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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..d7b82bc --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,4 @@ +*.txt text eol=lf +*.htm text eol=lf +*.html text eol=lf +*.md text eol=lf diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Landesverein Sächsischer Heimatschutz -- Mitteilungen Band X, - Heft 7-9 - Monatsschrift für Heimatschutz und Denkmalpflege - -Author: Landesverein Sächsischer Heimatschutz - -Release Date: January 16, 2022 [eBook #67178] - -Language: German - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LANDESVEREIN SÄCHSISCHER -HEIMATSCHUTZ -- MITTEILUNGEN BAND X, HEFT 7-9 *** - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder - unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua - gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so - dargestellt=. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Landesverein Sächsischer - Heimatschutz - - Dresden - - Mitteilungen - Heft - 7 bis 9 - - Monatsschrift für Heimatschutz und Denkmalpflege - - Band X - - _Inhalt_: Das alte Land im jungen Lenz -- Wehrkirchen - im Leipziger Land -- Es braucht nicht Stein zu sein - -- Der »Steinerne Frosch« bei Miltitz -- In eigener - Sache ein letztes Wort -- Der betende Berg -- Der - unzufriedene Papierkorb -- Die Haustreiberei, eine - aussterbende Heimarbeit in der südlichen Oberlausitz - -- Die Schellente im Moritzburger Teichgebiet -- Das - Triebelbachtal -- In Guteborn -- Löns als Jäger -- - Bücherbesprechungen -- Verschiedenes - - Einzelpreis dieses Heftes M. 5.--, Bezugspreis für einen - Band (aus 12 Nummern bestehend) M. 15.--, für Behörden und - Büchereien M. 10.--. Mitglieder erhalten die Mitteilungen - kostenlos, _Mindest_jahresbeitrag M. 10.-- - - Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24 - - Postscheckkonto: Leipzig 13987, Dresden 15835 - Stadtgirokasse Dresden 610 - - Dresden 1921 - - - - -An unsere verehrten Mitglieder und Freunde! - - -Wir legen diesem Hefte die Zahlkarte zur Begleichung des -Mitgliedsbeitrages für 1921 bei, sofern dies noch nicht geschehen -ist. Der _Mindest_beitrag ist auf M. 10.-- für Einzelmitglieder, auf -M. 40.-- für körperschaftliche Mitglieder festgesetzt. Diese Beträge -decken noch nicht unsere Unkosten für unsere Veröffentlichungen und -sind nur um deswillen so unzeitgemäß niedrig festgesetzt, um allen -unseren Volksgenossen, auch den Minderbemittelten, sowie Schülern, die -nur ein geringes Taschengeld haben, den Eintritt in die sächsische -Heimatschutzbewegung zu ermöglichen. - -Wir geben jährlich zwölf Nummern unserer »Mitteilungen« in vier -Heften heraus, die zusammen 270 Seiten mit weit über 100 Abbildungen -aufweisen. Diese Veröffentlichungen einschließlich der zwanglos -erscheinenden »Heimatschutz-Nachrichten« kosten uns heute unter -Berücksichtigung der neuen Teuerungswelle selbst jährlich M. 20.-- -Dennoch kann keine sächsische Heimatzeitschrift in gleichem Umfange -und in gleicher Ausstattung für einen solchen Preis _bei freier -Postzustellung_ geschaffen werden. - - An alle unsere Mitglieder richten wir die herzliche Bitte, in - Berücksichtigung des oben Gesagten - - _den Jahresbeitrag freiwillig zu erhöhen_ - - und dadurch unserem Verein weiterhin das Dasein in der - wirtschaftlich schweren Zeit zu erleichtern und unsere Kasse - vor Fehlbeträgen zu schützen. - -=Auch an alle diejenigen, die ihre Beiträge bereits gezahlt haben, -richten wir die Bitte, unsere Mittel durch einen weiteren freiwilligen -Beitrag zu stärken.= - -Wir werden weiter für den Schutz der mit unserem Vaterlande -unzertrennlich verbundenen Heimat und Natur eintreten; denn ohne -unsere Flüsse und Seen, ohne unsere Täler und Berge, ohne unsere -Ebenen, Wiesen und Felder, ohne unsere Tier- und Pflanzenwelt wäre -unser Vaterland eben nicht unser geliebtes Sachsenland. Wir haben -alle Ursache, gerade in der jetzigen Zeit alles zu tun, um unserem -Vaterlande durch Erhaltung seiner Schönheiten, seiner Sitten und -Gebräuche und seiner Lebewesen seine geschichtlich gewordene Eigenart -zu bewahren und es damit als unsere wahre teure Heimat zu erhalten. - -Wir bitten alle unsere Mitglieder und Freunde herzlich, auch in dieser -Zeit, die durch die neue Teuerungswelle für uns verschärft wird, treu -zu uns zu stehen und uns nach Kräften zu helfen. Wir werden dieser -Hilfe dankbar sein und den Landesverein Sächsischer Heimatschutz weiter -ausbauen zu einer Volksbewegung, die alle Kreise umfassen und das -köstlichste Gut, das wir besitzen: Unsere Heimat schützen soll. - - =Dresden=, im September 1921 - - Landesverein Sächsischer Heimatschutz - - - - - Band X, Heft 7/9 1921 - -[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz - -Dresden] - -Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern durch den -Vorstand herausgegeben - -Abgeschlossen am 1. Juli 1921 - - - - -Das alte Land im jungen Lenz - -Eine Osterfahrt in die Bergstädte des westlichen Erzgebirges - -Von _Gerhard Platz_, Weißer Hirsch - - -Gerade blick’ ich mich ein wenig ratlos um in der Gegend, da springt -hinterm Dornbusch ein Handweiser hervor, so ein guter alter weiß und -grüner, mit fünf feierlich gespreizten Fingern. »Nach Schneeberg,« sagt -er, »eine Wegstunde.« - -»Sei mir bedankt, alter Gesell, und laß dir die dürren Knöchel -drücken, du kamst mir zupass! -- -- Ach so, kannst nicht herablangen -zu mir und ich nicht hinauf zu dir -- nun, meinen Dank nimmst du -auch so!« Und damit wandre ich fürbaß, bis auf der Kuppe droben die -St. Wolfgangskirche emporragt über sonnenblitzenden Schieferdächern, -gelehnt an den bewaldeten Gleesberg. - -Wie tut mir die Einsamkeit wohl. Stundenlang im Bahnwagen nichts gehört -als Politik -- und was für welche! Du lieber Gott, wann wird einmal -der Frieden einziehen in die deutschen Herzen? Und dabei ist heute -Karfreitag -- die Stunde schon da, da der Herr ans Kreuz geschlagen -ward. Leid tat mir’s nur um das Knäblein, das der hitzigste von den -Politikern bei sich hatte. Immer wieder machte das den Versuch, dem -Vater die Enten im Bach, die Narzissen im Garten, das Fohlen auf der -Wiese zu zeigen. Nichts half’s ihm! Wie eine trübe Flut quoll der Haß -aus dem Manne heraus. -- Ängstlich und verständnislos hingen des -Kindes Augen an seinen Lippen, bis ich mich des Kleinen erbarmte und -mich mit ihm um die Wette freute am jubelnden Lenzmorgen draußen. -- - -Nun bin ich allein mit Lerche und Bergwind und freue mich dankbar jedes -der ersten kleinen Frühlingsboten. Der Zitronenfalter, die Dotterblume, -die grünen Grasspitzen dort -- jedes einzelne ein Bote der Liebe an -unsre haßerfüllte Welt. - -Kuppe auf geht’s, Kuppe ab; über die Mulde und dann wieder eine -Lehne hinan. Auf der letzten Höhe aber mache ich erst einmal Halt -am sonnigen Feldrain. Der Rucksack tut sich auf und gibt die guten -Dinge heraus, die daheim ihm anvertraut wurden. Brot, Wurst, die -zwei Ostereier, eines rot, gelb das andere, liegen lieblich vereint -auf dem Wettermantel, und dann kommt das Weidmesser heraus, das mich -getreulich auch auf diese gänzlich unweidmännische Fahrt begleitet, -und fährt hinein in all diese Pracht. -- Stark und sicher thront vor -mir die Stadt Schneeberg auf ihrer Höhe; mit Freude versenkt sich der -Blick in das kraftvolle Bild. -- Jetzt noch ein Trunk aus dem Bächlein, -und vergnügt beschließe ich das Mahl, für das mir das deutsche -Gärungsgewerbe freilich keine Anerkennungsurkunde ausstellen wird. Dann -stehe ich am Fuße des Schneebergs, dessen Kirche immer riesenhafter -herauskommt. Direkt in den weißblauen Himmel hinauf scheint der Turm -mit seiner überraschend zierlichen Krönung zu wachsen. Schon beim -Betreten der Stadt springen mir allerhand Spuren ihrer bergmännischen -Vergangenheit ins Auge, und als ich nun sonnedurchglüht am Rande -des weiten Wasserbeckens auf dem Fürstenplatz unterm Kastanienring -raste, da macht sich der Geist der Vergangenheit auf, und ich muß ihm -nachgehen, denn dann erst spricht die Heimat mit mir von Herzen zu Herz. - -[Illustration: Abb. 1 =Schneeberg, Gesamtansicht= (Phot. _Emil Maaß_, -Schneeberg)] - -Schneeberg -- wie weit erscholl einst dein Ruhm hinaus in das deutsche -Land! Wie warst du der Augapfel deiner Landesherren, der Stolz des -sächsischen Volkes. Wer in deine Geschichte sich versenkt, vor -dem steigt es abenteuerlich und wild empor. Ein Bergwall von fast -unüberschreitbarer Wildnis; ein Urwald, drin Bär, Wolf und Luchs -hausen, drin am vermorschten Eichstumpf der Jungbaum emporsteigt -ans Licht, drin faulenden Holzes fahler Schimmer und des Irrlichtes -tückisches Lämpchen den Wandrer erschrecken, düstert vor seinem Auge -hinan. Mitten aber in dieser Wildnis schießt plötzlich ein Gemeinwesen -empor mit einer Wucht und Schnelligkeit, die wir Menschen der Neuzeit -nur mit der Entwicklung eines amerikanischen Goldgräberlagers -vergleichen können. - -Ja, mit »reißender Gewalt« hebt sich der Bergbau im Jahre 1472, seitdem -man zwei Jahre vorher fündig geworden. Zwickauer sind die ersten -Gewerken, aber auch aus allen anderen Gegenden des Reiches strömen die -Bergbaulustigen herbei, mancher Abenteurer darunter. Reich werden um -jeden Preis ist die Parole. Genug solche sind auch dabei, denen das -gewonnene Silber zwischen den Fingern zerrinnt; ein Prasserleben hebt -an im Gefolge der Arbeit. Für Schwächlinge und Muttersöhnchen ist’s -freilich nichts, das Leben im Berglager. Wen hier der graue Wächter, -die scharfe Seitenwehr, nicht bewacht, um den ist’s übel bestellt. -Überfälle auf Schmelzhütten und Zechen sind an der Tagesordnung. Vor -jeder Grube stehen Geharnischte auf Posten. - -Aber bald beginnt das zuchtlose Toben und Treiben sich zu legen, -gelenkt und gebändigt durch Obrigkeit und Bergrecht. Auch im Äußeren -zeigt sich nun Ordnung und Norm. Die Zechen werden mit einer -Einfriedigung versehen in Form eines hölzernen Schrankens um den -ganzen Berg herum. Ist so ein Schutz vor Räubern in menschlicher und -tierischer Gestalt geschaffen, so droht doch noch andauernd eine andere -furchtbare Gefahr in Gestalt der rasenden Waldbrände. Einmal lodert -der böhmische Wald vierzehn Tage lang ohne Aufhören gen Himmel. Aus -den Holzschranken wird bald ein fester Wall von der Gestalt, »wie man -ein Hertze pfleget zu mahlen«. Sechsundfünfzig Zechen allein liegen -anno 1474 innerhalb der Umzäunung; mit denen, die draußen sind, -hundertsechsundsiebzig an Zahl! Und all’ diese ungeheure Entfaltung im -Laufe von fünf Jahren. - -Rückschläge bleiben nicht aus. Das Wasser vor allem macht den -Bergleuten zu schaffen, denn die Gruben gehen gar bald sehr in die -Tiefe. Aber schon 1477 blüht der Bergbau wieder empor. In diesem Jahre -gibt der St. Georgschacht 4000 rheinische Gülden als Ausbeute auf -einen Kux. Auf dieser Zeche ist’s, wo Albrecht der Beherzte am 23. -April gleichen Jahres an einer Erzstufe von 400 Zentnern Gewicht, die -fast ganz aus gediegenem Silber besteht, einen Imbiß einnimmt. Dieser -Fürst besonders hält alle Hände über den Schneeberg. Woher sollt’ er -die Mittel zu seinen zahlreichen Kriegszügen nehmen, wenn nicht aus -den Gruben hier oben? Da kommt das Jahr 1490; eine Schreckenszeit -für die junge Stadt. Fast alle Zechen müssen Schicht machen wegen -des Wassers. Das Elend ist groß. In Scharen wandern die Knappen ab -nach dem Schreckenberg, wo man eben fündig geworden ist, und wo St. -Annenberg emporblüht. Die zurückbleibenden Häuer werden unzufrieden und -schwierig. Gewalttaten gegen Bergmeister und Geschworene fallen vor, -und 1496 ist er da, der erste Streik! Noch gelingt es, den friedlich -zu schlichten, aber zwei Jahre darauf erfolgt der zweite Ausstand. -Sogar die Häupter und die Jungen müssen mit ins verschanzte Lager der -Bergleute auf dem Wolfsberg. In Kochstücke will man sie zerhauen, wenn -sie nicht mittun. - -Aber von neuem bietet der Berg schier unerschöpfliche Schätze dar. -Die Unzufriedenheit schwindet, der Häuerlohn berechtigt wieder zu -Lebensgenuß und reichlichem Haushalt. »Ausbeut hat man auch geben -- -Auff St. Jörgen in Schneebergk zwahr -- Mehr denn dreißigtausend Gülden --- Auff einen Kux fürwahr« rühmt der Bergreihen. Da fängt die Kunst an, -sich dem Wohlstand zu verschwistern. Zunächst in unbeholfener Form, -in der Gestalt von Volksfesten mit geistlichen Schauspielen, die alle -sieben Jahre mit großer Pracht aufgeführt werden. Freiberg, die alte, -die reiche, geht schon lange darin mit gutem Beispiel voran. Einmal -führen dort die Knappen auf offnem Markt an den drei Pfingsttagen -die biblische Urgeschichte auf, den Fall der Engel und die Schöpfung -der Welt bis zur Austreibung aus dem Paradies. Gott Vater, Gabriel, -Michael, Satan, Adam und Eva, sechs gutgeratene, sechs mißratene Söhne -Adams sind die handelnden Personen. Herzog Georg mit seinem ganzen -Hofstaat ist andächtiger Zuschauer. -- In Zwickau findet ein paar Jahre -darauf eine Belustigung statt vor Johann dem Beständigen, deren Verlauf -folgender ist: - -[Illustration: Abb. 2 =Schneeberg, Alte Polizeiwache und Hospitalkirche= - -(Phot. _Emil Maaß_, Schneeberg)] - -Zunächst wird aufgeführt die Komödie des Terenz »Der Eunuch«. In den -Zwischenakten dieses Stückes gibt man zur Erheiterung des Publikums: -»Wie sich sieben Weiber um einen Mann zanken und schlagen«; und darauf: -»Wie sieben Bauernknechte um eine Magd gefreiet haben.« All das geht -zierlich und wohl vonstatten. -- Hierauf prellen zweiundzwanzig -Fleischhauer einen vermummten Menschen auf einer Kuhhaut. Dann halten -vierundzwanzig Knappen den Schwertertanz ab, der von den Hallstädter -Salzknappen auch ins Erzgebirge gekommen ist. Als dies vorüber, -erscheinen achtzehn Männer, wunderlich gekleidet, »daß sie als -Störche anzusehen«, und lesen mit den Schnäbeln Nüsse auf, die ihnen -ausgestreut werden. -- Glückliche Kinderzeit unsres Volkes! - -[Illustration: Abb. 3 =Schneeberg, Altes Patrizierhaus am Hopfenmarkt= - -(Phot. _Emil Maaß_, Schneeberg)] - -Doch weiter schreitet das Sehnen nach etwas, das den Menschen in -höherem Sinne freimacht und loslöst von des Alltages Schaffen und -Sorgen auch in den Kreisen der Schneeberger. Der Bergsegen drängt -die reichen Fundgrübner dazu, etwas wirklich Großes zu schaffen. -Glaubensinnigkeit und die dem gefahrvollen Bergmannsberuf eigene -Frömmigkeit tun das weitere. Eine Kirche wollen sie bauen zu Ruhm -und Ehr der heiligsten Mutter und zum Preise St. Wolfgangs. Im Jahre -1515 wird auf den Grundmauern der ersten abgebrannten Kirche der Bau -des neuen Gotteshauses begonnen. Der in Kursachsen hochberühmte Hans -von Torgau wird der Meister des Baues, derselbe, der schon an der -Albrechtsburg sich die Sporen verdient hat in der Reihe der Gesellen. - -[Illustration: Abb. 4 =Schneeberg, Fürstenplatz= (Phot. _Emil Maaß_, -Schneeberg)] - -Langsam nur schreitet das Werk vorwärts. Erst 1540 kann Fabian -Lobwasser den Bau vollenden. Aber was dann zum glücklichen Ende -gebracht, das ist etwas, das zu dem wirklich Großen, nicht nur im -äußeren Maßstab, gehört. - -[Illustration: Abb. 5 =Schneeberg, Aus dem Anhang. Turm der St. -Wolfgangskirche= - -(Phot. _Emil Maaß_, Schneeberg)] - -Zu der St. Wolfgangskirche ist jetzt nach der Rast auch mein erster -Gang. Im köstlichsten Sonnenschein liegt der gewaltige Bruchsteinbau -vor mir. Zur Seite des Turmes, der, noch vom ersten Kirchenbau -übernommen, sich unregelmäßig vor das Langhaus legt, blüht ein -Kornelkirschbaum in voller Pracht. Ungehindert kann das liebe -Sonnenlicht auch in das Innere der Kirche dringen. St. Wolfgang ist -eins von den bei uns nicht seltenen Gotteshäusern, die noch in den -Formen später Gotik, nicht mehr aber in ihrem Geiste erstanden sind. -Ganz auf den Gemeindegottesdienst ist der weite, dreischiffige Bau -zugeschnitten. Groß muß die Teilnahme am Werk im ganzen Lande gewesen -sein. Man darf namentlich wohl annehmen, daß Luther und Melanchthon -um ihren Rat angegangen worden sind, als es galt, das neue Haus -mit auserlesenen Werken der Malerei zu schmücken. -- Wo hätten die -Zeitgenossen wohl besser ihre Blicke hinlenken können, als nach -Wittenberg, des frommen Lukas Cranach Heimstätte? Was uns der Meister -hier in St. Wolfgang hinterlassen hat in seinem berühmten Altarwerk, -das gehört zu dem Schönsten mit, was er je geschaffen. Nicht mehr -als ein einheitliches Ganze freilich stellt sich heute das Altarwerk -dar. Die Kaiserlichen haben die Tafeln im Jahre 1632 geraubt und nach -Prag entführt. Erst siebzehn Jahre später gelang es den unermüdlichen -Bemühungen der Bürgerschaft, sie wieder zurückzubekommen. Heute -prangt die große Kreuzigungsgruppe in einem Barockaltar für sich -allein. Aber sie ist auch nicht das Schönste -- bei weitem nicht! -Der Ruhm gebührt unstreitig der herrlichen Tafel mit der Darstellung -des Abendmahls, der Predella! Lange kann ich den Blick nicht wenden -von den herrlichen deutschen Männerköpfen, die der Meister seinen -Aposteln verliehen; sicherlich Bildnissen von Schneeberger Bürgern, -wohl auch seiner selbst. Zart und morgenländisch fremd hebt sich -der Heiland heraus aus der Schar der Tischgenossen. Eben reicht er -mit der edelgeformten Hand dem Judas den Bissen. Der sitzt da als -ein roter, derber Rüpel, dem Beschauer den Rücken kehrend; schon im -Äußern gekennzeichnet als der Erzbösewicht. Befremdlich, und doch -auch wieder so verständlich im Wesen der Entstehungszeit des Bildes -wirkt der aus der Weinkanne trinkende Jünger am Fuße der Tafel im -Gegensatz zur ehrbaren Würde der Mitapostel. Mit seinem starken -fleischigen Doppelkinn, in seiner alles vergessenden Hingabe an den -Genuß des Tischtrunks fällt er beträchtlich aus ihrem Kreise heraus. -Ist’s wohl eine der Klerikergestalten, mit denen Reformation und -Kirchenvisitationen damals rasch und gründlich aufräumten? -- Im -herrlichen Akkord rollt von oben her das Geläut der Glocken durch den -Raum, wie ich aus dem Halbdunkel bei den wunderbar schönen Grüften -hervortrete und dem Ausgang mich zuwende, um noch ein wenig das -Stadtbild auf mich wirken zu lassen. - -[Illustration: Abb. 6 =Schneeberg, Filzteich= (Phot. _Emil Maaß_, -Schneeberg)] - -Von Häusern aus der ältesten Zeit finde ich nichts mehr, dafür aber -erfreuen mich viele wunderschöne Bauten aus dem 18. Jahrhundert. Sie -vor allem geben der Stadt das Bild der Vornehmheit, der Wohlhabenheit, -das sie unstreitig entfaltet. Eine Erinnerung übrigens aus dem -genannten Jahrhundert bewahrt Schneeberg in sich, voll wehmutsreich -inniger Bedeutung für alle, die mit unseres Volkes geistiger -Vergangenheit vertraut sind. Im August des Jahres 1786 standen sich -hier zwei Menschen auf Jahre hinaus das letztemal gegenüber, aus -deren Herzensbund die reinsten, zartesten Blüten entsprossen sind -- -Goethe und Charlotte von Stein! Von Karlsbad aus, wo er mit seinem -Herzog und Steins zur Kur weilte, hatte Goethe die Freundin, die -nach Weimar zurückkehrte, bis Schneeberg geleitet. Nach einigen -Tagen des Verweilens in der alten Bergstadt ging der Dichter nach -Karlsbad zurück, um am 3. September frühmorgens um 3 Uhr sich von dort -»fortzustehlen«, -- südwärts, dem Land seiner Sehnsucht entgegen. -- - -[Illustration: Abb. 7 =Rotes Pochwerk, Neustädtel= (Phot. _Emil Maaß_, -Schneeberg)] - -Was diesem letzten Beisammensein der Freunde den ihm eigenen, -wehmütigen Schimmer verleiht, ist das wohl in beider Herzen damals zur -Gewißheit gewordene Gefühl, daß Glück und Leid der letzten elf Jahre -sich unaufhaltsam ihrem Ende näherten. Müde war die Sehnsucht geworden, -die doch nur in völliger Verbindung hätte Erfüllung finden können -- -und als Goethe 1788 wieder in Weimar eintraf, da war der edlen Rose -Zauber verblichen. An seinem Wege aber sah der Dichter das Blümchen -stehn -- wie Sterne leuchtend, wie Äuglein schön -- -- Christiane -Vulpius trat in sein Leben. - -[Illustration: Abb. 8 =Siebenschlehner Pochwerk, Neustädtel= (Phot. -_Emil Maaß_, Schneeberg)] - -[Illustration: Abb. 9 =Gesellschaft Fundgrube, Neustädtel= (Phot. _Emil -Maaß_, Schneeberg)] - -In der dritten Stunde des Nachmittags dann sitze ich auf einsam alter -Halde hoch über Neustädtel, der älteren Schwesterstadt Schneebergs -und blicke hinaus in das weite Gefilde, das noch von unzähligen -Spuren des Bergbaus bedeckt ist. Lautlos liegt die Natur -- ein -wehmütig Bergglöckchen nur klingt hier und da leise herauf. Groß und -finster schiebt sich ein Wolkenschatten über die eben noch lachende -Flur -- einen fremden, fast krassen Ausdruck zeigt auf einmal das -haldenzerrissene Land. Da greift auch mir der furchtbare Ernst der -Stunde ans Herz, der letzten, da unser Heiland am Kreuze rang. Schwer -atmend liegt das Gefilde zu meinen Füßen. -- Ja, es ist finster. -Schon ist er verklungen, der furchtbare Schrei der Gottverlassenheit; -nun Stille -- Stille. Da endlich, gestärkt durch den Essigtrank, die -hallende Stimme vom Kreuze: »Es ist vollbracht.« Von St. Wolfgang -herüber schlägt’s drei. -- -- -- - -[Illustration: Abb. 10 =Hutstube im Huthause zur Gesellschaft Fundgrube -bei Neustädtel= - -(Phot. _Emil Maaß_, Schneeberg)] - -Dann ist ein Tönen über das Land um den Schneeberg! Die Glocken alle -rollen zusammen im starken, siegreichen Takt. Kindlich lallend fällt -in den gewaltigen Baß der Hauptkirche das Glöckchen von Neustädtel, -und jetzt ein Lerchenlied! Nicht eins nur; zwei, drei jubelnde Sänger -steigen empor. Der Schatten ist vorübergezogen, fröhlich springt -auf dem leuchtenden Saatfeld ein Häslein dahin -- ist’s nicht, als -wollt’ auch die Kreatur jubilieren über den Sieg, der eben geschah? Zu -meiner Linken flimmert’s im Grase. Mechanisch greif ich dorthin und -hab’ eines jener Steingebilde in der Hand, das eine kleine Welt für -sich darstellt, mit Kristalltürmen und Grotten und Tropfsteinhöhlen --- ein Stücklein Gestein, wie es der alte Eigenlöhner vor hunderten -von Jahren hier auf die Halde gestürzt. Dann greif’ ich zum Stabe und -ziehe die Höhe hinan, an Weißer-Hirsch-Fundgrube, an Siebenschlehn -und Sauschwart vorbei und wie die alten treuherzigen Bergnamen alle -heißen. Ganz oben, dort wo dereinst die Knappschaftskapelle der -heiligen Anna gestanden und wo 1830 das edle Denkmal zur Erinnerung -an die dritte Wiederkehr der Augsburgischen Konfession errichtet ward -im Geiste des Berghauptmanns von Herder, dreh’ ich mich um, und wie -ich das prachtvolle Bild von Schneeberg und Neustädtel zu meinen Füßen -erblicke, da muß ich im Geiste mit einstimmen in den alten Bergreihen, -der so stolz anhebt: - - »Den Schneebergk wöllen wir preysen - Über andre Bergkstedt all.« - -[Illustration: Abb. 11 =Geyer, Laurentius-Kirche mit Wachturm= - -(Phot. _B. Zillessen_, Bautzen)] - -Nur ein paar Schritte ist’s noch von hier aus zum Filzteich. Das ist -ein gewaltiger Stausee, der schon 1485 zum Segen des Bergbaus entstand. -Eine innig verklärte Abendstunde ist mir hier noch beschieden auf -breiter Dammkrone und weiter hinten, wo der Boden unterm Fuße zu federn -anhebt, wo niedrige Kiefern und üppiges Preiselbeerkraut wachsen, wo -lange hellgrüne Pflanzensträhne übers Wasser sich hinziehen, wo der -»Filz« anhebt, das Hochmoor mit seinem regen Vogelleben jetzt zur -Entenreihzeit. Noch unterm Halbschlaf im Gasthaus zu Aue hör’ ich die -Enten über mich wegklingeln, der purpurnen Abendsonne entgegen. -- -- - -[Illustration: Abb. 12 =Der Gebirgskamm von der Wolkensteiner Straße in -Geyer aus gesehen= - -(Phot. _Max Nowack_, Dresden)] - -Donnernd poltert die Mulde in Aue unter der Brücke dahin, und -weißbereift sind die Wiesen ringsum, wie ich in der Frühe des -Ostersonnabends meinen Weg wieder unter die Füße nehme. Viel besser -gefällt mir in der fröhlichen Morgensonne die betriebsame Stadt, als -am Abend vorher. Freilich, Idyllisches aus alter Zeit bietet sich -hier, dem flüchtigen Besucher wenigstens, nicht mehr dar. Und doch -wird mir gerade in Aue ein besonders schönes Stündchen der Erquickung. -Wie ich am Rathaus vorbeikomme, da fällt es mir ein, daß dort oben -ein Freund aus der Jugendzeit als Stadtoberhaupt haust. Trotz der -frühen Stunde zieh’ ich die Klingel und lasse mich melden. »Hie mag -nit sein ein böser Mut -- wo da singen Gesellen gut« geht mir’s durch -den Kopf, als ich im Musikzimmer den aufgeschlagenen Flügel und die -Laute an der Wand betrachte. Und richtig, er ist der Alte geblieben, -der Freund aus fernen Jugendtagen. Trotz Amtesbürde und -würde noch -dasselbe begeisterungsfähige, jung gebliebene Herz; und ihm zur Seite -die Hausfrau, eine reichbegabte Malerin, deren Kunst sich jetzt zu -unsrer Freude von der oberlausitzer Heimatschilderung immer mehr zur -Verherrlichung der erzgebirgischen Landschaft wendet. Wunderbar gut -tut das Stündchen Gegenwartskultur dem Wandrer auf der Vergangenheit -Spuren, der nun hinausschreitet, neuem Erleben entgegen. -- Nahe bei -der Stadt Aue ward früher die kostbare weiße Erde gegraben, auf der -die Güte des Meißner Porzellans beruhte. Veit Hans Schnorr begann 1700 -die bergmännische Gewinnung des Stoffes, der bis dahin nicht weiter -verwendet ward; der höchstens dem Grundherrn der Gegend, einem von -Rechenberg, zum Pudern der Perücke gedient hatte. Erst als Böttger -die rote Porzellanerde von Okrilla zur Herstellung seines Steinzeugs -verwendete, kam man hinter den Wert der weißen Erde von Aue. Jeder -private Porzellanerdeabbau, sowie die Ausfuhr derselben, ward nun bei -hoher Geldstrafe, später gar bei Strafe des Stranges, verboten. Noch -ein anderes Geschenk des heimischen Bergbaus ist der Landschaft zum -Nutzen geraten. Der einst so verachtete Kobalt, der »Silberräuber«, -wie ihn die alten Gewerken nannten, wenn sie ihn als wertlos auf -die Halden warfen, ist der Vater der seit Jahrhunderten blühenden -Blaufarbenindustrie. In alter Zeit betete man in den Kirchen, Gott -möge die Bergleute vor Kobalt und bösen Geistern behüten, bis zur Zeit -Kurfürst Augusts sein Wert erkannt war. -- - -Hinauf nach Oberpfannenstiel hebt sich mein Weg. Ein gottesweltweiter -Blick tut sich vor mir auf, wie ich den prachtvollen Wald hinter mir -habe. Nie hätte ich so Schönes hier zu sehen erwartet. Verschwenderisch -wird die Mühe des Kletterns gelohnt. Freilich, dreihundertfünfzig Meter -Steigung in einer Stunde etwa, mit der Märzensonne auf der Winterjoppe, -wollen verdient sein. Aber nicht lange, und schon überfröstelt es mich -bei aller Sonnenglut. Kurz vor Grünhain bin ich nun doch richtig in die -Schneeregion eingetreten. Allenthalben liegt der graukörnige alte Feind -an den Rändern und in den Hölzern. Von Süden winkt gar der Fichtelberg -mit großen weißen Lehnen. - -Grünhain, zwischen weiten sanften Matten, tut sich jetzt vor mir auf; -ein paar Wasserspiegel beleben das Bild. Von der ehemaligen reichen -Zisterzienserabtei ist zwar nicht viel mehr vorhanden an Baulichkeiten, -aber einen Rastort voll herrlichen Friedens umschließt die weite -Klostermauer -- das Wäldchen, drin noch die Spuren der Klosterkirche zu -sehen. Das Gotteshaus ist dahingesunken, aber ein ebenbürtiger Dom von -ragenden Buchen, Erlen und Tannen baut sich jetzt in den Himmel hinauf. -Keine Axt läßt der Herr Forstmeister, dem die Verwaltung hier obliegt, -an diesen Hain legen; nur was morsch ist und krank wird genutzt. Eine -Vogelwelt von seltener Reichhaltigkeit ist hier zu Hause; von allen -Zweigen singt es und klingt’s. Und noch eine Schar kleiner Geschöpfe, -die auch nicht säen noch ernten, hat hier ein schützendes Obdach -gefunden vor den rauhen Winden dort draußen: schwachsinnige Kinder sind -in den Wirtschaftsgebäuden untergebracht. Allenthalben sitzen sie im -warmen Sonnenschein -- auf der Mauer ein Mädel, in dessen Schoß ein -gleichaltriger Knabe den Kopf gebettet hat; selig und tief schläft er -hier im süßesten Frieden. Der freundliche Oberpfleger, nach seinen -Schützlingen befragt, schmunzelt behaglich. »Nicht wahr, Karle,« meint -er zu einem gut genährt aussehenden Burschen von etwa fünfzehn Jahren, -»ganz brav sind wir alleweil, bloß die Finger, o weh, die Finger; die -sind immer gleich gar zu lang.« Übers ganze Gesicht lachend bestätigt -der Zögling dies Zeugnis. - -Das Kloster gehörte dereinst zu den reichsten im Lande. Eisen- und -Kohlengruben, die letzteren schon um 1450 ausgebeutet, waren sein -eigen. Einen großen Tag erlebte das Stift am 9. Juli 1455. Da waren die -Sturmglocken über die Berge gerauscht, denn auf dem Schloß zu Altenburg -war eine unerhörte Tat geschehen. Die beiden jungen Herren, Ernst und -Albert, waren geraubt worden vom verwegenen Ritter Kunz von Kauffungen. -»Lieben getrewen, uns ist Cuntz und syne Helffers in unser Schloß -Altenburgk gestiegen und haben unsere beyden Söne, das Gott geklaget -sey, wegbracht.« Dieser Notruf des geängsteten Vaters fand im treuen -Volk allenthalben teilnahmsvollen Widerhall. Nach dem Gebirge hatten -sich die Räuber gewandt -- und schon am Tage nach der Tat hatte man den -von Kauffungen fest. Noch steht im Klostergarten der Turm, darin er in -des Abtes von Grünhain Gewahrsam eine kurze Zeit gesessen haben soll. -Am 14. Juli aber stand er bereits vor den Geschworenen von Freiberg, -wohin der Hochverratsfall gehörte, seit im Jahre 1294 Friedrich der -Gebissene den dortigen Schöffen zugesichert hatte, daß sie gewaltig -sein sollten, sein Recht zu rügen und zu setzen. »Was blast dich Cuntz -für Unlust an, Daß du in’s Schloß nein steigest« sangen bald drauf -die Bergleute rundum. -- Von 1536 ab stand das Kloster verlassen. -Die Mönche wanderten mit Urkunden und Schätzen ab nach Kaaden. Ein -herrliches Stück aber ist von dem ehemaligen Reichtum noch auf uns -gekommen; der wundervolle Taufstein, der 1536 nach Annaberg kam und -dort in der großen Kirche aufgestellt ward (siehe O. E. Schmidt -»Annaberg«, Band IX, Heft 1--3 dieser Zeitschrift). -- - -[Illustration: Abb. 13 =Kirche in Ehrenfriedersdorf= - -(Phot. _Max Nowack_, Dresden)] - -Und nun geht es wieder hinaus auf die Landstraße und das -geheimnisvolle, frohe Harren hebt wieder an, was einem die nächste -Wegbiegung, was einem die nächste Höhe bescheren wird. Daß ich’s gleich -sage, die stille Freude an schönen alten Gehöften, an stattlichen -Gasthäusern aus guter alter Fuhrmannszeit, wie sie im östlichen -Erzgebirge und besonders am Fuße des Bergwalls noch zahlreich vorhanden -sind, ist dem Wandrer hier oben nicht mehr häufig beschieden. Zu sehr -hat die Industrie am Bilde der uralten Siedlungen genagt. Aber die -Natur macht alles wieder gut; sie ist so stark und groß gerade in -diesem Teil des Gebirges, daß sie sich einfach nicht tot machen läßt. -Immer wieder versöhnt den Wandrer der unsagbare Zauber des Fernblicks, -das stille Raunen der Wälder, das Murmeln der Bäche. Wie ein Silberband -springt hier gerade der Oswaldbach unter meiner Straße hindurch in -ein Wiesental von seliger Schönheit. Und was alle die Gasthäuser -heut morgen nicht vermocht haben, er läßt mich nicht vorbei, ich muß -einkehren bei diesem Wirte wundermild! -- Hab’ Dank, heiliger Oswald, -für den Trunk, damit du den Pilger auch heut’ noch erquickst. -- - -Gleich gibt es wieder etwas zur Freude. Da stehen im Moose verstreut -in gemessenen Zwischenräumen die Grenzsteine der Forstverwaltung. Aber -hier sind sie nicht nüchtern aus weißgekalktem Stein mit Ziffer und -Krone gefertigt -- vom Alter grün gewordene Glimmerschieferplatten mit -schön geschwungenen, rot nachgezogenen Kurschwertern und altertümlichen -Jahreszahlen aus dem achtzehnten Jahrhundert stecken hier wie aus -dem Waldboden selber entsprossen im Gras. Auf der Höhe kommen jetzt -die drei vulkanischen Tafelberge, der Pöhlberg, der Bärenstein, der -Scheibenberg mit seinem zerklüfteten Rande heraus; alle noch mit -silberverbrämtem Mantel über den Schultern. - -In Elterlein, wo ich am Wirtstisch mein Brot mit der Wurst würfle, -kann ich mich nicht enthalten, einem Mitgast mein Befremden über das -ziemlich nüchterne Bild des Marktes auszudrücken. »Ja, das is nu immer -schon so gewesen,« entgegnete der Wackre, was mich aber doch zu der -Bemerkung veranlaßt, ich könne nicht glauben, daß man zur Zeit, da sich -die alten Nürnberger Elterleins hier des Bergsegens erfreuten, schon -derartig gebaut habe. Er gibt das denn schließlich auch zu. - -Das nun kommende Wegstück zählt zu den eigenartigsten des ganzen -Tagmarsches. Die Landschaft schreit es nicht aus, was sie erlebt hat -in der Jahrhunderte Lauf. Starker, wohlgepflegter Fichtenwald geht -stundenlang neben der Straße her; aber hier und da gleitet der Blick -über eine freie Fläche von so ausgesprochenem Hochmoorcharakter, daß -es dem aufmerksamen Beschauer klar werden muß, welch ein Riesenwerk -die Urbarmachung des Miriquidi darstellt. Sumpf und Urwald -- das war -das Gebirge, ehe der Bergknappe hierher kam mit Axt und Eisen, und in -seinem Gefolge der Köhler mit Feuer und Schürbaum. »Es grüne die Tanne, -es wachse das Erz«, schon in dem alten Spruch ist die Untrennbarkeit -beider Berufe bescheinigt. - -Nicht eine Seele begegnet mir jetzt, nur der Specht kichert über mich -hin, und die Krähe ruft mir den rauhen Gruß zu. O Gottesgnade, wandern -zu können, stark und allein. Denn nur das ist die richtige Freude. -Willst du so recht im Buche der Natur lesen, dann ist leicht auch der -vertraute Gefährte schon zu viel. Im tiefsten Innern bleibt der Mensch -allein; aber aus diesem tiefsten Innern kommen dann auch die Stimmen, -die nach dem Ewigen rufen in sehnender Stille. - -Auch Geyer, das mit seiner zerklüfteten Binge nun vor mir auftaucht, -kann auf bald ein halbes Jahrtausend Bergmannsdasein zurückblicken. -Silber, Kupfer und Zinn ward früh hier gefördert; aber 1476 wanderten -viele der Knappen nach dem Schneeberg ab und nach St. Annenberg. -Geyersche Häuer sollen die ersten Häuser von Annaberg gebaut haben. - -[Illustration: Abb. 14 =Greifensteine= (Phot. _Heinrich Wagner_, -Ehrenfriedersdorf)] - -Die Stadt ist mir wert der Erinnerung halber an einen Mann, den -ich um seines Werks willen liebe; den jeder lieben muß, der sich -nur einmal mit Verständnis in das herrliche alte Leipziger Rathaus -versenkt hat. Hieronymus Lotter, der große Baumeister der sächsischen -Renaissance, erwarb den Edelhof Geyersberg im Jahre 1560. Sechs Jahre -später errichtete er das neue Herrenhaus, den einzigen nachweisbaren -Privatbau von seiner Hand. Damals war der ruhmgekrönte Schöpfer der -Pleißenburg ein begüterter Mann. Als Hauptgewerke des Geyerschen -Zinnwerkes hielt er dreihundert Knappen in Lohn und Brot. 1567 schrieb -er an die Kurfürstin Anna, er habe ein ansehnlich Wohnhaus auf dem -Geyersberg, und lud die Herrschaft ein, das Jagdlager allhier zu -halten. Offenbar kam der Kurfürst von da an öfters zu seinem vertrauten -Berater in baulichen Kunstfragen. Als 1568 die Pest übers Gebirge zog, -verlangte er vom Rate zu Geyer, man solle den Gottesacker aus der -Nähe des Lotterhofes verlegen, da er dort zur Herberge sein werde. -- -Mit dem Gefühl der Ehrfurcht, die einen an der Stätte ergreift, da -ein großer und guter Mensch einst gehaust hat, schau ich mich um in -dem alten Hause, das mir willig aufgetan wird. Reich und behaglich -mag es gewesen sein zur Zeit, da sein Erbauer hier weilte. Die schön -kassettierte Decke im Erdgeschoß gibt davon noch Zeugnis. Hier im -kleinen Schreibstüblein war es, wo die Kurfürstin den Meister zur -Übernahme der Bauleitung auf dem Schellenberg überredete. Es ist -bekannt, daß der Bau der Augustusburg dem neunundsechzigjährigen Mann -kein Glück brachte. Kummer und Sorge erwuchs ihm aus dem neuen Amt. -Er starb, nicht mehr im frühern Wohlstand lebend, im Jahre 1581. In -der St. Lorenzkirche zu Geyer vor dem Altar ward er begraben. -- -Diese ehemalige Kirchenfestung, die noch heute ein Stück ihrer starken -Schutzmauer und den gewaltigen Wachturm als Erinnerung an drangvoll -fährliche Zeiten aufweisen kann, enthält in der Vorhalle ein herrliches -Werk aus dem beginnenden sechzehnten Jahrhundert, eine Ölberggruppe mit -Christus und den schlafenden Jüngern von ergreifendem Kunstwert. - -So viele Bauwerke von Menschenhand habe ich nun auf meiner Reise -gesehen, daß ich mir’s nicht versagen kann, zum guten Ende noch nach -einem Gemäuer zu wandern, das nicht von Sterblichen erschaffen ward, -das mit unwiderstehlicher Urkraft aus dem Glimmerschiefer herausbrach -in sieben gewaltigen Granitpfeilern. Wie eine Zyklopenmauer leuchten -die Greifensteine bei Ehrenfriedersdorf im späten Nachmittagsschein in -das Land hinaus. Tausende und aber tausende von Jahren saust schon der -Bergwind um die mächtigen Türme. Immer noch stehen sie trotzig erhaben; -was ist die lächerliche Spanne eines Menschenlebens für diese Zeugen -der Urzeit! - -[Illustration: Abb. 15 =Greifensteine= (Phot. _Heinrich Wagner_, -Ehrenfriedersdorf)] - -Ein wenig ängstlich sehe ich nun doch nach der Uhr. In Thum unten -wartet meiner die Eisenbahn; den letzten Zug möcht’ ich nicht gern -verpassen. Aber sieh da, es bleibt mir nach hastigem Abstieg noch -hinreichend Zeit, das freundliche Städtchen ein wenig kennen zu lernen, -bei dem am 15. Januar 1648 das letzte Treffen im Dreißigjährigen Krieg -auf sächsischem Boden vorfiel. Ein paar Monate später, als endlich die -Friedensboten aus Osnabrück ins verwüstete deutsche Land hinaustrabten, -hielt ein Thumer Stadtkind den hochfeierlichen Dankgottesdienst im -schwedischen Lager. Tobias Clausnitzer war es, eines Kärrners Sohn, der -als Feldprediger im Heer Gustav Wrangels ritt und der uns eines der -meistgesungenen Lieder in unserm Landesgesangbuch geschenkt hat: »Wir -glauben all an einen Gott.« - -Im stillen Frieden des Ostersamstags liegen die Täler, als ich im -Bahnzug der Welt wieder zueile. Die Vöglein schweigen im Walde -- aber -wartet nur, ihr kleinen Sänger, morgen am hochheiligen Ostertage, sehr -frühe ehe die Sonne aufgeht, da werdet ihr geweckt werden vom jubelnden -Tönen der Glocken auf allen Türmen rundum, die die frohe Botschaft -hinaustragen in alle Lande: »Christ ist erstanden. Er ist wahrhaftig -auferstanden.« - -[Illustration: Abb. 16 =Edelhof Alberode bei Aue= - -(Nach einer Zeichnung von Frau _Gertrud Hofmann_, Aue)] - - - - -[Illustration: =Dorfkirchen in Groß-Storkwitz, Hirschfeld und Lausen=] - - - - -Wehrkirchen im Leipziger Land[1] - -Von Dr.