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-The Project Gutenberg eBook of Landesverein Sächsischer Heimatschutz
--- Mitteilungen Band X, Heft 7-9, by Landesverein Sächsischer
-Heimatschutz
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
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-using this eBook.
-
-Title: Landesverein Sächsischer Heimatschutz -- Mitteilungen Band X,
- Heft 7-9
- Monatsschrift für Heimatschutz und Denkmalpflege
-
-Author: Landesverein Sächsischer Heimatschutz
-
-Release Date: January 16, 2022 [eBook #67178]
-
-Language: German
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LANDESVEREIN SÄCHSISCHER
-HEIMATSCHUTZ -- MITTEILUNGEN BAND X, HEFT 7-9 ***
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- Anmerkungen zur Transkription
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- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder
- unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua
- gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so
- dargestellt=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
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-
- Landesverein Sächsischer
- Heimatschutz
-
- Dresden
-
- Mitteilungen
- Heft
- 7 bis 9
-
- Monatsschrift für Heimatschutz und Denkmalpflege
-
- Band X
-
- _Inhalt_: Das alte Land im jungen Lenz -- Wehrkirchen
- im Leipziger Land -- Es braucht nicht Stein zu sein
- -- Der »Steinerne Frosch« bei Miltitz -- In eigener
- Sache ein letztes Wort -- Der betende Berg -- Der
- unzufriedene Papierkorb -- Die Haustreiberei, eine
- aussterbende Heimarbeit in der südlichen Oberlausitz
- -- Die Schellente im Moritzburger Teichgebiet -- Das
- Triebelbachtal -- In Guteborn -- Löns als Jäger --
- Bücherbesprechungen -- Verschiedenes
-
- Einzelpreis dieses Heftes M. 5.--, Bezugspreis für einen
- Band (aus 12 Nummern bestehend) M. 15.--, für Behörden und
- Büchereien M. 10.--. Mitglieder erhalten die Mitteilungen
- kostenlos, _Mindest_jahresbeitrag M. 10.--
-
- Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24
-
- Postscheckkonto: Leipzig 13987, Dresden 15835
- Stadtgirokasse Dresden 610
-
- Dresden 1921
-
-
-
-
-An unsere verehrten Mitglieder und Freunde!
-
-
-Wir legen diesem Hefte die Zahlkarte zur Begleichung des
-Mitgliedsbeitrages für 1921 bei, sofern dies noch nicht geschehen
-ist. Der _Mindest_beitrag ist auf M. 10.-- für Einzelmitglieder, auf
-M. 40.-- für körperschaftliche Mitglieder festgesetzt. Diese Beträge
-decken noch nicht unsere Unkosten für unsere Veröffentlichungen und
-sind nur um deswillen so unzeitgemäß niedrig festgesetzt, um allen
-unseren Volksgenossen, auch den Minderbemittelten, sowie Schülern, die
-nur ein geringes Taschengeld haben, den Eintritt in die sächsische
-Heimatschutzbewegung zu ermöglichen.
-
-Wir geben jährlich zwölf Nummern unserer »Mitteilungen« in vier
-Heften heraus, die zusammen 270 Seiten mit weit über 100 Abbildungen
-aufweisen. Diese Veröffentlichungen einschließlich der zwanglos
-erscheinenden »Heimatschutz-Nachrichten« kosten uns heute unter
-Berücksichtigung der neuen Teuerungswelle selbst jährlich M. 20.--
-Dennoch kann keine sächsische Heimatzeitschrift in gleichem Umfange
-und in gleicher Ausstattung für einen solchen Preis _bei freier
-Postzustellung_ geschaffen werden.
-
- An alle unsere Mitglieder richten wir die herzliche Bitte, in
- Berücksichtigung des oben Gesagten
-
- _den Jahresbeitrag freiwillig zu erhöhen_
-
- und dadurch unserem Verein weiterhin das Dasein in der
- wirtschaftlich schweren Zeit zu erleichtern und unsere Kasse
- vor Fehlbeträgen zu schützen.
-
-=Auch an alle diejenigen, die ihre Beiträge bereits gezahlt haben,
-richten wir die Bitte, unsere Mittel durch einen weiteren freiwilligen
-Beitrag zu stärken.=
-
-Wir werden weiter für den Schutz der mit unserem Vaterlande
-unzertrennlich verbundenen Heimat und Natur eintreten; denn ohne
-unsere Flüsse und Seen, ohne unsere Täler und Berge, ohne unsere
-Ebenen, Wiesen und Felder, ohne unsere Tier- und Pflanzenwelt wäre
-unser Vaterland eben nicht unser geliebtes Sachsenland. Wir haben
-alle Ursache, gerade in der jetzigen Zeit alles zu tun, um unserem
-Vaterlande durch Erhaltung seiner Schönheiten, seiner Sitten und
-Gebräuche und seiner Lebewesen seine geschichtlich gewordene Eigenart
-zu bewahren und es damit als unsere wahre teure Heimat zu erhalten.
-
-Wir bitten alle unsere Mitglieder und Freunde herzlich, auch in dieser
-Zeit, die durch die neue Teuerungswelle für uns verschärft wird, treu
-zu uns zu stehen und uns nach Kräften zu helfen. Wir werden dieser
-Hilfe dankbar sein und den Landesverein Sächsischer Heimatschutz weiter
-ausbauen zu einer Volksbewegung, die alle Kreise umfassen und das
-köstlichste Gut, das wir besitzen: Unsere Heimat schützen soll.
-
- =Dresden=, im September 1921
-
- Landesverein Sächsischer Heimatschutz
-
-
-
-
- Band X, Heft 7/9 1921
-
-[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz
-
-Dresden]
-
-Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern durch den
-Vorstand herausgegeben
-
-Abgeschlossen am 1. Juli 1921
-
-
-
-
-Das alte Land im jungen Lenz
-
-Eine Osterfahrt in die Bergstädte des westlichen Erzgebirges
-
-Von _Gerhard Platz_, Weißer Hirsch
-
-
-Gerade blick’ ich mich ein wenig ratlos um in der Gegend, da springt
-hinterm Dornbusch ein Handweiser hervor, so ein guter alter weiß und
-grüner, mit fünf feierlich gespreizten Fingern. »Nach Schneeberg,« sagt
-er, »eine Wegstunde.«
-
-»Sei mir bedankt, alter Gesell, und laß dir die dürren Knöchel
-drücken, du kamst mir zupass! -- -- Ach so, kannst nicht herablangen
-zu mir und ich nicht hinauf zu dir -- nun, meinen Dank nimmst du
-auch so!« Und damit wandre ich fürbaß, bis auf der Kuppe droben die
-St. Wolfgangskirche emporragt über sonnenblitzenden Schieferdächern,
-gelehnt an den bewaldeten Gleesberg.
-
-Wie tut mir die Einsamkeit wohl. Stundenlang im Bahnwagen nichts gehört
-als Politik -- und was für welche! Du lieber Gott, wann wird einmal
-der Frieden einziehen in die deutschen Herzen? Und dabei ist heute
-Karfreitag -- die Stunde schon da, da der Herr ans Kreuz geschlagen
-ward. Leid tat mir’s nur um das Knäblein, das der hitzigste von den
-Politikern bei sich hatte. Immer wieder machte das den Versuch, dem
-Vater die Enten im Bach, die Narzissen im Garten, das Fohlen auf der
-Wiese zu zeigen. Nichts half’s ihm! Wie eine trübe Flut quoll der Haß
-aus dem Manne heraus. -- Ängstlich und verständnislos hingen des
-Kindes Augen an seinen Lippen, bis ich mich des Kleinen erbarmte und
-mich mit ihm um die Wette freute am jubelnden Lenzmorgen draußen. --
-
-Nun bin ich allein mit Lerche und Bergwind und freue mich dankbar jedes
-der ersten kleinen Frühlingsboten. Der Zitronenfalter, die Dotterblume,
-die grünen Grasspitzen dort -- jedes einzelne ein Bote der Liebe an
-unsre haßerfüllte Welt.
-
-Kuppe auf geht’s, Kuppe ab; über die Mulde und dann wieder eine
-Lehne hinan. Auf der letzten Höhe aber mache ich erst einmal Halt
-am sonnigen Feldrain. Der Rucksack tut sich auf und gibt die guten
-Dinge heraus, die daheim ihm anvertraut wurden. Brot, Wurst, die
-zwei Ostereier, eines rot, gelb das andere, liegen lieblich vereint
-auf dem Wettermantel, und dann kommt das Weidmesser heraus, das mich
-getreulich auch auf diese gänzlich unweidmännische Fahrt begleitet,
-und fährt hinein in all diese Pracht. -- Stark und sicher thront vor
-mir die Stadt Schneeberg auf ihrer Höhe; mit Freude versenkt sich der
-Blick in das kraftvolle Bild. -- Jetzt noch ein Trunk aus dem Bächlein,
-und vergnügt beschließe ich das Mahl, für das mir das deutsche
-Gärungsgewerbe freilich keine Anerkennungsurkunde ausstellen wird. Dann
-stehe ich am Fuße des Schneebergs, dessen Kirche immer riesenhafter
-herauskommt. Direkt in den weißblauen Himmel hinauf scheint der Turm
-mit seiner überraschend zierlichen Krönung zu wachsen. Schon beim
-Betreten der Stadt springen mir allerhand Spuren ihrer bergmännischen
-Vergangenheit ins Auge, und als ich nun sonnedurchglüht am Rande
-des weiten Wasserbeckens auf dem Fürstenplatz unterm Kastanienring
-raste, da macht sich der Geist der Vergangenheit auf, und ich muß ihm
-nachgehen, denn dann erst spricht die Heimat mit mir von Herzen zu Herz.
-
-[Illustration: Abb. 1 =Schneeberg, Gesamtansicht= (Phot. _Emil Maaß_,
-Schneeberg)]
-
-Schneeberg -- wie weit erscholl einst dein Ruhm hinaus in das deutsche
-Land! Wie warst du der Augapfel deiner Landesherren, der Stolz des
-sächsischen Volkes. Wer in deine Geschichte sich versenkt, vor
-dem steigt es abenteuerlich und wild empor. Ein Bergwall von fast
-unüberschreitbarer Wildnis; ein Urwald, drin Bär, Wolf und Luchs
-hausen, drin am vermorschten Eichstumpf der Jungbaum emporsteigt
-ans Licht, drin faulenden Holzes fahler Schimmer und des Irrlichtes
-tückisches Lämpchen den Wandrer erschrecken, düstert vor seinem Auge
-hinan. Mitten aber in dieser Wildnis schießt plötzlich ein Gemeinwesen
-empor mit einer Wucht und Schnelligkeit, die wir Menschen der Neuzeit
-nur mit der Entwicklung eines amerikanischen Goldgräberlagers
-vergleichen können.
-
-Ja, mit »reißender Gewalt« hebt sich der Bergbau im Jahre 1472, seitdem
-man zwei Jahre vorher fündig geworden. Zwickauer sind die ersten
-Gewerken, aber auch aus allen anderen Gegenden des Reiches strömen die
-Bergbaulustigen herbei, mancher Abenteurer darunter. Reich werden um
-jeden Preis ist die Parole. Genug solche sind auch dabei, denen das
-gewonnene Silber zwischen den Fingern zerrinnt; ein Prasserleben hebt
-an im Gefolge der Arbeit. Für Schwächlinge und Muttersöhnchen ist’s
-freilich nichts, das Leben im Berglager. Wen hier der graue Wächter,
-die scharfe Seitenwehr, nicht bewacht, um den ist’s übel bestellt.
-Überfälle auf Schmelzhütten und Zechen sind an der Tagesordnung. Vor
-jeder Grube stehen Geharnischte auf Posten.
-
-Aber bald beginnt das zuchtlose Toben und Treiben sich zu legen,
-gelenkt und gebändigt durch Obrigkeit und Bergrecht. Auch im Äußeren
-zeigt sich nun Ordnung und Norm. Die Zechen werden mit einer
-Einfriedigung versehen in Form eines hölzernen Schrankens um den
-ganzen Berg herum. Ist so ein Schutz vor Räubern in menschlicher und
-tierischer Gestalt geschaffen, so droht doch noch andauernd eine andere
-furchtbare Gefahr in Gestalt der rasenden Waldbrände. Einmal lodert
-der böhmische Wald vierzehn Tage lang ohne Aufhören gen Himmel. Aus
-den Holzschranken wird bald ein fester Wall von der Gestalt, »wie man
-ein Hertze pfleget zu mahlen«. Sechsundfünfzig Zechen allein liegen
-anno 1474 innerhalb der Umzäunung; mit denen, die draußen sind,
-hundertsechsundsiebzig an Zahl! Und all’ diese ungeheure Entfaltung im
-Laufe von fünf Jahren.
-
-Rückschläge bleiben nicht aus. Das Wasser vor allem macht den
-Bergleuten zu schaffen, denn die Gruben gehen gar bald sehr in die
-Tiefe. Aber schon 1477 blüht der Bergbau wieder empor. In diesem Jahre
-gibt der St. Georgschacht 4000 rheinische Gülden als Ausbeute auf
-einen Kux. Auf dieser Zeche ist’s, wo Albrecht der Beherzte am 23.
-April gleichen Jahres an einer Erzstufe von 400 Zentnern Gewicht, die
-fast ganz aus gediegenem Silber besteht, einen Imbiß einnimmt. Dieser
-Fürst besonders hält alle Hände über den Schneeberg. Woher sollt’ er
-die Mittel zu seinen zahlreichen Kriegszügen nehmen, wenn nicht aus
-den Gruben hier oben? Da kommt das Jahr 1490; eine Schreckenszeit
-für die junge Stadt. Fast alle Zechen müssen Schicht machen wegen
-des Wassers. Das Elend ist groß. In Scharen wandern die Knappen ab
-nach dem Schreckenberg, wo man eben fündig geworden ist, und wo St.
-Annenberg emporblüht. Die zurückbleibenden Häuer werden unzufrieden und
-schwierig. Gewalttaten gegen Bergmeister und Geschworene fallen vor,
-und 1496 ist er da, der erste Streik! Noch gelingt es, den friedlich
-zu schlichten, aber zwei Jahre darauf erfolgt der zweite Ausstand.
-Sogar die Häupter und die Jungen müssen mit ins verschanzte Lager der
-Bergleute auf dem Wolfsberg. In Kochstücke will man sie zerhauen, wenn
-sie nicht mittun.
-
-Aber von neuem bietet der Berg schier unerschöpfliche Schätze dar.
-Die Unzufriedenheit schwindet, der Häuerlohn berechtigt wieder zu
-Lebensgenuß und reichlichem Haushalt. »Ausbeut hat man auch geben --
-Auff St. Jörgen in Schneebergk zwahr -- Mehr denn dreißigtausend Gülden
--- Auff einen Kux fürwahr« rühmt der Bergreihen. Da fängt die Kunst an,
-sich dem Wohlstand zu verschwistern. Zunächst in unbeholfener Form,
-in der Gestalt von Volksfesten mit geistlichen Schauspielen, die alle
-sieben Jahre mit großer Pracht aufgeführt werden. Freiberg, die alte,
-die reiche, geht schon lange darin mit gutem Beispiel voran. Einmal
-führen dort die Knappen auf offnem Markt an den drei Pfingsttagen
-die biblische Urgeschichte auf, den Fall der Engel und die Schöpfung
-der Welt bis zur Austreibung aus dem Paradies. Gott Vater, Gabriel,
-Michael, Satan, Adam und Eva, sechs gutgeratene, sechs mißratene Söhne
-Adams sind die handelnden Personen. Herzog Georg mit seinem ganzen
-Hofstaat ist andächtiger Zuschauer. -- In Zwickau findet ein paar Jahre
-darauf eine Belustigung statt vor Johann dem Beständigen, deren Verlauf
-folgender ist:
-
-[Illustration: Abb. 2 =Schneeberg, Alte Polizeiwache und Hospitalkirche=
-
-(Phot. _Emil Maaß_, Schneeberg)]
-
-Zunächst wird aufgeführt die Komödie des Terenz »Der Eunuch«. In den
-Zwischenakten dieses Stückes gibt man zur Erheiterung des Publikums:
-»Wie sich sieben Weiber um einen Mann zanken und schlagen«; und darauf:
-»Wie sieben Bauernknechte um eine Magd gefreiet haben.« All das geht
-zierlich und wohl vonstatten. -- Hierauf prellen zweiundzwanzig
-Fleischhauer einen vermummten Menschen auf einer Kuhhaut. Dann halten
-vierundzwanzig Knappen den Schwertertanz ab, der von den Hallstädter
-Salzknappen auch ins Erzgebirge gekommen ist. Als dies vorüber,
-erscheinen achtzehn Männer, wunderlich gekleidet, »daß sie als
-Störche anzusehen«, und lesen mit den Schnäbeln Nüsse auf, die ihnen
-ausgestreut werden. -- Glückliche Kinderzeit unsres Volkes!
-
-[Illustration: Abb. 3 =Schneeberg, Altes Patrizierhaus am Hopfenmarkt=
-
-(Phot. _Emil Maaß_, Schneeberg)]
-
-Doch weiter schreitet das Sehnen nach etwas, das den Menschen in
-höherem Sinne freimacht und loslöst von des Alltages Schaffen und
-Sorgen auch in den Kreisen der Schneeberger. Der Bergsegen drängt
-die reichen Fundgrübner dazu, etwas wirklich Großes zu schaffen.
-Glaubensinnigkeit und die dem gefahrvollen Bergmannsberuf eigene
-Frömmigkeit tun das weitere. Eine Kirche wollen sie bauen zu Ruhm
-und Ehr der heiligsten Mutter und zum Preise St. Wolfgangs. Im Jahre
-1515 wird auf den Grundmauern der ersten abgebrannten Kirche der Bau
-des neuen Gotteshauses begonnen. Der in Kursachsen hochberühmte Hans
-von Torgau wird der Meister des Baues, derselbe, der schon an der
-Albrechtsburg sich die Sporen verdient hat in der Reihe der Gesellen.
-
-[Illustration: Abb. 4 =Schneeberg, Fürstenplatz= (Phot. _Emil Maaß_,
-Schneeberg)]
-
-Langsam nur schreitet das Werk vorwärts. Erst 1540 kann Fabian
-Lobwasser den Bau vollenden. Aber was dann zum glücklichen Ende
-gebracht, das ist etwas, das zu dem wirklich Großen, nicht nur im
-äußeren Maßstab, gehört.
-
-[Illustration: Abb. 5 =Schneeberg, Aus dem Anhang. Turm der St.
-Wolfgangskirche=
-
-(Phot. _Emil Maaß_, Schneeberg)]
-
-Zu der St. Wolfgangskirche ist jetzt nach der Rast auch mein erster
-Gang. Im köstlichsten Sonnenschein liegt der gewaltige Bruchsteinbau
-vor mir. Zur Seite des Turmes, der, noch vom ersten Kirchenbau
-übernommen, sich unregelmäßig vor das Langhaus legt, blüht ein
-Kornelkirschbaum in voller Pracht. Ungehindert kann das liebe
-Sonnenlicht auch in das Innere der Kirche dringen. St. Wolfgang ist
-eins von den bei uns nicht seltenen Gotteshäusern, die noch in den
-Formen später Gotik, nicht mehr aber in ihrem Geiste erstanden sind.
-Ganz auf den Gemeindegottesdienst ist der weite, dreischiffige Bau
-zugeschnitten. Groß muß die Teilnahme am Werk im ganzen Lande gewesen
-sein. Man darf namentlich wohl annehmen, daß Luther und Melanchthon
-um ihren Rat angegangen worden sind, als es galt, das neue Haus
-mit auserlesenen Werken der Malerei zu schmücken. -- Wo hätten die
-Zeitgenossen wohl besser ihre Blicke hinlenken können, als nach
-Wittenberg, des frommen Lukas Cranach Heimstätte? Was uns der Meister
-hier in St. Wolfgang hinterlassen hat in seinem berühmten Altarwerk,
-das gehört zu dem Schönsten mit, was er je geschaffen. Nicht mehr
-als ein einheitliches Ganze freilich stellt sich heute das Altarwerk
-dar. Die Kaiserlichen haben die Tafeln im Jahre 1632 geraubt und nach
-Prag entführt. Erst siebzehn Jahre später gelang es den unermüdlichen
-Bemühungen der Bürgerschaft, sie wieder zurückzubekommen. Heute
-prangt die große Kreuzigungsgruppe in einem Barockaltar für sich
-allein. Aber sie ist auch nicht das Schönste -- bei weitem nicht!
-Der Ruhm gebührt unstreitig der herrlichen Tafel mit der Darstellung
-des Abendmahls, der Predella! Lange kann ich den Blick nicht wenden
-von den herrlichen deutschen Männerköpfen, die der Meister seinen
-Aposteln verliehen; sicherlich Bildnissen von Schneeberger Bürgern,
-wohl auch seiner selbst. Zart und morgenländisch fremd hebt sich
-der Heiland heraus aus der Schar der Tischgenossen. Eben reicht er
-mit der edelgeformten Hand dem Judas den Bissen. Der sitzt da als
-ein roter, derber Rüpel, dem Beschauer den Rücken kehrend; schon im
-Äußern gekennzeichnet als der Erzbösewicht. Befremdlich, und doch
-auch wieder so verständlich im Wesen der Entstehungszeit des Bildes
-wirkt der aus der Weinkanne trinkende Jünger am Fuße der Tafel im
-Gegensatz zur ehrbaren Würde der Mitapostel. Mit seinem starken
-fleischigen Doppelkinn, in seiner alles vergessenden Hingabe an den
-Genuß des Tischtrunks fällt er beträchtlich aus ihrem Kreise heraus.
-Ist’s wohl eine der Klerikergestalten, mit denen Reformation und
-Kirchenvisitationen damals rasch und gründlich aufräumten? -- Im
-herrlichen Akkord rollt von oben her das Geläut der Glocken durch den
-Raum, wie ich aus dem Halbdunkel bei den wunderbar schönen Grüften
-hervortrete und dem Ausgang mich zuwende, um noch ein wenig das
-Stadtbild auf mich wirken zu lassen.
