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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Die Eiks von Eichen - Roman aus einer Kleinstadt - -Author: Felicitas Rose - -Release Date: February 15, 2022 [eBook #67409] - -Language: German - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE EIKS VON EICHEN *** - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text - ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist - ~so markiert~. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Die Eiks von Eichen - - Roman aus einer Kleinstadt - - von - - Felicitas Rose - - Sechsundvierzigstes bis fünfzigstes Tausend - - Berlin * Leipzig * Wien * Stuttgart - - Deutsches Verlagshaus Bong & Co. - - - - -~Alle Rechte vorbehalten~ - -~Copyright 1910 by Deutsches Verlagshaus Bong & Co.~ - - -~Graphia Akt.-Ges. vormals C. Grumbach in Leipzig~ - - - - -[Illustration] - - - - - _Motto_: - - Dort an der Ecke das alte Haus - Wird doch noch stehn? - An dem die Leute tagein, tagaus - Vorübergehn? - -- -- -- -- -- -- -- -- -- - O heil’ge Heimat, ich grüße dich - An jedem Ort -- -- -- - - Carmen Sylva. - - -Da stand es noch. -- Genau wie einst im Schatten der uralten Eichen. - -Grau und langgestreckt mit einer langen Reihe niedriger Fenster. Und -aus dem Giebelfenster schauten die steinernen Pferdeköpfe, beide von -einem steinernen Eichenkranz umschlungen. - -Wie ging noch die Sage? Die Sage vom Eichenborn? - -Im Jahre 1298 hatte von diesem Fenster aus ein Jungfräulein Eik von -Eichen nach ihrem Liebsten ausgeschaut. - -Das war ein Musikant gewesen, »ein fahrender Schüler, ein wilder -Gesell«, den erst die allmächtige Liebe zahm gemacht. Der ergrimmte -Vater hatte gesprochen: - -»Ebensowenig wie meine Rösser hier oben in deine Kemenate steigen, sich -unser Wappen umhängen und aus dem Fenster hinabschauen ins Tal der -wilden Gera, ebensowenig sollst du und dein Buhle jemals es tun.« - -Aber da hatte es plötzlich getrammst und getrappelt, und die beiden -Rosse waren die gewundenen Treppen hinaufgestiegen, umschlungen von -einem Eichenkranz. Sie hatten sich eng aneinander geschmiegt und -schauten ins Tal der wilden Gera, darinnen der herzwunde, einsame -Spielmann seines Weges zog. - -Darauf gab es eine fröhliche Hochzeit und -- wenn sie nicht gestorben -sind, so leben sie heute noch. - -Es gab kaum einen alten Mann oder eine alte Frau in Schwarzhausen, die -nicht auf diese Legende schworen. - -Hinter dem schloßähnlichen Gebäude lag der weite, große, grasbestandene -Hof, in seiner Mitte standen steinerne Bänke um einen Riesentisch, und -über diesem Platz wölbte ein alter Nußbaum seine Riesenzweige. - -O wie duftete ein Blatt von diesem Baum, wenn man es in die warme -Kinderhand nahm -- -- -- - -Alles kann man vergessen in der raschen, hastenden, lockenden Welt da -draußen, aber diesen Duft nicht, -- niemals -- -- -- - -Und auch jenen leisen Klang nicht, so eng verwachsen mit der -Kinderzeit, -- jenes melancholische Rieseln und Rauschen des alten -Brunnens im Grashof, der unter einem knorrigen Fliederstrauch stand. - -Hatte man sich müde gespielt, dann setzte man sich unter den Nußbaum, -oder lief nach dem Fliederstrauch und pflückte sich schwere zartlila -Dolden. Die kleinen Blütchen steckte man ineinander und hing sich dann -die langen Ketten um den Hals, -- wie stolz sah man aus! Nicht nur die -Gespielen, -- nein, alle Hühner und Enten und der große, kollernde -Truthahn und der bunte, häßlich schreiende Pfau bewunderten die kleine -Tochter des Hauses. - -Und ab und zu lief man nach dem Brunnen und besprengte die lila -Fliederdolden -- -- oh -- Nußbaum und Fliederstrauch -- -- -- - - * * * * * - -Schwer seufzte die junge Frau auf. - -»Mutter, sind wir jetzt daheim?« fragte eine klare Knabenstimme. - -Da konnte sie zum erstenmal wieder weinen. - -»Ja, Bertold, wir sind daheim!« - -Und sie nahm den Knaben fest an der Hand und schritt mit ihm über die -Schwelle ihres Vaterhauses. - - * * * * * - -In der dämmerigen Diele, in die sie eintraten, war es köstlich kühl. -Die schwere Eichentür schloß sich hinter ihnen und sperrte die sengende -Mittagsglut eines heißen Julitages ab. - -Der von langer Postfahrt ermüdete Junge atmete hoch auf. »Hier ist’s -schön, Mutter.« - -Rings an den Wänden hingen Ölbilder. Ehrbare, ernste Gesichter in -steifen Ratsherrnkrausen sahen aus schwarzen, strengen Augen auf die -beiden Ankömmlinge nieder. - -»Sind das die Onkel und Tanten, zu denen wir wollen, Mutter?« fragte -der Knabe. - -»Nein, Bertold, -- diese hier sind lange tot.« - -»Aber Großvater lebt!« - -»Ja, mein Junge.« - -Es fröstelte plötzlich die junge Frau. - -Sie setzte sich auf die schmale Bank, die sich rings an der Diele -entlang zog, und lehnte den Kopf an die Holztäfelung. - -Die feinen Nasenflügel bebten und sogen den Duft des Heimathauses ein. -Thymian und Lavendel. -- - -Spurlos war die Zeit an diesem Hause vorübergegangen -- -- alles -deutete auf Thymian und Lavendel. - -Der kleine Bertold schlief auf der harten Holzbank und seine Mutter saß -und dachte nach in schwerer Beklommenheit. - -Sie wußte, daß jetzt niemand kam. - -Die Tante hielt ihren Mittagsschlaf, der Vater -- war wohl auch, wie -früher, zu dieser Stunde in seinem Arbeitszimmer, und Herr Eik von -Eichen ~junior~ kam nie in diesen Flügel des ausgedehnten Gebäudes. - -Sie sehnte sich plötzlich nach einer Menschenstimme. - -Wenn doch der alte Teichmann käme oder seine Frau, oder irgendeiner der -alten dienstbaren Geister. - -Sie wußte, daß auch in ihren Reihen die letzten acht Jahre keine -Veränderung gebracht hatten. - -Nervös strich sie an ihrem Trauergewand herunter. Herrgott, wie die -Gedanken auf sie einstürmten! - -Sie krochen aus den Wänden und aus den Fugen der Holztäfelung, sie -schwebten wie kleine Spukgeisterchen in der Luft und hingen in den -Verschnörkelungen der Goldrahmen. - -»Weißt du noch?« fragten sie wieder und wieder. - -Und die junge Frau dachte daran, wie sie vorhin scheu aus der -Postkutsche gestiegen war, damit der Postverwalter sie nicht sehen -sollte und auch seine Frau nicht, die hinter dem »Spion« saß und -strickte. - -Sonst würde es ja sofort jeder im Orte wissen -- - -Und wie sie den schwarzen, fadenscheinigen Regenschirm aufgespannt -und in der brennenden Mittagsglut unter seinem Schutze an den Häusern -entlang geschlichen war. - -Nur niemandem begegnen von den Menschen da draußen, -- von den guten -Freunden, getreuen Nachbarn -- -- und desgleichen. - -Aber jetzt -- jetzt sehnte sie sich nach einem Willkomm, -- nach einem -einzigen, kurzen, guten Wort. - -»Alle guten Geister loben Gott den Herrn, -- da sitzt Fräulein -Franziska!« - -Mit einem Schrei sprang sie auf, man wußte nicht, war’s ein Wehlaut -oder ein Jubelruf, und der alte Mann, der aus einem Seitengang -hervorgetreten war, setzte sich mit zitternden Knien auf dieselbe -Stelle, wo sie vorhin geruht, und starrte die Dame an. - -Der Knabe war jäh erwacht. Er rieb sich die Augen. - -»Bist du der Großvater?« fragte er beherzt. - -»Gott soll mich bewahren in meinen alten Jahren. Wie sollt’ ich mich -vermessen, auch nur zum Schein, und dein Großvater sein?« - -»Hieronymus!« jubelte die blasse junge Frau, -- »alter Hieronymus -Teichmann! Du bist’s noch! Gott Lob und Dank! Als du vorhin riefst: ›Da -sitzt Fräulein Franziska‹, gab es mir einen Stich ins Herz. Er reimt -nicht mehr, mein alter Teichmann -- -- -- dachte ich, -- aber nun --« - -Der alte Diener hatte die runzligen Hände vor das Gesicht geschlagen, -schwere Tränen quollen zwischen den Fingern hervor. - -»Herrgott, es war der erste Schreck, den hatt’ ich weg,« stammelte er -und trocknete sich die Augen. - -»Guter, lieber Teichmann!« - -Die junge Frau liebkoste seine rauhe Hand, sie lachte und weinte in -einem Atem. »Teichmann, ich bin daheim!« - -Der Alte war immer noch fassungslos. Er deutete auf den Knaben. - -»Ja, Teichmann, das ist mein Junge, -- hab’ ihn lieb, hörst du?« - -Er nickte lebhaft. - -»Herrgott, das Fräulein ist wieder da. Gott sei gepriesen, halleluja!« -murmelte Hieronymus Teichmann. - - * * * * * - -An diesem Abende wurden drei Dinge in die Annalen der Schwarzhausener -Geschichte aufgenommen. - -Da waren zum ersten die neuen Gaslaternen angekommen und aufgestellt, -zum zweiten war Franziska Malcroix, geborene Eik von Eichen wieder -heimgekehrt, nachdem ihr plötzlich verstorbener Mann sie völlig -mittellos und mit beflecktem Namen zurückgelassen, und drittens sollte -Fräulein Adelgunde Eik von Eichen so etwas wie der Schlag getroffen -haben, weil die verlorene Tochter des Hauses ihr die acht Jahre lang -geführten Schlüssel abverlangt und sich wieder an die Spitze des -Haushaltes gestellt hatte. - -Der Provisor der Apotheke hatte unter dem Siegel der Verschwiegenheit -einigen Honoratioren erzählt, daß ~Dr.~ Hempel im Hause Eichenborn -Schröpfköpfe gesetzt habe, wem?, wußte er nicht zu sagen. - -Aber mit ungewissen Dingen gaben sich die Schwarzhausener ungern ab -und wenn auch dem schlechten Kerl, dem alten Eiken zuzutrauen war, -daß er aus reiner Bosheit seinen Familienmitgliedern Schröpfköpfe -setzen ließ, -- so löste der Gedanke an einen Schlaganfall Fräulein -Adelgundens doch mehr Befriedigung aus in den Herzen der lieben -Mitmenschen. -- - -Der nächste Tag war ein Sonntag. - -Die Schwarzhausener waren heute alle in der Kirche, und der alte Herr -Pfarrer Klingenreuter lächelte fein, als er die Kanzel bestieg. - -Er hatte halb Schwarzhausen getauft, konfirmiert und getraut, er kannte -seine schwarzen und weißen Schäflein als getreuer Hirte. Er sah durch -ihre fromm emporgerichteten Stirnen in ihre unfrommen Gedanken. Und -predigte sehr schön und höchst unbequem heute vom Splitter im Auge des -Nächsten und vom Balken im eigenen Auge. Man war nicht befriedigt. -Vom Hören nicht und auch vom Sehen nicht. Denn der Kirchenstuhl der -Eik von Eichens blieb leer, und Fräulein Adelgunde, die nach dem -schweren Schlaganfall eigentlich auf dem Schragen liegen sollte, saß am -Fenster und häkelte ihre bekannte Gardinenspitze, von der Böswillige -behaupteten, sie ginge schon um das ganze Fürstentum herum. -- - -Es ward ein höchst langweiliger Sonntag vom Morgen bis zum Abend. Denn -man hatte gehofft, wenigstens an einem der Fenster des »Eichenhauses«, -wie es kurzweg genannt wurde, einen Schatten von Franziska Malcroix -oder ihrem Sprößling zu sehen, und vom Mittagessen an pilgerte ganz -Schwarzhausen dort vorbei, -- vergebens. Nur der alte Teichmann, der -so unverständig war, nie einen Ton über seine Herrschaft zu sagen, der -er seit fünfzig Jahren diente, -- ihn nur erspähte man. Er saß auf -seinem bekannten Platz, auf einer der steinernen Bänke im Grashof, -hatte sich das stadtbekannte Luftkissen untergeschoben, welches seit -zehn Jahren schadhaft war und von der guten Frau Teichmann unentwegt -aufgeblasen wurde. Man fürchtete sich etwas vor Hieronymus Teichmann, -denn man begriff immer noch nicht seine wunderliche Art zu reden, -trotzdem er schon als zehnjähriges Kind derselbe Reimschmied gewesen -war. Ja, die verstorbene Hebamme von Schwarzhausen behauptete unter -ihrem Eide, er sei »mit’n Versch« auf die Welt gekommen. - -Was sie damit sagen wollte, verstand niemand, aber unheimlich war’s. - -Nur Fräulein von Bebeleben, eine der zwanzig Stiftsdamen des adligen -Klosters Schwarzhausen, fürchtete sich nicht vor ihm und überhaupt vor -keinem Menschen und keinem †††. - -Deshalb stelzte sie mit großen Schritten in den Grashof, und nun stand -sie vor dem ungeheuer pfiffig Dreinschauenden. - -»Warum waren Sie heute nicht in der Kirche, Teichmann? Es könnte Ihnen -doch wahrhaftig nichts schaden, sich mit unserm Herrgott ein bißchen -auf du und du zu stellen.« - -Die Antwort war unbefriedigend. - -»Bei allem Respekt vor der Heiligkeit,« meinte Teichmann bedächtig, -»ich hatte dazu heut keine Zeit, und wo soviel Schafe im christlichen -Stall, kann so’n alter Hammel wohl fehlen mal, der liebe Gott ist ’n -braver Mann, aber ich schau’ ihn ganz gern von ferne an.« - -»Ketzer!« rief die Stiftsdame entsetzt und wendete ihm den Rücken. Da -lachte der alte Teichmann wieder sein feines, pfiffiges Lachen und -nahm sein geliebtes Buch vor seine große Hornbrille, das Buch, das er -Sonntags kaum aus den Händen legte, -- das Neue Testament. - -Aber die Frau Postverwalterin Nehring war heute die Heldin des Tages. - -Sie hatte ja die schwarzgekleidete Fremde, welche mit der Post ankam, -gesehen und -- erkannt. - -»Blaß, -- liebe Damen, war sie und verweint.« So lautete später ihr -Bericht. »Weiß wie mein Tischtuch, wenn ich’s Sonntags auflege, und -der Schirm zerlöchert; und das Kleid, -- höchstens eine Mark fünfzig -Pfennig das Meter bei Dingelmann und Sohn. Und der kleine Junge machte -’ne närr’sche ›Fichur‹, -- ich weiß nicht, hat er ’n Buckel, oder war’s -’n Rucksack.« - -Die Schwarzhausener beschlossen, daß es ein Buckel gewesen sei. - -Acht Tage später waren schon in aller Morgenfrühe die Fenster samt den -Spionen in Schwarzhausen besetzt, und junge und alte Leute drückten -sich die Nasen platt, -- Franziska Malcroix brachte ihren Sohn zur -Schule. Und vor dem Schulhause nahm sie das schöne Köpfchen in beide -Hände und küßte ihn auf die Augen. Dann ging sie heim. - -»Na, nun werden wir doch endlich was zu wissen kriegen.« - -»Wundern kann’s einen doch, daß der reiche Eik von Eichen dem Enkel -keinen Hauslehrer hält.« - -»Wenigstens bis zum richtigen Gymnasium.« - -»Man kann gespannt sein, was es für ein Früchtchen ist.« - -»Nun, auf den Kopf gefallen sind ja die Eik’s nicht.« - -»Die Franziska schon mal gar nicht.« - -»Und der Lump, der Malcroix, auch nicht, sonst wäre er nicht mit der -reichsten Schwarzhausener durchgegangen.« - -»Du lieber Gott, man freut sich ja wahrhaftig, wenn die Vaterstadt sich -durch Zuwachs vergrößert, ob aber der Buckolorum uns Ehre unters Dach -trägt -- der Enkel von so einem -- und der Sohn von so einem -- -- --« - -Nun, jedenfalls schärfte man den Kindern der Schule ein, heute -tüchtig aufzupassen und gleich, aber auch gleich nach Schulschluß -heimzuspringen, ohne erst vorher Stinnerte zu spielen. -- -- -- - - * * * * * - -Bertold Malcroix stand mit sehr unbehaglichen Gefühlen in der -Schulstube und wartete mit zwanzig andern Kindern, Knaben und Mädchen, -auf den Herrn Rektor. - -Es war eine Vorschule, die er bis zum zehnten oder elften Jahre -besuchen sollte, je nachdem er für reif erklärt wurde, ins Gymnasium -nach E. zu kommen. Auch Mädchen waren in der Klasse, die entweder beim -Herrn Rektor bis zu ihrem vierzehnten Jahre »weitergingen« und dann in -einen Dienst traten, oder -- eine Gouvernante bekamen. Die Rektorschule -erfreute sich eines großen Zuspruches und ungeteilter Beliebtheit nicht -nur im Orte, sondern auch in der Umgegend. - -Denn, was der Herr Rektor lehrte, das saß fest. - -Ja selbst die ganz Vernagelten profitierten noch etwas von ihm, ehe sie -abgingen; den dummen Buben gab er den ehrlichen Rat, nie zu heiraten, -damit diese Rasse ausstürbe, und den »törichten Jungfrauen« schenkte er -wenigstens »Kochrezepte«. - -Zu jedem einzelnen dieser Unbegabten aber meinte er gütig: - -»Du Brät! Sag’s nur kei’ Menschen, wie dei Lehrer geheißen hat.« -- -- - -Rektor Dillen war eigentlich kein Rektor, er hatte nur das zweite -Examen bestanden, aber zu seinem 50. Geburtstage beschloß man in -Schwarzhausen, ihn zu ehren, indem man ihn von diesem Tage an »Rektor« -nannte. Ihm selbst bekam die Standeserhöhung verhältnismäßig gut, aber -seine zarte, kleine, bescheidene Frau, die sogar vor der Köchin des -Herrn Bürgermeisters einen tiefen Knicks hinsetzte, war dem nicht mehr -gewachsen, und sie flüchtete sich aus dieser Welt der Titulaturen. - -Das war nun fünf Jahre her, und seitdem führte »Fräulein Rektor«, seine -alte Schwester, ihm die Wirtschaft. - -Sie pflegte zu sagen: »Ich habe bei Präsidents und bei Rats und bei -Majören gedient, -- nu werd’ ich wohl genug Benehmigung for’n Rektor -Dillen, meinen Herrn Bruder, haben.« - -Doch auch der Name des Rektors war falsch, er hieß eigentlich »Tüllen«. -Aber mit so unerhörten sprachlichen Anstrengungen befaßt sich der echte -»Dhiringer« nicht, und der Mann selbst stellte sich vor: »Mei Name is -Dillen.« - -Und als diesen Biederen einmal ein junger Kreisschulinspektor anschrie: -»Herr, wenn Sie Tüllen heißen, warum nennen Sie sich nicht so?«, -da antwortete er: »Es glingt so ibermit’ch, -- -- wenn ich ämol -Gultusminister bin, -- dann!« - -Und zu ihm kam Bertold Malcroix, d. h. vorläufig noch nicht, denn -es war erst acht Uhr und Rektor Dillen hatte die Angewohnheit, das -akademische Viertel innezuhalten, das einzige Zugeständnis, das er -einer glorreichen Vergangenheit machte, -- er hatte einst Theologie -studieren sollen. -- An seinem fünfzehnten Geburtstage war ihm diese -schwindelnde Aussicht eröffnet worden, die sich dann auch als Schwindel -erwies. Denn er bekam nach und nach vierzehn Geschwister, und die -fraßen ihm mit ihren hungrigen Mäulern die Zukunftshoffnungen auf, -wenigstens knabberten sie so lange an der »Kanzel« herum, bis nur ein -schlichtes »Katheder« übrig blieb. -- - -Vor diesem Katheder wartete Bertold Malcroix, bis es ein Viertel nach -acht sein würde, sämtliche Mitschüler und Mitschülerinnen standen um -ihn herum, aber sie redeten ihn nicht an, sie kicherten nur, schubsten -ihn ein wenig oder traten ihm auf die Füße, es mußte irgend etwas -Ehrenrühriges darin liegen, ein »Neuer« zu sein. - -Aber fünf Minuten vor ein Viertel auf neun flog ein kleines Mädchen -zur Tür herein, bahnte sich mit zwei rührigen Ellbogen durch die -Kinderschar eine Gasse und stand nun vor Bertold, den sie von allen -Seiten mit prüfenden Blicken musterte. - -»Du hast ja gar keinen Buckel!« rief sie dann. Das war ihre Begrüßung. -Bertold lachte. - -Es war ein herzliches, sonniges, frohes Kinderlachen, so recht aus dem -Innersten heraus, wie man es sonst nur bei ganz jungen Dreijährigen -hört, und das Gesicht des kleinen Mädchens erstrahlte bei diesem -Lachen, sie nahm den Jungen gleich fest bei der Hand. - -»Warum sollte ich denn einen Buckel haben?« Und wieder lachte Bertold. -Diesmal war’s ein Duett mit dem Mädel. - -»Sie sagten’s alle, -- aber es ist gut, daß du keinen hast, denn sonst -hätte ich sanft mit dir sein müssen, meinte Trine.« - -»Wer ist Trine?« - -»Trine ist -- Trine.« - -»Wie heißt du denn?« - -»Liselotte Windemuth. Aber halt jetzt nur den Mund, da ist der Herr -Rektor.« - -Rektor Dillen sah erst den kleinen Ankömmling gar nicht, so groß und -schlank das Bürschchen auch war. - -Oder _wollte_ er ihn nicht sehen? - -Wurde die Erinnerung zu mächtig in ihm, die Erinnerung an die Mutter -dieses Knaben, die mit so sonnigen Augen in diese düstere Welt und -insbesondere in die düstere Welt der Eichenborns geschaut hatte, und -die seine Lieblingsschülerin gewesen war? - -Neunzehn Zeigefinger fuhren in die Höhe, der zwanzigste lag still -geborgen in der Hand des einundzwanzigsten Schülers. - -Bertold hielt Liselottes Händchen fest umklammert. - -»’s is ein Neuer da! Herr Rektor.« - -»Ruhig, liebe Kinder! Wir wollen erst unser Morgenlied singen.« - - »Unsern Eingang segne Gott, - Unsern Ausgang gleichermaßen, - Segne unser täglich Brot, - Segne unser Tun und Lassen, - Segne uns in sel’gem Sterben, - Und mach’ uns zu Himmelserben.« - -Schon bei dem ersten Vers, lange ehe die Strophe zu Ende ging, hatte -der Lehrer die Geige sinken lassen, -- denn eine helle, glockenreine -Knabenstimme führte den Chor fest und sicher bis zu Ende. - -»Tausend Wetter, mein lieber Junge,« rief Rektor Dillen in ehrlicher -Begeisterung, aber dann mußte er sich umständlich die Nase schneuzen, -weil die Bewegung ihn übermannte. Zwei wunderschöne tiefe Kinderaugen -schauten ihn an, wie früher die stahlblauen Augen der Franziska, und -dieselbe klare Kinderstimme, die einst das Schulstübchen mit Wohllaut -erfüllte, rief ihm zu: »Ich soll Sie von der Mutter grüßen, und sie -würde ihren verehrten Lehrer bald aufsuchen.« - -»Schön, schön, mein Junge.« Wieder schluckte er heftig. »Und nun sage -mir noch, wie du heißt und wie alt du bist.« - -»Ich bin neun Jahre alt, und ich heiße: Bertold Eik von Eichen.« - -Es ging ein Summen und Tuscheln durch die Kinderschar. - -»Is ja gar nich wahr.« - -»Malcroix, -- Malcroix --« - -»_Wie_ heißt du, Kleiner? Besinne dich einmal!« - -»Bertold Eik von Eichen. Großvater hat es gesagt, ich sollte so -antworten.« - -»Ahhh! So so -- gut und schön! Setz’ dich! Oder nein, lies -mir gleich einmal ein Stückchen aus dem Kinderfreund. Seite -einhundertachtundsechzig oben, damit ich sehe, was du kannst. -Liselotte Windemuth, ich glaube gar, du willst schon frühstücken, das -ist sehr ungehörig.« - -Liselotte wurde rot, aber es achtete niemand darauf, denn der neue -Bertold las ganz unerhört schön und gänzlich fehlerfrei das schwierige -Lesestück. - -»Das war ja sehr gut, Bertold.« Die guten Augen des Lehrers strahlten. -»Ich sehe schon, du bist der echte Sohn meiner braven Schülerin -Franziska.« - -Sei es nun, daß seine Stimme bei diesen Worten bebte, oder war es sonst -etwas, -- Bertold Eik warf plötzlich beide Arme auf den Tisch, legte -sein Gesicht darauf und fing an bitterlich zu weinen. -- - -Liselotte Windemuth saß verstört neben ihm, -- -- die anderen waren -je nach Veranlagung frech oder verlegen, beinahe aber alle stellten -innerlich fest, daß es noch nie so »fein« in der Schule gewesen sei, --- Mütter und Tanten würden Augen und Ohren aufsperren, was sie heute -erführen. - -Und Rektor Dillen stellte bei sich fest, daß die erste Stunde recht -unruhig verlaufen sei und die Kinder wenig in ihr gelernt hätten, -- -nur ihm selbst hatte sie einen Gewinst gebracht. - -Durch schöne, reine Kinderaugen hatte er in ein schönes, reines -Kinderherz geschaut, ein Erlebnis, das einem Lehrer wohl einen ganzen -Tag verklären konnte. - -Er beschloß, die Pause heute etwas zu verlängern, um den Kindern -Gelegenheit zu geben, ihre Neugierde zu befriedigen und sich zu -sammeln. Und den arg verweinten Kinderaugen wollte er erlauben, sich zu -waschen und zu kühlen, damit sie wieder hell würden für den Rest des -Tages. - -Rektor Dillen war ein erfahrener Lehrer, der ja auch in den dreißig -Jahren seiner pädagogischen Tätigkeit viel hatte strafen müssen, aber -Kindertränen waren seinem liebevollen Herzen immer etwas Heiliges -gewesen. -- - -Kaum hatte das kleine, heisere Schulglöckchen, von Fräulein Rektor in -Bewegung gesetzt, den Stundenschluß verkündigt, so wandte sich der -Rektor gleich an Bertold. - -»Du kannst in das Grasgärtchen gehen, mein Sohn, und die Liselotte wird -dich begleiten, wenn du sie bittest.« - -»Er braucht nicht zu bitten,« rief Liselotte rasch, »und ich hatte mir -gerade dasselbe ausgedacht, während er das lange Lesestück vorlas. -Komm, Bertold.« - -Ihre schlanken Beinchen liefen sehr schnell, Bertold konnte kaum -folgen, und dann saßen sie einträchtig auf dem kleinen Holzbänkchen in -der Geißblattlaube. - -»Warum hast du geweint, Bertold?« fragte die Kleine energisch. - -»Ich weiß es nicht.« Seine Augen wurden schon wieder verdächtig blank. - -»O, dann ist es sehr dumm. Man weint doch nicht, wenn man’s nicht weiß. -Man hat schon genug zu weinen bei Ungerechtigkeiten und Leibweh. -Willst du jetzt wieder heulen, oder kann ich dich viel fragen?« - -»Frag’ mich nur.« - -»Ich möchte wissen, ob wir sehr gut zusammen passen. Sieh mal, du bist -schon neun und ich erst sieben, das paßt doch schon nicht. Aber sag’ -mal, bist du auch altklug, Bertold?« - -»Das weiß ich nicht, -- bist du es denn?« - -»Freilich, -- sie sagen’s alle in Schwarzhausen. Es tut nicht weh, aber -es ist nichts Schönes.« - -»Nun dann sei es doch nicht.« - -»Phh! Als ob das so ginge. Das ist so was Festgewachsenes, wie Haare -und Augen.« - -»Das glaube ich nicht.« - -»Dann laß es bleiben.« - -Eine Pause entstand. - -»Schade wär’s, wenn wir gar nicht paßten,« meinte die Kleine endlich -nachdenklich. -- »Und dann habe ich auch absolutes Tonbewußtsein!« - -»Was ist denn _das_?« rief Bertold in ungemessenem Erstaunen. - -»Junge, du weißt aber auch rein nichts. -- Das ist so: Wenn ich a -singe, denn ist es auch a.« - -»So? Und wenn du nun b, c, d, e, f, g, h, i, k, l, m, n, o, p singst?« - -Da lachten sie beide und es klang wie zwei Glocken, eine hohe und -eine tiefe, und der alte Rektor, der in einiger Entfernung an der -Geißblattlaube vorbeiging, meinte, sie läuteten gewiß eine schöne, -frohe Lehrstunde ein. - -»Sag’ mal, Liselotte,« fragte jetzt Bertold, »warum meintet ihr denn -alle, ich hätte einen Buckel?« - -»Ach so! -- Na ja, du hattest so ’ne Erhöhung auf dem Rücken, sagte die -Frau Postverwalter, wie du aus der Postkutsche stiegst.« - -»I, seid ihr komische Menschen! Das war meine Geige!« - -»Eine Geige? Eine ganz wirkliche Geige? Und du kannst richtig spielen? -Ist es eine kleine Kindergeige? Darf ich mal drauf probieren?« - -»Oho, das ist nicht so einfach. Meine Geige ist außerdem eine echte -Amati.« - -»Was ist denn das?« - -»Oho, nun fragst du auch, und ich könnte dir sagen: du weißt aber auch -gar nichts. Amati und Stradivarius, das waren die zwei berühmtesten -Geigenbauer.« - -»Ach so, dann will ich Väterchen bitten, daß er mir Stra--ti--« - -»Stradivarius -- -- --« - -»Ja, -- so ein Stratifarius kauft.« - -»O du Dummerchen! Weißt du denn, wo man ihn so schnell kriegt? Meine -Amati hat Vater in Nürnberg gefunden, auf einer Bodenkammer, in einer -alten Truhe von einem alten Fräulein, die gar nicht wußte, wer sie da -mal reingelegt hatte, und dann machte Vater sie zurecht, und nun soll -sie fünfzigtausend Mark kosten.« - -»So!!« Liselotte sah sehr nachdenklich aus. »Ich habe nur -achtunddreißig Pfennige. Von Herrn Organisten Brennstoff. Das ist ein -guter, lieber Mann. Immer, wenn er mich sieht, sagt er: Sing mal a, -dann tu’ ich’s und dann zieht er die Stimmgabel raus und probiert und -dann ruft er: Heil’ge Cäcilie, es stimmt! Du bist doch ä Luderchen. Und -dann schenkt er mir einen Pfennig.« - -»Achtunddreißigmal!« rief Bertold, »das muß sehr lustig für dich sein. -Aber eine Stradivarius kriegst du nicht dafür.« - -»Das ist einerlei, -- ich habe ja auch noch ’ne Akkordzither.« - -Herr Rektor Dillen zog jetzt die beiden aus ihrem Plauderwinkel. - -»Kinder, Kinder, ’s is die hechste Zeit, -- schreiben missen mer.« - -Das war eine weitere Eigentümlichkeit des Herrn Rektors, -- er -sprach in der Aufregung, im Zorn und in der Begeisterung immer -arg thüringisch, aber sobald er in Ruhe war, redete er ein völlig -einwandfreies Hochdeutsch. - -Und sie schrieben eine ganze Stunde lang Sprichwörter, und wieder -mußte Rektor Dillen den Neuen loben, der eine geradezu vorbildliche -Handschrift hatte. - -»Aber ich kann nicht dahinter kommen, was du mit _diesem_ Sprichwort -gemeint hast, Bertold -- --« - -Und der Lehrer las aus des Knaben Heft vor: »Wer achtunddreißigmal a -sagt, muß auch b sagen.« - -Da lachte die ganze Klasse schallend, Bertold und Liselotte lachten -auch ihr schönes, klingendes Glöckchenduett, und Rektor Dillen legte -dem Knaben die alte runzlige Hand auf den dunkeln Lockenkopf und sagte -leise: »Lache nur zu, mein Junge, -- die im Eichenhause können Sonne -brauchen.« - -Dann war der Unterricht beendet. - -Man konnte von diesem Tage an von Schwarzhausen das Bild gebrauchen: -»Sturm im Wasserglase«. - -Früher hatte es der alte gallige Herr Eik von Eichen öfter einen -stehenden Teich genannt, -- Teich mit Entengrün. - -Es hatte ihm immer ungeheuern Spaß gemacht, ab und zu ein Steinchen -hereinzuwerfen in die grünüberzogene Stille, aber der Stein, den -sein eigenes, vergöttertes Kind durch kopflose Heirat und heimliches -Durchbrennen in den Teich warf, war zu schwer und wuchtig gewesen. Der -hatte einen brodelnden Morast aufgewühlt, dessen übelriechende Dünste -dem alten Vater das Leben, mindestens aber die letzten zehn Jahre -vergiftet hatten. - -Jetzt war das Wasser heller und reinlicher geworden, aber es stürmte, -brauste und zischte, wie eitel Kohlensäure. - -Also der Name Malcroix sollte einfach abgetan werden? - -Und der Knabe war etwas ganz Besonderes? Der die ganze Stunde hindurch -über den Schellenkönig gelobt wurde und in den Pausen in Herrn Rektors -Grasgärtchen sitzen durfte, damit nur ja kein Schwarzhausener Kind ihn -necke und hänsele? - -Man erwog ernstlich, ob der Rektor nicht etwa zu alt und kindisch würde -und durch eine strammere Kraft ersetzt werden müsse. -- - -Franziska aber zog ihren Jungen mit einem Jubelruf in die Arme, sie -war nur vier Stunden von ihm getrennt gewesen, aber ihr hatten es Tage -gedünkt, und Bertold schmiegte sich innig an die Mutter und plauderte -von seinen neuen Eindrücken und Erlebnissen. - -Nur die Tränen des plötzlichen Heimwehs verschwieg er ihr, vielleicht, -weil sie zu rasch getrocknet waren durch Liselottes Plaudereien. Immer -wieder kam der Name des kleinen Geschöpfes in Bertolds Erzählungen -vor: »Da sagte Liselotte, -- da meinte Liselotte, -- und da lachte -Liselotte, -- und ich soll sie besuchen. Und denk dir, Mutter, sie ist -altklug und hat absolutes Tonbewußtsein und eine Akkordzither, und sie -hat noch nie gewußt, was ’ne Amati ist.« -- - -Durch Frau Franziskas Herz war während dieser Erzählungen ihres Jungen -etwas gehuscht, über das sie sich selbst ausschalt. - -Wäre es möglich, daß sie Eifersucht empfand? - -Aber sie war bis heute so ausschließlich das A und O ihres Jungen -gewesen, bisher hatte er nach jedem Schultag so aus Herzensgrund -gerufen: »Gottlob, Mutter, daß ich wieder bei dir bin!« Deshalb -erblaßte sie heute leicht, als dies Jubelwort fehlte und Bertold statt -dessen sagte: »Und nachher will ich Liselotte besuchen.« - -Herr von Eichen ~senior~ kam ihr zu Hilfe. Er hatte dem Plaudern des -Knaben mit ganz merkwürdigem Gesichtsausdruck zugehört. -- - -»Daraus wird nichts,« erklärte er finster. »Die Schule bringt Unruhe -genug. Das fehlte noch gerade, daß mir hier kreischende, polternde, -unzurechnungsfähige Sprößlinge fremder Leute ins Haus kämen -- -- --« - -»Da bin ich,« sagte in diesem Augenblicke eine frohe Kinderstimme und -ein warmes, kleines Händchen schob sich vertrauensvoll in die behaarte -große Rechte des Scheltenden. »Ihr habt gewiß schon gewartet, aber ich -konnte wirklich nicht eher, immer muß ich von dem Bertold erzählen, die -Leute sind schrecklich neugierig. Und kein Mensch wollte es glauben, -daß ich zu dir dürfte, denk bloß -- --« - -Und Liselotte Windemuth lachte silberhell und lehnte ihr weiches -Körperchen an den grimmigen alten Herrn, so daß ihre blonden langen -Locken über seinen grauen Flaus fielen. - -Niemand von der Tafelrunde, die um den Familientisch der Eik von -Eichens saß, sprach ein Wort. Aber von dem einen Ende des Tisches kam -ein häßliches, meckerndes, hölzernes Lachen, und dies Lachen berührte -um so verwunderlicher, als es aus dem Munde des »schönen Eiks« kam. -So nannte man Eik von Eichen ~junior~, den Pflegesohn und Haupterben -der Eichenschen Besitztümer, den vorbildlichen Prachtmenschen, den -korrekten, fleißigen, wohltätigen Handels-, Fabriks- und Gutsherrn, den -»Heiligen von Schwarzhausen«. - -Liselotte warf einen etwas scheuen Blick auf ihn, dann drückte sie -rasch die Hand des stummen, alten Herrn und küßte sie, wie sie es von -ihrem Vater gewohnt war, darauf wandte sie sich an den Jungen: - -»Komm, Bertold, -- komm rasch und zeige mir deine Geige,« rief sie, -anscheinend höchst froh, aus der stummen Gesellschaft fortzukommen. -»O, ich kann’s ja gar nicht erwarten, die Amati zu sehen, und Herrn -Organist Brennstoff habe ich auch schon davon erzählt, der freut sich -halbtot. Stunden will er dir geben, hat er gesagt, und etwas Großes aus -dir machen, und er rief immer: Heilige Cäcilie, habe Dank!« - -Das Kind verstummte, denn der alte Herr von Eichen hatte sich langsam -aufgerichtet und sein verändertes Gesicht war furchtbar anzusehen. Die -Adern lagen wie große, blaurote Schwielen auf der breiten Stirn und die -grauen, düsteren Augen schossen Blitze. Schwer fiel seine Faust auf den -Tisch, daß das Kaffeegeschirr tanzte und klirrte. -- - -»Die Geige« -- keuchte er und faßte das Handgelenk seiner Tochter, -die blaß und schreckensbang zu ihm aufschaute. »Du hast es gewagt, -Franziska, sie mitzubringen?« -- -- - -Und nun folgte ein Jähzornsausbruch, so gewaltig, so wuchtig und -tobend, daß die jahrhundertealten Wände zu beben schienen. »Hinaus!« -schrie er mit einer Stimme, die nichts Menschliches an sich hatte, -und Frau Franziska nahm mit zitternden Händen die beiden Kinder und -flüchtete mit ihnen auf die große Diele. Von hier aus lief sie, wie -gejagt, in ihr eigenes Zimmer, während Bertold und Liselotte sich -erschreckt ansahen. - -Liselotte strich sich die wirren Locken hinter die Ohren. - -»Na so was!« meinte sie empört. »_Das_ erzähle ich aber zu Hause, -- -das ist ja ffffurchtbar nett, daß ich nun auch den schlechten Kerl mal -gesehen habe.« - -»Meinen Großvater,« stammelte Bertold, blaß bis in die Lippen. - -»I wo, den mein’ ich ja gar nicht. Ich mein’ natürlich deinen Onkel, -der so gräßlich lacht und grinst.« -- -- -- - -Sie streichelte liebevoll den verstörten Kameraden. »Fürchte dich nur -nicht, Bertold, ich beschütz’ dich schon. Weißt du, ich hab’s furchtbar -gern, wenn einer so losballert wie dein Großvater, mein Väterchen tut -auch so, wenn die Base ihm Papiere verkramt, -- komm, Bertold, komm zur -Amati.« - - * * * * * - -Am andern Tage ging es in der Schule weit lebhafter zu als am ersten. - -Denn in den letzten zwölf Stunden des vergangenen Tages und der -vergangenen Nacht hatte man in Schwarzhausen so viel Neues erfahren, -wie sonst nicht in Wochen, und in jeder Familie, die schulpflichtige -Kinder besaß, ermahnte man die Kinder, den Bertold Malcroix ein bißchen -auszuhorchen und vor allen Dingen es nicht zu leiden, daß er während -der Pausen sich mit Liselotte Windemuth verkrümele. - -Rektor Dillen war beim alten Herrn Eik von Eichen gewesen, das wußte -man auch, und er hatte dort verbrieft und versiegelt vorgefunden, -daß der Bertold wirklich Eik von Eichen hieß und daß der durch -leichtsinnige und schlechte Streiche des verstorbenen Malcroix -besudelte Name durchaus verschwinden solle. Das heißt, wenn dies -Frau Fama, das geschwätzigste aller Weiber, das in Schwarzhausen -Ehrendienstwohnung besaß, zuließ. Vorläufig nannte man den Bertold -_erst recht_ Malcroix, und es war ein fortgesetzter Ärger von den -Schwarzhausenern, daß der hergelaufene Junge nicht auf ihn hörte, -sondern den Rufenden höchstens mit ernsten, stillen Augen ansah, -- -mit höchst unbequemen Augen, vor denen man sich beinahe schämte. - -Ja, einer schämte sich so gründlich, daß er ein guter, zuverlässiger -Freund von Bertold wurde, trotzdem er wenige Minuten vor diesem -Schamprozeß recht hämisch quer über die Straße gerufen hatte: »Komm -einmal her, kleiner Malcroix!« - -Dieser Mann, dem dann der abweisende, ernste, tiefe Kinderblick »bis -an die Nieren« gegangen war, war der Apotheker von Schwarzhausen, Herr -Nothnagel, -- und da er zu den gewichtigen Leuten zählte, konnte sich -Bertold zu dessen plötzlicher Freundschaft wohl beglückwünschen. - -Und Herr Nothnagel bekräftigte diese Freundschaft mit einem halben -Pfund »Abfallschokolade«, die er einem geheimnisvollen Fache seiner -Apotheke entnahm und die Bertold und Liselotte auf einen Hieb -vertilgten. - -Darauf bekamen sie drei Tage heftigen Durchfall, ohne zu ahnen, daß sie -ihn der plötzlich erwachten Zuneigung des Herrn Nothnagel verdankten. - -In der Pause saßen Bertold und Liselotte doch wieder eng aneinander -geschmiegt im Grasgärtchen. - -Sie hörten gar nicht auf das Höhnen und die Schmährufe der -anderen Kinder, sie waren auf der fernen, glückseligen Insel der -Jugendfreundschaft und des ersten rückhaltlosen Vertrauens. - -Liselotte erzählte stürmisch und temperamentvoll die wichtigsten -Ereignisse ihres jungen Daseins. - -Daß ihre Lieblingspuppe Emmy ein schleichendes Fieber habe und schon -seit einem Jahre ohne Kopf daliege, aber »zu süß« sei und gescheiter -und netter als alle anderen dreiundzwanzig Puppenkinder, -- daß ihr -Papa ein grundgelehrter Professor sei und »Väterchen« heiße, daß ihre -Mama schon seit vier Jahren im Himmel sei, gerade dort, wo er am -Tage am allerblauesten sei und wo des Nachts der Abendstern stünde --- -- -- so hätte es Väterchen ihr erzählt. Und daß die Base Juliane -den Haushalt führe und die alte Trine koche und flicke und stopfe und -schimpfe, aber sonst beinahe so lieb sei, wie Puppe Emmy, -- nur eben -leider _mit_ Kopf. - -Bei der Trine waren auch alle Puppen in »Penzion«, denn die Base -Juliane erlaube nicht, daß Liselotte viel mit ihnen spiele, und es -seien doch ihre Kinder, ihre süßen, wonnigen Kinder, die der Storch -gebracht habe und der habe sie Liselotte, ganz richtig ins Bein -gebissen, sie könne Bertold jeden Augenblick ihre große Zehe zeigen, wo -die Narbe noch dran wäre. - -Liselottes Phantasie war großartig und ging jeden Tag zwölfmal mit ihr -durch, aber für den ernsten Jungen war es ein tiefes Glück, in die -begeisterten Augen seiner kleinen Gespielin zu schauen. - -»Bring’ mir nur deine Puppen,« meinte er, »ich will sie auch lieb -haben.« - -Diese Aussicht überwältigte Liselotte dermaßen, daß sie die Ärmchen um -seinen Hals legte und ihm einen Kuß gab, worauf sie sich beide den -Mund abwischten. - -»Du bist ein _lieber_ Junge,« rief Liselotte, »willst du Puppe Emmy -heiraten, oder lieber Vater sein?« - -»Vater sein,« erklärte Bertold, und die Sache war abgemacht. - -Als Rektor Dillen die Pause für beendet erklärte, hatte man sich schon -für denselben Nachmittag verabredet, um fünf Uhr nach den Schularbeiten -auf Windemuths Oberboden zusammen zu kommen, und zwar sollte Bertold -seine Amati mitbringen und Liselotte ihre sämtlichen Puppen. - -»Und wenn Base Juliane es nicht erlaubt, dann werde ich brüllen und um -mich schlagen, daß das Haus wackelt,« erklärte Liselotte, »dann darf -ich’s schon, denn Väterchen braucht Ruhe.« - -Bertold lachte wieder sein herzliches, tiefes Lachen. Dann meinte er -sinnend: »Meine Mutter hat früher auch immer mit Puppen gespielt, sie -erzählt mir wunderschöne Geschichten davon. Deine Base Juliane ist -wahrscheinlich nie Mutter gewesen.« - -Dies rührende Kinderwort sollte später die Schwarzhausener darin -bestärken, daß Bertold »Malcroix« ein grundverdorbener Bengel sei. - -Denn als der Kampf mit Base Juliane an demselben Nachmittag wirklich -entbrannte und Liselotte wie eine Löwin um ihre Jungen kämpfen mußte, -rief das Kind ihrer Base empört zu: »Sag’ mal, bist du mal Mutter -gewesen?« - -Und auf die wütende Gegenfrage der alten Jungfrau: »Wer, -- wer wagt -es, so gemein zu fragen?« kam die Antwort: »Der Bertold.« - - * * * * * - -In all solchen Dingen handelte Schwarzhausen immer unglaublich rasch -und holte die zehntausend Meilen, die es sonst in der Kultur zurück -war, oft in einer Stunde ein. - -Schon am Nachmittag brachte es Base Juliane dem Professor Windemuth, -der natürlich gerade in einer wichtigen archäologischen Arbeit saß, -unter Tränen, Wut, Zittern und schamhaftem Erröten bei, daß, -- (o -du mein himmlischer Vater, Vetter Windemuth, ich kann’s dir kaum -andeuten), daß der hergelaufene Bengel Malcroix an ihrer, Julianes, -Jungfrauschaft frech gezweifelt hätte, und der nun sehr aufgebrachte -Professor, der sich ohnedem nach seiner schnöde unterbrochenen Arbeit -zurücksehnte, rief: »Der Junge darf mir selbstverständlich nie ins -Haus.« - -Und am selben Abend wußte es ganz Schwarzhausen mit Ausnahme des -Hauses Eik von Eichen, daß der neunjährige Bertold ein ganz und gar -verdorbenes Früchtchen sei. - -»Sie sind alle wild und verrückt,« plauderte Liselotte und sah ihren -neuen Freund, der mit dem sorglich behüteten Geigenkasten vor ihr -stand, ängstlich an. »Du darfst nicht rein zu uns, Bertold, ich soll -nicht mit dir spielen.« - -Ganz schwarz wurden seine Augen in der Schmach dieser Minute. Wortlos -drehte er Liselotte den Rücken und ging zurück ins Eichenhaus. Sie sah -ihm nach und begriff mit der ganzen Stärke ihres Empfindens seinen -Schmerz, und nun schrie und tobte Liselotte so ausgiebig, wie sie -sich’s am Vormittag vorgenommen, und weinte die Hausbewohner zusammen -mit dem unerklärlichen Jammerwort: »Ohhh, er wollte Vater sein und ihr -erlaubt es nicht.« - -Ja, Schwarzhausen, das moralische Schwarzhausen, ging schweren Zeiten -entgegen. - - * * * * * - -Im »Eichenborn« gab es einen Raum, ein echtes, rechtes -Poetenwinkelchen, das hatte sich der alte Hieronymus Teichmann, der -im übrigen eine schöne, geräumige Dienstwohnung besaß, ganz besonders -für sich ausbedungen, und in diese heiligen Hallen verirrte sich nicht -einmal seine liebe, gute, runde Frau. - -Fingerdick lag der Staub allüberall, aber alles, was er bedeckte, waren -für Hieronymus Heiligtümer und unantastbare Geheimnisse. - -Nur einmal hatte Frau Thereschen Teichmann in diese Blaubartkammer -hineingeschaut, und nachdem sie einen Schrei der Entrüstung -ausgestoßen, hatte sie sich schnurstracks Wassereimer und Schrubber, -grüne Seife, Besen, Schaufel und Wischtuch geholt. - -Aber der unmelodische Schrei hatte die beiden Hüter des Heiligtums -herbeigelockt, und Frau Thereschen fand sich einem Doppelposten -gegenüber, der ihr den Eintritt samt den Abzeichen ihrer -Hausfrauenwürde wehrte. - -»Bei allem Respekt vor deiner Weiblichkeit, Teichweibchen, -- halt’s -Maul,« rief ihr der Gatte Hieronymus entgegen. »Staub ist alles hier -auf Erden, auch du sollst einst zu Staube werden. Und nun mache kein -Federlesen und heb’ dich hinweg mit deinem Besen.« - -Frau Therese warf noch drei vorwurfsvolle Blicke zurück, den einen -auf ihren Gatten, den andern auf den Staub und den dritten auf den -Organisten Brennstoff. - -Das war der andere Teil des Doppelpostens, der beste und geliebteste -Freund ihres Hieronymus, an welchen niemand auch nur »tippen« durfte. -Vom sechsten Jahre ihres Lebens an waren die beiden unzertrennliche -Kameraden. - -Brennstoff, selbst Lehrerssohn, hatte Musik studieren dürfen, -gab sämtlichen Musikunterricht in Schwarzhausen und war Organist -der Stadtkirche; Hieronymus Teichmann dagegen war der Nachfolger -seines eigenen Vaters geworden, -- die Teichmanns dienten seit -Menschengedanken den Eik von Eichens, waren Schloßverwalter, -Silberdiener und Haushofmeister seit Generationen. Originale waren -sowohl Brennstoff wie Teichmann. - -Beide liebten in ihrer Jugend das gleiche Mädchen, aber Teichmann -durfte sie heiraten und hatte es nie bereut. - -Thereschen Balian aber ahnte nichts von Kantor Brennstoffs Liebe und so -wurde sie Teichweibchen. - -»Das paßt und klingt gut,« meinte der Kantor entsagungsvoll. »Der -Teichmann und das Teichweibchen. Hingegen _der_ ›Brennstoff‹, und -weiter gar nichts, noch mehr Brennstoff bringt nur Explosion.« - -Ganz allmählich waren aus den zwei Freunden _vier_ Unzertrennliche -geworden, es hatten sich Beethoven und Wagner zu ihnen gesellt. - -Auf irgendeinem spinnewebdunkeln Oberboden des grauen Hauses hatte -ein Spinett gestanden; Hieronymus erhielt die Erlaubnis, es sich -herunterzuholen, und auf diesem Spinett tippte er leise und andächtig -in seinen Mußestunden herum, bis dann abends Organist Brennstoff kam -und mit weichen, großen Händen wunderbare Töne daraus hervorlockte. - -Diese Töne wühlten das Innere auf und sänftigten es wieder, diese Töne -ließen die beiden alten Herzen wunderbar schwingen, also daß die Hände, -die zu den Herzen gehörten, sich falten mußten. - -»Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre!« - -»Herrgott, lieber Zacharias Brennstoff, -- gibt es denn nur noch so -etwas auf dieser Erden! Man könnte wahrlich närrisch werden, -- spiel’ -weiter, Brennstoff, -- damit ich mein’, es musizieren die Engelein.« - -Dann präludierte der Stadtorganist weiter, und die schlichten Töne -verdichteten sich zu einem Gemälde, und es war den beiden Alten, -als hinge das Adagio der fünften Symphonie in breitem, wunderbarem -Goldrahmen an der Wand über dem alten Spinett. - -Aber den Beschluß machte immer dasselbe Lied, das so gut zu dem -glutroten Ball stimmte, der allabendlich hinter den Tannen des -Thüringer Waldes versank: - - »Fahr wohl, du goldne Sonne, - Du gingst zu deiner Ruh, - Und voll von deiner Wonne - Gehn mir die Augen zu. - Schwer sind die Augenlider, - Du nimmst das Lied mit fort, - Fahr wohl, wir sehn uns wieder, - Hier unten oder dort. - Und trägt des Tods Gefieder - Mich statt des Traums empor, - Dann schau’ ich selbst hernieder - Zu dir aus höherm Chor.