-Ing. _Hubert Ermisch_, Leipzig - - [1] Vgl. hierzu auch: ~Dr.~ Paul Zinck, Dorfkirchen im - Leipziger Land im Kalender f. d. Erzgebirge u. d. übrige - Sachsen. 1919. -- O. Gruner, Die Dorfkirche im Königreich - Sachsen und Beschr. Darstell. v. ält. Bau- und Kunstwerken - i. Kgrch. Sa. Heft 16. Leipzig-Land. 1894. - - -Wanderfahrten durch das Leipziger Land haben ihre eigenen Reize. Dem -sehenden Auge wird aus dem »öden Einerlei«, wie man es zu nennen -pflegt, bald eine charakteristische Landschaft. Überall offenbaren sich -Naturschönheiten. Allerdings Naturschönheiten anderer Art als wir sie -im Gebirge finden oder an den schönen Hängen der Elbe. Man darf keine -Vergleiche aufstellen und muß die Naturschönheiten der Ebene vielfach -erst recht würdigen _lernen_. Daß wir auf welthistorischem Boden -stehen, daß wir auf Schritt und Tritt erinnert werden an die Stätten -der Völkerkämpfe vieler Jahrhunderte, das erhöht noch die Bedeutung -der Leipziger Ebene. Wir stehen und wandern auf dem Schlachtfelde -Mitteleuropas. - -Man wird meinen, auf einem Schlachtfelde sind bauliche Altertümer -wenig zu finden. Um so überraschter ist man über die Tatsache, daß in -der Leipziger Ebene eine reiche Fülle von baulich hochinteressanten -Dorfkirchen zu finden ist. - -Wie kommt es, daß der zerstörende Fuß des Krieges an diesen Bauten -vorüberging ohne sie vom Erdboden verschwinden zu lassen? Einmal -verdanken wir das der massiven Bauart der Kirchen. Sie sind aus -Feldsteinen oder aus verputzten Ziegeln gebaut. Dann haben aber auch -die Kriege der Vergangenheit Halt gemacht vor der Heiligkeit der Kirche -im Gegensatz zu den modernen Kriegen. Die Kirchtürme wurden nicht als -wichtige Beobachtungspunkte in die Luft gesprengt. So hat die alte -ehrwürdige Dorfkirche wohl oft ihr Dorf in Flammen aufgehen sehen, sie -selbst blieb aber erhalten. Ich möchte die Buschnaukirche bei Rackwitz -erwähnen. Sie liegt einsam auf ihrer Höhe zwischen den Kornfeldern. -Das Dorf, das zur Kirche gehörte, verschwand vom Erdboden, das -Kirchlein überdauerte die Jahrhunderte bis heute. Die Buschnaukirche -ist allerdings eine Ausnahme, im allgemeinen wurden die Dörfer wieder -aufgebaut, wenn sich die Kirche erhielt. Oft brannten die Kirchen aus, -aber das Gehäuse erhielt sich. So sehen wir im Gegensatz zu andern -deutschen Landschaften nur wenige Kirchen mit barockem Äußeren, aber -viele, die in ihrem Inneren barocken Ausbau erhielten. Der äußere Bau -ist meist noch der alte, schlichte, romanische, der in der gotischen -Stilepoche vielfach ausgebaut oder durch Anbauten erweitert wurde. - -[Illustration: Abb. 1 =Kirche in Thekla= (Phot. _Rob. Liep_, Leipzig)] - -Die meisten Dorfkirchen im Leipziger Land liegen auf einem _Hügel_, an -seinem Hange das Dorf. Kirche und Dorf werden in verschiedenartigste -Beziehung zueinander gebracht. Bald beherrscht die Kirche den -Dorfeingang wie in Althen, bald überragt sie inmitten der Gehöfte -liegend, das Dorf, wie in Panitzsch. Die Lage der Kirche auf einem -Hügel erklärt sich dadurch, daß die ersten Kirchen gleichzeitig mit den -ersten Kolonistendörfern in der von Slawen bewohnten Ebene entstanden. -Man war in Feindesland. Die Kirche mit ihrem von Mauern umfriedeten -Kirchhof war eine dörfliche Burg, der letzte Zufluchtsort der Ansiedler -im Kampfe um ihr Dorf, und der Turm der Ausguck in unruhigen Zeiten. -Die Kirchenglocke wurde zur Sturmglocke, wenn Gefahr im Verzuge, so -wie noch heute die Glocke bei Feuersnot ihren Ruf erschallen läßt. -Wir haben es also mit Wehrkirchen zu tun, aber anders geformten -als die bekannten von Großrückerswalde und Lauterbach. Ich möchte -sagen, daß die Wehrkirchen im Leipziger Land noch ausgesprocheneren -Defensivcharakter haben, als die genannten beiden. Wie bei der Burg der -Burgfried, so ragt hier der Kirchturm gedrungen, trotzig und fest über -Kirche und Friedhof. Betrachtet man die Türme, so sieht man, daß die -Öffnungen auf das allernotwendigste beschränkt wurden. Mauerschlitze, -durch die die Armbrust ihre Geschosse senden konnte. Spätere -Toreinbauten, zum Teil erst aus dem neunzehnten Jahrhundert, haben -leider dieses burgartige des Kirchturmes vielfach zerstört. Zumeist -liegt der Turm an der Westseite der Kirche, seltener an der Ostseite -über dem alten romanischen Chor. Man wird sich die Entwickelung dieser -Kirchen wohl vielfach so zu denken haben, daß zunächst eine Kapelle -erbaut war und getrennt davon ein Glockenturm. Zwischen beide schob -sich dann das Langhaus als Laienhaus. Aus dieser Entstehungsart wäre -auch die eigenartige Tatsache zu erklären, daß so manche der Kirchen -schiefwinklig ist, die Längsaxe zeigt einen Knick. Da der Chor stets -nach Osten gerichtet ist, so ergibt sich, daß die beiden Langseiten -nach Süd und Nord zu liegen. Sie wurden nicht einheitlich mit Öffnungen -durchbrochen. Der praktische Sinn unserer Altvordern ordnete an, daß -die kalte, dem Wetter ausgesetzte Nordseite nur kleine Fensteröffnungen -bekam, während man nach der Südseite durch hohe Fenster und das -Eingangstor der wärmenden Sonne möglichst viel Einblick gewährte. Denn -eine andere Heizung als die Sonne gibt es meist heute noch nicht in der -Dorfkirche. Die modernen Kirchenneubauten nehmen natürlich hierauf -keine Rücksicht, die Zentralheizung ersetzt ja, so meint man, die -Sonnenheizung. Ja hätte man geahnt, daß die Zeiten einmal so schwer -werden könnten, daß man für die Heizung der Kirchen so gar keine -Kohle zur Verfügung hat! Heute hält man es für eine architektonische -Notwendigkeit, das Hauptportal gegenüber dem Chor zu setzen. - -[Illustration: Abb. 2 =Inneres der Kirche zu Thekla= - -(Phot. _Ernst Hugo Schulze_, Leipzig)] - -[Illustration: Abb. 3 =Kirche in Panitzsch= (Phot. _Rob. Liep_, -Leipzig)] - -[Illustration: Abb. 4 =Kirche in Großgörschen= - -(Phot. Hofrat _Drechsler_, Leipzig)] - -[Illustration: Abb. 5 =Kirche in Beucha= (Phot. _A. Wiese_, Dresden)] - -Die Grundrißformen sind sehr verschiedenartig, von der alten -Rundkirche, wie in Knautnaundorf zu sehen -- allerdings nur in Resten --- bis zur langgestreckten gotischen Hallenkirche. Das Übliche ist ein -romanischer Kern. Der Chor vielfach mit Koncha davor, ein rechteckiges -Langhaus und Westturm, wie wir ihn schon in seiner Entwicklung -beschrieben haben. Dieser Kern wurde in der Zeit der Gotik meist -verändert. An den rechteckigen Chor baute man einen im halben Achteck -oder Sechseck geschlossenen wesentlich tieferen, der mit reichem -Netzgewölbe auf Rippen überdeckt wurde. Der im Spitzbogen geformte -Triumphbogen trennt den neuen Chor vom alten romanischen Langhaus. Der -romanische quadratische Chor wurde dann gleichfalls mit in das neue -Gewölbe einbezogen. In andern Fällen, wo, wie in Großpösna, über dem -quadratischen Chor, an den sich die Koncha anschließt, der Wehrturm -sich erhob, fügte man in den Turmteil ein Netzgewölbe ein und erhöhte -so die Wirkung des Chores. Im allgemeinen ist das Langhaus flach -gedeckt. Die Decke war mit reichbemaltem Holzwerk und Felderteilungen, -mit Bildern und bunten Kanten ausgebildet, meist in Formen aus der -Zeit nach dem Dreißigjährigen Kriege uns überliefert. Dieser Zeit -gehören auch die oft noch erhaltenen ein- oder auch zweifachen -Emporen an. Leider hat eine Zeit, in der man es für Pflicht hielt, -alle Stilwidrigkeiten aus den Kirchen zu verbannen, diese schönen -echt bäuerlichen Malereien zerstört und an ihre Stelle die glatte -Putzdecke oder einen farbenarmen Ölanstrich gesetzt. Man bedachte -nicht, daß meist die Farbe allein die Stimmung in diesen einfachen -Kirchen ausmacht. Heute sind uns die wenigen Dorfkirchen, in denen sich -die alten Malereien erhielten, weil die Gemeinde kein Geld zu einem -»stilreinen« Umbau hatte, die schönsten Farbenbeispiele für die moderne -Ausmalung einer Dorfkirche. Und die Dorfkirche war von jeher auf -Farbigkeit gestimmt. Das beweisen am besten die vielen erhaltenen Reste -der bunten geschnitzten Altarschreine, die in der Hauptsache aus der -Zeit um 1500 stammen. Daß uns so viele noch erhalten sind, verdanken -wir der Denkmalpflegetätigkeit des Sächsischen Altertumsvereins, in -dessen Museum in Dresden (Palais im Großen Garten) die besten Stücke -verwahrt werden. Wieviel mag wohl an den Kunsthandel verkauft und in -alle Welt verstreut worden sein, ehe die Denkmalpflege eingriff? Die -Kirchgemeinde wird erst dann die Tätigkeit des Altertumsvereins recht -würdigen lernen, wenn einmal die Zeit kommt, wo die Kirche im Sinne der -modernen Denkmalpflege erneuert wird und dann in den neu hergestellten -Raum der alte Altar in aller seiner Schönheit an seinem Ursprungsplatz -zur vollen Geltung gebracht wird. Damit soll aber nicht gesagt werden, -daß man die reizvollen barocken Altaraufbauten verschwinden lassen -soll, daß man die typische Anordnung der Kanzel über dem Altar, ein -Charakteristikum der Dorfkirchen im Leipziger Land, aufgebe. Das wäre -zweifellos falsch. Aber dort, wo ein Altaraufbau des neunzehnten -Jahrhunderts in mehr oder weniger mißverstandener Gotik sich erhebt, -soll man ihn zugunsten der alten Altarschreine beseitigen, wenn eine -Erneuerung des Kircheninnern vorgenommen wird. Der Altarschrein oder -seine Trümmer, denn solche sind es ja leider vielfach nur noch, werden -sich oft auch als vorzüglicher Schmuck der Wände im Chor oder Schiff -verwenden lassen. Auch Betpulte und Taufbeckenhalter in Gestalt von -barockgeformten Engeln oder Adlern wird man oft auf den Kirchböden -finden und mit Erfolg im erneuten Inneren wieder verwenden können. -Alles wird dazu beitragen in unsere durch die Stilreinigungswut des -neunzehnten Jahrhunderts verödeten Kirchenräume wieder Leben und Farbe -zu bringen. Wie die Altarschreine auf den Kirchböden, so sind die alten -romanischen Taufsteine auf den Friedhöfen oder in Pfarrgärten in der -Verbannung. Schwere, wuchtige, granitne Becken, denen man ansieht, daß -sie viel erlebten. Erlöst sie aus ihrer Verbannung. Wie vielen von -unsern Altvordern mögen sie das Taufwasser gespendet haben! Hat man -bessere, künstlerisch wertvollere Taufbecken an ihre Stelle gesetzt? -Geht hin und urteilt selbst! - -[Illustration: Abb. 6 =Kirche in Wahren= - -(Phot. Hofrat _Drechsler_, Leipzig)] - -Die beigefügten Skizzen und Bilder sollen nur kleine Proben aus der -Fülle der schönen alten Dorfkirchen des Leipziger Landes geben. -Die Mehrzahl der Türme hatte wohl während der Gotik noch Aufbauten -erhalten, die aber in den Stürmen der Kriege wieder verloren gingen. -Erhalten haben sie sich vor allem an der Podelwitzer Kirche, auf die -ich ganz besonders aufmerksam machen möchte. Ihre Formenwelt entstammt -der Gotik. Sie ist deshalb zu einem Kleinod unter den Dorfkirchen -der Leipziger Ebene geworden, weil kein Restaurator des neunzehnten -Jahrhunderts ihr zu nahe kam. - -[Illustration: =Dorfkirchen in Seehausen, Wiederitzsch und Großpösna=] - - - - -Es braucht nicht Stein zu sein! - - -Vorüber sind für Deutschland die Stürme des großen Krieges, und überall -sind Bestrebungen im Gange, unseren gefallenen Helden eine letzte, -bleibende Ehrung zum Gedächtnis zu bereiten. Zwei Jahre sind seit -dem »Frieden« dahingegangen, und wer Gelegenheit hat, viel im Lande -herumzukommen, hat auch Gelegenheit hier und dort schon ausgeführte -Kriegerehrungen politischer und kirchlicher Gemeinden zu sehen. Daß bei -deren Erschaffung guter Wille, Liebe und tiefes Empfinden nicht überall -verhindern konnten, daß Unschönes, ja schlimmer Kitsch entstand, ist -nicht Schuld der berufenen Wächter in Fragen der Ausdruckskunst. -Nur zu oft klammern sich die Stifter an die bequemen Eselsbrücken -der Musterbücher »einschlägiger Firmen«, allzugerne will man andern -Ortes das »überflüssige« Künstlerhonorar sparen, vertrauend auf den -eigenen guten Geschmack und vielfach lokalen, politischen und anderen -Rücksichten folgend. - -Im allgemeinen ist das Bestreben vorherrschend, eine monumentale, ins -Auge fallende Ehrung zu schaffen, und teuerstes Material, massige -Häufung von Stein sind überaus beliebt. Mit Schaudern nur sieht dann -der feinfühlige Freund der Heimat solche ~monstra~ in nächster Umgebung -traulich stiller Landschaftsbilder, in der Nachbarschaft reizvoller -kleiner Dorfkirchen und intimer Dorf- und Städtebilder aufragen: »und -er fragt, wie das geschehen und warum ihm das geschah!« - -Muß es denn sein, daß wir unsere in fremder Erde ruhenden stillen -Helden in möglichst aufdringlicher, marktschreierischer Protzerei -ehren, mit Monumenten, die zwar deutlich vom vollen Geldbeutel, aber -noch deutlicher von der Gemütskälte ihrer Stifter reden? - -Muß es denn immer ein künstlich hergerichteter Findling, eine -Marmorpyramide mit überlebensgroßem Stahlhelm, eine Massenanhäufung -langweiliger, steinerner Adreßbuchtafeln sein? - -[Illustration: =Bockendorf=, Amtshauptmannschaft Döbeln - -Ausmalung von Professor _Paul Rößler_, Dresden - -(Aus dem Jahresberichte des Vereins für kirchliche Kunst)] - -Es war im Laufe der langen Kriegsjahre zur schönen Sitte in vielen -Gemeinden geworden, die toten Krieger durch einen Gedächtniskranz zu -ehren, der an den Wänden oder den Emporenbrüstungen der Kirche, in den -Andachts- und Schulsälen aufgehängt wurde. Manch sonst kahler Raum fand -so auf einmal und ohne besondere Absicht einen stimmungsvollen, neuen -Reiz. Doch die Jahre vergehen, die Kränze verstauben und vertrocknen -und immer weniger werden es deren im Laufe der Zeit sein, die -liebevolles Gedenken erneuert. - -[Illustration: =Bockendorf=, Amtshauptmannschaft Döbeln - -Ausmalung von Professor _Paul Rößler_, Dresden - -(Aus dem Jahresberichte des Vereins für kirchliche Kunst)] - -Da lag der Gedanke nahe, das Motiv der kranzgeschmückten Kirche oder -Gedächtnishalle künstlerisch zu verwerten und zu bleibender Schmuckform -werden zu lassen. Die beistehenden Bilder mögen zeigen, was so mit -verhältnismäßig einfachen Mitteln zu erreichen ist, und trefflich -hat es der Künstler verstanden, den Traditionen der alten gemalten -Dorfkirchen, an denen Sachsen so reich ist, sich anzupassen. Wie viele -Kirchen aber gibt es im Lande, deren Wand- und Emporenflächen eine -geschmacklose Zeit in langweiliger Monotonie übertünchte, und die -in gleicher Weise zu einer Kriegerehrung in Farben in glücklichster -Weise Verwendung finden könnten. Freilich ein tüchtiger Künstler nur -möchte der Führer sein, der es versteht, sich dem jeweiligen Stil -und Stimmungscharakter im Sinne des Ganzen und unaufdringlich -anzupassen, damit nicht wertvolles Altes durch schlechtes Neues -zerstört werde. - -Ein anderer, auffallend selten begangener Weg ist der der Verwendung -farbiger Glasfenster für die Kriegerehrung. Im Vitztum-Gymnasium zu -Dresden ist neuerdings im Treppenhaus in dieser Form eine solche von -prachtvoll eindringlicher Wirkung durch den Dresdner Künstler Professor -Roeßler geschaffen worden. Bedenken wegen der guten Erhaltung solcher -Anlagen sind gegenstandslos, da böswillige Schäden, vor denen auch -kein steinernes Monument sicher ist, hier leicht durch Schutzgitter -an der Außenseite abgehalten werden können, andererseits ja auch die -große Menge der erhaltenen mittelalterlichen Glasfenster deren lange -Lebensdauer und stimmungsvolle Wirkung beweist. - -So sind es der Wege viele, die den nach Ausdruck suchenden Stiftern der -Kriegerehrungen offen stehen und oft fehlt nur die richtige Führung -zum Ziel. Hier helfend einzugreifen ist die Landesberatungsstelle für -Kriegerehrungen in Dresden (Schießgasse 24) geschaffen worden, die -unentgeltlich allen Ratsuchenden mit Auskunft zur Seite steht. - - ~Dr.~ Bn. - - - - -Der »Steinerne Frosch« bei Miltitz - -Von ~stud. phil.~ _Gerhard Stephan_ - - -Im Wendenlande, unweit des Klosters St. Marienstern bei Kamenz liegt -ein Dorf namens Miltitz. Kaum hundertfünfzig Meter nordwestlich davon -am Feldpfad nach dem Pfarrdorf Nebelschütz steht ein Busch, und in -diesem ein Granitblock »ungefähr acht oder neun Ellen hoch«. Man nennt -ihn, weil er sich auf Gemeindegrund befindet, den »Gemeindestein«, -gewöhnlich aber nach seiner Gestalt, der der eines sitzenden Frosches -gleicht, den »Frosch«. - -Eine Sage knüpft sich an den Ursprung dieses Namens. In den Zeiten, -als Christentum und Heidentum in der Lausitz noch sich gegenseitig die -Vorherrschaft streitig machten, wohnte an dem Platze ein heidnischer -Zauberer, der die Christen aufs erbittertste verfolgte. Jedes Mittel -dazu war ihm recht. -- In einer stürmischen, regnerischen Nacht -klopfte in später Stunde ein Wanderer an seine Hütte und bat mit dem -Gruße: »Gelobt sei Jesus Christus« um Nachtherberge. Der Zauberer -aber rief: »Verflucht sei Jesus Christus!« und wollte den Fremden -mit Stockschlägen davonjagen. Doch dieser sprach: »Du sollst ein -Zeichen sein, wie Gott die Sünder straft!« und berührte ihn mit seinem -Wanderstabe. Da verschwand die Hütte samt dem Zauberer, an ihrer Stelle -stand jenes froschähnliche Steingebilde. (Nach Haupt, Sagenbuch der -Lausitz.) - -Eine andere Sage, die freilich den Ursprung des Namens »Frosch« -unerklärt läßt, findet sich in Meiches Sagenbuch von Sachsen. -Danach wohnte dort bei Miltitz in alten Zeiten der Wassermann, der -jedesmal für zwei Dreier einen trunkliebenden Bauern von Nebelschütz -heimgeleitete. Allmählich aber konnte der Mann, der ein Säufer geworden -war und Hab und Gut durch die Gurgel goß, seinen Verpflichtungen nicht -mehr nachkommen und blieb dem Wassermann seinen Lohn schuldig. Als -er ihn einst noch in der Trunkenheit geschmäht hatte, und am andern -Morgen aufwachte, sah er, wie dieser ihm mit einem großen Steine sein -Hoftor verrammeln wollte. Er redete ihm gütlich zu, der Wassermann -gab nach und sagte: »Wenn innerhalb von neun Minuten Euer Hahn kräht, -trage ich ihn fort, sonst müßt Ihr mir neun Laibe Brot geben.« Der -Hahn krähte, der Wassermann trug den Stein fort und warf ihn in die -Gemeindebüsche. -- - -Noch steht der sagenumwobene Stein, aber man weiß nicht, ob er -nicht, ähnlich dem »Zwieback« im Kamenzer »Forst«, dereinst einer -unverständigen Hand zum Opfer fällt. Möge der »Heimatschutz« dafür -sorgen, daß er der Nachwelt erhalten bleibt! - -[Illustration: =Der steinerne Frosch bei Miltitz, Bez. Kamenz i. Sa.= - -(Phot. _B. Gersdorf_, Kamenz i. Sa.)] - - Vorstehender Sagenbericht veranlaßte den Heimatschutz über die - wissenschaftliche Bedeutung des Steines sowie über die Frage - der Gefährdung desselben Erörterungen anzustellen, über deren - Ergebnis hier kurz berichtet sei: - - Der sagenumwobene »Steinerne Frosch« im Gemeindebusch des - Dorfes Miltitz bei Nebelschütz wird von der Geologischen - Landesuntersuchung (Blatt 37, Sektion Kloster Marienstern, - Erläuterung Seite 26) als »Rundhöcker« bezeichnet, der - durch das in der diluvialen Eiszeit darüber hinziehende - nordische Inlandeis aus dem Granituntergrunde gestaltet - wurde. Landesgeologe O. Herrmann sagt darüber a. a. O.: »Fast - sämtliche Granitbuckel zwischen Jauer und Wendischbaselitz, - wie auch diejenigen im Norden von Schmeckwitz und im Nordosten - von Crostwitz ragen mit einer gewölbten, glattgeschliffenen - Gipfelfläche durch das Diluvium hindurch. Glazialschrammen - sind jedoch auf denselben nirgends erhalten, vielmehr zeigen - alle diese Flächen eine infolge der verschiedengradigen - Widerstandsfähigkeit der Granitbestandteile narbige - Anwitterung. Ein solcher durch Eiswirkung abgerundeter Felskopf - ist z. B. der sogenannte »Frosch« im Westen von Miltitz. - Weit vollkommnere Rundhöcker weist das im Westen an Sektion - Marienstern anstoßende Areal auf (vgl. Erläuterungen zu Sektion - Kamenz, Seite 33).« - - Inzwischen vom Herrn Professor ~Dr.~ Muhle, Kamenz, auf unsere - Bitte angestellte Erörterungen ergaben, daß dem »Frosch« - keinerlei Gefahr droht, da maßgebende Herren der Gemeinde - Miltitz versicherten: »Der Stein bleibt!« - - Die Freunde des Naturschutzes freuen sich gewiß mit uns, daß - Besitzer und Gemeindevertretung in Miltitz Verständnis für - die Erhaltung des interessanten Rundhöckers aus der Eiszeit - bekundeten. - - Wir wünschen von Herzen, es möchten alle Einsichtigen für - den Schutz der heimatlichen Natur eintreten, damit unser - Geschlecht die wenigen noch in ursprünglichem Zustande - vorhandenen Naturdenkmäler unverkürzt und unverletzt auf unsere - Nachkommenschaft vererben kann. - - F. H. Döring. - - - - -In eigener Sache ein letztes Wort[2] - - [2] Zu vergleichen »Auftakt zur Maulwurfsdämmerung«, Bd. IX, - Heft 1--3, Seite 11. - - Dieser Aufsatz befaßt sich mit der Sitzung des Landtages am - 4. März 1921, in der ein von der Regierung eingebrachtes - Schutzgesetz für den Maulwurf mit seltener Einmütigkeit - abgelehnt wurde. - - - Sehr geehrter Herr Schriftleiter! - -Kürzlich wurde ich durch einen Herrn Lucas aus Meißen aufgefordert, -mich als Vertreter meines Standes zu der Behandlung einer -Standesangelegenheit zu äußern, die diese in einer gewichtigen -Versammlung erfahren hat. Ich hätte gern mit Ihnen persönlich -verhandelt. Aber durch den Steingrund Dresdens durchzukommen, ist für -meine Beine und meine Nase ein Ding der Unmöglichkeit. Schreiben ist in -meinem dunklen Erdbezirke auch nicht leicht. Was soll ich dazu sagen? -Am liebsten nichts. Aber das könnte als Zustimmung ausgelegt werden. -Darum herunter von der Leber, was sie drückt. - -Ich finde, daß die Kronen oder Herren der Schöpfung seit ihren Urtagen -äußerlich manche tiefgehende Änderung durchgemacht haben, innerlich -sind sie dieselben geblieben, die sie ehedem waren. An Selbstsucht -und Beutegier übertreffen sie sogar unsere deswegen vielgeschmähte -Sippschaft. In unseren Reihen sind die Taten der Menschen gegen -Edelreiher, Paradiesvögel, Kolibris, Dronten, Wale, Biber usw. nicht -unbekannt. Wir lasen in unserem Nachrichtendienst als Fortsetzung, -nicht als Schluß der Tragödienreihe: Jetzt sind Marder, Iltisse, Füchse -daran. Als ganz gefährdeten Posten stellte man uns hin. Aus unseren -Reihen sollten schon Millionen gefallen sein. - -Wir haben uns darum gefreut, daß der Heimatschutz, mit dem wir sonst -keinen Verkehr pflegen, sich unserer Sache energisch angenommen, sie -sogar bis vor eine wichtige Versammlung gebracht hat. Aber das, was -dort gesprochen worden ist, muß doch berichtigt werden. Der alte -ehrliche Brehm hat ganz zuverlässige Gewährsmänner für seine Berichte -gehabt und bringt lange nicht soviel Märchen zur Verbreitung wie manche -Redner von heute. Ich kenne Engerlinge, Mai- und Junikäfer sehr genau, -kann sie sogar dem Geschmacke nach sehr gut unterscheiden. Ich muß -zugeben, daß ich bisher auf keinem Kirschbaume gesessen habe, auch -meine Vorfahren nicht. Für meine Nachfahren kann ich nicht reden. Wer -weiß, wie die Entwicklung einmal gehen wird? Aber Maikäfer, Junikäfer, -Walker usw. habe ich schon genug mit Wonne verspeist. Jedoch ich sehe, -ich muß deutlicher werden. Es ist nämlich gesagt worden: »Solange der -Maikäfer in der Erde lebt, ist er ein Engerling. Wenn er ein Maikäfer -ist, fliegt er auf Kirschbäume. Nun werden Sie doch nicht etwa sagen -wollen, daß der Maulwurf auf die Kirschbäume steigt und die Maikäfer -frißt. Das ist vollständig ausgeschlossen.« Jeder Knecht, jede Krähe, -jeder Insektensammler weiß, daß die Puppenruhe der Engerlinge nicht -lange dauert, daß vielmehr die fertigen Insekten vom Herbst bis zum -Frühjahr in der Erde zu finden sind. Im Herbst fliegt aber kein -fertiger Maikäfer auf Kirschbäume. So dumm ist er nicht. Das müßten -sie aber tun, wenn wir sie nicht erwischen sollen. Die Versammlung, -in der die Rede gehalten wurde, hat diese auf ganz besonders reiche -Erfahrungen gegründeten Ausführungen mit großer Heiterkeit -- hört, -hört -- Bravo und Heiterkeit wiederholt quittiert und Zustimmung zur -Ablehnung unseres Schutzgesetzes gegeben. Um es nicht zu vergessen: -Werren sollen recht selten sein. Ich glaube gern, daß mancher Herr der -Schöpfung von seinen Werrenuntertanen noch nicht einen gesehen hat. Wir -von unserer Zunft haben jeder mehr gesehen und auch verspeist. Sogar -über unser zu großes Maul, vielmehr über unser zu kleines Maul ist -geredet worden. Es wäre so klein, daß wir nicht einmal einen Engerling -fressen könnten. Es geht nichts über eine gute Erfahrung. Ich habe -immer geglaubt, der Mund der Zweifüßler sei auch nicht groß genug, -einen Apfel, eine Stange Spargel, ein Rind zu verspeisen, daß das aber -doch nach gewissen Vorbereitungen von ihnen fertig gebracht würde. Ich -scheine mich aber darin zu irren. - -Verkannt zu werden, ist das Los so mancher schönen Seele. Gerade wir -sind gewöhnt, andauernd zwischen nützlich und schädlich hin- und -hergeworfen zu werden. Daß aber aus der ganzen Versammlung sich niemand -berichtigend über unser Leben ausgesprochen hat, daß alle Teilnehmer -die Angaben widerspruchslos hingenommen haben, das ist mir rätselhaft. -Vielleicht hat man noch nie über uns Sammetkittel so harmlos gelacht -wie an diesem Tage, am Freitag, den 4. März 1921. Nur uns war nicht -spaßig zu Mute. - -Ihr Menschenkinder! Konntet Ihr nicht das Schutzgesetz soweit -genehmigen, daß es hieß: Verboten ist in öffentlichen Ankündigungen -sich zur Abnahme von Maulwürfen oder Maulwurfsfellen zu erbieten oder -zu ihrem Angebote aufzufordern? Damit wäre uns viel geholfen gewesen. -Da hättet Ihr gezeigt, daß Ihr ein Herz habt für das Geschöpf, - - daß Ihr ihm ein Recht auf sein Dasein gewährt, - - daß Ihr freie Geschöpfe verteidigt gegen Geldgier und Eitelkeit, - - daß Ihr dem Pelzhandel nicht gestatten wollt, vernichtend und - ausrottend zu wirken, - - daß Euch das Recht der Allgemeinheit an der Natur höher - steht, als der Vorteil naturfremder Kriegs- und - Schieberkapitalisten. - -Nicht uns allein neben Amseln und Eichhörnchen usw. solltet Ihr -schützen, nein, ein ganz allgemeines Gesetz gegen Ausrottung und -Vernichtung jedweden bei uns beheimateten Geschöpfes solltet Ihr -fordern. - -Aber, mein lieber Herr Schriftleiter, uns ist unbeabsichtigt Hilfe von -anderer Seite gekommen. Frau Mode, das wetterwendische Weib, hat uns -ihre Gunst wieder entzogen. Das ist unser Glück. Frau Mode hat Euch -Menschen alle am Bändel. Hoffentlich beehrt sie uns recht lange mit -ihrer Geringschätzung. Dann werden wir auch Ruhe haben. Wen sie unter -uns freien Geschöpfen mit ihrer Gunst beglückte, dem brachte sie den -Untergang. - -Herr Schriftleiter! Wir danken Ihnen Ihr Bemühen um unsere Sache. Es -ist nicht umsonst geschehen. _Einst wird der Gedanke siegen, daß jedes -Geschöpf ein Recht aufs Dasein hat ohne Rücksicht auf den sogenannten -Nutzen oder Schaden._ Dann wird kommen der Tag, an dem die Göttin Mode -zurückweicht vor dem freien Geschöpf, ihre Priester selbst und die -Menge der naturfremden Menschen. Mit dieser Hoffnung wollen wir uns -trösten. - -Für mich »Glück ab« zur kühlen Erde, für Sie »Glück auf« zu neuer Tat. - -Damit empfehle ich mich Ihnen und verbleibe Ihr - - _Erdmut Sammetwühler_, Obermullrich. - - - - -Der betende Berg - -Von _Edgar Hahnewald_ - - -Blickt man von den Dresdner Elbhöhen aus auf das Bergpanorama, das an -klaren Tagen über der linkselbeschen Hügelterrasse aufsteigt, so erhebt -sich zwischen dem langhingestreckten Schneeberg und dem energisch -aufgebauten Geising ein kleinerer, aber auffällig geformter Berg in der -Gestalt eines Reitsattels. - -Auf der Karte steht er als Spitzberg verzeichnet -- diese Benennung -stimmt für die Nähe. Allgemein aber trägt er den Namen Sattelberg -- -und dieser umschreibt sein Bild aus der Ferne. - -Er erhebt sich auf tschechoslowakischem Gebiet dicht hinter der -sächsischen Grenze, die fast noch seinen Fuß berührt. Seine Höhe -verzeichnet die Karte mit 719 Metern. Über das ihn umgebende Bergland -ragt er jedoch nur als zackige Kuppe hinaus, sodaß, wenn man vom -Städtchen Gottleuba aus zu ihm aufsteigt, er erst aus nächster Nähe -wieder sichtbar wird. - - * * * * * - -Daher mag es geschehen, daß der Berg auch sonst ein wenig aus der -Sicht tritt. Er ist Ziel und Gipfel des Tages, aber man weiß: der Weg -dahin ist bequem und nicht weit. Und Gottleuba lohnt einen kleinen -Aufenthalt, der ohnehin unumgänglich ist, da man sich in diesen Zeiten -schärfer gezogener Grenzen im Rathause einen Grenzausweis ausstellen -lassen muß. - -So verweilt man und frischt Erinnerungen an frühere Besuche auf. - -Gottleuba liegt im Tale des gleichnamigen Flüßchens. Die bewaldeten -Berge betten das Städtchen tief in schwellende Kissen ein. - -Es ruht als Sommeridyll im Grünen. Begeisterte Lokalpatrioten haben -das Städtchen verfänglich »Klein-Tirol« getauft. In der Mundart der -Gegend aber heißt es Guttlewe -- und wenn man das von einem alten -Bauernweiblein gemütlich breit aussprechen hört, klingt es wie eine -Bestätigung des Eindrucks, daß es zwischen diesen grünen Bergen gut zu -leben sein mag. - - * * * * * - -Über Tal und Dächer hinweg guckt die kleine schmucke Kirche. Sie steht -am Berghang inmitten eines alten Friedhöfels. Steinerne Stufen, von -einem Torhäuschen überbaut, führen hinauf. Hohe Lärchen beschirmen den -Eingang mit hellgrünen Zweigfittichen. - -Der schräg an die Giebelecke gestellte viereckige Turm trägt über -malerischem Gewinkel ein lustiges Laternendach. - -Das Innere des gotischen Kirchleins ist von ländlich anheimelnder -Schlichtheit. Aus der Sakristei blickt man durch das helle Fenster -auf schräg ansteigenden Rasen, auf gelbe und weiße Blumen, die auf -schwanken Stielen vor der zerbrochenen Mauer wehen, auf grüne Waldberge. - -Unter der Orgelempore hat man alte Grabsteine aufwändig eingemauert. -In den Inschriften betrauern nun selbst längst, längst Gestorbene ihre -Toten in rührenden Worten. Ein Pfarrer setzt seiner Hertzgeliebtesten -Hausfrawe, der Wol Erbarn Viel Ehren undt Tugendreichen Frawen Anna -Marien ein Ehren und Liebes Mal. Und auf den Denkstein seiner eintzigen -Tochter ließ er den Steinmetz die Worte meißeln, daß die Weyl. Wohl -erbarr an Sitt Ehr und Tugend Edle allhier der frölichen Zukunfft Ihres -Jesu erwartet. Ein anderer Stein erzählt von dieses Pfarrers zweiter -Frau, die am 4. Dezember 1640 gebohren und den 3ten Tag darauf in das -Buch des lebens eingeschrieben wurde, Ao 1662 aber als in den 22 Jahr -ihres Alters vereheligt worden an Hrn. Gottfried Schreibern Pfarrern -alhier zu Gottleube und Bergkgießhübel, mit welchem Sie nechst Gott -gezeuget hat 8 Kinder als 2 Söhne und 6 Töchter. - -Immer wieder und allerorten steht der Wanderer vor solchen -steingegrabenen Dokumenten und immer wieder liest er sie und spürt den -Hauch einer Liebe, die über Gräber und Jahrhunderte hinaus zu Menschen -spricht. - - * * * * * - -Unterhalb der Kirche führt der Weg hinauf nach Ölsen, ins Bergland. -Anfangs steigt er sacht durch eine von Fichtenwäldern eingeschlossene -talartige Einsenkung, die weiter hinauf immer flacher wird und in den -Bergwiesen endet. - -Und während man steigt, vollzieht sich eine doppelte Bewegung der -Landschaft. Wie auf einer schräggleitenden Versenkungsbühne sinken die -Waldberge um Gottleuba zurück und hinab. Und darüber hinaus schwebt -ebenso sacht eine ferne, große Landschaft herauf: das ganze Hügelland -vor und um Dresden mit seinen Tälern, Hochebenen, Bergkuppen steigt -über den sinkenden Wäldern auf. Fernsichten ins Gebirge erschließen -sich feierlich. - -An diesem Tage war es mitten im Juni herbstlich kühl und klar. Nach -wochenlangem Regen trieb ein herber Wind ein leidenschaftliches Spiel -mit Sonne und Wolken. Er jagte graues und weißes und taubenblaues -Gewölk über die Sonne hin, als sei es sein Vorhaben, das Gestirn mit -diesen Wolkenfetzen zu putzen. Die Sonne glänzte metallisch blank. Und -verschwand wieder hinter heranjagenden Wolken, die von Zeit zu Zeit -minutenlange, feine, kalte Regenschauer über die Landschaft zerstäubten --- rauschende Brausebäder von Licht sprühten zur Erde. An allen Gräsern -zitterten und blitzten Millionen perlfeiner Regentropfen, Millionen -funkelnder Prismen im Grünen. - - * * * * * - -In diesem prickelnden Lichte blühen die Bergwiesen in -Farbenjubelchören. Die reine Bergluft macht den Wuchs der Pflanzen -schlanker, lichtstrebender, die Farben der Blumen leuchtender. -Kornblumen und Glockenblumen blühen da oben in tieferem, satterem Blau. -Der kleine rasenbildende Ginster strahlt goldener. Die Margariten -schwenken ihre großsternigen Blüten auf schwankeren Stielen. Die -blauroten Blütenruten des Natterkopfes strotzen hoch aufgerichtet im -Klee, und die Orchideen strecken ihre violettgescheckten Blumenähren -noch über das hohe Gras hinaus. Und überall prangen die orangenen -Ordenssterne der Arnika, mit der die Gebirgler Kräuterschnäpse würzen -und die den schönen Namen Berg-Wohlverleih führt. - -Botanische Kenner wissen in diesem Bergrevier die verborgenen Standorte -der stachellosen Alpenrose und der sibirischen Iris zu finden -- ganze -Wiesen, überblüht von blaßblauen, violett geäderten Schwertlilien. -Die buttergelbe Trollblume, die der Volksmund Butterkugel nennt, die -Ferkelblume und das Blutauge blühen in diesem farbenfrohen Sommerfest -der Blumengöttin Flora -- ein reicher botanischer Garten wird dem -Freunde der »liebenswürdigen Wissenschaft«, der Botanik, geschenkt. - -Lagert er sich in die blühende Wiese, so umstickt schleierfeines -Labkraut, violett und gelb leuchtender Wachtelweizen, purpurner -Erdrauch das köstliche Kissen von hyazinthenblauen Kreuzblumen, in das -er sein Haupt legen darf. Prunkende stachellose Alantdisteln umstehen -sein Lager in dichten Lanzenschwadronen und tragen ihre Purpurköpfe -hoch über dem Blumengrund. Und durch diesen stolzen Distelwald -schimmern, wenn man liegt, die Berge fern, forstgrün, schieferblau, -duftblau, immer ferner, immer wunderblauer -- man kann nicht -liegenbleiben, man springt auf, schreitet durch den blumenbesteckten -Speerwald der Disteln wieder dem Wege zu und wandert den Bergen -entgegen, die im rieselnden Lichte wie hinter irisierenden Gläsern -wallen. - - * * * * * - -Hinter Ölsen, einem wurzelechten Erzgebirgsdorf mit einem -Ludwig-Richter-Kirchlein, schiebt sich unvermerkt eine spitze, dunkle -Zacke über Wiesen, über umbuschte Gneisraine, über den Anstieg eines -Waldes herauf. Und dann mit einem Male steht eine breitgezackte -Bergkuppe da -- ein dunkler Fichtenmantel hängt um eine nackte -Bergschulter -- das ist der Sattelberg. - -Der Wiesenweg läuft in den Wald hinein und steigt. Und überrascht steht -man vor dunkelfeuchten, zyklopisch getürmten Sandsteinschroffen. Ein -Steintreppchen zwängt sich zwischen Felsblöcken durch. Man steht auf -einer waldumschlossenen Bergwiese, vor einer Baude. Darüber kuppelt -sich spitz und energisch ein Basaltgetürm auf. - -Diesen Aufbau des Berges begreift man in seiner Merkwürdigkeit richtig -erst da: auf dem Gneisplateau des Erzgebirges, über dessen blühende -Wiesen man eben noch dahinschritt, setzt sich dieser Berg auf als Rest -einer Quadersandsteindecke, die einstmals das östliche Erzgebirge -überzog und von der vergangene Jahrtausende es entblößten, nur dieses -eine Denkmal zurücklassend. Darüber aber baut der in der Tertiärzeit -durch die Quaderdecke durchgebrochene Basalt seine Säulen zur schroffen -Spitze auf. - -Es sind redende Steine, die den Berg formen. - - * * * * * - -Und es ist ein betender Berg. - -Oben, über den eisenfarbenen Geröllhängen, schließen sich die -Basaltsäulen zu einer gipfelstürmenden Gebärde zusammen. Sie drängen -empor, schräg hinaufwachsend, einander überdrängend, in der Ekstase des -plutonischen Aufbruchs erstarrt. - -Als Reinhardt das Sophokles-Drama König Ödipus inszenierte, ballte -er in den Massenszenen die Scharen seiner Statisten zu einem Wesen -zusammen, zu einem Wesen mit hundert Händen, hundert Hände, gereckt zu -einer Pyramide von Händen, zu einer ekstatischen Gebärde. - -Daran erinnert dieses Hinanstürmen der basaltenen Säulen. - -Nach einem Punkte zu streben sie, nach einem letzten schließenden -Gipfel der Pyramide, der nicht da ist. Er liegt über dem Ansturm -der Säulen und wird nicht erreicht. Das gibt diesem Aufdrängen die -stete, unaufhörliche Bewegung, die trotz der erzenen Starre immerfort -von unten auf den Gipfel zu zu drängen, zu streben scheint. Es lebt -verborgen ein Wille in diesen Steinen: aufwärts -- sich in einem Punkte -zusammenfassen. - -Über diesem einen, nur denkbaren Punkt erhebt sich ein Kreuz. Ein -katholisches Steinkreuz. Ein Christus neigt das Haupt und sieht mit -sterbenden Augen auf den Drang der Steine herab. - -Menschenhände, vielleicht schlicht-ländliche Katholiken aus dem Dorfe -im Tale haben das Kreuz da errichtet -- was sie taten, war eine -künstlerische Tat, ohne daß sie es wußten. An diesem Punkte muß das -Kreuz stehen -- oder ein andres Symbol menschlicher Sehnsucht -- im -katholischen Böhmen ist es ein Christuskreuz. Da steht es. - -Und zu ihm empor drängen, streben die Steinsäulen in leidenschaftlicher -Gebärde, in pathetischer Eindringlichkeit der Bewegung. - -Der Berg betet -- betet nach Menschenwillen empor zu diesem Kreuz. - - * * * * * - -Man tritt hinauf -- die Bruchflächen der Säulen geben Stufen her für -den Fuß. Und dann steht man über dieser aufdrängenden Pyramide, die -nun dem freisausenden Sturme entgegenwächst, steht, an das Steinkreuz -gelehnt und blickt hinaus -- in das rundum gelagerte Land, auf auf- und -absteigende Wiesen, schimmernd wie grüner Seidensamt, auf schwarzgrüne -Wälder, die schwer, üppig von Bergen herab in tiefe Täler hängen und -aus Tälern bergauf steigen als geballtes, tiefgrünes Gewölk. Grasige -Hänge herab gleiten andere Wälder, breiten, schiebenden Gletschern -ähnlich, stemmen sich mit tausend Stammfüßen gegen den fallenden grünen -Grund und werfen ihre Schatten schräg über abgleitende Triften. - -Über Berg und Tal gebreitet, in Wiesen und Wälder und Felder -eingestrickt, liegt das hellschimmernde Maschenwerk der Straßen und -Wege, in Dörfern verknotet, von Hecken gesäumt, von Baumpilgerzügen -still begangen. - -Darüber hinaus lagern, ragen, schweben immer fernere Berge. Berge mit -runden, blauen Waldkuppen, Berge mit besonnten Steilwänden, Berge -noch in weitester Ferne, gläserne Gebilde -- nein, Glas ist noch zu -körperlich, es gibt keinen Vergleich für dieses duftige Schweben, -dieses der Erde Entrücktsein fernster Gebirge in zarten grünen, blauen, -violetten, rauchfarbenen Schimmerfarben. - -Und drüberhin schwenken jagende Wolken ihre Schattenfahnen, lassen -Berge schieferblau ins Irdische zurücksinken und wieder in märchenhafte -Lichtgefilde aufschweben. Wiesen, wallende, graugrün wogende Junifelder -ermatten unter ihren Schattenflügen und leuchten wieder goldgrün auf. - - * * * * * - -Man blickt hinaus und da, plötzlich in einer Sekunde des Schauens -scheint der Wolkenflug stillzustehen und die grüne, blaue, leuchtende -Erde saust darunter hin durch Licht, durch Schatten, durch Licht, durch -Schatten -- eine stummjauchzende Fahrt mit allem, mit dir, dem Berg, -dem Steinkreuz, das sich im Sturmdrange dieses Fluges zu neigen scheint. - - * * * * * - -Vom Himmel herab rollen wehende, über die Berge schleifende -Regengardinen. Sie rauschen heran, lösen sich auf in Myriaden -sprühender Tropfen, ziehen weiter, hüllen andere Fernen ein und lassen -eine glitzernde Welt zurück. - -Manchmal scheint die Sonne durch die nassen Schauer. Dann ist es, als -sprühe das Licht in blitzenden Tropfen regenbogenfarben zur Erde nieder. - - * * * * * - -Und du stehst, an das Kreuz gelehnt, vom Sturme herb umdrängt, und -weißt: jetzt faßt sich in dir das anbetende Empordrängen des erzenen -Berges zusammen. Deine Lust, deine Freude, dein Lebensgefühl dieser -Stunde ist Zusammenschluß und Vollendung der Geste, in der der Berg -sich gipfeln will, zu der er in steter Bewegung anhebt. Und du fühlst -dich, den Menschen, fühlst den Drang des Blutes in deinen Adern, den -Atem in deiner Brust -- unter deinen Füßen betet der stumme Berg und -du weißt die Worte, die dem erzenen Stein nicht gegeben sind, und -sprichst sie nicht aus. Du blickst schweigend hinaus in die strahlende -Sommerwelt -- in deine Welt, die für dich mit dir versinkt, die für -dich ist, so lange du bist. - - * * * * * - -Eine Stunde lang saßen wir auf der zackigen Kuppe des betenden Berges. - -Der Himmel schwenkte seine Fahnen über uns. - - - - -Der unzufriedene Papierkorb - -Von _W. Otto Ullmann_, Dresden - - -Man kann es schließlich auch einem Papierkorb nicht übelnehmen, wenn -er unzufrieden ist. Die Menschen machen es ja auch nicht anders und -haben dabei zuweilen nicht einmal Grund dazu. Aber wenn ein Papierkorb -unzufrieden ist, ist das allemal berechtigt. Das liegt an seiner -Konstitution. Ein Papierkorb läßt sich viel gefallen, aber wenn er -zuviel Schlechtes erfährt, wird seine Verstimmung papierkorbtief. - -Der unzufriedene Papierkorb hieß »Marke Tatra.