
-
-Fingerdick lag der Staub allüberall, aber alles, was er bedeckte, waren
-für Hieronymus Heiligtümer und unantastbare Geheimnisse.
-
-Nur einmal hatte Frau Thereschen Teichmann in diese Blaubartkammer
-hineingeschaut, und nachdem sie einen Schrei der Entrüstung
-ausgestoßen, hatte sie sich schnurstracks Wassereimer und Schrubber,
-grüne Seife, Besen, Schaufel und Wischtuch geholt.
-
-Aber der unmelodische Schrei hatte die beiden Hüter des Heiligtums
-herbeigelockt, und Frau Thereschen fand sich einem Doppelposten
-gegenüber, der ihr den Eintritt samt den Abzeichen ihrer
-Hausfrauenwürde wehrte.
-
-»Bei allem Respekt vor deiner Weiblichkeit, Teichweibchen, -- halt’s
-Maul,« rief ihr der Gatte Hieronymus entgegen. »Staub ist alles hier
-auf Erden, auch du sollst einst zu Staube werden. Und nun mache kein
-Federlesen und heb’ dich hinweg mit deinem Besen.«
-
-Frau Therese warf noch drei vorwurfsvolle Blicke zurück, den einen
-auf ihren Gatten, den andern auf den Staub und den dritten auf den
-Organisten Brennstoff.
-
-Das war der andere Teil des Doppelpostens, der beste und geliebteste
-Freund ihres Hieronymus, an welchen niemand auch nur »tippen« durfte.
-Vom sechsten Jahre ihres Lebens an waren die beiden unzertrennliche
-Kameraden.
-
-Brennstoff, selbst Lehrerssohn, hatte Musik studieren dürfen,
-gab sämtlichen Musikunterricht in Schwarzhausen und war Organist
-der Stadtkirche; Hieronymus Teichmann dagegen war der Nachfolger
-seines eigenen Vaters geworden, -- die Teichmanns dienten seit
-Menschengedanken den Eik von Eichens, waren Schloßverwalter,
-Silberdiener und Haushofmeister seit Generationen. Originale waren
-sowohl Brennstoff wie Teichmann.
-
-Beide liebten in ihrer Jugend das gleiche Mädchen, aber Teichmann
-durfte sie heiraten und hatte es nie bereut.
-
-Thereschen Balian aber ahnte nichts von Kantor Brennstoffs Liebe und so
-wurde sie Teichweibchen.
-
-»Das paßt und klingt gut,« meinte der Kantor entsagungsvoll. »Der
-Teichmann und das Teichweibchen. Hingegen _der_ ›Brennstoff‹, und
-weiter gar nichts, noch mehr Brennstoff bringt nur Explosion.«
-
-Ganz allmählich waren aus den zwei Freunden _vier_ Unzertrennliche
-geworden, es hatten sich Beethoven und Wagner zu ihnen gesellt.
-
-Auf irgendeinem spinnewebdunkeln Oberboden des grauen Hauses hatte
-ein Spinett gestanden; Hieronymus erhielt die Erlaubnis, es sich
-herunterzuholen, und auf diesem Spinett tippte er leise und andächtig
-in seinen Mußestunden herum, bis dann abends Organist Brennstoff kam
-und mit weichen, großen Händen wunderbare Töne daraus hervorlockte.
-
-Diese Töne wühlten das Innere auf und sänftigten es wieder, diese Töne
-ließen die beiden alten Herzen wunderbar schwingen, also daß die Hände,
-die zu den Herzen gehörten, sich falten mußten.
-
-»Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre!«
-
-»Herrgott, lieber Zacharias Brennstoff, -- gibt es denn nur noch so
-etwas auf dieser Erden! Man könnte wahrlich närrisch werden, -- spiel’
-weiter, Brennstoff, -- damit ich mein’, es musizieren die Engelein.«
-
-Dann präludierte der Stadtorganist weiter, und die schlichten Töne
-verdichteten sich zu einem Gemälde, und es war den beiden Alten,
-als hinge das Adagio der fünften Symphonie in breitem, wunderbarem
-Goldrahmen an der Wand über dem alten Spinett.
-
-Aber den Beschluß machte immer dasselbe Lied, das so gut zu dem
-glutroten Ball stimmte, der allabendlich hinter den Tannen des
-Thüringer Waldes versank:
-
- »Fahr wohl, du goldne Sonne,
- Du gingst zu deiner Ruh,
- Und voll von deiner Wonne
- Gehn mir die Augen zu.
- Schwer sind die Augenlider,
- Du nimmst das Lied mit fort,
- Fahr wohl, wir sehn uns wieder,
- Hier unten oder dort.
- Und trägt des Tods Gefieder
- Mich statt des Traums empor,
- Dann schau’ ich selbst hernieder
- Zu dir aus höherm Chor.«
-
-So war es jahrelang gewesen, -- da sah und hörte und fühlte der
-Organist Brennstoff zum ersten Male Bayreuth.
-
-Ein Stipendium, eine Fahrkarte und eine Berechtigungskarte für den
-Nibelungenring fiel vom Himmel hernieder in seine Hand, -- so meinte
-er heute noch, und doch hatte er den eingeschriebenen Brief dem
-Postboten selbst abgenommen.
-
-Wie im Traum war er damals aus Bayreuth zurückgekommen, und die
-Schwarzhausener merkten es nicht, daß die heiligen Hallen der
-Stadtkirche sich mit Wotans und Siegfrieds Gesängen füllten, und daß
-sich von dem Platze ihres Organisten aus ein goldener Regenbogen
-spannte, auf dem der verzückte Orgelspieler geradeswegs in Walhalla
-einzog.
-
-Es war ein Glück, daß Hieronymus Teichmann eine so gleichgestimmte
-Seele war, -- Meister Richard Wagner brauchte gar nicht lange auf
-dieser Harfe zu schlagen, da hatte er den ganzen Menschen schon mit
-Haut und Haar.
-
-Alles ersparte Geld ging beinahe auf Partituren drauf, die Brennstoff
-dem Freunde mit himmelhochjauchzender Begeisterung vorspielte, und
-Hieronymus sang beim Silberputzen: »Winterstürme wichen dem Wonnemond«
-und »Heialaweia«.
-
-Und jedesmal, wenn die beiden Freunde über Wagner philosophierten,
-schlossen sie ihr Zwiegespräch: »Es war ein herrlicher Mann und ein
-göttlicher Musiker, aber auch der, der uns die Bayreuther Karten gab,
-soll bis in die Knochen gesegnet sein!«
-
-»Uns« -- sagten sie, -- denn wenn auch nur der eine im gnadenreichen
-Bayreuth gewesen war, -- sie fühlten sich eben beide als dieser eine.
-
-Heute waren sie wieder einmal in Walhall gewesen, -- hatten dann den
-herabsinkenden Sonnenball mit Beethoven heimgeleitet und wollten nun
-selbst die Ruhe aufsuchen, als der Organist plötzlich sagte: »Meister
-Beethoven hängt tatsächlich in der Luft. Mir ist’s, als hätte ich ihn
-heute immerfort in den Ohren, auch wenn dieses Klavizimbel schweigt, --
-hörst du nichts, Hieronymus?«
-
-»Freilich, -- ich wollt’ es nur nicht wagen, und dir von der
-Erscheinung sagen, -- hör’ nur -- -- als ob’s hier oben wär’. Oder
-kommt es von draußen her?«
-
-Die beiden Freunde sahen sich an und lauschten wieder.
-
-Es war wie der Gesang einer Äolsharfe.
-
-Aber Äolsharfen pflegen nicht Beethoven zu säuseln, und doch
-unterschieden die beiden alten Freunde gar genau, wenn auch nur
-harfenfein, die Töne.
-
- »Heil’ge Nacht, o gieße du
- Himmelsfrieden in dies Herz -- -- --«
-
-Sie forderten sich nicht zu irgendeiner Tat auf, -- wann wären sie
-jemals uneins in ihren Gedanken gewesen?
-
-Mit dem Finger auf dem Mund stiegen sie die gewundenen, schnörkeligen
-Holztreppen hinauf, und auf dem zweiten Absatz kam Beethoven schon
-deutlicher zu Wort. Aber nirgends eine Spur von dem Sänger oder
-Spieler, nur -- die Tür eines uralten Schrankes klaffte ein wenig,
-allein dem strengen Auge eines ordentlichen Haushofmeisters bemerkbar,
-und dann zogen die Freunde aus den Tiefen des Riesenschrankes das
-Geigerlein hervor, das ganz betäubt war von Dunkelheit, Musik und --
-Mottenpulver.
-
-»Jesus! Unser Junker Bertold!« rief Hieronymus »Nun sag’ nur mal, wie
-kommst du rein in diesen dunkeln Kleiderschrein?«
-
-Bertold blinzelte die beiden an.
-
-»Ach, nirgends darf ich spielen, -- und nun hast du mich auch hier
-gefunden, Hieronymus. Wirst du es dem Großvater sagen?«
-
-Der Alte schüttelte begütigend den Kopf und zog ihn mit sich die
-Treppe hinunter. Organist Brennstoff aber hatte vorsichtig die Geige
-dem Knaben abgenommen und prüfte nun beim Dämmerlicht, das durch das
-Flurfenster fiel, die herrliche Maserung des alten Holzes und erkannte
-schließlich mit andächtigem Entzücken den Namen auf dem Boden der Geige
-durch das geschwungene ~S~ hindurch.
-
-»Heilige Cäcilie, ich halte eine Amati in der Hand, -- Herr, nun
-lässest du deinen Diener in Frieden fahren.« Brennstoff drohte zu
-explodieren, »Das, was ich sagte, ist keine Gotteslästerung, -- das sei
-ferne von mir, -- aber es ist etwas Heiliges um eine Amati, und dieser
-Jungherr scheint zu wissen, was er Kostbares hegt.«
-
-Sie waren wieder in das Poetenwinkelchen eingetreten.
-
-»Ja, ich weiß es,« entgegnete Bertold ernsthaft. »Vater hat sie
-mir ja gegeben, ehe -- ehe er starb. Heiligtum, sagte er nur, und
-dann -- -- --«
-
-Die Augen des Knaben waren wieder ganz schwarz vor Erregung, und
-Hieronymus strich ihm hastig über den dunkeln Kopf. Still bei sich
-dachten beide Männer dasselbe.
-
-Daß der Name Malcroix auch ehemals ein Heiligtum gewesen sei und
-durch die Schuld des Mannes, der eine Geige so hoch hielt, zu einem
-wertlosen Fetzen geworden war, den man seinem Knaben zum eigenen Besten
-fortgenommen.
-
-»Nun spiele,« brach Hieronymus das Schweigen, »hier ist mein Reich, und
-ich kann wehren, wer uns hier etwa wollte stören.«
-
-Und der Knabe spielte.
-
-Ob auch die goldene Sonne längst zur Ruhe gegangen war, es lag ein
-lichter Schein um das Haupt des Kindes.
-
-Das jubelte und jauchzte, das klagte und zitterte in den Saiten, es
-war ein gewaltiges, sehnsüchtiges Klingen. -- Spielte wirklich nur ein
-kleiner, schwarzlockiger Junge, oder meisterte unsichtbar ein anderer
-die Saiten des wunderherrlichen Instrumentes?
-
-Organist Brennstoff saß mit gefalteten Händen da, und Träne auf Träne
-tropfte auf sie herab.
-
-Er war nicht imstande, dem Jungen auch nur ein Wort zu sagen, als
-dieser endlich den Bogen sinken ließ und mit leisem, ernsten »Gute
-Nacht« das Zimmer verließ.
-
-Aber dann brach es los bei ihm, -- wie ein Sturzbach kamen die
-ungestümen Worte:
-
-»Ich hab’ mich vermessen, Freund Hieronymus. Ich wollte ihn
-unterrichten und fühle, ~den~ kann ich nichts mehr lehren. Heilige
-Cäcilie, wie ist’s möglich, daß ein Kind so wunderbar spielt! Ich will
-dir etwas sagen, Freund, -- dies Spielen hat ihn sein Vater gelehrt.
-O, ich habe die Fräulein Franziska immer verstanden, daß sie diesem
-Rattenfänger von Hameln folgte, -- »sie mußten alle hinterdrein«. Und
-so ein zartes Weibchen, so eine schöne Seele in einem schwächlichen
-Gefäß -- was sollte sie wohl widerstehen? Und wir zwei, Hieronymus,
-wir müssen diesem kleinen Musikus das Andenken seines Vaters retten,
-denn wo viel Licht ist, ist viel Schatten, und jener Malcroix war ein
-Genie. Heilige Cäcilie, es kommt wieder echte Musik nach Schwarzhausen,
-es kommt wieder Klang in unsere verdudelte Leierkastenatmosphäre --
-Hieronymus, die Manen Beethovens und Wagners schwebten heute in diesem
-gesegneten Raume!« -- --
-
-Er war ganz außer sich, der lange, hagere Organist, raffte seinen Hut
-und seine große Pelerine zusammen und stürzte zur Tür hinaus, kaum noch
-hörend, was Teichmann ihm unter Kopfschütteln nachrief: »Gute Nacht,
-gute Nacht! Allen Müden sei’s gebracht.« --
-
- * * * * *
-
-Im Frühstückszimmer des Hauses Eichen herrschte die Stimmung wie nach
-dem Gewitter. Eben war die schwere Tür mit lautem Krach zugeflogen, und
-die wilden Flüche und Reden des alten Herrn hingen noch in der Luft.
-Erschreckt und blaß saß Frau Franziska auf ihrem Stuhl, und ihre Augen
-standen voll Tränen.
-
-Sie starrte gequält vor sich hin, und vielleicht ohne daß sie es
-wollte, kamen die Worte von ihren Lippen: »O Gott, soll das nun immer
-so fortgehen?«
-
-Ihr gegenüber saß Herr Baldamus Eik von Eichen.
-
-Er hatte sich mit keiner Silbe an dem vorhergegangenen Wortwechsel
-beteiligt.
-
-Er liebte das Reden nicht und war zu korrekt für eine Einmischung.
-Er verabscheute Aufregungen und mied sie auch aus gesundheitlichen
-Gründen, -- die wilden Jähzornsanfälle des Pflegevaters waren ihm
-höchst unsympathisch, und da er immer logisch dachte, so versuchte er
-jetzt, nachdem er mit großer Seelenruhe eine echte Importe in Brand
-gesetzt, seiner Pflegeschwester Franziska den einzig möglichen Schritt
-zur Vermeidung solcher Auftritte anzuraten.
-
-»Tue Bertold von hier fort in eine Knabenpension,« meinte er in seiner
-leisen, lauernden Art, die immer sofort auf die Antwort horchte.
-
-»Niemals!« war die rasche Erwiderung. »Mein Junge entbehrt schon den
-Vater in so jungen Jahren, _mich_ soll er wenigstens behalten.«
-
-»Hm.« -- -- Herr Baldamus bog sich etwas vor, um ihr besser in die
-Augen schauen zu können. »Und die Geige, -- sein Wimmerholz -- möchtest
-du ihm nicht fortnehmen? Dann wäre doch _ein_ Stein des Anstoßes fort.«
-
-»Aber auch seine einzige Freude,« rief Franziska leidenschaftlich.
-
-»Ich denke, die einzige Freude bist _du_?« fragte die verhaltene Stimme
-des Mannes.
-
-Sie sah ihn jetzt ruhig an.
-
-»Bertold, die Geige und ich sind eins,« sagte sie langsam und betonend.
-»Und wo man dies eine verjagt, da verjagt man uns drei.«
-
-Das unsympathische Lachen, welches die kleine Liselotte so sehr empört
-hatte, tönte wieder zu der jungen Frau hinüber, aber heute war es nicht
-so meckernd, -- heute schwang etwas anderes mit, ein Unterton, der
-Franziska erschreckte, denn sie kannte dies Lachen ihres Pflegebruders
-von ihren Kindertagen her; es sollte oft sein Temperament verbergen,
-das er immer sorgsam gezügelt hatte vor anderen.
-
-»Franziska -- -- komm zu mir!«
-
-Sie sah ihn ohne Verständnis an.
-
-»Franziska!!!« Er war sachte aufgestanden und trat mit lautlosen
-Schritten zu ihr. »In _meinem_ Hause hat dir niemand etwas zu
-verbieten, und ich will deinen Knaben und« -- jetzt kam doch das
-meckernde Lachen, -- »auch das Marterholz will ich schützen.«
-
-»Wir schützen uns schon selbst.« Ganz ruhig klang es. »Vater ist maßlos
-in seinem Zorn, aber -- ich habe ja auch gefehlt und muß es büßen.«
-
-»Du sollst aber nicht büßen, und du _willst_ mich nicht verstehn,«
-flüsterte eine heiße Stimme, »Franziska, -- hör’ mich, komm, --
-Franziska -- --«
-
-Er bebte vor Leidenschaft und suchte sie in seine Arme zu ziehen.
-Ganz weiß war ihr Gesicht und eisigkalt Stirn und Hände, -- sie war
-aufgesprungen und wich vor ihm weit ins Zimmer zurück.
-
-»Ich bitte dich, mein Trauerkleid zu achten, das ich um meinen Mann
-trage,« sagte sie tonlos.
-
-»Wie lange noch?« fragte er lauernd.
-
-»_Immer!_«
-
-Er sah aus, als wolle er sich auf sie stürzen, -- -- aber da klopfte es
-an die Tür, und Hieronymus Teichmann meldete, daß Herr Eik von Eichen
-~senior~ die Frau Tochter zu sprechen wünsche und recht matt wie nach
-einem schweren »Anfall« in seinem Zimmer liege.
-
-Teichmann brachte seine Meldung, wie immer, in Reimen vor, ohne aber
-eine Miene dabei zu verziehen.
-
-»Alter Schwätzer!« murmelte Herr Baldamus, während Franziska hastig zum
-Vater eilte.
-
-Hieronymus sah den jüngeren Eik ernst an, -- es lagen tausend schwere
-Worte in diesem einen Blick. --
-
- * * * * *
-
-»Du wirst noch deine Stelle verlieren, Bruder,« meinte Fräulein Rektor
-klagend und hob eindringlich die rechte Hand, in der sie einen großen
-Holzlöffel hielt, von dem es unaufhörlich blutrot herabtropfte, ohne
-daß sie es merkte.
-
-Sie kochte Saft in der Küche.
-
-»So will ich sie lieber verlieren,« meinte Rektor Dillen ruhig, »aber
-es geht nicht so rasch mit dem Absetzen.« --
-
-»Gott, dieser Leichtsinn in deinen alten Tagen! Und alles wegen so
-’nem Bengel. Du hast ’n Narren an ihm gefressen, wie früher an seiner
-Mutter, und eines schönen Tages wird er auch durchgehen.«
-
-»Das gehört hier gar nicht her.« Der Bruder war plötzlich sehr ernst
-geworden. »Und in meiner Schule habe _ich_ zu sagen.«
-
-Die Schwester lief ärgerlich in die Küche zurück, und auf dem Teppich
-in der Studierstube blieb eine kleine Blutlache vom Saftlöffel zurück,
-als Zeichen des harten Kampfes.
-
-Sturm im Wasserglase.
-
-Die Schwarzhausener litten durchaus das liebe, köstliche
-Plauderviertelstündchen nicht, welches Bertold mit Liselotte alltäglich
-pflegte, und sie machten der braven Rektorschwester die Hölle heiß
-und das Leben sauer. Aber Rektor Dillen lief wie eine brave Glucke um
-seine zwei Kücken herum und verscheuchte jeden jungen Habicht, der
-es wagte, die beiden zu stören. Das tiefe, gute Lachen des Knaben und
-das altkluge Geplauder des Blondchens waren jetzt die Freude seines
-einförmigen, stillen Lebens geworden. Er wollte sie sich nicht rauben
-lassen durch Weibergeschwätz und Kleinstadtklatsch. -- Er liebte den
-Eichenborn, er war mit dem Hause Eik verwachsen und mit ihm durch Höhen
-und Tiefen geschritten, trotzdem Jahrzehnte dazwischen lagen, seitdem
-er den Eichenborn das letztemal betreten.
-
-Aber er war doch einmal ein Jemand gewesen, der in dem langen grauen
-Hause etwas zu sagen hatte, -- der Hauslehrer des jungen stattlichen
-Baldamus von Eichen.
-
-Aber der Volksschulmeister, der von früher Jugend an von jedem geduckt
-wurde, von vielen über die Achsel angesehen, die es wahrlich nicht
-nötig hatten, der spielte oft eine klägliche Rolle in dem Herrenhause.
-
-Sein Brotgeber war der jähzornige Eichen ~senior~, der damals noch
-nicht alt, dafür aber noch maßloser heftig war, als ihm jetzt die Leute
-andichteten, und sein Schüler war der schöne Pflegesohn, der sich
-nichts sagen lassen wollte von einem »Seminaristen«.
-
-Und unbequem war es ja, daß auch Seminaristen helle, scharfe Augen
-haben und eine unbegreifliche Art, das Unrecht auch Unrecht zu nennen,
-selbst wenn es von reichen Zöglingen begangen wird.
-
-Nun hätte der Seminarist Tüllen ~alias~ Dillen ja ruhig und unbehelligt
-alles von dem verwöhnten Baldamus _denken_ können, nur das _laute_
-Denken war sehr unvorsichtig von ihm.
-
-Eik von Eichen ~senior~ verbat es sich auch einfach, denn trotzdem er
-den Lehrer Tüllen schätzte, so reichte das doch nicht an den Stolz und
-die Liebe, mit denen er an seinem Pflegesohn hing.
-
-Baldamus Eik war schon als Knabe unfehlbar in den Augen seines
-Pflegevaters, der dem höchst anfechtbaren und zweischneidigen
-Wahlspruch huldigte: »Nun gerade!«
-
-Unter den Schwarzhausener Bürgern waren keine Pestalozzis, und auch der
-junge Lehrer Tüllen war keiner.
-
-Hätte er nur ein einziges Mal Herrn von Eichen ~senior~ als lohnendes
-Erziehungsobjekt angesehen und sich überlegt, daß er ihn mit seinem
-eigenen Wahlspruch schlagen und auf den richtigen Weg bringen konnte,
--- er hätte sich wahrhaft Verdienste erworben, -- aber krumme oder
-schwachbeleuchtete Wege waren vor Herrn Lehrer Tüllens Augen verborgen,
-und er tat aus Gewissenhaftigkeit, was die Schwarzhausener aus Freude
-am Schelten und Nörgeln taten, er sagte Herrn von Eichen ~senior~, daß
-sein Neffe Baldamus sich zum Schleicher und Taugenichts auswachse.
-Aber der Wahlspruch: »Nun gerade« ließ die Ankläger als grobe Lügner
-scheinen. Mut besaß der kleine Seminarist damals für zwei, das
-mußte man ihm lassen, doch nachdem sich Herr von Eichen von seiner
-Verblüffung über die Dreistigkeit des Hauslehrers erholt, warf er ihn
-hinaus.
-
-Das ließ sich Lehrer Tüllen auch gefallen, denn er war schmächtig und
-klein, und die Faust des alten Eiks hatte schon Stärkere geworfen,
-aber er ließ es sich nicht gefallen, daß Baldamus, sein Schüler, ihn
-auf offener Straße verhöhnte, sondern er verabreichte ihm eine ganz
-gepfefferte Ohrfeige vor allen Leuten, welche die Beleidigung angehört.
-
-Diese Ohrfeige vergaß Baldamus nie, und auch Lehrer Tüllen hatte
-vollauf Ursache, sich stets ihrer zu erinnern, denn sie war sozusagen
-der Stein, über den er fortgesetzt in seiner Laufbahn stolperte, der
-Knüppel, der ihm ins Rad flog, der Balken, der sich vor jede Tür legte,
-durch welche er in ein besseres Amt schreiten wollte.
-
-Schon hatte er sich es als das Beste ausgedacht, seine Heimat ganz zu
-verlassen, als sich etwas sehr Verwunderliches ereignete.
-
-Die guten Schwarzhausener waren bibelfest, aber sie hielten sich
-zumeist an das Alte Testament, das gar kräftig »Auge um Auge, Zahn um
-Zahn« predigte, das Neue Testament mit dem Evangelium der Liebe war
-ihnen noch fremd.
-
-Und so begriffen sie es niemals, daß Lehrer Tüllen ohne weiteres die
-rasenden Pferde aufhielt, welche das Gefährt des Baldamus und ihn
-selbst darin hinter sich herschleiften.
-
-Arg zerschunden und zerrissen hing der Lehrer am Zügel des Handpferdes,
-das endlich zitternd stand, während der junge Herr Baldamus zwar
-blaß, aber nach dem bewährten Sprichwort: »Unkraut vergeht nicht«,
-doch völlig gesund aus dem Wagen kletterte, ohne seinem Todfeind ein
-Dankeswort zu gönnen.
-
-Dafür dankte Eik von Eichen ihm mit der leitenden Stelle an der
-Rektorschule, und Lehrer Tüllen nahm sie ohne weiteres an. Hatte
-er doch eine alte, verwitwete Mutter und eine Menge halbwüchsige
-Geschwister zu unterstützen. Er nahm sie auch an, weil sein Herz ein
-energisches Veto gegen das Verlassen von Schwarzhausen einlegte,
-sein Herz, das gar nicht einmal mehr ihm gehörte, sondern der
-wunderlieblichen, ach so fröhlich-sonnigen Anna Teichmann, der Tochter
-des alten Hieronymus.
-
-Er hatte sie schon als Kind geliebt, das Ännchen, und obgleich ihre
-Augen nachtdunkel waren, für ihn waren sie die Sonne.
-
-Freilich war das Mädel viel jünger als er, aber er hatte sich innerlich
-jung, rein und herzwarm gehalten; der Vater Hieronymus liebte ihn, und
-das Ännchen vertraute ihm alle ihre Geheimnisse.
-
-Nur das eine nicht, -- -- und er war doch jahrelang ihr treuester
-Freund, der nur auf ihren achtzehnten Geburtstag wartete, um die
-inhaltreiche Frage zu tun: »Hast du mich lieb, Ännchen?«
-
-Zu spät, du dummer, gescheiter Herr Lehrer.
-
-Denn an ihrem achtzehnten Geburtstage zog man Ännchen aus dem
-Mühlenteich, das kleine, liebevolle, vertrauende Mädel, das dem Lehrer
-Tüllen zu jung gedünkt hatte für die heilig-tiefe Frage -- -- --
-
-Und wie er damals den rasenden Pferden in die Zügel fiel, so tat er es
-jetzt mit dem rasenden Vater Hieronymus, er nahm ihm den Revolver aus
-der Hand.
-
-Schlaf ruhig, Ännchen!
-
-Dein alter braver Vater soll nicht zum Mörder werden und -- dein
-Liebster ist keinen Schuß Pulver wert.
-
-Lehrer Tüllen betrat Haus Eichenborn nicht wieder.
-
-Wenn er und Vater Hieronymus Teichmann sich begegneten, dann grüßten
-sie sich stumm mit schweren Blicken; gesprochen hatten sie nicht wieder
-miteinander.
-
-Wie lange war das alles schon her!
-
-Ewigkeiten!
-
-Die Thüringer Edeltanne auf Ännchens Grab war schon ein stattlicher
-Baum, beinahe so stattlich, wie der Herr Baldamus Eik von
-Eichen. -- -- --
-
-»Rektor Dillen« mußte jetzt manchmal dieser alten Zeiten gedenken,
-und er jagte nicht, wie früher, die düsteren Gedanken fort, sondern
-vertiefte sich in sie.
-
-Denn er liebte den kleinen Bertold Malcroix und ahnte mit dieser Liebe,
-daß von dem glatten, korrekten, angesehenen und hochgeachteten Herrn
-Baldamus ein Unheil für den Knaben ausgehe.
-
- * * * * *
-
-Bertold und Liselotte saßen wieder im Grasgärtchen zusammen.
-
-»Nun kommen bald Ferien,« lachte das Mädchen, »und dann kommt Hans.«
-
-»Hans? Ist das dein Bruder?«
-
-»O nein! Ein Vetter. Hans von Windemuth!«
-
-»Wie komisch! Du bist doch nicht ›von‹!«
-
-»Nein. Väterchen sagt, drei Buchstaben tun’s nicht, wenn’s nicht drin
-steckt.«
-
-»Verstehst du das, Liselotte?«
-
-»Ach -- ich weiß nicht, ich denke nicht stark dran. Weißt du es denn?
-Du bist nur zwei Jahr älter als ich.«
-
-Bertold reckte sich. »Zwei Jahre sind sehr viel. Ja, ich weiß, was
-dein Vater meint. ›Wenn man dumm und schlecht ist, dann kann einem der
-adlige Name nichts nützen.‹«
-
-»Hans von Windemuth ist aber nicht dumm und schlecht.«
-
-»O, den meine ich auch gar nicht. Erzähl’ mir von ihm, was ist er?«
-
-»Kadett ist er. Schon beinahe Fahnenjunker. In Groß-Lichterfelde ist
-das Kadettenhaus.«
-
-»Ist es ein guter Junge?«
-
-»Hm -- -- ja -- ich glaub’ -- --«
-
-»Klug?«
-
-»Klüger als die meisten Menschen. Er weiß alles, das sagt er selbst.«
-
-»Meinst du, daß er mich gern haben wird?«
-
-»Aber natürlich. Du spielst ja Geige. Er spielt ja so prachtvoll
-Klavier, schon ganz rasend schwere Stücke. O, es ist zu fein, daß Hans
-kommt, dann können wir zusammen musizieren. Du Geige, -- ich und der
-Hans begleiten dich abwechselnd -- -- --«
-
-»Ja, das wird herrlich!« rief Bertold lebhafter, als es sonst seine Art
-war. »Du kannst mir nun jeden Tag von dem Vetter erzählen, damit ich
-ihn richtig kennen lerne. Und wenn er so furchtbar klug ist, dann will
-ich mich ordentlich auf die Hosen setzen.«
-
-»Sitzt du denn nicht immer drauf, Bertold?«
-
-Der Junge lachte. »Wie du ernsthaft fragst. Es ist nur so ’ne
-Redensart. Ich mein’ damit, ich will noch strammer arbeiten.«
-
-Liselotte erhob Einspruch. »Das kannst du gar nicht, Bertold. Herr
-Rektor sagt, du wärst der Beste von uns allen.«
-
-Bertold zuckte die Achseln. »Na weißt du, Liselott, viel gehört da
-nicht zu. Findest du nicht, daß die Kinder sehr faul sind?«
-
-Liselotte zog ihr nachdenkliches Gesichtchen. »Weiß nicht. Aber es
-ist am Ende einerlei. Bertold, ich hab’ Sorgen, Puppe Emmy kommt gar
-nicht aus dem Fieber raus. Weißt du, die Base versteht gar nichts von
-Kinderkrankheiten, sie meint, Fieber käme nur vom Kopf, und Puppe Emmy
-hätte keinen, und deshalb könnte sie auch kein Fieber haben, aber das
-ist ja Unsinn. Wenn die Base ’ne Mutter wär’, wie ich, und an die
-vierundzwanzig Kinder hätte, dann würde sie nicht so dumm reden. Was
-meinst du, Bertold?«
-
-Der Knabe sah voll Ernst und Mitgefühl in das Gesichtchen der
-Spielgefährtin, das im Schmerz um die kranke Puppe einen ganz rührenden
-Ausdruck zeigte. Er hätte es um die Welt nicht vermocht, ihr einen
-wehtuenden Vortrag über kopflose Geschöpfe zu halten, trotzdem etwas in
-ihm sagte: »Sie ist doch ein furchtbar dummes kleines Mädchen.«
-
-»Puppe Emmy ist schwer krank,« meinte er zögernd, »weißt du, Liselotte,
-wenn der Kopf fehlt, wirft sich alles aufs Innerliche -- -- --«
-
-Sie nickte ernst und sah beruhigt aus. »Du hast recht, Bertold. Es wird
-eine Sägespänentzündung sein. Gott, was hat man für Sorgen mit seinen
-Kindern!«
-
-Dann schritten sie wieder zum gemeinsamen Unterricht, und so vergingen
-die Tage und Wochen im gleichmäßigen Einerlei.
-
-Aber doch nicht ganz.
-
-Denn Bertold war die feierliche Erlaubnis zuteil geworden, in das Haus
-von Professor Windemuth zu kommen. Die Base war zwar noch immer von
-tiefem Mißtrauen gegen ihn erfüllt und überhaupt gegen alles, was von
-dem alten »Eik« abstammte, aber Liselotte war wenigstens beschäftigt,
-wenn sie mit dem Freunde zusammen war, und die Base konnte nichts
-Anstößiges entdecken, wenn sie einmal »revidierte«, was gewöhnlich
-in der Weise geschah, daß sie auf Filzpantoffeln zu der Kinderstube
-schlich und mit einem ganz plötzlichen Ruck die Tür aufriß.
-
-Weder Bertold noch Liselotte waren nervös, sie guckten manchmal kaum
-von ihrem Spiel auf, während die Base doch gewohnt war, bei derartigen
-Überfällen, z. B. der Dienstboten, diese mit glühend roten, arg
-verlegenen Gesichtern verschiedenes verbergen und fortpacken zu sehen.
-So ließ sie jetzt tagelang die beiden unbehelligt. Noch lieber freilich
-war es dem Bertold, wenn er zu Professor Windemuth ins Arbeitszimmer
-durfte. Im Gegensatz zum Großvater war der Gelehrte nicht wortkarg oder
-mürrisch und ernst, sondern ein herzensheiterer, mitteilsamer Mann,
-der mehr als einmal einen lustig sprühenden Humor zu Hilfe nahm und
-mit ihm gegen Base Juliane zu Felde zog. Für alle kleinen Herzensnöte
-seines Töchterchens hatte Professor Windemuth offene Augen und Ohren,
-und daher kam es, daß Liselotte die längst verstorbene Mutter gar nicht
-vermißte, vielmehr noch nie darüber nachgedacht hatte, was ihrem Leben
-eigentlich mangelte. Der Vater ersetzte ihr alles und nahm sie auch
-gegen allzu heftige An- und Übergriffe der Base kraftvoll in Schutz.
-
-Der Professor hatte längst erkannt, daß seine kleine wilde Hummel nur
-gewinnen könne, wenn Bertold ihr Spielkamerad bliebe, es hatte ihm
-imponiert, daß der Junge streng das einstmalige Verbot, das Haus zu
-betreten, innehielt. Von wem er wohl diesen festen Gehorsam hatte?
-Vom Großvater sicherlich nicht, der sich in seinem ganzen Leben noch
-niemandem gebeugt, und von der Mutter, die das vierte Gebot so wenig
-geachtet, daß sie bei Nacht und Nebel aus dem Hause entwich, um ihrem
-Liebsten zu folgen, doch sicher auch nicht.
-
-Gewiß hielt der ehrenfeste Herr Baldamus von Eichen seine strenge Hand
-über den Knaben. Dieser Sproß des Hauses ging wenigstens seine geraden
-Bahnen, wie sie Schwarzhausen jedem seiner Bürger vorschrieb -- -- --
-sympathisch war er ja dem Professor nicht, aber das lag wohl mehr
-daran, daß Eik ein vollständiger Zahlenmensch war, während bei ihm,
-Professor Windemuth, das Herz öfter mal mit dem Verstande durchging.
-Vom weiblichen Einfluß hielt Professor Windemuth nicht viel. Seine
-eigene, früh verstorbene Gattin war ein hilfsbedürftiges Wesen ohne
-jede eigene Meinung gewesen, der Inbegriff aller zarten Weiblichkeit.
-Liselottes Geburt kostete ihr das Leben, und da ihre Nachfolgerin in
-Küche und Haus, Base Juliane, das genaue Gegenteil von ihr bildete,
-mürrisch, ungehobelt, lärmend, aber tüchtig und umsichtig schaltete, so
-nahm der Professor an, daß Frauenzimmer unberechenbare Geschöpfe seien,
-durchaus keine Logik und erwiesenermaßen anderthalb Lot Gehirn weniger
-besäßen.
-
-Das alte Fräulein Adelgunde von Eichen aber, das am liebsten das ganze
-Deutsche Reich umhäkelt hätte, zählte überhaupt nicht mit.
-
-Armer, kleiner Bertold!
-
-So sollte er wenigstens ein klein wenig den Zuspruch eines gebildeten
-Mannes genießen. --
-
-Vielleicht hätte sich das Schicksal dem jungen Bertold ein bißchen
-gnädiger erweisen sollen; es wäre so gut gewesen, wenn Liselotte ihr
-feines musikalisches Gehör vom Vater geerbt hätte, anstatt von der
-früh heimgegangenen Mutter, die ihren Gatten nun nicht mehr darauf
-aufmerksam machen konnte, daß da in unmittelbarer Nähe ein Genie
-steckte. Infolgedessen bekam Bertold keinen weiteren Unterricht und
-hatte nichts als die beinahe vergötternde Zustimmung von Brennstoff
-und Teichmann, bei denen er noch allabendlich musizierte, ein
-gelegentliches Melden beim Großvater, der aber den Enkel so wenig als
-möglich zu sehen wünschte, ferner einen täglichen einstündigen Besuch
-bei Tante Adelgunde von Eik und ihrer sprichwörtlichen Häkelei und --
-seine Mutter.
-
-Frau Franziska Malcroix war so jung, so schön und -- so ernst. Sie
-lebte _nur_ für ihren Bertold, -- sie erhob sich des Morgens um vier
-Uhr und blieb, nachdem sie abends neun Uhr mit ihrem Knaben gebetet,
-noch ein Stündchen in dem neben Bertolds Schlafstube befindlichen
-Zimmer, wo sie arbeitete und schrieb und auf die regelmäßigen Atemzüge
-ihres Einzigen lauschte. An den Tag, der ihr den Knaben nehmen und
-in das Gymnasium nach E. führen würde, dachte sie mit Grauen. Jetzt
-gehörte er ihr noch, wenn sie auch mit leisem Schmerz fühlte, daß sie
-seine Liebe mit der kleinen Liselotte teilen müsse.
-
-So handelte sie wie eine echte Mutter und nahm auch das Mädelchen noch
-an ihr Herz, -- ja sie ließ die beiden kaum von sich, denn sie waren
-der sicherste Schutz gegen die Besuche ihres Vetters Baldamus. --
-
-Franziska Malcroix hatte Angst vor ihm.
-
-Sie konnte sich selbst nicht begreifen, denn sie war doch sonst so
-energisch und zielbewußt gewesen.
-
-Sie hatte Angst vor Herrn Baldamus, wenn dieser auch ganz ruhig und
-scheinbar in ein interessantes Buch oder eine Zeitung vertieft in
-seinem Lehnstuhl saß, oder wenn er Bertold etwas erklärte, der seinen
-Wissensdurst stillte, wo immer er eine Quelle fand. Ja, sie hatte
-Angst, auch wenn er nur Bertolds Geige zur Hand nahm, -- Angst, daß er
-das Instrument mit einem Griff seiner schmalen, weißen Hände zerbrechen
-könne. Sie hatte Angst, daß er irgendein Mittel besitzen oder ergreifen
-könne, sie zu zwingen, sein Weib zu werden.
-
-Denn er war beinahe allmächtig in Schwarzhausen, das konnte sie täglich
-erfahren, und sie wäre wohl mit einem Male wieder angesehen in dem
-Städtchen gewesen, wenn sie plötzlich die Braut des hochmögenden Herrn
-Baldamus wurde.
-
-Wie sie dieser Gedanke schauern machte und ihre Arme so fest um ihren
-Bertold legen ließ, ja er ließ sogar den Schmerz um den verachteten,
-toten Gatten milder werden und die Liebe heller leuchten, die doch die
-Vergangenheit geheiligt hatte.
-
-Merkwürdig war es, daß der Vater, Herr Eik von Eichen ~senior~, sich in
-keiner Weise in die Angelegenheiten des Pflegesohnes Baldamus mischte,
--- er, der die Tochter einst verstieß, weil sie diesem Pflegesohn einen
-Korb gab um eines Unwürdigen willen.
-
-Die Liebe der Schwarzhausener hatte Herrn Eik ~senior~ kopfscheu
-gemacht. »Nun gerade!« war und blieb sein Wahlspruch, und der
-Pflegesohn sank um so viel Grade in seiner Wertschätzung, wie er in der
-seiner Vaterstadt stieg. Die verachtete Tochter aber kam dem alten,
-verbitterten Vaterherzen wieder näher, während der Junge, der Bertold,
-weit, weit von ihm abrückte, denn von diesem Knaben erzählten die Leute
-Wunderdinge; und besonders Rektor Tüllen und Hieronymus Teichmann taten
-sich in begeisterten Lobeserhebungen hervor.
-
- * * * * *
-
-Und nun kamen die Ferien, und Hans von Windemuth, der Herr
-Fahnenjunker, zog in Schwarzhausens Hallen ein.
-
-»Das ist also Hans?« fragte sich selbst Bertold von Eiken, der mit
-einer Mischung von begeisterter Erwartung und leiser Eifersucht der
-Bekanntschaft entgegengesehen hatte.
-
-»Das ist Hans!« bestätigte strahlend Liselotte Windemuth, und der
-Herr Fahnenjunker brauchte gar nichts zu sagen, dem sah man das
-stolze Bekenntnis schon auf drei Schritte weit an: »_Ich bin Hans von
-Windemuth!_«
-
-Die dreiundzwanzig Puppen wurden in die tiefsten Tiefen des Schrankes
-versenkt und Puppe Emmy ohne Kopf ganz besonders fest und weitab
-verstaut, denn der Fahnenjunker fand sie »scheusälig«. Bertold wunderte
-sich über all diese Dinge, wunderte sich auch, daß Liselotte so
-fröhlich und gleichmütig blieb und nur leise ihm zuflüsterte: »Weißt
-du, Bertold, die Puppen verreisen jetzt ins Bad, und Puppe Emmy kommt
-zu einem Kopfspezialisten. Wenn dann Hans abgereist ist, holen wir die
-Puppen wieder von der Bahn ab, und dann spielen wir weiter.«
-
-»Puppe Emmy hat dann aber immer noch keinen Kopf,« gab Bertold zu
-bedenken.
-
-»O, ich hab’ mir das alles überlegt,« meinte Liselotte. »Dann ist eben
-die Operation nicht geglückt, -- es kommt oft vor bei großen Leuten,
-nur daß ich eben meine süße Emmy nicht sterben lasse.«
-
-Liselotte sah ernsthaft und wichtig aus; dann zog sie Bertold mit
-sich nach Hause in das große, tiefe Zimmer, in welchem der prächtige
-Bechsteinflügel stand, und sagte: »Nun wirst du gleich nicht mehr an
-die Puppen denken, denn Hans will uns vorspielen.«
-
-Der Fahnenjunker betrachtete etwas spöttisch seine gespannt dasitzende
-Zuhörerschaft, -- die kleine, strahlende Base, den ernsthaften Jungen
-und die Base Juliane, welche Tränen vergoß, wenn er den »guten Mond«,
-den »schönen Schweizerbub« oder »das Gebet der Jungfrau« vom Stapel
-ließ, während sie bei Chopin und Grieg in der Stube herumwirtschaftete,
-mit Scheren und Fingerhüten, Messern und Gabeln, Gläsern und Tellern
-viel Spektakel vollführte und schließlich türschlagend das Zimmer
-verließ.
-
-Hans von Windemuth war ein künstlerischer Dilettant.
-
-Die schwersten Sachen perlten unter seinen weißen, wohlgepflegten
-Händen, Grieg und Schumann, Chopin, Liszt, er spielte sie alle
-herunter, und Bertold und Liselotte starrten ihn an, als sei er etwas
-ganz Unglaubliches.
-
-Das gefiel dem jungen Krieger über die Maßen.
-
-»So, nun spielt ihr,« meinte er gnädig und überließ seinen Platz am
-Flügel der kleinen Base.
-
-Aber sie kam nicht zum Spielen, denn die Tür war mit leisem Klapp
-hinter Bertold zugefallen, -- er ging ohne Abschiedswort.
-
-»So ist er nun,« klagte Liselotte. »Du hast _zu_ schön gespielt, dann
-kann er immer kein Wort sagen.«
-
-»Er hat keine Manieren,« meinte Hans von Windemuth streng.
-
-Bertold aber war nach Hause gelaufen, hatte seine Geige aus dem Kasten
-gerissen, und in den tiefsten Tiefen des Riesenkleiderschrankes ließ er
-das, was seine Seele bewegte, ausklingen. Dann stieg er langsam aus
-dem Schranke heraus, sah sich vorsichtig um und huschte in das Zimmer
-von Hieronymus Teichmann.
-
-»Gott steh’ mir bei und soll mich bewahren, Büblein, was ist in dich
-gefahren?« fragte dieser erschrocken, als er den blassen Jungen sah.
-
-»O Teichmann, -- Teichmann --« murmelte Bertold.
-
-»Du siehst ja aus, als wolltst du versaufen, -- welche Laus ist dir
-über die Leber gelaufen?«
-
-Ein stoßweises Schluchzen brach aus der Brust des Knaben.
-
-»Teichmann, er verhunzt mir den Grieg -- --«
-
-»Büblein, -- wo soll Krieg sein?«
-
-»Ach, Teichmann, ich meine ja den Komponisten, -- -- der Hans von
-Windemuth spielt ihn und verhunzt ihn, ich kenne ihn nicht wieder,
--- -- hör’ nur mal, Teichmann -- (Bertold nahm hastig die Geige und
-fuhr mit ein paar Strichen darüber hin) -- hör’ nur, das Grollen und
-Stöhnen der Nordsee, das Kreischen der Möwen, die Klagen des Mädchens
--- -- o und _so_ spielt er das, -- -- Teichmann, ich _kann_ das nicht
-mit anhören, und die Liselotte ist doch ganz begeistert.«
-
-»Büblein, ich kann dich nicht recht verstehn, -- Grieg? sagst du, oder
-wer und wen?«
-
-»Teichmann, du wirst doch den großen Grieg kennen? Kantor Brennstoff
-hat dir doch so viel von ihm vorgespielt.«
-
-Der Alte strich sich besinnend über die Stirn.
-
-»Den _großen_ Grieg, sagst du? Ich kenne nur _einen_ Großen, das ist
-der alte Beethoven. Schweig’ still, Büblein, sag’s dem Brennstoff
-nicht, er zieht dann gleich so’n närrisch Gesicht, -- er steckt so ganz
-im Wagner drin und, weiß es Gott, ich lieb’ auch _ihn_, aber sie sind
-nicht zu vergleichen. Ob der eine den andern mag erreichen, -- ich weiß
-es nicht, mich kümmert’s nicht. Nur eins tu’ ich mir ausbedingen, zu
-jedem Tag, zu jeder Stund’, man soll mir immer den Wagner singen, so
-lange ich lebe und bin gesund. Aber in Krankheitstagen, in bangen, will
-ich nach meinem ›Großen‹ langen, -- und die Fünfte Symphonie führ’ mich
-zur ew’gen Harmonie.
-
-Büblein, was schaust du mich so an?«
-
-Bertold sah in der Tat ganz selbstvergessen in das Gesicht das alten
-Faktotums.
-
-»Rektor Dillen fragte heute, ob wir schon mal ’n Dichter gesehen
-hätten -- -- --« antwortete er stockend, »und da riefen wir alle ›nö‹,
-aber nun, -- aber nun, -- bist _du_ ein Dichter, Teichmann?«
-
-Der alte Diener sah sehr ärgerlich aus, weit ärgerlicher und grimmiger,
-als er eigentlich war, denn er war in der Hauptsache verlegen.
-
-»Ein Dichter! Wie kann ein kluger Junge so dummerhaft fragen! Schiller,
-Goethe, Lessing und Uhland sind Dichter, und dann die Loreley und die
-Wacht am Rhein und Heil dir im Siegerkranz, verstanden?«
-
-»O, Teichmann, jetzt hast du nicht ein einziges Mal gereimt, wie kommt
-das?«
-
-»Junge, du bist genau wie deine Mutter war, -- die fragte mich auch
-immer das Blaue vom Himmel runter. Ich kann dir aber nichts Gescheites
-antworten. Das kommt eben vom Himmel geflogen, daß es dann so mit den
-Wörtern paßt.«
-
-»Aber nun, Teichmann, aber nun? Es paßt ja gar nicht -- -- --«
-
-»Weil ich in Wehmut und Aufregung bin, Bertold. Dann verliert sich
-das. Sobald milde Denkart eintritt, kommt das andere so sachtchen mit,
-ich merk’ es freilich selber nicht, Freund Brennstoff steckt mir auf
-das Licht, und Thereschen freundlich auf mich blickt und sagt: Mein
-Teichmann, du bist verrückt.«
-
-Bertold lachte.
-
-»Wie einem gleich froh ums Herz wird, wenn man bei dir ist, Teichmann.
-Ich war ganz unglücklich und zerschlagen vorhin. Vielleicht ist auch
-Grieg zu schwer und wunderlich. Er dürfte nur von musikalischen
-Menschen gespielt werden. Gelt, Teichmann, du verstehst mich doch, daß
-ich das so einfach sage? Klingt es sehr eingebildet? Denn ich spiele ja
-Grieg -- o so gern!«
-
-»Musik ist eine Gottesgabe. _Ich_ kann nichts dafür, daß ich sie habe,
-und dir geht es ebenso, sei darüber ganz ruhig und froh!«
-
-»Sieh, Teichmann, weil der Grieg so leicht _aussieht_, da meinen
-alle, sie könnten ihn spielen, und mein Vater sagte -- -- --: ›Das
-kleinste lyrische Stück von ihm sollte man erst einmal ein Jahr lang
-durch_leben_, ehe man wagte, es mit einem Instrument anzufassen‹.« --
-
-Teichmann antwortete nicht. Vielleicht verstand sein einfacher Sinn
-nicht diese Tiefe der Auffassung, -- aber sein feines Gefühl spürte
-aus den Worten des Knaben und aus der Art, wie dieser den Vater
-erwähnte, die grenzenlose Verehrung, welche dem verachteten Toten
-bewahrt wurde. Und mit einem Male fühlte er auch, daß das Leben dieses
-jungen Menschenkindes ein Dornenweg sein würde, voll Stacheln, voll
-Lieblosigkeit und Häßlichkeiten, wie der seiner Mutter. Und das Ende
-des Dornenweges?
-
-Teichmann schüttelte seinen grauen Kopf. »Was kümm’re und vergrübel’
-ich mich? Da oben ist einer klüger als ich.«
-
-»Was murmelst du da, Teichmann? -- Wenn sie nun morgen wieder mit mir
-spielen wollen, und ich kann es doch nicht mit anhören?«
-
-»Ich will dir etwas sagen, Bertold.« Der alte Mann geriet in
-Begeisterung. »Du nimmst _Beethoven_ mit. Ganz einfach Beethoven! Und
-den spielt ihr! Himmelherrgott, -- _den_ können sie einfach nicht
-verhunzen, -- sie _können’s_ nicht. Der bleibt immer Beethoven, --
-verstehst du, Sohn? Und wenn sie ihn dreschen und hacken oder schludern
-und verludern, -- Junge, er bleibt Beethoven. Das ist einer, das ist
-einer!«
-
-»Teichmann, du hast wieder nicht gereimt!«
-
-Der Alte sah den Knaben starr an.
-
-»_Das_ hörst du? Auf solchen Kram achtest du, wenn ich von dem Großen
-rede? Schäm’ dich, Bertold! Und könntest _du_ irgendeinen Reim auf
-Beethoven finden? Ich nicht! Schäm’ dich, Bertold!«
-
- * * * * *
-
-Drei ganze Tage ließ Bertold dahingehen, ehe er sich den Spielkameraden
-wieder zugesellte.
-
-Aber diese drei Tage dünkten ihm Jahre. Frau Franziska sah bekümmert
-auf ihren Jungen, der mit großen Augen sehnsüchtig aus dem Fenster
-schaute in der Richtung, in welcher man den Giebel des roten
-Windemuthhauses erblickte.
-
-Die leise Eifersucht regte sich wieder in ihrer Brust. Drei Tage war
-ihr Junge verändert und scheu, bis sie selbst ihm zurief: »Du warst so
-lange nicht bei Liselotte, habt ihr euch gezankt?«
-
-Da leuchtete sein Blick. »Mutter, -- ich gehe! Darf ich lange bleiben?
-Ich nehme die Geige mit! Mutter, und Beethoven nehme ich mit. Den
-können sie mir nicht verhunzen! Den nicht! Teichmann hat’s gesagt.«
-
-Frau Franziska strich sanft über sein dunkles Haar.
-
-»Du Wilder! Geh nur -- geh! Sei brav! Und kehr’ mir gesund wieder!«
-
-Ihre eigenen Worte hallten in ihr nach, als sie ihrem Jungen
-nachblickte, wie er mit dem Geigenkasten dahinschritt durch die
-Eichenstraße und immer wieder zurückwinkte nach der Mutter.
-
-Er war doch _ihr_ Junge.
-
-Du Wilder! Sei brav! Diese Worte sprach ihr Herz und ihr Mund täglich
-unzählige Male und hatte sie gesprochen beinahe von dem Tage an, da man
-ihr den Knaben zuerst in die Arme gelegt hatte.
-
-Denn vom ersten Atemzug an war er ein ungebärdiges Büblein gewesen. Als
-der Verstand kam, wurde er merkwürdig still, nachdenklich und ernst.
-Aber daneben wucherte ein Kräutlein auf, das giftige, verderbliche,
-zerstörende Erbteil der Eik von Eichens, -- der Jähzorn.
-
-Wie Franziska Malcroix diesen Jähzorn haßte! Die Chronik des Hauses war
-erfüllt von Beispielen seiner unheimlichen Macht über die Eiks.
-
-Er überschlug aber immer eine Generation.
-
-So war sie selbst verschont geblieben von diesem unseligen Temperament,
-das ihren Vater bis zur Sinnlosigkeit beherrschte und einen gehaßten,
-gefürchteten, gemiedenen Mann aus ihm gemacht hatte.
-
-Aber ihr Junge, ihr lieber Trost, ihr ein und alles, den sie
-herausgerettet aus einer tief unglücklichen Ehe, welche der Tod zur
-rechten Zeit noch getrennt hatte! Sie hatte schon geglaubt, daß das
-böse Erbteil vor ihm haltmache, hatte dankbar die Hände gefaltet,
-daß ihr Sohn weder den haltlosen Leichtsinn seines Vaters, noch den
-lodernden Jähzorn des Großvaters geerbt, hatte sich in der Sicherheit
-gewiegt, daß ihm ein gütiges Geschick nur die heilige Wahrheitsliebe
-und den eisernen Fleiß der Eik von Eichens in die Wiege gelegt habe --
-bis vor drei Jahren.
-
-Ja, so lange war es her.
-
-Da hatte sie an einem heißen Nachmittage arbeitend am Fenster gesessen,
-ihr Mann war wieder einmal auf »Kunstreisen«, von welchen er immer
-haltloser denn je und oft in zweifelhafter Gesellschaft heimkehrte,
--- -- ihre Gedanken weilten bei dem Fernen, dem sie von Tag zu Tag
-fremder wurde, -- da hatte sie gellendes Kindergeschrei gehört und war
-auf die Straße gestürzt, ohne Hut, ohne Tuch, wie sie gerade war.
-
-Zur rechten Zeit kam sie, um Bertolds kleine, feste Fäuste aus dem
-dunkeln Schopf eines Spielkameraden loszulösen, aber ganze Büschel
-Haare blieben trotzdem in der Hand des Raufenden.
-
-Frau Franziska hatte entsetzt in die entstellten Züge ihres Knaben
-gesehen.
-
-Dunkelrot das kleine Gesicht, schneeweiß die Lippen und die
-Nasenspitze, und die Augen sprühend vor Zorn.
-
-»Er liegt, Mama, er liegt!« Mehr konnte der Junge nicht hervorkeuchen.
-
-Ja, das war der Eiksche Jähzorn.
-
-Eine Menschenmenge hatte sich damals angesammelt, o sie wußte es so
-genau noch. Der Vater des gemißhandelten Jungen war dazu gekommen und
-hatte von »Zwangserziehung« gesprochen. Böse Reden waren gegen sie und
-Bertold geflogen -- -- welche Schmach für die feinfühlige Frau!
-
-Und ihr kleiner, guter, stolzer Junge!
-
-Als die lodernde Aufregung nachließ, weinte er bitterlich und war ganz
-krank. Es hatte sich um eine Kinderei gehandelt, um eine Unwahrheit,
-wie sie unter Kindern im täglichen Spiel oft vorkommt, aber dem streng
-wahrheitsliebenden Jungen war sie unerhört erschienen.
-
-An all dies dachte Frau Franziska und dachte auch an die große
-Ähnlichkeit zwischen Großvater und Enkel.
-
-Zug für Zug glich der junge Bertold dem alten Bertold.
-
-Nichts hatte er von seinem Vater bekommen, als etwa die dunkeln Augen,
-die bei Lotar Malcroix aber übermütig gestrahlt hatten, während Bertold
-gewöhnlich ernst dreinschaute.
-
-Auch die große Figur und die kerzengerade, aufrechte Haltung würde er
-gleich dem Großvater haben, ebenso die dichten, schöngeschwungenen
-Augenbrauen, den energischen Mund und -- -- den Jähzorn.
-
-An all dies dachte Frau Franziska, als sie ihrem fröhlichen Knaben
-nachschaute, wie er federnden Ganges mit seiner geliebten Geige
-dahinschritt, und an all dies dachte sie, als er nach kaum einer halben
-Stunde totenblaß zu ihr ins Zimmer zurückkam und sich vor ihr auf die
-Knie warf, den wirren Lockenkopf in ihren Schoß drückte und nur immer
-wieder stammelte: »Mutter, ach Mutter!«
-
-»Was war geschehen?« So fragte sie sich selbst, als sie nur einen
-Augenblick in das verstörte, gramvolle Gesicht ihres Buben geschaut
-hatte, das so traurig, so krank aussah, daß sie die Frage gar nicht
-laut stellen mochte.
-
-»Mutter, ach Mutter!« Wieder ein wehes Aufschluchzen.
-
-»Werde ruhig, mein Herzensjunge!«
-
-»Ich kann nicht ruhig werden, nie wieder, Mutter! Mutter -- sag’ -- ist
-es wahr? War der Papa, -- _mein_ Papa, -- -- sie sagen, er wäre ein
-Schuft gewesen.«
-
-Das Gespenst! Da stand es wieder vor Franziska Malcroix und grinste sie
-an. Es würde nie verschwinden, das wußte sie. Und ob sie fliehen würde
-weit über die lieben Thüringer Berge, das Gespenst ihres befleckten
-Namens würde neben ihr schreiten oder hinter ihr drein laufen und sie
-immer wieder einholen.
-
-Frau Franziska weinte bitterlich. »Mein Junge, mein armer Junge!«
-
-Bertold strich sich die feuchten Locken aus dem verweinten Gesicht und
-sah die Mutter an. »Du sagst nichts, Mutter? Ist es wahr?«
-
-Ihre Augen sahen über ihn hinweg ins Weite.
-
-»Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!« sprach sie laut
-und hart, und dann schlossen sich ihre Lippen fest. Ein unendlicher
-Jammer lag in ihren Augen, und Bertold fühlte, daß er nicht fragen, daß
-er nur trösten müsse.
-
-Seine Arme umschlangen sie fest, und so saßen Mutter und Sohn
-schweigend mit ihren übervollen Herzen.
-
-Die Abendsonne stahl sich herein und wob überall lichte Kränzlein: das
-eine legte sie um Bertolds dunkeln Lockenkopf, der an der Brust seiner
-Mutter ruhte, ein anderes flimmerte an dem Rahmen, der ein Pastellbild
-des alten Eik von Eichen aus seiner Knabenzeit darstellte, ein drittes
-tanzte auf Bertolds poliertem Geigenkasten.
-
-Und als die Sonne unterging, ließ sie das Licht dieser drei Kränzlein
-in den Herzen von Mutter und Sohn zurück. --
-
-Franziska küßte die Stirn des Knaben.
-
-»Erzähle mir alles,« bat sie.
-
-Bertold bettete seinen Kopf wieder fest an ihre Schulter.
-
-»Mutter, sie spielten wieder Grieg, als ich hinkam, die Ballade, die
--- -- die Väterchen noch vor seinem Tode mit uns aus der Partitur las,
--- oh -- weißt du noch?« Die Erinnerung überwältigte das Kind förmlich.
-
-»Ich weiß,« flüsterte Frau Franziska.
-
-»Ich hatte die Hände an den Ohren, denn ich konnt’s nicht ertragen, wie
-der Hans von Windemuth alles herunterspielte, -- du weißt ja, wie Vater
-so eine Technik haßte, die nur Technik war. Irgend was spielte Hans,
-nur eben Grieg war es nicht. -- Dann sollte ich sagen, es sei herrlich
-gewesen, die Liselotte verlangte es. -- Ich rief nur immer, der Hans
-spiele sehr schön und fertig, und das war ihnen denn auch genug. Dann
-legte ich still den Beethoven auf das Pult, -- es war nur der Auszug
-aus Vaters Lieblingssymphonie, -- wir spielten es zu deinem letzten
-Geburtstag zusammen, und du sangst uns damals die Worte dazu: ›Still
-sank der Abendsonne Gold hinunter an das Himmelszelt, in Abendfrieden
-süß und hold ruht um uns her die ganze Welt‹ -- -- --«
-
-»Mein Junge!« stöhnte Franziska, denn alles Leid und alle kargen
-Freudenstunden der Vergangenheit wurden in diesem Liede lebendig.
-
-Bertold hatte den Kopf aufgerichtet und sah jetzt mit leuchtenden Augen
-in den dämmernden Abend.
-
-Sein Kindergesicht sah reif und ernst aus, als habe die Hand des
-Schicksals heute darüber gestreift und die harmlose Freude daraus
-mitgenommen.
-
-»›O wohnte doch im Herzen mein so tiefer Friede für und für; mein
-Gott, laß mich dein Eigen sein, den Frieden find’ ich nur bei dir!‹
-Mutter, -- als du das sangst, da hielt uns Vater beide umschlungen und
-war so gut, so gut -- --«
-
-Bertold drückte sich wieder fest in den Arm der Mutter, als könne
-dieser allein ihm Schutz gewähren vor dem Furchtbaren, das heute auf
-ihn geschleudert worden war. --
-
-Und die Mutter hielt ihn fest, so fest -- aber sie schwieg.
-
-Dies Kindergemüt war ihr zu heilig, zu zart noch, um es auch nur
-schattenhaft ahnen zu lassen, wie furchtbar sie unter dem genialen
-Künstler Malcroix gelitten, wie selbst die härtesten Beschuldigungen,
-die fremde Menschen aussprachen, noch nicht die Wirklichkeit
-erreichten -- -- --
-
-Der Knabe schrie plötzlich weh auf, und seine Fäuste ballten sich.
-
-»_Ein schlechter Kerl!_ Mutter, -- Mutter -- einen schlechten Kerl
-nannte ihn der Hans, und die Liselotte nickte dazu, -- ja Mutter, das
-tat sie. Und ich hatte ihnen doch nichts zuleide getan, -- -- war nur
-ein paarmal aufgesprungen und hatte gerufen: ›~Es~, ~es~, um Gottes
-willen ~es~‹, -- kannst du dir vorstellen, Mutter, daß der Hans ~e~
-spielte in ~As-dur~? Da lachten sie über mich, und das machte mich
-so wütend; und immer mehr lachten sie, und dann verhunzten sie den
-Beethoven weiter -- -- -- und Teichmann hatte doch gesagt -- -- -- es
-ginge gar nicht -- -- -- da riß ich Hans die Geige aus der Hand und
-schlug -- -- --«
-
-»Bertold!!!«
-
-Der Knabe war aufgesprungen, -- starrte seiner Mutter ins Gesicht, und
-es war, als käme er durch ihren Ruf erst langsam zur Besinnung. Langsam
-strich er sich über die Stirn. »Mutter,« stammelte er, »ich glaube, ich
-habe ihn sehr geschlagen, _sehr_, Mutter, -- er gab ja dem Beethoven
-Schimpfnamen, und dann -- dir -- und dann -- -- dem Vater -- -- ich
-solle nicht mit ihm prahlen, -- er sei ein großer Künstler gewesen,
-aber ein schlechter Kerl, -- ein ganz, ganz schlechter Kerl -- -- --«
-
-»Schweig!« rief Franziska außer sich. »Du sollst das Wort nicht sagen,
-ich kann es nicht hören.« Sie schüttelte ihren Knaben in Zorn und Weh
-und hielt ihn dann doch wieder umschlungen, ihren Einzigen, -- ihren
-Augen- und Herzenstrost.
-
-So brach die Nacht herein über den beiden, -- die große Trösterin.
-
- * * * * *
-
-Nur mit einem aufgescheuchten Wespennest konnte man anderntags
-Schwarzhausen vergleichen.
-
-Es war ganz unerhört, was geschehen war.
-
-Der Wagen des Herrn Kreisphysikus ~Dr.~ Hempel hielt vor Professor
-Windemuths Hause, und ~Dr.~ Hempel selbst hatte beim üblichen
-Abendschoppen im »Weißen Roß« sehr freimütig erzählt, daß der kleine
-schwarze Satan, Bertold Eik von Eichen, ~alias~ Malcroix, dem hübschen
-Fahnenjunker Hans von Windemuth die Geige buchstäblich auf dem Kopfe
-zerschlagen habe. »Kaput, -- ganz kaput!«
-
-»Um Gottes willen, der Kopf?«
-
-»Nein, die Geige.«
-
-Und wieder sprach man von Zwangserziehung und »Rauhem Haus«, wieder
-erörterte jeder Vetter und jede Base, vom Bürgermeister an bis herunter
-zum Nachtwächter, daß der Knabe erblich belastet sei, und daß es wohl
-nur _ein_ Mittel gebe: eine feste Hand und gebietende Persönlichkeit
-über ihn zu setzen, und für die Schwarzhausener konnte diese
-Persönlichkeit nur Herr Baldamus Eik von Eichen sein, dessen Zuneigung
-für Frau Franziska stadtbekannt war. Aber würde seine Liebe groß genug
-sein, um sich aufzuopfern für eine Frau mit beflecktem Namen und mit
-einem mißratenen Buben, wie dieser Bertold war?
-
-Der eine ganze Stadt durch sein bisheriges Wohlverhalten und Ehrbarkeit
-getäuscht hatte?
-
-Der schon an seinem letzten Aufenthalt reif für eine Besserungsanstalt
-gewesen war und dessen schlechter Charakter noch gerade zeitig genug
-zum Vorschein kam?
-
- * * * * *
-
-Das Haus Windemuth konnte die Zahl der teilnehmenden Frager kaum
-fassen, -- freilich sah der Professor immer aus, als nähme er am
-liebsten die Mitbürger beim Kragen und würfe sie zur Tür hinaus; aber
-man hielt sich an Base Juliane, die bereitwillig und ausführlich die
-Schreckensszene immer wieder schilderte und stundenlang schwatzend vor
-der Haustür stehen konnte. »Zerrissen und zerschunden sei das hübsche
-Gesicht des Fahnenjunkers,« berichtete sie, »und die Kopfhaut an zwei
-Stellen genäht, und die wertvolle Geige -- -- --«
-
-»Sei sofort vom alten Herrn Eik von Eichen ersetzt worden, und
-zwar durch eine weit wertvollere,« war hier Hieronymus Teichmann
-eingefallen, der gerade vorbeiging und sich ausnahmsweise und nur zum
-Steuer der Wahrheit in die Verhandlung mischte.
-
-»Nun ja freilich -- ersetzt,« murrte Base Juliane, »als ob damit alles
-abgetan sei! Der Hieronymus Teichmann war eben Partei. In seinen Augen,
-das wußten alle, waren die Eik von Eichens geborene Engel, und sie
-hätten auch einen Raubmord begehen können, Teichmann würde doch noch
-Entschuldigungsgründe für seine langjährige Dienstherrschaft gefunden
-haben.«
-
-Aber man wollte in Schwarzhausen nicht so lange warten, bis etwas ganz
-Schreckliches durch diesen Bertold Malcroix geschah; man wollte den
-Brunnen zudecken, ehe das Kind hereinfiel, und da man nicht den Mut
-hatte, zum alten Eik zu gehen, der nun doch einmal die meisten Steuern
-zahlte, und ihm zu sagen: »Nimm dein Enkelkind aus der Schule heraus,
-es stört da unsere sorgfältig erzogenen Sprößlinge«, so bearbeitete man
-eben jene sorgfältig Erzogenen, und diese isolierten den Bertold.
-
-Er fand sich immer allein, beim Spiel und beim Lernen, beim Plaudern,
-beim Stillsitzen und beim Frühstücken.
-
-Während der ersten Tage nach jenen bösen Jähzornsstunden fehlte
-Liselotte ganz in der Schule. Der Anblick ihres leeren Platzes gab dem
-Jungen immer einen Stich ins Herz, mehr noch die kummervollen Augen des
-Rektors Tüllen, zu welchem die aufgebrachten Schwarzhausener gesagt
-hatten: »Entweder der jähzornige Bengel geht, oder wir nehmen unsere
-Kinder fort.« Es war verlorene Liebesmühe des braven Rektors gewesen,
-daß er alle guten Seiten des Knaben hervorgehoben hatte; man machte die
-Frage einfach zu einer Existenzfrage für den Rektor und seine brave
-Schwester.
-
-Als Liselotte zum ersten Male wieder in der Schule erschien,
-hatte sie etwas Merkwürdiges mitgebracht, ein längliches, sauber
-zusammengeschnürtes Paket, das sie hastig unter die Bank steckte.
-
-Erst als die lange Pause kam, holte sie das Päckchen vor und begab sich
-mit ihm nach dem Grasgarten. Bertold folgte ihr dorthin, wie er es ja
-immer getan hatte, ehe er sich durch sein strafwürdiges Verhalten die
-Pforten zum Paradiese verschloß.
-
-Und ein Stück Paradies war ihm das Windemuthhaus gewesen. -- Die
-ganze Klasse wollte den beiden nachstürmen, aber Rektor Tüllen stand
-sozusagen mit feurigem Schwerte vor der kleinen, grün angestrichenen
-Tür, die zum Grasgarten führte, und sein Lineal, mit dem er wild
-umherfuchtelte, glänzte leuchtend in der Sonne. »Weg da,« rief er und
-scheuchte die Neugierigen fort, »in das Grasgärtchen dürfen nur die
-besten Schüler.«
-
-Das war die Wahrheit, und das half auch. --
-
-Liselotte setzte sich, Bertold stand vor ihr mit bekümmerter, ernster
-Miene. Liselotte hatte das Paket auseinandergeschnürt, und nun lag
-»Puppe Emmy ohne Kopf« auf ihrem Schoß.
-
-»Liselotte, bist du böse mit mir?« begann Bertold das Gespräch.
-
-Das kleine Mädel schaute nicht auf, ihre Augen guckten nur die Puppe
-an, und dann erwiderte sie:
-
-»Sieh mal, liebe Puppe Emmy, ich darf doch nicht mit dem bösen Bertold
-sprechen, weil er ein schrecklicher Bengel ist. Nun habe ich dich
-mitgenommen, und du kannst ihm alles sagen.«
-
-Der Schatten eines Lächelns flog über des Knaben Gesicht, als er
-die List der kleinen Evastochter verstanden, aber es war nur ein
-Augenblick, dann fragte er ganz ernst: »Puppe Emmy, ist Liselotte
-Windemuth mir böse?«
-
-Und die kopflose Puppe Emmy besaß ein furchtbar erregtes Stimmchen, das
-antwortete: »Gräßlich böse ist Liselotte, und aus und vorbei ist’s.
-Hans von Windemuth ist ganz schwach und dösig, er hat so schauderhaft
-geblutet und liegt immer noch zu Bett. Nie darfst du wieder zu
-Liselotte kommen, -- du wärst ein Rowdy, hat Vater gesagt. Und wenn du
-wieder Geigen zerschlügst, solltest du lieber deine eigene Geige an
-deinem eigenen Kopf zertrümmern.«
-
-»Meine Amati!« stammelte Bertold.
-
-»Jawohl, deine Amati,« bestätigte Puppe Emmy ohne Kopf ungerührt. »Und
-es ist eine ganz schreckliche Geschichte. Hans wartet jetzt bloß, bis
-du ein Mann bist, dann fordert er dich zum Duell, hat er gesagt, und
-schießt dich tot.«
-
-Bertold wollte laut rufen, daß er doch auch dabei den Hans totschießen
-könnte, aber sein Gerechtigkeitsgefühl verbot es ihm, und im Bewußtsein
-seiner Schuld senkte er tief den Kopf.
-
-»Darf ich auch nicht, bis ich tot bin, mit Liselotte spielen?« fragte
-er zaghaft.
-
-»Nein,« lautete Puppe Emmys unbarmherzige Antwort. »Die Liselotte mag
-auch gar nicht. Alle Leute sagen, du wärst so ein Zornnickel, daß man
-seines Lebens nicht sicher wäre.«
-
-In Bertold begann sich schon wieder etwas zu regen, -- es stieg ihm
-heiß ins Gesicht, und Tränen des Zorns füllten seine Augen.
-
-»Wie die Nachtwächter habt ihr Beethoven gespielt,« brach er leise
-grollend los, »und dann nachher -- -- --«
-
-»Wenn es doch aber _wahr_ ist --« eiferte Puppe Emmy und stürzte sich
-in des Wortes vollster Bedeutung unüberlegt und »kopflos« in eine
-höchst gefährliche Situation, -- »dein Vater hat doch auch --«
-
-»Schweig!« schrie Bertold und sah mit seinen erhobenen Fäusten so
-schreckenerregend aus, daß Liselotte einen gellenden Schrei ausstieß.
-
-Auf diesen Ausbruch lief sofort Rektor Tüllen herbei, und auch seine
-Schwester kam aus der Küche gelaufen, und die übrigen Kinder verließen
-ihre Spiele und schauten neugierig in das verbotene Gebiet des
-Grasgärtchens.
-
-Da stand der Junge, der beste Schüler, der seit wenigen Tagen das
-schwarze Schaf des Städtchens war, mit rollenden Augen und knirschenden
-Zähnen, aber in Gegenwart des Herrn Rektors fürchtete sich Liselotte
-nun nicht mehr. Sie raffte Puppe Emmy an sich, nestelte an ihrer
-Tasche, die sich ziemlich dick und auffällig unter ihrer Schulschürze
-bauschte, und dann flog etwas vor Bertolds Füße, und noch etwas und
-noch etwas.
-
-»Da! -- da! und da!« rief diesmal nicht Puppe Emmy, sondern Liselotte,
-die ebenso blaß war, wie ihr ehemaliger Freund rot; und alle
-Schwarzhausener Kinder sahen mit Genugtuung, daß hier eine von ihnen
-längst geneidete Freundschaft in Stücke ging.
-
-Unzählige Bildchen flatterten zur Erde vor Bertolds Füße, viele seltene
-Steinchen, getrocknete Vierkleeblättchen und bunte Glaskugeln -- lauter
-Sachen, die Bertold ach so mühselig einst gesammelt und der kleinen,
-geliebten Freundin dargebracht hatte. Auch seine wertvollsten Marken
-waren darunter und selbstgezeichnete Bildchen -- -- es lag nun alles im
-Kies des Grasgärtchens, und viele schmutzige Kinderhände bückten sich
-danach und schlugen sich darum. -- -- --
-
-Totenblaß, aber mit hoch erhobenem Kopf schritt der Knabe über all die
-verschmähten Liebesgaben hinweg, die Hände hatte er tief in den Taschen
-vergraben, seine Augen schauten geradeaus -- -- -- so ging er zur
-Schultür und zum Hause hinaus, ohne sich nur ein einziges Mal umzusehen.
-
- * * * * *
-
-Zum erstenmal seit ungezählten Jahren stand Rektor Tüllen wieder im
-Hause Eichen vor dem alten Herrn, der einst sein Gönner und Brotgeber
-gewesen war.
-
-Und daran, daß er dort wirklich wieder stand, konnte der Rektor die
-Kraft der Liebe ermessen, die ihn mit seinem kleinen Schüler verband.
-
-Diese Kraft allein hatte ihn über die Schwelle des Hauses gezogen, aus
-dem er einst fortgewiesen wurde, und das er mit einem jungen Herzen
-voll Haß und Bitterkeit verlassen hatte.
-
-Jetzt war er alt und mild geworden, und der Greis, der ihm einst wilde,
-harte Worte zugerufen, streckte ihm heute die Hand entgegen. Dabei
-wetterleuchtete es förmlich in dem alten Gesicht, -- er setzte auch
-ein paarmal zu einer Begrüßung an, aber das Reden war nie eigentlich
-seine Sache gewesen, und er fühlte wohl, wie schwer es war, nach
-fünfundzwanzig Jahren plötzlich eine Anknüpfung zu finden, besonders
-bei einem so jäh zerrissenen Faden.
-
-Aber sein Händedruck war ehrlich und fest, und Rektor Tüllen erwiderte
-ihn ebenso.
-
-Herr Eik von Eichen ~senior~ führte seinen Gast zu einem der tiefen
-Sessel in seinem Arbeitszimmer, und beide setzten sich.
-
-»Erzählen!«
-
-Es war nur ein barsch geknurrtes Wort, aber der Rektor hatte ein
-scharfes Auge und ein feines Ohr, er sah, daß sein Gegenüber
-heftig erregt war, und er hörte aus der Art, wie das einzige Wort
-hervorgestoßen wurde, etwas heraus, das ihn veranlaßte, sofort zu
-willfahren.
-
-Ruhig und mit mildem Ernst setzte er dem alten Herrn alles auseinander,
-schilderte mit etwas trockener Sachlichkeit die Freundschaft des Knaben
-Bertold mit der kleinen Liselotte Windemuth, schilderte den Auftritt im
-Hause des Professors, soweit er ihn vom Hörensagen kannte, und betonte
-den heftigen Jähzorn des Knaben, der sich am letzten Schultage wieder
-erschreckend gezeigt und die Schwarzhausener von neuem aufgeregt habe.
-Er selbst, der Rektor, würde den Knaben nie aus der Schule gewiesen
-haben, denn Bertold sei ein kluger Kopf und lerne fleißig, im übrigen
-sei es ihm, Rektor Tüllen, gleichgültig, was seine Mitbürger dächten,
-aber Bertold habe vor drei Tagen die Schule freiwillig verlassen und
-sei bis heute nicht zurückgekehrt, deshalb sei er hier und wolle Herrn
-Eik von Eichen gut überlegte Vorschläge unterbreiten. --
-
-Rektor Tüllen fühlte plötzlich bei dieser Unterredung, daß ein Diplomat
-an ihm verloren gegangen war.
-
-Mit keiner Silbe lobte er den Jungen, dem sein ganzes altes Herz
-gehörte, mit keinem Worte beschönigte er Bertolds Jähzorn, -- und von
-dem gottbegnadeten, wunderbaren musikalischen Talent des Knaben sprach
-er mit einer Nüchternheit, daß der argwöhnische Zuhörer auch nicht
-schattenhaft die Sorge spürte, welche Rektor Tüllen beseelte, wenn er
-an eine Erfolglosigkeit seiner Mission dachte. Er hatte ja vor diesem
-Gang eine lange Unterredung mit dem Organisten Brennstoff gehabt, und
-dieser hatte ihn nach allen Regeln der Diplomatie bearbeitet.
-
-»Immer an den Wahlspruch des Alten denken: ›Nun gerade‹. Nicht das Herz
-›weghuppen‹ lassen, wir müssen das Kind für Frau Musika retten, und
-dazu brauchen wir den alten Isegrimm. Rektor, reden Sie vorsichtig,
-Rektor, machen Sie keine Dummheiten!«
-
-Der alte Eik war aufgesprungen und lief wild im Zimmer umher. Es
-schüttelte ihn wie ein Sturm. »Bande!« knirschte er, »Bande! Sie
-sind um kein Haar besser geworden, meine lieben Schwarzhausener. Was
-nicht im Geleise geht mit hü und hott, das wird einfach verfemt und
-totgeschlagen, -- ich kenne sie, o ich kenne sie!«
-
-Immer wieder durchmaß er das tiefe, große Zimmer mit wuchtigen
-Schritten, und sein schweres, stoßweises Atmen begleitete jeden Schritt.
-
-Mit hartem Ruck blieb er endlich vor dem Lehrer stehen.
-
-»Und Sie wollen sich überwinden, Herr Tüllen, und täglich hierher
-kommen, meinen Enkel weiter unterrichten?« fragte er ungläubig.
-
-»Ja, das will ich,« bestätigte der Rektor. Plötzlich reckte er seine
-schmächtige Gestalt hoch auf und sah dem alten Eik furchtlos in die
-düsteren Augen. »Unter zwei Bedingungen will ich’s.«
-
-Eik von Eichen ~senior~ erstaunte. Er kannte seit seiner frühesten
-Jugend nur gebückte, demütige Kreaturen, oder hämische und
-schadenfrohe, immer aber furchtsame Seelen, die ihm, wenn möglich, weit
-aus dem Wege gingen.
-
-Daß dieser »hungrige Lehrer«, der ganz mit seiner Existenz auf die
-Milde der Schwarzhausener Bürger angewiesen war, und der offenbar ihn
-doch jetzt auch brauchte, -- -- ihm Bedingungen zu stellen wagte, war
-ihm mindestens neu, und deshalb interessierte es ihn.
-
-»Bedingungen?« lachte er kurz auf. »Und die wären?« --
-
-»Daß ich niemals Herrn Baldamus von Eik zu sehen brauche, und daß ich
-niemals für meine geistige Arbeit an dem Knaben Bertold irgendein
-Honorar anzunehmen brauche.« -- -- --
-
-»Was für eine Verrücktheit!« rief Eik von Eichen ~senior~. »Was wollen
-Sie damit? Meinen Sie, ich lasse mir etwas von Ihnen schenken?«
-
-Lehrer Tüllen sah ihn ruhig an.
-
-»Das müssen Sie wohl, Herr von Eik, -- oder Sie verzichten eben auf
-mich. Nur die -- -- Anhänglichkeit an Frau Franziska, meine ehemalige
-Schülerin, führte mich nach fünfundzwanzig Jahren über diese Schwelle,
-und der Gedanke, daß Bertold Eik von Eichen zu schade ist, um in die
-Schablone der Schwarzhausener eingepreßt zu werden.«
-
-Eine lange Pause entstand.
-
-Unverwandt schaute der Greis mit den düsteren Augen auf den kleinen
-Lehrer, der wieder zusammengesunken, wie unter einer großen
-Anstrengung, in dem tiefen Lehnsessel saß.
-
-»Ich nehme beide Bedingungen an.« Wieder streckte sich die große Hand
-aus, und der Lehrer legte die seine hinein.
-
-»Herr Baldamus von Eik, mein Pflegesohn, will in den nächsten Wochen
-eine Auslandsreise antreten. Vorher will er sehen, ob sich einige
-Wünsche und Hoffnungen von ihm verwirklichen lassen, -- -- -- hm -- --
-das würde dann große Veränderungen in meinem Hause bedingen, die auch
-den Knaben mit betreffen würden. Vorläufig -- -- sehe ich Sie also
-täglich hier, mein Arbeitszimmer ist ~tabu~ für jedermann,« (wieder
-lachte er rauh), »Sie werden niemandem hier begegnen. Ich stelle aber
-_auch_ eine Bedingung.«
-
-Lehrer Tüllen sah gespannt fragend auf.
-
-»Sie erwähnten vorhin, daß mein Enkel im Hause Windemuth musiziert
-habe, ich hörte aus Ihren wenn auch noch so bedachten Worten heraus,
-daß Bertold das Talent seines Vaters erbte, -- ich will davon _nie_
-wieder etwas hören, merken Sie wohl auf. In dem Augenblick, da auch
-nur ein Ton des verfluchten Instrumentes an mein Ohr dringt, ziehe ich
-meine Hand von meinem Enkel ab.«
-
-Wieder ging die große Gestalt mit dröhnenden Schritten auf und ab.
-
-»Das ist eine sehr harte -- -- und eine ungerechte Bedingung,« tönte
-die ruhige Stimme des Lehrers.
-
-»Darüber habe _ich_ zu entscheiden,« lautete die schroffe Erwiderung.
-»Ich habe dem Bengel Windemuth die zerstörte Geige ersetzt, -- wie ein
-Hohn war’s auf die ganze Vergangenheit, -- ich -- Eik von Eichen kaufte
-eine Geige -- --« Wieder das heisere, rauhe Lachen, und wieder der
-Unterton dabei, nur dem feinen Ohre des Lehrers vernehmbar, ein Ton des
-grollenden Schmerzes, der vom bitteren Hasse kaum mehr zu unterscheiden
-war.
-
-Lehrer Tüllen stand auf.
-
-Er überlegte, daß er heute genug erreicht hatte, er wußte wenigstens,
-daß der Junge ihm für einige Zeit wieder gehörte, und daß die Förderung
-dieser jungen Menschenseele die köstlichste Aufgabe für ihn sein werde.
-Ruhig verabschiedete er sich vom Herrn des Hauses. Es wurde kein Wort
-weiter gewechselt, dann fiel die schwere Eichentür hinter ihm ins
-Schloß.
-
-Ganz erschöpft saß der Rektor dann noch eine Stunde in dem Stübchen von
-Hieronymus Teichmann, der gemeinsam mit Kantor Brennstoff auf ihn mit
-Spannung gewartet hatte. Das Wiedersehen mit dem alten Vater seiner
-einstigen Liebe griff den Rektor ungemein an. Er war ja kein Jüngling
-mehr, und es stürmten seit einiger Zeit zu viel neue Eindrücke auf ihn
-ein. Fast mechanisch berichtete er über seine Unterredung mit Herrn von
-Eik, und der alte Teichmann saß ihm stumm und bedrückt gegenüber. Jeder
-erlösende Reim schien ihm abhanden gekommen zu sein.
-
-Desto lebhafter und aufgeregter war Brennstoff.
-
-»Diese ganze Sache ist nur ein Danaergeschenk,« grollte er.
-»Himmelherrgott, was nützt uns alles, wenn diese verrückte, tolle,
-hirnverbrannte Bedingung mit der Geige bestehen bleibt. Diese ist
-sozusagen die Hauptsache im Leben des jungen Eik, wie Frau Musika
-überhaupt das A und O eines jeden musengeküßten Individuums sein müßte.
-Wenn Jung-Bertold auch weder schreiben, noch lesen könnte, -- mit
-seinem Geigenspiel allein käme er durch die ganze Welt. Musik macht gut
-und groß und erbt in jedem Falle den Himmel, und die heilige Cäcilie
-ist wahrhaft anbetungswürdig!«
-
-»Brennstoff, stoppe ein wenig!« bat jetzt Hieronymus. »Mir scheint,
-das Schicksal hat’s schon gut gemeint. Unser Junge, der Bertold, in
-sicherer Hut, -- der Gedanke belebt schon meinen Mut. Paßt auf, -- was
-heute noch meilenweit, das kommt schon näher mit der Zeit.«
-
-»Unsinn, Hieronymus! Frau Musika ist ’n ungeduldiges Weibsen. Das
-wartet nicht. Und so’n Talent verkommen lassen, -- was sag’ ich,
-Talent? -- -- so’n Genie!« -- -- --
-
-»Ein Genie bricht sich _immer_ Bahn,« warf Rektor Tüllen ruhig und
-etwas müde ein, reichte den beiden still die Hand und ging.
-
-»Billige Brombeerenweisheit,« rief ihm Brennstoff nach. »Herrgott,
-_ich_ hätte dem alten Eik gegenüber stehen sollen,« tobte er weiter
-und vergaß ganz, daß er vor kaum zwei Stunden noch ausgerufen
-hatte: »Mönchlein, Mönchlein, du gehst einen schweren Gang, Gott
-sei gepriesen, daß ich mit dem Schlagetot nicht allein zu sein
-brauche!« -- --
-
-Schwarzhausen selbst stürmte, brauste und gärte in ungeheurer
-Aufregung. -- Daß man den Bertold nicht sofort auf den Schub gebracht
-und irgendwohin expediert hatte, war so echt Eikensch. Alles sah dem
-alten Einsiedler in Eichenborn aufs Haar ähnlich nach der Meinung der
-Schwarzhausener Bürger:
-
-Daß er dem Herrn Professor Windemuth wieder nachträglich die ersetzte
-Geige mit einem groben Brief abgejagt und sie dem Bertold geschenkt
-habe, damit dieser ein großer Künstler werde, daß er den »Rektor
-Dillen« mit unerhörten Drohungen gezwungen habe, den Unterricht des
-Knaben im Hause Eichen zu übernehmen, und daß er mit dem jähzornigen
-Enkel zusammen nun einen bitteren Haß gegen alle gut gesinnten Bürger
-der Stadt fühle und immer neu schüre, so daß man sich ja wohl seines
-Lebens nicht mehr sicher fühlen könne. Wie wohl der ehrenfeste Herr
-Baldamus Eik darunter litt. Er sah in letzter Zeit recht schlecht
-aus -- -- -- ein Jüngling war er ja gerade auch nicht mehr, und es
-wäre wohl die höchste Zeit für ihn gewesen, sich nach einer Hausfrau
-umzusehen, die dann vielleicht die Macht gehabt hätte, etwas mehr Zucht
-und Ordnung in den Eichenborn zu bringen. Das, was einige munkelten,
--- -- Herr Baldamus stiege noch immer der schönen Witwe Malcroix nach,
-die ihn einstens verschmähte, war natürlich Unsinn, -- die hätte wohl
-mit beiden Händen zugegriffen, wenn ihr Gelegenheit geboten wäre, sich
-warm und unabhängig vom Vater in Eichenborn festzusetzen. Denn Herr
-Baldamus besaß ein großes, eigenes Vermögen. -- -- --
-
-Durch die dicken Mauern des Eichenborns drangen diese Gerüchte nicht.
-
-»Wie kann ich Ihnen danken!« hatte Franziska Malcroix mit hellen Tränen
-in ihren schönen Augen den Rektor gefragt, als er zum erstenmal den
-Unterricht beginnen wollte.
-
-»_Ich_ habe zu danken!« lautete die ruhige Antwort, »daß Sie so viel
-Vertrauen hatten, mir dies seltene, liebe Kind zu überlassen.«
-
-über die Bedingungen, die von beiden Parteien gestellt waren, sprachen
-sie nicht. Bertold, dem Nächstbeteiligten, war der Befehl seines
-Großvaters unbekannt geblieben.
-
-Seine Freunde, von denen ja die Mutter sein allerbester war, wollten
-ihn nicht zum bewußten Ungehorsam verleiten, aber sie wollten auch
-nicht die Schuld auf sich laden, dies herrliche Talent verkümmern zu
-lassen, so ging Bertold jeden Tag eine Stunde in das Haus von Kantor
-Brennstoff, und dieser gab ihm gediegenen theoretischen Unterricht
-mit dem innerlichen, heißen Wunsche, Gott möge ein Wunder tun und
-irgendeinen großen Meister nach Schwarzhausen führen, der dann den
-Jungen mit sich fortnehmen würde.
-
-Inzwischen führte Bertold ein strenges Leben der Arbeit.
-
-Er sah so wenig frohe Menschen, es war, als ob die Luft des Hauses
-Eichenborn jedes Lachen im Keime erstickte.
-
-Und Bertold hatte doch so gern gelacht.
-
-Seine Mutter bemühte sich wohl, in seiner Gegenwart heiter und froh zu
-erscheinen, aber sein feines Empfinden fühlte deutlich das Bemühen und
-den Schein heraus. Zudem glaubte er, daß sein häßlicher Jähzorn die
-Ursache von Frau Franziskas Tiefstimmung sei, und er grämte sich darum.
-
-Täglich wurde sein nachdenkliches Gesichtchen etwas schmaler, trotzdem
-ihm seine Mutter die sorgsamste körperliche Pflege angedeihen ließ,
-trotzdem im Parke Luft- und Sonnenbäder errichtet waren für ihn und
-der Großvater, den er aber selbst kaum jemals zu Gesicht bekam, ihn
-auf vier Wochen nach Borkum geschickt hatte, unter Aufsicht des Herrn
-Rektors Tüllen, seines verehrten Lehrers.
-
-War es die Scheu, täglich unter so vielen, fremden Menschen zu sein,
-war es die Sehnsucht nach seiner geliebten Mutter, die beim Großvater
-zurückgeblieben war, -- -- Bertold kam noch ein wenig blasser und
-hagerer, sowie gänzlich appetitlos aus dem Seebade zurück.
-
-Sie forschten und fragten und ergingen sich in Mutmaßungen, aber keiner
-ahnte, daß es ein kleines, quecksilbriges Persönchen war, das dem
-Knaben beständig vorschwebte, -- daß Liselottes altkluges Reden, ihr
-unermüdliches Interesse, ihre frische Lebendigkeit ihm fehlte, -- wo
-er ging und stand, -- ach so sehr fehlte!
-
-Aber über seine Lippen kam kein Wort, und auf seinem ausdrucksvollen
-Knabengesicht lag ein neuer Zug, -- etwas wie Verachtung; der war an
-jenem Tage entstanden, als seine kleine Freundin ihm so mitleidlos das
-liebevoll aufgespeicherte Sammelsurium vor die Füße warf. --
-
- * * * * *
-
-In dem ausgedehnten Parke hinter Eichenborn ging der alte Eik von
-Eichen täglich eine Stunde spazieren.
-
-In früheren Zeiten, die aber weit, weit zurücklagen, hatte das
-Herrenhaus ganz einsam dagestanden, nur Wald und Wiesen, Sträucher und
-Hecken waren seine Nachbarn gewesen, und ganz am Ende der Besitzung,
-die sich weithin ausdehnte, schlängelte sich die wilde Gera wie ein
-silbernes Band.
-
-Genau so entfernt, wie Haus Eichenborn vom _Ort_ Schwarzhausen lag,
-war auch die seelische Entfernung der aristokratischen Bewohner
-von den Bürgern des Städtchens. Kaum einer fühlte das Bedürfnis,
-die lange und langweilige, schnurgerade Allee zu durchwandern, um
-das langgestreckte düstere Haus Eichen aufzusuchen, das wie ein
-verwunschenes Märchenschloß in seinem Eichendickicht lag, in welchem
-nur ruhig-ernsthafte oder boshaft-jähzornige Menschen wohnten, auf
-manches Glied waren auch beide Eigenschaften zusammengefallen.
-
-Nur die jeweiligen Pfarrer hatten seit Generationen treu zu den
-Eichens gehalten, weil sie sich allzeit als ein frommes Geschlecht
-auszeichneten, zu denen auch die Kirche immer mit ihren Wünschen und
-Bedürfnissen kommen konnte, ohne Gefahr zu laufen, abgewiesen zu
-werden. Knauserei gehörte jedenfalls nicht zu den vielen Untugenden,
-die den Eik von Eichens mit Recht oder Unrecht nachgesagt wurden. Im
-achtzehnten Jahrhundert ward ein ganz besonders tatkräftiger Bertold
-Zacharias Eik von Eichen Erbe des Eichenborns, und er war es, der auf
-seinem eigenen Grund und Boden Reichtümer in Gestalt von Feldspat
-entdeckte. Er war der Begründer der großen Eikschen Porzellanfabriken
-und zugleich der festgegründeten Wohlhabenheit des Hauses Eichenborn.
-
-Beziehungen mit Frankreich wurden angeknüpft, und der Gatte von
-Franziska Malcroix war der Urenkel jenes Mannes, der durch die erste
-Lieferung von weichem Frittenporzellan mit Haus Eichen in Verbindung
-trat.
-
-Schwarzhausen fing an, sich zu dehnen und zu strecken, Fabrikgebäude,
-Schmelzöfen und Ziegeleien wuchsen auf, alle unter der Firma: »Eik«,
-und um das düstere Haus selbst lagerten sich wie ein Kranz die roten
-Ziegeldächer der schmucken Häuschen, in denen die Angestellten wohnten.
-
-Es hatte in merkwürdig genauer Abwechslung immer einen streng
-gewissenhaften, fleißigen Eiksohn gegeben, der das Besitztum mehrte,
-und dann wieder einen genialen Feuerkopf, der sich nicht in Schablonen
-pressen ließ, und der in einem selbstgewählten Berufe genügend Zeit
-fand, aus dem Geleise der Eiks zu weichen und das reichlich vorhandene
-Vermögen auch nützlich oder unnützlich zu verbringen. Ein solcher
-Feuerkopf war Lorenz Eik von Eichen, der Vater des Herrn Baldamus
-gewesen.
-
-Bertold Eik ~senior~ hatte diesen jüngeren Bruder sehr geliebt, aber
-das Drohnenleben, welches Lorenz führte, war allezeit der Gegenstand
-heftigen Unfriedens zwischen ihnen beiden gewesen.
-
-Durch die vom älteren Bruder und Chef des Hauses förmlich aufgezwungene
-Ehe mit einer stillen, demütigen Frau, die sich später als eine
-im ärgsten Muckertum steckende Seele entpuppte, wurde Lorenz zur
-Verzweiflung getrieben, -- er nahm sich das Leben. -- Bertold Eik
-holte den verwaisten Baldamus zu sich und führte einen jahrelangen
-erbitterten Kampf mit der Mutter des Knaben, bis auch diese starb.
-Baldamus war das getreue Ebenbild seiner Eltern. Vom Vater den Hang
-zum Leichtsinn, ohne die geniale Offenheit und Frohmütigkeit dabei,
-die ersetzt wurde von der glatten, gesellschaftlichen Miene des
-Scheines. Von der Mutter den Hang zum Duckmäusern. -- »Laß dich nicht
-erwischen!« war ein Gebot, das obenan im Katechismus des Baldamus
-Eik stand, und da er es verstand, diese Lehre mit dem, was Kirche und
-Schule von ihm verlangten, in Einklang zu bringen, so fand sich niemand
-genötigt, seinem Pflegevater die Augen zu öffnen, ausgenommen der junge
-Hauslehrer vor vielen Jahren, der denn auch umgehend »flog«.
-
-An all dieses dachte Herr Bertold Eik, wenn er in der Mittagsstunde
-seinen Spaziergang machte. Er schlief trotz seines hohen Alters niemals
-nach Tisch, wie er auch Schlafrock und Hausschuhe verachtete und wegen
-seiner immer noch scharfen, alles Ungehörige sofort entdeckenden Augen
-in Haus und Fabriken sehr gefürchtet war.
-
-Heute dachte er noch an etwas anderes.
-
-Seit fünfzig Jahren spielte er mit seiner Schwester Adelgunde jeden
-Abend eine Stunde Schach.
-
-Die Schwarzhausener irrten sich sehr, wenn sie glaubten, Fräulein
-Adelgunde hätte keine weiteren Interessen als ihre Häkelspitze,
-die allerdings beinahe um das Fürstentum herumreichte, -- sie
-hatte nur kein Interesse für Kaffee- und Teegesellschaften, für
-Skandalgeschichten und fahrlässige Verleumdungen, sie besaß aber
-eine tiefe Heimatliebe, einen Lokalpatriotismus, der weit über alles
-Maß hinausging, und der sie einst in jungen Jahren alle Bewerber
-ausschlagen ließ, -- sie wollte ihre Geburtsstadt nicht verlassen. Sie
-liebte Schwarzhausen, wie eine Mutter ihr ungeratenes Kind liebt, denn
-als solches hatte sich das Städtchen ihr gegenüber immer bewiesen,
-freilich ahnte es ja auch nicht, wem es sein Krankenhaus, sein
-Säuglingsheim, seine schönen Anlagen und den bedeutenden jährlichen
-Zuschuß zum Damenstift verdankte.
-
-Fräulein Adelgundes rechte Hand wußte niemals, was die linke tat,
-aber das war in Schwarzhausen nicht wohl angebracht. Deshalb liebte
-Fräulein von Eik mehr als die Mitbürger die Heimaterde, das heilige
-Fleckchen, darauf sie geboren und darinnen ihre Ahnen schlummerten, sie
-liebte die dunkeln Tannenwälder und grünen Fichten, die geheimnisvollen
-Waldwiesen und rauschenden Waldbäche und die muntere, glänzende,
-heiter-geschwätzige, wilde Gera.
-
-Fräulein Adelgunde zählte fünfundachtzig Jahre, aber ihr Geist war
-klar, ihre Augen waren durchdringend und scharf, und wenn sie abends
-dem Bruder zurief: »Schach dem König!« dann klang ihre Stimme beinahe
-jugendlich und hell.
-
-Hatte sie Herrn Bertold dann, wie es gewöhnlich geschah, matt gesetzt,
-dann warf sie froh-geschäftig die Figuren zusammen und äußerte wohl:
-»Gott Lob und Dank! Wenn ich heute nacht sterbe, so habe ich wenigstens
-die letzte Partie gewonnen!«
-
-Und einmal hatte der Bruder darauf geantwortet: »Die _vorletzte_! Ob
-man die _letzte_ Partie gewinnt, das weiß kein Mensch!«
-
-Jedenfalls war dies Schachspiel allabendlich, wenn nicht
-unaufschiebbare Geschäftsreisen oder ernste Krankheiten dazwischen
-gekommen waren, seit fünfzig Jahren so wiederkehrend, wie das
-Amen in der Kirche, und deshalb hatte es denn auch Herrn von Eik
-stark verblüfft, daß gestern abend die Schwester weder die Figuren
-aufstellte, noch, als er ihr diese Obliegenheit abgenommen, irgendeinen
-Schachzug tat.
-
-Tief nachdenklich hatte sie im Sessel gelehnt und zum ersten Male in
-ihrem Leben statt des Spieles ein absonderliches Gespräch eröffnet.
-
-»Das ist _sehr_ unrecht von dir, Bruder Eik!«
-
-Daß irgend jemand es wagte, ihn, Bertold Eik ~senior~, zur Rede zu
-stellen, war jedenfalls neu, und deshalb erregte es das Interesse des
-Alten.
-
-»_Was_ ist unrecht?«
-
-»Ich kenne ja das Kind nicht,« fuhr Fräulein Adelgunde jetzt mit
-etwas belegter Stimme fort. »Ich _will_ es nicht kennen, wie ich auch
-deiner Tochter noch meine Schwelle bis jetzt verweigerte. Sie hat das
-ehrenhafte Haus Eichen durch Flucht verlassen, und ich bin zu alt, um
-Eichenborn als ein Gasthaus ansehen zu lernen, in das man beliebig zu
-jeder Stunde kommen oder aus dem man ohne Gottbehüt gehen kann. Das
-müßt ihr erwachsenen, denkenden Menschen mit euch selbst ausmachen.
-Aber ich bin Mitglied vom Tierschutzverein, und ebenso hilfsbedürftig,
-wie die stumme Kreatur, dünken mich Kinder. Und hier bei uns im
-Eichenborn wird eins gequält, -- _das_ ist sehr unrecht von dir,
-Bruder.«
-
-»Ich quäle keine Kinder,« war die rauhe Erwiderung.
-
-Mit einem einzigen Griff hatte Fräulein Adelgunde alle aufgestellten
-Figuren umgeworfen. Damit zeigte sie, daß das Spiel ihr heute völlig
-verleidet sei.
-
-»Du tust es!« entgegnete sie fest. »Nie kommt ein anderes Kind in
-unser stilles Haus, dein Enkel hat keinen Umgang als seine Mutter, die
-mehr Tränen als Lachen kennen gelernt hat. -- Du hältst dem Knaben
-kein Pferd, und nie sah ich ihn im Hofe turnen oder spielen oder auf
-dem See rudern; die Schwimmanstalt am Ende des Parkes ist verfallen,
-weil Baldamus ein Weichling und du zu alt bist, -- -- hast du dir denn
-schon einmal überlegt, Bertold, daß dieses Kind der _Letzte_ unseres
-Stammes ist? Weißt du etwas von ihm? Was hat er für Anlagen? Was für
-Eigenheiten? Hat er das Talent seines Vaters geerbt? Oder nur schlechte
-Anlagen von ihm? Liebt er dich und die Familienüberlieferungen unseres
-Hauses? Wird er in unser ehrbares, philisterhaftes Gefüge passen,
-oder --«
-
-Wie scharfe Hiebe waren diese Fragen der alten Schwester auf den Herrn
-des Hauses gefallen und hatten einen seiner heftigsten Zornanfälle
-hervorgerufen. Aber dieser Anfall hatte gar keinen Eindruck auf
-Fräulein Adelgunde gemacht, -- sie legte die Schachfiguren in den
-alten, wunderbar eingelegten und geschnitzten Kasten, und dann war sie
-mit der eindringlichen Mahnung: »Besinne dich, Bruder -- -- auf dich
-und unser altes Haus!« in ihr Schlafgemach gegangen.
-
-Das fand Herr Eik von Eichen abscheulich von der Schwester, denn er
-selbst hatte natürlich kein Auge zugetan, und die ganze Nacht hindurch
-wie auch den heutigen Tag hatte ihn die Frage verfolgt: »Denkst du
-daran, daß er der Letzte unseres Stammes ist?«
-
-Über Baldamus, der ja noch in den besten Jahren stand, war die
-Schwester einfach hinweggegangen.
-
-Er war ihr sein Leben lang unsympathisch und fremd geblieben, und
-manchmal hatte auch Herr Bertold Eik an ein Kuckucksei denken müssen,
-denn die Vereinigung von böser Lust und Muckertum war bisher unbekannt
-in der Geschichte des Hauses gewesen.
-
-Und daß niemand aus der weiteren Verwandtschaft, niemand aus seinem
-Fabrikbereich, niemand von den maßgebenden Persönlichkeiten in der
-Stadt selbst ahnte, daß Herr Baldamus nicht ganz der Erzengel Gabriel
-war, für den man ihn hielt, -- das hatte den alten, grimmen Eik oft
-höhnisch und überhebend lachen lassen. Er war sich ja über sich selbst
-nicht klar.
-
-Er wußte nicht, daß er selbst den einst so geliebten Pflegesohn noch
-immer viel zu hoch einschätzte, -- wie hätte er sonst auch nur einen
-Gedanken an seinen ehemaligen Plan verschwenden können, seine Tochter
-Franziska mit seinem Neffen Baldamus Eik zu vermählen, -- eine Hoffnung
-zu nähren für seine letzten Tage, daß der Name Eik von Eichen in aller
-Reinheit der Rasse neu erstehen könne.
-
- * * * * *
-
-Mit schweren, wuchtigen Schritten ging der Greis den schmalen,
-tannenbestandenen Weg entlang, der zu einem kleinen Tempelchen führte,
-von welchem man einen schönen Blick auf die Berge, Wiesen, Wälder und
-den Fluß hatte. Dieser steinerne Tempel hatte auf die Kinderspiele
-von Generationen Eiks hinabgeschaut, -- die Chronik erzählte von
-Kinderbällen und Theateraufführungen, von Festgelagen der Stadt- und
-Dorfjugend, sogar von dem Besuche eines jungen königlichen Prinzen
-bei den Eiks, und so wenig sentimental der grimme Bertold Eik auch
-veranlagt war, er wußte, daß bei diesem altersgrauen Tempel immer etwas
-wie Heimatgefühl über ihn kam, weil seine Kindheit sich unter den Augen
-einer guten, sorglichen Mutter dort abgespielt hatte.
-
-Ein schmaler Weg mündete von den Anlagen des Damenstiftes her an dem
-Tempel, aber er wurde beinahe nie begangen, denn die adligen Jungfrauen
-hatten eine wahre Dornröschenhecke um ihre Burg wachsen lassen, und
-nur wenige von ihnen wußten noch um den Weg, den einst Adelgunde von
-Eik und Hermine von Windemuth, eine Großtante der kleinen Liselotte,
-angelegt, als sie noch junge, reizende Mädchen voll glühender
-Freundschaftsgefühle gewesen waren. Jetzt war der Weg moosbewachsen
-und durch überhängende Zweige beinahe unkenntlich geworden, nur sehr
-schmale Füßchen konnten ihn durchwandeln und sehr schmale Persönchen:
-wie es auch damals die feingliedrige Hermine von Windemuth gewesen, der
-die erste, bewundernde Liebe des Bertold Eik ~senior~ gegolten.
-
-Schmal und fein war auch das goldlockige Mädchen, das heute diesen Weg
-entlang geschlüpft war und -- nun auf der Korbbank des Tempels saß,
-mit großen, trotzigen Blauaugen auf ein Bündel schauend, das in seinem
-Schoß lag.
-
-Liselotte bemerkte kaum das Herannahen des alten Herrn, der unhörbar
-auf dem weichen Moose daherschritt, und als sein großer Schatten in den
-Raum fiel, erhob es erschrocken den Kopf.
-
-»Ach _du_ bist’s,« meinte Liselotte dann aber ganz ruhig, »ich glaubte
-schon, es sei der schreckliche Kerl.«
-
-»Wer ist denn _das_?« fragte Herr von Eik und wunderte sich selbst, daß
-er sich mit der Kleinen in ein Gespräch einließ, aber dies Kind hatte
-die Windemuthschen Augen, und er sah gern in sie hinein.
-
-»Eigentlich bist _du_ es ja,« entgegnete Liselotte gleichmütig, »aber
-ich nenne den Herrn Baldamus so.«
-
-Eik ~senior~ lachte heiser. »Und wer nennt _mich_ so?« fragte er rauh.
-
-»O -- alle! Die Base Juliane und die Trine und die Frau Postverwalter
-und die Eiermale und der Briefträger und -- --«
-
-Liselotte streckte ihm plötzlich die Hand hin. »Ich hab’ dich nie so
-genannt,« versicherte sie treuherzig, »ich fürchte mich auch gar nicht
-vor dir, du darfst dich gern neben mich auf die Bank setzen, du störst
-mich nicht.«
-
-Eik ~senior~ sah mit einem Gemisch von Zorn und Humor auf das kleine
-Ding hin, das ihm auf Eikschen Grund und Boden gnädigst erlaubte sich
-zu setzen. Aber zu seinem eigenen großen Erstaunen setzte er sich
-wirklich.
-
-»Wo kommst du eigentlich her, Hermine?« fragte er weiter.
-
-»Liselotte heiße ich. Hermine ist ja meine Großtante drüben im
-Damenstift, und die habe ich eben mit Base Juliane besucht. Es ist
-furchtbar langweilig bei ihr, und denke dir, -- sie kann Puppe Emmy
-nicht leiden. Deshalb zwängte ich mich durch die Dornenhecke und lief
-hierher.«
-
-Voll Entrüstung sagte es die Kleine, und gleichzeitig hob sie das
-Bündel von ihrem Schoß auf und drückte es in den Arm des neuen
-Freundes. »Ist sie nicht süß? Leider immer krank!«
-
-Herr von Eik beschaute sich das grau-schmutzige Bündel, ohne sich zu
-rühren. »Ich kann den Kopf nicht finden,« meinte er unbehaglich.
-
-»Den kann auch kein Mensch mehr finden,« berichtete Liselotte
-entsagungsvoll. »Weiß Gott, wo er sein mag. Das ist ja eben ihre
-schwere Krankheit. -- Bitte, rühr’ dich nicht,« bat sie eindringlich,
-als Herr von Eik Miene machte, seine unbequeme Stellung als
-Kinderwärter aufzugeben, »Puppe Emmy mag gern so liegen, es beruhigt
-alle ihre Nerven so.«
-
-Die Windemuthsaugen sahen vertrauend in die strengen, von buschigen
-Brauen umrahmten Eiksaugen und übten seltsame Macht. Herr Bertold
-~senior~ rührte sich nicht. --
-
-»Sprechen kannst du gern,« ermunterte ihn Liselotte nach einer Weile.
-»Auch lachen, wenn es dir Spaß macht.«
-
-»Ich wüßte nicht, worüber,« war die kurze Antwort.