« - -So war es jahrelang gewesen, -- da sah und hörte und fühlte der -Organist Brennstoff zum ersten Male Bayreuth. - -Ein Stipendium, eine Fahrkarte und eine Berechtigungskarte für den -Nibelungenring fiel vom Himmel hernieder in seine Hand, -- so meinte -er heute noch, und doch hatte er den eingeschriebenen Brief dem -Postboten selbst abgenommen. - -Wie im Traum war er damals aus Bayreuth zurückgekommen, und die -Schwarzhausener merkten es nicht, daß die heiligen Hallen der -Stadtkirche sich mit Wotans und Siegfrieds Gesängen füllten, und daß -sich von dem Platze ihres Organisten aus ein goldener Regenbogen -spannte, auf dem der verzückte Orgelspieler geradeswegs in Walhalla -einzog. - -Es war ein Glück, daß Hieronymus Teichmann eine so gleichgestimmte -Seele war, -- Meister Richard Wagner brauchte gar nicht lange auf -dieser Harfe zu schlagen, da hatte er den ganzen Menschen schon mit -Haut und Haar. - -Alles ersparte Geld ging beinahe auf Partituren drauf, die Brennstoff -dem Freunde mit himmelhochjauchzender Begeisterung vorspielte, und -Hieronymus sang beim Silberputzen: »Winterstürme wichen dem Wonnemond« -und »Heialaweia«. - -Und jedesmal, wenn die beiden Freunde über Wagner philosophierten, -schlossen sie ihr Zwiegespräch: »Es war ein herrlicher Mann und ein -göttlicher Musiker, aber auch der, der uns die Bayreuther Karten gab, -soll bis in die Knochen gesegnet sein!« - -»Uns« -- sagten sie, -- denn wenn auch nur der eine im gnadenreichen -Bayreuth gewesen war, -- sie fühlten sich eben beide als dieser eine. - -Heute waren sie wieder einmal in Walhall gewesen, -- hatten dann den -herabsinkenden Sonnenball mit Beethoven heimgeleitet und wollten nun -selbst die Ruhe aufsuchen, als der Organist plötzlich sagte: »Meister -Beethoven hängt tatsächlich in der Luft. Mir ist’s, als hätte ich ihn -heute immerfort in den Ohren, auch wenn dieses Klavizimbel schweigt, -- -hörst du nichts, Hieronymus?« - -»Freilich, -- ich wollt’ es nur nicht wagen, und dir von der -Erscheinung sagen, -- hör’ nur -- -- als ob’s hier oben wär’. Oder -kommt es von draußen her?« - -Die beiden Freunde sahen sich an und lauschten wieder. - -Es war wie der Gesang einer Äolsharfe. - -Aber Äolsharfen pflegen nicht Beethoven zu säuseln, und doch -unterschieden die beiden alten Freunde gar genau, wenn auch nur -harfenfein, die Töne. - - »Heil’ge Nacht, o gieße du - Himmelsfrieden in dies Herz -- -- --« - -Sie forderten sich nicht zu irgendeiner Tat auf, -- wann wären sie -jemals uneins in ihren Gedanken gewesen? - -Mit dem Finger auf dem Mund stiegen sie die gewundenen, schnörkeligen -Holztreppen hinauf, und auf dem zweiten Absatz kam Beethoven schon -deutlicher zu Wort. Aber nirgends eine Spur von dem Sänger oder -Spieler, nur -- die Tür eines uralten Schrankes klaffte ein wenig, -allein dem strengen Auge eines ordentlichen Haushofmeisters bemerkbar, -und dann zogen die Freunde aus den Tiefen des Riesenschrankes das -Geigerlein hervor, das ganz betäubt war von Dunkelheit, Musik und -- -Mottenpulver. - -»Jesus! Unser Junker Bertold!« rief Hieronymus »Nun sag’ nur mal, wie -kommst du rein in diesen dunkeln Kleiderschrein?« - -Bertold blinzelte die beiden an. - -»Ach, nirgends darf ich spielen, -- und nun hast du mich auch hier -gefunden, Hieronymus. Wirst du es dem Großvater sagen?« - -Der Alte schüttelte begütigend den Kopf und zog ihn mit sich die -Treppe hinunter. Organist Brennstoff aber hatte vorsichtig die Geige -dem Knaben abgenommen und prüfte nun beim Dämmerlicht, das durch das -Flurfenster fiel, die herrliche Maserung des alten Holzes und erkannte -schließlich mit andächtigem Entzücken den Namen auf dem Boden der Geige -durch das geschwungene ~S~ hindurch. - -»Heilige Cäcilie, ich halte eine Amati in der Hand, -- Herr, nun -lässest du deinen Diener in Frieden fahren.« Brennstoff drohte zu -explodieren, »Das, was ich sagte, ist keine Gotteslästerung, -- das sei -ferne von mir, -- aber es ist etwas Heiliges um eine Amati, und dieser -Jungherr scheint zu wissen, was er Kostbares hegt.« - -Sie waren wieder in das Poetenwinkelchen eingetreten. - -»Ja, ich weiß es,« entgegnete Bertold ernsthaft. »Vater hat sie -mir ja gegeben, ehe -- ehe er starb. Heiligtum, sagte er nur, und -dann -- -- --« - -Die Augen des Knaben waren wieder ganz schwarz vor Erregung, und -Hieronymus strich ihm hastig über den dunkeln Kopf. Still bei sich -dachten beide Männer dasselbe. - -Daß der Name Malcroix auch ehemals ein Heiligtum gewesen sei und -durch die Schuld des Mannes, der eine Geige so hoch hielt, zu einem -wertlosen Fetzen geworden war, den man seinem Knaben zum eigenen Besten -fortgenommen. - -»Nun spiele,« brach Hieronymus das Schweigen, »hier ist mein Reich, und -ich kann wehren, wer uns hier etwa wollte stören.« - -Und der Knabe spielte. - -Ob auch die goldene Sonne längst zur Ruhe gegangen war, es lag ein -lichter Schein um das Haupt des Kindes. - -Das jubelte und jauchzte, das klagte und zitterte in den Saiten, es -war ein gewaltiges, sehnsüchtiges Klingen. -- Spielte wirklich nur ein -kleiner, schwarzlockiger Junge, oder meisterte unsichtbar ein anderer -die Saiten des wunderherrlichen Instrumentes? - -Organist Brennstoff saß mit gefalteten Händen da, und Träne auf Träne -tropfte auf sie herab. - -Er war nicht imstande, dem Jungen auch nur ein Wort zu sagen, als -dieser endlich den Bogen sinken ließ und mit leisem, ernsten »Gute -Nacht« das Zimmer verließ. - -Aber dann brach es los bei ihm, -- wie ein Sturzbach kamen die -ungestümen Worte: - -»Ich hab’ mich vermessen, Freund Hieronymus. Ich wollte ihn -unterrichten und fühle, ~den~ kann ich nichts mehr lehren. Heilige -Cäcilie, wie ist’s möglich, daß ein Kind so wunderbar spielt! Ich will -dir etwas sagen, Freund, -- dies Spielen hat ihn sein Vater gelehrt. -O, ich habe die Fräulein Franziska immer verstanden, daß sie diesem -Rattenfänger von Hameln folgte, -- »sie mußten alle hinterdrein«. Und -so ein zartes Weibchen, so eine schöne Seele in einem schwächlichen -Gefäß -- was sollte sie wohl widerstehen? Und wir zwei, Hieronymus, -wir müssen diesem kleinen Musikus das Andenken seines Vaters retten, -denn wo viel Licht ist, ist viel Schatten, und jener Malcroix war ein -Genie. Heilige Cäcilie, es kommt wieder echte Musik nach Schwarzhausen, -es kommt wieder Klang in unsere verdudelte Leierkastenatmosphäre -- -Hieronymus, die Manen Beethovens und Wagners schwebten heute in diesem -gesegneten Raume!« -- -- - -Er war ganz außer sich, der lange, hagere Organist, raffte seinen Hut -und seine große Pelerine zusammen und stürzte zur Tür hinaus, kaum noch -hörend, was Teichmann ihm unter Kopfschütteln nachrief: »Gute Nacht, -gute Nacht! Allen Müden sei’s gebracht.« -- - - * * * * * - -Im Frühstückszimmer des Hauses Eichen herrschte die Stimmung wie nach -dem Gewitter. Eben war die schwere Tür mit lautem Krach zugeflogen, und -die wilden Flüche und Reden des alten Herrn hingen noch in der Luft. -Erschreckt und blaß saß Frau Franziska auf ihrem Stuhl, und ihre Augen -standen voll Tränen. - -Sie starrte gequält vor sich hin, und vielleicht ohne daß sie es -wollte, kamen die Worte von ihren Lippen: »O Gott, soll das nun immer -so fortgehen?« - -Ihr gegenüber saß Herr Baldamus Eik von Eichen. - -Er hatte sich mit keiner Silbe an dem vorhergegangenen Wortwechsel -beteiligt. - -Er liebte das Reden nicht und war zu korrekt für eine Einmischung. -Er verabscheute Aufregungen und mied sie auch aus gesundheitlichen -Gründen, -- die wilden Jähzornsanfälle des Pflegevaters waren ihm -höchst unsympathisch, und da er immer logisch dachte, so versuchte er -jetzt, nachdem er mit großer Seelenruhe eine echte Importe in Brand -gesetzt, seiner Pflegeschwester Franziska den einzig möglichen Schritt -zur Vermeidung solcher Auftritte anzuraten. - -»Tue Bertold von hier fort in eine Knabenpension,« meinte er in seiner -leisen, lauernden Art, die immer sofort auf die Antwort horchte. - -»Niemals!« war die rasche Erwiderung. »Mein Junge entbehrt schon den -Vater in so jungen Jahren, _mich_ soll er wenigstens behalten.« - -»Hm.« -- -- Herr Baldamus bog sich etwas vor, um ihr besser in die -Augen schauen zu können. »Und die Geige, -- sein Wimmerholz -- möchtest -du ihm nicht fortnehmen? Dann wäre doch _ein_ Stein des Anstoßes fort.« - -»Aber auch seine einzige Freude,« rief Franziska leidenschaftlich. - -»Ich denke, die einzige Freude bist _du_?« fragte die verhaltene Stimme -des Mannes. - -Sie sah ihn jetzt ruhig an. - -»Bertold, die Geige und ich sind eins,« sagte sie langsam und betonend. -»Und wo man dies eine verjagt, da verjagt man uns drei.« - -Das unsympathische Lachen, welches die kleine Liselotte so sehr empört -hatte, tönte wieder zu der jungen Frau hinüber, aber heute war es nicht -so meckernd, -- heute schwang etwas anderes mit, ein Unterton, der -Franziska erschreckte, denn sie kannte dies Lachen ihres Pflegebruders -von ihren Kindertagen her; es sollte oft sein Temperament verbergen, -das er immer sorgsam gezügelt hatte vor anderen. - -»Franziska -- -- komm zu mir!« - -Sie sah ihn ohne Verständnis an. - -»Franziska!!!« Er war sachte aufgestanden und trat mit lautlosen -Schritten zu ihr. »In _meinem_ Hause hat dir niemand etwas zu -verbieten, und ich will deinen Knaben und« -- jetzt kam doch das -meckernde Lachen, -- »auch das Marterholz will ich schützen.« - -»Wir schützen uns schon selbst.« Ganz ruhig klang es. »Vater ist maßlos -in seinem Zorn, aber -- ich habe ja auch gefehlt und muß es büßen.« - -»Du sollst aber nicht büßen, und du _willst_ mich nicht verstehn,« -flüsterte eine heiße Stimme, »Franziska, -- hör’ mich, komm, -- -Franziska -- --« - -Er bebte vor Leidenschaft und suchte sie in seine Arme zu ziehen. -Ganz weiß war ihr Gesicht und eisigkalt Stirn und Hände, -- sie war -aufgesprungen und wich vor ihm weit ins Zimmer zurück. - -»Ich bitte dich, mein Trauerkleid zu achten, das ich um meinen Mann -trage,« sagte sie tonlos. - -»Wie lange noch?« fragte er lauernd. - -»_Immer!_« - -Er sah aus, als wolle er sich auf sie stürzen, -- -- aber da klopfte es -an die Tür, und Hieronymus Teichmann meldete, daß Herr Eik von Eichen -~senior~ die Frau Tochter zu sprechen wünsche und recht matt wie nach -einem schweren »Anfall« in seinem Zimmer liege. - -Teichmann brachte seine Meldung, wie immer, in Reimen vor, ohne aber -eine Miene dabei zu verziehen. - -»Alter Schwätzer!« murmelte Herr Baldamus, während Franziska hastig zum -Vater eilte. - -Hieronymus sah den jüngeren Eik ernst an, -- es lagen tausend schwere -Worte in diesem einen Blick. -- - - * * * * * - -»Du wirst noch deine Stelle verlieren, Bruder,« meinte Fräulein Rektor -klagend und hob eindringlich die rechte Hand, in der sie einen großen -Holzlöffel hielt, von dem es unaufhörlich blutrot herabtropfte, ohne -daß sie es merkte. - -Sie kochte Saft in der Küche. - -»So will ich sie lieber verlieren,« meinte Rektor Dillen ruhig, »aber -es geht nicht so rasch mit dem Absetzen.« -- - -»Gott, dieser Leichtsinn in deinen alten Tagen! Und alles wegen so -’nem Bengel. Du hast ’n Narren an ihm gefressen, wie früher an seiner -Mutter, und eines schönen Tages wird er auch durchgehen.« - -»Das gehört hier gar nicht her.« Der Bruder war plötzlich sehr ernst -geworden. »Und in meiner Schule habe _ich_ zu sagen.« - -Die Schwester lief ärgerlich in die Küche zurück, und auf dem Teppich -in der Studierstube blieb eine kleine Blutlache vom Saftlöffel zurück, -als Zeichen des harten Kampfes. - -Sturm im Wasserglase. - -Die Schwarzhausener litten durchaus das liebe, köstliche -Plauderviertelstündchen nicht, welches Bertold mit Liselotte alltäglich -pflegte, und sie machten der braven Rektorschwester die Hölle heiß -und das Leben sauer. Aber Rektor Dillen lief wie eine brave Glucke um -seine zwei Kücken herum und verscheuchte jeden jungen Habicht, der -es wagte, die beiden zu stören. Das tiefe, gute Lachen des Knaben und -das altkluge Geplauder des Blondchens waren jetzt die Freude seines -einförmigen, stillen Lebens geworden. Er wollte sie sich nicht rauben -lassen durch Weibergeschwätz und Kleinstadtklatsch. -- Er liebte den -Eichenborn, er war mit dem Hause Eik verwachsen und mit ihm durch Höhen -und Tiefen geschritten, trotzdem Jahrzehnte dazwischen lagen, seitdem -er den Eichenborn das letztemal betreten. - -Aber er war doch einmal ein Jemand gewesen, der in dem langen grauen -Hause etwas zu sagen hatte, -- der Hauslehrer des jungen stattlichen -Baldamus von Eichen. - -Aber der Volksschulmeister, der von früher Jugend an von jedem geduckt -wurde, von vielen über die Achsel angesehen, die es wahrlich nicht -nötig hatten, der spielte oft eine klägliche Rolle in dem Herrenhause. - -Sein Brotgeber war der jähzornige Eichen ~senior~, der damals noch -nicht alt, dafür aber noch maßloser heftig war, als ihm jetzt die Leute -andichteten, und sein Schüler war der schöne Pflegesohn, der sich -nichts sagen lassen wollte von einem »Seminaristen«. - -Und unbequem war es ja, daß auch Seminaristen helle, scharfe Augen -haben und eine unbegreifliche Art, das Unrecht auch Unrecht zu nennen, -selbst wenn es von reichen Zöglingen begangen wird. - -Nun hätte der Seminarist Tüllen ~alias~ Dillen ja ruhig und unbehelligt -alles von dem verwöhnten Baldamus _denken_ können, nur das _laute_ -Denken war sehr unvorsichtig von ihm. - -Eik von Eichen ~senior~ verbat es sich auch einfach, denn trotzdem er -den Lehrer Tüllen schätzte, so reichte das doch nicht an den Stolz und -die Liebe, mit denen er an seinem Pflegesohn hing. - -Baldamus Eik war schon als Knabe unfehlbar in den Augen seines -Pflegevaters, der dem höchst anfechtbaren und zweischneidigen -Wahlspruch huldigte: »Nun gerade!« - -Unter den Schwarzhausener Bürgern waren keine Pestalozzis, und auch der -junge Lehrer Tüllen war keiner. - -Hätte er nur ein einziges Mal Herrn von Eichen ~senior~ als lohnendes -Erziehungsobjekt angesehen und sich überlegt, daß er ihn mit seinem -eigenen Wahlspruch schlagen und auf den richtigen Weg bringen konnte, --- er hätte sich wahrhaft Verdienste erworben, -- aber krumme oder -schwachbeleuchtete Wege waren vor Herrn Lehrer Tüllens Augen verborgen, -und er tat aus Gewissenhaftigkeit, was die Schwarzhausener aus Freude -am Schelten und Nörgeln taten, er sagte Herrn von Eichen ~senior~, daß -sein Neffe Baldamus sich zum Schleicher und Taugenichts auswachse. -Aber der Wahlspruch: »Nun gerade« ließ die Ankläger als grobe Lügner -scheinen. Mut besaß der kleine Seminarist damals für zwei, das -mußte man ihm lassen, doch nachdem sich Herr von Eichen von seiner -Verblüffung über die Dreistigkeit des Hauslehrers erholt, warf er ihn -hinaus. - -Das ließ sich Lehrer Tüllen auch gefallen, denn er war schmächtig und -klein, und die Faust des alten Eiks hatte schon Stärkere geworfen, -aber er ließ es sich nicht gefallen, daß Baldamus, sein Schüler, ihn -auf offener Straße verhöhnte, sondern er verabreichte ihm eine ganz -gepfefferte Ohrfeige vor allen Leuten, welche die Beleidigung angehört. - -Diese Ohrfeige vergaß Baldamus nie, und auch Lehrer Tüllen hatte -vollauf Ursache, sich stets ihrer zu erinnern, denn sie war sozusagen -der Stein, über den er fortgesetzt in seiner Laufbahn stolperte, der -Knüppel, der ihm ins Rad flog, der Balken, der sich vor jede Tür legte, -durch welche er in ein besseres Amt schreiten wollte. - -Schon hatte er sich es als das Beste ausgedacht, seine Heimat ganz zu -verlassen, als sich etwas sehr Verwunderliches ereignete. - -Die guten Schwarzhausener waren bibelfest, aber sie hielten sich -zumeist an das Alte Testament, das gar kräftig »Auge um Auge, Zahn um -Zahn« predigte, das Neue Testament mit dem Evangelium der Liebe war -ihnen noch fremd. - -Und so begriffen sie es niemals, daß Lehrer Tüllen ohne weiteres die -rasenden Pferde aufhielt, welche das Gefährt des Baldamus und ihn -selbst darin hinter sich herschleiften. - -Arg zerschunden und zerrissen hing der Lehrer am Zügel des Handpferdes, -das endlich zitternd stand, während der junge Herr Baldamus zwar -blaß, aber nach dem bewährten Sprichwort: »Unkraut vergeht nicht«, -doch völlig gesund aus dem Wagen kletterte, ohne seinem Todfeind ein -Dankeswort zu gönnen. - -Dafür dankte Eik von Eichen ihm mit der leitenden Stelle an der -Rektorschule, und Lehrer Tüllen nahm sie ohne weiteres an. Hatte -er doch eine alte, verwitwete Mutter und eine Menge halbwüchsige -Geschwister zu unterstützen. Er nahm sie auch an, weil sein Herz ein -energisches Veto gegen das Verlassen von Schwarzhausen einlegte, -sein Herz, das gar nicht einmal mehr ihm gehörte, sondern der -wunderlieblichen, ach so fröhlich-sonnigen Anna Teichmann, der Tochter -des alten Hieronymus. - -Er hatte sie schon als Kind geliebt, das Ännchen, und obgleich ihre -Augen nachtdunkel waren, für ihn waren sie die Sonne. - -Freilich war das Mädel viel jünger als er, aber er hatte sich innerlich -jung, rein und herzwarm gehalten; der Vater Hieronymus liebte ihn, und -das Ännchen vertraute ihm alle ihre Geheimnisse. - -Nur das eine nicht, -- -- und er war doch jahrelang ihr treuester -Freund, der nur auf ihren achtzehnten Geburtstag wartete, um die -inhaltreiche Frage zu tun: »Hast du mich lieb, Ännchen?« - -Zu spät, du dummer, gescheiter Herr Lehrer. - -Denn an ihrem achtzehnten Geburtstage zog man Ännchen aus dem -Mühlenteich, das kleine, liebevolle, vertrauende Mädel, das dem Lehrer -Tüllen zu jung gedünkt hatte für die heilig-tiefe Frage -- -- -- - -Und wie er damals den rasenden Pferden in die Zügel fiel, so tat er es -jetzt mit dem rasenden Vater Hieronymus, er nahm ihm den Revolver aus -der Hand. - -Schlaf ruhig, Ännchen! - -Dein alter braver Vater soll nicht zum Mörder werden und -- dein -Liebster ist keinen Schuß Pulver wert. - -Lehrer Tüllen betrat Haus Eichenborn nicht wieder. - -Wenn er und Vater Hieronymus Teichmann sich begegneten, dann grüßten -sie sich stumm mit schweren Blicken; gesprochen hatten sie nicht wieder -miteinander. - -Wie lange war das alles schon her! - -Ewigkeiten! - -Die Thüringer Edeltanne auf Ännchens Grab war schon ein stattlicher -Baum, beinahe so stattlich, wie der Herr Baldamus Eik von -Eichen. -- -- -- - -»Rektor Dillen« mußte jetzt manchmal dieser alten Zeiten gedenken, -und er jagte nicht, wie früher, die düsteren Gedanken fort, sondern -vertiefte sich in sie. - -Denn er liebte den kleinen Bertold Malcroix und ahnte mit dieser Liebe, -daß von dem glatten, korrekten, angesehenen und hochgeachteten Herrn -Baldamus ein Unheil für den Knaben ausgehe. - - * * * * * - -Bertold und Liselotte saßen wieder im Grasgärtchen zusammen. - -»Nun kommen bald Ferien,« lachte das Mädchen, »und dann kommt Hans.« - -»Hans? Ist das dein Bruder?« - -»O nein! Ein Vetter. Hans von Windemuth!« - -»Wie komisch! Du bist doch nicht ›von‹!« - -»Nein. Väterchen sagt, drei Buchstaben tun’s nicht, wenn’s nicht drin -steckt.« - -»Verstehst du das, Liselotte?« - -»Ach -- ich weiß nicht, ich denke nicht stark dran. Weißt du es denn? -Du bist nur zwei Jahr älter als ich.« - -Bertold reckte sich. »Zwei Jahre sind sehr viel. Ja, ich weiß, was -dein Vater meint. ›Wenn man dumm und schlecht ist, dann kann einem der -adlige Name nichts nützen.‹« - -»Hans von Windemuth ist aber nicht dumm und schlecht.« - -»O, den meine ich auch gar nicht. Erzähl’ mir von ihm, was ist er?« - -»Kadett ist er. Schon beinahe Fahnenjunker. In Groß-Lichterfelde ist -das Kadettenhaus.« - -»Ist es ein guter Junge?« - -»Hm -- -- ja -- ich glaub’ -- --« - -»Klug?« - -»Klüger als die meisten Menschen. Er weiß alles, das sagt er selbst.« - -»Meinst du, daß er mich gern haben wird?« - -»Aber natürlich. Du spielst ja Geige. Er spielt ja so prachtvoll -Klavier, schon ganz rasend schwere Stücke. O, es ist zu fein, daß Hans -kommt, dann können wir zusammen musizieren. Du Geige, -- ich und der -Hans begleiten dich abwechselnd -- -- --« - -»Ja, das wird herrlich!« rief Bertold lebhafter, als es sonst seine Art -war. »Du kannst mir nun jeden Tag von dem Vetter erzählen, damit ich -ihn richtig kennen lerne. Und wenn er so furchtbar klug ist, dann will -ich mich ordentlich auf die Hosen setzen.« - -»Sitzt du denn nicht immer drauf, Bertold?« - -Der Junge lachte. »Wie du ernsthaft fragst. Es ist nur so ’ne -Redensart. Ich mein’ damit, ich will noch strammer arbeiten.« - -Liselotte erhob Einspruch. »Das kannst du gar nicht, Bertold. Herr -Rektor sagt, du wärst der Beste von uns allen.« - -Bertold zuckte die Achseln. »Na weißt du, Liselott, viel gehört da -nicht zu. Findest du nicht, daß die Kinder sehr faul sind?« - -Liselotte zog ihr nachdenkliches Gesichtchen. »Weiß nicht. Aber es -ist am Ende einerlei. Bertold, ich hab’ Sorgen, Puppe Emmy kommt gar -nicht aus dem Fieber raus. Weißt du, die Base versteht gar nichts von -Kinderkrankheiten, sie meint, Fieber käme nur vom Kopf, und Puppe Emmy -hätte keinen, und deshalb könnte sie auch kein Fieber haben, aber das -ist ja Unsinn. Wenn die Base ’ne Mutter wär’, wie ich, und an die -vierundzwanzig Kinder hätte, dann würde sie nicht so dumm reden. Was -meinst du, Bertold?« - -Der Knabe sah voll Ernst und Mitgefühl in das Gesichtchen der -Spielgefährtin, das im Schmerz um die kranke Puppe einen ganz rührenden -Ausdruck zeigte. Er hätte es um die Welt nicht vermocht, ihr einen -wehtuenden Vortrag über kopflose Geschöpfe zu halten, trotzdem etwas in -ihm sagte: »Sie ist doch ein furchtbar dummes kleines Mädchen.« - -»Puppe Emmy ist schwer krank,« meinte er zögernd, »weißt du, Liselotte, -wenn der Kopf fehlt, wirft sich alles aufs Innerliche -- -- --« - -Sie nickte ernst und sah beruhigt aus. »Du hast recht, Bertold. Es wird -eine Sägespänentzündung sein. Gott, was hat man für Sorgen mit seinen -Kindern!« - -Dann schritten sie wieder zum gemeinsamen Unterricht, und so vergingen -die Tage und Wochen im gleichmäßigen Einerlei. - -Aber doch nicht ganz. - -Denn Bertold war die feierliche Erlaubnis zuteil geworden, in das Haus -von Professor Windemuth zu kommen. Die Base war zwar noch immer von -tiefem Mißtrauen gegen ihn erfüllt und überhaupt gegen alles, was von -dem alten »Eik« abstammte, aber Liselotte war wenigstens beschäftigt, -wenn sie mit dem Freunde zusammen war, und die Base konnte nichts -Anstößiges entdecken, wenn sie einmal »revidierte«, was gewöhnlich -in der Weise geschah, daß sie auf Filzpantoffeln zu der Kinderstube -schlich und mit einem ganz plötzlichen Ruck die Tür aufriß. - -Weder Bertold noch Liselotte waren nervös, sie guckten manchmal kaum -von ihrem Spiel auf, während die Base doch gewohnt war, bei derartigen -Überfällen, z. B. der Dienstboten, diese mit glühend roten, arg -verlegenen Gesichtern verschiedenes verbergen und fortpacken zu sehen. -So ließ sie jetzt tagelang die beiden unbehelligt. Noch lieber freilich -war es dem Bertold, wenn er zu Professor Windemuth ins Arbeitszimmer -durfte. Im Gegensatz zum Großvater war der Gelehrte nicht wortkarg oder -mürrisch und ernst, sondern ein herzensheiterer, mitteilsamer Mann, -der mehr als einmal einen lustig sprühenden Humor zu Hilfe nahm und -mit ihm gegen Base Juliane zu Felde zog. Für alle kleinen Herzensnöte -seines Töchterchens hatte Professor Windemuth offene Augen und Ohren, -und daher kam es, daß Liselotte die längst verstorbene Mutter gar nicht -vermißte, vielmehr noch nie darüber nachgedacht hatte, was ihrem Leben -eigentlich mangelte. Der Vater ersetzte ihr alles und nahm sie auch -gegen allzu heftige An- und Übergriffe der Base kraftvoll in Schutz. - -Der Professor hatte längst erkannt, daß seine kleine wilde Hummel nur -gewinnen könne, wenn Bertold ihr Spielkamerad bliebe, es hatte ihm -imponiert, daß der Junge streng das einstmalige Verbot, das Haus zu -betreten, innehielt. Von wem er wohl diesen festen Gehorsam hatte? -Vom Großvater sicherlich nicht, der sich in seinem ganzen Leben noch -niemandem gebeugt, und von der Mutter, die das vierte Gebot so wenig -geachtet, daß sie bei Nacht und Nebel aus dem Hause entwich, um ihrem -Liebsten zu folgen, doch sicher auch nicht. - -Gewiß hielt der ehrenfeste Herr Baldamus von Eichen seine strenge Hand -über den Knaben. Dieser Sproß des Hauses ging wenigstens seine geraden -Bahnen, wie sie Schwarzhausen jedem seiner Bürger vorschrieb -- -- -- -sympathisch war er ja dem Professor nicht, aber das lag wohl mehr -daran, daß Eik ein vollständiger Zahlenmensch war, während bei ihm, -Professor Windemuth, das Herz öfter mal mit dem Verstande durchging. -Vom weiblichen Einfluß hielt Professor Windemuth nicht viel. Seine -eigene, früh verstorbene Gattin war ein hilfsbedürftiges Wesen ohne -jede eigene Meinung gewesen, der Inbegriff aller zarten Weiblichkeit. -Liselottes Geburt kostete ihr das Leben, und da ihre Nachfolgerin in -Küche und Haus, Base Juliane, das genaue Gegenteil von ihr bildete, -mürrisch, ungehobelt, lärmend, aber tüchtig und umsichtig schaltete, so -nahm der Professor an, daß Frauenzimmer unberechenbare Geschöpfe seien, -durchaus keine Logik und erwiesenermaßen anderthalb Lot Gehirn weniger -besäßen. - -Das alte Fräulein Adelgunde von Eichen aber, das am liebsten das ganze -Deutsche Reich umhäkelt hätte, zählte überhaupt nicht mit. - -Armer, kleiner Bertold! - -So sollte er wenigstens ein klein wenig den Zuspruch eines gebildeten -Mannes genießen. -- - -Vielleicht hätte sich das Schicksal dem jungen Bertold ein bißchen -gnädiger erweisen sollen; es wäre so gut gewesen, wenn Liselotte ihr -feines musikalisches Gehör vom Vater geerbt hätte, anstatt von der -früh heimgegangenen Mutter, die ihren Gatten nun nicht mehr darauf -aufmerksam machen konnte, daß da in unmittelbarer Nähe ein Genie -steckte. Infolgedessen bekam Bertold keinen weiteren Unterricht und -hatte nichts als die beinahe vergötternde Zustimmung von Brennstoff -und Teichmann, bei denen er noch allabendlich musizierte, ein -gelegentliches Melden beim Großvater, der aber den Enkel so wenig als -möglich zu sehen wünschte, ferner einen täglichen einstündigen Besuch -bei Tante Adelgunde von Eik und ihrer sprichwörtlichen Häkelei und -- -seine Mutter. - -Frau Franziska Malcroix war so jung, so schön und -- so ernst. Sie -lebte _nur_ für ihren Bertold, -- sie erhob sich des Morgens um vier -Uhr und blieb, nachdem sie abends neun Uhr mit ihrem Knaben gebetet, -noch ein Stündchen in dem neben Bertolds Schlafstube befindlichen -Zimmer, wo sie arbeitete und schrieb und auf die regelmäßigen Atemzüge -ihres Einzigen lauschte. An den Tag, der ihr den Knaben nehmen und -in das Gymnasium nach E. führen würde, dachte sie mit Grauen. Jetzt -gehörte er ihr noch, wenn sie auch mit leisem Schmerz fühlte, daß sie -seine Liebe mit der kleinen Liselotte teilen müsse. - -So handelte sie wie eine echte Mutter und nahm auch das Mädelchen noch -an ihr Herz, -- ja sie ließ die beiden kaum von sich, denn sie waren -der sicherste Schutz gegen die Besuche ihres Vetters Baldamus. -- - -Franziska Malcroix hatte Angst vor ihm. - -Sie konnte sich selbst nicht begreifen, denn sie war doch sonst so -energisch und zielbewußt gewesen. - -Sie hatte Angst vor Herrn Baldamus, wenn dieser auch ganz ruhig und -scheinbar in ein interessantes Buch oder eine Zeitung vertieft in -seinem Lehnstuhl saß, oder wenn er Bertold etwas erklärte, der seinen -Wissensdurst stillte, wo immer er eine Quelle fand. Ja, sie hatte -Angst, auch wenn er nur Bertolds Geige zur Hand nahm, -- Angst, daß er -das Instrument mit einem Griff seiner schmalen, weißen Hände zerbrechen -könne. Sie hatte Angst, daß er irgendein Mittel besitzen oder ergreifen -könne, sie zu zwingen, sein Weib zu werden. - -Denn er war beinahe allmächtig in Schwarzhausen, das konnte sie täglich -erfahren, und sie wäre wohl mit einem Male wieder angesehen in dem -Städtchen gewesen, wenn sie plötzlich die Braut des hochmögenden Herrn -Baldamus wurde. - -Wie sie dieser Gedanke schauern machte und ihre Arme so fest um ihren -Bertold legen ließ, ja er ließ sogar den Schmerz um den verachteten, -toten Gatten milder werden und die Liebe heller leuchten, die doch die -Vergangenheit geheiligt hatte. - -Merkwürdig war es, daß der Vater, Herr Eik von Eichen ~senior~, sich in -keiner Weise in die Angelegenheiten des Pflegesohnes Baldamus mischte, --- er, der die Tochter einst verstieß, weil sie diesem Pflegesohn einen -Korb gab um eines Unwürdigen willen. - -Die Liebe der Schwarzhausener hatte Herrn Eik ~senior~ kopfscheu -gemacht. »Nun gerade!« war und blieb sein Wahlspruch, und der -Pflegesohn sank um so viel Grade in seiner Wertschätzung, wie er in der -seiner Vaterstadt stieg. Die verachtete Tochter aber kam dem alten, -verbitterten Vaterherzen wieder näher, während der Junge, der Bertold, -weit, weit von ihm abrückte, denn von diesem Knaben erzählten die Leute -Wunderdinge; und besonders Rektor Tüllen und Hieronymus Teichmann taten -sich in begeisterten Lobeserhebungen hervor. - - * * * * * - -Und nun kamen die Ferien, und Hans von Windemuth, der Herr -Fahnenjunker, zog in Schwarzhausens Hallen ein. - -»Das ist also Hans?« fragte sich selbst Bertold von Eiken, der mit -einer Mischung von begeisterter Erwartung und leiser Eifersucht der -Bekanntschaft entgegengesehen hatte. - -»Das ist Hans!« bestätigte strahlend Liselotte Windemuth, und der -Herr Fahnenjunker brauchte gar nichts zu sagen, dem sah man das -stolze Bekenntnis schon auf drei Schritte weit an: »_Ich bin Hans von -Windemuth!_« - -Die dreiundzwanzig Puppen wurden in die tiefsten Tiefen des Schrankes -versenkt und Puppe Emmy ohne Kopf ganz besonders fest und weitab -verstaut, denn der Fahnenjunker fand sie »scheusälig«. Bertold wunderte -sich über all diese Dinge, wunderte sich auch, daß Liselotte so -fröhlich und gleichmütig blieb und nur leise ihm zuflüsterte: »Weißt -du, Bertold, die Puppen verreisen jetzt ins Bad, und Puppe Emmy kommt -zu einem Kopfspezialisten. Wenn dann Hans abgereist ist, holen wir die -Puppen wieder von der Bahn ab, und dann spielen wir weiter.« - -»Puppe Emmy hat dann aber immer noch keinen Kopf,« gab Bertold zu -bedenken. - -»O, ich hab’ mir das alles überlegt,« meinte Liselotte. »Dann ist eben -die Operation nicht geglückt, -- es kommt oft vor bei großen Leuten, -nur daß ich eben meine süße Emmy nicht sterben lasse.« - -Liselotte sah ernsthaft und wichtig aus; dann zog sie Bertold mit -sich nach Hause in das große, tiefe Zimmer, in welchem der prächtige -Bechsteinflügel stand, und sagte: »Nun wirst du gleich nicht mehr an -die Puppen denken, denn Hans will uns vorspielen.« - -Der Fahnenjunker betrachtete etwas spöttisch seine gespannt dasitzende -Zuhörerschaft, -- die kleine, strahlende Base, den ernsthaften Jungen -und die Base Juliane, welche Tränen vergoß, wenn er den »guten Mond«, -den »schönen Schweizerbub« oder »das Gebet der Jungfrau« vom Stapel -ließ, während sie bei Chopin und Grieg in der Stube herumwirtschaftete, -mit Scheren und Fingerhüten, Messern und Gabeln, Gläsern und Tellern -viel Spektakel vollführte und schließlich türschlagend das Zimmer -verließ. - -Hans von Windemuth war ein künstlerischer Dilettant. - -Die schwersten Sachen perlten unter seinen weißen, wohlgepflegten -Händen, Grieg und Schumann, Chopin, Liszt, er spielte sie alle -herunter, und Bertold und Liselotte starrten ihn an, als sei er etwas -ganz Unglaubliches. - -Das gefiel dem jungen Krieger über die Maßen. - -»So, nun spielt ihr,« meinte er gnädig und überließ seinen Platz am -Flügel der kleinen Base. - -Aber sie kam nicht zum Spielen, denn die Tür war mit leisem Klapp -hinter Bertold zugefallen, -- er ging ohne Abschiedswort. - -»So ist er nun,« klagte Liselotte. »Du hast _zu_ schön gespielt, dann -kann er immer kein Wort sagen.« - -»Er hat keine Manieren,« meinte Hans von Windemuth streng. - -Bertold aber war nach Hause gelaufen, hatte seine Geige aus dem Kasten -gerissen, und in den tiefsten Tiefen des Riesenkleiderschrankes ließ er -das, was seine Seele bewegte, ausklingen. Dann stieg er langsam aus -dem Schranke heraus, sah sich vorsichtig um und huschte in das Zimmer -von Hieronymus Teichmann. - -»Gott steh’ mir bei und soll mich bewahren, Büblein, was ist in dich -gefahren?« fragte dieser erschrocken, als er den blassen Jungen sah. - -»O Teichmann, -- Teichmann --« murmelte Bertold. - -»Du siehst ja aus, als wolltst du versaufen, -- welche Laus ist dir -über die Leber gelaufen?« - -Ein stoßweises Schluchzen brach aus der Brust des Knaben. - -»Teichmann, er verhunzt mir den Grieg -- --« - -»Büblein, -- wo soll Krieg sein?« - -»Ach, Teichmann, ich meine ja den Komponisten, -- -- der Hans von -Windemuth spielt ihn und verhunzt ihn, ich kenne ihn nicht wieder, --- -- hör’ nur mal, Teichmann -- (Bertold nahm hastig die Geige und -fuhr mit ein paar Strichen darüber hin) -- hör’ nur, das Grollen und -Stöhnen der Nordsee, das Kreischen der Möwen, die Klagen des Mädchens --- -- o und _so_ spielt er das, -- -- Teichmann, ich _kann_ das nicht -mit anhören, und die Liselotte ist doch ganz begeistert.« - -»Büblein, ich kann dich nicht recht verstehn, -- Grieg? sagst du, oder -wer und wen?« - -»Teichmann, du wirst doch den großen Grieg kennen? Kantor Brennstoff -hat dir doch so viel von ihm vorgespielt.« - -Der Alte strich sich besinnend über die Stirn. - -»Den _großen_ Grieg, sagst du? Ich kenne nur _einen_ Großen, das ist -der alte Beethoven. Schweig’ still, Büblein, sag’s dem Brennstoff -nicht, er zieht dann gleich so’n närrisch Gesicht, -- er steckt so ganz -im Wagner drin und, weiß es Gott, ich lieb’ auch _ihn_, aber sie sind -nicht zu vergleichen. Ob der eine den andern mag erreichen, -- ich weiß -es nicht, mich kümmert’s nicht. Nur eins tu’ ich mir ausbedingen, zu -jedem Tag, zu jeder Stund’, man soll mir immer den Wagner singen, so -lange ich lebe und bin gesund. Aber in Krankheitstagen, in bangen, will -ich nach meinem ›Großen‹ langen, -- und die Fünfte Symphonie führ’ mich -zur ew’gen Harmonie. - -Büblein, was schaust du mich so an?« - -Bertold sah in der Tat ganz selbstvergessen in das Gesicht das alten -Faktotums. - -»Rektor Dillen fragte heute, ob wir schon mal ’n Dichter gesehen -hätten -- -- --« antwortete er stockend, »und da riefen wir alle ›nö‹, -aber nun, -- aber nun, -- bist _du_ ein Dichter, Teichmann?« - -Der alte Diener sah sehr ärgerlich aus, weit ärgerlicher und grimmiger, -als er eigentlich war, denn er war in der Hauptsache verlegen. - -»Ein Dichter! Wie kann ein kluger Junge so dummerhaft fragen! Schiller, -Goethe, Lessing und Uhland sind Dichter, und dann die Loreley und die -Wacht am Rhein und Heil dir im Siegerkranz, verstanden?« - -»O, Teichmann, jetzt hast du nicht ein einziges Mal gereimt, wie kommt -das?« - -»Junge, du bist genau wie deine Mutter war, -- die fragte mich auch -immer das Blaue vom Himmel runter. Ich kann dir aber nichts Gescheites -antworten. Das kommt eben vom Himmel geflogen, daß es dann so mit den -Wörtern paßt.« - -»Aber nun, Teichmann, aber nun? Es paßt ja gar nicht -- -- --« - -»Weil ich in Wehmut und Aufregung bin, Bertold. Dann verliert sich -das. Sobald milde Denkart eintritt, kommt das andere so sachtchen mit, -ich merk’ es freilich selber nicht, Freund Brennstoff steckt mir auf -das Licht, und Thereschen freundlich auf mich blickt und sagt: Mein -Teichmann, du bist verrückt.« - -Bertold lachte. - -»Wie einem gleich froh ums Herz wird, wenn man bei dir ist, Teichmann. -Ich war ganz unglücklich und zerschlagen vorhin. Vielleicht ist auch -Grieg zu schwer und wunderlich. Er dürfte nur von musikalischen -Menschen gespielt werden. Gelt, Teichmann, du verstehst mich doch, daß -ich das so einfach sage? Klingt es sehr eingebildet? Denn ich spiele ja -Grieg -- o so gern!« - -»Musik ist eine Gottesgabe. _Ich_ kann nichts dafür, daß ich sie habe, -und dir geht es ebenso, sei darüber ganz ruhig und froh!« - -»Sieh, Teichmann, weil der Grieg so leicht _aussieht_, da meinen -alle, sie könnten ihn spielen, und mein Vater sagte -- -- --: ›Das -kleinste lyrische Stück von ihm sollte man erst einmal ein Jahr lang -durch_leben_, ehe man wagte, es mit einem Instrument anzufassen‹.« -- - -Teichmann antwortete nicht. Vielleicht verstand sein einfacher Sinn -nicht diese Tiefe der Auffassung, -- aber sein feines Gefühl spürte -aus den Worten des Knaben und aus der Art, wie dieser den Vater -erwähnte, die grenzenlose Verehrung, welche dem verachteten Toten -bewahrt wurde. Und mit einem Male fühlte er auch, daß das Leben dieses -jungen Menschenkindes ein Dornenweg sein würde, voll Stacheln, voll -Lieblosigkeit und Häßlichkeiten, wie der seiner Mutter. Und das Ende -des Dornenweges? - -Teichmann schüttelte seinen grauen Kopf. »Was kümm’re und vergrübel’ -ich mich? Da oben ist einer klüger als ich.« - -»Was murmelst du da, Teichmann? -- Wenn sie nun morgen wieder mit mir -spielen wollen, und ich kann es doch nicht mit anhören?« - -»Ich will dir etwas sagen, Bertold.« Der alte Mann geriet in -Begeisterung. »Du nimmst _Beethoven_ mit. Ganz einfach Beethoven! Und -den spielt ihr! Himmelherrgott, -- _den_ können sie einfach nicht -verhunzen, -- sie _können’s_ nicht. Der bleibt immer Beethoven, -- -verstehst du, Sohn? Und wenn sie ihn dreschen und hacken oder schludern -und verludern, -- Junge, er bleibt Beethoven. Das ist einer, das ist -einer!« - -»Teichmann, du hast wieder nicht gereimt!« - -Der Alte sah den Knaben starr an. - -»_Das_ hörst du? Auf solchen Kram achtest du, wenn ich von dem Großen -rede? Schäm’ dich, Bertold! Und könntest _du_ irgendeinen Reim auf -Beethoven finden? Ich nicht! Schäm’ dich, Bertold!« - - * * * * * - -Drei ganze Tage ließ Bertold dahingehen, ehe er sich den Spielkameraden -wieder zugesellte. - -Aber diese drei Tage dünkten ihm Jahre. Frau Franziska sah bekümmert -auf ihren Jungen, der mit großen Augen sehnsüchtig aus dem Fenster -schaute in der Richtung, in welcher man den Giebel des roten -Windemuthhauses erblickte. - -Die leise Eifersucht regte sich wieder in ihrer Brust. Drei Tage war -ihr Junge verändert und scheu, bis sie selbst ihm zurief: »Du warst so -lange nicht bei Liselotte, habt ihr euch gezankt?« - -Da leuchtete sein Blick. »Mutter, -- ich gehe! Darf ich lange bleiben? -Ich nehme die Geige mit! Mutter, und Beethoven nehme ich mit. Den -können sie mir nicht verhunzen! Den nicht! Teichmann hat’s gesagt.« - -Frau Franziska strich sanft über sein dunkles Haar. - -»Du Wilder! Geh nur -- geh! Sei brav! Und kehr’ mir gesund wieder!« - -Ihre eigenen Worte hallten in ihr nach, als sie ihrem Jungen -nachblickte, wie er mit dem Geigenkasten dahinschritt durch die -Eichenstraße und immer wieder zurückwinkte nach der Mutter. - -Er war doch _ihr_ Junge. - -Du Wilder! Sei brav! Diese Worte sprach ihr Herz und ihr Mund täglich -unzählige Male und hatte sie gesprochen beinahe von dem Tage an, da man -ihr den Knaben zuerst in die Arme gelegt hatte. - -Denn vom ersten Atemzug an war er ein ungebärdiges Büblein gewesen. Als -der Verstand kam, wurde er merkwürdig still, nachdenklich und ernst. -Aber daneben wucherte ein Kräutlein auf, das giftige, verderbliche, -zerstörende Erbteil der Eik von Eichens, -- der Jähzorn. - -Wie Franziska Malcroix diesen Jähzorn haßte! Die Chronik des Hauses war -erfüllt von Beispielen seiner unheimlichen Macht über die Eiks. - -Er überschlug aber immer eine Generation. - -So war sie selbst verschont geblieben von diesem unseligen Temperament, -das ihren Vater bis zur Sinnlosigkeit beherrschte und einen gehaßten, -gefürchteten, gemiedenen Mann aus ihm gemacht hatte. - -Aber ihr Junge, ihr lieber Trost, ihr ein und alles, den sie -herausgerettet aus einer tief unglücklichen Ehe, welche der Tod zur -rechten Zeit noch getrennt hatte! Sie hatte schon geglaubt, daß das -böse Erbteil vor ihm haltmache, hatte dankbar die Hände gefaltet, -daß ihr Sohn weder den haltlosen Leichtsinn seines Vaters, noch den -lodernden Jähzorn des Großvaters geerbt, hatte sich in der Sicherheit -gewiegt, daß ihm ein gütiges Geschick nur die heilige Wahrheitsliebe -und den eisernen Fleiß der Eik von Eichens in die Wiege gelegt habe -- -bis vor drei Jahren. - -Ja, so lange war es her. - -Da hatte sie an einem heißen Nachmittage arbeitend am Fenster gesessen, -ihr Mann war wieder einmal auf »Kunstreisen«, von welchen er immer -haltloser denn je und oft in zweifelhafter Gesellschaft heimkehrte, --- -- ihre Gedanken weilten bei dem Fernen, dem sie von Tag zu Tag -fremder wurde, -- da hatte sie gellendes Kindergeschrei gehört und war -auf die Straße gestürzt, ohne Hut, ohne Tuch, wie sie gerade war. - -Zur rechten Zeit kam sie, um Bertolds kleine, feste Fäuste aus dem -dunkeln Schopf eines Spielkameraden loszulösen, aber ganze Büschel -Haare blieben trotzdem in der Hand des Raufenden. - -Frau Franziska hatte entsetzt in die entstellten Züge ihres Knaben -gesehen. - -Dunkelrot das kleine Gesicht, schneeweiß die Lippen und die -Nasenspitze, und die Augen sprühend vor Zorn. - -»Er liegt, Mama, er liegt!« Mehr konnte der Junge nicht hervorkeuchen. - -Ja, das war der Eiksche Jähzorn. - -Eine Menschenmenge hatte sich damals angesammelt, o sie wußte es so -genau noch. Der Vater des gemißhandelten Jungen war dazu gekommen und -hatte von »Zwangserziehung« gesprochen. Böse Reden waren gegen sie und -Bertold geflogen -- -- welche Schmach für die feinfühlige Frau! - -Und ihr kleiner, guter, stolzer Junge! - -Als die lodernde Aufregung nachließ, weinte er bitterlich und war ganz -krank. Es hatte sich um eine Kinderei gehandelt, um eine Unwahrheit, -wie sie unter Kindern im täglichen Spiel oft vorkommt, aber dem streng -wahrheitsliebenden Jungen war sie unerhört erschienen. - -An all dies dachte Frau Franziska und dachte auch an die große -Ähnlichkeit zwischen Großvater und Enkel. - -Zug für Zug glich der junge Bertold dem alten Bertold. - -Nichts hatte er von seinem Vater bekommen, als etwa die dunkeln Augen, -die bei Lotar Malcroix aber übermütig gestrahlt hatten, während Bertold -gewöhnlich ernst dreinschaute. - -Auch die große Figur und die kerzengerade, aufrechte Haltung würde er -gleich dem Großvater haben, ebenso die dichten, schöngeschwungenen -Augenbrauen, den energischen Mund und -- -- den Jähzorn. - -An all dies dachte Frau Franziska, als sie ihrem fröhlichen Knaben -nachschaute, wie er federnden Ganges mit seiner geliebten Geige -dahinschritt, und an all dies dachte sie, als er nach kaum einer halben -Stunde totenblaß zu ihr ins Zimmer zurückkam und sich vor ihr auf die -Knie warf, den wirren Lockenkopf in ihren Schoß drückte und nur immer -wieder stammelte: »Mutter, ach Mutter!« - -»Was war geschehen?« So fragte sie sich selbst, als sie nur einen -Augenblick in das verstörte, gramvolle Gesicht ihres Buben geschaut -hatte, das so traurig, so krank aussah, daß sie die Frage gar nicht -laut stellen mochte. - -»Mutter, ach Mutter!« Wieder ein wehes Aufschluchzen. - -»Werde ruhig, mein Herzensjunge!« - -»Ich kann nicht ruhig werden, nie wieder, Mutter! Mutter -- sag’ -- ist -es wahr? War der Papa, -- _mein_ Papa, -- -- sie sagen, er wäre ein -Schuft gewesen.« - -Das Gespenst! Da stand es wieder vor Franziska Malcroix und grinste sie -an. Es würde nie verschwinden, das wußte sie. Und ob sie fliehen würde -weit über die lieben Thüringer Berge, das Gespenst ihres befleckten -Namens würde neben ihr schreiten oder hinter ihr drein laufen und sie -immer wieder einholen. - -Frau Franziska weinte bitterlich. »Mein Junge, mein armer Junge!« - -Bertold strich sich die feuchten Locken aus dem verweinten Gesicht und -sah die Mutter an. »Du sagst nichts, Mutter? Ist es wahr?« - -Ihre Augen sahen über ihn hinweg ins Weite. - -»Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!« sprach sie laut -und hart, und dann schlossen sich ihre Lippen fest. Ein unendlicher -Jammer lag in ihren Augen, und Bertold fühlte, daß er nicht fragen, daß -er nur trösten müsse. - -Seine Arme umschlangen sie fest, und so saßen Mutter und Sohn -schweigend mit ihren übervollen Herzen. - -Die Abendsonne stahl sich herein und wob überall lichte Kränzlein: das -eine legte sie um Bertolds dunkeln Lockenkopf, der an der Brust seiner -Mutter ruhte, ein anderes flimmerte an dem Rahmen, der ein Pastellbild -des alten Eik von Eichen aus seiner Knabenzeit darstellte, ein drittes -tanzte auf Bertolds poliertem Geigenkasten. - -Und als die Sonne unterging, ließ sie das Licht dieser drei Kränzlein -in den Herzen von Mutter und Sohn zurück. -- - -Franziska küßte die Stirn des Knaben. - -»Erzähle mir alles,« bat sie. - -Bertold bettete seinen Kopf wieder fest an ihre Schulter. - -»Mutter, sie spielten wieder Grieg, als ich hinkam, die Ballade, die --- -- die Väterchen noch vor seinem Tode mit uns aus der Partitur las, --- oh -- weißt du noch?« Die Erinnerung überwältigte das Kind förmlich. - -»Ich weiß,« flüsterte Frau Franziska. - -»Ich hatte die Hände an den Ohren, denn ich konnt’s nicht ertragen, wie -der Hans von Windemuth alles herunterspielte, -- du weißt ja, wie Vater -so eine Technik haßte, die nur Technik war. Irgend was spielte Hans, -nur eben Grieg war es nicht. -- Dann sollte ich sagen, es sei herrlich -gewesen, die Liselotte verlangte es. -- Ich rief nur immer, der Hans -spiele sehr schön und fertig, und das war ihnen denn auch genug. Dann -legte ich still den Beethoven auf das Pult, -- es war nur der Auszug -aus Vaters Lieblingssymphonie, -- wir spielten es zu deinem letzten -Geburtstag zusammen, und du sangst uns damals die Worte dazu: ›Still -sank der Abendsonne Gold hinunter an das Himmelszelt, in Abendfrieden -süß und hold ruht um uns her die ganze Welt‹ -- -- --« - -»Mein Junge!« stöhnte Franziska, denn alles Leid und alle kargen -Freudenstunden der Vergangenheit wurden in diesem Liede lebendig. - -Bertold hatte den Kopf aufgerichtet und sah jetzt mit leuchtenden Augen -in den dämmernden Abend. - -Sein Kindergesicht sah reif und ernst aus, als habe die Hand des -Schicksals heute darüber gestreift und die harmlose Freude daraus -mitgenommen. - -»›O wohnte doch im Herzen mein so tiefer Friede für und für; mein -Gott, laß mich dein Eigen sein, den Frieden find’ ich nur bei dir!