« Gewiß war er sich -bewußt, daß auf den Namen viel ankommt, deshalb trug er ihn jedermann -zur Ansicht auf einem Blechschild, das an seiner Brust angeheftet war. -Marke Tatra war nicht auffällig groß, aber kernfest, hatte Eisenfüße, -einen Eisenboden und einen Eisendrahtmantel, wie es sich für jemanden -mit dem kernfesten Namen Marke Tatra gehört. Zudem war sein Eisenkörper -mit einer grauweißen Ölfarbenhaut überzogen, damit ihm kein Rost irgend -etwas antun konnte. Er hatte damit sogar vor dem kernfesten Helden -Siegfried etwas voraus, der doch immerhin eine Stelle an sich hatte, wo -ihm der böse Feind an Leben und Gesundheit konnte. Nein, wirklich: um -solche Dinge brauchte sich Marke Tatra keine Sorge zu machen. Und das -war es natürlich auch nicht, was ihn unzufrieden machte. - -Als der Papierkorb Marke Tatra eines Tages da war (genau wie die -Menschen eines Tages da sind), wurde er auf einen Wagen geladen und -stand bald in einem langen dämmrigen Verkaufsraum. Marke Tatra sah sich -um und wunderte sich; denn alles was da in seiner Nähe herumstand, -waren auch Papierkörbe wie er. Natürlich hießen sie anders, denn -sie sahen auch anders aus. Es gab recht schwächliche aus Rohr und -kräftigere aus Holz, aber keiner glich an Kernfestigkeit ihm, dem -grauweißhäutigen Eisendrahtpapierkorb Marke Tatra. - -Wenn es auch dämmrig im Verkaufsraum war, so war es doch ganz -unterhaltsam. Sie alle, die Papierkörbe, hatten einen Herrn, der oft -Besuch bekam. Und dieser Besuch prüfte, suchte und nahm schließlich -einen Papierkorb mit oder ließ sich einen zuschicken in eine dunkle -Zukunft. Und bei einer solchen Verhandlung hörte Marke Tatra, daß er -ein »Muster« sei. Nun, das war doch selbstverständlich. Darüber dachte -er auch kein bißchen mehr nach. Aber die dunkle Zukunft, in die es -durch jene Tür hinausging, gab ihm zu denken. - -Na, schlimm konnte es ja nicht werden. Da vorn am Schreibpult hatte -sein Herr so einen Papierkorbschwächling aus Rohr stehen, mit dem -er sich öfter beschäftigte. Alle Morgen, wenn er die Post durchsah, -verschwanden Briefhüllen und was sonst überflüssig war, im Leibe -dieses Kleinen. Er hatte tatsächlich nichts auszustehen. Und wenn -Marke Tatra seinen Herrn die Käufer Herr Doktor, Herr Professor oder -gar Herr Rat anreden hörte, wurde er immer sichrer, daß die dunkle -Zukunft ganz angenehm sein würde. Marke Tatra träumte sich schon in -das Arbeitszimmer eines großen Gelehrten, neben den Schreibtisch eines -heimlichen Dichters oder gar in die Redaktionsstube einer großen -Zeitung. Es müßte herrlich werden. Marke Tatra sehnte sich nach -der dunkeln Zukunft. Da hatte man doch endlich seine Aufgabe, eine -Lebensaufgabe von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Wo Marke Tatra -stehen würde, sollte es nie liederlich aussehen, alles überflüssige, -verbrauchte Papierwerk wollte Marke Tatra mit seinem Eisendrahtmantel -festhalten. Ein Erzieher zum Geschmack wollte Marke Tatra werden. Wer -ihn besaß, konnte kein überflüssiges Papier umherliegen lassen, das -war klar. Marke Tatra träumte wunderschön von seinem hohen, idealen -Daseinszweck. - -Aber wie hatte sich der gute Marke Tatra geirrt! - -Eines schönen Tages hatte sein Herr wieder Besuch. Der Herr Balduin -Lehmann, Vorsitzender des Verschönerungsvereins zu Lieblichwaldau -war da. Alles, was die beiden redeten, konnte zwar Marke Tatra nicht -verstehen, aber als sie nun ganz in seiner Nähe waren, hörte er doch. - -»Ich habe nur diesen einen da,« sagte sein Herr, »es ist ein Muster!« - -»Ist er haltbar?« fragte Balduin Lehmann. - -»Es ist Marke Tatra, ein hervorragendes Erzeugnis, Eisenfüße, -Eisenboden, Eisendrahtmantel mit bestem Ölfarbenüberzug. Sie werden mit -Marke Tatra zufrieden sein, er ist wirklich kernfest und auf die Dauer!« - -Der fremde Herr befühlte und untersuchte Marke Tatra genau. Er nickte -mit dem Kopfe. Und Marke Tatra fühlte ganz deutlich, daß die dunkle -Zukunft heller wurde. Herr Lehmann kaufte ihn. - -Marke Tatra reiste mit der Eisenbahn nach Lieblichwaldau. Dort -erwartete man ihn mit einem Handwagen und fuhr ihn fort. Es ging durch -ein nettes Städtchen, bergan in den Wald. Auf sauberen Wegen immer -durch Grün und Grün ging es. Es war eine lustige Fahrt. So schön hatte -sich Marke Tatra den Wald gar nicht gedacht. Endlich hielten sie auf -einem wundervollen Plätzchen an. Da stand ein riesiger alter Steintisch -und am Rande schon unter den Zweigen wieder eine alte Steinbank und da -noch eine. Herr Lehmann setzte sich dahin. »Wunderschön zum Ausruhn!« -dachte Marke Tatra. »Wie die Vögel singen! Ich freue mich sehr über -diese Reise durch den Wald. Man erlebt doch etwas!« - -Die beiden jungen Menschen, die den Wagen gezogen hatten, störten ihn, -nachdem sie sich kurz verschnauft hatten. - -»Also hierher, Herr Lehmann!« sagten sie, hoben Marke Tatra vom Wagen, -setzten ihn auf zwei Steine, die in den Boden eingelassen waren und -nieteten ihn mit Eisenbändern an diesen Steinen fest. Das dauerte gar -nicht lange; denn alles war schon bestens vorbereitet. - -Und als Marke Tatra festgenietet war, stand Herr Lehmann auf, -versuchte, ob Marke Tatra auch feststand, sagte: »Gut so!« und -verschwand mit den beiden Schlossergesellen und dem Wagen. - -Da stand nun Marke Tatra allein im Walde. Er war wie vor den Kopf -geschlagen. Endlich konnte er wieder einen gescheiten Gedanken fassen: - -»Die Vögel singen,« sagte er, »und der Wald duftet. Es ist wunderbar -hier! Aber ich? Was soll ich im Walde? Bin ich denn kein Papierkorb? -Hierher gehört doch kein Papierkorb! Ein Papierkorb gehört doch dahin, -wo viel Papier überflüssig wird, gehört doch in ein Arbeitszimmer. Ja, -ich lasse mir auch noch einen Kinderspielplatz gefallen! Aber hier im -Walde? Das ist doch geschmacklos! Ich passe doch gar nicht hierher!« - -Und weil es gerade anfing zu regnen, weinte Marke Tatra lange Tränen an -seinen ölfarbeüberzogenen Eisenbeinen hinunter. - -Es sollte noch besser werden. Am nächsten Tage kamen zwei Männer, -rammten hinter Marke Tatra einen Pfahl in die Erde. Und dieser Pfahl -trug eine Tafel. Wenn nun jemand bei Marke Tatra vorbeigehen wollte, -hielt er an und las: - - »O Mensch, der du hier spazierst - und Butterbrote mit dir führst, - wirf das umhüllende Papier, - das fettgetränkte, nicht von dir. - Wirf’s in den Korb, du hast ja Zeit, - nichts geht doch über Reinlichkeit!« - -Dann suchte er pflichtschuldigst in allen seinen Taschen nach -Straßenbahnfahrscheinen und allen möglichen Papierresten und ließ sie -in Marke Tatras Drahtleib fallen. Marke Tatra war unglücklich: - -»Ich verstehe zwar nicht viel von Literatur,« dachte er. »Aber so ein -Vers gehört in den Papierkorb. Ich schäme mich, daß ich hier stehe. -Eigentlich sollten sich die Menschen schämen, daß auf dem Ruheplatz -im Wald ein Papierkorb nötig ist. Sie haben doch einen Papierkorb -zu Hause! Und wenn sie wirklich hier ihr Frühstück auspacken. So -ein bißchen Papier ist doch keine Last, daß man es nicht nach Hause -tragen könnte! Hier müßte ich doch tatsächlich überflüssig sein. Wenn -die Menschen so vernünftig wären, wie sie immer tun, müßten sie das -doch einsehen. Ich stehe hier -- ein Papierkorb im Walde -- als eine -Geschmacklosigkeit. Und sie sind schuld daran, weil ihresgleichen so -geschmacklos ist, Papier liegen zu lassen hier im Walde, wo es nun auch -gar nicht hingehört.« - -Und nun brüllt das Schild noch dazu: »Ich weiß, daß Ihr keinen Sinn -habt für die Reinheit des Waldes. Ich sehe es Euch an, Ihr wollt Papier -wegwerfen, legt es wenigstens in den Papierkorb.« - -Marke Tatra erging sich immer wieder in Erwägungen über seine verfehlte -Lebensaufgabe. Er war überzeugt, daß er nicht am rechten Platze war, er -mußte hier überflüssig sein. Wie gern wollte er im dunkelsten Büro, in -der Ecke im Schulhofe stehen, aber hier im Walde? Es war wirklich zu -viel verlangt. - -Marke Tatra regte sich wahnsinnig auf. Seine Ölfarbenhaut zerriß. Er -fing an zu rosten. - -»Ich will gern sterben,« sagte er, »aber wenn ich zusammenbreche, muß -auch der schreckliche Vers im Papierkorb enden. Wenn er noch stünde und -ich wär nicht mehr da, wäre das Unheil nicht abzusehen!« - -Das Schicksal tat ihm seinen Willen. Ein Sturmwind kam. Die Holztafel -mit dem Verse stürzte in Marke Tatras angerosteten Eisendrahtleib und -riß ihn mitten durch. »Ratsch,« sagte Marke Tatra und war tot ... - -Das ist nun dreißig Jahre her. Gott sei Dank, heute kann so etwas nicht -mehr passieren. Die Menschen sind eben doch vernünftiger geworden und -geschmackvoller. Heute denkt auch gar niemand mehr daran, im Walde -Papier wegzuwerfen. Alle Menschen achten die Reinheit des Waldes. Und -da braucht sich auch kein armer Papierkorb mehr zu Tode zu quälen. Es -wäre aber auch noch schöner. - -Ja, wenn alles wahr wäre! ... - - - - -Die Haustreiberei, eine aussterbende Heimarbeit in der südlichen -Oberlausitz - -Von _Alfred Eichhorn_, Glashütte - - -Am Treiberade sitzt die alte Lausitzerin und treibt Pfeifen, mit der -Rechten die Kurbel fassend, mit der Linken den Wollefaden haltend. Die -Winde, mit Wollezaspeln bespannt, läuft im Windestock. Auf der Spille, -die in die Seitenteile des Pfeifenkastens eingestemmt ist, steckt die -Pfeife. Sie wird mit Welle betrieben. Auf der Spille steckt auch der -Wirtel mit mehreren Einschnitten für die »Bieste« (Treibschnur). - -Am Vormittage hat sich die alte Haustreiberin beim Fabrikanten -drei Gebündel Wolle geholt. »Se gitt gutt,« meint sie beim Treiben -der ersten Pfeife am Nachmittag, denn die Wolle »reßt ne und is -o ne verhost.« Da können nach einer Stunde schon vier betriebene -Pfeifen unterm Windestock liegen. Damit ist sie recht zufrieden. -Für eine betriebene Pfeife bekommt sie zehn Pfennige, ergibt -einen Stundenlohn von vierzig Pfennig. Du liest noch einmal den -Stundenlohn? Ja, wahrhaftig! In dieser Tatsache offenbart sich wieder -das Hauptkennzeichen unserer Zeit -- Gegensätzlichkeit; denn der -Maschinentreiber in der Fabrik nennt dir sechs Mark als Stundenlohn. -Und welche Leute sind Haustreiber? Kränkelnde alte Männer und Frauen, -deren Rentenpfennige kaum zum Kauf eines Brotes reichen, die Menschen, -denen in ihrer Jugend die Ärmlichkeit der Lausitzer Hausweber -Weggenosse war. So greifen sie denn an ihrem Lebensabende noch einmal -zum wohlvertrauten Treiberade, weil die Not wieder dazu zwingt. Der -Krieg ließ die Haustreiberei wieder etwas aufleben, da die wenigen -Aufträge und der Wollemangel den Betrieb großer Maschinen nicht -lohnte. Wer kann’s den alten Haustreibern verdenken, wenn in mancher -Stunde Verbitterung ihr Herz erfüllt? Die Jugend schwelgt, das Alter -darbt. - -[Illustration: =Alte Lausitzerin am Treiberade=] - -Was erfahren wir aus der Kinder- und Jugendzeit der alten Haustreiber? -Wenn die Spannweite der Arme kaum ausreichte, um das Rad zu drehen und -den Faden zu halten, begann die erste Unterweisung im Treiben. Ein -volles Jahr fehlte mitunter noch bis zum ersten Schulgange. Gar bald -wurden die kleinen Finger mit dem schneidenden Faden bekannt. Daumen -und Zeigefinger, auch der Mittelfinger der linken Hand hatten tiefe -Einschnitte bekommen. Dann mußte der Faden zwischen den Fingern nahe -der Handfläche gleiten. Mit zunehmendem Alter war täglich eine größere -Anzahl Pfeifen zu treiben. Da wurde die freie Zeit gar knapp, und -wenn »de Wulle schlajchte ging,« dann gab’s nur Stubenluft zu atmen, -denn die vom Vater festgesetzte Pfeifenzahl mußte fertig werden. Wie -mühsam war das Treiben an trüben und kurzen Wintertagen, wenn schwarze -Wolle zu treiben war, der Faden oft riß und sein verschwundenes Ende -minutenlanges Suchen erforderte! Wie flackerte das kleine Rüböllämpchen -am Pfeifenkasten vom Winde des Treiberades! Kalt wurde es in der -Stube, da ja die Geschwister auch trieben oder für Vaters Webstuhl -spulten. So saßen die Familienglieder in Pelzen und dicken Jacken bei -spärlichstem Lichte am Treiberad, Spulrad und Webstuhl. Und wie wurde -damals ihre Arbeit bezahlt? Beim »Heimtragen« erhielt die Mutter für -eine betriebene Pfeife einen Pfennig, machte vier Pfennig Stundenlohn, -auch für jene Zeiten ein Hungerlohn! Vierzehn bis sechzehn Stunden -drehte sich täglich Treiberad, Spille und Winde. Von vierzehn Jahren -an war diese Arbeitszeit Selbstverständlichkeit. Mehr Stunden wurde -auch getrieben. - -So sind die Haustreiber vom Lebensmorgen bis zum Lebensabend nur auf -steinichtem Wege gewandert. Da wurden sie wortkarg und verschlossen. - - - - -Die Schellente im Moritzburger Teichgebiet - -Von _Paul Bernhardt_ - - -Eine schöne Bereicherung hat der unheilvolle Krieg unserer heimischen -Vogelwelt gebracht: Die Schellente, dieser Prachtvogel, hat Heimatrecht -im Moritzburger Teichgebiet erworben, sie ist hier in den Kriegsjahren -zur Brut geschritten. Schon vor dem Kriege stellten sich im Oktober -einige Paare als Durchzügler ein und erfreuten bis zum April den -Beobachter. - -Am sonnigen Herbsttage oder im zeitigen Frühjahr treibt es den -Vogelkundler hinaus ins Teichgebiet; hohe Zeiten sind es für ihn, denn -reich ist die Fülle der Beobachtungen. Forscherfreude im Herzen steht -er vor der blauen Wasserfläche und sucht sich in der schwimmenden, -tauchenden, schwirrenden und kreischenden Schar zurechtzufinden. Weit -draußen leuchtet im Sonnenschein viel Weiß. Eben ist es verschwunden, -schon taucht der weiße Fleck wieder auf. Ein Schellentenerpel im -Hochzeitskleide. Das Glas zeigt die ganze Schönheit. Metallisch grün -schillert der dunkle, dicke Kopf, geschmückt durch zwei auffällige -weiße Flecken dicht an der Schnabelwurzel und durch feuergelb -leuchtende Augen. Sonst überall viel Weiß, das noch durch das tiefe -Schwarz des Oberrückens und Schwanzes gehoben wird. Immer größer wird -der weiße Fleck auf dem Wasser. Der Erpel legt sich putzend zur Seite, -und die korallenroten Füße vollenden das herrliche Farbenspiel. Kurze -Zeit weidet sich das Auge am Anblick, schon ist die Herrlichkeit wieder -unter Wasser. Doch gleich nebenan erscheint einem auftreibenden Korke -gleich eine zweite, dritte ja vierte dieser zierlichen Tauchenten. -Einige weniger auffallend gefärbte Weibchen beteiligen sich am Treiben. -Fleißig taucht die kleine Schar, um bald wieder an der Oberfläche zu -erscheinen. Schwer machen sie es mir, die Stückzahl festzustellen. -Trägheit liegt ihnen fern. Sie gehören zu den vorsichtigsten und -lebhaftesten Enten. Klirrend saust ein Pärchen reißenden Fluges über -den Wasserspiegel hin; hell leuchten die weißen Spiegel im schwarzen -Felde auf, und klingendes Getön vernimmt beim Nähern das Ohr. Daher -die Bezeichnung Schellente. Fast alle Teiche unseres Gebietes waren -im vergangenen Frühjahr mit einigen Schellenten besetzt, so daß gegen -dreißig Paare gezählt werden konnten. - -Ganz toll wird das Treiben zur Paarungszeit. Die einzelnen Pärchen -sondern sich ab und sind von jetzt ab immer an gleicher Stelle in ihrem -Brutgebiete anzutreffen. Eine aufgeregte, kampfesreiche Zeit hebt -an; Liebe und Eifersucht beherrschen die kommenden Tage. Das muntere -Treiben und Tauchen in Gesellschaft ist vorbei. Jetzt gilt es, das -Weibchen vor Anremplungen zu schützen. Und der Schellentenerpel ist -ein eifersüchtiger Gatte. Mit gesenktem Kopfe wird der sich nähernde -Nebenbuhler angenommen, durch Unterwasserangriff an den Ständern -gepackt und eine Strecke im Fluge verfolgt. Oft wird der Kampf zur -Rauferei. Wütend stürzen die Erpel aufeinander zu, packen sich am -Kopfe, ziehen sich balgend unter heftigen Flügelschlägen bald über, -bald unter Wasser hin und her; lassen voneinander ab, packen sich -wieder und treiben einer den andern im niedrigen Fluge plätschernd -über die Wasserfläche hin. Stolz umschwimmt der zurückgekehrte Gatte -die Auserwählte, bringt das Gefieder in Ordnung, legt den Hals -weit nach hinten auf den Rücken, schnellt ihn plötzlich hervor und -läßt bei dieser Bewegung einen eigenartigen hellen Ton hören, der -sich mit »knirrr« wiedergeben läßt. Oefters wiederholt sich dieses -gleichmäßige Kopfrucken und Vorschnellen und nach langem Werben findet -der liebestolle Erpel Erhörung. Der Beschauer am Ufer ist verwundert -über das närrische Liebesspiel; für ihn war die Beobachtung Neuland. -Denn selbst sein »Naumann« berichtet nichts von der eigenartigen -Schellentenbalz. Wir haben hier eine der wunderlichsten Balzgebärden -in der Vogelwelt vor uns, die der des Spielhahnes gleichkommt und -ganz wenig bekannt ist. Die Balz währt von Februar bis hinein in den -Wonnemonat. Aus alledem wird der Leser den Wunsch des Verfassers -verstehen, diesen Prachtvogel nicht nur als Durchzügler, sondern als -bodenständigen Brutvogel in unserer Heimat zu haben. Die Kriegsjahre -brachten für das Moritzburger Teichgebiet die Erfüllung des Wunsches. -1916 wurden von dem verstorbenen Ornithologen Mayhoff Dunenjunge der -Schellente auf dem Schwanenteich beobachtet. Ich selbst fand die -ersten infolge des Kriegsdienstes erst im Jahre 1918. Seit dieser Zeit -konnte ich jedes Jahr mehrere Bruten feststellen. In diesem Jahre -brüteten wenigstens gegen sechzehn Paare im Gebiete. Schon Mitte Mai -traf ich das erste ausgeschlüpfte Gelege auf dem Schwanenteiche. -Neun allerliebste Federbällchen sitzen in früher Morgenstunde dicht -aneinandergedrängt auf der offenen Stelle des Teiches, seltsamerweise -ohne Mutter. Die ersten Sonnenstrahlen bringen Leben in die kleine -Schar. Geschickt taucht eins unter die Wasserfläche, ein zweites rennt -eilig auf dem Wasser hin, ein Insekt verfolgend, ein drittes wieder -schnellt plötzlich in die Höhe, um im Luftsprung eine vorüberfliegende -Mücke zu erschnappen. Ein anmutiges Bild! Der Vergleich mit dem -Treiben der flinken Wassermäuse drängt sich dem Beobachter auf. Bald -ist die kleine Gesellschaft im Schilfe verschwunden, wo die sichernde -Mutter ihrer wartet. Die Jungen bleiben lange Zeit beisammen. Noch im -August traf ich die festgestellten Gelege auf dem Schloß-, Schwanen-, -Frauen- und Großteiche beisammen. Sie sind im Fluge sofort an den -weithin leuchtenden weißen Flügelflecken zu erkennen. Das Aussehen -der Dunenjungen ist außerordentlich drollig. Die Hauptfarbe ist ein -Samtschwarz am Kopfe und auf dem Rücken, während die Unterseite weiß -aussieht. Ein keckes Aussehen verleiht ihnen aber der gedrungene kurze -Schnabel und der große weiße Fleck vom Kinn bis zum Hinterkopf. Auch -die weißen Flügelflecke sind schon angedeutet. Die Angaben im Naumann, -der sie mit den Dunenjungen der Märzente vergleicht, stimmen auf keinen -Fall. - -Besonders schwierig war die Feststellung eines Nestes. Bekanntlich -brüten die Schellenten seit neuerer Zeit in Baumhöhlen, ja sogar in den -verlassenen Nistplätzen des Schwarzspechtes. Die älteren Ornithologen -führen als Brutort nur Schilf- und Rohrbestände an. Am 20. Mai 1920 -fand ich die erste Nisthöhle durch Zufall am Schloßteiche. Ein Weibchen -flog auf die Kastanie zu, unter der ich lagerte, schwenkte aber bei -meinem Anblick im großen Bogen um; kehrte bald zurück, durchflog -taubenähnlich das dichte Geäst und verschwand in einer Baumhöhle. -Im vergangenen Frühjahre konnte ich drei Nisthöhlen feststellen. -Besonders bieten den Schellenten die höhlenreichen Kastanien der -beiden Schloßteiche reichlich Nistgelegenheiten. Deshalb ist auch ihr -Treiben an diesen Teichen vor allem gut zu beobachten. Doch auch auf -den Teichen, deren Ränder fast keine alten Baumbestände aufweisen, -dafür aber größere Schilfbestände, sind Bruten aufgekommen. Diese -Tatsache läßt vermuten, daß die Schellente nicht nur in Höhlen, sondern -vielleicht wie andere Tauchenten im Schilfwalde brütet. - -[Illustration: =Kastanie am Schloßteiche zu Moritzburg mit Nisthöhle -der Schellente= - -(Aufnahme des Verfassers)] - -Ganz vereinzelt muß die Schellente schon vor dem Kriege in unserem -Gebiete gebrütet haben. Ein Belegstück dafür befindet sich in meinem -Besitz: ein 1913 am Schloßteich vom Forstwart Herrn Eckart tot -aufgefundenes Dunenjunges. - -So sei am Schlusse nochmals der Freude Ausdruck gegeben, daß -die herrliche Schellente im Moritzburger Teichgebiet nicht mehr -Naturdenkmal ist, sondern sie sich Heimatrecht hier erworben hat und -mit zu den häufigen Enten gehört. Möge auch vom Landesverein gegen -alles angekämpft werden, was diesem prächtigen Vogel den Aufenthalt -so nahe der Großstadt vergrämen könnte. Hierher gehört sinnlose -Schießerei, Umfällen alter Bäume und der Eierdiebstahl. Besonders -schädlich für unsere Wasservogelwelt ist das frühzeitige Schneiden des -Schilfes und Rohres durch die Teichverwaltung, das dieses Jahr schon -Anfang Juli erfolgte. Auch das »wilde Baden« an allen Moritzburger -Teichen wird von unseren gefiederten Freunden nicht besonders begrüßt. - - - - -Das Triebelbachtal - -Von _Paul Apitzsch_, Ölsnitz i. Vogtl. - - -Unweit der Dreikönigreichsecke, jener politisch bedeutsamen Stelle, -da die Grenzen der drei ehemaligen Königreiche Sachsen, Bayern und -Böhmen in einem Punkte zusammenstoßen, da jetzt die Gemarkungen der -drei Republiken Sachsen, Bayern und Tschechoslowakei sich berühren, ist -auch die dreiteilige Wasserscheide zwischen Elster, Saale und Eger. -Gegen Süden fließen die Wässer dem Egerlande zu. Nach Westen enteilt -die Regnitz dem Waldlande und ergießt sich bei Hof in die Saale. Und -nordwärts gehört alles Fließende dem Stromgebiet der Weißen Elster. -Der bedeutendste linksseitige Elsterzufluß ist hier der fünfzehn -Kilometer lange Triebelbach. Zwischen Eichigt und Ebmath, rechts der -Zollstraße Ölsnitz-Roßbach, liegt ein Berg, der den merkwürdigen Namen -»Bubenstock« führt. Auf älteren Karten wird er »Pumpenstock« genannt. -Trotz seiner absoluten Höhe von 630,8 Meter bietet er nicht die -geringste Fernsicht; denn erstlich erhebt er sich nur unbeträchtlich -über die durchschnittlich sechshundert Meter hoch gelegene Hochfläche, -und überdies ist er bis zur Kuppe mit Fichtenwald bestanden. Die -einzige Bedeutung des Bubenstockes in geographischer Beziehung -besteht darin, daß an seiner westlichen Abdachung der Triebelbach -entspringt. Durch Heidegesträuch, Ginstergebüsch und niedrigen -Mischwald eilt das muntere Waldkind rasch abwärts. Es ist, als wolle -es der unheimlichen Gegend entfliehen. Führt doch das südwestwärts -gegen Tiefenbrunn zu gelegene einsame Waldstück den grausigen Namen: -Der gespaltene Schädel. Ob eine geheimnisvolle Untat dieser Benennung -zugrunde liegt oder ob eine bloße Wortentstellung anzunehmen ist, ist -nicht mehr festzustellen. Der düstre Wald tritt beiderseitig zurück -und macht dem ersten Dorfe, _Obertriebel_, Platz. Da die Bachsohle -beim oberen kleinen Dorfteiche genau fünfhundert Meter hoch liegt, -so beträgt der Fall von der Quelle bis hierher auf der kaum 2,5 -Kilometer langen Strecke bereits einhundertunddreißig Meter. Bei einer -kleinen Häusergruppe zwischen Ober- und Untertriebel, den sogenannten -Hutherleithenhäusern, empfängt der Triebelbach von links her starke -Zuflüsse aus dem waldreichen Platzerberggebiet und von Neubrambach. -Erheblich verstärkt kommt der hier außerordentlich krebsreiche Bach -nach dem Kirchdorfe _Untertriebel_. Von lärchenbestandener Höhe -klingt Glockenklang hernieder. Droben bringt man sie zu Grabe, die -sich freuten in dem Tal. Denn der Kirchhof liegt hier noch, altem -schönen Brauche gemäß, rund ums Kirchlein. Das Gotteshaus von -Untertriebel gehört zu den wenigen vogtländischen Dorfkirchen, bei -deren Anlage an Verteidigungszwecke gedacht worden ist und an deren -Umfassungsmauern noch _Spuren ehemaliger Befestigung_ zu erkennen -sind. Vor der turmartigen Friedhofspforte ragen zwei mächtige Linden. -Links vom Eingange, an der Nordseite der starken Kirchhofsmauer, sind -ganz deutlich drei Schießscharten zu sehen. Rechts vom Tore, an der -Westseite also, sind weitere sechs Schießscharten, so daß die ganze -Mauer noch neun derartige Zeugen ehemaliger Befestigung aufzuweisen -hat. Gelegentlich einer Erweiterung des Friedhofes nach Süden zu mußte -die südliche und östliche Ummauerung abgetragen werden. Auch diese -Teile der ursprünglichen Anlage waren, wie mir der über vierzig Jahre -in Untertriebel im Amte befindliche alte Kantor Häntzschel versicherte, -mit Schießlöchern versehen. Die Schießscharten sind von annähernd -gleicher Größe und Gestalt. Von außen gesehen sind sie schmal, nur -zehn Zentimeter breit und fünfzig Zentimeter hoch. Nach innen werden -sie weiter, und an der Innenseite der achtzig bis neunzig Zentimeter -starken Mauer sind sie beinahe quadratisch mit fünfzig Zentimeter -Seitenlänge. Eine Häufung der Schießscharten ist vermieden; in beinahe -gleichen Abständen voneinander sind sie in das starke Mauerwerk -getrieben. Als im Jahre 1901 bei der Erneuerung des Gotteshauses auch -die Friedhofsmauer abgeputzt wurde, hatten übereifrige Handwerker -unaufgefordert die Schießscharten teilweise schon zugemauert. Sie waren -höchlichst erstaunt, als durch ein Machtwort des Herrn Pfarrers Kramer -die »alten Löcher« wieder in den vorherigen Zustand zurückversetzt -werden mußten. Vor der Nordseite der Mauer sind grabenartige -Vertiefungen, die möglicherweise in Beziehung zu einer ehemaligen -Befestigung stehen. Doch ist in der historischen Deutung derartiger -Vorkommnisse größte Vorsicht geboten. Übereifer in der Auffassung und -Behandlung »alter Löcher« kann nicht nur einen simplen Mauergesellen, -sondern auch den hochgelahrtesten Altertumsforscher zu Dummheiten -verleiten. - -[Illustration: Abb. 1 =Untertriebel= - -(Phot. _Curt Sippel_, Plauen i. V.)] - -Es gibt im Vogtlande nur noch zwei Dorfkirchen, die Spuren einstiger -Befestigung tragen: Thierbach bei Pausa und Schwand. Bei Überfällen und -Plünderungen durch rohe mittelalterliche Landsknechte war gewöhnlich -der das Dorf beherrschende Rittersitz die Zufluchtsstätte der -Dorfbewohner. Dieser Rittersitz war entweder ausgezeichnet durch hohe -Lage, oder durch Ringwallanlagen und Teichinseln geschützt. Professor -Johnson, Plauen, weist schon im Jahre 1900 darauf hin, daß sowohl -Thierbach, als auch Schwand und Untertriebel im Mittelalter keine -Rittersitze besaßen -- das Rittergut Schwand ist später entstanden --, -so daß die schutzlosen Dorfbewohner auf den Gedanken kamen, Kirche und -Friedhof zu einem Verteidigungsplatze zu gestalten. Diese Erwägungen -mögen wohl auch das altvogtländische Adelsgeschlecht der Säcke auf -Geilsdorf bestimmt haben, die Kirche zu Untertriebel auf einem das -Dorf überragenden Höhenrücken erbauen zu lassen, und zwar schwankt das -Erbauungsjahr nach urkundlich sicheren Angaben zwischen 1342 und 1380. -Das Gotteshaus in seiner jetzigen Gestalt stammt aus dem Jahre 1535, so -daß der ältere Bau nur etwa zwei Jahrhunderte stand. - -Für Freunde der Vergangenheit bietet auch das Innere der Untertriebler -Dorfkirche mancherlei Bemerkenswertes. Bei der obenerwähnten Erneuerung -des Gotteshauses fand man auf dem Kirchboden zwei verstaubte und -stark beschädigte _Holzschnitzereien_: einen Kruzifixus und einen -Taufengel. Beide Gegenstände wurden der »Kommission zur Erhaltung von -Kunstdenkmälern« zur Begutachtung vorgelegt. Über den _Kruzifixus_ kam -von Dresden folgendes Gutachten: »Ist eine Holzschnitzerei aus dem -fünfzehnten Jahrhundert; es fehlen beide Arme und sämtliche Zehen; an -der Nase, Operlippe und am Lendenschurz starke Beschädigungen. Das -Holz selbst ist gesund; auch die Bemalung braucht nur gereinigt und -an den neuen Stücken ergänzt zu werden. Eine Wiederherstellung ist -unbedingt zu empfehlen. Professor Spieler ist bereit, die Erneuerung -vorzunehmen.« Der _Taufengel_ ist ein kräftiges, eigenartiges -Barockwerk etwa von 1730. Auf dem Deckel des von dem Engel gehaltenen -Taufbeckens sind Christus und Johannes der Täufer in kleinen Figuren -angebracht. Die Wiederherstellung des beschädigten Taufengels übernahm -Holzbildhauer Wünschmann in Dresden. Seit 1902 bilden die auf diese -Weise geretteten altertümlichen Holzschnitzereien einen wertvollen -Schmuck des Altarplatzes der Untertriebler Kirche. Künstlerisch -bewertet sind die beiden Schnitzereien sehr verschieden. Ich halte -den Taufengel für die Arbeit eines Handwerkers, den Kruzifixus -für das Werk eines Künstlers. Der schablonenhaft steife Faltenwurf -des hemdartigen Kleidungsstückes, sowie die wenig ausdrucksvollen -Gesichtszüge des Taufengels deuten auf eine nur mittelmäßige Befähigung -des Holzschnitzers, während die Darstellung des schmerzverzerrten -Antlitzes, sowie die Ausarbeitung der Rippen an dem abgezehrten -Oberkörper des gekreuzigten Heilandes auf eine genauere Kenntnis des -anatomischen Baues eines Menschenleibes, sowie auf eine technisch weit -höher zu bewertende Beherrschung des Schnitzmessers schließen lassen. - -[Illustration: Abb. 2 =Untertriebel= - -(Phot. _Curt Sippel_, Plauen i. V.)] - -Einige andre Altertümer der Kirche zu Untertriebel sind auf -Veranlassung des Professors Steche ins Sächsische Altertumsmuseum -nach Dresden gewandert. Auch sie lagen verlassen und vergessen in -einem Winkel des Kirchbodens. Das kostbarste Stück ist eine aus Holz -geschnitzte _Truhe_, die zur Aufbewahrung von kirchlichen Geräten oder -Meßgewändern verwendet wurde. Diese Truhe ist in dem von Schmidt und -Sponsel herausgegebenen »Bilderatlas zur Sächsischen Geschichte« in der -Abteilung für bäuerliche Kunst beschrieben und bildlich dargestellt. - -Doch nun genug der Namen und Zahlen. Wir treten heraus und steigen -hinunter ins Dorf. Der prächtige _Lärchenhang des Kirchberges_ -war im März 1919 stark gefährdet. Ein Teil der Mitglieder des -Gemeinderates, verbittert durch die überaus hohen Anforderungen der -Erwerbslosenunterstützung an die Gemeindekasse, hatte tatsächlich die -Absicht, die großen Lärchen des Kirchpöhls fällen zu lassen. Ich -hatte alle Mühe, das drohende Verhängnis abzuwenden. Ich verhandelte -schriftlich und mündlich mit Pfarrer und Gemeindevorstand und -disputierte mit den Bauern im Wirtshause. Den Ausschlag gab schließlich -ein äußerst geschickt abgefaßtes und warmherzig gehaltenes Schreiben -des »Landesvereins Sächsischer Heimatschutz«, das auf meine Anregung -hin der Gemeinde zuging. Der Baumbestand des Kirchpöhls war gerettet. -Der Naturschutzabteilung des Landesvereins ist es zu danken, daß das -Kirchlein zu Untertriebel noch heute im Schmucke eines selten schönen -Lärchenbestandes herab ins Tal grüßt. -- - -[Illustration: Abb. 3 =Fuchsmühle= - -(Phot. _Albert Roth_, Ölsnitz i. V.)] - -In breitem Wiesentale schlängelt der Triebelbach weiter. Und nun -ein Glanzstück: die idyllisch gelegene _Fuchsmühle_. Aus dichtem -Grün leuchtet der schlohweiße Giebel mit seinem dunklen Fachwerk -freundlich hervor. Hier bei der Fuchsmühle lag eine der vorzüglichsten -Kupferzechen des Vogtlandes: »Hoff auf Gott«. Von 1705 bis 1721 wurden -1980 Zentner Kupfer im Werte von 47993 Taler 16 Groschen 2¼ Pfennige -und außerdem 285³/₈ Zentner Kupfervitriol im Werte von 2570 Taler -18 Groschen 0 Pfennige zutage gefördert. Der Reingewinn betrug nach -den jetzt noch vorhandenen Grubenrechnungen 28172 Taler 10 Groschen -2¼ Pfennige. Der Bergsegen ließ indes bald nach. Dazu kam, daß -infolge der Weichheit des Gesteins die Stollen mit Holz verzimmert -werden mußten und daß man fortwährend mit dem Grundwasser des nahen -Triebelbaches zu kämpfen hatte. 1735 kam die Grube zum Erliegen. Unweit -der Mühle stand ein Pochwerk. Interessant ist, daß dieses Pochwerk die -Ursache einer Beschwerde des staatlich konzessionierten Perlenfischers -wurde. Am 3. Juli 1710 erstattet der Ölsnitzer Perlenfischer Johann -Gottfried Schmirler im Amt Voigtsberg folgende Anzeige: »Er wäre -vorige Woche in dem Tribler Bach gewesen und hätte Perlen suchen -wollen. Da habe er gefunden, wie solcher Bach gänzlich aussterbe. -Sonsten hätten die Muscheln wie ein Pflaster darinnen gestanden. -Vorjetzo fände er fast gar keine. Die ursach dieses Aussterbens -schreibe er dem an solchem Bach gebauten Pochwerke zu. Er hätte -dahero unterschiedlichmahlen bey denen Bergbeamten Erinnerung gethan, -man hätte es aber nicht attentiret; itzo könnte man nun den Schaden -spühren. Man solle Teiche machen, worinnen der Schlamm und die materie, -welche denen Muscheln schädlich, vielleicht sitzen bliebe. Er müsse -gestehen, daß er in dieser Refier jederzeit die hellsten und klahrsten -Perlen gefunden.