-
-[Illustration: Abb. 6 =Schneeberg, Filzteich= (Phot. _Emil Maaß_,
-Schneeberg)]
-
-Von Häusern aus der ältesten Zeit finde ich nichts mehr, dafür aber
-erfreuen mich viele wunderschöne Bauten aus dem 18. Jahrhundert. Sie
-vor allem geben der Stadt das Bild der Vornehmheit, der Wohlhabenheit,
-das sie unstreitig entfaltet. Eine Erinnerung übrigens aus dem
-genannten Jahrhundert bewahrt Schneeberg in sich, voll wehmutsreich
-inniger Bedeutung für alle, die mit unseres Volkes geistiger
-Vergangenheit vertraut sind. Im August des Jahres 1786 standen sich
-hier zwei Menschen auf Jahre hinaus das letztemal gegenüber, aus
-deren Herzensbund die reinsten, zartesten Blüten entsprossen sind --
-Goethe und Charlotte von Stein! Von Karlsbad aus, wo er mit seinem
-Herzog und Steins zur Kur weilte, hatte Goethe die Freundin, die
-nach Weimar zurückkehrte, bis Schneeberg geleitet. Nach einigen
-Tagen des Verweilens in der alten Bergstadt ging der Dichter nach
-Karlsbad zurück, um am 3. September frühmorgens um 3 Uhr sich von dort
-»fortzustehlen«, -- südwärts, dem Land seiner Sehnsucht entgegen. --
-
-[Illustration: Abb. 7 =Rotes Pochwerk, Neustädtel= (Phot. _Emil Maaß_,
-Schneeberg)]
-
-Was diesem letzten Beisammensein der Freunde den ihm eigenen,
-wehmütigen Schimmer verleiht, ist das wohl in beider Herzen damals zur
-Gewißheit gewordene Gefühl, daß Glück und Leid der letzten elf Jahre
-sich unaufhaltsam ihrem Ende näherten. Müde war die Sehnsucht geworden,
-die doch nur in völliger Verbindung hätte Erfüllung finden können --
-und als Goethe 1788 wieder in Weimar eintraf, da war der edlen Rose
-Zauber verblichen. An seinem Wege aber sah der Dichter das Blümchen
-stehn -- wie Sterne leuchtend, wie Äuglein schön -- -- Christiane
-Vulpius trat in sein Leben.
-
-[Illustration: Abb. 8 =Siebenschlehner Pochwerk, Neustädtel= (Phot.
-_Emil Maaß_, Schneeberg)]
-
-[Illustration: Abb. 9 =Gesellschaft Fundgrube, Neustädtel= (Phot. _Emil
-Maaß_, Schneeberg)]
-
-In der dritten Stunde des Nachmittags dann sitze ich auf einsam alter
-Halde hoch über Neustädtel, der älteren Schwesterstadt Schneebergs
-und blicke hinaus in das weite Gefilde, das noch von unzähligen
-Spuren des Bergbaus bedeckt ist. Lautlos liegt die Natur -- ein
-wehmütig Bergglöckchen nur klingt hier und da leise herauf. Groß und
-finster schiebt sich ein Wolkenschatten über die eben noch lachende
-Flur -- einen fremden, fast krassen Ausdruck zeigt auf einmal das
-haldenzerrissene Land. Da greift auch mir der furchtbare Ernst der
-Stunde ans Herz, der letzten, da unser Heiland am Kreuze rang. Schwer
-atmend liegt das Gefilde zu meinen Füßen. -- Ja, es ist finster.
-Schon ist er verklungen, der furchtbare Schrei der Gottverlassenheit;
-nun Stille -- Stille. Da endlich, gestärkt durch den Essigtrank, die
-hallende Stimme vom Kreuze: »Es ist vollbracht.« Von St. Wolfgang
-herüber schlägt’s drei. -- -- --
-
-[Illustration: Abb. 10 =Hutstube im Huthause zur Gesellschaft Fundgrube
-bei Neustädtel=
-
-(Phot. _Emil Maaß_, Schneeberg)]
-
-Dann ist ein Tönen über das Land um den Schneeberg! Die Glocken alle
-rollen zusammen im starken, siegreichen Takt. Kindlich lallend fällt
-in den gewaltigen Baß der Hauptkirche das Glöckchen von Neustädtel,
-und jetzt ein Lerchenlied! Nicht eins nur; zwei, drei jubelnde Sänger
-steigen empor. Der Schatten ist vorübergezogen, fröhlich springt
-auf dem leuchtenden Saatfeld ein Häslein dahin -- ist’s nicht, als
-wollt’ auch die Kreatur jubilieren über den Sieg, der eben geschah? Zu
-meiner Linken flimmert’s im Grase. Mechanisch greif ich dorthin und
-hab’ eines jener Steingebilde in der Hand, das eine kleine Welt für
-sich darstellt, mit Kristalltürmen und Grotten und Tropfsteinhöhlen
--- ein Stücklein Gestein, wie es der alte Eigenlöhner vor hunderten
-von Jahren hier auf die Halde gestürzt. Dann greif’ ich zum Stabe und
-ziehe die Höhe hinan, an Weißer-Hirsch-Fundgrube, an Siebenschlehn
-und Sauschwart vorbei und wie die alten treuherzigen Bergnamen alle
-heißen. Ganz oben, dort wo dereinst die Knappschaftskapelle der
-heiligen Anna gestanden und wo 1830 das edle Denkmal zur Erinnerung
-an die dritte Wiederkehr der Augsburgischen Konfession errichtet ward
-im Geiste des Berghauptmanns von Herder, dreh’ ich mich um, und wie
-ich das prachtvolle Bild von Schneeberg und Neustädtel zu meinen Füßen
-erblicke, da muß ich im Geiste mit einstimmen in den alten Bergreihen,
-der so stolz anhebt:
-
- »Den Schneebergk wöllen wir preysen
- Über andre Bergkstedt all.«
-
-[Illustration: Abb. 11 =Geyer, Laurentius-Kirche mit Wachturm=
-
-(Phot. _B. Zillessen_, Bautzen)]
-
-Nur ein paar Schritte ist’s noch von hier aus zum Filzteich. Das ist
-ein gewaltiger Stausee, der schon 1485 zum Segen des Bergbaus entstand.
-Eine innig verklärte Abendstunde ist mir hier noch beschieden auf
-breiter Dammkrone und weiter hinten, wo der Boden unterm Fuße zu federn
-anhebt, wo niedrige Kiefern und üppiges Preiselbeerkraut wachsen, wo
-lange hellgrüne Pflanzensträhne übers Wasser sich hinziehen, wo der
-»Filz« anhebt, das Hochmoor mit seinem regen Vogelleben jetzt zur
-Entenreihzeit. Noch unterm Halbschlaf im Gasthaus zu Aue hör’ ich die
-Enten über mich wegklingeln, der purpurnen Abendsonne entgegen. -- --
-
-[Illustration: Abb. 12 =Der Gebirgskamm von der Wolkensteiner Straße in
-Geyer aus gesehen=
-
-(Phot. _Max Nowack_, Dresden)]
-
-Donnernd poltert die Mulde in Aue unter der Brücke dahin, und
-weißbereift sind die Wiesen ringsum, wie ich in der Frühe des
-Ostersonnabends meinen Weg wieder unter die Füße nehme. Viel besser
-gefällt mir in der fröhlichen Morgensonne die betriebsame Stadt, als
-am Abend vorher. Freilich, Idyllisches aus alter Zeit bietet sich
-hier, dem flüchtigen Besucher wenigstens, nicht mehr dar. Und doch
-wird mir gerade in Aue ein besonders schönes Stündchen der Erquickung.
-Wie ich am Rathaus vorbeikomme, da fällt es mir ein, daß dort oben
-ein Freund aus der Jugendzeit als Stadtoberhaupt haust. Trotz der
-frühen Stunde zieh’ ich die Klingel und lasse mich melden. »Hie mag
-nit sein ein böser Mut -- wo da singen Gesellen gut« geht mir’s durch
-den Kopf, als ich im Musikzimmer den aufgeschlagenen Flügel und die
-Laute an der Wand betrachte. Und richtig, er ist der Alte geblieben,
-der Freund aus fernen Jugendtagen. Trotz Amtesbürde und -würde noch
-dasselbe begeisterungsfähige, jung gebliebene Herz; und ihm zur Seite
-die Hausfrau, eine reichbegabte Malerin, deren Kunst sich jetzt zu
-unsrer Freude von der oberlausitzer Heimatschilderung immer mehr zur
-Verherrlichung der erzgebirgischen Landschaft wendet. Wunderbar gut
-tut das Stündchen Gegenwartskultur dem Wandrer auf der Vergangenheit
-Spuren, der nun hinausschreitet, neuem Erleben entgegen. -- Nahe bei
-der Stadt Aue ward früher die kostbare weiße Erde gegraben, auf der
-die Güte des Meißner Porzellans beruhte. Veit Hans Schnorr begann 1700
-die bergmännische Gewinnung des Stoffes, der bis dahin nicht weiter
-verwendet ward; der höchstens dem Grundherrn der Gegend, einem von
-Rechenberg, zum Pudern der Perücke gedient hatte. Erst als Böttger
-die rote Porzellanerde von Okrilla zur Herstellung seines Steinzeugs
-verwendete, kam man hinter den Wert der weißen Erde von Aue. Jeder
-private Porzellanerdeabbau, sowie die Ausfuhr derselben, ward nun bei
-hoher Geldstrafe, später gar bei Strafe des Stranges, verboten. Noch
-ein anderes Geschenk des heimischen Bergbaus ist der Landschaft zum
-Nutzen geraten. Der einst so verachtete Kobalt, der »Silberräuber«,
-wie ihn die alten Gewerken nannten, wenn sie ihn als wertlos auf
-die Halden warfen, ist der Vater der seit Jahrhunderten blühenden
-Blaufarbenindustrie. In alter Zeit betete man in den Kirchen, Gott
-möge die Bergleute vor Kobalt und bösen Geistern behüten, bis zur Zeit
-Kurfürst Augusts sein Wert erkannt war. --
-
-Hinauf nach Oberpfannenstiel hebt sich mein Weg. Ein gottesweltweiter
-Blick tut sich vor mir auf, wie ich den prachtvollen Wald hinter mir
-habe. Nie hätte ich so Schönes hier zu sehen erwartet. Verschwenderisch
-wird die Mühe des Kletterns gelohnt. Freilich, dreihundertfünfzig Meter
-Steigung in einer Stunde etwa, mit der Märzensonne auf der Winterjoppe,
-wollen verdient sein. Aber nicht lange, und schon überfröstelt es mich
-bei aller Sonnenglut. Kurz vor Grünhain bin ich nun doch richtig in die
-Schneeregion eingetreten. Allenthalben liegt der graukörnige alte Feind
-an den Rändern und in den Hölzern. Von Süden winkt gar der Fichtelberg
-mit großen weißen Lehnen.
-
-Grünhain, zwischen weiten sanften Matten, tut sich jetzt vor mir auf;
-ein paar Wasserspiegel beleben das Bild. Von der ehemaligen reichen
-Zisterzienserabtei ist zwar nicht viel mehr vorhanden an Baulichkeiten,
-aber einen Rastort voll herrlichen Friedens umschließt die weite
-Klostermauer -- das Wäldchen, drin noch die Spuren der Klosterkirche zu
-sehen. Das Gotteshaus ist dahingesunken, aber ein ebenbürtiger Dom von
-ragenden Buchen, Erlen und Tannen baut sich jetzt in den Himmel hinauf.
-Keine Axt läßt der Herr Forstmeister, dem die Verwaltung hier obliegt,
-an diesen Hain legen; nur was morsch ist und krank wird genutzt. Eine
-Vogelwelt von seltener Reichhaltigkeit ist hier zu Hause; von allen
-Zweigen singt es und klingt’s. Und noch eine Schar kleiner Geschöpfe,
-die auch nicht säen noch ernten, hat hier ein schützendes Obdach
-gefunden vor den rauhen Winden dort draußen: schwachsinnige Kinder sind
-in den Wirtschaftsgebäuden untergebracht. Allenthalben sitzen sie im
-warmen Sonnenschein -- auf der Mauer ein Mädel, in dessen Schoß ein
-gleichaltriger Knabe den Kopf gebettet hat; selig und tief schläft er
-hier im süßesten Frieden. Der freundliche Oberpfleger, nach seinen
-Schützlingen befragt, schmunzelt behaglich. »Nicht wahr, Karle,« meint
-er zu einem gut genährt aussehenden Burschen von etwa fünfzehn Jahren,
-»ganz brav sind wir alleweil, bloß die Finger, o weh, die Finger; die
-sind immer gleich gar zu lang.« Übers ganze Gesicht lachend bestätigt
-der Zögling dies Zeugnis.
-
-Das Kloster gehörte dereinst zu den reichsten im Lande. Eisen- und
-Kohlengruben, die letzteren schon um 1450 ausgebeutet, waren sein
-eigen. Einen großen Tag erlebte das Stift am 9. Juli 1455. Da waren die
-Sturmglocken über die Berge gerauscht, denn auf dem Schloß zu Altenburg
-war eine unerhörte Tat geschehen. Die beiden jungen Herren, Ernst und
-Albert, waren geraubt worden vom verwegenen Ritter Kunz von Kauffungen.
-»Lieben getrewen, uns ist Cuntz und syne Helffers in unser Schloß
-Altenburgk gestiegen und haben unsere beyden Söne, das Gott geklaget
-sey, wegbracht.« Dieser Notruf des geängsteten Vaters fand im treuen
-Volk allenthalben teilnahmsvollen Widerhall. Nach dem Gebirge hatten
-sich die Räuber gewandt -- und schon am Tage nach der Tat hatte man den
-von Kauffungen fest. Noch steht im Klostergarten der Turm, darin er in
-des Abtes von Grünhain Gewahrsam eine kurze Zeit gesessen haben soll.
-Am 14. Juli aber stand er bereits vor den Geschworenen von Freiberg,
-wohin der Hochverratsfall gehörte, seit im Jahre 1294 Friedrich der
-Gebissene den dortigen Schöffen zugesichert hatte, daß sie gewaltig
-sein sollten, sein Recht zu rügen und zu setzen. »Was blast dich Cuntz
-für Unlust an, Daß du in’s Schloß nein steigest« sangen bald drauf
-die Bergleute rundum. -- Von 1536 ab stand das Kloster verlassen.
-Die Mönche wanderten mit Urkunden und Schätzen ab nach Kaaden. Ein
-herrliches Stück aber ist von dem ehemaligen Reichtum noch auf uns
-gekommen; der wundervolle Taufstein, der 1536 nach Annaberg kam und
-dort in der großen Kirche aufgestellt ward (siehe O. E. Schmidt
-»Annaberg«, Band IX, Heft 1--3 dieser Zeitschrift). --
-
-[Illustration: Abb. 13 =Kirche in Ehrenfriedersdorf=
-
-(Phot. _Max Nowack_, Dresden)]
-
-Und nun geht es wieder hinaus auf die Landstraße und das
-geheimnisvolle, frohe Harren hebt wieder an, was einem die nächste
-Wegbiegung, was einem die nächste Höhe bescheren wird. Daß ich’s gleich
-sage, die stille Freude an schönen alten Gehöften, an stattlichen
-Gasthäusern aus guter alter Fuhrmannszeit, wie sie im östlichen
-Erzgebirge und besonders am Fuße des Bergwalls noch zahlreich vorhanden
-sind, ist dem Wandrer hier oben nicht mehr häufig beschieden. Zu sehr
-hat die Industrie am Bilde der uralten Siedlungen genagt. Aber die
-Natur macht alles wieder gut; sie ist so stark und groß gerade in
-diesem Teil des Gebirges, daß sie sich einfach nicht tot machen läßt.
-Immer wieder versöhnt den Wandrer der unsagbare Zauber des Fernblicks,
-das stille Raunen der Wälder, das Murmeln der Bäche. Wie ein Silberband
-springt hier gerade der Oswaldbach unter meiner Straße hindurch in
-ein Wiesental von seliger Schönheit. Und was alle die Gasthäuser
-heut morgen nicht vermocht haben, er läßt mich nicht vorbei, ich muß
-einkehren bei diesem Wirte wundermild! -- Hab’ Dank, heiliger Oswald,
-für den Trunk, damit du den Pilger auch heut’ noch erquickst. --
-
-Gleich gibt es wieder etwas zur Freude. Da stehen im Moose verstreut
-in gemessenen Zwischenräumen die Grenzsteine der Forstverwaltung. Aber
-hier sind sie nicht nüchtern aus weißgekalktem Stein mit Ziffer und
-Krone gefertigt -- vom Alter grün gewordene Glimmerschieferplatten mit
-schön geschwungenen, rot nachgezogenen Kurschwertern und altertümlichen
-Jahreszahlen aus dem achtzehnten Jahrhundert stecken hier wie aus
-dem Waldboden selber entsprossen im Gras. Auf der Höhe kommen jetzt
-die drei vulkanischen Tafelberge, der Pöhlberg, der Bärenstein, der
-Scheibenberg mit seinem zerklüfteten Rande heraus; alle noch mit
-silberverbrämtem Mantel über den Schultern.
-
-In Elterlein, wo ich am Wirtstisch mein Brot mit der Wurst würfle,
-kann ich mich nicht enthalten, einem Mitgast mein Befremden über das
-ziemlich nüchterne Bild des Marktes auszudrücken. »Ja, das is nu immer
-schon so gewesen,« entgegnete der Wackre, was mich aber doch zu der
-Bemerkung veranlaßt, ich könne nicht glauben, daß man zur Zeit, da sich
-die alten Nürnberger Elterleins hier des Bergsegens erfreuten, schon
-derartig gebaut habe. Er gibt das denn schließlich auch zu.
-
-Das nun kommende Wegstück zählt zu den eigenartigsten des ganzen
-Tagmarsches. Die Landschaft schreit es nicht aus, was sie erlebt hat
-in der Jahrhunderte Lauf. Starker, wohlgepflegter Fichtenwald geht
-stundenlang neben der Straße her; aber hier und da gleitet der Blick
-über eine freie Fläche von so ausgesprochenem Hochmoorcharakter, daß
-es dem aufmerksamen Beschauer klar werden muß, welch ein Riesenwerk
-die Urbarmachung des Miriquidi darstellt. Sumpf und Urwald -- das war
-das Gebirge, ehe der Bergknappe hierher kam mit Axt und Eisen, und in
-seinem Gefolge der Köhler mit Feuer und Schürbaum. »Es grüne die Tanne,
-es wachse das Erz«, schon in dem alten Spruch ist die Untrennbarkeit
-beider Berufe bescheinigt.
-
-Nicht eine Seele begegnet mir jetzt, nur der Specht kichert über mich
-hin, und die Krähe ruft mir den rauhen Gruß zu. O Gottesgnade, wandern
-zu können, stark und allein. Denn nur das ist die richtige Freude.
-Willst du so recht im Buche der Natur lesen, dann ist leicht auch der
-vertraute Gefährte schon zu viel. Im tiefsten Innern bleibt der Mensch
-allein; aber aus diesem tiefsten Innern kommen dann auch die Stimmen,
-die nach dem Ewigen rufen in sehnender Stille.
-
-Auch Geyer, das mit seiner zerklüfteten Binge nun vor mir auftaucht,
-kann auf bald ein halbes Jahrtausend Bergmannsdasein zurückblicken.
-Silber, Kupfer und Zinn ward früh hier gefördert; aber 1476 wanderten
-viele der Knappen nach dem Schneeberg ab und nach St. Annenberg.
-Geyersche Häuer sollen die ersten Häuser von Annaberg gebaut haben.
-
-[Illustration: Abb. 14 =Greifensteine= (Phot. _Heinrich Wagner_,
-Ehrenfriedersdorf)]
-
-Die Stadt ist mir wert der Erinnerung halber an einen Mann, den
-ich um seines Werks willen liebe; den jeder lieben muß, der sich
-nur einmal mit Verständnis in das herrliche alte Leipziger Rathaus
-versenkt hat. Hieronymus Lotter, der große Baumeister der sächsischen
-Renaissance, erwarb den Edelhof Geyersberg im Jahre 1560. Sechs Jahre
-später errichtete er das neue Herrenhaus, den einzigen nachweisbaren
-Privatbau von seiner Hand. Damals war der ruhmgekrönte Schöpfer der
-Pleißenburg ein begüterter Mann. Als Hauptgewerke des Geyerschen
-Zinnwerkes hielt er dreihundert Knappen in Lohn und Brot. 1567 schrieb
-er an die Kurfürstin Anna, er habe ein ansehnlich Wohnhaus auf dem
-Geyersberg, und lud die Herrschaft ein, das Jagdlager allhier zu
-halten. Offenbar kam der Kurfürst von da an öfters zu seinem vertrauten
-Berater in baulichen Kunstfragen. Als 1568 die Pest übers Gebirge zog,
-verlangte er vom Rate zu Geyer, man solle den Gottesacker aus der
-Nähe des Lotterhofes verlegen, da er dort zur Herberge sein werde. --
-Mit dem Gefühl der Ehrfurcht, die einen an der Stätte ergreift, da
-ein großer und guter Mensch einst gehaust hat, schau ich mich um in
-dem alten Hause, das mir willig aufgetan wird. Reich und behaglich
-mag es gewesen sein zur Zeit, da sein Erbauer hier weilte. Die schön
-kassettierte Decke im Erdgeschoß gibt davon noch Zeugnis. Hier im
-kleinen Schreibstüblein war es, wo die Kurfürstin den Meister zur
-Übernahme der Bauleitung auf dem Schellenberg überredete. Es ist
-bekannt, daß der Bau der Augustusburg dem neunundsechzigjährigen Mann
-kein Glück brachte. Kummer und Sorge erwuchs ihm aus dem neuen Amt.
-Er starb, nicht mehr im frühern Wohlstand lebend, im Jahre 1581. In
-der St. Lorenzkirche zu Geyer vor dem Altar ward er begraben. --
-Diese ehemalige Kirchenfestung, die noch heute ein Stück ihrer starken
-Schutzmauer und den gewaltigen Wachturm als Erinnerung an drangvoll
-fährliche Zeiten aufweisen kann, enthält in der Vorhalle ein herrliches
-Werk aus dem beginnenden sechzehnten Jahrhundert, eine Ölberggruppe mit
-Christus und den schlafenden Jüngern von ergreifendem Kunstwert.