‹ -Mutter, -- als du das sangst, da hielt uns Vater beide umschlungen und -war so gut, so gut -- --« - -Bertold drückte sich wieder fest in den Arm der Mutter, als könne -dieser allein ihm Schutz gewähren vor dem Furchtbaren, das heute auf -ihn geschleudert worden war. -- - -Und die Mutter hielt ihn fest, so fest -- aber sie schwieg. - -Dies Kindergemüt war ihr zu heilig, zu zart noch, um es auch nur -schattenhaft ahnen zu lassen, wie furchtbar sie unter dem genialen -Künstler Malcroix gelitten, wie selbst die härtesten Beschuldigungen, -die fremde Menschen aussprachen, noch nicht die Wirklichkeit -erreichten -- -- -- - -Der Knabe schrie plötzlich weh auf, und seine Fäuste ballten sich. - -»_Ein schlechter Kerl!_ Mutter, -- Mutter -- einen schlechten Kerl -nannte ihn der Hans, und die Liselotte nickte dazu, -- ja Mutter, das -tat sie. Und ich hatte ihnen doch nichts zuleide getan, -- -- war nur -ein paarmal aufgesprungen und hatte gerufen: ›~Es~, ~es~, um Gottes -willen ~es~‹, -- kannst du dir vorstellen, Mutter, daß der Hans ~e~ -spielte in ~As-dur~? Da lachten sie über mich, und das machte mich -so wütend; und immer mehr lachten sie, und dann verhunzten sie den -Beethoven weiter -- -- -- und Teichmann hatte doch gesagt -- -- -- es -ginge gar nicht -- -- -- da riß ich Hans die Geige aus der Hand und -schlug -- -- --« - -»Bertold!!!« - -Der Knabe war aufgesprungen, -- starrte seiner Mutter ins Gesicht, und -es war, als käme er durch ihren Ruf erst langsam zur Besinnung. Langsam -strich er sich über die Stirn. »Mutter,« stammelte er, »ich glaube, ich -habe ihn sehr geschlagen, _sehr_, Mutter, -- er gab ja dem Beethoven -Schimpfnamen, und dann -- dir -- und dann -- -- dem Vater -- -- ich -solle nicht mit ihm prahlen, -- er sei ein großer Künstler gewesen, -aber ein schlechter Kerl, -- ein ganz, ganz schlechter Kerl -- -- --« - -»Schweig!« rief Franziska außer sich. »Du sollst das Wort nicht sagen, -ich kann es nicht hören.« Sie schüttelte ihren Knaben in Zorn und Weh -und hielt ihn dann doch wieder umschlungen, ihren Einzigen, -- ihren -Augen- und Herzenstrost. - -So brach die Nacht herein über den beiden, -- die große Trösterin. - - * * * * * - -Nur mit einem aufgescheuchten Wespennest konnte man anderntags -Schwarzhausen vergleichen. - -Es war ganz unerhört, was geschehen war. - -Der Wagen des Herrn Kreisphysikus ~Dr.~ Hempel hielt vor Professor -Windemuths Hause, und ~Dr.~ Hempel selbst hatte beim üblichen -Abendschoppen im »Weißen Roß« sehr freimütig erzählt, daß der kleine -schwarze Satan, Bertold Eik von Eichen, ~alias~ Malcroix, dem hübschen -Fahnenjunker Hans von Windemuth die Geige buchstäblich auf dem Kopfe -zerschlagen habe. »Kaput, -- ganz kaput!« - -»Um Gottes willen, der Kopf?« - -»Nein, die Geige.« - -Und wieder sprach man von Zwangserziehung und »Rauhem Haus«, wieder -erörterte jeder Vetter und jede Base, vom Bürgermeister an bis herunter -zum Nachtwächter, daß der Knabe erblich belastet sei, und daß es wohl -nur _ein_ Mittel gebe: eine feste Hand und gebietende Persönlichkeit -über ihn zu setzen, und für die Schwarzhausener konnte diese -Persönlichkeit nur Herr Baldamus Eik von Eichen sein, dessen Zuneigung -für Frau Franziska stadtbekannt war. Aber würde seine Liebe groß genug -sein, um sich aufzuopfern für eine Frau mit beflecktem Namen und mit -einem mißratenen Buben, wie dieser Bertold war? - -Der eine ganze Stadt durch sein bisheriges Wohlverhalten und Ehrbarkeit -getäuscht hatte? - -Der schon an seinem letzten Aufenthalt reif für eine Besserungsanstalt -gewesen war und dessen schlechter Charakter noch gerade zeitig genug -zum Vorschein kam? - - * * * * * - -Das Haus Windemuth konnte die Zahl der teilnehmenden Frager kaum -fassen, -- freilich sah der Professor immer aus, als nähme er am -liebsten die Mitbürger beim Kragen und würfe sie zur Tür hinaus; aber -man hielt sich an Base Juliane, die bereitwillig und ausführlich die -Schreckensszene immer wieder schilderte und stundenlang schwatzend vor -der Haustür stehen konnte. »Zerrissen und zerschunden sei das hübsche -Gesicht des Fahnenjunkers,« berichtete sie, »und die Kopfhaut an zwei -Stellen genäht, und die wertvolle Geige -- -- --« - -»Sei sofort vom alten Herrn Eik von Eichen ersetzt worden, und -zwar durch eine weit wertvollere,« war hier Hieronymus Teichmann -eingefallen, der gerade vorbeiging und sich ausnahmsweise und nur zum -Steuer der Wahrheit in die Verhandlung mischte. - -»Nun ja freilich -- ersetzt,« murrte Base Juliane, »als ob damit alles -abgetan sei! Der Hieronymus Teichmann war eben Partei. In seinen Augen, -das wußten alle, waren die Eik von Eichens geborene Engel, und sie -hätten auch einen Raubmord begehen können, Teichmann würde doch noch -Entschuldigungsgründe für seine langjährige Dienstherrschaft gefunden -haben.« - -Aber man wollte in Schwarzhausen nicht so lange warten, bis etwas ganz -Schreckliches durch diesen Bertold Malcroix geschah; man wollte den -Brunnen zudecken, ehe das Kind hereinfiel, und da man nicht den Mut -hatte, zum alten Eik zu gehen, der nun doch einmal die meisten Steuern -zahlte, und ihm zu sagen: »Nimm dein Enkelkind aus der Schule heraus, -es stört da unsere sorgfältig erzogenen Sprößlinge«, so bearbeitete man -eben jene sorgfältig Erzogenen, und diese isolierten den Bertold. - -Er fand sich immer allein, beim Spiel und beim Lernen, beim Plaudern, -beim Stillsitzen und beim Frühstücken. - -Während der ersten Tage nach jenen bösen Jähzornsstunden fehlte -Liselotte ganz in der Schule. Der Anblick ihres leeren Platzes gab dem -Jungen immer einen Stich ins Herz, mehr noch die kummervollen Augen des -Rektors Tüllen, zu welchem die aufgebrachten Schwarzhausener gesagt -hatten: »Entweder der jähzornige Bengel geht, oder wir nehmen unsere -Kinder fort.« Es war verlorene Liebesmühe des braven Rektors gewesen, -daß er alle guten Seiten des Knaben hervorgehoben hatte; man machte die -Frage einfach zu einer Existenzfrage für den Rektor und seine brave -Schwester. - -Als Liselotte zum ersten Male wieder in der Schule erschien, -hatte sie etwas Merkwürdiges mitgebracht, ein längliches, sauber -zusammengeschnürtes Paket, das sie hastig unter die Bank steckte. - -Erst als die lange Pause kam, holte sie das Päckchen vor und begab sich -mit ihm nach dem Grasgarten. Bertold folgte ihr dorthin, wie er es ja -immer getan hatte, ehe er sich durch sein strafwürdiges Verhalten die -Pforten zum Paradiese verschloß. - -Und ein Stück Paradies war ihm das Windemuthhaus gewesen. -- Die -ganze Klasse wollte den beiden nachstürmen, aber Rektor Tüllen stand -sozusagen mit feurigem Schwerte vor der kleinen, grün angestrichenen -Tür, die zum Grasgarten führte, und sein Lineal, mit dem er wild -umherfuchtelte, glänzte leuchtend in der Sonne. »Weg da,« rief er und -scheuchte die Neugierigen fort, »in das Grasgärtchen dürfen nur die -besten Schüler.« - -Das war die Wahrheit, und das half auch. -- - -Liselotte setzte sich, Bertold stand vor ihr mit bekümmerter, ernster -Miene. Liselotte hatte das Paket auseinandergeschnürt, und nun lag -»Puppe Emmy ohne Kopf« auf ihrem Schoß. - -»Liselotte, bist du böse mit mir?« begann Bertold das Gespräch. - -Das kleine Mädel schaute nicht auf, ihre Augen guckten nur die Puppe -an, und dann erwiderte sie: - -»Sieh mal, liebe Puppe Emmy, ich darf doch nicht mit dem bösen Bertold -sprechen, weil er ein schrecklicher Bengel ist. Nun habe ich dich -mitgenommen, und du kannst ihm alles sagen.« - -Der Schatten eines Lächelns flog über des Knaben Gesicht, als er -die List der kleinen Evastochter verstanden, aber es war nur ein -Augenblick, dann fragte er ganz ernst: »Puppe Emmy, ist Liselotte -Windemuth mir böse?« - -Und die kopflose Puppe Emmy besaß ein furchtbar erregtes Stimmchen, das -antwortete: »Gräßlich böse ist Liselotte, und aus und vorbei ist’s. -Hans von Windemuth ist ganz schwach und dösig, er hat so schauderhaft -geblutet und liegt immer noch zu Bett. Nie darfst du wieder zu -Liselotte kommen, -- du wärst ein Rowdy, hat Vater gesagt. Und wenn du -wieder Geigen zerschlügst, solltest du lieber deine eigene Geige an -deinem eigenen Kopf zertrümmern.« - -»Meine Amati!« stammelte Bertold. - -»Jawohl, deine Amati,« bestätigte Puppe Emmy ohne Kopf ungerührt. »Und -es ist eine ganz schreckliche Geschichte. Hans wartet jetzt bloß, bis -du ein Mann bist, dann fordert er dich zum Duell, hat er gesagt, und -schießt dich tot.« - -Bertold wollte laut rufen, daß er doch auch dabei den Hans totschießen -könnte, aber sein Gerechtigkeitsgefühl verbot es ihm, und im Bewußtsein -seiner Schuld senkte er tief den Kopf. - -»Darf ich auch nicht, bis ich tot bin, mit Liselotte spielen?« fragte -er zaghaft. - -»Nein,« lautete Puppe Emmys unbarmherzige Antwort. »Die Liselotte mag -auch gar nicht. Alle Leute sagen, du wärst so ein Zornnickel, daß man -seines Lebens nicht sicher wäre.« - -In Bertold begann sich schon wieder etwas zu regen, -- es stieg ihm -heiß ins Gesicht, und Tränen des Zorns füllten seine Augen. - -»Wie die Nachtwächter habt ihr Beethoven gespielt,« brach er leise -grollend los, »und dann nachher -- -- --« - -»Wenn es doch aber _wahr_ ist --« eiferte Puppe Emmy und stürzte sich -in des Wortes vollster Bedeutung unüberlegt und »kopflos« in eine -höchst gefährliche Situation, -- »dein Vater hat doch auch --« - -»Schweig!« schrie Bertold und sah mit seinen erhobenen Fäusten so -schreckenerregend aus, daß Liselotte einen gellenden Schrei ausstieß. - -Auf diesen Ausbruch lief sofort Rektor Tüllen herbei, und auch seine -Schwester kam aus der Küche gelaufen, und die übrigen Kinder verließen -ihre Spiele und schauten neugierig in das verbotene Gebiet des -Grasgärtchens. - -Da stand der Junge, der beste Schüler, der seit wenigen Tagen das -schwarze Schaf des Städtchens war, mit rollenden Augen und knirschenden -Zähnen, aber in Gegenwart des Herrn Rektors fürchtete sich Liselotte -nun nicht mehr. Sie raffte Puppe Emmy an sich, nestelte an ihrer -Tasche, die sich ziemlich dick und auffällig unter ihrer Schulschürze -bauschte, und dann flog etwas vor Bertolds Füße, und noch etwas und -noch etwas. - -»Da! -- da! und da!« rief diesmal nicht Puppe Emmy, sondern Liselotte, -die ebenso blaß war, wie ihr ehemaliger Freund rot; und alle -Schwarzhausener Kinder sahen mit Genugtuung, daß hier eine von ihnen -längst geneidete Freundschaft in Stücke ging. - -Unzählige Bildchen flatterten zur Erde vor Bertolds Füße, viele seltene -Steinchen, getrocknete Vierkleeblättchen und bunte Glaskugeln -- lauter -Sachen, die Bertold ach so mühselig einst gesammelt und der kleinen, -geliebten Freundin dargebracht hatte. Auch seine wertvollsten Marken -waren darunter und selbstgezeichnete Bildchen -- -- es lag nun alles im -Kies des Grasgärtchens, und viele schmutzige Kinderhände bückten sich -danach und schlugen sich darum. -- -- -- - -Totenblaß, aber mit hoch erhobenem Kopf schritt der Knabe über all die -verschmähten Liebesgaben hinweg, die Hände hatte er tief in den Taschen -vergraben, seine Augen schauten geradeaus -- -- -- so ging er zur -Schultür und zum Hause hinaus, ohne sich nur ein einziges Mal umzusehen. - - * * * * * - -Zum erstenmal seit ungezählten Jahren stand Rektor Tüllen wieder im -Hause Eichen vor dem alten Herrn, der einst sein Gönner und Brotgeber -gewesen war. - -Und daran, daß er dort wirklich wieder stand, konnte der Rektor die -Kraft der Liebe ermessen, die ihn mit seinem kleinen Schüler verband. - -Diese Kraft allein hatte ihn über die Schwelle des Hauses gezogen, aus -dem er einst fortgewiesen wurde, und das er mit einem jungen Herzen -voll Haß und Bitterkeit verlassen hatte. - -Jetzt war er alt und mild geworden, und der Greis, der ihm einst wilde, -harte Worte zugerufen, streckte ihm heute die Hand entgegen. Dabei -wetterleuchtete es förmlich in dem alten Gesicht, -- er setzte auch -ein paarmal zu einer Begrüßung an, aber das Reden war nie eigentlich -seine Sache gewesen, und er fühlte wohl, wie schwer es war, nach -fünfundzwanzig Jahren plötzlich eine Anknüpfung zu finden, besonders -bei einem so jäh zerrissenen Faden. - -Aber sein Händedruck war ehrlich und fest, und Rektor Tüllen erwiderte -ihn ebenso. - -Herr Eik von Eichen ~senior~ führte seinen Gast zu einem der tiefen -Sessel in seinem Arbeitszimmer, und beide setzten sich. - -»Erzählen!« - -Es war nur ein barsch geknurrtes Wort, aber der Rektor hatte ein -scharfes Auge und ein feines Ohr, er sah, daß sein Gegenüber -heftig erregt war, und er hörte aus der Art, wie das einzige Wort -hervorgestoßen wurde, etwas heraus, das ihn veranlaßte, sofort zu -willfahren. - -Ruhig und mit mildem Ernst setzte er dem alten Herrn alles auseinander, -schilderte mit etwas trockener Sachlichkeit die Freundschaft des Knaben -Bertold mit der kleinen Liselotte Windemuth, schilderte den Auftritt im -Hause des Professors, soweit er ihn vom Hörensagen kannte, und betonte -den heftigen Jähzorn des Knaben, der sich am letzten Schultage wieder -erschreckend gezeigt und die Schwarzhausener von neuem aufgeregt habe. -Er selbst, der Rektor, würde den Knaben nie aus der Schule gewiesen -haben, denn Bertold sei ein kluger Kopf und lerne fleißig, im übrigen -sei es ihm, Rektor Tüllen, gleichgültig, was seine Mitbürger dächten, -aber Bertold habe vor drei Tagen die Schule freiwillig verlassen und -sei bis heute nicht zurückgekehrt, deshalb sei er hier und wolle Herrn -Eik von Eichen gut überlegte Vorschläge unterbreiten. -- - -Rektor Tüllen fühlte plötzlich bei dieser Unterredung, daß ein Diplomat -an ihm verloren gegangen war. - -Mit keiner Silbe lobte er den Jungen, dem sein ganzes altes Herz -gehörte, mit keinem Worte beschönigte er Bertolds Jähzorn, -- und von -dem gottbegnadeten, wunderbaren musikalischen Talent des Knaben sprach -er mit einer Nüchternheit, daß der argwöhnische Zuhörer auch nicht -schattenhaft die Sorge spürte, welche Rektor Tüllen beseelte, wenn er -an eine Erfolglosigkeit seiner Mission dachte. Er hatte ja vor diesem -Gang eine lange Unterredung mit dem Organisten Brennstoff gehabt, und -dieser hatte ihn nach allen Regeln der Diplomatie bearbeitet. - -»Immer an den Wahlspruch des Alten denken: ›Nun gerade‹. Nicht das Herz -›weghuppen‹ lassen, wir müssen das Kind für Frau Musika retten, und -dazu brauchen wir den alten Isegrimm. Rektor, reden Sie vorsichtig, -Rektor, machen Sie keine Dummheiten!« - -Der alte Eik war aufgesprungen und lief wild im Zimmer umher. Es -schüttelte ihn wie ein Sturm. »Bande!« knirschte er, »Bande! Sie -sind um kein Haar besser geworden, meine lieben Schwarzhausener. Was -nicht im Geleise geht mit hü und hott, das wird einfach verfemt und -totgeschlagen, -- ich kenne sie, o ich kenne sie!« - -Immer wieder durchmaß er das tiefe, große Zimmer mit wuchtigen -Schritten, und sein schweres, stoßweises Atmen begleitete jeden Schritt. - -Mit hartem Ruck blieb er endlich vor dem Lehrer stehen. - -»Und Sie wollen sich überwinden, Herr Tüllen, und täglich hierher -kommen, meinen Enkel weiter unterrichten?« fragte er ungläubig. - -»Ja, das will ich,« bestätigte der Rektor. Plötzlich reckte er seine -schmächtige Gestalt hoch auf und sah dem alten Eik furchtlos in die -düsteren Augen. »Unter zwei Bedingungen will ich’s.« - -Eik von Eichen ~senior~ erstaunte. Er kannte seit seiner frühesten -Jugend nur gebückte, demütige Kreaturen, oder hämische und -schadenfrohe, immer aber furchtsame Seelen, die ihm, wenn möglich, weit -aus dem Wege gingen. - -Daß dieser »hungrige Lehrer«, der ganz mit seiner Existenz auf die -Milde der Schwarzhausener Bürger angewiesen war, und der offenbar ihn -doch jetzt auch brauchte, -- -- ihm Bedingungen zu stellen wagte, war -ihm mindestens neu, und deshalb interessierte es ihn. - -»Bedingungen?« lachte er kurz auf. »Und die wären?« -- - -»Daß ich niemals Herrn Baldamus von Eik zu sehen brauche, und daß ich -niemals für meine geistige Arbeit an dem Knaben Bertold irgendein -Honorar anzunehmen brauche.« -- -- -- - -»Was für eine Verrücktheit!« rief Eik von Eichen ~senior~. »Was wollen -Sie damit? Meinen Sie, ich lasse mir etwas von Ihnen schenken?« - -Lehrer Tüllen sah ihn ruhig an. - -»Das müssen Sie wohl, Herr von Eik, -- oder Sie verzichten eben auf -mich. Nur die -- -- Anhänglichkeit an Frau Franziska, meine ehemalige -Schülerin, führte mich nach fünfundzwanzig Jahren über diese Schwelle, -und der Gedanke, daß Bertold Eik von Eichen zu schade ist, um in die -Schablone der Schwarzhausener eingepreßt zu werden.« - -Eine lange Pause entstand. - -Unverwandt schaute der Greis mit den düsteren Augen auf den kleinen -Lehrer, der wieder zusammengesunken, wie unter einer großen -Anstrengung, in dem tiefen Lehnsessel saß. - -»Ich nehme beide Bedingungen an.« Wieder streckte sich die große Hand -aus, und der Lehrer legte die seine hinein. - -»Herr Baldamus von Eik, mein Pflegesohn, will in den nächsten Wochen -eine Auslandsreise antreten. Vorher will er sehen, ob sich einige -Wünsche und Hoffnungen von ihm verwirklichen lassen, -- -- -- hm -- -- -das würde dann große Veränderungen in meinem Hause bedingen, die auch -den Knaben mit betreffen würden. Vorläufig -- -- sehe ich Sie also -täglich hier, mein Arbeitszimmer ist ~tabu~ für jedermann,« (wieder -lachte er rauh), »Sie werden niemandem hier begegnen. Ich stelle aber -_auch_ eine Bedingung.« - -Lehrer Tüllen sah gespannt fragend auf. - -»Sie erwähnten vorhin, daß mein Enkel im Hause Windemuth musiziert -habe, ich hörte aus Ihren wenn auch noch so bedachten Worten heraus, -daß Bertold das Talent seines Vaters erbte, -- ich will davon _nie_ -wieder etwas hören, merken Sie wohl auf. In dem Augenblick, da auch -nur ein Ton des verfluchten Instrumentes an mein Ohr dringt, ziehe ich -meine Hand von meinem Enkel ab.« - -Wieder ging die große Gestalt mit dröhnenden Schritten auf und ab. - -»Das ist eine sehr harte -- -- und eine ungerechte Bedingung,« tönte -die ruhige Stimme des Lehrers. - -»Darüber habe _ich_ zu entscheiden,« lautete die schroffe Erwiderung. -»Ich habe dem Bengel Windemuth die zerstörte Geige ersetzt, -- wie ein -Hohn war’s auf die ganze Vergangenheit, -- ich -- Eik von Eichen kaufte -eine Geige -- --« Wieder das heisere, rauhe Lachen, und wieder der -Unterton dabei, nur dem feinen Ohre des Lehrers vernehmbar, ein Ton des -grollenden Schmerzes, der vom bitteren Hasse kaum mehr zu unterscheiden -war. - -Lehrer Tüllen stand auf. - -Er überlegte, daß er heute genug erreicht hatte, er wußte wenigstens, -daß der Junge ihm für einige Zeit wieder gehörte, und daß die Förderung -dieser jungen Menschenseele die köstlichste Aufgabe für ihn sein werde. -Ruhig verabschiedete er sich vom Herrn des Hauses. Es wurde kein Wort -weiter gewechselt, dann fiel die schwere Eichentür hinter ihm ins -Schloß. - -Ganz erschöpft saß der Rektor dann noch eine Stunde in dem Stübchen von -Hieronymus Teichmann, der gemeinsam mit Kantor Brennstoff auf ihn mit -Spannung gewartet hatte. Das Wiedersehen mit dem alten Vater seiner -einstigen Liebe griff den Rektor ungemein an. Er war ja kein Jüngling -mehr, und es stürmten seit einiger Zeit zu viel neue Eindrücke auf ihn -ein. Fast mechanisch berichtete er über seine Unterredung mit Herrn von -Eik, und der alte Teichmann saß ihm stumm und bedrückt gegenüber. Jeder -erlösende Reim schien ihm abhanden gekommen zu sein. - -Desto lebhafter und aufgeregter war Brennstoff. - -»Diese ganze Sache ist nur ein Danaergeschenk,« grollte er. -»Himmelherrgott, was nützt uns alles, wenn diese verrückte, tolle, -hirnverbrannte Bedingung mit der Geige bestehen bleibt. Diese ist -sozusagen die Hauptsache im Leben des jungen Eik, wie Frau Musika -überhaupt das A und O eines jeden musengeküßten Individuums sein müßte. -Wenn Jung-Bertold auch weder schreiben, noch lesen könnte, -- mit -seinem Geigenspiel allein käme er durch die ganze Welt. Musik macht gut -und groß und erbt in jedem Falle den Himmel, und die heilige Cäcilie -ist wahrhaft anbetungswürdig!« - -»Brennstoff, stoppe ein wenig!« bat jetzt Hieronymus. »Mir scheint, -das Schicksal hat’s schon gut gemeint. Unser Junge, der Bertold, in -sicherer Hut, -- der Gedanke belebt schon meinen Mut. Paßt auf, -- was -heute noch meilenweit, das kommt schon näher mit der Zeit.« - -»Unsinn, Hieronymus! Frau Musika ist ’n ungeduldiges Weibsen. Das -wartet nicht. Und so’n Talent verkommen lassen, -- was sag’ ich, -Talent? -- -- so’n Genie!« -- -- -- - -»Ein Genie bricht sich _immer_ Bahn,« warf Rektor Tüllen ruhig und -etwas müde ein, reichte den beiden still die Hand und ging. - -»Billige Brombeerenweisheit,« rief ihm Brennstoff nach. »Herrgott, -_ich_ hätte dem alten Eik gegenüber stehen sollen,« tobte er weiter -und vergaß ganz, daß er vor kaum zwei Stunden noch ausgerufen -hatte: »Mönchlein, Mönchlein, du gehst einen schweren Gang, Gott -sei gepriesen, daß ich mit dem Schlagetot nicht allein zu sein -brauche!« -- -- - -Schwarzhausen selbst stürmte, brauste und gärte in ungeheurer -Aufregung. -- Daß man den Bertold nicht sofort auf den Schub gebracht -und irgendwohin expediert hatte, war so echt Eikensch. Alles sah dem -alten Einsiedler in Eichenborn aufs Haar ähnlich nach der Meinung der -Schwarzhausener Bürger: - -Daß er dem Herrn Professor Windemuth wieder nachträglich die ersetzte -Geige mit einem groben Brief abgejagt und sie dem Bertold geschenkt -habe, damit dieser ein großer Künstler werde, daß er den »Rektor -Dillen« mit unerhörten Drohungen gezwungen habe, den Unterricht des -Knaben im Hause Eichen zu übernehmen, und daß er mit dem jähzornigen -Enkel zusammen nun einen bitteren Haß gegen alle gut gesinnten Bürger -der Stadt fühle und immer neu schüre, so daß man sich ja wohl seines -Lebens nicht mehr sicher fühlen könne. Wie wohl der ehrenfeste Herr -Baldamus Eik darunter litt. Er sah in letzter Zeit recht schlecht -aus -- -- -- ein Jüngling war er ja gerade auch nicht mehr, und es -wäre wohl die höchste Zeit für ihn gewesen, sich nach einer Hausfrau -umzusehen, die dann vielleicht die Macht gehabt hätte, etwas mehr Zucht -und Ordnung in den Eichenborn zu bringen. Das, was einige munkelten, --- -- Herr Baldamus stiege noch immer der schönen Witwe Malcroix nach, -die ihn einstens verschmähte, war natürlich Unsinn, -- die hätte wohl -mit beiden Händen zugegriffen, wenn ihr Gelegenheit geboten wäre, sich -warm und unabhängig vom Vater in Eichenborn festzusetzen. Denn Herr -Baldamus besaß ein großes, eigenes Vermögen. -- -- -- - -Durch die dicken Mauern des Eichenborns drangen diese Gerüchte nicht. - -»Wie kann ich Ihnen danken!« hatte Franziska Malcroix mit hellen Tränen -in ihren schönen Augen den Rektor gefragt, als er zum erstenmal den -Unterricht beginnen wollte. - -»_Ich_ habe zu danken!« lautete die ruhige Antwort, »daß Sie so viel -Vertrauen hatten, mir dies seltene, liebe Kind zu überlassen.« - -über die Bedingungen, die von beiden Parteien gestellt waren, sprachen -sie nicht. Bertold, dem Nächstbeteiligten, war der Befehl seines -Großvaters unbekannt geblieben. - -Seine Freunde, von denen ja die Mutter sein allerbester war, wollten -ihn nicht zum bewußten Ungehorsam verleiten, aber sie wollten auch -nicht die Schuld auf sich laden, dies herrliche Talent verkümmern zu -lassen, so ging Bertold jeden Tag eine Stunde in das Haus von Kantor -Brennstoff, und dieser gab ihm gediegenen theoretischen Unterricht -mit dem innerlichen, heißen Wunsche, Gott möge ein Wunder tun und -irgendeinen großen Meister nach Schwarzhausen führen, der dann den -Jungen mit sich fortnehmen würde. - -Inzwischen führte Bertold ein strenges Leben der Arbeit. - -Er sah so wenig frohe Menschen, es war, als ob die Luft des Hauses -Eichenborn jedes Lachen im Keime erstickte. - -Und Bertold hatte doch so gern gelacht. - -Seine Mutter bemühte sich wohl, in seiner Gegenwart heiter und froh zu -erscheinen, aber sein feines Empfinden fühlte deutlich das Bemühen und -den Schein heraus. Zudem glaubte er, daß sein häßlicher Jähzorn die -Ursache von Frau Franziskas Tiefstimmung sei, und er grämte sich darum. - -Täglich wurde sein nachdenkliches Gesichtchen etwas schmaler, trotzdem -ihm seine Mutter die sorgsamste körperliche Pflege angedeihen ließ, -trotzdem im Parke Luft- und Sonnenbäder errichtet waren für ihn und -der Großvater, den er aber selbst kaum jemals zu Gesicht bekam, ihn -auf vier Wochen nach Borkum geschickt hatte, unter Aufsicht des Herrn -Rektors Tüllen, seines verehrten Lehrers. - -War es die Scheu, täglich unter so vielen, fremden Menschen zu sein, -war es die Sehnsucht nach seiner geliebten Mutter, die beim Großvater -zurückgeblieben war, -- -- Bertold kam noch ein wenig blasser und -hagerer, sowie gänzlich appetitlos aus dem Seebade zurück. - -Sie forschten und fragten und ergingen sich in Mutmaßungen, aber keiner -ahnte, daß es ein kleines, quecksilbriges Persönchen war, das dem -Knaben beständig vorschwebte, -- daß Liselottes altkluges Reden, ihr -unermüdliches Interesse, ihre frische Lebendigkeit ihm fehlte, -- wo -er ging und stand, -- ach so sehr fehlte! - -Aber über seine Lippen kam kein Wort, und auf seinem ausdrucksvollen -Knabengesicht lag ein neuer Zug, -- etwas wie Verachtung; der war an -jenem Tage entstanden, als seine kleine Freundin ihm so mitleidlos das -liebevoll aufgespeicherte Sammelsurium vor die Füße warf. -- - - * * * * * - -In dem ausgedehnten Parke hinter Eichenborn ging der alte Eik von -Eichen täglich eine Stunde spazieren. - -In früheren Zeiten, die aber weit, weit zurücklagen, hatte das -Herrenhaus ganz einsam dagestanden, nur Wald und Wiesen, Sträucher und -Hecken waren seine Nachbarn gewesen, und ganz am Ende der Besitzung, -die sich weithin ausdehnte, schlängelte sich die wilde Gera wie ein -silbernes Band. - -Genau so entfernt, wie Haus Eichenborn vom _Ort_ Schwarzhausen lag, -war auch die seelische Entfernung der aristokratischen Bewohner -von den Bürgern des Städtchens. Kaum einer fühlte das Bedürfnis, -die lange und langweilige, schnurgerade Allee zu durchwandern, um -das langgestreckte düstere Haus Eichen aufzusuchen, das wie ein -verwunschenes Märchenschloß in seinem Eichendickicht lag, in welchem -nur ruhig-ernsthafte oder boshaft-jähzornige Menschen wohnten, auf -manches Glied waren auch beide Eigenschaften zusammengefallen. - -Nur die jeweiligen Pfarrer hatten seit Generationen treu zu den -Eichens gehalten, weil sie sich allzeit als ein frommes Geschlecht -auszeichneten, zu denen auch die Kirche immer mit ihren Wünschen und -Bedürfnissen kommen konnte, ohne Gefahr zu laufen, abgewiesen zu -werden. Knauserei gehörte jedenfalls nicht zu den vielen Untugenden, -die den Eik von Eichens mit Recht oder Unrecht nachgesagt wurden. Im -achtzehnten Jahrhundert ward ein ganz besonders tatkräftiger Bertold -Zacharias Eik von Eichen Erbe des Eichenborns, und er war es, der auf -seinem eigenen Grund und Boden Reichtümer in Gestalt von Feldspat -entdeckte. Er war der Begründer der großen Eikschen Porzellanfabriken -und zugleich der festgegründeten Wohlhabenheit des Hauses Eichenborn. - -Beziehungen mit Frankreich wurden angeknüpft, und der Gatte von -Franziska Malcroix war der Urenkel jenes Mannes, der durch die erste -Lieferung von weichem Frittenporzellan mit Haus Eichen in Verbindung -trat. - -Schwarzhausen fing an, sich zu dehnen und zu strecken, Fabrikgebäude, -Schmelzöfen und Ziegeleien wuchsen auf, alle unter der Firma: »Eik«, -und um das düstere Haus selbst lagerten sich wie ein Kranz die roten -Ziegeldächer der schmucken Häuschen, in denen die Angestellten wohnten. - -Es hatte in merkwürdig genauer Abwechslung immer einen streng -gewissenhaften, fleißigen Eiksohn gegeben, der das Besitztum mehrte, -und dann wieder einen genialen Feuerkopf, der sich nicht in Schablonen -pressen ließ, und der in einem selbstgewählten Berufe genügend Zeit -fand, aus dem Geleise der Eiks zu weichen und das reichlich vorhandene -Vermögen auch nützlich oder unnützlich zu verbringen. Ein solcher -Feuerkopf war Lorenz Eik von Eichen, der Vater des Herrn Baldamus -gewesen. - -Bertold Eik ~senior~ hatte diesen jüngeren Bruder sehr geliebt, aber -das Drohnenleben, welches Lorenz führte, war allezeit der Gegenstand -heftigen Unfriedens zwischen ihnen beiden gewesen. - -Durch die vom älteren Bruder und Chef des Hauses förmlich aufgezwungene -Ehe mit einer stillen, demütigen Frau, die sich später als eine -im ärgsten Muckertum steckende Seele entpuppte, wurde Lorenz zur -Verzweiflung getrieben, -- er nahm sich das Leben. -- Bertold Eik -holte den verwaisten Baldamus zu sich und führte einen jahrelangen -erbitterten Kampf mit der Mutter des Knaben, bis auch diese starb. -Baldamus war das getreue Ebenbild seiner Eltern. Vom Vater den Hang -zum Leichtsinn, ohne die geniale Offenheit und Frohmütigkeit dabei, -die ersetzt wurde von der glatten, gesellschaftlichen Miene des -Scheines. Von der Mutter den Hang zum Duckmäusern. -- »Laß dich nicht -erwischen!« war ein Gebot, das obenan im Katechismus des Baldamus -Eik stand, und da er es verstand, diese Lehre mit dem, was Kirche und -Schule von ihm verlangten, in Einklang zu bringen, so fand sich niemand -genötigt, seinem Pflegevater die Augen zu öffnen, ausgenommen der junge -Hauslehrer vor vielen Jahren, der denn auch umgehend »flog«. - -An all dieses dachte Herr Bertold Eik, wenn er in der Mittagsstunde -seinen Spaziergang machte. Er schlief trotz seines hohen Alters niemals -nach Tisch, wie er auch Schlafrock und Hausschuhe verachtete und wegen -seiner immer noch scharfen, alles Ungehörige sofort entdeckenden Augen -in Haus und Fabriken sehr gefürchtet war. - -Heute dachte er noch an etwas anderes. - -Seit fünfzig Jahren spielte er mit seiner Schwester Adelgunde jeden -Abend eine Stunde Schach. - -Die Schwarzhausener irrten sich sehr, wenn sie glaubten, Fräulein -Adelgunde hätte keine weiteren Interessen als ihre Häkelspitze, -die allerdings beinahe um das Fürstentum herumreichte, -- sie -hatte nur kein Interesse für Kaffee- und Teegesellschaften, für -Skandalgeschichten und fahrlässige Verleumdungen, sie besaß aber -eine tiefe Heimatliebe, einen Lokalpatriotismus, der weit über alles -Maß hinausging, und der sie einst in jungen Jahren alle Bewerber -ausschlagen ließ, -- sie wollte ihre Geburtsstadt nicht verlassen. Sie -liebte Schwarzhausen, wie eine Mutter ihr ungeratenes Kind liebt, denn -als solches hatte sich das Städtchen ihr gegenüber immer bewiesen, -freilich ahnte es ja auch nicht, wem es sein Krankenhaus, sein -Säuglingsheim, seine schönen Anlagen und den bedeutenden jährlichen -Zuschuß zum Damenstift verdankte. - -Fräulein Adelgundes rechte Hand wußte niemals, was die linke tat, -aber das war in Schwarzhausen nicht wohl angebracht. Deshalb liebte -Fräulein von Eik mehr als die Mitbürger die Heimaterde, das heilige -Fleckchen, darauf sie geboren und darinnen ihre Ahnen schlummerten, sie -liebte die dunkeln Tannenwälder und grünen Fichten, die geheimnisvollen -Waldwiesen und rauschenden Waldbäche und die muntere, glänzende, -heiter-geschwätzige, wilde Gera. - -Fräulein Adelgunde zählte fünfundachtzig Jahre, aber ihr Geist war -klar, ihre Augen waren durchdringend und scharf, und wenn sie abends -dem Bruder zurief: »Schach dem König!« dann klang ihre Stimme beinahe -jugendlich und hell. - -Hatte sie Herrn Bertold dann, wie es gewöhnlich geschah, matt gesetzt, -dann warf sie froh-geschäftig die Figuren zusammen und äußerte wohl: -»Gott Lob und Dank! Wenn ich heute nacht sterbe, so habe ich wenigstens -die letzte Partie gewonnen!« - -Und einmal hatte der Bruder darauf geantwortet: »Die _vorletzte_! Ob -man die _letzte_ Partie gewinnt, das weiß kein Mensch!« - -Jedenfalls war dies Schachspiel allabendlich, wenn nicht -unaufschiebbare Geschäftsreisen oder ernste Krankheiten dazwischen -gekommen waren, seit fünfzig Jahren so wiederkehrend, wie das -Amen in der Kirche, und deshalb hatte es denn auch Herrn von Eik -stark verblüfft, daß gestern abend die Schwester weder die Figuren -aufstellte, noch, als er ihr diese Obliegenheit abgenommen, irgendeinen -Schachzug tat. - -Tief nachdenklich hatte sie im Sessel gelehnt und zum ersten Male in -ihrem Leben statt des Spieles ein absonderliches Gespräch eröffnet. - -»Das ist _sehr_ unrecht von dir, Bruder Eik!« - -Daß irgend jemand es wagte, ihn, Bertold Eik ~senior~, zur Rede zu -stellen, war jedenfalls neu, und deshalb erregte es das Interesse des -Alten. - -»_Was_ ist unrecht?« - -»Ich kenne ja das Kind nicht,« fuhr Fräulein Adelgunde jetzt mit -etwas belegter Stimme fort. »Ich _will_ es nicht kennen, wie ich auch -deiner Tochter noch meine Schwelle bis jetzt verweigerte. Sie hat das -ehrenhafte Haus Eichen durch Flucht verlassen, und ich bin zu alt, um -Eichenborn als ein Gasthaus ansehen zu lernen, in das man beliebig zu -jeder Stunde kommen oder aus dem man ohne Gottbehüt gehen kann. Das -müßt ihr erwachsenen, denkenden Menschen mit euch selbst ausmachen. -Aber ich bin Mitglied vom Tierschutzverein, und ebenso hilfsbedürftig, -wie die stumme Kreatur, dünken mich Kinder. Und hier bei uns im -Eichenborn wird eins gequält, -- _das_ ist sehr unrecht von dir, -Bruder.« - -»Ich quäle keine Kinder,« war die rauhe Erwiderung. - -Mit einem einzigen Griff hatte Fräulein Adelgunde alle aufgestellten -Figuren umgeworfen. Damit zeigte sie, daß das Spiel ihr heute völlig -verleidet sei. - -»Du tust es!« entgegnete sie fest. »Nie kommt ein anderes Kind in -unser stilles Haus, dein Enkel hat keinen Umgang als seine Mutter, die -mehr Tränen als Lachen kennen gelernt hat. -- Du hältst dem Knaben -kein Pferd, und nie sah ich ihn im Hofe turnen oder spielen oder auf -dem See rudern; die Schwimmanstalt am Ende des Parkes ist verfallen, -weil Baldamus ein Weichling und du zu alt bist, -- -- hast du dir denn -schon einmal überlegt, Bertold, daß dieses Kind der _Letzte_ unseres -Stammes ist? Weißt du etwas von ihm? Was hat er für Anlagen? Was für -Eigenheiten? Hat er das Talent seines Vaters geerbt? Oder nur schlechte -Anlagen von ihm? Liebt er dich und die Familienüberlieferungen unseres -Hauses? Wird er in unser ehrbares, philisterhaftes Gefüge passen, -oder --« - -Wie scharfe Hiebe waren diese Fragen der alten Schwester auf den Herrn -des Hauses gefallen und hatten einen seiner heftigsten Zornanfälle -hervorgerufen. Aber dieser Anfall hatte gar keinen Eindruck auf -Fräulein Adelgunde gemacht, -- sie legte die Schachfiguren in den -alten, wunderbar eingelegten und geschnitzten Kasten, und dann war sie -mit der eindringlichen Mahnung: »Besinne dich, Bruder -- -- auf dich -und unser altes Haus!« in ihr Schlafgemach gegangen. - -Das fand Herr Eik von Eichen abscheulich von der Schwester, denn er -selbst hatte natürlich kein Auge zugetan, und die ganze Nacht hindurch -wie auch den heutigen Tag hatte ihn die Frage verfolgt: »Denkst du -daran, daß er der Letzte unseres Stammes ist?« - -Über Baldamus, der ja noch in den besten Jahren stand, war die -Schwester einfach hinweggegangen. - -Er war ihr sein Leben lang unsympathisch und fremd geblieben, und -manchmal hatte auch Herr Bertold Eik an ein Kuckucksei denken müssen, -denn die Vereinigung von böser Lust und Muckertum war bisher unbekannt -in der Geschichte des Hauses gewesen. - -Und daß niemand aus der weiteren Verwandtschaft, niemand aus seinem -Fabrikbereich, niemand von den maßgebenden Persönlichkeiten in der -Stadt selbst ahnte, daß Herr Baldamus nicht ganz der Erzengel Gabriel -war, für den man ihn hielt, -- das hatte den alten, grimmen Eik oft -höhnisch und überhebend lachen lassen. Er war sich ja über sich selbst -nicht klar. - -Er wußte nicht, daß er selbst den einst so geliebten Pflegesohn noch -immer viel zu hoch einschätzte, -- wie hätte er sonst auch nur einen -Gedanken an seinen ehemaligen Plan verschwenden können, seine Tochter -Franziska mit seinem Neffen Baldamus Eik zu vermählen, -- eine Hoffnung -zu nähren für seine letzten Tage, daß der Name Eik von Eichen in aller -Reinheit der Rasse neu erstehen könne. - - * * * * * - -Mit schweren, wuchtigen Schritten ging der Greis den schmalen, -tannenbestandenen Weg entlang, der zu einem kleinen Tempelchen führte, -von welchem man einen schönen Blick auf die Berge, Wiesen, Wälder und -den Fluß hatte. Dieser steinerne Tempel hatte auf die Kinderspiele -von Generationen Eiks hinabgeschaut, -- die Chronik erzählte von -Kinderbällen und Theateraufführungen, von Festgelagen der Stadt- und -Dorfjugend, sogar von dem Besuche eines jungen königlichen Prinzen -bei den Eiks, und so wenig sentimental der grimme Bertold Eik auch -veranlagt war, er wußte, daß bei diesem altersgrauen Tempel immer etwas -wie Heimatgefühl über ihn kam, weil seine Kindheit sich unter den Augen -einer guten, sorglichen Mutter dort abgespielt hatte. - -Ein schmaler Weg mündete von den Anlagen des Damenstiftes her an dem -Tempel, aber er wurde beinahe nie begangen, denn die adligen Jungfrauen -hatten eine wahre Dornröschenhecke um ihre Burg wachsen lassen, und -nur wenige von ihnen wußten noch um den Weg, den einst Adelgunde von -Eik und Hermine von Windemuth, eine Großtante der kleinen Liselotte, -angelegt, als sie noch junge, reizende Mädchen voll glühender -Freundschaftsgefühle gewesen waren. Jetzt war der Weg moosbewachsen -und durch überhängende Zweige beinahe unkenntlich geworden, nur sehr -schmale Füßchen konnten ihn durchwandeln und sehr schmale Persönchen: -wie es auch damals die feingliedrige Hermine von Windemuth gewesen, der -die erste, bewundernde Liebe des Bertold Eik ~senior~ gegolten. - -Schmal und fein war auch das goldlockige Mädchen, das heute diesen Weg -entlang geschlüpft war und -- nun auf der Korbbank des Tempels saß, -mit großen, trotzigen Blauaugen auf ein Bündel schauend, das in seinem -Schoß lag. - -Liselotte bemerkte kaum das Herannahen des alten Herrn, der unhörbar -auf dem weichen Moose daherschritt, und als sein großer Schatten in den -Raum fiel, erhob es erschrocken den Kopf. - -»Ach _du_ bist’s,« meinte Liselotte dann aber ganz ruhig, »ich glaubte -schon, es sei der schreckliche Kerl.« - -»Wer ist denn _das_?« fragte Herr von Eik und wunderte sich selbst, daß -er sich mit der Kleinen in ein Gespräch einließ, aber dies Kind hatte -die Windemuthschen Augen, und er sah gern in sie hinein. - -»Eigentlich bist _du_ es ja,« entgegnete Liselotte gleichmütig, »aber -ich nenne den Herrn Baldamus so.« - -Eik ~senior~ lachte heiser. »Und wer nennt _mich_ so?« fragte er rauh. - -»O -- alle! Die Base Juliane und die Trine und die Frau Postverwalter -und die Eiermale und der Briefträger und -- --« - -Liselotte streckte ihm plötzlich die Hand hin. »Ich hab’ dich nie so -genannt,« versicherte sie treuherzig, »ich fürchte mich auch gar nicht -vor dir, du darfst dich gern neben mich auf die Bank setzen, du störst -mich nicht.« - -Eik ~senior~ sah mit einem Gemisch von Zorn und Humor auf das kleine -Ding hin, das ihm auf Eikschen Grund und Boden gnädigst erlaubte sich -zu setzen. Aber zu seinem eigenen großen Erstaunen setzte er sich -wirklich. - -»Wo kommst du eigentlich her, Hermine?« fragte er weiter. - -»Liselotte heiße ich. Hermine ist ja meine Großtante drüben im -Damenstift, und die habe ich eben mit Base Juliane besucht. Es ist -furchtbar langweilig bei ihr, und denke dir, -- sie kann Puppe Emmy -nicht leiden. Deshalb zwängte ich mich durch die Dornenhecke und lief -hierher.« - -Voll Entrüstung sagte es die Kleine, und gleichzeitig hob sie das -Bündel von ihrem Schoß auf und drückte es in den Arm des neuen -Freundes. »Ist sie nicht süß? Leider immer krank!« - -Herr von Eik beschaute sich das grau-schmutzige Bündel, ohne sich zu -rühren. »Ich kann den Kopf nicht finden,« meinte er unbehaglich. - -»Den kann auch kein Mensch mehr finden,« berichtete Liselotte -entsagungsvoll. »Weiß Gott, wo er sein mag. Das ist ja eben ihre -schwere Krankheit. -- Bitte, rühr’ dich nicht,« bat sie eindringlich, -als Herr von Eik Miene machte, seine unbequeme Stellung als -Kinderwärter aufzugeben, »Puppe Emmy mag gern so liegen, es beruhigt -alle ihre Nerven so.« - -Die Windemuthsaugen sahen vertrauend in die strengen, von buschigen -Brauen umrahmten Eiksaugen und übten seltsame Macht. Herr Bertold -~senior~ rührte sich nicht. -- - -»Sprechen kannst du gern,« ermunterte ihn Liselotte nach einer Weile. -»Auch lachen, wenn es dir Spaß macht.« - -»Ich wüßte nicht, worüber,« war die kurze Antwort. - -»Ich meine auch bloß so.« - -»Woher kennst du denn diesen Platz?« fragte der alte Herr, und da er -ein leises Kribbeln in seinem linken Arm wahrnahm, bettete er Puppe -Emmy in seinen rechten, welche Tätigkeit ein ganz süßes, mütterliches -Lächeln auf Liselottes Gesichtchen zauberte. - -»Diesen Tempel? -- Da hat mir zuerst Großtante Hermine davon erzählt,« -beantwortete sie jetzt die Frage. »Auch von dir hat sie mir erzählt, -lauter so gute, schöne Sachen, wie du früher warst vor hundert Jahren, -und dann brachte ich ihr auch mal den Bertold. Da meinte sie, das wäre -auf und nieder dein Ebenbild, -- sie hatte auch so’n närrischen Namen -für ihn, den lernten Bertold und ich auswendig: ›Schewalliee ßang Pör -ang Minniatür‹.« - -»So? Hm!« - -»Ja und dann fragten wir sie, was das auf Deutsch wäre, -- ein Ritter -ohne Furcht und Tadel, aber nicht so’n großer, wie du, sondern ein -winziger. Das war doch nett von ihr, nicht wahr, Herr von Eik? Ich habe -ihr auch nicht erzählt, daß du dem Diener manchmal die Feuerschaufel an -den Kopf geworfen hast und so viele Gläser.« - -Mit einem einzigen Ruck stand der alte Herr auf, und Puppe Emmy flog -auf den Boden. Ein Wehschrei ertönte, und jetzt sah ein blasses, -zorniges Gesichtchen den Schloßherrn an. - -»Du hast es wohl gar mit Willen getan?« fragte ein ungläubiges, -bebendes Stimmchen. »Ja, ist denn das möglich? So ein armes, -krankes Emmylein auf die Erde zu ballern? Mit ohne Kopf und -Sägspänenentzündung? I, da glaub’ ich aber nun _auch_, daß du -ein -- -- --« - -Herr von Eik sah mit unbeschreiblichem Ausdruck auf das Kind nieder, -und in seinem Blick mußte etwas liegen, was dieses unerschrockene -Persönchen zwang, seinen Satz unvollendet zu lassen. Hastig nahm es -die mißhandelte Puppe auf den Schoß und begann, sie kunstgerecht -aufzuwickeln. »Natürlich,« -- meinte Liselotte verlegen-sachverständig, -»naß ist sie auch, -- natürlich, bei der Aufregung, -- sie tut es sonst -nie.« - -Rasch wurde dem Puppenwagen anderes Weißzeug entnommen und das Püppchen -trocken gelegt. - -Wie lange war es her, seit Herr von Eik ~senior~ solch weiche -Kinderlaute gehört, solch zarte Fingerchen hantieren sah! -- Seine -Franziska, ja die war auch solch Puppenmütterchen gewesen, und hier -am Tempel hatte sie halbe Tage lang gespielt und mit der eigenen -Mutter ihre kleinen Sorgen und großen Freuden besprochen. Nie mit ihm, -dem Vater. Er hatte immer nur zürnend oder spöttisch ihr gegenüber -gestanden und kein Verständnis für Kinderlachen und Kindertränen -gezeigt. Und als die Mutter starb, da lag alles kindliche Vertrauen -mit in dem schwarzen Schrein, darin man sie begrub, und Vater und Kind -waren arm und einsam. Zwar kam die Liebe und das Vertrauen wieder, aber -das wurde dann dem fremden Manne geschenkt, mit dem sein Kind entfloh. - -Vielleicht waren es alle diese schweren, so plötzlich auf den alten -Eik hereinstürmenden Gedanken, daß er einen Schritt näher herantrat, -den blonden Scheitel der kleinen Zürnenden sacht berührte und mit -guter, sanfter Stimme sagte: »Gib her, ich will dein Kind wieder gesund -machen.« - -Liselotte sah ihn prüfend und forschend an. - -»Aha,« meinte sie verständnisvoll, »du willst nun gewiß Doktor -sein, weil du so’n schlechter Vater bist. Na dann nimm sie, aber -- -vooorsichtig -- ohhhh vooorsichtig -- -- --« - -Als trüge er seltenes Glas oder Porzellan, so besorgt schritt Herr -Eik von Eichen den Waldpfad zurück nach Haus Eichenborn mit einem -wunderlichen, nie gekannten Gefühl im Herzen. - -Vorsichtig schaute er sich um, ob ihn auch niemand sähe, wie er das -kleine, unförmliche Bündel auf seinem Arm hütete. - -Es war niemand Störendes zu sehen, nur die blondlockige kleine -Gestalt stand unbeweglich im Tempelchen und blickte ihm mit großen, -vertrauenden Augen nach. - -Da winkte er mit der Hand, und das Mädelchen zog ein winziges, arg -schmutziges Taschentüchlein hervor und winkte auch. - -So schaute er sich wohl dreimal um, blieb auch dabei stehen und hörte -die klare Stimme rufen: »Komm bald wieder, hörst du? Morgen, oder -übermorgen, -- ade, ade!« - -Dann kam eine Wegbiegung und entzog ihm den lieben, ungewohnten Anblick. - -Auch im Herrenhause selbst begegnete dem alten Herrn niemand, aber es -fiel ihm heute zum ersten Male auf, wie öde und einsam die großen, -weiten Hallen und Gänge waren. - -Ordentlich unheimlich kamen sie ihm vor, aber weil er sich doch nicht -gut fürchten konnte auf seine alten Tage, so zog er es vor, ärgerlich -zu werden. Schon wollte er mit Stentorstimme nach Hieronymus oder sonst -einem dienstbaren Geist rufen, doch da war etwas, das hielt ihn vor -solch rücksichtslosem Gebaren ab. - -Vor seinem geistigen Auge gaukelte immer noch das kleine, zierliche -Mädchen mit den mahnenden Blicken: »Vorsichtig, damit Puppe Emmy nicht -aufwacht!