« (Dr. J. G. Jahn, Die Perlenfischerei im Voigtlande, -Ölsnitz 1854.) - -[Illustration: Abb. 4 =Bösenbrunner Kirche= - -(Phot. _Curt Sippel_, Plauen i. V.)] - -Außer Kupfer wurde in der Nähe der Fuchsmühle auch Zinn (Zinnzeche -St. Johannes) und Eisen (Ludwig-Fundgrube) bergmännisch gewonnen. -Zahlreiche Halden, Pingen, Berglöcher, Stollenausgänge und Reste alter -Grubengebäude zeugen noch heute von dem Bergbau vergangener Zeiten. - -Wir wandern weiter mit den wandernden Wellen und erreichen das dritte -und letzte Dorf des Tales: _Bösenbrunn_. Auf allen Höhen rings herum -lugt aus dem Dunkelgrün des Fichten- und Föhrenwaldes weißschaftig -die Birke, deren Besonderheit darin besteht, daß sie zu jeder -Jahreszeit andre Farbenstimmung aufweist; im Vorfrühlinge zartduftiges -Hellviolett, im Spätlenz Smaragdgrün, im Sommer kraftvolles -Allerweltsgrün, im Herbst strahlendes Gelb und vor Beginn des Winters -wieder jenes eigenartige tote, stumpfe Violett, welches kein Pinsel -wiederzugeben vermag. Am linken Talhange das winzige Dorfkirchlein, -erbaut in demselben Jahre, da der Dreißigjährige Krieg begann. Droben -Gotteshaus und Gottesacker, drunten das Rittergut, drüben die Mühle -und draußen gegen den Talausgang, an den rechtsseitigen Waldhängen, -zwei einsame Einschichten: das _Streithaus_ und das _Otterhaus_. -Zwischen Rittergut und Mühle liegen am Wege die Überreste alter -»_Griebensteine_«. Es sind dies viereckige, mit einer gerundeten -Aushöhlung versehene Granitbottiche, in denen zur Zeit der Pechsieder -die Abfallprodukte des Peches nochmals geröstet wurden. Man gewann aus -diesen »Griefen« oder Grieben eine Art minderwertiges Pech, nützte -also das Naturprodukt wirtschaftlich aus. Das gewonnene Abfallpech -floß durch ein an der tiefsten Stelle angebrachtes rundes Loch ab. -Die Granitpfannen müssen also ehedem auf einer Unterlage gestanden -haben. Jetzt liegen sie im Erdreich eingedrückt und im Grase vergraben -schon seit Jahrzehnten ungenützt. Solche alte Pechpfannen gibt es auch -anderswo im Vogtlande, so bei Brotenfeld, bei Planschwitz und bei Raun. - -[Illustration: Abb. 5 =Mühle in Bösenbrunn= - -(Phot. _Albert Roth_, Ölsnitz i. V.)] - -Das Triebelbachtal wird nun eng und tiefeingerissen. Die Abhänge sind -von der Talsohle bis zur Höhe bewaldet. Einige große Kahlschläge -flammen in buntester Blütenpracht. Ein Meer purpurner Weidenröschen -(~Epilobium angustifolium~). Dazwischen gelbe Fingerhüte (~Digitalis -ambigua~), stachelige blaue Natterköpfe (~Echium vulgare~), -stolze Königskerzen (~Verbascum~), großblumige enzianblaue -Pfirsichglockenblumen (~Campanula persicifolia~), lohende Pechnelken -und leuchtende Margeriten. Und inmitten all dieser Farbenfülle wandert -der Erlen- und Perlenbach geruhsam seines Weges, der Weißen Elster -entgegen. Bei _Pirk_, zwischen Ölsnitz und Plauen, mündet er in den -Hauptflußlauf des Vogtlandes. - -Fernab allem Weltgetriebe, ein stilles, einsames Waldland, urkräftig -und unberührt, lieblich im Birkenschmucke des Lenzes, farbenfreudig im -Glast und Glanz des Hochsommers, versonnen und verträumt im Sterbekleid -des Herbstes, erstarrt und erstorben im Rauhreifgeschmeide des Winters --- so lieb ich dich, du mein märchenschönes Vogtlandtal. - -[Illustration: Abb. 6 =Weg nach Neubrambach= - -(Phot. _Curt Sippel_, Plauen i. V.)] - - - - -In Guteborn - -Von _A. Klengel_, Meißen - -(Aufnahmen von J. Ostermaier, Blasewitz) - - Ihr glücklichen Augen, was je ihr gesehn, - Es sei wie es wolle, es war doch so schön! - - _Goethe_, Faust II - - -Ein Brief aus Guteborn wird mir gebracht; Seine Durchlaucht Ulrich -Prinz Schönburg lädt mich in herzlicher Weise zu einem Besuche auf -seine Besitzung ein. Da er gern Störche in Guteborn ansiedeln möchte, -soll ich ihm mit einem guten Rate zu Hilfe kommen. - -[Illustration: Abb. 1 =Guteborn, Eingang zum Schloßhof=] - -Rasch die Landkarte zur Hand genommen! -- Guteborn ist der waldreiche -Großgrundbesitz in der preußischen Niederlausitz, dicht an Sachsens -Grenze, den etwa die Bahnlinien Ortrand--Ruhland--Hohenbocka--Kamenz -umrahmen, also von hier aus leicht und schnell zu erreichen. -Und dann noch einen Blick in die Genealogie des Schönburgischen -Hauskalenders, der mir als sächsischem Geschichtsforscher zur Hand -liegt. Der freundliche Gastgeber ist ein Glied der Fürstlichen -Linie Schönburg-Waldenburg und ein Vetter des jüngst verstorbenen -Prinzen Ernst, der mit seiner schon früher heimgegangenen Gemahlin -Helene auf der prächtigen Besitzung Gauernitz bei Meißen den Natur- -und Vogelschutz in vorbildlicher Weise pflegte, so daß ich und die -Freunde der Heimat alle Ursache haben, ihm ein dankbares und ehrendes -Gedächtnis zu bewahren. Die Liebe zur Natur scheint eine schöne -Familieneigentümlichkeit des uralten edlen Fürstengeschlechtes zu -sein. Die Reise verspricht also außerordentlich lohnend zu werden und -hocherfreut sage ich zu. - -[Illustration: Abb. 2 =Guteborn, Kirche und Eingang zum Schloß=] - -In der Morgenfrühe eines kalten Oktobertages breche ich denn auf, -voll von Erwartungen, und früh nach acht Uhr schon lande ich auf dem -Bahnhofe Ruhland. In ein Reich der Arbeit bin ich gekommen, ist doch -Ruhland ein Mittelpunkt des Niederlausitzer Kohlenbergbaues und der -Preßkohlenherstellung. Der große neuzeitliche Bahnhof, der zugleich -ein wichtiger Knotenpunkt ist, legt Zeugnis ab von dem ins Riesenhafte -gewachsenen Verkehr; das Städtlein freilich ist klein und unscheinbar -geblieben, die Häuser scharen sich verträumt um die Kirche und bieten -ein Bild, wie wir es in vielen kleinen Landstädten zu schauen gewöhnt -sind. - -Lange Zeit bleibt mir nicht zu diesen Betrachtungen, bin ich doch aus -ganz anderen Gründen nach Ruhland gekommen und das prinzliche Geschirr -wartet vor dem Tore. - -[Illustration: Abb. 3 =Guteborn, Schloßgarten mit südlichem Pavillon, -der das Archiv enthält=] - -Im Trabe gehts zur Stadt hinaus dem Walde zu. Bald zeigt der -Grenzgraben an, daß ich mich auf Guteborner Besitz befinde. Der -Kutscher hat Auftrag, mich zunächst nach den weiten Waldwiesen -und an die baumbestandenen Teichufer zu fahren, damit ich aus der -Beschaffenheit des Bodens und der landschaftlichen Lage erkennen soll, -ob wohl Guteborn noch dazu geeignet ist, dem Storche eine Heimat zu -bieten. Der Versuch, den Storch anzusiedeln, kann immerhin gemacht -werden, wenn auch die Gegend nicht gerade als ideale Storchheimat zu -bezeichnen ist. Die weiten, zum Teil anmoorigen und sumpfigen, von -Gräben durchzogenen Wiesen und die verlandeten Teichufer würden dem -langbeinigen Froschliebhaber gewiß Nahrung in Fülle bieten; auch würde -er sich des besten Schutzes durch den prinzlichen Gönner erfreuen. -Wie ich bald erfuhr, darf in Guteborn nicht einmal auf einen Reiher, -geschweige denn auf einen Storch geschossen werden. Freilich sind -die für den Storch in Frage kommenden Nahrungsgründe von weiten -Wäldern umgeben und diese liebt der Storch nach meinen Erfahrungen -nicht allzusehr, wenn er sich auch als ungepaarter Vogel gern an den -Waldrändern aufhält. Und hinter den Wäldern wohnt die Industrie mit -hohen Schornsteinen, Lärm und Ruß und Rauch. Fast immer hält er eine -Gegend, in welcher die Industrie die Oberhand gewinnt, für ungastlich -und kehrt ihr darum den Rücken. Als günstig für die Ansiedelung des -Storches ist wieder der Umstand anzusprechen, daß der Guteborner Besitz -eine außerordentliche Größe hat und dadurch allein schon in seinen -Grenzen dem Storche ein friedliches und stilles Wohnen ermöglicht. -Mag darum auf einer der alten strohgedeckten Bauernscheunen im Dorfe -Guteborn, das mir jetzt zu Gesicht kommt, durch Aufbringen einer -Nestunterlage dem Storche die Möglichkeit zur Ansiedelung geboten -werden. Der prinzliche Storchfreund hat zwar auf den Nebengebäuden -des Schlosses bereits zwei einladende Storchnester herrichten lassen, -die von den Störchen wohl beachtet, aber bis jetzt nicht bezogen -worden sind. Anscheinend nehmen sie doch Anstoß an dem regen Leben im -Schloßhofe und in der Umgebung. Sollte die Ansiedelung auf einer der -abseits gelegenen Scheunen gelingen, so ist es vielleicht möglich, den -Storch auch an den regeren Verkehr zu gewöhnen und zum Beziehen eines -Nestes am Schlosse zu veranlassen. - -Die Rappen halten im Hofe des hohen und stattlichen, von vier Ecktürmen -flankierten Schlosses Guteborn. Mit seinen zahlreichen schmucken -Nebengebäuden, von welchen die Schloßkapelle und der neu erbaute -Marstall besonders hervorgehoben sein mögen, bietet es das Bild eines -vornehmen Fürstensitzes, wie ihn nur das hohe künstlerische und -schöngeistige Empfinden eines uralten Hochadelsgeschlechtes erbauen und -pflegen konnte. - -Seine Durchlaucht empfängt mich selbst am Wagen, begrüßt mich auf das -herzlichste und führt mich zum Frühstück in das Schloß. Wie nicht -anders zu erwarten, bieten die Innenräume Bilder des vornehmsten -und vollendetsten Geschmacks. Die hohe Schloßhalle birgt zahlreiche -Jagdtrophäen, darunter auch einen prächtigen Braunbären, den der Prinz -auf dem Besitz seines Vetters in Krain erlegt hat. Oft schon sind mir -Jagdtrophäen von glücklichen Weidmännern gezeigt worden, noch nie habe -ich aber das Empfinden gehabt, das mich hier in Guteborn beschlich, als -mir der hohe Gastgeber Erläuterungen zu seinen weidmännischen Schätzen -gab. Ein Bedauern klang aus seinen Worten; mir schien es fast, als -hätte es ihm schwere seelische Kämpfe gekostet, ehe er das tödliche -Blei auf das Tier sandte, als sei ihm das Tier im Leben unendlich viel -lieber gewesen, als jetzt als präparierte Trophäe. Wie himmelweit -erhaben erschien mir in diesem Augenblicke die hohe vornehme Gestalt -des Prinzen über so manchen anderen Jäger unserer Zeit. Ich hatte -das Richtige vermutet. Wie ich später erfuhr, findet der Prinz wenig -Gefallen am Weidwerk; er empfindet aber hohen Genuß am Beobachten der -freien Tierwelt, die in ihm einen vorbildlichen Schützer und Hüter -besitzt. - -Der Prinz führte mich dann in den Park, der sich in einer Größe von -etwa zweihundert Morgen an das Schloß anschließt. Ich war erstaunt, auf -dem Sandboden der Herrschaft Guteborn einen derartigen prächtigen und -frohwüchsigen Naturpark mit gewaltigen Baumriesen zu finden; er dürfte -schwerlich seinesgleichen haben. Mit Recht ist er denn auch der Stolz -des Besitzers; mit Liebe wird er geschützt und gehegt und mit größter -Sorgfalt gepflegt, doch immer in einer Weise, daß Spuren menschlicher -Tätigkeit nicht zu bemerken sind. Der Park läßt nichts erkennen von -der zwingenden Hand des Menschen, vom Werkzeug des Gärtners oder -Forstmannes. Hier ist der Gedanke, daß die Natur durch Menschenhand -wohl gepflegt, aber nicht verschönert und verbessert werden kann, auf -das trefflichste durchgeführt. Als ein prächtiges Stück unberührter -Natur erscheint der Guteborner Parkwald, urwüchsig und herrlich wie am -ersten Tag. Wie kläglich nimmt sich doch dagegen ein im französischen -Geschmack gestutzter Park mit seinen gemarterten und geschundenen -Bäumen aus, den wir sonst meist neben den Schlössern zu schauen gewöhnt -sind. - -[Illustration: Abb. 4 =Guteborn, Eingang zum Schloßhof, rechts die alte -Mühle=] - -Dieses Prunkstück heimischer Naturschönheit ist des Prinzen ureigenstes -Reich. Wohl schwerlich gibt es wieder einen Schloßherrn, der mit den -Bäumen seines Parkes so vertraut ist, wie der Herr auf Guteborn. -Auf die Bäume, welche sich durch besondere Größe, prächtigen oder -eigenartigen Wuchs auszeichnen, macht er mich aufmerksam, auf besonders -schöne Baumgruppen, auf herrliche Durchblicke weist er mich hin, von -den Vögeln erzählt er mir, die in den Baumkronen wohnen und von dem -Hochwilde, das in seltener Vertrautheit durch den Park wechselt. -Es macht ihm Freude, wenn sich andere, für die Schönheit der Natur -empfängliche Menschen mitfreuen an seinem prächtigen Besitz, den -er nicht ängstlich abschließt gegen die Außenwelt, sondern für -Spaziergänger und Naturfreunde offen hält. -- Ein bunter Mischwald ist -der Park; Fichten, Kiefern, Weymutskiefern und Lärchen wechselten ab -mit Eichen, Linden und anderen Laubhölzern. Einige besonders prächtige -Stücke mögen herausgegriffen sein. Der Prinz maß mit mir den Umfang -mehrerer Bäume, die sich sowohl durch prächtigen gesunden Wuchs als -auch durch stattliche Größe auszeichneten. Wir fanden Fichten von -325 und 375 Zentimeter Umfang bei einem schätzungsweise gewonnenen -Höhenmaße von 45 bis 50 Meter und eine Kiefer von 272 Zentimeter -Umfang. Unter Berücksichtigung des mageren Sandbodens, worauf der -Baum steht, schätze ich das Alter der stärksten Fichte auf weit über -dreihundert Jahre; sie stand also jedenfalls damals schon, als die -Herrschaft vor drei Jahrhunderten in das Eigentum der Familie des -jetzigen Besitzers kam. - -Bald kommen wir an eine weitere Sehenswürdigkeit. Inmitten einer Gruppe -alter Fichten und von Rhododendronbüschen umgeben liegt nahe einer -Waldwiese ein kleiner stiller Weiher, der von einem unsichtbaren Quell -gebildet wird. Die Wasserzuführung ist so stark, daß ein stattlicher -Bach aus dem Weiher abfließen kann, der verschiedene Teiche in der -Umgebung des Schlosses speist. Große grüne und braune Algen wachsen im -Becken des Weihers; ein Sonnenstrahl, der durch die Bäume bricht, läßt -sie aufleuchten im herrlichsten Samtgrün. Ein Böcklinsches Gemälde, ein -Heiligtum liegt vor unsern Augen. »Guteborn« hat der Prinz den Weiher -mit seiner verborgenen Quelle genannt. - -[Illustration: Abb. 5 =Guteborn, Wirtschaftshof=] - -Im Schloßparke wird natürlich nie ein Kahlhieb geführt, auch in den -übrigen, zweitausend Morgen großen Waldungen der Herrschaft Guteborn -wird mit Vorliebe zum Plänterbetrieb gegriffen. Die Eigenart der -Waldlandschaft bleibt dadurch erhalten, dabei sind niemals größere -Ungezieferschäden beobachtet worden. - -Der Prinz stellte mir auch des Parkes treuen Hüter und fleißigen -Pfleger vor, einen Mann mit grauem Haar. Gar eigen wurde mir ums -Herz, als ich seine Geschichte hörte. In der Nähe geboren, war er -später jahrzehntelang Schutzmann in der Reichshauptstadt; dann zog’s -ihn wieder zurück nach der Heimat; Berlin hat nicht vermocht, die -Heimatliebe im Herzen dieses schlichten Mannes zu ertöten. Er fühlt -sich glücklich unter den Bäumen des ihm anvertrauten Parkes, er hat nun -erst gefunden, was ihm das Leben bisher versagte. Gäbe es doch noch -viele Menschenkinder, die auch in der Fremde die Fühlung mit der Heimat -nicht verlieren, die auch im Trubel der Großstadt nicht wurzellocker -werden in der Heimaterde. Es würde besser um uns stehen. - -[Illustration: Abb. 6 =Quellteich der »Guteborn«=] - -Mehrere Stunden noch brachte ich in Guteborn zu; es gab noch Vieles und -Schönes zu schauen; denn überall zeigt sich der Schönheitssinn und die -Naturliebe des Prinzen. Ich bin durch die Wälder gestreift und habe -mich darüber gefreut, daß hier trotz aller forstmännischen Sorgfalt -der Schönheitsgedanke noch Raum zur Betätigung gefunden hat. Auch die -Felder werden in dieser Weise gepflegt. Dafür nur ein Beispiel. Um eine -einförmige junge Obstbaumpflanzung zwischen den Feldern stimmungsvoll -zu beleben, ist sie durch eine Ginsterhecke verbunden; die Hecke dient -nicht nur zur Hebung der landschaftlichen Schönheit, sondern bietet -auch den Vögeln Unterschlupf und Nistgelegenheit. - -Im Dorf Guteborn wird man Zeichen vom Schönheitssinn und den -Wohlfahrtsbestrebungen nicht vergeblich suchen, davon sprechen die -schmucken Häuser der herrschaftlichen Beamten und der prinzliche -Gasthof, dessen Innenausstattung eine Fundgrube für den Freund -der Volkskunde darstellt. Die Einwohner schätzen ihren Prinzen -außerordentlich hoch, hat er doch ein fühlendes Herz für ihre Nöte und -Sorgen. Das ist wohl selbstverständlich; wie könnte auch ein derartiger -Natur- und Tierfreund, ein so vorbildlicher Schützer der stummen -Kreatur gefühllos gegen seine Mitmenschen sein! - -Den Höhepunkt meines Besuches bildete die prinzliche Familientafel, zu -der mich Seine Durchlaucht geladen hatte und eine Stunde anregendster -Unterhaltung, die sich daran anschloß. Ich erfuhr dabei auch, daß der -Prinz den Natur- und Heimatschutz nicht nur selbst in vorbildlicher -Weise pflegt, sondern auch die Natur- und Heimatschutzvereine -unterstützt und ihre Bestrebungen fördert. - -Die Dämmerung brach herein als mich das prinzliche Geschirr wieder -hinaus fuhr in das geschäftige Leben und Treiben des Alltages. Vom -Waldrande warf ich noch einen Blick zurück auf das Naturparadies -Guteborn und das stolze Schloß, in dem der Mann wohnt, der im Gespräch -von sich sagte: - -»Ich bin nur der Hüter, der oberste Beamte meiner Güter; ich habe nur -zu hüten, zu pflegen und zu erhalten für kommende Geschlechter!« -- - -Und wäre man noch so demokratisch gesinnt in heutiger Zeit, der einen -Wahrheit kann sich der ehrliche Mensch nicht verschließen: der hohe -und edle Sinn und das Verständnis für die Schönheiten der Heimat, -für den Schutz der heimischen Natur und der sie belebenden Geschöpfe -haben an unseren deutschen Fürstenhöfen immer die beste Pflegstätte -gefunden. Die meisten Glieder unserer deutschen Fürstengeschlechter -fühlten sich von jeher als berufene Hüter und Pfleger der Heimat- und -Naturschönheiten; sie haben gezeigt und zeigen es heute noch, daß sie -den Sinn des Wortes »Besitz verpflichtet« recht zu deuten verstehen! - -[Illustration] - - - - -Löns als Jäger - -Von _Edmund Scharein_ - - -Binnen kurzem wird in der Lüneburger Heide unter voraussichtlich -großer Beteiligung zahlreicher Jäger und Naturfreunde das -Hermann-Löns-Denkmal, ein schmuckloser, gewaltiger Findling, der das -Bildnis des Dichters trägt, enthüllt. Dem Wunsch des Dichters und -wackeren deutschen Weidmannes ist damit nicht entsprochen. Denn er -bestimmt selbst: - - Und geht es zu Ende, so laßt mich allein - Mit mir selber auf einsamer Heide sein; - Will nichts mehr hören, und nichts mehr seh’n, - Will wie ein totes Getier vergeh’n. - - Auf meinem Grabe soll stehen kein Stein, - Kein Hügel soll dorten geschüttet sein, - Kein Kranz soll liegen da, wo ich starb, - Keine Träne fallen, wo ich verdarb. - - Will nichts mehr hören und nichts mehr seh’n, - Wie ein totes Getier, so will ich vergeh’n; - Und darum kein Kranz und kein Stein, - Spurlos will ich vergangen sein. - -Wüßte er aber, daß lediglich die Dankbarkeit deutsche Jäger zwingt, ihn -in dieser Weise zu ehren, und könnte er sehen, daß der Stein mitten -in der Lüneburger Heide, in der von ihm über alles geliebten Heide, -stünde, oben auf dem Wietzer-Berg, in einem Revier, in welchem er so -oft weidwerkend geweilt hat, ich glaube, er würde uns verzeihen. - -Nicht nur die deutsche Literatur hat durch Löns’ frühen Tod einen -unersetzlichen Verlust erlitten, sondern auch die deutsche Jägerwelt. -Und gerade diese hätte seiner Anregungen heute mehr bedurft denn je. - -Bei der gewaltigen Liebe zur Natur, die den Meister auszeichnete, bei -dem großen Interesse, das er den scheinbar nichtigsten Dingen in Feld -und Wald entgegenbrachte, ist es kaum zu verwundern, daß er nicht -Sportjäger geworden ist. Sportjäger weder im engeren, noch im weiteren -Sinne. Es kam Löns nicht auf reichliche Beute und Trophäen an. Er -liebte die Jagd nicht, weil sie die Möglichkeit bietet, alle möglichen -Kreaturen zu erlegen, sondern er liebte sie, weil er die Natur in Feld -und Wald beobachten, das Verhalten des Wildes studieren, weil er allen -Geschöpfen, die sich in der freien Gottesnatur aufhalten -- vom größten -Säugetier bis zum kleinsten Käfer -- ihre Geheimnisse ablauschen konnte. - -Nur das Stück Wild, dessen Überlistung ihm nach vielen Mühen gelang, -machte ihm Freude. Ein Täuber, zu dessen Erlegung er viel Mühe -aufwenden mußte, konnte ihn mehr erfreuen, als ein mühelos erbeuteter -»Brunfthirsch«. - -Löns, der in seiner langen Jägerlaufbahn viel geweidwerkt hat und der -sich mit bestem Erfolg den verschiedensten Wildarten gegenüber versucht -hat, hatte selbstverständlich große Strecken zu verzeichnen. Diese -waren aber lediglich bedingt durch seine hervorragenden jagdlichen -Fähigkeiten -- in der Handhabung der Waffe wie im Anschleichen war -er Meister; in der Kenntnis der Gewohnheiten und Eigentümlichkeiten -des Wildes war er nicht zu übertreffen -- und die Regelmäßigkeit, mit -welcher er der Jagd oblag. - -Wie oft wird ihm die Freude vergällt beim Anblick des gestreckten -Wildes. Und nicht ohne Wehmut zieht er den grünen Bruch durch den -frischen Schweiß und steckt ihn an den verwitterten Jagdhut. So ist -denn der Abschluß der erfolgreichen Jagd, der die meisten Jäger -befriedigt, weil er sie an das Ziel ihrer Wünsche brachte, für Löns oft -eine Qual. Als er auf dem Abendstrich die tote Schnepfe -- die erste -des Jahres --, welche im dürren Farnlaub vor ihm liegt, aufhebt, ist -seine Freude hin, und der Lärm der Kraniche, welche seine Schüsse im -Bruch aus dem Schlaf gejagt haben, kommt ihm vor wie eine Klage und -- -Anklage. Und in Erinnerung an den Abend während der Heimfahrt ist ihm, -»als hätte der rohe Schlußreim den Zauber dieses Tages verdorben«. Und -oft kommt diese Wehmut zum Ausdruck. Ob er den langersehnten stolzen -Auerhahn mitten im Minnegesang gefällt oder den roten Bock mit gutem -Blattschuß gestreckt hat, er stiehlt sich davon ... - -Aber auch anderen Empfindungen begegnen wir bei dem Meister. Wie oft -wünscht er sich vor dem toten Bock, vor dem gestreckten Hahn einen -ähnlichen Tod! Ob er ahnte, daß ihm ein solcher beschieden sei? Viel -ist über diese Frage hin und her gestritten. Von vielen wird sie -verneinend beantwortet, während andere, die dem Dichter nahestanden, -sie bejahen zu müssen glauben. Wer will das entscheiden ... - -Während Löns oft zögerte, den Finger krumm zu machen, dem stolzen -Wild gegenüber, konnte ihn nichts davon abhalten, die Nachsuche mit -der größten Gewissenhaftigkeit durchzuführen, und mochte sie noch so -beschwerlich sein. Aus Liebe zum Wild. Wie viel liegt ihm an einem -krankgeschossenen Stück. Der kranken Ricke, die den kranken Vorderlauf -schonend, sich mühsam vorwärts bewegt, trägt er nicht die Kugel an, -sondern stellt den Drilling auf Schrot um: »Sie soll den Knall nicht -vernehmen, die Kugel nicht spüren; sie hat genug ausgestanden drei Tage -lang«. - -Mit diesen hervorragenden jagdlichen Tugenden, mit außerordentlich -ausgeprägtem weidmännischen Empfinden, verband Löns Fähigkeiten, wie -sie nur einige wenige, die in der Natur und mit ihr leben, aufzuweisen -haben. Der Winterkälte trotzte er so gut wie der Sonnenglut; Nässe und -Sturm konnten ihm die frohe Jägerlaune nicht nehmen. »Mir ist so, als -hörte ich hinter mir im fernen Moore die Nebelhexe lustig kichern, und -ich schwenke den schäbigen Hut und rufe ihr zu: Weidmannsdank, altes -Mädchen, hoioh!« - - (Aus der »Ostpreußischen Zeitung«.) - - - - -Bücherbesprechung und Verschiedenes - - -_Oskar Schwär_: =Ahnengalerie=, Görlitz, Verlagsanstalt Görlitzer -Nachrichten und Anzeiger. Preis gebunden M. 18.--, broschürt M. 15.--. - -Unser Lausitzer Erzähler hat diesmal die Straße ernster, seelischer -Probleme verlassen, und sich auf den blumigen Weg des Humors begeben, -wohin wir ihm in dieser sonst so leiderfüllten Zeit gern folgen. Wir -haben es nicht zu bereuen, ein guter Engel hat ihn diesen Weg geführt. -Unser herzliches Lachen dankt dem Dichter für die feinen lustigen -Geschichten und Charakterbildchen. Wir würden das Buch nach der -heiteren Stunde, die es uns geschenkt, nicht so befriedigt aus der Hand -legen, wenn uns hier nicht echter Humor in gesunden Dosen verabreicht -würde, Humor, der sich nicht in oberflächlichen Schnaken und Schnurren -erschöpft, sondern mancherlei Blicke in Seelentiefen gewährt. Auch -ein gefälliges kleines Lustspiel »Der Friedensstifter« enthält dieser -Blütenstrauß Lausitzer Humors. Dazu haben Autor und Verleger den ganz -ausgezeichneten Dresdener Künstler _Kurt Rübner_ gewonnen, der mit -trefflichem Stifte die lustigen Typen aufs Papier gezaubert hat. - - Prof. ~Dr.~ Curt Müller, Löbau. - - * * * * * - -=Auf dem Wege zur Steppe?= Aus unserm Leserkreis wird uns geschrieben: -Eine Anfrage an die Herren Meteorologen! Allenthalben ist man jetzt -dabei, die noch in Deutschland vorhandenen Moore abzutorfen und -zum Zwecke der Gewinnung von Kulturland trocken zu legen. Liegt -hierin nicht eine ungeheure Gefahr für die zukünftige Gestaltung -unseres Klimas? Gehen wir dadurch nicht einer Periode entgegen, -in der ein reines Steppenklima bei uns herrschen wird? Schon -ist der Grundwasserstand allenthalben erheblich zurückgegangen. -Einerseits durch die Fassung von Quellen und Wasserläufen für die -Trinkwasserversorgung größerer Gemeinwesen, anderseits durch die -Regulierung aller Flußläufe, Beseitigung der Altwässer, Sümpfe, -Entwässerung nasser Wiesen und Felder, Beseitigung der Ufergebüsche, -dann auch durch die umfangreichen Abholzungen der Wälder, wie sie jetzt -stattfinden, überhaupt durch unsere ganze derzeitige Bodenkultur, -dazu nun jetzt auch noch die Entwässerung der Moore, die die letzte -Reserve an Bodenfeuchtigkeit in Trockenperioden noch darstellten! -Gerade die jetzige Hitze- und Trockenperiode drängt dazu, diese -Frage eingehend zu prüfen und die Herren »Wettermacher« zu Worte -kommen zu lassen, ob und wieweit eine Beeinflussung unseres Klimas -- -insbesondere die Bildung örtlicher Gewitter und Niederschläge -- durch -die geschilderten Vorgänge verhindert oder beeinflußt werden dürfte. -Es wäre ein furchtbarer Irrtum, die Gewinnung von ein paar tausend -Hektaren kulturfähigen Landes als Gewinn zu buchen, wenn anderseits -Ernteverluste, wie sie uns jetzt bevorstehen, als Folge der oben -geschilderten Vorgänge angesehen werden müßten. Es wäre dann allerdings -höchste Zeit, diesem Vorgehen Einhalt zu tun. - - * * * * * - -=Altes Spielzeug.= Im Landesmuseum für Sächsische Volkskunst, -Dresden-N., Asterstraße 1, befindet sich eine Sammlung von Spielwaren -aus alter und neuer Zeit, die nicht nur den Besuchern der Sammlung viel -Freude macht, sondern auch wertvolle Anregung zu neuem Schaffen gegeben -hat. Die Museumsleitung (Hofrat Professor O. Seyffert) bittet nun alle, -die im Besitz von _alten_, handwerklich hergestellten Spielsachen sind, -die nicht mehr von Kindern benutzt werden, sie dem _Landesmuseum_ zu -stiften. Auch die kleinste Gabe ist willkommen, fügt sie sich doch -oft einem Ganzen ein. In Frage kommen allerhand Figuren, Soldaten, -Püppchen und Puppen, aber auch größere Stücke, Unterhaltungsspiele, -Schaukelpferde, Puppenstuben, Küchen usw. Ein Nachsuchen führt oft zu -großen Erfolgen, und was jetzt verstaubt und ohne Wert herumliegt, -kann im Museum Freude und _vielfachen Nutzen_ bringen. Die Portokosten -werden vom Museum zurückerstattet. - - - Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: =Werner Schmidt=; - Druck: =Lehmannsche Buchdruckerei=, beide in Dresden. - - - - -Preisausschreiben - - -Der Landesverein Sächsischer Heimatschutz, Dresden-A., Schießgasse -24, hat sich das Ziel gesetzt, die heimatliche Natur und die -Kulturdenkmäler nicht nur durch Verbote und Ankäufe zu schützen, -sondern in dem Herzen des Volkes diejenige Heimatliebe zu wecken, -die den besten Heimatschutz bildet. Er wendet sich deshalb an die -gesamte sächsische Schuljugend, an die Schüler und Schülerinnen aller -öffentlichen Volks- und Fortbildungs- und Fachschulen, aller höheren -Schulen mit einem Preisausschreiben. - -Es sollen folgende Aufgaben in Aufsatzform behandelt werden: - - 1. von Schülern unter 14 Jahren (gleichviel welcher - Schulgattung!) - - »Jugendwanderungen und Naturschutz«. - - 2. von Schülern über 14 Jahren: - - »Was kann die Jugend für den Heimatschutz tun?« - - -Bedingungen: - - 1. Die Arbeit ist selbständig und möglichst auf Grund eigener - Erlebnisse und der heimatlichen Verhältnisse zu fertigen. - Wer Bücher benutzt, hat die Titel am Schlusse der Arbeit - anzugeben. - - 2. Die Arbeit ist auf geheftete Quartblätter zu schreiben. - Weißen Rand lassen. - - 3. Am Anfang der Arbeit sollen folgende Angaben stehen: - - 1. Schulort. 2. Genauer Name der Schule. 3. Klasse. 4. - Vor- und Zuname des Schülers. 5. Lebensalter des - Schülers. - - 4. Die Arbeit ist bis zum 31. Oktober d. Js. an die - Geschäftsstelle des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz, - Dresden-A., Schießgasse 24, einzusenden. - - 5. Preisgekrönte Arbeiten gehen in den Besitz des - Heimatschutzes über. - - Nichtpreisgekrönte Arbeiten werden vernichtet, sofern der - Verfasser bei Einsendung nicht ausdrücklich Rückgabe - gewünscht hat. - - -Preise: - -für Schüler und Schülerinnen unter 14 Jahren: - - =1 Germania-Fahrrad= (Fabrikat Aktiengesellschaft vorm. Seidel - & Naumann, Dresden), - - =1 photographischer Apparat= und =1 Projektions-Apparat= - (Fabrikat Ica Akt.-Ges., Dresden); - -für Schüler und Schülerinnen über 14 Jahren: - - =1 photographischer Apparat= mit Ernemann-Optik (Fabrikat - Ernemann-Werke Akt.-Ges., Dresden), - - =1 Wanderer-Fahrrad= (Fabrikat Wanderer-Werke Akt.-Ges., - Schönau-Chemnitz); - - ferner: Sport- und Touristenkleidung, Rodelschlitten, - Schneeschuhe, Rucksäcke, Aluminium-Geschirr, Bücher - naturwissenschaftlichen Inhalts, sowie Veröffentlichungen - des Heimatschutzes. - -Preisrichter sind die Mitglieder der Naturschutz-Abteilung des -Landesvereins Sächsischer Heimatschutz in Dresden - -Die Namen der Preisträger und Preisträgerinnen werden in den -»Mitteilungen des Heimatschutzes« bekanntgegeben, auch behält sich -der Landesverein vor, einige der besten Arbeiten gegen Bezahlung zu -veröffentlichen. - - Dresden-A. im Juli 1921 - Schießgasse 24. - - Landesverein Sächsischer Heimatschutz - Abteilung ~C~ Naturschutz - - - - -Vom Wandern und Weilen im Heimatland - -Von =Gerhard Platz= - -Dresden 1920 - -des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz Heimatbücherei - -Band I - -320 Seiten -- Großoktav - -_Vorzugspreis für Mitglieder des Landesvereins Sächs. Heimatschutz -M. 12.--_ - -Seit vielen Jahren ist _Gerhard Platz_ unser treuer Mitarbeiter. Fast -in keinem Mitteilungshefte fehlte sein Name. Zahlreiche Zuschriften -aus unserem Mitgliederkreise zeugen von der Liebe und Verehrung, die -er sich in unserem Kreise erworben hat. Oft hören wir: Mit Platz -möchten wir wandern. So ist es verständlich, daß wir in dem ersten -Band unserer Heimatbücherei ihn zu Worte kommen lassen. Seine besten -Heimatschilderungen sind hier vereinigt. Das Buch ist nur noch in -wenigen Stücken vorhanden. - - -Landesverein Sächsischer Heimatschutz - -Dresden-A., Schießgasse 24. - - -Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-A. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die - Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. - - Korrekturen: - - S. 182 Tirbler → Tribler - in dem {Tribler} Bach gewesen - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LANDESVEREIN SÄCHSISCHER -HEIMATSCHUTZ -- MITTEILUNGEN BAND X, HEFT 7-9 *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. 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font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of <span lang='de' xml:lang='de'>Landesverein Sächsischer Heimatschutz -- Mitteilungen Band X, Heft 7-9</span>, by Landesverein Sächsischer Heimatschutz</p> -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and -most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you -are not located in the United States, you will have to check the laws of the -country where you are located before using this eBook. -</div> -</div> - -<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: <span lang='de' xml:lang='de'>Landesverein Sächsischer Heimatschutz -- Mitteilungen Band X, Heft 7-9</span></p> -<p style='display:block; margin-left:2em; text-indent:0; margin-top:0; margin-bottom:1em;'><span lang='de' xml:lang='de'>Monatsschrift für Heimatschutz und Denkmalpflege</span></p> -<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Landesverein Sächsischer Heimatschutz</p> -<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Release Date: January 16, 2022 [eBook #67178]</p> -<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Language: German</p> - <p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em; text-align:left'>Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</p> -<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>LANDESVEREIN SÄCHSISCHER HEIMATSCHUTZ -- MITTEILUNGEN BAND X, HEFT 7-9</span> ***</div> - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt. -Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>. -Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>. -</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich -am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p> -</div> - -<div class="figcenter illowp60" id="cover"> - <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="Cover" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="h2"> -Landesverein Sächsischer<br /> -Heimatschutz</p> -<p class="center">Dresden</p> -<h1>Mitteilungen<br /> -Heft<br /> -7 bis 9</h1> - -<p class="center">Monatsschrift für Heimatschutz und Denkmalpflege</p> - -<p class="center">Band X</p> - -<div class="blockquot"> - -<p class="noind"><em class="gesperrt">Inhalt</em>: -<a href="#Das_alte_Land_im_jungen_Lenz">Das alte Land im jungen Lenz</a> – -<a href="#Wehrkirchen_im_Leipziger_Land">Wehrkirchen im Leipziger Land</a> – -<a href="#Es_braucht_nicht_Stein_zu_sein">Es braucht nicht Stein zu sein</a> – -<a href="#Der_Steinerne_Frosch_bei_Miltitz">Der »Steinerne Frosch« bei Miltitz</a> – -<a href="#In_eigener_Sache_ein_letztes_Wort">In eigener Sache ein letztes Wort</a> – -<a href="#Der_betende_Berg">Der betende Berg</a> – -<a href="#Der_unzufriedene_Papierkorb">Der unzufriedene Papierkorb</a> – -<a href="#Die_Haustreiberei_eine_aussterbende_Heimarbeit">Die Haustreiberei, eine aussterbende Heimarbeit in der südlichen Oberlausitz</a> – -<a href="#Die_Schellente_im_Moritzburger_Teichgebiet">Die Schellente im Moritzburger Teichgebiet</a> – -<a href="#Das_Triebelbachtal">Das Triebelbachtal</a> – -<a href="#In_Guteborn">In Guteborn</a> – -<a href="#Loens_als_Jaeger">Löns als Jäger</a> – -<a href="#Buecherbesprechung">Bücherbesprechungen</a> – -<a href="#Verschiedenes">Verschiedenes</a></p> -</div> - -<p class="center">Einzelpreis dieses Heftes M. 5.–, Bezugspreis für einen Band (aus 12 Nummern -bestehend) M. 15.–, für Behörden und Büchereien M. 10.–. Mitglieder erhalten -die Mitteilungen kostenlos, <em class="gesperrt">Mindest</em>jahresbeitrag M. 10.–</p> - -<p class="center">Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24</p> - -<div class="smaller p2"> -<div class="bleft"> -Postscheckkonto: Leipzig 13 987, Dresden 15 835 -</div> -<div class="bright right"> -Stadtgirokasse Dresden 610 -</div> -</div> - -<p class="center">Dresden 1921</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="An_unsere_verehrten_Mitglieder">An unsere verehrten Mitglieder -und Freunde!</h2> -</div> - -<p>Wir legen diesem Hefte die Zahlkarte zur Begleichung des Mitgliedsbeitrages -für 1921 bei, sofern dies noch nicht geschehen ist. Der <em class="gesperrt">Mindest</em>beitrag ist auf -M. 10.– für Einzelmitglieder, auf M. 40.– für körperschaftliche Mitglieder festgesetzt. -Diese Beträge decken noch nicht unsere Unkosten für unsere Veröffentlichungen -und sind nur um deswillen so unzeitgemäß niedrig festgesetzt, um allen unseren -Volksgenossen, auch den Minderbemittelten, sowie Schülern, die nur ein geringes -Taschengeld haben, den Eintritt in die sächsische Heimatschutzbewegung zu ermöglichen.</p> - -<p>Wir geben jährlich zwölf Nummern unserer »Mitteilungen« in vier Heften -heraus, die zusammen 270 Seiten mit weit über 100 Abbildungen aufweisen. Diese -Veröffentlichungen einschließlich der zwanglos erscheinenden »Heimatschutz-Nachrichten« -kosten uns heute unter Berücksichtigung der neuen Teuerungswelle selbst jährlich -M. 20.– Dennoch kann keine sächsische Heimatzeitschrift in gleichem Umfange -und in gleicher Ausstattung für einen solchen Preis <em class="gesperrt">bei freier Postzustellung</em> -geschaffen werden.</p> - -<p class="s90">An alle unsere Mitglieder richten wir die herzliche Bitte, in Berücksichtigung -des oben Gesagten</p> - -<p class="center larger"><span class="u">den Jahresbeitrag freiwillig zu erhöhen</span></p> - -<p class="s90 noind">und dadurch unserem Verein weiterhin das Dasein in der wirtschaftlich schweren Zeit -zu erleichtern und unsere Kasse vor Fehlbeträgen zu schützen.</p> - -<p><b>Auch an alle diejenigen, die ihre Beiträge bereits gezahlt -haben, richten wir die Bitte, unsere Mittel durch einen weiteren -freiwilligen Beitrag zu stärken.</b></p> - -<p>Wir werden weiter für den Schutz der mit unserem Vaterlande unzertrennlich -verbundenen Heimat und Natur eintreten; denn ohne unsere Flüsse und Seen, -ohne unsere Täler und Berge, ohne unsere Ebenen, Wiesen und Felder, ohne unsere -Tier- und Pflanzenwelt wäre unser Vaterland eben nicht unser geliebtes Sachsenland. -Wir haben alle Ursache, gerade in der jetzigen Zeit alles zu tun, um unserem -Vaterlande durch Erhaltung seiner Schönheiten, seiner Sitten und Gebräuche und -seiner Lebewesen seine geschichtlich gewordene Eigenart zu bewahren und es damit -als unsere wahre teure Heimat zu erhalten.</p> - -<p>Wir bitten alle unsere Mitglieder und Freunde herzlich, auch in dieser Zeit, -die durch die neue Teuerungswelle für uns verschärft wird, treu zu uns zu stehen -und uns nach Kräften zu helfen. Wir werden dieser Hilfe dankbar sein und den -Landesverein Sächsischer Heimatschutz weiter ausbauen zu einer Volksbewegung, -die alle Kreise umfassen und das köstlichste Gut, das wir besitzen: Unsere Heimat -schützen soll.</p> - -<p> -<b>Dresden</b>, im September 1921</p> - -<p class="mright larger"> -Landesverein Sächsischer Heimatschutz -</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[133]</span></p> - -<div class="bleft"> -Band X, Heft 7/9 -</div> -<div class="bright"> -1921 -</div> - -<div class="figcenter" id="illu-003"> - <img class="w100" src="images/illu-003.jpg" alt="" /> - <div class="caption"><span class="larger"><b>Landesverein Sächsischer<br /> -Heimatschutz<br /> -Dresden</b></span></div> -</div> - -<p class="center">Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern durch den Vorstand -herausgegeben</p> - -<p class="center">Abgeschlossen am 1. Juli 1921</p> -<hr class="chapter x-ebookmaker-drop" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Das_alte_Land_im_jungen_Lenz">Das alte Land im jungen Lenz</h2> - -<p class="center">Eine Osterfahrt in die Bergstädte des westlichen Erzgebirges</p> - -<p class="center">Von <em class="gesperrt">Gerhard Platz</em>, Weißer Hirsch</p> -</div> - -<p>Gerade blick’ ich mich ein wenig ratlos um in der Gegend, da springt hinterm -Dornbusch ein Handweiser hervor, so ein guter alter weiß und grüner, mit fünf -feierlich gespreizten Fingern. »Nach Schneeberg,« sagt er, »eine Wegstunde.«</p> - -<p>»Sei mir bedankt, alter Gesell, und laß dir die dürren Knöchel drücken, du -kamst mir zupass! – – Ach so, kannst nicht herablangen zu mir und ich nicht -hinauf zu dir – nun, meinen Dank nimmst du auch so!« Und damit wandre ich -fürbaß, bis auf der Kuppe droben die St. Wolfgangskirche emporragt über sonnenblitzenden -Schieferdächern, gelehnt an den bewaldeten Gleesberg.</p> - -<p>Wie tut mir die Einsamkeit wohl. Stundenlang im Bahnwagen nichts gehört -als Politik – und was für welche! Du lieber Gott, wann wird einmal der -Frieden einziehen in die deutschen Herzen? Und dabei ist heute Karfreitag – die -Stunde schon da, da der Herr ans Kreuz geschlagen ward. Leid tat mir’s nur -um das Knäblein, das der hitzigste von den Politikern bei sich hatte. Immer -wieder machte das den Versuch, dem Vater die Enten im Bach, die Narzissen im -Garten, das Fohlen auf der Wiese zu zeigen. Nichts half’s ihm! Wie eine trübe -Flut quoll der Haß aus dem Manne heraus. – Ängstlich und verständnislos hingen<span class="pagenum" id="Seite_134">[134]</span> -des Kindes Augen an seinen Lippen, bis ich mich des Kleinen erbarmte und mich -mit ihm um die Wette freute am jubelnden Lenzmorgen draußen. –</p> - -<p>Nun bin ich allein mit Lerche und Bergwind und freue mich dankbar jedes -der ersten kleinen Frühlingsboten. Der Zitronenfalter, die Dotterblume, die grünen -Grasspitzen dort – jedes einzelne ein Bote der Liebe an unsre haßerfüllte Welt.