-
-So viele Bauwerke von Menschenhand habe ich nun auf meiner Reise
-gesehen, daß ich mir’s nicht versagen kann, zum guten Ende noch nach
-einem Gemäuer zu wandern, das nicht von Sterblichen erschaffen ward,
-das mit unwiderstehlicher Urkraft aus dem Glimmerschiefer herausbrach
-in sieben gewaltigen Granitpfeilern. Wie eine Zyklopenmauer leuchten
-die Greifensteine bei Ehrenfriedersdorf im späten Nachmittagsschein in
-das Land hinaus. Tausende und aber tausende von Jahren saust schon der
-Bergwind um die mächtigen Türme. Immer noch stehen sie trotzig erhaben;
-was ist die lächerliche Spanne eines Menschenlebens für diese Zeugen
-der Urzeit!
-
-[Illustration: Abb. 15 =Greifensteine= (Phot. _Heinrich Wagner_,
-Ehrenfriedersdorf)]
-
-Ein wenig ängstlich sehe ich nun doch nach der Uhr. In Thum unten
-wartet meiner die Eisenbahn; den letzten Zug möcht’ ich nicht gern
-verpassen. Aber sieh da, es bleibt mir nach hastigem Abstieg noch
-hinreichend Zeit, das freundliche Städtchen ein wenig kennen zu lernen,
-bei dem am 15. Januar 1648 das letzte Treffen im Dreißigjährigen Krieg
-auf sächsischem Boden vorfiel. Ein paar Monate später, als endlich die
-Friedensboten aus Osnabrück ins verwüstete deutsche Land hinaustrabten,
-hielt ein Thumer Stadtkind den hochfeierlichen Dankgottesdienst im
-schwedischen Lager. Tobias Clausnitzer war es, eines Kärrners Sohn, der
-als Feldprediger im Heer Gustav Wrangels ritt und der uns eines der
-meistgesungenen Lieder in unserm Landesgesangbuch geschenkt hat: »Wir
-glauben all an einen Gott.«
-
-Im stillen Frieden des Ostersamstags liegen die Täler, als ich im
-Bahnzug der Welt wieder zueile. Die Vöglein schweigen im Walde -- aber
-wartet nur, ihr kleinen Sänger, morgen am hochheiligen Ostertage, sehr
-frühe ehe die Sonne aufgeht, da werdet ihr geweckt werden vom jubelnden
-Tönen der Glocken auf allen Türmen rundum, die die frohe Botschaft
-hinaustragen in alle Lande: »Christ ist erstanden. Er ist wahrhaftig
-auferstanden.«
-
-[Illustration: Abb. 16 =Edelhof Alberode bei Aue=
-
-(Nach einer Zeichnung von Frau _Gertrud Hofmann_, Aue)]
-
-
-
-
-[Illustration: =Dorfkirchen in Groß-Storkwitz, Hirschfeld und Lausen=]
-
-
-
-
-Wehrkirchen im Leipziger Land[1]
-
-Von Dr.-Ing. _Hubert Ermisch_, Leipzig
-
- [1] Vgl. hierzu auch: ~Dr.~ Paul Zinck, Dorfkirchen im
- Leipziger Land im Kalender f. d. Erzgebirge u. d. übrige
- Sachsen. 1919. -- O. Gruner, Die Dorfkirche im Königreich
- Sachsen und Beschr. Darstell. v. ält. Bau- und Kunstwerken
- i. Kgrch. Sa. Heft 16. Leipzig-Land. 1894.
-
-
-Wanderfahrten durch das Leipziger Land haben ihre eigenen Reize. Dem
-sehenden Auge wird aus dem »öden Einerlei«, wie man es zu nennen
-pflegt, bald eine charakteristische Landschaft. Überall offenbaren sich
-Naturschönheiten. Allerdings Naturschönheiten anderer Art als wir sie
-im Gebirge finden oder an den schönen Hängen der Elbe. Man darf keine
-Vergleiche aufstellen und muß die Naturschönheiten der Ebene vielfach
-erst recht würdigen _lernen_. Daß wir auf welthistorischem Boden
-stehen, daß wir auf Schritt und Tritt erinnert werden an die Stätten
-der Völkerkämpfe vieler Jahrhunderte, das erhöht noch die Bedeutung
-der Leipziger Ebene. Wir stehen und wandern auf dem Schlachtfelde
-Mitteleuropas.
-
-Man wird meinen, auf einem Schlachtfelde sind bauliche Altertümer
-wenig zu finden. Um so überraschter ist man über die Tatsache, daß in
-der Leipziger Ebene eine reiche Fülle von baulich hochinteressanten
-Dorfkirchen zu finden ist.
-
-Wie kommt es, daß der zerstörende Fuß des Krieges an diesen Bauten
-vorüberging ohne sie vom Erdboden verschwinden zu lassen? Einmal
-verdanken wir das der massiven Bauart der Kirchen. Sie sind aus
-Feldsteinen oder aus verputzten Ziegeln gebaut. Dann haben aber auch
-die Kriege der Vergangenheit Halt gemacht vor der Heiligkeit der Kirche
-im Gegensatz zu den modernen Kriegen. Die Kirchtürme wurden nicht als
-wichtige Beobachtungspunkte in die Luft gesprengt. So hat die alte
-ehrwürdige Dorfkirche wohl oft ihr Dorf in Flammen aufgehen sehen, sie
-selbst blieb aber erhalten. Ich möchte die Buschnaukirche bei Rackwitz
-erwähnen. Sie liegt einsam auf ihrer Höhe zwischen den Kornfeldern.
-Das Dorf, das zur Kirche gehörte, verschwand vom Erdboden, das
-Kirchlein überdauerte die Jahrhunderte bis heute. Die Buschnaukirche
-ist allerdings eine Ausnahme, im allgemeinen wurden die Dörfer wieder
-aufgebaut, wenn sich die Kirche erhielt. Oft brannten die Kirchen aus,
-aber das Gehäuse erhielt sich. So sehen wir im Gegensatz zu andern
-deutschen Landschaften nur wenige Kirchen mit barockem Äußeren, aber
-viele, die in ihrem Inneren barocken Ausbau erhielten. Der äußere Bau
-ist meist noch der alte, schlichte, romanische, der in der gotischen
-Stilepoche vielfach ausgebaut oder durch Anbauten erweitert wurde.
-
-[Illustration: Abb. 1 =Kirche in Thekla= (Phot. _Rob. Liep_, Leipzig)]
-
-Die meisten Dorfkirchen im Leipziger Land liegen auf einem _Hügel_, an
-seinem Hange das Dorf. Kirche und Dorf werden in verschiedenartigste
-Beziehung zueinander gebracht. Bald beherrscht die Kirche den
-Dorfeingang wie in Althen, bald überragt sie inmitten der Gehöfte
-liegend, das Dorf, wie in Panitzsch. Die Lage der Kirche auf einem
-Hügel erklärt sich dadurch, daß die ersten Kirchen gleichzeitig mit den
-ersten Kolonistendörfern in der von Slawen bewohnten Ebene entstanden.
-Man war in Feindesland. Die Kirche mit ihrem von Mauern umfriedeten
-Kirchhof war eine dörfliche Burg, der letzte Zufluchtsort der Ansiedler
-im Kampfe um ihr Dorf, und der Turm der Ausguck in unruhigen Zeiten.
-Die Kirchenglocke wurde zur Sturmglocke, wenn Gefahr im Verzuge, so
-wie noch heute die Glocke bei Feuersnot ihren Ruf erschallen läßt.
-Wir haben es also mit Wehrkirchen zu tun, aber anders geformten
-als die bekannten von Großrückerswalde und Lauterbach. Ich möchte
-sagen, daß die Wehrkirchen im Leipziger Land noch ausgesprocheneren
-Defensivcharakter haben, als die genannten beiden. Wie bei der Burg der
-Burgfried, so ragt hier der Kirchturm gedrungen, trotzig und fest über
-Kirche und Friedhof. Betrachtet man die Türme, so sieht man, daß die
-Öffnungen auf das allernotwendigste beschränkt wurden. Mauerschlitze,
-durch die die Armbrust ihre Geschosse senden konnte. Spätere
-Toreinbauten, zum Teil erst aus dem neunzehnten Jahrhundert, haben
-leider dieses burgartige des Kirchturmes vielfach zerstört. Zumeist
-liegt der Turm an der Westseite der Kirche, seltener an der Ostseite
-über dem alten romanischen Chor. Man wird sich die Entwickelung dieser
-Kirchen wohl vielfach so zu denken haben, daß zunächst eine Kapelle
-erbaut war und getrennt davon ein Glockenturm. Zwischen beide schob
-sich dann das Langhaus als Laienhaus. Aus dieser Entstehungsart wäre
-auch die eigenartige Tatsache zu erklären, daß so manche der Kirchen
-schiefwinklig ist, die Längsaxe zeigt einen Knick. Da der Chor stets
-nach Osten gerichtet ist, so ergibt sich, daß die beiden Langseiten
-nach Süd und Nord zu liegen. Sie wurden nicht einheitlich mit Öffnungen
-durchbrochen. Der praktische Sinn unserer Altvordern ordnete an, daß
-die kalte, dem Wetter ausgesetzte Nordseite nur kleine Fensteröffnungen
-bekam, während man nach der Südseite durch hohe Fenster und das
-Eingangstor der wärmenden Sonne möglichst viel Einblick gewährte. Denn
-eine andere Heizung als die Sonne gibt es meist heute noch nicht in der
-Dorfkirche. Die modernen Kirchenneubauten nehmen natürlich hierauf
-keine Rücksicht, die Zentralheizung ersetzt ja, so meint man, die
-Sonnenheizung. Ja hätte man geahnt, daß die Zeiten einmal so schwer
-werden könnten, daß man für die Heizung der Kirchen so gar keine
-Kohle zur Verfügung hat! Heute hält man es für eine architektonische
-Notwendigkeit, das Hauptportal gegenüber dem Chor zu setzen.
-
-[Illustration: Abb. 2 =Inneres der Kirche zu Thekla=
-
-(Phot. _Ernst Hugo Schulze_, Leipzig)]
-
-[Illustration: Abb. 3 =Kirche in Panitzsch= (Phot. _Rob. Liep_,
-Leipzig)]
-
-[Illustration: Abb. 4 =Kirche in Großgörschen=
-
-(Phot. Hofrat _Drechsler_, Leipzig)]
-
-[Illustration: Abb. 5 =Kirche in Beucha= (Phot. _A. Wiese_, Dresden)]
-
-Die Grundrißformen sind sehr verschiedenartig, von der alten
-Rundkirche, wie in Knautnaundorf zu sehen -- allerdings nur in Resten
--- bis zur langgestreckten gotischen Hallenkirche. Das Übliche ist ein
-romanischer Kern. Der Chor vielfach mit Koncha davor, ein rechteckiges
-Langhaus und Westturm, wie wir ihn schon in seiner Entwicklung
-beschrieben haben. Dieser Kern wurde in der Zeit der Gotik meist
-verändert. An den rechteckigen Chor baute man einen im halben Achteck
-oder Sechseck geschlossenen wesentlich tieferen, der mit reichem
-Netzgewölbe auf Rippen überdeckt wurde. Der im Spitzbogen geformte
-Triumphbogen trennt den neuen Chor vom alten romanischen Langhaus. Der
-romanische quadratische Chor wurde dann gleichfalls mit in das neue
-Gewölbe einbezogen. In andern Fällen, wo, wie in Großpösna, über dem
-quadratischen Chor, an den sich die Koncha anschließt, der Wehrturm
-sich erhob, fügte man in den Turmteil ein Netzgewölbe ein und erhöhte
-so die Wirkung des Chores. Im allgemeinen ist das Langhaus flach
-gedeckt. Die Decke war mit reichbemaltem Holzwerk und Felderteilungen,
-mit Bildern und bunten Kanten ausgebildet, meist in Formen aus der
-Zeit nach dem Dreißigjährigen Kriege uns überliefert. Dieser Zeit
-gehören auch die oft noch erhaltenen ein- oder auch zweifachen
-Emporen an. Leider hat eine Zeit, in der man es für Pflicht hielt,
-alle Stilwidrigkeiten aus den Kirchen zu verbannen, diese schönen
-echt bäuerlichen Malereien zerstört und an ihre Stelle die glatte
-Putzdecke oder einen farbenarmen Ölanstrich gesetzt. Man bedachte
-nicht, daß meist die Farbe allein die Stimmung in diesen einfachen
-Kirchen ausmacht. Heute sind uns die wenigen Dorfkirchen, in denen sich
-die alten Malereien erhielten, weil die Gemeinde kein Geld zu einem
-»stilreinen« Umbau hatte, die schönsten Farbenbeispiele für die moderne
-Ausmalung einer Dorfkirche. Und die Dorfkirche war von jeher auf
-Farbigkeit gestimmt. Das beweisen am besten die vielen erhaltenen Reste
-der bunten geschnitzten Altarschreine, die in der Hauptsache aus der
-Zeit um 1500 stammen. Daß uns so viele noch erhalten sind, verdanken
-wir der Denkmalpflegetätigkeit des Sächsischen Altertumsvereins, in
-dessen Museum in Dresden (Palais im Großen Garten) die besten Stücke
-verwahrt werden. Wieviel mag wohl an den Kunsthandel verkauft und in
-alle Welt verstreut worden sein, ehe die Denkmalpflege eingriff? Die
-Kirchgemeinde wird erst dann die Tätigkeit des Altertumsvereins recht
-würdigen lernen, wenn einmal die Zeit kommt, wo die Kirche im Sinne der
-modernen Denkmalpflege erneuert wird und dann in den neu hergestellten
-Raum der alte Altar in aller seiner Schönheit an seinem Ursprungsplatz
-zur vollen Geltung gebracht wird. Damit soll aber nicht gesagt werden,
-daß man die reizvollen barocken Altaraufbauten verschwinden lassen
-soll, daß man die typische Anordnung der Kanzel über dem Altar, ein
-Charakteristikum der Dorfkirchen im Leipziger Land, aufgebe. Das wäre
-zweifellos falsch. Aber dort, wo ein Altaraufbau des neunzehnten
-Jahrhunderts in mehr oder weniger mißverstandener Gotik sich erhebt,
-soll man ihn zugunsten der alten Altarschreine beseitigen, wenn eine
-Erneuerung des Kircheninnern vorgenommen wird. Der Altarschrein oder
-seine Trümmer, denn solche sind es ja leider vielfach nur noch, werden
-sich oft auch als vorzüglicher Schmuck der Wände im Chor oder Schiff
-verwenden lassen. Auch Betpulte und Taufbeckenhalter in Gestalt von
-barockgeformten Engeln oder Adlern wird man oft auf den Kirchböden
-finden und mit Erfolg im erneuten Inneren wieder verwenden können.
-Alles wird dazu beitragen in unsere durch die Stilreinigungswut des
-neunzehnten Jahrhunderts verödeten Kirchenräume wieder Leben und Farbe
-zu bringen. Wie die Altarschreine auf den Kirchböden, so sind die alten
-romanischen Taufsteine auf den Friedhöfen oder in Pfarrgärten in der
-Verbannung. Schwere, wuchtige, granitne Becken, denen man ansieht, daß
-sie viel erlebten. Erlöst sie aus ihrer Verbannung. Wie vielen von
-unsern Altvordern mögen sie das Taufwasser gespendet haben! Hat man
-bessere, künstlerisch wertvollere Taufbecken an ihre Stelle gesetzt?
-Geht hin und urteilt selbst!
-
-[Illustration: Abb. 6 =Kirche in Wahren=
-
-(Phot. Hofrat _Drechsler_, Leipzig)]
-
-Die beigefügten Skizzen und Bilder sollen nur kleine Proben aus der
-Fülle der schönen alten Dorfkirchen des Leipziger Landes geben.
-Die Mehrzahl der Türme hatte wohl während der Gotik noch Aufbauten
-erhalten, die aber in den Stürmen der Kriege wieder verloren gingen.
-Erhalten haben sie sich vor allem an der Podelwitzer Kirche, auf die
-ich ganz besonders aufmerksam machen möchte. Ihre Formenwelt entstammt
-der Gotik. Sie ist deshalb zu einem Kleinod unter den Dorfkirchen
-der Leipziger Ebene geworden, weil kein Restaurator des neunzehnten
-Jahrhunderts ihr zu nahe kam.
-
-[Illustration: =Dorfkirchen in Seehausen, Wiederitzsch und Großpösna=]
-
-
-
-
-Es braucht nicht Stein zu sein!
-
-
-Vorüber sind für Deutschland die Stürme des großen Krieges, und überall
-sind Bestrebungen im Gange, unseren gefallenen Helden eine letzte,
-bleibende Ehrung zum Gedächtnis zu bereiten. Zwei Jahre sind seit
-dem »Frieden« dahingegangen, und wer Gelegenheit hat, viel im Lande
-herumzukommen, hat auch Gelegenheit hier und dort schon ausgeführte
-Kriegerehrungen politischer und kirchlicher Gemeinden zu sehen. Daß bei
-deren Erschaffung guter Wille, Liebe und tiefes Empfinden nicht überall
-verhindern konnten, daß Unschönes, ja schlimmer Kitsch entstand, ist
-nicht Schuld der berufenen Wächter in Fragen der Ausdruckskunst.
-Nur zu oft klammern sich die Stifter an die bequemen Eselsbrücken
-der Musterbücher »einschlägiger Firmen«, allzugerne will man andern
-Ortes das »überflüssige« Künstlerhonorar sparen, vertrauend auf den
-eigenen guten Geschmack und vielfach lokalen, politischen und anderen
-Rücksichten folgend.
-
-Im allgemeinen ist das Bestreben vorherrschend, eine monumentale, ins
-Auge fallende Ehrung zu schaffen, und teuerstes Material, massige
-Häufung von Stein sind überaus beliebt. Mit Schaudern nur sieht dann
-der feinfühlige Freund der Heimat solche ~monstra~ in nächster Umgebung
-traulich stiller Landschaftsbilder, in der Nachbarschaft reizvoller
-kleiner Dorfkirchen und intimer Dorf- und Städtebilder aufragen: »und
-er fragt, wie das geschehen und warum ihm das geschah!«
-
-Muß es denn sein, daß wir unsere in fremder Erde ruhenden stillen
-Helden in möglichst aufdringlicher, marktschreierischer Protzerei
-ehren, mit Monumenten, die zwar deutlich vom vollen Geldbeutel, aber
-noch deutlicher von der Gemütskälte ihrer Stifter reden?
-
-Muß es denn immer ein künstlich hergerichteter Findling, eine
-Marmorpyramide mit überlebensgroßem Stahlhelm, eine Massenanhäufung
-langweiliger, steinerner Adreßbuchtafeln sein?
-
-[Illustration: =Bockendorf=, Amtshauptmannschaft Döbeln
-
-Ausmalung von Professor _Paul Rößler_, Dresden
-
-(Aus dem Jahresberichte des Vereins für kirchliche Kunst)]
-
-Es war im Laufe der langen Kriegsjahre zur schönen Sitte in vielen
-Gemeinden geworden, die toten Krieger durch einen Gedächtniskranz zu
-ehren, der an den Wänden oder den Emporenbrüstungen der Kirche, in den
-Andachts- und Schulsälen aufgehängt wurde. Manch sonst kahler Raum fand
-so auf einmal und ohne besondere Absicht einen stimmungsvollen, neuen
-Reiz. Doch die Jahre vergehen, die Kränze verstauben und vertrocknen
-und immer weniger werden es deren im Laufe der Zeit sein, die
-liebevolles Gedenken erneuert.
-
-[Illustration: =Bockendorf=, Amtshauptmannschaft Döbeln
-
-Ausmalung von Professor _Paul Rößler_, Dresden
-
-(Aus dem Jahresberichte des Vereins für kirchliche Kunst)]
-
-Da lag der Gedanke nahe, das Motiv der kranzgeschmückten Kirche oder
-Gedächtnishalle künstlerisch zu verwerten und zu bleibender Schmuckform
-werden zu lassen. Die beistehenden Bilder mögen zeigen, was so mit
-verhältnismäßig einfachen Mitteln zu erreichen ist, und trefflich
-hat es der Künstler verstanden, den Traditionen der alten gemalten
-Dorfkirchen, an denen Sachsen so reich ist, sich anzupassen. Wie viele
-Kirchen aber gibt es im Lande, deren Wand- und Emporenflächen eine
-geschmacklose Zeit in langweiliger Monotonie übertünchte, und die
-in gleicher Weise zu einer Kriegerehrung in Farben in glücklichster
-Weise Verwendung finden könnten. Freilich ein tüchtiger Künstler nur
-möchte der Führer sein, der es versteht, sich dem jeweiligen Stil
-und Stimmungscharakter im Sinne des Ganzen und unaufdringlich
-anzupassen, damit nicht wertvolles Altes durch schlechtes Neues
-zerstört werde.
-
-Ein anderer, auffallend selten begangener Weg ist der der Verwendung
-farbiger Glasfenster für die Kriegerehrung. Im Vitztum-Gymnasium zu
-Dresden ist neuerdings im Treppenhaus in dieser Form eine solche von
-prachtvoll eindringlicher Wirkung durch den Dresdner Künstler Professor
-Roeßler geschaffen worden. Bedenken wegen der guten Erhaltung solcher
-Anlagen sind gegenstandslos, da böswillige Schäden, vor denen auch
-kein steinernes Monument sicher ist, hier leicht durch Schutzgitter
-an der Außenseite abgehalten werden können, andererseits ja auch die
-große Menge der erhaltenen mittelalterlichen Glasfenster deren lange
-Lebensdauer und stimmungsvolle Wirkung beweist.