« - -Mit einem Male stand der alte Herr still und horchte. - -Es klang wie unterdrücktes Weinen an sein Ohr, jedoch er konnte keine -Menschenseele entdecken. - -Wieder ging er ein paar Schritte vorwärts und blieb dann abermals -lauschend stehen. - -»Ist jemand hier?« fragte er halblaut. - -Keine Antwort, doch drang das Schluchzen deutlicher zu ihm, was ihn -plötzlich veranlaßte, den mächtigen Kleiderschrank zu öffnen, der ihm -selbst in seiner fernen Knabenzeit als Unterschlupf gedient hatte. Er -fand eine zusammengekauerte Gestalt in der Schranktiefe, und nach ein -paar Sekunden stand sein Enkel Bertold vor ihm, und ein vom Weinen -verschwollenes Gesicht schaute zu ihm auf. Der Junge sah nicht sehr -schön aus in diesem Augenblick, sondern recht gedrückt, kläglich und -verzweifelt, und sein Anblick erbitterte den Alten, der gerade eben das -hübsche, unerschrockene Mädchen vor sich gehabt hatte. - -»Warum heulst du?« fragte er barsch. - -»Ich -- ich weiß nicht,« -- lautete die verzagte Antwort, verbunden mit -einem verlegenen Schulterziehen. - -»Jammerlappen!« stieß Herr von Eik rauh hervor. Die Abneigung -gegen seinen Enkel übermannte ihn förmlich und er fühlte, wie ein -sinnloser Zorn in wilden Wogen über ihm zusammenschlagen wollte. Als -sei er selbst nicht fünfundsiebzig, sondern fünfundzwanzig Jahre -alt, mit solcher Kraft hob er den Knaben hoch und schüttelte ihn -derb und ungestüm, so daß die schlanke Gestalt hin und her taumelte. -»Jammerlappen! Deiner Lebtage wirst du kein Kerl, -- kein Eik von -Eichen! -- Und sowas ist mein Erbe!« - -Der junge Bertold hatte die Lippen zusammengepreßt und sah dem -Großvater starr und groß in die Augen. - -Da ließ ihn Herr von Eik los und stampfte mit schweren Schritten und -keuchendem Atem davon; an Bertolds Kopf aber flog ein Bündel, im -höchsten Zorn geworfen, und dann fiel die Eichentür hinter dem alten -Herrn ins Schloß und der Knabe stand allein. Mechanisch hob er das -Bündel auf, -- er zitterte vor Angst, Zorn und Weh. - -Herrgott, was war er für ein unglücklicher Junge! - -Wie verloren kam er sich vor in dem großen, weiten Hause, -- es litt -ihn nirgends. - -»Sei doch tapfer!« hatte ihn die Mutter ermahnt, mit der er die -Aufgaben für Rektor Tüllen zu lösen versuchte, -- -- doch konnte er -nicht sehen noch lesen vor den verdunkelnden Tränen. »Sei doch tapfer, -was fehlt dir denn?« - -Und zu wem er auch kam, -- sei es im Stübchen des Hieronymus oder in -der Wohnung des Organisten Brennstoff, -- überall ermahnte und fragte -man ihn: »Wer wird denn so weinen, -- so ein großer Junge!« - -O wie er sich schämte! Wie die Schmach brannte, gleich einem Bündel hin -und her geschüttelt zu sein, er meinte, ersticken zu müssen vor Zorn -über die brutale Behandlung. Aber größer als der Zorn und die Scham war -das Weh in seiner Brust, -- das wunderliche Etwas, -- wie nannte er es? -O wenn er doch seine Geige hier hätte! Daß er seinen Jammer in all den -Melodien vergessen könnte, die in den Saiten schlummerten, und die er -so oft geweckt hatte, wenn er sich einsam fühlte. Aber die Geige war -dauernd zu dem Organisten gebracht worden, und nur in dessen Zimmer -durfte er spielen, -- nie allein mit ihr sein, nie. Wie furchtbar weh -das tat! Aber war es die Geige allein, die ihm so schmerzlich fehlte? -Wirklich ganz allein die Geige? - -Wie aus weiter Ferne hörte Bertold die Laute einer zornigen -Kinderstimme: »Nie spiele ich wieder mit dir, _nie_!« - -_Das_ war es. -- -- -- - -Mit einem Wehelaut warf sich Bertold auf den harten Fußboden und -stöhnte in das Bündel hinein, das ihm der harte Großvater in -ausbrechendem Jähzorn an den Kopf geworfen hatte. - -Aber von dem Bündel ging etwas Seltsames aus, ein Duft, den der Knabe -kannte und den er jetzt spürend und begierig einsog. Alle Arzeneien -und Belebungsmittel, deren Liselotte in ihrem jungen Leben habhaft -werden konnte, besonders Baldriantropfen, Kamillentee und Eau de -Cologne, hatte sie verschwenderisch über Puppe Emmy ausgegossen, und -an diesem Duft erkannte Bertold mit einem Schlage, was da vom Himmel -herunter gefallen war. - -Ja, vom Himmel. -- Vergessen war der Großvater und sein Jähzorn, -vergessen die schmähliche Behandlung, vergessen selbst die Geige -- -- -»Puppe Emmy!« sprach der Junge laut, und eine heiße Zärtlichkeit lag -in den zwei Worten verborgen und eine feste Zuversicht, als ob ja nun -alles gut werden müsse. - -Er erhob sich vom Boden, versicherte sich noch einmal am hellen -Fenster, daß er wirklich das liebste Eigentum der verlorenen Gespielin -in seinen Händen halte, schob dann die Puppe in seine weite Knabenbluse -und atmete tief auf. - -Wo sollte er das Kleinod verbergen? Denn daß er es nicht wieder heraus -gab, stand ganz fest bei ihm. Er fragte sich gar nicht, wie das Bündel -in seines Großvaters Hand gelangt war, -- -- es war ihm in seiner -weichen Stimmung lieb, an ein Wunder zu glauben. -- - -Aber er zermarterte nun seinen Kopf, ein dauerndes Versteck ausfindig -zu machen, wo er doch ab und zu hingelangen konnte, um das Bündel zu -sehen. Der Boden! Das war ein Gedanke! Auf seinen Streifzügen war er -in die verschiedensten Regionen gekommen, aber vor dem Boden hatte -er sich immer noch etwas gescheut. Denn an der Bodendecke prangte -ein unheimliches, mächtiges Bild in düster-bunten Farben, den großen -Christopher darstellend -- -- er sah das Bild, wenn er den Kopf weit -zurückbog und in die Höhe blickte. - -Heute fühlte er keine Angst. - -Puppe Emmy war wie ein Talisman, -- ein Amulett, das ihn vor allem -Bösen schützen mußte. - -Sinnend, lächelnd und glücklich stieg der Knabe die Treppen in die -Höhe, aber er erreichte den Oberboden nicht, er verirrte sich in -andere, weite Gänge, in nie zuvor gesehene Säle und Zimmer, auf -hallende, von schön und seltsam geschnitzten Geländern umgebene Treppen -und in unzählige geheimnisvolle, dunkle Winkel. - -Endlich geriet er auch wieder auf weiche Teppiche, die seinen Schritt -dämpften, er sah lichte Fenster- und dunkle Türvorhänge und entdeckte -schöne, farbenprächtige Bilder an den Flurwänden. Eine große, weiße -Katze strich an ihm vorbei, und als er sie anrief, rieb sie sich -zärtlich an seinem Körper. Das Wunderbarste aber war, daß ihm jemand -aus einem der verschlossenen Zimmer »Bertold! Bertold!« zurief. - -Er klopfte bescheidentlich an und trat ein. - -Zuerst sah er nur einen großen, grauen Papagei, der sich schwatzend -und kreischend in seinem Ringe schaukelte, dann gewahrte er in -dem behaglichen Raume einen teppichbelegten, altmodischen Tritt, -auf diesem ein in voller Bewegung befindliches Spinnrad, und -davor -- -- -- das konnte nur die alte Spinnerin aus Dornröschens -Zauberschloß sein. Etwas wie Furcht beschlich ihn, aber er bezwang sich -tapfer. »Haben Sie mich gerufen?« fragte er höflich und mit tiefer -Verbeugung. Die graue, etwas gebückte Gestalt, die so eifrig spann, sah -ihn forschend an. -- - -»Bertold, Bertold!« krächzte der Papagei, und nun lachte der schlanke -Junge, lachte so herzhaft, so klingend, so musikalisch, so aus dem -Innersten heraus, daß es tönend von den Wänden zurückkam. - -Da stand das Spinnrad plötzlich still, und der Stuhl, worauf die -graue Gestalt saß, wurde polternd zurückgestoßen. Trippelnde Schritte -näherten sich dem Knaben, dann umschlangen ihn zwei Arme, und er sah in -ein gutes, altes Gesicht, dessen blaue Augen voll Tränen standen. - -»Du Junge! Du Bertold! Du echter Eik mit deinem Eikschen Lachen! -Willkommen bei Großtante Adelgunde!« - -Es mußte ja ein Märchen sein. Bertold rieb sich immer wieder die -Augen, aber der Papagei und das Spinnrad blieben und die graue Gestalt -blieb auch leibhaftig vor ihm, nur daß sie jetzt geschäftig im Zimmer -herumlief und kleine Kuchen, Obst und feine Schokolade vor Bertold -hinsetzte mit der Aufforderung, tüchtig zuzulangen. Das tat der Junge -gern, denn in seinem großen Kummer war er nicht dazu gekommen, sein -Vesperbrot zu genießen. Nun saß er neben der plötzlich entdeckten -Großtante, die wohl hundert Jahre nach seiner Schätzung zählte, und -sie nötigte ihn immer wieder liebevoll zum Zulangen, bis auch kein -Stellchen in seinem Magen mehr frei war. - -»Jetzt erzähle!« bat die alte Dame. - -»Warum ruft der Papagei immer Bertold?« wollte der Junge gern noch -wissen, »er kennt mich ja gar nicht.« - -»Das gilt deinem Großvater,« lachte leise die Großtante. »Früher war -der Papagei immer bei ihm, -- -- aber er ist so sehr gelehrig und -gewöhnte sich alles an, was dein Großvater rief -- -- hm, -- das war -oft lästig -- wenn er es so unablässig wiederholte. Jetzt habe ich ihm -alles bis auf den Namen seines früheren Herrn abgewöhnt, -- -- der ja -auch der deine ist, mein kleiner Bertold!« - -Sie war so vertrauenerweckend, die Großtante Adelgunde! - -Weit tat sich Bertolds Herz auf und erzählte ihr alles, seine Freuden, -seine Leiden, seinen ganzen letzten Kummer. - -»Du stehst jetzt unter meinem Schutz,« bedeutete ihm die alte Dame. -»Und du wirst nicht mehr heimlich beim Organisten Brennstoff spielen, -sondern du wirst hier laut und deutlich bei mir üben, und ich werde -nach E. schreiben und den besten Lehrer für dich bestellen. Du wirst -gleich heute noch deine Geige holen und sie zu mir bringen, -- du -lieber Herrgott, ich soll wieder einmal eine Amati in den Händen halten --- und vielleicht können wir beide sogar zusammen musizieren.« - -Die Achtzigjährige wurde ganz lebhaft, -- sie trippelte zu dem hellen -Mahagonispinett und öffnete es feierlich. »Mach’ noch einmal eine -tiefe Verbeugung, kleiner Bertold, denn auf diesem Instrument hat -- -Beethoven gespielt.« - -Der Junge atmete tief auf. Immer noch meinte er, alles müsse vor seinen -Augen plötzlich verschwinden, -- es war zu wunderseltsam, was er -erlebte. Ungestüm warf er beide Arme um den Hals der alten Dame, daß -sie sogar ein wenig taumelte. - -»Ei, ei,« mahnte sie, »du ungestümer Eik! So sind und so waren sie eben -_auch_ alle. Aber ungestüm und musikalisch darfst du sein, wenn du -nur nicht jähzornig bist,« setzte sie leise hinzu, indessen doch laut -genug, daß Bertold sie verstanden hatte. Er erblaßte bis in die Lippen. -»Schließ das Beethovenspinettchen!« bat er schmerzlich. »Ich -- ich -verdiene nicht, drauf zu spielen.« -- -- -- - -Der Abend brach herein. Mit einem zärtlichen »Gott behüt« wurde der -Junge entlassen unter dem feierlichen Bedeuten, sein Mütterchen -aufzufordern, sie möchte Großtante Adelgunde besuchen. Dann schritt -er all die Gänge, Treppen und Treppchen wieder zurück bis zu dem -Seitenflügel, den er und seine Mutter bewohnten. - -Lange saß er noch mit Mutter Franziska in eifriger, zärtlicher -Zwiesprache zusammen, und dann brachte sie ihn zu Bett und betete -dankbar mit ihm. Unter seinem Kopfkissen aber lag, ohne daß es eine -Menschenseele außer ihm selbst ahnte, ein schmutzig-weißes Bündel, -und vielmals in der mondhellen Sommernacht zog er es hervor, um die -geliebte Puppe Emmy ohne Kopf anzuschauen und sich zu vergewissern, daß -dieser Gruß und Augentrost wirklich bei ihm sei. -- Bis ihm nach all -den aufregenden Sachen am heutigen Tage die müden Augen zufielen. -- - - * * * * * - -Gegen Abend des nächsten Tages schritt Frau Franziska über Gänge und -Treppen des Vaterhauses denselben Weg, den Jung-Bertold zurückgelegt. -Sie aber kannte jedes Winkelchen, und aus jedem Eckchen schaute sie die -Erinnerung an. - -Das ernste Zürnen von Großtante Adelgunde hatte ihr schmerzlich weh -getan, kaum wollte sie die liebe, freudige Botschaft aus dem Munde -ihres Jungen als richtig ansehen. - -So klopfte sie nur zaghaft an, aber auch ihr erschien der Ruf des -grauen Papageis als eine günstige Vorbedeutung. Still öffnete sich die -Tür, so als ob jemand schon lange, lange dahinter gestanden und auf -ihren Schritt gewartet habe, -- still öffneten sich zwei alte Arme, und -das alte, dazugehörende Herz hatte wohl schon längst offen gestanden -und sich nur noch etwas gewehrt, das auffordernde »Herein« laut zu -rufen. - -Die Liebe zu Jung-Bertold überbrückte auch lückenlos die große Kluft, -welche die Flucht der Nichte vor Jahren gerissen, Tante Adelgunde -dachte nicht mehr an Unrecht und Schmach, sie dachte nur an das Leid, -das Frau Franziska getroffen, und das wollte sie jetzt mit ihren -schwachen Kräften in Sonnenschein wandeln. - -»Von gestern ab gehört der Junge mir mit,« rief die alte Dame in -ungewöhnlicher Lebhaftigkeit, »er selbst hat mein Reich erobert.« - -In all den Tagen, die nun folgten, sah Frau Franziska ihren Vater -wenig oder gar nicht, und Fräulein Adelgunde mußte es erleben, daß der -Schachtisch und das Schachbrett völlig verwaist blieben. - -Das war etwas Unerhörtes, und die Schwester nahm sich vor, dem -Oberhaupt vom Eichenborn einmal wieder gründlich ihre Meinung zu -sagen; als sie aber durch Zufall ihm begegnete, erschrak sie vor dem -finsteren, gequälten Ausdruck in seinem Gesicht und verlor den Mut, ihn -nach der Ursache zu fragen. Herr Baldamus von Eik war verreist. - -Frau Franziska freute sich dieser Tage, -- man hörte sie sogar mit -ihrem Knaben lachen, und ihre Wangen bekamen einen Anflug feiner Röte, -so daß sie oft wie ein junges Mädchen aussah. - -So gern hätte sie nun recht gemütliche Mittagstunden mit ihrem Vater -genossen, aber sobald sie mit Jung-Bertold das große Eßzimmer betrat, -meldete ihr der Diener, daß Herr Eik von Eichen ~senior~ heute allein -zu speisen wünsche. Dies »heute« bezog sich nun aber schon auf viele -Tage. -- - -War es der junge Diener, der die Meldung machte, dann begnügte sich -Frau Franziska mit einem Kopfnicken, -- als aber Hieronymus Teichmann -bei Tisch aufwartete und sie wieder nur zwei Gedecke erblickte, da trat -sie rasch auf den alten Getreuen zu. - -»Hieronymus, was ist’s mit dem Vater? Irgend etwas bedrückt ihn schwer, --- ich sorge mich. Und du scheinst es zu wissen, Hieronymus, was hier -vorgeht.« - -Der Diener wich ihrem forschenden Blicke aus. - -»Da ist nichts zu raten und nichts zu sagen,« murmelte er. »Haus Eichen -hat einen guten Magen, und wenn wir dem lieben Herrgott trauen, kann -der Eichborn auch _das_ verdauen.« - -»Ist es etwas sehr Schweres, Hieronymus?« fragte Franziska, ängstlich -geworden, -- -- »ich kann es mir gar nicht zusammenreimen. Sind es etwa -gar -- Zahlungsschwierigkeiten?« - -Ein leises Lächeln trat auf das gute, alte Gesicht des Faktotums. - -»Du liebe Zeit, -- so Schwierigkeiten, was haben _die_ für Haus Eik zu -bedeuten? ’s sind weiter nichts als Mückenstiche. -- Aber es gibt so -_andere_ Schliche, -- -- die sich nicht ziemen für Eichenborn -- die -bringen Herzweh und heiligen Zorn. Ich bin nur ein Diener und hab’ -nichts zu sagen, aber der Herr sollt’ dazwischen schlagen mit Knüppeln --- und mit eisernem Besen auskehren all das schlimme Wesen.« - -Er hatte sich in Zorn geredet, der Alte, und nun erschrak er, daß -sowohl Frau Franziska, als auch Bertold die Suppe völlig unberührt -gelassen hatten, und daß beide mit traurigen, ängstlichen Augen zu ihm -aufschauten. - -»Ich bin ein Schwätzer, Fräulein Franziska,« stotterte er, denn diese -Bezeichnung gebrauchte er immer für seine liebe Herrin; sie sah so -mädchenhaft aus, und der fremdländische Name, der ihr zukam, wollte -nicht über seine Lippen. - -»Vorhin ging der alte Valentin die Treppe hinunter,« nahm Bertold das -Wort. »Er grüßte mich gar nicht, ich glaube, er war sehr krank und sah -aus, als ob er geweint hätte.« - -»Der alte Valentin?« fragte lebhaft Frau Franziska. »Ich war lange -nicht bei ihnen, das ist eine häßliche Unterlassung von mir. Hat das -hübsche Jettchen genug zu tun immer? Ich will ihr gern wieder Aufträge -für Wäschesticken zuwenden -- -- --« - -Hieronymus antwortete nicht, er hatte sich plötzlich zur Tür -gewendet und war mit dem großen Präsentierbrett hinausgeschritten in -unziemlicher Hast, die er sich noch niemals sonst hatte im Beisein der -Herrschaft zuschulden kommen lassen. Mit bangen Blicken schaute ihm -Frau Franziska nach. - -Als er mit dem zweiten Gang herein kam, winkte ihm die junge Frau, -damit er recht leise hantiere. - -Im Nebenzimmer, dem Arbeitsgemach des alten Herrn von Eichen, hatten -sich laute Stimmen erhoben, die sich immer mehr steigerten. Bekümmert -und verständnislos sah Frau Franziska drein. - -Jetzt nickte Hieronymus gleichmütig. - -»Das ist die Arbeiterdeputation,« meinte er. »Wenn doch da unser Herr -nachgeben wollte. Sie verlangen nicht zu viel, die Leute, es ist eben -alles teurer geworden, und die Eiksche Fabrik sollte lieber mit gutem -Beispiel vorangehen, als im alten Schlendrian verbleiben. Es gärt schon -allzuviel unter den Böswilligen, aber das sind alles junge, verführte -Leute, -- _unsere_ Arbeiter sind gut, -- nur besser möcht’s eben jeder -haben.« - -»Ihr irrt euch,« tönte von drüben scharf und laut die Stimme, »zu mir -kommt nur nicht mit so hirnverbrannten Ideen. Ob ich euch aufbessern -_kann_, habe ich allein zu entscheiden, jedenfalls _will_ ich es nicht, -weil die letzte Aufbesserung erst vor Jahresfrist erfolgte und ich eine -neue noch nicht für nötig halte; zwingen lasse ich mich nicht, das wißt -ihr ja.« - -Man konnte die Erwiderung nicht verstehen, aber jedenfalls wurde sie -von einem Einzelnen in heftigem Ton gegeben. - -»Der Heinrich Liebetraut ist’s,« murmelte Hieronymus ängstlich. »Nur -beim Reden tut der Kerl _nicht_ faul, -- ich wollt’, er hielte jetzt -- -den Mund.« - -Dem treuen Hieronymus versagte plötzlich der beabsichtigte, kräftigere -Reim, denn drüben hatte Herr von Eik mit seiner kräftigen Faust auf den -Tisch geschlagen. »Hinaus!« brüllte er, »macht, daß ihr hinaus kommt!« - -Dann ein nicht eben sachtes Türenschlagen, das erregte Sprechen von -drei oder vier Menschen auf dem Hausflur und hastiges Entfernen stark -und polternd auftretender Männerfüße. - -Mit klopfenden Herzen standen Franziska und Bertold nebeneinander, -während Hieronymus leise das Zimmer verlassen hatte. Er konnte es nicht -mit ansehen, wie eine Speise nach der anderen unberührt stehen blieb, -und er konnte auch nicht der verehrten Tochter seines Herrn ganz genau -Rede und Antwort stehen, konnte vor allen Dingen ihren ernsten, reinen -Augen gegenüber nicht der Aufklärende sein, der ihr sagte, daß ihre -letzte Zuflucht, ihre geliebte Heimat, in welche sie sich aus Unehre -und Schmutz gerettet, längst eines eisernen Besens bedürfe, der viel -Fäulnis, viel böse Stoffe herauskehren müsse. - -Als Hieronymus die Tür öffnete, steckte Herr Eik von Eichen ~senior~ -zur gleichen Zeit den Kopf aus seinem Zimmer herein, und der Diener -erschrak, so grau und verärgert sah das Gesicht aus, so zornig die -Augen zwischen den starken Brauen. - -»Ich bin für _niemand_ zu sprechen,« rief der alte Herr ihn an, »für -niemand, weder jetzt, noch nachher, noch heute abend. Sorge dafür, daß -keine Menschenseele auf diesen Flügel kommt, -- meine Tochter und ihr -Sohn sollen anderswo essen.« - -»Sehr wohl, Herr von Eichen!« war die leise Antwort des bestürzten -Hieronymus, und dann war er auf leisen Sohlen zu Frau Franziska -zurückgekehrt, um ihr Bescheid zu bringen. Sie entfernte sich -traurigen Blickes mit Bertold, -- gar zu gern hätte sie mit ihrem -Vater alle Vorgänge besprochen, wäre ihm so gern eine verständnisvolle -Gefährtin gewesen in all diesen Wirren einer neuen Zeit, die den -patriarchalischen Zuschnitt vom Hause Eichenborn längst nicht mehr -verstand. - -Aber Franziska wußte, daß ein Hereinreden in den väterlichen Zorn ihn -nur noch mehr schüren und zur lodernden Flamme anfachen würde. - -Mit mächtigen Schritten durchmaß der alte Herr sein -Riesenarbeitszimmer. Beide Hände hielt er geballt, -- ein schweres -Stöhnen, unartikulierte Laute, die beinahe nichts Menschenähnliches -hatten, entrangen sich seiner heftig atmenden Brust. Ein Jähzornanfall -schlimmster Art hielt ihn gepackt, dabei schlug sein Herz hart und -schmerzhaft gegen die Brust, und kalter Schweiß bedeckte seine Stirn. -Immer wieder nahm er die Wanderung auf, der dicke Teppich minderte nur -wenig das Dröhnen seiner Schritte. - -Wütende Flüche und eine Flut von Schmähungen ergossen sich aus seinem -Munde, er tobte in wilden Drohungen, bis er sich erschöpft niedersetzen -mußte. Aber auch jetzt noch umkrampften seine großen Fäuste die Lehnen -des tiefen Sessels, als wollte er sie zerdrücken. -- -- -- - -»Da bist du ja!« tönte ein durchaus tapferes, selbstbewußtes Stimmchen -durch die schwüle Zornatmosphäre des großen Raumes. Liselotte Windemuth -schloß sorgfältig die Tür wieder, legte beide Händchen auf den Rücken -und schritt ruhig zum Arbeitssessel des alten Herrn. »_Wo hast du Puppe -Emmy?_« fragte sie energisch. - -Herr von Eik griff mit beiden Händen nach seinem Kopfe. Es sah aus, als -glaubte er eine Erscheinung vor sich zu haben. Dann wich allmählich -dieser Wahn von ihm, um einem erneuten Wutanfall Platz zu machen. Beide -Hände hob er, als wolle er diese unglaublich freche, kleine Person da -vor ihm niederschlagen. - -Liselotte fing aber die Hände unterwegs auf und hielt sie fest. »Was -machst du denn?« fragte sie unwirsch. »Du hast wohl Angst, ich tu’ dir -nun was? -- Ich will bloß mein Kind wieder haben. Auch wenn’s noch -krank ist. Macht nichts! Gib’s her!« - -»Ich habe es nicht,« stotterte Herr von Eik verblüfft. Ja, es muß -gesagt werden, der grimmige, jähzornige, gegen jegliche Gefühlsduselei -abgehärtete Herr von Eik war verlegen diesen blauen, unerschrockenen -Kinderaugen gegenüber, besonders weil noch etwas anderes aus ihnen -sprach, eine wirkliche, mütterliche Angst um ihr Puppenkind. - -Und der alte Herr war all sein Lebtag ein zu gewissenhafter Mensch und -Geschäftsmann gewesen, als daß er jetzt nicht eine Art unbehaglicher -Beschämung empfinden sollte, weil er das Eigentum eines anderen -verschleppt hatte. Wo in aller Welt hatte er Puppe Emmy gelassen? - -Ob er diese Frage laut getan hatte? Jedenfalls zog sich Liselotte -Windemuth einen der großen Sessel herbei, lehnte sich behaglich hinein -und meinte: »Besinn dich nur, -- ich habe Zeit!« - -Dieses Wort hatte sie öfters von ihrem Väterchen gehört, wenn sie -irgendeinen wertvolleren Gegenstand verschleppt hatte und sich nicht -erinnern konnte, wohin er gekommen war. -- - -Bei Herrn von Eik war dies Verfahren aber doch nicht angebracht. Denn -beim Besinnen kam ihm auch wieder der Zorn über den Eindringling, -kam ihm das Bewußtsein, daß der Wertgegenstand eine abscheuliche, -zerschlagene und zerrissene Puppe sei, und daß er über dem für ihn -unwürdigen Forschen nach ihrem Verbleib eine Menge wertvoller Zeit -vertrödele. - -»Du mußt jetzt gehen,« beschied er die Kleine. »Die Puppe wird sich -finden.« - -Liselotte setzte sich noch etwas fester zurück. »Wo ist sie denn?« -fragte sie ungerührt. - -»Ich weiß es jetzt nicht, du hörst es ja.« - -»Du hast sie jetzt schon viele, viele Tage, Herr von Eik. Hast du sie -immer gut gefüttert?« - -»Wen? Die Puppe? -- Nein!« - -»Nicht gefüttert? So lange nicht? Du hast sie hungern lassen?« - -»Ach, Dummheiten! Puppen hungern nicht.« - -Liselotte war starr über diese vermessene Behauptung. Aber sie hielt -sich nicht dabei auf, sondern setzte streng das Verhör fort. - -»Hast du sie gebadet?« - -»Nein.« - -»Trocken gelegt?« - -»Nein.« - -»Hast du ihr Geschichten erzählt und sie abends mit in dein Bett -genommen?« - -Liselotte hatte den Bogen zu straff gespannt. Die letzte Zumutung -brachte dem gestrengen Herrn von Eik seine unwürdige Lage diesem -Dreikäshoch gegenüber besonders zum Bewußtsein. - -Mit einem energischen Ruck hob er das kleine Mädchen aus dem -Sessel hoch, es wehrte sich kräftig und stieß und schlug um sich, -verschlechterte aber dadurch nur seine Lage. Denn der Griff, der sie -umklammert hielt, wurde nun fester und äußerst schmerzhaft, sie wurde -von dem jetzt sehr aufgebrachten Herrn einfach zur Tür hinausgeworfen, -die er dann unbarmherzig hinter sich abschloß. Liselotte wußte zuerst -kaum, was ihr geschehen war, sie strich ihr zerknülltes, weißes -Röckchen glatt und schüttelte die zerzausten blonden Locken, dann aber -begannen ihre kleinen Fäuste energisch an die verschlossene Tür zu -schlagen und zu pochen, -- ein ohnmächtiges Beginnen diesem schweren -Eichengefüge gegenüber. »Gib mir Puppe Emmy her! Ich will meine Emmy -wieder haben!« schrie und schluchzte in Zorn und Verzweiflung das -kleine Ding, daß das Echo gellend von den hohen, hallenden Gängen -wiederkam. »Du da drinnen! Du großes Ungetüm! Du schlechter Kerl! Ich -will meine Emmy ohne Kopf wiederhaben!« - -Und als dieser Ausbruch nichts nützte, -- ach so ganz und gar nichts, -und nichts in dem weiten, unheimlichen, einsamen Gebäude sich rührte, -niemand sich blicken ließ, der ihr Antwort auf ihre tobenden Fragen -geben konnte, da brach Liselotte in ein schluchzendes, bitterliches -Weinen aus, dann lief sie die Treppe herunter, durch das Grasgärtchen, -zum Tor hinaus, durch die Straßen an schwatzenden Kindern, an neugierig -stehen bleibenden Leuten vorüber, und in jammervoll hohen Tönen -schrie sie: »Der schlechte Kerl! O der schlechte Kerl!« bis sie das -Haus Windemuth erreicht hatte und Base Juliane das aufgeregte Kind in -Empfang nahm. -- - - * * * * * - -Der Spätabend war hereingebrochen, als Herr von Eik sich von seinem -Sessel erhob und auf ein sachtes Pochen an der Tür diese öffnete. - -Stundenlang hatte er allein gesessen, er hatte auch hin und wieder -einen leichten Schritt sich nahen hören, und einmal hatte auch eine -bittende Stimme gerufen: »Vater, willst du nicht wenigstens etwas zu -dir nehmen? Ich ängstige mich.« - -Aber er hatte mit finster gefalteter Stirn geschwiegen, und die -leichten Schritte hatten sich wieder entfernt. Dann wieder nach Stunden -hatte Schwester Adelgunde sich energisch gemeldet: »Bruder, -- das ist -ja Torheit, du wirst uns ja krank!« Aber auch sie war ohne Erfolg in -ihre Gemächer zurückgekehrt. - -Auch Hieronymus war zur Tür gekommen und hatte sich in wohlgeformten, -etwas unsicher hervorgebrachten Reimen zur abendlichen -Kammerdienstleistung gemeldet und durch die unerbittlich verschlossene -Tür den Bescheid bekommen, daß sie alle der Teufel holen solle, als -endlich ein bekanntes, etwas zögerndes Schreiten draußen vernehmbar -wurde und auf das vorsichtige Klopfen die Tür sich öffnete. - -Baldamus Eik von Eichen glitt in das Zimmer. - -Es war erhellt von einer hohen, altertümlichen Öllampe, die auf dem -Schreibtisch stand. Herr von Eik haßte Gaslicht und ebenso elektrische -Beleuchtung, er war ganz und gar altmodisch vom Kopf bis zu den Füßen -und stach gar nicht so sehr von seinem Pflegesohn ab, der in neuester -Biedermeiertracht sich äußerst würdevoll präsentierte. - -Nicht vereinbaren mit dieser äußeren Würde ließ sich der flackernde -Ausdruck in seinen Augen, das verlegene Vorbeisehen an der imposanten -Gestalt des Greises, der ihn düster und scharf ansah. - -»Du hast mir hübsche Neuigkeiten zutragen lassen, Baldamus,« begann der -alte Herr ohne Umschweife. - -Dieser zuckte die Achseln. »Willst du es nicht _meine_ Angelegenheit -bleiben lassen, Pflegevater? Wir werden uns darüber nicht verständigen -können und --« - -»Allerdings nicht.« Man hörte in der Stimme des alten Herrn den -aufsteigenden Sturm. »In derartig schuftigen Dingen habe ich keine -Erfahrung.« - -»Ich muß doch bitten -- Pflegevater!« fuhr Herr Baldamus auf, aber -er sah dem Alten nicht in die Augen. »Es ist _meine_ Angelegenheit,« -setzte er trotzig hinzu. - -»Nein, die ist es _nicht_.« Herr von Eik ~senior~ war einige Schritte -näher getreten. »Der alte Valentin Erkner ist seit vierzig Jahren an -unserer Fabrik, er und seine alte Frau sind ganz gebrochen von der -Schande ihrer Enkelin.« - -Herr Baldamus zuckte unbehaglich die Achseln. »Laß uns doch nicht -darüber sprechen! Ich werde alles mit ihnen abmachen.« - -»Du willst sie heiraten, Baldamus?« - -Ein häßliches Lächeln trat auf das Gesicht des jüngeren Mannes, -- -es verschwand aber sofort wieder und machte einem harten, wilden -Ausdruck Platz. »Ich heirate niemand und _will_ niemand heiraten, als -die eine, die du mir einst fest versprachst. Hörst du, Pflegevater, --- _fest_ versprachst,« zischte Herr Baldamus. »Weiß Gott, ich bin -ein geduldiger Warter gewesen, -- -- -- hilf mir, Pflegevater!« Diese -letzten Worte wurden mit völlig veränderter Stimme gerufen, er schien -in großer Aufregung zu sein, ein ganz ungewohnter Anblick bei dem sonst -so glatten, ruhigen, gesetzten Manne, den ja auch die Schwarzhausener -gerade wegen dieser Ausgeglichenheit so sehr schätzten. Der alte Eik -sah seinen Pflegesohn zornig und ungläubig an. - -»Du weißt wohl nicht mehr, was du sprichst, Baldamus. _Ich_ -- soll -Franziska zureden? Ich? Nachdem ich dies weiß? Und nachdem mir -schon jahrelang der Anblick von Hieronymus Teichmann unerträglich -war -- -- --« - -»Laß doch die uralten Geschichten, Pflegevater. _Ich_ wärme ja auch -nicht auf -- -- --« - -Lauernd richteten sich seine Augen auf den alten Herrn, der plötzlich -müde und verfallen aussah. »Du weißt ja selbst, Pflegevater,« fuhr er -langsam und streng betonend fort, »wie schwer es wird, immer und immer -den Schein zu wahren, -- -- deine ganze Lebensarbeit hast du daran -gesetzt, und die sittenstrenge Kleinstadt lohnt dir nicht einmal deinen -einwandfreien Lebenswandel. Mehr als einmal schon -- -- --« er lachte -hölzern und meckernd, »hörte ich, wie man _dich_ einen ›schlechten -Kerl‹ nannte.« - -»Schweig!« rief Herr Eik ~senior~ heftig, und die Adern auf seiner -Stirn schwollen an. - -»Gut, ich schweige! Aber dann erzähle auch du keine ollen Kamellen und --- -- -- sprich mit Franziska.« - -Herr von Eik ~senior~ antwortete nicht, er ließ sich schwer in den -Sessel fallen, und man sah, wie die furchtbare Aufregung in ihm -arbeitete. Erst als er bemerkte, daß Baldamus das Zimmer verlassen -wollte, beruhigte er sich etwas und rief mit heiserer Stimme seinen -Pflegesohn an. - -»Bleibe noch, Baldamus! -- Ich habe noch etwas mit dir zu besprechen. -Wie kommst du dazu, den Leuten zu sagen, daß ihre höhere Lohnforderung -von mir berücksichtigt werden würde? Die Arbeiterdeputation war heute -bei mir, der Heinrich Liebetraut war der Sprecher, -- er ist ein -Stänker, behauptet aber, von dir besonders ausgesucht worden zu sein.« - -»Damit hat er recht,« meinte Herr Baldamus gelassen. »Ich wollte durch -diesen verbissenen Krakehler, dem beinahe einzigen Wühler in unserem -kleinstädtischen, biederen Betriebe den Worten der Arbeiter etwas mehr -Nachdruck geben, falls du etwa zögern solltest, ihren unverschämten -Forderungen nachzugeben. Du hast bewilligt, Pflegevater?« - -»Bewilligt? Ich denke nicht dran. Du nennst ja selbst ihre Forderungen -unverschämt. Besonders sind sie es deshalb, weil ich erst vor -Jahresfrist erhöhte.« - -»Du wirst sie wohl annehmen, Pflegevater. Es ist besser, wir wenden -bei diesen Leuten Vorsicht an, als daß wir merken lassen, daß wir ihre -Nachsicht brauchen. Die Eiks wirft die Mehrbewilligung nicht um, den -Leuten wird der Mund gestopft, und sie trotten in ihrem Schlendrian -weiter, ohne Verlangen zu tragen, uns etwas am Zeuge zu flicken.« - -Es sah aus, als striche wieder eine Hand über das Antlitz des alten -Herrn und ließe es grau und verfallen erscheinen. - -»Baldamus, ich _kann_ nicht. Ich helfe ihnen, wo es nur möglich ist, -offen oder heimlich, aber nach _meinem_ Willen und Gesetz. Lasse ich -mir jetzt plötzlich von ihnen vorschreiben, dann bin ich nicht mehr -der alte Eik, und sie schieben mich zu den Fabrikbesitzern, die vor -ihren Arbeitern zittern, und ich bin bei ihnen drunter durch, denn für -Ertrotztes sagen sie mir keinen Dank.« - -»Meinst du, sie danken dir, wenn du ihnen _gar nichts_ gibst?« fragte -Baldamus heftig; innerlich dachte er, daß sein Pflegevater jetzt doch -recht alt würde und sich mit einem Male durch verrückte Empfindungen -leiten ließe. Dieser starre Eiksche Ehrbegriff mußte etwas ins Wanken -gebracht werden. - -»Ja, das meine ich,« stieß Herr Eik ~senior~ hastig heraus. »Die -meisten von unseren Leuten hängen an unserem Hause, wissen, daß sie -es gut haben, daß sie nicht gedrückt werden. Ihre Forderungen sind -ihnen von den paar jungen Kerlen, die frisch von der Walze kommen und -unverdauliches Zeug gehört und gelesen haben, aufgeschwatzt worden. -Ich werde ihre Entlassung verfügen, mit den Alten dann noch ein -vernünftiges Wort reden und -- -- --« - -Herr Baldamus lachte laut und erbittert. - -»Und Heinrich Liebetraut wird Herr der Situation sein.« Baldamus legte -schwer die Hand auf den Arm des Pflegevaters. »Du _mußt_ nachgeben,« -sagte er hastig. »Du _mußt_. Heinrich Liebetraut ist gefährlicher, als -du ahnst. Er hat viel gelernt, ist mit der Feder gewandt und lauert -darauf, uns einen Knüppel in den Weg zu werfen.« Herr Baldamus dämpfte -jetzt seine Stimme. »Er ist außerdem Jettchen Erkner nachgestiegen, --- -- ahnt aber noch nichts. Bewilligen wir die Zulage, so geht er als -Agitator fort, denn in Schwarzhausen ist ihm der Horizont zu eng, -- -bewilligen wir sie nicht, so bleibt er als unser Feind und wird nicht -ruhen, bis er alles herausgebracht hat. Dann ist aber auch _dein_ -Königtum von Schwarzhausen vorbei, und du bist nichts als -- -- --« - -»Ein schlechter Kerl,« lachte der alte Eik bitter-schmerzlich auf. »Das -meintest du ja wohl. -- _Ich werde bewilligen!_« - -Das Letzte kam so unvermittelt heraus, daß Herr Baldamus über den -plötzlichen Sinneswechsel ganz verblüfft dastand und auf seinen -Pflegevater starrte, der jetzt mit gebietender Handbewegung nach der -Tür zeigte. Und wenn sein Königtum auch auf tönernen Füßen stand, wenn -es auch etwas im Leben dieses starren, unzugänglichen, finsteren Mannes -gab, das einen schweren, tiefen Schatten auf die Eik-Ehre warf, -- -- -Herr Baldamus fühlte doch, daß er dieser gebietenden Hand, die ihm die -Tür wies, zu gehorchen habe. -- - -Ruhelos wanderte der alte Herr in seinem Zimmer umher. Ein paarmal -griff seine Hand nach dem altmodischen Klingelzug, der den Diener -herbeirufen sollte, aber er ließ sie immer wieder sinken. - -Bis wieder ein leichter Schritt heran kam und auf sein müdes »Herein!« -Frau Franziska sich im Türrahmen zeigte. - -»Endlich, Vater! Ich habe Angst um dich gehabt! Seit deinem -Frühbrot hast du nichts genossen. Denke doch auch ein wenig an dich -selbst -- -- --« - -»Ich habe mit dir zu reden, Franziska.« - -Seine Tochter sah erstaunt-forschend zu ihm auf. Die Stimme des alten -Herrn klang sonderbar rauh, gebrochen und müde, und er sah die junge -Frau nicht an. - -»Ich höre, Vater!« - -Lange Pause. -- -- »Baldamus Eik hat heute wieder um deine Hand -angehalten.« - -»Ich trage noch Trauer, Vater -- -- --« - -»Ich weiß es, -- und drängen wird dich Baldamus nicht, er will wohl nur -Gewißheit haben.« - -»Ich begreife Baldamus nicht, Vater. Was mir vor Jahren unmöglich war, --- ist es auch heute noch. Er _will_ mich nicht verstehen.« - -»Franziska, -- bist du ganz von Grund aus mit dir zu Rate gegangen, und --- bist du dir klar, was du aufgibst? -- Das große Vermögen würde in -einer Hand bleiben und dein Knabe einmal alles bekommen. Baldamus liebt -dich -- -- --« - -Frau Franziska schauerte zusammen. »Laß mich bei dir bleiben, Vater,« -bat sie müde. »Ich habe so überreichlich zum Leben durch deine Güte, -und mein Junge soll werden wie du, so einfach -- und so aufrecht.« - -Der alte Herr Eik zuckte zusammen, aber er litt es still, daß die -Tochter seine Hand an ihre Lippen zog. - -Sie wußte, wie er an dem Gedanken hing, sie mit dem Pflegesohn eins zu -wissen, sie wußte, daß sie ihm auch heute wieder weh tat, wie sie ihm -vor Jahren den bittersten Schmerz seines Lebens zufügte, und daß nun -wieder eine Kluft zwischen Vater und Tochter sich auftat, die sich nie -mehr überbrücken ließ -- -- -- - -»Du weinst, Franziska?« - -Sie schluchzte weh auf. - -»Daß ich dir so wenig zeigen kann, wie lieb ich dich habe, -Vater -- -- --« - -Er strich ihr sacht über das dunkle, wellige Haar mit einer scheuen, -verlegenen Bewegung, der man wohl anmerkte, daß Liebkosungen etwas -Seltsames für ihn bedeuteten. - -Franziska hatte ihren Kopf tief geneigt, und der alte Eik schaute über -sie hinweg durch das Fenster in die grünen Parkwipfel hinein in ernstem -Sinnen. - -Franziska fühlte ihr Herz hart und schwer klopfen. »Wie wird alles -werden,« dachte sie, »was wird er bestimmen, was wird er mir sagen, -wenn diese Pause vorüber ist?« - -Herr von Eik richtete sich hoch auf. - -»Ich habe eine Bitte an dich, Franziska, -- eine seltsame -- -- --« - -»Wenn ich sie erfüllen _kann_, Vater, -- -- --« entgegnete sie zögernd. - -Da zog es wie ein Lächeln über seine ernsten, finsteren Züge, -- und -Frau Franziska meinte, ihr eigener, lieber Junge schaue sie auf einmal -aus diesem erhellten Antlitz an. - -Es fiel dem Alten schwer, seine sonderbare Bitte in Worte zu formen: -»Franziska, -- bringe mir, -- -- besorge mir aus der Stadt eine Puppe --- -- eine große, schöne Puppe, -- -- hörst du, -- die schönste, die -das Nest hat.« - - * * * * * - -Liselotte Windemuth führte ein recht einsames Dasein. - -Der Professor lebte mit seinen Büchern, Base Juliane mit ihren -Kochtöpfen, und so kam es, daß Liselotte nur auf die Schule, auf Herrn -Rektor Tüllen, auf ihre Schulkameraden und ihre Puppen angewiesen war. - -Unter den Schulgespielen hatte sie keinen Freund und keine Freundin. - -Sie war zu eigenartig, das kleine Ding, und nichts verzeiht eine -Kleinstadt weniger als Eigenart. - -Liselotte ließ sich in keine Schwarzhausener Schablone pressen, und -niemand wußte etwas mit ihr anzufangen. Ihre unerschrockene Offenheit -und Wahrheitsliebe, ihre wißbegierige Fragelust, -- das waren lauter -unbequeme Dinge für die Mitbürger und deren Sprößlinge. Man lachte wohl -laut und anhaltend über ihre närrischen Einfälle und Fragen, aber weit -öfter ärgerte man sich darüber und schalt; auch Base Juliane war mehr -grillig und grimmig mit dem Kinde, als liebenswürdig. - -Ab und an, wenn der Professor Windemuth in seinen Arbeiten auf einen -toten Punkt geriet und eine kleine Rast halten mußte, fiel ihm wohl -sein kleines Töchterchen ein. Befand es sich gerade in der Schule, -so rief er Base Juliane und fragte, wie es dem Kinde ginge und ob es -auch ja alles empfange an Körperpflege, wie es die verstorbene Mutter -bestimmt. - -Über diese Fragen empörte sich aber die Base immer weidlich. - -»Wie eine Prinzessin hat sie’s,« -- das war gewöhnlich die Antwort, -»der Vetter braucht ja nur zu gucken, wie sauber und ordentlich ich das -Kind halte, -- eine leichte Arbeit ist’s nicht bei dem Quirlefitsch. -Und gesund ist’s auch alleweil, -- dafür bin ich da und der Herr -Doktor.« - -So war der Professor beruhigt. Doktor Hempel war ein Mann der alten -Schule, recht für Schwarzhausen geboren. Er arbeitete mit altbewährten -Mitteln, bei den Erwachsenen mit Schröpfköpfen, Aderlässen und -Kamillentee, bei Kindern mit Wurmpulver und »Kurella«, und jedes -Frühjahr, wenn die Hausfrauen »reinegemacht« hatten und auf ihren -Lorbeeren ausruhten, benutzte Doktor Hempel diese Ruhezeit und unterzog -sämtliche Mitbürger einer Reinigungskur, wonach sie sehr abgemattet und -zahm wurden und manches für die Stadt bewilligten, was sonst noch gute -Weile gehabt hätte. -- - -Ja, Professor Windemuth sah es, seine Liselotte war ein gesundes, -blühendes, schönes Kind, und ihr lockenumrahmtes, blondes Köpfchen mit -den blauen, tiefen Schelmenaugen, die doch auch wieder so ernst blicken -konnten, wurde der verstorbenen Mutter immer ähnlicher. - -Daß sein Kind geistige Nahrung entbehren könne, kam dem Manne nicht -in den Sinn. Ja, wäre Liselotte sein heißersehnter Knabe gewesen! -- -Aber Mädchen blieben ja zu Hause, kochten, strickten und -- wurden -geheiratet. - -So stillte denn Liselotte ihren geistigen Hunger durch Lesen, und -sie las bunt durcheinander, was ihr in den Weg kam, sie las aber -auch hauptsächlich immer wieder, was in dem Bücherschränkchen der -heimgegangenen Mutter steckte, und das war gut. Und sie las mit großem -Eifer, was der sorgende, wachsame Rektor Tüllen in ihre kleine Hand -legte, und das war noch besser. -- - -Was Liselotte gelesen, das erzählte sie gern wieder, und da Base -Juliane und der Professor nie Zeit für sie hatten, so erzählte sie es -ihren Puppen und wurde dadurch altklug und etwas selbstherrlich, denn -die Puppen widersprachen ihr niemals. - -Seit dem Erlebnis mit dem »schlechten Kerl«, wie sie innerlich den -bösen, alten Herrn nannte, war Liselotte recht nachdenklich geworden, -so daß es selbst Base Juliane auffiel. - -»Ist dir nicht extra?« fragte sie das Kind wohl zehnmal am Tage, »du -hast gewiß Würmer.« - -»Es kann schon sein,« bestätigte Liselotte, denn sie aß Zitwersamen mit -Sirup recht gern. Und während sie das Kindertäßchen mit dem braunen -Saft auslöffelte, hatte sie eine eingehende Unterredung mit Base -Juliane. - -»Darf man Müttern ihre Kinder einfach wegnehmen, wenn man groß ist, -Base Juliane?« - -»Hm! Das ist eigentlich noch nichts für dich, Kind. Aber sowas gibt es. -Die Leute haben sich dann lieb und heiraten sich.« - -»Weißt du das ganz sicher, Base Juliane?« - -»Freilich, du Dreikäshoch.« - -»Warum hat dich denn niemand der Mutter fortgenommen?« - -»Das sind sehr unanständige Fragen, Liselotte, du solltest dich was -schämen. Es hat eben nicht jede Jungfrau das Glück -- -- --, ich meine, --- nicht jede Jungfrau kann sich entschließen, ihr gottwohlgefälliges -Leben aufzugeben.« - -»Bitte, sag’ das noch mal langsam, Base Juliane, und erkläre mir’s -recht ordentlich -- -- -- so kann ich dich nicht recht verstehen.« - -»Du schreckliches Kind! Nein, das ist nichts für dich. Durchaus nicht. -Wo du nur immer die Fragen her hast!« - -Liselotte saß tief nachdenklich da. - -»Base Juliane, wenn nun aber der Mann alt und schrecklich ist und das -Kind ganz kopflos -- -- --« - -»Du gerechter Gott,« schrie Base Juliane, »wie kommst du bloß auf so -was Fürchterliches! Das muß ich deinem Vater erzählen. Kind! Hast du -etwa schlechten Umgang? Mit wem redest du so am Tage?« - -»Nur mit dir,« meinte Liselotte harmlos. »Mit dir und den Puppen, aber -sie wissen mehr als du und fahren mich nicht an und petzen nicht -alles, was ich sage, dem Väterchen.« - -»Nur zahm, nur zahm!« meinte Base Juliane und sah doch selbst aus wie -ein geharnischtes Sonett. »Das ist längst nicht gepetzt, wenn ich so -gefährliche Sachen dem Herrn Professor wieder erzähle. Weiß Gott, kein -anderes Kind aus Schwarzhausen würde solche Dinge gefragt haben.« - -In voller Entrüstung stand sie auf, räumte Zitwersamen und Sirup fort, -und Liselotte wischte sich das klebrige Mäulchen ab, packte ihren -Puppenwagen voll geliebter Babys und murmelte dabei unverständliche -Worte, von denen die entsetzte, kopfschüttelnde Base nur immer wieder: -»Alter schlechter Kerl« und »Kopfloses Kind« verstand. - -Sie beschloß, umgehend dem Herrn des Hauses Mitteilung von dem eben -Erlebten zu machen, während Liselotte eilig das Haus verließ und sich -auf ihr stilles Plätzchen, zu dem Tempelchen im Park Eichenborn, begab. - -Friedlich lag der Spielplatz da, -- goldene Sonnenlichtchen tanzten auf -den Zweigen der Tannen, und ein köstlich-herber Harzduft füllte rings -den Platz. Liselottchen fuhr schnuppernd mit ihrem feinen Näschen in -der Luft umher. - -»O wie gut riecht es hier, wie gut!« meinte sie anerkennend zu sich -selbst, und den Puppen rief sie zu: »Kinder, sperrt die Nasenlöcher -auf, -- es ist ja _zu_ gesund!« - -Rasch strebte sie der Steinbank zu, um ihre Kleinen darauf zu verteilen -und eine große »Bettensömmerung« vorzunehmen, aber zu ihrem höchsten -Erstaunen fand sie das Rundteil bereits von einer Persönlichkeit -besetzt, die ihr mit weit aufgerissenen und doch ziemlich -ausdruckslosen Augen entgegensah. - -»Was ist denn _das_?« fragte Liselotte laut und sah sich nach -allen Seiten um, ob wohl jemand zu der Balldame gehöre, denn als -solche erwies sich die sehr große, majestätische Puppe, die da auf -der Steinbank mit tief ausgeschnittenem und weit ausgebreitetem -Staatskleide lehnte. - -Niemand war ringsum zu sehen, nur Liselottes Puppenkinder schauten auf -den fremden Eindringling hin. - -»Kannst du nicht antworten?« fuhr Liselotte ihn an. -- Auch nicht das -geringste Gefühl der Zuneigung zog sie zu der feinen Dame hin, und so -verschmähte sie es auch, auf ihre Frage selbst Antwort zu geben, wie -sie es sonst immer mit ihren Lieblingen tat. - -Am Staatskleide der Puppe steckte ein Zettel mit den Worten: »Diese -Puppe soll Liselotte Windemuth gehören.« - -Die Kleine entzifferte ihn mühelos, aber in ihrem Gesichtchen -veränderte sich kein Zug. »Wer schickt dich?« fragte sie noch einmal, -und als die Puppe nicht antwortete, sondern dumm weiter stierte, sagte -ihr Liselotte ehrlich und zornig die Meinung: - -»Du bist furchtbar häßlich. Ich mag dich gar nicht. O Gott, wenn -ich denke, wie schön meine Puppe Emmy ohne Kopf war. Wie ihr alles -gut stand! Wenn ich nur wüßte, was ich mit dir anfangen soll! Du -versperrst nur den Platz, und ich will doch Betten sömmern. Pfui, was -für ’n ausgeschnittenes Kleid! Ich hab’ mal heimlich zum Hoffenster -reingesehen, wie Fräulein Ziddelmann auf den Ball ging. Base Juliane -sagte, ein Christenmensch müßte sich tot schämen. _So_ siehst du aus. -So sprich doch! Kannst du nicht? Willst du nicht? _Bist_ du am Ende -schon tot und willst es nur nicht sagen?