-
-»Ich meine auch bloß so.«
-
-»Woher kennst du denn diesen Platz?« fragte der alte Herr, und da er
-ein leises Kribbeln in seinem linken Arm wahrnahm, bettete er Puppe
-Emmy in seinen rechten, welche Tätigkeit ein ganz süßes, mütterliches
-Lächeln auf Liselottes Gesichtchen zauberte.
-
-»Diesen Tempel? -- Da hat mir zuerst Großtante Hermine davon erzählt,«
-beantwortete sie jetzt die Frage. »Auch von dir hat sie mir erzählt,
-lauter so gute, schöne Sachen, wie du früher warst vor hundert Jahren,
-und dann brachte ich ihr auch mal den Bertold. Da meinte sie, das wäre
-auf und nieder dein Ebenbild, -- sie hatte auch so’n närrischen Namen
-für ihn, den lernten Bertold und ich auswendig: ›Schewalliee ßang Pör
-ang Minniatür‹.«
-
-»So? Hm!«
-
-»Ja und dann fragten wir sie, was das auf Deutsch wäre, -- ein Ritter
-ohne Furcht und Tadel, aber nicht so’n großer, wie du, sondern ein
-winziger. Das war doch nett von ihr, nicht wahr, Herr von Eik? Ich habe
-ihr auch nicht erzählt, daß du dem Diener manchmal die Feuerschaufel an
-den Kopf geworfen hast und so viele Gläser.«
-
-Mit einem einzigen Ruck stand der alte Herr auf, und Puppe Emmy flog
-auf den Boden. Ein Wehschrei ertönte, und jetzt sah ein blasses,
-zorniges Gesichtchen den Schloßherrn an.
-
-»Du hast es wohl gar mit Willen getan?« fragte ein ungläubiges,
-bebendes Stimmchen. »Ja, ist denn das möglich? So ein armes,
-krankes Emmylein auf die Erde zu ballern? Mit ohne Kopf und
-Sägspänenentzündung? I, da glaub’ ich aber nun _auch_, daß du
-ein -- -- --«
-
-Herr von Eik sah mit unbeschreiblichem Ausdruck auf das Kind nieder,
-und in seinem Blick mußte etwas liegen, was dieses unerschrockene
-Persönchen zwang, seinen Satz unvollendet zu lassen. Hastig nahm es
-die mißhandelte Puppe auf den Schoß und begann, sie kunstgerecht
-aufzuwickeln. »Natürlich,« -- meinte Liselotte verlegen-sachverständig,
-»naß ist sie auch, -- natürlich, bei der Aufregung, -- sie tut es sonst
-nie.«
-
-Rasch wurde dem Puppenwagen anderes Weißzeug entnommen und das Püppchen
-trocken gelegt.
-
-Wie lange war es her, seit Herr von Eik ~senior~ solch weiche
-Kinderlaute gehört, solch zarte Fingerchen hantieren sah! -- Seine
-Franziska, ja die war auch solch Puppenmütterchen gewesen, und hier
-am Tempel hatte sie halbe Tage lang gespielt und mit der eigenen
-Mutter ihre kleinen Sorgen und großen Freuden besprochen. Nie mit ihm,
-dem Vater. Er hatte immer nur zürnend oder spöttisch ihr gegenüber
-gestanden und kein Verständnis für Kinderlachen und Kindertränen
-gezeigt. Und als die Mutter starb, da lag alles kindliche Vertrauen
-mit in dem schwarzen Schrein, darin man sie begrub, und Vater und Kind
-waren arm und einsam. Zwar kam die Liebe und das Vertrauen wieder, aber
-das wurde dann dem fremden Manne geschenkt, mit dem sein Kind entfloh.
-
-Vielleicht waren es alle diese schweren, so plötzlich auf den alten
-Eik hereinstürmenden Gedanken, daß er einen Schritt näher herantrat,
-den blonden Scheitel der kleinen Zürnenden sacht berührte und mit
-guter, sanfter Stimme sagte: »Gib her, ich will dein Kind wieder gesund
-machen.«
-
-Liselotte sah ihn prüfend und forschend an.
-
-»Aha,« meinte sie verständnisvoll, »du willst nun gewiß Doktor
-sein, weil du so’n schlechter Vater bist. Na dann nimm sie, aber --
-vooorsichtig -- ohhhh vooorsichtig -- -- --«
-
-Als trüge er seltenes Glas oder Porzellan, so besorgt schritt Herr
-Eik von Eichen den Waldpfad zurück nach Haus Eichenborn mit einem
-wunderlichen, nie gekannten Gefühl im Herzen.
-
-Vorsichtig schaute er sich um, ob ihn auch niemand sähe, wie er das
-kleine, unförmliche Bündel auf seinem Arm hütete.
-
-Es war niemand Störendes zu sehen, nur die blondlockige kleine
-Gestalt stand unbeweglich im Tempelchen und blickte ihm mit großen,
-vertrauenden Augen nach.
-
-Da winkte er mit der Hand, und das Mädelchen zog ein winziges, arg
-schmutziges Taschentüchlein hervor und winkte auch.
-
-So schaute er sich wohl dreimal um, blieb auch dabei stehen und hörte
-die klare Stimme rufen: »Komm bald wieder, hörst du? Morgen, oder
-übermorgen, -- ade, ade!«
-
-Dann kam eine Wegbiegung und entzog ihm den lieben, ungewohnten Anblick.
-
-Auch im Herrenhause selbst begegnete dem alten Herrn niemand, aber es
-fiel ihm heute zum ersten Male auf, wie öde und einsam die großen,
-weiten Hallen und Gänge waren.
-
-Ordentlich unheimlich kamen sie ihm vor, aber weil er sich doch nicht
-gut fürchten konnte auf seine alten Tage, so zog er es vor, ärgerlich
-zu werden. Schon wollte er mit Stentorstimme nach Hieronymus oder sonst
-einem dienstbaren Geist rufen, doch da war etwas, das hielt ihn vor
-solch rücksichtslosem Gebaren ab.
-
-Vor seinem geistigen Auge gaukelte immer noch das kleine, zierliche
-Mädchen mit den mahnenden Blicken: »Vorsichtig, damit Puppe Emmy nicht
-aufwacht!«
-
-Mit einem Male stand der alte Herr still und horchte.
-
-Es klang wie unterdrücktes Weinen an sein Ohr, jedoch er konnte keine
-Menschenseele entdecken.
-
-Wieder ging er ein paar Schritte vorwärts und blieb dann abermals
-lauschend stehen.
-
-»Ist jemand hier?« fragte er halblaut.
-
-Keine Antwort, doch drang das Schluchzen deutlicher zu ihm, was ihn
-plötzlich veranlaßte, den mächtigen Kleiderschrank zu öffnen, der ihm
-selbst in seiner fernen Knabenzeit als Unterschlupf gedient hatte. Er
-fand eine zusammengekauerte Gestalt in der Schranktiefe, und nach ein
-paar Sekunden stand sein Enkel Bertold vor ihm, und ein vom Weinen
-verschwollenes Gesicht schaute zu ihm auf. Der Junge sah nicht sehr
-schön aus in diesem Augenblick, sondern recht gedrückt, kläglich und
-verzweifelt, und sein Anblick erbitterte den Alten, der gerade eben das
-hübsche, unerschrockene Mädchen vor sich gehabt hatte.
-
-»Warum heulst du?« fragte er barsch.
-
-»Ich -- ich weiß nicht,« -- lautete die verzagte Antwort, verbunden mit
-einem verlegenen Schulterziehen.
-
-»Jammerlappen!« stieß Herr von Eik rauh hervor. Die Abneigung
-gegen seinen Enkel übermannte ihn förmlich und er fühlte, wie ein
-sinnloser Zorn in wilden Wogen über ihm zusammenschlagen wollte. Als
-sei er selbst nicht fünfundsiebzig, sondern fünfundzwanzig Jahre
-alt, mit solcher Kraft hob er den Knaben hoch und schüttelte ihn
-derb und ungestüm, so daß die schlanke Gestalt hin und her taumelte.
-»Jammerlappen! Deiner Lebtage wirst du kein Kerl, -- kein Eik von
-Eichen! -- Und sowas ist mein Erbe!«
-
-Der junge Bertold hatte die Lippen zusammengepreßt und sah dem
-Großvater starr und groß in die Augen.
-
-Da ließ ihn Herr von Eik los und stampfte mit schweren Schritten und
-keuchendem Atem davon; an Bertolds Kopf aber flog ein Bündel, im
-höchsten Zorn geworfen, und dann fiel die Eichentür hinter dem alten
-Herrn ins Schloß und der Knabe stand allein. Mechanisch hob er das
-Bündel auf, -- er zitterte vor Angst, Zorn und Weh.
-
-Herrgott, was war er für ein unglücklicher Junge!
-
-Wie verloren kam er sich vor in dem großen, weiten Hause, -- es litt
-ihn nirgends.
-
-»Sei doch tapfer!« hatte ihn die Mutter ermahnt, mit der er die
-Aufgaben für Rektor Tüllen zu lösen versuchte, -- -- doch konnte er
-nicht sehen noch lesen vor den verdunkelnden Tränen. »Sei doch tapfer,
-was fehlt dir denn?«
-
-Und zu wem er auch kam, -- sei es im Stübchen des Hieronymus oder in
-der Wohnung des Organisten Brennstoff, -- überall ermahnte und fragte
-man ihn: »Wer wird denn so weinen, -- so ein großer Junge!«
-
-O wie er sich schämte! Wie die Schmach brannte, gleich einem Bündel hin
-und her geschüttelt zu sein, er meinte, ersticken zu müssen vor Zorn
-über die brutale Behandlung. Aber größer als der Zorn und die Scham war
-das Weh in seiner Brust, -- das wunderliche Etwas, -- wie nannte er es?
-O wenn er doch seine Geige hier hätte! Daß er seinen Jammer in all den
-Melodien vergessen könnte, die in den Saiten schlummerten, und die er
-so oft geweckt hatte, wenn er sich einsam fühlte. Aber die Geige war
-dauernd zu dem Organisten gebracht worden, und nur in dessen Zimmer
-durfte er spielen, -- nie allein mit ihr sein, nie. Wie furchtbar weh
-das tat! Aber war es die Geige allein, die ihm so schmerzlich fehlte?
-Wirklich ganz allein die Geige?
-
-Wie aus weiter Ferne hörte Bertold die Laute einer zornigen
-Kinderstimme: »Nie spiele ich wieder mit dir, _nie_!«
-
-_Das_ war es. -- -- --
-
-Mit einem Wehelaut warf sich Bertold auf den harten Fußboden und
-stöhnte in das Bündel hinein, das ihm der harte Großvater in
-ausbrechendem Jähzorn an den Kopf geworfen hatte.
-
-Aber von dem Bündel ging etwas Seltsames aus, ein Duft, den der Knabe
-kannte und den er jetzt spürend und begierig einsog. Alle Arzeneien
-und Belebungsmittel, deren Liselotte in ihrem jungen Leben habhaft
-werden konnte, besonders Baldriantropfen, Kamillentee und Eau de
-Cologne, hatte sie verschwenderisch über Puppe Emmy ausgegossen, und
-an diesem Duft erkannte Bertold mit einem Schlage, was da vom Himmel
-herunter gefallen war.
-
-Ja, vom Himmel. -- Vergessen war der Großvater und sein Jähzorn,
-vergessen die schmähliche Behandlung, vergessen selbst die Geige -- --
-»Puppe Emmy!« sprach der Junge laut, und eine heiße Zärtlichkeit lag
-in den zwei Worten verborgen und eine feste Zuversicht, als ob ja nun
-alles gut werden müsse.
-
-Er erhob sich vom Boden, versicherte sich noch einmal am hellen
-Fenster, daß er wirklich das liebste Eigentum der verlorenen Gespielin
-in seinen Händen halte, schob dann die Puppe in seine weite Knabenbluse
-und atmete tief auf.
-
-Wo sollte er das Kleinod verbergen? Denn daß er es nicht wieder heraus
-gab, stand ganz fest bei ihm. Er fragte sich gar nicht, wie das Bündel
-in seines Großvaters Hand gelangt war, -- -- es war ihm in seiner
-weichen Stimmung lieb, an ein Wunder zu glauben. --
-
-Aber er zermarterte nun seinen Kopf, ein dauerndes Versteck ausfindig
-zu machen, wo er doch ab und zu hingelangen konnte, um das Bündel zu
-sehen. Der Boden! Das war ein Gedanke! Auf seinen Streifzügen war er
-in die verschiedensten Regionen gekommen, aber vor dem Boden hatte
-er sich immer noch etwas gescheut. Denn an der Bodendecke prangte
-ein unheimliches, mächtiges Bild in düster-bunten Farben, den großen
-Christopher darstellend -- -- er sah das Bild, wenn er den Kopf weit
-zurückbog und in die Höhe blickte.
-
-Heute fühlte er keine Angst.
-
-Puppe Emmy war wie ein Talisman, -- ein Amulett, das ihn vor allem
-Bösen schützen mußte.
-
-Sinnend, lächelnd und glücklich stieg der Knabe die Treppen in die
-Höhe, aber er erreichte den Oberboden nicht, er verirrte sich in
-andere, weite Gänge, in nie zuvor gesehene Säle und Zimmer, auf
-hallende, von schön und seltsam geschnitzten Geländern umgebene Treppen
-und in unzählige geheimnisvolle, dunkle Winkel.
-
-Endlich geriet er auch wieder auf weiche Teppiche, die seinen Schritt
-dämpften, er sah lichte Fenster- und dunkle Türvorhänge und entdeckte
-schöne, farbenprächtige Bilder an den Flurwänden. Eine große, weiße
-Katze strich an ihm vorbei, und als er sie anrief, rieb sie sich
-zärtlich an seinem Körper. Das Wunderbarste aber war, daß ihm jemand
-aus einem der verschlossenen Zimmer »Bertold! Bertold!« zurief.
-
-Er klopfte bescheidentlich an und trat ein.
-
-Zuerst sah er nur einen großen, grauen Papagei, der sich schwatzend
-und kreischend in seinem Ringe schaukelte, dann gewahrte er in
-dem behaglichen Raume einen teppichbelegten, altmodischen Tritt,
-auf diesem ein in voller Bewegung befindliches Spinnrad, und
-davor -- -- -- das konnte nur die alte Spinnerin aus Dornröschens
-Zauberschloß sein. Etwas wie Furcht beschlich ihn, aber er bezwang sich
-tapfer. »Haben Sie mich gerufen?« fragte er höflich und mit tiefer
-Verbeugung. Die graue, etwas gebückte Gestalt, die so eifrig spann, sah
-ihn forschend an. --
-
-»Bertold, Bertold!« krächzte der Papagei, und nun lachte der schlanke
-Junge, lachte so herzhaft, so klingend, so musikalisch, so aus dem
-Innersten heraus, daß es tönend von den Wänden zurückkam.
-
-Da stand das Spinnrad plötzlich still, und der Stuhl, worauf die
-graue Gestalt saß, wurde polternd zurückgestoßen. Trippelnde Schritte
-näherten sich dem Knaben, dann umschlangen ihn zwei Arme, und er sah in
-ein gutes, altes Gesicht, dessen blaue Augen voll Tränen standen.
-
-»Du Junge! Du Bertold! Du echter Eik mit deinem Eikschen Lachen!
-Willkommen bei Großtante Adelgunde!«
-
-Es mußte ja ein Märchen sein. Bertold rieb sich immer wieder die
-Augen, aber der Papagei und das Spinnrad blieben und die graue Gestalt
-blieb auch leibhaftig vor ihm, nur daß sie jetzt geschäftig im Zimmer
-herumlief und kleine Kuchen, Obst und feine Schokolade vor Bertold
-hinsetzte mit der Aufforderung, tüchtig zuzulangen. Das tat der Junge
-gern, denn in seinem großen Kummer war er nicht dazu gekommen, sein
-Vesperbrot zu genießen. Nun saß er neben der plötzlich entdeckten
-Großtante, die wohl hundert Jahre nach seiner Schätzung zählte, und
-sie nötigte ihn immer wieder liebevoll zum Zulangen, bis auch kein
-Stellchen in seinem Magen mehr frei war.
-
-»Jetzt erzähle!« bat die alte Dame.
-
-»Warum ruft der Papagei immer Bertold?« wollte der Junge gern noch
-wissen, »er kennt mich ja gar nicht.«
-
-»Das gilt deinem Großvater,« lachte leise die Großtante. »Früher war
-der Papagei immer bei ihm, -- -- aber er ist so sehr gelehrig und
-gewöhnte sich alles an, was dein Großvater rief -- -- hm, -- das war
-oft lästig -- wenn er es so unablässig wiederholte. Jetzt habe ich ihm
-alles bis auf den Namen seines früheren Herrn abgewöhnt, -- -- der ja
-auch der deine ist, mein kleiner Bertold!«
-
-Sie war so vertrauenerweckend, die Großtante Adelgunde!
-
-Weit tat sich Bertolds Herz auf und erzählte ihr alles, seine Freuden,
-seine Leiden, seinen ganzen letzten Kummer.
-
-»Du stehst jetzt unter meinem Schutz,« bedeutete ihm die alte Dame.
-»Und du wirst nicht mehr heimlich beim Organisten Brennstoff spielen,
-sondern du wirst hier laut und deutlich bei mir üben, und ich werde
-nach E. schreiben und den besten Lehrer für dich bestellen. Du wirst
-gleich heute noch deine Geige holen und sie zu mir bringen, -- du
-lieber Herrgott, ich soll wieder einmal eine Amati in den Händen halten
--- und vielleicht können wir beide sogar zusammen musizieren.«
-
-Die Achtzigjährige wurde ganz lebhaft, -- sie trippelte zu dem hellen
-Mahagonispinett und öffnete es feierlich. »Mach’ noch einmal eine
-tiefe Verbeugung, kleiner Bertold, denn auf diesem Instrument hat --
-Beethoven gespielt.«
-
-Der Junge atmete tief auf. Immer noch meinte er, alles müsse vor seinen
-Augen plötzlich verschwinden, -- es war zu wunderseltsam, was er
-erlebte. Ungestüm warf er beide Arme um den Hals der alten Dame, daß
-sie sogar ein wenig taumelte.
-
-»Ei, ei,« mahnte sie, »du ungestümer Eik! So sind und so waren sie eben
-_auch_ alle. Aber ungestüm und musikalisch darfst du sein, wenn du
-nur nicht jähzornig bist,« setzte sie leise hinzu, indessen doch laut
-genug, daß Bertold sie verstanden hatte. Er erblaßte bis in die Lippen.
-»Schließ das Beethovenspinettchen!« bat er schmerzlich. »Ich -- ich
-verdiene nicht, drauf zu spielen.« -- -- --
-
-Der Abend brach herein. Mit einem zärtlichen »Gott behüt« wurde der
-Junge entlassen unter dem feierlichen Bedeuten, sein Mütterchen
-aufzufordern, sie möchte Großtante Adelgunde besuchen. Dann schritt
-er all die Gänge, Treppen und Treppchen wieder zurück bis zu dem
-Seitenflügel, den er und seine Mutter bewohnten.
-
-Lange saß er noch mit Mutter Franziska in eifriger, zärtlicher
-Zwiesprache zusammen, und dann brachte sie ihn zu Bett und betete
-dankbar mit ihm. Unter seinem Kopfkissen aber lag, ohne daß es eine
-Menschenseele außer ihm selbst ahnte, ein schmutzig-weißes Bündel,
-und vielmals in der mondhellen Sommernacht zog er es hervor, um die
-geliebte Puppe Emmy ohne Kopf anzuschauen und sich zu vergewissern, daß
-dieser Gruß und Augentrost wirklich bei ihm sei. -- Bis ihm nach all
-den aufregenden Sachen am heutigen Tage die müden Augen zufielen. --
-
- * * * * *
-
-Gegen Abend des nächsten Tages schritt Frau Franziska über Gänge und
-Treppen des Vaterhauses denselben Weg, den Jung-Bertold zurückgelegt.
-Sie aber kannte jedes Winkelchen, und aus jedem Eckchen schaute sie die
-Erinnerung an.
-
-Das ernste Zürnen von Großtante Adelgunde hatte ihr schmerzlich weh
-getan, kaum wollte sie die liebe, freudige Botschaft aus dem Munde
-ihres Jungen als richtig ansehen.
-
-So klopfte sie nur zaghaft an, aber auch ihr erschien der Ruf des
-grauen Papageis als eine günstige Vorbedeutung. Still öffnete sich die
-Tür, so als ob jemand schon lange, lange dahinter gestanden und auf
-ihren Schritt gewartet habe, -- still öffneten sich zwei alte Arme, und
-das alte, dazugehörende Herz hatte wohl schon längst offen gestanden
-und sich nur noch etwas gewehrt, das auffordernde »Herein« laut zu
-rufen.
-
-Die Liebe zu Jung-Bertold überbrückte auch lückenlos die große Kluft,
-welche die Flucht der Nichte vor Jahren gerissen, Tante Adelgunde
-dachte nicht mehr an Unrecht und Schmach, sie dachte nur an das Leid,
-das Frau Franziska getroffen, und das wollte sie jetzt mit ihren
-schwachen Kräften in Sonnenschein wandeln.
-
-»Von gestern ab gehört der Junge mir mit,« rief die alte Dame in
-ungewöhnlicher Lebhaftigkeit, »er selbst hat mein Reich erobert.«
-
-In all den Tagen, die nun folgten, sah Frau Franziska ihren Vater
-wenig oder gar nicht, und Fräulein Adelgunde mußte es erleben, daß der
-Schachtisch und das Schachbrett völlig verwaist blieben.
-
-Das war etwas Unerhörtes, und die Schwester nahm sich vor, dem
-Oberhaupt vom Eichenborn einmal wieder gründlich ihre Meinung zu
-sagen; als sie aber durch Zufall ihm begegnete, erschrak sie vor dem
-finsteren, gequälten Ausdruck in seinem Gesicht und verlor den Mut, ihn
-nach der Ursache zu fragen. Herr Baldamus von Eik war verreist.
-
-Frau Franziska freute sich dieser Tage, -- man hörte sie sogar mit
-ihrem Knaben lachen, und ihre Wangen bekamen einen Anflug feiner Röte,
-so daß sie oft wie ein junges Mädchen aussah.
-
-So gern hätte sie nun recht gemütliche Mittagstunden mit ihrem Vater
-genossen, aber sobald sie mit Jung-Bertold das große Eßzimmer betrat,
-meldete ihr der Diener, daß Herr Eik von Eichen ~senior~ heute allein
-zu speisen wünsche. Dies »heute« bezog sich nun aber schon auf viele
-Tage. --
-
-War es der junge Diener, der die Meldung machte, dann begnügte sich
-Frau Franziska mit einem Kopfnicken, -- als aber Hieronymus Teichmann
-bei Tisch aufwartete und sie wieder nur zwei Gedecke erblickte, da trat
-sie rasch auf den alten Getreuen zu.
-
-»Hieronymus, was ist’s mit dem Vater? Irgend etwas bedrückt ihn schwer,
--- ich sorge mich. Und du scheinst es zu wissen, Hieronymus, was hier
-vorgeht.«
-
-Der Diener wich ihrem forschenden Blicke aus.
-
-»Da ist nichts zu raten und nichts zu sagen,« murmelte er. »Haus Eichen
-hat einen guten Magen, und wenn wir dem lieben Herrgott trauen, kann
-der Eichborn auch _das_ verdauen.«
-
-»Ist es etwas sehr Schweres, Hieronymus?« fragte Franziska, ängstlich
-geworden, -- -- »ich kann es mir gar nicht zusammenreimen. Sind es etwa
-gar -- Zahlungsschwierigkeiten?«
-
-Ein leises Lächeln trat auf das gute, alte Gesicht des Faktotums.
-
-»Du liebe Zeit, -- so Schwierigkeiten, was haben _die_ für Haus Eik zu
-bedeuten? ’s sind weiter nichts als Mückenstiche. -- Aber es gibt so
-_andere_ Schliche, -- -- die sich nicht ziemen für Eichenborn -- die
-bringen Herzweh und heiligen Zorn. Ich bin nur ein Diener und hab’
-nichts zu sagen, aber der Herr sollt’ dazwischen schlagen mit Knüppeln
--- und mit eisernem Besen auskehren all das schlimme Wesen.«
-
-Er hatte sich in Zorn geredet, der Alte, und nun erschrak er, daß
-sowohl Frau Franziska, als auch Bertold die Suppe völlig unberührt
-gelassen hatten, und daß beide mit traurigen, ängstlichen Augen zu ihm
-aufschauten.
-
-»Ich bin ein Schwätzer, Fräulein Franziska,« stotterte er, denn diese
-Bezeichnung gebrauchte er immer für seine liebe Herrin; sie sah so
-mädchenhaft aus, und der fremdländische Name, der ihr zukam, wollte
-nicht über seine Lippen.
-
-»Vorhin ging der alte Valentin die Treppe hinunter,« nahm Bertold das
-Wort. »Er grüßte mich gar nicht, ich glaube, er war sehr krank und sah
-aus, als ob er geweint hätte.«
-
-»Der alte Valentin?« fragte lebhaft Frau Franziska. »Ich war lange
-nicht bei ihnen, das ist eine häßliche Unterlassung von mir. Hat das
-hübsche Jettchen genug zu tun immer? Ich will ihr gern wieder Aufträge
-für Wäschesticken zuwenden -- -- --«
-
-Hieronymus antwortete nicht, er hatte sich plötzlich zur Tür
-gewendet und war mit dem großen Präsentierbrett hinausgeschritten in
-unziemlicher Hast, die er sich noch niemals sonst hatte im Beisein der
-Herrschaft zuschulden kommen lassen. Mit bangen Blicken schaute ihm
-Frau Franziska nach.
-
-Als er mit dem zweiten Gang herein kam, winkte ihm die junge Frau,
-damit er recht leise hantiere.
-
-Im Nebenzimmer, dem Arbeitsgemach des alten Herrn von Eichen, hatten
-sich laute Stimmen erhoben, die sich immer mehr steigerten. Bekümmert
-und verständnislos sah Frau Franziska drein.
-
-Jetzt nickte Hieronymus gleichmütig.
-
-»Das ist die Arbeiterdeputation,« meinte er. »Wenn doch da unser Herr
-nachgeben wollte. Sie verlangen nicht zu viel, die Leute, es ist eben
-alles teurer geworden, und die Eiksche Fabrik sollte lieber mit gutem
-Beispiel vorangehen, als im alten Schlendrian verbleiben. Es gärt schon
-allzuviel unter den Böswilligen, aber das sind alles junge, verführte
-Leute, -- _unsere_ Arbeiter sind gut, -- nur besser möcht’s eben jeder
-haben.«
-
-»Ihr irrt euch,« tönte von drüben scharf und laut die Stimme, »zu mir
-kommt nur nicht mit so hirnverbrannten Ideen. Ob ich euch aufbessern
-_kann_, habe ich allein zu entscheiden, jedenfalls _will_ ich es nicht,
-weil die letzte Aufbesserung erst vor Jahresfrist erfolgte und ich eine
-neue noch nicht für nötig halte; zwingen lasse ich mich nicht, das wißt
-ihr ja.«
-
-Man konnte die Erwiderung nicht verstehen, aber jedenfalls wurde sie
-von einem Einzelnen in heftigem Ton gegeben.
-
-»Der Heinrich Liebetraut ist’s,« murmelte Hieronymus ängstlich. »Nur
-beim Reden tut der Kerl _nicht_ faul, -- ich wollt’, er hielte jetzt --
-den Mund.«
-
-Dem treuen Hieronymus versagte plötzlich der beabsichtigte, kräftigere
-Reim, denn drüben hatte Herr von Eik mit seiner kräftigen Faust auf den
-Tisch geschlagen. »Hinaus!« brüllte er, »macht, daß ihr hinaus kommt!«
-
-Dann ein nicht eben sachtes Türenschlagen, das erregte Sprechen von
-drei oder vier Menschen auf dem Hausflur und hastiges Entfernen stark
-und polternd auftretender Männerfüße.
-
-Mit klopfenden Herzen standen Franziska und Bertold nebeneinander,
-während Hieronymus leise das Zimmer verlassen hatte. Er konnte es nicht
-mit ansehen, wie eine Speise nach der anderen unberührt stehen blieb,
-und er konnte auch nicht der verehrten Tochter seines Herrn ganz genau
-Rede und Antwort stehen, konnte vor allen Dingen ihren ernsten, reinen
-Augen gegenüber nicht der Aufklärende sein, der ihr sagte, daß ihre
-letzte Zuflucht, ihre geliebte Heimat, in welche sie sich aus Unehre
-und Schmutz gerettet, längst eines eisernen Besens bedürfe, der viel
-Fäulnis, viel böse Stoffe herauskehren müsse.
-
-Als Hieronymus die Tür öffnete, steckte Herr Eik von Eichen ~senior~
-zur gleichen Zeit den Kopf aus seinem Zimmer herein, und der Diener
-erschrak, so grau und verärgert sah das Gesicht aus, so zornig die
-Augen zwischen den starken Brauen.
-
-»Ich bin für _niemand_ zu sprechen,« rief der alte Herr ihn an, »für
-niemand, weder jetzt, noch nachher, noch heute abend. Sorge dafür, daß
-keine Menschenseele auf diesen Flügel kommt, -- meine Tochter und ihr
-Sohn sollen anderswo essen.«
-
-»Sehr wohl, Herr von Eichen!« war die leise Antwort des bestürzten
-Hieronymus, und dann war er auf leisen Sohlen zu Frau Franziska
-zurückgekehrt, um ihr Bescheid zu bringen. Sie entfernte sich
-traurigen Blickes mit Bertold, -- gar zu gern hätte sie mit ihrem
-Vater alle Vorgänge besprochen, wäre ihm so gern eine verständnisvolle
-Gefährtin gewesen in all diesen Wirren einer neuen Zeit, die den
-patriarchalischen Zuschnitt vom Hause Eichenborn längst nicht mehr
-verstand.
-
-Aber Franziska wußte, daß ein Hereinreden in den väterlichen Zorn ihn
-nur noch mehr schüren und zur lodernden Flamme anfachen würde.
-
-Mit mächtigen Schritten durchmaß der alte Herr sein
-Riesenarbeitszimmer. Beide Hände hielt er geballt, -- ein schweres
-Stöhnen, unartikulierte Laute, die beinahe nichts Menschenähnliches
-hatten, entrangen sich seiner heftig atmenden Brust. Ein Jähzornanfall
-schlimmster Art hielt ihn gepackt, dabei schlug sein Herz hart und
-schmerzhaft gegen die Brust, und kalter Schweiß bedeckte seine Stirn.
-Immer wieder nahm er die Wanderung auf, der dicke Teppich minderte nur
-wenig das Dröhnen seiner Schritte.
-
-Wütende Flüche und eine Flut von Schmähungen ergossen sich aus seinem
-Munde, er tobte in wilden Drohungen, bis er sich erschöpft niedersetzen
-mußte. Aber auch jetzt noch umkrampften seine großen Fäuste die Lehnen
-des tiefen Sessels, als wollte er sie zerdrücken. -- -- --
-
-»Da bist du ja!« tönte ein durchaus tapferes, selbstbewußtes Stimmchen
-durch die schwüle Zornatmosphäre des großen Raumes. Liselotte Windemuth
-schloß sorgfältig die Tür wieder, legte beide Händchen auf den Rücken
-und schritt ruhig zum Arbeitssessel des alten Herrn. »_Wo hast du Puppe
-Emmy?_« fragte sie energisch.
-
-Herr von Eik griff mit beiden Händen nach seinem Kopfe. Es sah aus, als
-glaubte er eine Erscheinung vor sich zu haben. Dann wich allmählich
-dieser Wahn von ihm, um einem erneuten Wutanfall Platz zu machen. Beide
-Hände hob er, als wolle er diese unglaublich freche, kleine Person da
-vor ihm niederschlagen.
-
-Liselotte fing aber die Hände unterwegs auf und hielt sie fest. »Was
-machst du denn?« fragte sie unwirsch. »Du hast wohl Angst, ich tu’ dir
-nun was? -- Ich will bloß mein Kind wieder haben. Auch wenn’s noch
-krank ist. Macht nichts! Gib’s her!«
-
-»Ich habe es nicht,« stotterte Herr von Eik verblüfft. Ja, es muß
-gesagt werden, der grimmige, jähzornige, gegen jegliche Gefühlsduselei
-abgehärtete Herr von Eik war verlegen diesen blauen, unerschrockenen
-Kinderaugen gegenüber, besonders weil noch etwas anderes aus ihnen
-sprach, eine wirkliche, mütterliche Angst um ihr Puppenkind.
-
-Und der alte Herr war all sein Lebtag ein zu gewissenhafter Mensch und
-Geschäftsmann gewesen, als daß er jetzt nicht eine Art unbehaglicher
-Beschämung empfinden sollte, weil er das Eigentum eines anderen
-verschleppt hatte. Wo in aller Welt hatte er Puppe Emmy gelassen?
-
-Ob er diese Frage laut getan hatte? Jedenfalls zog sich Liselotte
-Windemuth einen der großen Sessel herbei, lehnte sich behaglich hinein
-und meinte: »Besinn dich nur, -- ich habe Zeit!«
-
-Dieses Wort hatte sie öfters von ihrem Väterchen gehört, wenn sie
-irgendeinen wertvolleren Gegenstand verschleppt hatte und sich nicht
-erinnern konnte, wohin er gekommen war. --
-
-Bei Herrn von Eik war dies Verfahren aber doch nicht angebracht. Denn
-beim Besinnen kam ihm auch wieder der Zorn über den Eindringling,
-kam ihm das Bewußtsein, daß der Wertgegenstand eine abscheuliche,
-zerschlagene und zerrissene Puppe sei, und daß er über dem für ihn
-unwürdigen Forschen nach ihrem Verbleib eine Menge wertvoller Zeit
-vertrödele.
-
-»Du mußt jetzt gehen,« beschied er die Kleine. »Die Puppe wird sich
-finden.«
-
-Liselotte setzte sich noch etwas fester zurück. »Wo ist sie denn?«
-fragte sie ungerührt.
-
-»Ich weiß es jetzt nicht, du hörst es ja.«
-
-»Du hast sie jetzt schon viele, viele Tage, Herr von Eik. Hast du sie
-immer gut gefüttert?«
-
-»Wen? Die Puppe? -- Nein!«
-
-»Nicht gefüttert? So lange nicht? Du hast sie hungern lassen?«
-
-»Ach, Dummheiten! Puppen hungern nicht.«
-
-Liselotte war starr über diese vermessene Behauptung. Aber sie hielt
-sich nicht dabei auf, sondern setzte streng das Verhör fort.
-
-»Hast du sie gebadet?«
-
-»Nein.«
-
-»Trocken gelegt?«
-
-»Nein.«
-
-»Hast du ihr Geschichten erzählt und sie abends mit in dein Bett
-genommen?«
-
-Liselotte hatte den Bogen zu straff gespannt. Die letzte Zumutung
-brachte dem gestrengen Herrn von Eik seine unwürdige Lage diesem
-Dreikäshoch gegenüber besonders zum Bewußtsein.
-
-Mit einem energischen Ruck hob er das kleine Mädchen aus dem
-Sessel hoch, es wehrte sich kräftig und stieß und schlug um sich,
-verschlechterte aber dadurch nur seine Lage. Denn der Griff, der sie
-umklammert hielt, wurde nun fester und äußerst schmerzhaft, sie wurde
-von dem jetzt sehr aufgebrachten Herrn einfach zur Tür hinausgeworfen,
-die er dann unbarmherzig hinter sich abschloß. Liselotte wußte zuerst
-kaum, was ihr geschehen war, sie strich ihr zerknülltes, weißes
-Röckchen glatt und schüttelte die zerzausten blonden Locken, dann aber
-begannen ihre kleinen Fäuste energisch an die verschlossene Tür zu
-schlagen und zu pochen, -- ein ohnmächtiges Beginnen diesem schweren
-Eichengefüge gegenüber. »Gib mir Puppe Emmy her! Ich will meine Emmy
-wieder haben!« schrie und schluchzte in Zorn und Verzweiflung das
-kleine Ding, daß das Echo gellend von den hohen, hallenden Gängen
-wiederkam. »Du da drinnen! Du großes Ungetüm! Du schlechter Kerl! Ich
-will meine Emmy ohne Kopf wiederhaben!«
-
-Und als dieser Ausbruch nichts nützte, -- ach so ganz und gar nichts,
-und nichts in dem weiten, unheimlichen, einsamen Gebäude sich rührte,
-niemand sich blicken ließ, der ihr Antwort auf ihre tobenden Fragen
-geben konnte, da brach Liselotte in ein schluchzendes, bitterliches
-Weinen aus, dann lief sie die Treppe herunter, durch das Grasgärtchen,
-zum Tor hinaus, durch die Straßen an schwatzenden Kindern, an neugierig
-stehen bleibenden Leuten vorüber, und in jammervoll hohen Tönen
-schrie sie: »Der schlechte Kerl! O der schlechte Kerl!« bis sie das
-Haus Windemuth erreicht hatte und Base Juliane das aufgeregte Kind in
-Empfang nahm. --
-
- * * * * *
-
-Der Spätabend war hereingebrochen, als Herr von Eik sich von seinem
-Sessel erhob und auf ein sachtes Pochen an der Tür diese öffnete.
-
-Stundenlang hatte er allein gesessen, er hatte auch hin und wieder
-einen leichten Schritt sich nahen hören, und einmal hatte auch eine
-bittende Stimme gerufen: »Vater, willst du nicht wenigstens etwas zu
-dir nehmen? Ich ängstige mich.«
-
-Aber er hatte mit finster gefalteter Stirn geschwiegen, und die
-leichten Schritte hatten sich wieder entfernt. Dann wieder nach Stunden
-hatte Schwester Adelgunde sich energisch gemeldet: »Bruder, -- das ist
-ja Torheit, du wirst uns ja krank!« Aber auch sie war ohne Erfolg in
-ihre Gemächer zurückgekehrt.
-
-Auch Hieronymus war zur Tür gekommen und hatte sich in wohlgeformten,
-etwas unsicher hervorgebrachten Reimen zur abendlichen
-Kammerdienstleistung gemeldet und durch die unerbittlich verschlossene
-Tür den Bescheid bekommen, daß sie alle der Teufel holen solle, als
-endlich ein bekanntes, etwas zögerndes Schreiten draußen vernehmbar
-wurde und auf das vorsichtige Klopfen die Tür sich öffnete.
-
-Baldamus Eik von Eichen glitt in das Zimmer.
-
-Es war erhellt von einer hohen, altertümlichen Öllampe, die auf dem
-Schreibtisch stand. Herr von Eik haßte Gaslicht und ebenso elektrische
-Beleuchtung, er war ganz und gar altmodisch vom Kopf bis zu den Füßen
-und stach gar nicht so sehr von seinem Pflegesohn ab, der in neuester
-Biedermeiertracht sich äußerst würdevoll präsentierte.
-
-Nicht vereinbaren mit dieser äußeren Würde ließ sich der flackernde
-Ausdruck in seinen Augen, das verlegene Vorbeisehen an der imposanten
-Gestalt des Greises, der ihn düster und scharf ansah.
-
-»Du hast mir hübsche Neuigkeiten zutragen lassen, Baldamus,« begann der
-alte Herr ohne Umschweife.
-
-Dieser zuckte die Achseln. »Willst du es nicht _meine_ Angelegenheit
-bleiben lassen, Pflegevater? Wir werden uns darüber nicht verständigen
-können und --«
-
-»Allerdings nicht.« Man hörte in der Stimme des alten Herrn den
-aufsteigenden Sturm. »In derartig schuftigen Dingen habe ich keine
-Erfahrung.«
-
-»Ich muß doch bitten -- Pflegevater!« fuhr Herr Baldamus auf, aber
-er sah dem Alten nicht in die Augen. »Es ist _meine_ Angelegenheit,«
-setzte er trotzig hinzu.
-
-»Nein, die ist es _nicht_.« Herr von Eik ~senior~ war einige Schritte
-näher getreten. »Der alte Valentin Erkner ist seit vierzig Jahren an
-unserer Fabrik, er und seine alte Frau sind ganz gebrochen von der
-Schande ihrer Enkelin.«
-
-Herr Baldamus zuckte unbehaglich die Achseln. »Laß uns doch nicht
-darüber sprechen! Ich werde alles mit ihnen abmachen.«
-
-»Du willst sie heiraten, Baldamus?«
-
-Ein häßliches Lächeln trat auf das Gesicht des jüngeren Mannes, --
-es verschwand aber sofort wieder und machte einem harten, wilden
-Ausdruck Platz. »Ich heirate niemand und _will_ niemand heiraten, als
-die eine, die du mir einst fest versprachst. Hörst du, Pflegevater,
--- _fest_ versprachst,« zischte Herr Baldamus. »Weiß Gott, ich bin
-ein geduldiger Warter gewesen, -- -- -- hilf mir, Pflegevater!« Diese
-letzten Worte wurden mit völlig veränderter Stimme gerufen, er schien
-in großer Aufregung zu sein, ein ganz ungewohnter Anblick bei dem sonst
-so glatten, ruhigen, gesetzten Manne, den ja auch die Schwarzhausener
-gerade wegen dieser Ausgeglichenheit so sehr schätzten. Der alte Eik
-sah seinen Pflegesohn zornig und ungläubig an.
-
-»Du weißt wohl nicht mehr, was du sprichst, Baldamus. _Ich_ -- soll
-Franziska zureden? Ich? Nachdem ich dies weiß? Und nachdem mir
-schon jahrelang der Anblick von Hieronymus Teichmann unerträglich
-war -- -- --«
-
-»Laß doch die uralten Geschichten, Pflegevater. _Ich_ wärme ja auch
-nicht auf -- -- --«
-
-Lauernd richteten sich seine Augen auf den alten Herrn, der plötzlich
-müde und verfallen aussah. »Du weißt ja selbst, Pflegevater,« fuhr er
-langsam und streng betonend fort, »wie schwer es wird, immer und immer
-den Schein zu wahren, -- -- deine ganze Lebensarbeit hast du daran
-gesetzt, und die sittenstrenge Kleinstadt lohnt dir nicht einmal deinen
-einwandfreien Lebenswandel. Mehr als einmal schon -- -- --« er lachte
-hölzern und meckernd, »hörte ich, wie man _dich_ einen ›schlechten
-Kerl‹ nannte.«
-
-»Schweig!« rief Herr Eik ~senior~ heftig, und die Adern auf seiner
-Stirn schwollen an.
-
-»Gut, ich schweige! Aber dann erzähle auch du keine ollen Kamellen und
--- -- -- sprich mit Franziska.«
-
-Herr von Eik ~senior~ antwortete nicht, er ließ sich schwer in den
-Sessel fallen, und man sah, wie die furchtbare Aufregung in ihm
-arbeitete. Erst als er bemerkte, daß Baldamus das Zimmer verlassen
-wollte, beruhigte er sich etwas und rief mit heiserer Stimme seinen
-Pflegesohn an.
-
-»Bleibe noch, Baldamus! -- Ich habe noch etwas mit dir zu besprechen.
-Wie kommst du dazu, den Leuten zu sagen, daß ihre höhere Lohnforderung
-von mir berücksichtigt werden würde? Die Arbeiterdeputation war heute
-bei mir, der Heinrich Liebetraut war der Sprecher, -- er ist ein
-Stänker, behauptet aber, von dir besonders ausgesucht worden zu sein.«
-
-»Damit hat er recht,« meinte Herr Baldamus gelassen. »Ich wollte durch
-diesen verbissenen Krakehler, dem beinahe einzigen Wühler in unserem
-kleinstädtischen, biederen Betriebe den Worten der Arbeiter etwas mehr
-Nachdruck geben, falls du etwa zögern solltest, ihren unverschämten
-Forderungen nachzugeben. Du hast bewilligt, Pflegevater?«
-
-»Bewilligt? Ich denke nicht dran. Du nennst ja selbst ihre Forderungen
-unverschämt. Besonders sind sie es deshalb, weil ich erst vor
-Jahresfrist erhöhte.«
-
-»Du wirst sie wohl annehmen, Pflegevater. Es ist besser, wir wenden
-bei diesen Leuten Vorsicht an, als daß wir merken lassen, daß wir ihre
-Nachsicht brauchen. Die Eiks wirft die Mehrbewilligung nicht um, den
-Leuten wird der Mund gestopft, und sie trotten in ihrem Schlendrian
-weiter, ohne Verlangen zu tragen, uns etwas am Zeuge zu flicken.«
-
-Es sah aus, als striche wieder eine Hand über das Antlitz des alten
-Herrn und ließe es grau und verfallen erscheinen.
-
-»Baldamus, ich _kann_ nicht. Ich helfe ihnen, wo es nur möglich ist,
-offen oder heimlich, aber nach _meinem_ Willen und Gesetz. Lasse ich
-mir jetzt plötzlich von ihnen vorschreiben, dann bin ich nicht mehr
-der alte Eik, und sie schieben mich zu den Fabrikbesitzern, die vor
-ihren Arbeitern zittern, und ich bin bei ihnen drunter durch, denn für
-Ertrotztes sagen sie mir keinen Dank.«
-
-»Meinst du, sie danken dir, wenn du ihnen _gar nichts_ gibst?« fragte
-Baldamus heftig; innerlich dachte er, daß sein Pflegevater jetzt doch
-recht alt würde und sich mit einem Male durch verrückte Empfindungen
-leiten ließe. Dieser starre Eiksche Ehrbegriff mußte etwas ins Wanken
-gebracht werden.
-
-»Ja, das meine ich,« stieß Herr Eik ~senior~ hastig heraus. »Die
-meisten von unseren Leuten hängen an unserem Hause, wissen, daß sie
-es gut haben, daß sie nicht gedrückt werden. Ihre Forderungen sind
-ihnen von den paar jungen Kerlen, die frisch von der Walze kommen und
-unverdauliches Zeug gehört und gelesen haben, aufgeschwatzt worden.
-Ich werde ihre Entlassung verfügen, mit den Alten dann noch ein
-vernünftiges Wort reden und -- -- --«
-
-Herr Baldamus lachte laut und erbittert.
-
-»Und Heinrich Liebetraut wird Herr der Situation sein.« Baldamus legte
-schwer die Hand auf den Arm des Pflegevaters. »Du _mußt_ nachgeben,«
-sagte er hastig. »Du _mußt_. Heinrich Liebetraut ist gefährlicher, als
-du ahnst. Er hat viel gelernt, ist mit der Feder gewandt und lauert
-darauf, uns einen Knüppel in den Weg zu werfen.« Herr Baldamus dämpfte
-jetzt seine Stimme. »Er ist außerdem Jettchen Erkner nachgestiegen,
--- -- ahnt aber noch nichts. Bewilligen wir die Zulage, so geht er als
-Agitator fort, denn in Schwarzhausen ist ihm der Horizont zu eng, --
-bewilligen wir sie nicht, so bleibt er als unser Feind und wird nicht
-ruhen, bis er alles herausgebracht hat. Dann ist aber auch _dein_
-Königtum von Schwarzhausen vorbei, und du bist nichts als -- -- --«
-
-»Ein schlechter Kerl,« lachte der alte Eik bitter-schmerzlich auf. »Das
-meintest du ja wohl. -- _Ich werde bewilligen!_«
-
-Das Letzte kam so unvermittelt heraus, daß Herr Baldamus über den
-plötzlichen Sinneswechsel ganz verblüfft dastand und auf seinen
-Pflegevater starrte, der jetzt mit gebietender Handbewegung nach der
-Tür zeigte. Und wenn sein Königtum auch auf tönernen Füßen stand, wenn
-es auch etwas im Leben dieses starren, unzugänglichen, finsteren Mannes
-gab, das einen schweren, tiefen Schatten auf die Eik-Ehre warf, -- --
-Herr Baldamus fühlte doch, daß er dieser gebietenden Hand, die ihm die
-Tür wies, zu gehorchen habe. --
-
-Ruhelos wanderte der alte Herr in seinem Zimmer umher. Ein paarmal
-griff seine Hand nach dem altmodischen Klingelzug, der den Diener
-herbeirufen sollte, aber er ließ sie immer wieder sinken.
-
-Bis wieder ein leichter Schritt heran kam und auf sein müdes »Herein!«
-Frau Franziska sich im Türrahmen zeigte.
-
-»Endlich, Vater! Ich habe Angst um dich gehabt! Seit deinem
-Frühbrot hast du nichts genossen. Denke doch auch ein wenig an dich
-selbst -- -- --«
-
-»Ich habe mit dir zu reden, Franziska.«
-
-Seine Tochter sah erstaunt-forschend zu ihm auf. Die Stimme des alten
-Herrn klang sonderbar rauh, gebrochen und müde, und er sah die junge
-Frau nicht an.
-
-»Ich höre, Vater!«
-
-Lange Pause. -- -- »Baldamus Eik hat heute wieder um deine Hand
-angehalten.«
-
-»Ich trage noch Trauer, Vater -- -- --«
-
-»Ich weiß es, -- und drängen wird dich Baldamus nicht, er will wohl nur
-Gewißheit haben.«
-
-»Ich begreife Baldamus nicht, Vater. Was mir vor Jahren unmöglich war,
--- ist es auch heute noch. Er _will_ mich nicht verstehen.«
-
-»Franziska, -- bist du ganz von Grund aus mit dir zu Rate gegangen, und
--- bist du dir klar, was du aufgibst? -- Das große Vermögen würde in
-einer Hand bleiben und dein Knabe einmal alles bekommen. Baldamus liebt
-dich -- -- --«
-
-Frau Franziska schauerte zusammen. »Laß mich bei dir bleiben, Vater,«
-bat sie müde. »Ich habe so überreichlich zum Leben durch deine Güte,
-und mein Junge soll werden wie du, so einfach -- und so aufrecht.«
-
-Der alte Herr Eik zuckte zusammen, aber er litt es still, daß die
-Tochter seine Hand an ihre Lippen zog.
-
-Sie wußte, wie er an dem Gedanken hing, sie mit dem Pflegesohn eins zu
-wissen, sie wußte, daß sie ihm auch heute wieder weh tat, wie sie ihm
-vor Jahren den bittersten Schmerz seines Lebens zufügte, und daß nun
-wieder eine Kluft zwischen Vater und Tochter sich auftat, die sich nie
-mehr überbrücken ließ -- -- --
-
-»Du weinst, Franziska?«
-
-Sie schluchzte weh auf.
-
-»Daß ich dir so wenig zeigen kann, wie lieb ich dich habe,
-Vater -- -- --«
-
-Er strich ihr sacht über das dunkle, wellige Haar mit einer scheuen,
-verlegenen Bewegung, der man wohl anmerkte, daß Liebkosungen etwas
-Seltsames für ihn bedeuteten.
-
-Franziska hatte ihren Kopf tief geneigt, und der alte Eik schaute über
-sie hinweg durch das Fenster in die grünen Parkwipfel hinein in ernstem
-Sinnen.
-
-Franziska fühlte ihr Herz hart und schwer klopfen. »Wie wird alles
-werden,« dachte sie, »was wird er bestimmen, was wird er mir sagen,
-wenn diese Pause vorüber ist?«
-
-Herr von Eik richtete sich hoch auf.
-
-»Ich habe eine Bitte an dich, Franziska, -- eine seltsame -- -- --«
-
-»Wenn ich sie erfüllen _kann_, Vater, -- -- --« entgegnete sie zögernd.
-
-Da zog es wie ein Lächeln über seine ernsten, finsteren Züge, -- und
-Frau Franziska meinte, ihr eigener, lieber Junge schaue sie auf einmal
-aus diesem erhellten Antlitz an.
-
-Es fiel dem Alten schwer, seine sonderbare Bitte in Worte zu formen:
-»Franziska, -- bringe mir, -- -- besorge mir aus der Stadt eine Puppe
--- -- eine große, schöne Puppe, -- -- hörst du, -- die schönste, die
-das Nest hat.«
-
- * * * * *
-
-Liselotte Windemuth führte ein recht einsames Dasein.
-
-Der Professor lebte mit seinen Büchern, Base Juliane mit ihren
-Kochtöpfen, und so kam es, daß Liselotte nur auf die Schule, auf Herrn
-Rektor Tüllen, auf ihre Schulkameraden und ihre Puppen angewiesen war.
-
-Unter den Schulgespielen hatte sie keinen Freund und keine Freundin.
-
-Sie war zu eigenartig, das kleine Ding, und nichts verzeiht eine
-Kleinstadt weniger als Eigenart.
-
-Liselotte ließ sich in keine Schwarzhausener Schablone pressen, und
-niemand wußte etwas mit ihr anzufangen. Ihre unerschrockene Offenheit
-und Wahrheitsliebe, ihre wißbegierige Fragelust, -- das waren lauter
-unbequeme Dinge für die Mitbürger und deren Sprößlinge. Man lachte wohl
-laut und anhaltend über ihre närrischen Einfälle und Fragen, aber weit
-öfter ärgerte man sich darüber und schalt; auch Base Juliane war mehr
-grillig und grimmig mit dem Kinde, als liebenswürdig.
-
-Ab und an, wenn der Professor Windemuth in seinen Arbeiten auf einen
-toten Punkt geriet und eine kleine Rast halten mußte, fiel ihm wohl
-sein kleines Töchterchen ein. Befand es sich gerade in der Schule,
-so rief er Base Juliane und fragte, wie es dem Kinde ginge und ob es
-auch ja alles empfange an Körperpflege, wie es die verstorbene Mutter
-bestimmt.
-
-Über diese Fragen empörte sich aber die Base immer weidlich.
-
-»Wie eine Prinzessin hat sie’s,« -- das war gewöhnlich die Antwort,
-»der Vetter braucht ja nur zu gucken, wie sauber und ordentlich ich das
-Kind halte, -- eine leichte Arbeit ist’s nicht bei dem Quirlefitsch.
-Und gesund ist’s auch alleweil, -- dafür bin ich da und der Herr
-Doktor.«
-
-So war der Professor beruhigt. Doktor Hempel war ein Mann der alten
-Schule, recht für Schwarzhausen geboren. Er arbeitete mit altbewährten
-Mitteln, bei den Erwachsenen mit Schröpfköpfen, Aderlässen und
-Kamillentee, bei Kindern mit Wurmpulver und »Kurella«, und jedes
-Frühjahr, wenn die Hausfrauen »reinegemacht« hatten und auf ihren
-Lorbeeren ausruhten, benutzte Doktor Hempel diese Ruhezeit und unterzog
-sämtliche Mitbürger einer Reinigungskur, wonach sie sehr abgemattet und
-zahm wurden und manches für die Stadt bewilligten, was sonst noch gute
-Weile gehabt hätte. --
-
-Ja, Professor Windemuth sah es, seine Liselotte war ein gesundes,
-blühendes, schönes Kind, und ihr lockenumrahmtes, blondes Köpfchen mit
-den blauen, tiefen Schelmenaugen, die doch auch wieder so ernst blicken
-konnten, wurde der verstorbenen Mutter immer ähnlicher.
-
-Daß sein Kind geistige Nahrung entbehren könne, kam dem Manne nicht
-in den Sinn. Ja, wäre Liselotte sein heißersehnter Knabe gewesen! --
-Aber Mädchen blieben ja zu Hause, kochten, strickten und -- wurden
-geheiratet.
-
-So stillte denn Liselotte ihren geistigen Hunger durch Lesen, und
-sie las bunt durcheinander, was ihr in den Weg kam, sie las aber
-auch hauptsächlich immer wieder, was in dem Bücherschränkchen der
-heimgegangenen Mutter steckte, und das war gut. Und sie las mit großem
-Eifer, was der sorgende, wachsame Rektor Tüllen in ihre kleine Hand
-legte, und das war noch besser. --
-
-Was Liselotte gelesen, das erzählte sie gern wieder, und da Base
-Juliane und der Professor nie Zeit für sie hatten, so erzählte sie es
-ihren Puppen und wurde dadurch altklug und etwas selbstherrlich, denn
-die Puppen widersprachen ihr niemals.
-
-Seit dem Erlebnis mit dem »schlechten Kerl«, wie sie innerlich den
-bösen, alten Herrn nannte, war Liselotte recht nachdenklich geworden,
-so daß es selbst Base Juliane auffiel.
-
-»Ist dir nicht extra?« fragte sie das Kind wohl zehnmal am Tage, »du
-hast gewiß Würmer.«
-
-»Es kann schon sein,« bestätigte Liselotte, denn sie aß Zitwersamen mit
-Sirup recht gern. Und während sie das Kindertäßchen mit dem braunen
-Saft auslöffelte, hatte sie eine eingehende Unterredung mit Base
-Juliane.
-
-»Darf man Müttern ihre Kinder einfach wegnehmen, wenn man groß ist,
-Base Juliane?«
-
-»Hm! Das ist eigentlich noch nichts für dich, Kind. Aber sowas gibt es.
-Die Leute haben sich dann lieb und heiraten sich.«
-
-»Weißt du das ganz sicher, Base Juliane?«
-
-»Freilich, du Dreikäshoch.«
-
-»Warum hat dich denn niemand der Mutter fortgenommen?«
-
-»Das sind sehr unanständige Fragen, Liselotte, du solltest dich was
-schämen. Es hat eben nicht jede Jungfrau das Glück -- -- --, ich meine,
--- nicht jede Jungfrau kann sich entschließen, ihr gottwohlgefälliges
-Leben aufzugeben.«
-
-»Bitte, sag’ das noch mal langsam, Base Juliane, und erkläre mir’s
-recht ordentlich -- -- -- so kann ich dich nicht recht verstehen.«
-
-»Du schreckliches Kind! Nein, das ist nichts für dich. Durchaus nicht.
-Wo du nur immer die Fragen her hast!«
-
-Liselotte saß tief nachdenklich da.
-
-»Base Juliane, wenn nun aber der Mann alt und schrecklich ist und das
-Kind ganz kopflos -- -- --«
-
-»Du gerechter Gott,« schrie Base Juliane, »wie kommst du bloß auf so
-was Fürchterliches! Das muß ich deinem Vater erzählen. Kind! Hast du
-etwa schlechten Umgang? Mit wem redest du so am Tage?«
-
-»Nur mit dir,« meinte Liselotte harmlos. »Mit dir und den Puppen, aber
-sie wissen mehr als du und fahren mich nicht an und petzen nicht
-alles, was ich sage, dem Väterchen.«
-
-»Nur zahm, nur zahm!« meinte Base Juliane und sah doch selbst aus wie
-ein geharnischtes Sonett. »Das ist längst nicht gepetzt, wenn ich so
-gefährliche Sachen dem Herrn Professor wieder erzähle. Weiß Gott, kein
-anderes Kind aus Schwarzhausen würde solche Dinge gefragt haben.«
-
-In voller Entrüstung stand sie auf, räumte Zitwersamen und Sirup fort,
-und Liselotte wischte sich das klebrige Mäulchen ab, packte ihren
-Puppenwagen voll geliebter Babys und murmelte dabei unverständliche
-Worte, von denen die entsetzte, kopfschüttelnde Base nur immer wieder:
-»Alter schlechter Kerl« und »Kopfloses Kind« verstand.
-
-Sie beschloß, umgehend dem Herrn des Hauses Mitteilung von dem eben
-Erlebten zu machen, während Liselotte eilig das Haus verließ und sich
-auf ihr stilles Plätzchen, zu dem Tempelchen im Park Eichenborn, begab.
-
-Friedlich lag der Spielplatz da, -- goldene Sonnenlichtchen tanzten auf
-den Zweigen der Tannen, und ein köstlich-herber Harzduft füllte rings
-den Platz. Liselottchen fuhr schnuppernd mit ihrem feinen Näschen in
-der Luft umher.
-
-»O wie gut riecht es hier, wie gut!« meinte sie anerkennend zu sich
-selbst, und den Puppen rief sie zu: »Kinder, sperrt die Nasenlöcher
-auf, -- es ist ja _zu_ gesund!«
-
-Rasch strebte sie der Steinbank zu, um ihre Kleinen darauf zu verteilen
-und eine große »Bettensömmerung« vorzunehmen, aber zu ihrem höchsten
-Erstaunen fand sie das Rundteil bereits von einer Persönlichkeit
-besetzt, die ihr mit weit aufgerissenen und doch ziemlich
-ausdruckslosen Augen entgegensah.
-
-»Was ist denn _das_?« fragte Liselotte laut und sah sich nach
-allen Seiten um, ob wohl jemand zu der Balldame gehöre, denn als
-solche erwies sich die sehr große, majestätische Puppe, die da auf
-der Steinbank mit tief ausgeschnittenem und weit ausgebreitetem
-Staatskleide lehnte.
-
-Niemand war ringsum zu sehen, nur Liselottes Puppenkinder schauten auf
-den fremden Eindringling hin.
-
-»Kannst du nicht antworten?« fuhr Liselotte ihn an. -- Auch nicht das
-geringste Gefühl der Zuneigung zog sie zu der feinen Dame hin, und so
-verschmähte sie es auch, auf ihre Frage selbst Antwort zu geben, wie
-sie es sonst immer mit ihren Lieblingen tat.
-
-Am Staatskleide der Puppe steckte ein Zettel mit den Worten: »Diese
-Puppe soll Liselotte Windemuth gehören.«
-
-Die Kleine entzifferte ihn mühelos, aber in ihrem Gesichtchen
-veränderte sich kein Zug. »Wer schickt dich?« fragte sie noch einmal,
-und als die Puppe nicht antwortete, sondern dumm weiter stierte, sagte
-ihr Liselotte ehrlich und zornig die Meinung:
-
-»Du bist furchtbar häßlich. Ich mag dich gar nicht. O Gott, wenn
-ich denke, wie schön meine Puppe Emmy ohne Kopf war. Wie ihr alles
-gut stand! Wenn ich nur wüßte, was ich mit dir anfangen soll! Du
-versperrst nur den Platz, und ich will doch Betten sömmern. Pfui, was
-für ’n ausgeschnittenes Kleid! Ich hab’ mal heimlich zum Hoffenster
-reingesehen, wie Fräulein Ziddelmann auf den Ball ging. Base Juliane
-sagte, ein Christenmensch müßte sich tot schämen. _So_ siehst du aus.
-So sprich doch! Kannst du nicht? Willst du nicht? _Bist_ du am Ende
-schon tot und willst es nur nicht sagen?«
-
-Liselotte gab der Staatsdame einen derben Stoß, so daß sie auf die Bank
-polterte und mit geschlossenen Augen liegen blieb.
-
-»Siehst du, daß du tot bist? Du konntest es gleich sagen, du arme,
-häßliche Person, dann hätte ich dich nicht erst so angefahren. Komm,
-ich will dich begraben, -- ich habe es erst gestern gesehen beim
-Nachbar. Base Juliane nahm mich mit auf den Kirchhof, -- ich weiß alles
-gut.«
-
-Liselotte sah sich aufmerksam um. -- Der Waldboden rings umher hatte
-lockere, weiche Erde, und mit einem flachen Stein und ihren eigenen,
-festen, kleinen Händen grub sie rasch und emsig ein genügend weites
-Loch. --
-
-»Kinder, ihr müßt jetzt stark weinen, es kommt was Trauriges,«
-wandte sie sich an die anderen Puppen und fing sogleich selbst ein
-jammervolles Heulen und Piepsen an.
-
-»So, und nun ein Choral! -- Lobe den Herrn, den mächtigen König der
-Ehren,« sang sie andächtig, und währenddem hob sie die Staatsdame
-vorsichtig auf und trug sie unter die Tannen hin, wo sie feierlich
-in die Erde gebettet wurde. Und da gerade die Sonne durch die grünen
-Zweige auf das Grab schien, gab Liselotte noch ein Lied zu: »Goldne
-Abendsonne, wie bist du so schön!«
-
-Dann schickte sie sich an, das Grab zuzuschaufeln.
-
-»Was spielst du denn da?« fragte eine tiefe Stimme hinter ihr.
-
-Liselotte fuhr herum und starrte ihren größten Feind und Widersacher an.
-
-»Beerdigen!« meinte sie kurz und ließ sich nicht weiter stören, sondern
-grub und schaufelte, bis auch nicht ein Schimmer des himmelblauen
-Seidenkleides mehr zu entdecken war.
-
-Tief atmend sprang Liselotte auf und wischte sich mit den schwarzen,
-erdigen Händen die feuchten Locken aus dem erhitzten Gesicht.
-
-»Wie du aussiehst,« rief Herr von Eik vorwurfsvoll, »die Base Juliane
-wird sich freuen -- -- --«
-
-Liselotte sah ihn mürrisch an. »Nein, die freut sich nicht, wenn ich
-schmutzig bin,« gab sie zur Antwort.
-
-»Du bist ein närrisches Ding!« meinte der alte Herr kopfschüttelnd.
-»Komm, setze dich zu mir auf die Steinbank dort, da will ich dir
-etwas Schönes zeigen, -- das soll dir gehören, -- weil die Puppe Emmy
-verloren ist -- weißt du -- die alte, häßliche, kranke Puppe Emmy
-ohne Kopf -- -- -- da, -- ich habe dir eine wunderschöne, neue Puppe
-gekauft --«
-
-Herr von Eik wandte sich sehr verlegen zur Steinbank, denn ihm selbst
-war seine Rolle als Beschützer und Beglücker kleiner, puppenspielender
-Kinder neu, -- doch die Bank war leer, keine neue, feine, teure
-Puppe weit und breit, aber vor ihm stand mit schmerzlich verzogenem,
-schmutzigem Gesichtchen ein zartgliedriges, lebendiges Püppchen, das
-warf beide Arme über die harte Steinbank und verbarg laut weinend das
-Gesicht darein: »O meine Puppe Emmy, meine liebe, einzige, schöne Puppe
-Emmy!!!«
-
-»Immer dasselbe Lied!« stieß Herr von Eik hervor. »Was bist du für ein
-sonderbares, unbändiges Kind! Wenn ich nur wüßte, wo die neue ist? Ich
-habe sie vorhin selbst hergesetzt.«
-
-»Da!« schluchzte Liselotte und wies nur eben mit dem Kopf nach der
-Begräbnisstätte.
-
-Herr von Eik ging mit schweren Schritten nach dem schwarzen Erdhügel,
-und sein wuchtiger Stock schaufelte und bohrte in der Erde, bis er
-nach einer Weile ein Stückchen blaue Seide entdeckte, -- das arg
-zugerichtete Staatskleid der begrabenen Balldame. Rasch schaufelte er
-sie wieder zu und kehrte mit finsterem Antlitz zu der heftig Weinenden
-zurück.
-
-»Warum tatest du das?« fragte er mit heiserer Stimme.
-
-»Weil ich sie nicht lieb habe,« brach das Kind leidenschaftlich los.
-»Weil sie dumm und häßlich und tot war. O du hast mir meine schöne,
-süße, lebendige Emmy gestohlen und die garstige Balldame hingelegt! Tot
-und häßlich war sie und deshalb habe ich sie beerdigt.« --
-
-In fliegender Eile raffte Liselotte ihre Püppchen zusammen, man sah
-es ihr an, ihr kleines Herz zitterte vor Angst, der große, harte,
-böse Mann könnte sich an ihnen vergreifen. Dann fuhr sie, immer noch
-bitterlich schluchzend, mit ihnen davon, ohne auch nur noch einen
-Blick zurückzuwerfen. Auch Herr von Eik schritt langsam den Weg nach
-seinem düsteren Hause zurück. Ein seltsames, bitteres Lächeln lag um
-seinen Mund. »Tot und häßlich« hatte dieses Kind sein farbenprächtiges,
-leuchtendes Geschenk genannt. Tot und häßlich hatte ihn auch gestern
-seine Vergangenheit angestarrt, -- aber er konnte sie nicht so
-verblüffend einfach beseitigen und begraben, wie dies mutige, kleine
-Mädchen es vorhin getan, und für ihn gab es keine »goldene Abendsonne«
-mehr. -- -- --
-
- * * * * *
-
-Schwarzhausen schüttelte wieder einmal den Kopf.
-
-Da lag das kleine Städtchen so recht warm eingebettet in den thüringer
-Bergen, durchduftet von Tannenluft, umrauscht von der lustigen, wilden
-Gera. Es war wohlhabend und stattlich gebaut, es hatte treue Väter, die
-sein Wohl zu dem ihrigen machten, aber es hatte Sorgen, und so kam es
-eigentlich nicht aus dem Kopfschütteln heraus.
-
-Sorgen um das schwarze Schaf inmitten der reinlichen, frommen, guten
-und vor allen Dingen ach, so selbstgefälligen Schäflein, -- Sorgen um
-den Eichenborn. Würde er das Städtchen nie zur Ruhe kommen lassen???
-
-Nun hatte Schwarzhausen wohl einen treuen, guten Stadtvater, der sich
-mit gelegentlichem Kopfschütteln begnügte und wohlmeinend murmelte:
-»Wir verdanken den Eiks eigentlich _alles_, und wenn ich bloß reden
-dürfte -- --« Aber es hatte keine milde, liebe, ältliche, rundliche
-Stadtmutter, sondern eine unendlich lange, hagere, spitze Frau
-Bürgermeisterin, die es sich nicht einfallen ließ, wie gute Mütter
-tun, sich von der mutmaßlichen Schlechtigkeit ihres Kindes persönlich
-zu überzeugen, sondern die in vielen, besonders zu diesem Zwecke
-anberaumten Kaffeegesellschaften die Abneigung gegen den Eichenborn und
-seine Bewohner noch schürte. Und wenn der Kaffee auch koffeïnfrei war,
-den die Frau Bürgermeisterin ihren Gästen vorsetzte, ihre _Reden_ waren
-es nicht, in denen saß das Gift und harrte seiner Bestimmung.
-
-Schon nach der dritten Tasse waren beinahe alle Damen einig darüber,
-daß es so nicht weiter gehen könne.
-
-Und daß Frau Pfarrer Klingenreuter und Frau Doktor Hempel so arg
-zugeknöpft taten und besonders die Pfarrerin so gar nichts _gegen_,
-wohl aber manch mildes Wort _für_ die Verurteilten einlegte, nun das
-war ihre eigene Sache und störte die bösen Zungen nicht im mindesten in
-ihrem Verdammungsgeschäft.
-
-»Das ist nun eben Ihr Beruf, Frau Pfarrer,« meinte die Bürgermeisterin,
-»ich könnt’s nicht, meine Ohren und Augen sind zu offen dazu.«
-
-Die Pastorin lächelte.
-
-»Meinen Sie, daß ich Augen und Ohren von Berufs wegen schließe?« fragte
-sie mit feinem Spott. »Und sollte es nicht der Beruf _jeder_ Frau sein,
-Gutes zu reden und erst einmal das Beste von jedem Menschen anzunehmen?«
-
-»Bitte, Frau Pfarrerin, zeigen Sie uns bei dieser Geschichte das Gute!«
-rief die Bürgermeisterin aufgeregt. »Sie können es einfach nicht,
-denn es ist nicht vorhanden. Aus reiner Schlechtigkeit und Bosheit
-hat dieser Bertold Malcroix, genannt Eik, den von uns allgemein so
-verehrten Herrn Baldamus schwer verletzt -- -- --«
-
-»Ich bitte mich von der Allgemeinheit auszunehmen, -- ich verehre den
-Herrn nicht,« rief Frau Doktor Hempel kampfesmutig dazwischen.
-
-»Und offenbare Schlechtigkeit gut nennen, das kann eben nur ein
-Pfarrer,« schloß die Bürgermeisterin.
-
-Logik war nie ihre Stärke gewesen und bei dem hellen Ärger, in dem sie
-sich augenblicklich befand, besann sie sich überhaupt nicht auf ihre
-Worte.
-
-Frau Pfarrer Klingenreuter war rot geworden.
-
-»Ei ei,« meinte sie dann. »Ich glaube, wirklicher Schlechtigkeit
-und Bosheit gegenüber darf jeder Mensch, also auch jeder Pfarrer in
-ehrlichen, heiligen Zorn geraten. Hier handelt es sich aber gar nicht
-darum. Und das Gute kann ich Ihnen nicht zeigen, weil es nicht auf der
-Oberfläche liegt. Es ist aber tatsächlich vorhanden. Selig sind die,
-die da nicht sehen und doch glauben.«
-
-Die Bürgermeisterin stieß unter dem Tisch die Frau Postverwalter an
-und beide Damen verbargen darauf ein überlegenes Lächeln hinter ihren
-Spitzentaschentüchern.
-
-Natürlich, wenn die Pfarrerin mit Bibelsprüchen kam, -- da mußte man
-schweigen. Man war ja freilich ein beglaubigter Christ, getauft,
-konfirmiert und kirchlich getraut, aber -- -- Bibelsprüche waren doch
-mehr für einfache Leute.
-
-Die Unterhaltung ging weiter.
-
-»Ist Herr Baldamus von Eik sehr krank?«
-
-»_Sehr._«
-
-»Weiß man, was nun mit dem Bengel, dem Bertold geschieht? Kommt er nun
-endlich in Zwangserziehung?«
-
-»Ich weiß es nicht. Jedenfalls nicht nach dem rauhen Haus, was doch das
-einzig richtige wäre. Für die Eiks wird ja aber immer eine besondere
-Wurst gebraten, und so soll Bertold Malcroix nach E. aufs Gymnasium
-kommen -- -- --«
-
-»Aufs Gymnasium?« schrien sämtliche Frauen, mit Ausnahme von Frau
-Pfarrer Klingenreuter und Frau Doktor Hempel, welche still mit ihrer
-Arbeit beschäftigt schienen. »Das ist doch ganz unmöglich! Solch
-einen Buben in eine öffentliche Anstalt? Wenn er nun die Mitschüler
-massakriert? Das ist ja gemeingefährlich!!!«
-
-Die Frau Bürgermeisterin antwortete erst eine Weile nicht. Sie war
-buchstäblich geschwollen vor Stolz und Mitteilungsbedürfnis. Denn sie
-wußte _alles_ und noch ein bißchen mehr.
-
-Erst nachdem sie sich zurecht gesetzt und eine tief heruntergefallene
-Masche ihres Strumpfes wieder auf den Pfad des Rechtes gebracht, kam
-sie mit dem Trumpf zum Vorschein.
-
-»Unsere Rektorschule in Schwarzhausen verliert ihren Leiter,« sagte
-sie langsam, wichtig und betonend. »Rektor Tüllen geht als Aufpasser
-mit nach E., weil er den schlechten Charakter des Burschen kennt, und
-damit er selbst geschützt ist, wenn Bertold Malcroix seine zerstörenden
-Tobsuchtsanfälle bekommt, geht der Organist Brennstoff auch mit.«
-
-»Herr du meines Lebens! Warum nicht noch zehn Hofmeister und seine
-ganze Sippe dazu?« eiferte die Frau Postverwalter.
-
-»Ja wahrhaftig! Da kann man auch sagen: ›Viel Lärm um einen
-Eierkuchen‹,« rief Frau Großschlachter und Hoflieferant Bentel. Sie
-konnte das Sprichwort auch französisch sagen und hätte es brennend
-gern getan, aber sie wußte nicht genau, ob es »~un~« oder »~une
-omelette~« hieß, und so unterließ sie es lieber. Manche Menschen waren
-so »penniebel« in so was, und sie wollte ihren Ruhm als gebildete Frau,
-die in »Penksion« gewesen, nicht einbüßen. --
-
-»Und das sollen wir uns gefallen lassen?« Diesmal waren es mindestens
-sechs aufgeregte Damen, die Antwort auf diese Frage heischten.
-
-Die Bürgermeisterin zuckte die Achseln.
-
-»Was sollen wir tun?« fragte sie dagegen. »Die Rektorschule ist
-Privatsache, und der Organist sollte auf alle Fälle pensioniert werden,
-weil ein Bericht über ihn gekommen ist, daß er heidnische Gesänge in
-der Kirche spielt. Also, sagt mein Mann, wir täten klug, wenn wir ihn
-einfach gehen ließen. Solchen Musiknarren ist überhaupt nichts zu
-beweisen. Die halten manchen Kram für hochheilig, vor dem man sich
-eigentlich bekreuzigen sollte.«
-
-»Was sagen _Sie_ denn eigentlich zu dem allen, Fräulein Windemuth? und
-was sagt Ihre Kleine?« wandte man sich jetzt an die eifrig stickende
-und zählende »Base Juliane«, die sich noch mit keinem Worte an der
-Unterhaltung beteiligt hatte, teils weil sie für den Professor ein
-Paar Schuhe stickte mit schwierigem Muster, teils weil ihr der Vetter
-eingeschärft hatte: »Halt lieber den Mund in der Kaffeeschlacht. Es
-geht uns nichts an, und der Kleine war doch mal Liselottes Freund.«
-
-Sie warf jetzt auch nur einen Blick gen Himmel und rief: »Ich sage _gar
-nichts_.«
-
-Aber dieser Himmelblick und ihr übereifriges Weitersticken redeten
-ganze Bände und stellten sie sozusagen über die Parteien.
-
-Wenn Base Juliane, die allzeit Redegewandte und Redelustige, schon
-schwieg, wie entsetzlich mußte da die Wirklichkeit sein, -- und was
-mußte sie mit dem altklugen, kleinen Mädchen erlebt haben, das von
-allen Schwarzhäuser Kindern das einzige war, das sich nicht entblödet
-hatte, mit Bertold Malcroix zu spielen.
-
-Aber Base Juliane empfand mit einem Male ihre Schweigsamkeit als etwas
-Entehrendes. Wo jeder seinen Senf dazu gab, sollte sie, die Base des
-angesehenen und gelehrten Professors, alle schmackhaften Gewürze
-für sich behalten? Sie grübelte und grübelte, welche von den vielen
-pikanten Geschichtchen aus dem Hause Eik, die sie als verbürgt von
-maßgebender Seite vernommen, sie wohl zum besten geben könnte, aber
-immer sah sie die ernsten Augen des Vetters Windemuth vor sich und
-begnügte sich deshalb mit der Bemerkung: »Ihr Bild wollte sie ihm
-durchaus zum Abschied schenken, -- die Liselotte nämlich, -- wir waren
-beim Photographen gewesen und gestern kamen die Bilder, -- sie hat ’n
-weißes Spitzenkleidchen an mit rosa Schärpe, -- bildschön -- und auch
-teuer genug -- die Bilder nämlich, aber das Kleid auch -- und da sagte
-ich: ›Um Gottes willen, Liselotte, doch bloß so was nicht tun, da kann
-man ja wohl noch mal ins Verbrecheralbum kommen mit dem Jungen‹.«
-
-Das war stark! Aber Base Juliane war als furchtlos bekannt, und man
-freute sich, von angesehener Seite etwas gehört zu haben, was Hand
-und Fuß hatte, und das man abends überall wiedererzählen konnte, ohne
-das bekannte Siegel der Verschwiegenheit zur lästigen Bedingung zu
-machen. --
-
-Es war wirklich nicht nett von der Frau Pfarrer, daß sie so einen
-Aufstand um diese Bemerkung machte und mit so tränendurchzitterter
-Stimme rief: »Tut denn niemandem von Ihnen der arme Junge leid, der im
-Jähzorn fehlte? Wollen wir ihn mit so lieblosen Worten ziehen lassen?«
-
-Und die sanfte Frau hatte mit flammenden Augen die ganze
-Kaffeegesellschaft angeschaut, und als auf ihre Frage sich niemand
-meldete, war sie ohne Abschied fortgegangen und Frau Doktor Hempel mit
-ihr.
-
-Das sah beinahe ein bißchen wie Verachtung aus, aber man war viel zu
-sehr überzeugtes »weißes Schaf«, als daß man so etwas auf sich bezogen
-hätte.
-
-Mindestens aber war es ärgerlich.
-
-Doch konnte ja die Frau Pfarrer tun, was sie wollte. Man würde sie eben
-so bald nicht wieder einladen und ihretwegen sich gewiß nicht scheuen,
-seine eigene Meinung über die Eiks zu haben und auch auszusprechen. --
-
-Frau Doktor Hempel ging direkt von der Kaffeeschlacht heim und in
-die Studierstube ihres Gatten, während Frau Pfarrer noch einige
-Schwerkranke besuchte, um »ins Gleichgewicht zu kommen«, wie sie meinte.
-
-Doktor Hempel war noch auf Praxis, aber seine Frau nahm sich gar nicht
-Zeit, sich bis zu seiner Ankunft ihres seidenen Kleides zu entledigen
-und sich’s hausfraulich bequem zu machen, -- ja sie setzte sich nicht
-einmal, -- sie war zu aufgeregt dazu. Wie der förmlichste Besuch
-wartete sie in Hut und Mantel auf ihren Mann, und auf ihrem offenen,
-energischen Gesicht lag ein Ausdruck von Zorn und Trauer.
-
-Da kam Doktor Hempel schon über den Platz in heftigen Schritten, er
-grüßte die ihm Begegnenden nur mit einem Handwink und zerstreuter
-Miene, und die Schwarzhausener sahen ihm nach und tuschelten
-miteinander. Er kam ja vom Eichenborn. --
-
-Als Doktor Hempel in sein Zimmer trat, kam ihm seine Frau entgegen und
-forschte angstvoll in seinen Augen.
-
-»Nun?«
-
-»Es geht zu Ende. --«
-
-»O der _arme_ Junge!« rief sie aus, »der arme Junge!«
-
-Der Doktor war zu seinem Schreibtisch gegangen, um die eingetroffene
-Post nachzusehen, jetzt drehte er sich schroff um.
-
-»So ein Unsinn! Was hat der Junge damit zu tun? Das heißt, ja -- --
-natürlich, -- _etwas_ schon, -- aber was will das besagen? Für den Arzt
-gar nichts.«
-
-»Aber für die Schwarzhausener,« fiel seine Gattin erregt ein und
-erzählte ihm alles, was das Kaffeekränzchen an Gift entwickelt hatte.
-
-»Verdammte Klatschweiber!« fluchte Doktor Hempel. -- »Jawohl, ich höre
-sie ordentlich reden: ›Der allgemein verehrte Herr Baldamus!‹ So’n
-Kerl! Pfui Teufel! Jetzt kann ich ja noch schimpfen. Du bist ja meine
-liebe, dienstlich vereidigte Alte. Und wenn er erst tot ist, dann halte
-ich’s mit dem Wort: ›~De mortuis nil nisi bene~‹.«
-
-»Wird er wirklich sterben?« fragte sie bang.
-
-Er nickte ernst. »Ich bitte dich, -- zuckerkrank in diesem Alter,
-außerdem verseucht bis oben hin, -- herzleidend, -- -- nun ist eine
-Fußwunde aufgebrochen und -- der heftig blutende Biß dazu -- -- --«
-
-»Sie werden alle, alle dem letzteren die Schuld geben,« meinte Frau
-Doktor Hempel traurig.
-
-»Aber das ist Unsinn, -- verrückter Blödsinn,« fuhr der Doktor auf.
-»Unsere verehrten Mitbürger sind Hornochsen, besonders aber die
-Ehehälften. Ein paar vernünftige Kerle hielten heute Kriegsrat mit
-mir, der Postverwalter und der Apotheker. Den Rektor Tüllen wollten
-wir mit zuziehen, um dann dem alten Eik vorsichtig beizubringen, daß
-es das beste wäre, den Jungen erst mal aus Seh- und Hörweite der
-lieben Schwarzhausener zu bringen. Aber siehe da, der Alte war schon
-von selbst so weitsichtig gewesen, -- die Übersiedlung des Bertold
-~junior~ nach E. war schon beschlossene Sache. Herr von Eik ~senior~
-ist vernünftiger als alle Schwarzhausener zusammen.«
-
-Doktor Hempel schüttelte sich.
-
-»Gib mir’n Kognak, liebe Alte! Brrr! Ich muß gleich nachher wieder
-hinüber. Jetzt ist der Pfarrer dort. Aber dem wohnten auch ›zwei
-Seelen, ach, in seiner Brust‹, -- -- ich möchte nicht die Beichte des
-Herrn Baldamus abhören -- -- --.« Und der Doktor schüttelte sich noch
-einmal.
-
- * * * * *
-
-Am nächsten Abend war alles vorüber. -- -- --
-
-Der junge Bertold konnte sich später, als er zwischen seinen beiden
-treuen Begleitern im Arbeitszimmer zu E. saß, nur weniger Einzelheiten
-erinnern, so rasch war alles gegangen. Aber die wenigen Einzelheiten
-saßen um so fester, teils weil sie so schrecklich und traurig und
-teils, weil sie so wunderlich süß waren.
-
-Der Abschied von seinem Mütterchen, das war das Herbste an dem Ganzen
-und der Knabe konnte nicht einmal darüber weinen. Denn in seinem tiefen
-Empfinden und frühreifen Nachdenken meinte er, er müsse all seine
-eigenen Tränen noch für sein Mütterchen aufheben, die sonst am Ende mit
-heißen, trockenen, brennenden Augen dasäße, -- soviel weinte Mütterchen
-jetzt.
-
-Aber Bertold wußte wenigstens seit seiner Abreise, daß Mütterchen
-nicht über ihn selbst weine, über seinen greulichen Jähzorn und seine
-unheilvolle Tat, sondern hauptsächlich über die schlimmen Menschen,
-die ihn dazu gebracht und nun so häßlich und verstockt und richtend
-dastanden.
-
-Auch der letzten Unterredung mit dem Großvater erinnerte er sich. Man
-konnte dies Beisammensein wohl eigentlich nicht »Unterredung« nennen,
-es war mehr ein Kampf gewesen. Wer war der Unterliegende darin? Der
-junge Bertold wußte es nicht. Vielleicht war er es selbst, denn man
-hatte ihn ja nach E. geschafft, und hier mußte er nun bleiben, --
-ohne Mütterchen. Aber in den Augen des harten Großvaters hatte etwas
-gelegen, -- Bertold wußte es nicht sicher zu deuten, etwas Müdes,
-etwas, das den jungen Enkel beinahe veranlaßt hatte, zu sagen: »Stütz’
-dich auf mich, Großvater, ich bin stärker als du!« War man aber
-unterlegen, wenn man sich so stark fühlte? --
-
-»Wir müssen den Jungen auf andere Gedanken bringen,« meinte Rektor
-Tüllen und sah sorgenvoll auf Bertold Eik. »So sieht doch kein Kind
-aus! Kein Zehnjähriger! Lieber Brennstoff, wir haben eine schwere
-Verantwortung!«
-
-»Das weiß ich, Rektor! Aber ich glaube, dies verträumte Hinstarren
-hat einen Grund, der uns keine Sorge zu machen braucht. Er denkt an
-Beethoven! Welch ein Umschwung seiner Verhältnisse! Aus der Wüste des
-musik- und geigen-, kurz des tonlosen Daseins, plötzlich in eine Oase
-des ungestörten Harmoniegenusses versetzt zu werden, muß ja etwas
-Überwältigendes haben.«
-
-Aber Rektor Tüllen teilte nicht die Ansicht des poetischen Brennstoffs,
-und sein Antlitz blieb sorgenvoll.
-
-Bertold aber sann weiter, und wie er alle Erlebnisse in seine Herz-
-oder Gehirnkämmerchen verteilte, trat ein gespannter, frühreifer
-Ausdruck auf sein schmales Jungengesicht.
-
-Wie sie alle entsetzt gewesen waren im Eichenborn, als der Onkel
-Baldamus starb. Und er selbst, Bertold, hatte nur _einen_ Gedanken
-gehabt und ihn auch gleich ausgesprochen: »Mütterchen, nun kann er dich
-nicht mehr quälen!«
-
-»Still, o still!« hatte die Mutter erwidert, aber in ihrem ganzen
-Wesen lag doch etwas wie aufatmende Zustimmung. O Bertold sah viel,
--- sah mehr, als andere sahen. Und sein Ohr war scharf, schärfer als
-das der anderen, hätte es sonst wohl den halberstickten Hilferuf
-vernommen, der damals aus Mütterchens Zimmer kam? Wie der Wind war er
-aus seinem Bette gesprungen und von dort gleich durchs Fenster auf das
-platte Dach, und von dort hatte er durch das offene Balkonfenster in
-Mütterchens Zimmer geschaut. Sie hatte noch Licht gehabt, -- mitten in
-der Nacht. Armes Mütterchen, gewiß las sie wieder stundenlang in des
-verstorbenen Vaters Briefen -- -- --
-
-Aber das Licht stand nicht an ihrem Bett -- das flackerte auf dem
-Ofensims nahe der Tür und -- Mütterchen rang mit jemand -- rang mit
-Onkel Baldamus.
-
-Oh -- jetzt in der Ruhe kam die Erinnerung wieder klar über Bertold,
--- damals ging alles so furchtbar schnell. Der Jähzorn war über ihm
-zusammengeschlagen, als er sein Mütterchen in Gefahr sah. Als ihm die
-volle Besinnung wieder kam, da hatte ihn Onkel Baldamus schon vor den
-Großvater geschleppt, und da sollte er angesichts des heftig blutenden
-Baldamus Eik gezüchtigt werden. Warum hatte Großvater es nicht getan?
-
-Mütterchen hatte sich zwischen ihn und Großvater geworfen und ihn
-verteidigt, -- o wie seltsam hatte Mütterchen ausgesehn! Viel weißer
-und starrer und seltsamer, als damals, da man Bertolds Vater tot ins
-Haus brachte.
-
-Und Onkel Baldamus hatte auf einen gebietenden Wink des Großvaters das
-Zimmer verlassen müssen, und Bertold hatte ihn nicht wieder gesehen.
-
-Dann schlich man auf leichten Sohlen durch den Eichenborn, denn Onkel
-Baldamus war todkrank. Und auf alle seine, Bertolds, Fragen an das
-Mütterchen: »Ist er von dem kleinen Biß krank, Mütterchen? Der so
-blutete? Bin ich schuld? Was wollte er dir tun?« da hatte die Liebste
-immer nur geantwortet: »Still, o still! Nicht fragen, mein Liebling!«
-Und sie hatte ihn auf die Augen geküßt, daß er sie schließen mußte und
-seiner Mutter blasses Antlitz nicht mehr sah. --
-
-Dann waren seine Koffer gepackt worden, und Frau Thereschen Teichmann
-hatte Betten verschnürt, und sein ganzes Jungenzimmer war auf einen
-Wagen geladen worden und stand nun hier in der fremden Stadt E.
-
-Wenigstens hatte man ihn nicht allein ziehen lassen.
-
-Zwei so gute, treue Freunde, Mütterchens Freunde, waren mit ihm
-gegangen. Und sie sahen ihn nicht mit häßlichen, beobachtenden Augen
-an, wie alle die andern Leute in Schwarzhausen, sie redeten lind auf
-ihn ein, daß er nicht schuld sei an Herrn Baldamus’ Tode -- -- sie
-waren gut, -- gut. --
-
-Und noch jemand war gut. Ein kleines, blondlockiges Mädchen, das er,
-Bertold Eik, bestohlen hatte. Ja, es nützte gar nichts, daß er sich vor
-sich selbst entschuldigt hatte: »ich habe sie ja _gefunden_,« oder, »es
-ist ja _nur_ Puppe Emmy ohne Kopf,« er war doch ein ganz abscheulicher
-Junge, er war wirklich ein »schlechter Kerl«.
-
-Aber er hätte Puppe Emmy um die Welt nicht herausgeben können, -- etwas
-_mußte_ er sich aus dem Eichenborn hinüber retten in die fremde Stadt.
-
-Und nun, -- als er am Bahnhof in Schwarzhausen mit seinen beiden
-Beschützern aus dem Eikschen Wagen gestiegen war, hatte sich im
-Gedränge der Reisenden die Liselotte an ihn gedrängt, -- gute
-Liselotte! -- und hatte ihm hastig und sprudelnd zugeraunt: »Ich
-darf ja nicht mit dir reden, -- aber ich tu’s, weil du doch so
-weit fortgehst. Da -- nimm! Es ist mein Bild. Steck’s ja nicht ins
-Verbrecheralbum, sonst schimpft die Base Juliane. Dies hat mir der
-Photograph geschenkt, -- weil’s verdorben war, -- ich habe gewackelt,
-es kam gerade Musik vorbei. Ade, ade, ade!«
-
-Oh, Bertold wußte noch Wort für Wort. Dann war sie davon gesprungen,
-aber ihr Händchen hatte ihm wohl zehnmal noch zugewinkt, und er selbst
-war wie angewurzelt auf einer Stelle stehen geblieben, bis ihn Rektor
-Tüllen aus seiner Versunkenheit rüttelte.
-
-Wie im Traum war er in den Zug eingestiegen und hierher gefahren. Zu
-tiefst in seinem Reisekoffer ruhte Puppe Emmy, er hatte sie gleich
-hervorgeholt und unter sein Kopfkissen gelegt, dort hatte sie Rektor
-Tüllen gefunden.
-
-Aber Bertold verriet mit keinem Wort, woher das kleine, unförmige
-Bündel stammte, und man ließ es ihm stillschweigend.
-
-Jetzt holte er es plötzlich sacht hervor und legte es vor sich
-auf den Tisch. Und aus der Brusttasche holte er das Bildchen der
-Jugendgespielin, legte es daneben und betrachtete es aufmerksam. Ja,
-Liselotte hatte wohl gewackelt. Er nickte dem Bildchen ernsthaft zu und
-fand es ganz in der Ordnung, daß es _zwei_ Köpfe zeigte, denn Puppe
-Emmy hatte ja _gar_ keinen. Und plötzlich raffte er Puppe und Bild an
-sich und legte seinen schwarzen Lockenkopf fest -- fest darauf.
-
-»Er weint,« sagte Rektor Tüllen leise und winkte dem Organisten.
-
-Dann war der Junge allein mit seinem tiefen, tiefen Heimweh. --
-
- * * * * *
-
-In Schwarzhausen waren alle Fenster der kleinen und großen Häuser
-besetzt, die an der Hauptstraße standen. Es lohnte sich wohl,
-heute einmal alles stehn und liegen zu lassen und nur zu schauen.
--- Was nicht an den Fenstern stand, das kam aus den Nebenstraßen
-herangeschritten und stellte sich dicht an die Häuser in langen Reihen.
-Die Mütter hatten ihre kleinen Kinder auf dem Arm und die größeren an
-der Hand. Wo ein Prellstein an der Ecke stand, hob man eine kleine
-Person hinauf und besonders wagehalsige Buben saßen sogar in den Bäumen.
-
-Herr Baldamus Eik von Eichen wurde zu Grabe getragen. --
-
-Das war draußen auf dem neuen Friedhof für ihn ausgeschaufelt, wo es
-noch recht kahl und unwirtlich aussah; aber er hatte es verschmäht, als
-der »Frömmsten und Gerechtesten einer« in das Erbbegräbnis der Eiks
-aufgenommen zu werden, wo gar zu viel wilde Gesellen drin moderten
-und sogar ein paar heidnische Urnen standen; denn drei seiner Vettern
-hatten sich in Gotha verbrennen lassen und der alte Eik hatte bereits
-dieselbe Bestimmung getroffen, wenn er einmal mit Tode abgehen würde.
-Aber das heutige Begräbnis war wirklich etwas für Herz und Gemüt.
-Dieser prachtvolle, gelbe, silberbeschlagene Eichensarg, der beinahe
-verschwand unter Lorbeer und Rosen, die Träger nebenher bis an die
-Nasen in teuren Krepp gewickelt und mit Zitronen in den Händen, die
-Kirchenjungen in schwarzen Mäntelchen, die Stadtkapelle mit Hofmusikus
-Kniller an der Spitze, dessen rote Nase heute das einzig Leuchtende in
-dem schwarzen Zuge darstellte. Und die ungeheure Menge Leidtragender!
-Und die stattliche, unabsehbare Reihe leerer Staatswagen hinterher,
-deren Kutscher sämtlich florumhüllte Peitschen trugen.
-
-Man mußte selbst als unbeteiligter Zuschauer herzbrechend weinen, denn
-so ungeheure Liebe und Verehrung für den hochangesehenen Toten können
-und müssen überwältigen -- -- --
-
-Hinter dem Sarge fährt ein einzelner Wagen und nach diesem kommen erst
-die Verwandten, die Geschäftsfreunde und Angestellten der Eikschen
-Fabrik, dann die lange Reihe der Arbeiter, der »Porzelliner«. Der
-einzelne Wagen ist die alte Staatskarosse der Eiks und in ihr sitzt
-Bertold Eik von Eichen ~senior~. -- »Ganz allein,« raunt man sich
-zu, »Franziska Malcroix geleitet den Pflegebruder nicht zur letzten
-Ruhestätte.«
-
-»Das kann sie doch gar nicht. Wo ihr Junge, der schlechte Kerl, dran
-schuld ist.«
-
-»Weiß man das denn so genau? Er war doch immer leidend, der Herr
-Baldamus, und sah aus wie Braunbier und -- -- --«
-
-Schreinermeister Hellwig muß verstummen, denn man dreht ihm entrüstet
-den Rücken. Es spricht ja auch nur der Ärger aus ihm, weil der Sarg
-nicht bei ihm bestellt ist, sondern in der Residenz. Im übrigen wollen
-sich die Schwarzhausener auch nicht ihren Prügeljungen nehmen lassen.
-»Na überhaupt der junge Bertold Malcroix! Ein Glück, daß man ihn los
-war, -- der hätte noch mal die Stadt an allen vier Ecken angezündet.« --
-
- * * * * *
-
-Die Glocken läuten, und der Zug zieht langsam zum Kirchhof -- -- --
-
-Im Eichenborn ist es auch still und leer. Sie sind alle zum Begräbnis
-mit Ausnahme des alten Fräuleins Adelgunde, der Frau Franziska und
-Hieronymus Teichmann. Der letztere hat einen Augenblick am Fenster
-gestanden und hinabgeschaut auf die vielen Kränze und Blumen und
-hinausgehorcht auf das mächtig tönende Geläute, und ein bitteres
-Lächeln hat dabei auf seinem Antlitz gelegen. --
-
-Tante Adelgunde sitzt in ihrem großen, weiten, behaglichen Zimmer, aber
-nicht auf dem Fenstertritt, wo das Spinnrad steht, sondern weit ab vom
-Lichte in einem der großen, tiefen Sessel. --
-
-Sie will den langen, ehrenden Leichenzug nicht sehen und nicht den
-blumenüberdeckten Sarg, sie will auch die Staatskarosse der Eiks nicht
-sehen, worin der einsame Mann sitzt, der allzeit so aufrecht ging ...
-
-Wie eigen mag ihm zumute sein, daß er jetzt in dem langsam fahrenden
-Wagen drüber nachsinnt, wie blind die Menschen doch sind.
-
-Fräulein Adelgunde will auch die Musik nicht hören, die so aufdringlich
-laut mit Pauken, Drommeten und Schalmeien verkündigt: »Horcht alle auf!
-Hier wird etwas ganz Besonderes zu Grabe getragen, der Gerechtesten
-einer ...«
-
-Sie liest laut aus der großen, alten Familienbibel, die in ihrem Schoße
-ruht: »Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte der
-Liebe nicht, so wäre ich tönendes Erz oder klingende Schelle«, und sie
-meint, solch tönendes Erz und solch klingende Schelle sei allzeit der
-Baldamus gewesen und seine Leichenmusik das Sinnbild seines Lebens.
-
-Aber Tante Adelgunde liest auch in der Bibel: »Richtet nicht, auf daß
-ihr nicht gerichtet werdet«, und ihr Haupt neigt sich tiefer herab auf
-das Buch der Bücher, und sie betet zum erstenmal seit dem Tode des
-Neffen: »Herr, nimm ihn gnädig in dein himmlisch Reich!«
-
-Auch Frau Franziska sitzt allein und auch sie liest, -- aber nicht in
-der Bibel. Ein kleines Lederbuch liegt in ihrer Hand, abgegriffen und
-viel benutzt. Vergilbte Blätter bilden seinen Inhalt, und sie sind
-bedeckt mit den feinen Schriftzügen einer Frauenhand.
-
-Dieses Buch hatte Baldamus Eik ihr vermacht.
-
-Sie war, -- der Schmach nicht mehr denkend, die er ihr hatte antun
-wollen, -- in sein Sterbezimmer geeilt, da man ihr sagte, der Kranke
-versuche unablässig ihren Namen zu formen, er könne nicht leben und
-nicht sterben, wie es scheine, ohne daß er sie noch einmal gesehen.
-
-Als sie zu ihm trat, war ein Lächeln über sein Antlitz gegangen, -- ein
-fürchterliches Lächeln, vor dem ihr graute.
-
-Aber sie hatte sich selbst gescholten und war zu ihm getreten. Und weil
-sie das Nahen des Todes spürte, beugte sie sich tief über den Kranken
-und sagte laut: »Ich will vergessen und verzeihen.«
-
-Da war wieder das fürchterliche Lächeln gekommen, und die matte Hand
-hatte sich gehoben und nach dem Schreibtisch gezeigt. Dort lag das
-Buch, umwunden mit Seidenband und mit dem großen Wappen der Eiks
-versiegelt. Die Aufschrift lautete: »Mein Vermächtnis für Franziska
-Malcroix, geb. Eik von Eichen.«
-
-Erst als sie das Buch in Händen hielt und sich ihm so zeigte, -- da
-wurde er ruhig und legte sich zum Schlafe hin, aus dem er nicht wieder
-erwachte. Und auf seinem toten, starren Gesicht lag der Ausdruck
-gesättigten Behagens.
-
-Franziska hatte das Büchlein in ihr Zimmer mitgenommen und das Siegel
-dort gelöst.
-
-Und wie sie sah, daß der Umschlag ein Buch enthielt, das ihrer eigenen
-Mutter gehört hatte, als sie die geliebten Schriftzüge erblickte von
-der treuen Hand, die schon so lange moderte, -- da war das Verzeihen
-für die Schuld des Toten bewußt in sie gekommen, -- er hat mir Gutes
-tun wollen, er wollte sühnen, indem er mir als letzte Gabe das Liebste
-reichte, was es für mich geben konnte.
-
-Und sie hatte gelesen, was die teure Mutter in dem kleinen Buche
-niedergelegt -- -- --
-
-Aber das Haupt der Medusa konnte nicht schrecklicher blicken, als dies
-kleine Buch mit den zarten Schriftzügen; und langsam, langsam erstarrte
-das Herz der Lesenden. --
-
- Eichenborn, den 17. Mai ...
-
- »Nun bleiben aber Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei, aber die
- Liebe ist die größte unter ihnen.«
-
- Das war unser Trauspruch.
-
- »Und nun frage ich dich, Carola Dannenstein, willst du diesen
- gegenwärtigen Bertold Eik von Eichen lieben und ehren, und ihm
- treu sein, bis der Tod euch scheidet?«
-
- »Ja!« rief ich hell und freudig, »ja!«
-
- Die Schwarzhausener haben darüber gelacht und getuschelt,
- es ist nicht Sitte hier, daß eine Braut so laut das »Ja«
- herausjubelt, man darf es schon auf der ersten Kirchenbank
- nicht verstehen. Nur der Bräutigam darf es laut sagen.
-
- Was kümmert’s mich? Ich komme aus der freien Reichsstadt Bremen
- und -- wenn mein Herz »ja« jubelt, dann tut mein Mund es
- freudig kund.
-
- Wie gern hätte ich mich in Bremen trauen lassen, in derselben
- alten, lieben Kirche, da ich getauft und konfirmiert wurde,
- -- aber mir lebt niemand mehr dort, -- so ganz verwaist bin
- ich. Da bin ich vom Hause meiner Schwiegereltern in das meines
- Gatten getreten, -- es ist ja im Grunde ein und dasselbe, --
- der schöne Eichenborn. Aber der Flügel, da ich mit meinem
- Bertold hausen soll, ist hell und licht, -- -- die Zimmer der
- andern sind umschattet von hohen, dichten Eichen.
-
- »So ganz verwaist bin ich?« Lieber Herrgott, vergib mir dies
- Wort, da mich doch der Eine, der Einzige, der Herzliebste heute
- an sein reiches Herz genommen hat, das vor mir noch keine
- geliebt, und das mir Vater, Mutter, Bruder und Schwester sein
- will. -- Nein, ich bin wahrlich nicht verwaist.
-
- Frau Therese Teichmann, die runde, stattliche Frau unseres
- Dieners und Faktotums, hat mir geholfen, den Brautstaat
- abzulegen und mir das Strumpfband gelöst, -- eine alte, uralte
- Sitte im Hause Eichenborn. Bertold und ich wollten nicht in die
- Welt hinaus fahren, sondern die ersten, seligen Stunden des
- Vereintseins in unsern vier Wänden genießen.
-
- Jetzt umfängt mich das traute Wohnzimmer mit lauter lieben,
- alten Möbeln aus meinem Vaterhause, dem alten Bremer
- Patrizierheim. Nebenan liegt der ungeheure Saal, weit
- und dämmrig tut er sich auf und die vergoldete Stukkatur
- seiner Decke leuchtet matt zu mir herüber. Prunkvoll ist er
- eingerichtet, -- die Eiks sind ein reiches Geschlecht. -- An
- den Saal reiht sich Zimmer an Zimmer, ich habe sie alle an
- Bertolds Hand durchschritten.
-
- Nur das eine nicht, das neben diesem, meinem Wohnzimmer liegt.
- -- Aber heimlich, ganz heimlich hab’ ich hineingesehen, --
- dort stehen zwei ungeheure Riesenbetten, und schneeiges
- Linnen bauscht sich in ihnen unter rotleuchtenden, seidenen
- Decken. Eine herzbeklemmende, süße Angst befällt mich, wenn
- ich an das Stübchen denke -- -- -- Herzliebster! Herzliebster!
- Herzliebster!
-
- Mein Ruf holt ihn nicht herbei, -- -- er ist fortgeholt worden
- zu einem Schwerkranken, zu einem Sterbenden.
-
- Das war recht seltsam für mich, und Hieronymus Teichmann, der
- die Botschaft überbrachte, sah mich mit mitleidigem, ernstem
- Blicke an. Er wollte sich wohl überzeugen, wie tapfer oder
- untapfer ich sei an meinem Hochzeitstage.
-
- Aber das liebe ich ja gerade so an meinem Bertold, daß er in
- dem großen, ihm unterstellten Getriebe _alles_ ist, Herr und
- Arbeiter, Freund, Bruder, Körper- und Seelenarzt. Und so trete
- ich willig zurück, da man ihn an ein Sterbebett ruft.
-
- Ach, -- nicht nur das Ziel, auch der Weg dahin ist schön.
-
- Könnte ich wohl dies kleine Buch mit meinen tiefinnersten
- Gedanken füllen, wenn mein Bertold neben mir säße?
-
- Er würde mich stürmisch in seine urgewaltige Liebe reißen und
- mich ersticken mit seinen Küssen.
-
- Es ist süß, darauf zu warten und in diesem kleinen Buch von ihm
- zu träumen. --
-
- Eine Stunde später.
-
- Die Nacht, die stille Mainacht ist hereingebrochen.
-
- Vor dem geöffneten Fenster schluchzt klagend eine Nachtigall.
-
- Frau Therese Teichmann hat mir die Lampe gebracht und nach
- meinen Befehlen gefragt.
-
- Ich habe keine Befehle, ich habe nur den tiefen Wunsch, mein
- liebster Bräutigam möchte endlich bei mir sein, -- er zögert
- lange. -- Die Dienerin sah mich an, genau so seltsam ernst
- wie vorhin ihr Mann. Dann wollten wir beide scherzen, aber es
- gelang uns nicht.
-
- Sacht strich sie mir über das Haar und die gefalteten Hände,
- die auf diesen Blättern ruhten. Sie hat etwas Mütterliches an
- sich, ich werde diese Dienerin sehr lieb haben.
-
- »Eine ernste, stille Brautnacht!« meinte sie leise.
-
- »So wird unser Leben hoffentlich um so froher,« rief ich
- dagegen, vielleicht lauter als nötig, -- ich hatte viel
- Bangigkeit zu verscheuchen.
-
- »Gott walt’s!«
-
- Zwei Stunden später.
-
- Ich bin schon ein paarmal aus dem Schlafe aufgeschreckt, der
- mich im Sessel überfallen hatte. Alles ist so totenstill um
- mich. Ich wage nicht die Tür zu dem großen, gähnenden Saal zu
- schließen und wage nicht, jene zu öffnen, welche das heimliche
- Gemach, das liebe, traute auf der anderen Seite für mich
- verbirgt.
-
- Soll ich mich allein niederlegen? Der Schlaf wird mich fliehen,
- wenn er auch jetzt in öder Stille versucht, meine Augen zu
- schließen.
-
- Bertold! Bertold! Komm! Ach komm! Ist denn niemand bei dem
- fremden Sterbenden, der dich ablösen könnte? Das _Leben_ ruft
- dich, das süße, beglückende Leben. Dein junges Weib ruft dich
- und die Sehnsucht meines Herzens. Komm, ach komm zu mir!
-
- Eine Stunde später.
-
- Was ist dir jener Sterbende, Bertold? Warum findest du nicht
- ein paar karge Minuten Zeit, um zu mir zu eilen und mir ein
- liebes Wort zu sagen? Wie bin ich einsam!
-
- Drei Stunden später.
-
- Langsam dämmert der Morgen. Bleischwer liegt es in meinen
- Gliedern. Schon sendet die Sonne den ersten Schein über die
- dunklen Thüringer Berge, die von nun an meine Heimat sein
- sollen. -- Meine Heimat ist Bertold.
-
- Weh, ich bin heimatlos -- -- --
-
- Den 19. Mai.
-
- Soll ich die ersten Blätter mit ihren Seufzern und Tränen
- herauslösen aus diesem kleinen Buch? -- -- Ich will sie
- darinnen lassen, -- sie sollen der Ring des Polykrates sein,
- die Opfergabe, den Göttern dargebracht.
-
- Kann es nur so viel Glück auf dieser armen Erde geben?
-
- Nicht nur in dem köstlichen Rausche der hingebenden Liebe
- liegt und leuchtet es, -- -- für mich ruht es weit mehr in dem
- Lächeln, das auf dem ernsten Antlitz meines Gatten erstanden
- ist, seit wir vereint sind.
-
- »Der düstere Eik«, »der grimmige Eik!« Es paßt gar nicht mehr
- auf ihn.
-
- So nannten sie ihn in Bremen und auch hier in seiner Heimat
- sind es seine Übernamen.
-
- Er hat mir schon in unserer Brautzeit bekannt, daß der Jähzorn
- ein Erbteil der Eiks sei und daß seine Vorfahren ihn ganz
- besonders belastet hätten, aber er schreckte mich nicht mit
- diesem Geständnis.
-
- »Jähzornige sind immer auch gut,« gab ich ihm zur Antwort und
- er küßte mich dafür.
-
- Freilich ist seine Güte nicht augenfällig, -- seine Augen
- schauen dreuend unter dichten, schwarzen Brauen hervor,
- sein Mund ist herb geschlossen und kein Bart verdeckt den
- verächtlichen Zug, der um die Winkel liegt.
-
- »Wo hast du die Welt so verachten gelernt?« fragte ich ihn
- sinnend-neckend und strich mit meiner Hand sacht über die
- beiden Fältchen, die seinen schönen, großen Mund mit den
- eisenfesten, blitzenden Zähnen leicht herabziehen.
-
- Eine feine Röte stieg in sein Gesicht.
-
- Dann aber blitzten seine dunklen Augen mich an, sein dürstender
- Mund lag auf dem meinen, und wir tranken aus dem Becher der
- Seligkeit.
-
- »Ich liebe die Welt, seit sie dich trägt,« flüsterte er mir
- zu. --
-
- »Seit zwanzig Jahren?« fragte ich zweifelnd. »Wann kam denn das
- Verachten?«
-
- »So lieb’ ich die Welt, seit du mein eigen bist!«
-
- »Also _immer_!« rief ich jubelnd und schmiegte mich an sein
- Herz.
-
- Den 22. Mai.
-
- Eifersüchtig bin ich. Wer hätte das gedacht! Ich am wenigsten
- von mir selbst.