-
-So sind es der Wege viele, die den nach Ausdruck suchenden Stiftern der
-Kriegerehrungen offen stehen und oft fehlt nur die richtige Führung
-zum Ziel. Hier helfend einzugreifen ist die Landesberatungsstelle für
-Kriegerehrungen in Dresden (Schießgasse 24) geschaffen worden, die
-unentgeltlich allen Ratsuchenden mit Auskunft zur Seite steht.
-
- ~Dr.~ Bn.
-
-
-
-
-Der »Steinerne Frosch« bei Miltitz
-
-Von ~stud. phil.~ _Gerhard Stephan_
-
-
-Im Wendenlande, unweit des Klosters St. Marienstern bei Kamenz liegt
-ein Dorf namens Miltitz. Kaum hundertfünfzig Meter nordwestlich davon
-am Feldpfad nach dem Pfarrdorf Nebelschütz steht ein Busch, und in
-diesem ein Granitblock »ungefähr acht oder neun Ellen hoch«. Man nennt
-ihn, weil er sich auf Gemeindegrund befindet, den »Gemeindestein«,
-gewöhnlich aber nach seiner Gestalt, der der eines sitzenden Frosches
-gleicht, den »Frosch«.
-
-Eine Sage knüpft sich an den Ursprung dieses Namens. In den Zeiten,
-als Christentum und Heidentum in der Lausitz noch sich gegenseitig die
-Vorherrschaft streitig machten, wohnte an dem Platze ein heidnischer
-Zauberer, der die Christen aufs erbittertste verfolgte. Jedes Mittel
-dazu war ihm recht. -- In einer stürmischen, regnerischen Nacht
-klopfte in später Stunde ein Wanderer an seine Hütte und bat mit dem
-Gruße: »Gelobt sei Jesus Christus« um Nachtherberge. Der Zauberer
-aber rief: »Verflucht sei Jesus Christus!« und wollte den Fremden
-mit Stockschlägen davonjagen. Doch dieser sprach: »Du sollst ein
-Zeichen sein, wie Gott die Sünder straft!« und berührte ihn mit seinem
-Wanderstabe. Da verschwand die Hütte samt dem Zauberer, an ihrer Stelle
-stand jenes froschähnliche Steingebilde. (Nach Haupt, Sagenbuch der
-Lausitz.)
-
-Eine andere Sage, die freilich den Ursprung des Namens »Frosch«
-unerklärt läßt, findet sich in Meiches Sagenbuch von Sachsen.
-Danach wohnte dort bei Miltitz in alten Zeiten der Wassermann, der
-jedesmal für zwei Dreier einen trunkliebenden Bauern von Nebelschütz
-heimgeleitete. Allmählich aber konnte der Mann, der ein Säufer geworden
-war und Hab und Gut durch die Gurgel goß, seinen Verpflichtungen nicht
-mehr nachkommen und blieb dem Wassermann seinen Lohn schuldig. Als
-er ihn einst noch in der Trunkenheit geschmäht hatte, und am andern
-Morgen aufwachte, sah er, wie dieser ihm mit einem großen Steine sein
-Hoftor verrammeln wollte. Er redete ihm gütlich zu, der Wassermann
-gab nach und sagte: »Wenn innerhalb von neun Minuten Euer Hahn kräht,
-trage ich ihn fort, sonst müßt Ihr mir neun Laibe Brot geben.« Der
-Hahn krähte, der Wassermann trug den Stein fort und warf ihn in die
-Gemeindebüsche. --
-
-Noch steht der sagenumwobene Stein, aber man weiß nicht, ob er
-nicht, ähnlich dem »Zwieback« im Kamenzer »Forst«, dereinst einer
-unverständigen Hand zum Opfer fällt. Möge der »Heimatschutz« dafür
-sorgen, daß er der Nachwelt erhalten bleibt!
-
-[Illustration: =Der steinerne Frosch bei Miltitz, Bez. Kamenz i. Sa.=
-
-(Phot. _B. Gersdorf_, Kamenz i. Sa.)]
-
- Vorstehender Sagenbericht veranlaßte den Heimatschutz über die
- wissenschaftliche Bedeutung des Steines sowie über die Frage
- der Gefährdung desselben Erörterungen anzustellen, über deren
- Ergebnis hier kurz berichtet sei:
-
- Der sagenumwobene »Steinerne Frosch« im Gemeindebusch des
- Dorfes Miltitz bei Nebelschütz wird von der Geologischen
- Landesuntersuchung (Blatt 37, Sektion Kloster Marienstern,
- Erläuterung Seite 26) als »Rundhöcker« bezeichnet, der
- durch das in der diluvialen Eiszeit darüber hinziehende
- nordische Inlandeis aus dem Granituntergrunde gestaltet
- wurde. Landesgeologe O. Herrmann sagt darüber a. a. O.: »Fast
- sämtliche Granitbuckel zwischen Jauer und Wendischbaselitz,
- wie auch diejenigen im Norden von Schmeckwitz und im Nordosten
- von Crostwitz ragen mit einer gewölbten, glattgeschliffenen
- Gipfelfläche durch das Diluvium hindurch. Glazialschrammen
- sind jedoch auf denselben nirgends erhalten, vielmehr zeigen
- alle diese Flächen eine infolge der verschiedengradigen
- Widerstandsfähigkeit der Granitbestandteile narbige
- Anwitterung. Ein solcher durch Eiswirkung abgerundeter Felskopf
- ist z. B. der sogenannte »Frosch« im Westen von Miltitz.
- Weit vollkommnere Rundhöcker weist das im Westen an Sektion
- Marienstern anstoßende Areal auf (vgl. Erläuterungen zu Sektion
- Kamenz, Seite 33).«
-
- Inzwischen vom Herrn Professor ~Dr.~ Muhle, Kamenz, auf unsere
- Bitte angestellte Erörterungen ergaben, daß dem »Frosch«
- keinerlei Gefahr droht, da maßgebende Herren der Gemeinde
- Miltitz versicherten: »Der Stein bleibt!«
-
- Die Freunde des Naturschutzes freuen sich gewiß mit uns, daß
- Besitzer und Gemeindevertretung in Miltitz Verständnis für
- die Erhaltung des interessanten Rundhöckers aus der Eiszeit
- bekundeten.
-
- Wir wünschen von Herzen, es möchten alle Einsichtigen für
- den Schutz der heimatlichen Natur eintreten, damit unser
- Geschlecht die wenigen noch in ursprünglichem Zustande
- vorhandenen Naturdenkmäler unverkürzt und unverletzt auf unsere
- Nachkommenschaft vererben kann.
-
- F. H. Döring.
-
-
-
-
-In eigener Sache ein letztes Wort[2]
-
- [2] Zu vergleichen »Auftakt zur Maulwurfsdämmerung«, Bd. IX,
- Heft 1--3, Seite 11.
-
- Dieser Aufsatz befaßt sich mit der Sitzung des Landtages am
- 4. März 1921, in der ein von der Regierung eingebrachtes
- Schutzgesetz für den Maulwurf mit seltener Einmütigkeit
- abgelehnt wurde.
-
-
- Sehr geehrter Herr Schriftleiter!
-
-Kürzlich wurde ich durch einen Herrn Lucas aus Meißen aufgefordert,
-mich als Vertreter meines Standes zu der Behandlung einer
-Standesangelegenheit zu äußern, die diese in einer gewichtigen
-Versammlung erfahren hat. Ich hätte gern mit Ihnen persönlich
-verhandelt. Aber durch den Steingrund Dresdens durchzukommen, ist für
-meine Beine und meine Nase ein Ding der Unmöglichkeit. Schreiben ist in
-meinem dunklen Erdbezirke auch nicht leicht. Was soll ich dazu sagen?
-Am liebsten nichts. Aber das könnte als Zustimmung ausgelegt werden.
-Darum herunter von der Leber, was sie drückt.
-
-Ich finde, daß die Kronen oder Herren der Schöpfung seit ihren Urtagen
-äußerlich manche tiefgehende Änderung durchgemacht haben, innerlich
-sind sie dieselben geblieben, die sie ehedem waren. An Selbstsucht
-und Beutegier übertreffen sie sogar unsere deswegen vielgeschmähte
-Sippschaft. In unseren Reihen sind die Taten der Menschen gegen
-Edelreiher, Paradiesvögel, Kolibris, Dronten, Wale, Biber usw. nicht
-unbekannt. Wir lasen in unserem Nachrichtendienst als Fortsetzung,
-nicht als Schluß der Tragödienreihe: Jetzt sind Marder, Iltisse, Füchse
-daran. Als ganz gefährdeten Posten stellte man uns hin. Aus unseren
-Reihen sollten schon Millionen gefallen sein.
-
-Wir haben uns darum gefreut, daß der Heimatschutz, mit dem wir sonst
-keinen Verkehr pflegen, sich unserer Sache energisch angenommen, sie
-sogar bis vor eine wichtige Versammlung gebracht hat. Aber das, was
-dort gesprochen worden ist, muß doch berichtigt werden. Der alte
-ehrliche Brehm hat ganz zuverlässige Gewährsmänner für seine Berichte
-gehabt und bringt lange nicht soviel Märchen zur Verbreitung wie manche
-Redner von heute. Ich kenne Engerlinge, Mai- und Junikäfer sehr genau,
-kann sie sogar dem Geschmacke nach sehr gut unterscheiden. Ich muß
-zugeben, daß ich bisher auf keinem Kirschbaume gesessen habe, auch
-meine Vorfahren nicht. Für meine Nachfahren kann ich nicht reden. Wer
-weiß, wie die Entwicklung einmal gehen wird? Aber Maikäfer, Junikäfer,
-Walker usw. habe ich schon genug mit Wonne verspeist. Jedoch ich sehe,
-ich muß deutlicher werden. Es ist nämlich gesagt worden: »Solange der
-Maikäfer in der Erde lebt, ist er ein Engerling. Wenn er ein Maikäfer
-ist, fliegt er auf Kirschbäume. Nun werden Sie doch nicht etwa sagen
-wollen, daß der Maulwurf auf die Kirschbäume steigt und die Maikäfer
-frißt. Das ist vollständig ausgeschlossen.« Jeder Knecht, jede Krähe,
-jeder Insektensammler weiß, daß die Puppenruhe der Engerlinge nicht
-lange dauert, daß vielmehr die fertigen Insekten vom Herbst bis zum
-Frühjahr in der Erde zu finden sind. Im Herbst fliegt aber kein
-fertiger Maikäfer auf Kirschbäume. So dumm ist er nicht. Das müßten
-sie aber tun, wenn wir sie nicht erwischen sollen. Die Versammlung,
-in der die Rede gehalten wurde, hat diese auf ganz besonders reiche
-Erfahrungen gegründeten Ausführungen mit großer Heiterkeit -- hört,
-hört -- Bravo und Heiterkeit wiederholt quittiert und Zustimmung zur
-Ablehnung unseres Schutzgesetzes gegeben. Um es nicht zu vergessen:
-Werren sollen recht selten sein. Ich glaube gern, daß mancher Herr der
-Schöpfung von seinen Werrenuntertanen noch nicht einen gesehen hat. Wir
-von unserer Zunft haben jeder mehr gesehen und auch verspeist. Sogar
-über unser zu großes Maul, vielmehr über unser zu kleines Maul ist
-geredet worden. Es wäre so klein, daß wir nicht einmal einen Engerling
-fressen könnten. Es geht nichts über eine gute Erfahrung. Ich habe
-immer geglaubt, der Mund der Zweifüßler sei auch nicht groß genug,
-einen Apfel, eine Stange Spargel, ein Rind zu verspeisen, daß das aber
-doch nach gewissen Vorbereitungen von ihnen fertig gebracht würde. Ich
-scheine mich aber darin zu irren.
-
-Verkannt zu werden, ist das Los so mancher schönen Seele. Gerade wir
-sind gewöhnt, andauernd zwischen nützlich und schädlich hin- und
-hergeworfen zu werden. Daß aber aus der ganzen Versammlung sich niemand
-berichtigend über unser Leben ausgesprochen hat, daß alle Teilnehmer
-die Angaben widerspruchslos hingenommen haben, das ist mir rätselhaft.
-Vielleicht hat man noch nie über uns Sammetkittel so harmlos gelacht
-wie an diesem Tage, am Freitag, den 4. März 1921. Nur uns war nicht
-spaßig zu Mute.
-
-Ihr Menschenkinder! Konntet Ihr nicht das Schutzgesetz soweit
-genehmigen, daß es hieß: Verboten ist in öffentlichen Ankündigungen
-sich zur Abnahme von Maulwürfen oder Maulwurfsfellen zu erbieten oder
-zu ihrem Angebote aufzufordern? Damit wäre uns viel geholfen gewesen.
-Da hättet Ihr gezeigt, daß Ihr ein Herz habt für das Geschöpf,
-
- daß Ihr ihm ein Recht auf sein Dasein gewährt,
-
- daß Ihr freie Geschöpfe verteidigt gegen Geldgier und Eitelkeit,
-
- daß Ihr dem Pelzhandel nicht gestatten wollt, vernichtend und
- ausrottend zu wirken,
-
- daß Euch das Recht der Allgemeinheit an der Natur höher
- steht, als der Vorteil naturfremder Kriegs- und
- Schieberkapitalisten.
-
-Nicht uns allein neben Amseln und Eichhörnchen usw. solltet Ihr
-schützen, nein, ein ganz allgemeines Gesetz gegen Ausrottung und
-Vernichtung jedweden bei uns beheimateten Geschöpfes solltet Ihr
-fordern.
-
-Aber, mein lieber Herr Schriftleiter, uns ist unbeabsichtigt Hilfe von
-anderer Seite gekommen. Frau Mode, das wetterwendische Weib, hat uns
-ihre Gunst wieder entzogen. Das ist unser Glück. Frau Mode hat Euch
-Menschen alle am Bändel. Hoffentlich beehrt sie uns recht lange mit
-ihrer Geringschätzung. Dann werden wir auch Ruhe haben. Wen sie unter
-uns freien Geschöpfen mit ihrer Gunst beglückte, dem brachte sie den
-Untergang.
-
-Herr Schriftleiter! Wir danken Ihnen Ihr Bemühen um unsere Sache. Es
-ist nicht umsonst geschehen. _Einst wird der Gedanke siegen, daß jedes
-Geschöpf ein Recht aufs Dasein hat ohne Rücksicht auf den sogenannten
-Nutzen oder Schaden._ Dann wird kommen der Tag, an dem die Göttin Mode
-zurückweicht vor dem freien Geschöpf, ihre Priester selbst und die
-Menge der naturfremden Menschen. Mit dieser Hoffnung wollen wir uns
-trösten.
-
-Für mich »Glück ab« zur kühlen Erde, für Sie »Glück auf« zu neuer Tat.
-
-Damit empfehle ich mich Ihnen und verbleibe Ihr
-
- _Erdmut Sammetwühler_, Obermullrich.
-
-
-
-
-Der betende Berg
-
-Von _Edgar Hahnewald_
-
-
-Blickt man von den Dresdner Elbhöhen aus auf das Bergpanorama, das an
-klaren Tagen über der linkselbeschen Hügelterrasse aufsteigt, so erhebt
-sich zwischen dem langhingestreckten Schneeberg und dem energisch
-aufgebauten Geising ein kleinerer, aber auffällig geformter Berg in der
-Gestalt eines Reitsattels.
-
-Auf der Karte steht er als Spitzberg verzeichnet -- diese Benennung
-stimmt für die Nähe. Allgemein aber trägt er den Namen Sattelberg --
-und dieser umschreibt sein Bild aus der Ferne.
-
-Er erhebt sich auf tschechoslowakischem Gebiet dicht hinter der
-sächsischen Grenze, die fast noch seinen Fuß berührt. Seine Höhe
-verzeichnet die Karte mit 719 Metern. Über das ihn umgebende Bergland
-ragt er jedoch nur als zackige Kuppe hinaus, sodaß, wenn man vom
-Städtchen Gottleuba aus zu ihm aufsteigt, er erst aus nächster Nähe
-wieder sichtbar wird.
-
- * * * * *
-
-Daher mag es geschehen, daß der Berg auch sonst ein wenig aus der
-Sicht tritt. Er ist Ziel und Gipfel des Tages, aber man weiß: der Weg
-dahin ist bequem und nicht weit. Und Gottleuba lohnt einen kleinen
-Aufenthalt, der ohnehin unumgänglich ist, da man sich in diesen Zeiten
-schärfer gezogener Grenzen im Rathause einen Grenzausweis ausstellen
-lassen muß.
-
-So verweilt man und frischt Erinnerungen an frühere Besuche auf.
-
-Gottleuba liegt im Tale des gleichnamigen Flüßchens. Die bewaldeten
-Berge betten das Städtchen tief in schwellende Kissen ein.
-
-Es ruht als Sommeridyll im Grünen. Begeisterte Lokalpatrioten haben
-das Städtchen verfänglich »Klein-Tirol« getauft. In der Mundart der
-Gegend aber heißt es Guttlewe -- und wenn man das von einem alten
-Bauernweiblein gemütlich breit aussprechen hört, klingt es wie eine
-Bestätigung des Eindrucks, daß es zwischen diesen grünen Bergen gut zu
-leben sein mag.
-
- * * * * *
-
-Über Tal und Dächer hinweg guckt die kleine schmucke Kirche. Sie steht
-am Berghang inmitten eines alten Friedhöfels. Steinerne Stufen, von
-einem Torhäuschen überbaut, führen hinauf. Hohe Lärchen beschirmen den
-Eingang mit hellgrünen Zweigfittichen.
-
-Der schräg an die Giebelecke gestellte viereckige Turm trägt über
-malerischem Gewinkel ein lustiges Laternendach.
-
-Das Innere des gotischen Kirchleins ist von ländlich anheimelnder
-Schlichtheit. Aus der Sakristei blickt man durch das helle Fenster
-auf schräg ansteigenden Rasen, auf gelbe und weiße Blumen, die auf
-schwanken Stielen vor der zerbrochenen Mauer wehen, auf grüne Waldberge.
-
-Unter der Orgelempore hat man alte Grabsteine aufwändig eingemauert.
-In den Inschriften betrauern nun selbst längst, längst Gestorbene ihre
-Toten in rührenden Worten. Ein Pfarrer setzt seiner Hertzgeliebtesten
-Hausfrawe, der Wol Erbarn Viel Ehren undt Tugendreichen Frawen Anna
-Marien ein Ehren und Liebes Mal. Und auf den Denkstein seiner eintzigen
-Tochter ließ er den Steinmetz die Worte meißeln, daß die Weyl. Wohl
-erbarr an Sitt Ehr und Tugend Edle allhier der frölichen Zukunfft Ihres
-Jesu erwartet. Ein anderer Stein erzählt von dieses Pfarrers zweiter
-Frau, die am 4. Dezember 1640 gebohren und den 3ten Tag darauf in das
-Buch des lebens eingeschrieben wurde, Ao 1662 aber als in den 22 Jahr
-ihres Alters vereheligt worden an Hrn. Gottfried Schreibern Pfarrern
-alhier zu Gottleube und Bergkgießhübel, mit welchem Sie nechst Gott
-gezeuget hat 8 Kinder als 2 Söhne und 6 Töchter.
-
-Immer wieder und allerorten steht der Wanderer vor solchen
-steingegrabenen Dokumenten und immer wieder liest er sie und spürt den
-Hauch einer Liebe, die über Gräber und Jahrhunderte hinaus zu Menschen
-spricht.
-
- * * * * *
-
-Unterhalb der Kirche führt der Weg hinauf nach Ölsen, ins Bergland.
-Anfangs steigt er sacht durch eine von Fichtenwäldern eingeschlossene
-talartige Einsenkung, die weiter hinauf immer flacher wird und in den
-Bergwiesen endet.
-
-Und während man steigt, vollzieht sich eine doppelte Bewegung der
-Landschaft. Wie auf einer schräggleitenden Versenkungsbühne sinken die
-Waldberge um Gottleuba zurück und hinab. Und darüber hinaus schwebt
-ebenso sacht eine ferne, große Landschaft herauf: das ganze Hügelland
-vor und um Dresden mit seinen Tälern, Hochebenen, Bergkuppen steigt
-über den sinkenden Wäldern auf. Fernsichten ins Gebirge erschließen
-sich feierlich.
-
-An diesem Tage war es mitten im Juni herbstlich kühl und klar. Nach
-wochenlangem Regen trieb ein herber Wind ein leidenschaftliches Spiel
-mit Sonne und Wolken. Er jagte graues und weißes und taubenblaues
-Gewölk über die Sonne hin, als sei es sein Vorhaben, das Gestirn mit
-diesen Wolkenfetzen zu putzen. Die Sonne glänzte metallisch blank. Und
-verschwand wieder hinter heranjagenden Wolken, die von Zeit zu Zeit
-minutenlange, feine, kalte Regenschauer über die Landschaft zerstäubten
--- rauschende Brausebäder von Licht sprühten zur Erde. An allen Gräsern
-zitterten und blitzten Millionen perlfeiner Regentropfen, Millionen
-funkelnder Prismen im Grünen.
-
- * * * * *
-
-In diesem prickelnden Lichte blühen die Bergwiesen in
-Farbenjubelchören. Die reine Bergluft macht den Wuchs der Pflanzen
-schlanker, lichtstrebender, die Farben der Blumen leuchtender.
-Kornblumen und Glockenblumen blühen da oben in tieferem, satterem Blau.
-Der kleine rasenbildende Ginster strahlt goldener. Die Margariten
-schwenken ihre großsternigen Blüten auf schwankeren Stielen. Die
-blauroten Blütenruten des Natterkopfes strotzen hoch aufgerichtet im
-Klee, und die Orchideen strecken ihre violettgescheckten Blumenähren
-noch über das hohe Gras hinaus. Und überall prangen die orangenen
-Ordenssterne der Arnika, mit der die Gebirgler Kräuterschnäpse würzen
-und die den schönen Namen Berg-Wohlverleih führt.
-
-Botanische Kenner wissen in diesem Bergrevier die verborgenen Standorte
-der stachellosen Alpenrose und der sibirischen Iris zu finden -- ganze
-Wiesen, überblüht von blaßblauen, violett geäderten Schwertlilien.