« - -Liselotte gab der Staatsdame einen derben Stoß, so daß sie auf die Bank -polterte und mit geschlossenen Augen liegen blieb. - -»Siehst du, daß du tot bist? Du konntest es gleich sagen, du arme, -häßliche Person, dann hätte ich dich nicht erst so angefahren. Komm, -ich will dich begraben, -- ich habe es erst gestern gesehen beim -Nachbar. Base Juliane nahm mich mit auf den Kirchhof, -- ich weiß alles -gut.« - -Liselotte sah sich aufmerksam um. -- Der Waldboden rings umher hatte -lockere, weiche Erde, und mit einem flachen Stein und ihren eigenen, -festen, kleinen Händen grub sie rasch und emsig ein genügend weites -Loch. -- - -»Kinder, ihr müßt jetzt stark weinen, es kommt was Trauriges,« -wandte sie sich an die anderen Puppen und fing sogleich selbst ein -jammervolles Heulen und Piepsen an. - -»So, und nun ein Choral! -- Lobe den Herrn, den mächtigen König der -Ehren,« sang sie andächtig, und währenddem hob sie die Staatsdame -vorsichtig auf und trug sie unter die Tannen hin, wo sie feierlich -in die Erde gebettet wurde. Und da gerade die Sonne durch die grünen -Zweige auf das Grab schien, gab Liselotte noch ein Lied zu: »Goldne -Abendsonne, wie bist du so schön!« - -Dann schickte sie sich an, das Grab zuzuschaufeln. - -»Was spielst du denn da?« fragte eine tiefe Stimme hinter ihr. - -Liselotte fuhr herum und starrte ihren größten Feind und Widersacher an. - -»Beerdigen!« meinte sie kurz und ließ sich nicht weiter stören, sondern -grub und schaufelte, bis auch nicht ein Schimmer des himmelblauen -Seidenkleides mehr zu entdecken war. - -Tief atmend sprang Liselotte auf und wischte sich mit den schwarzen, -erdigen Händen die feuchten Locken aus dem erhitzten Gesicht. - -»Wie du aussiehst,« rief Herr von Eik vorwurfsvoll, »die Base Juliane -wird sich freuen -- -- --« - -Liselotte sah ihn mürrisch an. »Nein, die freut sich nicht, wenn ich -schmutzig bin,« gab sie zur Antwort. - -»Du bist ein närrisches Ding!« meinte der alte Herr kopfschüttelnd. -»Komm, setze dich zu mir auf die Steinbank dort, da will ich dir -etwas Schönes zeigen, -- das soll dir gehören, -- weil die Puppe Emmy -verloren ist -- weißt du -- die alte, häßliche, kranke Puppe Emmy -ohne Kopf -- -- -- da, -- ich habe dir eine wunderschöne, neue Puppe -gekauft --« - -Herr von Eik wandte sich sehr verlegen zur Steinbank, denn ihm selbst -war seine Rolle als Beschützer und Beglücker kleiner, puppenspielender -Kinder neu, -- doch die Bank war leer, keine neue, feine, teure -Puppe weit und breit, aber vor ihm stand mit schmerzlich verzogenem, -schmutzigem Gesichtchen ein zartgliedriges, lebendiges Püppchen, das -warf beide Arme über die harte Steinbank und verbarg laut weinend das -Gesicht darein: »O meine Puppe Emmy, meine liebe, einzige, schöne Puppe -Emmy!!!« - -»Immer dasselbe Lied!« stieß Herr von Eik hervor. »Was bist du für ein -sonderbares, unbändiges Kind! Wenn ich nur wüßte, wo die neue ist? Ich -habe sie vorhin selbst hergesetzt.« - -»Da!« schluchzte Liselotte und wies nur eben mit dem Kopf nach der -Begräbnisstätte. - -Herr von Eik ging mit schweren Schritten nach dem schwarzen Erdhügel, -und sein wuchtiger Stock schaufelte und bohrte in der Erde, bis er -nach einer Weile ein Stückchen blaue Seide entdeckte, -- das arg -zugerichtete Staatskleid der begrabenen Balldame. Rasch schaufelte er -sie wieder zu und kehrte mit finsterem Antlitz zu der heftig Weinenden -zurück. - -»Warum tatest du das?« fragte er mit heiserer Stimme. - -»Weil ich sie nicht lieb habe,« brach das Kind leidenschaftlich los. -»Weil sie dumm und häßlich und tot war. O du hast mir meine schöne, -süße, lebendige Emmy gestohlen und die garstige Balldame hingelegt! Tot -und häßlich war sie und deshalb habe ich sie beerdigt.« -- - -In fliegender Eile raffte Liselotte ihre Püppchen zusammen, man sah -es ihr an, ihr kleines Herz zitterte vor Angst, der große, harte, -böse Mann könnte sich an ihnen vergreifen. Dann fuhr sie, immer noch -bitterlich schluchzend, mit ihnen davon, ohne auch nur noch einen -Blick zurückzuwerfen. Auch Herr von Eik schritt langsam den Weg nach -seinem düsteren Hause zurück. Ein seltsames, bitteres Lächeln lag um -seinen Mund. »Tot und häßlich« hatte dieses Kind sein farbenprächtiges, -leuchtendes Geschenk genannt. Tot und häßlich hatte ihn auch gestern -seine Vergangenheit angestarrt, -- aber er konnte sie nicht so -verblüffend einfach beseitigen und begraben, wie dies mutige, kleine -Mädchen es vorhin getan, und für ihn gab es keine »goldene Abendsonne« -mehr. -- -- -- - - * * * * * - -Schwarzhausen schüttelte wieder einmal den Kopf. - -Da lag das kleine Städtchen so recht warm eingebettet in den thüringer -Bergen, durchduftet von Tannenluft, umrauscht von der lustigen, wilden -Gera. Es war wohlhabend und stattlich gebaut, es hatte treue Väter, die -sein Wohl zu dem ihrigen machten, aber es hatte Sorgen, und so kam es -eigentlich nicht aus dem Kopfschütteln heraus. - -Sorgen um das schwarze Schaf inmitten der reinlichen, frommen, guten -und vor allen Dingen ach, so selbstgefälligen Schäflein, -- Sorgen um -den Eichenborn. Würde er das Städtchen nie zur Ruhe kommen lassen??? - -Nun hatte Schwarzhausen wohl einen treuen, guten Stadtvater, der sich -mit gelegentlichem Kopfschütteln begnügte und wohlmeinend murmelte: -»Wir verdanken den Eiks eigentlich _alles_, und wenn ich bloß reden -dürfte -- --« Aber es hatte keine milde, liebe, ältliche, rundliche -Stadtmutter, sondern eine unendlich lange, hagere, spitze Frau -Bürgermeisterin, die es sich nicht einfallen ließ, wie gute Mütter -tun, sich von der mutmaßlichen Schlechtigkeit ihres Kindes persönlich -zu überzeugen, sondern die in vielen, besonders zu diesem Zwecke -anberaumten Kaffeegesellschaften die Abneigung gegen den Eichenborn und -seine Bewohner noch schürte. Und wenn der Kaffee auch koffeïnfrei war, -den die Frau Bürgermeisterin ihren Gästen vorsetzte, ihre _Reden_ waren -es nicht, in denen saß das Gift und harrte seiner Bestimmung. - -Schon nach der dritten Tasse waren beinahe alle Damen einig darüber, -daß es so nicht weiter gehen könne. - -Und daß Frau Pfarrer Klingenreuter und Frau Doktor Hempel so arg -zugeknöpft taten und besonders die Pfarrerin so gar nichts _gegen_, -wohl aber manch mildes Wort _für_ die Verurteilten einlegte, nun das -war ihre eigene Sache und störte die bösen Zungen nicht im mindesten in -ihrem Verdammungsgeschäft. - -»Das ist nun eben Ihr Beruf, Frau Pfarrer,« meinte die Bürgermeisterin, -»ich könnt’s nicht, meine Ohren und Augen sind zu offen dazu.« - -Die Pastorin lächelte. - -»Meinen Sie, daß ich Augen und Ohren von Berufs wegen schließe?« fragte -sie mit feinem Spott. »Und sollte es nicht der Beruf _jeder_ Frau sein, -Gutes zu reden und erst einmal das Beste von jedem Menschen anzunehmen?« - -»Bitte, Frau Pfarrerin, zeigen Sie uns bei dieser Geschichte das Gute!« -rief die Bürgermeisterin aufgeregt. »Sie können es einfach nicht, -denn es ist nicht vorhanden. Aus reiner Schlechtigkeit und Bosheit -hat dieser Bertold Malcroix, genannt Eik, den von uns allgemein so -verehrten Herrn Baldamus schwer verletzt -- -- --« - -»Ich bitte mich von der Allgemeinheit auszunehmen, -- ich verehre den -Herrn nicht,« rief Frau Doktor Hempel kampfesmutig dazwischen. - -»Und offenbare Schlechtigkeit gut nennen, das kann eben nur ein -Pfarrer,« schloß die Bürgermeisterin. - -Logik war nie ihre Stärke gewesen und bei dem hellen Ärger, in dem sie -sich augenblicklich befand, besann sie sich überhaupt nicht auf ihre -Worte. - -Frau Pfarrer Klingenreuter war rot geworden. - -»Ei ei,« meinte sie dann. »Ich glaube, wirklicher Schlechtigkeit -und Bosheit gegenüber darf jeder Mensch, also auch jeder Pfarrer in -ehrlichen, heiligen Zorn geraten. Hier handelt es sich aber gar nicht -darum. Und das Gute kann ich Ihnen nicht zeigen, weil es nicht auf der -Oberfläche liegt. Es ist aber tatsächlich vorhanden. Selig sind die, -die da nicht sehen und doch glauben.« - -Die Bürgermeisterin stieß unter dem Tisch die Frau Postverwalter an -und beide Damen verbargen darauf ein überlegenes Lächeln hinter ihren -Spitzentaschentüchern. - -Natürlich, wenn die Pfarrerin mit Bibelsprüchen kam, -- da mußte man -schweigen. Man war ja freilich ein beglaubigter Christ, getauft, -konfirmiert und kirchlich getraut, aber -- -- Bibelsprüche waren doch -mehr für einfache Leute. - -Die Unterhaltung ging weiter. - -»Ist Herr Baldamus von Eik sehr krank?« - -»_Sehr._« - -»Weiß man, was nun mit dem Bengel, dem Bertold geschieht? Kommt er nun -endlich in Zwangserziehung?« - -»Ich weiß es nicht. Jedenfalls nicht nach dem rauhen Haus, was doch das -einzig richtige wäre. Für die Eiks wird ja aber immer eine besondere -Wurst gebraten, und so soll Bertold Malcroix nach E. aufs Gymnasium -kommen -- -- --« - -»Aufs Gymnasium?« schrien sämtliche Frauen, mit Ausnahme von Frau -Pfarrer Klingenreuter und Frau Doktor Hempel, welche still mit ihrer -Arbeit beschäftigt schienen. »Das ist doch ganz unmöglich! Solch -einen Buben in eine öffentliche Anstalt? Wenn er nun die Mitschüler -massakriert? Das ist ja gemeingefährlich!!!« - -Die Frau Bürgermeisterin antwortete erst eine Weile nicht. Sie war -buchstäblich geschwollen vor Stolz und Mitteilungsbedürfnis. Denn sie -wußte _alles_ und noch ein bißchen mehr. - -Erst nachdem sie sich zurecht gesetzt und eine tief heruntergefallene -Masche ihres Strumpfes wieder auf den Pfad des Rechtes gebracht, kam -sie mit dem Trumpf zum Vorschein. - -»Unsere Rektorschule in Schwarzhausen verliert ihren Leiter,« sagte -sie langsam, wichtig und betonend. »Rektor Tüllen geht als Aufpasser -mit nach E., weil er den schlechten Charakter des Burschen kennt, und -damit er selbst geschützt ist, wenn Bertold Malcroix seine zerstörenden -Tobsuchtsanfälle bekommt, geht der Organist Brennstoff auch mit.« - -»Herr du meines Lebens! Warum nicht noch zehn Hofmeister und seine -ganze Sippe dazu?« eiferte die Frau Postverwalter. - -»Ja wahrhaftig! Da kann man auch sagen: ›Viel Lärm um einen -Eierkuchen‹,« rief Frau Großschlachter und Hoflieferant Bentel. Sie -konnte das Sprichwort auch französisch sagen und hätte es brennend -gern getan, aber sie wußte nicht genau, ob es »~un~« oder »~une -omelette~« hieß, und so unterließ sie es lieber. Manche Menschen waren -so »penniebel« in so was, und sie wollte ihren Ruhm als gebildete Frau, -die in »Penksion« gewesen, nicht einbüßen. -- - -»Und das sollen wir uns gefallen lassen?« Diesmal waren es mindestens -sechs aufgeregte Damen, die Antwort auf diese Frage heischten. - -Die Bürgermeisterin zuckte die Achseln. - -»Was sollen wir tun?« fragte sie dagegen. »Die Rektorschule ist -Privatsache, und der Organist sollte auf alle Fälle pensioniert werden, -weil ein Bericht über ihn gekommen ist, daß er heidnische Gesänge in -der Kirche spielt. Also, sagt mein Mann, wir täten klug, wenn wir ihn -einfach gehen ließen. Solchen Musiknarren ist überhaupt nichts zu -beweisen. Die halten manchen Kram für hochheilig, vor dem man sich -eigentlich bekreuzigen sollte.« - -»Was sagen _Sie_ denn eigentlich zu dem allen, Fräulein Windemuth? und -was sagt Ihre Kleine?« wandte man sich jetzt an die eifrig stickende -und zählende »Base Juliane«, die sich noch mit keinem Worte an der -Unterhaltung beteiligt hatte, teils weil sie für den Professor ein -Paar Schuhe stickte mit schwierigem Muster, teils weil ihr der Vetter -eingeschärft hatte: »Halt lieber den Mund in der Kaffeeschlacht. Es -geht uns nichts an, und der Kleine war doch mal Liselottes Freund.« - -Sie warf jetzt auch nur einen Blick gen Himmel und rief: »Ich sage _gar -nichts_.« - -Aber dieser Himmelblick und ihr übereifriges Weitersticken redeten -ganze Bände und stellten sie sozusagen über die Parteien. - -Wenn Base Juliane, die allzeit Redegewandte und Redelustige, schon -schwieg, wie entsetzlich mußte da die Wirklichkeit sein, -- und was -mußte sie mit dem altklugen, kleinen Mädchen erlebt haben, das von -allen Schwarzhäuser Kindern das einzige war, das sich nicht entblödet -hatte, mit Bertold Malcroix zu spielen. - -Aber Base Juliane empfand mit einem Male ihre Schweigsamkeit als etwas -Entehrendes. Wo jeder seinen Senf dazu gab, sollte sie, die Base des -angesehenen und gelehrten Professors, alle schmackhaften Gewürze -für sich behalten? Sie grübelte und grübelte, welche von den vielen -pikanten Geschichtchen aus dem Hause Eik, die sie als verbürgt von -maßgebender Seite vernommen, sie wohl zum besten geben könnte, aber -immer sah sie die ernsten Augen des Vetters Windemuth vor sich und -begnügte sich deshalb mit der Bemerkung: »Ihr Bild wollte sie ihm -durchaus zum Abschied schenken, -- die Liselotte nämlich, -- wir waren -beim Photographen gewesen und gestern kamen die Bilder, -- sie hat ’n -weißes Spitzenkleidchen an mit rosa Schärpe, -- bildschön -- und auch -teuer genug -- die Bilder nämlich, aber das Kleid auch -- und da sagte -ich: ›Um Gottes willen, Liselotte, doch bloß so was nicht tun, da kann -man ja wohl noch mal ins Verbrecheralbum kommen mit dem Jungen‹.« - -Das war stark! Aber Base Juliane war als furchtlos bekannt, und man -freute sich, von angesehener Seite etwas gehört zu haben, was Hand -und Fuß hatte, und das man abends überall wiedererzählen konnte, ohne -das bekannte Siegel der Verschwiegenheit zur lästigen Bedingung zu -machen. -- - -Es war wirklich nicht nett von der Frau Pfarrer, daß sie so einen -Aufstand um diese Bemerkung machte und mit so tränendurchzitterter -Stimme rief: »Tut denn niemandem von Ihnen der arme Junge leid, der im -Jähzorn fehlte? Wollen wir ihn mit so lieblosen Worten ziehen lassen?« - -Und die sanfte Frau hatte mit flammenden Augen die ganze -Kaffeegesellschaft angeschaut, und als auf ihre Frage sich niemand -meldete, war sie ohne Abschied fortgegangen und Frau Doktor Hempel mit -ihr. - -Das sah beinahe ein bißchen wie Verachtung aus, aber man war viel zu -sehr überzeugtes »weißes Schaf«, als daß man so etwas auf sich bezogen -hätte. - -Mindestens aber war es ärgerlich. - -Doch konnte ja die Frau Pfarrer tun, was sie wollte. Man würde sie eben -so bald nicht wieder einladen und ihretwegen sich gewiß nicht scheuen, -seine eigene Meinung über die Eiks zu haben und auch auszusprechen. -- - -Frau Doktor Hempel ging direkt von der Kaffeeschlacht heim und in -die Studierstube ihres Gatten, während Frau Pfarrer noch einige -Schwerkranke besuchte, um »ins Gleichgewicht zu kommen«, wie sie meinte. - -Doktor Hempel war noch auf Praxis, aber seine Frau nahm sich gar nicht -Zeit, sich bis zu seiner Ankunft ihres seidenen Kleides zu entledigen -und sich’s hausfraulich bequem zu machen, -- ja sie setzte sich nicht -einmal, -- sie war zu aufgeregt dazu. Wie der förmlichste Besuch -wartete sie in Hut und Mantel auf ihren Mann, und auf ihrem offenen, -energischen Gesicht lag ein Ausdruck von Zorn und Trauer. - -Da kam Doktor Hempel schon über den Platz in heftigen Schritten, er -grüßte die ihm Begegnenden nur mit einem Handwink und zerstreuter -Miene, und die Schwarzhausener sahen ihm nach und tuschelten -miteinander. Er kam ja vom Eichenborn. -- - -Als Doktor Hempel in sein Zimmer trat, kam ihm seine Frau entgegen und -forschte angstvoll in seinen Augen. - -»Nun?« - -»Es geht zu Ende. --« - -»O der _arme_ Junge!« rief sie aus, »der arme Junge!« - -Der Doktor war zu seinem Schreibtisch gegangen, um die eingetroffene -Post nachzusehen, jetzt drehte er sich schroff um. - -»So ein Unsinn! Was hat der Junge damit zu tun? Das heißt, ja -- -- -natürlich, -- _etwas_ schon, -- aber was will das besagen? Für den Arzt -gar nichts.« - -»Aber für die Schwarzhausener,« fiel seine Gattin erregt ein und -erzählte ihm alles, was das Kaffeekränzchen an Gift entwickelt hatte. - -»Verdammte Klatschweiber!« fluchte Doktor Hempel. -- »Jawohl, ich höre -sie ordentlich reden: ›Der allgemein verehrte Herr Baldamus!‹ So’n -Kerl! Pfui Teufel! Jetzt kann ich ja noch schimpfen. Du bist ja meine -liebe, dienstlich vereidigte Alte. Und wenn er erst tot ist, dann halte -ich’s mit dem Wort: ›~De mortuis nil nisi bene~‹.« - -»Wird er wirklich sterben?« fragte sie bang. - -Er nickte ernst. »Ich bitte dich, -- zuckerkrank in diesem Alter, -außerdem verseucht bis oben hin, -- herzleidend, -- -- nun ist eine -Fußwunde aufgebrochen und -- der heftig blutende Biß dazu -- -- --« - -»Sie werden alle, alle dem letzteren die Schuld geben,« meinte Frau -Doktor Hempel traurig. - -»Aber das ist Unsinn, -- verrückter Blödsinn,« fuhr der Doktor auf. -»Unsere verehrten Mitbürger sind Hornochsen, besonders aber die -Ehehälften. Ein paar vernünftige Kerle hielten heute Kriegsrat mit -mir, der Postverwalter und der Apotheker. Den Rektor Tüllen wollten -wir mit zuziehen, um dann dem alten Eik vorsichtig beizubringen, daß -es das beste wäre, den Jungen erst mal aus Seh- und Hörweite der -lieben Schwarzhausener zu bringen. Aber siehe da, der Alte war schon -von selbst so weitsichtig gewesen, -- die Übersiedlung des Bertold -~junior~ nach E. war schon beschlossene Sache. Herr von Eik ~senior~ -ist vernünftiger als alle Schwarzhausener zusammen.« - -Doktor Hempel schüttelte sich. - -»Gib mir’n Kognak, liebe Alte! Brrr! Ich muß gleich nachher wieder -hinüber. Jetzt ist der Pfarrer dort. Aber dem wohnten auch ›zwei -Seelen, ach, in seiner Brust‹, -- -- ich möchte nicht die Beichte des -Herrn Baldamus abhören -- -- --.« Und der Doktor schüttelte sich noch -einmal. - - * * * * * - -Am nächsten Abend war alles vorüber. -- -- -- - -Der junge Bertold konnte sich später, als er zwischen seinen beiden -treuen Begleitern im Arbeitszimmer zu E. saß, nur weniger Einzelheiten -erinnern, so rasch war alles gegangen. Aber die wenigen Einzelheiten -saßen um so fester, teils weil sie so schrecklich und traurig und -teils, weil sie so wunderlich süß waren. - -Der Abschied von seinem Mütterchen, das war das Herbste an dem Ganzen -und der Knabe konnte nicht einmal darüber weinen. Denn in seinem tiefen -Empfinden und frühreifen Nachdenken meinte er, er müsse all seine -eigenen Tränen noch für sein Mütterchen aufheben, die sonst am Ende mit -heißen, trockenen, brennenden Augen dasäße, -- soviel weinte Mütterchen -jetzt. - -Aber Bertold wußte wenigstens seit seiner Abreise, daß Mütterchen -nicht über ihn selbst weine, über seinen greulichen Jähzorn und seine -unheilvolle Tat, sondern hauptsächlich über die schlimmen Menschen, -die ihn dazu gebracht und nun so häßlich und verstockt und richtend -dastanden. - -Auch der letzten Unterredung mit dem Großvater erinnerte er sich. Man -konnte dies Beisammensein wohl eigentlich nicht »Unterredung« nennen, -es war mehr ein Kampf gewesen. Wer war der Unterliegende darin? Der -junge Bertold wußte es nicht. Vielleicht war er es selbst, denn man -hatte ihn ja nach E. geschafft, und hier mußte er nun bleiben, -- -ohne Mütterchen. Aber in den Augen des harten Großvaters hatte etwas -gelegen, -- Bertold wußte es nicht sicher zu deuten, etwas Müdes, -etwas, das den jungen Enkel beinahe veranlaßt hatte, zu sagen: »Stütz’ -dich auf mich, Großvater, ich bin stärker als du!« War man aber -unterlegen, wenn man sich so stark fühlte? -- - -»Wir müssen den Jungen auf andere Gedanken bringen,« meinte Rektor -Tüllen und sah sorgenvoll auf Bertold Eik. »So sieht doch kein Kind -aus! Kein Zehnjähriger! Lieber Brennstoff, wir haben eine schwere -Verantwortung!« - -»Das weiß ich, Rektor! Aber ich glaube, dies verträumte Hinstarren -hat einen Grund, der uns keine Sorge zu machen braucht. Er denkt an -Beethoven! Welch ein Umschwung seiner Verhältnisse! Aus der Wüste des -musik- und geigen-, kurz des tonlosen Daseins, plötzlich in eine Oase -des ungestörten Harmoniegenusses versetzt zu werden, muß ja etwas -Überwältigendes haben.« - -Aber Rektor Tüllen teilte nicht die Ansicht des poetischen Brennstoffs, -und sein Antlitz blieb sorgenvoll. - -Bertold aber sann weiter, und wie er alle Erlebnisse in seine Herz- -oder Gehirnkämmerchen verteilte, trat ein gespannter, frühreifer -Ausdruck auf sein schmales Jungengesicht. - -Wie sie alle entsetzt gewesen waren im Eichenborn, als der Onkel -Baldamus starb. Und er selbst, Bertold, hatte nur _einen_ Gedanken -gehabt und ihn auch gleich ausgesprochen: »Mütterchen, nun kann er dich -nicht mehr quälen!« - -»Still, o still!« hatte die Mutter erwidert, aber in ihrem ganzen -Wesen lag doch etwas wie aufatmende Zustimmung. O Bertold sah viel, --- sah mehr, als andere sahen. Und sein Ohr war scharf, schärfer als -das der anderen, hätte es sonst wohl den halberstickten Hilferuf -vernommen, der damals aus Mütterchens Zimmer kam? Wie der Wind war er -aus seinem Bette gesprungen und von dort gleich durchs Fenster auf das -platte Dach, und von dort hatte er durch das offene Balkonfenster in -Mütterchens Zimmer geschaut. Sie hatte noch Licht gehabt, -- mitten in -der Nacht. Armes Mütterchen, gewiß las sie wieder stundenlang in des -verstorbenen Vaters Briefen -- -- -- - -Aber das Licht stand nicht an ihrem Bett -- das flackerte auf dem -Ofensims nahe der Tür und -- Mütterchen rang mit jemand -- rang mit -Onkel Baldamus. - -Oh -- jetzt in der Ruhe kam die Erinnerung wieder klar über Bertold, --- damals ging alles so furchtbar schnell. Der Jähzorn war über ihm -zusammengeschlagen, als er sein Mütterchen in Gefahr sah. Als ihm die -volle Besinnung wieder kam, da hatte ihn Onkel Baldamus schon vor den -Großvater geschleppt, und da sollte er angesichts des heftig blutenden -Baldamus Eik gezüchtigt werden. Warum hatte Großvater es nicht getan? - -Mütterchen hatte sich zwischen ihn und Großvater geworfen und ihn -verteidigt, -- o wie seltsam hatte Mütterchen ausgesehn! Viel weißer -und starrer und seltsamer, als damals, da man Bertolds Vater tot ins -Haus brachte. - -Und Onkel Baldamus hatte auf einen gebietenden Wink des Großvaters das -Zimmer verlassen müssen, und Bertold hatte ihn nicht wieder gesehen. - -Dann schlich man auf leichten Sohlen durch den Eichenborn, denn Onkel -Baldamus war todkrank. Und auf alle seine, Bertolds, Fragen an das -Mütterchen: »Ist er von dem kleinen Biß krank, Mütterchen? Der so -blutete? Bin ich schuld? Was wollte er dir tun?« da hatte die Liebste -immer nur geantwortet: »Still, o still! Nicht fragen, mein Liebling!« -Und sie hatte ihn auf die Augen geküßt, daß er sie schließen mußte und -seiner Mutter blasses Antlitz nicht mehr sah. -- - -Dann waren seine Koffer gepackt worden, und Frau Thereschen Teichmann -hatte Betten verschnürt, und sein ganzes Jungenzimmer war auf einen -Wagen geladen worden und stand nun hier in der fremden Stadt E. - -Wenigstens hatte man ihn nicht allein ziehen lassen. - -Zwei so gute, treue Freunde, Mütterchens Freunde, waren mit ihm -gegangen. Und sie sahen ihn nicht mit häßlichen, beobachtenden Augen -an, wie alle die andern Leute in Schwarzhausen, sie redeten lind auf -ihn ein, daß er nicht schuld sei an Herrn Baldamus’ Tode -- -- sie -waren gut, -- gut. -- - -Und noch jemand war gut. Ein kleines, blondlockiges Mädchen, das er, -Bertold Eik, bestohlen hatte. Ja, es nützte gar nichts, daß er sich vor -sich selbst entschuldigt hatte: »ich habe sie ja _gefunden_,« oder, »es -ist ja _nur_ Puppe Emmy ohne Kopf,« er war doch ein ganz abscheulicher -Junge, er war wirklich ein »schlechter Kerl«. - -Aber er hätte Puppe Emmy um die Welt nicht herausgeben können, -- etwas -_mußte_ er sich aus dem Eichenborn hinüber retten in die fremde Stadt. - -Und nun, -- als er am Bahnhof in Schwarzhausen mit seinen beiden -Beschützern aus dem Eikschen Wagen gestiegen war, hatte sich im -Gedränge der Reisenden die Liselotte an ihn gedrängt, -- gute -Liselotte! -- und hatte ihm hastig und sprudelnd zugeraunt: »Ich -darf ja nicht mit dir reden, -- aber ich tu’s, weil du doch so -weit fortgehst. Da -- nimm! Es ist mein Bild. Steck’s ja nicht ins -Verbrecheralbum, sonst schimpft die Base Juliane. Dies hat mir der -Photograph geschenkt, -- weil’s verdorben war, -- ich habe gewackelt, -es kam gerade Musik vorbei. Ade, ade, ade!« - -Oh, Bertold wußte noch Wort für Wort. Dann war sie davon gesprungen, -aber ihr Händchen hatte ihm wohl zehnmal noch zugewinkt, und er selbst -war wie angewurzelt auf einer Stelle stehen geblieben, bis ihn Rektor -Tüllen aus seiner Versunkenheit rüttelte. - -Wie im Traum war er in den Zug eingestiegen und hierher gefahren. Zu -tiefst in seinem Reisekoffer ruhte Puppe Emmy, er hatte sie gleich -hervorgeholt und unter sein Kopfkissen gelegt, dort hatte sie Rektor -Tüllen gefunden. - -Aber Bertold verriet mit keinem Wort, woher das kleine, unförmige -Bündel stammte, und man ließ es ihm stillschweigend. - -Jetzt holte er es plötzlich sacht hervor und legte es vor sich -auf den Tisch. Und aus der Brusttasche holte er das Bildchen der -Jugendgespielin, legte es daneben und betrachtete es aufmerksam. Ja, -Liselotte hatte wohl gewackelt. Er nickte dem Bildchen ernsthaft zu und -fand es ganz in der Ordnung, daß es _zwei_ Köpfe zeigte, denn Puppe -Emmy hatte ja _gar_ keinen. Und plötzlich raffte er Puppe und Bild an -sich und legte seinen schwarzen Lockenkopf fest -- fest darauf. - -»Er weint,« sagte Rektor Tüllen leise und winkte dem Organisten. - -Dann war der Junge allein mit seinem tiefen, tiefen Heimweh. -- - - * * * * * - -In Schwarzhausen waren alle Fenster der kleinen und großen Häuser -besetzt, die an der Hauptstraße standen. Es lohnte sich wohl, -heute einmal alles stehn und liegen zu lassen und nur zu schauen. --- Was nicht an den Fenstern stand, das kam aus den Nebenstraßen -herangeschritten und stellte sich dicht an die Häuser in langen Reihen. -Die Mütter hatten ihre kleinen Kinder auf dem Arm und die größeren an -der Hand. Wo ein Prellstein an der Ecke stand, hob man eine kleine -Person hinauf und besonders wagehalsige Buben saßen sogar in den Bäumen. - -Herr Baldamus Eik von Eichen wurde zu Grabe getragen. -- - -Das war draußen auf dem neuen Friedhof für ihn ausgeschaufelt, wo es -noch recht kahl und unwirtlich aussah; aber er hatte es verschmäht, als -der »Frömmsten und Gerechtesten einer« in das Erbbegräbnis der Eiks -aufgenommen zu werden, wo gar zu viel wilde Gesellen drin moderten -und sogar ein paar heidnische Urnen standen; denn drei seiner Vettern -hatten sich in Gotha verbrennen lassen und der alte Eik hatte bereits -dieselbe Bestimmung getroffen, wenn er einmal mit Tode abgehen würde. -Aber das heutige Begräbnis war wirklich etwas für Herz und Gemüt. -Dieser prachtvolle, gelbe, silberbeschlagene Eichensarg, der beinahe -verschwand unter Lorbeer und Rosen, die Träger nebenher bis an die -Nasen in teuren Krepp gewickelt und mit Zitronen in den Händen, die -Kirchenjungen in schwarzen Mäntelchen, die Stadtkapelle mit Hofmusikus -Kniller an der Spitze, dessen rote Nase heute das einzig Leuchtende in -dem schwarzen Zuge darstellte. Und die ungeheure Menge Leidtragender! -Und die stattliche, unabsehbare Reihe leerer Staatswagen hinterher, -deren Kutscher sämtlich florumhüllte Peitschen trugen. - -Man mußte selbst als unbeteiligter Zuschauer herzbrechend weinen, denn -so ungeheure Liebe und Verehrung für den hochangesehenen Toten können -und müssen überwältigen -- -- -- - -Hinter dem Sarge fährt ein einzelner Wagen und nach diesem kommen erst -die Verwandten, die Geschäftsfreunde und Angestellten der Eikschen -Fabrik, dann die lange Reihe der Arbeiter, der »Porzelliner«. Der -einzelne Wagen ist die alte Staatskarosse der Eiks und in ihr sitzt -Bertold Eik von Eichen ~senior~. -- »Ganz allein,« raunt man sich -zu, »Franziska Malcroix geleitet den Pflegebruder nicht zur letzten -Ruhestätte.« - -»Das kann sie doch gar nicht. Wo ihr Junge, der schlechte Kerl, dran -schuld ist.« - -»Weiß man das denn so genau? Er war doch immer leidend, der Herr -Baldamus, und sah aus wie Braunbier und -- -- --« - -Schreinermeister Hellwig muß verstummen, denn man dreht ihm entrüstet -den Rücken. Es spricht ja auch nur der Ärger aus ihm, weil der Sarg -nicht bei ihm bestellt ist, sondern in der Residenz. Im übrigen wollen -sich die Schwarzhausener auch nicht ihren Prügeljungen nehmen lassen. -»Na überhaupt der junge Bertold Malcroix! Ein Glück, daß man ihn los -war, -- der hätte noch mal die Stadt an allen vier Ecken angezündet.« -- - - * * * * * - -Die Glocken läuten, und der Zug zieht langsam zum Kirchhof -- -- -- - -Im Eichenborn ist es auch still und leer. Sie sind alle zum Begräbnis -mit Ausnahme des alten Fräuleins Adelgunde, der Frau Franziska und -Hieronymus Teichmann. Der letztere hat einen Augenblick am Fenster -gestanden und hinabgeschaut auf die vielen Kränze und Blumen und -hinausgehorcht auf das mächtig tönende Geläute, und ein bitteres -Lächeln hat dabei auf seinem Antlitz gelegen. -- - -Tante Adelgunde sitzt in ihrem großen, weiten, behaglichen Zimmer, aber -nicht auf dem Fenstertritt, wo das Spinnrad steht, sondern weit ab vom -Lichte in einem der großen, tiefen Sessel. -- - -Sie will den langen, ehrenden Leichenzug nicht sehen und nicht den -blumenüberdeckten Sarg, sie will auch die Staatskarosse der Eiks nicht -sehen, worin der einsame Mann sitzt, der allzeit so aufrecht ging ... - -Wie eigen mag ihm zumute sein, daß er jetzt in dem langsam fahrenden -Wagen drüber nachsinnt, wie blind die Menschen doch sind. - -Fräulein Adelgunde will auch die Musik nicht hören, die so aufdringlich -laut mit Pauken, Drommeten und Schalmeien verkündigt: »Horcht alle auf! -Hier wird etwas ganz Besonderes zu Grabe getragen, der Gerechtesten -einer ...« - -Sie liest laut aus der großen, alten Familienbibel, die in ihrem Schoße -ruht: »Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte der -Liebe nicht, so wäre ich tönendes Erz oder klingende Schelle«, und sie -meint, solch tönendes Erz und solch klingende Schelle sei allzeit der -Baldamus gewesen und seine Leichenmusik das Sinnbild seines Lebens. - -Aber Tante Adelgunde liest auch in der Bibel: »Richtet nicht, auf daß -ihr nicht gerichtet werdet«, und ihr Haupt neigt sich tiefer herab auf -das Buch der Bücher, und sie betet zum erstenmal seit dem Tode des -Neffen: »Herr, nimm ihn gnädig in dein himmlisch Reich!« - -Auch Frau Franziska sitzt allein und auch sie liest, -- aber nicht in -der Bibel. Ein kleines Lederbuch liegt in ihrer Hand, abgegriffen und -viel benutzt. Vergilbte Blätter bilden seinen Inhalt, und sie sind -bedeckt mit den feinen Schriftzügen einer Frauenhand. - -Dieses Buch hatte Baldamus Eik ihr vermacht. - -Sie war, -- der Schmach nicht mehr denkend, die er ihr hatte antun -wollen, -- in sein Sterbezimmer geeilt, da man ihr sagte, der Kranke -versuche unablässig ihren Namen zu formen, er könne nicht leben und -nicht sterben, wie es scheine, ohne daß er sie noch einmal gesehen. - -Als sie zu ihm trat, war ein Lächeln über sein Antlitz gegangen, -- ein -fürchterliches Lächeln, vor dem ihr graute. - -Aber sie hatte sich selbst gescholten und war zu ihm getreten. Und weil -sie das Nahen des Todes spürte, beugte sie sich tief über den Kranken -und sagte laut: »Ich will vergessen und verzeihen.« - -Da war wieder das fürchterliche Lächeln gekommen, und die matte Hand -hatte sich gehoben und nach dem Schreibtisch gezeigt. Dort lag das -Buch, umwunden mit Seidenband und mit dem großen Wappen der Eiks -versiegelt. Die Aufschrift lautete: »Mein Vermächtnis für Franziska -Malcroix, geb. Eik von Eichen.« - -Erst als sie das Buch in Händen hielt und sich ihm so zeigte, -- da -wurde er ruhig und legte sich zum Schlafe hin, aus dem er nicht wieder -erwachte. Und auf seinem toten, starren Gesicht lag der Ausdruck -gesättigten Behagens. - -Franziska hatte das Büchlein in ihr Zimmer mitgenommen und das Siegel -dort gelöst. - -Und wie sie sah, daß der Umschlag ein Buch enthielt, das ihrer eigenen -Mutter gehört hatte, als sie die geliebten Schriftzüge erblickte von -der treuen Hand, die schon so lange moderte, -- da war das Verzeihen -für die Schuld des Toten bewußt in sie gekommen, -- er hat mir Gutes -tun wollen, er wollte sühnen, indem er mir als letzte Gabe das Liebste -reichte, was es für mich geben konnte. - -Und sie hatte gelesen, was die teure Mutter in dem kleinen Buche -niedergelegt -- -- -- - -Aber das Haupt der Medusa konnte nicht schrecklicher blicken, als dies -kleine Buch mit den zarten Schriftzügen; und langsam, langsam erstarrte -das Herz der Lesenden. -- - - Eichenborn, den 17. Mai ... - - »Nun bleiben aber Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei, aber die - Liebe ist die größte unter ihnen.« - - Das war unser Trauspruch. - - »Und nun frage ich dich, Carola Dannenstein, willst du diesen - gegenwärtigen Bertold Eik von Eichen lieben und ehren, und ihm - treu sein, bis der Tod euch scheidet?« - - »Ja!« rief ich hell und freudig, »ja!« - - Die Schwarzhausener haben darüber gelacht und getuschelt, - es ist nicht Sitte hier, daß eine Braut so laut das »Ja« - herausjubelt, man darf es schon auf der ersten Kirchenbank - nicht verstehen. Nur der Bräutigam darf es laut sagen. - - Was kümmert’s mich? Ich komme aus der freien Reichsstadt Bremen - und -- wenn mein Herz »ja« jubelt, dann tut mein Mund es - freudig kund. - - Wie gern hätte ich mich in Bremen trauen lassen, in derselben - alten, lieben Kirche, da ich getauft und konfirmiert wurde, - -- aber mir lebt niemand mehr dort, -- so ganz verwaist bin - ich. Da bin ich vom Hause meiner Schwiegereltern in das meines - Gatten getreten, -- es ist ja im Grunde ein und dasselbe, -- - der schöne Eichenborn. Aber der Flügel, da ich mit meinem - Bertold hausen soll, ist hell und licht, -- -- die Zimmer der - andern sind umschattet von hohen, dichten Eichen. - - »So ganz verwaist bin ich?« Lieber Herrgott, vergib mir dies - Wort, da mich doch der Eine, der Einzige, der Herzliebste heute - an sein reiches Herz genommen hat, das vor mir noch keine - geliebt, und das mir Vater, Mutter, Bruder und Schwester sein - will. -- Nein, ich bin wahrlich nicht verwaist. - - Frau Therese Teichmann, die runde, stattliche Frau unseres - Dieners und Faktotums, hat mir geholfen, den Brautstaat - abzulegen und mir das Strumpfband gelöst, -- eine alte, uralte - Sitte im Hause Eichenborn. Bertold und ich wollten nicht in die - Welt hinaus fahren, sondern die ersten, seligen Stunden des - Vereintseins in unsern vier Wänden genießen. - - Jetzt umfängt mich das traute Wohnzimmer mit lauter lieben, - alten Möbeln aus meinem Vaterhause, dem alten Bremer - Patrizierheim. Nebenan liegt der ungeheure Saal, weit - und dämmrig tut er sich auf und die vergoldete Stukkatur - seiner Decke leuchtet matt zu mir herüber. Prunkvoll ist er - eingerichtet, -- die Eiks sind ein reiches Geschlecht. -- An - den Saal reiht sich Zimmer an Zimmer, ich habe sie alle an - Bertolds Hand durchschritten. - - Nur das eine nicht, das neben diesem, meinem Wohnzimmer liegt. - -- Aber heimlich, ganz heimlich hab’ ich hineingesehen, -- - dort stehen zwei ungeheure Riesenbetten, und schneeiges - Linnen bauscht sich in ihnen unter rotleuchtenden, seidenen - Decken. Eine herzbeklemmende, süße Angst befällt mich, wenn - ich an das Stübchen denke -- -- -- Herzliebster! Herzliebster! - Herzliebster! - - Mein Ruf holt ihn nicht herbei, -- -- er ist fortgeholt worden - zu einem Schwerkranken, zu einem Sterbenden. - - Das war recht seltsam für mich, und Hieronymus Teichmann, der - die Botschaft überbrachte, sah mich mit mitleidigem, ernstem - Blicke an. Er wollte sich wohl überzeugen, wie tapfer oder - untapfer ich sei an meinem Hochzeitstage. - - Aber das liebe ich ja gerade so an meinem Bertold, daß er in - dem großen, ihm unterstellten Getriebe _alles_ ist, Herr und - Arbeiter, Freund, Bruder, Körper- und Seelenarzt. Und so trete - ich willig zurück, da man ihn an ein Sterbebett ruft. - - Ach, -- nicht nur das Ziel, auch der Weg dahin ist schön. - - Könnte ich wohl dies kleine Buch mit meinen tiefinnersten - Gedanken füllen, wenn mein Bertold neben mir säße? - - Er würde mich stürmisch in seine urgewaltige Liebe reißen und - mich ersticken mit seinen Küssen. - - Es ist süß, darauf zu warten und in diesem kleinen Buch von ihm - zu träumen. -- - - Eine Stunde später. - - Die Nacht, die stille Mainacht ist hereingebrochen. - - Vor dem geöffneten Fenster schluchzt klagend eine Nachtigall. - - Frau Therese Teichmann hat mir die Lampe gebracht und nach - meinen Befehlen gefragt. - - Ich habe keine Befehle, ich habe nur den tiefen Wunsch, mein - liebster Bräutigam möchte endlich bei mir sein, -- er zögert - lange. -- Die Dienerin sah mich an, genau so seltsam ernst - wie vorhin ihr Mann. Dann wollten wir beide scherzen, aber es - gelang uns nicht. - - Sacht strich sie mir über das Haar und die gefalteten Hände, - die auf diesen Blättern ruhten. Sie hat etwas Mütterliches an - sich, ich werde diese Dienerin sehr lieb haben. - - »Eine ernste, stille Brautnacht!« meinte sie leise. - - »So wird unser Leben hoffentlich um so froher,« rief ich - dagegen, vielleicht lauter als nötig, -- ich hatte viel - Bangigkeit zu verscheuchen. - - »Gott walt’s!« - - Zwei Stunden später. - - Ich bin schon ein paarmal aus dem Schlafe aufgeschreckt, der - mich im Sessel überfallen hatte. Alles ist so totenstill um - mich. Ich wage nicht die Tür zu dem großen, gähnenden Saal zu - schließen und wage nicht, jene zu öffnen, welche das heimliche - Gemach, das liebe, traute auf der anderen Seite für mich - verbirgt. - - Soll ich mich allein niederlegen? Der Schlaf wird mich fliehen, - wenn er auch jetzt in öder Stille versucht, meine Augen zu - schließen. - - Bertold! Bertold! Komm! Ach komm! Ist denn niemand bei dem - fremden Sterbenden, der dich ablösen könnte? Das _Leben_ ruft - dich, das süße, beglückende Leben. Dein junges Weib ruft dich - und die Sehnsucht meines Herzens. Komm, ach komm zu mir! - - Eine Stunde später. - - Was ist dir jener Sterbende, Bertold? Warum findest du nicht - ein paar karge Minuten Zeit, um zu mir zu eilen und mir ein - liebes Wort zu sagen? Wie bin ich einsam! - - Drei Stunden später. - - Langsam dämmert der Morgen. Bleischwer liegt es in meinen - Gliedern. Schon sendet die Sonne den ersten Schein über die - dunklen Thüringer Berge, die von nun an meine Heimat sein - sollen. -- Meine Heimat ist Bertold. - - Weh, ich bin heimatlos -- -- -- - - Den 19. Mai. - - Soll ich die ersten Blätter mit ihren Seufzern und Tränen - herauslösen aus diesem kleinen Buch? -- -- Ich will sie - darinnen lassen, -- sie sollen der Ring des Polykrates sein, - die Opfergabe, den Göttern dargebracht. - - Kann es nur so viel Glück auf dieser armen Erde geben? - - Nicht nur in dem köstlichen Rausche der hingebenden Liebe - liegt und leuchtet es, -- -- für mich ruht es weit mehr in dem - Lächeln, das auf dem ernsten Antlitz meines Gatten erstanden - ist, seit wir vereint sind. - - »Der düstere Eik«, »der grimmige Eik!« Es paßt gar nicht mehr - auf ihn. - - So nannten sie ihn in Bremen und auch hier in seiner Heimat - sind es seine Übernamen. - - Er hat mir schon in unserer Brautzeit bekannt, daß der Jähzorn - ein Erbteil der Eiks sei und daß seine Vorfahren ihn ganz - besonders belastet hätten, aber er schreckte mich nicht mit - diesem Geständnis. - - »Jähzornige sind immer auch gut,« gab ich ihm zur Antwort und - er küßte mich dafür. - - Freilich ist seine Güte nicht augenfällig, -- seine Augen - schauen dreuend unter dichten, schwarzen Brauen hervor, - sein Mund ist herb geschlossen und kein Bart verdeckt den - verächtlichen Zug, der um die Winkel liegt. - - »Wo hast du die Welt so verachten gelernt?« fragte ich ihn - sinnend-neckend und strich mit meiner Hand sacht über die - beiden Fältchen, die seinen schönen, großen Mund mit den - eisenfesten, blitzenden Zähnen leicht herabziehen. - - Eine feine Röte stieg in sein Gesicht. - - Dann aber blitzten seine dunklen Augen mich an, sein dürstender - Mund lag auf dem meinen, und wir tranken aus dem Becher der - Seligkeit. - - »Ich liebe die Welt, seit sie dich trägt,« flüsterte er mir - zu. -- - - »Seit zwanzig Jahren?« fragte ich zweifelnd. »Wann kam denn das - Verachten?« - - »So lieb’ ich die Welt, seit du mein eigen bist!« - - »Also _immer_!« rief ich jubelnd und schmiegte mich an sein - Herz. - - Den 22. Mai. - - Eifersüchtig bin ich. Wer hätte das gedacht! Ich am wenigsten - von mir selbst. - - Ich hatte es ja nie gespürt, -- wie sollte ich auch? Er - liebte mich, er wählte mich, und aus den Wonnen eines kurzen - Brautstandes, in welchem er nur für mich und ich für ihn lebte - und webte, holte er mich in den Eichenborn, in das stille, - düstere Haus seiner Väter. - - Und hier auf einmal tritt das Gorgonenhaupt des grüngeäugten - Scheusals vor mich hin. - - Ich kann es nicht bannen, ich kann es nicht nehmen, fassen - und unschädlich machen. Es ist ein Schmerz, der immer mit mir - geht. Es ist klein und unvornehm von mir. Denn ich habe keinen - Grund zur Eifersucht. Und mir schwebt auch keine bestimmte - Person, keine Frau, kein Mädchen vor, -- mir ist, als sei ich - eifersüchtig auf alles, was den Einzigen von mir fern halten - könnte, auf seinen Beruf, -- -- ja auf die Luft, die er fern - von mir atmet. Es ist ein so öder Gemeinplatz: »Eifersucht ist - Mangel an Vertrauen.« Und dieser Gemeinplatz lügt. - - Eifersucht ist Liebe, höchste Liebe. Und Eifersucht ist - Angst. -- - - Auf die Stunden, die uns in der Brautnacht trennten, bin ich - nie wieder zurückgekommen. - - Er war so blaß und verstört, mein armer Liebster, als er - heimkehrte zu seinem jungen, wartenden Weib. - - »Ist er tot?« fragte ich. - - »Ja, Liebste.« - - »War er es wert, daß du mir fern bliebst?« - - »Ja, Liebste.« - - Das war unsere Unterredung. - - Im August. - - Heute führte uns der Weg nach dem kleinen, alten Friedhof. - Man kommt zuerst an das Mausoleum mit untermauertem Grund, in - welchem seit Jahrhunderten die Eiks von Eichen schlafen. - - Ach, bei solch einer Anhäufung von Särgen, da kann ich nie an - Schlaf denken, sondern nur an Moder. Im grünen Wald oder im - dichtverwachsenen, kleinen Totenhain, unter Efeu und Immergrün, - umrauscht von alten Bäumen, da kann man schlafen. Vom Mausoleum - ab führen die stillen moosbewachsenen Pfade nach den Gräbern - der andern, die aber immer mit dem Hause Eik in irgendeiner - Verbindung standen: Angestellte und Arbeiter der Fabrik, - Gutsleute und ihre Kinder. - - »Warum ruht ihr Eiks nicht hier?« fragte ich, »o wie es hier - nach Rosen duftet und Jasmin, nach Jelängerjelieber und - Jesuskraut. Die Zypresse im Erbbegräbnis schaut so streng und - traurig.« - - »Die Eiks sind ja auch ein strenges und trauriges Geschlecht,« - meinte mein Liebster ernst. »Außerdem,« setzte er kurz - auflachend hinzu, »wollen sie selbst im Tode noch etwas - Besonderes sein und getrennt von den übrigen Sündern.« - - »Da liegt auch ein Sünder!« rief ich lebhaft und zeigte auf - ein ziemlich neues Grab, dem mein Bertold den Rücken kehrte. - Dünne Grashälmchen wuchsen darauf, durch welche man die kahle - Erde überall hervorblicken sah. Ein kleiner, düstergrauer Stein - schmückte die Stelle, -- nein doch, er _schmückte_ sie nicht, - er zeigte sie drohend dem Beschauer. »Gott sei mir Sünder - gnädig!« stand mit großen, schwarzen Buchstaben auf dem Stein. - - Mein Bertold hatte sich herumgedreht, und sein braunes Gesicht - war blaß, als er die Worte las. - - »Wie furchtbar!« stieß er hervor. »Wie konnte der Alte das tun!« - - »Wer ist der Alte?« fragte ich. - - Bertold biß sich auf die Lippen. Vielleicht war ihm der Ausruf - nur so entschlüpft, doch entgegnete er ruhig: »Der alte - Hörschel. Sein Kind -- -- -- es war ein Selbstmörder.« - - »War es dein Freund?« - - »Nein.