</p> - -<p>Kuppe auf geht’s, Kuppe ab; über die Mulde und dann wieder eine Lehne -hinan. Auf der letzten Höhe aber mache ich erst einmal Halt am sonnigen Feldrain. -Der Rucksack tut sich auf und gibt die guten Dinge heraus, die daheim ihm -anvertraut wurden. Brot, Wurst, die zwei Ostereier, eines rot, gelb das andere, -liegen lieblich vereint auf dem Wettermantel, und dann kommt das Weidmesser -heraus, das mich getreulich auch auf diese gänzlich unweidmännische Fahrt begleitet, -und fährt hinein in all diese Pracht. – Stark und sicher thront vor mir die Stadt -Schneeberg auf ihrer Höhe; mit Freude versenkt sich der Blick in das kraftvolle -Bild. – Jetzt noch ein Trunk aus dem Bächlein, und vergnügt beschließe ich das -Mahl, für das mir das deutsche Gärungsgewerbe freilich keine Anerkennungsurkunde -ausstellen wird. Dann stehe ich am Fuße des Schneebergs, dessen Kirche -immer riesenhafter herauskommt. Direkt in den weißblauen Himmel hinauf scheint -der Turm mit seiner überraschend zierlichen Krönung zu wachsen. Schon beim -Betreten der Stadt springen mir allerhand Spuren ihrer bergmännischen Vergangenheit -ins Auge, und als ich nun sonnedurchglüht am Rande des weiten Wasserbeckens -auf dem Fürstenplatz unterm Kastanienring raste, da macht sich der -Geist der Vergangenheit auf, und ich muß ihm nachgehen, denn dann erst spricht -die Heimat mit mir von Herzen zu Herz.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-004"> - <img class="w100" src="images/illu-004.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 1 <b>Schneeberg, Gesamtansicht</b> (Phot. <em class="gesperrt">Emil Maaß</em>, Schneeberg)</div> -</div> - -<p>Schneeberg – wie weit erscholl einst dein Ruhm hinaus in das deutsche Land! -Wie warst du der Augapfel deiner Landesherren, der Stolz des sächsischen Volkes. -Wer in deine Geschichte sich versenkt, vor dem steigt es abenteuerlich und wild -empor. Ein Bergwall von fast unüberschreitbarer Wildnis; ein Urwald, drin -Bär, Wolf und Luchs hausen, drin am vermorschten Eichstumpf der Jungbaum<span class="pagenum" id="Seite_135">[135]</span> -emporsteigt ans Licht, drin faulenden Holzes fahler Schimmer und des Irrlichtes -tückisches Lämpchen den Wandrer erschrecken, düstert vor seinem Auge hinan. -Mitten aber in dieser Wildnis schießt plötzlich ein Gemeinwesen empor mit einer -Wucht und Schnelligkeit, die wir Menschen der Neuzeit nur mit der Entwicklung -eines amerikanischen Goldgräberlagers vergleichen können.</p> - -<p>Ja, mit »reißender Gewalt« hebt sich der Bergbau im Jahre 1472, seitdem -man zwei Jahre vorher fündig geworden. Zwickauer sind die ersten Gewerken, -aber auch aus allen anderen Gegenden des Reiches strömen die Bergbaulustigen -herbei, mancher Abenteurer darunter. Reich werden um jeden Preis ist die Parole. -Genug solche sind auch dabei, denen das gewonnene Silber zwischen den -Fingern zerrinnt; ein Prasserleben hebt an im Gefolge der Arbeit. Für Schwächlinge -und Muttersöhnchen ist’s freilich nichts, das Leben im Berglager. Wen hier -der graue Wächter, die scharfe Seitenwehr, nicht bewacht, um den ist’s übel bestellt. -Überfälle auf Schmelzhütten und Zechen sind an der Tagesordnung. Vor jeder -Grube stehen Geharnischte auf Posten.</p> - -<p>Aber bald beginnt das zuchtlose Toben und Treiben sich zu legen, gelenkt und -gebändigt durch Obrigkeit und Bergrecht. Auch im Äußeren zeigt sich nun Ordnung -und Norm. Die Zechen werden mit einer Einfriedigung versehen in Form eines -hölzernen Schrankens um den ganzen Berg herum. Ist so ein Schutz vor Räubern -in menschlicher und tierischer Gestalt geschaffen, so droht doch noch andauernd eine -andere furchtbare Gefahr in Gestalt der rasenden Waldbrände. Einmal lodert der -böhmische Wald vierzehn Tage lang ohne Aufhören gen Himmel. Aus den Holzschranken -wird bald ein fester Wall von der Gestalt, »wie man ein Hertze pfleget -zu mahlen«. Sechsundfünfzig Zechen allein liegen anno 1474 innerhalb der Umzäunung; -mit denen, die draußen sind, hundertsechsundsiebzig an Zahl! Und all’ -diese ungeheure Entfaltung im Laufe von fünf Jahren.</p> - -<p>Rückschläge bleiben nicht aus. Das Wasser vor allem macht den Bergleuten -zu schaffen, denn die Gruben gehen gar bald sehr in die Tiefe. Aber schon 1477 -blüht der Bergbau wieder empor. In diesem Jahre gibt der St. Georgschacht -4000 rheinische Gülden als Ausbeute auf einen Kux. Auf dieser Zeche ist’s, wo -Albrecht der Beherzte am 23. April gleichen Jahres an einer Erzstufe von -400 Zentnern Gewicht, die fast ganz aus gediegenem Silber besteht, einen Imbiß -einnimmt. Dieser Fürst besonders hält alle Hände über den Schneeberg. Woher -sollt’ er die Mittel zu seinen zahlreichen Kriegszügen nehmen, wenn nicht aus -den Gruben hier oben? Da kommt das Jahr 1490; eine Schreckenszeit für -die junge Stadt. Fast alle Zechen müssen Schicht machen wegen des Wassers. -Das Elend ist groß. In Scharen wandern die Knappen ab nach dem Schreckenberg, -wo man eben fündig geworden ist, und wo St. Annenberg emporblüht. -Die zurückbleibenden Häuer werden unzufrieden und schwierig. Gewalttaten gegen -Bergmeister und Geschworene fallen vor, und 1496 ist er da, der erste Streik! -Noch gelingt es, den friedlich zu schlichten, aber zwei Jahre darauf erfolgt der -zweite Ausstand. Sogar die Häupter und die Jungen müssen mit ins verschanzte -Lager der Bergleute auf dem Wolfsberg. In Kochstücke will man sie zerhauen, -wenn sie nicht mittun.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_136">[136]</span></p> - -<p>Aber von neuem bietet der Berg schier unerschöpfliche Schätze dar. Die -Unzufriedenheit schwindet, der Häuerlohn berechtigt wieder zu Lebensgenuß und -reichlichem Haushalt. »Ausbeut hat man auch geben – Auff St. Jörgen in -Schneebergk zwahr – Mehr denn dreißigtausend Gülden – Auff einen Kux fürwahr« -rühmt der Bergreihen. Da fängt die Kunst an, sich dem Wohlstand zu -verschwistern. Zunächst in unbeholfener Form, in der Gestalt von Volksfesten mit -geistlichen Schauspielen, die alle sieben Jahre mit großer Pracht aufgeführt werden. -Freiberg, die alte, die reiche, geht schon lange darin mit gutem Beispiel voran. -Einmal führen dort die Knappen auf offnem Markt an den drei Pfingsttagen die -biblische Urgeschichte auf, den Fall der Engel und die Schöpfung der Welt bis zur -Austreibung aus dem Paradies. Gott Vater, Gabriel, Michael, Satan, Adam und -Eva, sechs gutgeratene, sechs mißratene Söhne Adams sind die handelnden Personen. -Herzog Georg mit seinem ganzen Hofstaat ist andächtiger Zuschauer. – In Zwickau -findet ein paar Jahre darauf eine Belustigung statt vor Johann dem Beständigen, -deren Verlauf folgender ist:</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-006"> - <img class="w100" src="images/illu-006.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 2 <b>Schneeberg, Alte Polizeiwache und Hospitalkirche</b><br /> -(Phot. <em class="gesperrt">Emil Maaß</em>, Schneeberg)</div> -</div> - -<p>Zunächst wird aufgeführt die Komödie des Terenz »Der Eunuch«. In den -Zwischenakten dieses Stückes gibt man zur Erheiterung des Publikums: »Wie sich -sieben Weiber um einen Mann zanken und schlagen«; und darauf: »Wie sieben -Bauernknechte um eine Magd gefreiet haben.« All das geht zierlich und wohl<span class="pagenum" id="Seite_137">[137]</span> -vonstatten. – Hierauf prellen zweiundzwanzig Fleischhauer einen vermummten -Menschen auf einer Kuhhaut. Dann halten vierundzwanzig Knappen den Schwertertanz -ab, der von den Hallstädter Salzknappen auch ins Erzgebirge gekommen ist. -Als dies vorüber, erscheinen achtzehn Männer, wunderlich gekleidet, »daß sie -als Störche anzusehen«, und lesen mit den Schnäbeln Nüsse auf, die ihnen ausgestreut -werden. – Glückliche Kinderzeit unsres Volkes!</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-007"> - <img class="w100" src="images/illu-007.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 3 <b>Schneeberg, Altes Patrizierhaus am Hopfenmarkt</b><br /> -(Phot. <em class="gesperrt">Emil Maaß</em>, Schneeberg)</div> -</div> - -<p>Doch weiter schreitet das Sehnen nach etwas, das den Menschen in höherem -Sinne freimacht und loslöst von des Alltages Schaffen und Sorgen auch in den -Kreisen der Schneeberger. Der Bergsegen drängt die reichen Fundgrübner dazu, -etwas wirklich Großes zu schaffen. Glaubensinnigkeit und die dem gefahrvollen -Bergmannsberuf eigene Frömmigkeit tun das weitere. Eine Kirche wollen sie -bauen zu Ruhm und Ehr der heiligsten Mutter und zum Preise St. Wolfgangs. -Im Jahre 1515 wird auf den Grundmauern der ersten abgebrannten Kirche der -Bau des neuen Gotteshauses begonnen. Der in Kursachsen hochberühmte Hans -von Torgau wird der Meister des Baues, derselbe, der schon an der Albrechtsburg -sich die Sporen verdient hat in der Reihe der Gesellen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_138">[138]</span></p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-008"> - <img class="w100" src="images/illu-008.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 4 <b>Schneeberg, Fürstenplatz</b> (Phot. <em class="gesperrt">Emil Maaß</em>, Schneeberg)</div> -</div> - -<p>Langsam nur schreitet das Werk vorwärts. Erst 1540 kann Fabian Lobwasser -den Bau vollenden. Aber was dann zum glücklichen Ende gebracht, das ist etwas, -das zu dem wirklich Großen, nicht nur im äußeren Maßstab, gehört.</p> - -<div class="figcenter illowp60" id="illu-009"> - <img class="w100" src="images/illu-009.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 5 <b>Schneeberg, Aus dem Anhang. Turm der St. Wolfgangskirche</b><br /> -(Phot. <em class="gesperrt">Emil Maaß</em>, Schneeberg)</div> -</div> - -<p>Zu der St. Wolfgangskirche ist jetzt nach der Rast auch mein erster Gang. -Im köstlichsten Sonnenschein liegt der gewaltige Bruchsteinbau vor mir. Zur -Seite des Turmes, der, noch vom ersten Kirchenbau übernommen, sich unregelmäßig -vor das Langhaus legt, blüht ein Kornelkirschbaum in voller Pracht. Ungehindert -kann das liebe Sonnenlicht auch in das Innere der Kirche dringen. St. Wolfgang -ist eins von den bei uns nicht seltenen Gotteshäusern, die noch in den Formen -später Gotik, nicht mehr aber in ihrem Geiste erstanden sind. Ganz auf den -Gemeindegottesdienst ist der weite, dreischiffige Bau zugeschnitten. Groß muß -die Teilnahme am Werk im ganzen Lande gewesen sein. Man darf namentlich -wohl annehmen, daß Luther und Melanchthon um ihren Rat angegangen worden -sind, als es galt, das neue Haus mit auserlesenen Werken der Malerei zu -schmücken. – Wo hätten die Zeitgenossen wohl besser ihre Blicke hinlenken -können, als nach Wittenberg, des frommen Lukas Cranach Heimstätte? Was uns -der Meister hier in St. Wolfgang hinterlassen hat in seinem berühmten Altarwerk, -das gehört zu dem Schönsten mit, was er je geschaffen. Nicht mehr als ein einheitliches -Ganze freilich stellt sich heute das Altarwerk dar. Die Kaiserlichen haben -die Tafeln im Jahre 1632 geraubt und nach Prag entführt. Erst siebzehn Jahre -später gelang es den unermüdlichen Bemühungen der Bürgerschaft, sie wieder zurückzubekommen. -Heute prangt die große Kreuzigungsgruppe in einem Barockaltar<span class="pagenum" id="Seite_140">[140]</span> -für sich allein. Aber sie ist auch nicht das Schönste – bei weitem nicht! Der -Ruhm gebührt unstreitig der herrlichen Tafel mit der Darstellung des Abendmahls, -der Predella! Lange kann ich den Blick nicht wenden von den herrlichen deutschen -Männerköpfen, die der Meister seinen Aposteln verliehen; sicherlich Bildnissen von -Schneeberger Bürgern, wohl auch seiner selbst. Zart und morgenländisch fremd -hebt sich der Heiland heraus aus der Schar der Tischgenossen. Eben reicht er mit -der edelgeformten Hand dem Judas den Bissen. Der sitzt da als ein roter, derber -Rüpel, dem Beschauer den Rücken kehrend; schon im Äußern gekennzeichnet als -der Erzbösewicht. Befremdlich, und doch auch wieder so verständlich im Wesen der -Entstehungszeit des Bildes wirkt der aus der Weinkanne trinkende Jünger am -Fuße der Tafel im Gegensatz zur ehrbaren Würde der Mitapostel. Mit seinem -starken fleischigen Doppelkinn, in seiner alles vergessenden Hingabe an den Genuß -des Tischtrunks fällt er beträchtlich aus ihrem Kreise heraus. Ist’s wohl eine der -Klerikergestalten, mit denen Reformation und Kirchenvisitationen damals rasch und -gründlich aufräumten? – Im herrlichen Akkord rollt von oben her das Geläut -der Glocken durch den Raum, wie ich aus dem Halbdunkel bei den wunderbar -schönen Grüften hervortrete und dem Ausgang mich zuwende, um noch ein wenig -das Stadtbild auf mich wirken zu lassen.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-010"> - <img class="w100" src="images/illu-010.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 6 <b>Schneeberg, Filzteich</b> (Phot. <em class="gesperrt">Emil Maaß</em>, Schneeberg)</div> -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_141">[141]</span></p> - -<p>Von Häusern aus der ältesten Zeit finde ich nichts mehr, dafür aber erfreuen -mich viele wunderschöne Bauten aus dem 18. Jahrhundert. Sie vor allem geben -der Stadt das Bild der Vornehmheit, der Wohlhabenheit, das sie unstreitig entfaltet. -Eine Erinnerung übrigens aus dem genannten Jahrhundert bewahrt Schneeberg -in sich, voll wehmutsreich inniger Bedeutung für alle, die mit unseres Volkes -geistiger Vergangenheit vertraut sind. Im August des Jahres 1786 standen sich -hier zwei Menschen auf Jahre hinaus das letztemal gegenüber, aus deren Herzensbund -die reinsten, zartesten Blüten entsprossen sind – Goethe und Charlotte von Stein! -Von Karlsbad aus, wo er mit seinem Herzog und Steins zur Kur weilte, hatte -Goethe die Freundin, die nach Weimar zurückkehrte, bis Schneeberg geleitet. Nach -einigen Tagen des Verweilens in der alten Bergstadt ging der Dichter nach Karlsbad -zurück, um am 3. September frühmorgens um 3 Uhr sich von dort »fortzustehlen«, – -südwärts, dem Land seiner Sehnsucht entgegen. –</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-011"> - <img class="w100" src="images/illu-011.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 7 <b>Rotes Pochwerk, Neustädtel</b> (Phot. <em class="gesperrt">Emil Maaß</em>, Schneeberg)</div> -</div> - -<p>Was diesem letzten Beisammensein der Freunde den ihm eigenen, wehmütigen -Schimmer verleiht, ist das wohl in beider Herzen damals zur Gewißheit gewordene -Gefühl, daß Glück und Leid der letzten elf Jahre sich unaufhaltsam ihrem Ende näherten. -Müde war die Sehnsucht geworden, die doch nur in völliger Verbindung hätte -Erfüllung finden können – und als Goethe 1788 wieder in Weimar eintraf, da -war der edlen Rose Zauber verblichen. An seinem Wege aber sah der Dichter das -Blümchen stehn – wie Sterne leuchtend, wie Äuglein schön – – Christiane Vulpius -trat in sein Leben.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-012a"> - <img class="w100" src="images/illu-012a.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 8 <b>Siebenschlehner Pochwerk, Neustädtel</b> (Phot. <em class="gesperrt">Emil Maaß</em>, Schneeberg)</div> -</div> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-012b"> - <img class="w100" src="images/illu-012b.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 9 <b>Gesellschaft Fundgrube, Neustädtel</b> (Phot. <em class="gesperrt">Emil Maaß</em>, Schneeberg)</div> -</div> - -<p>In der dritten Stunde des Nachmittags dann sitze ich auf einsam alter Halde -hoch über Neustädtel, der älteren Schwesterstadt Schneebergs und blicke hinaus in<span class="pagenum" id="Seite_143">[143]</span> -das weite Gefilde, das noch von unzähligen Spuren des Bergbaus bedeckt ist. Lautlos -liegt die Natur – ein wehmütig Bergglöckchen nur klingt hier und da leise herauf. -Groß und finster schiebt sich ein Wolkenschatten über die eben noch lachende Flur – -einen fremden, fast krassen Ausdruck zeigt auf einmal das haldenzerrissene Land. -Da greift auch mir der furchtbare Ernst der Stunde ans Herz, der letzten, da unser -Heiland am Kreuze rang. Schwer atmend liegt das Gefilde zu meinen Füßen. – -Ja, es ist finster. Schon ist er verklungen, der furchtbare Schrei der Gottverlassenheit; -nun Stille – Stille. Da endlich, gestärkt durch den Essigtrank, die -hallende Stimme vom Kreuze: »Es ist vollbracht.« Von St. Wolfgang herüber -schlägt’s drei. – – –</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-013"> - <img class="w100" src="images/illu-013.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 10 <b>Hutstube im Huthause zur Gesellschaft Fundgrube bei Neustädtel</b><br /> -(Phot. <em class="gesperrt">Emil Maaß</em>, Schneeberg)</div> -</div> - -<p>Dann ist ein Tönen über das Land um den Schneeberg! Die Glocken alle -rollen zusammen im starken, siegreichen Takt. Kindlich lallend fällt in den gewaltigen -Baß der Hauptkirche das Glöckchen von Neustädtel, und jetzt ein Lerchenlied! Nicht -eins nur; zwei, drei jubelnde Sänger steigen empor. Der Schatten ist vorübergezogen, -fröhlich springt auf dem leuchtenden Saatfeld ein Häslein dahin – ist’s -nicht, als wollt’ auch die Kreatur jubilieren über den Sieg, der eben geschah? -Zu meiner Linken flimmert’s im Grase. Mechanisch greif ich dorthin und hab’ -eines jener Steingebilde in der Hand, das eine kleine Welt für sich darstellt, mit -Kristalltürmen und Grotten und Tropfsteinhöhlen – ein Stücklein Gestein, wie es<span class="pagenum" id="Seite_144">[144]</span> -der alte Eigenlöhner vor hunderten von Jahren hier auf die Halde gestürzt. Dann -greif’ ich zum Stabe und ziehe die Höhe hinan, an Weißer-Hirsch-Fundgrube, an -Siebenschlehn und Sauschwart vorbei und wie die alten treuherzigen Bergnamen -alle heißen. Ganz oben, dort wo dereinst die Knappschaftskapelle der heiligen -Anna gestanden und wo 1830 das edle Denkmal zur Erinnerung an die dritte -Wiederkehr der Augsburgischen Konfession errichtet ward im Geiste des Berghauptmanns -von Herder, dreh’ ich mich um, und wie ich das prachtvolle Bild von -Schneeberg und Neustädtel zu meinen Füßen erblicke, da muß ich im Geiste mit -einstimmen in den alten Bergreihen, der so stolz anhebt:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Den Schneebergk wöllen wir preysen</div> - <div class="verse indent0">Über andre Bergkstedt all.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-014"> - <img class="w100" src="images/illu-014.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 11 <b>Geyer, Laurentius-Kirche mit Wachturm</b><br /> -(Phot. <em class="gesperrt">B. Zillessen</em>, Bautzen)</div> -</div> - -<p>Nur ein paar Schritte ist’s noch von hier aus zum Filzteich. Das ist ein -gewaltiger Stausee, der schon 1485 zum Segen des Bergbaus entstand. Eine innig -verklärte Abendstunde ist mir hier noch beschieden auf breiter Dammkrone und -weiter hinten, wo der Boden unterm Fuße zu federn anhebt, wo niedrige Kiefern und -üppiges Preiselbeerkraut wachsen, wo lange hellgrüne Pflanzensträhne übers Wasser -sich hinziehen, wo der »Filz« anhebt, das Hochmoor mit seinem regen Vogelleben -jetzt zur Entenreihzeit. Noch unterm Halbschlaf im Gasthaus zu Aue hör’ ich die -Enten über mich wegklingeln, der purpurnen Abendsonne entgegen. – –</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-015"> - <img class="w100" src="images/illu-015.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 12 <b>Der Gebirgskamm von der Wolkensteiner Straße in Geyer aus gesehen</b><br /> -(Phot. <em class="gesperrt">Max Nowack</em>, Dresden)</div> -</div> - -<p>Donnernd poltert die Mulde in Aue unter der Brücke dahin, und weißbereift -sind die Wiesen ringsum, wie ich in der Frühe des Ostersonnabends meinen Weg -wieder unter die Füße nehme. Viel besser gefällt mir in der fröhlichen Morgensonne -die betriebsame Stadt, als am Abend vorher. Freilich, Idyllisches aus alter -Zeit bietet sich hier, dem flüchtigen Besucher wenigstens, nicht mehr dar. Und doch -wird mir gerade in Aue ein besonders schönes Stündchen der Erquickung. Wie ich am -Rathaus vorbeikomme, da fällt es mir ein, daß dort oben ein Freund aus der<span class="pagenum" id="Seite_145">[145]</span> -Jugendzeit als Stadtoberhaupt haust. Trotz der frühen Stunde zieh’ ich die Klingel -und lasse mich melden. »Hie mag nit sein ein böser Mut – wo da singen -Gesellen gut« geht mir’s durch den Kopf, als ich im Musikzimmer den aufgeschlagenen -Flügel und die Laute an der Wand betrachte. Und richtig, er ist der Alte geblieben, -der Freund aus fernen Jugendtagen. Trotz Amtesbürde und -würde noch dasselbe -begeisterungsfähige, jung gebliebene Herz; und ihm zur Seite die Hausfrau, eine -reichbegabte Malerin, deren Kunst sich jetzt zu unsrer Freude von der oberlausitzer -Heimatschilderung immer mehr zur Verherrlichung der erzgebirgischen Landschaft -wendet. Wunderbar gut tut das Stündchen Gegenwartskultur dem Wandrer auf -der Vergangenheit Spuren, der nun hinausschreitet, neuem Erleben entgegen. – Nahe -bei der Stadt Aue ward früher die kostbare weiße Erde gegraben, auf der die Güte -des Meißner Porzellans beruhte. Veit Hans Schnorr begann 1700 die bergmännische -Gewinnung des Stoffes, der bis dahin nicht weiter verwendet ward; -der höchstens dem Grundherrn der Gegend, einem von Rechenberg, zum Pudern -der Perücke gedient hatte. Erst als Böttger die rote Porzellanerde von Okrilla -zur Herstellung seines Steinzeugs verwendete, kam man hinter den Wert der weißen -Erde von Aue. Jeder private Porzellanerdeabbau, sowie die Ausfuhr derselben, ward -nun bei hoher Geldstrafe, später gar bei Strafe des Stranges, verboten. Noch ein -anderes Geschenk des heimischen Bergbaus ist der Landschaft zum Nutzen geraten. -Der einst so verachtete Kobalt, der »Silberräuber«, wie ihn die alten Gewerken -nannten, wenn sie ihn als wertlos auf die Halden warfen, ist der Vater der seit<span class="pagenum" id="Seite_146">[146]</span> -Jahrhunderten blühenden Blaufarbenindustrie. In alter Zeit betete man in den -Kirchen, Gott möge die Bergleute vor Kobalt und bösen Geistern behüten, bis zur -Zeit Kurfürst Augusts sein Wert erkannt war. –</p> - -<p>Hinauf nach Oberpfannenstiel hebt sich mein Weg. Ein gottesweltweiter Blick -tut sich vor mir auf, wie ich den prachtvollen Wald hinter mir habe. Nie -hätte ich so Schönes hier zu sehen erwartet. Verschwenderisch wird die Mühe des -Kletterns gelohnt. Freilich, dreihundertfünfzig Meter Steigung in einer Stunde -etwa, mit der Märzensonne auf der Winterjoppe, wollen verdient sein. Aber nicht -lange, und schon überfröstelt es mich bei aller Sonnenglut. Kurz vor Grünhain -bin ich nun doch richtig in die Schneeregion eingetreten. Allenthalben liegt der -graukörnige alte Feind an den Rändern und in den Hölzern. Von Süden winkt -gar der Fichtelberg mit großen weißen Lehnen.</p> - -<p>Grünhain, zwischen weiten sanften Matten, tut sich jetzt vor mir auf; ein paar -Wasserspiegel beleben das Bild. Von der ehemaligen reichen Zisterzienserabtei ist zwar -nicht viel mehr vorhanden an Baulichkeiten, aber einen Rastort voll herrlichen Friedens -umschließt die weite Klostermauer – das Wäldchen, drin noch die Spuren der -Klosterkirche zu sehen. Das Gotteshaus ist dahingesunken, aber ein ebenbürtiger -Dom von ragenden Buchen, Erlen und Tannen baut sich jetzt in den Himmel -hinauf. Keine Axt läßt der Herr Forstmeister, dem die Verwaltung hier obliegt, -an diesen Hain legen; nur was morsch ist und krank wird genutzt. Eine Vogelwelt -von seltener Reichhaltigkeit ist hier zu Hause; von allen Zweigen singt es und -klingt’s. Und noch eine Schar kleiner Geschöpfe, die auch nicht säen noch ernten, -hat hier ein schützendes Obdach gefunden vor den rauhen Winden dort draußen: -schwachsinnige Kinder sind in den Wirtschaftsgebäuden untergebracht. Allenthalben -sitzen sie im warmen Sonnenschein – auf der Mauer ein Mädel, in dessen Schoß -ein gleichaltriger Knabe den Kopf gebettet hat; selig und tief schläft er hier im -süßesten Frieden. Der freundliche Oberpfleger, nach seinen Schützlingen befragt, -schmunzelt behaglich. »Nicht wahr, Karle,« meint er zu einem gut genährt aussehenden -Burschen von etwa fünfzehn Jahren, »ganz brav sind wir alleweil, bloß die -Finger, o weh, die Finger; die sind immer gleich gar zu lang.« Übers ganze -Gesicht lachend bestätigt der Zögling dies Zeugnis.</p> - -<p>Das Kloster gehörte dereinst zu den reichsten im Lande. Eisen- und Kohlengruben, -die letzteren schon um 1450 ausgebeutet, waren sein eigen. Einen großen -Tag erlebte das Stift am 9. Juli 1455. Da waren die Sturmglocken über die -Berge gerauscht, denn auf dem Schloß zu Altenburg war eine unerhörte Tat geschehen. -Die beiden jungen Herren, Ernst und Albert, waren geraubt worden vom verwegenen -Ritter Kunz von Kauffungen. »Lieben getrewen, uns ist Cuntz und syne Helffers -in unser Schloß Altenburgk gestiegen und haben unsere beyden Söne, das Gott -geklaget sey, wegbracht.« Dieser Notruf des geängsteten Vaters fand im treuen -Volk allenthalben teilnahmsvollen Widerhall. Nach dem Gebirge hatten sich die -Räuber gewandt – und schon am Tage nach der Tat hatte man den von Kauffungen -fest. Noch steht im Klostergarten der Turm, darin er in des Abtes von Grünhain -Gewahrsam eine kurze Zeit gesessen haben soll. Am 14. Juli aber stand er bereits -vor den Geschworenen von Freiberg, wohin der Hochverratsfall gehörte, seit im<span class="pagenum" id="Seite_147">[147]</span> -Jahre 1294 Friedrich der Gebissene den dortigen Schöffen zugesichert hatte, daß sie -gewaltig sein sollten, sein Recht zu rügen und zu setzen. »Was blast dich Cuntz -für Unlust an, Daß du in’s Schloß nein steigest« sangen bald drauf die Bergleute -rundum. – Von 1536 ab stand das Kloster verlassen. Die Mönche wanderten -mit Urkunden und Schätzen ab nach Kaaden. Ein herrliches Stück aber ist von dem -ehemaligen Reichtum noch auf uns gekommen; der wundervolle Taufstein, der 1536 -nach Annaberg kam und dort in der großen Kirche aufgestellt ward (siehe O. E. -Schmidt »Annaberg«, Band IX, Heft 1–3 dieser Zeitschrift). –</p> - -<div class="figcenter illowp80" id="illu-017"> - <img class="w100" src="images/illu-017.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 13 <b>Kirche in Ehrenfriedersdorf</b><br /> -(Phot. <em class="gesperrt">Max Nowack</em>, Dresden)</div> -</div> - -<p>Und nun geht es wieder hinaus auf die Landstraße und das geheimnisvolle, -frohe Harren hebt wieder an, was einem die nächste Wegbiegung, was einem die -nächste Höhe bescheren wird. Daß ich’s gleich sage, die stille Freude an schönen -alten Gehöften, an stattlichen Gasthäusern aus guter alter Fuhrmannszeit, wie sie -im östlichen Erzgebirge und besonders am Fuße des Bergwalls noch zahlreich vorhanden -sind, ist dem Wandrer hier oben nicht mehr häufig beschieden. Zu sehr -hat die Industrie am Bilde der uralten Siedlungen genagt. Aber die Natur macht -alles wieder gut; sie ist so stark und groß gerade in diesem Teil des Gebirges, daß -sie sich einfach nicht tot machen läßt. Immer wieder versöhnt den Wandrer der -unsagbare Zauber des Fernblicks, das stille Raunen der Wälder, das Murmeln -der Bäche. Wie ein Silberband springt hier gerade der Oswaldbach unter meiner<span class="pagenum" id="Seite_148">[148]</span> -Straße hindurch in ein Wiesental von seliger Schönheit. Und was alle die Gasthäuser -heut morgen nicht vermocht haben, er läßt mich nicht vorbei, ich muß einkehren -bei diesem Wirte wundermild! – Hab’ Dank, heiliger Oswald, für den -Trunk, damit du den Pilger auch heut’ noch erquickst. –</p> - -<p>Gleich gibt es wieder etwas zur Freude. Da stehen im Moose verstreut in -gemessenen Zwischenräumen die Grenzsteine der Forstverwaltung. Aber hier sind -sie nicht nüchtern aus weißgekalktem Stein mit Ziffer und Krone gefertigt – vom -Alter grün gewordene Glimmerschieferplatten mit schön geschwungenen, rot nachgezogenen -Kurschwertern und altertümlichen Jahreszahlen aus dem achtzehnten -Jahrhundert stecken hier wie aus dem Waldboden selber entsprossen im Gras. Auf -der Höhe kommen jetzt die drei vulkanischen Tafelberge, der Pöhlberg, der Bärenstein, -der Scheibenberg mit seinem zerklüfteten Rande heraus; alle noch mit silberverbrämtem -Mantel über den Schultern.</p> - -<p>In Elterlein, wo ich am Wirtstisch mein Brot mit der Wurst würfle, kann -ich mich nicht enthalten, einem Mitgast mein Befremden über das ziemlich nüchterne -Bild des Marktes auszudrücken. »Ja, das is nu immer schon so gewesen,« entgegnete -der Wackre, was mich aber doch zu der Bemerkung veranlaßt, ich könne -nicht glauben, daß man zur Zeit, da sich die alten Nürnberger Elterleins hier des -Bergsegens erfreuten, schon derartig gebaut habe. Er gibt das denn schließlich -auch zu.</p> - -<p>Das nun kommende Wegstück zählt zu den eigenartigsten des ganzen Tagmarsches. -Die Landschaft schreit es nicht aus, was sie erlebt hat in der Jahrhunderte -Lauf. Starker, wohlgepflegter Fichtenwald geht stundenlang neben der -Straße her; aber hier und da gleitet der Blick über eine freie Fläche von so ausgesprochenem -Hochmoorcharakter, daß es dem aufmerksamen Beschauer klar werden -muß, welch ein Riesenwerk die Urbarmachung des Miriquidi darstellt. Sumpf -und Urwald – das war das Gebirge, ehe der Bergknappe hierher kam mit Axt -und Eisen, und in seinem Gefolge der Köhler mit Feuer und Schürbaum. »Es -grüne die Tanne, es wachse das Erz«, schon in dem alten Spruch ist die Untrennbarkeit -beider Berufe bescheinigt.</p> - -<p>Nicht eine Seele begegnet mir jetzt, nur der Specht kichert über mich hin, -und die Krähe ruft mir den rauhen Gruß zu. O Gottesgnade, wandern zu können, -stark und allein. Denn nur das ist die richtige Freude. Willst du so recht im -Buche der Natur lesen, dann ist leicht auch der vertraute Gefährte schon zu viel. -Im tiefsten Innern bleibt der Mensch allein; aber aus diesem tiefsten Innern -kommen dann auch die Stimmen, die nach dem Ewigen rufen in sehnender Stille.</p> - -<p>Auch Geyer, das mit seiner zerklüfteten Binge nun vor mir auftaucht, kann -auf bald ein halbes Jahrtausend Bergmannsdasein zurückblicken. Silber, Kupfer -und Zinn ward früh hier gefördert; aber 1476 wanderten viele der Knappen nach -dem Schneeberg ab und nach St. Annenberg. Geyersche Häuer sollen die ersten -Häuser von Annaberg gebaut haben.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-019"> - <img class="w100" src="images/illu-019.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 14 <b>Greifensteine</b> (Phot. <em class="gesperrt">Heinrich Wagner</em>, Ehrenfriedersdorf)</div> -</div> - -<p>Die Stadt ist mir wert der Erinnerung halber an einen Mann, den ich um -seines Werks willen liebe; den jeder lieben muß, der sich nur einmal mit Verständnis -in das herrliche alte Leipziger Rathaus versenkt hat. Hieronymus Lotter,<span class="pagenum" id="Seite_149">[149]</span> -der große Baumeister der sächsischen Renaissance, erwarb den Edelhof Geyersberg -im Jahre 1560. Sechs Jahre später errichtete er das neue Herrenhaus, den einzigen -nachweisbaren Privatbau von seiner Hand. Damals war der ruhmgekrönte Schöpfer -der Pleißenburg ein begüterter Mann. Als Hauptgewerke des Geyerschen Zinnwerkes -hielt er dreihundert Knappen in Lohn und Brot. 1567 schrieb er an die -Kurfürstin Anna, er habe ein ansehnlich Wohnhaus auf dem Geyersberg, und -lud die Herrschaft ein, das Jagdlager allhier zu halten. Offenbar kam der Kurfürst -von da an öfters zu seinem vertrauten Berater in baulichen Kunstfragen. Als -1568 die Pest übers Gebirge zog, verlangte er vom Rate zu Geyer, man solle den -Gottesacker aus der Nähe des Lotterhofes verlegen, da er dort zur Herberge sein -werde. – Mit dem Gefühl der Ehrfurcht, die einen an der Stätte ergreift, da ein -großer und guter Mensch einst gehaust hat, schau ich mich um in dem alten Hause, -das mir willig aufgetan wird. Reich und behaglich mag es gewesen sein zur Zeit, -da sein Erbauer hier weilte. Die schön kassettierte Decke im Erdgeschoß gibt davon -noch Zeugnis. Hier im kleinen Schreibstüblein war es, wo die Kurfürstin -den Meister zur Übernahme der Bauleitung auf dem Schellenberg überredete. Es -ist bekannt, daß der Bau der Augustusburg dem neunundsechzigjährigen Mann -kein Glück brachte. Kummer und Sorge erwuchs ihm aus dem neuen Amt. Er -starb, nicht mehr im frühern Wohlstand lebend, im Jahre 1581. In der St. Lorenzkirche<span class="pagenum" id="Seite_150">[150]</span> -zu Geyer vor dem Altar ward er begraben. – Diese ehemalige Kirchenfestung, -die noch heute ein Stück ihrer starken Schutzmauer und den gewaltigen -Wachturm als Erinnerung an drangvoll fährliche Zeiten aufweisen kann, enthält -in der Vorhalle ein herrliches Werk aus dem beginnenden sechzehnten Jahrhundert, eine -Ölberggruppe mit Christus und den schlafenden Jüngern von ergreifendem Kunstwert.</p> - -<p>So viele Bauwerke von Menschenhand habe ich nun auf meiner Reise gesehen, -daß ich mir’s nicht versagen kann, zum guten Ende noch nach einem Gemäuer zu -wandern, das nicht von Sterblichen erschaffen ward, das mit unwiderstehlicher -Urkraft aus dem Glimmerschiefer herausbrach in sieben gewaltigen Granitpfeilern. -Wie eine Zyklopenmauer leuchten die Greifensteine bei Ehrenfriedersdorf im späten -Nachmittagsschein in das Land hinaus. Tausende und aber tausende von Jahren -saust schon der Bergwind um die mächtigen Türme. Immer noch stehen sie trotzig -erhaben; was ist die lächerliche Spanne eines Menschenlebens für diese Zeugen -der Urzeit!</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-020"> - <img class="w100" src="images/illu-020.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 15 <b>Greifensteine</b> (Phot. <em class="gesperrt">Heinrich Wagner</em>, Ehrenfriedersdorf)</div> -</div> - -<p>Ein wenig ängstlich sehe ich nun doch nach der Uhr. In Thum unten wartet -meiner die Eisenbahn; den letzten Zug möcht’ ich nicht gern verpassen. Aber sieh -da, es bleibt mir nach hastigem Abstieg noch hinreichend Zeit, das freundliche -Städtchen ein wenig kennen zu lernen, bei dem am 15. Januar 1648 das letzte -Treffen im Dreißigjährigen Krieg auf sächsischem Boden vorfiel. Ein paar Monate<span class="pagenum" id="Seite_151">[151]</span> -später, als endlich die Friedensboten aus Osnabrück ins verwüstete deutsche Land -hinaustrabten, hielt ein Thumer Stadtkind den hochfeierlichen Dankgottesdienst im -schwedischen Lager. Tobias Clausnitzer war es, eines Kärrners Sohn, der als Feldprediger -im Heer Gustav Wrangels ritt und der uns eines der meistgesungenen -Lieder in unserm Landesgesangbuch geschenkt hat: »Wir glauben all an einen Gott.«</p> - -<p>Im stillen Frieden des Ostersamstags liegen die Täler, als ich im Bahnzug -der Welt wieder zueile. Die Vöglein schweigen im Walde – aber wartet nur, ihr -kleinen Sänger, morgen am hochheiligen Ostertage, sehr frühe ehe die Sonne aufgeht, -da werdet ihr geweckt werden vom jubelnden Tönen der Glocken auf allen -Türmen rundum, die die frohe Botschaft hinaustragen in alle Lande: »Christ ist -erstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.«</p> - -<div class="figcenter illowp60" id="illu-021"> - <img class="w100" src="images/illu-021.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 16 <b>Edelhof Alberode bei Aue</b><br /> -(Nach einer Zeichnung von Frau <em class="gesperrt">Gertrud Hofmann</em>, Aue)</div> -</div> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_152">[152]</span></p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-022"> - <img class="w100" src="images/illu-022.jpg" alt="" /> - <div class="caption"><b>Dorfkirchen in Groß-Storkwitz, Hirschfeld und Lausen</b></div> -</div> - -<h2 class="nobreak" id="Wehrkirchen_im_Leipziger_Land">Wehrkirchen im Leipziger Land<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a></h2> -</div> - -<p class="center">Von Dr.-Ing. <em class="gesperrt">Hubert Ermisch</em>, Leipzig</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Vgl. hierzu auch: <em class="antiqua">Dr.</em> Paul Zinck, Dorfkirchen im Leipziger Land im Kalender f. d. -Erzgebirge u. d. übrige Sachsen. 1919. – O. Gruner, Die Dorfkirche im Königreich Sachsen -und Beschr. Darstell. v. ält. Bau- und Kunstwerken i. Kgrch. Sa. Heft 16. Leipzig-Land. 1894.</p> -</div> -</div> - -<p>Wanderfahrten durch das Leipziger Land haben ihre eigenen Reize. Dem -sehenden Auge wird aus dem »öden Einerlei«, wie man es zu nennen pflegt, bald -eine charakteristische Landschaft. Überall offenbaren sich Naturschönheiten. Allerdings -Naturschönheiten anderer Art als wir sie im Gebirge finden oder an den schönen -Hängen der Elbe. Man darf keine Vergleiche aufstellen und muß die Naturschönheiten -der Ebene vielfach erst recht würdigen <em class="gesperrt">lernen</em>. Daß wir auf welthistorischem -Boden stehen, daß wir auf Schritt und Tritt erinnert werden an die -Stätten der Völkerkämpfe vieler Jahrhunderte, das erhöht noch die Bedeutung der -Leipziger Ebene. Wir stehen und wandern auf dem Schlachtfelde Mitteleuropas.</p> - -<p>Man wird meinen, auf einem Schlachtfelde sind bauliche Altertümer wenig -zu finden. Um so überraschter ist man über die Tatsache, daß in der Leipziger -Ebene eine reiche Fülle von baulich hochinteressanten Dorfkirchen zu finden ist.</p> - -<p>Wie kommt es, daß der zerstörende Fuß des Krieges an diesen Bauten -vorüberging ohne sie vom Erdboden verschwinden zu lassen? Einmal verdanken -wir das der massiven Bauart der Kirchen. Sie sind aus Feldsteinen oder aus -verputzten Ziegeln gebaut. Dann haben aber auch die Kriege der Vergangenheit -Halt gemacht vor der Heiligkeit der Kirche im Gegensatz zu den modernen Kriegen. -Die Kirchtürme wurden nicht als wichtige Beobachtungspunkte in die Luft gesprengt. -So hat die alte ehrwürdige Dorfkirche wohl oft ihr Dorf in Flammen aufgehen -sehen, sie selbst blieb aber erhalten. Ich möchte die Buschnaukirche bei Rackwitz -erwähnen. Sie liegt einsam auf ihrer Höhe zwischen den Kornfeldern. Das Dorf, -das zur Kirche gehörte, verschwand vom Erdboden, das Kirchlein überdauerte die -Jahrhunderte bis heute. Die Buschnaukirche ist allerdings eine Ausnahme, im -allgemeinen wurden die Dörfer wieder aufgebaut, wenn sich die Kirche erhielt. -Oft brannten die Kirchen aus, aber das Gehäuse erhielt sich. So sehen wir im<span class="pagenum" id="Seite_153">[153]</span> -Gegensatz zu andern deutschen Landschaften nur wenige Kirchen mit barockem -Äußeren, aber viele, die in ihrem Inneren barocken Ausbau erhielten. Der äußere -Bau ist meist noch der alte, schlichte, romanische, der in der gotischen Stilepoche -vielfach ausgebaut oder durch Anbauten erweitert wurde.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-023"> - <img class="w100" src="images/illu-023.