-Die buttergelbe Trollblume, die der Volksmund Butterkugel nennt, die
-Ferkelblume und das Blutauge blühen in diesem farbenfrohen Sommerfest
-der Blumengöttin Flora -- ein reicher botanischer Garten wird dem
-Freunde der »liebenswürdigen Wissenschaft«, der Botanik, geschenkt.
-
-Lagert er sich in die blühende Wiese, so umstickt schleierfeines
-Labkraut, violett und gelb leuchtender Wachtelweizen, purpurner
-Erdrauch das köstliche Kissen von hyazinthenblauen Kreuzblumen, in das
-er sein Haupt legen darf. Prunkende stachellose Alantdisteln umstehen
-sein Lager in dichten Lanzenschwadronen und tragen ihre Purpurköpfe
-hoch über dem Blumengrund. Und durch diesen stolzen Distelwald
-schimmern, wenn man liegt, die Berge fern, forstgrün, schieferblau,
-duftblau, immer ferner, immer wunderblauer -- man kann nicht
-liegenbleiben, man springt auf, schreitet durch den blumenbesteckten
-Speerwald der Disteln wieder dem Wege zu und wandert den Bergen
-entgegen, die im rieselnden Lichte wie hinter irisierenden Gläsern
-wallen.
-
- * * * * *
-
-Hinter Ölsen, einem wurzelechten Erzgebirgsdorf mit einem
-Ludwig-Richter-Kirchlein, schiebt sich unvermerkt eine spitze, dunkle
-Zacke über Wiesen, über umbuschte Gneisraine, über den Anstieg eines
-Waldes herauf. Und dann mit einem Male steht eine breitgezackte
-Bergkuppe da -- ein dunkler Fichtenmantel hängt um eine nackte
-Bergschulter -- das ist der Sattelberg.
-
-Der Wiesenweg läuft in den Wald hinein und steigt. Und überrascht steht
-man vor dunkelfeuchten, zyklopisch getürmten Sandsteinschroffen. Ein
-Steintreppchen zwängt sich zwischen Felsblöcken durch. Man steht auf
-einer waldumschlossenen Bergwiese, vor einer Baude. Darüber kuppelt
-sich spitz und energisch ein Basaltgetürm auf.
-
-Diesen Aufbau des Berges begreift man in seiner Merkwürdigkeit richtig
-erst da: auf dem Gneisplateau des Erzgebirges, über dessen blühende
-Wiesen man eben noch dahinschritt, setzt sich dieser Berg auf als Rest
-einer Quadersandsteindecke, die einstmals das östliche Erzgebirge
-überzog und von der vergangene Jahrtausende es entblößten, nur dieses
-eine Denkmal zurücklassend. Darüber aber baut der in der Tertiärzeit
-durch die Quaderdecke durchgebrochene Basalt seine Säulen zur schroffen
-Spitze auf.
-
-Es sind redende Steine, die den Berg formen.
-
- * * * * *
-
-Und es ist ein betender Berg.
-
-Oben, über den eisenfarbenen Geröllhängen, schließen sich die
-Basaltsäulen zu einer gipfelstürmenden Gebärde zusammen. Sie drängen
-empor, schräg hinaufwachsend, einander überdrängend, in der Ekstase des
-plutonischen Aufbruchs erstarrt.
-
-Als Reinhardt das Sophokles-Drama König Ödipus inszenierte, ballte
-er in den Massenszenen die Scharen seiner Statisten zu einem Wesen
-zusammen, zu einem Wesen mit hundert Händen, hundert Hände, gereckt zu
-einer Pyramide von Händen, zu einer ekstatischen Gebärde.
-
-Daran erinnert dieses Hinanstürmen der basaltenen Säulen.
-
-Nach einem Punkte zu streben sie, nach einem letzten schließenden
-Gipfel der Pyramide, der nicht da ist. Er liegt über dem Ansturm
-der Säulen und wird nicht erreicht. Das gibt diesem Aufdrängen die
-stete, unaufhörliche Bewegung, die trotz der erzenen Starre immerfort
-von unten auf den Gipfel zu zu drängen, zu streben scheint. Es lebt
-verborgen ein Wille in diesen Steinen: aufwärts -- sich in einem Punkte
-zusammenfassen.
-
-Über diesem einen, nur denkbaren Punkt erhebt sich ein Kreuz. Ein
-katholisches Steinkreuz. Ein Christus neigt das Haupt und sieht mit
-sterbenden Augen auf den Drang der Steine herab.
-
-Menschenhände, vielleicht schlicht-ländliche Katholiken aus dem Dorfe
-im Tale haben das Kreuz da errichtet -- was sie taten, war eine
-künstlerische Tat, ohne daß sie es wußten. An diesem Punkte muß das
-Kreuz stehen -- oder ein andres Symbol menschlicher Sehnsucht -- im
-katholischen Böhmen ist es ein Christuskreuz. Da steht es.
-
-Und zu ihm empor drängen, streben die Steinsäulen in leidenschaftlicher
-Gebärde, in pathetischer Eindringlichkeit der Bewegung.
-
-Der Berg betet -- betet nach Menschenwillen empor zu diesem Kreuz.
-
- * * * * *
-
-Man tritt hinauf -- die Bruchflächen der Säulen geben Stufen her für
-den Fuß. Und dann steht man über dieser aufdrängenden Pyramide, die
-nun dem freisausenden Sturme entgegenwächst, steht, an das Steinkreuz
-gelehnt und blickt hinaus -- in das rundum gelagerte Land, auf auf- und
-absteigende Wiesen, schimmernd wie grüner Seidensamt, auf schwarzgrüne
-Wälder, die schwer, üppig von Bergen herab in tiefe Täler hängen und
-aus Tälern bergauf steigen als geballtes, tiefgrünes Gewölk. Grasige
-Hänge herab gleiten andere Wälder, breiten, schiebenden Gletschern
-ähnlich, stemmen sich mit tausend Stammfüßen gegen den fallenden grünen
-Grund und werfen ihre Schatten schräg über abgleitende Triften.
-
-Über Berg und Tal gebreitet, in Wiesen und Wälder und Felder
-eingestrickt, liegt das hellschimmernde Maschenwerk der Straßen und
-Wege, in Dörfern verknotet, von Hecken gesäumt, von Baumpilgerzügen
-still begangen.
-
-Darüber hinaus lagern, ragen, schweben immer fernere Berge. Berge mit
-runden, blauen Waldkuppen, Berge mit besonnten Steilwänden, Berge
-noch in weitester Ferne, gläserne Gebilde -- nein, Glas ist noch zu
-körperlich, es gibt keinen Vergleich für dieses duftige Schweben,
-dieses der Erde Entrücktsein fernster Gebirge in zarten grünen, blauen,
-violetten, rauchfarbenen Schimmerfarben.
-
-Und drüberhin schwenken jagende Wolken ihre Schattenfahnen, lassen
-Berge schieferblau ins Irdische zurücksinken und wieder in märchenhafte
-Lichtgefilde aufschweben. Wiesen, wallende, graugrün wogende Junifelder
-ermatten unter ihren Schattenflügen und leuchten wieder goldgrün auf.
-
- * * * * *
-
-Man blickt hinaus und da, plötzlich in einer Sekunde des Schauens
-scheint der Wolkenflug stillzustehen und die grüne, blaue, leuchtende
-Erde saust darunter hin durch Licht, durch Schatten, durch Licht, durch
-Schatten -- eine stummjauchzende Fahrt mit allem, mit dir, dem Berg,
-dem Steinkreuz, das sich im Sturmdrange dieses Fluges zu neigen scheint.
-
- * * * * *
-
-Vom Himmel herab rollen wehende, über die Berge schleifende
-Regengardinen. Sie rauschen heran, lösen sich auf in Myriaden
-sprühender Tropfen, ziehen weiter, hüllen andere Fernen ein und lassen
-eine glitzernde Welt zurück.
-
-Manchmal scheint die Sonne durch die nassen Schauer. Dann ist es, als
-sprühe das Licht in blitzenden Tropfen regenbogenfarben zur Erde nieder.
-
- * * * * *
-
-Und du stehst, an das Kreuz gelehnt, vom Sturme herb umdrängt, und
-weißt: jetzt faßt sich in dir das anbetende Empordrängen des erzenen
-Berges zusammen. Deine Lust, deine Freude, dein Lebensgefühl dieser
-Stunde ist Zusammenschluß und Vollendung der Geste, in der der Berg
-sich gipfeln will, zu der er in steter Bewegung anhebt. Und du fühlst
-dich, den Menschen, fühlst den Drang des Blutes in deinen Adern, den
-Atem in deiner Brust -- unter deinen Füßen betet der stumme Berg und
-du weißt die Worte, die dem erzenen Stein nicht gegeben sind, und
-sprichst sie nicht aus. Du blickst schweigend hinaus in die strahlende
-Sommerwelt -- in deine Welt, die für dich mit dir versinkt, die für
-dich ist, so lange du bist.
-
- * * * * *
-
-Eine Stunde lang saßen wir auf der zackigen Kuppe des betenden Berges.
-
-Der Himmel schwenkte seine Fahnen über uns.
-
-
-
-
-Der unzufriedene Papierkorb
-
-Von _W. Otto Ullmann_, Dresden
-
-
-Man kann es schließlich auch einem Papierkorb nicht übelnehmen, wenn
-er unzufrieden ist. Die Menschen machen es ja auch nicht anders und
-haben dabei zuweilen nicht einmal Grund dazu. Aber wenn ein Papierkorb
-unzufrieden ist, ist das allemal berechtigt. Das liegt an seiner
-Konstitution. Ein Papierkorb läßt sich viel gefallen, aber wenn er
-zuviel Schlechtes erfährt, wird seine Verstimmung papierkorbtief.
-
-Der unzufriedene Papierkorb hieß »Marke Tatra.« Gewiß war er sich
-bewußt, daß auf den Namen viel ankommt, deshalb trug er ihn jedermann
-zur Ansicht auf einem Blechschild, das an seiner Brust angeheftet war.
-Marke Tatra war nicht auffällig groß, aber kernfest, hatte Eisenfüße,
-einen Eisenboden und einen Eisendrahtmantel, wie es sich für jemanden
-mit dem kernfesten Namen Marke Tatra gehört. Zudem war sein Eisenkörper
-mit einer grauweißen Ölfarbenhaut überzogen, damit ihm kein Rost irgend
-etwas antun konnte. Er hatte damit sogar vor dem kernfesten Helden
-Siegfried etwas voraus, der doch immerhin eine Stelle an sich hatte, wo
-ihm der böse Feind an Leben und Gesundheit konnte. Nein, wirklich: um
-solche Dinge brauchte sich Marke Tatra keine Sorge zu machen. Und das
-war es natürlich auch nicht, was ihn unzufrieden machte.
-
-Als der Papierkorb Marke Tatra eines Tages da war (genau wie die
-Menschen eines Tages da sind), wurde er auf einen Wagen geladen und
-stand bald in einem langen dämmrigen Verkaufsraum. Marke Tatra sah sich
-um und wunderte sich; denn alles was da in seiner Nähe herumstand,
-waren auch Papierkörbe wie er. Natürlich hießen sie anders, denn
-sie sahen auch anders aus. Es gab recht schwächliche aus Rohr und
-kräftigere aus Holz, aber keiner glich an Kernfestigkeit ihm, dem
-grauweißhäutigen Eisendrahtpapierkorb Marke Tatra.
-
-Wenn es auch dämmrig im Verkaufsraum war, so war es doch ganz
-unterhaltsam. Sie alle, die Papierkörbe, hatten einen Herrn, der oft
-Besuch bekam. Und dieser Besuch prüfte, suchte und nahm schließlich
-einen Papierkorb mit oder ließ sich einen zuschicken in eine dunkle
-Zukunft. Und bei einer solchen Verhandlung hörte Marke Tatra, daß er
-ein »Muster« sei. Nun, das war doch selbstverständlich. Darüber dachte
-er auch kein bißchen mehr nach. Aber die dunkle Zukunft, in die es
-durch jene Tür hinausging, gab ihm zu denken.
-
-Na, schlimm konnte es ja nicht werden. Da vorn am Schreibpult hatte
-sein Herr so einen Papierkorbschwächling aus Rohr stehen, mit dem
-er sich öfter beschäftigte. Alle Morgen, wenn er die Post durchsah,
-verschwanden Briefhüllen und was sonst überflüssig war, im Leibe
-dieses Kleinen. Er hatte tatsächlich nichts auszustehen. Und wenn
-Marke Tatra seinen Herrn die Käufer Herr Doktor, Herr Professor oder
-gar Herr Rat anreden hörte, wurde er immer sichrer, daß die dunkle
-Zukunft ganz angenehm sein würde. Marke Tatra träumte sich schon in
-das Arbeitszimmer eines großen Gelehrten, neben den Schreibtisch eines
-heimlichen Dichters oder gar in die Redaktionsstube einer großen
-Zeitung. Es müßte herrlich werden. Marke Tatra sehnte sich nach
-der dunkeln Zukunft. Da hatte man doch endlich seine Aufgabe, eine
-Lebensaufgabe von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Wo Marke Tatra
-stehen würde, sollte es nie liederlich aussehen, alles überflüssige,
-verbrauchte Papierwerk wollte Marke Tatra mit seinem Eisendrahtmantel
-festhalten. Ein Erzieher zum Geschmack wollte Marke Tatra werden. Wer
-ihn besaß, konnte kein überflüssiges Papier umherliegen lassen, das
-war klar. Marke Tatra träumte wunderschön von seinem hohen, idealen
-Daseinszweck.
-
-Aber wie hatte sich der gute Marke Tatra geirrt!
-
-Eines schönen Tages hatte sein Herr wieder Besuch. Der Herr Balduin
-Lehmann, Vorsitzender des Verschönerungsvereins zu Lieblichwaldau
-war da. Alles, was die beiden redeten, konnte zwar Marke Tatra nicht
-verstehen, aber als sie nun ganz in seiner Nähe waren, hörte er doch.
-
-»Ich habe nur diesen einen da,« sagte sein Herr, »es ist ein Muster!«
-
-»Ist er haltbar?« fragte Balduin Lehmann.
-
-»Es ist Marke Tatra, ein hervorragendes Erzeugnis, Eisenfüße,
-Eisenboden, Eisendrahtmantel mit bestem Ölfarbenüberzug. Sie werden mit
-Marke Tatra zufrieden sein, er ist wirklich kernfest und auf die Dauer!«
-
-Der fremde Herr befühlte und untersuchte Marke Tatra genau. Er nickte
-mit dem Kopfe. Und Marke Tatra fühlte ganz deutlich, daß die dunkle
-Zukunft heller wurde. Herr Lehmann kaufte ihn.
-
-Marke Tatra reiste mit der Eisenbahn nach Lieblichwaldau. Dort
-erwartete man ihn mit einem Handwagen und fuhr ihn fort. Es ging durch
-ein nettes Städtchen, bergan in den Wald. Auf sauberen Wegen immer
-durch Grün und Grün ging es. Es war eine lustige Fahrt. So schön hatte
-sich Marke Tatra den Wald gar nicht gedacht. Endlich hielten sie auf
-einem wundervollen Plätzchen an. Da stand ein riesiger alter Steintisch
-und am Rande schon unter den Zweigen wieder eine alte Steinbank und da
-noch eine. Herr Lehmann setzte sich dahin. »Wunderschön zum Ausruhn!«
-dachte Marke Tatra. »Wie die Vögel singen! Ich freue mich sehr über
-diese Reise durch den Wald. Man erlebt doch etwas!«
-
-Die beiden jungen Menschen, die den Wagen gezogen hatten, störten ihn,
-nachdem sie sich kurz verschnauft hatten.
-
-»Also hierher, Herr Lehmann!« sagten sie, hoben Marke Tatra vom Wagen,
-setzten ihn auf zwei Steine, die in den Boden eingelassen waren und
-nieteten ihn mit Eisenbändern an diesen Steinen fest. Das dauerte gar
-nicht lange; denn alles war schon bestens vorbereitet.
-
-Und als Marke Tatra festgenietet war, stand Herr Lehmann auf,
-versuchte, ob Marke Tatra auch feststand, sagte: »Gut so!« und
-verschwand mit den beiden Schlossergesellen und dem Wagen.
-
-Da stand nun Marke Tatra allein im Walde. Er war wie vor den Kopf
-geschlagen. Endlich konnte er wieder einen gescheiten Gedanken fassen:
-
-»Die Vögel singen,« sagte er, »und der Wald duftet. Es ist wunderbar
-hier! Aber ich? Was soll ich im Walde? Bin ich denn kein Papierkorb?
-Hierher gehört doch kein Papierkorb! Ein Papierkorb gehört doch dahin,
-wo viel Papier überflüssig wird, gehört doch in ein Arbeitszimmer. Ja,
-ich lasse mir auch noch einen Kinderspielplatz gefallen! Aber hier im
-Walde? Das ist doch geschmacklos! Ich passe doch gar nicht hierher!«
-
-Und weil es gerade anfing zu regnen, weinte Marke Tatra lange Tränen an
-seinen ölfarbeüberzogenen Eisenbeinen hinunter.
-
-Es sollte noch besser werden. Am nächsten Tage kamen zwei Männer,
-rammten hinter Marke Tatra einen Pfahl in die Erde. Und dieser Pfahl
-trug eine Tafel. Wenn nun jemand bei Marke Tatra vorbeigehen wollte,
-hielt er an und las:
-
- »O Mensch, der du hier spazierst
- und Butterbrote mit dir führst,
- wirf das umhüllende Papier,
- das fettgetränkte, nicht von dir.
- Wirf’s in den Korb, du hast ja Zeit,
- nichts geht doch über Reinlichkeit!«
-
-Dann suchte er pflichtschuldigst in allen seinen Taschen nach
-Straßenbahnfahrscheinen und allen möglichen Papierresten und ließ sie
-in Marke Tatras Drahtleib fallen. Marke Tatra war unglücklich:
-
-»Ich verstehe zwar nicht viel von Literatur,« dachte er. »Aber so ein
-Vers gehört in den Papierkorb. Ich schäme mich, daß ich hier stehe.
-Eigentlich sollten sich die Menschen schämen, daß auf dem Ruheplatz
-im Wald ein Papierkorb nötig ist. Sie haben doch einen Papierkorb
-zu Hause! Und wenn sie wirklich hier ihr Frühstück auspacken. So
-ein bißchen Papier ist doch keine Last, daß man es nicht nach Hause
-tragen könnte! Hier müßte ich doch tatsächlich überflüssig sein. Wenn
-die Menschen so vernünftig wären, wie sie immer tun, müßten sie das
-doch einsehen. Ich stehe hier -- ein Papierkorb im Walde -- als eine
-Geschmacklosigkeit. Und sie sind schuld daran, weil ihresgleichen so
-geschmacklos ist, Papier liegen zu lassen hier im Walde, wo es nun auch
-gar nicht hingehört.«
-
-Und nun brüllt das Schild noch dazu: »Ich weiß, daß Ihr keinen Sinn
-habt für die Reinheit des Waldes. Ich sehe es Euch an, Ihr wollt Papier
-wegwerfen, legt es wenigstens in den Papierkorb.«
-
-Marke Tatra erging sich immer wieder in Erwägungen über seine verfehlte
-Lebensaufgabe. Er war überzeugt, daß er nicht am rechten Platze war, er
-mußte hier überflüssig sein. Wie gern wollte er im dunkelsten Büro, in
-der Ecke im Schulhofe stehen, aber hier im Walde? Es war wirklich zu
-viel verlangt.
-
-Marke Tatra regte sich wahnsinnig auf. Seine Ölfarbenhaut zerriß. Er
-fing an zu rosten.
-
-»Ich will gern sterben,« sagte er, »aber wenn ich zusammenbreche, muß
-auch der schreckliche Vers im Papierkorb enden. Wenn er noch stünde und
-ich wär nicht mehr da, wäre das Unheil nicht abzusehen!«
-
-Das Schicksal tat ihm seinen Willen. Ein Sturmwind kam. Die Holztafel
-mit dem Verse stürzte in Marke Tatras angerosteten Eisendrahtleib und
-riß ihn mitten durch. »Ratsch,« sagte Marke Tatra und war tot ...
-
-Das ist nun dreißig Jahre her. Gott sei Dank, heute kann so etwas nicht
-mehr passieren. Die Menschen sind eben doch vernünftiger geworden und
-geschmackvoller. Heute denkt auch gar niemand mehr daran, im Walde
-Papier wegzuwerfen. Alle Menschen achten die Reinheit des Waldes. Und
-da braucht sich auch kein armer Papierkorb mehr zu Tode zu quälen. Es
-wäre aber auch noch schöner.
-
-Ja, wenn alles wahr wäre! ...
-
-
-
-
-Die Haustreiberei, eine aussterbende Heimarbeit in der südlichen
-Oberlausitz
-
-Von _Alfred Eichhorn_, Glashütte
-
-
-Am Treiberade sitzt die alte Lausitzerin und treibt Pfeifen, mit der
-Rechten die Kurbel fassend, mit der Linken den Wollefaden haltend. Die
-Winde, mit Wollezaspeln bespannt, läuft im Windestock. Auf der Spille,
-die in die Seitenteile des Pfeifenkastens eingestemmt ist, steckt die
-Pfeife. Sie wird mit Welle betrieben. Auf der Spille steckt auch der
-Wirtel mit mehreren Einschnitten für die »Bieste« (Treibschnur).
-
-Am Vormittage hat sich die alte Haustreiberin beim Fabrikanten
-drei Gebündel Wolle geholt. »Se gitt gutt,« meint sie beim Treiben
-der ersten Pfeife am Nachmittag, denn die Wolle »reßt ne und is
-o ne verhost.« Da können nach einer Stunde schon vier betriebene
-Pfeifen unterm Windestock liegen. Damit ist sie recht zufrieden.
-Für eine betriebene Pfeife bekommt sie zehn Pfennige, ergibt
-einen Stundenlohn von vierzig Pfennig. Du liest noch einmal den
-Stundenlohn? Ja, wahrhaftig! In dieser Tatsache offenbart sich wieder
-das Hauptkennzeichen unserer Zeit -- Gegensätzlichkeit; denn der
-Maschinentreiber in der Fabrik nennt dir sechs Mark als Stundenlohn.