-
- Ich hatte es ja nie gespürt, -- wie sollte ich auch? Er
- liebte mich, er wählte mich, und aus den Wonnen eines kurzen
- Brautstandes, in welchem er nur für mich und ich für ihn lebte
- und webte, holte er mich in den Eichenborn, in das stille,
- düstere Haus seiner Väter.
-
- Und hier auf einmal tritt das Gorgonenhaupt des grüngeäugten
- Scheusals vor mich hin.
-
- Ich kann es nicht bannen, ich kann es nicht nehmen, fassen
- und unschädlich machen. Es ist ein Schmerz, der immer mit mir
- geht. Es ist klein und unvornehm von mir. Denn ich habe keinen
- Grund zur Eifersucht. Und mir schwebt auch keine bestimmte
- Person, keine Frau, kein Mädchen vor, -- mir ist, als sei ich
- eifersüchtig auf alles, was den Einzigen von mir fern halten
- könnte, auf seinen Beruf, -- -- ja auf die Luft, die er fern
- von mir atmet. Es ist ein so öder Gemeinplatz: »Eifersucht ist
- Mangel an Vertrauen.« Und dieser Gemeinplatz lügt.
-
- Eifersucht ist Liebe, höchste Liebe. Und Eifersucht ist
- Angst. --
-
- Auf die Stunden, die uns in der Brautnacht trennten, bin ich
- nie wieder zurückgekommen.
-
- Er war so blaß und verstört, mein armer Liebster, als er
- heimkehrte zu seinem jungen, wartenden Weib.
-
- »Ist er tot?« fragte ich.
-
- »Ja, Liebste.«
-
- »War er es wert, daß du mir fern bliebst?«
-
- »Ja, Liebste.«
-
- Das war unsere Unterredung.
-
- Im August.
-
- Heute führte uns der Weg nach dem kleinen, alten Friedhof.
- Man kommt zuerst an das Mausoleum mit untermauertem Grund, in
- welchem seit Jahrhunderten die Eiks von Eichen schlafen.
-
- Ach, bei solch einer Anhäufung von Särgen, da kann ich nie an
- Schlaf denken, sondern nur an Moder. Im grünen Wald oder im
- dichtverwachsenen, kleinen Totenhain, unter Efeu und Immergrün,
- umrauscht von alten Bäumen, da kann man schlafen. Vom Mausoleum
- ab führen die stillen moosbewachsenen Pfade nach den Gräbern
- der andern, die aber immer mit dem Hause Eik in irgendeiner
- Verbindung standen: Angestellte und Arbeiter der Fabrik,
- Gutsleute und ihre Kinder.
-
- »Warum ruht ihr Eiks nicht hier?« fragte ich, »o wie es hier
- nach Rosen duftet und Jasmin, nach Jelängerjelieber und
- Jesuskraut. Die Zypresse im Erbbegräbnis schaut so streng und
- traurig.«
-
- »Die Eiks sind ja auch ein strenges und trauriges Geschlecht,«
- meinte mein Liebster ernst. »Außerdem,« setzte er kurz
- auflachend hinzu, »wollen sie selbst im Tode noch etwas
- Besonderes sein und getrennt von den übrigen Sündern.«
-
- »Da liegt auch ein Sünder!« rief ich lebhaft und zeigte auf
- ein ziemlich neues Grab, dem mein Bertold den Rücken kehrte.
- Dünne Grashälmchen wuchsen darauf, durch welche man die kahle
- Erde überall hervorblicken sah. Ein kleiner, düstergrauer Stein
- schmückte die Stelle, -- nein doch, er _schmückte_ sie nicht,
- er zeigte sie drohend dem Beschauer. »Gott sei mir Sünder
- gnädig!« stand mit großen, schwarzen Buchstaben auf dem Stein.
-
- Mein Bertold hatte sich herumgedreht, und sein braunes Gesicht
- war blaß, als er die Worte las.
-
- »Wie furchtbar!« stieß er hervor. »Wie konnte der Alte das tun!«
-
- »Wer ist der Alte?« fragte ich.
-
- Bertold biß sich auf die Lippen. Vielleicht war ihm der Ausruf
- nur so entschlüpft, doch entgegnete er ruhig: »Der alte
- Hörschel. Sein Kind -- -- -- es war ein Selbstmörder.«
-
- »War es dein Freund?«
-
- »Nein.«
-
- Dann zog Bertold meinen Arm rasch und fest durch den seinen
- und schritt mit mir fort aus dem Reiche der Toten in unser
- lebendiges Heim. --
-
- _Ein Jahr später._
-
- Schwer habe ich gelitten. So schwer, daß ich nicht dazu
- kam, mein Wohnzimmer zu betreten, viel weniger, dies Buch
- aufzuschlagen.
-
- Eine Fehlgeburt brachte mich nahe an jenes dunkle Tor, das zum
- Erbbegräbnis der Eiks führt.
-
- Und nun eröffnen mir die Ärzte, daß ich nie mehr ein Kind zur
- Welt bringen würde -- -- --.
-
- Warum legte Gott solche tiefe Muttersehnsucht in mein Herz?
- Warum gab er tausend und abertausend vornehmen Frauen Kinder,
- die doch von den Müttern vernachlässigt und den Dienstboten
- übergeben werden? Warum sandte er tausend und abertausend
- siechen, verderbten, armen, hungernden Müttern und Vätern dies
- Gottesgeschenk und versagt es gerade mir so grausam? Warum,
- warum? Verlorene Frage! Aber sie verläßt mich nicht, sie wird
- zum Hammer und schlägt immerfort auf mein armes Herz. Warum?
- Warum? All mein Kinderglaube, mein starker Glaube, zerbricht,
- ich hadre mit Gott und nenne ihn nicht mehr den Allgütigen,
- Allweisen, nur noch den Allmächtigen, der mein Glück in Trümmer
- schlug. -- -- --
-
- _Ein Jahr später._
-
- Wenn ich mein ganzes Leben lang so selten in diese Blätter
- schaue, -- dann wird das Büchlein hundert Jahre aushalten.
- Und wer trägt die Schuld, daß die gern plaudernde Carola Eik
- verstummt ist? Verstummt? Kommt ins Kinderstübchen und lauscht
- dem sprudelnden Quell der Worte und Lieder, die ich meinem
- Kleinchen darbringe.
-
- Meinem Kindchen? -- -- Muß man denn immer Unmögliches haben
- wollen? Immer wie unmündige, törichte Kinder nach den Sternen
- langen?
-
- Mein Bertold wurde mein Arzt. Unter seinem guten, ernsten
- Zuspruch wurde ich ruhiger, wurde Trostgründen zugänglich,
- und er eröffnete mir das reiche Feld der Armen- und
- Krankenpflege, er schickte mich mit reichlichen Summen in die
- Wohltätigkeitsanstalten ringsum, damit ich mit eigenen Augen
- sähe, wo es not tut, mild und werktätig einzugreifen. So
- braucht der Liebesquell in meiner Brust nicht zu versiegen,
- täglich erneut er sich, und sein Reichtum wird größer, je mehr
- ich davon abgebe. --
-
- Und als ich eines Abends zu ihm sagte, ganz leise in sein Ohr
- flüsterte: »Bertold, -- für ein süßes Kindchen hätte ich _doch_
- noch Zeit bei all meiner Arbeit und vor allen Dingen, du großer
- Bertold brauchst so wenig Pflege, und ich habe solch einen
- Überschuß an Liebe in mir, -- -- es braucht doch nicht ein
- _eigen_ Kind zu sein -- -- --«
-
- Da -- -- am andern Tag lag’s in dem blau seidenen, weiß
- verschleierten Himmelbettchen, so recht mitten in den Thüringer
- Landesfarben. -- Und es war ein süßes, holdes, zweijähriges
- Mägdelein, das mich zur Mutter begehrt, weil seine eigene,
- gute, treue Mutter tot ist. -- Es heißt Franziska.
-
- _Ein halbes Jahr später._
-
- Ei du kleine Franziska, -- wie schwingst du dein winziges
- Machtzepterchen über den Eichenborn. Alles ist dir untertan,
- vom Vater an bis herunter zum kleinsten Küchenmädchen und
- Stiefelwichsjungen.
-
- Du hast auch gar zu liebe, blaue Augen, gar so ein feines
- Näschen, du siehst eigentlich aus, wie eine echte Eik von
- Eichen. Das macht unsere Pflegeelternliebe, die dich geboren
- hat, zu einem neuen Leben im Hause Eik. -- O ich könnte
- eifersüchtig werden, jetzt mehr denn je, ja jetzt sogar mit
- Berechtigung, denn mein Bertold liebt das Kind, -- beinahe
- hätte ich geschrieben: »über _alles_!«
-
- Aber das wäre Sünde, das darf ich meinem Liebsten nicht antun.
-
- Und es ist eigen, -- er kann nicht die zarteste Anspielung auf
- seine zärtliche Neigung zu Klein-Franziska vertragen. Er wird
- nicht heftig oder mürrisch oder abwehrend, -- er wird so tief
- ernst und traurig, daß mir das Wort, kaum dem Munde entflohn,
- schon leid tut und ich mir immer mehr vornehme, diesen Fehler
- meines Herzens zu bekämpfen. -- Eifersucht! Es ist ja auch zu
- häßlich, auf ein kleines, schönes, liebes Kind von zwei Jahren
- eifersüchtig zu sein. --
-
- Manchmal meine ich, Franziska gehöre mir, und ich sei seine
- Mutter. Meine Phantasie arbeitet dann so stark, daß ich mich
- in die Schmerzen noch einmal hineinträume, die ich um mein
- totes Glück erlitt, und dann träume ich weiter, daß dies
- _tote_ Glück nur ein Traum sei, -- daß es in Wahrheit lebe und
- Franziska Eik heiße.
-
- Kleines, liebes und geliebtes Fränzchen! Nie sollst du fühlen,
- daß ein andrer Schoß, als der meine, dich getragen -- -- _mein_
- Kindchen bist du! -- -- --
-
- _Ein halbes Jahr später._
-
- Gestern sah ich die Großeltern von -- meinem Kindchen. Das ist
- doch ein seltsames Gefühl. Mir war mit einemmal das Fränzchen
- fremder geworden, -- Das sollte doch nicht sein. -- Es war
- auf dem Friedhof, wohin ich so gern gehe, weil er so tief
- verwachsen die heiligste Ruhe predigt. Aber gestern war auch
- der Geburtstag der Urahnin und Stammutter der Eiks, und nach
- alter Familienüberlieferung pilgert an diesem Tage Herrschaft
- und Dienerschaft nach dem Mausoleum, um Blumen und Kränze
- niederzulegen. So auch gestern. Ich blieb dann mit Fränzchen
- noch etwas zurück, trotzdem mich mein Bertold gern mitgenommen
- hätte. Aber ich hatte zwei Charakterköpfe entdeckt, zwei alte
- Leute, die an dem Grabe beschäftigt waren, das mir von allen
- Gräbern am interessantesten dünkte, am Grabe des Selbstmörders:
- »Gott sei mir Sünder gnädig!«
-
- Bertold zog den Hut, als wir an dem Grabe vorbeischritten, aber
- die beiden Alten erwiderten seinen Gruß nicht.
-
- Nachdem wir den großen Kranz im Erbbegräbnis niedergelegt, nahm
- Bertold einen anderen Weg, um heimzugelangen, mir aber war
- Klein-Franziska entwischt, die sich gern zwischen Eibenhecken
- versteckt, wenn wir hier weilen. Dem Kinde dünkt der Kirchhof
- der liebste Spielplatz. -- --
-
- Klein-Franziska stand bei den beiden Alten, die so ernsthaft
- und düster dreinschauen, als habe der Tod des Sohnes jede
- Sonne von der Erde fortgenommen. Das Kind plauderte lieblich
- und hielt die Alten bei den Händen, -- es ist ein rechtes
- Sonnenscheinchen und meint, daß jeder Mensch sein bester Freund
- sei. Beide Altchen sahen unverwandt das Kind an, und dann rang
- es sich schwer von den Lippen des Alten: »Es gleicht Zug für
- Zug meiner Tochter, _aber es hat die Eikschen Augen_«.
-
- »So sind _Sie_ die Großeltern?« fragte ich leise und befremdet,
- denn Bertold hatte mir gesagt, das Kind sei ohne Anhang, seit
- seine Mutter gestorben. Über den Nachsatz machte ich mir keine
- Gedanken, -- ich wußte, daß alle mir, der kinderlosen Frau,
- gern etwas Liebes sagten, und Fränzchens Augen paßten ja auch
- wirklich in das Eikgeschlecht. Ich grüßte die beiden und
- schritt tief nachdenklich nach Hause.
-
- _Am nächsten Tage._
-
- Wie mit unsichtbaren Händen zog es mich heute wieder nach dem
- kleinen Friedhof. -- -- --
-
- »Gott sei mir Sünder gnädig.«
-
- Da waren die beiden Alten wieder, und mir war es, als winke
- mir der Mann. Ich hatte die Kleine wieder mitgebracht, -- sie
- weicht ja nicht von meiner Seite, wenn sie sieht, daß ich einen
- Ausgang habe, und ihre »Mutti« dünkt ihr alles -- -- --
-
- Ich schritt auf das Grab zu und reichte beiden die Hand, als
- könne es nicht anders sein.
-
- »Hören Sie nicht auf ihn!« raunte die alte Frau leise, »er soll
- nicht reden und darf es nicht. Wir leben jetzt schuldenfrei auf
- eigenem Grund und Boden, seit das Kind da ist, das vergißt er
- immer und ist undankbar.«
-
- Und dabei vergaß die alte Frau, der jetzt, während sie
- Fränzchen anschaute, die helle Güte aus den Augen sprach,
- völlig, daß sie doch wohl auch nicht reden durfte. Mich
- fröstelte inmitten der warmen Sommersonne. Aber ich konnte mich
- nicht vom Platze rühren.
-
- »Warum gaben Sie Ihrem Sohne solch’ einen traurigen Spruch?«
- fragte ich, um etwas zu sagen.
-
- »Unserm Sohne? Hier liegt unsere Tochter, die Fränze, die
- Schande auf uns brachte.«
-
- »Nicht Schande!« schluchzte die alte Frau, »sie war gut, -- so
- gut.«
-
- »Ja _zu_ gut war sie!« lachte der Alte heiser und dann loderte
- es in seinen Augen auf und er trat vor mich hin und zeigte auf
- die kleine Franziska: »Hüten Sie das Mädchen! Es ist Zug um
- Zug mein Kind, aber es hat die Eikschen Augen! Hüten Sie es«. --
-
- Das andere verlor sich im Murmeln, die Frau nahm den Arm des
- Mannes und zog ihn rasch vom Friedhof fort, sie weinte jetzt
- laut und bitterlich.
-
- Und ich war wissend geworden!
-
- O über jenen Augenblick, da mir so grausam die Augen geöffnet
- wurden!
-
- Nun ist etwas zerrissen in mir, was sich nie wieder heilen
- läßt. --
-
- O ich weiß, daß die Welt mich nicht verstehen wird. Es ist
- ja so etwas Alltägliches! Man kann darüber hinweggehen und
- lächeln. ›_Man_‹, aber nicht ›ich‹! Mir ist über dieser
- alltäglichen Geschichte das Herz gebrochen.
-
- Als Bertold mich zum gemeinsamen Mittagsmahl aus meinem Zimmer
- abholte, da sah er, daß sein Glück zertrümmert am Boden lag.
-
- Doch stand ich ganz ruhig vor ihm, -- mir war’s, als sei ich
- gealtert um viele Jahre in den wenigen Stunden.
-
- »Nicht deine _Schuld_ trennt uns,« sagte ich ihm mit beinahe
- tonloser Stimme, so daß er sein Haupt zu mir neigen mußte, um
- mich zu verstehen, »uns trennt deine _Lüge_!«
-
- »Du willst von mir gehen?« fragte er heiser, und seine Augen,
- seine lieben, dunklen Augen sahen mich wie erloschen an.
-
- »Nein, -- nicht von dir gehen, -- nicht äußerlich -- ich habe
- ja das Kind, -- ich will ihm weiter Mutter sein.«
-
- Kein Wort wurde sonst zwischen uns gewechselt. Bertold ging
- aus dem Zimmer und ließ sein Pferd satteln. Dann ritt er
- stundenlang in der Weite herum, und als er wiederkam, sah ich,
- daß er nicht mehr der »aufrechte Eik« war.
-
- Nun soll das Leben so weiter gehen. --
-
- Das Vertrauen zum liebsten Menschen ist dahin und das Kind?
- -- -- Ich sehe an ihm nur immer die Eikschen Augen und sehe
- Zug um Zug das Antlitz des unglücklichen Mädchens, das mein
- Bertold verdarb. Wo soll ich die Kraft hernehmen, weiter zu
- leben? Wie ein Gralskelch leuchtete mein Glück, -- jetzt
- liegen die Scherben, ein billiger Tand, staubbedeckt zu meinen
- Füßen. -- -- --
-
- Aber das Kind soll es nie erfahren. In jeder einsamen Stunde
- will ich mich stärken zu dem schweren Missionswerk, -- -- --
- hilf mir, -- hilf mir, Allerbarmer, der du diese Last auf meine
- Schultern legtest.
-
- * * * * *
-
-Franziska Malcroix wußte nicht, wie lange sie gelesen hatte, -- waren
-es Stunden, waren es Jahre? Sie strich mit der Hand über das kleine
-Buch, das die liebste Mutter geschrieben, welche es auf Erden gegeben
-hatte. --
-
-Dann schritt sie langsam, -- o so langsam die gewundene Treppe hinunter
-in ihres Vaters Zimmer.
-
-Der alte Eik saß an dem wuchtigen Schreibtisch und schrieb und
-rechnete, aber mitten in die Belege seines Reichtums kam die Störung,
-und auf den Zahlen, die sich im letzten gesegneten Jahre wieder um eine
-Null vergrößert hatten, lag plötzlich das kleine Buch, das er einst
-vor so langen Jahren seiner jungen Braut geschenkt, damit sie ihre
-beiderseitigen, glückseligen Erlebnisse darin verewige. -- -- --
-
-Er hatte das Büchlein zuerst wiedergesehen, damals als sein Weib starb.
-Von einem Eik konnte ja niemals Glück ausgehen, und so waren auch
-diese Blätter erfüllt von Leid, erfüllt von jener häßlichen Schuld
-und einzigen Lüge seines ehrenhaften Lebens. Er hatte das Buch am
-Todesabend seines Weibes gelesen und war von jenem Augenblicke an der
-düstere, grimme Eik geworden, der sich ganz in Schmerz und Bitterkeit
-versenkte und kaum noch seines Kindes achtete.
-
-Aber die kleine Franziska trat mit sicherem Schritt in die Fußstapfen
-ihrer geliebten Mutter, deren Hinscheiden sie zuerst beinahe
-verzweifeln ließ.
-
-Als das Kind damals die tiefe, wortlose Trauer des Vaters gewahrte,
-raffte es sich auf, und tausend kleine Aufmerksamkeiten, welche die
-Verstorbene für den Gatten gehabt, die übernahm nun das Fränzchen
-mit einer sicheren Liebe, welche den grimmen Eik rührte und zugleich
-erstaunte. Ganz eng schlossen sich Vater und Tochter aneinander an,
-und der alte Eik hatte nur die eine Sorge, das Buch, das kleine Buch
-mit den feinen, zarten Schriftzügen, die doch so furchtbar beredt
-von seiner Schuld erzählten, vor dem jungen Mädchen zu verbergen.
-Jahrzehnte lang hatte es in der Schublade seines festen dunklen
-Schreibtisches geruht, zu dem niemand gelangte, als er allein. Und nun
-lag es plötzlich vor ihm, und seine Franziska stand so blaß und mit so
-wehen, anklagenden Blicken im Zimmer, wie einst sein Weib. --
-
-»Wer gab dir das Buch, Franziska?«
-
-»Baldamus Eik.«
-
-Der alte Eik stöhnte auf. »Dieb!« -- murmelte er, »Dieb!« Und dann
-schüttelte ihn der Jähzorn, und wilde, schreckliche Worte und Flüche
-kamen aus seinem Munde.
-
-»Was siehst du mich so an, Franziska? Was forderst du von mir? Deinen
-Namen? Deine Mutter? Deine Pflegemutter? -- Herrgott, ich habe nichts,
--- nichts, -- ich bin arm, arm -- -- --«
-
-Franziska sah ihn an, -- nicht anklagend, nicht scheu, nicht
-verachtend. Es wuchs etwas in ihr und blühte auf, etwas, das stärker
-war als die Schmach und Bitterkeit jener Minuten, da sie das Büchlein
-las -- -- ein tiefes, erbarmendes Mitleid mit dem armen Reichen vor
-ihr.
-
-»Ich will nicht meine Mutter und nicht meinen Namen,« sprach sie leise,
-aber fest. »Ich will nur endlich meinen Bertold an dein Herz legen und
-dich bitten: ›Hab uns lieb‹!«
-
-Da schlang der alte Mann beide Arme um sein Kind, und im schweren
-Weinen löste sich jahrelanges Leid.
-
- * * * * *
-
-Der junge Bertold Eik war fleißig.
-
-Er lebte nicht gerade als Bücherwurm, aber er betrachtete es auch nicht
-als Vorrecht des Begabten, bummelig und nachlässig zu sein.
-
-Für die Bezeichnung »Streber« und »Musterknabe« hatte er sein
-wohllautendes, klingendes Lachen, das ihm manchen Freund schuf. Aber es
-waren Schulfreunde, -- keine Lebensfreunde.
-
-Es war etwas Knappes und Stolzes an ihm, das mit Unrecht von manchen
-Lehrern mit Hochmut bezeichnet wurde. Denn Bertold hatte nie lange
-bei dem Gedanken geweilt, daß er einem reichen und alten Geschlecht
-zugehöre, sondern weit eher darüber gegrübelt, warum er seines eigenen
-Vaters Namen nicht tragen dürfe. Und aus den vielen Bitterkeiten,
-die sein junges Leben schon aufzuweisen hatte, aus den unschuldig
-erlittenen Kränkungen entstand und wuchs ein ernster Stolz. Seine
-beiden Begleiter waren wie zwei gute Gluckhennen, die Entlein
-ausgebrütet haben und nun sorgenvoll am Ufer stehen. Aber es waren
-_verständige_ Gluckhennen, die es sofort einsahen, daß Bertold sich
-nicht zum Küchlein eigne, sondern unter allen Umständen schwimmen müsse.
-
-Manch spottendes Wort fiel aus Schülermund über die beiden
-»Kindermädchen«, ohne deren Begleitung Bertold nie in den Freistunden
-zu sehen war, aber so lange der Spott harmlos blieb und sich mehr auf
-Bertold, als auf die beiden Getreuen bezog, lachte Bertold sein liebes
-Lachen und versöhnte die Spötter damit. Übelwollende aber banden nicht
-mit ihm an, denn der junge Eik hatte eine kräftige Faust, und viel Gras
-wuchs nicht mehr dort, wo er hinschlug.
-
-Sein Geigenspiel aber war der Stolz aller.
-
-Ganz unerwartet trat ein neuer Musikdirektor an die Spitze des
-Gesangvereins in E., und dieser war ein feinsinniger Geiger, der
-selbst einmal den glühenden Wunsch in sich getragen hatte, als ein
-heller Stern am Kunsthimmel zu glänzen, aber durch das harte »Muß« der
-Mittellosigkeit nach einer Brotstelle getrieben war.
-
-Zu diesem Lieblingsschüler Meister Joachims kam nun Bertold Eik, und
-nicht nur in seine Hände nahm der Alte den Jungen, nein er zog ihn
-gleich in und an sein Herz.
-
-»_Der_ soll das erreichen, was mir das Schicksal versagte,« rief er
-nach der Prüfung den beiden Getreuen zu, »das ist einer von Gottes
-Gnaden. Und er soll sein bißchen Geld zusammenhalten, damit es zum
-ernsten Studium ausreicht, und er soll sich nicht verplempern mit
-irgend einer Hanne oder Suse, sondern nur zur heiligen Cäcilie beten.
-Zwei Jahre will ich das Büblein lehren, was ich selbst kann, dann soll
-er mir nach Berlin.« --
-
-Organist Brennstoff hörte dies alles mit wahrer Vaterwonne und nickte
-begeistert dem Musikdirektor zu, aber Rektor Tüllen setzte gleich einen
-Dämpfer auf die Geige, auf welcher so hochtönend musiziert wurde.
-
-»Bertold Eik wird nach uralter Familienüberlieferung der Eichens zuerst
-sein Abiturium ablegen, dann zwei Jahre die Universität Bonn beziehen
-und darauf ins Ausland gehen. Nach seiner Rückkehr übernimmt er dann
-Eichenborn und die übrigen ausgedehnten Besitzungen der Eiks -- -- --«
-
-»Amen!« schrie der aufgeregte Direktor. Er dachte aber nicht »amen«,
-sondern: »Der Teufel hole diese Familienüberlieferungen!« Mit beiden
-Händen fuhr er sich durch seine Künstlermähne. »Da schafft nun unser
-Herrgott mal was nach seinem Herzen, und bläst diesem Goldjungen einen
-besonders musikalischen Odem in die Nase, -- -- nützt alles nichts,
-die Familientradition verhunzt ihm sein Kunstwerk, -- ihm, dem großen
-Schöpfer. Es ist, um gleich aus den Stiefeln zu springen! Wenn der alte
-Banause von Großvater diesen Jungen durch’s Humanistische schleppt und
-ihn dann noch die besten Jahre verkneipen läßt, -- -- dann hätte er
-ihn gleich zu Anfang seines Daseins versaufen lassen sollen, -- wie’n
-jungen Hund. -- Denn der Junge verfehlt seinen Beruf, und sein Beruf
-ist: Sonne zu geben, Feuer zu entfachen in kalten Herzen, Himmelsfunken
-zu senden in das dürre Stroh der Verstandsköpfe. -- Alles muß brennen,
-leuchten, glühen, wenn ein wahrer Künstler von Gottes Gnaden geigt,
-alle Zuhörer müssen durch himmlisches Feuer geläutert werden und
-geheiligt, Frau Musika aufzunehmen.«
-
-»Amen!« rief Brennstoff und meinte es nun wirklich so und drückte die
-Hände des Musikdirektors, der noch ganz wild um sich blickte.
-
-An demselben Tage noch ging ein langer Brief an Frau Franziska Malcroix
-ab, der recht beweglich darstellte, wie es am besten wäre, den lieben
-Bertold entweder gleich zu Meister Joachim zu geben, oder ihn auf
-eine andere Schule zu tun, damit er in zwei Jahren, wenn auch keine
-humanistische, so doch eine andere abgeschlossene Bildung erhielte,
-die er später als Künstler auf seinen Reisen erweitern könne. Sie
-schrieben alle Vier. -- Der Musikdirektor herrisch in kategorischen
-Imperativen, denn hinter ihm stand die heilige Cäcilie mit göttlichen
-Forderungen; der Organist als Kenner der Verhältnisse in Eichenborn
-um eine Schattierung gedämpfter, aber immer noch beredt genug, um
-seinen Namen nicht zu verleugnen; Rektor Tüllen mit warmer Bitte, die
-vielleicht am eindringlichsten in ihrer Schlichtheit war. Bertold fügte
-nur eine kurze Nachschrift hinzu: »Liebes, liebes Mütterchen, es wäre
-schön, wenn Großvater und du ›_ja_‹ sagen möchtet. Aber nur, wenn du es
-richtig willst, mein Mütterchen!«
-
-Acht Tage warteten die vier Verbündeten in Spannung und Sorge auf
-die Antwort, und dann kam nur ein kurzer, wehmütig-stiller Brief von
-Bertolds Mutter zurück:
-
-»Mein Junge! Wenn es dein Beruf ist, Sonne zu geben, so teilst du ihn
-mit den andern Menschen. Wir sind alle dazu in die Welt geschickt,
-diese kalte Erde zu durchsonnen. Tut dies ein Jeder auch nur mit dem
-kleinen Teil, dem heiligen Heimatfleckchen, auf welches Gott ihn
-gestellt hat, so wird schon viel Wärme geschaffen. Laß uns Deinem
-Großvater Sonne geben, mein Junge! Dein Wunsch, schon jetzt die Geige
-als Beruf in die Hand zu nehmen, würde tiefer Schatten für ihn sein.
-Ich komme bald zu dir! Gott behüte Dich!«
-
- * * * * *
-
-Bertold steckte den Brief ruhig in seine kleine Brieftasche, die er
-immer auf dem Herzen trug, und zu seinen beiden Freunden, welche mit
-erwartungsvollen Mienen das Lesen des Schriftstückes verfolgt hatten,
-sagte er nichts als »Nein«.
-
-Dies tapfere »Nein« wurde von Brennstoff dem Musikdirektor überbracht,
-der sich darüber weidlich austobte. --
-
-Dies Toben hinderte ihn aber nicht, mit feinstem Verständnis den
-Knaben weiter zu führen, ihm alles zu geben, was er selbst besaß an
-technischem Können und tiefer Auffassung, und so reifte Bertold Eik zum
-Künstler heran, ohne daß man in Schwarzhausen eine Ahnung davon hatte,
-ja ohne daß er selbst es wußte. Auf diese Weise gab er reiche Sonne
-in die Herzen der drei alten Hüter seiner Jugend, und seiner Mutter
-ernste Augen lernten das Lachen. Die Musik und die Natur, -- das waren
-Jung-Bertolds Zerstreuungen, beide gaben ihm Reichtümer und blieben
-doch selbst unerschöpflich reich und groß.
-
-Die beiden alten Freunde führten ihn mit sorglichen Händen, auf
-daß Seele und Körper zugleich gediehen, und so kam es, daß gute
-Schulzeugnisse und schöne Prämien für Bertolds Wohlverhalten nach
-Schwarzhausen geschickt wurden, von denen aber nur der Großvater
-etwas erfuhr. Für die Schwarzhausener war und blieb Bertold der
-geheimnisvolle Tunichtgut und manchesmal des Abends, wenn die Bürger
-vor ihren Türen saßen und über das Wohl und Wehe der Stadt berieten,
-legten sie den Finger an die Nase und versuchten ein weises Gesicht zu
-machen: »Der alte Eik wird immer reicher. Aber ins Grab kann er nichts
-mitnehmen! Was wird aus dem vielen Gelde, dem großen Besitz und den
-Fabriken, wenn der schlechte Kerl, der junge Bertold, einmal alles
-bekommt?«
-
-In den Ferien kam Bertold nicht nach dem Eichenborn und nicht nach
-Schwarzhausen. Sobald der Schulschluß da war, erschien sein Mütterchen
-und reiste mit ihm. Sie zeigte ihm das Thüringerland mit all seiner
-schlichten Schönheit, sie lehrte ihn die Heimat lieben und feste
-Wurzeln in ihr schlagen. Sie gab ihm hohe Vorbilder in guten, großen
-Menschen, die alle der Thüringer Mutterboden getragen und genährt, und
-stählte in ihm den Willen, diesen Großen nachzueifern. -- Die Bücher,
-von Rektor Tüllen und Brennstoff sorglich ausgewählt, wurden nicht
-mit auf Reisen genommen, -- Frau Franziska liebte nicht dies bequeme,
-elterliche Mittel, Störenfriede auf längere Zeit unschädlich zu machen,
--- sie _erzählte_ dem Knaben. Durch scharfe, feine, kluge und gute
-Mutteraugen hindurch lernte er die Märchengestalten, die Helden der
-Sage und die Großen der Gegenwart, betrachten. Kehrte er dann in die
-Einsamkeit der großen Stadt und in die seines Studierstübchens zurück,
-im Herzen noch das Trennungsweh vom Mütterchen, dann holte er sich ein
-gutes Buch, schaute seine geliebten Helden mit geschärftem Verständnis
-und ließ sich von ihnen wieder zur Mutter führen. Für Bertold war ja
-sein Mütterchen der größte und liebste Held. Sie litt körperlich viel
-und sah oft leidend aus, aber sie klagte nie, sie litt seelisch unter
-dem gewiß oft harten Großvater und schien viele, ach so viele trübe
-Erinnerungen zu haben, aber immer erzählte sie Gutes und Liebes vom
-Eichenborn und seinen Bewohnern, so daß Bertolds Heimatliebe wachsen
-und erstarken konnte. Die Mutter predigte nicht langweilige Moral, sie
-_lebte_ alle ihre Ermahnungen und guten Worte selbst vor, -- wie hätte
-ihr Junge da nicht nachleben sollen? Und wie die Mutter so gehorsam
-gegen Gott war und sich beugte unter seinen Willen, so lernte Bertold
-nach diesem Vorbilde Gehorsam und straffe Selbstzucht. -- -- --
-
-Innerlich unendlich reich kehrte Frau Franziska immer heim und ließ
-ihren Knaben gewachsen und reifer zurück. --
-
-Trotz alledem behaupteten die Mitschüler in E.: »Der Eik hat was zu
-verbergen«.
-
-Der Jähzorn war’s, den er verbarg, der ihn noch oft peinigte und
-quälte, den er doch Mütterchen zulieb als erstes bezwingen wollte.
-
-Viele Anfechtungen hatte er durch ihn noch zu bestehen, und besonders
-bei rohen Handlungen seiner Mitschüler, bei Tierquälereien und
-häßlichen Lügen geriet er noch immer außer sich.
-
-Und die tägliche Übung der Selbstüberwindung nahm ihm viel Kraft fort,
-er blieb schmal und mager, und trotz sorgsamer Pflege schauten seine
-großen, dunklen Augen ernst und viel zu düster aus seinem jungen
-Gesicht.
-
-Aber Bertolds Körper war sehnig dabei, nicht schlaff, et turnte gut und
-gern und hob große Lasten ohne besondere Anstrengung. --
-
-»_Der Eik hat was zu verbergen._«
-
-Dies war das einzige, was von allen Dingen, die Bertold tat oder
-versäumte, nach Schwarzhausen gelangte, und es wurde in allen
-Kaffeegesellschaften erzählt, besprochen, weise belächelt und als
-bestehende und längst bekannte Tatsache angesehen.
-
-Und er hatte in Wahrheit etwas zu verbergen, drei Dinge: Den Jähzorn,
-Puppe Emmy und einen Brief, einen langen, einzigen Brief der früheren
-Gespielin, die er nun sechs Jahre nicht mehr gesehen hatte. Das Papier
-mit der festen Kinderhandschrift war nicht mehr ganz sauber, es war ja
-schon mehrere Wochen alt und vielfach von Bertold selbst aufgeplättet
-worden, wenn er es verknüllt unter seinem Kopfkissen hervorgezogen
-hatte. Die gute Hauswirtin, welche ihre fünf möblierten Zimmer noch
-nie so vorteilhaft vermietet hatte, wie diesmal an die beiden ruhigen
-Herren Lehrer und den braven, stillen, blassen Zögling, wußte schon
-immer Bescheid, wenn der Junge mit seinem immer dunkler werdenden
-Papier in ihre Küche kam: »Wenn ich bitten dürfte um ein Plätteisen!«
-Die brave Frau glaubte freilich, es sei mindestens ein wertvolles
-Dokument, das der »Jungherr« nicht von sich ließ, und hatte sich
-eine ganze Legende selbst gedichtet um dieses Papier, Testament oder
-unersetzliche Urkunde.
-
-Den Jähzorn und Puppe Emmy kannten seine beiden Erzieher, aber diesen
-Brief kannte nur Liselotte, der liebe Gott und er, Bertold: »Lieber
-Bertold, ich soll fort in Pension, weil Base Juliane nicht mehr mit mir
-fertig werden kann. Sie kann schon, aber die Schwarzhausener wollen
-es. Es geht mir nun wie Dir, und deshalb schreibe ich Ihnen. -- Ich
-soll nämlich ›Sie‹ zu Dir sagen, sagt die Gouvernante, und ich hatte
-es wieder vergessen. Nämlich ich habe eine Gouvernante, und wir sind
-nun fünf Frauenzimmer und nur der eine Papa. Die Gouvernante sagt, Du
-würdest jetzt auch im Gymnasium ›Sie‹ genannt mit fünfzehn Jahren und
-Sie müßten jetzt auch ›Sie‹ zu mir sagen. Ich hoffe, daß Du das nie
-tun wirst, ich würde es gemein finden. Wie siehst Du jetzt aus? Es ist
-schon wieder vor acht Tagen ein neues Bild von mir gemacht worden,
-und ich hätte es Ihnen gern geschickt, aber die Gouvernante sagt, es
-wäre der Gipfel der Pöbelhaftigkeit, wenn ein Mädchen einem Jungen ein
-Bild von sich schenkte. -- Du siehst daraus, daß sie überhaupt sehr
-viel sagt. Aber ich will nichts über sie sagen, denn es soll edle und
-wohltätige Gouvernanten geben, meine ist es noch nicht. Lieber Bertold,
-wenn Sie es keinem Menschen und sonst auch niemand wieder erzählen,
-dann möchte ich es Dir allein kund tun, daß ich meine alte Puppe Emmy
-nicht wiedergefunden habe. Ich habe viele Jahre so gespielt, als ob sie
-von Zigeunern geraubt wäre, weil sie so schön und gut war. Aber es ist
-mir ein Rätsel. Dein Großvater ist ja auch eigentlich kein Zigeuner. --
-Ich mochte ihn auch beinahe immer so gern wie Dich, aber wir kommen nie
-mehr zusammen. Niemand hier versteht meinen Schmerz. Und nun soll ich
-in Pension, -- von meinem Väterchen fort, und kein Mensch beschützt
-mich, sondern Papa steckt sich Watte in die Ohren, wenn ich tobe, und
-die Base und die Gouvernante blasen in ein und dasselbe Horn. Die
-Gouvernante will nämlich ihre letzten Nerven noch in Ruhe genießen, so
-ähnlich hat sie sich ausgedrückt. Wir haben immer sehr schöne Ferien
-gehabt und der Hans von Windemuth, -- nein, ich glaube -- ich darf Dir
-nichts darüber schreiben, denn sie sind alle noch genau so böse wie vor
-sechs Jahren auf Dich und höchstens noch mehr. Aber Hans’ Wunden von
-Dir sehen schneidig aus, wie’n Korpsstudent.
-
-Und indem ich noch zum Schluß mit einer Kusine zusammen in die Pension
-komme, bleibe ich Deine
-
- Liselotte Windemuth.
-
-P.S. Es ist niemand gestorben in Schwarzhausen, und ich weiß meine neue
-Adresse nicht richtig, und ich grüße Dich! --«
-
-O gewiß, es war nur ein dummer Brief eines kleinen Mädchens, aber er
-war so ganz aus der echten Liselotte heraus geschrieben. Mit diesem
-Briefe in der Hand träumte sich Bertold in die kargen Freudenstunden
-seiner Kindheit zurück, und all das Trübe und Häßliche versank in den
-äußersten Winkel des Erinnerns.
-
- * * * * *
-
-Schwarzhausen alterte nicht. Es blieb jahraus, jahrein das hübsche,
-schmucke Städtchen, dessen äußere Schäden sofort von einem aufmerksamen
-Magistrat ausgebessert wurden. Und innere Schäden wurden überhaupt
-selten bemerkbar, nur einem Fremden hätte es auffallen müssen und auch
-dann nur, wenn er sich allsonntäglich in der Stadtkirche die Predigt
-des alten Pfarrers Klingenreuter angehört, daß das Thema vom Balken
-und Splitter, vom Zöllner und Pharisäer und von den neunundneunzig
-Gerechten gar so oft wiederkehrte. Aber Fremde setzten sich nicht in
-die Stadtkirche, sondern stiegen zu den Bergen und Wäldern empor, und
-die Einheimischen hörten die Predigt, weil die gute Sitte es wollte,
-und bezogen die Pharisäer nicht auf sich. Denn es war ja des Pfarrers
-Beruf, von der Sünde zu reden, auch wenn diese nirgends vorhanden
-war. Also blieb Schwarzhausen leichten Gemütes, hatte ruhige Nächte,
-führte eine gute Küche und erhielt sich jung. Irgend ein moderner
-Leichtfuß war zwar einmal nach Schwarzhausen gekommen und hatte im
-großen Saale des Gasthauses zur Thüringer Edeltanne viel hohe Worte
-von Luftkurort und Sanatorium geredet und sich erboten, Bohrungen auf
-Solequellen vorzunehmen, aber er war bald wieder mit »dickem Kopfe«
-abgezogen, trotzdem er schwindelnd hohe Zahlen vor den Augen und Ohren
-der Zuhörer aufgebaut hatte. Nicht niedergeschrien wurde er, denn die
-Schwarzhausener waren durchaus nicht für Schreien und Lärmen, sondern
-einfach nieder_geschwiegen_. Erst nachher hielt noch der wohllöbliche
-Magistrat eine Sitzung ab und verständigte sich mit ein paar Worten
-sofort, daß sie die gute Thüringer Luft selbst brauchten, daß sie auch
-ohne Solbäder gesund seien und daß sie wohlhabend genug wären, um keine
-Sommerfremden zu brauchen. Dann redete man noch ein Weilchen über den
-Brief, der vom alten Herrn von Eik eingegangen war, und worin er der
-Stadt einen bedeutenden Zuschuß anbot, falls die Bohrungen vorgenommen
-würden, kopfschüttelte, zuckte die Achseln und legte den Brief zu den
-Akten. --
-
-So fand der junge Bertold Eik von Eichen ein ganz unverändertes Bild,
-als er nach neun Jahren zum erstenmal seine Heimat wieder betrat.
-
-Nur er selbst war anders geworden. Hochgewachsen und gut gebaut,
-überragte er seine Altersgenossen weitaus. Das zielbewußte Arbeiten,
-das Vertiefen in gute Musik und das anstrengende Üben hatten ihm etwas
-Vergeistigtes gegeben, das gut zu seinem scharf geschnittenen Gesicht
-paßte. Von Traumseligkeit war nicht mehr viel zu entdecken in seinen
-dunklen Augen, -- etwas nachdenklich konnten sie blicken, waren aber
-sonst scharf und sogar ein wenig spöttisch. Frau Franziska hatte
-leicht ihre kühlen, weißen Hände auf diese Augen gelegt bei der ersten
-Begrüßung.
-
-»Was ist denn _da_ hineingekommen?« fragte sie forschend.
-
-»Nun, -- was sieht mein Mütterchen darin?«
-
-»Zuerst mich selbst, Gott Lob und Dank!« meinte die Mutter, »aber dann
-noch tausend Teufelchen.«
-
-Da war das alte, echte Knabenlachen erklungen, das sie so sehr liebte,
-und welches sie gleich beruhigte.
-
-»Mütterchen, kam dir Schwarzhausen nicht heute etwas wie eine Humoreske
-vor?«
-
-Sie hatte wohl dasselbe gedacht, aber doch schmerzte sie der Ausspruch
-aus seinem Munde. »Sahst du nichts anderes in deiner Heimat?« fragte
-sie mit leisem Vorwurf.
-
-»Mütterchen, ich sah zuerst nur _dich_,« entgegnete er frohmütig
-und umschlang sie mit beiden Armen, »du wirst bei jedem Wiedersehen
-schöner!«
-
-Frau Franziska lachte nun doch ein wenig. »Und was sahst du dann, du
-Schelm?«
-
-»Unser _altes_ Schwarzhausen! Das aussah, als hätte man es vor
-neun Jahren in eine Spielzeugschachtel gelegt, den Deckel fest
-draufgedrückt, damit kein Staub darauf falle, und es nun herausgeholt
-frisch und neu zu Ehren des Herrn Abiturienten Bertold Eik.«
-
-»War es ein gutes Examen, Bertold?«
-
-»Ja, Mütterchen! Nicht mit Befreiung vom Mündlichen. Weißt du, das
-litten Johann Sebastian Bach und der alte Musikdirektor nicht; beide
-wollten mir die Chaconne einverleiben, die ich vor Meister Joachim
-spielen soll, ehe ich nach Bonn gehe. Im übrigen war ich ja nie ein
-Musterbub’ und hab’ mich auch in Mathematik und Geschichte elend
-verhauen. Da hieß es denn: ›Antreten zum Mündlichen‹. Aber oberfein
-war’s. Da konnte man erst zeigen, was man ~intus~ hatte. Wir kreuzten
-nicht schlecht die Klingen, die Herren Schulmonarchen und wir sieben.«
-
-»Sind alle durchgekommen?«
-
-»Freilich, Mütterchen! Wir gaben ihnen aber Nüsse zu knacken!«
-
-Frau Franziska lachte. »Oder sie euch, mein Junge.«
-
-»~Ergo~, es war famos.«
-
-»Und wie nahmen die Lehrer deinen Entschluß auf, später dem Eichenborn
-vorzustehen?«
-
-»Mütterchen, -- der prächtige Doktor Gabriel war eigentlich der
-einzige, der so mit mir drüber sprach, wie es nottat. Im ganzen finde
-ich’s ja nett, daß es in E. noch so patriarchalisch zugeht und die
-Tyrannen der Schulbank so gemütlich mit den Mulis zusammenkommen,
--- aber nur Doktor Gabriel sprach mir ernstlich zu, bevor ich zur
-Universität gehe, noch mal vor den Großvater zu treten, ihn zu bitten:
-›Laß mich Musiker werden!‹ Und dabei das stramme und doch gütige Wort:
-›Kopf hoch, Eik!‹ Das tat mir wohler, als die Moralpauke über das
-vierte Gebot, die mir Doktor Mops und die Schildkröte hielten. Ebenso
-gaben der Patagonier, der Gesprächsgegenstand und der Schreibkrampf
-noch ihren Senf dazu. Ach, und mir nützt das so gar nichts!«
-
-Bertold sah mit einem Male sehr bekümmert aus. »Ich weiß nicht,
-Mütterchen, ob du mich verstehst, wie mir zumute ist, so abseits zu
-stehen, wenn die andern mit tausend Masten segeln.«
-
-»Hat Doktor Gabriel keinen Spitznamen?« fragte Frau Franziska, sehr
-beflissen, Bertolds Gedanken von seinem letzten schmerzlichen Ausruf
-fortzulenken.
-
-»Freilich, Mütterchen, -- Erzengel heißt er, und -- und er möchte so
-gern mit Großvater sprechen -- --«
-
-»Bertold! Wenn du ihm und uns doch das ersparen könntest! Kannst du dem
-Großvater nicht wenigstens deinen guten, ehrlichen Willen zeigen?«
-
-»Mütterchen, ich _habe_ hierin keinen guten ehrlichen Willen. Sieh’,
-ich würde ja gern die Universität beziehen, wenn ich Arzt werden
-dürfte. Lieber als alles aber ist mir die Musik. Darf ich weder Arzt
-noch Musiker werden, dann ist mein Platz auf Eichenborn, wo junge
-Kräfte unbedingt nötig sind. Für Frau Musika und für Eichenborn sind
-die zwei Universitätsjahre vergeudete Zeit.«
-
-»Und für dich?«
-
-»Für mich auch, -- -- das heißt -- -- Mütterchen, -- ich habe nun mal
-kein Verständnis für Familienüberlieferungen, die einen so dingfest
-machen, wie mich jetzt eben.« Bertold lief im großen Zimmer auf und ab,
-genau wie es der Großvater tat, wenn er erregt war.
-
-»_Mein_ Junge!« -- Frau Franziska streckte ihm bittend die Hände
-entgegen, und er hielt in seinem Sturmschritt inne. »Gott weiß, ob ich
-dich verstehe. Aber, -- was wir haben und sind, verdanken wir deinem
-Großvater. Ich -- -- ich -- sieh’, Bertold, -- ich wüßte gar nicht, wo
-wir die Mittel zum Studium hernehmen sollten, wenn wir uns gegen meinen
-Vater vertrotzten.«
-
-»Das verstehe ich nun wieder nicht,« fiel Bertold erregt ein. »Soviel
-ich weiß, war deine Mutter doch, wie alle Dannenbergs, sehr reich,
--- -- hat denn mein Vater alles -- -- ich meine -- -- --«
-
-Frau Franziska war sehr blaß geworden. »Das war ein Irrtum, Bertold,
-Mutter war nicht reich, nicht einmal wohlhabend, -- -- ich bin ganz
-arm -- --«
-
-Bertold schüttelte den Kopf und seufzte. »Der ganze Eichenborn ist ein
-Geheimnis,« meinte er sinnend. »Es müßte schön sein, Mütterchen, wenn
-man einmal alles wüßte und Unrecht von Recht sondern könnte. Und dann
-allen Menschen klar in die Augen sehen. Manchmal habe ich schon gedacht
--- -- es klebe unrecht Gut --«
-
-»Bertold! Nein, nein! Sieh’ auf deine Worte! Wenn dich der Großvater
-hörte!« Franziska zog ihren Sohn neben sich auf das niedrige Sofa. Da
-hatte sie oft mit ihm gesessen, als er noch ein kleiner Junge war, --
-Bertold liebte das alte Möbel mit seinen vielen Erinnerungen. »Nein,
-mein Junge, -- unser Eichenborn trägt kein unrecht Gut. -- Viel, viel
-Schuld und Fehle anderer Art wohl -- -- verjährte Geschichten, aber die
-sollen meines Bertolds Augen nicht verdunkeln.« Sie küßte ihn, und er
-atmete erleichtert auf.
-
-Frau Franziska lehnte ihren Kopf an Bertolds Schulter. »Wie gern hülfe
-ich dir! Ich leide am meisten unter meiner Armut und -- daß ich meinem
-Einzigen nicht helfen kann.«
-
-Bertold umschlang sie fest mit beiden Armen. »_Du_ sollst nicht leiden,
-Mütterchen,« rief er zärtlich und küßte sie knabenhaft stürmisch. Dann
-bettete er sie wieder sorglich an seine Brust und sah auf den lieben,
-schönen Kopf herunter. War es denn möglich, daß sich schon so viele
-weiße Fäden durch das dunkle Gelock zogen? Wie er seine Mutter liebte!
-Wie viel sie gelitten haben mußte! Durch ihn, Bertold, sollte ihr nur
-Freude und Gehorsam kommen, das war sein Entschluß.
-
-»Jetzt sage ich zu _dir_: ›Mütterchen, Kopf hoch!‹« versuchte er zu
-scherzen. »Wir wollen nachher zum Großvater gehen und alles Nötige
-wegen Bonn besprechen. Vielleicht kommt ihm auch selbst der Gedanke,
-daß ich hier am nötigsten bin.«
-
-Frau Franziska sah halb zweifelnd noch in das liebe, ehrliche Gesicht
-ihres Jungen. Aber darin war nur ein fester Entschluß und mannhafte
-Entsagung zu lesen. »_Mein_ Junge!«
-
-»Mütterchen?«
-
-Sie sahen sich beide wieder froh in die Augen und dachten nur daran,
-daß sie beisammen waren.
-
-Nach einer langen Weile des Schweigens meinte Frau Franziska: »Sahst du
-die Liselotte Windemuth, als wir an der Kirche vorüberfuhren?«
-
-»Ja, Mütterchen.«
-
-»Sie ist groß geworden und sehr hübsch, Bertold. Das lange,
-schwarze Kleid veränderte sie heute etwas, und die Feierlichkeit der
-Konfirmation lag noch ganz auf ihrem Schelmengesicht.«
-
-»Wie ist sie innerlich, Mütterchen?«
-
-Die Frage klang seltsam, und ein Ton schwang mit -- Franziska hätte
-keine Frau sein müssen, um die Worte nicht sofort als etwas Besonderes
-aufzufassen. Sie hob den Kopf von der Schulter ihres Jungen und sah ihn
-prüfend an. Da wurde er rot bis unter den dunkeln Lockenschopf.
-
-»Deine erste Liebe, Bertold,« neckte die Mutter zärtlich. »Wie sie
-sich entwickelt hat, die kleine Liselotte? Nun, wie ein Mädchen, das
-keine Mutter hat und sich immer im Kampf mit halbgebildeten Hausunken
-befindet. Wie ein Mädchen, das einen Vater hat, der in ihr den
-ersehnten Buben vermißt und sie mit Gelehrsamkeit vollpfropft, -- einen
-Knopf wird sie sich wohl nicht annähen können.«
-
-»Mir schien, sie hatte heute alle Knöpfe am Kleidchen,« bemerkte
-Bertold mit leisem Humor, und die Mutter lächelte.
-
-»Willst du damit sagen, daß sie sehr ›zugeknöpft‹ war?« neckte sie.
-»Aber ich will Liselotte nicht verkleinern, Bertold. Sie ist anders
-als die Schwarzhausener Mädchen, und das kann ihr ja nur zum Vorteil
-gereichen. Und aus der Pension, wo das arme Geschöpf sechs Jahre
-verbleiben mußte, ist sie verändert wiedergekommen.«
-
-»Verbildet? Mütterchen?«
-
-»Nein, im Gegenteil. Das ›_arm_‹ bezog sich auf die Tatsache, daß
-man so ein Mutterloses zu lange dem Vaterhause entfremdete. Aber dem
-alten Jüngferchen, das dem Institut vorstand, verdankt Liselotte viele
-unvergängliche Werte. ›Mütter werden _geboren_‹, sagt irgend ein
-Großer, und diese alte Jungfer war eine echte Mutter!«
-
-»Woher weißt du das alles, Mütterchen?« Bertold drückte die Erzählende
-plötzlich zärtlich an sich, so als wäre der Ausspruch über jenes alte
-Jüngferchen überaus beglückend für ihn.
-
-»Von Liselotte selbst. Wir treffen uns manchmal am Tempel der
-Geselligkeit unten im Park. Ich las diesen Namen in der Eikchronik. Es
-waren damals wohl andere Zeiten für die Eiks, -- jetzt könnte man ihn
-Tempel des Schweigens nennen.« Frau Franziska seufzte.
-
-Sie löste sich leicht aus den Armen ihres Sohnes und strich sich Haar
-und Kleid glatt. Denn es hatte an die Tür geklopft; der junge Diener
-meldete irgendeinen Namen, und vor Mutter und Sohn stand gleich darauf
-eine hochgewachsene, schlanke Mädchengestalt.
-
-»Ich wollte meinen Dank für die Blumen selbst bringen,« sagte Liselotte
-Windemuth.
-
-Die Einleitung war nicht sonderlich geistreich oder verblüffend, aber
-Bertold wußte nicht ein Wörtchen zu entgegnen oder sich selbst mit
-irgendeiner passenden Redensart nach neun Jahren wieder vorzustellen.
-Er, der den Herren Examinatoren »Nüsse zu knacken« gegeben, stand blöde
-und stumm vor der Jugendgespielin.
-
-Liselotte sah nicht gerade freundlich auf ihn hin. Sie hatte sich von
-den Gratulanten fortgestohlen und selbst dem amüsanten, strahlenden
-Leutnant Hans von Windemuth den Rücken gekehrt, um Bertold in der
-Heimat willkommen zu heißen. Er war ihr ja fremd geworden, aber es
-war so eine Art heißer Trotz gewesen gegen den moralischen Dünkel der
-Schwarzhausener, sich plötzlich zu den Eiks zu bekennen, gerade als man
-den heimgekehrten Bertold wieder einmal zwischen die Scheren nahm.
-
-Und nun tat der einstige Freund nicht dergleichen, stand abseits mit
-seinem düstersten Gesicht und schaute sie an, als empfände er ihre
-Störung höchst lästig, ja als wollte er sie beinahe verschlingen.
-Von beidem war ein Körnchen Wahrheit vorhanden, -- dem Bertold
-war unglaublich beklommen zumute, und dabei fand er doch die
-erwachsene Liselotte mit dem Mozartzopf und den großen Schleifen so
-wunderniedlich, daß er sie nur immer und immer anschauen mußte. Es
-war ja die alte Liselotte, und sie war es auch wieder nicht. In die
-Augen des jungen sechzehnjährigen Menschenkindes war etwas getreten,
-ein Ausdruck, den sich der Achtzehnjährige nicht zu deuten wußte. Denn
-er sah beinahe wie »Hunger« aus, und wonach hätte die Liselotte wohl
-hungern sollen?
-
-Sogar eine große Erbschaft hatten die Windemuths gemacht, und Liselotte
-plauderte sehr unbefangen über ihre veränderten Verhältnisse, daß sie
-nun mit dem Vater reisen wolle durch das In- und Ausland, erzählte
-auch, daß ihre Konfirmation eine Art von Familientag bedeute, denn
-durch die Erbschaft seien die adligen Windemuths arg benachteiligt
-worden, und da sollte nun ein Vergleich geschlossen werden.
-
-Aber was sie auch plauderte, es riß Bertold nicht aus seinem
-schweigenden Anstarren, denn weit interessanter als die Erbschaft
-dünkten dem Jungen die blonden, eigensinnigen Löckchen, die sich so
-lieblich über der weißen Mädchenstirn krausten, und die trotzigen,
-stahlblauen Augen, in die richtig hineinzuschauen er sich doch nicht
-einmal getraute. -- Zwei Dinge, zwei sonst so sehr wichtige, waren
-überhaupt im Gespräche nicht berührt worden: die Geige -- und Puppe
-Emmy.
-
-»Du warst nicht höflich zu Liselotte,« meinte Frau Franziska
-nachdenklich-vorwurfsvoll zu ihrem Jungen, als der Besuch sich entfernt
-hatte.
-
-»Höflich? Zu Liselotte? _Höflich???_« fragte Bertold verblüfft. Er
-hätte am liebsten den ganzen Tag immerfort gestaunt und hätte es für
-das einzig Richtige gehalten, mit diesem kleinen, süßen Mädchen gar
-kein einzig Wort zu reden, es nur immer anzusehen und zu bewundern.
-Höflichkeit war für irdische Menschen, aber nicht für den ersten Engel,
-der zum Eichenborn herniedergestiegen war.
-
-Tief enttäuscht schritt Liselotte heim.
-
-Ihr Hinüberlaufen in den Eichenborn war ganz impulsiv gewesen.
-Sie hatte den Jugendfreund sofort erkannt, als sie aus der Kirche
-trat. Er saß neben seiner Mutter im Eikschen Viktoriawagen mit den
-stadtbekannten schönen Apfelschimmeln, und die festen hellen Koffer mit
-den leuchtenden Messingbeschlägen schienen vom Kutschbock herunter zu
-lachen: »Bertold kommt wieder.« Und nun war er _so_ wiedergekommen.
-
-So düster und ungesellig wie nur je. Steif und fremd hatte er
-dagestanden, -- oh und sie hätten sich doch eine Menge zu erzählen
-gehabt! Liselotte dachte gar nicht entfernt mehr daran, daß sie
-ja ursprünglich das »Karnickelchen« gewesen war, sie tobte sich
-rechtschaffen aus und arbeitete sich in einen tiefen Groll gegen den
-»Unnahbaren« hinein.
-
-Wäre sie doch nur nicht zuerst in den Eichenborn gegangen!
-
-Hätte sie doch lieber erst Vetter Hans ins Vertrauen gezogen!
-
-Neun Trennungsjahre hatten doch wohl eine zu tiefe Kluft gerissen, und
-ihr lebhaftes Temperament hatte diese zu rasch überbrücken wollen. Nie,
-nie würde sie wieder ungebeten den Eichenborn aufsuchen, nie!
-
-Und sie, Liselotte Windemuth, glaubte nun auch, was sich alle von
-Bertold erzählten: Düster und greulich und hochmütig war er und -- -- --
-
-So kam es, daß, als Bertold sich in seinen Träumen recht eng mit der
-Jugendgespielin verknüpft fühlte, er in Wirklichkeit weit -- weit ab
-von ihr weilte. --
-
-Haus Eichenborn versank nach Bertolds Abgang zur Universität noch ein
-wenig mehr in Dornröschenschlaf.
-
-Von außen und in einzelnen Teilen auch von innen, hätte man es mit
-Recht für ein verwunschenes Schloß halten können, besonders, wenn man
-Fräulein Adelgundes graue Gestalt am Spinnrade erblickte, oder wenn
-man die alte Dame vor Beethovens Spinettchen sitzen sah, das unter dem
-weichen Anschlag ihrer runzeligen Hände zitternde Klänge hinaussandte
-durch das rosen- und efeuumrankte Fenster in den stillen verwachsenen
-Park.
-
-»Einsam wandelt dein Freund im Frühlingsgarten, Adelaide -- --«
-
-Und von Beethoven, dem alten Meister, war es der Spielenden nur ein
-kurzer Gedankensprung zu dem lieben Jungen, dem die Musik eine Kapelle
-und Beethoven der Heilige darin dünkte. Tante Adelgunde hatte es dem
-Knaben nie vergessen, daß er sich einst nicht würdig genug befunden
-hatte, die Tasten auf dem Spinett zu berühren, das Beethovens Hände
-gemeistert.
-
-Mit klaren Augen und scharfen Ohren, zu denen sich ein junges, warmes
-Herz gesellte, verfolgte die beinahe Neunzigjährige den Lebenslauf des
-Großneffen.
-
-Seine Briefe aus Bonn waren stärkender Wein und heilkräftige Arzeneien
-für sie; Frau Franziska mußte ihr jede Epistel des Fernen bringen und
-ihr vorlesen, dann wurde sie abends vor dem üblichen Schachspiel dem
-Bruder noch einmal laut verlesen, hierauf nahm Tante Adelgunde den
-Brief mit in ihr Schlafgemach und plauderte noch mit Frau Therese
-Teichmann, während diese ihr kleine Handreichungen verrichtete, über
-den Studenten, der beiden so sehr ans Herz gewachsen war. Die Ferien
-führten Bertold nur auf kurze Tage in den Eichenborn, die übrige Zeit
-dagegen hinaus in Gottes weite Welt. Und auch hier war wieder seine
-Mutter sein treuer Reisekamerad, der mit so feinem Verständnis dem
-Jüngeren sich anpaßte. Frau Franziska hatte auch an manchem Kommers,
-sowie an einigen Ausflügen teilgenommen und die Kommilitonen verehrten
-die schöne, ernste, jugendliche Mutter des Eik und achteten das enge,
-innige Verhältnis zwischen Mutter und Sohn. --
-
-Freundschaften wurden geschlossen und begeisterte Berichte hierüber
-von Bertold heimgesandt, die die Vortrefflichkeit des Erkorenen in
-begeisterten Worten schilderten, nie aber spielte irgend eines der
-schönen, lebhaften, übermütigen, rheinischen Mädchen eine bedeutendere
-Rolle in Bertolds Leben, so scharf auch Frau Franziska beobachtete,
-wenn sie ihn in Bonn besuchte, und so aufmerksam sie auch zwischen den
-Zeilen seiner Briefe las.
-
-Trotzdem munkelten alle Schwarzhausener Bürger von einem tollen
-Liebeshandel, als Bertold ein Säbelduell mit einem blutjungen
-Husarenoffizier austrug.
-
-Bertold lag sehr lange in der Klinik, und dann hatte er eine tiefe
-Narbe über der Stirn von der dunkeln »Tolle« bis zur kühngezeichneten,
-dichten Augenbraue des linken Auges ... das war wieder einmal etwas für
-das Städtchen.
-
-Dieses letzte hatte ja noch gefehlt zur Charakteristik des bösen Buben:
-»~cherchez la femme~!« Noch so jung -- und schon _so_ Etwas.
-
-Was dies Etwas gewesen war, wußte man nicht genau, aber man redete doch
-laut und zischelte leise über das schwarzhaarige, junge Ding in Bonn am
-Rhein, das den jungen Eik betört, um derentwillen der Zweikampf mit dem
-Offizier stattgefunden hatte.
-
-Auch Base Juliane verfehlte nicht, den interessanten Fall dem Professor
-Windemuth mitzuteilen und Liselottes Gesicht überflog jedesmal eine
-brennende Röte, wenn sie den Namen des Jugendgespielen nennen hörte,
-beinahe immer mit einem Zusatz, von denen noch der mildeste war: »Kind,
-den jungen Eik guck’ nur nie wieder über’n Weg an. Wie _der_ sich
-aufführt! Wenn wir noch nicht genau wußten, _wer_ der schlechte Kerl in
-Eichenborn ist, jetzt wissen wir’s.«
-
-Professor Windemuth schüttelte in ehrlichem Bedauern den Kopf. »Schade,
-schade um den Jungen! Ein begabter Mensch! Ein hübscher Kerl! Ein
-musikalisches Genie, und nun will er sich zum Raufbold auswachsen?
-Schade um die nutzlos vergeudete Kraft!«
-
-Liselotte war und blieb ein wunderliches Ding. Sie vergoß sogar
-heimliche Tränen über den Bertold Eik, trotzige Tränen, über deren
-Ursprung sie sich gar nicht klar wurde. Sie führte auch immer noch
-gelegentliche Selbstgespräche, was sie bei Base Juliane erst recht in
-den Geruch einer »überspannten Lise« brachte, und da Puppe Emmy schon
-so lange tot und verschwunden war, hielt sie Zwiesprache mit Bäumen
-und Blumen und irgendeiner unsichtbaren Person, zu welcher sie ehrlich
-sagte: »Pfui schäm’ dich, Bertold!«
-
-Als Bertold nach der Verwundung übersiedlungsfähig war, holte ihn
-Frau Franziska nach dem Eichenborn, um ihn gesund zu pflegen. Noch
-ein anderes Geschöpf kam ebenfalls zur Pflege nach Eichenborn, ein
-unglaublich häßlicher Pudel, der genau so verklebt und verbunden war
-wie der junge Herr von Eik, und von dem man munkelte, daß er dem
-»jungen, reizenden Ding vom Theater« gehört habe.
-
-Bertold war ziemlich matt von Stubenluft und Blutverlust, er konnte
-wohl schon auf Stunden aufstehen, aber er streckte sich noch immer mit
-ganz besonderem Wohlgefühl in seinem Bette aus; vielleicht war ihm auch
-der Anblick seiner sorgsamen Pflegerin, Mütterchen genannt, ein ganz
-besonders lieber, den er auszukosten wünschte. Er brauchte nicht mehr
-so streng mit Gesprächen und Aufregungen verschont zu werden, sondern
-konnte schon wieder einen Puff vertragen und dieser Puff war ihm auch
-von Tante Adelgunde nicht vorenthalten worden.
-
-»Schlachtergesellen sind vom Eichenborn seiner Lebtage nicht zu
-seinesgleichen gerechnet worden«, hatte sie mit ihrer feinen, dünnen,
-alten Stimme zu Bertold gesagt. »Und ihr Raufbolde habt euch wie
-Schlachtergesellen verhackstümmelt. Schäm’ dich! Der liebe Gott hatte
-dich als hübschen Jungen erschaffen, jetzt gibt dir kein einigermaßen
-hübsches Mädel je wieder einen Kuß.«
-
-Wahrhaftig, der Junge konnte noch lachen, -- nicht mal verlegen,
-sondern frisch, frei, frohmütig, so, wie nur er es verstand, echt aus
-dem Herzen heraus. »Wieder? sagst du? Wieder? Tante Adelgunde? Meiner
-Seel’, ich hab’ noch nie einen Kuß von einem Mädel gekriegt.«
-
-Ganz ehrlich klang es, aber er brauchte doch nicht so krebsrot und
-verlegen hinterher zu werden, -- es war also geschwindelt und Tante
-Adelgunde verließ ärgerlich und aufgeregt den Kranken.
-
-Frau Franziska hantierte ruhig und ernst im Krankenzimmer und bereitete
-alles für die Nacht vor, die Bertold nun nicht mehr mit einem gelernten
-Wärter, sondern nur noch unter Obhut von Hieronymus Teichmann
-zubrachte, der im Nebenzimmer sein Lager aufgeschlagen hatte.
-
-Bertold betrachtete sein Mütterchen mit einem humorvollen Lächeln.
-
-»Wie schlecht du dich verstellen kannst, Liebstes«, meinte er leise
-und ergriff ihre Hand, die ein Glas frischen Wassers auf das
-Nachttischchen setzte. »Deine Augen fragen den ganzen Tag und ebenso
-dein Mund, trotzdem er nur das Notwendigste mit deinem bösen Buben
-spricht. Soll ich nun jetzt antworten, Mütterchen?«
-
-Frau Franziska beugte sich über ihren Sohn, sah ihm ein Weilchen in die
-Augen und küßte ihn dann auf die Stirn.
-
-»Hast du es _doch_ gemerkt, du Siebengescheidter?« lachte sie leise und
-verlegen auf, während helle Röte über ihr Gesicht flog. »Schön und gut,
-ich erwarte deine Beichte. Aber gleich eins sage ich dir vorher.« Frau
-Franziska reckte sich hoch auf. »Ich glaube _nichts_ von dem Unsinn,
-den die Schwarzhauser über dich verbreiten und ich werde dir selbst
-nicht glauben, wenn du mir jetzt etwa tolles Zeug vorreden willst.
-_Mein_ Junge bist du und ich bin dein treuer Kamerad. Unbesonnen und
-jähzornig kannst du handeln, aber nicht niedrig oder unritterlich, es
-ist einfach nicht möglich -- und auch mit dem Mädel -- ich glaub’s
-nicht, -- mein Bub ist höchstens in _mich_ verliebt, -- gelt, Bertold?«
-
-Ein wahres Leuchten zog über des jungen Burschen Gesicht. »Gibt es nun
-wohl noch _eine_ solche Mutter?« lachte er glücklich. »Wie du mich
-kennst, deinen wilden Jungen! Komm her, Altchen, ganz nahe zu mir.«
-
-Er zog die Mutter auf die Bettkante, wo sie sich möglichst bequem
-hinsetzte und schmiegte sich in ihren Arm. »Also nur neugierig
-ist meine kleine alte Dame?« fragte er zärtlich, -- »kein bißchen
-mißtrauisch, trotz Schwarzhausen und angrenzender Raubstaaten? Aber ehe
-ich dir mein kurzes, gar nicht sehr interessantes Erlebnis schildere,
-muß ich erst von dir hören, wie rabenschwarz man mich in unserer lieben
-Vaterstadt anstreicht.«
-
-Frau Franziska erzählte ruhig und sachlich. Es wurde ihr nicht ganz
-leicht, denn die Schwarzhausener waren hart und bös mit ihrem Jungen
-verfahren, und sie vermochte es nicht über sich, vor Bertold das
-ganze Gewebe von Häßlichkeiten auszubreiten. Immerhin blieb noch ein
-großer Teil unguter Verleumdungen übrig und Bertold mußte erst ein
-paar Mal rasch und heftig aufatmen und tapfer tausend Bitterkeiten
-hinunterschlucken, ehe er antworten konnte.
-
-»Armes Mütterchen!« sagte er zuerst nur. Dann legte sich ein
-altmachender, verächtlicher Zug auf sein offenes Knabengesicht, so daß
-Frau Franziska sacht glättend mit der Hand über seine Stirn strich.
-Gerade diesen Zug mochte sie am wenigsten an ihm sehen, er tat ihr mehr
-weh, als irgend sonst etwas.
-
-»Es ist eigentlich schade, daß die Leute ihre Phantasie an eine so
-kleine, unbedeutende Tatsache hängen,« meinte er spöttisch. »Du wirst
-lachen, mein Liebes, wenn du siehst, was für ein harmloses Mäuslein der
-kreisende Berg zur Welt bringt.«
-
-»Je weniger es ist, desto lieber ist’s der Mutter von Bertold Eik,«
-erwiderte sie einfach, »erzähle mir alles.«
-
-Nun ja, der Jähzorn war wieder einmal mit ihm durchgegangen, aber
-Mütterchen würde sich wahrscheinlich auch nicht beherrscht haben in
-solch unwürdiger Sachlage.
-
-Bertold schmiegte sich wie ein Kind behaglich in den Mutterarm:
-
-»Ein schöner, sonniger Morgen war’s,« erzählte er, »und ich wollte
-mir einen kleinen Brummschädel wegbringen durch rasches, kräftiges
-Zuschreiten. In der Nähe vom Münsterplatz, ich nicke immer gern dem
-Beethoven erst mal zu, ehe ich an mein Tagewerk gehe. -- Da höre
-ich ein Jammergeschrei und Jammergeheul gleichzeitig von Mensch und
-Vieh und finde ein scheues, sich bäumendes Pferd, an dem ein Pudel
-unaufhörlich schnappend in die Höhe springt, und finde meine kleine
-~filia hospitalis~ -- Mutterle, du kennst ja die schwarze Gretel --
-die hat die Leine verloren, an der sie den Pudel halten soll, und wie
-sie mich sieht, schreit sie wie besessen »Herr von Eik, Herr von Eik!«
-und fällt mir beinahe um den Hals. Helfen konnte ich gar nichts, der
-Offizier brachte sein Pferd selbst zur Ruhe, sprang ab und übergab es
-seinem Burschen, der hinter ihm ritt.
-
-Aber nun nahm er den Pudel vor, der ja wohl auch Prügel verdient hatte,
-aber -- -- -- brrr!« Bertold schüttelte sich. »Na Mutterle, du weißt
-ja, was für ein sieches, krüppeliges Jammergestell aus dem Pudel
-Fidelio geworden ist -- -- ich riß ihn dem Leutnant aus den Fäusten
--- -- es war nicht schön, Mütterchen -- -- ja -- so kams.«
-
-»Ihr wurdet handgreiflich?« fragte Frau Franziska leise.
-
-»Was heißt da handgreiflich -- Mutterchen -- zwei neunzehnjährige
-Kerle, denen beiden der Jähzorn im Nacken sitzt. Am andern Tag war
-das Duell -- ich habe für mein Leben den scheußlichen Schmiß weg, der
-mir noch genug Kopfschmerzen machen wird, und dem Leutnant von Senz
-habe ich die Nase gespalten -- -- Tante Adelgunde hat ganz recht:
-›Schlachtergesellen!‹«
-
-»Du böser Wilder!« Frau Franziska strich sanft über die rote Narbe;
-»du wirst dich nun umlegen und ganz ruhig schlafen viele Stunden lang,
-damit das Fieber nicht wiederkommt.«
-
-»I, das ist ja schon da, Mütterchen,« lächelte Bertold matt, »und da
-schadet es nichts, wenn ich dir noch rasch sage, daß die schwarze
-Gretel mir den zerschlagenen, geschundenen Pudel samt seinen
-gebrochenen Rippen schenkte, weil sie meinte, ich hätte ihr und ihm das
-Leben gerettet -- -- --«
-
-»Schlaf, mein Junge!«
-
-Frau Franziska erhob sich und verließ sacht das Zimmer. Vor der Tür
-lag Fidelio. Trotz seiner Schmerzen schleppte sich der kluge, häßliche
-Hund immer wieder in die Nähe Bertolds, und Franziska ließ den Pudel
-gewähren, dessen Tage trotz guter Pflege gezählt waren -- man hatte dem
-armen Tier gar so bös mitgespielt.
-
-Sie dachte an die kleine ~filia hospitalis~, die ihre Nelken und
-Geranienstöcke am Fenster plünderte, damals als der Bertold in die
-Klinik kam -- die Mutter mußte ihm jede Blüte mitgeben. So ein gutes,
-kleines, dankbares Ding! Und aus dem mageren, verwachsenen Persönchen,
-das im Theater in dem Garderoberaum mithalf, weil es zu schwerer Arbeit
-zu schwach war, hatten die Schwarzhausener ein ȟppiges, tolles,
-schwarzes Theaterfräulein« herausphantasiert!
-
-Gottlob, daß es Phantasie war. Sie tat ja weh, doch das würde
-vorübergehen -- ihr Junge gehörte noch ihr, der Mutter, und das war für
-das Mutterherz die Hauptsache. --
-
-Der Großvater sah Bertold erst, als er sich schon wieder zur Abreise
-nach der »Universität« rüstete. Diesmal setzte er sich selbst die
-Gänsefüßchen in Gedanken vor das Wort. Denn er mußte erst einmal drei
-Monate auf eine andere Art studieren, aber auch sein Mütterchen vermied
-das Wort »Festung« und sprach immer nur von der Universität Bonn.
-
-Nun hatte Bertold sich noch durch Teichmann in einer kleinen
-Privatangelegenheit beim alten Herrn melden lassen und das Gespräch
-zwischen Großvater und Enkel war sonderbar genug.
-
-»Ich hatte dir deinen Wechsel schon durch deine Mutter zustellen
-lassen« -- empfing Eik ~senior~ den Enkel.
-
-»Es bedarf nicht noch eines besonderen Dankes, Bertold. Was wünschest
-du sonst?«
-
-»Die Erlaubnis, meinen Hund Fidelio im Park beerdigen zu dürfen,
-Großvater.«
-
-»Deinen Hund? Ist es der schauderhafte Pudel, den du aus Bonn
-herschlepptest?«
-
-»Jawohl, Großvater.«
-
-»Man sagt -- -- hm -- er hätte einem Frauenzimmer gehört? Ist’s so?«
-
-»Ja Großvater.«
-
-»Die dir wert war? Du fängst früh an, Bertold, ich wünschte, du ließest
-dir zu derartigen Sachen noch Zeit.«
-
-»Mir war das Mädchen fast unbekannt. Ein armes, verwachsens Geschöpf,
-älter als ich -- --«
-
-»Du sprichst die Wahrheit? -- --«
-
-Diesmal folgte als Antwort nur ein fester Blick.
-
-»Also wieder einmal Schwarzhausener Geträtsch?«
-
-»Ja Großvater.«
-
-Laut und bitter lachte der Alte auf. --
-
-»Bertold, dein Weg wird wahrscheinlich noch rauher, als der meine es
-war. Verstehst du das, mein Junge?« Es war das erste Mal, daß eine
-so gütige Bezeichnung erfolgte und Bertold empfand es mit dankbarer
-Freude. »Du hast das unglückliche Temperament der Eiks, daneben aber
-noch einen ganz unvernünftigen Idealismus, der dir -- hm -- wohl von
-anderer Seite vererbt ist.«
-
-Herr von Eik ~senior~ schritt jetzt im Zimmer auf und ab, man sah, daß
-ihm die Trennung vom Enkel zu schaffen machte.
-
-»Sich für ein unbekanntes, häßliches Weib aus dem Volke zersäbeln und
-außerdem drei Monate aufbrummen zu lassen, ist der Gipfel der Dummheit;
-auch für das Hundewrack, das du mit herschlepptest, fehlt mir das
-Verständnis, obwohl wir Eiks alle Ursache haben, die stumme Kreatur
-der schwatzenden, hechelnden, verleumderischen, hetzenden vorzuziehen.
-Deinen Begräbnisplatz für das Vieh sollst du haben, komm mit.«
-
-Bald darauf standen Großvater und Enkel vor dem Gesellschaftstempelchen
-im Park, und Bertold sah sich nach einem geeigneten Platze um. Das tote
-Tier lag, in ein Leinentuch geschlagen, unter der Tannengruppe; Bertold
-hatte Schaufel, Hacke und Rechen mitgenommen.
-
-»Hier!« rief der Großvater rasch und lebhaft und bezeichnete seinem
-Enkel die Stelle, wo dieser graben sollte. Bertold war es froh ums
-Herz, wie seit langer Zeit nicht. Er fühlte zum erstenmal bewußt,
-daß er dem alten Eik verwandt war und die Zukunft, in der er mit dem
-Großvater gemeinsam arbeiten sollte, sah ihn nicht mehr so fremd und
-kalt an. Mit jedem Spatenstich, den er tat, wurde es ihm freier ums
-Herz; es war ihm, als seien in dem verhüllten Bündel alle seine und
-Mütterchens Sorgen verborgen, die er nun für immer verscharren wollte.
-
-Vielleicht bewegten den alten Eik ähnliche Gedanken, er erschien dem
-Enkel aufgeräumt und munter wie nie zuvor. Mit Interesse verfolgte er
-das Ausschaufeln der Grube, half dann dem Enkel die Last hineinzusenken
-und setzte sich beschaulich auf die Bank des Tempelchens. Als Bertold
-die Öffnung zuschaufelte, fiel ihm etwas auf.
-
-»Großvater«, rief er lebhaft, »hier daneben ist noch ein Grab, -- da
-liegt gewiß schon ein vierbeiniger Eichenborner Hausgenosse.«
-
-Wie sonderbar doch der Großvater war! Er lachte mit einem Male rauh und
-schallend auf und schaute den Enkel belustigt mit wetterleuchtenden
-Augen an.
-
-»Nein Bertold, da ruht eine _Staatsdame_«, rief er zurück, und dann sah
-ihn Bertold mit wuchtigen Tritten nach dem Herrenhause schreiten.
-
-Kopfschüttelnd blieb der Enkel zurück.
-
- * * * * *
-
-Schwarzhausen schwelgte in der Behaglichkeit des Rechthabens. Es war
-alles bis auf das I-Tüpfelchen eingetroffen, was man seit zehn Jahren
-vorhergesagt.
-
-Bertold Eik taugte wirklich nichts. Der Ehrenhandel, den er in Bonn
-ausgefochten hatte, mußte etwas ganz Unsauberes gewesen sein, denn der
-Student saß im _Gefängnis_.
-
-Man wußte nicht recht, sollte man empört sein über dies Vorkommnis,
-das eine der angesehensten Schwarzhauser Familien betraf, oder sollte
-man das Behagen überwiegen lassen, daß endlich einmal etwas Richtiges
-in Schwarzhausen passierte. -- Es half nichts, daß ~Dr.~ Hempel und
-Pfarrer Klingenreuter jedem, der es hören wollte, das Wort »Festung« in
-die Ohren schrie, die lieben Mitbürger wurden dadurch weder gescheidter
-noch wohlwollender. Und als irgendeiner von den »ganz Klugen« aus Fritz
-Reuters »Festungstid« nachwies, daß in den Kasematten hauptsächlich
-»Königsmörder« untergebracht würden, wurden die Mutmaßungen immer
-geheimnisvoller und belastender für den Übeltäter. Man brauchte auch
-nur Frau Franziska, die bedauernswerte Mutter anzusehen, um zu spüren,
-daß das nichtsnutzige Leben ihres Einzigen ihr beinahe das Herz brach.
-Wie sie aussah, -- so blaß, so erschöpft und hinfällig! Sie war doch
-noch jung und die Nachtwachen und Krankenbesuche, die sie seit einiger
-Zeit aufgenommen, konnten unmöglich solche Verheerungen in ihrem Körper
-anrichten. --
-
-Man fing wirklich an, die »arme« Frau aufrichtig zu bedauern, die solch
-ein Kreuz zu tragen hatte, und den alten Herrn von Eik dazu, der seinen
-herrlichen Besitz einst solchen unwürdigen Händen überlassen mußte. Man
-sah jetzt Frau Franziska täglich.
-
-Was man ursprünglich in edlem Zorn und Gerechtigkeitsgefühl für
-Haus Eichenborn vom Himmel erfleht, nämlich eine kleine, reinigende
-Sintflut, das kam mit einem Mal höchst unbegründet für ganz
-Schwarzhausen, der Typhus. Wie aber nicht anders zu erwarten, war auch
-hier die Quelle des Übels der Brunnen im Eichenborn, aus dem seit
-uralten Zeiten die Mägde aus der Stadt das Brunnenwasser holten. Man
-hätte doch vorsichtiger sein und von dem Augenblicke an, da Bertold
-Malcroix sich zum Taugenichts auswuchs, den Eichenborn überhaupt meiden
-sollen. Nun wurde er zum »~mal croix~« für ganz Schwarzhausen. Irgend
-ein Schlingel des Städtchens, der viele krumme Wege ging, Vogelnester
-ausnahm und reifes und unreifes Obst stahl, machte sich wichtig und
-erzählte, daß er nach der Krankheit des jungen Herrn Bertold und kurz
-vor dessen Abreise den alten Herrn mit seinem Enkel im Parke gesehen
-habe, wie sie ein großes, geheimnisvolles Bündel in die Erde vergraben.
-Man hätte dem als verlogen und diebisch bekannten Jungen sonst nicht
-die einfachste Mitteilung geglaubt, aber diese Nachricht schlug ein
-und zündete sofort. Der Erzähler wurde beinahe der Held des Tages
-und in der Parochialschule umstanden ihn die Schüler, auf der Straße
-die Bürger und seine Wahrnehmungen wurden andächtig aufgenommen.
-Natürlich schwoll sein Kamm und je öfter er die Geschichte erzählte,
-desto unheimlicher wurde der Inhalt des Bündels. Der Schauplatz des
-Begebnisses verschob sich immer mehr, bis er schließlich nahe der
-Quelle alles Übels, dicht vor dem verseuchten Brunnen lag. --
-
-Es war nur Gerechtigkeit des Himmels, daß die Seuche als erstes
-Opfer den Hieronymus Teichmann forderte, ihn, der immer und ewig die
-Partei des schlechten Eiks genommen hatte und auch bei den letzten
-Munkeleien, die sich ja leider als nur zu wahr erwiesen, ganz aus dem
-Häuschen gekommen war. Nun hatte er’s, -- nun lag er in einer der
-Isolierbaracken und seine Stunden waren jedenfalls gezählt.
-
-Daß diese Isolierbaracken und alle die Vergrößerungen und
-Neuanschaffungen im Krankenhause Geschenke des alten Herrn von Eik
-waren, erschien nicht mehr als billig und ebenso richtig war es
-gewesen, daß Frau Franziska sich tatkräftig der Kranken und ihrer
-Pflege annahm, um die Schuld des schlechten Sohnes etwas zu versühnen.
-
-Der alte, brave Teichmann schickte sich wirklich zum Sterben _an_.
-
-Und so ruhig war er darüber, und so wenig Macht hatten die Schmerzen
-über ihn, daß seine poetische Ader nicht versiegte, sondern bis zum
-letzten Atemzuge kräftig quoll. --
-
-Sein gutes Auge leuchtete, als Frau Franziska zu ihm trat; doch gleich
-darauf erlosch der Glanz wieder, und bekümmert schaute er seinen
-Liebling an:
-
-»Das Fräulein -- sollt an sich -- selber denken -- und mir nicht noch
-Zeit und Weile schenken,« flüsterte er zärtlich besorgt mit matter
-Stimme.
-
-»So blaß sieht Fräulein Fränzchen aus, -- ich kann’s nicht sehn und
-nicht verstehn, vielleicht liegt es am Eichenhaus, daß Lust und Freuden
-dort vergehn -- --«
-
-»Das mag wohl sein, alter lieber Hieronymus, aber davon wollen wir
-jetzt gar nicht sprechen, sondern nur sehen, wie wir dir Linderung
-bringen. Wie geht es Frau Thereschen? Ruht sie sich ein wenig?«
-
-Er nickte matt.
-
-»Sie hat sich Ruhe nie gegönnt, hat all ihr Lebtag nur geschafft,
-doch nun sie sieht, daß man uns trennt, da holt sie sich zum Schmerz
-die Kraft, -- ich bin ohn’ Sorgen allerwegen, -- kann ja mein Weib in
-Eiksche Hände legen.«
-
-»Du Treuer! Frau Thereschen wird nie verlassen sein, wie du uns nicht
-verlassen hast in guten und bösen Tagen.«
-
-Er lächelte dankbar, schlummerte dann ein Weilchen und schlug wieder
-die Augen auf. »Wenn ich bitten dürft -- -- mit schuldigem Respekt, --
-daß man den Herrn von Eichen weckt, -- möcht gern die starke Hand noch
-drücken und mich dann still bei Seite rücken. -- Und Brennstoff -- --
-und den Rektor Tüllen -- wird man mir wohl den Wunsch erfüllen? Ich
-möchte sie beide noch mal sehn -- -- und kann dann ruhig -- -- nach
-Hause gehn.«
-
-Er sprach abgerissen, leise und langsam, aber Franziska hörte deutlich
-jedes Wort und nickte ihm gewährend zu. »Sie werden alle bald da sein,
-mein guter Teichmann, soll ich auch Frau Thereschen holen?«
-
-Er schüttelte abwehrend den Kopf. »Ich glaube nicht, daß ihr das
-frommt; sie braucht die Ruh für das, was kommt, -- -- sie würde jammern
-auch und klagen, -- ich kann das jetzt nicht gut vertragen« -- --
-Teichmann schlummerte wieder und Frau Franziska verließ sacht das
-Zimmer. Es währte nicht lange, und sie standen alle um ihn, die seine
-Treue im Leben besessen und sie fühlten, daß etwas Gutes von ihnen
-wegschritt. Die rechte Hand reichte der Sterbende dem Rektor Tüllen und
-die Linke Frau Franziska. Zwischen ihm und dem alten Lehrer bildete
-das längst verstorbene Ännchen das Bindeglied, aber der Tochter seines
-alten Herrn schlug sein Herz unmittelbar entgegen.
-
-Am Fußende ragte die hohe ungebeugte Gestalt des alten Eik, und zu
-Häupten des Bettes mühte sich Kantor Brennstoff vergebens, einer
-heftigen Bewegung Herr zu werden. --
-
-»Will mir mein Herr ein gutes Sprüchlein sagen?« fragte Teichmann
-mühsam. »Ich muß den letzten Gang nun wagen und aus dem Eichenhause
-ziehn -- -- -- Den Pfarrer möcht’ ich nicht bemüh’n -- --«
-
-Der alte Eik trat rasch näher, -- er legte seine große Hand auf die
-des Kranken: »Ei du frommer und getreuer Knecht, du bist über Weniges
-getreu gewesen, ich will dich über Vieles setzen, gehe ein zu deines
-Herren Frieden!« -- --
-
-Das war ein wunderschönes Lächeln, das jetzt auf dem Antlitz des
-alten Dieners lag. Das Sprüchlein war wohl mitten in sein treues
-Herz hineingesprochen worden und hatte ihm den Trost gegeben, nach
-dem er verlangte. Deshalb suchten seine müden Augen nun nicht mehr
-die umstehenden Menschen, sondern richteten sich in weite, lichte
-Fernen -- -- --
-
-»Brennstoff, ich sehe den Großen, ich sehe Beethoven« sagte er laut und
-dann mühte sich seine sterbende Stimme, eine Melodie zu formen, aber es
-war nur mehr eine zersprungene Glocke, die ihm heimläutete, -- heim.
-Nur die Worte konnte man deutlich verstehen:
-
-»Fahr wohl, du goldene Sonne -- -- --«
-
- * * * * *
-
-Dem Schnitter Tod schien es in dem kleinen, freundlichen Schwarzhausen
-wohl zu behagen, er kümmerte sich nicht um Hygiene und nicht um die
-Ärzte, er rief: Arzt, hilf dir selber, und winkte Doktor Hempel. Dieser
-sträubte sich zuerst mächtig, er war ein kräftiger, willensstarker
-Mann und unermüdlich in dieser schweren Zeit auf dem Posten gewesen.
-Vielleicht zu sorglos und unermüdlich.
-
-Als er den Totenschein für Hieronymus Teichmann ausstellte, sprach
-Doktor Hempel noch eindringlich mit Frau Franziska, daß sie sich
-schonen und hinlegen müsse, sie sähe erbärmlich aus von ihren
-angreifenden Nachtwachen, und die Schwarzhausener hätten es den Kuckuck
-nicht verdient, daß sie sich aufopfere.
-
-Doktor Hempel war überhaupt verdrießlich und heftig aufgebracht
-gegen die ganze Welt, die einen schiefen Gang ginge, gegen die
-Seuche insbesondere, die so tat, als hätte es nie die bewährten
-und berühmten Hempelschen Reinigungskuren gegeben, und welche über
-Kurellasches Brustpulver, Zitwersamen und Brennersches Pflaster einfach
-hinwegschritt.
-
-Ganz besonders aber war er aufgebracht gegen Schwarzhausen,
-welches noch hinter dem Monde zurück war und von _absichtlicher_
-Brunnenvergiftung »gärte und märte«.
-
-»Und Sie müssen die Ohren steif halten, meine liebe Frau Fränzchen, und
-sich für Ihren Bertold schonen und tapfer aufbewahren, denn der braucht
-Sie wie das liebe Brot. Er hat nicht viel Freunde in Schwarzhausen und
-die wenigen sind alt. Und das Heer seiner Feinde sieht scharf nach
-ihm hin, der später doch einmal so eine Art Vater von ihnen sein soll
-und doch ist es so kurzsichtig von den Einwohnern, nicht den Segen zu
-erkennen, der vom Eichenborn für Schwarzhausen ausgeht. Darum hüten Sie
-als Mutter Bertolds guten Engel, -- und der sind Sie selbst. -- Und nun
-Gott befohlen! Mir ist heute selbst gar nicht »extra«, -- ich werde mir
-jetzt einen Aromatique genehmigen und dann zu den Porzellinern gehn,
--- die sterben reineweg wie die Fliegen, weil sie alle Zwetschenbäume
-gepachtet haben und »nichts umkommen« lassen wollen, das verbohrte
-Volk -- -- --«
-
-Aber Doktor Hempel ging nicht zu den Porzellinern und nahm auch
-keinen Aromatique. Es war immer seine Art gewesen, sich hinter diesem
-köstlichen Dietendorfer Schnabus tüchtig zu schütteln, aber diesmal
-schüttelte es ihn selber vorher und er mußte sich ins Bett legen.
-
-Und weil er selbst sein Wort nicht hielt, glaubte auch Frau Franziska
-ihm nicht gehorchen zu müssen. --
-
- * * * * *
-
-Bertold Eik saß unter fröhlichen Kumpanen auf der Kneipe, als man ihm
-den Eilbrief von seinem Großvater brachte.
-
-Schon den ganzen Abend hatte man Bertold seiner großen Schweigsamkeit
-halber geneckt und ihn auf »tiefsten Dalles« oder »höchste
-Verliebtheit« taxiert; er konnte einer unerklärlichen Bangigkeit nicht
-Herr werden.
-
-Sein Großvater schrieb sonst nie an ihn, alle Nachrichten, auch
-die geschäftlichen, gingen ihm durch seine Mutter oder durch den
-Prokuristen der Firma Eik zu, -- der Eilbrief übte einen seltsamen
-Bann, -- er spornte nicht zur Eile, er lähmte alles Denken und Fühlen
-und nur mechanisch betrieb Bertold seine Abreise, die noch in derselben
-Nacht erfolgte.
-
-Grau und trübe der Himmel über Schwarzhausen, grau und trübe die ganze
-Stimmung in den Straßen, grau und düster das langgestreckte Herrenhaus
-der Eik von Eichen.
-
-Bertold fröstelte, als er heimkehrte in das Haus seiner Väter. Selbst
-die Gesichter der Menschen, die ihm in der Herrgottsfrühe begegneten,
-waren ihm grau erschienen, und sie waren es wohl auch wirklich, -- vor
-Sorgen, vor Angst, weil die Seuche nicht schwinden wollte aus Thüringer
-Landen.
-
-Und noch etwas starrte dem jungen Studenten aus den Augen seiner
-Landsleute in grauer Öde entgegen, -- tiefe Abneigung gegen ihn und
-seine Heimkehr.
-
-Er hatte in ruhig ernstem Gruß den Hut gezogen, als er rasch durch
-die morgenstillen Straßen schritt und hatte den wenigen Kindern
-freundlich zugenickt, die sich an den Fenstern zeigten. Aber sein Gruß
-war nicht erwidert worden, und die Kinder hatten sich eilig und scheu
-zurückgezogen.
-
-Selbst die geliebten Thüringer Berge hatten eine Nebelkappe aufgesetzt,
-die sie verhinderte, freundlich, heimatlich, vertraut auf den
-Heimkehrenden zu blicken und die sonst so silberne Gera schien allen
-Glanz verloren zu haben und schlich grau und langsam dahin.
-
-Einmal mußte doch wieder alles hell und licht werden, mußte doch
-dieses öde Grau verschwinden, dachte Bertold, und suchte durch junge,
-hoffnungsfrohe Gedanken die unerklärliche Bangigkeit zu verscheuchen,
-welche sich um sein warmes, junges Herz legte.
-
-Einmal? Gleich! Jetzt! -- sobald er die Mutter an seine Brust drückte,
-an seine junge, kraftvolle Brust, nach welcher sich die liebe Kranke
-sehnte, wie der Großvater ihm geschrieben. Schien nicht die Sonne
-schon ein wenig in das Nebelgrau des Morgens, da er so innig an die
-Mutter dachte und sein Herz ihm selbst schon voraus flog zu ihr? Er
-würde nicht wieder die Heimat verlassen, die liebe Heimat, die für ihn
-gleichbedeutend war mit seiner Mutter Herz. Nie wieder! Er würde von
-nun an immer zu ihren Füßen sitzen, und herrliche, trauliche Abende
-sollten kommen nach des Tages Last und Mühe, frohe Feste nach sauren
-Wochen. -- Liebe sollte den Eichenborn durchsonnen.
-
-Der Großvater empfing den Enkel am Portal des Hauses -- war denn heute
-alles so anders? Das hatte der gestrenge, alte Herr noch nie getan.
-Die Förmlichkeit der ersten Begrüßung durch sämtliche Dienerschaft war
-bisher immer streng innegehalten worden.
-
-Und noch etwas verwunderte Bertold und erschreckte ihn zugleich:
-
-Die gebeugte, müde Haltung des Großvaters, die ungewohnte Milde in
-seinem strengen Gesicht.
-
-»Grüß Gott, Großvater!«
-
-»Lieber Bertold -- -- --«
-
-Ihre Hände lagen mit festem Druck ineinander, dann lief der Jüngere
-mit eiligen Schritten durch die Diele, die Treppen hinauf, daß er
-nichts versäume, nicht _eine_ heilige Minute, die er bei der Mutter
-sein konnte. Er hörte hinter sich den Großvater rufen, -- vielleicht
-sollte er auf ihn warten, bis der alte Herr mit seinen wuchtigen,
-langsamen Schritten ihn begleitete, aber das war ja sonst auch nie
-geschehen, immer hatte er seine Mutter allein begrüßt. Beinahe lächelte
-der Student ein wenig, daß er so knabenhaft ungestüm und trotzig dem
-Großvater entlief. Und nun kam noch die braune Tür mit den blitzenden
-Messingbeschlägen, die den Sohn noch trennte von der lieben Kranken.
-Wenn er als Knabe Sehnsucht nach der Mutter empfand, dann stand diese
-braune Tür vor seinem geistigen Auge, und es war ihm, als brauche er
-nur die Klinke niederzudrücken, um sofort wieder daheim zu sein.
-
-Sacht, sacht! -- die Mutter könnte schlafen, könnte erschrecken. Aber
-eine Mutter erschrickt nicht, wenn der Einzige heimkehrt -- sie muß
-ihn ja lange schon erwartet haben, sie hat sich gebangt nach ihm, so
-schrieb der Großvater.
-
-»Mütterchen!«
-
-Nein, eine Mutter stört der heimkehrende Sohn nie -- besonders nicht,
-wenn sie so fest schlummert wie Mütterchen Franziska -- -- aber trotz
-des tiefen Schlafes hat sie das liebe Lächeln auf ihrem Antlitz für
-ihn, für ihren Einzigen.
-
-»Mutter! _Mutter!_«
-
-Nie wieder vergißt der Eichenborn diesen Ton. Denn das Weh einer Welt
-liegt in ihm. Und er wird noch tagelang und nächtelang nichts anderes
-hören, als diesen Ruf.
-
-Mutter! Mutter!
-
-Die junge Seele drinnen ist aus den Fugen. Kleiner, großer, törichter
-Bertold! Glaubtest du, ein Mutterherz sei so heilig und hehr, daß
-niemand daran rühren könne; sei so lebendig, so liebeübervoll, daß es
-nie verstumme? Daß es klopfen müsse in alle Ewigkeiten?
-
-Mutter! Mutter!
-
-Störe den heiligen Schlaf nicht, Bertold! Jammere nicht so wild! Es ist
-umsonst, du weckst sie nicht. Du bist ein zwanzigjähriger Knabe und da
-sind zwei Gewaltige, die leben seit Urbeginn, und sie sind wider dich.
-
-Der Tod und -- der ihn rief.
-
-Weine dich gesund.
-
-Denn du brauchst Kraft, dir jetzt deinen Kinderglauben zu retten. -- Du
-kanntest sie ja bis in ihre innersten Gedanken, deine Einzige.
-
-Du weißt, daß sie ihren Mutterberuf als heilige Mission auffaßte, an
-deren Erfüllung sie sich selbst hingab.
-
-Nach ihrem unerschütterlichen Glauben warst du ihr von Gott gegeben --
-würde Gott dich auch wieder von ihr fordern: »Wo ist dein Kind? Wie
-erzogst du es? Was können seine Mitwanderer und Weggenossen von ihm
-erwarten? Warst du würdig, eine Mutter zu sein?« --
-
-Weine dich gesund, Bertold!
-
-Denn du sollst jetzt einen einsamen Weg gehen, sollst aus dir selbst
-heraus etwas Tüchtiges werden, ohne Mutterwort und Mutterrat, sollst
-eine Persönlichkeit werden.
-
-Kraft brauchst du, um Gottes Fragen an deine Mutter zu
-beantworten. -- -- --
-
- * * * * *
-
-Dicht hinter dem Sarge von Frau Franziska schritten Großvater und Enkel.
-
-Die Augen des alten Herrn streiften besorgt das Antlitz des jungen
-Mannes an seiner Seite.
-
-Es war wie versteint in Schmerz.
-
-Die Schwarzhausener fanden erst lange Zeit nach dem Begräbnis die
-richtigen Worte, das Wesen des Bertold Eik zu zeichnen, -- während der
-ganzen Zeremonie war er ihnen unheimlich und unverständlich.
-
-»Bertold! Aber Bertold!«
-
-Der alte Herr von Eichen nahm die Hand des Enkels und hielt sie fest.
-Er wußte nicht, weshalb? -- er hatte das unbestimmte Gefühl, der junge,
-verstörte Mensch an seiner Seite könne irgendeine kopflose Handlung
-begehen.
-
-Aber Bertold dachte gar nicht daran. Er hatte die Augen nicht zu Boden
-gesenkt, wie es eigentlich die ehrbare, altväterische Trauersitte
-vorschrieb, sondern hatte sie, weit aufgeschlagen, in Fernen gerichtet.
-
-Wo war die Mutter?
-
-Sein übermüdetes Herz klopfte flatternd und schmerzhaft in seiner
-Brust. Er sah und hörte nichts, was um ihn vorging, vernahm nichts
-von den herzlichen Worten des Predigers und hob die schlaffe,
-herniederhängende Hand nicht, als man sie teilnehmend drücken wollte.
-
-So schritt er wieder aus der Kirchhofspforte heraus und die Karosse der
-Eiks nahm ihn auf und führte ihn zurück in den verödeten Eichenborn.
-
-Er saß bei Großtante Adelgunde und die Neunzigjährige klagte mit
-feinem, verstaubtem Stimmlein, daß der Herrgott sie vergessen habe und
-alle die Jungen vor ihr fort hole.
-
-Er hörte es, aber er faßte nicht den Sinn ihrer Worte. Er hörte auch
-den Großvater sprechen und raten mit ernster, gütiger Stimme und sprach
-selbst zustimmende Worte.
-
-Seine Koffer standen wieder gepackt und ein Auslandspaß war
-ausgefertigt.
-
-Nach Paris würde er gehen, nach London und New York, er würde Holland
-und Belgien bereisen und alle Plätze besuchen, an denen Haus Eik von
-Eichen angesehen und berühmt war.
-
-Aber er würde nicht die braune Tür wieder öffnen, die nahe, ganz nahe
-an seinem eigenen Zimmer lag, die Tür, hinter welcher das leere Bett
-stand und all die lieben Sachen lagen, die seine Mutter getragen.
-
-Den Schlüssel zu dieser Tür barg er auf seiner Brust.
-
-Der Vollmond stand am abendlichen Himmel und sah auf den rastlos
-Wandernden, der noch einmal im Parke von Eichenborn alle Plätzchen
-aufsuchte, die er als Kind geliebt.
-
-Rastlos kamen und gingen die Gedanken.
-
-Er hatte ja die Heimat nicht wieder verlassen wollen -- -- nun hatte
-seine Heimat _ihn_ verlassen.
-
-Drum ging er gern in die weite Welt.
-
-In seiner wilden Verzweiflung hatte er nicht mehr an die offenkundige
-Abneigung der Schwarzhausener gedacht und auch ehe der tiefe Schmerz
-kam, hatte ihn seine Wahrnehmung nur stutzig, nicht grübeln gemacht.
-
-Bertold war ja so jung, so gesund und so erfüllt von guten Gedanken für
-die Heimat, für Schwarzhausen und den Eichenborn.
-
-Er würde den närrischen Leuten schon zeigen, daß er nicht nur
-jähzornig, sondern auch arbeitswütig war, und daß er gewissenhaft in
-seines Großvaters Fußstapfen treten wollte.
-
-Das war _gewesen_. --
-
-Waren es Jahre, die zwischen dem Tage seiner Ankunft und heute lagen?
-_Heute_ grübelte er, heute wurden ihm die vielen, unbeantworteten
-»Warum« zu einer unerträglichen Pein.
-
-Aber der Duft der Thüringer Tannen, die so dicht den Tempel der
-Geselligkeit umstanden, und welche Bertold immer wieder auf schmalem
-Wege umschritt, übte eine wunderbare Macht. Dieser Duft umfaßte den
-jungen Menschen weich und stark zugleich -- wie Mutterarme.
-
-Bertold lehnte seinen Kopf an die Rinde des nächststehenden Baumes
-und griff über sich in das Geäst, wie er als Knabe oft getan, um in
-kindischem Spiel zu fühlen, wie die spitzigen, braunen, welken Nadeln
-herunterfielen und sich in seinem dichten Haar versteckten.
-
-Seitwärts von der Tanne auf dem weichen Erdboden wölbten sich zwei
-Hügel, ein großes und ein kleines Grab.
-
-Da lag Fidelio, der häßliche, gute Hund und dort -- -- die Staatsdame.
-So hatte der Großvater ohne weitere Erklärung ihm gesagt.
-
-Aus dem kleinen Erdhügel schimmerte im Mondlicht etwas Weißes hervor
--- es mußte vor kurzem ein größeres Tier hier gewesen sein; vielleicht
-ein Hund aus der Fabrik, der durch Zäune und Wiesen herlief. Das kleine
-Grab war zerwühlt.
-
-Bertold befühlte das weiß schimmernde Etwas mit seinem Stock und blieb
-daran hängen; als er den Stock hob, fiel die wenige Erde zur Seite und
-legte eine größere weiße Fläche frei, die Bertold, jetzt doch etwas
-neugierig geworden, mit der Hand betastete. Seidenstoff war es, rauh
-geworden von Erde und Nässe, aber an dem Seidenstoff hing ein kleiner,
-harter, runder Gegenstand. Immer mehr schüttelte Bertold den Kopf,
-denn er sah nun, daß er eine Puppe vor sich hatte, keine Emmy ohne
-Kopf, aber einen Kopf ohne Haare und nun fand er auch die abgelöste
-Perücke und einen dicht zusammengelegten Zettel. Der hatte so verborgen
-in den Kleiderfalten der Puppe gelegen, daß die Schrift sich gut
-gehalten hatte und er las die Buchstaben, von seines Großvaters Hand
-geschrieben, deutlich im hellen Mondlicht: »Diese Puppe soll Liselotte
-Windemuth gehören.«
-
-Ergründen konnte Bertold dieses Rätsel nicht, -- aber er wollte es auch
-gar nicht ergründen.
-
-Er legte die Puppe wieder sorglich in die Grube hinein und holte noch
-mehr Erde, die er darauf schüttete und dann gleichmäßig fest trat.
-
-Viel ruhiger wurde er durch diese seltsame Arbeit -- denn der wehe
-Schmerz um seine Mutter wurde abgelöst und abgelenkt durch ein warmes,
-herzliches Sehnen nach einem lebendigen Menschenkinde, nach einem
-lieben, rosig-weißen, trotzigen Mädchengesicht, nach einem Paar
-stahlblauer Augen -- -- nach dem herzlieben, närrischen Mütterchen der
-kopflosen Puppe Emmy und der begrabenen haarlosen Staatsdame.
-
-Hoch atmete Bertold auf -- das Herz wurde ihm zu eng in der Brust.
-
-Er mußte sie noch einmal sehen, die kleine Liselotte, seine
-Jugendfreundin, ehe er ins Ausland ging.
-
-Wie hatte er sie nur vergessen können drei lange Tage!
-
-Mutter, liebe Mutter!
-
-Verzeihst du es deinem Jungen, wenn er das lachende Leben mit seinen
-tiefsten Gedanken verschwiegen grüßt?
-
-Bertold schritt rasch aus dem Park. Im klaren Mondlicht schaute er noch
-einmal alles hell und schön und vertraut, jeden Baum, jeden Strauch,
-jede alte, seltsame, verwitterte Steinfigur. Im Grasgarten rauschte
-der Born, da erzählten sich die Eichen flüsternde Märchen, Märchen von
-Mutterliebe und Heimat, Märchen von Thüringer Edeltannen, von denen die
-schlankste und schönste und lieblichste die Liselotte Windemuth war.
-
-Bertold hielt die Hand unter die murmelnde Quelle, und auch sie
-erzählte und rannte. Von einem jungen Burschen, der seine Mutter verlor
-und der in die weite Welt ging. Aber er würde wiederkommen, bald -- in
-einem Jahr oder in zweien, dann würde er in das hohe Giebelhaus treten
-dort in der nahen Straße und würde das schöne Haustöchterlein fragen
-und -- -- dann könnte es doch noch einmal sonnig werden im düstern
-Eichenborn.
-
-Hinschritt er durch die stille Straße mit leuchtenden Augen, mit
-raschem Atem und jung -- junger Liebe.
-
-Da lag es, das Windemuthhaus.
-
-Aber nicht so still wie der trübe, ernste, schweigsame Eichenborn, aus
-dem man die letzte Freude hinausgetragen und in die Erde versenkt hatte.
-
-Die schöne, warme, helle Sommermondnacht hatte die Bewohner des Hauses
-im Garten festgehalten.
-
-Bertold unterschied ganz deutlich die einzelnen Personen: Base Juliane,
-den alten Herrn Professor und eine junge Dienstmagd, welche noch einige
-Blumen mit der Gießkanne tränkte.
-
-Wie sah das alles so traut und heimelig aus.
-
-Er trat in den Schatten der Geisblattlaube, die dicht am Straßenzaun
-lag. Seine Augen spähten und suchten.
-
-Wo bleibt sie? Wo bist du, Liselotte? -- Sieh -- ich will Abschied
-nehmen.
-
-Wie durch Gedankenübertragung schickte zu gleicher Zeit Professor
-Windemuth seine Augen suchend durch den Garten, und deutlich vernahm
-Bertold dessen behagliche Stimme: »Wo bist du Liselotte? Hans! Wo
-bleibt denn unser Brautpaar -- -- --?«
-
-Furchtbar deutlich -- lächerlich deutlich.
-
-Und furchtbar und lächerlich war doch auch das, was der
-unverantwortlich helle, abscheuliche Mond da beleuchtete, -- ein eng
-verschlungenes Paar, das den Weg heranschritt, Arm in Arm, Auge in
-Auge. -- Das weiße Kleid des Mädchens schimmerte zu Bertold hinüber und
-ebenso die blitzende Uniform des Leutnants Hans von Windemuth.
-
-Lächerlich deutlich.
-
-So lächerlich, daß man eben lachen mußte.
-
-Gellend lachte Bertold auf -- -- daß das glückliche in sich versunkene
-Pärchen zusammenschreckte und der alte Herr eilends nach der Stelle hin
-lief, von welcher das unheimliche Lachen ausging.
-
-Aber Bertold war schon geflohen, und immer noch lachte er, --
-jähzornig, wütend, weh, verzweifelt.
-
-Ein paar Schwarzhausener Burschen standen mit ihren Liebchen vor den
-Haustüren.
-
-An ihnen vorbei stürmte Bertold, sie sahen sein seltsames Gebaren
-und deuteten es sich in hellem Entsetzen und Empörung über so viel
-Verworfenheit.