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 1 <b>Kirche in Thekla</b> (Phot. <em class="gesperrt">Rob. Liep</em>, Leipzig)</div> -</div> - -<p>Die meisten Dorfkirchen im Leipziger Land liegen auf einem <em class="gesperrt">Hügel</em>, an -seinem Hange das Dorf. Kirche und Dorf werden in verschiedenartigste Beziehung -zueinander gebracht. Bald beherrscht die Kirche den Dorfeingang wie in Althen, -bald überragt sie inmitten der Gehöfte liegend, das Dorf, wie in Panitzsch. Die -Lage der Kirche auf einem Hügel erklärt sich dadurch, daß die ersten Kirchen -gleichzeitig mit den ersten Kolonistendörfern in der von Slawen bewohnten Ebene -entstanden. Man war in Feindesland. Die Kirche mit ihrem von Mauern -umfriedeten Kirchhof war eine dörfliche Burg, der letzte Zufluchtsort der Ansiedler -im Kampfe um ihr Dorf, und der Turm der Ausguck in unruhigen Zeiten. Die -Kirchenglocke wurde zur Sturmglocke, wenn Gefahr im Verzuge, so wie noch heute -die Glocke bei Feuersnot ihren Ruf erschallen läßt. Wir haben es also mit Wehrkirchen -zu tun, aber anders geformten als die bekannten von Großrückerswalde -und Lauterbach. Ich möchte sagen, daß die Wehrkirchen im Leipziger Land noch -ausgesprocheneren Defensivcharakter haben, als die genannten beiden. Wie bei der -Burg der Burgfried, so ragt hier der Kirchturm gedrungen, trotzig und fest über -Kirche und Friedhof. Betrachtet man die Türme, so sieht man, daß die Öffnungen -auf das allernotwendigste beschränkt wurden. Mauerschlitze, durch die die Armbrust -ihre Geschosse senden konnte. Spätere Toreinbauten, zum Teil erst aus dem neunzehnten -Jahrhundert, haben leider dieses burgartige des Kirchturmes vielfach<span class="pagenum" id="Seite_154">[154]</span> -zerstört. Zumeist liegt der Turm an der Westseite der Kirche, seltener an der -Ostseite über dem alten romanischen Chor. Man wird sich die Entwickelung dieser -Kirchen wohl vielfach so zu denken haben, daß zunächst eine Kapelle erbaut war -und getrennt davon ein Glockenturm. Zwischen beide schob sich dann das Langhaus -als Laienhaus. Aus dieser Entstehungsart wäre auch die eigenartige Tatsache zu -erklären, daß so manche der Kirchen schiefwinklig ist, die Längsaxe zeigt einen -Knick. Da der Chor stets nach Osten gerichtet ist, so ergibt sich, daß die beiden -Langseiten nach Süd und Nord zu liegen. Sie wurden nicht einheitlich mit -Öffnungen durchbrochen. Der praktische Sinn unserer Altvordern ordnete an, daß -die kalte, dem Wetter ausgesetzte Nordseite nur kleine Fensteröffnungen bekam, -während man nach der Südseite durch hohe Fenster und das Eingangstor der -wärmenden Sonne möglichst viel Einblick gewährte. Denn eine andere Heizung -als die Sonne gibt es meist heute noch nicht in der Dorfkirche. Die modernen<span class="pagenum" id="Seite_155">[155]</span> -Kirchenneubauten nehmen natürlich hierauf keine Rücksicht, die Zentralheizung -ersetzt ja, so meint man, die Sonnenheizung. Ja hätte man geahnt, daß die -Zeiten einmal so schwer werden könnten, daß man für die Heizung der Kirchen -so gar keine Kohle zur Verfügung hat! Heute hält man es für eine architektonische -Notwendigkeit, das Hauptportal gegenüber dem Chor zu setzen.</p> - -<div class="figcenter illowp60" id="illu-024"> - <img class="w100" src="images/illu-024.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 2 <b>Inneres der Kirche zu Thekla</b><br /> -(Phot. <em class="gesperrt">Ernst Hugo Schulze</em>, Leipzig)</div> -</div> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-025"> - <img class="w100" src="images/illu-025.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 3 <b>Kirche in Panitzsch</b> (Phot. <em class="gesperrt">Rob. Liep</em>, Leipzig)</div> -</div> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-026a"> - <img class="w100" src="images/illu-026a.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 4 <b>Kirche in Großgörschen</b><br /> -(Phot. Hofrat <em class="gesperrt">Drechsler</em>, Leipzig)</div> -</div> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-026b"> - <img class="w100" src="images/illu-026b.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 5 <b>Kirche in Beucha</b> (Phot. <em class="gesperrt">A. Wiese</em>, Dresden)</div> -</div> - -<p>Die Grundrißformen sind sehr verschiedenartig, von der alten Rundkirche, -wie in Knautnaundorf zu sehen – allerdings nur in Resten – bis zur langgestreckten -gotischen Hallenkirche. Das Übliche ist ein romanischer Kern. Der Chor -vielfach mit Koncha davor, ein rechteckiges Langhaus und Westturm, wie wir ihn -schon in seiner Entwicklung beschrieben haben. Dieser Kern wurde in der Zeit -der Gotik meist verändert. An den rechteckigen Chor baute man einen im halben -Achteck oder Sechseck geschlossenen wesentlich tieferen, der mit reichem Netzgewölbe -auf Rippen überdeckt wurde. Der im Spitzbogen geformte Triumphbogen trennt -den neuen Chor vom alten romanischen Langhaus. Der romanische quadratische -Chor wurde dann gleichfalls mit in das neue Gewölbe einbezogen. In andern -Fällen, wo, wie in Großpösna, über dem quadratischen Chor, an den sich die Koncha -anschließt, der Wehrturm sich erhob, fügte man in den Turmteil ein Netzgewölbe -ein und erhöhte so die Wirkung des Chores. Im allgemeinen ist das Langhaus -flach gedeckt. Die Decke war mit reichbemaltem Holzwerk und Felderteilungen, -mit Bildern und bunten Kanten ausgebildet, meist in Formen aus der Zeit nach -dem Dreißigjährigen Kriege uns überliefert. Dieser Zeit gehören auch die oft noch -erhaltenen ein- oder auch zweifachen Emporen an. Leider hat eine Zeit, in der<span class="pagenum" id="Seite_157">[157]</span> -man es für Pflicht hielt, alle Stilwidrigkeiten aus den Kirchen zu verbannen, diese -schönen echt bäuerlichen Malereien zerstört und an ihre Stelle die glatte Putzdecke -oder einen farbenarmen Ölanstrich gesetzt. Man bedachte nicht, daß meist die -Farbe allein die Stimmung in diesen einfachen Kirchen ausmacht. Heute sind -uns die wenigen Dorfkirchen, in denen sich die alten Malereien erhielten, weil die -Gemeinde kein Geld zu einem »stilreinen« Umbau hatte, die schönsten Farbenbeispiele -für die moderne Ausmalung einer Dorfkirche. Und die Dorfkirche war -von jeher auf Farbigkeit gestimmt. Das beweisen am besten die vielen erhaltenen -Reste der bunten geschnitzten Altarschreine, die in der Hauptsache aus der Zeit um -1500 stammen. Daß uns so viele noch erhalten sind, verdanken wir der Denkmalpflegetätigkeit -des Sächsischen Altertumsvereins, in dessen Museum in Dresden -(Palais im Großen Garten) die besten Stücke verwahrt werden. Wieviel mag -wohl an den Kunsthandel verkauft und in alle Welt verstreut worden sein, ehe -die Denkmalpflege eingriff? Die Kirchgemeinde wird erst dann die Tätigkeit des -Altertumsvereins recht würdigen lernen, wenn einmal die Zeit kommt, wo die -Kirche im Sinne der modernen Denkmalpflege erneuert wird und dann in den<span class="pagenum" id="Seite_158">[158]</span> -neu hergestellten Raum der alte Altar in aller seiner Schönheit an seinem Ursprungsplatz -zur vollen Geltung gebracht wird. Damit soll aber nicht gesagt werden, daß -man die reizvollen barocken Altaraufbauten verschwinden lassen soll, daß man die -typische Anordnung der Kanzel über dem Altar, ein Charakteristikum der Dorfkirchen -im Leipziger Land, aufgebe. Das wäre zweifellos falsch. Aber dort, wo ein -Altaraufbau des neunzehnten Jahrhunderts in mehr oder weniger mißverstandener -Gotik sich erhebt, soll man ihn zugunsten der alten Altarschreine beseitigen, wenn -eine Erneuerung des Kircheninnern vorgenommen wird. Der Altarschrein oder -seine Trümmer, denn solche sind es ja leider vielfach nur noch, werden sich oft -auch als vorzüglicher Schmuck der Wände im Chor oder Schiff verwenden lassen. -Auch Betpulte und Taufbeckenhalter in Gestalt von barockgeformten Engeln oder -Adlern wird man oft auf den Kirchböden finden und mit Erfolg im erneuten -Inneren wieder verwenden können. Alles wird dazu beitragen in unsere durch die -Stilreinigungswut des neunzehnten Jahrhunderts verödeten Kirchenräume wieder Leben -und Farbe zu bringen. Wie die Altarschreine auf den Kirchböden, so sind die alten -romanischen Taufsteine auf den Friedhöfen oder in Pfarrgärten in der Verbannung. -Schwere, wuchtige, granitne Becken, denen man ansieht, daß sie viel erlebten. -Erlöst sie aus ihrer Verbannung. Wie vielen von unsern Altvordern mögen sie -das Taufwasser gespendet haben! Hat man bessere, künstlerisch wertvollere Taufbecken -an ihre Stelle gesetzt? Geht hin und urteilt selbst!</p> - -<div class="figcenter illowp60" id="illu-027"> - <img class="w100" src="images/illu-027.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 6 <b>Kirche in Wahren</b><br /> -(Phot. Hofrat <em class="gesperrt">Drechsler</em>, Leipzig)</div> -</div> - -<p>Die beigefügten Skizzen und Bilder sollen nur kleine Proben aus der Fülle -der schönen alten Dorfkirchen des Leipziger Landes geben. Die Mehrzahl der -Türme hatte wohl während der Gotik noch Aufbauten erhalten, die aber in den -Stürmen der Kriege wieder verloren gingen. Erhalten haben sie sich vor allem -an der Podelwitzer Kirche, auf die ich ganz besonders aufmerksam machen möchte. -Ihre Formenwelt entstammt der Gotik. Sie ist deshalb zu einem Kleinod unter -den Dorfkirchen der Leipziger Ebene geworden, weil kein Restaurator des neunzehnten -Jahrhunderts ihr zu nahe kam.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-028"> - <img class="w100" src="images/illu-028.jpg" alt="" /> - <div class="caption"><b>Dorfkirchen in Seehausen, Wiederitzsch und Großpösna</b></div> -</div> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_159">[159]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Es_braucht_nicht_Stein_zu_sein">Es braucht nicht Stein zu sein!</h2> -</div> - -<p>Vorüber sind für Deutschland die Stürme des großen Krieges, und überall -sind Bestrebungen im Gange, unseren gefallenen Helden eine letzte, bleibende Ehrung -zum Gedächtnis zu bereiten. Zwei Jahre sind seit dem »Frieden« dahingegangen, -und wer Gelegenheit hat, viel im Lande herumzukommen, hat auch Gelegenheit -hier und dort schon ausgeführte Kriegerehrungen politischer und kirchlicher Gemeinden -zu sehen. Daß bei deren Erschaffung guter Wille, Liebe und tiefes Empfinden -nicht überall verhindern konnten, daß Unschönes, ja schlimmer Kitsch entstand, ist -nicht Schuld der berufenen Wächter in Fragen der Ausdruckskunst. Nur zu oft -klammern sich die Stifter an die bequemen Eselsbrücken der Musterbücher »einschlägiger -Firmen«, allzugerne will man andern Ortes das »überflüssige« Künstlerhonorar -sparen, vertrauend auf den eigenen guten Geschmack und vielfach lokalen, -politischen und anderen Rücksichten folgend.</p> - -<p>Im allgemeinen ist das Bestreben vorherrschend, eine monumentale, ins Auge -fallende Ehrung zu schaffen, und teuerstes Material, massige Häufung von Stein -sind überaus beliebt. Mit Schaudern nur sieht dann der feinfühlige Freund der -Heimat solche <em class="antiqua">monstra</em> in nächster Umgebung traulich stiller Landschaftsbilder, in -der Nachbarschaft reizvoller kleiner Dorfkirchen und intimer Dorf- und Städtebilder -aufragen: »und er fragt, wie das geschehen und warum ihm das geschah!«</p> - -<p>Muß es denn sein, daß wir unsere in fremder Erde ruhenden stillen Helden -in möglichst aufdringlicher, marktschreierischer Protzerei ehren, mit Monumenten, -die zwar deutlich vom vollen Geldbeutel, aber noch deutlicher von der Gemütskälte -ihrer Stifter reden?</p> - -<p>Muß es denn immer ein künstlich hergerichteter Findling, eine Marmorpyramide -mit überlebensgroßem Stahlhelm, eine Massenanhäufung langweiliger, -steinerner Adreßbuchtafeln sein?</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-030"> - <img class="w100" src="images/illu-030.jpg" alt="" /> - <div class="caption"> -<b>Bockendorf</b>, Amtshauptmannschaft Döbeln <span class="dist">Ausmalung von Professor <em class="gesperrt">Paul Rößler</em>, Dresden</span><br /> -(Aus dem Jahresberichte des Vereins für kirchliche Kunst)</div> -</div> - -<p>Es war im Laufe der langen Kriegsjahre zur schönen Sitte in vielen Gemeinden -geworden, die toten Krieger durch einen Gedächtniskranz zu ehren, der an den -Wänden oder den Emporenbrüstungen der Kirche, in den Andachts- und Schulsälen -aufgehängt wurde. Manch sonst kahler Raum fand so auf einmal und ohne -besondere Absicht einen stimmungsvollen, neuen Reiz. Doch die Jahre vergehen, -die Kränze verstauben und vertrocknen und immer weniger werden es deren im -Laufe der Zeit sein, die liebevolles Gedenken erneuert.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-031"> - <img class="w100" src="images/illu-031.jpg" alt="" /> - <div class="caption"><b>Bockendorf</b>, Amtshauptmannschaft Döbeln <span class="dist">Ausmalung von Professor <em class="gesperrt">Paul Rößler</em>, Dresden</span><br /> -(Aus dem Jahresberichte des Vereins für kirchliche Kunst)</div> -</div> - -<p>Da lag der Gedanke nahe, das Motiv der kranzgeschmückten Kirche oder -Gedächtnishalle künstlerisch zu verwerten und zu bleibender Schmuckform werden -zu lassen. Die beistehenden Bilder mögen zeigen, was so mit verhältnismäßig einfachen -Mitteln zu erreichen ist, und trefflich hat es der Künstler verstanden, den -Traditionen der alten gemalten Dorfkirchen, an denen Sachsen so reich ist, sich anzupassen. -Wie viele Kirchen aber gibt es im Lande, deren Wand- und Emporenflächen -eine geschmacklose Zeit in langweiliger Monotonie übertünchte, und die in -gleicher Weise zu einer Kriegerehrung in Farben in glücklichster Weise Verwendung -finden könnten. Freilich ein tüchtiger Künstler nur möchte der Führer sein, der -es versteht, sich dem jeweiligen Stil und Stimmungscharakter im Sinne des Ganzen<span class="pagenum" id="Seite_162">[162]</span> -und unaufdringlich anzupassen, damit nicht wertvolles Altes durch schlechtes Neues -zerstört werde.</p> - -<p>Ein anderer, auffallend selten begangener Weg ist der der Verwendung farbiger -Glasfenster für die Kriegerehrung. Im Vitztum-Gymnasium zu Dresden ist neuerdings -im Treppenhaus in dieser Form eine solche von prachtvoll eindringlicher -Wirkung durch den Dresdner Künstler Professor Roeßler geschaffen worden. Bedenken -wegen der guten Erhaltung solcher Anlagen sind gegenstandslos, da böswillige -Schäden, vor denen auch kein steinernes Monument sicher ist, hier leicht durch -Schutzgitter an der Außenseite abgehalten werden können, andererseits ja auch die -große Menge der erhaltenen mittelalterlichen Glasfenster deren lange Lebensdauer -und stimmungsvolle Wirkung beweist.</p> - -<p>So sind es der Wege viele, die den nach Ausdruck suchenden Stiftern der -Kriegerehrungen offen stehen und oft fehlt nur die richtige Führung zum -Ziel. Hier helfend einzugreifen ist die Landesberatungsstelle für Kriegerehrungen -in Dresden (Schießgasse 24) geschaffen worden, die unentgeltlich allen Ratsuchenden -mit Auskunft zur Seite steht.</p> - -<p class="mright"> -<em class="antiqua">Dr.</em> Bn. -</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Der_Steinerne_Frosch_bei_Miltitz">Der »Steinerne Frosch« bei Miltitz</h2> -</div> - -<p class="center">Von <em class="antiqua">stud. phil.</em> <em class="gesperrt">Gerhard Stephan</em></p> - -<p>Im Wendenlande, unweit des Klosters St. Marienstern bei Kamenz liegt ein -Dorf namens Miltitz. Kaum hundertfünfzig Meter nordwestlich davon am Feldpfad -nach dem Pfarrdorf Nebelschütz steht ein Busch, und in diesem ein Granitblock -»ungefähr acht oder neun Ellen hoch«. Man nennt ihn, weil er sich auf Gemeindegrund -befindet, den »Gemeindestein«, gewöhnlich aber nach seiner Gestalt, der der -eines sitzenden Frosches gleicht, den »Frosch«.</p> - -<p>Eine Sage knüpft sich an den Ursprung dieses Namens. In den Zeiten, als -Christentum und Heidentum in der Lausitz noch sich gegenseitig die Vorherrschaft -streitig machten, wohnte an dem Platze ein heidnischer Zauberer, der die Christen -aufs erbittertste verfolgte. Jedes Mittel dazu war ihm recht. – In einer stürmischen, -regnerischen Nacht klopfte in später Stunde ein Wanderer an seine Hütte und bat -mit dem Gruße: »Gelobt sei Jesus Christus« um Nachtherberge. Der Zauberer -aber rief: »Verflucht sei Jesus Christus!« und wollte den Fremden mit Stockschlägen -davonjagen. Doch dieser sprach: »Du sollst ein Zeichen sein, wie Gott die Sünder -straft!« und berührte ihn mit seinem Wanderstabe. Da verschwand die Hütte samt -dem Zauberer, an ihrer Stelle stand jenes froschähnliche Steingebilde. (Nach Haupt, -Sagenbuch der Lausitz.)</p> - -<p>Eine andere Sage, die freilich den Ursprung des Namens »Frosch« unerklärt -läßt, findet sich in Meiches Sagenbuch von Sachsen. Danach wohnte dort bei -Miltitz in alten Zeiten der Wassermann, der jedesmal für zwei Dreier einen trunkliebenden -Bauern von Nebelschütz heimgeleitete. Allmählich aber konnte der Mann, -der ein Säufer geworden war und Hab und Gut durch die Gurgel goß, seinen Verpflichtungen -nicht mehr nachkommen und blieb dem Wassermann seinen Lohn<span class="pagenum" id="Seite_163">[163]</span> -schuldig. Als er ihn einst noch in der Trunkenheit geschmäht hatte, und am andern -Morgen aufwachte, sah er, wie dieser ihm mit einem großen Steine sein Hoftor -verrammeln wollte. Er redete ihm gütlich zu, der Wassermann gab nach und -sagte: »Wenn innerhalb von neun Minuten Euer Hahn kräht, trage ich ihn fort, -sonst müßt Ihr mir neun Laibe Brot geben.« Der Hahn krähte, der Wassermann -trug den Stein fort und warf ihn in die Gemeindebüsche. –</p> - -<p>Noch steht der sagenumwobene Stein, aber man weiß nicht, ob er nicht, ähnlich -dem »Zwieback« im Kamenzer »Forst«, dereinst einer unverständigen Hand zum Opfer -fällt. Möge der »Heimatschutz« dafür sorgen, daß er der Nachwelt erhalten bleibt!</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-033"> - <img class="w100" src="images/illu-033.jpg" alt="" /> - <div class="caption"><b>Der steinerne Frosch bei Miltitz, Bez. Kamenz i. Sa.</b><br /> -(Phot. <em class="gesperrt">B. Gersdorf</em>, Kamenz i. Sa.)</div> -</div> - -<div class="s90"> -<p>Vorstehender Sagenbericht veranlaßte den Heimatschutz über die wissenschaftliche Bedeutung -des Steines sowie über die Frage der Gefährdung desselben Erörterungen anzustellen, über deren -Ergebnis hier kurz berichtet sei:</p> - -<p>Der sagenumwobene »Steinerne Frosch« im Gemeindebusch des Dorfes Miltitz bei Nebelschütz -wird von der Geologischen Landesuntersuchung (Blatt 37, Sektion Kloster Marienstern, -Erläuterung Seite 26) als »Rundhöcker« bezeichnet, der durch das in der diluvialen Eiszeit darüber -hinziehende nordische Inlandeis aus dem Granituntergrunde gestaltet wurde. Landesgeologe -O. Herrmann sagt darüber a. a. O.: »Fast sämtliche Granitbuckel zwischen Jauer und Wendischbaselitz, -wie auch diejenigen im Norden von Schmeckwitz und im Nordosten von Crostwitz ragen -mit einer gewölbten, glattgeschliffenen Gipfelfläche durch das Diluvium hindurch. Glazialschrammen<span class="pagenum" id="Seite_164">[164]</span> -sind jedoch auf denselben nirgends erhalten, vielmehr zeigen alle diese Flächen eine -infolge der verschiedengradigen Widerstandsfähigkeit der Granitbestandteile narbige Anwitterung. -Ein solcher durch Eiswirkung abgerundeter Felskopf ist z. B. der sogenannte »Frosch« im Westen -von Miltitz. Weit vollkommnere Rundhöcker weist das im Westen an Sektion Marienstern anstoßende -Areal auf (vgl. Erläuterungen zu Sektion Kamenz, Seite 33).«</p> - -<p>Inzwischen vom Herrn Professor <em class="antiqua">Dr.</em> Muhle, Kamenz, auf unsere Bitte angestellte Erörterungen -ergaben, daß dem »Frosch« keinerlei Gefahr droht, da maßgebende Herren der Gemeinde -Miltitz versicherten: »Der Stein bleibt!«</p> - -<p>Die Freunde des Naturschutzes freuen sich gewiß mit uns, daß Besitzer und Gemeindevertretung -in Miltitz Verständnis für die Erhaltung des interessanten Rundhöckers aus der Eiszeit -bekundeten.</p> - -<p>Wir wünschen von Herzen, es möchten alle Einsichtigen für den Schutz der heimatlichen -Natur eintreten, damit unser Geschlecht die wenigen noch in ursprünglichem Zustande vorhandenen -Naturdenkmäler unverkürzt und unverletzt auf unsere Nachkommenschaft vererben kann.</p> - -<p class="mright"> -F. H. Döring. -</p> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="In_eigener_Sache_ein_letztes_Wort">In eigener Sache ein letztes Wort<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a></h2> -</div> -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Zu vergleichen »Auftakt zur Maulwurfsdämmerung«, Bd. IX, Heft 1–3, Seite 11.</p> - -<p class="noind">Dieser Aufsatz befaßt sich mit der Sitzung des Landtages am 4. März 1921, in der ein von der -Regierung eingebrachtes Schutzgesetz für den Maulwurf mit seltener Einmütigkeit abgelehnt wurde.</p> -</div> -</div> - -<p class="center"> -Sehr geehrter Herr Schriftleiter! -</p> - -<p>Kürzlich wurde ich durch einen Herrn Lucas aus Meißen aufgefordert, mich -als Vertreter meines Standes zu der Behandlung einer Standesangelegenheit zu -äußern, die diese in einer gewichtigen Versammlung erfahren hat. Ich hätte gern -mit Ihnen persönlich verhandelt. Aber durch den Steingrund Dresdens durchzukommen, -ist für meine Beine und meine Nase ein Ding der Unmöglichkeit. -Schreiben ist in meinem dunklen Erdbezirke auch nicht leicht. Was soll ich dazu -sagen? Am liebsten nichts. Aber das könnte als Zustimmung ausgelegt werden. -Darum herunter von der Leber, was sie drückt.</p> - -<p>Ich finde, daß die Kronen oder Herren der Schöpfung seit ihren Urtagen -äußerlich manche tiefgehende Änderung durchgemacht haben, innerlich sind sie -dieselben geblieben, die sie ehedem waren. An Selbstsucht und Beutegier übertreffen -sie sogar unsere deswegen vielgeschmähte Sippschaft. In unseren Reihen sind die -Taten der Menschen gegen Edelreiher, Paradiesvögel, Kolibris, Dronten, Wale, -Biber usw. nicht unbekannt. Wir lasen in unserem Nachrichtendienst als Fortsetzung, -nicht als Schluß der Tragödienreihe: Jetzt sind Marder, Iltisse, Füchse -daran. Als ganz gefährdeten Posten stellte man uns hin. Aus unseren Reihen -sollten schon Millionen gefallen sein.</p> - -<p>Wir haben uns darum gefreut, daß der Heimatschutz, mit dem wir sonst -keinen Verkehr pflegen, sich unserer Sache energisch angenommen, sie sogar bis -vor eine wichtige Versammlung gebracht hat. Aber das, was dort gesprochen -worden ist, muß doch berichtigt werden. Der alte ehrliche Brehm hat ganz zuverlässige -Gewährsmänner für seine Berichte gehabt und bringt lange nicht soviel -Märchen zur Verbreitung wie manche Redner von heute. Ich kenne Engerlinge,<span class="pagenum" id="Seite_165">[165]</span> -Mai- und Junikäfer sehr genau, kann sie sogar dem Geschmacke nach sehr gut -unterscheiden. Ich muß zugeben, daß ich bisher auf keinem Kirschbaume gesessen -habe, auch meine Vorfahren nicht. Für meine Nachfahren kann ich nicht reden. -Wer weiß, wie die Entwicklung einmal gehen wird? Aber Maikäfer, Junikäfer, -Walker usw. habe ich schon genug mit Wonne verspeist. Jedoch ich sehe, ich muß -deutlicher werden. Es ist nämlich gesagt worden: »Solange der Maikäfer in der -Erde lebt, ist er ein Engerling. Wenn er ein Maikäfer ist, fliegt er auf Kirschbäume. -Nun werden Sie doch nicht etwa sagen wollen, daß der Maulwurf auf -die Kirschbäume steigt und die Maikäfer frißt. Das ist vollständig ausgeschlossen.« -Jeder Knecht, jede Krähe, jeder Insektensammler weiß, daß die Puppenruhe der -Engerlinge nicht lange dauert, daß vielmehr die fertigen Insekten vom Herbst bis -zum Frühjahr in der Erde zu finden sind. Im Herbst fliegt aber kein fertiger -Maikäfer auf Kirschbäume. So dumm ist er nicht. Das müßten sie aber tun, -wenn wir sie nicht erwischen sollen. Die Versammlung, in der die Rede gehalten -wurde, hat diese auf ganz besonders reiche Erfahrungen gegründeten Ausführungen -mit großer Heiterkeit – hört, hört – Bravo und Heiterkeit wiederholt quittiert -und Zustimmung zur Ablehnung unseres Schutzgesetzes gegeben. Um es nicht zu -vergessen: Werren sollen recht selten sein. Ich glaube gern, daß mancher Herr -der Schöpfung von seinen Werrenuntertanen noch nicht einen gesehen hat. Wir -von unserer Zunft haben jeder mehr gesehen und auch verspeist. Sogar über -unser zu großes Maul, vielmehr über unser zu kleines Maul ist geredet worden. -Es wäre so klein, daß wir nicht einmal einen Engerling fressen könnten. Es geht -nichts über eine gute Erfahrung. Ich habe immer geglaubt, der Mund der Zweifüßler -sei auch nicht groß genug, einen Apfel, eine Stange Spargel, ein Rind zu -verspeisen, daß das aber doch nach gewissen Vorbereitungen von ihnen fertig gebracht -würde. Ich scheine mich aber darin zu irren.</p> - -<p>Verkannt zu werden, ist das Los so mancher schönen Seele. Gerade wir -sind gewöhnt, andauernd zwischen nützlich und schädlich hin- und hergeworfen zu -werden. Daß aber aus der ganzen Versammlung sich niemand berichtigend über -unser Leben ausgesprochen hat, daß alle Teilnehmer die Angaben widerspruchslos -hingenommen haben, das ist mir rätselhaft. Vielleicht hat man noch nie über uns -Sammetkittel so harmlos gelacht wie an diesem Tage, am Freitag, den 4. März 1921. -Nur uns war nicht spaßig zu Mute.</p> - -<p>Ihr Menschenkinder! Konntet Ihr nicht das Schutzgesetz soweit genehmigen, -daß es hieß: Verboten ist in öffentlichen Ankündigungen sich zur Abnahme von -Maulwürfen oder Maulwurfsfellen zu erbieten oder zu ihrem Angebote aufzufordern? -Damit wäre uns viel geholfen gewesen. Da hättet Ihr gezeigt, daß -Ihr ein Herz habt für das Geschöpf,</p> - -<div class="hang"> - -<p>daß Ihr ihm ein Recht auf sein Dasein gewährt,</p> - -<p>daß Ihr freie Geschöpfe verteidigt gegen Geldgier und Eitelkeit,</p> - -<p>daß Ihr dem Pelzhandel nicht gestatten wollt, vernichtend und ausrottend -zu wirken,</p> - -<p>daß Euch das Recht der Allgemeinheit an der Natur höher steht, als der -Vorteil naturfremder Kriegs- und Schieberkapitalisten.</p> -</div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_166">[166]</span></p> - -<p>Nicht uns allein neben Amseln und Eichhörnchen usw. solltet Ihr schützen, -nein, ein ganz allgemeines Gesetz gegen Ausrottung und Vernichtung jedweden bei -uns beheimateten Geschöpfes solltet Ihr fordern.</p> - -<p>Aber, mein lieber Herr Schriftleiter, uns ist unbeabsichtigt Hilfe von anderer -Seite gekommen. Frau Mode, das wetterwendische Weib, hat uns ihre Gunst -wieder entzogen. Das ist unser Glück. Frau Mode hat Euch Menschen alle am -Bändel. Hoffentlich beehrt sie uns recht lange mit ihrer Geringschätzung. Dann -werden wir auch Ruhe haben. Wen sie unter uns freien Geschöpfen mit ihrer -Gunst beglückte, dem brachte sie den Untergang.</p> - -<p>Herr Schriftleiter! Wir danken Ihnen Ihr Bemühen um unsere Sache. -Es ist nicht umsonst geschehen. <em class="gesperrt">Einst wird der Gedanke siegen, daß -jedes Geschöpf ein Recht aufs Dasein hat ohne Rücksicht auf den -sogenannten Nutzen oder Schaden.</em> Dann wird kommen der Tag, an dem -die Göttin Mode zurückweicht vor dem freien Geschöpf, ihre Priester selbst und -die Menge der naturfremden Menschen. Mit dieser Hoffnung wollen wir uns trösten.</p> - -<p>Für mich »Glück ab« zur kühlen Erde, für Sie »Glück auf« zu neuer Tat.</p> - -<p>Damit empfehle ich mich Ihnen und verbleibe Ihr</p> - -<p class="mright"> -<em class="gesperrt">Erdmut Sammetwühler</em>, Obermullrich. -</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Der_betende_Berg">Der betende Berg</h2> -</div> - -<p class="center">Von <em class="gesperrt">Edgar Hahnewald</em></p> - -<p>Blickt man von den Dresdner Elbhöhen aus auf das Bergpanorama, das an -klaren Tagen über der linkselbeschen Hügelterrasse aufsteigt, so erhebt sich zwischen -dem langhingestreckten Schneeberg und dem energisch aufgebauten Geising ein -kleinerer, aber auffällig geformter Berg in der Gestalt eines Reitsattels.</p> - -<p>Auf der Karte steht er als Spitzberg verzeichnet – diese Benennung stimmt -für die Nähe. Allgemein aber trägt er den Namen Sattelberg – und dieser umschreibt -sein Bild aus der Ferne.</p> - -<p>Er erhebt sich auf tschechoslowakischem Gebiet dicht hinter der sächsischen -Grenze, die fast noch seinen Fuß berührt. Seine Höhe verzeichnet die Karte mit -719 Metern. Über das ihn umgebende Bergland ragt er jedoch nur als zackige -Kuppe hinaus, sodaß, wenn man vom Städtchen Gottleuba aus zu ihm aufsteigt, -er erst aus nächster Nähe wieder sichtbar wird.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Daher mag es geschehen, daß der Berg auch sonst ein wenig aus der Sicht -tritt. Er ist Ziel und Gipfel des Tages, aber man weiß: der Weg dahin ist bequem -und nicht weit. Und Gottleuba lohnt einen kleinen Aufenthalt, der ohnehin unumgänglich -ist, da man sich in diesen Zeiten schärfer gezogener Grenzen im Rathause -einen Grenzausweis ausstellen lassen muß.</p> - -<p>So verweilt man und frischt Erinnerungen an frühere Besuche auf.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_167">[167]</span></p> - -<p>Gottleuba liegt im Tale des gleichnamigen Flüßchens. Die bewaldeten Berge -betten das Städtchen tief in schwellende Kissen ein.</p> - -<p>Es ruht als Sommeridyll im Grünen. Begeisterte Lokalpatrioten haben das -Städtchen verfänglich »Klein-Tirol« getauft. In der Mundart der Gegend aber -heißt es Guttlewe – und wenn man das von einem alten Bauernweiblein gemütlich -breit aussprechen hört, klingt es wie eine Bestätigung des Eindrucks, daß es zwischen -diesen grünen Bergen gut zu leben sein mag.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Über Tal und Dächer hinweg guckt die kleine schmucke Kirche. Sie steht -am Berghang inmitten eines alten Friedhöfels. Steinerne Stufen, von einem -Torhäuschen überbaut, führen hinauf. Hohe Lärchen beschirmen den Eingang mit -hellgrünen Zweigfittichen.</p> - -<p>Der schräg an die Giebelecke gestellte viereckige Turm trägt über malerischem -Gewinkel ein lustiges Laternendach.</p> - -<p>Das Innere des gotischen Kirchleins ist von ländlich anheimelnder Schlichtheit. -Aus der Sakristei blickt man durch das helle Fenster auf schräg ansteigenden Rasen, -auf gelbe und weiße Blumen, die auf schwanken Stielen vor der zerbrochenen -Mauer wehen, auf grüne Waldberge.</p> - -<p>Unter der Orgelempore hat man alte Grabsteine aufwändig eingemauert. In -den Inschriften betrauern nun selbst längst, längst Gestorbene ihre Toten in rührenden -Worten. Ein Pfarrer setzt seiner Hertzgeliebtesten Hausfrawe, der Wol Erbarn Viel -Ehren undt Tugendreichen Frawen Anna Marien ein Ehren und Liebes Mal. Und -auf den Denkstein seiner eintzigen Tochter ließ er den Steinmetz die Worte meißeln, -daß die Weyl. Wohl erbarr an Sitt Ehr und Tugend Edle allhier der frölichen -Zukunfft Ihres Jesu erwartet. Ein anderer Stein erzählt von dieses Pfarrers -zweiter Frau, die am 4. Dezember 1640 gebohren und den 3ten Tag darauf in das -Buch des lebens eingeschrieben wurde, Ao 1662 aber als in den 22 Jahr ihres -Alters vereheligt worden an Hrn. Gottfried Schreibern Pfarrern alhier zu Gottleube -und Bergkgießhübel, mit welchem Sie nechst Gott gezeuget hat 8 Kinder als -2 Söhne und 6 Töchter.</p> - -<p>Immer wieder und allerorten steht der Wanderer vor solchen steingegrabenen -Dokumenten und immer wieder liest er sie und spürt den Hauch einer Liebe, die -über Gräber und Jahrhunderte hinaus zu Menschen spricht.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Unterhalb der Kirche führt der Weg hinauf nach Ölsen, ins Bergland. Anfangs -steigt er sacht durch eine von Fichtenwäldern eingeschlossene talartige Einsenkung, -die weiter hinauf immer flacher wird und in den Bergwiesen endet.</p> - -<p>Und während man steigt, vollzieht sich eine doppelte Bewegung der Landschaft. -Wie auf einer schräggleitenden Versenkungsbühne sinken die Waldberge um Gottleuba -zurück und hinab. Und darüber hinaus schwebt ebenso sacht eine ferne, -große Landschaft herauf: das ganze Hügelland vor und um Dresden mit seinen -Tälern, Hochebenen, Bergkuppen steigt über den sinkenden Wäldern auf. Fernsichten -ins Gebirge erschließen sich feierlich.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_168">[168]</span></p> - -<p>An diesem Tage war es mitten im Juni herbstlich kühl und klar. Nach -wochenlangem Regen trieb ein herber Wind ein leidenschaftliches Spiel mit Sonne -und Wolken. Er jagte graues und weißes und taubenblaues Gewölk über die -Sonne hin, als sei es sein Vorhaben, das Gestirn mit diesen Wolkenfetzen zu putzen. -Die Sonne glänzte metallisch blank. Und verschwand wieder hinter heranjagenden -Wolken, die von Zeit zu Zeit minutenlange, feine, kalte Regenschauer über die -Landschaft zerstäubten – rauschende Brausebäder von Licht sprühten zur Erde. An -allen Gräsern zitterten und blitzten Millionen perlfeiner Regentropfen, Millionen -funkelnder Prismen im Grünen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>In diesem prickelnden Lichte blühen die Bergwiesen in Farbenjubelchören. -Die reine Bergluft macht den Wuchs der Pflanzen schlanker, lichtstrebender, die -Farben der Blumen leuchtender. Kornblumen und Glockenblumen blühen da oben -in tieferem, satterem Blau. Der kleine rasenbildende Ginster strahlt goldener. -Die Margariten schwenken ihre großsternigen Blüten auf schwankeren Stielen. Die -blauroten Blütenruten des Natterkopfes strotzen hoch aufgerichtet im Klee, und die -Orchideen strecken ihre violettgescheckten Blumenähren noch über das hohe Gras -hinaus. Und überall prangen die orangenen Ordenssterne der Arnika, mit der die -Gebirgler Kräuterschnäpse würzen und die den schönen Namen Berg-Wohlverleih führt.</p> - -<p>Botanische Kenner wissen in diesem Bergrevier die verborgenen Standorte -der stachellosen Alpenrose und der sibirischen Iris zu finden – ganze Wiesen, überblüht -von blaßblauen, violett geäderten Schwertlilien. Die buttergelbe Trollblume, -die der Volksmund Butterkugel nennt, die Ferkelblume und das Blutauge blühen -in diesem farbenfrohen Sommerfest der Blumengöttin Flora – ein reicher botanischer -Garten wird dem Freunde der »liebenswürdigen Wissenschaft«, der Botanik, geschenkt.</p> - -<p>Lagert er sich in die blühende Wiese, so umstickt schleierfeines Labkraut, -violett und gelb leuchtender Wachtelweizen, purpurner Erdrauch das köstliche Kissen -von hyazinthenblauen Kreuzblumen, in das er sein Haupt legen darf. Prunkende -stachellose Alantdisteln umstehen sein Lager in dichten Lanzenschwadronen und tragen -ihre Purpurköpfe hoch über dem Blumengrund. Und durch diesen stolzen Distelwald -schimmern, wenn man liegt, die Berge fern, forstgrün, schieferblau, duftblau, -immer ferner, immer wunderblauer – man kann nicht liegenbleiben, man springt -auf, schreitet durch den blumenbesteckten Speerwald der Disteln wieder dem Wege -zu und wandert den Bergen entgegen, die im rieselnden Lichte wie hinter irisierenden -Gläsern wallen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Hinter Ölsen, einem wurzelechten Erzgebirgsdorf mit einem Ludwig-Richter-Kirchlein, -schiebt sich unvermerkt eine spitze, dunkle Zacke über Wiesen, über umbuschte -Gneisraine, über den Anstieg eines Waldes herauf. Und dann mit einem -Male steht eine breitgezackte Bergkuppe da – ein dunkler Fichtenmantel hängt -um eine nackte Bergschulter – das ist der Sattelberg.</p> - -<p>Der Wiesenweg läuft in den Wald hinein und steigt. Und überrascht steht -man vor dunkelfeuchten, zyklopisch getürmten Sandsteinschroffen. Ein Steintreppchen -zwängt sich zwischen Felsblöcken durch. Man steht auf einer waldumschlossenen<span class="pagenum" id="Seite_169">[169]</span> -Bergwiese, vor einer Baude. Darüber kuppelt sich spitz und energisch ein Basaltgetürm -auf.</p> - -<p>Diesen Aufbau des Berges begreift man in seiner Merkwürdigkeit richtig -erst da: auf dem Gneisplateau des Erzgebirges, über dessen blühende Wiesen man -eben noch dahinschritt, setzt sich dieser Berg auf als Rest einer Quadersandsteindecke, -die einstmals das östliche Erzgebirge überzog und von der vergangene Jahrtausende -es entblößten, nur dieses eine Denkmal zurücklassend. Darüber aber baut der in -der Tertiärzeit durch die Quaderdecke durchgebrochene Basalt seine Säulen zur -schroffen Spitze auf.</p> - -<p>Es sind redende Steine, die den Berg formen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Und es ist ein betender Berg.</p> - -<p>Oben, über den eisenfarbenen Geröllhängen, schließen sich die Basaltsäulen zu -einer gipfelstürmenden Gebärde zusammen. Sie drängen empor, schräg hinaufwachsend, -einander überdrängend, in der Ekstase des plutonischen Aufbruchs erstarrt.</p> - -<p>Als Reinhardt das Sophokles-Drama König Ödipus inszenierte, ballte er in -den Massenszenen die Scharen seiner Statisten zu einem Wesen zusammen, zu einem -Wesen mit hundert Händen, hundert Hände, gereckt zu einer Pyramide von Händen, -zu einer ekstatischen Gebärde.</p> - -<p>Daran erinnert dieses Hinanstürmen der basaltenen Säulen.</p> - -<p>Nach einem Punkte zu streben sie, nach einem letzten schließenden Gipfel der -Pyramide, der nicht da ist. Er liegt über dem Ansturm der Säulen und wird -nicht erreicht. Das gibt diesem Aufdrängen die stete, unaufhörliche Bewegung, die -trotz der erzenen Starre immerfort von unten auf den Gipfel zu zu drängen, zu -streben scheint. Es lebt verborgen ein Wille in diesen Steinen: aufwärts – sich in -einem Punkte zusammenfassen.</p> - -<p>Über diesem einen, nur denkbaren Punkt erhebt sich ein Kreuz. Ein katholisches -Steinkreuz. Ein Christus neigt das Haupt und sieht mit sterbenden Augen -auf den Drang der Steine herab.</p> - -<p>Menschenhände, vielleicht schlicht-ländliche Katholiken aus dem Dorfe im -Tale haben das Kreuz da errichtet – was sie taten, war eine künstlerische Tat, -ohne daß sie es wußten. An diesem Punkte muß das Kreuz stehen – oder ein -andres Symbol menschlicher Sehnsucht – im katholischen Böhmen ist es ein Christuskreuz. -Da steht es.</p> - -<p>Und zu ihm empor drängen, streben die Steinsäulen in leidenschaftlicher -Gebärde, in pathetischer Eindringlichkeit der Bewegung.</p> - -<p>Der Berg betet – betet nach Menschenwillen empor zu diesem Kreuz.