-Und welche Leute sind Haustreiber? Kränkelnde alte Männer und Frauen,
-deren Rentenpfennige kaum zum Kauf eines Brotes reichen, die Menschen,
-denen in ihrer Jugend die Ärmlichkeit der Lausitzer Hausweber
-Weggenosse war. So greifen sie denn an ihrem Lebensabende noch einmal
-zum wohlvertrauten Treiberade, weil die Not wieder dazu zwingt. Der
-Krieg ließ die Haustreiberei wieder etwas aufleben, da die wenigen
-Aufträge und der Wollemangel den Betrieb großer Maschinen nicht
-lohnte. Wer kann’s den alten Haustreibern verdenken, wenn in mancher
-Stunde Verbitterung ihr Herz erfüllt? Die Jugend schwelgt, das Alter
-darbt.
-
-[Illustration: =Alte Lausitzerin am Treiberade=]
-
-Was erfahren wir aus der Kinder- und Jugendzeit der alten Haustreiber?
-Wenn die Spannweite der Arme kaum ausreichte, um das Rad zu drehen und
-den Faden zu halten, begann die erste Unterweisung im Treiben. Ein
-volles Jahr fehlte mitunter noch bis zum ersten Schulgange. Gar bald
-wurden die kleinen Finger mit dem schneidenden Faden bekannt. Daumen
-und Zeigefinger, auch der Mittelfinger der linken Hand hatten tiefe
-Einschnitte bekommen. Dann mußte der Faden zwischen den Fingern nahe
-der Handfläche gleiten. Mit zunehmendem Alter war täglich eine größere
-Anzahl Pfeifen zu treiben. Da wurde die freie Zeit gar knapp, und
-wenn »de Wulle schlajchte ging,« dann gab’s nur Stubenluft zu atmen,
-denn die vom Vater festgesetzte Pfeifenzahl mußte fertig werden. Wie
-mühsam war das Treiben an trüben und kurzen Wintertagen, wenn schwarze
-Wolle zu treiben war, der Faden oft riß und sein verschwundenes Ende
-minutenlanges Suchen erforderte! Wie flackerte das kleine Rüböllämpchen
-am Pfeifenkasten vom Winde des Treiberades! Kalt wurde es in der
-Stube, da ja die Geschwister auch trieben oder für Vaters Webstuhl
-spulten. So saßen die Familienglieder in Pelzen und dicken Jacken bei
-spärlichstem Lichte am Treiberad, Spulrad und Webstuhl. Und wie wurde
-damals ihre Arbeit bezahlt? Beim »Heimtragen« erhielt die Mutter für
-eine betriebene Pfeife einen Pfennig, machte vier Pfennig Stundenlohn,
-auch für jene Zeiten ein Hungerlohn! Vierzehn bis sechzehn Stunden
-drehte sich täglich Treiberad, Spille und Winde. Von vierzehn Jahren
-an war diese Arbeitszeit Selbstverständlichkeit. Mehr Stunden wurde
-auch getrieben.
-
-So sind die Haustreiber vom Lebensmorgen bis zum Lebensabend nur auf
-steinichtem Wege gewandert. Da wurden sie wortkarg und verschlossen.
-
-
-
-
-Die Schellente im Moritzburger Teichgebiet
-
-Von _Paul Bernhardt_
-
-
-Eine schöne Bereicherung hat der unheilvolle Krieg unserer heimischen
-Vogelwelt gebracht: Die Schellente, dieser Prachtvogel, hat Heimatrecht
-im Moritzburger Teichgebiet erworben, sie ist hier in den Kriegsjahren
-zur Brut geschritten. Schon vor dem Kriege stellten sich im Oktober
-einige Paare als Durchzügler ein und erfreuten bis zum April den
-Beobachter.
-
-Am sonnigen Herbsttage oder im zeitigen Frühjahr treibt es den
-Vogelkundler hinaus ins Teichgebiet; hohe Zeiten sind es für ihn, denn
-reich ist die Fülle der Beobachtungen. Forscherfreude im Herzen steht
-er vor der blauen Wasserfläche und sucht sich in der schwimmenden,
-tauchenden, schwirrenden und kreischenden Schar zurechtzufinden. Weit
-draußen leuchtet im Sonnenschein viel Weiß. Eben ist es verschwunden,
-schon taucht der weiße Fleck wieder auf. Ein Schellentenerpel im
-Hochzeitskleide. Das Glas zeigt die ganze Schönheit. Metallisch grün
-schillert der dunkle, dicke Kopf, geschmückt durch zwei auffällige
-weiße Flecken dicht an der Schnabelwurzel und durch feuergelb
-leuchtende Augen. Sonst überall viel Weiß, das noch durch das tiefe
-Schwarz des Oberrückens und Schwanzes gehoben wird. Immer größer wird
-der weiße Fleck auf dem Wasser. Der Erpel legt sich putzend zur Seite,
-und die korallenroten Füße vollenden das herrliche Farbenspiel. Kurze
-Zeit weidet sich das Auge am Anblick, schon ist die Herrlichkeit wieder
-unter Wasser. Doch gleich nebenan erscheint einem auftreibenden Korke
-gleich eine zweite, dritte ja vierte dieser zierlichen Tauchenten.
-Einige weniger auffallend gefärbte Weibchen beteiligen sich am Treiben.
-Fleißig taucht die kleine Schar, um bald wieder an der Oberfläche zu
-erscheinen. Schwer machen sie es mir, die Stückzahl festzustellen.
-Trägheit liegt ihnen fern. Sie gehören zu den vorsichtigsten und
-lebhaftesten Enten. Klirrend saust ein Pärchen reißenden Fluges über
-den Wasserspiegel hin; hell leuchten die weißen Spiegel im schwarzen
-Felde auf, und klingendes Getön vernimmt beim Nähern das Ohr. Daher
-die Bezeichnung Schellente. Fast alle Teiche unseres Gebietes waren
-im vergangenen Frühjahr mit einigen Schellenten besetzt, so daß gegen
-dreißig Paare gezählt werden konnten.
-
-Ganz toll wird das Treiben zur Paarungszeit. Die einzelnen Pärchen
-sondern sich ab und sind von jetzt ab immer an gleicher Stelle in ihrem
-Brutgebiete anzutreffen. Eine aufgeregte, kampfesreiche Zeit hebt
-an; Liebe und Eifersucht beherrschen die kommenden Tage. Das muntere
-Treiben und Tauchen in Gesellschaft ist vorbei. Jetzt gilt es, das
-Weibchen vor Anremplungen zu schützen. Und der Schellentenerpel ist
-ein eifersüchtiger Gatte. Mit gesenktem Kopfe wird der sich nähernde
-Nebenbuhler angenommen, durch Unterwasserangriff an den Ständern
-gepackt und eine Strecke im Fluge verfolgt. Oft wird der Kampf zur
-Rauferei. Wütend stürzen die Erpel aufeinander zu, packen sich am
-Kopfe, ziehen sich balgend unter heftigen Flügelschlägen bald über,
-bald unter Wasser hin und her; lassen voneinander ab, packen sich
-wieder und treiben einer den andern im niedrigen Fluge plätschernd
-über die Wasserfläche hin. Stolz umschwimmt der zurückgekehrte Gatte
-die Auserwählte, bringt das Gefieder in Ordnung, legt den Hals
-weit nach hinten auf den Rücken, schnellt ihn plötzlich hervor und
-läßt bei dieser Bewegung einen eigenartigen hellen Ton hören, der
-sich mit »knirrr« wiedergeben läßt. Oefters wiederholt sich dieses
-gleichmäßige Kopfrucken und Vorschnellen und nach langem Werben findet
-der liebestolle Erpel Erhörung. Der Beschauer am Ufer ist verwundert
-über das närrische Liebesspiel; für ihn war die Beobachtung Neuland.
-Denn selbst sein »Naumann« berichtet nichts von der eigenartigen
-Schellentenbalz. Wir haben hier eine der wunderlichsten Balzgebärden
-in der Vogelwelt vor uns, die der des Spielhahnes gleichkommt und
-ganz wenig bekannt ist. Die Balz währt von Februar bis hinein in den
-Wonnemonat. Aus alledem wird der Leser den Wunsch des Verfassers
-verstehen, diesen Prachtvogel nicht nur als Durchzügler, sondern als
-bodenständigen Brutvogel in unserer Heimat zu haben. Die Kriegsjahre
-brachten für das Moritzburger Teichgebiet die Erfüllung des Wunsches.
-1916 wurden von dem verstorbenen Ornithologen Mayhoff Dunenjunge der
-Schellente auf dem Schwanenteich beobachtet. Ich selbst fand die
-ersten infolge des Kriegsdienstes erst im Jahre 1918. Seit dieser Zeit
-konnte ich jedes Jahr mehrere Bruten feststellen. In diesem Jahre
-brüteten wenigstens gegen sechzehn Paare im Gebiete. Schon Mitte Mai
-traf ich das erste ausgeschlüpfte Gelege auf dem Schwanenteiche.
-Neun allerliebste Federbällchen sitzen in früher Morgenstunde dicht
-aneinandergedrängt auf der offenen Stelle des Teiches, seltsamerweise
-ohne Mutter. Die ersten Sonnenstrahlen bringen Leben in die kleine
-Schar. Geschickt taucht eins unter die Wasserfläche, ein zweites rennt
-eilig auf dem Wasser hin, ein Insekt verfolgend, ein drittes wieder
-schnellt plötzlich in die Höhe, um im Luftsprung eine vorüberfliegende
-Mücke zu erschnappen. Ein anmutiges Bild! Der Vergleich mit dem
-Treiben der flinken Wassermäuse drängt sich dem Beobachter auf. Bald
-ist die kleine Gesellschaft im Schilfe verschwunden, wo die sichernde
-Mutter ihrer wartet. Die Jungen bleiben lange Zeit beisammen. Noch im
-August traf ich die festgestellten Gelege auf dem Schloß-, Schwanen-,
-Frauen- und Großteiche beisammen. Sie sind im Fluge sofort an den
-weithin leuchtenden weißen Flügelflecken zu erkennen. Das Aussehen
-der Dunenjungen ist außerordentlich drollig. Die Hauptfarbe ist ein
-Samtschwarz am Kopfe und auf dem Rücken, während die Unterseite weiß
-aussieht. Ein keckes Aussehen verleiht ihnen aber der gedrungene kurze
-Schnabel und der große weiße Fleck vom Kinn bis zum Hinterkopf. Auch
-die weißen Flügelflecke sind schon angedeutet. Die Angaben im Naumann,
-der sie mit den Dunenjungen der Märzente vergleicht, stimmen auf keinen
-Fall.
-
-Besonders schwierig war die Feststellung eines Nestes. Bekanntlich
-brüten die Schellenten seit neuerer Zeit in Baumhöhlen, ja sogar in den
-verlassenen Nistplätzen des Schwarzspechtes. Die älteren Ornithologen
-führen als Brutort nur Schilf- und Rohrbestände an. Am 20. Mai 1920
-fand ich die erste Nisthöhle durch Zufall am Schloßteiche. Ein Weibchen
-flog auf die Kastanie zu, unter der ich lagerte, schwenkte aber bei
-meinem Anblick im großen Bogen um; kehrte bald zurück, durchflog
-taubenähnlich das dichte Geäst und verschwand in einer Baumhöhle.
-Im vergangenen Frühjahre konnte ich drei Nisthöhlen feststellen.
-Besonders bieten den Schellenten die höhlenreichen Kastanien der
-beiden Schloßteiche reichlich Nistgelegenheiten. Deshalb ist auch ihr
-Treiben an diesen Teichen vor allem gut zu beobachten. Doch auch auf
-den Teichen, deren Ränder fast keine alten Baumbestände aufweisen,
-dafür aber größere Schilfbestände, sind Bruten aufgekommen. Diese
-Tatsache läßt vermuten, daß die Schellente nicht nur in Höhlen, sondern
-vielleicht wie andere Tauchenten im Schilfwalde brütet.
-
-[Illustration: =Kastanie am Schloßteiche zu Moritzburg mit Nisthöhle
-der Schellente=
-
-(Aufnahme des Verfassers)]
-
-Ganz vereinzelt muß die Schellente schon vor dem Kriege in unserem
-Gebiete gebrütet haben. Ein Belegstück dafür befindet sich in meinem
-Besitz: ein 1913 am Schloßteich vom Forstwart Herrn Eckart tot
-aufgefundenes Dunenjunges.
-
-So sei am Schlusse nochmals der Freude Ausdruck gegeben, daß
-die herrliche Schellente im Moritzburger Teichgebiet nicht mehr
-Naturdenkmal ist, sondern sie sich Heimatrecht hier erworben hat und
-mit zu den häufigen Enten gehört. Möge auch vom Landesverein gegen
-alles angekämpft werden, was diesem prächtigen Vogel den Aufenthalt
-so nahe der Großstadt vergrämen könnte. Hierher gehört sinnlose
-Schießerei, Umfällen alter Bäume und der Eierdiebstahl. Besonders
-schädlich für unsere Wasservogelwelt ist das frühzeitige Schneiden des
-Schilfes und Rohres durch die Teichverwaltung, das dieses Jahr schon
-Anfang Juli erfolgte. Auch das »wilde Baden« an allen Moritzburger
-Teichen wird von unseren gefiederten Freunden nicht besonders begrüßt.
-
-
-
-
-Das Triebelbachtal
-
-Von _Paul Apitzsch_, Ölsnitz i. Vogtl.
-
-
-Unweit der Dreikönigreichsecke, jener politisch bedeutsamen Stelle,
-da die Grenzen der drei ehemaligen Königreiche Sachsen, Bayern und
-Böhmen in einem Punkte zusammenstoßen, da jetzt die Gemarkungen der
-drei Republiken Sachsen, Bayern und Tschechoslowakei sich berühren, ist
-auch die dreiteilige Wasserscheide zwischen Elster, Saale und Eger.
-Gegen Süden fließen die Wässer dem Egerlande zu. Nach Westen enteilt
-die Regnitz dem Waldlande und ergießt sich bei Hof in die Saale. Und
-nordwärts gehört alles Fließende dem Stromgebiet der Weißen Elster.
-Der bedeutendste linksseitige Elsterzufluß ist hier der fünfzehn
-Kilometer lange Triebelbach. Zwischen Eichigt und Ebmath, rechts der
-Zollstraße Ölsnitz-Roßbach, liegt ein Berg, der den merkwürdigen Namen
-»Bubenstock« führt. Auf älteren Karten wird er »Pumpenstock« genannt.
-Trotz seiner absoluten Höhe von 630,8 Meter bietet er nicht die
-geringste Fernsicht; denn erstlich erhebt er sich nur unbeträchtlich
-über die durchschnittlich sechshundert Meter hoch gelegene Hochfläche,
-und überdies ist er bis zur Kuppe mit Fichtenwald bestanden. Die
-einzige Bedeutung des Bubenstockes in geographischer Beziehung
-besteht darin, daß an seiner westlichen Abdachung der Triebelbach
-entspringt. Durch Heidegesträuch, Ginstergebüsch und niedrigen
-Mischwald eilt das muntere Waldkind rasch abwärts. Es ist, als wolle
-es der unheimlichen Gegend entfliehen. Führt doch das südwestwärts
-gegen Tiefenbrunn zu gelegene einsame Waldstück den grausigen Namen:
-Der gespaltene Schädel. Ob eine geheimnisvolle Untat dieser Benennung
-zugrunde liegt oder ob eine bloße Wortentstellung anzunehmen ist, ist
-nicht mehr festzustellen. Der düstre Wald tritt beiderseitig zurück
-und macht dem ersten Dorfe, _Obertriebel_, Platz. Da die Bachsohle
-beim oberen kleinen Dorfteiche genau fünfhundert Meter hoch liegt,
-so beträgt der Fall von der Quelle bis hierher auf der kaum 2,5
-Kilometer langen Strecke bereits einhundertunddreißig Meter. Bei einer
-kleinen Häusergruppe zwischen Ober- und Untertriebel, den sogenannten
-Hutherleithenhäusern, empfängt der Triebelbach von links her starke
-Zuflüsse aus dem waldreichen Platzerberggebiet und von Neubrambach.
-Erheblich verstärkt kommt der hier außerordentlich krebsreiche Bach
-nach dem Kirchdorfe _Untertriebel_. Von lärchenbestandener Höhe
-klingt Glockenklang hernieder. Droben bringt man sie zu Grabe, die
-sich freuten in dem Tal. Denn der Kirchhof liegt hier noch, altem
-schönen Brauche gemäß, rund ums Kirchlein. Das Gotteshaus von
-Untertriebel gehört zu den wenigen vogtländischen Dorfkirchen, bei
-deren Anlage an Verteidigungszwecke gedacht worden ist und an deren
-Umfassungsmauern noch _Spuren ehemaliger Befestigung_ zu erkennen
-sind. Vor der turmartigen Friedhofspforte ragen zwei mächtige Linden.
-Links vom Eingange, an der Nordseite der starken Kirchhofsmauer, sind
-ganz deutlich drei Schießscharten zu sehen. Rechts vom Tore, an der
-Westseite also, sind weitere sechs Schießscharten, so daß die ganze
-Mauer noch neun derartige Zeugen ehemaliger Befestigung aufzuweisen
-hat. Gelegentlich einer Erweiterung des Friedhofes nach Süden zu mußte
-die südliche und östliche Ummauerung abgetragen werden. Auch diese
-Teile der ursprünglichen Anlage waren, wie mir der über vierzig Jahre
-in Untertriebel im Amte befindliche alte Kantor Häntzschel versicherte,
-mit Schießlöchern versehen. Die Schießscharten sind von annähernd
-gleicher Größe und Gestalt. Von außen gesehen sind sie schmal, nur
-zehn Zentimeter breit und fünfzig Zentimeter hoch. Nach innen werden
-sie weiter, und an der Innenseite der achtzig bis neunzig Zentimeter
-starken Mauer sind sie beinahe quadratisch mit fünfzig Zentimeter
-Seitenlänge. Eine Häufung der Schießscharten ist vermieden; in beinahe
-gleichen Abständen voneinander sind sie in das starke Mauerwerk
-getrieben. Als im Jahre 1901 bei der Erneuerung des Gotteshauses auch
-die Friedhofsmauer abgeputzt wurde, hatten übereifrige Handwerker
-unaufgefordert die Schießscharten teilweise schon zugemauert. Sie waren
-höchlichst erstaunt, als durch ein Machtwort des Herrn Pfarrers Kramer
-die »alten Löcher« wieder in den vorherigen Zustand zurückversetzt
-werden mußten. Vor der Nordseite der Mauer sind grabenartige
-Vertiefungen, die möglicherweise in Beziehung zu einer ehemaligen
-Befestigung stehen. Doch ist in der historischen Deutung derartiger
-Vorkommnisse größte Vorsicht geboten. Übereifer in der Auffassung und
-Behandlung »alter Löcher« kann nicht nur einen simplen Mauergesellen,
-sondern auch den hochgelahrtesten Altertumsforscher zu Dummheiten
-verleiten.
-
-[Illustration: Abb. 1 =Untertriebel=
-
-(Phot. _Curt Sippel_, Plauen i. V.)]
-
-Es gibt im Vogtlande nur noch zwei Dorfkirchen, die Spuren einstiger
-Befestigung tragen: Thierbach bei Pausa und Schwand. Bei Überfällen und
-Plünderungen durch rohe mittelalterliche Landsknechte war gewöhnlich
-der das Dorf beherrschende Rittersitz die Zufluchtsstätte der
-Dorfbewohner. Dieser Rittersitz war entweder ausgezeichnet durch hohe
-Lage, oder durch Ringwallanlagen und Teichinseln geschützt. Professor
-Johnson, Plauen, weist schon im Jahre 1900 darauf hin, daß sowohl
-Thierbach, als auch Schwand und Untertriebel im Mittelalter keine
-Rittersitze besaßen -- das Rittergut Schwand ist später entstanden --,
-so daß die schutzlosen Dorfbewohner auf den Gedanken kamen, Kirche und
-Friedhof zu einem Verteidigungsplatze zu gestalten. Diese Erwägungen
-mögen wohl auch das altvogtländische Adelsgeschlecht der Säcke auf
-Geilsdorf bestimmt haben, die Kirche zu Untertriebel auf einem das
-Dorf überragenden Höhenrücken erbauen zu lassen, und zwar schwankt das
-Erbauungsjahr nach urkundlich sicheren Angaben zwischen 1342 und 1380.
-Das Gotteshaus in seiner jetzigen Gestalt stammt aus dem Jahre 1535, so
-daß der ältere Bau nur etwa zwei Jahrhunderte stand.
-
-Für Freunde der Vergangenheit bietet auch das Innere der Untertriebler
-Dorfkirche mancherlei Bemerkenswertes. Bei der obenerwähnten Erneuerung
-des Gotteshauses fand man auf dem Kirchboden zwei verstaubte und
-stark beschädigte _Holzschnitzereien_: einen Kruzifixus und einen
-Taufengel. Beide Gegenstände wurden der »Kommission zur Erhaltung von
-Kunstdenkmälern« zur Begutachtung vorgelegt. Über den _Kruzifixus_ kam
-von Dresden folgendes Gutachten: »Ist eine Holzschnitzerei aus dem
-fünfzehnten Jahrhundert; es fehlen beide Arme und sämtliche Zehen; an
-der Nase, Operlippe und am Lendenschurz starke Beschädigungen. Das
-Holz selbst ist gesund; auch die Bemalung braucht nur gereinigt und
-an den neuen Stücken ergänzt zu werden. Eine Wiederherstellung ist
-unbedingt zu empfehlen. Professor Spieler ist bereit, die Erneuerung
-vorzunehmen.« Der _Taufengel_ ist ein kräftiges, eigenartiges
-Barockwerk etwa von 1730. Auf dem Deckel des von dem Engel gehaltenen
-Taufbeckens sind Christus und Johannes der Täufer in kleinen Figuren
-angebracht. Die Wiederherstellung des beschädigten Taufengels übernahm
-Holzbildhauer Wünschmann in Dresden. Seit 1902 bilden die auf diese
-Weise geretteten altertümlichen Holzschnitzereien einen wertvollen
-Schmuck des Altarplatzes der Untertriebler Kirche. Künstlerisch
-bewertet sind die beiden Schnitzereien sehr verschieden. Ich halte
-den Taufengel für die Arbeit eines Handwerkers, den Kruzifixus
-für das Werk eines Künstlers. Der schablonenhaft steife Faltenwurf
-des hemdartigen Kleidungsstückes, sowie die wenig ausdrucksvollen
-Gesichtszüge des Taufengels deuten auf eine nur mittelmäßige Befähigung
-des Holzschnitzers, während die Darstellung des schmerzverzerrten
-Antlitzes, sowie die Ausarbeitung der Rippen an dem abgezehrten
-Oberkörper des gekreuzigten Heilandes auf eine genauere Kenntnis des
-anatomischen Baues eines Menschenleibes, sowie auf eine technisch weit
-höher zu bewertende Beherrschung des Schnitzmessers schließen lassen.