-
-»Er muß betrunken gewesen sein, -- sonst könnte er nicht nachts --
-durch die stillen, ehrbaren Straßen planlos rennen und lachen -- laut
-lachen am Abend des Tages, da man seine Mutter begrub.«
-
-»O über den schlechten Kerl!«
-
-Am nächsten Abend wußte man es in ganz Schwarzhausen, daß der
-Eichenborn nun wirklich verödet war.
-
-Daß die großen Auslandskoffer gepackt im Zimmer des jungen Eik stünden,
-aber niemals abgeholt würden. Daß der alte, grimme Eik als ein
-einsamer Mann zurückgeblieben und sein Enkel geflohen war mit nichts
-als seiner Amatigeige -- -- -- um ein Musikant zu werden.
-
- * * * * *
-
-_Wird er kommen?_
-
-Das war die brennende Frage des Abends.
-
-Erregte Gruppen standen zusammen, Künstler und Kunstfreunde.
-
-Der schlicht-vornehme kleine Saal harmonierte gut mit den Menschen,
-die sich darin versammelt hatten; er sah feierlich aus in seinem
-Weiß und Gold und Kerzenschimmer, feierlich mit dem strengen, grünen
-Lorbeerschmuck.
-
-Und wie Feiertagsstimmung lag es auch über den Versammeltem trotz
-einiger erregter Lautsprecher.
-
-_Wird er kommen?_
-
-Meister Joachims Gestalt löste sich jetzt aus der einen Gruppe und
-winkte abwehrend und lächelnd zurück.
-
-»Versprechen kann ich gar nichts. Sie kennen doch den Malcroix. Der
-läßt sich weder in Krieg noch in Frieden etwas abnötigen, was er nicht
-selbst hergeben will, und ob er sich heute Ihnen gibt -- --«
-
-»Gehen Sie gleich jetzt zu ihm, Meister?« fragte ein blutjunges,
-blasses Bürschchen mit schwärmerischen Augen und blonder Künstlermähne.
-
-»Ja, das tue ich. Aber ich weiß nicht, ob ich ihn treffe. Und weiß
-nicht, ob ich meinen ehemaligen Schüler dann nicht für mich behalte. --
-Kindskopf!!!« fuhr er gleich darauf den Frager an, dem wahrhaftig die
-Augen feucht wurden. »Närrisches Volk alle miteinander! Aber mir geht’s
-ja nicht um ein Haar besser. Herrgott, hat der Mensch gespielt! -- --
-Guten Abend, meine Herrschaften!«
-
-Man geleitete Meister Josef Joachim noch zur Tür und trat dann wieder
-zusammen, bildete neue Gruppen und behandelte doch nur das alte Thema:
-Bertold Malcroix und sein wunderbares Geigenspiel am heutigen Abend in
-der Singakademie.
-
-Der Impresario ging mit lebhaften, kleinen Schritten von Gruppe zu
-Gruppe.
-
-»Das war ein Erfolg!« Sein glatt rasiertes Gesicht glänzte und strahlte.
-
-»Den halte ich noch fest -- der darf mir nicht schon wieder ins
-Ausland, mag es nach ihm kabeln, so viel es will. Summen zahlt dies
-Amerika -- -- Aber dem Malcroix ist das einerlei -- -- ich halte ihn
-fest -- --«
-
-»Menschenkinder -- ich hatte euch Berliner für viel nüchterner
-gehalten,« meinte jetzt halblaut ein dunkler, geistvoll aussehender
-Herr, der mit einem bekannten Berliner Maler allein an einem der
-Marmortischchen saß. »Ihr treibt ja Götzendienst mit diesem Malcroix.«
-
-Der Maler lachte.
-
-»Nennen Sie es so. Aber in Ihrem Munde hat das Wort Götzendienst einen
-spöttischen Klang. Er ist jedoch von allen Völkern und Stämmen immer
-sehr ernst betrieben worden, und so halten wir es auch mit Malcroix.
-Daß Sie zum heutigen Konzert noch nicht in Berlin waren, sondern
-genau eine Viertelstunde nach Schluß anlangten, machen Sie mit dem
-Unglücksstern aus, der schon über Ihrer Wiege geschwebt haben muß.«
-
-»Na, da haben wir’s! Stopp, alter Freund! Ehe Sie mir ganz aus dem
-Häuschen geraten: Wer sind die zwei närrischen Zwickel dort in ihren
-vorsintflutlichen Fräcken? Sie sehen aus, als seien sie aus der
-Biedermeierzeit stehen geblieben, um für sie Reklame zu machen.«
-
-»Ihr Scharfblick ehrt Sie,« lachte der Maler. »Diese _beiden_
-närrischen Zwickel, wie Sie sich auszudrücken belieben, sind eigentlich
-_Eins_, sind die Achse, um die wir uns hier drehen, sind der ruhende
-Pol in der Erscheinungen Flucht, sind Jonathan für unsern David
-Malcroix, sind Marquis Posa für unsern Don Carlos Malcroix, sind
-Pylades für unsern Orest Malcroix, sind unsere einzige Hoffnung, daß
-der Held heute abend doch noch erscheint, sind _Brennstoff und Tüllen_.«
-
-»Herr Ober, bringen Sie sofort ein Glas eiskaltes Wasser und eine
-Stirnkompresse für diesen Herrn, wenn irgend möglich noch Leibumschlag
-und Wadenwickel,« rief der Doktor.
-
-»Lieber Doktor, Sie scheinen uns hier alle etwas für geistesgestört zu
-halten,« wehrte lachend der Maler.
-
-»Ich sprach bis jetzt nur mit _Ihnen_,« neckte der andere, »und halte
-da allerdings eine Ableitung vom Gehirn für geboten. Haben Sie Erbarmen
-und erzählen Sie mir meinetwegen auf deutsch, französisch, spanisch,
-italienisch, russisch, Volapükisch und Esperanto’sch von diesem
-Malcroix, -- aber nüchtern -- nüchtern!«
-
-»Ich bin so nüchtern wie ein Kalb vor seiner Geburt,« versicherte der
-Maler. »Wie Sie sehen, ehren wir Bertold Malcroix noch auf andere Art,
-indem wir in den kargen Stunden des Zusammenseins mit ihm den Alkohol
-meiden.«
-
-»Sind Sie verrückt?« entfuhr es dem andern.
-
-»Ich glaube nicht.« Der Maler wurde ernst. »Malcroix hat vor Jahren
-im betrunkenen Zustand irgend eine schwere Tat begangen -- als halber
-Knabe allerdings, man weiß gar nichts Genaues, erzählt sich aber die
-tollsten Geschichten von ihm, und besonders in seiner Vaterstadt
-Schwarzhausen, berühmt durch Porzellan, viertausend und eine Seele
-stark, gilt Malcroix als gänzlich schwarzes, verlorenes Schaf. --
-Jedenfalls ist er völliger Abstinent, weil er einen angeborenen,
-furchtbaren, schier grotesken Jähzorn meistern will, und -- alle
-Achtung vor ihm -- wir helfen ihm stillschweigend dabei, wenigstens
-solange wir ihn erwarten und mit ihm zusammen sind.«
-
-»Soll ich heute den ganzen Abend Element in einer Trockenbatterie
-spielen?« fragte der Gast kläglich. -- »Was trinkt denn euer großer
-Geiger? Zu Beethoven und Bach paßt doch kein Himbeersaft?«
-
-»_Muß_ denn immer ges... trunken werden?«
-
-Der Doktor seufzte. »Es wäre nichts für mich, _nur_ am Busen der
-heiligen Cäcilie zu saugen, besonders da diese Dame älteren Semestern
-angehört, ich ziehe Pilsener vor -- -- --«
-
-»Sie sind wohl nicht musikalisch, Doktor? -- --«
-
-»Ich weiß nicht. Als zweijähriger holder Knabe sollte ich in der
-Kindersymphonie von Haydn mitwirken, war aber noch nicht stubenrein
-und vergaß mich. Es war mein erstes und letztes Auftreten, aber ich
-getraue mich doch, das Gebet einer Jungfrau vom Radetzkymarsch zu
-unterscheiden.«
-
-»Malcroix! Hurra! Malcroix! Evviva! Malcroix!«
-
-Der Maler war, jegliche Gastfreundschaft schnöde vergessend,
-aufgesprungen und zur Tür geeilt, durch welche ein reckenhafter Hüne
-eintrat. Es entstand ein völliger Tumult.
-
-»Malcroix, evviva! Malcroix willkommen! Malcroix hoch!«
-
-»Sie sind verrückt -- und alles ohne Alkohol,« murmelte der Doktor, der
-still an seinem Platze geblieben war.
-
-Aber dann erhob er sich ebenfalls rasch und über sich selbst erstaunt,
-denn sein Malerfreund führte ihm den Helden des Abends zu.
-
-Und vergessen war aller Spott, alle Kritik, alles Nörgeln, vergessen
-das Vorhaben, recht ruhig und objektiv zu urteilen, sich nicht planlos
-mitreißen zu lassen vom allgemeinen Taumel.
-
-Es ging wirklich ein Zauber von diesem Hünen aus, der Zauber eines
-Sonntagskindes. Was für kluge, ernste, tiefe, gute, leuchtende Augen
-dieser Künstler hatte, was war er für ein bildschöner Kerl mit dem
-dunklen Lockenhaar, das doch so gar nicht romantisch flatterte, sondern
-einfach und schlicht gescheitelt die hohe sein gemeißelte Stirn
-umrahmte. Und wie er lachte! Dies Lachen kennzeichnete ihn schon als
-Liebling der Musen, -- das war Musik, die auch den unmusikalischsten
-Menschen bezaubern mußte.
-
-Und wie dieser Malcroix seine Mitmenschen um Haupteslänge überragte,
-so war sein ganzes Wesen eher väterlich zu nennen, trotzdem er kaum
-dreißig Jahre zählen konnte.
-
-»Die Freunde meiner Freunde sind meine Freunde,« sagte Bertold Malcroix
-herzlich und schüttelte dem Gast die Hand. »Wenn Sie erlauben, setze
-ich mich nachher ein Weilchen still zu Ihnen, augenblicklich« -- er
-deutete lachend auf die aufgeregten Verehrer ringsum -- »habe ich noch
-keinen eigenen Willen.«
-
-»Ein prächtiger Mann, ein lieber Kerl, ein Vollmensch!« Immer wieder
-sagte es sich der fremde Gast an diesem Abend, je länger er Malcroix
-beobachtete, wie er der gefeierte Mittelpunkt eines erlesenen Kreises
-war, ohne auch nur ein einziges Mal unbescheiden, protzig oder
-nervös-launenhaft zu sein. Dieser Malcroix besaß die »Höflichkeit
-des Herzens, der Liebe verwandt, aus der die Höflichkeit des äußeren
-Betragens entspringt«.
-
-»Nicht wahr, Sie gehören ihm auch?« fragte scherzhaft-ernst der Maler,
-als er wieder allein bei seinem Gaste saß, während Bertolds hohe
-Gestalt bald hier, bald da unter neuen Gruppen auftauchte.
-
-»Er muß ein treuer Freund und guter Lebenskamerad sein,« meinte der
-Doktor sinnend, ohne direkt zu antworten -- »ist er verheiratet?«
-
-»Nein. -- Auch über diesen Fall berichtet Frau Fama ganze Legenden.«
-
-»Um Gottes willen, sagen Sie mir nicht, daß dieser Mann Herzensbrecher
-oder Weiberfeind ist,« rief der Doktor. »Beides würde mir wie ein
-platter, trivialer Berg zu einem Meisterbilde sein.«
-
-»Malcroix ist auch keins von beiden nach meiner festen Überzeugung,
-aber -- wie gesagt, ein wahrer Rattenkönig von Legenden heftet sich an
-seine Person. Man kann sich ja schwer vorstellen, daß dieser Vollmensch
-ein Erzengel Gabriel ist, wie einige behaupten, -- ich kann darüber gar
-nicht urteilen, denn er spricht selten über Frauen und niemals über
-›Weiber‹. Mit klugen Frauen plaudert er in derselben Weise wie mit
-gescheiten Männern und mit Gänsen scherzt er gutmütig, ohne sich lange
-bei ihnen aufzuhalten.«
-
-»Ich kann mir nicht denken, daß ihm irgend eine Frau widerstehen
-könnte,« meinte der Doktor, »und doch sieht er so gar nicht aus, als
-läge ihm etwas daran, oder als hätte er sich vergeudet -- vielleicht
-ist er irgendwo gebunden -- -- --«
-
-Der Maler nickte.
-
-»Man sagt es. Und ich selbst habe meine Beobachtungen gemacht. Er tritt
-in keiner Stadt Deutschlands auf, ohne irgend ein geheimnisvolles
-Landhaus in der Nähe zu mieten, wo er dann wohnt und auch hier hat
-er in einer Tiergartenvilla sein Domizil aufgeschlagen -- nicht
-allein. Aber das geheimnisvolle Wesen, das ihn begleitet, ist dicht
-verschleiert und er selbst trägt es in den Wagen hinein und aus dem
-Wagen heraus. Er mietet eine versteckte Loge, wo es seinem Spiel
-lauschen kann und -- --«
-
-»Ist wahrscheinlich eifersüchtig wie ein Türke, und das Weib ist schön
--- -- item, dieser Malcroix versteht’s. Wird er heute abend noch
-spielen?«
-
-»Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich nicht. Neulich kamen wir -- es war
-in Amsterdam -- ganz unverhofft zu so einem Genuß. Da stritt er sich
-mit einem Kritiker herum, wurde wütend, riß die Geige aus dem Kasten
-und überzeugte den Kerl mit der _Tat_, so daß dieser windelweich wurde.«
-
-In diesem Augenblick trat eine kleine Stille im Saale ein, irgend
-jemand, der von draußen hereingekommen war, erzählte eine Geschichte,
-die sehr belacht wurde. Dann wurde die Unterhaltung wieder lebhaft und
-allgemein.
-
-»Wo ist er denn?« hörte man Bertold Malcroix fragen.
-
-»Immer noch vor der Tür.«
-
-»Er soll hereinkommen.«
-
-»Aber er ist sehr schmutzig.«
-
-Malcroix winkte ungeduldig mit der Hand.
-
-»Was ist denn los?« fragten einige neugierig, die nichts Genaues von
-dem Vorgang hören und sehen konnten.
-
-»Nichts Besonderes,« war die Antwort. »Ein zerlumpter Bengel steht vor
-der Hoteltür und will durchaus den ›großen Malcroix‹ sehen. Er ist der
-Sohn eines verstorbenen Musikers, lebt bei fremden, harten Leuten und
-sieht jammervoll aus. Jetzt läßt ihn der Künstler holen.«
-
-Man erhob sich von den Sitzen und spähte neugierig nach der Tür.
-
-Nach einer Weile ging diese auf und ein ungefähr zwölfjähriger Junge
-kam hereingestolpert, -- er war offenbar geblendet von dem vielen
-Licht. Seine Jacke war zerrissen und verknüllt, so als hätten viele
-grobe Hände ihn daran herumgeschüttelt, auch der Junge selbst sah aus,
-als sei er öfters mit Mutter Erde in allzu dichte, unsanfte Berührung
-gekommen. --
-
-Bertold hob das Kinn des Knaben leicht in die Höhe und sah ihm in das
-zitternde, verweinte Gesicht.
-
-»Nun, mein Junge, -- du wolltest mich sehen? Ich bin Malcroix.«
-
-Und der fremde Junge sah.
-
-Nicht wie Neugierde blickt, die sich mit Verständnislosigkeit paart,
-es war auch nicht Liebe, mit der der blasse Knabe den großen Künstler
-betrachtete, es war wie Durst.
-
-Durst nach etwas Hohem, Herrlichem, das nie bis heute in sein armes
-Leben getreten war.
-
-Und die Umstehenden schauten wieder auf die beiden und sie vermochten
-nicht einmal zu lächeln, so rührend war die Versunkenheit des Jungen.
-
-»Wie heißt du?«
-
-»Fritz Bach.«
-
-»Du hast einen Wunsch an mich?«
-
-»Ich habe den Herrn spielen hören -- heute im Konzert, aber ich wußte
-nicht, ob ein Mensch spielte -- -- --«
-
-»Was redest du da. Wo warst du? Im Saal drinnen? Erzähl ordentlich.«
-
-»Hinter dem Vorhang auf der Bühne steckte ich. Die Frau, bei der ich
-bin« -- der Junge schüttelte sich -- »ist Garderobefrau, der Mann hat
-auch eine Anstellung da. Ich habe schon viele Musik gehört. Gestern
-hatten sie mich so geschlagen, weil ich den Herrn geigen hören wollte,
-daß ich mich nur noch hinter den Vorhang stecken konnte; ich meinte,
-ich müßte sterben. Und als der Herr geigte, glaubte ich, ich wär’ tot,
-und es wär’ schon ein Engel -- -- --«
-
-Die Umstehenden sahen sich an.
-
-Das war eine andere Sprache, als die gewohnten Huldigungen, die man
-dem begnadeten Künstler darbrachte, und dabei dies selbstvergessene
-Anschauen --
-
-»Sprich weiter.«
-
-»Dann wurde ich ohnmächtig, denn man fand mich, und dann wurde ich
-wieder geschlagen -- es ist immer so -- aber ich _mußte_ Sie noch
-einmal sehen.«
-
-»Du liebst die Musik sehr, Fritz Bach?«
-
-»Ohhh!«
-
-Nun lächelten doch die Umstehenden, der Ausruf kam zu rasch und
-urwüchsig heraus.
-
-»Spielst du selbst?«
-
-Der Junge nickte.
-
-»Was kannst du?«
-
-»Alles!!!«
-
-Nun lachte Malcroix -- und das war auch schon Musik, es war sein altes
-liebes Knabenlachen.
-
-»Sieh, mein Junge, -- das ist mehr, als irgend ein Mensch von sich
-sagen kann. Aber wenn du _Bach_ heißt, ist’s ja nicht so verwunderlich.
-Bei wem hast du gelernt?«
-
-»Ich kann’s von mir selbst.«
-
-»Hm.« Malcroix winkte seinen getreuen Brennstoff zu sich heran und
-raunte ihm etwas zu, worauf der alte Organist hinauseilte. Nicht lange
-darauf kam er mit Bertolds Geige wieder, die er ihm reichte.
-
-Jetzt kam Leben in die Versammlung, ein lautloses, rasches, freudiges
-Verständigen, ein Zuraunen: »er wird spielen«; ein sachtes Hinsetzen
-und gespanntes Lauschen.
-
-Der Künstler stimmte leicht, dann führte er den Knaben zu seinem
-eigenen bekränzten Sessel und drückte ihn sacht hinein. Malcroix setzte
-die Geige an -- --
-
-Es war wohl ein erlesenes Programm heute abend gewesen und alle alten
-und neuen Meister hatten dem genialen Künstler ihre Stimmen verliehen,
-um mit ihnen die Zuhörer zu packen und hinzureißen, aber was Malcroix
-jetzt den Lauschern gab, das war mehr.
-
-Sie saßen alle weltentrückt und Malcroix war es selbst. Der arme Junge
-in der schmutzigen, zerlumpten Kleidung, der im bekränzten Sessel
-kauerte, duckte sich immer mehr und kroch ganz in sich zusammen.
-
-Denn der Reichtum war zu mächtig, der sich da auf ihn niederließ, und
-sein kleines, verzagtes, verstörtes Herz konnte ihn nicht bergen.
-
-»_Fahr wohl, du goldne Sonne!_«
-
-Aber die Sonne ging nicht fort, sie schritt im Gegenteil golden und
-groß in den Saal hinein. Alle ihre Strahlen verfingen sich in die
-braune Amati und der Künstler webte aus ihnen ein goldenes Netz, das
-alle umspann. --
-
-Die Augen hingen an dem Geiger.
-
-Was er ihnen sagte, war gewaltig.
-
-Eine Predigt hielt die Geige, wie sie wuchtiger kaum je vernommen ward.
--- Mußte man wirklich einen solchen Dornenweg des Entsagens gehen, wenn
-man zu dieser Höhe klimmen wollte?
-
-Denn jene unter den Zuhörern, welchen Frau Musika zur Seherin wurde,
-tief Verschlossenes offenbarend, sie fühlten jetzt mit dem Künstler
-den Segen des Leides. Sie schritten mit ihm durch Höhen und Tiefen
-und sahen mit leidgeschärften Augen, daß blumenumstandene Wege sich
-in Sümpfe verirren und nur ein schmaler, rauher und einsamer Weg
-hinaufführt ins lichte Kinderland, ins Hochland.
-
-Dann war der letzte Ton verklungen, aber es blieb still im Saal. Nach
-einem Weilchen hörte man ein wildes, wehes Weinen -- Fritz Bach sprang
-auf, schob ungestüm seinen Sessel zurück und umklammerte den Arm des
-Künstlers.
-
-»_Nichts_ kann ich, _nichts_!« stöhnte er und lief hinaus, quer durch
-den ganzen Saal mit den vielen fremden Leuten, ohne Gruß, ohne Dank.
-
-»Den hole ich mir wieder,« sagte Bertold sinnend.
-
-Er schlug das seidene Tuch um die Amati und legte sie wieder in
-Brennstoffs Hände. Dieser sah besorgt in Bertolds Antlitz. Es war
-tiefblaß und nur die rote Narbe quer über der Stirn brannte wie ein
-feuriges Mal.
-
-»Nur einmal gar nicht mehr an andere denken,« meinte der Organist,
-»ganz und völlig ausruhen, nicht wahr, Meister Bertold?« Es klang, als
-spräche eine gute, alte Mutter mit ihrem Sohne. --
-
-»Gewiß, mein Alter, -- sei ganz ohne Sorgen.«
-
-»Schmerzt die Narbe wieder?« fragte nun auch leise Rektor Tüllen. --
-
-»Was soll ich’s hehlen? Ja, sie rumort etwas. --«
-
-Die Umstehenden merkten kaum das Flüstern der drei. --
-
-Nun der Bann des Schweigens gebrochen, waren sie alle völlig bei dem
-seltenen Genuß, den sie eben gehabt. -- Sie redeten und gestikulierten
-heftig, sie legten die Sonde der Kritik an einzelne Stellen, und
-gegensätzliche Meinungen prallten hart aneinander.
-
-Als man den Künstler zum Schiedsrichter nehmen wollte, war er mit den
-beiden Getreuen verschwunden.
-
-Die letzteren schritten durch die Nacht, glückselig wie zwei Kinder
-über den wunderbaren Verlauf des Konzertes in Berlin, und auch darüber,
-daß das Ausland wieder hinter ihnen lag. Sie hätten sich ja nie dazu
-entschließen können, ihren jungen Meister Bertold allein ziehen zu
-lassen, -- aber die Heimat übte ihre uralte Macht, und die Heimat war
-auch den beiden nicht mehr nur Schwarzhausen, sondern Deutschland.
-Und morgen, -- morgen wollten alle drei nach Bayreuth -- sie wollten
-Parsifal hören, zum ersten oder zum wievielten Male, sie wußten es nie
-zu sagen.
-
-Es war ihnen ein Gottesdienst, den sie nie versäumten, wenn er sich
-ihnen bot. --
-
-Bertold Malcroix schritt durch den stillen Tiergarten, rasch und weit
-ausschreitend.
-
-Es ging schon stark auf Mitternacht, aber er wußte, daß er in dem
-kleinen, verschwiegenen Gartenhaus immer willkommen war, und daß die
-einsame Bewohnerin noch weniger Schlaf brauchte, als er selbst.
-
-Etwas Starkes, Seltsames bewegte ihn heute.
-
-Nicht der Künstlerstolz über den brausenden Erfolg des Abends,
-auch nicht der Gedanke, daß er heute wieder das Steuer eines
-Lebensschiffleins geworden war, denn daß er Fritz Bach die Mittel zu
-einem ernsten Studium gewährte, stand bei ihm fest.
-
-Es war etwas anderes. Er hatte eine Erscheinung gehabt, ein Erlebnis,
-das ihn nicht losließ, und das er heute abend in Vergessenheit hatte
-bringen wollen bei sich selbst. --
-
-Er, Bertold Malcroix, der nie einen Menschen vom andern im gefüllten
-Saale unterschied, er, dessen Sehen im Fühlen unterging, sobald er die
-Geige im Arm hielt, er hatte heute abend diese seltsame Erscheinung.
-
-Im Adagio von Beethoven war sie auf ihn zugetreten und hatte ihn mit
-Augen der Erinnerung angeschaut.
-
-Und sie war nicht leblos, trotzdem das schwarze Gewand der Trauer sie
-umschloß, sie atmete und schaute aus stahlblauen, ernsten Sternen auf
-seine Geige. Nur auf diese, nicht auf den Mann.
-
-So jäh war sein Erschrecken und das wunderlich süße Entzücken gewesen,
-als er sie sah, daß er im Spiel ganz leise stockte, und da war auch
-über das süße Gesicht der Liselotte ein Rot des Erschreckens gegangen.
-
-Jetzt quälte er sich mit dem Gedanken an ihr Aussehen, an ihr
-verändertes, blasses, ernstes Gesicht, aus dem jedes Schelmenlachen
-gewichen war.
-
-Kleine Liselotte, dachtest du dir das Leben einfacher?
-
-Du warst so für die Sonne geschaffen, gab es dir Schatten? Zu viel
-Schatten? --
-
-An diesem Abend hatte er nur für die junge, mädchenhafte Frau
-gespielt, die so düster in dem tiefen Schwarz unter all den strahlend
-geschmückten Menschen gesessen. Für ihre Augen hatte er gespielt, die
-einst so lachen konnten, für die schlanken Hände, die gefaltet in ihrem
-Schoß lagen, für den Heiligenschein, der in Gestalt von flimmernden
-Löckchen das liebe Gesicht umgab, für die _Seele_ der kleinen Liselotte
-Windemuth. Damit versank für ihn der große, helle Saal und alle
-Menschen dazu, und das stille Grasgärtchen des Rektors Tüllen stieg auf
-aus der Erinnerung. Nichts war auf dem Inselchen vorhanden, als die
-kleine Liselotte und er.
-
-So kam es, daß seine Geige heute jubelte und weinte und so inbrünstig
-warb um die Vergangenheit. Die reiche, volle Tonflut der braunen Amati
-wollte die Kluft ausfüllen, welche acht Jahre gerissen, wollte einen
-neuen Weg schaffen zur Heimat und zum Herzen der Jugendgespielin.
-
-Jeder Akkord, jeder Klang, jedes leise Schwingen der Saiten sprach zu
-ihr und fragte sie und klagte mit jeder Frage sich selbst an: »Kleiner
-Kamerad, warum blieben wir nicht zusammen? Meine Liselotte, warum ließ
-ich dich mit einem andern ziehn? Du erfahrenes Mütterchen von Puppe
-Emmy, warum verstandest du an deinem Konfirmationstage den großen,
-unbeholfenen Jungen nicht, dem die Liebe zu dir über Kopf und Kragen
-schlug?«
-
-Und gerade bei dieser eindringlichen Frage, welche die Geige an das
-Herz der blassen, jungen Frau tat, war eine Störung im Konzertsaal
-entstanden und Bertold hatte gesehen, wie Liselotte aufstand und den
-Saal verließ.
-
-Wo war sie jetzt? Wie sollte er sie finden in dem großen, weiten Berlin?
-
-Unter all diesen drängenden Erinnerungen war Bertold Malcroix an das
-kleine versteckte Gartenhaus gekommen, das sich efeuumsponnen seltsam
-verwunschen in der Großstadt mit ihren ragenden Prachtbauten ausnahm.
-Bertold schloß die Gartenpforte auf, die sich lautlos in den Angeln
-drehte, und schritt den hellen Kiesweg entlang nach dem Häuschen hin,
-dessen Fenster erleuchtet waren.
-
-Noch ehe er die Glocke zog, öffnete sich die Haustür.
-
-Frau Thereschen Teichmann stand knixend auf der Schwelle.
-
-»Wie geht es der Kranken?« fragte der Ankommende, »hat sie sehr auf
-mich gewartet?«
-
-»_Sehr!_ Sie ist aufgestanden und behauptet, ganz frisch zu sein. Denn
-es ist ein Eilbrief gekommen und sie will heim.«
-
-»Heim? Es ist wohl nicht möglich!«
-
-Bertold hatte rasch Hut und Mantel abgelegt und klopfte nun leise
-an die Tür des nächstliegenden Zimmers, deren Klinke er sacht
-herunterdrückte.
-
-Und dann hielt der Hüne in den Armen ein feines, kleines, graues
-Persönchen und Tante Adelgundes verstaubtes Stimmlein schalt mit ihm.
-
-»Du Langbleiber, du launischer Künstlerbub! Vergißt du mich ganz?«
-
-Und als er besorgt nach ihrem Befinden fragte, wies sie ihn herrisch
-zurecht.
-
-»Ich bin gesund, und ich will reisen. Bertold, wir müssen beide heim.«
-
-Sie hielt ihm einen großen Brief hin und Bertold sah, wie ihre
-runzligen Hände zitterten. Und er selbst war blaß, nachdem er ihn
-gelesen; er mußte sich in einen der tiefen Sessel setzen.
-
-Das alte, heisere Stimmlein schalt weiter.
-
-»Gelt, das ist nun doch was anderes und Schwereres, sich zu
-entscheiden, wo deine Pflicht liegt, dummer Bub? Hier der Ruhm und die
-Welt, dort die verhaßte Arbeit.«
-
-»Die Arbeit war mir nie verhaßt, Tante Adelgunde,« murmelte Bertold.
-
-»Ach, -- versteh mich doch recht, ich versteh’ dich ja auch. Hier
-liebt und vergöttert dich alles und in dem fernsten Auslandsnest
-bist du heimischer als in Schwarzhausen. Dort wartet schwere,
-verantwortungsvolle Arbeit auf dich und ein verbitterter Greis, der
-jetzt -- -- --«
-
-Das verwitterte Stimmchen schlug um und Bertold trat zu dem uralten
-Dämchen und umarmte es zärtlich. »Wann mag der Schlaganfall gekommen
-sein, Tante Adelgunde?«
-
-»Gott mag’s wissen. Der alte Prokurist schreibt ja nichts drüber, aber
-du liest ja, daß der Großvater dringend nach dir verlangt -- -- --«
-
-»In einer Stunde geht der Nachtzug, -- ich reise, Tante Adelgunde. Du
-kommst morgen nach mit Brennstoff und Tüllen und Frau Teichmann. Wirst
-du die Fahrt ertragen können?«
-
-Da richtete sich das zusammengesunkene Körperchen auf. »Du fragst, wie
-dumme Buben fragen.« Das Stimmlein war jetzt fest und ernst. »Wenn man
-sich mit neunzig Jahren noch auf die Wanderschaft begibt, wie ich vor
-acht Jahren, dann muß etwas Großes, -- das Größeste uns treiben: die
-_Liebe_, du dummer Bertold Eik. Ich allein hatte dich lieb und ich
-wußte, daß man einen Eik nicht mit dem Haß und der Menschenverachtung
-in die Welt hinaus lassen darf. Aber nun hat dich deine Geige die
-Menschenliebe gelehrt und du brauchst mich nicht mehr. Bald bin ich
-hundert Jahr -- -- ich möchte in der _Heimat_ sterben.« -- --
-
- * * * * *
-
-Das alte Windemuthhaus hatte lange einsam gestanden.
-
-Man wunderte sich in Schwarzhausen darüber, denn man hatte eine
-ausgeprägt praktische Veranlagung.
-
-Das Grundstück mit dem schönen, geräumigen Wohnhaus und dem großen Park
-hatte hohen Wert, und mancher Schwarzhausener Bürger suchte es an sich
-zu bringen, aber ohne Erfolg.
-
-Man sagte, die verwitwete Frau Oberleutnant von Windemuth wolle mit
-ihrem einzigen Kinde nach Schwarzhausen ziehen, um das Grab des Vaters
-pflegen zu können.
-
-Aber es geschah nichts dergleichen, und die Einwohner der Stadt und
-Umwohner des Windemuthschen Grundstückes gewöhnten sich schließlich
-an die zugezogenen Fenster und freuten sich, daß der große Garten dem
-Stadtgärtner übergeben war, der ihn sorglich pflegte.
-
-Durch das Ereignis der Übersiedlung des berühmten Malcroix nach
-Schwarzhausen wurde das Interesse für die Windemuths in den Hintergrund
-gedrängt.
-
-Man konnte sich zuerst gar nicht darein finden, daß der verachtete
-Name mit einem Male so hoch in Ehren stand, daß viele Fremde nach
-Schwarzhausen kamen und die Unbequemlichkeit des Reisens auf der
-Nebenlinie und Klingelbahn nicht scheuten, nur um die Heimat des großen
-Geigers zu besuchen. --
-
-Und nun, da der Sohn den befleckten Namen des Vaters wieder ehrlich
-gemacht, also daß jeder mit abgezogenem Hute davor stand, nun führte
-Bertold wieder den Namen »Eik von Eichen«. -- Er war und blieb
-eben »närrsch« und für die Schwarzhausener unverständlich. Und
-unverständlich blieb ihnen lange Zeit der ungeheure Aufschwung, den der
-Betrieb der Fabriken nahm, -- es war doch unmöglich, daß der »Musikant«
-sich solche Fach- und Sachkenntnis angeeignet hatte, die den Erfolg
-bedingten.
-
-Bertold Eik schritt durch alle Neugierde, allen Spott und einen guten
-Teil Nichtachtung, die sich trotz der acht Jahre gut erhalten hatte,
-mit eherner Stirn hindurch.
-
-Der alte Herr von Eik hatte sich wieder erholt, aber er überließ dem
-Enkel die volle Verwaltung aller Geschäfte, und dieser ehrte den
-Großvater als Senior und holte seinen Rat ein, kehrte jedoch mit
-eisernem Besen jeglichen zopfigen Schlendrian aus. Das schaffte ihm
-einige neue Feinde zu den vielen alten, aber es verschaffte ihm auch
-treue Anerkennung und der Erfolg war auf seiner Seite.
-
-Der Eichenborn blieb geheimnisvoll, weil niemand gebeten wurde, ihn von
-innen zu besehen; man munkelte von Lebenspülverchen, die darin nach
-einem Teufelsrezept verfertigt würden und zu tausendjährigem Dasein
-berechtigten. Irgendwo mußte ja immer noch die Tante Adelgunde leben,
-die man nie mehr sah; und doch brachte man nicht die Hundertjährige mit
-der geheimnisvollen Person in Verbindung, welche Bertold mit auf Reisen
-nahm und durch Heben und Tragen vor jeder unsanften Berührung schützte.
-
-Es war doch weit interessanter, vom »schlechten Kerl« zu sprechen und
-sich alle seine schlimmen Taten ins Gedächtnis zurückzurufen, als in
-dem Herrn von Eichenborn einen ruhigen, arbeitsamen Staatsbürger zu
-sehen.
-
-Der Eichenborn blieb geheimnisvoll, weil das langgestreckte,
-düstere Haus niemals Gäste sah, niemals Fremde hineinließ. Und weil
-Dienstbotenklatsch keinen Nährboden hatte, denn die Schar der Dienenden
-im Eichenborn war altbewährt und wurde im Todesfall immer nur durch
-erprobte und empfohlene Verwandte des Verstorbenen ersetzt.
-
-Die neue Zeit schritt rings um den Eichenborn und Bertold Eik ~junior~
-tat ihr weit die Pforten der Fabrikräume auf und setzte sie auf den
-Ehrenplatz. -- Was zum Wohle der Arbeiter geschehen konnte, das
-wurde in den Eikschen Fabriken eingeführt; alle neuen Erfindungen
-im Betriebe der Schutzeinrichtungen fanden einen warmen, tätigen
-Förderer in dem jungen Besitzer. Aber die neue Zeit kam nicht nach
-dem Eichenborn selbst; sie mußte Halt machen vor dem mächtigen
-schmiedeeisernen Portal, das jeden Abend mit wuchtigem Schlüssel
-verwahrt wurde, und sie durfte sich nicht einmal erlauben, den uralten
-Klopfer durch den kleinen, weißen, elektrischen Knopf zu ersetzen.
-
-Der Fürst des Landes war durch Schwarzhausen gereist und hatte dem
-Städtchen dadurch ungeheure Kosten, Mühe und Aufregung bereitet. Und
-wenn wirklich, wie man sagt, der Grad der Kultur eines Volkes nach dem
-Verbrauch der Seife abgemessen wird, so stand Schwarzhausen durchaus
-auf der Höhe.
-
-Aber der Fürst fuhr mit dem ernstesten Gesicht durch all die
-Reinlichkeit und Kultur, selbst der Anblick der jungen und alten
-Ehrenjungfrauen vermochte sein Antlitz nicht zu erhellen, trotzdem die
-alten schon seinen Vater und Großvater begrüßt hatten.
-
-Ohne Aufenthalt begab er sich nach den Eikschen Fabriken, wo er
-alles auf das eingehendste besichtigte. Und der Abend fand den
-Landesherrn nicht auf dem Honoratiorenball in der Thüringertanne, wo
-verschiedene Hände und Knopflöcher bereit waren, Segen zu empfangen,
-sondern er fand ihn im Gartenhause des Parkes Eichenborn, und das
-Gesellschaftstempelchen sah zum erstenmal wieder fürstliche Gäste, wie
-in längst vergangenen Glanztagen.
-
-Schwarzhausen hatte Ursache, wieder den Kopf zu schütteln. Denn der
-als streng moralisch bekannte Fürst machte auch der geheimnisvollen
-Liebsten des jungen Bertold seinen ehrenden Besuch, ja er nahm sogar
-das »Pfand der Liebe«, die Frucht des unerhörten, lichtscheuen
-Verhältnisses mit nach der Residenz, damit die musikalische Ausbildung
-durch berühmte Hände erfolge.
-
-Die neue Schwarzhausener »Schmach«, welche Bertold Eik den
-sittenstrengen Mitbürgern angetan hatte, war ein vierzehnjähriger
-Knabe, der in Eichenborn vom Rektor Tüllen unterrichtet wurde, wie denn
-überhaupt Tüllen und Brennstoff auf Wunsch der Eiks sich dauernd in
-Eichenborn niederließen.
-
-Der »Sohn« von Bertold Eik ~junior~ wurde Fritz Bach genannt, und
-trotzdem sich der Fürst zu der unerhörten Heimlichkeit hergab, die sich
-im Gartenhause des Eikschen Parkes abspielte, und trotzdem überall
-wachthabende Eichenborner Garde auf Posten gestellt war, hatte doch
-ein Schwarzhausener Schlingel Gelegenheit, sich in einem Tannenwipfel
-einzunisten; er erzählte dem atemlos lauschenden Städtchen, daß der
-Fürst neben »_der_« gesessen. Er habe ihr sogar eigenhändig einen
-Schemel gebracht. Bertold Eik ~junior~ habe Geige gespielt, worauf der
-Fürst ihn _umarmt und geküßt habe_. Das gleiche habe darauf plötzlich
-»Fritz Bach« getan und Bertold Eik habe darüber herzhaft gelacht,
-worauf der Fürst laut und deutlich gesagt habe: »Mein lieber Eik, auch
-ohne Ihr Geigenspiel, schon durch Ihr Lachen allein wären Sie der
-musikalischste Mensch unter der Sonne!«
-
-Man konnte sich nur denken, daß der Fürst schon »alt« wurde und deshalb
-solche -- (mit tiefem Bückling wurde es gesagt) -- _Ungereimtheiten_
-vorbrachte. -- Außerdem hatten sich Durchlaucht ja nie die Mühe
-gegeben, sich zu überzeugen, wie seine übrigen Landeskinder lachten,
-so z. B. ganz besonders laut die Tochter des Bürgermeisters, wenn sie
-keinen Heuschnupfen hatte.
-
-Irgend einen Haken besaß natürlich die ganze Geschichte; denn trotzdem
-der Fürst öfters »unerhört gemütlich« zu den Eiks kam und Bertold Eik
-~junior~ der Lieblingsgast des fürstlichen Residenzschlosses wurde,
-nannte sich noch niemand der Eiks »Kommerzienrat« und nicht die
-geringste Ordensdekoration wurde von ihnen getragen. --
-
-Es war gut, daß das Schicksal dem Städtchen Ersatz gab und es
-an einem anderen Schwarzhauser Kinde Freude erleben ließ. Das
-war die Frau Liselotte von Windemuth, die nun als junge, ehrbare
-Witwe des Oberleutnants in ihr Vaterhaus eingezogen war. Daß die
-achtundzwanzigjährige Frau keinen Verkehr suchte, sondern nur der
-Erziehung ihres Töchterchens lebte, daß sie weder Kaffees, noch
-Abendgesellschaften mitmachte, sondern sich der Pflege der Musik
-hingab, war freilich nicht nachahmenswert, aber sie war ja ein Mensch
-und Fehler haben _die_ alle. Die Schwarzhausener rechneten sich selbst
-nicht eigentlich in die Kategorie des ~homo sapiens Linné~, sie waren
-eben etwas Besonderes, waren »Fürstlich Schwarzhausensch«.
-
-Frau von Windemuth hätte wohl eigentlich bei ihrer Jugend noch nicht so
-allein leben sollen, aber sie war nicht zu bewegen, der verstorbenen
-Base Juliane eine würdige Nachfolgerin zu geben, und setzte allen
-Anzapfungen dieser Art ein Lächeln entgegen, von dem man nicht recht
-wußte, ob man es lieblich oder spöttisch nennen dürfe.
-
-Wunderschön war jedenfalls die junge Witwe, und um einen Blick aus den
-stahlblauen Augen zu erhaschen, ging, fuhr und ritt die Schwarzhausener
-Männlichkeit mit besonderer Vorliebe durch die Straße, wo sie wohnte,
-und der Verkehr in diesem Stadtteil hob sich, ohne daß Frau Liselotte
-selbst eine Ahnung hatte. Einige hochangesehene, ernsthafte Bewerber
-waren über die Schwelle des Windemuthhauses geschritten, aber die
-junge Frau zeigte keine Bereitwilligkeit, ihr eigenes Ansehen und ihre
-Ernsthaftigkeit zu teilen. --
-
-So mußte man sich damit begnügen, manchmal beim Sonnenuntergang vor dem
-Zaun des parkartigen, dicht verwachsenen Gartens zu stehen und nach dem
-geöffneten Fenster des ersten Stockwerkes zu spähen, »bis die Liebliche
-sich zeigte«.
-
-Aber sie zeigte sich nie.
-
-Nur die wunderbar weiche Altstimme drang zu den Lauschenden, ein Klang
-wie aus anderen Welten: »Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit klingt
-ein Lied mir immerdar -- -- --«
-
- * * * * *
-
-Das kleine sechsjährige Wesen, das man im Windemuthsgarten spielen
-sah, hatte den Unternehmungsgeist der Mutter geerbt. Es stieg über den
-Windemuthzaun in Nachbargärten und sprach mit den Inhabern wie ein
-alter Verstandskasten. Es lernte stundenweise ernsthaft sein Abc und
-teilte ein Herzchen voll Liebe mit Blumen, Vögeln, Puppen, Mutti und
-dem lieben Gott.
-
-Stahlblaue Augen schauten aus rosigem Gesicht lachend und zeitweise
-wiederum ernsthaft prüfend. Flimmernde Goldlöckchen umrahmten eine
-feine Stirn und unter dem geraden Näschen plauderte ein nicht
-allzukleiner Mund mit Mausezähnchen und etlichen Zahnlücken. --
-
-Die Puppen des quecksilbrigen Wesens liebten weite, gefährliche
-Spazierfahrten in der »Kajüte«, wie der uralte Puppenwagen genannt
-wurde; und manche hatte schon ihr Dasein eingebüßt bei den verwegenen
-Ausflügen und lag begraben im Garten. Etliche waren Krüppel für
-Lebenszeit und dadurch ganz besonders verhätschelte Lieblinge.
-
-Frau Liselotte erlaubte ihrem Kinde Selbständigkeit.
-
-Automobile und elektrische Bahnen gab es nicht in Schwarzhausen;
-kläffenden, knurrenden Hunden trat das kleine Mädchen furchtlos
-entgegen und der Begriff des Bösen und Schlechten ging ihm überhaupt
-ab, so daß es mürrische und garstige Leute einfach fragte: »Was fehlt
-dir?«
-
-Vor dem lauschigen, verwachsenen Eingang zum Eichenborn, darinnen die
-Quelle murmelte, war die Kleine wohl manchmal mit ihrem Puppenwagen
-stehen geblieben und hatte in das tiefe Grün des Parkes hineingestaunt.
-Denn es erbte die Eigenart der Mutter, allüberall Melodien zu hören,
-und im Eichenborn schienen wundersüße Klänge in der Luft zu hängen.
-Aus der Quelle tönten sie, aus dem Gründickicht quollen sie hervor
-und dort unten, wo sich das silberne Band der wilden Gera schlängelte
-und das dunkle Gartenhaus stand, schienen sich die Weisen zu einer
-geheimnisvollen Symphonie zu verdichten. --
-
-Schon oft wollte das kleine Persönchen all dieses näher ergründen, aber
-»Mutti« hatte es immer vor dem Eichenborn besonders eilig gehabt und
-das Kind rasch vorbeigeführt.
-
-So lebte in der Kleinen das unbewußte Gefühl, daß der Eichenborn
-verbotenes Gebiet sei.
-
-Wenn aber das Schicksal es gerade vor dem Eichenborn erlaubte, daß die
-Lieblingspuppe heftiges Nasenbluten bekam und abgewaschen werden mußte,
-dann konnte man natürlich ohne Bedenken hineingehen, und ebenso mußte
-es jedermann als berechtigt ansehen, daß man die Schwerleidende nach
-dem Abwaschen noch ein wenig in dem stillen Parke umherfuhr.
-
-Also die kleine Diplomatin.
-
-Sie schritt mit Trippelschrittchen den Melodien nach und machte mit
-erhobenem Zeigefinger ihre zwei Puppen auf die immer lauter werdenden
-Klänge aufmerksam. Vor dem Gartenhause hob sie unter Ächzen und Seufzen
-den schweren Puppenwagen über die Schwelle und schob ihn und sich
-selbst durch die Tür in die große, altväterisch möblierte Diele. Da saß
-ein steinaltes Mütterchen am Spinnrade.
-
-»Um Verzeihung --« begann die Kleine mit tiefem Knix, »sind Sie
-vielleicht Frau Holle?«
-
-Sie nannte sonst noch alle Menschen »du«, aber bei Personen aus dem
-Märchenlande mußte eine höfliche Ausnahme gemacht werden.
-
-»Komm her zu mir,« rief ein verstaubtes, heiseres Stimmchen, aber die
-Kleine wehrte ab. »Danke, danke, ich muß rasch zu Mutti, aber vorher
-möchte ich ›das da‹ sehen.«
-
-Ohne Zögern klinkte sie das Nebengemach auf, und »das da« stand vor ihr
-und starrte mit Schrecken und Entzücken in das liebe Kindergesicht.
-
-»Liselotte!« rief der große dunkle Mann, der die Geige im Arm hielt,
-aus welcher die märchenhaften Klänge gekommen waren.
-
-Ein grauer Papagei, der im Bauer am Fenster saß, fing plötzlich an,
-sich wild und heftig im Ringe zu schaukeln.
-
-»Liselotte! Bertold!« krächzte er.
-
-Die Kleine erschrak und machte einen tiefen Knix.
-
-»Woher weiß er es?« fragte sie neugierig und schmiegte sich an den Mann.
-
-»Was meinst du, du liebes Kind? Heißt du nicht Liselotte?«
-
-Bertold Eiks Hand strich sacht und zärtlich über das blonde Gelock.
-
-»Nein, ich heiße Elfi. Aber die beiden hier.«
-
-Sie schlug die Wagendecke zurück und hob zwei Puppenkinder hoch, das
-eine im Steckkissen mit verbundener Nase, das andere in schwarzen
-Samthöschen: »Liselotte und Bertold«.
-
-»Liselotte! Bertold!« schrie der Papagei.
-
-»Siehst du, er weiß es,« triumphierte Elfi, »woher weiß er es?«
-
-»Das war immer so,« murmelte der große Mann, dann legte er mit raschem
-Griff die Geige in den Kasten, hob die federleichte Elfi hoch, was die
-Kleine zu jubelndem Lachen veranlaßte, und drückte sie stürmisch an
-seine Brust.
-
-»Du hast mich wohl lieb?« fragte sie erstaunt-zutraulich, und ihre
-Ärmchen legten sich weich und herzlich um seinen Hals.
-
-Dann zog sie ein verknülltes, nasses Taschentüchlein, mit dem
-sie vorhin die Puppe abgewaschen, aus dem perlengestickten
-Margaretentäschchen und wischte damit dem fremden Mann über das Gesicht.
-
-Denn er hatte Wasser in den Augen und immer mehr Tränen kamen noch,
-trotzdem ihm die Elfi so mütterlich-zärtlich zusprach, genau so, wie
-es ihre eigene Mutti bei ihr selbst tat: »Nicht weinen, -- nicht doch
--- es ist ja gar kein Grund da!«
-
-Plötzlich lachte er herzlich und glücklich, was sehr hübsch klang, und
-sie durfte mit ihren kleinen Fingerchen die Saiten der Geige zupfen und
-nach Herzenslust mit ihrem neuen Freunde plaudern. Sie erzählte von
-Mutti und vom Windemuthhaus und dem großen Garten, und daß Großvater
-und Großmutter und auch der Papa im Himmel seien und daß Mutti oft
-weine.
-
-Unglaublich rasch verflog die Zeit, denn der ernste Mann und das holde
-Kind hatten sich gar so viel zu erzählen, und als endlich Elfi mit
-dem Puppenwagen heimfuhr, lag zutiefst auf seinem Boden ein graues,
-närrisches Bündel und Klein-Elfi und Bertold von Eik hatten ein
-wundersüßes, großes Geheimnis miteinander.
-
- * * * * *
-
-Frau Liselotte schritt in ihrem Garten auf und ab; er war so dicht
-verwachsen, daß er sie vor jedem Späherauge schützte, und das war
-gut und verständig von seinen dichten Zweigen. Denn in den lieben
-Garten des Vaterhauses trug Frau Liselotte viel heimlichen Kummer;
-all die vertrauten Stellen darin kannten ihr Leid, wußten, wie schwer
-sie an der Ehe mit Hans von Windemuth getragen hatte, und wie sie
-geistig beinahe verhungert war an seiner Seite. Sie war auf Wunsch des
-Arztes nach dem plötzlichen Tode des Gatten auf Reisen gegangen, aber
-Mutterliebe trieb sie wieder, seßhaft zu werden, weil Klein-Elfi nicht
-die Unruhe vertrug. Frau Liselotte hatte sich eine Villa im Tiergarten
-gemietet, um ihre Stimme in Berlin noch weiter auszubilden, aber sie
-litt unter dem Tanz um das goldene Kalb, der begann, als man erfuhr,
-daß die schöne Gesangschülerin der Königlichen Hochschule reich und
-frei war.
-
-Ernst und unnahbar wurde sie und -- einsam.
-
-Dann kam der Konzertabend in der Singakademie, an dem sie Bertold Eik
-zum ersten Male wiedersah.
-
-Wiedersah als großen, unerreichten Künstler.
-
-Und das Kinderherz in ihr flog ihm entgegen und alles Trennende
-schien zu versinken, aber sie hörte, daß er jäh die Künstlerlaufbahn
-abgebrochen habe und die großen Besitzungen der Eiks übernehmen werde.
-Sie hörte, daß seine schwere einstige Kopfwunde ihm immer noch zu
-schaffen machte, und man verhehlte ihr nicht die häßlichen Einzelheiten
-ihrer Entstehung.
-
-Auch seine geheimnisvolle Begleiterin sah sie und hörte von ihr, aber
-nichts von alledem drang in das Stillste und Tiefste ihres Herzens, das
-dem Jugendfreunde seit Urbeginn gehörte.
-
-Und als die Sehnsucht nach der Thüringer Heimat sie packte und
-schüttelte, daß sie meinte in der fremden Großstadt verzagen zu müssen,
-da ließ sie die Pforten ihres Vaterhauses öffnen, ließ Licht und Luft
-und Sonne durch die unverhüllten Fenster einziehen und duckte sich mit
-ihrem Kinde in das stille, sonnenwarme Nest. --
-
-Heute an dem Sommernachmittag, der sich schon sacht mit dem
-Abend grüßte, wartete Frau Liselotte auf Elfi, die ihren
-Gesundheitsspaziergang mit den Puppen etwas gar zu lange ausdehnte, so
-daß die Mutter schon ein paarmal in Sorge über den Gartenzaun gelugt
-hatte.
-
-Nun setzte sie sich in die Geisblattlaube und die sonst immer fleißigen
-Hände, die am liebsten jedes Stück, dessen der Liebling bedurfte,
-selbst nähten, lagen gefaltet auf der kühlen Platte des alten
-Steintisches.
-
-Allgemach kam ein süßes Träumen über sie und der Kopf sank auf die
-verschlungenen Hände.
-
-»Gewiß weint Mutti wieder,« meinte Elfi zu sich selbst, die ganz leise
-durch das Gartenpförtchen über den weichen Rasen herangefahren war. Ein
-glückliches Lachen überzog das Schelmengesicht und wechselte mit einem
-rührend sorglichen Ausdruck.
-
-Was hatte der große, gute Herr im Eichenborn ihr zugeflüstert?
-
-»Wenn deine Mutti wieder weint, dann leg ihr dies Bündelchen in den
-Schoß; gib acht, sie wird dann froh.« -- --
-
-Und Elfis Herzchen pochte in Erwartung, das graue Bündel wanderte aus
-dem Puppenwagen auf den alten Steintisch und berührte die gefalteten
-Hände der Ruhenden. Langsam und verträumt hob Frau Liselotte den
-blonden Kopf und kichernd schlüpfte Klein-Elfi, sich versteckend,
-hinter einen dichten Fliederbusch.
-
-Von dort aus sah sie, daß Mutti gar nicht geweint, vielleicht nur ein
-wenig geschlafen hatte, aber nun lag der Trost doch einmal neben ihr
-und -- -- --
-
- * * * * *
-
-O was hatte Elfi da angerichtet!
-
-Sie sah, wie das Bündel mit stürmischen Küssen bedeckt wurde, wieder
-und immer wieder, und die Mutti rief einen Namen dabei, den Elfi nicht
-verstand; was sie aber wohl verstand, war, daß Mutti _nun_ weinte, --
-weinte, wie Elfi es nie gesehen, herzbrechend und bitterlich. --
-
-Also hatte der Herr vom Eichenborn unrecht gehabt und sehr, sehr bös
-gehandelt, daß er der Mutti solchen Kummer mit dem greulichen Bündel
-verursachte, und Elfi war sofort entschlossen, es ihm zu sagen, gleich
-jetzt -- sofort.
-
-Die flinken Beinchen legten den kurzen Weg unglaublich rasch zurück und
-Bertold von Eik war sehr erstaunt, seine kleine, neue Freundin sobald
-schon wieder zu sehen. Der Plaudermund Elfis strömte über von raschen,
-zornigen Vorwürfen und sie verhehlte ihm gar nichts von dem jähen Leid,
-das über Mutti beim Anblick des grauen Bündels gekommen war.
-
-Noch viel zorniger aber wurde ihr Herzchen, als sie den großen Herrn
-lachen sah, ganz strahlend und herzlich lachen, und sie wehrte sich mit
-Händen und Fäustchen, als er sie stürmisch lieb haben wollte, und fing
-nun selbst an, kläglich zu weinen.
-
-Da wurde er ernst und redete gute, liebe Worte und sie legte
-vertrauensvoll ihre kleine Rechte in die seine und er ließ sich von ihr
-leiten bis ins Windemuthhaus.
-
-Dort ließ sie aber die große Hand nicht los, sondern gemeinsam
-schritten die beiden durch das Portal des Windemuthhauses und hinaus in
-den Garten.
-
-Erst vor der Geisblattlaube löste sich Elfis Händchen aus der Hand des
-Freundes, und sie stieß ihn ein wenig unsanft hinein. »Da!« sagte sie
-nur --
-
- * * * * *
-
-Und der große ernste Herr von Eichenborn mußte seine böse Tat wohl sehr
-bereuen, denn er lag vor Mutti auf den Knien und küßte immer wieder
-ihre beiden Hände und diese Hände legten sich auf seinen Kopf und
-schlangen sich um seinen Hals und Mutti, die gute Mutti, schien ihm
-auch verziehen zu haben, denn sie küßte ihn ja und sah unbeschreiblich
-glückselig aus.
-
-Da umfing Klein-Elfi beide liebe Menschen mit ihren weichen Kinderarmen.
-
- * * * * *
-
-An Tante Adelgundes hundertstem Geburtstag führte Bertold Eik von
-Eichen seine Liselotte heim. -- Eine hundertjährige Bürgerin hatte
-Schwarzhausen seit seiner Begründung noch nicht aufzuweisen gehabt. --
-
-Die Schwarzhausener waren sehr stolz.
-
-Nirgends in der Welt passierten so seltsame Dinge, wie in ihrem
-Städtchen, und es hatte den Anschein, als ob der liebe Gott die
-Schwarzhausener ganz besonders liebte und ehrte.
-
-Denn daß die liebe, gute Liselotte Windemuth, die so viel für die
-Armen der Stadt tat, den Bertold Eik heiratete und damit den einzigen
-schlechten Kerl, den Schwarzhausen aufzuweisen hatte, zur Besserung
-vorbereitete, das wollten sie ihr nie vergessen, ja manchem dämmerte es
-in seinem Pharisäerherzen, daß Herr Bertold Eik von Eichen es doch am
-Ende verdiente, ein Schwarzhausener Bürger zu sein.
-
-Und mehr kann der Leser wohl von Schwarzhausen nicht verlangen.
-
- * * * * *
-
-»Du willst meinem Enkel das Glück bringen?« fragte Eik ~senior~ die
-junge, blonde, schöne Frau.
-
-Es war am Abend ihres Hochzeitstages.
-
-»Ich will ihm die _Heimat_ geben,« antwortete Liselotte schlicht.
-
-Da schloß der alte grimme Eik sie in seine Arme, und er fühlte
-seherisch, daß das heilige Feuer in diesen beiden Menschenkindern wohl
-imstande sein würde, das Gold, welches im Eichenborn verborgen lag, von
-allen Schlacken zu läutern.
-
-Vom Großvater fort schritten Bertold und Liselotte in Tante Adelgundes
-Gemächer.
-
-Und das Geburtstagskind segnete sie und gab ihnen die silberbeschlagene
-Bibel, aus der sie noch eben gelesen: »Und wenn ich mit Menschen- und
-Engelszungen redete und hätte der _Liebe_ nicht, so wäre ich tönendes
-Erz und klingende Schelle -- --«
-
-Denn sie ist die Größeste -- -- --!
-
-Fräulein Adelgunde blickte aus hellen Augen dem schönen Paare nach --
-es schritt Hand in Hand über den Hof des Herrenhauses und dann stand
-es vom hellen Mondlicht beschienen im gegenüberliegenden Turmzimmer,
-dem Brautgemach, von dem man weithin schauen konnte über die geliebten
-Thüringer Berge.
-
-Ein Rauschen ging durch die Edeltannen, wie eine ernste Mahnung, und
-ihr herbes Duften war wie stilles Grüßen in dieser heiligen Nacht.
-
-»_Heimat ist Glück_,« murmelte die Hundertjährige.
-
-
- Ende.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Lange
- Folgen von Gedankenstrichen wurden gekürzt. Die Darstellung der
- Ellipsen wurde vereinheitlicht. Gedankensprünge wurden einheitlich
- dargestellt.
-
- Korrekturen:
-
- S. 64: auf Jungen → auf ihren Jungen
- sah bekümmert auf {ihren} Jungen
-
- S. 65: Eikens → Eichens
- zerstörende Erbteil der Eik von {Eichens}
-
- S. 78: Vater doch → Vater hat doch
- dein Vater {hat} doch auch
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE EIKS VON EICHEN ***
-
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- Die Eiks von Eichen, by Felicitas Rose&mdash;A Project Gutenberg eBook
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-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<p style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of <span lang='de' xml:lang='de'>Die Eiks von Eichen</span>, by Felicitas Rose</p>
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
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-are not located in the United States, you will have to check the laws of the
-country where you are located before using this eBook.
-</div>
-</div>
-
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: <span lang='de' xml:lang='de'>Die Eiks von Eichen</span></p>
-<p style='display:block; margin-left:2em; text-indent:0; margin-top:0; margin-bottom:1em;'><span lang='de' xml:lang='de'>Roman aus einer Kleinstadt</span></p>
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Felicitas Rose</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Release Date: February 15, 2022 [eBook #67409]</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Language: German</p>
- <p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em; text-align:left'>Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</p>
-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>DIE EIKS VON EICHEN</span> ***</div>
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.
-Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich
-am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h1>Die Eiks von Eichen</h1>
-
-<p class="center">Roman aus einer Kleinstadt</p>
-
-<p class="center smaller">von</p>
-
-<p class="h2">Felicitas Rose</p>
-
-<p class="center smaller">Sechsundvierzigstes bis fünfzigstes Tausend</p>
-
-<p class="center smaller p2">Berlin * Leipzig * Wien * Stuttgart</p>
-
-<p class="center">Deutsches Verlagshaus Bong &amp; Co.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center"><em class="antiqua">Alle Rechte vorbehalten</em></p>
-
-<p class="center smaller"><em class="antiqua">Copyright 1910 by Deutsches Verlagshaus Bong &amp; Co.</em></p>
-
-<p class="center smaller p2"><em class="antiqua">Graphia Akt.-Ges. vormals C. Grumbach in Leipzig</em></p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-</div>
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[1]</span></p>
-
-<div class="figcenter" id="illu-003">
- <img src="images/illu-003.jpg" alt="Dekoration" />
-</div>
-</div>
-
-<div class="epigraph">
-
-<p class="center"><em class="gesperrt">Motto</em>:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Dort an der Ecke das alte Haus</div>
- <div class="verse indent0">Wird doch noch stehn?</div>
- <div class="verse indent0">An dem die Leute tagein, tagaus</div>
- <div class="verse indent0">Vorübergehn?</div>
- <div class="verse indent0">&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</div>
- <div class="verse indent0">O heil’ge Heimat, ich grüße dich</div>
- <div class="verse indent0">An jedem Ort&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="right">
-Carmen Sylva.
-</p>
-</div>
-
-<p>Da stand es noch. &ndash; Genau wie einst im Schatten
-der uralten Eichen.</p>
-
-<p>Grau und langgestreckt mit einer langen Reihe
-niedriger Fenster. Und aus dem Giebelfenster schauten
-die steinernen Pferdeköpfe, beide von einem steinernen
-Eichenkranz umschlungen.</p>
-
-<p>Wie ging noch die Sage? Die Sage vom Eichenborn?</p>
-
-<p>Im Jahre 1298 hatte von diesem Fenster aus
-ein Jungfräulein Eik von Eichen nach ihrem Liebsten
-ausgeschaut.</p>
-
-<p>Das war ein Musikant gewesen, »ein fahrender
-Schüler, ein wilder Gesell«, den erst die allmächtige
-Liebe zahm gemacht. Der ergrimmte Vater hatte gesprochen:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_2">[2]</span></p>
-
-<p>»Ebensowenig wie meine Rösser hier oben in deine
-Kemenate steigen, sich unser Wappen umhängen und
-aus dem Fenster hinabschauen ins Tal der wilden
-Gera, ebensowenig sollst du und dein Buhle jemals
-es tun.«</p>
-
-<p>Aber da hatte es plötzlich getrammst und getrappelt,
-und die beiden Rosse waren die gewundenen Treppen
-hinaufgestiegen, umschlungen von einem Eichenkranz.
-Sie hatten sich eng aneinander geschmiegt und schauten
-ins Tal der wilden Gera, darinnen der herzwunde,
-einsame Spielmann seines Weges zog.</p>
-
-<p>Darauf gab es eine fröhliche Hochzeit und &ndash; wenn
-sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.</p>
-
-<p>Es gab kaum einen alten Mann oder eine alte
-Frau in Schwarzhausen, die nicht auf diese Legende
-schworen.</p>
-
-<p>Hinter dem schloßähnlichen Gebäude lag der weite,
-große, grasbestandene Hof, in seiner Mitte standen
-steinerne Bänke um einen Riesentisch, und über diesem
-Platz wölbte ein alter Nußbaum seine Riesenzweige.</p>
-
-<p>O wie duftete ein Blatt von diesem Baum, wenn
-man es in die warme Kinderhand nahm&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Alles kann man vergessen in der raschen, hastenden,
-lockenden Welt da draußen, aber diesen Duft nicht, &ndash;
-niemals&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und auch jenen leisen Klang nicht, so eng verwachsen
-mit der Kinderzeit, &ndash; jenes melancholische<span class="pagenum" id="Seite_3">[3]</span>
-Rieseln und Rauschen des alten Brunnens im Grashof,
-der unter einem knorrigen Fliederstrauch stand.</p>
-
-<p>Hatte man sich müde gespielt, dann setzte man sich
-unter den Nußbaum, oder lief nach dem Fliederstrauch
-und pflückte sich schwere zartlila Dolden. Die kleinen
-Blütchen steckte man ineinander und hing sich dann
-die langen Ketten um den Hals, &ndash; wie stolz sah man
-aus! Nicht nur die Gespielen, &ndash; nein, alle Hühner und
-Enten und der große, kollernde Truthahn und der
-bunte, häßlich schreiende Pfau bewunderten die kleine
-Tochter des Hauses.</p>
-
-<p>Und ab und zu lief man nach dem Brunnen und
-besprengte die lila Fliederdolden &ndash;&nbsp;&ndash; oh &ndash; Nußbaum
-und Fliederstrauch&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Schwer seufzte die junge Frau auf.</p>
-
-<p>»Mutter, sind wir jetzt daheim?« fragte eine klare
-Knabenstimme.</p>
-
-<p>Da konnte sie zum erstenmal wieder weinen.</p>
-
-<p>»Ja, Bertold, wir sind daheim!«</p>
-
-<p>Und sie nahm den Knaben fest an der Hand und
-schritt mit ihm über die Schwelle ihres Vaterhauses.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>In der dämmerigen Diele, in die sie eintraten,
-war es köstlich kühl. Die schwere Eichentür schloß sich
-hinter ihnen und sperrte die sengende Mittagsglut eines
-heißen Julitages ab.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_4">[4]</span></p>
-
-<p>Der von langer Postfahrt ermüdete Junge atmete
-hoch auf. »Hier ist’s schön, Mutter.«</p>
-
-<p>Rings an den Wänden hingen Ölbilder. Ehrbare,
-ernste Gesichter in steifen Ratsherrnkrausen sahen aus
-schwarzen, strengen Augen auf die beiden Ankömmlinge
-nieder.</p>
-
-<p>»Sind das die Onkel und Tanten, zu denen wir
-wollen, Mutter?« fragte der Knabe.</p>
-
-<p>»Nein, Bertold, &ndash; diese hier sind lange tot.«</p>
-
-<p>»Aber Großvater lebt!«</p>
-
-<p>»Ja, mein Junge.«</p>
-
-<p>Es fröstelte plötzlich die junge Frau.</p>
-
-<p>Sie setzte sich auf die schmale Bank, die sich rings
-an der Diele entlang zog, und lehnte den Kopf an die
-Holztäfelung.</p>
-
-<p>Die feinen Nasenflügel bebten und sogen den Duft
-des Heimathauses ein. Thymian und Lavendel.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Spurlos war die Zeit an diesem Hause vorübergegangen
-&ndash;&nbsp;&ndash; alles deutete auf Thymian und Lavendel.</p>
-
-<p>Der kleine Bertold schlief auf der harten Holzbank
-und seine Mutter saß und dachte nach in schwerer
-Beklommenheit.</p>
-
-<p>Sie wußte, daß jetzt niemand kam.</p>
-
-<p>Die Tante hielt ihren Mittagsschlaf, der Vater
-&ndash; war wohl auch, wie früher, zu dieser Stunde in
-seinem Arbeitszimmer, und Herr Eik von Eichen
-<em class="antiqua">junior</em> kam nie in diesen Flügel des ausgedehnten Gebäudes.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[5]</span></p>
-
-<p>Sie sehnte sich plötzlich nach einer Menschenstimme.</p>
-
-<p>Wenn doch der alte Teichmann käme oder seine
-Frau, oder irgendeiner der alten dienstbaren Geister.</p>
-
-<p>Sie wußte, daß auch in ihren Reihen die letzten
-acht Jahre keine Veränderung gebracht hatten.</p>
-
-<p>Nervös strich sie an ihrem Trauergewand herunter.
-Herrgott, wie die Gedanken auf sie einstürmten!</p>
-
-<p>Sie krochen aus den Wänden und aus den Fugen
-der Holztäfelung, sie schwebten wie kleine Spukgeisterchen
-in der Luft und hingen in den Verschnörkelungen der
-Goldrahmen.</p>
-
-<p>»Weißt du noch?« fragten sie wieder und wieder.</p>
-
-<p>Und die junge Frau dachte daran, wie sie vorhin
-scheu aus der Postkutsche gestiegen war, damit der
-Postverwalter sie nicht sehen sollte und auch seine Frau
-nicht, die hinter dem »Spion« saß und strickte.</p>
-
-<p>Sonst würde es ja sofort jeder im Orte wissen&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und wie sie den schwarzen, fadenscheinigen Regenschirm
-aufgespannt und in der brennenden Mittagsglut
-unter seinem Schutze an den Häusern entlang geschlichen
-war.</p>
-
-<p>Nur niemandem begegnen von den Menschen da
-draußen, &ndash; von den guten Freunden, getreuen Nachbarn
-&ndash;&nbsp;&ndash; und desgleichen.</p>
-
-<p>Aber jetzt &ndash; jetzt sehnte sie sich nach einem Willkomm,
-&ndash; nach einem einzigen, kurzen, guten Wort.</p>
-
-<p>»Alle guten Geister loben Gott den Herrn, &ndash;
-da sitzt Fräulein Franziska!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_6">[6]</span></p>
-
-<p>Mit einem Schrei sprang sie auf, man wußte
-nicht, war’s ein Wehlaut oder ein Jubelruf, und der
-alte Mann, der aus einem Seitengang hervorgetreten
-war, setzte sich mit zitternden Knien auf dieselbe Stelle,
-wo sie vorhin geruht, und starrte die Dame an.</p>
-
-<p>Der Knabe war jäh erwacht. Er rieb sich die Augen.</p>
-
-<p>»Bist du der Großvater?« fragte er beherzt.</p>
-
-<p>»Gott soll mich bewahren in meinen alten Jahren.
-Wie sollt’ ich mich vermessen, auch nur zum Schein,
-und dein Großvater sein?«</p>
-
-<p>»Hieronymus!« jubelte die blasse junge Frau, &ndash;
-»alter Hieronymus Teichmann! Du bist’s noch! Gott
-Lob und Dank! Als du vorhin riefst: ›Da sitzt Fräulein
-Franziska‹, gab es mir einen Stich ins Herz. Er
-reimt nicht mehr, mein alter Teichmann &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;
-dachte ich, &ndash; aber nun&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Der alte Diener hatte die runzligen Hände vor
-das Gesicht geschlagen, schwere Tränen quollen zwischen
-den Fingern hervor.</p>
-
-<p>»Herrgott, es war der erste Schreck, den hatt’ ich
-weg,« stammelte er und trocknete sich die Augen.</p>
-
-<p>»Guter, lieber Teichmann!«</p>
-
-<p>Die junge Frau liebkoste seine rauhe Hand, sie
-lachte und weinte in einem Atem. »Teichmann, ich
-bin daheim!«</p>
-
-<p>Der Alte war immer noch fassungslos. Er deutete
-auf den Knaben.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[7]</span></p>
-
-<p>»Ja, Teichmann, das ist mein Junge, &ndash; hab’
-ihn lieb, hörst du?«</p>
-
-<p>Er nickte lebhaft.</p>
-
-<p>»Herrgott, das Fräulein ist wieder da. Gott sei
-gepriesen, halleluja!« murmelte Hieronymus Teichmann.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>An diesem Abende wurden drei Dinge in die
-Annalen der Schwarzhausener Geschichte aufgenommen.</p>
-
-<p>Da waren zum ersten die neuen Gaslaternen angekommen
-und aufgestellt, zum zweiten war Franziska
-Malcroix, geborene Eik von Eichen wieder heimgekehrt,
-nachdem ihr plötzlich verstorbener Mann sie völlig
-mittellos und mit beflecktem Namen zurückgelassen, und
-drittens sollte Fräulein Adelgunde Eik von Eichen so
-etwas wie der Schlag getroffen haben, weil die verlorene
-Tochter des Hauses ihr die acht Jahre lang
-geführten Schlüssel abverlangt und sich wieder an die
-Spitze des Haushaltes gestellt hatte.</p>
-
-<p>Der Provisor der Apotheke hatte unter dem Siegel
-der Verschwiegenheit einigen Honoratioren erzählt, daß
-<em class="antiqua">Dr.</em> Hempel im Hause Eichenborn Schröpfköpfe gesetzt
-habe, wem?, wußte er nicht zu sagen.</p>
-
-<p>Aber mit ungewissen Dingen gaben sich die Schwarzhausener
-ungern ab und wenn auch dem schlechten Kerl,
-dem alten Eiken zuzutrauen war, daß er aus reiner
-Bosheit seinen Familienmitgliedern Schröpfköpfe setzen<span class="pagenum" id="Seite_8">[8]</span>
-ließ, &ndash; so löste der Gedanke an einen Schlaganfall
-Fräulein Adelgundens doch mehr Befriedigung aus in
-den Herzen der lieben Mitmenschen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der nächste Tag war ein Sonntag.</p>
-
-<p>Die Schwarzhausener waren heute alle in der Kirche,
-und der alte Herr Pfarrer Klingenreuter lächelte fein,
-als er die Kanzel bestieg.</p>
-
-<p>Er hatte halb Schwarzhausen getauft, konfirmiert
-und getraut, er kannte seine schwarzen und weißen
-Schäflein als getreuer Hirte. Er sah durch ihre fromm
-emporgerichteten Stirnen in ihre unfrommen Gedanken.
-Und predigte sehr schön und höchst unbequem heute
-vom Splitter im Auge des Nächsten und vom Balken
-im eigenen Auge. Man war nicht befriedigt. Vom
-Hören nicht und auch vom Sehen nicht. Denn der
-Kirchenstuhl der Eik von Eichens blieb leer, und Fräulein
-Adelgunde, die nach dem schweren Schlaganfall eigentlich
-auf dem Schragen liegen sollte, saß am Fenster
-und häkelte ihre bekannte Gardinenspitze, von der Böswillige
-behaupteten, sie ginge schon um das ganze
-Fürstentum herum.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Es ward ein höchst langweiliger Sonntag vom
-Morgen bis zum Abend. Denn man hatte gehofft,
-wenigstens an einem der Fenster des »Eichenhauses«,
-wie es kurzweg genannt wurde, einen Schatten von
-Franziska Malcroix oder ihrem Sprößling zu sehen,
-und vom Mittagessen an pilgerte ganz Schwarzhausen
-dort vorbei, &ndash; vergebens. Nur der alte Teichmann,<span class="pagenum" id="Seite_9">[9]</span>
-der so unverständig war, nie einen Ton über seine
-Herrschaft zu sagen, der er seit fünfzig Jahren diente,
-&ndash; ihn nur erspähte man. Er saß auf seinem bekannten
-Platz, auf einer der steinernen Bänke im Grashof, hatte
-sich das stadtbekannte Luftkissen untergeschoben, welches
-seit zehn Jahren schadhaft war und von der guten
-Frau Teichmann unentwegt aufgeblasen wurde. Man
-fürchtete sich etwas vor Hieronymus Teichmann, denn
-man begriff immer noch nicht seine wunderliche Art
-zu reden, trotzdem er schon als zehnjähriges Kind derselbe
-Reimschmied gewesen war. Ja, die verstorbene
-Hebamme von Schwarzhausen behauptete unter ihrem
-Eide, er sei »mit’n Versch« auf die Welt gekommen.</p>
-
-<p>Was sie damit sagen wollte, verstand niemand,
-aber unheimlich war’s.</p>
-
-<p>Nur Fräulein von Bebeleben, eine der zwanzig
-Stiftsdamen des adligen Klosters Schwarzhausen, fürchtete
-sich nicht vor ihm und überhaupt vor keinem
-Menschen und keinem&nbsp;†††.</p>
-
-<p>Deshalb stelzte sie mit großen Schritten in den
-Grashof, und nun stand sie vor dem ungeheuer pfiffig
-Dreinschauenden.</p>
-
-<p>»Warum waren Sie heute nicht in der Kirche,
-Teichmann? Es könnte Ihnen doch wahrhaftig nichts
-schaden, sich mit unserm Herrgott ein bißchen auf du
-und du zu stellen.«</p>
-
-<p>Die Antwort war unbefriedigend.</p>
-
-<p>»Bei allem Respekt vor der Heiligkeit,« meinte<span class="pagenum" id="Seite_10">[10]</span>
-Teichmann bedächtig, »ich hatte dazu heut keine Zeit,
-und wo soviel Schafe im christlichen Stall, kann so’n
-alter Hammel wohl fehlen mal, der liebe Gott ist ’n
-braver Mann, aber ich schau’ ihn ganz gern von ferne an.«</p>
-
-<p>»Ketzer!« rief die Stiftsdame entsetzt und wendete
-ihm den Rücken. Da lachte der alte Teichmann wieder
-sein feines, pfiffiges Lachen und nahm sein geliebtes
-Buch vor seine große Hornbrille, das Buch, das er
-Sonntags kaum aus den Händen legte, &ndash; das Neue
-Testament.</p>
-
-<p>Aber die Frau Postverwalterin Nehring war heute
-die Heldin des Tages.</p>
-
-<p>Sie hatte ja die schwarzgekleidete Fremde, welche
-mit der Post ankam, gesehen und &ndash; erkannt.</p>
-
-<p>»Blaß, &ndash; liebe Damen, war sie und verweint.«
-So lautete später ihr Bericht. »Weiß wie mein Tischtuch,
-wenn ich’s Sonntags auflege, und der Schirm
-zerlöchert; und das Kleid, &ndash; höchstens eine Mark
-fünfzig Pfennig das Meter bei Dingelmann und Sohn.
-Und der kleine Junge machte ’ne närr’sche ›Fichur‹,
-&ndash; ich weiß nicht, hat er ’n Buckel, oder war’s ’n
-Rucksack.«</p>
-
-<p>Die Schwarzhausener beschlossen, daß es ein Buckel
-gewesen sei.</p>
-
-<p>Acht Tage später waren schon in aller Morgenfrühe
-die Fenster samt den Spionen in Schwarzhausen besetzt,
-und junge und alte Leute drückten sich die Nasen platt,
-&ndash; Franziska Malcroix brachte ihren Sohn zur Schule.<span class="pagenum" id="Seite_11">[11]</span>
-Und vor dem Schulhause nahm sie das schöne Köpfchen
-in beide Hände und küßte ihn auf die Augen. Dann
-ging sie heim.</p>
-
-<p>»Na, nun werden wir doch endlich was zu wissen
-kriegen.«</p>
-
-<p>»Wundern kann’s einen doch, daß der reiche Eik
-von Eichen dem Enkel keinen Hauslehrer hält.«</p>
-
-<p>»Wenigstens bis zum richtigen Gymnasium.«</p>
-
-<p>»Man kann gespannt sein, was es für ein
-Früchtchen ist.«</p>
-
-<p>»Nun, auf den Kopf gefallen sind ja die Eik’s
-nicht.«</p>
-
-<p>»Die Franziska schon mal gar nicht.«</p>
-
-<p>»Und der Lump, der Malcroix, auch nicht, sonst
-wäre er nicht mit der reichsten Schwarzhausener durchgegangen.«</p>
-
-<p>»Du lieber Gott, man freut sich ja wahrhaftig,
-wenn die Vaterstadt sich durch Zuwachs vergrößert,
-ob aber der Buckolorum uns Ehre unters Dach trägt
-&ndash; der Enkel von so einem &ndash; und der Sohn von so
-einem&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Nun, jedenfalls schärfte man den Kindern der
-Schule ein, heute tüchtig aufzupassen und gleich, aber
-auch gleich nach Schulschluß heimzuspringen, ohne erst
-vorher Stinnerte zu spielen.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-<div class="chapter">
-<p>Bertold Malcroix stand mit sehr unbehaglichen
-Gefühlen in der Schulstube und wartete mit zwanzig<span class="pagenum" id="Seite_12">[12]</span>
-andern Kindern, Knaben und Mädchen, auf den Herrn
-Rektor.</p>
-</div>
-
-<p>Es war eine Vorschule, die er bis zum zehnten
-oder elften Jahre besuchen sollte, je nachdem er für
-reif erklärt wurde, ins Gymnasium nach E. zu kommen.
-Auch Mädchen waren in der Klasse, die entweder beim
-Herrn Rektor bis zu ihrem vierzehnten Jahre »weitergingen«
-und dann in einen Dienst traten, oder &ndash; eine
-Gouvernante bekamen. Die Rektorschule erfreute sich
-eines großen Zuspruches und ungeteilter Beliebtheit
-nicht nur im Orte, sondern auch in der Umgegend.</p>
-
-<p>Denn, was der Herr Rektor lehrte, das saß fest.</p>
-
-<p>Ja selbst die ganz Vernagelten profitierten noch
-etwas von ihm, ehe sie abgingen; den dummen Buben
-gab er den ehrlichen Rat, nie zu heiraten, damit diese
-Rasse ausstürbe, und den »törichten Jungfrauen« schenkte
-er wenigstens »Kochrezepte«.</p>
-
-<p>Zu jedem einzelnen dieser Unbegabten aber meinte
-er gütig:</p>
-
-<p>»Du Brät! Sag’s nur kei’ Menschen, wie dei Lehrer
-geheißen hat.«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Rektor Dillen war eigentlich kein Rektor, er hatte
-nur das zweite Examen bestanden, aber zu seinem
-50. Geburtstage beschloß man in Schwarzhausen, ihn
-zu ehren, indem man ihn von diesem Tage an »Rektor«
-nannte. Ihm selbst bekam die Standeserhöhung verhältnismäßig
-gut, aber seine zarte, kleine, bescheidene
-Frau, die sogar vor der Köchin des Herrn Bürgermeisters<span class="pagenum" id="Seite_13">[13]</span>
-einen tiefen Knicks hinsetzte, war dem nicht mehr gewachsen,
-und sie flüchtete sich aus dieser Welt der Titulaturen.</p>
-
-<p>Das war nun fünf Jahre her, und seitdem führte
-»Fräulein Rektor«, seine alte Schwester, ihm die
-Wirtschaft.</p>
-
-<p>Sie pflegte zu sagen: »Ich habe bei Präsidents
-und bei Rats und bei Majören gedient, &ndash; nu werd’
-ich wohl genug Benehmigung for’n Rektor Dillen,
-meinen Herrn Bruder, haben.«</p>
-
-<p>Doch auch der Name des Rektors war falsch, er
-hieß eigentlich »Tüllen«. Aber mit so unerhörten sprachlichen
-Anstrengungen befaßt sich der echte »Dhiringer«
-nicht, und der Mann selbst stellte sich vor: »Mei Name
-is Dillen.«</p>
-
-<p>Und als diesen Biederen einmal ein junger Kreisschulinspektor
-anschrie: »Herr, wenn Sie Tüllen heißen,
-warum nennen Sie sich nicht so?«, da antwortete er:
-»Es glingt so ibermit’ch, &ndash;&nbsp;&ndash; wenn ich ämol Gultusminister
-bin, &ndash; dann!«</p>
-
-<p>Und zu ihm kam Bertold Malcroix, d. h. vorläufig
-noch nicht, denn es war erst acht Uhr und Rektor
-Dillen hatte die Angewohnheit, das akademische Viertel
-innezuhalten, das einzige Zugeständnis, das er einer
-glorreichen Vergangenheit machte, &ndash; er hatte einst
-Theologie studieren sollen. &ndash; An seinem fünfzehnten
-Geburtstage war ihm diese schwindelnde Aussicht eröffnet
-worden, die sich dann auch als Schwindel erwies.<span class="pagenum" id="Seite_14">[14]</span>
-Denn er bekam nach und nach vierzehn Geschwister, und
-die fraßen ihm mit ihren hungrigen Mäulern die
-Zukunftshoffnungen auf, wenigstens knabberten sie so
-lange an der »Kanzel« herum, bis nur ein schlichtes
-»Katheder« übrig blieb.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Vor diesem Katheder wartete Bertold Malcroix,
-bis es ein Viertel nach acht sein würde, sämtliche Mitschüler
-und Mitschülerinnen standen um ihn herum,
-aber sie redeten ihn nicht an, sie kicherten nur, schubsten
-ihn ein wenig oder traten ihm auf die Füße, es mußte
-irgend etwas Ehrenrühriges darin liegen, ein »Neuer«
-zu sein.</p>
-
-<p>Aber fünf Minuten vor ein Viertel auf neun flog
-ein kleines Mädchen zur Tür herein, bahnte sich mit
-zwei rührigen Ellbogen durch die Kinderschar eine Gasse
-und stand nun vor Bertold, den sie von allen Seiten
-mit prüfenden Blicken musterte.</p>
-
-<p>»Du hast ja gar keinen Buckel!« rief sie dann.
-Das war ihre Begrüßung. Bertold lachte.</p>
-
-<p>Es war ein herzliches, sonniges, frohes Kinderlachen,
-so recht aus dem Innersten heraus, wie man
-es sonst nur bei ganz jungen Dreijährigen hört, und
-das Gesicht des kleinen Mädchens erstrahlte bei diesem
-Lachen, sie nahm den Jungen gleich fest bei der Hand.</p>
-
-<p>»Warum sollte ich denn einen Buckel haben?«
-Und wieder lachte Bertold. Diesmal war’s ein Duett
-mit dem Mädel.</p>
-
-<p>»Sie sagten’s alle, &ndash; aber es ist gut, daß du<span class="pagenum" id="Seite_15">[15]</span>
-keinen hast, denn sonst hätte ich sanft mit dir sein
-müssen, meinte Trine.«</p>
-
-<p>»Wer ist Trine?«</p>
-
-<p>»Trine ist &ndash; Trine.«</p>
-
-<p>»Wie heißt du denn?«</p>
-
-<p>»Liselotte Windemuth. Aber halt jetzt nur den
-Mund, da ist der Herr Rektor.«</p>
-
-<p>Rektor Dillen sah erst den kleinen Ankömmling gar
-nicht, so groß und schlank das Bürschchen auch war.</p>
-
-<p>Oder <em class="gesperrt">wollte</em> er ihn nicht sehen?</p>
-
-<p>Wurde die Erinnerung zu mächtig in ihm, die Erinnerung
-an die Mutter dieses Knaben, die mit so
-sonnigen Augen in diese düstere Welt und insbesondere
-in die düstere Welt der Eichenborns geschaut hatte,
-und die seine Lieblingsschülerin gewesen war?</p>
-
-<p>Neunzehn Zeigefinger fuhren in die Höhe, der
-zwanzigste lag still geborgen in der Hand des einundzwanzigsten
-Schülers.</p>
-
-<p>Bertold hielt Liselottes Händchen fest umklammert.</p>
-
-<p>»’s is ein Neuer da! Herr Rektor.«</p>
-
-<p>»Ruhig, liebe Kinder! Wir wollen erst unser
-Morgenlied singen.«</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Unsern Eingang segne Gott,</div>
- <div class="verse indent0">Unsern Ausgang gleichermaßen,</div>
- <div class="verse indent0">Segne unser täglich Brot,</div>
- <div class="verse indent0">Segne unser Tun und Lassen,</div>
- <div class="verse indent0">Segne uns in sel’gem Sterben,</div>
- <div class="verse indent0">Und mach’ uns zu Himmelserben.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-<p><span class="pagenum" id="Seite_16">[16]</span></p>
-<p>Schon bei dem ersten Vers, lange ehe die Strophe
-zu Ende ging, hatte der Lehrer die Geige sinken lassen,
-&ndash; denn eine helle, glockenreine Knabenstimme führte
-den Chor fest und sicher bis zu Ende.</p>
-
-<p>»Tausend Wetter, mein lieber Junge,« rief Rektor
-Dillen in ehrlicher Begeisterung, aber dann mußte er
-sich umständlich die Nase schneuzen, weil die Bewegung
-ihn übermannte. Zwei wunderschöne tiefe Kinderaugen
-schauten ihn an, wie früher die stahlblauen Augen der
-Franziska, und dieselbe klare Kinderstimme, die einst
-das Schulstübchen mit Wohllaut erfüllte, rief ihm zu:
-»Ich soll Sie von der Mutter grüßen, und sie würde
-ihren verehrten Lehrer bald aufsuchen.«</p>
-
-<p>»Schön, schön, mein Junge.« Wieder schluckte er
-heftig. »Und nun sage mir noch, wie du heißt und
-wie alt du bist.«</p>
-
-<p>»Ich bin neun Jahre alt, und ich heiße: Bertold
-Eik von Eichen.«</p>
-
-<p>Es ging ein Summen und Tuscheln durch die
-Kinderschar.</p>
-
-<p>»Is ja gar nich wahr.«</p>
-
-<p>»Malcroix, &ndash; Malcroix&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Wie</em> heißt du, Kleiner? Besinne dich einmal!«</p>
-
-<p>»Bertold Eik von Eichen. Großvater hat es gesagt,
-ich sollte so antworten.«</p>
-
-<p>»Ahhh! So so &ndash; gut und schön! Setz’ dich! Oder
-nein, lies mir gleich einmal ein Stückchen aus dem
-Kinderfreund. Seite einhundertachtundsechzig oben, damit<span class="pagenum" id="Seite_17">[17]</span>
-ich sehe, was du kannst. Liselotte Windemuth, ich
-glaube gar, du willst schon frühstücken, das ist sehr
-ungehörig.«</p>
-
-<p>Liselotte wurde rot, aber es achtete niemand darauf,
-denn der neue Bertold las ganz unerhört schön und
-gänzlich fehlerfrei das schwierige Lesestück.</p>
-
-<p>»Das war ja sehr gut, Bertold.« Die guten Augen
-des Lehrers strahlten. »Ich sehe schon, du bist der
-echte Sohn meiner braven Schülerin Franziska.«</p>
-
-<p>Sei es nun, daß seine Stimme bei diesen Worten
-bebte, oder war es sonst etwas, &ndash; Bertold Eik warf
-plötzlich beide Arme auf den Tisch, legte sein Gesicht
-darauf und fing an bitterlich zu weinen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Liselotte Windemuth saß verstört neben ihm, &ndash;
-&ndash; die anderen waren je nach Veranlagung frech oder
-verlegen, beinahe aber alle stellten innerlich fest, daß
-es noch nie so »fein« in der Schule gewesen sei, &ndash;
-Mütter und Tanten würden Augen und Ohren aufsperren,
-was sie heute erführen.</p>
-
-<p>Und Rektor Dillen stellte bei sich fest, daß die
-erste Stunde recht unruhig verlaufen sei und die Kinder
-wenig in ihr gelernt hätten, &ndash; nur ihm selbst hatte
-sie einen Gewinst gebracht.</p>
-
-<p>Durch schöne, reine Kinderaugen hatte er in ein
-schönes, reines Kinderherz geschaut, ein Erlebnis, das
-einem Lehrer wohl einen ganzen Tag verklären konnte.</p>
-
-<p>Er beschloß, die Pause heute etwas zu verlängern,
-um den Kindern Gelegenheit zu geben, ihre Neugierde<span class="pagenum" id="Seite_18">[18]</span>
-zu befriedigen und sich zu sammeln. Und den arg
-verweinten Kinderaugen wollte er erlauben, sich zu
-waschen und zu kühlen, damit sie wieder hell würden
-für den Rest des Tages.</p>
-
-<p>Rektor Dillen war ein erfahrener Lehrer, der ja
-auch in den dreißig Jahren seiner pädagogischen Tätigkeit
-viel hatte strafen müssen, aber Kindertränen waren
-seinem liebevollen Herzen immer etwas Heiliges gewesen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Kaum hatte das kleine, heisere Schulglöckchen, von
-Fräulein Rektor in Bewegung gesetzt, den Stundenschluß
-verkündigt, so wandte sich der Rektor gleich an Bertold.</p>
-
-<p>»Du kannst in das Grasgärtchen gehen, mein Sohn,
-und die Liselotte wird dich begleiten, wenn du sie
-bittest.«</p>
-
-<p>»Er braucht nicht zu bitten,« rief Liselotte rasch,
-»und ich hatte mir gerade dasselbe ausgedacht, während
-er das lange Lesestück vorlas. Komm, Bertold.«</p>
-
-<p>Ihre schlanken Beinchen liefen sehr schnell, Bertold
-konnte kaum folgen, und dann saßen sie einträchtig auf
-dem kleinen Holzbänkchen in der Geißblattlaube.</p>
-
-<p>»Warum hast du geweint, Bertold?« fragte die
-Kleine energisch.</p>
-
-<p>»Ich weiß es nicht.« Seine Augen wurden schon
-wieder verdächtig blank.</p>
-
-<p>»O, dann ist es sehr dumm. Man weint doch
-nicht, wenn man’s nicht weiß. Man hat schon genug<span class="pagenum" id="Seite_19">[19]</span>
-zu weinen bei Ungerechtigkeiten und Leibweh. Willst
-du jetzt wieder heulen, oder kann ich dich viel fragen?«</p>
-
-<p>»Frag’ mich nur.«</p>
-
-<p>»Ich möchte wissen, ob wir sehr gut zusammen
-passen. Sieh mal, du bist schon neun und ich erst sieben,
-das paßt doch schon nicht. Aber sag’ mal, bist du auch
-altklug, Bertold?«</p>
-
-<p>»Das weiß ich nicht, &ndash; bist du es denn?«</p>
-
-<p>»Freilich, &ndash; sie sagen’s alle in Schwarzhausen.
-Es tut nicht weh, aber es ist nichts Schönes.«</p>
-
-<p>»Nun dann sei es doch nicht.«</p>
-
-<p>»Phh! Als ob das so ginge. Das ist so was
-Festgewachsenes, wie Haare und Augen.«</p>
-
-<p>»Das glaube ich nicht.«</p>
-
-<p>»Dann laß es bleiben.«</p>
-
-<p>Eine Pause entstand.</p>
-
-<p>»Schade wär’s, wenn wir gar nicht paßten,« meinte
-die Kleine endlich nachdenklich. &ndash; »Und dann habe ich
-auch absolutes Tonbewußtsein!«</p>
-
-<p>»Was ist denn <em class="gesperrt">das</em>?« rief Bertold in ungemessenem
-Erstaunen.</p>
-
-<p>»Junge, du weißt aber auch rein nichts. &ndash; Das
-ist so: Wenn ich a singe, denn ist es auch a.«</p>
-
-<p>»So? Und wenn du nun b, c, d, e, f, g, h, i,
-k, l, m, n, o, p singst?«</p>
-
-<p>Da lachten sie beide und es klang wie zwei Glocken,
-eine hohe und eine tiefe, und der alte Rektor, der in
-einiger Entfernung an der Geißblattlaube vorbeiging,<span class="pagenum" id="Seite_20">[20]</span>
-meinte, sie läuteten gewiß eine schöne, frohe Lehrstunde
-ein.</p>
-
-<p>»Sag’ mal, Liselotte,« fragte jetzt Bertold, »warum
-meintet ihr denn alle, ich hätte einen Buckel?«</p>
-
-<p>»Ach so! &ndash; Na ja, du hattest so ’ne Erhöhung
-auf dem Rücken, sagte die Frau Postverwalter, wie
-du aus der Postkutsche stiegst.«</p>
-
-<p>»I, seid ihr komische Menschen! Das war meine
-Geige!«</p>
-
-<p>»Eine Geige? Eine ganz wirkliche Geige? Und
-du kannst richtig spielen? Ist es eine kleine Kindergeige?
-Darf ich mal drauf probieren?«</p>
-
-<p>»Oho, das ist nicht so einfach. Meine Geige ist
-außerdem eine echte Amati.«</p>
-
-<p>»Was ist denn das?«</p>
-
-<p>»Oho, nun fragst du auch, und ich könnte dir
-sagen: du weißt aber auch gar nichts. Amati und
-Stradivarius, das waren die zwei berühmtesten Geigenbauer.«</p>
-
-<p>»Ach so, dann will ich Väterchen bitten, daß er
-mir Stra&ndash;ti&ndash;«</p>
-
-<p>»Stradivarius&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ja, &ndash; so ein Stratifarius kauft.«</p>
-
-<p>»O du Dummerchen! Weißt du denn, wo man
-ihn so schnell kriegt? Meine Amati hat Vater in Nürnberg
-gefunden, auf einer Bodenkammer, in einer alten
-Truhe von einem alten Fräulein, die gar nicht wußte,<span class="pagenum" id="Seite_21">[21]</span>
-wer sie da mal reingelegt hatte, und dann machte Vater
-sie zurecht, und nun soll sie fünfzigtausend Mark kosten.«</p>
-
-<p>»So!!« Liselotte sah sehr nachdenklich aus. »Ich
-habe nur achtunddreißig Pfennige. Von Herrn Organisten
-Brennstoff. Das ist ein guter, lieber Mann.
-Immer, wenn er mich sieht, sagt er: Sing mal a,
-dann tu’ ich’s und dann zieht er die Stimmgabel raus
-und probiert und dann ruft er: Heil’ge Cäcilie, es
-stimmt! Du bist doch ä Luderchen. Und dann schenkt
-er mir einen Pfennig.«</p>
-
-<p>»Achtunddreißigmal!« rief Bertold, »das muß sehr
-lustig für dich sein. Aber eine Stradivarius kriegst du
-nicht dafür.«</p>
-
-<p>»Das ist einerlei, &ndash; ich habe ja auch noch ’ne
-Akkordzither.«</p>
-
-<p>Herr Rektor Dillen zog jetzt die beiden aus ihrem
-Plauderwinkel.</p>
-
-<p>»Kinder, Kinder, ’s is die hechste Zeit, &ndash; schreiben
-missen mer.«</p>
-
-<p>Das war eine weitere Eigentümlichkeit des Herrn
-Rektors, &ndash; er sprach in der Aufregung, im Zorn
-und in der Begeisterung immer arg thüringisch, aber
-sobald er in Ruhe war, redete er ein völlig einwandfreies
-Hochdeutsch.</p>
-
-<p>Und sie schrieben eine ganze Stunde lang Sprichwörter,
-und wieder mußte Rektor Dillen den Neuen
-loben, der eine geradezu vorbildliche Handschrift hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_22">[22]</span></p>
-
-<p>»Aber ich kann nicht dahinter kommen, was du
-mit <em class="gesperrt">diesem</em> Sprichwort gemeint hast, Bertold&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Und der Lehrer las aus des Knaben Heft vor:
-»Wer achtunddreißigmal a sagt, muß auch b sagen.«</p>
-
-<p>Da lachte die ganze Klasse schallend, Bertold und
-Liselotte lachten auch ihr schönes, klingendes Glöckchenduett,
-und Rektor Dillen legte dem Knaben die alte
-runzlige Hand auf den dunkeln Lockenkopf und sagte
-leise: »Lache nur zu, mein Junge, &ndash; die im Eichenhause
-können Sonne brauchen.«</p>
-
-<p>Dann war der Unterricht beendet.</p>
-
-<p>Man konnte von diesem Tage an von Schwarzhausen
-das Bild gebrauchen: »Sturm im Wasserglase«.</p>
-
-<p>Früher hatte es der alte gallige Herr Eik von Eichen
-öfter einen stehenden Teich genannt, &ndash; Teich mit
-Entengrün.</p>
-
-<p>Es hatte ihm immer ungeheuern Spaß gemacht,
-ab und zu ein Steinchen hereinzuwerfen in die grünüberzogene
-Stille, aber der Stein, den sein eigenes,
-vergöttertes Kind durch kopflose Heirat und heimliches
-Durchbrennen in den Teich warf, war zu schwer und
-wuchtig gewesen. Der hatte einen brodelnden Morast
-aufgewühlt, dessen übelriechende Dünste dem alten Vater
-das Leben, mindestens aber die letzten zehn Jahre vergiftet
-hatten.</p>
-
-<p>Jetzt war das Wasser heller und reinlicher geworden,
-aber es stürmte, brauste und zischte, wie eitel
-Kohlensäure.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_23">[23]</span></p>
-
-<p>Also der Name Malcroix sollte einfach abgetan
-werden?</p>
-
-<p>Und der Knabe war etwas ganz Besonderes? Der
-die ganze Stunde hindurch über den Schellenkönig gelobt
-wurde und in den Pausen in Herrn Rektors
-Grasgärtchen sitzen durfte, damit nur ja kein Schwarzhausener
-Kind ihn necke und hänsele?</p>
-
-<p>Man erwog ernstlich, ob der Rektor nicht etwa
-zu alt und kindisch würde und durch eine strammere
-Kraft ersetzt werden müsse.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Franziska aber zog ihren Jungen mit einem Jubelruf
-in die Arme, sie war nur vier Stunden von ihm
-getrennt gewesen, aber ihr hatten es Tage gedünkt,
-und Bertold schmiegte sich innig an die Mutter und
-plauderte von seinen neuen Eindrücken und Erlebnissen.</p>
-
-<p>Nur die Tränen des plötzlichen Heimwehs verschwieg
-er ihr, vielleicht, weil sie zu rasch getrocknet
-waren durch Liselottes Plaudereien. Immer wieder
-kam der Name des kleinen Geschöpfes in Bertolds Erzählungen
-vor: »Da sagte Liselotte, &ndash; da meinte
-Liselotte, &ndash; und da lachte Liselotte, &ndash; und ich soll
-sie besuchen. Und denk dir, Mutter, sie ist altklug und
-hat absolutes Tonbewußtsein und eine Akkordzither,
-und sie hat noch nie gewußt, was ’ne Amati ist.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Durch Frau Franziskas Herz war während dieser
-Erzählungen ihres Jungen etwas gehuscht, über das sie
-sich selbst ausschalt.</p>
-
-<p>Wäre es möglich, daß sie Eifersucht empfand?</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_24">[24]</span></p>
-
-<p>Aber sie war bis heute so ausschließlich das A
-und O ihres Jungen gewesen, bisher hatte er nach
-jedem Schultag so aus Herzensgrund gerufen: »Gottlob,
-Mutter, daß ich wieder bei dir bin!« Deshalb erblaßte
-sie heute leicht, als dies Jubelwort fehlte und
-Bertold statt dessen sagte: »Und nachher will ich
-Liselotte besuchen.«</p>
-
-<p>Herr von Eichen <em class="antiqua">senior</em> kam ihr zu Hilfe. Er hatte
-dem Plaudern des Knaben mit ganz merkwürdigem
-Gesichtsausdruck zugehört.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Daraus wird nichts,« erklärte er finster. »Die
-Schule bringt Unruhe genug. Das fehlte noch gerade,
-daß mir hier kreischende, polternde, unzurechnungsfähige
-Sprößlinge fremder Leute ins Haus kämen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Da bin ich,« sagte in diesem Augenblicke eine frohe
-Kinderstimme und ein warmes, kleines Händchen schob
-sich vertrauensvoll in die behaarte große Rechte des
-Scheltenden. »Ihr habt gewiß schon gewartet, aber
-ich konnte wirklich nicht eher, immer muß ich von dem
-Bertold erzählen, die Leute sind schrecklich neugierig.
-Und kein Mensch wollte es glauben, daß ich zu dir
-dürfte, denk bloß&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Und Liselotte Windemuth lachte silberhell und lehnte
-ihr weiches Körperchen an den grimmigen alten Herrn,
-so daß ihre blonden langen Locken über seinen grauen
-Flaus fielen.</p>
-
-<p>Niemand von der Tafelrunde, die um den Familientisch
-der Eik von Eichens saß, sprach ein Wort. Aber von<span class="pagenum" id="Seite_25">[25]</span>
-dem einen Ende des Tisches kam ein häßliches,
-meckerndes, hölzernes Lachen, und dies Lachen berührte
-um so verwunderlicher, als es aus dem Munde des
-»schönen Eiks« kam. So nannte man Eik von Eichen
-<em class="antiqua">junior</em>, den Pflegesohn und Haupterben der Eichenschen
-Besitztümer, den vorbildlichen Prachtmenschen, den
-korrekten, fleißigen, wohltätigen Handels-, Fabriks- und
-Gutsherrn, den »Heiligen von Schwarzhausen«.</p>
-
-<p>Liselotte warf einen etwas scheuen Blick auf ihn,
-dann drückte sie rasch die Hand des stummen, alten
-Herrn und küßte sie, wie sie es von ihrem Vater
-gewohnt war, darauf wandte sie sich an den
-Jungen:</p>
-
-<p>»Komm, Bertold, &ndash; komm rasch und zeige mir
-deine Geige,« rief sie, anscheinend höchst froh, aus
-der stummen Gesellschaft fortzukommen. »O, ich kann’s
-ja gar nicht erwarten, die Amati zu sehen, und Herrn
-Organist Brennstoff habe ich auch schon davon erzählt,
-der freut sich halbtot. Stunden will er dir geben, hat
-er gesagt, und etwas Großes aus dir machen, und er
-rief immer: Heilige Cäcilie, habe Dank!«</p>
-
-<p>Das Kind verstummte, denn der alte Herr
-von Eichen hatte sich langsam aufgerichtet und sein
-verändertes Gesicht war furchtbar anzusehen. Die Adern
-lagen wie große, blaurote Schwielen auf der breiten
-Stirn und die grauen, düsteren Augen schossen Blitze.
-Schwer fiel seine Faust auf den Tisch, daß das Kaffeegeschirr
-tanzte und klirrte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_26">[26]</span></p>
-
-<p>»Die Geige« &ndash; keuchte er und faßte das Handgelenk
-seiner Tochter, die blaß und schreckensbang zu
-ihm aufschaute. »Du hast es gewagt, Franziska, sie
-mitzubringen?«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und nun folgte ein Jähzornsausbruch, so gewaltig,
-so wuchtig und tobend, daß die jahrhundertealten Wände
-zu beben schienen. »Hinaus!« schrie er mit einer
-Stimme, die nichts Menschliches an sich hatte, und
-Frau Franziska nahm mit zitternden Händen die beiden
-Kinder und flüchtete mit ihnen auf die große Diele.
-Von hier aus lief sie, wie gejagt, in ihr eigenes
-Zimmer, während Bertold und Liselotte sich erschreckt
-ansahen.</p>
-
-<p>Liselotte strich sich die wirren Locken hinter die
-Ohren.</p>
-
-<p>»Na so was!« meinte sie empört. »<em class="gesperrt">Das</em> erzähle
-ich aber zu Hause, &ndash; das ist ja ffffurchtbar nett, daß
-ich nun auch den schlechten Kerl mal gesehen habe.«</p>
-
-<p>»Meinen Großvater,« stammelte Bertold, blaß bis
-in die Lippen.</p>
-
-<p>»I wo, den mein’ ich ja gar nicht. Ich mein’
-natürlich deinen Onkel, der so gräßlich lacht und
-grinst.«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sie streichelte liebevoll den verstörten Kameraden.
-»Fürchte dich nur nicht, Bertold, ich beschütz’ dich schon.
-Weißt du, ich hab’s furchtbar gern, wenn einer so
-losballert wie dein Großvater, mein Väterchen tut<span class="pagenum" id="Seite_27">[27]</span>
-auch so, wenn die Base ihm Papiere verkramt, &ndash;
-komm, Bertold, komm zur Amati.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-<hr class="tb" />
-<hr class="tb" />
-
-<div class="chapter">
-<p>Am andern Tage ging es in der Schule weit lebhafter
-zu als am ersten.</p>
-</div>
-
-<p>Denn in den letzten zwölf Stunden des vergangenen
-Tages und der vergangenen Nacht hatte
-man in Schwarzhausen so viel Neues erfahren, wie
-sonst nicht in Wochen, und in jeder Familie, die
-schulpflichtige Kinder besaß, ermahnte man die Kinder,
-den Bertold Malcroix ein bißchen auszuhorchen
-und vor allen Dingen es nicht zu leiden, daß er
-während der Pausen sich mit Liselotte Windemuth
-verkrümele.</p>
-
-<p>Rektor Dillen war beim alten Herrn Eik von Eichen
-gewesen, das wußte man auch, und er hatte dort verbrieft
-und versiegelt vorgefunden, daß der Bertold wirklich
-Eik von Eichen hieß und daß der durch leichtsinnige
-und schlechte Streiche des verstorbenen Malcroix besudelte
-Name durchaus verschwinden solle. Das heißt,
-wenn dies Frau Fama, das geschwätzigste aller Weiber,
-das in Schwarzhausen Ehrendienstwohnung besaß, zuließ.
-Vorläufig nannte man den Bertold <em class="gesperrt">erst recht</em> Malcroix,
-und es war ein fortgesetzter Ärger von den Schwarzhausenern,
-daß der hergelaufene Junge nicht auf ihn
-hörte, sondern den Rufenden höchstens mit ernsten, stillen<span class="pagenum" id="Seite_28">[28]</span>
-Augen ansah, &ndash; mit höchst unbequemen Augen, vor
-denen man sich beinahe schämte.</p>
-
-<p>Ja, einer schämte sich so gründlich, daß er ein
-guter, zuverlässiger Freund von Bertold wurde, trotzdem
-er wenige Minuten vor diesem Schamprozeß recht
-hämisch quer über die Straße gerufen hatte: »Komm
-einmal her, kleiner Malcroix!«</p>
-
-<p>Dieser Mann, dem dann der abweisende, ernste,
-tiefe Kinderblick »bis an die Nieren« gegangen war,
-war der Apotheker von Schwarzhausen, Herr Nothnagel,
-&ndash; und da er zu den gewichtigen Leuten zählte, konnte
-sich Bertold zu dessen plötzlicher Freundschaft wohl beglückwünschen.</p>
-
-<p>Und Herr Nothnagel bekräftigte diese Freundschaft
-mit einem halben Pfund »Abfallschokolade«, die er
-einem geheimnisvollen Fache seiner Apotheke entnahm
-und die Bertold und Liselotte auf einen Hieb vertilgten.</p>
-
-<p>Darauf bekamen sie drei Tage heftigen Durchfall,
-ohne zu ahnen, daß sie ihn der plötzlich erwachten
-Zuneigung des Herrn Nothnagel verdankten.</p>
-
-<p>In der Pause saßen Bertold und Liselotte doch
-wieder eng aneinander geschmiegt im Grasgärtchen.</p>
-
-<p>Sie hörten gar nicht auf das Höhnen und die
-Schmährufe der anderen Kinder, sie waren auf der
-fernen, glückseligen Insel der Jugendfreundschaft und
-des ersten rückhaltlosen Vertrauens.</p>
-
-<p>Liselotte erzählte stürmisch und temperamentvoll
-die wichtigsten Ereignisse ihres jungen Daseins.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_29">[29]</span></p>
-
-<p>Daß ihre Lieblingspuppe Emmy ein schleichendes
-Fieber habe und schon seit einem Jahre ohne Kopf
-daliege, aber »zu süß« sei und gescheiter und netter
-als alle anderen dreiundzwanzig Puppenkinder, &ndash; daß
-ihr Papa ein grundgelehrter Professor sei und
-»Väterchen« heiße, daß ihre Mama schon seit vier
-Jahren im Himmel sei, gerade dort, wo er am Tage
-am allerblauesten sei und wo des Nachts der Abendstern
-stünde &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; so hätte es Väterchen ihr
-erzählt. Und daß die Base Juliane den Haushalt
-führe und die alte Trine koche und flicke und stopfe
-und schimpfe, aber sonst beinahe so lieb sei, wie Puppe
-Emmy, &ndash; nur eben leider <em class="gesperrt">mit</em> Kopf.</p>
-
-<p>Bei der Trine waren auch alle Puppen in
-»Penzion«, denn die Base Juliane erlaube nicht, daß
-Liselotte viel mit ihnen spiele, und es seien doch ihre
-Kinder, ihre süßen, wonnigen Kinder, die der Storch
-gebracht habe und der habe sie Liselotte, ganz richtig
-ins Bein gebissen, sie könne Bertold jeden Augenblick
-ihre große Zehe zeigen, wo die Narbe noch dran wäre.</p>
-
-<p>Liselottes Phantasie war großartig und ging jeden
-Tag zwölfmal mit ihr durch, aber für den ernsten Jungen
-war es ein tiefes Glück, in die begeisterten Augen
-seiner kleinen Gespielin zu schauen.</p>
-
-<p>»Bring’ mir nur deine Puppen,« meinte er, »ich
-will sie auch lieb haben.«</p>
-
-<p>Diese Aussicht überwältigte Liselotte dermaßen, daß
-sie die Ärmchen um seinen Hals legte und ihm einen<span class="pagenum" id="Seite_30">[30]</span>
-Kuß gab, worauf sie sich beide den Mund abwischten.</p>
-
-<p>»Du bist ein <em class="gesperrt">lieber</em> Junge,« rief Liselotte, »willst
-du Puppe Emmy heiraten, oder lieber Vater sein?«</p>
-
-<p>»Vater sein,« erklärte Bertold, und die Sache war
-abgemacht.</p>
-
-<p>Als Rektor Dillen die Pause für beendet erklärte,
-hatte man sich schon für denselben Nachmittag verabredet,
-um fünf Uhr nach den Schularbeiten auf Windemuths
-Oberboden zusammen zu kommen, und zwar
-sollte Bertold seine Amati mitbringen und Liselotte
-ihre sämtlichen Puppen.</p>
-
-<p>»Und wenn Base Juliane es nicht erlaubt, dann
-werde ich brüllen und um mich schlagen, daß das
-Haus wackelt,« erklärte Liselotte, »dann darf ich’s schon,
-denn Väterchen braucht Ruhe.«</p>
-
-<p>Bertold lachte wieder sein herzliches, tiefes Lachen.