« - - Dann zog Bertold meinen Arm rasch und fest durch den seinen - und schritt mit mir fort aus dem Reiche der Toten in unser - lebendiges Heim. -- - - _Ein Jahr später._ - - Schwer habe ich gelitten. So schwer, daß ich nicht dazu - kam, mein Wohnzimmer zu betreten, viel weniger, dies Buch - aufzuschlagen. - - Eine Fehlgeburt brachte mich nahe an jenes dunkle Tor, das zum - Erbbegräbnis der Eiks führt. - - Und nun eröffnen mir die Ärzte, daß ich nie mehr ein Kind zur - Welt bringen würde -- -- --. - - Warum legte Gott solche tiefe Muttersehnsucht in mein Herz? - Warum gab er tausend und abertausend vornehmen Frauen Kinder, - die doch von den Müttern vernachlässigt und den Dienstboten - übergeben werden? Warum sandte er tausend und abertausend - siechen, verderbten, armen, hungernden Müttern und Vätern dies - Gottesgeschenk und versagt es gerade mir so grausam? Warum, - warum? Verlorene Frage! Aber sie verläßt mich nicht, sie wird - zum Hammer und schlägt immerfort auf mein armes Herz. Warum? - Warum? All mein Kinderglaube, mein starker Glaube, zerbricht, - ich hadre mit Gott und nenne ihn nicht mehr den Allgütigen, - Allweisen, nur noch den Allmächtigen, der mein Glück in Trümmer - schlug. -- -- -- - - _Ein Jahr später._ - - Wenn ich mein ganzes Leben lang so selten in diese Blätter - schaue, -- dann wird das Büchlein hundert Jahre aushalten. - Und wer trägt die Schuld, daß die gern plaudernde Carola Eik - verstummt ist? Verstummt? Kommt ins Kinderstübchen und lauscht - dem sprudelnden Quell der Worte und Lieder, die ich meinem - Kleinchen darbringe. - - Meinem Kindchen? -- -- Muß man denn immer Unmögliches haben - wollen? Immer wie unmündige, törichte Kinder nach den Sternen - langen? - - Mein Bertold wurde mein Arzt. Unter seinem guten, ernsten - Zuspruch wurde ich ruhiger, wurde Trostgründen zugänglich, - und er eröffnete mir das reiche Feld der Armen- und - Krankenpflege, er schickte mich mit reichlichen Summen in die - Wohltätigkeitsanstalten ringsum, damit ich mit eigenen Augen - sähe, wo es not tut, mild und werktätig einzugreifen. So - braucht der Liebesquell in meiner Brust nicht zu versiegen, - täglich erneut er sich, und sein Reichtum wird größer, je mehr - ich davon abgebe. -- - - Und als ich eines Abends zu ihm sagte, ganz leise in sein Ohr - flüsterte: »Bertold, -- für ein süßes Kindchen hätte ich _doch_ - noch Zeit bei all meiner Arbeit und vor allen Dingen, du großer - Bertold brauchst so wenig Pflege, und ich habe solch einen - Überschuß an Liebe in mir, -- -- es braucht doch nicht ein - _eigen_ Kind zu sein -- -- --« - - Da -- -- am andern Tag lag’s in dem blau seidenen, weiß - verschleierten Himmelbettchen, so recht mitten in den Thüringer - Landesfarben. -- Und es war ein süßes, holdes, zweijähriges - Mägdelein, das mich zur Mutter begehrt, weil seine eigene, - gute, treue Mutter tot ist. -- Es heißt Franziska. - - _Ein halbes Jahr später._ - - Ei du kleine Franziska, -- wie schwingst du dein winziges - Machtzepterchen über den Eichenborn. Alles ist dir untertan, - vom Vater an bis herunter zum kleinsten Küchenmädchen und - Stiefelwichsjungen. - - Du hast auch gar zu liebe, blaue Augen, gar so ein feines - Näschen, du siehst eigentlich aus, wie eine echte Eik von - Eichen. Das macht unsere Pflegeelternliebe, die dich geboren - hat, zu einem neuen Leben im Hause Eik. -- O ich könnte - eifersüchtig werden, jetzt mehr denn je, ja jetzt sogar mit - Berechtigung, denn mein Bertold liebt das Kind, -- beinahe - hätte ich geschrieben: »über _alles_!« - - Aber das wäre Sünde, das darf ich meinem Liebsten nicht antun. - - Und es ist eigen, -- er kann nicht die zarteste Anspielung auf - seine zärtliche Neigung zu Klein-Franziska vertragen. Er wird - nicht heftig oder mürrisch oder abwehrend, -- er wird so tief - ernst und traurig, daß mir das Wort, kaum dem Munde entflohn, - schon leid tut und ich mir immer mehr vornehme, diesen Fehler - meines Herzens zu bekämpfen. -- Eifersucht! Es ist ja auch zu - häßlich, auf ein kleines, schönes, liebes Kind von zwei Jahren - eifersüchtig zu sein. -- - - Manchmal meine ich, Franziska gehöre mir, und ich sei seine - Mutter. Meine Phantasie arbeitet dann so stark, daß ich mich - in die Schmerzen noch einmal hineinträume, die ich um mein - totes Glück erlitt, und dann träume ich weiter, daß dies - _tote_ Glück nur ein Traum sei, -- daß es in Wahrheit lebe und - Franziska Eik heiße. - - Kleines, liebes und geliebtes Fränzchen! Nie sollst du fühlen, - daß ein andrer Schoß, als der meine, dich getragen -- -- _mein_ - Kindchen bist du! -- -- -- - - _Ein halbes Jahr später._ - - Gestern sah ich die Großeltern von -- meinem Kindchen. Das ist - doch ein seltsames Gefühl. Mir war mit einemmal das Fränzchen - fremder geworden, -- Das sollte doch nicht sein. -- Es war - auf dem Friedhof, wohin ich so gern gehe, weil er so tief - verwachsen die heiligste Ruhe predigt. Aber gestern war auch - der Geburtstag der Urahnin und Stammutter der Eiks, und nach - alter Familienüberlieferung pilgert an diesem Tage Herrschaft - und Dienerschaft nach dem Mausoleum, um Blumen und Kränze - niederzulegen. So auch gestern. Ich blieb dann mit Fränzchen - noch etwas zurück, trotzdem mich mein Bertold gern mitgenommen - hätte. Aber ich hatte zwei Charakterköpfe entdeckt, zwei alte - Leute, die an dem Grabe beschäftigt waren, das mir von allen - Gräbern am interessantesten dünkte, am Grabe des Selbstmörders: - »Gott sei mir Sünder gnädig!« - - Bertold zog den Hut, als wir an dem Grabe vorbeischritten, aber - die beiden Alten erwiderten seinen Gruß nicht. - - Nachdem wir den großen Kranz im Erbbegräbnis niedergelegt, nahm - Bertold einen anderen Weg, um heimzugelangen, mir aber war - Klein-Franziska entwischt, die sich gern zwischen Eibenhecken - versteckt, wenn wir hier weilen. Dem Kinde dünkt der Kirchhof - der liebste Spielplatz. -- -- - - Klein-Franziska stand bei den beiden Alten, die so ernsthaft - und düster dreinschauen, als habe der Tod des Sohnes jede - Sonne von der Erde fortgenommen. Das Kind plauderte lieblich - und hielt die Alten bei den Händen, -- es ist ein rechtes - Sonnenscheinchen und meint, daß jeder Mensch sein bester Freund - sei. Beide Altchen sahen unverwandt das Kind an, und dann rang - es sich schwer von den Lippen des Alten: »Es gleicht Zug für - Zug meiner Tochter, _aber es hat die Eikschen Augen_«. - - »So sind _Sie_ die Großeltern?« fragte ich leise und befremdet, - denn Bertold hatte mir gesagt, das Kind sei ohne Anhang, seit - seine Mutter gestorben. Über den Nachsatz machte ich mir keine - Gedanken, -- ich wußte, daß alle mir, der kinderlosen Frau, - gern etwas Liebes sagten, und Fränzchens Augen paßten ja auch - wirklich in das Eikgeschlecht. Ich grüßte die beiden und - schritt tief nachdenklich nach Hause. - - _Am nächsten Tage._ - - Wie mit unsichtbaren Händen zog es mich heute wieder nach dem - kleinen Friedhof. -- -- -- - - »Gott sei mir Sünder gnädig.« - - Da waren die beiden Alten wieder, und mir war es, als winke - mir der Mann. Ich hatte die Kleine wieder mitgebracht, -- sie - weicht ja nicht von meiner Seite, wenn sie sieht, daß ich einen - Ausgang habe, und ihre »Mutti« dünkt ihr alles -- -- -- - - Ich schritt auf das Grab zu und reichte beiden die Hand, als - könne es nicht anders sein. - - »Hören Sie nicht auf ihn!« raunte die alte Frau leise, »er soll - nicht reden und darf es nicht. Wir leben jetzt schuldenfrei auf - eigenem Grund und Boden, seit das Kind da ist, das vergißt er - immer und ist undankbar.« - - Und dabei vergaß die alte Frau, der jetzt, während sie - Fränzchen anschaute, die helle Güte aus den Augen sprach, - völlig, daß sie doch wohl auch nicht reden durfte. Mich - fröstelte inmitten der warmen Sommersonne. Aber ich konnte mich - nicht vom Platze rühren. - - »Warum gaben Sie Ihrem Sohne solch’ einen traurigen Spruch?« - fragte ich, um etwas zu sagen. - - »Unserm Sohne? Hier liegt unsere Tochter, die Fränze, die - Schande auf uns brachte.« - - »Nicht Schande!« schluchzte die alte Frau, »sie war gut, -- so - gut.« - - »Ja _zu_ gut war sie!« lachte der Alte heiser und dann loderte - es in seinen Augen auf und er trat vor mich hin und zeigte auf - die kleine Franziska: »Hüten Sie das Mädchen! Es ist Zug um - Zug mein Kind, aber es hat die Eikschen Augen! Hüten Sie es«. -- - - Das andere verlor sich im Murmeln, die Frau nahm den Arm des - Mannes und zog ihn rasch vom Friedhof fort, sie weinte jetzt - laut und bitterlich. - - Und ich war wissend geworden! - - O über jenen Augenblick, da mir so grausam die Augen geöffnet - wurden! - - Nun ist etwas zerrissen in mir, was sich nie wieder heilen - läßt. -- - - O ich weiß, daß die Welt mich nicht verstehen wird. Es ist - ja so etwas Alltägliches! Man kann darüber hinweggehen und - lächeln. ›_Man_‹, aber nicht ›ich‹! Mir ist über dieser - alltäglichen Geschichte das Herz gebrochen. - - Als Bertold mich zum gemeinsamen Mittagsmahl aus meinem Zimmer - abholte, da sah er, daß sein Glück zertrümmert am Boden lag. - - Doch stand ich ganz ruhig vor ihm, -- mir war’s, als sei ich - gealtert um viele Jahre in den wenigen Stunden. - - »Nicht deine _Schuld_ trennt uns,« sagte ich ihm mit beinahe - tonloser Stimme, so daß er sein Haupt zu mir neigen mußte, um - mich zu verstehen, »uns trennt deine _Lüge_!« - - »Du willst von mir gehen?« fragte er heiser, und seine Augen, - seine lieben, dunklen Augen sahen mich wie erloschen an. - - »Nein, -- nicht von dir gehen, -- nicht äußerlich -- ich habe - ja das Kind, -- ich will ihm weiter Mutter sein.« - - Kein Wort wurde sonst zwischen uns gewechselt. Bertold ging - aus dem Zimmer und ließ sein Pferd satteln. Dann ritt er - stundenlang in der Weite herum, und als er wiederkam, sah ich, - daß er nicht mehr der »aufrechte Eik« war. - - Nun soll das Leben so weiter gehen. -- - - Das Vertrauen zum liebsten Menschen ist dahin und das Kind? - -- -- Ich sehe an ihm nur immer die Eikschen Augen und sehe - Zug um Zug das Antlitz des unglücklichen Mädchens, das mein - Bertold verdarb. Wo soll ich die Kraft hernehmen, weiter zu - leben? Wie ein Gralskelch leuchtete mein Glück, -- jetzt - liegen die Scherben, ein billiger Tand, staubbedeckt zu meinen - Füßen. -- -- -- - - Aber das Kind soll es nie erfahren. In jeder einsamen Stunde - will ich mich stärken zu dem schweren Missionswerk, -- -- -- - hilf mir, -- hilf mir, Allerbarmer, der du diese Last auf meine - Schultern legtest. - - * * * * * - -Franziska Malcroix wußte nicht, wie lange sie gelesen hatte, -- waren -es Stunden, waren es Jahre? Sie strich mit der Hand über das kleine -Buch, das die liebste Mutter geschrieben, welche es auf Erden gegeben -hatte. -- - -Dann schritt sie langsam, -- o so langsam die gewundene Treppe hinunter -in ihres Vaters Zimmer. - -Der alte Eik saß an dem wuchtigen Schreibtisch und schrieb und -rechnete, aber mitten in die Belege seines Reichtums kam die Störung, -und auf den Zahlen, die sich im letzten gesegneten Jahre wieder um eine -Null vergrößert hatten, lag plötzlich das kleine Buch, das er einst -vor so langen Jahren seiner jungen Braut geschenkt, damit sie ihre -beiderseitigen, glückseligen Erlebnisse darin verewige. -- -- -- - -Er hatte das Büchlein zuerst wiedergesehen, damals als sein Weib starb. -Von einem Eik konnte ja niemals Glück ausgehen, und so waren auch -diese Blätter erfüllt von Leid, erfüllt von jener häßlichen Schuld -und einzigen Lüge seines ehrenhaften Lebens. Er hatte das Buch am -Todesabend seines Weibes gelesen und war von jenem Augenblicke an der -düstere, grimme Eik geworden, der sich ganz in Schmerz und Bitterkeit -versenkte und kaum noch seines Kindes achtete. - -Aber die kleine Franziska trat mit sicherem Schritt in die Fußstapfen -ihrer geliebten Mutter, deren Hinscheiden sie zuerst beinahe -verzweifeln ließ. - -Als das Kind damals die tiefe, wortlose Trauer des Vaters gewahrte, -raffte es sich auf, und tausend kleine Aufmerksamkeiten, welche die -Verstorbene für den Gatten gehabt, die übernahm nun das Fränzchen -mit einer sicheren Liebe, welche den grimmen Eik rührte und zugleich -erstaunte. Ganz eng schlossen sich Vater und Tochter aneinander an, -und der alte Eik hatte nur die eine Sorge, das Buch, das kleine Buch -mit den feinen, zarten Schriftzügen, die doch so furchtbar beredt -von seiner Schuld erzählten, vor dem jungen Mädchen zu verbergen. -Jahrzehnte lang hatte es in der Schublade seines festen dunklen -Schreibtisches geruht, zu dem niemand gelangte, als er allein. Und nun -lag es plötzlich vor ihm, und seine Franziska stand so blaß und mit so -wehen, anklagenden Blicken im Zimmer, wie einst sein Weib. -- - -»Wer gab dir das Buch, Franziska?« - -»Baldamus Eik.« - -Der alte Eik stöhnte auf. »Dieb!« -- murmelte er, »Dieb!« Und dann -schüttelte ihn der Jähzorn, und wilde, schreckliche Worte und Flüche -kamen aus seinem Munde. - -»Was siehst du mich so an, Franziska? Was forderst du von mir? Deinen -Namen? Deine Mutter? Deine Pflegemutter? -- Herrgott, ich habe nichts, --- nichts, -- ich bin arm, arm -- -- --« - -Franziska sah ihn an, -- nicht anklagend, nicht scheu, nicht -verachtend. Es wuchs etwas in ihr und blühte auf, etwas, das stärker -war als die Schmach und Bitterkeit jener Minuten, da sie das Büchlein -las -- -- ein tiefes, erbarmendes Mitleid mit dem armen Reichen vor -ihr. - -»Ich will nicht meine Mutter und nicht meinen Namen,« sprach sie leise, -aber fest. »Ich will nur endlich meinen Bertold an dein Herz legen und -dich bitten: ›Hab uns lieb‹!« - -Da schlang der alte Mann beide Arme um sein Kind, und im schweren -Weinen löste sich jahrelanges Leid. - - * * * * * - -Der junge Bertold Eik war fleißig. - -Er lebte nicht gerade als Bücherwurm, aber er betrachtete es auch nicht -als Vorrecht des Begabten, bummelig und nachlässig zu sein. - -Für die Bezeichnung »Streber« und »Musterknabe« hatte er sein -wohllautendes, klingendes Lachen, das ihm manchen Freund schuf. Aber es -waren Schulfreunde, -- keine Lebensfreunde. - -Es war etwas Knappes und Stolzes an ihm, das mit Unrecht von manchen -Lehrern mit Hochmut bezeichnet wurde. Denn Bertold hatte nie lange -bei dem Gedanken geweilt, daß er einem reichen und alten Geschlecht -zugehöre, sondern weit eher darüber gegrübelt, warum er seines eigenen -Vaters Namen nicht tragen dürfe. Und aus den vielen Bitterkeiten, -die sein junges Leben schon aufzuweisen hatte, aus den unschuldig -erlittenen Kränkungen entstand und wuchs ein ernster Stolz. Seine -beiden Begleiter waren wie zwei gute Gluckhennen, die Entlein -ausgebrütet haben und nun sorgenvoll am Ufer stehen. Aber es waren -_verständige_ Gluckhennen, die es sofort einsahen, daß Bertold sich -nicht zum Küchlein eigne, sondern unter allen Umständen schwimmen müsse. - -Manch spottendes Wort fiel aus Schülermund über die beiden -»Kindermädchen«, ohne deren Begleitung Bertold nie in den Freistunden -zu sehen war, aber so lange der Spott harmlos blieb und sich mehr auf -Bertold, als auf die beiden Getreuen bezog, lachte Bertold sein liebes -Lachen und versöhnte die Spötter damit. Übelwollende aber banden nicht -mit ihm an, denn der junge Eik hatte eine kräftige Faust, und viel Gras -wuchs nicht mehr dort, wo er hinschlug. - -Sein Geigenspiel aber war der Stolz aller. - -Ganz unerwartet trat ein neuer Musikdirektor an die Spitze des -Gesangvereins in E., und dieser war ein feinsinniger Geiger, der -selbst einmal den glühenden Wunsch in sich getragen hatte, als ein -heller Stern am Kunsthimmel zu glänzen, aber durch das harte »Muß« der -Mittellosigkeit nach einer Brotstelle getrieben war. - -Zu diesem Lieblingsschüler Meister Joachims kam nun Bertold Eik, und -nicht nur in seine Hände nahm der Alte den Jungen, nein er zog ihn -gleich in und an sein Herz. - -»_Der_ soll das erreichen, was mir das Schicksal versagte,« rief er -nach der Prüfung den beiden Getreuen zu, »das ist einer von Gottes -Gnaden. Und er soll sein bißchen Geld zusammenhalten, damit es zum -ernsten Studium ausreicht, und er soll sich nicht verplempern mit -irgend einer Hanne oder Suse, sondern nur zur heiligen Cäcilie beten. -Zwei Jahre will ich das Büblein lehren, was ich selbst kann, dann soll -er mir nach Berlin.« -- - -Organist Brennstoff hörte dies alles mit wahrer Vaterwonne und nickte -begeistert dem Musikdirektor zu, aber Rektor Tüllen setzte gleich einen -Dämpfer auf die Geige, auf welcher so hochtönend musiziert wurde. - -»Bertold Eik wird nach uralter Familienüberlieferung der Eichens zuerst -sein Abiturium ablegen, dann zwei Jahre die Universität Bonn beziehen -und darauf ins Ausland gehen. Nach seiner Rückkehr übernimmt er dann -Eichenborn und die übrigen ausgedehnten Besitzungen der Eiks -- -- --« - -»Amen!« schrie der aufgeregte Direktor. Er dachte aber nicht »amen«, -sondern: »Der Teufel hole diese Familienüberlieferungen!« Mit beiden -Händen fuhr er sich durch seine Künstlermähne. »Da schafft nun unser -Herrgott mal was nach seinem Herzen, und bläst diesem Goldjungen einen -besonders musikalischen Odem in die Nase, -- -- nützt alles nichts, -die Familientradition verhunzt ihm sein Kunstwerk, -- ihm, dem großen -Schöpfer. Es ist, um gleich aus den Stiefeln zu springen! Wenn der alte -Banause von Großvater diesen Jungen durch’s Humanistische schleppt und -ihn dann noch die besten Jahre verkneipen läßt, -- -- dann hätte er -ihn gleich zu Anfang seines Daseins versaufen lassen sollen, -- wie’n -jungen Hund. -- Denn der Junge verfehlt seinen Beruf, und sein Beruf -ist: Sonne zu geben, Feuer zu entfachen in kalten Herzen, Himmelsfunken -zu senden in das dürre Stroh der Verstandsköpfe. -- Alles muß brennen, -leuchten, glühen, wenn ein wahrer Künstler von Gottes Gnaden geigt, -alle Zuhörer müssen durch himmlisches Feuer geläutert werden und -geheiligt, Frau Musika aufzunehmen.« - -»Amen!« rief Brennstoff und meinte es nun wirklich so und drückte die -Hände des Musikdirektors, der noch ganz wild um sich blickte. - -An demselben Tage noch ging ein langer Brief an Frau Franziska Malcroix -ab, der recht beweglich darstellte, wie es am besten wäre, den lieben -Bertold entweder gleich zu Meister Joachim zu geben, oder ihn auf -eine andere Schule zu tun, damit er in zwei Jahren, wenn auch keine -humanistische, so doch eine andere abgeschlossene Bildung erhielte, -die er später als Künstler auf seinen Reisen erweitern könne. Sie -schrieben alle Vier. -- Der Musikdirektor herrisch in kategorischen -Imperativen, denn hinter ihm stand die heilige Cäcilie mit göttlichen -Forderungen; der Organist als Kenner der Verhältnisse in Eichenborn -um eine Schattierung gedämpfter, aber immer noch beredt genug, um -seinen Namen nicht zu verleugnen; Rektor Tüllen mit warmer Bitte, die -vielleicht am eindringlichsten in ihrer Schlichtheit war. Bertold fügte -nur eine kurze Nachschrift hinzu: »Liebes, liebes Mütterchen, es wäre -schön, wenn Großvater und du ›_ja_‹ sagen möchtet. Aber nur, wenn du es -richtig willst, mein Mütterchen!« - -Acht Tage warteten die vier Verbündeten in Spannung und Sorge auf -die Antwort, und dann kam nur ein kurzer, wehmütig-stiller Brief von -Bertolds Mutter zurück: - -»Mein Junge! Wenn es dein Beruf ist, Sonne zu geben, so teilst du ihn -mit den andern Menschen. Wir sind alle dazu in die Welt geschickt, -diese kalte Erde zu durchsonnen. Tut dies ein Jeder auch nur mit dem -kleinen Teil, dem heiligen Heimatfleckchen, auf welches Gott ihn -gestellt hat, so wird schon viel Wärme geschaffen. Laß uns Deinem -Großvater Sonne geben, mein Junge! Dein Wunsch, schon jetzt die Geige -als Beruf in die Hand zu nehmen, würde tiefer Schatten für ihn sein. -Ich komme bald zu dir! Gott behüte Dich!« - - * * * * * - -Bertold steckte den Brief ruhig in seine kleine Brieftasche, die er -immer auf dem Herzen trug, und zu seinen beiden Freunden, welche mit -erwartungsvollen Mienen das Lesen des Schriftstückes verfolgt hatten, -sagte er nichts als »Nein«. - -Dies tapfere »Nein« wurde von Brennstoff dem Musikdirektor überbracht, -der sich darüber weidlich austobte. -- - -Dies Toben hinderte ihn aber nicht, mit feinstem Verständnis den -Knaben weiter zu führen, ihm alles zu geben, was er selbst besaß an -technischem Können und tiefer Auffassung, und so reifte Bertold Eik zum -Künstler heran, ohne daß man in Schwarzhausen eine Ahnung davon hatte, -ja ohne daß er selbst es wußte. Auf diese Weise gab er reiche Sonne -in die Herzen der drei alten Hüter seiner Jugend, und seiner Mutter -ernste Augen lernten das Lachen. Die Musik und die Natur, -- das waren -Jung-Bertolds Zerstreuungen, beide gaben ihm Reichtümer und blieben -doch selbst unerschöpflich reich und groß. - -Die beiden alten Freunde führten ihn mit sorglichen Händen, auf -daß Seele und Körper zugleich gediehen, und so kam es, daß gute -Schulzeugnisse und schöne Prämien für Bertolds Wohlverhalten nach -Schwarzhausen geschickt wurden, von denen aber nur der Großvater -etwas erfuhr. Für die Schwarzhausener war und blieb Bertold der -geheimnisvolle Tunichtgut und manchesmal des Abends, wenn die Bürger -vor ihren Türen saßen und über das Wohl und Wehe der Stadt berieten, -legten sie den Finger an die Nase und versuchten ein weises Gesicht zu -machen: »Der alte Eik wird immer reicher. Aber ins Grab kann er nichts -mitnehmen! Was wird aus dem vielen Gelde, dem großen Besitz und den -Fabriken, wenn der schlechte Kerl, der junge Bertold, einmal alles -bekommt?« - -In den Ferien kam Bertold nicht nach dem Eichenborn und nicht nach -Schwarzhausen. Sobald der Schulschluß da war, erschien sein Mütterchen -und reiste mit ihm. Sie zeigte ihm das Thüringerland mit all seiner -schlichten Schönheit, sie lehrte ihn die Heimat lieben und feste -Wurzeln in ihr schlagen. Sie gab ihm hohe Vorbilder in guten, großen -Menschen, die alle der Thüringer Mutterboden getragen und genährt, und -stählte in ihm den Willen, diesen Großen nachzueifern. -- Die Bücher, -von Rektor Tüllen und Brennstoff sorglich ausgewählt, wurden nicht -mit auf Reisen genommen, -- Frau Franziska liebte nicht dies bequeme, -elterliche Mittel, Störenfriede auf längere Zeit unschädlich zu machen, --- sie _erzählte_ dem Knaben. Durch scharfe, feine, kluge und gute -Mutteraugen hindurch lernte er die Märchengestalten, die Helden der -Sage und die Großen der Gegenwart, betrachten. Kehrte er dann in die -Einsamkeit der großen Stadt und in die seines Studierstübchens zurück, -im Herzen noch das Trennungsweh vom Mütterchen, dann holte er sich ein -gutes Buch, schaute seine geliebten Helden mit geschärftem Verständnis -und ließ sich von ihnen wieder zur Mutter führen. Für Bertold war ja -sein Mütterchen der größte und liebste Held. Sie litt körperlich viel -und sah oft leidend aus, aber sie klagte nie, sie litt seelisch unter -dem gewiß oft harten Großvater und schien viele, ach so viele trübe -Erinnerungen zu haben, aber immer erzählte sie Gutes und Liebes vom -Eichenborn und seinen Bewohnern, so daß Bertolds Heimatliebe wachsen -und erstarken konnte. Die Mutter predigte nicht langweilige Moral, sie -_lebte_ alle ihre Ermahnungen und guten Worte selbst vor, -- wie hätte -ihr Junge da nicht nachleben sollen? Und wie die Mutter so gehorsam -gegen Gott war und sich beugte unter seinen Willen, so lernte Bertold -nach diesem Vorbilde Gehorsam und straffe Selbstzucht. -- -- -- - -Innerlich unendlich reich kehrte Frau Franziska immer heim und ließ -ihren Knaben gewachsen und reifer zurück. -- - -Trotz alledem behaupteten die Mitschüler in E.: »Der Eik hat was zu -verbergen«. - -Der Jähzorn war’s, den er verbarg, der ihn noch oft peinigte und -quälte, den er doch Mütterchen zulieb als erstes bezwingen wollte. - -Viele Anfechtungen hatte er durch ihn noch zu bestehen, und besonders -bei rohen Handlungen seiner Mitschüler, bei Tierquälereien und -häßlichen Lügen geriet er noch immer außer sich. - -Und die tägliche Übung der Selbstüberwindung nahm ihm viel Kraft fort, -er blieb schmal und mager, und trotz sorgsamer Pflege schauten seine -großen, dunklen Augen ernst und viel zu düster aus seinem jungen -Gesicht. - -Aber Bertolds Körper war sehnig dabei, nicht schlaff, et turnte gut und -gern und hob große Lasten ohne besondere Anstrengung. -- - -»_Der Eik hat was zu verbergen._« - -Dies war das einzige, was von allen Dingen, die Bertold tat oder -versäumte, nach Schwarzhausen gelangte, und es wurde in allen -Kaffeegesellschaften erzählt, besprochen, weise belächelt und als -bestehende und längst bekannte Tatsache angesehen. - -Und er hatte in Wahrheit etwas zu verbergen, drei Dinge: Den Jähzorn, -Puppe Emmy und einen Brief, einen langen, einzigen Brief der früheren -Gespielin, die er nun sechs Jahre nicht mehr gesehen hatte. Das Papier -mit der festen Kinderhandschrift war nicht mehr ganz sauber, es war ja -schon mehrere Wochen alt und vielfach von Bertold selbst aufgeplättet -worden, wenn er es verknüllt unter seinem Kopfkissen hervorgezogen -hatte. Die gute Hauswirtin, welche ihre fünf möblierten Zimmer noch -nie so vorteilhaft vermietet hatte, wie diesmal an die beiden ruhigen -Herren Lehrer und den braven, stillen, blassen Zögling, wußte schon -immer Bescheid, wenn der Junge mit seinem immer dunkler werdenden -Papier in ihre Küche kam: »Wenn ich bitten dürfte um ein Plätteisen!« -Die brave Frau glaubte freilich, es sei mindestens ein wertvolles -Dokument, das der »Jungherr« nicht von sich ließ, und hatte sich -eine ganze Legende selbst gedichtet um dieses Papier, Testament oder -unersetzliche Urkunde. - -Den Jähzorn und Puppe Emmy kannten seine beiden Erzieher, aber diesen -Brief kannte nur Liselotte, der liebe Gott und er, Bertold: »Lieber -Bertold, ich soll fort in Pension, weil Base Juliane nicht mehr mit mir -fertig werden kann. Sie kann schon, aber die Schwarzhausener wollen -es. Es geht mir nun wie Dir, und deshalb schreibe ich Ihnen. -- Ich -soll nämlich ›Sie‹ zu Dir sagen, sagt die Gouvernante, und ich hatte -es wieder vergessen. Nämlich ich habe eine Gouvernante, und wir sind -nun fünf Frauenzimmer und nur der eine Papa. Die Gouvernante sagt, Du -würdest jetzt auch im Gymnasium ›Sie‹ genannt mit fünfzehn Jahren und -Sie müßten jetzt auch ›Sie‹ zu mir sagen. Ich hoffe, daß Du das nie -tun wirst, ich würde es gemein finden. Wie siehst Du jetzt aus? Es ist -schon wieder vor acht Tagen ein neues Bild von mir gemacht worden, -und ich hätte es Ihnen gern geschickt, aber die Gouvernante sagt, es -wäre der Gipfel der Pöbelhaftigkeit, wenn ein Mädchen einem Jungen ein -Bild von sich schenkte. -- Du siehst daraus, daß sie überhaupt sehr -viel sagt. Aber ich will nichts über sie sagen, denn es soll edle und -wohltätige Gouvernanten geben, meine ist es noch nicht. Lieber Bertold, -wenn Sie es keinem Menschen und sonst auch niemand wieder erzählen, -dann möchte ich es Dir allein kund tun, daß ich meine alte Puppe Emmy -nicht wiedergefunden habe. Ich habe viele Jahre so gespielt, als ob sie -von Zigeunern geraubt wäre, weil sie so schön und gut war. Aber es ist -mir ein Rätsel. Dein Großvater ist ja auch eigentlich kein Zigeuner. -- -Ich mochte ihn auch beinahe immer so gern wie Dich, aber wir kommen nie -mehr zusammen. Niemand hier versteht meinen Schmerz. Und nun soll ich -in Pension, -- von meinem Väterchen fort, und kein Mensch beschützt -mich, sondern Papa steckt sich Watte in die Ohren, wenn ich tobe, und -die Base und die Gouvernante blasen in ein und dasselbe Horn. Die -Gouvernante will nämlich ihre letzten Nerven noch in Ruhe genießen, so -ähnlich hat sie sich ausgedrückt. Wir haben immer sehr schöne Ferien -gehabt und der Hans von Windemuth, -- nein, ich glaube -- ich darf Dir -nichts darüber schreiben, denn sie sind alle noch genau so böse wie vor -sechs Jahren auf Dich und höchstens noch mehr. Aber Hans’ Wunden von -Dir sehen schneidig aus, wie’n Korpsstudent. - -Und indem ich noch zum Schluß mit einer Kusine zusammen in die Pension -komme, bleibe ich Deine - - Liselotte Windemuth. - -P.S. Es ist niemand gestorben in Schwarzhausen, und ich weiß meine neue -Adresse nicht richtig, und ich grüße Dich! --« - -O gewiß, es war nur ein dummer Brief eines kleinen Mädchens, aber er -war so ganz aus der echten Liselotte heraus geschrieben. Mit diesem -Briefe in der Hand träumte sich Bertold in die kargen Freudenstunden -seiner Kindheit zurück, und all das Trübe und Häßliche versank in den -äußersten Winkel des Erinnerns. - - * * * * * - -Schwarzhausen alterte nicht. Es blieb jahraus, jahrein das hübsche, -schmucke Städtchen, dessen äußere Schäden sofort von einem aufmerksamen -Magistrat ausgebessert wurden. Und innere Schäden wurden überhaupt -selten bemerkbar, nur einem Fremden hätte es auffallen müssen und auch -dann nur, wenn er sich allsonntäglich in der Stadtkirche die Predigt -des alten Pfarrers Klingenreuter angehört, daß das Thema vom Balken -und Splitter, vom Zöllner und Pharisäer und von den neunundneunzig -Gerechten gar so oft wiederkehrte. Aber Fremde setzten sich nicht in -die Stadtkirche, sondern stiegen zu den Bergen und Wäldern empor, und -die Einheimischen hörten die Predigt, weil die gute Sitte es wollte, -und bezogen die Pharisäer nicht auf sich. Denn es war ja des Pfarrers -Beruf, von der Sünde zu reden, auch wenn diese nirgends vorhanden -war. Also blieb Schwarzhausen leichten Gemütes, hatte ruhige Nächte, -führte eine gute Küche und erhielt sich jung. Irgend ein moderner -Leichtfuß war zwar einmal nach Schwarzhausen gekommen und hatte im -großen Saale des Gasthauses zur Thüringer Edeltanne viel hohe Worte -von Luftkurort und Sanatorium geredet und sich erboten, Bohrungen auf -Solequellen vorzunehmen, aber er war bald wieder mit »dickem Kopfe« -abgezogen, trotzdem er schwindelnd hohe Zahlen vor den Augen und Ohren -der Zuhörer aufgebaut hatte. Nicht niedergeschrien wurde er, denn die -Schwarzhausener waren durchaus nicht für Schreien und Lärmen, sondern -einfach nieder_geschwiegen_. Erst nachher hielt noch der wohllöbliche -Magistrat eine Sitzung ab und verständigte sich mit ein paar Worten -sofort, daß sie die gute Thüringer Luft selbst brauchten, daß sie auch -ohne Solbäder gesund seien und daß sie wohlhabend genug wären, um keine -Sommerfremden zu brauchen. Dann redete man noch ein Weilchen über den -Brief, der vom alten Herrn von Eik eingegangen war, und worin er der -Stadt einen bedeutenden Zuschuß anbot, falls die Bohrungen vorgenommen -würden, kopfschüttelte, zuckte die Achseln und legte den Brief zu den -Akten. -- - -So fand der junge Bertold Eik von Eichen ein ganz unverändertes Bild, -als er nach neun Jahren zum erstenmal seine Heimat wieder betrat. - -Nur er selbst war anders geworden. Hochgewachsen und gut gebaut, -überragte er seine Altersgenossen weitaus. Das zielbewußte Arbeiten, -das Vertiefen in gute Musik und das anstrengende Üben hatten ihm etwas -Vergeistigtes gegeben, das gut zu seinem scharf geschnittenen Gesicht -paßte. Von Traumseligkeit war nicht mehr viel zu entdecken in seinen -dunklen Augen, -- etwas nachdenklich konnten sie blicken, waren aber -sonst scharf und sogar ein wenig spöttisch. Frau Franziska hatte -leicht ihre kühlen, weißen Hände auf diese Augen gelegt bei der ersten -Begrüßung. - -»Was ist denn _da_ hineingekommen?« fragte sie forschend. - -»Nun, -- was sieht mein Mütterchen darin?« - -»Zuerst mich selbst, Gott Lob und Dank!« meinte die Mutter, »aber dann -noch tausend Teufelchen.« - -Da war das alte, echte Knabenlachen erklungen, das sie so sehr liebte, -und welches sie gleich beruhigte. - -»Mütterchen, kam dir Schwarzhausen nicht heute etwas wie eine Humoreske -vor?« - -Sie hatte wohl dasselbe gedacht, aber doch schmerzte sie der Ausspruch -aus seinem Munde. »Sahst du nichts anderes in deiner Heimat?« fragte -sie mit leisem Vorwurf. - -»Mütterchen, ich sah zuerst nur _dich_,« entgegnete er frohmütig -und umschlang sie mit beiden Armen, »du wirst bei jedem Wiedersehen -schöner!« - -Frau Franziska lachte nun doch ein wenig. »Und was sahst du dann, du -Schelm?« - -»Unser _altes_ Schwarzhausen! Das aussah, als hätte man es vor -neun Jahren in eine Spielzeugschachtel gelegt, den Deckel fest -draufgedrückt, damit kein Staub darauf falle, und es nun herausgeholt -frisch und neu zu Ehren des Herrn Abiturienten Bertold Eik.« - -»War es ein gutes Examen, Bertold?« - -»Ja, Mütterchen! Nicht mit Befreiung vom Mündlichen. Weißt du, das -litten Johann Sebastian Bach und der alte Musikdirektor nicht; beide -wollten mir die Chaconne einverleiben, die ich vor Meister Joachim -spielen soll, ehe ich nach Bonn gehe. Im übrigen war ich ja nie ein -Musterbub’ und hab’ mich auch in Mathematik und Geschichte elend -verhauen. Da hieß es denn: ›Antreten zum Mündlichen‹. Aber oberfein -war’s. Da konnte man erst zeigen, was man ~intus~ hatte. Wir kreuzten -nicht schlecht die Klingen, die Herren Schulmonarchen und wir sieben.« - -»Sind alle durchgekommen?« - -»Freilich, Mütterchen! Wir gaben ihnen aber Nüsse zu knacken!« - -Frau Franziska lachte. »Oder sie euch, mein Junge.« - -»~Ergo~, es war famos.« - -»Und wie nahmen die Lehrer deinen Entschluß auf, später dem Eichenborn -vorzustehen?« - -»Mütterchen, -- der prächtige Doktor Gabriel war eigentlich der -einzige, der so mit mir drüber sprach, wie es nottat. Im ganzen finde -ich’s ja nett, daß es in E. noch so patriarchalisch zugeht und die -Tyrannen der Schulbank so gemütlich mit den Mulis zusammenkommen, --- aber nur Doktor Gabriel sprach mir ernstlich zu, bevor ich zur -Universität gehe, noch mal vor den Großvater zu treten, ihn zu bitten: -›Laß mich Musiker werden!‹ Und dabei das stramme und doch gütige Wort: -›Kopf hoch, Eik!‹ Das tat mir wohler, als die Moralpauke über das -vierte Gebot, die mir Doktor Mops und die Schildkröte hielten. Ebenso -gaben der Patagonier, der Gesprächsgegenstand und der Schreibkrampf -noch ihren Senf dazu. Ach, und mir nützt das so gar nichts!« - -Bertold sah mit einem Male sehr bekümmert aus. »Ich weiß nicht, -Mütterchen, ob du mich verstehst, wie mir zumute ist, so abseits zu -stehen, wenn die andern mit tausend Masten segeln.« - -»Hat Doktor Gabriel keinen Spitznamen?« fragte Frau Franziska, sehr -beflissen, Bertolds Gedanken von seinem letzten schmerzlichen Ausruf -fortzulenken. - -»Freilich, Mütterchen, -- Erzengel heißt er, und -- und er möchte so -gern mit Großvater sprechen -- --« - -»Bertold! Wenn du ihm und uns doch das ersparen könntest! Kannst du dem -Großvater nicht wenigstens deinen guten, ehrlichen Willen zeigen?« - -»Mütterchen, ich _habe_ hierin keinen guten ehrlichen Willen. Sieh’, -ich würde ja gern die Universität beziehen, wenn ich Arzt werden -dürfte. Lieber als alles aber ist mir die Musik. Darf ich weder Arzt -noch Musiker werden, dann ist mein Platz auf Eichenborn, wo junge -Kräfte unbedingt nötig sind. Für Frau Musika und für Eichenborn sind -die zwei Universitätsjahre vergeudete Zeit.« - -»Und für dich?« - -»Für mich auch, -- -- das heißt -- -- Mütterchen, -- ich habe nun mal -kein Verständnis für Familienüberlieferungen, die einen so dingfest -machen, wie mich jetzt eben.« Bertold lief im großen Zimmer auf und ab, -genau wie es der Großvater tat, wenn er erregt war. - -»_Mein_ Junge!« -- Frau Franziska streckte ihm bittend die Hände -entgegen, und er hielt in seinem Sturmschritt inne. »Gott weiß, ob ich -dich verstehe. Aber, -- was wir haben und sind, verdanken wir deinem -Großvater. Ich -- -- ich -- sieh’, Bertold, -- ich wüßte gar nicht, wo -wir die Mittel zum Studium hernehmen sollten, wenn wir uns gegen meinen -Vater vertrotzten.« - -»Das verstehe ich nun wieder nicht,« fiel Bertold erregt ein. »Soviel -ich weiß, war deine Mutter doch, wie alle Dannenbergs, sehr reich, --- -- hat denn mein Vater alles -- -- ich meine -- -- --« - -Frau Franziska war sehr blaß geworden. »Das war ein Irrtum, Bertold, -Mutter war nicht reich, nicht einmal wohlhabend, -- -- ich bin ganz -arm -- --« - -Bertold schüttelte den Kopf und seufzte. »Der ganze Eichenborn ist ein -Geheimnis,« meinte er sinnend. »Es müßte schön sein, Mütterchen, wenn -man einmal alles wüßte und Unrecht von Recht sondern könnte. Und dann -allen Menschen klar in die Augen sehen. Manchmal habe ich schon gedacht --- -- es klebe unrecht Gut --« - -»Bertold! Nein, nein! Sieh’ auf deine Worte! Wenn dich der Großvater -hörte!« Franziska zog ihren Sohn neben sich auf das niedrige Sofa. Da -hatte sie oft mit ihm gesessen, als er noch ein kleiner Junge war, -- -Bertold liebte das alte Möbel mit seinen vielen Erinnerungen. »Nein, -mein Junge, -- unser Eichenborn trägt kein unrecht Gut. -- Viel, viel -Schuld und Fehle anderer Art wohl -- -- verjährte Geschichten, aber die -sollen meines Bertolds Augen nicht verdunkeln.« Sie küßte ihn, und er -atmete erleichtert auf. - -Frau Franziska lehnte ihren Kopf an Bertolds Schulter. »Wie gern hülfe -ich dir! Ich leide am meisten unter meiner Armut und -- daß ich meinem -Einzigen nicht helfen kann.« - -Bertold umschlang sie fest mit beiden Armen. »_Du_ sollst nicht leiden, -Mütterchen,« rief er zärtlich und küßte sie knabenhaft stürmisch. Dann -bettete er sie wieder sorglich an seine Brust und sah auf den lieben, -schönen Kopf herunter. War es denn möglich, daß sich schon so viele -weiße Fäden durch das dunkle Gelock zogen? Wie er seine Mutter liebte! -Wie viel sie gelitten haben mußte! Durch ihn, Bertold, sollte ihr nur -Freude und Gehorsam kommen, das war sein Entschluß. - -»Jetzt sage ich zu _dir_: ›Mütterchen, Kopf hoch!‹« versuchte er zu -scherzen. »Wir wollen nachher zum Großvater gehen und alles Nötige -wegen Bonn besprechen. Vielleicht kommt ihm auch selbst der Gedanke, -daß ich hier am nötigsten bin.« - -Frau Franziska sah halb zweifelnd noch in das liebe, ehrliche Gesicht -ihres Jungen. Aber darin war nur ein fester Entschluß und mannhafte -Entsagung zu lesen. »_Mein_ Junge!« - -»Mütterchen?« - -Sie sahen sich beide wieder froh in die Augen und dachten nur daran, -daß sie beisammen waren. - -Nach einer langen Weile des Schweigens meinte Frau Franziska: »Sahst du -die Liselotte Windemuth, als wir an der Kirche vorüberfuhren?« - -»Ja, Mütterchen.« - -»Sie ist groß geworden und sehr hübsch, Bertold. Das lange, -schwarze Kleid veränderte sie heute etwas, und die Feierlichkeit der -Konfirmation lag noch ganz auf ihrem Schelmengesicht.« - -»Wie ist sie innerlich, Mütterchen?« - -Die Frage klang seltsam, und ein Ton schwang mit -- Franziska hätte -keine Frau sein müssen, um die Worte nicht sofort als etwas Besonderes -aufzufassen. Sie hob den Kopf von der Schulter ihres Jungen und sah ihn -prüfend an. Da wurde er rot bis unter den dunkeln Lockenschopf. - -»Deine erste Liebe, Bertold,« neckte die Mutter zärtlich. »Wie sie -sich entwickelt hat, die kleine Liselotte? Nun, wie ein Mädchen, das -keine Mutter hat und sich immer im Kampf mit halbgebildeten Hausunken -befindet. Wie ein Mädchen, das einen Vater hat, der in ihr den -ersehnten Buben vermißt und sie mit Gelehrsamkeit vollpfropft, -- einen -Knopf wird sie sich wohl nicht annähen können.« - -»Mir schien, sie hatte heute alle Knöpfe am Kleidchen,« bemerkte -Bertold mit leisem Humor, und die Mutter lächelte. - -»Willst du damit sagen, daß sie sehr ›zugeknöpft‹ war?« neckte sie. -»Aber ich will Liselotte nicht verkleinern, Bertold. Sie ist anders -als die Schwarzhausener Mädchen, und das kann ihr ja nur zum Vorteil -gereichen. Und aus der Pension, wo das arme Geschöpf sechs Jahre -verbleiben mußte, ist sie verändert wiedergekommen.« - -»Verbildet? Mütterchen?« - -»Nein, im Gegenteil. Das ›_arm_‹ bezog sich auf die Tatsache, daß -man so ein Mutterloses zu lange dem Vaterhause entfremdete. Aber dem -alten Jüngferchen, das dem Institut vorstand, verdankt Liselotte viele -unvergängliche Werte. ›Mütter werden _geboren_‹, sagt irgend ein -Großer, und diese alte Jungfer war eine echte Mutter!« - -»Woher weißt du das alles, Mütterchen?« Bertold drückte die Erzählende -plötzlich zärtlich an sich, so als wäre der Ausspruch über jenes alte -Jüngferchen überaus beglückend für ihn. - -»Von Liselotte selbst. Wir treffen uns manchmal am Tempel der -Geselligkeit unten im Park. Ich las diesen Namen in der Eikchronik. Es -waren damals wohl andere Zeiten für die Eiks, -- jetzt könnte man ihn -Tempel des Schweigens nennen.« Frau Franziska seufzte. - -Sie löste sich leicht aus den Armen ihres Sohnes und strich sich Haar -und Kleid glatt. Denn es hatte an die Tür geklopft; der junge Diener -meldete irgendeinen Namen, und vor Mutter und Sohn stand gleich darauf -eine hochgewachsene, schlanke Mädchengestalt. - -»Ich wollte meinen Dank für die Blumen selbst bringen,« sagte Liselotte -Windemuth. - -Die Einleitung war nicht sonderlich geistreich oder verblüffend, aber -Bertold wußte nicht ein Wörtchen zu entgegnen oder sich selbst mit -irgendeiner passenden Redensart nach neun Jahren wieder vorzustellen. -Er, der den Herren Examinatoren »Nüsse zu knacken« gegeben, stand blöde -und stumm vor der Jugendgespielin. - -Liselotte sah nicht gerade freundlich auf ihn hin. Sie hatte sich von -den Gratulanten fortgestohlen und selbst dem amüsanten, strahlenden -Leutnant Hans von Windemuth den Rücken gekehrt, um Bertold in der -Heimat willkommen zu heißen. Er war ihr ja fremd geworden, aber es -war so eine Art heißer Trotz gewesen gegen den moralischen Dünkel der -Schwarzhausener, sich plötzlich zu den Eiks zu bekennen, gerade als man -den heimgekehrten Bertold wieder einmal zwischen die Scheren nahm. - -Und nun tat der einstige Freund nicht dergleichen, stand abseits mit -seinem düstersten Gesicht und schaute sie an, als empfände er ihre -Störung höchst lästig, ja als wollte er sie beinahe verschlingen. -Von beidem war ein Körnchen Wahrheit vorhanden, -- dem Bertold -war unglaublich beklommen zumute, und dabei fand er doch die -erwachsene Liselotte mit dem Mozartzopf und den großen Schleifen so -wunderniedlich, daß er sie nur immer und immer anschauen mußte. Es -war ja die alte Liselotte, und sie war es auch wieder nicht. In die -Augen des jungen sechzehnjährigen Menschenkindes war etwas getreten, -ein Ausdruck, den sich der Achtzehnjährige nicht zu deuten wußte. Denn -er sah beinahe wie »Hunger« aus, und wonach hätte die Liselotte wohl -hungern sollen? - -Sogar eine große Erbschaft hatten die Windemuths gemacht, und Liselotte -plauderte sehr unbefangen über ihre veränderten Verhältnisse, daß sie -nun mit dem Vater reisen wolle durch das In- und Ausland, erzählte -auch, daß ihre Konfirmation eine Art von Familientag bedeute, denn -durch die Erbschaft seien die adligen Windemuths arg benachteiligt -worden, und da sollte nun ein Vergleich geschlossen werden. - -Aber was sie auch plauderte, es riß Bertold nicht aus seinem -schweigenden Anstarren, denn weit interessanter als die Erbschaft -dünkten dem Jungen die blonden, eigensinnigen Löckchen, die sich so -lieblich über der weißen Mädchenstirn krausten, und die trotzigen, -stahlblauen Augen, in die richtig hineinzuschauen er sich doch nicht -einmal getraute. -- Zwei Dinge, zwei sonst so sehr wichtige, waren -überhaupt im Gespräche nicht berührt worden: die Geige -- und Puppe -Emmy. - -»Du warst nicht höflich zu Liselotte,« meinte Frau Franziska -nachdenklich-vorwurfsvoll zu ihrem Jungen, als der Besuch sich entfernt -hatte. - -»Höflich? Zu Liselotte? _Höflich???_« fragte Bertold verblüfft. Er -hätte am liebsten den ganzen Tag immerfort gestaunt und hätte es für -das einzig Richtige gehalten, mit diesem kleinen, süßen Mädchen gar -kein einzig Wort zu reden, es nur immer anzusehen und zu bewundern. -Höflichkeit war für irdische Menschen, aber nicht für den ersten Engel, -der zum Eichenborn herniedergestiegen war. - -Tief enttäuscht schritt Liselotte heim. - -Ihr Hinüberlaufen in den Eichenborn war ganz impulsiv gewesen. -Sie hatte den Jugendfreund sofort erkannt, als sie aus der Kirche -trat. Er saß neben seiner Mutter im Eikschen Viktoriawagen mit den -stadtbekannten schönen Apfelschimmeln, und die festen hellen Koffer mit -den leuchtenden Messingbeschlägen schienen vom Kutschbock herunter zu -lachen: »Bertold kommt wieder.« Und nun war er _so_ wiedergekommen. - -So düster und ungesellig wie nur je. Steif und fremd hatte er -dagestanden, -- oh und sie hätten sich doch eine Menge zu erzählen -gehabt! Liselotte dachte gar nicht entfernt mehr daran, daß sie -ja ursprünglich das »Karnickelchen« gewesen war, sie tobte sich -rechtschaffen aus und arbeitete sich in einen tiefen Groll gegen den -»Unnahbaren« hinein. - -Wäre sie doch nur nicht zuerst in den Eichenborn gegangen! - -Hätte sie doch lieber erst Vetter Hans ins Vertrauen gezogen! - -Neun Trennungsjahre hatten doch wohl eine zu tiefe Kluft gerissen, und -ihr lebhaftes Temperament hatte diese zu rasch überbrücken wollen. Nie, -nie würde sie wieder ungebeten den Eichenborn aufsuchen, nie! - -Und sie, Liselotte Windemuth, glaubte nun auch, was sich alle von -Bertold erzählten: Düster und greulich und hochmütig war er und -- -- -- - -So kam es, daß, als Bertold sich in seinen Träumen recht eng mit der -Jugendgespielin verknüpft fühlte, er in Wirklichkeit weit -- weit ab -von ihr weilte. -- - -Haus Eichenborn versank nach Bertolds Abgang zur Universität noch ein -wenig mehr in Dornröschenschlaf. - -Von außen und in einzelnen Teilen auch von innen, hätte man es mit -Recht für ein verwunschenes Schloß halten können, besonders, wenn man -Fräulein Adelgundes graue Gestalt am Spinnrade erblickte, oder wenn -man die alte Dame vor Beethovens Spinettchen sitzen sah, das unter dem -weichen Anschlag ihrer runzeligen Hände zitternde Klänge hinaussandte -durch das rosen- und efeuumrankte Fenster in den stillen verwachsenen -Park. - -»Einsam wandelt dein Freund im Frühlingsgarten, Adelaide -- --« - -Und von Beethoven, dem alten Meister, war es der Spielenden nur ein -kurzer Gedankensprung zu dem lieben Jungen, dem die Musik eine Kapelle -und Beethoven der Heilige darin dünkte. Tante Adelgunde hatte es dem -Knaben nie vergessen, daß er sich einst nicht würdig genug befunden -hatte, die Tasten auf dem Spinett zu berühren, das Beethovens Hände -gemeistert. - -Mit klaren Augen und scharfen Ohren, zu denen sich ein junges, warmes -Herz gesellte, verfolgte die beinahe Neunzigjährige den Lebenslauf des -Großneffen. - -Seine Briefe aus Bonn waren stärkender Wein und heilkräftige Arzeneien -für sie; Frau Franziska mußte ihr jede Epistel des Fernen bringen und -ihr vorlesen, dann wurde sie abends vor dem üblichen Schachspiel dem -Bruder noch einmal laut verlesen, hierauf nahm Tante Adelgunde den -Brief mit in ihr Schlafgemach und plauderte noch mit Frau Therese -Teichmann, während diese ihr kleine Handreichungen verrichtete, über -den Studenten, der beiden so sehr ans Herz gewachsen war. Die Ferien -führten Bertold nur auf kurze Tage in den Eichenborn, die übrige Zeit -dagegen hinaus in Gottes weite Welt. Und auch hier war wieder seine -Mutter sein treuer Reisekamerad, der mit so feinem Verständnis dem -Jüngeren sich anpaßte. Frau Franziska hatte auch an manchem Kommers, -sowie an einigen Ausflügen teilgenommen und die Kommilitonen verehrten -die schöne, ernste, jugendliche Mutter des Eik und achteten das enge, -innige Verhältnis zwischen Mutter und Sohn. -- - -Freundschaften wurden geschlossen und begeisterte Berichte hierüber -von Bertold heimgesandt, die die Vortrefflichkeit des Erkorenen in -begeisterten Worten schilderten, nie aber spielte irgend eines der -schönen, lebhaften, übermütigen, rheinischen Mädchen eine bedeutendere -Rolle in Bertolds Leben, so scharf auch Frau Franziska beobachtete, -wenn sie ihn in Bonn besuchte, und so aufmerksam sie auch zwischen den -Zeilen seiner Briefe las. - -Trotzdem munkelten alle Schwarzhausener Bürger von einem tollen -Liebeshandel, als Bertold ein Säbelduell mit einem blutjungen -Husarenoffizier austrug. - -Bertold lag sehr lange in der Klinik, und dann hatte er eine tiefe -Narbe über der Stirn von der dunkeln »Tolle« bis zur kühngezeichneten, -dichten Augenbraue des linken Auges ... das war wieder einmal etwas für -das Städtchen. - -Dieses letzte hatte ja noch gefehlt zur Charakteristik des bösen Buben: -»~cherchez la femme~!