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Man tritt hinauf – die Bruchflächen der Säulen geben Stufen her für den -Fuß. Und dann steht man über dieser aufdrängenden Pyramide, die nun dem -freisausenden Sturme entgegenwächst, steht, an das Steinkreuz gelehnt und blickt -hinaus – in das rundum gelagerte Land, auf auf- und absteigende Wiesen, schimmernd -wie grüner Seidensamt, auf schwarzgrüne Wälder, die schwer, üppig von Bergen<span class="pagenum" id="Seite_170">[170]</span> -herab in tiefe Täler hängen und aus Tälern bergauf steigen als geballtes, tiefgrünes -Gewölk. Grasige Hänge herab gleiten andere Wälder, breiten, schiebenden Gletschern -ähnlich, stemmen sich mit tausend Stammfüßen gegen den fallenden grünen Grund -und werfen ihre Schatten schräg über abgleitende Triften.</p> - -<p>Über Berg und Tal gebreitet, in Wiesen und Wälder und Felder eingestrickt, -liegt das hellschimmernde Maschenwerk der Straßen und Wege, in Dörfern verknotet, -von Hecken gesäumt, von Baumpilgerzügen still begangen.</p> - -<p>Darüber hinaus lagern, ragen, schweben immer fernere Berge. Berge mit -runden, blauen Waldkuppen, Berge mit besonnten Steilwänden, Berge noch in -weitester Ferne, gläserne Gebilde – nein, Glas ist noch zu körperlich, es gibt keinen -Vergleich für dieses duftige Schweben, dieses der Erde Entrücktsein fernster Gebirge -in zarten grünen, blauen, violetten, rauchfarbenen Schimmerfarben.</p> - -<p>Und drüberhin schwenken jagende Wolken ihre Schattenfahnen, lassen Berge -schieferblau ins Irdische zurücksinken und wieder in märchenhafte Lichtgefilde aufschweben. -Wiesen, wallende, graugrün wogende Junifelder ermatten unter ihren -Schattenflügen und leuchten wieder goldgrün auf.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Man blickt hinaus und da, plötzlich in einer Sekunde des Schauens scheint -der Wolkenflug stillzustehen und die grüne, blaue, leuchtende Erde saust darunter -hin durch Licht, durch Schatten, durch Licht, durch Schatten – eine stummjauchzende -Fahrt mit allem, mit dir, dem Berg, dem Steinkreuz, das sich im Sturmdrange -dieses Fluges zu neigen scheint.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Vom Himmel herab rollen wehende, über die Berge schleifende Regengardinen. -Sie rauschen heran, lösen sich auf in Myriaden sprühender Tropfen, ziehen weiter, -hüllen andere Fernen ein und lassen eine glitzernde Welt zurück.</p> - -<p>Manchmal scheint die Sonne durch die nassen Schauer. Dann ist es, als -sprühe das Licht in blitzenden Tropfen regenbogenfarben zur Erde nieder.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Und du stehst, an das Kreuz gelehnt, vom Sturme herb umdrängt, und weißt: -jetzt faßt sich in dir das anbetende Empordrängen des erzenen Berges zusammen. -Deine Lust, deine Freude, dein Lebensgefühl dieser Stunde ist Zusammenschluß und -Vollendung der Geste, in der der Berg sich gipfeln will, zu der er in steter Bewegung -anhebt. Und du fühlst dich, den Menschen, fühlst den Drang des Blutes -in deinen Adern, den Atem in deiner Brust – unter deinen Füßen betet der stumme -Berg und du weißt die Worte, die dem erzenen Stein nicht gegeben sind, und sprichst -sie nicht aus. Du blickst schweigend hinaus in die strahlende Sommerwelt – in -deine Welt, die für dich mit dir versinkt, die für dich ist, so lange du bist.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Eine Stunde lang saßen wir auf der zackigen Kuppe des betenden Berges.</p> - -<p>Der Himmel schwenkte seine Fahnen über uns.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_171">[171]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_unzufriedene_Papierkorb">Der unzufriedene Papierkorb</h2> -</div> - -<p class="center">Von <em class="gesperrt">W. Otto Ullmann</em>, Dresden</p> - -<p>Man kann es schließlich auch einem Papierkorb nicht übelnehmen, wenn er unzufrieden -ist. Die Menschen machen es ja auch nicht anders und haben dabei zuweilen nicht einmal Grund -dazu. Aber wenn ein Papierkorb unzufrieden ist, ist das allemal berechtigt. Das liegt an seiner -Konstitution. Ein Papierkorb läßt sich viel gefallen, aber wenn er zuviel Schlechtes erfährt, wird -seine Verstimmung papierkorbtief.</p> - -<p>Der unzufriedene Papierkorb hieß »Marke Tatra.« Gewiß war er sich bewußt, daß auf -den Namen viel ankommt, deshalb trug er ihn jedermann zur Ansicht auf einem Blechschild, -das an seiner Brust angeheftet war. Marke Tatra war nicht auffällig groß, aber kernfest, hatte -Eisenfüße, einen Eisenboden und einen Eisendrahtmantel, wie es sich für jemanden mit dem kernfesten -Namen Marke Tatra gehört. Zudem war sein Eisenkörper mit einer grauweißen Ölfarbenhaut -überzogen, damit ihm kein Rost irgend etwas antun konnte. Er hatte damit sogar vor -dem kernfesten Helden Siegfried etwas voraus, der doch immerhin eine Stelle an sich hatte, wo -ihm der böse Feind an Leben und Gesundheit konnte. Nein, wirklich: um solche Dinge brauchte -sich Marke Tatra keine Sorge zu machen. Und das war es natürlich auch nicht, was ihn unzufrieden -machte.</p> - -<p>Als der Papierkorb Marke Tatra eines Tages da war (genau wie die Menschen eines -Tages da sind), wurde er auf einen Wagen geladen und stand bald in einem langen dämmrigen -Verkaufsraum. Marke Tatra sah sich um und wunderte sich; denn alles was da in seiner Nähe -herumstand, waren auch Papierkörbe wie er. Natürlich hießen sie anders, denn sie sahen auch -anders aus. Es gab recht schwächliche aus Rohr und kräftigere aus Holz, aber keiner glich an -Kernfestigkeit ihm, dem grauweißhäutigen Eisendrahtpapierkorb Marke Tatra.</p> - -<p>Wenn es auch dämmrig im Verkaufsraum war, so war es doch ganz unterhaltsam. Sie -alle, die Papierkörbe, hatten einen Herrn, der oft Besuch bekam. Und dieser Besuch prüfte, -suchte und nahm schließlich einen Papierkorb mit oder ließ sich einen zuschicken in eine dunkle -Zukunft. Und bei einer solchen Verhandlung hörte Marke Tatra, daß er ein »Muster« sei. Nun, -das war doch selbstverständlich. Darüber dachte er auch kein bißchen mehr nach. Aber die -dunkle Zukunft, in die es durch jene Tür hinausging, gab ihm zu denken.</p> - -<p>Na, schlimm konnte es ja nicht werden. Da vorn am Schreibpult hatte sein Herr so -einen Papierkorbschwächling aus Rohr stehen, mit dem er sich öfter beschäftigte. Alle Morgen, -wenn er die Post durchsah, verschwanden Briefhüllen und was sonst überflüssig war, im Leibe -dieses Kleinen. Er hatte tatsächlich nichts auszustehen. Und wenn Marke Tatra seinen Herrn -die Käufer Herr Doktor, Herr Professor oder gar Herr Rat anreden hörte, wurde er immer -sichrer, daß die dunkle Zukunft ganz angenehm sein würde. Marke Tatra träumte sich schon -in das Arbeitszimmer eines großen Gelehrten, neben den Schreibtisch eines heimlichen Dichters -oder gar in die Redaktionsstube einer großen Zeitung. Es müßte herrlich werden. Marke -Tatra sehnte sich nach der dunkeln Zukunft. Da hatte man doch endlich seine Aufgabe, eine -Lebensaufgabe von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Wo Marke Tatra stehen würde, sollte -es nie liederlich aussehen, alles überflüssige, verbrauchte Papierwerk wollte Marke Tatra mit -seinem Eisendrahtmantel festhalten. Ein Erzieher zum Geschmack wollte Marke Tatra werden. -Wer ihn besaß, konnte kein überflüssiges Papier umherliegen lassen, das war klar. Marke -Tatra träumte wunderschön von seinem hohen, idealen Daseinszweck.</p> - -<p>Aber wie hatte sich der gute Marke Tatra geirrt!</p> - -<p>Eines schönen Tages hatte sein Herr wieder Besuch. Der Herr Balduin Lehmann, Vorsitzender -des Verschönerungsvereins zu Lieblichwaldau war da. Alles, was die beiden redeten, -konnte zwar Marke Tatra nicht verstehen, aber als sie nun ganz in seiner Nähe waren, hörte -er doch.</p> - -<p>»Ich habe nur diesen einen da,« sagte sein Herr, »es ist ein Muster!«</p> - -<p>»Ist er haltbar?« fragte Balduin Lehmann.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_172">[172]</span></p> - -<p>»Es ist Marke Tatra, ein hervorragendes Erzeugnis, Eisenfüße, Eisenboden, Eisendrahtmantel -mit bestem Ölfarbenüberzug. Sie werden mit Marke Tatra zufrieden sein, er ist wirklich -kernfest und auf die Dauer!«</p> - -<p>Der fremde Herr befühlte und untersuchte Marke Tatra genau. Er nickte mit dem Kopfe. -Und Marke Tatra fühlte ganz deutlich, daß die dunkle Zukunft heller wurde. Herr Lehmann -kaufte ihn.</p> - -<p>Marke Tatra reiste mit der Eisenbahn nach Lieblichwaldau. Dort erwartete man ihn mit -einem Handwagen und fuhr ihn fort. Es ging durch ein nettes Städtchen, bergan in den Wald. -Auf sauberen Wegen immer durch Grün und Grün ging es. Es war eine lustige Fahrt. So -schön hatte sich Marke Tatra den Wald gar nicht gedacht. Endlich hielten sie auf einem wundervollen -Plätzchen an. Da stand ein riesiger alter Steintisch und am Rande schon unter den Zweigen -wieder eine alte Steinbank und da noch eine. Herr Lehmann setzte sich dahin. »Wunderschön -zum Ausruhn!« dachte Marke Tatra. »Wie die Vögel singen! Ich freue mich sehr über diese -Reise durch den Wald. Man erlebt doch etwas!«</p> - -<p>Die beiden jungen Menschen, die den Wagen gezogen hatten, störten ihn, nachdem sie sich -kurz verschnauft hatten.</p> - -<p>»Also hierher, Herr Lehmann!« sagten sie, hoben Marke Tatra vom Wagen, setzten ihn -auf zwei Steine, die in den Boden eingelassen waren und nieteten ihn mit Eisenbändern an -diesen Steinen fest. Das dauerte gar nicht lange; denn alles war schon bestens vorbereitet.</p> - -<p>Und als Marke Tatra festgenietet war, stand Herr Lehmann auf, versuchte, ob Marke -Tatra auch feststand, sagte: »Gut so!« und verschwand mit den beiden Schlossergesellen und -dem Wagen.</p> - -<p>Da stand nun Marke Tatra allein im Walde. Er war wie vor den Kopf geschlagen. -Endlich konnte er wieder einen gescheiten Gedanken fassen:</p> - -<p>»Die Vögel singen,« sagte er, »und der Wald duftet. Es ist wunderbar hier! Aber ich? -Was soll ich im Walde? Bin ich denn kein Papierkorb? Hierher gehört doch kein Papierkorb! -Ein Papierkorb gehört doch dahin, wo viel Papier überflüssig wird, gehört doch in ein Arbeitszimmer. -Ja, ich lasse mir auch noch einen Kinderspielplatz gefallen! Aber hier im Walde? Das -ist doch geschmacklos! Ich passe doch gar nicht hierher!«</p> - -<p>Und weil es gerade anfing zu regnen, weinte Marke Tatra lange Tränen an seinen ölfarbeüberzogenen -Eisenbeinen hinunter.</p> - -<p>Es sollte noch besser werden. Am nächsten Tage kamen zwei Männer, rammten hinter -Marke Tatra einen Pfahl in die Erde. Und dieser Pfahl trug eine Tafel. Wenn nun jemand -bei Marke Tatra vorbeigehen wollte, hielt er an und las:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»O Mensch, der du hier spazierst</div> - <div class="verse indent0">und Butterbrote mit dir führst,</div> - <div class="verse indent0">wirf das umhüllende Papier,</div> - <div class="verse indent0">das fettgetränkte, nicht von dir.</div> - <div class="verse indent0">Wirf’s in den Korb, du hast ja Zeit,</div> - <div class="verse indent0">nichts geht doch über Reinlichkeit!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">Dann suchte er pflichtschuldigst in allen seinen Taschen nach Straßenbahnfahrscheinen und allen -möglichen Papierresten und ließ sie in Marke Tatras Drahtleib fallen. Marke Tatra war -unglücklich:</p> - -<p>»Ich verstehe zwar nicht viel von Literatur,« dachte er. »Aber so ein Vers gehört in den -Papierkorb. Ich schäme mich, daß ich hier stehe. Eigentlich sollten sich die Menschen schämen, -daß auf dem Ruheplatz im Wald ein Papierkorb nötig ist. Sie haben doch einen Papierkorb -zu Hause! Und wenn sie wirklich hier ihr Frühstück auspacken. So ein bißchen Papier ist doch -keine Last, daß man es nicht nach Hause tragen könnte! Hier müßte ich doch tatsächlich überflüssig -sein. Wenn die Menschen so vernünftig wären, wie sie immer tun, müßten sie das doch -einsehen. Ich stehe hier – ein Papierkorb im Walde – als eine Geschmacklosigkeit. Und sie -sind schuld daran, weil ihresgleichen so geschmacklos ist, Papier liegen zu lassen hier im Walde, -wo es nun auch gar nicht hingehört.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_173">[173]</span></p> - -<p>Und nun brüllt das Schild noch dazu: »Ich weiß, daß Ihr keinen Sinn habt für die Reinheit -des Waldes. Ich sehe es Euch an, Ihr wollt Papier wegwerfen, legt es wenigstens in den -Papierkorb.«</p> - -<p>Marke Tatra erging sich immer wieder in Erwägungen über seine verfehlte Lebensaufgabe. -Er war überzeugt, daß er nicht am rechten Platze war, er mußte hier überflüssig sein. Wie gern -wollte er im dunkelsten Büro, in der Ecke im Schulhofe stehen, aber hier im Walde? Es war -wirklich zu viel verlangt.</p> - -<p>Marke Tatra regte sich wahnsinnig auf. Seine Ölfarbenhaut zerriß. Er fing an zu rosten.</p> - -<p>»Ich will gern sterben,« sagte er, »aber wenn ich zusammenbreche, muß auch der schreckliche -Vers im Papierkorb enden. Wenn er noch stünde und ich wär nicht mehr da, wäre das Unheil -nicht abzusehen!«</p> - -<p>Das Schicksal tat ihm seinen Willen. Ein Sturmwind kam. Die Holztafel mit dem Verse -stürzte in Marke Tatras angerosteten Eisendrahtleib und riß ihn mitten durch. »Ratsch,« sagte -Marke Tatra und war tot …</p> - -<p>Das ist nun dreißig Jahre her. Gott sei Dank, heute kann so etwas nicht mehr passieren. -Die Menschen sind eben doch vernünftiger geworden und geschmackvoller. Heute denkt auch gar -niemand mehr daran, im Walde Papier wegzuwerfen. Alle Menschen achten die Reinheit des -Waldes. Und da braucht sich auch kein armer Papierkorb mehr zu Tode zu quälen. Es wäre -aber auch noch schöner.</p> - -<p>Ja, wenn alles wahr wäre! …</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Die_Haustreiberei_eine_aussterbende_Heimarbeit">Die Haustreiberei, eine aussterbende Heimarbeit -in der südlichen Oberlausitz</h2> -</div> - -<p class="center">Von <em class="gesperrt">Alfred Eichhorn</em>, Glashütte</p> - -<p>Am Treiberade sitzt die alte Lausitzerin und treibt Pfeifen, mit der Rechten -die Kurbel fassend, mit der Linken den Wollefaden haltend. Die Winde, mit -Wollezaspeln bespannt, läuft im Windestock. Auf der Spille, die in die Seitenteile -des Pfeifenkastens eingestemmt ist, steckt die Pfeife. Sie wird mit Welle betrieben. -Auf der Spille steckt auch der Wirtel mit mehreren Einschnitten für die »Bieste« -(Treibschnur).</p> - -<p>Am Vormittage hat sich die alte Haustreiberin beim Fabrikanten drei Gebündel -Wolle geholt. »Se gitt gutt,« meint sie beim Treiben der ersten Pfeife am Nachmittag, -denn die Wolle »reßt ne und is o ne verhost.« Da können nach einer -Stunde schon vier betriebene Pfeifen unterm Windestock liegen. Damit ist sie recht -zufrieden. Für eine betriebene Pfeife bekommt sie zehn Pfennige, ergibt einen -Stundenlohn von vierzig Pfennig. Du liest noch einmal den Stundenlohn? Ja, -wahrhaftig! In dieser Tatsache offenbart sich wieder das Hauptkennzeichen unserer -Zeit – Gegensätzlichkeit; denn der Maschinentreiber in der Fabrik nennt dir sechs -Mark als Stundenlohn. Und welche Leute sind Haustreiber? Kränkelnde alte -Männer und Frauen, deren Rentenpfennige kaum zum Kauf eines Brotes reichen, -die Menschen, denen in ihrer Jugend die Ärmlichkeit der Lausitzer Hausweber -Weggenosse war. So greifen sie denn an ihrem Lebensabende noch einmal zum -wohlvertrauten Treiberade, weil die Not wieder dazu zwingt. Der Krieg ließ die -Haustreiberei wieder etwas aufleben, da die wenigen Aufträge und der Wollemangel<span class="pagenum" id="Seite_174">[174]</span> -den Betrieb großer Maschinen nicht lohnte. Wer kann’s den alten Haustreibern -verdenken, wenn in mancher Stunde Verbitterung ihr Herz erfüllt? Die Jugend -schwelgt, das Alter darbt.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-044"> - <img class="w100" src="images/illu-044.jpg" alt="" /> - <div class="caption"><b>Alte Lausitzerin am Treiberade</b></div> -</div> - -<p>Was erfahren wir aus der Kinder- und Jugendzeit der alten Haustreiber? -Wenn die Spannweite der Arme kaum ausreichte, um das Rad zu drehen und -den Faden zu halten, begann die erste Unterweisung im Treiben. Ein volles Jahr -fehlte mitunter noch bis zum ersten Schulgange. Gar bald wurden die kleinen -Finger mit dem schneidenden Faden bekannt. Daumen und Zeigefinger, auch der -Mittelfinger der linken Hand hatten tiefe Einschnitte bekommen. Dann mußte der -Faden zwischen den Fingern nahe der Handfläche gleiten. Mit zunehmendem Alter -war täglich eine größere Anzahl Pfeifen zu treiben. Da wurde die freie Zeit gar -knapp, und wenn »de Wulle schlajchte ging,« dann gab’s nur Stubenluft zu atmen, -denn die vom Vater festgesetzte Pfeifenzahl mußte fertig werden. Wie mühsam -war das Treiben an trüben und kurzen Wintertagen, wenn schwarze Wolle zu -treiben war, der Faden oft riß und sein verschwundenes Ende minutenlanges Suchen -erforderte! Wie flackerte das kleine Rüböllämpchen am Pfeifenkasten vom Winde -des Treiberades! Kalt wurde es in der Stube, da ja die Geschwister auch trieben -oder für Vaters Webstuhl spulten. So saßen die Familienglieder in Pelzen und -dicken Jacken bei spärlichstem Lichte am Treiberad, Spulrad und Webstuhl. -Und wie wurde damals ihre Arbeit bezahlt? Beim »Heimtragen« erhielt die -Mutter für eine betriebene Pfeife einen Pfennig, machte vier Pfennig Stundenlohn, -auch für jene Zeiten ein Hungerlohn! Vierzehn bis sechzehn Stunden drehte sich<span class="pagenum" id="Seite_175">[175]</span> -täglich Treiberad, Spille und Winde. Von vierzehn Jahren an war diese Arbeitszeit -Selbstverständlichkeit. Mehr Stunden wurde auch getrieben.</p> - -<p>So sind die Haustreiber vom Lebensmorgen bis zum Lebensabend nur auf -steinichtem Wege gewandert. Da wurden sie wortkarg und verschlossen.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Die_Schellente_im_Moritzburger_Teichgebiet">Die Schellente im Moritzburger Teichgebiet</h2> -</div> - -<p class="center">Von <em class="gesperrt">Paul Bernhardt</em></p> - -<p>Eine schöne Bereicherung hat der unheilvolle Krieg unserer heimischen Vogelwelt -gebracht: Die Schellente, dieser Prachtvogel, hat Heimatrecht im Moritzburger -Teichgebiet erworben, sie ist hier in den Kriegsjahren zur Brut geschritten. Schon -vor dem Kriege stellten sich im Oktober einige Paare als Durchzügler ein und -erfreuten bis zum April den Beobachter.</p> - -<p>Am sonnigen Herbsttage oder im zeitigen Frühjahr treibt es den Vogelkundler -hinaus ins Teichgebiet; hohe Zeiten sind es für ihn, denn reich ist die Fülle der -Beobachtungen. Forscherfreude im Herzen steht er vor der blauen Wasserfläche -und sucht sich in der schwimmenden, tauchenden, schwirrenden und kreischenden -Schar zurechtzufinden. Weit draußen leuchtet im Sonnenschein viel Weiß. Eben -ist es verschwunden, schon taucht der weiße Fleck wieder auf. Ein Schellentenerpel -im Hochzeitskleide. Das Glas zeigt die ganze Schönheit. Metallisch grün schillert -der dunkle, dicke Kopf, geschmückt durch zwei auffällige weiße Flecken dicht an -der Schnabelwurzel und durch feuergelb leuchtende Augen. Sonst überall viel -Weiß, das noch durch das tiefe Schwarz des Oberrückens und Schwanzes gehoben -wird. Immer größer wird der weiße Fleck auf dem Wasser. Der Erpel legt sich -putzend zur Seite, und die korallenroten Füße vollenden das herrliche Farbenspiel. -Kurze Zeit weidet sich das Auge am Anblick, schon ist die Herrlichkeit wieder -unter Wasser. Doch gleich nebenan erscheint einem auftreibenden Korke gleich eine -zweite, dritte ja vierte dieser zierlichen Tauchenten. Einige weniger auffallend -gefärbte Weibchen beteiligen sich am Treiben. Fleißig taucht die kleine Schar, um -bald wieder an der Oberfläche zu erscheinen. Schwer machen sie es mir, die -Stückzahl festzustellen. Trägheit liegt ihnen fern. Sie gehören zu den vorsichtigsten -und lebhaftesten Enten. Klirrend saust ein Pärchen reißenden Fluges über den -Wasserspiegel hin; hell leuchten die weißen Spiegel im schwarzen Felde auf, und -klingendes Getön vernimmt beim Nähern das Ohr. Daher die Bezeichnung Schellente. -Fast alle Teiche unseres Gebietes waren im vergangenen Frühjahr mit einigen -Schellenten besetzt, so daß gegen dreißig Paare gezählt werden konnten.</p> - -<p>Ganz toll wird das Treiben zur Paarungszeit. Die einzelnen Pärchen sondern -sich ab und sind von jetzt ab immer an gleicher Stelle in ihrem Brutgebiete anzutreffen. -Eine aufgeregte, kampfesreiche Zeit hebt an; Liebe und Eifersucht beherrschen -die kommenden Tage. Das muntere Treiben und Tauchen in Gesellschaft ist vorbei. -Jetzt gilt es, das Weibchen vor Anremplungen zu schützen. Und der Schellentenerpel -ist ein eifersüchtiger Gatte. Mit gesenktem Kopfe wird der sich nähernde -Nebenbuhler angenommen, durch Unterwasserangriff an den Ständern gepackt und<span class="pagenum" id="Seite_176">[176]</span> -eine Strecke im Fluge verfolgt. Oft wird der Kampf zur Rauferei. Wütend -stürzen die Erpel aufeinander zu, packen sich am Kopfe, ziehen sich balgend unter -heftigen Flügelschlägen bald über, bald unter Wasser hin und her; lassen voneinander -ab, packen sich wieder und treiben einer den andern im niedrigen Fluge -plätschernd über die Wasserfläche hin. Stolz umschwimmt der zurückgekehrte Gatte -die Auserwählte, bringt das Gefieder in Ordnung, legt den Hals weit nach hinten -auf den Rücken, schnellt ihn plötzlich hervor und läßt bei dieser Bewegung einen -eigenartigen hellen Ton hören, der sich mit »knirrr« wiedergeben läßt. Oefters -wiederholt sich dieses gleichmäßige Kopfrucken und Vorschnellen und nach langem -Werben findet der liebestolle Erpel Erhörung. Der Beschauer am Ufer ist verwundert -über das närrische Liebesspiel; für ihn war die Beobachtung Neuland. -Denn selbst sein »Naumann« berichtet nichts von der eigenartigen Schellentenbalz. -Wir haben hier eine der wunderlichsten Balzgebärden in der Vogelwelt vor uns, -die der des Spielhahnes gleichkommt und ganz wenig bekannt ist. Die Balz währt -von Februar bis hinein in den Wonnemonat. Aus alledem wird der Leser den -Wunsch des Verfassers verstehen, diesen Prachtvogel nicht nur als Durchzügler, -sondern als bodenständigen Brutvogel in unserer Heimat zu haben. Die Kriegsjahre -brachten für das Moritzburger Teichgebiet die Erfüllung des Wunsches. -1916 wurden von dem verstorbenen Ornithologen Mayhoff Dunenjunge der Schellente -auf dem Schwanenteich beobachtet. Ich selbst fand die ersten infolge des -Kriegsdienstes erst im Jahre 1918. Seit dieser Zeit konnte ich jedes Jahr mehrere -Bruten feststellen. In diesem Jahre brüteten wenigstens gegen sechzehn Paare im -Gebiete. Schon Mitte Mai traf ich das erste ausgeschlüpfte Gelege auf dem -Schwanenteiche. Neun allerliebste Federbällchen sitzen in früher Morgenstunde -dicht aneinandergedrängt auf der offenen Stelle des Teiches, seltsamerweise ohne -Mutter. Die ersten Sonnenstrahlen bringen Leben in die kleine Schar. Geschickt -taucht eins unter die Wasserfläche, ein zweites rennt eilig auf dem Wasser -hin, ein Insekt verfolgend, ein drittes wieder schnellt plötzlich in die Höhe, -um im Luftsprung eine vorüberfliegende Mücke zu erschnappen. Ein anmutiges -Bild! Der Vergleich mit dem Treiben der flinken Wassermäuse -drängt sich dem Beobachter auf. Bald ist die kleine Gesellschaft im Schilfe -verschwunden, wo die sichernde Mutter ihrer wartet. Die Jungen bleiben lange -Zeit beisammen. Noch im August traf ich die festgestellten Gelege auf dem -Schloß-, Schwanen-, Frauen- und Großteiche beisammen. Sie sind im Fluge -sofort an den weithin leuchtenden weißen Flügelflecken zu erkennen. Das Aussehen -der Dunenjungen ist außerordentlich drollig. Die Hauptfarbe ist ein Samtschwarz -am Kopfe und auf dem Rücken, während die Unterseite weiß aussieht. Ein keckes -Aussehen verleiht ihnen aber der gedrungene kurze Schnabel und der große weiße -Fleck vom Kinn bis zum Hinterkopf. Auch die weißen Flügelflecke sind schon -angedeutet. Die Angaben im Naumann, der sie mit den Dunenjungen der Märzente -vergleicht, stimmen auf keinen Fall.</p> - -<p>Besonders schwierig war die Feststellung eines Nestes. Bekanntlich brüten -die Schellenten seit neuerer Zeit in Baumhöhlen, ja sogar in den verlassenen Nistplätzen -des Schwarzspechtes. Die älteren Ornithologen führen als Brutort nur<span class="pagenum" id="Seite_177">[177]</span> -Schilf- und Rohrbestände an. Am 20. Mai 1920 fand ich die erste Nisthöhle durch -Zufall am Schloßteiche. Ein Weibchen flog auf die Kastanie zu, unter der ich -lagerte, schwenkte aber bei meinem Anblick im großen Bogen um; kehrte bald -zurück, durchflog taubenähnlich das dichte Geäst und verschwand in einer Baumhöhle. -Im vergangenen Frühjahre konnte ich drei Nisthöhlen feststellen. Besonders -bieten den Schellenten die höhlenreichen Kastanien der beiden Schloßteiche reichlich -Nistgelegenheiten. Deshalb ist auch ihr Treiben an diesen Teichen vor allem gut -zu beobachten. Doch auch auf den Teichen, deren Ränder fast keine alten Baumbestände -aufweisen, dafür aber größere Schilfbestände, sind Bruten aufgekommen. -Diese Tatsache läßt vermuten, daß die Schellente nicht nur in Höhlen, sondern -vielleicht wie andere Tauchenten im Schilfwalde brütet.</p> - -<div class="figcenter illowp60" id="illu-047"> - <img class="w100" src="images/illu-047.jpg" alt="" /> - <div class="caption"><b>Kastanie am Schloßteiche zu Moritzburg mit Nisthöhle der Schellente</b><br /> -(Aufnahme des Verfassers)</div> -</div> - -<p>Ganz vereinzelt muß die Schellente schon vor dem Kriege in unserem Gebiete -gebrütet haben. Ein Belegstück dafür befindet sich in meinem Besitz: ein 1913 -am Schloßteich vom Forstwart Herrn Eckart tot aufgefundenes Dunenjunges.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_178">[178]</span></p> - -<p>So sei am Schlusse nochmals der Freude Ausdruck gegeben, daß die herrliche -Schellente im Moritzburger Teichgebiet nicht mehr Naturdenkmal ist, sondern sie -sich Heimatrecht hier erworben hat und mit zu den häufigen Enten gehört. Möge -auch vom Landesverein gegen alles angekämpft werden, was diesem prächtigen -Vogel den Aufenthalt so nahe der Großstadt vergrämen könnte. Hierher gehört -sinnlose Schießerei, Umfällen alter Bäume und der Eierdiebstahl. Besonders schädlich -für unsere Wasservogelwelt ist das frühzeitige Schneiden des Schilfes und Rohres -durch die Teichverwaltung, das dieses Jahr schon Anfang Juli erfolgte. Auch das -»wilde Baden« an allen Moritzburger Teichen wird von unseren gefiederten -Freunden nicht besonders begrüßt.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Das_Triebelbachtal">Das Triebelbachtal</h2> -</div> - -<p class="center">Von <em class="gesperrt">Paul Apitzsch</em>, Ölsnitz i. Vogtl.</p> - -<p>Unweit der Dreikönigreichsecke, jener politisch bedeutsamen Stelle, da die -Grenzen der drei ehemaligen Königreiche Sachsen, Bayern und Böhmen in einem -Punkte zusammenstoßen, da jetzt die Gemarkungen der drei Republiken Sachsen, -Bayern und Tschechoslowakei sich berühren, ist auch die dreiteilige Wasserscheide -zwischen Elster, Saale und Eger. Gegen Süden fließen die Wässer dem Egerlande -zu. Nach Westen enteilt die Regnitz dem Waldlande und ergießt sich bei Hof in -die Saale. Und nordwärts gehört alles Fließende dem Stromgebiet der Weißen -Elster. Der bedeutendste linksseitige Elsterzufluß ist hier der fünfzehn Kilometer lange -Triebelbach. Zwischen Eichigt und Ebmath, rechts der Zollstraße Ölsnitz-Roßbach, -liegt ein Berg, der den merkwürdigen Namen »Bubenstock« führt. Auf älteren -Karten wird er »Pumpenstock« genannt. Trotz seiner absoluten Höhe von 630,8 Meter -bietet er nicht die geringste Fernsicht; denn erstlich erhebt er sich nur unbeträchtlich über -die durchschnittlich sechshundert Meter hoch gelegene Hochfläche, und überdies ist er bis -zur Kuppe mit Fichtenwald bestanden. Die einzige Bedeutung des Bubenstockes -in geographischer Beziehung besteht darin, daß an seiner westlichen Abdachung der -Triebelbach entspringt. Durch Heidegesträuch, Ginstergebüsch und niedrigen Mischwald -eilt das muntere Waldkind rasch abwärts. Es ist, als wolle es der unheimlichen -Gegend entfliehen. Führt doch das südwestwärts gegen Tiefenbrunn zu -gelegene einsame Waldstück den grausigen Namen: Der gespaltene Schädel. Ob eine -geheimnisvolle Untat dieser Benennung zugrunde liegt oder ob eine bloße Wortentstellung -anzunehmen ist, ist nicht mehr festzustellen. Der düstre Wald tritt beiderseitig -zurück und macht dem ersten Dorfe, <em class="gesperrt">Obertriebel</em>, Platz. Da die Bachsohle -beim oberen kleinen Dorfteiche genau fünfhundert Meter hoch liegt, so beträgt der -Fall von der Quelle bis hierher auf der kaum 2,5 Kilometer langen Strecke -bereits einhundertunddreißig Meter. Bei einer kleinen Häusergruppe zwischen Ober- -und Untertriebel, den sogenannten Hutherleithenhäusern, empfängt der Triebelbach -von links her starke Zuflüsse aus dem waldreichen Platzerberggebiet und von Neubrambach.<span class="pagenum" id="Seite_179">[179]</span> -Erheblich verstärkt kommt der hier außerordentlich krebsreiche Bach -nach dem Kirchdorfe <em class="gesperrt">Untertriebel</em>. Von lärchenbestandener Höhe klingt Glockenklang -hernieder. Droben bringt man sie zu Grabe, die sich freuten in dem Tal. -Denn der Kirchhof liegt hier noch, altem schönen Brauche gemäß, rund ums -Kirchlein. Das Gotteshaus von Untertriebel gehört zu den wenigen vogtländischen -Dorfkirchen, bei deren Anlage an Verteidigungszwecke gedacht worden ist und an -deren Umfassungsmauern noch <em class="gesperrt">Spuren ehemaliger Befestigung</em> zu erkennen -sind. Vor der turmartigen Friedhofspforte ragen zwei mächtige Linden. Links -vom Eingange, an der Nordseite der starken Kirchhofsmauer, sind ganz deutlich -drei Schießscharten zu sehen. Rechts vom Tore, an der Westseite also, sind weitere -sechs Schießscharten, so daß die ganze Mauer noch neun derartige Zeugen ehemaliger -Befestigung aufzuweisen hat. Gelegentlich einer Erweiterung des Friedhofes nach -Süden zu mußte die südliche und östliche Ummauerung abgetragen werden. Auch -diese Teile der ursprünglichen Anlage waren, wie mir der über vierzig Jahre in Untertriebel -im Amte befindliche alte Kantor Häntzschel versicherte, mit Schießlöchern -versehen. Die Schießscharten sind von annähernd gleicher Größe und Gestalt. Von -außen gesehen sind sie schmal, nur zehn Zentimeter breit und fünfzig Zentimeter -hoch. Nach innen werden sie weiter, und an der Innenseite der achtzig bis neunzig -Zentimeter starken Mauer sind sie beinahe quadratisch mit fünfzig Zentimeter Seitenlänge. -Eine Häufung der Schießscharten ist vermieden; in beinahe gleichen Abständen<span class="pagenum" id="Seite_180">[180]</span> -voneinander sind sie in das starke Mauerwerk getrieben. Als im Jahre 1901 -bei der Erneuerung des Gotteshauses auch die Friedhofsmauer abgeputzt wurde, -hatten übereifrige Handwerker unaufgefordert die Schießscharten teilweise schon -zugemauert. Sie waren höchlichst erstaunt, als durch ein Machtwort des Herrn -Pfarrers Kramer die »alten Löcher« wieder in den vorherigen Zustand zurückversetzt -werden mußten. Vor der Nordseite der Mauer sind grabenartige Vertiefungen, -die möglicherweise in Beziehung zu einer ehemaligen Befestigung stehen. Doch -ist in der historischen Deutung derartiger Vorkommnisse größte Vorsicht geboten. -Übereifer in der Auffassung und Behandlung »alter Löcher« kann nicht nur einen -simplen Mauergesellen, sondern auch den hochgelahrtesten Altertumsforscher zu Dummheiten -verleiten.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-049"> - <img class="w100" src="images/illu-049.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 1 <b>Untertriebel</b><br /> -(Phot. <em class="gesperrt">Curt Sippel</em>, Plauen i. V.)</div> -</div> - -<p>Es gibt im Vogtlande nur noch zwei Dorfkirchen, die Spuren einstiger -Befestigung tragen: Thierbach bei Pausa und Schwand. Bei Überfällen und -Plünderungen durch rohe mittelalterliche Landsknechte war gewöhnlich der das -Dorf beherrschende Rittersitz die Zufluchtsstätte der Dorfbewohner. Dieser Rittersitz -war entweder ausgezeichnet durch hohe Lage, oder durch Ringwallanlagen und -Teichinseln geschützt. Professor Johnson, Plauen, weist schon im Jahre 1900 darauf -hin, daß sowohl Thierbach, als auch Schwand und Untertriebel im Mittelalter -keine Rittersitze besaßen – das Rittergut Schwand ist später entstanden –, so daß -die schutzlosen Dorfbewohner auf den Gedanken kamen, Kirche und Friedhof zu -einem Verteidigungsplatze zu gestalten. Diese Erwägungen mögen wohl auch das -altvogtländische Adelsgeschlecht der Säcke auf Geilsdorf bestimmt haben, die Kirche -zu Untertriebel auf einem das Dorf überragenden Höhenrücken erbauen zu lassen, -und zwar schwankt das Erbauungsjahr nach urkundlich sicheren Angaben zwischen -1342 und 1380. Das Gotteshaus in seiner jetzigen Gestalt stammt aus dem Jahre -1535, so daß der ältere Bau nur etwa zwei Jahrhunderte stand.</p> - -<p>Für Freunde der Vergangenheit bietet auch das Innere der Untertriebler -Dorfkirche mancherlei Bemerkenswertes. Bei der obenerwähnten Erneuerung des -Gotteshauses fand man auf dem Kirchboden zwei verstaubte und stark beschädigte -<em class="gesperrt">Holzschnitzereien</em>: einen Kruzifixus und einen Taufengel. Beide Gegenstände -wurden der »Kommission zur Erhaltung von Kunstdenkmälern« zur Begutachtung -vorgelegt. Über den <em class="gesperrt">Kruzifixus</em> kam von Dresden folgendes Gutachten: »Ist eine -Holzschnitzerei aus dem fünfzehnten Jahrhundert; es fehlen beide Arme und sämtliche -Zehen; an der Nase, Operlippe und am Lendenschurz starke Beschädigungen. Das -Holz selbst ist gesund; auch die Bemalung braucht nur gereinigt und an den neuen -Stücken ergänzt zu werden. Eine Wiederherstellung ist unbedingt zu empfehlen. -Professor Spieler ist bereit, die Erneuerung vorzunehmen.« Der <em class="gesperrt">Taufengel</em> ist -ein kräftiges, eigenartiges Barockwerk etwa von 1730. Auf dem Deckel des von -dem Engel gehaltenen Taufbeckens sind Christus und Johannes der Täufer in -kleinen Figuren angebracht. Die Wiederherstellung des beschädigten Taufengels -übernahm Holzbildhauer Wünschmann in Dresden. Seit 1902 bilden die auf diese -Weise geretteten altertümlichen Holzschnitzereien einen wertvollen Schmuck des Altarplatzes -der Untertriebler Kirche. Künstlerisch bewertet sind die beiden Schnitzereien -sehr verschieden. Ich halte den Taufengel für die Arbeit eines Handwerkers, den<span class="pagenum" id="Seite_181">[181]</span> -Kruzifixus für das Werk eines Künstlers. Der schablonenhaft steife Faltenwurf -des hemdartigen Kleidungsstückes, sowie die wenig ausdrucksvollen Gesichtszüge des -Taufengels deuten auf eine nur mittelmäßige Befähigung des Holzschnitzers, während -die Darstellung des schmerzverzerrten Antlitzes, sowie die Ausarbeitung der Rippen -an dem abgezehrten Oberkörper des gekreuzigten Heilandes auf eine genauere -Kenntnis des anatomischen Baues eines Menschenleibes, sowie auf eine technisch -weit höher zu bewertende Beherrschung des Schnitzmessers schließen lassen.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-051"> - <img class="w100" src="images/illu-051.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 2 <b>Untertriebel</b><br /> -(Phot. <em class="gesperrt">Curt Sippel</em>, Plauen i. V.)</div> -</div> - -<p>Einige andre Altertümer der Kirche zu Untertriebel sind auf Veranlassung -des Professors Steche ins Sächsische Altertumsmuseum nach Dresden gewandert. -Auch sie lagen verlassen und vergessen in einem Winkel des Kirchbodens. Das -kostbarste Stück ist eine aus Holz geschnitzte <em class="gesperrt">Truhe</em>, die zur Aufbewahrung von -kirchlichen Geräten oder Meßgewändern verwendet wurde. Diese Truhe ist in dem -von Schmidt und Sponsel herausgegebenen »Bilderatlas zur Sächsischen Geschichte« -in der Abteilung für bäuerliche Kunst beschrieben und bildlich dargestellt.</p> - -<p>Doch nun genug der Namen und Zahlen. Wir treten heraus und steigen -hinunter ins Dorf. Der prächtige <em class="gesperrt">Lärchenhang des Kirchberges</em> war im -März 1919 stark gefährdet. Ein Teil der Mitglieder des Gemeinderates, verbittert -durch die überaus hohen Anforderungen der Erwerbslosenunterstützung an die -Gemeindekasse, hatte tatsächlich die Absicht, die großen Lärchen des Kirchpöhls<span class="pagenum" id="Seite_182">[182]</span> -fällen zu lassen. Ich hatte alle Mühe, das drohende Verhängnis abzuwenden. -Ich verhandelte schriftlich und mündlich mit Pfarrer und Gemeindevorstand und -disputierte mit den Bauern im Wirtshause. Den Ausschlag gab schließlich ein -äußerst geschickt abgefaßtes und warmherzig gehaltenes Schreiben des »Landesvereins -Sächsischer Heimatschutz«, das auf meine Anregung hin der Gemeinde zuging. -Der Baumbestand des Kirchpöhls war gerettet. Der Naturschutzabteilung -des Landesvereins ist es zu danken, daß das Kirchlein zu Untertriebel noch heute -im Schmucke eines selten schönen Lärchenbestandes herab ins Tal grüßt. –</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-052"> - <img class="w100" src="images/illu-052.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 3 <b>Fuchsmühle</b><br /> -(Phot. <em class="gesperrt">Albert Roth</em>, Ölsnitz i. V.)</div> -</div> - -<p>In breitem Wiesentale schlängelt der Triebelbach weiter. Und nun ein Glanzstück: -die idyllisch gelegene <em class="gesperrt">Fuchsmühle</em>. Aus dichtem Grün leuchtet der schlohweiße -Giebel mit seinem dunklen Fachwerk freundlich hervor. Hier bei der Fuchsmühle -lag eine der vorzüglichsten Kupferzechen des Vogtlandes: »Hoff auf Gott«. -Von 1705 bis 1721 wurden 1980 Zentner Kupfer im Werte von 47 993 Taler -16 Groschen 2¼ Pfennige und außerdem 285<span class="frac"><sup>3</sup>/<sub>8</sub></span> Zentner Kupfervitriol im Werte von -2570 Taler 18 Groschen 0 Pfennige zutage gefördert. Der Reingewinn betrug nach -den jetzt noch vorhandenen Grubenrechnungen 28 172 Taler 10 Groschen 2¼ Pfennige. -Der Bergsegen ließ indes bald nach. Dazu kam, daß infolge der Weichheit des -Gesteins die Stollen mit Holz verzimmert werden mußten und daß man fortwährend -mit dem Grundwasser des nahen Triebelbaches zu kämpfen hatte. 