-Dann meinte er sinnend: »Meine Mutter hat früher
-auch immer mit Puppen gespielt, sie erzählt mir wunderschöne
-Geschichten davon. Deine Base Juliane ist wahrscheinlich
-nie Mutter gewesen.«</p>
-
-<p>Dies rührende Kinderwort sollte später die Schwarzhausener
-darin bestärken, daß Bertold »Malcroix« ein
-grundverdorbener Bengel sei.</p>
-
-<p>Denn als der Kampf mit Base Juliane an demselben
-Nachmittag wirklich entbrannte und Liselotte wie
-eine Löwin um ihre Jungen kämpfen mußte, rief das<span class="pagenum" id="Seite_31">[31]</span>
-Kind ihrer Base empört zu: »Sag’ mal, bist du mal
-Mutter gewesen?«</p>
-
-<p>Und auf die wütende Gegenfrage der alten Jungfrau:
-»Wer, &ndash; wer wagt es, so gemein zu fragen?«
-kam die Antwort: »Der Bertold.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>In all solchen Dingen handelte Schwarzhausen
-immer unglaublich rasch und holte die zehntausend
-Meilen, die es sonst in der Kultur zurück war, oft
-in einer Stunde ein.</p>
-
-<p>Schon am Nachmittag brachte es Base Juliane
-dem Professor Windemuth, der natürlich gerade in
-einer wichtigen archäologischen Arbeit saß, unter Tränen,
-Wut, Zittern und schamhaftem Erröten bei, daß, &ndash;
-(o du mein himmlischer Vater, Vetter Windemuth,
-ich kann’s dir kaum andeuten), daß der hergelaufene
-Bengel Malcroix an ihrer, Julianes, Jungfrauschaft
-frech gezweifelt hätte, und der nun sehr aufgebrachte
-Professor, der sich ohnedem nach seiner schnöde unterbrochenen
-Arbeit zurücksehnte, rief: »Der Junge darf
-mir selbstverständlich nie ins Haus.«</p>
-
-<p>Und am selben Abend wußte es ganz Schwarzhausen
-mit Ausnahme des Hauses Eik von Eichen, daß der
-neunjährige Bertold ein ganz und gar verdorbenes
-Früchtchen sei.</p>
-
-<p>»Sie sind alle wild und verrückt,« plauderte Liselotte
-und sah ihren neuen Freund, der mit dem sorglich
-behüteten Geigenkasten vor ihr stand, ängstlich an.<span class="pagenum" id="Seite_32">[32]</span>
-»Du darfst nicht rein zu uns, Bertold, ich soll nicht
-mit dir spielen.«</p>
-
-<p>Ganz schwarz wurden seine Augen in der Schmach
-dieser Minute. Wortlos drehte er Liselotte den Rücken
-und ging zurück ins Eichenhaus. Sie sah ihm nach
-und begriff mit der ganzen Stärke ihres Empfindens
-seinen Schmerz, und nun schrie und tobte Liselotte so
-ausgiebig, wie sie sich’s am Vormittag vorgenommen,
-und weinte die Hausbewohner zusammen mit dem unerklärlichen
-Jammerwort: »Ohhh, er wollte Vater sein
-und ihr erlaubt es nicht.«</p>
-
-<p>Ja, Schwarzhausen, das moralische Schwarzhausen,
-ging schweren Zeiten entgegen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-<hr class="tb" />
-
-<p>Im »Eichenborn« gab es einen Raum, ein echtes,
-rechtes Poetenwinkelchen, das hatte sich der alte Hieronymus
-Teichmann, der im übrigen eine schöne, geräumige
-Dienstwohnung besaß, ganz besonders für sich
-ausbedungen, und in diese heiligen Hallen verirrte sich
-nicht einmal seine liebe, gute, runde Frau.</p>
-
-<p>Fingerdick lag der Staub allüberall, aber alles,
-was er bedeckte, waren für Hieronymus Heiligtümer
-und unantastbare Geheimnisse.</p>
-
-<p>Nur einmal hatte Frau Thereschen Teichmann
-in diese Blaubartkammer hineingeschaut, und nachdem
-sie einen Schrei der Entrüstung ausgestoßen, hatte sie<span class="pagenum" id="Seite_33">[33]</span>
-sich schnurstracks Wassereimer und Schrubber, grüne
-Seife, Besen, Schaufel und Wischtuch geholt.</p>
-
-<p>Aber der unmelodische Schrei hatte die beiden
-Hüter des Heiligtums herbeigelockt, und Frau Thereschen
-fand sich einem Doppelposten gegenüber, der ihr den
-Eintritt samt den Abzeichen ihrer Hausfrauenwürde
-wehrte.</p>
-
-<p>»Bei allem Respekt vor deiner Weiblichkeit, Teichweibchen,
-&ndash; halt’s Maul,« rief ihr der Gatte Hieronymus
-entgegen. »Staub ist alles hier auf Erden, auch
-du sollst einst zu Staube werden. Und nun mache kein
-Federlesen und heb’ dich hinweg mit deinem Besen.«</p>
-
-<p>Frau Therese warf noch drei vorwurfsvolle Blicke
-zurück, den einen auf ihren Gatten, den andern auf
-den Staub und den dritten auf den Organisten
-Brennstoff.</p>
-
-<p>Das war der andere Teil des Doppelpostens, der
-beste und geliebteste Freund ihres Hieronymus, an
-welchen niemand auch nur »tippen« durfte. Vom sechsten
-Jahre ihres Lebens an waren die beiden unzertrennliche
-Kameraden.</p>
-
-<p>Brennstoff, selbst Lehrerssohn, hatte Musik studieren
-dürfen, gab sämtlichen Musikunterricht in
-Schwarzhausen und war Organist der Stadtkirche;
-Hieronymus Teichmann dagegen war der Nachfolger
-seines eigenen Vaters geworden, &ndash; die Teichmanns
-dienten seit Menschengedanken den Eik von Eichens,
-waren Schloßverwalter, Silberdiener und Haushofmeister<span class="pagenum" id="Seite_34">[34]</span>
-seit Generationen. Originale waren sowohl
-Brennstoff wie Teichmann.</p>
-
-<p>Beide liebten in ihrer Jugend das gleiche Mädchen,
-aber Teichmann durfte sie heiraten und hatte es nie
-bereut.</p>
-
-<p>Thereschen Balian aber ahnte nichts von Kantor
-Brennstoffs Liebe und so wurde sie Teichweibchen.</p>
-
-<p>»Das paßt und klingt gut,« meinte der Kantor
-entsagungsvoll. »Der Teichmann und das Teichweibchen.
-Hingegen <em class="gesperrt">der</em> ›Brennstoff‹, und weiter gar nichts, noch
-mehr Brennstoff bringt nur Explosion.«</p>
-
-<p>Ganz allmählich waren aus den zwei Freunden
-<em class="gesperrt">vier</em> Unzertrennliche geworden, es hatten sich Beethoven
-und Wagner zu ihnen gesellt.</p>
-
-<p>Auf irgendeinem spinnewebdunkeln Oberboden des
-grauen Hauses hatte ein Spinett gestanden; Hieronymus
-erhielt die Erlaubnis, es sich herunterzuholen, und
-auf diesem Spinett tippte er leise und andächtig in
-seinen Mußestunden herum, bis dann abends Organist
-Brennstoff kam und mit weichen, großen Händen wunderbare
-Töne daraus hervorlockte.</p>
-
-<p>Diese Töne wühlten das Innere auf und sänftigten
-es wieder, diese Töne ließen die beiden alten Herzen
-wunderbar schwingen, also daß die Hände, die zu den
-Herzen gehörten, sich falten mußten.</p>
-
-<p>»Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre!«</p>
-
-<p>»Herrgott, lieber Zacharias Brennstoff, &ndash; gibt es
-denn nur noch so etwas auf dieser Erden! Man könnte<span class="pagenum" id="Seite_35">[35]</span>
-wahrlich närrisch werden, &ndash; spiel’ weiter, Brennstoff,
-&ndash; damit ich mein’, es musizieren die Engelein.«</p>
-
-<p>Dann präludierte der Stadtorganist weiter, und
-die schlichten Töne verdichteten sich zu einem Gemälde,
-und es war den beiden Alten, als hinge das Adagio
-der fünften Symphonie in breitem, wunderbarem Goldrahmen
-an der Wand über dem alten Spinett.</p>
-
-<p>Aber den Beschluß machte immer dasselbe Lied,
-das so gut zu dem glutroten Ball stimmte, der allabendlich
-hinter den Tannen des Thüringer Waldes
-versank:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Fahr wohl, du goldne Sonne,</div>
- <div class="verse indent0">Du gingst zu deiner Ruh,</div>
- <div class="verse indent0">Und voll von deiner Wonne</div>
- <div class="verse indent0">Gehn mir die Augen zu.</div>
- <div class="verse indent0">Schwer sind die Augenlider,</div>
- <div class="verse indent0">Du nimmst das Lied mit fort,</div>
- <div class="verse indent0">Fahr wohl, wir sehn uns wieder,</div>
- <div class="verse indent0">Hier unten oder dort.</div>
- <div class="verse indent0">Und trägt des Tods Gefieder</div>
- <div class="verse indent0">Mich statt des Traums empor,</div>
- <div class="verse indent0">Dann schau’ ich selbst hernieder</div>
- <div class="verse indent0">Zu dir aus höherm Chor.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>So war es jahrelang gewesen, &ndash; da sah und hörte
-und fühlte der Organist Brennstoff zum ersten Male
-Bayreuth.</p>
-
-<p>Ein Stipendium, eine Fahrkarte und eine Berechtigungskarte
-für den Nibelungenring fiel vom
-Himmel hernieder in seine Hand, &ndash; so meinte er<span class="pagenum" id="Seite_36">[36]</span>
-heute noch, und doch hatte er den eingeschriebenen Brief
-dem Postboten selbst abgenommen.</p>
-
-<p>Wie im Traum war er damals aus Bayreuth zurückgekommen,
-und die Schwarzhausener merkten es nicht,
-daß die heiligen Hallen der Stadtkirche sich mit Wotans
-und Siegfrieds Gesängen füllten, und daß sich von
-dem Platze ihres Organisten aus ein goldener Regenbogen
-spannte, auf dem der verzückte Orgelspieler geradeswegs
-in Walhalla einzog.</p>
-
-<p>Es war ein Glück, daß Hieronymus Teichmann
-eine so gleichgestimmte Seele war, &ndash; Meister Richard
-Wagner brauchte gar nicht lange auf dieser Harfe zu
-schlagen, da hatte er den ganzen Menschen schon mit
-Haut und Haar.</p>
-
-<p>Alles ersparte Geld ging beinahe auf Partituren
-drauf, die Brennstoff dem Freunde mit himmelhochjauchzender
-Begeisterung vorspielte, und Hieronymus
-sang beim Silberputzen: »Winterstürme wichen dem
-Wonnemond« und »Heialaweia«.</p>
-
-<p>Und jedesmal, wenn die beiden Freunde über
-Wagner philosophierten, schlossen sie ihr Zwiegespräch:
-»Es war ein herrlicher Mann und ein göttlicher Musiker,
-aber auch der, der uns die Bayreuther Karten gab,
-soll bis in die Knochen gesegnet sein!«</p>
-
-<p>»Uns« &ndash; sagten sie, &ndash; denn wenn auch nur der
-eine im gnadenreichen Bayreuth gewesen war, &ndash; sie
-fühlten sich eben beide als dieser eine.</p>
-
-<p>Heute waren sie wieder einmal in Walhall gewesen,<span class="pagenum" id="Seite_37">[37]</span>
-&ndash; hatten dann den herabsinkenden Sonnenball mit
-Beethoven heimgeleitet und wollten nun selbst die Ruhe
-aufsuchen, als der Organist plötzlich sagte: »Meister
-Beethoven hängt tatsächlich in der Luft. Mir ist’s, als
-hätte ich ihn heute immerfort in den Ohren, auch wenn
-dieses Klavizimbel schweigt, &ndash; hörst du nichts, Hieronymus?«</p>
-
-<p>»Freilich, &ndash; ich wollt’ es nur nicht wagen, und
-dir von der Erscheinung sagen, &ndash; hör’ nur &ndash;&nbsp;&ndash;
-als ob’s hier oben wär’. Oder kommt es von
-draußen her?«</p>
-
-<p>Die beiden Freunde sahen sich an und lauschten
-wieder.</p>
-
-<p>Es war wie der Gesang einer Äolsharfe.</p>
-
-<p>Aber Äolsharfen pflegen nicht Beethoven zu säuseln,
-und doch unterschieden die beiden alten Freunde gar
-genau, wenn auch nur harfenfein, die Töne.</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Heil’ge Nacht, o gieße du</div>
- <div class="verse indent0">Himmelsfrieden in dies Herz&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Sie forderten sich nicht zu irgendeiner Tat auf,
-&ndash; wann wären sie jemals uneins in ihren Gedanken gewesen?</p>
-
-<p>Mit dem Finger auf dem Mund stiegen sie die
-gewundenen, schnörkeligen Holztreppen hinauf, und auf
-dem zweiten Absatz kam Beethoven schon deutlicher zu
-Wort. Aber nirgends eine Spur von dem Sänger
-oder Spieler, nur &ndash; die Tür eines uralten Schrankes
-klaffte ein wenig, allein dem strengen Auge eines ordentlichen<span class="pagenum" id="Seite_38">[38]</span>
-Haushofmeisters bemerkbar, und dann zogen die
-Freunde aus den Tiefen des Riesenschrankes das Geigerlein
-hervor, das ganz betäubt war von Dunkelheit,
-Musik und &ndash; Mottenpulver.</p>
-
-<p>»Jesus! Unser Junker Bertold!« rief Hieronymus
-»Nun sag’ nur mal, wie kommst du rein in diesen
-dunkeln Kleiderschrein?«</p>
-
-<p>Bertold blinzelte die beiden an.</p>
-
-<p>»Ach, nirgends darf ich spielen, &ndash; und nun hast
-du mich auch hier gefunden, Hieronymus. Wirst du es
-dem Großvater sagen?«</p>
-
-<p>Der Alte schüttelte begütigend den Kopf und zog
-ihn mit sich die Treppe hinunter. Organist Brennstoff
-aber hatte vorsichtig die Geige dem Knaben abgenommen
-und prüfte nun beim Dämmerlicht, das durch das Flurfenster
-fiel, die herrliche Maserung des alten Holzes
-und erkannte schließlich mit andächtigem Entzücken den
-Namen auf dem Boden der Geige durch das geschwungene
-<em class="antiqua">S</em> hindurch.</p>
-
-<p>»Heilige Cäcilie, ich halte eine Amati in der
-Hand, &ndash; Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden
-fahren.« Brennstoff drohte zu explodieren, »Das, was
-ich sagte, ist keine Gotteslästerung, &ndash; das sei ferne
-von mir, &ndash; aber es ist etwas Heiliges um eine Amati,
-und dieser Jungherr scheint zu wissen, was er Kostbares
-hegt.«</p>
-
-<p>Sie waren wieder in das Poetenwinkelchen eingetreten.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_39">[39]</span></p>
-
-<p>»Ja, ich weiß es,« entgegnete Bertold ernsthaft.
-»Vater hat sie mir ja gegeben, ehe &ndash; ehe er starb.
-Heiligtum, sagte er nur, und dann&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Die Augen des Knaben waren wieder ganz schwarz
-vor Erregung, und Hieronymus strich ihm hastig über
-den dunkeln Kopf. Still bei sich dachten beide Männer
-dasselbe.</p>
-
-<p>Daß der Name Malcroix auch ehemals ein Heiligtum
-gewesen sei und durch die Schuld des Mannes,
-der eine Geige so hoch hielt, zu einem wertlosen Fetzen
-geworden war, den man seinem Knaben zum eigenen
-Besten fortgenommen.</p>
-
-<p>»Nun spiele,« brach Hieronymus das Schweigen,
-»hier ist mein Reich, und ich kann wehren, wer uns
-hier etwa wollte stören.«</p>
-
-<p>Und der Knabe spielte.</p>
-
-<p>Ob auch die goldene Sonne längst zur Ruhe gegangen
-war, es lag ein lichter Schein um das Haupt
-des Kindes.</p>
-
-<p>Das jubelte und jauchzte, das klagte und zitterte
-in den Saiten, es war ein gewaltiges, sehnsüchtiges
-Klingen. &ndash; Spielte wirklich nur ein kleiner, schwarzlockiger
-Junge, oder meisterte unsichtbar ein anderer
-die Saiten des wunderherrlichen Instrumentes?</p>
-
-<p>Organist Brennstoff saß mit gefalteten Händen da,
-und Träne auf Träne tropfte auf sie herab.</p>
-
-<p>Er war nicht imstande, dem Jungen auch nur ein
-Wort zu sagen, als dieser endlich den Bogen sinken<span class="pagenum" id="Seite_40">[40]</span>
-ließ und mit leisem, ernsten »Gute Nacht« das Zimmer
-verließ.</p>
-
-<p>Aber dann brach es los bei ihm, &ndash; wie ein
-Sturzbach kamen die ungestümen Worte:</p>
-
-<p>»Ich hab’ mich vermessen, Freund Hieronymus.
-Ich wollte ihn unterrichten und fühle, <em class="antiqua">den</em> kann ich
-nichts mehr lehren. Heilige Cäcilie, wie ist’s möglich,
-daß ein Kind so wunderbar spielt! Ich will dir etwas
-sagen, Freund, &ndash; dies Spielen hat ihn sein Vater gelehrt.
-O, ich habe die Fräulein Franziska immer verstanden,
-daß sie diesem Rattenfänger von Hameln folgte, &ndash;
-»sie mußten alle hinterdrein«. Und so ein zartes
-Weibchen, so eine schöne Seele in einem schwächlichen
-Gefäß &ndash; was sollte sie wohl widerstehen? Und wir
-zwei, Hieronymus, wir müssen diesem kleinen Musikus
-das Andenken seines Vaters retten, denn wo viel Licht
-ist, ist viel Schatten, und jener Malcroix war ein Genie.
-Heilige Cäcilie, es kommt wieder echte Musik nach
-Schwarzhausen, es kommt wieder Klang in unsere verdudelte
-Leierkastenatmosphäre &ndash; Hieronymus, die
-Manen Beethovens und Wagners schwebten heute in
-diesem gesegneten Raume!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Er war ganz außer sich, der lange, hagere Organist,
-raffte seinen Hut und seine große Pelerine zusammen
-und stürzte zur Tür hinaus, kaum noch hörend, was
-Teichmann ihm unter Kopfschütteln nachrief: »Gute
-Nacht, gute Nacht! Allen Müden sei’s gebracht.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_41">[41]</span></p>
-
-<p>Im Frühstückszimmer des Hauses Eichen herrschte
-die Stimmung wie nach dem Gewitter. Eben war die
-schwere Tür mit lautem Krach zugeflogen, und die
-wilden Flüche und Reden des alten Herrn hingen
-noch in der Luft. Erschreckt und blaß saß Frau Franziska
-auf ihrem Stuhl, und ihre Augen standen voll
-Tränen.</p>
-</div>
-
-<p>Sie starrte gequält vor sich hin, und vielleicht ohne
-daß sie es wollte, kamen die Worte von ihren Lippen:
-»O Gott, soll das nun immer so fortgehen?«</p>
-
-<p>Ihr gegenüber saß Herr Baldamus Eik von Eichen.</p>
-
-<p>Er hatte sich mit keiner Silbe an dem vorhergegangenen
-Wortwechsel beteiligt.</p>
-
-<p>Er liebte das Reden nicht und war zu korrekt
-für eine Einmischung. Er verabscheute Aufregungen
-und mied sie auch aus gesundheitlichen Gründen, &ndash; die
-wilden Jähzornsanfälle des Pflegevaters waren ihm
-höchst unsympathisch, und da er immer logisch dachte,
-so versuchte er jetzt, nachdem er mit großer Seelenruhe
-eine echte Importe in Brand gesetzt, seiner Pflegeschwester
-Franziska den einzig möglichen Schritt zur
-Vermeidung solcher Auftritte anzuraten.</p>
-
-<p>»Tue Bertold von hier fort in eine Knabenpension,«
-meinte er in seiner leisen, lauernden Art, die immer
-sofort auf die Antwort horchte.</p>
-
-<p>»Niemals!« war die rasche Erwiderung. »Mein
-Junge entbehrt schon den Vater in so jungen Jahren,
-<em class="gesperrt">mich</em> soll er wenigstens behalten.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_42">[42]</span></p>
-
-<p>»Hm.« &ndash;&nbsp;&ndash; Herr Baldamus bog sich etwas vor,
-um ihr besser in die Augen schauen zu können. »Und
-die Geige, &ndash; sein Wimmerholz &ndash; möchtest du ihm
-nicht fortnehmen? Dann wäre doch <em class="gesperrt">ein</em> Stein des
-Anstoßes fort.«</p>
-
-<p>»Aber auch seine einzige Freude,« rief Franziska
-leidenschaftlich.</p>
-
-<p>»Ich denke, die einzige Freude bist <em class="gesperrt">du</em>?« fragte
-die verhaltene Stimme des Mannes.</p>
-
-<p>Sie sah ihn jetzt ruhig an.</p>
-
-<p>»Bertold, die Geige und ich sind eins,« sagte sie
-langsam und betonend. »Und wo man dies eine verjagt,
-da verjagt man uns drei.«</p>
-
-<p>Das unsympathische Lachen, welches die kleine Liselotte
-so sehr empört hatte, tönte wieder zu der jungen
-Frau hinüber, aber heute war es nicht so meckernd, &ndash;
-heute schwang etwas anderes mit, ein Unterton, der
-Franziska erschreckte, denn sie kannte dies Lachen ihres
-Pflegebruders von ihren Kindertagen her; es sollte
-oft sein Temperament verbergen, das er immer sorgsam
-gezügelt hatte vor anderen.</p>
-
-<p>»Franziska &ndash;&nbsp;&ndash; komm zu mir!«</p>
-
-<p>Sie sah ihn ohne Verständnis an.</p>
-
-<p>»Franziska!!!« Er war sachte aufgestanden und
-trat mit lautlosen Schritten zu ihr. »In <em class="gesperrt">meinem</em>
-Hause hat dir niemand etwas zu verbieten, und ich
-will deinen Knaben und« &ndash; jetzt kam doch das meckernde
-Lachen, &ndash; »auch das Marterholz will ich schützen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_43">[43]</span></p>
-
-<p>»Wir schützen uns schon selbst.« Ganz ruhig klang
-es. »Vater ist maßlos in seinem Zorn, aber &ndash; ich habe
-ja auch gefehlt und muß es büßen.«</p>
-
-<p>»Du sollst aber nicht büßen, und du <em class="gesperrt">willst</em> mich
-nicht verstehn,« flüsterte eine heiße Stimme, »Franziska,
-&ndash; hör’ mich, komm, &ndash; Franziska&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Er bebte vor Leidenschaft und suchte sie in seine
-Arme zu ziehen. Ganz weiß war ihr Gesicht und eisigkalt
-Stirn und Hände, &ndash; sie war aufgesprungen und
-wich vor ihm weit ins Zimmer zurück.</p>
-
-<p>»Ich bitte dich, mein Trauerkleid zu achten, das
-ich um meinen Mann trage,« sagte sie tonlos.</p>
-
-<p>»Wie lange noch?« fragte er lauernd.</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Immer!</em>«</p>
-
-<p>Er sah aus, als wolle er sich auf sie stürzen, &ndash;&nbsp;&ndash;
-aber da klopfte es an die Tür, und Hieronymus
-Teichmann meldete, daß Herr Eik von Eichen <em class="antiqua">senior</em>
-die Frau Tochter zu sprechen wünsche und recht matt
-wie nach einem schweren »Anfall« in seinem Zimmer
-liege.</p>
-
-<p>Teichmann brachte seine Meldung, wie immer, in
-Reimen vor, ohne aber eine Miene dabei zu verziehen.</p>
-
-<p>»Alter Schwätzer!« murmelte Herr Baldamus,
-während Franziska hastig zum Vater eilte.</p>
-
-<p>Hieronymus sah den jüngeren Eik ernst an, &ndash;
-es lagen tausend schwere Worte in diesem einen Blick.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-<hr class="tb" />
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_44">[44]</span></p>
-
-<p>»Du wirst noch deine Stelle verlieren, Bruder,«
-meinte Fräulein Rektor klagend und hob eindringlich
-die rechte Hand, in der sie einen großen Holzlöffel hielt,
-von dem es unaufhörlich blutrot herabtropfte, ohne
-daß sie es merkte.</p>
-
-<p>Sie kochte Saft in der Küche.</p>
-
-<p>»So will ich sie lieber verlieren,« meinte Rektor
-Dillen ruhig, »aber es geht nicht so rasch mit dem
-Absetzen.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Gott, dieser Leichtsinn in deinen alten Tagen!
-Und alles wegen so ’nem Bengel. Du hast ’n Narren
-an ihm gefressen, wie früher an seiner Mutter, und
-eines schönen Tages wird er auch durchgehen.«</p>
-
-<p>»Das gehört hier gar nicht her.« Der Bruder
-war plötzlich sehr ernst geworden. »Und in meiner
-Schule habe <em class="gesperrt">ich</em> zu sagen.«</p>
-
-<p>Die Schwester lief ärgerlich in die Küche zurück,
-und auf dem Teppich in der Studierstube blieb eine
-kleine Blutlache vom Saftlöffel zurück, als Zeichen des
-harten Kampfes.</p>
-
-<p>Sturm im Wasserglase.</p>
-
-<p>Die Schwarzhausener litten durchaus das liebe,
-köstliche Plauderviertelstündchen nicht, welches Bertold
-mit Liselotte alltäglich pflegte, und sie machten der
-braven Rektorschwester die Hölle heiß und das Leben
-sauer. Aber Rektor Dillen lief wie eine brave Glucke
-um seine zwei Kücken herum und verscheuchte jeden<span class="pagenum" id="Seite_45">[45]</span>
-jungen Habicht, der es wagte, die beiden zu stören.
-Das tiefe, gute Lachen des Knaben und das altkluge
-Geplauder des Blondchens waren jetzt die Freude seines
-einförmigen, stillen Lebens geworden. Er wollte sie
-sich nicht rauben lassen durch Weibergeschwätz und Kleinstadtklatsch.
-&ndash; Er liebte den Eichenborn, er war mit
-dem Hause Eik verwachsen und mit ihm durch Höhen
-und Tiefen geschritten, trotzdem Jahrzehnte dazwischen
-lagen, seitdem er den Eichenborn das letztemal betreten.</p>
-
-<p>Aber er war doch einmal ein Jemand gewesen, der
-in dem langen grauen Hause etwas zu sagen hatte,
-&ndash; der Hauslehrer des jungen stattlichen Baldamus
-von Eichen.</p>
-
-<p>Aber der Volksschulmeister, der von früher Jugend
-an von jedem geduckt wurde, von vielen über die Achsel
-angesehen, die es wahrlich nicht nötig hatten, der spielte
-oft eine klägliche Rolle in dem Herrenhause.</p>
-
-<p>Sein Brotgeber war der jähzornige Eichen <em class="antiqua">senior</em>,
-der damals noch nicht alt, dafür aber noch maßloser
-heftig war, als ihm jetzt die Leute andichteten, und
-sein Schüler war der schöne Pflegesohn, der sich nichts
-sagen lassen wollte von einem »Seminaristen«.</p>
-
-<p>Und unbequem war es ja, daß auch Seminaristen
-helle, scharfe Augen haben und eine unbegreifliche Art,
-das Unrecht auch Unrecht zu nennen, selbst wenn es
-von reichen Zöglingen begangen wird.</p>
-
-<p>Nun hätte der Seminarist Tüllen <em class="antiqua">alias</em> Dillen
-ja ruhig und unbehelligt alles von dem verwöhnten<span class="pagenum" id="Seite_46">[46]</span>
-Baldamus <em class="gesperrt">denken</em> können, nur das <em class="gesperrt">laute</em> Denken
-war sehr unvorsichtig von ihm.</p>
-
-<p>Eik von Eichen <em class="antiqua">senior</em> verbat es sich auch einfach,
-denn trotzdem er den Lehrer Tüllen schätzte, so reichte
-das doch nicht an den Stolz und die Liebe, mit denen
-er an seinem Pflegesohn hing.</p>
-
-<p>Baldamus Eik war schon als Knabe unfehlbar
-in den Augen seines Pflegevaters, der dem höchst anfechtbaren
-und zweischneidigen Wahlspruch huldigte:
-»Nun gerade!«</p>
-
-<p>Unter den Schwarzhausener Bürgern waren keine
-Pestalozzis, und auch der junge Lehrer Tüllen war
-keiner.</p>
-
-<p>Hätte er nur ein einziges Mal Herrn von Eichen
-<em class="antiqua">senior</em> als lohnendes Erziehungsobjekt angesehen und
-sich überlegt, daß er ihn mit seinem eigenen Wahlspruch
-schlagen und auf den richtigen Weg bringen konnte,
-&ndash; er hätte sich wahrhaft Verdienste erworben, &ndash; aber
-krumme oder schwachbeleuchtete Wege waren vor Herrn
-Lehrer Tüllens Augen verborgen, und er tat aus Gewissenhaftigkeit,
-was die Schwarzhausener aus Freude
-am Schelten und Nörgeln taten, er sagte Herrn
-von Eichen <em class="antiqua">senior</em>, daß sein Neffe Baldamus sich zum
-Schleicher und Taugenichts auswachse. Aber der Wahlspruch:
-»Nun gerade« ließ die Ankläger als grobe Lügner
-scheinen. Mut besaß der kleine Seminarist damals für
-zwei, das mußte man ihm lassen, doch nachdem sich
-Herr von Eichen von seiner Verblüffung über die<span class="pagenum" id="Seite_47">[47]</span>
-Dreistigkeit des Hauslehrers erholt, warf er ihn
-hinaus.</p>
-
-<p>Das ließ sich Lehrer Tüllen auch gefallen, denn
-er war schmächtig und klein, und die Faust des alten
-Eiks hatte schon Stärkere geworfen, aber er ließ es
-sich nicht gefallen, daß Baldamus, sein Schüler, ihn auf
-offener Straße verhöhnte, sondern er verabreichte ihm
-eine ganz gepfefferte Ohrfeige vor allen Leuten, welche
-die Beleidigung angehört.</p>
-
-<p>Diese Ohrfeige vergaß Baldamus nie, und auch
-Lehrer Tüllen hatte vollauf Ursache, sich stets ihrer
-zu erinnern, denn sie war sozusagen der Stein, über
-den er fortgesetzt in seiner Laufbahn stolperte, der
-Knüppel, der ihm ins Rad flog, der Balken, der sich
-vor jede Tür legte, durch welche er in ein besseres Amt
-schreiten wollte.</p>
-
-<p>Schon hatte er sich es als das Beste ausgedacht,
-seine Heimat ganz zu verlassen, als sich etwas sehr Verwunderliches
-ereignete.</p>
-
-<p>Die guten Schwarzhausener waren bibelfest, aber
-sie hielten sich zumeist an das Alte Testament, das gar
-kräftig »Auge um Auge, Zahn um Zahn« predigte,
-das Neue Testament mit dem Evangelium der Liebe
-war ihnen noch fremd.</p>
-
-<p>Und so begriffen sie es niemals, daß Lehrer Tüllen
-ohne weiteres die rasenden Pferde aufhielt, welche das
-Gefährt des Baldamus und ihn selbst darin hinter sich
-herschleiften.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_48">[48]</span></p>
-
-<p>Arg zerschunden und zerrissen hing der Lehrer am
-Zügel des Handpferdes, das endlich zitternd stand,
-während der junge Herr Baldamus zwar blaß, aber
-nach dem bewährten Sprichwort: »Unkraut vergeht
-nicht«, doch völlig gesund aus dem Wagen kletterte,
-ohne seinem Todfeind ein Dankeswort zu gönnen.</p>
-
-<p>Dafür dankte Eik von Eichen ihm mit der leitenden
-Stelle an der Rektorschule, und Lehrer Tüllen nahm
-sie ohne weiteres an. Hatte er doch eine alte, verwitwete
-Mutter und eine Menge halbwüchsige Geschwister
-zu unterstützen. Er nahm sie auch an, weil sein Herz
-ein energisches Veto gegen das Verlassen von Schwarzhausen
-einlegte, sein Herz, das gar nicht einmal mehr
-ihm gehörte, sondern der wunderlieblichen, ach so
-fröhlich-sonnigen Anna Teichmann, der Tochter des alten
-Hieronymus.</p>
-
-<p>Er hatte sie schon als Kind geliebt, das Ännchen,
-und obgleich ihre Augen nachtdunkel waren, für ihn
-waren sie die Sonne.</p>
-
-<p>Freilich war das Mädel viel jünger als er, aber
-er hatte sich innerlich jung, rein und herzwarm gehalten;
-der Vater Hieronymus liebte ihn, und das
-Ännchen vertraute ihm alle ihre Geheimnisse.</p>
-
-<p>Nur das eine nicht, &ndash;&nbsp;&ndash; und er war doch
-jahrelang ihr treuester Freund, der nur auf ihren achtzehnten
-Geburtstag wartete, um die inhaltreiche Frage
-zu tun: »Hast du mich lieb, Ännchen?«</p>
-
-<p>Zu spät, du dummer, gescheiter Herr Lehrer.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_49">[49]</span></p>
-
-<p>Denn an ihrem achtzehnten Geburtstage zog man
-Ännchen aus dem Mühlenteich, das kleine, liebevolle,
-vertrauende Mädel, das dem Lehrer Tüllen zu jung
-gedünkt hatte für die heilig-tiefe Frage&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und wie er damals den rasenden Pferden in die
-Zügel fiel, so tat er es jetzt mit dem rasenden Vater
-Hieronymus, er nahm ihm den Revolver aus der Hand.</p>
-
-<p>Schlaf ruhig, Ännchen!</p>
-
-<p>Dein alter braver Vater soll nicht zum Mörder
-werden und &ndash; dein Liebster ist keinen Schuß Pulver wert.</p>
-
-<p>Lehrer Tüllen betrat Haus Eichenborn nicht wieder.</p>
-
-<p>Wenn er und Vater Hieronymus Teichmann sich
-begegneten, dann grüßten sie sich stumm mit schweren
-Blicken; gesprochen hatten sie nicht wieder miteinander.</p>
-
-<p>Wie lange war das alles schon her!</p>
-
-<p>Ewigkeiten!</p>
-
-<p>Die Thüringer Edeltanne auf Ännchens Grab war
-schon ein stattlicher Baum, beinahe so stattlich, wie der
-Herr Baldamus Eik von Eichen.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Rektor Dillen« mußte jetzt manchmal dieser alten
-Zeiten gedenken, und er jagte nicht, wie früher, die
-düsteren Gedanken fort, sondern vertiefte sich in sie.</p>
-
-<p>Denn er liebte den kleinen Bertold Malcroix und
-ahnte mit dieser Liebe, daß von dem glatten, korrekten,
-angesehenen und hochgeachteten Herrn Baldamus ein
-Unheil für den Knaben ausgehe.</p>
-
-<hr class="tb" />
-<hr class="tb" />
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[50]</span></p>
-
-<p>Bertold und Liselotte saßen wieder im Grasgärtchen
-zusammen.</p>
-
-<p>»Nun kommen bald Ferien,« lachte das Mädchen,
-»und dann kommt Hans.«</p>
-
-<p>»Hans? Ist das dein Bruder?«</p>
-
-<p>»O nein! Ein Vetter. Hans von Windemuth!«</p>
-
-<p>»Wie komisch! Du bist doch nicht ›von‹!«</p>
-
-<p>»Nein. Väterchen sagt, drei Buchstaben tun’s nicht,
-wenn’s nicht drin steckt.«</p>
-
-<p>»Verstehst du das, Liselotte?«</p>
-
-<p>»Ach &ndash; ich weiß nicht, ich denke nicht stark dran.
-Weißt du es denn? Du bist nur zwei Jahr älter als ich.«</p>
-
-<p>Bertold reckte sich. »Zwei Jahre sind sehr viel.
-Ja, ich weiß, was dein Vater meint. ›Wenn man
-dumm und schlecht ist, dann kann einem der adlige Name
-nichts nützen.‹«</p>
-
-<p>»Hans von Windemuth ist aber nicht dumm und
-schlecht.«</p>
-
-<p>»O, den meine ich auch gar nicht. Erzähl’ mir
-von ihm, was ist er?«</p>
-
-<p>»Kadett ist er. Schon beinahe Fahnenjunker. In
-Groß-Lichterfelde ist das Kadettenhaus.«</p>
-
-<p>»Ist es ein guter Junge?«</p>
-
-<p>»Hm &ndash;&nbsp;&ndash; ja &ndash; ich glaub’&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Klug?«</p>
-
-<p>»Klüger als die meisten Menschen. Er weiß alles,
-das sagt er selbst.«</p>
-
-<p>»Meinst du, daß er mich gern haben wird?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_51">[51]</span></p>
-
-<p>»Aber natürlich. Du spielst ja Geige. Er spielt
-ja so prachtvoll Klavier, schon ganz rasend schwere
-Stücke. O, es ist zu fein, daß Hans kommt, dann können
-wir zusammen musizieren. Du Geige, &ndash; ich und der
-Hans begleiten dich abwechselnd&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ja, das wird herrlich!« rief Bertold lebhafter,
-als es sonst seine Art war. »Du kannst mir nun jeden
-Tag von dem Vetter erzählen, damit ich ihn richtig
-kennen lerne. Und wenn er so furchtbar klug ist, dann
-will ich mich ordentlich auf die Hosen setzen.«</p>
-
-<p>»Sitzt du denn nicht immer drauf, Bertold?«</p>
-
-<p>Der Junge lachte. »Wie du ernsthaft fragst. Es
-ist nur so ’ne Redensart. Ich mein’ damit, ich will
-noch strammer arbeiten.«</p>
-
-<p>Liselotte erhob Einspruch. »Das kannst du gar
-nicht, Bertold. Herr Rektor sagt, du wärst der Beste
-von uns allen.«</p>
-
-<p>Bertold zuckte die Achseln. »Na weißt du, Liselott,
-viel gehört da nicht zu. Findest du nicht, daß die
-Kinder sehr faul sind?«</p>
-
-<p>Liselotte zog ihr nachdenkliches Gesichtchen. »Weiß
-nicht. Aber es ist am Ende einerlei. Bertold, ich hab’
-Sorgen, Puppe Emmy kommt gar nicht aus dem Fieber
-raus. Weißt du, die Base versteht gar nichts von
-Kinderkrankheiten, sie meint, Fieber käme nur vom Kopf,
-und Puppe Emmy hätte keinen, und deshalb könnte sie
-auch kein Fieber haben, aber das ist ja Unsinn. Wenn
-die Base ’ne Mutter wär’, wie ich, und an die vierundzwanzig<span class="pagenum" id="Seite_52">[52]</span>
-Kinder hätte, dann würde sie nicht so
-dumm reden. Was meinst du, Bertold?«</p>
-
-<p>Der Knabe sah voll Ernst und Mitgefühl in das
-Gesichtchen der Spielgefährtin, das im Schmerz um
-die kranke Puppe einen ganz rührenden Ausdruck zeigte.
-Er hätte es um die Welt nicht vermocht, ihr einen
-wehtuenden Vortrag über kopflose Geschöpfe zu halten,
-trotzdem etwas in ihm sagte: »Sie ist doch ein furchtbar
-dummes kleines Mädchen.«</p>
-
-<p>»Puppe Emmy ist schwer krank,« meinte er zögernd,
-»weißt du, Liselotte, wenn der Kopf fehlt, wirft sich
-alles aufs Innerliche&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Sie nickte ernst und sah beruhigt aus. »Du hast
-recht, Bertold. Es wird eine Sägespänentzündung sein.
-Gott, was hat man für Sorgen mit seinen Kindern!«</p>
-
-<p>Dann schritten sie wieder zum gemeinsamen Unterricht,
-und so vergingen die Tage und Wochen im
-gleichmäßigen Einerlei.</p>
-
-<p>Aber doch nicht ganz.</p>
-
-<p>Denn Bertold war die feierliche Erlaubnis zuteil
-geworden, in das Haus von Professor Windemuth
-zu kommen. Die Base war zwar noch immer von
-tiefem Mißtrauen gegen ihn erfüllt und überhaupt
-gegen alles, was von dem alten »Eik« abstammte,
-aber Liselotte war wenigstens beschäftigt, wenn sie mit
-dem Freunde zusammen war, und die Base konnte nichts
-Anstößiges entdecken, wenn sie einmal »revidierte«, was
-gewöhnlich in der Weise geschah, daß sie auf Filzpantoffeln<span class="pagenum" id="Seite_53">[53]</span>
-zu der Kinderstube schlich und mit einem
-ganz plötzlichen Ruck die Tür aufriß.</p>
-
-<p>Weder Bertold noch Liselotte waren nervös, sie
-guckten manchmal kaum von ihrem Spiel auf, während
-die Base doch gewohnt war, bei derartigen Überfällen,
-z. B. der Dienstboten, diese mit glühend roten, arg
-verlegenen Gesichtern verschiedenes verbergen und fortpacken
-zu sehen. So ließ sie jetzt tagelang die beiden
-unbehelligt. Noch lieber freilich war es dem Bertold,
-wenn er zu Professor Windemuth ins Arbeitszimmer
-durfte. Im Gegensatz zum Großvater war der Gelehrte
-nicht wortkarg oder mürrisch und ernst, sondern
-ein herzensheiterer, mitteilsamer Mann, der mehr als
-einmal einen lustig sprühenden Humor zu Hilfe nahm
-und mit ihm gegen Base Juliane zu Felde zog. Für
-alle kleinen Herzensnöte seines Töchterchens hatte Professor
-Windemuth offene Augen und Ohren, und daher
-kam es, daß Liselotte die längst verstorbene Mutter
-gar nicht vermißte, vielmehr noch nie darüber nachgedacht
-hatte, was ihrem Leben eigentlich mangelte.
-Der Vater ersetzte ihr alles und nahm sie auch gegen
-allzu heftige An- und Übergriffe der Base kraftvoll
-in Schutz.</p>
-
-<p>Der Professor hatte längst erkannt, daß seine kleine
-wilde Hummel nur gewinnen könne, wenn Bertold ihr
-Spielkamerad bliebe, es hatte ihm imponiert, daß der
-Junge streng das einstmalige Verbot, das Haus zu
-betreten, innehielt. Von wem er wohl diesen festen<span class="pagenum" id="Seite_54">[54]</span>
-Gehorsam hatte? Vom Großvater sicherlich nicht, der
-sich in seinem ganzen Leben noch niemandem gebeugt,
-und von der Mutter, die das vierte Gebot so wenig
-geachtet, daß sie bei Nacht und Nebel aus dem Hause
-entwich, um ihrem Liebsten zu folgen, doch sicher
-auch nicht.</p>
-
-<p>Gewiß hielt der ehrenfeste Herr Baldamus von
-Eichen seine strenge Hand über den Knaben. Dieser
-Sproß des Hauses ging wenigstens seine geraden Bahnen,
-wie sie Schwarzhausen jedem seiner Bürger vorschrieb
-&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; sympathisch war er ja dem Professor nicht,
-aber das lag wohl mehr daran, daß Eik ein vollständiger
-Zahlenmensch war, während bei ihm, Professor
-Windemuth, das Herz öfter mal mit dem Verstande
-durchging. Vom weiblichen Einfluß hielt Professor
-Windemuth nicht viel. Seine eigene, früh verstorbene
-Gattin war ein hilfsbedürftiges Wesen ohne
-jede eigene Meinung gewesen, der Inbegriff aller zarten
-Weiblichkeit. Liselottes Geburt kostete ihr das Leben,
-und da ihre Nachfolgerin in Küche und Haus, Base
-Juliane, das genaue Gegenteil von ihr bildete, mürrisch,
-ungehobelt, lärmend, aber tüchtig und umsichtig schaltete,
-so nahm der Professor an, daß Frauenzimmer
-unberechenbare Geschöpfe seien, durchaus keine Logik und
-erwiesenermaßen anderthalb Lot Gehirn weniger besäßen.</p>
-
-<p>Das alte Fräulein Adelgunde von Eichen aber,
-das am liebsten das ganze Deutsche Reich umhäkelt
-hätte, zählte überhaupt nicht mit.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[55]</span></p>
-
-<p>Armer, kleiner Bertold!</p>
-
-<p>So sollte er wenigstens ein klein wenig den Zuspruch
-eines gebildeten Mannes genießen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Vielleicht hätte sich das Schicksal dem jungen Bertold
-ein bißchen gnädiger erweisen sollen; es wäre so gut
-gewesen, wenn Liselotte ihr feines musikalisches Gehör
-vom Vater geerbt hätte, anstatt von der früh heimgegangenen
-Mutter, die ihren Gatten nun nicht mehr
-darauf aufmerksam machen konnte, daß da in unmittelbarer
-Nähe ein Genie steckte. Infolgedessen bekam
-Bertold keinen weiteren Unterricht und hatte nichts
-als die beinahe vergötternde Zustimmung von Brennstoff
-und Teichmann, bei denen er noch allabendlich
-musizierte, ein gelegentliches Melden beim Großvater,
-der aber den Enkel so wenig als möglich zu sehen
-wünschte, ferner einen täglichen einstündigen Besuch
-bei Tante Adelgunde von Eik und ihrer sprichwörtlichen
-Häkelei und &ndash; seine Mutter.</p>
-
-<p>Frau Franziska Malcroix war so jung, so schön
-und &ndash; so ernst. Sie lebte <em class="gesperrt">nur</em> für ihren Bertold,
-&ndash; sie erhob sich des Morgens um vier Uhr und blieb,
-nachdem sie abends neun Uhr mit ihrem Knaben gebetet,
-noch ein Stündchen in dem neben Bertolds
-Schlafstube befindlichen Zimmer, wo sie arbeitete und
-schrieb und auf die regelmäßigen Atemzüge ihres
-Einzigen lauschte. An den Tag, der ihr den Knaben
-nehmen und in das Gymnasium nach E. führen würde,
-dachte sie mit Grauen. Jetzt gehörte er ihr noch,<span class="pagenum" id="Seite_56">[56]</span>
-wenn sie auch mit leisem Schmerz fühlte, daß sie
-seine Liebe mit der kleinen Liselotte teilen müsse.</p>
-
-<p>So handelte sie wie eine echte Mutter und nahm
-auch das Mädelchen noch an ihr Herz, &ndash; ja sie ließ
-die beiden kaum von sich, denn sie waren der sicherste
-Schutz gegen die Besuche ihres Vetters Baldamus.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Franziska Malcroix hatte Angst vor ihm.</p>
-
-<p>Sie konnte sich selbst nicht begreifen, denn sie
-war doch sonst so energisch und zielbewußt gewesen.</p>
-
-<p>Sie hatte Angst vor Herrn Baldamus, wenn dieser
-auch ganz ruhig und scheinbar in ein interessantes
-Buch oder eine Zeitung vertieft in seinem Lehnstuhl
-saß, oder wenn er Bertold etwas erklärte, der seinen
-Wissensdurst stillte, wo immer er eine Quelle fand.
-Ja, sie hatte Angst, auch wenn er nur Bertolds Geige
-zur Hand nahm, &ndash; Angst, daß er das Instrument
-mit einem Griff seiner schmalen, weißen Hände zerbrechen
-könne. Sie hatte Angst, daß er irgendein
-Mittel besitzen oder ergreifen könne, sie zu zwingen,
-sein Weib zu werden.</p>
-
-<p>Denn er war beinahe allmächtig in Schwarzhausen,
-das konnte sie täglich erfahren, und sie wäre wohl
-mit einem Male wieder angesehen in dem Städtchen
-gewesen, wenn sie plötzlich die Braut des hochmögenden
-Herrn Baldamus wurde.</p>
-
-<p>Wie sie dieser Gedanke schauern machte und ihre
-Arme so fest um ihren Bertold legen ließ, ja er ließ
-sogar den Schmerz um den verachteten, toten Gatten<span class="pagenum" id="Seite_57">[57]</span>
-milder werden und die Liebe heller leuchten, die doch
-die Vergangenheit geheiligt hatte.</p>
-
-<p>Merkwürdig war es, daß der Vater, Herr Eik
-von Eichen <em class="antiqua">senior</em>, sich in keiner Weise in die Angelegenheiten
-des Pflegesohnes Baldamus mischte, &ndash;
-er, der die Tochter einst verstieß, weil sie diesem Pflegesohn
-einen Korb gab um eines Unwürdigen willen.</p>
-
-<p>Die Liebe der Schwarzhausener hatte Herrn Eik
-<em class="antiqua">senior</em> kopfscheu gemacht. »Nun gerade!« war und blieb
-sein Wahlspruch, und der Pflegesohn sank um so viel
-Grade in seiner Wertschätzung, wie er in der seiner
-Vaterstadt stieg. Die verachtete Tochter aber kam dem
-alten, verbitterten Vaterherzen wieder näher, während
-der Junge, der Bertold, weit, weit von ihm abrückte,
-denn von diesem Knaben erzählten die Leute Wunderdinge;
-und besonders Rektor Tüllen und Hieronymus
-Teichmann taten sich in begeisterten Lobeserhebungen
-hervor.</p>
-
-<hr class="tb" />
-<hr class="tb" />
-<div class="chapter">
-<p>Und nun kamen die Ferien, und Hans von Windemuth,
-der Herr Fahnenjunker, zog in Schwarzhausens
-Hallen ein.</p>
-</div>
-
-<p>»Das ist also Hans?« fragte sich selbst Bertold
-von Eiken, der mit einer Mischung von begeisterter
-Erwartung und leiser Eifersucht der Bekanntschaft entgegengesehen
-hatte.</p>
-
-<p>»Das ist Hans!« bestätigte strahlend Liselotte<span class="pagenum" id="Seite_58">[58]</span>
-Windemuth, und der Herr Fahnenjunker brauchte gar
-nichts zu sagen, dem sah man das stolze Bekenntnis
-schon auf drei Schritte weit an: »<em class="gesperrt">Ich bin Hans
-von Windemuth!</em>«</p>
-
-<p>Die dreiundzwanzig Puppen wurden in die tiefsten
-Tiefen des Schrankes versenkt und Puppe Emmy ohne
-Kopf ganz besonders fest und weitab verstaut, denn
-der Fahnenjunker fand sie »scheusälig«. Bertold wunderte
-sich über all diese Dinge, wunderte sich auch,
-daß Liselotte so fröhlich und gleichmütig blieb und nur
-leise ihm zuflüsterte: »Weißt du, Bertold, die Puppen
-verreisen jetzt ins Bad, und Puppe Emmy kommt zu
-einem Kopfspezialisten. Wenn dann Hans abgereist ist,
-holen wir die Puppen wieder von der Bahn ab, und
-dann spielen wir weiter.«</p>
-
-<p>»Puppe Emmy hat dann aber immer noch keinen
-Kopf,« gab Bertold zu bedenken.</p>
-
-<p>»O, ich hab’ mir das alles überlegt,« meinte Liselotte.
-»Dann ist eben die Operation nicht geglückt,
-&ndash; es kommt oft vor bei großen Leuten, nur daß
-ich eben meine süße Emmy nicht sterben lasse.«</p>
-
-<p>Liselotte sah ernsthaft und wichtig aus; dann zog
-sie Bertold mit sich nach Hause in das große, tiefe
-Zimmer, in welchem der prächtige Bechsteinflügel stand,
-und sagte: »Nun wirst du gleich nicht mehr an die
-Puppen denken, denn Hans will uns vorspielen.«</p>
-
-<p>Der Fahnenjunker betrachtete etwas spöttisch seine
-gespannt dasitzende Zuhörerschaft, &ndash; die kleine, strahlende<span class="pagenum" id="Seite_59">[59]</span>
-Base, den ernsthaften Jungen und die Base Juliane,
-welche Tränen vergoß, wenn er den »guten Mond«,
-den »schönen Schweizerbub« oder »das Gebet der
-Jungfrau« vom Stapel ließ, während sie bei Chopin
-und Grieg in der Stube herumwirtschaftete, mit
-Scheren und Fingerhüten, Messern und Gabeln, Gläsern
-und Tellern viel Spektakel vollführte und schließlich
-türschlagend das Zimmer verließ.</p>
-
-<p>Hans von Windemuth war ein künstlerischer Dilettant.</p>
-
-<p>Die schwersten Sachen perlten unter seinen weißen,
-wohlgepflegten Händen, Grieg und Schumann, Chopin,
-Liszt, er spielte sie alle herunter, und Bertold und
-Liselotte starrten ihn an, als sei er etwas ganz Unglaubliches.</p>
-
-<p>Das gefiel dem jungen Krieger über die Maßen.</p>
-
-<p>»So, nun spielt ihr,« meinte er gnädig und überließ
-seinen Platz am Flügel der kleinen Base.</p>
-
-<p>Aber sie kam nicht zum Spielen, denn die Tür
-war mit leisem Klapp hinter Bertold zugefallen, &ndash;
-er ging ohne Abschiedswort.</p>
-
-<p>»So ist er nun,« klagte Liselotte. »Du hast <em class="gesperrt">zu</em>
-schön gespielt, dann kann er immer kein Wort sagen.«</p>
-
-<p>»Er hat keine Manieren,« meinte Hans von Windemuth
-streng.</p>
-
-<p>Bertold aber war nach Hause gelaufen, hatte seine
-Geige aus dem Kasten gerissen, und in den tiefsten
-Tiefen des Riesenkleiderschrankes ließ er das, was<span class="pagenum" id="Seite_60">[60]</span>
-seine Seele bewegte, ausklingen. Dann stieg er langsam
-aus dem Schranke heraus, sah sich vorsichtig um und
-huschte in das Zimmer von Hieronymus Teichmann.</p>
-
-<p>»Gott steh’ mir bei und soll mich bewahren,
-Büblein, was ist in dich gefahren?« fragte dieser erschrocken,
-als er den blassen Jungen sah.</p>
-
-<p>»O Teichmann, &ndash; Teichmann&nbsp;&ndash;« murmelte
-Bertold.</p>
-
-<p>»Du siehst ja aus, als wolltst du versaufen, &ndash;
-welche Laus ist dir über die Leber gelaufen?«</p>
-
-<p>Ein stoßweises Schluchzen brach aus der Brust
-des Knaben.</p>
-
-<p>»Teichmann, er verhunzt mir den Grieg&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Büblein, &ndash; wo soll Krieg sein?«</p>
-
-<p>»Ach, Teichmann, ich meine ja den Komponisten,
-&ndash;&nbsp;&ndash; der Hans von Windemuth spielt ihn und verhunzt
-ihn, ich kenne ihn nicht wieder, &ndash;&nbsp;&ndash; hör’ nur
-mal, Teichmann &ndash; (Bertold nahm hastig die Geige
-und fuhr mit ein paar Strichen darüber hin) &ndash; hör’
-nur, das Grollen und Stöhnen der Nordsee, das
-Kreischen der Möwen, die Klagen des Mädchens &ndash;&nbsp;&ndash;
-o und <em class="gesperrt">so</em> spielt er das, &ndash;&nbsp;&ndash; Teichmann, ich <em class="gesperrt">kann</em>
-das nicht mit anhören, und die Liselotte ist doch ganz
-begeistert.«</p>
-
-<p>»Büblein, ich kann dich nicht recht verstehn, &ndash;
-Grieg? sagst du, oder wer und wen?«</p>
-
-<p>»Teichmann, du wirst doch den großen Grieg<span class="pagenum" id="Seite_61">[61]</span>
-kennen? Kantor Brennstoff hat dir doch so viel von
-ihm vorgespielt.«</p>
-
-<p>Der Alte strich sich besinnend über die Stirn.</p>
-
-<p>»Den <em class="gesperrt">großen</em> Grieg, sagst du? Ich kenne nur
-<em class="gesperrt">einen</em> Großen, das ist der alte Beethoven. Schweig’
-still, Büblein, sag’s dem Brennstoff nicht, er zieht
-dann gleich so’n närrisch Gesicht, &ndash; er steckt so ganz
-im Wagner drin und, weiß es Gott, ich lieb’ auch <em class="gesperrt">ihn</em>,
-aber sie sind nicht zu vergleichen. Ob der eine den
-andern mag erreichen, &ndash; ich weiß es nicht, mich
-kümmert’s nicht. Nur eins tu’ ich mir ausbedingen,
-zu jedem Tag, zu jeder Stund’, man soll mir immer
-den Wagner singen, so lange ich lebe und bin gesund.
-Aber in Krankheitstagen, in bangen, will ich nach
-meinem ›Großen‹ langen, &ndash; und die Fünfte Symphonie
-führ’ mich zur ew’gen Harmonie.</p>
-
-<p>Büblein, was schaust du mich so an?«</p>
-
-<p>Bertold sah in der Tat ganz selbstvergessen in
-das Gesicht das alten Faktotums.</p>
-
-<p>»Rektor Dillen fragte heute, ob wir schon mal ’n
-Dichter gesehen hätten&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;« antwortete er stockend,
-»und da riefen wir alle ›nö‹, aber nun, &ndash; aber nun,
-&ndash; bist <em class="gesperrt">du</em> ein Dichter, Teichmann?«</p>
-
-<p>Der alte Diener sah sehr ärgerlich aus, weit ärgerlicher
-und grimmiger, als er eigentlich war, denn er
-war in der Hauptsache verlegen.</p>
-
-<p>»Ein Dichter! Wie kann ein kluger Junge so
-dummerhaft fragen! Schiller, Goethe, Lessing und<span class="pagenum" id="Seite_62">[62]</span>
-Uhland sind Dichter, und dann die Loreley und die
-Wacht am Rhein und Heil dir im Siegerkranz, verstanden?«</p>
-
-<p>»O, Teichmann, jetzt hast du nicht ein einziges
-Mal gereimt, wie kommt das?«</p>
-
-<p>»Junge, du bist genau wie deine Mutter war,
-&ndash; die fragte mich auch immer das Blaue vom Himmel
-runter. Ich kann dir aber nichts Gescheites antworten.
-Das kommt eben vom Himmel geflogen, daß es dann
-so mit den Wörtern paßt.«</p>
-
-<p>»Aber nun, Teichmann, aber nun? Es paßt ja
-gar nicht&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Weil ich in Wehmut und Aufregung bin, Bertold.
-Dann verliert sich das. Sobald milde Denkart eintritt,
-kommt das andere so sachtchen mit, ich merk’ es freilich
-selber nicht, Freund Brennstoff steckt mir auf das Licht,
-und Thereschen freundlich auf mich blickt und sagt:
-Mein Teichmann, du bist verrückt.«</p>
-
-<p>Bertold lachte.</p>
-
-<p>»Wie einem gleich froh ums Herz wird, wenn
-man bei dir ist, Teichmann. Ich war ganz unglücklich
-und zerschlagen vorhin. Vielleicht ist auch Grieg zu
-schwer und wunderlich. Er dürfte nur von musikalischen
-Menschen gespielt werden. Gelt, Teichmann, du verstehst
-mich doch, daß ich das so einfach sage?
-Klingt es sehr eingebildet? Denn ich spiele ja Grieg
-&ndash; o so gern!«</p>
-
-<p>»Musik ist eine Gottesgabe. <em class="gesperrt">Ich</em> kann nichts dafür,<span class="pagenum" id="Seite_63">[63]</span>
-daß ich sie habe, und dir geht es ebenso, sei darüber
-ganz ruhig und froh!«</p>
-
-<p>»Sieh, Teichmann, weil der Grieg so leicht <em class="gesperrt">aussieht</em>,
-da meinen alle, sie könnten ihn spielen, und
-mein Vater sagte&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;: ›Das kleinste lyrische Stück
-von ihm sollte man erst einmal ein Jahr lang durch<em class="gesperrt">leben</em>,
-ehe man wagte, es mit einem Instrument anzufassen‹.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Teichmann antwortete nicht. Vielleicht verstand
-sein einfacher Sinn nicht diese Tiefe der Auffassung,
-&ndash; aber sein feines Gefühl spürte aus den Worten des
-Knaben und aus der Art, wie dieser den Vater erwähnte,
-die grenzenlose Verehrung, welche dem verachteten
-Toten bewahrt wurde. Und mit einem Male
-fühlte er auch, daß das Leben dieses jungen Menschenkindes
-ein Dornenweg sein würde, voll Stacheln, voll
-Lieblosigkeit und Häßlichkeiten, wie der seiner Mutter.
-Und das Ende des Dornenweges?</p>
-
-<p>Teichmann schüttelte seinen grauen Kopf. »Was
-kümm’re und vergrübel’ ich mich? Da oben ist einer
-klüger als ich.«</p>
-
-<p>»Was murmelst du da, Teichmann? &ndash; Wenn sie
-nun morgen wieder mit mir spielen wollen, und ich
-kann es doch nicht mit anhören?«</p>
-
-<p>»Ich will dir etwas sagen, Bertold.« Der alte
-Mann geriet in Begeisterung. »Du nimmst <em class="gesperrt">Beethoven</em>
-mit. Ganz einfach Beethoven! Und den spielt ihr!
-Himmelherrgott, &ndash; <em class="gesperrt">den</em> können sie einfach nicht verhunzen,<span class="pagenum" id="Seite_64">[64]</span>
-&ndash; sie <em class="gesperrt">können’s</em> nicht. Der bleibt immer
-Beethoven, &ndash; verstehst du, Sohn? Und wenn sie ihn
-dreschen und hacken oder schludern und verludern, &ndash;
-Junge, er bleibt Beethoven. Das ist einer, das ist
-einer!«</p>
-
-<p>»Teichmann, du hast wieder nicht gereimt!«</p>
-
-<p>Der Alte sah den Knaben starr an.</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Das</em> hörst du? Auf solchen Kram achtest du,
-wenn ich von dem Großen rede? Schäm’ dich, Bertold!
-Und könntest <em class="gesperrt">du</em> irgendeinen Reim auf Beethoven finden?
-Ich nicht! Schäm’ dich, Bertold!«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Drei ganze Tage ließ Bertold dahingehen, ehe er sich
-den Spielkameraden wieder zugesellte.</p>
-
-<p>Aber diese drei Tage dünkten ihm Jahre. Frau
-Franziska sah bekümmert auf <span id="corr064">ihren</span> Jungen, der mit
-großen Augen sehnsüchtig aus dem Fenster schaute in
-der Richtung, in welcher man den Giebel des roten
-Windemuthhauses erblickte.</p>
-
-<p>Die leise Eifersucht regte sich wieder in ihrer Brust.
-Drei Tage war ihr Junge verändert und scheu, bis
-sie selbst ihm zurief: »Du warst so lange nicht bei
-Liselotte, habt ihr euch gezankt?«</p>
-
-<p>Da leuchtete sein Blick. »Mutter, &ndash; ich gehe!
-Darf ich lange bleiben? Ich nehme die Geige mit!
-Mutter, und Beethoven nehme ich mit. Den können
-sie mir nicht verhunzen! Den nicht! Teichmann hat’s
-gesagt.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[65]</span></p>
-
-<p>Frau Franziska strich sanft über sein dunkles Haar.</p>
-
-<p>»Du Wilder! Geh nur &ndash; geh! Sei brav! Und
-kehr’ mir gesund wieder!«</p>
-
-<p>Ihre eigenen Worte hallten in ihr nach, als sie
-ihrem Jungen nachblickte, wie er mit dem Geigenkasten
-dahinschritt durch die Eichenstraße und immer wieder
-zurückwinkte nach der Mutter.</p>
-
-<p>Er war doch <em class="gesperrt">ihr</em> Junge.</p>
-
-<p>Du Wilder! Sei brav! Diese Worte sprach ihr
-Herz und ihr Mund täglich unzählige Male und hatte
-sie gesprochen beinahe von dem Tage an, da man ihr
-den Knaben zuerst in die Arme gelegt hatte.</p>
-
-<p>Denn vom ersten Atemzug an war er ein ungebärdiges
-Büblein gewesen. Als der Verstand kam,
-wurde er merkwürdig still, nachdenklich und ernst. Aber
-daneben wucherte ein Kräutlein auf, das giftige, verderbliche,
-zerstörende Erbteil der Eik von <span id="corr065">Eichens</span>, &ndash;
-der Jähzorn.</p>
-
-<p>Wie Franziska Malcroix diesen Jähzorn haßte!
-Die Chronik des Hauses war erfüllt von Beispielen
-seiner unheimlichen Macht über die Eiks.</p>
-
-<p>Er überschlug aber immer eine Generation.</p>
-
-<p>So war sie selbst verschont geblieben von diesem
-unseligen Temperament, das ihren Vater bis zur Sinnlosigkeit
-beherrschte und einen gehaßten, gefürchteten,
-gemiedenen Mann aus ihm gemacht hatte.</p>
-
-<p>Aber ihr Junge, ihr lieber Trost, ihr ein und alles,
-den sie herausgerettet aus einer tief unglücklichen Ehe,<span class="pagenum" id="Seite_66">[66]</span>
-welche der Tod zur rechten Zeit noch getrennt hatte!
-Sie hatte schon geglaubt, daß das böse Erbteil vor
-ihm haltmache, hatte dankbar die Hände gefaltet, daß
-ihr Sohn weder den haltlosen Leichtsinn seines Vaters,
-noch den lodernden Jähzorn des Großvaters geerbt,
-hatte sich in der Sicherheit gewiegt, daß ihm ein gütiges
-Geschick nur die heilige Wahrheitsliebe und den eisernen
-Fleiß der Eik von Eichens in die Wiege gelegt habe
-&ndash; bis vor drei Jahren.</p>
-
-<p>Ja, so lange war es her.</p>
-
-<p>Da hatte sie an einem heißen Nachmittage arbeitend
-am Fenster gesessen, ihr Mann war wieder einmal
-auf »Kunstreisen«, von welchen er immer haltloser
-denn je und oft in zweifelhafter Gesellschaft heimkehrte,
-&ndash;&nbsp;&ndash; ihre Gedanken weilten bei dem Fernen, dem sie
-von Tag zu Tag fremder wurde, &ndash; da hatte sie
-gellendes Kindergeschrei gehört und war auf die Straße
-gestürzt, ohne Hut, ohne Tuch, wie sie gerade war.</p>
-
-<p>Zur rechten Zeit kam sie, um Bertolds kleine,
-feste Fäuste aus dem dunkeln Schopf eines Spielkameraden
-loszulösen, aber ganze Büschel Haare blieben
-trotzdem in der Hand des Raufenden.</p>
-
-<p>Frau Franziska hatte entsetzt in die entstellten
-Züge ihres Knaben gesehen.</p>
-
-<p>Dunkelrot das kleine Gesicht, schneeweiß die Lippen
-und die Nasenspitze, und die Augen sprühend vor Zorn.</p>
-
-<p>»Er liegt, Mama, er liegt!« Mehr konnte der
-Junge nicht hervorkeuchen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[67]</span></p>
-
-<p>Ja, das war der Eiksche Jähzorn.</p>
-
-<p>Eine Menschenmenge hatte sich damals angesammelt,
-o sie wußte es so genau noch. Der Vater des
-gemißhandelten Jungen war dazu gekommen und hatte
-von »Zwangserziehung« gesprochen. Böse Reden waren
-gegen sie und Bertold geflogen &ndash;&nbsp;&ndash; welche Schmach
-für die feinfühlige Frau!</p>
-
-<p>Und ihr kleiner, guter, stolzer Junge!</p>
-
-<p>Als die lodernde Aufregung nachließ, weinte er
-bitterlich und war ganz krank. Es hatte sich um eine
-Kinderei gehandelt, um eine Unwahrheit, wie sie unter
-Kindern im täglichen Spiel oft vorkommt, aber dem
-streng wahrheitsliebenden Jungen war sie unerhört
-erschienen.</p>
-
-<p>An all dies dachte Frau Franziska und dachte
-auch an die große Ähnlichkeit zwischen Großvater und
-Enkel.</p>
-
-<p>Zug für Zug glich der junge Bertold dem alten
-Bertold.</p>
-
-<p>Nichts hatte er von seinem Vater bekommen, als
-etwa die dunkeln Augen, die bei Lotar Malcroix aber
-übermütig gestrahlt hatten, während Bertold gewöhnlich
-ernst dreinschaute.</p>
-
-<p>Auch die große Figur und die kerzengerade, aufrechte
-Haltung würde er gleich dem Großvater haben,
-ebenso die dichten, schöngeschwungenen Augenbrauen,
-den energischen Mund und &ndash;&nbsp;&ndash; den Jähzorn.</p>
-
-<p>An all dies dachte Frau Franziska, als sie ihrem<span class="pagenum" id="Seite_68">[68]</span>
-fröhlichen Knaben nachschaute, wie er federnden Ganges
-mit seiner geliebten Geige dahinschritt, und an all
-dies dachte sie, als er nach kaum einer halben Stunde
-totenblaß zu ihr ins Zimmer zurückkam und sich vor
-ihr auf die Knie warf, den wirren Lockenkopf in ihren
-Schoß drückte und nur immer wieder stammelte:
-»Mutter, ach Mutter!«</p>
-
-<p>»Was war geschehen?« So fragte sie sich selbst,
-als sie nur einen Augenblick in das verstörte, gramvolle
-Gesicht ihres Buben geschaut hatte, das so traurig,
-so krank aussah, daß sie die Frage gar nicht laut
-stellen mochte.</p>
-
-<p>»Mutter, ach Mutter!« Wieder ein wehes Aufschluchzen.</p>
-
-<p>»Werde ruhig, mein Herzensjunge!«</p>
-
-<p>»Ich kann nicht ruhig werden, nie wieder, Mutter!
-Mutter &ndash; sag’ &ndash; ist es wahr? War der Papa, &ndash;
-<em class="gesperrt">mein</em> Papa, &ndash;&nbsp;&ndash; sie sagen, er wäre ein Schuft gewesen.«</p>
-
-<p>Das Gespenst! Da stand es wieder vor Franziska
-Malcroix und grinste sie an. Es würde nie verschwinden,
-das wußte sie. Und ob sie fliehen würde
-weit über die lieben Thüringer Berge, das Gespenst
-ihres befleckten Namens würde neben ihr schreiten
-oder hinter ihr drein laufen und sie immer wieder
-einholen.</p>
-
-<p>Frau Franziska weinte bitterlich. »Mein Junge,
-mein armer Junge!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_69">[69]</span></p>
-
-<p>Bertold strich sich die feuchten Locken aus dem
-verweinten Gesicht und sah die Mutter an. »Du sagst
-nichts, Mutter? Ist es wahr?«</p>
-
-<p>Ihre Augen sahen über ihn hinweg ins Weite.</p>
-
-<p>»Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!«
-sprach sie laut und hart, und dann schlossen sich ihre
-Lippen fest. Ein unendlicher Jammer lag in ihren
-Augen, und Bertold fühlte, daß er nicht fragen, daß
-er nur trösten müsse.</p>
-
-<p>Seine Arme umschlangen sie fest, und so saßen
-Mutter und Sohn schweigend mit ihren übervollen
-Herzen.</p>
-
-<p>Die Abendsonne stahl sich herein und wob überall
-lichte Kränzlein: das eine legte sie um Bertolds dunkeln
-Lockenkopf, der an der Brust seiner Mutter ruhte,
-ein anderes flimmerte an dem Rahmen, der ein Pastellbild
-des alten Eik von Eichen aus seiner Knabenzeit
-darstellte, ein drittes tanzte auf Bertolds poliertem
-Geigenkasten.</p>
-
-<p>Und als die Sonne unterging, ließ sie das Licht
-dieser drei Kränzlein in den Herzen von Mutter und
-Sohn zurück.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Franziska küßte die Stirn des Knaben.</p>
-
-<p>»Erzähle mir alles,« bat sie.</p>
-
-<p>Bertold bettete seinen Kopf wieder fest an ihre
-Schulter.</p>
-
-<p>»Mutter, sie spielten wieder Grieg, als ich hinkam,
-die Ballade, die &ndash;&nbsp;&ndash; die Väterchen noch vor<span class="pagenum" id="Seite_70">[70]</span>
-seinem Tode mit uns aus der Partitur las, &ndash; oh &ndash;
-weißt du noch?« Die Erinnerung überwältigte das
-Kind förmlich.</p>
-
-<p>»Ich weiß,« flüsterte Frau Franziska.</p>
-
-<p>»Ich hatte die Hände an den Ohren, denn ich
-konnt’s nicht ertragen, wie der Hans von Windemuth
-alles herunterspielte, &ndash; du weißt ja, wie Vater so eine
-Technik haßte, die nur Technik war. Irgend was
-spielte Hans, nur eben Grieg war es nicht. &ndash; Dann
-sollte ich sagen, es sei herrlich gewesen, die Liselotte
-verlangte es. &ndash; Ich rief nur immer, der Hans spiele
-sehr schön und fertig, und das war ihnen denn auch
-genug. Dann legte ich still den Beethoven auf das
-Pult, &ndash; es war nur der Auszug aus Vaters Lieblingssymphonie,
-&ndash; wir spielten es zu deinem letzten
-Geburtstag zusammen, und du sangst uns damals die
-Worte dazu: ›Still sank der Abendsonne Gold hinunter
-an das Himmelszelt, in Abendfrieden süß und hold
-ruht um uns her die ganze Welt‹&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Mein Junge!« stöhnte Franziska, denn alles Leid
-und alle kargen Freudenstunden der Vergangenheit
-wurden in diesem Liede lebendig.</p>
-
-<p>Bertold hatte den Kopf aufgerichtet und sah jetzt
-mit leuchtenden Augen in den dämmernden Abend.</p>
-
-<p>Sein Kindergesicht sah reif und ernst aus, als
-habe die Hand des Schicksals heute darüber gestreift
-und die harmlose Freude daraus mitgenommen.</p>
-
-<p>»›O wohnte doch im Herzen mein so tiefer Friede<span class="pagenum" id="Seite_71">[71]</span>
-für und für; mein Gott, laß mich dein Eigen sein,
-den Frieden find’ ich nur bei dir!‹ Mutter, &ndash; als du
-das sangst, da hielt uns Vater beide umschlungen und
-war so gut, so gut&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Bertold drückte sich wieder fest in den Arm der
-Mutter, als könne dieser allein ihm Schutz gewähren
-vor dem Furchtbaren, das heute auf ihn geschleudert
-worden war.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und die Mutter hielt ihn fest, so fest &ndash; aber
-sie schwieg.</p>
-
-<p>Dies Kindergemüt war ihr zu heilig, zu zart
-noch, um es auch nur schattenhaft ahnen zu lassen,
-wie furchtbar sie unter dem genialen Künstler Malcroix
-gelitten, wie selbst die härtesten Beschuldigungen, die
-fremde Menschen aussprachen, noch nicht die Wirklichkeit
-erreichten&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Knabe schrie plötzlich weh auf, und seine
-Fäuste ballten sich.</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Ein schlechter Kerl!</em> Mutter, &ndash; Mutter &ndash;
-einen schlechten Kerl nannte ihn der Hans, und die
-Liselotte nickte dazu, &ndash; ja Mutter, das tat sie. Und
-ich hatte ihnen doch nichts zuleide getan, &ndash;&nbsp;&ndash; war
-nur ein paarmal aufgesprungen und hatte gerufen:
-›<em class="antiqua">Es</em>, <em class="antiqua">es</em>, um Gottes willen <em class="antiqua">es</em>‹, &ndash; kannst du dir vorstellen,
-Mutter, daß der Hans <em class="antiqua">e</em> spielte in <em class="antiqua">As-dur</em>?
-Da lachten sie über mich, und das machte mich so
-wütend; und immer mehr lachten sie, und dann verhunzten
-sie den Beethoven weiter &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; und Teichmann<span class="pagenum" id="Seite_72">[72]</span>
-hatte doch gesagt &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; es ginge gar nicht
-&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; da riß ich Hans die Geige aus der Hand und
-schlug&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Bertold!!!«</p>
-
-<p>Der Knabe war aufgesprungen, &ndash; starrte seiner
-Mutter ins Gesicht, und es war, als käme er durch
-ihren Ruf erst langsam zur Besinnung. Langsam strich
-er sich über die Stirn. »Mutter,« stammelte er, »ich
-glaube, ich habe ihn sehr geschlagen, <em class="gesperrt">sehr</em>, Mutter, &ndash;
-er gab ja dem Beethoven Schimpfnamen, und dann
-&ndash; dir &ndash; und dann &ndash;&nbsp;&ndash; dem Vater &ndash;&nbsp;&ndash; ich solle
-nicht mit ihm prahlen, &ndash; er sei ein großer Künstler
-gewesen, aber ein schlechter Kerl, &ndash; ein ganz, ganz
-schlechter Kerl&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Schweig!« rief Franziska außer sich. »Du sollst
-das Wort nicht sagen, ich kann es nicht hören.« Sie
-schüttelte ihren Knaben in Zorn und Weh und hielt
-ihn dann doch wieder umschlungen, ihren Einzigen,
-&ndash; ihren Augen- und Herzenstrost.</p>
-
-<p>So brach die Nacht herein über den beiden, &ndash;
-die große Trösterin.</p>
-
-<hr class="tb" />
-<hr class="tb" />
-<div class="chapter">
-<p>Nur mit einem aufgescheuchten Wespennest konnte
-man anderntags Schwarzhausen vergleichen.</p>
-</div>
-
-<p>Es war ganz unerhört, was geschehen war.</p>
-
-<p>Der Wagen des Herrn Kreisphysikus <em class="antiqua">Dr.</em> Hempel
-hielt vor Professor Windemuths Hause, und <em class="antiqua">Dr.</em> Hempel<span class="pagenum" id="Seite_73">[73]</span>
-selbst hatte beim üblichen Abendschoppen im »Weißen
-Roß« sehr freimütig erzählt, daß der kleine schwarze
-Satan, Bertold Eik von Eichen, <em class="antiqua">alias</em> Malcroix, dem
-hübschen Fahnenjunker Hans von Windemuth die Geige
-buchstäblich auf dem Kopfe zerschlagen habe. »Kaput, &ndash;
-ganz kaput!«</p>
-
-<p>»Um Gottes willen, der Kopf?«</p>
-
-<p>»Nein, die Geige.«</p>
-
-<p>Und wieder sprach man von Zwangserziehung und
-»Rauhem Haus«, wieder erörterte jeder Vetter und
-jede Base, vom Bürgermeister an bis herunter zum
-Nachtwächter, daß der Knabe erblich belastet sei, und
-daß es wohl nur <em class="gesperrt">ein</em> Mittel gebe: eine feste Hand
-und gebietende Persönlichkeit über ihn zu setzen, und
-für die Schwarzhausener konnte diese Persönlichkeit nur
-Herr Baldamus Eik von Eichen sein, dessen Zuneigung
-für Frau Franziska stadtbekannt war. Aber würde seine
-Liebe groß genug sein, um sich aufzuopfern für eine
-Frau mit beflecktem Namen und mit einem mißratenen
-Buben, wie dieser Bertold war?</p>
-
-<p>Der eine ganze Stadt durch sein bisheriges Wohlverhalten
-und Ehrbarkeit getäuscht hatte?</p>
-
-<p>Der schon an seinem letzten Aufenthalt reif für
-eine Besserungsanstalt gewesen war und dessen schlechter
-Charakter noch gerade zeitig genug zum Vorschein kam?</p>
-
-<hr class="tb" />
-<hr class="tb" />
-<p>Das Haus Windemuth konnte die Zahl der teilnehmenden<span class="pagenum" id="Seite_74">[74]</span>
-Frager kaum fassen, &ndash; freilich sah der
-Professor immer aus, als nähme er am liebsten die
-Mitbürger beim Kragen und würfe sie zur Tür hinaus;
-aber man hielt sich an Base Juliane, die bereitwillig
-und ausführlich die Schreckensszene immer wieder
-schilderte und stundenlang schwatzend vor der Haustür
-stehen konnte. »Zerrissen und zerschunden sei das
-hübsche Gesicht des Fahnenjunkers,« berichtete sie, »und
-die Kopfhaut an zwei Stellen genäht, und die wertvolle
-Geige&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Sei sofort vom alten Herrn Eik von Eichen ersetzt
-worden, und zwar durch eine weit wertvollere,«
-war hier Hieronymus Teichmann eingefallen, der gerade
-vorbeiging und sich ausnahmsweise und nur zum
-Steuer der Wahrheit in die Verhandlung mischte.</p>
-
-<p>»Nun ja freilich &ndash; ersetzt,« murrte Base Juliane,
-»als ob damit alles abgetan sei! Der Hieronymus
-Teichmann war eben Partei. In seinen Augen, das
-wußten alle, waren die Eik von Eichens geborene Engel,
-und sie hätten auch einen Raubmord begehen können,
-Teichmann würde doch noch Entschuldigungsgründe für
-seine langjährige Dienstherrschaft gefunden haben.«</p>
-
-<p>Aber man wollte in Schwarzhausen nicht so lange
-warten, bis etwas ganz Schreckliches durch diesen Bertold
-Malcroix geschah; man wollte den Brunnen zudecken,
-ehe das Kind hereinfiel, und da man nicht den Mut
-hatte, zum alten Eik zu gehen, der nun doch einmal
-die meisten Steuern zahlte, und ihm zu sagen: »Nimm<span class="pagenum" id="Seite_75">[75]</span>
-dein Enkelkind aus der Schule heraus, es stört da
-unsere sorgfältig erzogenen Sprößlinge«, so bearbeitete
-man eben jene sorgfältig Erzogenen, und diese isolierten
-den Bertold.</p>
-
-<p>Er fand sich immer allein, beim Spiel und beim
-Lernen, beim Plaudern, beim Stillsitzen und beim
-Frühstücken.</p>
-
-<p>Während der ersten Tage nach jenen bösen Jähzornsstunden
-fehlte Liselotte ganz in der Schule. Der
-Anblick ihres leeren Platzes gab dem Jungen immer
-einen Stich ins Herz, mehr noch die kummervollen
-Augen des Rektors Tüllen, zu welchem die aufgebrachten
-Schwarzhausener gesagt hatten: »Entweder der jähzornige
-Bengel geht, oder wir nehmen unsere Kinder
-fort.« Es war verlorene Liebesmühe des braven Rektors
-gewesen, daß er alle guten Seiten des Knaben hervorgehoben
-hatte; man machte die Frage einfach zu einer
-Existenzfrage für den Rektor und seine brave Schwester.</p>
-
-<p>Als Liselotte zum ersten Male wieder in der Schule
-erschien, hatte sie etwas Merkwürdiges mitgebracht, ein
-längliches, sauber zusammengeschnürtes Paket, das sie
-hastig unter die Bank steckte.</p>
-
-<p>Erst als die lange Pause kam, holte sie das Päckchen
-vor und begab sich mit ihm nach dem Grasgarten.
-Bertold folgte ihr dorthin, wie er es ja immer getan
-hatte, ehe er sich durch sein strafwürdiges Verhalten die
-Pforten zum Paradiese verschloß.</p>
-
-<p>Und ein Stück Paradies war ihm das Windemuthhaus<span class="pagenum" id="Seite_76">[76]</span>
-gewesen. &ndash; Die ganze Klasse wollte den beiden
-nachstürmen, aber Rektor Tüllen stand sozusagen mit
-feurigem Schwerte vor der kleinen, grün angestrichenen
-Tür, die zum Grasgarten führte, und sein Lineal,
-mit dem er wild umherfuchtelte, glänzte leuchtend in
-der Sonne. »Weg da,« rief er und scheuchte die Neugierigen
-fort, »in das Grasgärtchen dürfen nur die
-besten Schüler.«</p>
-
-<p>Das war die Wahrheit, und das half auch.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Liselotte setzte sich, Bertold stand vor ihr mit
-bekümmerter, ernster Miene. Liselotte hatte das Paket
-auseinandergeschnürt, und nun lag »Puppe Emmy ohne
-Kopf« auf ihrem Schoß.</p>
-
-<p>»Liselotte, bist du böse mit mir?« begann Bertold
-das Gespräch.</p>
-
-<p>Das kleine Mädel schaute nicht auf, ihre Augen
-guckten nur die Puppe an, und dann erwiderte sie:</p>
-
-<p>»Sieh mal, liebe Puppe Emmy, ich darf doch
-nicht mit dem bösen Bertold sprechen, weil er ein
-schrecklicher Bengel ist. Nun habe ich dich mitgenommen,
-und du kannst ihm alles sagen.«</p>
-
-<p>Der Schatten eines Lächelns flog über des Knaben
-Gesicht, als er die List der kleinen Evastochter verstanden,
-aber es war nur ein Augenblick, dann fragte
-er ganz ernst: »Puppe Emmy, ist Liselotte Windemuth
-mir böse?«</p>
-
-<p>Und die kopflose Puppe Emmy besaß ein furchtbar
-erregtes Stimmchen, das antwortete: »Gräßlich böse<span class="pagenum" id="Seite_77">[77]</span>
-ist Liselotte, und aus und vorbei ist’s. Hans von Windemuth
-ist ganz schwach und dösig, er hat so schauderhaft
-geblutet und liegt immer noch zu Bett. Nie darfst
-du wieder zu Liselotte kommen, &ndash; du wärst ein
-Rowdy, hat Vater gesagt. Und wenn du wieder Geigen
-zerschlügst, solltest du lieber deine eigene Geige an
-deinem eigenen Kopf zertrümmern.«</p>
-
-<p>»Meine Amati!« stammelte Bertold.</p>
-
-<p>»Jawohl, deine Amati,« bestätigte Puppe Emmy
-ohne Kopf ungerührt. »Und es ist eine ganz
-schreckliche Geschichte. Hans wartet jetzt bloß, bis du
-ein Mann bist, dann fordert er dich zum Duell, hat
-er gesagt, und schießt dich tot.«</p>
-
-<p>Bertold wollte laut rufen, daß er doch auch dabei
-den Hans totschießen könnte, aber sein Gerechtigkeitsgefühl
-verbot es ihm, und im Bewußtsein seiner Schuld
-senkte er tief den Kopf.</p>
-
-<p>»Darf ich auch nicht, bis ich tot bin, mit Liselotte
-spielen?« fragte er zaghaft.</p>
-
-<p>»Nein,« lautete Puppe Emmys unbarmherzige
-Antwort. »Die Liselotte mag auch gar nicht. Alle
-Leute sagen, du wärst so ein Zornnickel, daß man
-seines Lebens nicht sicher wäre.«</p>
-
-<p>In Bertold begann sich schon wieder etwas zu
-regen, &ndash; es stieg ihm heiß ins Gesicht, und Tränen
-des Zorns füllten seine Augen.</p>
-
-<p>»Wie die Nachtwächter habt ihr Beethoven gespielt,«<span class="pagenum" id="Seite_78">[78]</span>
-brach er leise grollend los, »und dann nachher&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Wenn es doch aber <em class="gesperrt">wahr</em> ist&nbsp;&ndash;« eiferte Puppe
-Emmy und stürzte sich in des Wortes vollster Bedeutung
-unüberlegt und »kopflos« in eine höchst gefährliche
-Situation, &ndash; »dein Vater <span id="corr078">hat</span> doch auch&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Schweig!« schrie Bertold und sah mit seinen
-erhobenen Fäusten so schreckenerregend aus, daß Liselotte
-einen gellenden Schrei ausstieß.</p>
-
-<p>Auf diesen Ausbruch lief sofort Rektor Tüllen
-herbei, und auch seine Schwester kam aus der Küche
-gelaufen, und die übrigen Kinder verließen ihre Spiele
-und schauten neugierig in das verbotene Gebiet des
-Grasgärtchens.</p>
-
-<p>Da stand der Junge, der beste Schüler, der seit
-wenigen Tagen das schwarze Schaf des Städtchens
-war, mit rollenden Augen und knirschenden Zähnen,
-aber in Gegenwart des Herrn Rektors fürchtete sich
-Liselotte nun nicht mehr. Sie raffte Puppe Emmy an
-sich, nestelte an ihrer Tasche, die sich ziemlich dick und
-auffällig unter ihrer Schulschürze bauschte, und dann
-flog etwas vor Bertolds Füße, und noch etwas und
-noch etwas.</p>
-
-<p>»Da! &ndash; da! und da!« rief diesmal nicht Puppe
-Emmy, sondern Liselotte, die ebenso blaß war, wie ihr
-ehemaliger Freund rot; und alle Schwarzhausener
-Kinder sahen mit Genugtuung, daß hier eine von
-ihnen längst geneidete Freundschaft in Stücke ging.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_79">[79]</span></p>
-
-<p>Unzählige Bildchen flatterten zur Erde vor Bertolds
-Füße, viele seltene Steinchen, getrocknete Vierkleeblättchen
-und bunte Glaskugeln &ndash; lauter Sachen, die
-Bertold ach so mühselig einst gesammelt und der kleinen,
-geliebten Freundin dargebracht hatte. Auch seine wertvollsten
-Marken waren darunter und selbstgezeichnete
-Bildchen &ndash;&nbsp;&ndash; es lag nun alles im Kies des Grasgärtchens,
-und viele schmutzige Kinderhände bückten sich
-danach und schlugen sich darum.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Totenblaß, aber mit hoch erhobenem Kopf schritt
-der Knabe über all die verschmähten Liebesgaben hinweg,
-die Hände hatte er tief in den Taschen vergraben,
-seine Augen schauten geradeaus &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; so ging er
-zur Schultür und zum Hause hinaus, ohne sich nur
-ein einziges Mal umzusehen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-<hr class="tb" />
-<hr class="tb" />
-
-<p>Zum erstenmal seit ungezählten Jahren stand Rektor
-Tüllen wieder im Hause Eichen vor dem alten Herrn,
-der einst sein Gönner und Brotgeber gewesen war.</p>
-
-<p>Und daran, daß er dort wirklich wieder stand,
-konnte der Rektor die Kraft der Liebe ermessen, die
-ihn mit seinem kleinen Schüler verband.</p>
-
-<p>Diese Kraft allein hatte ihn über die Schwelle des
-Hauses gezogen, aus dem er einst fortgewiesen wurde,
-und das er mit einem jungen Herzen voll Haß und
-Bitterkeit verlassen hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_80">[80]</span></p>
-
-<p>Jetzt war er alt und mild geworden, und der Greis,
-der ihm einst wilde, harte Worte zugerufen, streckte
-ihm heute die Hand entgegen. Dabei wetterleuchtete es
-förmlich in dem alten Gesicht, &ndash; er setzte auch ein
-paarmal zu einer Begrüßung an, aber das Reden war
-nie eigentlich seine Sache gewesen, und er fühlte wohl,
-wie schwer es war, nach fünfundzwanzig Jahren plötzlich
-eine Anknüpfung zu finden, besonders bei einem
-so jäh zerrissenen Faden.</p>
-
-<p>Aber sein Händedruck war ehrlich und fest, und
-Rektor Tüllen erwiderte ihn ebenso.</p>
-
-<p>Herr Eik von Eichen <em class="antiqua">senior</em> führte seinen Gast zu
-einem der tiefen Sessel in seinem Arbeitszimmer, und
-beide setzten sich.</p>
-
-<p>»Erzählen!«</p>
-
-<p>Es war nur ein barsch geknurrtes Wort, aber
-der Rektor hatte ein scharfes Auge und ein feines Ohr,
-er sah, daß sein Gegenüber heftig erregt war, und er
-hörte aus der Art, wie das einzige Wort hervorgestoßen
-wurde, etwas heraus, das ihn veranlaßte, sofort zu
-willfahren.</p>
-
-<p>Ruhig und mit mildem Ernst setzte er dem alten
-Herrn alles auseinander, schilderte mit etwas trockener
-Sachlichkeit die Freundschaft des Knaben Bertold mit
-der kleinen Liselotte Windemuth, schilderte den Auftritt
-im Hause des Professors, soweit er ihn vom Hörensagen
-kannte, und betonte den heftigen Jähzorn des
-Knaben, der sich am letzten Schultage wieder erschreckend<span class="pagenum" id="Seite_81">[81]</span>
-gezeigt und die Schwarzhausener von neuem aufgeregt
-habe. Er selbst, der Rektor, würde den Knaben nie aus
-der Schule gewiesen haben, denn Bertold sei ein kluger
-Kopf und lerne fleißig, im übrigen sei es ihm, Rektor
-Tüllen, gleichgültig, was seine Mitbürger dächten, aber
-Bertold habe vor drei Tagen die Schule freiwillig
-verlassen und sei bis heute nicht zurückgekehrt, deshalb
-sei er hier und wolle Herrn Eik von Eichen gut überlegte
-Vorschläge unterbreiten.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Rektor Tüllen fühlte plötzlich bei dieser Unterredung,
-daß ein Diplomat an ihm verloren gegangen
-war.</p>
-
-<p>Mit keiner Silbe lobte er den Jungen, dem sein
-ganzes altes Herz gehörte, mit keinem Worte beschönigte
-er Bertolds Jähzorn, &ndash; und von dem gottbegnadeten,
-wunderbaren musikalischen Talent des
-Knaben sprach er mit einer Nüchternheit, daß der
-argwöhnische Zuhörer auch nicht schattenhaft die Sorge
-spürte, welche Rektor Tüllen beseelte, wenn er an eine
-Erfolglosigkeit seiner Mission dachte. Er hatte ja vor
-diesem Gang eine lange Unterredung mit dem Organisten
-Brennstoff gehabt, und dieser hatte ihn nach allen
-Regeln der Diplomatie bearbeitet.</p>
-
-<p>»Immer an den Wahlspruch des Alten denken:
-›Nun gerade‹. Nicht das Herz ›weghuppen‹ lassen, wir
-müssen das Kind für Frau Musika retten, und dazu
-brauchen wir den alten Isegrimm. Rektor, reden Sie
-vorsichtig, Rektor, machen Sie keine Dummheiten!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_82">[82]</span></p>
-
-<p>Der alte Eik war aufgesprungen und lief wild im
-Zimmer umher. Es schüttelte ihn wie ein Sturm.
-»Bande!« knirschte er, »Bande! Sie sind um kein Haar
-besser geworden, meine lieben Schwarzhausener. Was
-nicht im Geleise geht mit hü und hott, das wird einfach
-verfemt und totgeschlagen, &ndash; ich kenne sie, o ich
-kenne sie!«</p>
-
-<p>Immer wieder durchmaß er das tiefe, große
-Zimmer mit wuchtigen Schritten, und sein schweres,
-stoßweises Atmen begleitete jeden Schritt.</p>
-
-<p>Mit hartem Ruck blieb er endlich vor dem Lehrer
-stehen.</p>
-
-<p>»Und Sie wollen sich überwinden, Herr Tüllen,
-und täglich hierher kommen, meinen Enkel weiter unterrichten?«
-fragte er ungläubig.</p>
-
-<p>»Ja, das will ich,« bestätigte der Rektor. Plötzlich
-reckte er seine schmächtige Gestalt hoch auf und sah
-dem alten Eik furchtlos in die düsteren Augen. »Unter
-zwei Bedingungen will ich’s.«</p>
-
-<p>Eik von Eichen <em class="antiqua">senior</em> erstaunte. Er kannte seit
-seiner frühesten Jugend nur gebückte, demütige Kreaturen,
-oder hämische und schadenfrohe, immer aber
-furchtsame Seelen, die ihm, wenn möglich, weit aus
-dem Wege gingen.</p>
-
-<p>Daß dieser »hungrige Lehrer«, der ganz mit seiner
-Existenz auf die Milde der Schwarzhausener Bürger
-angewiesen war, und der offenbar ihn doch jetzt auch
-brauchte, &ndash;&nbsp;&ndash; ihm Bedingungen zu stellen wagte,<span class="pagenum" id="Seite_83">[83]</span>
-war ihm mindestens neu, und deshalb interessierte
-es ihn.</p>
-
-<p>»Bedingungen?« lachte er kurz auf. »Und die
-wären?«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Daß ich niemals Herrn Baldamus von Eik zu
-sehen brauche, und daß ich niemals für meine geistige
-Arbeit an dem Knaben Bertold irgendein Honorar
-anzunehmen brauche.«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Was für eine Verrücktheit!« rief Eik von Eichen
-<em class="antiqua">senior</em>. »Was wollen Sie damit? Meinen Sie, ich
-lasse mir etwas von Ihnen schenken?«</p>
-
-<p>Lehrer Tüllen sah ihn ruhig an.</p>
-
-<p>»Das müssen Sie wohl, Herr von Eik, &ndash; oder
-Sie verzichten eben auf mich. Nur die &ndash;&nbsp;&ndash; Anhänglichkeit
-an Frau Franziska, meine ehemalige
-Schülerin, führte mich nach fünfundzwanzig Jahren
-über diese Schwelle, und der Gedanke, daß Bertold Eik
-von Eichen zu schade ist, um in die Schablone der
-Schwarzhausener eingepreßt zu werden.«</p>
-
-<p>Eine lange Pause entstand.</p>
-
-<p>Unverwandt schaute der Greis mit den düsteren
-Augen auf den kleinen Lehrer, der wieder zusammengesunken,
-wie unter einer großen Anstrengung, in dem
-tiefen Lehnsessel saß.</p>
-
-<p>»Ich nehme beide Bedingungen an.« Wieder streckte
-sich die große Hand aus, und der Lehrer legte die seine
-hinein.</p>
-
-<p>»Herr Baldamus von Eik, mein Pflegesohn, will<span class="pagenum" id="Seite_84">[84]</span>
-in den nächsten Wochen eine Auslandsreise antreten.
-Vorher will er sehen, ob sich einige Wünsche und
-Hoffnungen von ihm verwirklichen lassen, &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;
-hm &ndash;&nbsp;&ndash; das würde dann große Veränderungen in
-meinem Hause bedingen, die auch den Knaben mit
-betreffen würden. Vorläufig &ndash;&nbsp;&ndash; sehe ich Sie also
-täglich hier, mein Arbeitszimmer ist <em class="antiqua">tabu</em> für jedermann,«
-(wieder lachte er rauh), »Sie werden niemandem
-hier begegnen. Ich stelle aber <em class="gesperrt">auch</em> eine Bedingung.«</p>
-
-<p>Lehrer Tüllen sah gespannt fragend auf.</p>
-
-<p>»Sie erwähnten vorhin, daß mein Enkel im Hause
-Windemuth musiziert habe, ich hörte aus Ihren wenn
-auch noch so bedachten Worten heraus, daß Bertold das
-Talent seines Vaters erbte, &ndash; ich will davon <em class="gesperrt">nie</em>
-wieder etwas hören, merken Sie wohl auf. In dem
-Augenblick, da auch nur ein Ton des verfluchten Instrumentes
-an mein Ohr dringt, ziehe ich meine Hand
-von meinem Enkel ab.«</p>
-
-<p>Wieder ging die große Gestalt mit dröhnenden
-Schritten auf und ab.</p>
-
-<p>»Das ist eine sehr harte &ndash;&nbsp;&ndash; und eine ungerechte
-Bedingung,« tönte die ruhige Stimme des
-Lehrers.</p>
-
-<p>»Darüber habe <em class="gesperrt">ich</em> zu entscheiden,« lautete die
-schroffe Erwiderung. »Ich habe dem Bengel Windemuth
-die zerstörte Geige ersetzt, &ndash; wie ein Hohn war’s
-auf die ganze Vergangenheit, &ndash; ich &ndash; Eik von Eichen
-kaufte eine Geige&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;« Wieder das heisere, rauhe<span class="pagenum" id="Seite_85">[85]</span>
-Lachen, und wieder der Unterton dabei, nur dem feinen
-Ohre des Lehrers vernehmbar, ein Ton des grollenden
-Schmerzes, der vom bitteren Hasse kaum mehr zu unterscheiden
-war.</p>
-
-<p>Lehrer Tüllen stand auf.</p>
-
-<p>Er überlegte, daß er heute genug erreicht hatte,
-er wußte wenigstens, daß der Junge ihm für einige
-Zeit wieder gehörte, und daß die Förderung dieser
-jungen Menschenseele die köstlichste Aufgabe für ihn
-sein werde. Ruhig verabschiedete er sich vom Herrn
-des Hauses. Es wurde kein Wort weiter gewechselt,
-dann fiel die schwere Eichentür hinter ihm ins Schloß.</p>
-
-<p>Ganz erschöpft saß der Rektor dann noch eine
-Stunde in dem Stübchen von Hieronymus Teichmann,
-der gemeinsam mit Kantor Brennstoff auf ihn mit
-Spannung gewartet hatte. Das Wiedersehen mit dem
-alten Vater seiner einstigen Liebe griff den Rektor
-ungemein an. Er war ja kein Jüngling mehr, und es
-stürmten seit einiger Zeit zu viel neue Eindrücke auf
-ihn ein. Fast mechanisch berichtete er über seine
-Unterredung mit Herrn von Eik, und der alte
-Teichmann saß ihm stumm und bedrückt gegenüber.
-Jeder erlösende Reim schien ihm abhanden gekommen
-zu sein.</p>
-
-<p>Desto lebhafter und aufgeregter war Brennstoff.</p>
-
-<p>»Diese ganze Sache ist nur ein Danaergeschenk,«
-grollte er. »Himmelherrgott, was nützt uns alles, wenn
-diese verrückte, tolle, hirnverbrannte Bedingung mit<span class="pagenum" id="Seite_86">[86]</span>
-der Geige bestehen bleibt. Diese ist sozusagen die Hauptsache
-im Leben des jungen Eik, wie Frau Musika überhaupt
-das A und O eines jeden musengeküßten Individuums
-sein müßte. Wenn Jung-Bertold auch weder
-schreiben, noch lesen könnte, &ndash; mit seinem Geigenspiel
-allein käme er durch die ganze Welt. Musik macht gut
-und groß und erbt in jedem Falle den Himmel, und
-die heilige Cäcilie ist wahrhaft anbetungswürdig!«</p>
-
-<p>»Brennstoff, stoppe ein wenig!« bat jetzt Hieronymus.
-»Mir scheint, das Schicksal hat’s schon gut gemeint.
-Unser Junge, der Bertold, in sicherer Hut, &ndash;
-der Gedanke belebt schon meinen Mut. Paßt auf, &ndash;
-was heute noch meilenweit, das kommt schon näher mit
-der Zeit.«</p>
-
-<p>»Unsinn, Hieronymus! Frau Musika ist ’n ungeduldiges
-Weibsen. Das wartet nicht. Und so’n Talent
-verkommen lassen, &ndash; was sag’ ich, Talent? &ndash;&nbsp;&ndash;
-so’n Genie!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ein Genie bricht sich <em class="gesperrt">immer</em> Bahn,« warf Rektor
-Tüllen ruhig und etwas müde ein, reichte den beiden
-still die Hand und ging.</p>
-
-<p>»Billige Brombeerenweisheit,« rief ihm Brennstoff
-nach. »Herrgott, <em class="gesperrt">ich</em> hätte dem alten Eik gegenüber
-stehen sollen,« tobte er weiter und vergaß ganz, daß
-er vor kaum zwei Stunden noch ausgerufen hatte:
-»Mönchlein, Mönchlein, du gehst einen schweren Gang,
-Gott sei gepriesen, daß ich mit dem Schlagetot nicht
-allein zu sein brauche!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_87">[87]</span></p>
-
-<p>Schwarzhausen selbst stürmte, brauste und gärte
-in ungeheurer Aufregung. &ndash; Daß man den Bertold
-nicht sofort auf den Schub gebracht und irgendwohin
-expediert hatte, war so echt Eikensch. Alles sah dem
-alten Einsiedler in Eichenborn aufs Haar ähnlich nach
-der Meinung der Schwarzhausener Bürger:</p>
-
-<p>Daß er dem Herrn Professor Windemuth wieder
-nachträglich die ersetzte Geige mit einem groben Brief
-abgejagt und sie dem Bertold geschenkt habe, damit
-dieser ein großer Künstler werde, daß er den »Rektor
-Dillen« mit unerhörten Drohungen gezwungen habe,
-den Unterricht des Knaben im Hause Eichen zu übernehmen,
-und daß er mit dem jähzornigen Enkel zusammen
-nun einen bitteren Haß gegen alle gut gesinnten
-Bürger der Stadt fühle und immer neu schüre, so daß
-man sich ja wohl seines Lebens nicht mehr sicher fühlen
-könne. Wie wohl der ehrenfeste Herr Baldamus Eik
-darunter litt. Er sah in letzter Zeit recht schlecht aus
-&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; ein Jüngling war er ja gerade auch nicht
-mehr, und es wäre wohl die höchste Zeit für ihn gewesen,
-sich nach einer Hausfrau umzusehen, die dann
-vielleicht die Macht gehabt hätte, etwas mehr Zucht
-und Ordnung in den Eichenborn zu bringen. Das, was
-einige munkelten, &ndash;&nbsp;&ndash; Herr Baldamus stiege noch
-immer der schönen Witwe Malcroix nach, die ihn einstens
-verschmähte, war natürlich Unsinn, &ndash; die hätte
-wohl mit beiden Händen zugegriffen, wenn ihr Gelegenheit
-geboten wäre, sich warm und unabhängig vom<span class="pagenum" id="Seite_88">[88]</span>
-Vater in Eichenborn festzusetzen. Denn Herr Baldamus
-besaß ein großes, eigenes Vermögen.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Durch die dicken Mauern des Eichenborns drangen
-diese Gerüchte nicht.</p>
-
-<p>»Wie kann ich Ihnen danken!« hatte Franziska
-Malcroix mit hellen Tränen in ihren schönen Augen
-den Rektor gefragt, als er zum erstenmal den Unterricht
-beginnen wollte.</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Ich</em> habe zu danken!« lautete die ruhige Antwort,
-»daß Sie so viel Vertrauen hatten, mir dies seltene,
-liebe Kind zu überlassen.«</p>
-
-<p>über die Bedingungen, die von beiden Parteien
-gestellt waren, sprachen sie nicht. Bertold, dem Nächstbeteiligten,
-war der Befehl seines Großvaters unbekannt
-geblieben.</p>
-
-<p>Seine Freunde, von denen ja die Mutter sein
-allerbester war, wollten ihn nicht zum bewußten Ungehorsam
-verleiten, aber sie wollten auch nicht die
-Schuld auf sich laden, dies herrliche Talent verkümmern
-zu lassen, so ging Bertold jeden Tag eine Stunde in
-das Haus von Kantor Brennstoff, und dieser gab ihm
-gediegenen theoretischen Unterricht mit dem innerlichen,
-heißen Wunsche, Gott möge ein Wunder tun und irgendeinen
-großen Meister nach Schwarzhausen führen, der
-dann den Jungen mit sich fortnehmen würde.</p>
-
-<p>Inzwischen führte Bertold ein strenges Leben der
-Arbeit.</p>
-
-<p>Er sah so wenig frohe Menschen, es war, als<span class="pagenum" id="Seite_89">[89]</span>
-ob die Luft des Hauses Eichenborn jedes Lachen im
-Keime erstickte.</p>
-
-<p>Und Bertold hatte doch so gern gelacht.</p>
-
-<p>Seine Mutter bemühte sich wohl, in seiner Gegenwart
-heiter und froh zu erscheinen, aber sein feines
-Empfinden fühlte deutlich das Bemühen und den Schein
-heraus. Zudem glaubte er, daß sein häßlicher Jähzorn
-die Ursache von Frau Franziskas Tiefstimmung sei,
-und er grämte sich darum.</p>
-
-<p>Täglich wurde sein nachdenkliches Gesichtchen etwas
-schmaler, trotzdem ihm seine Mutter die sorgsamste
-körperliche Pflege angedeihen ließ, trotzdem im Parke
-Luft- und Sonnenbäder errichtet waren für ihn und
-der Großvater, den er aber selbst kaum jemals zu
-Gesicht bekam, ihn auf vier Wochen nach Borkum geschickt
-hatte, unter Aufsicht des Herrn Rektors Tüllen, seines
-verehrten Lehrers.</p>
-
-<p>War es die Scheu, täglich unter so vielen, fremden
-Menschen zu sein, war es die Sehnsucht nach seiner
-geliebten Mutter, die beim Großvater zurückgeblieben
-war, &ndash;&nbsp;&ndash; Bertold kam noch ein wenig blasser und
-hagerer, sowie gänzlich appetitlos aus dem Seebade
-zurück.</p>
-
-<p>Sie forschten und fragten und ergingen sich in
-Mutmaßungen, aber keiner ahnte, daß es ein kleines,
-quecksilbriges Persönchen war, das dem Knaben beständig
-vorschwebte, &ndash; daß Liselottes altkluges Reden,
-ihr unermüdliches Interesse, ihre frische Lebendigkeit<span class="pagenum" id="Seite_90">[90]</span>
-ihm fehlte, &ndash; wo er ging und stand, &ndash; ach so sehr
-fehlte!</p>
-
-<p>Aber über seine Lippen kam kein Wort, und auf
-seinem ausdrucksvollen Knabengesicht lag ein neuer Zug,
-&ndash; etwas wie Verachtung; der war an jenem Tage entstanden,
-als seine kleine Freundin ihm so mitleidlos
-das liebevoll aufgespeicherte Sammelsurium vor die
-Füße warf.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-<hr class="tb" />
-<div class="chapter">
-<p>In dem ausgedehnten Parke hinter Eichenborn
-ging der alte Eik von Eichen täglich eine Stunde
-spazieren.</p>
-</div>
-
-<p>In früheren Zeiten, die aber weit, weit zurücklagen,
-hatte das Herrenhaus ganz einsam dagestanden, nur
-Wald und Wiesen, Sträucher und Hecken waren seine
-Nachbarn gewesen, und ganz am Ende der Besitzung,
-die sich weithin ausdehnte, schlängelte sich die wilde
-Gera wie ein silbernes Band.</p>
-
-<p>Genau so entfernt, wie Haus Eichenborn vom <em class="gesperrt">Ort</em>
-Schwarzhausen lag, war auch die seelische Entfernung
-der aristokratischen Bewohner von den Bürgern des
-Städtchens. Kaum einer fühlte das Bedürfnis, die lange
-und langweilige, schnurgerade Allee zu durchwandern,
-um das langgestreckte düstere Haus Eichen aufzusuchen,
-das wie ein verwunschenes Märchenschloß in seinem
-Eichendickicht lag, in welchem nur ruhig-ernsthafte oder
-boshaft-jähzornige Menschen wohnten, auf manches<span class="pagenum" id="Seite_91">[91]</span>
-Glied waren auch beide Eigenschaften zusammengefallen.</p>
-
-<p>Nur die jeweiligen Pfarrer hatten seit Generationen
-treu zu den Eichens gehalten, weil sie sich allzeit als ein
-frommes Geschlecht auszeichneten, zu denen auch die
-Kirche immer mit ihren Wünschen und Bedürfnissen
-kommen konnte, ohne Gefahr zu laufen, abgewiesen zu
-werden. Knauserei gehörte jedenfalls nicht zu den vielen
-Untugenden, die den Eik von Eichens mit Recht oder
-Unrecht nachgesagt wurden. Im achtzehnten Jahrhundert
-ward ein ganz besonders tatkräftiger Bertold
-Zacharias Eik von Eichen Erbe des Eichenborns, und
-er war es, der auf seinem eigenen Grund und Boden
-Reichtümer in Gestalt von Feldspat entdeckte. Er war
-der Begründer der großen Eikschen Porzellanfabriken
-und zugleich der festgegründeten Wohlhabenheit des
-Hauses Eichenborn.</p>
-
-<p>Beziehungen mit Frankreich wurden angeknüpft,
-und der Gatte von Franziska Malcroix war der Urenkel
-jenes Mannes, der durch die erste Lieferung von
-weichem Frittenporzellan mit Haus Eichen in Verbindung
-trat.</p>
-
-<p>Schwarzhausen fing an, sich zu dehnen und zu
-strecken, Fabrikgebäude, Schmelzöfen und Ziegeleien
-wuchsen auf, alle unter der Firma: »Eik«, und um das
-düstere Haus selbst lagerten sich wie ein Kranz die roten
-Ziegeldächer der schmucken Häuschen, in denen die Angestellten
-wohnten.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_92">[92]</span></p>
-
-<p>Es hatte in merkwürdig genauer Abwechslung
-immer einen streng gewissenhaften, fleißigen Eiksohn
-gegeben, der das Besitztum mehrte, und dann wieder
-einen genialen Feuerkopf, der sich nicht in Schablonen
-pressen ließ, und der in einem selbstgewählten Berufe
-genügend Zeit fand, aus dem Geleise der Eiks zu weichen
-und das reichlich vorhandene Vermögen auch nützlich
-oder unnützlich zu verbringen. Ein solcher Feuerkopf
-war Lorenz Eik von Eichen, der Vater des Herrn
-Baldamus gewesen.</p>
-
-<p>Bertold Eik <em class="antiqua">senior</em> hatte diesen jüngeren Bruder
-sehr geliebt, aber das Drohnenleben, welches Lorenz
-führte, war allezeit der Gegenstand heftigen Unfriedens
-zwischen ihnen beiden gewesen.</p>
-
-<p>Durch die vom älteren Bruder und Chef des
-Hauses förmlich aufgezwungene Ehe mit einer stillen,
-demütigen Frau, die sich später als eine im ärgsten
-Muckertum steckende Seele entpuppte, wurde Lorenz
-zur Verzweiflung getrieben, &ndash; er nahm sich das Leben.