« Noch so jung -- und schon _so_ Etwas. - -Was dies Etwas gewesen war, wußte man nicht genau, aber man redete doch -laut und zischelte leise über das schwarzhaarige, junge Ding in Bonn am -Rhein, das den jungen Eik betört, um derentwillen der Zweikampf mit dem -Offizier stattgefunden hatte. - -Auch Base Juliane verfehlte nicht, den interessanten Fall dem Professor -Windemuth mitzuteilen und Liselottes Gesicht überflog jedesmal eine -brennende Röte, wenn sie den Namen des Jugendgespielen nennen hörte, -beinahe immer mit einem Zusatz, von denen noch der mildeste war: »Kind, -den jungen Eik guck’ nur nie wieder über’n Weg an. Wie _der_ sich -aufführt! Wenn wir noch nicht genau wußten, _wer_ der schlechte Kerl in -Eichenborn ist, jetzt wissen wir’s.« - -Professor Windemuth schüttelte in ehrlichem Bedauern den Kopf. »Schade, -schade um den Jungen! Ein begabter Mensch! Ein hübscher Kerl! Ein -musikalisches Genie, und nun will er sich zum Raufbold auswachsen? -Schade um die nutzlos vergeudete Kraft!« - -Liselotte war und blieb ein wunderliches Ding. Sie vergoß sogar -heimliche Tränen über den Bertold Eik, trotzige Tränen, über deren -Ursprung sie sich gar nicht klar wurde. Sie führte auch immer noch -gelegentliche Selbstgespräche, was sie bei Base Juliane erst recht in -den Geruch einer »überspannten Lise« brachte, und da Puppe Emmy schon -so lange tot und verschwunden war, hielt sie Zwiesprache mit Bäumen -und Blumen und irgendeiner unsichtbaren Person, zu welcher sie ehrlich -sagte: »Pfui schäm’ dich, Bertold!« - -Als Bertold nach der Verwundung übersiedlungsfähig war, holte ihn -Frau Franziska nach dem Eichenborn, um ihn gesund zu pflegen. Noch -ein anderes Geschöpf kam ebenfalls zur Pflege nach Eichenborn, ein -unglaublich häßlicher Pudel, der genau so verklebt und verbunden war -wie der junge Herr von Eik, und von dem man munkelte, daß er dem -»jungen, reizenden Ding vom Theater« gehört habe. - -Bertold war ziemlich matt von Stubenluft und Blutverlust, er konnte -wohl schon auf Stunden aufstehen, aber er streckte sich noch immer mit -ganz besonderem Wohlgefühl in seinem Bette aus; vielleicht war ihm auch -der Anblick seiner sorgsamen Pflegerin, Mütterchen genannt, ein ganz -besonders lieber, den er auszukosten wünschte. Er brauchte nicht mehr -so streng mit Gesprächen und Aufregungen verschont zu werden, sondern -konnte schon wieder einen Puff vertragen und dieser Puff war ihm auch -von Tante Adelgunde nicht vorenthalten worden. - -»Schlachtergesellen sind vom Eichenborn seiner Lebtage nicht zu -seinesgleichen gerechnet worden«, hatte sie mit ihrer feinen, dünnen, -alten Stimme zu Bertold gesagt. »Und ihr Raufbolde habt euch wie -Schlachtergesellen verhackstümmelt. Schäm’ dich! Der liebe Gott hatte -dich als hübschen Jungen erschaffen, jetzt gibt dir kein einigermaßen -hübsches Mädel je wieder einen Kuß.« - -Wahrhaftig, der Junge konnte noch lachen, -- nicht mal verlegen, -sondern frisch, frei, frohmütig, so, wie nur er es verstand, echt aus -dem Herzen heraus. »Wieder? sagst du? Wieder? Tante Adelgunde? Meiner -Seel’, ich hab’ noch nie einen Kuß von einem Mädel gekriegt.« - -Ganz ehrlich klang es, aber er brauchte doch nicht so krebsrot und -verlegen hinterher zu werden, -- es war also geschwindelt und Tante -Adelgunde verließ ärgerlich und aufgeregt den Kranken. - -Frau Franziska hantierte ruhig und ernst im Krankenzimmer und bereitete -alles für die Nacht vor, die Bertold nun nicht mehr mit einem gelernten -Wärter, sondern nur noch unter Obhut von Hieronymus Teichmann -zubrachte, der im Nebenzimmer sein Lager aufgeschlagen hatte. - -Bertold betrachtete sein Mütterchen mit einem humorvollen Lächeln. - -»Wie schlecht du dich verstellen kannst, Liebstes«, meinte er leise -und ergriff ihre Hand, die ein Glas frischen Wassers auf das -Nachttischchen setzte. »Deine Augen fragen den ganzen Tag und ebenso -dein Mund, trotzdem er nur das Notwendigste mit deinem bösen Buben -spricht. Soll ich nun jetzt antworten, Mütterchen?« - -Frau Franziska beugte sich über ihren Sohn, sah ihm ein Weilchen in die -Augen und küßte ihn dann auf die Stirn. - -»Hast du es _doch_ gemerkt, du Siebengescheidter?« lachte sie leise und -verlegen auf, während helle Röte über ihr Gesicht flog. »Schön und gut, -ich erwarte deine Beichte. Aber gleich eins sage ich dir vorher.« Frau -Franziska reckte sich hoch auf. »Ich glaube _nichts_ von dem Unsinn, -den die Schwarzhauser über dich verbreiten und ich werde dir selbst -nicht glauben, wenn du mir jetzt etwa tolles Zeug vorreden willst. -_Mein_ Junge bist du und ich bin dein treuer Kamerad. Unbesonnen und -jähzornig kannst du handeln, aber nicht niedrig oder unritterlich, es -ist einfach nicht möglich -- und auch mit dem Mädel -- ich glaub’s -nicht, -- mein Bub ist höchstens in _mich_ verliebt, -- gelt, Bertold?« - -Ein wahres Leuchten zog über des jungen Burschen Gesicht. »Gibt es nun -wohl noch _eine_ solche Mutter?« lachte er glücklich. »Wie du mich -kennst, deinen wilden Jungen! Komm her, Altchen, ganz nahe zu mir.« - -Er zog die Mutter auf die Bettkante, wo sie sich möglichst bequem -hinsetzte und schmiegte sich in ihren Arm. »Also nur neugierig -ist meine kleine alte Dame?« fragte er zärtlich, -- »kein bißchen -mißtrauisch, trotz Schwarzhausen und angrenzender Raubstaaten? Aber ehe -ich dir mein kurzes, gar nicht sehr interessantes Erlebnis schildere, -muß ich erst von dir hören, wie rabenschwarz man mich in unserer lieben -Vaterstadt anstreicht.« - -Frau Franziska erzählte ruhig und sachlich. Es wurde ihr nicht ganz -leicht, denn die Schwarzhausener waren hart und bös mit ihrem Jungen -verfahren, und sie vermochte es nicht über sich, vor Bertold das -ganze Gewebe von Häßlichkeiten auszubreiten. Immerhin blieb noch ein -großer Teil unguter Verleumdungen übrig und Bertold mußte erst ein -paar Mal rasch und heftig aufatmen und tapfer tausend Bitterkeiten -hinunterschlucken, ehe er antworten konnte. - -»Armes Mütterchen!« sagte er zuerst nur. Dann legte sich ein -altmachender, verächtlicher Zug auf sein offenes Knabengesicht, so daß -Frau Franziska sacht glättend mit der Hand über seine Stirn strich. -Gerade diesen Zug mochte sie am wenigsten an ihm sehen, er tat ihr mehr -weh, als irgend sonst etwas. - -»Es ist eigentlich schade, daß die Leute ihre Phantasie an eine so -kleine, unbedeutende Tatsache hängen,« meinte er spöttisch. »Du wirst -lachen, mein Liebes, wenn du siehst, was für ein harmloses Mäuslein der -kreisende Berg zur Welt bringt.« - -»Je weniger es ist, desto lieber ist’s der Mutter von Bertold Eik,« -erwiderte sie einfach, »erzähle mir alles.« - -Nun ja, der Jähzorn war wieder einmal mit ihm durchgegangen, aber -Mütterchen würde sich wahrscheinlich auch nicht beherrscht haben in -solch unwürdiger Sachlage. - -Bertold schmiegte sich wie ein Kind behaglich in den Mutterarm: - -»Ein schöner, sonniger Morgen war’s,« erzählte er, »und ich wollte -mir einen kleinen Brummschädel wegbringen durch rasches, kräftiges -Zuschreiten. In der Nähe vom Münsterplatz, ich nicke immer gern dem -Beethoven erst mal zu, ehe ich an mein Tagewerk gehe. -- Da höre -ich ein Jammergeschrei und Jammergeheul gleichzeitig von Mensch und -Vieh und finde ein scheues, sich bäumendes Pferd, an dem ein Pudel -unaufhörlich schnappend in die Höhe springt, und finde meine kleine -~filia hospitalis~ -- Mutterle, du kennst ja die schwarze Gretel -- -die hat die Leine verloren, an der sie den Pudel halten soll, und wie -sie mich sieht, schreit sie wie besessen »Herr von Eik, Herr von Eik!« -und fällt mir beinahe um den Hals. Helfen konnte ich gar nichts, der -Offizier brachte sein Pferd selbst zur Ruhe, sprang ab und übergab es -seinem Burschen, der hinter ihm ritt. - -Aber nun nahm er den Pudel vor, der ja wohl auch Prügel verdient hatte, -aber -- -- -- brrr!« Bertold schüttelte sich. »Na Mutterle, du weißt -ja, was für ein sieches, krüppeliges Jammergestell aus dem Pudel -Fidelio geworden ist -- -- ich riß ihn dem Leutnant aus den Fäusten --- -- es war nicht schön, Mütterchen -- -- ja -- so kams.« - -»Ihr wurdet handgreiflich?« fragte Frau Franziska leise. - -»Was heißt da handgreiflich -- Mutterchen -- zwei neunzehnjährige -Kerle, denen beiden der Jähzorn im Nacken sitzt. Am andern Tag war -das Duell -- ich habe für mein Leben den scheußlichen Schmiß weg, der -mir noch genug Kopfschmerzen machen wird, und dem Leutnant von Senz -habe ich die Nase gespalten -- -- Tante Adelgunde hat ganz recht: -›Schlachtergesellen!‹« - -»Du böser Wilder!« Frau Franziska strich sanft über die rote Narbe; -»du wirst dich nun umlegen und ganz ruhig schlafen viele Stunden lang, -damit das Fieber nicht wiederkommt.« - -»I, das ist ja schon da, Mütterchen,« lächelte Bertold matt, »und da -schadet es nichts, wenn ich dir noch rasch sage, daß die schwarze -Gretel mir den zerschlagenen, geschundenen Pudel samt seinen -gebrochenen Rippen schenkte, weil sie meinte, ich hätte ihr und ihm das -Leben gerettet -- -- --« - -»Schlaf, mein Junge!« - -Frau Franziska erhob sich und verließ sacht das Zimmer. Vor der Tür -lag Fidelio. Trotz seiner Schmerzen schleppte sich der kluge, häßliche -Hund immer wieder in die Nähe Bertolds, und Franziska ließ den Pudel -gewähren, dessen Tage trotz guter Pflege gezählt waren -- man hatte dem -armen Tier gar so bös mitgespielt. - -Sie dachte an die kleine ~filia hospitalis~, die ihre Nelken und -Geranienstöcke am Fenster plünderte, damals als der Bertold in die -Klinik kam -- die Mutter mußte ihm jede Blüte mitgeben. So ein gutes, -kleines, dankbares Ding! Und aus dem mageren, verwachsenen Persönchen, -das im Theater in dem Garderoberaum mithalf, weil es zu schwerer Arbeit -zu schwach war, hatten die Schwarzhausener ein »üppiges, tolles, -schwarzes Theaterfräulein« herausphantasiert! - -Gottlob, daß es Phantasie war. Sie tat ja weh, doch das würde -vorübergehen -- ihr Junge gehörte noch ihr, der Mutter, und das war für -das Mutterherz die Hauptsache. -- - -Der Großvater sah Bertold erst, als er sich schon wieder zur Abreise -nach der »Universität« rüstete. Diesmal setzte er sich selbst die -Gänsefüßchen in Gedanken vor das Wort. Denn er mußte erst einmal drei -Monate auf eine andere Art studieren, aber auch sein Mütterchen vermied -das Wort »Festung« und sprach immer nur von der Universität Bonn. - -Nun hatte Bertold sich noch durch Teichmann in einer kleinen -Privatangelegenheit beim alten Herrn melden lassen und das Gespräch -zwischen Großvater und Enkel war sonderbar genug. - -»Ich hatte dir deinen Wechsel schon durch deine Mutter zustellen -lassen« -- empfing Eik ~senior~ den Enkel. - -»Es bedarf nicht noch eines besonderen Dankes, Bertold. Was wünschest -du sonst?« - -»Die Erlaubnis, meinen Hund Fidelio im Park beerdigen zu dürfen, -Großvater.« - -»Deinen Hund? Ist es der schauderhafte Pudel, den du aus Bonn -herschlepptest?« - -»Jawohl, Großvater.« - -»Man sagt -- -- hm -- er hätte einem Frauenzimmer gehört? Ist’s so?« - -»Ja Großvater.« - -»Die dir wert war? Du fängst früh an, Bertold, ich wünschte, du ließest -dir zu derartigen Sachen noch Zeit.« - -»Mir war das Mädchen fast unbekannt. Ein armes, verwachsens Geschöpf, -älter als ich -- --« - -»Du sprichst die Wahrheit? -- --« - -Diesmal folgte als Antwort nur ein fester Blick. - -»Also wieder einmal Schwarzhausener Geträtsch?« - -»Ja Großvater.« - -Laut und bitter lachte der Alte auf. -- - -»Bertold, dein Weg wird wahrscheinlich noch rauher, als der meine es -war. Verstehst du das, mein Junge?« Es war das erste Mal, daß eine -so gütige Bezeichnung erfolgte und Bertold empfand es mit dankbarer -Freude. »Du hast das unglückliche Temperament der Eiks, daneben aber -noch einen ganz unvernünftigen Idealismus, der dir -- hm -- wohl von -anderer Seite vererbt ist.« - -Herr von Eik ~senior~ schritt jetzt im Zimmer auf und ab, man sah, daß -ihm die Trennung vom Enkel zu schaffen machte. - -»Sich für ein unbekanntes, häßliches Weib aus dem Volke zersäbeln und -außerdem drei Monate aufbrummen zu lassen, ist der Gipfel der Dummheit; -auch für das Hundewrack, das du mit herschlepptest, fehlt mir das -Verständnis, obwohl wir Eiks alle Ursache haben, die stumme Kreatur -der schwatzenden, hechelnden, verleumderischen, hetzenden vorzuziehen. -Deinen Begräbnisplatz für das Vieh sollst du haben, komm mit.« - -Bald darauf standen Großvater und Enkel vor dem Gesellschaftstempelchen -im Park, und Bertold sah sich nach einem geeigneten Platze um. Das tote -Tier lag, in ein Leinentuch geschlagen, unter der Tannengruppe; Bertold -hatte Schaufel, Hacke und Rechen mitgenommen. - -»Hier!« rief der Großvater rasch und lebhaft und bezeichnete seinem -Enkel die Stelle, wo dieser graben sollte. Bertold war es froh ums -Herz, wie seit langer Zeit nicht. Er fühlte zum erstenmal bewußt, -daß er dem alten Eik verwandt war und die Zukunft, in der er mit dem -Großvater gemeinsam arbeiten sollte, sah ihn nicht mehr so fremd und -kalt an. Mit jedem Spatenstich, den er tat, wurde es ihm freier ums -Herz; es war ihm, als seien in dem verhüllten Bündel alle seine und -Mütterchens Sorgen verborgen, die er nun für immer verscharren wollte. - -Vielleicht bewegten den alten Eik ähnliche Gedanken, er erschien dem -Enkel aufgeräumt und munter wie nie zuvor. Mit Interesse verfolgte er -das Ausschaufeln der Grube, half dann dem Enkel die Last hineinzusenken -und setzte sich beschaulich auf die Bank des Tempelchens. Als Bertold -die Öffnung zuschaufelte, fiel ihm etwas auf. - -»Großvater«, rief er lebhaft, »hier daneben ist noch ein Grab, -- da -liegt gewiß schon ein vierbeiniger Eichenborner Hausgenosse.« - -Wie sonderbar doch der Großvater war! Er lachte mit einem Male rauh und -schallend auf und schaute den Enkel belustigt mit wetterleuchtenden -Augen an. - -»Nein Bertold, da ruht eine _Staatsdame_«, rief er zurück, und dann sah -ihn Bertold mit wuchtigen Tritten nach dem Herrenhause schreiten. - -Kopfschüttelnd blieb der Enkel zurück. - - * * * * * - -Schwarzhausen schwelgte in der Behaglichkeit des Rechthabens. Es war -alles bis auf das I-Tüpfelchen eingetroffen, was man seit zehn Jahren -vorhergesagt. - -Bertold Eik taugte wirklich nichts. Der Ehrenhandel, den er in Bonn -ausgefochten hatte, mußte etwas ganz Unsauberes gewesen sein, denn der -Student saß im _Gefängnis_. - -Man wußte nicht recht, sollte man empört sein über dies Vorkommnis, -das eine der angesehensten Schwarzhauser Familien betraf, oder sollte -man das Behagen überwiegen lassen, daß endlich einmal etwas Richtiges -in Schwarzhausen passierte. -- Es half nichts, daß ~Dr.~ Hempel und -Pfarrer Klingenreuter jedem, der es hören wollte, das Wort »Festung« in -die Ohren schrie, die lieben Mitbürger wurden dadurch weder gescheidter -noch wohlwollender. Und als irgendeiner von den »ganz Klugen« aus Fritz -Reuters »Festungstid« nachwies, daß in den Kasematten hauptsächlich -»Königsmörder« untergebracht würden, wurden die Mutmaßungen immer -geheimnisvoller und belastender für den Übeltäter. Man brauchte auch -nur Frau Franziska, die bedauernswerte Mutter anzusehen, um zu spüren, -daß das nichtsnutzige Leben ihres Einzigen ihr beinahe das Herz brach. -Wie sie aussah, -- so blaß, so erschöpft und hinfällig! Sie war doch -noch jung und die Nachtwachen und Krankenbesuche, die sie seit einiger -Zeit aufgenommen, konnten unmöglich solche Verheerungen in ihrem Körper -anrichten. -- - -Man fing wirklich an, die »arme« Frau aufrichtig zu bedauern, die solch -ein Kreuz zu tragen hatte, und den alten Herrn von Eik dazu, der seinen -herrlichen Besitz einst solchen unwürdigen Händen überlassen mußte. Man -sah jetzt Frau Franziska täglich. - -Was man ursprünglich in edlem Zorn und Gerechtigkeitsgefühl für -Haus Eichenborn vom Himmel erfleht, nämlich eine kleine, reinigende -Sintflut, das kam mit einem Mal höchst unbegründet für ganz -Schwarzhausen, der Typhus. Wie aber nicht anders zu erwarten, war auch -hier die Quelle des Übels der Brunnen im Eichenborn, aus dem seit -uralten Zeiten die Mägde aus der Stadt das Brunnenwasser holten. Man -hätte doch vorsichtiger sein und von dem Augenblicke an, da Bertold -Malcroix sich zum Taugenichts auswuchs, den Eichenborn überhaupt meiden -sollen. Nun wurde er zum »~mal croix~« für ganz Schwarzhausen. Irgend -ein Schlingel des Städtchens, der viele krumme Wege ging, Vogelnester -ausnahm und reifes und unreifes Obst stahl, machte sich wichtig und -erzählte, daß er nach der Krankheit des jungen Herrn Bertold und kurz -vor dessen Abreise den alten Herrn mit seinem Enkel im Parke gesehen -habe, wie sie ein großes, geheimnisvolles Bündel in die Erde vergraben. -Man hätte dem als verlogen und diebisch bekannten Jungen sonst nicht -die einfachste Mitteilung geglaubt, aber diese Nachricht schlug ein -und zündete sofort. Der Erzähler wurde beinahe der Held des Tages -und in der Parochialschule umstanden ihn die Schüler, auf der Straße -die Bürger und seine Wahrnehmungen wurden andächtig aufgenommen. -Natürlich schwoll sein Kamm und je öfter er die Geschichte erzählte, -desto unheimlicher wurde der Inhalt des Bündels. Der Schauplatz des -Begebnisses verschob sich immer mehr, bis er schließlich nahe der -Quelle alles Übels, dicht vor dem verseuchten Brunnen lag. -- - -Es war nur Gerechtigkeit des Himmels, daß die Seuche als erstes -Opfer den Hieronymus Teichmann forderte, ihn, der immer und ewig die -Partei des schlechten Eiks genommen hatte und auch bei den letzten -Munkeleien, die sich ja leider als nur zu wahr erwiesen, ganz aus dem -Häuschen gekommen war. Nun hatte er’s, -- nun lag er in einer der -Isolierbaracken und seine Stunden waren jedenfalls gezählt. - -Daß diese Isolierbaracken und alle die Vergrößerungen und -Neuanschaffungen im Krankenhause Geschenke des alten Herrn von Eik -waren, erschien nicht mehr als billig und ebenso richtig war es -gewesen, daß Frau Franziska sich tatkräftig der Kranken und ihrer -Pflege annahm, um die Schuld des schlechten Sohnes etwas zu versühnen. - -Der alte, brave Teichmann schickte sich wirklich zum Sterben _an_. - -Und so ruhig war er darüber, und so wenig Macht hatten die Schmerzen -über ihn, daß seine poetische Ader nicht versiegte, sondern bis zum -letzten Atemzuge kräftig quoll. -- - -Sein gutes Auge leuchtete, als Frau Franziska zu ihm trat; doch gleich -darauf erlosch der Glanz wieder, und bekümmert schaute er seinen -Liebling an: - -»Das Fräulein -- sollt an sich -- selber denken -- und mir nicht noch -Zeit und Weile schenken,« flüsterte er zärtlich besorgt mit matter -Stimme. - -»So blaß sieht Fräulein Fränzchen aus, -- ich kann’s nicht sehn und -nicht verstehn, vielleicht liegt es am Eichenhaus, daß Lust und Freuden -dort vergehn -- --« - -»Das mag wohl sein, alter lieber Hieronymus, aber davon wollen wir -jetzt gar nicht sprechen, sondern nur sehen, wie wir dir Linderung -bringen. Wie geht es Frau Thereschen? Ruht sie sich ein wenig?« - -Er nickte matt. - -»Sie hat sich Ruhe nie gegönnt, hat all ihr Lebtag nur geschafft, -doch nun sie sieht, daß man uns trennt, da holt sie sich zum Schmerz -die Kraft, -- ich bin ohn’ Sorgen allerwegen, -- kann ja mein Weib in -Eiksche Hände legen.« - -»Du Treuer! Frau Thereschen wird nie verlassen sein, wie du uns nicht -verlassen hast in guten und bösen Tagen.« - -Er lächelte dankbar, schlummerte dann ein Weilchen und schlug wieder -die Augen auf. »Wenn ich bitten dürft -- -- mit schuldigem Respekt, -- -daß man den Herrn von Eichen weckt, -- möcht gern die starke Hand noch -drücken und mich dann still bei Seite rücken. -- Und Brennstoff -- -- -und den Rektor Tüllen -- wird man mir wohl den Wunsch erfüllen? Ich -möchte sie beide noch mal sehn -- -- und kann dann ruhig -- -- nach -Hause gehn.« - -Er sprach abgerissen, leise und langsam, aber Franziska hörte deutlich -jedes Wort und nickte ihm gewährend zu. »Sie werden alle bald da sein, -mein guter Teichmann, soll ich auch Frau Thereschen holen?« - -Er schüttelte abwehrend den Kopf. »Ich glaube nicht, daß ihr das -frommt; sie braucht die Ruh für das, was kommt, -- -- sie würde jammern -auch und klagen, -- ich kann das jetzt nicht gut vertragen« -- -- -Teichmann schlummerte wieder und Frau Franziska verließ sacht das -Zimmer. Es währte nicht lange, und sie standen alle um ihn, die seine -Treue im Leben besessen und sie fühlten, daß etwas Gutes von ihnen -wegschritt. Die rechte Hand reichte der Sterbende dem Rektor Tüllen und -die Linke Frau Franziska. Zwischen ihm und dem alten Lehrer bildete -das längst verstorbene Ännchen das Bindeglied, aber der Tochter seines -alten Herrn schlug sein Herz unmittelbar entgegen. - -Am Fußende ragte die hohe ungebeugte Gestalt des alten Eik, und zu -Häupten des Bettes mühte sich Kantor Brennstoff vergebens, einer -heftigen Bewegung Herr zu werden. -- - -»Will mir mein Herr ein gutes Sprüchlein sagen?« fragte Teichmann -mühsam. »Ich muß den letzten Gang nun wagen und aus dem Eichenhause -ziehn -- -- -- Den Pfarrer möcht’ ich nicht bemüh’n -- --« - -Der alte Eik trat rasch näher, -- er legte seine große Hand auf die -des Kranken: »Ei du frommer und getreuer Knecht, du bist über Weniges -getreu gewesen, ich will dich über Vieles setzen, gehe ein zu deines -Herren Frieden!« -- -- - -Das war ein wunderschönes Lächeln, das jetzt auf dem Antlitz des -alten Dieners lag. Das Sprüchlein war wohl mitten in sein treues -Herz hineingesprochen worden und hatte ihm den Trost gegeben, nach -dem er verlangte. Deshalb suchten seine müden Augen nun nicht mehr -die umstehenden Menschen, sondern richteten sich in weite, lichte -Fernen -- -- -- - -»Brennstoff, ich sehe den Großen, ich sehe Beethoven« sagte er laut und -dann mühte sich seine sterbende Stimme, eine Melodie zu formen, aber es -war nur mehr eine zersprungene Glocke, die ihm heimläutete, -- heim. -Nur die Worte konnte man deutlich verstehen: - -»Fahr wohl, du goldene Sonne -- -- --« - - * * * * * - -Dem Schnitter Tod schien es in dem kleinen, freundlichen Schwarzhausen -wohl zu behagen, er kümmerte sich nicht um Hygiene und nicht um die -Ärzte, er rief: Arzt, hilf dir selber, und winkte Doktor Hempel. Dieser -sträubte sich zuerst mächtig, er war ein kräftiger, willensstarker -Mann und unermüdlich in dieser schweren Zeit auf dem Posten gewesen. -Vielleicht zu sorglos und unermüdlich. - -Als er den Totenschein für Hieronymus Teichmann ausstellte, sprach -Doktor Hempel noch eindringlich mit Frau Franziska, daß sie sich -schonen und hinlegen müsse, sie sähe erbärmlich aus von ihren -angreifenden Nachtwachen, und die Schwarzhausener hätten es den Kuckuck -nicht verdient, daß sie sich aufopfere. - -Doktor Hempel war überhaupt verdrießlich und heftig aufgebracht -gegen die ganze Welt, die einen schiefen Gang ginge, gegen die -Seuche insbesondere, die so tat, als hätte es nie die bewährten -und berühmten Hempelschen Reinigungskuren gegeben, und welche über -Kurellasches Brustpulver, Zitwersamen und Brennersches Pflaster einfach -hinwegschritt. - -Ganz besonders aber war er aufgebracht gegen Schwarzhausen, -welches noch hinter dem Monde zurück war und von _absichtlicher_ -Brunnenvergiftung »gärte und märte«. - -»Und Sie müssen die Ohren steif halten, meine liebe Frau Fränzchen, und -sich für Ihren Bertold schonen und tapfer aufbewahren, denn der braucht -Sie wie das liebe Brot. Er hat nicht viel Freunde in Schwarzhausen und -die wenigen sind alt. Und das Heer seiner Feinde sieht scharf nach -ihm hin, der später doch einmal so eine Art Vater von ihnen sein soll -und doch ist es so kurzsichtig von den Einwohnern, nicht den Segen zu -erkennen, der vom Eichenborn für Schwarzhausen ausgeht. Darum hüten Sie -als Mutter Bertolds guten Engel, -- und der sind Sie selbst. -- Und nun -Gott befohlen! Mir ist heute selbst gar nicht »extra«, -- ich werde mir -jetzt einen Aromatique genehmigen und dann zu den Porzellinern gehn, --- die sterben reineweg wie die Fliegen, weil sie alle Zwetschenbäume -gepachtet haben und »nichts umkommen« lassen wollen, das verbohrte -Volk -- -- --« - -Aber Doktor Hempel ging nicht zu den Porzellinern und nahm auch -keinen Aromatique. Es war immer seine Art gewesen, sich hinter diesem -köstlichen Dietendorfer Schnabus tüchtig zu schütteln, aber diesmal -schüttelte es ihn selber vorher und er mußte sich ins Bett legen. - -Und weil er selbst sein Wort nicht hielt, glaubte auch Frau Franziska -ihm nicht gehorchen zu müssen. -- - - * * * * * - -Bertold Eik saß unter fröhlichen Kumpanen auf der Kneipe, als man ihm -den Eilbrief von seinem Großvater brachte. - -Schon den ganzen Abend hatte man Bertold seiner großen Schweigsamkeit -halber geneckt und ihn auf »tiefsten Dalles« oder »höchste -Verliebtheit« taxiert; er konnte einer unerklärlichen Bangigkeit nicht -Herr werden. - -Sein Großvater schrieb sonst nie an ihn, alle Nachrichten, auch -die geschäftlichen, gingen ihm durch seine Mutter oder durch den -Prokuristen der Firma Eik zu, -- der Eilbrief übte einen seltsamen -Bann, -- er spornte nicht zur Eile, er lähmte alles Denken und Fühlen -und nur mechanisch betrieb Bertold seine Abreise, die noch in derselben -Nacht erfolgte. - -Grau und trübe der Himmel über Schwarzhausen, grau und trübe die ganze -Stimmung in den Straßen, grau und düster das langgestreckte Herrenhaus -der Eik von Eichen. - -Bertold fröstelte, als er heimkehrte in das Haus seiner Väter. Selbst -die Gesichter der Menschen, die ihm in der Herrgottsfrühe begegneten, -waren ihm grau erschienen, und sie waren es wohl auch wirklich, -- vor -Sorgen, vor Angst, weil die Seuche nicht schwinden wollte aus Thüringer -Landen. - -Und noch etwas starrte dem jungen Studenten aus den Augen seiner -Landsleute in grauer Öde entgegen, -- tiefe Abneigung gegen ihn und -seine Heimkehr. - -Er hatte in ruhig ernstem Gruß den Hut gezogen, als er rasch durch -die morgenstillen Straßen schritt und hatte den wenigen Kindern -freundlich zugenickt, die sich an den Fenstern zeigten. Aber sein Gruß -war nicht erwidert worden, und die Kinder hatten sich eilig und scheu -zurückgezogen. - -Selbst die geliebten Thüringer Berge hatten eine Nebelkappe aufgesetzt, -die sie verhinderte, freundlich, heimatlich, vertraut auf den -Heimkehrenden zu blicken und die sonst so silberne Gera schien allen -Glanz verloren zu haben und schlich grau und langsam dahin. - -Einmal mußte doch wieder alles hell und licht werden, mußte doch -dieses öde Grau verschwinden, dachte Bertold, und suchte durch junge, -hoffnungsfrohe Gedanken die unerklärliche Bangigkeit zu verscheuchen, -welche sich um sein warmes, junges Herz legte. - -Einmal? Gleich! Jetzt! -- sobald er die Mutter an seine Brust drückte, -an seine junge, kraftvolle Brust, nach welcher sich die liebe Kranke -sehnte, wie der Großvater ihm geschrieben. Schien nicht die Sonne -schon ein wenig in das Nebelgrau des Morgens, da er so innig an die -Mutter dachte und sein Herz ihm selbst schon voraus flog zu ihr? Er -würde nicht wieder die Heimat verlassen, die liebe Heimat, die für ihn -gleichbedeutend war mit seiner Mutter Herz. Nie wieder! Er würde von -nun an immer zu ihren Füßen sitzen, und herrliche, trauliche Abende -sollten kommen nach des Tages Last und Mühe, frohe Feste nach sauren -Wochen. -- Liebe sollte den Eichenborn durchsonnen. - -Der Großvater empfing den Enkel am Portal des Hauses -- war denn heute -alles so anders? Das hatte der gestrenge, alte Herr noch nie getan. -Die Förmlichkeit der ersten Begrüßung durch sämtliche Dienerschaft war -bisher immer streng innegehalten worden. - -Und noch etwas verwunderte Bertold und erschreckte ihn zugleich: - -Die gebeugte, müde Haltung des Großvaters, die ungewohnte Milde in -seinem strengen Gesicht. - -»Grüß Gott, Großvater!« - -»Lieber Bertold -- -- --« - -Ihre Hände lagen mit festem Druck ineinander, dann lief der Jüngere -mit eiligen Schritten durch die Diele, die Treppen hinauf, daß er -nichts versäume, nicht _eine_ heilige Minute, die er bei der Mutter -sein konnte. Er hörte hinter sich den Großvater rufen, -- vielleicht -sollte er auf ihn warten, bis der alte Herr mit seinen wuchtigen, -langsamen Schritten ihn begleitete, aber das war ja sonst auch nie -geschehen, immer hatte er seine Mutter allein begrüßt. Beinahe lächelte -der Student ein wenig, daß er so knabenhaft ungestüm und trotzig dem -Großvater entlief. Und nun kam noch die braune Tür mit den blitzenden -Messingbeschlägen, die den Sohn noch trennte von der lieben Kranken. -Wenn er als Knabe Sehnsucht nach der Mutter empfand, dann stand diese -braune Tür vor seinem geistigen Auge, und es war ihm, als brauche er -nur die Klinke niederzudrücken, um sofort wieder daheim zu sein. - -Sacht, sacht! -- die Mutter könnte schlafen, könnte erschrecken. Aber -eine Mutter erschrickt nicht, wenn der Einzige heimkehrt -- sie muß -ihn ja lange schon erwartet haben, sie hat sich gebangt nach ihm, so -schrieb der Großvater. - -»Mütterchen!« - -Nein, eine Mutter stört der heimkehrende Sohn nie -- besonders nicht, -wenn sie so fest schlummert wie Mütterchen Franziska -- -- aber trotz -des tiefen Schlafes hat sie das liebe Lächeln auf ihrem Antlitz für -ihn, für ihren Einzigen. - -»Mutter! _Mutter!_« - -Nie wieder vergißt der Eichenborn diesen Ton. Denn das Weh einer Welt -liegt in ihm. Und er wird noch tagelang und nächtelang nichts anderes -hören, als diesen Ruf. - -Mutter! Mutter! - -Die junge Seele drinnen ist aus den Fugen. Kleiner, großer, törichter -Bertold! Glaubtest du, ein Mutterherz sei so heilig und hehr, daß -niemand daran rühren könne; sei so lebendig, so liebeübervoll, daß es -nie verstumme? Daß es klopfen müsse in alle Ewigkeiten? - -Mutter! Mutter! - -Störe den heiligen Schlaf nicht, Bertold! Jammere nicht so wild! Es ist -umsonst, du weckst sie nicht. Du bist ein zwanzigjähriger Knabe und da -sind zwei Gewaltige, die leben seit Urbeginn, und sie sind wider dich. - -Der Tod und -- der ihn rief. - -Weine dich gesund. - -Denn du brauchst Kraft, dir jetzt deinen Kinderglauben zu retten. -- Du -kanntest sie ja bis in ihre innersten Gedanken, deine Einzige. - -Du weißt, daß sie ihren Mutterberuf als heilige Mission auffaßte, an -deren Erfüllung sie sich selbst hingab. - -Nach ihrem unerschütterlichen Glauben warst du ihr von Gott gegeben -- -würde Gott dich auch wieder von ihr fordern: »Wo ist dein Kind? Wie -erzogst du es? Was können seine Mitwanderer und Weggenossen von ihm -erwarten? Warst du würdig, eine Mutter zu sein?« -- - -Weine dich gesund, Bertold! - -Denn du sollst jetzt einen einsamen Weg gehen, sollst aus dir selbst -heraus etwas Tüchtiges werden, ohne Mutterwort und Mutterrat, sollst -eine Persönlichkeit werden. - -Kraft brauchst du, um Gottes Fragen an deine Mutter zu -beantworten. -- -- -- - - * * * * * - -Dicht hinter dem Sarge von Frau Franziska schritten Großvater und Enkel. - -Die Augen des alten Herrn streiften besorgt das Antlitz des jungen -Mannes an seiner Seite. - -Es war wie versteint in Schmerz. - -Die Schwarzhausener fanden erst lange Zeit nach dem Begräbnis die -richtigen Worte, das Wesen des Bertold Eik zu zeichnen, -- während der -ganzen Zeremonie war er ihnen unheimlich und unverständlich. - -»Bertold! Aber Bertold!« - -Der alte Herr von Eichen nahm die Hand des Enkels und hielt sie fest. -Er wußte nicht, weshalb? -- er hatte das unbestimmte Gefühl, der junge, -verstörte Mensch an seiner Seite könne irgendeine kopflose Handlung -begehen. - -Aber Bertold dachte gar nicht daran. Er hatte die Augen nicht zu Boden -gesenkt, wie es eigentlich die ehrbare, altväterische Trauersitte -vorschrieb, sondern hatte sie, weit aufgeschlagen, in Fernen gerichtet. - -Wo war die Mutter? - -Sein übermüdetes Herz klopfte flatternd und schmerzhaft in seiner -Brust. Er sah und hörte nichts, was um ihn vorging, vernahm nichts -von den herzlichen Worten des Predigers und hob die schlaffe, -herniederhängende Hand nicht, als man sie teilnehmend drücken wollte. - -So schritt er wieder aus der Kirchhofspforte heraus und die Karosse der -Eiks nahm ihn auf und führte ihn zurück in den verödeten Eichenborn. - -Er saß bei Großtante Adelgunde und die Neunzigjährige klagte mit -feinem, verstaubtem Stimmlein, daß der Herrgott sie vergessen habe und -alle die Jungen vor ihr fort hole. - -Er hörte es, aber er faßte nicht den Sinn ihrer Worte. Er hörte auch -den Großvater sprechen und raten mit ernster, gütiger Stimme und sprach -selbst zustimmende Worte. - -Seine Koffer standen wieder gepackt und ein Auslandspaß war -ausgefertigt. - -Nach Paris würde er gehen, nach London und New York, er würde Holland -und Belgien bereisen und alle Plätze besuchen, an denen Haus Eik von -Eichen angesehen und berühmt war. - -Aber er würde nicht die braune Tür wieder öffnen, die nahe, ganz nahe -an seinem eigenen Zimmer lag, die Tür, hinter welcher das leere Bett -stand und all die lieben Sachen lagen, die seine Mutter getragen. - -Den Schlüssel zu dieser Tür barg er auf seiner Brust. - -Der Vollmond stand am abendlichen Himmel und sah auf den rastlos -Wandernden, der noch einmal im Parke von Eichenborn alle Plätzchen -aufsuchte, die er als Kind geliebt. - -Rastlos kamen und gingen die Gedanken. - -Er hatte ja die Heimat nicht wieder verlassen wollen -- -- nun hatte -seine Heimat _ihn_ verlassen. - -Drum ging er gern in die weite Welt. - -In seiner wilden Verzweiflung hatte er nicht mehr an die offenkundige -Abneigung der Schwarzhausener gedacht und auch ehe der tiefe Schmerz -kam, hatte ihn seine Wahrnehmung nur stutzig, nicht grübeln gemacht. - -Bertold war ja so jung, so gesund und so erfüllt von guten Gedanken für -die Heimat, für Schwarzhausen und den Eichenborn. - -Er würde den närrischen Leuten schon zeigen, daß er nicht nur -jähzornig, sondern auch arbeitswütig war, und daß er gewissenhaft in -seines Großvaters Fußstapfen treten wollte. - -Das war _gewesen_. -- - -Waren es Jahre, die zwischen dem Tage seiner Ankunft und heute lagen? -_Heute_ grübelte er, heute wurden ihm die vielen, unbeantworteten -»Warum« zu einer unerträglichen Pein. - -Aber der Duft der Thüringer Tannen, die so dicht den Tempel der -Geselligkeit umstanden, und welche Bertold immer wieder auf schmalem -Wege umschritt, übte eine wunderbare Macht. Dieser Duft umfaßte den -jungen Menschen weich und stark zugleich -- wie Mutterarme. - -Bertold lehnte seinen Kopf an die Rinde des nächststehenden Baumes -und griff über sich in das Geäst, wie er als Knabe oft getan, um in -kindischem Spiel zu fühlen, wie die spitzigen, braunen, welken Nadeln -herunterfielen und sich in seinem dichten Haar versteckten. - -Seitwärts von der Tanne auf dem weichen Erdboden wölbten sich zwei -Hügel, ein großes und ein kleines Grab. - -Da lag Fidelio, der häßliche, gute Hund und dort -- -- die Staatsdame. -So hatte der Großvater ohne weitere Erklärung ihm gesagt. - -Aus dem kleinen Erdhügel schimmerte im Mondlicht etwas Weißes hervor --- es mußte vor kurzem ein größeres Tier hier gewesen sein; vielleicht -ein Hund aus der Fabrik, der durch Zäune und Wiesen herlief. Das kleine -Grab war zerwühlt. - -Bertold befühlte das weiß schimmernde Etwas mit seinem Stock und blieb -daran hängen; als er den Stock hob, fiel die wenige Erde zur Seite und -legte eine größere weiße Fläche frei, die Bertold, jetzt doch etwas -neugierig geworden, mit der Hand betastete. Seidenstoff war es, rauh -geworden von Erde und Nässe, aber an dem Seidenstoff hing ein kleiner, -harter, runder Gegenstand. Immer mehr schüttelte Bertold den Kopf, -denn er sah nun, daß er eine Puppe vor sich hatte, keine Emmy ohne -Kopf, aber einen Kopf ohne Haare und nun fand er auch die abgelöste -Perücke und einen dicht zusammengelegten Zettel. Der hatte so verborgen -in den Kleiderfalten der Puppe gelegen, daß die Schrift sich gut -gehalten hatte und er las die Buchstaben, von seines Großvaters Hand -geschrieben, deutlich im hellen Mondlicht: »Diese Puppe soll Liselotte -Windemuth gehören.« - -Ergründen konnte Bertold dieses Rätsel nicht, -- aber er wollte es auch -gar nicht ergründen. - -Er legte die Puppe wieder sorglich in die Grube hinein und holte noch -mehr Erde, die er darauf schüttete und dann gleichmäßig fest trat. - -Viel ruhiger wurde er durch diese seltsame Arbeit -- denn der wehe -Schmerz um seine Mutter wurde abgelöst und abgelenkt durch ein warmes, -herzliches Sehnen nach einem lebendigen Menschenkinde, nach einem -lieben, rosig-weißen, trotzigen Mädchengesicht, nach einem Paar -stahlblauer Augen -- -- nach dem herzlieben, närrischen Mütterchen der -kopflosen Puppe Emmy und der begrabenen haarlosen Staatsdame. - -Hoch atmete Bertold auf -- das Herz wurde ihm zu eng in der Brust. - -Er mußte sie noch einmal sehen, die kleine Liselotte, seine -Jugendfreundin, ehe er ins Ausland ging. - -Wie hatte er sie nur vergessen können drei lange Tage! - -Mutter, liebe Mutter! - -Verzeihst du es deinem Jungen, wenn er das lachende Leben mit seinen -tiefsten Gedanken verschwiegen grüßt? - -Bertold schritt rasch aus dem Park. Im klaren Mondlicht schaute er noch -einmal alles hell und schön und vertraut, jeden Baum, jeden Strauch, -jede alte, seltsame, verwitterte Steinfigur. Im Grasgarten rauschte -der Born, da erzählten sich die Eichen flüsternde Märchen, Märchen von -Mutterliebe und Heimat, Märchen von Thüringer Edeltannen, von denen die -schlankste und schönste und lieblichste die Liselotte Windemuth war. - -Bertold hielt die Hand unter die murmelnde Quelle, und auch sie -erzählte und rannte. Von einem jungen Burschen, der seine Mutter verlor -und der in die weite Welt ging. Aber er würde wiederkommen, bald -- in -einem Jahr oder in zweien, dann würde er in das hohe Giebelhaus treten -dort in der nahen Straße und würde das schöne Haustöchterlein fragen -und -- -- dann könnte es doch noch einmal sonnig werden im düstern -Eichenborn. - -Hinschritt er durch die stille Straße mit leuchtenden Augen, mit -raschem Atem und jung -- junger Liebe. - -Da lag es, das Windemuthhaus. - -Aber nicht so still wie der trübe, ernste, schweigsame Eichenborn, aus -dem man die letzte Freude hinausgetragen und in die Erde versenkt hatte. - -Die schöne, warme, helle Sommermondnacht hatte die Bewohner des Hauses -im Garten festgehalten. - -Bertold unterschied ganz deutlich die einzelnen Personen: Base Juliane, -den alten Herrn Professor und eine junge Dienstmagd, welche noch einige -Blumen mit der Gießkanne tränkte. - -Wie sah das alles so traut und heimelig aus. - -Er trat in den Schatten der Geisblattlaube, die dicht am Straßenzaun -lag. Seine Augen spähten und suchten. - -Wo bleibt sie? Wo bist du, Liselotte? -- Sieh -- ich will Abschied -nehmen. - -Wie durch Gedankenübertragung schickte zu gleicher Zeit Professor -Windemuth seine Augen suchend durch den Garten, und deutlich vernahm -Bertold dessen behagliche Stimme: »Wo bist du Liselotte? Hans! Wo -bleibt denn unser Brautpaar -- -- --?« - -Furchtbar deutlich -- lächerlich deutlich. - -Und furchtbar und lächerlich war doch auch das, was der -unverantwortlich helle, abscheuliche Mond da beleuchtete, -- ein eng -verschlungenes Paar, das den Weg heranschritt, Arm in Arm, Auge in -Auge. -- Das weiße Kleid des Mädchens schimmerte zu Bertold hinüber und -ebenso die blitzende Uniform des Leutnants Hans von Windemuth. - -Lächerlich deutlich. - -So lächerlich, daß man eben lachen mußte. - -Gellend lachte Bertold auf -- -- daß das glückliche in sich versunkene -Pärchen zusammenschreckte und der alte Herr eilends nach der Stelle hin -lief, von welcher das unheimliche Lachen ausging. - -Aber Bertold war schon geflohen, und immer noch lachte er, -- -jähzornig, wütend, weh, verzweifelt. - -Ein paar Schwarzhausener Burschen standen mit ihren Liebchen vor den -Haustüren. - -An ihnen vorbei stürmte Bertold, sie sahen sein seltsames Gebaren -und deuteten es sich in hellem Entsetzen und Empörung über so viel -Verworfenheit. - -»Er muß betrunken gewesen sein, -- sonst könnte er nicht nachts -- -durch die stillen, ehrbaren Straßen planlos rennen und lachen -- laut -lachen am Abend des Tages, da man seine Mutter begrub.« - -»O über den schlechten Kerl!« - -Am nächsten Abend wußte man es in ganz Schwarzhausen, daß der -Eichenborn nun wirklich verödet war. - -Daß die großen Auslandskoffer gepackt im Zimmer des jungen Eik stünden, -aber niemals abgeholt würden. Daß der alte, grimme Eik als ein -einsamer Mann zurückgeblieben und sein Enkel geflohen war mit nichts -als seiner Amatigeige -- -- -- um ein Musikant zu werden. - - * * * * * - -_Wird er kommen?_ - -Das war die brennende Frage des Abends. - -Erregte Gruppen standen zusammen, Künstler und Kunstfreunde. - -Der schlicht-vornehme kleine Saal harmonierte gut mit den Menschen, -die sich darin versammelt hatten; er sah feierlich aus in seinem -Weiß und Gold und Kerzenschimmer, feierlich mit dem strengen, grünen -Lorbeerschmuck. - -Und wie Feiertagsstimmung lag es auch über den Versammeltem trotz -einiger erregter Lautsprecher. - -_Wird er kommen?_ - -Meister Joachims Gestalt löste sich jetzt aus der einen Gruppe und -winkte abwehrend und lächelnd zurück. - -»Versprechen kann ich gar nichts. Sie kennen doch den Malcroix. Der -läßt sich weder in Krieg noch in Frieden etwas abnötigen, was er nicht -selbst hergeben will, und ob er sich heute Ihnen gibt -- --« - -»Gehen Sie gleich jetzt zu ihm, Meister?« fragte ein blutjunges, -blasses Bürschchen mit schwärmerischen Augen und blonder Künstlermähne. - -»Ja, das tue ich. Aber ich weiß nicht, ob ich ihn treffe. Und weiß -nicht, ob ich meinen ehemaligen Schüler dann nicht für mich behalte. -- -Kindskopf!!!« fuhr er gleich darauf den Frager an, dem wahrhaftig die -Augen feucht wurden. »Närrisches Volk alle miteinander! Aber mir geht’s -ja nicht um ein Haar besser. Herrgott, hat der Mensch gespielt! -- -- -Guten Abend, meine Herrschaften!« - -Man geleitete Meister Josef Joachim noch zur Tür und trat dann wieder -zusammen, bildete neue Gruppen und behandelte doch nur das alte Thema: -Bertold Malcroix und sein wunderbares Geigenspiel am heutigen Abend in -der Singakademie. - -Der Impresario ging mit lebhaften, kleinen Schritten von Gruppe zu -Gruppe. - -»Das war ein Erfolg!« Sein glatt rasiertes Gesicht glänzte und strahlte. - -»Den halte ich noch fest -- der darf mir nicht schon wieder ins -Ausland, mag es nach ihm kabeln, so viel es will. Summen zahlt dies -Amerika -- -- Aber dem Malcroix ist das einerlei -- -- ich halte ihn -fest -- --« - -»Menschenkinder -- ich hatte euch Berliner für viel nüchterner -gehalten,« meinte jetzt halblaut ein dunkler, geistvoll aussehender -Herr, der mit einem bekannten Berliner Maler allein an einem der -Marmortischchen saß. »Ihr treibt ja Götzendienst mit diesem Malcroix.« - -Der Maler lachte. - -»Nennen Sie es so. Aber in Ihrem Munde hat das Wort Götzendienst einen -spöttischen Klang. Er ist jedoch von allen Völkern und Stämmen immer -sehr ernst betrieben worden, und so halten wir es auch mit Malcroix. -Daß Sie zum heutigen Konzert noch nicht in Berlin waren, sondern -genau eine Viertelstunde nach Schluß anlangten, machen Sie mit dem -Unglücksstern aus, der schon über Ihrer Wiege geschwebt haben muß.« - -»Na, da haben wir’s! Stopp, alter Freund! Ehe Sie mir ganz aus dem -Häuschen geraten: Wer sind die zwei närrischen Zwickel dort in ihren -vorsintflutlichen Fräcken? Sie sehen aus, als seien sie aus der -Biedermeierzeit stehen geblieben, um für sie Reklame zu machen.« - -»Ihr Scharfblick ehrt Sie,« lachte der Maler. »Diese _beiden_ -närrischen Zwickel, wie Sie sich auszudrücken belieben, sind eigentlich -_Eins_, sind die Achse, um die wir uns hier drehen, sind der ruhende -Pol in der Erscheinungen Flucht, sind Jonathan für unsern David -Malcroix, sind Marquis Posa für unsern Don Carlos Malcroix, sind -Pylades für unsern Orest Malcroix, sind unsere einzige Hoffnung, daß -der Held heute abend doch noch erscheint, sind _Brennstoff und Tüllen_.