1735 kam die -Grube zum Erliegen. Unweit der Mühle stand ein Pochwerk. Interessant ist, daß -dieses Pochwerk die Ursache einer Beschwerde des staatlich konzessionierten Perlenfischers -wurde. Am 3. Juli 1710 erstattet der Ölsnitzer Perlenfischer Johann -Gottfried Schmirler im Amt Voigtsberg folgende Anzeige: »Er wäre vorige Woche -in dem <span id="corr182">Tribler</span> Bach gewesen und hätte Perlen suchen wollen. Da habe er<span class="pagenum" id="Seite_183">[183]</span> -gefunden, wie solcher Bach gänzlich aussterbe. Sonsten hätten die Muscheln wie ein -Pflaster darinnen gestanden. Vorjetzo fände er fast gar keine. Die ursach dieses -Aussterbens schreibe er dem an solchem Bach gebauten Pochwerke zu. Er hätte -dahero unterschiedlichmahlen bey denen Bergbeamten Erinnerung gethan, man hätte -es aber nicht attentiret; itzo könnte man nun den Schaden spühren. Man solle -Teiche machen, worinnen der Schlamm und die materie, welche denen Muscheln -schädlich, vielleicht sitzen bliebe. Er müsse gestehen, daß er in dieser Refier jederzeit -die hellsten und klahrsten Perlen gefunden.« (Dr. J. G. Jahn, Die Perlenfischerei -im Voigtlande, Ölsnitz 1854.)</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-053"> - <img class="w100" src="images/illu-053.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 4 <b>Bösenbrunner Kirche</b><br /> -(Phot. <em class="gesperrt">Curt Sippel</em>, Plauen i. V.)</div> -</div> - -<p>Außer Kupfer wurde in der Nähe der Fuchsmühle auch Zinn (Zinnzeche -St. Johannes) und Eisen (Ludwig-Fundgrube) bergmännisch gewonnen. Zahlreiche -Halden, Pingen, Berglöcher, Stollenausgänge und Reste alter Grubengebäude zeugen -noch heute von dem Bergbau vergangener Zeiten.</p> - -<p>Wir wandern weiter mit den wandernden Wellen und erreichen das dritte -und letzte Dorf des Tales: <em class="gesperrt">Bösenbrunn</em>. Auf allen Höhen rings herum lugt -aus dem Dunkelgrün des Fichten- und Föhrenwaldes weißschaftig die Birke, deren -Besonderheit darin besteht, daß sie zu jeder Jahreszeit andre Farbenstimmung -aufweist; im Vorfrühlinge zartduftiges Hellviolett, im Spätlenz Smaragdgrün, im<span class="pagenum" id="Seite_184">[184]</span> -Sommer kraftvolles Allerweltsgrün, im Herbst strahlendes Gelb und vor Beginn -des Winters wieder jenes eigenartige tote, stumpfe Violett, welches kein Pinsel -wiederzugeben vermag. Am linken Talhange das winzige Dorfkirchlein, erbaut in -demselben Jahre, da der Dreißigjährige Krieg begann. Droben Gotteshaus und -Gottesacker, drunten das Rittergut, drüben die Mühle und draußen gegen den -Talausgang, an den rechtsseitigen Waldhängen, zwei einsame Einschichten: das -<em class="gesperrt">Streithaus</em> und das <em class="gesperrt">Otterhaus</em>. Zwischen Rittergut und Mühle liegen am -Wege die Überreste alter »<em class="gesperrt">Griebensteine</em>«. Es sind dies viereckige, mit einer -gerundeten Aushöhlung versehene Granitbottiche, in denen zur Zeit der Pechsieder -die Abfallprodukte des Peches nochmals geröstet wurden. Man gewann aus diesen -»Griefen« oder Grieben eine Art minderwertiges Pech, nützte also das Naturprodukt -wirtschaftlich aus. Das gewonnene Abfallpech floß durch ein an der tiefsten Stelle -angebrachtes rundes Loch ab. Die Granitpfannen müssen also ehedem auf einer -Unterlage gestanden haben. Jetzt liegen sie im Erdreich eingedrückt und im Grase -vergraben schon seit Jahrzehnten ungenützt. Solche alte Pechpfannen gibt es auch -anderswo im Vogtlande, so bei Brotenfeld, bei Planschwitz und bei Raun.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-054"> - <img class="w100" src="images/illu-054.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 5 <b>Mühle in Bösenbrunn</b><br /> -(Phot. <em class="gesperrt">Albert Roth</em>, Ölsnitz i. V.)</div> -</div> - -<p>Das Triebelbachtal wird nun eng und tiefeingerissen. Die Abhänge sind von -der Talsohle bis zur Höhe bewaldet. Einige große Kahlschläge flammen in buntester -Blütenpracht. Ein Meer purpurner Weidenröschen (<em class="antiqua">Epilobium angustifolium</em>). -Dazwischen gelbe Fingerhüte (<em class="antiqua">Digitalis ambigua</em>), stachelige blaue Natterköpfe -(<em class="antiqua">Echium vulgare</em>), stolze Königskerzen (<em class="antiqua">Verbascum</em>), großblumige enzianblaue -Pfirsichglockenblumen (<em class="antiqua">Campanula persicifolia</em>), lohende Pechnelken und leuchtende -Margeriten. Und inmitten all dieser Farbenfülle wandert der Erlen- und Perlenbach -geruhsam seines Weges, der Weißen Elster entgegen. Bei <em class="gesperrt">Pirk</em>, zwischen -Ölsnitz und Plauen, mündet er in den Hauptflußlauf des Vogtlandes.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_185">[185]</span></p> - -<p>Fernab allem Weltgetriebe, ein stilles, einsames Waldland, urkräftig und -unberührt, lieblich im Birkenschmucke des Lenzes, farbenfreudig im Glast und -Glanz des Hochsommers, versonnen und verträumt im Sterbekleid des Herbstes, -erstarrt und erstorben im Rauhreifgeschmeide des Winters – so lieb ich dich, du -mein märchenschönes Vogtlandtal.</p> - -<div class="figcenter illowp50" id="illu-055"> - <img class="w100" src="images/illu-055.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 6 <b>Weg nach Neubrambach</b><br /> -(Phot. <em class="gesperrt">Curt Sippel</em>, Plauen i. V.)</div> -</div> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_186">[186]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="In_Guteborn">In Guteborn</h2> -</div> - -<p class="center">Von <em class="gesperrt">A. Klengel</em>, Meißen</p> - -<p class="center smaller">(Aufnahmen von J. Ostermaier, Blasewitz)</p> - -<div class="epigraph"> -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Ihr glücklichen Augen, was je ihr gesehn,</div> - <div class="verse indent0">Es sei wie es wolle, es war doch so schön!</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="mright"> -<em class="gesperrt">Goethe</em>, Faust II -</p> -</div> - -<p>Ein Brief aus Guteborn wird mir gebracht; Seine Durchlaucht Ulrich Prinz -Schönburg lädt mich in herzlicher Weise zu einem Besuche auf seine Besitzung ein. -Da er gern Störche in Guteborn ansiedeln möchte, soll ich ihm mit einem guten -Rate zu Hilfe kommen.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-056"> - <img class="w100" src="images/illu-056.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 1 <b>Guteborn, Eingang zum Schloßhof</b></div> -</div> - -<p>Rasch die Landkarte zur Hand genommen! – Guteborn ist der waldreiche -Großgrundbesitz in der preußischen Niederlausitz, dicht an Sachsens Grenze, den etwa -die Bahnlinien Ortrand–Ruhland–Hohenbocka–Kamenz umrahmen, also von hier -aus leicht und schnell zu erreichen. Und dann noch einen Blick in die Genealogie -des Schönburgischen Hauskalenders, der mir als sächsischem Geschichtsforscher zur -Hand liegt. Der freundliche Gastgeber ist ein Glied der Fürstlichen Linie Schönburg-Waldenburg -und ein Vetter des jüngst verstorbenen Prinzen Ernst, der mit seiner -schon früher heimgegangenen Gemahlin Helene auf der prächtigen Besitzung Gauernitz -bei Meißen den Natur- und Vogelschutz in vorbildlicher Weise pflegte, so daß ich -und die Freunde der Heimat alle Ursache haben, ihm ein dankbares und ehrendes<span class="pagenum" id="Seite_187">[187]</span> -Gedächtnis zu bewahren. Die Liebe zur Natur scheint eine schöne Familieneigentümlichkeit -des uralten edlen Fürstengeschlechtes zu sein. Die Reise verspricht also -außerordentlich lohnend zu werden und hocherfreut sage ich zu.</p> - -<div class="figcenter illowp50" id="illu-057"> - <img class="w100" src="images/illu-057.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 2 <b>Guteborn, Kirche und Eingang zum Schloß</b></div> -</div> - -<p>In der Morgenfrühe eines kalten Oktobertages breche ich denn auf, voll von -Erwartungen, und früh nach acht Uhr schon lande ich auf dem Bahnhofe Ruhland. -In ein Reich der Arbeit bin ich gekommen, ist doch Ruhland ein Mittelpunkt des -Niederlausitzer Kohlenbergbaues und der Preßkohlenherstellung. Der große neuzeitliche -Bahnhof, der zugleich ein wichtiger Knotenpunkt ist, legt Zeugnis ab von -dem ins Riesenhafte gewachsenen Verkehr; das Städtlein freilich ist klein und unscheinbar -geblieben, die Häuser scharen sich verträumt um die Kirche und bieten ein -Bild, wie wir es in vielen kleinen Landstädten zu schauen gewöhnt sind.</p> - -<p>Lange Zeit bleibt mir nicht zu diesen Betrachtungen, bin ich doch aus ganz -anderen Gründen nach Ruhland gekommen und das prinzliche Geschirr wartet vor -dem Tore.</p> - -<div class="figcenter illowp50" id="illu-058"> - <img class="w100" src="images/illu-058.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 3 <b>Guteborn, Schloßgarten mit südlichem Pavillon, -der das Archiv enthält</b></div> -</div> - -<p>Im Trabe gehts zur Stadt hinaus dem Walde zu. Bald zeigt der Grenzgraben -an, daß ich mich auf Guteborner Besitz befinde. Der Kutscher hat Auftrag,<span class="pagenum" id="Seite_188">[188]</span> -mich zunächst nach den weiten Waldwiesen und an die baumbestandenen Teichufer -zu fahren, damit ich aus der Beschaffenheit des Bodens und der landschaftlichen -Lage erkennen soll, ob wohl Guteborn noch dazu geeignet ist, dem Storche eine Heimat -zu bieten. Der Versuch, den Storch anzusiedeln, kann immerhin gemacht werden, -wenn auch die Gegend nicht gerade als ideale Storchheimat zu bezeichnen ist. Die -weiten, zum Teil anmoorigen und sumpfigen, von Gräben durchzogenen Wiesen und -die verlandeten Teichufer würden dem langbeinigen Froschliebhaber gewiß Nahrung -in Fülle bieten; auch würde er sich des besten Schutzes durch den prinzlichen Gönner -erfreuen. Wie ich bald erfuhr, darf in Guteborn nicht einmal auf einen Reiher, -geschweige denn auf einen Storch geschossen werden. Freilich sind die für den Storch -in Frage kommenden Nahrungsgründe von weiten Wäldern umgeben und diese liebt -der Storch nach meinen Erfahrungen nicht allzusehr, wenn er sich auch als ungepaarter -Vogel gern an den Waldrändern aufhält. Und hinter den Wäldern wohnt -die Industrie mit hohen Schornsteinen, Lärm und Ruß und Rauch. Fast immer -hält er eine Gegend, in welcher die Industrie die Oberhand gewinnt, für ungastlich<span class="pagenum" id="Seite_189">[189]</span> -und kehrt ihr darum den Rücken. Als günstig für die Ansiedelung des Storches -ist wieder der Umstand anzusprechen, daß der Guteborner Besitz eine außerordentliche -Größe hat und dadurch allein schon in seinen Grenzen dem Storche ein friedliches -und stilles Wohnen ermöglicht. Mag darum auf einer der alten strohgedeckten -Bauernscheunen im Dorfe Guteborn, das mir jetzt zu Gesicht kommt, durch Aufbringen -einer Nestunterlage dem Storche die Möglichkeit zur Ansiedelung geboten -werden. Der prinzliche Storchfreund hat zwar auf den Nebengebäuden des Schlosses -bereits zwei einladende Storchnester herrichten lassen, die von den Störchen wohl -beachtet, aber bis jetzt nicht bezogen worden sind. Anscheinend nehmen sie doch -Anstoß an dem regen Leben im Schloßhofe und in der Umgebung. Sollte die Ansiedelung -auf einer der abseits gelegenen Scheunen gelingen, so ist es vielleicht möglich, -den Storch auch an den regeren Verkehr zu gewöhnen und zum Beziehen eines -Nestes am Schlosse zu veranlassen.</p> - -<p>Die Rappen halten im Hofe des hohen und stattlichen, von vier Ecktürmen -flankierten Schlosses Guteborn. Mit seinen zahlreichen schmucken Nebengebäuden, -von welchen die Schloßkapelle und der neu erbaute Marstall besonders hervorgehoben -sein mögen, bietet es das Bild eines vornehmen Fürstensitzes, wie ihn -nur das hohe künstlerische und schöngeistige Empfinden eines uralten Hochadelsgeschlechtes -erbauen und pflegen konnte.</p> - -<p>Seine Durchlaucht empfängt mich selbst am Wagen, begrüßt mich auf das -herzlichste und führt mich zum Frühstück in das Schloß. Wie nicht anders zu erwarten, -bieten die Innenräume Bilder des vornehmsten und vollendetsten Geschmacks. -Die hohe Schloßhalle birgt zahlreiche Jagdtrophäen, darunter auch einen prächtigen -Braunbären, den der Prinz auf dem Besitz seines Vetters in Krain erlegt hat. -Oft schon sind mir Jagdtrophäen von glücklichen Weidmännern gezeigt worden, -noch nie habe ich aber das Empfinden gehabt, das mich hier in Guteborn beschlich, -als mir der hohe Gastgeber Erläuterungen zu seinen weidmännischen Schätzen gab. -Ein Bedauern klang aus seinen Worten; mir schien es fast, als hätte es ihm schwere -seelische Kämpfe gekostet, ehe er das tödliche Blei auf das Tier sandte, als sei ihm -das Tier im Leben unendlich viel lieber gewesen, als jetzt als präparierte Trophäe. -Wie himmelweit erhaben erschien mir in diesem Augenblicke die hohe vornehme -Gestalt des Prinzen über so manchen anderen Jäger unserer Zeit. Ich hatte das -Richtige vermutet. Wie ich später erfuhr, findet der Prinz wenig Gefallen am -Weidwerk; er empfindet aber hohen Genuß am Beobachten der freien Tierwelt, die -in ihm einen vorbildlichen Schützer und Hüter besitzt.</p> - -<p>Der Prinz führte mich dann in den Park, der sich in einer Größe von etwa -zweihundert Morgen an das Schloß anschließt. Ich war erstaunt, auf dem Sandboden -der Herrschaft Guteborn einen derartigen prächtigen und frohwüchsigen Naturpark -mit gewaltigen Baumriesen zu finden; er dürfte schwerlich seinesgleichen haben. -Mit Recht ist er denn auch der Stolz des Besitzers; mit Liebe wird er geschützt -und gehegt und mit größter Sorgfalt gepflegt, doch immer in einer Weise, daß -Spuren menschlicher Tätigkeit nicht zu bemerken sind. Der Park läßt nichts erkennen -von der zwingenden Hand des Menschen, vom Werkzeug des Gärtners oder -Forstmannes. Hier ist der Gedanke, daß die Natur durch Menschenhand wohl<span class="pagenum" id="Seite_190">[190]</span> -gepflegt, aber nicht verschönert und verbessert werden kann, auf das trefflichste durchgeführt. -Als ein prächtiges Stück unberührter Natur erscheint der Guteborner -Parkwald, urwüchsig und herrlich wie am ersten Tag. Wie kläglich nimmt sich -doch dagegen ein im französischen Geschmack gestutzter Park mit seinen gemarterten -und geschundenen Bäumen aus, den wir sonst meist neben den Schlössern zu schauen -gewöhnt sind.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-060"> - <img class="w100" src="images/illu-060.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 4 <b>Guteborn, Eingang zum Schloßhof, rechts die alte Mühle</b></div> -</div> - -<p>Dieses Prunkstück heimischer Naturschönheit ist des Prinzen ureigenstes Reich. -Wohl schwerlich gibt es wieder einen Schloßherrn, der mit den Bäumen seines -Parkes so vertraut ist, wie der Herr auf Guteborn. Auf die Bäume, welche sich -durch besondere Größe, prächtigen oder eigenartigen Wuchs auszeichnen, macht er -mich aufmerksam, auf besonders schöne Baumgruppen, auf herrliche Durchblicke -weist er mich hin, von den Vögeln erzählt er mir, die in den Baumkronen wohnen -und von dem Hochwilde, das in seltener Vertrautheit durch den Park wechselt. Es -macht ihm Freude, wenn sich andere, für die Schönheit der Natur empfängliche -Menschen mitfreuen an seinem prächtigen Besitz, den er nicht ängstlich abschließt -gegen die Außenwelt, sondern für Spaziergänger und Naturfreunde offen hält. – Ein -bunter Mischwald ist der Park; Fichten, Kiefern, Weymutskiefern und Lärchen -wechselten ab mit Eichen, Linden und anderen Laubhölzern. Einige besonders -prächtige Stücke mögen herausgegriffen sein. Der Prinz maß mit mir den Umfang -mehrerer Bäume, die sich sowohl durch prächtigen gesunden Wuchs als auch durch -stattliche Größe auszeichneten. Wir fanden Fichten von 325 und 375 Zentimeter<span class="pagenum" id="Seite_191">[191]</span> -Umfang bei einem schätzungsweise gewonnenen Höhenmaße von 45 bis 50 Meter -und eine Kiefer von 272 Zentimeter Umfang. Unter Berücksichtigung des mageren -Sandbodens, worauf der Baum steht, schätze ich das Alter der stärksten Fichte auf -weit über dreihundert Jahre; sie stand also jedenfalls damals schon, als die Herrschaft -vor drei Jahrhunderten in das Eigentum der Familie des jetzigen Besitzers kam.</p> - -<p>Bald kommen wir an eine weitere Sehenswürdigkeit. Inmitten einer Gruppe -alter Fichten und von Rhododendronbüschen umgeben liegt nahe einer Waldwiese -ein kleiner stiller Weiher, der von einem unsichtbaren Quell gebildet wird. Die -Wasserzuführung ist so stark, daß ein stattlicher Bach aus dem Weiher abfließen -kann, der verschiedene Teiche in der Umgebung des Schlosses speist. Große grüne -und braune Algen wachsen im Becken des Weihers; ein Sonnenstrahl, der durch -die Bäume bricht, läßt sie aufleuchten im herrlichsten Samtgrün. Ein Böcklinsches -Gemälde, ein Heiligtum liegt vor unsern Augen. »Guteborn« hat der Prinz den -Weiher mit seiner verborgenen Quelle genannt.</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-061"> - <img class="w100" src="images/illu-061.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 5 <b>Guteborn, Wirtschaftshof</b></div> -</div> - -<p>Im Schloßparke wird natürlich nie ein Kahlhieb geführt, auch in den übrigen, -zweitausend Morgen großen Waldungen der Herrschaft Guteborn wird mit Vorliebe -zum Plänterbetrieb gegriffen. Die Eigenart der Waldlandschaft bleibt dadurch erhalten, -dabei sind niemals größere Ungezieferschäden beobachtet worden.</p> - -<p>Der Prinz stellte mir auch des Parkes treuen Hüter und fleißigen Pfleger -vor, einen Mann mit grauem Haar. Gar eigen wurde mir ums Herz, als ich -seine Geschichte hörte. In der Nähe geboren, war er später jahrzehntelang Schutzmann<span class="pagenum" id="Seite_192">[192]</span> -in der Reichshauptstadt; dann zog’s ihn wieder zurück nach der Heimat; -Berlin hat nicht vermocht, die Heimatliebe im Herzen dieses schlichten Mannes zu -ertöten. Er fühlt sich glücklich unter den Bäumen des ihm anvertrauten Parkes, -er hat nun erst gefunden, was ihm das Leben bisher versagte. Gäbe es doch noch -viele Menschenkinder, die auch in der Fremde die Fühlung mit der Heimat nicht -verlieren, die auch im Trubel der Großstadt nicht wurzellocker werden in der Heimaterde. -Es würde besser um uns stehen.</p> - -<div class="figcenter illowp50" id="illu-062"> - <img class="w100" src="images/illu-062.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Abb. 6 <b>Quellteich der »Guteborn«</b></div> -</div> - -<p>Mehrere Stunden noch brachte ich in Guteborn zu; es gab noch Vieles und -Schönes zu schauen; denn überall zeigt sich der Schönheitssinn und die Naturliebe -des Prinzen. Ich bin durch die Wälder gestreift und habe mich darüber gefreut, -daß hier trotz aller forstmännischen Sorgfalt der Schönheitsgedanke noch Raum zur<span class="pagenum" id="Seite_193">[193]</span> -Betätigung gefunden hat. Auch die Felder werden in dieser Weise gepflegt. Dafür -nur ein Beispiel. Um eine einförmige junge Obstbaumpflanzung zwischen den -Feldern stimmungsvoll zu beleben, ist sie durch eine Ginsterhecke verbunden; die -Hecke dient nicht nur zur Hebung der landschaftlichen Schönheit, sondern bietet auch -den Vögeln Unterschlupf und Nistgelegenheit.</p> - -<p>Im Dorf Guteborn wird man Zeichen vom Schönheitssinn und den Wohlfahrtsbestrebungen -nicht vergeblich suchen, davon sprechen die schmucken Häuser der -herrschaftlichen Beamten und der prinzliche Gasthof, dessen Innenausstattung eine -Fundgrube für den Freund der Volkskunde darstellt. Die Einwohner schätzen ihren -Prinzen außerordentlich hoch, hat er doch ein fühlendes Herz für ihre Nöte und -Sorgen. Das ist wohl selbstverständlich; wie könnte auch ein derartiger Natur- -und Tierfreund, ein so vorbildlicher Schützer der stummen Kreatur gefühllos gegen -seine Mitmenschen sein!</p> - -<p>Den Höhepunkt meines Besuches bildete die prinzliche Familientafel, zu der -mich Seine Durchlaucht geladen hatte und eine Stunde anregendster Unterhaltung, -die sich daran anschloß. Ich erfuhr dabei auch, daß der Prinz den Natur- und -Heimatschutz nicht nur selbst in vorbildlicher Weise pflegt, sondern auch die Natur- -und Heimatschutzvereine unterstützt und ihre Bestrebungen fördert.</p> - -<p>Die Dämmerung brach herein als mich das prinzliche Geschirr wieder hinaus -fuhr in das geschäftige Leben und Treiben des Alltages. Vom Waldrande warf ich -noch einen Blick zurück auf das Naturparadies Guteborn und das stolze Schloß, -in dem der Mann wohnt, der im Gespräch von sich sagte:</p> - -<p>»Ich bin nur der Hüter, der oberste Beamte meiner Güter; ich habe nur zu -hüten, zu pflegen und zu erhalten für kommende Geschlechter!« –</p> - -<p>Und wäre man noch so demokratisch gesinnt in heutiger Zeit, der einen Wahrheit -kann sich der ehrliche Mensch nicht verschließen: der hohe und edle Sinn und -das Verständnis für die Schönheiten der Heimat, für den Schutz der heimischen -Natur und der sie belebenden Geschöpfe haben an unseren deutschen Fürstenhöfen -immer die beste Pflegstätte gefunden. Die meisten Glieder unserer deutschen Fürstengeschlechter -fühlten sich von jeher als berufene Hüter und Pfleger der Heimat- und -Naturschönheiten; sie haben gezeigt und zeigen es heute noch, daß sie den Sinn des -Wortes »Besitz verpflichtet« recht zu deuten verstehen!</p> - -<div class="figcenter illowp100" id="illu-063"> - <img class="w100" src="images/illu-063.jpg" alt="" /> -</div> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_194">[194]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Loens_als_Jaeger">Löns als Jäger</h2> -</div> - -<p class="center">Von <em class="gesperrt">Edmund Scharein</em></p> - -<p>Binnen kurzem wird in der Lüneburger Heide unter voraussichtlich großer -Beteiligung zahlreicher Jäger und Naturfreunde das Hermann-Löns-Denkmal, ein -schmuckloser, gewaltiger Findling, der das Bildnis des Dichters trägt, enthüllt. -Dem Wunsch des Dichters und wackeren deutschen Weidmannes ist damit nicht -entsprochen. Denn er bestimmt selbst:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Und geht es zu Ende, so laßt mich allein</div> - <div class="verse indent0">Mit mir selber auf einsamer Heide sein;</div> - <div class="verse indent0">Will nichts mehr hören, und nichts mehr seh’n,</div> - <div class="verse indent0">Will wie ein totes Getier vergeh’n.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Auf meinem Grabe soll stehen kein Stein,</div> - <div class="verse indent0">Kein Hügel soll dorten geschüttet sein,</div> - <div class="verse indent0">Kein Kranz soll liegen da, wo ich starb,</div> - <div class="verse indent0">Keine Träne fallen, wo ich verdarb.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Will nichts mehr hören und nichts mehr seh’n,</div> - <div class="verse indent0">Wie ein totes Getier, so will ich vergeh’n;</div> - <div class="verse indent0">Und darum kein Kranz und kein Stein,</div> - <div class="verse indent0">Spurlos will ich vergangen sein.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Wüßte er aber, daß lediglich die Dankbarkeit deutsche Jäger zwingt, ihn in -dieser Weise zu ehren, und könnte er sehen, daß der Stein mitten in der Lüneburger -Heide, in der von ihm über alles geliebten Heide, stünde, oben auf dem -Wietzer-Berg, in einem Revier, in welchem er so oft weidwerkend geweilt hat, ich -glaube, er würde uns verzeihen.</p> - -<p>Nicht nur die deutsche Literatur hat durch Löns’ frühen Tod einen unersetzlichen -Verlust erlitten, sondern auch die deutsche Jägerwelt. Und gerade diese hätte -seiner Anregungen heute mehr bedurft denn je.</p> - -<p>Bei der gewaltigen Liebe zur Natur, die den Meister auszeichnete, bei dem -großen Interesse, das er den scheinbar nichtigsten Dingen in Feld und Wald entgegenbrachte, -ist es kaum zu verwundern, daß er nicht Sportjäger geworden ist. -Sportjäger weder im engeren, noch im weiteren Sinne. Es kam Löns nicht auf -reichliche Beute und Trophäen an. Er liebte die Jagd nicht, weil sie die Möglichkeit -bietet, alle möglichen Kreaturen zu erlegen, sondern er liebte sie, weil er die -Natur in Feld und Wald beobachten, das Verhalten des Wildes studieren, weil er -allen Geschöpfen, die sich in der freien Gottesnatur aufhalten – vom größten -Säugetier bis zum kleinsten Käfer – ihre Geheimnisse ablauschen konnte.</p> - -<p>Nur das Stück Wild, dessen Überlistung ihm nach vielen Mühen gelang, -machte ihm Freude. Ein Täuber, zu dessen Erlegung er viel Mühe aufwenden -mußte, konnte ihn mehr erfreuen, als ein mühelos erbeuteter »Brunfthirsch«.</p> - -<p>Löns, der in seiner langen Jägerlaufbahn viel geweidwerkt hat und der sich mit -bestem Erfolg den verschiedensten Wildarten gegenüber versucht hat, hatte selbstverständlich<span class="pagenum" id="Seite_195">[195]</span> -große Strecken zu verzeichnen. Diese waren aber lediglich bedingt -durch seine hervorragenden jagdlichen Fähigkeiten – in der Handhabung der Waffe -wie im Anschleichen war er Meister; in der Kenntnis der Gewohnheiten und -Eigentümlichkeiten des Wildes war er nicht zu übertreffen – und die Regelmäßigkeit, -mit welcher er der Jagd oblag.</p> - -<p>Wie oft wird ihm die Freude vergällt beim Anblick des gestreckten Wildes. -Und nicht ohne Wehmut zieht er den grünen Bruch durch den frischen Schweiß -und steckt ihn an den verwitterten Jagdhut. So ist denn der Abschluß der erfolgreichen -Jagd, der die meisten Jäger befriedigt, weil er sie an das Ziel ihrer Wünsche -brachte, für Löns oft eine Qual. Als er auf dem Abendstrich die tote Schnepfe -– die erste des Jahres –, welche im dürren Farnlaub vor ihm liegt, aufhebt, -ist seine Freude hin, und der Lärm der Kraniche, welche seine Schüsse im Bruch -aus dem Schlaf gejagt haben, kommt ihm vor wie eine Klage und – Anklage. -Und in Erinnerung an den Abend während der Heimfahrt ist ihm, »als hätte der -rohe Schlußreim den Zauber dieses Tages verdorben«. Und oft kommt diese -Wehmut zum Ausdruck. Ob er den langersehnten stolzen Auerhahn mitten im -Minnegesang gefällt oder den roten Bock mit gutem Blattschuß gestreckt hat, er -stiehlt sich davon …</p> - -<p>Aber auch anderen Empfindungen begegnen wir bei dem Meister. Wie oft -wünscht er sich vor dem toten Bock, vor dem gestreckten Hahn einen ähnlichen Tod! -Ob er ahnte, daß ihm ein solcher beschieden sei? Viel ist über diese Frage hin -und her gestritten. Von vielen wird sie verneinend beantwortet, während andere, -die dem Dichter nahestanden, sie bejahen zu müssen glauben. Wer will das entscheiden …</p> - -<p>Während Löns oft zögerte, den Finger krumm zu machen, dem stolzen Wild -gegenüber, konnte ihn nichts davon abhalten, die Nachsuche mit der größten -Gewissenhaftigkeit durchzuführen, und mochte sie noch so beschwerlich sein. Aus Liebe -zum Wild. Wie viel liegt ihm an einem krankgeschossenen Stück. Der kranken -Ricke, die den kranken Vorderlauf schonend, sich mühsam vorwärts bewegt, trägt -er nicht die Kugel an, sondern stellt den Drilling auf Schrot um: »Sie soll den -Knall nicht vernehmen, die Kugel nicht spüren; sie hat genug ausgestanden drei -Tage lang«.</p> - -<p>Mit diesen hervorragenden jagdlichen Tugenden, mit außerordentlich ausgeprägtem -weidmännischen Empfinden, verband Löns Fähigkeiten, wie sie nur -einige wenige, die in der Natur und mit ihr leben, aufzuweisen haben. Der -Winterkälte trotzte er so gut wie der Sonnenglut; Nässe und Sturm konnten ihm -die frohe Jägerlaune nicht nehmen. »Mir ist so, als hörte ich hinter mir im -fernen Moore die Nebelhexe lustig kichern, und ich schwenke den schäbigen Hut -und rufe ihr zu: Weidmannsdank, altes Mädchen, hoioh!«</p> - -<p class="mright"> -(Aus der »Ostpreußischen Zeitung«.) -</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_196">[196]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Buecherbesprechung">Bücherbesprechung und Verschiedenes</h2> -</div> - -<p><em class="gesperrt">Oskar Schwär</em>: <b>Ahnengalerie</b>, Görlitz, Verlagsanstalt Görlitzer Nachrichten und Anzeiger. -Preis gebunden M. 18.–, broschürt M. 15.–.</p> - -<p>Unser Lausitzer Erzähler hat diesmal die Straße ernster, seelischer Probleme verlassen, und -sich auf den blumigen Weg des Humors begeben, wohin wir ihm in dieser sonst so leiderfüllten -Zeit gern folgen. Wir haben es nicht zu bereuen, ein guter Engel hat ihn diesen Weg geführt. -Unser herzliches Lachen dankt dem Dichter für die feinen lustigen Geschichten und Charakterbildchen. -Wir würden das Buch nach der heiteren Stunde, die es uns geschenkt, nicht so -befriedigt aus der Hand legen, wenn uns hier nicht echter Humor in gesunden Dosen verabreicht -würde, Humor, der sich nicht in oberflächlichen Schnaken und Schnurren erschöpft, sondern -mancherlei Blicke in Seelentiefen gewährt. Auch ein gefälliges kleines Lustspiel »Der Friedensstifter« -enthält dieser Blütenstrauß Lausitzer Humors. Dazu haben Autor und Verleger den ganz -ausgezeichneten Dresdener Künstler <em class="gesperrt">Kurt Rübner</em> gewonnen, der mit trefflichem Stifte die -lustigen Typen aufs Papier gezaubert hat.</p> - -<p class="mright"> -Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> Curt Müller, Löbau. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p id="Verschiedenes"><b>Auf dem Wege zur Steppe?</b> Aus unserm Leserkreis wird uns geschrieben: Eine Anfrage -an die Herren Meteorologen! Allenthalben ist man jetzt dabei, die noch in Deutschland vorhandenen -Moore abzutorfen und zum Zwecke der Gewinnung von Kulturland trocken zu legen. -Liegt hierin nicht eine ungeheure Gefahr für die zukünftige Gestaltung unseres Klimas? Gehen -wir dadurch nicht einer Periode entgegen, in der ein reines Steppenklima bei uns herrschen -wird? Schon ist der Grundwasserstand allenthalben erheblich zurückgegangen. Einerseits durch -die Fassung von Quellen und Wasserläufen für die Trinkwasserversorgung größerer Gemeinwesen, -anderseits durch die Regulierung aller Flußläufe, Beseitigung der Altwässer, Sümpfe, Entwässerung -nasser Wiesen und Felder, Beseitigung der Ufergebüsche, dann auch durch die umfangreichen -Abholzungen der Wälder, wie sie jetzt stattfinden, überhaupt durch unsere ganze derzeitige Bodenkultur, -dazu nun jetzt auch noch die Entwässerung der Moore, die die letzte Reserve an Bodenfeuchtigkeit -in Trockenperioden noch darstellten! Gerade die jetzige Hitze- und Trockenperiode -drängt dazu, diese Frage eingehend zu prüfen und die Herren »Wettermacher« zu Worte kommen -zu lassen, ob und wieweit eine Beeinflussung unseres Klimas – insbesondere die Bildung -örtlicher Gewitter und Niederschläge – durch die geschilderten Vorgänge verhindert oder beeinflußt -werden dürfte. Es wäre ein furchtbarer Irrtum, die Gewinnung von ein paar tausend Hektaren -kulturfähigen Landes als Gewinn zu buchen, wenn anderseits Ernteverluste, wie sie uns jetzt -bevorstehen, als Folge der oben geschilderten Vorgänge angesehen werden müßten. Es wäre -dann allerdings höchste Zeit, diesem Vorgehen Einhalt zu tun.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p><b>Altes Spielzeug.</b> Im Landesmuseum für Sächsische Volkskunst, Dresden-N., Asterstraße 1, -befindet sich eine Sammlung von Spielwaren aus alter und neuer Zeit, die nicht nur den -Besuchern der Sammlung viel Freude macht, sondern auch wertvolle Anregung zu neuem Schaffen -gegeben hat. Die Museumsleitung (Hofrat Professor O. Seyffert) bittet nun alle, die im Besitz -von <em class="gesperrt">alten</em>, handwerklich hergestellten Spielsachen sind, die nicht mehr von Kindern benutzt -werden, sie dem <em class="gesperrt">Landesmuseum</em> zu stiften. Auch die kleinste Gabe ist willkommen, fügt sie -sich doch oft einem Ganzen ein. In Frage kommen allerhand Figuren, Soldaten, Püppchen und -Puppen, aber auch größere Stücke, Unterhaltungsspiele, Schaukelpferde, Puppenstuben, Küchen usw. -Ein Nachsuchen führt oft zu großen Erfolgen, und was jetzt verstaubt und ohne Wert herumliegt, -kann im Museum Freude und <em class="gesperrt">vielfachen Nutzen</em> bringen. Die Portokosten werden vom -Museum zurückerstattet.</p> - -<p class="center p2 smaller"> -Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: <b>Werner Schmidt</b>;<br /> -Druck: <b>Lehmannsche Buchdruckerei</b>, beide in Dresden. -</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Preisausschreiben">Preisausschreiben</h2> -</div> - -<p>Der Landesverein Sächsischer Heimatschutz, Dresden-A., Schießgasse 24, hat -sich das Ziel gesetzt, die heimatliche Natur und die Kulturdenkmäler nicht nur -durch Verbote und Ankäufe zu schützen, sondern in dem Herzen des Volkes diejenige -Heimatliebe zu wecken, die den besten Heimatschutz bildet. Er wendet sich -deshalb an die gesamte sächsische Schuljugend, an die Schüler und Schülerinnen -aller öffentlichen Volks- und Fortbildungs- und Fachschulen, aller höheren Schulen -mit einem Preisausschreiben.</p> - -<p>Es sollen folgende Aufgaben in Aufsatzform behandelt werden:</p> - -<div class="hang"> - -<p>1. von Schülern unter 14 Jahren (gleichviel welcher Schulgattung!)</p> - -<p>»Jugendwanderungen und Naturschutz«.</p> - -<p>2. von Schülern über 14 Jahren:</p> - -<p>»Was kann die Jugend für den Heimatschutz tun?«</p> -</div> - -<h3>Bedingungen:</h3> - -<div class="hang"> - -<p>1. Die Arbeit ist selbständig und möglichst auf Grund eigener Erlebnisse und -der heimatlichen Verhältnisse zu fertigen. Wer Bücher benutzt, hat die -Titel am Schlusse der Arbeit anzugeben.</p> - -<p>2. Die Arbeit ist auf geheftete Quartblätter zu schreiben. Weißen Rand lassen.</p> - -<p>3. Am Anfang der Arbeit sollen folgende Angaben stehen:</p> - -<div class="hang"> - -<p>1. Schulort. 2. Genauer Name der Schule. 3. Klasse. 4. Vor- und -Zuname des Schülers. 5. Lebensalter des Schülers.</p> -</div> - -<p>4. Die Arbeit ist bis zum 31. Oktober d. Js. an die Geschäftsstelle des Landesvereins -Sächsischer Heimatschutz, Dresden-A., Schießgasse 24, einzusenden.</p> - -<p>5. Preisgekrönte Arbeiten gehen in den Besitz des Heimatschutzes über.</p> - -<p>Nichtpreisgekrönte Arbeiten werden vernichtet, sofern der Verfasser -bei Einsendung nicht ausdrücklich Rückgabe gewünscht hat.</p> -</div> - -<h3>Preise:</h3> - -<p>für Schüler und Schülerinnen unter 14 Jahren:</p> - -<div class="hang"> - -<p><b>1 Germania-Fahrrad</b> (Fabrikat Aktiengesellschaft vorm. Seidel & Naumann, Dresden),</p> - -<p><b>1 photographischer Apparat</b> und <b>1 Projektions-Apparat</b> (Fabrikat Ica Akt.-Ges., Dresden);</p> -</div> - -<p>für Schüler und Schülerinnen über 14 Jahren:</p> - -<div class="hang"> - -<p><b>1 photographischer Apparat</b> mit Ernemann-Optik (Fabrikat Ernemann-Werke Akt.-Ges., -Dresden),</p> - -<p><b>1 Wanderer-Fahrrad</b> (Fabrikat Wanderer-Werke Akt.-Ges., Schönau-Chemnitz);</p> -</div> - -<div class="hang"> - -<p>ferner: Sport- und Touristenkleidung, Rodelschlitten, Schneeschuhe, Rucksäcke, Aluminium-Geschirr, -Bücher naturwissenschaftlichen Inhalts, sowie Veröffentlichungen des Heimatschutzes.</p> -</div> - -<p>Preisrichter sind die Mitglieder der Naturschutz-Abteilung -des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz in Dresden</p> - -<p>Die Namen der Preisträger und Preisträgerinnen werden in den »Mitteilungen -des Heimatschutzes« bekanntgegeben, auch behält sich der Landesverein vor, einige -der besten Arbeiten gegen Bezahlung zu veröffentlichen.</p> - -<div class="bleft"> -<p class="noind"> -Dresden-A. im Juli 1921<br /> -Schießgasse 24.</p> -</div> -<div class="bright"> -<p class="center"> -<span class="larger">Landesverein Sächsischer Heimatschutz</span><br /> -Abteilung <em class="antiqua">C</em> Naturschutz -</p> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p class="h2">Vom Wandern und Weilen -im Heimatland</p> -</div> - -<p class="center larger">Von <b>Gerhard Platz</b></p> - -<p class="center">Dresden 1920</p> - -<p class="center">des Landesvereins Sächsischer<br /> -Heimatschutz Heimatbücherei</p> - -<p class="h2">Band I</p> - -<p class="center larger">320 Seiten – Großoktav</p> - -<p class="center"><span class="u">Vorzugspreis für Mitglieder des Landesvereins Sächs. Heimatschutz M. 12.–</span></p> - -<p class="noind">Seit vielen Jahren ist <em class="gesperrt">Gerhard Platz</em> unser treuer Mitarbeiter. -Fast in keinem Mitteilungshefte fehlte sein Name. Zahlreiche -Zuschriften aus unserem Mitgliederkreise zeugen von der Liebe -und Verehrung, die er sich in unserem Kreise erworben hat. -Oft hören wir: Mit Platz möchten wir wandern. So ist es verständlich, -daß wir in dem ersten Band unserer Heimatbücherei -ihn zu Worte kommen lassen. Seine besten Heimatschilderungen -sind hier vereinigt. Das Buch ist nur noch in wenigen Stücken -vorhanden.</p> - -<p class="center larger p2">Landesverein Sächsischer Heimatschutz</p> - -<p class="center">Dresden-A., Schießgasse 24.</p> - -<p class="center smaller p2">Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-A.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p> - -<p>Korrekturen:</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 182 Tirbler → Tribler<br /> -in dem <a href="#corr182">Tribler</a> Bach gewesen</p> -</div> -</div> -<div lang='en' xml:lang='en'> -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>LANDESVEREIN SÄCHSISCHER HEIMATSCHUTZ -- MITTEILUNGEN BAND X, HEFT 7-9</span> ***</div> -<div style='text-align:left'> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin:0.83em 0; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE<br /> -<span style='font-size:smaller'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE<br /> -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</span> -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. 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Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. 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Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread -public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Most people start at our website which has the main PG search -facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This website includes information about Project Gutenberg™, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. -</div> - -</div> -</div> -</body> -</html> diff --git a/old/67178-h/images/cover.jpg b/old/67178-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index dcc3b75..0000000 --- a/old/67178-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67178-h/images/illu-003.jpg b/old/67178-h/images/illu-003.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index fc880cd..0000000 --- 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