-&ndash; Bertold Eik holte den verwaisten Baldamus zu sich
-und führte einen jahrelangen erbitterten Kampf mit
-der Mutter des Knaben, bis auch diese starb. Baldamus
-war das getreue Ebenbild seiner Eltern. Vom Vater
-den Hang zum Leichtsinn, ohne die geniale Offenheit
-und Frohmütigkeit dabei, die ersetzt wurde von der
-glatten, gesellschaftlichen Miene des Scheines. Von der
-Mutter den Hang zum Duckmäusern. &ndash; »Laß dich
-nicht erwischen!« war ein Gebot, das obenan im Katechismus<span class="pagenum" id="Seite_93">[93]</span>
-des Baldamus Eik stand, und da er es verstand,
-diese Lehre mit dem, was Kirche und Schule von ihm
-verlangten, in Einklang zu bringen, so fand sich niemand
-genötigt, seinem Pflegevater die Augen zu öffnen, ausgenommen
-der junge Hauslehrer vor vielen Jahren,
-der denn auch umgehend »flog«.</p>
-
-<p>An all dieses dachte Herr Bertold Eik, wenn er
-in der Mittagsstunde seinen Spaziergang machte. Er
-schlief trotz seines hohen Alters niemals nach Tisch,
-wie er auch Schlafrock und Hausschuhe verachtete und
-wegen seiner immer noch scharfen, alles Ungehörige
-sofort entdeckenden Augen in Haus und Fabriken sehr
-gefürchtet war.</p>
-
-<p>Heute dachte er noch an etwas anderes.</p>
-
-<p>Seit fünfzig Jahren spielte er mit seiner Schwester
-Adelgunde jeden Abend eine Stunde Schach.</p>
-
-<p>Die Schwarzhausener irrten sich sehr, wenn sie
-glaubten, Fräulein Adelgunde hätte keine weiteren
-Interessen als ihre Häkelspitze, die allerdings beinahe
-um das Fürstentum herumreichte, &ndash; sie hatte nur
-kein Interesse für Kaffee- und Teegesellschaften, für
-Skandalgeschichten und fahrlässige Verleumdungen, sie
-besaß aber eine tiefe Heimatliebe, einen Lokalpatriotismus,
-der weit über alles Maß hinausging, und der
-sie einst in jungen Jahren alle Bewerber ausschlagen
-ließ, &ndash; sie wollte ihre Geburtsstadt nicht verlassen.
-Sie liebte Schwarzhausen, wie eine Mutter ihr ungeratenes
-Kind liebt, denn als solches hatte sich das<span class="pagenum" id="Seite_94">[94]</span>
-Städtchen ihr gegenüber immer bewiesen, freilich ahnte
-es ja auch nicht, wem es sein Krankenhaus, sein Säuglingsheim,
-seine schönen Anlagen und den bedeutenden
-jährlichen Zuschuß zum Damenstift verdankte.</p>
-
-<p>Fräulein Adelgundes rechte Hand wußte niemals,
-was die linke tat, aber das war in Schwarzhausen
-nicht wohl angebracht. Deshalb liebte Fräulein von Eik
-mehr als die Mitbürger die Heimaterde, das heilige
-Fleckchen, darauf sie geboren und darinnen ihre Ahnen
-schlummerten, sie liebte die dunkeln Tannenwälder und
-grünen Fichten, die geheimnisvollen Waldwiesen und
-rauschenden Waldbäche und die muntere, glänzende,
-heiter-geschwätzige, wilde Gera.</p>
-
-<p>Fräulein Adelgunde zählte fünfundachtzig Jahre,
-aber ihr Geist war klar, ihre Augen waren durchdringend
-und scharf, und wenn sie abends dem Bruder
-zurief: »Schach dem König!« dann klang ihre Stimme
-beinahe jugendlich und hell.</p>
-
-<p>Hatte sie Herrn Bertold dann, wie es gewöhnlich
-geschah, matt gesetzt, dann warf sie froh-geschäftig die
-Figuren zusammen und äußerte wohl: »Gott Lob und
-Dank! Wenn ich heute nacht sterbe, so habe ich wenigstens
-die letzte Partie gewonnen!«</p>
-
-<p>Und einmal hatte der Bruder darauf geantwortet:
-»Die <em class="gesperrt">vorletzte</em>! Ob man die <em class="gesperrt">letzte</em> Partie gewinnt,
-das weiß kein Mensch!«</p>
-
-<p>Jedenfalls war dies Schachspiel allabendlich, wenn
-nicht unaufschiebbare Geschäftsreisen oder ernste Krankheiten<span class="pagenum" id="Seite_95">[95]</span>
-dazwischen gekommen waren, seit fünfzig Jahren
-so wiederkehrend, wie das Amen in der Kirche, und
-deshalb hatte es denn auch Herrn von Eik stark verblüfft,
-daß gestern abend die Schwester weder die
-Figuren aufstellte, noch, als er ihr diese Obliegenheit
-abgenommen, irgendeinen Schachzug tat.</p>
-
-<p>Tief nachdenklich hatte sie im Sessel gelehnt und
-zum ersten Male in ihrem Leben statt des Spieles ein
-absonderliches Gespräch eröffnet.</p>
-
-<p>»Das ist <em class="gesperrt">sehr</em> unrecht von dir, Bruder Eik!«</p>
-
-<p>Daß irgend jemand es wagte, ihn, Bertold Eik
-<em class="antiqua">senior</em>, zur Rede zu stellen, war jedenfalls neu, und
-deshalb erregte es das Interesse des Alten.</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Was</em> ist unrecht?«</p>
-
-<p>»Ich kenne ja das Kind nicht,« fuhr Fräulein
-Adelgunde jetzt mit etwas belegter Stimme fort. »Ich
-<em class="gesperrt">will</em> es nicht kennen, wie ich auch deiner Tochter
-noch meine Schwelle bis jetzt verweigerte. Sie hat
-das ehrenhafte Haus Eichen durch Flucht verlassen,
-und ich bin zu alt, um Eichenborn als ein Gasthaus
-ansehen zu lernen, in das man beliebig zu jeder Stunde
-kommen oder aus dem man ohne Gottbehüt gehen kann.
-Das müßt ihr erwachsenen, denkenden Menschen mit
-euch selbst ausmachen. Aber ich bin Mitglied vom
-Tierschutzverein, und ebenso hilfsbedürftig, wie die
-stumme Kreatur, dünken mich Kinder. Und hier bei
-uns im Eichenborn wird eins gequält, &ndash; <em class="gesperrt">das</em> ist sehr
-unrecht von dir, Bruder.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_96">[96]</span></p>
-
-<p>»Ich quäle keine Kinder,« war die rauhe Erwiderung.</p>
-
-<p>Mit einem einzigen Griff hatte Fräulein Adelgunde
-alle aufgestellten Figuren umgeworfen. Damit zeigte
-sie, daß das Spiel ihr heute völlig verleidet sei.</p>
-
-<p>»Du tust es!« entgegnete sie fest. »Nie kommt ein
-anderes Kind in unser stilles Haus, dein Enkel hat
-keinen Umgang als seine Mutter, die mehr Tränen
-als Lachen kennen gelernt hat. &ndash; Du hältst dem Knaben
-kein Pferd, und nie sah ich ihn im Hofe turnen oder
-spielen oder auf dem See rudern; die Schwimmanstalt
-am Ende des Parkes ist verfallen, weil Baldamus
-ein Weichling und du zu alt bist, &ndash;&nbsp;&ndash; hast du dir
-denn schon einmal überlegt, Bertold, daß dieses Kind
-der <em class="gesperrt">Letzte</em> unseres Stammes ist? Weißt du etwas von
-ihm? Was hat er für Anlagen? Was für Eigenheiten?
-Hat er das Talent seines Vaters geerbt? Oder nur
-schlechte Anlagen von ihm? Liebt er dich und die
-Familienüberlieferungen unseres Hauses? Wird er
-in unser ehrbares, philisterhaftes Gefüge passen,
-oder&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Wie scharfe Hiebe waren diese Fragen der alten
-Schwester auf den Herrn des Hauses gefallen und hatten
-einen seiner heftigsten Zornanfälle hervorgerufen. Aber
-dieser Anfall hatte gar keinen Eindruck auf Fräulein
-Adelgunde gemacht, &ndash; sie legte die Schachfiguren in
-den alten, wunderbar eingelegten und geschnitzten
-Kasten, und dann war sie mit der eindringlichen Mahnung:<span class="pagenum" id="Seite_97">[97]</span>
-»Besinne dich, Bruder &ndash;&nbsp;&ndash; auf dich und unser
-altes Haus!« in ihr Schlafgemach gegangen.</p>
-
-<p>Das fand Herr Eik von Eichen abscheulich von
-der Schwester, denn er selbst hatte natürlich kein Auge
-zugetan, und die ganze Nacht hindurch wie auch den
-heutigen Tag hatte ihn die Frage verfolgt: »Denkst
-du daran, daß er der Letzte unseres Stammes ist?«</p>
-
-<p>Über Baldamus, der ja noch in den besten Jahren
-stand, war die Schwester einfach hinweggegangen.</p>
-
-<p>Er war ihr sein Leben lang unsympathisch und
-fremd geblieben, und manchmal hatte auch Herr
-Bertold Eik an ein Kuckucksei denken müssen, denn
-die Vereinigung von böser Lust und Muckertum
-war bisher unbekannt in der Geschichte des Hauses
-gewesen.</p>
-
-<p>Und daß niemand aus der weiteren Verwandtschaft,
-niemand aus seinem Fabrikbereich, niemand von den
-maßgebenden Persönlichkeiten in der Stadt selbst ahnte,
-daß Herr Baldamus nicht ganz der Erzengel Gabriel
-war, für den man ihn hielt, &ndash; das hatte den alten,
-grimmen Eik oft höhnisch und überhebend lachen lassen.
-Er war sich ja über sich selbst nicht klar.</p>
-
-<p>Er wußte nicht, daß er selbst den einst so geliebten
-Pflegesohn noch immer viel zu hoch einschätzte,
-&ndash; wie hätte er sonst auch nur einen Gedanken an
-seinen ehemaligen Plan verschwenden können, seine
-Tochter Franziska mit seinem Neffen Baldamus Eik
-zu vermählen, &ndash; eine Hoffnung zu nähren für seine<span class="pagenum" id="Seite_98">[98]</span>
-letzten Tage, daß der Name Eik von Eichen in aller
-Reinheit der Rasse neu erstehen könne.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Mit schweren, wuchtigen Schritten ging der Greis
-den schmalen, tannenbestandenen Weg entlang, der zu
-einem kleinen Tempelchen führte, von welchem man
-einen schönen Blick auf die Berge, Wiesen, Wälder
-und den Fluß hatte. Dieser steinerne Tempel hatte
-auf die Kinderspiele von Generationen Eiks hinabgeschaut,
-&ndash; die Chronik erzählte von Kinderbällen
-und Theateraufführungen, von Festgelagen der Stadt-
-und Dorfjugend, sogar von dem Besuche eines jungen
-königlichen Prinzen bei den Eiks, und so wenig sentimental
-der grimme Bertold Eik auch veranlagt war,
-er wußte, daß bei diesem altersgrauen Tempel immer
-etwas wie Heimatgefühl über ihn kam, weil seine
-Kindheit sich unter den Augen einer guten, sorglichen
-Mutter dort abgespielt hatte.</p>
-
-<p>Ein schmaler Weg mündete von den Anlagen des
-Damenstiftes her an dem Tempel, aber er wurde beinahe
-nie begangen, denn die adligen Jungfrauen hatten eine
-wahre Dornröschenhecke um ihre Burg wachsen lassen,
-und nur wenige von ihnen wußten noch um den Weg,
-den einst Adelgunde von Eik und Hermine von Windemuth,
-eine Großtante der kleinen Liselotte, angelegt,
-als sie noch junge, reizende Mädchen voll glühender
-Freundschaftsgefühle gewesen waren. Jetzt war der
-Weg moosbewachsen und durch überhängende Zweige<span class="pagenum" id="Seite_99">[99]</span>
-beinahe unkenntlich geworden, nur sehr schmale Füßchen
-konnten ihn durchwandeln und sehr schmale Persönchen:
-wie es auch damals die feingliedrige Hermine von
-Windemuth gewesen, der die erste, bewundernde Liebe
-des Bertold Eik <em class="antiqua">senior</em> gegolten.</p>
-
-<p>Schmal und fein war auch das goldlockige Mädchen,
-das heute diesen Weg entlang geschlüpft war und &ndash;
-nun auf der Korbbank des Tempels saß, mit großen,
-trotzigen Blauaugen auf ein Bündel schauend, das in
-seinem Schoß lag.</p>
-
-<p>Liselotte bemerkte kaum das Herannahen des alten
-Herrn, der unhörbar auf dem weichen Moose daherschritt,
-und als sein großer Schatten in den Raum fiel, erhob es
-erschrocken den Kopf.</p>
-
-<p>»Ach <em class="gesperrt">du</em> bist’s,« meinte Liselotte dann aber ganz
-ruhig, »ich glaubte schon, es sei der schreckliche Kerl.«</p>
-
-<p>»Wer ist denn <em class="gesperrt">das</em>?« fragte Herr von Eik und
-wunderte sich selbst, daß er sich mit der Kleinen in
-ein Gespräch einließ, aber dies Kind hatte die Windemuthschen
-Augen, und er sah gern in sie hinein.</p>
-
-<p>»Eigentlich bist <em class="gesperrt">du</em> es ja,« entgegnete Liselotte
-gleichmütig, »aber ich nenne den Herrn Baldamus so.«</p>
-
-<p>Eik <em class="antiqua">senior</em> lachte heiser. »Und wer nennt <em class="gesperrt">mich</em>
-so?« fragte er rauh.</p>
-
-<p>»O &ndash; alle! Die Base Juliane und die Trine
-und die Frau Postverwalter und die Eiermale und
-der Briefträger und&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Liselotte streckte ihm plötzlich die Hand hin. »Ich<span class="pagenum" id="Seite_100">[100]</span>
-hab’ dich nie so genannt,« versicherte sie treuherzig,
-»ich fürchte mich auch gar nicht vor dir, du darfst
-dich gern neben mich auf die Bank setzen, du störst
-mich nicht.«</p>
-
-<p>Eik <em class="antiqua">senior</em> sah mit einem Gemisch von Zorn und
-Humor auf das kleine Ding hin, das ihm auf Eikschen
-Grund und Boden gnädigst erlaubte sich zu setzen.
-Aber zu seinem eigenen großen Erstaunen setzte er sich
-wirklich.</p>
-
-<p>»Wo kommst du eigentlich her, Hermine?« fragte
-er weiter.</p>
-
-<p>»Liselotte heiße ich. Hermine ist ja meine Großtante
-drüben im Damenstift, und die habe ich eben mit Base
-Juliane besucht. Es ist furchtbar langweilig bei ihr,
-und denke dir, &ndash; sie kann Puppe Emmy nicht leiden.
-Deshalb zwängte ich mich durch die Dornenhecke und
-lief hierher.«</p>
-
-<p>Voll Entrüstung sagte es die Kleine, und gleichzeitig
-hob sie das Bündel von ihrem Schoß auf und
-drückte es in den Arm des neuen Freundes. »Ist sie
-nicht süß? Leider immer krank!«</p>
-
-<p>Herr von Eik beschaute sich das grau-schmutzige
-Bündel, ohne sich zu rühren. »Ich kann den Kopf
-nicht finden,« meinte er unbehaglich.</p>
-
-<p>»Den kann auch kein Mensch mehr finden,« berichtete
-Liselotte entsagungsvoll. »Weiß Gott, wo er
-sein mag. Das ist ja eben ihre schwere Krankheit. &ndash;
-Bitte, rühr’ dich nicht,« bat sie eindringlich, als Herr<span class="pagenum" id="Seite_101">[101]</span>
-von Eik Miene machte, seine unbequeme Stellung als
-Kinderwärter aufzugeben, »Puppe Emmy mag gern
-so liegen, es beruhigt alle ihre Nerven so.«</p>
-
-<p>Die Windemuthsaugen sahen vertrauend in die
-strengen, von buschigen Brauen umrahmten Eiksaugen
-und übten seltsame Macht. Herr Bertold <em class="antiqua">senior</em> rührte
-sich nicht.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Sprechen kannst du gern,« ermunterte ihn Liselotte
-nach einer Weile. »Auch lachen, wenn es dir
-Spaß macht.«</p>
-
-<p>»Ich wüßte nicht, worüber,« war die kurze Antwort.</p>
-
-<p>»Ich meine auch bloß so.«</p>
-
-<p>»Woher kennst du denn diesen Platz?« fragte der
-alte Herr, und da er ein leises Kribbeln in seinem
-linken Arm wahrnahm, bettete er Puppe Emmy in
-seinen rechten, welche Tätigkeit ein ganz süßes, mütterliches
-Lächeln auf Liselottes Gesichtchen zauberte.</p>
-
-<p>»Diesen Tempel? &ndash; Da hat mir zuerst Großtante
-Hermine davon erzählt,« beantwortete sie jetzt die Frage.
-»Auch von dir hat sie mir erzählt, lauter so gute,
-schöne Sachen, wie du früher warst vor hundert Jahren,
-und dann brachte ich ihr auch mal den Bertold. Da
-meinte sie, das wäre auf und nieder dein Ebenbild,
-&ndash; sie hatte auch so’n närrischen Namen für ihn,
-den lernten Bertold und ich auswendig: ›Schewalliee
-ßang Pör ang Minniatür‹.«</p>
-
-<p>»So? Hm!«</p>
-
-<p>»Ja und dann fragten wir sie, was das auf<span class="pagenum" id="Seite_102">[102]</span>
-Deutsch wäre, &ndash; ein Ritter ohne Furcht und Tadel,
-aber nicht so’n großer, wie du, sondern ein winziger.
-Das war doch nett von ihr, nicht wahr, Herr von Eik?
-Ich habe ihr auch nicht erzählt, daß du dem Diener
-manchmal die Feuerschaufel an den Kopf geworfen hast
-und so viele Gläser.«</p>
-
-<p>Mit einem einzigen Ruck stand der alte Herr auf,
-und Puppe Emmy flog auf den Boden. Ein Wehschrei
-ertönte, und jetzt sah ein blasses, zorniges Gesichtchen
-den Schloßherrn an.</p>
-
-<p>»Du hast es wohl gar mit Willen getan?« fragte
-ein ungläubiges, bebendes Stimmchen. »Ja, ist denn
-das möglich? So ein armes, krankes Emmylein auf die
-Erde zu ballern? Mit ohne Kopf und Sägspänenentzündung?
-I, da glaub’ ich aber nun <em class="gesperrt">auch</em>, daß
-du ein&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Herr von Eik sah mit unbeschreiblichem Ausdruck
-auf das Kind nieder, und in seinem Blick mußte etwas
-liegen, was dieses unerschrockene Persönchen zwang,
-seinen Satz unvollendet zu lassen. Hastig nahm es
-die mißhandelte Puppe auf den Schoß und begann,
-sie kunstgerecht aufzuwickeln. »Natürlich,« &ndash; meinte
-Liselotte verlegen-sachverständig, »naß ist sie auch, &ndash;
-natürlich, bei der Aufregung, &ndash; sie tut es sonst nie.«</p>
-
-<p>Rasch wurde dem Puppenwagen anderes Weißzeug
-entnommen und das Püppchen trocken gelegt.</p>
-
-<p>Wie lange war es her, seit Herr von Eik <em class="antiqua">senior</em>
-solch weiche Kinderlaute gehört, solch zarte Fingerchen<span class="pagenum" id="Seite_103">[103]</span>
-hantieren sah! &ndash; Seine Franziska, ja die war auch
-solch Puppenmütterchen gewesen, und hier am Tempel
-hatte sie halbe Tage lang gespielt und mit der eigenen
-Mutter ihre kleinen Sorgen und großen Freuden besprochen.
-Nie mit ihm, dem Vater. Er hatte immer
-nur zürnend oder spöttisch ihr gegenüber gestanden
-und kein Verständnis für Kinderlachen und Kindertränen
-gezeigt. Und als die Mutter starb, da lag
-alles kindliche Vertrauen mit in dem schwarzen Schrein,
-darin man sie begrub, und Vater und Kind waren
-arm und einsam. Zwar kam die Liebe und das Vertrauen
-wieder, aber das wurde dann dem fremden Manne
-geschenkt, mit dem sein Kind entfloh.</p>
-
-<p>Vielleicht waren es alle diese schweren, so plötzlich
-auf den alten Eik hereinstürmenden Gedanken, daß
-er einen Schritt näher herantrat, den blonden Scheitel
-der kleinen Zürnenden sacht berührte und mit guter,
-sanfter Stimme sagte: »Gib her, ich will dein Kind
-wieder gesund machen.«</p>
-
-<p>Liselotte sah ihn prüfend und forschend an.</p>
-
-<p>»Aha,« meinte sie verständnisvoll, »du willst nun
-gewiß Doktor sein, weil du so’n schlechter Vater bist.
-Na dann nimm sie, aber &ndash; vooorsichtig &ndash; ohhhh
-vooorsichtig&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Als trüge er seltenes Glas oder Porzellan, so
-besorgt schritt Herr Eik von Eichen den Waldpfad
-zurück nach Haus Eichenborn mit einem wunderlichen,
-nie gekannten Gefühl im Herzen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_104">[104]</span></p>
-
-<p>Vorsichtig schaute er sich um, ob ihn auch niemand
-sähe, wie er das kleine, unförmliche Bündel auf seinem
-Arm hütete.</p>
-
-<p>Es war niemand Störendes zu sehen, nur die
-blondlockige kleine Gestalt stand unbeweglich im Tempelchen
-und blickte ihm mit großen, vertrauenden
-Augen nach.</p>
-
-<p>Da winkte er mit der Hand, und das Mädelchen
-zog ein winziges, arg schmutziges Taschentüchlein hervor
-und winkte auch.</p>
-
-<p>So schaute er sich wohl dreimal um, blieb auch
-dabei stehen und hörte die klare Stimme rufen: »Komm
-bald wieder, hörst du? Morgen, oder übermorgen,
-&ndash; ade, ade!«</p>
-
-<p>Dann kam eine Wegbiegung und entzog ihm den
-lieben, ungewohnten Anblick.</p>
-
-<p>Auch im Herrenhause selbst begegnete dem alten
-Herrn niemand, aber es fiel ihm heute zum ersten
-Male auf, wie öde und einsam die großen, weiten
-Hallen und Gänge waren.</p>
-
-<p>Ordentlich unheimlich kamen sie ihm vor, aber
-weil er sich doch nicht gut fürchten konnte auf seine
-alten Tage, so zog er es vor, ärgerlich zu werden.
-Schon wollte er mit Stentorstimme nach Hieronymus
-oder sonst einem dienstbaren Geist rufen, doch da war
-etwas, das hielt ihn vor solch rücksichtslosem Gebaren
-ab.</p>
-
-<p>Vor seinem geistigen Auge gaukelte immer noch<span class="pagenum" id="Seite_105">[105]</span>
-das kleine, zierliche Mädchen mit den mahnenden
-Blicken: »Vorsichtig, damit Puppe Emmy nicht aufwacht!«</p>
-
-<p>Mit einem Male stand der alte Herr still und
-horchte.</p>
-
-<p>Es klang wie unterdrücktes Weinen an sein Ohr,
-jedoch er konnte keine Menschenseele entdecken.</p>
-
-<p>Wieder ging er ein paar Schritte vorwärts und
-blieb dann abermals lauschend stehen.</p>
-
-<p>»Ist jemand hier?« fragte er halblaut.</p>
-
-<p>Keine Antwort, doch drang das Schluchzen deutlicher
-zu ihm, was ihn plötzlich veranlaßte, den mächtigen
-Kleiderschrank zu öffnen, der ihm selbst in seiner
-fernen Knabenzeit als Unterschlupf gedient hatte. Er
-fand eine zusammengekauerte Gestalt in der Schranktiefe,
-und nach ein paar Sekunden stand sein Enkel
-Bertold vor ihm, und ein vom Weinen verschwollenes
-Gesicht schaute zu ihm auf. Der Junge sah nicht sehr
-schön aus in diesem Augenblick, sondern recht gedrückt,
-kläglich und verzweifelt, und sein Anblick erbitterte
-den Alten, der gerade eben das hübsche, unerschrockene
-Mädchen vor sich gehabt hatte.</p>
-
-<p>»Warum heulst du?« fragte er barsch.</p>
-
-<p>»Ich &ndash; ich weiß nicht,« &ndash; lautete die verzagte
-Antwort, verbunden mit einem verlegenen Schulterziehen.</p>
-
-<p>»Jammerlappen!« stieß Herr von Eik rauh hervor.
-Die Abneigung gegen seinen Enkel übermannte ihn<span class="pagenum" id="Seite_106">[106]</span>
-förmlich und er fühlte, wie ein sinnloser Zorn in
-wilden Wogen über ihm zusammenschlagen wollte. Als
-sei er selbst nicht fünfundsiebzig, sondern fünfundzwanzig
-Jahre alt, mit solcher Kraft hob er den Knaben hoch
-und schüttelte ihn derb und ungestüm, so daß die
-schlanke Gestalt hin und her taumelte. »Jammerlappen!
-Deiner Lebtage wirst du kein Kerl, &ndash; kein Eik von
-Eichen! &ndash; Und sowas ist mein Erbe!«</p>
-
-<p>Der junge Bertold hatte die Lippen zusammengepreßt
-und sah dem Großvater starr und groß in
-die Augen.</p>
-
-<p>Da ließ ihn Herr von Eik los und stampfte mit
-schweren Schritten und keuchendem Atem davon; an
-Bertolds Kopf aber flog ein Bündel, im höchsten Zorn
-geworfen, und dann fiel die Eichentür hinter dem
-alten Herrn ins Schloß und der Knabe stand allein.
-Mechanisch hob er das Bündel auf, &ndash; er zitterte vor
-Angst, Zorn und Weh.</p>
-
-<p>Herrgott, was war er für ein unglücklicher Junge!</p>
-
-<p>Wie verloren kam er sich vor in dem großen,
-weiten Hause, &ndash; es litt ihn nirgends.</p>
-
-<p>»Sei doch tapfer!« hatte ihn die Mutter ermahnt,
-mit der er die Aufgaben für Rektor Tüllen zu lösen
-versuchte, &ndash;&nbsp;&ndash; doch konnte er nicht sehen noch lesen
-vor den verdunkelnden Tränen. »Sei doch tapfer, was
-fehlt dir denn?«</p>
-
-<p>Und zu wem er auch kam, &ndash; sei es im Stübchen
-des Hieronymus oder in der Wohnung des Organisten<span class="pagenum" id="Seite_107">[107]</span>
-Brennstoff, &ndash; überall ermahnte und fragte man ihn:
-»Wer wird denn so weinen, &ndash; so ein großer Junge!«</p>
-
-<p>O wie er sich schämte! Wie die Schmach brannte,
-gleich einem Bündel hin und her geschüttelt zu sein,
-er meinte, ersticken zu müssen vor Zorn über die brutale
-Behandlung. Aber größer als der Zorn und die Scham
-war das Weh in seiner Brust, &ndash; das wunderliche
-Etwas, &ndash; wie nannte er es? O wenn er doch seine
-Geige hier hätte! Daß er seinen Jammer in all den
-Melodien vergessen könnte, die in den Saiten schlummerten,
-und die er so oft geweckt hatte, wenn er sich
-einsam fühlte. Aber die Geige war dauernd zu dem
-Organisten gebracht worden, und nur in dessen Zimmer
-durfte er spielen, &ndash; nie allein mit ihr sein, nie. Wie
-furchtbar weh das tat! Aber war es die Geige allein,
-die ihm so schmerzlich fehlte? Wirklich ganz allein
-die Geige?</p>
-
-<p>Wie aus weiter Ferne hörte Bertold die Laute
-einer zornigen Kinderstimme: »Nie spiele ich wieder
-mit dir, <em class="gesperrt">nie</em>!«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Das</em> war es.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Mit einem Wehelaut warf sich Bertold auf den
-harten Fußboden und stöhnte in das Bündel hinein,
-das ihm der harte Großvater in ausbrechendem Jähzorn
-an den Kopf geworfen hatte.</p>
-
-<p>Aber von dem Bündel ging etwas Seltsames aus,
-ein Duft, den der Knabe kannte und den er jetzt
-spürend und begierig einsog. Alle Arzeneien und<span class="pagenum" id="Seite_108">[108]</span>
-Belebungsmittel, deren Liselotte in ihrem jungen Leben
-habhaft werden konnte, besonders Baldriantropfen,
-Kamillentee und Eau de Cologne, hatte sie verschwenderisch
-über Puppe Emmy ausgegossen, und an diesem
-Duft erkannte Bertold mit einem Schlage, was da
-vom Himmel herunter gefallen war.</p>
-
-<p>Ja, vom Himmel. &ndash; Vergessen war der Großvater
-und sein Jähzorn, vergessen die schmähliche Behandlung,
-vergessen selbst die Geige &ndash;&nbsp;&ndash; »Puppe
-Emmy!« sprach der Junge laut, und eine heiße Zärtlichkeit
-lag in den zwei Worten verborgen und eine feste
-Zuversicht, als ob ja nun alles gut werden müsse.</p>
-
-<p>Er erhob sich vom Boden, versicherte sich noch
-einmal am hellen Fenster, daß er wirklich das liebste
-Eigentum der verlorenen Gespielin in seinen Händen
-halte, schob dann die Puppe in seine weite Knabenbluse
-und atmete tief auf.</p>
-
-<p>Wo sollte er das Kleinod verbergen? Denn daß
-er es nicht wieder heraus gab, stand ganz fest bei
-ihm. Er fragte sich gar nicht, wie das Bündel in seines
-Großvaters Hand gelangt war, &ndash;&nbsp;&ndash; es war ihm in
-seiner weichen Stimmung lieb, an ein Wunder zu
-glauben.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Aber er zermarterte nun seinen Kopf, ein dauerndes
-Versteck ausfindig zu machen, wo er doch ab und zu
-hingelangen konnte, um das Bündel zu sehen. Der
-Boden! Das war ein Gedanke! Auf seinen Streifzügen
-war er in die verschiedensten Regionen gekommen,<span class="pagenum" id="Seite_109">[109]</span>
-aber vor dem Boden hatte er sich immer noch etwas
-gescheut. Denn an der Bodendecke prangte ein unheimliches,
-mächtiges Bild in düster-bunten Farben,
-den großen Christopher darstellend &ndash;&nbsp;&ndash; er sah das
-Bild, wenn er den Kopf weit zurückbog und in die
-Höhe blickte.</p>
-
-<p>Heute fühlte er keine Angst.</p>
-
-<p>Puppe Emmy war wie ein Talisman, &ndash; ein
-Amulett, das ihn vor allem Bösen schützen mußte.</p>
-
-<p>Sinnend, lächelnd und glücklich stieg der Knabe
-die Treppen in die Höhe, aber er erreichte den Oberboden
-nicht, er verirrte sich in andere, weite Gänge, in nie
-zuvor gesehene Säle und Zimmer, auf hallende, von
-schön und seltsam geschnitzten Geländern umgebene
-Treppen und in unzählige geheimnisvolle, dunkle Winkel.</p>
-
-<p>Endlich geriet er auch wieder auf weiche Teppiche,
-die seinen Schritt dämpften, er sah lichte Fenster- und
-dunkle Türvorhänge und entdeckte schöne, farbenprächtige
-Bilder an den Flurwänden. Eine große, weiße
-Katze strich an ihm vorbei, und als er sie anrief, rieb
-sie sich zärtlich an seinem Körper. Das Wunderbarste
-aber war, daß ihm jemand aus einem der verschlossenen
-Zimmer »Bertold! Bertold!« zurief.</p>
-
-<p>Er klopfte bescheidentlich an und trat ein.</p>
-
-<p>Zuerst sah er nur einen großen, grauen Papagei,
-der sich schwatzend und kreischend in seinem Ringe
-schaukelte, dann gewahrte er in dem behaglichen Raume
-einen teppichbelegten, altmodischen Tritt, auf diesem<span class="pagenum" id="Seite_110">[110]</span>
-ein in voller Bewegung befindliches Spinnrad, und
-davor &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; das konnte nur die alte Spinnerin
-aus Dornröschens Zauberschloß sein. Etwas wie Furcht
-beschlich ihn, aber er bezwang sich tapfer. »Haben
-Sie mich gerufen?« fragte er höflich und mit tiefer
-Verbeugung. Die graue, etwas gebückte Gestalt, die
-so eifrig spann, sah ihn forschend an.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Bertold, Bertold!« krächzte der Papagei, und
-nun lachte der schlanke Junge, lachte so herzhaft, so
-klingend, so musikalisch, so aus dem Innersten heraus,
-daß es tönend von den Wänden zurückkam.</p>
-
-<p>Da stand das Spinnrad plötzlich still, und der
-Stuhl, worauf die graue Gestalt saß, wurde polternd
-zurückgestoßen. Trippelnde Schritte näherten sich dem
-Knaben, dann umschlangen ihn zwei Arme, und er sah
-in ein gutes, altes Gesicht, dessen blaue Augen voll
-Tränen standen.</p>
-
-<p>»Du Junge! Du Bertold! Du echter Eik mit
-deinem Eikschen Lachen! Willkommen bei Großtante
-Adelgunde!«</p>
-
-<p>Es mußte ja ein Märchen sein. Bertold rieb sich
-immer wieder die Augen, aber der Papagei und das
-Spinnrad blieben und die graue Gestalt blieb auch
-leibhaftig vor ihm, nur daß sie jetzt geschäftig im
-Zimmer herumlief und kleine Kuchen, Obst und feine
-Schokolade vor Bertold hinsetzte mit der Aufforderung,
-tüchtig zuzulangen. Das tat der Junge gern, denn
-in seinem großen Kummer war er nicht dazu gekommen,<span class="pagenum" id="Seite_111">[111]</span>
-sein Vesperbrot zu genießen. Nun saß er
-neben der plötzlich entdeckten Großtante, die wohl
-hundert Jahre nach seiner Schätzung zählte, und sie
-nötigte ihn immer wieder liebevoll zum Zulangen, bis
-auch kein Stellchen in seinem Magen mehr frei war.</p>
-
-<p>»Jetzt erzähle!« bat die alte Dame.</p>
-
-<p>»Warum ruft der Papagei immer Bertold?«
-wollte der Junge gern noch wissen, »er kennt mich ja
-gar nicht.«</p>
-
-<p>»Das gilt deinem Großvater,« lachte leise die
-Großtante. »Früher war der Papagei immer bei ihm,
-&ndash;&nbsp;&ndash; aber er ist so sehr gelehrig und gewöhnte sich
-alles an, was dein Großvater rief &ndash;&nbsp;&ndash; hm, &ndash; das
-war oft lästig &ndash; wenn er es so unablässig wiederholte.
-Jetzt habe ich ihm alles bis auf den Namen seines
-früheren Herrn abgewöhnt, &ndash;&nbsp;&ndash; der ja auch der
-deine ist, mein kleiner Bertold!«</p>
-
-<p>Sie war so vertrauenerweckend, die Großtante
-Adelgunde!</p>
-
-<p>Weit tat sich Bertolds Herz auf und erzählte ihr
-alles, seine Freuden, seine Leiden, seinen ganzen letzten
-Kummer.</p>
-
-<p>»Du stehst jetzt unter meinem Schutz,« bedeutete
-ihm die alte Dame. »Und du wirst nicht mehr heimlich
-beim Organisten Brennstoff spielen, sondern du wirst
-hier laut und deutlich bei mir üben, und ich werde
-nach E. schreiben und den besten Lehrer für dich bestellen.
-Du wirst gleich heute noch deine Geige holen und sie<span class="pagenum" id="Seite_112">[112]</span>
-zu mir bringen, &ndash; du lieber Herrgott, ich soll wieder
-einmal eine Amati in den Händen halten &ndash; und
-vielleicht können wir beide sogar zusammen musizieren.«</p>
-
-<p>Die Achtzigjährige wurde ganz lebhaft, &ndash; sie
-trippelte zu dem hellen Mahagonispinett und öffnete
-es feierlich. »Mach’ noch einmal eine tiefe Verbeugung,
-kleiner Bertold, denn auf diesem Instrument hat &ndash;
-Beethoven gespielt.«</p>
-
-<p>Der Junge atmete tief auf. Immer noch meinte
-er, alles müsse vor seinen Augen plötzlich verschwinden,
-&ndash; es war zu wunderseltsam, was er erlebte. Ungestüm
-warf er beide Arme um den Hals der alten Dame,
-daß sie sogar ein wenig taumelte.</p>
-
-<p>»Ei, ei,« mahnte sie, »du ungestümer Eik! So
-sind und so waren sie eben <em class="gesperrt">auch</em> alle. Aber ungestüm
-und musikalisch darfst du sein, wenn du nur nicht jähzornig
-bist,« setzte sie leise hinzu, indessen doch laut
-genug, daß Bertold sie verstanden hatte. Er erblaßte
-bis in die Lippen. »Schließ das Beethovenspinettchen!«
-bat er schmerzlich. »Ich &ndash; ich verdiene nicht, drauf
-zu spielen.«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Abend brach herein. Mit einem zärtlichen
-»Gott behüt« wurde der Junge entlassen unter dem
-feierlichen Bedeuten, sein Mütterchen aufzufordern, sie
-möchte Großtante Adelgunde besuchen. Dann schritt
-er all die Gänge, Treppen und Treppchen wieder
-zurück bis zu dem Seitenflügel, den er und seine
-Mutter bewohnten.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_113">[113]</span></p>
-
-<p>Lange saß er noch mit Mutter Franziska in eifriger,
-zärtlicher Zwiesprache zusammen, und dann brachte
-sie ihn zu Bett und betete dankbar mit ihm. Unter
-seinem Kopfkissen aber lag, ohne daß es eine Menschenseele
-außer ihm selbst ahnte, ein schmutzig-weißes Bündel,
-und vielmals in der mondhellen Sommernacht zog
-er es hervor, um die geliebte Puppe Emmy ohne
-Kopf anzuschauen und sich zu vergewissern, daß dieser
-Gruß und Augentrost wirklich bei ihm sei. &ndash; Bis
-ihm nach all den aufregenden Sachen am heutigen
-Tage die müden Augen zufielen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-<div class="chapter">
-<p>Gegen Abend des nächsten Tages schritt Frau
-Franziska über Gänge und Treppen des Vaterhauses
-denselben Weg, den Jung-Bertold zurückgelegt. Sie
-aber kannte jedes Winkelchen, und aus jedem Eckchen
-schaute sie die Erinnerung an.</p>
-</div>
-
-<p>Das ernste Zürnen von Großtante Adelgunde hatte
-ihr schmerzlich weh getan, kaum wollte sie die liebe,
-freudige Botschaft aus dem Munde ihres Jungen als
-richtig ansehen.</p>
-
-<p>So klopfte sie nur zaghaft an, aber auch ihr
-erschien der Ruf des grauen Papageis als eine günstige
-Vorbedeutung. Still öffnete sich die Tür, so als ob
-jemand schon lange, lange dahinter gestanden und auf
-ihren Schritt gewartet habe, &ndash; still öffneten sich zwei
-alte Arme, und das alte, dazugehörende Herz hatte
-wohl schon längst offen gestanden und sich nur noch<span class="pagenum" id="Seite_114">[114]</span>
-etwas gewehrt, das auffordernde »Herein« laut zu
-rufen.</p>
-
-<p>Die Liebe zu Jung-Bertold überbrückte auch lückenlos
-die große Kluft, welche die Flucht der Nichte vor
-Jahren gerissen, Tante Adelgunde dachte nicht mehr
-an Unrecht und Schmach, sie dachte nur an das Leid,
-das Frau Franziska getroffen, und das wollte sie jetzt
-mit ihren schwachen Kräften in Sonnenschein wandeln.</p>
-
-<p>»Von gestern ab gehört der Junge mir mit,« rief
-die alte Dame in ungewöhnlicher Lebhaftigkeit, »er
-selbst hat mein Reich erobert.«</p>
-
-<p>In all den Tagen, die nun folgten, sah Frau
-Franziska ihren Vater wenig oder gar nicht, und
-Fräulein Adelgunde mußte es erleben, daß der Schachtisch
-und das Schachbrett völlig verwaist blieben.</p>
-
-<p>Das war etwas Unerhörtes, und die Schwester
-nahm sich vor, dem Oberhaupt vom Eichenborn einmal
-wieder gründlich ihre Meinung zu sagen; als sie aber
-durch Zufall ihm begegnete, erschrak sie vor dem
-finsteren, gequälten Ausdruck in seinem Gesicht und
-verlor den Mut, ihn nach der Ursache zu fragen.
-Herr Baldamus von Eik war verreist.</p>
-
-<p>Frau Franziska freute sich dieser Tage, &ndash; man
-hörte sie sogar mit ihrem Knaben lachen, und ihre
-Wangen bekamen einen Anflug feiner Röte, so daß
-sie oft wie ein junges Mädchen aussah.</p>
-
-<p>So gern hätte sie nun recht gemütliche Mittagstunden
-mit ihrem Vater genossen, aber sobald sie mit<span class="pagenum" id="Seite_115">[115]</span>
-Jung-Bertold das große Eßzimmer betrat, meldete
-ihr der Diener, daß Herr Eik von Eichen <em class="antiqua">senior</em>
-heute allein zu speisen wünsche. Dies »heute« bezog
-sich nun aber schon auf viele Tage.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>War es der junge Diener, der die Meldung machte,
-dann begnügte sich Frau Franziska mit einem Kopfnicken,
-&ndash; als aber Hieronymus Teichmann bei Tisch
-aufwartete und sie wieder nur zwei Gedecke erblickte,
-da trat sie rasch auf den alten Getreuen zu.</p>
-
-<p>»Hieronymus, was ist’s mit dem Vater? Irgend
-etwas bedrückt ihn schwer, &ndash; ich sorge mich. Und
-du scheinst es zu wissen, Hieronymus, was hier vorgeht.«</p>
-
-<p>Der Diener wich ihrem forschenden Blicke aus.</p>
-
-<p>»Da ist nichts zu raten und nichts zu sagen,«
-murmelte er. »Haus Eichen hat einen guten Magen,
-und wenn wir dem lieben Herrgott trauen, kann der
-Eichborn auch <em class="gesperrt">das</em> verdauen.«</p>
-
-<p>»Ist es etwas sehr Schweres, Hieronymus?« fragte
-Franziska, ängstlich geworden, &ndash;&nbsp;&ndash; »ich kann es
-mir gar nicht zusammenreimen. Sind es etwa gar
-&ndash; Zahlungsschwierigkeiten?«</p>
-
-<p>Ein leises Lächeln trat auf das gute, alte Gesicht
-des Faktotums.</p>
-
-<p>»Du liebe Zeit, &ndash; so Schwierigkeiten, was haben
-<em class="gesperrt">die</em> für Haus Eik zu bedeuten? ’s sind weiter nichts
-als Mückenstiche. &ndash; Aber es gibt so <em class="gesperrt">andere</em> Schliche,
-&ndash;&nbsp;&ndash; die sich nicht ziemen für Eichenborn &ndash; die
-bringen Herzweh und heiligen Zorn. Ich bin nur<span class="pagenum" id="Seite_116">[116]</span>
-ein Diener und hab’ nichts zu sagen, aber der Herr
-sollt’ dazwischen schlagen mit Knüppeln &ndash; und mit
-eisernem Besen auskehren all das schlimme Wesen.«</p>
-
-<p>Er hatte sich in Zorn geredet, der Alte, und nun
-erschrak er, daß sowohl Frau Franziska, als auch
-Bertold die Suppe völlig unberührt gelassen hatten,
-und daß beide mit traurigen, ängstlichen Augen zu
-ihm aufschauten.</p>
-
-<p>»Ich bin ein Schwätzer, Fräulein Franziska,«
-stotterte er, denn diese Bezeichnung gebrauchte er immer
-für seine liebe Herrin; sie sah so mädchenhaft aus,
-und der fremdländische Name, der ihr zukam, wollte
-nicht über seine Lippen.</p>
-
-<p>»Vorhin ging der alte Valentin die Treppe
-hinunter,« nahm Bertold das Wort. »Er grüßte mich
-gar nicht, ich glaube, er war sehr krank und sah aus,
-als ob er geweint hätte.«</p>
-
-<p>»Der alte Valentin?« fragte lebhaft Frau Franziska.
-»Ich war lange nicht bei ihnen, das ist eine
-häßliche Unterlassung von mir. Hat das hübsche Jettchen
-genug zu tun immer? Ich will ihr gern wieder Aufträge
-für Wäschesticken zuwenden&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Hieronymus antwortete nicht, er hatte sich plötzlich
-zur Tür gewendet und war mit dem großen Präsentierbrett
-hinausgeschritten in unziemlicher Hast, die er
-sich noch niemals sonst hatte im Beisein der Herrschaft
-zuschulden kommen lassen. Mit bangen Blicken schaute
-ihm Frau Franziska nach.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_117">[117]</span></p>
-
-<p>Als er mit dem zweiten Gang herein kam, winkte
-ihm die junge Frau, damit er recht leise hantiere.</p>
-
-<p>Im Nebenzimmer, dem Arbeitsgemach des alten
-Herrn von Eichen, hatten sich laute Stimmen erhoben,
-die sich immer mehr steigerten. Bekümmert und verständnislos
-sah Frau Franziska drein.</p>
-
-<p>Jetzt nickte Hieronymus gleichmütig.</p>
-
-<p>»Das ist die Arbeiterdeputation,« meinte er.
-»Wenn doch da unser Herr nachgeben wollte. Sie verlangen
-nicht zu viel, die Leute, es ist eben alles teurer
-geworden, und die Eiksche Fabrik sollte lieber mit
-gutem Beispiel vorangehen, als im alten Schlendrian
-verbleiben. Es gärt schon allzuviel unter den Böswilligen,
-aber das sind alles junge, verführte Leute,
-&ndash; <em class="gesperrt">unsere</em> Arbeiter sind gut, &ndash; nur besser möcht’s
-eben jeder haben.«</p>
-
-<p>»Ihr irrt euch,« tönte von drüben scharf und laut
-die Stimme, »zu mir kommt nur nicht mit so hirnverbrannten
-Ideen. Ob ich euch aufbessern <em class="gesperrt">kann</em>, habe
-ich allein zu entscheiden, jedenfalls <em class="gesperrt">will</em> ich es nicht,
-weil die letzte Aufbesserung erst vor Jahresfrist erfolgte
-und ich eine neue noch nicht für nötig halte; zwingen
-lasse ich mich nicht, das wißt ihr ja.«</p>
-
-<p>Man konnte die Erwiderung nicht verstehen, aber
-jedenfalls wurde sie von einem Einzelnen in heftigem
-Ton gegeben.</p>
-
-<p>»Der Heinrich Liebetraut ist’s,« murmelte Hieronymus<span class="pagenum" id="Seite_118">[118]</span>
-ängstlich. »Nur beim Reden tut der Kerl <em class="gesperrt">nicht</em>
-faul, &ndash; ich wollt’, er hielte jetzt &ndash; den Mund.«</p>
-
-<p>Dem treuen Hieronymus versagte plötzlich der
-beabsichtigte, kräftigere Reim, denn drüben hatte Herr
-von Eik mit seiner kräftigen Faust auf den Tisch geschlagen.
-»Hinaus!« brüllte er, »macht, daß ihr hinaus
-kommt!«</p>
-
-<p>Dann ein nicht eben sachtes Türenschlagen, das erregte
-Sprechen von drei oder vier Menschen auf dem
-Hausflur und hastiges Entfernen stark und polternd
-auftretender Männerfüße.</p>
-
-<p>Mit klopfenden Herzen standen Franziska und
-Bertold nebeneinander, während Hieronymus leise das
-Zimmer verlassen hatte. Er konnte es nicht mit ansehen,
-wie eine Speise nach der anderen unberührt stehen
-blieb, und er konnte auch nicht der verehrten Tochter
-seines Herrn ganz genau Rede und Antwort stehen,
-konnte vor allen Dingen ihren ernsten, reinen Augen
-gegenüber nicht der Aufklärende sein, der ihr sagte,
-daß ihre letzte Zuflucht, ihre geliebte Heimat, in welche
-sie sich aus Unehre und Schmutz gerettet, längst eines
-eisernen Besens bedürfe, der viel Fäulnis, viel böse
-Stoffe herauskehren müsse.</p>
-
-<p>Als Hieronymus die Tür öffnete, steckte Herr Eik
-von Eichen <em class="antiqua">senior</em> zur gleichen Zeit den Kopf aus
-seinem Zimmer herein, und der Diener erschrak, so
-grau und verärgert sah das Gesicht aus, so zornig
-die Augen zwischen den starken Brauen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_119">[119]</span></p>
-
-<p>»Ich bin für <em class="gesperrt">niemand</em> zu sprechen,« rief der
-alte Herr ihn an, »für niemand, weder jetzt, noch
-nachher, noch heute abend. Sorge dafür, daß keine
-Menschenseele auf diesen Flügel kommt, &ndash; meine
-Tochter und ihr Sohn sollen anderswo essen.«</p>
-
-<p>»Sehr wohl, Herr von Eichen!« war die leise
-Antwort des bestürzten Hieronymus, und dann war
-er auf leisen Sohlen zu Frau Franziska zurückgekehrt,
-um ihr Bescheid zu bringen. Sie entfernte sich traurigen
-Blickes mit Bertold, &ndash; gar zu gern hätte sie mit
-ihrem Vater alle Vorgänge besprochen, wäre ihm so
-gern eine verständnisvolle Gefährtin gewesen in all
-diesen Wirren einer neuen Zeit, die den patriarchalischen
-Zuschnitt vom Hause Eichenborn längst nicht mehr
-verstand.</p>
-
-<p>Aber Franziska wußte, daß ein Hereinreden in
-den väterlichen Zorn ihn nur noch mehr schüren und
-zur lodernden Flamme anfachen würde.</p>
-
-<p>Mit mächtigen Schritten durchmaß der alte Herr
-sein Riesenarbeitszimmer. Beide Hände hielt er geballt,
-&ndash; ein schweres Stöhnen, unartikulierte Laute, die
-beinahe nichts Menschenähnliches hatten, entrangen sich
-seiner heftig atmenden Brust. Ein Jähzornanfall
-schlimmster Art hielt ihn gepackt, dabei schlug sein
-Herz hart und schmerzhaft gegen die Brust, und kalter
-Schweiß bedeckte seine Stirn. Immer wieder nahm
-er die Wanderung auf, der dicke Teppich minderte nur
-wenig das Dröhnen seiner Schritte.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_120">[120]</span></p>
-
-<p>Wütende Flüche und eine Flut von Schmähungen
-ergossen sich aus seinem Munde, er tobte in wilden
-Drohungen, bis er sich erschöpft niedersetzen mußte.
-Aber auch jetzt noch umkrampften seine großen Fäuste
-die Lehnen des tiefen Sessels, als wollte er sie zerdrücken.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Da bist du ja!« tönte ein durchaus tapferes,
-selbstbewußtes Stimmchen durch die schwüle Zornatmosphäre
-des großen Raumes. Liselotte Windemuth
-schloß sorgfältig die Tür wieder, legte beide Händchen
-auf den Rücken und schritt ruhig zum Arbeitssessel des
-alten Herrn. »<em class="gesperrt">Wo hast du Puppe Emmy?</em>« fragte
-sie energisch.</p>
-
-<p>Herr von Eik griff mit beiden Händen nach seinem
-Kopfe. Es sah aus, als glaubte er eine Erscheinung
-vor sich zu haben. Dann wich allmählich dieser Wahn
-von ihm, um einem erneuten Wutanfall Platz zu machen.
-Beide Hände hob er, als wolle er diese unglaublich
-freche, kleine Person da vor ihm niederschlagen.</p>
-
-<p>Liselotte fing aber die Hände unterwegs auf und
-hielt sie fest. »Was machst du denn?« fragte sie unwirsch.
-»Du hast wohl Angst, ich tu’ dir nun was? &ndash;
-Ich will bloß mein Kind wieder haben. Auch wenn’s
-noch krank ist. Macht nichts! Gib’s her!«</p>
-
-<p>»Ich habe es nicht,« stotterte Herr von Eik verblüfft.
-Ja, es muß gesagt werden, der grimmige, jähzornige,
-gegen jegliche Gefühlsduselei abgehärtete Herr von Eik
-war verlegen diesen blauen, unerschrockenen Kinderaugen<span class="pagenum" id="Seite_121">[121]</span>
-gegenüber, besonders weil noch etwas anderes aus
-ihnen sprach, eine wirkliche, mütterliche Angst um ihr
-Puppenkind.</p>
-
-<p>Und der alte Herr war all sein Lebtag ein zu
-gewissenhafter Mensch und Geschäftsmann gewesen, als
-daß er jetzt nicht eine Art unbehaglicher Beschämung
-empfinden sollte, weil er das Eigentum eines anderen
-verschleppt hatte. Wo in aller Welt hatte er Puppe
-Emmy gelassen?</p>
-
-<p>Ob er diese Frage laut getan hatte? Jedenfalls
-zog sich Liselotte Windemuth einen der großen Sessel
-herbei, lehnte sich behaglich hinein und meinte: »Besinn
-dich nur, &ndash; ich habe Zeit!«</p>
-
-<p>Dieses Wort hatte sie öfters von ihrem Väterchen
-gehört, wenn sie irgendeinen wertvolleren Gegenstand
-verschleppt hatte und sich nicht erinnern konnte, wohin
-er gekommen war.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Bei Herrn von Eik war dies Verfahren aber doch
-nicht angebracht. Denn beim Besinnen kam ihm auch
-wieder der Zorn über den Eindringling, kam ihm das
-Bewußtsein, daß der Wertgegenstand eine abscheuliche,
-zerschlagene und zerrissene Puppe sei, und daß er über
-dem für ihn unwürdigen Forschen nach ihrem Verbleib
-eine Menge wertvoller Zeit vertrödele.</p>
-
-<p>»Du mußt jetzt gehen,« beschied er die Kleine.
-»Die Puppe wird sich finden.«</p>
-
-<p>Liselotte setzte sich noch etwas fester zurück. »Wo
-ist sie denn?« fragte sie ungerührt.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_122">[122]</span></p>
-
-<p>»Ich weiß es jetzt nicht, du hörst es ja.«</p>
-
-<p>»Du hast sie jetzt schon viele, viele Tage, Herr
-von Eik. Hast du sie immer gut gefüttert?«</p>
-
-<p>»Wen? Die Puppe? &ndash; Nein!«</p>
-
-<p>»Nicht gefüttert? So lange nicht? Du hast sie
-hungern lassen?«</p>
-
-<p>»Ach, Dummheiten! Puppen hungern nicht.«</p>
-
-<p>Liselotte war starr über diese vermessene Behauptung.
-Aber sie hielt sich nicht dabei auf, sondern
-setzte streng das Verhör fort.</p>
-
-<p>»Hast du sie gebadet?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Trocken gelegt?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Hast du ihr Geschichten erzählt und sie abends mit
-in dein Bett genommen?«</p>
-
-<p>Liselotte hatte den Bogen zu straff gespannt. Die
-letzte Zumutung brachte dem gestrengen Herrn von Eik
-seine unwürdige Lage diesem Dreikäshoch gegenüber besonders
-zum Bewußtsein.</p>
-
-<p>Mit einem energischen Ruck hob er das kleine
-Mädchen aus dem Sessel hoch, es wehrte sich kräftig
-und stieß und schlug um sich, verschlechterte aber dadurch
-nur seine Lage. Denn der Griff, der sie umklammert
-hielt, wurde nun fester und äußerst schmerzhaft, sie
-wurde von dem jetzt sehr aufgebrachten Herrn einfach
-zur Tür hinausgeworfen, die er dann unbarmherzig
-hinter sich abschloß. Liselotte wußte zuerst kaum, was<span class="pagenum" id="Seite_123">[123]</span>
-ihr geschehen war, sie strich ihr zerknülltes, weißes
-Röckchen glatt und schüttelte die zerzausten blonden
-Locken, dann aber begannen ihre kleinen Fäuste energisch
-an die verschlossene Tür zu schlagen und zu pochen,
-&ndash; ein ohnmächtiges Beginnen diesem schweren Eichengefüge
-gegenüber. »Gib mir Puppe Emmy her! Ich
-will meine Emmy wieder haben!« schrie und schluchzte
-in Zorn und Verzweiflung das kleine Ding, daß das
-Echo gellend von den hohen, hallenden Gängen wiederkam.
-»Du da drinnen! Du großes Ungetüm! Du
-schlechter Kerl! Ich will meine Emmy ohne Kopf
-wiederhaben!«</p>
-
-<p>Und als dieser Ausbruch nichts nützte, &ndash; ach
-so ganz und gar nichts, und nichts in dem weiten,
-unheimlichen, einsamen Gebäude sich rührte, niemand
-sich blicken ließ, der ihr Antwort auf ihre tobenden
-Fragen geben konnte, da brach Liselotte in ein schluchzendes,
-bitterliches Weinen aus, dann lief sie die Treppe
-herunter, durch das Grasgärtchen, zum Tor hinaus,
-durch die Straßen an schwatzenden Kindern, an neugierig
-stehen bleibenden Leuten vorüber, und in jammervoll
-hohen Tönen schrie sie: »Der schlechte Kerl!
-O der schlechte Kerl!« bis sie das Haus Windemuth
-erreicht hatte und Base Juliane das aufgeregte Kind
-in Empfang nahm.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der Spätabend war hereingebrochen, als Herr<span class="pagenum" id="Seite_124">[124]</span>
-von Eik sich von seinem Sessel erhob und auf ein sachtes
-Pochen an der Tür diese öffnete.</p>
-
-<p>Stundenlang hatte er allein gesessen, er hatte auch
-hin und wieder einen leichten Schritt sich nahen hören,
-und einmal hatte auch eine bittende Stimme gerufen:
-»Vater, willst du nicht wenigstens etwas zu dir nehmen?
-Ich ängstige mich.«</p>
-
-<p>Aber er hatte mit finster gefalteter Stirn geschwiegen,
-und die leichten Schritte hatten sich wieder
-entfernt. Dann wieder nach Stunden hatte Schwester
-Adelgunde sich energisch gemeldet: »Bruder, &ndash;
-das ist ja Torheit, du wirst uns ja krank!« Aber
-auch sie war ohne Erfolg in ihre Gemächer zurückgekehrt.</p>
-
-<p>Auch Hieronymus war zur Tür gekommen und
-hatte sich in wohlgeformten, etwas unsicher hervorgebrachten
-Reimen zur abendlichen Kammerdienstleistung
-gemeldet und durch die unerbittlich verschlossene
-Tür den Bescheid bekommen, daß sie alle
-der Teufel holen solle, als endlich ein bekanntes, etwas
-zögerndes Schreiten draußen vernehmbar wurde und
-auf das vorsichtige Klopfen die Tür sich öffnete.</p>
-
-<p>Baldamus Eik von Eichen glitt in das Zimmer.</p>
-
-<p>Es war erhellt von einer hohen, altertümlichen
-Öllampe, die auf dem Schreibtisch stand. Herr von Eik
-haßte Gaslicht und ebenso elektrische Beleuchtung, er
-war ganz und gar altmodisch vom Kopf bis zu den
-Füßen und stach gar nicht so sehr von seinem Pflegesohn<span class="pagenum" id="Seite_125">[125]</span>
-ab, der in neuester Biedermeiertracht sich äußerst
-würdevoll präsentierte.</p>
-
-<p>Nicht vereinbaren mit dieser äußeren Würde ließ
-sich der flackernde Ausdruck in seinen Augen, das verlegene
-Vorbeisehen an der imposanten Gestalt des
-Greises, der ihn düster und scharf ansah.</p>
-
-<p>»Du hast mir hübsche Neuigkeiten zutragen lassen,
-Baldamus,« begann der alte Herr ohne Umschweife.</p>
-
-<p>Dieser zuckte die Achseln. »Willst du es nicht
-<em class="gesperrt">meine</em> Angelegenheit bleiben lassen, Pflegevater? Wir
-werden uns darüber nicht verständigen können und&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Allerdings nicht.« Man hörte in der Stimme
-des alten Herrn den aufsteigenden Sturm. »In derartig
-schuftigen Dingen habe ich keine Erfahrung.«</p>
-
-<p>»Ich muß doch bitten &ndash; Pflegevater!« fuhr Herr
-Baldamus auf, aber er sah dem Alten nicht in die
-Augen. »Es ist <em class="gesperrt">meine</em> Angelegenheit,« setzte er trotzig
-hinzu.</p>
-
-<p>»Nein, die ist es <em class="gesperrt">nicht</em>.« Herr von Eik <em class="antiqua">senior</em>
-war einige Schritte näher getreten. »Der alte Valentin
-Erkner ist seit vierzig Jahren an unserer Fabrik, er
-und seine alte Frau sind ganz gebrochen von der
-Schande ihrer Enkelin.«</p>
-
-<p>Herr Baldamus zuckte unbehaglich die Achseln.
-»Laß uns doch nicht darüber sprechen! Ich werde alles
-mit ihnen abmachen.«</p>
-
-<p>»Du willst sie heiraten, Baldamus?«</p>
-
-<p>Ein häßliches Lächeln trat auf das Gesicht des<span class="pagenum" id="Seite_126">[126]</span>
-jüngeren Mannes, &ndash; es verschwand aber sofort wieder
-und machte einem harten, wilden Ausdruck Platz. »Ich
-heirate niemand und <em class="gesperrt">will</em> niemand heiraten, als die
-eine, die du mir einst fest versprachst. Hörst du, Pflegevater,
-&ndash; <em class="gesperrt">fest</em> versprachst,« zischte Herr Baldamus.
-»Weiß Gott, ich bin ein geduldiger Warter gewesen,
-&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; hilf mir, Pflegevater!« Diese letzten Worte
-wurden mit völlig veränderter Stimme gerufen, er
-schien in großer Aufregung zu sein, ein ganz ungewohnter
-Anblick bei dem sonst so glatten, ruhigen,
-gesetzten Manne, den ja auch die Schwarzhausener
-gerade wegen dieser Ausgeglichenheit so sehr schätzten.
-Der alte Eik sah seinen Pflegesohn zornig und ungläubig
-an.</p>
-
-<p>»Du weißt wohl nicht mehr, was du sprichst,
-Baldamus. <em class="gesperrt">Ich</em> &ndash; soll Franziska zureden? Ich?
-Nachdem ich dies weiß? Und nachdem mir schon jahrelang
-der Anblick von Hieronymus Teichmann unerträglich
-war&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Laß doch die uralten Geschichten, Pflegevater.
-<em class="gesperrt">Ich</em> wärme ja auch nicht auf&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Lauernd richteten sich seine Augen auf den alten
-Herrn, der plötzlich müde und verfallen aussah. »Du
-weißt ja selbst, Pflegevater,« fuhr er langsam und
-streng betonend fort, »wie schwer es wird, immer und
-immer den Schein zu wahren, &ndash;&nbsp;&ndash; deine ganze
-Lebensarbeit hast du daran gesetzt, und die sittenstrenge
-Kleinstadt lohnt dir nicht einmal deinen einwandfreien<span class="pagenum" id="Seite_127">[127]</span>
-Lebenswandel. Mehr als einmal schon&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«
-er lachte hölzern und meckernd, »hörte ich, wie man
-<em class="gesperrt">dich</em> einen ›schlechten Kerl‹ nannte.«</p>
-
-<p>»Schweig!« rief Herr Eik <em class="antiqua">senior</em> heftig, und die
-Adern auf seiner Stirn schwollen an.</p>
-
-<p>»Gut, ich schweige! Aber dann erzähle auch du
-keine ollen Kamellen und &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; sprich mit Franziska.«</p>
-
-<p>Herr von Eik <em class="antiqua">senior</em> antwortete nicht, er ließ
-sich schwer in den Sessel fallen, und man sah, wie die
-furchtbare Aufregung in ihm arbeitete. Erst als er
-bemerkte, daß Baldamus das Zimmer verlassen wollte,
-beruhigte er sich etwas und rief mit heiserer Stimme
-seinen Pflegesohn an.</p>
-
-<p>»Bleibe noch, Baldamus! &ndash; Ich habe noch etwas
-mit dir zu besprechen. Wie kommst du dazu, den
-Leuten zu sagen, daß ihre höhere Lohnforderung von
-mir berücksichtigt werden würde? Die Arbeiterdeputation
-war heute bei mir, der Heinrich Liebetraut war der
-Sprecher, &ndash; er ist ein Stänker, behauptet aber, von
-dir besonders ausgesucht worden zu sein.«</p>
-
-<p>»Damit hat er recht,« meinte Herr Baldamus
-gelassen. »Ich wollte durch diesen verbissenen Krakehler,
-dem beinahe einzigen Wühler in unserem kleinstädtischen,
-biederen Betriebe den Worten der Arbeiter etwas mehr
-Nachdruck geben, falls du etwa zögern solltest, ihren
-unverschämten Forderungen nachzugeben. Du hast bewilligt,
-Pflegevater?«</p>
-
-<p>»Bewilligt? Ich denke nicht dran. Du nennst<span class="pagenum" id="Seite_128">[128]</span>
-ja selbst ihre Forderungen unverschämt. Besonders sind
-sie es deshalb, weil ich erst vor Jahresfrist erhöhte.«</p>
-
-<p>»Du wirst sie wohl annehmen, Pflegevater. Es
-ist besser, wir wenden bei diesen Leuten Vorsicht an,
-als daß wir merken lassen, daß wir ihre Nachsicht
-brauchen. Die Eiks wirft die Mehrbewilligung nicht
-um, den Leuten wird der Mund gestopft, und sie
-trotten in ihrem Schlendrian weiter, ohne Verlangen
-zu tragen, uns etwas am Zeuge zu flicken.«</p>
-
-<p>Es sah aus, als striche wieder eine Hand über das
-Antlitz des alten Herrn und ließe es grau und verfallen
-erscheinen.</p>
-
-<p>»Baldamus, ich <em class="gesperrt">kann</em> nicht. Ich helfe ihnen, wo
-es nur möglich ist, offen oder heimlich, aber nach
-<em class="gesperrt">meinem</em> Willen und Gesetz. Lasse ich mir jetzt plötzlich
-von ihnen vorschreiben, dann bin ich nicht mehr der
-alte Eik, und sie schieben mich zu den Fabrikbesitzern,
-die vor ihren Arbeitern zittern, und ich bin bei ihnen
-drunter durch, denn für Ertrotztes sagen sie mir keinen
-Dank.«</p>
-
-<p>»Meinst du, sie danken dir, wenn du ihnen <em class="gesperrt">gar
-nichts</em> gibst?« fragte Baldamus heftig; innerlich dachte
-er, daß sein Pflegevater jetzt doch recht alt würde und
-sich mit einem Male durch verrückte Empfindungen
-leiten ließe. Dieser starre Eiksche Ehrbegriff mußte
-etwas ins Wanken gebracht werden.</p>
-
-<p>»Ja, das meine ich,« stieß Herr Eik <em class="antiqua">senior</em> hastig
-heraus. »Die meisten von unseren Leuten hängen an<span class="pagenum" id="Seite_129">[129]</span>
-unserem Hause, wissen, daß sie es gut haben, daß
-sie nicht gedrückt werden. Ihre Forderungen sind ihnen
-von den paar jungen Kerlen, die frisch von der Walze
-kommen und unverdauliches Zeug gehört und gelesen
-haben, aufgeschwatzt worden. Ich werde ihre Entlassung
-verfügen, mit den Alten dann noch ein vernünftiges
-Wort reden und&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Herr Baldamus lachte laut und erbittert.</p>
-
-<p>»Und Heinrich Liebetraut wird Herr der Situation
-sein.« Baldamus legte schwer die Hand auf den Arm
-des Pflegevaters. »Du <em class="gesperrt">mußt</em> nachgeben,« sagte er
-hastig. »Du <em class="gesperrt">mußt</em>. Heinrich Liebetraut ist gefährlicher,
-als du ahnst. Er hat viel gelernt, ist mit der Feder
-gewandt und lauert darauf, uns einen Knüppel in den
-Weg zu werfen.« Herr Baldamus dämpfte jetzt seine
-Stimme. »Er ist außerdem Jettchen Erkner nachgestiegen,
-&ndash;&nbsp;&ndash; ahnt aber noch nichts. Bewilligen wir
-die Zulage, so geht er als Agitator fort, denn in
-Schwarzhausen ist ihm der Horizont zu eng, &ndash; bewilligen
-wir sie nicht, so bleibt er als unser Feind
-und wird nicht ruhen, bis er alles herausgebracht hat.
-Dann ist aber auch <em class="gesperrt">dein</em> Königtum von Schwarzhausen
-vorbei, und du bist nichts als&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ein schlechter Kerl,« lachte der alte Eik bitter-schmerzlich
-auf. »Das meintest du ja wohl. &ndash; <em class="gesperrt">Ich
-werde bewilligen!</em>«</p>
-
-<p>Das Letzte kam so unvermittelt heraus, daß Herr
-Baldamus über den plötzlichen Sinneswechsel ganz verblüfft<span class="pagenum" id="Seite_130">[130]</span>
-dastand und auf seinen Pflegevater starrte,
-der jetzt mit gebietender Handbewegung nach der Tür
-zeigte. Und wenn sein Königtum auch auf tönernen
-Füßen stand, wenn es auch etwas im Leben dieses starren,
-unzugänglichen, finsteren Mannes gab, das einen
-schweren, tiefen Schatten auf die Eik-Ehre warf, &ndash;&nbsp;&ndash;
-Herr Baldamus fühlte doch, daß er dieser gebietenden
-Hand, die ihm die Tür wies, zu gehorchen habe.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ruhelos wanderte der alte Herr in seinem Zimmer
-umher. Ein paarmal griff seine Hand nach dem altmodischen
-Klingelzug, der den Diener herbeirufen sollte,
-aber er ließ sie immer wieder sinken.</p>
-
-<p>Bis wieder ein leichter Schritt heran kam und
-auf sein müdes »Herein!« Frau Franziska sich im
-Türrahmen zeigte.</p>
-
-<p>»Endlich, Vater! Ich habe Angst um dich gehabt!
-Seit deinem Frühbrot hast du nichts genossen. Denke
-doch auch ein wenig an dich selbst&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ich habe mit dir zu reden, Franziska.«</p>
-
-<p>Seine Tochter sah erstaunt-forschend zu ihm auf.
-Die Stimme des alten Herrn klang sonderbar rauh,
-gebrochen und müde, und er sah die junge Frau
-nicht an.</p>
-
-<p>»Ich höre, Vater!«</p>
-
-<p>Lange Pause. &ndash;&nbsp;&ndash; »Baldamus Eik hat heute
-wieder um deine Hand angehalten.«</p>
-
-<p>»Ich trage noch Trauer, Vater&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_131">[131]</span></p>
-
-<p>»Ich weiß es, &ndash; und drängen wird dich Baldamus
-nicht, er will wohl nur Gewißheit haben.«</p>
-
-<p>»Ich begreife Baldamus nicht, Vater. Was mir
-vor Jahren unmöglich war, &ndash; ist es auch heute noch.
-Er <em class="gesperrt">will</em> mich nicht verstehen.«</p>
-
-<p>»Franziska, &ndash; bist du ganz von Grund aus mit
-dir zu Rate gegangen, und &ndash; bist du dir klar, was
-du aufgibst? &ndash; Das große Vermögen würde in einer
-Hand bleiben und dein Knabe einmal alles bekommen.
-Baldamus liebt dich&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Frau Franziska schauerte zusammen. »Laß mich
-bei dir bleiben, Vater,« bat sie müde. »Ich habe
-so überreichlich zum Leben durch deine Güte, und
-mein Junge soll werden wie du, so einfach &ndash; und so
-aufrecht.«</p>
-
-<p>Der alte Herr Eik zuckte zusammen, aber er litt es
-still, daß die Tochter seine Hand an ihre Lippen zog.</p>
-
-<p>Sie wußte, wie er an dem Gedanken hing, sie
-mit dem Pflegesohn eins zu wissen, sie wußte, daß
-sie ihm auch heute wieder weh tat, wie sie ihm vor
-Jahren den bittersten Schmerz seines Lebens zufügte,
-und daß nun wieder eine Kluft zwischen Vater und
-Tochter sich auftat, die sich nie mehr überbrücken
-ließ&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Du weinst, Franziska?«</p>
-
-<p>Sie schluchzte weh auf.</p>
-
-<p>»Daß ich dir so wenig zeigen kann, wie lieb ich
-dich habe, Vater&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_132">[132]</span></p>
-
-<p>Er strich ihr sacht über das dunkle, wellige Haar
-mit einer scheuen, verlegenen Bewegung, der man wohl
-anmerkte, daß Liebkosungen etwas Seltsames für ihn
-bedeuteten.</p>
-
-<p>Franziska hatte ihren Kopf tief geneigt, und der
-alte Eik schaute über sie hinweg durch das Fenster
-in die grünen Parkwipfel hinein in ernstem Sinnen.</p>
-
-<p>Franziska fühlte ihr Herz hart und schwer klopfen.
-»Wie wird alles werden,« dachte sie, »was wird er
-bestimmen, was wird er mir sagen, wenn diese Pause
-vorüber ist?«</p>
-
-<p>Herr von Eik richtete sich hoch auf.</p>
-
-<p>»Ich habe eine Bitte an dich, Franziska, &ndash; eine
-seltsame&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Wenn ich sie erfüllen <em class="gesperrt">kann</em>, Vater,&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«
-entgegnete sie zögernd.</p>
-
-<p>Da zog es wie ein Lächeln über seine ernsten,
-finsteren Züge, &ndash; und Frau Franziska meinte, ihr
-eigener, lieber Junge schaue sie auf einmal aus diesem
-erhellten Antlitz an.</p>
-
-<p>Es fiel dem Alten schwer, seine sonderbare Bitte
-in Worte zu formen: »Franziska, &ndash; bringe mir,
-&ndash;&nbsp;&ndash; besorge mir aus der Stadt eine Puppe &ndash;&nbsp;&ndash;
-eine große, schöne Puppe, &ndash;&nbsp;&ndash; hörst du, &ndash; die
-schönste, die das Nest hat.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-<hr class="tb" />
-<hr class="tb" />
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[133]</span></p>
-
-<p>Liselotte Windemuth führte ein recht einsames
-Dasein.</p>
-</div>
-
-<p>Der Professor lebte mit seinen Büchern, Base
-Juliane mit ihren Kochtöpfen, und so kam es, daß
-Liselotte nur auf die Schule, auf Herrn Rektor Tüllen,
-auf ihre Schulkameraden und ihre Puppen angewiesen
-war.</p>
-
-<p>Unter den Schulgespielen hatte sie keinen Freund
-und keine Freundin.</p>
-
-<p>Sie war zu eigenartig, das kleine Ding, und
-nichts verzeiht eine Kleinstadt weniger als Eigenart.</p>
-
-<p>Liselotte ließ sich in keine Schwarzhausener
-Schablone pressen, und niemand wußte etwas mit ihr
-anzufangen. Ihre unerschrockene Offenheit und Wahrheitsliebe,
-ihre wißbegierige Fragelust, &ndash; das waren
-lauter unbequeme Dinge für die Mitbürger und deren
-Sprößlinge. Man lachte wohl laut und anhaltend über
-ihre närrischen Einfälle und Fragen, aber weit öfter
-ärgerte man sich darüber und schalt; auch Base Juliane
-war mehr grillig und grimmig mit dem Kinde, als
-liebenswürdig.</p>
-
-<p>Ab und an, wenn der Professor Windemuth in
-seinen Arbeiten auf einen toten Punkt geriet und eine
-kleine Rast halten mußte, fiel ihm wohl sein kleines
-Töchterchen ein. Befand es sich gerade in der Schule,
-so rief er Base Juliane und fragte, wie es dem Kinde
-ginge und ob es auch ja alles empfange an Körperpflege,
-wie es die verstorbene Mutter bestimmt.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_134">[134]</span></p>
-
-<p>Über diese Fragen empörte sich aber die Base
-immer weidlich.</p>
-
-<p>»Wie eine Prinzessin hat sie’s,« &ndash; das war gewöhnlich
-die Antwort, »der Vetter braucht ja nur zu
-gucken, wie sauber und ordentlich ich das Kind halte,
-&ndash; eine leichte Arbeit ist’s nicht bei dem Quirlefitsch.
-Und gesund ist’s auch alleweil, &ndash; dafür bin ich da
-und der Herr Doktor.«</p>
-
-<p>So war der Professor beruhigt. Doktor Hempel
-war ein Mann der alten Schule, recht für Schwarzhausen
-geboren. Er arbeitete mit altbewährten Mitteln,
-bei den Erwachsenen mit Schröpfköpfen, Aderlässen und
-Kamillentee, bei Kindern mit Wurmpulver und
-»Kurella«, und jedes Frühjahr, wenn die Hausfrauen
-»reinegemacht« hatten und auf ihren Lorbeeren ausruhten,
-benutzte Doktor Hempel diese Ruhezeit und
-unterzog sämtliche Mitbürger einer Reinigungskur,
-wonach sie sehr abgemattet und zahm wurden und
-manches für die Stadt bewilligten, was sonst noch
-gute Weile gehabt hätte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ja, Professor Windemuth sah es, seine Liselotte
-war ein gesundes, blühendes, schönes Kind, und ihr
-lockenumrahmtes, blondes Köpfchen mit den blauen,
-tiefen Schelmenaugen, die doch auch wieder so ernst
-blicken konnten, wurde der verstorbenen Mutter immer
-ähnlicher.</p>
-
-<p>Daß sein Kind geistige Nahrung entbehren könne,
-kam dem Manne nicht in den Sinn. Ja, wäre Liselotte<span class="pagenum" id="Seite_135">[135]</span>
-sein heißersehnter Knabe gewesen! &ndash; Aber
-Mädchen blieben ja zu Hause, kochten, strickten und
-&ndash; wurden geheiratet.</p>
-
-<p>So stillte denn Liselotte ihren geistigen Hunger
-durch Lesen, und sie las bunt durcheinander, was ihr
-in den Weg kam, sie las aber auch hauptsächlich immer
-wieder, was in dem Bücherschränkchen der heimgegangenen
-Mutter steckte, und das war gut. Und
-sie las mit großem Eifer, was der sorgende, wachsame
-Rektor Tüllen in ihre kleine Hand legte, und das
-war noch besser.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Was Liselotte gelesen, das erzählte sie gern wieder,
-und da Base Juliane und der Professor nie Zeit für
-sie hatten, so erzählte sie es ihren Puppen und wurde
-dadurch altklug und etwas selbstherrlich, denn die
-Puppen widersprachen ihr niemals.</p>
-
-<p>Seit dem Erlebnis mit dem »schlechten Kerl«,
-wie sie innerlich den bösen, alten Herrn nannte, war
-Liselotte recht nachdenklich geworden, so daß es selbst
-Base Juliane auffiel.</p>
-
-<p>»Ist dir nicht extra?« fragte sie das Kind wohl
-zehnmal am Tage, »du hast gewiß Würmer.«</p>
-
-<p>»Es kann schon sein,« bestätigte Liselotte, denn
-sie aß Zitwersamen mit Sirup recht gern. Und während
-sie das Kindertäßchen mit dem braunen Saft auslöffelte,
-hatte sie eine eingehende Unterredung mit Base Juliane.</p>
-
-<p>»Darf man Müttern ihre Kinder einfach wegnehmen,
-wenn man groß ist, Base Juliane?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_136">[136]</span></p>
-
-<p>»Hm! Das ist eigentlich noch nichts für dich,
-Kind. Aber sowas gibt es. Die Leute haben sich
-dann lieb und heiraten sich.«</p>
-
-<p>»Weißt du das ganz sicher, Base Juliane?«</p>
-
-<p>»Freilich, du Dreikäshoch.«</p>
-
-<p>»Warum hat dich denn niemand der Mutter fortgenommen?«</p>
-
-<p>»Das sind sehr unanständige Fragen, Liselotte,
-du solltest dich was schämen. Es hat eben nicht jede
-Jungfrau das Glück&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;, ich meine, &ndash; nicht
-jede Jungfrau kann sich entschließen, ihr gottwohlgefälliges
-Leben aufzugeben.«</p>
-
-<p>»Bitte, sag’ das noch mal langsam, Base Juliane,
-und erkläre mir’s recht ordentlich &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; so kann
-ich dich nicht recht verstehen.«</p>
-
-<p>»Du schreckliches Kind! Nein, das ist nichts für
-dich. Durchaus nicht. Wo du nur immer die Fragen
-her hast!«</p>
-
-<p>Liselotte saß tief nachdenklich da.</p>
-
-<p>»Base Juliane, wenn nun aber der Mann alt
-und schrecklich ist und das Kind ganz kopflos&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Du gerechter Gott,« schrie Base Juliane, »wie
-kommst du bloß auf so was Fürchterliches! Das muß
-ich deinem Vater erzählen. Kind! Hast du etwa
-schlechten Umgang? Mit wem redest du so am Tage?«</p>
-
-<p>»Nur mit dir,« meinte Liselotte harmlos. »Mit
-dir und den Puppen, aber sie wissen mehr als du und<span class="pagenum" id="Seite_137">[137]</span>
-fahren mich nicht an und petzen nicht alles, was ich
-sage, dem Väterchen.«</p>
-
-<p>»Nur zahm, nur zahm!« meinte Base Juliane
-und sah doch selbst aus wie ein geharnischtes Sonett.
-»Das ist längst nicht gepetzt, wenn ich so gefährliche
-Sachen dem Herrn Professor wieder erzähle. Weiß
-Gott, kein anderes Kind aus Schwarzhausen würde
-solche Dinge gefragt haben.«</p>
-
-<p>In voller Entrüstung stand sie auf, räumte Zitwersamen
-und Sirup fort, und Liselotte wischte sich das
-klebrige Mäulchen ab, packte ihren Puppenwagen voll
-geliebter Babys und murmelte dabei unverständliche
-Worte, von denen die entsetzte, kopfschüttelnde Base
-nur immer wieder: »Alter schlechter Kerl« und »Kopfloses
-Kind« verstand.</p>
-
-<p>Sie beschloß, umgehend dem Herrn des Hauses
-Mitteilung von dem eben Erlebten zu machen, während
-Liselotte eilig das Haus verließ und sich auf ihr stilles
-Plätzchen, zu dem Tempelchen im Park Eichenborn, begab.</p>
-
-<p>Friedlich lag der Spielplatz da, &ndash; goldene Sonnenlichtchen
-tanzten auf den Zweigen der Tannen, und
-ein köstlich-herber Harzduft füllte rings den Platz.
-Liselottchen fuhr schnuppernd mit ihrem feinen Näschen
-in der Luft umher.</p>
-
-<p>»O wie gut riecht es hier, wie gut!« meinte sie
-anerkennend zu sich selbst, und den Puppen rief sie
-zu: »Kinder, sperrt die Nasenlöcher auf, &ndash; es ist
-ja <em class="gesperrt">zu</em> gesund!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_138">[138]</span></p>
-
-<p>Rasch strebte sie der Steinbank zu, um ihre Kleinen
-darauf zu verteilen und eine große »Bettensömmerung«
-vorzunehmen, aber zu ihrem höchsten Erstaunen fand
-sie das Rundteil bereits von einer Persönlichkeit besetzt,
-die ihr mit weit aufgerissenen und doch ziemlich
-ausdruckslosen Augen entgegensah.</p>
-
-<p>»Was ist denn <em class="gesperrt">das</em>?« fragte Liselotte laut und
-sah sich nach allen Seiten um, ob wohl jemand zu
-der Balldame gehöre, denn als solche erwies sich die
-sehr große, majestätische Puppe, die da auf der Steinbank
-mit tief ausgeschnittenem und weit ausgebreitetem
-Staatskleide lehnte.</p>
-
-<p>Niemand war ringsum zu sehen, nur Liselottes
-Puppenkinder schauten auf den fremden Eindringling
-hin.</p>
-
-<p>»Kannst du nicht antworten?« fuhr Liselotte ihn
-an. &ndash; Auch nicht das geringste Gefühl der Zuneigung
-zog sie zu der feinen Dame hin, und so verschmähte sie
-es auch, auf ihre Frage selbst Antwort zu geben, wie
-sie es sonst immer mit ihren Lieblingen tat.</p>
-
-<p>Am Staatskleide der Puppe steckte ein Zettel mit
-den Worten: »Diese Puppe soll Liselotte Windemuth
-gehören.«</p>
-
-<p>Die Kleine entzifferte ihn mühelos, aber in ihrem
-Gesichtchen veränderte sich kein Zug. »Wer schickt dich?«
-fragte sie noch einmal, und als die Puppe nicht antwortete,
-sondern dumm weiter stierte, sagte ihr Liselotte
-ehrlich und zornig die Meinung:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_139">[139]</span></p>
-
-<p>»Du bist furchtbar häßlich. Ich mag dich gar
-nicht. O Gott, wenn ich denke, wie schön meine Puppe
-Emmy ohne Kopf war. Wie ihr alles gut stand!
-Wenn ich nur wüßte, was ich mit dir anfangen soll!
-Du versperrst nur den Platz, und ich will doch Betten
-sömmern. Pfui, was für ’n ausgeschnittenes Kleid!
-Ich hab’ mal heimlich zum Hoffenster reingesehen, wie
-Fräulein Ziddelmann auf den Ball ging. Base Juliane
-sagte, ein Christenmensch müßte sich tot schämen. <em class="gesperrt">So</em>
-siehst du aus. So sprich doch! Kannst du nicht?
-Willst du nicht? <em class="gesperrt">Bist</em> du am Ende schon tot und willst
-es nur nicht sagen?«</p>
-
-<p>Liselotte gab der Staatsdame einen derben Stoß,
-so daß sie auf die Bank polterte und mit geschlossenen
-Augen liegen blieb.</p>
-
-<p>»Siehst du, daß du tot bist? Du konntest es gleich
-sagen, du arme, häßliche Person, dann hätte ich dich
-nicht erst so angefahren. Komm, ich will dich begraben,
-&ndash; ich habe es erst gestern gesehen beim Nachbar.
-Base Juliane nahm mich mit auf den Kirchhof, &ndash; ich
-weiß alles gut.«</p>
-
-<p>Liselotte sah sich aufmerksam um. &ndash; Der Waldboden
-rings umher hatte lockere, weiche Erde, und
-mit einem flachen Stein und ihren eigenen, festen,
-kleinen Händen grub sie rasch und emsig ein genügend
-weites Loch.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Kinder, ihr müßt jetzt stark weinen, es kommt
-was Trauriges,« wandte sie sich an die anderen Puppen<span class="pagenum" id="Seite_140">[140]</span>
-und fing sogleich selbst ein jammervolles Heulen und
-Piepsen an.</p>
-
-<p>»So, und nun ein Choral! &ndash; Lobe den Herrn,
-den mächtigen König der Ehren,« sang sie andächtig,
-und währenddem hob sie die Staatsdame vorsichtig auf
-und trug sie unter die Tannen hin, wo sie feierlich
-in die Erde gebettet wurde. Und da gerade die Sonne
-durch die grünen Zweige auf das Grab schien, gab
-Liselotte noch ein Lied zu: »Goldne Abendsonne, wie
-bist du so schön!«</p>
-
-<p>Dann schickte sie sich an, das Grab zuzuschaufeln.</p>
-
-<p>»Was spielst du denn da?« fragte eine tiefe Stimme
-hinter ihr.</p>
-
-<p>Liselotte fuhr herum und starrte ihren größten
-Feind und Widersacher an.</p>
-
-<p>»Beerdigen!« meinte sie kurz und ließ sich nicht
-weiter stören, sondern grub und schaufelte, bis auch
-nicht ein Schimmer des himmelblauen Seidenkleides
-mehr zu entdecken war.</p>
-
-<p>Tief atmend sprang Liselotte auf und wischte sich
-mit den schwarzen, erdigen Händen die feuchten Locken
-aus dem erhitzten Gesicht.</p>
-
-<p>»Wie du aussiehst,« rief Herr von Eik vorwurfsvoll,
-»die Base Juliane wird sich freuen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Liselotte sah ihn mürrisch an. »Nein, die freut
-sich nicht, wenn ich schmutzig bin,« gab sie zur Antwort.</p>
-
-<p>»Du bist ein närrisches Ding!« meinte der alte
-Herr kopfschüttelnd. »Komm, setze dich zu mir auf<span class="pagenum" id="Seite_141">[141]</span>
-die Steinbank dort, da will ich dir etwas Schönes
-zeigen, &ndash; das soll dir gehören, &ndash; weil die Puppe
-Emmy verloren ist &ndash; weißt du &ndash; die alte, häßliche,
-kranke Puppe Emmy ohne Kopf &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; da, &ndash; ich
-habe dir eine wunderschöne, neue Puppe gekauft&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Herr von Eik wandte sich sehr verlegen zur Steinbank,
-denn ihm selbst war seine Rolle als Beschützer
-und Beglücker kleiner, puppenspielender Kinder neu,
-&ndash; doch die Bank war leer, keine neue, feine, teure
-Puppe weit und breit, aber vor ihm stand mit schmerzlich
-verzogenem, schmutzigem Gesichtchen ein zartgliedriges,
-lebendiges Püppchen, das warf beide Arme
-über die harte Steinbank und verbarg laut weinend
-das Gesicht darein: »O meine Puppe Emmy, meine
-liebe, einzige, schöne Puppe Emmy!!!«</p>
-
-<p>»Immer dasselbe Lied!« stieß Herr von Eik hervor.
-»Was bist du für ein sonderbares, unbändiges Kind!
-Wenn ich nur wüßte, wo die neue ist? Ich habe sie
-vorhin selbst hergesetzt.«</p>
-
-<p>»Da!« schluchzte Liselotte und wies nur eben mit
-dem Kopf nach der Begräbnisstätte.</p>
-
-<p>Herr von Eik ging mit schweren Schritten nach
-dem schwarzen Erdhügel, und sein wuchtiger Stock
-schaufelte und bohrte in der Erde, bis er nach einer
-Weile ein Stückchen blaue Seide entdeckte, &ndash; das
-arg zugerichtete Staatskleid der begrabenen Balldame.
-Rasch schaufelte er sie wieder zu und kehrte mit finsterem
-Antlitz zu der heftig Weinenden zurück.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_142">[142]</span></p>
-
-<p>»Warum tatest du das?« fragte er mit heiserer
-Stimme.</p>
-
-<p>»Weil ich sie nicht lieb habe,« brach das Kind
-leidenschaftlich los. »Weil sie dumm und häßlich und
-tot war. O du hast mir meine schöne, süße, lebendige
-Emmy gestohlen und die garstige Balldame hingelegt!
-Tot und häßlich war sie und deshalb habe ich sie
-beerdigt.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>In fliegender Eile raffte Liselotte ihre Püppchen
-zusammen, man sah es ihr an, ihr kleines Herz zitterte
-vor Angst, der große, harte, böse Mann könnte sich
-an ihnen vergreifen. Dann fuhr sie, immer noch bitterlich
-schluchzend, mit ihnen davon, ohne auch nur noch
-einen Blick zurückzuwerfen. Auch Herr von Eik schritt
-langsam den Weg nach seinem düsteren Hause zurück.
-Ein seltsames, bitteres Lächeln lag um seinen Mund.
-»Tot und häßlich« hatte dieses Kind sein farbenprächtiges,
-leuchtendes Geschenk genannt. Tot und häßlich
-hatte ihn auch gestern seine Vergangenheit angestarrt,
-&ndash; aber er konnte sie nicht so verblüffend
-einfach beseitigen und begraben, wie dies mutige, kleine
-Mädchen es vorhin getan, und für ihn gab es keine
-»goldene Abendsonne« mehr.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-<hr class="tb" />
-<hr class="tb" />
-
-<p>Schwarzhausen schüttelte wieder einmal den Kopf.</p>
-
-<p>Da lag das kleine Städtchen so recht warm eingebettet<span class="pagenum" id="Seite_143">[143]</span>
-in den thüringer Bergen, durchduftet von
-Tannenluft, umrauscht von der lustigen, wilden Gera.
-Es war wohlhabend und stattlich gebaut, es hatte treue
-Väter, die sein Wohl zu dem ihrigen machten, aber
-es hatte Sorgen, und so kam es eigentlich nicht aus
-dem Kopfschütteln heraus.</p>
-
-<p>Sorgen um das schwarze Schaf inmitten der reinlichen,
-frommen, guten und vor allen Dingen ach, so
-selbstgefälligen Schäflein, &ndash; Sorgen um den Eichenborn.
-Würde er das Städtchen nie zur Ruhe kommen
-lassen???</p>
-
-<p>Nun hatte Schwarzhausen wohl einen treuen, guten
-Stadtvater, der sich mit gelegentlichem Kopfschütteln begnügte
-und wohlmeinend murmelte: »Wir verdanken
-den Eiks eigentlich <em class="gesperrt">alles</em>, und wenn ich bloß reden
-dürfte&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;« Aber es hatte keine milde, liebe, ältliche,
-rundliche Stadtmutter, sondern eine unendlich
-lange, hagere, spitze Frau Bürgermeisterin, die es sich
-nicht einfallen ließ, wie gute Mütter tun, sich von der
-mutmaßlichen Schlechtigkeit ihres Kindes persönlich zu
-überzeugen, sondern die in vielen, besonders zu diesem
-Zwecke anberaumten Kaffeegesellschaften die Abneigung
-gegen den Eichenborn und seine Bewohner noch schürte.
-Und wenn der Kaffee auch koffeïnfrei war, den die
-Frau Bürgermeisterin ihren Gästen vorsetzte, ihre <em class="gesperrt">Reden</em>
-waren es nicht, in denen saß das Gift und harrte
-seiner Bestimmung.</p>
-
-<p>Schon nach der dritten Tasse waren beinahe alle<span class="pagenum" id="Seite_144">[144]</span>
-Damen einig darüber, daß es so nicht weiter gehen
-könne.</p>
-
-<p>Und daß Frau Pfarrer Klingenreuter und Frau
-Doktor Hempel so arg zugeknöpft taten und besonders
-die Pfarrerin so gar nichts <em class="gesperrt">gegen</em>, wohl aber manch
-mildes Wort <em class="gesperrt">für</em> die Verurteilten einlegte, nun das war
-ihre eigene Sache und störte die bösen Zungen nicht
-im mindesten in ihrem Verdammungsgeschäft.</p>
-
-<p>»Das ist nun eben Ihr Beruf, Frau Pfarrer,«
-meinte die Bürgermeisterin, »ich könnt’s nicht, meine
-Ohren und Augen sind zu offen dazu.«</p>
-
-<p>Die Pastorin lächelte.</p>
-
-<p>»Meinen Sie, daß ich Augen und Ohren von Berufs
-wegen schließe?« fragte sie mit feinem Spott.
-»Und sollte es nicht der Beruf <em class="gesperrt">jeder</em> Frau sein, Gutes
-zu reden und erst einmal das Beste von jedem Menschen
-anzunehmen?«</p>
-
-<p>»Bitte, Frau Pfarrerin, zeigen Sie uns bei dieser
-Geschichte das Gute!« rief die Bürgermeisterin aufgeregt.
-»Sie können es einfach nicht, denn es ist
-nicht vorhanden. Aus reiner Schlechtigkeit und Bosheit
-hat dieser Bertold Malcroix, genannt Eik, den
-von uns allgemein so verehrten Herrn Baldamus
-schwer verletzt&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ich bitte mich von der Allgemeinheit auszunehmen,
-&ndash; ich verehre den Herrn nicht,« rief Frau
-Doktor Hempel kampfesmutig dazwischen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_145">[145]</span></p>
-
-<p>»Und offenbare Schlechtigkeit gut nennen, das kann
-eben nur ein Pfarrer,« schloß die Bürgermeisterin.</p>
-
-<p>Logik war nie ihre Stärke gewesen und bei dem
-hellen Ärger, in dem sie sich augenblicklich befand,
-besann sie sich überhaupt nicht auf ihre Worte.</p>
-
-<p>Frau Pfarrer Klingenreuter war rot geworden.</p>
-
-<p>»Ei ei,« meinte sie dann. »Ich glaube, wirklicher
-Schlechtigkeit und Bosheit gegenüber darf jeder Mensch,
-also auch jeder Pfarrer in ehrlichen, heiligen Zorn geraten.
-Hier handelt es sich aber gar nicht darum.
-Und das Gute kann ich Ihnen nicht zeigen, weil es
-nicht auf der Oberfläche liegt. Es ist aber tatsächlich
-vorhanden. Selig sind die, die da nicht sehen und doch
-glauben.«</p>
-
-<p>Die Bürgermeisterin stieß unter dem Tisch die
-Frau Postverwalter an und beide Damen verbargen
-darauf ein überlegenes Lächeln hinter ihren Spitzentaschentüchern.</p>
-
-<p>Natürlich, wenn die Pfarrerin mit Bibelsprüchen
-kam, &ndash; da mußte man schweigen. Man war ja freilich
-ein beglaubigter Christ, getauft, konfirmiert und kirchlich
-getraut, aber &ndash;&nbsp;&ndash; Bibelsprüche waren doch mehr
-für einfache Leute.</p>
-
-<p>Die Unterhaltung ging weiter.</p>
-
-<p>»Ist Herr Baldamus von Eik sehr krank?«</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Sehr.</em>«</p>
-
-<p>»Weiß man, was nun mit dem Bengel, dem Bertold
-geschieht? Kommt er nun endlich in Zwangserziehung?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_146">[146]</span></p>
-
-<p>»Ich weiß es nicht. Jedenfalls nicht nach dem
-rauhen Haus, was doch das einzig richtige wäre. Für
-die Eiks wird ja aber immer eine besondere Wurst gebraten,
-und so soll Bertold Malcroix nach E. aufs Gymnasium
-kommen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Aufs Gymnasium?« schrien sämtliche Frauen, mit
-Ausnahme von Frau Pfarrer Klingenreuter und Frau
-Doktor Hempel, welche still mit ihrer Arbeit beschäftigt
-schienen. »Das ist doch ganz unmöglich! Solch einen
-Buben in eine öffentliche Anstalt? Wenn er nun
-die Mitschüler massakriert? Das ist ja gemeingefährlich!!!«</p>
-
-<p>Die Frau Bürgermeisterin antwortete erst eine
-Weile nicht. Sie war buchstäblich geschwollen vor Stolz
-und Mitteilungsbedürfnis. Denn sie wußte <em class="gesperrt">alles</em> und
-noch ein bißchen mehr.</p>
-
-<p>Erst nachdem sie sich zurecht gesetzt und eine tief
-heruntergefallene Masche ihres Strumpfes wieder auf
-den Pfad des Rechtes gebracht, kam sie mit dem Trumpf
-zum Vorschein.</p>
-
-<p>»Unsere Rektorschule in Schwarzhausen verliert
-ihren Leiter,« sagte sie langsam, wichtig und betonend.
-»Rektor Tüllen geht als Aufpasser mit nach E., weil
-er den schlechten Charakter des Burschen kennt, und
-damit er selbst geschützt ist, wenn Bertold Malcroix
-seine zerstörenden Tobsuchtsanfälle bekommt, geht der
-Organist Brennstoff auch mit.«</p>
-
-<p>»Herr du meines Lebens! Warum nicht noch zehn<span class="pagenum" id="Seite_147">[147]</span>
-Hofmeister und seine ganze Sippe dazu?« eiferte die
-Frau Postverwalter.</p>
-
-<p>»Ja wahrhaftig! Da kann man auch sagen: ›Viel
-Lärm um einen Eierkuchen‹,« rief Frau Großschlachter
-und Hoflieferant Bentel. Sie konnte das Sprichwort
-auch französisch sagen und hätte es brennend gern
-getan, aber sie wußte nicht genau, ob es »<em class="antiqua">un</em>« oder »<em class="antiqua">une
-omelette</em>« hieß, und so unterließ sie es lieber. Manche
-Menschen waren so »penniebel« in so was, und sie wollte
-ihren Ruhm als gebildete Frau, die in »Penksion« gewesen,
-nicht einbüßen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Und das sollen wir uns gefallen lassen?« Diesmal
-waren es mindestens sechs aufgeregte Damen, die
-Antwort auf diese Frage heischten.</p>
-
-<p>Die Bürgermeisterin zuckte die Achseln.</p>
-
-<p>»Was sollen wir tun?« fragte sie dagegen. »Die
-Rektorschule ist Privatsache, und der Organist sollte
-auf alle Fälle pensioniert werden, weil ein Bericht
-über ihn gekommen ist, daß er heidnische Gesänge in
-der Kirche spielt. Also, sagt mein Mann, wir täten
-klug, wenn wir ihn einfach gehen ließen. Solchen Musiknarren
-ist überhaupt nichts zu beweisen. Die halten
-manchen Kram für hochheilig, vor dem man sich eigentlich
-bekreuzigen sollte.«</p>
-
-<p>»Was sagen <em class="gesperrt">Sie</em> denn eigentlich zu dem allen,
-Fräulein Windemuth? und was sagt Ihre Kleine?«
-wandte man sich jetzt an die eifrig stickende und zählende
-»Base Juliane«, die sich noch mit keinem Worte<span class="pagenum" id="Seite_148">[148]</span>
-an der Unterhaltung beteiligt hatte, teils weil sie für
-den Professor ein Paar Schuhe stickte mit schwierigem
-Muster, teils weil ihr der Vetter eingeschärft hatte:
-»Halt lieber den Mund in der Kaffeeschlacht. Es geht
-uns nichts an, und der Kleine war doch mal Liselottes
-Freund.«</p>
-
-<p>Sie warf jetzt auch nur einen Blick gen Himmel
-und rief: »Ich sage <em class="gesperrt">gar nichts</em>.«</p>
-
-<p>Aber dieser Himmelblick und ihr übereifriges
-Weitersticken redeten ganze Bände und stellten sie sozusagen
-über die Parteien.</p>
-
-<p>Wenn Base Juliane, die allzeit Redegewandte und
-Redelustige, schon schwieg, wie entsetzlich mußte da die
-Wirklichkeit sein, &ndash; und was mußte sie mit dem altklugen,
-kleinen Mädchen erlebt haben, das von allen
-Schwarzhäuser Kindern das einzige war, das sich nicht
-entblödet hatte, mit Bertold Malcroix zu spielen.</p>
-
-<p>Aber Base Juliane empfand mit einem Male ihre
-Schweigsamkeit als etwas Entehrendes. Wo jeder seinen
-Senf dazu gab, sollte sie, die Base des angesehenen
-und gelehrten Professors, alle schmackhaften Gewürze
-für sich behalten? Sie grübelte und grübelte, welche
-von den vielen pikanten Geschichtchen aus dem Hause
-Eik, die sie als verbürgt von maßgebender Seite vernommen,
-sie wohl zum besten geben könnte, aber immer
-sah sie die ernsten Augen des Vetters Windemuth vor
-sich und begnügte sich deshalb mit der Bemerkung:
-»Ihr Bild wollte sie ihm durchaus zum Abschied<span class="pagenum" id="Seite_149">[149]</span>
-schenken, &ndash; die Liselotte nämlich, &ndash; wir waren beim
-Photographen gewesen und gestern kamen die Bilder,
-&ndash; sie hat ’n weißes Spitzenkleidchen an mit rosa
-Schärpe, &ndash; bildschön &ndash; und auch teuer genug &ndash; die
-Bilder nämlich, aber das Kleid auch &ndash; und da sagte
-ich: ›Um Gottes willen, Liselotte, doch bloß so was
-nicht tun, da kann man ja wohl noch mal ins Verbrecheralbum
-kommen mit dem Jungen‹.«</p>
-
-<p>Das war stark! Aber Base Juliane war als furchtlos
-bekannt, und man freute sich, von angesehener Seite
-etwas gehört zu haben, was Hand und Fuß hatte,
-und das man abends überall wiedererzählen konnte,
-ohne das bekannte Siegel der Verschwiegenheit zur
-lästigen Bedingung zu machen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Es war wirklich nicht nett von der Frau Pfarrer,
-daß sie so einen Aufstand um diese Bemerkung machte
-und mit so tränendurchzitterter Stimme rief: »Tut
-denn niemandem von Ihnen der arme Junge leid, der
-im Jähzorn fehlte? Wollen wir ihn mit so lieblosen
-Worten ziehen lassen?«</p>
-
-<p>Und die sanfte Frau hatte mit flammenden Augen
-die ganze Kaffeegesellschaft angeschaut, und als auf
-ihre Frage sich niemand meldete, war sie ohne Abschied
-fortgegangen und Frau Doktor Hempel mit ihr.</p>
-
-<p>Das sah beinahe ein bißchen wie Verachtung aus,
-aber man war viel zu sehr überzeugtes »weißes Schaf«,
-als daß man so etwas auf sich bezogen hätte.</p>
-
-<p>Mindestens aber war es ärgerlich.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_150">[150]</span></p>
-
-<p>Doch konnte ja die Frau Pfarrer tun, was sie
-wollte. Man würde sie eben so bald nicht wieder einladen
-und ihretwegen sich gewiß nicht scheuen, seine
-eigene Meinung über die Eiks zu haben und auch auszusprechen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Frau Doktor Hempel ging direkt von der Kaffeeschlacht
-heim und in die Studierstube ihres Gatten,
-während Frau Pfarrer noch einige Schwerkranke besuchte,
-um »ins Gleichgewicht zu kommen«, wie sie
-meinte.</p>
-
-<p>Doktor Hempel war noch auf Praxis, aber seine
-Frau nahm sich gar nicht Zeit, sich bis zu seiner Ankunft
-ihres seidenen Kleides zu entledigen und sich’s
-hausfraulich bequem zu machen, &ndash; ja sie setzte sich
-nicht einmal, &ndash; sie war zu aufgeregt dazu. Wie der
-förmlichste Besuch wartete sie in Hut und Mantel auf
-ihren Mann, und auf ihrem offenen, energischen Gesicht
-lag ein Ausdruck von Zorn und Trauer.</p>
-
-<p>Da kam Doktor Hempel schon über den Platz in
-heftigen Schritten, er grüßte die ihm Begegnenden nur
-mit einem Handwink und zerstreuter Miene, und die
-Schwarzhausener sahen ihm nach und tuschelten miteinander.
-Er kam ja vom Eichenborn.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Als Doktor Hempel in sein Zimmer trat, kam ihm
-seine Frau entgegen und forschte angstvoll in seinen
-Augen.</p>
-
-<p>»Nun?«</p>
-
-<p>»Es geht zu Ende.&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[151]</span></p>
-
-<p>»O der <em class="gesperrt">arme</em> Junge!« rief sie aus, »der arme
-Junge!«</p>
-
-<p>Der Doktor war zu seinem Schreibtisch gegangen,
-um die eingetroffene Post nachzusehen, jetzt drehte er
-sich schroff um.</p>
-
-<p>»So ein Unsinn! Was hat der Junge damit zu
-tun? Das heißt, ja &ndash;&nbsp;&ndash; natürlich, &ndash; <em class="gesperrt">etwas</em> schon,
-&ndash; aber was will das besagen? Für den Arzt gar
-nichts.«</p>
-
-<p>»Aber für die Schwarzhausener,« fiel seine Gattin
-erregt ein und erzählte ihm alles, was das Kaffeekränzchen
-an Gift entwickelt hatte.</p>
-
-<p>»Verdammte Klatschweiber!« fluchte Doktor Hempel.