-
-[Illustration: Abb. 2 =Untertriebel=
-
-(Phot. _Curt Sippel_, Plauen i. V.)]
-
-Einige andre Altertümer der Kirche zu Untertriebel sind auf
-Veranlassung des Professors Steche ins Sächsische Altertumsmuseum
-nach Dresden gewandert. Auch sie lagen verlassen und vergessen in
-einem Winkel des Kirchbodens. Das kostbarste Stück ist eine aus Holz
-geschnitzte _Truhe_, die zur Aufbewahrung von kirchlichen Geräten oder
-Meßgewändern verwendet wurde. Diese Truhe ist in dem von Schmidt und
-Sponsel herausgegebenen »Bilderatlas zur Sächsischen Geschichte« in der
-Abteilung für bäuerliche Kunst beschrieben und bildlich dargestellt.
-
-Doch nun genug der Namen und Zahlen. Wir treten heraus und steigen
-hinunter ins Dorf. Der prächtige _Lärchenhang des Kirchberges_
-war im März 1919 stark gefährdet. Ein Teil der Mitglieder des
-Gemeinderates, verbittert durch die überaus hohen Anforderungen der
-Erwerbslosenunterstützung an die Gemeindekasse, hatte tatsächlich die
-Absicht, die großen Lärchen des Kirchpöhls fällen zu lassen. Ich
-hatte alle Mühe, das drohende Verhängnis abzuwenden. Ich verhandelte
-schriftlich und mündlich mit Pfarrer und Gemeindevorstand und
-disputierte mit den Bauern im Wirtshause. Den Ausschlag gab schließlich
-ein äußerst geschickt abgefaßtes und warmherzig gehaltenes Schreiben
-des »Landesvereins Sächsischer Heimatschutz«, das auf meine Anregung
-hin der Gemeinde zuging. Der Baumbestand des Kirchpöhls war gerettet.
-Der Naturschutzabteilung des Landesvereins ist es zu danken, daß das
-Kirchlein zu Untertriebel noch heute im Schmucke eines selten schönen
-Lärchenbestandes herab ins Tal grüßt. --
-
-[Illustration: Abb. 3 =Fuchsmühle=
-
-(Phot. _Albert Roth_, Ölsnitz i. V.)]
-
-In breitem Wiesentale schlängelt der Triebelbach weiter. Und nun
-ein Glanzstück: die idyllisch gelegene _Fuchsmühle_. Aus dichtem
-Grün leuchtet der schlohweiße Giebel mit seinem dunklen Fachwerk
-freundlich hervor. Hier bei der Fuchsmühle lag eine der vorzüglichsten
-Kupferzechen des Vogtlandes: »Hoff auf Gott«. Von 1705 bis 1721 wurden
-1980 Zentner Kupfer im Werte von 47993 Taler 16 Groschen 2¼ Pfennige
-und außerdem 285³/₈ Zentner Kupfervitriol im Werte von 2570 Taler
-18 Groschen 0 Pfennige zutage gefördert. Der Reingewinn betrug nach
-den jetzt noch vorhandenen Grubenrechnungen 28172 Taler 10 Groschen
-2¼ Pfennige. Der Bergsegen ließ indes bald nach. Dazu kam, daß
-infolge der Weichheit des Gesteins die Stollen mit Holz verzimmert
-werden mußten und daß man fortwährend mit dem Grundwasser des nahen
-Triebelbaches zu kämpfen hatte. 1735 kam die Grube zum Erliegen. Unweit
-der Mühle stand ein Pochwerk. Interessant ist, daß dieses Pochwerk die
-Ursache einer Beschwerde des staatlich konzessionierten Perlenfischers
-wurde. Am 3. Juli 1710 erstattet der Ölsnitzer Perlenfischer Johann
-Gottfried Schmirler im Amt Voigtsberg folgende Anzeige: »Er wäre
-vorige Woche in dem Tribler Bach gewesen und hätte Perlen suchen
-wollen. Da habe er gefunden, wie solcher Bach gänzlich aussterbe.
-Sonsten hätten die Muscheln wie ein Pflaster darinnen gestanden.
-Vorjetzo fände er fast gar keine. Die ursach dieses Aussterbens
-schreibe er dem an solchem Bach gebauten Pochwerke zu. Er hätte
-dahero unterschiedlichmahlen bey denen Bergbeamten Erinnerung gethan,
-man hätte es aber nicht attentiret; itzo könnte man nun den Schaden
-spühren. Man solle Teiche machen, worinnen der Schlamm und die materie,
-welche denen Muscheln schädlich, vielleicht sitzen bliebe. Er müsse
-gestehen, daß er in dieser Refier jederzeit die hellsten und klahrsten
-Perlen gefunden.« (Dr. J. G. Jahn, Die Perlenfischerei im Voigtlande,
-Ölsnitz 1854.)
-
-[Illustration: Abb. 4 =Bösenbrunner Kirche=
-
-(Phot. _Curt Sippel_, Plauen i. V.)]
-
-Außer Kupfer wurde in der Nähe der Fuchsmühle auch Zinn (Zinnzeche
-St. Johannes) und Eisen (Ludwig-Fundgrube) bergmännisch gewonnen.
-Zahlreiche Halden, Pingen, Berglöcher, Stollenausgänge und Reste alter
-Grubengebäude zeugen noch heute von dem Bergbau vergangener Zeiten.
-
-Wir wandern weiter mit den wandernden Wellen und erreichen das dritte
-und letzte Dorf des Tales: _Bösenbrunn_. Auf allen Höhen rings herum
-lugt aus dem Dunkelgrün des Fichten- und Föhrenwaldes weißschaftig
-die Birke, deren Besonderheit darin besteht, daß sie zu jeder
-Jahreszeit andre Farbenstimmung aufweist; im Vorfrühlinge zartduftiges
-Hellviolett, im Spätlenz Smaragdgrün, im Sommer kraftvolles
-Allerweltsgrün, im Herbst strahlendes Gelb und vor Beginn des Winters
-wieder jenes eigenartige tote, stumpfe Violett, welches kein Pinsel
-wiederzugeben vermag. Am linken Talhange das winzige Dorfkirchlein,
-erbaut in demselben Jahre, da der Dreißigjährige Krieg begann. Droben
-Gotteshaus und Gottesacker, drunten das Rittergut, drüben die Mühle
-und draußen gegen den Talausgang, an den rechtsseitigen Waldhängen,
-zwei einsame Einschichten: das _Streithaus_ und das _Otterhaus_.
-Zwischen Rittergut und Mühle liegen am Wege die Überreste alter
-»_Griebensteine_«. Es sind dies viereckige, mit einer gerundeten
-Aushöhlung versehene Granitbottiche, in denen zur Zeit der Pechsieder
-die Abfallprodukte des Peches nochmals geröstet wurden. Man gewann aus
-diesen »Griefen« oder Grieben eine Art minderwertiges Pech, nützte
-also das Naturprodukt wirtschaftlich aus. Das gewonnene Abfallpech
-floß durch ein an der tiefsten Stelle angebrachtes rundes Loch ab.
-Die Granitpfannen müssen also ehedem auf einer Unterlage gestanden
-haben. Jetzt liegen sie im Erdreich eingedrückt und im Grase vergraben
-schon seit Jahrzehnten ungenützt. Solche alte Pechpfannen gibt es auch
-anderswo im Vogtlande, so bei Brotenfeld, bei Planschwitz und bei Raun.
-
-[Illustration: Abb. 5 =Mühle in Bösenbrunn=
-
-(Phot. _Albert Roth_, Ölsnitz i. V.)]
-
-Das Triebelbachtal wird nun eng und tiefeingerissen. Die Abhänge sind
-von der Talsohle bis zur Höhe bewaldet. Einige große Kahlschläge
-flammen in buntester Blütenpracht. Ein Meer purpurner Weidenröschen
-(~Epilobium angustifolium~). Dazwischen gelbe Fingerhüte (~Digitalis
-ambigua~), stachelige blaue Natterköpfe (~Echium vulgare~),
-stolze Königskerzen (~Verbascum~), großblumige enzianblaue
-Pfirsichglockenblumen (~Campanula persicifolia~), lohende Pechnelken
-und leuchtende Margeriten. Und inmitten all dieser Farbenfülle wandert
-der Erlen- und Perlenbach geruhsam seines Weges, der Weißen Elster
-entgegen. Bei _Pirk_, zwischen Ölsnitz und Plauen, mündet er in den
-Hauptflußlauf des Vogtlandes.
-
-Fernab allem Weltgetriebe, ein stilles, einsames Waldland, urkräftig
-und unberührt, lieblich im Birkenschmucke des Lenzes, farbenfreudig im
-Glast und Glanz des Hochsommers, versonnen und verträumt im Sterbekleid
-des Herbstes, erstarrt und erstorben im Rauhreifgeschmeide des Winters
--- so lieb ich dich, du mein märchenschönes Vogtlandtal.
-
-[Illustration: Abb. 6 =Weg nach Neubrambach=
-
-(Phot. _Curt Sippel_, Plauen i. V.)]
-
-
-
-
-In Guteborn
-
-Von _A. Klengel_, Meißen
-
-(Aufnahmen von J. Ostermaier, Blasewitz)
-
- Ihr glücklichen Augen, was je ihr gesehn,
- Es sei wie es wolle, es war doch so schön!
-
- _Goethe_, Faust II
-
-
-Ein Brief aus Guteborn wird mir gebracht; Seine Durchlaucht Ulrich
-Prinz Schönburg lädt mich in herzlicher Weise zu einem Besuche auf
-seine Besitzung ein. Da er gern Störche in Guteborn ansiedeln möchte,
-soll ich ihm mit einem guten Rate zu Hilfe kommen.
-
-[Illustration: Abb. 1 =Guteborn, Eingang zum Schloßhof=]
-
-Rasch die Landkarte zur Hand genommen! -- Guteborn ist der waldreiche
-Großgrundbesitz in der preußischen Niederlausitz, dicht an Sachsens
-Grenze, den etwa die Bahnlinien Ortrand--Ruhland--Hohenbocka--Kamenz
-umrahmen, also von hier aus leicht und schnell zu erreichen.
-Und dann noch einen Blick in die Genealogie des Schönburgischen
-Hauskalenders, der mir als sächsischem Geschichtsforscher zur Hand
-liegt. Der freundliche Gastgeber ist ein Glied der Fürstlichen
-Linie Schönburg-Waldenburg und ein Vetter des jüngst verstorbenen
-Prinzen Ernst, der mit seiner schon früher heimgegangenen Gemahlin
-Helene auf der prächtigen Besitzung Gauernitz bei Meißen den Natur-
-und Vogelschutz in vorbildlicher Weise pflegte, so daß ich und die
-Freunde der Heimat alle Ursache haben, ihm ein dankbares und ehrendes
-Gedächtnis zu bewahren. Die Liebe zur Natur scheint eine schöne
-Familieneigentümlichkeit des uralten edlen Fürstengeschlechtes zu
-sein. Die Reise verspricht also außerordentlich lohnend zu werden und
-hocherfreut sage ich zu.
-
-[Illustration: Abb. 2 =Guteborn, Kirche und Eingang zum Schloß=]
-
-In der Morgenfrühe eines kalten Oktobertages breche ich denn auf,
-voll von Erwartungen, und früh nach acht Uhr schon lande ich auf dem
-Bahnhofe Ruhland. In ein Reich der Arbeit bin ich gekommen, ist doch
-Ruhland ein Mittelpunkt des Niederlausitzer Kohlenbergbaues und der
-Preßkohlenherstellung. Der große neuzeitliche Bahnhof, der zugleich
-ein wichtiger Knotenpunkt ist, legt Zeugnis ab von dem ins Riesenhafte
-gewachsenen Verkehr; das Städtlein freilich ist klein und unscheinbar
-geblieben, die Häuser scharen sich verträumt um die Kirche und bieten
-ein Bild, wie wir es in vielen kleinen Landstädten zu schauen gewöhnt
-sind.
-
-Lange Zeit bleibt mir nicht zu diesen Betrachtungen, bin ich doch aus
-ganz anderen Gründen nach Ruhland gekommen und das prinzliche Geschirr
-wartet vor dem Tore.
-
-[Illustration: Abb. 3 =Guteborn, Schloßgarten mit südlichem Pavillon,
-der das Archiv enthält=]
-
-Im Trabe gehts zur Stadt hinaus dem Walde zu. Bald zeigt der
-Grenzgraben an, daß ich mich auf Guteborner Besitz befinde. Der
-Kutscher hat Auftrag, mich zunächst nach den weiten Waldwiesen
-und an die baumbestandenen Teichufer zu fahren, damit ich aus der
-Beschaffenheit des Bodens und der landschaftlichen Lage erkennen soll,
-ob wohl Guteborn noch dazu geeignet ist, dem Storche eine Heimat zu
-bieten. Der Versuch, den Storch anzusiedeln, kann immerhin gemacht
-werden, wenn auch die Gegend nicht gerade als ideale Storchheimat zu
-bezeichnen ist. Die weiten, zum Teil anmoorigen und sumpfigen, von
-Gräben durchzogenen Wiesen und die verlandeten Teichufer würden dem
-langbeinigen Froschliebhaber gewiß Nahrung in Fülle bieten; auch würde
-er sich des besten Schutzes durch den prinzlichen Gönner erfreuen.
-Wie ich bald erfuhr, darf in Guteborn nicht einmal auf einen Reiher,
-geschweige denn auf einen Storch geschossen werden. Freilich sind
-die für den Storch in Frage kommenden Nahrungsgründe von weiten
-Wäldern umgeben und diese liebt der Storch nach meinen Erfahrungen
-nicht allzusehr, wenn er sich auch als ungepaarter Vogel gern an den
-Waldrändern aufhält. Und hinter den Wäldern wohnt die Industrie mit
-hohen Schornsteinen, Lärm und Ruß und Rauch. Fast immer hält er eine
-Gegend, in welcher die Industrie die Oberhand gewinnt, für ungastlich
-und kehrt ihr darum den Rücken. Als günstig für die Ansiedelung des
-Storches ist wieder der Umstand anzusprechen, daß der Guteborner Besitz
-eine außerordentliche Größe hat und dadurch allein schon in seinen
-Grenzen dem Storche ein friedliches und stilles Wohnen ermöglicht.
-Mag darum auf einer der alten strohgedeckten Bauernscheunen im Dorfe
-Guteborn, das mir jetzt zu Gesicht kommt, durch Aufbringen einer
-Nestunterlage dem Storche die Möglichkeit zur Ansiedelung geboten
-werden. Der prinzliche Storchfreund hat zwar auf den Nebengebäuden
-des Schlosses bereits zwei einladende Storchnester herrichten lassen,
-die von den Störchen wohl beachtet, aber bis jetzt nicht bezogen
-worden sind. Anscheinend nehmen sie doch Anstoß an dem regen Leben im
-Schloßhofe und in der Umgebung. Sollte die Ansiedelung auf einer der
-abseits gelegenen Scheunen gelingen, so ist es vielleicht möglich, den
-Storch auch an den regeren Verkehr zu gewöhnen und zum Beziehen eines
-Nestes am Schlosse zu veranlassen.
-
-Die Rappen halten im Hofe des hohen und stattlichen, von vier Ecktürmen
-flankierten Schlosses Guteborn. Mit seinen zahlreichen schmucken
-Nebengebäuden, von welchen die Schloßkapelle und der neu erbaute
-Marstall besonders hervorgehoben sein mögen, bietet es das Bild eines
-vornehmen Fürstensitzes, wie ihn nur das hohe künstlerische und
-schöngeistige Empfinden eines uralten Hochadelsgeschlechtes erbauen und
-pflegen konnte.
-
-Seine Durchlaucht empfängt mich selbst am Wagen, begrüßt mich auf das
-herzlichste und führt mich zum Frühstück in das Schloß. Wie nicht
-anders zu erwarten, bieten die Innenräume Bilder des vornehmsten
-und vollendetsten Geschmacks. Die hohe Schloßhalle birgt zahlreiche
-Jagdtrophäen, darunter auch einen prächtigen Braunbären, den der Prinz
-auf dem Besitz seines Vetters in Krain erlegt hat. Oft schon sind mir
-Jagdtrophäen von glücklichen Weidmännern gezeigt worden, noch nie habe
-ich aber das Empfinden gehabt, das mich hier in Guteborn beschlich, als
-mir der hohe Gastgeber Erläuterungen zu seinen weidmännischen Schätzen
-gab. Ein Bedauern klang aus seinen Worten; mir schien es fast, als
-hätte es ihm schwere seelische Kämpfe gekostet, ehe er das tödliche
-Blei auf das Tier sandte, als sei ihm das Tier im Leben unendlich viel
-lieber gewesen, als jetzt als präparierte Trophäe. Wie himmelweit
-erhaben erschien mir in diesem Augenblicke die hohe vornehme Gestalt
-des Prinzen über so manchen anderen Jäger unserer Zeit. Ich hatte
-das Richtige vermutet. Wie ich später erfuhr, findet der Prinz wenig
-Gefallen am Weidwerk; er empfindet aber hohen Genuß am Beobachten der
-freien Tierwelt, die in ihm einen vorbildlichen Schützer und Hüter
-besitzt.
-
-Der Prinz führte mich dann in den Park, der sich in einer Größe von
-etwa zweihundert Morgen an das Schloß anschließt. Ich war erstaunt, auf
-dem Sandboden der Herrschaft Guteborn einen derartigen prächtigen und
-frohwüchsigen Naturpark mit gewaltigen Baumriesen zu finden; er dürfte
-schwerlich seinesgleichen haben. Mit Recht ist er denn auch der Stolz
-des Besitzers; mit Liebe wird er geschützt und gehegt und mit größter
-Sorgfalt gepflegt, doch immer in einer Weise, daß Spuren menschlicher
-Tätigkeit nicht zu bemerken sind. Der Park läßt nichts erkennen von
-der zwingenden Hand des Menschen, vom Werkzeug des Gärtners oder
-Forstmannes. Hier ist der Gedanke, daß die Natur durch Menschenhand
-wohl gepflegt, aber nicht verschönert und verbessert werden kann, auf
-das trefflichste durchgeführt. Als ein prächtiges Stück unberührter
-Natur erscheint der Guteborner Parkwald, urwüchsig und herrlich wie am
-ersten Tag. Wie kläglich nimmt sich doch dagegen ein im französischen
-Geschmack gestutzter Park mit seinen gemarterten und geschundenen
-Bäumen aus, den wir sonst meist neben den Schlössern zu schauen gewöhnt
-sind.
-
-[Illustration: Abb. 4 =Guteborn, Eingang zum Schloßhof, rechts die alte
-Mühle=]
-
-Dieses Prunkstück heimischer Naturschönheit ist des Prinzen ureigenstes
-Reich. Wohl schwerlich gibt es wieder einen Schloßherrn, der mit den
-Bäumen seines Parkes so vertraut ist, wie der Herr auf Guteborn.
-Auf die Bäume, welche sich durch besondere Größe, prächtigen oder
-eigenartigen Wuchs auszeichnen, macht er mich aufmerksam, auf besonders
-schöne Baumgruppen, auf herrliche Durchblicke weist er mich hin, von
-den Vögeln erzählt er mir, die in den Baumkronen wohnen und von dem
-Hochwilde, das in seltener Vertrautheit durch den Park wechselt.
-Es macht ihm Freude, wenn sich andere, für die Schönheit der Natur
-empfängliche Menschen mitfreuen an seinem prächtigen Besitz, den
-er nicht ängstlich abschließt gegen die Außenwelt, sondern für
-Spaziergänger und Naturfreunde offen hält. -- Ein bunter Mischwald ist
-der Park; Fichten, Kiefern, Weymutskiefern und Lärchen wechselten ab
-mit Eichen, Linden und anderen Laubhölzern. Einige besonders prächtige
-Stücke mögen herausgegriffen sein. Der Prinz maß mit mir den Umfang
-mehrerer Bäume, die sich sowohl durch prächtigen gesunden Wuchs als
-auch durch stattliche Größe auszeichneten. Wir fanden Fichten von
-325 und 375 Zentimeter Umfang bei einem schätzungsweise gewonnenen
-Höhenmaße von 45 bis 50 Meter und eine Kiefer von 272 Zentimeter
-Umfang. Unter Berücksichtigung des mageren Sandbodens, worauf der
-Baum steht, schätze ich das Alter der stärksten Fichte auf weit über
-dreihundert Jahre; sie stand also jedenfalls damals schon, als die
-Herrschaft vor drei Jahrhunderten in das Eigentum der Familie des
-jetzigen Besitzers kam.
-
-Bald kommen wir an eine weitere Sehenswürdigkeit. Inmitten einer Gruppe
-alter Fichten und von Rhododendronbüschen umgeben liegt nahe einer
-Waldwiese ein kleiner stiller Weiher, der von einem unsichtbaren Quell
-gebildet wird. Die Wasserzuführung ist so stark, daß ein stattlicher
-Bach aus dem Weiher abfließen kann, der verschiedene Teiche in der
-Umgebung des Schlosses speist. Große grüne und braune Algen wachsen im
-Becken des Weihers; ein Sonnenstrahl, der durch die Bäume bricht, läßt
-sie aufleuchten im herrlichsten Samtgrün. Ein Böcklinsches Gemälde, ein
-Heiligtum liegt vor unsern Augen. »Guteborn« hat der Prinz den Weiher
-mit seiner verborgenen Quelle genannt.