« - -»Herr Ober, bringen Sie sofort ein Glas eiskaltes Wasser und eine -Stirnkompresse für diesen Herrn, wenn irgend möglich noch Leibumschlag -und Wadenwickel,« rief der Doktor. - -»Lieber Doktor, Sie scheinen uns hier alle etwas für geistesgestört zu -halten,« wehrte lachend der Maler. - -»Ich sprach bis jetzt nur mit _Ihnen_,« neckte der andere, »und halte -da allerdings eine Ableitung vom Gehirn für geboten. Haben Sie Erbarmen -und erzählen Sie mir meinetwegen auf deutsch, französisch, spanisch, -italienisch, russisch, Volapükisch und Esperanto’sch von diesem -Malcroix, -- aber nüchtern -- nüchtern!« - -»Ich bin so nüchtern wie ein Kalb vor seiner Geburt,« versicherte der -Maler. »Wie Sie sehen, ehren wir Bertold Malcroix noch auf andere Art, -indem wir in den kargen Stunden des Zusammenseins mit ihm den Alkohol -meiden.« - -»Sind Sie verrückt?« entfuhr es dem andern. - -»Ich glaube nicht.« Der Maler wurde ernst. »Malcroix hat vor Jahren -im betrunkenen Zustand irgend eine schwere Tat begangen -- als halber -Knabe allerdings, man weiß gar nichts Genaues, erzählt sich aber die -tollsten Geschichten von ihm, und besonders in seiner Vaterstadt -Schwarzhausen, berühmt durch Porzellan, viertausend und eine Seele -stark, gilt Malcroix als gänzlich schwarzes, verlorenes Schaf. -- -Jedenfalls ist er völliger Abstinent, weil er einen angeborenen, -furchtbaren, schier grotesken Jähzorn meistern will, und -- alle -Achtung vor ihm -- wir helfen ihm stillschweigend dabei, wenigstens -solange wir ihn erwarten und mit ihm zusammen sind.« - -»Soll ich heute den ganzen Abend Element in einer Trockenbatterie -spielen?« fragte der Gast kläglich. -- »Was trinkt denn euer großer -Geiger? Zu Beethoven und Bach paßt doch kein Himbeersaft?« - -»_Muß_ denn immer ges... trunken werden?« - -Der Doktor seufzte. »Es wäre nichts für mich, _nur_ am Busen der -heiligen Cäcilie zu saugen, besonders da diese Dame älteren Semestern -angehört, ich ziehe Pilsener vor -- -- --« - -»Sie sind wohl nicht musikalisch, Doktor? -- --« - -»Ich weiß nicht. Als zweijähriger holder Knabe sollte ich in der -Kindersymphonie von Haydn mitwirken, war aber noch nicht stubenrein -und vergaß mich. Es war mein erstes und letztes Auftreten, aber ich -getraue mich doch, das Gebet einer Jungfrau vom Radetzkymarsch zu -unterscheiden.« - -»Malcroix! Hurra! Malcroix! Evviva! Malcroix!« - -Der Maler war, jegliche Gastfreundschaft schnöde vergessend, -aufgesprungen und zur Tür geeilt, durch welche ein reckenhafter Hüne -eintrat. Es entstand ein völliger Tumult. - -»Malcroix, evviva! Malcroix willkommen! Malcroix hoch!« - -»Sie sind verrückt -- und alles ohne Alkohol,« murmelte der Doktor, der -still an seinem Platze geblieben war. - -Aber dann erhob er sich ebenfalls rasch und über sich selbst erstaunt, -denn sein Malerfreund führte ihm den Helden des Abends zu. - -Und vergessen war aller Spott, alle Kritik, alles Nörgeln, vergessen -das Vorhaben, recht ruhig und objektiv zu urteilen, sich nicht planlos -mitreißen zu lassen vom allgemeinen Taumel. - -Es ging wirklich ein Zauber von diesem Hünen aus, der Zauber eines -Sonntagskindes. Was für kluge, ernste, tiefe, gute, leuchtende Augen -dieser Künstler hatte, was war er für ein bildschöner Kerl mit dem -dunklen Lockenhaar, das doch so gar nicht romantisch flatterte, sondern -einfach und schlicht gescheitelt die hohe sein gemeißelte Stirn -umrahmte. Und wie er lachte! Dies Lachen kennzeichnete ihn schon als -Liebling der Musen, -- das war Musik, die auch den unmusikalischsten -Menschen bezaubern mußte. - -Und wie dieser Malcroix seine Mitmenschen um Haupteslänge überragte, -so war sein ganzes Wesen eher väterlich zu nennen, trotzdem er kaum -dreißig Jahre zählen konnte. - -»Die Freunde meiner Freunde sind meine Freunde,« sagte Bertold Malcroix -herzlich und schüttelte dem Gast die Hand. »Wenn Sie erlauben, setze -ich mich nachher ein Weilchen still zu Ihnen, augenblicklich« -- er -deutete lachend auf die aufgeregten Verehrer ringsum -- »habe ich noch -keinen eigenen Willen.« - -»Ein prächtiger Mann, ein lieber Kerl, ein Vollmensch!« Immer wieder -sagte es sich der fremde Gast an diesem Abend, je länger er Malcroix -beobachtete, wie er der gefeierte Mittelpunkt eines erlesenen Kreises -war, ohne auch nur ein einziges Mal unbescheiden, protzig oder -nervös-launenhaft zu sein. Dieser Malcroix besaß die »Höflichkeit -des Herzens, der Liebe verwandt, aus der die Höflichkeit des äußeren -Betragens entspringt«. - -»Nicht wahr, Sie gehören ihm auch?« fragte scherzhaft-ernst der Maler, -als er wieder allein bei seinem Gaste saß, während Bertolds hohe -Gestalt bald hier, bald da unter neuen Gruppen auftauchte. - -»Er muß ein treuer Freund und guter Lebenskamerad sein,« meinte der -Doktor sinnend, ohne direkt zu antworten -- »ist er verheiratet?« - -»Nein. -- Auch über diesen Fall berichtet Frau Fama ganze Legenden.« - -»Um Gottes willen, sagen Sie mir nicht, daß dieser Mann Herzensbrecher -oder Weiberfeind ist,« rief der Doktor. »Beides würde mir wie ein -platter, trivialer Berg zu einem Meisterbilde sein.« - -»Malcroix ist auch keins von beiden nach meiner festen Überzeugung, -aber -- wie gesagt, ein wahrer Rattenkönig von Legenden heftet sich an -seine Person. Man kann sich ja schwer vorstellen, daß dieser Vollmensch -ein Erzengel Gabriel ist, wie einige behaupten, -- ich kann darüber gar -nicht urteilen, denn er spricht selten über Frauen und niemals über -›Weiber‹. Mit klugen Frauen plaudert er in derselben Weise wie mit -gescheiten Männern und mit Gänsen scherzt er gutmütig, ohne sich lange -bei ihnen aufzuhalten.« - -»Ich kann mir nicht denken, daß ihm irgend eine Frau widerstehen -könnte,« meinte der Doktor, »und doch sieht er so gar nicht aus, als -läge ihm etwas daran, oder als hätte er sich vergeudet -- vielleicht -ist er irgendwo gebunden -- -- --« - -Der Maler nickte. - -»Man sagt es. Und ich selbst habe meine Beobachtungen gemacht. Er tritt -in keiner Stadt Deutschlands auf, ohne irgend ein geheimnisvolles -Landhaus in der Nähe zu mieten, wo er dann wohnt und auch hier hat -er in einer Tiergartenvilla sein Domizil aufgeschlagen -- nicht -allein. Aber das geheimnisvolle Wesen, das ihn begleitet, ist dicht -verschleiert und er selbst trägt es in den Wagen hinein und aus dem -Wagen heraus. Er mietet eine versteckte Loge, wo es seinem Spiel -lauschen kann und -- --« - -»Ist wahrscheinlich eifersüchtig wie ein Türke, und das Weib ist schön --- -- item, dieser Malcroix versteht’s. Wird er heute abend noch -spielen?« - -»Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich nicht. Neulich kamen wir -- es war -in Amsterdam -- ganz unverhofft zu so einem Genuß. Da stritt er sich -mit einem Kritiker herum, wurde wütend, riß die Geige aus dem Kasten -und überzeugte den Kerl mit der _Tat_, so daß dieser windelweich wurde.« - -In diesem Augenblick trat eine kleine Stille im Saale ein, irgend -jemand, der von draußen hereingekommen war, erzählte eine Geschichte, -die sehr belacht wurde. Dann wurde die Unterhaltung wieder lebhaft und -allgemein. - -»Wo ist er denn?« hörte man Bertold Malcroix fragen. - -»Immer noch vor der Tür.« - -»Er soll hereinkommen.« - -»Aber er ist sehr schmutzig.« - -Malcroix winkte ungeduldig mit der Hand. - -»Was ist denn los?« fragten einige neugierig, die nichts Genaues von -dem Vorgang hören und sehen konnten. - -»Nichts Besonderes,« war die Antwort. »Ein zerlumpter Bengel steht vor -der Hoteltür und will durchaus den ›großen Malcroix‹ sehen. Er ist der -Sohn eines verstorbenen Musikers, lebt bei fremden, harten Leuten und -sieht jammervoll aus. Jetzt läßt ihn der Künstler holen.« - -Man erhob sich von den Sitzen und spähte neugierig nach der Tür. - -Nach einer Weile ging diese auf und ein ungefähr zwölfjähriger Junge -kam hereingestolpert, -- er war offenbar geblendet von dem vielen -Licht. Seine Jacke war zerrissen und verknüllt, so als hätten viele -grobe Hände ihn daran herumgeschüttelt, auch der Junge selbst sah aus, -als sei er öfters mit Mutter Erde in allzu dichte, unsanfte Berührung -gekommen. -- - -Bertold hob das Kinn des Knaben leicht in die Höhe und sah ihm in das -zitternde, verweinte Gesicht. - -»Nun, mein Junge, -- du wolltest mich sehen? Ich bin Malcroix.« - -Und der fremde Junge sah. - -Nicht wie Neugierde blickt, die sich mit Verständnislosigkeit paart, -es war auch nicht Liebe, mit der der blasse Knabe den großen Künstler -betrachtete, es war wie Durst. - -Durst nach etwas Hohem, Herrlichem, das nie bis heute in sein armes -Leben getreten war. - -Und die Umstehenden schauten wieder auf die beiden und sie vermochten -nicht einmal zu lächeln, so rührend war die Versunkenheit des Jungen. - -»Wie heißt du?« - -»Fritz Bach.« - -»Du hast einen Wunsch an mich?« - -»Ich habe den Herrn spielen hören -- heute im Konzert, aber ich wußte -nicht, ob ein Mensch spielte -- -- --« - -»Was redest du da. Wo warst du? Im Saal drinnen? Erzähl ordentlich.« - -»Hinter dem Vorhang auf der Bühne steckte ich. Die Frau, bei der ich -bin« -- der Junge schüttelte sich -- »ist Garderobefrau, der Mann hat -auch eine Anstellung da. Ich habe schon viele Musik gehört. Gestern -hatten sie mich so geschlagen, weil ich den Herrn geigen hören wollte, -daß ich mich nur noch hinter den Vorhang stecken konnte; ich meinte, -ich müßte sterben. Und als der Herr geigte, glaubte ich, ich wär’ tot, -und es wär’ schon ein Engel -- -- --« - -Die Umstehenden sahen sich an. - -Das war eine andere Sprache, als die gewohnten Huldigungen, die man -dem begnadeten Künstler darbrachte, und dabei dies selbstvergessene -Anschauen -- - -»Sprich weiter.« - -»Dann wurde ich ohnmächtig, denn man fand mich, und dann wurde ich -wieder geschlagen -- es ist immer so -- aber ich _mußte_ Sie noch -einmal sehen.« - -»Du liebst die Musik sehr, Fritz Bach?« - -»Ohhh!« - -Nun lächelten doch die Umstehenden, der Ausruf kam zu rasch und -urwüchsig heraus. - -»Spielst du selbst?« - -Der Junge nickte. - -»Was kannst du?« - -»Alles!!!« - -Nun lachte Malcroix -- und das war auch schon Musik, es war sein altes -liebes Knabenlachen. - -»Sieh, mein Junge, -- das ist mehr, als irgend ein Mensch von sich -sagen kann. Aber wenn du _Bach_ heißt, ist’s ja nicht so verwunderlich. -Bei wem hast du gelernt?« - -»Ich kann’s von mir selbst.« - -»Hm.« Malcroix winkte seinen getreuen Brennstoff zu sich heran und -raunte ihm etwas zu, worauf der alte Organist hinauseilte. Nicht lange -darauf kam er mit Bertolds Geige wieder, die er ihm reichte. - -Jetzt kam Leben in die Versammlung, ein lautloses, rasches, freudiges -Verständigen, ein Zuraunen: »er wird spielen«; ein sachtes Hinsetzen -und gespanntes Lauschen. - -Der Künstler stimmte leicht, dann führte er den Knaben zu seinem -eigenen bekränzten Sessel und drückte ihn sacht hinein. Malcroix setzte -die Geige an -- -- - -Es war wohl ein erlesenes Programm heute abend gewesen und alle alten -und neuen Meister hatten dem genialen Künstler ihre Stimmen verliehen, -um mit ihnen die Zuhörer zu packen und hinzureißen, aber was Malcroix -jetzt den Lauschern gab, das war mehr. - -Sie saßen alle weltentrückt und Malcroix war es selbst. Der arme Junge -in der schmutzigen, zerlumpten Kleidung, der im bekränzten Sessel -kauerte, duckte sich immer mehr und kroch ganz in sich zusammen. - -Denn der Reichtum war zu mächtig, der sich da auf ihn niederließ, und -sein kleines, verzagtes, verstörtes Herz konnte ihn nicht bergen. - -»_Fahr wohl, du goldne Sonne!_« - -Aber die Sonne ging nicht fort, sie schritt im Gegenteil golden und -groß in den Saal hinein. Alle ihre Strahlen verfingen sich in die -braune Amati und der Künstler webte aus ihnen ein goldenes Netz, das -alle umspann. -- - -Die Augen hingen an dem Geiger. - -Was er ihnen sagte, war gewaltig. - -Eine Predigt hielt die Geige, wie sie wuchtiger kaum je vernommen ward. --- Mußte man wirklich einen solchen Dornenweg des Entsagens gehen, wenn -man zu dieser Höhe klimmen wollte? - -Denn jene unter den Zuhörern, welchen Frau Musika zur Seherin wurde, -tief Verschlossenes offenbarend, sie fühlten jetzt mit dem Künstler -den Segen des Leides. Sie schritten mit ihm durch Höhen und Tiefen -und sahen mit leidgeschärften Augen, daß blumenumstandene Wege sich -in Sümpfe verirren und nur ein schmaler, rauher und einsamer Weg -hinaufführt ins lichte Kinderland, ins Hochland. - -Dann war der letzte Ton verklungen, aber es blieb still im Saal. Nach -einem Weilchen hörte man ein wildes, wehes Weinen -- Fritz Bach sprang -auf, schob ungestüm seinen Sessel zurück und umklammerte den Arm des -Künstlers. - -»_Nichts_ kann ich, _nichts_!« stöhnte er und lief hinaus, quer durch -den ganzen Saal mit den vielen fremden Leuten, ohne Gruß, ohne Dank. - -»Den hole ich mir wieder,« sagte Bertold sinnend. - -Er schlug das seidene Tuch um die Amati und legte sie wieder in -Brennstoffs Hände. Dieser sah besorgt in Bertolds Antlitz. Es war -tiefblaß und nur die rote Narbe quer über der Stirn brannte wie ein -feuriges Mal. - -»Nur einmal gar nicht mehr an andere denken,« meinte der Organist, -»ganz und völlig ausruhen, nicht wahr, Meister Bertold?« Es klang, als -spräche eine gute, alte Mutter mit ihrem Sohne. -- - -»Gewiß, mein Alter, -- sei ganz ohne Sorgen.« - -»Schmerzt die Narbe wieder?« fragte nun auch leise Rektor Tüllen. -- - -»Was soll ich’s hehlen? Ja, sie rumort etwas. --« - -Die Umstehenden merkten kaum das Flüstern der drei. -- - -Nun der Bann des Schweigens gebrochen, waren sie alle völlig bei dem -seltenen Genuß, den sie eben gehabt. -- Sie redeten und gestikulierten -heftig, sie legten die Sonde der Kritik an einzelne Stellen, und -gegensätzliche Meinungen prallten hart aneinander. - -Als man den Künstler zum Schiedsrichter nehmen wollte, war er mit den -beiden Getreuen verschwunden. - -Die letzteren schritten durch die Nacht, glückselig wie zwei Kinder -über den wunderbaren Verlauf des Konzertes in Berlin, und auch darüber, -daß das Ausland wieder hinter ihnen lag. Sie hätten sich ja nie dazu -entschließen können, ihren jungen Meister Bertold allein ziehen zu -lassen, -- aber die Heimat übte ihre uralte Macht, und die Heimat war -auch den beiden nicht mehr nur Schwarzhausen, sondern Deutschland. -Und morgen, -- morgen wollten alle drei nach Bayreuth -- sie wollten -Parsifal hören, zum ersten oder zum wievielten Male, sie wußten es nie -zu sagen. - -Es war ihnen ein Gottesdienst, den sie nie versäumten, wenn er sich -ihnen bot. -- - -Bertold Malcroix schritt durch den stillen Tiergarten, rasch und weit -ausschreitend. - -Es ging schon stark auf Mitternacht, aber er wußte, daß er in dem -kleinen, verschwiegenen Gartenhaus immer willkommen war, und daß die -einsame Bewohnerin noch weniger Schlaf brauchte, als er selbst. - -Etwas Starkes, Seltsames bewegte ihn heute. - -Nicht der Künstlerstolz über den brausenden Erfolg des Abends, -auch nicht der Gedanke, daß er heute wieder das Steuer eines -Lebensschiffleins geworden war, denn daß er Fritz Bach die Mittel zu -einem ernsten Studium gewährte, stand bei ihm fest. - -Es war etwas anderes. Er hatte eine Erscheinung gehabt, ein Erlebnis, -das ihn nicht losließ, und das er heute abend in Vergessenheit hatte -bringen wollen bei sich selbst. -- - -Er, Bertold Malcroix, der nie einen Menschen vom andern im gefüllten -Saale unterschied, er, dessen Sehen im Fühlen unterging, sobald er die -Geige im Arm hielt, er hatte heute abend diese seltsame Erscheinung. - -Im Adagio von Beethoven war sie auf ihn zugetreten und hatte ihn mit -Augen der Erinnerung angeschaut. - -Und sie war nicht leblos, trotzdem das schwarze Gewand der Trauer sie -umschloß, sie atmete und schaute aus stahlblauen, ernsten Sternen auf -seine Geige. Nur auf diese, nicht auf den Mann. - -So jäh war sein Erschrecken und das wunderlich süße Entzücken gewesen, -als er sie sah, daß er im Spiel ganz leise stockte, und da war auch -über das süße Gesicht der Liselotte ein Rot des Erschreckens gegangen. - -Jetzt quälte er sich mit dem Gedanken an ihr Aussehen, an ihr -verändertes, blasses, ernstes Gesicht, aus dem jedes Schelmenlachen -gewichen war. - -Kleine Liselotte, dachtest du dir das Leben einfacher? - -Du warst so für die Sonne geschaffen, gab es dir Schatten? Zu viel -Schatten? -- - -An diesem Abend hatte er nur für die junge, mädchenhafte Frau -gespielt, die so düster in dem tiefen Schwarz unter all den strahlend -geschmückten Menschen gesessen. Für ihre Augen hatte er gespielt, die -einst so lachen konnten, für die schlanken Hände, die gefaltet in ihrem -Schoß lagen, für den Heiligenschein, der in Gestalt von flimmernden -Löckchen das liebe Gesicht umgab, für die _Seele_ der kleinen Liselotte -Windemuth. Damit versank für ihn der große, helle Saal und alle -Menschen dazu, und das stille Grasgärtchen des Rektors Tüllen stieg auf -aus der Erinnerung. Nichts war auf dem Inselchen vorhanden, als die -kleine Liselotte und er. - -So kam es, daß seine Geige heute jubelte und weinte und so inbrünstig -warb um die Vergangenheit. Die reiche, volle Tonflut der braunen Amati -wollte die Kluft ausfüllen, welche acht Jahre gerissen, wollte einen -neuen Weg schaffen zur Heimat und zum Herzen der Jugendgespielin. - -Jeder Akkord, jeder Klang, jedes leise Schwingen der Saiten sprach zu -ihr und fragte sie und klagte mit jeder Frage sich selbst an: »Kleiner -Kamerad, warum blieben wir nicht zusammen? Meine Liselotte, warum ließ -ich dich mit einem andern ziehn? Du erfahrenes Mütterchen von Puppe -Emmy, warum verstandest du an deinem Konfirmationstage den großen, -unbeholfenen Jungen nicht, dem die Liebe zu dir über Kopf und Kragen -schlug?« - -Und gerade bei dieser eindringlichen Frage, welche die Geige an das -Herz der blassen, jungen Frau tat, war eine Störung im Konzertsaal -entstanden und Bertold hatte gesehen, wie Liselotte aufstand und den -Saal verließ. - -Wo war sie jetzt? Wie sollte er sie finden in dem großen, weiten Berlin? - -Unter all diesen drängenden Erinnerungen war Bertold Malcroix an das -kleine versteckte Gartenhaus gekommen, das sich efeuumsponnen seltsam -verwunschen in der Großstadt mit ihren ragenden Prachtbauten ausnahm. -Bertold schloß die Gartenpforte auf, die sich lautlos in den Angeln -drehte, und schritt den hellen Kiesweg entlang nach dem Häuschen hin, -dessen Fenster erleuchtet waren. - -Noch ehe er die Glocke zog, öffnete sich die Haustür. - -Frau Thereschen Teichmann stand knixend auf der Schwelle. - -»Wie geht es der Kranken?« fragte der Ankommende, »hat sie sehr auf -mich gewartet?« - -»_Sehr!_ Sie ist aufgestanden und behauptet, ganz frisch zu sein. Denn -es ist ein Eilbrief gekommen und sie will heim.« - -»Heim? Es ist wohl nicht möglich!« - -Bertold hatte rasch Hut und Mantel abgelegt und klopfte nun leise -an die Tür des nächstliegenden Zimmers, deren Klinke er sacht -herunterdrückte. - -Und dann hielt der Hüne in den Armen ein feines, kleines, graues -Persönchen und Tante Adelgundes verstaubtes Stimmlein schalt mit ihm. - -»Du Langbleiber, du launischer Künstlerbub! Vergißt du mich ganz?« - -Und als er besorgt nach ihrem Befinden fragte, wies sie ihn herrisch -zurecht. - -»Ich bin gesund, und ich will reisen. Bertold, wir müssen beide heim.« - -Sie hielt ihm einen großen Brief hin und Bertold sah, wie ihre -runzligen Hände zitterten. Und er selbst war blaß, nachdem er ihn -gelesen; er mußte sich in einen der tiefen Sessel setzen. - -Das alte, heisere Stimmlein schalt weiter. - -»Gelt, das ist nun doch was anderes und Schwereres, sich zu -entscheiden, wo deine Pflicht liegt, dummer Bub? Hier der Ruhm und die -Welt, dort die verhaßte Arbeit.« - -»Die Arbeit war mir nie verhaßt, Tante Adelgunde,« murmelte Bertold. - -»Ach, -- versteh mich doch recht, ich versteh’ dich ja auch. Hier -liebt und vergöttert dich alles und in dem fernsten Auslandsnest -bist du heimischer als in Schwarzhausen. Dort wartet schwere, -verantwortungsvolle Arbeit auf dich und ein verbitterter Greis, der -jetzt -- -- --« - -Das verwitterte Stimmchen schlug um und Bertold trat zu dem uralten -Dämchen und umarmte es zärtlich. »Wann mag der Schlaganfall gekommen -sein, Tante Adelgunde?« - -»Gott mag’s wissen. Der alte Prokurist schreibt ja nichts drüber, aber -du liest ja, daß der Großvater dringend nach dir verlangt -- -- --« - -»In einer Stunde geht der Nachtzug, -- ich reise, Tante Adelgunde. Du -kommst morgen nach mit Brennstoff und Tüllen und Frau Teichmann. Wirst -du die Fahrt ertragen können?« - -Da richtete sich das zusammengesunkene Körperchen auf. »Du fragst, wie -dumme Buben fragen.« Das Stimmlein war jetzt fest und ernst. »Wenn man -sich mit neunzig Jahren noch auf die Wanderschaft begibt, wie ich vor -acht Jahren, dann muß etwas Großes, -- das Größeste uns treiben: die -_Liebe_, du dummer Bertold Eik. Ich allein hatte dich lieb und ich -wußte, daß man einen Eik nicht mit dem Haß und der Menschenverachtung -in die Welt hinaus lassen darf. Aber nun hat dich deine Geige die -Menschenliebe gelehrt und du brauchst mich nicht mehr. Bald bin ich -hundert Jahr -- -- ich möchte in der _Heimat_ sterben.« -- -- - - * * * * * - -Das alte Windemuthhaus hatte lange einsam gestanden. - -Man wunderte sich in Schwarzhausen darüber, denn man hatte eine -ausgeprägt praktische Veranlagung. - -Das Grundstück mit dem schönen, geräumigen Wohnhaus und dem großen Park -hatte hohen Wert, und mancher Schwarzhausener Bürger suchte es an sich -zu bringen, aber ohne Erfolg. - -Man sagte, die verwitwete Frau Oberleutnant von Windemuth wolle mit -ihrem einzigen Kinde nach Schwarzhausen ziehen, um das Grab des Vaters -pflegen zu können. - -Aber es geschah nichts dergleichen, und die Einwohner der Stadt und -Umwohner des Windemuthschen Grundstückes gewöhnten sich schließlich -an die zugezogenen Fenster und freuten sich, daß der große Garten dem -Stadtgärtner übergeben war, der ihn sorglich pflegte. - -Durch das Ereignis der Übersiedlung des berühmten Malcroix nach -Schwarzhausen wurde das Interesse für die Windemuths in den Hintergrund -gedrängt. - -Man konnte sich zuerst gar nicht darein finden, daß der verachtete -Name mit einem Male so hoch in Ehren stand, daß viele Fremde nach -Schwarzhausen kamen und die Unbequemlichkeit des Reisens auf der -Nebenlinie und Klingelbahn nicht scheuten, nur um die Heimat des großen -Geigers zu besuchen. -- - -Und nun, da der Sohn den befleckten Namen des Vaters wieder ehrlich -gemacht, also daß jeder mit abgezogenem Hute davor stand, nun führte -Bertold wieder den Namen »Eik von Eichen«. -- Er war und blieb -eben »närrsch« und für die Schwarzhausener unverständlich. Und -unverständlich blieb ihnen lange Zeit der ungeheure Aufschwung, den der -Betrieb der Fabriken nahm, -- es war doch unmöglich, daß der »Musikant« -sich solche Fach- und Sachkenntnis angeeignet hatte, die den Erfolg -bedingten. - -Bertold Eik schritt durch alle Neugierde, allen Spott und einen guten -Teil Nichtachtung, die sich trotz der acht Jahre gut erhalten hatte, -mit eherner Stirn hindurch. - -Der alte Herr von Eik hatte sich wieder erholt, aber er überließ dem -Enkel die volle Verwaltung aller Geschäfte, und dieser ehrte den -Großvater als Senior und holte seinen Rat ein, kehrte jedoch mit -eisernem Besen jeglichen zopfigen Schlendrian aus. Das schaffte ihm -einige neue Feinde zu den vielen alten, aber es verschaffte ihm auch -treue Anerkennung und der Erfolg war auf seiner Seite. - -Der Eichenborn blieb geheimnisvoll, weil niemand gebeten wurde, ihn von -innen zu besehen; man munkelte von Lebenspülverchen, die darin nach -einem Teufelsrezept verfertigt würden und zu tausendjährigem Dasein -berechtigten. Irgendwo mußte ja immer noch die Tante Adelgunde leben, -die man nie mehr sah; und doch brachte man nicht die Hundertjährige mit -der geheimnisvollen Person in Verbindung, welche Bertold mit auf Reisen -nahm und durch Heben und Tragen vor jeder unsanften Berührung schützte. - -Es war doch weit interessanter, vom »schlechten Kerl« zu sprechen und -sich alle seine schlimmen Taten ins Gedächtnis zurückzurufen, als in -dem Herrn von Eichenborn einen ruhigen, arbeitsamen Staatsbürger zu -sehen. - -Der Eichenborn blieb geheimnisvoll, weil das langgestreckte, -düstere Haus niemals Gäste sah, niemals Fremde hineinließ. Und weil -Dienstbotenklatsch keinen Nährboden hatte, denn die Schar der Dienenden -im Eichenborn war altbewährt und wurde im Todesfall immer nur durch -erprobte und empfohlene Verwandte des Verstorbenen ersetzt. - -Die neue Zeit schritt rings um den Eichenborn und Bertold Eik ~junior~ -tat ihr weit die Pforten der Fabrikräume auf und setzte sie auf den -Ehrenplatz. -- Was zum Wohle der Arbeiter geschehen konnte, das -wurde in den Eikschen Fabriken eingeführt; alle neuen Erfindungen -im Betriebe der Schutzeinrichtungen fanden einen warmen, tätigen -Förderer in dem jungen Besitzer. Aber die neue Zeit kam nicht nach -dem Eichenborn selbst; sie mußte Halt machen vor dem mächtigen -schmiedeeisernen Portal, das jeden Abend mit wuchtigem Schlüssel -verwahrt wurde, und sie durfte sich nicht einmal erlauben, den uralten -Klopfer durch den kleinen, weißen, elektrischen Knopf zu ersetzen. - -Der Fürst des Landes war durch Schwarzhausen gereist und hatte dem -Städtchen dadurch ungeheure Kosten, Mühe und Aufregung bereitet. Und -wenn wirklich, wie man sagt, der Grad der Kultur eines Volkes nach dem -Verbrauch der Seife abgemessen wird, so stand Schwarzhausen durchaus -auf der Höhe. - -Aber der Fürst fuhr mit dem ernstesten Gesicht durch all die -Reinlichkeit und Kultur, selbst der Anblick der jungen und alten -Ehrenjungfrauen vermochte sein Antlitz nicht zu erhellen, trotzdem die -alten schon seinen Vater und Großvater begrüßt hatten. - -Ohne Aufenthalt begab er sich nach den Eikschen Fabriken, wo er -alles auf das eingehendste besichtigte. Und der Abend fand den -Landesherrn nicht auf dem Honoratiorenball in der Thüringertanne, wo -verschiedene Hände und Knopflöcher bereit waren, Segen zu empfangen, -sondern er fand ihn im Gartenhause des Parkes Eichenborn, und das -Gesellschaftstempelchen sah zum erstenmal wieder fürstliche Gäste, wie -in längst vergangenen Glanztagen. - -Schwarzhausen hatte Ursache, wieder den Kopf zu schütteln. Denn der -als streng moralisch bekannte Fürst machte auch der geheimnisvollen -Liebsten des jungen Bertold seinen ehrenden Besuch, ja er nahm sogar -das »Pfand der Liebe«, die Frucht des unerhörten, lichtscheuen -Verhältnisses mit nach der Residenz, damit die musikalische Ausbildung -durch berühmte Hände erfolge. - -Die neue Schwarzhausener »Schmach«, welche Bertold Eik den -sittenstrengen Mitbürgern angetan hatte, war ein vierzehnjähriger -Knabe, der in Eichenborn vom Rektor Tüllen unterrichtet wurde, wie denn -überhaupt Tüllen und Brennstoff auf Wunsch der Eiks sich dauernd in -Eichenborn niederließen. - -Der »Sohn« von Bertold Eik ~junior~ wurde Fritz Bach genannt, und -trotzdem sich der Fürst zu der unerhörten Heimlichkeit hergab, die sich -im Gartenhause des Eikschen Parkes abspielte, und trotzdem überall -wachthabende Eichenborner Garde auf Posten gestellt war, hatte doch -ein Schwarzhausener Schlingel Gelegenheit, sich in einem Tannenwipfel -einzunisten; er erzählte dem atemlos lauschenden Städtchen, daß der -Fürst neben »_der_« gesessen. Er habe ihr sogar eigenhändig einen -Schemel gebracht. Bertold Eik ~junior~ habe Geige gespielt, worauf der -Fürst ihn _umarmt und geküßt habe_. Das gleiche habe darauf plötzlich -»Fritz Bach« getan und Bertold Eik habe darüber herzhaft gelacht, -worauf der Fürst laut und deutlich gesagt habe: »Mein lieber Eik, auch -ohne Ihr Geigenspiel, schon durch Ihr Lachen allein wären Sie der -musikalischste Mensch unter der Sonne!« - -Man konnte sich nur denken, daß der Fürst schon »alt« wurde und deshalb -solche -- (mit tiefem Bückling wurde es gesagt) -- _Ungereimtheiten_ -vorbrachte. -- Außerdem hatten sich Durchlaucht ja nie die Mühe -gegeben, sich zu überzeugen, wie seine übrigen Landeskinder lachten, -so z. B. ganz besonders laut die Tochter des Bürgermeisters, wenn sie -keinen Heuschnupfen hatte. - -Irgend einen Haken besaß natürlich die ganze Geschichte; denn trotzdem -der Fürst öfters »unerhört gemütlich« zu den Eiks kam und Bertold Eik -~junior~ der Lieblingsgast des fürstlichen Residenzschlosses wurde, -nannte sich noch niemand der Eiks »Kommerzienrat« und nicht die -geringste Ordensdekoration wurde von ihnen getragen. -- - -Es war gut, daß das Schicksal dem Städtchen Ersatz gab und es -an einem anderen Schwarzhauser Kinde Freude erleben ließ. Das -war die Frau Liselotte von Windemuth, die nun als junge, ehrbare -Witwe des Oberleutnants in ihr Vaterhaus eingezogen war. Daß die -achtundzwanzigjährige Frau keinen Verkehr suchte, sondern nur der -Erziehung ihres Töchterchens lebte, daß sie weder Kaffees, noch -Abendgesellschaften mitmachte, sondern sich der Pflege der Musik -hingab, war freilich nicht nachahmenswert, aber sie war ja ein Mensch -und Fehler haben _die_ alle. Die Schwarzhausener rechneten sich selbst -nicht eigentlich in die Kategorie des ~homo sapiens Linné~, sie waren -eben etwas Besonderes, waren »Fürstlich Schwarzhausensch«. - -Frau von Windemuth hätte wohl eigentlich bei ihrer Jugend noch nicht so -allein leben sollen, aber sie war nicht zu bewegen, der verstorbenen -Base Juliane eine würdige Nachfolgerin zu geben, und setzte allen -Anzapfungen dieser Art ein Lächeln entgegen, von dem man nicht recht -wußte, ob man es lieblich oder spöttisch nennen dürfe. - -Wunderschön war jedenfalls die junge Witwe, und um einen Blick aus den -stahlblauen Augen zu erhaschen, ging, fuhr und ritt die Schwarzhausener -Männlichkeit mit besonderer Vorliebe durch die Straße, wo sie wohnte, -und der Verkehr in diesem Stadtteil hob sich, ohne daß Frau Liselotte -selbst eine Ahnung hatte. Einige hochangesehene, ernsthafte Bewerber -waren über die Schwelle des Windemuthhauses geschritten, aber die -junge Frau zeigte keine Bereitwilligkeit, ihr eigenes Ansehen und ihre -Ernsthaftigkeit zu teilen. -- - -So mußte man sich damit begnügen, manchmal beim Sonnenuntergang vor dem -Zaun des parkartigen, dicht verwachsenen Gartens zu stehen und nach dem -geöffneten Fenster des ersten Stockwerkes zu spähen, »bis die Liebliche -sich zeigte«. - -Aber sie zeigte sich nie. - -Nur die wunderbar weiche Altstimme drang zu den Lauschenden, ein Klang -wie aus anderen Welten: »Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit klingt -ein Lied mir immerdar -- -- --« - - * * * * * - -Das kleine sechsjährige Wesen, das man im Windemuthsgarten spielen -sah, hatte den Unternehmungsgeist der Mutter geerbt. Es stieg über den -Windemuthzaun in Nachbargärten und sprach mit den Inhabern wie ein -alter Verstandskasten. Es lernte stundenweise ernsthaft sein Abc und -teilte ein Herzchen voll Liebe mit Blumen, Vögeln, Puppen, Mutti und -dem lieben Gott. - -Stahlblaue Augen schauten aus rosigem Gesicht lachend und zeitweise -wiederum ernsthaft prüfend. Flimmernde Goldlöckchen umrahmten eine -feine Stirn und unter dem geraden Näschen plauderte ein nicht -allzukleiner Mund mit Mausezähnchen und etlichen Zahnlücken. -- - -Die Puppen des quecksilbrigen Wesens liebten weite, gefährliche -Spazierfahrten in der »Kajüte«, wie der uralte Puppenwagen genannt -wurde; und manche hatte schon ihr Dasein eingebüßt bei den verwegenen -Ausflügen und lag begraben im Garten. Etliche waren Krüppel für -Lebenszeit und dadurch ganz besonders verhätschelte Lieblinge. - -Frau Liselotte erlaubte ihrem Kinde Selbständigkeit. - -Automobile und elektrische Bahnen gab es nicht in Schwarzhausen; -kläffenden, knurrenden Hunden trat das kleine Mädchen furchtlos -entgegen und der Begriff des Bösen und Schlechten ging ihm überhaupt -ab, so daß es mürrische und garstige Leute einfach fragte: »Was fehlt -dir?« - -Vor dem lauschigen, verwachsenen Eingang zum Eichenborn, darinnen die -Quelle murmelte, war die Kleine wohl manchmal mit ihrem Puppenwagen -stehen geblieben und hatte in das tiefe Grün des Parkes hineingestaunt. -Denn es erbte die Eigenart der Mutter, allüberall Melodien zu hören, -und im Eichenborn schienen wundersüße Klänge in der Luft zu hängen. -Aus der Quelle tönten sie, aus dem Gründickicht quollen sie hervor -und dort unten, wo sich das silberne Band der wilden Gera schlängelte -und das dunkle Gartenhaus stand, schienen sich die Weisen zu einer -geheimnisvollen Symphonie zu verdichten. -- - -Schon oft wollte das kleine Persönchen all dieses näher ergründen, aber -»Mutti« hatte es immer vor dem Eichenborn besonders eilig gehabt und -das Kind rasch vorbeigeführt. - -So lebte in der Kleinen das unbewußte Gefühl, daß der Eichenborn -verbotenes Gebiet sei. - -Wenn aber das Schicksal es gerade vor dem Eichenborn erlaubte, daß die -Lieblingspuppe heftiges Nasenbluten bekam und abgewaschen werden mußte, -dann konnte man natürlich ohne Bedenken hineingehen, und ebenso mußte -es jedermann als berechtigt ansehen, daß man die Schwerleidende nach -dem Abwaschen noch ein wenig in dem stillen Parke umherfuhr. - -Also die kleine Diplomatin. - -Sie schritt mit Trippelschrittchen den Melodien nach und machte mit -erhobenem Zeigefinger ihre zwei Puppen auf die immer lauter werdenden -Klänge aufmerksam. Vor dem Gartenhause hob sie unter Ächzen und Seufzen -den schweren Puppenwagen über die Schwelle und schob ihn und sich -selbst durch die Tür in die große, altväterisch möblierte Diele. Da saß -ein steinaltes Mütterchen am Spinnrade. - -»Um Verzeihung --« begann die Kleine mit tiefem Knix, »sind Sie -vielleicht Frau Holle?« - -Sie nannte sonst noch alle Menschen »du«, aber bei Personen aus dem -Märchenlande mußte eine höfliche Ausnahme gemacht werden. - -»Komm her zu mir,« rief ein verstaubtes, heiseres Stimmchen, aber die -Kleine wehrte ab. »Danke, danke, ich muß rasch zu Mutti, aber vorher -möchte ich ›das da‹ sehen.« - -Ohne Zögern klinkte sie das Nebengemach auf, und »das da« stand vor ihr -und starrte mit Schrecken und Entzücken in das liebe Kindergesicht. - -»Liselotte!« rief der große dunkle Mann, der die Geige im Arm hielt, -aus welcher die märchenhaften Klänge gekommen waren. - -Ein grauer Papagei, der im Bauer am Fenster saß, fing plötzlich an, -sich wild und heftig im Ringe zu schaukeln. - -»Liselotte! Bertold!« krächzte er. - -Die Kleine erschrak und machte einen tiefen Knix. - -»Woher weiß er es?« fragte sie neugierig und schmiegte sich an den Mann. - -»Was meinst du, du liebes Kind? Heißt du nicht Liselotte?« - -Bertold Eiks Hand strich sacht und zärtlich über das blonde Gelock. - -»Nein, ich heiße Elfi. Aber die beiden hier.« - -Sie schlug die Wagendecke zurück und hob zwei Puppenkinder hoch, das -eine im Steckkissen mit verbundener Nase, das andere in schwarzen -Samthöschen: »Liselotte und Bertold«. - -»Liselotte! Bertold!« schrie der Papagei. - -»Siehst du, er weiß es,« triumphierte Elfi, »woher weiß er es?« - -»Das war immer so,« murmelte der große Mann, dann legte er mit raschem -Griff die Geige in den Kasten, hob die federleichte Elfi hoch, was die -Kleine zu jubelndem Lachen veranlaßte, und drückte sie stürmisch an -seine Brust. - -»Du hast mich wohl lieb?« fragte sie erstaunt-zutraulich, und ihre -Ärmchen legten sich weich und herzlich um seinen Hals. - -Dann zog sie ein verknülltes, nasses Taschentüchlein, mit dem -sie vorhin die Puppe abgewaschen, aus dem perlengestickten -Margaretentäschchen und wischte damit dem fremden Mann über das Gesicht. - -Denn er hatte Wasser in den Augen und immer mehr Tränen kamen noch, -trotzdem ihm die Elfi so mütterlich-zärtlich zusprach, genau so, wie -es ihre eigene Mutti bei ihr selbst tat: »Nicht weinen, -- nicht doch --- es ist ja gar kein Grund da!« - -Plötzlich lachte er herzlich und glücklich, was sehr hübsch klang, und -sie durfte mit ihren kleinen Fingerchen die Saiten der Geige zupfen und -nach Herzenslust mit ihrem neuen Freunde plaudern. Sie erzählte von -Mutti und vom Windemuthhaus und dem großen Garten, und daß Großvater -und Großmutter und auch der Papa im Himmel seien und daß Mutti oft -weine. - -Unglaublich rasch verflog die Zeit, denn der ernste Mann und das holde -Kind hatten sich gar so viel zu erzählen, und als endlich Elfi mit -dem Puppenwagen heimfuhr, lag zutiefst auf seinem Boden ein graues, -närrisches Bündel und Klein-Elfi und Bertold von Eik hatten ein -wundersüßes, großes Geheimnis miteinander. - - * * * * * - -Frau Liselotte schritt in ihrem Garten auf und ab; er war so dicht -verwachsen, daß er sie vor jedem Späherauge schützte, und das war -gut und verständig von seinen dichten Zweigen. Denn in den lieben -Garten des Vaterhauses trug Frau Liselotte viel heimlichen Kummer; -all die vertrauten Stellen darin kannten ihr Leid, wußten, wie schwer -sie an der Ehe mit Hans von Windemuth getragen hatte, und wie sie -geistig beinahe verhungert war an seiner Seite. Sie war auf Wunsch des -Arztes nach dem plötzlichen Tode des Gatten auf Reisen gegangen, aber -Mutterliebe trieb sie wieder, seßhaft zu werden, weil Klein-Elfi nicht -die Unruhe vertrug. Frau Liselotte hatte sich eine Villa im Tiergarten -gemietet, um ihre Stimme in Berlin noch weiter auszubilden, aber sie -litt unter dem Tanz um das goldene Kalb, der begann, als man erfuhr, -daß die schöne Gesangschülerin der Königlichen Hochschule reich und -frei war. - -Ernst und unnahbar wurde sie und -- einsam. - -Dann kam der Konzertabend in der Singakademie, an dem sie Bertold Eik -zum ersten Male wiedersah. - -Wiedersah als großen, unerreichten Künstler. - -Und das Kinderherz in ihr flog ihm entgegen und alles Trennende -schien zu versinken, aber sie hörte, daß er jäh die Künstlerlaufbahn -abgebrochen habe und die großen Besitzungen der Eiks übernehmen werde. -Sie hörte, daß seine schwere einstige Kopfwunde ihm immer noch zu -schaffen machte, und man verhehlte ihr nicht die häßlichen Einzelheiten -ihrer Entstehung. - -Auch seine geheimnisvolle Begleiterin sah sie und hörte von ihr, aber -nichts von alledem drang in das Stillste und Tiefste ihres Herzens, das -dem Jugendfreunde seit Urbeginn gehörte. - -Und als die Sehnsucht nach der Thüringer Heimat sie packte und -schüttelte, daß sie meinte in der fremden Großstadt verzagen zu müssen, -da ließ sie die Pforten ihres Vaterhauses öffnen, ließ Licht und Luft -und Sonne durch die unverhüllten Fenster einziehen und duckte sich mit -ihrem Kinde in das stille, sonnenwarme Nest. -- - -Heute an dem Sommernachmittag, der sich schon sacht mit dem -Abend grüßte, wartete Frau Liselotte auf Elfi, die ihren -Gesundheitsspaziergang mit den Puppen etwas gar zu lange ausdehnte, so -daß die Mutter schon ein paarmal in Sorge über den Gartenzaun gelugt -hatte. - -Nun setzte sie sich in die Geisblattlaube und die sonst immer fleißigen -Hände, die am liebsten jedes Stück, dessen der Liebling bedurfte, -selbst nähten, lagen gefaltet auf der kühlen Platte des alten -Steintisches. - -Allgemach kam ein süßes Träumen über sie und der Kopf sank auf die -verschlungenen Hände. - -»Gewiß weint Mutti wieder,« meinte Elfi zu sich selbst, die ganz leise -durch das Gartenpförtchen über den weichen Rasen herangefahren war. Ein -glückliches Lachen überzog das Schelmengesicht und wechselte mit einem -rührend sorglichen Ausdruck. - -Was hatte der große, gute Herr im Eichenborn ihr zugeflüstert? - -»Wenn deine Mutti wieder weint, dann leg ihr dies Bündelchen in den -Schoß; gib acht, sie wird dann froh.« -- -- - -Und Elfis Herzchen pochte in Erwartung, das graue Bündel wanderte aus -dem Puppenwagen auf den alten Steintisch und berührte die gefalteten -Hände der Ruhenden. Langsam und verträumt hob Frau Liselotte den -blonden Kopf und kichernd schlüpfte Klein-Elfi, sich versteckend, -hinter einen dichten Fliederbusch. - -Von dort aus sah sie, daß Mutti gar nicht geweint, vielleicht nur ein -wenig geschlafen hatte, aber nun lag der Trost doch einmal neben ihr -und -- -- -- - - * * * * * - -O was hatte Elfi da angerichtet! - -Sie sah, wie das Bündel mit stürmischen Küssen bedeckt wurde, wieder -und immer wieder, und die Mutti rief einen Namen dabei, den Elfi nicht -verstand; was sie aber wohl verstand, war, daß Mutti _nun_ weinte, -- -weinte, wie Elfi es nie gesehen, herzbrechend und bitterlich. -- - -Also hatte der Herr vom Eichenborn unrecht gehabt und sehr, sehr bös -gehandelt, daß er der Mutti solchen Kummer mit dem greulichen Bündel -verursachte, und Elfi war sofort entschlossen, es ihm zu sagen, gleich -jetzt -- sofort. - -Die flinken Beinchen legten den kurzen Weg unglaublich rasch zurück und -Bertold von Eik war sehr erstaunt, seine kleine, neue Freundin sobald -schon wieder zu sehen. Der Plaudermund Elfis strömte über von raschen, -zornigen Vorwürfen und sie verhehlte ihm gar nichts von dem jähen Leid, -das über Mutti beim Anblick des grauen Bündels gekommen war. - -Noch viel zorniger aber wurde ihr Herzchen, als sie den großen Herrn -lachen sah, ganz strahlend und herzlich lachen, und sie wehrte sich mit -Händen und Fäustchen, als er sie stürmisch lieb haben wollte, und fing -nun selbst an, kläglich zu weinen. - -Da wurde er ernst und redete gute, liebe Worte und sie legte -vertrauensvoll ihre kleine Rechte in die seine und er ließ sich von ihr -leiten bis ins Windemuthhaus. - -Dort ließ sie aber die große Hand nicht los, sondern gemeinsam -schritten die beiden durch das Portal des Windemuthhauses und hinaus in -den Garten. - -Erst vor der Geisblattlaube löste sich Elfis Händchen aus der Hand des -Freundes, und sie stieß ihn ein wenig unsanft hinein. »Da!« sagte sie -nur -- - - * * * * * - -Und der große ernste Herr von Eichenborn mußte seine böse Tat wohl sehr -bereuen, denn er lag vor Mutti auf den Knien und küßte immer wieder -ihre beiden Hände und diese Hände legten sich auf seinen Kopf und -schlangen sich um seinen Hals und Mutti, die gute Mutti, schien ihm -auch verziehen zu haben, denn sie küßte ihn ja und sah unbeschreiblich -glückselig aus. - -Da umfing Klein-Elfi beide liebe Menschen mit ihren weichen Kinderarmen. - - * * * * * - -An Tante Adelgundes hundertstem Geburtstag führte Bertold Eik von -Eichen seine Liselotte heim. -- Eine hundertjährige Bürgerin hatte -Schwarzhausen seit seiner Begründung noch nicht aufzuweisen gehabt. -- - -Die Schwarzhausener waren sehr stolz. - -Nirgends in der Welt passierten so seltsame Dinge, wie in ihrem -Städtchen, und es hatte den Anschein, als ob der liebe Gott die -Schwarzhausener ganz besonders liebte und ehrte. - -Denn daß die liebe, gute Liselotte Windemuth, die so viel für die -Armen der Stadt tat, den Bertold Eik heiratete und damit den einzigen -schlechten Kerl, den Schwarzhausen aufzuweisen hatte, zur Besserung -vorbereitete, das wollten sie ihr nie vergessen, ja manchem dämmerte es -in seinem Pharisäerherzen, daß Herr Bertold Eik von Eichen es doch am -Ende verdiente, ein Schwarzhausener Bürger zu sein. - -Und mehr kann der Leser wohl von Schwarzhausen nicht verlangen. - - * * * * * - -»Du willst meinem Enkel das Glück bringen?« fragte Eik ~senior~ die -junge, blonde, schöne Frau. - -Es war am Abend ihres Hochzeitstages. - -»Ich will ihm die _Heimat_ geben,« antwortete Liselotte schlicht. - -Da schloß der alte grimme Eik sie in seine Arme, und er fühlte -seherisch, daß das heilige Feuer in diesen beiden Menschenkindern wohl -imstande sein würde, das Gold, welches im Eichenborn verborgen lag, von -allen Schlacken zu läutern. - -Vom Großvater fort schritten Bertold und Liselotte in Tante Adelgundes -Gemächer. - -Und das Geburtstagskind segnete sie und gab ihnen die silberbeschlagene -Bibel, aus der sie noch eben gelesen: »Und wenn ich mit Menschen- und -Engelszungen redete und hätte der _Liebe_ nicht, so wäre ich tönendes -Erz und klingende Schelle -- --« - -Denn sie ist die Größeste -- -- --! - -Fräulein Adelgunde blickte aus hellen Augen dem schönen Paare nach -- -es schritt Hand in Hand über den Hof des Herrenhauses und dann stand -es vom hellen Mondlicht beschienen im gegenüberliegenden Turmzimmer, -dem Brautgemach, von dem man weithin schauen konnte über die geliebten -Thüringer Berge. - -Ein Rauschen ging durch die Edeltannen, wie eine ernste Mahnung, und -ihr herbes Duften war wie stilles Grüßen in dieser heiligen Nacht. - -»_Heimat ist Glück_,« murmelte die Hundertjährige. - - - Ende. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Lange - Folgen von Gedankenstrichen wurden gekürzt. Die Darstellung der - Ellipsen wurde vereinheitlicht. Gedankensprünge wurden einheitlich - dargestellt. - - Korrekturen: - - S. 64: auf Jungen → auf ihren Jungen - sah bekümmert auf {ihren} Jungen - - S. 65: Eikens → Eichens - zerstörende Erbteil der Eik von {Eichens} - - S. 78: Vater doch → Vater hat doch - dein Vater {hat} doch auch - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE EIKS VON EICHEN *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. 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It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation's website -and official page at www.gutenberg.org/contact - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without -widespread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our website which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This website includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