-&ndash; »Jawohl, ich höre sie ordentlich reden: ›Der allgemein
-verehrte Herr Baldamus!‹ So’n Kerl! Pfui
-Teufel! Jetzt kann ich ja noch schimpfen. Du bist ja
-meine liebe, dienstlich vereidigte Alte. Und wenn er
-erst tot ist, dann halte ich’s mit dem Wort: ›<em class="antiqua">De mortuis
-nil nisi bene</em>‹.«</p>
-
-<p>»Wird er wirklich sterben?« fragte sie bang.</p>
-
-<p>Er nickte ernst. »Ich bitte dich, &ndash; zuckerkrank
-in diesem Alter, außerdem verseucht bis oben hin, &ndash;
-herzleidend, &ndash;&nbsp;&ndash; nun ist eine Fußwunde aufgebrochen
-und &ndash; der heftig blutende Biß dazu&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Sie werden alle, alle dem letzteren die Schuld
-geben,« meinte Frau Doktor Hempel traurig.</p>
-
-<p>»Aber das ist Unsinn, &ndash; verrückter Blödsinn,«
-fuhr der Doktor auf. »Unsere verehrten Mitbürger sind<span class="pagenum" id="Seite_152">[152]</span>
-Hornochsen, besonders aber die Ehehälften. Ein paar
-vernünftige Kerle hielten heute Kriegsrat mit mir,
-der Postverwalter und der Apotheker. Den Rektor
-Tüllen wollten wir mit zuziehen, um dann dem alten
-Eik vorsichtig beizubringen, daß es das beste wäre, den
-Jungen erst mal aus Seh- und Hörweite der lieben
-Schwarzhausener zu bringen. Aber siehe da, der Alte
-war schon von selbst so weitsichtig gewesen, &ndash; die
-Übersiedlung des Bertold <em class="antiqua">junior</em> nach E. war schon beschlossene
-Sache. Herr von Eik <em class="antiqua">senior</em> ist vernünftiger
-als alle Schwarzhausener zusammen.«</p>
-
-<p>Doktor Hempel schüttelte sich.</p>
-
-<p>»Gib mir’n Kognak, liebe Alte! Brrr! Ich muß
-gleich nachher wieder hinüber. Jetzt ist der Pfarrer
-dort. Aber dem wohnten auch ›zwei Seelen, ach, in
-seiner Brust‹, &ndash;&nbsp;&ndash; ich möchte nicht die Beichte des
-Herrn Baldamus abhören&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;.« Und der Doktor
-schüttelte sich noch einmal.</p>
-
-<hr class="tb" />
-<hr class="tb" />
-<hr class="tb" />
-<div class="chapter">
-<p>Am nächsten Abend war alles vorüber.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-</div>
-
-<p>Der junge Bertold konnte sich später, als er zwischen
-seinen beiden treuen Begleitern im Arbeitszimmer
-zu E. saß, nur weniger Einzelheiten erinnern, so rasch
-war alles gegangen. Aber die wenigen Einzelheiten
-saßen um so fester, teils weil sie so schrecklich und traurig
-und teils, weil sie so wunderlich süß waren.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_153">[153]</span></p>
-
-<p>Der Abschied von seinem Mütterchen, das war
-das Herbste an dem Ganzen und der Knabe konnte nicht
-einmal darüber weinen. Denn in seinem tiefen Empfinden
-und frühreifen Nachdenken meinte er, er müsse
-all seine eigenen Tränen noch für sein Mütterchen
-aufheben, die sonst am Ende mit heißen, trockenen,
-brennenden Augen dasäße, &ndash; soviel weinte Mütterchen
-jetzt.</p>
-
-<p>Aber Bertold wußte wenigstens seit seiner Abreise,
-daß Mütterchen nicht über ihn selbst weine, über
-seinen greulichen Jähzorn und seine unheilvolle Tat,
-sondern hauptsächlich über die schlimmen Menschen, die
-ihn dazu gebracht und nun so häßlich und verstockt
-und richtend dastanden.</p>
-
-<p>Auch der letzten Unterredung mit dem Großvater
-erinnerte er sich. Man konnte dies Beisammensein
-wohl eigentlich nicht »Unterredung« nennen, es war
-mehr ein Kampf gewesen. Wer war der Unterliegende
-darin? Der junge Bertold wußte es nicht. Vielleicht
-war er es selbst, denn man hatte ihn ja nach E. geschafft,
-und hier mußte er nun bleiben, &ndash; ohne Mütterchen.
-Aber in den Augen des harten Großvaters hatte
-etwas gelegen, &ndash; Bertold wußte es nicht sicher zu
-deuten, etwas Müdes, etwas, das den jungen Enkel
-beinahe veranlaßt hatte, zu sagen: »Stütz’ dich auf
-mich, Großvater, ich bin stärker als du!« War man
-aber unterlegen, wenn man sich so stark fühlte?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Wir müssen den Jungen auf andere Gedanken<span class="pagenum" id="Seite_154">[154]</span>
-bringen,« meinte Rektor Tüllen und sah sorgenvoll auf
-Bertold Eik. »So sieht doch kein Kind aus! Kein
-Zehnjähriger! Lieber Brennstoff, wir haben eine schwere
-Verantwortung!«</p>
-
-<p>»Das weiß ich, Rektor! Aber ich glaube, dies verträumte
-Hinstarren hat einen Grund, der uns keine
-Sorge zu machen braucht. Er denkt an Beethoven!
-Welch ein Umschwung seiner Verhältnisse! Aus der
-Wüste des musik- und geigen-, kurz des tonlosen Daseins,
-plötzlich in eine Oase des ungestörten Harmoniegenusses
-versetzt zu werden, muß ja etwas Überwältigendes
-haben.«</p>
-
-<p>Aber Rektor Tüllen teilte nicht die Ansicht des
-poetischen Brennstoffs, und sein Antlitz blieb sorgenvoll.</p>
-
-<p>Bertold aber sann weiter, und wie er alle Erlebnisse
-in seine Herz- oder Gehirnkämmerchen verteilte,
-trat ein gespannter, frühreifer Ausdruck auf sein
-schmales Jungengesicht.</p>
-
-<p>Wie sie alle entsetzt gewesen waren im Eichenborn,
-als der Onkel Baldamus starb. Und er selbst, Bertold,
-hatte nur <em class="gesperrt">einen</em> Gedanken gehabt und ihn auch gleich
-ausgesprochen: »Mütterchen, nun kann er dich nicht
-mehr quälen!«</p>
-
-<p>»Still, o still!« hatte die Mutter erwidert, aber
-in ihrem ganzen Wesen lag doch etwas wie aufatmende
-Zustimmung. O Bertold sah viel, &ndash; sah mehr, als
-andere sahen. Und sein Ohr war scharf, schärfer als
-das der anderen, hätte es sonst wohl den halberstickten<span class="pagenum" id="Seite_155">[155]</span>
-Hilferuf vernommen, der damals aus Mütterchens Zimmer
-kam? Wie der Wind war er aus seinem Bette
-gesprungen und von dort gleich durchs Fenster auf
-das platte Dach, und von dort hatte er durch das
-offene Balkonfenster in Mütterchens Zimmer geschaut.
-Sie hatte noch Licht gehabt, &ndash; mitten in der Nacht.
-Armes Mütterchen, gewiß las sie wieder stundenlang
-in des verstorbenen Vaters Briefen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Aber das Licht stand nicht an ihrem Bett &ndash; das
-flackerte auf dem Ofensims nahe der Tür und &ndash; Mütterchen
-rang mit jemand &ndash; rang mit Onkel Baldamus.</p>
-
-<p>Oh &ndash; jetzt in der Ruhe kam die Erinnerung wieder
-klar über Bertold, &ndash; damals ging alles so furchtbar
-schnell. Der Jähzorn war über ihm zusammengeschlagen,
-als er sein Mütterchen in Gefahr sah. Als ihm die
-volle Besinnung wieder kam, da hatte ihn Onkel Baldamus
-schon vor den Großvater geschleppt, und da sollte
-er angesichts des heftig blutenden Baldamus Eik gezüchtigt
-werden. Warum hatte Großvater es nicht
-getan?</p>
-
-<p>Mütterchen hatte sich zwischen ihn und Großvater
-geworfen und ihn verteidigt, &ndash; o wie seltsam
-hatte Mütterchen ausgesehn! Viel weißer und starrer
-und seltsamer, als damals, da man Bertolds Vater
-tot ins Haus brachte.</p>
-
-<p>Und Onkel Baldamus hatte auf einen gebietenden
-Wink des Großvaters das Zimmer verlassen müssen,
-und Bertold hatte ihn nicht wieder gesehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_156">[156]</span></p>
-
-<p>Dann schlich man auf leichten Sohlen durch den
-Eichenborn, denn Onkel Baldamus war todkrank. Und
-auf alle seine, Bertolds, Fragen an das Mütterchen:
-»Ist er von dem kleinen Biß krank, Mütterchen? Der
-so blutete? Bin ich schuld? Was wollte er dir tun?«
-da hatte die Liebste immer nur geantwortet: »Still,
-o still! Nicht fragen, mein Liebling!« Und sie hatte
-ihn auf die Augen geküßt, daß er sie schließen mußte
-und seiner Mutter blasses Antlitz nicht mehr sah.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Dann waren seine Koffer gepackt worden, und
-Frau Thereschen Teichmann hatte Betten verschnürt,
-und sein ganzes Jungenzimmer war auf einen Wagen
-geladen worden und stand nun hier in der fremden
-Stadt E.</p>
-
-<p>Wenigstens hatte man ihn nicht allein ziehen lassen.</p>
-
-<p>Zwei so gute, treue Freunde, Mütterchens Freunde,
-waren mit ihm gegangen. Und sie sahen ihn nicht mit
-häßlichen, beobachtenden Augen an, wie alle die andern
-Leute in Schwarzhausen, sie redeten lind auf ihn ein,
-daß er nicht schuld sei an Herrn Baldamus’ Tode&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;
-sie waren gut, &ndash; gut.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und noch jemand war gut. Ein kleines, blondlockiges
-Mädchen, das er, Bertold Eik, bestohlen hatte.
-Ja, es nützte gar nichts, daß er sich vor sich selbst entschuldigt
-hatte: »ich habe sie ja <em class="gesperrt">gefunden</em>,« oder,
-»es ist ja <em class="gesperrt">nur</em> Puppe Emmy ohne Kopf,« er war doch
-ein ganz abscheulicher Junge, er war wirklich ein
-»schlechter Kerl«.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_157">[157]</span></p>
-
-<p>Aber er hätte Puppe Emmy um die Welt nicht
-herausgeben können, &ndash; etwas <em class="gesperrt">mußte</em> er sich aus dem
-Eichenborn hinüber retten in die fremde Stadt.</p>
-
-<p>Und nun, &ndash; als er am Bahnhof in Schwarzhausen
-mit seinen beiden Beschützern aus dem Eikschen Wagen
-gestiegen war, hatte sich im Gedränge der Reisenden
-die Liselotte an ihn gedrängt, &ndash; gute Liselotte! &ndash; und
-hatte ihm hastig und sprudelnd zugeraunt: »Ich darf
-ja nicht mit dir reden, &ndash; aber ich tu’s, weil du doch
-so weit fortgehst. Da &ndash; nimm! Es ist mein Bild.
-Steck’s ja nicht ins Verbrecheralbum, sonst schimpft die
-Base Juliane. Dies hat mir der Photograph geschenkt,
-&ndash; weil’s verdorben war, &ndash; ich habe gewackelt, es
-kam gerade Musik vorbei. Ade, ade, ade!«</p>
-
-<p>Oh, Bertold wußte noch Wort für Wort. Dann
-war sie davon gesprungen, aber ihr Händchen hatte ihm
-wohl zehnmal noch zugewinkt, und er selbst war wie
-angewurzelt auf einer Stelle stehen geblieben, bis ihn
-Rektor Tüllen aus seiner Versunkenheit rüttelte.</p>
-
-<p>Wie im Traum war er in den Zug eingestiegen
-und hierher gefahren. Zu tiefst in seinem Reisekoffer
-ruhte Puppe Emmy, er hatte sie gleich hervorgeholt
-und unter sein Kopfkissen gelegt, dort hatte sie Rektor
-Tüllen gefunden.</p>
-
-<p>Aber Bertold verriet mit keinem Wort, woher das
-kleine, unförmige Bündel stammte, und man ließ es ihm
-stillschweigend.</p>
-
-<p>Jetzt holte er es plötzlich sacht hervor und legte<span class="pagenum" id="Seite_158">[158]</span>
-es vor sich auf den Tisch. Und aus der Brusttasche
-holte er das Bildchen der Jugendgespielin, legte es
-daneben und betrachtete es aufmerksam. Ja, Liselotte
-hatte wohl gewackelt. Er nickte dem Bildchen ernsthaft
-zu und fand es ganz in der Ordnung, daß es <em class="gesperrt">zwei</em>
-Köpfe zeigte, denn Puppe Emmy hatte ja <em class="gesperrt">gar</em> keinen.
-Und plötzlich raffte er Puppe und Bild an sich und
-legte seinen schwarzen Lockenkopf fest &ndash; fest darauf.</p>
-
-<p>»Er weint,« sagte Rektor Tüllen leise und winkte
-dem Organisten.</p>
-
-<p>Dann war der Junge allein mit seinem tiefen,
-tiefen Heimweh.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-<hr class="tb" />
-
-<p>In Schwarzhausen waren alle Fenster der kleinen
-und großen Häuser besetzt, die an der Hauptstraße standen.
-Es lohnte sich wohl, heute einmal alles stehn und
-liegen zu lassen und nur zu schauen. &ndash; Was nicht an
-den Fenstern stand, das kam aus den Nebenstraßen
-herangeschritten und stellte sich dicht an die Häuser in
-langen Reihen. Die Mütter hatten ihre kleinen Kinder
-auf dem Arm und die größeren an der Hand. Wo ein
-Prellstein an der Ecke stand, hob man eine kleine Person
-hinauf und besonders wagehalsige Buben saßen sogar
-in den Bäumen.</p>
-
-<p>Herr Baldamus Eik von Eichen wurde zu Grabe
-getragen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Das war draußen auf dem neuen Friedhof für ihn<span class="pagenum" id="Seite_159">[159]</span>
-ausgeschaufelt, wo es noch recht kahl und unwirtlich
-aussah; aber er hatte es verschmäht, als der »Frömmsten
-und Gerechtesten einer« in das Erbbegräbnis der
-Eiks aufgenommen zu werden, wo gar zu viel wilde Gesellen
-drin moderten und sogar ein paar heidnische
-Urnen standen; denn drei seiner Vettern hatten sich in
-Gotha verbrennen lassen und der alte Eik hatte bereits
-dieselbe Bestimmung getroffen, wenn er einmal mit
-Tode abgehen würde. Aber das heutige Begräbnis
-war wirklich etwas für Herz und Gemüt. Dieser prachtvolle,
-gelbe, silberbeschlagene Eichensarg, der beinahe
-verschwand unter Lorbeer und Rosen, die Träger nebenher
-bis an die Nasen in teuren Krepp gewickelt und
-mit Zitronen in den Händen, die Kirchenjungen in
-schwarzen Mäntelchen, die Stadtkapelle mit Hofmusikus
-Kniller an der Spitze, dessen rote Nase heute das einzig
-Leuchtende in dem schwarzen Zuge darstellte. Und die
-ungeheure Menge Leidtragender! Und die stattliche, unabsehbare
-Reihe leerer Staatswagen hinterher, deren
-Kutscher sämtlich florumhüllte Peitschen trugen.</p>
-
-<p>Man mußte selbst als unbeteiligter Zuschauer herzbrechend
-weinen, denn so ungeheure Liebe und Verehrung
-für den hochangesehenen Toten können und
-müssen überwältigen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Hinter dem Sarge fährt ein einzelner Wagen und
-nach diesem kommen erst die Verwandten, die Geschäftsfreunde
-und Angestellten der Eikschen Fabrik, dann die
-lange Reihe der Arbeiter, der »Porzelliner«. Der einzelne<span class="pagenum" id="Seite_160">[160]</span>
-Wagen ist die alte Staatskarosse der Eiks und in
-ihr sitzt Bertold Eik von Eichen <em class="antiqua">senior</em>. &ndash; »Ganz
-allein,« raunt man sich zu, »Franziska Malcroix geleitet
-den Pflegebruder nicht zur letzten Ruhestätte.«</p>
-
-<p>»Das kann sie doch gar nicht. Wo ihr Junge,
-der schlechte Kerl, dran schuld ist.«</p>
-
-<p>»Weiß man das denn so genau? Er war doch
-immer leidend, der Herr Baldamus, und sah aus wie
-Braunbier und&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Schreinermeister Hellwig muß verstummen, denn
-man dreht ihm entrüstet den Rücken. Es spricht ja
-auch nur der Ärger aus ihm, weil der Sarg nicht bei
-ihm bestellt ist, sondern in der Residenz. Im übrigen
-wollen sich die Schwarzhausener auch nicht ihren
-Prügeljungen nehmen lassen. »Na überhaupt der junge
-Bertold Malcroix! Ein Glück, daß man ihn los war,
-&ndash; der hätte noch mal die Stadt an allen vier Ecken
-angezündet.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die Glocken läuten, und der Zug zieht langsam
-zum Kirchhof&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Im Eichenborn ist es auch still und leer. Sie sind
-alle zum Begräbnis mit Ausnahme des alten Fräuleins
-Adelgunde, der Frau Franziska und Hieronymus Teichmann.
-Der letztere hat einen Augenblick am Fenster
-gestanden und hinabgeschaut auf die vielen Kränze und
-Blumen und hinausgehorcht auf das mächtig tönende<span class="pagenum" id="Seite_161">[161]</span>
-Geläute, und ein bitteres Lächeln hat dabei auf seinem
-Antlitz gelegen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Tante Adelgunde sitzt in ihrem großen, weiten, behaglichen
-Zimmer, aber nicht auf dem Fenstertritt, wo
-das Spinnrad steht, sondern weit ab vom Lichte in
-einem der großen, tiefen Sessel.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sie will den langen, ehrenden Leichenzug nicht
-sehen und nicht den blumenüberdeckten Sarg, sie will
-auch die Staatskarosse der Eiks nicht sehen, worin der
-einsame Mann sitzt, der allzeit so aufrecht ging&nbsp;…</p>
-
-<p>Wie eigen mag ihm zumute sein, daß er jetzt in
-dem langsam fahrenden Wagen drüber nachsinnt, wie
-blind die Menschen doch sind.</p>
-
-<p>Fräulein Adelgunde will auch die Musik nicht
-hören, die so aufdringlich laut mit Pauken, Drommeten
-und Schalmeien verkündigt: »Horcht alle auf! Hier
-wird etwas ganz Besonderes zu Grabe getragen, der
-Gerechtesten einer&nbsp;…«</p>
-
-<p>Sie liest laut aus der großen, alten Familienbibel,
-die in ihrem Schoße ruht: »Wenn ich mit Menschen-
-und mit Engelszungen redete und hätte der Liebe
-nicht, so wäre ich tönendes Erz oder klingende Schelle«,
-und sie meint, solch tönendes Erz und solch klingende
-Schelle sei allzeit der Baldamus gewesen und seine
-Leichenmusik das Sinnbild seines Lebens.</p>
-
-<p>Aber Tante Adelgunde liest auch in der Bibel:
-»Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet«, und
-ihr Haupt neigt sich tiefer herab auf das Buch der<span class="pagenum" id="Seite_162">[162]</span>
-Bücher, und sie betet zum erstenmal seit dem Tode des
-Neffen: »Herr, nimm ihn gnädig in dein himmlisch
-Reich!«</p>
-
-<p>Auch Frau Franziska sitzt allein und auch sie
-liest, &ndash; aber nicht in der Bibel. Ein kleines Lederbuch
-liegt in ihrer Hand, abgegriffen und viel benutzt.
-Vergilbte Blätter bilden seinen Inhalt, und sie sind
-bedeckt mit den feinen Schriftzügen einer Frauenhand.</p>
-
-<p>Dieses Buch hatte Baldamus Eik ihr vermacht.</p>
-
-<p>Sie war, &ndash; der Schmach nicht mehr denkend,
-die er ihr hatte antun wollen, &ndash; in sein Sterbezimmer
-geeilt, da man ihr sagte, der Kranke versuche unablässig
-ihren Namen zu formen, er könne nicht leben und nicht
-sterben, wie es scheine, ohne daß er sie noch einmal
-gesehen.</p>
-
-<p>Als sie zu ihm trat, war ein Lächeln über sein
-Antlitz gegangen, &ndash; ein fürchterliches Lächeln, vor dem
-ihr graute.</p>
-
-<p>Aber sie hatte sich selbst gescholten und war zu
-ihm getreten. Und weil sie das Nahen des Todes
-spürte, beugte sie sich tief über den Kranken und sagte
-laut: »Ich will vergessen und verzeihen.«</p>
-
-<p>Da war wieder das fürchterliche Lächeln gekommen,
-und die matte Hand hatte sich gehoben und nach dem
-Schreibtisch gezeigt. Dort lag das Buch, umwunden
-mit Seidenband und mit dem großen Wappen der
-Eiks versiegelt. Die Aufschrift lautete: »Mein Vermächtnis
-für Franziska Malcroix, geb. Eik von Eichen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_163">[163]</span></p>
-
-<p>Erst als sie das Buch in Händen hielt und sich
-ihm so zeigte, &ndash; da wurde er ruhig und legte sich
-zum Schlafe hin, aus dem er nicht wieder erwachte.
-Und auf seinem toten, starren Gesicht lag der Ausdruck
-gesättigten Behagens.</p>
-
-<p>Franziska hatte das Büchlein in ihr Zimmer mitgenommen
-und das Siegel dort gelöst.</p>
-
-<p>Und wie sie sah, daß der Umschlag ein Buch
-enthielt, das ihrer eigenen Mutter gehört hatte, als
-sie die geliebten Schriftzüge erblickte von der treuen
-Hand, die schon so lange moderte, &ndash; da war das Verzeihen
-für die Schuld des Toten bewußt in sie gekommen,
-&ndash; er hat mir Gutes tun wollen, er wollte
-sühnen, indem er mir als letzte Gabe das Liebste reichte,
-was es für mich geben konnte.</p>
-
-<p>Und sie hatte gelesen, was die teure Mutter in
-dem kleinen Buche niedergelegt&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Aber das Haupt der Medusa konnte nicht schrecklicher
-blicken, als dies kleine Buch mit den zarten
-Schriftzügen; und langsam, langsam erstarrte das Herz
-der Lesenden.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="mright">
-Eichenborn, den 17. Mai&nbsp;…
-</p>
-
-<p>»Nun bleiben aber Glaube, Liebe, Hoffnung, diese
-drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen.«</p>
-
-<p>Das war unser Trauspruch.</p>
-
-<p>»Und nun frage ich dich, Carola Dannenstein,
-willst du diesen gegenwärtigen Bertold Eik von Eichen<span class="pagenum" id="Seite_164">[164]</span>
-lieben und ehren, und ihm treu sein, bis der Tod euch
-scheidet?«</p>
-
-<p>»Ja!« rief ich hell und freudig, »ja!«</p>
-
-<p>Die Schwarzhausener haben darüber gelacht und
-getuschelt, es ist nicht Sitte hier, daß eine Braut so
-laut das »Ja« herausjubelt, man darf es schon auf der
-ersten Kirchenbank nicht verstehen. Nur der Bräutigam
-darf es laut sagen.</p>
-
-<p>Was kümmert’s mich? Ich komme aus der freien
-Reichsstadt Bremen und &ndash; wenn mein Herz »ja«
-jubelt, dann tut mein Mund es freudig kund.</p>
-
-<p>Wie gern hätte ich mich in Bremen trauen lassen,
-in derselben alten, lieben Kirche, da ich getauft und
-konfirmiert wurde, &ndash; aber mir lebt niemand mehr
-dort, &ndash; so ganz verwaist bin ich. Da bin ich vom
-Hause meiner Schwiegereltern in das meines Gatten getreten,
-&ndash; es ist ja im Grunde ein und dasselbe, &ndash;
-der schöne Eichenborn. Aber der Flügel, da ich mit
-meinem Bertold hausen soll, ist hell und licht, &ndash;&nbsp;&ndash;
-die Zimmer der andern sind umschattet von hohen,
-dichten Eichen.</p>
-
-<p>»So ganz verwaist bin ich?« Lieber Herrgott,
-vergib mir dies Wort, da mich doch der Eine, der
-Einzige, der Herzliebste heute an sein reiches Herz
-genommen hat, das vor mir noch keine geliebt, und
-das mir Vater, Mutter, Bruder und Schwester sein
-will. &ndash; Nein, ich bin wahrlich nicht verwaist.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_165">[165]</span></p>
-
-<p>Frau Therese Teichmann, die runde, stattliche Frau
-unseres Dieners und Faktotums, hat mir geholfen,
-den Brautstaat abzulegen und mir das Strumpfband
-gelöst, &ndash; eine alte, uralte Sitte im Hause Eichenborn.
-Bertold und ich wollten nicht in die Welt hinaus
-fahren, sondern die ersten, seligen Stunden des Vereintseins
-in unsern vier Wänden genießen.</p>
-
-<p>Jetzt umfängt mich das traute Wohnzimmer mit
-lauter lieben, alten Möbeln aus meinem Vaterhause,
-dem alten Bremer Patrizierheim. Nebenan liegt der
-ungeheure Saal, weit und dämmrig tut er sich auf
-und die vergoldete Stukkatur seiner Decke leuchtet matt
-zu mir herüber. Prunkvoll ist er eingerichtet, &ndash; die
-Eiks sind ein reiches Geschlecht. &ndash; An den Saal reiht
-sich Zimmer an Zimmer, ich habe sie alle an Bertolds
-Hand durchschritten.</p>
-
-<p>Nur das eine nicht, das neben diesem, meinem
-Wohnzimmer liegt. &ndash; Aber heimlich, ganz heimlich
-hab’ ich hineingesehen, &ndash; dort stehen zwei ungeheure
-Riesenbetten, und schneeiges Linnen bauscht sich in ihnen
-unter rotleuchtenden, seidenen Decken. Eine herzbeklemmende,
-süße Angst befällt mich, wenn ich an das
-Stübchen denke &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; Herzliebster! Herzliebster!
-Herzliebster!</p>
-
-<p>Mein Ruf holt ihn nicht herbei, &ndash;&nbsp;&ndash; er ist
-fortgeholt worden zu einem Schwerkranken, zu einem
-Sterbenden.</p>
-
-<p>Das war recht seltsam für mich, und Hieronymus<span class="pagenum" id="Seite_166">[166]</span>
-Teichmann, der die Botschaft überbrachte, sah mich
-mit mitleidigem, ernstem Blicke an. Er wollte sich wohl
-überzeugen, wie tapfer oder untapfer ich sei an meinem
-Hochzeitstage.</p>
-
-<p>Aber das liebe ich ja gerade so an meinem Bertold,
-daß er in dem großen, ihm unterstellten Getriebe <em class="gesperrt">alles</em>
-ist, Herr und Arbeiter, Freund, Bruder, Körper- und
-Seelenarzt. Und so trete ich willig zurück, da man ihn
-an ein Sterbebett ruft.</p>
-
-<p>Ach, &ndash; nicht nur das Ziel, auch der Weg dahin
-ist schön.</p>
-
-<p>Könnte ich wohl dies kleine Buch mit meinen
-tiefinnersten Gedanken füllen, wenn mein Bertold neben
-mir säße?</p>
-
-<p>Er würde mich stürmisch in seine urgewaltige Liebe
-reißen und mich ersticken mit seinen Küssen.</p>
-
-<p>Es ist süß, darauf zu warten und in diesem kleinen
-Buch von ihm zu träumen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p class="mright">
-Eine Stunde später.
-</p>
-
-<p>Die Nacht, die stille Mainacht ist hereingebrochen.</p>
-
-<p>Vor dem geöffneten Fenster schluchzt klagend eine
-Nachtigall.</p>
-
-<p>Frau Therese Teichmann hat mir die Lampe gebracht
-und nach meinen Befehlen gefragt.</p>
-
-<p>Ich habe keine Befehle, ich habe nur den tiefen
-Wunsch, mein liebster Bräutigam möchte endlich bei
-mir sein, &ndash; er zögert lange. &ndash; Die Dienerin sah<span class="pagenum" id="Seite_167">[167]</span>
-mich an, genau so seltsam ernst wie vorhin ihr Mann.
-Dann wollten wir beide scherzen, aber es gelang uns
-nicht.</p>
-
-<p>Sacht strich sie mir über das Haar und die gefalteten
-Hände, die auf diesen Blättern ruhten. Sie
-hat etwas Mütterliches an sich, ich werde diese Dienerin
-sehr lieb haben.</p>
-
-<p>»Eine ernste, stille Brautnacht!« meinte sie leise.</p>
-
-<p>»So wird unser Leben hoffentlich um so froher,«
-rief ich dagegen, vielleicht lauter als nötig, &ndash; ich
-hatte viel Bangigkeit zu verscheuchen.</p>
-
-<p>»Gott walt’s!«</p>
-
-<p class="mright">
-Zwei Stunden später.
-</p>
-
-<p>Ich bin schon ein paarmal aus dem Schlafe aufgeschreckt,
-der mich im Sessel überfallen hatte. Alles
-ist so totenstill um mich. Ich wage nicht die Tür zu
-dem großen, gähnenden Saal zu schließen und wage
-nicht, jene zu öffnen, welche das heimliche Gemach,
-das liebe, traute auf der anderen Seite für mich verbirgt.</p>
-
-<p>Soll ich mich allein niederlegen? Der Schlaf wird
-mich fliehen, wenn er auch jetzt in öder Stille versucht,
-meine Augen zu schließen.</p>
-
-<p>Bertold! Bertold! Komm! Ach komm! Ist denn
-niemand bei dem fremden Sterbenden, der dich ablösen
-könnte? Das <em class="gesperrt">Leben</em> ruft dich, das süße, beglückende
-Leben. Dein junges Weib ruft dich und die Sehnsucht
-meines Herzens. Komm, ach komm zu mir!</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_168">[168]</span></p>
-
-<p class="mright">
-Eine Stunde später.
-</p>
-
-<p>Was ist dir jener Sterbende, Bertold? Warum
-findest du nicht ein paar karge Minuten Zeit, um zu
-mir zu eilen und mir ein liebes Wort zu sagen? Wie
-bin ich einsam!</p>
-
-<p class="mright">
-Drei Stunden später.
-</p>
-
-<p>Langsam dämmert der Morgen. Bleischwer liegt
-es in meinen Gliedern. Schon sendet die Sonne den
-ersten Schein über die dunklen Thüringer Berge, die
-von nun an meine Heimat sein sollen. &ndash; Meine Heimat
-ist Bertold.</p>
-
-<p>Weh, ich bin heimatlos&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p class="mright">
-Den 19. Mai.
-</p>
-
-<p>Soll ich die ersten Blätter mit ihren Seufzern und
-Tränen herauslösen aus diesem kleinen Buch? &ndash;&nbsp;&ndash;
-Ich will sie darinnen lassen, &ndash; sie sollen der Ring
-des Polykrates sein, die Opfergabe, den Göttern dargebracht.</p>
-
-<p>Kann es nur so viel Glück auf dieser armen Erde
-geben?</p>
-
-<p>Nicht nur in dem köstlichen Rausche der hingebenden
-Liebe liegt und leuchtet es, &ndash;&nbsp;&ndash; für mich ruht es
-weit mehr in dem Lächeln, das auf dem ernsten Antlitz
-meines Gatten erstanden ist, seit wir vereint sind.</p>
-
-<p>»Der düstere Eik«, »der grimmige Eik!« Es paßt
-gar nicht mehr auf ihn.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_169">[169]</span></p>
-
-<p>So nannten sie ihn in Bremen und auch hier in
-seiner Heimat sind es seine Übernamen.</p>
-
-<p>Er hat mir schon in unserer Brautzeit bekannt,
-daß der Jähzorn ein Erbteil der Eiks sei und daß seine
-Vorfahren ihn ganz besonders belastet hätten, aber er
-schreckte mich nicht mit diesem Geständnis.</p>
-
-<p>»Jähzornige sind immer auch gut,« gab ich ihm
-zur Antwort und er küßte mich dafür.</p>
-
-<p>Freilich ist seine Güte nicht augenfällig, &ndash; seine
-Augen schauen dreuend unter dichten, schwarzen Brauen
-hervor, sein Mund ist herb geschlossen und kein Bart
-verdeckt den verächtlichen Zug, der um die Winkel
-liegt.</p>
-
-<p>»Wo hast du die Welt so verachten gelernt?«
-fragte ich ihn sinnend-neckend und strich mit meiner
-Hand sacht über die beiden Fältchen, die seinen schönen,
-großen Mund mit den eisenfesten, blitzenden Zähnen
-leicht herabziehen.</p>
-
-<p>Eine feine Röte stieg in sein Gesicht.</p>
-
-<p>Dann aber blitzten seine dunklen Augen mich an,
-sein dürstender Mund lag auf dem meinen, und wir
-tranken aus dem Becher der Seligkeit.</p>
-
-<p>»Ich liebe die Welt, seit sie dich trägt,« flüsterte
-er mir zu.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Seit zwanzig Jahren?« fragte ich zweifelnd.
-»Wann kam denn das Verachten?«</p>
-
-<p>»So lieb’ ich die Welt, seit du mein eigen bist!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_170">[170]</span></p>
-
-<p>»Also <em class="gesperrt">immer</em>!« rief ich jubelnd und schmiegte
-mich an sein Herz.</p>
-
-<p class="mright">
-Den 22. Mai.
-</p>
-
-<p>Eifersüchtig bin ich. Wer hätte das gedacht! Ich
-am wenigsten von mir selbst.</p>
-
-<p>Ich hatte es ja nie gespürt, &ndash; wie sollte ich auch?
-Er liebte mich, er wählte mich, und aus den Wonnen
-eines kurzen Brautstandes, in welchem er nur für mich
-und ich für ihn lebte und webte, holte er mich in den
-Eichenborn, in das stille, düstere Haus seiner Väter.</p>
-
-<p>Und hier auf einmal tritt das Gorgonenhaupt
-des grüngeäugten Scheusals vor mich hin.</p>
-
-<p>Ich kann es nicht bannen, ich kann es nicht
-nehmen, fassen und unschädlich machen. Es ist ein
-Schmerz, der immer mit mir geht. Es ist klein und
-unvornehm von mir. Denn ich habe keinen Grund
-zur Eifersucht. Und mir schwebt auch keine bestimmte
-Person, keine Frau, kein Mädchen vor, &ndash; mir ist,
-als sei ich eifersüchtig auf alles, was den Einzigen von
-mir fern halten könnte, auf seinen Beruf, &ndash;&nbsp;&ndash; ja
-auf die Luft, die er fern von mir atmet. Es ist ein
-so öder Gemeinplatz: »Eifersucht ist Mangel an Vertrauen.«
-Und dieser Gemeinplatz lügt.</p>
-
-<p>Eifersucht ist Liebe, höchste Liebe. Und Eifersucht
-ist Angst.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Auf die Stunden, die uns in der Brautnacht trennten,
-bin ich nie wieder zurückgekommen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_171">[171]</span></p>
-
-<p>Er war so blaß und verstört, mein armer Liebster,
-als er heimkehrte zu seinem jungen, wartenden Weib.</p>
-
-<p>»Ist er tot?« fragte ich.</p>
-
-<p>»Ja, Liebste.«</p>
-
-<p>»War er es wert, daß du mir fern bliebst?«</p>
-
-<p>»Ja, Liebste.«</p>
-
-<p>Das war unsere Unterredung.</p>
-
-<p class="mright">
-Im August.
-</p>
-
-<p>Heute führte uns der Weg nach dem kleinen, alten
-Friedhof. Man kommt zuerst an das Mausoleum mit
-untermauertem Grund, in welchem seit Jahrhunderten
-die Eiks von Eichen schlafen.</p>
-
-<p>Ach, bei solch einer Anhäufung von Särgen, da
-kann ich nie an Schlaf denken, sondern nur an Moder.
-Im grünen Wald oder im dichtverwachsenen, kleinen
-Totenhain, unter Efeu und Immergrün, umrauscht von
-alten Bäumen, da kann man schlafen. Vom Mausoleum
-ab führen die stillen moosbewachsenen Pfade nach
-den Gräbern der andern, die aber immer mit dem
-Hause Eik in irgendeiner Verbindung standen: Angestellte
-und Arbeiter der Fabrik, Gutsleute und ihre
-Kinder.</p>
-
-<p>»Warum ruht ihr Eiks nicht hier?« fragte ich,
-»o wie es hier nach Rosen duftet und Jasmin, nach
-Jelängerjelieber und Jesuskraut. Die Zypresse im Erbbegräbnis
-schaut so streng und traurig.«</p>
-
-<p>»Die Eiks sind ja auch ein strenges und trauriges<span class="pagenum" id="Seite_172">[172]</span>
-Geschlecht,« meinte mein Liebster ernst. »Außerdem,«
-setzte er kurz auflachend hinzu, »wollen sie selbst im
-Tode noch etwas Besonderes sein und getrennt von
-den übrigen Sündern.«</p>
-
-<p>»Da liegt auch ein Sünder!« rief ich lebhaft und
-zeigte auf ein ziemlich neues Grab, dem mein Bertold
-den Rücken kehrte. Dünne Grashälmchen wuchsen darauf,
-durch welche man die kahle Erde überall hervorblicken
-sah. Ein kleiner, düstergrauer Stein schmückte die Stelle,
-&ndash; nein doch, er <em class="gesperrt">schmückte</em> sie nicht, er zeigte sie
-drohend dem Beschauer. »Gott sei mir Sünder gnädig!«
-stand mit großen, schwarzen Buchstaben auf dem
-Stein.</p>
-
-<p>Mein Bertold hatte sich herumgedreht, und sein
-braunes Gesicht war blaß, als er die Worte las.</p>
-
-<p>»Wie furchtbar!« stieß er hervor. »Wie konnte
-der Alte das tun!«</p>
-
-<p>»Wer ist der Alte?« fragte ich.</p>
-
-<p>Bertold biß sich auf die Lippen. Vielleicht war
-ihm der Ausruf nur so entschlüpft, doch entgegnete
-er ruhig: »Der alte Hörschel. Sein Kind &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;
-es war ein Selbstmörder.«</p>
-
-<p>»War es dein Freund?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>Dann zog Bertold meinen Arm rasch und fest
-durch den seinen und schritt mit mir fort aus dem
-Reiche der Toten in unser lebendiges Heim.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_173">[173]</span></p>
-
-<p class="mright">
-<em class="gesperrt">Ein Jahr später.</em>
-</p>
-
-<p>Schwer habe ich gelitten. So schwer, daß ich nicht
-dazu kam, mein Wohnzimmer zu betreten, viel weniger,
-dies Buch aufzuschlagen.</p>
-
-<p>Eine Fehlgeburt brachte mich nahe an jenes dunkle
-Tor, das zum Erbbegräbnis der Eiks führt.</p>
-
-<p>Und nun eröffnen mir die Ärzte, daß ich nie
-mehr ein Kind zur Welt bringen würde&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;.</p>
-
-<p>Warum legte Gott solche tiefe Muttersehnsucht in
-mein Herz? Warum gab er tausend und abertausend
-vornehmen Frauen Kinder, die doch von den Müttern
-vernachlässigt und den Dienstboten übergeben werden?
-Warum sandte er tausend und abertausend siechen,
-verderbten, armen, hungernden Müttern und Vätern
-dies Gottesgeschenk und versagt es gerade mir so grausam?
-Warum, warum? Verlorene Frage! Aber sie
-verläßt mich nicht, sie wird zum Hammer und schlägt
-immerfort auf mein armes Herz. Warum? Warum?
-All mein Kinderglaube, mein starker Glaube, zerbricht,
-ich hadre mit Gott und nenne ihn nicht mehr den Allgütigen,
-Allweisen, nur noch den Allmächtigen, der
-mein Glück in Trümmer schlug.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p class="mright">
-<em class="gesperrt">Ein Jahr später.</em>
-</p>
-
-<p>Wenn ich mein ganzes Leben lang so selten in
-diese Blätter schaue, &ndash; dann wird das Büchlein hundert
-Jahre aushalten. Und wer trägt die Schuld, daß
-die gern plaudernde Carola Eik verstummt ist? Verstummt?
-Kommt ins Kinderstübchen und lauscht dem<span class="pagenum" id="Seite_174">[174]</span>
-sprudelnden Quell der Worte und Lieder, die ich meinem
-Kleinchen darbringe.</p>
-
-<p>Meinem Kindchen? &ndash;&nbsp;&ndash; Muß man denn immer
-Unmögliches haben wollen? Immer wie unmündige,
-törichte Kinder nach den Sternen langen?</p>
-
-<p>Mein Bertold wurde mein Arzt. Unter seinem
-guten, ernsten Zuspruch wurde ich ruhiger, wurde Trostgründen
-zugänglich, und er eröffnete mir das reiche
-Feld der Armen- und Krankenpflege, er schickte mich
-mit reichlichen Summen in die Wohltätigkeitsanstalten
-ringsum, damit ich mit eigenen Augen sähe, wo es
-not tut, mild und werktätig einzugreifen. So braucht
-der Liebesquell in meiner Brust nicht zu versiegen,
-täglich erneut er sich, und sein Reichtum wird größer,
-je mehr ich davon abgebe.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und als ich eines Abends zu ihm sagte, ganz
-leise in sein Ohr flüsterte: »Bertold, &ndash; für ein süßes
-Kindchen hätte ich <em class="gesperrt">doch</em> noch Zeit bei all meiner
-Arbeit und vor allen Dingen, du großer Bertold brauchst
-so wenig Pflege, und ich habe solch einen Überschuß
-an Liebe in mir, &ndash;&nbsp;&ndash; es braucht doch nicht ein
-<em class="gesperrt">eigen</em> Kind zu sein&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Da &ndash;&nbsp;&ndash; am andern Tag lag’s in dem blau seidenen,
-weiß verschleierten Himmelbettchen, so recht
-mitten in den Thüringer Landesfarben. &ndash; Und es war
-ein süßes, holdes, zweijähriges Mägdelein, das mich
-zur Mutter begehrt, weil seine eigene, gute, treue
-Mutter tot ist. &ndash; Es heißt Franziska.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_175">[175]</span></p>
-
-<p class="mright">
-<em class="gesperrt">Ein halbes Jahr später.</em>
-</p>
-
-<p>Ei du kleine Franziska, &ndash; wie schwingst du dein
-winziges Machtzepterchen über den Eichenborn. Alles
-ist dir untertan, vom Vater an bis herunter zum
-kleinsten Küchenmädchen und Stiefelwichsjungen.</p>
-
-<p>Du hast auch gar zu liebe, blaue Augen, gar so
-ein feines Näschen, du siehst eigentlich aus, wie eine
-echte Eik von Eichen. Das macht unsere Pflegeelternliebe,
-die dich geboren hat, zu einem neuen Leben im
-Hause Eik. &ndash; O ich könnte eifersüchtig werden, jetzt
-mehr denn je, ja jetzt sogar mit Berechtigung, denn
-mein Bertold liebt das Kind, &ndash; beinahe hätte ich
-geschrieben: »über <em class="gesperrt">alles</em>!«</p>
-
-<p>Aber das wäre Sünde, das darf ich meinem Liebsten
-nicht antun.</p>
-
-<p>Und es ist eigen, &ndash; er kann nicht die zarteste Anspielung
-auf seine zärtliche Neigung zu Klein-Franziska
-vertragen. Er wird nicht heftig oder mürrisch
-oder abwehrend, &ndash; er wird so tief ernst und traurig,
-daß mir das Wort, kaum dem Munde entflohn, schon
-leid tut und ich mir immer mehr vornehme, diesen
-Fehler meines Herzens zu bekämpfen. &ndash; Eifersucht!
-Es ist ja auch zu häßlich, auf ein kleines, schönes,
-liebes Kind von zwei Jahren eifersüchtig zu sein.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Manchmal meine ich, Franziska gehöre mir, und
-ich sei seine Mutter. Meine Phantasie arbeitet dann
-so stark, daß ich mich in die Schmerzen noch einmal
-hineinträume, die ich um mein totes Glück erlitt, und<span class="pagenum" id="Seite_176">[176]</span>
-dann träume ich weiter, daß dies <em class="gesperrt">tote</em> Glück nur ein
-Traum sei, &ndash; daß es in Wahrheit lebe und Franziska
-Eik heiße.</p>
-
-<p>Kleines, liebes und geliebtes Fränzchen! Nie sollst
-du fühlen, daß ein andrer Schoß, als der meine, dich
-getragen &ndash;&nbsp;&ndash; <em class="gesperrt">mein</em> Kindchen bist du!&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p class="mright">
-<em class="gesperrt">Ein halbes Jahr später.</em>
-</p>
-
-<p>Gestern sah ich die Großeltern von &ndash; meinem
-Kindchen. Das ist doch ein seltsames Gefühl. Mir war
-mit einemmal das Fränzchen fremder geworden, &ndash;
-Das sollte doch nicht sein. &ndash; Es war auf dem Friedhof,
-wohin ich so gern gehe, weil er so tief verwachsen die
-heiligste Ruhe predigt. Aber gestern war auch der
-Geburtstag der Urahnin und Stammutter der Eiks,
-und nach alter Familienüberlieferung pilgert an diesem
-Tage Herrschaft und Dienerschaft nach dem Mausoleum,
-um Blumen und Kränze niederzulegen. So auch
-gestern. Ich blieb dann mit Fränzchen noch etwas
-zurück, trotzdem mich mein Bertold gern mitgenommen
-hätte. Aber ich hatte zwei Charakterköpfe entdeckt, zwei
-alte Leute, die an dem Grabe beschäftigt waren, das
-mir von allen Gräbern am interessantesten dünkte,
-am Grabe des Selbstmörders: »Gott sei mir Sünder
-gnädig!«</p>
-
-<p>Bertold zog den Hut, als wir an dem Grabe
-vorbeischritten, aber die beiden Alten erwiderten seinen
-Gruß nicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_177">[177]</span></p>
-
-<p>Nachdem wir den großen Kranz im Erbbegräbnis
-niedergelegt, nahm Bertold einen anderen Weg, um
-heimzugelangen, mir aber war Klein-Franziska entwischt,
-die sich gern zwischen Eibenhecken versteckt, wenn
-wir hier weilen. Dem Kinde dünkt der Kirchhof der
-liebste Spielplatz.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Klein-Franziska stand bei den beiden Alten, die
-so ernsthaft und düster dreinschauen, als habe der Tod
-des Sohnes jede Sonne von der Erde fortgenommen.
-Das Kind plauderte lieblich und hielt die Alten bei
-den Händen, &ndash; es ist ein rechtes Sonnenscheinchen
-und meint, daß jeder Mensch sein bester Freund sei.
-Beide Altchen sahen unverwandt das Kind an, und dann
-rang es sich schwer von den Lippen des Alten: »Es
-gleicht Zug für Zug meiner Tochter, <em class="gesperrt">aber es hat die
-Eikschen Augen</em>«.</p>
-
-<p>»So sind <em class="gesperrt">Sie</em> die Großeltern?« fragte ich leise
-und befremdet, denn Bertold hatte mir gesagt, das
-Kind sei ohne Anhang, seit seine Mutter gestorben.
-Über den Nachsatz machte ich mir keine Gedanken, &ndash;
-ich wußte, daß alle mir, der kinderlosen Frau, gern
-etwas Liebes sagten, und Fränzchens Augen paßten
-ja auch wirklich in das Eikgeschlecht. Ich grüßte die
-beiden und schritt tief nachdenklich nach Hause.</p>
-
-<p class="mright">
-<em class="gesperrt">Am nächsten Tage.</em>
-</p>
-
-<p>Wie mit unsichtbaren Händen zog es mich heute
-wieder nach dem kleinen Friedhof.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_178">[178]</span></p>
-
-<p>»Gott sei mir Sünder gnädig.«</p>
-
-<p>Da waren die beiden Alten wieder, und mir war
-es, als winke mir der Mann. Ich hatte die Kleine
-wieder mitgebracht, &ndash; sie weicht ja nicht von meiner
-Seite, wenn sie sieht, daß ich einen Ausgang habe, und
-ihre »Mutti« dünkt ihr alles&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ich schritt auf das Grab zu und reichte beiden
-die Hand, als könne es nicht anders sein.</p>
-
-<p>»Hören Sie nicht auf ihn!« raunte die alte Frau
-leise, »er soll nicht reden und darf es nicht. Wir
-leben jetzt schuldenfrei auf eigenem Grund und Boden,
-seit das Kind da ist, das vergißt er immer und ist undankbar.«</p>
-
-<p>Und dabei vergaß die alte Frau, der jetzt, während
-sie Fränzchen anschaute, die helle Güte aus den Augen
-sprach, völlig, daß sie doch wohl auch nicht reden
-durfte. Mich fröstelte inmitten der warmen Sommersonne.
-Aber ich konnte mich nicht vom Platze rühren.</p>
-
-<p>»Warum gaben Sie Ihrem Sohne solch’ einen
-traurigen Spruch?« fragte ich, um etwas zu sagen.</p>
-
-<p>»Unserm Sohne? Hier liegt unsere Tochter, die
-Fränze, die Schande auf uns brachte.«</p>
-
-<p>»Nicht Schande!« schluchzte die alte Frau, »sie
-war gut, &ndash; so gut.«</p>
-
-<p>»Ja <em class="gesperrt">zu</em> gut war sie!« lachte der Alte heiser und
-dann loderte es in seinen Augen auf und er trat vor
-mich hin und zeigte auf die kleine Franziska: »Hüten<span class="pagenum" id="Seite_179">[179]</span>
-Sie das Mädchen! Es ist Zug um Zug mein Kind,
-aber es hat die Eikschen Augen! Hüten Sie es«.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Das andere verlor sich im Murmeln, die Frau
-nahm den Arm des Mannes und zog ihn rasch vom
-Friedhof fort, sie weinte jetzt laut und bitterlich.</p>
-
-<p>Und ich war wissend geworden!</p>
-
-<p>O über jenen Augenblick, da mir so grausam die
-Augen geöffnet wurden!</p>
-
-<p>Nun ist etwas zerrissen in mir, was sich nie wieder
-heilen läßt.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>O ich weiß, daß die Welt mich nicht verstehen
-wird. Es ist ja so etwas Alltägliches! Man kann
-darüber hinweggehen und lächeln. ›<em class="gesperrt">Man</em>‹, aber nicht
-›ich‹! Mir ist über dieser alltäglichen Geschichte das
-Herz gebrochen.</p>
-
-<p>Als Bertold mich zum gemeinsamen Mittagsmahl
-aus meinem Zimmer abholte, da sah er, daß sein
-Glück zertrümmert am Boden lag.</p>
-
-<p>Doch stand ich ganz ruhig vor ihm, &ndash; mir war’s,
-als sei ich gealtert um viele Jahre in den wenigen
-Stunden.</p>
-
-<p>»Nicht deine <em class="gesperrt">Schuld</em> trennt uns,« sagte ich ihm
-mit beinahe tonloser Stimme, so daß er sein Haupt
-zu mir neigen mußte, um mich zu verstehen, »uns
-trennt deine <em class="gesperrt">Lüge</em>!«</p>
-
-<p>»Du willst von mir gehen?« fragte er heiser, und
-seine Augen, seine lieben, dunklen Augen sahen mich
-wie erloschen an.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_180">[180]</span></p>
-
-<p>»Nein, &ndash; nicht von dir gehen, &ndash; nicht äußerlich
-&ndash; ich habe ja das Kind, &ndash; ich will ihm weiter Mutter
-sein.«</p>
-
-<p>Kein Wort wurde sonst zwischen uns gewechselt.
-Bertold ging aus dem Zimmer und ließ sein Pferd
-satteln. Dann ritt er stundenlang in der Weite herum,
-und als er wiederkam, sah ich, daß er nicht mehr der
-»aufrechte Eik« war.</p>
-
-<p>Nun soll das Leben so weiter gehen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Das Vertrauen zum liebsten Menschen ist dahin
-und das Kind? &ndash;&nbsp;&ndash; Ich sehe an ihm nur immer die
-Eikschen Augen und sehe Zug um Zug das Antlitz
-des unglücklichen Mädchens, das mein Bertold verdarb.
-Wo soll ich die Kraft hernehmen, weiter zu leben?
-Wie ein Gralskelch leuchtete mein Glück, &ndash; jetzt liegen
-die Scherben, ein billiger Tand, staubbedeckt zu meinen
-Füßen.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Aber das Kind soll es nie erfahren. In jeder
-einsamen Stunde will ich mich stärken zu dem schweren
-Missionswerk, &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; hilf mir, &ndash; hilf mir, Allerbarmer,
-der du diese Last auf meine Schultern legtest.</p>
-</div>
-
-<hr class="tb" />
-<hr class="tb" />
-<hr class="tb" />
-<div class="chapter">
-<p>Franziska Malcroix wußte nicht, wie lange sie
-gelesen hatte, &ndash; waren es Stunden, waren es Jahre?
-Sie strich mit der Hand über das kleine Buch, das<span class="pagenum" id="Seite_181">[181]</span>
-die liebste Mutter geschrieben, welche es auf Erden gegeben
-hatte.&nbsp;&ndash;</p>
-</div>
-
-<p>Dann schritt sie langsam, &ndash; o so langsam die
-gewundene Treppe hinunter in ihres Vaters Zimmer.</p>
-
-<p>Der alte Eik saß an dem wuchtigen Schreibtisch
-und schrieb und rechnete, aber mitten in die Belege
-seines Reichtums kam die Störung, und auf den Zahlen,
-die sich im letzten gesegneten Jahre wieder um eine
-Null vergrößert hatten, lag plötzlich das kleine Buch,
-das er einst vor so langen Jahren seiner jungen Braut
-geschenkt, damit sie ihre beiderseitigen, glückseligen Erlebnisse
-darin verewige.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Er hatte das Büchlein zuerst wiedergesehen, damals
-als sein Weib starb. Von einem Eik konnte
-ja niemals Glück ausgehen, und so waren auch diese
-Blätter erfüllt von Leid, erfüllt von jener häßlichen
-Schuld und einzigen Lüge seines ehrenhaften Lebens.
-Er hatte das Buch am Todesabend seines Weibes gelesen
-und war von jenem Augenblicke an der düstere,
-grimme Eik geworden, der sich ganz in Schmerz und
-Bitterkeit versenkte und kaum noch seines Kindes achtete.</p>
-
-<p>Aber die kleine Franziska trat mit sicherem Schritt
-in die Fußstapfen ihrer geliebten Mutter, deren Hinscheiden
-sie zuerst beinahe verzweifeln ließ.</p>
-
-<p>Als das Kind damals die tiefe, wortlose Trauer
-des Vaters gewahrte, raffte es sich auf, und tausend
-kleine Aufmerksamkeiten, welche die Verstorbene für den
-Gatten gehabt, die übernahm nun das Fränzchen mit<span class="pagenum" id="Seite_182">[182]</span>
-einer sicheren Liebe, welche den grimmen Eik rührte
-und zugleich erstaunte. Ganz eng schlossen sich Vater
-und Tochter aneinander an, und der alte Eik hatte
-nur die eine Sorge, das Buch, das kleine Buch mit
-den feinen, zarten Schriftzügen, die doch so furchtbar
-beredt von seiner Schuld erzählten, vor dem jungen
-Mädchen zu verbergen. Jahrzehnte lang hatte es in
-der Schublade seines festen dunklen Schreibtisches geruht,
-zu dem niemand gelangte, als er allein. Und
-nun lag es plötzlich vor ihm, und seine Franziska stand
-so blaß und mit so wehen, anklagenden Blicken im
-Zimmer, wie einst sein Weib.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Wer gab dir das Buch, Franziska?«</p>
-
-<p>»Baldamus Eik.«</p>
-
-<p>Der alte Eik stöhnte auf. »Dieb!« &ndash; murmelte
-er, »Dieb!« Und dann schüttelte ihn der Jähzorn,
-und wilde, schreckliche Worte und Flüche kamen aus
-seinem Munde.</p>
-
-<p>»Was siehst du mich so an, Franziska? Was
-forderst du von mir? Deinen Namen? Deine Mutter?
-Deine Pflegemutter? &ndash; Herrgott, ich habe nichts, &ndash;
-nichts, &ndash; ich bin arm, arm&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Franziska sah ihn an, &ndash; nicht anklagend, nicht
-scheu, nicht verachtend. Es wuchs etwas in ihr und
-blühte auf, etwas, das stärker war als die Schmach
-und Bitterkeit jener Minuten, da sie das Büchlein
-las &ndash;&nbsp;&ndash; ein tiefes, erbarmendes Mitleid mit dem
-armen Reichen vor ihr.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_183">[183]</span></p>
-
-<p>»Ich will nicht meine Mutter und nicht meinen
-Namen,« sprach sie leise, aber fest. »Ich will nur
-endlich meinen Bertold an dein Herz legen und dich
-bitten: ›Hab uns lieb‹!«</p>
-
-<p>Da schlang der alte Mann beide Arme um sein
-Kind, und im schweren Weinen löste sich jahrelanges Leid.</p>
-
-<hr class="tb" />
-<hr class="tb" />
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der junge Bertold Eik war fleißig.</p>
-
-<p>Er lebte nicht gerade als Bücherwurm, aber er
-betrachtete es auch nicht als Vorrecht des Begabten,
-bummelig und nachlässig zu sein.</p>
-
-<p>Für die Bezeichnung »Streber« und »Musterknabe«
-hatte er sein wohllautendes, klingendes Lachen, das ihm
-manchen Freund schuf. Aber es waren Schulfreunde,
-&ndash; keine Lebensfreunde.</p>
-
-<p>Es war etwas Knappes und Stolzes an ihm, das
-mit Unrecht von manchen Lehrern mit Hochmut bezeichnet
-wurde. Denn Bertold hatte nie lange bei dem
-Gedanken geweilt, daß er einem reichen und alten Geschlecht
-zugehöre, sondern weit eher darüber gegrübelt,
-warum er seines eigenen Vaters Namen nicht tragen
-dürfe. Und aus den vielen Bitterkeiten, die sein junges
-Leben schon aufzuweisen hatte, aus den unschuldig erlittenen
-Kränkungen entstand und wuchs ein ernster
-Stolz. Seine beiden Begleiter waren wie zwei gute
-Gluckhennen, die Entlein ausgebrütet haben und nun<span class="pagenum" id="Seite_184">[184]</span>
-sorgenvoll am Ufer stehen. Aber es waren <em class="gesperrt">verständige</em>
-Gluckhennen, die es sofort einsahen, daß Bertold sich
-nicht zum Küchlein eigne, sondern unter allen Umständen
-schwimmen müsse.</p>
-
-<p>Manch spottendes Wort fiel aus Schülermund über
-die beiden »Kindermädchen«, ohne deren Begleitung
-Bertold nie in den Freistunden zu sehen war, aber so
-lange der Spott harmlos blieb und sich mehr auf
-Bertold, als auf die beiden Getreuen bezog, lachte
-Bertold sein liebes Lachen und versöhnte die Spötter
-damit. Übelwollende aber banden nicht mit ihm an,
-denn der junge Eik hatte eine kräftige Faust, und viel
-Gras wuchs nicht mehr dort, wo er hinschlug.</p>
-
-<p>Sein Geigenspiel aber war der Stolz aller.</p>
-
-<p>Ganz unerwartet trat ein neuer Musikdirektor an
-die Spitze des Gesangvereins in E., und dieser war ein
-feinsinniger Geiger, der selbst einmal den glühenden
-Wunsch in sich getragen hatte, als ein heller Stern
-am Kunsthimmel zu glänzen, aber durch das harte »Muß«
-der Mittellosigkeit nach einer Brotstelle getrieben war.</p>
-
-<p>Zu diesem Lieblingsschüler Meister Joachims kam
-nun Bertold Eik, und nicht nur in seine Hände nahm
-der Alte den Jungen, nein er zog ihn gleich in und
-an sein Herz.</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Der</em> soll das erreichen, was mir das Schicksal
-versagte,« rief er nach der Prüfung den beiden Getreuen
-zu, »das ist einer von Gottes Gnaden. Und
-er soll sein bißchen Geld zusammenhalten, damit es<span class="pagenum" id="Seite_185">[185]</span>
-zum ernsten Studium ausreicht, und er soll sich nicht
-verplempern mit irgend einer Hanne oder Suse, sondern
-nur zur heiligen Cäcilie beten. Zwei Jahre will
-ich das Büblein lehren, was ich selbst kann, dann soll
-er mir nach Berlin.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Organist Brennstoff hörte dies alles mit wahrer
-Vaterwonne und nickte begeistert dem Musikdirektor zu,
-aber Rektor Tüllen setzte gleich einen Dämpfer auf
-die Geige, auf welcher so hochtönend musiziert wurde.</p>
-
-<p>»Bertold Eik wird nach uralter Familienüberlieferung
-der Eichens zuerst sein Abiturium ablegen, dann
-zwei Jahre die Universität Bonn beziehen und darauf
-ins Ausland gehen. Nach seiner Rückkehr übernimmt er
-dann Eichenborn und die übrigen ausgedehnten Besitzungen
-der Eiks&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Amen!« schrie der aufgeregte Direktor. Er dachte
-aber nicht »amen«, sondern: »Der Teufel hole diese
-Familienüberlieferungen!« Mit beiden Händen fuhr er
-sich durch seine Künstlermähne. »Da schafft nun unser
-Herrgott mal was nach seinem Herzen, und bläst diesem
-Goldjungen einen besonders musikalischen Odem in die
-Nase, &ndash;&nbsp;&ndash; nützt alles nichts, die Familientradition
-verhunzt ihm sein Kunstwerk, &ndash; ihm, dem großen
-Schöpfer. Es ist, um gleich aus den Stiefeln zu springen!
-Wenn der alte Banause von Großvater diesen Jungen
-durch’s Humanistische schleppt und ihn dann noch die
-besten Jahre verkneipen läßt, &ndash;&nbsp;&ndash; dann hätte er ihn
-gleich zu Anfang seines Daseins versaufen lassen sollen,<span class="pagenum" id="Seite_186">[186]</span>
-&ndash; wie’n jungen Hund. &ndash; Denn der Junge verfehlt
-seinen Beruf, und sein Beruf ist: Sonne zu geben,
-Feuer zu entfachen in kalten Herzen, Himmelsfunken
-zu senden in das dürre Stroh der Verstandsköpfe. &ndash;
-Alles muß brennen, leuchten, glühen, wenn ein wahrer
-Künstler von Gottes Gnaden geigt, alle Zuhörer müssen
-durch himmlisches Feuer geläutert werden und geheiligt,
-Frau Musika aufzunehmen.«</p>
-
-<p>»Amen!« rief Brennstoff und meinte es nun wirklich
-so und drückte die Hände des Musikdirektors, der
-noch ganz wild um sich blickte.</p>
-
-<p>An demselben Tage noch ging ein langer Brief an
-Frau Franziska Malcroix ab, der recht beweglich darstellte,
-wie es am besten wäre, den lieben Bertold
-entweder gleich zu Meister Joachim zu geben, oder
-ihn auf eine andere Schule zu tun, damit er in zwei
-Jahren, wenn auch keine humanistische, so doch eine
-andere abgeschlossene Bildung erhielte, die er später
-als Künstler auf seinen Reisen erweitern könne. Sie
-schrieben alle Vier. &ndash; Der Musikdirektor herrisch in
-kategorischen Imperativen, denn hinter ihm stand die
-heilige Cäcilie mit göttlichen Forderungen; der Organist
-als Kenner der Verhältnisse in Eichenborn um
-eine Schattierung gedämpfter, aber immer noch beredt
-genug, um seinen Namen nicht zu verleugnen; Rektor
-Tüllen mit warmer Bitte, die vielleicht am eindringlichsten
-in ihrer Schlichtheit war. Bertold fügte nur
-eine kurze Nachschrift hinzu: »Liebes, liebes Mütterchen,<span class="pagenum" id="Seite_187">[187]</span>
-es wäre schön, wenn Großvater und du ›<em class="gesperrt">ja</em>‹
-sagen möchtet. Aber nur, wenn du es richtig willst,
-mein Mütterchen!«</p>
-
-<p>Acht Tage warteten die vier Verbündeten in Spannung
-und Sorge auf die Antwort, und dann kam nur
-ein kurzer, wehmütig-stiller Brief von Bertolds Mutter
-zurück:</p>
-
-<p>»Mein Junge! Wenn es dein Beruf ist, Sonne
-zu geben, so teilst du ihn mit den andern Menschen.
-Wir sind alle dazu in die Welt geschickt, diese kalte
-Erde zu durchsonnen. Tut dies ein Jeder auch nur mit
-dem kleinen Teil, dem heiligen Heimatfleckchen, auf
-welches Gott ihn gestellt hat, so wird schon viel Wärme
-geschaffen. Laß uns Deinem Großvater Sonne geben,
-mein Junge! Dein Wunsch, schon jetzt die Geige als
-Beruf in die Hand zu nehmen, würde tiefer Schatten
-für ihn sein. Ich komme bald zu dir! Gott behüte
-Dich!«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Bertold steckte den Brief ruhig in seine kleine
-Brieftasche, die er immer auf dem Herzen trug, und
-zu seinen beiden Freunden, welche mit erwartungsvollen
-Mienen das Lesen des Schriftstückes verfolgt hatten,
-sagte er nichts als »Nein«.</p>
-
-<p>Dies tapfere »Nein« wurde von Brennstoff dem
-Musikdirektor überbracht, der sich darüber weidlich austobte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Dies Toben hinderte ihn aber nicht, mit feinstem<span class="pagenum" id="Seite_188">[188]</span>
-Verständnis den Knaben weiter zu führen, ihm alles
-zu geben, was er selbst besaß an technischem Können
-und tiefer Auffassung, und so reifte Bertold Eik zum
-Künstler heran, ohne daß man in Schwarzhausen eine
-Ahnung davon hatte, ja ohne daß er selbst es wußte.
-Auf diese Weise gab er reiche Sonne in die Herzen
-der drei alten Hüter seiner Jugend, und seiner Mutter
-ernste Augen lernten das Lachen. Die Musik und die
-Natur, &ndash; das waren Jung-Bertolds Zerstreuungen,
-beide gaben ihm Reichtümer und blieben doch selbst unerschöpflich
-reich und groß.</p>
-
-<p>Die beiden alten Freunde führten ihn mit sorglichen
-Händen, auf daß Seele und Körper zugleich gediehen,
-und so kam es, daß gute Schulzeugnisse und
-schöne Prämien für Bertolds Wohlverhalten nach
-Schwarzhausen geschickt wurden, von denen aber nur der
-Großvater etwas erfuhr. Für die Schwarzhausener war
-und blieb Bertold der geheimnisvolle Tunichtgut und
-manchesmal des Abends, wenn die Bürger vor ihren
-Türen saßen und über das Wohl und Wehe der Stadt
-berieten, legten sie den Finger an die Nase und versuchten
-ein weises Gesicht zu machen: »Der alte Eik
-wird immer reicher. Aber ins Grab kann er nichts
-mitnehmen! Was wird aus dem vielen Gelde, dem
-großen Besitz und den Fabriken, wenn der schlechte
-Kerl, der junge Bertold, einmal alles bekommt?«</p>
-
-<p>In den Ferien kam Bertold nicht nach dem Eichenborn
-und nicht nach Schwarzhausen. Sobald der Schulschluß<span class="pagenum" id="Seite_189">[189]</span>
-da war, erschien sein Mütterchen und reiste mit
-ihm. Sie zeigte ihm das Thüringerland mit all seiner
-schlichten Schönheit, sie lehrte ihn die Heimat lieben
-und feste Wurzeln in ihr schlagen. Sie gab ihm hohe
-Vorbilder in guten, großen Menschen, die alle der
-Thüringer Mutterboden getragen und genährt, und stählte
-in ihm den Willen, diesen Großen nachzueifern. &ndash;
-Die Bücher, von Rektor Tüllen und Brennstoff sorglich
-ausgewählt, wurden nicht mit auf Reisen genommen,
-&ndash; Frau Franziska liebte nicht dies bequeme,
-elterliche Mittel, Störenfriede auf längere Zeit unschädlich
-zu machen, &ndash; sie <em class="gesperrt">erzählte</em> dem Knaben.
-Durch scharfe, feine, kluge und gute Mutteraugen hindurch
-lernte er die Märchengestalten, die Helden der
-Sage und die Großen der Gegenwart, betrachten. Kehrte
-er dann in die Einsamkeit der großen Stadt und in die
-seines Studierstübchens zurück, im Herzen noch das Trennungsweh
-vom Mütterchen, dann holte er sich ein
-gutes Buch, schaute seine geliebten Helden mit geschärftem
-Verständnis und ließ sich von ihnen wieder
-zur Mutter führen. Für Bertold war ja sein Mütterchen
-der größte und liebste Held. Sie litt körperlich
-viel und sah oft leidend aus, aber sie klagte nie, sie
-litt seelisch unter dem gewiß oft harten Großvater
-und schien viele, ach so viele trübe Erinnerungen zu
-haben, aber immer erzählte sie Gutes und Liebes vom
-Eichenborn und seinen Bewohnern, so daß Bertolds
-Heimatliebe wachsen und erstarken konnte. Die Mutter<span class="pagenum" id="Seite_190">[190]</span>
-predigte nicht langweilige Moral, sie <em class="gesperrt">lebte</em> alle ihre
-Ermahnungen und guten Worte selbst vor, &ndash; wie
-hätte ihr Junge da nicht nachleben sollen? Und wie
-die Mutter so gehorsam gegen Gott war und sich beugte
-unter seinen Willen, so lernte Bertold nach diesem
-Vorbilde Gehorsam und straffe Selbstzucht.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Innerlich unendlich reich kehrte Frau Franziska
-immer heim und ließ ihren Knaben gewachsen und reifer
-zurück.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Trotz alledem behaupteten die Mitschüler in E.:
-»Der Eik hat was zu verbergen«.</p>
-
-<p>Der Jähzorn war’s, den er verbarg, der ihn noch
-oft peinigte und quälte, den er doch Mütterchen zulieb
-als erstes bezwingen wollte.</p>
-
-<p>Viele Anfechtungen hatte er durch ihn noch zu
-bestehen, und besonders bei rohen Handlungen seiner
-Mitschüler, bei Tierquälereien und häßlichen Lügen geriet
-er noch immer außer sich.</p>
-
-<p>Und die tägliche Übung der Selbstüberwindung
-nahm ihm viel Kraft fort, er blieb schmal und mager,
-und trotz sorgsamer Pflege schauten seine großen, dunklen
-Augen ernst und viel zu düster aus seinem jungen
-Gesicht.</p>
-
-<p>Aber Bertolds Körper war sehnig dabei, nicht
-schlaff, et turnte gut und gern und hob große Lasten
-ohne besondere Anstrengung.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Der Eik hat was zu verbergen.</em>«</p>
-
-<p>Dies war das einzige, was von allen Dingen, die<span class="pagenum" id="Seite_191">[191]</span>
-Bertold tat oder versäumte, nach Schwarzhausen gelangte,
-und es wurde in allen Kaffeegesellschaften erzählt,
-besprochen, weise belächelt und als bestehende
-und längst bekannte Tatsache angesehen.</p>
-
-<p>Und er hatte in Wahrheit etwas zu verbergen,
-drei Dinge: Den Jähzorn, Puppe Emmy und einen
-Brief, einen langen, einzigen Brief der früheren Gespielin,
-die er nun sechs Jahre nicht mehr gesehen hatte.
-Das Papier mit der festen Kinderhandschrift war nicht
-mehr ganz sauber, es war ja schon mehrere Wochen
-alt und vielfach von Bertold selbst aufgeplättet worden,
-wenn er es verknüllt unter seinem Kopfkissen hervorgezogen
-hatte. Die gute Hauswirtin, welche ihre fünf
-möblierten Zimmer noch nie so vorteilhaft vermietet hatte,
-wie diesmal an die beiden ruhigen Herren Lehrer und
-den braven, stillen, blassen Zögling, wußte schon immer
-Bescheid, wenn der Junge mit seinem immer dunkler
-werdenden Papier in ihre Küche kam: »Wenn ich bitten
-dürfte um ein Plätteisen!« Die brave Frau glaubte
-freilich, es sei mindestens ein wertvolles Dokument,
-das der »Jungherr« nicht von sich ließ, und hatte sich
-eine ganze Legende selbst gedichtet um dieses Papier,
-Testament oder unersetzliche Urkunde.</p>
-
-<p>Den Jähzorn und Puppe Emmy kannten seine
-beiden Erzieher, aber diesen Brief kannte nur Liselotte,
-der liebe Gott und er, Bertold: »Lieber Bertold,
-ich soll fort in Pension, weil Base Juliane nicht mehr
-mit mir fertig werden kann. Sie kann schon, aber die<span class="pagenum" id="Seite_192">[192]</span>
-Schwarzhausener wollen es. Es geht mir nun wie Dir,
-und deshalb schreibe ich Ihnen. &ndash; Ich soll nämlich
-›Sie‹ zu Dir sagen, sagt die Gouvernante, und ich hatte
-es wieder vergessen. Nämlich ich habe eine Gouvernante,
-und wir sind nun fünf Frauenzimmer und nur der eine
-Papa. Die Gouvernante sagt, Du würdest jetzt auch
-im Gymnasium ›Sie‹ genannt mit fünfzehn Jahren
-und Sie müßten jetzt auch ›Sie‹ zu mir sagen. Ich
-hoffe, daß Du das nie tun wirst, ich würde es gemein
-finden. Wie siehst Du jetzt aus? Es ist schon wieder
-vor acht Tagen ein neues Bild von mir gemacht worden,
-und ich hätte es Ihnen gern geschickt, aber die Gouvernante
-sagt, es wäre der Gipfel der Pöbelhaftigkeit,
-wenn ein Mädchen einem Jungen ein Bild von sich
-schenkte. &ndash; Du siehst daraus, daß sie überhaupt sehr
-viel sagt. Aber ich will nichts über sie sagen, denn
-es soll edle und wohltätige Gouvernanten geben, meine
-ist es noch nicht. Lieber Bertold, wenn Sie es keinem
-Menschen und sonst auch niemand wieder erzählen, dann
-möchte ich es Dir allein kund tun, daß ich meine alte
-Puppe Emmy nicht wiedergefunden habe. Ich habe
-viele Jahre so gespielt, als ob sie von Zigeunern geraubt
-wäre, weil sie so schön und gut war. Aber es
-ist mir ein Rätsel. Dein Großvater ist ja auch eigentlich
-kein Zigeuner. &ndash; Ich mochte ihn auch beinahe immer
-so gern wie Dich, aber wir kommen nie mehr zusammen.
-Niemand hier versteht meinen Schmerz. Und nun soll
-ich in Pension, &ndash; von meinem Väterchen fort, und<span class="pagenum" id="Seite_193">[193]</span>
-kein Mensch beschützt mich, sondern Papa steckt sich
-Watte in die Ohren, wenn ich tobe, und die Base und
-die Gouvernante blasen in ein und dasselbe Horn. Die
-Gouvernante will nämlich ihre letzten Nerven noch in
-Ruhe genießen, so ähnlich hat sie sich ausgedrückt.
-Wir haben immer sehr schöne Ferien gehabt und der
-Hans von Windemuth, &ndash; nein, ich glaube &ndash; ich darf
-Dir nichts darüber schreiben, denn sie sind alle noch
-genau so böse wie vor sechs Jahren auf Dich und höchstens
-noch mehr. Aber Hans’ Wunden von Dir sehen
-schneidig aus, wie’n Korpsstudent.</p>
-
-<p>Und indem ich noch zum Schluß mit einer Kusine
-zusammen in die Pension komme, bleibe ich Deine</p>
-
-<p class="mright">
-Liselotte Windemuth.
-</p>
-
-<p>P.S. Es ist niemand gestorben in Schwarzhausen,
-und ich weiß meine neue Adresse nicht richtig, und
-ich grüße Dich!&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>O gewiß, es war nur ein dummer Brief eines
-kleinen Mädchens, aber er war so ganz aus der echten
-Liselotte heraus geschrieben. Mit diesem Briefe in der
-Hand träumte sich Bertold in die kargen Freudenstunden
-seiner Kindheit zurück, und all das Trübe und
-Häßliche versank in den äußersten Winkel des Erinnerns.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-<div class="chapter">
-<p>Schwarzhausen alterte nicht. Es blieb jahraus,
-jahrein das hübsche, schmucke Städtchen, dessen äußere
-Schäden sofort von einem aufmerksamen Magistrat ausgebessert<span class="pagenum" id="Seite_194">[194]</span>
-wurden. Und innere Schäden wurden überhaupt
-selten bemerkbar, nur einem Fremden hätte es auffallen
-müssen und auch dann nur, wenn er sich allsonntäglich
-in der Stadtkirche die Predigt des alten
-Pfarrers Klingenreuter angehört, daß das Thema vom
-Balken und Splitter, vom Zöllner und Pharisäer und
-von den neunundneunzig Gerechten gar so oft wiederkehrte.
-Aber Fremde setzten sich nicht in die Stadtkirche,
-sondern stiegen zu den Bergen und Wäldern
-empor, und die Einheimischen hörten die Predigt, weil
-die gute Sitte es wollte, und bezogen die Pharisäer nicht
-auf sich. Denn es war ja des Pfarrers Beruf, von
-der Sünde zu reden, auch wenn diese nirgends vorhanden
-war. Also blieb Schwarzhausen leichten Gemütes,
-hatte ruhige Nächte, führte eine gute Küche
-und erhielt sich jung. Irgend ein moderner Leichtfuß
-war zwar einmal nach Schwarzhausen gekommen und
-hatte im großen Saale des Gasthauses zur Thüringer
-Edeltanne viel hohe Worte von Luftkurort und Sanatorium
-geredet und sich erboten, Bohrungen auf Solequellen
-vorzunehmen, aber er war bald wieder mit
-»dickem Kopfe« abgezogen, trotzdem er schwindelnd hohe
-Zahlen vor den Augen und Ohren der Zuhörer aufgebaut
-hatte. Nicht niedergeschrien wurde er, denn die
-Schwarzhausener waren durchaus nicht für Schreien
-und Lärmen, sondern einfach nieder<em class="gesperrt">geschwiegen</em>. Erst
-nachher hielt noch der wohllöbliche Magistrat eine
-Sitzung ab und verständigte sich mit ein paar Worten<span class="pagenum" id="Seite_195">[195]</span>
-sofort, daß sie die gute Thüringer Luft selbst brauchten,
-daß sie auch ohne Solbäder gesund seien und daß sie
-wohlhabend genug wären, um keine Sommerfremden zu
-brauchen. Dann redete man noch ein Weilchen über
-den Brief, der vom alten Herrn von Eik eingegangen
-war, und worin er der Stadt einen bedeutenden Zuschuß
-anbot, falls die Bohrungen vorgenommen würden,
-kopfschüttelte, zuckte die Achseln und legte den Brief
-zu den Akten.&nbsp;&ndash;</p>
-</div>
-
-<p>So fand der junge Bertold Eik von Eichen ein
-ganz unverändertes Bild, als er nach neun Jahren zum
-erstenmal seine Heimat wieder betrat.</p>
-
-<p>Nur er selbst war anders geworden. Hochgewachsen
-und gut gebaut, überragte er seine Altersgenossen weitaus.
-Das zielbewußte Arbeiten, das Vertiefen in gute
-Musik und das anstrengende Üben hatten ihm etwas
-Vergeistigtes gegeben, das gut zu seinem scharf geschnittenen
-Gesicht paßte. Von Traumseligkeit war nicht
-mehr viel zu entdecken in seinen dunklen Augen, &ndash;
-etwas nachdenklich konnten sie blicken, waren aber sonst
-scharf und sogar ein wenig spöttisch. Frau Franziska
-hatte leicht ihre kühlen, weißen Hände auf diese Augen
-gelegt bei der ersten Begrüßung.</p>
-
-<p>»Was ist denn <em class="gesperrt">da</em> hineingekommen?« fragte sie
-forschend.</p>
-
-<p>»Nun, &ndash; was sieht mein Mütterchen darin?«</p>
-
-<p>»Zuerst mich selbst, Gott Lob und Dank!« meinte
-die Mutter, »aber dann noch tausend Teufelchen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_196">[196]</span></p>
-
-<p>Da war das alte, echte Knabenlachen erklungen,
-das sie so sehr liebte, und welches sie gleich beruhigte.</p>
-
-<p>»Mütterchen, kam dir Schwarzhausen nicht heute
-etwas wie eine Humoreske vor?«</p>
-
-<p>Sie hatte wohl dasselbe gedacht, aber doch schmerzte
-sie der Ausspruch aus seinem Munde. »Sahst du nichts
-anderes in deiner Heimat?« fragte sie mit leisem Vorwurf.</p>
-
-<p>»Mütterchen, ich sah zuerst nur <em class="gesperrt">dich</em>,« entgegnete
-er frohmütig und umschlang sie mit beiden
-Armen, »du wirst bei jedem Wiedersehen schöner!«</p>
-
-<p>Frau Franziska lachte nun doch ein wenig. »Und
-was sahst du dann, du Schelm?«</p>
-
-<p>»Unser <em class="gesperrt">altes</em> Schwarzhausen! Das aussah, als
-hätte man es vor neun Jahren in eine Spielzeugschachtel
-gelegt, den Deckel fest draufgedrückt, damit kein Staub
-darauf falle, und es nun herausgeholt frisch und neu
-zu Ehren des Herrn Abiturienten Bertold Eik.«</p>
-
-<p>»War es ein gutes Examen, Bertold?«</p>
-
-<p>»Ja, Mütterchen! Nicht mit Befreiung vom Mündlichen.
-Weißt du, das litten Johann Sebastian Bach
-und der alte Musikdirektor nicht; beide wollten mir
-die Chaconne einverleiben, die ich vor Meister Joachim
-spielen soll, ehe ich nach Bonn gehe. Im übrigen war
-ich ja nie ein Musterbub’ und hab’ mich auch in
-Mathematik und Geschichte elend verhauen. Da hieß
-es denn: ›Antreten zum Mündlichen‹. Aber oberfein
-war’s. Da konnte man erst zeigen, was man <em class="antiqua">intus</em><span class="pagenum" id="Seite_197">[197]</span>
-hatte. Wir kreuzten nicht schlecht die Klingen, die Herren
-Schulmonarchen und wir sieben.«</p>
-
-<p>»Sind alle durchgekommen?«</p>
-
-<p>»Freilich, Mütterchen! Wir gaben ihnen aber Nüsse
-zu knacken!«</p>
-
-<p>Frau Franziska lachte. »Oder sie euch, mein
-Junge.«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Ergo</em>, es war famos.«</p>
-
-<p>»Und wie nahmen die Lehrer deinen Entschluß
-auf, später dem Eichenborn vorzustehen?«</p>
-
-<p>»Mütterchen, &ndash; der prächtige Doktor Gabriel war
-eigentlich der einzige, der so mit mir drüber sprach,
-wie es nottat. Im ganzen finde ich’s ja nett, daß es
-in E. noch so patriarchalisch zugeht und die Tyrannen
-der Schulbank so gemütlich mit den Mulis zusammenkommen,
-&ndash; aber nur Doktor Gabriel sprach mir ernstlich
-zu, bevor ich zur Universität gehe, noch mal vor den
-Großvater zu treten, ihn zu bitten: ›Laß mich Musiker
-werden!‹ Und dabei das stramme und doch gütige Wort:
-›Kopf hoch, Eik!‹ Das tat mir wohler, als die Moralpauke
-über das vierte Gebot, die mir Doktor Mops und
-die Schildkröte hielten. Ebenso gaben der Patagonier,
-der Gesprächsgegenstand und der Schreibkrampf noch
-ihren Senf dazu. Ach, und mir nützt das so gar nichts!«</p>
-
-<p>Bertold sah mit einem Male sehr bekümmert aus.
-»Ich weiß nicht, Mütterchen, ob du mich verstehst, wie
-mir zumute ist, so abseits zu stehen, wenn die andern
-mit tausend Masten segeln.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_198">[198]</span></p>
-
-<p>»Hat Doktor Gabriel keinen Spitznamen?« fragte
-Frau Franziska, sehr beflissen, Bertolds Gedanken von
-seinem letzten schmerzlichen Ausruf fortzulenken.</p>
-
-<p>»Freilich, Mütterchen, &ndash; Erzengel heißt er, und
-&ndash; und er möchte so gern mit Großvater sprechen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Bertold! Wenn du ihm und uns doch das ersparen
-könntest! Kannst du dem Großvater nicht
-wenigstens deinen guten, ehrlichen Willen zeigen?«</p>
-
-<p>»Mütterchen, ich <em class="gesperrt">habe</em> hierin keinen guten ehrlichen
-Willen. Sieh’, ich würde ja gern die Universität
-beziehen, wenn ich Arzt werden dürfte. Lieber als alles
-aber ist mir die Musik. Darf ich weder Arzt noch Musiker
-werden, dann ist mein Platz auf Eichenborn, wo junge
-Kräfte unbedingt nötig sind. Für Frau Musika und
-für Eichenborn sind die zwei Universitätsjahre vergeudete
-Zeit.«</p>
-
-<p>»Und für dich?«</p>
-
-<p>»Für mich auch, &ndash;&nbsp;&ndash; das heißt &ndash;&nbsp;&ndash; Mütterchen,
-&ndash; ich habe nun mal kein Verständnis für Familienüberlieferungen,
-die einen so dingfest machen, wie mich jetzt
-eben.« Bertold lief im großen Zimmer auf und ab,
-genau wie es der Großvater tat, wenn er erregt war.</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Mein</em> Junge!« &ndash; Frau Franziska streckte ihm
-bittend die Hände entgegen, und er hielt in seinem
-Sturmschritt inne. »Gott weiß, ob ich dich verstehe.
-Aber, &ndash; was wir haben und sind, verdanken wir deinem
-Großvater. Ich &ndash;&nbsp;&ndash; ich &ndash; sieh’, Bertold, &ndash; ich<span class="pagenum" id="Seite_199">[199]</span>
-wüßte gar nicht, wo wir die Mittel zum Studium hernehmen
-sollten, wenn wir uns gegen meinen Vater
-vertrotzten.«</p>
-
-<p>»Das verstehe ich nun wieder nicht,« fiel Bertold
-erregt ein. »Soviel ich weiß, war deine Mutter doch,
-wie alle Dannenbergs, sehr reich, &ndash;&nbsp;&ndash; hat denn mein
-Vater alles &ndash;&nbsp;&ndash; ich meine&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Frau Franziska war sehr blaß geworden. »Das
-war ein Irrtum, Bertold, Mutter war nicht reich,
-nicht einmal wohlhabend, &ndash;&nbsp;&ndash; ich bin ganz arm&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Bertold schüttelte den Kopf und seufzte. »Der
-ganze Eichenborn ist ein Geheimnis,« meinte er sinnend.
-»Es müßte schön sein, Mütterchen, wenn man einmal
-alles wüßte und Unrecht von Recht sondern könnte. Und
-dann allen Menschen klar in die Augen sehen. Manchmal
-habe ich schon gedacht &ndash;&nbsp;&ndash; es klebe unrecht Gut&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Bertold! Nein, nein! Sieh’ auf deine Worte!
-Wenn dich der Großvater hörte!« Franziska zog ihren
-Sohn neben sich auf das niedrige Sofa. Da hatte sie
-oft mit ihm gesessen, als er noch ein kleiner Junge war,
-&ndash; Bertold liebte das alte Möbel mit seinen vielen
-Erinnerungen. »Nein, mein Junge, &ndash; unser Eichenborn
-trägt kein unrecht Gut. &ndash; Viel, viel Schuld und
-Fehle anderer Art wohl &ndash;&nbsp;&ndash; verjährte Geschichten,
-aber die sollen meines Bertolds Augen nicht verdunkeln.«
-Sie küßte ihn, und er atmete erleichtert auf.</p>
-
-<p>Frau Franziska lehnte ihren Kopf an Bertolds
-Schulter. »Wie gern hülfe ich dir! Ich leide am meisten<span class="pagenum" id="Seite_200">[200]</span>
-unter meiner Armut und &ndash; daß ich meinem Einzigen
-nicht helfen kann.«</p>
-
-<p>Bertold umschlang sie fest mit beiden Armen. »<em class="gesperrt">Du</em>
-sollst nicht leiden, Mütterchen,« rief er zärtlich und
-küßte sie knabenhaft stürmisch. Dann bettete er sie
-wieder sorglich an seine Brust und sah auf den lieben,
-schönen Kopf herunter. War es denn möglich, daß sich
-schon so viele weiße Fäden durch das dunkle Gelock zogen?
-Wie er seine Mutter liebte! Wie viel sie gelitten haben
-mußte! Durch ihn, Bertold, sollte ihr nur Freude und
-Gehorsam kommen, das war sein Entschluß.</p>
-
-<p>»Jetzt sage ich zu <em class="gesperrt">dir</em>: ›Mütterchen, Kopf hoch!‹«
-versuchte er zu scherzen. »Wir wollen nachher zum Großvater
-gehen und alles Nötige wegen Bonn besprechen.
-Vielleicht kommt ihm auch selbst der Gedanke, daß ich hier
-am nötigsten bin.«</p>
-
-<p>Frau Franziska sah halb zweifelnd noch in das
-liebe, ehrliche Gesicht ihres Jungen. Aber darin war
-nur ein fester Entschluß und mannhafte Entsagung zu
-lesen. »<em class="gesperrt">Mein</em> Junge!«</p>
-
-<p>»Mütterchen?«</p>
-
-<p>Sie sahen sich beide wieder froh in die Augen
-und dachten nur daran, daß sie beisammen waren.</p>
-
-<p>Nach einer langen Weile des Schweigens meinte
-Frau Franziska: »Sahst du die Liselotte Windemuth,
-als wir an der Kirche vorüberfuhren?«</p>
-
-<p>»Ja, Mütterchen.«</p>
-
-<p>»Sie ist groß geworden und sehr hübsch, Bertold.<span class="pagenum" id="Seite_201">[201]</span>
-Das lange, schwarze Kleid veränderte sie heute etwas,
-und die Feierlichkeit der Konfirmation lag noch ganz
-auf ihrem Schelmengesicht.«</p>
-
-<p>»Wie ist sie innerlich, Mütterchen?«</p>
-
-<p>Die Frage klang seltsam, und ein Ton schwang
-mit &ndash; Franziska hätte keine Frau sein müssen, um
-die Worte nicht sofort als etwas Besonderes aufzufassen.
-Sie hob den Kopf von der Schulter ihres Jungen und
-sah ihn prüfend an. Da wurde er rot bis unter den
-dunkeln Lockenschopf.</p>
-
-<p>»Deine erste Liebe, Bertold,« neckte die Mutter
-zärtlich. »Wie sie sich entwickelt hat, die kleine Liselotte?
-Nun, wie ein Mädchen, das keine Mutter hat
-und sich immer im Kampf mit halbgebildeten Hausunken
-befindet. Wie ein Mädchen, das einen Vater hat,
-der in ihr den ersehnten Buben vermißt und sie mit
-Gelehrsamkeit vollpfropft, &ndash; einen Knopf wird sie sich
-wohl nicht annähen können.«</p>
-
-<p>»Mir schien, sie hatte heute alle Knöpfe am
-Kleidchen,« bemerkte Bertold mit leisem Humor, und
-die Mutter lächelte.</p>
-
-<p>»Willst du damit sagen, daß sie sehr ›zugeknöpft‹
-war?« neckte sie. »Aber ich will Liselotte nicht verkleinern,
-Bertold. Sie ist anders als die Schwarzhausener
-Mädchen, und das kann ihr ja nur zum Vorteil
-gereichen. Und aus der Pension, wo das arme Geschöpf
-sechs Jahre verbleiben mußte, ist sie verändert wiedergekommen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_202">[202]</span></p>
-
-<p>»Verbildet? Mütterchen?«</p>
-
-<p>»Nein, im Gegenteil. Das ›<em class="gesperrt">arm</em>‹ bezog sich auf die
-Tatsache, daß man so ein Mutterloses zu lange dem
-Vaterhause entfremdete. Aber dem alten Jüngferchen,
-das dem Institut vorstand, verdankt Liselotte viele unvergängliche
-Werte. ›Mütter werden <em class="gesperrt">geboren</em>‹, sagt
-irgend ein Großer, und diese alte Jungfer war eine echte
-Mutter!«</p>
-
-<p>»Woher weißt du das alles, Mütterchen?« Bertold
-drückte die Erzählende plötzlich zärtlich an sich, so als
-wäre der Ausspruch über jenes alte Jüngferchen überaus
-beglückend für ihn.</p>
-
-<p>»Von Liselotte selbst. Wir treffen uns manchmal
-am Tempel der Geselligkeit unten im Park. Ich las
-diesen Namen in der Eikchronik. Es waren damals
-wohl andere Zeiten für die Eiks, &ndash; jetzt könnte man
-ihn Tempel des Schweigens nennen.« Frau Franziska
-seufzte.</p>
-
-<p>Sie löste sich leicht aus den Armen ihres Sohnes
-und strich sich Haar und Kleid glatt. Denn es hatte
-an die Tür geklopft; der junge Diener meldete irgendeinen
-Namen, und vor Mutter und Sohn stand gleich
-darauf eine hochgewachsene, schlanke Mädchengestalt.</p>
-
-<p>»Ich wollte meinen Dank für die Blumen selbst
-bringen,« sagte Liselotte Windemuth.</p>
-
-<p>Die Einleitung war nicht sonderlich geistreich oder
-verblüffend, aber Bertold wußte nicht ein Wörtchen zu
-entgegnen oder sich selbst mit irgendeiner passenden<span class="pagenum" id="Seite_203">[203]</span>
-Redensart nach neun Jahren wieder vorzustellen. Er,
-der den Herren Examinatoren »Nüsse zu knacken« gegeben,
-stand blöde und stumm vor der Jugendgespielin.</p>
-
-<p>Liselotte sah nicht gerade freundlich auf ihn hin. Sie
-hatte sich von den Gratulanten fortgestohlen und selbst
-dem amüsanten, strahlenden Leutnant Hans von Windemuth
-den Rücken gekehrt, um Bertold in der Heimat
-willkommen zu heißen. Er war ihr ja fremd geworden,
-aber es war so eine Art heißer Trotz gewesen gegen
-den moralischen Dünkel der Schwarzhausener, sich plötzlich
-zu den Eiks zu bekennen, gerade als man den
-heimgekehrten Bertold wieder einmal zwischen die
-Scheren nahm.</p>
-
-<p>Und nun tat der einstige Freund nicht dergleichen,
-stand abseits mit seinem düstersten Gesicht und schaute
-sie an, als empfände er ihre Störung höchst lästig, ja
-als wollte er sie beinahe verschlingen. Von beidem war
-ein Körnchen Wahrheit vorhanden, &ndash; dem Bertold
-war unglaublich beklommen zumute, und dabei fand
-er doch die erwachsene Liselotte mit dem Mozartzopf
-und den großen Schleifen so wunderniedlich, daß er
-sie nur immer und immer anschauen mußte. Es war
-ja die alte Liselotte, und sie war es auch wieder nicht.
-In die Augen des jungen sechzehnjährigen Menschenkindes
-war etwas getreten, ein Ausdruck, den sich der
-Achtzehnjährige nicht zu deuten wußte. Denn er sah
-beinahe wie »Hunger« aus, und wonach hätte die Liselotte
-wohl hungern sollen?</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_204">[204]</span></p>
-
-<p>Sogar eine große Erbschaft hatten die Windemuths
-gemacht, und Liselotte plauderte sehr unbefangen über
-ihre veränderten Verhältnisse, daß sie nun mit dem
-Vater reisen wolle durch das In- und Ausland, erzählte
-auch, daß ihre Konfirmation eine Art von Familientag
-bedeute, denn durch die Erbschaft seien die adligen Windemuths
-arg benachteiligt worden, und da sollte nun ein
-Vergleich geschlossen werden.</p>
-
-<p>Aber was sie auch plauderte, es riß Bertold nicht
-aus seinem schweigenden Anstarren, denn weit interessanter
-als die Erbschaft dünkten dem Jungen die
-blonden, eigensinnigen Löckchen, die sich so lieblich über
-der weißen Mädchenstirn krausten, und die trotzigen,
-stahlblauen Augen, in die richtig hineinzuschauen er
-sich doch nicht einmal getraute. &ndash; Zwei Dinge, zwei
-sonst so sehr wichtige, waren überhaupt im Gespräche
-nicht berührt worden: die Geige &ndash; und Puppe Emmy.</p>
-
-<p>»Du warst nicht höflich zu Liselotte,« meinte Frau
-Franziska nachdenklich-vorwurfsvoll zu ihrem Jungen,
-als der Besuch sich entfernt hatte.</p>
-
-<p>»Höflich? Zu Liselotte? <em class="gesperrt">Höflich???</em>« fragte Bertold
-verblüfft. Er hätte am liebsten den ganzen Tag
-immerfort gestaunt und hätte es für das einzig Richtige
-gehalten, mit diesem kleinen, süßen Mädchen gar kein
-einzig Wort zu reden, es nur immer anzusehen und
-zu bewundern. Höflichkeit war für irdische Menschen,
-aber nicht für den ersten Engel, der zum Eichenborn
-herniedergestiegen war.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_205">[205]</span></p>
-
-<p>Tief enttäuscht schritt Liselotte heim.</p>
-
-<p>Ihr Hinüberlaufen in den Eichenborn war ganz
-impulsiv gewesen. Sie hatte den Jugendfreund sofort
-erkannt, als sie aus der Kirche trat. Er saß neben
-seiner Mutter im Eikschen Viktoriawagen mit den stadtbekannten
-schönen Apfelschimmeln, und die festen hellen
-Koffer mit den leuchtenden Messingbeschlägen schienen
-vom Kutschbock herunter zu lachen: »Bertold kommt
-wieder.« Und nun war er <em class="gesperrt">so</em> wiedergekommen.</p>
-
-<p>So düster und ungesellig wie nur je. Steif und
-fremd hatte er dagestanden, &ndash; oh und sie hätten sich
-doch eine Menge zu erzählen gehabt! Liselotte dachte
-gar nicht entfernt mehr daran, daß sie ja ursprünglich
-das »Karnickelchen« gewesen war, sie tobte sich rechtschaffen
-aus und arbeitete sich in einen tiefen Groll
-gegen den »Unnahbaren« hinein.</p>
-
-<p>Wäre sie doch nur nicht zuerst in den Eichenborn
-gegangen!</p>
-
-<p>Hätte sie doch lieber erst Vetter Hans ins Vertrauen
-gezogen!</p>
-
-<p>Neun Trennungsjahre hatten doch wohl eine zu
-tiefe Kluft gerissen, und ihr lebhaftes Temperament
-hatte diese zu rasch überbrücken wollen. Nie, nie würde
-sie wieder ungebeten den Eichenborn aufsuchen, nie!</p>
-
-<p>Und sie, Liselotte Windemuth, glaubte nun auch,
-was sich alle von Bertold erzählten: Düster und greulich
-und hochmütig war er und&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>So kam es, daß, als Bertold sich in seinen Träumen<span class="pagenum" id="Seite_206">[206]</span>
-recht eng mit der Jugendgespielin verknüpft fühlte, er
-in Wirklichkeit weit &ndash; weit ab von ihr weilte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Haus Eichenborn versank nach Bertolds Abgang zur
-Universität noch ein wenig mehr in Dornröschenschlaf.</p>
-
-<p>Von außen und in einzelnen Teilen auch von innen,
-hätte man es mit Recht für ein verwunschenes Schloß
-halten können, besonders, wenn man Fräulein Adelgundes
-graue Gestalt am Spinnrade erblickte, oder
-wenn man die alte Dame vor Beethovens Spinettchen
-sitzen sah, das unter dem weichen Anschlag ihrer
-runzeligen Hände zitternde Klänge hinaussandte durch
-das rosen- und efeuumrankte Fenster in den stillen
-verwachsenen Park.</p>
-
-<p>»Einsam wandelt dein Freund im Frühlingsgarten,
-Adelaide&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Und von Beethoven, dem alten Meister, war es
-der Spielenden nur ein kurzer Gedankensprung zu dem
-lieben Jungen, dem die Musik eine Kapelle und Beethoven
-der Heilige darin dünkte. Tante Adelgunde
-hatte es dem Knaben nie vergessen, daß er sich einst
-nicht würdig genug befunden hatte, die Tasten auf dem
-Spinett zu berühren, das Beethovens Hände gemeistert.</p>
-
-<p>Mit klaren Augen und scharfen Ohren, zu denen
-sich ein junges, warmes Herz gesellte, verfolgte die
-beinahe Neunzigjährige den Lebenslauf des Großneffen.</p>
-
-<p>Seine Briefe aus Bonn waren stärkender Wein
-und heilkräftige Arzeneien für sie; Frau Franziska
-mußte ihr jede Epistel des Fernen bringen und ihr<span class="pagenum" id="Seite_207">[207]</span>
-vorlesen, dann wurde sie abends vor dem üblichen
-Schachspiel dem Bruder noch einmal laut verlesen,
-hierauf nahm Tante Adelgunde den Brief mit in ihr
-Schlafgemach und plauderte noch mit Frau Therese
-Teichmann, während diese ihr kleine Handreichungen
-verrichtete, über den Studenten, der beiden so sehr ans
-Herz gewachsen war. Die Ferien führten Bertold nur
-auf kurze Tage in den Eichenborn, die übrige Zeit
-dagegen hinaus in Gottes weite Welt. Und auch hier
-war wieder seine Mutter sein treuer Reisekamerad,
-der mit so feinem Verständnis dem Jüngeren sich anpaßte.
-Frau Franziska hatte auch an manchem Kommers,
-sowie an einigen Ausflügen teilgenommen und
-die Kommilitonen verehrten die schöne, ernste, jugendliche
-Mutter des Eik und achteten das enge, innige
-Verhältnis zwischen Mutter und Sohn.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Freundschaften wurden geschlossen und begeisterte
-Berichte hierüber von Bertold heimgesandt, die die
-Vortrefflichkeit des Erkorenen in begeisterten Worten
-schilderten, nie aber spielte irgend eines der schönen,
-lebhaften, übermütigen, rheinischen Mädchen eine bedeutendere
-Rolle in Bertolds Leben, so scharf auch Frau
-Franziska beobachtete, wenn sie ihn in Bonn besuchte,
-und so aufmerksam sie auch zwischen den Zeilen seiner
-Briefe las.</p>
-
-<p>Trotzdem munkelten alle Schwarzhausener Bürger
-von einem tollen Liebeshandel, als Bertold ein Säbelduell
-mit einem blutjungen Husarenoffizier austrug.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_208">[208]</span></p>
-
-<p>Bertold lag sehr lange in der Klinik, und dann
-hatte er eine tiefe Narbe über der Stirn von der
-dunkeln »Tolle« bis zur kühngezeichneten, dichten
-Augenbraue des linken Auges … das war wieder einmal
-etwas für das Städtchen.</p>
-
-<p>Dieses letzte hatte ja noch gefehlt zur Charakteristik
-des bösen Buben: »<em class="antiqua">cherchez la femme</em>!« Noch
-so jung &ndash; und schon <em class="gesperrt">so</em> Etwas.</p>
-
-<p>Was dies Etwas gewesen war, wußte man nicht
-genau, aber man redete doch laut und zischelte leise über
-das schwarzhaarige, junge Ding in Bonn am Rhein,
-das den jungen Eik betört, um derentwillen der Zweikampf
-mit dem Offizier stattgefunden hatte.</p>
-
-<p>Auch Base Juliane verfehlte nicht, den interessanten
-Fall dem Professor Windemuth mitzuteilen und
-Liselottes Gesicht überflog jedesmal eine brennende
-Röte, wenn sie den Namen des Jugendgespielen nennen
-hörte, beinahe immer mit einem Zusatz, von denen noch
-der mildeste war: »Kind, den jungen Eik guck’ nur nie
-wieder über’n Weg an. Wie <em class="gesperrt">der</em> sich aufführt! Wenn
-wir noch nicht genau wußten, <em class="gesperrt">wer</em> der schlechte Kerl
-in Eichenborn ist, jetzt wissen wir’s.«</p>
-
-<p>Professor Windemuth schüttelte in ehrlichem Bedauern
-den Kopf. »Schade, schade um den Jungen!
-Ein begabter Mensch! Ein hübscher Kerl! Ein musikalisches
-Genie, und nun will er sich zum Raufbold
-auswachsen? Schade um die nutzlos vergeudete Kraft!«</p>
-
-<p>Liselotte war und blieb ein wunderliches Ding. Sie<span class="pagenum" id="Seite_209">[209]</span>
-vergoß sogar heimliche Tränen über den Bertold Eik,
-trotzige Tränen, über deren Ursprung sie sich gar nicht
-klar wurde. Sie führte auch immer noch gelegentliche
-Selbstgespräche, was sie bei Base Juliane erst recht in
-den Geruch einer »überspannten Lise« brachte, und da
-Puppe Emmy schon so lange tot und verschwunden war,
-hielt sie Zwiesprache mit Bäumen und Blumen und
-irgendeiner unsichtbaren Person, zu welcher sie ehrlich
-sagte: »Pfui schäm’ dich, Bertold!«</p>
-
-<p>Als Bertold nach der Verwundung übersiedlungsfähig
-war, holte ihn Frau Franziska nach dem Eichenborn,
-um ihn gesund zu pflegen. Noch ein anderes
-Geschöpf kam ebenfalls zur Pflege nach Eichenborn, ein
-unglaublich häßlicher Pudel, der genau so verklebt und
-verbunden war wie der junge Herr von Eik, und von
-dem man munkelte, daß er dem »jungen, reizenden
-Ding vom Theater« gehört habe.</p>
-
-<p>Bertold war ziemlich matt von Stubenluft und
-Blutverlust, er konnte wohl schon auf Stunden aufstehen,
-aber er streckte sich noch immer mit ganz besonderem
-Wohlgefühl in seinem Bette aus; vielleicht
-war ihm auch der Anblick seiner sorgsamen Pflegerin,
-Mütterchen genannt, ein ganz besonders lieber, den er
-auszukosten wünschte. Er brauchte nicht mehr so streng
-mit Gesprächen und Aufregungen verschont zu werden,
-sondern konnte schon wieder einen Puff vertragen und
-dieser Puff war ihm auch von Tante Adelgunde nicht
-vorenthalten worden.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_210">[210]</span></p>
-
-<p>»Schlachtergesellen sind vom Eichenborn seiner
-Lebtage nicht zu seinesgleichen gerechnet worden«, hatte
-sie mit ihrer feinen, dünnen, alten Stimme zu Bertold
-gesagt. »Und ihr Raufbolde habt euch wie Schlachtergesellen
-verhackstümmelt. Schäm’ dich! Der liebe Gott
-hatte dich als hübschen Jungen erschaffen, jetzt gibt
-dir kein einigermaßen hübsches Mädel je wieder einen
-Kuß.«</p>
-
-<p>Wahrhaftig, der Junge konnte noch lachen, &ndash;
-nicht mal verlegen, sondern frisch, frei, frohmütig, so,
-wie nur er es verstand, echt aus dem Herzen heraus.
-»Wieder? sagst du? Wieder? Tante Adelgunde?
-Meiner Seel’, ich hab’ noch nie einen Kuß von einem
-Mädel gekriegt.«</p>
-
-<p>Ganz ehrlich klang es, aber er brauchte doch nicht
-so krebsrot und verlegen hinterher zu werden, &ndash; es
-war also geschwindelt und Tante Adelgunde verließ
-ärgerlich und aufgeregt den Kranken.</p>
-
-<p>Frau Franziska hantierte ruhig und ernst im
-Krankenzimmer und bereitete alles für die Nacht vor,
-die Bertold nun nicht mehr mit einem gelernten Wärter,
-sondern nur noch unter Obhut von Hieronymus
-Teichmann zubrachte, der im Nebenzimmer sein Lager
-aufgeschlagen hatte.</p>
-
-<p>Bertold betrachtete sein Mütterchen mit einem humorvollen
-Lächeln.</p>
-
-<p>»Wie schlecht du dich verstellen kannst, Liebstes«,
-meinte er leise und ergriff ihre Hand, die ein Glas<span class="pagenum" id="Seite_211">[211]</span>
-frischen Wassers auf das Nachttischchen setzte. »Deine
-Augen fragen den ganzen Tag und ebenso dein Mund,
-trotzdem er nur das Notwendigste mit deinem bösen
-Buben spricht. Soll ich nun jetzt antworten,
-Mütterchen?«</p>
-
-<p>Frau Franziska beugte sich über ihren Sohn, sah
-ihm ein Weilchen in die Augen und küßte ihn dann
-auf die Stirn.</p>
-
-<p>»Hast du es <em class="gesperrt">doch</em> gemerkt, du Siebengescheidter?«
-lachte sie leise und verlegen auf, während helle Röte
-über ihr Gesicht flog. »Schön und gut, ich erwarte
-deine Beichte. Aber gleich eins sage ich dir vorher.«
-Frau Franziska reckte sich hoch auf. »Ich glaube
-<em class="gesperrt">nichts</em> von dem Unsinn, den die Schwarzhauser über
-dich verbreiten und ich werde dir selbst nicht glauben,
-wenn du mir jetzt etwa tolles Zeug vorreden willst.
-<em class="gesperrt">Mein</em> Junge bist du und ich bin dein treuer Kamerad.
-Unbesonnen und jähzornig kannst du handeln, aber nicht
-niedrig oder unritterlich, es ist einfach nicht möglich &ndash;
-und auch mit dem Mädel &ndash; ich glaub’s nicht, &ndash;
-mein Bub ist höchstens in <em class="gesperrt">mich</em> verliebt, &ndash; gelt,
-Bertold?«</p>
-
-<p>Ein wahres Leuchten zog über des jungen Burschen
-Gesicht. »Gibt es nun wohl noch <em class="gesperrt">eine</em> solche
-Mutter?« lachte er glücklich. »Wie du mich kennst,
-deinen wilden Jungen! Komm her, Altchen, ganz
-nahe zu mir.«</p>
-
-<p>Er zog die Mutter auf die Bettkante, wo sie sich<span class="pagenum" id="Seite_212">[212]</span>
-möglichst bequem hinsetzte und schmiegte sich in ihren
-Arm. »Also nur neugierig ist meine kleine alte Dame?«
-fragte er zärtlich, &ndash; »kein bißchen mißtrauisch, trotz
-Schwarzhausen und angrenzender Raubstaaten? Aber
-ehe ich dir mein kurzes, gar nicht sehr interessantes
-Erlebnis schildere, muß ich erst von dir hören, wie
-rabenschwarz man mich in unserer lieben Vaterstadt
-anstreicht.«</p>
-
-<p>Frau Franziska erzählte ruhig und sachlich. Es
-wurde ihr nicht ganz leicht, denn die Schwarzhausener
-waren hart und bös mit ihrem Jungen verfahren,
-und sie vermochte es nicht über sich, vor Bertold das
-ganze Gewebe von Häßlichkeiten auszubreiten. Immerhin
-blieb noch ein großer Teil unguter Verleumdungen
-übrig und Bertold mußte erst ein paar Mal rasch und
-heftig aufatmen und tapfer tausend Bitterkeiten hinunterschlucken,
-ehe er antworten konnte.</p>
-
-<p>»Armes Mütterchen!« sagte er zuerst nur. Dann
-legte sich ein altmachender, verächtlicher Zug auf sein
-offenes Knabengesicht, so daß Frau Franziska sacht
-glättend mit der Hand über seine Stirn strich. Gerade
-diesen Zug mochte sie am wenigsten an ihm sehen, er
-tat ihr mehr weh, als irgend sonst etwas.</p>
-
-<p>»Es ist eigentlich schade, daß die Leute ihre Phantasie
-an eine so kleine, unbedeutende Tatsache hängen,«
-meinte er spöttisch. »Du wirst lachen, mein Liebes,
-wenn du siehst, was für ein harmloses Mäuslein der
-kreisende Berg zur Welt bringt.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_213">[213]</span></p>
-
-<p>»Je weniger es ist, desto lieber ist’s der Mutter von
-Bertold Eik,« erwiderte sie einfach, »erzähle mir alles.«</p>
-
-<p>Nun ja, der Jähzorn war wieder einmal mit ihm
-durchgegangen, aber Mütterchen würde sich wahrscheinlich
-auch nicht beherrscht haben in solch unwürdiger
-Sachlage.</p>
-
-<p>Bertold schmiegte sich wie ein Kind behaglich in
-den Mutterarm:</p>
-
-<p>»Ein schöner, sonniger Morgen war’s,« erzählte
-er, »und ich wollte mir einen kleinen Brummschädel
-wegbringen durch rasches, kräftiges Zuschreiten. In
-der Nähe vom Münsterplatz, ich nicke immer gern dem
-Beethoven erst mal zu, ehe ich an mein Tagewerk gehe.