-
-[Illustration: Abb. 5 =Guteborn, Wirtschaftshof=]
-
-Im Schloßparke wird natürlich nie ein Kahlhieb geführt, auch in den
-übrigen, zweitausend Morgen großen Waldungen der Herrschaft Guteborn
-wird mit Vorliebe zum Plänterbetrieb gegriffen. Die Eigenart der
-Waldlandschaft bleibt dadurch erhalten, dabei sind niemals größere
-Ungezieferschäden beobachtet worden.
-
-Der Prinz stellte mir auch des Parkes treuen Hüter und fleißigen
-Pfleger vor, einen Mann mit grauem Haar. Gar eigen wurde mir ums
-Herz, als ich seine Geschichte hörte. In der Nähe geboren, war er
-später jahrzehntelang Schutzmann in der Reichshauptstadt; dann zog’s
-ihn wieder zurück nach der Heimat; Berlin hat nicht vermocht, die
-Heimatliebe im Herzen dieses schlichten Mannes zu ertöten. Er fühlt
-sich glücklich unter den Bäumen des ihm anvertrauten Parkes, er hat nun
-erst gefunden, was ihm das Leben bisher versagte. Gäbe es doch noch
-viele Menschenkinder, die auch in der Fremde die Fühlung mit der Heimat
-nicht verlieren, die auch im Trubel der Großstadt nicht wurzellocker
-werden in der Heimaterde. Es würde besser um uns stehen.
-
-[Illustration: Abb. 6 =Quellteich der »Guteborn«=]
-
-Mehrere Stunden noch brachte ich in Guteborn zu; es gab noch Vieles und
-Schönes zu schauen; denn überall zeigt sich der Schönheitssinn und die
-Naturliebe des Prinzen. Ich bin durch die Wälder gestreift und habe
-mich darüber gefreut, daß hier trotz aller forstmännischen Sorgfalt
-der Schönheitsgedanke noch Raum zur Betätigung gefunden hat. Auch die
-Felder werden in dieser Weise gepflegt. Dafür nur ein Beispiel. Um eine
-einförmige junge Obstbaumpflanzung zwischen den Feldern stimmungsvoll
-zu beleben, ist sie durch eine Ginsterhecke verbunden; die Hecke dient
-nicht nur zur Hebung der landschaftlichen Schönheit, sondern bietet
-auch den Vögeln Unterschlupf und Nistgelegenheit.
-
-Im Dorf Guteborn wird man Zeichen vom Schönheitssinn und den
-Wohlfahrtsbestrebungen nicht vergeblich suchen, davon sprechen die
-schmucken Häuser der herrschaftlichen Beamten und der prinzliche
-Gasthof, dessen Innenausstattung eine Fundgrube für den Freund
-der Volkskunde darstellt. Die Einwohner schätzen ihren Prinzen
-außerordentlich hoch, hat er doch ein fühlendes Herz für ihre Nöte und
-Sorgen. Das ist wohl selbstverständlich; wie könnte auch ein derartiger
-Natur- und Tierfreund, ein so vorbildlicher Schützer der stummen
-Kreatur gefühllos gegen seine Mitmenschen sein!
-
-Den Höhepunkt meines Besuches bildete die prinzliche Familientafel, zu
-der mich Seine Durchlaucht geladen hatte und eine Stunde anregendster
-Unterhaltung, die sich daran anschloß. Ich erfuhr dabei auch, daß der
-Prinz den Natur- und Heimatschutz nicht nur selbst in vorbildlicher
-Weise pflegt, sondern auch die Natur- und Heimatschutzvereine
-unterstützt und ihre Bestrebungen fördert.
-
-Die Dämmerung brach herein als mich das prinzliche Geschirr wieder
-hinaus fuhr in das geschäftige Leben und Treiben des Alltages. Vom
-Waldrande warf ich noch einen Blick zurück auf das Naturparadies
-Guteborn und das stolze Schloß, in dem der Mann wohnt, der im Gespräch
-von sich sagte:
-
-»Ich bin nur der Hüter, der oberste Beamte meiner Güter; ich habe nur
-zu hüten, zu pflegen und zu erhalten für kommende Geschlechter!« --
-
-Und wäre man noch so demokratisch gesinnt in heutiger Zeit, der einen
-Wahrheit kann sich der ehrliche Mensch nicht verschließen: der hohe
-und edle Sinn und das Verständnis für die Schönheiten der Heimat,
-für den Schutz der heimischen Natur und der sie belebenden Geschöpfe
-haben an unseren deutschen Fürstenhöfen immer die beste Pflegstätte
-gefunden. Die meisten Glieder unserer deutschen Fürstengeschlechter
-fühlten sich von jeher als berufene Hüter und Pfleger der Heimat- und
-Naturschönheiten; sie haben gezeigt und zeigen es heute noch, daß sie
-den Sinn des Wortes »Besitz verpflichtet« recht zu deuten verstehen!
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Löns als Jäger
-
-Von _Edmund Scharein_
-
-
-Binnen kurzem wird in der Lüneburger Heide unter voraussichtlich
-großer Beteiligung zahlreicher Jäger und Naturfreunde das
-Hermann-Löns-Denkmal, ein schmuckloser, gewaltiger Findling, der das
-Bildnis des Dichters trägt, enthüllt. Dem Wunsch des Dichters und
-wackeren deutschen Weidmannes ist damit nicht entsprochen. Denn er
-bestimmt selbst:
-
- Und geht es zu Ende, so laßt mich allein
- Mit mir selber auf einsamer Heide sein;
- Will nichts mehr hören, und nichts mehr seh’n,
- Will wie ein totes Getier vergeh’n.
-
- Auf meinem Grabe soll stehen kein Stein,
- Kein Hügel soll dorten geschüttet sein,
- Kein Kranz soll liegen da, wo ich starb,
- Keine Träne fallen, wo ich verdarb.
-
- Will nichts mehr hören und nichts mehr seh’n,
- Wie ein totes Getier, so will ich vergeh’n;
- Und darum kein Kranz und kein Stein,
- Spurlos will ich vergangen sein.
-
-Wüßte er aber, daß lediglich die Dankbarkeit deutsche Jäger zwingt, ihn
-in dieser Weise zu ehren, und könnte er sehen, daß der Stein mitten
-in der Lüneburger Heide, in der von ihm über alles geliebten Heide,
-stünde, oben auf dem Wietzer-Berg, in einem Revier, in welchem er so
-oft weidwerkend geweilt hat, ich glaube, er würde uns verzeihen.
-
-Nicht nur die deutsche Literatur hat durch Löns’ frühen Tod einen
-unersetzlichen Verlust erlitten, sondern auch die deutsche Jägerwelt.
-Und gerade diese hätte seiner Anregungen heute mehr bedurft denn je.
-
-Bei der gewaltigen Liebe zur Natur, die den Meister auszeichnete, bei
-dem großen Interesse, das er den scheinbar nichtigsten Dingen in Feld
-und Wald entgegenbrachte, ist es kaum zu verwundern, daß er nicht
-Sportjäger geworden ist. Sportjäger weder im engeren, noch im weiteren
-Sinne. Es kam Löns nicht auf reichliche Beute und Trophäen an. Er
-liebte die Jagd nicht, weil sie die Möglichkeit bietet, alle möglichen
-Kreaturen zu erlegen, sondern er liebte sie, weil er die Natur in Feld
-und Wald beobachten, das Verhalten des Wildes studieren, weil er allen
-Geschöpfen, die sich in der freien Gottesnatur aufhalten -- vom größten
-Säugetier bis zum kleinsten Käfer -- ihre Geheimnisse ablauschen konnte.
-
-Nur das Stück Wild, dessen Überlistung ihm nach vielen Mühen gelang,
-machte ihm Freude. Ein Täuber, zu dessen Erlegung er viel Mühe
-aufwenden mußte, konnte ihn mehr erfreuen, als ein mühelos erbeuteter
-»Brunfthirsch«.
-
-Löns, der in seiner langen Jägerlaufbahn viel geweidwerkt hat und der
-sich mit bestem Erfolg den verschiedensten Wildarten gegenüber versucht
-hat, hatte selbstverständlich große Strecken zu verzeichnen. Diese
-waren aber lediglich bedingt durch seine hervorragenden jagdlichen
-Fähigkeiten -- in der Handhabung der Waffe wie im Anschleichen war
-er Meister; in der Kenntnis der Gewohnheiten und Eigentümlichkeiten
-des Wildes war er nicht zu übertreffen -- und die Regelmäßigkeit, mit
-welcher er der Jagd oblag.
-
-Wie oft wird ihm die Freude vergällt beim Anblick des gestreckten
-Wildes. Und nicht ohne Wehmut zieht er den grünen Bruch durch den
-frischen Schweiß und steckt ihn an den verwitterten Jagdhut. So ist
-denn der Abschluß der erfolgreichen Jagd, der die meisten Jäger
-befriedigt, weil er sie an das Ziel ihrer Wünsche brachte, für Löns oft
-eine Qual. Als er auf dem Abendstrich die tote Schnepfe -- die erste
-des Jahres --, welche im dürren Farnlaub vor ihm liegt, aufhebt, ist
-seine Freude hin, und der Lärm der Kraniche, welche seine Schüsse im
-Bruch aus dem Schlaf gejagt haben, kommt ihm vor wie eine Klage und --
-Anklage. Und in Erinnerung an den Abend während der Heimfahrt ist ihm,
-»als hätte der rohe Schlußreim den Zauber dieses Tages verdorben«. Und
-oft kommt diese Wehmut zum Ausdruck. Ob er den langersehnten stolzen
-Auerhahn mitten im Minnegesang gefällt oder den roten Bock mit gutem
-Blattschuß gestreckt hat, er stiehlt sich davon ...
-
-Aber auch anderen Empfindungen begegnen wir bei dem Meister. Wie oft
-wünscht er sich vor dem toten Bock, vor dem gestreckten Hahn einen
-ähnlichen Tod! Ob er ahnte, daß ihm ein solcher beschieden sei? Viel
-ist über diese Frage hin und her gestritten. Von vielen wird sie
-verneinend beantwortet, während andere, die dem Dichter nahestanden,
-sie bejahen zu müssen glauben. Wer will das entscheiden ...
-
-Während Löns oft zögerte, den Finger krumm zu machen, dem stolzen
-Wild gegenüber, konnte ihn nichts davon abhalten, die Nachsuche mit
-der größten Gewissenhaftigkeit durchzuführen, und mochte sie noch so
-beschwerlich sein. Aus Liebe zum Wild. Wie viel liegt ihm an einem
-krankgeschossenen Stück. Der kranken Ricke, die den kranken Vorderlauf
-schonend, sich mühsam vorwärts bewegt, trägt er nicht die Kugel an,
-sondern stellt den Drilling auf Schrot um: »Sie soll den Knall nicht
-vernehmen, die Kugel nicht spüren; sie hat genug ausgestanden drei Tage
-lang«.
-
-Mit diesen hervorragenden jagdlichen Tugenden, mit außerordentlich
-ausgeprägtem weidmännischen Empfinden, verband Löns Fähigkeiten, wie
-sie nur einige wenige, die in der Natur und mit ihr leben, aufzuweisen
-haben. Der Winterkälte trotzte er so gut wie der Sonnenglut; Nässe und
-Sturm konnten ihm die frohe Jägerlaune nicht nehmen. »Mir ist so, als
-hörte ich hinter mir im fernen Moore die Nebelhexe lustig kichern, und
-ich schwenke den schäbigen Hut und rufe ihr zu: Weidmannsdank, altes
-Mädchen, hoioh!«
-
- (Aus der »Ostpreußischen Zeitung«.)
-
-
-
-
-Bücherbesprechung und Verschiedenes
-
-
-_Oskar Schwär_: =Ahnengalerie=, Görlitz, Verlagsanstalt Görlitzer
-Nachrichten und Anzeiger. Preis gebunden M. 18.--, broschürt M. 15.--.
-
-Unser Lausitzer Erzähler hat diesmal die Straße ernster, seelischer
-Probleme verlassen, und sich auf den blumigen Weg des Humors begeben,
-wohin wir ihm in dieser sonst so leiderfüllten Zeit gern folgen. Wir
-haben es nicht zu bereuen, ein guter Engel hat ihn diesen Weg geführt.
-Unser herzliches Lachen dankt dem Dichter für die feinen lustigen
-Geschichten und Charakterbildchen. Wir würden das Buch nach der
-heiteren Stunde, die es uns geschenkt, nicht so befriedigt aus der Hand
-legen, wenn uns hier nicht echter Humor in gesunden Dosen verabreicht
-würde, Humor, der sich nicht in oberflächlichen Schnaken und Schnurren
-erschöpft, sondern mancherlei Blicke in Seelentiefen gewährt. Auch
-ein gefälliges kleines Lustspiel »Der Friedensstifter« enthält dieser
-Blütenstrauß Lausitzer Humors. Dazu haben Autor und Verleger den ganz
-ausgezeichneten Dresdener Künstler _Kurt Rübner_ gewonnen, der mit
-trefflichem Stifte die lustigen Typen aufs Papier gezaubert hat.
-
- Prof. ~Dr.~ Curt Müller, Löbau.
-
- * * * * *
-
-=Auf dem Wege zur Steppe?= Aus unserm Leserkreis wird uns geschrieben:
-Eine Anfrage an die Herren Meteorologen! Allenthalben ist man jetzt
-dabei, die noch in Deutschland vorhandenen Moore abzutorfen und
-zum Zwecke der Gewinnung von Kulturland trocken zu legen. Liegt
-hierin nicht eine ungeheure Gefahr für die zukünftige Gestaltung
-unseres Klimas? Gehen wir dadurch nicht einer Periode entgegen,
-in der ein reines Steppenklima bei uns herrschen wird? Schon
-ist der Grundwasserstand allenthalben erheblich zurückgegangen.
-Einerseits durch die Fassung von Quellen und Wasserläufen für die
-Trinkwasserversorgung größerer Gemeinwesen, anderseits durch die
-Regulierung aller Flußläufe, Beseitigung der Altwässer, Sümpfe,
-Entwässerung nasser Wiesen und Felder, Beseitigung der Ufergebüsche,
-dann auch durch die umfangreichen Abholzungen der Wälder, wie sie jetzt
-stattfinden, überhaupt durch unsere ganze derzeitige Bodenkultur,
-dazu nun jetzt auch noch die Entwässerung der Moore, die die letzte
-Reserve an Bodenfeuchtigkeit in Trockenperioden noch darstellten!
-Gerade die jetzige Hitze- und Trockenperiode drängt dazu, diese
-Frage eingehend zu prüfen und die Herren »Wettermacher« zu Worte
-kommen zu lassen, ob und wieweit eine Beeinflussung unseres Klimas --
-insbesondere die Bildung örtlicher Gewitter und Niederschläge -- durch
-die geschilderten Vorgänge verhindert oder beeinflußt werden dürfte.
-Es wäre ein furchtbarer Irrtum, die Gewinnung von ein paar tausend
-Hektaren kulturfähigen Landes als Gewinn zu buchen, wenn anderseits
-Ernteverluste, wie sie uns jetzt bevorstehen, als Folge der oben
-geschilderten Vorgänge angesehen werden müßten. Es wäre dann allerdings
-höchste Zeit, diesem Vorgehen Einhalt zu tun.
-
- * * * * *
-
-=Altes Spielzeug.= Im Landesmuseum für Sächsische Volkskunst,
-Dresden-N., Asterstraße 1, befindet sich eine Sammlung von Spielwaren
-aus alter und neuer Zeit, die nicht nur den Besuchern der Sammlung viel
-Freude macht, sondern auch wertvolle Anregung zu neuem Schaffen gegeben
-hat. Die Museumsleitung (Hofrat Professor O. Seyffert) bittet nun alle,
-die im Besitz von _alten_, handwerklich hergestellten Spielsachen sind,
-die nicht mehr von Kindern benutzt werden, sie dem _Landesmuseum_ zu
-stiften. Auch die kleinste Gabe ist willkommen, fügt sie sich doch
-oft einem Ganzen ein. In Frage kommen allerhand Figuren, Soldaten,
-Püppchen und Puppen, aber auch größere Stücke, Unterhaltungsspiele,
-Schaukelpferde, Puppenstuben, Küchen usw. Ein Nachsuchen führt oft zu
-großen Erfolgen, und was jetzt verstaubt und ohne Wert herumliegt,
-kann im Museum Freude und _vielfachen Nutzen_ bringen. Die Portokosten
-werden vom Museum zurückerstattet.
-
-
- Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: =Werner Schmidt=;
- Druck: =Lehmannsche Buchdruckerei=, beide in Dresden.
-
-
-
-
-Preisausschreiben
-
-
-Der Landesverein Sächsischer Heimatschutz, Dresden-A., Schießgasse
-24, hat sich das Ziel gesetzt, die heimatliche Natur und die
-Kulturdenkmäler nicht nur durch Verbote und Ankäufe zu schützen,
-sondern in dem Herzen des Volkes diejenige Heimatliebe zu wecken,
-die den besten Heimatschutz bildet. Er wendet sich deshalb an die
-gesamte sächsische Schuljugend, an die Schüler und Schülerinnen aller
-öffentlichen Volks- und Fortbildungs- und Fachschulen, aller höheren
-Schulen mit einem Preisausschreiben.
-
-Es sollen folgende Aufgaben in Aufsatzform behandelt werden:
-
- 1. von Schülern unter 14 Jahren (gleichviel welcher
- Schulgattung!)
-
- »Jugendwanderungen und Naturschutz«.
-
- 2. von Schülern über 14 Jahren:
-
- »Was kann die Jugend für den Heimatschutz tun?«
-
-
-Bedingungen:
-
- 1. Die Arbeit ist selbständig und möglichst auf Grund eigener
- Erlebnisse und der heimatlichen Verhältnisse zu fertigen.
- Wer Bücher benutzt, hat die Titel am Schlusse der Arbeit
- anzugeben.
-
- 2. Die Arbeit ist auf geheftete Quartblätter zu schreiben.
- Weißen Rand lassen.
-
- 3. Am Anfang der Arbeit sollen folgende Angaben stehen:
-
- 1. Schulort. 2. Genauer Name der Schule. 3. Klasse. 4.
- Vor- und Zuname des Schülers. 5. Lebensalter des
- Schülers.
-
- 4. Die Arbeit ist bis zum 31. Oktober d. Js. an die
- Geschäftsstelle des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz,
- Dresden-A., Schießgasse 24, einzusenden.
-
- 5. Preisgekrönte Arbeiten gehen in den Besitz des
- Heimatschutzes über.
-
- Nichtpreisgekrönte Arbeiten werden vernichtet, sofern der
- Verfasser bei Einsendung nicht ausdrücklich Rückgabe
- gewünscht hat.
-
-
-Preise:
-
-für Schüler und Schülerinnen unter 14 Jahren:
-
- =1 Germania-Fahrrad= (Fabrikat Aktiengesellschaft vorm. Seidel
- & Naumann, Dresden),
-
- =1 photographischer Apparat= und =1 Projektions-Apparat=
- (Fabrikat Ica Akt.-Ges., Dresden);
-
-für Schüler und Schülerinnen über 14 Jahren:
-
- =1 photographischer Apparat= mit Ernemann-Optik (Fabrikat
- Ernemann-Werke Akt.-Ges., Dresden),
-
- =1 Wanderer-Fahrrad= (Fabrikat Wanderer-Werke Akt.-Ges.,
- Schönau-Chemnitz);
-
- ferner: Sport- und Touristenkleidung, Rodelschlitten,
- Schneeschuhe, Rucksäcke, Aluminium-Geschirr, Bücher
- naturwissenschaftlichen Inhalts, sowie Veröffentlichungen
- des Heimatschutzes.
-
-Preisrichter sind die Mitglieder der Naturschutz-Abteilung des
-Landesvereins Sächsischer Heimatschutz in Dresden
-
-Die Namen der Preisträger und Preisträgerinnen werden in den
-»Mitteilungen des Heimatschutzes« bekanntgegeben, auch behält sich
-der Landesverein vor, einige der besten Arbeiten gegen Bezahlung zu
-veröffentlichen.
-
- Dresden-A. im Juli 1921
- Schießgasse 24.
-
- Landesverein Sächsischer Heimatschutz
- Abteilung ~C~ Naturschutz
-
-
-
-
-Vom Wandern und Weilen im Heimatland
-
-Von =Gerhard Platz=
-
-Dresden 1920
-
-des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz Heimatbücherei
-
-Band I
-
-320 Seiten -- Großoktav
-
-_Vorzugspreis für Mitglieder des Landesvereins Sächs. Heimatschutz
-M. 12.--_
-
-Seit vielen Jahren ist _Gerhard Platz_ unser treuer Mitarbeiter. Fast
-in keinem Mitteilungshefte fehlte sein Name. Zahlreiche Zuschriften
-aus unserem Mitgliederkreise zeugen von der Liebe und Verehrung, die
-er sich in unserem Kreise erworben hat. Oft hören wir: Mit Platz
-möchten wir wandern. So ist es verständlich, daß wir in dem ersten
-Band unserer Heimatbücherei ihn zu Worte kommen lassen. Seine besten
-Heimatschilderungen sind hier vereinigt. Das Buch ist nur noch in
-wenigen Stücken vorhanden.
-
-
-Landesverein Sächsischer Heimatschutz
-
-Dresden-A., Schießgasse 24.
-
-
-Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-A.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
- Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
- Korrekturen:
-
- S. 182 Tirbler → Tribler
- in dem {Tribler} Bach gewesen
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LANDESVEREIN SÄCHSISCHER
-HEIMATSCHUTZ -- MITTEILUNGEN BAND X, HEFT 7-9 ***
-
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-be renamed.
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-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
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-Archive Foundation
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
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-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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-The Foundation's business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation's website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
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-Literary Archive Foundation
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