-&ndash; Da höre ich ein Jammergeschrei und Jammergeheul
-gleichzeitig von Mensch und Vieh und finde ein scheues,
-sich bäumendes Pferd, an dem ein Pudel unaufhörlich
-schnappend in die Höhe springt, und finde meine
-kleine <em class="antiqua">filia hospitalis</em> &ndash; Mutterle, du kennst ja die
-schwarze Gretel &ndash; die hat die Leine verloren, an der
-sie den Pudel halten soll, und wie sie mich sieht, schreit
-sie wie besessen »Herr von Eik, Herr von Eik!« und
-fällt mir beinahe um den Hals. Helfen konnte ich
-gar nichts, der Offizier brachte sein Pferd selbst zur
-Ruhe, sprang ab und übergab es seinem Burschen,
-der hinter ihm ritt.</p>
-
-<p>Aber nun nahm er den Pudel vor, der ja wohl
-auch Prügel verdient hatte, aber &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; brrr!« Bertold
-schüttelte sich. »Na Mutterle, du weißt ja, was für<span class="pagenum" id="Seite_214">[214]</span>
-ein sieches, krüppeliges Jammergestell aus dem Pudel
-Fidelio geworden ist &ndash;&nbsp;&ndash; ich riß ihn dem Leutnant
-aus den Fäusten &ndash;&nbsp;&ndash; es war nicht schön, Mütterchen
-&ndash;&nbsp;&ndash; ja &ndash; so kams.«</p>
-
-<p>»Ihr wurdet handgreiflich?« fragte Frau Franziska
-leise.</p>
-
-<p>»Was heißt da handgreiflich &ndash; Mutterchen &ndash;
-zwei neunzehnjährige Kerle, denen beiden der Jähzorn
-im Nacken sitzt. Am andern Tag war das Duell &ndash; ich
-habe für mein Leben den scheußlichen Schmiß weg, der
-mir noch genug Kopfschmerzen machen wird, und dem
-Leutnant von Senz habe ich die Nase gespalten &ndash;&nbsp;&ndash;
-Tante Adelgunde hat ganz recht: ›Schlachtergesellen!‹«</p>
-
-<p>»Du böser Wilder!« Frau Franziska strich sanft
-über die rote Narbe; »du wirst dich nun umlegen und
-ganz ruhig schlafen viele Stunden lang, damit das
-Fieber nicht wiederkommt.«</p>
-
-<p>»I, das ist ja schon da, Mütterchen,« lächelte
-Bertold matt, »und da schadet es nichts, wenn ich dir
-noch rasch sage, daß die schwarze Gretel mir den zerschlagenen,
-geschundenen Pudel samt seinen gebrochenen
-Rippen schenkte, weil sie meinte, ich hätte ihr und
-ihm das Leben gerettet&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Schlaf, mein Junge!«</p>
-
-<p>Frau Franziska erhob sich und verließ sacht das
-Zimmer. Vor der Tür lag Fidelio. Trotz seiner
-Schmerzen schleppte sich der kluge, häßliche Hund immer
-wieder in die Nähe Bertolds, und Franziska ließ den<span class="pagenum" id="Seite_215">[215]</span>
-Pudel gewähren, dessen Tage trotz guter Pflege gezählt
-waren &ndash; man hatte dem armen Tier gar so bös
-mitgespielt.</p>
-
-<p>Sie dachte an die kleine <em class="antiqua">filia hospitalis</em>, die ihre
-Nelken und Geranienstöcke am Fenster plünderte, damals
-als der Bertold in die Klinik kam &ndash; die Mutter
-mußte ihm jede Blüte mitgeben. So ein gutes, kleines,
-dankbares Ding! Und aus dem mageren, verwachsenen
-Persönchen, das im Theater in dem Garderoberaum
-mithalf, weil es zu schwerer Arbeit zu schwach war,
-hatten die Schwarzhausener ein ȟppiges, tolles, schwarzes
-Theaterfräulein« herausphantasiert!</p>
-
-<p>Gottlob, daß es Phantasie war. Sie tat ja weh,
-doch das würde vorübergehen &ndash; ihr Junge gehörte
-noch ihr, der Mutter, und das war für das Mutterherz
-die Hauptsache.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Großvater sah Bertold erst, als er sich schon
-wieder zur Abreise nach der »Universität« rüstete. Diesmal
-setzte er sich selbst die Gänsefüßchen in Gedanken
-vor das Wort. Denn er mußte erst einmal drei
-Monate auf eine andere Art studieren, aber auch sein
-Mütterchen vermied das Wort »Festung« und sprach
-immer nur von der Universität Bonn.</p>
-
-<p>Nun hatte Bertold sich noch durch Teichmann in
-einer kleinen Privatangelegenheit beim alten Herrn
-melden lassen und das Gespräch zwischen Großvater und
-Enkel war sonderbar genug.</p>
-
-<p>»Ich hatte dir deinen Wechsel schon durch deine<span class="pagenum" id="Seite_216">[216]</span>
-Mutter zustellen lassen« &ndash; empfing Eik <em class="antiqua">senior</em> den
-Enkel.</p>
-
-<p>»Es bedarf nicht noch eines besonderen Dankes,
-Bertold. Was wünschest du sonst?«</p>
-
-<p>»Die Erlaubnis, meinen Hund Fidelio im Park
-beerdigen zu dürfen, Großvater.«</p>
-
-<p>»Deinen Hund? Ist es der schauderhafte Pudel,
-den du aus Bonn herschlepptest?«</p>
-
-<p>»Jawohl, Großvater.«</p>
-
-<p>»Man sagt &ndash;&nbsp;&ndash; hm &ndash; er hätte einem Frauenzimmer
-gehört? Ist’s so?«</p>
-
-<p>»Ja Großvater.«</p>
-
-<p>»Die dir wert war? Du fängst früh an, Bertold,
-ich wünschte, du ließest dir zu derartigen Sachen noch
-Zeit.«</p>
-
-<p>»Mir war das Mädchen fast unbekannt. Ein
-armes, verwachsens Geschöpf, älter als ich&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Du sprichst die Wahrheit?&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Diesmal folgte als Antwort nur ein fester Blick.</p>
-
-<p>»Also wieder einmal Schwarzhausener Geträtsch?«</p>
-
-<p>»Ja Großvater.«</p>
-
-<p>Laut und bitter lachte der Alte auf.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Bertold, dein Weg wird wahrscheinlich noch rauher,
-als der meine es war. Verstehst du das, mein
-Junge?« Es war das erste Mal, daß eine so gütige
-Bezeichnung erfolgte und Bertold empfand es mit dankbarer
-Freude. »Du hast das unglückliche Temperament
-der Eiks, daneben aber noch einen ganz unvernünftigen<span class="pagenum" id="Seite_217">[217]</span>
-Idealismus, der dir &ndash; hm &ndash; wohl von anderer
-Seite vererbt ist.«</p>
-
-<p>Herr von Eik <em class="antiqua">senior</em> schritt jetzt im Zimmer auf
-und ab, man sah, daß ihm die Trennung vom Enkel zu
-schaffen machte.</p>
-
-<p>»Sich für ein unbekanntes, häßliches Weib aus
-dem Volke zersäbeln und außerdem drei Monate aufbrummen
-zu lassen, ist der Gipfel der Dummheit;
-auch für das Hundewrack, das du mit herschlepptest,
-fehlt mir das Verständnis, obwohl wir Eiks alle
-Ursache haben, die stumme Kreatur der schwatzenden,
-hechelnden, verleumderischen, hetzenden vorzuziehen.
-Deinen Begräbnisplatz für das Vieh sollst du haben,
-komm mit.«</p>
-
-<p>Bald darauf standen Großvater und Enkel vor
-dem Gesellschaftstempelchen im Park, und Bertold sah
-sich nach einem geeigneten Platze um. Das tote Tier
-lag, in ein Leinentuch geschlagen, unter der Tannengruppe;
-Bertold hatte Schaufel, Hacke und Rechen mitgenommen.</p>
-
-<p>»Hier!« rief der Großvater rasch und lebhaft und
-bezeichnete seinem Enkel die Stelle, wo dieser graben
-sollte. Bertold war es froh ums Herz, wie seit langer
-Zeit nicht. Er fühlte zum erstenmal bewußt, daß er
-dem alten Eik verwandt war und die Zukunft, in
-der er mit dem Großvater gemeinsam arbeiten sollte,
-sah ihn nicht mehr so fremd und kalt an. Mit jedem
-Spatenstich, den er tat, wurde es ihm freier ums Herz;<span class="pagenum" id="Seite_218">[218]</span>
-es war ihm, als seien in dem verhüllten Bündel alle
-seine und Mütterchens Sorgen verborgen, die er nun
-für immer verscharren wollte.</p>
-
-<p>Vielleicht bewegten den alten Eik ähnliche Gedanken,
-er erschien dem Enkel aufgeräumt und munter wie
-nie zuvor. Mit Interesse verfolgte er das Ausschaufeln
-der Grube, half dann dem Enkel die Last
-hineinzusenken und setzte sich beschaulich auf die Bank
-des Tempelchens. Als Bertold die Öffnung zuschaufelte,
-fiel ihm etwas auf.</p>
-
-<p>»Großvater«, rief er lebhaft, »hier daneben ist noch
-ein Grab, &ndash; da liegt gewiß schon ein vierbeiniger
-Eichenborner Hausgenosse.«</p>
-
-<p>Wie sonderbar doch der Großvater war! Er lachte
-mit einem Male rauh und schallend auf und schaute den
-Enkel belustigt mit wetterleuchtenden Augen an.</p>
-
-<p>»Nein Bertold, da ruht eine <em class="gesperrt">Staatsdame</em>«, rief
-er zurück, und dann sah ihn Bertold mit wuchtigen
-Tritten nach dem Herrenhause schreiten.</p>
-
-<p>Kopfschüttelnd blieb der Enkel zurück.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-<div class="chapter">
-<p>Schwarzhausen schwelgte in der Behaglichkeit des
-Rechthabens. Es war alles bis auf das I-Tüpfelchen
-eingetroffen, was man seit zehn Jahren vorhergesagt.</p>
-</div>
-<p>Bertold Eik taugte wirklich nichts. Der Ehrenhandel,
-den er in Bonn ausgefochten hatte, mußte<span class="pagenum" id="Seite_219">[219]</span>
-etwas ganz Unsauberes gewesen sein, denn der Student
-saß im <em class="gesperrt">Gefängnis</em>.</p>
-
-<p>Man wußte nicht recht, sollte man empört sein
-über dies Vorkommnis, das eine der angesehensten
-Schwarzhauser Familien betraf, oder sollte man das
-Behagen überwiegen lassen, daß endlich einmal etwas
-Richtiges in Schwarzhausen passierte. &ndash; Es half nichts,
-daß <em class="antiqua">Dr.</em> Hempel und Pfarrer Klingenreuter jedem,
-der es hören wollte, das Wort »Festung« in die Ohren
-schrie, die lieben Mitbürger wurden dadurch weder gescheidter
-noch wohlwollender. Und als irgendeiner
-von den »ganz Klugen« aus Fritz Reuters »Festungstid«
-nachwies, daß in den Kasematten hauptsächlich
-»Königsmörder« untergebracht würden, wurden die
-Mutmaßungen immer geheimnisvoller und belastender
-für den Übeltäter. Man brauchte auch nur Frau Franziska,
-die bedauernswerte Mutter anzusehen, um zu
-spüren, daß das nichtsnutzige Leben ihres Einzigen ihr
-beinahe das Herz brach. Wie sie aussah, &ndash; so blaß,
-so erschöpft und hinfällig! Sie war doch noch jung
-und die Nachtwachen und Krankenbesuche, die sie seit
-einiger Zeit aufgenommen, konnten unmöglich solche
-Verheerungen in ihrem Körper anrichten.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Man fing wirklich an, die »arme« Frau aufrichtig
-zu bedauern, die solch ein Kreuz zu tragen hatte, und
-den alten Herrn von Eik dazu, der seinen herrlichen
-Besitz einst solchen unwürdigen Händen überlassen mußte.
-Man sah jetzt Frau Franziska täglich.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_220">[220]</span></p>
-
-<p>Was man ursprünglich in edlem Zorn und Gerechtigkeitsgefühl
-für Haus Eichenborn vom Himmel erfleht,
-nämlich eine kleine, reinigende Sintflut, das kam
-mit einem Mal höchst unbegründet für ganz Schwarzhausen,
-der Typhus. Wie aber nicht anders zu erwarten,
-war auch hier die Quelle des Übels der Brunnen
-im Eichenborn, aus dem seit uralten Zeiten die Mägde
-aus der Stadt das Brunnenwasser holten. Man hätte
-doch vorsichtiger sein und von dem Augenblicke an, da
-Bertold Malcroix sich zum Taugenichts auswuchs, den
-Eichenborn überhaupt meiden sollen. Nun wurde er
-zum »<em class="antiqua">mal croix</em>« für ganz Schwarzhausen. Irgend
-ein Schlingel des Städtchens, der viele krumme Wege
-ging, Vogelnester ausnahm und reifes und unreifes
-Obst stahl, machte sich wichtig und erzählte, daß er
-nach der Krankheit des jungen Herrn Bertold und kurz
-vor dessen Abreise den alten Herrn mit seinem Enkel im
-Parke gesehen habe, wie sie ein großes, geheimnisvolles
-Bündel in die Erde vergraben. Man hätte dem
-als verlogen und diebisch bekannten Jungen sonst nicht
-die einfachste Mitteilung geglaubt, aber diese Nachricht
-schlug ein und zündete sofort. Der Erzähler wurde
-beinahe der Held des Tages und in der Parochialschule
-umstanden ihn die Schüler, auf der Straße die Bürger
-und seine Wahrnehmungen wurden andächtig aufgenommen.
-Natürlich schwoll sein Kamm und je öfter er
-die Geschichte erzählte, desto unheimlicher wurde der
-Inhalt des Bündels. Der Schauplatz des Begebnisses<span class="pagenum" id="Seite_221">[221]</span>
-verschob sich immer mehr, bis er schließlich nahe der
-Quelle alles Übels, dicht vor dem verseuchten Brunnen
-lag.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Es war nur Gerechtigkeit des Himmels, daß die
-Seuche als erstes Opfer den Hieronymus Teichmann
-forderte, ihn, der immer und ewig die Partei des
-schlechten Eiks genommen hatte und auch bei den letzten
-Munkeleien, die sich ja leider als nur zu wahr erwiesen,
-ganz aus dem Häuschen gekommen war. Nun hatte
-er’s, &ndash; nun lag er in einer der Isolierbaracken und
-seine Stunden waren jedenfalls gezählt.</p>
-
-<p>Daß diese Isolierbaracken und alle die Vergrößerungen
-und Neuanschaffungen im Krankenhause Geschenke
-des alten Herrn von Eik waren, erschien nicht
-mehr als billig und ebenso richtig war es gewesen,
-daß Frau Franziska sich tatkräftig der Kranken und
-ihrer Pflege annahm, um die Schuld des schlechten
-Sohnes etwas zu versühnen.</p>
-
-<p>Der alte, brave Teichmann schickte sich wirklich
-zum Sterben <em class="gesperrt">an</em>.</p>
-
-<p>Und so ruhig war er darüber, und so wenig
-Macht hatten die Schmerzen über ihn, daß seine poetische
-Ader nicht versiegte, sondern bis zum letzten Atemzuge
-kräftig quoll.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sein gutes Auge leuchtete, als Frau Franziska zu
-ihm trat; doch gleich darauf erlosch der Glanz wieder,
-und bekümmert schaute er seinen Liebling an:</p>
-
-<p>»Das Fräulein &ndash; sollt an sich &ndash; selber denken &ndash;<span class="pagenum" id="Seite_222">[222]</span>
-und mir nicht noch Zeit und Weile schenken,« flüsterte
-er zärtlich besorgt mit matter Stimme.</p>
-
-<p>»So blaß sieht Fräulein Fränzchen aus, &ndash; ich
-kann’s nicht sehn und nicht verstehn, vielleicht liegt
-es am Eichenhaus, daß Lust und Freuden dort vergehn&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Das mag wohl sein, alter lieber Hieronymus,
-aber davon wollen wir jetzt gar nicht sprechen, sondern
-nur sehen, wie wir dir Linderung bringen. Wie
-geht es Frau Thereschen? Ruht sie sich ein wenig?«</p>
-
-<p>Er nickte matt.</p>
-
-<p>»Sie hat sich Ruhe nie gegönnt, hat all ihr Lebtag
-nur geschafft, doch nun sie sieht, daß man uns trennt,
-da holt sie sich zum Schmerz die Kraft, &ndash; ich bin
-ohn’ Sorgen allerwegen, &ndash; kann ja mein Weib in
-Eiksche Hände legen.«</p>
-
-<p>»Du Treuer! Frau Thereschen wird nie verlassen
-sein, wie du uns nicht verlassen hast in guten und
-bösen Tagen.«</p>
-
-<p>Er lächelte dankbar, schlummerte dann ein Weilchen
-und schlug wieder die Augen auf. »Wenn ich bitten
-dürft &ndash;&nbsp;&ndash; mit schuldigem Respekt, &ndash; daß man den
-Herrn von Eichen weckt, &ndash; möcht gern die starke
-Hand noch drücken und mich dann still bei Seite rücken.
-&ndash; Und Brennstoff &ndash;&nbsp;&ndash; und den Rektor Tüllen &ndash;
-wird man mir wohl den Wunsch erfüllen? Ich möchte
-sie beide noch mal sehn &ndash;&nbsp;&ndash; und kann dann ruhig &ndash;&nbsp;&ndash;
-nach Hause gehn.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_223">[223]</span></p>
-
-<p>Er sprach abgerissen, leise und langsam, aber Franziska
-hörte deutlich jedes Wort und nickte ihm gewährend
-zu. »Sie werden alle bald da sein, mein
-guter Teichmann, soll ich auch Frau Thereschen holen?«</p>
-
-<p>Er schüttelte abwehrend den Kopf. »Ich glaube
-nicht, daß ihr das frommt; sie braucht die Ruh für
-das, was kommt, &ndash;&nbsp;&ndash; sie würde jammern auch und
-klagen, &ndash; ich kann das jetzt nicht gut vertragen« &ndash;&nbsp;&ndash;
-Teichmann schlummerte wieder und Frau Franziska
-verließ sacht das Zimmer. Es währte nicht lange,
-und sie standen alle um ihn, die seine Treue im Leben
-besessen und sie fühlten, daß etwas Gutes von ihnen
-wegschritt. Die rechte Hand reichte der Sterbende dem
-Rektor Tüllen und die Linke Frau Franziska. Zwischen
-ihm und dem alten Lehrer bildete das längst verstorbene
-Ännchen das Bindeglied, aber der Tochter seines alten
-Herrn schlug sein Herz unmittelbar entgegen.</p>
-
-<p>Am Fußende ragte die hohe ungebeugte Gestalt
-des alten Eik, und zu Häupten des Bettes mühte sich
-Kantor Brennstoff vergebens, einer heftigen Bewegung
-Herr zu werden.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Will mir mein Herr ein gutes Sprüchlein sagen?«
-fragte Teichmann mühsam. »Ich muß den letzten Gang
-nun wagen und aus dem Eichenhause ziehn &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;
-Den Pfarrer möcht’ ich nicht bemüh’n&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Der alte Eik trat rasch näher, &ndash; er legte seine
-große Hand auf die des Kranken: »Ei du frommer und
-getreuer Knecht, du bist über Weniges getreu gewesen,<span class="pagenum" id="Seite_224">[224]</span>
-ich will dich über Vieles setzen, gehe ein zu deines
-Herren Frieden!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Das war ein wunderschönes Lächeln, das jetzt auf
-dem Antlitz des alten Dieners lag. Das Sprüchlein
-war wohl mitten in sein treues Herz hineingesprochen
-worden und hatte ihm den Trost gegeben, nach dem
-er verlangte. Deshalb suchten seine müden Augen nun
-nicht mehr die umstehenden Menschen, sondern richteten
-sich in weite, lichte Fernen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Brennstoff, ich sehe den Großen, ich sehe Beethoven«
-sagte er laut und dann mühte sich seine sterbende
-Stimme, eine Melodie zu formen, aber es war
-nur mehr eine zersprungene Glocke, die ihm heimläutete,
-&ndash; heim. Nur die Worte konnte man deutlich
-verstehen:</p>
-
-<p>»Fahr wohl, du goldene Sonne&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>Dem Schnitter Tod schien es in dem kleinen, freundlichen
-Schwarzhausen wohl zu behagen, er kümmerte sich
-nicht um Hygiene und nicht um die Ärzte, er rief: Arzt,
-hilf dir selber, und winkte Doktor Hempel. Dieser sträubte
-sich zuerst mächtig, er war ein kräftiger, willensstarker
-Mann und unermüdlich in dieser schweren Zeit auf dem
-Posten gewesen. Vielleicht zu sorglos und unermüdlich.</p>
-
-<p>Als er den Totenschein für Hieronymus Teichmann
-ausstellte, sprach Doktor Hempel noch eindringlich<span class="pagenum" id="Seite_225">[225]</span>
-mit Frau Franziska, daß sie sich schonen und hinlegen
-müsse, sie sähe erbärmlich aus von ihren angreifenden
-Nachtwachen, und die Schwarzhausener hätten es den
-Kuckuck nicht verdient, daß sie sich aufopfere.</p>
-
-<p>Doktor Hempel war überhaupt verdrießlich und
-heftig aufgebracht gegen die ganze Welt, die einen schiefen
-Gang ginge, gegen die Seuche insbesondere, die so tat,
-als hätte es nie die bewährten und berühmten Hempelschen
-Reinigungskuren gegeben, und welche über Kurellasches
-Brustpulver, Zitwersamen und Brennersches
-Pflaster einfach hinwegschritt.</p>
-
-<p>Ganz besonders aber war er aufgebracht gegen
-Schwarzhausen, welches noch hinter dem Monde zurück
-war und von <em class="gesperrt">absichtlicher</em> Brunnenvergiftung »gärte
-und märte«.</p>
-
-<p>»Und Sie müssen die Ohren steif halten, meine
-liebe Frau Fränzchen, und sich für Ihren Bertold
-schonen und tapfer aufbewahren, denn der braucht Sie
-wie das liebe Brot. Er hat nicht viel Freunde in
-Schwarzhausen und die wenigen sind alt. Und das
-Heer seiner Feinde sieht scharf nach ihm hin, der
-später doch einmal so eine Art Vater von ihnen sein
-soll und doch ist es so kurzsichtig von den Einwohnern,
-nicht den Segen zu erkennen, der vom Eichenborn für
-Schwarzhausen ausgeht. Darum hüten Sie als Mutter
-Bertolds guten Engel, &ndash; und der sind Sie selbst. &ndash;
-Und nun Gott befohlen! Mir ist heute selbst gar nicht
-»extra«, &ndash; ich werde mir jetzt einen Aromatique genehmigen<span class="pagenum" id="Seite_226">[226]</span>
-und dann zu den Porzellinern gehn, &ndash;
-die sterben reineweg wie die Fliegen, weil sie alle
-Zwetschenbäume gepachtet haben und »nichts umkommen«
-lassen wollen, das verbohrte Volk&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Aber Doktor Hempel ging nicht zu den Porzellinern
-und nahm auch keinen Aromatique. Es war immer
-seine Art gewesen, sich hinter diesem köstlichen Dietendorfer
-Schnabus tüchtig zu schütteln, aber diesmal
-schüttelte es ihn selber vorher und er mußte sich ins
-Bett legen.</p>
-
-<p>Und weil er selbst sein Wort nicht hielt, glaubte
-auch Frau Franziska ihm nicht gehorchen zu müssen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Bertold Eik saß unter fröhlichen Kumpanen auf
-der Kneipe, als man ihm den Eilbrief von seinem Großvater
-brachte.</p>
-
-<p>Schon den ganzen Abend hatte man Bertold seiner
-großen Schweigsamkeit halber geneckt und ihn auf
-»tiefsten Dalles« oder »höchste Verliebtheit« taxiert;
-er konnte einer unerklärlichen Bangigkeit nicht Herr
-werden.</p>
-
-<p>Sein Großvater schrieb sonst nie an ihn, alle Nachrichten,
-auch die geschäftlichen, gingen ihm durch seine
-Mutter oder durch den Prokuristen der Firma Eik zu,
-&ndash; der Eilbrief übte einen seltsamen Bann, &ndash; er
-spornte nicht zur Eile, er lähmte alles Denken und
-Fühlen und nur mechanisch betrieb Bertold seine Abreise,
-die noch in derselben Nacht erfolgte.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_227">[227]</span></p>
-
-<p>Grau und trübe der Himmel über Schwarzhausen,
-grau und trübe die ganze Stimmung in den Straßen,
-grau und düster das langgestreckte Herrenhaus der
-Eik von Eichen.</p>
-
-<p>Bertold fröstelte, als er heimkehrte in das Haus
-seiner Väter. Selbst die Gesichter der Menschen, die
-ihm in der Herrgottsfrühe begegneten, waren ihm grau
-erschienen, und sie waren es wohl auch wirklich, &ndash;
-vor Sorgen, vor Angst, weil die Seuche nicht schwinden
-wollte aus Thüringer Landen.</p>
-
-<p>Und noch etwas starrte dem jungen Studenten aus
-den Augen seiner Landsleute in grauer Öde entgegen,
-&ndash; tiefe Abneigung gegen ihn und seine Heimkehr.</p>
-
-<p>Er hatte in ruhig ernstem Gruß den Hut gezogen,
-als er rasch durch die morgenstillen Straßen
-schritt und hatte den wenigen Kindern freundlich zugenickt,
-die sich an den Fenstern zeigten. Aber sein
-Gruß war nicht erwidert worden, und die Kinder hatten
-sich eilig und scheu zurückgezogen.</p>
-
-<p>Selbst die geliebten Thüringer Berge hatten eine
-Nebelkappe aufgesetzt, die sie verhinderte, freundlich,
-heimatlich, vertraut auf den Heimkehrenden zu blicken
-und die sonst so silberne Gera schien allen Glanz
-verloren zu haben und schlich grau und langsam
-dahin.</p>
-
-<p>Einmal mußte doch wieder alles hell und licht
-werden, mußte doch dieses öde Grau verschwinden,
-dachte Bertold, und suchte durch junge, hoffnungsfrohe<span class="pagenum" id="Seite_228">[228]</span>
-Gedanken die unerklärliche Bangigkeit zu verscheuchen,
-welche sich um sein warmes, junges Herz legte.</p>
-
-<p>Einmal? Gleich! Jetzt! &ndash; sobald er die Mutter
-an seine Brust drückte, an seine junge, kraftvolle Brust,
-nach welcher sich die liebe Kranke sehnte, wie der
-Großvater ihm geschrieben. Schien nicht die Sonne
-schon ein wenig in das Nebelgrau des Morgens, da
-er so innig an die Mutter dachte und sein Herz ihm
-selbst schon voraus flog zu ihr? Er würde nicht wieder
-die Heimat verlassen, die liebe Heimat, die für ihn
-gleichbedeutend war mit seiner Mutter Herz. Nie
-wieder! Er würde von nun an immer zu ihren Füßen
-sitzen, und herrliche, trauliche Abende sollten kommen
-nach des Tages Last und Mühe, frohe Feste nach sauren
-Wochen. &ndash; Liebe sollte den Eichenborn durchsonnen.</p>
-
-<p>Der Großvater empfing den Enkel am Portal
-des Hauses &ndash; war denn heute alles so anders? Das
-hatte der gestrenge, alte Herr noch nie getan. Die
-Förmlichkeit der ersten Begrüßung durch sämtliche
-Dienerschaft war bisher immer streng innegehalten
-worden.</p>
-
-<p>Und noch etwas verwunderte Bertold und erschreckte
-ihn zugleich:</p>
-
-<p>Die gebeugte, müde Haltung des Großvaters, die
-ungewohnte Milde in seinem strengen Gesicht.</p>
-
-<p>»Grüß Gott, Großvater!«</p>
-
-<p>»Lieber Bertold&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Ihre Hände lagen mit festem Druck ineinander,<span class="pagenum" id="Seite_229">[229]</span>
-dann lief der Jüngere mit eiligen Schritten durch die
-Diele, die Treppen hinauf, daß er nichts versäume,
-nicht <em class="gesperrt">eine</em> heilige Minute, die er bei der Mutter sein
-konnte. Er hörte hinter sich den Großvater rufen,
-&ndash; vielleicht sollte er auf ihn warten, bis der alte
-Herr mit seinen wuchtigen, langsamen Schritten ihn
-begleitete, aber das war ja sonst auch nie geschehen,
-immer hatte er seine Mutter allein begrüßt. Beinahe
-lächelte der Student ein wenig, daß er so knabenhaft
-ungestüm und trotzig dem Großvater entlief. Und
-nun kam noch die braune Tür mit den blitzenden
-Messingbeschlägen, die den Sohn noch trennte von
-der lieben Kranken. Wenn er als Knabe Sehnsucht
-nach der Mutter empfand, dann stand diese braune Tür
-vor seinem geistigen Auge, und es war ihm, als brauche
-er nur die Klinke niederzudrücken, um sofort wieder
-daheim zu sein.</p>
-
-<p>Sacht, sacht! &ndash; die Mutter könnte schlafen, könnte
-erschrecken. Aber eine Mutter erschrickt nicht, wenn
-der Einzige heimkehrt &ndash; sie muß ihn ja lange schon
-erwartet haben, sie hat sich gebangt nach ihm, so schrieb
-der Großvater.</p>
-
-<p>»Mütterchen!«</p>
-
-<p>Nein, eine Mutter stört der heimkehrende Sohn
-nie &ndash; besonders nicht, wenn sie so fest schlummert
-wie Mütterchen Franziska &ndash;&nbsp;&ndash; aber trotz des tiefen
-Schlafes hat sie das liebe Lächeln auf ihrem Antlitz
-für ihn, für ihren Einzigen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_230">[230]</span></p>
-
-<p>»Mutter! <em class="gesperrt">Mutter!</em>«</p>
-
-<p>Nie wieder vergißt der Eichenborn diesen Ton.
-Denn das Weh einer Welt liegt in ihm. Und er wird
-noch tagelang und nächtelang nichts anderes hören,
-als diesen Ruf.</p>
-
-<p>Mutter! Mutter!</p>
-
-<p>Die junge Seele drinnen ist aus den Fugen. Kleiner,
-großer, törichter Bertold! Glaubtest du, ein
-Mutterherz sei so heilig und hehr, daß niemand daran
-rühren könne; sei so lebendig, so liebeübervoll, daß es
-nie verstumme? Daß es klopfen müsse in alle Ewigkeiten?</p>
-
-<p>Mutter! Mutter!</p>
-
-<p>Störe den heiligen Schlaf nicht, Bertold! Jammere
-nicht so wild! Es ist umsonst, du weckst sie nicht. Du
-bist ein zwanzigjähriger Knabe und da sind zwei Gewaltige,
-die leben seit Urbeginn, und sie sind wider dich.</p>
-
-<p>Der Tod und &ndash; der ihn rief.</p>
-
-<p>Weine dich gesund.</p>
-
-<p>Denn du brauchst Kraft, dir jetzt deinen Kinderglauben
-zu retten. &ndash; Du kanntest sie ja bis in ihre
-innersten Gedanken, deine Einzige.</p>
-
-<p>Du weißt, daß sie ihren Mutterberuf als heilige
-Mission auffaßte, an deren Erfüllung sie sich selbst
-hingab.</p>
-
-<p>Nach ihrem unerschütterlichen Glauben warst du
-ihr von Gott gegeben &ndash; würde Gott dich auch wieder
-von ihr fordern: »Wo ist dein Kind? Wie erzogst<span class="pagenum" id="Seite_231">[231]</span>
-du es? Was können seine Mitwanderer und Weggenossen
-von ihm erwarten? Warst du würdig, eine
-Mutter zu sein?«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Weine dich gesund, Bertold!</p>
-
-<p>Denn du sollst jetzt einen einsamen Weg gehen,
-sollst aus dir selbst heraus etwas Tüchtiges werden,
-ohne Mutterwort und Mutterrat, sollst eine Persönlichkeit
-werden.</p>
-
-<p>Kraft brauchst du, um Gottes Fragen an deine
-Mutter zu beantworten.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-<div class="chapter">
-<p>Dicht hinter dem Sarge von Frau Franziska schritten
-Großvater und Enkel.</p>
-</div>
-
-<p>Die Augen des alten Herrn streiften besorgt das
-Antlitz des jungen Mannes an seiner Seite.</p>
-
-<p>Es war wie versteint in Schmerz.</p>
-
-<p>Die Schwarzhausener fanden erst lange Zeit nach
-dem Begräbnis die richtigen Worte, das Wesen des
-Bertold Eik zu zeichnen, &ndash; während der ganzen Zeremonie
-war er ihnen unheimlich und unverständlich.</p>
-
-<p>»Bertold! Aber Bertold!«</p>
-
-<p>Der alte Herr von Eichen nahm die Hand des
-Enkels und hielt sie fest. Er wußte nicht, weshalb? &ndash;
-er hatte das unbestimmte Gefühl, der junge, verstörte
-Mensch an seiner Seite könne irgendeine kopflose
-Handlung begehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_232">[232]</span></p>
-
-<p>Aber Bertold dachte gar nicht daran. Er hatte
-die Augen nicht zu Boden gesenkt, wie es eigentlich
-die ehrbare, altväterische Trauersitte vorschrieb, sondern
-hatte sie, weit aufgeschlagen, in Fernen gerichtet.</p>
-
-<p>Wo war die Mutter?</p>
-
-<p>Sein übermüdetes Herz klopfte flatternd und
-schmerzhaft in seiner Brust. Er sah und hörte nichts,
-was um ihn vorging, vernahm nichts von den herzlichen
-Worten des Predigers und hob die schlaffe, herniederhängende
-Hand nicht, als man sie teilnehmend drücken
-wollte.</p>
-
-<p>So schritt er wieder aus der Kirchhofspforte heraus
-und die Karosse der Eiks nahm ihn auf und führte ihn
-zurück in den verödeten Eichenborn.</p>
-
-<p>Er saß bei Großtante Adelgunde und die Neunzigjährige
-klagte mit feinem, verstaubtem Stimmlein, daß
-der Herrgott sie vergessen habe und alle die Jungen
-vor ihr fort hole.</p>
-
-<p>Er hörte es, aber er faßte nicht den Sinn ihrer
-Worte. Er hörte auch den Großvater sprechen und
-raten mit ernster, gütiger Stimme und sprach selbst
-zustimmende Worte.</p>
-
-<p>Seine Koffer standen wieder gepackt und ein Auslandspaß
-war ausgefertigt.</p>
-
-<p>Nach Paris würde er gehen, nach London und
-New York, er würde Holland und Belgien bereisen und
-alle Plätze besuchen, an denen Haus Eik von Eichen
-angesehen und berühmt war.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_233">[233]</span></p>
-
-<p>Aber er würde nicht die braune Tür wieder öffnen,
-die nahe, ganz nahe an seinem eigenen Zimmer lag,
-die Tür, hinter welcher das leere Bett stand und all
-die lieben Sachen lagen, die seine Mutter getragen.</p>
-
-<p>Den Schlüssel zu dieser Tür barg er auf seiner
-Brust.</p>
-
-<p>Der Vollmond stand am abendlichen Himmel und
-sah auf den rastlos Wandernden, der noch einmal im
-Parke von Eichenborn alle Plätzchen aufsuchte, die er
-als Kind geliebt.</p>
-
-<p>Rastlos kamen und gingen die Gedanken.</p>
-
-<p>Er hatte ja die Heimat nicht wieder verlassen wollen
-&ndash;&nbsp;&ndash; nun hatte seine Heimat <em class="gesperrt">ihn</em> verlassen.</p>
-
-<p>Drum ging er gern in die weite Welt.</p>
-
-<p>In seiner wilden Verzweiflung hatte er nicht mehr
-an die offenkundige Abneigung der Schwarzhausener
-gedacht und auch ehe der tiefe Schmerz kam, hatte ihn
-seine Wahrnehmung nur stutzig, nicht grübeln gemacht.</p>
-
-<p>Bertold war ja so jung, so gesund und so erfüllt
-von guten Gedanken für die Heimat, für Schwarzhausen
-und den Eichenborn.</p>
-
-<p>Er würde den närrischen Leuten schon zeigen,
-daß er nicht nur jähzornig, sondern auch arbeitswütig
-war, und daß er gewissenhaft in seines Großvaters
-Fußstapfen treten wollte.</p>
-
-<p>Das war <em class="gesperrt">gewesen</em>.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Waren es Jahre, die zwischen dem Tage seiner
-Ankunft und heute lagen? <em class="gesperrt">Heute</em> grübelte er, heute<span class="pagenum" id="Seite_234">[234]</span>
-wurden ihm die vielen, unbeantworteten »Warum« zu
-einer unerträglichen Pein.</p>
-
-<p>Aber der Duft der Thüringer Tannen, die so
-dicht den Tempel der Geselligkeit umstanden, und welche
-Bertold immer wieder auf schmalem Wege umschritt,
-übte eine wunderbare Macht. Dieser Duft umfaßte
-den jungen Menschen weich und stark zugleich &ndash; wie
-Mutterarme.</p>
-
-<p>Bertold lehnte seinen Kopf an die Rinde des
-nächststehenden Baumes und griff über sich in das
-Geäst, wie er als Knabe oft getan, um in kindischem
-Spiel zu fühlen, wie die spitzigen, braunen, welken
-Nadeln herunterfielen und sich in seinem dichten Haar
-versteckten.</p>
-
-<p>Seitwärts von der Tanne auf dem weichen Erdboden
-wölbten sich zwei Hügel, ein großes und ein
-kleines Grab.</p>
-
-<p>Da lag Fidelio, der häßliche, gute Hund und dort
-&ndash;&nbsp;&ndash; die Staatsdame. So hatte der Großvater ohne
-weitere Erklärung ihm gesagt.</p>
-
-<p>Aus dem kleinen Erdhügel schimmerte im Mondlicht
-etwas Weißes hervor &ndash; es mußte vor kurzem
-ein größeres Tier hier gewesen sein; vielleicht ein Hund
-aus der Fabrik, der durch Zäune und Wiesen herlief.
-Das kleine Grab war zerwühlt.</p>
-
-<p>Bertold befühlte das weiß schimmernde Etwas mit
-seinem Stock und blieb daran hängen; als er den Stock<span class="pagenum" id="Seite_235">[235]</span>
-hob, fiel die wenige Erde zur Seite und legte eine
-größere weiße Fläche frei, die Bertold, jetzt doch etwas
-neugierig geworden, mit der Hand betastete. Seidenstoff
-war es, rauh geworden von Erde und Nässe,
-aber an dem Seidenstoff hing ein kleiner, harter, runder
-Gegenstand. Immer mehr schüttelte Bertold den Kopf,
-denn er sah nun, daß er eine Puppe vor sich hatte, keine
-Emmy ohne Kopf, aber einen Kopf ohne Haare und
-nun fand er auch die abgelöste Perücke und einen dicht
-zusammengelegten Zettel. Der hatte so verborgen in
-den Kleiderfalten der Puppe gelegen, daß die Schrift
-sich gut gehalten hatte und er las die Buchstaben, von
-seines Großvaters Hand geschrieben, deutlich im hellen
-Mondlicht: »Diese Puppe soll Liselotte Windemuth
-gehören.«</p>
-
-<p>Ergründen konnte Bertold dieses Rätsel nicht, &ndash;
-aber er wollte es auch gar nicht ergründen.</p>
-
-<p>Er legte die Puppe wieder sorglich in die Grube
-hinein und holte noch mehr Erde, die er darauf schüttete
-und dann gleichmäßig fest trat.</p>
-
-<p>Viel ruhiger wurde er durch diese seltsame Arbeit
-&ndash; denn der wehe Schmerz um seine Mutter wurde
-abgelöst und abgelenkt durch ein warmes, herzliches
-Sehnen nach einem lebendigen Menschenkinde, nach einem
-lieben, rosig-weißen, trotzigen Mädchengesicht, nach einem
-Paar stahlblauer Augen &ndash;&nbsp;&ndash; nach dem herzlieben,
-närrischen Mütterchen der kopflosen Puppe Emmy und
-der begrabenen haarlosen Staatsdame.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_236">[236]</span></p>
-
-<p>Hoch atmete Bertold auf &ndash; das Herz wurde ihm
-zu eng in der Brust.</p>
-
-<p>Er mußte sie noch einmal sehen, die kleine Liselotte,
-seine Jugendfreundin, ehe er ins Ausland ging.</p>
-
-<p>Wie hatte er sie nur vergessen können drei lange
-Tage!</p>
-
-<p>Mutter, liebe Mutter!</p>
-
-<p>Verzeihst du es deinem Jungen, wenn er das
-lachende Leben mit seinen tiefsten Gedanken verschwiegen
-grüßt?</p>
-
-<p>Bertold schritt rasch aus dem Park. Im klaren
-Mondlicht schaute er noch einmal alles hell und schön
-und vertraut, jeden Baum, jeden Strauch, jede alte,
-seltsame, verwitterte Steinfigur. Im Grasgarten
-rauschte der Born, da erzählten sich die Eichen flüsternde
-Märchen, Märchen von Mutterliebe und Heimat,
-Märchen von Thüringer Edeltannen, von denen die
-schlankste und schönste und lieblichste die Liselotte
-Windemuth war.</p>
-
-<p>Bertold hielt die Hand unter die murmelnde Quelle,
-und auch sie erzählte und rannte. Von einem jungen
-Burschen, der seine Mutter verlor und der in die weite
-Welt ging. Aber er würde wiederkommen, bald &ndash;
-in einem Jahr oder in zweien, dann würde er in das
-hohe Giebelhaus treten dort in der nahen Straße und
-würde das schöne Haustöchterlein fragen und &ndash;&nbsp;&ndash;
-dann könnte es doch noch einmal sonnig werden im
-düstern Eichenborn.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_237">[237]</span></p>
-
-<p>Hinschritt er durch die stille Straße mit leuchtenden
-Augen, mit raschem Atem und jung &ndash; junger
-Liebe.</p>
-
-<p>Da lag es, das Windemuthhaus.</p>
-
-<p>Aber nicht so still wie der trübe, ernste, schweigsame
-Eichenborn, aus dem man die letzte Freude hinausgetragen
-und in die Erde versenkt hatte.</p>
-
-<p>Die schöne, warme, helle Sommermondnacht hatte
-die Bewohner des Hauses im Garten festgehalten.</p>
-
-<p>Bertold unterschied ganz deutlich die einzelnen Personen:
-Base Juliane, den alten Herrn Professor und
-eine junge Dienstmagd, welche noch einige Blumen
-mit der Gießkanne tränkte.</p>
-
-<p>Wie sah das alles so traut und heimelig aus.</p>
-
-<p>Er trat in den Schatten der Geisblattlaube, die
-dicht am Straßenzaun lag. Seine Augen spähten und
-suchten.</p>
-
-<p>Wo bleibt sie? Wo bist du, Liselotte? &ndash; Sieh
-&ndash; ich will Abschied nehmen.</p>
-
-<p>Wie durch Gedankenübertragung schickte zu gleicher
-Zeit Professor Windemuth seine Augen suchend durch
-den Garten, und deutlich vernahm Bertold dessen behagliche
-Stimme: »Wo bist du Liselotte? Hans! Wo
-bleibt denn unser Brautpaar&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;?«</p>
-
-<p>Furchtbar deutlich &ndash; lächerlich deutlich.</p>
-
-<p>Und furchtbar und lächerlich war doch auch das,
-was der unverantwortlich helle, abscheuliche Mond da<span class="pagenum" id="Seite_238">[238]</span>
-beleuchtete, &ndash; ein eng verschlungenes Paar, das den
-Weg heranschritt, Arm in Arm, Auge in Auge. &ndash;
-Das weiße Kleid des Mädchens schimmerte zu Bertold
-hinüber und ebenso die blitzende Uniform des Leutnants
-Hans von Windemuth.</p>
-
-<p>Lächerlich deutlich.</p>
-
-<p>So lächerlich, daß man eben lachen mußte.</p>
-
-<p>Gellend lachte Bertold auf &ndash;&nbsp;&ndash; daß das glückliche
-in sich versunkene Pärchen zusammenschreckte und der
-alte Herr eilends nach der Stelle hin lief, von welcher
-das unheimliche Lachen ausging.</p>
-
-<p>Aber Bertold war schon geflohen, und immer noch
-lachte er, &ndash; jähzornig, wütend, weh, verzweifelt.</p>
-
-<p>Ein paar Schwarzhausener Burschen standen mit
-ihren Liebchen vor den Haustüren.</p>
-
-<p>An ihnen vorbei stürmte Bertold, sie sahen sein
-seltsames Gebaren und deuteten es sich in hellem Entsetzen
-und Empörung über so viel Verworfenheit.</p>
-
-<p>»Er muß betrunken gewesen sein, &ndash; sonst könnte
-er nicht nachts &ndash; durch die stillen, ehrbaren Straßen
-planlos rennen und lachen &ndash; laut lachen am Abend
-des Tages, da man seine Mutter begrub.«</p>
-
-<p>»O über den schlechten Kerl!«</p>
-
-<p>Am nächsten Abend wußte man es in ganz Schwarzhausen,
-daß der Eichenborn nun wirklich verödet war.</p>
-
-<p>Daß die großen Auslandskoffer gepackt im Zimmer
-des jungen Eik stünden, aber niemals abgeholt würden.<span class="pagenum" id="Seite_239">[239]</span>
-Daß der alte, grimme Eik als ein einsamer Mann zurückgeblieben
-und sein Enkel geflohen war mit nichts
-als seiner Amatigeige &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; um ein Musikant zu
-werden.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p><em class="gesperrt">Wird er kommen?</em></p>
-
-<p>Das war die brennende Frage des Abends.</p>
-
-<p>Erregte Gruppen standen zusammen, Künstler und
-Kunstfreunde.</p>
-
-<p>Der schlicht-vornehme kleine Saal harmonierte gut
-mit den Menschen, die sich darin versammelt hatten;
-er sah feierlich aus in seinem Weiß und Gold und
-Kerzenschimmer, feierlich mit dem strengen, grünen Lorbeerschmuck.</p>
-
-<p>Und wie Feiertagsstimmung lag es auch über den
-Versammeltem trotz einiger erregter Lautsprecher.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Wird er kommen?</em></p>
-
-<p>Meister Joachims Gestalt löste sich jetzt aus der
-einen Gruppe und winkte abwehrend und lächelnd zurück.</p>
-
-<p>»Versprechen kann ich gar nichts. Sie kennen doch
-den Malcroix. Der läßt sich weder in Krieg noch in
-Frieden etwas abnötigen, was er nicht selbst hergeben
-will, und ob er sich heute Ihnen gibt&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Gehen Sie gleich jetzt zu ihm, Meister?« fragte
-ein blutjunges, blasses Bürschchen mit schwärmerischen
-Augen und blonder Künstlermähne.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_240">[240]</span></p>
-
-<p>»Ja, das tue ich. Aber ich weiß nicht, ob ich
-ihn treffe. Und weiß nicht, ob ich meinen ehemaligen
-Schüler dann nicht für mich behalte. &ndash; Kindskopf!!!«
-fuhr er gleich darauf den Frager an, dem wahrhaftig
-die Augen feucht wurden. »Närrisches Volk alle miteinander!
-Aber mir geht’s ja nicht um ein Haar besser.
-Herrgott, hat der Mensch gespielt! &ndash;&nbsp;&ndash; Guten Abend,
-meine Herrschaften!«</p>
-
-<p>Man geleitete Meister Josef Joachim noch zur
-Tür und trat dann wieder zusammen, bildete neue
-Gruppen und behandelte doch nur das alte Thema:
-Bertold Malcroix und sein wunderbares Geigenspiel am
-heutigen Abend in der Singakademie.</p>
-
-<p>Der Impresario ging mit lebhaften, kleinen Schritten
-von Gruppe zu Gruppe.</p>
-
-<p>»Das war ein Erfolg!« Sein glatt rasiertes Gesicht
-glänzte und strahlte.</p>
-
-<p>»Den halte ich noch fest &ndash; der darf mir nicht
-schon wieder ins Ausland, mag es nach ihm kabeln, so
-viel es will. Summen zahlt dies Amerika &ndash;&nbsp;&ndash;
-Aber dem Malcroix ist das einerlei &ndash;&nbsp;&ndash; ich halte
-ihn fest&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Menschenkinder &ndash; ich hatte euch Berliner für
-viel nüchterner gehalten,« meinte jetzt halblaut ein dunkler,
-geistvoll aussehender Herr, der mit einem bekannten
-Berliner Maler allein an einem der Marmortischchen saß.
-»Ihr treibt ja Götzendienst mit diesem Malcroix.«</p>
-
-<p>Der Maler lachte.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_241">[241]</span></p>
-
-<p>»Nennen Sie es so. Aber in Ihrem Munde hat
-das Wort Götzendienst einen spöttischen Klang. Er
-ist jedoch von allen Völkern und Stämmen immer
-sehr ernst betrieben worden, und so halten wir es auch
-mit Malcroix. Daß Sie zum heutigen Konzert noch
-nicht in Berlin waren, sondern genau eine Viertelstunde
-nach Schluß anlangten, machen Sie mit dem
-Unglücksstern aus, der schon über Ihrer Wiege geschwebt
-haben muß.«</p>
-
-<p>»Na, da haben wir’s! Stopp, alter Freund! Ehe
-Sie mir ganz aus dem Häuschen geraten: Wer sind
-die zwei närrischen Zwickel dort in ihren vorsintflutlichen
-Fräcken? Sie sehen aus, als seien sie aus
-der Biedermeierzeit stehen geblieben, um für sie Reklame
-zu machen.«</p>
-
-<p>»Ihr Scharfblick ehrt Sie,« lachte der Maler. »Diese
-<em class="gesperrt">beiden</em> närrischen Zwickel, wie Sie sich auszudrücken
-belieben, sind eigentlich <em class="gesperrt">Eins</em>, sind die Achse, um
-die wir uns hier drehen, sind der ruhende Pol in der
-Erscheinungen Flucht, sind Jonathan für unsern David
-Malcroix, sind Marquis Posa für unsern Don Carlos
-Malcroix, sind Pylades für unsern Orest Malcroix, sind
-unsere einzige Hoffnung, daß der Held heute abend doch
-noch erscheint, sind <em class="gesperrt">Brennstoff und Tüllen</em>.«</p>
-
-<p>»Herr Ober, bringen Sie sofort ein Glas eiskaltes
-Wasser und eine Stirnkompresse für diesen Herrn, wenn
-irgend möglich noch Leibumschlag und Wadenwickel,«
-rief der Doktor.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_242">[242]</span></p>
-
-<p>»Lieber Doktor, Sie scheinen uns hier alle etwas
-für geistesgestört zu halten,« wehrte lachend der Maler.</p>
-
-<p>»Ich sprach bis jetzt nur mit <em class="gesperrt">Ihnen</em>,« neckte der
-andere, »und halte da allerdings eine Ableitung vom
-Gehirn für geboten. Haben Sie Erbarmen und erzählen
-Sie mir meinetwegen auf deutsch, französisch, spanisch,
-italienisch, russisch, Volapükisch und Esperanto’sch
-von diesem Malcroix, &ndash; aber nüchtern &ndash; nüchtern!«</p>
-
-<p>»Ich bin so nüchtern wie ein Kalb vor seiner
-Geburt,« versicherte der Maler. »Wie Sie sehen, ehren
-wir Bertold Malcroix noch auf andere Art, indem wir
-in den kargen Stunden des Zusammenseins mit ihm
-den Alkohol meiden.«</p>
-
-<p>»Sind Sie verrückt?« entfuhr es dem andern.</p>
-
-<p>»Ich glaube nicht.« Der Maler wurde ernst.
-»Malcroix hat vor Jahren im betrunkenen Zustand
-irgend eine schwere Tat begangen &ndash; als halber Knabe
-allerdings, man weiß gar nichts Genaues, erzählt sich
-aber die tollsten Geschichten von ihm, und besonders in
-seiner Vaterstadt Schwarzhausen, berühmt durch Porzellan,
-viertausend und eine Seele stark, gilt Malcroix
-als gänzlich schwarzes, verlorenes Schaf. &ndash; Jedenfalls
-ist er völliger Abstinent, weil er einen angeborenen,
-furchtbaren, schier grotesken Jähzorn meistern will, und
-&ndash; alle Achtung vor ihm &ndash; wir helfen ihm stillschweigend
-dabei, wenigstens solange wir ihn erwarten und mit
-ihm zusammen sind.«</p>
-
-<p>»Soll ich heute den ganzen Abend Element in einer<span class="pagenum" id="Seite_243">[243]</span>
-Trockenbatterie spielen?« fragte der Gast kläglich. &ndash;
-»Was trinkt denn euer großer Geiger? Zu Beethoven
-und Bach paßt doch kein Himbeersaft?«</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Muß</em> denn immer ges… trunken werden?«</p>
-
-<p>Der Doktor seufzte. »Es wäre nichts für mich,
-<em class="gesperrt">nur</em> am Busen der heiligen Cäcilie zu saugen, besonders
-da diese Dame älteren Semestern angehört, ich
-ziehe Pilsener vor&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Sie sind wohl nicht musikalisch, Doktor?&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht. Als zweijähriger holder Knabe
-sollte ich in der Kindersymphonie von Haydn mitwirken,
-war aber noch nicht stubenrein und vergaß
-mich. Es war mein erstes und letztes Auftreten, aber
-ich getraue mich doch, das Gebet einer Jungfrau vom
-Radetzkymarsch zu unterscheiden.«</p>
-
-<p>»Malcroix! Hurra! Malcroix! Evviva! Malcroix!«</p>
-
-<p>Der Maler war, jegliche Gastfreundschaft schnöde
-vergessend, aufgesprungen und zur Tür geeilt, durch
-welche ein reckenhafter Hüne eintrat. Es entstand ein
-völliger Tumult.</p>
-
-<p>»Malcroix, evviva! Malcroix willkommen! Malcroix
-hoch!«</p>
-
-<p>»Sie sind verrückt &ndash; und alles ohne Alkohol,«
-murmelte der Doktor, der still an seinem Platze geblieben
-war.</p>
-
-<p>Aber dann erhob er sich ebenfalls rasch und über sich
-selbst erstaunt, denn sein Malerfreund führte ihm den
-Helden des Abends zu.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_244">[244]</span></p>
-
-<p>Und vergessen war aller Spott, alle Kritik, alles
-Nörgeln, vergessen das Vorhaben, recht ruhig und objektiv
-zu urteilen, sich nicht planlos mitreißen zu lassen
-vom allgemeinen Taumel.</p>
-
-<p>Es ging wirklich ein Zauber von diesem Hünen
-aus, der Zauber eines Sonntagskindes. Was für kluge,
-ernste, tiefe, gute, leuchtende Augen dieser Künstler
-hatte, was war er für ein bildschöner Kerl mit dem
-dunklen Lockenhaar, das doch so gar nicht romantisch
-flatterte, sondern einfach und schlicht gescheitelt die
-hohe sein gemeißelte Stirn umrahmte. Und wie er
-lachte! Dies Lachen kennzeichnete ihn schon als Liebling
-der Musen, &ndash; das war Musik, die auch den
-unmusikalischsten Menschen bezaubern mußte.</p>
-
-<p>Und wie dieser Malcroix seine Mitmenschen um
-Haupteslänge überragte, so war sein ganzes Wesen eher
-väterlich zu nennen, trotzdem er kaum dreißig Jahre
-zählen konnte.</p>
-
-<p>»Die Freunde meiner Freunde sind meine Freunde,«
-sagte Bertold Malcroix herzlich und schüttelte dem Gast
-die Hand. »Wenn Sie erlauben, setze ich mich nachher ein
-Weilchen still zu Ihnen, augenblicklich« &ndash; er deutete
-lachend auf die aufgeregten Verehrer ringsum &ndash; »habe
-ich noch keinen eigenen Willen.«</p>
-
-<p>»Ein prächtiger Mann, ein lieber Kerl, ein Vollmensch!«
-Immer wieder sagte es sich der fremde Gast
-an diesem Abend, je länger er Malcroix beobachtete,
-wie er der gefeierte Mittelpunkt eines erlesenen Kreises<span class="pagenum" id="Seite_245">[245]</span>
-war, ohne auch nur ein einziges Mal unbescheiden,
-protzig oder nervös-launenhaft zu sein. Dieser Malcroix
-besaß die »Höflichkeit des Herzens, der Liebe verwandt,
-aus der die Höflichkeit des äußeren Betragens entspringt«.</p>
-
-<p>»Nicht wahr, Sie gehören ihm auch?« fragte scherzhaft-ernst
-der Maler, als er wieder allein bei seinem
-Gaste saß, während Bertolds hohe Gestalt bald hier,
-bald da unter neuen Gruppen auftauchte.</p>
-
-<p>»Er muß ein treuer Freund und guter Lebenskamerad
-sein,« meinte der Doktor sinnend, ohne direkt
-zu antworten &ndash; »ist er verheiratet?«</p>
-
-<p>»Nein. &ndash; Auch über diesen Fall berichtet Frau
-Fama ganze Legenden.«</p>
-
-<p>»Um Gottes willen, sagen Sie mir nicht, daß dieser
-Mann Herzensbrecher oder Weiberfeind ist,« rief der
-Doktor. »Beides würde mir wie ein platter, trivialer
-Berg zu einem Meisterbilde sein.«</p>
-
-<p>»Malcroix ist auch keins von beiden nach meiner
-festen Überzeugung, aber &ndash; wie gesagt, ein wahrer
-Rattenkönig von Legenden heftet sich an seine Person.
-Man kann sich ja schwer vorstellen, daß dieser Vollmensch
-ein Erzengel Gabriel ist, wie einige behaupten, &ndash;
-ich kann darüber gar nicht urteilen, denn er spricht
-selten über Frauen und niemals über ›Weiber‹. Mit
-klugen Frauen plaudert er in derselben Weise wie mit gescheiten
-Männern und mit Gänsen scherzt er gutmütig,
-ohne sich lange bei ihnen aufzuhalten.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_246">[246]</span></p>
-
-<p>»Ich kann mir nicht denken, daß ihm irgend eine
-Frau widerstehen könnte,« meinte der Doktor, »und
-doch sieht er so gar nicht aus, als läge ihm etwas
-daran, oder als hätte er sich vergeudet &ndash; vielleicht
-ist er irgendwo gebunden&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Der Maler nickte.</p>
-
-<p>»Man sagt es. Und ich selbst habe meine Beobachtungen
-gemacht. Er tritt in keiner Stadt Deutschlands
-auf, ohne irgend ein geheimnisvolles Landhaus
-in der Nähe zu mieten, wo er dann wohnt und
-auch hier hat er in einer Tiergartenvilla sein Domizil
-aufgeschlagen &ndash; nicht allein. Aber das geheimnisvolle
-Wesen, das ihn begleitet, ist dicht verschleiert und er
-selbst trägt es in den Wagen hinein und aus dem Wagen
-heraus. Er mietet eine versteckte Loge, wo es seinem
-Spiel lauschen kann und&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ist wahrscheinlich eifersüchtig wie ein Türke, und
-das Weib ist schön &ndash;&nbsp;&ndash; item, dieser Malcroix versteht’s.
-Wird er heute abend noch spielen?«</p>
-
-<p>»Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich nicht. Neulich
-kamen wir &ndash; es war in Amsterdam &ndash; ganz unverhofft
-zu so einem Genuß. Da stritt er sich mit einem
-Kritiker herum, wurde wütend, riß die Geige aus dem
-Kasten und überzeugte den Kerl mit der <em class="gesperrt">Tat</em>, so daß
-dieser windelweich wurde.«</p>
-
-<p>In diesem Augenblick trat eine kleine Stille im
-Saale ein, irgend jemand, der von draußen hereingekommen
-war, erzählte eine Geschichte, die sehr belacht<span class="pagenum" id="Seite_247">[247]</span>
-wurde. Dann wurde die Unterhaltung wieder lebhaft
-und allgemein.</p>
-
-<p>»Wo ist er denn?« hörte man Bertold Malcroix
-fragen.</p>
-
-<p>»Immer noch vor der Tür.«</p>
-
-<p>»Er soll hereinkommen.«</p>
-
-<p>»Aber er ist sehr schmutzig.«</p>
-
-<p>Malcroix winkte ungeduldig mit der Hand.</p>
-
-<p>»Was ist denn los?« fragten einige neugierig, die
-nichts Genaues von dem Vorgang hören und sehen
-konnten.</p>
-
-<p>»Nichts Besonderes,« war die Antwort. »Ein zerlumpter
-Bengel steht vor der Hoteltür und will durchaus
-den ›großen Malcroix‹ sehen. Er ist der Sohn eines
-verstorbenen Musikers, lebt bei fremden, harten Leuten
-und sieht jammervoll aus. Jetzt läßt ihn der Künstler
-holen.«</p>
-
-<p>Man erhob sich von den Sitzen und spähte neugierig
-nach der Tür.</p>
-
-<p>Nach einer Weile ging diese auf und ein ungefähr
-zwölfjähriger Junge kam hereingestolpert, &ndash; er war
-offenbar geblendet von dem vielen Licht. Seine Jacke
-war zerrissen und verknüllt, so als hätten viele grobe
-Hände ihn daran herumgeschüttelt, auch der Junge
-selbst sah aus, als sei er öfters mit Mutter Erde in allzu
-dichte, unsanfte Berührung gekommen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Bertold hob das Kinn des Knaben leicht in die
-Höhe und sah ihm in das zitternde, verweinte Gesicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_248">[248]</span></p>
-
-<p>»Nun, mein Junge, &ndash; du wolltest mich sehen?
-Ich bin Malcroix.«</p>
-
-<p>Und der fremde Junge sah.</p>
-
-<p>Nicht wie Neugierde blickt, die sich mit Verständnislosigkeit
-paart, es war auch nicht Liebe, mit der der
-blasse Knabe den großen Künstler betrachtete, es war
-wie Durst.</p>
-
-<p>Durst nach etwas Hohem, Herrlichem, das nie
-bis heute in sein armes Leben getreten war.</p>
-
-<p>Und die Umstehenden schauten wieder auf die beiden
-und sie vermochten nicht einmal zu lächeln, so rührend
-war die Versunkenheit des Jungen.</p>
-
-<p>»Wie heißt du?«</p>
-
-<p>»Fritz Bach.«</p>
-
-<p>»Du hast einen Wunsch an mich?«</p>
-
-<p>»Ich habe den Herrn spielen hören &ndash; heute im
-Konzert, aber ich wußte nicht, ob ein Mensch
-spielte&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Was redest du da. Wo warst du? Im Saal
-drinnen? Erzähl ordentlich.«</p>
-
-<p>»Hinter dem Vorhang auf der Bühne steckte ich.
-Die Frau, bei der ich bin« &ndash; der Junge schüttelte sich
-&ndash; »ist Garderobefrau, der Mann hat auch eine Anstellung
-da. Ich habe schon viele Musik gehört. Gestern
-hatten sie mich so geschlagen, weil ich den Herrn geigen
-hören wollte, daß ich mich nur noch hinter den Vorhang
-stecken konnte; ich meinte, ich müßte sterben. Und als<span class="pagenum" id="Seite_249">[249]</span>
-der Herr geigte, glaubte ich, ich wär’ tot, und es wär’
-schon ein Engel&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Die Umstehenden sahen sich an.</p>
-
-<p>Das war eine andere Sprache, als die gewohnten
-Huldigungen, die man dem begnadeten Künstler darbrachte,
-und dabei dies selbstvergessene Anschauen&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Sprich weiter.«</p>
-
-<p>»Dann wurde ich ohnmächtig, denn man fand mich,
-und dann wurde ich wieder geschlagen &ndash; es ist immer
-so &ndash; aber ich <em class="gesperrt">mußte</em> Sie noch einmal sehen.«</p>
-
-<p>»Du liebst die Musik sehr, Fritz Bach?«</p>
-
-<p>»Ohhh!«</p>
-
-<p>Nun lächelten doch die Umstehenden, der Ausruf
-kam zu rasch und urwüchsig heraus.</p>
-
-<p>»Spielst du selbst?«</p>
-
-<p>Der Junge nickte.</p>
-
-<p>»Was kannst du?«</p>
-
-<p>»Alles!!!«</p>
-
-<p>Nun lachte Malcroix &ndash; und das war auch schon
-Musik, es war sein altes liebes Knabenlachen.</p>
-
-<p>»Sieh, mein Junge, &ndash; das ist mehr, als irgend ein
-Mensch von sich sagen kann. Aber wenn du <em class="gesperrt">Bach</em> heißt,
-ist’s ja nicht so verwunderlich. Bei wem hast du gelernt?«</p>
-
-<p>»Ich kann’s von mir selbst.«</p>
-
-<p>»Hm.« Malcroix winkte seinen getreuen Brennstoff
-zu sich heran und raunte ihm etwas zu, worauf der alte<span class="pagenum" id="Seite_250">[250]</span>
-Organist hinauseilte. Nicht lange darauf kam er mit
-Bertolds Geige wieder, die er ihm reichte.</p>
-
-<p>Jetzt kam Leben in die Versammlung, ein lautloses,
-rasches, freudiges Verständigen, ein Zuraunen:
-»er wird spielen«; ein sachtes Hinsetzen und gespanntes
-Lauschen.</p>
-
-<p>Der Künstler stimmte leicht, dann führte er den
-Knaben zu seinem eigenen bekränzten Sessel und drückte
-ihn sacht hinein. Malcroix setzte die Geige an&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Es war wohl ein erlesenes Programm heute abend
-gewesen und alle alten und neuen Meister hatten dem
-genialen Künstler ihre Stimmen verliehen, um mit ihnen
-die Zuhörer zu packen und hinzureißen, aber was
-Malcroix jetzt den Lauschern gab, das war mehr.</p>
-
-<p>Sie saßen alle weltentrückt und Malcroix war es
-selbst. Der arme Junge in der schmutzigen, zerlumpten
-Kleidung, der im bekränzten Sessel kauerte, duckte
-sich immer mehr und kroch ganz in sich zusammen.</p>
-
-<p>Denn der Reichtum war zu mächtig, der sich da auf
-ihn niederließ, und sein kleines, verzagtes, verstörtes
-Herz konnte ihn nicht bergen.</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Fahr wohl, du goldne Sonne!</em>«</p>
-
-<p>Aber die Sonne ging nicht fort, sie schritt im
-Gegenteil golden und groß in den Saal hinein. Alle
-ihre Strahlen verfingen sich in die braune Amati und
-der Künstler webte aus ihnen ein goldenes Netz, das
-alle umspann.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die Augen hingen an dem Geiger.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_251">[251]</span></p>
-
-<p>Was er ihnen sagte, war gewaltig.</p>
-
-<p>Eine Predigt hielt die Geige, wie sie wuchtiger
-kaum je vernommen ward. &ndash; Mußte man wirklich
-einen solchen Dornenweg des Entsagens gehen, wenn
-man zu dieser Höhe klimmen wollte?</p>
-
-<p>Denn jene unter den Zuhörern, welchen Frau
-Musika zur Seherin wurde, tief Verschlossenes offenbarend,
-sie fühlten jetzt mit dem Künstler den Segen des
-Leides. Sie schritten mit ihm durch Höhen und Tiefen
-und sahen mit leidgeschärften Augen, daß blumenumstandene
-Wege sich in Sümpfe verirren und nur ein
-schmaler, rauher und einsamer Weg hinaufführt ins
-lichte Kinderland, ins Hochland.</p>
-
-<p>Dann war der letzte Ton verklungen, aber es
-blieb still im Saal. Nach einem Weilchen hörte man
-ein wildes, wehes Weinen &ndash; Fritz Bach sprang auf,
-schob ungestüm seinen Sessel zurück und umklammerte
-den Arm des Künstlers.</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Nichts</em> kann ich, <em class="gesperrt">nichts</em>!« stöhnte er und lief
-hinaus, quer durch den ganzen Saal mit den vielen
-fremden Leuten, ohne Gruß, ohne Dank.</p>
-
-<p>»Den hole ich mir wieder,« sagte Bertold sinnend.</p>
-
-<p>Er schlug das seidene Tuch um die Amati und
-legte sie wieder in Brennstoffs Hände. Dieser sah besorgt
-in Bertolds Antlitz. Es war tiefblaß und nur
-die rote Narbe quer über der Stirn brannte wie ein
-feuriges Mal.</p>
-
-<p>»Nur einmal gar nicht mehr an andere denken,«<span class="pagenum" id="Seite_252">[252]</span>
-meinte der Organist, »ganz und völlig ausruhen, nicht
-wahr, Meister Bertold?« Es klang, als spräche eine
-gute, alte Mutter mit ihrem Sohne.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Gewiß, mein Alter, &ndash; sei ganz ohne Sorgen.«</p>
-
-<p>»Schmerzt die Narbe wieder?« fragte nun auch
-leise Rektor Tüllen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Was soll ich’s hehlen? Ja, sie rumort etwas.&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Die Umstehenden merkten kaum das Flüstern der
-drei.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nun der Bann des Schweigens gebrochen, waren
-sie alle völlig bei dem seltenen Genuß, den sie eben
-gehabt. &ndash; Sie redeten und gestikulierten heftig, sie
-legten die Sonde der Kritik an einzelne Stellen, und
-gegensätzliche Meinungen prallten hart aneinander.</p>
-
-<p>Als man den Künstler zum Schiedsrichter nehmen
-wollte, war er mit den beiden Getreuen verschwunden.</p>
-
-<p>Die letzteren schritten durch die Nacht, glückselig
-wie zwei Kinder über den wunderbaren Verlauf des
-Konzertes in Berlin, und auch darüber, daß das Ausland
-wieder hinter ihnen lag. Sie hätten sich ja nie
-dazu entschließen können, ihren jungen Meister Bertold
-allein ziehen zu lassen, &ndash; aber die Heimat übte ihre
-uralte Macht, und die Heimat war auch den beiden
-nicht mehr nur Schwarzhausen, sondern Deutschland.
-Und morgen, &ndash; morgen wollten alle drei nach Bayreuth
-&ndash; sie wollten Parsifal hören, zum ersten oder zum
-wievielten Male, sie wußten es nie zu sagen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_253">[253]</span></p>
-
-<p>Es war ihnen ein Gottesdienst, den sie nie versäumten,
-wenn er sich ihnen bot.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Bertold Malcroix schritt durch den stillen Tiergarten,
-rasch und weit ausschreitend.</p>
-
-<p>Es ging schon stark auf Mitternacht, aber er
-wußte, daß er in dem kleinen, verschwiegenen Gartenhaus
-immer willkommen war, und daß die einsame
-Bewohnerin noch weniger Schlaf brauchte, als er selbst.</p>
-
-<p>Etwas Starkes, Seltsames bewegte ihn heute.</p>
-
-<p>Nicht der Künstlerstolz über den brausenden Erfolg
-des Abends, auch nicht der Gedanke, daß er heute wieder
-das Steuer eines Lebensschiffleins geworden war, denn
-daß er Fritz Bach die Mittel zu einem ernsten Studium
-gewährte, stand bei ihm fest.</p>
-
-<p>Es war etwas anderes. Er hatte eine Erscheinung
-gehabt, ein Erlebnis, das ihn nicht losließ, und das
-er heute abend in Vergessenheit hatte bringen wollen
-bei sich selbst.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Er, Bertold Malcroix, der nie einen Menschen vom
-andern im gefüllten Saale unterschied, er, dessen Sehen
-im Fühlen unterging, sobald er die Geige im Arm
-hielt, er hatte heute abend diese seltsame Erscheinung.</p>
-
-<p>Im Adagio von Beethoven war sie auf ihn zugetreten
-und hatte ihn mit Augen der Erinnerung angeschaut.</p>
-
-<p>Und sie war nicht leblos, trotzdem das schwarze
-Gewand der Trauer sie umschloß, sie atmete und schaute<span class="pagenum" id="Seite_254">[254]</span>
-aus stahlblauen, ernsten Sternen auf seine Geige. Nur
-auf diese, nicht auf den Mann.</p>
-
-<p>So jäh war sein Erschrecken und das wunderlich
-süße Entzücken gewesen, als er sie sah, daß er im
-Spiel ganz leise stockte, und da war auch über das
-süße Gesicht der Liselotte ein Rot des Erschreckens
-gegangen.</p>
-
-<p>Jetzt quälte er sich mit dem Gedanken an ihr
-Aussehen, an ihr verändertes, blasses, ernstes Gesicht,
-aus dem jedes Schelmenlachen gewichen war.</p>
-
-<p>Kleine Liselotte, dachtest du dir das Leben einfacher?</p>
-
-<p>Du warst so für die Sonne geschaffen, gab es
-dir Schatten? Zu viel Schatten?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>An diesem Abend hatte er nur für die junge,
-mädchenhafte Frau gespielt, die so düster in dem tiefen
-Schwarz unter all den strahlend geschmückten Menschen
-gesessen. Für ihre Augen hatte er gespielt, die einst so
-lachen konnten, für die schlanken Hände, die gefaltet
-in ihrem Schoß lagen, für den Heiligenschein, der in
-Gestalt von flimmernden Löckchen das liebe Gesicht
-umgab, für die <em class="gesperrt">Seele</em> der kleinen Liselotte Windemuth.
-Damit versank für ihn der große, helle Saal
-und alle Menschen dazu, und das stille Grasgärtchen
-des Rektors Tüllen stieg auf aus der Erinnerung.
-Nichts war auf dem Inselchen vorhanden, als die kleine
-Liselotte und er.</p>
-
-<p>So kam es, daß seine Geige heute jubelte und<span class="pagenum" id="Seite_255">[255]</span>
-weinte und so inbrünstig warb um die Vergangenheit.
-Die reiche, volle Tonflut der braunen Amati wollte die
-Kluft ausfüllen, welche acht Jahre gerissen, wollte einen
-neuen Weg schaffen zur Heimat und zum Herzen der
-Jugendgespielin.</p>
-
-<p>Jeder Akkord, jeder Klang, jedes leise Schwingen
-der Saiten sprach zu ihr und fragte sie und klagte
-mit jeder Frage sich selbst an: »Kleiner Kamerad,
-warum blieben wir nicht zusammen? Meine Liselotte,
-warum ließ ich dich mit einem andern ziehn? Du
-erfahrenes Mütterchen von Puppe Emmy, warum verstandest
-du an deinem Konfirmationstage den großen,
-unbeholfenen Jungen nicht, dem die Liebe zu dir über
-Kopf und Kragen schlug?«</p>
-
-<p>Und gerade bei dieser eindringlichen Frage, welche
-die Geige an das Herz der blassen, jungen Frau tat,
-war eine Störung im Konzertsaal entstanden und Bertold
-hatte gesehen, wie Liselotte aufstand und den Saal verließ.</p>
-
-<p>Wo war sie jetzt? Wie sollte er sie finden in
-dem großen, weiten Berlin?</p>
-
-<p>Unter all diesen drängenden Erinnerungen war
-Bertold Malcroix an das kleine versteckte Gartenhaus
-gekommen, das sich efeuumsponnen seltsam verwunschen
-in der Großstadt mit ihren ragenden Prachtbauten ausnahm.
-Bertold schloß die Gartenpforte auf, die sich
-lautlos in den Angeln drehte, und schritt den hellen
-Kiesweg entlang nach dem Häuschen hin, dessen Fenster
-erleuchtet waren.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_256">[256]</span></p>
-
-<p>Noch ehe er die Glocke zog, öffnete sich die Haustür.</p>
-
-<p>Frau Thereschen Teichmann stand knixend auf der
-Schwelle.</p>
-
-<p>»Wie geht es der Kranken?« fragte der Ankommende,
-»hat sie sehr auf mich gewartet?«</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Sehr!</em> Sie ist aufgestanden und behauptet, ganz
-frisch zu sein. Denn es ist ein Eilbrief gekommen und
-sie will heim.«</p>
-
-<p>»Heim? Es ist wohl nicht möglich!«</p>
-
-<p>Bertold hatte rasch Hut und Mantel abgelegt und
-klopfte nun leise an die Tür des nächstliegenden Zimmers,
-deren Klinke er sacht herunterdrückte.</p>
-
-<p>Und dann hielt der Hüne in den Armen ein feines,
-kleines, graues Persönchen und Tante Adelgundes verstaubtes
-Stimmlein schalt mit ihm.</p>
-
-<p>»Du Langbleiber, du launischer Künstlerbub! Vergißt
-du mich ganz?«</p>
-
-<p>Und als er besorgt nach ihrem Befinden fragte,
-wies sie ihn herrisch zurecht.</p>
-
-<p>»Ich bin gesund, und ich will reisen. Bertold,
-wir müssen beide heim.«</p>
-
-<p>Sie hielt ihm einen großen Brief hin und Bertold
-sah, wie ihre runzligen Hände zitterten. Und er selbst
-war blaß, nachdem er ihn gelesen; er mußte sich in
-einen der tiefen Sessel setzen.</p>
-
-<p>Das alte, heisere Stimmlein schalt weiter.</p>
-
-<p>»Gelt, das ist nun doch was anderes und Schwereres,
-sich zu entscheiden, wo deine Pflicht liegt, dummer<span class="pagenum" id="Seite_257">[257]</span>
-Bub? Hier der Ruhm und die Welt, dort die verhaßte
-Arbeit.«</p>
-
-<p>»Die Arbeit war mir nie verhaßt, Tante Adelgunde,«
-murmelte Bertold.</p>
-
-<p>»Ach, &ndash; versteh mich doch recht, ich versteh’ dich
-ja auch. Hier liebt und vergöttert dich alles und in
-dem fernsten Auslandsnest bist du heimischer als in
-Schwarzhausen. Dort wartet schwere, verantwortungsvolle
-Arbeit auf dich und ein verbitterter Greis, der
-jetzt&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Das verwitterte Stimmchen schlug um und Bertold
-trat zu dem uralten Dämchen und umarmte es zärtlich.
-»Wann mag der Schlaganfall gekommen sein, Tante
-Adelgunde?«</p>
-
-<p>»Gott mag’s wissen. Der alte Prokurist schreibt
-ja nichts drüber, aber du liest ja, daß der Großvater
-dringend nach dir verlangt&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»In einer Stunde geht der Nachtzug, &ndash; ich reise,
-Tante Adelgunde. Du kommst morgen nach mit Brennstoff
-und Tüllen und Frau Teichmann. Wirst du die
-Fahrt ertragen können?«</p>
-
-<p>Da richtete sich das zusammengesunkene Körperchen
-auf. »Du fragst, wie dumme Buben fragen.«
-Das Stimmlein war jetzt fest und ernst. »Wenn man
-sich mit neunzig Jahren noch auf die Wanderschaft
-begibt, wie ich vor acht Jahren, dann muß etwas
-Großes, &ndash; das Größeste uns treiben: die <em class="gesperrt">Liebe</em>, du
-dummer Bertold Eik. Ich allein hatte dich lieb und<span class="pagenum" id="Seite_258">[258]</span>
-ich wußte, daß man einen Eik nicht mit dem Haß und
-der Menschenverachtung in die Welt hinaus lassen darf.
-Aber nun hat dich deine Geige die Menschenliebe gelehrt
-und du brauchst mich nicht mehr. Bald bin ich hundert
-Jahr &ndash;&nbsp;&ndash; ich möchte in der <em class="gesperrt">Heimat</em> sterben.«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-<hr class="tb" />
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-<div class="chapter">
-<p>Das alte Windemuthhaus hatte lange einsam gestanden.</p>
-</div>
-
-<p>Man wunderte sich in Schwarzhausen darüber, denn
-man hatte eine ausgeprägt praktische Veranlagung.</p>
-
-<p>Das Grundstück mit dem schönen, geräumigen
-Wohnhaus und dem großen Park hatte hohen Wert,
-und mancher Schwarzhausener Bürger suchte es an
-sich zu bringen, aber ohne Erfolg.</p>
-
-<p>Man sagte, die verwitwete Frau Oberleutnant
-von Windemuth wolle mit ihrem einzigen Kinde nach
-Schwarzhausen ziehen, um das Grab des Vaters pflegen
-zu können.</p>
-
-<p>Aber es geschah nichts dergleichen, und die Einwohner
-der Stadt und Umwohner des Windemuthschen
-Grundstückes gewöhnten sich schließlich an die zugezogenen
-Fenster und freuten sich, daß der große Garten dem
-Stadtgärtner übergeben war, der ihn sorglich pflegte.</p>
-
-<p>Durch das Ereignis der Übersiedlung des berühmten<span class="pagenum" id="Seite_259">[259]</span>
-Malcroix nach Schwarzhausen wurde das Interesse für
-die Windemuths in den Hintergrund gedrängt.</p>
-
-<p>Man konnte sich zuerst gar nicht darein finden, daß
-der verachtete Name mit einem Male so hoch in Ehren
-stand, daß viele Fremde nach Schwarzhausen kamen
-und die Unbequemlichkeit des Reisens auf der Nebenlinie
-und Klingelbahn nicht scheuten, nur um die Heimat des
-großen Geigers zu besuchen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und nun, da der Sohn den befleckten Namen des
-Vaters wieder ehrlich gemacht, also daß jeder mit abgezogenem
-Hute davor stand, nun führte Bertold wieder
-den Namen »Eik von Eichen«. &ndash; Er war und blieb
-eben »närrsch« und für die Schwarzhausener unverständlich.
-Und unverständlich blieb ihnen lange Zeit der
-ungeheure Aufschwung, den der Betrieb der Fabriken
-nahm, &ndash; es war doch unmöglich, daß der »Musikant«
-sich solche Fach- und Sachkenntnis angeeignet hatte,
-die den Erfolg bedingten.</p>
-
-<p>Bertold Eik schritt durch alle Neugierde, allen
-Spott und einen guten Teil Nichtachtung, die sich trotz
-der acht Jahre gut erhalten hatte, mit eherner Stirn
-hindurch.</p>
-
-<p>Der alte Herr von Eik hatte sich wieder erholt,
-aber er überließ dem Enkel die volle Verwaltung aller
-Geschäfte, und dieser ehrte den Großvater als Senior und
-holte seinen Rat ein, kehrte jedoch mit eisernem Besen jeglichen
-zopfigen Schlendrian aus. Das schaffte ihm einige
-neue Feinde zu den vielen alten, aber es verschaffte ihm<span class="pagenum" id="Seite_260">[260]</span>
-auch treue Anerkennung und der Erfolg war auf seiner
-Seite.</p>
-
-<p>Der Eichenborn blieb geheimnisvoll, weil niemand
-gebeten wurde, ihn von innen zu besehen; man munkelte
-von Lebenspülverchen, die darin nach einem Teufelsrezept
-verfertigt würden und zu tausendjährigem Dasein
-berechtigten. Irgendwo mußte ja immer noch die
-Tante Adelgunde leben, die man nie mehr sah; und
-doch brachte man nicht die Hundertjährige mit der
-geheimnisvollen Person in Verbindung, welche Bertold
-mit auf Reisen nahm und durch Heben und Tragen vor
-jeder unsanften Berührung schützte.</p>
-
-<p>Es war doch weit interessanter, vom »schlechten
-Kerl« zu sprechen und sich alle seine schlimmen Taten ins
-Gedächtnis zurückzurufen, als in dem Herrn von Eichenborn
-einen ruhigen, arbeitsamen Staatsbürger zu sehen.</p>
-
-<p>Der Eichenborn blieb geheimnisvoll, weil das langgestreckte,
-düstere Haus niemals Gäste sah, niemals
-Fremde hineinließ. Und weil Dienstbotenklatsch keinen
-Nährboden hatte, denn die Schar der Dienenden im
-Eichenborn war altbewährt und wurde im Todesfall
-immer nur durch erprobte und empfohlene Verwandte
-des Verstorbenen ersetzt.</p>
-
-<p>Die neue Zeit schritt rings um den Eichenborn und
-Bertold Eik <em class="antiqua">junior</em> tat ihr weit die Pforten der Fabrikräume
-auf und setzte sie auf den Ehrenplatz. &ndash; Was
-zum Wohle der Arbeiter geschehen konnte, das wurde
-in den Eikschen Fabriken eingeführt; alle neuen Erfindungen<span class="pagenum" id="Seite_261">[261]</span>
-im Betriebe der Schutzeinrichtungen fanden
-einen warmen, tätigen Förderer in dem jungen Besitzer.
-Aber die neue Zeit kam nicht nach dem Eichenborn
-selbst; sie mußte Halt machen vor dem mächtigen
-schmiedeeisernen Portal, das jeden Abend mit wuchtigem
-Schlüssel verwahrt wurde, und sie durfte sich nicht
-einmal erlauben, den uralten Klopfer durch den kleinen,
-weißen, elektrischen Knopf zu ersetzen.</p>
-
-<p>Der Fürst des Landes war durch Schwarzhausen
-gereist und hatte dem Städtchen dadurch ungeheure
-Kosten, Mühe und Aufregung bereitet. Und wenn wirklich,
-wie man sagt, der Grad der Kultur eines Volkes
-nach dem Verbrauch der Seife abgemessen wird, so stand
-Schwarzhausen durchaus auf der Höhe.</p>
-
-<p>Aber der Fürst fuhr mit dem ernstesten Gesicht
-durch all die Reinlichkeit und Kultur, selbst der Anblick
-der jungen und alten Ehrenjungfrauen vermochte
-sein Antlitz nicht zu erhellen, trotzdem die alten schon
-seinen Vater und Großvater begrüßt hatten.</p>
-
-<p>Ohne Aufenthalt begab er sich nach den Eikschen
-Fabriken, wo er alles auf das eingehendste besichtigte.
-Und der Abend fand den Landesherrn nicht auf dem
-Honoratiorenball in der Thüringertanne, wo verschiedene
-Hände und Knopflöcher bereit waren, Segen zu empfangen,
-sondern er fand ihn im Gartenhause des Parkes
-Eichenborn, und das Gesellschaftstempelchen sah zum
-erstenmal wieder fürstliche Gäste, wie in längst vergangenen
-Glanztagen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_262">[262]</span></p>
-
-<p>Schwarzhausen hatte Ursache, wieder den Kopf zu
-schütteln. Denn der als streng moralisch bekannte Fürst
-machte auch der geheimnisvollen Liebsten des jungen
-Bertold seinen ehrenden Besuch, ja er nahm sogar das
-»Pfand der Liebe«, die Frucht des unerhörten, lichtscheuen
-Verhältnisses mit nach der Residenz, damit die
-musikalische Ausbildung durch berühmte Hände erfolge.</p>
-
-<p>Die neue Schwarzhausener »Schmach«, welche
-Bertold Eik den sittenstrengen Mitbürgern angetan hatte,
-war ein vierzehnjähriger Knabe, der in Eichenborn vom
-Rektor Tüllen unterrichtet wurde, wie denn überhaupt
-Tüllen und Brennstoff auf Wunsch der Eiks sich dauernd
-in Eichenborn niederließen.</p>
-
-<p>Der »Sohn« von Bertold Eik <em class="antiqua">junior</em> wurde Fritz
-Bach genannt, und trotzdem sich der Fürst zu der unerhörten
-Heimlichkeit hergab, die sich im Gartenhause
-des Eikschen Parkes abspielte, und trotzdem überall
-wachthabende Eichenborner Garde auf Posten gestellt
-war, hatte doch ein Schwarzhausener Schlingel Gelegenheit,
-sich in einem Tannenwipfel einzunisten; er
-erzählte dem atemlos lauschenden Städtchen, daß der
-Fürst neben »<em class="gesperrt">der</em>« gesessen. Er habe ihr sogar eigenhändig
-einen Schemel gebracht. Bertold Eik <em class="antiqua">junior</em>
-habe Geige gespielt, worauf der Fürst ihn <em class="gesperrt">umarmt
-und geküßt habe</em>. Das gleiche habe darauf plötzlich
-»Fritz Bach« getan und Bertold Eik habe darüber
-herzhaft gelacht, worauf der Fürst laut und deutlich
-gesagt habe: »Mein lieber Eik, auch ohne Ihr Geigenspiel,<span class="pagenum" id="Seite_263">[263]</span>
-schon durch Ihr Lachen allein wären Sie der
-musikalischste Mensch unter der Sonne!«</p>
-
-<p>Man konnte sich nur denken, daß der Fürst schon
-»alt« wurde und deshalb solche &ndash; (mit tiefem Bückling
-wurde es gesagt) &ndash; <em class="gesperrt">Ungereimtheiten</em> vorbrachte. &ndash;
-Außerdem hatten sich Durchlaucht ja nie die Mühe gegeben,
-sich zu überzeugen, wie seine übrigen Landeskinder
-lachten, so z. B. ganz besonders laut die Tochter
-des Bürgermeisters, wenn sie keinen Heuschnupfen hatte.</p>
-
-<p>Irgend einen Haken besaß natürlich die ganze
-Geschichte; denn trotzdem der Fürst öfters »unerhört
-gemütlich« zu den Eiks kam und Bertold Eik <em class="antiqua">junior</em> der
-Lieblingsgast des fürstlichen Residenzschlosses wurde,
-nannte sich noch niemand der Eiks »Kommerzienrat«
-und nicht die geringste Ordensdekoration wurde von
-ihnen getragen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Es war gut, daß das Schicksal dem Städtchen
-Ersatz gab und es an einem anderen Schwarzhauser
-Kinde Freude erleben ließ. Das war die Frau Liselotte
-von Windemuth, die nun als junge, ehrbare Witwe des
-Oberleutnants in ihr Vaterhaus eingezogen war. Daß
-die achtundzwanzigjährige Frau keinen Verkehr suchte,
-sondern nur der Erziehung ihres Töchterchens lebte, daß
-sie weder Kaffees, noch Abendgesellschaften mitmachte,
-sondern sich der Pflege der Musik hingab, war freilich
-nicht nachahmenswert, aber sie war ja ein Mensch und
-Fehler haben <em class="gesperrt">die</em> alle. Die Schwarzhausener rechneten
-sich selbst nicht eigentlich in die Kategorie des <em class="antiqua">homo<span class="pagenum" id="Seite_264">[264]</span>
-sapiens Linné</em>, sie waren eben etwas Besonderes,
-waren »Fürstlich Schwarzhausensch«.</p>
-
-<p>Frau von Windemuth hätte wohl eigentlich bei
-ihrer Jugend noch nicht so allein leben sollen, aber
-sie war nicht zu bewegen, der verstorbenen Base Juliane
-eine würdige Nachfolgerin zu geben, und setzte allen Anzapfungen
-dieser Art ein Lächeln entgegen, von dem
-man nicht recht wußte, ob man es lieblich oder spöttisch
-nennen dürfe.</p>
-
-<p>Wunderschön war jedenfalls die junge Witwe, und
-um einen Blick aus den stahlblauen Augen zu erhaschen,
-ging, fuhr und ritt die Schwarzhausener Männlichkeit
-mit besonderer Vorliebe durch die Straße, wo sie
-wohnte, und der Verkehr in diesem Stadtteil hob sich,
-ohne daß Frau Liselotte selbst eine Ahnung hatte.
-Einige hochangesehene, ernsthafte Bewerber waren über
-die Schwelle des Windemuthhauses geschritten, aber die
-junge Frau zeigte keine Bereitwilligkeit, ihr eigenes
-Ansehen und ihre Ernsthaftigkeit zu teilen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>So mußte man sich damit begnügen, manchmal
-beim Sonnenuntergang vor dem Zaun des parkartigen,
-dicht verwachsenen Gartens zu stehen und nach dem
-geöffneten Fenster des ersten Stockwerkes zu spähen,
-»bis die Liebliche sich zeigte«.</p>
-
-<p>Aber sie zeigte sich nie.</p>
-
-<p>Nur die wunderbar weiche Altstimme drang zu den
-Lauschenden, ein Klang wie aus anderen Welten: »Aus<span class="pagenum" id="Seite_265">[265]</span>
-der Jugendzeit, aus der Jugendzeit klingt ein Lied
-mir immerdar&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Das kleine sechsjährige Wesen, das man im Windemuthsgarten
-spielen sah, hatte den Unternehmungsgeist
-der Mutter geerbt. Es stieg über den Windemuthzaun
-in Nachbargärten und sprach mit den Inhabern wie ein
-alter Verstandskasten. Es lernte stundenweise ernsthaft
-sein Abc und teilte ein Herzchen voll Liebe mit Blumen,
-Vögeln, Puppen, Mutti und dem lieben Gott.</p>
-
-<p>Stahlblaue Augen schauten aus rosigem Gesicht
-lachend und zeitweise wiederum ernsthaft prüfend. Flimmernde
-Goldlöckchen umrahmten eine feine Stirn und
-unter dem geraden Näschen plauderte ein nicht allzukleiner
-Mund mit Mausezähnchen und etlichen Zahnlücken.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die Puppen des quecksilbrigen Wesens liebten weite,
-gefährliche Spazierfahrten in der »Kajüte«, wie der
-uralte Puppenwagen genannt wurde; und manche hatte
-schon ihr Dasein eingebüßt bei den verwegenen Ausflügen
-und lag begraben im Garten. Etliche waren
-Krüppel für Lebenszeit und dadurch ganz besonders
-verhätschelte Lieblinge.</p>
-
-<p>Frau Liselotte erlaubte ihrem Kinde Selbständigkeit.</p>
-
-<p>Automobile und elektrische Bahnen gab es nicht in
-Schwarzhausen; kläffenden, knurrenden Hunden trat das
-kleine Mädchen furchtlos entgegen und der Begriff des
-Bösen und Schlechten ging ihm überhaupt ab, so daß<span class="pagenum" id="Seite_266">[266]</span>
-es mürrische und garstige Leute einfach fragte: »Was
-fehlt dir?«</p>
-
-<p>Vor dem lauschigen, verwachsenen Eingang zum
-Eichenborn, darinnen die Quelle murmelte, war die
-Kleine wohl manchmal mit ihrem Puppenwagen stehen
-geblieben und hatte in das tiefe Grün des Parkes
-hineingestaunt. Denn es erbte die Eigenart der Mutter,
-allüberall Melodien zu hören, und im Eichenborn schienen
-wundersüße Klänge in der Luft zu hängen. Aus der
-Quelle tönten sie, aus dem Gründickicht quollen sie
-hervor und dort unten, wo sich das silberne Band der
-wilden Gera schlängelte und das dunkle Gartenhaus
-stand, schienen sich die Weisen zu einer geheimnisvollen
-Symphonie zu verdichten.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Schon oft wollte das kleine Persönchen all dieses
-näher ergründen, aber »Mutti« hatte es immer vor
-dem Eichenborn besonders eilig gehabt und das Kind
-rasch vorbeigeführt.</p>
-
-<p>So lebte in der Kleinen das unbewußte Gefühl, daß
-der Eichenborn verbotenes Gebiet sei.</p>
-
-<p>Wenn aber das Schicksal es gerade vor dem Eichenborn
-erlaubte, daß die Lieblingspuppe heftiges Nasenbluten
-bekam und abgewaschen werden mußte, dann
-konnte man natürlich ohne Bedenken hineingehen, und
-ebenso mußte es jedermann als berechtigt ansehen, daß
-man die Schwerleidende nach dem Abwaschen noch ein
-wenig in dem stillen Parke umherfuhr.</p>
-
-<p>Also die kleine Diplomatin.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_267">[267]</span></p>
-
-<p>Sie schritt mit Trippelschrittchen den Melodien
-nach und machte mit erhobenem Zeigefinger ihre zwei
-Puppen auf die immer lauter werdenden Klänge aufmerksam.
-Vor dem Gartenhause hob sie unter Ächzen
-und Seufzen den schweren Puppenwagen über die
-Schwelle und schob ihn und sich selbst durch die Tür
-in die große, altväterisch möblierte Diele. Da saß ein
-steinaltes Mütterchen am Spinnrade.</p>
-
-<p>»Um Verzeihung&nbsp;&ndash;« begann die Kleine mit tiefem
-Knix, »sind Sie vielleicht Frau Holle?«</p>
-
-<p>Sie nannte sonst noch alle Menschen »du«, aber bei
-Personen aus dem Märchenlande mußte eine höfliche
-Ausnahme gemacht werden.</p>
-
-<p>»Komm her zu mir,« rief ein verstaubtes, heiseres
-Stimmchen, aber die Kleine wehrte ab. »Danke, danke,
-ich muß rasch zu Mutti, aber vorher möchte ich ›das
-da‹ sehen.«</p>
-
-<p>Ohne Zögern klinkte sie das Nebengemach auf, und
-»das da« stand vor ihr und starrte mit Schrecken und
-Entzücken in das liebe Kindergesicht.</p>
-
-<p>»Liselotte!« rief der große dunkle Mann, der die
-Geige im Arm hielt, aus welcher die märchenhaften
-Klänge gekommen waren.</p>
-
-<p>Ein grauer Papagei, der im Bauer am Fenster
-saß, fing plötzlich an, sich wild und heftig im Ringe
-zu schaukeln.</p>
-
-<p>»Liselotte! Bertold!« krächzte er.</p>
-
-<p>Die Kleine erschrak und machte einen tiefen Knix.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_268">[268]</span></p>
-
-<p>»Woher weiß er es?« fragte sie neugierig und
-schmiegte sich an den Mann.</p>
-
-<p>»Was meinst du, du liebes Kind? Heißt du nicht
-Liselotte?«</p>
-
-<p>Bertold Eiks Hand strich sacht und zärtlich über das
-blonde Gelock.</p>
-
-<p>»Nein, ich heiße Elfi. Aber die beiden hier.«</p>
-
-<p>Sie schlug die Wagendecke zurück und hob zwei
-Puppenkinder hoch, das eine im Steckkissen mit verbundener
-Nase, das andere in schwarzen Samthöschen:
-»Liselotte und Bertold«.</p>
-
-<p>»Liselotte! Bertold!« schrie der Papagei.</p>
-
-<p>»Siehst du, er weiß es,« triumphierte Elfi, »woher
-weiß er es?«</p>
-
-<p>»Das war immer so,« murmelte der große Mann,
-dann legte er mit raschem Griff die Geige in den Kasten,
-hob die federleichte Elfi hoch, was die Kleine zu jubelndem
-Lachen veranlaßte, und drückte sie stürmisch an
-seine Brust.</p>
-
-<p>»Du hast mich wohl lieb?« fragte sie erstaunt-zutraulich,
-und ihre Ärmchen legten sich weich und
-herzlich um seinen Hals.</p>
-
-<p>Dann zog sie ein verknülltes, nasses Taschentüchlein,
-mit dem sie vorhin die Puppe abgewaschen, aus dem
-perlengestickten Margaretentäschchen und wischte damit
-dem fremden Mann über das Gesicht.</p>
-
-<p>Denn er hatte Wasser in den Augen und immer mehr
-Tränen kamen noch, trotzdem ihm die Elfi so mütterlich-zärtlich<span class="pagenum" id="Seite_269">[269]</span>
-zusprach, genau so, wie es ihre eigene Mutti
-bei ihr selbst tat: »Nicht weinen, &ndash; nicht doch &ndash;
-es ist ja gar kein Grund da!«</p>
-
-<p>Plötzlich lachte er herzlich und glücklich, was sehr
-hübsch klang, und sie durfte mit ihren kleinen Fingerchen
-die Saiten der Geige zupfen und nach Herzenslust
-mit ihrem neuen Freunde plaudern. Sie erzählte von
-Mutti und vom Windemuthhaus und dem großen Garten,
-und daß Großvater und Großmutter und auch der
-Papa im Himmel seien und daß Mutti oft weine.</p>
-
-<p>Unglaublich rasch verflog die Zeit, denn der ernste
-Mann und das holde Kind hatten sich gar so viel zu
-erzählen, und als endlich Elfi mit dem Puppenwagen
-heimfuhr, lag zutiefst auf seinem Boden ein graues,
-närrisches Bündel und Klein-Elfi und Bertold von Eik
-hatten ein wundersüßes, großes Geheimnis miteinander.</p>
-
-<hr class="tb" />
-<div class="chapter">
-<p>Frau Liselotte schritt in ihrem Garten auf und
-ab; er war so dicht verwachsen, daß er sie vor jedem
-Späherauge schützte, und das war gut und verständig
-von seinen dichten Zweigen. Denn in den lieben Garten
-des Vaterhauses trug Frau Liselotte viel heimlichen
-Kummer; all die vertrauten Stellen darin kannten
-ihr Leid, wußten, wie schwer sie an der Ehe mit Hans
-von Windemuth getragen hatte, und wie sie geistig beinahe
-verhungert war an seiner Seite. Sie war auf
-Wunsch des Arztes nach dem plötzlichen Tode des Gatten
-auf Reisen gegangen, aber Mutterliebe trieb sie wieder,<span class="pagenum" id="Seite_270">[270]</span>
-seßhaft zu werden, weil Klein-Elfi nicht die Unruhe
-vertrug. Frau Liselotte hatte sich eine Villa im Tiergarten
-gemietet, um ihre Stimme in Berlin noch weiter
-auszubilden, aber sie litt unter dem Tanz um das
-goldene Kalb, der begann, als man erfuhr, daß die
-schöne Gesangschülerin der Königlichen Hochschule reich
-und frei war.</p>
-</div>
-
-<p>Ernst und unnahbar wurde sie und &ndash; einsam.</p>
-
-<p>Dann kam der Konzertabend in der Singakademie,
-an dem sie Bertold Eik zum ersten Male wiedersah.</p>
-
-<p>Wiedersah als großen, unerreichten Künstler.</p>
-
-<p>Und das Kinderherz in ihr flog ihm entgegen und
-alles Trennende schien zu versinken, aber sie hörte, daß
-er jäh die Künstlerlaufbahn abgebrochen habe und die
-großen Besitzungen der Eiks übernehmen werde. Sie
-hörte, daß seine schwere einstige Kopfwunde ihm immer
-noch zu schaffen machte, und man verhehlte ihr nicht
-die häßlichen Einzelheiten ihrer Entstehung.</p>
-
-<p>Auch seine geheimnisvolle Begleiterin sah sie und
-hörte von ihr, aber nichts von alledem drang in das
-Stillste und Tiefste ihres Herzens, das dem Jugendfreunde
-seit Urbeginn gehörte.</p>
-
-<p>Und als die Sehnsucht nach der Thüringer Heimat
-sie packte und schüttelte, daß sie meinte in der fremden
-Großstadt verzagen zu müssen, da ließ sie die Pforten
-ihres Vaterhauses öffnen, ließ Licht und Luft und Sonne
-durch die unverhüllten Fenster einziehen und duckte sich
-mit ihrem Kinde in das stille, sonnenwarme Nest.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_271">[271]</span></p>
-
-<p>Heute an dem Sommernachmittag, der sich schon
-sacht mit dem Abend grüßte, wartete Frau Liselotte
-auf Elfi, die ihren Gesundheitsspaziergang mit den
-Puppen etwas gar zu lange ausdehnte, so daß die
-Mutter schon ein paarmal in Sorge über den Gartenzaun
-gelugt hatte.</p>
-
-<p>Nun setzte sie sich in die Geisblattlaube und die
-sonst immer fleißigen Hände, die am liebsten jedes
-Stück, dessen der Liebling bedurfte, selbst nähten, lagen
-gefaltet auf der kühlen Platte des alten Steintisches.</p>
-
-<p>Allgemach kam ein süßes Träumen über sie und
-der Kopf sank auf die verschlungenen Hände.</p>
-
-<p>»Gewiß weint Mutti wieder,« meinte Elfi zu sich
-selbst, die ganz leise durch das Gartenpförtchen über den
-weichen Rasen herangefahren war. Ein glückliches Lachen
-überzog das Schelmengesicht und wechselte mit einem
-rührend sorglichen Ausdruck.</p>
-
-<p>Was hatte der große, gute Herr im Eichenborn ihr
-zugeflüstert?</p>
-
-<p>»Wenn deine Mutti wieder weint, dann leg ihr
-dies Bündelchen in den Schoß; gib acht, sie wird
-dann froh.«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und Elfis Herzchen pochte in Erwartung, das
-graue Bündel wanderte aus dem Puppenwagen auf den
-alten Steintisch und berührte die gefalteten Hände der
-Ruhenden. Langsam und verträumt hob Frau Liselotte
-den blonden Kopf und kichernd schlüpfte Klein-Elfi, sich
-versteckend, hinter einen dichten Fliederbusch.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_272">[272]</span></p>
-
-<p>Von dort aus sah sie, daß Mutti gar nicht geweint,
-vielleicht nur ein wenig geschlafen hatte, aber nun
-lag der Trost doch einmal neben ihr und&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>O was hatte Elfi da angerichtet!</p>
-
-<p>Sie sah, wie das Bündel mit stürmischen Küssen
-bedeckt wurde, wieder und immer wieder, und die Mutti
-rief einen Namen dabei, den Elfi nicht verstand; was
-sie aber wohl verstand, war, daß Mutti <em class="gesperrt">nun</em> weinte,
-&ndash; weinte, wie Elfi es nie gesehen, herzbrechend und
-bitterlich.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Also hatte der Herr vom Eichenborn unrecht gehabt
-und sehr, sehr bös gehandelt, daß er der Mutti
-solchen Kummer mit dem greulichen Bündel verursachte,
-und Elfi war sofort entschlossen, es ihm zu sagen,
-gleich jetzt &ndash; sofort.</p>
-
-<p>Die flinken Beinchen legten den kurzen Weg unglaublich
-rasch zurück und Bertold von Eik war sehr
-erstaunt, seine kleine, neue Freundin sobald schon wieder
-zu sehen. Der Plaudermund Elfis strömte über von
-raschen, zornigen Vorwürfen und sie verhehlte ihm gar
-nichts von dem jähen Leid, das über Mutti beim Anblick
-des grauen Bündels gekommen war.</p>
-
-<p>Noch viel zorniger aber wurde ihr Herzchen, als sie
-den großen Herrn lachen sah, ganz strahlend und herzlich
-lachen, und sie wehrte sich mit Händen und Fäustchen,
-als er sie stürmisch lieb haben wollte, und fing nun selbst
-an, kläglich zu weinen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_273">[273]</span></p>
-
-<p>Da wurde er ernst und redete gute, liebe Worte
-und sie legte vertrauensvoll ihre kleine Rechte in die seine
-und er ließ sich von ihr leiten bis ins Windemuthhaus.</p>
-
-<p>Dort ließ sie aber die große Hand nicht los,
-sondern gemeinsam schritten die beiden durch das Portal
-des Windemuthhauses und hinaus in den Garten.</p>
-
-<p>Erst vor der Geisblattlaube löste sich Elfis Händchen
-aus der Hand des Freundes, und sie stieß ihn ein
-wenig unsanft hinein. »Da!« sagte sie nur&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Und der große ernste Herr von Eichenborn mußte
-seine böse Tat wohl sehr bereuen, denn er lag vor
-Mutti auf den Knien und küßte immer wieder ihre
-beiden Hände und diese Hände legten sich auf seinen Kopf
-und schlangen sich um seinen Hals und Mutti, die
-gute Mutti, schien ihm auch verziehen zu haben, denn
-sie küßte ihn ja und sah unbeschreiblich glückselig aus.</p>
-
-<p>Da umfing Klein-Elfi beide liebe Menschen mit
-ihren weichen Kinderarmen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-<hr class="tb" />
-
-<p>An Tante Adelgundes hundertstem Geburtstag
-führte Bertold Eik von Eichen seine Liselotte heim. &ndash;
-Eine hundertjährige Bürgerin hatte Schwarzhausen seit
-seiner Begründung noch nicht aufzuweisen gehabt.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die Schwarzhausener waren sehr stolz.</p>
-
-<p>Nirgends in der Welt passierten so seltsame Dinge,
-wie in ihrem Städtchen, und es hatte den Anschein,<span class="pagenum" id="Seite_274">[274]</span>
-als ob der liebe Gott die Schwarzhausener ganz besonders
-liebte und ehrte.</p>
-
-<p>Denn daß die liebe, gute Liselotte Windemuth,
-die so viel für die Armen der Stadt tat, den Bertold Eik
-heiratete und damit den einzigen schlechten Kerl, den
-Schwarzhausen aufzuweisen hatte, zur Besserung vorbereitete,
-das wollten sie ihr nie vergessen, ja manchem
-dämmerte es in seinem Pharisäerherzen, daß Herr
-Bertold Eik von Eichen es doch am Ende verdiente,
-ein Schwarzhausener Bürger zu sein.</p>
-
-<p>Und mehr kann der Leser wohl von Schwarzhausen
-nicht verlangen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-<hr class="tb" />
-<hr class="tb" />
-
-<p>»Du willst meinem Enkel das Glück bringen?«
-fragte Eik <em class="antiqua">senior</em> die junge, blonde, schöne Frau.</p>
-
-<p>Es war am Abend ihres Hochzeitstages.</p>
-
-<p>»Ich will ihm die <em class="gesperrt">Heimat</em> geben,« antwortete
-Liselotte schlicht.</p>
-
-<p>Da schloß der alte grimme Eik sie in seine Arme,
-und er fühlte seherisch, daß das heilige Feuer in diesen
-beiden Menschenkindern wohl imstande sein würde, das
-Gold, welches im Eichenborn verborgen lag, von allen
-Schlacken zu läutern.</p>
-
-<p>Vom Großvater fort schritten Bertold und Liselotte
-in Tante Adelgundes Gemächer.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_275">[275]</span></p>
-
-<p>Und das Geburtstagskind segnete sie und gab ihnen
-die silberbeschlagene Bibel, aus der sie noch eben gelesen:
-»Und wenn ich mit Menschen- und Engelszungen redete
-und hätte der <em class="gesperrt">Liebe</em> nicht, so wäre ich tönendes Erz
-und klingende Schelle&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Denn sie ist die Größeste&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;!</p>
-
-<p>Fräulein Adelgunde blickte aus hellen Augen dem
-schönen Paare nach &ndash; es schritt Hand in Hand über den
-Hof des Herrenhauses und dann stand es vom hellen
-Mondlicht beschienen im gegenüberliegenden Turmzimmer,
-dem Brautgemach, von dem man weithin schauen
-konnte über die geliebten Thüringer Berge.</p>
-
-<p>Ein Rauschen ging durch die Edeltannen, wie
-eine ernste Mahnung, und ihr herbes Duften war wie
-stilles Grüßen in dieser heiligen Nacht.</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Heimat ist Glück</em>,« murmelte die Hundertjährige.</p>
-
-<p class="center p2">
-Ende.
-</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-Lange Folgen von Gedankenstrichen wurden gekürzt.
-Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-<div class="corr">
-<p>
-S. 64: auf Jungen → auf ihren Jungen<br />
-sah bekümmert auf <a href="#corr064">ihren</a> Jungen</p>
-<p>
-S. 65: Eikens → Eichens<br />
-zerstörende Erbteil der Eik von <a href="#corr065">Eichens</a></p>
-<p>
-S. 78: Vater doch → Vater hat doch<br />
-dein Vater <a href="#corr078">hat</a> doch auch</p>
-</div>
-</div>
-
-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>DIE EIKS VON EICHEN</span> ***</div>
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-
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-to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-</div>
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-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
-public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
-visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This website includes information about Project Gutenberg&#8482;,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-</div>
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